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-The Project Gutenberg EBook of Erzählungen aus der Römischen Geschichte
-in biographischer Form, by Ludwig Stacke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
-
-Author: Ludwig Stacke
-
-Release Date: May 1, 2020 [EBook #61988]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZÄHLUNGEN AUS DER ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1904 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
- heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
- dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch
- nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht
- vereinheitlicht, wenn die jeweiligen Formen mehrmals bzw. gleich
- oft im Text vorkommen.
-
- Personennamen werden bei ihrer ersten Erwähnung oft mit Betonungs-
- und ggf. mit Aussprachezeichen versehen und erscheinen dann in der
- Regel gesperrt gedruckt, später meist nicht mehr.
-
- Die Buchwerbung wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber
- am Ende des Texts zusammengefasst.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Erzählungen
-
- aus der
-
- alten Geschichte.
-
- Von
-
- Prof. ~Dr.~ Ludw. Stacke.
-
- II. Teil. 27. Auflage.
-
- Römische Geschichten.
-
- Oldenburg, 1904.
-
- Druck und Verlag von Gerhard Stalling.
-
-
-
-
- Erzählungen
-
- aus der
-
- Römischen Geschichte
-
- in biographischer Form.
-
- Von
-
- Prof. ~Dr.~ Ludwig Stacke.
-
- Siebenundzwanzigste, verbesserte Auflage.
-
- [Illustration]
-
- Oldenburg.
- Druck und Verlag von Gerhard Stalling.
- 1904.
-
-
-
-
-Aus dem Vorwort zur 1. Auflage.
-
-
-Dieses zweite Bändchen meiner Erzählungen enthält eine Auswahl
-derjenigen Momente der römischen Geschichte, welche für den
-biographischen Unterricht geeignet schienen. Die eigenen Worte der
-Quellen anzuführen, wie ich es im ersten Bändchen, namentlich mit
-den aus Herodotos gewählten Erzählungen getan habe, war hier fast
-ganz unstatthaft; dagegen sind angemessene Darstellungen aus neueren
-quellenmäßigen Bearbeitungen, wenn sie sich für meinen Zweck eigneten,
-ganz oder teilweise aufgenommen worden. -- Über Marc Aurel hinaus
-mochte ich die Erzählungen nicht fortsetzen; auch die Zeiten des
-Unterganges des Reiches sind in dem angehängten +Schluß+ nur
-sehr übersichtlich berührt, weil man mit dem Auftreten der Germanen
-zweckmäßiger die Geschichte des Mittelalters eröffnet.
-
- ~Dr.~ =Stacke=.
-
-
-
-
-Vorwort zur 25. Auflage.
-
-
-Nach denselben Gesichtspunkten, wie bei der letzten Auflage der
-„Erzählungen aus der römischen Geschichte“, ist auch bei der
-Bearbeitung des vorliegenden Bändchens verfahren worden. Man wird die
-Tätigkeit der nachbessernden, ergänzenden oder berichtigenden Hand
-auf jeder Seite gewahren. Unverändert dagegen ist die Grundanlage
-und die Auswahl des Stoffes geblieben, mit der einen, schon bei dem
-griechischen Teil der Erzählungen eingeführten Ausnahme, daß die seit
-der 8. Auflage zugefügte „Geographische Überschrift des alten Italiens“
-durch eine kurze historisch geographische Einleitung in die Geschichte
-Roms ersetzt worden ist.
-
- +Oldenburg+, im März 1898.
-
- ~Dr.~ =H. Stein=.
-
-
-
-
-Vorwort zur 27. Auflage.
-
-
-Die erneuerte Durchsicht hat bei dieser Auflage, außer vielfachen
-kleineren, meist formalen Nachbesserungen, auch einige erhebliche
-Erweiterungen und Ergänzungen zur Folge gehabt, durch welche der Umfang
-des Bändchens um zehn Seiten gewachsen ist.
-
- +Oldenburg+, im Juni 1904.
-
- ~Dr.~ =H. Stein=.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite.
-
- +Einleitung+ 1
-
- +Rom unter Königsherrschaft.+
-
- I. Gründung Roms. König Romulus (754-717 v. Chr.) 3
-
- II. König Numa Pompilius (716-673 v. Chr.) 9
-
- III. König Tullus Hostilius (673-641 v. Chr.) 10
-
- IV. König Ancus Marcius (641-617 v. Chr.) 13
-
- V. König Tarquinius Priscus (617-578 v. Chr.) 15
-
- VI. König Servius Tullius (578-534 v. Chr.) 17
-
- VII. König Tarquinius Superbus (534-510 v. Chr.) 20
-
- +Rom als Republik.+
-
- VIII. Brutus, erster Konsul der Römer (506 v. Chr.) 25
-
- IX. Krieg mit König Porsenna 27
-
- X. Innerer Zwist. Menenius Agrippa und C. Marcius
- Coriolanus 29
-
- XI. Untergang der Fabier (477 v. Chr.) 32
-
- XII. Appius Claudius und die Decemvirn (451-449 v. Chr.) 35
-
- XIII. M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier 38
-
- XIV. Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus.
- -- M. Curtius 44
-
- XV. Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der
- Plebs 45
-
- XVI. Die zwei ersten Samniterkriege. -- P. Decius. --
- Papirius Cursor. -- Der Samniter Pontius 48
-
- XVII. Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg.
- Titus Manlius. Die beiden Decius Mus 53
-
- XVIII. Pyrrhus, König von Epirus 55
-
- XIX. Der erste punische Krieg (264-241). Gajus Duilius.
- M. Atilius Regulus 60
-
- XX. Der zweite punische Krieg (219-201). Hannibal.
-
- 1. Hannibals erstes Auftreten 63
-
- 2. Hannibals Zug nach Italien 66
-
- 3. Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia 70
-
- 4. Schlacht am trasimenischen See 73
-
- 5. Hannibal gegen Fabius Cunctator 76
-
- 6. Die Schlacht bei Cannä (216) 78
-
- 7. Hannibal und Marcellus 81
-
- 8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama (202) 84
-
- 9. Hannibals und Scipios Ausgang 88
-
- XXI. Kriege gegen Makedonien. -- Ämilius Paulus. --
- Scipio Africanus der Jüngere. -- Karthagos Zerstörung 91
-
- XXII. Die beiden Gracchen 100
-
- XXIII. Gajus Marius. -- Jugurtha. -- Cimbernkrieg 111
-
- XXIV. Der erste Bürgerkrieg. Sulla und Marius.
-
- 1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den
- Marius 119
-
- 2. Flucht des Marius 122
-
- 3. Sullas Krieg gegen Mithridates 124
-
- 4. Cinna in Rom. Marius’ Rückkehr und Tod 127
-
- 5. Sullas Rückkehr und Proskriptionen. Sein Tod 128
-
- XXV. Pompejus Magnus.
-
- 1. Sein erstes Auftreten 131
-
- 2. Pompejus gegen Sertorius 133
-
- 3. Pompejus besiegt die Reste des Sklavenaufstandes 136
-
- 4. Pompejus besiegt die Seeräuber 139
-
- 5. Pompejus in Asien 141
-
- XXVI. Cicero 147
-
- XXVII. Julius Cäsar. Der zweite Bürgerkrieg.
-
- 1. Cäsar bis zum Kampfe gegen Pompejus 151
-
- 2. Cäsars Kampf gegen Pompejus (49-48) 157
-
- 3. Cäsar in Afrika. Catos Tod 166
-
- 4. Cäsars fernere Taten und Tod 170
-
- XXVIII. Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar
- Octavianus 177
-
- XXIX. Cäsar Octavianus als Augustus.
-
- 1. Augustus’ Regierung (30 v. Chr.-14 n. Chr.) 188
-
- 2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius,
- Deutschlands Befreier 191
-
- XXX. Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.) 199
-
- XXXI. Die Kaiser Gajus Caligula (37-41) und Tiberius
- Claudius Cäsar (41-54) 202
-
- XXXII. Nero (54-68) 204
-
- XXXIII. Flavius Vespasianus (69-79). Seine Söhne Titus
- (79-81) und Domitianus (81-96) 208
-
- XXXIV. Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft:
- Nerva, Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine
- (96-180) 213
-
- XXXV. Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches (180-476) 218
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Das römische Reich (~imperium Romanum~), das zur Zeit der Geburt
-Christi alle Länder am Mittelmeer umfaßte und später sich noch weiter
-nach Norden und Osten ausdehnte, ist benannt nach der Stadt Rom
-(~Roma~), in der es seinen Ursprung und bis zum Beginn des Mittelalters
-seine Hauptstadt hatte. Wann und wie diese Stadt entstanden ist, weiß
-man nicht mit Gewißheit. Die Römer selber setzten die Zeit ihrer
-Gründung in das Jahr 754 vor Christi Geburt, und nannten ihren Gründer
-und ersten Beherrscher Rómulus.
-
-Ihre Lage war trefflich gewählt, sowohl zum Verkehr mit dem
-Binnenlande als mit dem Meere. Da wo die Tiber (~Tiberis~), der an sich
-nicht bedeutende, aber unter allen Flüssen des mittleren und unteren
-Italiens bedeutendste Fluß, seinen raschen Lauf zwischen Bergen und
-Hügeln beendet und in den flachen Küstenrand hinaustritt, an einer
-Stelle, die in alter Zeit auch Seeschiffe erreichen konnten, drei
-Meilen vom Meer, lagen die ältesten Teile der Stadt auf den Hügeln
-an der linken Flußseite. Ihr Gebiet gehörte zu der fruchtbaren teils
-hügeligen, teils ebenen Landschaft +Látium+, der heutigen Campagna,
-über welche sie zuerst ihre Herrschaft ausdehnte. Diese Landschaft
-bewohnten die Latiner (~Latini~), ein Volksstamm, der nach Abstammung,
-Sprache und Sitten verwandt war mit den andern umwohnenden Stämmen des
-mittlern Italiens, den Umbrern, Marsern, Sabinern, Volskern, Samniten
-oder Sabellern, Oskern. Alle diese Stämme, unter denen neben dem
-latinischen der samnitische der angesehenste war, gehörten einem Volke
-an, das mit dem hellenischen oder griechischen stammverwandt war und
-ein Glied jener alten Völkerfamilie bildete, zu der die Inder, Perser,
-Germanen, Kelten und Slaven gezählt werden.
-
-Aber nicht alle Nachbarn Roms waren gleichen Stammes. Nordwestlich
-von Latium, zwischen dem Meer und den umbrischen Bergen, im heutigen
-Toskana, und jenseits des Apennin bis in die Ebenen des Po (~Padus~)
-saß das mächtige, betriebsame Volk der Etrusker oder Etrurier
-(~Tusci~), über dessen Sprache und Herkunft man noch nichts sicheres
-weiß.
-
-An den Küsten des südlichen Italiens, in den fruchtbaren Landschaften
-Campanien, Lucanien, Bruttium und Calabrien, hatten sich seit alter
-Zeit zahlreiche griechische Einwanderer angesiedelt, deren Städte zu
-solcher Blüte gelangten, daß man diesen Teil Unteritaliens als das
-„Große Griechenland“ (~Graecia magna~) bezeichnete.
-
-Der Name Italien (~Italia~) selbst war ursprünglich auf die kleine
-Landspitze beschränkt, welche der Insel Sicilien gegenüber liegt, und
-wurde erst allmählich auf die nördlichen Landschaften, zuletzt auch auf
-das Gebiet zwischen Apennin und Alpen ausgedehnt.
-
-Rom blieb in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte den Griechen
-fast unbekannt. Um die Zeit, da Athen die Welt mit dem Glanz
-seiner Macht und seiner Bildung erfüllte, wußten die griechischen
-Geschichtschreiber noch nichts von der zukünftigen Beherrscherin
-der Welt zu berichten. Und da die Römer selber erst verhältnismäßig
-spät, seit dem dritten Jahrhunderte vor Christi Geburt, anfingen sich
-eine höhere Bildung anzueignen und Schriften über ihre Geschichte zu
-verfassen, so sind die Nachrichten über die früheren Zeiten lückenhaft
-und unsicher geblieben. Insbesondere ist das meiste von dem, was
-spätere römische und griechische Geschichtschreiber über die Gründung
-der Stadt und die Jahrhunderte der Königsherrschaft zu erzählen wußten,
-teils dunkle und ungewisse Sage, teils willkürliche Erdichtung.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Rom unter Königsherrschaft.
-
-
-
-
-I.
-
-Die Gründung Roms. König Romulus.
-
-(754-717 v. Chr.)
-
-
-Bei der Zerstörung Trojas war +Änēas+, der Sohn des Anchīses und der
-Göttin Venus, dem allgemeinen Verderben entronnen. Göttersprüchen
-vertrauend, durchsegelte er mit seinen Gefährten das weite Meer, um
-sich im fernen Westen eine neue Heimat zu suchen. Nach jahrelangen
-Irrfahrten, auf denen er wunderbare Abenteuer und Mühseligkeiten aller
-Art zu bestehen hatte, landete er endlich an der Westküste Italiens,
-südlich von der Tibermündung, in der Landschaft Latium. Hier wohnten
-die Aboriginer (d. h. Ureinwohner), über welche König +Latīnus+
-herrschte. Die göttliche Abkunft des Äneas, sein mit Heldenmut und
-frommer Zuversicht ertragenes Geschick, die wackere Haltung seiner
-Genossen, und ihre Bitte im Lande bleiben zu dürfen, bewogen den König
-die Fremdlinge freundlich aufzunehmen und nicht lange nachher dem Äneas
-seine Tochter +Lavinia+ zur Gattin zu geben. Dieser baute eine Stadt,
-die er nach dem Namen seiner Gattin Lavinium nannte. Aber der Bund des
-Königs mit den Fremden hatte alsbald eine harte Probe zu bestehen.
-+Turnus+, König der benachbarten Rútuler, dem Lavinia früher verlobt
-gewesen, ertrug es nicht, daß ihm der heimatlose Äneas vorgezogen
-worden, und beschloß Rache zu nehmen. Es kam zum Krieg, auf der einen
-Seite stand Turnus mit seinen Rutulern, auf der andern die Aboriginer
-und Trojaner unter Latinus und Äneas. Turnus ward geschlagen, aber die
-Trojaner und Aboriginer hatten den Verlust des Latinus, der im Treffen
-geblieben war, zu beklagen. Nun ward Äneas König und verband Trojaner
-und Aboriginer, die einander an Treue und Liebe zu ihrem Herrscher
-nichts nachgaben, zu einem einzigen Volke unter dem Namen +Latiner+. Im
-Vertrauen auf die Zuneigung seines Volkes konnte Äneas der Erneuerung
-des Kampfes ruhig entgegensehen. Denn Turnus, an seiner eigenen
-Kraft verzweifelnd, hatte sich mit +Mezentius+, dem König der damals
-mächtigen Etrusker, verbunden, und beide drohten dem neuen Staate den
-Untergang. Auch in diesem Kriege waren die Latiner siegreich; aber
-wiederum hatten sie den Sieg mit dem Verlust ihres Königs erkauft:
-Äneas war im Kampfe gefallen.
-
-Sein Volk erwies ihm göttliche Ehren; sein Sohn +Ascánius+ folgte ihm
-in der Herrschaft. Unter ihm kam der Friede zwischen Latinern und
-Etruskern zustande, und die Tiber bildete fortan die Grenze beider
-Völker. Die von Äneas gegründete Stadt Lavinium blühte herrlich auf und
-faßte bald die Menge ihrer Bewohner nicht mehr. Da überließ Ascanius
-Lavinium seiner Mutter und gründete am Fuße des Albanerberges eine neue
-Stadt, die er +Alba Longa+ nannte, wo seine Nachkommen als Könige über
-die ganze ringsum sich ausbreitende Landschaft herrschten.
-
-Einer dieser Könige von Alba Longa, Procas, hinterließ zwei Söhne, von
-denen der ältere +Númitor+, der jüngere +Amúlius+ hieß. Numitor folgte
-anfangs seinem Vater in der Regierung; doch bald verdrängte Amulius
-seinen Bruder, ließ dessen Sohn töten, die Tochter Rhea Silvia zur
-Priesterin der Göttin Vesta wählen, in deren Dienst sie unvermählt bis
-zum Lebensende verbleiben sollte. Denn er besorgte, daß ihre Kinder
-einst den Verlust des Thrones an ihm rächen könnten. Doch Rhea Silvia
-gebar zwei Knaben, +Rómulus+ und +Remus+, als deren Vater die Sage den
-Kriegsgott Mars nannte. Auf diese Kunde befahl Amulius die Priesterin
-in den Fluß Anio zu stürzen, in dessen Fluten sie zur Göttin ward, die
-Zwillinge aber in die nahe Tiber zu werfen. Allein damals war gerade
-die Tiber über ihre Ufer getreten, und die königlichen Diener setzten
-die Knaben in einer Wanne in das ausgetretene Wasser am Fuße des Berges
-Palatium. Als sich das Wasser verlaufen hatte, blieb die Wanne auf dem
-Trockenen stehen. Da kam, durch das Gewimmer der Kinder herbeigelockt,
-eine Wölfin, die sich ihrer erbarmte und sie säugte, während ein
-Specht, des Mars heiliger Vogel, ihnen Speise zutrug. Dieses seltsame
-Schauspiel gewahrte Faústulus, ein Hirt der königlichen Herden, er sah
-darin eine göttliche Fügung, nahm die Kleinen und brachte sie seiner
-Frau, Acca Larentia, um sie zu ernähren und aufzuziehen. Er forschte
-ihrer Herkunft nach, erkannte, daß sie die Enkel des Numitor seien,
-schwieg aber aus Furcht vor der Rache des Königs.
-
-So wuchsen Romulus und Remus unter den Hirten am Ufer der Tiber zu
-rüstigen Jünglingen heran, und übten gemeinsam mit den Hirtensöhnen
-ihre Kraft in der Jagd auf wilde Tiere, bald auch in Angriffen auf die
-in der Nachbarschaft hausenden Räuber, denen sie ihre Beute entrissen.
-Darüber aufgebracht, stellten die Räuber den Brüder nach, und eines
-Tages, als die Hirten sich den Freuden eines Festes hingaben, gelang
-es ihnen beide zu überfallen. Romulus schlug sich durch; den Remus
-führten sie gefangen zum König, unter der Anklage, daß er mit seinem
-Bruder die Herden des Numitor beraubt habe. Der König übergab deshalb
-den Gefangenen seinem Bruder, dem Numitor, den er einst vom Thron
-gestoßen hatte, zur Bestrafung. Diese Gelegenheit benutzte Faustulus,
-um das über der Herkunft der beiden Jünglinge ruhende Geheimnis ihrem
-Großvater zu offenbaren.
-
-Als Numitor seine Enkel anerkannt hatte, faßten diese den Entschluß,
-an Amulius Rache zu nehmen. Sie drangen auf verschiedenen Wegen in die
-Stadt Alba Longa, griffen die Königsburg an, erschlugen den Amulius,
-und setzten ihren Großvater wieder als König ein.
-
-Nun beschlossen beide Brüder auf dem Palatium, dem Orte, wo sie
-ausgesetzt und erzogen worden waren, eine neue Stadt zu gründen.
-Zahlreiche Jünglinge aus Alba Longa und anderen latinischen Städten,
-auch ihre Gespielen unter den Hirten sammelten sich unter ihrer
-Führung. Aber schon bevor die Stadt erbaut war, erhob sich über ihre
-Benennung und Beherrschung zwischen beiden Brüdern ein heftiger Streit,
-dessen Entscheidung sie den Göttern anheimstellten. Aus dem Fluge der
-Vögel suchten sie, nach landesüblichem Brauche, den Willen der Götter
-zu erkennen. Zu diesem Zwecke begab sich Romulus auf den palatinischen,
-Remus auf den nahe gelegenen aventinischen Berg. Zuerst erschienen dem
-Remus sechs Geier. Allein kaum hatte er dieses Zeichen dem Romulus
-gemeldet, als diesem zwölf Geier erschienen und zugleich Blitz und
-Donner folgten. Da entstand ein neuer Streit, weil jeder sein Zeichen
-für das bessere hielt; Remus, weil er zuerst sechs Geier gesehen hatte,
-Romulus, weil ihm die doppelte Anzahl erschienen war. Von Worten kam
-es zum Kampf, und Remus fiel im Getümmel. Eine andere Sage berichtet,
-Remus sei, um seinen Bruder zu verhöhnen, über die noch niedrigen
-Mauern der neuen Stadt gesprungen, und deshalb habe ihn Romulus mit den
-Worten erschlagen: „So geschehe jedem, der über meine Mauern springt!“
-
-Als Jahr der Gründung Roms galt bei den späteren Römern das Jahr 754
-vor Christi Geburt, und der 21. April, an dem das Hirtenfest der
-Palilien gefeiert wurde, als der Stiftungstag.
-
-
-Um die Bevölkerung der neuen Stadt zu vermehren, eröffnete Romulus
-eine Freistätte (Asyl) für heimatlose Leute jeder Art, und nun
-strömten zahlreiche Haufen von Verbannten, Verbrecher und Schuldlose,
-Freie und Knechte, nach Rom. Aus der ganzen Bevölkerung wählte der
-König die hundert Ältesten und Angesehensten und bildete aus ihnen
-einen Senat (~senatus~, „Rat der Alten“), um mit ihm die gemeinsamen
-Angelegenheiten zu beraten und zu leiten. Auch sorgte er für die
-notwendigsten Gesetze und für Einrichtung des Götterdienstes.
-
-Aber noch fehlte es der neuen Stadtgemeinde an Frauen. Um diese zu
-erhalten, schickte Romulus an die benachbarten Gemeinden Gesandte und
-ließ sie bitten mit seinem Volke eheliche Verbindungen einzugehen.
-Allein die Gesandten wurden überall mit Hohn abgewiesen und gefragt,
-warum zu Rom nicht auch eine Freistätte für heimatlose Frauen eröffnet
-würde. Diese Zurückweisung kränkte den Romulus; er beschloß durch
-List und Gewalt zu rauben, was man seinen Bitten abgeschlagen hatte.
-Er ließ ein Fest mit Kampfspielen zu Ehren des Meergottes Neptūnus
-veranstalten und alle Nachbarn dazu einladen. Und sie kamen, von der
-Schaulust getrieben, in großen Haufen mit ihren Weibern und Kindern,
-besonders zahlreich die Sabiner aus den benachbarten Tälern und Bergen
-des Apennin. Aber mitten unter den Spielen fielen die römischen
-Jünglinge mit bloßen Schwertern über die Fremden her, und während diese
-überrascht und erschrocken von dannen eilten, griff sich ein jeder der
-Römer eines der Mädchen und trug es als sein zukünftiges Weib nach
-seinem Hause.
-
-Die verwegene Tat brachte alle Städte, die davon betroffen waren,
-unter die Waffen gegen die Räuber. Sie verbanden sich zu gemeinsamer
-Rache. Aber noch ehe die Sabiner völlig gerüstet waren, begannen die
-übrigen vereinzelt den Krieg, und Romulus schlug sie nach einander mit
-überlegener Macht.
-
-Viel schwerer war der Kampf mit +Titus Tatius+, dem König der Sabiner.
-Dieser fiel nicht nur mit einem Heere von 25000 Mann zu Fuß und 1000
-Mann zu Pferde in das römische Gebiet ein, sondern bemächtigte sich
-auch der auf dem Kapitolium gelegenen Burg durch folgende List.
-+Tarpeja+, die Tochter des Befehlshabers der Burg, war ausgegangen, um
-Wasser zu holen, und den Feinden in die Hände gefallen. Sie versprach
-ihnen die Burg zu öffnen, wenn ihr die Sabiner das gäben, was sie am
-linken Arm trügen. Sie meinte damit die goldenen Armbänder und Spangen.
-Nun trugen aber die Sabiner nicht nur diese, sondern auch ihre Schilde
-am linken Arm. Als daher Tarpeja den Feinden die Tore geöffnet hatte,
-sollen diese, um Betrug durch Betrug zu bestrafen, ihre Schilde über
-die Verräterin geworfen und sie so getötet haben. Von dieser Tarpeja
-ward in der Folge der steilste Teil des kapitolinischen Hügels der
-tarpejische Fels genannt, und noch heutzutage herrscht zu Rom der
-Volksglaube, die schöne Tarpeja hause tief im Berge verzaubert, mit
-Gold und Geschmeide bedeckt.
-
-Am Tage nach der Besetzung des Kapitoliums rückten die Römer heran,
-die verlorene Burg wieder zu erobern; auch die Sabiner stiegen herab,
-und der Kampf begann. Nach heftigem Widerstand wichen endlich die
-Römer, und Romulus selbst ward von den Fliehenden fortgerissen. Da
-erhob er seine Hände gen Himmel und gelobte dem Jupiter, wenn er die
-Flucht der Seinigen hemme (~Jupiter Stator~), einen Tempel. Sofort
-standen die Römer und erneuerten das Treffen; der Sieg wandte sich
-auf ihre Seite. Da kamen die geraubten Sabinerinnen mit fliegenden
-Haaren und zerrissenen Kleidern herbei, stellten sich zwischen ihre
-Männer und Väter und machten durch ihre Tränen und Bitten dem Krieg ein
-Ende. Es kam zwischen beiden Völkern nicht nur zum Frieden, sondern
-auch zu einer festen Verbindung. Fortan sollten Römer und Sabiner zu
-+einem+ Volke vereinigt sein, hundert Sabiner in den Senat aufgenommen
-werden und beide Könige gemeinschaftlich regieren. Die Bürger der so
-vereinigten Gemeinde hießen nun Quiriten (~Quirītes~). Sie bildeten
-nach ihrer Abkunft zwei Stämme (~tribus~), die römischen Ramnes und die
-sabinischen Tities, zu denen später ein dritter Stamm kam, die Lúceres,
-welcher die Bürger anderer Herkunft enthielt. Jeder der drei Stämme
-teilte sich in zehn Curien, jede Curie in zehn Decurien, und jede
-Decurie enthielt eine Anzahl Familien (~gentes~). Jede der dreihundert
-Decurien stellte einen „Vater“ (~pater~) in den Senat und einen Reiter
-(~eques~). Väter und Reiter (Ritter) bildeten die beiden vornehmsten
-Klassen der Bürgerschaft.
-
-
-Doch bald war Romulus wieder Alleinherrscher, da Tatius bei einem
-Aufstand in Lavinium erschlagen ward. Nach dessen Tode hatte
-der kriegerische Romulus noch manchen Kampf mit den Nachbarn zu
-bestehen. In allen blieb er siegreich, und seine Stadt nahm stetig
-zu an Landbesitz und Kriegsmacht. Sein Ende hat die Sage wunderbar
-ausgeschmückt. Als er eines Tages Heerschau über das Volk hielt, da
-erhob sich plötzlich ein Sturm mit Donner und Blitz, eine schwarze
-Wetterwolke umhüllte den König und entzog dem Volke seinen Anblick,
-und fortan war Romulus auf Erden nicht mehr sichtbar. Der Kriegsgott
-selber, so hieß es, hatte den ruhmgekrönten Sohn auf feurigem Wagen
-gen Himmel gehoben. Dem Volke wußte nachher einer der Senatoren zu
-erzählen, wie ihm Romulus in göttlicher Gestalt erschienen sei und zu
-ihm, der anbetend dagestanden und nicht gewagt die Augen zu ihm zu
-erheben, gesagt habe: „Künde den Römern, daß ich unter die Himmlischen
-aufgenommen bin und fortan nicht mehr Romulus, sondern +Quirīnus+
-heiße. Die Götter wollen, daß meine Roma dereinst die Hauptstadt der
-Welt werde. Darum sollen die Römer den Krieg üben und gewiß sein, daß
-keine menschliche Macht ihren Waffen widerstehen kann.“ Mit diesen
-Worten habe er sich wieder zum Himmel erhoben.
-
-Eine andere Nachricht erzählt, daß Romulus von den Senatoren, denen
-seine Herrschaft verhaßt gewesen, durch heimlichen Mord beiseite
-geschafft worden sei.
-
-
-
-
-II.
-
-König Numa Pompilius.
-
-(716-673 v. Chr.)
-
-
-Nach des Romulus Tode dauerte es ein volles Jahr, bis die Wahl eines
-Königs zustande kam. Die Leitung des Staates führte inzwischen in
-wechselnder Folge je einer der Senatoren. Die Wahl fiel endlich auf
-einen Mann sabinischen Stammes, aus der sabinischen Stadt Cures, den
-Eidam des Königs Tatius, +Numa Pompilius+, der in dem Ruf großer
-Weisheit und Gerechtigkeit, friedliebenden Sinnes und tiefer Einsicht
-in alle göttlichen und menschlichen Dinge stand.
-
-Wie Romulus den jungen Staat mit Waffengewalt gegründet und befestigt
-hatte, so gedachte Numa ihn auf der festen Grundlage göttlichen und
-menschlichen Rechtes gleichsam neu zu gründen.
-
-Nachdem er zuvörderst mit allen Nachbaren Frieden und Freundschaft
-hergestellt, war seine vorzüglichste Sorgfalt darauf gerichtet, die
-durch steten Krieg verwilderten Sitten der Römer zu mildern und ihren
-kriegerischen Sinn zu besänftigen. Das beste Mittel, um dies zu
-erreichen, sah er in einer neuen Ordnung des Götterdienstes. Dabei
-bediente er sich geschickt des verbreiteten Gerüchtes, daß er sich
-der besonderen Gunst einer vor den Toren der Stadt in einer Grotte
-hausenden weisen Nymphe, der +Egéria+, erfreue, die ihm bei allen
-seinen Einrichtungen ratend zur Seite stände. Als Aufseher und Leiter
-des ganzen Götterdienstes bestellte er das Kollegium der Priester
-(~pontífices~), an deren Spitze der König selbst als Oberpriester
-(~póntifex máximus~) stand. Den Vogelschauern (~aúgures~) erteilte
-er das Amt, aus dem Fluge der Vögel, aus Donner und Blitz und dem
-Fressen der heiligen Hühner die Zukunft und den Willen der Götter zu
-erforschen. Die Eingeweideschauer (~harúspices~) untersuchten die
-Eingeweide der Opfertiere und deuteten daraus auf Glück oder Unglück.
-Die Zahl der Vestalinnen, der heiligen Jungfrauen, denen die Sorge für
-das Herdfeuer im Tempel der Vesta oblag, vermehrte er auf vier. Dem
-Janus, einem Gotte, der mit doppeltem, nach entgegengesetzten Seiten
-gewandtem Gesicht und einem Schlüssel in der Hand dargestellt wurde,
-baute er einen Tempel, der in Kriegszeiten offen stehen, im Frieden
-aber geschlossen sein sollte. Unter Numa selbst, dessen 43jährige
-Regierung in ungestörtem Frieden verlief, blieb er stets geschlossen.
-Nach Numa ist dies während der ganzen Dauer der römischen Republik
-nur zweimal wieder der Fall gewesen, das eine Mal nach Beendigung des
-ersten punischen Krieges, und dann wieder im Anfang der Regierung
-Augustus, des ersten Kaisers. Auch für das bürgerliche Leben traf Numa
-zweckmäßige Einrichtungen, wie er denn das Jahr, das bis dahin nur zehn
-Monate hatte, in zwölf Mondmonate einteilte und es durch Einführung von
-Schalttagen mit dem Sonnenlaufe in Übereinstimmung brachte.
-
-Hochgeehrt und geliebt nicht nur von seinem eigenen, sondern auch von
-den umwohnenden Völkern, starb der fromme König im 84. Lebensjahre.
-
-
-
-
-III.
-
-König Tullus Hostilius.
-
-(673-641 v. Chr.)
-
-
-Kurze Zeit nach seinem Tode wählte das Volk wieder einen König aus
-römischem Stamme, den kriegerischen +Tullus Hostilius+. Unter seiner
-Regierung ward Alba Longa, Roms Mutterstadt, zerstört. Die Veranlassung
-zu diesem Kriege war folgende.
-
-Albanische Hirten hatten im römischen, römische im albanischen Gebiete
-Raub begangen. Von beiden Seiten wurden Gesandte abgeordnet, um
-Genugtuung zu fordern. Aber mit dieser Forderung kamen die römischen
-Gesandten den albanischen zuvor, sodaß, da die Albaner die Genugtuung
-verweigerten, die Schuld des Krieges ihnen zur Last fiel. Beide
-Teile rüsteten sich dazu mit aller Macht. Als die Heere einander in
-Schlachtordnung gegenüber standen, machte +Mettius Fuffétius+, der
-Führer der Albaner, dem römischen König den Vorschlag, den Krieg durch
-einen Kampf Weniger entscheiden zu lassen. Beide Teile stimmten zu.
-Nun traf es sich, daß in jedem Heere Drillingsbrüder standen, drei
-+Horatier+ im römischen, drei +Curiatier+ im albanischen. Diese wurden
-für den entscheidenden Kampf bestimmt und waren dazu freudig bereit.
-Zuvor aber ward ein feierlicher Vertrag abgeschlossen, daß dasjenige
-Volk, dessen Vorkämpfer siegen würden, über das andere herrschen sollte.
-
-Zwischen beiden Heeren wurde eine Ebene zum Kampfplatz bestimmt, und
-mit Blumen bekränzt und unter lautem Zuruf der Ihrigen gingen die
-jungen Vorkämpfer mit dem Schwerte in der Faust aufeinander los. Nicht
-die eigene Gefahr, nur das Schicksal ihres Vaterlandes schwebte ihnen
-vor Augen. Bei beiden Heeren herrschte bange Furcht und allgemeine
-Stille. Kaum aber waren sie handgemein, kaum hatten die Bewegungen
-mit den Schilden und Schwertern und das aus den Wunden strömende Blut
-die Augen der Zuschauer auf sich gezogen, als schon zwei Römer, einer
-über den andern, tot zur Erde stürzten. Bei ihrem Fall erhob das
-albanische Heer ein Freudengeschrei, während die römische Legion, fast
-hoffnungslos, das Schicksal ihres einzigen noch übrigen Kämpfers mit
-steigender Angst erwartete. Zum Glück war dieser noch unverwundet,
-und also zwar den Gegnern, obwohl sie alle drei verwundet waren, wenn
-sie vereinigt blieben, nicht gewachsen, aber noch siegesmutig genug,
-um es mit jedem besonders aufzunehmen. Um sie also zu trennen, nahm
-er die Flucht, indem er voraussah, daß ihm jeder nur so geschwind
-folgen würde, als es seine Wunden gestatteten. Schon hatte er sich
-etwas aus den Grenzen des Kampfplatzes entfernt, als er sich umwandte
-und seine Gegner in weiten Zwischenräumen ihm nacheilen sah. Einen
-aber erblickte er nicht weit hinter sich und ging sofort auf ihn los.
-Bald hatte er ihn erlegt und drang auf den zweiten ein. Da erhoben
-die Römer ein Freudengeschrei, um ihren Vorkämpfer zu ermuntern, der
-denn auch den zweiten Curiatier zu Boden streckte, noch ehe ihm der
-dritte zu Hilfe kommen konnte. Nun waren die Parteien zwar noch an
-Zahl, aber nicht mehr an Hoffnung und Kräften gleich: der eine noch
-unverwundet, zwiefach Sieger, eilte voll Mut in den dritten Kampf, der
-andere aber, der seinen von Wunden und vom Lauf ermatteten Körper kaum
-fortschleppte, sah sich seinem Feinde als ein gewisses Schlachtopfer
-preisgegeben. Frohlockend rief der Römer: „Zwei habe ich dem Schatten
-meiner Brüder geopfert, den dritten weihe ich dem Preis dieses Kampfes,
-auf das Rom über Alba herrsche!“ Sprachs und stieß seinem Feinde, der
-kaum noch den Schild halten konnte, das Schwert in die Kehle, streckte
-ihn zu Boden und nahm ihm seine Rüstung. So wurde durch diesen Kampf
-Alba Longa der Herrschaft der Römer unterworfen.
-
-Horatius kehrte an der Spitze des Heeres, mit den Rüstungen der
-erschlagenen Feinde als Beute und Zeichen seines Sieges, nach Rom
-zurück. Am Capenischen Tor begegnete ihm seine Schwester, die mit
-einem der Curiatier verlobt gewesen war. Als sie unter der Beute ihres
-Bruders auch das Gewand erblickte, das sie für ihren Bräutigam gewebt
-hatte, brach sie in laute Klagen und Verwünschungen gegen ihren Bruder
-aus. Darüber geriet Horatius in solche Wut, daß er die eigne Schwester
-niederstach. Wegen dieser blutigen Tat wurde er vor Gericht geladen und
-von den Richtern zum Tode verurteilt. Nur die Bitten, mit denen sich
-sein Vater an das Volk wandte, retteten den Schuldigen, und der König
-bestrafte ihn bloß dadurch, daß er ihn unter dem Schandjoch hergehen
-ließ.
-
-Die Albaner aber unter Mettius Fuffetius ertrugen die Abhängigkeit von
-Rom mit Unwillen. Um ihre Selbständigkeit wieder zu gewinnen, suchten
-sie den König Tullus in einen Krieg zu verwickeln und reizten die
-Stadt Fidénä zum Abfall von Rom. Den Fidenaten leistete die etrurische
-Stadt Veji offene Hilfe, die Albaner aber versprachen heimlich, sie
-würden während der Schlacht zu ihnen übergehen. Als Tullus gegen die
-Fidenaten zu Felde zog, entbot er auch die Albaner zum Heerbann. Das
-römische Heer stellte er den Vejentern, das albanische den Fidenaten
-gegenüber. Aber Mettius Fuffetius zeigte sich im Kampfe untätig und
-schwankend, indem er zu denen überzugehen gedachte, auf deren Seite
-sich der Sieg neigen würde. So sahen denn die Albaner ruhig zu, wie
-die Römer allein, unter unaufhörlichem Gefecht, erst die Fidenaten,
-dann die Vejenter schlugen und einen vollständigen Sieg errangen. Als
-Fuffetius dem siegreichen Tullus Glück wünschte, empfing ihn der König
-scheinbar mit Güte und stellte sich, als habe er dessen treuloses
-Spiel nicht bemerkt, bestellte aber beide Heere auf den folgenden Tag
-zu einer Versammlung. Zuerst erschienen unbewaffnet die Albaner; das
-römische Heer stellte sich bewaffnet ringsum. Darauf enthüllte Tullus
-in einer an beide Heere gerichteten Rede den Verrat des Fuffetius und
-verkündigte seine und seines Volkes Strafe. Fuffetius selbst ward auf
-zwei Wagen festgebunden, deren Gespanne, nach verschiedenen Richtungen
-getrieben, seinen Körper in zwei Stücke zerrissen. Die Stadt aber der
-Albaner wurde zerstört, ihre Bewohner mußten nach Rom ziehen, wo ihnen
-der cölische Hügel (~mons coelius~), nahe dem palatinischen südwärts
-gelegen, zu Wohnstätten angewiesen wurde.
-
-Auch in einem Kriege gegen die Sabiner focht Tullus glücklich; aber
-das Ende seiner Regierung ward durch manche unheilverkündende Zeichen
-und Unfälle getrübt. Auf dem Albanerberge regnete es Steine, und aus
-dem dortigen Hain erscholl eine Stimme, die über die Vernachlässigung
-des Gottesdienstes klagte. Eine Seuche brach aus, an der Tullus selbst
-erkrankte. Voll Mißmut ergab er sich allen Arten von Aberglauben. Einst
-fand er in den Büchern des Numa einen Zauberspruch, mit dem man den
-Jupiter vom Himmel herabzubannen glaubte. Aber der König beging in der
-Anwendung des Spruches einen Fehler; der empörte Gott fuhr in einem
-Wetterstrahl herab, der den König samt seinem Hause verbrannte.
-
-
-
-
-IV.
-
-König Ancus Marcius.
-
-(641-617 v. Chr.)
-
-
-Der vierte König der Römer war +Ancus Marcius+, ein Tochtersohn
-des Numa Pompilius. Wie sein Großvater im Innern, so war er darauf
-bedacht nach außen, in den Verhältnissen zu den meist feindlichen
-Nachbarvölkern, eine feste, auf Recht und Gerechtigkeit gegründete
-Ordnung herzustellen. Kein Krieg wurde erklärt und begonnen, ohne zuvor
-dem Feinde Gelegenheit und Frist zu friedlichem Austrage des Streites
-zu geben, kein Friede geschlossen ohne Beobachtung bestimmter heiliger
-Gebräuche. Für beides hatten die sogenannten Fetialen zu sorgen,
-angesehene Männer, welche mit dem Rechte des Krieges und Friedens
-wohl vertraut waren. Auch auf die innere Wohlfahrt verwandte dieser
-König eifrige Sorge. Er legte die Hafenstadt +Ostia+ an der Mündung
-der Tiber an, baute eine Pfahlbrücke über diesen Fluß zum Janiculum
-hinüber, und siedelte auf dem Aventinus die +Plebejer+ (die Plebs) an,
-die aus der Menge der zugewanderten oder aus den besiegten Ortschaften
-verpflanzten Bewohner bestanden und den altbürgerlichen Geschlechtern,
-den +Patriziern+, gegenübertraten, aber keinen Anteil an der Verwaltung
-des Staates besaßen. Somit waren schon fünf Hügel bebaut, der
-+palatinische+ von den ersten Ansiedlern, der +quirinalische+ von
-den Sabinern, der +coelische+ von den Albanern, der +aventinische+
-von den Plebejern, während das Capitolium, zwischen dem Palatinus
-und Quirinalis, als Burg der Stadt und Stätte der Haupttempel, nicht
-bewohnt werden durfte.
-
-Unter der Regierung des Ancus Marcius kam ein gewisser Lúcumo nach Rom.
-Er war der Sohn des Korinthiers Damarātus, der, aus seiner Vaterstadt
-vertrieben, sich nach Tarquinii, einer Stadt in Etrurien, begeben und
-daselbst durch seine Reichtümer Ansehen erlangt hatte. Von Jugend
-auf durch das Glück begünstigt, hatte Lúcumo, der einzige Erbe aller
-Reichtümer seines Vaters, die Tochter eines vornehmen Bürgers seiner
-neuen Heimat, die Tanaquil geheiratet, die, wie viele ihres Volkes,
-der Weissagung kundig war. Indessen konnte er doch als Ausländer
-in Tarquinii zu keinen hohen Ehrenstellen gelangen. Dies schmerzte
-die stolze Tanaquil so sehr, daß sie ihren Gemahl bat die Stadt zu
-verlassen und nach Rom zu ziehen. Lucumo, selbst von Ehrgeiz und
-Ruhmsucht gespornt, willfahrte ihr, und so machten sich beide auf die
-Reise nach Rom.
-
-Als sie nicht mehr weit von dieser Stadt entfernt waren, fuhr ein Adler
-herab, nahm dem Lucumo den Hut vom Haupte, erhob sich in die Lüfte
-und setzte ihn ihm bald nachher wieder auf. Tanaquil sah in diesem
-Ereignis eine glückliche Vorbedeutung und erfüllte ihren Gemahl mit
-der Hoffnung, daß ihm in Rom die Herrschaft zufallen würde. Und diese
-Hoffnung täuschte sie nicht. Denn Lucumo, der in Rom den Namen +Lucius
-Tarquinius+ angenommen hatte, erwarb sich bald durch Leutseligkeit und
-Freigebigkeit die Liebe und Achtung seiner neuen Mitbürger. Die Kunde
-von ihm gelangte auch an den Hof. Der König Ancus Marcius gewann den
-reichen Etrusker lieb und bediente sich seines Rates und Beistandes
-in allen Angelegenheiten; ja er bestellte ihn sogar vor seinem Tode
-zum Vormund seiner Kinder. Als aber Ancus starb, sandte Tarquinius
-dessen beide Söhne zur Zeit, als die Wahl des neuen Königs vollzogen
-werden sollte, auf die Jagd; er selbst bat in der Versammlung das Volk,
-das er an die vielen von ihm erhaltenen Wohltaten erinnerte, um die
-Königswürde. Das Volk willfahrte seiner Bitte, und Tarquinius ward
-König. Er erhielt später, zum Unterschied von seinem gleichnamigen
-Nachfolger, den Beinamen +Priscus+ (der Alte).
-
-
-
-
-V.
-
-Tarquinius Priscus.
-
-(617-578 v. Chr.)
-
-
-Um sich zum Kriege gegen die Sabiner zu rüsten, wollte Tarquinius den
-bisherigen drei Abteilungen (Centurien) der Reiter noch drei neue
-Centurien mit neuen Namen hinzufügen. Aber einer der Augurn, +Attus
-Navius+, erklärte, dies könne nicht eher geschehen, als bis die
-Augurn mit ihrer Kunst den Willen der Götter erforscht hätten, denn
-jede Einrichtung des Staates, welche unter Befragung der Vogelzeichen
-(Auspicien) getroffen sei, dürfte nicht ohne neue Befragung geändert
-werden. Dieser Ausspruch des Augurn verdroß den eigenmächtigen
-Sinn des Königs, und er beschloß seine Sehergabe auf eine Probe zu
-stellen. Spöttisch fragte er ihn: „Kann das geschehen, was ich in
-diesem Augenblicke denke?“ „Gewiß“, antwortete der Augur, nachdem er
-darüber die Auspicien befragt hatte. „Wohlan“, rief der König, „so
-zerschneide mir diesen Kiesel mit einem Schermesser.“ Und ohne Zögern
--- so berichtet die Sage -- vollbrachte der Augur das Wunder, und
-der König sah sich genötigt von seinem Vorhaben abzustehen. Indessen
-verdoppelte er doch die Anzahl der vorhandenen Reiter, obgleich er
-keine neuen Centurien bildete, sondern die alten Namen beibehielt.
-Dieser Vorfall erhob das Ansehen der Augurn außerordentlich, und noch
-in späteren Zeiten sah man zu Rom die Bildsäule des Attus, unter
-welcher der zerschnittene Stein vergraben liegen sollte. -- Auch den
-Senat vermehrte der König auf 300 Mitglieder.
-
-Die reiche Beute aus seinen glücklichen Kriegen gegen die Sabiner und
-Latiner, sowie die Einnahmen aus dem ihnen entrissenen Landbesitz
-verwandte der König auf großartige Bauten. Durch mächtige unterirdische
-Kanäle (Kloaken), von denen der größte noch heute benutzt wird, ließ er
-die sumpfigen Niederungen zwischen den Hügeln trocken legen und eine
-derselben, zwischen Palatin und Capitol, zum Markt- und Gerichtsplatz
-(~forum~) einrichten. In einer anderen, auf der westlichen Seite des
-Palatin bis zum Aventin, legte er den +Circus Maximus+ an, einen
-weiten, ovalen, rings von Bühnen für die Zuschauer umgebenen Platz für
-Wagen- und Pferderennen und Gladiatorenkämpfe. Die Stadt schloß er mit
-einer Mauer von Backsteinen ein und begann den Bau des Tempels des
-capitolinischen Jupiter.
-
-Aber ein blutiges Ende beschloß seine Regierung. Die Söhne des
-früheren Königs konnten es nicht vergessen, daß er sie durch List um
-ihr väterliches Erbe gebracht hatte. Ja, sie mußten sogar fürchten,
-daß der Schwiegersohn des Königs, +Servius Tullius+, nach ihm zur
-Regierung gelangen würde. Sie machten deshalb den Anschlag, den König
-zu töten und sich des Thrones zu bemächtigen. Sie stifteten zwei
-Hirten zum Meuchelmorde an. Diese gingen mit Äxten, die sie zu tragen
-gewohnt waren, in den königlichen Palast, fingen daselbst Streit an und
-verlangten, daß der König ihn schlichten sollte. Tarquinius ließ sie
-vor sich kommen, um ihre Sache zu hören. Anfangs suchten beide durch
-ihr Geschrei den König zu verwirren, doch Tarquinius befahl, daß einer
-nach dem anderen reden sollte. Als sich nun der König, ohne etwas Arges
-zu ahnen, aufmerksam zu dem einen hinwandte, versetzte ihm der andere
-mit der Axt einen tödlichen Schlag, daß er entseelt zu Boden sank.
-
-Allein die Söhne des Ancus erreichten ihre Absicht nur halb. Sobald
-nämlich der König getötet worden war, ließ Tanaquil, die Königin, die
-königliche Burg verschließen und forderte den Servius Tullius auf
-sich der Herrschaft zu versichern. Darauf öffnete sie das Fenster
-und kündete selber dem Volke, das sich auf die Nachricht von dem
-Mordanfall vor dem Palaste versammelt hatte, Tarquinius lebe noch und
-befehle dem Volke, inzwischen seinem Eidam zu gehorchen. Darauf trat
-dieser in königlicher Kleidung und von Amtsdienern (Lictoren) umgeben
-hervor, um, wie er vorgab, die Stelle des noch lebenden Königs zu
-vertreten. Als nach einigen Tagen der Tod des Königs bekannt wurde,
-fiel es dem Servius nicht schwer den Thron zu behaupten, den er zwar
-mit Bewilligung des Senats, aber nicht mit Beistimmung des Volkes in
-Besitz nahm. Die Söhne aber des Ancus waren bereits von den ergriffenen
-Mördern als Anstifter der Tat verraten und, mutlos geworden, aus der
-Stadt entflohen und fanden in der Fremde ein ruhmloses Ende.
-
-
-
-
-VI.
-
-König Servius Tullius.
-
-(578-534 v. Chr.)
-
-
-Der neue König war von unfreier Herkunft. Unter der Regierung des
-Tarquinius Priscus, so wird erzählt, eroberten die Römer die sabinische
-Stadt Corniculum. Hierbei ward Tullus, einer der angesehensten Bürger
-der Stadt, getötet, und seine Frau als Gefangene nach Rom abgeführt. Im
-Hause des Königs gebar sie einen Knaben, der wegen der Knechtschaft,
-in welche seine Mutter geraten war, +Servius+ (von ~servus~ „Knecht“),
-nach seinem Vater aber +Tullius+ genannt wurde und unter dem Gesinde
-der Königin aufwuchs. Da geschah es, daß in einer Nacht, während das
-Kind schlief, plötzlich ein heller Flammenschein sein Haupt umloderte.
-Tanaquil, die solche Dinge zu deuten verstand, verbot den Dienern das
-Feuer zu löschen, und es verschwand von selbst, als der Knabe erwachte.
-Von dieser Zeit an glaubten der König und die Königin, der junge
-Servius sei zu hohen Dingen berufen, und nahmen ihn an Kindes Statt an.
-Er ward in allen edlen Künsten unterrichtet, und da sich seine Gaben
-vortrefflich entwickelten, gab ihm der König seine eigene Tochter zur
-Ehe. Wie er nach dem Tode des Tarquinius Priscus selbst König wurde,
-ist bereits erzählt worden.
-
-Unter seiner Regierung erhielt die Stadt ihre letzte Erweiterung und
-einen neuen Mauerring. Er zog die zwei letzten der sieben Hügel, von
-denen Rom die „Siebenhügelstadt“ genannt wird, den Esquilinus und den
-Viminalis, die auf der Ostseite der Stadt lagen, in ihren Umkreis, und
-umgab das Ganze mit einer Mauer aus mächtigen Quadersteinen, wovon noch
-heute einzelne Reste das Staunen der Beschauer erregen.
-
-Nach außen wußte er durch kluge und friedliche Verhandlungen mit den
-anderen noch selbständigen latinischen Städten für Rom die erste Stelle
-in ihrem Bunde zu gewinnen, und sie zu bewegen auf dem Aventin einen
-gemeinsamen Tempel der Göttin Diana zu erbauen. Ja, durch eine List
-des Priesters dieses Tempels gelang es, wie eine Sage ging, auch den
-Anspruch auf die Oberherrschaft über ganz Latium für Rom zu gewinnen.
-Ein Sabiner nämlich trieb einst ein Rind von ungewöhnlicher Größe und
-Schönheit nach Rom, um es daselbst im Tempel der Diana zu opfern,
-in der festen Überzeugung, daß er dadurch, nach dem Ausspruch der
-Seher, seiner Vaterstadt die Obergewalt verschaffen würde. Denn die
-Augurn hatten gesagt, daß dasjenige Volk die Oberherrschaft erhalten
-sollte, dessen Bürger jenes Rind der Diana opfern würden. Allein dieser
-Ausspruch war auch zu den Ohren jenes römischen Priesters gekommen, und
-dieser suchte sich des Opfers zu bemächtigen. Er befahl dem Sabiner
-sich vor dem Opfer in fließendem Wasser zu baden, aber während der
-Sabiner dies tat, opferte der Priester selber das Rind.
-
-Die größte Tätigkeit wandte Servius den inneren Angelegenheiten zu.
-Er ordnete eine allgemeine Schatzung (~Census~) und Musterung des
-Volkes an, welche fortan alle fünf Jahre vollzogen werden sollte. An
-dem dazu bestimmten Tage erschienen alle wehrfähigen Bürger auf der
-vor dem Capitol sich nordwärts erstreckenden Ebene vor der Stadt, dem
-später sogenannten Marsfelde (~campus Martius~). Da mußte jeder seinen
-und seines Vaters Namen, Alter, Wohnort und Vermögen eidlich angeben.
-Nach der Verschiedenheit des Vermögens wurde die gesamte Bevölkerung
-Roms, Patrizier und Plebejer, in fünf Klassen, diese wieder in eine
-Anzahl Centurien eingeteilt, so daß auch die Plebejer das Recht
-erhielten die Waffen zu führen und in der nach Centurien geordneten
-und stimmenden Volksversammlung (~comitia centuriata~) mitzustimmen.
-Mit dem 17. Jahre wurde der Bürger in die Bürgerlisten eingetragen.
-Nach geendigter Schatzung stellte sich die ganze Bürgerschaft bewaffnet
-auf dem Marsfeld zur großen Heerschau; dann wurden unter Gebeten drei
-Tiere, ein Schwein, ein Schaf und ein Rind, um das ganze Volk dreimal
-herumgeführt und darauf geopfert, zur Sühne aller Sünden, die das Volk
-in den letzten fünf Jahren begangen hatte.
-
-Nach der Schatzung richtete sich die Steuer, die jeder Bürger
-zu entrichten hatte, und der Kriegsdienst. Alle Bürger waren
-kriegspflichtig; vom 17. bis 46. Jahre dienten sie im Felde, vom 46.
-bis 60. Jahre als Besatzung der Stadt. Die Bürger der ersten Klasse
-waren mit einem Helme, Panzer, großem Schilde und Beinschienen von Erz
-gerüstet, und führten als Waffen Speer und Schwert. In der Schlacht
-standen sie, als die am schwersten Bewaffneten, in der ersten Linie.
-Die Bürger der zweiten Klasse hatten keinen Panzer und einen kleinen
-Schild, sonst alles wie jene; sie standen in der zweiten Linie. Die
-in der dritten Klasse, welche in der dritten Linie standen, waren
-gerüstet wie die in der zweiten, nur fehlten die Beinschienen. Die
-Bürger der vierten Klasse hatten außer einem kleinen Schilde gar
-keine Schutzwaffen, sie führten Speer und Wurfspieß und standen in
-der letzten Linie. Die der fünften endlich dienten als Schleuderer
-und standen außerhalb der Linie. Alle mußten sich Rüstung, Waffen und
-Unterhalt aus eigenen Mitteln beschaffen; nur den Rittern gab der Staat
-Geld zum Ankauf eines Streitrosses, sowie zum Unterhalt desselben und
-eines Reitknechts nebst dessen Pferde.
-
-
-Durch alle diese Einrichtungen, die neue Ordnung und Einigung des
-Volkes, die Erweiterung und Befestigung der Stadt, die Stellung, welche
-Rom an der Spitze der latinischen Städte einnahm, erwarb sich der König
-die Liebe und Dankbarkeit der Römer und machte den unberechtigten
-Ursprung seiner Herrschaft vergessen. Gleichwohl traf ihn, nach
-44jähriger glücklicher Regierung, ein schreckliches Ende.
-
-Seine beiden Töchter hatte er mit den beiden Söhnen seines Vorgängers
-und Schwiegervaters, des Tarquinius Priscus, vermählt. Diese waren
-an Denkungsart und Sitten ebenso verschieden als des Königs Töchter.
-Lucius Tarquinius war wild, ungestüm und herrschsüchtig, und ebenso die
-jüngere Tullia. Aruns Tarquinius hingegen und die ältere Tullia waren
-sanft und gutherzig. Darum hielt es Servius für das Beste, wenn er die
-entgegengesetzten Charaktere mit einander verbände, damit die Sanftmut
-des einen die Heftigkeit des anderen mäßigen könnte. Er gab daher die
-ältere Tullia dem Lucius Tarquinius, die jüngere Tullia aber dem Aruns
-Tarquinius zur Ehe. Aber der Erfolg fiel ganz gegen seine Hoffnung aus.
-
-Die Ähnlichkeit der Gemüts- und Denkungsart, die zwischen dem Lucius
-Tarquinius und der jüngeren Tullia stattfand, brachte zwischen beiden
-bald eine Vertraulichkeit zuwege, die sie zu den schändlichsten
-Handlungen verführte. Beide töteten, er seine Gattin, sie ihren Gatten.
-Dies konnte Servius nicht nur nicht verhindern, sondern mußte sogar
-erlauben, daß sie sich einander heirateten. Aber damit nicht zufrieden,
-suchten sie den Servius der Regierung zu berauben. Tarquinius warb
-sich eine Partei unter den Bürgern und gewann besonders die Vornehmen,
-die sich durch die neuen Einrichtungen des Königs in ihren alten
-Vorrechten gekränkt fühlten. Eines Tages erkühnte er sich, angetan mit
-den Abzeichen der Königswürde, in königlichem Schmuck in das Rathaus
-zu gehen, sich auf den Königsstuhl zu setzen und, als wäre er bereits
-König, den Senat zu berufen. Sie kamen in großer Anzahl, und er hielt
-eine Rede an sie, worin er ihnen seine Absicht, sich auf den Thron zu
-setzen, entdeckte. Inzwischen kam auch Servius Tullius voll Zorn herbei
-und wollte sogleich seinen Eidam vom Throne herabziehen. Allein dieser,
-an Kräften dem alten König überlegen, ergriff und stürzte ihn von der
-obersten Stufe des Rathauses auf den Markt hinab. Verwundet wollte
-Servius sich nach Hause begeben, allein die Boten des Tarquinius holten
-ihn unterwegs ein und töteten ihn auf der Stelle.
-
-Indessen war Tullia herbeigekommen und hatte den Vorgang gehört.
-Frohlockend ließ sie ihren Mann aus dem Rathause rufen und begrüßte
-ihn zuerst als König. Als sie wieder nach Hause fuhr, führte der Weg
-durch eine enge Straße, wo der Leichnam des ermordeten Königs lag.
-Bei diesem Anblick hielt der Wagenführer an und wollte ausweichen,
-aber die gottlose Tullia befahl ihm über den Leichnam ihres Vaters
-hinwegzufahren. So kam sie, mit dem Blute ihres Vaters bespritzt, nach
-Hause.
-
-
-
-
-VII.
-
-König Tarquinius Superbus.
-
-(534-510 v. Chr.)
-
-
-+Tarquinius+ hat sich durch seine eigenmächtige und gewalttätige
-Herrschaft den Beinamen +Superbus+ (Tyrann) zugezogen. Er hatte sich
-des Königsamtes bemächtigt, ohne vom Volke gewählt und durch die
-Auspicien bestätigt zu sein. Die Reichen drückte er durch willkürliche
-Auflagen, die Armen durch Frohndienste. Viele Vornehme, die treu zum
-vorigen Könige gehalten hatten oder die ihm verdächtig schienen,
-bestrafte er mit Hinrichtung, Verbannung oder Verlust des Vermögens.
-Er berief den Senat nicht mehr, und entschied allein über Krieg und
-Frieden und über Bündnisse mit anderen Völkern. Nach außen aber nahm
-der Staat unter seinem klugen und unternehmenden Regiment an Größe,
-Macht und Ansehen stetig zu. Er entriß den latinischen Städten ihre
-Selbständigkeit und machte Rom zum herrschenden Haupte des latinischen
-Bundes.
-
-Eine derselben, die große und feste Stadt Gabii, belagerte Tarquinius
-sieben Jahre lang vergebens, bis er sie endlich durch List eroberte.
-Sein jüngster Sohn, +Sextus+ Tarquinius, flüchtete, scheinbar in Zwist
-mit seinem Vater, nach Gabii, wo er über dessen unerträgliche Härte
-klagte, und dadurch das Mitleid der Gabinier erregte. Sie nahmen ihn
-gern auf, und bald wußte er ihr volles Vertrauen zu erwerben. Mit
-einem gabinischen Heerhaufen trieb er die Kriegsmannen seines Vaters
-zurück; die sich der Verabredung gemäß schlagen lassen mußten. Durch
-diese Arglist betrogen, übertrugen ihm die Gabinier bald den Oberbefehl
-über Stadt und Heer. Nun schickte er einen vertrauten Boten an seinen
-Vater, mit der Frage, was er nun, da die Götter ihn zum Herrn von Gabii
-gemacht hätten, dort tun sollte. Der König führte schweigend den Boten
-in den Garten, schlug mit einem Stabe die höchsten Mohnköpfe ab, und
-hieß ihn dann dem Sohne sagen was er gesehen hätte. Sextus verstand
-seines Vaters Wink und schaffte die vornehmsten Gabinier teils durch
-heimlichen Mord, teils durch falsche Anklagen und Verbannung beiseite.
-Nachdem er auf diese Weise die Stadt ihrer Häupter beraubt, und das
-gemeine Volk durch Verteilung der Güter der Verurteilten gewonnen
-hatte, lieferte er sie ohne jeden Widerstand in die Hand seines Vaters.
-
-Der kriegerische König war zugleich prachtliebend und verschönerte
-Rom durch großartige Bauten, die er durch kunstgeübte etrurische
-Werkmeister ausführen ließ. Die Kosten bestritt er aus den Gütern der
-verbannten Reichen und der angesammelten Kriegsbeute, während das
-ärmere Volk zu harten Frondiensten herangezogen wurde. Von diesen
-Bauten waren am berühmtesten die „große Kloake“ und das Capitolium mit
-dem dreifachen Tempel des Jupiter, der Juno und der Minerva, der mit
-ehernen Götter- und Königsbildern geschmückt war. Als man bei dem Bau
-dieses großen capitolinischen Tempels die vielen älteren Altäre und
-kleinen Tempel, welche den Ort bedeckten, wegräumte, ließen sich die
-des „Grenzgottes“ (~Terminus~) und der Göttin der „Jugend“ (~Juventus~)
-nicht wegrücken. Diese Wunderzeichen deutete man dahin, daß die Jugend
-des römischen Staates nie verblühen seine Grenzen nie zurückweichen
-würden. Man schloß daher diese Götter mit in die Mauer des Tempels ein.
-In einem unterirdischen Gewölbe des Tempels wurden in bleiernem Kasten
-die drei sibyllinischen Bücher verwahrt, in deren Besitz Tarquinius auf
-folgende Weise gelangt war.
-
-Einst kam eine unbekannte Alte von seltsamem Ansehen zum König und bot
-ihm neun Bücherrollen zum Kauf an. Aber der Preis, den sie forderte,
-war dem König zu hoch, und die Frau wurde abgewiesen. Alsbald ging
-sie fort und verbrannte drei von ihren Büchern, kam dann wieder und
-bot die übrigen sechs dem Könige zu demselben Preise an. Wiederum
-zurückgewiesen, verbrannte sie abermals drei Bücher. Als sie dann zum
-dritten Male erschien und die drei letzten Bücher zu verbrennen drohte,
-wenn sie jenen Preis nicht erhielte, wurde der König aufmerksam und
-ließ die Bücher von den Augurn untersuchen. Auf ihren Rat kaufte er
-die Bücher, und sofort verschwand die Fremde. Die Abfassung dieser mit
-dunklen, rätselhaften Sprüchen und Weissagungen in griechischer Sprache
-angefüllten Bücher schrieb man einer Sibylle zu, mit welchem Namen man
-in alten Zeiten geheimnisvolle, mit Sehergabe ausgestattete Frauen
-bezeichnete, und davon hießen fortan diese wundersamen Schriftrollen
-die +sibyllinischen Bücher+. Der besondern Obhut zweier Priester
-anvertraut, wurden sie fortan zu Rate gezogen, so oft auffällige
-Naturerscheinungen die Gemüter erschreckten, oder der Staat, durch
-innere oder äußere Not bedrängt, eines göttlichen Rates zu bedürfen
-schien.
-
-
-Nicht lange, so ängstigten böse Zeichen und Träume das Gemüt des
-Königs. Eine Schlange schlüpfte aus dem Altar des königlichen Hauses
-und raubte das dargebrachte Opferfleisch. Der König beschloß das
-delphische Orakel, welches damals im größten Ansehen stand, über
-dieses Wunder zu befragen und sandte seine beiden Söhne +Titus+ und
-+Aruns+, denen er den Junius +Brutus+ als Begleiter gab, mit kostbaren
-Weihgeschenken dahin ab. Dieser, obgleich ein naher Verwandter des
-Königs, war der Grausamkeit des Tyrannen, der schon seinen Vater und
-Bruder getötet hatte, nur dadurch entgangen, daß er sich blödsinnig
-stellte. Tarquinius hatte ihn wirklich für dumm gehalten, ihm den
-Namen Brutus (der Dumme) gegeben und ihn der Kurzweil wegen an seinen
-Hof genommen. Doch äußerte Brutus bisweilen Spuren der in ihm
-versteckten Klugheit. In Delphi machte er dem Orakel einen Stab von
-Kornelkirschholz zum Geschenk, aber der hölzerne Stab war hohl und mit
-Gold gefüllt, und so ward er das Sinnbild des Brutus selbst.
-
-Als die Jünglinge den Auftrag des Vaters vollzogen hatten, trieb sie
-die Neugier das Orakel zu befragen, wer nach dem Vater in Rom herrschen
-würde, und es geschah die Antwort: „Der, welcher zuerst von euch seine
-Mutter küssen wird.“ Die Königssöhne, welche meinten, das Orakel weise
-auf ihre Mutter, die Königin, die Gattin des Tarquinius, machten
-unter sich aus ihre Mutter zu gleicher Zeit zu küssen, um später
-gemeinschaftlich zu regieren. Brutus aber verstand unter der Mutter
-die Erde, die gemeinsame Mutter aller Menschen. Darum tat er, als sie
-heimkehrten und aus dem Schiff ans Land stiegen, mit Absicht einen
-Fehltritt, fiel nieder zur Erde und berührte sie mit seinen Lippen, und
-erfüllte so das Geheiß des Orakels.
-
-
-Bald darauf geschah es, daß bei einer Belagerung von Ardĕa, der
-Hauptstadt der Rútuler, sich die Söhne des Königs die Langeweile im
-Lager durch Gastmähler und Trinkgelage zu vertreiben suchten. Als sie
-so einst bei ihrem Bruder Sextus, dem Eroberer von Gabii, schmausten,
-fiel die Rede auch auf ihre Frauen, und sie stritten, wer von ihnen
-die preiswürdigste hätte. Da jeder seine eigene dafür hielt, rief
-Collatinus Tarquinius, ihr Vetter: „Wozu all dies Streiten? Laßt uns
-unsere Rosse besteigen und unsere Frauen besuchen! Womit wir eine jede
-beschäftigt finden, darnach mag der Preis zuerkannt werden.“ Alle waren
-mit dem Vorschlage zufrieden. Beim Anbruch der Dunkelheit gelangten sie
-nach Rom, wo die Frauen der Königssöhne die Zeit in Lust und Wohlleben
-verbrachten; von da ging ihr Ritt nach Collatia, zum Landgute des
-Collatinus. Hier fanden sie die ebenso schöne wie züchtige +Lucretia+,
-die Gattin desselben, noch in später Nacht unter ihren Mägden sitzen
-und mit Wollarbeit beschäftigt. Ihr wurde der Preis zuerkannt.
-Freundlich bewirtete sie den Mann und die mitgebrachten Gäste, bis sie
-ins Lager zurückkehrten.
-
-Einige Tage nachher erschien Sextus Tarquinius diesmal allein und ohne
-Wissen des Collatinus, wieder in Collatia. Er ward von der arglosen
-Lucretia gastlich aufgenommen, vergalt aber diese Aufnahme damit, daß
-er der tugendhaften Frau eine rohe und entehrende Gewalt antat. Als der
-Verräter sie verlassen, ließ sie ihren Vater Lucretius und ihren Gemahl
-zu sich nach Collatia entbieten. Sie kamen, der Gatte begleitet von
-jenem Junius Brutus, der Vater von seinem Freunde Valerius. Jammernd
-erzählte sie ihnen den erlittenen Schimpf, und nachdem sie ihnen
-den Schwur abgefordert, den Sextus Tarquinius, ihren Beleidiger, zu
-bestrafen, stieß sie sich vor ihren Augen einen Dolch in die Brust.
-Während die anderen vor Schreck wie gelähmt dastanden, trat Brutus
-hervor, zog den Dolch aus der Leiche und schwur bei dem Blute des
-unschuldigen Opfers, daß er nicht ruhen und rasten wolle, bis er dies
-gottlose Königsgeschlecht aus Rom verjagt und der Königsherrschaft ein
-Ende gemacht hätte. Und den gleichen Schwur ließ er den beleidigten
-Gatten und den Vater nebst Valerius auf den blutigen Dolch leisten.
-Darauf hoben sie die Tote und trugen sie auf den Markt, wo sie dem
-herzueilenden Volke die Schandtat des Tarquiniers erzählten. Die
-Bürger von Collatia bewaffneten sich, besetzten die Tore ihrer Stadt
-und zogen, von Brutus und den anderen geführt, nach Rom. Hier berief
-Brutus das Volk zusammen und zählte ihm alle Freveltaten auf, die
-der König, sein Weib und seine Söhne vom Morde des Servius Tullius
-an bis zu dieser letzten Schandtat verübt hätten. Das Volk erklärte
-den Tarquinius der Königswürde verlustig und beschloß seine und
-seines Geschlechtes Verbannung. Darauf zog Brutus mit einer Schar von
-Jünglingen in das Lager von Ardea, jedoch auf einem Umwege, sodaß er
-dem Könige, der auf die erste Nachricht von dem Aufruhr nach Rom geeilt
-war, nicht begegnete. Freudig nahm das Heer den Brutus auf und verjagte
-die Königssöhne. In Rom aber ließ man den König nicht herein, sondern
-verschloß ihm die Tore und kündigte ihm seine Verbannung an. So von
-Volk und Heer verlassen, floh er mit seiner Familie nach der Stadt
-Cäre in Etrurien. Sextus ging zu den Gabiniern, die ihn, eingedenk des
-früheren Verrates, erschlugen.
-
-
-
-
-Rom als Republik.
-
-
-
-
-VIII.
-
-Brutus, erster Konsul der Römer.
-
-(509 v. Chr.)
-
-
-An Stelle des einen Königs traten von jetzt an +zwei+ oberste
-Beamte, die +Konsuln+, die, vom Volke gewählt, beide zwar dieselbe
-Machtbefugnis als oberste Heerführer und Richter übten, wie bisher
-die Könige, aber ihr Amt nur +ein+ Jahr lang bekleideten und sich
-gegenseitig an Ausschreitungen hindern konnten. Die ersten Konsuln
-waren +Brutus+ und +Collatinus+.
-
-Obschon die Vertreibung der Könige von den alten Geschlechtern, den
-Patriziern, ausgegangen war, so waren doch nicht alle Patrizier damit
-zufrieden. Zumal die jüngeren unter ihnen, welche den Glanz und die
-Freuden eines königlichen Hofes vermißten, fanden sich nicht leicht
-in den neuen Zustand, und warteten nur auf eine Gelegenheit, um den
-König zurückzuführen. Als der König von dieser Stimmung Kunde erhielt,
-schickte er alsbald Gesandte nach Rom, unter dem Vorwande, daß sie
-die Herausgabe seiner Güter fordern sollten, in der Tat aber, um
-eine Empörung zum Sturz der Konsuln zuwege zu bringen. Mehrere junge
-Patrizier, unter ihnen sogar die Söhne des Konsuls Brutus, ließen sich
-dafür gewinnen und warben unter ihren Freunden zahlreiche Genossen. Man
-verabredete an einem bestimmten Tage die Konsuln zu töten und zugleich
-dem König die Tore der Stadt zu öffnen, und schrieb einen Brief an ihn,
-um ihn zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Allein, ehe noch die Gesandten
-mit dem Briefe Rom verlassen konnten, wurde die Verschwörung entdeckt.
-Ein Sklave hatte eine Zusammenkunft der Verschworenen belauscht und
-ihren Plan den Konsuln angezeigt. Diese ließen sofort die Gesandten
-und die Verschworenen ergreifen, und der vorgefundene Brief bezeugte
-unwidersprechlich ihre Schuld. Die Gesandten wurden, dem Völkerrechte
-gemäß, unverletzt entlassen, die ganze Habe des Königs aber dem Volke
-preisgegeben, sein großer Landbesitz nordwärts der Stadt bis zur Tiber
-dem Kriegsgott geweiht und seit der Zeit Marsfeld (~campus Martius~)
-genannt.
-
-Die Verschworenen wurden in Fesseln vor die Konsuln geführt, welche
-auf ihren Amtsstühlen zu Gerichte saßen. Da sie nichts zu ihrer
-Verteidigung vorbringen konnten, so verurteilte sie Brutus, der Vater
-die eigenen Söhne, zum Tode. Diese Strenge machte auch dem Collatinus,
-dessen Neffe unter den Verschworenen war, ein milderes Urteil
-unmöglich. Mit fester Miene und unverwandtem Blick sah Brutus seine
-Söhne mit Ruten geißeln und dann mit dem Beil hinrichten. Darauf bewog
-er das Volk zu dem Beschluß, daß auch alle Verwandten des Königshauses
-verbannt sein sollten. Da zu diesen auch der Konsul Collatinus gehörte,
-so legte er sein Amt nieder und ging in die Verbannung. An seine Stelle
-trat der oben erwähnte Publius Valerius.
-
-Tarquinius suchte von nun an mit Waffengewalt die verlorene Herrschaft
-wiederzugewinnen. Er rückte mit einem Heere, das ihm die etruskischen
-Städte Veji und Tarquinii gestellt hatten, gegen Rom. Die Bürger
-zogen ihm entgegen. Am Walde Arsia kam es zum Treffen. Als Brutus
-und Arnus, beide an der Spitze ihrer Reiterei, einander ansichtig
-wurden, sprengten sie, von gleichem Haß und Kampflust getrieben,
-gegen einander an. Beide fielen, jeder vom andern zu Tode getroffen.
-Darauf entbrannte die Schlacht allgemein und dauerte ununterbrochen
-bis gegen Mitternacht. Plötzlich erscholl aus dem Forste die Stimme
-des Waldgottes: „Bei den Etruskern ist ein Mann mehr gefallen, der
-Sieg gehört den Römern!“ Da gaben die Etrusker die Sache verloren und
-wandten sich zur Flucht, und die Römer kehrten als Sieger nach Hause.
-Den Brutus bestatteten sie auf das ehrenvollste, und die römischen
-Frauen betrauerten ihn ein ganzes Jahr wie einen Vater.
-
-
-
-
-IX.
-
-Krieg mit König Porsenna.
-
-
-Tarquinius ließ die Hoffnung, die Königswürde wieder zu erlangen, noch
-nicht fahren. Er begab sich in den Schutz +Porsennas+, des mächtigen
-Fürsten der Stadt Clusium in Etrurien. Der Krieg, den dieser deshalb
-mit Rom begann, erreichte zwar nicht das eigentliche Ziel, die
-Herstellung des Tarquinius als römischen Königs, aber die Römer mußten,
-trotz heldenhafter Gegenwehr, einen Teil ihres Gebietes an Porsenna
-abtreten. Von diesen Heldentaten berichtet die Sage folgendes.
-
-Da die kleine Festung auf dem Berge Janiculum, auf der rechten Seite
-der Tiber, der Stadt gegenüber, beim ersten Angriff vom Feinde erobert
-ward, so zog sich die Besatzung vor der Übermacht in die Mauern der
-Stadt zurück. Nun wäre Porsenna unaufhaltsam über die schmale hölzerne
-Tiberbrücke nachgedrungen, wenn nicht +Horatius Cocles+ durch seine
-Unerschrockenheit und Tapferkeit es verhindert hätte. Als er sah, daß
-seine Genossen nicht mehr standhielten, riet er ihnen selbst über die
-Brücke zu eilen und sie so schnell als möglich abzutragen. Während dies
-geschah, wehrte Horatius mit zweien seiner Gefährten das feindliche
-Heer von dem Zugang zur Brücke ab. Als dieselbe beinahe abgetragen
-war, entließ er auch seine Gefährten, um sich über die Reste in die
-Stadt zu retten. Hierauf stellte er sich allein dem Feinde entgegen,
-und erst, als die letzten Balken krachten, sprang er, den Stromgott um
-Schutz anflehend, mit Schild und Wehr in die Fluten. Unter einem Hagel
-feindlicher Pfeile schwamm er unversehrt an das andere Ufer.
-
-Die festen und hohen Mauern der Stadt schützten sie zwar gegen einen
-stürmischen Angriff; aber der Feind begann ihr von allen Seiten die
-Zufuhr abzuschneiden und ihr Gebiet zu verwüsten, sodaß bald Mangel an
-Nahrung entstand. Um Rom von dieser Bedrängnis zu befreien, beschloß
-+Mucius Scävŏla+, ein mutiger Jüngling, den feindlichen König zu töten.
-In etruskischer Kleidung, einen Dolch unter dem Gewande, schlich er
-ins feindliche Lager, wo eben ein Schreiber neben dem König saß, der
-mit den Kriegern verhandelte, die ihren Sold erhalten sollten. Weil
-sich dieser in seiner Tracht gar nicht vom König unterschied, so hielt
-ihn Mucius für den König selbst und stieß ihn mit dem Dolche nieder.
-Ergriffen und vor den König geführt, bekannte er unerschrocken sein
-Vorhaben. Als ihn Porsenna mit dem Feuertode bedrohte, streckte er, um
-zu zeigen, daß er alle Drohungen verachte, seine Rechte in die Flamme
-des nahestehenden Opferherdes, ohne das geringste Zeichen von Schmerz
-zu verraten. Da verwandelte sich des Königs Zorn in Bewunderung, er
-schenkte dem Mucius das Leben, und dieser erklärte nun, gleichsam um
-den König für seine Milde zu belohnen, daß nicht er allein, sondern
-dreihundert römische Jünglinge sich zu gleichem Zwecke verschworen
-hätten, um durch den Tod des Königs ihre Vaterstadt zu befreien.
-Der junge Held, der später von dem Verluste seiner rechten Hand den
-Beinamen Scävola (Linkhand) erhielt, ward entlassen; der König aber,
-der sich jetzt von steten Gefahren bedroht glaubte und für sein Leben
-fürchtete, ward zum Frieden geneigt, der auch bald zustande kam. Er
-hob die Belagerung auf und verzichtete auf die Wiedereinsetzung des
-Tarquinius; dagegen traten die Römer das rechte Tiberufer an ihn ab und
-stellten zehn Jünglinge und ebenso viele Jungfrauen als Geiseln.
-
-Unter diesen Jungfrauen befand sich die edle +Clölia+. Sie täuschte
-die Wächter und schwamm mit den übrigen Jungfrauen über die Tiber.
-Vergebens schossen die Feinde ihre Pfeile auf sie ab; sie kam mit ihren
-Gefährtinnen glücklich nach Rom. Aber der römische Konsul schickte sie
-auf die drohende Forderung Porsennas in das etruskische Lager zurück.
-Doch hatte der Heldenmut der Jungfrau des Königs Bewunderung erregt; er
-vergab ihr nicht nur und schenkte ihr die Freiheit, sondern er erlaubte
-ihr sogar einige von den römischen Jünglingen, die als Geiseln im Lager
-waren, mit nach Hause zu nehmen. Sie wählte die jüngeren, deren zartes
-Alter ihr im Feindeslande am meisten der Kränkung ausgesetzt schien.
-In Rom aber errichtete man, zu dauerndem Andenken an den Heldenmut der
-Clölia, ein ehernes Denkmal, eine Jungfrau zu Roß.
-
-So war denn auch dieser Versuch des Tarquinius, die Herrschaft
-wiederzugewinnen, mißlungen. Er nahm hierauf seine Zuflucht zu den
-Latinern, die er zu einem Kriege gegen die Römer aufreizte, der im
-Jahre 496 v. Chr. zum Ausbruch kam. Am See +Regillus+ trafen beide
-Heere aufeinander; es war ein Heldenkampf, in dem die Führer selber
-sich im Zweikampf begegneten, während die Menge ohne Entscheidung
-focht, und der Sieg bald hierin, bald dorthin sich wandte. Selbst der
-hochbejahrte Tarquinius nahm an der Schlacht Anteil und ward verwundet.
-Endlich siegten die Römer und nahmen das feindliche Lager; Tarquinius
-ging hoffnungslos zu Aristodémus, dem Fürsten der griechischen Stadt
-Cumä, nahe dem heutigen Neapel, wo er im folgenden Jahre starb.
-
-
-
-
-X.
-
-Innerer Zwist. Menenius Agrippa und Marcius Coriolanus.
-
-
-Die Bürgerschaft Roms zerfiel in zwei an Herkunft, Recht und Ansehen
-verschiedene Klassen, unter denen nicht einmal ein gemeinschaftliches
-Verkehrsrecht (~commercium~) und Eherecht (~conubium~) bestand. Die
-eigentliche Gemeinde bildeten nur die +Patrizier+, die Nachkommen
-der alten Geschlechter, aus denen die ursprüngliche Bevölkerung Roms
-bestanden hatte. Sie besaßen alle Vorrechte; aus ihrer Mitte wurden
-die Beamten und Senatoren gewählt, sie allein bildeten das „Römische
-Volk“ (~populus Romanus~) und beschlossen in ihrer Versammlung
-(~comítia curiāta~) über die Angelegenheiten des Staates. Die
-+Plebejer+ dagegen, die Nachkommen derjenigen Zuwanderer, welche sich,
-freiwillig oder gezwungen, nach und nach in Rom niedergelassen hatten,
-an Zahl weit überlegen und zu allen Diensten für das Gemeinwesen, zu
-Kriegsdienst und Steuern verpflichtet, entbehrten alles Anteils an der
-Regierung, welche die patrizischen Beamten mit stolzer Härte gegen
-die rechtlose Menge ausübten. Die plebejischen Bauern konnten oft
-wegen der häufigen Kriege, zu denen sie eingerufen wurden, ihr Land
-nicht rechtzeitig bestellen, gerieten in Schulden, und wenn sie die
-hohen Zinsen nicht bezahlen konnten, so verfielen sie, nach dem harten
-römischen Schuldrecht, mit ihrer Person der Gewalt der Gläubiger, die
-sie als Knechte fronden lassen oder sogar in die Fremde verkaufen
-durften. So waren schon viele in Armut und Knechtschaft geraten, und
-die Unzufriedenheit über die ungerechte Bedrückung stieg unter den
-Plebejern immer höher.
-
-Schon hatten sie einige Male den Kriegsdienst verweigert; aber den
-Patriziern war es noch immer gelungen, bald durch Drohungen, bald
-durch leere Versprechungen, den Ausbruch der Unzufriedenheit zu
-unterdrücken. Einst geschah es, daß das Volk, von einem beutereichen
-Feldzuge zurückkehrend, zum Lohn eine Erleichterung seiner drückenden
-Lage erwartete. Allein die Patrizier suchten es aufs neue zu täuschen,
-indem sie es sogleich zu einem neuen Kriege führen wollten. Da aber kam
-die lang verhaltene Wut der Plebejer zu offenem Ausbruch. Bewaffnet,
-wie sie waren, rotteten sie sich zusammen, verließen die Stadt und
-zogen, unter einem selbstgewählten Anführer, auf eine nicht weit von
-Rom gelegene Anhöhe, die man den „heiligen Berg“ nannte, wo sie ein
-festes Lager aufschlugen und sich dauernd niederzulassen drohten. (494
-v. Chr.)
-
-Darüber entstand zu Rom eine allgemeine Bestürzung. Das
-zurückgebliebene Volk fürchtete die Härte der Patrizier, diese die
-völlige Auswanderung des Volks. Endlich beschloß der Senat eine
-Gesandtschaft abzuschicken, um das Volk zur Rückkehr zu bewegen. An
-der Spitze derselben stand ein kluger und beredter, als Volksfreund
-bekannter und beliebter Mann, +Menénius Agrippa+. Auf dem heiligen
-Berge angekommen, begann er seine Rede damit, daß er dem Volke folgende
-Fabel erzählte.
-
-„Die Glieder des Leibes empörten sich einst wider den Magen, weil er
-allein untätig sei, während sie alle für ihn arbeiten mußten. Sie
-versagten ihm daher den Dienst. Die Hände wollten keine Speise mehr
-in den Mund bringen, der Mund sie nicht aufnehmen und die Zähne sie
-nicht zerreiben. Eine Zeitlang führten die Glieder diesen Vorsatz aus.
-Bald aber fühlten sie, daß sie sich selbst dadurch schadeten. Sie
-erkannten, daß es der Magen sei, der die empfangene Speise verdaue,
-das damit genährte Blut durch alle Glieder verbreite und ihnen allen
-Leben und Kraft verleihe. Sie gaben daher ihr Vorhaben auf und söhnten
-sich wieder mit dem Magen aus. So ist es auch, fuhr Agrippa fort, mit
-den Gliedern eines Staates. Keiner von ihnen vermag für sich allein zu
-bestehen; nur auf ihrer Eintracht beruht das Wohl des Ganzen.“
-
-Durch solche Rede soll Agrippa das Volk zur Rückkehr geneigt gemacht
-haben. Sie erfolgte jedoch nicht eher, als bis die Patrizier das
-feierliche Versprechen gaben, die Schuldgefangenen in Freiheit zu
-setzen und den Plebejern die Wahl einer eigenen unverletzlichen
-Obrigkeit zu gestatten. Von dieser Zeit an wählte das Volk aus seiner
-Mitte jährlich zwei Beamte, +Tribunen+ genannt, deren Zahl später bis
-auf zehn vermehrt ward. Sie hatten das Recht die Gemeinde der Plebejer
-zu berufen und mit ihr zu beraten, und die Pflicht jeden einzelnen
-derselben gegen eine Härte oder Ungerechtigkeit der Konsuln und
-anderen Beamten zu schützen. Auch durften sie gegen jeden Beschluß des
-Senats, vor dessen Tür sie ihren Sitz hatten, Einsprache (~veto~ „ich
-verbiete“) tun und ihn dadurch ungültig machen.
-
-
-Doch schon in den ersten Jahren liefen die Plebejer Gefahr diese
-Rechte, welche sie durch die Auswanderung (~secessio~) auf den heiligen
-Berg errungen hatten, wieder zu verlieren. Damals nämlich wurde Rom
-durch eine furchtbare Hungersnot heimgesucht. Der Senat hatte auswärts
-Vorräte an Getreide aufkaufen lassen, und fast alle Senatoren waren
-der Meinung, man solle dieses Getreide den Plebejern entweder umsonst
-oder um einen sehr geringen Preis überlassen. Nur +C. Marcius+ stimmte
-ihnen nicht bei. Dieser Marcius hatte durch seine Tapferkeit Corioli,
-eine Stadt der den Römern benachbarten, aber immer feindlichen Volsker,
-eingenommen und sich dadurch den Beinamen +Coriolanus+ erworben. Er war
-ein erbitterter Gegner der Plebejer, denen er ihre neue Obrigkeit zu
-entreißen suchte. Daher machte er jetzt im Senate den Vorschlag, man
-solle dem Volke das Getreide nur unter +der+ Bedingung geben, daß es
-seine Tribunen wieder abschaffe.
-
-Kaum hatte das Volk von diesem Vorschlage Kunde, als es in die größte
-Wut geriet und den Coriolanus zerrissen hätte, wenn es die Tribunen
-nicht gehindert hätten. Diese bestimmten darauf dem Coriolanus einen
-Tag, wo er vor dem Gerichte des Volkes erscheinen und sich verantworten
-sollte. Die Patrizier flehten um Gnade für ihn, er selbst aber zeigte
-Trotz und Hohn und verachtete die Anklage. Als er jedoch sah, daß er
-verurteilt werden würde, wartete er den Gerichtstag nicht ab, sondern
-entfernte sich aus Rom. Das Volk verurteilte ihn, da er sich nicht zu
-Gericht gestellt hatte, zu lebenslänglicher Verbannung.
-
-Coriolanus war nach Antium, einer Stadt der Volsker, gegangen, wo ihn
-sein Gastfreund Attius Tullius bereitwillig aufnahm. Hier brachte er
-es dahin, daß die Volsker gegen die ihnen verhaßten Römer aufs neue
-zu den Waffen griffen. An der Spitze eines volskischen Heeres drang
-Coriolanus bis in die Nähe von Rom und lagerte sich eine Meile weit
-von der Stadt. Weit und breit verwüstete er die Güter der Plebejer,
-verschonte aber die der Patrizier, entweder um seinen Haß gegen jene an
-den Tag zu legen, oder um beide Parteien gegen einander aufzureizen.
-
-Rom befand sich in der größten Gefahr. Von außen wütete der Feind,
-im Innern der Streit zwischen Volk und Senat. Endlich ward eine
-Gesandtschaft der vornehmsten Patrizier an ihn abgeordnet, kehrte
-aber unverrichteter Sache zurück. Dann wurden Priester mit allen
-Zeichen ihrer Würde abgeschickt. Coriolanus empfing sie mit großer
-Ehrerbietung, doch auch sie richteten nichts aus. Endlich gingen
-+Vetúria+, die Mutter des Coriolanus, und dessen Gemahlin +Volúmnia+
-mit seinen Kindern nebst anderen römischen Matronen ins volskische
-Lager. Als Coriolanus von ihrer Ankunft hörte, eilte er auf seine
-Mutter zu, um sie zu umarmen. Allein Veturia wies seine Umarmung ab,
-voll Zorn und Schmerz brach sie in laute und bittere Klagen aus über
-des Sohnes frevelhaften Krieg, über des Vaterlandes Not und das eigene
-Unglück die Mutter eines solchen Sohnes zu sein. Tief erschüttert gab
-Coriolanus nach. „Mutter,“ rief er, „das Vaterland hast du gerettet,
-aber deinen Sohn verloren!“ Er verließ mit dem Heer der Volsker das
-römische Gebiet und kehrte nach Antium zurück. Dort soll er bald darauf
-von dem erzürnten Volk erschlagen worden sein, nach einer anderen Sage
-aber als Verbannter ein hohes Alter in der freudelosen Fremde erreicht
-haben.
-
-
-
-
-XI.
-
-Untergang der Fabier.
-
-(477 v. Chr.)
-
-
-Auch nach dem Abzuge des Coriolanus hörten die inneren Kämpfe zwischen
-Patriziern und Plebejern in Rom nicht auf; jene suchten ihre Vorrechte
-unverkürzt zu behaupten, diese forderten, unter der Führung ihrer
-Tribunen, immer lebhafter eine rechtliche Gleichstellung. Insbesondere
-erbitterte es die Plebejer, daß alles Land, welches den besiegten
-Feinden entrissen und Eigentum des römischen Volkes ward (~ager
-publicus~ „Gemeinland“), ausschließlich den Patriziern gegen eine
-geringe Abgabe in Erbpacht gegeben wurde. Gegen ihre billige Forderung,
-daß der Vorteil aus solcher Kriegsbeute allen Bürgern gleichmäßig
-zufallen sollte, sträubte sich besonders das adelstolze zahlreiche
-Geschlecht der +Fabier+, und gegen sie war der Unwille des Volkes
-vorzugsweise gerichtet. Sieben Jahre nach einander, von 485-479 v. Chr.,
-bekleidete jedesmal ein Fabier das Konsulat. Nun brach im Jahre 483
-ein Krieg mit +Veji+, einer benachbarten Stadt Etruriens, aus. In
-den beiden ersten Jahren geschah nichts Erhebliches, aber im dritten
-ereignete sich Schmachvolles. Das größtenteils aus Plebejern bestehende
-Heer folgte seinem Feldherrn, dem +Käso Fabius+, mit Ingrimm; ihm zum
-Trotze wich es im Kampfe, gab das Lager dem Feinde preis und floh in
-größter Unordnung nach Rom. Da beschlossen die Fabier, ohnmächtig
-gegen des Volkes Haß und Starrsinn, sich mit ihm auszusöhnen. So
-gelobten die Soldaten dem +Marcus Fabius+ Gehorsam und Sieg; sein
-Bruder +Quintus+ fiel in einer Schlacht gegen die Etrusker, und ebenso
-der andere Konsul, aber Marcus trug einen glänzenden Sieg davon. Der
-Senat bewilligte ihm einen Triumph, den er jedoch wegen des Todes
-seines Bruders und seines Kollegen ablehnte. Die verwundeten Plebejer
-verteilte er in die patrizischen Häuser, viele nahm sein eigenes
-Geschlecht auf und verpflegte sie aufs beste. Seitdem waren die Fabier
-des Volkes Lieblinge, und Käso Fabius wurde zum dritten Male Konsul.
-
-Dieser Mann forderte die Patrizier auf, einen Teil des jüngst
-gewonnenen Gemeinlandes unter die armen Bürger zu verteilen, aber
-vergeblich; er zog sich dadurch nur den Haß seiner Stammesgenossen
-zu. Um so mehr vertrauten ihm die Plebejer. Noch immer dauerte der
-Kampf mit den Vejentern fort, die, wenn ihnen gerade kein Heer
-gegenüberstand, Streifzüge in das römische Gebiet unternahmen. Da
-faßten Käso Fabius und sein ganzes Geschlecht den Entschluß mit ihren
-Schützlingen und Anhängern (Klienten) die Vaterstadt zu verlassen und
-für das Wohl des Staates auf eigene Hand den Grenzkrieg gegen Veji zu
-übernehmen. Als sich die Kunde von diesem Entschlusse durch die Stadt
-verbreitete, entstand ein allgemeiner Jubel, und das Volk erhob die
-Fabier bis in den Himmel. Unter Gebeten und Segenswünschen zogen nun
-die Fabier, 306 Helden, alle Patrizier, alle aus +einem+ Geschlecht,
-jeder des Feldherrnamtes würdig, mit ihrem Gefolge von etwa 4000
-Männern, durch das carmentalische Tor bis an das Flüßchen +Crémera+, wo
-sie sich niederließen und verschanzten (479 v. Chr.).
-
-Drei Jahre lang führten sie dort den Grenzkrieg gegen die Etrusker mit
-Glück; die ganze vejentische Landschaft bis in die fernsten Winkel
-wurde von ihren Streifzügen heimgesucht, und manches Treffen im offenen
-Felde von ihnen gewonnen. Das Glück machte sie kühn und sicher, zuletzt
-sorglos. Einst wurden Rinderherden unter schwacher Bedeckung an ihnen
-vorbeigetrieben. Durch diese ließen sie sich auf eine Bergweide locken,
-wo aus den Waldhöhen umher viele Tausende bewaffneter Feinde sich
-verborgen hatten. Die Hüter des Viehes entflohen zum Schein; die Römer,
-den Rindern nachjagend, zerstreuten sich und gerieten immer tiefer in
-die verderbliche Talenge, als plötzlich von allen Seiten Schlachtruf
-erscholl, und ein Hagel von Wurfgeschossen auf sie niederfiel. Die
-Übermacht der Feinde umdrängte sie und immer enger ward der Kreis, in
-den sie sich zusammenziehen mußten. Nachdem sie lange gegen den von
-allen Seiten andringenden Feind gefochten hatten, wandten sie sich
-endlich insgesamt in keilförmiger Aufstellung nach einer Richtung
-hin und bahnten sich, durch die Macht ihrer Leiber und Waffen, den
-Weg nach einer nahen Anhöhe. Hier bestanden sie den Kampf gegen die
-nachstürmenden Feinde, bis diese auf einem Umweg den Gipfel des Berges
-im Rücken der Römer erstiegen, von wo sie, Steinblöcke und Geschosse
-hinabschleudernd, die Helden alle bis auf den letzten erschlugen. Der
-Tag, an dem dies geschah, war der 18. Juli des Jahres 477 v. Chr. und
-blieb im Andenken der Römer auf immer ein Unglückstag, der in stiller
-Trauer begangen ward. Auch das carmentalische Tor, durch welches die
-Fabier aus Rom gezogen waren, galt fortan für unheilbringend. Nur ein
-Sprößling des Geschlechts, ein noch unmündiger Knabe, soll in Rom
-zurückgeblieben sein, von dem das spätere fabische Geschlecht abstammte.
-
-
-
-
-XII.
-
-Appius Claudius und die Decemvirn.
-
-(451-449 v. Chr.)
-
-
-Die Römer hatten bis zu dieser Zeit noch keine geschriebenen Gesetze.
-Die patrizischen Richter sprachen Recht nach altem Herkommen oder nach
-Gutdünken, wobei sie sich oft Begünstigung ihrer Standesgenossen zum
-Nachteile der Plebejer zuschulden kommen ließen. Um sich gegen solche
-ungerechte Urteilssprüche zu sichern, setzten es die Plebejer unter
-ihrem Tribunen +Terentilius Harsa+ durch, daß zu ihrem Schutze gegen
-die Willkür der Patrizier +geschriebene Gesetze+ aufgestellt werden
-sollten (453 v. Chr.). Nun wurden Gesandte in die griechischen Städte
-Unteritaliens und nach Athen geschickt, um dort die weisesten Gesetze
-zu sammeln. Nach ihrer Rückkehr wurde ein Ausschuß von zehn Männern
-(~decemvirn~) ernannt, der aus diesen Gesetzen diejenigen auswählen
-sollte, welche dem römischen Staate angemessen wären und zu gleicher
-Zeit auf ein Jahr mit der unumschränkten Regierungsgewalt betraut,
-sodaß alle anderen Obrigkeiten inzwischen aufhörten. Unter diesen
-Zehnmännern oder +Decemvirn+ war +Appius Claudius+ der angesehenste und
-einflußreichste.
-
-Die Decemvirn regierten anfangs zu völliger Zufriedenheit des
-Volkes. Am Ende ihres Amtsjahres stellten sie auf zehn Tafeln eine
-Reihe von Gesetzen auf, bezeigten aber keine Lust, nun auch ihr Amt
-niederzulegen. Besonders wünschte der stolze Appius Claudius seine
-Herrschaft noch fortzusetzen. Durch erheuchelte Milde und Leutseligkeit
-hatte er das Volk für sich gewonnen und bewirkte ohne Mühe, daß die
-Decemvirn auch für das folgende Jahr im Amte blieben. Am Schluß des
-zweiten Jahres stellten sie noch zwei Gesetztafeln auf. Aber auch jetzt
-legten die Decemvirn ihr Amt nicht nieder, sondern mißbrauchten es zu
-Gewalttätigkeiten gegen das Volk, besonders gegen diejenigen Plebejer,
-die ihrer Herrschaft gefährlich schienen. Nun geschah es, daß die
-benachbarten Äquer und Sabiner in die römische Landschaft einbrachen
-und die Decemvirn gegen sie zwei Heere ins Feld führen mußten. Beide
-Heere wurden durch die Schuld der Krieger, welche absichtlich ihre
-Pflicht versäumten aus Unwillen gegen die Decemvirn, geschlagen. Als
-der erste Schreck vorüber war und von Rom Verstärkung anlangte, rückte
-das eine Heer in das Gebiet der Sabiner vor. In diesem Heere befand
-sich ein alter Hauptmann, +Siccius Dentatus+, der in vielen Schlachten
-gefochten, acht Feinde im Zweikampfe erlegt und vierzehn Bürgern
-im Kampf das Leben gerettet hatte, dessen Brust zahlreiche Narben
-schmückten und dem eine Menge von Bürgerkränzen, goldenen Ketten,
-Armbändern und anderen Ehrenzeichen als Lohn seiner Heldentaten zuteil
-geworden waren. Dieser Mann, über die Gewaltherrschaft der Decemvirn
-empört, forderte seine im Felde stehenden Mitbürger zu einer zweiten
-Auswanderung nach dem heiligen Berg auf, um die verlorenen Rechte
-wiederzugewinnen. Als die Decemvirn davon Kunde erhielten, beschlossen
-sie seinen Tod. Sie sandten ihn, begleitet von einer Schar gedungener
-Meuchelmörder, in die Umgegend, um den Platz für ein neues Lager zu
-suchen. Diese überfielen in einem einsamen Hohlwege den ahnungslosen
-Helden. Aber es ward ihnen schwer den gewaltigen Mann zu fällen, und
-um seine Leiche lagen viele der Verräter, die er in seiner Notwehr
-hingestreckt hatte. Die übrigen berichteten im Lager Siccius sei mit
-einigen seiner Leute in einen Hinterhalt der Feinde geraten und tapfer
-kämpfend gefallen. Man eilte hin, seine Leiche zu holen: da wurde
-der Verrat offenbar, denn es lagen keine Feinde, sondern nur Römer
-um ihn her. Das Heer drohte Aufstand und wollte die Leiche nach Rom
-tragen, ließ sich aber für diesmal noch dadurch beschwichtigen, daß
-die Decemvirn dem Gefallenen ein prächtiges Leichenbegängnis mit allen
-kriegerischen Ehren anordneten.
-
-So nachteilig auch diese Tat für den Ruf der Decemvirn war, so
-gelang es diesen doch sich in der Gewalt zu behaupten, bis endlich
-der Frevelmut des Appius Claudius eine allgemeine Empörung gegen sie
-veranlaßte. Appius hatte die schöne +Virginia+, die Tochter eines
-Plebejers, des +Virginius+, und Braut des Icilius gesehen und strebte
-nach ihrem Besitze. Anfangs suchte er sie durch lockende Versprechungen
-zu gewinnen. Da ihm dies nicht gelang, so bewog er einen seiner
-Klienten die Virginia für die Tochter seiner Sklavin auszugeben und als
-sein Eigentum zurückzufordern.
-
-Ihr Vater Virginius stand im Lager, als der Klient die Virginia auf
-offener Straße ergriff und vor den Richterstuhl des Appius Claudius
-führte, von dem er sie sich nun als Eigentum zusprechen ließ. Auf das
-Geschrei des um Hilfe stehenden Mädchens strömte eine Menge Volkes
-herbei. Auch Icilius war herbeigeeilt, und nur mit Mühe vermochte er
-den Appius zu bewegen, bis zur Ankunft des Vaters die Sache anstehen
-und die Jungfrau in den Händen derer zu lassen, welche sich für sie
-verbürgten. Alsbald schickte Appius heimlich einige Diener ins Lager
-an die Decemvirn, die dort den Oberbefehl hatten, mit dem Auftrage,
-sie sollten dem Virginius keinen Urlaub gewähren. Doch die Boten des
-Icilius waren früher gekommen. Virginius hatte bereits Urlaub und war
-auf dem Wege nach Rom.
-
-Am folgenden Tage erschien er vor dem Richterstuhle des Decemvirn
-mit seiner Tochter, beide in Trauergewand, von vielen Matronen und
-Freunden begleitet. Der ganze Marktplatz war von Menschen angefüllt,
-die das traurige Schauspiel herbeigelockt hatte. Appius bestieg die
-Richterbühne; sein Klient wiederholte seine Klage, und abermals wurde
-die Jungfrau ihm als Eigentum zugesprochen. Als er sie ergreifen
-wollte und der Vater ihn drohend abwies, die Umstehenden aber in ihrer
-Entrüstung einen schützenden Kreis um Vater und Tochter schlossen, da
-befahl Appius seinen mit Beilen bewehrten Amtsdienern, den Liktoren,
-den Haufen zu sprengen und das Mädchen zu ergreifen, und bedrohte mit
-schwerer Strafe alle diejenigen, die sich gestern und heute gegen
-seine Richtergewalt gesträubt hätten. Dadurch eingeschüchtert wich die
-Menge auseinander. Virginius aber, der keine Rettung mehr sah, bat
-nur noch um die Gunst von seiner Tochter Abschied nehmen zu dürfen.
-Dies ward ihm gewährt. Da führte er sie zu einer nahen Fleischerbude,
-ergriff ein Messer und stieß es ihr in die Brust, indem er ausrief:
-„Hiermit allein, mein Kind, kann ich deine Ehre retten!“ Darauf
-wandte er sich gegen Appius und schrie: „Bei diesem Blute weihe ich
-dein Haupt den Göttern der Unterwelt!“, bahnte sich mit dem Messer in
-der Hand einen Weg durch das Gedränge und gelangte bis ans Tor, um
-zurück ins Lager zu eilen. Icilius aber zeigte dem Volke den blutenden
-Leichnam seiner Verlobten und forderte zum Sturz der Decemvirn auf; die
-Liktoren des Appius wurden übermannt und er selbst floh mit verhülltem
-Haupte in sein Haus. Auch im Lager brach der Aufruhr los. Das Volk
-zog zum zweiten Male auf den heiligen Berg und kehrte erst dann nach
-Rom zurück, als der Senat verordnete, daß die Decemvirn ihr Amt
-niederlegen und wieder Konsuln an ihre Stelle treten sollten.
-
-Appius Claudius aber, der ruchloseste der Decemvirn, ward in den Kerker
-geworfen und nahm sich dort selbst das Leben.
-
-
-
-
-XIII.
-
-M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier.
-
-
-Nicht weit von Rom, auf etrurischem Gebiet, lag die mächtige Stadt
-+Veji+, die mit den Römern seit lange in Fehde lag und schon oft
-blutige Kämpfe geführt hatte. Nun geschah es, daß die Vejenter römische
-Gesandte ermordeten, wofür die Römer Genugtuung verlangten und mit
-neuem Kriege drohten. Im Vertrauen auf ihre Macht und die Festigkeit
-ihrer Stadt nahmen ihn die Vejenter an, und es begann ein zehnjähriger
-Kampf (405-396 v. Chr.), der mit der völligen Zerstörung der Stadt Veji
-endete. Der Ruhm dieses Sieges gebührte dem Marcus +Furius Camillus+.
-
-Zehn Jahre lang ward die Stadt von den Römern belagert, aber nicht
-ohne Unterbrechung. Ihr Heer zog gewöhnlich nur im Sommer und lagerte
-einige Monate um die Stadt, die übrige Zeit begnügte es sich ihr durch
-Streifzüge die Zufuhr abzuschneiden. Erst im zehnten Jahre schritt man
-zu einer förmlichen Belagerung, wobei das römische Heer zum ersten Male
-den Winter über im Felde blieb und die Mannschaften für ihren Unterhalt
-einen Sold aus der Staatskasse erhielten.
-
-In diesem letzten Jahre aber erlitten die Römer eine so schwere
-Niederlage, daß banges Zagen das Heer und auch die Bevölkerung Roms
-ergriff, und man schon den Feind vor den Mauern erwartete. In dieser
-Not ward +M. Furius Camillus+ zum Diktator gewählt. So hieß bei den
-Römern der Beamte, den sie in Zeiten großer Bedrängnis ernannten,
-und mit unumschränkter höchster Gewalt ausstatteten, um den Staat
-zu retten, und mit dessen Ernennung die Amtsgewalt aller anderen
-Obrigkeiten aufhörte.
-
-Camillus sammelte eine bedeutende Streitmacht und rückte, nach einem
-glücklichen Treffen gegen die Falisker, welche auf Seite der Vejenter
-standen, vor Veji, schloß die Stadt ein und erbaute rings umher
-eine Reihe fester Schanzen. Auch ließ er einen unterirdischen Gang
-graben, welcher in das Innere der Burg von Veji hineinführen sollte.
-Tag und Nacht wurde ohne Unterlaß an diesen Werken gearbeitet; man
-hoffte zuversichtlich, daß Vejis Untergang nahe sei. Unter vielen
-anderen Wunderzeichen hatte es sich im Jahre vorher ereignet, daß der
-Albanersee, südlich von Rom, im trockenen Hochsommer ungewöhnlich
-anschwoll und die umliegende Landschaft überschwemmte. Man schickte
-nach Delphi, um über die Bedeutung der seltsamen Erscheinung den
-Gott zu befragen. Um Veji war um diese Zeit Waffenruhe, und die
-Vorposten auf beiden Seiten führten Gespräche mit einander. So hörten
-die Belagerten von dem Wunder des Sees, und ein etruskischer Seher
-verkündigte, Veji sei nicht einzunehmen, so lange das Wasser nicht
-abgeleitet sei. Bald nachher lud ein römischer Hauptmann den Wahrsager
-zu sich, unter dem Vorwande, er wolle sich einige Zeichen, die ihn
-allein beträfen, von ihm deuten lassen. Er kam, aber der starke
-Hauptmann ergriff den schwachen Alten und schleppte ihn mit Gewalt
-zu dem Feldherrn, der ihn nach Rom abführen ließ. Hier vor dem Senat
-bekannte der Seher: „Die Schicksalsbücher von Veji verkünden, solange
-der See überströme, könne Veji nicht eingenommen werden, und wenn sein
-Wasser das Meer erreiche, werde Rom untergehen.“ Damit stimmte die
-Antwort des delphischen Orakels überein.
-
-Nun wurde ein Kanal gegraben und das Wasser des Sees auf die Felder
-geleitet. Vejis Untergang hielt man jetzt für so gewiß, daß Camillus,
-ehe er die Stadt bestürmen ließ, den Senat befragte, wie er mit der
-Beute verfahren solle. Der Senat beschloß, daß jeder, der daran
-teilhaben wollte, ins Lager ziehen möge, und jung und alt strömte hin.
-Als nun der unterirdische Gang in die Burg bis unter dem Boden des
-Junotempels vollendet war, gelobte Camillus den Zehnten der Beute den
-Göttern zu weihen, zur Göttin Juno aber betete er, sie möge den Siegern
-nach Rom in ein prächtigeres Wohnhaus folgen. Zur bestimmten Stunde
-wurde der Gang mit Kriegern gefüllt, die Camillus selbst anführte,
-während das übrige Heer ringsum den Sturm auf die Mauern begann, wo
-allein die Belagerten ihren Angriff erwarteten. Im Junotempel opferte
-inzwischen der König der Vejenter, und der Seher erklärte, +der+ werde
-siegen, welcher der Göttin das Opferfleisch zerlege. Kaum hörten dies
-die Römer in dem Gange, so brachen sie aus demselben hervor, raubten
-das Opferfleisch und trugen es zu dem Diktator. Zugleich verbreiteten
-sich von der Burg aus die aus dem Gange Eingedrungenen in die Stadt,
-um den Stürmenden die Tore zu öffnen. In allen Straßen wurde gekämpft
-und unter den Einwohnern ein furchtbares Gemetzel angerichtet, bis der
-Diktator verkünden ließ die Wehrlosen zu verschonen. Die dem Blutbade
-entronnen waren, wurden als Sklaven verkauft, und so überschwänglich
-war die übrige Beute, daß der Diktator, als er sie überschaute, mit gen
-Himmel gehobenen Händen zu den Göttern gebetet haben soll, daß, wenn
-ihnen dies Glück übergroß erschiene, das römische Volk nur mit einem
-kleinen Unfall büßen möge. Bei der Rückkehr nach Rom feierte der Sieger
-einen prächtigen Triumph, wobei er auf einem mit vier weißen Rossen
-bespannten Wagen das Kapitol hinauffuhr.
-
-Auch die Stadt +Falerii+, die es mit den Vejentern gehalten hatte,
-unterwarf Camillus der Botmäßigkeit der Römer. Zwar trotzten anfangs
-die Einwohner, die Falisker, auf die Festigkeit ihrer auf steilen
-Felsen gelegenen Stadt vertrauend, und die Belagerung zog sich in
-die Länge; bis der hochherzige Sinn, den Camillus hier zu zeigen
-Gelegenheit hatte, die Falisker zur Unterwerfung geneigt machte.
-Eines Tages nämlich führte ein Schulmeister eine Schar Kinder aus
-den vornehmsten Familien der Stadt, wie zur Friedenszeit, zu einem
-Spaziergange aus der Stadt und zog mit ihnen weit vor die Mauern, bis
-er zu den Vorposten der Feinde und an das Zelt des Camillus kam. „Diese
-Knaben sind die Söhne der vornehmsten Bewohner der Stadt. Behalte sie
-als Geiseln, so bringst du ihre Stadt ohne weitern Kampf in deine
-Gewalt.“ So sprach der Arglistige, in Hoffnung auf einen großen Lohn.
-Aber der hochgesinnte Römer ließ dem verräterischen Lehrer die Hände
-auf den Rücken binden und übergab ihn den Kindern, die ihn unter
-Rutenschlägen in die Stadt zurücktrieben. Diese Ehrlichkeit des Feindes
-verwandelte den Haß der Falisker in Bewunderung; sie suchten und fanden
-in Rom einen billigen Frieden.
-
-In den folgenden Jahren verlor indes der um Rom so hochverdiente Mann
-die Gunst des Volkes. Ja, ein Volkstribun klagte ihn an einen Teil der
-vejentischen Beute unterschlagen zu haben. Verlassen von Freunden und
-Klienten, ging er in die Verbannung, mit dem Gebete an die Götter,
-daß, wenn man ihm Unrecht tue, bald eine Zeit kommen möge, wo das
-Vaterland seiner bedürfe. Sein Wunsch ging bald in Erfüllung, wie die
-folgende Geschichte lehrt.
-
-
-Aus den Ländern jenseits der Alpen hatten sich nicht lange vor dieser
-Zeit zahlreiche Schwärme des großen +keltischen+ oder +gallischen+
-Volkes in Bewegung gesetzt, um in den fruchtbaren Gefilden der
-apenninischen Halbinsel neue Wohnsitze zu erobern. Sie besetzten die
-vom Padus (Po) durchströmte reiche Landschaft zwischen den Alpen
-und dem Apennin, welche dann nach ihnen ~Gallia cisalpina~ (Gallien
-diesseits der Alpen) genannt und damals noch nicht als zu Italien
-gehörig betrachtet wurde. Aber mit dieser Eroberung nicht zufrieden,
-drangen sie bald in neuen Scharen unter König +Brennus+ über das
-Gebirge südwärts in das Land der Etrurier ein, und belagerten dort
-die Stadt Clusium, wo einst Porsenna geherrscht hatte. Die Clusinier
-baten in ihrer Bedrängnis die Römer um Hilfe, und diese ordneten drei
-Gesandte ab, welche den Galliern mit Krieg drohten, wofern sie nicht
-das von ihnen ohne alles Recht besetzte Gebiet räumten. Aber die
-Gallier antworteten: „Zum ersten Male hören wir den Namen der Römer
-und halten sie für tapfere Männer; unser Recht jedoch beruht auf
-unsern Waffen, alles gehört den Tapfern!“ Die Gesandten nahmen darauf
-sogar an dem Kampfe gegen die Gallier teil und töteten dabei einen
-ihrer Heerführer. Für diese Verletzung des Völkerrechts forderten
-die Gallier Genugtuung und drangen, da sie ihnen verweigert ward,
-gegen Rom vor. Am Flüßchen +Allia+ stießen sie auf das römische Heer,
-das sie in ihrer großen Überzahl und ihrer ungewohnten stürmischen
-Angriffsweise in jähe Flucht warfen und mit solchem Schreck erfüllten,
-daß ein großer Teil der Flüchtlinge nicht nach Rom, sondern nach dem
-näheren Veji und anderen Orten sich rettete. In Rom selbst geriet alles
-in die größte Bestürzung und Verwirrung. Man fand es unmöglich die
-Stadt gegen den vorrückenden Feind zu verteidigen und beschloß sie zu
-verlassen. Nur das Kapitol blieb besetzt; der Senat und etwa tausend
-Krieger waren entschlossen diese heilige Tempelburg gegen die Barbaren
-zu verteidigen. Das übrige Volk, darunter auch die Vestalinnen und
-Priester mit den Heiligtümern, die sie mit sich nehmen konnten, flohen
-nach dem seit seiner Eroberung verlassenen und leeren Veji und in
-andre benachbarte Städte. In der Angst und Verwirrung schloß man nicht
-einmal die Tore. Nur die ältesten Senatoren blieben unten in der Stadt
-zurück; geschmückt mit den Zeichen ihrer Würde, saßen sie auf ihren
-Amtssesseln auf dem Markte, des Todes durch Feindeshand gewärtig.
-
-Nicht lange, so erschienen die ersten Gallier vor den Mauern. Da sie
-die Tore der Stadt offen und unverteidigt fanden, fürchteten sie
-anfangs einen Hinterhalt. Endlich aber wagten sie sich mit aller
-Vorsicht hinein. Da fanden sie niemanden als jene alten ehrwürdigen
-Senatoren, die still und unbeweglich auf ihren Stühlen saßen. Ihr
-Anblick flößte zugleich Furcht und Verwunderung ein, sodaß sie
-anfänglich von den Galliern für die Bildsäulen der Schutzgötter Roms
-gehalten wurden. Erst nach einiger Zeit trat ein kühner Gallier an
-einen der ältesten, Marcus Papirius, heran und zupfte ihn am Barte, um
-zu sehen, ob er lebte. Erzürnt hob Papirius sein elfenbeinernes Szepter
-und schlug damit den Gallier aufs Haupt. Da fielen die Gallier über die
-Greise her und töteten sie alle. Hiernach verbreiteten sie sich über
-die ganze Stadt, schleppten alle Beute heraus und steckten die Häuser
-in Brand. Das ganze Rom, mit Ausnahme des Kapitols, ging in Flammen auf
-(389 v. Chr.).
-
-Während nun Brennus mit seinen Galliern das Kapitol belagerte, um
-die Besatzung auszuhungern, unternahm ein anderer Teil seines Heeres
-einen Streifzug, um Lebensmittel zu holen. Diese Schar kam in die
-Nähe von Ardea, wo Camillus in der Verbannung lebte. Eilig sammelte
-er die Ardeaten und überfiel mit ihnen die Gallier, von denen viele
-niedergemacht wurden, die übrigen sich in wilder Flucht zerstreuten.
-Durch diesen Erfolg ermutigt, beschloß das nach Veji geflüchtete
-Volk den Camillus aus der Verbannung zu rufen und zum Diktator zu
-ernennen. Dazu war die Zustimmung des Senats nötig, der sich auf dem
-Kapitol befand. Um die Genehmigung einzuholen, erbot sich ein kühner
-Jüngling, +Pontius Cominius+. Nachts schwamm er die Tiber hinab, betrat
-nahe am Kapitol das Ufer, erkletterte die steile Burghöhe und kam,
-nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet, unbemerkt wieder durch die
-Posten der Feinde hindurch. Am andern Morgen entdeckten die Gallier
-aus den Fußspuren den Weg, wo jener hinauf- und herabgekommen war,
-und beschlossen, auf demselben einen Versuch auf die Burg zu machen.
-In einer mondhellen Nacht, als alles auf dem Kapitole schlief, kamen
-sie in tiefster Stille, da selbst die Hunde oben sich nicht regten,
-bis an den Rand der Höhe, als plötzlich das Schnattern der Gänse,
-die im Heiligtum der Juno gehalten wurden, den +M. Manlius+ aus dem
-Schlafe weckte. Eiligst lief er der unbewachten Stelle zu und stieß den
-vordersten Gallier, der eben den äußersten Felsenrand erklommen hatte,
-in die Tiefe. Sein Sturz riß auch alle ihm Nachfolgenden hinab. So
-wurde die Burg gerettet. Manlius ward von allen gepriesen und belohnt,
-die achtlosen Wächter aber zur Strafe über die Felsen in die Tiefe
-gestürzt.
-
-Schon währte die Belagerung bis in den sechsten Monat, und der Mangel
-an Nahrung nahm auf der Burg mit jedem Tage zu; schon zwang der Hunger
-selbst das Leder von den Schuhen und Schilden zu verzehren, und noch
-immer erschien Camillus nicht zum Ersatz. Aber auch von den Galliern
-wurden viele durch Seuchen weggerafft. Unter solchen Umständen wurden
-beide Teile zum Frieden geneigt. Brennus versprach die Stadt und ihr
-Gebiet zu verlassen, wenn man ihm tausend Pfund Goldes zahle. Als es
-hierzu gewogen werden sollte, ließ Brennus falsches Gewicht anwenden,
-und auf die Beschwerde der Römer warf er sein Schwert und Wehrgehäng
-auf die Wagschale und rief: „Wehe den Besiegten!“ In diesem Augenblicke
-kam die Nachricht, daß Camillus mit dem Heere von Veji heranziehe,
-und als er zur Stelle war, erklärte er den ohne seine, des Diktators,
-Genehmigung geschlossenen Vertrag für ungültig, hieß die Römer das Gold
-wegtragen, die Gallier aber sich zur Schlacht bereiten: mit Eisen,
-nicht mit Golde wolle er seine Vaterstadt befreien. In zwei Schlachten
-schlug er die Gallier und vernichtete sie bis auf den letzten Mann.
-Brennus wurde gefangen und hingerichtet, wobei man ihm die Worte:
-„Wehe den Besiegten!“ höhnend wiedergab. Camillus zog triumphierend in
-die Stadt zurück; das Volk nannte ihn Romulus und pries ihn als Roms
-zweiten Gründer.
-
-Aber die wiedergewonnene Stadt war, mit Ausnahme des Kapitols, eine
-öde Brandstätte. Viele der Bürger wünschten nach Veji zu ziehen und
-sich in den leerstehenden Häusern anzusiedeln; Camillus und der Rat
-widerrieten. Eines Tages war der Senat versammelt, als gerade ein
-Hauptmann eine Rotte Krieger über das Forum führte und ihnen zurief:
-„Halt, hier bleiben wir am besten!“ Dies Wort nahmen die Senatoren
-für eine glückliche Vorbedeutung; das Volk gab seinen Beifall, und
-der Wiederaufbau der Stadt wurde beschlossen. Aber noch lange nachher
-ließen die engen und unregelmäßigen Straßen erkennen, mit welcher Eile
-der Neubau geschehen war.
-
-Camillus führte noch mehrere glückliche Kriege gegen benachbarte
-Völker. Bei einem neuen Einfall der Gallier übernahm er in einem Alter
-von achtzig Jahren noch immer die Diktatur und schlug die Feinde
-abermals. Kurz darauf raffte ihn die Pest hinweg. Er hatte im ganzen
-vier Triumphzüge gefeiert und fünfmal die Diktatur bekleidet.
-
-
-
-
-XIV.
-
-Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. -- M. Curtius.
-
-
-Nach der Vertreibung der Gallier gerieten die Römer noch öfters mit
-ihnen in Krieg, weil immer neue Schwärme ihre Einfälle in das römische
-Gebiet wiederholten. In diesen Kämpfen zeichneten sich unter allen
-+Titus Manlius+ und +Marcus Valerius+ durch Heldenmut und Heldentaten
-aus.
-
-Einst trat aus den Reihen der Gallier ein riesiger Streiter in
-prunkender Rüstung hervor und forderte den tapfersten Römer zum
-Zweikampf heraus. Da kein anderer Römer die Herausforderung anzunehmen
-wagte, erklärte sich Titus Manlius dazu bereit. Mit Genehmigung des
-Diktators trat er dem prahlenden Gallier entgegen, und der Kampf begann
-im Angesicht beider Heere. Mit wuchtigen Hieben seines gewaltigen
-Schwertes fiel der Riese auf den viel kleineren Römer, aber dieser wich
-gewandt zur Seite, drang dann dicht an den Leib und hinter den großen
-Schild des Gegners und durchbohrte ihm mit seinem kleinen Schwerte die
-Weichen, daß er totwund niederfiel. Weil er dem so erlegten Feinde den
-aus Draht gewundenen Halsring (~torques~), den jener nach gallischer
-Sitte trug, abnahm und selber als Siegeszeichen anlegte, bekam er den
-Beinamen +Torquatus+. Die Gallier aber wurden durch diesen Ausgang
-des Zweikampfes so mutlos, daß sie in der folgenden Nacht ihr Lager
-verließen und nach Campanien abzogen.
-
-Ein ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich bei einem späteren Einbruche
-der Gallier in das römische Gebiet. Beide Heere hatten sich in einer
-sehr sumpfigen Gegend gelagert, und keines wollte das andere zuerst
-angreifen. Auch hier trat ein gallischer Krieger hervor und forderte
-den tapfersten Römer zum Kampfe. Diesmal nahm ihn +Marcus Valerius+ an
-und bestand ihn, wie es heißt, unter dem besonderen Schutze der Götter.
-Denn gleich beim Anfang des Kampfes setzte sich ein Rabe auf den Helm
-des Valerius, der dies für eine gute Vorbedeutung ansah. Während des
-Kampfes blendete der Rabe den Gallier durch seinen Flügelschlag und
-hackte nach ihm mit seinen Krallen. Dadurch wurde dieser so außer
-Fassung gebracht, daß ihn der Römer mit leichter Mühe erlegte. Um den
-Leib des getöteten Galliers entstand ein allgemeiner Kampf der beiden
-Heere, in welchem die Gallier geschlagen wurden. Valerius aber erhielt
-von diesem Vorfall den Beinamen Corvus (Rabe).
-
-Im Jahre 362 v. Chr. soll mitten auf dem Forum, wahrscheinlich durch
-ein Erdbeben, ein tiefer und breiter Spalt im Boden entstanden sein,
-den man vergeblich auszufüllen versuchte; denn alle Erdmassen, die man
-hineinschüttete, verschwanden spurlos in der Tiefe. Da erklärten die
-Weissager, er werde sich nur schließen, wenn Rom das Kostbarste, was
-es habe, hineinwerfe. Alsbald trat, wie die Sage berichtet, +Marcus
-Curtius+, ein junger berühmter Krieger, in vollem Waffenschmuck hervor,
-mahnte die Römer, daß Waffen und tapferer Mut Roms beste Kleinode
-seien, und weihte sich selbst den Göttern der Unterwelt als Opfer.
-Darauf schwang er sich auf sein Schlachtroß und sprang in den Abgrund,
-während das Volk, Männer und Frauen, Früchte und andere Gaben ihm
-nachwarfen. Und sofort schloß sich der Abgrund über ihm.
-
-
-
-
-XV.
-
-Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs.
-
-
-Obschon sich die Plebejer durch die Auswanderung auf den heiligen
-Berg das Recht, Tribunen als ihre Schützer und Vertreter zu wählen,
-erzwungen hatten, so blieben doch die Patrizier noch immer im Besitze
-bedeutender Vorrechte. Namentlich konnten zu den höheren Ämtern nur
-Patrizier gewählt werden, obgleich doch schon viele plebejische
-Familien an Reichtum und Ansehen hinter keiner patrizischen mehr
-zurückstanden, und in den häufigen Kriegen zahlreiche plebejische
-Führer sich durch Tapferkeit und Einsicht hervorgetan hatten. Um den
-immer dringenderen Forderungen der Plebs auf Anteil an der Regierung
-auszuweichen, hatte man schon Jahre hindurch an Stelle der Konsuln
-sogenannte Kriegstribunen gewählt, aber selbst dieses den Plebejern
-zugängliche Amt war meist den patrizischen Bewerbern zugefallen. Dieser
-lange erbitterte Streit endete damit, daß immer der eine von den beiden
-Konsuln aus den Plebejern gewählt werden sollte. Die beiden Tribunen
-+Licinius Stolo+ und +Lucius Sextius+ waren es, welche den Plebejern
-dieses Recht erwarben. Der Hergang wird in folgender Weise erzählt.
-
-Der vornehme Patrizier Fabius Ambustus hatte zwei Töchter, von denen
-die eine mit einem Patrizier, die jüngere mit dem Plebejer Licinius
-Stolo vermählt war. Einst besuchte die Frau des Licinius, als dieser
-Volkstribun war, ihre Schwester, deren patrizischer Gatte damals einer
-der Kriegstribunen war, als sie plötzlich erschrocken zusammenfuhr: die
-Trabanten des Kriegstribunen, die sogenannten Liktoren, hatten durch
-Schläge auf das Tor seine Heimkehr verkündigt. Sie verriet dadurch, daß
-ihr dieser Gebrauch nicht bekannt war, und mußte den Spott der älteren,
-vornehmeren Schwester über diese Unkenntnis ertragen. Aber sie konnte
-es nicht verwinden, daß sie der Schwester an Stand und Ehre soweit
-nachstehen sollte, und ruhte fortan nicht, bis ihr Gatte und selbst der
-Vater ihr versprachen, sie würden alles aufbieten, daß ihrem Hause und
-Stande die gleiche Ehre zuteil werde.
-
-Nun brachte Licinius zusammen mit Sextius den Antrag vor das Volk, daß
-der eine der beiden Konsuln immer aus den Plebejern gewählt werden
-solle. Diesen Vorschlag bekämpften die Patrizier aus allen Kräften, und
-bestachen von den zehn Tribunen die acht übrigen, damit diese durch
-ihren Einspruch den ganzen Antrag vereiteln sollten. Aber Licinius
-und Sextius hielten fest zusammen und hinderten ihrerseits durch ihre
-Einsprache die Wahl aller höheren Obrigkeiten fünf Jahre hindurch,
-während sie selbst vom Volk immer wieder von neuem zu Tribunen gewählt
-wurden. Mit der Zeit wurde der Widerstand der Patrizier schwächer, da
-es ihnen nicht mehr gelang die übrigen Tribunen durch Bestechungen für
-sich zu gewinnen. Endlich, nach einem zehnjährigen Kampfe (376 bis 367
-v. Chr.), wurde der Antrag zum Gesetz erhoben. Von da an waren auch die
-Plebejer zum Konsulat berechtigt, und Lucius Sextius, der mit Licinius
-so beharrlich um das Recht gestritten hatte, ging aus der Wahl als der
-erste plebejische Konsul hervor (366).
-
-Doch nicht bloß dieses, sondern noch ein anderes Recht setzten die
-beiden Tribunen für die Plebejer durch. Bis dahin hatten sich nämlich
-die Patrizier allein das Recht angemaßt, das Gemeinland des Staates,
-das durch die fortdauernde Unterwerfung italischer Gemeinden immer
-größer geworden war, in billiger Erbpacht zu erhalten. Zugleich mit
-seinem Antrage über das Konsulat brachte deshalb Licinius auch das
-Gesetz durch, daß kein Patrizier mehr als 500 Morgen des Gemeinlandes
-besitzen, das übrige aber in Teilen von je sieben Morgen an arme
-Plebejer verteilt werden sollte.
-
-Durch diese Gesetze, welche die Gleichstellung der Plebejer mit den
-Patriziern sehr beförderten, erwarben sich die beiden Tribunen ein
-großes Verdienst um den römischen Staat, der nur durch vollkommene
-Einheit und Eintracht der beiden Stände zu jener Größe und Macht sich
-entwickeln konnte, die ihm in der Folgezeit zur Weltherrschaft verhalf.
-Denn auch zu den drei übrigen höheren Ämtern, welche zum Eintritt in
-den Senat befähigten, wurden die Plebejer nach und nach zugelassen. Das
-waren 1. die +Prätur+, die im Jahre 366 von dem Konsulat abgetrennt
-wurde. Die Prätoren, anfangs nur einer, später bis acht, leiteten die
-Gerichte und vertraten die abwesenden Konsuln. 2. Die +Ädilen+ übten
-die Aufsicht über Handel, Verkehr, Straßen- und Staatsbauten. 3.
-Die +Quästoren+ verwalteten, als Gehilfen der Konsuln und Prätoren,
-die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Alle diese Beamten wurden
-nur auf je ein Jahr gewählt. Außerdem wurden alle fünf Jahre aus
-den angesehensten früheren Konsuln, den Konsularen, zwei +Zensoren+
-gewählt, denen es oblag die Listen der drei Bürgerklassen (Senatoren,
-Ritter, Bürger) zu prüfen und festzustellen, das Einkommen der Bürger
-einzuschätzen, und damit zugleich eine Oberaufsicht über das sittliche
-Verhalten jedes einzelnen zu üben und Unwürdige durch Ausstoßung aus
-ihrer Klasse zu bestrafen. Hatten sie diese Schätzung und Musterung
-der Bürger (~census~, daher ihr Name ~censōres~) beendigt, so legten
-sie ihr Amt nieder. Aus den Familien aber, deren Angehörige eines der
-hohen Ämter bekleidet hatten, bildete sich mit der Zeit, an Stelle des
-Patriziats, das ein Geschlechts- oder Geburtsadel gewesen, eine neue
-Adelsklasse, die einen Dienst- oder Amtsadel darstellte.
-
-
-
-
-XVI.
-
-Die zwei ersten Samniterkriege. -- P. Decius. -- Papirius Cursor. --
-Der Samniter Pontius.
-
-
-Nachdem sich die Römer ganz Latium und die Nachbarstädte im sabinischen
-und etrurischen Lande untertänig gemacht und die Kämpfe mit den
-Schwärmen der Gallier siegreich bestanden hatten, gerieten sie in
-einen langen und wechselvollen Krieg mit dem stammverwandten, großen
-und streitbaren Bergvolk der Samniter. Diese waren aus ihren rauhen
-Bergtälern in die fruchtbaren Gefilde Campaniens vorgedrungen, um sich
-dort festzusetzen. Die Stadt der Sidiciner, Teānum, von ihnen hart
-bedrängt, wandte sich an die mächtigste Stadt Campaniens, Capua, um
-Hilfe, und diese hinwieder rief den Beistand der Römer an. So kam es
-zwischen den Samnitern und Römern zu einem Kampf, der, mit mehrjährigen
-Unterbrechungen, über fünfzig Jahre, von 343-290 v. Chr. dauerte.
-
-In dem ersten Kriege gegen die Samniter (343-340) zogen zwei Heere
-unter den beiden Konsuln +M. Valerius Corvus+ und +A. Cornelius Cossus+
-ins Feld, von denen das eine den Marsch nach Campanien nahm, das andere
-bestimmt war in Samnium selbst einzurücken. Valerius schlug sein
-Lager in der Nähe der griechischen Seestadt Cumä, am Berge +Gaurus+,
-auf, und kampflustig rückte ihm der Feind entgegen. In der Schlacht
-standen seine Reihen unerschüttert und wiesen alle Stürme der Römer
-zurück. Schon war der Tag weit vorgerückt, als der Konsul selbst an der
-Spitze seines Heeres mit einem letzten ungestümen Angriff die Samniter
-endlich zum Weichen brachte. Auf der Flucht wurden viele erschlagen und
-gefangen, bis die Nacht der Verfolgung ein Ende machte.
-
-Inzwischen war das Heer des andern Konsuls in große Not geraten. Von
-der Grenze Samniums führte Cornelius Cossus sein Heer über die Gebirge
-auf einem Wege, der nach der Stadt Beneventum lief. Nirgends zeigten
-sich Feinde, und die Römer wurden sorglos. So kamen sie durch einen Paß
-in eine tiefe Talschlucht, wo die Samniter die Höhen ringsum besetzt
-hatten. Doch nicht eher gewahrte man sie, als bis schon der Rückweg
-abgeschnitten war. In dieser Gefahr erbot sich der Kriegstribun P.
-Decius mit den beiden ersten Schlachtreihen einer Legion, 1600 Mann,
-einen Gipfel zu besetzen, der den Weg, aus dem die Samniter vordrangen,
-beherrschte. Es gelang ihm denselben vor dem Feinde zu erreichen. Von
-hieraus griff er diese an und zog ihren Angriff auf sich, sodaß das
-übrige Heer den Bergpaß wieder erreichen und in einiger Entfernung von
-da eine bessere Stellung nehmen konnte. Decius behauptete sich indessen
-mit den Seinen in unaufhörlichem Gefecht bis in die Nacht. Während sich
-nun die Samniter um die Höhe lagerten und sich dem Schlafe überließen,
-machte sich der kleine Haufe der Römer nach der zweiten Nachtwache
-in aller Stille auf, um sich einen Weg zu ihrem Heere zu bahnen. Sie
-waren schon in der Samniter Mitte, als einer von ihnen an einen Schild
-stieß und dieses Geräusch die zunächst liegenden Samniter aufweckte.
-Allein ehe die schlaftrunkenen und verwirrten Feinde sich zu gehörigem
-Widerstande geordnet hatten, gelang es den Römern zu entrinnen. In der
-Nähe des römischen Lagers ließ Decius sie Halt machen, bis es tage;
-denn es gezieme sich nicht, daß so tapfere Männer unter dem Dunkel der
-Nacht ins Lager einrückten. Auf die Kunde, daß die, welche sich für
-die Rettung aller dem Tode dargeboten, wohlerhalten und in der Nähe
-wären, zog ihnen fast das ganze Heer aus dem Lager entgegen. Unter
-allgemeinem Jubel rückte die tapfere Schar ins Lager. Als dort der
-Konsul anhub ihm eine Lobrede zu halten, unterbrach ihn Decius mit der
-Mahnung lieber sofort den Feind zu überraschen, bevor er sich von dem
-nächtlichen Schrecken erholt und in sein festes Lager zurückgezogen
-hätte. Und so geschah es. Ungesäumt wurden die Legionen über die Berge
-geführt, die Feinde zerstreut, verfolgt und alle, die sich in ihr
-Lager gerettet, niedergehauen und das Lager geplündert. Decius erhielt
-als Belohnung von dem Konsul einen goldenen Kranz, hundert Rinder und
-einen weißen Stier mit vergoldeten Hörnern; seine Leute empfingen
-auf immer doppelte Portionen, jeder zwei Mäntel und einen Ochsen.
-Das Heer überreichte dem Decius einen aus Gras gewundenen Kranz, den
-gewöhnlichen Ehrenlohn dessen, der eine Schar aus Feindes Gewalt und
-Belagerung befreit hatte.
-
-Ein nochmaliger Sieg des Valerius bei +Suéssula+ führte den Frieden
-herbei, in dem die Römer Campanien behielten. Aber nach Beendigung
-eines Kampfes mit den Latinern (s. XVII) veranlaßte die Anlage
-einer römischen Kolonie in der Grenzstadt +Fregellä+ den zweiten
-Samniterkrieg (326-304).
-
-Im vierten Jahre dieses Krieges hatten die Römer, da die Zahl der
-Feinde sich durch den Beitritt mehrerer Stämme im Süden Italiens
-vermehrt hatte, den +Papirius Cursor+ zum Diktator gewählt. Allein
-abergläubische Furcht hielt den Fortgang seiner Unternehmungen auf.
-Da man glaubte, daß bei der feierlichen Wahl des Diktators ein Fehler
-vorgekommen sei, so eilte Papirius nach Rom, um sie von neuem anstellen
-zu lassen, befahl aber seinem Unterfeldherrn, dem Reiterobersten
-(~magister equitum~) +Fabius Rullianus+ während seiner Abwesenheit
-ruhig im Lager zu bleiben. Allein durch Ehrgeiz und Kampflust
-angetrieben, lieferte dieser dennoch den Samnitern ein Treffen, und das
-Glück war ihm so günstig, daß er den Feinden eine schwere Niederlage
-beibrachte. Alle freuten sich dieses Sieges. Als aber der Diktator ins
-Lager zurückkehrte, ließ er sogleich die Legionen zusammenberufen und
-den Fabius vor sich fordern. Vergebens suchte sich dieser wegen seines
-Ungehorsams zu verteidigen. Der Diktator befahl ihn zu entkleiden und
-hinzurichten. Aber Fabius entfloh den Händen des Liktors, der ihn
-ergriffen hatte, und barg sich unter die Haufen der umherstehenden
-Krieger. Es entstand ein lautes Murren; die Befehle des Diktators
-wurden nicht mehr gehört, und der Tumult dauerte, bis die anbrechende
-Nacht die Versammlung zu entlassen nötigte. In der Nacht floh Fabius
-aus Furcht vor der unerbittlichen Strenge des Diktators nach Rom. Auf
-Betreiben seines Vaters, eines sehr angesehenen Mannes, wurde sogleich
-der Senat berufen. Hier klagte er über die Härte des Diktators und
-beschwor den Senat das Leben seines Sohnes zu retten. Dieser war dazu
-geneigt, aber er vermochte es nicht. Denn plötzlich erschien der
-Diktator selbst in seiner Mitte, fest entschlossen den Ungehorsam
-seines Untergebenen kraft seines Amtes nach Kriegsrecht zu bestrafen.
-Umsonst baten ihn alle Senatoren um Milde. Papirius befahl den Fabius
-zu ergreifen. Nun blieb dem alten Fabius nur noch ein Ausweg übrig: er
-wandte sich an die Versammlung der Volksgemeinde. Dies war zwar eine
-gesetzwidrige Handlung, denn gegen die Entscheidung des Diktators gab
-es keine Berufung (~provocatio~) an das Volk. Gleichwohl gestattete sie
-Papirius. Er ging in die Versammlung und zeigte dem Volke, wie nötig es
-sei die Strenge der Kriegszucht aufrecht zu halten und die Amtsgewalt
-des Diktators unverletzt zu wahren. Obschon nun das Volk geneigt
-war, den Fabius zu retten, konnte es doch das Recht des Diktators
-nicht mißachten. Es wagte daher keine Entscheidung, sondern legte nur
-seine Fürbitte für das Leben des Reiterobersten ein. Eben dies taten
-auch seine Verwandten, indem sie sich zu den Füßen des Diktators
-niederwarfen. Da erst ließ Papirius Milde walten. Nachdem er das
-Ansehen des Oberbefehls vor Senat und Volk behauptet hatte, konnte er
-den Ungehorsam verzeihen, nicht weil er mußte, sondern weil er wollte.
-Und er tat es zur Freude des ganzen Volkes.
-
-
-In demselben Kriege erlitten die Römer unter der Anführung des
-+Veturius Calvinus+ und +Spurius Postumius+ in den caudinischen
-Engpässen eine bittere Schmach (321). Beide Konsuln lagerten bei
-Calatia in Campanien. Darauf gründete +Gavius Pontius+, der Feldherr
-der Samniter, einen Kriegsplan. Er ließ das Gerücht verbreiten, daß er
-jenseits des Gebirges die Stadt Lucéria, eine von den Römern in Apulien
-angelegte Festung, belagere. Um dieser wichtigen Stadt schleunige Hilfe
-zu leisten, schlugen die Konsuln den kürzesten Weg ein, der durch
-die caudinischen Pässe führte. So nannte man ein tiefes Wiesental,
-nicht weit von Caudium, einer Stadt der Samniter, das rings von hohen
-bewaldeten Bergzügen eingeschlossen war und nur einen schmalen Eingang
-und Ausgang hatte. Um dieses Tal herum hatte Pontius sein Heer in den
-Wäldern versteckt, und ohne Arges zu ahnen, gingen die unvorsichtigen
-Konsuln in die ihnen gelegte Falle.
-
-In langem Zuge rückten die Legionen mit allem Troß durch das Tal
-hin zum jenseitigen Ausgang, fanden ihn aber mit gefällten Bäumen
-und vorgewälzten mächtigen Felsblöcken verschlossen. In demselben
-Augenblick bemerkten sie, daß die Höhen ringsum von bewaffneten
-Samnitern wimmelten, welche die Anrückenden hohnlachend erwarteten.
-Sie kehrten daher eilig zurück, aber nun war auch schon der Eingang
-von den Samnitern besetzt. In dieser verzweiflungsvollen Lage schlugen
-die Römer, 20000 Mann stark, ein enges dürftiges Lager auf. Ein
-Versuch sich durchzuschlagen mißlang; ihre Not ward von Tag zu Tag
-größer; endlich zwang sie der Hunger Gesandte an den samnitischen
-Heerführer Pontius zu schicken und um Frieden zu bitten. Pontius ließ
-seinen Vater, einen wegen seiner Einsicht und Erfahrung hochgeachteten
-Greis, um Rat fragen. Dieser antwortete: „Laßt alle Römer frei und
-ungekränkt abziehen.“ Pontius, verwundert über diese Antwort, glaubte,
-daß der Bote falsch gehört hätte. Er schickte daher zum zweiten Male
-an seinen Vater. Jetzt gab der Alte die Antwort: „Tötet alle Römer
-ohne Unterschied.“ Niemand verstand den Sinn dieser so verschiedenen
-Bescheide. Pontius ließ daher seinen Vater selbst herbeiholen. Nun
-gab der Greis die Gründe seiner Ratschläge an: „Ihr müßt“, sagte er,
-„entweder alle Römer töten, um ihre Kraft auf lange Zeit zu schwächen,
-oder ihr müßt sie alle schonen, um durch solche Großmut ihren Dank und
-Freundschaft zu gewinnen.“ Aber Pontius verwarf beides und wählte einen
-Mittelweg. Er ließ den Römern durch ihre Gesandten erwidern: Rom solle
-Frieden schließen, ganz Samnium räumen, die dort angelegten Kolonien
-aufgeben, das Heer aber Mann für Mann waffenlos durchs Joch gehen und
-sechshundert aus dem Ritterstande als Geiseln stellen.
-
-Über diese schimpflichen Vorschläge gerieten die Römer in die größte
-Bestürzung. Keiner wagte zur Annahme zu raten, und doch konnten sie in
-ihrer äußerst bedrängten Lage nicht länger ausharren. Sie mußten sich
-darein fügen; die Konsuln und die Führer der Kohorten bestätigten den
-Friedensvertrag mit ihrem Eide. Entwaffnet und halb entkleidet gingen
-erst sechshundert Ritter, die als Geiseln ausgeliefert werden mußten,
-dann die Konsuln und Hauptleute, endlich die übrigen Mannschaften
-unter dem Joch, das durch einen quer über zwei Ständer gelegten Speer
-gebildet wurde, hindurch. Es war der größte Schimpf, der einem freien
-Kriegsmann angetan werden konnte; denn er erniedrigte die Freien zum
-Knecht. Mit Hohn und Spott schauten die ringsum aufgestellten Samniter
-diesem Vorgange zu. Waffen, Pferde, Knechte, alle Habe außer dem
-Kleide, das jeder trug, blieben dem Sieger. Voll Scham und stiller Wut
-zogen die Römer über Capua, wo sie liebreich aufgenommen wurden, nach
-Rom, das sie erst im Dunkel der Nacht zu betreten wagten. Der römische
-Senat aber bestätigte den geschlossenen Vertrag nicht; er beschloß, daß
-alle, die den Frieden beschworen hatten, den Samnitern ausgeliefert
-werden sollten. Damit glaubte er aller Verbindlichkeit, den Frieden zu
-halten, überhoben zu sein. Es wurden also die beiden Konsuln und die
-anderen, welche den Vertrag geschlossen hatten, gefesselt nach Caudium
-vor den Amtsstuhl des Pontius geführt. Dieser jedoch lehnte ihre
-Annahme ab, indem er sagte: „Entweder muß das römische Heer, das sich
-in der Gewalt der Samniter befunden hat, in seine vorige Lage zwischen
-den Bergpässen zurückkehren, oder das römische Volk muß den Frieden
-halten.“ Zugleich ließ er den Überlieferten die Fesseln lösen und
-schickte sie unverletzt nach Rom zurück. Hier rüstete man in Eile ein
-neues Heer, das im zweitfolgenden Jahre (319), unter der Führung des
-bewährten Papirius Cursor, nach dem von den Samnitern eroberten Luceria
-vordrang, dem samnitischen Heere eine schwere Niederlage beibrachte,
-Luceria und die dort verwahrten römischen Geiseln zurückgewann, und die
-samnitische Besatzung nun ebenfalls durchs Joch gehen ließ. So löschten
-die Römer ihre Schande in blutiger Wiedervergeltung aus.
-
-
-
-
-XVII.
-
-Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus Manlius.
-Die beiden Decius Mus.
-
-
-Gleich nach Beendigung des ersten Samniterkrieges, im Jahre 340, brach
-ein Kampf zwischen den Römern und den ihnen seit alters verbündeten
-Latinern aus. Die Latiner hatten Gesandte nach Rom geschickt und
-verlangten, daß fortan die Hälfte des Senats und der eine Konsul aus
-ihnen gewählt und alle latinischen Städte in die volle Gemeinschaft
-des römischen Staates aufgenommen werden sollten. Solche Forderung
-erschien dem römischen Senate als freche Anmaßung, und der Konsul T.
-Manlius rief den Jupiter, in dessen Tempel die Sitzung stattfand, zum
-Zeugen der schmachvollen Zumutung an. Da soll der latinische Gesandte
-Annius dem römischen Jupiter Trotz und Hohn geboten, aber sofort auch
-des Gottes Zorn erfahren haben. Denn als er die Stufen des Tempels
-hinabeilte, strauchelte er, fiel hinab und lag in Ohnmacht. Kaum
-entgingen die Gesandten der Wut des Volkes. Der Senat aber beschloß den
-Krieg gegen die Latiner.
-
-Die Konsuln +Titus Manlius+ und +Decius Mūs+ zogen mit zwei Heeren
-ins Feld. Am Fuß des Vesuvius kam er zur entscheidenden Schlacht. Als
-die Heere einander gegenüber standen, verkündeten die Konsuln, bei
-Todesstrafe sollte sich kein Römer bei den Vorposten in ein Gefecht
-einlassen. Doch der eigene Sohn des Manlius handelte dem Befehle
-zuwider. Abgeschickt mit einem Geschwader Reiter, um die Feinde zu
-beobachten, begegnete er einem tusculanischen Befehlshaber, der ihn
-zum Zweikampf forderte. Um dem Vorwurf der Feigheit zu entgehen, nahm
-Manlius den Kampf an und hatte das Glück den Gegner zu erlegen und ihn
-seiner Waffen zu berauben. Frohlockend kehrte er als Sieger ins Lager
-zurück. Allein sein Vater ließ diese Verletzung der Kriegszucht nicht
-ungeahndet: er ließ den eigenen Sohn im Angesichte des ganzen Heeres
-durch den Liktor enthaupten.
-
-Vor der Schlacht am Vesuv sahen beide Konsuln zu gleicher Zeit im
-Traume eine übermenschliche Gestalt, welche ihnen verkündete, daß
-von dem einen der kämpfenden Heere einer der Führer, das andere Heer
-aber ganz den Todesgöttern und der Mutter Erde verfallen sei. Sie
-kamen deshalb überein, daß derjenige von ihnen, dessen Flügel zuerst
-weichen würde, sich selber und damit zugleich das feindliche Heer den
-unterirdischen Göttern weihen sollte. Bald nach dem Anfang der Schlacht
-ward der linke Flügel, den Decius Mus befehligte, zurückgedrängt.
-Da rief dieser einen Priester herbei, der ihm den Spruch vorsagte,
-mit dem er, über einem Schwerte stehend und das Haupt verhüllt, sein
-Leben den Göttern der Unterwelt weihte. Dann bestieg er von neuem sein
-Schlachtroß und stürzte sich mitten in die Feinde, Tod und Verderben
-um sich her verbreitend, bis er von Geschossen durchbohrt niedersank.
-Diese heldenmütige Aufopferung belebte seine Truppen mit neuem Mut; sie
-stellten sich aufs neue dem Feinde entgegen und erfochten endlich durch
-die geschickte Führung des Manlius einen vollständigen Sieg. Noch
-zwei Jahre widerstanden die Latiner; dann mußten sie sich den harten
-Friedensbedingungen Roms unterwerfen (338).
-
-Wie damals Decius Mus, der Vater, so weihte sich sein Sohn +Publius
-Decius+, im dritten samnitischen Kriege (298-290), den Todesgöttern.
-In der Schlacht bei +Sentinum+ (295) hatte er schon zweimal die
-Reitergeschwader der Gallier, die mit den Samnitern verbunden waren,
-zurückgeworfen, als diese einen dritten Angriff mit ihren Streitwagen
-machten, und durch das Ungewöhnliche der Kampfart die Römer in
-Schrecken und Verwirrung brachten. Da ließ Publius Decius durch den
-Priester sich und die Feinde den Todesgöttern weihen. Nachdem er
-die Weihung in derselben Weise, wie sein Vater in der Schlacht am
-Vesuv, erhalten hatte, fügte er noch die Fluchformel hinzu: „Vor
-mir her treibe ich Angst und Flucht, Mord und Blutvergießen, der
-himmlischen und der unteren Götter Zorn. Todesgrausen bringe ich auf
-die Feldzeichen, auf Wehr und Waffen der Feinde. Ein und derselbe Ort
-soll mein und der Feinde Grab sein!“ Darauf spornte er sein Roß in
-die dichtesten Scharen der Feinde und fiel unter ihren Geschossen.
-Ihm nach die Römer mit neuem Mute, und die Schlacht endigte mit der
-vollständigen Niederlage des Feindes.
-
-
-
-
-XVIII.
-
-Pyrrhus, König von Epirus.
-
-
-Schon hatten die Römer die mächtigsten Völker Italiens unterjocht;
-Etrusker, Latiner, Campaner, Samniter und viele andere Völkerschaften
-standen unter ihrer Herrschaft, als sie in Kampf gerieten mit der
-griechischen Stadt Tarent, in Unteritalien, die sich durch Schiffahrt,
-Handel und Kunstfleiß zu Reichtum und Macht emporgeschwungen hatte.
-
-Zwischen Römern und Tarentinern bestand ein alter Vertrag, der den
-Römern nicht gestattete über das lacinische Vorgebirge in Unteritalien
-hinauszusegeln. Als nun einst eine römische Flotte durch einen Sturm
-über dieses Vorgebirge hinaus in den Hafen von Tarent getrieben wurde,
-erklärten dies die Tarentiner für einen Friedensbruch. Sie saßen gerade
-im Theater, von dem man die Aussicht auf das Meer hatte, und bemerkten
-die heraufsegelnden Schiffe. Von einem Redner aufgehetzt, eilte eine
-Menge bewaffnet auf ihre Schiffe und machte auf die unvorbereiteten
-römischen Fahrzeuge einen Angriff. Vier Schiffe wurden versenkt, der
-Anführer und die Mannschaft ermordet. Für diesen blutigen Friedensbruch
-forderte der römische Senat Genugtuung; aber seine Gesandten, in
-das Theater vor das versammelte Volk geführt, wurden mit Spott und
-Hohn empfangen. Ihr Führer Postumius redete in griechischer Sprache
-zur Menge, ohne daß diese auf den Inhalt seiner Worte achtete, aber
-so oft er einen Fehler gegen die Aussprache beging, lachte das Volk
-laut auf und schalt ihn einen Barbaren. Ein gemeiner Possenreißer
-drängte sich an ihn und besudelte sein Gewand. Postumius zeigte dem
-Volke das beschmutzte Gewand, und neues Hohngelächter erhob sich. Da
-sprach der Gesandte: „Lacht, so lange ihr mögt, ihr werdet auch lange
-genug weinen!“ Als das Volk heftig dagegen schrie, rief Postumius:
-„Damit ihr euch noch mehr erzürnt, so sage ich euch, dies Gewand wird
-in Strömen eures Blutes rein gewaschen werden.“ Kurze Zeit darauf
-begannen die Römer den Krieg. Da aber die Tarentiner ein weichliches,
-unkriegerisches Volk waren, so riefen sie +Pyrrhus+, den König von
-Epirus, zu Hilfe. Dieser kriegskundige und kampfliebende Fürst, der
-sein Geschlecht von dem vielgefeierten Helden Achilleus ableitete,
-wurde von seinem unruhigen Geiste immer zu neuen Kriegsfahrten und
-Abenteuern getrieben und strebte ein zweiter Alexander der Große zu
-werden. Er ging daher gern auf den Antrag der Tarentiner ein.
-
-
-Im Frühling des Jahres 281 setzte Pyrrhus mit einem kriegsgeübten
-Söldnerheere von 22000 Mann zu Fuß, 3000 Reitern und 20 zum Kriege
-abgerichteten Elefanten nach Italien über. Zwar verlor er bei der
-Überfahrt durch einen Sturm einen Teil seiner Schiffe und Mannschaft;
-aber in Tarent angelangt, begann er alsbald mit großer Umsicht den
-Kampf gegen das mächtige Rom zu rüsten. Er hoffte alle unterworfenen
-Stämme Italiens unter seiner Fahne zu vereinigen. Zunächst führte er
-in dem an üppiges Leben gewöhnten Tarent ein strenges kriegerisches
-Regiment ein, was ihn bei den Bürgern keineswegs beliebt machte. Er hob
-die tüchtigsten von ihnen für den Kriegsdienst aus und untersagte ihnen
-Gelage und sonstige Lustbarkeiten.
-
-Die erste Schlacht mit den Römern erfolgte bei +Heraklea+ in Lucanien
-(280). Als Pyrrhus vorher das Lager der Römer betrachtete, soll er
-ausgerufen haben: „Die Lagerordnung dieser Barbaren ist durchaus nicht
-barbarisch; bald werden wir auch ihre Taten kennen lernen.“ Die heiße
-Schlacht, welche nun entbrannte, in der dem König selbst ein Roß unter
-dem Leibe getötet ward, wurde endlich durch den Ungestüm der auf die
-Römer eindringenden Elefanten zum Vorteil des Pyrrhus entschieden.
-Als er das Schlachtfeld in Augenschein nahm und die Leichen der Römer
-betrachtete, die alle mit Wunden auf der Brust dalagen, soll er gesagt
-haben: „Mit solchen Kriegern wäre die Welt mein, und sie gehörte den
-Römern, wenn ich ihr Feldherr wäre!“ Auch ließ er ihre Toten zusammen
-mit den seinigen bestatten; den Gefangenen bot er an unter ihm zu
-dienen, und als sie sich weigerten, behandelte er sie dennoch mit
-großer Milde.
-
-Obschon der König den Sieg errungen hatte, sandte er doch den +Kineas+,
-einen Mann von großer Klugheit und Beredsamkeit, nach Rom, um die Römer
-zum Frieden zu stimmen. Dieser bot alle Kraft seiner Rede auf; der
-Senat war schwankend und verbrachte mehrere Tage mit Beratungen. Da
-ließ sich der alte blinde +Appius Claudius+, der seit Jahren den Senat
-nicht mehr besucht hatte, auf einer Sänfte in den Senat tragen, wo er
-die Ratsherren wegen ihrer Unschlüssigkeit und Neigung zum Frieden
-heftig anließ. „Bis heute,“ sagte er, „habe ich immer den Verlust
-meiner Augen beklagt, jetzt aber wünsche ich auch noch taub zu sein,
-um so Unwürdiges nicht hören zu müssen.“ Da schlug die Strömung um.
-Dem Kineas wurde befohlen, die Stadt zu verlassen und seinem König
-zu sagen, daß an Frieden und Freundschaft mit ihm nicht zu denken
-sei, bevor er nicht Italien verlassen hätte. Erstaunt über so stolze
-Antwort der Besiegten, soll der König den Kineas gefragt haben, welchen
-Eindruck die Stadt Rom und der Senat auf ihn gemacht hätten. „Mir
-erschien“, antwortete jener, „die Stadt gleichwie ein Tempel, der Senat
-aber gleich einer Versammlung von Königen.“
-
-Nach der Schlacht bei Heraklea war Pyrrhus bis in die Nähe von Rom
-vorgedrungen, zog sich dann aber, ohne einen Angriff auf die Stadt zu
-wagen, wieder nach Tarent zurück. Um diese Zeit schickten die Römer
-drei Gesandte zu ihm, um über eine Auswechselung der Gefangenen zu
-unterhandeln, unter ihnen den +Gajus Fabricius Luscínus+, einen zwar
-armen, aber stolzen und unbeugsamen Senator. Der König empfing die
-Gesandten sehr freundlich und hoffte, daß sie ihn um Frieden bitten
-würden; doch sie sprachen nur von der Auslösung der Gefangenen. Dieses
-Begehren schlug er ihnen zwar ab, unterredete sich aber insgeheim
-mit Fabricius, den er seiner Armut wegen zu bestechen hoffte. Allein
-der Römer wies des Königs Versprechungen und Geschenke mit stolzer
-Verachtung zurück. Am folgenden Tage gedachte Pyrrhus seinen Mut auf
-eine Probe zu stellen. Er verbarg seinen größten Elefanten hinter einem
-Vorhang des Zeltes, worin er den Römer empfing. Auf ein gegebenes
-Zeichen mußte das ungeheure Tier ein Gebrüll erheben und seinen
-Rüssel über den Kopf des Fabricius ausstrecken. Aber Fabricius blieb
-unerschüttert. Lächelnd sagte er zum König: „So wenig mich gestern dein
-Gold verlockt hat, so wenig schreckt mich heute dein Tier.“ Erfüllt
-von Bewunderung eines so reinen und so unerschrockenen Charakters, und
-um ihm einen Beweis seiner Hochachtung zu geben, gewährte der König
-allen Gefangenen einen Urlaub, um nach Rom zu gehen und dort das Fest
-der Saturnalien zu feiern. Wenn der Senat seine Friedensbedingungen
-annehme, sollten sie frei sein, wo nicht, so sollten sie geloben, in
-die Gefangenschaft zurückzukehren. Und keiner von ihnen blieb aus, als
-der Senat die Bedingungen verworfen hatte.
-
-Auch die zweite Schlacht bei +Askulum+ in Apulien (279) gewann Pyrrhus,
-erlitt aber so starke Verluste, daß er denen, welche ihm zu seinem
-Siege Glück wünschten, erwiderte: „Noch einen solchen Sieg, und ich bin
-verloren!“ Abermals sandte er den Kineas nach Rom, um über den Frieden
-zu unterhandeln, und mit ihm alle Gefangenen reichlich beschenkt und
-bekleidet. Aber vergeblich machte dieser bei angesehenen Männern und
-Frauen die Runde und bot Geschenke von Gold und kostbarem Schmuck, um
-die Gemüter für den Frieden zu stimmen. Der Senat beharrte bei dem
-Entschlusse nicht eher mit Pyrrhus zu unterhandeln, als bis er Italien
-verlassen hätte.
-
-Im folgenden Jahre (278) gab Gajus Fabricius als Konsul abermals einen
-Beweis seines edlen Sinnes. Er erhielt eines Tages einen Brief vom
-Leibarzte des Königs, worin sich dieser erbot gegen eine ansehnliche
-Belohnung seinen Herrn zu vergiften. Aber Fabricius, voll Abscheu über
-solchen Verrat, entdeckte die Sache dem König. Über diese Redlichkeit
-erstaunt, rief Pyrrhus aus: „Es ist schwerer den Fabricius von seiner
-Rechtschaffenheit abzubringen, als die Sonne von ihrem Laufe!“ Sogleich
-gab er alle römischen Gefangenen, die er noch hatte, ohne Lösegeld
-frei, und die Römer, um sich nicht an Großmut übertreffen zu lassen,
-schickten ihm ebenso viele Gefangene zurück.
-
-Da Pyrrhus keine Hoffnung mehr hatte den Krieg auf eine für ihn
-rühmliche Weise zu beendigen, so war ihm eine Einladung der
-Syrakusaner, die ihn gegen die Karthager zu Hilfe riefen, sehr
-willkommen. Auch in Sizilien war er anfangs glücklich; zuletzt aber
-nahm der Krieg eine für ihn so ungünstige Wendung, daß er auf den Ruf
-der Tarentiner gern nach Italien zurückkehrte (276).
-
-Damals führte +Curius Dentatus+ den Oberbefehl über das römische Heer.
-Dieser Mann war ein vollkommenes Muster von Mäßigkeit und freiwilliger
-Armut. Einst kamen Gesandte der Samniter zu ihm, um ihn durch eine
-große Geldsumme für ihre Sache günstig zu stimmen. Sie fanden ihn, als
-er gerade am Herde saß und sich selbst sein Rübengericht bereitete.
-Trotz seiner Armut wies er das Angebot zurück, indem er sagte, es sei
-angenehmer über solche, welche Gold besäßen, zu herrschen, als es
-selbst zu besitzen. Nur zwei Reitknechte begleiteten ihn ins Feld,
-und seine Töchter mußten auf Staatskosten ausgestattet werden. Diesem
-Feldherrn gelang es endlich den Pyrrhus zu schlagen und aus Italien zu
-vertreiben. Er hatte bei +Beneventum+ eine feste Stellung eingenommen,
-als ihn Pyrrhus angriff (275). Diesmal ließen sich die Römer durch die
-Elefanten nicht schrecken. Sie empfingen die anrennenden Ungetüme mit
-Brandpfeilen, wodurch diese gereizt und verwirrt sich rückwärts auf die
-Reihen der Feinde warfen und in völlige Unordnung brachten. Damit war
-der Sieg der Römer entschieden. Das Lager des Königs mit vieler Beute,
-darunter vier Elefanten, fiel in ihre Hände. Jetzt mußte sich Pyrrhus
-entschließen Italien zu verlassen; er kehrte mit wenigen Reitern nach
-Tarent zurück und schiffte bald nachher nach Epirus über.
-
-Sein unruhiger, kampflustiger Sinn trieb ihn bald in neue Kriege. Einst
-drang er bei dunkler Nacht in die Stadt Argos im Peloponnes ein; da
-ward er im Straßenkampf von einem Stein, den eine alte Frau auf ihn
-schleuderte, tödlich getroffen (272). In dem Jahre seines Todes mußte
-sich Tarent an die Römer ergeben. Nachdem diese in den nächsten Jahren
-auch das übrige Süditalien sich unterworfen hatten, waren sie die
-Herren der ganzen Halbinsel bis nordwärts zum Gebiet der Gallier.
-
-
-
-
-XIX.
-
-=Der erste punische Krieg= (264-241).
-
-Gajus Duilius. M. Atilius Regulus.
-
-
-Kaum war ganz Italien der Herrschaft der Römer untertan, so kamen sie
-mit den Karthagern auf Sizilien in feindliche Berührung. Auf dieser
-Insel hatten sich seit zwanzig Jahren campanische Söldner, die sogen.
-Mamertiner (Marsmänner), die vorher dem Fürsten von Syrakus gedient
-hatten, der Stadt Messāna bemächtigt und sich dort sowohl gegen die
-Syrakusaner, wie gegen die Karthager, die beiden Herren der Insel,
-behauptet. Diese baten nun, von den Karthagern hart bedrängt, in Rom um
-Hilfe, und der Senat beschloß sie zu gewähren. So wurde denn das erste
-römische Heer auf schlechten Fahrzeugen nach Sizilien übergesetzt, und
-es entbrannte der langwierige und blutige Krieg, der, weil er gegen die
-Karthager oder Punier geführt ward, der +erste punische Krieg+ genannt
-wird.
-
-Im Fortgange dieses Kampfes, den die Römer zunächst auf Sizilien mit
-großem Erfolge begonnen hatten, erkannten sie doch bald das Bedürfnis
-einer Seemacht, und mit bewundernswürdiger Raschheit erbauten sie
-in sechzig Tagen eine Flotte von 100 größeren und 20 kleineren
-Schiffen, wobei ihnen ein gestrandetes karthagisches Kriegsschiff zum
-Muster diente. Den Oberbefehl über die Flotte erhielten die Konsuln
-+Gajus Duilius+ und +Cornelius Scipio+. Da diese einsahen, daß ihre
-Schiffe mit der noch ungeübten Mannschaft von den feindlichen an
-Geschwindigkeit der Bewegungen übertroffen wurden, so versuchten sie
-diesen Nachteil dadurch auszugleichen, daß sie Enterbrücken an ihren
-Schiffen anbrachten. Auf jedem Schiff nämlich ward vorn ein 24 Fuß
-hoher Mast aufgerichtet und an dessen Fuß eine drehbare, 36 Fuß lange
-und 4 Fuß breite Leiter befestigt, die man mittels eines Taues am Mast
-emporzog und, sobald man einem feindlichen Schiffe nahe genug gekommen
-war, niederfallen ließ, wobei sie mit ihrer hakenförmigen eisernen
-Spitze in das feindliche Verdeck einschlug, und so eine Brücke bildete,
-auf der die Besatzung hinüber gelangen und dort wie zu Lande kämpfen
-konnte.
-
-Nachdem die römische Flotte mit dieser Vorrichtung versehen und,
-nach einem glücklichen Treffen mit einem feindlichen Geschwader, in
-Messana eingelaufen war, ging sie, unter dem Konsul +Duilius+ -- der
-andere war mit den ersten Schiffen, die er in See geführt, von den
-Puniern überrascht und gefangen worden -- der karthagischen Flotte,
-die von Pánormos (heute Palermo) heranfuhr, kühnlich entgegen. Bei
-Mylä, nordwestlich von Messana, trafen sich die beiden Flotten. Sobald
-die Punier ihrer Gegner ansichtig wurden, gingen sie ihnen in solcher
-Siegeszuversicht entgegen, daß sie nicht einmal eine Schlachtordnung
-bildeten. Fünfzig ihrer Schiffe, darunter das des Admirals, wurden von
-den Enterhaken ergriffen und gewonnen oder versenkt, die übrigen zur
-Flucht genötigt (260). Der siegreiche Konsul feierte unter großem Jubel
-des Volkes seinen Triumph wegen der ersten gewonnenen Seeschlacht.
-Auch wurde ihm für sein ganzes Leben die Auszeichnung bewilligt, daß
-er sich abends, wenn er von Gastmählern heimkehrte, mit einer Fackel
-vorleuchten und von einem Flötenspieler begleiten lassen durfte,
-was damals noch keinem Römer gestattet war. Auf dem Forum ward eine
-marmorne, mit den Schnäbeln der eroberten Schiffe verzierte Denksäule
-aufgestellt, deren Reste noch jetzt erhalten sind.
-
-Im weiteren Verlaufe des Krieges zeichnete sich der Konsul +Marcus
-Atilius Régulus+ durch Kühnheit und seltene Charakterstärke in Glück
-und Unglück aus. Nachdem er beim Berge Eknŏmos an der Südküste von
-Sizilien die Karthager geschlagen hatte (256), setzte er nach Afrika
-über, um die Feinde in ihrem eigenen Lande zu bekriegen. Er landete
-glücklich und drang siegreich vor. Er eroberte viele feindliche Städte
-und bedrängte die Karthager so sehr, daß sie Frieden geschlossen
-haben würden, wenn nicht die Bedingungen des Regulus zu hart gewesen
-wären. Als die Gesandten um mildere Bedingungen flehten, antwortete
-er ihnen, sie sollten siegen oder den Siegern gehorchen, und an den
-römischen Senat schrieb er: „Ich habe die Tore Karthagos mit Schrecken
-versiegelt.“
-
-Aber plötzlich änderte sich die Lage der Dinge. +Xánthippus+, ein
-erfahrener griechischer Heerführer, war den Karthagern von Sparta aus
-zu Hilfe gekommen, und diesem gelang es, das Kriegsglück Karthagos
-einigermaßen wieder herzustellen. In einem hartnäckigen Treffen bei
-Tunes (255) überwand er den Regulus, nahm ihn gefangen und führte ihn
-nach Karthago, wo er fünf Jahre lang im Kerker schmachten mußte.
-
-Mittlerweile wurde der Krieg zwischen Rom und Karthago mit
-abwechselndem Glücke fortgesetzt, bis endlich die erschöpften
-Karthager den Frieden wünschten. In der Person des Regulus glaubten
-sie einen passenden Vermittler zu besitzen. Sie schickten ihn daher
-nach Rom, um über den Frieden zu verhandeln, vorher aber ließen sie
-ihn schwören, daß er zurückkehren werde, wenn er nicht imstande wäre,
-den Frieden herbeizuführen. Regulus kam nach Rom und trug dem Senat
-seinen Auftrag vor. Aber weit entfernt davon, dem Senat zum Frieden zu
-raten, riet er vielmehr das Gegenteil. Er verwarf den Frieden, weil
-Karthago jetzt schon so geschwächt wäre, daß es bald gänzlich zugrunde
-gerichtet werden könnte. Der Senat billigte diese Meinung, wünschte
-aber zugleich den hochgesinnten Mann zu retten. Allein dieser gedachte
-seines Eidschwures. Vergebens baten ihn seine Freunde zu bleiben,
-vergebens sprachen ihn die Priester von seinem Eide los. Ja, er vermied
-sogar seine Frau und seine Kinder zu sehen, um nicht von ihren Tränen
-erweicht zu werden. Er kehrte, getreu seiner Eidpflicht, nach Karthago
-zurück.
-
-Als die Karthager hörten, daß Regulus selbst gegen ihre Aufträge
-gesprochen hatte, wurden sie äußerst aufgebracht und töteten ihn,
-wie später in Rom erzählt wurde, durch die schrecklichsten Martern.
-Sie schnitten ihm zuerst die Augenlider ab, warfen ihn so in einen
-finsteren Kerker und führten ihn dann in die Sonne. Hierauf legten
-sie ihn in einen hölzernen Kasten, der mit scharfen Nägeln inwendig
-ausgeschlagen war, und ließen ihn darin langsam sterben. Es ist
-jedoch wahrscheinlich, daß dies alles eine Erdichtung der Römer war,
-die dadurch ihre eigenen Grausamkeiten zu beschönigen, oder ihren
-unversöhnlichen Haß gegen Karthago zu rechtfertigen suchten.
-
-Der Krieg zwischen Rom und Karthago dauerte hiernach noch neun Jahre.
-In dieser Zeit hatten die Karthager einen ausgezeichneten Feldherrn an
-+Hámilkar+ mit dem Beinamen +Barkas+ („Blitz“), der sich im Nordwesten
-Siziliens sieben Jahre lang gegen alle Anstrengungen der Römer
-siegreich behauptete, bis der Seesieg des +Lutatius Cátulus+ bei den
-+ägatischen+ Inseln die erschöpften Karthager zum Frieden zwang (241).
-Sie traten Sizilien ab, welches die erste römische Provinz ward, und
-zahlten 3200 Talente Silber (13½ Millionen Mark).
-
-
-
-
-XX.
-
-=Der zweite punische Krieg= (219-201).
-
-Hannibal.
-
-
-1. Hannibals erstes Auftreten.
-
-Während bald darauf die Römer mitten im Frieden das erschöpfte
-Karthago zur Abtretung von Sardinien und Corsica nötigten, dann
-die seeräuberischen Illyrier und die Gallier im Gebiete des Po zu
-unterwerfen begannen, hatte Hamilkar Barkas in Karthago die Empörung
-der unbezahlten Söldnerhaufen zu dämpfen, die den karthagischen
-Staat dem Untergange nahe brachte. Nach Beendigung dieses Kampfes
-ging Hamilkar, ein unversöhnlicher Feind der Römer, nach Hispanien
-(Spanien), um durch die großen Hilfsmittel dieser damals noch freien
-und von den kriegerischen Stämmen der Ibēren bevölkerten Halbinsel
-seiner Vaterstadt wieder aufzuhelfen und neue Kräfte gegen Rom zu
-gewinnen. Als er im Begriff war abzureisen, bat ihn Hannibal, sein
-Sohn, ein Knabe von neun Jahren, ihn auf diesem Zuge begleiten zu
-dürfen. Der Vater versprach es und suchte zugleich das Herz seines
-Sohnes mit unaustilgbarem Hasse gegen Rom zu erfüllen. Er führte
-ihn vor den Altar, auf welchem er eben opferte. Alle Zeugen wurden
-entfernt, dann hieß er seinen Sohn den Altar umfassen und schwören, daß
-er zeitlebens ein Feind der Römer sein wolle. Das tat Hannibal, und nie
-ist ein Schwur treuer gehalten worden.
-
-Neun Jahre focht Hamilkar in Spanien mit glücklichem Erfolg, unterwarf
-sich einen großen Teil der Einwohner mit Gewalt oder Klugheit, und
-gründete dort eine Herrschaft, welche den Verlust der Inseln reichlich
-ersetzte. Nachdem er in einer Schlacht gefallen war, übernahm sein
-Eidam +Hásdrubal+ den Oberbefehl. Dieser setzte die kriegerischen
-Unternehmungen mit großem Glücke fort und gab dem neuerworbenen Lande
-in der von ihm gegründeten Stadt Neukarthago (heute Cartagena) eine
-trefflich gelegene Hauptstadt. Die Römer wurden über diese Fortschritte
-so besorgt, daß sie in einem Vertrage mit Hasdrubal den Fluß Ibērus
-(Ebro) als Grenze der karthagischen Eroberungen feststellten und die
-griechischen Handelsplätze, darunter die Stadt Saguntum (nördlich von
-Valencia), in ihren Schutz nahmen.
-
-Hannibal war nach des Vaters Tode nach Karthago zurückgekehrt;
-Hasdrubal ließ ihn wieder zu sich kommen und vollendete seine
-kriegerische Erziehung. Acht Jahre hatte Hasdrubal den Oberbefehl in
-Spanien geführt, als er von einem Eingeborenen ermordet wurde. Jetzt
-rief das Heer den jungen Hannibal als Feldherrn aus, und Senat und Volk
-zu Karthago bestätigten die Wahl.
-
-Im Lager aufgezogen, war Hannibal der Liebling des Heeres; die alten
-Krieger sahen in ihm des Vaters Ebenbild. Wenn eine Unternehmung Mut
-und Ausdauer erforderte, stellte schon Hasdrubal ihn am liebsten an
-die Spitze, und unter keinem Führer hatten die Krieger mehr Vertrauen
-und Siegeszuversicht. Mit der größten Kühnheit ging er in Gefahren,
-mit der größten Besonnenheit benahm er sich mitten in denselben, durch
-keine Beschwerde konnte sein Körper ermüdet, sein Geist gebeugt werden,
-Hitze und Kälte ertrug er mit gleicher Ausdauer, in Speise und Trank
-war er mäßig, und zum Schlafe gönnte er sich nur die Zeit, die ihm
-die Geschäfte übrig ließen. Dazu bedurfte er keines weichen Lagers,
-noch der Stille der Nacht, oft sahen ihn seine Krieger, nur mit einem
-kurzen Feldmantel bedeckt, zwischen den Wachen und Posten auf dem Boden
-liegen. Seine Kleidung war von der seiner Waffengenossen in nichts
-unterschieden, nur Waffen und Rosse kündigten den Feldherrn an. Er war
-bei weitem der beste Reiter, wie der beste Fußgänger. Als vorderster
-ging er ins Treffen, als letzter kehrte er zurück. Unerschöpflich in
-klugen Anschlägen, stets wohl unterrichtet von den Plänen der Feinde,
-fand er in jeder Not und Gefahr einen rettenden Ausweg. Einer der
-größten Feldherren aller Zeiten, ein weitschauender Staatsmann, ein
-tapferer Krieger, ließ er sich im Glück nicht zum Übermut verleiten,
-und trug er das Unglück mit zäher Geduld und festem Sinn. Milde lag
-nicht in seiner Art; hart und grausam gegen die Feinde, scheute er
-keine Arglist und Untreue, wenn sein Vorteil dazu riet.
-
-Er war erst 28 Jahre alt, als er an die Spitze des hispanischen Heeres
-trat (221 v. Chr.). Sofort entschloß er sich mit Rom zu brechen.
-
-Hasdrubal hatte den Vertrag mit den Römern, die Stadt +Saguntum+ nicht
-anzugreifen, treulich gehalten. Hannibal kümmerte sich nicht darum,
-sondern schritt alsbald zu ihrer Belagerung. Als die Römer von der
-Bedrängnis der mit ihnen verbündeten Stadt hörten, ordneten sie eine
-Gesandtschaft an Hannibal ab, um ihn an den Vertrag zu erinnern. Der
-aber ließ sie gar nicht ins Lager, sondern befahl sie zu bescheiden,
-daß er mitten im Kampfe keine Zeit habe Gesandtschaften anzuhören.
-Ebenso erfolglos war die Gesandtschaft in Karthago. Inzwischen
-erfuhren die Saguntiner alle Schrecken einer Belagerung. Unter
-dem heldenmütigsten Widerstand der Einwohner und erst nach einer
-achtmonatlichen Einschließung und Bestürmung konnte Hannibal sich der
-Stadt bemächtigen (219). Als den Saguntinern alle Hoffnung geschwunden
-war, hatten die Vornehmsten alles Silber und Gold aus ihren Häusern auf
-dem Markt auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen und sich dann
-selber hinein gestürzt. Alle Wehrhaften wurden getötet, viele hatten
-sich mit Weib und Kind in ihre Häuser verschlossen und diese in Brand
-gesteckt. Alle übrigen wurden in die Knechtschaft verkauft (219).
-
-Als die Kunde von dem schrecklichen Untergang der ihrem Schutze
-anvertrauten Stadt nach Rom kam, war die Entrüstung über solchen
-Friedensbruch unbeschreiblich. Sofort ging eine Gesandtschaft nach
-Karthago, an deren Spitze +Quintus Fabius+ stand. Sie sollte die
-Auslieferung des vertragsbrüchigen Feldherrn fordern, oder, wenn diese
-verweigert würde, den Krieg ankündigen. Der karthagische Senat, in
-zwei Parteien geteilt, konnte zu keinem Entschluß kommen. Er suchte
-Ausflüchte zu machen und die Sache hinzuziehen, allein Qu. Fabius
-forderte eine bestimmte Erklärung. Indem er seine Toga zu einem Bausche
-faltete und dem Senate hinhielt, sagte er: „Hier liegt Krieg und
-Frieden: nehmt was ihr wollt!“ -- „Wir nehmen,“ rief man ihm entgegen,
-„was ihr uns gebt.“ -- „So nehmt den Krieg!“ erwiderte Fabius und
-entfaltete seine Toga mit einer drohenden Geberde, als ob er Waffen und
-Krieger herausschüttete.
-
-So begann der +zweite punische Krieg+, der achtzehn Jahre (219-201)
-hindurch Italien, Spanien und Afrika verwüstete, Rom an den Rand des
-Verderbens brachte, und zuletzt mit der völligen Niederlage Karthagos
-endete.
-
-
-2. Hannibals Zug nach Italien.
-
-Hannibal hatte sich nach der Eroberung von Sagunt in die
-Winterquartiere begeben. Hier entbot er die Hauptleute der auf der
-Halbinsel geworbenen Krieger zu sich und machte sie mit seinem Plan,
-in fernes Land zu ziehen, bekannt. Um ihnen aber Zeit zu geben, sich
-von den Beschwerden des letzten Krieges zu erholen und ihre Familien
-wiederzusehen, erteilte er allem Kriegsvolk einen Urlaub, mit dem
-Befehl, beim Anbruch des Frühlings sich wieder einzustellen. Nachdem
-er dann im Frühjahr die Truppen gemustert hatte, ließ er, um Spanien
-zu behaupten, ein Heer von 15000 Mann und eine Flotte von 50 Schiffen
-unter dem Befehl seines Bruders Hasdrubal zurück. Ein anderes,
-größtenteils aus Ibérern bestehendes Heer von nahe an 20000 Mann
-schickte er nach Afrika, um teils als Besatzung von Karthago zu dienen,
-teils im karthagischen Gebiet verteilt zu werden. Er selbst brach im
-Frühjahr 218 mit 90000 Mann Fußvolk, 12000 Reitern und 37 Elefanten
-nordwärts nach dem Ibérus (Ebro) auf (218).
-
-Auf diesem Zuge erschien ihm einst, wie die Sage erzählt, im Schlaf ein
-Jüngling von göttlicher Gestalt, welcher sagte: „Ich bin von Jupiter
-als dein Wegweiser nach Italien gesandt; mache dich auf und folge mir
-unverwandten Auges.“ Hannibal folgte anfangs schüchtern, nirgends
-um oder hinter sich blickend; dann aber konnte er aus menschlicher
-Ängstlichkeit, was das wohl sein möge, wonach er sich nicht umsehen
-solle, seine Augen nicht mehr beherrschen. Er blickte hinter sich und
-gewahrte eine Schlange von wundersamer Größe, die hinter ihm herschoß,
-Bäume und Sträucher weithin niederschlagend, und hinter der Schlange
-einen Platzregen mit Donnerschlägen. Auf seine Frage, was das für ein
-Ungetüm sei, und was das Zeichen bedeute, erhielt er die Antwort, daß
-es die Verwüstung Italiens sei; er solle aber nur vorwärts gehen, nicht
-weiter fragen und das fernere Schicksal in seinem Dunkel ruhen lassen.
-
-Froh über dieses Gesicht setzte er über den Ebro und bezwang die noch
-unabhängigen Völkerschaften zwischen diesem Fluß und den Pyrenäen. Um
-die Pässe des Gebirges und die neu eroberten Landschaften zu hüten,
-ließ er eine Truppe von 11000 Mann zurück, während er noch andere
-11000 Mann, welche die Furcht vor einem Kriege mit Rom entmutigt hatte,
-nach Hause entließ. Ihm selbst blieben damals 50000 Mann zu Fuß und
-9000 Reiter, alle bewährte Krieger, zum größeren Teil Libyer aus dem
-Gebiete Karthagos, zum kleineren Teil Hispanier (Ibérer). Die Völker
-des südlichen Galliens gewann er durch List und Geschenke, und als man
-in Rom vernahm, er habe den Ebro überschritten, stand er bereits am
-rechten Ufer der unteren Rhódanus (Rhone), an der Stelle des heutigen
-Avignon.
-
-Die dort seßhaften Gallier standen auf seiten der Römer, fühlten sich
-aber zu schwach, um den Anmarsch des punischen Heeres in offenem Felde
-aufzuhalten. In der Hoffnung auf die Hilfe des römischen Heeres, das
-bereits bei Massilia (Marseille) an der Rhonemündung eingetroffen
-war, nahmen sie auf dem linken Flußufer eine feste Stellung ein. Aber
-Hannibal ließ sich nicht aufhalten. Er ließ alle Schiffe und Kähne
-aufwärts und abwärts des Flusses zusammenholen, Bäume fällen und
-Flöße bauen, und traf alle Anstalten zu raschem Übergang. Aber auf
-der anderen Seite standen die Feinde, die zu Pferd und zu Fuß das
-ganze Ufer innehatten. Um sie von dort zu vertreiben, befahl Hannibal
-dem Hanno mit einem Teil des Heeres zwei Tagereisen weit am Flusse
-hinaufzuziehen und dort an einer geeigneten Stelle überzusetzen.
-Pünktlich führte Hanno den Befehl aus. Auf Flößen und verkoppelten
-Baumstämmen brachte er Roß und Mann und alles übrige hinüber. Die
-Hispanier steckten ihre Kleider in Schläuche, legten sich darauf und
-schwammen ohne weitere Vorkehrung über den Fluß. Von dort zog er
-eilends stromabwärts in den Rücken der Feinde, und bereits am dritten
-Tage seit seinem Aufbruch meldete er durch Rauchsignale dem Feldherrn
-seine Ankunft. Sofort gab Hannibal den Befehl zum Übergang. Die Gallier
-anderseits stürzten gegen das Ufer mit vielstimmigem Geheul, ihrem
-gewohnten Schlachtgesange, die Schilde zusammenschlagend und in der
-Rechten den Speer schwingend. Da plötzlich loderte in ihrem Rücken
-das eigene Lager in hellen Flammen auf. Hanno hatte es überfallen
-und bedrohte ihre Rückseite. Zwar suchten die Gallier anfangs nach
-beiden Seiten das Feld zu halten, gaben aber bald den hoffnungslosen
-Widerstand auf und zerstreuten sich in ihre Dörfer. So konnte Hannibal
-sein ganzes Heer mit allem Troß ungefährdet über den reißenden Strom
-führen und jenseits ein Lager schlagen.
-
-Ganz eigentümlich war die Art, wie Hannibal die Elefanten hinübersetzen
-ließ. Er ließ ein 200 Fuß langes und 50 Fuß breites Floß vom Lande aus
-in den Fluß hineinbauen und damit es nicht vom Strome fortgerissen
-würde, durch starke Taue am Ufer festbinden. Dann ließ er es mit Erde
-beschütten, damit es die Tiere ohne Scheu gleich wie festes Land
-betreten könnten. Ein zweites Floß, ebenso breit, 100 Fuß lang und
-zur Überfahrt eingerichtet, wurde an jenes angebunden. Wenn nun die
-Elefanten über das feststehende Floß, wie auf einer Straße, auf das
-zweite kleinere Floß hinübergegangen waren, so wurden sogleich die
-Bindetaue gelöst und dies Floß an das andere Ufer gezogen. So lange sie
-auf dem ersten Floß wie auf einer breiten Brücke gingen, blieben sie
-ruhig; dann erst zeigten sie Angst, wenn das zweite Floß abgelöst war
-und mit ihnen in die Mitte des Flusses trieb. Da drängten sie sich vom
-Wasser weg zusammen und verursachten ziemliche Störung, bis endlich die
-Furcht selbst sie ruhig machte.
-
-Um die Zeit, da Hannibal über die Rhone ging, stand der römische Konsul
-P. Cornelius Scipio an der Mündung dieses Stromes. Er hatte mit seinem
-Heere nach Spanien übersetzen sollen, um dort den Krieg zu beginnen,
-während der andere Konsul, Titus Sempronius Longus, von Sicilien aus
-Karthago selbst angreifen sollte. Als er aber auf dieser Fahrt nach
-Massilia kam, mußte er zu seiner großen Überraschung erfahren, daß der
-Feind bereits in der Nähe stände und sich anschickte über die Rhone zu
-gehen. Statt nun sofort dem Hilferufe der Gallier zu folgen, zauderte
-er, bis es zu spät war. Ein Reitergeschwader, das er darauf den Fluß
-hinaufsandte, um Erkundigungen über den Standort und die Stärke des
-feindlichen Heeres einzuziehen, traf auf eine zu gleichem Zwecke
-abgeschickte Abteilung Numider (aus Nordafrika). Es kam zu einem sehr
-hitzigen Gefecht, in dem sich der Sieg endlich auf die Seite der Römer
-neigte. Doch als Scipio in eiligem Marsche nach der Übergangsstelle
-hinaufzog, war das feindliche Heer schon in weiter Ferne, und es blieb
-ihm nichts übrig als nach Italien zurückzukehren und dort den Feind zu
-bestehen.
-
-Für Hannibal aber begann jetzt erst der schwierigste Teil seiner kühnen
-Unternehmung. Es galt den Marsch zu wagen mitten durch zahlreiche
-Feinde, über die schnee- und eisbedeckten Alpen, auf ungebahnten,
-vielleicht noch nie betretenen Wegen, die selbst für Fußgänger
-kaum gangbar waren, viel weniger noch für Elefanten, Rosse und
-schwerbeladene Karren und Saumtiere. Kein Wunder, daß beim Anblick der
-steilen Gebirge selbst die abgehärtesten Krieger zu zagen begannen. Nur
-ihr Feldherr blieb festen Mutes und verstand es auch seinen Truppen
-neue Zuversicht einzuflößen. Er schilderte ihnen die reichen Gebiete,
-die sie jenseits des Gebirges erreichen, die große Beute, die sie dort
-gewinnen, und die Hilfe, die sie im Tale des Po bei den kriegstüchtigen
-und von Römerhaß erfüllten gallischen Stämmen finden würden. Er führte
-ihnen sogar einen eben von dort eingetroffenen gallischen Fürsten vor,
-Magilus mit Namen, der dies alles bestätigte.
-
-Man kannte damals nur zwei Pässe zum Übergang von Gallien nach dem
-oberen Italien. Der eine kürzere aber rauhere führte durch das Tal der
-Dürance über die cottischen Alpen (Mont Genèvre) in das Gebiet der
-Tauriner (Turin), der längere aber weniger schwierige im Tal der Isère
-aufwärts zu den graischen Alpen und über den kleinen St. Bernhard ins
-Tal der Doria (Baltéa). Diesen zweiten wählte Hannibal auch deshalb,
-weil die an seinem jenseitigen Ausgange wohnenden Gallier nur auf seine
-Ankunft warteten, um sich mit ihm gegen die Römer zu verbinden.
-
-Der Marsch ging zuerst sechzehn Tage lang durch das fruchtbare Gebiet
-der Allóbroger zwischen Isère und Rhone, bis zum Fuße des Hochgebirges.
-Der von den Bewohnern gesperrte nächste Paß wurde genommen; aber auf
-dem steilen und glatten Abstieg von der Höhe geriet das Heer in harte
-Not: feindliche Haufen brachen in die Reihen, ein wildes Getümmel
-entstand, Menschen und Tiere stürzten in die Tiefe. Erst als man ins
-Tal der Isère gelangte, ward der Marsch gefahrlos, bis man in das
-Gebiet der Centronen hinaufstieg, welche das Heer mit allen Zeichen
-der Freude gastlich empfingen und aus dem Tale zum Fuß der Paßhöhe des
-kleinen St. Bernhard geleiteten. Da plötzlich griffen sie die nächste
-durch eine Schlucht emporklimmende Abteilung von allen Seiten an. Unter
-blutigen und verlustvollen Kämpfen gelangte man am folgenden Tage auf
-die Hochfläche des Passes.
-
-Den erschöpften und durch die schweren Verluste an Menschen und Tieren
-entmutigten Truppen gewährte hier der Feldherr eine kurze Rast, die
-er benutzte, um alle Nachzügler und Versprengte zu sammeln und durch
-den Hinweis auf die Nähe des ersehnten Zieles, durch den Ausblick auf
-die in der Ferne sich breitende Ebene Italiens die gesunkene Stimmung
-wieder zu heben. Man näherte sich zwar den befreundeten Galliern, aber
-die vorgerückte Jahreszeit -- es war schon Anfang September -- brachte
-neues Ungemach. An den engen und steilen Talrändern der Dora, auf denen
-der Abstieg geschah, lag frischer Schnee, der die Pfade verdeckte;
-haufenweise stürzten Menschen und Tiere in die Abgründe. An einer
-Strecke von nur 200 Schritt Länge mußte vier Tage lang mit Aufgebot
-aller Kräfte gearbeitet werden, um die Elefanten und das Gepäck
-über die glatten Eismassen hinüber bringen zu können. Nach weiterem
-dreitägigen Marsch bergab gelangte man endlich in die Talebene, wo die
-Dörfer der Gallier, in der Gegend des heutigen Ivréa, Rast und Pflege
-boten.
-
-So war das Ziel endlich erreicht, aber mit welchen Opfern! Mehr als
-die Hälfte des Heeres, die meisten Pferde und Elefanten waren auf den
-Märschen und in den Kämpfen zugrunde gegangen, und was hinübergelangt
-war, bedurfte längerer Erholung, um sich zu den bevorstehenden harten
-Kämpfen zu stärken und neu auszurüsten. Hätte Hannibal beim Austritt
-aus dem Gebirge ein römisches Heer kampfbereit sich gegenüber gefunden,
-so wäre er dem Untergang schwerlich entronnen.
-
-
-3. =Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia= (218).
-
-Anfangs hatten die Römer, wie oben berichtet ist, die Absicht den Krieg
-gegen Karthago in Spanien und Afrika zu führen. Sie hatten daher den
-Konsul T. Sempronius Longus mit der größeren Heeresmacht, 24000 Mann zu
-Fuß, 1800 Reitern und 160 Kriegsschiffen, nach Sicilien gesandt; der
-andere Konsul, P. Cornelius Scipio, sollte mit 22000 Mann zu Fuß, 1600
-Reitern und 60 Schiffen einen Angriff auf Spanien unternehmen. Aber
-Hannibal war den Römern zuvorgekommen. Schon stand er an der Rhone,
-als Scipio auf seiner Fahrt erst an der Mündung derselben angekommen
-war, wo er dann die Nähe des Feindes erfuhr und das bereits erwähnte
-Reitergefecht vorfiel. Nun änderte Scipio seinen Plan, er sandte
-seinen Bruder Gnaeus mit dem größeren Teile des Heeres nach Spanien,
-während er selbst mit dem übrigen zurück in die Ebene des Po eilte,
-um sich dort an die Spitze des römischen Heeres zu stellen, welches
-dort die aufrührerischen Gallier niederzuhalten bestimmt war, und dem
-anrückenden Feinde die Stirn zu bieten. Hannibal hatte inzwischen
-seinem Heere die nötige Rast gegönnt, hatte den Widerstand der Tauriner
-durch Erstürmung ihrer Hauptstadt gebrochen, und war dann rasch bis
-an den +Ticīnus+ (Tessin), einen Nebenfluß des Po, vorgedrungen.
-Scipio ließ eine Brücke über den Po schlagen und rückte ihm entgegen.
-Nicht lange, so kam es dort in der Ebene am Ticinus zu einem ersten
-Zusammenstoß. Beide Feldherren zogen eines Tages an der Spitze ihrer
-Reiterei, Scipio auch von leichtem Fußvolk begleitet, aus, um die
-Stellung der Feinde auszukundschaften. So stießen sie aufeinander.
-Gleich nach Beginn des Kampfes floh das leichte römische Fußvolk,
-das Scipio in die vorderste Reihe gestellt hatte, vor dem Anprall
-der schweren punischen Reiter, warf sich unter die eigene Reiterei
-und brachte sie in Verwirrung. Gleichwohl nahm diese den Kampf auf
-und bestand ihn eine Zeitlang, unerschüttert durch die feindlichen
-Angriffe. Als dann aber die leichten numidischen Geschwader sie auf den
-Flanken und im Rücken anfielen war die Niederlage und Flucht der Römer
-nicht mehr aufzuhalten. Der Konsul selbst ward im Getümmel verwundet
-und nur durch die Entschlossenheit seines siebzehnjährigen Sohnes, des
-später als Besieger Hannibals berühmt gewordenen Scipio Africanus, aus
-dem feindlichen Gedränge herausgehauen und gerettet.
-
-In der folgenden Nacht führte Scipio sein Heer ungestört über den
-Po zurück und nahm an dem rechten Ufer des +Trébia+, eines kleinen
-Nebenflusses des Po, eine feste Stellung, wo sein rechter Flügel sich
-an den Po bei der Koloniestadt Placentia (Piacenza), sein linker an
-die Vorberge des Apennin lehnte, in einem hügeligen Gelände, das die
-Bewegung der überlegenen feindlichen Reiterei hinderte. Hier stieß
-auch der andere Konsul, Sempronius, der auf die erste Nachricht von
-dem Erscheinen Hannibals aus Sicilien zurückberufen worden war, mit
-seinem Heere zu ihm. Aber zwischen den beiden Konsuln herrschte keine
-Eintracht: Sempronius drang auf eine entscheidende Schlacht, während
-Scipio, durch seine Wunden an der Führung behindert, sich von einer
-bloß abwehrenden Haltung mehr Vorteil versprach. Ihre Uneinigkeit
-blieb Hannibal nicht unbekannt. Er war den über den Po zurückweichenden
-Römern alsbald nachgezogen und hatte ihnen gegenüber auf der linken
-Seite der Trebia sein Lager genommen. Als er durch seine Kundschafter
-erfahren, daß die Römer zum Kampf bereit wären, wählte er einen
-Ort zum Hinterhalt. In der Nähe seines Lagers war ein Bach, auf
-beiden Seiten von einem sehr hohen Ufer eingeschlossen und rings mit
-Gesträuch und Dorngebüsch dicht besetzt, wo ein Reitertrupp eine ganz
-verdeckte Aufstellung nehmen konnte. Darin versteckte Hannibal tausend
-auserlesene Reiter und ebenso viel Fußvolk unter Führung seines Bruders
-Mago.
-
-Früh am folgenden Tage ließ er seine numidischen Reiter über die
-Trebia setzen, sich vor den Toren des feindlichen Lagers tummeln, um
-den Feind zum Kampfe herauszulocken und, wenn ihnen dies gelungen war,
-langsam über den Fluß zurückzuweichen. Kaum hatten sie sich gezeigt,
-so führte Sempronius, der an diesem Tage den Oberbefehl auch über
-Scipios Legionen führte, erst seine ganze Reiterei, darauf 6000 Mann
-Fußvolk, endlich sein ganzes Heer zum Kampfe heraus. Es war ein kalter
-schneeiger Dezembertag; Roß und Mann wurden, ohne vorher durch Speise
-gestärkt zu sein, ungeschützt gegen die Kälte, ins Treffen geführt. Als
-sie aber auf der Verfolgung der fliehenden Numider sogar ins Wasser
-gingen, das ihnen bis an die Brust reichte, erstarrten ihnen vollends
-die Glieder, daß sie kaum die Waffen zu halten vermochten und bald der
-Ermattung und dem Hunger erlagen.
-
-Dagegen hatten Hannibals Truppen vor ihren Zelten Feuer angezündet,
-ihre Glieder mit Öl geschmeidig gemacht und in Ruhe gegessen. Rüstig
-an Leib und Seele ergriffen sie die Waffen und standen zur Schlacht
-gerüstet, als der Feind über den Fluß gegangen war. Ins Vordertreffen
-stellte der karthagische Feldherr als Plänkler 8000 leicht bewaffnete
-balearische Schleuderer und Speerwerfer; hinter diesen das schwere
-Fußvolk, den Kern seines Heeres; die Flügel umgab er mit seinen
-zahlreichen Reitern und an die beiden Flügelspitzen stellte er zu
-gleichen Teilen die wenigen Elefanten, welche ihm geblieben waren.
-Vergebens ließ jetzt Sempronius seinen hitzig verfolgenden Reitern zum
-Rückzug blasen; er mußte die Schlacht annehmen und ordnete die Seinen.
-Die ermüdeten leichten Truppen wichen gleich anfangs zurück; dann
-kam die römische Reiterei ins Gedränge und wurde von einer Wolke von
-Schleuderkugeln und Speeren, welche die Balearen warfen, überschüttet.
-Der Anblick und der ungewohnte Geruch der Elefanten brachte die Pferde
-in Verwirrung und verursachte allgemeine Flucht. Das Fußvolk hielt
-länger stand; aber die Punier waren, zuvor durch Speise gestärkt, in
-das Treffen gezogen; den ermüdeten, hungrigen, vor Kälte starrenden
-Römern versagte der Körper den Dienst. Da brach endlich Mago mit
-seinen Numidern aus dem Hinterhalt hervor und fiel den Römern zu ihrem
-großen Schrecken in den Rücken, so daß diese nach allen Seiten hin zu
-kämpfen hatten. Eine Abteilung von 10000 Römern durchbrach in fester
-Haltung die Mitte der feindlichen Linie und wandte sich nach Placentia;
-die übrigen suchten sich an verschiedenen Stellen und unter blutigem
-Gemetzel einen Ausweg. Die nach dem Lager ihren Rückzug nahmen, deren
-ertranken viele in dem Fluß oder wurden von den verfolgenden Feinden
-erschlagen; die meisten entrannen ohne Ordnung nach Placentia. Eben
-dorthin führte der verwundete und im Lager zurückgebliebene Konsul
-Scipio den Rest des Heeres. Sempronius, der sich mit wenigen Reitern
-gerettet hatte, begab sich bald darauf nach Rom, wohin er berufen war,
-um die Wahl der neuen Konsuln zu leiten.
-
-Aber auch die Punier hatten starke Verluste erlitten, und die rauhe
-Jahreszeit nötigte sie in Winterquartieren Ruhe und Erholung zu suchen.
-Inzwischen bedrängten ihre Reiter und leichten Truppen fortwährend die
-Römer in den festen Städten Placentia und Cremona, und die gallischen
-Stämme folgten großenteils dem Rufe des siegreichen Puniers und
-kündigten den verhaßten Römern den Gehorsam.
-
-
-=4. Schlacht am trasimenischen See= (217).
-
-Kaum begann der Frühling, so brach Hannibal gegen Italien auf.
-Ansehnliche gallische Hilfsvölker begleiteten ihn, teils aus Kampf- und
-Beutelust, teils um den Krieg aus ihren Gebieten entfernen zu helfen,
-alle aber, um mit den Puniern die ihrer Unabhängigkeit gefährliche
-römische Übermacht zu vernichten. Von den beiden Straßen, von denen
-die eine von Rom über den Apennin bei Ariminium das Meer erreichte,
-die andere bei Arretium, diesseits des Gebirges, endete, waren von
-den beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius mit
-vier während des Winters vom Po fortgeführten und ergänzten Legionen
-besetzt. Hannibal wählte den Weg deshalb mehr westlich in das Tal
-des Arno, der nicht besonders schwierig, damals aber durch die
-Schneeschmelze und die Frühlingsregen auf weite Strecken überschwemmt
-war. Vier Tage und drei Nächte marschierte das Heer fortwährend durch
-Wasser und Morast, aller Erquickung entbehrend. Die, welche ausruhen
-wollten, warfen Haufen von Gepäck ins Wasser, um sich damit ein Lager
-zu bereiten, oder legten sich auf die Leiber der gefallenen Lasttiere.
-Hannibal, der auf dem einzigen noch übrigen Elefanten ritt, erlitt eine
-Augenentzündung, in deren Folge er ein Auge verlor. Als er endlich nach
-Verlust vieler Tiere und Menschen auf das Trockene gekommen war und das
-erste Lager auf etruskischem Boden bei Fäsulä (Fiésole) bezogen hatte,
-meldeten Kundschafter, das römische Heer unter dem Konsul Flaminius
-stehe ostwärts in der Gegend von Arretium (Arezzo). Um diesen Mann,
-dessen Unbesonnenheit ihm bekannt geworden, zum Angriff zu reizen,
-verwüstete Hannibal die schönen Gefilde zwischen Fäsulä und Arretium
-durch Raub und Brand. Umsonst mahnte man den Flaminius erst die Ankunft
-des andern Konsuls, der noch jenseits des Gebirges am adriatischen
-Meere stand, abzuwarten. Er gab das Zeichen zum Aufbruch, weil er die
-Verheerungen des Feindes nicht länger dulden mochte.
-
-Hannibal war auf seinem Marsche zu dem schmalen Landstrich gekommen,
-wo der +trasimenische See+ (~lago di Perugia~) nahe an die Berge
-von Cortona herantritt. Ein ganz enger Weg führt zwischen dem See
-und den Hügeln in eine breitere Fläche, an deren Ende, dem Eingange
-der Landenge gegenüber, eine Anhöhe emporragt. Auf dieser Anhöhe
-lagerte sich Hannibal mit dem Kern seines Heeres, dem spanischen und
-afrikanischen Fußvolk. Die Balearen und die übrigen leichten Truppen
-stellte er in langer Reihe hinter den Hügeln auf, welche jene Fläche
-auf einer Seite begrenzten; die Reiterei und die Gallier verbarg er
-neben den Waldhöhen, die dem engen Eingang am See gegenüberlagen. Bei
-diesem Eingange langte am Abend des folgenden Tages Flaminius an.
-Gleich am nächsten Morgen, als ein dicker Nebel auf den Wassern des
-Sees lag und Berg und Tal verhüllte, zog er, ohne vorher die Gegend
-ausgekundschaftet zu haben, durch die enge Straße in die mittlere
-Fläche, indem er nur die ihm gegenüber liegende Anhöhe von den Puniern
-besetzt glaubte. So wie er sich derselben näherte und die letzten
-seines Zuges an dem äußersten Hinterhalt der Feinde vorüber waren,
-erfolgte der Angriff der Punier von allen Seiten und mit solchem
-Ungestüm, daß sich die Römer nicht einmal in Schlachtordnung aufstellen
-konnten. Kaum drei Stunden währte die Schlacht, und so hitzig ward auf
-beiden Seiten gekämpft, daß man das furchtbare Erdbeben nicht gewahr
-wurde, das um diese Zeit die Landschaft heimsuchte. Der Konsul selbst
-fiel unter den ersten und 15000 der Seinen mit ihm. Viele wurden
-in den See gejagt und ertranken, oder wurden von den verfolgenden
-Reitern erschlagen. Nur einer Abteilung von 6000 Mann gelang es sich
-durchzuschlagen; sie retteten sich auf eine nahe Anhöhe, von wo
-sie, als der Nebel sich zerstreut hatte, das Schicksal der Ihrigen
-erkannten. Ihre eilige Flucht setzten sie auch noch den nächsten Tag
-fort, bis sie der Hunger zwang, sich dem Maharbal, der sie mit seiner
-Reiterei verfolgte, zu ergeben. Viertausend Reiter, die der andere
-Konsul zu Hilfe geschickt, wurden ebenfalls teils vernichtet, teils
-gefangen. Die Zahl der Gefangenen belief sich auf 15000. Hannibal
-ließ von ihnen die römischen in Fesseln legen, die italischen Bündner
-(~socii~) aber frei in ihre Heimat ziehen. Ebenso hatte er schon nach
-der Schlacht an der Trebia getan; denn er gedachte als der Befreier
-Italiens von der Römerherrschaft aufzutreten, und hoffte dabei auf den
-Beistand der bündnerischen Städte Mittel- und Unteritaliens.
-
-Auf die erste unbestimmte Nachricht von der unglücklichen Schlacht und
-der Vernichtung der zwei Legionen geriet das Volk in unbeschreibliche
-Aufregung. Keiner wußte Genaues, selbst die obersten Beamten nicht;
-Männer und Weiber bestürmten sie mit Fragen. Erst gegen Abend erhielt
-der Senat sichere Kunde, und der Prätor teilte sie auf dem Markte mit:
-„Wir haben eine große Schlacht verloren, das Heer ist vernichtet, der
-Konsul tot, die Stadt in Gefahr.“
-
-Man war darauf gefaßt den Sieger alsbald vor den Toren der Stadt
-erscheinen zu sehen, und traf in höchster Eile alle Vorkehrungen zur
-Abwehr. Vor allem galt es die Verteidigung des Vaterlandes, da der
-eine Konsul tot, der andere fern war, in +eines+ Mannes Hand mit
-unbeschränkter Machtbefugnis zu legen, das heißt einen Diktator zu
-ernennen. Die Wahl fiel auf +Fabius Maximus+, der sich den Minucius
-Rufus als Reiterobersten zugesellte.
-
-
-5. Hannibal gegen Fabius Cunctator.
-
-Aber Hannibal zog nicht gegen Rom, sondern wandte sich von Etrurien
-ostwärts nach Umbrien und drang bis zur Stadt Spoletium, die er
-vergebens bestürmte, da sie von einer tapferen Besatzung verteidigt
-ward. Von da ging er in die fruchtbare picenische Landschaft
-hinüber, ließ die Truppen einige Tage ausruhen und drang dann, unter
-schrecklichen Verwüstungen, südwärts die Küste entlang bis nach
-Apulien. Aber seine Hoffnung, daß sich die Bundesgenossen Roms, der
-römischen Herrschaft überdrüssig, auf seine Seite schlagen würden,
-blieb unerfüllt. Alle Städte schlossen ihre Tore und behandelten ihn
-als Feind.
-
-Inzwischen hatte der alte bedächtige Diktator Fabius zwei neue Legionen
-gebildet und die beiden des Konsuls Servilius sowie den versprengten
-Rest des geschlagenen Heeres an sich gezogen. Er folgte dem Feinde auf
-seinem Marsche, nicht um im offenen Felde eine neue und vielleicht
-letzte Schlacht zu schlagen, sondern um seine neuen Truppen zu üben
-und zu ermutigen, die Bündner in Treue zu halten und dem Gegner keine
-Rast zu lassen. Bei Arpi in Apulien bekam er ihn zuerst zu Gesicht.
-Hannibal bot ihm gleich die Schlacht an; aber Fabius wich vorsichtig
-aus und hielt sein Heer im festen Lager, das er immer auf den Höhen der
-Berge und in ziemlicher Entfernung vom Feinde aufschlug. Da Hannibal
-den vorsichtigen Gegner zu keiner Schlacht bewegen konnte, so brach er
-endlich auf und zog unter steten Verwüstungen durch Samnium, um wieder
-auf die Westseite des Gebirges nach Campanien zu gelangen.
-
-Auf dem Wege dorthin kam er in eine von Bergen und Flüssen
-eingeschlossene Talebene. Fabius war ihm auf dem Fuße gefolgt, hielt
-die Höhen ringsum besetzt und hatte auch den Rückweg nach Samnium
-verlegt. Schon schienen die Karthager verloren zu sein, als Hannibal
-sich der Umschließung durch folgende List zu entziehen wußte. Er befahl
-gegen zweitausend Ochsen aus den erbeuteten Herden zusammenzutreiben,
-ließ ihnen dürre Reisbündel an die Hörner binden und, nachdem diese
-angezündet waren, den ganzen Haufen mit Anbruch der Nacht gegen die
-Anhöhen jagen, die der Feind besetzt hielt. Die römischen Truppen, die
-unten am Ausgange des Tales standen, sahen mit Staunen die eilenden
-Feuerlinien über sich auf den Bergen, und da sie glaubten, die
-Karthager hätten sie umgangen und zögen bei Fackelschein ab, so wichen
-sie seitwärts auf die Anhöhen, während die, welche oben standen, vor
-dem Ansturm der wütenden Tiere flohen. Selbst Fabius wagte es nicht
-seine Stellung auf der andern Seite des Tales zu verlassen. Indessen
-zog Hannibal durch die geöffneten und unbewachten Pässe und entkam so
-der Falle, die ihm Fabius gelegt hatte.
-
-In Rom aber war man über die Weise, wie Fabius den Krieg führte,
-unwillig, und auch im Lager erhob sich lautes Murren über den
-Feldherrn, den sie wegen der Art seiner Kriegsführung spöttisch den
-Zauderer (~cunctator~) nannten. Am meisten suchte sein Reiteroberst
-+Minucius+ den Diktator in ein ungünstiges Licht zu stellen, und als er
-nun gar eines Tages, während der Diktator in Rom beschäftigt war, ein
-glückliches Gefecht geliefert hatte, brachte er es wirklich dahin, daß
-die Diktatur und der Heerbefehl zwischen ihm und Fabius geteilt ward.
-Sie bezogen, jeder mit zwei Legionen, getrennte Lager. Eines Tages
-reizte Hannibal, der die Zwietracht seiner Gegner kannte, das Heer des
-Minucius in einem engen Tale zum Gefecht. Eine plötzlich aus einem
-Hinterhalte hervorbrechende Schar von 5000 Puniern faßte es in Seite
-und Rücken; schon schien seine Vernichtung unvermeidlich, als Fabius,
-der den ganzen Hergang von seinem nahe gelegenen Lager aus beobachtet
-hatte, mit seinen Legionen ausrückte und die bereits siegreichen Feinde
-so bedrängte, daß nicht nur das Heer des Minucius entsetzt wurde,
-sondern auch Hannibal den Rückzug antrat und sich für besiegt erklärte.
-„So habe ich doch einmal,“ sagte er zu den Seinen, „diese Wetterwolke,
-die immer um den höchsten Berggipfel schwebt, in die Tiefe herab
-und zur Entladung gebracht.“ Den Fabius aber begrüßte der beschämte
-Minucius als Vater, und seine Legionen die des Diktators als ihre
-Patrone (Beschützer). Die beiden Lager wurden wieder vereinigt, und
-Minucius verzichtete gern auf den ihm eingeräumten Mitbefehl.
-
-Von da an wurde das Verfahren des Fabius, der den Krieg in die Länge
-zu ziehen und den Feind zu ermüden suchte, als weise anerkannt, der
-Spottname Cunctator ward ihm jetzt zu einem Ehrennamen und der größte
-Dichter jener Zeit, +Quintus Ennius+, pries ihn mit dem Verse:
-
- +Ein+ Mann brachte dem Staat durch klügliches Zaudern Errettung.
-
-
-=6. Die Schlacht bei Cannä= (216).
-
-Die hinhaltende Kriegführung des Diktators hatte auch ihre Nachteile;
-sie erschöpfte die Hilfsmittel des Landes und drohte die Treue der
-darunter leidenden Bundesgenossen ins Wanken zu bringen. Deshalb
-beschloß der Senat, nach Ablauf der Amtszeit des Diktators, wieder
-Konsuln an die Spitze des Heeres zu stellen und dieses in solcher
-Stärke ins Feld zu schicken, daß man hoffen konnte den Krieg mit einem
-Schlage zu beendigen. Statt der bisherigen vier wurden acht überstarke
-Legionen aufgestellt und eine gleiche Anzahl bündnerischer Truppen
-einberufen. Außerdem wurde eine neunte Legion ins Po-Tal geschickt, um
-die bei Hannibal stehenden Gallier zum Abzuge in ihre bedrohte Heimat
-zu bewegen. Niemals hatte Rom eine solche Kriegsmacht aufgestellt. Aber
-die Wahl der neuen Konsuln war nicht glücklich. Neben dem besonnenen
-und kriegserfahrenen +L. Ämilius Paullus+ stand der beim Volk beliebte,
-aber ebenso anmaßende wie unfähige +G. Terentius Varro+.
-
-Hannibal, der im ganzen über 10000 Reiter und etwas mehr als 40000
-Mann Fußvolk verfügte, hatte im Frühjahr 216 eine starke Stellung in
-der kornreichen apulischen Ebene eingenommen, bei +Cannä+ (zwischen
-den heutigen Städten Canōsa und Barletta), südlich des Flusses
-Aufĭdus (Ofanto). Nordwärts standen die beiden Konsuln in gesonderten
-Lagern zu beiden Seiten des Flusses. Hannibal wünschte nichts mehr
-als eine entscheidende Schlacht; denn die Ebene gestattete ihm den
-unbehinderten Gebrauch seiner überlegenen Reiterei, und die Nähe des
-feindlichen Heeres erschwerte ihm die Verpflegung des eigenen. Eben
-deshalb wollte Paullus, der die Lage des Gegners richtig beurteilte,
-den entscheidenden Kampf noch hinausschieben und auf ein den Römern
-günstigeres Schlachtfeld verlegen. Aber der hitzige Varro achtete nicht
-auf seine Vorstellungen, und da sie im Heerbefehl einen Tag um den
-andern wechselten, so führte er an seinem Tage das Heer, gegen 80000
-Mann, zur Schlacht hinaus auf das rechte Flußufer, während ein kleiner
-Teil, 10000 Mann, auf dem linken im Lager zurückblieb.
-
-Beide Schlachtlinien lehnten sich mit einem Flügel an das rechte
-Flußufer, so daß der römische nach Süden stand, der punische nach
-Norden gewandt war. Varro hatte die römischen Reiter am Flusse,
-die der Bundesgenossen auf dem andern Flügel, in der Mitte das
-Fußvolk in tiefen Massen aufgestellt; vor der ganzen Linie standen
-in mäßigen Zwischenräumen die Leichtbewaffneten. Auf dem rechten
-Flügel befehligte Ämilius Paullus, auf dem linken Varro, in der Mitte
-Servilius, der Konsul des vorigen Jahres. Auch Hannibal stellte
-seine Leichtbewaffneten vor die Front, links zunächst am Flusse die
-schwere gallische und spanische Reiterei, auf der andern die leichte
-numidische. Dazwischen bildete das schwerbewaffnete Fußvolk eine
-weite halbmondförmige Linie, in deren Mitte die Gallier und Spanier
-am meisten nach vorn, die Afrikaner nach beiden Seiten mehr zurück
-standen. Diese mittleren Truppen befehligte Hannibal selbst mit seinem
-Bruder Mago, den linken Flügel Hasdrubal, den rechten Hanno.
-
-Es war ein heißer Junitag; glühend blies der Südwestwind den Römern
-ins Gesicht und wirbelte ihnen große Staubwolken entgegen. Die
-Leichtbewaffneten begannen die Schlacht, jedoch auf beiden Seiten ohne
-Entscheidung. Dann aber erfolgte ein blutiger Kampf zwischen den am
-Flusse stehenden Reitern, die in dem engen Raum zum Teil absprangen und
-zu Fuß Mann gegen Mann stritten. Die Römer, völlig geworfen, wurden
-teils niedergemacht, teils in den Fluß getrieben und zersprengt.
-Paullus, schwer verwundet, rettete sich zu dem Fußvolk. Dieses hatte
-inzwischen den Angriff auf die feindliche Mitte siegreich begonnen. Die
-Gallier und Spanier, überwältigt von dem ersten Stoße der Legionen,
-wichen zurück und öffneten die Linie, während die Afrikaner etwas
-weiter seitwärts unbewegt feststanden. Die römische Schlachtlinie,
-die Weichenden verfolgend, drang immer tiefer in den offen gelassenen
-Raum hinein und sah sich auf einmal von den Afrikanern in ihren
-Flanken angegriffen. Indes währte das Gefecht auf dem andern Flügel
-unentschieden fort, bis Hasdrubal von der linken Seite den Puniern zu
-Hilfe kam und auch hier die römische Reiterei zum Weichen brachte.
-Das Verfolgen der Geschlagenen überließ er den Numidern; er selbst
-schwenkte mit seinen Reitern nach der Mitte hin und griff das römische
-Fußvolk im Rücken an. Dieses, nunmehr von allen Seiten eingeschlossen,
-wurde fast bis auf den letzten Mann niedergemacht. Von den 76000
-Mann, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, lagen 70000 auf der
-Walstatt, darunter ein Konsul des vorigen Jahres, über dreißig, die
-andere hohe Staatsämter bekleidet hatten, achtzig Senatoren und auch
-der Konsul Ämilius Paullus selbst. Auch die Besatzung des Lagers, 10000
-Mann, mußte sich großenteils ergeben. Viel geringer war der Verlust auf
-punischer Seite, kaum 6000 Mann.
-
-Als Paullus sich ins Lager zu retten suchte, hatte er sich, von seiner
-Wunde ermattet, auf einen Stein gesetzt und hier den Tod erwartet.
-So traf ihn Lentulus, ein Kriegsoberster, der selbst verwundet aus
-der Schlacht floh, und bot ihm sein eigenes Pferd zur Flucht. Aber
-Paullus schlug es aus und sagte: „Rette dich, edler Freund, sage den
-Vätern, sie sollten Rom verrammeln und stark besetzen, und dem Fabius,
-ich hätte seine Lehren im Leben befolgt und im Tode noch gebilligt.
-Mich laß unter diesen Leichenhaufen meiner Krieger den Tod finden,
-damit ich nicht als Ankläger meines Amtsgenossen aufzutreten brauche.“
-Kaum hatte er dies gesagt, so naheten die Feinde. Lentulus entkam
-durch die Schnelle seines Rosses, der Konsul wurde niedergemacht. Und
-gleichsam als wollte das Schicksal Roms sich in diesem Unglücksjahre
-ganz vollenden, geriet auch jene neunte Legion in einen Hinterhalt der
-Gallier und wurde völlig vernichtet.
-
-Varro entkam mit wenigen Reitern nach Venusia, wohin sich auch eine
-Anzahl der Versprengten und ein kleiner Teil der im Lager Gebliebenen
-rettete. Als er von dort, tief gedemütigt, auf Einladung des Senats
-nach Rom kam, zog ihm dieser vor das Tor entgegen und dankte ihm, daß
-er am Vaterlande nicht verzweifelte.
-
-Die Folge dieser furchtbaren Schlacht war, daß nunmehr viele Städte und
-Landschaften Unteritaliens, sowie alle cisalpinischen Gallier von Rom
-abfielen. Rom war am Rande des Untergangs; stündlich erwartete man den
-Sieger vor den Toren. Aber die Römer zeigten wiederum, daß sie niemals
-größer waren, als im Unglück, und bewiesen eine Stärke der Seele,
-welche die höchste Bewunderung verdient. Niemand sprach von Frieden,
-und die Abgeordneten Hannibals, welche Friedensanträge brachten, ließ
-man nicht einmal in die Stadt, ja sogar den Loskauf der Gefangenen
-lehnte man ab. Hannibal aber marschierte nicht sofort gegen Rom, wie
-ihm Maharbal riet, und mußte deshalb von diesem den Vorwurf hören: „Zu
-siegen verstehst du, aber den Sieg auszunutzen verstehst du nicht.“
-
-
-7. Hannibal und Marcellus.
-
-Mit dem Siege bei Cannä hatte Hannibal den Gipfel seines Glückes
-erstiegen; von nun an sehen wir ihn, obgleich den Römern noch immer
-furchtbar, keine so glänzenden Taten mehr verrichten. Sein Heer
-legte er zum Winterquartier in die große und reiche Stadt Capua,
-deren Bewohner ihn als einen Befreier vom römischen Joche zu sich
-eingeladen hatten. Unter dem milden Himmel Campaniens und durch die
-üppigen Genüsse, die dieses ihm bot, soll das Heer verweichlicht worden
-sein und die alte Kriegszucht und Manneskraft eingebüßt haben. Dazu
-kam, daß Hannibal von Karthago aus ohne Unterstützung blieb, weil
-ihm eine feindliche Partei entgegenarbeitete, obschon zwei Scheffel
-goldener Ringe, die in der Schlacht bei Cannä von den Händen römischer
-Ritter gezogen und nach Karthago geschickt worden waren, eine große
-Begeisterung für den Sieger erweckt hatten.
-
-Dagegen zeigten die Römer bei den härtesten Schlägen des Schicksals
-eine große, unerschütterliche Standhaftigkeit. Neue Legionen wurden
-ausgehoben, und der Prätor +Claudius Marcellus+ war der Erste, unter
-dem die Römer wieder siegen lernten. Der alte Mut kehrte allmählich
-zurück, und wie sie Fabius ihren Schild nannten, so den Marcellus ihr
-Schwert. Er stand mit einem Teil des neuen Heeres bei Nola in Campanien
-und hinderte Hannibal an der Eroberung dieser Stadt. Anfangs hielt
-er seine noch ungeübten Truppen innerhalb der Mauern, dann machte er
-Ausfälle und übte es in kleinen Gefechten; zuletzt überfiel er die
-Feinde in ihrem Lager und erschlug ihrer mehrere Tausende. Im folgenden
-Jahre (215) kam es vor +Nola+ zu einer förmlichen Schlacht, in welcher
-Marcellus den ersten vollständigen Sieg über die Punier erfocht.
-
-
-Nach diesem Siege ward Marcellus von Italien nach einem andern
-Schauplatz des Krieges abgesandt. In Sicilien war die mächtige und
-blühende Stadt +Syrakus+ nach dem Tode ihres Königs Hiero, des treuen
-Bundesgenossen der Römer, von ihnen abgefallen, und Marcellus hatte
-den Auftrag sie wieder zu unterwerfen. Allein die Belagerung zog sich
-bis ins dritte Jahr hin (214-212). Von zwei Seiten, vom Lande und vom
-Hafen aus, versuchte er sie zu erstürmen; aber ein Bürger der Stadt,
-der große Mathematiker +Archimēdes+, erfand Maschinen, durch die er die
-Schiffe und Sturmwerke der Römer vernichtete und alle ihre Versuche
-vereitelte. Die Mauern versah er mit jeder Art von Geschützen, welche
-die feindlichen Schiffe mit Steinkugeln bewarfen; in die Mauer brach er
-von unten bis oben breite Schießscharten, durch welche die Verteidiger
-mit Pfeilen und Handgeschossen den Feind ungesehen überschütteten. Wenn
-römische Schiffe in die Nähe kamen, so ließ er eiserne Ketten mit Haken
-herab, zog durch Hebelkräfte die Schiffe in die Höhe und stürzte sie
-dann wieder ins Meer hinab. Auch soll er Brennspiegel erfunden haben,
-um die feindlichen Schiffe anzuzünden. Durch diese Maschinen fügte
-er den Römern furchtbare Verluste zu und setzte sie so in Angst, daß
-zuletzt alle, wenn nur ein Seil oder Holz sich auf der Mauer zeigte,
-eiligst die Flucht ergriffen. Aber endlich wurde Marcellus doch auf
-folgende Weise Herr der Stadt.
-
-Einst unterhandelten die Syrakusaner von einem Turme herab mit den
-Römern. Einer von diesen zählte dabei die Quadersteine der Mauer und
-merkte sich ihre Größe. Daraus berechnete man ihre Höhe an dieser
-Stelle und verfertigte Leitern zum Ersteigen. Als nun das dreitägige
-Fest der Göttin Artĕmis (Diána) in der Stadt gefeiert wurde, und die
-Bürger nach den Festmahlen des Tages sich zur Ruhe gelegt hatten,
-erstiegen tausend der kühnsten Krieger die bezeichnete Mauerstelle,
-töteten die hier aufgestellten Wachen und erbrachen das nächste Tor,
-durch welches Marcellus mit dem Heere eindrang. Den Bürgern ward Leben,
-Freiheit und Wohnung gesichert und nur das bewegliche Gut geplündert.
-Eine Menge von Kunstwerken und Schätzen ward nach Rom geschleppt.
-Der große Archimedes soll im Getümmel seinen Tod gefunden haben. Ein
-Krieger, der ihn nicht kannte, stürmte in sein Haus und fand ihn in das
-Zeichnen von Sandfiguren vertieft. „Zertritt mir meine Kreise nicht!“
-rief er ärgerlich dem Manne zu, worauf dieser ihn erschlug. Gern hätte
-ihm Marcellus das Leben erhalten; den Toten ehrte er durch ein Denkmal.
-
-
-Inzwischen hatte der Krieg auch in Italien nicht geruht. Zwar hatte
-Hannibal die wichtige Seestadt Tarent durch Verrat genommen (212),
-dagegen mußte er sehen, wie Capua von einem römischen Heere aufs
-härteste bedrängt wurde. Um diese Stadt von dem Belagerungsheere zu
-befreien, unternahm er einen Zug gegen Rom, und schlug eine Meile vor
-der Ostseite der Stadt sein Lager auf (211). Von einer Anhöhe herab
-betrachtete er die Lage und die Mauern der Stadt, und eine Sage ging,
-er habe eine Lanze in eine der nächsten Straßen geschleudert. Zweimal
-stand er dem römischen Heere kampfbereit gegenüber, und zweimal nötigte
-ein Ungewitter mit furchtbarem Hagel- und Regenguß die Heere in ihre
-Lager zurückzukehren, während das heiterste Wetter eintrat, sobald
-sie sich getrennt hatten. Darin erkannten selbst die Punier einen
-Götterwink, und Hannibal trat den Rückweg an. Aber noch lange nachher
-erhielt sich im Volke der Eindruck des Schreckensrufs: „Hannibal vor
-den Toren!“
-
-Nun gab Hannibal die Stadt Capua ihrem Schicksal preis. Die Belagerten
-erkannten ihren hoffnungslosen Zustand und beschlossen die Übergabe; da
-trat ein Mann, namens Vibius Virrius, der am meisten zum Abfall von Rom
-geraten hatte, hervor und sagte: „Von dem erbitterten Feinde ist keine
-Gnade zu hoffen; retten kann uns nur der Tod. Wer von euch den Mut hat
-dies Ende auf sich zu nehmen, der komme heute zu mir als Gast. Habt
-ihr euch da an Speise und Trank gelabt, so will ich euch einen Becher
-bieten, der von aller Schmach erretten soll.“ Siebenundzwanzig folgten
-ihm zu diesem Totenmahle, bei dem sie sich erst mit Wein berauschten,
-dann das Gift, das er ihnen reichte, tranken, sodaß sie vor dem Einzuge
-der Feinde den Geist aufgaben. Die Stadt aber erfuhr eine furchtbare
-Züchtigung. Siebzig Ratsherren wurden hingerichtet, dreihundert der
-edelsten Campaner starben im Kerker, eine Menge Bürger wurde verkauft,
-und Capua fortan als ein untertäniger, des Stadtrechts entkleideter Ort
-behandelt. Gleiche Strenge erfuhren mehrere kleinere Städte Campaniens
-als Strafe für ihren Abfall, und die treu gebliebenen fühlten sich in
-ihrem Widerstand gegen den Feind eines glücklichen Ausgangs sicher.
-
-Dieser Kampf dauerte in den südlichen Teilen Italiens mit wechselndem
-Glück noch Jahre lang fort, ohne eine Entscheidung herbeizuführen.
-Marcellus, der Eroberer von Syrakus, wiederholt zum Konsul gewählt,
-führte ihn mit der ihm eigenen Umsicht und Zähigkeit, bis er in einem
-ihm gelegten Hinterhalt den Tod fand (208). Zwei Jahre nach Capuas
-Fall ward auch Tarent von dem Konsul Q. Fabius -- es war das fünfte
-Konsulat des 80jährigen Helden -- erstürmt und mit furchtbarer Härte
-für den Abfall gestraft. Hannibals Versuch, die unglückliche Stadt zu
-schützen, kam zu spät.
-
-
-=8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama.= (202).
-
-Da Hannibal ohne Unterstützung von Karthago blieb, so setzte er seine
-Hoffnung auf das an Hilfsmitteln unerschöpfliche Spanien, von wo ihm
-seine Brüder Hasdrubal und Mago zu verschiedenen Malen neue Truppen
-zuzuführen suchten. Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn. Hasdrubal
-war schon mit einem starken Heere, dem letzten, das er in Spanien hatte
-sammeln können, über die Alpen nach Italien und am östlichen Apennin
-entlang bis in die Landschaft Picenum gelangt, wo ihm der Konsul Livius
-Salinator entgegentrat. Auf die Kunde hiervon eilte auch der andere
-Konsul Claudius Nero, der in Unteritalien Hannibal gegenüber im Lager
-stand, bevor dieser von der Ankunft seines Bruders Nachricht erhalten,
-in raschem Zuge seinem Amtsgenossen zu Hilfe. Vereinigt schlugen und
-vernichteten sie bei Sena Gallica am Flusse Metaurus, im Jahre 207,
-das feindliche Heer. Als Hasdrubal die Niederlage der Seinen erkannte,
-stürzte er sich unter die Feinde und kämpfte, bis er den Tod fand.
-Darauf kehrte Nero in sein altes Lager zurück und ließ, wie erzählt
-wird, das blutige Haupt Hadrubals unter die feindlichen Vorposten
-schleudern. Als Hannibal seines Bruders Kopf erkannte und seine letzte
-Hoffnung geschwunden sah, soll er in bitterem Schmerze ausgerufen
-haben: „Daran erkenne ich Karthagos Schicksal!“
-
-In den letzten Jahren behauptete sich Hannibal nur noch im Gebiete der
-ihm treuen Bruttier und verfuhr nur verteidigungsweise. Endlich ward er
-vom Rate zu Karthago zum Schutze der Vaterstadt zurückgerufen, da die
-Römer in Afrika gelandet waren und Karthago selbst bedrängten. Hannibal
-zögerte nicht dem Ruf zu folgen; denn seine Rolle in Italien war
-ohnehin zu Ende. In Kroton (Cortona) bestieg er mit dem Reste seines
-Heeres die Schiffe und verließ den Schauplatz seines sechzehnjährigen
-Kampfes (203). Ebenso wurde sein jüngster Bruder Mago, der seit
-drei Jahren in Norditalien sich festgesetzt und behauptet hatte,
-heimgerufen, starb aber auf der Fahrt an einer Verwundung.
-
-In Rom atmete man auf, als der gewaltige „libysche Löwe“ endlich den
-italischen Boden freiwillig verließ. Bei diesem Anlaß ward dem einzig
-überlebenden der Feldherren, die gegen ihn gefochten hatten, dem bald
-90jährigen Quintus Fabius von Senat und Bürgerschaft die höchste Ehre
-erwiesen, die ein Bürger erreichen konnte. Er empfing den Graskranz,
-den nach alter Sitte das Heer seinem Feldherrn darbrachte, dem es seine
-Rettung zu verdanken hatte. Noch in demselben Jahre starb der alte Held.
-
-Der Feldherr aber, der den Krieg nach Afrika verlegt hatte, war
-+Publius Cornelius Scipio+, der Sohn jenes Scipio, der im Treffen
-am Ticinus verwundet worden war. Sein Vater und sein Oheim hatten,
-nachdem sie fast ganz Spanien erobert hatten, zuletzt im Kampfe gegen
-Hannibals Bruder Hamilkar schwere Niederlagen erlitten und selber den
-Tod gefunden (211), und so hoffnungslos schien damals die Lage der
-Römer auf dieser Halbinsel, daß in Rom jeder den Oberbefehl in diesem
-gefahrvollen Kriege ablehnte. Nur der erst siebenundzwanzigjährige
-Publius Scipio bot dem Vaterlande seine Dienste an. Er hatte noch nicht
-das zu Staatsämtern erforderliche Alter erreicht, aber der aus schönem
-Körper hervorleuchtende hohe und stolze Geist, seine Begierde den Tod
-des Vaters zu rächen und seine schon bewährte Tapferkeit bestimmten
-den Senat dem edlen Jüngling den Heerbefehl zu übertragen. Im Jahre
-211 ging er, den die Römer mit dem Kriegsgott selber verglichen, nach
-Spanien, um dieses wichtige Gebiet dem Feinde zu entreißen.
-
-Hier fand er ein niedergeschlagenes und zerrüttetes Heer, dem er erst
-Mut und Vertrauen einflößen mußte. Schon 210 eroberte er Neukarthago
-und gewann unermeßliche Beute. Die Geiseln, welche die Karthager für
-die Treue der Spanier hier aufbewahrten, behandelte er mit großer
-Freundlichkeit und Schonung. Unter ihnen befand sich eine Jungfrau
-von ausgezeichneter Schönheit. Er fragte sie nach ihren Eltern und
-ihrer Heimat. Sie sagte ihm, sie sei die Tochter eines keltiberischen
-Häuptlings und die Braut des Allucius, eines keltiberischen Fürsten.
-Sogleich ließ Scipio ihre Eltern und ihren Bräutigam herbeikommen. Sie
-naheten sich in banger Ungewißheit, aber Scipio beruhigte sie: „Hier
-ist deine Braut“, sprach er zu Allucius, „nimm sie unverletzt und ohne
-Lösegeld zurück, und werde ein Freund der Römer!“ Da ergriff Allucius,
-von Dankgefühl und Freude hingerissen, die Rechte des Scipio und bat
-die Götter solchen Edelmut würdig zu belohnen. Auch die Eltern des
-Mädchens waren tief gerührt. Sie hatten ein großes Lösegeld mitgebracht
-und baten ihn dies als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit anzunehmen. Scipio
-nahm das Geld, wandte sich noch einmal an Allucius und sagte: „Zu der
-Mitgift, die du von deinem Schwiegervater erhalten wirst, nimm von mir
-dieses Hochzeitsgeschenk.“ Freudig kehrte der glückliche Bräutigam
-mit den Seinigen zurück, und indem er überall das Lob des Scipio
-verbreitete, brachte er seine Mitbürger auf die Seite der Römer. „Ein
-Jüngling,“ sagte er zu den Keltiberern, „ist nach Spanien gekommen,
-ganz den Göttern ähnlich, der nicht bloß durch Waffen, sondern auch
-durch Milde und Wohltun alles besiegt.“
-
-Nachdem Scipio in sechsjährigem Kriege die karthagische Macht in
-Spanien völlig vernichtet und die Einwohner teils mit Waffengewalt,
-teils durch kluge Großmut und Milde unter römische Botmäßigkeit
-gebracht hatte, kehrte er sieggekrönt nach Rom zurück (205), wo
-ihm das Konsulat für das folgende Jahr übertragen wurde. Er ging
-nach Sizilien und traf hier gewaltige Zurüstungen zu einem Zuge
-nach Afrika, an dessen Küste er im Jahre 204 landete. Die Karthager
-hatten ein bedeutendes Heer unter Hasdrubal und Syphax, dem König
-von Westnumidien. Aber Scipio wußte durch eine List ihr Lager
-auszukundschaften, steckte es bei einem nächtlichen Überfall in Brand
-und rieb fast das ganze Heer auf. Auch in einer zweiten Schlacht schlug
-er die Feinde. Da riefen die Karthager, im eigenen Lande gefährdet,
-ihren Feldherrn Hannibal zurück.
-
-Der gefürchtete Held erschien in Afrika und bezog bei +Zama+, fünf
-Tagereisen von Karthago, ein Lager (202). Vor der Schlacht wünschte
-er, da er wohl einen unglücklichen Ausgang voraussah, eine Unterredung
-mit Scipio, um über den Frieden zu verhandeln. Sie ward ihm gewährt.
-Auf einer Ebene unweit von Zama kamen beide Feldherrn zusammen. Sie
-gerieten beim ersten Anblick in solches Erstaunen, daß sie sich
-eine Zeit lang schweigend betrachteten. Beide hatten sich noch
-niemals gesehen und doch schon so viel von einander gehört. Beide
-waren die größten Feldherrn ihrer Zeit, aber in ihrem Äußeren weit
-verschieden. Hannibal, damals fünfundvierzig Jahre alt, zeigte ein
-finsteres, schwermütiges Antlitz; die Mühseligkeiten seiner langen und
-wechselvollen Feldzüge hatten ihre tiefen Spuren darin zurückgelassen.
-Scipio hingegen, damals in einem Alter von fünfunddreißig Jahren, war
-ein Muster männlicher Schönheit. Nach langem Schweigen fing endlich
-Hannibal die Unterredung an. Er sprach zuerst von der Veränderlichkeit
-des Glücks und seinen eigenen Schicksalen; dann riet er Scipio, er möge
-dem Glücke, das ihm jetzt lächele, nicht zu sehr vertrauen, und einen
-sicheren Frieden einem ungewissen Kampfe vorziehen. Hierauf legte er
-ihm seine Friedensbedingungen vor; er versprach im Namen der Karthager
-Spanien, Sardinien und alle anderen Inseln zwischen Afrika und Italien
-den Römern abzutreten. Scipio aber verwarf diese Bedingungen und
-forderte vollständige Unterwerfung der Karthager. Da Hannibal diese
-nicht versprechen wollte noch konnte, so schied man ohne Ergebnis von
-einander, um sich zum Entscheidungskampfe zu bereiten.
-
-Am folgenden Tage stellte Scipio die drei Linien seines Fußvolkes
-in die Mitte, und zwar in durchbrochenen Gliedern, um den achtzig
-Elefanten, welche Hannibal vor seiner Schlachtlinie aufstellte, Raum
-zum Durchbrechen zu lassen. Auf dem linken Flügel stand die italische
-Reiterei, auf dem rechten +Massinissa+, der mit den Römern verbündete
-König von Ostnumidien, an der Spitze seiner numidischen Reiter. Auch
-Hannibal ordnete sein Fußvolk in drei Linien. Vorn, gedeckt durch die
-Reihe der Elefanten, die karthagischen Soldtruppen, hinter diesen
-die libyschen Truppen, und darauf die Veteranen, die er aus Italien
-hergeführt hatte. Auf den beiden Flügeln standen wie üblich die
-Reitergeschwader.
-
-Gleich beim Beginn des Treffens wurden die Elefanten durch das
-Kampfgeschrei und die Feldmusik der Römer, dann durch einen Hagel von
-Geschossen scheu, brachen durch die Lücken der römischen Aufstellung
-und warfen sich auf die Reiterei des eigenen Heeres. Diese geriet in
-Unordnung und ergriff, als jetzt die römische zum Angriff vordrang,
-die Flucht. So wurden gleich anfangs die Flügel des punischen Heeres
-entblößt. Aber auch die Leichtbewaffneten in der ersten und zweiten
-Linie der Karthager wurden nach kurzem Gefecht auf die Hauptkolonne
-zurückgeworfen. Ganze Haufen von Erschlagenen lagen der vordringenden
-ersten Linie der Römer im Wege und hinderten sie im weiteren
-Vorrücken. Da ließ Scipio die zweite und dritte Linie eine Schwenkung
-machen und in die Flanken des Feindes vordringen. Gleichwohl hielt das
-punische Heer, von Hannibal rasch wieder gesammelt und geordnet, und
-zumal seine italischen Kerntruppen noch tapfer stand, bis die römische
-Reiterei von der Verfolgung der punischen zurückkam und dem Fußvolk in
-den Rücken fiel. Dies entschied die Niederlage der Punier; 20000 lagen
-tot auf dem Schlachtfelde, etwa ebenso viele wurden gefangen. Hannibal
-selbst entkam mit wenigen Reitern. Er erkannte, daß fortan jeder
-Widerstand vergeblich sei, und riet in Karthago dringend zum Frieden.
-
-Der Friede kam auf folgende Bedingungen zustande (201): die Karthager
-behalten nur ihr Gebiet in Afrika, bezahlen 10000 Talente (über 47
-Mill. Mark) in 50 Jahren, liefern ihre 500 Kriegsschiffe bis auf 10
-aus, ebenso die Elefanten, und dürfen ohne Roms Genehmigung keinen
-Krieg anfangen. Damit war die Macht und die Vorherrschaft Karthagos im
-westlichen Mittelmeer gebrochen. Sicilien und die iberische Halbinsel
-standen fortan als die ersten Provinzen des erstehenden römischen
-Reiches (~imperium~) unter der Verwaltung römischer Statthalter. Nicht
-lange, so gerieten auch die Küstenländer des östlichen Mittelmeeres
-unter die Hoheit dieses Reiches.
-
-Nach seiner Rückkehr feierte Scipio in Rom einen Triumph, der alle
-früheren an Bedeutung und Glanz übertraf, und erhielt den Ehrennamen
-+Africanus+.
-
-
-9. Hannibals und Scipios Ausgänge.
-
-Nach Abschluß des Friedens war Hannibal rastlos bemüht die durch den
-langen Krieg erschöpften Kräfte seiner Vaterstadt wieder herzustellen
-und einer besseren Zeit, auf die er immer noch hoffte, vorzusorgen. Vor
-allem verwaltete er die Einkünfte und Ausgaben des Staates so weise und
-sparsam, daß nicht nur die außerordentliche Kriegssteuer regelmäßig
-an die Römer bezahlt wurde, sondern sogar noch ein Überschuß blieb.
-Aber unter den Bürgern fehlte es ihm nicht an mächtigen Feinden, die,
-von den Römern heimlich ermuntert, auf sein Verderben sannen. Um ihren
-Nachstellungen zu entgehen, verließ er nach vier Jahren sein Vaterland
-und ging zu +Antiochus+, dem König von Syrien, mit dessen Hilfe er
-aufs neue einen Kampf gegen Rom zu beginnen hoffte. Dieser mächtige
-König geriet einige Jahre später in Krieg mit Rom, den er auf Hannibals
-Rat in Griechenland und Italien zu führen beschloß. Aber statt mit
-aller Macht nach Italien zu gehen, zögerte er in Griechenland, bis ein
-römisches Heer dort erschien und ihn bei +Thermopylä+ besiegte, worauf
-er eiligst nach Asien zurückkehrte (191). Hier trat ihm im folgenden
-Jahre der römische Konsul +Lucius Cornelius Scipio+ entgegen, dem sein
-Bruder Publius, der Sieger von Zama, als Berater und eigentlicher
-Leiter des Feldzugs beigegeben war. Die entscheidende Schlacht erfolgte
-in Lydien bei +Magnesia+ am Berge Sípylos (190).
-
-Den Angriff machten die Syrer mit ihren furchtbaren Sichelwagen.
-Aber die römischen Schleuderer und Bogenschützen scheuchten die
-Pferde derselben durch ihre Geschosse und ihr Geschrei, sodaß sich
-diese mit den Wagen wendeten und auf den einen syrischen Flügel
-einstürmten, und als hier durch die Fliehenden eine Lücke entstand,
-drangen die römischen Reiter ein und brachten denselben samt dem
-ganzen Mitteltreffen in Verwirrung. Auf dem rechten Flügel dagegen war
-Antiochus schon nahe daran das römische Lager zu erobern, als er von
-der dort aufgestellten Besatzung so empfangen wurde, daß er sein Pferd
-zur Flucht wandte und den Römern das Schlachtfeld überließ. Von den
-Syrern waren 50000, von den Römern nur einige hundert Mann gefallen.
-
-Antiochus, gänzlich geschlagen, mußte in einem schimpflichen Frieden
-Kleinasien bis an das Gebirge Taurus abtreten und 15000 Talente (über
-70 Millionen Mark) zahlen. Auch gehörte zu den Friedensbedingungen
-Hannibals Auslieferung. Dieser floh aber zu +Prúsias+, dem König
-von Bithynien, der ihn sehr freundlich aufnahm und mit einer Burg
-beschenkte. Hier lebte er eine Zeitlang in Frieden, richtete aber seine
-Wohnung so ein, daß sie nach jeder Seite einen Ausgang hatte; denn er
-zweifelte ebenso sehr an der beharrlichen Treue des Königs, als er von
-dem Hasse der Römer gegen sich alles fürchtete. Und er irrte sich nicht.
-
-Als die Römer von dem Aufenthalte ihres größten Feindes Nachricht
-erhalten hatten, schickten sie eine Gesandtschaft zu Prusias, an deren
-Spitze Flaminius stand. Dieser bat den König um die Auslieferung
-Hannibals. Der König scheute sich das Gastrecht zu verletzen, er
-fürchtete aber nicht minder das Gesuch abzuschlagen. Er ließ daher
-die Römer selbst hingehen, um sich Hannibals zu bemächtigen. Eines
-Tages sah dieser sein Haus auf allen Seiten von Bewaffneten umringt
-und keinen Ausweg zur Flucht mehr übrig. Eingedenk seiner großen
-Vergangenheit wollte er sich nicht lebendig gefangen geben. „So will
-ich denn endlich die Römer“, rief er aus, „von ihrer Angst befreien, da
-sie den Tod eines alten Mannes doch nicht erwarten können!“ Darauf nahm
-er das Gift, das er schon längst bei sich zu führen gewohnt war, und
-starb, wie er gelebt hatte, voll Haß gegen die Römer (183), einer der
-größten Feldherrn der alten wie der neuen Zeit, der furchtbarste Feind,
-den Rom je zu bestehen hatte.
-
-In demselben Jahre endete auch das Leben seines großen Gegners Publius
-Scipio, des Siegers von Zama. Auch dieser war dem Neide und der
-Mißgunst seiner Mitbürger nicht entgangen. Er war als Unterfeldherr
-seinem schwächlichen und wenig begabten Bruder Lucius im Krieg gegen
-Antiochus nach Asien gefolgt, nach dessen siegreichem Ausgang jener
-den Ehrennamen Asiaticus erhielt. Nach seiner Rückkehr wurde er nebst
-seinem Bruder, auf Anstiften des +Cato+, angeklagt, sie wären von
-Antiochus bestochen worden, um ihm einen milden Frieden zu gewähren,
-und hätten einen Teil der Beute unterschlagen. Viele ehrliche, aber
-allzu argwöhnische Bürger mißbilligten zwar eine solche Anklage gegen
-einen so verdienstvollen Mann; dennoch ward Scipio von den Tribunen
-vor das Volksgericht geladen. Und er erschien am bestimmten Tage, aber
-wie ein Triumphator, das Haupt bekränzt, von zahlreichen Freunden
-und Anhängern begleitet. Mitten durch die Versammlung schritt er zur
-Rednerbühne. Aber anstatt sich gegen den schmählichen Vorwurf der
-Bestechlichkeit und der Unterschlagung zu verteidigen, zerriß er
-vor den Augen des Volkes die Rechnungen über seine und des Bruders
-Amtsführung, und rief: „An diesem Tage habe ich einst Hannibal bei
-Zama geschlagen und Karthago euch zinsbar gemacht. Laßt uns nicht
-undankbar gegen die Götter sein! Auf! gehen wir aufs Kapitol, um ihnen
-zu danken!“ Mit diesen Worten verließ er die Bühne und stieg zum nahen
-Kapitol hinan. Alles Volk brach in Beifall aus und folgte ihm, nur die
-Tribunen blieben, beschämt und verhöhnt, allein auf dem Platz zurück.
-Scipio wurde von dem Volke zuerst auf das Kapitolium, dort zum Tempel
-des Jupiter und endlich in seine eigene Wohnung zurückbegleitet. So
-ward dieser Tag der Anklage für ihn fast noch ehrenvoller als der Tag
-seines Triumphes.
-
-Da aber die Anfeindungen seiner Neider und Gegner gleichwohl nicht
-nachließen, so erfüllte sich das Gemüt des stolzen Mannes mit solcher
-Bitterkeit, daß er nicht mehr inmitten so vieler Undankbarkeit weilen
-mochte: er verließ Rom und zog sich auf sein Landgut Liternum in
-Campanien zurück. Aber der Haß der Tribunen verfolgte ihn auch hier.
-Sie erneuerten ihre Anklage; vergebens entschuldigte ihn sein Bruder
-durch eine Krankheit. Erst als Tiberius Gracchus, sonst ein Feind der
-Scipionen, eine solche Anklage für eine des römischen Staates unwürdige
-Handlung erklärte, ließen die Tribunen davon ab. Scipio aber verlebte
-den Rest seiner Tage in Liternum, ohne je nach Rom zurückzukehren. Ja
-der Groll gegen seine Vaterstadt war so groß, daß er seiner Gattin
-befahl seinen Leichnam nicht in dem Grabmal der Scipionen an der
-appischen Straße, nahe vor Rom, sondern in Liternum beizusetzen und
-dort auf sein Grab die Worte zu schreiben: „Undankbare Vaterstadt, auch
-meine Gebeine sollst du nicht haben!“
-
-
-
-
-XXI.
-
-Kriege gegen Makedonien. Ämilius Paulus. -- Der jüngere Scipio
-Africanus. Karthagos Zerstörung.
-
-
-Nachdem die Römer aus dem zweiten punischen Kriege, der anfangs ihren
-Staat mit dem Untergang bedroht hatte, siegreich hervorgegangen waren,
-dehnten sie ihre Eroberungen auch nach Osten aus, wo sie den Kampf
-mit den aus Alexanders des Großen Weltmonarchie entstandenen Reichen
-begannen. Schon ehe Lucius Scipio, wie bereits erwähnt, Antiochus,
-den König von Syrien, bei Magnesia besiegte, war Philippus III. von
-Makedonien, der im punischen Kriege auf Hannibals Seite getreten war,
-in der Schlacht bei +Kynosképhalä+ in Thessalien, wo die berühmte
-makedonische Phalanx den römischen Legionen gegenübertrat, von
-+Quinctius Flamininus+ geschlagen worden (197). Im Frieden mußte
-Philippus alle seine Eroberungen in Griechenland herausgeben, worauf
-Flamininus, für griechische Bildung begeistert, bei den isthmischen
-Spielen Griechenlands Freiheit verkündigte. Die Griechen sollten fortan
-nach eigenen Gesetzen leben, keine fremde Besatzung im Lande haben und
-keinen Tribut bezahlen.
-
-König Philipp suchte zwar den Frieden mit dem stetig vordringenden
-Rom solange als möglich zu erhalten, erkannte aber die seinem Reiche
-von dort dräuende Gefahr und traf alle Vorbereitungen zu einem neuen
-Kriege, der auch bald nach seinem Tode unter seinem Sohne +Perseus+ zum
-Ausbruch kam. Die Römer führten diesen Krieg in den ersten Jahren sehr
-lässig, und erst +Ämilius Paullus+ erzwang durch den entscheidenden
-Sieg bei +Pydna+ die Unterwerfung Makedoniens (168).
-
-Kurz vor dieser Schlacht trat eine Mondfinsternis ein, die ein
-römischer, der Astronomie kundiger Oberst, Sulpicius Gallus, dem Heere
-vorhergesagt und erklärt hatte, damit sie dieselbe nicht für ein
-böses Vorzeichen halten möchten, während die Makedoner sie für ein
-Unglückszeichen hielten und vor Angst laut schrieen. Als die Schlacht
-begann, bot der starre Lanzenwald der dichtgeschlossenen makedonischen
-Phalanx den Römern einen so furchtbaren Anblick dar, daß es lange Zeit
-nicht gelingen wollte die Legionen zum Angriff heranzubringen. Erst
-als Ämilius hier und da Lücken bemerkte, befahl er in Keilstellung
-sich in die Lücken einzudrängen, und während die Elefanten den einen
-seiner Flügel zum Weichen brachten, sprengte er selbst mit einer Legion
-die Mittelstellung des Feindes. So ward der Sieg in +einer+ Stunde
-entschieden; 20000 Makedoner bedeckten das Schlachtfeld, 11000 wurden
-gefangen. Bald darauf war Perseus genötigt sich mit den Seinigen den
-Römern zu ergeben.
-
-Ämilius Paulus feierte zu Rom einen dreitägigen Triumph und brachte
-eine unermeßliche Beute heim. In allen Straßen und auf allen freien
-Plätzen waren Schaugerüste für das Volk errichtet; alle Tempel
-waren geöffnet und strömten, mit Kränzen geschmückt, den Duft des
-köstlichsten Weihrauchs aus. Am ersten Tage wurden die erbeuteten
-Gemälde, Bildsäulen, Vasen und sonstiges Kunstgerät auf 250 Wagen
-aufgeführt. Am zweiten Tage wurden die eroberten Waffen und Rüstungen
-im hellsten Glanze und in kunstreicher Anordnung umhergefahren,
-darauf 750 Gefäße mit gemünztem Silber, zuletzt die kunstvollsten
-Silbergeräte der verschiedensten Art, von zahlreichen Trägern
-vorübergetragen. Am dritten Tage eröffneten 120 bekränzte Opferstiere
-den Zug; ihnen folgten festlich geschmückte Knaben und Jünglinge mit
-Opfergefäßen; dann kam des Perseus Schatz und sein Wagen mit dem Diadem
-und Waffenschmuck, endlich seine Kinder, Perseus selbst mit verstörtem
-Gesicht, samt seiner Gemahlin und Verwandtschaft. Alsdann wurden
-400 goldene Ehrenkronen, welche die griechischen Städte dem Sieger
-gewidmet hatten, vorbeigetragen. Den Schluß machte Ämilius selbst auf
-einem mit vier weißen Rossen bespannten Triumphwagen in goldgesticktem
-Purpurgewand, einen Lorbeerzweig in der Hand, und hinter ihm das
-siegreiche Heer.
-
-Perseus endete in römischer Gefangenschaft. Makedonien wurde in vier
-gänzlich von einander getrennte Gemeinwesen geteilt. Mit dem Siege bei
-Pydna war Roms Oberherrschaft auf der Balkanhalbinsel entschieden.
-
-
-Bei all diesen Erfolgen aber blieb die Aufmerksamkeit der Römer auch
-auf Karthago gerichtet, das, an günstigster Stelle der afrikanischen
-Nordküste gelegen, durch seinen Handel, durch die Fruchtbarkeit und den
-Reichtum des Landes sich von neuem zu einem Wohlstand erhoben hatte,
-welcher den Neid und das Mißtrauen der Römer erregte. Sie ruhten nicht
-eher, als bis die alte Nebenbuhlerin gänzlich vernichtet war. Der Ruhm,
-Rom von dieser noch immer nicht ungefährlichen Stadt befreit zu haben,
-fiel dem Publius +Cornelius Scipio Ämilianus+ zu.
-
-Dieser Mann war der Sohn jenes Ämilius Paullus, der den makedonischen
-König Perseus überwunden hatte. Er war ein tapferer und einsichtiger
-Soldat, wenn auch kein großer Feldherr, von reiner edler Sinnesweise,
-von einer Bildung, die ihn über alle seine Standesgenossen erhob, ein
-Kenner und Freund hellenischer Kunst, Literatur und Wissenschaft.
-Er war von dem kinderlosen Sohne des großen Scipio an Sohnes statt
-angenommen, führte deshalb nach römischer Sitte dessen Namen und
-außerdem, zur Erinnerung an sein väterliches Geschlecht den Beinamen
-Ämilianus. Nachdem er während der Belagerung Karthagos sich als der
-tüchtigste Offizier des Heeres bewährt hatte, wurde ihm der Oberbefehl
-übertragen. Dieser Krieg aber hatte folgende Veranlassung.
-
-+Massinissa+, König von Numidien, den die Römer den Karthagern zum
-Nachbar und Aufseher hingestellt hatten, beunruhigte diese unaufhörlich
-und nahm ihnen Provinzen und Städte weg. Die wiederholten Klagen der
-Karthager fanden in Rom kein Gehör. Als sie endlich gegen ihn zu den
-Waffen griffen, sah der römische Senat darin eine Verletzung des
-Friedens. Der Mann, der fortwährend im Senate zur Zerstörung Karthagos
-aufreizte, war der schon oben (S. 90) erwähnte +Marcus Porcius Cato+.
-
-Dieser Mann übte in Rom einen großen Einfluß auf den Senat wie auf das
-Volk. Als Bauer im Sabinerlande geboren, war er Zeit seines Lebens von
-derben bäuerischen Sitten geblieben, und ein erbitterter Feind der
-feineren griechischen Bildung und der damit verbundenen Sittenänderung.
-Wie er im punischen und makedonischen Kriege sich in vielen Schlachten
-hervorgetan, so war er auch im Frieden unermüdlich im Dienste des
-Staates und erreichte die höchsten Ämter. Als Zensor übte er gegen alle
-Bürger, selbst die vornehmsten, welche sich ihres Standes unwürdig
-benommen hatten, eine unnachsichtige Strenge. Man nennt ihn deshalb,
-zum Unterschiede von dem gleichnamigen Gegner Cäsars, Censorius. Zur
-Prüfung einer Streitsache zwischen Karthago und Massinissa war er nach
-Afrika geschickt worden, und sah mit Erstaunen und Sorge, wie sehr sich
-die Stadt in dem halben Jahrhundert des Friedens wieder gehoben hatte.
-Handel und Verkehr blühten, die Volkszahl war so groß wie ehemals, der
-Kriegshafen voll von Schiffen und die Zeughäuser angefüllt mit Waffen
-und aller Art von Kriegsgerät. Seit dieser Zeit stimmte Cato für die
-Zerstörung Karthagos und fügte jedem Vortrage, den er im Senat hielt,
-die Worte hinzu: „Übrigens bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört
-werden muß.“ Einst brachte er einige Feigen in die Senatsversammlung.
-Als die Senatoren deren Größe und Schönheit bewunderten, sagte er:
-„Diese Feigen sind erst vor drei Tagen in Karthago gepflückt worden; so
-schöne Frucht trägt dies feindliche Land, und so nahe sind wir ihm.“
-Durch solche und ähnliche Künste suchte Cato den Senat für seinen
-Vorschlag zu gewinnen.
-
-Vergeblich erhob sich im Senat ein lebhafter Widerspruch gegen ein so
-ungerechtes und zugleich unkluges Verfahren. Man besorgte mit Recht,
-daß die Kräfte der Römer erschlaffen oder sich gegen den Staat selbst
-richten würden, wenn sie nicht mehr durch Furcht vor der Nebenbuhlerin
-angespannt oder nach außen geleitet würden. Endlich drang jedoch
-Cato mit seiner Meinung durch. Als bald darauf Karthago, durch die
-unablässigen Übergriffe Massinissas gereizt, sich mit Waffengewalt
-gegen ihn erhob, benutzte der römische Senat diesen Anlaß, um die Stadt
-des Friedensbruches anzuklagen, und die Konsuln erhielten den Befehl,
-von Sicilien aus nach Afrika zu gehen und den Krieg gegen Karthago zu
-beginnen (149).
-
-Als die Karthager davon hörten, gerieten sie in die größte Bestürzung.
-Im Gefühl ihrer Schwäche schickten sie zu wiederholten Malen Gesandte
-nach Rom und unterwarfen sich gänzlich dem Willen der Römer. Der
-Senat nahm ihre Unterwerfung an und befahl ihnen dreihundert Geiseln,
-Söhne ihrer vornehmsten Bürger, nach Sicilien zu bringen und den
-Konsuln Folge zu leisten. Die Geiseln wurden gestellt, aber die
-Konsuln segelten gleichwohl mit ihrem Heere nach Afrika. Bei der
-Ankunft eines so großen Heeres schickten die Karthager von neuem eine
-Gesandtschaft an die Konsuln, um sie zu fragen, was sie tun sollten,
-und mit dem Versprechen, daß sie alles zu tun bereit wären. Die Konsuln
-verlangten, die Karthager sollten ihre vorrätigen Schiffe, Waffen und
-Kriegsmaschinen ausliefern. Die Karthager stellten ihnen vor, daß sie
-von inneren und äußeren Feinden umgeben wären und also ihrer Waffen
-bedürften. Allein die Konsuln antworteten in stolzem Tone: „Rom wird
-für eure Sicherheit sorgen.“ Und Karthago gehorchte noch einmal. Die
-Schiffe wurden verbrannt, die Kriegsgeräte ausgeliefert. Ihre Zahl soll
-sich auf 200000 schwere Rüstungen und 3000 Katapulten (Wurfmaschinen)
-belaufen haben. Hierauf riefen die Konsuln die vornehmsten Senatoren
-der Karthager zu sich, um ihnen die letzten Befehle des römischen
-Senats zu eröffnen. Sie erschienen, ein ehrwürdiger Zug von dreißig
-Greisen, denen eine nicht minder ehrwürdige Anzahl von Priestern und
-vornehmen Männern folgte. Jetzt verlangten die Konsuln im Namen des
-Senats: die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und eine andere
-bauen, die über 10000 Schritte weit vom Meer entfernt wäre Und keine
-Mauern hätte; denn das jetzige Karthago müsse dem Erdboden gleich
-gemacht werden.
-
-Mit Entsetzen hörten die Abgeordneten diese furchtbaren Befehle,
-und brachen in so herzergreifendes Wehklagen aus, daß selbst das
-umstehende Kriegsvolk dadurch gerührt wurde. Aber die Konsuln blieben
-erbarmungslos, sie bestanden auf ihrer Forderung, und die Gesandten
-kehrten ganz entmutigt nach Karthago zurück. Hier aber, als sich die
-Schreckenskunde verbreitete, bemächtigte sich des Volkes eine rasende
-Wut und Verzweiflung. Die Wut wendete sich zuerst gegen diejenigen der
-Senatoren, die zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten.
-Andere ergriffen die Abgeordneten, steinigten sie und schleiften
-ihre Körper durch die Straßen der Stadt. Noch andere ermordeten alle
-anwesenden Italiker oder zogen mit Hohngelächter in die Tempel der
-Götter, die, wie sie sagten, nicht einmal Kraft genug zu ihrer eigenen
-Verteidigung hätten. Nur wenige behielten bei der allgemeinen Aufregung
-einige Besonnenheit. Diese verschlossen die Tore der Stadt und trugen
-eine große Menge Steine auf die Mauern, um damit wenigstens den ersten
-Angriff zurückzutreiben.
-
-Als die Heftigkeit des ersten Schmerzes vorüber war, versammelten
-sich die Senatoren von neuem. Alle waren entschlossen ihre Stadt aufs
-äußerste zu verteidigen und entweder zu siegen oder zu sterben. Eine
-rastlose Tätigkeit begann und setzte alles in Bewegung. Die Verbrecher
-wurden aus den Gefängnissen erlöst, die Sklaven freigelassen,
-die Verbannten zurückgerufen und alle Einwohner zum Waffendienst
-verpflichtet. Aber nun fühlte man den Mangel an Waffen. Da wandelten
-sich alle Tempel und öffentlichen Gebäude in Werkstätten. Alle, ohne
-Unterschied des Standes und Alters, Männer und Weiber, arbeiteten Tag
-und Nacht an der Verfertigung von Waffen. Überall suchte man Eisen
-und Erz zusammen und nahm sogar den Gold- und Silberschmuck von den
-Bildnissen der Götter. Die Weiber schnitten ihre Haare ab, um daraus
-Stricke zu drehen. Bei einem solchen Eifer wurden täglich 140 Schilde,
-300 Schwerter, 500 Lanzen und 1000 Wurfspeere verfertigt. Sogar fünfzig
-neue Kriegsschiffe wurden gebaut.
-
-Die Konsuln hatten indessen mit ihrem Angriff gezögert. Als sie
-endlich heranrückten, um die Stadt mit Sturm zu nehmen, wurden sie
-zurückgeschlagen. Außerdem war Hasdrubal, ein verbannter Karthager,
-mit 20000 Vertriebenen zurückgekehrt. So verteidigten sich die
-Karthager zwei Jahre lang (149-147) mit verzweifeltem Mute, und alle
-Anstrengungen der römischen Feldherren blieben ohne Erfolg.
-
-Da wählten die Römer, des langen Zauderns müde, den +P. Cornelius
-Scipio+ zum Konsul und übertrugen ihm den Oberbefehl gegen Karthago.
-Scipio fand ein zuchtloses und träges Heer; die Herstellung der
-Kriegszucht war daher seine erste Sorge. Dann legte er große Wälle und
-Dämme an, um den Karthagern die Zufuhr vom Lande und von der Seeseite
-her abzuschneiden. Aber die Karthager gruben auf der inneren Seite des
-Hafens eine neue Mündung ins Meer hinaus. Da sie die Arbeit ganz geheim
-betrieben hatten, so erstaunten die Belagerer nicht wenig, als sie
-eines Tages die Feinde mit 50 Kriegsschiffen heranfahren sahen. Scipio
-schlug sie jedoch in einem Seegefechte, und machte nun Anstalt zur
-Bestürmung der Stadt und rückte an die Mauer. Im Frühling des Jahres
-146 erstürmte er zuerst den unteren Teil der Stadt, der an die Häfen
-stieß, während die Burg Byrsa und die zunächst anstoßenden Straßen
-noch von Feinden besetzt blieben. Hier waren die Häuser am höchsten
-und ein jedes mußte von den Römern, während die Punier Geschosse jeder
-Art schleuderten, mit stürmender Hand genommen werden. In den Straßen,
-in den Häusern, sogar auf den Dächern wurde gekämpft. Und als nun die
-äußerste Häuserreihe genommen war, befahl Scipio das ganze Quartier
-anzuzünden, um einen freien Raum für die Bestürmung der Burg selbst
-zu gewinnen. Sechs Tage vergingen, ehe die entsetzliche Verwüstung
-vollendet und die Trümmer- und Leichenhaufen weggeräumt waren. Am
-siebenten Tage kamen 25000 Frauen aus der Burg herab und baten um
-Schonung ihres Lebens. Scipio bewilligte ihre Bitte. Darauf kamen
-30000 Männer und verlangten dieselbe Gnade. Noch wollte Hasdrubal,
-der Befehlshaber der Burg, nichts von Übergabe wissen. Mit Weib und
-Kind und mit 900 römischen Überläufern zog er sich zuletzt in das
-hohe Tempelgebäude des Äsculapius (des Gottes der Heilkunst) zurück.
-Als aber die Römer auch bis zu dieser äußersten Höhe herangerückt
-waren, verließ ihn der Mut. Ohne Mitwissen der anderen kam er mit
-einem Ölzweige in der Hand und bat zu Scipios Füßen um Frieden. Seine
-Gattin und die übrigen zündeten den Tempel an und stürzten sich in die
-Flammen. Die noch nicht zerstörten Teile der Stadt wurden darauf zur
-Plünderung den Truppen preisgegeben; nur die Beute der Tempel an Gold,
-Silber und Kunstwerken behielt Scipio für den öffentlichen Schatz. Die
-meisten Einwohner wurden als Sklaven verkauft; viele, unter ihnen auch
-Hasdrubal, wurden als Gefangene an einzelne italische Städte verteilt
-und von diesen bis zu ihrem Tode in Haft gehalten. Der Senat beschloß,
-daß Karthago dem Erdboden gleich gemacht und jeder verflucht sein
-sollte, der je die Stätte desselben wieder bebauen würde. Nach diesem
-Beschluß wurden auch die noch stehenden Reste der Stadt angezündet.
-Siebzehn Tage brannte die vorher von 700000 Menschen bevölkerte, über
-700 Jahre alte gewaltige Stadt. Eines Tages beschaute Scipio an der
-Seite seines Freundes, des griechischen Geschichtschreibers Polybios,
-von einer Anhöhe aus die rauchenden Trümmer der Stadt, deren Flotten
-einst die Meere beherrscht hatten. Eine tiefe Wehmut ergriff ihn, da er
-der Hinfälligkeit aller Menschenmacht und Menschenglückes gedachte, und
-er erinnerte sich und die Freunde jener Worte, die der Dichter Homer
-dem Priamos in den Mund legt:
-
- Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
- Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.
-
-Scipio erhielt von der Zerstörung Karthagos den Ehrennamen Africanus,
-und wird, um ihn von dem älteren Scipio, dem Sieger bei Zama, zu
-unterscheiden, der jüngere Afrikaner (~Africanus minor~) genannt. Das
-Gebiet Karthagos ward unter dem Namen Afrika eine römische Provinz.
-
-In demselben Jahre, als Karthago fiel, wurde auch Makedonien in eine
-römische Provinz verwandelt, und auch das freie Griechenland infolge
-einer Empörung unter den Statthalter von Makedonien gestellt, nachdem
-die große und reiche Stadt Korinth durch den Konsul +Mummius+ erobert
-und zerstört worden war (146).
-
-
-Nachdem Scipio zwölf Jahre in Ruhe und Muße, mit den Wissenschaften
-beschäftigt, gelebt hatte, wurde ihm eine neue Gelegenheit zu
-kriegerischer Auszeichnung zuteil. Die Veranlassung zu diesem neuen
-siegreichen Feldzug bot der Kampf gegen die Stadt +Numántia+ in Spanien.
-
-In dieser Provinz hatte die Habsucht, die Willkür und rohe Grausamkeit
-der römischen Statthalter, von denen einer sogar wehrlos versammelte
-Einwohner, die sich unterwarfen, niederhauen ließ, eine allgemeine
-Empörung erregt. An die Spitze stellte sich +Viriáthus+, ein kühner
-Lusitanier. Gewöhnt an ein freies Leben im Gebirge, abgehärtet,
-gewandt, kräftig von Körper, keine Gefahr scheuend, geliebt von seinen
-Landsleuten, vertraut mit dem Boden seines bergigen Vaterlandes,
-verstand er sein Volk zum Kampf für die Freiheit zu begeistern. So
-verteidigte er sich acht Jahre lang (148-140) gegen die römischen
-Feldherren, bis er endlich durch Meuchelmord fiel.
-
-Aber auch nach seinem Tode dauerte der Freiheitskampf der Spanier
-fort. Den heftigsten Widerstand leistete zuletzt die Stadt +Numántia+.
-Sie lag auf der altkastilischen Hochebene, am Flusse Durius (Dūero),
-auf steiler Höhe, von Talschluchten und Wäldern umgeben; Wälle und
-Gräben schützten den einzigen Zugang aus der Ebene. Die keltiberischen
-Einwohner, unter ihnen gegen 8000 wehrhafte Männer, waren wegen ihrer
-kriegerischen Tüchtigkeit bekannt. Schon sieben Jahre lang hatten sie
-sich gegen die römischen Angriffe behauptet, und in Rom begann man
-unruhig und besorgt zu werden. Man zieh die bisherigen Führer der
-Unfähigkeit oder des Verrats und meinte, nur Scipio, der Zerstörer
-Karthagos, könne hier helfen. So übertrug ihm das Volk den Heerbefehl
-in Spanien (134).
-
-Bei seiner Ankunft im Lager fand er die Kriegszucht im Heere gänzlich
-erschlafft; im Lager wimmelte es von Krämern, Schenkwirten und
-Gesindel; die Soldaten lebten nur in Lust und Spiel. Die Herstellung
-der alten Mannszucht beschäftigte ihn daher ein ganzes Jahr. Er übte
-die der Arbeit entwöhnten Soldaten unaufhörlich und mit unerbittlicher
-Strenge im Lagerbau, Lasttragen, Marschieren, in Manövern und
-Streifzügen. Da er die Stadt auszuhungern gedachte, so vermied er einen
-Sturm, rückte aber immer näher an sie heran, schloß sie mit Wall und
-Graben ein und schnitt ihr so von allen Seiten die Zufuhr ab. Da der
-reißende Strom des Duero die Linie der Einschließung unterbrach und den
-Bau einer Brücke nicht zuließ, so baute er an beiden Ufern Kastelle,
-von denen aus schwere, mit Seilen aneinander hangende Balken, die
-rundum von Sicheln und eisernen Spitzen starrten, über das Wasser von
-einer Seite zur andern gespannt wurden, so daß man weder schwimmend
-noch fahrend den Fluß hinabkommen konnte. Das Heer hatte Scipio bis auf
-60000 Mann gebracht und die Belagerten bei mehrmaligen Ausfällen mit
-großem Verlust zurückgeschlagen. Schon währte die Belagerung fünfzehn
-Monate; die Hungersnot wütete unter den Numantinern; Gras und das
-Lederwerk von den Waffen dienten zur Nahrung; man verzehrte Leichname,
-und die Mütter schlachteten zuletzt ihre Kinder. Endlich baten die
-Belagerten um Frieden. Aber Scipio verlangte Übergabe auf Gnade oder
-Ungnade. Die Gesandten, welche diesen Bescheid brachten, wurden von den
-verzweifelten Einwohnern erschlagen; dennoch blieb ihnen nichts anderes
-übrig. Sie öffneten die Tore, baten aber die Römer erst am dritten
-Tage einzuziehen. Diese Frist benutzte ein Teil der Einwohner sich
-durch freiwilligen Tod der Knechtschaft zu entziehen. Der kleine Rest,
-von Elend und Krankheit furchtbar entstellt, ergab sich dem Sieger.
-Sie wurden als Sklaven verkauft; nur fünfzig sparte Scipio für seinen
-Triumph auf. Die Stadt wurde gänzlich zerstört. Scipio erhielt von
-dieser Eroberung einen zweiten Beinamen, +Numantīnus+.
-
-Als er nach Rom zurückgekehrt war, stand er in den dort ausgebrochenen
-blutigen Parteikämpfen auf der Seite des Adels gegen die von den
-Gracchen geführte Demokratie, bis er, wahrscheinlich ein Opfer des
-Parteihasses, starb. Nachdem er in einer Volksversammlung eine dem
-Volkswillen abgünstige Rede gehalten, fand man ihn am folgenden Tage
-tot im Bette; der Dolch eines Meuchelmörders hatte ihn getroffen (129).
-Wer die Tat verübt und auf wessen Anstiften, ist niemals aufgehellt
-worden.
-
-
-
-
-XXII.
-
-Die beiden Gracchen.
-
-
-Jener Tiberius Sempronius Gracchus, der sich des älteren Scipio gegen
-seine Ankläger angenommen hatte (S. 91), vermählte sich in der Folge
-mit dessen Tochter +Cornelia+. Einst, erzählt man, ergriff er auf
-seinem Lager ein Paar Schlangen. Die Wahrsager, über dies schreckhafte
-Zeichen befragt, erklärten, daß, wenn das männliche Tier getötet würde,
-dies dem Tiberius, der Tod des weiblichen aber der Cornelia den Tod
-bringen werde. Da ließ Tiberius, in edler Gattenliebe, das männliche
-töten, das andere aber verschonen, und nicht lange hernach starb er.
-Cornelia aber gab ihren beiden Söhnen +Tiberius+ und +Gajus+, und ihrer
-Tochter Sempronia, die sich später mit dem jüngeren Scipio Africanus
-vermählte, die sorgfältigste Erziehung. Einst erhielt sie den Besuch
-einer vornehmen Campanerin, welche ihren reichen Schmuck von Gold und
-kostbaren Steinen vor ihr ausbreitete. Als sie dann Cornelia bat, sie
-möchte ihr nun auch den ihrigen zeigen, da ließ die stolze Römerin
-ihre beiden Söhne kommen und sagte, auf sie hinweisend: „Diese sind
-mein Schmuck, meine Kleinodien.“
-
-Zum Jüngling herangewachsen, machte der ältere, +Tiberius Sempronius
-Gracchus+, mit seinem Schwager Scipio als dessen Zeltgenosse den
-Kriegszug gegen Karthago mit. Er zeichnete sich hier durch Pflichttreue
-und Tapferkeit aus und erstieg zuerst von den Römern die Mauer der
-Stadt. Später ging er als Quästor (Schatzmeister) mit dem Konsul
-Mancīnus nach Spanien in den Krieg gegen die Numantiner. Als dieser
-ungeschickte Feldherr einst, nach vielen großen Verlusten, aufbrechen
-und das Lager verlassen wollte, wurde er mit seinem ganzen Heere
-von den Numantinern eingeschlossen und in Gegenden gedrängt, die
-keine Flucht zuließen. Mancinus, an aller Rettung verzweifelnd,
-schickte Gesandte an die Numantiner um Waffenstillstand und
-Friedensunterhandlungen. Die Numantiner erklärten, daß sie allein
-zu Tiberius Vertrauen hätten und nur mit ihm unterhandeln wollten.
-So ward denn Tiberius gesandt, und er schloß mit den Feinden einen
-Friedensvertrag, der dem römischen Staate 20000 Bürger rettete. Als
-er aber nach Rom zurückkehrte, ward der ganze Vertrag vom Senate
-verworfen, und der Beschluß gefaßt, daß alle Befehlshaber, die sich an
-dem Abschluß des schmachvollen Vertrages beteiligt hätten, dem Feinde
-ausgeliefert werden sollten. Doch des Tiberius menschenfreundliche
-Denkungsart, sein leutseliges Wesen und seine Rechtlichkeit hatten
-ihm bereits die Volksgunst in solchem Grade gewonnen, daß seine
-Auslieferung abgelehnt wurde. So wurde nur der Konsul Mancinus
-ausgeliefert, aber die Numantiner waren edelmütig genug dieses
-Sühnopfer des Vertragsbruchs nicht anzunehmen und den unglücklichen
-Mann unverletzt zu entlassen.
-
-Doch nicht seine Taten im Felde, sondern seine Wirksamkeit im Staate
-war es, die den Tiberius berühmt gemacht hat. Schon früh hatte Cornelia
-den Ehrgeiz ihrer Söhne geweckt und genährt. „Warum rühmt man mich“,
-sagte sie zu ihnen, „immer nur als die Schwiegermutter des Scipio und
-nicht auch als die Mutter der Gracchen? Den Kriegsruhm eures Schwagers
-werdet ihr einst übertreffen oder erreichen; aber eine andere nicht
-minder ehrenvolle Laufbahn steht euch offen, durch weise Gesetze für
-das gemeine Wohl des Volkes zu sorgen.“
-
-Diesen von der Mutter angedeuteten Weg schlug jetzt Tiberius ein.
-Erbittert durch den ihm in der numantinischen Sache angetanen Schimpf,
-wandte er sich von seinen adligen Standesgenossen ab, um fortan die
-Sache des Volkes zu vertreten und die Vorherrschaft des Adels im Staate
-und in der Ausnutzung des Staatsgutes zu bekämpfen. Zu diesem Zwecke
-bewarb er sich um das Volkstribunat für das Jahr 133, und ward unter
-großem Beifall des Volkes gewählt, das seit langer Zeit von gärender
-Unzufriedenheit erfüllt war.
-
-Der Grund bestand darin, daß bei weitem der größte Teil alles Landes
-in Italien in den Besitz der reichen herrschenden Familien, der
-Optimaten, gekommen war, während die große Masse der eigentlichen
-Bauern mehr und mehr verarmt war und ihre kleinen Höfe verkaufen oder
-ihren harten Gläubigern überlassen mußten. Und doch waren sie es, die
-in den unaufhörlichen Kriegen Roms den Kern des Heeres bildeten und
-ihr Blut für die Eroberungen des Staates vergossen. Um nun dieser
-für den Bestand des Staates so wichtigen Klasse von Bürgern einen
-neuen Grundbesitz zu verschaffen, erneuerte Tiberius als Volkstribun
-jenes alte licinische Gesetz (S. 47), daß kein Bürger mehr als 500
-Morgen des ursprünglich dem Staate gehörigen Landes (~ager publicus~)
-besitzen sollte. Dies Land war nämlich den unterworfenen Städten und
-Gemeinden Italiens abgenommen und als Eigentum des römischen Staates
-gegen geringen Pachtzins an vornehme römische Bürger vergeben worden
-und bildete einen großen Teil alles anbaufähigen Landes der Halbinsel.
-Der Staat hatte demnach das Recht diesen Besitz zurückzunehmen oder
-einzuschränken, zumal er nur den großen Familien zugute kam. Jedoch
-erlaubte das neue Gesetz, daß ein Familienvater für jeden Sohn, der
-noch unter seiner Aufsicht lebte, 250 Morgen mehr besitzen dürfe.
-Alles übrige Land sollte eingezogen und, zu kleinen Gütern vermessen,
-unter die besitzlosen Bürger verteilt werden. Um dieses Gesetz
-durchzuführen, verband sich Tiberius mit einer Anzahl der angesehensten
-und wohlmeinendsten Männer, welche seine politischen Ansichten teilten;
-unter ihnen war sein Schwiegervater Appius Claudius, der Oberpriester
-Crassus und der große Rechtsgelehrte Mucius Scävola.
-
-Es war natürlich, daß Tiberius durch seinen Vorschlag die Gunst
-des Volkes in vollstem Maße gewann, dagegen aber auch den Haß und
-den Widerstand der herrschenden Partei aufs heftigste reizte. Mit
-hinreißender Beredsamkeit schilderte er die traurige Lage des armen
-Volkes: „Die Tiere des Feldes und Waldes haben ihre Gruben und Nester,
-und jedes findet eine Stätte zum Ruhen. Aber die Männer, die für
-Italien bluten und sterben, haben nur Anteil an Luft und Licht; ohne
-Häuser, ohne feste Wohnsitze irren sie umher mit Weib und Kind. Was
-will es noch bedeuten, daß der Heerführer seine Krieger, wenn es in die
-Schlacht geht, ermahnt, für Haus und Herd und die Gräber ihrer Väter zu
-fechten? Keiner von all den Tausenden besitzt mehr die Stelle, da einst
-die Hausgötter seiner Vorfahren standen, oder wo ihre Väter begraben
-liegen. Für anderer Wohlleben und Reichtum kämpfen und fallen sie, und
-werden Herren der Welt genannt, die doch selbst keine Scholle mehr zu
-eigen besitzen.“
-
-Gegen den Vorschlag des Tiberius erhob sich, wie zu erwarten gewesen,
-der heftigste Widerstand, und die Erbitterung der Gemüter stieg auf
-beiden Seiten, bis endlich der Tag herannahte, an welchem in der
-Volksversammlung über das Gesetz abgestimmt werden sollte. Als Tiberius
-an diesem Tage seinen Vorschlag noch einmal dem Volke vortrug, trat
-plötzlich ein anderer Tribun, +Octavius+, auf und hinderte durch seine
-Einsprache die Verlesung des Vorschlags und die Abstimmung darüber.
-Diesen Tribunen hatten die Optimaten für sich gewonnen, da sie sonst
-kein Mittel hatten, das Gesetz, das ihrer schrankenlosen Habsucht
-Grenzen setzte, zu hintertreiben. Denn nach dem geltenden Rechte konnte
-kein Vorschlag Gesetzkraft erhalten, wenn auch nur einer der zehn
-Tribunen dagegen Einspruch tat.
-
-Vergebens suchte Tiberius den Gegner umzustimmen. In der Meinung,
-jener befürchte selbst bei der Verteilung des Landes Verlust an seinem
-Eigentum, bot er ihm Ersatz aus seinem eigenen Vermögen an. Als auch
-dies nichts fruchtete, verließ ihn seine bisherige Geduld. Die milden
-Bestimmungen seines Vorschlages zugunsten der Söhne nahm er weg; von
-jetzt an sollte jeder Reiche nur 500 Morgen und ohne alle Entschädigung
-für das, was er verlor, behalten. Die Reichen legten Trauerkleider an
-und suchten Mitleid bei der Bürgerschaft zu erregen; aber heimlich
-sollen sie Meuchelmörder gedungen haben, um den tödlich gehaßten Mann
-aus dem Wege zu räumen. Dieser trug fortan einen Dolch, sprach vor
-dem Volke von seiner Gefahr, und ging nicht mehr ohne Geleit seiner
-Anhänger aus dem Hause. Oft war eine Schar von 3-4000 Menschen um ihn.
-
-In der nächsten Volksversammlung befahl Tiberius von neuem die
-Verlesung seines Vorschlags, und Octavius wiederholte seine
-Einsprache. Die Volksmenge geriet in Aufruhr. Als Tiberius dennoch
-zur Abstimmung schreiten wollte, bemerkte man, daß die Urnen, worein
-die Stimmtäfelchen geworfen wurden, weggenommen waren. Wie nun die
-Volksmenge immer heftiger tobte und Octavius nicht nachgeben wollte,
-rief Tiberius: „Ich weiß kein anderes Mittel als dies, daß einer von
-uns sein Amt niederlege. Laß du das Volk über mich zuerst abstimmen;
-wenn es mich meiner Würde entsetzt, so gehe ich als Privatmann nach
-Hause.“ Da Octavius auch dies versagte, so beschied Tiberius das Volk
-auf den anderen Tag wieder, um über die Absetzung zu entscheiden.
-
-Am anderen Tage wiederholte Octavius abermals seinen Widerspruch. Da
-ließ Tiberius über seine Absetzung stimmen. Als nahezu der größere
-Teil des Volkes sich gegen Octavius ausgesprochen hatte und seine
-Absetzung schon fast gewiß war, trat Tiberius vor aller Augen auf
-Octavius zu, umarmte ihn und bat ihn flehentlich, er möge nachgeben.
-Octavius, zu Tränen gerührt, war einige Augenblicke unschlüssig.
-Als er aber seine Augen auf die nahe Schar der Optimaten warf, da
-befiel ihn Scham, und er hieß den Gracchus tun was er wolle. So ward
-Octavius seines Amtes entsetzt, und kaum entging er den Händen des
-erbitterten Volkes. Das Gesetz des Tiberius ward nun genehmigt, und
-drei Männer zu seiner Ausführung gewählt: er selbst, sein Bruder Gajus
-und sein Schwiegervater Appius Claudius. Aber Tiberius hatte durch
-die Amtsentsetzung des Octavius, dessen Person als Tribun heilig und
-unverletzlich war, eine gesetzwidrige Handlung begangen, durch welche
-die Verfassung verletzt ward, und damit zuerst den Weg betreten, der
-endlich zum Untergang der Republik führen mußte.
-
-Es war bereits um die Mitte des Sommers, und es nahte die Zeit, wo
-die neuen Volkstribunen gewählt wurden. Die Reichen gedachten sich
-an Tiberius zu rächen, sobald er seine Würde niedergelegt hätte, und
-machten vorher alle seine Schritte gehässig. Und in der Tat, die
-gesetzwidrige Absetzung des Octavius war beispiellos und befremdete
-sogar manchen aus dem Volke. Um sich nun in der Gunst des Volkes
-zu erhalten, machte er den Vorschlag, daß die Schätze des letzten
-Königs von Pérgamon, des Attălus, der das römische Volk zum Erben
-seines Reiches eingesetzt hatte, unter das Volk verteilt werden,
-und daß dieses über jenes Reich verfügen sollte. Durch diesen
-Vorschlag verletzte er den Senat, der bisher allein über solche
-Angelegenheiten zu beschließen gewohnt war auf das tiefste, und seine
-Feinde verbreiteten mit Arglist das Gerücht, daß er selber nach der
-königlichen Würde strebe und ein Mann aus Pergamon ihm bereits Diadem
-und Purpurmantel überbracht habe.
-
-Unter solchen Umständen bewarb sich Tiberius um das Tribunat für das
-folgende Jahr. Die Wahl fiel in die Erntezeit, wo nur der besitzlose
-städtische Pöbel in Rom anwesend, die Landbewohner aber auf dem Felde
-beschäftigt waren. An dem Wahltage aber kam es zu Streit und Einspruch
-und Tiberius, der die Wahl leitete, verlegte die Versammlung auf den
-folgenden Tag, den übrigen Teil des Tages ging er in Trauerkleidern,
-seinen Knaben an der Hand, auf dem Forum umher und bat die Bürger
-für die Sicherheit seines Lebens zu sorgen. Eine große Schar armen
-Volkes begleitete ihn und bewachte während der Nacht sein Haus. Am
-folgenden Morgen besetzten große Haufen Volks das Kapitolium; in der
-Nähe versammelte sich der Senat in einem Tempel. Schlimme Vorzeichen,
-erzählte man, schreckten den Tiberius, als er sein Haus verließ.
-Aber die Freunde machten ihm Mut, und als er die Stufen des Kapitols
-hinanstieg, begrüßte ihn das Volk mit lautem Freudengeschrei. Allein
-die Versammlung blieb auch diesmal ohne Ergebnis. Inzwischen brachte
-ihm ein Freund die Nachricht, daß die Gegner beschlossen hatten ihre
-Sklaven und Klienten zu bewaffnen. Als dies ruchbar wurde, erhob sich
-unter seinen Anhängern ein wilder Lärm. Tiberius wollte reden; da
-er aber bei diesem Getümmel sich nicht hörbar machen konnte, zeigte
-er mit der Hand nach seinem Kopfe, um dem Volke seine Lebensgefahr
-anzudeuten. Von dieser Bewegung des Tiberius erhielten die Senatoren
-sogleich Nachricht und legten sie boshafter Weise so aus, als habe
-Tiberius die Krone gefordert. Da sprang +Scipio Nasīca+, ein harter
-und leidenschaftlicher Aristokrat, auf und verlangte von dem Konsul,
-er solle Gewalt gegen den Hochverräter gebrauchen. Der Konsul +Mucius
-Scävola+ aber, ein Mann von strengem Rechtsgefühl und der Reform
-geneigt, weigerte sich die geheiligte Person des Tribunen zu verletzen.
-Darauf rief Scipio: „Weil denn der Konsul die gemeine Sache verläßt,
-so folge mir jeder, der sie retten will!“ So stürmte er, von seinen
-Anhängern begleitet, aus dem Tempel und viele schlossen sich ihm auf
-dem Wege an. Das Volk erstaunte bei der Ankunft der Senatoren und
-machte ehrerbietig Platz. Diese aber ergriffen was sie von Beinen und
-Stücken zerbrochener Bänke und Gerätschaften vorfanden, und schlugen
-auf das Volk los, das nach allen Seiten hin die schleunigste Flucht
-ergriff. Auch Tiberius floh, stürzte aber über einige vor ihm liegende
-Leichen. Da erschlug ihn einer der Wütenden -- der Tribun Publius
-Saturnejus und Lucius Rufus stritten sich später um diese Heldentat
--- durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe, vor den Bildsäulen der
-sieben Könige beim Tempel der Fides (Treue). Seine Leiche und die der
-übrigen Erschlagenen, deren über dreihundert waren, wurden am Abend
-durch die Gassen geschleift und in die Tiber geworfen. Vergebens bat
-sein Bruder Gajus sie bestatten zu dürfen.
-
-Das Ackergesetz des Tiberius und der Ausschuß von drei Männern
-(~triumviri~), die mit der Ausführung betraut waren, blieben auch
-nach dem Tode ihres Urhebers bestehen, obgleich die Optimaten alles
-aufboten, um die Verteilung des Gemeinlandes zu hintertreiben. Zu
-diesen gehörte selbst der Schwager des Ermordeten, Scipio Africanus,
-der, als er vor Numantia die Nachricht von dem Tode des Gracchus
-erhielt, des homerischen Verses gedachte:
-
- „So mags jedem ergehn, der solcherlei Taten verübt hat!“
-
-Wie dieser dann einige Jahre nachher selber als ein Opfer des
-Parteihasses fiel, ist bereits oben erzählt worden. Die an Tiberius
-und seinen Anhängern verübte Freveltat, die in der ganzen bisherigen
-Geschichte Roms nicht ihres gleichen hatte, ward zwar von den
-Gemäßigten auch unter den Optimaten verurteilt, aber der Senat
-suchte sie als die Strafe eines nach der Krone strebenden Verräters
-zu rechtfertigen, und ließ sogar gegen seine Anhänger im Volke mit
-blutigen Richtersprüchen vorgehen, während der Hauptschuldige, Scipio
-Nasica, um ihn der Rache der Menge zu entziehen, mit einem Auftrage
-nach Asien gesendet wurde. Seine Bluttat aber wirkte wie eine böse Saat
-in den folgenden Parteikämpfen.
-
-+Gajus Sempronius Gracchus+, neun Jahre jünger als sein Bruder Tiberius
--- er war im Jahre 153 geboren -- lebte nach dessen Untergang in
-stiller Zurückgezogenheit. Er glich dem älteren Bruder an strenger
-Sitte und hochstrebender vornehmer Gesinnung, übertraf ihn aber an
-Geist und Beredsamkeit, und war viel feuriger und leidenschaftlicher,
-dabei trotz seiner Jugend bereits im Felde bewährt und in allen
-Staatsgeschäften sicher und gewandt, unermüdlich, unbeugsam in seinem
-ererbten Kampfe gegen die volksfeindliche Optimatenpartei. Einst,
-da er einen Freund vor Gericht verteidigte, erregte er durch seine
-hinreißende stürmische Rede eine solche Bewunderung, daß der Adel in
-Sorge geriet, es möchte in ihm ein Rächer seines Bruders erstehen, und
-deshalb einen Vorwand suchte, um ihn von Rom zu entfernen. Er wurde
-als Quästor nach Sardinien geschickt und dort über die gesetzliche
-Frist festgehalten. Aber Gajus merkte die Absicht des Senats. Plötzlich
-verließ er seine Stelle, eilte nach Rom zurück und bewarb sich um das
-Tribunat (124). Man sagte, er sei dazu durch einen Traum aufgefordert
-worden. Sein ermordeter Bruder sei ihm nämlich im Traum erschienen und
-hätte gesagt: „Umsonst sträubst du dich, Gajus, dir bleibt doch ein Tod
-wie der meinige beschieden.“
-
-Als seine Mutter Cornelia von seiner Bewerbung um das Tribunat hörte,
-suchte sie ihn davon abzubringen. Zwar hatte sie selbst vordem ihre
-Söhne angetrieben nach Ehren und Ruhm zu streben, aber das traurige
-Ende ihres älteren Sohnes hatte ihren stolzen Sinn gebeugt. Sie kannte
-die Feuerseele des hochbegabten und früh zum Manne gereiften Sohnes,
-seinen unauslöschlichen Haß gegen die herrschende Aristokratie, die ihm
-den geliebten Bruder gemordet und seinen unbändigen Drang die Schäden
-der öffentlichen Zustände zu heilen. In ihren Briefen bat sie ihn mit
-den rührendsten Ausdrücken von einem Unternehmen abzulassen, das für
-ihn höchst gefährlich werden könnte. Aber Gajus beharrte auf seinem
-Vorhaben und erreichte seine Wahl für das folgende Jahr.
-
-Zwei Jahre hintereinander, 123 und 122, bekleidete er das Tribunat. Er
-erneuerte nicht nur das Ackergesetz seines Bruders, sondern schwächte,
-um sich die Gunst der großen Volksmenge zu verschaffen, durch eine
-ganze Reihe von Vorschlägen und Gesetzen die Macht des Senates. Sein
-Getreidegesetz, wonach regelmäßig Getreide unter die ärmeren Bürger zu
-sehr billigen Preisen abgegeben werden sollte, legte der Staatskasse
-bedeutende Kosten auf, und konnte nur dazu dienen die ohnehin schon
-bestehende Trägheit und Genußsucht des großstädtischen Pöbels zu
-nähren. Besonders einschneidend war das Gesetz, durch welches er den
-Senatoren die Gerichtsbarkeit entzog, indem es bestimmte, daß die
-Gerichte fortan nicht mehr mit Männern aus dem Senatoren-, sondern
-aus dem Ritterstande besetzt werden sollten, der zwischen dem Senats-
-und dem Bürgerstande die Mitte bildete. Die Absicht war dem Unfug zu
-steuern, daß die dem ersten Stande angehörigen Angeklagten von ihren
-Standesgenossen, aller Schuld ungeachtet, häufig freigesprochen wurden.
-Nun gehörten aber dem Ritterstande die zahlreichen Steuerpächter
-(~publicani~) an, welche in großen Gesellschaften vereinigt, in den
-Provinzen die Steuern erhoben, wobei sie durch Erpressungen aller
-Art die Provinzialen auszubeuten gewohnt waren. Wenn sich nun die
-ausgesogenen Provinzen gezwungen sahen die Steuerpächter in Rom vor
-Gericht zu ziehen, so fanden sie bei den neuen Richtern, die eben aus
-Rittern, den Standesgenossen der Angeklagten, bestanden, noch weniger
-Schutz als früher, als die Richterstellen mit Senatoren besetzt wurden.
-Außerdem gewann Gajus das Volk durch den Bau von Landstraßen, durch
-Herabsetzung der Kriegsdienstzeit, durch Ausrüstung der Soldaten auf
-Staatskosten, und stellte den Antrag eine römische Kolonie auf der
-Stätte des zerstörten Karthago zu gründen.
-
-Aber seine Gegner fanden ein Mittel, um dem unermüdlichen Tribunen
-die Volksgunst zu entziehen. Sie gewannen einen seiner Kollegen,
-+Livius Drusus+, der durch Vorschläge, welche den Wünschen des Volkes
-entsprachen, namentlich durch Beantragung von Kolonien in +Italien
-selbst+ statt der +überseeischen+ in Afrika, jenen noch bei weitem
-überbieten, und für diese Vorschläge schon im voraus die Genehmigung
-des Senats versprechen sollte. Durch dieses Verfahren suchte der
-Senat im Volke die Meinung zu erwecken, daß er nur aus Abneigung und
-Mißtrauen gegen den persönlichen Ehrgeiz des Gracchus den Wünschen
-des Volkes widerstrebe, und daß er diese befriedigen werde, sobald
-jener vom Tribunate entfernt sei. So verlor Gracchus allmählich die
-schwankende Gunst des Volkes; er erlangte das Tribunat nicht zum
-dritten Mal, während sein erbittertster Gegner +Opimius+ Konsul ward.
-
-Eines Tages, als seine Unverletzlichkeit bereits aufgehört hatte,
-erschien er mit einem Haufen der Seinigen auf dem Kapitol, als eben
-Opimius die gewöhnlichen Opfer verrichtete. Gerade trug der Liktor
-Antyllius die Eingeweide des Opfertieres heraus, ein stolzer und
-trotziger Mensch. Als dieser zu den Anhängern des Gracchus kam, rief er
-ihnen zu: „Hinweg, ihr schlechten Bürger, macht braven Leuten Platz!“
-Diese Worte brachten einen Begleiter des Gracchus in so heftigen
-Zorn, daß er den Beleidiger auf der Stelle niederstieß. Das war ein
-schweres Vergehen gegen die Heiligkeit des Ortes und der Opferhandlung,
-das man in dem entstehenden Auflauf dem Gracchus selber zu Lasten
-legte und vom Konsul benutzt wurde, um gegen ihn und seinen Anhang
-mit Gewalt einzuschreiten. Als Gracchus heimkehrte, führte ihn sein
-Weg über das Forum an der Bildsäule seines Vaters vorbei. Er blieb
-stehen, betrachtete sie eine Zeitlang in düsterem Schweigen, dann brach
-ein Strom von Tränen aus seinen Augen. Seine Freunde, tief gerührt,
-schwuren ihn niemals zu verlassen, und wachten die ganze Nacht vor
-seiner Wohnung.
-
-Inzwischen hatte der Senat, der früher den Mord des Tiberius
-ungeahndet gelassen hatte, nicht nur die strengste Ahndung des an
-dem Liktor begangenen Frevels beschlossen, sondern wie bei einem
-hochverräterischen Aufstande den Konsuln den Auftrag erteilt,
-„vorzusorgen, daß das Gemeinwesen keinen Schaden nähme“ (~videant
-consules ne quid respublica detrimenti capiat~): was die Befugnis
-bedeutete, nach eigenem Ermessen und ohne auf Gesetz und Herkommen zu
-achten, gegen die Feinde des Staates zu verfahren.
-
-Darauf bewaffnete der Konsul Opimius die Senatoren und Ritter und
-ließ sie das Kapitol besetzen, während die Anhänger des Gracchus,
-unter Führung seines Freundes Fulvius Flaccus, sich auf dem Aventin
-versammelten. Als er selbst am nächsten Morgen, nur mit einem kleinen
-Dolch versehen, eben im Begriff war, mit einigen Freunden das Haus zu
-verlassen, trat ihm seine Gattin Licinia entgegen. Mit der einen Hand
-führte sie ihren kleinen Sohn, mit der andern ergriff sie die Toga
-ihres Gatten und rief: „Wohin eilst du, mein Gajus? Willst du dich
-unbewaffnet deinen Feinden preisgeben? Erinnerst du dich nicht an das
-Schicksal deines Bruders? Ach, ich Unglückliche, wer weiß, ob ich
-nicht bald das Meer oder die Tiber bitten muß, mir deinen Leichnam
-wiederzugeben, um ihn bestatten zu können.“ Gajus, tief erschüttert,
-zögerte, aber er sollte seinem Verhängnis nicht entgehen. Seine Freunde
-winkten, und er riß sich aus den Umarmungen seiner Gattin und entfernte
-sich, ohne ihr zu antworten. Licinia folgte ihrem Mann und suchte ihn
-zu halten; aber vergebens. Ohnmächtig sank sie auf der Straße nieder;
-ein Diener trug sie ins Haus zurück.
-
-Gajus kam indessen zum Fulvius auf den aventinischen Berg. Von hier
-aus suchten beide mit dem Konsul zu unterhandeln. Fulvius schickte
-einen seiner Söhne mit dem Friedensstab in der Hand an ihn ab; der
-schöne Knabe trat mit bescheidenem Anstand vor den Konsul und meldete
-tränenden Auges seines Vaters Anerbieten. Opimius aber gab ihm harten
-Bescheid: nicht durch Boten sollten sie den Senat angehen, sondern
-sich selber als schuldbeladene Bürger zum Gericht stellen und den Zorn
-der Senatoren zu besänftigen suchen. Dem Boten aber befahl er auf
-diese Bedingung oder gar nicht wieder zu kommen. Gleichwohl schickte
-Fulvius seinen Sohn zum zweiten Mal; Opimius aber, der den Kampf zu
-beginnen eilte, ließ diesen ergreifen und ins Gefängnis werfen. Darauf
-zog er gegen den Aventin mit Schwerbewaffneten und mit Bogenschützen,
-durch deren Pfeile viele verwundet wurden und die Menge in Verwirrung
-geriet. Bei der allgemeinen Flucht verbarg sich anfangs Fulvius, ward
-aber entdeckt und niedergehauen. Gajus floh über die Tiber in einen
-der Furina geheiligten Hain. Als er keinen Ausweg mehr sah, ließ er
-sich von einem treuen Sklaven töten. Sein Leichnam fiel in die Hand
-eines vornehmen Mannes, des Septumulejus; dieser schnitt ihm den Kopf
-ab, füllte ihn mit Blei und brachte ihn zum Konsul; denn Opimius hatte
-versprochen, demjenigen, der den Kopf des Gracchus brächte, so viel
-Gold zu geben, als der Kopf wiegen würde (121).
-
-Nach dem Tode des Gracchus wurden fast alle seine Gesetze aufgehoben
-und die Herrschaft der Senatspartei mit blutiger Strenge wieder
-hergestellt. Aber auf die von den Gracchen versuchte Revolution folgten
-bald neue Unruhen und zerrüttende Bürgerkriege, die Rom an den Rand des
-Untergangs brachten, und mit dem Verlust der republikanischen Freiheit
-enden sollten.
-
-
-
-
-XXIII.
-
-Gajus Marius. -- Jugurtha. -- Cimbernkrieg.
-
-
-+Marius+ war der Sohn eines Landmanns aus Arpinum im Lande der Volsker.
-Aus niederem Stande entsprossen, wuchs er ohne allen Unterricht auf
-und war von rohen, derben Sitten. Frühzeitig entwickelte er eine
-ungewöhnliche Begabung für das Kriegswesen, sodaß er in der Folge einer
-der tüchtigsten Feldherren wurde. War er auch ohne gelehrte Bildung,
-so besaß er doch viel Verstand, rasche Fassung, große Rednergabe und
-eine glühende Begierde nach Ruhm. Seine ersten Kriegsdienste tat er
-vor Numantia unter dem Oberbefehl des Scipio, und schon damals erregte
-er durch seine militärische Begabung dessen Aufmerksamkeit. Als einst
-einige Freunde des Scipio fragten: „Wer wird dich uns ersetzen, wenn
-das Schicksal dich uns entreißen sollte?“ antwortete er, indem er
-Marius auf die Schulter klopfte: „Dieser hier!“ Nach Rom zurückgekehrt,
-erhielt Marius das Amt eines Volkstribunen und verteidigte als solcher
-die Rechte seiner Standesgenossen gegen die Partei der Optimaten, die
-er tödlich haßte, und die schon damals in ihm einen furchtbaren Gegner
-erkannten. Die erste Gelegenheit, selbständig als Feldherr aufzutreten
-und sich um sein Vaterland hochverdient zu machen, gab ihm der Krieg,
-den die Römer gegen Jugurtha, König von Numidien, führten. Zugleich
-zeigte dieser Krieg die Entartung der damaligen Römer, besonders die
-Habsucht und Bestechlichkeit der Optimaten.
-
-Des Königs Massinissa Sohn Micipsa hatte vor seinem Tode das numidische
-Reich, das sich westlich von der römischen Provinz Afrika, die Küste
-entlang und südwärts bis zur Wüste erstreckte, unter seine beiden
-Söhne Adherbal und Hiémpsal und seinen Bruderssohn Jugurtha geteilt.
-Aber der herrschsüchtige Jugurtha, der nach dem Besitz des Ganzen
-trachtete, tötete bald darauf den Hiempsal und nötigte den Adherbal
-zur Flucht nach Rom. Hier aber hatte Jugurtha durch sein Gold schon
-viele Senatoren bestochen, sodaß an seine Bestrafung nicht gedacht,
-vielmehr das Reich in zwei Hälften geteilt ward, von denen Jugurtha
-die bessere erhielt. Auch damit noch nicht zufrieden, bekriegte er
-ohne alle Veranlassung den Adherbal und ließ ihn, nach Übergabe seiner
-Hauptstadt, ermorden. Da erst, nachdem bei dem Blutbad auch eine
-Anzahl römischer Bürger umgekommen waren, entschloß sich der Senat,
-durch die wachsende Erbitterung des Volkes geängstigt, den frechen
-Missetäter zu bestrafen (111).
-
-Aber der Konsul Calpurnius Piso Bestia, der mit einem Heere nach Afrika
-übersetzte, und sein Legat, der vornehmste aller Senatoren, Ämilius
-Scaurus, ließen sich durch Jugurthas Gold gewinnen und bewilligten ihm
-einen Frieden, der den Besiegten nur zur Auslieferung seiner Elefanten
-und zur Zahlung einer Geldbuße verpflichtete. Solchem Beispiel des
-Konsuls folgten die unteren Führer der Truppen: einige lieferten dem
-Jugurtha die abgenommenen Elefanten wieder aus, andere verkauften ihm
-die Überläufer, und noch andere plünderten die Bewohner der Provinz
-Afrika. Als die Nachricht von diesem Vertrage nach Rom kam, erkannte
-man ohne Mühe den schmählichen Betrug, und ein Sturm des Unwillens
-erhob sich. Mit flammender Rede erwirkte der Tribun Gajus +Memmius+
-bei dem Volke den Beschluß, daß die Sache untersucht, die Schuldigen
-bestraft und Jugurtha selber in Rom erscheinen sollte, um sich vor
-dem Volke zu rechtfertigen. Unter der Zusage persönlicher Sicherheit
-kam Jugurtha nach Rom, ohne königlichen Schmuck, im Trauergewand,
-wie ein demütiger Angeklagter. Aber im geheimen begann er sofort
-seine Bestechungen von neuem. Da er wußte, daß jedes Unternehmen
-eines Tribunen vereitelt werden konnte, wenn sich ein anderer Tribun
-widersetzte, so brachte er den Tribunen Bäbius durch große Geldsummen
-auf seine Seite. In der Volksversammlung hielt ihm Memmius alle seine
-Verbrechen vor. Als er ihn aber aufforderte, seine Mitschuldigen zu
-nennen, fuhr Bäbius dazwischen und verbot dem König auf diese Frage zu
-antworten. So wurde das Volksgericht vereitelt.
-
-Durch diesen Erfolg ermuntert, und im Vertrauen auf die Macht seines
-Goldes, trieb Jugurtha seine Frechheit noch weiter. In Rom hielt sich
-damals ein Enkel des Massinissa, Massiva, auf, der nach dem Sturze
-Jugurthas selber König von Numidien zu werden hoffte. Diesen ließ er
-durch einen seiner Vertrauten meuchlings beseitigen, und als der Mörder
-bestraft werden sollte, verhalf er ihm zur Flucht. Nun war auch die
-Geduld des Senates zu Ende. Der geschlossene Friede ward für ungültig
-erklärt, dem König aufs neue der Krieg angekündigt und befohlen sofort
-Rom und Italien zu verlassen. Als er die Stadt verließ, soll er sich
-wiederholt nach ihr umgewendet und zuletzt gesagt haben, die ganze
-Stadt wäre käuflich und dem Untergang verfallen, wenn sich nur ein
-Käufer fände, reich genug den Preis zu zahlen.
-
-Aber der Wiederbeginn des Krieges brachte den Römern eine bittere
-Enttäuschung. Der neue Konsul Postumius Albinus war unfähig oder
-bestochen, das Heer zuchtlos und entartet. Und als während einer
-Abwesenheit des Konsuls sein Bruder den Oberbefehl führte, ließ er sich
-von dem schlauen Gegner in einen Hinterhalt locken, und wurde gezwungen
-mit dem Heere unter dem Joche abzuziehen und sogar die Räumung
-Numidiens zu versprechen (109).
-
-Diese Schmach ertrug das römische Volk nicht. Der frühere und der
-damalige Führer des Heeres und viele mitschuldige Senatoren wurden
-wegen Landesverrat vor Gericht gestellt und in die Verbannung
-geschickt. Gegen Jugurtha aber sandte man den Konsul +Q. Cäcilius
-Metellus+, und +G. Marius+ begleitete ihn als Legat (Unterfeldherr).
-Der unbestechliche Metellus stellte die Zucht des Heeres wieder her,
-führte den Krieg zwei Jahre lang mit allem Nachdruck, trieb den
-Jugurtha in die Enge und eroberte eine Stadt nach der andern, aber
-den Ruhm, den Krieg zu beendigen, wußte ihm der ehrgeizige Marius zu
-entziehen. Marius wollte sich um das Konsulat bewerben, und da er zu
-diesem Zwecke in Rom anwesend sein mußte, suchte er beim Oberfeldherrn
-um Urlaub nach. Der adelsstolze Metellus, über diese Absicht des
-Emporkömmlings erstaunt und entrüstet, riet ihm, nicht über seinen
-Stand hinauszustreben. Als aber jener nicht abließ um Urlaub zu bitten,
-sagte Metellus mit bitterem Spotte: „Du wirst noch früh genug nach Rom
-kommen, wenn du dich zugleich mit meinem Sohne zum Konsulate meldest.“
-Der junge Metellus war aber erst zwanzig Jahre alt, und da zum Konsulat
-ein Alter von dreiundvierzig Jahren erforderlich war, hätte Marius nach
-den höhnischen Worten des Konsuls noch dreiundzwanzig Jahre warten
-können. Marius, durch diesen Hohn schwer gekränkt, erzwang den Urlaub
-und zeigte sich von jetzt an bei jeder Gelegenheit als Gegner des
-stolzen Aristokraten. In Rom gab er zu verstehen, daß jener den Krieg
-absichtlich in die Länge ziehe; und zum Konsul gewählt, erhielt er auch
-den Oberbefehl gegen Jugurtha (108). Bis dahin war es noch keinem Manne
-von niederer Herkunft gelungen diese höchste Würde zu erlangen.
-
-Als Marius im nächsten Jahre (107) als Konsul die Leitung des Krieges
-übernahm, änderte er die Kampfweise gegen Jugurtha, der sich inzwischen
-mit seinem Schwiegervater +Bocchus+, dem König von Mauretanien
-(Marokko), verbunden hatte. Statt die flüchtigen Reiterscharen des
-Feindes zu verfolgen, suchte er ihm alle festen Orte und Hilfsquellen
-zu entreißen. Er eroberte Burgen und Städte und machte große Beute.
-Dann griff er die im Südosten Numidiens gelegene Stadt Capsa an.
-Dorthin führte er sein Heer mit solcher Eile, daß seine Reiter schon
-die nächsten Tore der Stadt besetzten, ehe die Einwohner seine Ankunft
-erfuhren. Sie ergaben sich ohne Widerstand; dennoch ließ Marius alle
-Waffenfähigen umbringen und die Stadt anzünden. Im folgenden Jahre
-(106) erschien er auf der Westseite Numidiens vor der Stadt Mulucha, in
-der Jugurtha seine meisten Schätze verwahrte. Sie lag am gleichnamigen
-Flusse auf einem steilen Bergkegel, der nur einen einzigen Zugang bot,
-und wurde von einer zahlreichen, mit allem Nötigen versehenen Besatzung
-geschützt. Alle Versuche die Burg zu erstürmen mißlangen. Und schon
-dachte Marius sein Vorhaben aufzugeben, als eines Tages ein Soldat
-ihm anzeigte, wie er an der entgegengesetzten Seite des Berges beim
-Schneckensammeln einen Weg entdeckt habe und auf die Höhe des Felsens
-gekommen sei, wo die Burg unbesetzt wäre. Schon am nächsten Tage mußten
-vier Centurien mit fünf Trompetern unter Leitung jenes Soldaten den
-Fels erklettern. Sie fanden keine Gegenwehr, zumal da um dieselbe Zeit
-die ganze Besatzung auf der andern Seite beschäftigt war, den heftiger
-als je anstürmenden Feind zurückzudrängen. Plötzlich ertönten die
-Trompeten der Römer und das Angstgeschrei der Weiber und Kinder, die
-zuerst den eindringenden Feind erblickten. Bestürzt wich die Besatzung
-in die Stadt zurück; Marius verdoppelte seine Anstrengung und drang
-zugleich mit den Gegnern in die Festung ein.
-
-Im Laufe des Jahres 106 geriet beinahe das ganze numidische Land in
-die Hände der Römer. Noch in zwei Treffen besiegte Marius den Jugurtha
-und den Bocchus. Letzterer zeigte sich endlich zum Frieden geneigt.
-Die Unterhandlungen mit ihm betrieb +L. Cornelius Sulla+, der im Heere
-des Marius Quästor war und bei Freund und Feind durch seine Tapferkeit
-und kluge Führung zu großem Ansehen gekommen war. Er bewog den König
-Bocchus seinen Schwiegersohn auszuliefern. Jugurtha wurde zu einer
-Unterhandlung eingeladen, und als er am bestimmten Orte und Tage
-erschien, von den Leuten des Königs ergriffen, gefesselt und dem Sulla
-überliefert. Aber Marius kränkte es tief, daß es nicht ihm, sondern dem
-Sulla gelungen war die Person des Jugurtha in seine Gewalt zu bekommen;
-vor allem aber erweckte es seinen unversöhnlichen Groll, daß sich Sulla
-einen Siegelring verfertigen ließ, auf dem die Auslieferung Jugurthas
-dargestellt war. Die Feindschaft, die von jetzt an zwischen beiden
-Männern bestand, sollte in der Folge dem römischen Staate großes Unheil
-bringen.
-
-Am ersten Tage des Jahres 104 ward Jugurtha in Rom beim Triumph des
-Marius einhergeführt. Dabei riß ihm der rohe raubsüchtige Pöbel
-die Kleider und Ohrringe samt den Ohrläppchen ab. Dann ward er
-nackt in eine unterirdische Felskammer am Kapitol, ein ehemaliges
-Brunnengewölbe, das als Gefängnis diente, hinabgestoßen. „Hu, wie kalt
-ist euer Bad!“ rief der Unglückliche beim Hinabfallen. Dort ließ man
-ihn sechs Tage ohne Nahrung, worauf man ihn aus Gnaden erdrosselte
-(104). Sein Königreich ward geteilt: den westlichen Teil erhielt
-König Bocchus als Lohn seines Verrates, den östlichen ein Enkel des
-Massinissa und Halbbruder des Jugurtha.
-
-
-Marius war inzwischen, während er noch als Prokonsul in Afrika an der
-Spitze des Heeres stand, und ohne daß er sich darum beworben hatte,
-gegen alles Herkommen abermals zum Konsul für 104 erwählt worden. Das
-römische Reich nämlich und Rom selbst war an anderer Stelle in Gefahr
-des Untergangs geraten, und Marius sollte es retten. Ein furchtbarer
-Feind stand plötzlich an der Grenze Italiens.
-
-Schon vor Beginn des jugurthinischen Krieges vernahm man in Rom, daß
-unter den Völkern nördlich der Alpen eine große Bewegung entstanden
-sei; in großen Haufen zögen sie gegen die Alpen, um im Süden neue
-Wohnsitze zu erobern. In der Tat erschienen im Jahre 113 v. Chr. an
-den Ostalpen, im heutigen Krain, die +Cimbern+, ein germanischer
-Volksstamm, der wahrscheinlich bis da im Norden Germaniens gesessen
-hatte. Zu ihnen gesellten sich später die +Teutonen+, +Ambronen+ und
-andere Stämme. Sie zogen mit Weibern und Kindern und aller fahrenden
-Habe, ein ungeheurer Schwarm von mehr als 300000 Kriegern. Bei
-Aquileja stellte sich ihnen der Konsul Papirius Carbo entgegen, erlitt
-aber eine völlige Niederlage. Doch wandte sich der feindliche Zug für
-diesmal von Italien ab nach Westen, wo er Gallien und Spanien raubend
-und verwüstend heimsuchte. Dort begegneten sie den Römern abermals im
-südöstlichen Gallien, in der römischen Provinz (~Gallia transalpina~,
-der heutigen Provence), und brachten ihnen in den Jahren 109-105
-mehrere vernichtende Niederlagen bei.
-
-Italien zitterte vor den gewaltigen Scharen des Nordens, wie in den
-Tagen Hannibals: der Schrecken war zu Rom so groß, daß sich niemand um
-das Konsulat des Jahres 104 zu melden wagte. Da hoffte das Volk von
-Marius, dem Bezwinger Jugurthas, Rettung. Es wählte ihn zum Konsul
-und übertrug ihm die Leitung des Krieges in Gallien. Nachdem er im
-Beginn des Jahres, wie oben erzählt, seinen Triumph über Jugurtha
-gefeiert hatte, begab er sich in die Provinz jenseits der Alpen, zum
-Kampf gegen die Germanen, fand sie aber dort nicht mehr: sie waren
-durch Südgallien über die Pyrenäen nach Spanien gezogen, und kehrten
-von dort erst nach zwei Jahren zurück. Diese durch die Torheit der
-Gegner gewährte Frist benutzte Marius, um ein neues Heer zu bilden und
-die erschlaffte Kriegszucht durch unerbittliche Strenge und harten
-Dienst herzustellen, und in Gallien alles vorzubereiten, was für den
-neuen Kampf erforderlich schien. So groß war die Furcht in Rom und die
-Zuversicht auf Marius, daß ihm, bis zur Beendigung des Krieges, das
-Konsulat noch vier Mal erneuert wurde; eine Auszeichnung, die noch nie
-einem Römer widerfahren war.
-
-Im Jahre 102 kehrten die Feinde aus Spanien, wo sie hartnäckigen
-Widerstand gefunden hatten, nach Gallien zurück, um nunmehr mit aller
-Macht in Italien einzudringen. Sie teilten sich in zwei Haufen; die
-Cimbern gingen über den Rhein, um von Rhätien (Tirol) aus in Italien
-einzufallen; die Teutonen und Ambronen gedachten an der Küste entlang
-durch Ligurien einzudringen.
-
-Marius hatte am Zusammenfluß der Rhone und Isère ein Lager errichtet
-und erwartete hier die Teutonen und Ambronen. Er vermied die offene
-Schlacht, obschon die Feinde drei Tage lang sein Lager bestürmten, und
-seine eigenen Leute ungeduldig den Kampf forderten. An der Festigkeit
-der Schanzen scheiterte alle Tapferkeit, aller Ungestüm der Germanen.
-Da beschlossen sie nicht länger zu zaudern, sondern geradeswegs am
-römischen Lager vorüber nach Italien zu ziehen. Höhnisch riefen sie
-den römischen Soldaten zu, sie zögen nach Italien; ob sie Aufträge an
-ihre Frauen und Kinder zu bestellen hätten? Kaum bändigte Marius den
-Zorn seiner Krieger. So groß war die Menge der Barbaren, so gewaltig
-ihr Troß an Wagen und Lasttieren, daß sie sechs Tage lang an dem Lager
-vorbeimarschierten. Kaum waren sie vorüber, so folgte ihnen Marius
-auf dem Fuße nach und gelangte auf kürzerem Wege zugleich mit ihnen
-an einen kleinen Fluß, an dem +Aquä Sextiä+ (~Aix en Provence~) lag.
-Hier wählte Marius einen Hügel zum Lagerplatz, von welchem herab er die
-Gegend ringsum zu übersehen vermochte. Die Germanen lagerten sich an
-beiden Seiten des Flusses. Durch diese Lagerung wurden die Römer vom
-Wasser abgeschnitten. Diese, von Durst gequält, klagten und murrten.
-Marius aber wies auf den Fluß hin: „Ihr seid Männer“, sprach er, „dort
-ist Wasser für Blut feil, und ihr klagt, daß es fehle?“ Da gingen
-römische Troßknechte mit ihren Tieren zum Fluß hinab und vertrieben
-einige Feinde; als aber mehr Barbaren erschienen, eilten auch römische
-Soldaten hinzu. Die Teutonen aber und ihre Bundesgenossen fühlten sich
-in voller Sicherheit; sie aßen, badeten und freuten sich des schönen
-fruchtreichen Landes. Wie nun von beiden Seiten Hilfe erschien, wurden
-zuletzt die Hauptheere selbst in den Kampf hineingezogen. Der Ambronen
-waren 30000 Mann. In dem Augenblick, wo sie über den Fluß setzten, ließ
-sie Marius von allen Seiten angreifen und zwar mit solchem Erfolg, daß
-die meisten auf dem Platze erschlagen wurden. Die Flüchtlinge drangen
-gleich den Römern bis an die Zelte und Wagen der Teutonen, die am Kampf
-noch nicht teilgenommen hatten; hier wurden sie auch von den Weibern
-mit Beilen und Schwertern empfangen, und erst die Dunkelheit brachte
-die Kämpfenden auseinander.
-
-Nun folgte eine grauenhafte Nacht. Die Totenklagen der Teutonen um die
-gefallenen Brüder, dazwischen die Wehrufe der Verwundeten, und ihr
-wilder Schlachtgesang wiederhallten in den Wäldern und klangen in das
-römische Lager hinüber, daß es den Römern durch Mark und Bein ging.
-Marius, der 3000 Mann unter Claudius Marcellus in einen Hinterhalt
-gelegt hatte, stellte mit Anbruch des Tages sein Heer vor dem Lager in
-Schlachtordnung und reizte die Teutonen durch abgesandte Reiterscharen
-zur Schlacht. In dicht geschlossenen Massen stürmten diese die
-beschwerlichen Höhen hinan und die Römer ihnen entgegen. Noch vor Mitte
-des Tages waren die Angreifer in die Ebene zurückgedrängt, und schon
-begannen ihre Reihen sich zu lösen, als auch Marcellus aus seinem
-Hinterhalt hervorbrach und ihre Verwirrung vermehrte. Ordnungslose
-Flucht kam über ihr ganzes Heer und nun erst begann ein entsetzliches
-Morden unter den fliehenden Scharen. Der Erschlagenen und Gefangenen
-waren an 100000. Der ganze Stamm war vernichtet bis auf einen geringen
-Rest, der sich nach dem nördlichen Gallien rettete. Von den gefangenen
-Frauen und Mädchen hatten viele nach verzweifelter Abwehr, um der
-Schmach der Knechtschaft zu entgehen, sich selber den Tod gegeben.
-+Teutobod+ selber, der König, geriet in Gefangenschaft (102).
-
-Inzwischen waren die noch unbesiegten Cimbern über den Brennerpaß
-vorgedrungen, hatten das Heer des +Lutatius Catulus+ an der unteren
-Etsch geschlagen und südwärts über den Po zurückgedrängt. Ihr Plan
-war, sich mit den Teutonen, deren Schicksal ihnen noch unbekannt
-war, zu vereinigen und dann gegen Rom zu ziehen. Darüber versäumten
-sie die günstige Gelegenheit, sofort nach ihrem Siege über den Po
-vorzurücken und das wehrlose Italien zu erobern. Im Frühlinge des
-folgenden Jahres (101) verband sich Marius mit Catulus. So rückten sie,
-50000 Mann stark, wieder über den Po und stießen bei Vercellä auf den
-Feind, nahe der Mündung der Sesia in den Po, wo einst Hannibal seine
-erste italische Schlacht geschlagen hatte. Die Cimbern aber schickten
-Abgeordnete an die römischen Feldherren und ließen um Land für sich
-und ihre Brüder, die Teutonen, bitten. Sie erhielten die Antwort: für
-ihre Brüder sei bereits gesorgt; sie hätten ein Land bekommen, wo
-sie ewig bleiben würden. Dabei ließ Marius, um ihnen die Vernichtung
-der Teutonen glaublich zu machen, den gefangenen Teutobod in Ketten
-vorführen. Jetzt rückten die Cimbern vor das Lager der Römer, und
-+Bojorix+, ihr König, forderte, nach dem Brauche seines Volkes, den
-Gegner auf Ort und Zeit zur Schlacht zu bestimmen. Marius bezeichnete
-den folgenden Tag und das raudische Feld, das der überlegenen römischen
-Reiterei einen günstigen Kampfplatz bot.
-
-Die Cimbern erwarteten den Angriff in einer viereckigen
-Schlachtstellung, die sich dreiviertel Meilen in Breite und Tiefe
-erstreckte. In den äußeren Gliedern hatten sich die Kämpfer mit
-eisernen Ketten aneinander gebunden, um das Eindringen der Feinde zu
-verhindern. Bei den Römern stand das Heer des Catulus im Mitteltreffen,
-das des Marius bildete die Flügel. Im Morgennebel ward die
-cimbrische Reiterei von der römischen überrascht und auf ihr Fußvolk
-zurückgetrieben, das sich eben erst ordnete. Schon aber rückte das
-römische Fußvolk, Sonne und Wind im Rücken, aus der staubigen Ebene
-heran. Der Tag war schwül; die Cimbern hatten Sonne und Wind gegen
-sich und ertrugen nicht lange die ungewohnte Hitze. So errangen die
-Legionen mit geringen Verlusten einen völligen, mit der Vernichtung
-des cimbrischen Volkes endigenden Sieg. Nachdem ein Teil der Feinde
-dem römischen Schwerte erlegen war, floh der Rest der Wagenburg zu, wo
-auch die Frauen sich zur Wehr stellten. Hier begann ein neues Gemetzel,
-dem nur wenige Haufen durch die Flucht entgingen. Auch hier geschah
-es, daß viele der Frauen, um nicht in Gefangenschaft zu geraten, erst
-ihre Kinder, dann sich selbst töteten. Dennoch betrug die Zahl der
-Gefangenen 60000; die der Gefallenen 120000.
-
-Die Römer aber erwiesen dem Marius als dem Retter Italiens die höchste
-Ehre. Sie nannten ihn den dritten Gründer der Stadt und erteilten
-ihm zum sechsten Male das Konsulat. Am Triumphe aber ließ Marius den
-Catulus teilnehmen. Vor dem Triumphwagen mußte der gefangene Teutobod
-einherschreiten, ein Mann von so riesigem Wuchse, daß er noch über die
-Siegeszeichen emporragte.
-
-
-
-
-XXIV.
-
-Bürgerkrieg. Sulla und Marius.
-
-
-1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den Marius.
-
-+Lucius Cornelius Sulla+ stammte aus einem patricischen Geschlechte.
-Ein stattlicher Mann, von vornehmer stolzer Haltung, hochbegabt, mit
-griechischer Sprache, Kunst und Wissenschaft gründlich vertraut, dabei
-ein tapferer Soldat und geschickter Heerführer, im Verkehr gesprächig,
-witzig, liebenswürdig und einnehmend, war er in Tugenden und Fehlern
-das Muster der damaligen römischen Aristokratie. Ausschweifend im
-Genuß, sittenlos und verschwenderisch, bewies er doch in Amt und
-Dienst, in den Kämpfen des Krieges und der Politik eine unermüdliche
-Kraft des Geistes und Leibes, und wo es den Sieg seiner Partei, der
-Optimaten, galt, schreckte er vor keiner blutigen Gewalttat zurück. So
-war er fast in allen Stücken das Gegenteil des Marius; nur in maßloser
-Ruhmbegier und in der Kunst der Heerführung waren beide Männer einander
-gleich. Schon seit dem Ende des jugurthinischen Krieges, wo Sulla dem
-Marius die Ehre, sich der Person des Jugurtha zu bemächtigen, entrissen
-hatte, lebten beide in bitterer Feindschaft, die dadurch unversöhnlich
-wurde, daß Marius, nach seinen glorreichen Siegen, in Rom bald offen an
-die Spitze der allmählich wieder erstarkten Volkspartei trat. Aber zu
-offenem Kampfe steigerte sich dieser Gegensatz erst, als Rom in einen
-neuen großen Krieg verwickelt wurde.
-
-+Mithridátes+, der König von Pontus, an der Südküste des schwarzen
-Meeres, war ein Mann von ungewöhnlichen Eigenschaften. Körperlich
-ungemein stark und abgehärtet gegen alle Beschwerden, kühn und
-rastlos in Gefahren und Wagnissen, enthaltsam im Sinnengenuß, wilden,
-unbeugsamen Sinnes, doch nicht ohne alle Großmut, dabei von großem
-Verstand und außerordentlichem Gedächtnis, herrschsüchtig, mißtrauisch
-und grausam, war er ein unversöhnlicher, erbitterter Feind der Römer.
-Nicht zufrieden mit seinem Reiche Pontus, erweiterte er seine Macht
-durch Eroberung anderer Staaten Kleinasiens, wobei ihm der Umstand
-zu großem Vorteil gereichte, daß er, der zweiundzwanzig asiatische
-Sprachen redete, mit jedem Volke in seiner eigenen Sprache unterhandeln
-konnte. Er hatte die Absicht sich zum Herrn von ganz Asien zu machen.
-Schon hatte er einen römischen Feldherrn, den Manius Aquillius,
-geschlagen, und als er ihn in seine Gewalt bekommen, gefesselt auf
-einem Esel durch die Städte Kleinasiens führen und ihm zuletzt
-geschmolzenes Gold in den Hals gießen lassen, um in ihm die römische
-Habgier zu verhöhnen und zu strafen. Mit Freuden öffneten ihm die
-griechischen Städte, als dem Erretter vom römischen Druck, ihre Tore.
-Daran erließ er an alle Städte Kleinasiens den greulichen Befehl,
-an einem bestimmten Tage alle römischen Bürger, ohne Unterschied
-des Standes, Alters und Geschlechts zu töten. Mit schrecklicher
-Pünktlichkeit erfüllten die Obrigkeiten aller Orte den Befehl, und
-80000 Italiker erlagen an einem Tage der Wut des Volkes. Nachdem
-Mithridates den Römern in Asien ihre Provinz entrissen hatte, streckte
-er seine Hände auch nach Griechenland aus, und es war hohe Zeit für die
-Römer gegen diesen Eroberer entscheidende Maßregeln zu ergreifen.
-
-Kurz vorher hatte sich Sulla in dem gefährlichen Kriege der Römer
-mit ihren aufständischen italischen Bundesgenossen (90-88), die
-sich die völlige politische Gleichstellung erkämpfen wollten und
-auch größtenteils erlangten, ausgezeichnet und wegen seiner überall
-siegreichen Erfolge den Ehrennamen des Glücklichen erhalten. Während
-seines Konsulats (88) wurde der Krieg gegen Mithridates beschlossen,
-und da ihm für das folgende Jahr, bei der üblichen Verlosung der
-Provinzen, die Verwaltung der Provinz Asia (des westlichen Kleinasiens)
-zufiel, so übertrug ihm der Senat auch den Oberbefehl gegen
-Mithridates. Dadurch fühlte sich der alternde Marius, dessen Ehrgeiz
-trotz seiner 68 Jahre noch nicht gesättigt war, zurückgesetzt und
-gekränkt. Wenn auch kränklich, besuchte er täglich das Marsfeld und
-machte dort unter den jungen Männern alle körperlichen Übungen mit,
-um den Verdacht der Hinfälligkeit zu entfernen. Er verband sich mit
-dem verwegenen Volkstribunen +Sulpicius Rufus+, der ein ihm ergebenes
-Gefolge von 600 Rittern hatte, die er ihrer dem Adel feindlichen
-Gesinnung wegen seinen Gegensenat nannte, und außerdem noch eine Schar
-von 3000 Bewaffneten in seinem Sold hatte.
-
-Mit Hilfe dieses Sulpicius und seines Anhanges wußte Marius einen
-Volksbeschluß zu erzwingen, durch den der Oberbefehl gegen Mithridates
-dem Sulla genommen und ihm, dem Marius, übertragen wurde. Unter solchen
-Umständen verließ der Konsul Sulla nicht ohne persönliche Gefahren die
-Stadt und begab sich nach Nola in Campanien, wo die ihm angewiesenen
-Legionen standen. Diesen stellte er die ihm widerfahrene Unbill und
-Gewalt vor, worauf sie ihn mit stürmischem Eifer aufforderten sie
-ungesäumt nach Rom zu führen, um sich sein Recht zu holen. Als daher
-die von Marius abgeschickten Kriegstribunen kamen, um das Heer für ihn
-zu übernehmen, wurden sie von Sullas erbitterten Soldaten gesteinigt.
-Bald rückte dieser an der Spitze von sechs Legionen gegen Rom vor. Als
-seine Soldaten anfangs von der Partei des Marius zurückgeschlagen
-wurden, befahl Sulla den Bogenschützen Brandpfeile auf die Dächer zu
-schießen, und ergriff selbst eine brennende Fackel. Darauf drangen
-seine Legionen aufs neue vor, und umsonst riefen die Anhänger des
-Marius Bürger und Sklaven zu den Waffen. Sulla zog siegreich in Rom
-ein, vertrieb den Marius, Sulpicius und zwölf ihrer Genossen aus der
-Stadt und brachte es dahin, daß sie als Feinde des Vaterlandes in die
-Acht erklärt wurden. Hierauf schickte er Reiter aus, um die Flüchtigen
-aufzusuchen und zu töten. Sulpicius wurde gefunden und ermordet, aber
-Marius entging mit seinem Sohne und einigen Freunden den Verfolgern.
-
-
-2. Flucht des Marius.
-
-Er hatte sich an der Tibermündung nach Ostia begeben, wo er ein Boot
-fand, das ihn aufnahm, aber durch einen Sturm genötigt wurde, bei
-Circeji zu landen. Von den Anstrengungen der Fahrt erschöpft, von
-Hunger gequält und auf allen Seiten von Gefahren umgeben, irrte Marius
-mit seinen Begleitern in der Gegend umher. Gegen Abend stieß er auf
-einige Kuhhirten, die er um Lebensmittel ansprach; allein sie waren
-selbst arm und konnten ihm nichts geben. Indessen rieten sie ihm doch
-sich eilig zu entfernen, denn eben wären Reiter dagewesen, die nach
-ihm geforscht hätten. Marius verließ daher die Landstraße und floh mit
-den Seinigen tief in den Wald. Am folgenden Morgen ging er, von Hunger
-genötigt, wieder an die Küste, um Unterhalt und Mittel zur ferneren
-Flucht zu suchen. Er war sehr ermattet, dennoch aber bestrebte er
-sich seine Begleiter zu erheitern. Er bat sie nicht zu verzweifeln,
-und erzählte ihnen folgendes Geschichtchen. Einst wäre er als Knabe
-auf dem Felde gewesen, da wäre ihm ein Adlernest mit sieben Jungen
-in den Schoß gefallen. Seine Eltern hätten die Wahrsager darüber
-befragt und von diesen die Antwort erhalten, er werde einst unter den
-Sterblichen sehr berühmt werden und siebenmal die höchsten Würden
-bekleiden. Durch solche und ähnliche Unterhaltungen stärkte Marius den
-Mut seiner Gefährten und zeigte ihnen, daß er selbst mitten im Unglück
-die Hoffnung hegte, noch einmal Konsul zu werden; denn schon hatte er
-sechsmal diese Würde bekleidet.
-
-Marius war mit seinen Gefährten nicht mehr weit von der Küstenstadt
-Minturnä entfernt, als er auf der einen Seite einen Haufen Reiter
-erblickte, die auf ihn zueilten, und zugleich auf der andern Seite zwei
-Fahrzeuge gewahr wurde, die nicht weit von der Küste hinsegelten. Ohne
-sich lange zu bedenken, warf er sich mit den Seinen ins Meer und kam,
-durch zwei seiner Diener unterstützt, in eines jener Schiffe; seine
-übrigen Gefährten gelangten zu dem andern. Inzwischen kamen die Reiter
-heran und schrieen den Schiffern zu, sie sollten landen und den Marius
-entweder ausliefern oder über Bord werfen. Lange Zeit schwankten die
-Schiffer, endlich ließen sie sich durch die Bitten des alten Mannes
-rühren und riefen zurück, sie würden den Flüchtling schützen. Aber
-kaum hatten die Reiter sich entfernt, so änderten die Schiffer ihre
-Gesinnung. Sie fuhren zur Mündung des Liris zurück. Hier rieten sie dem
-Marius ans Land zu gehen, einige Nahrung zu sich zu nehmen und ruhig
-zu schlafen, so lange sie hier am Ufer verweilten. Er folgte ihnen,
-schlief ein, und sogleich entfernten sich die Schiffer. Als Marius
-erwachte und sich allein, von allen verlassen sah, blieb er lange Zeit
-entmutigt am Ufer liegen. Traurige Betrachtungen mochten sein Herz
-erfüllen und seinen Mut beugen. Erst nach einiger Zeit faßte er sich
-wieder. Er schleppte sich durch unwegsame und sumpfige Gegenden fort
-und kam zur einsamen Hütte eines Greises, den er um Schutz und Beistand
-bat. Der Greis wurde durch den Anblick des Unglücklichen gerührt und
-verbarg ihn unter dem gehöhlten Ufer des Liris. Aber nicht lange darauf
-kamen die Reiter des Sulla und verlangten die Auslieferung des Marius.
-Das hörte dieser; er verließ das Ufer und eilte zu den Morästen bei
-Minturnä. Hier zog er seine Kleider aus, tauchte sich bis ans Kinn ins
-Wasser und verhüllte den Kopf mit Rohr. Dennoch ward er von einigen
-Reitern entdeckt. Diese warfen ihm einen Strick um den Hals, zogen ihn
-aus dem Wasser und führten ihn nach Minturnä ins Gefängnis.
-
-Die Obrigkeit von Minturnä war entschlossen den Befehlen des Senats zu
-folgen und den Marius zu töten. Sie schickte deshalb einen cimbrischen
-Sklaven von riesigem Wuchs ab, um durch diesen das Todesurteil
-vollziehen zu lassen. Als der Sklave in das Gefängnis des Marius trat,
-sah ihn dieser mit grimmem Blick und feuersprühenden Augen an und
-rief ihm mit donnernder Stimme zu: „Sklave, du unterstehst dich den
-Gajus Marius zu töten?“ Voll Schrecken und Entsetzen warf der Riese
-sein Schwert weg, lief hinaus auf die Straße und rief: „Ich kann den
-Marius nicht töten!“ Da wurden auch die Minturnenser unsicher in ihrem
-Vorhaben; sie glaubten in der Furcht des Sklaven vor dem hilflosen
-Greise einen Wink der Götter zu erkennen, ließen den Marius frei,
-versahen ihn mit Geld und Kleidung und halfen ihm zur Flucht nach
-Afrika.
-
-Unterwegs hörte Marius, daß sich sein Sohn und einige seiner Anhänger
-in Numidien befanden und segelte daher nach dem alten Hafen von
-Karthago. Aber kaum war er daselbst angekommen, als ihm der Statthalter
-Sextius durch einen Liktor befehlen ließ Afrika zu verlassen. Marius
-war eben in düstere Betrachtungen versunken. Der Platz, auf welchem
-sonst Karthago gestanden hatte, erinnerte ihn lebhaft an den Wechsel
-seines eigenen Glückes. So blieb er eine Zeitlang stumm, bis ihn der
-Liktor fragte, ob er ihm keine Antwort an den Prätor erteilen wollte.
-Da sprach er die bedeutsamen Worte: „Melde dem Sextius, du habest den
-alten Marius auf den Trümmern von Karthago sitzen sehen.“ Bald darauf
-fand er seinen Sohn und dessen Gefährten. Mit diesem begab er sich auf
-eine Insel unweit der Küste von Afrika, wo er den Winter hindurch lebte
-und auf Rache sann.
-
-
-3. Sullas Krieg gegen Mithridates.
-
-Mittlerweile hatte Sulla in Rom die Wahl des ihm treu ergebenen
-Octavius zum Konsul durchgesetzt, neben welchem das Volk den eifrigen
-Marianer +Cornelius Cinna+ wählte. Diesen ließ Sulla schwören, daß er
-an der Ordnung und Verfassung des Staates nichts ändern würde, und zog
-im folgenden Jahre (87) mit seinem Heere gegen Mithridates, dessen
-Feldherr Archelaos sich inzwischen Makedoniens und des größten Teils
-von Griechenland bemächtigt und besonders in der Stadt Athen einen
-festen Stützpunkt für sein Heer und seine Flotte gefunden hatte.
-
-Sulla landete in Epirus und drang durch Thessalien und Böotien
-gegen Athen vor, dessen Bewohner es mit Mithridates hielten. Da
-seine Versuche, die von Archelaos verteidigte Stadt zu erstürmen,
-mißlangen, so mußte er sich zu einer langen und mühseligen Belagerung
-entschließen. Um sich Geld zu verschaffen, nahm er die Tempelschätze
-zu Delphi, und um Holz für die Belagerungswerke zu bekommen, ließ er
-die Bäume im Haine der Akademie fällen, wo einst der große Philosoph
-Platon gelebt und gelehrt hatte. Unter diesen und anderen Zurüstungen,
-wie sie die Belagerung erforderte, verging der Winter. Mit Beginn des
-Frühlings (86) wurden Stadt und Hafen enger eingeschlossen und die
-Versuche sie zu erstürmen mehrmals, obgleich vergeblich, erneuert.
-In der Stadt aber erreichte die Hungersnot einen so hohen Grad, daß
-die Einwohner sich entschließen mußten, mit Sulla des Friedens wegen
-zu unterhandeln. Ihre Gesandten hielten vor Sulla eine abgeschmackte
-Rede, in der sie alle Herrlichkeiten des alten Athens aufzählten und
-in stolzem Tone Schonung ihrer Stadt verlangten. Sulla aber schickte
-sie mit den Worten zurück, solche Dinge sollten sie die Schüler in
-den Redeschulen vortragen lassen. Endlich wurde die Stadt durch einen
-Zufall verraten. Spione meldeten, daß einige alte Männer in einer
-Barbierstube sich unwillig darüber geäußert hätten, daß eine Stelle der
-Stadt nicht gehörig bewacht wäre. Diese Stelle wurde in der nächsten
-Nacht erstiegen und die Stadt eingenommen. Raubend und mordend drangen
-die sullanischen Soldaten ein und richteten ein furchtbares Blutbad
-an. Erst am andern Tage tat Sulla der zerstörenden Wut seiner Truppen
-Einhalt. Er gedachte der ruhmvollen Vergangenheit der Stadt, ihrer
-vielen großen Männer, welche als Staatsmänner, Dichter, Künstler und
-Schriftsteller die Welt mit dem Glanze ihrer Namen erfüllt hatten, und
-rief: „Ich will vielen um weniger willen, und den Lebenden der Toten
-wegen verzeihen.“
-
-Nach der Eroberung Athens zog Sulla nach Böotien, wo der Sohn des
-pontischen Königs und der aus Athen entkommene Archelaus mit 120000
-Mann standen, denen er kaum 40000 Mann entgegenzustellen hatte. In
-der Nähe von +Chäroneia+, wo einst die Freiheit Griechenlands den
-Makedonern unter König Philipp und seinem Sohne Alexandros erlegen
-war, trafen beide Heere zusammen. Sullas Soldaten, der anstrengenden
-Arbeiten müde, forderten laut eine Schlacht. Ihr Wunsch ward erfüllt,
-und so vollständig war ihr Sieg, daß Archelaus nur mit 10000 Mann
-entkommen sein soll. Noch blutiger und entscheidender war die Schlacht
-bei +Orchomenos+, wo Archelaus, durch ein neues von seinem König
-geschicktes und besonders an Reiterei überlegenes Heer verstärkt, eine
-feste Stellung genommen hatte (85). Schon neigte sich der Sieg auf die
-Seite des Gegners, als Sulla vom Pferde sprang, einem Fahnenträger den
-Adler aus der Hand riß und mit den Worten: „Hier will ich sterben, und
-wenn man euch fragt, wo ihr euren Feldherrn verlassen habt, so sagt:
-bei Orchomenos!“ sich auf die Feinde stürzte. Da warfen sich seine
-Truppen von neuem in den Kampf und schlugen den Feind mit einem Verlust
-von 15000 Mann zurück. Am folgenden Tage sollen noch 30000 Mann in den
-nahen Sümpfen umgekommen sein. Archelaus selbst hielt sich zwei Tage
-lang in einem Sumpfe versteckt und entkam am dritten Tage nach der
-Insel Euböa hinüber.
-
-In demselben Jahre unterhandelte Archelaus persönlich mit Sulla über
-den Frieden. Zu Delion in Böotien kamen beide Feldherren zusammen.
-Als Archelaus die Bedingungen Sullas zu hart fand, rief dieser:
-„Mithridates sollte es mir auf den Knieen danken, daß ich ihm die
-rechte Hand lasse, mit der er so viele Römer getötet hat.“ So wurden
-die Unterhandlungen abgebrochen. Mithridates knüpfte sie aber von neuem
-wieder an, als Sulla in Asien erschien. Hier hatte er mit dem König
-selbst eine Unterredung zu Dardanos (in der Nähe des alten Troja) wo
-jener in alle Forderungen Sullas einwilligte. Bei dieser Zusammenkunft
-schwieg Mithridates anfänglich und schien Sulla die Eröffnung der
-Unterredung überlassen zu wollen, doch dieser sagte: „Sprich du
-zuerst, da du den Frieden nötig hast; der Sieger hat das Recht zu
-schweigen und zu hören.“ Mithridates begann nun seine früheren Taten zu
-rechtfertigen, aber Sulla versetzte: „Wohl hatten diejenigen recht, die
-mir deine Beredsamkeit rühmten; denn es gehört in der Tat ein großer
-Redner dazu, solche Schandtaten zu beschönigen.“ -- Der König mußte
-alle seine Eroberungen herausgeben, 2000 Talente (gegen 10 Millionen
-Mark) bezahlen und 80 Schiffe ausliefern. Die kleinasiatischen Städte,
-die jetzt wieder unter römische Gewalt kamen, mußten ungeheure
-Kriegssteuern zahlen, zusammen 20000 Talente (fast 100 Millionen
-Mark) und außerdem die römischen Truppen lange Zeit auf ihre Kosten
-unterhalten. Nie hat die Provinz Asia sich von dem Druck dieser Lasten
-ganz erholt. Denn um die großen Summen aufzubringen, wurden sie die
-Schuldner römischer Kapitalisten, denen sie hohe Wucherzinsen zahlen
-mußten. Sulla selbst kehrte alsbald nach dem Friedensschluß nach Rom
-zurück, wo seine Gegenwart dringend notwendig war, wenn nicht seine
-Partei den Marianern völlig erliegen sollte.
-
-
-4. Cinna in Rom. Marius’ Rückkehr und Tod.
-
-Kaum hatte nämlich Sulla im Jahre 87 Italien verlassen, als der
-eine der neuen Konsuln, +L. Cornelius Cinna+, eine Volksversammlung
-berief, um die Zurückberufung des Marius und der übrigen Geächteten
-zu bewirken. Hierbei kam es zu blutigen Kämpfen. Der andere Konsul
-Octavius eilte mit seinen Scharen herbei und drängte Cinna bis an die
-Tore der Stadt zurück; 10000 Anhänger Cinnas sollen bei dem Gemetzel
-das Leben verloren haben. Hilflos floh dieser, seiner Konsulwürde
-verlustig erklärt, nach Campanien. In Nola gewann er die Kriegstribunen
-der dortigen Legionen und trat dann vor den versammelten Truppen auf.
-Von Liktoren umgeben, mit allen Zeichen seiner konsularischen Würde
-angetan, begann er seine Anrede, ließ dann aber plötzlich die Liktoren
-abtreten und erzählte weinend, wie ihn der Senat seiner Würde entsetzt
-habe; er zerriß seine Kleidung, sprang von der Rednerbühne und warf
-sich auf die Erde. Die Soldaten ließen sich durch dieses Schauspiel
-zu Mitleid hinreißen, sie führten ihn zur Rednertribüne zurück, gaben
-ihm alle Zeichen seiner Würde zurück und versprachen den dem Konsul
-gebührenden Gehorsam. Nach diesem Erfolge rief er alle Anhänger der
-senatsfeindlichen Partei zu seinen Fahnen, lud den geächteten Marius
-zur Rückkehr ein, und erschien mit einem gewaltigen Heere vor Rom.
-
-Die Zeit der Rache war für Marius gekommen. Er landete in Etrurien und
-brachte dort 1000 Reiter und außerdem eine Bande von mehreren Tausend
-Sklaven zusammen, und an der Spitze dieser wilden Rotte stieß er zum
-Heere Cinnas. Der Senat war außerstande, die Stadt zu verteidigen, und
-da zudem noch Hungersnot ausbrach, so suchte er die erbitterten Gegner
-durch Unterhandlungen zu gewinnen. Als die Gesandten zum Cinna kamen,
-fragte er sie, ob sie zu ihm als ihrem Konsul kämen. Darauf konnten sie
-nicht antworten und gingen unverrichteter Sache zurück. Nun erkannte
-ihn der Senat als Konsul an und schickte von neuem Abgeordnete an ihn.
-Sie fanden ihn auf seinem Amtssessel sitzend und mit allen Zeichen der
-konsularischen Würde angetan. Marius stand schweigend neben ihm, aber
-sein finsterer Blick verriet die grimmige Rachgier seines Herzens.
-
-Die beiden Verbündeten kamen hierauf zum Stadttor. Cinna zog ein;
-Marius aber blieb am Tore stehen und sagte mit bitterem Lächeln:
-„Verbannte dürfen ja die Stadt nicht betreten.“ Cinna ließ daher
-sogleich das Volk zusammenkommen, um die Aufhebung des Beschlusses
-zu bewirken, durch welchen Marius geächtet worden war. Allein kaum
-hatten drei Abteilungen des Volkes für seine Rückkehr gestimmt, so
-konnte sich dieser nicht länger halten. Er brach in die Stadt, ließ
-mit wütender Grausamkeit alles, was ihm in den Weg kam, niederstoßen,
-befahl Sullas Haus dem Erdboden gleich zu machen, und erlaubte seinen
-wilden Horden die schrecklichsten Ausschweifungen. Als das Morden
-fünf Tage und fünf Nächte lang gedauert hatte, ward Cinna dessen
-überdrüssig; aber der alte Marius hatte seinen Blutdurst noch nicht
-gesättigt; wem er den Gruß weigerte, der wurde getötet, darunter die
-vornehmsten und verdienstvollsten Männer des Staates, unter anderen
-der Konsul Octavius, die Konsulare M. Antonius, der größte römische
-Redner seinerzeit, Q. Catulus, der Mitsieger bei Vercellä (S. 118). Da
-überfiel endlich Cinna mit einer Schar Bewaffneter diese Mordsklaven in
-ihrem nächtlichen Lager und ließ sie niedermetzeln.
-
-Als die erste Wut vorüber war, ernannten sich Cinna und Marius
-eigenmächtig zu Konsuln. Marius bekleidete dieses Amt nun zum siebenten
-Male, aber nur auf wenige Tage. Sulla hatte den Senat von seinen Siegen
-über Mithridates benachrichtigt und zugleich versichert, er werde bald
-kommen, um an seinen Feinden Rache zu nehmen. Diese Nachricht erfüllte
-den alten Wüterich, der selbst seinen Parteigenossen ein Greuel und
-Schrecken geworden war, mit Unruhe und Angst, und vergebens suchte er
-den fliehenden Schlaf in maßlosem Weingenuß. In solchem Taumel befiel
-ihn ein hitziges Fieber, dem er nach sieben Tagen erlag. Er starb im
-Januar 86, am siebenzehnten Tage seines Konsulats.
-
-
-5. Sullas Rückkehr und Proskriptionen. Sein Tod.
-
-Drei Jahre hindurch behauptete sich Cinna im Konsulat, als er aber
-dem zurückkehrenden Sulla entgegen ziehen wollte, ward er in einem
-Aufstand von seinen eigenen Leuten, die nicht gegen Sulla fechten
-wollten, getötet. Sulla erschien an der Spitze eines siegreichen Heeres
-von 40000 Mann, das er überschwenglich belohnt hatte, in Italien (84),
-wo ihm die Marianer eine Macht von 200000 Mann entgegenstellen konnten.
-Aber von den sie führenden Konsuln ward der eine geschlagen, der
-andere von seinen Truppen, die zu Sulla übergingen, verlassen. Sulla
-wußte sogar das Heer des jungen Marius durch geschickte Überredung auf
-seine Seite zu bringen, sodaß Papirius Carbo, einer der marianischen
-Parteihäupter, sagte: „In Sulla steckt ein Löwe und ein Fuchs, und
-dieser ist noch mehr zu fürchten als jener.“ Der junge Marius warf
-sich in die hochgelegene feste Stadt Präneste, nicht weit von Rom, wo
-er sich heldenmütig verteidigte. Als aber Sulla vor den Toren Roms ein
-großes Heer der Samniter, den letzten Rest der aufständischen Italiker,
-geschlagen und vernichtet hatte, ließ sich Marius, am glücklichen
-Erfolge verzweifelnd, durch einen Sklaven töten. Seinen Kopf stellte
-Sulla auf der Rednerbühne aus und sagte spottend: „Das Bürschchen hätte
-erst Ruderer werden sollen, zum Steuermann war es noch zu jung.“
-
-Nach einer Reihe von Siegen zog Sulla in Rom ein, und jetzt verwandelte
-er sich in den blutgierigsten Wüterich, den Rom jemals gehabt hat. Er
-hatte in der letzten Schlacht 6000 Gefangene gemacht. Diese ließ er
-in der großen Rennbahn, dem Zirkus Maximus, auf einmal niederhauen.
-Während dies geschah, versammelte er den Senat nicht weit vom Zirkus
-im Tempel der Bellōna. Hier hielt er eine drohende Rede, worin er
-die Senatoren nicht als Häupter eines freien Staates, sondern als
-pflichtvergessene Untertanen eines stolzen Gebieters behandelte.
-Während dieser Rede hörten die Senatoren das klägliche Geschrei jener
-Gefangenen, die eben im Zirkus ermordet wurden. Alle erschraken und
-sprangen bestürzt von ihren Sitzen auf. Nur Sulla blieb unbewegt.
-Ohne eine Miene zu verändern, sagte er bloß: „Laßt euch nicht stören,
-versammelte Väter! Was ihr hört, ist das Geschrei einiger Aufrührer,
-die auf meinen Befehl gestraft werden.“ Dann setzte er seine Rede fort,
-bis das Geschrei verstummte. Nicht lange nachher hielt er eine Rede
-vor dem Volk, worin er deutlich sagte, daß er keines Menschen schonen
-würde, der gegen ihn die Waffen getragen hätte. Der Grausame hielt
-Wort. Denn nun erfolgte das fürchterlichste Blutbad in Rom und ganz
-Italien. Vierzig Senatoren, sechzehnhundert Ritter und viele tausend
-Bürger wurden getötet, viele italische Städte zerstört, und jeder
-konnte ungestraft den ermorden, den er haßte oder dessen Vermögen er zu
-besitzen wünschte.
-
-Als das Morden schon einige Tage gedauert hatte, sprach Metellus, ein
-Haupt der Optimaten und Parteigenosse Sullas, in der Senatssitzung zu
-ihm: „Wir bitten dich nicht diejenigen leben zu lassen, die du zu töten
-beschlossen hast, sondern nur diejenigen nicht durch Angst zu töten,
-die du erhalten willst.“ Sulla ward durch diese Freimütigkeit nicht
-beleidigt. Er erwiderte bloß, daß er selbst noch nicht wisse, wen er
-verschonen wolle. Hierauf sagte Metellus weiter: „Nun, so nenne uns
-diejenigen, die du zu töten entschlossen bist.“
-
-Dies geschah. Sulla ließ die Namen derjenigen in Listen verzeichnen,
-die ihre Güter und ihr Leben verlieren sollten. Mit solchen
-Verzeichnissen, den sogenannten Proskriptionen, gab Sulla das erste
-und schrecklichste Beispiel politischen Massenmordes. Die Listen der
-zum Tode Bestimmten wurden öffentlich auf dem Forum ausgestellt und
-zugleich durch ein Gesetz bekannt gegeben, daß mit der Ächtung auch
-der Verlust des Vermögens verbunden sei. Sulla schickte ganze Scharen
-gallischer Reiter aus, um die Verurteilten aufzusuchen und umzubringen.
-Wer den Kopf eines Geächteten brachte, erhielt zwei Talente (fast 10000
-Mark) zur Belohnung; wer einen Verurteilten aufnahm, verbarg oder ihm
-zur Flucht verhalf, ward mit dem Tode bestraft. Diese Achtserklärungen
-erzeugten die greulichsten Schandtaten. Sklaven verrieten ihre
-Herren, Kinder gaben ihre Eltern preis, Brüder und Gatten gerieten in
-Streit und tödlichen Haß. Tempel und Altäre wurden mit dem Blute der
-Verfolgten befleckt. Nicht nur Rom, sondern fast alle Städte Italiens
-waren der Schauplatz solcher unerhörten Greuel. Verrat, Undank,
-Meuchelmord, Bosheit, Raub und Habsucht wüteten allenthalben. Die Zahl
-der Getöteten ließ sich nicht genau bestimmen; in Rom sollen nahe an
-5000 gefallen sein. Sulla hörte nicht eher auf durch Achtserklärungen
-seine wirklichen oder angeblichen Gegner zu verfolgen, als bis die
-Rache und die Habsucht aller seiner Anhänger gesättigt war. Ein
-gewisser Furfidius mahnte ihn doch einige seiner Feinde leben zu
-lassen, damit Menschen übrig blieben, über die er herrschen könnte.
-
-Als Sulla seine Rache endlich gesättigt hatte, ließ er sich zum
-Diktator auf Lebenszeit ernennen und begann durch eine Reihe von
-Gesetzen die Verfassung und Verwaltung des Staates umzugestalten,
-wobei sein Absehen vor allem darauf gerichtet war, die Macht und das
-Ansehen der Optimaten und des Senates zu verstärken, die Geltung und
-den Einfluß der Tribunen zu schwächen, und überhaupt der verhaßten
-Volksherrschaft enge Schranken zu setzen. Wegen seiner Siege über
-Mithridates hielt er einen glänzenden Triumph, und belohnte alle
-Soldaten und seine Anhänger mit Geld und Landgütern.
-
-Aber schon im zweiten Jahre legte er die Diktatur nieder (79), nachdem
-er noch einmal in einer Rede vor dem Volke seine Taten und sein
-Glück gepriesen hatte. Er lebte dann noch ein Jahr als Privatmann,
-dem Vergnügen und der Jagd ergeben. Seine letzten Tage wurden ihm
-durch eine sehr schmerzhafte und Ekel erregende Krankheit verbittert.
-Er starb im Jahre 78. In seiner Zurückgezogenheit hatte er die
-Denkwürdigkeiten seines Lebens in griechischer Sprache geschrieben.
-Sein Leichnam ward auf dem Marsfeld verbrannt. In der Grabschrift,
-die er selber verfaßt hatte, rühmte er sich, daß er alles gute oder
-schlimme, daß er von Menschen erfahren hätte, ihnen reichlich vergolten
-habe.
-
-
-
-
-XXV.
-
-Gnaeus Pompejus Magnus.
-
-
-1. Sein erstes Auftreten.
-
-Gnaeus Pompejus, geboren 106, war der Sohn des Pompejus Strabo, der im
-Kriege der Römer gegen ihre aufständischen italischen Bundesgenossen
-(91-88 v. Chr.) mit Auszeichnung gefochten und einen Triumph gefeiert
-hatte. Während aber der Vater wegen seiner Geldgier und seines
-zweideutigen politischen Verhaltens beim Volk und beim Heer mißliebig
-war, wußte der junge Pompejus durch Vorzüge des Geistes und Charakters,
-durch persönliche Anmut und leutseliges Benehmen die Liebe und Gunst
-des Volkes zu gewinnen. Schon als Jüngling gab er Beweise von Mut und
-Unerschrockenheit. Während des Bürgerkrieges hatte Cinna einen Mörder
-gegen den älteren Pompejus gedungen, allein der Anschlag ward verraten
-und durch die wachsame Umsicht des Sohnes vereitelt. Ein andermal,
-als die Truppen dem verhaßten Feldherrn den Gehorsam weigerten und
-dieser aus Furcht nicht hervortrat, stellte sich der Sohn mitten unter
-die Soldaten, die bereits das Lager verlassen wollten, und suchte
-sie durch geschickte Rede zu ihrer Pflicht zurückzuführen. Als seine
-Vorstellungen nichts fruchteten, warf er sich vor dem Tor des Lagers
-zur Erde und hieß diejenigen, die abziehen wollten, zuvor seinen Körper
-zertreten. Bei diesem Anblick kehrten die beschämten Soldaten zurück
-und versöhnten sich mit ihrem Feldherrn.
-
-Im Bürgerkriege nahm er entschiedene Partei für Sulla und die Sache der
-Optimaten. Solange die Herrschaft der Marianer dauerte, lebte er auf
-seinen Gütern, trat aber, als Sulla nach Italien zurückgekehrt war,
-offen für diesen auf. Siegreich kämpfte er mit seiner Truppe, die er
-selbst geworben, gegen die Marianer, sodaß Sulla dem erst 23jährigen
-jungen Krieger den Ehrennamen Imperator beilegte. Als Sulla seinen
-Einzug in Rom gehalten hatte, sandte er den Pompejus nach Sizilien
-und Afrika, um auch dort die Marianer zu vernichten. In Sizilien
-schlug er Papirius Carbo, nahm ihn gefangen und ließ ihn hinrichten.
-Nach Afrika übergesetzt, gelang es ihm in nur vierzig Tagen diese
-Provinz zu beruhigen. Als dann seine Legionen, nach Beendigung des
-Krieges, auf Sullas Befehl sich auflösen sollten, wollten diese die
-Waffen nicht eher niederlegen, als bis man sie auf gleiche Weise wie
-die Sullanischen belohnt hätte; ja sie forderten sogar den Pompejus
-auf sie gegen Sulla zu führen, und nur durch die Drohung, er werde
-lieber sich selbst töten, wußte dieser die Meuterer zu ihrer Pflicht
-zurückzuführen. Diese selbstlose Hingebung setzte ihn bei dem Diktator
-in die höchste Gunst. Dieser gab ihm den ehrenden Beinamen des Großen
-(Magnus) und zeichnete ihn noch besonders dadurch aus, daß er sich bei
-seinem Eintritt vom Amtssessel erhob. Als aber Pompejus auch die Ehre
-des Triumphes verlangte, eine Ehre, die nur siegreichen Prätoren und
-Konsuln zuteil zu werden pflegte, schlug ihm Sulla seine Bitte ab und
-verwies ihm seinen allzu großen Ehrgeiz. Da hatte der junge Sieger die
-Kühnheit zu erwidern: „Die aufgehende Sonne hat mehr Anbeter als die
-untergehende!“ Sulla, durch diese kecke Äußerung betroffen, gewährte
-ihm zwar die Bitte und rief zweimal: „So triumphiere denn!“ Aber von
-der Zeit an waren beide Männer keine Freunde mehr.
-
-Dennoch blieb Pompejus der Partei des Sulla getreu. Die eigentliche
-Zeit seines Ruhmes brach aber erst nach Sullas Tode an, als er
-Gelegenheit fand eine Reihe glücklicher Kriege zu führen. Freilich
-waren es seine glänzenden Eigenschaften nicht allein, die ihn solche
-Erfolge erringen ließen; nicht selten war es die besondere Gunst der
-Umstände, die ihn dabei unterstützten, und die Kunst sich die Siege
-anderer und ihre Früchte anzueignen.
-
-
-2. Pompejus gegen Sertorius.
-
-+Quintus Sertorius+ stammte aus dem Sabinerlande, aus einer bislang
-namenlosen Familie. In seiner Vaterstadt erlangte er einigen Ruf durch
-seine Beredsamkeit; bald aber widmete er sich einzig und allein dem
-Waffendienste. Er machte die Feldzüge gegen die Cimbern und Teutonen
-mit und kämpfte später im Bundesgenossenkrieg. Er verrichtete so
-bewunderungswürdige Taten, daß das Volk ihn mit lautem Freudengeschrei
-begrüßte, so oft er zu Rom im Theater erschien. Bei dem Ausbruche
-des Bürgerkrieges zwischen Marius und Sulla schloß er sich jenem
-an, und als die Sache der Marianer in Italien verloren war, ging er
-nach Spanien, wo er sich acht Jahre lang, 80-72, als Haupt der in
-Italien unterlegenen Volkspartei gegen die Übermacht der gegen ihn
-vom Staat geschickten Heerführer siegreich behauptete. Unermüdlich in
-allen Anstrengungen des Krieges, abgehärtet und bedürfnislos wie ein
-einfacher Kriegsmann, dabei mit List und Gewandtheit allen Gefahren
-sich entziehend, mit immer neuen Anschlägen die Gegner überraschend,
-ward er ein Abgott seiner Anhänger und des spanischen Volkes, das ihn
-den zweiten Hannibal nannte.
-
-Anfangs, als sein Heer noch klein und ungeregelt war, wurde er von dem
-ersten Heere, das Sulla gegen ihn geschickt hatte, genötigt, Spanien
-zu verlassen. Da fuhr er denn mit seinen 3000 Mann eine Zeitlang
-abenteuernd an den spanischen Küsten umher, und schon kam ihm der trübe
-Gedanke, aus der zerrütteten römischen Welt auszuscheiden und sich
-auf den „glücklichen Inseln“ (den kanarischen), deren paradiesische
-Schönheit die überlieferten Erzählungen griechischer Seefahrer nicht
-genug rühmen konnten, eine neue Heimat zu suchen. Aber seine Truppen
-hatten dazu keine Lust, und so führte er sie nach Afrika hinüber zu den
-Mauretaniern, denen er in einem Aufstande gegen ihren König half. Hier
-erwarben ihm seine Taten einen solchen Ruf, daß eine Einladung der noch
-immer freiheitsstolzen Lusitaner (im heutigen Portugal) an ihn erging,
-sie gegen die Heere der römischen Statthalter anzuführen. Nun ging er
-wieder nach Spanien. Hier wußte er durch Mut und Tapferkeit, durch
-Klugheit und erfindsamen Geist, sowie durch milde und rücksichtsvolle
-Behandlung der Eingeborenen die Hälfte aller spanischen Völkerschaften
-auf seine Seite zu ziehen. Sie räumten ihm volle Feldherrngewalt
-ein und ließen sich sogar die Strenge des römischen Kriegsdienstes
-gefallen. Um die Eingeborenen im Gehorsam zu erhalten, kam ihm ein
-Aberglaube zustatten. Die Spanier standen nämlich in der Meinung, eine
-Gottheit tue ihm ihren Willen durch die weiße Hindin kund, die er
-sich gezähmt hatte, und die ihn überall begleitete, selbst mitten im
-Kriegslärm.
-
-So bildete er aus Lusitanern und Celtiberern waffengeübte Heerhaufen,
-mit denen er, verstärkt durch die aus Italien ihm zuströmenden
-marianischen Flüchtlinge, lange Zeit im kleinen Gebirgskrieg den
-römischen Legionen widerstand. Zwei Prokonsuln waren schon im Kampf
-gegen ihn gefallen. Die ganze Provinz schien bereits dem römischen
-Reiche verloren und Italien selber und die Herrschaft der Optimaten in
-Rom bedroht, zumal auch der Prokonsul Metellus Pius wenig gegen ihn
-ausrichtete. +Perpenna+, ein aus Italien vertriebener Marianer, der im
-Jahre 77 mit dem Rest der marianischen Truppen in Spanien erschienen
-war, ward von seinen Soldaten genötigt sich mit Sertorius zu vereinigen
-und ihm unterzuordnen. Dieser bildete nun einen eigenen Senat von 300
-Mitgliedern, den er für den eigentlichen römischen Senat erklärte,
-während der Senat zu Rom nur aus Sullas Sklaven bestände. Auch
-errichtete er zu Oska auf seine Kosten eine Schule, wo die vornehmsten
-Hispanier ihre Söhne nach Art der jungen Römer erziehen und in der
-lateinischen und griechischen Sprache unterrichten ließen.
-
-Sertorius vermied auch nach seiner Verstärkung durch Perpenna
-fortwährend offene Feldschlachten, sondern beschränkte sich auf den
-kleinen Krieg, den er in dem bergigen Lande mit Glück führte. Einst
-verlangten seine eigenen Soldaten, kühn geworden durch die immer
-zunehmende Zahl ihres Heeres, mit Ungestüm eine förmliche Schlacht.
-Sertorius gab nach. Bald aber wurden sie von den Feinden so bedrängt,
-daß ihr Untergang unvermeidlich gewesen wäre, wenn nicht Sertorius im
-rechten Augenblick zu ihrem Schutz herbeigeeilt wäre und sie sicher ins
-Lager zurückgeführt hätte. Als sie durch diesen Unfall mutlos geworden
-waren, ließ er einige Tage später zwei Pferde vorführen. Das eine war
-alt und schwach, das andere stark und jung mit einem dicken Schweif.
-Hinter jenes stellte er einen starken, hinter das andere einen kleinen
-schwächeren Soldaten. Auf ein gegebenes Zeichen mußten beide versuchen,
-den Pferden die Schweife auszuziehen. Der starke Soldat ergriff mit
-einem Mal den ganzen Schweif des schwachen Pferdes, um ihn mit einem
-Zuge auszureißen; aber er zog und zog, immer vergeblich. Indeß riß der
-kleine Soldat dem starken Pferde ein Haar nach dem andern aus, bis
-er zuletzt den ganzen Schweif in Händen hielt. So lehrte er sie, wie
-sie durch Ausdauer und kleine Gefechte auch einen überlegenen Feind
-schwächen könnten.
-
-Die Fortschritte des Sertorius erregten endlich in Rom solche
-Besorgnisse, daß man den Pompejus mit einem neuen Heere nach Spanien
-schickte. Pompejus führte sein Heer von 30000 Mann zu Fuß und 1000
-Reitern durch Gallien über die Pyrenäen (76). Jahrelang focht er, aber
-ohne Glück und Entscheidung gegen den unbesiegbaren Marianer, der sich
-sogar mit König Mithridates von Pontus in ein Bündnis einließ, bis
-endlich schnöder Verrat und Meuchelmord den Helden zu Fall brachte.
-
-Als nämlich die Römer einen Preis von 100 Talenten und 20000 Morgen
-Landes auf den Kopf des Sertorius setzten, da ließen sich viele
-zum Abfall bewegen. Gefährlicher noch ward daher im eigenen Heer
-der ehrgeizige Perpenna, der, weil er dem Sertorius den Oberbefehl
-mißgönnte, die Gemüter vieler Untergebenen von ihm abwendig machte.
-Er stiftete Zwietracht im Senat des Sertorius und machte auch die
-Treue der Eingeborenen wankend. Da wurde Sertorius mißtrauisch und
-grausam und ließ sich zu einer furchtbaren Tat hinreißen: er ließ die
-Söhne der vornehmsten Spanier, welche er des Abfalles bezichtigte, in
-der Schule zu Oska töten. Die tiefe Mißstimmung und Erbitterung, die
-solches Verfahren auch bei den bisher treuesten Anhängern hervorrief,
-benutzte sein Legat Perpenna als Gelegenheit zu seinem Untergang. Er
-stiftete eine Verschwörung an und lud seinen arglosen Feldherrn zu
-einem Gastmahl ein, zu dem dieser mit zweien seiner Geheimschreiber
-erschien. Auf ein gegebenes Zeichen erhoben sich die Mitverschworenen
-des Gastgebers und töteten Sertorius mit den beiden Schreibern (72).
-
-Perpenna stellte sich nun selbst an die Spitze des Heeres und hoffte
-die Sache der Marianer weiter zu führen. Bald aber ward er von
-Pompejus geschlagen und gefangen genommen. Vergebens erbot er sich die
-in seinen Händen befindlichen Briefe auszuliefern, durch die viele
-römische Senatoren in Gefahr gekommen wären. Pompejus ließ die Briefe
-ungelesen verbrennen und den Verräter hinrichten. Die überlebenden
-Marianer flüchteten übers Meer nach Mauretanien oder warfen sich auf
-den Seeraub. Die beiden spanischen Provinzen kehrten unter die römische
-Herrschaft zurück.
-
-Da Metellus inzwischen schon nach Italien zurückgekehrt war, konnte
-sich Pompejus rühmen dem langjährigen und gefährlichen Kriege ein Ende
-gemacht zu haben, und mit jenem zusammen im folgenden Jahre einen
-glänzenden Triumph feiern. Sein Glück sollte ihm bald Gelegenheit
-bieten, neue kriegerische Lorbeern zu ernten.
-
-
-3. Pompejus besiegt die Reste des Sklavenaufstandes.
-
-Während des letzten Jahres, in welchem Pompejus in Spanien focht,
-wurde Italien durch einen schrecklichen Sklavenaufstand überrascht,
-der in der grausamen Behandlung der Sklaven seine Ursache hatte. Schon
-längst hatte bei den Römern das blutgierige Vergnügen Eingang gefunden,
-Menschen bei öffentlichen Festlichkeiten auf Leben und Tod mit einander
-fechten zu sehen. Solche Fechter nannte man Gladiatoren (vom lat.
-~gladius~ „Schwert“). Anfangs nahm man dazu Gefangene und Verbrecher;
-allein die Sucht des römischen Volkes, sich an solchen Fechterspielen
-zu ergötzen, nahm so zu, daß ganze Sklavenhorden von gewinnsüchtigen
-Unternehmern gekauft, in eigenen Fechterschulen abgerichtet und an
-die hohen Beamten, welche dem Volke solche Spiele auf ihre Kosten zu
-geben pflegten, vermietet wurden. So fochten oft viele Hunderte von
-Fechterpaaren vor dem Volke und gaben zur Belustigung desselben ihr
-Leben hin.
-
-Um diesem unmenschlichen Zustand zu entgehen, entfloh aus einer solchen
-Fechterschule zu Capua der Thraker +Spartacus+ mit einer Anzahl seiner
-thrakischen und gallischen Unglücksgenossen. In diesem Manne fand sich
-bei einer ungemeinen Körperstärke eine unbändige Freiheitsliebe, kühner
-Wagemut und eine seltene kriegerische Begabung. Anfangs der Hauptmann
-einer Räuberbande, erwies er sich bald als ein wirklicher Feldherr und
-erneuerte in Italien den „hannibalischen Schrecken“. Der Zulauf zu
-seiner kleinen Schar war so gewaltig, daß er nicht nur ein römisches
-Heer nach dem andern schlug, sondern auch Rom selbst zittern machte.
-
-Anfangs setzte er sich mit seinen Gefährten in der Umgegend des Vesuvs
-fest. Bald sammelten sich mehr und mehr Fechter und Sklaven aus
-Süditalien um ihn, die er militärisch ordnete; Raub und Kriegsbeute
-verschafften Unterhalt und Waffen, und seine Erfolge begeisterten die
-wilden Haufen bald zu unbedingtem Gehorsam gegen den kühnen Führer. In
-Rom verkannte man anfangs die Größe der Gefahr. Die schwachen Kohorten,
-die man gegen den Aufstand sandte, wurden geschlagen. Erst als der
-Übermut und die Grausamkeit des täglich anwachsenden Heerhaufens die
-Städte Unteritaliens in Not und Schrecken setzte, rückten größere
-Truppen gegen ihn aus, die einen regelrechten Feldzug eröffneten.
-
-Einst hatte Spartacus mit seinen Truppen eine Höhe besetzt; der
-römische Befehlshaber konnte sie hier nicht angreifen und lagerte sich
-vor der Höhe, da, wo ein einziger schmaler Weg zu ihr hinaufführte,
-um die Feinde auszuhungern. Allein diese verfertigten aus wilden
-Weinranken, mit denen die Höhe besetzt war, möglichst starke Ketten, an
-denen sie sich nachts an der steilsten Stelle herabließen, ohne daß die
-Römer auf der andern Seite das Mindeste merkten. Ja, sie wurden sogar
-von den um den Berg herumgekommenen Fechtern so plötzlich überfallen,
-daß sie die Flucht ergriffen und das Lager preisgaben. Dieser Sieg
-verschaffte dem Spartacus einen solchen Ruf, daß ihm weitere Tausende
-von Sklaven zuliefen.
-
-Ein andermal hatte ihn der römische Prätor schon eingeschlossen, sodaß
-er entweder sich ergeben oder durch Hunger umkommen mußte. Da ließ
-er nachts vor dem Lager Leichname, die an Pfähle gebunden waren und
-Waffen in den Händen hielten, in gehörigen Zwischenräumen aufstellen;
-alle Wachtfeuer brannten, ein Trompeter blies dann und wann; dies
-alles, damit die Römer ihr Lager fortwährend besetzt halten sollten.
-Inzwischen entwischte Spartacus mit seinem ganzen Heere an einer wenig
-bewachten Stelle.
-
-So schlug er nach einander drei Prätoren und zwei Konsuln. Da er
-jedoch fühlte, daß er seine aus 70000 Mann angeschwollene Masse wilder
-Thraker, Gallier und Germanen nicht lange werde zusammenhalten können,
-so suchte er nach Oberitalien zu dringen, um sie von da über die Alpen
-in ihre Heimat zu führen. Allein das Raubleben in Italien gefiel den
-meisten, und ein Unterbefehlshaber des Spartacus, namens Crixus,
-trennte sich mit 30000 Galliern von ihm, erlitt aber bald eine völlige
-Niederlage. Spartacus selbst ward von seinen Leuten gedrängt sie gegen
-Rom zu führen.
-
-Hier wurde der durch seinen Reichtum bekannte +Licinius Crassus+ zum
-Feldherrn gegen Spartacus ernannt. Er stellte zuerst die verfallene
-Kriegszucht wieder her, ließ in zwei Legionen seines Unterfeldherrn
-den zehnten Mann zur Strafe für ihre schimpfliche Flucht hinrichten,
-und schloß dann den Feind durch einen meilenlangen Wallgraben ein.
-Spartacus aber durchbrach den Wall und ward dann von Crassus zur
-Schlacht am Flusse Silārus in Lucanien (71) genötigt. Er kämpfte mit
-dem Mute eines Löwen; er hatte sein Pferd selbst erstochen, denn er
-wollte siegen oder sterben. Er stürzte sich in den Feind und suchte
-den Crassus zu treffen, jedoch vergebens; dagegen sanken viele andere
-unter seinen Streichen. Als er, schwer an der Hüfte verwundet, nicht
-mehr stehen konnte, schlug er knieend um sich, bis er aus der Ferne
-mit Wurfspießen getötet wurde. In der Schlacht kamen 60000 Sklaven
-um, 6000 wurden gefangen und an der Landstraße von Capua nach Rom ans
-Kreuz geschlagen, und nur einem Reste von 5000 Mann gelang es sich nach
-Oberitalien durchzuschlagen.
-
-Aber hier stießen sie auf die Legionen, mit denen Pompejus aus
-Spanien heimkehrte. Er vernichtete den Haufen mit leichter Mühe bis
-auf den letzten Mann, und schrieb großprahlend an den Senat, Crassus
-habe zwar die Sklaven in geordnetem Treffen geschlagen, er aber habe
-diesem Sklavenkrieg erst die Wurzel ausgerissen! Gepriesen von seinen
-Schmeichlern, erhielt er nach seinem Triumph über Spanien das Konsulat,
-in dem er eben jenen Licinius Crassus, der ihm natürlich nicht hold
-war, zum Amtsgenossen hatte. Diese beiden Männer strebten jetzt nach
-der Gunst des Volkes und dadurch nach der Herrschaft. Crassus bewirtete
-das Volk an 10000 Tafeln und spendete ihm Getreide auf drei Monate;
-Pompejus stellte die Macht der Volkstribunen, die Sulla beschränkt
-hatte, wieder her, um mit ihrer Hilfe seine ehrgeizigen Pläne zu
-fördern (70).
-
-Am Schluß dieses Jahres vermittelten Freunde zwischen beiden Konsuln
-eine Versöhnung, wobei sich der gutmütigere Crassus zuerst von seinem
-Sitze erhob und dem Pompejus die Hand reichte. Dieser liebte es mit
-erkünstelter Bescheidenheit aufzutreten. Als in dem Jahre seines
-Konsulats die Censoren die übliche Musterung über die Ritter hielten,
-erschien auch Pompejus, als ob er dem Ritterstande angehörte, sein
-Pferd am Zügel führend. Alles staunte; und als er auf die Frage, ob
-er auch die den Angehörigen des Ritterstandes obliegenden Feldzüge
-mitgemacht habe, mit lauter Stimme antwortete: „Ja, alle, und zwar
-immer als Oberbefehlshaber!“ da brach die Menge in lauten Beifall aus
-und gab ihm jubelnd das Ehrengeleit nach seinem Hause.
-
-
-4. Pompejus besiegt die Seeräuber.
-
-Schon seit vielen Jahren befanden sich die östlichen Provinzen
-des römischen Reiches in fortgesetzter Bedrängnis durch das
-überhandnehmende Unwesen der Seeräuber, die namentlich seit dem Kriege
-mit Mithridates durch die Söldnerscharen, welche in seinen Diensten
-gestanden, außerordentlichen Zuwachs erhalten hatten. Sie hatten ihren
-Sitz hauptsächlich an den rauhen Küsten Ciliciens in Kleinasien und
-auf Kreta, und betrieben ihre Raubzüge in planmäßiger Ordnung. Alle
-Küstenländer und Küstenstädte, sowie die Inseln von der Küste Asiens
-bis zur spanischen Meerenge wurden durch Plünderungen, Menschenraub und
-Erpressungen in Not und Schrecken gesetzt. Sie befuhren mit weit über
-tausend trefflich bemannten und schnell segelnden Schiffen das Meer,
-erschienen in ganzen kriegsmäßig geleiteten Geschwadern, geboten über
-400 eroberte Städte und hatten allenthalben ihre festen Plätze, wo
-sie ihren Raub verbargen und verpraßten. Sie liefen in die Mündungen
-der Flüsse ein und überall, wo sie landeten, wagte man es nicht mehr
-das Feld zu bestellen. Dabei hatten sie immer ihre Hehler und Helfer
-in den Provinzen wie in Italien selbst. Vorzüglich gingen sie darauf
-aus, angesehene Personen aufzufangen, um hohe Lösegelder für sie zu
-bekommen; wer sich nicht löste, verlor Freiheit oder Leben. Besonders
-suchten sie die Küsten Italiens heim, wo sie bald da, bald dort
-landeten und einmal sogar die Tochter eines Senators, ja selbst zwei
-Prätoren samt ihren Liktoren fortschleppten. So waren die Herren der
-Welt nicht mehr Herren an ihrem eigenen Herde.
-
-Schon seit dem Jahre 78 v. Chr. führten die Römer Krieg gegen die
-Seeräuber; aber wenn diese auch einmal geschlagen und ihre Raubnester
-zerstört wurden, so war doch das Unwesen nicht ausgerottet, ja es
-trat nach einiger Zeit noch stärker hervor, sodaß Handel und Verkehr
-allgemein stockte, die Getreideschiffe aus Sizilien und Afrika
-ausblieben, in Rom die Teuerung immer höher stieg, und Hungersnot und
-Aufruhr des Stadtvolkes drohte. Als nun endlich sogar vor Ostia, wenige
-Meilen von der Hauptstadt, eine römische Flotte von den Seeräubern
-geschlagen und versenkt wurde, da erkannte man die Notwendigkeit
-entscheidende Maßregeln zu ergreifen (67). Der Volkstribun +Aulus
-Gabinius+, ein Anhänger des Pompejus, trat mit dem Vorschlage auf, man
-solle einen der gewesenen Konsuln mit der Führung des Krieges gegen die
-Seeräuber betrauen und ihm auf drei Jahre mit den nötigen Truppen und
-Geldmitteln die unumschränkte Gewalt, Verfügung über die ganze Seemacht
-und über alle Küstenländer des römischen Reiches bis auf zehn Meilen
-landeinwärts übertragen.
-
-Da jedermann einsah, daß unter dem Einen, dem man auf diese Weise den
-Befehl über fast das halbe römische Reich in die Hände legen sollte,
-kein anderer als Pompejus gemeint sein konnte, so setzte der Senat den
-ernstesten Widerstand entgegen. Bei den Beratungen über den Antrag des
-Gabinius ging es so stürmisch und gewalttätig zu, daß dieser selbst
-in Lebensgefahr geriet; aber auch die Senatoren würden vom Volke, das
-dem Tribunen zu Hilfe in den Sitzungssaal eingedrungen war, erschlagen
-worden sein, wenn sie nicht geflohen wären. Pompejus selbst gab sich
-zwar in einer Rede vor der Volksversammlung den Anschein, als wünsche
-er dieser großen Aufgabe, die so vielen Neid und Widerspruch errege,
-überhoben zu sein; er habe schon so viel im Kriege ausgestanden, daß er
-(der kaum 40 Jahre alt war) sich selbst als ein abgebrauchter alter
-Mann vorkäme; man sollte daher einen Tüchtigeren wählen. Das Volk ward
-dadurch nur noch bestärkt in dem Entschlusse den Vorschlag des Tribunen
-durchzusetzen, und es erhob sich ein solcher Lärm, daß ein oben
-vorbeifliegender Rabe, von dem Geschrei betäubt, zur Erde fiel.
-
-Der Antrag ging durch, und Pompejus erhielt 500 Schiffe, 120000
-Legionssoldaten mit 7000 Reitern und 25 Unterfeldherren (Legaten), dazu
-144 Millionen Sesterze (33 Millionen Mark) aus dem Staatsschatz, nebst
-der Vollmacht über alle Mittel der Provinzen zu verfügen. Eine solche
-Macht hatte gesetzmäßig vor ihm noch kein römischer Feldherr besessen.
-
-Nun teilte Pompejus das ganze Mittelmeer in dreizehn Bezirke, über
-deren jeden er einen Legaten mit den nötigen Streitmitteln setzte, und
-befahl sodann die Piraten zunächst aus dem westlichen Meere, also aus
-allen Schlupfwinkeln an den Küsten Italiens, Spaniens, Afrikas und der
-dazwischen liegenden Inseln aufzuscheuchen und nach dem östlichen Meere
-zu treiben. Als dies geschehen war, wendete er sich mit der Hauptmacht
-nach Osten. Schon auf dem Wege dorthin ergaben sich ihm viele auf Gnade
-und Ungnade, und er behandelte sie mit schonender Milde, um durch
-diese Mäßigung den andern die Rückkehr zur Ordnung zu erleichtern.
-Die meisten aber suchten ihre Zuflucht in den cilicischen Buchten und
-Bergfesten. Pompejus schlug dort ihre Flotte in einer regelmäßigen
-Schlacht gänzlich, zerstörte ihre Burgen, nahm ihnen alle ihre Städte,
-Schiffe, Vorräte, Waffen, und verpflanzte die Gefangenen, über 20000,
-tief in das Land hinein, um sich dort anzubauen und des Piratenlebens
-zu entwöhnen.
-
-Auf diese Weise hatte er in drei Monaten das Seeräuberwesen vertilgt
-und Rom die Herrschaft zur See wiedergegeben.
-
-Die rasche und glückliche Beendigung dieses Krieges versetzte das
-römische Volk in solche Freude, daß es den Freunden des Pompejus leicht
-wurde, dem Gefeierten ein noch größeres Feld des Ruhmes zu verschaffen,
-auf dem er abermals die Frucht der Arbeit anderer ernten sollte.
-
-
-5. Pompejus in Asien.
-
-Während Pompejus diese schnellen Siege erfocht, hatte sich
-+Mithridates+, der den Römern so furchtbare König von Pontus, zu einem
-neuen Kampfe gerüstet. Er hatte seine Land- und Seemacht verstärkt
-und durch römische Hauptleute, die ihm nach der Unterdrückung der
-Marianer in Menge zuströmten, in römischer Weise einüben lassen. Mit
-seinem Eidam, dem König +Tigránes+ von Armenien, und mit Sertorius
-in Spanien schloß er ein Bündnis und suchte die kriegerischen Völker
-im Norden des schwarzen Meeres und an der Donau zum Kampfe gegen die
-Römer aufzureizen. Nach dem Tode des Königs Nikomédes von Bithynien,
-der die Römer zu Erben seines Reiches ernannt hatte, fiel Mithridates
-in Bithynien ein mit einem Heer von 120000 Mann zu Fuß, 16000 Reitern
-und 100 Sichelwagen (74 v. Chr.). Allenthalben ward er als Befreier
-vom römischen Druck gern aufgenommen. Die Römer aber beauftragten die
-beiden Konsuln dieses Jahres, L. Licinius +Lucullus+ und M. Aurelius
-+Cotta+, mit der Führung des Krieges, von denen dieser hauptsächlich
-die Leitung der Flotte, ersterer die des Hauptheeres zu Lande erhielt.
-
-Nachdem Cotta in der Propontis unglücklich gegen Mithridates gekämpft
-und dabei seine ganze Flotte eingebüßt hatte, gelang es Lucullus, der
-von Cilicien her eben dorthin vorgerückt war, das weit zahlreichere
-Heer, womit der König die große Seestadt Kyzikos hart bedrängte, völlig
-zu schlagen, die Stadt zu entsetzen, und bald darauf auch die Flotte
-des Königs zu vernichten (73). Noch sieben Jahre, bis 67, dauerte
-der Krieg, der sich allmählich ostwärts bis in die Gebirge Armeniens
-und Mediens zog und den Gegner immer härter bedrängte. Schon gab
-Mithridates sein Reich verloren und ließ in seiner Hauptstadt seine
-Schwestern und Frauen töten, um sie vor römischer Gefangenschaft zu
-bewahren; er selbst floh zu seinem Schwiegersohn Tigranes von Armenien,
-der eben im Begriff stand, das Königreich Syrien mit dem seinigen zu
-vereinigen. Lucullus ließ ihn auffordern, den Flüchtling auszuliefern.
-Da er aber sein Schreiben an den „König“ Tigranes richtete, statt an
-den „König der Könige“, wie sich jener hochmütig nannte, so fühlte sich
-Tigranes gekränkt und gab eine abschlägige Antwort. Da zog Lucullus
-auch gegen ihn und schlug das zwanzigmal stärkere armenische Heer bei
-seiner Hauptstadt Tigranokerta in die Flucht (69). Dieser Sieg gewährte
-unermeßliche Beute. Lucullus gedachte noch weiter vorzudringen,
-allein der Ungehorsam seiner meuterischen Soldaten, deren Genuß- und
-Beutegier er nicht genug frönte, hemmte ihn in seinen Unternehmungen,
-und mitten im glücklichsten Lauf seiner Siege riefen ihn Neid und
-Mißgunst und boshafte Verleumdungen seiner Gegner vom Schauplatze des
-Krieges ab.
-
-Diese Feinde hatte sich Lucullus durch seine rücksichtsvolle und
-menschliche Behandlung der kleinasiatischen Städte zugezogen. Die ihnen
-von Sulla auferlegten 20000 Talente waren durch die Schulden, die sie
-bei den römischen Wucherern hatten machen müssen, zu der entsetzlichen
-Höhe von 120000 Talenten angewachsen, und die unvermögenden Schuldner
-wurden durch Kerkerstrafen und Martern aufs schrecklichste gepreßt.
-Lucullus setzte die Schuld auf 40000 Talente herab und gewährte
-den Städten noch andere Erleichterungen. Dafür ward er denn von
-den römischen Wucherern daheim auf das heftigste angegriffen und
-verleumdet. Diese und die Anhänger des Pompejus brachten es dahin,
-daß ihm der Oberbefehl genommen und auf den Antrag des Volkstribunen
-Manilius, den Cicero in einer Rede verteidigte, dem Pompejus übertragen
-wurde (67). Nun ging Pompejus nach Kleinasien, wo er in Galatien mit
-Lucullus eine Unterredung hatte. Anfangs spendeten sich beide die
-größten Lobsprüche; zuletzt überhäuften sie sich gegenseitig mit
-Vorwürfen, indem Lucullus dem Pompejus seinen unersättlichen Ehrgeiz,
-dieser dem Lucullus seine unersättliche Habgier vorhielt.
-
-Lucullus ging nach Rom, wo er nach langem Warten einen Triumph
-erhielt, und dann sein weiteres Leben in der Beschäftigung mit Kunst
-und Literatur und im Genuß seiner ungeheuren Reichtümer hinbrachte.
-Seine reichen Sammlungen von kostbaren Gemälden, Bildsäulen, Büchern,
-seine prächtigen Paläste, Landhäuser, Lustgärten, seine Fischteiche
-und künstlichen Seen, seine Prachtgeräte und Kleinodien, seine
-üppigen Gastmähler, wozu er die seltensten Speisen und Weine aus
-allen Weltgegenden herbeischaffen ließ, machten lucullischen Luxus
-zum Sprichwort. Kostete ihm doch ein einziges Prunkmahl im Apollo
-(so hieß einer seiner Speisesäle) an 30000 Mark nach unserem Gelde!
-Durch ihn wurden die Kirschen und andere aus Asien eingeführte
-edle Obstarten in Europa einheimisch Sein Beispiel blieb natürlich
-nicht ohne verderbliche Nachahmung; fast alle reichen und vornehmen
-Männer Roms wetteiferten seitdem in der Pracht ihres Haushalts und
-ihrer Lebensführung, und je größer ihre Verschwendung ward, um so
-gieriger suchten sie sich in den Provinzen durch Erpressungen und
-Bestechlichkeit zu bereichern.
-
-Pompejus, dem sein Vorgänger schon durch große Erfolge vorgearbeitet
-hatte, setzte nun den Krieg gegen Mithridates fort. Dieser hatte sich
-inzwischen wieder erholt und mit rastloser Tätigkeit ein neues Heer
-von 33000 Mann aufgestellt. Vor dem andringenden Pompejus zog er sich
-in das Innere seines Landes zurück und suchte den Euphrat zu gewinnen.
-Hier holte ihn Pompejus ein, umging ihn unbemerkt und besetzte die
-umgebenden Höhen eines Engtals, durch welches die Gegner ihren Marsch
-nehmen mußten. Mithridates schlug, ohne Ahnung von der Nähe der Feinde,
-in diesem Tal sein Lager auf. Die Nacht kam und alles lag in tiefer
-Ruhe. Plötzlich schmetterten auf allen Seiten die römischen Trompeten;
-die römischen Legionen erhoben ihren gefürchteten Schlachtruf
-und schlugen mit den Waffen an die Schilde, daß die Schluchten
-widerhallten. Hierauf ergoß sich ein Pfeil- und Speerregen von den
-Anhöhen herab über die Aufgeschreckten, die in wildestem Gedränge den
-Ausweg im Dunkeln suchten. Dann verließen die Römer die Berge; der
-Feind sah sie nicht, aber er fühlte ihr Schwert; alles flüchtete und
-drängte nach der Mitte, wo man sich erdrückte und zertrat. Endlich ging
-der Mond auf und beleuchtete das gräßliche Nachtstück. Mithridates
-selber entkam mit zwei Begleitern und einer seiner Frauen, die ihn
-in persischer Reitertracht zu begleiten und alle Gefahren zu teilen
-pflegte. Sein ganzes Heer war vernichtet.
-
-Pompejus wandte sich darauf gegen Tigranes nach Armenien, das er
-ohne Schwertstreich einnahm. Der alte Tigranes, von dem eigenen
-Sohne verraten und an seinem Glücke verzweifelnd, kam in das Lager
-des Pompejus, legte ihm sein Diadem zu Füßen und bat um Schonung. Er
-behielt sein Erbreich und zahlte 6000 Talente.
-
-Während Mithridates in die fernsten Teile seines Reiches am Kaukasus
-und auf die taurische Halbinsel (Krim) geflohen war, um sich zu neuem
-Widerstande zu rüsten, drang Pompejus durch die Kaukasusländer bis
-nach Kolchis am schwarzen Meere vor. Bald aber begab er sich wieder
-in das Reich Pontus, wo zwölf Fürsten der benachbarten Länder demütig
-vor ihm als ihrem Gebieter erschienen, um seine Befehle zu empfangen.
-Dann brach er auf, um südwärts nach Syrien zu ziehen, das, seit dem
-Erlöschen der Dynastie der Seleukiden (312-64), in völlige Zerrüttung
-geraten war, und machte auch dies große Reich mühelos zur römischen
-Provinz. Von da wandte er sich westwärts nach Palästina (63).
-
-In Palästina stritten damals zwei Brüder aus dem Heldengeschlechte
-der Makkabäer um die Herrschaft, und beide hatten den Pompejus zu
-Hilfe gerufen. Dieser entschied zu Gunsten des älteren Bruders,
-+Hyrkānos+, dem er die Regierung und das Hohepriestertum, aber nicht
-den Königstitel bewilligte. Der zurückgesetzte +Aristobūlos+ zog sich
-darauf mit seinen Anhängern auf den Tempelberg in Jerusalem zurück und
-verteidigte sich dort mit der äußersten Tapferkeit. Erst im dritten
-Monat eroberten die Römer an einem Sabbat, als die Juden die Waffen
-ruhen ließen, den Tempel; 12000 Juden, darunter die Priester, die
-sich im Opferdienst nicht irre machen ließen, verloren hierbei das
-Leben. Nichts schmerzte aber die Juden mehr, als daß Pompejus sich
-nicht scheute, mit seinem Gefolge in das Allerheiligste des Tempels
-einzudringen, das doch bei ihnen niemand als der Hohepriester und
-auch dieser nur einmal im Jahre betreten durfte. Pompejus tat dies in
-der neugierigen Erwartung, daß er hier den einzigen Gott der Juden
-sehen werde. Allein, wie erstaunte er über das Volk der Juden, als er
-darin kein Götterbild wahrnahm, sondern nur den goldenen Leuchter, den
-goldenen Tisch mit den Schaubroten und die heiligen Schriften. Dem
-heidnischen Römer mußte dies alles ein verschlossenes Geheimnis sein.
-Pompejus legte den Juden eine schwere Kriegssteuer auf und machte
-das Land zinspflichtig; Aristobulus aber und seine Kinder führte er
-gefangen fort, um sie in Rom beim Triumphe aufzuführen.
-
-In Palästina erfuhr Pompejus auch den Tod des Mithridates. Dieser
-hatte zuletzt in seiner eigenen Familie Verrat erfahren müssen.
-Auch sein liebster Sohn Phárnakes empörte sich wider ihn und gewann
-sein Heer. Der alte, sogar von seinen Leibwachen verlassene König
-flüchtete sich in eine Burg, wo ihn sein Sohn belagerte, um ihn den
-Römern auszuliefern. Aber Mithridates, als er das seiner harrende Los
-erkannte, nahm er das Gift, das er stets im Knaufe seines Schwertes
-trug, und mischte für sich, seine Frauen und Töchter, unter diesen die
-beiden Bräute der Könige von Ägypten und Cypern, den Giftbecher, den
-er selber als der letzte trank. Da er aber seinen Körper, um sich gegen
-Vergiftung zu schützen, seit lange an alle Arten von Gift gewöhnt und
-dagegen abgehärtet hatte, so wirkte der Trank nur schwach und langsam.
-Da bot der König einem seiner keltischen Söldner den Nacken zum
-Todesstreich. So endete dieser große Feind der Römer sein Leben im 68.
-Lebensjahre, nach 56jähriger Regierung und 26jährigem Kampf gegen die
-römische Weltherrschaft (63).
-
-Jetzt eilte Pompejus in das Reich Pontus und traf hier umfassende
-Anordnungen über die eroberten asiatischen Länder. Er setzte Könige
-und Fürsten ab und ein, löste Königreiche und Fürstentümer auf und
-schuf neue, ordnete die neuerworbenen Provinzen nach seinem Gutdünken,
-und kehrte dann, überreich an Erfolgen, Ruhm und Beute, nach Italien
-zurück. In Brundisium, wo er landete, entließ er sein Heer und begab
-sich, wie ein einfacher Bürger, nach Rom. Auf dem ganzen Wege begrüßte
-ihn das Volk unter stetem Beifallrufen bis zu den Toren Roms, wo ihn
-der ganze Senat erwartete. In Rom feierte er +als Sieger über den
-dritten Weltteil+ und +zweiter Alexander+ seinen dritten Triumph,
-der zwei Tage dauerte und alles, was man bisher in dieser Art in Rom
-gesehen hatte, an Pracht und Glanz weit hinter sich ließ. Voran trug
-man Tafeln mit den Namen von sechzehn besiegten Ländern und Völkern,
-mit der Angabe von 1000 Burgen, 900 Städten, 800 Schiffen, die er
-genommen, und von 39 Städten, die er gegründet oder bevölkert hatte.
-Unter den Siegeszeichen und erbeuteten Schätzen und Kostbarkeiten, die
-er zur Schau stellte, befanden sich 33 Kronen mit Perlen, 3 goldene
-Götterbildnisse, 9 Schenktische voll goldener Trinkgeschirre, die
-unermeßlichen Schätze des Mithridates, darunter eine kostbare Sammlung
-geschnittener Steine, sein goldenes, 8 Ellen hohes Brustbild, sein
-Thron, sein 4 Fuß breites und 3 Fuß langes Brettspiel von 30 Pfund
-Gold an Gewicht, mit Würfeln von Edelsteinen, ein Musentempel mit
-einer Sonnenuhr im Giebel u. s. w. Die Menge der Kostbarkeiten war
-so groß, daß sie nicht alle in diesen beiden Tagen aufgeführt werden
-konnten. Unter den 324 vornehmen Gefangenen aus den verschiedensten
-Völkerschaften, die ungefesselt vor dem Triumphwagen einhergingen,
-befanden sich fünf Söhne und zwei Töchter des Mithridates. Endlich
-folgte auf einem von Edelsteinen schimmernden Triumphwagen Pompejus
-selbst, angetan mit einer Rüstung Alexanders des Großen, die er in
-der königlichen Schatzkammer des Mithridates gefunden hatte. In den
-römischen Staatsschatz lieferte er 20000 Talente (fast 10 Millionen
-Mark).
-
-
-
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-XXVI.
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-Cicero.
-
-
-+Marcus Tullius Cicero+ wurde im Jahre 106 v. Chr. im südlichen Latium,
-nahe bei Arpinum, der Vaterstadt des Marius, geboren. Er stammte aus
-einem wohlhabenden Rittergeschlechte und empfing von seinem Vater
-seine erste Bildung. Früh zeigte er den Ehrgeiz „immer der Beste zu
-sein und emporzustreben vor allen.“ Seine weitere Vorbildung erhielt
-er zu Rom, wo er schon in der Schule durch Wißbegierde, schnelle
-Auffassung und rasche Fortschritte allgemeine Bewunderung erregte. Dann
-machte er sich mit den Werken der besten griechischen Dichter, Redner
-und Philosophen vertraut, und ließ sich in die römische Rechtskunde
-einführen. Durch fleißiges Übersetzen griechischer Dichtungen und Reden
-erlangte er eine große Gewandtheit auch im Gebrauch der lateinischen
-Sprache. Nachdem er im marsischen oder Bundesgenossenkriege (S. 121)
-einen Feldzug mitgemacht hatte, lebte er drei Jahre in Rom als Anwalt,
-indem er die Verteidigung von Angeklagten übernahm. Dann ging er, um
-seine Gesundheit herzustellen und sich weiter auszubilden, nach Athen,
-Kleinasien und Rhodus, wo er die berühmtesten Lehrer der Beredsamkeit
-hörte. In Rhodus, erzählt man, forderte ihn eines Tages sein Lehrer,
-der berühmte Apollonios Molon, auf, einen griechischen Vortrag zu
-halten. Cicero tat es und wußte seine Zuhörer so hinzureißen, daß
-sie in Lobsprüchen über ihn wetteiferten; nur Molon saß lange Zeit
-nachdenkend da und sprach endlich: „Dich, o Cicero, preise und
-bewundere ich, aber Griechenlands Geschick bedauere ich, da ich sehe,
-daß auch der einzige Vorzug, der uns Griechen noch übrig blieb, Bildung
-und Beredsamkeit, durch dich den Römern zuteil wird.“ Einige Jahre
-nach seiner Rückkehr ward er Quästor in Sicilien, wo er durch seine
-menschenfreundliche und gerechte Amtsführung sich allgemeine Achtung
-erwarb. Deshalb übertrugen ihm hernach die Städte dieser Provinz die
-Anklage gegen +Gajus Verres+, der sie als Prätor drei Jahre lang durch
-unersättliche Habgier, schamlose Erpressungen von Geld und Kunstwerken
-aller Art, durch ungerechte und grausame Urteilssprüche in Verzweiflung
-gebracht hatte. Cicero führte diese Anklage mit solchem Erfolge, daß
-Verres noch vor Beendigung des Prozesses seine Sache verloren gab und
-in die Verbannung ging. Dieser Erfolg begründete den Ruf Ciceros als
-des ersten Redners in Rom und erwarb ihm so allgemeine Anerkennung, daß
-er die nächsthöheren Ämter, die Ädilität und Prätur, mühelos erreichte
-und endlich auch, obgleich wie sein Landsmann Marius ein „Neuling“
-(~homo novus~), das höchste Ziel seines Ehrgeizes, das Konsulat, für
-das Jahr 63 erlangte. Als Konsul erwarb er sich um sein Vaterland
-dadurch ein großes Verdienst, daß er die Verschwörung des Catilina
-entdeckte und vernichtete.
-
-+Lucius Sergius Catilina+ war aus dem altpatrizischen Geschlechte
-der Sergier entsprossen. Von Jugend auf von allen Lastern jener Zeit
-befleckt, durch Verschwendung verarmt und verschuldet, war er vertraut
-mit allen durch Ausschweifung und Leichtsinn zugrunde gerichteten
-jungen Adligen, die er zu Meineid und Betrug, zu Gewalttat und Mord
-verführte. Schon zur Zeit der sullanischen Proskriptionen hatte er
-durch Ermordung des eigenen Bruders seine Verworfenheit gezeigt.
-Dennoch wußte er sich so zu verstellen, daß er hohe Ämter erlangte
-und sich sogar um das Konsulat bewarb. Da er aber als Proprätor
-in Afrika wegen Erpressungen angeklagt wurde, mußte er von dieser
-Bewerbung abstehen. Aus Erbitterung über diesen Fehlschlag seiner
-Hoffnung und aus Furcht vor weiteren gerichtlichen Verfolgungen faßte
-er den Entschluß die neuen Konsuln und die ihm verhaßten Senatoren zu
-ermorden, und sich so das Konsulat mit Gewalt zu verschaffen und die
-herrschende Aristokratie zu stürzen.
-
-Da sein Versuch, diesen Plan auszuführen, zweimal mißlungen war,
-stiftete er eine weit verbreitete Verschwörung zum Umsturz des Staates
-an. Er gewann in Rom selbst zehn Senatoren, eine Anzahl Ritter,
-außerdem noch viele Unzufriedene in den übrigen Städten, Leute, die,
-wie er selbst, durch eine völlige Umwälzung aus Armut, Schuldennot oder
-Unehre wieder emporzukommen hofften. Diesen allen verhieß er Ämter,
-Tilgung ihrer Schulden und Reichtümer.
-
-Zur Ausführung seines ruchlosen Planes bewarb er sich von neuem um das
-Konsulat, diesmal zugleich mit Cicero, für das Jahr 63. Zwar er selbst
-fiel durch, aber neben Cicero wurde ein heimlicher Gesinnungsgenosse
-Catilinas, Antonius Pätus, gewählt. Durch seinen neuen Mißerfolg nicht
-abgeschreckt, sondern zum äußersten gereizt und entschlossen, betrieb
-Catilina seinen Verrat mit erhöhter Kraft. Er ließ in aller Stille
-in allen Teilen Italiens seine Anhänger sich sammeln und bewaffnen,
-und traf in Rom selbst alle Anstalten, um die Stadt auf ein gegebenes
-Zeichen in Brand stecken und den neuen Konsul Cicero mit allen
-Häuptern der herrschenden Partei ermorden zu lassen. Aber er fand in
-Cicero einen wachsamen und unerschrockenen Gegner, der alle seine
-Schritte beobachtete und rechtzeitig zu vereiteln wußte. So verging
-ein großer Teil des Jahres. Endlich gelang es dem Konsul durch den
-Verrat einer Frau und durch die Aussagen eines Teilnehmers einen Beweis
-für Catilinas Hochverrat zu erhalten. Da trat er im Senat offen mit
-seiner Anklage gegen Catilina hervor. Vergebens suchte dieser sich zu
-verteidigen. Als er die ihm feindliche Stimmung erkannte, rief er mit
-drohendem Trotz: „Aus zwei Körpern besteht unser Staat: der eine ist
-hinfällig und hat ein schwaches Haupt; der andere ist kräftig, jedoch
-ohne Haupt. Es soll ihm, wenn ich am Leben bleibe, nicht lange mehr
-fehlen!“ Dann stürzte er hinaus.
-
-Inzwischen hatten seine Anhänger unter der Führung eines gewissen
-+Manlius+ bei Fäsulä (heute Fiesole, nahe bei Florenz) ein Lager
-bezogen. Da Catilina auch bei der Konsulwahl dieses Jahres wieder
-durchgefallen war, so versammelte er in der darauf folgenden Nacht
-die Verschworenen und wies jedem sein Geschäft zu. Die vornehmsten
-Gegner sollten getötet, die Stadt an verschiedenen Stellen zugleich
-angezündet, vor allem aber Cicero vor Anbruch des Tages ermordet
-werden. Dieser erfuhr den Plan, ließ die beiden Verschworenen, die ihn
-ermorden wollten, vor seiner Tür abweisen und berief den Senat. Auch
-Catilina erschien. Jetzt enthüllte Cicero das ganze ruchlose Treiben
-des Mannes in gewaltiger Rede, richtete dann sein Wort unmittelbar an
-diesen selbst und forderte ihn auf mit seiner Rotte Rom zu verlassen,
-wo für seine heimlichen Anschläge kein Raum mehr sei, wo der Konsul und
-die Staatsgewalt ihn auf Schritt und Tritt bewache und das Volk ihn
-verabscheue; draußen möge er den offenen Kampf gegen die Vaterstadt
-beginnen. Und Catilina folgte dieser höhnischen Aufforderung: in der
-folgenden Nacht eilte er aus der Stadt ins Lager zu Manlius.
-
-Die Mitverschworenen aber, die er in Rom zurückließ, bestimmten die
-Feier der Saturnalien (im Dezember) zur Ausführung ihres Planes; die
-Stadt sollte an zwölf Ecken angezündet, die Häupter des Senats und die
-Konsuln durch bestimmte Verschworene ermordet werden, und Catilina
-in der allgemeinen Verwirrung mit seinem Heere einrücken. Auch eine
-Gesandtschaft der Allóbroger, einer Völkerschaft in der gallischen
-Provinz, welche gekommen war, um über ungerechte Behandlung Beschwerde
-zu führen, wurde mit in die Verschwörung gezogen und zum Aufstande
-aufgefordert; aber dies beschleunigte nur den Untergang der Frevler.
-Da diese Gesandten schwankten, was sie tun sollten, so teilten sie die
-Sache einem Senator mit, durch den Cicero alles erfuhr. Sie erhielten
-den Rat, sich von den Häuptern der Verschwörung Briefe an ihr Volk
-geben zu lassen. Dies geschah; aber Cicero ließ die abreisenden
-Gesandten, bei denen sich auch ein Verschworener befand, nahe bei der
-Stadt aufheben und bekam durch die Briefe nun auch schriftliche Beweise
-gegen die Verschworenen in die Hand.
-
-Die Schuldigen wurden darauf überführt und in Haft gegeben. Cicero
-erhielt den Dank des Senats und den Namen Vater des Vaterlandes. Von
-den neun Hauptschuldigen waren vier entflohen, die übrigen fünf, an
-ihrer Spitze der Stadtprätor Lentulus, wurden vom Senat zum Tode
-verurteilt und dieser Beschluß sogleich im Gefängnis vollzogen. Mit
-den Worten: „Sie haben gelebt!“ verkündigte Cicero dem Volke die
-Vollstreckung der Strafe und ward von ihm, wie im Triumphe, nach seinem
-Hause begleitet.
-
-Gegen Catilina selbst aber wurde mit Waffengewalt vorgeschritten.
-Der Feldzug gegen ihn fiel ins folgende Jahr (62). Bei +Pistoria+ in
-Etrurien kam es zum Treffen. Catilina und seine 3000 Gefährten fochten
-mit verzweifelter Tapferkeit; sie fielen bis auf den letzten Mann.
-
-Wiewohl Cicero durch die Entdeckung der Verschwörung den Staat gerettet
-hatte, so wurde doch der Umstand, daß er die Verbrecher wider das
-herkömmliche Rechtsverfahren, ohne gerichtliche Untersuchung und
-Verurteilung, bloß auf einen Senatsbeschluß hin, hatte hinrichten
-lassen, die Ursache, daß er später heftig angegriffen wurde, wobei
-er von seinen politischen Freunden nur schwach unterstützt wurde. Der
-Volkstribun +Clodius+ beantragte einige Jahre nachher ein Gesetz, daß
-jeder, der einen römischen Bürger ohne Richterspruch hingerichtet habe,
-geächtet sein solle. Dieses Gesetz, das unverkennbar gegen Cicero
-gerichtet war, fand die Zustimmung des Volkes, und so mußte dieser,
-um seinen Feinden zu entgehen, freiwillig in die Verbannung wandern
-(58). Er ging nach Thessalonike in Makedonien. In Rom zog man seine
-Güter ein und zerstörte sein Haus. Doch schon im folgenden Jahre (57)
-wurde er durch Volksbeschluß zurückgerufen. Seine Rückkehr glich einem
-Triumphzuge. Sein Haus und seine Güter wurden ihm wieder hergestellt.
-
-
-
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-XXVII.
-
-Julius Cäsar. Der zweite Bürgerkrieg.
-
-
-1. Cäsar bis zum Kampfe gegen Pompejus.
-
-+Gajus Julius Cäsar+ wurde im Jahre 100 v. Chr. zu Rom als Sprößling
-eines der vornehmsten alten Adelsgeschlechter, dem der Julier, geboren.
-Von seiner Mutter Aurelia mit der größten Sorgfalt erzogen, zeigte er
-schon als Knabe eine ganz ungewöhnliche Begabung des Geistes und eine
-Willenskraft, die vor keinem Widerstande, vor keiner Schwierigkeit
-zurückwich. Von seinem Gedächtnis und seiner Geisteskraft erzählte
-man Erstaunliches: er sei imstande und gewohnt, zu gleicher Zeit zu
-schreiben, zu lesen und zu hören, und auf einmal vier bis sieben Briefe
-zu diktieren. Bei so seltenen Gaben, die mit rastloser Tätigkeit
-verbunden waren, erwarb er sich eine reiche Fülle von Kenntnissen aller
-Art und erreichte die volle Bildungshöhe seiner Zeit.
-
-Zur Zeit der Diktatur Sullas stand Cäsar auf Seiten des Marius. Schon
-durch Verwandtschaft war er mit dieser Partei verbunden, da Marius
-mit Cäsars Tante vermählt war und er selbst eine Tochter Cinnas,
-Cornelia, zur Gemahlin hatte. Dadurch zog er sich die Feindschaft des
-allgewaltigen Diktators zu. Sulla verlangte, Cäsar sollte sich von
-seiner Gemahlin scheiden; dieser aber weigerte sich standhaft, während
-Pompejus, an den Sulla eine gleiche Forderung gestellt hatte, sich dem
-Willen des Diktators nachgiebig fügte. Durch diese Weigerung erbittert,
-ließ Sulla Cäsars Namen auf die Liste der Geächteten (Proskribierten)
-setzen. Dadurch verlor dieser das Heiratsgut seiner Frau und sein
-väterliches Erbe, mußte Rom verlassen und eine Zeitlang unter den
-größten Gefahren umherirren. Fast jede Nacht war er genötigt sich an
-einem anderen Orte zu verbergen, und hatte unter solchen Umständen
-um so schwerer zu leiden, als zugleich ein Fieber seine Kräfte
-verzehrte. Als er dennoch zuletzt entdeckt wurde, mußte er sich von
-den Häschern mit vielem Gelde loskaufen. Endlich verzieh ihm Sulla und
-begnadigte ihn auf Fürbitten einiger vornehmen Freunde und besonders
-der Vestalinnen, dabei sprach er aber die merkwürdigen Worte: „So nehmt
-ihn denn hin, aber wisset, daß dieser Jüngling uns einst zum Verderben
-gereichen wird; denn in dem einen Cäsar stecken viele Marius!“
-
-Aber auch nach seiner Begnadigung mochte sich Cäsar noch nicht für ganz
-sicher gehalten haben, denn bald verließ er Rom und begab sich nach
-Rhodus, um sich dort in der Beredsamkeit auszubilden. Auf der Fahrt
-dorthin geriet er in die Hände von Seeräubern, die damals noch ihr
-Unwesen trieben. Während der vierzig Tage, die er bei ihnen bleiben
-mußte, bis er das verlangte Lösegeld herbeischaffen konnte, wußte er
-sich so in Achtung zu setzen, daß er nicht ihr Gefangener, sondern
-ihr Herr zu sein schien. So hatten sie für seine Auslösung zwanzig
-Talente verlangt, da rief er: „Wie? für einen Mann, wie ich bin, nur
-zwanzig Talente? Ihr sollt fünfzig haben.“ Während der Gefangenschaft
-beschäftigte er sich mit der Abfassung von Reden und Gedichten, die er
-dann wohl den Piraten vorlas. Kargten sie dabei mit ihrem Beifall, so
-schalt er sie und drohte, er werde sie alle ans Kreuz schlagen lassen.
-Wenn er schlafen wollte, verbot er ihnen jedes Geräusch, und sie
-gehorchten. So mächtig erwies sich seine geistige Überlegenheit selbst
-auf die verwilderten Gemüter dieser rohen Gesellen. Kaum war er frei,
-so brachte er einige milesische Schiffe zusammen, überfiel damit die
-Seeräuber und ließ sie wirklich, wie er ihnen im Scherze gedroht, in
-Pergamon ans Kreuz schlagen.
-
-Nach Rom zurückgekehrt, schloß er sich an Pompejus an, den er bei
-Herstellung der Gewalt der Tribunen unterstützte, und wußte durch
-seine Beredsamkeit und Leutseligkeit die Gunst des Volkes zu gewinnen.
-Besonders erwarb er sich den Beifall der noch zahlreichen Anhänger
-des Marius dadurch, als er seiner Tante, der Witwe des Marius, bei
-ihrer Bestattung eine Grabrede hielt, worin er die Verdienste des den
-Optimaten so verhaßten Mannes zu preisen wagte und sein Bildnis, dem
-Verbote trotzend, unter den Ahnenbildern seines eigenen Geschlechtes
-einhertragen ließ. Auch ließ er auf dem Kapitolium die Bildsäule
-desselben und seine Siegeszeichen aus dem jugurthinischen und
-cimbrischen Kriege, die von Sulla zerstört waren, wieder herstellen.
-
-Im Jahre 67 wurde er Quästor in der spanischen Provinz Lusitanien. Als
-er dort zu Gades im Herkulestempel ein Standbild Alexanders des Großen
-sah, rief er unter Tränen aus: „Der hatte in meinem Alter schon die
-Welt erobert, und ich habe noch gar nichts getan!“ Als Ädil gewann er
-durch ungemein prachtvolle und kostbare Spiele, wobei er unter anderem
-320 Fechterpaare in silbernen Rüstungen auftreten ließ, die Gunst der
-Volksmenge in hohem Grade, stürzte sich aber auch in große Schulden.
-Im Vertrauen auf diese Volksgunst bewarb er sich, obwohl noch sehr
-jung, um die erledigte Würde des Oberpriesters, die bislang nur die
-ältesten und geehrtesten Konsulare zu bekleiden pflegten. Als ihn am
-Tage der Wahl seine Mutter nicht ohne Tränen zur Tür geleitete, sagte
-er: „Heute, Mutter, siehst du deinen Sohn entweder als Oberpriester
-oder als Verbannten wieder!“ Und in der Tat hatte er das Glück dem an
-Alter und Amtswürde weit überlegenen Catulus bei der Wahl vorgezogen zu
-werden. Als Prätor bekam er die Verwaltung desselben Spaniens, in dem
-er Quästor gewesen war. Doch hätte er Schulden halber nicht abreisen
-können, wenn nicht Crassus für ihre ungeheure Summe (18 Millionen
-Mark) seine Bürgschaft gewährt hätte. Als er auf dieser Reise durch
-ein kleines Städtchen jenseits der Alpen kam, warf einer aus seiner
-Begleitung die Frage auf, ob man sich in diesem Örtchen wohl auch um
-Rang und Ämter streite. „Gewiß“, antwortete Cäsar, „ich wenigstens will
-lieber hier der erste als in Rom der zweite sein!“ In seiner Provinz
-Spanien erwarb er übrigens so viel, und machte in glücklichen Kriegen
-solche Beute, daß er nicht nur seine Schulden bezahlen, sondern auch
-noch eine große Summe in den Staatsschatz legen konnte.
-
-Als Cäsar nach Rom zurückkehrte, stand gerade die Konsulwahl für das
-Jahr 59 bevor. Um das Konsulat zu erlangen, verband er sich mit
-Pompejus, der durch seine Taten und Erfolge der angesehenste Mann in
-Rom war, und mit Crassus, der einen ungeheuren Reichtum besaß. Diesen
-Bund der drei Römer nannten ihre Gegner spöttisch ein +Triumvirat+
-(Dreimännerschaft). Sie versprachen sich einander, in den Kämpfen mit
-ihren politischen Gegnern bei Wahlen und im Senat mit allen Mitteln zu
-unterstützen. Denn auch Pompejus war mit dem Senat zerfallen, der die
-Einrichtungen, die er aus Eigenmacht in Asien getroffen hatte, nicht
-bestätigen wollte. Diese Bestätigung versprach ihm Cäsar beim Volke
-durchzusetzen. Cäsar erlangte das Konsulat, erhielt aber als Kollegen
-in diesem Amte den Kandidaten seiner Gegner, +M. Calpurnius Bibulus+.
-
-Als Konsul fuhr er fort sich um die Gunst des Volkes zu bewerben und
-die Macht der Senatspartei zu schwächen. Dazu diente ihm besonders ein
-Gesetz, das armen römischen Bürgern Landbesitz in Campanien anwies.
-Als Bibulus sich diesem Gesetze entgegenstellte, entstand eine solche
-Bewegung in der Volksversammlung gegen ihn, daß er nur mit Mühe sein
-Leben rettete. Seit dieser Zeit wagte der eingeschüchterte Mitkonsul
-überhaupt keinen Widerstand mehr; ja, er hielt sich fortan, aus
-Furcht vor Cäsars gebieterischem Auftreten, während des Restes seines
-Amtsjahres in seinem Hause verschlossen. Daher nannten die Spötter
-dieses Konsulat nicht das des Cäsar und Bibulus, sondern das des Julius
-und des Cäsar.
-
-Am Schlusse des Jahres ließ sich Cäsar die Provinzen Illyrien und das
-diesseitige Gallien (~Gallia cisalpina~) als Statthalterschaft auf
-fünf Jahre zuweisen, worauf der Senat noch die Provinz des jenseitigen
-Galliens (~Gallia transalpina~) hinzufügte, in der geheimen Hoffnung,
-er werde dort in allerlei Verlegenheiten verwickelt und auf diese Weise
-am besten von Rom ferngehalten werden. Um seine Verbindung mit Pompejus
-zu befestigen, gab Cäsar ihm seine Tochter +Julia+ zur Gemahlin. Sodann
-wußte er noch zwei Männer aus Rom zu entfernen, die seine geheimen
-Absichten durchschaut hatten und seinen Plänen gefährlich werden
-konnten. Diese Männer waren Cato und Cicero; Cato ward nach der Insel
-Cypern gesandt, um dieselbe in eine römische Provinz zu verwandeln,
-Cicero aber durch den Volkstribunen Clodius genötigt in die Verbannung
-zu gehen (S. 151).
-
-Im Frühjahr des Jahres 58 eilte Cäsar hinüber nach Gallien, dem
-Lande der Kelten. Von diesem Lande besaßen die Römer damals nur den
-südöstlichen Teil (s. S. 116); das übrige Gallien war von den Römern
-noch nicht bezwungen. Hier fand Cäsar in achtjährigem Kriege (58-51)
-Gelegenheit, das römische Reich um drei große Provinzen zu vergrößern,
-sich selber aber den Ruhm eines der größten Feldherrn zu erwerben und
-ein ihm treu ergebenes großes Heer zu bilden, mit dessen Hilfe er sich
-bald der Reichsherrschaft selber bemächtigen konnte.
-
-Gleich im ersten Jahre seiner Statthalterschaft geriet er in Kampf
-mit den gefürchteten Germanen. In einem Zwiste der gallischen Äduer
-und Sequaner hatten die letzteren den Sueben +Ariovist+ vom rechten
-Rheinufer her zu Hilfe gerufen. Dieser besiegte die Äduer und setzte
-sich mit seinen Scharen, die allmählich auf 120000 Mann anwuchsen,
-im Lande der Äduer fest. Auch die Sequaner zwang er ein Dritteil
-ihres Landes ihm zu überlassen, und ein zweites Dritteil nahm er
-gerade für neue Ankömmlinge in Anspruch, als Cäsar von Äduern und
-Sequanern zu Hilfe gerufen ward. Ariovist war unter Cäsars Konsulat
-mit dem Ehrentitel „Freund und Bundesgenosse des römischen Volkes“
-ausgezeichnet worden und stand mit diesem bis dahin in gutem Vernehmen.
-Dennoch glaubte Cäsar die fortwährenden Zuzüge der Germanen nach
-Gallien, die auch für die römische Provinz gefährlich werden konnten,
-hindern zu müssen, und forderte den Ariovist zu einer Unterredung auf.
-Dieser aber gab die stolze Antwort: wenn er selbst von Cäsar etwas
-begehren sollte, so würde er selbst ihn aufsuchen; so möge Cäsar das
-Gleiche tun und zu ihm kommen. Übrigens begreife er nicht, was die
-Römer in diesem seinem Gallien zu tun und zu sagen hätten. Hierauf
-ließ ihn Cäsar auffordern den Galliern ihre Freiheit wiederzugeben und
-keine Germanen mehr über den Rhein kommen zu lassen. Dagegen erklärte
-Ariovist: es sei Brauch des Krieges, daß die Sieger über die Besiegten
-nach Gutdünken herrschten; auch die Römer herrschten über die Besiegten
-nach eigenem und nicht nach fremdem Ermessen. Wie er den Römern nicht
-vorschreibe, wie sie ihr Recht gebrauchen sollten, so wollte auch er in
-seinem Rechte vom römischen Volke nicht behindert sein. Wenn übrigens
-Cäsar Krieg wolle, möge er nur kommen; dann werde er einsehen, was
-seine noch nie besiegten Germanen, die in vierzehn Jahren harten
-Kriegsdienstes unter kein Dach gekommen wären, auszurichten vermöchten.
-
-Als hierauf Cäsar die Hauptstadt der Sequaner Vesontio (Besançon)
-besetzte und eine Schlacht bevorstand, wurde das römische Heer von
-gewaltiger Furcht und Mutlosigkeit überfallen. Die Gerüchte von der
-Wildheit und Unüberwindlichkeit der Germanen, deren Mienen und feuriger
-Blick nicht zu ertragen seien, hatten ein Zagen und Klagen unter den
-Legionen erregt. Viele Offiziere, meist junge vornehme und des Krieges
-noch ungewohnte Männer, verlangten unter allerlei Vorwänden Urlaub,
-um nach Hause zu gehen; andere machten ihr Testament. Aber durch eine
-kräftige Rede wußte Cäsar die Verzagten zu beschämen und den Mut seiner
-Legionen wieder aufzurichten. In der bald darauf folgenden Schlacht,
-in der Gegend zwischen Vesontio und dem Rhein, wahrscheinlich in der
-Nähe von Mülhausen im Elsaß, siegte die römische Kriegskunst über die
-Germanen, die völlig geschlagen wurden. Ariovist rettete sich auf einem
-Kahne über den Rhein.
-
-In den folgenden Jahren zwang Cäsar, unter blutigen Kämpfen und nach
-wiederholten Aufständen, fast alle gallischen Stämme sich der römischen
-Herrschaft zu unterwerfen. Auch war er der erste Feldherr, der zweimal
-nach Germanien (55 und 53) und Britannien (55 und 54) übersetzte,
-nicht um auch diese Länder dauernd zu behaupten, sondern um ihre
-kriegslustigen Völker von Einfällen in Gallien und Unterstützung der
-Gallier abzuschrecken.
-
-Gallien schien endlich beruhigt, als sich im Jahre 52 noch einmal alle
-gallischen Völkerschaften zwischen Seine, Loire und Garonne zu einem
-Kampfe um ihre Freiheit erhoben. An der Spitze derselben stand der
-kräftige und kluge +Vercingétorix+, ein Fürst der Arverner. Allein
-die Geistesgegenwart und Feldherrnkunst Cäsars, sowie die Tüchtigkeit
-seiner Legionen, insbesondere auch die Tapferkeit germanischer Söldner
-trug einen entschiedenen Sieg davon. Der Krieg zog sich endlich um die
-Stadt +Alesia+ (heute Alise St. Reine, zwischen Dijon und Chatillon)
-zusammen. In diese hochgelegene feste Stadt warf sich Vercingetorix
-mit 80000 Mann, worauf Cäsar Stadt und Lager der Feinde mit 60000
-Mann einschloß, indem er eine Umwallung von fast zwei Meilen an
-Umfang errichtete und dann eine zweite noch ausgedehntere Reihe von
-Befestigungen aufwarf, um sich gegen ein Heer von 257000 Mann zu
-schützen, welches heranzog, um Alesia zu entsetzen. Aber sowohl gegen
-die Ausfälle der Belagerten als gegen die Angriffe der Gallier, die von
-außen seine Werke umzingelten, behauptete sich Cäsar mit Beharrlichkeit
-und Glück. Die Heerhaufen der Gallier wurden geschlagen und zogen
-einzeln wieder davon; Vercingetorix sah keine Hilfe mehr, und in der
-Stadt nahm Hunger und Elend immer mehr zu. Da faßte er den Entschluß
-durch Aufopferung seiner selbst die Eingeschlossenen zu retten. In
-voller Rüstung, auf seinem besten Roß, erschien er vor dem Sieger,
-umritt dessen Tribunal, gab dann Roß und Waffen ab und ließ sich
-schweigend auf den Stufen zu Cäsars Füßen nieder. Fünf Jahre später
-ward er bei Cäsars Triumph durch die Straßen Roms geführt und dann
-enthauptet. Nach der Übergabe von Alesia baten die abgefallenen Völker
-um Frieden. Der Widerstand der Gallier war gebrochen, und nur wenige
-Stämme versuchten noch, aber ohne allen Erfolg, das Glück der Waffen.
-Cäsar konnte die Unterwerfung Galliens als vollendet betrachten.
-Er hatte in diesen Kriegen 800 Städte erobert, 300 Völkerschaften
-unterworfen und im ganzen eine Million Streiter vernichtet, zwei
-Millionen aber zu Gefangenen gemacht.
-
-
-=2. Cäsars Kampf gegen Pompejus= (49-48).
-
-Während Cäsar Gallien unterjochte, blieb Pompejus fortwährend in Rom,
-um durch seine Gegenwart seine Macht zu behaupten und zu erhöhen. Im
-Jahre 55 bekleidete er mit Crassus zum zweiten Male das Konsulat,
-nach dessen Ablauf dem Crassus Syrien, ihm selber Spanien und Afrika
-als Provinzen zufielen. Cäsar hingegen erhielt die Erneuerung seiner
-Statthalterschaft auf weitere fünf Jahre.
-
-Crassus eilte nach Syrien, um von dort aus einen Feldzug gegen die
-+Parther+, die Nachbarn der Meder und Perser, welche mit ihren
-zahlreichen Reiterscharen von Osten her die römischen Provinzen in
-Vorderasien seit mehreren Jahren heimsuchten, zu unternehmen. Aber in
-unersättlicher Habsucht brachte er seine Zeit damit zu allenthalben
-Geld zu erpressen und die Tempelschätze zu plündern, wie er denn im
-Tempel zu Hierapolis tagelang mit Abwägen des Goldes beschäftigt war.
-Inzwischen gewannen die Parther Zeit zu mächtigen Rüstungen, und
-als es dann in Mesopotamien bei Karrhä zur Schlacht kam, wurde er
-gänzlich geschlagen. Auf dem Rückzug ließ er sich durch den parthischen
-Feldherrn in einen Hinterhalt locken, in dem er verräterisch getötet
-ward (53).
-
-Durch den Tod des Crassus hatte sich das sogenannte Triumvirat in ein
-Duumvirat, d. h. in eine Verbindung zweier Männer verwandelt. Da aber
-im Jahre 52 Julia, die Tochter Cäsars und Gemahlin des Pompejus, welche
-bis dahin die Eintracht zwischen den beiden Machthabern erhalten hatte,
-starb, so wurde die Verbindung zwischen ihnen, die ja nie aufrichtig
-gemeint war, noch mehr gelockert. Pompejus war nach Ablauf seines
-Konsulates nicht in seine Provinzen gegangen, sondern ließ sie durch
-Legaten verwalten, um nur immer in Rom zu sein, wo es ihm gelang für
-das Jahr 52 gegen alles Herkommen, zum alleinigen Konsul ernannt zu
-werden. Dagegen unterließ aber auch Cäsar nicht durch Bestechungen die
-einflußreichsten Männer in Rom zu gewinnen, darunter den talentvollen
-und beredten Volkstribunen +Curio+. Als nun der Zeitpunkt herannahte,
-wo die feindselige Spannung zwischen beiden Männern in offenen Kampf
-ausbrechen sollte, überließ sich Pompejus einer großen Sorglosigkeit,
-ohne an Gegenrüstungen zu denken. Als ihn jemand daran erinnerte,
-äußerte er in stolzer Zuversicht: „Wo ich nur in Italien mit dem Fuße
-auf die Erde stampfe, da werden Legionen hervorkommen.“
-
-Cäsar gedachte sich um das Konsulat für das Jahr 49 zu bewerben,
-wollte aber nicht, nach der herkömmlichen Ordnung, ein halbes Jahr
-vor dem Antritt des Amtes sich persönlich in Rom bewerben. Denn dann
-hätte er seine Stellung als Statthalter der ihm übertragenen Provinzen
-zuvor verlassen und seine Legionen abgeben müssen, und wäre als
-Privatmann gegen die Angriffe seiner Gegner machtlos geworden. Aber
-eben deshalb bestand auch der Senat hartnäckig auf der Forderung,
-daß er nur persönlich, nicht aus der Ferne, und als Privatmann, ohne
-Amt und Heerbefehl, als Bewerber um das Konsulat auftreten solle. An
-dieser Frage entzündete sich der seit lange drohende Kampf. Denn Cäsar
-forderte, daß dann auch Pompejus auf seine Provinzen und Legionen
-verzichten müsse. So wurde eine Zeit lang über die Frage, hin und her
-gestritten. Endlich beschloß der Senat, daß Cäsar seine Kriegsmacht
-abgeben sollte, wo nicht, so werde er als Feind des Vaterlandes
-betrachtet werden. Die dem Cäsar treu ergebenen Tribunen M. Antonius
-und C. Cassius erhoben leidenschaftlichen Einspruch. Da schritt der
-Senat zu dem äußersten Mittel: er erteilte den Konsuln unbeschränkte
-Vollmacht mit der alten Formel, „die Konsuln sollten darauf achten, daß
-das Gemeinwesen (~res publica~) keinen Schaden nehme“, und gegen Cäsars
-Unbotmäßigkeit mit Waffengewalt einzuschreiten. Jetzt flohen die beiden
-Tribunen, als wären sie ihres Lebens nicht mehr sicher, als Sklaven
-verkleidet, nach Ravenna, einer nahe an der Grenze gelegenen Stadt der
-gallischen Provinz, wo sich Cäsar damals aufhielt, und meldeten ihm,
-daß der Krieg gegen ihn beschlossen sei. Er war seit lange auf diesen
-Ausgang seines Streites mit Pompejus und der Senatspartei vorbereitet,
-und handelte nun mit seiner gewohnten Raschheit.
-
-Er führte die Tribunen in derselben entwürdigenden Kleidung, in der
-sie zu ihm geflohen waren, vor die Reihen der Legion, mit der er nach
-Ravenna vorgerückt war, stellte ihnen das ihm widerfahrene Unrecht vor
-und schloß seine Rede mit der Frage, ob sie die Ehre ihres Feldherrn
-verteidigen wollten, unter dessen Anführung sie so viele glückliche
-Schlachten geliefert hätten. Freudig riefen alle, sie wären bereit
-ihn zu verteidigen, und gelobten ihn niemals zu verlassen, wohin er
-sie auch führen würde. Kaum war er der Treue seiner Legionen gewiß,
-so schickte er sie heimlich an den Fluß Rúbico, der seine Provinz von
-dem eigentlichen Italien trennte. Er selbst blieb bis zu Ende des
-folgenden Tages in Ravenna. Um sein Vorhaben zu verbergen und keinen
-Verdacht zu erregen, besuchte er früh ein öffentliches Schauspiel,
-besah zur Mittagszeit die Anlage einer Fechterschule, die er zu Ravenna
-bauen lassen wollte, und gab gegen Abend seiner Gewohnheit gemäß ein
-großes Gastmahl. Erst nach Sonnenuntergang stand er von Tische auf,
-unter dem Vorwand, daß er durch ein kleines Geschäft abgerufen werde,
-und mit dem Versprechen sobald als möglich wiederkommen zu wollen.
-Aber er kam nicht zurück. Er reiste vielmehr mit seinen vertrautesten
-Freunden zum Fluß Rubico, den er vor Tagesanbruch erreichte. Und nun
-stand er im Begriff den Krieg gegen sein Vaterland zu beginnen, denn
-mit dem Übergang über den Grenzfluß überschritt er zugleich seine
-amtliche Befugnis und erhob die Fahne der Empörung gegen die bestehende
-Staatsordnung. Es war der Beginn des Bürgerkriegs. Ein solches Beginnen
-mußte, wenn auch seit lange von Cäsar erwogen und beschlossen, ihm in
-letzter Stunde noch einmal alle damit verbundenen Bedenken und Gefahren
-vor die Seele führen. Wohl möchten diese Gedanken auch eines Cäsars
-Geist erschüttern. „Noch ist es Zeit zurückzukehren“, sagte er zu
-seinen Freunden, „sind wir aber einmal über diese Brücke gegangen, dann
-muß alles mit den Waffen entschieden werden.“
-
-Lange, so erzählt man, stand er und sann. Endlich rief er: „Wohlan, die
-Götter wollen es, die Feinde fordern uns, der Würfel sei geworfen!“ Und
-sogleich ließ er seine Truppen hinübergehen, rückte in größter Eile vor
-Ariminum (Rimini) und nahm diese Stadt noch am Morgen des Tages ein.
-
-Zu spät erwachte jetzt Pompejus aus dem Schlummer der Sorglosigkeit.
-Auf seine Soldaten, die, wenn auch 30000 Mann stark, keine Lust hatten
-sich mit Cäsars sieggewohnten Legionen zu schlagen, konnte er sich
-nicht verlassen. Jetzt mußte er sogar den Vorwurf hören, er möge doch
-nun die verheißenen Legionen aus der Erde hervorstampfen! Dagegen
-rückte Cäsar in raschem Siegeslauf die Küste entlang und nahm ohne
-Schwertstreich eine Stadt nach der anderen. Da verlor Pompejus den
-Mut; er verließ Rom mit den Konsuln, den meisten Senatoren und allen
-seinen Anhängern, und ging nach Capua, wo seine Legionen standen. So
-übereilt war die Flucht, daß die Konsuln den gefüllten Schatz in Rom
-zurückließen und sich begnügten nur die Schlüssel mitzunehmen. Von
-Capua eilte Pompejus nach Brundisium (Bríndisi), um von da über das
-Meer nach Griechenland zu gehen. Ohne Kampf überließ er Italien seinem
-Gegner.
-
-Cäsar, von dessen Siege man die Wiederkehr der Schreckenszeiten unter
-Marius und Sulla befürchtete, verfuhr allenthalben mit unerwarteter
-Milde und zuvorkommender Großmut. Auch Sardinien und Sizilien kamen
-ohne Kampf in seine Gewalt. Den Zugang zum Schatz in Rom ließ er
-erbrechen und erklärte dem Tribunen Metellus, der dies verhindern
-wollte, daß er ihn bei fortgesetztem Widerstande werde hinrichten
-lassen, indem er hinzufügte: „Wisse, junger Mann, daß es mir schwerer
-fällt dies zu sagen als zu tun.“ Im Schatze fand er 26000 Barren Goldes
-und 40 Millionen Sesterzen. In 60 Tagen ward er Herr von Italien und
-hatte alle Gemüter durch Freundlichkeit und Wohlwollen beruhigt. Die
-Bewachung der Stadt übergab er dem Lépidus, das Kommando in Italien
-dem Marcus Antonius, und zog dann nach Spanien, um dort „das Heer
-ohne Feldherrn“ und nach seiner Rückkehr „den Feldherrn ohne Heer“ zu
-bekämpfen. Bald nötigte er die Legaten des Pompejus in Spanien sich
-zu ergeben, und reiste dann nach Rom zurück, wo er sich zum Diktator
-ernennen ließ, aber schon nach elf Tagen diese Würde mit dem Konsulat
-vertauschte. Jetzt erst gedachte er den Pompejus selbst zu verfolgen
-und zu bekämpfen.
-
-Dieser hatte indessen großartige Rüstungen betrieben. Aus den östlichen
-Provinzen des römischen Reiches und von verbündeten Fürsten hatte er
-Truppen, Schiffe und Geld zusammengebracht, und stand jetzt an der
-Spitze eines Heeres von 63000 Mann zu Fuß und mehr als 10000 Reitern,
-wozu eine Flotte von 800 Schiffen kam. Zugleich gab er durch den
-Glanz seines Hauptquartiers, wo ein großer Teil des römischen Adels
-versammelt war, und durch die Einrichtung eines eigenen Senates zu
-erkennen, daß er +sich+ als den eigentlichen Machthaber und +seinen+
-Senat als den eigentlichen Sitz der Reichsregierung betrachtete. Cäsar
-fuhr mit sieben Legionen von Brundisium ab und landete an der Küste
-von Epirus; die leeren Schiffe sandte er zurück, Antonius sollte die
-übrigen fünf Legionen auf ihnen hinüberführen. Aber von diesen Schiffen
-wurden 30 von einem Legaten des Pompejus abgefangen, die übrigen
-durch die Stürme des Winters an der Überfahrt gehindert. Ungeduldig
-vor langem Warten bestieg Cäsar selbst in einer stürmischen Nacht
-in Sklavenkleidung eine Barke, um nach Brundisium zu segeln und die
-Einschiffung seiner Truppen zu beschleunigen. Aber das Meer war so
-ungestüm, daß der Steuermann wieder umkehren wollte. Um ihn zu neuer
-Anstrengung zu ermuntern, wagte Cäsar sich ihm zu entdecken: „Sei
-guten Mutes!“ rief er, „du fährst Cäsar und Cäsars Glück!“ Dennoch
-mußte er den allzu mächtig tobenden Elementen weichen und in den Hafen
-zurückkehren. Endlich landete Marcus Antonius mit den übrigen Legionen.
-
-Anfangs ließ sich der Krieg in Epirus für Cäsar ungünstig an. Bei
-+Dyrrháchion+ (Durazzo) durchbrach Pompejus seine Verschanzungen und
-brachte ihm einen großen Verlust bei. Darauf zog Cäsar, dessen Heer den
-Mangel an den notwendigsten Bedürfnissen nicht länger tragen konnte,
-über das Gebirge nach dem fruchtbaren Thessalien hinüber.
-
-Hier kam es in der Ebene von +Pharsálos+ zur entscheidenden Schlacht
-(9. August 48). Das Heer des Pompejus betrug 47000 Mann zu Fuß und 7000
-Reiter, und bildete eine zehn Mann tiefe Linie. Von Cäsars Heer waren
-nur 22000 Mann zu Fuß und 1000 Reiter zur Stelle und in dreifacher
-Schlachtreihe aufgestellt. Da Pompejus mit seiner Reiterei den linken
-Flügel hielt, weil sein rechter von einem Fluß gedeckt war, so stellte
-sich Cäsar mit seiner treuen, in vielen Schlachten bewährten zehnten
-Legion und sechs Kohorten kräftiger Germanen, jenem gegenüber, hinter
-seinem rechten Flügel auf.
-
-Pompejus befahl seinen Soldaten den feindlichen Angriff ruhig zu
-erwarten. Cäsar dagegen ließ, um den Stoß auf den Feind zu verstärken,
-sein Heer anlaufen, dann mitten im Anlauf ein wenig halten und sich
-ordnen, und so auf den noch immer ruhigen Feind anstürmen. Zwar warf
-des Pompejus Reiterei die des Cäsar, wurde aber mitten im Vorstürmen
-plötzlich von der zehnten Legion und den deutschen Kohorten so
-empfangen, daß sie die Flucht ergriff, worauf die verfolgenden Kohorten
-Cäsars dem linken Flügel des feindlichen Fußvolkes in den Rücken
-fielen und durch dessen völlige Versprengung den Sieg herbeiführten.
-Am meisten Ruhm erntete im Heere Cäsars der Centurio Crástinus. Dieser
-rief seinen Kameraden zu: „Wohlan, ihr Kriegsgefährten! Mir nach und
-leistet eurem Feldherrn den Dienst, den ihr ihm verheißen habt; dieser
-eine Kampf ist noch übrig, dann wird er seine gebührende Würde und wir
-unsere Freiheit erlangen.“ Dann sagte er mit einem Blick auf Cäsar:
-„Heute, Feldherr, will ich mir deinen Dank verdienen, ob ich falle oder
-am Leben bleibe!“ Nach diesen Worten stürzte er sich an der Spitze
-von 120 Auserlesenen auf den Feind, in deren Mitte er aufs tapferste
-kämpfend den Tod fand.
-
-Die geschlagenen Truppen des Pompejus flohen ins Lager, wohin sich
-dieser schon gleich nach der Flucht seiner Reiter begeben hatte. Noch
-saß er wie betäubt und sprachlos in seinem Zelte, als man ihm meldete,
-der Feind habe schon die äußeren Schanzen genommen. „Also gar bis
-in unser Lager!“ rief er bestürzt und fassungslos, vertauschte sein
-purpurnes Feldherrngewand mit einem schlichten Kleide, warf sich auf
-ein Roß und floh, von wenigen Getreuen begleitet, in der Nacht durch
-das Tal Tempe dem Meere zu.
-
-Indessen eroberte Cäsar das feindliche Lager mit Sturm; 15000 Feinde
-lagen tot oder verwundet. Der Rest des feindlichen Heeres, der sich
-gerettet hatte, gegen 20000 Mann, ergab sich am folgenden Morgen,
-während Cäsar nur 30 Hauptleute und 200 Gemeine verloren hatte. Allen
-Gefangenen schenkte der Sieger Leben, Freiheit und Eigentum. Die
-Gemeinen nahm er in sein eigenes Heer auf. Die gefangenen Senatoren
-dagegen und Ritter wurden fast alle mit dem Tode bestraft, nur wenige
-fanden Schonung und Gnade; die übrigen suchten ihr Heil in der Flucht
-nach den westlichen Provinzen, denn der ganze Osten fiel alsbald in die
-Gewalt des Siegers.
-
-Als Pompejus auf seiner Flucht an das Meer gelangt war, bestieg er ein
-Schiff und segelte nach der Stadt Amphípolis in Makedonien, wo er den
-Befehl ausgehen ließ, daß alle junge Mannschaft dieser Provinz sich
-zur Werbung einstellen sollte. Wahrscheinlich tat er dies, um den Plan
-seiner ferneren Flucht zu verbergen; denn nur eine Nacht blieb er bei
-Amphipolis vor Anker, dann segelte er weiter nach der Insel Lesbos, um
-seine Gattin Cornelia, die sich dort aufhielt, zu sich zu nehmen. Durch
-einen Boten ließ er ihr die Nachricht von seiner Niederlage mitteilen.
-Die unglückliche Frau, welche in dem süßen Wahn lebte, daß Cäsar
-seit dem Verluste bei Dyrrhachion schon völlig besiegt sei, sank bei
-dieser Kunde sprachlos zu Boden, und als sie sich wieder aufgerichtet
-hatte, stürzte sie, einer Rasenden gleich, aus der Stadt dem Hafen
-zu; Pompejus kam ihr hier entgegen; sie fiel kraftlos in seine Arme.
-Pompejus, selbst des Trostes bedürftig, suchte sie zu ermutigen und
-stellte ihr vor, daß das Glück den, welchen es stürzt, auch wieder
-erheben könne.
-
-Nach einigen Tagen segelte er mit seiner Gemahlin von Lesbos ab. Er
-hatte nach reiflicher Überlegung beschlossen sich in den Schutz des
-Königs +Ptolemäos+ von Ägypten zu begeben. Denn er durfte mit vollem
-Recht auf die Dankbarkeit und das Wohlwollen desselben hoffen, weil
-er +selbst+ einst dessen Vater wieder auf den Thron gesetzt hatte. Er
-segelte also nach Pelusion, einer Stadt an der östlichen Mündung des
-Nils. Als er nicht mehr weit vom Ufer entfernt war, ließ er den König
-von seiner Ankunft benachrichtigen und um Schutz und Zuflucht bitten.
-Ptolemäos, erst dreizehn Jahre alt und noch unfähig selbst zu regieren,
-ließ sich von Achillas, dem Obersten seines Heeres, von seinem Vormund
-Potheinos und seinem Lehrer, dem Rhetor Theódotos, leiten. Diese drei
-Männer berieten über die Bitte des Pompejus. Anfangs waren sie in ihren
-Meinungen geteilt, zuletzt sagte Theodotos: „Nehmen wir ihn auf, so
-werden wir ihn zum Herrn und den Cäsar zum Feinde haben; weisen wir ihn
-zurück, so werden wir ihn beleidigen, weil wir ihm die Aufnahme versagt
-haben, und Cäsar nicht gewinnen, weil wir jenen haben entwischen
-lassen. Der beste Rat ist daher den Pompejus kommen zu lassen und
-sogleich zu töten; so beweisen wir uns dem Cäsar gefällig und brauchen
-uns vor Pompejus nicht zu fürchten! denn“ -- setzte er hohnlachend
-hinzu -- „die Toten beißen nicht mehr.“
-
-Der Vorschlag des Theodotos wurde genehmigt und Achillas zur
-Vollstreckung ausersehen. Dieser, ein Mann von außerordentlicher
-Verwegenheit, bestieg mit Septimius, einem geborenen Römer, der einst
-unter des Pompejus Fahnen gedient hatte, nebst drei bis vier Ägyptiern
-ein kleines Fahrzeug und fuhr auf das Schiff des Pompejus zu. Das
-schlechte Aussehen dieses Fahrzeuges und die geringen Anstalten, die
-man zum Empfange des Pompejus traf, machten seine Freunde unruhig. Sie
-fingen an Verdacht zu schöpfen und waren schon willens sich wieder zu
-entfernen, als Achillas an Bord kam und den Pompejus einlud in sein
-Fahrzeug zu steigen, dessen dürftiges Aussehen er damit entschuldigte,
-daß das Meer an dieser Küste zu flach sei, um es mit größeren und
-schwereren Schiffen zu befahren. Pompejus war nicht ohne Argwohn;
-denn schon sah er, daß an der Küste einige königliche Schiffe bemannt
-wurden. Allein, um die Ägyptier nicht durch Mißtrauen zu reizen, zeigte
-er sich sogleich bereit dem Achillas zu folgen. Er nahm daher gefaßten
-Mutes von seiner Gemahlin und seinem Sohne Abschied und stieg mit vier
-Personen seines Gefolges in das ägyptische Boot.
-
-Schon waren sie eine beträchtliche Strecke weit gefahren, und noch
-immer herrschte düsteres Schweigen in dem Boote. Pompejus wurde unruhig
-und suchte seine Unruhe durch Sprechen zu unterdrücken. Er wandte sich
-daher zu Septimius und sagte: „Mich dünkt, mein Freund, ich kenne dich.
-Sind wir nicht einmal Kriegsgefährten gewesen?“ Septimius nickte nur
-mit dem Kopfe, ohne ein Wort zu sprechen, und es herrschte abermals
-die vorige Stille. Da nahm Pompejus seine Schreibtafel zur Hand, um
-die griechische Anrede zu lesen, die er darin aufgezeichnet und die
-er an den jungen König richten wollte. Cornelias Blicke begleiteten
-indes die Fahrt in angstvoller Spannung bis zum Lande, wo sich eben
-viele Hofleute wie zu feierlichem Empfange sammelten. Schon begann
-sie zu hoffen. Aber in dem Augenblick, als Pompejus den Arm seines
-Freigelassenen Philippus ergriff, um sich vom Sitze zu erheben, stieß
-ihm Septimius sein Schwert in den Rücken, und Achillas fiel ihn von
-vorn an. Pompejus sah, daß er seinem Tode nicht entrinnen konnte, und
-suchte nun wenigstens die würdevolle Haltung, die er im Leben stets
-gezeigt hatte, auch noch im Tode zu bewahren. Er zog seine Toga über
-das Haupt, sprach kein Wort, sondern stöhnte nur bei jedem weiteren
-Stoß, bis er tot am Ufer zusammenbrach. So starb der große Pompejus
-im 58sten Jahre seines Alters, am 28. September 48, am Tage vor
-seinem Geburtstage. Auf den Schiffen, welche ihn hergebracht hatten,
-erscholl lauter Jammerruf beim Anblick dieses schrecklichen Vorgangs,
-dann eilten sie ins offene Meer zurück, vergeblich verfolgt von den
-ägyptischen Kriegsgaleeren.
-
-Die Mörder des Pompejus wüteten noch gegen den Leichnam. Sie schnitten
-ihm den Kopf ab und warfen den Rumpf nackt an das Ufer, wo er von einer
-Menge neugieriger Menschen begafft ward. Darauf erwies Philippus, der
-Freigelassene des Pompejus, seinem Herrn den letzten Dienst. Er wusch
-den verstümmelten Leichnam im Meere ab, wickelte ihn in eins seiner
-Gewänder und brachte dann einige Trümmer von einem alten Fischerkahn
-zusammen, um einen Scheiterhaufen zu errichten. Während er damit
-beschäftigt war, trat ein alter Römer, der einst unter Pompejus gedient
-hatte, mit den Worten zu ihm: „Wer bist du, der du den großen Pompejus
-zu bestatten suchst?“ -- „Sein Freigelassener“, antwortete Philippus.
--- „Wenn du der bist“, erwiderte der Alte, „so teile die Ehre der
-Beerdigung mit mir, damit ich in dem Elend, das mich drückt, doch
-wenigstens das eine Glück genieße, den Leichnam des größten römischen
-Feldherrn mit meinen Händen zu begraben.“ Philippus willfahrte ihm,
-beide verbrannten den Leichnam, vergruben die Asche und setzten auf den
-Grabhügel eine Tafel mit der Inschrift: „Hier ruht Pompejus der Große!“
-
-
-3. Cäsar in Afrika. Catos Tod.
-
-Drei Tage nach des Pompejus Tode erschien Cäsar vor dem Hafen von
-Alexandria, der damaligen Hauptstadt Ägyptens. Alsbald kamen die
-Mörder in der Hoffnung auf eine Belohnung an Bord seines Schiffes und
-überreichten des Pompejus Haupt und Siegelring. Cäsar wandte sich mit
-Abscheu von dem Anblick des blutigen Hauptes, aber tränenden Auges
-empfing er den Siegelring des Mannes, der einst so groß und mächtig und
-durch Freundschaft und Verwandtschaft mit ihm verbunden gewesen.
-
-Weit entfernt die Schandtat zu belohnen, bewies er sich milde und
-freundlich gegen die Anhänger des Pompejus, die man in Ägypten
-ergriffen hatte und in seine Gewalt lieferte. Denn Großmut und
-Nachsicht gegen besiegte Feinde bildeten den schönsten Zug seines
-Charakters. Er fand das ägyptische Volk gespalten und aufgeregt
-durch einen Zwist zwischen dem unmündigen König Ptolemäos und seiner
-älteren Schwester +Kleópatra+, die ihm den Thron streitig machte.
-Cäsar befahl beiden Teilen ihre Heere zu entlassen, und entschied dann
-zu gunsten der schönen Kleopatra, die ihn durch ihre verführerischen
-Reize geblendet hatte. Da brach plötzlich, durch die Ratgeber des
-Königs, Potheinos und Achillas, angestiftet, ein gewaltiger Aufstand
-in Alexandria aus, gegen den sich Cäsar mit den wenigen Truppen, die
-er mitgebracht, kaum zu behaupten vermochte. Er zog sich vor der
-Übermacht in das Brucheion, den schönsten und festesten Teil der Stadt,
-zurück. Hier bestand er, von jeder Verbindung mit Rom und den Provinzen
-abgeschnitten, unter der größten Bedrängnis neun Monate lang den Kampf
-gegen die empörte, vielmal überlegene Menge der Feinde. Um sich den
-Zugang zum Meere zu öffnen, verbrannte er die ägyptische Flotte im
-alexandrinischen Hafen, weil er nicht hoffen konnte sie zu erobern.
-Der Brand ergriff aber auch das Brucheion selbst, und die Hälfte jener
-berühmten alexandrinischen Bibliothek, die sich hier befand, ward ein
-Raub der Flammen. Während dieses traurige Schauspiel die Aufmerksamkeit
-der Einwohner beschäftigte, besetzte Cäsar die kleine Insel Pharos,
-die vor dem Hafen lag und den berühmten Turm, der als eins der sieben
-Wunderwerke der alten Welt galt. Von da an drehte sich der Kampf um
-die Behauptung des Hafens. Die Ägyptier schnitten den Römern das
-Trinkwasser ab und leiteten Meerwasser in ihre Cisternen. Um der Not
-abzuhelfen, ließ Cäsar neue Brunnen graben. Bald aber geriet auch die
-Insel Pharos, die durch einen Damm mit dem Brucheion zusammenhing,
-in die Hände der Feinde. Vergebens suchte Cäsar sie wiederzunehmen.
-Er wurde zurückgeschlagen und kam dabei selbst in Lebensgefahr. Denn
-als er vom Damm in ein Schiff sprang, drohte dieses wegen Überfüllung
-zu sinken. Da sprang er ins Meer und schwamm unter einem Pfeilregen
-einige hundert Schritte weit nach einem andern Schiffe, wobei er mit
-der einen Hand wichtige Schriften emporhielt, um sie nicht vom Wasser
-verderben zu lassen, und erreichte glücklich das Ufer. Endlich kam
-die langersehnte Hilfe, die ihm Mithridates, ein angeblicher Sohn
-des Königs dieses Namens, aus Kleinasien und Syrien zuführte. Dieser
-eroberte Pelusion; der König Ptolemäos wurde geschlagen und ertrank auf
-der Flucht im Nil. Nun ergab sich Alexandria dem Sieger (47); Kleopatra
-ward zwar als Königin von Ägypten anerkannt, das Land aber von einem
-römischen Heer besetzt gehalten.
-
-Bevor jedoch Cäsar nach Rom zurückkehrte, mußte er noch einen Feldzug
-gegen +Phárnakes+, den Sohn des großen Mithridates, unternehmen. Dieser
-hatte, unzufrieden mit dem kleinen Königreiche, das ihm Pompejus
-gelassen, das väterliche Reich wieder erobert und gegen alle Römer
-grausam gewütet. Cäsar brach mit einer Legion gegen ihn auf; durch
-Syrien und Cilicien gelangte er nach Pontus, wo er den listigen
-Pharnakes überfiel und ihm in der entscheidenden Schlacht bei +Ziéla+
-eine vollständige Niederlage beibrachte (47). Er selbst war von seinem
-schnellen Sieg so überrascht, daß er an seine Freunde in Rom die
-berühmten Worte schrieb: „Ich kam, sah, siegte!“ (~Veni, vidi, vici.~)
-Pharnakes verlor alle Besitzungen und bald darauf durch einen treulosen
-Diener das Leben.
-
-Jetzt erst kehrte Cäsar nach Rom zurück, wo seine Gegenwart dringend
-notwendig war, da ein unruhiger Volkstribun einen Aufstand verursacht
-hatte, der vielen Bürgern das Leben kostete. Cäsar stellte sogleich
-die Ruhe wieder her und überhäufte seine Anhänger mit Ehrenstellen
-und Belohnungen, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Afrika, wo
-sich die Anhänger des Pompejus gesammelt und eine bedeutende Macht an
-sich gezogen hatten. Noch war er mit den Rüstungen zu diesem Kriege
-beschäftigt, als eine Meuterei unter seinen Legionen ausbrach. Diese
-standen in Capua und warteten mit Ungeduld auf ihren Abschied, sowie
-auf die Belohnungen, die er ihnen versprochen hatte. Als er ihnen noch
-größere Belohnungen versprechen ließ, wenn sie ihm nach Afrika folgen
-wollten, empörten sie sich und brachen in ihrer Wut nach Rom auf, um
-sich ihren Lohn mit Gewalt zu holen. Nachdem sie auf dem Marsfelde
-angekommen waren, trat Cäsar unerwartet unter sie und fragte sie mit
-fester Stimme, was sie wollten. „Unsere Entlassung“, riefen sie. „Ihr
-sollt sie haben“, antwortete er, „und auch die versprochenen Geschenke,
-wenn ich an der Spitze anderer Legionen gesiegt habe und sie zum
-Triumphe nach Rom führe.“ Hiermit entfernte er sich und überließ die
-Bestürzten dem quälenden Gedanken, daß nun andere an ihrer statt Ruhm
-und Lohn neuer Siege ernten würden. Doch noch einmal wandte er sich an
-sie, aber nun nicht mehr mit der Anrede „Kameraden“ (~commilitones~),
-sondern mit der Anrede: „Bürger!“ (~Quirītes~). Da riefen alle, sie
-seien keine Bürger sondern Soldaten, und baten ihn sie nach Afrika zu
-führen.
-
-In Afrika bestand die Macht der Pompejaner aus zehn Legionen,
-20000 afrikanischen Reitern und 120 Elefanten; dazu kamen noch die
-Hilfstruppen des mit ihnen verbundenen Königs +Juba+ von Numidien.
-Dieser furchtbaren Macht konnte Cäsar nur sechs Legionen und 2000
-Reiter entgegenstellen, mit denen er noch in demselben Jahre (47)
-von Sicilien aus unter Segel ging, um seine Gegner, die ihn in
-der ungünstigen Jahreszeit nicht erwarteten, zu überraschen. Die
-Herbststürme jedoch zerstreuten seine Flotte, und er selbst erreichte
-nur mit 3000 Mann zu Fuß und 150 Reitern die afrikanische Küste. Als
-er in der Nähe von Adrumetum landete, fiel er dabei zur Erde, aber
-mit gewohnter Geistesgegenwart rief er aus: „Ich halte dich, Afrika!“
-und verwandelte dadurch die schlimme Vorbedeutung, die seine Soldaten
-leicht in diesem Falle hätten sehen können, in eine gute. Bald auch
-fand sich die ganze Flotte wieder bei ihm ein, sodaß er im Anfang des
-Jahres 46 mit 15000 Mann einen Streifzug ins Innere unternehmen konnte.
-Da wurde er plötzlich von Labiēnus, der einst in Gallien sein bester
-und erfolgreichster Legat gewesen, und von Petrejus, den er vorher
-in Spanien besiegt und verschont hatte, mit einer solchen Übermacht
-angegriffen, daß er nur durch einen geschickt geleiteten Rückzug einer
-völligen Niederlage entging. Nicht lange darauf aber nötigte er seine
-Gegner zu der entscheidenden Schlacht bei +Thapsus+, welche mit der
-gänzlichen Vernichtung des pompejanischen Heeres endigte (46).
-
-Unter den Häuptern der pompejanischen Partei, die bei Thapsus besiegt
-wurde, nahm der edle +M. Porcius Cato+, ein Urenkel jenes Cato, der
-die Zerstörung Karthagos zu fordern pflegte, den ersten Rang ein. Nach
-der Schlacht bei Pharsalos war er nach der Provinz Afrika gegangen und
-hatte dort die Verteidigung der Hauptstadt Utĭca übernommen. Als Cäsar
-heranzog, um durch die Eroberung dieser Stadt den Krieg zu beendigen,
-suchte er anfangs die Einwohner zum Widerstande zu bewegen. Da er aber
-sah, daß sie in ihren Meinungen geteilt waren, so änderte er seinen
-Plan. Zunächst war er vielen Senatoren mit Geld und Schiffen zur Flucht
-behilflich; ja, er riet sogar seinem eignen Sohn Marcus zur Flucht;
-dieser aber weigerte sich standhaft den Vater zu verlassen. Für ihn
-selbst hatte das Leben ohne den Bestand einer freien Republik keinen
-Wert mehr, und darum hielt er sich, nach den Grundsätzen der stoischen
-Lehre, deren eifriger Anhänger er war, für berechtigt sich selbst den
-Tod zu geben.
-
-Gegen Abend ging er ins Bad und nahm dann mit seinen Freunden ein Mahl
-ein. Nach dem Essen trank er mit seinen Gästen und unterredete sich
-mit ihnen über den Satz, daß nur der Weise wahrhaft frei sei. Diese
-Behauptung verteidigte er mit solcher Wärme, daß allen seine Absicht
-klar wurde. Es folgte eine ängstliche Stille. Kaum merkte dies Cato, so
-lenkte er das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Dann nahm er mit
-besonderer Herzlichkeit Abschied und begab sich in sein Schlafgemach.
-Hier las er den Phädon, eine Schrift des griechischen Weisen Plato,
-welche von der Unsterblichkeit der Seele handelt und zugleich den Tod
-des edlen und weisen Sokrates schildert, zweimal durch, und wollte dann
-nach seinem Schwerte greifen. Er fand es aber nicht, denn sein Sohn
-hatte es heimlich entfernt. Er forderte es mit Ungestüm und ließ nicht
-eher ab, bis man es ihm brachte. Ohne sich an die Bitten und Tränen der
-Seinigen zu kehren, rief er: „Nun bin ich Herr über mich!“ entließ die
-Weinenden, las noch und schlief dann bis Mitternacht. Dann erkundigte
-er sich, ob seinen Freunden die Flucht gelungen sei. Auf die Nachricht,
-daß sie alle entkommen seien, verschloß er die Tür, stürzte sich in
-sein Schwert und fiel zu Boden, wobei er einen Tisch mit umriß. Auf das
-Geräusch eilten die Seinen herbei und verbanden seine Wunde; er aber,
-wieder zu sich gekommen, riß sie wieder auf und starb an Verblutung.
-
-Als Cäsar bei seinem Einzug in Utica, welches ihm die Tore öffnete,
-Catos Tod vernahm, sagte er mit aufrichtigem Schmerz: „Cato, ich
-mißgönne dir deinen Tod, weil du mir deine Erhaltung nicht gegönnt
-hast!“ Auch verzieh er dem jungen Cato und ließ ihm das väterliche
-Vermögen. Catos Beispiel folgend gaben sich auch Metellus, Scipio, Juba
-und Petrejus den Tod. Labienus aber und Sextus Pompejus verzweifelten
-noch nicht, sondern flohen nach Spanien, um dort den Krieg zu erneuern.
-
-
-4. Cäsars fernere Taten und Tod.
-
-Als Cäsar nach Rom zurückgekehrt war, wetteiferten der Senat und das
-ihm ergebene Volk, ihn mit den höchsten Ehren und Würden zu überhäufen.
-Die Diktatur, mit welcher die unumschränkte Macht über den ganzen
-Staat verbunden war, wurde ihm auf zehn Jahre übertragen; auf goldenem
-Sessel saß er neben den Konsuln, und 72 Liktoren, sechsmal mehr als
-den Konsuln, schritten ihm voran, so oft er sein Haus verließ. Für
-seinen Sieg bei Thapsus ordnete der Senat ein vierzigtägiges Dankfest
-an, und seine Siege über Gallien, Ägypten, Pontus und Afrika feierte
-Cäsar durch einen vierfachen Triumph. Neben dem Tempel der Fortuna,
-der Göttin des Glücks, brach, ein schlimmes Vorzeichen, die Achse
-seines Triumphwagens, und er mußte einen andern besteigen, dann stieg
-er die Stufen des Jupitertempels auf den Knieen hinauf. Bei dieser
-Gelegenheit legte er die Kriegsbeute über 200 Millionen Mark an Gold
-und 2822 goldene Kränze im Werte von mehr als 15 Millionen Mark in den
-öffentlichen Schatz. Seinen Feinden verzieh er großmütig und bewies
-überall die größte Milde. Bei dem öffentlichen Festmahle, das er gab,
-wurde das Volk an 22000 Tischen aufs köstlichste bewirtet, wobei sogar
-die bei den Römern so beliebte Fischart der Muränen und die berühmten
-Falerner- und Chierweine nicht fehlten. Außer dieser allgemeinen
-Speisung beschenkte er noch 50000 arme Bürger mit Getreide und Öl und
-je 60 Mark an Geld. Von seinen Kriegern bekam jeder gemeine Soldat 3000
-Mark, ein Hauptmann das Doppelte, ein Oberst das Dreifache.
-
-Während Cäsar noch damit beschäftigt war durch eine Reihe von Gesetzen
-und Anordnungen die Ruhe und Ordnung des tief erschütterten Staates
-herzustellen, rief ihn die Besorgnis vor der drohenden Macht der
-Pompejaner in +Spanien+ zu neuem Kampfe ab. Dort hatten Gnaeus und
-Sextus, die Söhne des großen Pompejus, wieder ein Heer von dreizehn
-Legionen gesammelt. Cäsar zog mit acht Legionen gegen diese letzten
-Verteidiger der Republik, und bei der Stadt +Munda+ kam es zu dem
-erbittertsten und blutigsten Kampf dieses ganzen Bürgerkrieges (45).
-Schon schwankten seine Legionen und das Glück schien ihn zu verlassen;
-schon focht er, wie er später gestand, mehr um sein Leben als um den
-Sieg. Da sprang er vom Pferde und warf sich, entblößten Hauptes um von
-den Seinigen erkannt zu werden, und mit den Worten: „Wollt ihr mich
-diesen Knaben überliefern?“ in die vordersten Reihen. So hitzig focht
-er, daß viele unter seinen Streichen sanken und sein Schild von mehr
-als hundert Geschossen durchbohrt wurde, bis er mit seiner zehnten
-Legion und seiner Reiterei das Gleichgewicht wieder herstellte. Schon
-neigte sich der Tag, und die Schlacht war noch unentschieden, als Cäsar
-bemerkte, wie der pompejanische Anführer Labiēnus fünf Kohorten zum
-Schutze seines Lagers absandte, und im Augenblick rief er: „Seht, die
-Feinde fliehen!“ Dies glückliche Wort, das schnell durch die Reihen
-lief, erhöhte den Mut der Seinen so sehr, daß sie mit hellem Siegesrufe
-vordrangen und die Pompejaner, bestürzt durch die plötzliche Wendung,
-nun wirklich die Flucht ergriffen. Nun erst begann, wie gewöhnlich in
-jenen Zeiten, das eigentliche Gemetzel unter den aufgelösten Scharen
-der Besiegten. Über 33000 Erschlagene bedeckten das Schlachtfeld.
-Gnaeus Pompejus fiel auf der Flucht, als er eben die Küste erreicht
-hatte und Spanien verlassen wollte. Nur sein Bruder Sextus, der der
-Schlacht nicht beigewohnt hatte, blieb allein von den Häuptern der
-pompejanischen Partei am Leben.
-
-Dieser Sieg machte dem Bürgerkrieg, der 170000 Menschen hingerafft
-hatte, ein Ende. Als Cäsar nach Rom zurückkehrte, überhäufte ihn der
-Senat mit neuen Ehren, wie sie noch nie einem Römer zuteil geworden
-waren. Er erhielt den Titel Imperator oder Oberbefehlshaber der
-gesamten Kriegsmacht, und dieser Titel wurde ihm auf Lebenszeit
-beigelegt und sollte auch auf seine Nachkommen forterben können;
-ebenso ward er auf zehn Jahre Konsul, auf Lebensdauer Diktator,
-„Vater des Vaterlandes“, „Befreier“ ward er genannt, und unter einem
-der zahlreichen Standbilder, die man ihm errichtete, war geschrieben:
-„Dem unbesiegten Gotte“. So war er denn in Wahrheit Alleinherrscher
-des römischen Reiches, wenn ihm auch dieser Name fehlte, und als
-solcher suchte er die Erinnerung an die Zeit der freien Republik im
-Volke allmählich auszulöschen, und die Amtswürden des herrschenden
-Adels sanken zu bloßen Titeln herab. Er vermehrte den Senat auf 900
-Mitglieder, von denen er die Hälfte selbst ernannte; bei der Wahl der
-andern Hälfte nahm das Volk auf seine Vorschläge Rücksicht. Auch ein
-neues Forum legte er an, und errichtete daselbst der Venus Victrix, der
-„siegreichen Venus“, die er als Stammmutter seines Geschlechts ausgab,
-einen herrlichen Tempel. Auf die Einweihung dieses Tempels folgten
-glänzende Volksspiele: in einem künstlichen See wurden Schiffsgefechte
-geliefert, im Circus wurden 400 Löwen gejagt, wilde Stiere erlegt und
-endlich eine förmliche Landschlacht dargestellt.
-
-Um die Verwaltung des Staates und der Provinzen, die von Grund auf
-neu zu ordnen war, erwarb Cäsar sich große Verdienste. Neben vielen
-anderen Gesetzen dieser Art ist besonders zu nennen die gründliche
-Verbesserung des römischen +Kalenders+, die er mit Hilfe des
-alexandrinischen Mathematikers Sosígenes durchführte. Es war darin eine
-solche Verwirrung eingerissen, daß damals die Abweichung der Monats-
-und Tagesrechnung von der wahren Zeit bereits 67 Tage betrug und sich
-die Feste um ebensoviel Tage aus ihrer ursprünglichen Lage verschoben.
-Die Ursache lag darin, daß man sich dabei nicht nach dem Laufe der
-Sonne und der Dauer des Sonnenjahres, sondern nach den Mondumläufen
-richtete, deren zwölf ein Jahr von 354 anstatt von 365 Tagen ergaben.
-Und doch hatten schon längst die Ägyptier das Jahr nach dem Sonnenlaufe
-auf 365 Tage 6 Stunden festgesetzt, während die Griechen und Römer
-noch immer ihre Jahresrechnung auf den Mondlauf gründeten und dadurch
-zu ungleichen Einschaltungen genötigt waren. Der neue, dem ägyptischen
-nachgebildete Kalender, der nach seinem Urheber der +julianische+
-genannt wird, machte allen diesen Ungleichheiten und Schwankungen ein
-heilsames Ende. Zwar war auch er noch nicht ganz der wirklichen Zeit
-entsprechend. Denn indem er dem Jahre 365 Tage und jedem vierten Jahre
-mit einem Schalttage 366 gab, wich er von der wahren Jahreslänge des
-Sonnenumlaufs um ein Zuviel von mehreren Minuten ab, ein Fehler, der
-im Laufe der folgenden Jahrhunderte auf etwa 10 Tage anwuchs und erst
-durch den gregorianischen Kalender (1582 n. Chr.) ausgeglichen wurde.
-Auch verlegte Cäsar den Anfang des Kalenderjahres vom 1. März auf den
-1. Januar. Die Namen der römischen Monate behielt er bei, nur daß durch
-Senatsbeschluß der bisherige Quinctīlis dem Cäsar zu Ehren fortan
-Julius genannt wurde.
-
-Doch so sehr auch Cäsar seine Feinde durch Milde und Gnade gewonnen
-zu haben glaubte, so große Verdienste er sich um die Vergrößerung und
-den Ruhm des Staates erworben hatte, so vermochte er doch nicht den
-tiefen Haß aller derjenigen zu versöhnen, welche bisher gewohnt waren
-den Staat zu regieren und zu ihren Vorteilen auszubeuten. Auch schonte
-er nicht in allem seinem Tun die ehrwürdigen alten Überlieferungen
-der Republik, an denen das Volk mit zäher Beharrlichkeit hing. Nicht
-zufrieden mit königlicher Macht, strebte er auch nach dem königlichen
-Titel und beleidigte das Volk durch die Äußerung, daß die Republik
-nur ein leerer Name sei. Seine Freunde beeiferten sich ihm den Titel
-„König“ zu verschaffen, der den Römern seit der Vertreibung der Könige
-ein Gegenstand des Abscheus war. Einst bekränzten sie heimlich seine
-Bildsäule mit dem Diadem, aber die Tribunen rissen es ab und schickten
-die Täter unter dem Beifall des Volkes ins Gefängnis. Ein anderes Mal
-mischten einige in den Zuruf des Volkes den Königsgruß, aber die Menge
-stimmte nicht ein, und Cäsar mußte erklären, er heiße Cäsar, nicht
-König. An einem Fest trat einst sein Mitkonsul +Antonius+ mit einer
-Rede auf und wollte ihm dann eine Krone mit den Worten überreichen:
-„Dies sendet dir das römische Volk durch mich!“ aber das Volk brach in
-lautes Wehklagen aus, Cäsar wies das Geschenk zurück, und als Antonius
-fortfuhr ihm knieend das Diadem darzubieten, sagte er: „Nur Jupiter ist
-König!“ und schickte es auf das Kapitol.
-
-Wenn nun auch diese Versuche, den königlichen Titel zu erhalten,
-mißlangen, so war doch sein Streben nach der Königswürde unverkennbar.
-Die Furcht vor der Gewaltherrschaft eines Königs, Cäsars beleidigender
-Stolz gegen vornehme Römer, der Haß einzelner Großen, die seine
-unumschränkte Macht nur mit tiefem Ingrimm ertrugen, brachten endlich
-eine Verschwörung zuwege, deren Zweck war den großen Diktator zu
-ermorden und die alte Ordnung wieder herzustellen.
-
-Der Plan zu diesem Morde entsprang aus dem finsteren Gemüte des +Gajus
-Cassius+, der Cäsars Gnade das Leben verdankte. Er merkte aber bald,
-daß kein angesehener Mann seinem Anschlage beitreten werde, wenn nicht
-der damalige erste Prätor +Marcus Brutus+, Cäsars Liebling, ein wegen
-seiner reichen Bildung und strenger Sinnesweise hochangesehener Mann,
-sich seinem Plane anschlösse. Diesen suchte er daher vor allem dafür
-zu gewinnen. Bald legte er Zettel auf seinen Prätorstuhl mit den
-Worten: „Brutus, du schläfst!“ -- oder „Du bist wahrlich kein Brutus!“
-Bald schrieb er an die Bildsäule des alten Brutus, der vorzeiten das
-Königtum gestürzt und die Freiheit begründet hatte (S. 24): „O daß du
-noch lebtest, oder daß von deinen Nachkommen einer dir gleich wäre!“
-Lange blieb Brutus unentschlossen. Als er endlich der Verschwörung
-beitrat, wirkte sein Beispiel so mächtig, daß bald sechzig andere,
-teils begünstigte Freunde Cäsars, teils begnadigte Feinde, sich
-anschlossen. Es fehlte ihnen nur noch die Gelegenheit zur Ausführung
-ihres Planes, und diese bot ihnen Cäsar selbst.
-
-Damals, im Jahre 44, trug er sich mit dem großen Gedanken eines
-Kriegszugs gegen die Parther, um die noch nicht gesühnte Niederlage
-bei Karrhä (S. 157) an ihnen zu rächen und die Ostgrenzen des Reiches
-gegen diese mächtigen Feinde zu sichern. Sobald ihm dieses gelungen
-wäre, gedachte er längs den Küsten des kaspischen Meeres um den
-Kaukasus herum zu ziehen, in Skythien einzudringen und von da wieder
-westwärts durch die weiten Gebiete der Sarmaten, Daken, Germanen nach
-Italien zurückzukehren. Während er zu diesem Zuge die nötigen Anstalten
-traf, verbreiteten seine Freunde das Gerücht, daß nach einem Spruch
-der sibyllinischen Bücher (S. 22) die Parther nur von einem König
-besiegt werden könnten. Darum verlangten sie, daß Cäsar bloß in Italien
-Diktator heißen, in den Provinzen aber den Königstitel führen sollte.
-An den Iden des März (15. März, ~idibus Martiis~, denn ~idus~ hieß nach
-römischem Sprachgebrauch der 15. oder 13. Tag eines Monates), sollte
-über diese Frage im Senate verhandelt werden, und so beschlossen denn
-die Verschworenen ihn an diesem Tage in der von Pompejus gebauten
-Kurie (Ratshalle), wohin der Senat berufen war, zu ermorden.
-
-Vergebens warnten ihn drohende Anzeichen. Man fand, wie erzählt
-wird, eine alte eherne Tafel mit einer griechischen Inschrift, die
-auf seinen gewaltsamen Tod deutete; in der Nacht vor dem Morde gaben
-die heiligen Schilde auf dem Kapitol einen klingenden Ton; Cäsars
-Pferde wollten nicht fressen, und in den Tieren, die er opferte, fand
-sich kein Herz. Der Seher Spurinna warnte ihn gerade vor den Iden
-des Märzes. Doch Cäsars großes Herz war der Furcht und Sorge um sein
-Leben verschlossen. Am Abend des 14. März speiste er bei Lépidus,
-der als „Reiteroberst“ (~magister equitum~) dem Diktator als Gehilfe
-zur Seite stand. Während er dort einige Briefe unterschrieb, warf
-einer von den Gästen die Frage auf, welcher Tod der beste sei. Cäsar
-antwortete schnell: „Der unerwartete.“ Die Nacht darauf verbrachte er
-in großer Unruhe. Aufgeschreckt durch ein plötzliches Geräusch sah er
-bei hellem Mondlicht die Türen seines Gemachs von selbst geöffnet und
-hörte seine Gemahlin Calpurnia im Schlafe wehklagen. Ihr träumte, man
-hätte ihren Gemahl ermordet, und sie halte den Toten weinend in ihren
-Armen. Als der Morgen kam, bat sie, erschreckt durch diesen Traum,
-ihren Gemahl inständig zu Hause zu bleiben. Cäsar war bereit ihren
-Bitten zu willfahren, und gab schon dem Konsul Antonius den Auftrag den
-versammelten Senat wieder zu entlassen.
-
-Inzwischen warteten bereits in der Kurie des Pompejus die
-Verschworenen, mit versteckten Dolchen bewaffnet, ungeduldig ihres
-Opfers, und besorgten schon, da Cäsar nicht kam, ihr Geheimnis wäre
-verraten. Sie schickten daher den +Décimus Brutus+, einen vertrauten
-Freund Cäsars, um sich nach der Ursache seines Säumens zu erkundigen.
-Cäsar erzählte ihm Calpurnias Traum. Aber Brutus stellte ihm vor, wie
-unklug es sei, seine Ernennung zum König verschieben zu wollen, bis ein
-Weib bessere Träume habe, und zog ihn an der Hand mit sich fort.
-
-Noch hätte Cäsar dem Tode entgehen können, denn selbst auf dem Wege
-nach der Kurie wurde er auf mannigfache Art gewarnt. Kaum hatte er sein
-Haus verlassen, so drängte sich Artemidōros, ein gelehrter Grieche,
-zu ihm heran und überreichte ihm eine Schrift, in der die ganze
-Verschwörung entdeckt war. „Lies diese Schrift“, sprach er eifrig,
-„lies sie sogleich, sie enthält wichtige Dinge, die dich betreffen.“
-Cäsar versuchte sie zu lesen, aber das Gedränge der Menschen um ihn
-her war zu groß; ungelesen nahm er die Schrift mit in die Kurie. Nicht
-mehr weit davon sah er den Spurinna und rief ihm lachend zu: „Die Iden
-des Märzes sind gekommen!“ -- „Aber sie sind noch nicht vorüber“,
-antwortete Spurinna. Ohne sich an das Wort zu kehren, ging Cäsar in
-die Kurie. An der Tür wurde er noch durch ein Bittgesuch aufgehalten,
-dann schritt er sorglos zu seinem goldenen Sessel, der am Fuße der
-Bildsäule des Pompejus stand. Alle Verschworenen standen auf, um ihn
-zu empfangen; nur Trebonius stand am Eingang der Kurie, um den Konsul
-+Marcus Antonius+, den treuesten und kühnsten Anhänger Cäsars, von
-dessen Körperkraft und Geistesgegenwart alles zu befürchten war,
-zurückzuhalten.
-
-Kaum hatte sich Cäsar auf seinen Sessel niedergelassen, so drängten
-sich die Verschworenen an ihn heran. Voran stand Tullius +Cimber+, um
-von Cäsar die Begnadigung seines verbannten Bruders zu erbitten. Die
-Verschworenen unterstützten sein Gesuch. Cäsar aber, unwillig über
-ihren zudringlichen Eifer, verwies sie auf eine andere Zeit. Da ergriff
-Cimber die Toga Cäsars und riß sie ihm von den Schultern. „Das ist ja
-Gewalt!“ schrie Cäsar. In demselben Augenblick stieß der hinter seinen
-Stuhl getretene +Casca+ mit dem Dolche nach seinem Hals, verwundete
-ihn aber nur leicht. „Verruchter Casca, was machst du?“ ruft Cäsar und
-durchbohrt mit seinem silbernen Schreibgriffel des Mörders Arm; aber
-im Nu stoßen ihm alle Verschworenen ihre Dolche mit solcher Wut in den
-Leib, daß mehrere von ihnen sich selbst an der Hand verwundeten. Als
-Cäsar auch den Marcus Brutus unter den Mördern sieht, ruft er klagend
-aus: „Auch du, mein Sohn!“ und nun sagt er kein Wort mehr, sondern
-verhüllt sein Haupt und gibt sich ohne Widerstand allen Stößen preis.
-Von 23 Wunden durchbohrt, von denen aber nur eine tödlich war, sank er
-an der Bildsäule des Pompejus nieder (44).
-
-Überrascht und entsetzt von dem schaudervollen Auftritt flohen die
-Senatoren auseinander. Brutus wollte sie anreden, aber niemand hörte
-auf ihn. Auch das Volk, unter das die Mörder mit dem Rufe der Freiheit
-traten, floh bestürzt. Eine Zeitlang lag der Ermordete allein in
-seinem Blute, bis ihn drei Sklaven in einer Sänfte in die Wohnung der
-Calpurnia trugen.
-
-In Cäsar ging der größte Mann unter, den Rom je hervorgebracht hatte.
-Er war als Feldherr, Staatsmann und Gesetzgeber ohnegleichen, aber
-auch hervorragend als Redner, Geschichtsschreiber, Sprachforscher,
-Mathematiker und Architekt. Auch seine Persönlichkeit und Haltung ließ
-den geborenen Herrscher erkennen. Seinen von Natur etwas schwächlichen
-Körper hatte er so abgehärtet, daß er an Ausdauer keinem seiner
-Krieger nachstand. Er ertrug Hitze und Kälte, Hunger und Durst und
-alle Beschwerden und Anstrengungen des Krieges. In allen Leibesübungen
-zeichnete er sich aus und suchte als Reiter, Schwimmer und Fechter
-seinesgleichen. Seine Soldaten, denen er in jeder Hinsicht als Muster
-vorleuchtete, verehrten ihn mit abgöttischer Liebe und Treue.
-
-
-
-
-XXVIII.
-
-Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar Octavianus.
-
-
-Nachdem die Verschworenen die blutige Tat vollbracht hatten, waren sie
-durchaus ratlos, was sie nun weiter tun sollten. Sie hatten geglaubt,
-das Volk würde ihrem Werke der Befreiung zujubeln, begegneten aber fast
-überall einer feindlichen oder gleichgültigen Stimmung. Denn Cäsar
-hatte die Menge durch den Glanz seiner Taten und seine freigebige
-Großmut für sich gewonnen, und die „Freiheit“, welche Brutus und seine
-vornehmen Genossen gegen Cäsar zu verteidigen schienen, war in Wahrheit
-nur das bisherige Regiment der Großen und Reichen. Bald sollten die
-Mörder erfahren, daß sie einen milden Herrscher mit einem furchtbaren
-Tyrannen vertauscht hatten.
-
-Der Konsul +Antonius+, ein entschiedener Anhänger Cäsars, der sich in
-der ersten Bestürzung versteckt hatte, trat nun hervor und beschloß
-die Rolle des Herrschers, die Cäsar gespielt hatte, selber weiter
-fortzuführen Er bemächtigte sich heimlich des öffentlichen Schatzes
-und erhielt von Calpurnia, der Gemahlin des Gemordeten, dessen
-schriftlichen Nachlaß. In einer Senatssitzung, der auch Antonius
-beiwohnte, wurde zwar den Mördern Verzeihung bewilligt, aber auch
-beschlossen, daß Cäsars Anordnungen fortbestehen sollten. In einer
-zweiten Sitzung wurden sogar den Häuptern der Verschwörung nach einer
-Anordnung, die Cäsar selbst schon getroffen hatte, die ihnen bestimmten
-Provinzen zugewiesen: Marcus Brutus erhielt Makedonien, Decimus Brutus
-das cisalpinische Gallien, und Cassius Syrien.
-
-Bisda hatte Antonius seine herrschsüchtigen Absichten mit großer
-Schlauheit verborgen; nun aber trat er offener auf, und bei der
-Leichenfeier Cäsars offenbarte er, was die Mörder von ihm zu erwarten
-hatten. Um das Volk gegen diese aufzubringen, machte er zuerst das
-Testament Cäsars bekannt, in dem er dem Volke seine großen parkartigen
-Gärten jenseits der Tiber zu allgemeinem Gebrauch und jedem einzelnen
-Bürger 45 Mark vermachte. Dann folgte die Leichenfeier, die den Abscheu
-des Volkes gegen die Mörder, die ihm seinen Wohltäter entrissen hatten,
-auf den höchsten Grad steigern sollte.
-
-Auf einem Gerüste, neben der Rednerbühne auf dem Forum, stand
-eine vergoldete Kapelle, eine Nachbildung des von Cäsar erbauten
-Venustempels; innerhalb der Kapelle, deren Dach auf Säulen ohne Wände
-ruhte, war ein mit Elfenbein ausgelegtes, mit Purpurteppichen bedecktes
-Ruhebett sichtbar. Auf dieses wurde nach vollendetem Trauerzuge der
-Sarg mit der Leiche, unter dem Wehklagen des Volkes und der Soldaten
-Cäsars, niedergesetzt. Sodann hielt Antonius eine Rede, worin er
-Cäsars unsterbliche Taten und Verdienste um Reich und Volk mit
-überschwenglichen Worten pries, und dann den an ihm verübten greulichen
-Mord in grellen Farben schilderte, und zugleich, die Augen voll
-Tränen, das blutige, von Dolchstichen zerstoßene Gewand des Ermordeten
-emporhob. Dabei stieg ein aus Wachs verfertigtes Bild Cäsars mit den
-23 Wunden, unter denen die entstellende Wunde des Gesichts und die
-tödliche Brustwunde besonders auffielen, aus dem Sarg in die Höhe.
-
-Bei diesem Anblick verwandelte sich das Wehklagen des Volkes in helle
-Wut gegen die Mörder, und man hätte sie zerrissen, wenn sie sich nicht
-rechtzeitig entfernt hätten. Als dann das Leichengerüst angezündet
-wurde, warf jedermann, was ihm an Geräten, Waffen und Schmuck zur Hand
-war, in das Feuer, das dadurch so gewaltig um sich griff, daß ein Haus
-in der Nähe in Brand geriet, und eine Feuersbrunst mit Mühe verhütet
-ward. Kaum konnte Antonius das wütende Volk zurückhalten, das mit
-Fackeln durch die Straßen der Stadt tobte und die Häuser der Mörder
-anzünden wollte.
-
-Als Antonius das Volk für sich gewonnen hatte, brachte er es bald
-dahin, daß ihm der Senat eine Schutzwache bewilligte, die er selbst auf
-6000 Mann vermehrte. Im Vertrauen auf diesen Schutz gab er, angeblich
-aus dem Nachlaß Cäsars, eine Verordnung nach der andern heraus, um sich
-Anhänger und besonders Geld zu verschaffen. Er verkaufte Ämter und
-Würden, verhandelte Königreiche und wußte sich dadurch Geld in solcher
-Menge zu verschaffen, daß er und +Fulvia+, seine schändliche Gemahlin,
-zuletzt das Geld nicht mehr zählten, sondern in Masse abwogen. Den
-Mördern Cäsars nahm er ihre Provinzen, indem er Makedonien, das Marcus
-Brutus hatte, für sich nahm und Syrien, das dem Cassius bestimmt war,
-dem Dolabella gab.
-
-Doch auch gegen Antonius erhob sich bald ein Nebenbuhler, der
-schließlich den Sieg über ihn davontragen sollte.
-
-Dies war der junge +Octavius+, der damals zu Apollonia in Illyrien
-sich aufhielt, wo ein Teil der Truppen stand, die Cäsar für den
-parthischen Krieg bestimmt hatte, und mit denen er an dem Feldzuge
-teilnehmen sollte. Als Enkel von Cäsars jüngerer Schwester Julia war
-er im Testamente Cäsars, seines Großoheims, der keinen eigenen Sohn
-hinterlassen, an Sohnes Statt angenommen und zum Haupterben eingesetzt.
-Er nannte sich deshalb fortan +Gajus Julius Cäsar Octavianus+.
-
-Nach dem Tode Cäsars eilte er nach Italien, um sein Erbe anzutreten.
-Vor den Toren Roms strömten ihm die Freunde und Anhänger Cäsars
-entgegen. Ein farbiger Ring, der in dieser Stunde die Sonne umgab,
-ward als ein Zeichen seiner aufgehenden Größe gedeutet. Aber seine
-Lage war schwierig. Auf der einen Seite drohte ihm die Feindschaft
-der Mörder, die in ihm den Rächer ihrer Freveltat fürchteten, auf
-der anderen sperrte ihm die gewalttätige Herrschaft des Antonius den
-Weg zur höchsten Gewalt. Aber der achtzehnjährige Jüngling verfolgte
-gleich von Anfang an mit ungewöhnlicher Klugheit und Selbstbeherrschung
-das Ziel, das er sich steckte, Rache an den Mördern und Besitznahme
-der ersten Stelle im Staate. Er suchte deshalb zunächst eine enge
-Verbindung mit Antonius. Er verlangte von ihm die Herausgabe des
-Geldes, das Cäsar hinterlassen, um es nach den Bestimmungen des
-Testamentes unter die Bürger zu verteilen. Dies verweigerte Antonius
-unter allerlei Vorwänden, und behandelte überhaupt den „jungen
-Menschen“ mit hochfahrendem Stolze und Geringschätzung. Octavianus,
-obgleich tief erbittert, vermied es mit dem Gewaltigen zu brechen. Er
-ließ seine väterlichen Güter versteigern und zahlte aus dem Ertrag
-die Vermächtnisse aus, mit denen Cäsar das Volk bedacht hatte. Die
-Folge davon war, daß, während sich Antonius beim Volke verhaßt machte,
-Octavianus in dessen Gunst stieg, zumal da er nun auch der Menge
-kostbare Spiele gab. Während dieser Spiele zeigte sich sieben Tage lang
-am Himmel ein Komet, den Cäsars Partei als seinen Geist deutete, der
-unter die Götter versetzt sei.
-
-Während Antonius den Senat mit steigender Anmaßung und trotzigem
-Übermut behandelte, bewies ihm der schlaue Octavianus die größte
-Ehrerbietung. Unter den alten Soldaten Cäsars hatte er viele Anhänger,
-die zu Tausenden seinen Fahnen zuströmten. An der Spitze dieser Truppen
-gelang es ihm den Antonius aus Rom zu verdrängen. Dieser ging, nach dem
-Ablauf seines Konsulates, in das diesseitige Gallien, welche Provinz er
-dem Decimus Brutus entreißen wollte; aber von den beiden neuen Konsuln
-und Octavianus bei Mútina (Módena) geschlagen, mußte er ins jenseitige
-Gallien fliehen (43).
-
-Als die nächste Sorge vor Antonius vorüber war, glaubte der Senat den
-Octavianus entbehren zu können und begann ihn mit Kälte zu behandeln.
-Aber dieser wandte sich an seine treuen Legionen und stellte ihnen vor,
-daß ihnen in Rom der Lohn ihrer Taten verweigert würde. Da sandten
-die Truppen aus ihrer Mitte Abgeordnete an den Senat und forderten
-für Octavianus das Konsulat. Als man dies abschlug, rief einer der
-Abgeordneten, an sein Schwert schlagend: „Dieses wirds ihm geben!“
-worauf Cicero erwiderte: „Wenn das bitten heißt, so wird man es ihm
-gewähren müssen.“ Nach dieser Weigerung des Senats rückte Octavianus
-mit acht Legionen gegen Rom vor, wo das Volk ihn mit Jubel aufnahm und
-der Senat sich in alle seine Forderungen fügen mußte. Seine Soldaten
-belohnte Octavianus aus dem öffentlichen Schatze; dann ließ er sich
-zum Konsul wählen und das Verbannungsurteil über Cäsars Mörder
-aussprechen. Um aber nachdrücklich an ihnen Rache nehmen zu können,
-hielt er es für zweckmäßig sich wieder mit Antonius zu verbinden.
-
-Dieser hatte sich inzwischen in Gallien mit +Lépidus+ vereinigt
-und eine Macht von 23 Legionen und 10000 Reitern zusammengebracht.
-Octavianus zog beiden entgegen, und Antonius ergriff die dargebotene
-Hand zu einer Vereinigung. Sie wählten eine kleine Insel auf dem
-Flusse Rhenus, unweit Bononia (Bologna) zum Orte ihrer Zusammenkunft.
-Beide Parteien, Antonius und Lepidus einerseits und Octavianus
-anderseits, rückten mit fünf Legionen an die Ufer dieses Flusses und
-schlugen von beiden Seiten eine Brücke nach der Insel zu. Lepidus,
-ein gemeinschaftlicher Freund der beiden andern, ging zuerst hinüber,
-um ihre Sicherheit zu prüfen; dann kamen auf ein gegebenes Zeichen
-Octavianus und Antonius, jeder mit 300 Mann, herbei. Diese blieben
-am Ende der Brücken zurück; sie selbst aber gingen auf eine Anhöhe,
-wo sie von ihren beiderseitigen Heeren gesehen werden konnten. Als
-sie beisammen waren, durchsuchten sie erst ihre Kleider, aus Furcht,
-daß irgend einer einen Dolch bei sich tragen möchte. Dann setzten
-sie sich nieder, um den Plan ihres Bündnisses zu entwerfen. Die
-Verhandlung dauerte drei Tage. Endlich kam nach manchem heftigen
-Streit ein Vergleich zustande. Der erste Punkt desselben betraf die
-höchste Gewalt im Staate; diese sollten alle drei gemeinschaftlich
-fünf Jahre lang ausüben unter dem Titel „Triumvirn zur Einrichtung des
-Gemeinwesens“. Dann verteilten sie die Provinzen unter sich; Italien
-als das gemeinsame Mutterland und die morgenländischen Provinzen,
-die damals noch Brutus und Cassius innehatten, wurden von dieser
-Teilung ausgenommen. Die Abendländer aber wurden auf folgende Art
-verteilt: Octavianus bekam Afrika, Sicilien und Sardinien, Antonius das
-diesseitige und jenseitige Gallien, Lepidus Spanien und einen Teil des
-jenseitigen Galliens. Hierauf verteilten sie die Geschäfte unter sich.
-Octavianus und Antonius sollten jeder mit zwanzig Legionen vereinigt
-den Krieg gegen Cäsars Mörder, namentlich gegen Brutus und Cassius,
-führen, während Lepidus als Konsul des nächsten Jahres (42) mit drei
-Legionen Rom und Italien in Gehorsam halten sollte. Der vierte Punkt
-ihrer Verabredung betraf die Belohnung der Legionen. Die Triumvirn
-machten aus, daß, nach Beendigung des Kampfes im Osten, achtzehn
-Städte in den reichsten und blühendsten Gegenden Italiens als Kolonien
-unter die Soldaten verteilt werden sollten, denen sie übrigens noch
-ansehnliche Geschenke baren Geldes versprachen. Zur Ausführung aller
-dieser Pläne brauchten sie unermeßliche Geldsummen, zu denen ihnen die
-Achtserklärung (Proskription) ihrer Gegner die Mittel liefern sollte.
-300 Senatoren und 2000 Ritter wurden von der Ächtung betroffen, von
-denen jeder Triumvir einen Teil vorschlug und dabei selbst seine
-eigenen Freunde und Anhänger dem Haß der beiden andern preisgeben
-mußte. Endlich verpflichteten sich die Triumvirn zur Erfüllung dieses
-Vertrages durch einen feierlichen Eid und kehrten mit ihren Legionen
-nach Rom zurück, wo alsbald die Ächtungen ihren Anfang nahmen.
-
-Überall in Italien wüteten Verrat und Mord; nur wenige der Geächteten
-retteten sich durch die Flucht, die meisten wurden von den Verfolgern
-ereilt, ihre Köpfe auf der Rednerbühne ausgestellt. Jedem Freien wurde
-der Kopf eines Verurteilten mit 12000, jedem Sklaven mit beinahe 6000
-Mark bezahlt; die Angeber erhielten den gleichen Lohn; der Tod traf
-den, der einen Geächteten verbarg. Die Schreckenszeit Sullas kehrte
-wieder, aber die Zahl der Opfer war noch größer.
-
-Unter den Opfern dieser Proskriptionen befand sich auch der große
-Redner +Cicero+, der einst, zur Zeit der Verschwörung des Catilina,
-sein Vaterland gerettet hatte. Er hatte sich den Antonius dadurch zu
-einem unerbittlichen Feinde gemacht, daß er gegen dessen eigenmächtiges
-und gewalttätiges Auftreten seine berühmten „philippischen Reden“
-(~Philippicae~) hielt, und Octavian, von dem er bisher wie ein Vater
-verehrt worden war, hatte ihn herzlos dem Hasse des Verbündeten
-geopfert. Als die Listen der Geächteten in Rom bekannt wurden, auf
-denen auch sein Name stand, befand sich Cicero auf einem seiner
-Landgüter. Um sich zu retten, beschloß er nach Makedonien zu Marcus
-Brutus zu fliehen, allein körperliche Schwäche, Ängstlichkeit und
-Unentschlossenheit hinderten ihn an der Ausführung seines Entschlusses;
-zweimal ging er zu Schiffe und zweimal landete er wieder. Endlich
-drängten ihn seine Diener, die schon einen Haufen Soldaten gesehen
-hatten, welche nach ihrem Herrn spähten, die Flucht fortzusetzen.
-In einer Sänfte trugen sie ihn zur Küste. Aber mitten auf dem Wege
-begegneten sie den Häschern. Da Cicero sah, daß er nicht entrinnen
-konnte, ließ er die Sänfte niedersetzen und steckte den Kopf hinaus.
-An der Spitze der Soldaten stand Popilius Länas, ein Kriegstribun,
-dem Ciceros Beredsamkeit einst vor Gericht das Leben gerettet hatte.
-Eben dieser Mann eilte seinen Leuten zuvor, um selber den Blutlohn zu
-verdienen, und schlug seinem greisen Wohltäter, nach dem besonderen
-Auftrage des Antonius, des Todfeindes Ciceros, nicht nur das Haupt
-ab, sondern auch die Hände, mit denen er den Vortrag seiner Reden
-eindrucksvoll zu begleiten pflegte. Dies geschah am 7. Dezember des
-Jahres 43. Das abgehauene Haupt wurde dem Antonius überbracht, und
-nachdem Fulvia in ihrer Rachsucht die Zunge mit ihren Haarnadeln
-durchstochen hatte, nebst den Händen auf derselben Rednerbühne am
-Forum ausgestellt, wo Cicero so oft das Volk zu stürmischem Beifall
-hingerissen hatte. Er stand erst im 64. Lebensjahre.
-
- * * * * *
-
-Nachdem sich die Triumvirn auf so blutige und habgierige Weise eines
-großen Teiles ihrer Gegner im Senat und in der Ritterschaft entledigt
-hatten, beschlossen Octavianus und Antonius gegen Brutus und Cassius
-zu Felde zu ziehen, die inzwischen in Makedonien und Asien eine große
-Streitmacht und alle noch übrigen Anhänger der Republik um sich
-gesammelt hatten. Als diese von dem nahen Anzuge der beiden Triumvirn
-hörten, eilte Brutus nach Asien, um gemeinschaftlich mit Cassius über
-die Führung des Krieges zu beraten. Bei dieser Gelegenheit war es, wo,
-wie man sagt, dem Brutus ein Gespenst erschien. Einst saß er nämlich,
-wie er gewohnt war, bis tief in die Nacht in seinem Zelte, beschäftigt
-mit den Gedanken an den ungewissen Ausgang des bevorstehenden Krieges.
-Seine Diener schliefen, das Licht brannte düster, nichts regte sich,
-er war allein. Da hörte er plötzlich ein Geräusch; die Zelttür öffnet
-sich, und eine gespenstische Gestalt tritt auf ihn zu, ohne zu reden.
-Brutus richtet sich erschrocken auf und fragt: „Wer bist du, ein
-Gott oder ein Mensch, und was begehrst du?“ -- „Ich bin dein böser
-Geist,“ antwortet die Gestalt, „bei Philippi sehen wir uns wieder.“
-Furchtlos erwiderte Brutus: „Wohl, ich werde dich dort wiedersehen!“
-Da verschwand die Gestalt. Gleich darauf rief Brutus seine Diener und
-fragte sie, ob sie etwas gesehen oder gehört hätten. Sie verneinten
-beides. Sobald der Morgen graute, ging Brutus zum Cassius und
-erzählte ihm den Vorfall der vergangenen Nacht. Cassius, der nicht
-an die Wirklichkeit eines Gespenstes glauben mochte, suchte sich die
-Erscheinung aus der erregten Gemütsstimmung seines Freundes zu erklären.
-
-Von Sardis aus, wo sie ihre Legionen vereinigt hatten, brachen Brutus
-und Cassius nach dem Hellespont auf und setzten nach Thrakien über,
-wo bereits acht Legionen der Triumvirn standen. Bald kamen diese
-mit ihrer gesamten Macht hinzu und nötigten die Gegner, welche bei
-+Philippi+ ein festes Lager bezogen hatten, zur Schlacht. Es kam dort
-zu einer Doppelschlacht, die aber den ganzen Krieg entscheiden sollte;
-sie endete mit der Niederlage der Mörder Cäsars (42). Die Triumvirn
-befehligten ein Heer von 100000 Mann zu Fuß und 13000 Reiter, ihre
-Gegner 80000 Mann zu Fuß und 20000 Reiter. Auf beiden Seiten siegten
-die rechten Flügel; Brutus drang siegreich vor und eroberte das Lager
-des Octavianus, der sich damals wegen Krankheit aus dem Lager entfernt
-hatte; dagegen schlug Antonius den Cassius vollständig zurück. Der
-geschlagene Cassius wußte noch nichts von des Brutus Sieg, als dieser
-eine Abteilung Reiter mit der Siegesbotschaft absandte. Cassius hielt
-sie in der Dunkelheit für Feinde und glaubte schon die Seinigen
-gefangen; da ließ er, um der Gefangenschaft zu entgehen, sich durch
-einen Sklaven töten. Als Brutus von seinem Tode hörte, rief er unter
-Tränen aus: „So ist der letzte Römer gefallen!“
-
-Nach dieser Schlacht beschloß Brutus ein zweites Treffen zu vermeiden
-und sich in seiner vorteilhaften Stellung zu behaupten. Allein der
-Ungestüm seiner Soldaten, der weder durch Bitten noch durch Geschenke
-und Versprechungen zu bändigen war, forderte eine Schlacht, und so kam
-es denn ungefähr zwanzig Tage nach dem ersten zu einem zweiten Treffen
-bei Philippi. In der Nacht vor dieser Schlacht soll dem Brutus dieselbe
-Gestalt erschienen sein, die sich ihm vor seinem Übergange über den
-Hellespont gezeigt hatte; stumm ging sie diesmal vor ihm vorüber und
-verschwand.
-
-Auch dieses zweite Treffen entschied gegen Brutus. Von beiden Seiten
-ward mit der größten Erbitterung gestritten; abermals drang Brutus
-in das Lager des Octavianus, da sprengte Antonius die Mitte des ihm
-gegenüberstehenden Flügels und trieb die Feinde in ihr Lager zurück.
-Dadurch bekam Octavianus Luft, drang auch wieder vor und half den Sieg
-vollenden.
-
-Brutus wandte sich mit vier Legionen nach dem Gebirge und hoffte in der
-einbrechenden Dunkelheit zu entkommen, aber alle Ausgänge waren schon
-besetzt. Da seine Legionen keine Lust zeigten sich durchzuschlagen, gab
-er alle Hoffnung auf und stürzte sich in sein Schwert. Seine Truppen
-streckten die Waffen. Seine Gemahlin +Porcia+ folgte ihm in den Tod,
-indem sie durch den Dunst glühender Kohlen ihr Leben endete.
-
-
-Nach diesen Siegen nahmen die beiden Triumvirn eine neue Teilung des
-Reiches unter sich vor, wobei Octavianus den Westen, Antonius den Osten
-erhielt. Lepidus, der wegen seiner Unbedeutendheit von den beiden
-andern verachtet wurde, mußte sich mit der Provinz Afrika abfinden
-lassen.
-
-In Kleinasien überließ Antonius sich ganz und gar seinem maßlosen
-Hange zur Schwelgerei, mit der er ungeheure Reichtümer in kurzer Zeit
-verschwendete. Einst schenkte er einem Zitherspieler die Steuern von
-vier Städten, und Köchen gab er für ein gutes Gericht reiche Häuser
-und Güter. Seine Lust an ausschweifenden Genüssen erreichte aber den
-höchsten Grad, als es der ägyptischen Königin +Kleópatra+ gelungen war
-ihn, wie einst den Cäsar, in ihre Netze zu ziehen.
-
-Diese Königin hatte es mit Brutus und Cassius gehalten und wurde
-deshalb von Antonius zur Rechenschaft gezogen. Sie kam, aber nicht als
-Angeklagte, sondern, um Antonius durch ihre Reize zu gewinnen, in dem
-Aufzuge der Göttin Venus. Auf einem vergoldeten Schiffe mit silbernen
-Rudern und purpurnen Segeln fuhr sie an der Küste Ciliciens, bei der
-Stadt Tarsos, den Kydnosfluß herauf. Als Venus gekleidet, saß sie in
-der Blüte der Schönheit unter einem goldgewirkten Zelte; zierliche
-Knaben als Liebesgötter fächelten ihr Kühlung zu, schöne Jungfrauen
-bedienten sie, während andere als Meergöttinnen die Ruder unter dem
-Klange von Flöten und Harfen bewegten, und angezündetes Räucherwerk den
-lieblichsten Duft verbreitete. Anstatt vor Antonius zu erscheinen, lud
-sie ihn zu sich zum Mahle. Er kam, und von dieser Zeit an lebte er mit
-Kleopatra in einem steten Taumel von Lüsten und ließ sogar die Parther
-ungestraft in Syrien einbrechen.
-
-Durch solche Aufführung gab Antonius gegründeten Anlaß zu Klagen und
-Beschwerden, und sein Verhältnis zu Octavianus, das nie aufrichtig
-gewesen war, da jeder nur den andern zu verdrängen und sich zum
-Alleinherrscher zu machen suchte, wurde immer gespannter und
-feindseliger. Nur die Vermählung des Antonius mit des Octavianus
-tugendhafter Schwester Octavia vermochte die Eintracht auf kurze Zeit
-wieder herzustellen.
-
-Während Antonius die Zeit am üppigen Hofe Kleopatras vergeudete, war
-Octavianus in rastloser Tätigkeit. Sextus Pompejus, der Sohn des großen
-Pompejus, Octavians tüchtigster Helfer in Krieg und Frieden, der an der
-Spitze einer Piratenflotte Italien und das westliche Meer jahrelang
-beunruhigte, ward endlich von +Agrippa+ in der Seeschlacht bei Messāna
-völlig besiegt und zur Flucht nach Asien gezwungen, wo er gefangen und
-hingerichtet wurde. Auch den unbedeutenden Lepidus wußte Octavianus auf
-die Seite zu schieben, als dieser an der Spitze von zwanzig Legionen
-Sicilien verlangte. Er ging nach Messana und begab sich in das Lager
-des Lepidus, wo es ihm bald gelang dessen Heer abwendig zu machen. Als
-nun Lepidus sah, wie sein ganzes Heer zu Octavianus überging, warf er
-sich diesem zu Füßen und flehte um Gnade. Octavianus verachtete ihn zu
-sehr; er schenkte ihm Leben und Freiheit und ließ ihm die Würde des
-Oberpriesters bis an sein Lebensende.
-
-Nun war das Triumvirat zu einem Duumvirat geworden; aber auch die
-Verbindung zwischen Octavianus und Antonius eilte ihrer Auflösung
-entgegen und verwandelte sich bald in offenen Bürgerkrieg. Die
-Veranlassung dazu war, daß Antonius, der mit Kleopatra fortwährend ein
-schwelgerisches Leben führte, seine edle Gemahlin Octavia verstieß. Da
-erklärte der Senat den Krieg gegen Kleopatra, der Antonius natürlich
-Beistand leistete. Dieser Krieg wurde durch die Schlacht bei +Aktium+
-(am Eingange des Meerbusens von Arta) entschieden (31 v. Chr., am 2.
-September), und dadurch der Untergang der Republik in eine Monarchie
-eingeleitet, an deren Spitze der Sieger, Cäsar, trat.
-
-Die Kriegsmacht des Antonius bestand aus 100000 Mann zu Fuß nebst
-12000 Reitern, sowie aus einer Flotte von 500 Schiffen, die von
-ungewöhnlicher Größe und deshalb für den Kampf in engen Gewässern zu
-schwerfällig waren. Octavians Landheer betrug 80000 Mann zu Fuß mit
-12000 Reiter, und seine Flotte bestand aus 250 kleinen Schiffen, die
-aber leicht beweglich und trefflich bemannt waren. Vor allem kam es
-ihm sehr zustatten, daß der bewährte Seeheld +Agrippa+ sie befehligte.
-Des Antonius Schiffe bildeten einen dichten Wall, den die Feinde lange
-Zeit vergeblich zu durchbrechen suchten. Endlich gelang es doch und es
-entstand eine Öffnung in die Octavians Schiffe eindrangen. Bei diesem
-Anblick fuhr Kleopatra, die mit ihren Schiffen hinter der Schlachtreihe
-gehalten hatte, davon, und Antonius, der ihr Schiff an dem Purpursegel
-erkannte, segelte ihr eiligst nach. Die Flotte kämpfte noch fort;
-zuletzt aber mußten sich die Schiffe, ihres Führers beraubt, ergeben.
-Das dem Antonius treu ergebene Landheer wartete noch sieben Tage auf
-seine Rückkehr, dann streckte es auch die Waffen und ergab sich dem
-Sieger. Dieser gründete später an der Stelle, wo sein Lager gestanden
-hatte, zu dauernder Erinnerung an den entscheidenden Sieg, die Stadt
-Nikópolis (Siegstadt) und stiftete in Rom zu jährlicher Feier die
-Aktischen Kampfspiele.
-
-Im folgenden Jahre zog Octavianus gegen Ägypten, wo Antonius und
-Kleopatra ihr üppiges Leben fortgeführt hatten. Von allen seinen
-Truppen verlassen, empfing jetzt Antonius von der Königin, die sich
-seiner zu entledigen wünschte, die Nachricht, sie habe sich getötet.
-Da wollte auch er nicht länger leben und durchbohrte sich mit seinem
-Schwert. Als er aber, in seinem Blute liegend, hörte, daß sie noch
-lebte, verlangte er zu ihr gebracht zu werden. An Stricken wurde er in
-das obere Stock des Grabgebäudes hinaufgezogen, in das sie sich begeben
-hatte, und starb in ihren Armen. Nun versuchte die listige Kleopatra
-auch den siegreichen Cäsar durch ihre Reize zu berücken. Als ihr dies
-nicht gelang und er merken ließ, daß er sie zu seinem Triumph aufspare,
-beschloß sie zu sterben. Man fand sie entseelt auf einem Ruhebette
-liegend, im königlichen Schmuck; an ihrem Arme wollte man feine Stiche
-bemerken, die entweder von Nadeln oder von giftigen Nattern herrührten.
-Octavianus ließ sie mit königlichen Ehren bestatten.
-
-Der Sieger machte Ägypten zu einer römischen Provinz und feierte nach
-seiner Rückkehr in Rom einen dreifachen Triumph (29). Er bezahlte seine
-Schulden, belohnte seine Krieger mit Land und Geld, und suchte auch das
-Volk durch reiche Gaben für seine neue Herrschaft zu gewinnen.
-
-
-
-
-XXIX.
-
-Cäsar Octavianus als Augustus.
-
-
-=1. Augustus’ Regierung= (30 v. Chr. bis 14 n. Chr.).
-
-Wenngleich nun Octavianus durch die Siege über alle seine Gegner
-und an der Spitze eines erprobten und unbedingt ergebenen Heeres
-der wirkliche Beherrscher des römischen Reiches war, so war er klug
-genug die bisherigen Rechte des Senates und des Volkes wenigstens
-der Form nach bestehen zu lassen, und mit dem Senat eine Verfassung
-zu vereinbaren, die ihm selbst zwar nicht den Namen, aber die Gewalt
-eines wirklichen Monarchen verlieh. Anfangs zwar hatte er im Senate
-erklärt die Obergewalt niederlegen zu wollen, aber nur zum Schein. Der
-Senat, den er von allen unwürdigen oder feindlich gesinnten Mitgliedern
-gereinigt und auf die Zahl von 600 Senatoren beschränkt hatte, war
-auf dieses Gaukelspiel vorbereitet; er drang mit Bitten in ihn die
-Regierung doch länger zu behalten und Oberhaupt des Reiches zu bleiben.
-Lange sträubte sich Octavianus, endlich versprach er, auf inständiges
-Bitten der Senatoren, die Regierung über den Staat auf zehn Jahre
-weiter zu übernehmen. Dieses Spiel, wobei er sich seine Macht alle zehn
-oder fünf Jahre erneuern ließ und sie mit scheinbarem Widerstreben
-annahm, wiederholte Augustus in der Folge noch mehrmals. So schien
-es, als habe er die Alleinherrschaft nicht in gewaltsamer Weise an
-sich gerissen, sondern auf gesetzmäßigem Wege erlangt. Die Würden und
-Ämter der Republik ließ er zwar bestehen, wußte aber alle mit ihnen
-verbundene Gewalt auf sich zu übertragen. Als +Imperator+ führte er
-allein den Oberbefehl über die bewaffnete Macht; als dauernder Inhaber
-der +tribunicischen+ Amtsbefugnis (~tribunicia potestas~) hatte er
-allein das Recht das Volk zu versammeln und ihm Gesetze vorzuschlagen
-und wurde persönlich unverletzlich; als erstes und vornehmstes Mitglied
-des Senates (~princeps senatus~) hatte er die erste und maßgebende
-Stimme bei allen Beschlüssen dieses höchsten Staatsrates. Als diese
-neue Ordnung nach längeren Verhandlungen am 1. Januar 27 in Kraft
-trat, erhielt er vom Senat und Volk den Beinamen +Augustus+ (der
-Erhabene) und wurde damit als erhaben über alle Bürger und göttlicher
-Verehrung würdig feierlich anerkannt. Er besaß überdies die Würde des
-Oberpriesters (~póntifex maximus~) und übernahm wiederholt das Amt des
-Konsuls. Der Monat Sextīlis erhielt ihm zu Ehren den Namen Augustus.
-So kam er in den Besitz einer unumschränkten Macht, seine Person war
-heilig und unverletzlich und den jährlichen Konsuln blieb wenig mehr
-als die damit verbundene äußere Würde und Ehre. Auch das Volk behielt
-noch seine Versammlungen, lernte aber unter Festen, Spielen und
-Getreidespenden seine Freiheit vergessen.
-
-Unter Augustus war das römische Reich zu einer ungeheuren Ausdehnung
-gelangt, die fast alle Länder des damals bekannten Erdkreises umfaßte.
-Außer Italien gehörten dazu Gallien, Spanien, Griechenland, Makedonien,
-Thrakien, Kleinasien, Syrien, Ägypten und die ganze Nordküste
-Afrikas bis zur Grenze Mauretaniens. Alle diese Völker erkannten
-Roms Oberherrschaft an, nur die Parther im Osten und die Stämme der
-Germanen hatten sich noch nicht unter das römische Joch gebeugt. Die
-Statthalter dieser Provinzen, Prokonsuln oder Proprätoren, wurden teils
-von Augustus, teils vom Senat ernannt. An Stelle der alten Bürgerheere
-waren allmählich Söldnertruppen getreten, die von nun an zu stehenden
-Heeren wurden und an den von Feinden gefährdeten Grenzen, besonders
-am Rhein, an der Donau und am Euphrat ihre dauernden Lager hatten.
-Im ganzen unterhielt das Reich etwa 25 Legionen von je 6-7000 Mann.
-Außerdem standen in und bei Rom 9000 Mann als Leibgarde des Herrschers,
-die sog. prätorischen Kohorten, die zum Teil aus Germanen bestanden.
-Zwei mächtige Flotten sicherten das Meer, von denen die eine bei
-Ravenna im adriatischen, die andere bei Misēnum, nahe bei Neapel, ihren
-Standort hatte.
-
-Nachdem sich Augustus in seiner Macht befestigt hatte, war sein
-Streben darauf gerichtet, durch die Wohltaten eines ungestörten
-Friedens die Greuel der Bürgerkriege und seine eigenen Grausamkeiten
-in Vergessenheit zu bringen. Die Bevölkerung des weiten Reiches
-begann sich, dank einer umsichtigen und gerechten Verwaltung, von den
-Leiden der langen verwüstenden Kriege zu erholen; Ackerbau, Gewerbe,
-Handel blühten auf, und mit dem steigenden Wohlstand gediehen auch
-wieder die Künste und Wissenschaften. Die Stadt Rom verschönerte er
-durch Aufführung der prachtvollsten Bauten so sehr, daß er sich mit
-Recht rühmen konnte, er habe das aus Backsteinen gebaute Rom in ein
-marmornes verwandelt. In den Werken der Baukunst wetteiferte mit ihm
-der edle +Agrippa+, sein Feldherr, Berater und Schwiegersohn; er
-erbaute unter andern prachtvolle Bäder und inmitten derselben einen
-riesigen Kuppeltempel, das Pantheon, so genannt, weil er dem Dienste
-aller Götter zusammen geweiht wurde. Außer Agrippa war es besonders
-der kunstliebende +Mäcēnas+, der Berater und Freund des Kaisers, der
-Gelehrte, Geschichtsschreiber und Dichter unterstützte und ihre Werke
-belohnte. Dieser Kreis von hochgebildeten Männern, der den Hof des
-Kaisers umgab, hat besonders dazu beigetragen, dem augustinischen
-Zeitalter den Charakter einer Hochblüte der römischen Literatur und
-Kunst zu verleihen.
-
-
-Obschon sich Italien unter Augustus des tiefsten Friedens erfreute,
-der nach den zerrüttenden Bürgerkriegen dem erschöpften Lande die
-größte Wohltat gewährte, so gemahnten doch einige Verschwörungen, die
-gegen des Augustus Leben gerichtet waren, diesen an das Schicksal
-seines Großoheims Cäsar. Um so mehr war er darauf bedacht allen Schein
-des Machthabers von sich zu entfernen und in allen seinen Handlungen
-Mäßigung und Leutseligkeit zu beweisen. Den Senat behandelte er mit
-der größten Achtung; in der Stadt sah man ihn nur in der Tracht eines
-Senators, ohne daß irgend eine Auszeichnung an den weltgebietenden
-Imperator erinnerte. Bei der Rückkehr von einer Reise vermied er
-alles Aufsehen und hielt seinen Einzug gewöhnlich zur Nachtzeit. Er
-bewohnte ein einfaches Haus auf dem palatinischen Hügel; erst als
-dieses abgebrannt war, erbaute er das sogenannte +Palatium+, wovon
-das Wort Palast zur Bezeichnung fürstlicher Wohnungen abstammt. Es
-bleibt freilich zweifelhaft, ob die Tugenden, die Augustus als Kaiser
-entfaltete, in seinem Charakter begründet, oder eine Folge kluger
-Berechnung und des heilsamen Rates seiner Freunde waren. Soviel aber
-ist gewiß, daß ihn das Volk als seinen Wohltäter liebte, weshalb seine
-Zeitgenossen von ihm sagten: „Augustus hätte entweder nie sterben oder
-nie geboren werden sollen!“
-
-Der viel gepriesene Beherrscher des Reiches mußte, wie um die
-Unbeständigkeit alles Menschenglückes zu bestätigen, in seiner Familie
-schweren Kummer und Herzeleid erfahren. Seine einzige Tochter +Julia+
-aus seiner dritten Ehe führte ein lasterhaftes Leben, und seine
-vierte Gemahlin +Livia+, die ihm zwei Stiefsöhne, den +Tiberius+ und
-+Drusus+, zubrachte, ward für ihn die Ursache mancher häuslichen
-Sorgen. Die Nachfolge in der Regierung hatte er dem +Marcellus+, einem
-hoffnungsvollen Jüngling, dem Sohne seiner Schwester Octavia aus ihrer
-ersten Ehe und Gemahl der Julia, zugedacht, aber der Tod raffte diesen
-in der Blüte seiner Jahre dahin. Auch zwei Enkel aus der zweiten Ehe
-der Julia mit Agrippa sah der Kaiser vor sich ins Grab sinken, während
-ein dritter, Agrippa Pósthumus, ihn zwar überlebte, aber blödsinnig und
-zur Nachfolge unfähig war. So schwand ihm die Hoffnung die Herrschaft
-in seinem eigenen Geschlechte zu erhalten. Er nahm deshalb seinen
-Stiefsohn +Tiberius+, den älteren Sohn der Livia aus ihrer früheren
-Ehe mit Tiberius Claudius Nero, an Sohnes statt an, und erfüllte damit
-einen von Livia lange gehegten und eifrig betriebenen Plan. Tiberius
-war ein im Krieg und Staatsgeschäften rühmlich bewährter Mann, und da
-er zugleich auf Wunsch des Augustus die Julia, nach dem Tode ihres
-zweiten Gatten Agrippa, geheiratet hatte, so stand jetzt niemand der
-Thronfolge näher.
-
-Inzwischen hatten Alter und häusliches Unglück die Kräfte des Kaisers
-aufgerieben. Um seine zerrüttete Gesundheit wieder zu stärken,
-unternahm er eine Reise nach Campanien. Anfangs war er ungemein munter,
-bald aber nahm die Schwäche seines Körpers zu, und er beschloß nach Rom
-zurückzukehren. Doch schon zu Nola in Campanien ereilte ihn der Tod.
-Als er sein Ende herannahen fühlte, forderte er einen Spiegel, ließ
-seine Haare in Ordnung bringen und seine gerunzelten Wangen glätten.
-Dann fragte er seine umstehenden Freunde: „Was dünkt euch, habe ich die
-Rolle meines Lebens gut gespielt?“ Als sie dies bejahten, fuhr er fort:
-„Nun, so klatscht Beifall, denn sie ist ausgespielt!“ Darauf verschied
-er, am 18. August, im 76. Jahre seines Lebens und im 41. seiner
-Regierung (14 n. Chr.). Sein Leiche ward nach Rom gebracht und daselbst
-feierlichst bestattet.
-
-
-2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius, Deutschlands Befreier.
-
-Das Land der Germanen war zu den Zeiten des Kaisers Augustus im Norden
-von der Nord- und Ostsee, im Osten von der Weichsel und den Karpathen,
-im Süden von der Donau und im Westen vom Rhein begrenzt. Das Land war
-rauh und von undurchdringlichen Waldungen durchzogen. Der magere Boden
-trug nur Gerste, Hafer und Hanf. In den Urwäldern hauste zahlreiches
-Wild, Auerochsen, Renn- und Elentiere, Bären und Wölfe; auf den Felsen
-horsteten Adler und Falken. Die Bewohner dieses Landes, die Germanen
-oder Deutschen, waren durch blaue Augen und langes blondes Haar vor
-anderen Völkern kenntlich und überragten an Leibesgröße und Gliederbau
-die Bewohner der südlichen Völker. Schon von früher Jugend an übten
-sie sich Schwert, Lanze und Schild zu führen, und der Krieg war ihre
-liebste Beschäftigung, an deren Stelle im Frieden die Jagd trat.
-Ackerbau und Hauswesen überließen sie den Frauen und Knechten. Obschon
-dem Trunk und Spiel leidenschaftlich ergeben, zeichneten sie sich
-doch durch die Tugenden der Tapferkeit, Freiheitsliebe, Keuschheit,
-Gastlichkeit und vor allem durch Treue aus. Ihre Götter verehrten sie
-nicht in Tempeln, sondern im stillen Dunkel heiliger Eichenhaine;
-dorthin wallfahrtete das Volk; dort opferte der Oberpriester im Namen
-des gesamten Volks, und großes Gewicht legte man auf die Weissagungen
-kluger Frauen.
-
-Da die Germanen beständige Einfälle in das den Römern unterworfene,
-an Wohlstand und Gütern aller Art viel höher entwickelte Gallien
-machten, so ließ Augustus endlich seinen jüngeren Stiefsohn +Drusus+
-sie in ihrem eigenen Lande angreifen. Vier Jahre nach einander, 12-9
-v. Chr., machte Drusus Heerzüge in das Land der Germanen, legte
-jenseits des Rheines eine Reihe von Kastellen an, und drang von
-dort bis zur Elbe vor. Als er schon im Begriff stand diesen Fluß zu
-überschreiten, soll ihm eine germanische +Wole+ oder weise Frau von
-übermenschlicher Gestalt auf dem jenseitigen Ufer zugerufen haben:
-„Wohin, Unersättlicher? Nicht alles zu sehen ist dir vom Schicksal
-beschieden. Kehre um, denn schon bist du am Ziele deiner Taten und
-Tage.“
-
-Nach Errichtung eines Siegeszeichens an diesem Strom beschleunigte
-Drusus seinen Rückweg. Auf diesem aber stürzte er mit dem Pferde, brach
-den Schenkel und starb dreißig Tage darauf in den Armen seines Bruders
-Tiberius, der auf die Nachricht von seinem Unfall herbeigeeilt war.
-
-Nach seinem Tode übernahm Tiberius den Oberbefehl. Mehr durch Klugheit,
-indem er die Zwietracht unter den deutschen Stämmen nährte, als durch
-offene Schlachten suchte er die Deutschen allmählich zur Unterwerfung
-zu bringen. Und er tat dies mit solchem Erfolg, daß die Römer das
-Land zwischen dem Rhein und der Weser schon als eroberte Provinz
-betrachteten und alsbald auch römische Gesetze, Sprache und Sitten
-einzuführen begannen.
-
-Von seinen Nachfolgern ließ es sich besonders der Statthalter
-+Quinctilius Varus+ angelegen sein das römische Gerichtswesen in
-Anwendung zu bringen. Und weil er anfangs überall Willfährigkeit zu
-bemerken glaubte, so wähnte er die neuen Einrichtungen in aller Ruhe
-durchführen zu können. Aber mit tiefer Entrüstung sahen die Germanen,
-wie ihnen ihre altheimischen Volksgerichte und ihre freie Gauverfassung
-entzogen, wie sie nach fremdem Rechte in fremder Sprache und von
-fremden Richtern verurteilt, wie sie mit Rutenstreichen mißhandelt, ja
-mit der Todesstrafe belegt wurden.
-
-Am meisten empört über die Herrschaft fremden Rechts und fremder Sitte
-waren die Cherusker und unter ihnen vorzüglich +Arminius+ (Hermann?),
-der Sohn +Segimers+, eines Cheruskerfürsten. Er hatte in römischen
-Kriegsdiensten gestanden, wie viele seiner Volksgenossen, und dort als
-Anführer einer cheruskischen Söldnerschar das römische Bürgerrecht
-und die römische Ritterwürde erlangt, aber auch die unersättliche
-Eroberungssucht und die Unterjochungskünste der Römer kennen gelernt.
-Jetzt, da Roms Absicht, die freien Germanen dem Reiche einzuverleiben,
-nahezu erfüllt schien, fühlte sich Arminius zum Retter seines Volkes
-berufen, und entwarf mit andern cheruskischen Edlen den Plan der
-Befreiung.
-
-Sorglos waltete Varus in Germanien; die scheinbare Willfährigkeit der
-deutschen Häuptlinge hatte ihn sicher gemacht, und am allerwenigsten
-besorgte er von seiten des Arminius eine Gefahr, dem er solches
-Vertrauen schenkte, daß nicht einmal die Warnungen des +Segestes+,
-eines andern Cheruskerfürsten und Oheims des Arminius, bei ihm Eingang
-fanden. Während er an dem linken Ufer der Weser ein vergnügliches
-Lagerleben führte, erhielt er plötzlich Kunde von dem Aufstande eines
-benachbarten Stammes. Sofort traf er Anstalten zum Aufbruch und
-ließ sich bei einem Gastmahl von den cheruskischen Häuptlingen das
-Versprechen des Zuzugs wiederholen. Zwar machte ihn Segestes noch am
-Tage vor dem Aufbruch mit der ganzen Gefahr bekannt; aber Varus, der
-wohl wußte, daß zwischen Segestes und Arminius bittere Feindschaft
-bestand, weil dieser jenem seine Tochter +Thusnelda+ entführt und wider
-seinen Willen zu seiner Ehefrau gemacht hatte, schenkte ihm keinen
-vollen Glauben. Eine höhere, den Germanen günstige Macht schien seinen
-Sinn geblendet zu haben, daß er jählings in das bereitete Verderben
-fiel.
-
-Unter dem Vorwande, dem Prokonsul ihre Scharen zuführen zu wollen,
-trennten sich die germanischen Fürsten von ihm; daheim aber riefen
-sie die Ihrigen zur Freiheit. Von Gau zu Gau erscholl der Ruf und
-riß alle mit sich fort. Selbst Segestes, der Römerfreund, mußte sich
-anschließen, während sein Sohn Segimund, ein Priester, die heilige
-Binde zerriß und zu dem Freiheitskampfe eilte.
-
-Nichts schlimmes ahnend, zog das Römerheer unter Varus, ohne strenge
-Ordnung, mit großem Troß und Gepäck, in langem Zuge durch Wald und
-sumpfiges Gelände, wo erst Wege durch das Dickicht gebahnt und Gewässer
-überbrückt werden mußten. Bald lockerten anhaltende Regengüsse den
-Boden so sehr, daß Roß und Mann einsank und allgemeine Erschöpfung
-eintrat. Plötzlich brachen die Germanen, anfangs einzeln, dann in
-Haufen von allen Seiten aus dem Dickicht hervor und griffen die vom
-Wege und Wetter erschöpften Römer an. Unter schweren Kämpfen erreichte
-das Heer endlich eine lichte Stelle, wo der Angriff nachließ und ein
-Lager zur Nachtrast geschlagen werden konnte.
-
-Am folgenden Morgen ging der Zug weiter. Kaum hatten die Legionen den
-+Teutoburger Wald+ erreicht, so wurden sie von neuem auf allen Seiten
-angefallen, und mit Mühe gelangten sie am Abend wieder an einen Platz,
-wo einige Ruhe die Ermüdeten erquickte. Aber auch am dritten Morgen
-wiederholte sich der Regensturm und der Angriff der Feinde. Die vom
-Regen erschlafften Bogensehnen versagten, und die schwere Bewaffnung
-empfand man als verdoppelte Last, während die leichtbewaffneten, mit
-ihrem Boden und Klima vertrauten Deutschen weniger gehemmt waren.
-Zwischen den Quellen der Lippe und Ems war die germanische Hauptmacht
-versammelt; hier kam es zum letzten Kampfe. Vor dem ungestümen
-allgemeinen Angriff weichen die erschöpften Legionen; ihre Reiter
-werfen sich in Flucht; ihre Adler werden genommen. Varus selbst, als er
-alles verloren sah, stürzte sich in sein Schwert, um die Schande nicht
-zu überleben; die noch übrigen Römer erlagen dem Schwerte der Germanen,
-und nur wenige entkamen.
-
-Die Rache der erbitterten Sieger schonte auch der Gefangenen nicht: die
-vornehmsten Kriegshauptleute wurden an den Altären der Götter geopfert.
-Vorzüglich aber kehrte sich die Wut der Germanen gegen die römischen
-Richter und Sachwalter, die unter grausamen Martern getötet wurden. Der
-Leichnam des Varus wurde zerfleischt, sein Kopf von Arminius an Marbod,
-dem Könige der Markomannen in Böhmen gesendet, der sich eigensüchtig
-von dem Freiheitskampf ferngehalten hatte. Von den Gefangenen, die zu
-Leibeigenen gemacht wurden, hat mancher ehemalige Ritter oder Senator
-als Hausknecht oder Viehhüter eines deutschen Bauern seine übrige
-Lebenszeit zubringen müssen.
-
-Diese +Hermannsschlacht+, im Jahre 9 n. Chr., vernichtete eines der
-tapfersten und geübtesten römischen Heere, das mit den Hilfstruppen
-auf 40000 Mann geschätzt wird. Als die Schreckensnachricht von der
-Niederlage nach Rom gelangte, geriet alles in größte Bestürzung. Schon
-glaubte man das linke Rheinufer samt Belgien und Gallien verloren und
-Italien bedroht; selbst Augustus verlor anfangs die Fassung so sehr,
-daß er, im Schmerz sein Gewand zerreißend, ausrief: „Varus, Varus, gib
-mir meine Legionen wieder!“ Mit ängstlicher Hast, als ob der Feind
-schon gegen Rom heranzöge, wurden alle Germanen und Gallier aus der
-Stadt entfernt und die deutsche Leibwache auf Inseln abgeführt. Allein
-die Sieger dachten nicht an Eroberung; sie zerstörten alle Denkmale
-römischer Knechtschaft, und kehrten dann wieder an ihren Herd zurück.
-
-Tiberius eilte an den Rhein, um dem erwarteten Einbruch der Germanen
-zu wehren, beschränkte sich aber klüglich auf die Befestigung der
-römischen Herrschaft an diesem Strom. Jedoch unmittelbar nach Augustus
-Tod begann des Drusus Sohn, +Germánicus+, der Nachfolger des Tiberius
-im Oberbefehl am Rhein, den Eroberungsversuch zu wiederholen. Viermal
-in drei Jahren drang er in Germanien ein (14-16 n. Chr.) Im zweiten
-dieser Feldzüge hatte er das Land der Chatten (Hessen) verwüstet und
-war schon auf dem Rückzuge begriffen, als ihn der alte Römerfreund
-Segestes zur Hilfe gegen Arminius rief.
-
-Segestes nämlich hatte seine Tochter +Thusnelda+, des Arminius
-Gemahlin, in dessen Abwesenheit wieder in seine Gewalt gebracht, und
-ward deshalb von seinem Eidam hart bedrängt. Sogleich kehrte Germanicus
-um und zwang durch einen Überfall den Arminius zur Aufhebung der
-Belagerung, worauf sich Segestes samt seiner Tochter in den Schutz der
-Römer gab. Bei dieser Übergabe schritt Thusnelda, ihrem Gatten, nicht
-ihrem Vater ähnlich, ohne Tränen, ohne Worte, die Hände unter der Brust
-gefaltet, mit gesenktem Blicke einher. In der Gefangenschaft gebar sie
-den +Thumélicus+, der späterhin zu Ravenna erzogen ward und dessen
-weiteres Schicksal unbekannt blieb. Arminius und Thusnelda sahen sich
-nie wieder.
-
-Auf die Nachricht von des Segestes Übertritt und Thusneldas
-Gefangenschaft durchflog Arminius mit der Wut der Verzweiflung die
-cheruskischen Gaue und rief alle seine Bundesgenossen zur Rache auf
-gegen die Römer, die, sagte er, sich nicht schämten den Krieg durch
-Verrat und gegen schwache Weiber zu führen. So gelang es ihm wieder
-einen großen Bund der nordgermanischen Stämme gegen die Römer zustande
-zu bringen.
-
-Um einem Angriffskriege der Germanen zuvorzukommen, eröffnete
-Germanicus den dritten Feldzug, in dem er bis zum Teutoburger Walde
-vordrang. Mit seinem ganzen Heere langte er bei der Walstatt der
-Varusschlacht an, wo seit sechs Jahren die römischen Krieger noch
-unbegraben lagen. Mit Grauen sahen die Römer die bleichenden Gebeine
-der Gefallenen, dazwischen zerbrochene Waffen, Pferdegerippe, an den
-Baumstämmen angenagelte Schädel, auf Altären die Reste der Geopferten.
-Einige, die damals der Schlacht entkommen und jetzt zugegen waren,
-zeigten die Stellen, wo die Legaten gefallen, wo die Adler genommen,
-wo Varus verwundet, wo die Gefangenen geschlachtet worden waren.
-Germanicus ließ alle Gebeine in ein gemeinsames Grab sammeln und legte
-selbst den ersten Rasen zu dem Erdhügel, der es decken sollte.
-
-Während er auf einen sicheren Sieg seiner von Rachedurst entflammten
-Legionen hoffte, zogen sich die Germanen in die Wälder zurück, aus
-denen sie dann hervorbrachen und den Rückzug der Feinde beunruhigten.
-
-Auf seinem vierten Feldzuge rückte Germanicus bis an die Weser, auf
-deren rechtem Ufer die Cherusker standen. Hier forderte Arminius
-seinen Bruder +Flavius+, der im römischen Heere diente, zu einer
-Unterredung auf, die von beiden Ufern aus gehalten wurde. Zunächst
-suchte Flavius, der im Dienste der Römer reichen Lohn und Ehre
-erhalten, aber ein Auge verloren hatte, den Bruder durch Aufzählung
-aller Vorteile auf die Seite der Römer zu ziehen. Aber Arminius
-erinnerte den Entarteten an die uralte Freiheit, an die heimischen
-Götter, an den Schmerz der Mutter, an die Pflicht gegen sein Vaterland,
-und beschwor ihn nicht der Verräter, sondern der Führer seines Volkes
-sein zu wollen. So leidenschaftlich und vorwurfsvoll ward schließlich
-die hin- und herschallende Rede, daß Flavius nach Roß und Waffen rief
-und es zwischen den Brüdern, ungeachtet sie der Fluß trennte, zum
-Zweikampf gekommen wäre, wenn nicht ein römischer Befehlshaber ihn
-diesseits des Stromes zurückgehalten hätte.
-
-Nachdem Germanicus den Übergang über die Weser bewerkstelligt hatte,
-traf er auf die vereinigte Macht der Germanen und brachte ihnen in
-einer Ebene, +Idistavisus+ (Feenwiese?) genannt, oberhalb der heutigen
-Stadt Minden, unter eigenem schweren Verlust, eine Niederlage bei.
-Allein der Mut und die Kraft der Germanen war dadurch nicht gebrochen.
-Empört über den Anblick der römischen Siegeszeichen, stand alles Volk
-ringsum auf; hoch und niedrig, jung und alt griff zu den Waffen, und
-so kam es zu einer zweiten Schlacht am Steinhudermeer. Furchtbar
-wütete hier das Schwert der Römer; aber auch die Germanen fochten mit
-dem Mut der Verzweiflung; Arminius selber ward verwundet. Daß sie
-gewichen wären, wird nicht berichtet, obschon die Römer sich den Sieg
-zuschrieben.
-
-Schon gedachte Germanicus im folgenden Jahre doch noch die stolzen
-Cherusker zu demütigen, als ihn Tiberius, nicht etwa aus Neid auf
-seinen Kriegsruhm, wie die Gegner des Kaisers raunten, sondern aus
-der Überzeugung von der Erfolglosigkeit dieser Unternehmungen, vom
-Oberbefehl abrief, mit der Bemerkung, es sei genug getan und gelitten,
-mit Klugheit richte man gegen diese Feinde mehr aus als mit Gewalt, man
-werde sie fortan besser ihrer eigenen Zwietracht überlassen.
-
-Und in der Tat brach die Uneinigkeit derselben bald in einen offenen
-Krieg zwischen Arminius und Marbod aus.
-
-Der Markomannenkönig +Marbod+ hatte sein Volk in das heutige Böhmen
-geführt und von hier aus einen Bund mit den anwohnenden Stämmen
-gebildet, den er noch immer weiter auszudehnen suchte. Zwischen ihm,
-der sich stets von der gemeinsamen Sache der germanischen Freiheit
-ferngehalten hatte, und Arminius, der an der Spitze der nordwestlichen
-Völker stand, entstand Feindschaft. Es kam zu einer Schlacht, die
-unentschieden blieb; aber dennoch bat Marbod den römischen Kaiser
-Tiberius um Hilfe, der dann einen Frieden zwischen Cheruskern und
-Markomannen zustande bringen ließ. Aber nicht lange, so wußte der
-schlaue Tiberius einen gotischen Fürsten zu einem Einfall in das Land
-der Markomannen aufzumuntern, der für Marbod so unglücklich endete,
-daß er, von allen verlassen, über die Donau fliehen und den Kaiser um
-eine Zuflucht bitten mußte. Die Stadt Ravenna wurde ihm als Aufenthalt
-angewiesen; dort lebte er noch achtzehn Jahre vom römischen Gnadenbrot
-und beschloß sein Leben als ein vergessener Mann.
-
-Nicht lange nachher wurde auch Arminius ein Opfer der inneren
-Zwietracht. Er fiel durch den Verrat seiner Verwandten, die,
-eifersüchtig auf seinen Ruhm, ihm Streben nach Alleinherrschaft
-vorwarfen.
-
-Von ihm urteilt der römische Geschichtsschreiber Tacitus: „Ohne Zweifel
-ist er der Befreier Germaniens gewesen. Er hat nicht, wie andere Könige
-und Feldherren, das römische Volk in seinen Anfängen, sondern in
-seiner ganzen Machtherrlichkeit bekämpft, und ist zwar in Schlachten
-nicht immer sieghaft, im Kriege aber unbesiegt gewesen. Er starb im
-37. Jahre seines Lebens, im zwölften seiner Feldherrnmacht. Noch
-heute wird er bei seinem Volke in Liedern gefeiert.“ Ein kolossales
-ehernes Standbild, auf der Höhe der „Grotenburg“, südlich der Stadt
-Detmold, im Jahre 1875 in Gegenwart Kaiser Wilhelms I. eingeweiht, ist
-ein Zeichen, daß sein Andenken und sein Verdienst um die Erhaltung
-deutscher Freiheit und deutscher Stammesart noch heute vom deutschen
-Volke dankbar verehrt wird.
-
-
-
-
-XXX.
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-Kaiser Tiberius.
-
-(14-37 n. Chr.)
-
-
-Augustus hatte dem Tiberius die Nachfolge gesichert. Als sich der Senat
-beeilte ihm die Herrschaft zu übertragen, weigerte er sich anfangs
-sie zu übernehmen, und lehnte mit anscheinender Bescheidenheit und
-Höflichkeit die dargebotenen Würden ab. Aber die Senatoren, welche die
-heuchlerische und versteckte Art seines Wesens und Redens kannten,
-ließen mit Bitten und Schmeicheleien nicht ab, bis er die Herrschaft
-übernahm. Nachdem die Vergötterung des Augustus, kraft welcher dieser
-den Beinamen „der Göttliche“ (~Divus~) erhielt, den oberen Göttern
-zugezählt und in eigenen Tempeln und durch eigene Priester verehrt
-ward, stattgefunden hatte, ward die Fülle aller Würden und Ehren, die
-jener besessen, auf den Tiberius übertragen. Unter ihm fielen die
-Volksversammlungen, die unter Augustus nur selten und bloß zum Schein
-berufen worden waren, völlig weg; ihre Befugnisse wurden dem Senate
-zugewiesen.
-
-Tiberius führte die Regierung mit Kraft und Umsicht, und die ersten
-neun Jahre derselben verdienen volle Anerkennung; nur seiner
-Familie und dem Senate gegenüber zeigte er ein argwöhnisches und
-zurückhaltendes Wesen. Darin mochte ihn, außer früheren verbitternden
-Erfahrungen -- er hatte sich auf Augustus’ Verlangen von seiner
-geliebten Vipsania, Agrippas Tochter, scheiden und die lasterhafte
-Julia, des Kaisers Tochter und Agrippas Witwe heiraten müssen -- die
-heimliche Anfeindung bestärken, die er von den Anhängern des Germanicus
-und dessen stolzen und ehrgeizigen Gemahlin Agrippina erfuhr. Diese
-war als Tochter der Julia eine Enkelin, Germanicus, durch seine Mutter
-Antonia und Großmutter Octavia ein Großneffe des Augustus. Beide sahen
-den Tiberius als Eindringling in die ihnen gebührenden Thronrechte
-an. Zwar hatte dieser seinen Neffen Germanicus auf Wunsch des alten
-Kaisers als Sohn adoptiert und ihm dadurch die Nachfolge gesichert.
-Auch behandelte er ihn mit großer Nachsicht und Schonung. So hatte er
-ihn zwar aus Germanien abberufen, weil seine eigenmächtigen Feldzüge
-gegen die Deutschen ohne alle bleibenden Folgen waren, hatte ihm aber
-doch einen glänzenden Triumph bewahrt, bei welchem des Arminius Gattin
-Thusnelda mit ihrem dreijährigen Söhnlein mit aufgeführt ward. Da sich
-aber die Vorliebe des Volkes für den Germanicus zu deutlich kundgab,
-so suchte ihn der argwöhnische Tiberius aus den Augen des Volkes zu
-entfernen. Zu diesem Zweck übergab er ihm den Oberbefehl in Asien, um
-dort die gestörte Ruhe wieder herzustellen. Daneben beauftragte er
-den Calpurnius Piso mit der Statthalterschaft von Syrien, der dort,
-angeblich den geheimen Weisungen des Kaisers gemäß, den Befehlen des
-Germanicus stets zuwiderhandelte. Dieser reiste daher nach Syrien
-und bestrafte den ungehorsamen Piso mit Verweis und Entfernung. Als
-er gleich darauf in schweres Siechtum fiel, entstand der Verdacht,
-daß er durch Pisos und vielleicht sogar auf des Kaisers Anstiften
-ein zehrendes Gift getrunken habe. Seine Gattin Agrippina teilte und
-verbreitete diesen Verdacht. In ihren Armen starb Germanicus, fern
-von Rom, im Jahre 19 v. Chr. Ganz Italien wurde bei dieser Nachricht
-mit Trauer erfüllt, und die mit der Asche ihres Gatten zurückkehrende
-Agrippina zu Rom vom Volke mit der größten Teilnahme empfangen. Piso
-wurde zur Verantwortung gezogen, aber noch vor der Entscheidung seiner
-Sache ward er eines Morgens, von einem Schwert durchbohrt, auf dem
-Boden seines Gemachs gefunden. So blieb das Dunkel, das auf dem Tode
-des Germanicus ruhte, unaufgeklärt. Agrippina aber und die Freunde
-ihres Gatten ließen nicht ab in geheimen Umtrieben die Schuld seines
-Todes auf den Kaiser zu wenden.
-
-Diese gehässige Feindschaft und Verleumdung trug dazu bei, des Kaisers
-angeborene Neigung zu Argwohn und Menschenverachtung zu steigern. Die
-Anklagen wegen Majestätsbeleidigung, die schon unter Augustus nicht
-selten gewesen waren, wurden seit dieser Zeit immer häufiger. Jede
-unvorsichtige Äußerung des Unwillens oder Tadels gegen die Person des
-Kaisers, jeder zweideutige Ausdruck wurde von dem immer gefügigeren
-Senat mit Verbannung oder Tod bestraft, und da die Angeber belohnt
-wurden, so warfen sich viele verworfene Menschen mit Eifer auf dies
-abscheuliche Gewerbe.
-
-So mißtrauisch Tiberius war, so wußte ihn doch sein Günstling +Älius
-Sejanus+, der Befehlshaber der Prätorianer, mit listiger Schmeichelei
-und dem Schein unbedingter Treue zu umstricken. Auf seinen Vorschlag
-wurden sämtliche Abteilungen dieser Garden in einem festen Standlager,
-dicht unter den Mauern Roms, vereinigt. Von dieser Zeit an konnte sich
-der Kaiser dieser Truppen zur Durchführung jeder gewaltsamen Maßregel
-bedienen, und der Befehlshaber dieser Prätorianer ward nach dem Kaiser
-die wichtigste und mächtigste Person des Staates.
-
-Acht Jahre lang (23-31) stand der sonst gegen jedermann argwöhnische
-Kaiser unter dem Einfluß dieses Günstlings, dem er auch die
-Leitung der Regierung vertrauensvoll überließ. Er selber, in
-stolzer Menschenverachtung, müde der niedrigen und eigensüchtigen
-Unterwürfigkeit des Senates und des Volkes, hatte sich auf der einsamen
-Felseninsel Capreä (Capri), am Eingang des herrlichen Busens von
-Neapel, prächtige Schlösser gebaut, und lebte dort, fern vom Gewühl
-der Hauptstadt, seinen Neigungen. Aber auch dorthin verfolgte ihn die
-hämische Verleumdung und erzählte von unerhörten Ausschweifungen, denen
-sich der alternde Kaiser auf seiner Insel ergäbe.
-
-Inzwischen schaltete Sejanus in Rom mit unumschränkter Gewalt.
-Seine Bildsäulen standen allenthalben neben denen der kaiserlichen
-Familienglieder. Bereits hatte er des Kaisers Sohn und Nachfolger
-+Drusus+ durch Gift aus der Welt geschafft, und gegen die Familie des
-verstorbenen Germanicus wütete er mit Verbannung und Einkerkerung.
-Agrippina ward mit einem ihrer drei Söhne auf eine öde Insel verbannt,
-ein anderer wurde in einem Kerker eingeschlossen. Als er aber endlich
-seine Hand auch nach dem Throne ausstreckte, da wurden dem Tiberius
-die Augen über seinen Günstling geöffnet. Er ernannte in der Stille
-einen neuen Befehlshaber der Garden, und dieser legte eines Tages dem
-Senat den kaiserlichen Befehl zur Verhaftung des ahnungslosen Sejanus
-vor. Nicht nur der gefallene Günstling ward hingerichtet, sondern
-Tiberius ließ auch seine Kinder, Verwandten und Anhänger in großer Zahl
-umbringen.
-
-Denn nach dieser neuen bitteren Erfahrung verdüsterte sich der Sinn
-des Kaisers immer mehr. Jetzt erst ward er wirklich grausam und
-blutdürstig. Fast täglich fielen vornehme Männer und Frauen als Opfer
-schändlicher Angeberei; mancher nahm, um einer martervollen Hinrichtung
-zu entgehen, sich lieber selbst das Leben. Agrippina und zwei ihrer
-Söhne mußten im Kerker den Hungertod sterben. Von der Familie des
-Germanicus blieben, außer den Frauen, nur +Claudius+, sein Bruder,
-und sein jüngster Sohn, +Gajus Caligŭla+, übrig. Endlich erkrankte
-der 78jährige Tyrann auf seiner Insel und fiel in eine todähnliche
-Ohnmacht, worauf sogleich die ganze Umgebung den jungen +Gajus+ den
-Tiberius an Sohnes Statt angenommen hatte, als neuen Kaiser begrüßte.
-Aber Tiberius kam wieder zu sich, und nun schien Gajus verloren. Da
-faßte Macro, wie erzählt wurde, der Befehlshaber der Prätorianer, einen
-raschen Entschluß; er ließ Polster und Decken auf den Kranken werfen
-und ihn darunter ersticken.
-
-
-
-
-XXXI.
-
-=Die Kaiser Gajus Caligula= (37-41) =und Tiberius Claudius= (41-54).
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-Gajus, der jüngste Sohn des Germanicus und der Agrippina, hatte, da
-er mit seiner Mutter als Kind im Feldlager seines Vaters am Rhein
-lebte, von den Soldatenstiefelchen (~caligae~), die er trug, von den
-Soldaten den Beinamen +Caligula+ erhalten. Ihm allein war es gelungen
-durch den Schein kindlicher Demut und Liebe das Herz des Tiberius
-zu gewinnen, und als er nach dem Tode des alten Despoten als junger
-Kaiser in Rom erschien, jauchzte ihm alles Volk wie einem Erlöser aus
-harter Knechtschaft entgegen. In der Tat schien er anfangs die auf ihn
-gesetzte Hoffnung erfüllen zu wollen. Er stellte die Untersuchungen
-gegen die Verfolgten ein, wies die Angeber zurück, und machte sich
-durch Freigebigkeit beliebt. Aber schon nach wenigen Monaten zeigte er
-seine wahre Natur. Er erwies sich in Wirklichkeit als der schreckliche
-Tyrann und ausschweifende Lüstling, für den Tiberius so lange gegolten
-hatte. So sehr ging sein Tun und Denken gegen alle Vernunft, daß man
-ihn für wahnsinnig halten mußte. In solchem Wahnsinn verfiel er auf
-die grausamsten Handlungen. Den ungeheuren Schatz von 420 Millionen
-Mark, den sein sparsamer Vorgänger gesammelt hatte, verschwendete er
-gleich im ersten Jahre seiner Regierung. Über die Meeresbucht zwischen
-Bajä und Putéoli, unweit des heutigen Neapels, eine Stunde weit, baute
-er eine Schiffbrücke und legte auf derselben eine Kunststraße an mit
-Häusern auf beiden Seiten, bloß um einmal in einem Prachtzuge darüber
-fahren und sagen zu können, er habe das Meer in Land verwandelt.
-Seinem Leibpferde Incitatus, dem er die Würde eines Konsuls zugedacht
-hatte, ließ er einen Palast mit Hofhaltung einrichten, es mit
-vergoldetem Hafer füttern, ja sogar an seiner eigenen Tafel fressen.
-Als er durch solche wahnsinnige Streiche, durch Volksspeisungen und
-öffentliche Spiele den Schatz vergeudet hatte, zwang er, um wieder Geld
-aufzubringen, die Reichen die Kosten der öffentlichen Spiele zu tragen
-und ihm große Geschenke und Vermächtnisse zu machen. Viele ließ er
-hinrichten, um ihr Vermögen einzuziehen; er drückte die Reichen durch
-eine Menge von Steuern und errichtete endlich eine Spielbank, wobei er
-selbst den falschen Spieler machte. Seiner Grausamkeit wurden viele
-Menschen geopfert; manche ließ er lebendig zersägen, andere den wilden
-Tieren vorwerfen, ja bei den Tierhetzen, wenn gerade keine Verbrecher
-mehr da waren, Zuschauer ergreifen und den Tieren preisgeben. In seinem
-Blutdurste wünschte er, daß das ganze römische Volk nur +einen+ Kopf
-haben möchte, um ihn mit einem Streich abschlagen zu können. Sein
-Wahlspruch war: „Mag man mich hassen, wenn man mich nur fürchtet!“
-(~Odĕrint, dum métuant!~)
-
-In seiner Eitelkeit wollte er auch als siegreicher Eroberer glänzen. Er
-unternahm deshalb sogenannte Feldzüge nach Germanien und Britannien.
-Er ließ nämlich von Gallien aus einige germanische Söldner über den
-Rhein setzen und sich dort verstecken; dann zog er mit einem Teil
-der Reiterei hinüber und brachte sie als Gefangene zurück: das war
-sein Sieg über die Germanen! Ebenso stellte er ein ungeheures Heer an
-Galliens Nordküste auf, angeblich zum Zuge gegen Britannien, fuhr dann
-auf einem Prachtschiff ein wenig ins Meer hinaus, und ließ nach seiner
-Rückkehr die Soldaten am Strande Muscheln sammeln, die er nachher als
-eine dem Ozean abgenommene Beute samt einer Anzahl Gefangener, die aus
-Galliern in germanischer Tracht bestanden, bei seinem Triumph in Rom
-aufführte.
-
-Nachdem er so fast vier Jahre lang gewütet hatte, bildete sich unter
-seiner Umgebung, die zuletzt ihres eigenen Lebens nicht mehr sicher
-war, eine Verschwörung, und zwei Hauptleute seiner Leibwache ermordeten
-den Kaiser samt seiner Gemahlin und seiner Tochter (41).
-
-Während der Ermordung Caligulas hatte sich sein Oheim +Tiberius
-Claudius+ hinter einem Türvorhang versteckt. Ihn zogen jetzt die
-Soldaten der Leibgarde hervor und huldigten ihm als Kaiser, wofür
-er ihnen eine große Summe Geldes versprechen mußte. Der Senat ward
-genötigt ihn anzuerkennen. Wenn auch Claudius in Geschichte und
-Sprachen wohl unterrichtet war, so fehlten ihm doch alle Eigenschaften
-zur Regierung des Reichs. Er überließ sie Günstlingen und Frauen.
-Unter diesen hatten besonders die durch ihren sittenlosen Wandel
-berüchtigte +Messalina+, und nach ihrer Hinrichtung die, zwar nicht
-sittenlose, aber weit herrschsüchtigere +Agrippina+, eine Tochter des
-Germanicus und Schwester des Caligula, großen Einfluß. Da Agrippina den
-Sohn des Kaisers von der Messalina, den +Britannicus+, vom Throne zu
-verdrängen suchte, um ihrem eigenen Sohn aus erster Ehe, dem Domitius
-+Nero+, Platz zu machen, so bewog sie den alten willensschwachen Kaiser
-diesen als Sohn anzunehmen. Sobald ihr dies gelungen war, ließ sie
-den alten Kaiser durch vergiftete Pilze töten, welche die berüchtigte
-Giftmischerin Lacusta bereitet hatte. Daran ward Nero, als der ältere
-der beiden Söhne, auf den Thron gehoben.
-
-
-
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-XXXII.
-
-=Nero= (54-68).
-
-
-Nero gelangte im Alter von siebzehn Jahren zur Regierung. Solange
-er sich der weisen Leitung des +Burrus+, des Obersten der Garde,
-und seines Erziehers, des beredten und geistvollen +Séneca+ hingab,
-regierte er ohne Tadel und zeichnete sich durch Bescheidenheit und
-Milde, durch Wohltätigkeit und Enthaltsamkeit so sehr aus, daß man die
-ersten fünf Jahre (~quinquennium~) seiner Herrschaft das glückliche
-Quinquennium des Nero genannt hat. Doch alle diese Tugenden waren nur
-die Wirkung des Zwanges und der Verstellung. Länger vermochte der
-junge Monarch die Maske der Tugend nicht zu tragen, er warf sie ab und
-offenbarte alsbald einen solchen Hang zu Grausamkeit, Eitelkeit und
-Heuchelei, daß er ein wahres Ungeheuer von einem Tyrannen wurde.
-
-Da ihm seine Mutter Agrippina Vorwürfe über seine Ausschweifungen
-machte und ihm drohte den jüngeren Stiefbruder Britannicus, an dem
-sich treffliche Eigenschaften entwickelten, auf den Thron zu erheben,
-so beschloß Nero sofort dessen Tod. Eines Tages ward bei einem
-Festmahle ein warmes Getränk umhergereicht, dieses aber dem Britannicus
-so heiß gegeben, daß er es nicht trinken konnte. Eiligst wurde kaltes
-Wasser zugegossen, das die oben erwähnte Locusta vergiftet hatte.
-Kaum hatte Britannicus davon getrunken, als er vor Neros und aller
-Gäste Augen leblos niederfiel. „Es ist nichts als die Fallsucht, die
-er schon öfters gehabt!“ rief der heuchlerische Nero und ließ die
-Leiche wegschaffen, aber gleich in der Nacht auf einem Scheiterhaufen
-verbrennen, Agrippina mußte den kaiserlichen Palast räumen und verlor
-allen Einfluß. Bald ließ sich Nero durch die schöne, aber lasterhafte
-+Poppäa Sabina+ bewegen seine tugendhafte Gemahlin Octavia, die
-Schwester des Britannicus, zu verstoßen und seine eigene Mutter zu
-ermorden. Burrus und Seneca bebten vor diesem Entschluß zurück, hatten
-aber nicht den Mut sich zu widersetzen. Auf den Vorschlag eines
-Günstlings wurde in der Nähe von Bajä eine Lustfahrt auf dem Meere
-veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit sollte Agrippina mit dem Schiffe
-versenkt werden. Doch der Anschlag mißlang, Agrippina rettete sich ans
-Land, ward aber gleich darauf von gedungenen Mördern in ihrer Wohnung
-umgebracht.
-
-Seitdem von Gewissensangst verfolgt, suchte sich Nero durch den
-Taumel wilder Vergnügungen zu zerstreuen. Er scheute sich nicht, um
-seiner krankhaften Eitelkeit zu frönen, öffentlich als Wagenrenner,
-Zitherspieler, Sänger und Schauspieler aufzutreten, ohne auf die
-Mahnungen des Burrus und Seneca Rücksicht zu nehmen. Als Burrus starb
-und Seneca sich ganz vom Hofe zurückzog, konnte sich nun Nero ganz
-den Einflüsterungen elender Günstlinge hingeben. Seine Verschwendung
-war schrankenlos; oft warf er am Schlusse der Feste, die er dem Volke
-gab, kleine Kugeln unter dasselbe, auf denen Anweisungen auf Geld,
-Edelsteine, Gemälde, Pferde, Äcker und Landgüter standen, die dann dem
-glücklichen Erhascher ausgehändigt wurden. Darum mochte ihn sowohl das
-Volk, das er durch Spiele und Kornspenden befriedigte, als auch das
-Heer, das er reich besoldete, wohl leiden.
-
-Die größte Greueltat in seiner Regierung war der Brand von Rom. Um sich
-eine schönere Hauptstadt bauen zu können, ließ er Rom an verschiedenen
-Stellen anzünden; seine Mordbrenner durchzogen die Stadt, drangen mit
-Fackeln und Brandstoffen in die Häuser und hinderten die Leute mit
-Gewalt am Löschen. Während der Feuersbrunst stand er auf einem Turme
-und sah mit grausamer Lust dem furchtbaren Schauspiel zu, indem er
-dabei ein Gedicht von Trojas Untergang deklamierte. Durch diesen Brand
-ward ein großer Teil der Stadt in Asche gelegt und unsägliches Elend
-über die Bevölkerung gebracht, die damals bereits gegen eine Million
-betrug. Es war also natürlich, daß sich eine wütende Entrüstung gegen
-die Anstifter zu verbreiten begann. Darum suchte er mit teuflischer
-Arglist die Schuld auf die Christen zu schieben, die, weil sie sich
-von allen öffentlichen, mit heidnischen Gebräuchen verbundenen
-Festlichkeiten zurückhielten, dem Volke schon lange verdächtig und
-verhaßt waren. Viele derselben wurden als Mordbrenner angeklagt und
-verurteilt, ein Teil enthauptet oder gekreuzigt, ein anderer in Felle
-wilder Tiere genäht und den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen, andere
-mit Pech übergossen und angezündet, um wie Fackeln in langen Reihen
-bei nächtlichen Rennspielen zu leuchten. So ward Nero der Urheber der
-ersten +Christenverfolgung+.
-
-Darauf ließ Nero die Stadt neu aufbauen, wobei er ein ganzes Quartier
-für sich nahm und daselbst mit verschwenderischer Pracht einen Palast,
-das sogenannte +goldene Haus+, bauen ließ, das mit Gärten, Bädern,
-Lusthäusern, sogar mit Seen und Wildbahnen umgeben ward. Um die
-ungeheuren Kosten zu decken und das Innere auszuschmücken, mußten
-alle Provinzen, besonders die Tempel Griechenlands und Asiens, einen
-Teil ihrer Geld- und Kunstschätze dazu steuern, und selbst die Heere
-ihren Sold entbehren. Dadurch machte er sich allgemein verhaßt, und es
-bildete sich eine Verschwörung von Senatoren und Rittern, um ihn zu
-stürzen und den edeln +Gajus Piso+ auf den Thron zu setzen. Aber die
-Verschwörung wurde entdeckt, Piso gab sich selbst den Tod, und viele
-andere wurden hingerichtet Auch Neros Lehrer Seneca wurde, obschon
-unschuldig, zum Tode verurteilt. Da man ihm die Gunst gewährte sich
-selbst töten zu dürfen, so öffnete er sich die Adern; da aber bei dem
-Greise das Blut zu langsam floß, ließ er sich durch die Dämpfe eines
-Bades ersticken. Seine treue Gattin teilte freiwillig sein Schicksal.
-
-Um die Angst seines Gewissens zu betäuben, stürzte sich Nero in
-immer neue Zerstreuungen. Er reiste nach Griechenland, wo er in den
-Spielen als Sänger und Wagenlenker auftrat. Als die Griechen seine
-Kunst bewunderten und ihm den Preis zuerkannten, verkündete er selber
-als Herold Griechenlands Freiheit, was ihn jedoch nicht hinderte die
-griechischen Tempel zu plündern. Mit 1800 Siegeskränzen geehrt, kehrte
-er nach Rom zurück und feierte wegen seiner Kunstsiege einen Triumph.
-
-Vierzehn Jahre lang hatte Nero auf diese Weise regiert, als sich einige
-Statthalter gegen ihn empörten. Noch hätte der Aufstand unterdrückt
-werden können, wenn er sich zu entschlossenem Widerstande hätte
-aufraffen können. Als es zu spät war, als in Rom selbst der Aufstand
-siegte, machte er sich, von allen verlassen, auf die Flucht, um sich
-auf einem Landgut bei Rom zu verstecken. Dahin ritt er mit vier
-Begleitern in einer sturmvollen Nacht; der Beherrscher der Erde hatte
-sich in einen schlechten Mantel vermummt und hielt sich ein Tuch vor
-das Gesicht. Zuckende Blitze erleuchteten den Weg. Neros Pferd ward
-scheu. Reisende, die ihnen begegneten, fragten: „Was neues von Nero?“
-Einen andern hörten sie sagen: „Die setzen gewiß auch dem Nero nach.“
-So geängstigt erreichte er halbtot das Landgut. Er wagte es nicht durch
-den gewöhnlichen Eingang in das Haus zu kommen, und bis man ihm eine
-Öffnung durch die Mauer gebrochen hatte, versteckte er sich im Schilf
-und schöpfte sich, von Durst gequält, mit der Hand Wasser aus einer
-Pfütze. Am folgenden Tage erhielt er die Nachricht, der Senat habe ihn
-als einen Feind des Vaterlandes geächtet, der, wenn man ihn fände, nach
-der Sitte der Vorfahren hingerichtet werden sollte. Seine Begleiter
-forderten ihn dringend auf dieser Schande zuvorzukommen; er versuchte
-auch, unter unsäglichem Wehklagen, sich selbst zu töten, aber er fand
-nicht den Mut dazu. „Welch ein Künstler geht in mir unter!“ rief er
-einmal über das andere aus. Da sprengten Reiter heran. Nun ergriff
-er den Dolch und ein Freigelassener half beim Stoß in die Kehle. Die
-Reiter, die ihn gern lebendig fangen wollten, traten ein, als er sich
-fast verblutet hatte. Er stand im 32. Jahre, als er starb (68). Mit ihm
-war Cäsars Geschlecht gänzlich erloschen.
-
-
-
-
-XXXIII.
-
-=Flavius Vespasianus= (69-79).
-
-Seine Söhne =Titus= (79-81) und =Domitianus= (81-96).
-
-
-Nach Neros Tode ward der spanische Statthalter +Galba+, der an der
-Spitze der Empörung stand, zum Kaiser ausgerufen, ward aber in Kürze
-durch +Otho+ gestürzt, wider den wieder der Befehlshaber der am
-Rhein stehenden Legionen, +Vitellius+, sich erhob und in blutigem
-Bürgerkriege obsiegte. Gegen Vitellius ward im Osten des Reiches der
-Statthalter Syriens, +Flavius Vespasianus+, aufgestellt, und erst
-diesem gelang es wieder eine dauernde Regierung herzustellen.
-
-Vespasianus stand eben mit seinen Legionen in Palästina, wo er einen
-furchtbaren Aufstand der Juden gegen den Druck der römischen Herrschaft
-zu bekämpfen hatte. Die Juden wehrten sich als Verzweifelnde. So lag
-sechs Wochen lang ein römisches Heer von 60000 Mann vor der Stadt
-Jotápata in Galiläa, ehe es sie erobern konnte. Vierzigtausend Juden
-verloren dabei ihr Leben. Neben dem Krieg gegen den äußeren Feind
-wüteten furchtbare innere Zwistigkeiten unter den Juden selbst. In
-Jerusalem hatte sich eine wütende Rotte, Zeloten (Eiferer) genannt,
-vor welcher die Gemäßigten, die den Frieden wünschten, zitterten, der
-Tempelburg bemächtigt und führte eine furchtbare Schreckensregierung.
-Bald zerfielen auch die Zeloten in zwei Parteien, welche einander mit
-der größten Heftigkeit bekämpften, weshalb Vespasianus den Angriff auf
-Jerusalem verschob, weil er darauf rechnete, daß diese Wütenden selbst
-einander aufreiben würden.
-
-Als die Nachricht von Neros Tode und von den neuen Machthabern Roms
-sich verbreitete, trugen die Statthalter der östlichen Provinzen
-dem Vespasianus die Kaiserwürde an. Er nahm sie an und überließ die
-Fortsetzung des Krieges seinem Sohne +Titus+.
-
-Dieser rückte im Jahre 70 vor Jerusalem, wo die Zerrüttung und das
-Elend den höchsten Grad erreicht hatten. Die drei Parteien machten
-einander den Besitz der Stadt und des Tempels streitig, und taten
-alles, um sich gegenseitig zu verderben. Indes war Jerusalem so
-stark befestigt, daß es kaum mit Waffengewalt einnehmbar schien.
-Titus bot den Eingeschlossenen Verzeihung an, aber sie wollten sich
-durchaus nicht ergeben. Die Hungersnot stieg in der von Flüchtlingen
-vollgedrängten Stadt so hoch, daß eine Mutter ihr Kind schlachtete und
-aß. Als Titus das hörte, rief er mit Entsetzen über die Empörer aus:
-„Sie allein tragen die Schuld dieses Frevels! Ich will den Greuel des
-Kindesfraßes mit den Trümmern der Stadt bedecken; die Sonne soll nicht
-mehr eine Stadt bescheinen, in der Mütter also sich nähren!“
-
-Neben dem Hunger wüteten Seuchen in der unglücklichen Stadt. Die
-Leichen wurden zu Tausenden über die Mauern geworfen. Nachdem die Römer
-den äußeren Mauerring erstürmt hatten, richtete sich ihre ganze Macht
-gegen den Tempel, der von einem Haufen todesmutiger Männer auf das
-tapferste verteidigt wurde. Aber dem unaufhaltsam vordringenden Angriff
-erlagen alle Widerstände. Mauer auf Mauer warfen die Sturmwidder der
-Römer nieder und erreichten endlich die den Tempel umgebenden Hallen.
-Titus wünschte dies Prachtgebäude zu erhalten, aber umsonst. Die Juden
-glaubten, ihr Tempel könne gar nicht erobert werden, Gott selber müsse
-ihn beschützen. Aber die römischen Soldaten warfen Feuer hinein,
-und bald bedeckte ein Flammenmeer den gewaltigen Bau. Es folgte ein
-allgemeines Blutbad, wobei weder Alter noch Geschlecht noch Stand
-geschont ward. Tausende fanden ihren Tod in den Flammen oder durch
-Absturz von den Mauern. Die obere Stadt ward erst mehrere Wochen später
-eingenommen, worauf Titus alles, was von Gebäuden noch stand, vollends
-der Erde gleichmachen ließ. Mehr als eine Million Juden sollen in
-diesem Vernichtungskriege ums Leben gekommen sein. Als Titus seinen
-Einzug in die rauchenden Trümmer der Stadt hielt, brach er in die Worte
-aus: „Wahrhaftig, mit Gott haben wir gesiegt! Gott hat die Juden aus
-diesen Bollwerken vertrieben, denn was vermöchten Menschenhände und
-Brechwerkzeuge gegen solche Steinmassen?“
-
-Also ward das Wort Christi über Jerusalem erfüllt (Luk. 19, 44): „Sie
-werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen.“
-
-Noch zwei Jahre währten die Todeszuckungen des zertretenen Volkes, und
-erst im Jahre 72 war die völlige Bezwingung Judäas erreicht. Damit
-verloren die Juden ihren nationalen Mittelpunkt und den letzten Rest
-einer politischen Vereinigung, und es vollendete sich ihre Zerstreuung
-in alle Welt und unter alle Völker.
-
- * * * * *
-
-Unterdessen war Vespasianus in Rom mit der kaiserlichen Macht bekleidet
-worden und feierte im folgenden Jahre mit seinem Sohne Titus, den er
-zum Mitregenten erhoben hatte, einen glänzenden Triumph wegen der
-Beendigung des jüdischen Krieges. Noch steht im ganzen wohlerhalten
-der prachtvolle, innen und außen mit reichem Bildwerk geschmückte
-Triumphbogen, der nach dem Tode des Kaisers an der sogenannten
-„heiligen Straße“ (~via sacra~), nahe dem Forum, errichtet wurde.
-
-Mit Vespasianus kehrte wieder Ordnung und Gesetz in das zerrüttete
-römische Reich zurück. Er stellte die verfallene Kriegszucht bei den
-Heeren wieder her; er reinigte den Senat von unwürdigen Mitgliedern
-und ersetzte sie durch würdige Männer aus den Provinzen des Reiches.
-Er beschränkte die Anklagen wegen beleidigter Majestät, die unter
-seinen Vorgängern so vielen das Leben gekostet hatten, und füllte durch
-Sparsamkeit und weise Verwaltung die gänzlich erschöpfte Staatskasse.
-Unter den neuen Steuern, die er einführte, befand sich auch eine, die
-er auf die Urinfässer legte, welche die Tuchwalker bei ihrem Gewerbe
-gebrauchten. Als sich sein Sohn Titus darüber abfällig äußerte, hielt
-er ihm ein aus dieser Steuer herrührendes Geldstück unter die Nase
-und fragte ihn, ob es übel rieche. An seinem Hofe herrschte eine
-soldatische Einfachheit, was nicht ohne einen günstigen Einfluß auf die
-durch Luxus und Schwelgerei entartete römische Gesellschaft blieb.
-
-Auch verschönerte er Rom durch den Wiederaufbau des im Bürgerkriege
-niedergebrannten Capitoliums und der noch seit dem Neronischen
-Brande in Asche liegenden Stadtviertel. Außerdem ließ er an Stelle
-des Neronischen Goldenen Hauses einen Tempel der Friedensgöttin, den
-größten und prächtigsten Roms, bauen, und ein ungeheures Amphitheater,
-in dem 87000 Menschen Raum fanden. Hier wurden jährlich die blutigen
-Gladiatorengefechte und Tierhetzen vorgeführt, an deren Anblick sich
-das Volk nicht ersättigen konnte. Durch unterirdische Kanäle konnte
-Wasser eingelassen werden, das den ganzen Bodenraum in einen See
-verwandelte, worin Schiffsgefechte aufgeführt wurden. Noch jetzt
-machen die hochragenden Überreste dieses Riesenbaues, das den Namen
-Kolosséum führt, auf den Beschauer einen gewaltigen Eindruck. Bei den
-Einweihungsspielen wurden 5000 wilde Tiere erlegt. Es war dies der Ort,
-in welchem später Tausende von christlichen Märtyrern unter den Zähnen
-der wilden Tiere verbluten mußten.
-
-Dieser für das Reich so wohltätige Fürst starb als ein siebzigjähriger
-Greis (79). Als er zum ersten Male in seinem Leben erkrankte und den
-Tod herannahen fühlte, sprang er mit den Worten: „Ein Imperator muß
-stehend sterben!“ vom Lager auf und sank tot um.
-
- * * * * *
-
-Er hinterließ die Herrschaft seinem Sohne Flavius Vespasianus +Titus+,
-den er schon längst zum Mitregenten angenommen hatte. Wegen seiner
-unordentlichen Lebensart und Neigung zur Grausamkeit hegte man von
-ihm keine günstigen Hoffnungen, aber als Kaiser erschien er wie
-umgewandelt und offenbarte das edelste und wohlwollendste Gemüt. Als
-er sich einst bei der Mahlzeit erinnerte, daß er an dem ganzen Tage
-niemanden eine Wohltat erwiesen hatte, rief er aus: „Freunde, ich
-habe einen Tag verloren!“ Oft sagte er, von seinem Fürsten dürfte
-niemand traurig weggehen. Den Regierungsgeschäften widmete er sich
-mit der größten Gewissenhaftigkeit, behandelte jeden mit Milde und
-Güte, selbst seine Feinde mit Großmut, und suchte die Leiden der
-Menschheit durch Wohltätigkeit zu lindern, sodaß ihn das Volk die
-Liebe und Wonne des Menschengeschlechts nannte. Seine kurze Regierung
-gab ihm Gelegenheit genug, seine Freude am Wohltun in reichem Maße zu
-offenbaren. Eine schreckliche Feuersbrunst wütete drei Tage lang in
-Rom; eine verheerende Pest raffte Tausende hin. Furchtbarer noch war
-der ganz unerwartete +Ausbruch des Vesuvs+. Bis fast zum Gipfel reich
-angebaut, begann dieser Berg damals zum ersten Male und ganz plötzlich
-die in ihm schlummernden vulkanischen Kräfte zu offenbaren. Am Mittag
-des 24. August 79, unter gleichzeitigem Erdbeben und heftiger Bewegung
-des nahen Meeres, erhob sich eine himmelhohe pinienförmige Rauch- und
-Feuersäule, welche alles Land meilenweit mit einer mehrere Meter hohen
-Schicht von kleinen Bimssteinen und dann mit einer noch höheren von
-nasser Asche bedeckte. Mehrere Tage dauerte dieser Aschenregen, der
-die Luft mit erstickendem Qualm erfüllte und den Tag in tiefe Nacht
-verwandelte. Feurige Lavaströme brachen aus den Seiten des Berges und
-erhöhten das Entsetzen des Volkes. Drei blühende Städte am Meerbusen,
-Herculanum, Pompeji und Stabiä, wurden gänzlich verschüttet.
-Viele tausend Menschen verloren Gut und Leben. Unter den Toten war
-der Befehlshaber der Flotte im Hafen von Misēnum, der gelehrte
-Naturforscher +Plinius+, der das unerhörte Ereignis in der Nähe schauen
-wollte. Sein Neffe, Plinius der Jüngere, hat in Briefen an seinen
-Freund, den Geschichtschreiber Tacitus, den ganzen Vorgang geschildert.
-
-Am 24. August, erzählt er, erhob sich plötzlich ein Geschrei, es
-steige aus dem Berge Vesuv eine ganz ungewöhnliche, fürchterliche
-Wolke auf. Der unerschrockene Oheim wollte ein so merkwürdiges
-Ereignis in größerer Nähe beobachten, bestieg ein Schiff und eilte
-der Gefahr entgegen. Schon auf dem Meere erreichte ihn fallende Asche
-und Bimsstein; der Steuermann bat ihn umzukehren. Vergebens. „Mit dem
-Tapfern ist das Glück!“ rief er und ließ sich nach Stabiä bringen,
-wo er die Nacht hindurch ruhig schlief, während die Flammen aus dem
-Vesuv hervorbrachen und alles, was fliehen konnte, floh. Am Morgen
-aber entstand die Besorgnis, daß der stärker strömende Aschenregen
-zuletzt den Ausgang aus der Stadt versperren, oder die von dem heftigen
-Erdbeben schwankenden Mauern einstürzen möchten. So zog man denn
-hinaus, auf das Meer zu, welches fürchterlich tobte. Eine stockfinstere
-Nacht überall, nur von den Fackeln, welche die Sklaven trugen, und
-den Flammen des Berges erhellt. Da sank Plinius plötzlich tot nieder.
-Er war von den bösen Dämpfen erstickt; seinen Leichnam fand man erst
-am dritten Tage, denn so lange dauerte die Finsternis. Sein Neffe war
-indes in Misenum geblieben, bis auch dort das entsetzliche Erdbeben
-die Gebäude zu verlassen zwang. Eine Menge Volks zog aus; da wandelte
-sich auch hier in so weiter Entfernung der Tag in Nacht, und die Asche
-begann zu stäuben. Das Rufen, das Geschrei und Gejammer der auf dem
-Felde umhertappenden, die Ihrigen suchenden Menschen war schrecklich.
-Endlich, als der lange und schwere Aschenregen nachließ, und die Sonne,
-wiewohl mit fahlem Scheine, wieder hervortrat, boten die Gegenstände
-umher den traurigsten Anblick dar; der Boden war hoch mit Asche wie
-mit Schnee bedeckt. -- Aus dem, was bei Misenum geschah, kann man
-sich ungefähr vorstellen, wie die dem schrecklichen Ausbruch so viel
-näheren Städte Pompeji und Stabiä unter der Asche, Herculanum unter
-den Lavaströmen verschüttet wurden und gänzlich verschwanden. Erst
-seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sind ihre Reste teilweise wieder
-aufgedeckt und zugänglich gemacht worden.
-
-Titus, der Rom auch durch ein herrliches Werk der Baukunst, die nach
-ihm genannten Thermen (allem Volk zugänglichen Bäder), zierte, regierte
-zum Unglück für das Reich nur zwei Jahre und drei Monate. Er starb
-kinderlos nach kurzer Krankheit (81).
-
-Sein Bruder +Domitianus+, der ihm in der Herrschaft folgte, schien
-anfangs die Regierungsweise seiner beiden Vorgänger fortsetzen
-zu wollen, bis allmählich die übermäßige Vorstellung von seiner
-persönlichen Bedeutung, mit der er schon dem Vater lästig und dem
-Bruder feindselig gewesen war, in eine Art Herrscherwahnsinn ausartete,
-und seine Regierung für alle gefährlich machte, welche seine Eifersucht
-oder seinen Argwohn weckten. Die Zeiten Caligulas und Neros schienen
-sich zu erneuern. Endlich bildete sich unter den Freigelassenen, seinen
-Günstlingen, welchen er die Verwaltung der Staatsgeschäfte anvertraut
-hatte, und Mitgliedern des Senates, die alle in steter Furcht für ihr
-Leben standen, eine Verschwörung, die ihm ein blutiges Ende bereitete
-(96). Selbst seine Gemahlin Domitia half den Wüterich zu beseitigen.
-Mit ihm erlosch die Dynastie der Flavier. Das Reich aber hatte unter
-ihm, wenn auch ohne sein Verdienst, eine ansehnliche Erweiterung
-erfahren. Die +Eroberung Britanniens+, die schon von Cäsar eingeleitet,
-aber erst unter Kaiser Claudius ernstlich begonnen war, wurde im Jahre
-85, trotz des langen und heldenmütigen Widerstandes der Britanner,
-durch Julius Agricola, den Schwiegervater des Geschichtschreibers
-Tacitus, vollendet.
-
-
-
-
-XXXIV.
-
-=Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft: Nerva,
-Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine= (96-180).
-
-
-Auf die Flavier folgte, während einer fast hundertjährigen Zeitdauer,
-eine stetige Reihe trefflicher Fürsten, unter denen die Bewohner des
-Reiches sich einer einsichtigen und gerechten Verwaltung, ungestörten
-inneren Friedens und zunehmenden Wohlstandes erfreuten, sodaß man
-diesen Zeitraum das goldene Zeitalter des römischen Reiches genannt hat.
-
-Zunächst wurde der alte würdige Senator Coccejus +Nerva+ auf den Thron
-erhoben (96-98). Er gab dem Senat den ihm gebührenden Anteil an der
-Regierung zurück, bemühte sich durch Milde und Gerechtigkeit, den
-Leiden und Klagen der armen Bevölkerung abzuhelfen, den zerrütteten
-Staatshaushalt zu ordnen, erleichterte die Abgaben und ließ arme Kinder
-auf öffentliche Kosten erziehen. Da er aber fühlte, daß ihm, dem
-Übermut und den Ansprüchen der Leibgarden gegenüber, die nötige Kraft
-fehlte, so adoptierte er den kriegserprobten Statthalter des oberen
-Germaniens, +Ulpius Trajanus+, einen in Spanien geborenen römischen
-Bürger, und ernannte ihn zu seinem Mitregenten. Er starb einige Monate
-nach dieser Wahl, worauf ihm Trajanus als Alleinherrscher folgte
-(98-117).
-
-Durch seine Kraft und Milde, Güte und Bescheidenheit, Einsicht und
-Gerechtigkeit erwarb er sich die Liebe und Bewunderung der römischen
-Welt in dem Grade, daß ihm der Senat den Beinamen der „Beste“ erteilte,
-und noch nach zweihundert Jahren die neugewählten Kaiser den Thron
-unter dem Glückwunsch bestiegen: „Sei glücklicher als Augustus und
-besser als Trajanus!“ Alle Tugenden, die den Herrscher, Feldherrn und
-Menschen zieren, übte er in gleichem Maße. Die Majestätsprozesse hörten
-auf; der Senat erhielt Freiheit der Beratungen. Der Kaiser selbst
-unterwarf sich den Gesetzen und förderte dadurch auch in allen Bürgern
-die Achtung vor Gesetz und Recht. Jedem Bürger gestattete er freien
-Zutritt; die Provinzen beschützte er vor Bedrückung der Beamten; die
-Armen unterstützte er, indem er in allen Teilen Italiens arme Kinder
-auf Kosten des Staates erziehen ließ. Das Christentum aber, in dem der
-heidnische Römer nichts anderes als einen jüdischen Aberglauben sah und
-verachtete, suchte dieser beste der Kaiser planmäßig zu unterdrücken.
-Wenn er auch geheime Anklagen und Verfolgungen der Christen nicht
-gestattete, so befahl er doch die gesetzmäßig angeklagten und
-überführten, wenn sie nicht widerrufen wollten, hinzurichten.
-
-Auch glänzende Kriegstaten und eine erhebliche Ausdehnung des Reichs
-sind mit dem Namen dieses Kaisers verknüpft. Zur Sicherung der Provinz
-Moesia an der unteren Donau unternahm er einen Kriegszug gegen das
-unruhige Volk der +Daken+ am jenseitigen linken Ufer des Stromes (im
-heutigen Rumänien und Siebenbürgen), deren König +Decébalus+ dem
-römischen Reiche unter Domitianus gegen die jährliche Zahlung eines
-Tributes Frieden gewährt hatte. Trajanus befreite Rom von dieser
-schmählichen Abgabe; Decebalus mußte seine Hauptstadt erobert, seine
-Festungen geschleift und einen Teil seines Landes von den Römern
-besetzt sehen (103). Als er sich dann, dem Friedensvertrage zuwider,
-heimlich mit Nachbarvölkern gegen die Römer verband, zog Trajanus zum
-zweiten Mal gegen die Daken. Zu diesem Zwecke baute er, in der Nähe der
-heutigen Stadt Czernetz in der Walachei, über die Donau eine steinerne
-Brücke, die aus 20 steinernen Pfeilern ruhte und 2500 Fuß lang war.
-Dann drang er tief in das Land der Feinde und bedrängte den Decebalus
-so, daß dieser sich selbst das Leben nahm (106). Sein Land ward
-römische Provinz (~Dacia~) und nahm bald römische Sprache und Art so
-gründlich an, daß noch der Name und die Sprache der heutigen Rumänier
-davon zeugen.
-
-Seine Siege über die Daken feierte Trajanus durch glänzende Triumphe
-und Festspiele, bei denen an 123 Tagen 11000 wilde Tiere getötet
-wurden. Das Andenken daran erhält noch heute die Trajanssäule in Rom.
-Sie erhebt sich auf dem vormals mit Säulenhallen umgebenen Platze des
-Trajanischen Forums, ist 117 Fuß hoch und aus hohlen Zylindern von
-weißem Marmor zusammengesetzt, welche einen unten 11, oben 10 Fuß
-starken Schaft bilden, an dessen Außenfläche Trajans Kriegstaten mit
-etwa 2500 menschlichen Figuren dargestellt sind. Die Säule, unter
-der sich des Kaisers Grabkammer befand, ist innen hohl, und 184
-Stufen führen auf ihre Spitze, auf welcher eine 22 Fuß hohe eherne
-Bildsäule Trajans stand, die aber im Laufe der Zeit zerstört und im 16.
-Jahrhundert durch die Bildsäule des Apostels Petrus ersetzt worden ist.
-
-Da die +Parther+ die Grenze des römischen Reiches im Osten
-beunruhigten, so unternahm Trajanus auch einen Feldzug in die
-Morgenländer. Er unterwarf Armenien, Mesopotamien und Assyrien und
-machte diese Länder zu römischen Provinzen, deren Besitz jedoch von
-nur kurzer Dauer war. Mit einer Flotte fuhr er den Tigris hinab in den
-persischen Meerbusen und war schon nahe seinem Ziele, der Herstellung
-des Reiches Alexanders des Großen. Das Reich der Parther machte er,
-unter einem einheimischen, von ihm eingesetzten Fürsten, abhängig
-von Rom. Aber diese Eroberungen waren nicht von Bestand. Die Parther
-setzten ihren vertriebenen König wieder ein, und bevor er den Aufstand
-bezwingen konnte, starb Trajanus zu Selinus in Cilicien, das ihm
-zu Ehren Trajanopolis genannt ward. Seine Gebeine wurden nach Rom
-geschafft und unter der Trajanssäule beigesetzt.
-
-Nach seinem Tode ließ sich T. Aelius +Hadrianus+, der vom sterbenden
-Trajan als Sohn angenommene Befehlshaber des Heeres und Statthalter
-von Syrien, sogleich von dem Heere zum Kaiser ausrufen, und der Senat
-bestätigte ihn in dieser Würde. Er war ein sehr gebildeter Mann und
-mit einem so außerordentlichen Gedächtnis begabt, daß er schon in
-seinem fünfzehnten Jahre die griechische Sprache so vollkommen wie ein
-Grieche sprach und jedes einmal gelesene Buch fast auswendig wußte.
-Als Kaiser wandte er den inneren Angelegenheiten seines Reiches die
-größte Sorgfalt zu. Er bereiste selbst fast alle Provinzen seines
-weiten Reiches, und zwar meistenteils zu Fuß, „denn ein Kaiser,“ sagte
-er, „muß wie die Sonne alle Teile seines Reiches beleuchten“. Auch die
-Literatur und die bildenden Künste gediehen unter ihm zu einer Art von
-Nachblüte. Von den zahlreichen Bauwerken, die er in allen Provinzen
-errichten ließ, verdient das sogenannte Mausoléum oder Grabmal des
-Hadrianus Erwähnung, das jetzt die Engelsburg heißt. Außer seinen
-glänzenden Eigenschaften besaß er aber auch grobe Fehler, und besonders
-waren Neid und Argwohn hervorstechende Züge seines Charakters, die ihn
-zuweilen zu grausamen Handlungen verleiteten. Er regierte von 117 bis
-138.
-
-Es folgte ihm sein Adoptivsohn +T. Aelius Hadrianus Antoninus+
-(138-161). Die kindliche Ehrfurcht, mit der er das Andenken seines
-Vorgängers in Ehren hielt, erwarb ihm den Beinamen +Pius+. Er regierte
-wie ein zweiter Numa, den er sich auch zum Muster genommen haben soll.
-Von ihm, den seine Zeit mit Recht den Vater der Menschen genannt, hat
-die Geschichte keine Kriegstaten, sondern nur wohltätige Einrichtungen
-zu melden. Selbst die unter früheren Kaisern verfolgten Christen
-konnten unter ihm ein ruhiges Leben führen. Er pflegte zu sagen: „Ich
-will lieber das Leben eines einzigen Bürgers erhalten, als tausend
-Feinde töten!“
-
-+Marcus Aurelius+ Antoninus, in Spanien geboren, war von Antonius
-Pius zusammen mit dessen zweitem Adoptivsohn zum Nachfolger ernannt
-worden. Mit edlen Anlagen des Geistes und Herzens begabt, hatten
-ihn ausgezeichnete Lehrer schon früh in die Lehren der griechischen
-Weisheit eingeführt, die auf seine Regierung von großem Einfluß
-wurden. Mit der ganzen sittlichen Kraft, die er aus der Beschäftigung
-mit dieser Weisheit schöpfen konnte, bestand er die mannigfachen
-Stürme, die während seiner neunzehnjährigen Regierung (161-180)
-über ihn und sein Reich kamen. Er sorgte für Recht und Gesetze und
-beobachtete eine weise Sparsamkeit in der Verwaltung. Besonders lag
-ihm die Besserung der Sitten am Herzen. In den Christen aber sah er
-eine staatsgefährliche Partei und ließ sie besonders in Kleinasien
-und Gallien grausam verfolgen. Seine Milde und Wohltätigkeit zeigte
-er, als Rom von einer Überschwemmung und Hungersnot heimgesucht ward.
-Zu derselben Zeit wurde das Reich durch die Einfälle der Germanen
-und Parther im Norden und Osten beunruhigt. Am furchtbarsten war der
-schwere und langwierige Krieg gegen die germanischen +Markomannen+
-(166-190), der das römische Reich an den Rand des Untergangs brachte
-und die Römerwelt in eine solche Angst versetzte, daß einer auf dem
-Markte zu Rom den Untergang des Erdballes verkündete. Alle Donauvölker
-erhoben sich wie in einem Bunde vereinigt, darunter besonders die
-Markomannen (in Böhmen) und Quaden (in Mähren und Ungarn), stürmten
-über die Donau in die römischen Provinzen und schleppten unter
-furchtbaren Verheerungen ganze Bevölkerungen hinweg. Zu diesem Unglück
-kam noch die Pest, welche die Legionen aus Asien mitbrachten und die
-nun auch Italien und andere westliche Provinzen verheerte. Zwar zog
-Marcus Aurelius gegen die Quaden und schlug sie mehrmals, feierte
-auch zu Rom einen Triumph, aber die Markomannen und ihre Verbündeten
-brachen immer wieder los und nötigten den Kaiser zu neuen Feldzügen.
-Um die Mittel dazu aufzubringen, verkaufte er seine Kostbarkeiten und
-Kunstschätze, bewaffnete Sklaven und Sträflinge, und nahm sogar zur
-Wahrsagerei seine Zuflucht. Auf den Rat eines ägyptischen Wahrsagers
-ließ er zwei Löwen über die Donau treiben, um die Barbaren durch diesen
-Anblick zu erschrecken. Allein die Germanen hielten die Löwen für große
-Hunde und schlugen sie mit Prügeln tot. In einer bald darauf folgenden
-Schlacht töteten sie 20000 Römer.
-
-Auf einem seiner Feldzüge stand der Kaiser mit seinem Heere diesseits
-der Gran, eines Nebenflusses der Donau in Ungarn, in einer wasserlosen
-Gegend, rings von Feinden eingeschlossen. Er und alle die Seinen waren
-dem Verschmachten nahe, als plötzlich ein Gewitter mit Regengüssen
-erfolgte und die Erschöpften, die den Regen in ihren Schildern
-auffingen, erfrischte. Nach einer christlichen Legende war der
-Gewitterregen eine Folge des Gebets der zwölften Legion, die meist aus
-Christen bestand, während römische Berichte ihn dem Gebete des Kaisers
-zuschrieben. Es war dem Kaiser nicht vergönnt, den Krieg gegen die
-Markomannen und Quaden zu beendigen. Er starb zu Vindóbona (Wien).
-Sein unwürdiger Sohn +Commodus+ (180-192) erkaufte von ihnen einen
-schimpflichen Frieden.
-
-
-
-
-XXXV.
-
-Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches (180-476).
-
-
-Mit Marcus Aurelius schließt die Reihe der guten Kaiser. Zwar folgte
-noch eine große Anzahl von Imperatoren nach ihm, von denen aber nur
-sehr wenige verdienen hier erwähnt zu werden. Die innere Zerrüttung des
-Reiches, der Verfall der Sitten, die Schwäche nach außen nahmen immer
-mehr zu, und es zeigte sich in jeder Beziehung, daß die +römische Welt
-sich ausgelebt hatte+. Ein anderes Volk war berufen an ihre Stelle zu
-treten, das morsche Gebäude des römischen Reiches zu zertrümmern und
-Träger des Christentums zu werden. Dieses Volk waren die +Germanen+.
-
-Aber noch ehe die Germanen das alte Reich in den Staub traten,
-feierte das Christentum einen vollständigen Sieg über das Heidentum.
-+Konstantinus der Große+[1] (306-337) gewährte dem Christentum die
-staatliche Anerkennung. Damit hörten die Verfolgungen der Christen
-auf, und der Glaube an den Erlöser, zu dem sich Konstantinus selbst
-bekannte, verbreitete sich immer weiter. Auch ward die Regierung dieses
-Kaisers noch dadurch von großer Bedeutung, daß er die Residenz von Rom
-nach Byzantion verlegte, das ihm zu Ehren den Namen Konstantinopolis
-erhielt.
-
-Nach seinem Tode waren noch nicht vierzig Jahre verstrichen, als durch
-die Ankunft der Hunnen, die aus Asien in Europa einfielen, der Anstoß
-zur sogenannten +Völkerwanderung+ gegeben wurde (375). Seitdem hörten
-die Angriffe der Germanen gegen das römische Reich nicht mehr auf,
-und nur mit Mühe vermochte der römische Kaiser +Theodosius der Große+
-(378-395) die in das oströmische Reich eingedrungenen Westgoten zu
-beruhigen. Dieser Kaiser vereinigte noch einmal das ganze römische
-Reich unter seinem Szepter. Vor seinem Tode (395) teilte er das Ganze
-unter seine Söhne +Honorius+ und +Arkadius+, von denen jener das
-weströmische oder lateinische Reich mit der Hauptstadt Rom, dieser das
-oströmische oder griechische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel
-erhielt. Die Feindschaft beider Brüder machte die Teilung zu einer
-dauernden. Gegen das weströmische Reich richteten sich jetzt die
-stürmischen Angriffe der Germanen, die nach und nach eine Provinz nach
-der andern, Spanien, Gallien, Afrika und Britannien, davon losrissen,
-bis endlich im Jahre 476 +Odoáker+, ein Anführer deutscher Soldtruppen,
-den letzten römischen Kaiser +Romulus+ Augústulus absetzte und sich zum
-Könige von Italien machte. Dadurch ward dem weströmischen Reiche ein
-Ende gemacht, während das oströmische oder byzantinische Kaisertum im
-Laufe des Mittelalters zwar immer mehr an Umfang und Macht verlor, aber
-sich doch in der Hauptstadt erhielt, bis auch diese im Jahre 1453 von
-den Türken erobert wurde.
-
-
- [1] Als Konstantin gegen +Maxentius+ in den Streit zog, betete er
- eines Nachmittags voll Andacht zu dem Gott der Christen. Da
- erschien ihm ein Zeichen am Himmel in Gestalt eines glänzenden
- Kreuzes mit der Inschrift: ~In hoc vinces!~ (In diesem Zeichen
- sollst du siegen!) Nachts erschien ihm Christus im Traum und
- befahl ihm dieses Sinnbild zum Kreuzespanier zu machen. Er
- ließ nun eine Kriegsfahne anfertigen, die seine christlichen
- Streiter mit begeistertem Mute erfüllte und ihm in der Schlacht
- an den „roten Steinen“ (~saxa rubra~) in der Nähe Roms den Sieg
- über Maxentius verschaffte (312). So erzählt ein christlicher
- Schriftsteller.
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Verlag von +Gerhard Stalling+, Oldenburg i. Gr.
-
-Professor ~Dr.~ Ludwig Stacke’s Schriften.
-
-
-Erzählungen aus der
-
- =Griechischen Geschichte=. =30.= Auflage. Gebd. 1 ℳ 90 ₰.
-
- =Römischen Geschichte=. =27.= Auflage. Gebd. 1 ℳ 90 ₰.
-
- =Mittelalter=. =17.= Auflage. Gebd. 1 ℳ 90 ₰.
-
- =Neuen Geschichte=. =14.= Auflage 2 ℳ 75 ₰, gebd. 3 ℳ 25
- ₰.
-
- =Neuesten Geschichte= (1815 bis zur Abberufung Bismarcks).
- =6.= Auflage. 5 ℳ 50 ₰, eleg. gebd. 6 ℳ 25 ₰.
-
-Über Stackes „+Erzählungen aus der Geschichte+“ schreiben in ihrem
-letzten Bande die in Berlin im Auftrage der historischen Gesellschaft
-erscheinenden „Jahresberichte der Geschichtswissenschaft“ gelegentlich
-der Besprechung von Volks- und Jugendschriften: „Hier sind in erster
-Linie die Stackeschen Schriften zu erwähnen, die sich auch, wie ihre
-hohen Auflagen zeigen, einer großen Beliebtheit erfreuen. An Rankes
-und Beckers Weltgeschichte angelehnt, verstehen sie es, durch korrekte
-Sprache und fesselnde Erzählungsform den Leser zu gewinnen und ihn in
-jene gehobene Stimmung zu versetzen, welche die schönste Frucht der
-Geschichtsbeschäftigung genannt worden ist.“
-
-„Die fortgesetzten vielfachen Auflagen dieser vom echten Forschergeiste
-und warmer Empfindung getragenen Geschichten beweisen mehr als alle
-Anpreisungen den hohen Rang, welchen sie unter den zahlreichen
-literarischen Erscheinungen ähnlicher Art einnehmen. Die Darstellung
-ist in allen Richtungen anregend und frisch, die Form, meist
-klassischen Mustern angepaßt, tadellos. Die Gunst der Lehrer wird
-sicher diesen Büchern stets in steigendem Maße zu teil werden.“
-
- (Schlesische Presse.)
-
-„Die Verlagshandlung und der als Oberlehrer am Gymnasium zu Rinteln
-wirkende Verfasser sind zu diesem erfreulichen, +wohlverdienten+
-Erfolge, den diese „+Erzählungen+“ erzielt haben, zu beglückwünschen.“
-
- (Wissenschaftl. Beilage d. Leipziger Zeitung.)
-
-„Eine herrliche Lektüre, eingehend, belehrend und angenehm
-unterhaltend. Die Schilderungen fesseln nicht bloß 12-15jährige Knaben
-und Mädchen, sondern auch reifere Jünglinge und Jungfrauen, gebildete
-Männer und Frauen. Auswahl und Darstellung ist vortrefflich. Die
-zahlreichen Auflagen sind verdiente.“
-
- (Repertorium der Pädagogik.)
-
-
-Hülfsbücher fürs die erste Unterrichtsstufe in der Geschichte.
-
- I. Teil. =Altertum.= =3.= Auflage Geh. 1 ℳ, geb. 1 ℳ 50 ₰.
- II. Teil. =Mittelalter.= =2.= Auflage. Geh. 1 ℳ, geb. 1 ℳ 50 ₰.
- III. Teil. =Neue Zeit.= =2.= Auflage. Geh. 1 ℳ 75 ₰, geb. 2 ℳ 25 ₰.
-
-„Der Herr Verfasser hat aus seinen „Erzählungen“ einen Auszug
-zusammengestellt, der sich zur Einführung in die Schulen, in deren
-Unterklassen alte Geschichte behandelt wird, im hohen Maße eignet.
-Die Vorzüge dieses Buches vor allen andern der Art bestehen darin,
-daß nicht einzelne, für sich behandelte Erzählungen aus der alten
-Geschichte gegeben werden, sondern der Verfasser gibt uns stets ein
-Gesamtbild der alten Geschichte. Dabei ist der Einzelgeschichte und
-dem geographischen Elemente überall die nötige Berücksichtigung zu
-teil geworden. Wer längere Zeit in diesem Unterricht sich mit recht
-schwachen Hülfsbüchern hat behelfen müssen, wird das Buch mit großer
-Freude begrüßen; denn er findet in demselben alles das, was er als
-wissenswert dem Gedächtnis des Kindes eingeprägt sehen möchte. Möge das
-Buch den Schulen bestens empfohlen sein!“
-
- (Magazin für Lehr- und Lernmittel.)
-
-
-
-
-Verlag von +Gerhard Stalling+, Oldenburg i. Gr.
-
-Das beste Buch für die deutsche Jugend und das deutsche Volk!
-
-
-Nordisch-Germanische
-
-Götter- und Heldensagen.
-
-Für die deutsche Jugend und das deutsche Volk
-
-von
-
-Gustav Schalk
-
-3. Auflage
-
-(mit Illustrationen).
-
-Preis gebd. ℳ. 2.80.
-
-„Mit Freuden begrüße ich jedes Werk, welches deutsche Mythologie und
-Heldensage behandelt. -- Seit den dornenvollen Arbeiten von Jak. Grimm,
-K. Simrock, W. Wägner u. a. hat sich das Interesse für die Religion
-unserer Altvordern, für ihre Sitten, Anschauungen und Gebräuche
-gesteigert. -- Eine edlere Begeisterung für die längst entschwundene
-Welt unserer Altvordern ist es auch, der dieses Werk seine Entstehung
-verdankt, welches wir als ein wohlgelungenes bezeichnen können. Es wird
-sicher die Kenntnis der alten Vorzeit verbreiten und Begeisterung für
-die Helden erwecken und so wieder Heldenmut und Edelsinn erzeugen. Die
-Darstellung ist eine recht gewandte und die Gruppierung des Stoffes
-ebenso geschickt. Den Glanzpunkt des Ganzen bildet die bezaubernd
-schöne Frithjofsage, die nach Tegner erzählt ist. -- Wer kennt nicht
-Ingeborg, die schönste Rose des Nordens, und Frithjof, die königliche
-Eiche auf Nordlands Bergen? Schon diese +eine+ Sage macht das Buch
-jedem Leser lieb und wert. Die Sprache des Verfassers perlt hier
-gleichsam im Morgentau und Frühlingssonnenschein. -- Möge das Buch
-zahlreiche Leser finden.“
-
- +Mainz.+
-
- +~Dr.~ Heinrich Haskamp.+
- (Rhein.-Westf. Schulzeitung.)
-
-„Was dieses Buch vor manchen seinesgleichen ganz besonders auszeichnet,
-das ist die durchweg knappe, klare und doch so poesievolle Darstellung,
-der einfache, naive, meisterhafte Märchenton. Aus diesem Grunde sei das
-vortreffliche, übersichtlich gehaltene Buch, welches sich für Schüler
-aller Schulen als Nachlesebuch ganz vorzüglich eignet, aufs Wärmste
-empfohlen.“
-
- (Westfälische Lehrer-Zeitung.)
-
-+Se. Excellenz der General der Infanterie von Keßler+,
-General-Inspekteur des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens, schreibt
-der Verlagsbuchhandlung unterm 4. Dezember 1897 über das Buch: „Das
-Kommando des Kadettenkorps, welchem ich das Buch mitgeteilt habe,
-hat mit +Anerkennung+ in Aussicht genommen, das Buch mit benutzen zu
-lassen.“
-
-
-
-
-Verlag von Gerhard Stalling, Oldenburg i. Gr.
-
-
- =Harms, Prof. Chr., Rechenbuch für die Vorschule.= Heft I. 12.
- Aufl. kart. 50 ₰. Heft II, =13.= Aufl., kart. 80 ₰.
-
-
- =Harms, Prof. Chr., Kopfrechenbuch. Eine Anleitung zur Lösung=
- vieler angewandter Kopfrechenaufgaben. 1 ℳ. 50 ₰.
-
-
- =Harms, Zwei Abhandlungen über den Rechenunterricht.= 80 ₰.
-
-
- =Kallius, Prof. ~Dr.~, Die vier Species in ganzen Zahlen=, und =Das
- Münz-, Maß- und Gewichtssystem im Rechenunterricht=. =4.= Aufl. 1 ℳ
- 20 ₰.
-
-
- =Lefèbre, Abriß der griechischen und römischen Geschichte für
- Quarta.= Preis 35 ₰.
-
-
- =Rechenbuch für Unterklassen von H. Friedrichs, A. Klusmann, F.
- Logemann.= =23.= Aufl. Bearbeitet von H. Friedrichs und C. Krüder.
- 65 ₰.
-
- „Das angezeigte Rechenbuch ist eine methodisch geordnete
- Aufgabensammlung für die vier Species im Zahlenraume von 1-10000.
- Der betreffende Stoff ist reichhaltig und wohlgegliedert. -- --
- Somit wird in den Unterklassen ein guter Grund gelegt, auf welchem
- der Lehrer der Oberklasse mit Erfolg weiter zu bauen vermag.“
-
- (Schulblatt f. d. Provinz Brandenburg.)
-
-
- =Stacke, Prof. ~Dr.~ Ludwig, Abriß der Geschichte der Preußischen
- Monarchie= von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. =2.=
- Aufl. 1 ℳ.
-
- „Außerordentlich reich an Stoff, klar und lichtvoll in der
- Anordnung, anziehend und lebendig in der Sprache, anschaulich
- und malerisch in der Schilderung, kräftig und kernig in der
- Charakterisierung, durchdrungen von patriotischem Sinn und
- sittlichem Ernst, ist dieser „+Abriß+“ Lehrenden und Lernenden
- angelegentlichst zu empfehlen.“
-
- (Deutsche Schulzeitung, herausg. v. F. E. Keller, Berlin.)
-
- „Gleich den übrigen Geschichtsdarstellungen des Verfassers eine der
- ansprechendsten und gediegensten Arbeiten auf diesem Gebiete der
- Literatur.“
-
- (Pädag. Jahresbericht.)
-
- „Das Buch zeichnet sich durch allseitige Berücksichtigung der
- wichtigsten historischen Momente, durch volle Beherrschung des
- Stoffes, treffende und präzise Darstellung und durch warme
- Hingebung an die Sache des Vaterlandes ganz besonders aus, und wird
- für Schule und Haus, für Volksbibliotheken und als Prämie gleich
- gut empfohlen werden können.“
-
- (National-Zeitung.)
-
-
-
-
-Verlag von Gerhard Stalling, Oldenburg i. Gr.
-
-
- =Stacke, Prof. ~Dr.~ Ludwig, Die französische Revolution und das
- Kaisertum= Napoleons I. Geschichtliche Übersicht der Zeit von 1789
- bis 1815. 660 Seiten. Geh. 4 ℳ 50 ₰.
-
- „Wir haben bereits eine große Menge Schriften aus den für Europa
- ewig denkwürdigen 26 Jahren gelesen, aber kaum eine unter ihnen
- gefunden, welche wie diese auf eine so weise und zweckmäßige Weise
- die gebotenen Quellen benutzt und den gegebenen reichhaltigen
- Stoff in so gründlicher Weise ausgearbeitet und mit einer
- so ruhigen Würde dem Publikum zur Beurteilung und Belehrung
- dargeboten hätte. Dabei ist der Stil prägnant und entschieden
- und die Darstellungsweise edel und männlich, würdig den großen,
- welterschütternden Begebenheiten der damaligen Zeit. Wir empfehlen
- darum auch das Buch, nicht als ob es etwas Neues, Unbekanntes
- enthielte, sondern vielmehr darum, weil wir das Bekannte und
- teilweise Miterlebte hier auf meisterhafte Weise wiedergegeben
- finden.“
-
- (Münchener Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik.)
-
-
- =Müller, Prof. E. R., Leitfaden der unorganischen Chemie für
- Gymnasien=, Realgymnasien, höhere Bürgerschulen, Seminare etc.
- Preis 60 ₰
-
- „Das Buch zerfällt in drei Abschnitte: ~A.~ Das Wichtigste aus den
- Hülfswissenschaften der Chemie, §§ 1-10, ~B.~ Methodischer Kursus
- der Chemie, §§ 11-23, ~C.~ Systematischer Kursus der Chemie, §§
- 24-57. Diese Einteilung und die ihr entsprechende Durchführung
- machen das Buch zu einer vollkommen neuen Erscheinung in der
- chemischen Schulliteratur. Ganz besonders aber ist an ihm zu loben,
- daß die wichtigsten Lehren der Chemie in streng synthetischer Weise
- entwickelt sind. Die Darstellung ist präzis und klar.“
-
- (Zeitung f. d. höhere Unterrichtswesen Deutschlands.)
-
-
- =Müller, Prof. E. R., Planimetrische Konstruktionsaufgaben nebst
- Anleitung= zu deren Lösung für höhere Schulen. =5.= Aufl., kart. 1 ℳ
-
- „Diese Sammlung ist trotz ihres geringen Umfanges recht reichhaltig
- und durchaus methodisch angelegt. -- -- Sie empfiehlt sich durch
- zweckmäßige methodische Behandlung, durch Gedrängtheit und Schärfe
- des Ausdrucks und durch Korrektheit, auch des Druckes. Wir zweifeln
- nicht, daß sich das kleine Buch neben einem Lehrbuche, welches, wie
- das Kamblysche, den Aufgaben nur geringe Beachtung schenkt, recht
- geeignet erweisen wird.“
-
- (Zeitschrift f. d. Gymn.-Wesen.)
-
- „Wir haben es hier mit einem Büchlein zu tun, das ebenso durch
- seine Kompendiosität, als durch die äußerst übersichtliche
- Gruppierung des behandelten Stoffes unstreitig die Sympathieen
- des Lesers wachruft. -- -- Der Referent kam bei der Durchsicht
- des Büchleins zu der Überzeugung, daß die Benutzung desselben in
- wirksamer Weise den planimetrischen Unterricht beleben und fördern
- dürfte.“
-
- (Zeitschrift f. d. Realschulwesen.)
-
-
- =Müller, Prof. E. R., Lehr- und Übungsbuch der
- Elementar-Geometrie.= I. Teil (Quinta-Kursus). Geh. 40 ₰.
-
-
-
-
- Verlagsanträge
-
- aus dem Gebiete der
-
- Schulbücher-Literatur
-
- sind
-
- mir stets willkommen
-
- und finden
-
- +gewissenhafte Prüfung+.
-
- Oldenburg i. Gr. Gerhard Stalling,
- Verlagsbuchhandlung.
- Gegründet 1789.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Erzählungen aus der Römisch
-n Geschichte in biographische, by Ludwig Stacke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZÄHLUNGEN AUS DER ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Erzählungen aus der Römischen Geschichte, by Ludwig Stacke.
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-<body>
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Erzählungen aus der Römischen Geschichte
-in biographischer Form, by Ludwig Stacke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form
-
-Author: Ludwig Stacke
-
-Release Date: May 1, 2020 [EBook #61988]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZÄHLUNGEN AUS DER ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1904 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber
-dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch
-nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht
-vereinheitlicht, wenn die jeweiligen Formen mehrmals bzw. gleich oft im
-Text vorkommen.</p>
-
-<p class="p0">Personennamen werden bei ihrer ersten Erwähnung oft mit
-Betonungs- und ggf. mit Aussprachezeichen versehen und erscheinen dann
-in der Regel gesperrt gedruckt, später meist nicht mehr.</p>
-
-<p class="p0">Die <a href="#Werbung">Buchwerbung</a> wurde vom Bearbeiter der
-Übersichtlichkeit halber am Ende des Texts zusammengefasst.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="titelkupfer" name="titelkupfer">
- <img class="mtop3" src="images/titelkupfer.jpg" alt="Titelkupfer" /></a>
- <p class="caption mbot3">Original-Titelkupfer</p>
-</div>
-
-<p class="s2 center break-before"><b class="s5">Erzählungen</b><br />
-<span class="s6">aus der</span><br />
-<b>alten Geschichte.</b></p>
-
-<p class="s4 center">Von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> Ludw.
-Stacke.</b></p>
-
-<p class="s4 center">II. Teil. 27. Auflage.</p>
-
-<p class="s4 center"><b>Römische Geschichten.</b></p>
-
-<p class="s4 center padtop3"><b>Oldenburg, 1904.</b><br />
-Druck und Verlag von Gerhard Stalling.</p>
-
-<h1><b>Erzählungen</b><br />
-<span class="s7">aus der</span><br />
-<b class="s4">Römischen Geschichte</b><br />
-<span class="s6">in biographischer Form.</span></h1>
-
-<p class="s4 center mtop3">Von</p>
-
-<p class="s2 center"><b>Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> Ludwig
-Stacke.</b></p>
-
-<hr class="r10" />
-
-<p class="s5 center padtop1">Siebenundzwanzigste, verbesserte Auflage.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_006" name="illu_006">
- <img class="w12em mtop3" src="images/illu_006.jpg" alt="Dekoration
- Titelseite" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center mtop3">Oldenburg.<br />
-<span class="s5">Druck und Verlag von Gerhard Stalling.</span><br />
-<span class="s5">1904.</span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_v" id="Seite_v">[S. v]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort" title="Vorwort."></h2>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center"><b>Aus dem Vorwort zur 1. Auflage.</b></p>
-
-<p><b class="s3">D</b>ieses zweite Bändchen meiner Erzählungen enthält eine Auswahl
-derjenigen Momente der römischen Geschichte, welche für den
-biographischen Unterricht geeignet schienen. Die eigenen Worte der
-Quellen anzuführen, wie ich es im ersten Bändchen, namentlich mit
-den aus Herodotos gewählten Erzählungen getan habe, war hier fast
-ganz unstatthaft; dagegen sind angemessene Darstellungen aus neueren
-quellenmäßigen Bearbeitungen, wenn sie sich für meinen Zweck eigneten,
-ganz oder teilweise aufgenommen worden. &mdash; Über Marc Aurel hinaus
-mochte ich die Erzählungen nicht fortsetzen; auch die Zeiten des
-Unterganges des Reiches sind in dem angehängten <em class="gesperrt">Schluß</em> nur
-sehr übersichtlich berührt, weil man mit dem Auftreten der Germanen
-zweckmäßiger die Geschichte des Mittelalters eröffnet.</p>
-
-<p class="right mright2"><span class="antiqua">Dr.</span> <b>Stacke</b>.</p>
-
-<p class="s3 center mtop2"><b>Vorwort zur 25. Auflage.</b></p>
-
-<p>Nach denselben Gesichtspunkten, wie bei der letzten Auflage der
-„Erzählungen aus der römischen Geschichte“, ist auch bei der
-Bearbeitung des vorliegenden Bändchens verfahren worden. Man wird die
-Tätigkeit der nachbessernden, ergänzenden oder berichtigenden Hand
-auf jeder Seite gewahren. Unverändert dagegen ist die Grundanlage
-und die Auswahl des Stoffes geblieben, mit der einen, schon bei dem
-griechischen Teil der Erzählungen eingeführten Ausnahme, daß die seit
-der 8. Auflage zugefügte „Geographische Überschrift des alten Italiens“
-durch eine kurze historisch geographische Einleitung in die Geschichte
-Roms ersetzt worden ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Oldenburg</em>, im März 1898.</p>
-
-<p class="right mright2"><span class="antiqua">Dr.</span> <b>H. Stein</b>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vi" id="Seite_vi">[S. vi]</a></span></p>
-
-<p class="s3 center mtop2"><b>Vorwort zur 27. Auflage.</b></p>
-
-<p>Die erneuerte Durchsicht hat bei dieser Auflage, außer vielfachen
-kleineren, meist formalen Nachbesserungen, auch einige erhebliche
-Erweiterungen und Ergänzungen zur Folge gehabt, durch welche der Umfang
-des Bändchens um zehn Seiten gewachsen ist.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Oldenburg</em>, im Juni 1904.</p>
-
-<p class="right mright2"><span class="antiqua">Dr.</span> <b>H. Stein</b>.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_vii" id="Seite_vii">[S. vii]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5">
- <div class="right">Seite.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2">
- <em class="gesperrt">Einleitung</em>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#Einleitung">1</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padtop0_5" colspan="2">
- <em class="gesperrt"><a href="#Rom_unter_Koenigsherrschaft">Rom unter Königsherrschaft.</a></em>
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">I.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Gründung Roms. König Romulus (754&ndash;717 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#I_Die_Gruendung_Roms">3</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">II.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- König Numa Pompilius (716&ndash;673 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#II_Koenig_Numa_Pompilius">9</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">III.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- König Tullus Hostilius (673&ndash;641 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#III_Koenig_Tullus_Hostilius">10</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">IV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- König Ancus Marcius (641&ndash;617 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#IV_Koenig_Ancus_Marcius">13</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">V.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- König Tarquinius Priscus (617&ndash;578 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#V_Tarquinius_Priscus">15</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">VI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- König Servius Tullius (578&ndash;534 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#VI_Koenig_Servius_Tullius">17</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">VII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- König Tarquinius Superbus (534&ndash;510 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#VII_Koenig_Tarquinius_Superbus">20</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="padtop0_5" colspan="2">
- <em class="gesperrt"><a href="#Rom_als_Republik">Rom als Republik.</a></em>
- </td>
- <td>
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">VIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Brutus, erster Konsul der Römer (506 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#VIII_Die_Gruendung_Roms">25</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">IX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Krieg mit König Porsenna
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#IX_Krieg_mit_Koenig_Porsenna">27</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">X.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Innerer Zwist. Menenius Agrippa und C. Marcius Coriolanus
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#X_Innerer_Zwist">29</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Untergang der Fabier (477 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XI_Untergang_der_Fabier">32</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Appius Claudius und die Decemvirn (451&ndash;449 v.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XII_Appius_Claudius_und_die_Decemvirn">35</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XIII_M_Furius_Camillus">38</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XIV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. &mdash; M. Curtius
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XIV_Titus_Manlius_Torquatus">44</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XV_Die_Tribunen_Licinius_und_Sextius">45</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XVI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Die zwei ersten Samniterkriege. &mdash; P. Decius. &mdash; Papirius
- Cursor. &mdash; Der Samniter Pontius
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XVI_Die_zwei_ersten_Samniterkriege">48</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XVII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus
- Manlius. Die beiden Decius Mus
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XVII_Der_Krieg_mit_den_Latinern">53</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XVIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Pyrrhus, König von Epirus
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XVIII_Pyrrhus_Koenig_von_Epirus">55</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XIX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Der erste punische Krieg (264&ndash;241). Gajus Duilius. M. Atilius Regulus
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XIX_Der_erste_punische_Krieg">60</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <a href="#XX_Der_zweite_punische_Krieg">Der zweite punische Krieg (219&ndash;201). Hannibal.</a>
- </td>
- <td class="vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 1. Hannibals erstes Auftreten
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Hannibals_erstes_Auftreten">63</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 2. Hannibals Zug nach Italien
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Hannibals_Zug_nach_Italien">66</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 3. Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Hannibals_Siege_am_Ticinus_und_an_der_Trebia">70</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 4. Schlacht am trasimenischen See
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Schlacht_am_trasimenischen_See">73</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 5. Hannibal gegen Fabius Cunctator
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Hannibal_gegen_Fabius_Cunctator">76</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 6. Die Schlacht bei Cannä (216)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_Schlacht_bei_Cannae">78</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 7. Hannibal und Marcellus
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Hannibal_und_Marcellus">81</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama (202)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Hannibal_und_Scipio">84</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 9. Hannibals und Scipios Ausgang
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Hannibals_und_Scipios_Ausgaenge">88</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_viii" id="Seite_viii">[S. viii]</a></span>
- <div class="right">XXI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Kriege gegen Makedonien. &mdash; Ämilius Paulus. &mdash; Scipio
- Africanus der Jüngere. &mdash; Karthagos Zerstörung
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXI_Kriege_gegen_Makedonien">91</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Die beiden Gracchen
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXII_Die_beiden_Gracchen">100</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Gajus Marius. &mdash; Jugurtha. &mdash; Cimbernkrieg
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXIII_Gajus_Marius">111</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXIV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <a href="#XXIV_Buergerkrieg_Sulla_und_Marius">Der erste Bürgerkrieg. Sulla und Marius.</a>
- </td>
- <td class="vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den Marius
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Sulla_Feldherr_des_Mithridates">119</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 2. Flucht des Marius
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Flucht_des_Marius">122</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 3. Sullas Krieg gegen Mithridates
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Sullas_Krieg_gegen_Mithridates">124</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 4. Cinna in Rom. Marius’ Rückkehr und Tod
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Cinna_in_Rom">127</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 5. Sullas Rückkehr und Proskriptionen. Sein Tod
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Sullas_Rueckkehr_und_Proskriptionen">128</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <a href="#XXV_Gnaeus_Pompejus_Magnus">Pompejus Magnus.</a>
- </td>
- <td class="vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 1. Sein erstes Auftreten
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Sein_erstes_Auftreten">131</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 2. Pompejus gegen Sertorius
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Pompejus_gegen_Sertorius">133</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 3. Pompejus besiegt die Reste des Sklavenaufstandes
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Pompejus_besiegt_die_Reste_des_Sklavenaufstandes">136</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 4. Pompejus besiegt die Seeräuber
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Pompejus_besiegt_die_Seeraeuber">139</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 5. Pompejus in Asien
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Pompejus_in_Asien">141</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXVI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Cicero
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXVI_Cicero">147</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXVII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <a href="#XXVII_Julius_Caesar">Julius Cäsar. Der zweite Bürgerkrieg.</a>
- </td>
- <td class="vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 1. Cäsar bis zum Kampfe gegen Pompejus
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Caesar_bis_zum_Kampfe_gegen_Pompejus">151</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 2. Cäsars Kampf gegen Pompejus (49&ndash;48)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Caesars_Kampf_gegen_Pompejus">157</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 3. Cäsar in Afrika. Catos Tod
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Caesar_in_Afrika">166</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 4. Cäsars fernere Taten und Tod
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Caesars_fernere_Taten_und_Tod">170</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXVIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar Octavianus
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXVIII_Der_dritte_Buergerkrieg">177</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXIX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <a href="#XXIX_Caesar_Octavianus_als_Augustus">Cäsar Octavianus als Augustus.</a>
- </td>
- <td class="vab">
- &nbsp;
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 1. Augustus’ Regierung (30 v.&nbsp;Chr.&ndash;14 n.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Augustus_Regierung">188</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="s5 vat padleft4" colspan="2">
- 2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius, Deutschlands Befreier
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Kriege_gegen_die_Deutschen">191</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXX.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Kaiser Tiberius (14&ndash;37 n.&nbsp;Chr.)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXX_Kaiser_Tiberius">199</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXI.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Die Kaiser Gajus Caligula (37&ndash;41) und Tiberius Claudius Cäsar (41&ndash;54)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXI_Der_Kaiser_Gajus_Caligula">202</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Nero (54&ndash;68)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXII_Nero">204</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXIII.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Flavius Vespasianus (69&ndash;79). Seine Söhne Titus (79&ndash;81) und
- Domitianus (81&ndash;96)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXIII_Flavius_Vespasianus">208</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXIV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft: Nerva,
- Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine (96&ndash;180)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXIV_Die_gluecklichste_Periode">213</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">XXXV.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches (180&ndash;476)
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#XXXV_Die_gluecklichste_Periode">218</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_011" name="illu_011">
- <img class="w10em padtop2" src="images/illu_011.jpg" alt="Deko: Ende des
- Inhaltsverzeichnisses" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das römische Reich (<span class="antiqua">imperium Romanum</span>), das zur Zeit der
-Geburt Christi alle Länder am Mittelmeer umfaßte und später sich
-noch weiter nach Norden und Osten ausdehnte, ist benannt nach der
-Stadt Rom (<span class="antiqua">Roma</span>), in der es seinen Ursprung und bis zum Beginn
-des Mittelalters seine Hauptstadt hatte. Wann und wie diese Stadt
-entstanden ist, weiß man nicht mit Gewißheit. Die Römer selber setzten
-die Zeit ihrer Gründung in das Jahr 754 vor Christi Geburt, und nannten
-ihren Gründer und ersten Beherrscher Rómulus.</p>
-
-<p>Ihre Lage war trefflich gewählt, sowohl zum Verkehr mit dem Binnenlande
-als mit dem Meere. Da wo die Tiber (<span class="antiqua">Tiberis</span>), der an sich nicht
-bedeutende, aber unter allen Flüssen des mittleren und unteren Italiens
-bedeutendste Fluß, seinen raschen Lauf zwischen Bergen und Hügeln
-beendet und in den flachen Küstenrand hinaustritt, an einer Stelle,
-die in alter Zeit auch Seeschiffe erreichen konnten, drei Meilen vom
-Meer, lagen die ältesten Teile der Stadt auf den Hügeln an der linken
-Flußseite. Ihr Gebiet gehörte zu der fruchtbaren teils hügeligen, teils
-ebenen Landschaft <em class="gesperrt">Látium</em>, der heutigen Campagna, über welche
-sie zuerst ihre Herrschaft ausdehnte. Diese Landschaft bewohnten die
-Latiner (<span class="antiqua">Latini</span>), ein Volksstamm, der nach Abstammung, Sprache
-und Sitten verwandt war mit den andern umwohnenden Stämmen des mittlern
-Italiens, den Umbrern, Marsern, Sabinern, Volskern, Samniten oder
-Sabellern, Oskern. Alle diese Stämme, unter denen neben dem latinischen
-der samnitische der angesehenste war, gehörten einem Volke an, das mit
-dem hellenischen oder griechischen stammverwandt war und ein Glied
-jener alten Völkerfamilie bildete, zu der die Inder, Perser, Germanen,
-Kelten und Slaven gezählt werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span></p>
-
-<p>Aber nicht alle Nachbarn Roms waren gleichen Stammes. Nordwestlich
-von Latium, zwischen dem Meer und den umbrischen Bergen, im
-heutigen Toskana, und jenseits des Apennin bis in die Ebenen des Po
-(<span class="antiqua">Padus</span>) saß das mächtige, betriebsame Volk der Etrusker oder
-Etrurier (<span class="antiqua">Tusci</span>), über dessen Sprache und Herkunft man noch
-nichts sicheres weiß.</p>
-
-<p>An den Küsten des südlichen Italiens, in den fruchtbaren Landschaften
-Campanien, Lucanien, Bruttium und Calabrien, hatten sich seit alter
-Zeit zahlreiche griechische Einwanderer angesiedelt, deren Städte zu
-solcher Blüte gelangten, daß man diesen Teil Unteritaliens als das
-„Große Griechenland“ (<span class="antiqua">Graecia magna</span>) bezeichnete.</p>
-
-<p>Der Name Italien (<span class="antiqua">Italia</span>) selbst war ursprünglich auf die kleine
-Landspitze beschränkt, welche der Insel Sicilien gegenüber liegt, und
-wurde erst allmählich auf die nördlichen Landschaften, zuletzt auch auf
-das Gebiet zwischen Apennin und Alpen ausgedehnt.</p>
-
-<p>Rom blieb in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte den Griechen
-fast unbekannt. Um die Zeit, da Athen die Welt mit dem Glanz
-seiner Macht und seiner Bildung erfüllte, wußten die griechischen
-Geschichtschreiber noch nichts von der zukünftigen Beherrscherin
-der Welt zu berichten. Und da die Römer selber erst verhältnismäßig
-spät, seit dem dritten Jahrhunderte vor Christi Geburt, anfingen sich
-eine höhere Bildung anzueignen und Schriften über ihre Geschichte zu
-verfassen, so sind die Nachrichten über die früheren Zeiten lückenhaft
-und unsicher geblieben. Insbesondere ist das meiste von dem, was
-spätere römische und griechische Geschichtschreiber über die Gründung
-der Stadt und die Jahrhunderte der Königsherrschaft zu erzählen wußten,
-teils dunkle und ungewisse Sage, teils willkürliche Erdichtung.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_013" name="illu_013">
- <img class="w10em padtop2" src="images/illu_013.jpg" alt="Deko: Ende der
- Einleitung" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Rom_unter_Koenigsherrschaft">Rom unter
-
-Königsherrschaft.</h2>
-
-<h3 class="nopad" id="I_Die_Gruendung_Roms"><span class="s4">I.</span><br />
-
-<b>Die Gründung Roms. König Romulus.</b><br />
-
-<span class="s5">(754&ndash;717 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<div class="dc">
- <a id="illu_014" name="illu_014">
- <img class="mtop-2 w5em" src="images/illu_014.jpg" alt="L" /></a>
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="hide-first2">B</span>ei der Zerstörung Trojas war <em class="gesperrt">Änēas</em>, der Sohn des Anchīses und
-der Göttin Venus, dem allgemeinen Verderben entronnen. Göttersprüchen
-vertrauend, durchsegelte er mit seinen Gefährten das weite Meer, um
-sich im fernen Westen eine neue Heimat zu suchen. Nach jahrelangen
-Irrfahrten, auf denen er wunderbare Abenteuer und Mühseligkeiten aller
-Art zu bestehen hatte, landete er endlich an der Westküste Italiens,
-südlich von der Tibermündung, in der Landschaft Latium. Hier wohnten
-die Aboriginer (d.&nbsp;h. Ureinwohner), über welche König <em class="gesperrt">Latīnus</em>
-herrschte. Die göttliche Abkunft des Äneas, sein mit Heldenmut und
-frommer Zuversicht ertragenes Geschick, die wackere Haltung seiner
-Genossen, und ihre Bitte im Lande bleiben zu dürfen, bewogen den König
-die Fremdlinge freundlich aufzunehmen und nicht lange nachher dem
-Äneas seine Tochter <em class="gesperrt">Lavinia</em> zur Gattin zu geben. Dieser baute
-eine Stadt, die er nach dem Namen seiner Gattin Lavinium nannte. Aber
-der Bund des Königs mit den Fremden hatte alsbald eine harte Probe zu
-bestehen. <em class="gesperrt">Turnus</em>, König der benachbarten Rútuler, dem Lavinia
-früher verlobt gewesen, ertrug es nicht, daß ihm der heimatlose Äneas
-vorgezogen worden, und beschloß Rache zu nehmen. Es kam zum Krieg,
-auf der einen Seite stand Turnus mit seinen Rutulern, auf der andern
-die Aboriginer und Trojaner unter Latinus und Äneas. Turnus ward
-geschlagen, aber die Trojaner und Aboriginer hatten den Verlust des
-Latinus, der im<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span> Treffen geblieben war, zu beklagen. Nun ward Äneas
-König und verband Trojaner und Aboriginer, die einander an Treue und
-Liebe zu ihrem Herrscher nichts nachgaben, zu einem einzigen Volke
-unter dem Namen <em class="gesperrt">Latiner</em>. Im Vertrauen auf die Zuneigung seines
-Volkes konnte Äneas der Erneuerung des Kampfes ruhig entgegensehen.
-Denn Turnus, an seiner eigenen Kraft verzweifelnd, hatte sich mit
-<em class="gesperrt">Mezentius</em>, dem König der damals mächtigen Etrusker, verbunden,
-und beide drohten dem neuen Staate den Untergang. Auch in diesem Kriege
-waren die Latiner siegreich; aber wiederum hatten sie den Sieg mit dem
-Verlust ihres Königs erkauft: Äneas war im Kampfe gefallen.</p>
-
-<p>Sein Volk erwies ihm göttliche Ehren; sein Sohn <em class="gesperrt">Ascánius</em> folgte
-ihm in der Herrschaft. Unter ihm kam der Friede zwischen Latinern und
-Etruskern zustande, und die Tiber bildete fortan die Grenze beider
-Völker. Die von Äneas gegründete Stadt Lavinium blühte herrlich auf und
-faßte bald die Menge ihrer Bewohner nicht mehr. Da überließ Ascanius
-Lavinium seiner Mutter und gründete am Fuße des Albanerberges eine neue
-Stadt, die er <em class="gesperrt">Alba Longa</em> nannte, wo seine Nachkommen als Könige
-über die ganze ringsum sich ausbreitende Landschaft herrschten.</p>
-
-<p>Einer dieser Könige von Alba Longa, Procas, hinterließ zwei Söhne,
-von denen der ältere <em class="gesperrt">Númitor</em>, der jüngere <em class="gesperrt">Amúlius</em> hieß.
-Numitor folgte anfangs seinem Vater in der Regierung; doch bald
-verdrängte Amulius seinen Bruder, ließ dessen Sohn töten, die Tochter
-Rhea Silvia zur Priesterin der Göttin Vesta wählen, in deren Dienst
-sie unvermählt bis zum Lebensende verbleiben sollte. Denn er besorgte,
-daß ihre Kinder einst den Verlust des Thrones an ihm rächen könnten.
-Doch Rhea Silvia gebar zwei Knaben, <em class="gesperrt">Rómulus</em> und <em class="gesperrt">Remus</em>,
-als deren Vater die Sage den Kriegsgott Mars nannte. Auf diese Kunde
-befahl Amulius die Priesterin in den Fluß Anio zu stürzen, in dessen
-Fluten sie zur Göttin ward, die Zwillinge aber in die nahe Tiber zu
-werfen. Allein damals war gerade die Tiber über ihre Ufer getreten,
-und die königlichen Diener setzten die Knaben in einer Wanne in das
-ausgetretene Wasser am Fuße des Berges Palatium. Als sich das Wasser
-verlaufen hatte, blieb die Wanne auf dem Trockenen stehen. Da kam,
-durch das Gewimmer der Kinder herbeigelockt, eine Wölfin, die sich
-ihrer erbarmte und sie säugte,<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span> während ein Specht, des Mars heiliger
-Vogel, ihnen Speise zutrug. Dieses seltsame Schauspiel gewahrte
-Faústulus, ein Hirt der königlichen Herden, er sah darin eine göttliche
-Fügung, nahm die Kleinen und brachte sie seiner Frau, Acca Larentia,
-um sie zu ernähren und aufzuziehen. Er forschte ihrer Herkunft nach,
-erkannte, daß sie die Enkel des Numitor seien, schwieg aber aus Furcht
-vor der Rache des Königs.</p>
-
-<p>So wuchsen Romulus und Remus unter den Hirten am Ufer der Tiber zu
-rüstigen Jünglingen heran, und übten gemeinsam mit den Hirtensöhnen
-ihre Kraft in der Jagd auf wilde Tiere, bald auch in Angriffen auf die
-in der Nachbarschaft hausenden Räuber, denen sie ihre Beute entrissen.
-Darüber aufgebracht, stellten die Räuber den Brüder nach, und eines
-Tages, als die Hirten sich den Freuden eines Festes hingaben, gelang
-es ihnen beide zu überfallen. Romulus schlug sich durch; den Remus
-führten sie gefangen zum König, unter der Anklage, daß er mit seinem
-Bruder die Herden des Numitor beraubt habe. Der König übergab deshalb
-den Gefangenen seinem Bruder, dem Numitor, den er einst vom Thron
-gestoßen hatte, zur Bestrafung. Diese Gelegenheit benutzte Faustulus,
-um das über der Herkunft der beiden Jünglinge ruhende Geheimnis ihrem
-Großvater zu offenbaren.</p>
-
-<p>Als Numitor seine Enkel anerkannt hatte, faßten diese den Entschluß,
-an Amulius Rache zu nehmen. Sie drangen auf verschiedenen Wegen in die
-Stadt Alba Longa, griffen die Königsburg an, erschlugen den Amulius,
-und setzten ihren Großvater wieder als König ein.</p>
-
-<p>Nun beschlossen beide Brüder auf dem Palatium, dem Orte, wo sie
-ausgesetzt und erzogen worden waren, eine neue Stadt zu gründen.
-Zahlreiche Jünglinge aus Alba Longa und anderen latinischen Städten,
-auch ihre Gespielen unter den Hirten sammelten sich unter ihrer
-Führung. Aber schon bevor die Stadt erbaut war, erhob sich über ihre
-Benennung und Beherrschung zwischen beiden Brüdern ein heftiger Streit,
-dessen Entscheidung sie den Göttern anheimstellten. Aus dem Fluge der
-Vögel suchten sie, nach landesüblichem Brauche, den Willen der Götter
-zu erkennen. Zu diesem Zwecke begab sich Romulus auf den palatinischen,
-Remus auf den nahe gelegenen aventinischen Berg. Zuerst erschienen dem
-Remus sechs Geier. Allein kaum hatte er dieses Zeichen dem Romulus
-gemeldet, als diesem zwölf Geier erschienen und zugleich Blitz und<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span>
-Donner folgten. Da entstand ein neuer Streit, weil jeder sein Zeichen
-für das bessere hielt; Remus, weil er zuerst sechs Geier gesehen hatte,
-Romulus, weil ihm die doppelte Anzahl erschienen war. Von Worten kam
-es zum Kampf, und Remus fiel im Getümmel. Eine andere Sage berichtet,
-Remus sei, um seinen Bruder zu verhöhnen, über die noch niedrigen
-Mauern der neuen Stadt gesprungen, und deshalb habe ihn Romulus mit den
-Worten erschlagen: „So geschehe jedem, der über meine Mauern springt!“</p>
-
-<p>Als Jahr der Gründung Roms galt bei den späteren Römern das Jahr 754
-vor Christi Geburt, und der 21. April, an dem das Hirtenfest der
-Palilien gefeiert wurde, als der Stiftungstag.</p>
-
-<p class="mtop2">Um die Bevölkerung der neuen Stadt zu vermehren, eröffnete Romulus eine
-Freistätte (Asyl) für heimatlose Leute jeder Art, und nun strömten
-zahlreiche Haufen von Verbannten, Verbrecher und Schuldlose, Freie
-und Knechte, nach Rom. Aus der ganzen Bevölkerung wählte der König
-die hundert Ältesten und Angesehensten und bildete aus ihnen einen
-Senat (<span class="antiqua">senatus</span>, „Rat der Alten“), um mit ihm die gemeinsamen
-Angelegenheiten zu beraten und zu leiten. Auch sorgte er für die
-notwendigsten Gesetze und für Einrichtung des Götterdienstes.</p>
-
-<p>Aber noch fehlte es der neuen Stadtgemeinde an Frauen. Um diese zu
-erhalten, schickte Romulus an die benachbarten Gemeinden Gesandte und
-ließ sie bitten mit seinem Volke eheliche Verbindungen einzugehen.
-Allein die Gesandten wurden überall mit Hohn abgewiesen und gefragt,
-warum zu Rom nicht auch eine Freistätte für heimatlose Frauen eröffnet
-würde. Diese Zurückweisung kränkte den Romulus; er beschloß durch
-List und Gewalt zu rauben, was man seinen Bitten abgeschlagen hatte.
-Er ließ ein Fest mit Kampfspielen zu Ehren des Meergottes Neptūnus
-veranstalten und alle Nachbarn dazu einladen. Und sie kamen, von der
-Schaulust getrieben, in großen Haufen mit ihren Weibern und Kindern,
-besonders zahlreich die Sabiner aus den benachbarten Tälern und Bergen
-des Apennin. Aber mitten unter den Spielen fielen die römischen
-Jünglinge mit bloßen Schwertern über die Fremden her, und während diese
-überrascht und erschrocken von dannen eilten, griff sich ein jeder der
-Römer eines der<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> Mädchen und trug es als sein zukünftiges Weib nach
-seinem Hause.</p>
-
-<p>Die verwegene Tat brachte alle Städte, die davon betroffen waren,
-unter die Waffen gegen die Räuber. Sie verbanden sich zu gemeinsamer
-Rache. Aber noch ehe die Sabiner völlig gerüstet waren, begannen die
-übrigen vereinzelt den Krieg, und Romulus schlug sie nach einander mit
-überlegener Macht.</p>
-
-<p>Viel schwerer war der Kampf mit <em class="gesperrt">Titus Tatius</em>, dem König der
-Sabiner. Dieser fiel nicht nur mit einem Heere von 25000 Mann zu Fuß
-und 1000 Mann zu Pferde in das römische Gebiet ein, sondern bemächtigte
-sich auch der auf dem Kapitolium gelegenen Burg durch folgende
-List. <em class="gesperrt">Tarpeja</em>, die Tochter des Befehlshabers der Burg, war
-ausgegangen, um Wasser zu holen, und den Feinden in die Hände gefallen.
-Sie versprach ihnen die Burg zu öffnen, wenn ihr die Sabiner das gäben,
-was sie am linken Arm trügen. Sie meinte damit die goldenen Armbänder
-und Spangen. Nun trugen aber die Sabiner nicht nur diese, sondern auch
-ihre Schilde am linken Arm. Als daher Tarpeja den Feinden die Tore
-geöffnet hatte, sollen diese, um Betrug durch Betrug zu bestrafen, ihre
-Schilde über die Verräterin geworfen und sie so getötet haben. Von
-dieser Tarpeja ward in der Folge der steilste Teil des kapitolinischen
-Hügels der tarpejische Fels genannt, und noch heutzutage herrscht zu
-Rom der Volksglaube, die schöne Tarpeja hause tief im Berge verzaubert,
-mit Gold und Geschmeide bedeckt.</p>
-
-<p>Am Tage nach der Besetzung des Kapitoliums rückten die Römer heran,
-die verlorene Burg wieder zu erobern; auch die Sabiner stiegen herab,
-und der Kampf begann. Nach heftigem Widerstand wichen endlich die
-Römer, und Romulus selbst ward von den Fliehenden fortgerissen.
-Da erhob er seine Hände gen Himmel und gelobte dem Jupiter, wenn
-er die Flucht der Seinigen hemme (<span class="antiqua">Jupiter Stator</span>), einen
-Tempel. Sofort standen die Römer und erneuerten das Treffen; der
-Sieg wandte sich auf ihre Seite. Da kamen die geraubten Sabinerinnen
-mit fliegenden Haaren und zerrissenen Kleidern herbei, stellten
-sich zwischen ihre Männer und Väter und machten durch ihre Tränen
-und Bitten dem Krieg ein Ende. Es kam zwischen beiden Völkern nicht
-nur zum Frieden, sondern auch zu einer festen Verbindung. Fortan
-sollten<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> Römer und Sabiner zu <em class="gesperrt">einem</em> Volke vereinigt sein,
-hundert Sabiner in den Senat aufgenommen werden und beide Könige
-gemeinschaftlich regieren. Die Bürger der so vereinigten Gemeinde
-hießen nun Quiriten (<span class="antiqua">Quirītes</span>). Sie bildeten nach ihrer Abkunft
-zwei Stämme (<span class="antiqua">tribus</span>), die römischen Ramnes und die sabinischen
-Tities, zu denen später ein dritter Stamm kam, die Lúceres, welcher
-die Bürger anderer Herkunft enthielt. Jeder der drei Stämme teilte
-sich in zehn Curien, jede Curie in zehn Decurien, und jede Decurie
-enthielt eine Anzahl Familien (<span class="antiqua">gentes</span>). Jede der dreihundert
-Decurien stellte einen „Vater“ (<span class="antiqua">pater</span>) in den Senat und einen
-Reiter (<span class="antiqua">eques</span>). Väter und Reiter (Ritter) bildeten die beiden
-vornehmsten Klassen der Bürgerschaft.</p>
-
-<p class="mtop2">Doch bald war Romulus wieder Alleinherrscher, da Tatius bei einem
-Aufstand in Lavinium erschlagen ward. Nach dessen Tode hatte
-der kriegerische Romulus noch manchen Kampf mit den Nachbarn zu
-bestehen. In allen blieb er siegreich, und seine Stadt nahm stetig
-zu an Landbesitz und Kriegsmacht. Sein Ende hat die Sage wunderbar
-ausgeschmückt. Als er eines Tages Heerschau über das Volk hielt, da
-erhob sich plötzlich ein Sturm mit Donner und Blitz, eine schwarze
-Wetterwolke umhüllte den König und entzog dem Volke seinen Anblick,
-und fortan war Romulus auf Erden nicht mehr sichtbar. Der Kriegsgott
-selber, so hieß es, hatte den ruhmgekrönten Sohn auf feurigem Wagen
-gen Himmel gehoben. Dem Volke wußte nachher einer der Senatoren zu
-erzählen, wie ihm Romulus in göttlicher Gestalt erschienen sei und zu
-ihm, der anbetend dagestanden und nicht gewagt die Augen zu ihm zu
-erheben, gesagt habe: „Künde den Römern, daß ich unter die Himmlischen
-aufgenommen bin und fortan nicht mehr Romulus, sondern <em class="gesperrt">Quirīnus</em>
-heiße. Die Götter wollen, daß meine Roma dereinst die Hauptstadt der
-Welt werde. Darum sollen die Römer den Krieg üben und gewiß sein, daß
-keine menschliche Macht ihren Waffen widerstehen kann.“ Mit diesen
-Worten habe er sich wieder zum Himmel erhoben.</p>
-
-<p>Eine andere Nachricht erzählt, daß Romulus von den Senatoren, denen
-seine Herrschaft verhaßt gewesen, durch heimlichen Mord beiseite
-geschafft worden sei.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<h3 id="II_Koenig_Numa_Pompilius"><span class="s4">II.</span><br />
-
-<b>König Numa Pompilius.</b><br />
-
-<span class="s5">(716&ndash;673 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>Nach des Romulus Tode dauerte es ein volles Jahr, bis die Wahl eines
-Königs zustande kam. Die Leitung des Staates führte inzwischen in
-wechselnder Folge je einer der Senatoren. Die Wahl fiel endlich auf
-einen Mann sabinischen Stammes, aus der sabinischen Stadt Cures, den
-Eidam des Königs Tatius, <em class="gesperrt">Numa Pompilius</em>, der in dem Ruf großer
-Weisheit und Gerechtigkeit, friedliebenden Sinnes und tiefer Einsicht
-in alle göttlichen und menschlichen Dinge stand.</p>
-
-<p>Wie Romulus den jungen Staat mit Waffengewalt gegründet und befestigt
-hatte, so gedachte Numa ihn auf der festen Grundlage göttlichen und
-menschlichen Rechtes gleichsam neu zu gründen.</p>
-
-<p>Nachdem er zuvörderst mit allen Nachbaren Frieden und Freundschaft
-hergestellt, war seine vorzüglichste Sorgfalt darauf gerichtet, die
-durch steten Krieg verwilderten Sitten der Römer zu mildern und ihren
-kriegerischen Sinn zu besänftigen. Das beste Mittel, um dies zu
-erreichen, sah er in einer neuen Ordnung des Götterdienstes. Dabei
-bediente er sich geschickt des verbreiteten Gerüchtes, daß er sich
-der besonderen Gunst einer vor den Toren der Stadt in einer Grotte
-hausenden weisen Nymphe, der <em class="gesperrt">Egéria</em>, erfreue, die ihm bei allen
-seinen Einrichtungen ratend zur Seite stände. Als Aufseher und Leiter
-des ganzen Götterdienstes bestellte er das Kollegium der Priester
-(<span class="antiqua">pontífices</span>), an deren Spitze der König selbst als Oberpriester
-(<span class="antiqua">póntifex máximus</span>) stand. Den Vogelschauern (<span class="antiqua">aúgures</span>)
-erteilte er das Amt, aus dem Fluge der Vögel, aus Donner und Blitz und
-dem Fressen der heiligen Hühner die Zukunft und den Willen der Götter
-zu erforschen. Die Eingeweideschauer (<span class="antiqua">harúspices</span>) untersuchten
-die Eingeweide der Opfertiere und deuteten daraus auf Glück oder
-Unglück. Die Zahl der Vestalinnen, der heiligen Jungfrauen, denen die
-Sorge für das Herdfeuer im Tempel der Vesta oblag, vermehrte er auf
-vier. Dem Janus, einem Gotte, der mit doppeltem, nach entgegengesetzten
-Seiten gewandtem Gesicht und einem Schlüssel in der Hand dargestellt
-wurde, baute er einen Tempel, der in Kriegszeiten offen stehen, im
-Frieden aber geschlossen sein sollte. Unter Numa selbst, dessen
-43jährige<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> Regierung in ungestörtem Frieden verlief, blieb er stets
-geschlossen. Nach Numa ist dies während der ganzen Dauer der römischen
-Republik nur zweimal wieder der Fall gewesen, das eine Mal nach
-Beendigung des ersten punischen Krieges, und dann wieder im Anfang
-der Regierung Augustus, des ersten Kaisers. Auch für das bürgerliche
-Leben traf Numa zweckmäßige Einrichtungen, wie er denn das Jahr, das
-bis dahin nur zehn Monate hatte, in zwölf Mondmonate einteilte und es
-durch Einführung von Schalttagen mit dem Sonnenlaufe in Übereinstimmung
-brachte.</p>
-
-<p>Hochgeehrt und geliebt nicht nur von seinem eigenen, sondern auch von
-den umwohnenden Völkern, starb der fromme König im 84. Lebensjahre.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="III_Koenig_Tullus_Hostilius"><span class="s4">III.</span><br />
-
-<b>König Tullus Hostilius.</b><br />
-
-<span class="s5">(673&ndash;641 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>Kurze Zeit nach seinem Tode wählte das Volk wieder einen König aus
-römischem Stamme, den kriegerischen <em class="gesperrt">Tullus Hostilius</em>. Unter
-seiner Regierung ward Alba Longa, Roms Mutterstadt, zerstört. Die
-Veranlassung zu diesem Kriege war folgende.</p>
-
-<p>Albanische Hirten hatten im römischen, römische im albanischen Gebiete
-Raub begangen. Von beiden Seiten wurden Gesandte abgeordnet, um
-Genugtuung zu fordern. Aber mit dieser Forderung kamen die römischen
-Gesandten den albanischen zuvor, sodaß, da die Albaner die Genugtuung
-verweigerten, die Schuld des Krieges ihnen zur Last fiel. Beide
-Teile rüsteten sich dazu mit aller Macht. Als die Heere einander in
-Schlachtordnung gegenüber standen, machte <em class="gesperrt">Mettius Fuffétius</em>,
-der Führer der Albaner, dem römischen König den Vorschlag, den Krieg
-durch einen Kampf Weniger entscheiden zu lassen. Beide Teile stimmten
-zu. Nun traf es sich, daß in jedem Heere Drillingsbrüder standen, drei
-<em class="gesperrt">Horatier</em> im römischen, drei <em class="gesperrt">Curiatier</em> im albanischen.
-Diese wurden für den entscheidenden Kampf bestimmt und waren dazu
-freudig bereit. Zuvor aber ward ein feierlicher Vertrag abgeschlossen,
-daß dasjenige Volk, dessen Vorkämpfer siegen würden, über das andere
-herrschen sollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>Zwischen beiden Heeren wurde eine Ebene zum Kampfplatz bestimmt, und
-mit Blumen bekränzt und unter lautem Zuruf der Ihrigen gingen die
-jungen Vorkämpfer mit dem Schwerte in der Faust aufeinander los. Nicht
-die eigene Gefahr, nur das Schicksal ihres Vaterlandes schwebte ihnen
-vor Augen. Bei beiden Heeren herrschte bange Furcht und allgemeine
-Stille. Kaum aber waren sie handgemein, kaum hatten die Bewegungen
-mit den Schilden und Schwertern und das aus den Wunden strömende Blut
-die Augen der Zuschauer auf sich gezogen, als schon zwei Römer, einer
-über den andern, tot zur Erde stürzten. Bei ihrem Fall erhob das
-albanische Heer ein Freudengeschrei, während die römische Legion, fast
-hoffnungslos, das Schicksal ihres einzigen noch übrigen Kämpfers mit
-steigender Angst erwartete. Zum Glück war dieser noch unverwundet,
-und also zwar den Gegnern, obwohl sie alle drei verwundet waren, wenn
-sie vereinigt blieben, nicht gewachsen, aber noch siegesmutig genug,
-um es mit jedem besonders aufzunehmen. Um sie also zu trennen, nahm
-er die Flucht, indem er voraussah, daß ihm jeder nur so geschwind
-folgen würde, als es seine Wunden gestatteten. Schon hatte er sich
-etwas aus den Grenzen des Kampfplatzes entfernt, als er sich umwandte
-und seine Gegner in weiten Zwischenräumen ihm nacheilen sah. Einen
-aber erblickte er nicht weit hinter sich und ging sofort auf ihn los.
-Bald hatte er ihn erlegt und drang auf den zweiten ein. Da erhoben
-die Römer ein Freudengeschrei, um ihren Vorkämpfer zu ermuntern, der
-denn auch den zweiten Curiatier zu Boden streckte, noch ehe ihm der
-dritte zu Hilfe kommen konnte. Nun waren die Parteien zwar noch an
-Zahl, aber nicht mehr an Hoffnung und Kräften gleich: der eine noch
-unverwundet, zwiefach Sieger, eilte voll Mut in den dritten Kampf, der
-andere aber, der seinen von Wunden und vom Lauf ermatteten Körper kaum
-fortschleppte, sah sich seinem Feinde als ein gewisses Schlachtopfer
-preisgegeben. Frohlockend rief der Römer: „Zwei habe ich dem Schatten
-meiner Brüder geopfert, den dritten weihe ich dem Preis dieses Kampfes,
-auf das Rom über Alba herrsche!“ Sprachs und stieß seinem Feinde, der
-kaum noch den Schild halten konnte, das Schwert in die Kehle, streckte
-ihn zu Boden und nahm ihm seine Rüstung. So wurde durch diesen Kampf
-Alba Longa der Herrschaft der Römer unterworfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>Horatius kehrte an der Spitze des Heeres, mit den Rüstungen der
-erschlagenen Feinde als Beute und Zeichen seines Sieges, nach Rom
-zurück. Am Capenischen Tor begegnete ihm seine Schwester, die mit
-einem der Curiatier verlobt gewesen war. Als sie unter der Beute ihres
-Bruders auch das Gewand erblickte, das sie für ihren Bräutigam gewebt
-hatte, brach sie in laute Klagen und Verwünschungen gegen ihren Bruder
-aus. Darüber geriet Horatius in solche Wut, daß er die eigne Schwester
-niederstach. Wegen dieser blutigen Tat wurde er vor Gericht geladen und
-von den Richtern zum Tode verurteilt. Nur die Bitten, mit denen sich
-sein Vater an das Volk wandte, retteten den Schuldigen, und der König
-bestrafte ihn bloß dadurch, daß er ihn unter dem Schandjoch hergehen
-ließ.</p>
-
-<p>Die Albaner aber unter Mettius Fuffetius ertrugen die Abhängigkeit von
-Rom mit Unwillen. Um ihre Selbständigkeit wieder zu gewinnen, suchten
-sie den König Tullus in einen Krieg zu verwickeln und reizten die
-Stadt Fidénä zum Abfall von Rom. Den Fidenaten leistete die etrurische
-Stadt Veji offene Hilfe, die Albaner aber versprachen heimlich, sie
-würden während der Schlacht zu ihnen übergehen. Als Tullus gegen die
-Fidenaten zu Felde zog, entbot er auch die Albaner zum Heerbann. Das
-römische Heer stellte er den Vejentern, das albanische den Fidenaten
-gegenüber. Aber Mettius Fuffetius zeigte sich im Kampfe untätig und
-schwankend, indem er zu denen überzugehen gedachte, auf deren Seite
-sich der Sieg neigen würde. So sahen denn die Albaner ruhig zu, wie
-die Römer allein, unter unaufhörlichem Gefecht, erst die Fidenaten,
-dann die Vejenter schlugen und einen vollständigen Sieg errangen. Als
-Fuffetius dem siegreichen Tullus Glück wünschte, empfing ihn der König
-scheinbar mit Güte und stellte sich, als habe er dessen treuloses
-Spiel nicht bemerkt, bestellte aber beide Heere auf den folgenden Tag
-zu einer Versammlung. Zuerst erschienen unbewaffnet die Albaner; das
-römische Heer stellte sich bewaffnet ringsum. Darauf enthüllte Tullus
-in einer an beide Heere gerichteten Rede den Verrat des Fuffetius und
-verkündigte seine und seines Volkes Strafe. Fuffetius selbst ward auf
-zwei Wagen festgebunden, deren Gespanne, nach verschiedenen Richtungen
-getrieben, seinen Körper in zwei Stücke zerrissen. Die Stadt aber der
-Albaner wurde zerstört, ihre Bewohner mußten nach Rom ziehen, wo ihnen
-der cölische<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> Hügel (<span class="antiqua">mons coelius</span>), nahe dem palatinischen
-südwärts gelegen, zu Wohnstätten angewiesen wurde.</p>
-
-<p>Auch in einem Kriege gegen die Sabiner focht Tullus glücklich; aber
-das Ende seiner Regierung ward durch manche unheilverkündende Zeichen
-und Unfälle getrübt. Auf dem Albanerberge regnete es Steine, und aus
-dem dortigen Hain erscholl eine Stimme, die über die Vernachlässigung
-des Gottesdienstes klagte. Eine Seuche brach aus, an der Tullus selbst
-erkrankte. Voll Mißmut ergab er sich allen Arten von Aberglauben. Einst
-fand er in den Büchern des Numa einen Zauberspruch, mit dem man den
-Jupiter vom Himmel herabzubannen glaubte. Aber der König beging in der
-Anwendung des Spruches einen Fehler; der empörte Gott fuhr in einem
-Wetterstrahl herab, der den König samt seinem Hause verbrannte.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="IV_Koenig_Ancus_Marcius"><span class="s4">IV.</span><br />
-
-<b>König Ancus Marcius.</b><br />
-
-<span class="s5">(641&ndash;617 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>Der vierte König der Römer war <em class="gesperrt">Ancus Marcius</em>, ein Tochtersohn
-des Numa Pompilius. Wie sein Großvater im Innern, so war er darauf
-bedacht nach außen, in den Verhältnissen zu den meist feindlichen
-Nachbarvölkern, eine feste, auf Recht und Gerechtigkeit gegründete
-Ordnung herzustellen. Kein Krieg wurde erklärt und begonnen, ohne zuvor
-dem Feinde Gelegenheit und Frist zu friedlichem Austrage des Streites
-zu geben, kein Friede geschlossen ohne Beobachtung bestimmter heiliger
-Gebräuche. Für beides hatten die sogenannten Fetialen zu sorgen,
-angesehene Männer, welche mit dem Rechte des Krieges und Friedens wohl
-vertraut waren. Auch auf die innere Wohlfahrt verwandte dieser König
-eifrige Sorge. Er legte die Hafenstadt <em class="gesperrt">Ostia</em> an der Mündung
-der Tiber an, baute eine Pfahlbrücke über diesen Fluß zum Janiculum
-hinüber, und siedelte auf dem Aventinus die <em class="gesperrt">Plebejer</em> (die
-Plebs) an, die aus der Menge der zugewanderten oder aus den besiegten
-Ortschaften verpflanzten Bewohner bestanden und den altbürgerlichen
-Geschlechtern, den <em class="gesperrt">Patriziern</em>, gegenübertraten, aber keinen
-Anteil an der Verwaltung des Staates besaßen. Somit waren schon fünf
-Hügel bebaut, der<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> <em class="gesperrt">palatinische</em> von den ersten Ansiedlern,
-der <em class="gesperrt">quirinalische</em> von den Sabinern, der <em class="gesperrt">coelische</em> von
-den Albanern, der <em class="gesperrt">aventinische</em> von den Plebejern, während das
-Capitolium, zwischen dem Palatinus und Quirinalis, als Burg der Stadt
-und Stätte der Haupttempel, nicht bewohnt werden durfte.</p>
-
-<p>Unter der Regierung des Ancus Marcius kam ein gewisser Lúcumo nach Rom.
-Er war der Sohn des Korinthiers Damarātus, der, aus seiner Vaterstadt
-vertrieben, sich nach Tarquinii, einer Stadt in Etrurien, begeben und
-daselbst durch seine Reichtümer Ansehen erlangt hatte. Von Jugend
-auf durch das Glück begünstigt, hatte Lúcumo, der einzige Erbe aller
-Reichtümer seines Vaters, die Tochter eines vornehmen Bürgers seiner
-neuen Heimat, die Tanaquil geheiratet, die, wie viele ihres Volkes,
-der Weissagung kundig war. Indessen konnte er doch als Ausländer
-in Tarquinii zu keinen hohen Ehrenstellen gelangen. Dies schmerzte
-die stolze Tanaquil so sehr, daß sie ihren Gemahl bat die Stadt zu
-verlassen und nach Rom zu ziehen. Lucumo, selbst von Ehrgeiz und
-Ruhmsucht gespornt, willfahrte ihr, und so machten sich beide auf die
-Reise nach Rom.</p>
-
-<p>Als sie nicht mehr weit von dieser Stadt entfernt waren, fuhr ein
-Adler herab, nahm dem Lucumo den Hut vom Haupte, erhob sich in die
-Lüfte und setzte ihn ihm bald nachher wieder auf. Tanaquil sah in
-diesem Ereignis eine glückliche Vorbedeutung und erfüllte ihren Gemahl
-mit der Hoffnung, daß ihm in Rom die Herrschaft zufallen würde. Und
-diese Hoffnung täuschte sie nicht. Denn Lucumo, der in Rom den Namen
-<em class="gesperrt">Lucius Tarquinius</em> angenommen hatte, erwarb sich bald durch
-Leutseligkeit und Freigebigkeit die Liebe und Achtung seiner neuen
-Mitbürger. Die Kunde von ihm gelangte auch an den Hof. Der König Ancus
-Marcius gewann den reichen Etrusker lieb und bediente sich seines Rates
-und Beistandes in allen Angelegenheiten; ja er bestellte ihn sogar vor
-seinem Tode zum Vormund seiner Kinder. Als aber Ancus starb, sandte
-Tarquinius dessen beide Söhne zur Zeit, als die Wahl des neuen Königs
-vollzogen werden sollte, auf die Jagd; er selbst bat in der Versammlung
-das Volk, das er an die vielen von ihm erhaltenen Wohltaten erinnerte,
-um die Königswürde. Das Volk willfahrte seiner Bitte, und Tarquinius
-ward König. Er erhielt später, zum Unterschied von seinem gleichnamigen
-Nachfolger, den Beinamen <em class="gesperrt">Priscus</em> (der Alte).</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<h3 id="V_Tarquinius_Priscus"><span class="s4">V.</span><br />
-
-<b>Tarquinius Priscus.</b><br />
-
-<span class="s5">(617&ndash;578 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>Um sich zum Kriege gegen die Sabiner zu rüsten, wollte Tarquinius den
-bisherigen drei Abteilungen (Centurien) der Reiter noch drei neue
-Centurien mit neuen Namen hinzufügen. Aber einer der Augurn, <em class="gesperrt">Attus
-Navius</em>, erklärte, dies könne nicht eher geschehen, als bis die
-Augurn mit ihrer Kunst den Willen der Götter erforscht hätten, denn
-jede Einrichtung des Staates, welche unter Befragung der Vogelzeichen
-(Auspicien) getroffen sei, dürfte nicht ohne neue Befragung geändert
-werden. Dieser Ausspruch des Augurn verdroß den eigenmächtigen
-Sinn des Königs, und er beschloß seine Sehergabe auf eine Probe zu
-stellen. Spöttisch fragte er ihn: „Kann das geschehen, was ich in
-diesem Augenblicke denke?“ „Gewiß“, antwortete der Augur, nachdem er
-darüber die Auspicien befragt hatte. „Wohlan“, rief der König, „so
-zerschneide mir diesen Kiesel mit einem Schermesser.“ Und ohne Zögern
-&mdash; so berichtet die Sage &mdash; vollbrachte der Augur das Wunder, und
-der König sah sich genötigt von seinem Vorhaben abzustehen. Indessen
-verdoppelte er doch die Anzahl der vorhandenen Reiter, obgleich er
-keine neuen Centurien bildete, sondern die alten Namen beibehielt.
-Dieser Vorfall erhob das Ansehen der Augurn außerordentlich, und noch
-in späteren Zeiten sah man zu Rom die Bildsäule des Attus, unter
-welcher der zerschnittene Stein vergraben liegen sollte. &mdash; Auch den
-Senat vermehrte der König auf 300 Mitglieder.</p>
-
-<p>Die reiche Beute aus seinen glücklichen Kriegen gegen die Sabiner und
-Latiner, sowie die Einnahmen aus dem ihnen entrissenen Landbesitz
-verwandte der König auf großartige Bauten. Durch mächtige unterirdische
-Kanäle (Kloaken), von denen der größte noch heute benutzt wird, ließ er
-die sumpfigen Niederungen zwischen den Hügeln trocken legen und eine
-derselben, zwischen Palatin und Capitol, zum Markt- und Gerichtsplatz
-(<span class="antiqua">forum</span>) einrichten. In einer anderen, auf der westlichen Seite
-des Palatin bis zum Aventin, legte er den <em class="gesperrt">Circus Maximus</em> an,
-einen weiten, ovalen, rings von Bühnen für die Zuschauer umgebenen
-Platz für Wagen- und Pferderennen und Gladiatorenkämpfe. Die Stadt
-schloß er mit einer Mauer<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> von Backsteinen ein und begann den Bau des
-Tempels des capitolinischen Jupiter.</p>
-
-<p>Aber ein blutiges Ende beschloß seine Regierung. Die Söhne des
-früheren Königs konnten es nicht vergessen, daß er sie durch List um
-ihr väterliches Erbe gebracht hatte. Ja, sie mußten sogar fürchten,
-daß der Schwiegersohn des Königs, <em class="gesperrt">Servius Tullius</em>, nach ihm
-zur Regierung gelangen würde. Sie machten deshalb den Anschlag, den
-König zu töten und sich des Thrones zu bemächtigen. Sie stifteten zwei
-Hirten zum Meuchelmorde an. Diese gingen mit Äxten, die sie zu tragen
-gewohnt waren, in den königlichen Palast, fingen daselbst Streit an und
-verlangten, daß der König ihn schlichten sollte. Tarquinius ließ sie
-vor sich kommen, um ihre Sache zu hören. Anfangs suchten beide durch
-ihr Geschrei den König zu verwirren, doch Tarquinius befahl, daß einer
-nach dem anderen reden sollte. Als sich nun der König, ohne etwas Arges
-zu ahnen, aufmerksam zu dem einen hinwandte, versetzte ihm der andere
-mit der Axt einen tödlichen Schlag, daß er entseelt zu Boden sank.</p>
-
-<p>Allein die Söhne des Ancus erreichten ihre Absicht nur halb. Sobald
-nämlich der König getötet worden war, ließ Tanaquil, die Königin, die
-königliche Burg verschließen und forderte den Servius Tullius auf
-sich der Herrschaft zu versichern. Darauf öffnete sie das Fenster
-und kündete selber dem Volke, das sich auf die Nachricht von dem
-Mordanfall vor dem Palaste versammelt hatte, Tarquinius lebe noch und
-befehle dem Volke, inzwischen seinem Eidam zu gehorchen. Darauf trat
-dieser in königlicher Kleidung und von Amtsdienern (Lictoren) umgeben
-hervor, um, wie er vorgab, die Stelle des noch lebenden Königs zu
-vertreten. Als nach einigen Tagen der Tod des Königs bekannt wurde,
-fiel es dem Servius nicht schwer den Thron zu behaupten, den er zwar
-mit Bewilligung des Senats, aber nicht mit Beistimmung des Volkes in
-Besitz nahm. Die Söhne aber des Ancus waren bereits von den ergriffenen
-Mördern als Anstifter der Tat verraten und, mutlos geworden, aus der
-Stadt entflohen und fanden in der Fremde ein ruhmloses Ende.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<h3 id="VI_Koenig_Servius_Tullius"><span class="s4">VI.</span><br />
-
-<b>König Servius Tullius.</b><br />
-
-<span class="s5">(578&ndash;534 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>Der neue König war von unfreier Herkunft. Unter der Regierung des
-Tarquinius Priscus, so wird erzählt, eroberten die Römer die sabinische
-Stadt Corniculum. Hierbei ward Tullus, einer der angesehensten Bürger
-der Stadt, getötet, und seine Frau als Gefangene nach Rom abgeführt. Im
-Hause des Königs gebar sie einen Knaben, der wegen der Knechtschaft,
-in welche seine Mutter geraten war, <em class="gesperrt">Servius</em> (von <span class="antiqua">servus</span>
-„Knecht“), nach seinem Vater aber <em class="gesperrt">Tullius</em> genannt wurde und
-unter dem Gesinde der Königin aufwuchs. Da geschah es, daß in einer
-Nacht, während das Kind schlief, plötzlich ein heller Flammenschein
-sein Haupt umloderte. Tanaquil, die solche Dinge zu deuten verstand,
-verbot den Dienern das Feuer zu löschen, und es verschwand von selbst,
-als der Knabe erwachte. Von dieser Zeit an glaubten der König und die
-Königin, der junge Servius sei zu hohen Dingen berufen, und nahmen ihn
-an Kindes Statt an. Er ward in allen edlen Künsten unterrichtet, und
-da sich seine Gaben vortrefflich entwickelten, gab ihm der König seine
-eigene Tochter zur Ehe. Wie er nach dem Tode des Tarquinius Priscus
-selbst König wurde, ist bereits erzählt worden.</p>
-
-<p>Unter seiner Regierung erhielt die Stadt ihre letzte Erweiterung und
-einen neuen Mauerring. Er zog die zwei letzten der sieben Hügel, von
-denen Rom die „Siebenhügelstadt“ genannt wird, den Esquilinus und den
-Viminalis, die auf der Ostseite der Stadt lagen, in ihren Umkreis, und
-umgab das Ganze mit einer Mauer aus mächtigen Quadersteinen, wovon noch
-heute einzelne Reste das Staunen der Beschauer erregen.</p>
-
-<p>Nach außen wußte er durch kluge und friedliche Verhandlungen mit den
-anderen noch selbständigen latinischen Städten für Rom die erste Stelle
-in ihrem Bunde zu gewinnen, und sie zu bewegen auf dem Aventin einen
-gemeinsamen Tempel der Göttin Diana zu erbauen. Ja, durch eine List
-des Priesters dieses Tempels gelang es, wie eine Sage ging, auch den
-Anspruch auf die Oberherrschaft über ganz Latium für Rom zu gewinnen.
-Ein Sabiner nämlich trieb einst ein Rind von ungewöhnlicher Größe und
-Schönheit nach Rom, um es<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> daselbst im Tempel der Diana zu opfern,
-in der festen Überzeugung, daß er dadurch, nach dem Ausspruch der
-Seher, seiner Vaterstadt die Obergewalt verschaffen würde. Denn die
-Augurn hatten gesagt, daß dasjenige Volk die Oberherrschaft erhalten
-sollte, dessen Bürger jenes Rind der Diana opfern würden. Allein dieser
-Ausspruch war auch zu den Ohren jenes römischen Priesters gekommen, und
-dieser suchte sich des Opfers zu bemächtigen. Er befahl dem Sabiner
-sich vor dem Opfer in fließendem Wasser zu baden, aber während der
-Sabiner dies tat, opferte der Priester selber das Rind.</p>
-
-<p>Die größte Tätigkeit wandte Servius den inneren Angelegenheiten zu. Er
-ordnete eine allgemeine Schatzung (<span class="antiqua">Census</span>) und Musterung des
-Volkes an, welche fortan alle fünf Jahre vollzogen werden sollte. An
-dem dazu bestimmten Tage erschienen alle wehrfähigen Bürger auf der
-vor dem Capitol sich nordwärts erstreckenden Ebene vor der Stadt, dem
-später sogenannten Marsfelde (<span class="antiqua">campus Martius</span>). Da mußte jeder
-seinen und seines Vaters Namen, Alter, Wohnort und Vermögen eidlich
-angeben. Nach der Verschiedenheit des Vermögens wurde die gesamte
-Bevölkerung Roms, Patrizier und Plebejer, in fünf Klassen, diese wieder
-in eine Anzahl Centurien eingeteilt, so daß auch die Plebejer das Recht
-erhielten die Waffen zu führen und in der nach Centurien geordneten und
-stimmenden Volksversammlung (<span class="antiqua">comitia centuriata</span>) mitzustimmen.
-Mit dem 17. Jahre wurde der Bürger in die Bürgerlisten eingetragen.
-Nach geendigter Schatzung stellte sich die ganze Bürgerschaft bewaffnet
-auf dem Marsfeld zur großen Heerschau; dann wurden unter Gebeten drei
-Tiere, ein Schwein, ein Schaf und ein Rind, um das ganze Volk dreimal
-herumgeführt und darauf geopfert, zur Sühne aller Sünden, die das Volk
-in den letzten fünf Jahren begangen hatte.</p>
-
-<p>Nach der Schatzung richtete sich die Steuer, die jeder Bürger
-zu entrichten hatte, und der Kriegsdienst. Alle Bürger waren
-kriegspflichtig; vom 17. bis 46. Jahre dienten sie im Felde, vom 46.
-bis 60. Jahre als Besatzung der Stadt. Die Bürger der ersten Klasse
-waren mit einem Helme, Panzer, großem Schilde und Beinschienen von Erz
-gerüstet, und führten als Waffen Speer und Schwert. In der Schlacht
-standen sie, als die am schwersten Bewaffneten, in der ersten Linie.
-Die Bürger der zweiten Klasse hatten keinen Panzer und einen kleinen
-Schild, sonst alles wie jene; sie standen in der zweiten<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> Linie. Die
-in der dritten Klasse, welche in der dritten Linie standen, waren
-gerüstet wie die in der zweiten, nur fehlten die Beinschienen. Die
-Bürger der vierten Klasse hatten außer einem kleinen Schilde gar
-keine Schutzwaffen, sie führten Speer und Wurfspieß und standen in
-der letzten Linie. Die der fünften endlich dienten als Schleuderer
-und standen außerhalb der Linie. Alle mußten sich Rüstung, Waffen und
-Unterhalt aus eigenen Mitteln beschaffen; nur den Rittern gab der Staat
-Geld zum Ankauf eines Streitrosses, sowie zum Unterhalt desselben und
-eines Reitknechts nebst dessen Pferde.</p>
-
-<p class="mtop2">Durch alle diese Einrichtungen, die neue Ordnung und Einigung des
-Volkes, die Erweiterung und Befestigung der Stadt, die Stellung, welche
-Rom an der Spitze der latinischen Städte einnahm, erwarb sich der König
-die Liebe und Dankbarkeit der Römer und machte den unberechtigten
-Ursprung seiner Herrschaft vergessen. Gleichwohl traf ihn, nach
-44jähriger glücklicher Regierung, ein schreckliches Ende.</p>
-
-<p>Seine beiden Töchter hatte er mit den beiden Söhnen seines Vorgängers
-und Schwiegervaters, des Tarquinius Priscus, vermählt. Diese waren
-an Denkungsart und Sitten ebenso verschieden als des Königs Töchter.
-Lucius Tarquinius war wild, ungestüm und herrschsüchtig, und ebenso die
-jüngere Tullia. Aruns Tarquinius hingegen und die ältere Tullia waren
-sanft und gutherzig. Darum hielt es Servius für das Beste, wenn er die
-entgegengesetzten Charaktere mit einander verbände, damit die Sanftmut
-des einen die Heftigkeit des anderen mäßigen könnte. Er gab daher die
-ältere Tullia dem Lucius Tarquinius, die jüngere Tullia aber dem Aruns
-Tarquinius zur Ehe. Aber der Erfolg fiel ganz gegen seine Hoffnung aus.</p>
-
-<p>Die Ähnlichkeit der Gemüts- und Denkungsart, die zwischen dem Lucius
-Tarquinius und der jüngeren Tullia stattfand, brachte zwischen beiden
-bald eine Vertraulichkeit zuwege, die sie zu den schändlichsten
-Handlungen verführte. Beide töteten, er seine Gattin, sie ihren Gatten.
-Dies konnte Servius nicht nur nicht verhindern, sondern mußte sogar
-erlauben, daß sie sich einander heirateten. Aber damit nicht zufrieden,
-suchten sie den Servius der Regierung zu berauben. Tarquinius warb
-sich eine Partei unter den Bürgern und gewann besonders die Vornehmen,
-die sich durch die neuen<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> Einrichtungen des Königs in ihren alten
-Vorrechten gekränkt fühlten. Eines Tages erkühnte er sich, angetan mit
-den Abzeichen der Königswürde, in königlichem Schmuck in das Rathaus
-zu gehen, sich auf den Königsstuhl zu setzen und, als wäre er bereits
-König, den Senat zu berufen. Sie kamen in großer Anzahl, und er hielt
-eine Rede an sie, worin er ihnen seine Absicht, sich auf den Thron zu
-setzen, entdeckte. Inzwischen kam auch Servius Tullius voll Zorn herbei
-und wollte sogleich seinen Eidam vom Throne herabziehen. Allein dieser,
-an Kräften dem alten König überlegen, ergriff und stürzte ihn von der
-obersten Stufe des Rathauses auf den Markt hinab. Verwundet wollte
-Servius sich nach Hause begeben, allein die Boten des Tarquinius holten
-ihn unterwegs ein und töteten ihn auf der Stelle.</p>
-
-<p>Indessen war Tullia herbeigekommen und hatte den Vorgang gehört.
-Frohlockend ließ sie ihren Mann aus dem Rathause rufen und begrüßte
-ihn zuerst als König. Als sie wieder nach Hause fuhr, führte der Weg
-durch eine enge Straße, wo der Leichnam des ermordeten Königs lag.
-Bei diesem Anblick hielt der Wagenführer an und wollte ausweichen,
-aber die gottlose Tullia befahl ihm über den Leichnam ihres Vaters
-hinwegzufahren. So kam sie, mit dem Blute ihres Vaters bespritzt, nach
-Hause.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="VII_Koenig_Tarquinius_Superbus"><span class="s4">VII.</span><br />
-
-<b>König Tarquinius Superbus.</b><br />
-
-<span class="s5">(534&ndash;510 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Tarquinius</em> hat sich durch seine eigenmächtige und gewalttätige
-Herrschaft den Beinamen <em class="gesperrt">Superbus</em> (Tyrann) zugezogen. Er hatte
-sich des Königsamtes bemächtigt, ohne vom Volke gewählt und durch die
-Auspicien bestätigt zu sein. Die Reichen drückte er durch willkürliche
-Auflagen, die Armen durch Frohndienste. Viele Vornehme, die treu zum
-vorigen Könige gehalten hatten oder die ihm verdächtig schienen,
-bestrafte er mit Hinrichtung, Verbannung oder Verlust des Vermögens.
-Er berief den Senat nicht mehr, und entschied allein über Krieg und
-Frieden und über Bündnisse mit anderen Völkern. Nach außen aber nahm
-der Staat unter seinem klugen und unternehmenden Regiment an Größe,
-Macht und<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> Ansehen stetig zu. Er entriß den latinischen Städten ihre
-Selbständigkeit und machte Rom zum herrschenden Haupte des latinischen
-Bundes.</p>
-
-<p>Eine derselben, die große und feste Stadt Gabii, belagerte Tarquinius
-sieben Jahre lang vergebens, bis er sie endlich durch List eroberte.
-Sein jüngster Sohn, <em class="gesperrt">Sextus</em> Tarquinius, flüchtete, scheinbar in
-Zwist mit seinem Vater, nach Gabii, wo er über dessen unerträgliche
-Härte klagte, und dadurch das Mitleid der Gabinier erregte. Sie nahmen
-ihn gern auf, und bald wußte er ihr volles Vertrauen zu erwerben. Mit
-einem gabinischen Heerhaufen trieb er die Kriegsmannen seines Vaters
-zurück; die sich der Verabredung gemäß schlagen lassen mußten. Durch
-diese Arglist betrogen, übertrugen ihm die Gabinier bald den Oberbefehl
-über Stadt und Heer. Nun schickte er einen vertrauten Boten an seinen
-Vater, mit der Frage, was er nun, da die Götter ihn zum Herrn von Gabii
-gemacht hätten, dort tun sollte. Der König führte schweigend den Boten
-in den Garten, schlug mit einem Stabe die höchsten Mohnköpfe ab, und
-hieß ihn dann dem Sohne sagen was er gesehen hätte. Sextus verstand
-seines Vaters Wink und schaffte die vornehmsten Gabinier teils durch
-heimlichen Mord, teils durch falsche Anklagen und Verbannung beiseite.
-Nachdem er auf diese Weise die Stadt ihrer Häupter beraubt, und das
-gemeine Volk durch Verteilung der Güter der Verurteilten gewonnen
-hatte, lieferte er sie ohne jeden Widerstand in die Hand seines Vaters.</p>
-
-<p>Der kriegerische König war zugleich prachtliebend und verschönerte
-Rom durch großartige Bauten, die er durch kunstgeübte etrurische
-Werkmeister ausführen ließ. Die Kosten bestritt er aus den Gütern der
-verbannten Reichen und der angesammelten Kriegsbeute, während das
-ärmere Volk zu harten Frondiensten herangezogen wurde. Von diesen
-Bauten waren am berühmtesten die „große Kloake“ und das Capitolium
-mit dem dreifachen Tempel des Jupiter, der Juno und der Minerva, der
-mit ehernen Götter- und Königsbildern geschmückt war. Als man bei dem
-Bau dieses großen capitolinischen Tempels die vielen älteren Altäre
-und kleinen Tempel, welche den Ort bedeckten, wegräumte, ließen sich
-die des „Grenzgottes“ (<span class="antiqua">Terminus</span>) und der Göttin der „Jugend“
-(<span class="antiqua">Juventus</span>) nicht wegrücken. Diese Wunderzeichen deutete man
-dahin, daß die Jugend des römischen Staates nie verblühen<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> seine
-Grenzen nie zurückweichen würden. Man schloß daher diese Götter mit in
-die Mauer des Tempels ein. In einem unterirdischen Gewölbe des Tempels
-wurden in bleiernem Kasten die drei sibyllinischen Bücher verwahrt, in
-deren Besitz Tarquinius auf folgende Weise gelangt war.</p>
-
-<p id="sibyllinische_Buecher">Einst kam eine unbekannte Alte von seltsamem Ansehen zum König und bot
-ihm neun Bücherrollen zum Kauf an. Aber der Preis, den sie forderte,
-war dem König zu hoch, und die Frau wurde abgewiesen. Alsbald ging
-sie fort und verbrannte drei von ihren Büchern, kam dann wieder und
-bot die übrigen sechs dem Könige zu demselben Preise an. Wiederum
-zurückgewiesen, verbrannte sie abermals drei Bücher. Als sie dann zum
-dritten Male erschien und die drei letzten Bücher zu verbrennen drohte,
-wenn sie jenen Preis nicht erhielte, wurde der König aufmerksam und
-ließ die Bücher von den Augurn untersuchen. Auf ihren Rat kaufte er
-die Bücher, und sofort verschwand die Fremde. Die Abfassung dieser mit
-dunklen, rätselhaften Sprüchen und Weissagungen in griechischer Sprache
-angefüllten Bücher schrieb man einer Sibylle zu, mit welchem Namen man
-in alten Zeiten geheimnisvolle, mit Sehergabe ausgestattete Frauen
-bezeichnete, und davon hießen fortan diese wundersamen Schriftrollen
-die <em class="gesperrt">sibyllinischen Bücher</em>. Der besondern Obhut zweier Priester
-anvertraut, wurden sie fortan zu Rate gezogen, so oft auffällige
-Naturerscheinungen die Gemüter erschreckten, oder der Staat, durch
-innere oder äußere Not bedrängt, eines göttlichen Rates zu bedürfen
-schien.</p>
-
-<p class="mtop2">Nicht lange, so ängstigten böse Zeichen und Träume das Gemüt des
-Königs. Eine Schlange schlüpfte aus dem Altar des königlichen Hauses
-und raubte das dargebrachte Opferfleisch. Der König beschloß das
-delphische Orakel, welches damals im größten Ansehen stand, über
-dieses Wunder zu befragen und sandte seine beiden Söhne <em class="gesperrt">Titus</em>
-und <em class="gesperrt">Aruns</em>, denen er den Junius <em class="gesperrt">Brutus</em> als Begleiter gab,
-mit kostbaren Weihgeschenken dahin ab. Dieser, obgleich ein naher
-Verwandter des Königs, war der Grausamkeit des Tyrannen, der schon
-seinen Vater und Bruder getötet hatte, nur dadurch entgangen, daß
-er sich blödsinnig stellte. Tarquinius hatte ihn wirklich für dumm
-gehalten, ihm den Namen Brutus (der Dumme) gegeben und ihn der Kurzweil
-wegen an seinen Hof<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> genommen. Doch äußerte Brutus bisweilen Spuren der
-in ihm versteckten Klugheit. In Delphi machte er dem Orakel einen Stab
-von Kornelkirschholz zum Geschenk, aber der hölzerne Stab war hohl und
-mit Gold gefüllt, und so ward er das Sinnbild des Brutus selbst.</p>
-
-<p>Als die Jünglinge den Auftrag des Vaters vollzogen hatten, trieb sie
-die Neugier das Orakel zu befragen, wer nach dem Vater in Rom herrschen
-würde, und es geschah die Antwort: „Der, welcher zuerst von euch seine
-Mutter küssen wird.“ Die Königssöhne, welche meinten, das Orakel weise
-auf ihre Mutter, die Königin, die Gattin des Tarquinius, machten
-unter sich aus ihre Mutter zu gleicher Zeit zu küssen, um später
-gemeinschaftlich zu regieren. Brutus aber verstand unter der Mutter
-die Erde, die gemeinsame Mutter aller Menschen. Darum tat er, als sie
-heimkehrten und aus dem Schiff ans Land stiegen, mit Absicht einen
-Fehltritt, fiel nieder zur Erde und berührte sie mit seinen Lippen, und
-erfüllte so das Geheiß des Orakels.</p>
-
-<p class="mtop2">Bald darauf geschah es, daß bei einer Belagerung von Ardĕa, der
-Hauptstadt der Rútuler, sich die Söhne des Königs die Langeweile im
-Lager durch Gastmähler und Trinkgelage zu vertreiben suchten. Als sie
-so einst bei ihrem Bruder Sextus, dem Eroberer von Gabii, schmausten,
-fiel die Rede auch auf ihre Frauen, und sie stritten, wer von ihnen
-die preiswürdigste hätte. Da jeder seine eigene dafür hielt, rief
-Collatinus Tarquinius, ihr Vetter: „Wozu all dies Streiten? Laßt uns
-unsere Rosse besteigen und unsere Frauen besuchen! Womit wir eine
-jede beschäftigt finden, darnach mag der Preis zuerkannt werden.“
-Alle waren mit dem Vorschlage zufrieden. Beim Anbruch der Dunkelheit
-gelangten sie nach Rom, wo die Frauen der Königssöhne die Zeit in Lust
-und Wohlleben verbrachten; von da ging ihr Ritt nach Collatia, zum
-Landgute des Collatinus. Hier fanden sie die ebenso schöne wie züchtige
-<em class="gesperrt">Lucretia</em>, die Gattin desselben, noch in später Nacht unter ihren
-Mägden sitzen und mit Wollarbeit beschäftigt. Ihr wurde der Preis
-zuerkannt. Freundlich bewirtete sie den Mann und die mitgebrachten
-Gäste, bis sie ins Lager zurückkehrten.</p>
-
-<p id="Brutus_stuerzt_den_Koenig">Einige Tage nachher erschien Sextus Tarquinius diesmal allein und ohne
-Wissen des Collatinus, wieder in Collatia.<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> Er ward von der arglosen
-Lucretia gastlich aufgenommen, vergalt aber diese Aufnahme damit, daß
-er der tugendhaften Frau eine rohe und entehrende Gewalt antat. Als der
-Verräter sie verlassen, ließ sie ihren Vater Lucretius und ihren Gemahl
-zu sich nach Collatia entbieten. Sie kamen, der Gatte begleitet von
-jenem Junius Brutus, der Vater von seinem Freunde Valerius. Jammernd
-erzählte sie ihnen den erlittenen Schimpf, und nachdem sie ihnen
-den Schwur abgefordert, den Sextus Tarquinius, ihren Beleidiger, zu
-bestrafen, stieß sie sich vor ihren Augen einen Dolch in die Brust.
-Während die anderen vor Schreck wie gelähmt dastanden, trat Brutus
-hervor, zog den Dolch aus der Leiche und schwur bei dem Blute des
-unschuldigen Opfers, daß er nicht ruhen und rasten wolle, bis er dies
-gottlose Königsgeschlecht aus Rom verjagt und der Königsherrschaft ein
-Ende gemacht hätte. Und den gleichen Schwur ließ er den beleidigten
-Gatten und den Vater nebst Valerius auf den blutigen Dolch leisten.
-Darauf hoben sie die Tote und trugen sie auf den Markt, wo sie dem
-herzueilenden Volke die Schandtat des Tarquiniers erzählten. Die
-Bürger von Collatia bewaffneten sich, besetzten die Tore ihrer Stadt
-und zogen, von Brutus und den anderen geführt, nach Rom. Hier berief
-Brutus das Volk zusammen und zählte ihm alle Freveltaten auf, die
-der König, sein Weib und seine Söhne vom Morde des Servius Tullius
-an bis zu dieser letzten Schandtat verübt hätten. Das Volk erklärte
-den Tarquinius der Königswürde verlustig und beschloß seine und
-seines Geschlechtes Verbannung. Darauf zog Brutus mit einer Schar von
-Jünglingen in das Lager von Ardea, jedoch auf einem Umwege, sodaß er
-dem Könige, der auf die erste Nachricht von dem Aufruhr nach Rom geeilt
-war, nicht begegnete. Freudig nahm das Heer den Brutus auf und verjagte
-die Königssöhne. In Rom aber ließ man den König nicht herein, sondern
-verschloß ihm die Tore und kündigte ihm seine Verbannung an. So von
-Volk und Heer verlassen, floh er mit seiner Familie nach der Stadt
-Cäre in Etrurien. Sextus ging zu den Gabiniern, die ihn, eingedenk des
-früheren Verrates, erschlugen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Rom_als_Republik">Rom als Republik.</h2>
-
-<h3 class="nopad" id="VIII_Die_Gruendung_Roms"><span class="s4">VIII.</span><br />
-
-<b>Brutus, erster Konsul der Römer.</b><br />
-
-<span class="s5">(509 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>An Stelle des einen Königs traten von jetzt an <em class="gesperrt">zwei</em> oberste
-Beamte, die <em class="gesperrt">Konsuln</em>, die, vom Volke gewählt, beide zwar dieselbe
-Machtbefugnis als oberste Heerführer und Richter übten, wie bisher die
-Könige, aber ihr Amt nur <em class="gesperrt">ein</em> Jahr lang bekleideten und sich
-gegenseitig an Ausschreitungen hindern konnten. Die ersten Konsuln
-waren <em class="gesperrt">Brutus</em> und <em class="gesperrt">Collatinus</em>.</p>
-
-<p>Obschon die Vertreibung der Könige von den alten Geschlechtern, den
-Patriziern, ausgegangen war, so waren doch nicht alle Patrizier damit
-zufrieden. Zumal die jüngeren unter ihnen, welche den Glanz und die
-Freuden eines königlichen Hofes vermißten, fanden sich nicht leicht
-in den neuen Zustand, und warteten nur auf eine Gelegenheit, um den
-König zurückzuführen. Als der König von dieser Stimmung Kunde erhielt,
-schickte er alsbald Gesandte nach Rom, unter dem Vorwande, daß sie
-die Herausgabe seiner Güter fordern sollten, in der Tat aber, um
-eine Empörung zum Sturz der Konsuln zuwege zu bringen. Mehrere junge
-Patrizier, unter ihnen sogar die Söhne des Konsuls Brutus, ließen sich
-dafür gewinnen und warben unter ihren Freunden zahlreiche Genossen. Man
-verabredete an einem bestimmten Tage die Konsuln zu töten und zugleich
-dem König die Tore der Stadt zu öffnen, und schrieb einen Brief an ihn,
-um ihn zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Allein, ehe noch die Gesandten
-mit dem Briefe Rom verlassen konnten, wurde die Verschwörung entdeckt.
-Ein Sklave hatte eine Zusammenkunft der Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>schworenen belauscht und
-ihren Plan den Konsuln angezeigt. Diese ließen sofort die Gesandten
-und die Verschworenen ergreifen, und der vorgefundene Brief bezeugte
-unwidersprechlich ihre Schuld. Die Gesandten wurden, dem Völkerrechte
-gemäß, unverletzt entlassen, die ganze Habe des Königs aber dem Volke
-preisgegeben, sein großer Landbesitz nordwärts der Stadt bis zur
-Tiber dem Kriegsgott geweiht und seit der Zeit Marsfeld (<span class="antiqua">campus
-Martius</span>) genannt.</p>
-
-<p>Die Verschworenen wurden in Fesseln vor die Konsuln geführt, welche
-auf ihren Amtsstühlen zu Gerichte saßen. Da sie nichts zu ihrer
-Verteidigung vorbringen konnten, so verurteilte sie Brutus, der Vater
-die eigenen Söhne, zum Tode. Diese Strenge machte auch dem Collatinus,
-dessen Neffe unter den Verschworenen war, ein milderes Urteil
-unmöglich. Mit fester Miene und unverwandtem Blick sah Brutus seine
-Söhne mit Ruten geißeln und dann mit dem Beil hinrichten. Darauf bewog
-er das Volk zu dem Beschluß, daß auch alle Verwandten des Königshauses
-verbannt sein sollten. Da zu diesen auch der Konsul Collatinus gehörte,
-so legte er sein Amt nieder und ging in die Verbannung. An seine Stelle
-trat der oben erwähnte Publius Valerius.</p>
-
-<p>Tarquinius suchte von nun an mit Waffengewalt die verlorene Herrschaft
-wiederzugewinnen. Er rückte mit einem Heere, das ihm die etruskischen
-Städte Veji und Tarquinii gestellt hatten, gegen Rom. Die Bürger
-zogen ihm entgegen. Am Walde Arsia kam es zum Treffen. Als Brutus
-und Arnus, beide an der Spitze ihrer Reiterei, einander ansichtig
-wurden, sprengten sie, von gleichem Haß und Kampflust getrieben,
-gegen einander an. Beide fielen, jeder vom andern zu Tode getroffen.
-Darauf entbrannte die Schlacht allgemein und dauerte ununterbrochen
-bis gegen Mitternacht. Plötzlich erscholl aus dem Forste die Stimme
-des Waldgottes: „Bei den Etruskern ist ein Mann mehr gefallen, der
-Sieg gehört den Römern!“ Da gaben die Etrusker die Sache verloren und
-wandten sich zur Flucht, und die Römer kehrten als Sieger nach Hause.
-Den Brutus bestatteten sie auf das ehrenvollste, und die römischen
-Frauen betrauerten ihn ein ganzes Jahr wie einen Vater.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<h3 id="IX_Krieg_mit_Koenig_Porsenna"><span class="s4">IX.</span><br />
-
-<b>Krieg mit König Porsenna.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Tarquinius ließ die Hoffnung, die Königswürde wieder zu erlangen,
-noch nicht fahren. Er begab sich in den Schutz <em class="gesperrt">Porsennas</em>, des
-mächtigen Fürsten der Stadt Clusium in Etrurien. Der Krieg, den dieser
-deshalb mit Rom begann, erreichte zwar nicht das eigentliche Ziel, die
-Herstellung des Tarquinius als römischen Königs, aber die Römer mußten,
-trotz heldenhafter Gegenwehr, einen Teil ihres Gebietes an Porsenna
-abtreten. Von diesen Heldentaten berichtet die Sage folgendes.</p>
-
-<p>Da die kleine Festung auf dem Berge Janiculum, auf der rechten Seite
-der Tiber, der Stadt gegenüber, beim ersten Angriff vom Feinde erobert
-ward, so zog sich die Besatzung vor der Übermacht in die Mauern der
-Stadt zurück. Nun wäre Porsenna unaufhaltsam über die schmale hölzerne
-Tiberbrücke nachgedrungen, wenn nicht <em class="gesperrt">Horatius Cocles</em> durch
-seine Unerschrockenheit und Tapferkeit es verhindert hätte. Als er
-sah, daß seine Genossen nicht mehr standhielten, riet er ihnen selbst
-über die Brücke zu eilen und sie so schnell als möglich abzutragen.
-Während dies geschah, wehrte Horatius mit zweien seiner Gefährten das
-feindliche Heer von dem Zugang zur Brücke ab. Als dieselbe beinahe
-abgetragen war, entließ er auch seine Gefährten, um sich über die Reste
-in die Stadt zu retten. Hierauf stellte er sich allein dem Feinde
-entgegen, und erst, als die letzten Balken krachten, sprang er, den
-Stromgott um Schutz anflehend, mit Schild und Wehr in die Fluten. Unter
-einem Hagel feindlicher Pfeile schwamm er unversehrt an das andere Ufer.</p>
-
-<p>Die festen und hohen Mauern der Stadt schützten sie zwar gegen einen
-stürmischen Angriff; aber der Feind begann ihr von allen Seiten die
-Zufuhr abzuschneiden und ihr Gebiet zu verwüsten, sodaß bald Mangel an
-Nahrung entstand. Um Rom von dieser Bedrängnis zu befreien, beschloß
-<em class="gesperrt">Mucius Scävŏla</em>, ein mutiger Jüngling, den feindlichen König zu
-töten. In etruskischer Kleidung, einen Dolch unter dem Gewande, schlich
-er ins feindliche Lager, wo eben ein Schreiber neben dem König saß, der
-mit den Kriegern verhandelte, die ihren Sold erhalten sollten. Weil
-sich dieser in seiner Tracht gar nicht vom König unterschied, so hielt
-ihn Mucius für den<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> König selbst und stieß ihn mit dem Dolche nieder.
-Ergriffen und vor den König geführt, bekannte er unerschrocken sein
-Vorhaben. Als ihn Porsenna mit dem Feuertode bedrohte, streckte er, um
-zu zeigen, daß er alle Drohungen verachte, seine Rechte in die Flamme
-des nahestehenden Opferherdes, ohne das geringste Zeichen von Schmerz
-zu verraten. Da verwandelte sich des Königs Zorn in Bewunderung, er
-schenkte dem Mucius das Leben, und dieser erklärte nun, gleichsam um
-den König für seine Milde zu belohnen, daß nicht er allein, sondern
-dreihundert römische Jünglinge sich zu gleichem Zwecke verschworen
-hätten, um durch den Tod des Königs ihre Vaterstadt zu befreien.
-Der junge Held, der später von dem Verluste seiner rechten Hand den
-Beinamen Scävola (Linkhand) erhielt, ward entlassen; der König aber,
-der sich jetzt von steten Gefahren bedroht glaubte und für sein Leben
-fürchtete, ward zum Frieden geneigt, der auch bald zustande kam. Er
-hob die Belagerung auf und verzichtete auf die Wiedereinsetzung des
-Tarquinius; dagegen traten die Römer das rechte Tiberufer an ihn ab und
-stellten zehn Jünglinge und ebenso viele Jungfrauen als Geiseln.</p>
-
-<p>Unter diesen Jungfrauen befand sich die edle <em class="gesperrt">Clölia</em>. Sie
-täuschte die Wächter und schwamm mit den übrigen Jungfrauen über die
-Tiber. Vergebens schossen die Feinde ihre Pfeile auf sie ab; sie
-kam mit ihren Gefährtinnen glücklich nach Rom. Aber der römische
-Konsul schickte sie auf die drohende Forderung Porsennas in das
-etruskische Lager zurück. Doch hatte der Heldenmut der Jungfrau des
-Königs Bewunderung erregt; er vergab ihr nicht nur und schenkte ihr
-die Freiheit, sondern er erlaubte ihr sogar einige von den römischen
-Jünglingen, die als Geiseln im Lager waren, mit nach Hause zu nehmen.
-Sie wählte die jüngeren, deren zartes Alter ihr im Feindeslande am
-meisten der Kränkung ausgesetzt schien. In Rom aber errichtete man, zu
-dauerndem Andenken an den Heldenmut der Clölia, ein ehernes Denkmal,
-eine Jungfrau zu Roß.</p>
-
-<p>So war denn auch dieser Versuch des Tarquinius, die Herrschaft
-wiederzugewinnen, mißlungen. Er nahm hierauf seine Zuflucht zu den
-Latinern, die er zu einem Kriege gegen die Römer aufreizte, der im
-Jahre 496 v.&nbsp;Chr. zum Ausbruch kam. Am See <em class="gesperrt">Regillus</em> trafen beide
-Heere aufeinander; es war ein Heldenkampf, in dem die Führer selber
-sich im Zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>kampf begegneten, während die Menge ohne Entscheidung
-focht, und der Sieg bald hierin, bald dorthin sich wandte. Selbst der
-hochbejahrte Tarquinius nahm an der Schlacht Anteil und ward verwundet.
-Endlich siegten die Römer und nahmen das feindliche Lager; Tarquinius
-ging hoffnungslos zu Aristodémus, dem Fürsten der griechischen Stadt
-Cumä, nahe dem heutigen Neapel, wo er im folgenden Jahre starb.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="X_Innerer_Zwist"><span class="s4">X.</span><br />
-
-<b>Innerer Zwist. Menenius Agrippa und Marcius Coriolanus.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Die Bürgerschaft Roms zerfiel in zwei an Herkunft, Recht und Ansehen
-verschiedene Klassen, unter denen nicht einmal ein gemeinschaftliches
-Verkehrsrecht (<span class="antiqua">commercium</span>) und Eherecht (<span class="antiqua">conubium</span>)
-bestand. Die eigentliche Gemeinde bildeten nur die <em class="gesperrt">Patrizier</em>,
-die Nachkommen der alten Geschlechter, aus denen die ursprüngliche
-Bevölkerung Roms bestanden hatte. Sie besaßen alle Vorrechte; aus
-ihrer Mitte wurden die Beamten und Senatoren gewählt, sie allein
-bildeten das „Römische Volk“ (<span class="antiqua">populus Romanus</span>) und beschlossen
-in ihrer Versammlung (<span class="antiqua">comítia curiāta</span>) über die Angelegenheiten
-des Staates. Die <em class="gesperrt">Plebejer</em> dagegen, die Nachkommen derjenigen
-Zuwanderer, welche sich, freiwillig oder gezwungen, nach und nach
-in Rom niedergelassen hatten, an Zahl weit überlegen und zu allen
-Diensten für das Gemeinwesen, zu Kriegsdienst und Steuern verpflichtet,
-entbehrten alles Anteils an der Regierung, welche die patrizischen
-Beamten mit stolzer Härte gegen die rechtlose Menge ausübten. Die
-plebejischen Bauern konnten oft wegen der häufigen Kriege, zu denen
-sie eingerufen wurden, ihr Land nicht rechtzeitig bestellen, gerieten
-in Schulden, und wenn sie die hohen Zinsen nicht bezahlen konnten, so
-verfielen sie, nach dem harten römischen Schuldrecht, mit ihrer Person
-der Gewalt der Gläubiger, die sie als Knechte fronden lassen oder
-sogar in die Fremde verkaufen durften. So waren schon viele in Armut
-und Knechtschaft geraten, und die Unzufriedenheit über die ungerechte
-Bedrückung stieg unter den Plebejern immer höher.</p>
-
-<p>Schon hatten sie einige Male den Kriegsdienst verweigert; aber den
-Patriziern war es noch immer gelungen, bald durch<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Drohungen, bald
-durch leere Versprechungen, den Ausbruch der Unzufriedenheit zu
-unterdrücken. Einst geschah es, daß das Volk, von einem beutereichen
-Feldzuge zurückkehrend, zum Lohn eine Erleichterung seiner drückenden
-Lage erwartete. Allein die Patrizier suchten es aufs neue zu täuschen,
-indem sie es sogleich zu einem neuen Kriege führen wollten. Da aber kam
-die lang verhaltene Wut der Plebejer zu offenem Ausbruch. Bewaffnet,
-wie sie waren, rotteten sie sich zusammen, verließen die Stadt und
-zogen, unter einem selbstgewählten Anführer, auf eine nicht weit von
-Rom gelegene Anhöhe, die man den „heiligen Berg“ nannte, wo sie ein
-festes Lager aufschlugen und sich dauernd niederzulassen drohten. (494
-v.&nbsp;Chr.)</p>
-
-<p>Darüber entstand zu Rom eine allgemeine Bestürzung. Das
-zurückgebliebene Volk fürchtete die Härte der Patrizier, diese die
-völlige Auswanderung des Volks. Endlich beschloß der Senat eine
-Gesandtschaft abzuschicken, um das Volk zur Rückkehr zu bewegen. An
-der Spitze derselben stand ein kluger und beredter, als Volksfreund
-bekannter und beliebter Mann, <em class="gesperrt">Menénius Agrippa</em>. Auf dem heiligen
-Berge angekommen, begann er seine Rede damit, daß er dem Volke folgende
-Fabel erzählte.</p>
-
-<p>„Die Glieder des Leibes empörten sich einst wider den Magen, weil er
-allein untätig sei, während sie alle für ihn arbeiten mußten. Sie
-versagten ihm daher den Dienst. Die Hände wollten keine Speise mehr
-in den Mund bringen, der Mund sie nicht aufnehmen und die Zähne sie
-nicht zerreiben. Eine Zeitlang führten die Glieder diesen Vorsatz aus.
-Bald aber fühlten sie, daß sie sich selbst dadurch schadeten. Sie
-erkannten, daß es der Magen sei, der die empfangene Speise verdaue,
-das damit genährte Blut durch alle Glieder verbreite und ihnen allen
-Leben und Kraft verleihe. Sie gaben daher ihr Vorhaben auf und söhnten
-sich wieder mit dem Magen aus. So ist es auch, fuhr Agrippa fort, mit
-den Gliedern eines Staates. Keiner von ihnen vermag für sich allein zu
-bestehen; nur auf ihrer Eintracht beruht das Wohl des Ganzen.“</p>
-
-<p>Durch solche Rede soll Agrippa das Volk zur Rückkehr geneigt gemacht
-haben. Sie erfolgte jedoch nicht eher, als bis die Patrizier das
-feierliche Versprechen gaben, die Schuldgefangenen in Freiheit zu
-setzen und den Plebejern die Wahl<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> einer eigenen unverletzlichen
-Obrigkeit zu gestatten. Von dieser Zeit an wählte das Volk aus seiner
-Mitte jährlich zwei Beamte, <em class="gesperrt">Tribunen</em> genannt, deren Zahl
-später bis auf zehn vermehrt ward. Sie hatten das Recht die Gemeinde
-der Plebejer zu berufen und mit ihr zu beraten, und die Pflicht
-jeden einzelnen derselben gegen eine Härte oder Ungerechtigkeit der
-Konsuln und anderen Beamten zu schützen. Auch durften sie gegen jeden
-Beschluß des Senats, vor dessen Tür sie ihren Sitz hatten, Einsprache
-(<span class="antiqua">veto</span> „ich verbiete“) tun und ihn dadurch ungültig machen.</p>
-
-<p class="mtop2">Doch schon in den ersten Jahren liefen die Plebejer Gefahr diese
-Rechte, welche sie durch die Auswanderung (<span class="antiqua">secessio</span>) auf den
-heiligen Berg errungen hatten, wieder zu verlieren. Damals nämlich
-wurde Rom durch eine furchtbare Hungersnot heimgesucht. Der Senat
-hatte auswärts Vorräte an Getreide aufkaufen lassen, und fast alle
-Senatoren waren der Meinung, man solle dieses Getreide den Plebejern
-entweder umsonst oder um einen sehr geringen Preis überlassen. Nur
-<em class="gesperrt">C. Marcius</em> stimmte ihnen nicht bei. Dieser Marcius hatte durch
-seine Tapferkeit Corioli, eine Stadt der den Römern benachbarten, aber
-immer feindlichen Volsker, eingenommen und sich dadurch den Beinamen
-<em class="gesperrt">Coriolanus</em> erworben. Er war ein erbitterter Gegner der Plebejer,
-denen er ihre neue Obrigkeit zu entreißen suchte. Daher machte er jetzt
-im Senate den Vorschlag, man solle dem Volke das Getreide nur unter
-<em class="gesperrt">der</em> Bedingung geben, daß es seine Tribunen wieder abschaffe.</p>
-
-<p>Kaum hatte das Volk von diesem Vorschlage Kunde, als es in die größte
-Wut geriet und den Coriolanus zerrissen hätte, wenn es die Tribunen
-nicht gehindert hätten. Diese bestimmten darauf dem Coriolanus einen
-Tag, wo er vor dem Gerichte des Volkes erscheinen und sich verantworten
-sollte. Die Patrizier flehten um Gnade für ihn, er selbst aber zeigte
-Trotz und Hohn und verachtete die Anklage. Als er jedoch sah, daß er
-verurteilt werden würde, wartete er den Gerichtstag nicht ab, sondern
-entfernte sich aus Rom. Das Volk verurteilte ihn, da er sich nicht zu
-Gericht gestellt hatte, zu lebenslänglicher Verbannung.</p>
-
-<p>Coriolanus war nach Antium, einer Stadt der Volsker, gegangen, wo ihn
-sein Gastfreund Attius Tullius bereitwillig aufnahm. Hier brachte er
-es dahin, daß die Volsker gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> die ihnen verhaßten Römer aufs neue
-zu den Waffen griffen. An der Spitze eines volskischen Heeres drang
-Coriolanus bis in die Nähe von Rom und lagerte sich eine Meile weit
-von der Stadt. Weit und breit verwüstete er die Güter der Plebejer,
-verschonte aber die der Patrizier, entweder um seinen Haß gegen jene an
-den Tag zu legen, oder um beide Parteien gegen einander aufzureizen.</p>
-
-<p>Rom befand sich in der größten Gefahr. Von außen wütete der Feind,
-im Innern der Streit zwischen Volk und Senat. Endlich ward eine
-Gesandtschaft der vornehmsten Patrizier an ihn abgeordnet, kehrte
-aber unverrichteter Sache zurück. Dann wurden Priester mit allen
-Zeichen ihrer Würde abgeschickt. Coriolanus empfing sie mit großer
-Ehrerbietung, doch auch sie richteten nichts aus. Endlich gingen
-<em class="gesperrt">Vetúria</em>, die Mutter des Coriolanus, und dessen Gemahlin
-<em class="gesperrt">Volúmnia</em> mit seinen Kindern nebst anderen römischen Matronen
-ins volskische Lager. Als Coriolanus von ihrer Ankunft hörte, eilte
-er auf seine Mutter zu, um sie zu umarmen. Allein Veturia wies seine
-Umarmung ab, voll Zorn und Schmerz brach sie in laute und bittere
-Klagen aus über des Sohnes frevelhaften Krieg, über des Vaterlandes Not
-und das eigene Unglück die Mutter eines solchen Sohnes zu sein. Tief
-erschüttert gab Coriolanus nach. „Mutter,“ rief er, „das Vaterland hast
-du gerettet, aber deinen Sohn verloren!“ Er verließ mit dem Heer der
-Volsker das römische Gebiet und kehrte nach Antium zurück. Dort soll er
-bald darauf von dem erzürnten Volk erschlagen worden sein, nach einer
-anderen Sage aber als Verbannter ein hohes Alter in der freudelosen
-Fremde erreicht haben.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XI_Untergang_der_Fabier"><span class="s4">XI.</span><br />
-
-<b>Untergang der Fabier.</b><br />
-
-<span class="s5">(477 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>Auch nach dem Abzuge des Coriolanus hörten die inneren Kämpfe zwischen
-Patriziern und Plebejern in Rom nicht auf; jene suchten ihre Vorrechte
-unverkürzt zu behaupten, diese forderten, unter der Führung ihrer
-Tribunen, immer lebhafter eine rechtliche Gleichstellung. Insbesondere
-erbitterte es die Plebejer, daß alles Land, welches den besiegten
-Feinden ent<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>rissen und Eigentum des römischen Volkes ward (<span class="antiqua">ager
-publicus</span> „Gemeinland“), ausschließlich den Patriziern gegen eine
-geringe Abgabe in Erbpacht gegeben wurde. Gegen ihre billige Forderung,
-daß der Vorteil aus solcher Kriegsbeute allen Bürgern gleichmäßig
-zufallen sollte, sträubte sich besonders das adelstolze zahlreiche
-Geschlecht der <em class="gesperrt">Fabier</em>, und gegen sie war der Unwille des Volkes
-vorzugsweise gerichtet. Sieben Jahre nach einander, von 485&ndash;479
-v.&nbsp;Chr., bekleidete jedesmal ein Fabier das Konsulat. Nun brach im Jahre
-483 ein Krieg mit <em class="gesperrt">Veji</em>, einer benachbarten Stadt Etruriens, aus.
-In den beiden ersten Jahren geschah nichts Erhebliches, aber im dritten
-ereignete sich Schmachvolles. Das größtenteils aus Plebejern bestehende
-Heer folgte seinem Feldherrn, dem <em class="gesperrt">Käso Fabius</em>, mit Ingrimm; ihm
-zum Trotze wich es im Kampfe, gab das Lager dem Feinde preis und floh
-in größter Unordnung nach Rom. Da beschlossen die Fabier, ohnmächtig
-gegen des Volkes Haß und Starrsinn, sich mit ihm auszusöhnen. So
-gelobten die Soldaten dem <em class="gesperrt">Marcus Fabius</em> Gehorsam und Sieg; sein
-Bruder <em class="gesperrt">Quintus</em> fiel in einer Schlacht gegen die Etrusker, und
-ebenso der andere Konsul, aber Marcus trug einen glänzenden Sieg davon.
-Der Senat bewilligte ihm einen Triumph, den er jedoch wegen des Todes
-seines Bruders und seines Kollegen ablehnte. Die verwundeten Plebejer
-verteilte er in die patrizischen Häuser, viele nahm sein eigenes
-Geschlecht auf und verpflegte sie aufs beste. Seitdem waren die Fabier
-des Volkes Lieblinge, und Käso Fabius wurde zum dritten Male Konsul.</p>
-
-<p>Dieser Mann forderte die Patrizier auf, einen Teil des jüngst
-gewonnenen Gemeinlandes unter die armen Bürger zu verteilen, aber
-vergeblich; er zog sich dadurch nur den Haß seiner Stammesgenossen
-zu. Um so mehr vertrauten ihm die Plebejer. Noch immer dauerte der
-Kampf mit den Vejentern fort, die, wenn ihnen gerade kein Heer
-gegenüberstand, Streifzüge in das römische Gebiet unternahmen. Da
-faßten Käso Fabius und sein ganzes Geschlecht den Entschluß mit ihren
-Schützlingen und Anhängern (Klienten) die Vaterstadt zu verlassen und
-für das Wohl des Staates auf eigene Hand den Grenzkrieg gegen Veji
-zu übernehmen. Als sich die Kunde von diesem Entschlusse durch die
-Stadt verbreitete, entstand ein allgemeiner Jubel, und das Volk erhob
-die Fabier bis in den Himmel. Unter Gebeten und Segenswünschen zogen<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-nun die Fabier, 306 Helden, alle Patrizier, alle aus <em class="gesperrt">einem</em>
-Geschlecht, jeder des Feldherrnamtes würdig, mit ihrem Gefolge von
-etwa 4000 Männern, durch das carmentalische Tor bis an das Flüßchen
-<em class="gesperrt">Crémera</em>, wo sie sich niederließen und verschanzten (479 v.&nbsp;Chr.).</p>
-
-<p>Drei Jahre lang führten sie dort den Grenzkrieg gegen die Etrusker mit
-Glück; die ganze vejentische Landschaft bis in die fernsten Winkel
-wurde von ihren Streifzügen heimgesucht, und manches Treffen im offenen
-Felde von ihnen gewonnen. Das Glück machte sie kühn und sicher, zuletzt
-sorglos. Einst wurden Rinderherden unter schwacher Bedeckung an ihnen
-vorbeigetrieben. Durch diese ließen sie sich auf eine Bergweide locken,
-wo aus den Waldhöhen umher viele Tausende bewaffneter Feinde sich
-verborgen hatten. Die Hüter des Viehes entflohen zum Schein; die Römer,
-den Rindern nachjagend, zerstreuten sich und gerieten immer tiefer in
-die verderbliche Talenge, als plötzlich von allen Seiten Schlachtruf
-erscholl, und ein Hagel von Wurfgeschossen auf sie niederfiel. Die
-Übermacht der Feinde umdrängte sie und immer enger ward der Kreis, in
-den sie sich zusammenziehen mußten. Nachdem sie lange gegen den von
-allen Seiten andringenden Feind gefochten hatten, wandten sie sich
-endlich insgesamt in keilförmiger Aufstellung nach einer Richtung
-hin und bahnten sich, durch die Macht ihrer Leiber und Waffen, den
-Weg nach einer nahen Anhöhe. Hier bestanden sie den Kampf gegen die
-nachstürmenden Feinde, bis diese auf einem Umweg den Gipfel des Berges
-im Rücken der Römer erstiegen, von wo sie, Steinblöcke und Geschosse
-hinabschleudernd, die Helden alle bis auf den letzten erschlugen. Der
-Tag, an dem dies geschah, war der 18. Juli des Jahres 477 v.&nbsp;Chr. und
-blieb im Andenken der Römer auf immer ein Unglückstag, der in stiller
-Trauer begangen ward. Auch das carmentalische Tor, durch welches die
-Fabier aus Rom gezogen waren, galt fortan für unheilbringend. Nur
-ein Sprößling des Geschlechts, ein noch unmündiger Knabe, soll in
-Rom zurückgeblieben sein, von dem das spätere fabische Geschlecht
-abstammte.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<h3 id="XII_Appius_Claudius_und_die_Decemvirn"><span class="s4">XII.</span><br />
-
-<b>Appius Claudius und die Decemvirn.</b><br />
-
-<span class="s5">(451&ndash;449 v.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>Die Römer hatten bis zu dieser Zeit noch keine geschriebenen Gesetze.
-Die patrizischen Richter sprachen Recht nach altem Herkommen oder nach
-Gutdünken, wobei sie sich oft Begünstigung ihrer Standesgenossen zum
-Nachteile der Plebejer zuschulden kommen ließen. Um sich gegen solche
-ungerechte Urteilssprüche zu sichern, setzten es die Plebejer unter
-ihrem Tribunen <em class="gesperrt">Terentilius Harsa</em> durch, daß zu ihrem Schutze
-gegen die Willkür der Patrizier <em class="gesperrt">geschriebene Gesetze</em> aufgestellt
-werden sollten (453 v.&nbsp;Chr.). Nun wurden Gesandte in die griechischen
-Städte Unteritaliens und nach Athen geschickt, um dort die weisesten
-Gesetze zu sammeln. Nach ihrer Rückkehr wurde ein Ausschuß von zehn
-Männern (<span class="antiqua">decemvirn</span>) ernannt, der aus diesen Gesetzen diejenigen
-auswählen sollte, welche dem römischen Staate angemessen wären und zu
-gleicher Zeit auf ein Jahr mit der unumschränkten Regierungsgewalt
-betraut, sodaß alle anderen Obrigkeiten inzwischen aufhörten. Unter
-diesen Zehnmännern oder <em class="gesperrt">Decemvirn</em> war <em class="gesperrt">Appius Claudius</em> der
-angesehenste und einflußreichste.</p>
-
-<p>Die Decemvirn regierten anfangs zu völliger Zufriedenheit des
-Volkes. Am Ende ihres Amtsjahres stellten sie auf zehn Tafeln eine
-Reihe von Gesetzen auf, bezeigten aber keine Lust, nun auch ihr Amt
-niederzulegen. Besonders wünschte der stolze Appius Claudius seine
-Herrschaft noch fortzusetzen. Durch erheuchelte Milde und Leutseligkeit
-hatte er das Volk für sich gewonnen und bewirkte ohne Mühe, daß die
-Decemvirn auch für das folgende Jahr im Amte blieben. Am Schluß des
-zweiten Jahres stellten sie noch zwei Gesetztafeln auf. Aber auch jetzt
-legten die Decemvirn ihr Amt nicht nieder, sondern mißbrauchten es zu
-Gewalttätigkeiten gegen das Volk, besonders gegen diejenigen Plebejer,
-die ihrer Herrschaft gefährlich schienen. Nun geschah es, daß die
-benachbarten Äquer und Sabiner in die römische Landschaft einbrachen
-und die Decemvirn gegen sie zwei Heere ins Feld führen mußten. Beide
-Heere wurden durch die Schuld der Krieger, welche absichtlich ihre
-Pflicht versäumten aus Unwillen<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> gegen die Decemvirn, geschlagen.
-Als der erste Schreck vorüber war und von Rom Verstärkung anlangte,
-rückte das eine Heer in das Gebiet der Sabiner vor. In diesem Heere
-befand sich ein alter Hauptmann, <em class="gesperrt">Siccius Dentatus</em>, der in vielen
-Schlachten gefochten, acht Feinde im Zweikampfe erlegt und vierzehn
-Bürgern im Kampf das Leben gerettet hatte, dessen Brust zahlreiche
-Narben schmückten und dem eine Menge von Bürgerkränzen, goldenen
-Ketten, Armbändern und anderen Ehrenzeichen als Lohn seiner Heldentaten
-zuteil geworden waren. Dieser Mann, über die Gewaltherrschaft der
-Decemvirn empört, forderte seine im Felde stehenden Mitbürger zu einer
-zweiten Auswanderung nach dem heiligen Berg auf, um die verlorenen
-Rechte wiederzugewinnen. Als die Decemvirn davon Kunde erhielten,
-beschlossen sie seinen Tod. Sie sandten ihn, begleitet von einer Schar
-gedungener Meuchelmörder, in die Umgegend, um den Platz für ein neues
-Lager zu suchen. Diese überfielen in einem einsamen Hohlwege den
-ahnungslosen Helden. Aber es ward ihnen schwer den gewaltigen Mann zu
-fällen, und um seine Leiche lagen viele der Verräter, die er in seiner
-Notwehr hingestreckt hatte. Die übrigen berichteten im Lager Siccius
-sei mit einigen seiner Leute in einen Hinterhalt der Feinde geraten
-und tapfer kämpfend gefallen. Man eilte hin, seine Leiche zu holen:
-da wurde der Verrat offenbar, denn es lagen keine Feinde, sondern nur
-Römer um ihn her. Das Heer drohte Aufstand und wollte die Leiche nach
-Rom tragen, ließ sich aber für diesmal noch dadurch beschwichtigen, daß
-die Decemvirn dem Gefallenen ein prächtiges Leichenbegängnis mit allen
-kriegerischen Ehren anordneten.</p>
-
-<p>So nachteilig auch diese Tat für den Ruf der Decemvirn war, so
-gelang es diesen doch sich in der Gewalt zu behaupten, bis endlich
-der Frevelmut des Appius Claudius eine allgemeine Empörung gegen sie
-veranlaßte. Appius hatte die schöne <em class="gesperrt">Virginia</em>, die Tochter
-eines Plebejers, des <em class="gesperrt">Virginius</em>, und Braut des Icilius gesehen
-und strebte nach ihrem Besitze. Anfangs suchte er sie durch lockende
-Versprechungen zu gewinnen. Da ihm dies nicht gelang, so bewog er einen
-seiner Klienten die Virginia für die Tochter seiner Sklavin auszugeben
-und als sein Eigentum zurückzufordern.</p>
-
-<p>Ihr Vater Virginius stand im Lager, als der Klient die Virginia auf
-offener Straße ergriff und vor den Richterstuhl des Appius Claudius
-führte, von dem er sie sich nun als<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> Eigentum zusprechen ließ. Auf das
-Geschrei des um Hilfe stehenden Mädchens strömte eine Menge Volkes
-herbei. Auch Icilius war herbeigeeilt, und nur mit Mühe vermochte er
-den Appius zu bewegen, bis zur Ankunft des Vaters die Sache anstehen
-und die Jungfrau in den Händen derer zu lassen, welche sich für sie
-verbürgten. Alsbald schickte Appius heimlich einige Diener ins Lager
-an die Decemvirn, die dort den Oberbefehl hatten, mit dem Auftrage,
-sie sollten dem Virginius keinen Urlaub gewähren. Doch die Boten des
-Icilius waren früher gekommen. Virginius hatte bereits Urlaub und war
-auf dem Wege nach Rom.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage erschien er vor dem Richterstuhle des Decemvirn
-mit seiner Tochter, beide in Trauergewand, von vielen Matronen und
-Freunden begleitet. Der ganze Marktplatz war von Menschen angefüllt,
-die das traurige Schauspiel herbeigelockt hatte. Appius bestieg die
-Richterbühne; sein Klient wiederholte seine Klage, und abermals wurde
-die Jungfrau ihm als Eigentum zugesprochen. Als er sie ergreifen
-wollte und der Vater ihn drohend abwies, die Umstehenden aber in ihrer
-Entrüstung einen schützenden Kreis um Vater und Tochter schlossen, da
-befahl Appius seinen mit Beilen bewehrten Amtsdienern, den Liktoren,
-den Haufen zu sprengen und das Mädchen zu ergreifen, und bedrohte mit
-schwerer Strafe alle diejenigen, die sich gestern und heute gegen
-seine Richtergewalt gesträubt hätten. Dadurch eingeschüchtert wich die
-Menge auseinander. Virginius aber, der keine Rettung mehr sah, bat
-nur noch um die Gunst von seiner Tochter Abschied nehmen zu dürfen.
-Dies ward ihm gewährt. Da führte er sie zu einer nahen Fleischerbude,
-ergriff ein Messer und stieß es ihr in die Brust, indem er ausrief:
-„Hiermit allein, mein Kind, kann ich deine Ehre retten!“ Darauf
-wandte er sich gegen Appius und schrie: „Bei diesem Blute weihe ich
-dein Haupt den Göttern der Unterwelt!“, bahnte sich mit dem Messer in
-der Hand einen Weg durch das Gedränge und gelangte bis ans Tor, um
-zurück ins Lager zu eilen. Icilius aber zeigte dem Volke den blutenden
-Leichnam seiner Verlobten und forderte zum Sturz der Decemvirn auf; die
-Liktoren des Appius wurden übermannt und er selbst floh mit verhülltem
-Haupte in sein Haus. Auch im Lager brach der Aufruhr los. Das Volk
-zog zum zweiten Male auf den heiligen Berg und kehrte erst dann nach
-Rom zurück,<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> als der Senat verordnete, daß die Decemvirn ihr Amt
-niederlegen und wieder Konsuln an ihre Stelle treten sollten.</p>
-
-<p>Appius Claudius aber, der ruchloseste der Decemvirn, ward in den Kerker
-geworfen und nahm sich dort selbst das Leben.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XIII_M_Furius_Camillus"><span class="s4">XIII.</span><br />
-
-<b>M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Nicht weit von Rom, auf etrurischem Gebiet, lag die mächtige Stadt
-<em class="gesperrt">Veji</em>, die mit den Römern seit lange in Fehde lag und schon oft
-blutige Kämpfe geführt hatte. Nun geschah es, daß die Vejenter römische
-Gesandte ermordeten, wofür die Römer Genugtuung verlangten und mit
-neuem Kriege drohten. Im Vertrauen auf ihre Macht und die Festigkeit
-ihrer Stadt nahmen ihn die Vejenter an, und es begann ein zehnjähriger
-Kampf (405&ndash;396 v.&nbsp;Chr.), der mit der völligen Zerstörung der Stadt
-Veji endete. Der Ruhm dieses Sieges gebührte dem Marcus <em class="gesperrt">Furius
-Camillus</em>.</p>
-
-<p>Zehn Jahre lang ward die Stadt von den Römern belagert, aber nicht
-ohne Unterbrechung. Ihr Heer zog gewöhnlich nur im Sommer und lagerte
-einige Monate um die Stadt, die übrige Zeit begnügte es sich ihr durch
-Streifzüge die Zufuhr abzuschneiden. Erst im zehnten Jahre schritt man
-zu einer förmlichen Belagerung, wobei das römische Heer zum ersten Male
-den Winter über im Felde blieb und die Mannschaften für ihren Unterhalt
-einen Sold aus der Staatskasse erhielten.</p>
-
-<p>In diesem letzten Jahre aber erlitten die Römer eine so schwere
-Niederlage, daß banges Zagen das Heer und auch die Bevölkerung Roms
-ergriff, und man schon den Feind vor den Mauern erwartete. In dieser
-Not ward <em class="gesperrt">M. Furius Camillus</em> zum Diktator gewählt. So hieß bei
-den Römern der Beamte, den sie in Zeiten großer Bedrängnis ernannten,
-und mit unumschränkter höchster Gewalt ausstatteten, um den Staat
-zu retten, und mit dessen Ernennung die Amtsgewalt aller anderen
-Obrigkeiten aufhörte.</p>
-
-<p>Camillus sammelte eine bedeutende Streitmacht und rückte, nach einem
-glücklichen Treffen gegen die Falisker, welche auf Seite der Vejenter
-standen, vor Veji, schloß die<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Stadt ein und erbaute rings umher
-eine Reihe fester Schanzen. Auch ließ er einen unterirdischen Gang
-graben, welcher in das Innere der Burg von Veji hineinführen sollte.
-Tag und Nacht wurde ohne Unterlaß an diesen Werken gearbeitet; man
-hoffte zuversichtlich, daß Vejis Untergang nahe sei. Unter vielen
-anderen Wunderzeichen hatte es sich im Jahre vorher ereignet, daß der
-Albanersee, südlich von Rom, im trockenen Hochsommer ungewöhnlich
-anschwoll und die umliegende Landschaft überschwemmte. Man schickte
-nach Delphi, um über die Bedeutung der seltsamen Erscheinung den
-Gott zu befragen. Um Veji war um diese Zeit Waffenruhe, und die
-Vorposten auf beiden Seiten führten Gespräche mit einander. So hörten
-die Belagerten von dem Wunder des Sees, und ein etruskischer Seher
-verkündigte, Veji sei nicht einzunehmen, so lange das Wasser nicht
-abgeleitet sei. Bald nachher lud ein römischer Hauptmann den Wahrsager
-zu sich, unter dem Vorwande, er wolle sich einige Zeichen, die ihn
-allein beträfen, von ihm deuten lassen. Er kam, aber der starke
-Hauptmann ergriff den schwachen Alten und schleppte ihn mit Gewalt
-zu dem Feldherrn, der ihn nach Rom abführen ließ. Hier vor dem Senat
-bekannte der Seher: „Die Schicksalsbücher von Veji verkünden, solange
-der See überströme, könne Veji nicht eingenommen werden, und wenn sein
-Wasser das Meer erreiche, werde Rom untergehen.“ Damit stimmte die
-Antwort des delphischen Orakels überein.</p>
-
-<p>Nun wurde ein Kanal gegraben und das Wasser des Sees auf die Felder
-geleitet. Vejis Untergang hielt man jetzt für so gewiß, daß Camillus,
-ehe er die Stadt bestürmen ließ, den Senat befragte, wie er mit der
-Beute verfahren solle. Der Senat beschloß, daß jeder, der daran
-teilhaben wollte, ins Lager ziehen möge, und jung und alt strömte hin.
-Als nun der unterirdische Gang in die Burg bis unter dem Boden des
-Junotempels vollendet war, gelobte Camillus den Zehnten der Beute den
-Göttern zu weihen, zur Göttin Juno aber betete er, sie möge den Siegern
-nach Rom in ein prächtigeres Wohnhaus folgen. Zur bestimmten Stunde
-wurde der Gang mit Kriegern gefüllt, die Camillus selbst anführte,
-während das übrige Heer ringsum den Sturm auf die Mauern begann, wo
-allein die Belagerten ihren Angriff erwarteten. Im Junotempel opferte
-inzwischen der König der Vejenter, und der Seher erklärte, <em class="gesperrt">der</em>
-werde siegen, welcher der Göttin das<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> Opferfleisch zerlege. Kaum hörten
-dies die Römer in dem Gange, so brachen sie aus demselben hervor,
-raubten das Opferfleisch und trugen es zu dem Diktator. Zugleich
-verbreiteten sich von der Burg aus die aus dem Gange Eingedrungenen in
-die Stadt, um den Stürmenden die Tore zu öffnen. In allen Straßen wurde
-gekämpft und unter den Einwohnern ein furchtbares Gemetzel angerichtet,
-bis der Diktator verkünden ließ die Wehrlosen zu verschonen. Die
-dem Blutbade entronnen waren, wurden als Sklaven verkauft, und so
-überschwänglich war die übrige Beute, daß der Diktator, als er sie
-überschaute, mit gen Himmel gehobenen Händen zu den Göttern gebetet
-haben soll, daß, wenn ihnen dies Glück übergroß erschiene, das römische
-Volk nur mit einem kleinen Unfall büßen möge. Bei der Rückkehr nach Rom
-feierte der Sieger einen prächtigen Triumph, wobei er auf einem mit
-vier weißen Rossen bespannten Wagen das Kapitol hinauffuhr.</p>
-
-<p>Auch die Stadt <em class="gesperrt">Falerii</em>, die es mit den Vejentern gehalten
-hatte, unterwarf Camillus der Botmäßigkeit der Römer. Zwar trotzten
-anfangs die Einwohner, die Falisker, auf die Festigkeit ihrer auf
-steilen Felsen gelegenen Stadt vertrauend, und die Belagerung zog sich
-in die Länge; bis der hochherzige Sinn, den Camillus hier zu zeigen
-Gelegenheit hatte, die Falisker zur Unterwerfung geneigt machte.
-Eines Tages nämlich führte ein Schulmeister eine Schar Kinder aus
-den vornehmsten Familien der Stadt, wie zur Friedenszeit, zu einem
-Spaziergange aus der Stadt und zog mit ihnen weit vor die Mauern, bis
-er zu den Vorposten der Feinde und an das Zelt des Camillus kam. „Diese
-Knaben sind die Söhne der vornehmsten Bewohner der Stadt. Behalte sie
-als Geiseln, so bringst du ihre Stadt ohne weitern Kampf in deine
-Gewalt.“ So sprach der Arglistige, in Hoffnung auf einen großen Lohn.
-Aber der hochgesinnte Römer ließ dem verräterischen Lehrer die Hände
-auf den Rücken binden und übergab ihn den Kindern, die ihn unter
-Rutenschlägen in die Stadt zurücktrieben. Diese Ehrlichkeit des Feindes
-verwandelte den Haß der Falisker in Bewunderung; sie suchten und fanden
-in Rom einen billigen Frieden.</p>
-
-<p>In den folgenden Jahren verlor indes der um Rom so hochverdiente Mann
-die Gunst des Volkes. Ja, ein Volkstribun klagte ihn an einen Teil der
-vejentischen Beute unterschlagen zu haben. Verlassen von Freunden und
-Klienten,<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> ging er in die Verbannung, mit dem Gebete an die Götter,
-daß, wenn man ihm Unrecht tue, bald eine Zeit kommen möge, wo das
-Vaterland seiner bedürfe. Sein Wunsch ging bald in Erfüllung, wie die
-folgende Geschichte lehrt.</p>
-
-<p class="mtop2">Aus den Ländern jenseits der Alpen hatten sich nicht lange vor
-dieser Zeit zahlreiche Schwärme des großen <em class="gesperrt">keltischen</em> oder
-<em class="gesperrt">gallischen</em> Volkes in Bewegung gesetzt, um in den fruchtbaren
-Gefilden der apenninischen Halbinsel neue Wohnsitze zu erobern.
-Sie besetzten die vom Padus (Po) durchströmte reiche Landschaft
-zwischen den Alpen und dem Apennin, welche dann nach ihnen <span class="antiqua">Gallia
-cisalpina</span> (Gallien diesseits der Alpen) genannt und damals noch
-nicht als zu Italien gehörig betrachtet wurde. Aber mit dieser
-Eroberung nicht zufrieden, drangen sie bald in neuen Scharen unter
-König <em class="gesperrt">Brennus</em> über das Gebirge südwärts in das Land der
-Etrurier ein, und belagerten dort die Stadt Clusium, wo einst Porsenna
-geherrscht hatte. Die Clusinier baten in ihrer Bedrängnis die Römer
-um Hilfe, und diese ordneten drei Gesandte ab, welche den Galliern
-mit Krieg drohten, wofern sie nicht das von ihnen ohne alles Recht
-besetzte Gebiet räumten. Aber die Gallier antworteten: „Zum ersten
-Male hören wir den Namen der Römer und halten sie für tapfere Männer;
-unser Recht jedoch beruht auf unsern Waffen, alles gehört den Tapfern!“
-Die Gesandten nahmen darauf sogar an dem Kampfe gegen die Gallier
-teil und töteten dabei einen ihrer Heerführer. Für diese Verletzung
-des Völkerrechts forderten die Gallier Genugtuung und drangen, da sie
-ihnen verweigert ward, gegen Rom vor. Am Flüßchen <em class="gesperrt">Allia</em> stießen
-sie auf das römische Heer, das sie in ihrer großen Überzahl und ihrer
-ungewohnten stürmischen Angriffsweise in jähe Flucht warfen und mit
-solchem Schreck erfüllten, daß ein großer Teil der Flüchtlinge nicht
-nach Rom, sondern nach dem näheren Veji und anderen Orten sich rettete.
-In Rom selbst geriet alles in die größte Bestürzung und Verwirrung. Man
-fand es unmöglich die Stadt gegen den vorrückenden Feind zu verteidigen
-und beschloß sie zu verlassen. Nur das Kapitol blieb besetzt; der Senat
-und etwa tausend Krieger waren entschlossen diese heilige Tempelburg
-gegen die Barbaren zu verteidigen. Das übrige Volk, darunter auch
-die Vestalinnen und Priester mit den Heiligtümern, die sie mit sich
-nehmen konnten, flohen nach<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> dem seit seiner Eroberung verlassenen
-und leeren Veji und in andre benachbarte Städte. In der Angst und
-Verwirrung schloß man nicht einmal die Tore. Nur die ältesten Senatoren
-blieben unten in der Stadt zurück; geschmückt mit den Zeichen ihrer
-Würde, saßen sie auf ihren Amtssesseln auf dem Markte, des Todes durch
-Feindeshand gewärtig.</p>
-
-<p>Nicht lange, so erschienen die ersten Gallier vor den Mauern. Da sie
-die Tore der Stadt offen und unverteidigt fanden, fürchteten sie
-anfangs einen Hinterhalt. Endlich aber wagten sie sich mit aller
-Vorsicht hinein. Da fanden sie niemanden als jene alten ehrwürdigen
-Senatoren, die still und unbeweglich auf ihren Stühlen saßen. Ihr
-Anblick flößte zugleich Furcht und Verwunderung ein, sodaß sie
-anfänglich von den Galliern für die Bildsäulen der Schutzgötter Roms
-gehalten wurden. Erst nach einiger Zeit trat ein kühner Gallier an
-einen der ältesten, Marcus Papirius, heran und zupfte ihn am Barte, um
-zu sehen, ob er lebte. Erzürnt hob Papirius sein elfenbeinernes Szepter
-und schlug damit den Gallier aufs Haupt. Da fielen die Gallier über die
-Greise her und töteten sie alle. Hiernach verbreiteten sie sich über
-die ganze Stadt, schleppten alle Beute heraus und steckten die Häuser
-in Brand. Das ganze Rom, mit Ausnahme des Kapitols, ging in Flammen auf
-(389 v.&nbsp;Chr.).</p>
-
-<p>Während nun Brennus mit seinen Galliern das Kapitol belagerte, um
-die Besatzung auszuhungern, unternahm ein anderer Teil seines Heeres
-einen Streifzug, um Lebensmittel zu holen. Diese Schar kam in die
-Nähe von Ardea, wo Camillus in der Verbannung lebte. Eilig sammelte
-er die Ardeaten und überfiel mit ihnen die Gallier, von denen viele
-niedergemacht wurden, die übrigen sich in wilder Flucht zerstreuten.
-Durch diesen Erfolg ermutigt, beschloß das nach Veji geflüchtete Volk
-den Camillus aus der Verbannung zu rufen und zum Diktator zu ernennen.
-Dazu war die Zustimmung des Senats nötig, der sich auf dem Kapitol
-befand. Um die Genehmigung einzuholen, erbot sich ein kühner Jüngling,
-<em class="gesperrt">Pontius Cominius</em>. Nachts schwamm er die Tiber hinab, betrat
-nahe am Kapitol das Ufer, erkletterte die steile Burghöhe und kam,
-nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet, unbemerkt wieder durch die
-Posten der Feinde hindurch. Am andern Morgen entdeckten die Gallier
-aus den Fußspuren den Weg, wo jener hinauf- und herabgekommen war,
-und beschlossen,<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> auf demselben einen Versuch auf die Burg zu machen.
-In einer mondhellen Nacht, als alles auf dem Kapitole schlief, kamen
-sie in tiefster Stille, da selbst die Hunde oben sich nicht regten,
-bis an den Rand der Höhe, als plötzlich das Schnattern der Gänse, die
-im Heiligtum der Juno gehalten wurden, den <em class="gesperrt">M. Manlius</em> aus dem
-Schlafe weckte. Eiligst lief er der unbewachten Stelle zu und stieß den
-vordersten Gallier, der eben den äußersten Felsenrand erklommen hatte,
-in die Tiefe. Sein Sturz riß auch alle ihm Nachfolgenden hinab. So
-wurde die Burg gerettet. Manlius ward von allen gepriesen und belohnt,
-die achtlosen Wächter aber zur Strafe über die Felsen in die Tiefe
-gestürzt.</p>
-
-<p>Schon währte die Belagerung bis in den sechsten Monat, und der Mangel
-an Nahrung nahm auf der Burg mit jedem Tage zu; schon zwang der Hunger
-selbst das Leder von den Schuhen und Schilden zu verzehren, und noch
-immer erschien Camillus nicht zum Ersatz. Aber auch von den Galliern
-wurden viele durch Seuchen weggerafft. Unter solchen Umständen wurden
-beide Teile zum Frieden geneigt. Brennus versprach die Stadt und ihr
-Gebiet zu verlassen, wenn man ihm tausend Pfund Goldes zahle. Als es
-hierzu gewogen werden sollte, ließ Brennus falsches Gewicht anwenden,
-und auf die Beschwerde der Römer warf er sein Schwert und Wehrgehäng
-auf die Wagschale und rief: „Wehe den Besiegten!“ In diesem Augenblicke
-kam die Nachricht, daß Camillus mit dem Heere von Veji heranziehe,
-und als er zur Stelle war, erklärte er den ohne seine, des Diktators,
-Genehmigung geschlossenen Vertrag für ungültig, hieß die Römer das Gold
-wegtragen, die Gallier aber sich zur Schlacht bereiten: mit Eisen,
-nicht mit Golde wolle er seine Vaterstadt befreien. In zwei Schlachten
-schlug er die Gallier und vernichtete sie bis auf den letzten Mann.
-Brennus wurde gefangen und hingerichtet, wobei man ihm die Worte:
-„Wehe den Besiegten!“ höhnend wiedergab. Camillus zog triumphierend in
-die Stadt zurück; das Volk nannte ihn Romulus und pries ihn als Roms
-zweiten Gründer.</p>
-
-<p>Aber die wiedergewonnene Stadt war, mit Ausnahme des Kapitols, eine
-öde Brandstätte. Viele der Bürger wünschten nach Veji zu ziehen und
-sich in den leerstehenden Häusern anzusiedeln; Camillus und der Rat
-widerrieten. Eines Tages war der Senat versammelt, als gerade ein
-Hauptmann eine<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> Rotte Krieger über das Forum führte und ihnen zurief:
-„Halt, hier bleiben wir am besten!“ Dies Wort nahmen die Senatoren
-für eine glückliche Vorbedeutung; das Volk gab seinen Beifall, und
-der Wiederaufbau der Stadt wurde beschlossen. Aber noch lange nachher
-ließen die engen und unregelmäßigen Straßen erkennen, mit welcher Eile
-der Neubau geschehen war.</p>
-
-<p>Camillus führte noch mehrere glückliche Kriege gegen benachbarte
-Völker. Bei einem neuen Einfall der Gallier übernahm er in einem Alter
-von achtzig Jahren noch immer die Diktatur und schlug die Feinde
-abermals. Kurz darauf raffte ihn die Pest hinweg. Er hatte im ganzen
-vier Triumphzüge gefeiert und fünfmal die Diktatur bekleidet.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XIV_Titus_Manlius_Torquatus"><span class="s4">XIV.</span><br />
-
-<b>Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. &mdash; M. Curtius.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Nach der Vertreibung der Gallier gerieten die Römer noch öfters mit
-ihnen in Krieg, weil immer neue Schwärme ihre Einfälle in das römische
-Gebiet wiederholten. In diesen Kämpfen zeichneten sich unter allen
-<em class="gesperrt">Titus Manlius</em> und <em class="gesperrt">Marcus Valerius</em> durch Heldenmut und
-Heldentaten aus.</p>
-
-<p>Einst trat aus den Reihen der Gallier ein riesiger Streiter in
-prunkender Rüstung hervor und forderte den tapfersten Römer zum
-Zweikampf heraus. Da kein anderer Römer die Herausforderung anzunehmen
-wagte, erklärte sich Titus Manlius dazu bereit. Mit Genehmigung des
-Diktators trat er dem prahlenden Gallier entgegen, und der Kampf begann
-im Angesicht beider Heere. Mit wuchtigen Hieben seines gewaltigen
-Schwertes fiel der Riese auf den viel kleineren Römer, aber dieser wich
-gewandt zur Seite, drang dann dicht an den Leib und hinter den großen
-Schild des Gegners und durchbohrte ihm mit seinem kleinen Schwerte die
-Weichen, daß er totwund niederfiel. Weil er dem so erlegten Feinde
-den aus Draht gewundenen Halsring (<span class="antiqua">torques</span>), den jener nach
-gallischer Sitte trug, abnahm und selber als Siegeszeichen anlegte,
-bekam er den Beinamen <em class="gesperrt">Torquatus</em>. Die Gallier aber wurden durch
-diesen Ausgang des Zweikampfes so mutlos,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> daß sie in der folgenden
-Nacht ihr Lager verließen und nach Campanien abzogen.</p>
-
-<p>Ein ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich bei einem späteren Einbruche
-der Gallier in das römische Gebiet. Beide Heere hatten sich in
-einer sehr sumpfigen Gegend gelagert, und keines wollte das andere
-zuerst angreifen. Auch hier trat ein gallischer Krieger hervor und
-forderte den tapfersten Römer zum Kampfe. Diesmal nahm ihn <em class="gesperrt">Marcus
-Valerius</em> an und bestand ihn, wie es heißt, unter dem besonderen
-Schutze der Götter. Denn gleich beim Anfang des Kampfes setzte sich ein
-Rabe auf den Helm des Valerius, der dies für eine gute Vorbedeutung
-ansah. Während des Kampfes blendete der Rabe den Gallier durch seinen
-Flügelschlag und hackte nach ihm mit seinen Krallen. Dadurch wurde
-dieser so außer Fassung gebracht, daß ihn der Römer mit leichter Mühe
-erlegte. Um den Leib des getöteten Galliers entstand ein allgemeiner
-Kampf der beiden Heere, in welchem die Gallier geschlagen wurden.
-Valerius aber erhielt von diesem Vorfall den Beinamen Corvus (Rabe).</p>
-
-<p>Im Jahre 362 v.&nbsp;Chr. soll mitten auf dem Forum, wahrscheinlich durch
-ein Erdbeben, ein tiefer und breiter Spalt im Boden entstanden sein,
-den man vergeblich auszufüllen versuchte; denn alle Erdmassen, die man
-hineinschüttete, verschwanden spurlos in der Tiefe. Da erklärten die
-Weissager, er werde sich nur schließen, wenn Rom das Kostbarste, was
-es habe, hineinwerfe. Alsbald trat, wie die Sage berichtet, <em class="gesperrt">Marcus
-Curtius</em>, ein junger berühmter Krieger, in vollem Waffenschmuck
-hervor, mahnte die Römer, daß Waffen und tapferer Mut Roms beste
-Kleinode seien, und weihte sich selbst den Göttern der Unterwelt als
-Opfer. Darauf schwang er sich auf sein Schlachtroß und sprang in den
-Abgrund, während das Volk, Männer und Frauen, Früchte und andere Gaben
-ihm nachwarfen. Und sofort schloß sich der Abgrund über ihm.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XV_Die_Tribunen_Licinius_und_Sextius"><span class="s4">XV.</span><br />
-
-<b>Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Obschon sich die Plebejer durch die Auswanderung auf den heiligen
-Berg das Recht, Tribunen als ihre Schützer und<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> Vertreter zu wählen,
-erzwungen hatten, so blieben doch die Patrizier noch immer im Besitze
-bedeutender Vorrechte. Namentlich konnten zu den höheren Ämtern nur
-Patrizier gewählt werden, obgleich doch schon viele plebejische
-Familien an Reichtum und Ansehen hinter keiner patrizischen mehr
-zurückstanden, und in den häufigen Kriegen zahlreiche plebejische
-Führer sich durch Tapferkeit und Einsicht hervorgetan hatten. Um den
-immer dringenderen Forderungen der Plebs auf Anteil an der Regierung
-auszuweichen, hatte man schon Jahre hindurch an Stelle der Konsuln
-sogenannte Kriegstribunen gewählt, aber selbst dieses den Plebejern
-zugängliche Amt war meist den patrizischen Bewerbern zugefallen. Dieser
-lange erbitterte Streit endete damit, daß immer der eine von den beiden
-Konsuln aus den Plebejern gewählt werden sollte. Die beiden Tribunen
-<em class="gesperrt">Licinius Stolo</em> und <em class="gesperrt">Lucius Sextius</em> waren es, welche den
-Plebejern dieses Recht erwarben. Der Hergang wird in folgender Weise
-erzählt.</p>
-
-<p>Der vornehme Patrizier Fabius Ambustus hatte zwei Töchter, von denen
-die eine mit einem Patrizier, die jüngere mit dem Plebejer Licinius
-Stolo vermählt war. Einst besuchte die Frau des Licinius, als dieser
-Volkstribun war, ihre Schwester, deren patrizischer Gatte damals einer
-der Kriegstribunen war, als sie plötzlich erschrocken zusammenfuhr: die
-Trabanten des Kriegstribunen, die sogenannten Liktoren, hatten durch
-Schläge auf das Tor seine Heimkehr verkündigt. Sie verriet dadurch, daß
-ihr dieser Gebrauch nicht bekannt war, und mußte den Spott der älteren,
-vornehmeren Schwester über diese Unkenntnis ertragen. Aber sie konnte
-es nicht verwinden, daß sie der Schwester an Stand und Ehre soweit
-nachstehen sollte, und ruhte fortan nicht, bis ihr Gatte und selbst der
-Vater ihr versprachen, sie würden alles aufbieten, daß ihrem Hause und
-Stande die gleiche Ehre zuteil werde.</p>
-
-<p>Nun brachte Licinius zusammen mit Sextius den Antrag vor das Volk, daß
-der eine der beiden Konsuln immer aus den Plebejern gewählt werden
-solle. Diesen Vorschlag bekämpften die Patrizier aus allen Kräften, und
-bestachen von den zehn Tribunen die acht übrigen, damit diese durch
-ihren Einspruch den ganzen Antrag vereiteln sollten. Aber Licinius
-und Sextius hielten fest zusammen und hinderten ihrerseits durch ihre
-Einsprache die Wahl aller höheren Obrigkeiten fünf Jahre hindurch,
-während sie selbst vom Volk immer wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> von neuem zu Tribunen gewählt
-wurden. Mit der Zeit wurde der Widerstand der Patrizier schwächer, da
-es ihnen nicht mehr gelang die übrigen Tribunen durch Bestechungen für
-sich zu gewinnen. Endlich, nach einem zehnjährigen Kampfe (376 bis 367
-v.&nbsp;Chr.), wurde der Antrag zum Gesetz erhoben. Von da an waren auch die
-Plebejer zum Konsulat berechtigt, und Lucius Sextius, der mit Licinius
-so beharrlich um das Recht gestritten hatte, ging aus der Wahl als der
-erste plebejische Konsul hervor (366).</p>
-
-<p id="licinisches_Gesetz">Doch nicht bloß dieses, sondern noch ein anderes Recht setzten die
-beiden Tribunen für die Plebejer durch. Bis dahin hatten sich nämlich
-die Patrizier allein das Recht angemaßt, das Gemeinland des Staates,
-das durch die fortdauernde Unterwerfung italischer Gemeinden immer
-größer geworden war, in billiger Erbpacht zu erhalten. Zugleich mit
-seinem Antrage über das Konsulat brachte deshalb Licinius auch das
-Gesetz durch, daß kein Patrizier mehr als 500 Morgen des Gemeinlandes
-besitzen, das übrige aber in Teilen von je sieben Morgen an arme
-Plebejer verteilt werden sollte.</p>
-
-<p>Durch diese Gesetze, welche die Gleichstellung der Plebejer mit den
-Patriziern sehr beförderten, erwarben sich die beiden Tribunen ein
-großes Verdienst um den römischen Staat, der nur durch vollkommene
-Einheit und Eintracht der beiden Stände zu jener Größe und Macht sich
-entwickeln konnte, die ihm in der Folgezeit zur Weltherrschaft verhalf.
-Denn auch zu den drei übrigen höheren Ämtern, welche zum Eintritt in
-den Senat befähigten, wurden die Plebejer nach und nach zugelassen.
-Das waren 1. die <em class="gesperrt">Prätur</em>, die im Jahre 366 von dem Konsulat
-abgetrennt wurde. Die Prätoren, anfangs nur einer, später bis acht,
-leiteten die Gerichte und vertraten die abwesenden Konsuln. 2. Die
-<em class="gesperrt">Ädilen</em> übten die Aufsicht über Handel, Verkehr, Straßen- und
-Staatsbauten. 3. Die <em class="gesperrt">Quästoren</em> verwalteten, als Gehilfen der
-Konsuln und Prätoren, die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Alle
-diese Beamten wurden nur auf je ein Jahr gewählt. Außerdem wurden alle
-fünf Jahre aus den angesehensten früheren Konsuln, den Konsularen,
-zwei <em class="gesperrt">Zensoren</em> gewählt, denen es oblag die Listen der drei
-Bürgerklassen (Senatoren, Ritter, Bürger) zu prüfen und festzustellen,
-das Einkommen der Bürger einzuschätzen, und damit zugleich eine
-Oberaufsicht über das sittliche Verhalten jedes einzelnen zu üben
-und<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Unwürdige durch Ausstoßung aus ihrer Klasse zu bestrafen. Hatten
-sie diese Schätzung und Musterung der Bürger (<span class="antiqua">census</span>, daher
-ihr Name <span class="antiqua">censōres</span>) beendigt, so legten sie ihr Amt nieder. Aus
-den Familien aber, deren Angehörige eines der hohen Ämter bekleidet
-hatten, bildete sich mit der Zeit, an Stelle des Patriziats, das ein
-Geschlechts- oder Geburtsadel gewesen, eine neue Adelsklasse, die einen
-Dienst- oder Amtsadel darstellte.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XVI_Die_zwei_ersten_Samniterkriege"><span class="s4">XVI.</span><br />
-
-<b>Die zwei ersten Samniterkriege. &mdash; P. Decius. &mdash; Papirius
-Cursor. &mdash; Der Samniter Pontius.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Nachdem sich die Römer ganz Latium und die Nachbarstädte im sabinischen
-und etrurischen Lande untertänig gemacht und die Kämpfe mit den
-Schwärmen der Gallier siegreich bestanden hatten, gerieten sie in
-einen langen und wechselvollen Krieg mit dem stammverwandten, großen
-und streitbaren Bergvolk der Samniter. Diese waren aus ihren rauhen
-Bergtälern in die fruchtbaren Gefilde Campaniens vorgedrungen, um sich
-dort festzusetzen. Die Stadt der Sidiciner, Teānum, von ihnen hart
-bedrängt, wandte sich an die mächtigste Stadt Campaniens, Capua, um
-Hilfe, und diese hinwieder rief den Beistand der Römer an. So kam es
-zwischen den Samnitern und Römern zu einem Kampf, der, mit mehrjährigen
-Unterbrechungen, über fünfzig Jahre, von 343&ndash;290 v.&nbsp;Chr. dauerte.</p>
-
-<p>In dem ersten Kriege gegen die Samniter (343&ndash;340) zogen zwei Heere
-unter den beiden Konsuln <em class="gesperrt">M. Valerius Corvus</em> und <em class="gesperrt">A. Cornelius
-Cossus</em> ins Feld, von denen das eine den Marsch nach Campanien
-nahm, das andere bestimmt war in Samnium selbst einzurücken. Valerius
-schlug sein Lager in der Nähe der griechischen Seestadt Cumä, am Berge
-<em class="gesperrt">Gaurus</em>, auf, und kampflustig rückte ihm der Feind entgegen. In
-der Schlacht standen seine Reihen unerschüttert und wiesen alle Stürme
-der Römer zurück. Schon war der Tag weit vorgerückt, als der Konsul
-selbst an der Spitze seines Heeres mit einem letzten ungestümen Angriff
-die Samniter endlich zum Weichen brachte. Auf der Flucht wurden viele
-erschlagen und gefangen, bis die Nacht der Verfolgung ein Ende machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<p>Inzwischen war das Heer des andern Konsuls in große Not geraten. Von
-der Grenze Samniums führte Cornelius Cossus sein Heer über die Gebirge
-auf einem Wege, der nach der Stadt Beneventum lief. Nirgends zeigten
-sich Feinde, und die Römer wurden sorglos. So kamen sie durch einen Paß
-in eine tiefe Talschlucht, wo die Samniter die Höhen ringsum besetzt
-hatten. Doch nicht eher gewahrte man sie, als bis schon der Rückweg
-abgeschnitten war. In dieser Gefahr erbot sich der Kriegstribun P.
-Decius mit den beiden ersten Schlachtreihen einer Legion, 1600 Mann,
-einen Gipfel zu besetzen, der den Weg, aus dem die Samniter vordrangen,
-beherrschte. Es gelang ihm denselben vor dem Feinde zu erreichen. Von
-hieraus griff er diese an und zog ihren Angriff auf sich, sodaß das
-übrige Heer den Bergpaß wieder erreichen und in einiger Entfernung von
-da eine bessere Stellung nehmen konnte. Decius behauptete sich indessen
-mit den Seinen in unaufhörlichem Gefecht bis in die Nacht. Während sich
-nun die Samniter um die Höhe lagerten und sich dem Schlafe überließen,
-machte sich der kleine Haufe der Römer nach der zweiten Nachtwache
-in aller Stille auf, um sich einen Weg zu ihrem Heere zu bahnen. Sie
-waren schon in der Samniter Mitte, als einer von ihnen an einen Schild
-stieß und dieses Geräusch die zunächst liegenden Samniter aufweckte.
-Allein ehe die schlaftrunkenen und verwirrten Feinde sich zu gehörigem
-Widerstande geordnet hatten, gelang es den Römern zu entrinnen. In der
-Nähe des römischen Lagers ließ Decius sie Halt machen, bis es tage;
-denn es gezieme sich nicht, daß so tapfere Männer unter dem Dunkel der
-Nacht ins Lager einrückten. Auf die Kunde, daß die, welche sich für
-die Rettung aller dem Tode dargeboten, wohlerhalten und in der Nähe
-wären, zog ihnen fast das ganze Heer aus dem Lager entgegen. Unter
-allgemeinem Jubel rückte die tapfere Schar ins Lager. Als dort der
-Konsul anhub ihm eine Lobrede zu halten, unterbrach ihn Decius mit der
-Mahnung lieber sofort den Feind zu überraschen, bevor er sich von dem
-nächtlichen Schrecken erholt und in sein festes Lager zurückgezogen
-hätte. Und so geschah es. Ungesäumt wurden die Legionen über die Berge
-geführt, die Feinde zerstreut, verfolgt und alle, die sich in ihr
-Lager gerettet, niedergehauen und das Lager geplündert. Decius erhielt
-als Belohnung von dem Konsul einen goldenen Kranz, hundert Rinder und
-einen weißen Stier mit vergoldeten<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Hörnern; seine Leute empfingen
-auf immer doppelte Portionen, jeder zwei Mäntel und einen Ochsen.
-Das Heer überreichte dem Decius einen aus Gras gewundenen Kranz, den
-gewöhnlichen Ehrenlohn dessen, der eine Schar aus Feindes Gewalt und
-Belagerung befreit hatte.</p>
-
-<p>Ein nochmaliger Sieg des Valerius bei <em class="gesperrt">Suéssula</em> führte den
-Frieden herbei, in dem die Römer Campanien behielten. Aber nach
-Beendigung eines Kampfes mit den Latinern (s. <a href="#XVII_Der_Krieg_mit_den_Latinern">XVII</a>) veranlaßte die
-Anlage einer römischen Kolonie in der Grenzstadt <em class="gesperrt">Fregellä</em> den
-zweiten Samniterkrieg (326&ndash;304).</p>
-
-<p>Im vierten Jahre dieses Krieges hatten die Römer, da die Zahl der
-Feinde sich durch den Beitritt mehrerer Stämme im Süden Italiens
-vermehrt hatte, den <em class="gesperrt">Papirius Cursor</em> zum Diktator gewählt. Allein
-abergläubische Furcht hielt den Fortgang seiner Unternehmungen auf.
-Da man glaubte, daß bei der feierlichen Wahl des Diktators ein Fehler
-vorgekommen sei, so eilte Papirius nach Rom, um sie von neuem anstellen
-zu lassen, befahl aber seinem Unterfeldherrn, dem Reiterobersten
-(<span class="antiqua">magister equitum</span>) <em class="gesperrt">Fabius Rullianus</em> während seiner
-Abwesenheit ruhig im Lager zu bleiben. Allein durch Ehrgeiz und
-Kampflust angetrieben, lieferte dieser dennoch den Samnitern ein
-Treffen, und das Glück war ihm so günstig, daß er den Feinden eine
-schwere Niederlage beibrachte. Alle freuten sich dieses Sieges. Als
-aber der Diktator ins Lager zurückkehrte, ließ er sogleich die Legionen
-zusammenberufen und den Fabius vor sich fordern. Vergebens suchte sich
-dieser wegen seines Ungehorsams zu verteidigen. Der Diktator befahl
-ihn zu entkleiden und hinzurichten. Aber Fabius entfloh den Händen des
-Liktors, der ihn ergriffen hatte, und barg sich unter die Haufen der
-umherstehenden Krieger. Es entstand ein lautes Murren; die Befehle des
-Diktators wurden nicht mehr gehört, und der Tumult dauerte, bis die
-anbrechende Nacht die Versammlung zu entlassen nötigte. In der Nacht
-floh Fabius aus Furcht vor der unerbittlichen Strenge des Diktators
-nach Rom. Auf Betreiben seines Vaters, eines sehr angesehenen Mannes,
-wurde sogleich der Senat berufen. Hier klagte er über die Härte des
-Diktators und beschwor den Senat das Leben seines Sohnes zu retten.
-Dieser war dazu geneigt, aber er vermochte es nicht. Denn plötzlich
-erschien der Diktator selbst in seiner Mitte, fest entschlossen den
-Ungehorsam seines Untergebenen kraft seines<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Amtes nach Kriegsrecht
-zu bestrafen. Umsonst baten ihn alle Senatoren um Milde. Papirius
-befahl den Fabius zu ergreifen. Nun blieb dem alten Fabius nur noch
-ein Ausweg übrig: er wandte sich an die Versammlung der Volksgemeinde.
-Dies war zwar eine gesetzwidrige Handlung, denn gegen die Entscheidung
-des Diktators gab es keine Berufung (<span class="antiqua">provocatio</span>) an das Volk.
-Gleichwohl gestattete sie Papirius. Er ging in die Versammlung und
-zeigte dem Volke, wie nötig es sei die Strenge der Kriegszucht aufrecht
-zu halten und die Amtsgewalt des Diktators unverletzt zu wahren.
-Obschon nun das Volk geneigt war, den Fabius zu retten, konnte es
-doch das Recht des Diktators nicht mißachten. Es wagte daher keine
-Entscheidung, sondern legte nur seine Fürbitte für das Leben des
-Reiterobersten ein. Eben dies taten auch seine Verwandten, indem sie
-sich zu den Füßen des Diktators niederwarfen. Da erst ließ Papirius
-Milde walten. Nachdem er das Ansehen des Oberbefehls vor Senat und
-Volk behauptet hatte, konnte er den Ungehorsam verzeihen, nicht weil
-er mußte, sondern weil er wollte. Und er tat es zur Freude des ganzen
-Volkes.</p>
-
-<p class="mtop2">In demselben Kriege erlitten die Römer unter der Anführung des
-<em class="gesperrt">Veturius Calvinus</em> und <em class="gesperrt">Spurius Postumius</em> in den
-caudinischen Engpässen eine bittere Schmach (321). Beide Konsuln
-lagerten bei Calatia in Campanien. Darauf gründete <em class="gesperrt">Gavius
-Pontius</em>, der Feldherr der Samniter, einen Kriegsplan. Er ließ das
-Gerücht verbreiten, daß er jenseits des Gebirges die Stadt Lucéria,
-eine von den Römern in Apulien angelegte Festung, belagere. Um dieser
-wichtigen Stadt schleunige Hilfe zu leisten, schlugen die Konsuln den
-kürzesten Weg ein, der durch die caudinischen Pässe führte. So nannte
-man ein tiefes Wiesental, nicht weit von Caudium, einer Stadt der
-Samniter, das rings von hohen bewaldeten Bergzügen eingeschlossen war
-und nur einen schmalen Eingang und Ausgang hatte. Um dieses Tal herum
-hatte Pontius sein Heer in den Wäldern versteckt, und ohne Arges zu
-ahnen, gingen die unvorsichtigen Konsuln in die ihnen gelegte Falle.</p>
-
-<p>In langem Zuge rückten die Legionen mit allem Troß durch das Tal
-hin zum jenseitigen Ausgang, fanden ihn aber mit gefällten Bäumen
-und vorgewälzten mächtigen Felsblöcken verschlossen. In demselben
-Augenblick bemerkten sie, daß die<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Höhen ringsum von bewaffneten
-Samnitern wimmelten, welche die Anrückenden hohnlachend erwarteten.
-Sie kehrten daher eilig zurück, aber nun war auch schon der Eingang
-von den Samnitern besetzt. In dieser verzweiflungsvollen Lage schlugen
-die Römer, 20000 Mann stark, ein enges dürftiges Lager auf. Ein
-Versuch sich durchzuschlagen mißlang; ihre Not ward von Tag zu Tag
-größer; endlich zwang sie der Hunger Gesandte an den samnitischen
-Heerführer Pontius zu schicken und um Frieden zu bitten. Pontius ließ
-seinen Vater, einen wegen seiner Einsicht und Erfahrung hochgeachteten
-Greis, um Rat fragen. Dieser antwortete: „Laßt alle Römer frei und
-ungekränkt abziehen.“ Pontius, verwundert über diese Antwort, glaubte,
-daß der Bote falsch gehört hätte. Er schickte daher zum zweiten Male
-an seinen Vater. Jetzt gab der Alte die Antwort: „Tötet alle Römer
-ohne Unterschied.“ Niemand verstand den Sinn dieser so verschiedenen
-Bescheide. Pontius ließ daher seinen Vater selbst herbeiholen. Nun
-gab der Greis die Gründe seiner Ratschläge an: „Ihr müßt“, sagte er,
-„entweder alle Römer töten, um ihre Kraft auf lange Zeit zu schwächen,
-oder ihr müßt sie alle schonen, um durch solche Großmut ihren Dank und
-Freundschaft zu gewinnen.“ Aber Pontius verwarf beides und wählte einen
-Mittelweg. Er ließ den Römern durch ihre Gesandten erwidern: Rom solle
-Frieden schließen, ganz Samnium räumen, die dort angelegten Kolonien
-aufgeben, das Heer aber Mann für Mann waffenlos durchs Joch gehen und
-sechshundert aus dem Ritterstande als Geiseln stellen.</p>
-
-<p>Über diese schimpflichen Vorschläge gerieten die Römer in die größte
-Bestürzung. Keiner wagte zur Annahme zu raten, und doch konnten sie in
-ihrer äußerst bedrängten Lage nicht länger ausharren. Sie mußten sich
-darein fügen; die Konsuln und die Führer der Kohorten bestätigten den
-Friedensvertrag mit ihrem Eide. Entwaffnet und halb entkleidet gingen
-erst sechshundert Ritter, die als Geiseln ausgeliefert werden mußten,
-dann die Konsuln und Hauptleute, endlich die übrigen Mannschaften
-unter dem Joch, das durch einen quer über zwei Ständer gelegten Speer
-gebildet wurde, hindurch. Es war der größte Schimpf, der einem freien
-Kriegsmann angetan werden konnte; denn er erniedrigte die Freien zum
-Knecht. Mit Hohn und Spott schauten die ringsum aufgestellten Samniter
-diesem Vorgange zu. Waffen, Pferde,<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> Knechte, alle Habe außer dem
-Kleide, das jeder trug, blieben dem Sieger. Voll Scham und stiller Wut
-zogen die Römer über Capua, wo sie liebreich aufgenommen wurden, nach
-Rom, das sie erst im Dunkel der Nacht zu betreten wagten. Der römische
-Senat aber bestätigte den geschlossenen Vertrag nicht; er beschloß, daß
-alle, die den Frieden beschworen hatten, den Samnitern ausgeliefert
-werden sollten. Damit glaubte er aller Verbindlichkeit, den Frieden zu
-halten, überhoben zu sein. Es wurden also die beiden Konsuln und die
-anderen, welche den Vertrag geschlossen hatten, gefesselt nach Caudium
-vor den Amtsstuhl des Pontius geführt. Dieser jedoch lehnte ihre
-Annahme ab, indem er sagte: „Entweder muß das römische Heer, das sich
-in der Gewalt der Samniter befunden hat, in seine vorige Lage zwischen
-den Bergpässen zurückkehren, oder das römische Volk muß den Frieden
-halten.“ Zugleich ließ er den Überlieferten die Fesseln lösen und
-schickte sie unverletzt nach Rom zurück. Hier rüstete man in Eile ein
-neues Heer, das im zweitfolgenden Jahre (319), unter der Führung des
-bewährten Papirius Cursor, nach dem von den Samnitern eroberten Luceria
-vordrang, dem samnitischen Heere eine schwere Niederlage beibrachte,
-Luceria und die dort verwahrten römischen Geiseln zurückgewann, und die
-samnitische Besatzung nun ebenfalls durchs Joch gehen ließ. So löschten
-die Römer ihre Schande in blutiger Wiedervergeltung aus.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XVII_Der_Krieg_mit_den_Latinern"><span class="s4">XVII.</span><br />
-
-<b>Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus Manlius.
-Die beiden Decius Mus.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Gleich nach Beendigung des ersten Samniterkrieges, im Jahre 340, brach
-ein Kampf zwischen den Römern und den ihnen seit alters verbündeten
-Latinern aus. Die Latiner hatten Gesandte nach Rom geschickt und
-verlangten, daß fortan die Hälfte des Senats und der eine Konsul aus
-ihnen gewählt und alle latinischen Städte in die volle Gemeinschaft
-des römischen Staates aufgenommen werden sollten. Solche Forderung
-erschien dem römischen Senate als freche Anmaßung, und der Konsul T.
-Manlius rief den Jupiter, in<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> dessen Tempel die Sitzung stattfand, zum
-Zeugen der schmachvollen Zumutung an. Da soll der latinische Gesandte
-Annius dem römischen Jupiter Trotz und Hohn geboten, aber sofort auch
-des Gottes Zorn erfahren haben. Denn als er die Stufen des Tempels
-hinabeilte, strauchelte er, fiel hinab und lag in Ohnmacht. Kaum
-entgingen die Gesandten der Wut des Volkes. Der Senat aber beschloß den
-Krieg gegen die Latiner.</p>
-
-<p>Die Konsuln <em class="gesperrt">Titus Manlius</em> und <em class="gesperrt">Decius Mūs</em> zogen mit
-zwei Heeren ins Feld. Am Fuß des Vesuvius kam er zur entscheidenden
-Schlacht. Als die Heere einander gegenüber standen, verkündeten die
-Konsuln, bei Todesstrafe sollte sich kein Römer bei den Vorposten in
-ein Gefecht einlassen. Doch der eigene Sohn des Manlius handelte dem
-Befehle zuwider. Abgeschickt mit einem Geschwader Reiter, um die Feinde
-zu beobachten, begegnete er einem tusculanischen Befehlshaber, der ihn
-zum Zweikampf forderte. Um dem Vorwurf der Feigheit zu entgehen, nahm
-Manlius den Kampf an und hatte das Glück den Gegner zu erlegen und ihn
-seiner Waffen zu berauben. Frohlockend kehrte er als Sieger ins Lager
-zurück. Allein sein Vater ließ diese Verletzung der Kriegszucht nicht
-ungeahndet: er ließ den eigenen Sohn im Angesichte des ganzen Heeres
-durch den Liktor enthaupten.</p>
-
-<p>Vor der Schlacht am Vesuv sahen beide Konsuln zu gleicher Zeit im
-Traume eine übermenschliche Gestalt, welche ihnen verkündete, daß
-von dem einen der kämpfenden Heere einer der Führer, das andere Heer
-aber ganz den Todesgöttern und der Mutter Erde verfallen sei. Sie
-kamen deshalb überein, daß derjenige von ihnen, dessen Flügel zuerst
-weichen würde, sich selber und damit zugleich das feindliche Heer den
-unterirdischen Göttern weihen sollte. Bald nach dem Anfang der Schlacht
-ward der linke Flügel, den Decius Mus befehligte, zurückgedrängt.
-Da rief dieser einen Priester herbei, der ihm den Spruch vorsagte,
-mit dem er, über einem Schwerte stehend und das Haupt verhüllt, sein
-Leben den Göttern der Unterwelt weihte. Dann bestieg er von neuem sein
-Schlachtroß und stürzte sich mitten in die Feinde, Tod und Verderben
-um sich her verbreitend, bis er von Geschossen durchbohrt niedersank.
-Diese heldenmütige Aufopferung belebte seine Truppen mit neuem Mut; sie
-stellten sich aufs neue dem Feinde entgegen und erfochten endlich durch
-die geschickte Führung des<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> Manlius einen vollständigen Sieg. Noch
-zwei Jahre widerstanden die Latiner; dann mußten sie sich den harten
-Friedensbedingungen Roms unterwerfen (338).</p>
-
-<p>Wie damals Decius Mus, der Vater, so weihte sich sein Sohn <em class="gesperrt">Publius
-Decius</em>, im dritten samnitischen Kriege (298&ndash;290), den Todesgöttern.
-In der Schlacht bei <em class="gesperrt">Sentinum</em> (295) hatte er schon zweimal
-die Reitergeschwader der Gallier, die mit den Samnitern verbunden
-waren, zurückgeworfen, als diese einen dritten Angriff mit ihren
-Streitwagen machten, und durch das Ungewöhnliche der Kampfart die Römer
-in Schrecken und Verwirrung brachten. Da ließ Publius Decius durch
-den Priester sich und die Feinde den Todesgöttern weihen. Nachdem
-er die Weihung in derselben Weise, wie sein Vater in der Schlacht
-am Vesuv, erhalten hatte, fügte er noch die Fluchformel hinzu: „Vor
-mir her treibe ich Angst und Flucht, Mord und Blutvergießen, der
-himmlischen und der unteren Götter Zorn. Todesgrausen bringe ich auf
-die Feldzeichen, auf Wehr und Waffen der Feinde. Ein und derselbe Ort
-soll mein und der Feinde Grab sein!“ Darauf spornte er sein Roß in
-die dichtesten Scharen der Feinde und fiel unter ihren Geschossen.
-Ihm nach die Römer mit neuem Mute, und die Schlacht endigte mit der
-vollständigen Niederlage des Feindes.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XVIII_Pyrrhus_Koenig_von_Epirus"><span class="s4">XVIII.</span><br />
-
-<b>Pyrrhus, König von Epirus.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Schon hatten die Römer die mächtigsten Völker Italiens unterjocht;
-Etrusker, Latiner, Campaner, Samniter und viele andere Völkerschaften
-standen unter ihrer Herrschaft, als sie in Kampf gerieten mit der
-griechischen Stadt Tarent, in Unteritalien, die sich durch Schiffahrt,
-Handel und Kunstfleiß zu Reichtum und Macht emporgeschwungen hatte.</p>
-
-<p>Zwischen Römern und Tarentinern bestand ein alter Vertrag, der den
-Römern nicht gestattete über das lacinische Vorgebirge in Unteritalien
-hinauszusegeln. Als nun einst eine römische Flotte durch einen Sturm
-über dieses Vorgebirge hinaus in den Hafen von Tarent getrieben wurde,
-erklärten dies die Tarentiner für einen Friedensbruch. Sie saßen gerade
-im Theater, von dem man die Aussicht auf das Meer hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> und bemerkten
-die heraufsegelnden Schiffe. Von einem Redner aufgehetzt, eilte eine
-Menge bewaffnet auf ihre Schiffe und machte auf die unvorbereiteten
-römischen Fahrzeuge einen Angriff. Vier Schiffe wurden versenkt, der
-Anführer und die Mannschaft ermordet. Für diesen blutigen Friedensbruch
-forderte der römische Senat Genugtuung; aber seine Gesandten, in
-das Theater vor das versammelte Volk geführt, wurden mit Spott und
-Hohn empfangen. Ihr Führer Postumius redete in griechischer Sprache
-zur Menge, ohne daß diese auf den Inhalt seiner Worte achtete, aber
-so oft er einen Fehler gegen die Aussprache beging, lachte das Volk
-laut auf und schalt ihn einen Barbaren. Ein gemeiner Possenreißer
-drängte sich an ihn und besudelte sein Gewand. Postumius zeigte dem
-Volke das beschmutzte Gewand, und neues Hohngelächter erhob sich. Da
-sprach der Gesandte: „Lacht, so lange ihr mögt, ihr werdet auch lange
-genug weinen!“ Als das Volk heftig dagegen schrie, rief Postumius:
-„Damit ihr euch noch mehr erzürnt, so sage ich euch, dies Gewand wird
-in Strömen eures Blutes rein gewaschen werden.“ Kurze Zeit darauf
-begannen die Römer den Krieg. Da aber die Tarentiner ein weichliches,
-unkriegerisches Volk waren, so riefen sie <em class="gesperrt">Pyrrhus</em>, den König
-von Epirus, zu Hilfe. Dieser kriegskundige und kampfliebende Fürst,
-der sein Geschlecht von dem vielgefeierten Helden Achilleus ableitete,
-wurde von seinem unruhigen Geiste immer zu neuen Kriegsfahrten und
-Abenteuern getrieben und strebte ein zweiter Alexander der Große zu
-werden. Er ging daher gern auf den Antrag der Tarentiner ein.</p>
-
-<p class="mtop2">Im Frühling des Jahres 281 setzte Pyrrhus mit einem kriegsgeübten
-Söldnerheere von 22000 Mann zu Fuß, 3000 Reitern und 20 zum Kriege
-abgerichteten Elefanten nach Italien über. Zwar verlor er bei der
-Überfahrt durch einen Sturm einen Teil seiner Schiffe und Mannschaft;
-aber in Tarent angelangt, begann er alsbald mit großer Umsicht den
-Kampf gegen das mächtige Rom zu rüsten. Er hoffte alle unterworfenen
-Stämme Italiens unter seiner Fahne zu vereinigen. Zunächst führte er
-in dem an üppiges Leben gewöhnten Tarent ein strenges kriegerisches
-Regiment ein, was ihn bei den Bürgern keineswegs beliebt machte. Er hob
-die tüchtigsten von ihnen für den Kriegsdienst aus und untersagte ihnen
-Gelage und sonstige Lustbarkeiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p>Die erste Schlacht mit den Römern erfolgte bei <em class="gesperrt">Heraklea</em> in
-Lucanien (280). Als Pyrrhus vorher das Lager der Römer betrachtete,
-soll er ausgerufen haben: „Die Lagerordnung dieser Barbaren ist
-durchaus nicht barbarisch; bald werden wir auch ihre Taten kennen
-lernen.“ Die heiße Schlacht, welche nun entbrannte, in der dem König
-selbst ein Roß unter dem Leibe getötet ward, wurde endlich durch den
-Ungestüm der auf die Römer eindringenden Elefanten zum Vorteil des
-Pyrrhus entschieden. Als er das Schlachtfeld in Augenschein nahm und
-die Leichen der Römer betrachtete, die alle mit Wunden auf der Brust
-dalagen, soll er gesagt haben: „Mit solchen Kriegern wäre die Welt
-mein, und sie gehörte den Römern, wenn ich ihr Feldherr wäre!“ Auch
-ließ er ihre Toten zusammen mit den seinigen bestatten; den Gefangenen
-bot er an unter ihm zu dienen, und als sie sich weigerten, behandelte
-er sie dennoch mit großer Milde.</p>
-
-<p>Obschon der König den Sieg errungen hatte, sandte er doch den
-<em class="gesperrt">Kineas</em>, einen Mann von großer Klugheit und Beredsamkeit, nach
-Rom, um die Römer zum Frieden zu stimmen. Dieser bot alle Kraft seiner
-Rede auf; der Senat war schwankend und verbrachte mehrere Tage mit
-Beratungen. Da ließ sich der alte blinde <em class="gesperrt">Appius Claudius</em>, der
-seit Jahren den Senat nicht mehr besucht hatte, auf einer Sänfte in
-den Senat tragen, wo er die Ratsherren wegen ihrer Unschlüssigkeit und
-Neigung zum Frieden heftig anließ. „Bis heute,“ sagte er, „habe ich
-immer den Verlust meiner Augen beklagt, jetzt aber wünsche ich auch
-noch taub zu sein, um so Unwürdiges nicht hören zu müssen.“ Da schlug
-die Strömung um. Dem Kineas wurde befohlen, die Stadt zu verlassen und
-seinem König zu sagen, daß an Frieden und Freundschaft mit ihm nicht zu
-denken sei, bevor er nicht Italien verlassen hätte. Erstaunt über so
-stolze Antwort der Besiegten, soll der König den Kineas gefragt haben,
-welchen Eindruck die Stadt Rom und der Senat auf ihn gemacht hätten.
-„Mir erschien“, antwortete jener, „die Stadt gleichwie ein Tempel, der
-Senat aber gleich einer Versammlung von Königen.“</p>
-
-<p>Nach der Schlacht bei Heraklea war Pyrrhus bis in die Nähe von Rom
-vorgedrungen, zog sich dann aber, ohne einen Angriff auf die Stadt zu
-wagen, wieder nach Tarent zurück. Um diese Zeit schickten die Römer
-drei Gesandte zu ihm, um über eine Auswechselung der Gefangenen zu
-unterhandeln,<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> unter ihnen den <em class="gesperrt">Gajus Fabricius Luscínus</em>, einen
-zwar armen, aber stolzen und unbeugsamen Senator. Der König empfing die
-Gesandten sehr freundlich und hoffte, daß sie ihn um Frieden bitten
-würden; doch sie sprachen nur von der Auslösung der Gefangenen. Dieses
-Begehren schlug er ihnen zwar ab, unterredete sich aber insgeheim
-mit Fabricius, den er seiner Armut wegen zu bestechen hoffte. Allein
-der Römer wies des Königs Versprechungen und Geschenke mit stolzer
-Verachtung zurück. Am folgenden Tage gedachte Pyrrhus seinen Mut auf
-eine Probe zu stellen. Er verbarg seinen größten Elefanten hinter einem
-Vorhang des Zeltes, worin er den Römer empfing. Auf ein gegebenes
-Zeichen mußte das ungeheure Tier ein Gebrüll erheben und seinen
-Rüssel über den Kopf des Fabricius ausstrecken. Aber Fabricius blieb
-unerschüttert. Lächelnd sagte er zum König: „So wenig mich gestern dein
-Gold verlockt hat, so wenig schreckt mich heute dein Tier.“ Erfüllt
-von Bewunderung eines so reinen und so unerschrockenen Charakters, und
-um ihm einen Beweis seiner Hochachtung zu geben, gewährte der König
-allen Gefangenen einen Urlaub, um nach Rom zu gehen und dort das Fest
-der Saturnalien zu feiern. Wenn der Senat seine Friedensbedingungen
-annehme, sollten sie frei sein, wo nicht, so sollten sie geloben, in
-die Gefangenschaft zurückzukehren. Und keiner von ihnen blieb aus, als
-der Senat die Bedingungen verworfen hatte.</p>
-
-<p>Auch die zweite Schlacht bei <em class="gesperrt">Askulum</em> in Apulien (279) gewann
-Pyrrhus, erlitt aber so starke Verluste, daß er denen, welche ihm zu
-seinem Siege Glück wünschten, erwiderte: „Noch einen solchen Sieg, und
-ich bin verloren!“ Abermals sandte er den Kineas nach Rom, um über
-den Frieden zu unterhandeln, und mit ihm alle Gefangenen reichlich
-beschenkt und bekleidet. Aber vergeblich machte dieser bei angesehenen
-Männern und Frauen die Runde und bot Geschenke von Gold und kostbarem
-Schmuck, um die Gemüter für den Frieden zu stimmen. Der Senat beharrte
-bei dem Entschlusse nicht eher mit Pyrrhus zu unterhandeln, als bis er
-Italien verlassen hätte.</p>
-
-<p>Im folgenden Jahre (278) gab Gajus Fabricius als Konsul abermals einen
-Beweis seines edlen Sinnes. Er erhielt eines Tages einen Brief vom
-Leibarzte des Königs, worin sich dieser erbot gegen eine ansehnliche
-Belohnung seinen Herrn zu vergiften. Aber Fabricius, voll Abscheu über<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
-solchen Verrat, entdeckte die Sache dem König. Über diese Redlichkeit
-erstaunt, rief Pyrrhus aus: „Es ist schwerer den Fabricius von seiner
-Rechtschaffenheit abzubringen, als die Sonne von ihrem Laufe!“ Sogleich
-gab er alle römischen Gefangenen, die er noch hatte, ohne Lösegeld
-frei, und die Römer, um sich nicht an Großmut übertreffen zu lassen,
-schickten ihm ebenso viele Gefangene zurück.</p>
-
-<p>Da Pyrrhus keine Hoffnung mehr hatte den Krieg auf eine für ihn
-rühmliche Weise zu beendigen, so war ihm eine Einladung der
-Syrakusaner, die ihn gegen die Karthager zu Hilfe riefen, sehr
-willkommen. Auch in Sizilien war er anfangs glücklich; zuletzt aber
-nahm der Krieg eine für ihn so ungünstige Wendung, daß er auf den Ruf
-der Tarentiner gern nach Italien zurückkehrte (276).</p>
-
-<p>Damals führte <em class="gesperrt">Curius Dentatus</em> den Oberbefehl über das römische
-Heer. Dieser Mann war ein vollkommenes Muster von Mäßigkeit und
-freiwilliger Armut. Einst kamen Gesandte der Samniter zu ihm, um
-ihn durch eine große Geldsumme für ihre Sache günstig zu stimmen.
-Sie fanden ihn, als er gerade am Herde saß und sich selbst sein
-Rübengericht bereitete. Trotz seiner Armut wies er das Angebot zurück,
-indem er sagte, es sei angenehmer über solche, welche Gold besäßen, zu
-herrschen, als es selbst zu besitzen. Nur zwei Reitknechte begleiteten
-ihn ins Feld, und seine Töchter mußten auf Staatskosten ausgestattet
-werden. Diesem Feldherrn gelang es endlich den Pyrrhus zu schlagen und
-aus Italien zu vertreiben. Er hatte bei <em class="gesperrt">Beneventum</em> eine feste
-Stellung eingenommen, als ihn Pyrrhus angriff (275). Diesmal ließen
-sich die Römer durch die Elefanten nicht schrecken. Sie empfingen
-die anrennenden Ungetüme mit Brandpfeilen, wodurch diese gereizt und
-verwirrt sich rückwärts auf die Reihen der Feinde warfen und in völlige
-Unordnung brachten. Damit war der Sieg der Römer entschieden. Das Lager
-des Königs mit vieler Beute, darunter vier Elefanten, fiel in ihre
-Hände. Jetzt mußte sich Pyrrhus entschließen Italien zu verlassen; er
-kehrte mit wenigen Reitern nach Tarent zurück und schiffte bald nachher
-nach Epirus über.</p>
-
-<p>Sein unruhiger, kampflustiger Sinn trieb ihn bald in neue Kriege. Einst
-drang er bei dunkler Nacht in die Stadt Argos im Peloponnes ein; da
-ward er im Straßenkampf von einem Stein, den eine alte Frau auf ihn
-schleuderte, tödlich<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> getroffen (272). In dem Jahre seines Todes mußte
-sich Tarent an die Römer ergeben. Nachdem diese in den nächsten Jahren
-auch das übrige Süditalien sich unterworfen hatten, waren sie die
-Herren der ganzen Halbinsel bis nordwärts zum Gebiet der Gallier.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XIX_Der_erste_punische_Krieg"><span class="s4">XIX.</span><br />
-
-<b>Der erste punische Krieg</b> <span class="s5">(264&ndash;241).</span><br />
-
-<b>Gajus Duilius. M. Atilius Regulus.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Kaum war ganz Italien der Herrschaft der Römer untertan, so kamen sie
-mit den Karthagern auf Sizilien in feindliche Berührung. Auf dieser
-Insel hatten sich seit zwanzig Jahren campanische Söldner, die sogen.
-Mamertiner (Marsmänner), die vorher dem Fürsten von Syrakus gedient
-hatten, der Stadt Messāna bemächtigt und sich dort sowohl gegen die
-Syrakusaner, wie gegen die Karthager, die beiden Herren der Insel,
-behauptet. Diese baten nun, von den Karthagern hart bedrängt, in Rom um
-Hilfe, und der Senat beschloß sie zu gewähren. So wurde denn das erste
-römische Heer auf schlechten Fahrzeugen nach Sizilien übergesetzt, und
-es entbrannte der langwierige und blutige Krieg, der, weil er gegen die
-Karthager oder Punier geführt ward, der <em class="gesperrt">erste punische Krieg</em>
-genannt wird.</p>
-
-<p>Im Fortgange dieses Kampfes, den die Römer zunächst auf Sizilien mit
-großem Erfolge begonnen hatten, erkannten sie doch bald das Bedürfnis
-einer Seemacht, und mit bewundernswürdiger Raschheit erbauten sie in
-sechzig Tagen eine Flotte von 100 größeren und 20 kleineren Schiffen,
-wobei ihnen ein gestrandetes karthagisches Kriegsschiff zum Muster
-diente. Den Oberbefehl über die Flotte erhielten die Konsuln <em class="gesperrt">Gajus
-Duilius</em> und <em class="gesperrt">Cornelius Scipio</em>. Da diese einsahen, daß ihre
-Schiffe mit der noch ungeübten Mannschaft von den feindlichen an
-Geschwindigkeit der Bewegungen übertroffen wurden, so versuchten sie
-diesen Nachteil dadurch auszugleichen, daß sie Enterbrücken an ihren
-Schiffen anbrachten. Auf jedem Schiff nämlich ward vorn ein 24 Fuß
-hoher Mast aufgerichtet und an dessen Fuß eine drehbare, 36 Fuß lange
-und 4 Fuß breite Leiter befestigt, die man mittels eines Taues am Mast
-emporzog und, sobald man einem feindlichen Schiffe nahe<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> genug gekommen
-war, niederfallen ließ, wobei sie mit ihrer hakenförmigen eisernen
-Spitze in das feindliche Verdeck einschlug, und so eine Brücke bildete,
-auf der die Besatzung hinüber gelangen und dort wie zu Lande kämpfen
-konnte.</p>
-
-<p>Nachdem die römische Flotte mit dieser Vorrichtung versehen und, nach
-einem glücklichen Treffen mit einem feindlichen Geschwader, in Messana
-eingelaufen war, ging sie, unter dem Konsul <em class="gesperrt">Duilius</em> &mdash; der
-andere war mit den ersten Schiffen, die er in See geführt, von den
-Puniern überrascht und gefangen worden &mdash; der karthagischen Flotte,
-die von Pánormos (heute Palermo) heranfuhr, kühnlich entgegen. Bei
-Mylä, nordwestlich von Messana, trafen sich die beiden Flotten. Sobald
-die Punier ihrer Gegner ansichtig wurden, gingen sie ihnen in solcher
-Siegeszuversicht entgegen, daß sie nicht einmal eine Schlachtordnung
-bildeten. Fünfzig ihrer Schiffe, darunter das des Admirals, wurden von
-den Enterhaken ergriffen und gewonnen oder versenkt, die übrigen zur
-Flucht genötigt (260). Der siegreiche Konsul feierte unter großem Jubel
-des Volkes seinen Triumph wegen der ersten gewonnenen Seeschlacht.
-Auch wurde ihm für sein ganzes Leben die Auszeichnung bewilligt, daß
-er sich abends, wenn er von Gastmählern heimkehrte, mit einer Fackel
-vorleuchten und von einem Flötenspieler begleiten lassen durfte,
-was damals noch keinem Römer gestattet war. Auf dem Forum ward eine
-marmorne, mit den Schnäbeln der eroberten Schiffe verzierte Denksäule
-aufgestellt, deren Reste noch jetzt erhalten sind.</p>
-
-<p>Im weiteren Verlaufe des Krieges zeichnete sich der Konsul <em class="gesperrt">Marcus
-Atilius Régulus</em> durch Kühnheit und seltene Charakterstärke in Glück
-und Unglück aus. Nachdem er beim Berge Eknŏmos an der Südküste von
-Sizilien die Karthager geschlagen hatte (256), setzte er nach Afrika
-über, um die Feinde in ihrem eigenen Lande zu bekriegen. Er landete
-glücklich und drang siegreich vor. Er eroberte viele feindliche Städte
-und bedrängte die Karthager so sehr, daß sie Frieden geschlossen
-haben würden, wenn nicht die Bedingungen des Regulus zu hart gewesen
-wären. Als die Gesandten um mildere Bedingungen flehten, antwortete
-er ihnen, sie sollten siegen oder den Siegern gehorchen, und an den
-römischen Senat schrieb er: „Ich habe die Tore Karthagos mit Schrecken
-versiegelt.“</p>
-
-<p>Aber plötzlich änderte sich die Lage der Dinge. <em class="gesperrt">Xánthippus</em>, ein
-erfahrener griechischer Heerführer, war den<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> Karthagern von Sparta aus
-zu Hilfe gekommen, und diesem gelang es, das Kriegsglück Karthagos
-einigermaßen wieder herzustellen. In einem hartnäckigen Treffen bei
-Tunes (255) überwand er den Regulus, nahm ihn gefangen und führte ihn
-nach Karthago, wo er fünf Jahre lang im Kerker schmachten mußte.</p>
-
-<p>Mittlerweile wurde der Krieg zwischen Rom und Karthago mit
-abwechselndem Glücke fortgesetzt, bis endlich die erschöpften
-Karthager den Frieden wünschten. In der Person des Regulus glaubten
-sie einen passenden Vermittler zu besitzen. Sie schickten ihn daher
-nach Rom, um über den Frieden zu verhandeln, vorher aber ließen sie
-ihn schwören, daß er zurückkehren werde, wenn er nicht imstande wäre,
-den Frieden herbeizuführen. Regulus kam nach Rom und trug dem Senat
-seinen Auftrag vor. Aber weit entfernt davon, dem Senat zum Frieden zu
-raten, riet er vielmehr das Gegenteil. Er verwarf den Frieden, weil
-Karthago jetzt schon so geschwächt wäre, daß es bald gänzlich zugrunde
-gerichtet werden könnte. Der Senat billigte diese Meinung, wünschte
-aber zugleich den hochgesinnten Mann zu retten. Allein dieser gedachte
-seines Eidschwures. Vergebens baten ihn seine Freunde zu bleiben,
-vergebens sprachen ihn die Priester von seinem Eide los. Ja, er vermied
-sogar seine Frau und seine Kinder zu sehen, um nicht von ihren Tränen
-erweicht zu werden. Er kehrte, getreu seiner Eidpflicht, nach Karthago
-zurück.</p>
-
-<p>Als die Karthager hörten, daß Regulus selbst gegen ihre Aufträge
-gesprochen hatte, wurden sie äußerst aufgebracht und töteten ihn,
-wie später in Rom erzählt wurde, durch die schrecklichsten Martern.
-Sie schnitten ihm zuerst die Augenlider ab, warfen ihn so in einen
-finsteren Kerker und führten ihn dann in die Sonne. Hierauf legten
-sie ihn in einen hölzernen Kasten, der mit scharfen Nägeln inwendig
-ausgeschlagen war, und ließen ihn darin langsam sterben. Es ist
-jedoch wahrscheinlich, daß dies alles eine Erdichtung der Römer war,
-die dadurch ihre eigenen Grausamkeiten zu beschönigen, oder ihren
-unversöhnlichen Haß gegen Karthago zu rechtfertigen suchten.</p>
-
-<p>Der Krieg zwischen Rom und Karthago dauerte hiernach noch neun Jahre.
-In dieser Zeit hatten die Karthager einen ausgezeichneten Feldherrn an
-<em class="gesperrt">Hámilkar</em> mit dem Beinamen <em class="gesperrt">Barkas</em> („Blitz“), der sich im
-Nordwesten Siziliens sieben<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Jahre lang gegen alle Anstrengungen der
-Römer siegreich behauptete, bis der Seesieg des <em class="gesperrt">Lutatius Cátulus</em>
-bei den <em class="gesperrt">ägatischen</em> Inseln die erschöpften Karthager zum Frieden
-zwang (241). Sie traten Sizilien ab, welches die erste römische Provinz
-ward, und zahlten 3200 Talente Silber (13½ Millionen Mark).</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XX_Der_zweite_punische_Krieg"><span class="s4">XX.</span><br />
-
-<b>Der zweite punische Krieg</b> <span class="s5">(219&ndash;201).</span><br />
-
-<b>Hannibal.</b></h3>
-
-</div>
-
-<h4 id="Hannibals_erstes_Auftreten"><b>1. Hannibals erstes Auftreten.</b></h4>
-
-<p>Während bald darauf die Römer mitten im Frieden das erschöpfte
-Karthago zur Abtretung von Sardinien und Corsica nötigten, dann
-die seeräuberischen Illyrier und die Gallier im Gebiete des Po zu
-unterwerfen begannen, hatte Hamilkar Barkas in Karthago die Empörung
-der unbezahlten Söldnerhaufen zu dämpfen, die den karthagischen
-Staat dem Untergange nahe brachte. Nach Beendigung dieses Kampfes
-ging Hamilkar, ein unversöhnlicher Feind der Römer, nach Hispanien
-(Spanien), um durch die großen Hilfsmittel dieser damals noch freien
-und von den kriegerischen Stämmen der Ibēren bevölkerten Halbinsel
-seiner Vaterstadt wieder aufzuhelfen und neue Kräfte gegen Rom zu
-gewinnen. Als er im Begriff war abzureisen, bat ihn Hannibal, sein
-Sohn, ein Knabe von neun Jahren, ihn auf diesem Zuge begleiten zu
-dürfen. Der Vater versprach es und suchte zugleich das Herz seines
-Sohnes mit unaustilgbarem Hasse gegen Rom zu erfüllen. Er führte
-ihn vor den Altar, auf welchem er eben opferte. Alle Zeugen wurden
-entfernt, dann hieß er seinen Sohn den Altar umfassen und schwören, daß
-er zeitlebens ein Feind der Römer sein wolle. Das tat Hannibal, und nie
-ist ein Schwur treuer gehalten worden.</p>
-
-<p>Neun Jahre focht Hamilkar in Spanien mit glücklichem Erfolg, unterwarf
-sich einen großen Teil der Einwohner mit Gewalt oder Klugheit, und
-gründete dort eine Herrschaft, welche den Verlust der Inseln reichlich
-ersetzte. Nachdem er in einer Schlacht gefallen war, übernahm sein
-Eidam <em class="gesperrt">Hásdrubal</em> den Oberbefehl. Dieser setzte die kriegerischen
-Unternehmungen mit großem Glücke fort und gab dem neuerworbenen Lande
-in der<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> von ihm gegründeten Stadt Neukarthago (heute Cartagena) eine
-trefflich gelegene Hauptstadt. Die Römer wurden über diese Fortschritte
-so besorgt, daß sie in einem Vertrage mit Hasdrubal den Fluß Ibērus
-(Ebro) als Grenze der karthagischen Eroberungen feststellten und die
-griechischen Handelsplätze, darunter die Stadt Saguntum (nördlich von
-Valencia), in ihren Schutz nahmen.</p>
-
-<p>Hannibal war nach des Vaters Tode nach Karthago zurückgekehrt;
-Hasdrubal ließ ihn wieder zu sich kommen und vollendete seine
-kriegerische Erziehung. Acht Jahre hatte Hasdrubal den Oberbefehl in
-Spanien geführt, als er von einem Eingeborenen ermordet wurde. Jetzt
-rief das Heer den jungen Hannibal als Feldherrn aus, und Senat und Volk
-zu Karthago bestätigten die Wahl.</p>
-
-<p>Im Lager aufgezogen, war Hannibal der Liebling des Heeres; die alten
-Krieger sahen in ihm des Vaters Ebenbild. Wenn eine Unternehmung Mut
-und Ausdauer erforderte, stellte schon Hasdrubal ihn am liebsten an
-die Spitze, und unter keinem Führer hatten die Krieger mehr Vertrauen
-und Siegeszuversicht. Mit der größten Kühnheit ging er in Gefahren,
-mit der größten Besonnenheit benahm er sich mitten in denselben, durch
-keine Beschwerde konnte sein Körper ermüdet, sein Geist gebeugt werden,
-Hitze und Kälte ertrug er mit gleicher Ausdauer, in Speise und Trank
-war er mäßig, und zum Schlafe gönnte er sich nur die Zeit, die ihm
-die Geschäfte übrig ließen. Dazu bedurfte er keines weichen Lagers,
-noch der Stille der Nacht, oft sahen ihn seine Krieger, nur mit einem
-kurzen Feldmantel bedeckt, zwischen den Wachen und Posten auf dem Boden
-liegen. Seine Kleidung war von der seiner Waffengenossen in nichts
-unterschieden, nur Waffen und Rosse kündigten den Feldherrn an. Er war
-bei weitem der beste Reiter, wie der beste Fußgänger. Als vorderster
-ging er ins Treffen, als letzter kehrte er zurück. Unerschöpflich in
-klugen Anschlägen, stets wohl unterrichtet von den Plänen der Feinde,
-fand er in jeder Not und Gefahr einen rettenden Ausweg. Einer der
-größten Feldherren aller Zeiten, ein weitschauender Staatsmann, ein
-tapferer Krieger, ließ er sich im Glück nicht zum Übermut verleiten,
-und trug er das Unglück mit zäher Geduld und festem Sinn. Milde lag
-nicht in seiner Art; hart und grausam gegen die Feinde, scheute er
-keine Arglist und Untreue, wenn sein Vorteil dazu riet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Er war erst 28 Jahre alt, als er an die Spitze des hispanischen Heeres
-trat (221 v.&nbsp;Chr.). Sofort entschloß er sich mit Rom zu brechen.</p>
-
-<p>Hasdrubal hatte den Vertrag mit den Römern, die Stadt <em class="gesperrt">Saguntum</em>
-nicht anzugreifen, treulich gehalten. Hannibal kümmerte sich nicht
-darum, sondern schritt alsbald zu ihrer Belagerung. Als die Römer
-von der Bedrängnis der mit ihnen verbündeten Stadt hörten, ordneten
-sie eine Gesandtschaft an Hannibal ab, um ihn an den Vertrag zu
-erinnern. Der aber ließ sie gar nicht ins Lager, sondern befahl sie zu
-bescheiden, daß er mitten im Kampfe keine Zeit habe Gesandtschaften
-anzuhören. Ebenso erfolglos war die Gesandtschaft in Karthago.
-Inzwischen erfuhren die Saguntiner alle Schrecken einer Belagerung.
-Unter dem heldenmütigsten Widerstand der Einwohner und erst nach einer
-achtmonatlichen Einschließung und Bestürmung konnte Hannibal sich der
-Stadt bemächtigen (219). Als den Saguntinern alle Hoffnung geschwunden
-war, hatten die Vornehmsten alles Silber und Gold aus ihren Häusern auf
-dem Markt auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen und sich dann
-selber hinein gestürzt. Alle Wehrhaften wurden getötet, viele hatten
-sich mit Weib und Kind in ihre Häuser verschlossen und diese in Brand
-gesteckt. Alle übrigen wurden in die Knechtschaft verkauft (219).</p>
-
-<p>Als die Kunde von dem schrecklichen Untergang der ihrem Schutze
-anvertrauten Stadt nach Rom kam, war die Entrüstung über solchen
-Friedensbruch unbeschreiblich. Sofort ging eine Gesandtschaft nach
-Karthago, an deren Spitze <em class="gesperrt">Quintus Fabius</em> stand. Sie sollte die
-Auslieferung des vertragsbrüchigen Feldherrn fordern, oder, wenn diese
-verweigert würde, den Krieg ankündigen. Der karthagische Senat, in
-zwei Parteien geteilt, konnte zu keinem Entschluß kommen. Er suchte
-Ausflüchte zu machen und die Sache hinzuziehen, allein Qu. Fabius
-forderte eine bestimmte Erklärung. Indem er seine Toga zu einem Bausche
-faltete und dem Senate hinhielt, sagte er: „Hier liegt Krieg und
-Frieden: nehmt was ihr wollt!“ &mdash; „Wir nehmen,“ rief man ihm entgegen,
-„was ihr uns gebt.“ &mdash; „So nehmt den Krieg!“ erwiderte Fabius und
-entfaltete seine Toga mit einer drohenden Geberde, als ob er Waffen und
-Krieger herausschüttete.</p>
-
-<p>So begann der <em class="gesperrt">zweite punische Krieg</em>, der achtzehn Jahre
-(219&ndash;201) hindurch Italien, Spanien und Afrika ver<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>wüstete, Rom an den
-Rand des Verderbens brachte, und zuletzt mit der völligen Niederlage
-Karthagos endete.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Hannibals_Zug_nach_Italien"><b>2. Hannibals Zug nach Italien.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Hannibal hatte sich nach der Eroberung von Sagunt in die
-Winterquartiere begeben. Hier entbot er die Hauptleute der auf der
-Halbinsel geworbenen Krieger zu sich und machte sie mit seinem Plan,
-in fernes Land zu ziehen, bekannt. Um ihnen aber Zeit zu geben, sich
-von den Beschwerden des letzten Krieges zu erholen und ihre Familien
-wiederzusehen, erteilte er allem Kriegsvolk einen Urlaub, mit dem
-Befehl, beim Anbruch des Frühlings sich wieder einzustellen. Nachdem
-er dann im Frühjahr die Truppen gemustert hatte, ließ er, um Spanien
-zu behaupten, ein Heer von 15000 Mann und eine Flotte von 50 Schiffen
-unter dem Befehl seines Bruders Hasdrubal zurück. Ein anderes,
-größtenteils aus Ibérern bestehendes Heer von nahe an 20000 Mann
-schickte er nach Afrika, um teils als Besatzung von Karthago zu dienen,
-teils im karthagischen Gebiet verteilt zu werden. Er selbst brach im
-Frühjahr 218 mit 90000 Mann Fußvolk, 12000 Reitern und 37 Elefanten
-nordwärts nach dem Ibérus (Ebro) auf (218).</p>
-
-<p>Auf diesem Zuge erschien ihm einst, wie die Sage erzählt, im Schlaf ein
-Jüngling von göttlicher Gestalt, welcher sagte: „Ich bin von Jupiter
-als dein Wegweiser nach Italien gesandt; mache dich auf und folge mir
-unverwandten Auges.“ Hannibal folgte anfangs schüchtern, nirgends
-um oder hinter sich blickend; dann aber konnte er aus menschlicher
-Ängstlichkeit, was das wohl sein möge, wonach er sich nicht umsehen
-solle, seine Augen nicht mehr beherrschen. Er blickte hinter sich und
-gewahrte eine Schlange von wundersamer Größe, die hinter ihm herschoß,
-Bäume und Sträucher weithin niederschlagend, und hinter der Schlange
-einen Platzregen mit Donnerschlägen. Auf seine Frage, was das für ein
-Ungetüm sei, und was das Zeichen bedeute, erhielt er die Antwort, daß
-es die Verwüstung Italiens sei; er solle aber nur vorwärts gehen, nicht
-weiter fragen und das fernere Schicksal in seinem Dunkel ruhen lassen.</p>
-
-<p>Froh über dieses Gesicht setzte er über den Ebro und bezwang die noch
-unabhängigen Völkerschaften zwischen diesem Fluß und den Pyrenäen. Um
-die Pässe des Gebirges und die neu eroberten Landschaften zu hüten,
-ließ er eine Truppe<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> von 11000 Mann zurück, während er noch andere
-11000 Mann, welche die Furcht vor einem Kriege mit Rom entmutigt hatte,
-nach Hause entließ. Ihm selbst blieben damals 50000 Mann zu Fuß und
-9000 Reiter, alle bewährte Krieger, zum größeren Teil Libyer aus dem
-Gebiete Karthagos, zum kleineren Teil Hispanier (Ibérer). Die Völker
-des südlichen Galliens gewann er durch List und Geschenke, und als man
-in Rom vernahm, er habe den Ebro überschritten, stand er bereits am
-rechten Ufer der unteren Rhódanus (Rhone), an der Stelle des heutigen
-Avignon.</p>
-
-<p>Die dort seßhaften Gallier standen auf seiten der Römer, fühlten sich
-aber zu schwach, um den Anmarsch des punischen Heeres in offenem Felde
-aufzuhalten. In der Hoffnung auf die Hilfe des römischen Heeres, das
-bereits bei Massilia (Marseille) an der Rhonemündung eingetroffen
-war, nahmen sie auf dem linken Flußufer eine feste Stellung ein. Aber
-Hannibal ließ sich nicht aufhalten. Er ließ alle Schiffe und Kähne
-aufwärts und abwärts des Flusses zusammenholen, Bäume fällen und
-Flöße bauen, und traf alle Anstalten zu raschem Übergang. Aber auf
-der anderen Seite standen die Feinde, die zu Pferd und zu Fuß das
-ganze Ufer innehatten. Um sie von dort zu vertreiben, befahl Hannibal
-dem Hanno mit einem Teil des Heeres zwei Tagereisen weit am Flusse
-hinaufzuziehen und dort an einer geeigneten Stelle überzusetzen.
-Pünktlich führte Hanno den Befehl aus. Auf Flößen und verkoppelten
-Baumstämmen brachte er Roß und Mann und alles übrige hinüber. Die
-Hispanier steckten ihre Kleider in Schläuche, legten sich darauf und
-schwammen ohne weitere Vorkehrung über den Fluß. Von dort zog er
-eilends stromabwärts in den Rücken der Feinde, und bereits am dritten
-Tage seit seinem Aufbruch meldete er durch Rauchsignale dem Feldherrn
-seine Ankunft. Sofort gab Hannibal den Befehl zum Übergang. Die Gallier
-anderseits stürzten gegen das Ufer mit vielstimmigem Geheul, ihrem
-gewohnten Schlachtgesange, die Schilde zusammenschlagend und in der
-Rechten den Speer schwingend. Da plötzlich loderte in ihrem Rücken
-das eigene Lager in hellen Flammen auf. Hanno hatte es überfallen
-und bedrohte ihre Rückseite. Zwar suchten die Gallier anfangs nach
-beiden Seiten das Feld zu halten, gaben aber bald den hoffnungslosen
-Widerstand auf und zerstreuten sich in ihre Dörfer. So konnte Hannibal
-sein ganzes Heer<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> mit allem Troß ungefährdet über den reißenden Strom
-führen und jenseits ein Lager schlagen.</p>
-
-<p>Ganz eigentümlich war die Art, wie Hannibal die Elefanten hinübersetzen
-ließ. Er ließ ein 200 Fuß langes und 50 Fuß breites Floß vom Lande aus
-in den Fluß hineinbauen und damit es nicht vom Strome fortgerissen
-würde, durch starke Taue am Ufer festbinden. Dann ließ er es mit Erde
-beschütten, damit es die Tiere ohne Scheu gleich wie festes Land
-betreten könnten. Ein zweites Floß, ebenso breit, 100 Fuß lang und
-zur Überfahrt eingerichtet, wurde an jenes angebunden. Wenn nun die
-Elefanten über das feststehende Floß, wie auf einer Straße, auf das
-zweite kleinere Floß hinübergegangen waren, so wurden sogleich die
-Bindetaue gelöst und dies Floß an das andere Ufer gezogen. So lange sie
-auf dem ersten Floß wie auf einer breiten Brücke gingen, blieben sie
-ruhig; dann erst zeigten sie Angst, wenn das zweite Floß abgelöst war
-und mit ihnen in die Mitte des Flusses trieb. Da drängten sie sich vom
-Wasser weg zusammen und verursachten ziemliche Störung, bis endlich die
-Furcht selbst sie ruhig machte.</p>
-
-<p>Um die Zeit, da Hannibal über die Rhone ging, stand der römische Konsul
-P. Cornelius Scipio an der Mündung dieses Stromes. Er hatte mit seinem
-Heere nach Spanien übersetzen sollen, um dort den Krieg zu beginnen,
-während der andere Konsul, Titus Sempronius Longus, von Sicilien aus
-Karthago selbst angreifen sollte. Als er aber auf dieser Fahrt nach
-Massilia kam, mußte er zu seiner großen Überraschung erfahren, daß der
-Feind bereits in der Nähe stände und sich anschickte über die Rhone zu
-gehen. Statt nun sofort dem Hilferufe der Gallier zu folgen, zauderte
-er, bis es zu spät war. Ein Reitergeschwader, das er darauf den Fluß
-hinaufsandte, um Erkundigungen über den Standort und die Stärke des
-feindlichen Heeres einzuziehen, traf auf eine zu gleichem Zwecke
-abgeschickte Abteilung Numider (aus Nordafrika). Es kam zu einem sehr
-hitzigen Gefecht, in dem sich der Sieg endlich auf die Seite der Römer
-neigte. Doch als Scipio in eiligem Marsche nach der Übergangsstelle
-hinaufzog, war das feindliche Heer schon in weiter Ferne, und es blieb
-ihm nichts übrig als nach Italien zurückzukehren und dort den Feind zu
-bestehen.</p>
-
-<p>Für Hannibal aber begann jetzt erst der schwierigste Teil seiner kühnen
-Unternehmung. Es galt den Marsch zu wagen<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> mitten durch zahlreiche
-Feinde, über die schnee- und eisbedeckten Alpen, auf ungebahnten,
-vielleicht noch nie betretenen Wegen, die selbst für Fußgänger
-kaum gangbar waren, viel weniger noch für Elefanten, Rosse und
-schwerbeladene Karren und Saumtiere. Kein Wunder, daß beim Anblick der
-steilen Gebirge selbst die abgehärtesten Krieger zu zagen begannen. Nur
-ihr Feldherr blieb festen Mutes und verstand es auch seinen Truppen
-neue Zuversicht einzuflößen. Er schilderte ihnen die reichen Gebiete,
-die sie jenseits des Gebirges erreichen, die große Beute, die sie dort
-gewinnen, und die Hilfe, die sie im Tale des Po bei den kriegstüchtigen
-und von Römerhaß erfüllten gallischen Stämmen finden würden. Er führte
-ihnen sogar einen eben von dort eingetroffenen gallischen Fürsten vor,
-Magilus mit Namen, der dies alles bestätigte.</p>
-
-<p>Man kannte damals nur zwei Pässe zum Übergang von Gallien nach dem
-oberen Italien. Der eine kürzere aber rauhere führte durch das Tal der
-Dürance über die cottischen Alpen (Mont Genèvre) in das Gebiet der
-Tauriner (Turin), der längere aber weniger schwierige im Tal der Isère
-aufwärts zu den graischen Alpen und über den kleinen St. Bernhard ins
-Tal der Doria (Baltéa). Diesen zweiten wählte Hannibal auch deshalb,
-weil die an seinem jenseitigen Ausgange wohnenden Gallier nur auf seine
-Ankunft warteten, um sich mit ihm gegen die Römer zu verbinden.</p>
-
-<p>Der Marsch ging zuerst sechzehn Tage lang durch das fruchtbare Gebiet
-der Allóbroger zwischen Isère und Rhone, bis zum Fuße des Hochgebirges.
-Der von den Bewohnern gesperrte nächste Paß wurde genommen; aber auf
-dem steilen und glatten Abstieg von der Höhe geriet das Heer in harte
-Not: feindliche Haufen brachen in die Reihen, ein wildes Getümmel
-entstand, Menschen und Tiere stürzten in die Tiefe. Erst als man ins
-Tal der Isère gelangte, ward der Marsch gefahrlos, bis man in das
-Gebiet der Centronen hinaufstieg, welche das Heer mit allen Zeichen
-der Freude gastlich empfingen und aus dem Tale zum Fuß der Paßhöhe des
-kleinen St. Bernhard geleiteten. Da plötzlich griffen sie die nächste
-durch eine Schlucht emporklimmende Abteilung von allen Seiten an. Unter
-blutigen und verlustvollen Kämpfen gelangte man am folgenden Tage auf
-die Hochfläche des Passes.</p>
-
-<p>Den erschöpften und durch die schweren Verluste an Menschen und Tieren
-entmutigten Truppen gewährte hier der<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Feldherr eine kurze Rast, die
-er benutzte, um alle Nachzügler und Versprengte zu sammeln und durch
-den Hinweis auf die Nähe des ersehnten Zieles, durch den Ausblick auf
-die in der Ferne sich breitende Ebene Italiens die gesunkene Stimmung
-wieder zu heben. Man näherte sich zwar den befreundeten Galliern, aber
-die vorgerückte Jahreszeit &mdash; es war schon Anfang September &mdash; brachte
-neues Ungemach. An den engen und steilen Talrändern der Dora, auf denen
-der Abstieg geschah, lag frischer Schnee, der die Pfade verdeckte;
-haufenweise stürzten Menschen und Tiere in die Abgründe. An einer
-Strecke von nur 200 Schritt Länge mußte vier Tage lang mit Aufgebot
-aller Kräfte gearbeitet werden, um die Elefanten und das Gepäck
-über die glatten Eismassen hinüber bringen zu können. Nach weiterem
-dreitägigen Marsch bergab gelangte man endlich in die Talebene, wo die
-Dörfer der Gallier, in der Gegend des heutigen Ivréa, Rast und Pflege
-boten.</p>
-
-<p>So war das Ziel endlich erreicht, aber mit welchen Opfern! Mehr als
-die Hälfte des Heeres, die meisten Pferde und Elefanten waren auf den
-Märschen und in den Kämpfen zugrunde gegangen, und was hinübergelangt
-war, bedurfte längerer Erholung, um sich zu den bevorstehenden harten
-Kämpfen zu stärken und neu auszurüsten. Hätte Hannibal beim Austritt
-aus dem Gebirge ein römisches Heer kampfbereit sich gegenüber gefunden,
-so wäre er dem Untergang schwerlich entronnen.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Hannibals_Siege_am_Ticinus_und_an_der_Trebia"><b>3. Hannibals Siege
-am Ticinus und an der Trebia</b> (218).</h4>
-
-</div>
-
-<p>Anfangs hatten die Römer, wie oben berichtet ist, die Absicht den Krieg
-gegen Karthago in Spanien und Afrika zu führen. Sie hatten daher den
-Konsul T. Sempronius Longus mit der größeren Heeresmacht, 24000 Mann zu
-Fuß, 1800 Reitern und 160 Kriegsschiffen, nach Sicilien gesandt; der
-andere Konsul, P. Cornelius Scipio, sollte mit 22000 Mann zu Fuß, 1600
-Reitern und 60 Schiffen einen Angriff auf Spanien unternehmen. Aber
-Hannibal war den Römern zuvorgekommen. Schon stand er an der Rhone,
-als Scipio auf seiner Fahrt erst an der Mündung derselben angekommen
-war, wo er dann die Nähe des Feindes erfuhr und das bereits erwähnte
-Reitergefecht vorfiel. Nun änderte Scipio seinen Plan, er sandte
-seinen Bruder Gnaeus mit dem größeren<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> Teile des Heeres nach Spanien,
-während er selbst mit dem übrigen zurück in die Ebene des Po eilte,
-um sich dort an die Spitze des römischen Heeres zu stellen, welches
-dort die aufrührerischen Gallier niederzuhalten bestimmt war, und dem
-anrückenden Feinde die Stirn zu bieten. Hannibal hatte inzwischen
-seinem Heere die nötige Rast gegönnt, hatte den Widerstand der Tauriner
-durch Erstürmung ihrer Hauptstadt gebrochen, und war dann rasch bis
-an den <em class="gesperrt">Ticīnus</em> (Tessin), einen Nebenfluß des Po, vorgedrungen.
-Scipio ließ eine Brücke über den Po schlagen und rückte ihm entgegen.
-Nicht lange, so kam es dort in der Ebene am Ticinus zu einem ersten
-Zusammenstoß. Beide Feldherren zogen eines Tages an der Spitze ihrer
-Reiterei, Scipio auch von leichtem Fußvolk begleitet, aus, um die
-Stellung der Feinde auszukundschaften. So stießen sie aufeinander.
-Gleich nach Beginn des Kampfes floh das leichte römische Fußvolk,
-das Scipio in die vorderste Reihe gestellt hatte, vor dem Anprall
-der schweren punischen Reiter, warf sich unter die eigene Reiterei
-und brachte sie in Verwirrung. Gleichwohl nahm diese den Kampf auf
-und bestand ihn eine Zeitlang, unerschüttert durch die feindlichen
-Angriffe. Als dann aber die leichten numidischen Geschwader sie auf den
-Flanken und im Rücken anfielen war die Niederlage und Flucht der Römer
-nicht mehr aufzuhalten. Der Konsul selbst ward im Getümmel verwundet
-und nur durch die Entschlossenheit seines siebzehnjährigen Sohnes, des
-später als Besieger Hannibals berühmt gewordenen Scipio Africanus, aus
-dem feindlichen Gedränge herausgehauen und gerettet.</p>
-
-<p>In der folgenden Nacht führte Scipio sein Heer ungestört über den Po
-zurück und nahm an dem rechten Ufer des <em class="gesperrt">Trébia</em>, eines kleinen
-Nebenflusses des Po, eine feste Stellung, wo sein rechter Flügel sich
-an den Po bei der Koloniestadt Placentia (Piacenza), sein linker an
-die Vorberge des Apennin lehnte, in einem hügeligen Gelände, das die
-Bewegung der überlegenen feindlichen Reiterei hinderte. Hier stieß
-auch der andere Konsul, Sempronius, der auf die erste Nachricht von
-dem Erscheinen Hannibals aus Sicilien zurückberufen worden war, mit
-seinem Heere zu ihm. Aber zwischen den beiden Konsuln herrschte keine
-Eintracht: Sempronius drang auf eine entscheidende Schlacht, während
-Scipio, durch seine Wunden an der Führung behindert, sich von einer
-bloß abwehrenden<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> Haltung mehr Vorteil versprach. Ihre Uneinigkeit
-blieb Hannibal nicht unbekannt. Er war den über den Po zurückweichenden
-Römern alsbald nachgezogen und hatte ihnen gegenüber auf der linken
-Seite der Trebia sein Lager genommen. Als er durch seine Kundschafter
-erfahren, daß die Römer zum Kampf bereit wären, wählte er einen
-Ort zum Hinterhalt. In der Nähe seines Lagers war ein Bach, auf
-beiden Seiten von einem sehr hohen Ufer eingeschlossen und rings mit
-Gesträuch und Dorngebüsch dicht besetzt, wo ein Reitertrupp eine ganz
-verdeckte Aufstellung nehmen konnte. Darin versteckte Hannibal tausend
-auserlesene Reiter und ebenso viel Fußvolk unter Führung seines Bruders
-Mago.</p>
-
-<p>Früh am folgenden Tage ließ er seine numidischen Reiter über die
-Trebia setzen, sich vor den Toren des feindlichen Lagers tummeln, um
-den Feind zum Kampfe herauszulocken und, wenn ihnen dies gelungen war,
-langsam über den Fluß zurückzuweichen. Kaum hatten sie sich gezeigt,
-so führte Sempronius, der an diesem Tage den Oberbefehl auch über
-Scipios Legionen führte, erst seine ganze Reiterei, darauf 6000 Mann
-Fußvolk, endlich sein ganzes Heer zum Kampfe heraus. Es war ein kalter
-schneeiger Dezembertag; Roß und Mann wurden, ohne vorher durch Speise
-gestärkt zu sein, ungeschützt gegen die Kälte, ins Treffen geführt. Als
-sie aber auf der Verfolgung der fliehenden Numider sogar ins Wasser
-gingen, das ihnen bis an die Brust reichte, erstarrten ihnen vollends
-die Glieder, daß sie kaum die Waffen zu halten vermochten und bald der
-Ermattung und dem Hunger erlagen.</p>
-
-<p>Dagegen hatten Hannibals Truppen vor ihren Zelten Feuer angezündet,
-ihre Glieder mit Öl geschmeidig gemacht und in Ruhe gegessen. Rüstig
-an Leib und Seele ergriffen sie die Waffen und standen zur Schlacht
-gerüstet, als der Feind über den Fluß gegangen war. Ins Vordertreffen
-stellte der karthagische Feldherr als Plänkler 8000 leicht bewaffnete
-balearische Schleuderer und Speerwerfer; hinter diesen das schwere
-Fußvolk, den Kern seines Heeres; die Flügel umgab er mit seinen
-zahlreichen Reitern und an die beiden Flügelspitzen stellte er zu
-gleichen Teilen die wenigen Elefanten, welche ihm geblieben waren.
-Vergebens ließ jetzt Sempronius seinen hitzig verfolgenden Reitern zum
-Rückzug blasen; er mußte die Schlacht annehmen und ordnete die Seinen.
-Die ermüdeten leichten Truppen wichen gleich anfangs zurück;<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> dann
-kam die römische Reiterei ins Gedränge und wurde von einer Wolke von
-Schleuderkugeln und Speeren, welche die Balearen warfen, überschüttet.
-Der Anblick und der ungewohnte Geruch der Elefanten brachte die Pferde
-in Verwirrung und verursachte allgemeine Flucht. Das Fußvolk hielt
-länger stand; aber die Punier waren, zuvor durch Speise gestärkt, in
-das Treffen gezogen; den ermüdeten, hungrigen, vor Kälte starrenden
-Römern versagte der Körper den Dienst. Da brach endlich Mago mit
-seinen Numidern aus dem Hinterhalt hervor und fiel den Römern zu ihrem
-großen Schrecken in den Rücken, so daß diese nach allen Seiten hin zu
-kämpfen hatten. Eine Abteilung von 10000 Römern durchbrach in fester
-Haltung die Mitte der feindlichen Linie und wandte sich nach Placentia;
-die übrigen suchten sich an verschiedenen Stellen und unter blutigem
-Gemetzel einen Ausweg. Die nach dem Lager ihren Rückzug nahmen, deren
-ertranken viele in dem Fluß oder wurden von den verfolgenden Feinden
-erschlagen; die meisten entrannen ohne Ordnung nach Placentia. Eben
-dorthin führte der verwundete und im Lager zurückgebliebene Konsul
-Scipio den Rest des Heeres. Sempronius, der sich mit wenigen Reitern
-gerettet hatte, begab sich bald darauf nach Rom, wohin er berufen war,
-um die Wahl der neuen Konsuln zu leiten.</p>
-
-<p>Aber auch die Punier hatten starke Verluste erlitten, und die rauhe
-Jahreszeit nötigte sie in Winterquartieren Ruhe und Erholung zu suchen.
-Inzwischen bedrängten ihre Reiter und leichten Truppen fortwährend die
-Römer in den festen Städten Placentia und Cremona, und die gallischen
-Stämme folgten großenteils dem Rufe des siegreichen Puniers und
-kündigten den verhaßten Römern den Gehorsam.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Schlacht_am_trasimenischen_See"><b>4. Schlacht am trasimenischen
-See</b> (217).</h4>
-
-</div>
-
-<p>Kaum begann der Frühling, so brach Hannibal gegen Italien auf.
-Ansehnliche gallische Hilfsvölker begleiteten ihn, teils aus Kampf- und
-Beutelust, teils um den Krieg aus ihren Gebieten entfernen zu helfen,
-alle aber, um mit den Puniern die ihrer Unabhängigkeit gefährliche
-römische Übermacht zu vernichten. Von den beiden Straßen, von denen
-die eine von Rom über den Apennin bei Ariminium das Meer erreichte,
-die andere bei Arretium, diesseits des Gebirges, endete, waren<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> von
-den beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius mit
-vier während des Winters vom Po fortgeführten und ergänzten Legionen
-besetzt. Hannibal wählte den Weg deshalb mehr westlich in das Tal
-des Arno, der nicht besonders schwierig, damals aber durch die
-Schneeschmelze und die Frühlingsregen auf weite Strecken überschwemmt
-war. Vier Tage und drei Nächte marschierte das Heer fortwährend durch
-Wasser und Morast, aller Erquickung entbehrend. Die, welche ausruhen
-wollten, warfen Haufen von Gepäck ins Wasser, um sich damit ein Lager
-zu bereiten, oder legten sich auf die Leiber der gefallenen Lasttiere.
-Hannibal, der auf dem einzigen noch übrigen Elefanten ritt, erlitt eine
-Augenentzündung, in deren Folge er ein Auge verlor. Als er endlich nach
-Verlust vieler Tiere und Menschen auf das Trockene gekommen war und das
-erste Lager auf etruskischem Boden bei Fäsulä (Fiésole) bezogen hatte,
-meldeten Kundschafter, das römische Heer unter dem Konsul Flaminius
-stehe ostwärts in der Gegend von Arretium (Arezzo). Um diesen Mann,
-dessen Unbesonnenheit ihm bekannt geworden, zum Angriff zu reizen,
-verwüstete Hannibal die schönen Gefilde zwischen Fäsulä und Arretium
-durch Raub und Brand. Umsonst mahnte man den Flaminius erst die Ankunft
-des andern Konsuls, der noch jenseits des Gebirges am adriatischen
-Meere stand, abzuwarten. Er gab das Zeichen zum Aufbruch, weil er die
-Verheerungen des Feindes nicht länger dulden mochte.</p>
-
-<p>Hannibal war auf seinem Marsche zu dem schmalen Landstrich gekommen,
-wo der <em class="gesperrt">trasimenische See</em> (<span class="antiqua">lago di Perugia</span>) nahe an die
-Berge von Cortona herantritt. Ein ganz enger Weg führt zwischen dem See
-und den Hügeln in eine breitere Fläche, an deren Ende, dem Eingange
-der Landenge gegenüber, eine Anhöhe emporragt. Auf dieser Anhöhe
-lagerte sich Hannibal mit dem Kern seines Heeres, dem spanischen und
-afrikanischen Fußvolk. Die Balearen und die übrigen leichten Truppen
-stellte er in langer Reihe hinter den Hügeln auf, welche jene Fläche
-auf einer Seite begrenzten; die Reiterei und die Gallier verbarg er
-neben den Waldhöhen, die dem engen Eingang am See gegenüberlagen. Bei
-diesem Eingange langte am Abend des folgenden Tages Flaminius an.
-Gleich am nächsten Morgen, als ein dicker Nebel auf den Wassern des
-Sees lag und Berg und Tal verhüllte, zog er, ohne vorher die Gegend
-ausgekundschaftet zu haben, durch die enge<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> Straße in die mittlere
-Fläche, indem er nur die ihm gegenüber liegende Anhöhe von den Puniern
-besetzt glaubte. So wie er sich derselben näherte und die letzten
-seines Zuges an dem äußersten Hinterhalt der Feinde vorüber waren,
-erfolgte der Angriff der Punier von allen Seiten und mit solchem
-Ungestüm, daß sich die Römer nicht einmal in Schlachtordnung aufstellen
-konnten. Kaum drei Stunden währte die Schlacht, und so hitzig ward auf
-beiden Seiten gekämpft, daß man das furchtbare Erdbeben nicht gewahr
-wurde, das um diese Zeit die Landschaft heimsuchte. Der Konsul selbst
-fiel unter den ersten und 15000 der Seinen mit ihm. Viele wurden
-in den See gejagt und ertranken, oder wurden von den verfolgenden
-Reitern erschlagen. Nur einer Abteilung von 6000 Mann gelang es sich
-durchzuschlagen; sie retteten sich auf eine nahe Anhöhe, von wo
-sie, als der Nebel sich zerstreut hatte, das Schicksal der Ihrigen
-erkannten. Ihre eilige Flucht setzten sie auch noch den nächsten Tag
-fort, bis sie der Hunger zwang, sich dem Maharbal, der sie mit seiner
-Reiterei verfolgte, zu ergeben. Viertausend Reiter, die der andere
-Konsul zu Hilfe geschickt, wurden ebenfalls teils vernichtet, teils
-gefangen. Die Zahl der Gefangenen belief sich auf 15000. Hannibal
-ließ von ihnen die römischen in Fesseln legen, die italischen Bündner
-(<span class="antiqua">socii</span>) aber frei in ihre Heimat ziehen. Ebenso hatte er schon
-nach der Schlacht an der Trebia getan; denn er gedachte als der
-Befreier Italiens von der Römerherrschaft aufzutreten, und hoffte dabei
-auf den Beistand der bündnerischen Städte Mittel- und Unteritaliens.</p>
-
-<p>Auf die erste unbestimmte Nachricht von der unglücklichen Schlacht und
-der Vernichtung der zwei Legionen geriet das Volk in unbeschreibliche
-Aufregung. Keiner wußte Genaues, selbst die obersten Beamten nicht;
-Männer und Weiber bestürmten sie mit Fragen. Erst gegen Abend erhielt
-der Senat sichere Kunde, und der Prätor teilte sie auf dem Markte mit:
-„Wir haben eine große Schlacht verloren, das Heer ist vernichtet, der
-Konsul tot, die Stadt in Gefahr.“</p>
-
-<p>Man war darauf gefaßt den Sieger alsbald vor den Toren der Stadt
-erscheinen zu sehen, und traf in höchster Eile alle Vorkehrungen zur
-Abwehr. Vor allem galt es die Verteidigung des Vaterlandes, da der
-eine Konsul tot, der andere fern war, in <em class="gesperrt">eines</em> Mannes Hand
-mit unbeschränkter Machtbefugnis zu legen, das heißt einen Diktator
-zu ernennen. Die<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> Wahl fiel auf <em class="gesperrt">Fabius Maximus</em>, der sich den
-Minucius Rufus als Reiterobersten zugesellte.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Hannibal_gegen_Fabius_Cunctator"><b>5. Hannibal gegen Fabius
-Cunctator.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Aber Hannibal zog nicht gegen Rom, sondern wandte sich von Etrurien
-ostwärts nach Umbrien und drang bis zur Stadt Spoletium, die er
-vergebens bestürmte, da sie von einer tapferen Besatzung verteidigt
-ward. Von da ging er in die fruchtbare picenische Landschaft
-hinüber, ließ die Truppen einige Tage ausruhen und drang dann, unter
-schrecklichen Verwüstungen, südwärts die Küste entlang bis nach
-Apulien. Aber seine Hoffnung, daß sich die Bundesgenossen Roms, der
-römischen Herrschaft überdrüssig, auf seine Seite schlagen würden,
-blieb unerfüllt. Alle Städte schlossen ihre Tore und behandelten ihn
-als Feind.</p>
-
-<p>Inzwischen hatte der alte bedächtige Diktator Fabius zwei neue Legionen
-gebildet und die beiden des Konsuls Servilius sowie den versprengten
-Rest des geschlagenen Heeres an sich gezogen. Er folgte dem Feinde auf
-seinem Marsche, nicht um im offenen Felde eine neue und vielleicht
-letzte Schlacht zu schlagen, sondern um seine neuen Truppen zu üben
-und zu ermutigen, die Bündner in Treue zu halten und dem Gegner keine
-Rast zu lassen. Bei Arpi in Apulien bekam er ihn zuerst zu Gesicht.
-Hannibal bot ihm gleich die Schlacht an; aber Fabius wich vorsichtig
-aus und hielt sein Heer im festen Lager, das er immer auf den Höhen der
-Berge und in ziemlicher Entfernung vom Feinde aufschlug. Da Hannibal
-den vorsichtigen Gegner zu keiner Schlacht bewegen konnte, so brach er
-endlich auf und zog unter steten Verwüstungen durch Samnium, um wieder
-auf die Westseite des Gebirges nach Campanien zu gelangen.</p>
-
-<p>Auf dem Wege dorthin kam er in eine von Bergen und Flüssen
-eingeschlossene Talebene. Fabius war ihm auf dem Fuße gefolgt, hielt
-die Höhen ringsum besetzt und hatte auch den Rückweg nach Samnium
-verlegt. Schon schienen die Karthager verloren zu sein, als Hannibal
-sich der Umschließung durch folgende List zu entziehen wußte. Er befahl
-gegen zweitausend Ochsen aus den erbeuteten Herden zusammenzutreiben,
-ließ ihnen dürre Reisbündel an die Hörner binden und, nachdem diese
-angezündet waren, den ganzen<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> Haufen mit Anbruch der Nacht gegen die
-Anhöhen jagen, die der Feind besetzt hielt. Die römischen Truppen, die
-unten am Ausgange des Tales standen, sahen mit Staunen die eilenden
-Feuerlinien über sich auf den Bergen, und da sie glaubten, die
-Karthager hätten sie umgangen und zögen bei Fackelschein ab, so wichen
-sie seitwärts auf die Anhöhen, während die, welche oben standen, vor
-dem Ansturm der wütenden Tiere flohen. Selbst Fabius wagte es nicht
-seine Stellung auf der andern Seite des Tales zu verlassen. Indessen
-zog Hannibal durch die geöffneten und unbewachten Pässe und entkam so
-der Falle, die ihm Fabius gelegt hatte.</p>
-
-<p>In Rom aber war man über die Weise, wie Fabius den Krieg führte,
-unwillig, und auch im Lager erhob sich lautes Murren über den
-Feldherrn, den sie wegen der Art seiner Kriegsführung spöttisch
-den Zauderer (<span class="antiqua">cunctator</span>) nannten. Am meisten suchte sein
-Reiteroberst <em class="gesperrt">Minucius</em> den Diktator in ein ungünstiges Licht
-zu stellen, und als er nun gar eines Tages, während der Diktator in
-Rom beschäftigt war, ein glückliches Gefecht geliefert hatte, brachte
-er es wirklich dahin, daß die Diktatur und der Heerbefehl zwischen
-ihm und Fabius geteilt ward. Sie bezogen, jeder mit zwei Legionen,
-getrennte Lager. Eines Tages reizte Hannibal, der die Zwietracht seiner
-Gegner kannte, das Heer des Minucius in einem engen Tale zum Gefecht.
-Eine plötzlich aus einem Hinterhalte hervorbrechende Schar von 5000
-Puniern faßte es in Seite und Rücken; schon schien seine Vernichtung
-unvermeidlich, als Fabius, der den ganzen Hergang von seinem nahe
-gelegenen Lager aus beobachtet hatte, mit seinen Legionen ausrückte und
-die bereits siegreichen Feinde so bedrängte, daß nicht nur das Heer
-des Minucius entsetzt wurde, sondern auch Hannibal den Rückzug antrat
-und sich für besiegt erklärte. „So habe ich doch einmal,“ sagte er zu
-den Seinen, „diese Wetterwolke, die immer um den höchsten Berggipfel
-schwebt, in die Tiefe herab und zur Entladung gebracht.“ Den Fabius
-aber begrüßte der beschämte Minucius als Vater, und seine Legionen
-die des Diktators als ihre Patrone (Beschützer). Die beiden Lager
-wurden wieder vereinigt, und Minucius verzichtete gern auf den ihm
-eingeräumten Mitbefehl.</p>
-
-<p>Von da an wurde das Verfahren des Fabius, der den Krieg in die Länge
-zu ziehen und den Feind zu ermüden suchte, als weise anerkannt, der
-Spottname Cunctator ward ihm jetzt<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> zu einem Ehrennamen und der größte
-Dichter jener Zeit, <em class="gesperrt">Quintus Ennius</em>, pries ihn mit dem Verse:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><em class="gesperrt">Ein</em> Mann brachte dem Staat
- durch klügliches Zaudern Errettung.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Die_Schlacht_bei_Cannae"><b>6. Die Schlacht bei Cannä</b> (216).</h4>
-
-</div>
-
-<p>Die hinhaltende Kriegführung des Diktators hatte auch ihre Nachteile;
-sie erschöpfte die Hilfsmittel des Landes und drohte die Treue der
-darunter leidenden Bundesgenossen ins Wanken zu bringen. Deshalb
-beschloß der Senat, nach Ablauf der Amtszeit des Diktators, wieder
-Konsuln an die Spitze des Heeres zu stellen und dieses in solcher
-Stärke ins Feld zu schicken, daß man hoffen konnte den Krieg mit einem
-Schlage zu beendigen. Statt der bisherigen vier wurden acht überstarke
-Legionen aufgestellt und eine gleiche Anzahl bündnerischer Truppen
-einberufen. Außerdem wurde eine neunte Legion ins Po-Tal geschickt, um
-die bei Hannibal stehenden Gallier zum Abzuge in ihre bedrohte Heimat
-zu bewegen. Niemals hatte Rom eine solche Kriegsmacht aufgestellt. Aber
-die Wahl der neuen Konsuln war nicht glücklich. Neben dem besonnenen
-und kriegserfahrenen <em class="gesperrt">L. Ämilius Paullus</em> stand der beim Volk
-beliebte, aber ebenso anmaßende wie unfähige <em class="gesperrt">G. Terentius Varro</em>.</p>
-
-<p>Hannibal, der im ganzen über 10000 Reiter und etwas mehr als 40000 Mann
-Fußvolk verfügte, hatte im Frühjahr 216 eine starke Stellung in der
-kornreichen apulischen Ebene eingenommen, bei <em class="gesperrt">Cannä</em> (zwischen
-den heutigen Städten Canōsa und Barletta), südlich des Flusses
-Aufĭdus (Ofanto). Nordwärts standen die beiden Konsuln in gesonderten
-Lagern zu beiden Seiten des Flusses. Hannibal wünschte nichts mehr
-als eine entscheidende Schlacht; denn die Ebene gestattete ihm den
-unbehinderten Gebrauch seiner überlegenen Reiterei, und die Nähe des
-feindlichen Heeres erschwerte ihm die Verpflegung des eigenen. Eben
-deshalb wollte Paullus, der die Lage des Gegners richtig beurteilte,
-den entscheidenden Kampf noch hinausschieben und auf ein den Römern
-günstigeres Schlachtfeld verlegen. Aber der hitzige Varro achtete nicht
-auf seine Vorstellungen, und da sie im Heerbefehl einen Tag um den
-andern wechselten, so führte er an seinem Tage das Heer, gegen 80000
-Mann, zur Schlacht hinaus auf das rechte Flußufer, während ein kleiner
-Teil, 10000 Mann, auf dem linken im Lager zurückblieb.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<p>Beide Schlachtlinien lehnten sich mit einem Flügel an das rechte
-Flußufer, so daß der römische nach Süden stand, der punische nach
-Norden gewandt war. Varro hatte die römischen Reiter am Flusse,
-die der Bundesgenossen auf dem andern Flügel, in der Mitte das
-Fußvolk in tiefen Massen aufgestellt; vor der ganzen Linie standen
-in mäßigen Zwischenräumen die Leichtbewaffneten. Auf dem rechten
-Flügel befehligte Ämilius Paullus, auf dem linken Varro, in der Mitte
-Servilius, der Konsul des vorigen Jahres. Auch Hannibal stellte
-seine Leichtbewaffneten vor die Front, links zunächst am Flusse die
-schwere gallische und spanische Reiterei, auf der andern die leichte
-numidische. Dazwischen bildete das schwerbewaffnete Fußvolk eine
-weite halbmondförmige Linie, in deren Mitte die Gallier und Spanier
-am meisten nach vorn, die Afrikaner nach beiden Seiten mehr zurück
-standen. Diese mittleren Truppen befehligte Hannibal selbst mit seinem
-Bruder Mago, den linken Flügel Hasdrubal, den rechten Hanno.</p>
-
-<p>Es war ein heißer Junitag; glühend blies der Südwestwind den Römern
-ins Gesicht und wirbelte ihnen große Staubwolken entgegen. Die
-Leichtbewaffneten begannen die Schlacht, jedoch auf beiden Seiten ohne
-Entscheidung. Dann aber erfolgte ein blutiger Kampf zwischen den am
-Flusse stehenden Reitern, die in dem engen Raum zum Teil absprangen und
-zu Fuß Mann gegen Mann stritten. Die Römer, völlig geworfen, wurden
-teils niedergemacht, teils in den Fluß getrieben und zersprengt.
-Paullus, schwer verwundet, rettete sich zu dem Fußvolk. Dieses hatte
-inzwischen den Angriff auf die feindliche Mitte siegreich begonnen. Die
-Gallier und Spanier, überwältigt von dem ersten Stoße der Legionen,
-wichen zurück und öffneten die Linie, während die Afrikaner etwas
-weiter seitwärts unbewegt feststanden. Die römische Schlachtlinie,
-die Weichenden verfolgend, drang immer tiefer in den offen gelassenen
-Raum hinein und sah sich auf einmal von den Afrikanern in ihren
-Flanken angegriffen. Indes währte das Gefecht auf dem andern Flügel
-unentschieden fort, bis Hasdrubal von der linken Seite den Puniern zu
-Hilfe kam und auch hier die römische Reiterei zum Weichen brachte.
-Das Verfolgen der Geschlagenen überließ er den Numidern; er selbst
-schwenkte mit seinen Reitern nach der Mitte hin und griff das römische
-Fußvolk im Rücken an. Dieses, nunmehr von allen Seiten eingeschlossen,
-wurde fast bis auf den letzten Mann<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> niedergemacht. Von den 76000
-Mann, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, lagen 70000 auf der
-Walstatt, darunter ein Konsul des vorigen Jahres, über dreißig, die
-andere hohe Staatsämter bekleidet hatten, achtzig Senatoren und auch
-der Konsul Ämilius Paullus selbst. Auch die Besatzung des Lagers, 10000
-Mann, mußte sich großenteils ergeben. Viel geringer war der Verlust auf
-punischer Seite, kaum 6000 Mann.</p>
-
-<p>Als Paullus sich ins Lager zu retten suchte, hatte er sich, von seiner
-Wunde ermattet, auf einen Stein gesetzt und hier den Tod erwartet.
-So traf ihn Lentulus, ein Kriegsoberster, der selbst verwundet aus
-der Schlacht floh, und bot ihm sein eigenes Pferd zur Flucht. Aber
-Paullus schlug es aus und sagte: „Rette dich, edler Freund, sage den
-Vätern, sie sollten Rom verrammeln und stark besetzen, und dem Fabius,
-ich hätte seine Lehren im Leben befolgt und im Tode noch gebilligt.
-Mich laß unter diesen Leichenhaufen meiner Krieger den Tod finden,
-damit ich nicht als Ankläger meines Amtsgenossen aufzutreten brauche.“
-Kaum hatte er dies gesagt, so naheten die Feinde. Lentulus entkam
-durch die Schnelle seines Rosses, der Konsul wurde niedergemacht. Und
-gleichsam als wollte das Schicksal Roms sich in diesem Unglücksjahre
-ganz vollenden, geriet auch jene neunte Legion in einen Hinterhalt der
-Gallier und wurde völlig vernichtet.</p>
-
-<p>Varro entkam mit wenigen Reitern nach Venusia, wohin sich auch eine
-Anzahl der Versprengten und ein kleiner Teil der im Lager Gebliebenen
-rettete. Als er von dort, tief gedemütigt, auf Einladung des Senats
-nach Rom kam, zog ihm dieser vor das Tor entgegen und dankte ihm, daß
-er am Vaterlande nicht verzweifelte.</p>
-
-<p>Die Folge dieser furchtbaren Schlacht war, daß nunmehr viele Städte und
-Landschaften Unteritaliens, sowie alle cisalpinischen Gallier von Rom
-abfielen. Rom war am Rande des Untergangs; stündlich erwartete man den
-Sieger vor den Toren. Aber die Römer zeigten wiederum, daß sie niemals
-größer waren, als im Unglück, und bewiesen eine Stärke der Seele,
-welche die höchste Bewunderung verdient. Niemand sprach von Frieden,
-und die Abgeordneten Hannibals, welche Friedensanträge brachten, ließ
-man nicht einmal in die Stadt, ja sogar den Loskauf der Gefangenen
-lehnte man ab. Hannibal aber marschierte nicht sofort gegen Rom, wie
-ihm Maharbal riet, und mußte deshalb von diesem den Vorwurf hören:<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> „Zu
-siegen verstehst du, aber den Sieg auszunutzen verstehst du nicht.“</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Hannibal_und_Marcellus"><b>7. Hannibal und Marcellus.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Mit dem Siege bei Cannä hatte Hannibal den Gipfel seines Glückes
-erstiegen; von nun an sehen wir ihn, obgleich den Römern noch immer
-furchtbar, keine so glänzenden Taten mehr verrichten. Sein Heer
-legte er zum Winterquartier in die große und reiche Stadt Capua,
-deren Bewohner ihn als einen Befreier vom römischen Joche zu sich
-eingeladen hatten. Unter dem milden Himmel Campaniens und durch die
-üppigen Genüsse, die dieses ihm bot, soll das Heer verweichlicht worden
-sein und die alte Kriegszucht und Manneskraft eingebüßt haben. Dazu
-kam, daß Hannibal von Karthago aus ohne Unterstützung blieb, weil
-ihm eine feindliche Partei entgegenarbeitete, obschon zwei Scheffel
-goldener Ringe, die in der Schlacht bei Cannä von den Händen römischer
-Ritter gezogen und nach Karthago geschickt worden waren, eine große
-Begeisterung für den Sieger erweckt hatten.</p>
-
-<p>Dagegen zeigten die Römer bei den härtesten Schlägen des Schicksals
-eine große, unerschütterliche Standhaftigkeit. Neue Legionen wurden
-ausgehoben, und der Prätor <em class="gesperrt">Claudius Marcellus</em> war der Erste,
-unter dem die Römer wieder siegen lernten. Der alte Mut kehrte
-allmählich zurück, und wie sie Fabius ihren Schild nannten, so den
-Marcellus ihr Schwert. Er stand mit einem Teil des neuen Heeres bei
-Nola in Campanien und hinderte Hannibal an der Eroberung dieser Stadt.
-Anfangs hielt er seine noch ungeübten Truppen innerhalb der Mauern,
-dann machte er Ausfälle und übte es in kleinen Gefechten; zuletzt
-überfiel er die Feinde in ihrem Lager und erschlug ihrer mehrere
-Tausende. Im folgenden Jahre (215) kam es vor <em class="gesperrt">Nola</em> zu einer
-förmlichen Schlacht, in welcher Marcellus den ersten vollständigen Sieg
-über die Punier erfocht.</p>
-
-<p class="mtop2">Nach diesem Siege ward Marcellus von Italien nach einem andern
-Schauplatz des Krieges abgesandt. In Sicilien war die mächtige und
-blühende Stadt <em class="gesperrt">Syrakus</em> nach dem Tode ihres Königs Hiero, des
-treuen Bundesgenossen der Römer, von ihnen abgefallen, und Marcellus
-hatte den Auftrag sie wieder zu unterwerfen. Allein die Belagerung zog
-sich bis ins dritte Jahr hin (214&ndash;212). Von zwei Seiten, vom Lande<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-und vom Hafen aus, versuchte er sie zu erstürmen; aber ein Bürger der
-Stadt, der große Mathematiker <em class="gesperrt">Archimēdes</em>, erfand Maschinen,
-durch die er die Schiffe und Sturmwerke der Römer vernichtete und
-alle ihre Versuche vereitelte. Die Mauern versah er mit jeder Art von
-Geschützen, welche die feindlichen Schiffe mit Steinkugeln bewarfen;
-in die Mauer brach er von unten bis oben breite Schießscharten, durch
-welche die Verteidiger mit Pfeilen und Handgeschossen den Feind
-ungesehen überschütteten. Wenn römische Schiffe in die Nähe kamen,
-so ließ er eiserne Ketten mit Haken herab, zog durch Hebelkräfte
-die Schiffe in die Höhe und stürzte sie dann wieder ins Meer hinab.
-Auch soll er Brennspiegel erfunden haben, um die feindlichen Schiffe
-anzuzünden. Durch diese Maschinen fügte er den Römern furchtbare
-Verluste zu und setzte sie so in Angst, daß zuletzt alle, wenn nur ein
-Seil oder Holz sich auf der Mauer zeigte, eiligst die Flucht ergriffen.
-Aber endlich wurde Marcellus doch auf folgende Weise Herr der Stadt.</p>
-
-<p>Einst unterhandelten die Syrakusaner von einem Turme herab mit den
-Römern. Einer von diesen zählte dabei die Quadersteine der Mauer und
-merkte sich ihre Größe. Daraus berechnete man ihre Höhe an dieser
-Stelle und verfertigte Leitern zum Ersteigen. Als nun das dreitägige
-Fest der Göttin Artĕmis (Diána) in der Stadt gefeiert wurde, und die
-Bürger nach den Festmahlen des Tages sich zur Ruhe gelegt hatten,
-erstiegen tausend der kühnsten Krieger die bezeichnete Mauerstelle,
-töteten die hier aufgestellten Wachen und erbrachen das nächste Tor,
-durch welches Marcellus mit dem Heere eindrang. Den Bürgern ward Leben,
-Freiheit und Wohnung gesichert und nur das bewegliche Gut geplündert.
-Eine Menge von Kunstwerken und Schätzen ward nach Rom geschleppt.
-Der große Archimedes soll im Getümmel seinen Tod gefunden haben. Ein
-Krieger, der ihn nicht kannte, stürmte in sein Haus und fand ihn in das
-Zeichnen von Sandfiguren vertieft. „Zertritt mir meine Kreise nicht!“
-rief er ärgerlich dem Manne zu, worauf dieser ihn erschlug. Gern hätte
-ihm Marcellus das Leben erhalten; den Toten ehrte er durch ein Denkmal.</p>
-
-<p class="mtop2">Inzwischen hatte der Krieg auch in Italien nicht geruht. Zwar hatte
-Hannibal die wichtige Seestadt Tarent durch<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> Verrat genommen (212),
-dagegen mußte er sehen, wie Capua von einem römischen Heere aufs
-härteste bedrängt wurde. Um diese Stadt von dem Belagerungsheere zu
-befreien, unternahm er einen Zug gegen Rom, und schlug eine Meile vor
-der Ostseite der Stadt sein Lager auf (211). Von einer Anhöhe herab
-betrachtete er die Lage und die Mauern der Stadt, und eine Sage ging,
-er habe eine Lanze in eine der nächsten Straßen geschleudert. Zweimal
-stand er dem römischen Heere kampfbereit gegenüber, und zweimal nötigte
-ein Ungewitter mit furchtbarem Hagel- und Regenguß die Heere in ihre
-Lager zurückzukehren, während das heiterste Wetter eintrat, sobald
-sie sich getrennt hatten. Darin erkannten selbst die Punier einen
-Götterwink, und Hannibal trat den Rückweg an. Aber noch lange nachher
-erhielt sich im Volke der Eindruck des Schreckensrufs: „Hannibal vor
-den Toren!“</p>
-
-<p>Nun gab Hannibal die Stadt Capua ihrem Schicksal preis. Die Belagerten
-erkannten ihren hoffnungslosen Zustand und beschlossen die Übergabe; da
-trat ein Mann, namens Vibius Virrius, der am meisten zum Abfall von Rom
-geraten hatte, hervor und sagte: „Von dem erbitterten Feinde ist keine
-Gnade zu hoffen; retten kann uns nur der Tod. Wer von euch den Mut hat
-dies Ende auf sich zu nehmen, der komme heute zu mir als Gast. Habt
-ihr euch da an Speise und Trank gelabt, so will ich euch einen Becher
-bieten, der von aller Schmach erretten soll.“ Siebenundzwanzig folgten
-ihm zu diesem Totenmahle, bei dem sie sich erst mit Wein berauschten,
-dann das Gift, das er ihnen reichte, tranken, sodaß sie vor dem Einzuge
-der Feinde den Geist aufgaben. Die Stadt aber erfuhr eine furchtbare
-Züchtigung. Siebzig Ratsherren wurden hingerichtet, dreihundert der
-edelsten Campaner starben im Kerker, eine Menge Bürger wurde verkauft,
-und Capua fortan als ein untertäniger, des Stadtrechts entkleideter Ort
-behandelt. Gleiche Strenge erfuhren mehrere kleinere Städte Campaniens
-als Strafe für ihren Abfall, und die treu gebliebenen fühlten sich in
-ihrem Widerstand gegen den Feind eines glücklichen Ausgangs sicher.</p>
-
-<p>Dieser Kampf dauerte in den südlichen Teilen Italiens mit wechselndem
-Glück noch Jahre lang fort, ohne eine Entscheidung herbeizuführen.
-Marcellus, der Eroberer von Syrakus, wiederholt zum Konsul gewählt,
-führte ihn mit der ihm eigenen Umsicht und Zähigkeit, bis er in einem
-ihm gelegten Hinter<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>halt den Tod fand (208). Zwei Jahre nach Capuas
-Fall ward auch Tarent von dem Konsul Q. Fabius &mdash; es war das fünfte
-Konsulat des 80jährigen Helden &mdash; erstürmt und mit furchtbarer Härte
-für den Abfall gestraft. Hannibals Versuch, die unglückliche Stadt zu
-schützen, kam zu spät.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Hannibal_und_Scipio"><b>8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei
-Zama.</b> (202).</h4>
-
-</div>
-
-<p>Da Hannibal ohne Unterstützung von Karthago blieb, so setzte er seine
-Hoffnung auf das an Hilfsmitteln unerschöpfliche Spanien, von wo ihm
-seine Brüder Hasdrubal und Mago zu verschiedenen Malen neue Truppen
-zuzuführen suchten. Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn. Hasdrubal
-war schon mit einem starken Heere, dem letzten, das er in Spanien hatte
-sammeln können, über die Alpen nach Italien und am östlichen Apennin
-entlang bis in die Landschaft Picenum gelangt, wo ihm der Konsul Livius
-Salinator entgegentrat. Auf die Kunde hiervon eilte auch der andere
-Konsul Claudius Nero, der in Unteritalien Hannibal gegenüber im Lager
-stand, bevor dieser von der Ankunft seines Bruders Nachricht erhalten,
-in raschem Zuge seinem Amtsgenossen zu Hilfe. Vereinigt schlugen und
-vernichteten sie bei Sena Gallica am Flusse Metaurus, im Jahre 207,
-das feindliche Heer. Als Hasdrubal die Niederlage der Seinen erkannte,
-stürzte er sich unter die Feinde und kämpfte, bis er den Tod fand.
-Darauf kehrte Nero in sein altes Lager zurück und ließ, wie erzählt
-wird, das blutige Haupt Hadrubals unter die feindlichen Vorposten
-schleudern. Als Hannibal seines Bruders Kopf erkannte und seine letzte
-Hoffnung geschwunden sah, soll er in bitterem Schmerze ausgerufen
-haben: „Daran erkenne ich Karthagos Schicksal!“</p>
-
-<p>In den letzten Jahren behauptete sich Hannibal nur noch im Gebiete der
-ihm treuen Bruttier und verfuhr nur verteidigungsweise. Endlich ward er
-vom Rate zu Karthago zum Schutze der Vaterstadt zurückgerufen, da die
-Römer in Afrika gelandet waren und Karthago selbst bedrängten. Hannibal
-zögerte nicht dem Ruf zu folgen; denn seine Rolle in Italien war
-ohnehin zu Ende. In Kroton (Cortona) bestieg er mit dem Reste seines
-Heeres die Schiffe und verließ den Schauplatz seines sechzehnjährigen
-Kampfes (203). Ebenso wurde sein jüngster Bruder Mago, der seit
-drei Jahren in Nord<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>italien sich festgesetzt und behauptet hatte,
-heimgerufen, starb aber auf der Fahrt an einer Verwundung.</p>
-
-<p>In Rom atmete man auf, als der gewaltige „libysche Löwe“ endlich den
-italischen Boden freiwillig verließ. Bei diesem Anlaß ward dem einzig
-überlebenden der Feldherren, die gegen ihn gefochten hatten, dem bald
-90jährigen Quintus Fabius von Senat und Bürgerschaft die höchste Ehre
-erwiesen, die ein Bürger erreichen konnte. Er empfing den Graskranz,
-den nach alter Sitte das Heer seinem Feldherrn darbrachte, dem es seine
-Rettung zu verdanken hatte. Noch in demselben Jahre starb der alte Held.</p>
-
-<p>Der Feldherr aber, der den Krieg nach Afrika verlegt hatte, war
-<em class="gesperrt">Publius Cornelius Scipio</em>, der Sohn jenes Scipio, der im Treffen
-am Ticinus verwundet worden war. Sein Vater und sein Oheim hatten,
-nachdem sie fast ganz Spanien erobert hatten, zuletzt im Kampfe gegen
-Hannibals Bruder Hamilkar schwere Niederlagen erlitten und selber den
-Tod gefunden (211), und so hoffnungslos schien damals die Lage der
-Römer auf dieser Halbinsel, daß in Rom jeder den Oberbefehl in diesem
-gefahrvollen Kriege ablehnte. Nur der erst siebenundzwanzigjährige
-Publius Scipio bot dem Vaterlande seine Dienste an. Er hatte noch nicht
-das zu Staatsämtern erforderliche Alter erreicht, aber der aus schönem
-Körper hervorleuchtende hohe und stolze Geist, seine Begierde den Tod
-des Vaters zu rächen und seine schon bewährte Tapferkeit bestimmten
-den Senat dem edlen Jüngling den Heerbefehl zu übertragen. Im Jahre
-211 ging er, den die Römer mit dem Kriegsgott selber verglichen, nach
-Spanien, um dieses wichtige Gebiet dem Feinde zu entreißen.</p>
-
-<p>Hier fand er ein niedergeschlagenes und zerrüttetes Heer, dem er erst
-Mut und Vertrauen einflößen mußte. Schon 210 eroberte er Neukarthago
-und gewann unermeßliche Beute. Die Geiseln, welche die Karthager für
-die Treue der Spanier hier aufbewahrten, behandelte er mit großer
-Freundlichkeit und Schonung. Unter ihnen befand sich eine Jungfrau
-von ausgezeichneter Schönheit. Er fragte sie nach ihren Eltern und
-ihrer Heimat. Sie sagte ihm, sie sei die Tochter eines keltiberischen
-Häuptlings und die Braut des Allucius, eines keltiberischen Fürsten.
-Sogleich ließ Scipio ihre Eltern und ihren Bräutigam herbeikommen. Sie
-naheten sich in banger Ungewißheit, aber Scipio beruhigte sie: „Hier
-ist deine Braut“,<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> sprach er zu Allucius, „nimm sie unverletzt und ohne
-Lösegeld zurück, und werde ein Freund der Römer!“ Da ergriff Allucius,
-von Dankgefühl und Freude hingerissen, die Rechte des Scipio und bat
-die Götter solchen Edelmut würdig zu belohnen. Auch die Eltern des
-Mädchens waren tief gerührt. Sie hatten ein großes Lösegeld mitgebracht
-und baten ihn dies als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit anzunehmen. Scipio
-nahm das Geld, wandte sich noch einmal an Allucius und sagte: „Zu der
-Mitgift, die du von deinem Schwiegervater erhalten wirst, nimm von mir
-dieses Hochzeitsgeschenk.“ Freudig kehrte der glückliche Bräutigam
-mit den Seinigen zurück, und indem er überall das Lob des Scipio
-verbreitete, brachte er seine Mitbürger auf die Seite der Römer. „Ein
-Jüngling,“ sagte er zu den Keltiberern, „ist nach Spanien gekommen,
-ganz den Göttern ähnlich, der nicht bloß durch Waffen, sondern auch
-durch Milde und Wohltun alles besiegt.“</p>
-
-<p>Nachdem Scipio in sechsjährigem Kriege die karthagische Macht in
-Spanien völlig vernichtet und die Einwohner teils mit Waffengewalt,
-teils durch kluge Großmut und Milde unter römische Botmäßigkeit
-gebracht hatte, kehrte er sieggekrönt nach Rom zurück (205), wo
-ihm das Konsulat für das folgende Jahr übertragen wurde. Er ging
-nach Sizilien und traf hier gewaltige Zurüstungen zu einem Zuge
-nach Afrika, an dessen Küste er im Jahre 204 landete. Die Karthager
-hatten ein bedeutendes Heer unter Hasdrubal und Syphax, dem König
-von Westnumidien. Aber Scipio wußte durch eine List ihr Lager
-auszukundschaften, steckte es bei einem nächtlichen Überfall in Brand
-und rieb fast das ganze Heer auf. Auch in einer zweiten Schlacht schlug
-er die Feinde. Da riefen die Karthager, im eigenen Lande gefährdet,
-ihren Feldherrn Hannibal zurück.</p>
-
-<p>Der gefürchtete Held erschien in Afrika und bezog bei <em class="gesperrt">Zama</em>,
-fünf Tagereisen von Karthago, ein Lager (202). Vor der Schlacht
-wünschte er, da er wohl einen unglücklichen Ausgang voraussah, eine
-Unterredung mit Scipio, um über den Frieden zu verhandeln. Sie ward
-ihm gewährt. Auf einer Ebene unweit von Zama kamen beide Feldherrn
-zusammen. Sie gerieten beim ersten Anblick in solches Erstaunen, daß
-sie sich eine Zeit lang schweigend betrachteten. Beide hatten sich
-noch niemals gesehen und doch schon so viel von einander gehört. Beide
-waren die größten Feldherrn ihrer Zeit, aber in<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> ihrem Äußeren weit
-verschieden. Hannibal, damals fünfundvierzig Jahre alt, zeigte ein
-finsteres, schwermütiges Antlitz; die Mühseligkeiten seiner langen und
-wechselvollen Feldzüge hatten ihre tiefen Spuren darin zurückgelassen.
-Scipio hingegen, damals in einem Alter von fünfunddreißig Jahren, war
-ein Muster männlicher Schönheit. Nach langem Schweigen fing endlich
-Hannibal die Unterredung an. Er sprach zuerst von der Veränderlichkeit
-des Glücks und seinen eigenen Schicksalen; dann riet er Scipio, er möge
-dem Glücke, das ihm jetzt lächele, nicht zu sehr vertrauen, und einen
-sicheren Frieden einem ungewissen Kampfe vorziehen. Hierauf legte er
-ihm seine Friedensbedingungen vor; er versprach im Namen der Karthager
-Spanien, Sardinien und alle anderen Inseln zwischen Afrika und Italien
-den Römern abzutreten. Scipio aber verwarf diese Bedingungen und
-forderte vollständige Unterwerfung der Karthager. Da Hannibal diese
-nicht versprechen wollte noch konnte, so schied man ohne Ergebnis von
-einander, um sich zum Entscheidungskampfe zu bereiten.</p>
-
-<p>Am folgenden Tage stellte Scipio die drei Linien seines Fußvolkes
-in die Mitte, und zwar in durchbrochenen Gliedern, um den achtzig
-Elefanten, welche Hannibal vor seiner Schlachtlinie aufstellte, Raum
-zum Durchbrechen zu lassen. Auf dem linken Flügel stand die italische
-Reiterei, auf dem rechten <em class="gesperrt">Massinissa</em>, der mit den Römern
-verbündete König von Ostnumidien, an der Spitze seiner numidischen
-Reiter. Auch Hannibal ordnete sein Fußvolk in drei Linien. Vorn,
-gedeckt durch die Reihe der Elefanten, die karthagischen Soldtruppen,
-hinter diesen die libyschen Truppen, und darauf die Veteranen, die er
-aus Italien hergeführt hatte. Auf den beiden Flügeln standen wie üblich
-die Reitergeschwader.</p>
-
-<p>Gleich beim Beginn des Treffens wurden die Elefanten durch das
-Kampfgeschrei und die Feldmusik der Römer, dann durch einen Hagel von
-Geschossen scheu, brachen durch die Lücken der römischen Aufstellung
-und warfen sich auf die Reiterei des eigenen Heeres. Diese geriet in
-Unordnung und ergriff, als jetzt die römische zum Angriff vordrang,
-die Flucht. So wurden gleich anfangs die Flügel des punischen Heeres
-entblößt. Aber auch die Leichtbewaffneten in der ersten und zweiten
-Linie der Karthager wurden nach kurzem Gefecht auf die Hauptkolonne
-zurückgeworfen. Ganze Haufen von Erschlagenen lagen der vordringenden
-ersten Linie der Römer<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> im Wege und hinderten sie im weiteren
-Vorrücken. Da ließ Scipio die zweite und dritte Linie eine Schwenkung
-machen und in die Flanken des Feindes vordringen. Gleichwohl hielt das
-punische Heer, von Hannibal rasch wieder gesammelt und geordnet, und
-zumal seine italischen Kerntruppen noch tapfer stand, bis die römische
-Reiterei von der Verfolgung der punischen zurückkam und dem Fußvolk in
-den Rücken fiel. Dies entschied die Niederlage der Punier; 20000 lagen
-tot auf dem Schlachtfelde, etwa ebenso viele wurden gefangen. Hannibal
-selbst entkam mit wenigen Reitern. Er erkannte, daß fortan jeder
-Widerstand vergeblich sei, und riet in Karthago dringend zum Frieden.</p>
-
-<p>Der Friede kam auf folgende Bedingungen zustande (201): die Karthager
-behalten nur ihr Gebiet in Afrika, bezahlen 10000 Talente (über 47
-Mill. Mark) in 50 Jahren, liefern ihre 500 Kriegsschiffe bis auf 10
-aus, ebenso die Elefanten, und dürfen ohne Roms Genehmigung keinen
-Krieg anfangen. Damit war die Macht und die Vorherrschaft Karthagos im
-westlichen Mittelmeer gebrochen. Sicilien und die iberische Halbinsel
-standen fortan als die ersten Provinzen des erstehenden römischen
-Reiches (<span class="antiqua">imperium</span>) unter der Verwaltung römischer Statthalter.
-Nicht lange, so gerieten auch die Küstenländer des östlichen
-Mittelmeeres unter die Hoheit dieses Reiches.</p>
-
-<p>Nach seiner Rückkehr feierte Scipio in Rom einen Triumph, der alle
-früheren an Bedeutung und Glanz übertraf, und erhielt den Ehrennamen
-<em class="gesperrt">Africanus</em>.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Hannibals_und_Scipios_Ausgaenge"><b>9. Hannibals und Scipios
-Ausgänge.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Nach Abschluß des Friedens war Hannibal rastlos bemüht die durch den
-langen Krieg erschöpften Kräfte seiner Vaterstadt wieder herzustellen
-und einer besseren Zeit, auf die er immer noch hoffte, vorzusorgen. Vor
-allem verwaltete er die Einkünfte und Ausgaben des Staates so weise und
-sparsam, daß nicht nur die außerordentliche Kriegssteuer regelmäßig
-an die Römer bezahlt wurde, sondern sogar noch ein Überschuß blieb.
-Aber unter den Bürgern fehlte es ihm nicht an mächtigen Feinden, die,
-von den Römern heimlich ermuntert, auf sein Verderben sannen. Um ihren
-Nachstellungen zu entgehen, verließ er nach vier Jahren sein Vaterland
-und ging<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> zu <em class="gesperrt">Antiochus</em>, dem König von Syrien, mit dessen Hilfe
-er aufs neue einen Kampf gegen Rom zu beginnen hoffte. Dieser mächtige
-König geriet einige Jahre später in Krieg mit Rom, den er auf Hannibals
-Rat in Griechenland und Italien zu führen beschloß. Aber statt mit
-aller Macht nach Italien zu gehen, zögerte er in Griechenland, bis ein
-römisches Heer dort erschien und ihn bei <em class="gesperrt">Thermopylä</em> besiegte,
-worauf er eiligst nach Asien zurückkehrte (191). Hier trat ihm im
-folgenden Jahre der römische Konsul <em class="gesperrt">Lucius Cornelius Scipio</em>
-entgegen, dem sein Bruder Publius, der Sieger von Zama, als Berater
-und eigentlicher Leiter des Feldzugs beigegeben war. Die entscheidende
-Schlacht erfolgte in Lydien bei <em class="gesperrt">Magnesia</em> am Berge Sípylos (190).</p>
-
-<p>Den Angriff machten die Syrer mit ihren furchtbaren Sichelwagen.
-Aber die römischen Schleuderer und Bogenschützen scheuchten die
-Pferde derselben durch ihre Geschosse und ihr Geschrei, sodaß sich
-diese mit den Wagen wendeten und auf den einen syrischen Flügel
-einstürmten, und als hier durch die Fliehenden eine Lücke entstand,
-drangen die römischen Reiter ein und brachten denselben samt dem
-ganzen Mitteltreffen in Verwirrung. Auf dem rechten Flügel dagegen war
-Antiochus schon nahe daran das römische Lager zu erobern, als er von
-der dort aufgestellten Besatzung so empfangen wurde, daß er sein Pferd
-zur Flucht wandte und den Römern das Schlachtfeld überließ. Von den
-Syrern waren 50000, von den Römern nur einige hundert Mann gefallen.</p>
-
-<p>Antiochus, gänzlich geschlagen, mußte in einem schimpflichen Frieden
-Kleinasien bis an das Gebirge Taurus abtreten und 15000 Talente (über
-70 Millionen Mark) zahlen. Auch gehörte zu den Friedensbedingungen
-Hannibals Auslieferung. Dieser floh aber zu <em class="gesperrt">Prúsias</em>, dem König
-von Bithynien, der ihn sehr freundlich aufnahm und mit einer Burg
-beschenkte. Hier lebte er eine Zeitlang in Frieden, richtete aber seine
-Wohnung so ein, daß sie nach jeder Seite einen Ausgang hatte; denn er
-zweifelte ebenso sehr an der beharrlichen Treue des Königs, als er von
-dem Hasse der Römer gegen sich alles fürchtete. Und er irrte sich nicht.</p>
-
-<p>Als die Römer von dem Aufenthalte ihres größten Feindes Nachricht
-erhalten hatten, schickten sie eine Gesandtschaft zu Prusias, an deren
-Spitze Flaminius stand. Dieser bat den König um die Auslieferung
-Hannibals. Der König<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> scheute sich das Gastrecht zu verletzen, er
-fürchtete aber nicht minder das Gesuch abzuschlagen. Er ließ daher
-die Römer selbst hingehen, um sich Hannibals zu bemächtigen. Eines
-Tages sah dieser sein Haus auf allen Seiten von Bewaffneten umringt
-und keinen Ausweg zur Flucht mehr übrig. Eingedenk seiner großen
-Vergangenheit wollte er sich nicht lebendig gefangen geben. „So will
-ich denn endlich die Römer“, rief er aus, „von ihrer Angst befreien, da
-sie den Tod eines alten Mannes doch nicht erwarten können!“ Darauf nahm
-er das Gift, das er schon längst bei sich zu führen gewohnt war, und
-starb, wie er gelebt hatte, voll Haß gegen die Römer (183), einer der
-größten Feldherrn der alten wie der neuen Zeit, der furchtbarste Feind,
-den Rom je zu bestehen hatte.</p>
-
-<p id="M_P_Cato">In demselben Jahre endete auch das Leben seines großen Gegners Publius
-Scipio, des Siegers von Zama. Auch dieser war dem Neide und der
-Mißgunst seiner Mitbürger nicht entgangen. Er war als Unterfeldherr
-seinem schwächlichen und wenig begabten Bruder Lucius im Krieg gegen
-Antiochus nach Asien gefolgt, nach dessen siegreichem Ausgang jener
-den Ehrennamen Asiaticus erhielt. Nach seiner Rückkehr wurde er nebst
-seinem Bruder, auf Anstiften des <em class="gesperrt">Cato</em>, angeklagt, sie wären von
-Antiochus bestochen worden, um ihm einen milden Frieden zu gewähren,
-und hätten einen Teil der Beute unterschlagen. Viele ehrliche, aber
-allzu argwöhnische Bürger mißbilligten zwar eine solche Anklage gegen
-einen so verdienstvollen Mann; dennoch ward Scipio von den Tribunen
-vor das Volksgericht geladen. Und er erschien am bestimmten Tage, aber
-wie ein Triumphator, das Haupt bekränzt, von zahlreichen Freunden
-und Anhängern begleitet. Mitten durch die Versammlung schritt er zur
-Rednerbühne. Aber anstatt sich gegen den schmählichen Vorwurf der
-Bestechlichkeit und der Unterschlagung zu verteidigen, zerriß er
-vor den Augen des Volkes die Rechnungen über seine und des Bruders
-Amtsführung, und rief: „An diesem Tage habe ich einst Hannibal bei
-Zama geschlagen und Karthago euch zinsbar gemacht. Laßt uns nicht
-undankbar gegen die Götter sein! Auf! gehen wir aufs Kapitol, um ihnen
-zu danken!“ Mit diesen Worten verließ er die Bühne und stieg zum nahen
-Kapitol hinan. Alles Volk brach in Beifall aus und folgte ihm, nur die
-Tribunen blieben, beschämt und verhöhnt, allein auf dem Platz zurück.
-Scipio wurde von dem Volke zuerst auf das Kapitolium, dort zum<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> Tempel
-des Jupiter und endlich in seine eigene Wohnung zurückbegleitet. So
-ward dieser Tag der Anklage für ihn fast noch ehrenvoller als der Tag
-seines Triumphes.</p>
-
-<p id="T_S_Gracchus">Da aber die Anfeindungen seiner Neider und Gegner gleichwohl nicht
-nachließen, so erfüllte sich das Gemüt des stolzen Mannes mit solcher
-Bitterkeit, daß er nicht mehr inmitten so vieler Undankbarkeit weilen
-mochte: er verließ Rom und zog sich auf sein Landgut Liternum in
-Campanien zurück. Aber der Haß der Tribunen verfolgte ihn auch hier.
-Sie erneuerten ihre Anklage; vergebens entschuldigte ihn sein Bruder
-durch eine Krankheit. Erst als Tiberius Gracchus, sonst ein Feind der
-Scipionen, eine solche Anklage für eine des römischen Staates unwürdige
-Handlung erklärte, ließen die Tribunen davon ab. Scipio aber verlebte
-den Rest seiner Tage in Liternum, ohne je nach Rom zurückzukehren. Ja
-der Groll gegen seine Vaterstadt war so groß, daß er seiner Gattin
-befahl seinen Leichnam nicht in dem Grabmal der Scipionen an der
-appischen Straße, nahe vor Rom, sondern in Liternum beizusetzen und
-dort auf sein Grab die Worte zu schreiben: „Undankbare Vaterstadt, auch
-meine Gebeine sollst du nicht haben!“</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXI_Kriege_gegen_Makedonien"><span class="s4">XXI.</span><br />
-
-<b>Kriege gegen Makedonien. Ämilius Paulus. &mdash; Der jüngere Scipio
-Africanus. Karthagos Zerstörung.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Nachdem die Römer aus dem zweiten punischen Kriege, der anfangs ihren
-Staat mit dem Untergang bedroht hatte, siegreich hervorgegangen waren,
-dehnten sie ihre Eroberungen auch nach Osten aus, wo sie den Kampf
-mit den aus Alexanders des Großen Weltmonarchie entstandenen Reichen
-begannen. Schon ehe Lucius Scipio, wie bereits erwähnt, Antiochus,
-den König von Syrien, bei Magnesia besiegte, war Philippus III. von
-Makedonien, der im punischen Kriege auf Hannibals Seite getreten
-war, in der Schlacht bei <em class="gesperrt">Kynosképhalä</em> in Thessalien, wo die
-berühmte makedonische Phalanx den römischen Legionen gegenübertrat, von
-<em class="gesperrt">Quinctius Flamininus</em> geschlagen worden (197). Im Frieden mußte
-Philippus<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> alle seine Eroberungen in Griechenland herausgeben, worauf
-Flamininus, für griechische Bildung begeistert, bei den isthmischen
-Spielen Griechenlands Freiheit verkündigte. Die Griechen sollten fortan
-nach eigenen Gesetzen leben, keine fremde Besatzung im Lande haben und
-keinen Tribut bezahlen.</p>
-
-<p>König Philipp suchte zwar den Frieden mit dem stetig vordringenden
-Rom solange als möglich zu erhalten, erkannte aber die seinem Reiche
-von dort dräuende Gefahr und traf alle Vorbereitungen zu einem
-neuen Kriege, der auch bald nach seinem Tode unter seinem Sohne
-<em class="gesperrt">Perseus</em> zum Ausbruch kam. Die Römer führten diesen Krieg in den
-ersten Jahren sehr lässig, und erst <em class="gesperrt">Ämilius Paullus</em> erzwang
-durch den entscheidenden Sieg bei <em class="gesperrt">Pydna</em> die Unterwerfung
-Makedoniens (168).</p>
-
-<p>Kurz vor dieser Schlacht trat eine Mondfinsternis ein, die ein
-römischer, der Astronomie kundiger Oberst, Sulpicius Gallus, dem Heere
-vorhergesagt und erklärt hatte, damit sie dieselbe nicht für ein
-böses Vorzeichen halten möchten, während die Makedoner sie für ein
-Unglückszeichen hielten und vor Angst laut schrieen. Als die Schlacht
-begann, bot der starre Lanzenwald der dichtgeschlossenen makedonischen
-Phalanx den Römern einen so furchtbaren Anblick dar, daß es lange Zeit
-nicht gelingen wollte die Legionen zum Angriff heranzubringen. Erst als
-Ämilius hier und da Lücken bemerkte, befahl er in Keilstellung sich in
-die Lücken einzudrängen, und während die Elefanten den einen seiner
-Flügel zum Weichen brachten, sprengte er selbst mit einer Legion die
-Mittelstellung des Feindes. So ward der Sieg in <em class="gesperrt">einer</em> Stunde
-entschieden; 20000 Makedoner bedeckten das Schlachtfeld, 11000 wurden
-gefangen. Bald darauf war Perseus genötigt sich mit den Seinigen den
-Römern zu ergeben.</p>
-
-<p>Ämilius Paulus feierte zu Rom einen dreitägigen Triumph und brachte
-eine unermeßliche Beute heim. In allen Straßen und auf allen freien
-Plätzen waren Schaugerüste für das Volk errichtet; alle Tempel
-waren geöffnet und strömten, mit Kränzen geschmückt, den Duft des
-köstlichsten Weihrauchs aus. Am ersten Tage wurden die erbeuteten
-Gemälde, Bildsäulen, Vasen und sonstiges Kunstgerät auf 250 Wagen
-aufgeführt. Am zweiten Tage wurden die eroberten Waffen und Rüstungen
-im hellsten Glanze und in kunstreicher Anordnung umhergefahren,
-darauf 750 Gefäße mit gemünztem Silber, zuletzt<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> die kunstvollsten
-Silbergeräte der verschiedensten Art, von zahlreichen Trägern
-vorübergetragen. Am dritten Tage eröffneten 120 bekränzte Opferstiere
-den Zug; ihnen folgten festlich geschmückte Knaben und Jünglinge mit
-Opfergefäßen; dann kam des Perseus Schatz und sein Wagen mit dem Diadem
-und Waffenschmuck, endlich seine Kinder, Perseus selbst mit verstörtem
-Gesicht, samt seiner Gemahlin und Verwandtschaft. Alsdann wurden
-400 goldene Ehrenkronen, welche die griechischen Städte dem Sieger
-gewidmet hatten, vorbeigetragen. Den Schluß machte Ämilius selbst auf
-einem mit vier weißen Rossen bespannten Triumphwagen in goldgesticktem
-Purpurgewand, einen Lorbeerzweig in der Hand, und hinter ihm das
-siegreiche Heer.</p>
-
-<p>Perseus endete in römischer Gefangenschaft. Makedonien wurde in vier
-gänzlich von einander getrennte Gemeinwesen geteilt. Mit dem Siege bei
-Pydna war Roms Oberherrschaft auf der Balkanhalbinsel entschieden.</p>
-
-<p class="mtop2">Bei all diesen Erfolgen aber blieb die Aufmerksamkeit der Römer auch
-auf Karthago gerichtet, das, an günstigster Stelle der afrikanischen
-Nordküste gelegen, durch seinen Handel, durch die Fruchtbarkeit und den
-Reichtum des Landes sich von neuem zu einem Wohlstand erhoben hatte,
-welcher den Neid und das Mißtrauen der Römer erregte. Sie ruhten nicht
-eher, als bis die alte Nebenbuhlerin gänzlich vernichtet war. Der Ruhm,
-Rom von dieser noch immer nicht ungefährlichen Stadt befreit zu haben,
-fiel dem Publius <em class="gesperrt">Cornelius Scipio Ämilianus</em> zu.</p>
-
-<p>Dieser Mann war der Sohn jenes Ämilius Paullus, der den makedonischen
-König Perseus überwunden hatte. Er war ein tapferer und einsichtiger
-Soldat, wenn auch kein großer Feldherr, von reiner edler Sinnesweise,
-von einer Bildung, die ihn über alle seine Standesgenossen erhob, ein
-Kenner und Freund hellenischer Kunst, Literatur und Wissenschaft.
-Er war von dem kinderlosen Sohne des großen Scipio an Sohnes statt
-angenommen, führte deshalb nach römischer Sitte dessen Namen und
-außerdem, zur Erinnerung an sein väterliches Geschlecht den Beinamen
-Ämilianus. Nachdem er während der Belagerung Karthagos sich als der
-tüchtigste Offizier des Heeres bewährt hatte, wurde ihm der Oberbefehl
-übertragen. Dieser Krieg aber hatte folgende Veranlassung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Massinissa</em>, König von Numidien, den die Römer den Karthagern zum
-Nachbar und Aufseher hingestellt hatten, beunruhigte diese unaufhörlich
-und nahm ihnen Provinzen und Städte weg. Die wiederholten Klagen der
-Karthager fanden in Rom kein Gehör. Als sie endlich gegen ihn zu den
-Waffen griffen, sah der römische Senat darin eine Verletzung des
-Friedens. Der Mann, der fortwährend im Senate zur Zerstörung Karthagos
-aufreizte, war der schon oben (<a href="#M_P_Cato">S. 90</a>) erwähnte <em class="gesperrt">Marcus Porcius
-Cato</em>.</p>
-
-<p>Dieser Mann übte in Rom einen großen Einfluß auf den Senat wie auf das
-Volk. Als Bauer im Sabinerlande geboren, war er Zeit seines Lebens von
-derben bäuerischen Sitten geblieben, und ein erbitterter Feind der
-feineren griechischen Bildung und der damit verbundenen Sittenänderung.
-Wie er im punischen und makedonischen Kriege sich in vielen Schlachten
-hervorgetan, so war er auch im Frieden unermüdlich im Dienste des
-Staates und erreichte die höchsten Ämter. Als Zensor übte er gegen alle
-Bürger, selbst die vornehmsten, welche sich ihres Standes unwürdig
-benommen hatten, eine unnachsichtige Strenge. Man nennt ihn deshalb,
-zum Unterschiede von dem gleichnamigen Gegner Cäsars, Censorius. Zur
-Prüfung einer Streitsache zwischen Karthago und Massinissa war er nach
-Afrika geschickt worden, und sah mit Erstaunen und Sorge, wie sehr sich
-die Stadt in dem halben Jahrhundert des Friedens wieder gehoben hatte.
-Handel und Verkehr blühten, die Volkszahl war so groß wie ehemals, der
-Kriegshafen voll von Schiffen und die Zeughäuser angefüllt mit Waffen
-und aller Art von Kriegsgerät. Seit dieser Zeit stimmte Cato für die
-Zerstörung Karthagos und fügte jedem Vortrage, den er im Senat hielt,
-die Worte hinzu: „Übrigens bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört
-werden muß.“ Einst brachte er einige Feigen in die Senatsversammlung.
-Als die Senatoren deren Größe und Schönheit bewunderten, sagte er:
-„Diese Feigen sind erst vor drei Tagen in Karthago gepflückt worden; so
-schöne Frucht trägt dies feindliche Land, und so nahe sind wir ihm.“
-Durch solche und ähnliche Künste suchte Cato den Senat für seinen
-Vorschlag zu gewinnen.</p>
-
-<p>Vergeblich erhob sich im Senat ein lebhafter Widerspruch gegen ein so
-ungerechtes und zugleich unkluges Verfahren. Man besorgte mit Recht,
-daß die Kräfte der Römer erschlaffen<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> oder sich gegen den Staat selbst
-richten würden, wenn sie nicht mehr durch Furcht vor der Nebenbuhlerin
-angespannt oder nach außen geleitet würden. Endlich drang jedoch
-Cato mit seiner Meinung durch. Als bald darauf Karthago, durch die
-unablässigen Übergriffe Massinissas gereizt, sich mit Waffengewalt
-gegen ihn erhob, benutzte der römische Senat diesen Anlaß, um die Stadt
-des Friedensbruches anzuklagen, und die Konsuln erhielten den Befehl,
-von Sicilien aus nach Afrika zu gehen und den Krieg gegen Karthago zu
-beginnen (149).</p>
-
-<p>Als die Karthager davon hörten, gerieten sie in die größte Bestürzung.
-Im Gefühl ihrer Schwäche schickten sie zu wiederholten Malen Gesandte
-nach Rom und unterwarfen sich gänzlich dem Willen der Römer. Der
-Senat nahm ihre Unterwerfung an und befahl ihnen dreihundert Geiseln,
-Söhne ihrer vornehmsten Bürger, nach Sicilien zu bringen und den
-Konsuln Folge zu leisten. Die Geiseln wurden gestellt, aber die
-Konsuln segelten gleichwohl mit ihrem Heere nach Afrika. Bei der
-Ankunft eines so großen Heeres schickten die Karthager von neuem eine
-Gesandtschaft an die Konsuln, um sie zu fragen, was sie tun sollten,
-und mit dem Versprechen, daß sie alles zu tun bereit wären. Die Konsuln
-verlangten, die Karthager sollten ihre vorrätigen Schiffe, Waffen und
-Kriegsmaschinen ausliefern. Die Karthager stellten ihnen vor, daß sie
-von inneren und äußeren Feinden umgeben wären und also ihrer Waffen
-bedürften. Allein die Konsuln antworteten in stolzem Tone: „Rom wird
-für eure Sicherheit sorgen.“ Und Karthago gehorchte noch einmal. Die
-Schiffe wurden verbrannt, die Kriegsgeräte ausgeliefert. Ihre Zahl soll
-sich auf 200000 schwere Rüstungen und 3000 Katapulten (Wurfmaschinen)
-belaufen haben. Hierauf riefen die Konsuln die vornehmsten Senatoren
-der Karthager zu sich, um ihnen die letzten Befehle des römischen
-Senats zu eröffnen. Sie erschienen, ein ehrwürdiger Zug von dreißig
-Greisen, denen eine nicht minder ehrwürdige Anzahl von Priestern und
-vornehmen Männern folgte. Jetzt verlangten die Konsuln im Namen des
-Senats: die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und eine andere
-bauen, die über 10000 Schritte weit vom Meer entfernt wäre Und keine
-Mauern hätte; denn das jetzige Karthago müsse dem Erdboden gleich
-gemacht werden.</p>
-
-<p>Mit Entsetzen hörten die Abgeordneten diese furchtbaren Befehle,
-und brachen in so herzergreifendes Wehklagen aus,<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> daß selbst das
-umstehende Kriegsvolk dadurch gerührt wurde. Aber die Konsuln blieben
-erbarmungslos, sie bestanden auf ihrer Forderung, und die Gesandten
-kehrten ganz entmutigt nach Karthago zurück. Hier aber, als sich die
-Schreckenskunde verbreitete, bemächtigte sich des Volkes eine rasende
-Wut und Verzweiflung. Die Wut wendete sich zuerst gegen diejenigen der
-Senatoren, die zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten.
-Andere ergriffen die Abgeordneten, steinigten sie und schleiften
-ihre Körper durch die Straßen der Stadt. Noch andere ermordeten alle
-anwesenden Italiker oder zogen mit Hohngelächter in die Tempel der
-Götter, die, wie sie sagten, nicht einmal Kraft genug zu ihrer eigenen
-Verteidigung hätten. Nur wenige behielten bei der allgemeinen Aufregung
-einige Besonnenheit. Diese verschlossen die Tore der Stadt und trugen
-eine große Menge Steine auf die Mauern, um damit wenigstens den ersten
-Angriff zurückzutreiben.</p>
-
-<p>Als die Heftigkeit des ersten Schmerzes vorüber war, versammelten
-sich die Senatoren von neuem. Alle waren entschlossen ihre Stadt aufs
-äußerste zu verteidigen und entweder zu siegen oder zu sterben. Eine
-rastlose Tätigkeit begann und setzte alles in Bewegung. Die Verbrecher
-wurden aus den Gefängnissen erlöst, die Sklaven freigelassen,
-die Verbannten zurückgerufen und alle Einwohner zum Waffendienst
-verpflichtet. Aber nun fühlte man den Mangel an Waffen. Da wandelten
-sich alle Tempel und öffentlichen Gebäude in Werkstätten. Alle, ohne
-Unterschied des Standes und Alters, Männer und Weiber, arbeiteten Tag
-und Nacht an der Verfertigung von Waffen. Überall suchte man Eisen
-und Erz zusammen und nahm sogar den Gold- und Silberschmuck von den
-Bildnissen der Götter. Die Weiber schnitten ihre Haare ab, um daraus
-Stricke zu drehen. Bei einem solchen Eifer wurden täglich 140 Schilde,
-300 Schwerter, 500 Lanzen und 1000 Wurfspeere verfertigt. Sogar fünfzig
-neue Kriegsschiffe wurden gebaut.</p>
-
-<p>Die Konsuln hatten indessen mit ihrem Angriff gezögert. Als sie
-endlich heranrückten, um die Stadt mit Sturm zu nehmen, wurden sie
-zurückgeschlagen. Außerdem war Hasdrubal, ein verbannter Karthager,
-mit 20000 Vertriebenen zurückgekehrt. So verteidigten sich die
-Karthager zwei Jahre lang (149&ndash;147) mit verzweifeltem Mute, und alle
-Anstrengungen der römischen Feldherren blieben ohne Erfolg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Da wählten die Römer, des langen Zauderns müde, den <em class="gesperrt">P. Cornelius
-Scipio</em> zum Konsul und übertrugen ihm den Oberbefehl gegen Karthago.
-Scipio fand ein zuchtloses und träges Heer; die Herstellung der
-Kriegszucht war daher seine erste Sorge. Dann legte er große Wälle und
-Dämme an, um den Karthagern die Zufuhr vom Lande und von der Seeseite
-her abzuschneiden. Aber die Karthager gruben auf der inneren Seite des
-Hafens eine neue Mündung ins Meer hinaus. Da sie die Arbeit ganz geheim
-betrieben hatten, so erstaunten die Belagerer nicht wenig, als sie
-eines Tages die Feinde mit 50 Kriegsschiffen heranfahren sahen. Scipio
-schlug sie jedoch in einem Seegefechte, und machte nun Anstalt zur
-Bestürmung der Stadt und rückte an die Mauer. Im Frühling des Jahres
-146 erstürmte er zuerst den unteren Teil der Stadt, der an die Häfen
-stieß, während die Burg Byrsa und die zunächst anstoßenden Straßen
-noch von Feinden besetzt blieben. Hier waren die Häuser am höchsten
-und ein jedes mußte von den Römern, während die Punier Geschosse jeder
-Art schleuderten, mit stürmender Hand genommen werden. In den Straßen,
-in den Häusern, sogar auf den Dächern wurde gekämpft. Und als nun die
-äußerste Häuserreihe genommen war, befahl Scipio das ganze Quartier
-anzuzünden, um einen freien Raum für die Bestürmung der Burg selbst
-zu gewinnen. Sechs Tage vergingen, ehe die entsetzliche Verwüstung
-vollendet und die Trümmer- und Leichenhaufen weggeräumt waren. Am
-siebenten Tage kamen 25000 Frauen aus der Burg herab und baten um
-Schonung ihres Lebens. Scipio bewilligte ihre Bitte. Darauf kamen
-30000 Männer und verlangten dieselbe Gnade. Noch wollte Hasdrubal,
-der Befehlshaber der Burg, nichts von Übergabe wissen. Mit Weib und
-Kind und mit 900 römischen Überläufern zog er sich zuletzt in das
-hohe Tempelgebäude des Äsculapius (des Gottes der Heilkunst) zurück.
-Als aber die Römer auch bis zu dieser äußersten Höhe herangerückt
-waren, verließ ihn der Mut. Ohne Mitwissen der anderen kam er mit
-einem Ölzweige in der Hand und bat zu Scipios Füßen um Frieden. Seine
-Gattin und die übrigen zündeten den Tempel an und stürzten sich in die
-Flammen. Die noch nicht zerstörten Teile der Stadt wurden darauf zur
-Plünderung den Truppen preisgegeben; nur die Beute der Tempel an Gold,
-Silber und Kunstwerken behielt Scipio für den öffentlichen Schatz. Die
-meisten Einwohner wurden als Sklaven verkauft;<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> viele, unter ihnen auch
-Hasdrubal, wurden als Gefangene an einzelne italische Städte verteilt
-und von diesen bis zu ihrem Tode in Haft gehalten. Der Senat beschloß,
-daß Karthago dem Erdboden gleich gemacht und jeder verflucht sein
-sollte, der je die Stätte desselben wieder bebauen würde. Nach diesem
-Beschluß wurden auch die noch stehenden Reste der Stadt angezündet.
-Siebzehn Tage brannte die vorher von 700000 Menschen bevölkerte, über
-700 Jahre alte gewaltige Stadt. Eines Tages beschaute Scipio an der
-Seite seines Freundes, des griechischen Geschichtschreibers Polybios,
-von einer Anhöhe aus die rauchenden Trümmer der Stadt, deren Flotten
-einst die Meere beherrscht hatten. Eine tiefe Wehmut ergriff ihn, da er
-der Hinfälligkeit aller Menschenmacht und Menschenglückes gedachte, und
-er erinnerte sich und die Freunde jener Worte, die der Dichter Homer
-dem Priamos in den Mund legt:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,</div>
- <div class="verse">Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Scipio erhielt von der Zerstörung Karthagos den Ehrennamen Africanus,
-und wird, um ihn von dem älteren Scipio, dem Sieger bei Zama, zu
-unterscheiden, der jüngere Afrikaner (<span class="antiqua">Africanus minor</span>) genannt.
-Das Gebiet Karthagos ward unter dem Namen Afrika eine römische Provinz.</p>
-
-<p>In demselben Jahre, als Karthago fiel, wurde auch Makedonien in eine
-römische Provinz verwandelt, und auch das freie Griechenland infolge
-einer Empörung unter den Statthalter von Makedonien gestellt, nachdem
-die große und reiche Stadt Korinth durch den Konsul <em class="gesperrt">Mummius</em>
-erobert und zerstört worden war (146).</p>
-
-<p class="mtop2">Nachdem Scipio zwölf Jahre in Ruhe und Muße, mit den Wissenschaften
-beschäftigt, gelebt hatte, wurde ihm eine neue Gelegenheit zu
-kriegerischer Auszeichnung zuteil. Die Veranlassung zu diesem neuen
-siegreichen Feldzug bot der Kampf gegen die Stadt <em class="gesperrt">Numántia</em> in
-Spanien.</p>
-
-<p>In dieser Provinz hatte die Habsucht, die Willkür und rohe Grausamkeit
-der römischen Statthalter, von denen einer sogar wehrlos versammelte
-Einwohner, die sich unterwarfen, niederhauen ließ, eine allgemeine
-Empörung erregt. An die Spitze stellte sich <em class="gesperrt">Viriáthus</em>, ein
-kühner Lusitanier. Gewöhnt an ein freies Leben im Gebirge, abgehärtet,
-gewandt, kräftig von Körper, keine Gefahr scheuend, geliebt von seinen
-Lands<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>leuten, vertraut mit dem Boden seines bergigen Vaterlandes,
-verstand er sein Volk zum Kampf für die Freiheit zu begeistern. So
-verteidigte er sich acht Jahre lang (148&ndash;140) gegen die römischen
-Feldherren, bis er endlich durch Meuchelmord fiel.</p>
-
-<p>Aber auch nach seinem Tode dauerte der Freiheitskampf der Spanier fort.
-Den heftigsten Widerstand leistete zuletzt die Stadt <em class="gesperrt">Numántia</em>.
-Sie lag auf der altkastilischen Hochebene, am Flusse Durius (Dūero),
-auf steiler Höhe, von Talschluchten und Wäldern umgeben; Wälle und
-Gräben schützten den einzigen Zugang aus der Ebene. Die keltiberischen
-Einwohner, unter ihnen gegen 8000 wehrhafte Männer, waren wegen ihrer
-kriegerischen Tüchtigkeit bekannt. Schon sieben Jahre lang hatten sie
-sich gegen die römischen Angriffe behauptet, und in Rom begann man
-unruhig und besorgt zu werden. Man zieh die bisherigen Führer der
-Unfähigkeit oder des Verrats und meinte, nur Scipio, der Zerstörer
-Karthagos, könne hier helfen. So übertrug ihm das Volk den Heerbefehl
-in Spanien (134).</p>
-
-<p>Bei seiner Ankunft im Lager fand er die Kriegszucht im Heere gänzlich
-erschlafft; im Lager wimmelte es von Krämern, Schenkwirten und
-Gesindel; die Soldaten lebten nur in Lust und Spiel. Die Herstellung
-der alten Mannszucht beschäftigte ihn daher ein ganzes Jahr. Er übte
-die der Arbeit entwöhnten Soldaten unaufhörlich und mit unerbittlicher
-Strenge im Lagerbau, Lasttragen, Marschieren, in Manövern und
-Streifzügen. Da er die Stadt auszuhungern gedachte, so vermied er einen
-Sturm, rückte aber immer näher an sie heran, schloß sie mit Wall und
-Graben ein und schnitt ihr so von allen Seiten die Zufuhr ab. Da der
-reißende Strom des Duero die Linie der Einschließung unterbrach und den
-Bau einer Brücke nicht zuließ, so baute er an beiden Ufern Kastelle,
-von denen aus schwere, mit Seilen aneinander hangende Balken, die
-rundum von Sicheln und eisernen Spitzen starrten, über das Wasser von
-einer Seite zur andern gespannt wurden, so daß man weder schwimmend
-noch fahrend den Fluß hinabkommen konnte. Das Heer hatte Scipio bis auf
-60000 Mann gebracht und die Belagerten bei mehrmaligen Ausfällen mit
-großem Verlust zurückgeschlagen. Schon währte die Belagerung fünfzehn
-Monate; die Hungersnot wütete unter den Numantinern; Gras und das
-Lederwerk von den Waffen dienten zur Nahrung; man verzehrte Leichname,
-und die Mütter schlachteten zuletzt ihre Kinder. Endlich baten die
-Belagerten um Frieden.<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> Aber Scipio verlangte Übergabe auf Gnade oder
-Ungnade. Die Gesandten, welche diesen Bescheid brachten, wurden von den
-verzweifelten Einwohnern erschlagen; dennoch blieb ihnen nichts anderes
-übrig. Sie öffneten die Tore, baten aber die Römer erst am dritten
-Tage einzuziehen. Diese Frist benutzte ein Teil der Einwohner sich
-durch freiwilligen Tod der Knechtschaft zu entziehen. Der kleine Rest,
-von Elend und Krankheit furchtbar entstellt, ergab sich dem Sieger.
-Sie wurden als Sklaven verkauft; nur fünfzig sparte Scipio für seinen
-Triumph auf. Die Stadt wurde gänzlich zerstört. Scipio erhielt von
-dieser Eroberung einen zweiten Beinamen, <em class="gesperrt">Numantīnus</em>.</p>
-
-<p>Als er nach Rom zurückgekehrt war, stand er in den dort ausgebrochenen
-blutigen Parteikämpfen auf der Seite des Adels gegen die von den
-Gracchen geführte Demokratie, bis er, wahrscheinlich ein Opfer des
-Parteihasses, starb. Nachdem er in einer Volksversammlung eine dem
-Volkswillen abgünstige Rede gehalten, fand man ihn am folgenden Tage
-tot im Bette; der Dolch eines Meuchelmörders hatte ihn getroffen (129).
-Wer die Tat verübt und auf wessen Anstiften, ist niemals aufgehellt
-worden.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXII_Die_beiden_Gracchen"><span class="s4">XXII.</span><br />
-
-<b>Die beiden Gracchen.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Jener Tiberius Sempronius Gracchus, der sich des älteren Scipio gegen
-seine Ankläger angenommen hatte (<a href="#T_S_Gracchus">S. 91</a>), vermählte sich in der Folge
-mit dessen Tochter <em class="gesperrt">Cornelia</em>. Einst, erzählt man, ergriff er auf
-seinem Lager ein Paar Schlangen. Die Wahrsager, über dies schreckhafte
-Zeichen befragt, erklärten, daß, wenn das männliche Tier getötet würde,
-dies dem Tiberius, der Tod des weiblichen aber der Cornelia den Tod
-bringen werde. Da ließ Tiberius, in edler Gattenliebe, das männliche
-töten, das andere aber verschonen, und nicht lange hernach starb er.
-Cornelia aber gab ihren beiden Söhnen <em class="gesperrt">Tiberius</em> und <em class="gesperrt">Gajus</em>,
-und ihrer Tochter Sempronia, die sich später mit dem jüngeren Scipio
-Africanus vermählte, die sorgfältigste Erziehung. Einst erhielt sie den
-Besuch einer vornehmen Campanerin, welche ihren reichen Schmuck von
-Gold und kostbaren Steinen vor ihr ausbreitete. Als sie dann Cornelia
-bat, sie möchte ihr nun auch den ihrigen zeigen,<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> da ließ die stolze
-Römerin ihre beiden Söhne kommen und sagte, auf sie hinweisend: „Diese
-sind mein Schmuck, meine Kleinodien.“</p>
-
-<p>Zum Jüngling herangewachsen, machte der ältere, <em class="gesperrt">Tiberius Sempronius
-Gracchus</em>, mit seinem Schwager Scipio als dessen Zeltgenosse
-den Kriegszug gegen Karthago mit. Er zeichnete sich hier durch
-Pflichttreue und Tapferkeit aus und erstieg zuerst von den Römern die
-Mauer der Stadt. Später ging er als Quästor (Schatzmeister) mit dem
-Konsul Mancīnus nach Spanien in den Krieg gegen die Numantiner. Als
-dieser ungeschickte Feldherr einst, nach vielen großen Verlusten,
-aufbrechen und das Lager verlassen wollte, wurde er mit seinem
-ganzen Heere von den Numantinern eingeschlossen und in Gegenden
-gedrängt, die keine Flucht zuließen. Mancinus, an aller Rettung
-verzweifelnd, schickte Gesandte an die Numantiner um Waffenstillstand
-und Friedensunterhandlungen. Die Numantiner erklärten, daß sie allein
-zu Tiberius Vertrauen hätten und nur mit ihm unterhandeln wollten.
-So ward denn Tiberius gesandt, und er schloß mit den Feinden einen
-Friedensvertrag, der dem römischen Staate 20000 Bürger rettete. Als
-er aber nach Rom zurückkehrte, ward der ganze Vertrag vom Senate
-verworfen, und der Beschluß gefaßt, daß alle Befehlshaber, die sich an
-dem Abschluß des schmachvollen Vertrages beteiligt hätten, dem Feinde
-ausgeliefert werden sollten. Doch des Tiberius menschenfreundliche
-Denkungsart, sein leutseliges Wesen und seine Rechtlichkeit hatten
-ihm bereits die Volksgunst in solchem Grade gewonnen, daß seine
-Auslieferung abgelehnt wurde. So wurde nur der Konsul Mancinus
-ausgeliefert, aber die Numantiner waren edelmütig genug dieses
-Sühnopfer des Vertragsbruchs nicht anzunehmen und den unglücklichen
-Mann unverletzt zu entlassen.</p>
-
-<p>Doch nicht seine Taten im Felde, sondern seine Wirksamkeit im Staate
-war es, die den Tiberius berühmt gemacht hat. Schon früh hatte Cornelia
-den Ehrgeiz ihrer Söhne geweckt und genährt. „Warum rühmt man mich“,
-sagte sie zu ihnen, „immer nur als die Schwiegermutter des Scipio und
-nicht auch als die Mutter der Gracchen? Den Kriegsruhm eures Schwagers
-werdet ihr einst übertreffen oder erreichen; aber eine andere nicht
-minder ehrenvolle Laufbahn steht euch offen, durch weise Gesetze für
-das gemeine Wohl des Volkes zu sorgen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span></p>
-
-<p>Diesen von der Mutter angedeuteten Weg schlug jetzt Tiberius ein.
-Erbittert durch den ihm in der numantinischen Sache angetanen Schimpf,
-wandte er sich von seinen adligen Standesgenossen ab, um fortan die
-Sache des Volkes zu vertreten und die Vorherrschaft des Adels im Staate
-und in der Ausnutzung des Staatsgutes zu bekämpfen. Zu diesem Zwecke
-bewarb er sich um das Volkstribunat für das Jahr 133, und ward unter
-großem Beifall des Volkes gewählt, das seit langer Zeit von gärender
-Unzufriedenheit erfüllt war.</p>
-
-<p>Der Grund bestand darin, daß bei weitem der größte Teil alles Landes
-in Italien in den Besitz der reichen herrschenden Familien, der
-Optimaten, gekommen war, während die große Masse der eigentlichen
-Bauern mehr und mehr verarmt war und ihre kleinen Höfe verkaufen oder
-ihren harten Gläubigern überlassen mußten. Und doch waren sie es, die
-in den unaufhörlichen Kriegen Roms den Kern des Heeres bildeten und
-ihr Blut für die Eroberungen des Staates vergossen. Um nun dieser für
-den Bestand des Staates so wichtigen Klasse von Bürgern einen neuen
-Grundbesitz zu verschaffen, erneuerte Tiberius als Volkstribun jenes
-alte licinische Gesetz (<a href="#licinisches_Gesetz">S. 47</a>), daß kein Bürger mehr als 500 Morgen
-des ursprünglich dem Staate gehörigen Landes (<span class="antiqua">ager publicus</span>)
-besitzen sollte. Dies Land war nämlich den unterworfenen Städten und
-Gemeinden Italiens abgenommen und als Eigentum des römischen Staates
-gegen geringen Pachtzins an vornehme römische Bürger vergeben worden
-und bildete einen großen Teil alles anbaufähigen Landes der Halbinsel.
-Der Staat hatte demnach das Recht diesen Besitz zurückzunehmen oder
-einzuschränken, zumal er nur den großen Familien zugute kam. Jedoch
-erlaubte das neue Gesetz, daß ein Familienvater für jeden Sohn, der
-noch unter seiner Aufsicht lebte, 250 Morgen mehr besitzen dürfe.
-Alles übrige Land sollte eingezogen und, zu kleinen Gütern vermessen,
-unter die besitzlosen Bürger verteilt werden. Um dieses Gesetz
-durchzuführen, verband sich Tiberius mit einer Anzahl der angesehensten
-und wohlmeinendsten Männer, welche seine politischen Ansichten teilten;
-unter ihnen war sein Schwiegervater Appius Claudius, der Oberpriester
-Crassus und der große Rechtsgelehrte Mucius Scävola.</p>
-
-<p>Es war natürlich, daß Tiberius durch seinen Vorschlag die Gunst
-des Volkes in vollstem Maße gewann, dagegen aber<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> auch den Haß und
-den Widerstand der herrschenden Partei aufs heftigste reizte. Mit
-hinreißender Beredsamkeit schilderte er die traurige Lage des armen
-Volkes: „Die Tiere des Feldes und Waldes haben ihre Gruben und Nester,
-und jedes findet eine Stätte zum Ruhen. Aber die Männer, die für
-Italien bluten und sterben, haben nur Anteil an Luft und Licht; ohne
-Häuser, ohne feste Wohnsitze irren sie umher mit Weib und Kind. Was
-will es noch bedeuten, daß der Heerführer seine Krieger, wenn es in die
-Schlacht geht, ermahnt, für Haus und Herd und die Gräber ihrer Väter zu
-fechten? Keiner von all den Tausenden besitzt mehr die Stelle, da einst
-die Hausgötter seiner Vorfahren standen, oder wo ihre Väter begraben
-liegen. Für anderer Wohlleben und Reichtum kämpfen und fallen sie, und
-werden Herren der Welt genannt, die doch selbst keine Scholle mehr zu
-eigen besitzen.“</p>
-
-<p>Gegen den Vorschlag des Tiberius erhob sich, wie zu erwarten gewesen,
-der heftigste Widerstand, und die Erbitterung der Gemüter stieg auf
-beiden Seiten, bis endlich der Tag herannahte, an welchem in der
-Volksversammlung über das Gesetz abgestimmt werden sollte. Als Tiberius
-an diesem Tage seinen Vorschlag noch einmal dem Volke vortrug, trat
-plötzlich ein anderer Tribun, <em class="gesperrt">Octavius</em>, auf und hinderte durch
-seine Einsprache die Verlesung des Vorschlags und die Abstimmung
-darüber. Diesen Tribunen hatten die Optimaten für sich gewonnen, da sie
-sonst kein Mittel hatten, das Gesetz, das ihrer schrankenlosen Habsucht
-Grenzen setzte, zu hintertreiben. Denn nach dem geltenden Rechte konnte
-kein Vorschlag Gesetzkraft erhalten, wenn auch nur einer der zehn
-Tribunen dagegen Einspruch tat.</p>
-
-<p>Vergebens suchte Tiberius den Gegner umzustimmen. In der Meinung,
-jener befürchte selbst bei der Verteilung des Landes Verlust an seinem
-Eigentum, bot er ihm Ersatz aus seinem eigenen Vermögen an. Als auch
-dies nichts fruchtete, verließ ihn seine bisherige Geduld. Die milden
-Bestimmungen seines Vorschlages zugunsten der Söhne nahm er weg; von
-jetzt an sollte jeder Reiche nur 500 Morgen und ohne alle Entschädigung
-für das, was er verlor, behalten. Die Reichen legten Trauerkleider an
-und suchten Mitleid bei der Bürgerschaft zu erregen; aber heimlich
-sollen sie Meuchelmörder gedungen haben, um den tödlich gehaßten Mann
-aus dem Wege zu räumen. Dieser trug fortan einen Dolch, sprach vor
-dem<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Volke von seiner Gefahr, und ging nicht mehr ohne Geleit seiner
-Anhänger aus dem Hause. Oft war eine Schar von 3&ndash;4000 Menschen um ihn.</p>
-
-<p>In der nächsten Volksversammlung befahl Tiberius von neuem die
-Verlesung seines Vorschlags, und Octavius wiederholte seine
-Einsprache. Die Volksmenge geriet in Aufruhr. Als Tiberius dennoch
-zur Abstimmung schreiten wollte, bemerkte man, daß die Urnen, worein
-die Stimmtäfelchen geworfen wurden, weggenommen waren. Wie nun die
-Volksmenge immer heftiger tobte und Octavius nicht nachgeben wollte,
-rief Tiberius: „Ich weiß kein anderes Mittel als dies, daß einer von
-uns sein Amt niederlege. Laß du das Volk über mich zuerst abstimmen;
-wenn es mich meiner Würde entsetzt, so gehe ich als Privatmann nach
-Hause.“ Da Octavius auch dies versagte, so beschied Tiberius das Volk
-auf den anderen Tag wieder, um über die Absetzung zu entscheiden.</p>
-
-<p>Am anderen Tage wiederholte Octavius abermals seinen Widerspruch. Da
-ließ Tiberius über seine Absetzung stimmen. Als nahezu der größere
-Teil des Volkes sich gegen Octavius ausgesprochen hatte und seine
-Absetzung schon fast gewiß war, trat Tiberius vor aller Augen auf
-Octavius zu, umarmte ihn und bat ihn flehentlich, er möge nachgeben.
-Octavius, zu Tränen gerührt, war einige Augenblicke unschlüssig.
-Als er aber seine Augen auf die nahe Schar der Optimaten warf, da
-befiel ihn Scham, und er hieß den Gracchus tun was er wolle. So ward
-Octavius seines Amtes entsetzt, und kaum entging er den Händen des
-erbitterten Volkes. Das Gesetz des Tiberius ward nun genehmigt, und
-drei Männer zu seiner Ausführung gewählt: er selbst, sein Bruder Gajus
-und sein Schwiegervater Appius Claudius. Aber Tiberius hatte durch
-die Amtsentsetzung des Octavius, dessen Person als Tribun heilig und
-unverletzlich war, eine gesetzwidrige Handlung begangen, durch welche
-die Verfassung verletzt ward, und damit zuerst den Weg betreten, der
-endlich zum Untergang der Republik führen mußte.</p>
-
-<p>Es war bereits um die Mitte des Sommers, und es nahte die Zeit, wo
-die neuen Volkstribunen gewählt wurden. Die Reichen gedachten sich
-an Tiberius zu rächen, sobald er seine Würde niedergelegt hätte, und
-machten vorher alle seine Schritte gehässig. Und in der Tat, die
-gesetzwidrige Absetzung des Octavius war beispiellos und befremdete
-sogar manchen<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> aus dem Volke. Um sich nun in der Gunst des Volkes
-zu erhalten, machte er den Vorschlag, daß die Schätze des letzten
-Königs von Pérgamon, des Attălus, der das römische Volk zum Erben
-seines Reiches eingesetzt hatte, unter das Volk verteilt werden,
-und daß dieses über jenes Reich verfügen sollte. Durch diesen
-Vorschlag verletzte er den Senat, der bisher allein über solche
-Angelegenheiten zu beschließen gewohnt war auf das tiefste, und seine
-Feinde verbreiteten mit Arglist das Gerücht, daß er selber nach der
-königlichen Würde strebe und ein Mann aus Pergamon ihm bereits Diadem
-und Purpurmantel überbracht habe.</p>
-
-<p>Unter solchen Umständen bewarb sich Tiberius um das Tribunat für das
-folgende Jahr. Die Wahl fiel in die Erntezeit, wo nur der besitzlose
-städtische Pöbel in Rom anwesend, die Landbewohner aber auf dem Felde
-beschäftigt waren. An dem Wahltage aber kam es zu Streit und Einspruch
-und Tiberius, der die Wahl leitete, verlegte die Versammlung auf den
-folgenden Tag, den übrigen Teil des Tages ging er in Trauerkleidern,
-seinen Knaben an der Hand, auf dem Forum umher und bat die Bürger
-für die Sicherheit seines Lebens zu sorgen. Eine große Schar armen
-Volkes begleitete ihn und bewachte während der Nacht sein Haus. Am
-folgenden Morgen besetzten große Haufen Volks das Kapitolium; in der
-Nähe versammelte sich der Senat in einem Tempel. Schlimme Vorzeichen,
-erzählte man, schreckten den Tiberius, als er sein Haus verließ.
-Aber die Freunde machten ihm Mut, und als er die Stufen des Kapitols
-hinanstieg, begrüßte ihn das Volk mit lautem Freudengeschrei. Allein
-die Versammlung blieb auch diesmal ohne Ergebnis. Inzwischen brachte
-ihm ein Freund die Nachricht, daß die Gegner beschlossen hatten ihre
-Sklaven und Klienten zu bewaffnen. Als dies ruchbar wurde, erhob sich
-unter seinen Anhängern ein wilder Lärm. Tiberius wollte reden; da er
-aber bei diesem Getümmel sich nicht hörbar machen konnte, zeigte er mit
-der Hand nach seinem Kopfe, um dem Volke seine Lebensgefahr anzudeuten.
-Von dieser Bewegung des Tiberius erhielten die Senatoren sogleich
-Nachricht und legten sie boshafter Weise so aus, als habe Tiberius
-die Krone gefordert. Da sprang <em class="gesperrt">Scipio Nasīca</em>, ein harter und
-leidenschaftlicher Aristokrat, auf und verlangte von dem Konsul, er
-solle Gewalt gegen den Hochverräter gebrauchen. Der Konsul <em class="gesperrt">Mucius
-Scävola</em> aber, ein Mann von strengem<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> Rechtsgefühl und der Reform
-geneigt, weigerte sich die geheiligte Person des Tribunen zu verletzen.
-Darauf rief Scipio: „Weil denn der Konsul die gemeine Sache verläßt,
-so folge mir jeder, der sie retten will!“ So stürmte er, von seinen
-Anhängern begleitet, aus dem Tempel und viele schlossen sich ihm auf
-dem Wege an. Das Volk erstaunte bei der Ankunft der Senatoren und
-machte ehrerbietig Platz. Diese aber ergriffen was sie von Beinen und
-Stücken zerbrochener Bänke und Gerätschaften vorfanden, und schlugen
-auf das Volk los, das nach allen Seiten hin die schleunigste Flucht
-ergriff. Auch Tiberius floh, stürzte aber über einige vor ihm liegende
-Leichen. Da erschlug ihn einer der Wütenden &mdash; der Tribun Publius
-Saturnejus und Lucius Rufus stritten sich später um diese Heldentat
-&mdash; durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe, vor den Bildsäulen der
-sieben Könige beim Tempel der Fides (Treue). Seine Leiche und die der
-übrigen Erschlagenen, deren über dreihundert waren, wurden am Abend
-durch die Gassen geschleift und in die Tiber geworfen. Vergebens bat
-sein Bruder Gajus sie bestatten zu dürfen.</p>
-
-<p>Das Ackergesetz des Tiberius und der Ausschuß von drei Männern
-(<span class="antiqua">triumviri</span>), die mit der Ausführung betraut waren, blieben auch
-nach dem Tode ihres Urhebers bestehen, obgleich die Optimaten alles
-aufboten, um die Verteilung des Gemeinlandes zu hintertreiben. Zu
-diesen gehörte selbst der Schwager des Ermordeten, Scipio Africanus,
-der, als er vor Numantia die Nachricht von dem Tode des Gracchus
-erhielt, des homerischen Verses gedachte:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">„So mags jedem ergehn, der solcherlei Taten verübt hat!“</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wie dieser dann einige Jahre nachher selber als ein Opfer des
-Parteihasses fiel, ist bereits oben erzählt worden. Die an Tiberius
-und seinen Anhängern verübte Freveltat, die in der ganzen bisherigen
-Geschichte Roms nicht ihres gleichen hatte, ward zwar von den
-Gemäßigten auch unter den Optimaten verurteilt, aber der Senat
-suchte sie als die Strafe eines nach der Krone strebenden Verräters
-zu rechtfertigen, und ließ sogar gegen seine Anhänger im Volke mit
-blutigen Richtersprüchen vorgehen, während der Hauptschuldige, Scipio
-Nasica, um ihn der Rache der Menge zu entziehen, mit einem Auftrage
-nach Asien gesendet wurde. Seine Bluttat aber wirkte wie eine böse Saat
-in den folgenden Parteikämpfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Gajus Sempronius Gracchus</em>, neun Jahre jünger als sein Bruder
-Tiberius &mdash; er war im Jahre 153 geboren &mdash; lebte nach dessen Untergang
-in stiller Zurückgezogenheit. Er glich dem älteren Bruder an strenger
-Sitte und hochstrebender vornehmer Gesinnung, übertraf ihn aber an
-Geist und Beredsamkeit, und war viel feuriger und leidenschaftlicher,
-dabei trotz seiner Jugend bereits im Felde bewährt und in allen
-Staatsgeschäften sicher und gewandt, unermüdlich, unbeugsam in seinem
-ererbten Kampfe gegen die volksfeindliche Optimatenpartei. Einst,
-da er einen Freund vor Gericht verteidigte, erregte er durch seine
-hinreißende stürmische Rede eine solche Bewunderung, daß der Adel in
-Sorge geriet, es möchte in ihm ein Rächer seines Bruders erstehen, und
-deshalb einen Vorwand suchte, um ihn von Rom zu entfernen. Er wurde
-als Quästor nach Sardinien geschickt und dort über die gesetzliche
-Frist festgehalten. Aber Gajus merkte die Absicht des Senats. Plötzlich
-verließ er seine Stelle, eilte nach Rom zurück und bewarb sich um das
-Tribunat (124). Man sagte, er sei dazu durch einen Traum aufgefordert
-worden. Sein ermordeter Bruder sei ihm nämlich im Traum erschienen und
-hätte gesagt: „Umsonst sträubst du dich, Gajus, dir bleibt doch ein Tod
-wie der meinige beschieden.“</p>
-
-<p>Als seine Mutter Cornelia von seiner Bewerbung um das Tribunat hörte,
-suchte sie ihn davon abzubringen. Zwar hatte sie selbst vordem ihre
-Söhne angetrieben nach Ehren und Ruhm zu streben, aber das traurige
-Ende ihres älteren Sohnes hatte ihren stolzen Sinn gebeugt. Sie kannte
-die Feuerseele des hochbegabten und früh zum Manne gereiften Sohnes,
-seinen unauslöschlichen Haß gegen die herrschende Aristokratie, die ihm
-den geliebten Bruder gemordet und seinen unbändigen Drang die Schäden
-der öffentlichen Zustände zu heilen. In ihren Briefen bat sie ihn mit
-den rührendsten Ausdrücken von einem Unternehmen abzulassen, das für
-ihn höchst gefährlich werden könnte. Aber Gajus beharrte auf seinem
-Vorhaben und erreichte seine Wahl für das folgende Jahr.</p>
-
-<p>Zwei Jahre hintereinander, 123 und 122, bekleidete er das Tribunat. Er
-erneuerte nicht nur das Ackergesetz seines Bruders, sondern schwächte,
-um sich die Gunst der großen Volksmenge zu verschaffen, durch eine
-ganze Reihe von Vorschlägen und Gesetzen die Macht des Senates. Sein
-Getreide<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>gesetz, wonach regelmäßig Getreide unter die ärmeren Bürger zu
-sehr billigen Preisen abgegeben werden sollte, legte der Staatskasse
-bedeutende Kosten auf, und konnte nur dazu dienen die ohnehin schon
-bestehende Trägheit und Genußsucht des großstädtischen Pöbels zu
-nähren. Besonders einschneidend war das Gesetz, durch welches er den
-Senatoren die Gerichtsbarkeit entzog, indem es bestimmte, daß die
-Gerichte fortan nicht mehr mit Männern aus dem Senatoren-, sondern
-aus dem Ritterstande besetzt werden sollten, der zwischen dem Senats-
-und dem Bürgerstande die Mitte bildete. Die Absicht war dem Unfug zu
-steuern, daß die dem ersten Stande angehörigen Angeklagten von ihren
-Standesgenossen, aller Schuld ungeachtet, häufig freigesprochen wurden.
-Nun gehörten aber dem Ritterstande die zahlreichen Steuerpächter
-(<span class="antiqua">publicani</span>) an, welche in großen Gesellschaften vereinigt, in
-den Provinzen die Steuern erhoben, wobei sie durch Erpressungen aller
-Art die Provinzialen auszubeuten gewohnt waren. Wenn sich nun die
-ausgesogenen Provinzen gezwungen sahen die Steuerpächter in Rom vor
-Gericht zu ziehen, so fanden sie bei den neuen Richtern, die eben aus
-Rittern, den Standesgenossen der Angeklagten, bestanden, noch weniger
-Schutz als früher, als die Richterstellen mit Senatoren besetzt wurden.
-Außerdem gewann Gajus das Volk durch den Bau von Landstraßen, durch
-Herabsetzung der Kriegsdienstzeit, durch Ausrüstung der Soldaten auf
-Staatskosten, und stellte den Antrag eine römische Kolonie auf der
-Stätte des zerstörten Karthago zu gründen.</p>
-
-<p>Aber seine Gegner fanden ein Mittel, um dem unermüdlichen Tribunen
-die Volksgunst zu entziehen. Sie gewannen einen seiner Kollegen,
-<em class="gesperrt">Livius Drusus</em>, der durch Vorschläge, welche den Wünschen des
-Volkes entsprachen, namentlich durch Beantragung von Kolonien in
-<em class="gesperrt">Italien selbst</em> statt der <em class="gesperrt">überseeischen</em> in Afrika, jenen
-noch bei weitem überbieten, und für diese Vorschläge schon im voraus
-die Genehmigung des Senats versprechen sollte. Durch dieses Verfahren
-suchte der Senat im Volke die Meinung zu erwecken, daß er nur aus
-Abneigung und Mißtrauen gegen den persönlichen Ehrgeiz des Gracchus den
-Wünschen des Volkes widerstrebe, und daß er diese befriedigen werde,
-sobald jener vom Tribunate entfernt sei. So verlor Gracchus allmählich
-die schwankende Gunst des Volkes; er erlangte das Tribunat nicht zum
-dritten<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> Mal, während sein erbittertster Gegner <em class="gesperrt">Opimius</em> Konsul
-ward.</p>
-
-<p>Eines Tages, als seine Unverletzlichkeit bereits aufgehört hatte,
-erschien er mit einem Haufen der Seinigen auf dem Kapitol, als eben
-Opimius die gewöhnlichen Opfer verrichtete. Gerade trug der Liktor
-Antyllius die Eingeweide des Opfertieres heraus, ein stolzer und
-trotziger Mensch. Als dieser zu den Anhängern des Gracchus kam, rief er
-ihnen zu: „Hinweg, ihr schlechten Bürger, macht braven Leuten Platz!“
-Diese Worte brachten einen Begleiter des Gracchus in so heftigen
-Zorn, daß er den Beleidiger auf der Stelle niederstieß. Das war ein
-schweres Vergehen gegen die Heiligkeit des Ortes und der Opferhandlung,
-das man in dem entstehenden Auflauf dem Gracchus selber zu Lasten
-legte und vom Konsul benutzt wurde, um gegen ihn und seinen Anhang
-mit Gewalt einzuschreiten. Als Gracchus heimkehrte, führte ihn sein
-Weg über das Forum an der Bildsäule seines Vaters vorbei. Er blieb
-stehen, betrachtete sie eine Zeitlang in düsterem Schweigen, dann brach
-ein Strom von Tränen aus seinen Augen. Seine Freunde, tief gerührt,
-schwuren ihn niemals zu verlassen, und wachten die ganze Nacht vor
-seiner Wohnung.</p>
-
-<p>Inzwischen hatte der Senat, der früher den Mord des Tiberius
-ungeahndet gelassen hatte, nicht nur die strengste Ahndung des an
-dem Liktor begangenen Frevels beschlossen, sondern wie bei einem
-hochverräterischen Aufstande den Konsuln den Auftrag erteilt,
-„vorzusorgen, daß das Gemeinwesen keinen Schaden nähme“ (<span class="antiqua">videant
-consules ne quid respublica detrimenti capiat</span>): was die Befugnis
-bedeutete, nach eigenem Ermessen und ohne auf Gesetz und Herkommen zu
-achten, gegen die Feinde des Staates zu verfahren.</p>
-
-<p>Darauf bewaffnete der Konsul Opimius die Senatoren und Ritter und
-ließ sie das Kapitol besetzen, während die Anhänger des Gracchus,
-unter Führung seines Freundes Fulvius Flaccus, sich auf dem Aventin
-versammelten. Als er selbst am nächsten Morgen, nur mit einem kleinen
-Dolch versehen, eben im Begriff war, mit einigen Freunden das Haus zu
-verlassen, trat ihm seine Gattin Licinia entgegen. Mit der einen Hand
-führte sie ihren kleinen Sohn, mit der andern ergriff sie die Toga
-ihres Gatten und rief: „Wohin eilst du, mein Gajus? Willst du dich
-unbewaffnet deinen Feinden preisgeben? Erinnerst du dich nicht an das
-Schicksal<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> deines Bruders? Ach, ich Unglückliche, wer weiß, ob ich
-nicht bald das Meer oder die Tiber bitten muß, mir deinen Leichnam
-wiederzugeben, um ihn bestatten zu können.“ Gajus, tief erschüttert,
-zögerte, aber er sollte seinem Verhängnis nicht entgehen. Seine Freunde
-winkten, und er riß sich aus den Umarmungen seiner Gattin und entfernte
-sich, ohne ihr zu antworten. Licinia folgte ihrem Mann und suchte ihn
-zu halten; aber vergebens. Ohnmächtig sank sie auf der Straße nieder;
-ein Diener trug sie ins Haus zurück.</p>
-
-<p>Gajus kam indessen zum Fulvius auf den aventinischen Berg. Von hier
-aus suchten beide mit dem Konsul zu unterhandeln. Fulvius schickte
-einen seiner Söhne mit dem Friedensstab in der Hand an ihn ab; der
-schöne Knabe trat mit bescheidenem Anstand vor den Konsul und meldete
-tränenden Auges seines Vaters Anerbieten. Opimius aber gab ihm harten
-Bescheid: nicht durch Boten sollten sie den Senat angehen, sondern
-sich selber als schuldbeladene Bürger zum Gericht stellen und den Zorn
-der Senatoren zu besänftigen suchen. Dem Boten aber befahl er auf
-diese Bedingung oder gar nicht wieder zu kommen. Gleichwohl schickte
-Fulvius seinen Sohn zum zweiten Mal; Opimius aber, der den Kampf zu
-beginnen eilte, ließ diesen ergreifen und ins Gefängnis werfen. Darauf
-zog er gegen den Aventin mit Schwerbewaffneten und mit Bogenschützen,
-durch deren Pfeile viele verwundet wurden und die Menge in Verwirrung
-geriet. Bei der allgemeinen Flucht verbarg sich anfangs Fulvius, ward
-aber entdeckt und niedergehauen. Gajus floh über die Tiber in einen
-der Furina geheiligten Hain. Als er keinen Ausweg mehr sah, ließ er
-sich von einem treuen Sklaven töten. Sein Leichnam fiel in die Hand
-eines vornehmen Mannes, des Septumulejus; dieser schnitt ihm den Kopf
-ab, füllte ihn mit Blei und brachte ihn zum Konsul; denn Opimius hatte
-versprochen, demjenigen, der den Kopf des Gracchus brächte, so viel
-Gold zu geben, als der Kopf wiegen würde (121).</p>
-
-<p>Nach dem Tode des Gracchus wurden fast alle seine Gesetze aufgehoben
-und die Herrschaft der Senatspartei mit blutiger Strenge wieder
-hergestellt. Aber auf die von den Gracchen versuchte Revolution folgten
-bald neue Unruhen und zerrüttende Bürgerkriege, die Rom an den Rand des
-Untergangs brachten, und mit dem Verlust der republikanischen Freiheit
-enden sollten.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<h3 id="XXIII_Gajus_Marius"><span class="s4">XXIII.</span><br />
-
-<b>Gajus Marius. &mdash; Jugurtha. &mdash; Cimbernkrieg.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Marius</em> war der Sohn eines Landmanns aus Arpinum im Lande
-der Volsker. Aus niederem Stande entsprossen, wuchs er ohne allen
-Unterricht auf und war von rohen, derben Sitten. Frühzeitig entwickelte
-er eine ungewöhnliche Begabung für das Kriegswesen, sodaß er in
-der Folge einer der tüchtigsten Feldherren wurde. War er auch ohne
-gelehrte Bildung, so besaß er doch viel Verstand, rasche Fassung,
-große Rednergabe und eine glühende Begierde nach Ruhm. Seine ersten
-Kriegsdienste tat er vor Numantia unter dem Oberbefehl des Scipio,
-und schon damals erregte er durch seine militärische Begabung dessen
-Aufmerksamkeit. Als einst einige Freunde des Scipio fragten: „Wer wird
-dich uns ersetzen, wenn das Schicksal dich uns entreißen sollte?“
-antwortete er, indem er Marius auf die Schulter klopfte: „Dieser hier!“
-Nach Rom zurückgekehrt, erhielt Marius das Amt eines Volkstribunen und
-verteidigte als solcher die Rechte seiner Standesgenossen gegen die
-Partei der Optimaten, die er tödlich haßte, und die schon damals in ihm
-einen furchtbaren Gegner erkannten. Die erste Gelegenheit, selbständig
-als Feldherr aufzutreten und sich um sein Vaterland hochverdient
-zu machen, gab ihm der Krieg, den die Römer gegen Jugurtha, König
-von Numidien, führten. Zugleich zeigte dieser Krieg die Entartung
-der damaligen Römer, besonders die Habsucht und Bestechlichkeit der
-Optimaten.</p>
-
-<p>Des Königs Massinissa Sohn Micipsa hatte vor seinem Tode das numidische
-Reich, das sich westlich von der römischen Provinz Afrika, die Küste
-entlang und südwärts bis zur Wüste erstreckte, unter seine beiden
-Söhne Adherbal und Hiémpsal und seinen Bruderssohn Jugurtha geteilt.
-Aber der herrschsüchtige Jugurtha, der nach dem Besitz des Ganzen
-trachtete, tötete bald darauf den Hiempsal und nötigte den Adherbal
-zur Flucht nach Rom. Hier aber hatte Jugurtha durch sein Gold schon
-viele Senatoren bestochen, sodaß an seine Bestrafung nicht gedacht,
-vielmehr das Reich in zwei Hälften geteilt ward, von denen Jugurtha
-die bessere erhielt. Auch damit noch nicht zufrieden, bekriegte er
-ohne alle Veranlassung den Adherbal und ließ ihn, nach Übergabe seiner
-Hauptstadt, ermorden. Da erst, nachdem bei dem Blutbad<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> auch eine
-Anzahl römischer Bürger umgekommen waren, entschloß sich der Senat,
-durch die wachsende Erbitterung des Volkes geängstigt, den frechen
-Missetäter zu bestrafen (111).</p>
-
-<p>Aber der Konsul Calpurnius Piso Bestia, der mit einem Heere nach Afrika
-übersetzte, und sein Legat, der vornehmste aller Senatoren, Ämilius
-Scaurus, ließen sich durch Jugurthas Gold gewinnen und bewilligten ihm
-einen Frieden, der den Besiegten nur zur Auslieferung seiner Elefanten
-und zur Zahlung einer Geldbuße verpflichtete. Solchem Beispiel des
-Konsuls folgten die unteren Führer der Truppen: einige lieferten dem
-Jugurtha die abgenommenen Elefanten wieder aus, andere verkauften
-ihm die Überläufer, und noch andere plünderten die Bewohner der
-Provinz Afrika. Als die Nachricht von diesem Vertrage nach Rom kam,
-erkannte man ohne Mühe den schmählichen Betrug, und ein Sturm des
-Unwillens erhob sich. Mit flammender Rede erwirkte der Tribun Gajus
-<em class="gesperrt">Memmius</em> bei dem Volke den Beschluß, daß die Sache untersucht,
-die Schuldigen bestraft und Jugurtha selber in Rom erscheinen sollte,
-um sich vor dem Volke zu rechtfertigen. Unter der Zusage persönlicher
-Sicherheit kam Jugurtha nach Rom, ohne königlichen Schmuck, im
-Trauergewand, wie ein demütiger Angeklagter. Aber im geheimen begann er
-sofort seine Bestechungen von neuem. Da er wußte, daß jedes Unternehmen
-eines Tribunen vereitelt werden konnte, wenn sich ein anderer Tribun
-widersetzte, so brachte er den Tribunen Bäbius durch große Geldsummen
-auf seine Seite. In der Volksversammlung hielt ihm Memmius alle seine
-Verbrechen vor. Als er ihn aber aufforderte, seine Mitschuldigen zu
-nennen, fuhr Bäbius dazwischen und verbot dem König auf diese Frage zu
-antworten. So wurde das Volksgericht vereitelt.</p>
-
-<p>Durch diesen Erfolg ermuntert, und im Vertrauen auf die Macht seines
-Goldes, trieb Jugurtha seine Frechheit noch weiter. In Rom hielt sich
-damals ein Enkel des Massinissa, Massiva, auf, der nach dem Sturze
-Jugurthas selber König von Numidien zu werden hoffte. Diesen ließ er
-durch einen seiner Vertrauten meuchlings beseitigen, und als der Mörder
-bestraft werden sollte, verhalf er ihm zur Flucht. Nun war auch die
-Geduld des Senates zu Ende. Der geschlossene Friede ward für ungültig
-erklärt, dem König aufs neue der Krieg angekündigt und befohlen sofort
-Rom und Italien zu verlassen. Als er die Stadt verließ, soll er sich
-wiederholt nach ihr um<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>gewendet und zuletzt gesagt haben, die ganze
-Stadt wäre käuflich und dem Untergang verfallen, wenn sich nur ein
-Käufer fände, reich genug den Preis zu zahlen.</p>
-
-<p>Aber der Wiederbeginn des Krieges brachte den Römern eine bittere
-Enttäuschung. Der neue Konsul Postumius Albinus war unfähig oder
-bestochen, das Heer zuchtlos und entartet. Und als während einer
-Abwesenheit des Konsuls sein Bruder den Oberbefehl führte, ließ er sich
-von dem schlauen Gegner in einen Hinterhalt locken, und wurde gezwungen
-mit dem Heere unter dem Joche abzuziehen und sogar die Räumung
-Numidiens zu versprechen (109).</p>
-
-<p>Diese Schmach ertrug das römische Volk nicht. Der frühere und der
-damalige Führer des Heeres und viele mitschuldige Senatoren wurden
-wegen Landesverrat vor Gericht gestellt und in die Verbannung
-geschickt. Gegen Jugurtha aber sandte man den Konsul <em class="gesperrt">Q. Cäcilius
-Metellus</em>, und <em class="gesperrt">G. Marius</em> begleitete ihn als Legat
-(Unterfeldherr). Der unbestechliche Metellus stellte die Zucht
-des Heeres wieder her, führte den Krieg zwei Jahre lang mit allem
-Nachdruck, trieb den Jugurtha in die Enge und eroberte eine Stadt
-nach der andern, aber den Ruhm, den Krieg zu beendigen, wußte ihm der
-ehrgeizige Marius zu entziehen. Marius wollte sich um das Konsulat
-bewerben, und da er zu diesem Zwecke in Rom anwesend sein mußte, suchte
-er beim Oberfeldherrn um Urlaub nach. Der adelsstolze Metellus, über
-diese Absicht des Emporkömmlings erstaunt und entrüstet, riet ihm,
-nicht über seinen Stand hinauszustreben. Als aber jener nicht abließ
-um Urlaub zu bitten, sagte Metellus mit bitterem Spotte: „Du wirst
-noch früh genug nach Rom kommen, wenn du dich zugleich mit meinem
-Sohne zum Konsulate meldest.“ Der junge Metellus war aber erst zwanzig
-Jahre alt, und da zum Konsulat ein Alter von dreiundvierzig Jahren
-erforderlich war, hätte Marius nach den höhnischen Worten des Konsuls
-noch dreiundzwanzig Jahre warten können. Marius, durch diesen Hohn
-schwer gekränkt, erzwang den Urlaub und zeigte sich von jetzt an bei
-jeder Gelegenheit als Gegner des stolzen Aristokraten. In Rom gab er zu
-verstehen, daß jener den Krieg absichtlich in die Länge ziehe; und zum
-Konsul gewählt, erhielt er auch den Oberbefehl gegen Jugurtha (108).
-Bis dahin war es noch keinem Manne von niederer Herkunft gelungen diese
-höchste Würde zu erlangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p>Als Marius im nächsten Jahre (107) als Konsul die Leitung des Krieges
-übernahm, änderte er die Kampfweise gegen Jugurtha, der sich inzwischen
-mit seinem Schwiegervater <em class="gesperrt">Bocchus</em>, dem König von Mauretanien
-(Marokko), verbunden hatte. Statt die flüchtigen Reiterscharen des
-Feindes zu verfolgen, suchte er ihm alle festen Orte und Hilfsquellen
-zu entreißen. Er eroberte Burgen und Städte und machte große Beute.
-Dann griff er die im Südosten Numidiens gelegene Stadt Capsa an.
-Dorthin führte er sein Heer mit solcher Eile, daß seine Reiter schon
-die nächsten Tore der Stadt besetzten, ehe die Einwohner seine Ankunft
-erfuhren. Sie ergaben sich ohne Widerstand; dennoch ließ Marius alle
-Waffenfähigen umbringen und die Stadt anzünden. Im folgenden Jahre
-(106) erschien er auf der Westseite Numidiens vor der Stadt Mulucha, in
-der Jugurtha seine meisten Schätze verwahrte. Sie lag am gleichnamigen
-Flusse auf einem steilen Bergkegel, der nur einen einzigen Zugang bot,
-und wurde von einer zahlreichen, mit allem Nötigen versehenen Besatzung
-geschützt. Alle Versuche die Burg zu erstürmen mißlangen. Und schon
-dachte Marius sein Vorhaben aufzugeben, als eines Tages ein Soldat
-ihm anzeigte, wie er an der entgegengesetzten Seite des Berges beim
-Schneckensammeln einen Weg entdeckt habe und auf die Höhe des Felsens
-gekommen sei, wo die Burg unbesetzt wäre. Schon am nächsten Tage mußten
-vier Centurien mit fünf Trompetern unter Leitung jenes Soldaten den
-Fels erklettern. Sie fanden keine Gegenwehr, zumal da um dieselbe Zeit
-die ganze Besatzung auf der andern Seite beschäftigt war, den heftiger
-als je anstürmenden Feind zurückzudrängen. Plötzlich ertönten die
-Trompeten der Römer und das Angstgeschrei der Weiber und Kinder, die
-zuerst den eindringenden Feind erblickten. Bestürzt wich die Besatzung
-in die Stadt zurück; Marius verdoppelte seine Anstrengung und drang
-zugleich mit den Gegnern in die Festung ein.</p>
-
-<p>Im Laufe des Jahres 106 geriet beinahe das ganze numidische Land in
-die Hände der Römer. Noch in zwei Treffen besiegte Marius den Jugurtha
-und den Bocchus. Letzterer zeigte sich endlich zum Frieden geneigt.
-Die Unterhandlungen mit ihm betrieb <em class="gesperrt">L. Cornelius Sulla</em>, der
-im Heere des Marius Quästor war und bei Freund und Feind durch seine
-Tapferkeit und kluge Führung zu großem Ansehen gekommen war. Er bewog
-den König Bocchus seinen Schwiegersohn<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> auszuliefern. Jugurtha wurde zu
-einer Unterhandlung eingeladen, und als er am bestimmten Orte und Tage
-erschien, von den Leuten des Königs ergriffen, gefesselt und dem Sulla
-überliefert. Aber Marius kränkte es tief, daß es nicht ihm, sondern dem
-Sulla gelungen war die Person des Jugurtha in seine Gewalt zu bekommen;
-vor allem aber erweckte es seinen unversöhnlichen Groll, daß sich Sulla
-einen Siegelring verfertigen ließ, auf dem die Auslieferung Jugurthas
-dargestellt war. Die Feindschaft, die von jetzt an zwischen beiden
-Männern bestand, sollte in der Folge dem römischen Staate großes Unheil
-bringen.</p>
-
-<p>Am ersten Tage des Jahres 104 ward Jugurtha in Rom beim Triumph des
-Marius einhergeführt. Dabei riß ihm der rohe raubsüchtige Pöbel
-die Kleider und Ohrringe samt den Ohrläppchen ab. Dann ward er
-nackt in eine unterirdische Felskammer am Kapitol, ein ehemaliges
-Brunnengewölbe, das als Gefängnis diente, hinabgestoßen. „Hu, wie kalt
-ist euer Bad!“ rief der Unglückliche beim Hinabfallen. Dort ließ man
-ihn sechs Tage ohne Nahrung, worauf man ihn aus Gnaden erdrosselte
-(104). Sein Königreich ward geteilt: den westlichen Teil erhielt
-König Bocchus als Lohn seines Verrates, den östlichen ein Enkel des
-Massinissa und Halbbruder des Jugurtha.</p>
-
-<p class="mtop2">Marius war inzwischen, während er noch als Prokonsul in Afrika an der
-Spitze des Heeres stand, und ohne daß er sich darum beworben hatte,
-gegen alles Herkommen abermals zum Konsul für 104 erwählt worden. Das
-römische Reich nämlich und Rom selbst war an anderer Stelle in Gefahr
-des Untergangs geraten, und Marius sollte es retten. Ein furchtbarer
-Feind stand plötzlich an der Grenze Italiens.</p>
-
-<p id="Gallien_suedoestlich">Schon vor Beginn des jugurthinischen Krieges vernahm man in Rom,
-daß unter den Völkern nördlich der Alpen eine große Bewegung
-entstanden sei; in großen Haufen zögen sie gegen die Alpen, um im
-Süden neue Wohnsitze zu erobern. In der Tat erschienen im Jahre 113
-v.&nbsp;Chr. an den Ostalpen, im heutigen Krain, die <em class="gesperrt">Cimbern</em>, ein
-germanischer Volksstamm, der wahrscheinlich bis da im Norden Germaniens
-gesessen hatte. Zu ihnen gesellten sich später die <em class="gesperrt">Teutonen</em>,
-<em class="gesperrt">Ambronen</em> und andere Stämme. Sie zogen mit Weibern und Kindern
-und aller fahrenden Habe, ein ungeheurer Schwarm von mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> als 300000
-Kriegern. Bei Aquileja stellte sich ihnen der Konsul Papirius Carbo
-entgegen, erlitt aber eine völlige Niederlage. Doch wandte sich der
-feindliche Zug für diesmal von Italien ab nach Westen, wo er Gallien
-und Spanien raubend und verwüstend heimsuchte. Dort begegneten sie
-den Römern abermals im südöstlichen Gallien, in der römischen Provinz
-(<span class="antiqua">Gallia transalpina</span>, der heutigen Provence), und brachten ihnen
-in den Jahren 109&ndash;105 mehrere vernichtende Niederlagen bei.</p>
-
-<p>Italien zitterte vor den gewaltigen Scharen des Nordens, wie in den
-Tagen Hannibals: der Schrecken war zu Rom so groß, daß sich niemand um
-das Konsulat des Jahres 104 zu melden wagte. Da hoffte das Volk von
-Marius, dem Bezwinger Jugurthas, Rettung. Es wählte ihn zum Konsul
-und übertrug ihm die Leitung des Krieges in Gallien. Nachdem er im
-Beginn des Jahres, wie oben erzählt, seinen Triumph über Jugurtha
-gefeiert hatte, begab er sich in die Provinz jenseits der Alpen, zum
-Kampf gegen die Germanen, fand sie aber dort nicht mehr: sie waren
-durch Südgallien über die Pyrenäen nach Spanien gezogen, und kehrten
-von dort erst nach zwei Jahren zurück. Diese durch die Torheit der
-Gegner gewährte Frist benutzte Marius, um ein neues Heer zu bilden und
-die erschlaffte Kriegszucht durch unerbittliche Strenge und harten
-Dienst herzustellen, und in Gallien alles vorzubereiten, was für den
-neuen Kampf erforderlich schien. So groß war die Furcht in Rom und die
-Zuversicht auf Marius, daß ihm, bis zur Beendigung des Krieges, das
-Konsulat noch vier Mal erneuert wurde; eine Auszeichnung, die noch nie
-einem Römer widerfahren war.</p>
-
-<p>Im Jahre 102 kehrten die Feinde aus Spanien, wo sie hartnäckigen
-Widerstand gefunden hatten, nach Gallien zurück, um nunmehr mit aller
-Macht in Italien einzudringen. Sie teilten sich in zwei Haufen; die
-Cimbern gingen über den Rhein, um von Rhätien (Tirol) aus in Italien
-einzufallen; die Teutonen und Ambronen gedachten an der Küste entlang
-durch Ligurien einzudringen.</p>
-
-<p>Marius hatte am Zusammenfluß der Rhone und Isère ein Lager errichtet
-und erwartete hier die Teutonen und Ambronen. Er vermied die offene
-Schlacht, obschon die Feinde drei Tage lang sein Lager bestürmten, und
-seine eigenen Leute ungeduldig den Kampf forderten. An der Festigkeit
-der<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> Schanzen scheiterte alle Tapferkeit, aller Ungestüm der Germanen.
-Da beschlossen sie nicht länger zu zaudern, sondern geradeswegs am
-römischen Lager vorüber nach Italien zu ziehen. Höhnisch riefen sie
-den römischen Soldaten zu, sie zögen nach Italien; ob sie Aufträge an
-ihre Frauen und Kinder zu bestellen hätten? Kaum bändigte Marius den
-Zorn seiner Krieger. So groß war die Menge der Barbaren, so gewaltig
-ihr Troß an Wagen und Lasttieren, daß sie sechs Tage lang an dem Lager
-vorbeimarschierten. Kaum waren sie vorüber, so folgte ihnen Marius auf
-dem Fuße nach und gelangte auf kürzerem Wege zugleich mit ihnen an
-einen kleinen Fluß, an dem <em class="gesperrt">Aquä Sextiä</em> (<span class="antiqua">Aix en Provence</span>)
-lag. Hier wählte Marius einen Hügel zum Lagerplatz, von welchem herab
-er die Gegend ringsum zu übersehen vermochte. Die Germanen lagerten
-sich an beiden Seiten des Flusses. Durch diese Lagerung wurden die
-Römer vom Wasser abgeschnitten. Diese, von Durst gequält, klagten und
-murrten. Marius aber wies auf den Fluß hin: „Ihr seid Männer“, sprach
-er, „dort ist Wasser für Blut feil, und ihr klagt, daß es fehle?“
-Da gingen römische Troßknechte mit ihren Tieren zum Fluß hinab und
-vertrieben einige Feinde; als aber mehr Barbaren erschienen, eilten
-auch römische Soldaten hinzu. Die Teutonen aber und ihre Bundesgenossen
-fühlten sich in voller Sicherheit; sie aßen, badeten und freuten
-sich des schönen fruchtreichen Landes. Wie nun von beiden Seiten
-Hilfe erschien, wurden zuletzt die Hauptheere selbst in den Kampf
-hineingezogen. Der Ambronen waren 30000 Mann. In dem Augenblick, wo
-sie über den Fluß setzten, ließ sie Marius von allen Seiten angreifen
-und zwar mit solchem Erfolg, daß die meisten auf dem Platze erschlagen
-wurden. Die Flüchtlinge drangen gleich den Römern bis an die Zelte und
-Wagen der Teutonen, die am Kampf noch nicht teilgenommen hatten; hier
-wurden sie auch von den Weibern mit Beilen und Schwertern empfangen,
-und erst die Dunkelheit brachte die Kämpfenden auseinander.</p>
-
-<p>Nun folgte eine grauenhafte Nacht. Die Totenklagen der Teutonen um die
-gefallenen Brüder, dazwischen die Wehrufe der Verwundeten, und ihr
-wilder Schlachtgesang wiederhallten in den Wäldern und klangen in das
-römische Lager hinüber, daß es den Römern durch Mark und Bein ging.
-Marius, der 3000 Mann unter Claudius Marcellus in einen Hinterhalt
-gelegt hatte, stellte mit Anbruch des Tages sein<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Heer vor dem Lager in
-Schlachtordnung und reizte die Teutonen durch abgesandte Reiterscharen
-zur Schlacht. In dicht geschlossenen Massen stürmten diese die
-beschwerlichen Höhen hinan und die Römer ihnen entgegen. Noch vor Mitte
-des Tages waren die Angreifer in die Ebene zurückgedrängt, und schon
-begannen ihre Reihen sich zu lösen, als auch Marcellus aus seinem
-Hinterhalt hervorbrach und ihre Verwirrung vermehrte. Ordnungslose
-Flucht kam über ihr ganzes Heer und nun erst begann ein entsetzliches
-Morden unter den fliehenden Scharen. Der Erschlagenen und Gefangenen
-waren an 100000. Der ganze Stamm war vernichtet bis auf einen geringen
-Rest, der sich nach dem nördlichen Gallien rettete. Von den gefangenen
-Frauen und Mädchen hatten viele nach verzweifelter Abwehr, um der
-Schmach der Knechtschaft zu entgehen, sich selber den Tod gegeben.
-<em class="gesperrt">Teutobod</em> selber, der König, geriet in Gefangenschaft (102).</p>
-
-<p id="Vercellae">Inzwischen waren die noch unbesiegten Cimbern über den Brennerpaß
-vorgedrungen, hatten das Heer des <em class="gesperrt">Lutatius Catulus</em> an der
-unteren Etsch geschlagen und südwärts über den Po zurückgedrängt. Ihr
-Plan war, sich mit den Teutonen, deren Schicksal ihnen noch unbekannt
-war, zu vereinigen und dann gegen Rom zu ziehen. Darüber versäumten
-sie die günstige Gelegenheit, sofort nach ihrem Siege über den Po
-vorzurücken und das wehrlose Italien zu erobern. Im Frühlinge des
-folgenden Jahres (101) verband sich Marius mit Catulus. So rückten
-sie, 50000 Mann stark, wieder über den Po und stießen bei Vercellä auf
-den Feind, nahe der Mündung der Sesia in den Po, wo einst Hannibal
-seine erste italische Schlacht geschlagen hatte. Die Cimbern aber
-schickten Abgeordnete an die römischen Feldherren und ließen um Land
-für sich und ihre Brüder, die Teutonen, bitten. Sie erhielten die
-Antwort: für ihre Brüder sei bereits gesorgt; sie hätten ein Land
-bekommen, wo sie ewig bleiben würden. Dabei ließ Marius, um ihnen
-die Vernichtung der Teutonen glaublich zu machen, den gefangenen
-Teutobod in Ketten vorführen. Jetzt rückten die Cimbern vor das Lager
-der Römer, und <em class="gesperrt">Bojorix</em>, ihr König, forderte, nach dem Brauche
-seines Volkes, den Gegner auf Ort und Zeit zur Schlacht zu bestimmen.
-Marius bezeichnete den folgenden Tag und das raudische Feld, das der
-überlegenen römischen Reiterei einen günstigen Kampfplatz bot.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<p>Die Cimbern erwarteten den Angriff in einer viereckigen
-Schlachtstellung, die sich dreiviertel Meilen in Breite und Tiefe
-erstreckte. In den äußeren Gliedern hatten sich die Kämpfer mit
-eisernen Ketten aneinander gebunden, um das Eindringen der Feinde zu
-verhindern. Bei den Römern stand das Heer des Catulus im Mitteltreffen,
-das des Marius bildete die Flügel. Im Morgennebel ward die
-cimbrische Reiterei von der römischen überrascht und auf ihr Fußvolk
-zurückgetrieben, das sich eben erst ordnete. Schon aber rückte das
-römische Fußvolk, Sonne und Wind im Rücken, aus der staubigen Ebene
-heran. Der Tag war schwül; die Cimbern hatten Sonne und Wind gegen
-sich und ertrugen nicht lange die ungewohnte Hitze. So errangen die
-Legionen mit geringen Verlusten einen völligen, mit der Vernichtung
-des cimbrischen Volkes endigenden Sieg. Nachdem ein Teil der Feinde
-dem römischen Schwerte erlegen war, floh der Rest der Wagenburg zu, wo
-auch die Frauen sich zur Wehr stellten. Hier begann ein neues Gemetzel,
-dem nur wenige Haufen durch die Flucht entgingen. Auch hier geschah
-es, daß viele der Frauen, um nicht in Gefangenschaft zu geraten, erst
-ihre Kinder, dann sich selbst töteten. Dennoch betrug die Zahl der
-Gefangenen 60000; die der Gefallenen 120000.</p>
-
-<p>Die Römer aber erwiesen dem Marius als dem Retter Italiens die höchste
-Ehre. Sie nannten ihn den dritten Gründer der Stadt und erteilten
-ihm zum sechsten Male das Konsulat. Am Triumphe aber ließ Marius den
-Catulus teilnehmen. Vor dem Triumphwagen mußte der gefangene Teutobod
-einherschreiten, ein Mann von so riesigem Wuchse, daß er noch über die
-Siegeszeichen emporragte.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXIV_Buergerkrieg_Sulla_und_Marius"><span class="s4">XXIV.</span><br />
-
-<b>Bürgerkrieg. Sulla und Marius.</b></h3>
-
-</div>
-
-<h4 id="Sulla_Feldherr_des_Mithridates"><b>1. Sulla, Feldherr gegen
-Mithridates, vertreibt den Marius.</b></h4>
-
-<p><em class="gesperrt">Lucius Cornelius Sulla</em> stammte aus einem patricischen
-Geschlechte. Ein stattlicher Mann, von vornehmer stolzer Haltung,
-hochbegabt, mit griechischer Sprache, Kunst und Wissenschaft gründlich
-vertraut, dabei ein tapferer Soldat und geschickter Heerführer, im
-Verkehr gesprächig, witzig,<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> liebenswürdig und einnehmend, war er in
-Tugenden und Fehlern das Muster der damaligen römischen Aristokratie.
-Ausschweifend im Genuß, sittenlos und verschwenderisch, bewies er doch
-in Amt und Dienst, in den Kämpfen des Krieges und der Politik eine
-unermüdliche Kraft des Geistes und Leibes, und wo es den Sieg seiner
-Partei, der Optimaten, galt, schreckte er vor keiner blutigen Gewalttat
-zurück. So war er fast in allen Stücken das Gegenteil des Marius;
-nur in maßloser Ruhmbegier und in der Kunst der Heerführung waren
-beide Männer einander gleich. Schon seit dem Ende des jugurthinischen
-Krieges, wo Sulla dem Marius die Ehre, sich der Person des Jugurtha zu
-bemächtigen, entrissen hatte, lebten beide in bitterer Feindschaft,
-die dadurch unversöhnlich wurde, daß Marius, nach seinen glorreichen
-Siegen, in Rom bald offen an die Spitze der allmählich wieder
-erstarkten Volkspartei trat. Aber zu offenem Kampfe steigerte sich
-dieser Gegensatz erst, als Rom in einen neuen großen Krieg verwickelt
-wurde.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mithridátes</em>, der König von Pontus, an der Südküste des
-schwarzen Meeres, war ein Mann von ungewöhnlichen Eigenschaften.
-Körperlich ungemein stark und abgehärtet gegen alle Beschwerden, kühn
-und rastlos in Gefahren und Wagnissen, enthaltsam im Sinnengenuß,
-wilden, unbeugsamen Sinnes, doch nicht ohne alle Großmut, dabei von
-großem Verstand und außerordentlichem Gedächtnis, herrschsüchtig,
-mißtrauisch und grausam, war er ein unversöhnlicher, erbitterter Feind
-der Römer. Nicht zufrieden mit seinem Reiche Pontus, erweiterte er
-seine Macht durch Eroberung anderer Staaten Kleinasiens, wobei ihm
-der Umstand zu großem Vorteil gereichte, daß er, der zweiundzwanzig
-asiatische Sprachen redete, mit jedem Volke in seiner eigenen Sprache
-unterhandeln konnte. Er hatte die Absicht sich zum Herrn von ganz
-Asien zu machen. Schon hatte er einen römischen Feldherrn, den Manius
-Aquillius, geschlagen, und als er ihn in seine Gewalt bekommen,
-gefesselt auf einem Esel durch die Städte Kleinasiens führen und ihm
-zuletzt geschmolzenes Gold in den Hals gießen lassen, um in ihm die
-römische Habgier zu verhöhnen und zu strafen. Mit Freuden öffneten ihm
-die griechischen Städte, als dem Erretter vom römischen Druck, ihre
-Tore. Daran erließ er an alle Städte Kleinasiens den greulichen Befehl,
-an einem bestimmten Tage alle römischen Bürger, ohne Unterschied
-des Standes, Alters und Geschlechts zu töten.<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> Mit schrecklicher
-Pünktlichkeit erfüllten die Obrigkeiten aller Orte den Befehl, und
-80000 Italiker erlagen an einem Tage der Wut des Volkes. Nachdem
-Mithridates den Römern in Asien ihre Provinz entrissen hatte, streckte
-er seine Hände auch nach Griechenland aus, und es war hohe Zeit für die
-Römer gegen diesen Eroberer entscheidende Maßregeln zu ergreifen.</p>
-
-<p id="Bundesgenossenkrieg">Kurz vorher hatte sich Sulla in dem gefährlichen Kriege der Römer
-mit ihren aufständischen italischen Bundesgenossen (90&ndash;88), die
-sich die völlige politische Gleichstellung erkämpfen wollten und
-auch größtenteils erlangten, ausgezeichnet und wegen seiner überall
-siegreichen Erfolge den Ehrennamen des Glücklichen erhalten. Während
-seines Konsulats (88) wurde der Krieg gegen Mithridates beschlossen,
-und da ihm für das folgende Jahr, bei der üblichen Verlosung der
-Provinzen, die Verwaltung der Provinz Asia (des westlichen Kleinasiens)
-zufiel, so übertrug ihm der Senat auch den Oberbefehl gegen
-Mithridates. Dadurch fühlte sich der alternde Marius, dessen Ehrgeiz
-trotz seiner 68 Jahre noch nicht gesättigt war, zurückgesetzt und
-gekränkt. Wenn auch kränklich, besuchte er täglich das Marsfeld und
-machte dort unter den jungen Männern alle körperlichen Übungen mit, um
-den Verdacht der Hinfälligkeit zu entfernen. Er verband sich mit dem
-verwegenen Volkstribunen <em class="gesperrt">Sulpicius Rufus</em>, der ein ihm ergebenes
-Gefolge von 600 Rittern hatte, die er ihrer dem Adel feindlichen
-Gesinnung wegen seinen Gegensenat nannte, und außerdem noch eine Schar
-von 3000 Bewaffneten in seinem Sold hatte.</p>
-
-<p>Mit Hilfe dieses Sulpicius und seines Anhanges wußte Marius einen
-Volksbeschluß zu erzwingen, durch den der Oberbefehl gegen Mithridates
-dem Sulla genommen und ihm, dem Marius, übertragen wurde. Unter solchen
-Umständen verließ der Konsul Sulla nicht ohne persönliche Gefahren die
-Stadt und begab sich nach Nola in Campanien, wo die ihm angewiesenen
-Legionen standen. Diesen stellte er die ihm widerfahrene Unbill und
-Gewalt vor, worauf sie ihn mit stürmischem Eifer aufforderten sie
-ungesäumt nach Rom zu führen, um sich sein Recht zu holen. Als daher
-die von Marius abgeschickten Kriegstribunen kamen, um das Heer für ihn
-zu übernehmen, wurden sie von Sullas erbitterten Soldaten gesteinigt.
-Bald rückte dieser an der Spitze von sechs Legionen gegen Rom vor. Als
-seine Soldaten anfangs von der Partei<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> des Marius zurückgeschlagen
-wurden, befahl Sulla den Bogenschützen Brandpfeile auf die Dächer zu
-schießen, und ergriff selbst eine brennende Fackel. Darauf drangen
-seine Legionen aufs neue vor, und umsonst riefen die Anhänger des
-Marius Bürger und Sklaven zu den Waffen. Sulla zog siegreich in Rom
-ein, vertrieb den Marius, Sulpicius und zwölf ihrer Genossen aus der
-Stadt und brachte es dahin, daß sie als Feinde des Vaterlandes in die
-Acht erklärt wurden. Hierauf schickte er Reiter aus, um die Flüchtigen
-aufzusuchen und zu töten. Sulpicius wurde gefunden und ermordet, aber
-Marius entging mit seinem Sohne und einigen Freunden den Verfolgern.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Flucht_des_Marius"><b>2. Flucht des Marius.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Er hatte sich an der Tibermündung nach Ostia begeben, wo er ein Boot
-fand, das ihn aufnahm, aber durch einen Sturm genötigt wurde, bei
-Circeji zu landen. Von den Anstrengungen der Fahrt erschöpft, von
-Hunger gequält und auf allen Seiten von Gefahren umgeben, irrte Marius
-mit seinen Begleitern in der Gegend umher. Gegen Abend stieß er auf
-einige Kuhhirten, die er um Lebensmittel ansprach; allein sie waren
-selbst arm und konnten ihm nichts geben. Indessen rieten sie ihm doch
-sich eilig zu entfernen, denn eben wären Reiter dagewesen, die nach
-ihm geforscht hätten. Marius verließ daher die Landstraße und floh mit
-den Seinigen tief in den Wald. Am folgenden Morgen ging er, von Hunger
-genötigt, wieder an die Küste, um Unterhalt und Mittel zur ferneren
-Flucht zu suchen. Er war sehr ermattet, dennoch aber bestrebte er
-sich seine Begleiter zu erheitern. Er bat sie nicht zu verzweifeln,
-und erzählte ihnen folgendes Geschichtchen. Einst wäre er als Knabe
-auf dem Felde gewesen, da wäre ihm ein Adlernest mit sieben Jungen
-in den Schoß gefallen. Seine Eltern hätten die Wahrsager darüber
-befragt und von diesen die Antwort erhalten, er werde einst unter den
-Sterblichen sehr berühmt werden und siebenmal die höchsten Würden
-bekleiden. Durch solche und ähnliche Unterhaltungen stärkte Marius den
-Mut seiner Gefährten und zeigte ihnen, daß er selbst mitten im Unglück
-die Hoffnung hegte, noch einmal Konsul zu werden; denn schon hatte er
-sechsmal diese Würde bekleidet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<p>Marius war mit seinen Gefährten nicht mehr weit von der Küstenstadt
-Minturnä entfernt, als er auf der einen Seite einen Haufen Reiter
-erblickte, die auf ihn zueilten, und zugleich auf der andern Seite zwei
-Fahrzeuge gewahr wurde, die nicht weit von der Küste hinsegelten. Ohne
-sich lange zu bedenken, warf er sich mit den Seinen ins Meer und kam,
-durch zwei seiner Diener unterstützt, in eines jener Schiffe; seine
-übrigen Gefährten gelangten zu dem andern. Inzwischen kamen die Reiter
-heran und schrieen den Schiffern zu, sie sollten landen und den Marius
-entweder ausliefern oder über Bord werfen. Lange Zeit schwankten die
-Schiffer, endlich ließen sie sich durch die Bitten des alten Mannes
-rühren und riefen zurück, sie würden den Flüchtling schützen. Aber
-kaum hatten die Reiter sich entfernt, so änderten die Schiffer ihre
-Gesinnung. Sie fuhren zur Mündung des Liris zurück. Hier rieten sie dem
-Marius ans Land zu gehen, einige Nahrung zu sich zu nehmen und ruhig
-zu schlafen, so lange sie hier am Ufer verweilten. Er folgte ihnen,
-schlief ein, und sogleich entfernten sich die Schiffer. Als Marius
-erwachte und sich allein, von allen verlassen sah, blieb er lange Zeit
-entmutigt am Ufer liegen. Traurige Betrachtungen mochten sein Herz
-erfüllen und seinen Mut beugen. Erst nach einiger Zeit faßte er sich
-wieder. Er schleppte sich durch unwegsame und sumpfige Gegenden fort
-und kam zur einsamen Hütte eines Greises, den er um Schutz und Beistand
-bat. Der Greis wurde durch den Anblick des Unglücklichen gerührt und
-verbarg ihn unter dem gehöhlten Ufer des Liris. Aber nicht lange darauf
-kamen die Reiter des Sulla und verlangten die Auslieferung des Marius.
-Das hörte dieser; er verließ das Ufer und eilte zu den Morästen bei
-Minturnä. Hier zog er seine Kleider aus, tauchte sich bis ans Kinn ins
-Wasser und verhüllte den Kopf mit Rohr. Dennoch ward er von einigen
-Reitern entdeckt. Diese warfen ihm einen Strick um den Hals, zogen ihn
-aus dem Wasser und führten ihn nach Minturnä ins Gefängnis.</p>
-
-<p>Die Obrigkeit von Minturnä war entschlossen den Befehlen des Senats zu
-folgen und den Marius zu töten. Sie schickte deshalb einen cimbrischen
-Sklaven von riesigem Wuchs ab, um durch diesen das Todesurteil
-vollziehen zu lassen. Als der Sklave in das Gefängnis des Marius trat,
-sah ihn dieser mit grimmem Blick und feuersprühenden Augen an und
-rief ihm mit donnernder Stimme zu: „Sklave, du unter<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>stehst dich den
-Gajus Marius zu töten?“ Voll Schrecken und Entsetzen warf der Riese
-sein Schwert weg, lief hinaus auf die Straße und rief: „Ich kann den
-Marius nicht töten!“ Da wurden auch die Minturnenser unsicher in ihrem
-Vorhaben; sie glaubten in der Furcht des Sklaven vor dem hilflosen
-Greise einen Wink der Götter zu erkennen, ließen den Marius frei,
-versahen ihn mit Geld und Kleidung und halfen ihm zur Flucht nach
-Afrika.</p>
-
-<p>Unterwegs hörte Marius, daß sich sein Sohn und einige seiner Anhänger
-in Numidien befanden und segelte daher nach dem alten Hafen von
-Karthago. Aber kaum war er daselbst angekommen, als ihm der Statthalter
-Sextius durch einen Liktor befehlen ließ Afrika zu verlassen. Marius
-war eben in düstere Betrachtungen versunken. Der Platz, auf welchem
-sonst Karthago gestanden hatte, erinnerte ihn lebhaft an den Wechsel
-seines eigenen Glückes. So blieb er eine Zeitlang stumm, bis ihn der
-Liktor fragte, ob er ihm keine Antwort an den Prätor erteilen wollte.
-Da sprach er die bedeutsamen Worte: „Melde dem Sextius, du habest den
-alten Marius auf den Trümmern von Karthago sitzen sehen.“ Bald darauf
-fand er seinen Sohn und dessen Gefährten. Mit diesem begab er sich auf
-eine Insel unweit der Küste von Afrika, wo er den Winter hindurch lebte
-und auf Rache sann.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Sullas_Krieg_gegen_Mithridates"><b>3. Sullas Krieg gegen
-Mithridates.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Mittlerweile hatte Sulla in Rom die Wahl des ihm treu ergebenen
-Octavius zum Konsul durchgesetzt, neben welchem das Volk den eifrigen
-Marianer <em class="gesperrt">Cornelius Cinna</em> wählte. Diesen ließ Sulla schwören, daß
-er an der Ordnung und Verfassung des Staates nichts ändern würde, und
-zog im folgenden Jahre (87) mit seinem Heere gegen Mithridates, dessen
-Feldherr Archelaos sich inzwischen Makedoniens und des größten Teils
-von Griechenland bemächtigt und besonders in der Stadt Athen einen
-festen Stützpunkt für sein Heer und seine Flotte gefunden hatte.</p>
-
-<p>Sulla landete in Epirus und drang durch Thessalien und Böotien
-gegen Athen vor, dessen Bewohner es mit Mithridates hielten. Da
-seine Versuche, die von Archelaos verteidigte Stadt zu erstürmen,
-mißlangen, so mußte er sich zu einer langen und mühseligen Belagerung
-entschließen. Um sich<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> Geld zu verschaffen, nahm er die Tempelschätze
-zu Delphi, und um Holz für die Belagerungswerke zu bekommen, ließ er
-die Bäume im Haine der Akademie fällen, wo einst der große Philosoph
-Platon gelebt und gelehrt hatte. Unter diesen und anderen Zurüstungen,
-wie sie die Belagerung erforderte, verging der Winter. Mit Beginn des
-Frühlings (86) wurden Stadt und Hafen enger eingeschlossen und die
-Versuche sie zu erstürmen mehrmals, obgleich vergeblich, erneuert.
-In der Stadt aber erreichte die Hungersnot einen so hohen Grad, daß
-die Einwohner sich entschließen mußten, mit Sulla des Friedens wegen
-zu unterhandeln. Ihre Gesandten hielten vor Sulla eine abgeschmackte
-Rede, in der sie alle Herrlichkeiten des alten Athens aufzählten und
-in stolzem Tone Schonung ihrer Stadt verlangten. Sulla aber schickte
-sie mit den Worten zurück, solche Dinge sollten sie die Schüler in
-den Redeschulen vortragen lassen. Endlich wurde die Stadt durch einen
-Zufall verraten. Spione meldeten, daß einige alte Männer in einer
-Barbierstube sich unwillig darüber geäußert hätten, daß eine Stelle der
-Stadt nicht gehörig bewacht wäre. Diese Stelle wurde in der nächsten
-Nacht erstiegen und die Stadt eingenommen. Raubend und mordend drangen
-die sullanischen Soldaten ein und richteten ein furchtbares Blutbad
-an. Erst am andern Tage tat Sulla der zerstörenden Wut seiner Truppen
-Einhalt. Er gedachte der ruhmvollen Vergangenheit der Stadt, ihrer
-vielen großen Männer, welche als Staatsmänner, Dichter, Künstler und
-Schriftsteller die Welt mit dem Glanze ihrer Namen erfüllt hatten, und
-rief: „Ich will vielen um weniger willen, und den Lebenden der Toten
-wegen verzeihen.“</p>
-
-<p>Nach der Eroberung Athens zog Sulla nach Böotien, wo der Sohn des
-pontischen Königs und der aus Athen entkommene Archelaus mit 120000
-Mann standen, denen er kaum 40000 Mann entgegenzustellen hatte. In der
-Nähe von <em class="gesperrt">Chäroneia</em>, wo einst die Freiheit Griechenlands den
-Makedonern unter König Philipp und seinem Sohne Alexandros erlegen
-war, trafen beide Heere zusammen. Sullas Soldaten, der anstrengenden
-Arbeiten müde, forderten laut eine Schlacht. Ihr Wunsch ward erfüllt,
-und so vollständig war ihr Sieg, daß Archelaus nur mit 10000 Mann
-entkommen sein soll. Noch blutiger und entscheidender war die Schlacht
-bei <em class="gesperrt">Orchomenos</em>, wo Archelaus, durch ein neues von seinem König
-geschicktes<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> und besonders an Reiterei überlegenes Heer verstärkt, eine
-feste Stellung genommen hatte (85). Schon neigte sich der Sieg auf die
-Seite des Gegners, als Sulla vom Pferde sprang, einem Fahnenträger den
-Adler aus der Hand riß und mit den Worten: „Hier will ich sterben, und
-wenn man euch fragt, wo ihr euren Feldherrn verlassen habt, so sagt:
-bei Orchomenos!“ sich auf die Feinde stürzte. Da warfen sich seine
-Truppen von neuem in den Kampf und schlugen den Feind mit einem Verlust
-von 15000 Mann zurück. Am folgenden Tage sollen noch 30000 Mann in den
-nahen Sümpfen umgekommen sein. Archelaus selbst hielt sich zwei Tage
-lang in einem Sumpfe versteckt und entkam am dritten Tage nach der
-Insel Euböa hinüber.</p>
-
-<p>In demselben Jahre unterhandelte Archelaus persönlich mit Sulla über
-den Frieden. Zu Delion in Böotien kamen beide Feldherren zusammen.
-Als Archelaus die Bedingungen Sullas zu hart fand, rief dieser:
-„Mithridates sollte es mir auf den Knieen danken, daß ich ihm die
-rechte Hand lasse, mit der er so viele Römer getötet hat.“ So wurden
-die Unterhandlungen abgebrochen. Mithridates knüpfte sie aber von neuem
-wieder an, als Sulla in Asien erschien. Hier hatte er mit dem König
-selbst eine Unterredung zu Dardanos (in der Nähe des alten Troja) wo
-jener in alle Forderungen Sullas einwilligte. Bei dieser Zusammenkunft
-schwieg Mithridates anfänglich und schien Sulla die Eröffnung der
-Unterredung überlassen zu wollen, doch dieser sagte: „Sprich du
-zuerst, da du den Frieden nötig hast; der Sieger hat das Recht zu
-schweigen und zu hören.“ Mithridates begann nun seine früheren Taten zu
-rechtfertigen, aber Sulla versetzte: „Wohl hatten diejenigen recht, die
-mir deine Beredsamkeit rühmten; denn es gehört in der Tat ein großer
-Redner dazu, solche Schandtaten zu beschönigen.“ &mdash; Der König mußte
-alle seine Eroberungen herausgeben, 2000 Talente (gegen 10 Millionen
-Mark) bezahlen und 80 Schiffe ausliefern. Die kleinasiatischen Städte,
-die jetzt wieder unter römische Gewalt kamen, mußten ungeheure
-Kriegssteuern zahlen, zusammen 20000 Talente (fast 100 Millionen
-Mark) und außerdem die römischen Truppen lange Zeit auf ihre Kosten
-unterhalten. Nie hat die Provinz Asia sich von dem Druck dieser Lasten
-ganz erholt. Denn um die großen Summen aufzubringen, wurden sie die
-Schuldner römischer Kapitalisten, denen sie hohe Wucherzinsen zahlen<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
-mußten. Sulla selbst kehrte alsbald nach dem Friedensschluß nach Rom
-zurück, wo seine Gegenwart dringend notwendig war, wenn nicht seine
-Partei den Marianern völlig erliegen sollte.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Cinna_in_Rom"><b>4. Cinna in Rom. Marius’ Rückkehr und Tod.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Kaum hatte nämlich Sulla im Jahre 87 Italien verlassen, als der eine
-der neuen Konsuln, <em class="gesperrt">L. Cornelius Cinna</em>, eine Volksversammlung
-berief, um die Zurückberufung des Marius und der übrigen Geächteten
-zu bewirken. Hierbei kam es zu blutigen Kämpfen. Der andere Konsul
-Octavius eilte mit seinen Scharen herbei und drängte Cinna bis an die
-Tore der Stadt zurück; 10000 Anhänger Cinnas sollen bei dem Gemetzel
-das Leben verloren haben. Hilflos floh dieser, seiner Konsulwürde
-verlustig erklärt, nach Campanien. In Nola gewann er die Kriegstribunen
-der dortigen Legionen und trat dann vor den versammelten Truppen auf.
-Von Liktoren umgeben, mit allen Zeichen seiner konsularischen Würde
-angetan, begann er seine Anrede, ließ dann aber plötzlich die Liktoren
-abtreten und erzählte weinend, wie ihn der Senat seiner Würde entsetzt
-habe; er zerriß seine Kleidung, sprang von der Rednerbühne und warf
-sich auf die Erde. Die Soldaten ließen sich durch dieses Schauspiel
-zu Mitleid hinreißen, sie führten ihn zur Rednertribüne zurück, gaben
-ihm alle Zeichen seiner Würde zurück und versprachen den dem Konsul
-gebührenden Gehorsam. Nach diesem Erfolge rief er alle Anhänger der
-senatsfeindlichen Partei zu seinen Fahnen, lud den geächteten Marius
-zur Rückkehr ein, und erschien mit einem gewaltigen Heere vor Rom.</p>
-
-<p>Die Zeit der Rache war für Marius gekommen. Er landete in Etrurien und
-brachte dort 1000 Reiter und außerdem eine Bande von mehreren Tausend
-Sklaven zusammen, und an der Spitze dieser wilden Rotte stieß er zum
-Heere Cinnas. Der Senat war außerstande, die Stadt zu verteidigen, und
-da zudem noch Hungersnot ausbrach, so suchte er die erbitterten Gegner
-durch Unterhandlungen zu gewinnen. Als die Gesandten zum Cinna kamen,
-fragte er sie, ob sie zu ihm als ihrem Konsul kämen. Darauf konnten sie
-nicht antworten und gingen unverrichteter Sache zurück. Nun erkannte
-ihn der Senat als Konsul an und schickte von neuem Abgeordnete an ihn.
-Sie fanden ihn auf seinem Amtssessel sitzend und<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> mit allen Zeichen der
-konsularischen Würde angetan. Marius stand schweigend neben ihm, aber
-sein finsterer Blick verriet die grimmige Rachgier seines Herzens.</p>
-
-<p>Die beiden Verbündeten kamen hierauf zum Stadttor. Cinna zog ein;
-Marius aber blieb am Tore stehen und sagte mit bitterem Lächeln:
-„Verbannte dürfen ja die Stadt nicht betreten.“ Cinna ließ daher
-sogleich das Volk zusammenkommen, um die Aufhebung des Beschlusses
-zu bewirken, durch welchen Marius geächtet worden war. Allein kaum
-hatten drei Abteilungen des Volkes für seine Rückkehr gestimmt, so
-konnte sich dieser nicht länger halten. Er brach in die Stadt, ließ
-mit wütender Grausamkeit alles, was ihm in den Weg kam, niederstoßen,
-befahl Sullas Haus dem Erdboden gleich zu machen, und erlaubte seinen
-wilden Horden die schrecklichsten Ausschweifungen. Als das Morden
-fünf Tage und fünf Nächte lang gedauert hatte, ward Cinna dessen
-überdrüssig; aber der alte Marius hatte seinen Blutdurst noch nicht
-gesättigt; wem er den Gruß weigerte, der wurde getötet, darunter die
-vornehmsten und verdienstvollsten Männer des Staates, unter anderen
-der Konsul Octavius, die Konsulare M. Antonius, der größte römische
-Redner seinerzeit, Q. Catulus, der Mitsieger bei Vercellä (<a href="#Vercellae">S. 118</a>). Da
-überfiel endlich Cinna mit einer Schar Bewaffneter diese Mordsklaven in
-ihrem nächtlichen Lager und ließ sie niedermetzeln.</p>
-
-<p>Als die erste Wut vorüber war, ernannten sich Cinna und Marius
-eigenmächtig zu Konsuln. Marius bekleidete dieses Amt nun zum siebenten
-Male, aber nur auf wenige Tage. Sulla hatte den Senat von seinen Siegen
-über Mithridates benachrichtigt und zugleich versichert, er werde bald
-kommen, um an seinen Feinden Rache zu nehmen. Diese Nachricht erfüllte
-den alten Wüterich, der selbst seinen Parteigenossen ein Greuel und
-Schrecken geworden war, mit Unruhe und Angst, und vergebens suchte er
-den fliehenden Schlaf in maßlosem Weingenuß. In solchem Taumel befiel
-ihn ein hitziges Fieber, dem er nach sieben Tagen erlag. Er starb im
-Januar 86, am siebenzehnten Tage seines Konsulats.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Sullas_Rueckkehr_und_Proskriptionen"><b>5. Sullas Rückkehr und
-Proskriptionen. Sein Tod.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Drei Jahre hindurch behauptete sich Cinna im Konsulat, als er aber
-dem zurückkehrenden Sulla entgegen ziehen wollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> ward er in einem
-Aufstand von seinen eigenen Leuten, die nicht gegen Sulla fechten
-wollten, getötet. Sulla erschien an der Spitze eines siegreichen Heeres
-von 40000 Mann, das er überschwenglich belohnt hatte, in Italien (84),
-wo ihm die Marianer eine Macht von 200000 Mann entgegenstellen konnten.
-Aber von den sie führenden Konsuln ward der eine geschlagen, der
-andere von seinen Truppen, die zu Sulla übergingen, verlassen. Sulla
-wußte sogar das Heer des jungen Marius durch geschickte Überredung auf
-seine Seite zu bringen, sodaß Papirius Carbo, einer der marianischen
-Parteihäupter, sagte: „In Sulla steckt ein Löwe und ein Fuchs, und
-dieser ist noch mehr zu fürchten als jener.“ Der junge Marius warf
-sich in die hochgelegene feste Stadt Präneste, nicht weit von Rom, wo
-er sich heldenmütig verteidigte. Als aber Sulla vor den Toren Roms ein
-großes Heer der Samniter, den letzten Rest der aufständischen Italiker,
-geschlagen und vernichtet hatte, ließ sich Marius, am glücklichen
-Erfolge verzweifelnd, durch einen Sklaven töten. Seinen Kopf stellte
-Sulla auf der Rednerbühne aus und sagte spottend: „Das Bürschchen hätte
-erst Ruderer werden sollen, zum Steuermann war es noch zu jung.“</p>
-
-<p>Nach einer Reihe von Siegen zog Sulla in Rom ein, und jetzt verwandelte
-er sich in den blutgierigsten Wüterich, den Rom jemals gehabt hat. Er
-hatte in der letzten Schlacht 6000 Gefangene gemacht. Diese ließ er
-in der großen Rennbahn, dem Zirkus Maximus, auf einmal niederhauen.
-Während dies geschah, versammelte er den Senat nicht weit vom Zirkus
-im Tempel der Bellōna. Hier hielt er eine drohende Rede, worin er
-die Senatoren nicht als Häupter eines freien Staates, sondern als
-pflichtvergessene Untertanen eines stolzen Gebieters behandelte.
-Während dieser Rede hörten die Senatoren das klägliche Geschrei jener
-Gefangenen, die eben im Zirkus ermordet wurden. Alle erschraken und
-sprangen bestürzt von ihren Sitzen auf. Nur Sulla blieb unbewegt.
-Ohne eine Miene zu verändern, sagte er bloß: „Laßt euch nicht stören,
-versammelte Väter! Was ihr hört, ist das Geschrei einiger Aufrührer,
-die auf meinen Befehl gestraft werden.“ Dann setzte er seine Rede fort,
-bis das Geschrei verstummte. Nicht lange nachher hielt er eine Rede
-vor dem Volk, worin er deutlich sagte, daß er keines Menschen schonen
-würde, der gegen ihn die Waffen getragen hätte. Der Grausame hielt<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
-Wort. Denn nun erfolgte das fürchterlichste Blutbad in Rom und ganz
-Italien. Vierzig Senatoren, sechzehnhundert Ritter und viele tausend
-Bürger wurden getötet, viele italische Städte zerstört, und jeder
-konnte ungestraft den ermorden, den er haßte oder dessen Vermögen er zu
-besitzen wünschte.</p>
-
-<p>Als das Morden schon einige Tage gedauert hatte, sprach Metellus, ein
-Haupt der Optimaten und Parteigenosse Sullas, in der Senatssitzung zu
-ihm: „Wir bitten dich nicht diejenigen leben zu lassen, die du zu töten
-beschlossen hast, sondern nur diejenigen nicht durch Angst zu töten,
-die du erhalten willst.“ Sulla ward durch diese Freimütigkeit nicht
-beleidigt. Er erwiderte bloß, daß er selbst noch nicht wisse, wen er
-verschonen wolle. Hierauf sagte Metellus weiter: „Nun, so nenne uns
-diejenigen, die du zu töten entschlossen bist.“</p>
-
-<p>Dies geschah. Sulla ließ die Namen derjenigen in Listen verzeichnen,
-die ihre Güter und ihr Leben verlieren sollten. Mit solchen
-Verzeichnissen, den sogenannten Proskriptionen, gab Sulla das erste
-und schrecklichste Beispiel politischen Massenmordes. Die Listen der
-zum Tode Bestimmten wurden öffentlich auf dem Forum ausgestellt und
-zugleich durch ein Gesetz bekannt gegeben, daß mit der Ächtung auch
-der Verlust des Vermögens verbunden sei. Sulla schickte ganze Scharen
-gallischer Reiter aus, um die Verurteilten aufzusuchen und umzubringen.
-Wer den Kopf eines Geächteten brachte, erhielt zwei Talente (fast 10000
-Mark) zur Belohnung; wer einen Verurteilten aufnahm, verbarg oder ihm
-zur Flucht verhalf, ward mit dem Tode bestraft. Diese Achtserklärungen
-erzeugten die greulichsten Schandtaten. Sklaven verrieten ihre
-Herren, Kinder gaben ihre Eltern preis, Brüder und Gatten gerieten in
-Streit und tödlichen Haß. Tempel und Altäre wurden mit dem Blute der
-Verfolgten befleckt. Nicht nur Rom, sondern fast alle Städte Italiens
-waren der Schauplatz solcher unerhörten Greuel. Verrat, Undank,
-Meuchelmord, Bosheit, Raub und Habsucht wüteten allenthalben. Die Zahl
-der Getöteten ließ sich nicht genau bestimmen; in Rom sollen nahe an
-5000 gefallen sein. Sulla hörte nicht eher auf durch Achtserklärungen
-seine wirklichen oder angeblichen Gegner zu verfolgen, als bis die
-Rache und die Habsucht aller seiner Anhänger gesättigt war. Ein
-gewisser Furfidius mahnte ihn doch einige seiner Feinde leben zu
-lassen, damit Menschen übrig blieben, über die er herrschen könnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<p>Als Sulla seine Rache endlich gesättigt hatte, ließ er sich zum
-Diktator auf Lebenszeit ernennen und begann durch eine Reihe von
-Gesetzen die Verfassung und Verwaltung des Staates umzugestalten,
-wobei sein Absehen vor allem darauf gerichtet war, die Macht und das
-Ansehen der Optimaten und des Senates zu verstärken, die Geltung und
-den Einfluß der Tribunen zu schwächen, und überhaupt der verhaßten
-Volksherrschaft enge Schranken zu setzen. Wegen seiner Siege über
-Mithridates hielt er einen glänzenden Triumph, und belohnte alle
-Soldaten und seine Anhänger mit Geld und Landgütern.</p>
-
-<p>Aber schon im zweiten Jahre legte er die Diktatur nieder (79), nachdem
-er noch einmal in einer Rede vor dem Volke seine Taten und sein
-Glück gepriesen hatte. Er lebte dann noch ein Jahr als Privatmann,
-dem Vergnügen und der Jagd ergeben. Seine letzten Tage wurden ihm
-durch eine sehr schmerzhafte und Ekel erregende Krankheit verbittert.
-Er starb im Jahre 78. In seiner Zurückgezogenheit hatte er die
-Denkwürdigkeiten seines Lebens in griechischer Sprache geschrieben.
-Sein Leichnam ward auf dem Marsfeld verbrannt. In der Grabschrift,
-die er selber verfaßt hatte, rühmte er sich, daß er alles gute oder
-schlimme, daß er von Menschen erfahren hätte, ihnen reichlich vergolten
-habe.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXV_Gnaeus_Pompejus_Magnus"><span class="s4">XXV.</span><br />
-
-<b>Gnaeus Pompejus Magnus.</b></h3>
-
-</div>
-
-<h4 id="Sein_erstes_Auftreten"><b>1. Sein erstes Auftreten.</b></h4>
-
-<p>Gnaeus Pompejus, geboren 106, war der Sohn des Pompejus Strabo, der im
-Kriege der Römer gegen ihre aufständischen italischen Bundesgenossen
-(91&ndash;88 v.&nbsp;Chr.) mit Auszeichnung gefochten und einen Triumph gefeiert
-hatte. Während aber der Vater wegen seiner Geldgier und seines
-zweideutigen politischen Verhaltens beim Volk und beim Heer mißliebig
-war, wußte der junge Pompejus durch Vorzüge des Geistes und Charakters,
-durch persönliche Anmut und leutseliges Benehmen die Liebe und Gunst
-des Volkes zu gewinnen. Schon als Jüngling gab er Beweise von Mut und
-Unerschrockenheit. Während des Bürgerkrieges hatte Cinna einen<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> Mörder
-gegen den älteren Pompejus gedungen, allein der Anschlag ward verraten
-und durch die wachsame Umsicht des Sohnes vereitelt. Ein andermal,
-als die Truppen dem verhaßten Feldherrn den Gehorsam weigerten und
-dieser aus Furcht nicht hervortrat, stellte sich der Sohn mitten unter
-die Soldaten, die bereits das Lager verlassen wollten, und suchte
-sie durch geschickte Rede zu ihrer Pflicht zurückzuführen. Als seine
-Vorstellungen nichts fruchteten, warf er sich vor dem Tor des Lagers
-zur Erde und hieß diejenigen, die abziehen wollten, zuvor seinen Körper
-zertreten. Bei diesem Anblick kehrten die beschämten Soldaten zurück
-und versöhnten sich mit ihrem Feldherrn.</p>
-
-<p>Im Bürgerkriege nahm er entschiedene Partei für Sulla und die Sache der
-Optimaten. Solange die Herrschaft der Marianer dauerte, lebte er auf
-seinen Gütern, trat aber, als Sulla nach Italien zurückgekehrt war,
-offen für diesen auf. Siegreich kämpfte er mit seiner Truppe, die er
-selbst geworben, gegen die Marianer, sodaß Sulla dem erst 23jährigen
-jungen Krieger den Ehrennamen Imperator beilegte. Als Sulla seinen
-Einzug in Rom gehalten hatte, sandte er den Pompejus nach Sizilien
-und Afrika, um auch dort die Marianer zu vernichten. In Sizilien
-schlug er Papirius Carbo, nahm ihn gefangen und ließ ihn hinrichten.
-Nach Afrika übergesetzt, gelang es ihm in nur vierzig Tagen diese
-Provinz zu beruhigen. Als dann seine Legionen, nach Beendigung des
-Krieges, auf Sullas Befehl sich auflösen sollten, wollten diese die
-Waffen nicht eher niederlegen, als bis man sie auf gleiche Weise wie
-die Sullanischen belohnt hätte; ja sie forderten sogar den Pompejus
-auf sie gegen Sulla zu führen, und nur durch die Drohung, er werde
-lieber sich selbst töten, wußte dieser die Meuterer zu ihrer Pflicht
-zurückzuführen. Diese selbstlose Hingebung setzte ihn bei dem Diktator
-in die höchste Gunst. Dieser gab ihm den ehrenden Beinamen des Großen
-(Magnus) und zeichnete ihn noch besonders dadurch aus, daß er sich bei
-seinem Eintritt vom Amtssessel erhob. Als aber Pompejus auch die Ehre
-des Triumphes verlangte, eine Ehre, die nur siegreichen Prätoren und
-Konsuln zuteil zu werden pflegte, schlug ihm Sulla seine Bitte ab und
-verwies ihm seinen allzu großen Ehrgeiz. Da hatte der junge Sieger die
-Kühnheit zu erwidern: „Die aufgehende Sonne hat mehr Anbeter als die
-untergehende!“ Sulla, durch diese kecke Äußerung<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> betroffen, gewährte
-ihm zwar die Bitte und rief zweimal: „So triumphiere denn!“ Aber von
-der Zeit an waren beide Männer keine Freunde mehr.</p>
-
-<p>Dennoch blieb Pompejus der Partei des Sulla getreu. Die eigentliche
-Zeit seines Ruhmes brach aber erst nach Sullas Tode an, als er
-Gelegenheit fand eine Reihe glücklicher Kriege zu führen. Freilich
-waren es seine glänzenden Eigenschaften nicht allein, die ihn solche
-Erfolge erringen ließen; nicht selten war es die besondere Gunst der
-Umstände, die ihn dabei unterstützten, und die Kunst sich die Siege
-anderer und ihre Früchte anzueignen.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Pompejus_gegen_Sertorius"><b>2. Pompejus gegen Sertorius.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Quintus Sertorius</em> stammte aus dem Sabinerlande, aus einer
-bislang namenlosen Familie. In seiner Vaterstadt erlangte er einigen
-Ruf durch seine Beredsamkeit; bald aber widmete er sich einzig und
-allein dem Waffendienste. Er machte die Feldzüge gegen die Cimbern
-und Teutonen mit und kämpfte später im Bundesgenossenkrieg. Er
-verrichtete so bewunderungswürdige Taten, daß das Volk ihn mit lautem
-Freudengeschrei begrüßte, so oft er zu Rom im Theater erschien. Bei
-dem Ausbruche des Bürgerkrieges zwischen Marius und Sulla schloß er
-sich jenem an, und als die Sache der Marianer in Italien verloren war,
-ging er nach Spanien, wo er sich acht Jahre lang, 80&ndash;72, als Haupt der
-in Italien unterlegenen Volkspartei gegen die Übermacht der gegen ihn
-vom Staat geschickten Heerführer siegreich behauptete. Unermüdlich in
-allen Anstrengungen des Krieges, abgehärtet und bedürfnislos wie ein
-einfacher Kriegsmann, dabei mit List und Gewandtheit allen Gefahren
-sich entziehend, mit immer neuen Anschlägen die Gegner überraschend,
-ward er ein Abgott seiner Anhänger und des spanischen Volkes, das ihn
-den zweiten Hannibal nannte.</p>
-
-<p>Anfangs, als sein Heer noch klein und ungeregelt war, wurde er von dem
-ersten Heere, das Sulla gegen ihn geschickt hatte, genötigt, Spanien
-zu verlassen. Da fuhr er denn mit seinen 3000 Mann eine Zeitlang
-abenteuernd an den spanischen Küsten umher, und schon kam ihm der trübe
-Gedanke, aus der zerrütteten römischen Welt auszuscheiden und sich
-auf den „glücklichen Inseln“ (den kanarischen), deren paradiesische
-Schönheit die überlieferten Erzählungen griechischer Seefahrer<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> nicht
-genug rühmen konnten, eine neue Heimat zu suchen. Aber seine Truppen
-hatten dazu keine Lust, und so führte er sie nach Afrika hinüber zu den
-Mauretaniern, denen er in einem Aufstande gegen ihren König half. Hier
-erwarben ihm seine Taten einen solchen Ruf, daß eine Einladung der noch
-immer freiheitsstolzen Lusitaner (im heutigen Portugal) an ihn erging,
-sie gegen die Heere der römischen Statthalter anzuführen. Nun ging er
-wieder nach Spanien. Hier wußte er durch Mut und Tapferkeit, durch
-Klugheit und erfindsamen Geist, sowie durch milde und rücksichtsvolle
-Behandlung der Eingeborenen die Hälfte aller spanischen Völkerschaften
-auf seine Seite zu ziehen. Sie räumten ihm volle Feldherrngewalt
-ein und ließen sich sogar die Strenge des römischen Kriegsdienstes
-gefallen. Um die Eingeborenen im Gehorsam zu erhalten, kam ihm ein
-Aberglaube zustatten. Die Spanier standen nämlich in der Meinung, eine
-Gottheit tue ihm ihren Willen durch die weiße Hindin kund, die er
-sich gezähmt hatte, und die ihn überall begleitete, selbst mitten im
-Kriegslärm.</p>
-
-<p>So bildete er aus Lusitanern und Celtiberern waffengeübte Heerhaufen,
-mit denen er, verstärkt durch die aus Italien ihm zuströmenden
-marianischen Flüchtlinge, lange Zeit im kleinen Gebirgskrieg den
-römischen Legionen widerstand. Zwei Prokonsuln waren schon im Kampf
-gegen ihn gefallen. Die ganze Provinz schien bereits dem römischen
-Reiche verloren und Italien selber und die Herrschaft der Optimaten in
-Rom bedroht, zumal auch der Prokonsul Metellus Pius wenig gegen ihn
-ausrichtete. <em class="gesperrt">Perpenna</em>, ein aus Italien vertriebener Marianer,
-der im Jahre 77 mit dem Rest der marianischen Truppen in Spanien
-erschienen war, ward von seinen Soldaten genötigt sich mit Sertorius
-zu vereinigen und ihm unterzuordnen. Dieser bildete nun einen eigenen
-Senat von 300 Mitgliedern, den er für den eigentlichen römischen Senat
-erklärte, während der Senat zu Rom nur aus Sullas Sklaven bestände.
-Auch errichtete er zu Oska auf seine Kosten eine Schule, wo die
-vornehmsten Hispanier ihre Söhne nach Art der jungen Römer erziehen und
-in der lateinischen und griechischen Sprache unterrichten ließen.</p>
-
-<p>Sertorius vermied auch nach seiner Verstärkung durch Perpenna
-fortwährend offene Feldschlachten, sondern beschränkte sich auf den
-kleinen Krieg, den er in dem bergigen Lande mit Glück führte. Einst
-verlangten seine eigenen Soldaten, kühn<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> geworden durch die immer
-zunehmende Zahl ihres Heeres, mit Ungestüm eine förmliche Schlacht.
-Sertorius gab nach. Bald aber wurden sie von den Feinden so bedrängt,
-daß ihr Untergang unvermeidlich gewesen wäre, wenn nicht Sertorius im
-rechten Augenblick zu ihrem Schutz herbeigeeilt wäre und sie sicher ins
-Lager zurückgeführt hätte. Als sie durch diesen Unfall mutlos geworden
-waren, ließ er einige Tage später zwei Pferde vorführen. Das eine war
-alt und schwach, das andere stark und jung mit einem dicken Schweif.
-Hinter jenes stellte er einen starken, hinter das andere einen kleinen
-schwächeren Soldaten. Auf ein gegebenes Zeichen mußten beide versuchen,
-den Pferden die Schweife auszuziehen. Der starke Soldat ergriff mit
-einem Mal den ganzen Schweif des schwachen Pferdes, um ihn mit einem
-Zuge auszureißen; aber er zog und zog, immer vergeblich. Indeß riß der
-kleine Soldat dem starken Pferde ein Haar nach dem andern aus, bis
-er zuletzt den ganzen Schweif in Händen hielt. So lehrte er sie, wie
-sie durch Ausdauer und kleine Gefechte auch einen überlegenen Feind
-schwächen könnten.</p>
-
-<p>Die Fortschritte des Sertorius erregten endlich in Rom solche
-Besorgnisse, daß man den Pompejus mit einem neuen Heere nach Spanien
-schickte. Pompejus führte sein Heer von 30000 Mann zu Fuß und 1000
-Reitern durch Gallien über die Pyrenäen (76). Jahrelang focht er, aber
-ohne Glück und Entscheidung gegen den unbesiegbaren Marianer, der sich
-sogar mit König Mithridates von Pontus in ein Bündnis einließ, bis
-endlich schnöder Verrat und Meuchelmord den Helden zu Fall brachte.</p>
-
-<p>Als nämlich die Römer einen Preis von 100 Talenten und 20000 Morgen
-Landes auf den Kopf des Sertorius setzten, da ließen sich viele
-zum Abfall bewegen. Gefährlicher noch ward daher im eigenen Heer
-der ehrgeizige Perpenna, der, weil er dem Sertorius den Oberbefehl
-mißgönnte, die Gemüter vieler Untergebenen von ihm abwendig machte.
-Er stiftete Zwietracht im Senat des Sertorius und machte auch die
-Treue der Eingeborenen wankend. Da wurde Sertorius mißtrauisch und
-grausam und ließ sich zu einer furchtbaren Tat hinreißen: er ließ die
-Söhne der vornehmsten Spanier, welche er des Abfalles bezichtigte, in
-der Schule zu Oska töten. Die tiefe Mißstimmung und Erbitterung, die
-solches Verfahren auch bei den bisher treuesten Anhängern hervorrief,
-be<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>nutzte sein Legat Perpenna als Gelegenheit zu seinem Untergang. Er
-stiftete eine Verschwörung an und lud seinen arglosen Feldherrn zu
-einem Gastmahl ein, zu dem dieser mit zweien seiner Geheimschreiber
-erschien. Auf ein gegebenes Zeichen erhoben sich die Mitverschworenen
-des Gastgebers und töteten Sertorius mit den beiden Schreibern (72).</p>
-
-<p>Perpenna stellte sich nun selbst an die Spitze des Heeres und hoffte
-die Sache der Marianer weiter zu führen. Bald aber ward er von
-Pompejus geschlagen und gefangen genommen. Vergebens erbot er sich die
-in seinen Händen befindlichen Briefe auszuliefern, durch die viele
-römische Senatoren in Gefahr gekommen wären. Pompejus ließ die Briefe
-ungelesen verbrennen und den Verräter hinrichten. Die überlebenden
-Marianer flüchteten übers Meer nach Mauretanien oder warfen sich auf
-den Seeraub. Die beiden spanischen Provinzen kehrten unter die römische
-Herrschaft zurück.</p>
-
-<p>Da Metellus inzwischen schon nach Italien zurückgekehrt war, konnte
-sich Pompejus rühmen dem langjährigen und gefährlichen Kriege ein Ende
-gemacht zu haben, und mit jenem zusammen im folgenden Jahre einen
-glänzenden Triumph feiern. Sein Glück sollte ihm bald Gelegenheit
-bieten, neue kriegerische Lorbeern zu ernten.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Pompejus_besiegt_die_Reste_des_Sklavenaufstandes"><b>3. Pompejus
-besiegt die Reste des Sklavenaufstandes.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Während des letzten Jahres, in welchem Pompejus in Spanien focht,
-wurde Italien durch einen schrecklichen Sklavenaufstand überrascht,
-der in der grausamen Behandlung der Sklaven seine Ursache hatte.
-Schon längst hatte bei den Römern das blutgierige Vergnügen Eingang
-gefunden, Menschen bei öffentlichen Festlichkeiten auf Leben und Tod
-mit einander fechten zu sehen. Solche Fechter nannte man Gladiatoren
-(vom lat. <span class="antiqua">gladius</span> „Schwert“). Anfangs nahm man dazu Gefangene
-und Verbrecher; allein die Sucht des römischen Volkes, sich an solchen
-Fechterspielen zu ergötzen, nahm so zu, daß ganze Sklavenhorden von
-gewinnsüchtigen Unternehmern gekauft, in eigenen Fechterschulen
-abgerichtet und an die hohen Beamten, welche dem Volke solche Spiele
-auf ihre Kosten zu geben pflegten, vermietet wurden. So fochten
-oft viele Hunderte von Fechterpaaren vor dem Volke und gaben zur
-Belustigung desselben ihr Leben hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<p>Um diesem unmenschlichen Zustand zu entgehen, entfloh aus einer
-solchen Fechterschule zu Capua der Thraker <em class="gesperrt">Spartacus</em> mit einer
-Anzahl seiner thrakischen und gallischen Unglücksgenossen. In diesem
-Manne fand sich bei einer ungemeinen Körperstärke eine unbändige
-Freiheitsliebe, kühner Wagemut und eine seltene kriegerische Begabung.
-Anfangs der Hauptmann einer Räuberbande, erwies er sich bald als ein
-wirklicher Feldherr und erneuerte in Italien den „hannibalischen
-Schrecken“. Der Zulauf zu seiner kleinen Schar war so gewaltig, daß er
-nicht nur ein römisches Heer nach dem andern schlug, sondern auch Rom
-selbst zittern machte.</p>
-
-<p>Anfangs setzte er sich mit seinen Gefährten in der Umgegend des Vesuvs
-fest. Bald sammelten sich mehr und mehr Fechter und Sklaven aus
-Süditalien um ihn, die er militärisch ordnete; Raub und Kriegsbeute
-verschafften Unterhalt und Waffen, und seine Erfolge begeisterten die
-wilden Haufen bald zu unbedingtem Gehorsam gegen den kühnen Führer. In
-Rom verkannte man anfangs die Größe der Gefahr. Die schwachen Kohorten,
-die man gegen den Aufstand sandte, wurden geschlagen. Erst als der
-Übermut und die Grausamkeit des täglich anwachsenden Heerhaufens die
-Städte Unteritaliens in Not und Schrecken setzte, rückten größere
-Truppen gegen ihn aus, die einen regelrechten Feldzug eröffneten.</p>
-
-<p>Einst hatte Spartacus mit seinen Truppen eine Höhe besetzt; der
-römische Befehlshaber konnte sie hier nicht angreifen und lagerte sich
-vor der Höhe, da, wo ein einziger schmaler Weg zu ihr hinaufführte,
-um die Feinde auszuhungern. Allein diese verfertigten aus wilden
-Weinranken, mit denen die Höhe besetzt war, möglichst starke Ketten, an
-denen sie sich nachts an der steilsten Stelle herabließen, ohne daß die
-Römer auf der andern Seite das Mindeste merkten. Ja, sie wurden sogar
-von den um den Berg herumgekommenen Fechtern so plötzlich überfallen,
-daß sie die Flucht ergriffen und das Lager preisgaben. Dieser Sieg
-verschaffte dem Spartacus einen solchen Ruf, daß ihm weitere Tausende
-von Sklaven zuliefen.</p>
-
-<p>Ein andermal hatte ihn der römische Prätor schon eingeschlossen, sodaß
-er entweder sich ergeben oder durch Hunger umkommen mußte. Da ließ
-er nachts vor dem Lager Leichname, die an Pfähle gebunden waren und
-Waffen in den Händen hielten, in gehörigen Zwischenräumen aufstellen;
-alle Wachtfeuer brannten, ein Trompeter blies dann und wann;<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> dies
-alles, damit die Römer ihr Lager fortwährend besetzt halten sollten.
-Inzwischen entwischte Spartacus mit seinem ganzen Heere an einer wenig
-bewachten Stelle.</p>
-
-<p>So schlug er nach einander drei Prätoren und zwei Konsuln. Da er
-jedoch fühlte, daß er seine aus 70000 Mann angeschwollene Masse wilder
-Thraker, Gallier und Germanen nicht lange werde zusammenhalten können,
-so suchte er nach Oberitalien zu dringen, um sie von da über die Alpen
-in ihre Heimat zu führen. Allein das Raubleben in Italien gefiel den
-meisten, und ein Unterbefehlshaber des Spartacus, namens Crixus,
-trennte sich mit 30000 Galliern von ihm, erlitt aber bald eine völlige
-Niederlage. Spartacus selbst ward von seinen Leuten gedrängt sie gegen
-Rom zu führen.</p>
-
-<p>Hier wurde der durch seinen Reichtum bekannte <em class="gesperrt">Licinius Crassus</em>
-zum Feldherrn gegen Spartacus ernannt. Er stellte zuerst die verfallene
-Kriegszucht wieder her, ließ in zwei Legionen seines Unterfeldherrn
-den zehnten Mann zur Strafe für ihre schimpfliche Flucht hinrichten,
-und schloß dann den Feind durch einen meilenlangen Wallgraben ein.
-Spartacus aber durchbrach den Wall und ward dann von Crassus zur
-Schlacht am Flusse Silārus in Lucanien (71) genötigt. Er kämpfte mit
-dem Mute eines Löwen; er hatte sein Pferd selbst erstochen, denn er
-wollte siegen oder sterben. Er stürzte sich in den Feind und suchte
-den Crassus zu treffen, jedoch vergebens; dagegen sanken viele andere
-unter seinen Streichen. Als er, schwer an der Hüfte verwundet, nicht
-mehr stehen konnte, schlug er knieend um sich, bis er aus der Ferne
-mit Wurfspießen getötet wurde. In der Schlacht kamen 60000 Sklaven
-um, 6000 wurden gefangen und an der Landstraße von Capua nach Rom ans
-Kreuz geschlagen, und nur einem Reste von 5000 Mann gelang es sich nach
-Oberitalien durchzuschlagen.</p>
-
-<p>Aber hier stießen sie auf die Legionen, mit denen Pompejus aus
-Spanien heimkehrte. Er vernichtete den Haufen mit leichter Mühe bis
-auf den letzten Mann, und schrieb großprahlend an den Senat, Crassus
-habe zwar die Sklaven in geordnetem Treffen geschlagen, er aber habe
-diesem Sklavenkrieg erst die Wurzel ausgerissen! Gepriesen von seinen
-Schmeichlern, erhielt er nach seinem Triumph über Spanien das Konsulat,
-in dem er eben jenen Licinius Crassus, der ihm natürlich nicht hold
-war, zum Amtsgenossen hatte. Diese<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> beiden Männer strebten jetzt nach
-der Gunst des Volkes und dadurch nach der Herrschaft. Crassus bewirtete
-das Volk an 10000 Tafeln und spendete ihm Getreide auf drei Monate;
-Pompejus stellte die Macht der Volkstribunen, die Sulla beschränkt
-hatte, wieder her, um mit ihrer Hilfe seine ehrgeizigen Pläne zu
-fördern (70).</p>
-
-<p>Am Schluß dieses Jahres vermittelten Freunde zwischen beiden Konsuln
-eine Versöhnung, wobei sich der gutmütigere Crassus zuerst von seinem
-Sitze erhob und dem Pompejus die Hand reichte. Dieser liebte es mit
-erkünstelter Bescheidenheit aufzutreten. Als in dem Jahre seines
-Konsulats die Censoren die übliche Musterung über die Ritter hielten,
-erschien auch Pompejus, als ob er dem Ritterstande angehörte, sein
-Pferd am Zügel führend. Alles staunte; und als er auf die Frage, ob
-er auch die den Angehörigen des Ritterstandes obliegenden Feldzüge
-mitgemacht habe, mit lauter Stimme antwortete: „Ja, alle, und zwar
-immer als Oberbefehlshaber!“ da brach die Menge in lauten Beifall aus
-und gab ihm jubelnd das Ehrengeleit nach seinem Hause.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Pompejus_besiegt_die_Seeraeuber"><b>4. Pompejus besiegt die
-Seeräuber.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Schon seit vielen Jahren befanden sich die östlichen Provinzen
-des römischen Reiches in fortgesetzter Bedrängnis durch das
-überhandnehmende Unwesen der Seeräuber, die namentlich seit dem Kriege
-mit Mithridates durch die Söldnerscharen, welche in seinen Diensten
-gestanden, außerordentlichen Zuwachs erhalten hatten. Sie hatten ihren
-Sitz hauptsächlich an den rauhen Küsten Ciliciens in Kleinasien und
-auf Kreta, und betrieben ihre Raubzüge in planmäßiger Ordnung. Alle
-Küstenländer und Küstenstädte, sowie die Inseln von der Küste Asiens
-bis zur spanischen Meerenge wurden durch Plünderungen, Menschenraub und
-Erpressungen in Not und Schrecken gesetzt. Sie befuhren mit weit über
-tausend trefflich bemannten und schnell segelnden Schiffen das Meer,
-erschienen in ganzen kriegsmäßig geleiteten Geschwadern, geboten über
-400 eroberte Städte und hatten allenthalben ihre festen Plätze, wo
-sie ihren Raub verbargen und verpraßten. Sie liefen in die Mündungen
-der Flüsse ein und überall, wo sie landeten, wagte man es nicht mehr
-das Feld zu bestellen. Dabei hatten sie immer ihre Hehler und Helfer
-in den Provinzen wie in Italien<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> selbst. Vorzüglich gingen sie darauf
-aus, angesehene Personen aufzufangen, um hohe Lösegelder für sie zu
-bekommen; wer sich nicht löste, verlor Freiheit oder Leben. Besonders
-suchten sie die Küsten Italiens heim, wo sie bald da, bald dort
-landeten und einmal sogar die Tochter eines Senators, ja selbst zwei
-Prätoren samt ihren Liktoren fortschleppten. So waren die Herren der
-Welt nicht mehr Herren an ihrem eigenen Herde.</p>
-
-<p>Schon seit dem Jahre 78 v.&nbsp;Chr. führten die Römer Krieg gegen die
-Seeräuber; aber wenn diese auch einmal geschlagen und ihre Raubnester
-zerstört wurden, so war doch das Unwesen nicht ausgerottet, ja es
-trat nach einiger Zeit noch stärker hervor, sodaß Handel und Verkehr
-allgemein stockte, die Getreideschiffe aus Sizilien und Afrika
-ausblieben, in Rom die Teuerung immer höher stieg, und Hungersnot und
-Aufruhr des Stadtvolkes drohte. Als nun endlich sogar vor Ostia, wenige
-Meilen von der Hauptstadt, eine römische Flotte von den Seeräubern
-geschlagen und versenkt wurde, da erkannte man die Notwendigkeit
-entscheidende Maßregeln zu ergreifen (67). Der Volkstribun <em class="gesperrt">Aulus
-Gabinius</em>, ein Anhänger des Pompejus, trat mit dem Vorschlage auf,
-man solle einen der gewesenen Konsuln mit der Führung des Krieges gegen
-die Seeräuber betrauen und ihm auf drei Jahre mit den nötigen Truppen
-und Geldmitteln die unumschränkte Gewalt, Verfügung über die ganze
-Seemacht und über alle Küstenländer des römischen Reiches bis auf zehn
-Meilen landeinwärts übertragen.</p>
-
-<p>Da jedermann einsah, daß unter dem Einen, dem man auf diese Weise den
-Befehl über fast das halbe römische Reich in die Hände legen sollte,
-kein anderer als Pompejus gemeint sein konnte, so setzte der Senat den
-ernstesten Widerstand entgegen. Bei den Beratungen über den Antrag des
-Gabinius ging es so stürmisch und gewalttätig zu, daß dieser selbst
-in Lebensgefahr geriet; aber auch die Senatoren würden vom Volke, das
-dem Tribunen zu Hilfe in den Sitzungssaal eingedrungen war, erschlagen
-worden sein, wenn sie nicht geflohen wären. Pompejus selbst gab sich
-zwar in einer Rede vor der Volksversammlung den Anschein, als wünsche
-er dieser großen Aufgabe, die so vielen Neid und Widerspruch errege,
-überhoben zu sein; er habe schon so viel im Kriege ausgestanden, daß er
-(der kaum 40 Jahre alt war) sich selbst als<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> ein abgebrauchter alter
-Mann vorkäme; man sollte daher einen Tüchtigeren wählen. Das Volk ward
-dadurch nur noch bestärkt in dem Entschlusse den Vorschlag des Tribunen
-durchzusetzen, und es erhob sich ein solcher Lärm, daß ein oben
-vorbeifliegender Rabe, von dem Geschrei betäubt, zur Erde fiel.</p>
-
-<p>Der Antrag ging durch, und Pompejus erhielt 500 Schiffe, 120000
-Legionssoldaten mit 7000 Reitern und 25 Unterfeldherren (Legaten), dazu
-144 Millionen Sesterze (33 Millionen Mark) aus dem Staatsschatz, nebst
-der Vollmacht über alle Mittel der Provinzen zu verfügen. Eine solche
-Macht hatte gesetzmäßig vor ihm noch kein römischer Feldherr besessen.</p>
-
-<p>Nun teilte Pompejus das ganze Mittelmeer in dreizehn Bezirke, über
-deren jeden er einen Legaten mit den nötigen Streitmitteln setzte, und
-befahl sodann die Piraten zunächst aus dem westlichen Meere, also aus
-allen Schlupfwinkeln an den Küsten Italiens, Spaniens, Afrikas und der
-dazwischen liegenden Inseln aufzuscheuchen und nach dem östlichen Meere
-zu treiben. Als dies geschehen war, wendete er sich mit der Hauptmacht
-nach Osten. Schon auf dem Wege dorthin ergaben sich ihm viele auf Gnade
-und Ungnade, und er behandelte sie mit schonender Milde, um durch
-diese Mäßigung den andern die Rückkehr zur Ordnung zu erleichtern.
-Die meisten aber suchten ihre Zuflucht in den cilicischen Buchten und
-Bergfesten. Pompejus schlug dort ihre Flotte in einer regelmäßigen
-Schlacht gänzlich, zerstörte ihre Burgen, nahm ihnen alle ihre Städte,
-Schiffe, Vorräte, Waffen, und verpflanzte die Gefangenen, über 20000,
-tief in das Land hinein, um sich dort anzubauen und des Piratenlebens
-zu entwöhnen.</p>
-
-<p>Auf diese Weise hatte er in drei Monaten das Seeräuberwesen vertilgt
-und Rom die Herrschaft zur See wiedergegeben.</p>
-
-<p>Die rasche und glückliche Beendigung dieses Krieges versetzte das
-römische Volk in solche Freude, daß es den Freunden des Pompejus leicht
-wurde, dem Gefeierten ein noch größeres Feld des Ruhmes zu verschaffen,
-auf dem er abermals die Frucht der Arbeit anderer ernten sollte.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Pompejus_in_Asien"><b>5. Pompejus in Asien.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Während Pompejus diese schnellen Siege erfocht, hatte sich
-<em class="gesperrt">Mithridates</em>, der den Römern so furchtbare König von<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> Pontus,
-zu einem neuen Kampfe gerüstet. Er hatte seine Land- und Seemacht
-verstärkt und durch römische Hauptleute, die ihm nach der Unterdrückung
-der Marianer in Menge zuströmten, in römischer Weise einüben lassen.
-Mit seinem Eidam, dem König <em class="gesperrt">Tigránes</em> von Armenien, und mit
-Sertorius in Spanien schloß er ein Bündnis und suchte die kriegerischen
-Völker im Norden des schwarzen Meeres und an der Donau zum Kampfe
-gegen die Römer aufzureizen. Nach dem Tode des Königs Nikomédes von
-Bithynien, der die Römer zu Erben seines Reiches ernannt hatte, fiel
-Mithridates in Bithynien ein mit einem Heer von 120000 Mann zu Fuß,
-16000 Reitern und 100 Sichelwagen (74 v.&nbsp;Chr.). Allenthalben ward
-er als Befreier vom römischen Druck gern aufgenommen. Die Römer
-aber beauftragten die beiden Konsuln dieses Jahres, L. Licinius
-<em class="gesperrt">Lucullus</em> und M. Aurelius <em class="gesperrt">Cotta</em>, mit der Führung des
-Krieges, von denen dieser hauptsächlich die Leitung der Flotte,
-ersterer die des Hauptheeres zu Lande erhielt.</p>
-
-<p>Nachdem Cotta in der Propontis unglücklich gegen Mithridates gekämpft
-und dabei seine ganze Flotte eingebüßt hatte, gelang es Lucullus, der
-von Cilicien her eben dorthin vorgerückt war, das weit zahlreichere
-Heer, womit der König die große Seestadt Kyzikos hart bedrängte, völlig
-zu schlagen, die Stadt zu entsetzen, und bald darauf auch die Flotte
-des Königs zu vernichten (73). Noch sieben Jahre, bis 67, dauerte
-der Krieg, der sich allmählich ostwärts bis in die Gebirge Armeniens
-und Mediens zog und den Gegner immer härter bedrängte. Schon gab
-Mithridates sein Reich verloren und ließ in seiner Hauptstadt seine
-Schwestern und Frauen töten, um sie vor römischer Gefangenschaft zu
-bewahren; er selbst floh zu seinem Schwiegersohn Tigranes von Armenien,
-der eben im Begriff stand, das Königreich Syrien mit dem seinigen zu
-vereinigen. Lucullus ließ ihn auffordern, den Flüchtling auszuliefern.
-Da er aber sein Schreiben an den „König“ Tigranes richtete, statt an
-den „König der Könige“, wie sich jener hochmütig nannte, so fühlte sich
-Tigranes gekränkt und gab eine abschlägige Antwort. Da zog Lucullus
-auch gegen ihn und schlug das zwanzigmal stärkere armenische Heer bei
-seiner Hauptstadt Tigranokerta in die Flucht (69). Dieser Sieg gewährte
-unermeßliche Beute. Lucullus gedachte noch weiter vorzudringen,
-allein der Ungehorsam seiner meuterischen<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> Soldaten, deren Genuß- und
-Beutegier er nicht genug frönte, hemmte ihn in seinen Unternehmungen,
-und mitten im glücklichsten Lauf seiner Siege riefen ihn Neid und
-Mißgunst und boshafte Verleumdungen seiner Gegner vom Schauplatze des
-Krieges ab.</p>
-
-<p>Diese Feinde hatte sich Lucullus durch seine rücksichtsvolle und
-menschliche Behandlung der kleinasiatischen Städte zugezogen. Die ihnen
-von Sulla auferlegten 20000 Talente waren durch die Schulden, die sie
-bei den römischen Wucherern hatten machen müssen, zu der entsetzlichen
-Höhe von 120000 Talenten angewachsen, und die unvermögenden Schuldner
-wurden durch Kerkerstrafen und Martern aufs schrecklichste gepreßt.
-Lucullus setzte die Schuld auf 40000 Talente herab und gewährte
-den Städten noch andere Erleichterungen. Dafür ward er denn von
-den römischen Wucherern daheim auf das heftigste angegriffen und
-verleumdet. Diese und die Anhänger des Pompejus brachten es dahin,
-daß ihm der Oberbefehl genommen und auf den Antrag des Volkstribunen
-Manilius, den Cicero in einer Rede verteidigte, dem Pompejus übertragen
-wurde (67). Nun ging Pompejus nach Kleinasien, wo er in Galatien mit
-Lucullus eine Unterredung hatte. Anfangs spendeten sich beide die
-größten Lobsprüche; zuletzt überhäuften sie sich gegenseitig mit
-Vorwürfen, indem Lucullus dem Pompejus seinen unersättlichen Ehrgeiz,
-dieser dem Lucullus seine unersättliche Habgier vorhielt.</p>
-
-<p>Lucullus ging nach Rom, wo er nach langem Warten einen Triumph
-erhielt, und dann sein weiteres Leben in der Beschäftigung mit Kunst
-und Literatur und im Genuß seiner ungeheuren Reichtümer hinbrachte.
-Seine reichen Sammlungen von kostbaren Gemälden, Bildsäulen, Büchern,
-seine prächtigen Paläste, Landhäuser, Lustgärten, seine Fischteiche
-und künstlichen Seen, seine Prachtgeräte und Kleinodien, seine
-üppigen Gastmähler, wozu er die seltensten Speisen und Weine aus
-allen Weltgegenden herbeischaffen ließ, machten lucullischen Luxus
-zum Sprichwort. Kostete ihm doch ein einziges Prunkmahl im Apollo
-(so hieß einer seiner Speisesäle) an 30000 Mark nach unserem Gelde!
-Durch ihn wurden die Kirschen und andere aus Asien eingeführte
-edle Obstarten in Europa einheimisch Sein Beispiel blieb natürlich
-nicht ohne verderbliche Nachahmung; fast alle reichen und vornehmen
-Männer Roms wetteiferten seitdem in der Pracht ihres Haushalts und
-ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> Lebensführung, und je größer ihre Verschwendung ward, um so
-gieriger suchten sie sich in den Provinzen durch Erpressungen und
-Bestechlichkeit zu bereichern.</p>
-
-<p>Pompejus, dem sein Vorgänger schon durch große Erfolge vorgearbeitet
-hatte, setzte nun den Krieg gegen Mithridates fort. Dieser hatte sich
-inzwischen wieder erholt und mit rastloser Tätigkeit ein neues Heer
-von 33000 Mann aufgestellt. Vor dem andringenden Pompejus zog er sich
-in das Innere seines Landes zurück und suchte den Euphrat zu gewinnen.
-Hier holte ihn Pompejus ein, umging ihn unbemerkt und besetzte die
-umgebenden Höhen eines Engtals, durch welches die Gegner ihren Marsch
-nehmen mußten. Mithridates schlug, ohne Ahnung von der Nähe der Feinde,
-in diesem Tal sein Lager auf. Die Nacht kam und alles lag in tiefer
-Ruhe. Plötzlich schmetterten auf allen Seiten die römischen Trompeten;
-die römischen Legionen erhoben ihren gefürchteten Schlachtruf
-und schlugen mit den Waffen an die Schilde, daß die Schluchten
-widerhallten. Hierauf ergoß sich ein Pfeil- und Speerregen von den
-Anhöhen herab über die Aufgeschreckten, die in wildestem Gedränge den
-Ausweg im Dunkeln suchten. Dann verließen die Römer die Berge; der
-Feind sah sie nicht, aber er fühlte ihr Schwert; alles flüchtete und
-drängte nach der Mitte, wo man sich erdrückte und zertrat. Endlich ging
-der Mond auf und beleuchtete das gräßliche Nachtstück. Mithridates
-selber entkam mit zwei Begleitern und einer seiner Frauen, die ihn
-in persischer Reitertracht zu begleiten und alle Gefahren zu teilen
-pflegte. Sein ganzes Heer war vernichtet.</p>
-
-<p>Pompejus wandte sich darauf gegen Tigranes nach Armenien, das er
-ohne Schwertstreich einnahm. Der alte Tigranes, von dem eigenen
-Sohne verraten und an seinem Glücke verzweifelnd, kam in das Lager
-des Pompejus, legte ihm sein Diadem zu Füßen und bat um Schonung. Er
-behielt sein Erbreich und zahlte 6000 Talente.</p>
-
-<p>Während Mithridates in die fernsten Teile seines Reiches am Kaukasus
-und auf die taurische Halbinsel (Krim) geflohen war, um sich zu neuem
-Widerstande zu rüsten, drang Pompejus durch die Kaukasusländer bis
-nach Kolchis am schwarzen Meere vor. Bald aber begab er sich wieder
-in das Reich Pontus, wo zwölf Fürsten der benachbarten Länder demütig
-vor ihm als ihrem Gebieter erschienen, um seine Be<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>fehle zu empfangen.
-Dann brach er auf, um südwärts nach Syrien zu ziehen, das, seit dem
-Erlöschen der Dynastie der Seleukiden (312&ndash;64), in völlige Zerrüttung
-geraten war, und machte auch dies große Reich mühelos zur römischen
-Provinz. Von da wandte er sich westwärts nach Palästina (63).</p>
-
-<p>In Palästina stritten damals zwei Brüder aus dem Heldengeschlechte
-der Makkabäer um die Herrschaft, und beide hatten den Pompejus zu
-Hilfe gerufen. Dieser entschied zu Gunsten des älteren Bruders,
-<em class="gesperrt">Hyrkānos</em>, dem er die Regierung und das Hohepriestertum, aber
-nicht den Königstitel bewilligte. Der zurückgesetzte <em class="gesperrt">Aristobūlos</em>
-zog sich darauf mit seinen Anhängern auf den Tempelberg in Jerusalem
-zurück und verteidigte sich dort mit der äußersten Tapferkeit. Erst im
-dritten Monat eroberten die Römer an einem Sabbat, als die Juden die
-Waffen ruhen ließen, den Tempel; 12000 Juden, darunter die Priester,
-die sich im Opferdienst nicht irre machen ließen, verloren hierbei das
-Leben. Nichts schmerzte aber die Juden mehr, als daß Pompejus sich
-nicht scheute, mit seinem Gefolge in das Allerheiligste des Tempels
-einzudringen, das doch bei ihnen niemand als der Hohepriester und
-auch dieser nur einmal im Jahre betreten durfte. Pompejus tat dies in
-der neugierigen Erwartung, daß er hier den einzigen Gott der Juden
-sehen werde. Allein, wie erstaunte er über das Volk der Juden, als er
-darin kein Götterbild wahrnahm, sondern nur den goldenen Leuchter, den
-goldenen Tisch mit den Schaubroten und die heiligen Schriften. Dem
-heidnischen Römer mußte dies alles ein verschlossenes Geheimnis sein.
-Pompejus legte den Juden eine schwere Kriegssteuer auf und machte
-das Land zinspflichtig; Aristobulus aber und seine Kinder führte er
-gefangen fort, um sie in Rom beim Triumphe aufzuführen.</p>
-
-<p>In Palästina erfuhr Pompejus auch den Tod des Mithridates. Dieser
-hatte zuletzt in seiner eigenen Familie Verrat erfahren müssen.
-Auch sein liebster Sohn Phárnakes empörte sich wider ihn und gewann
-sein Heer. Der alte, sogar von seinen Leibwachen verlassene König
-flüchtete sich in eine Burg, wo ihn sein Sohn belagerte, um ihn den
-Römern auszuliefern. Aber Mithridates, als er das seiner harrende Los
-erkannte, nahm er das Gift, das er stets im Knaufe seines Schwertes
-trug, und mischte für sich, seine Frauen und Töchter, unter diesen die
-beiden Bräute der Könige von Ägypten und Cypern,<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> den Giftbecher, den
-er selber als der letzte trank. Da er aber seinen Körper, um sich gegen
-Vergiftung zu schützen, seit lange an alle Arten von Gift gewöhnt und
-dagegen abgehärtet hatte, so wirkte der Trank nur schwach und langsam.
-Da bot der König einem seiner keltischen Söldner den Nacken zum
-Todesstreich. So endete dieser große Feind der Römer sein Leben im 68.
-Lebensjahre, nach 56jähriger Regierung und 26jährigem Kampf gegen die
-römische Weltherrschaft (63).</p>
-
-<p>Jetzt eilte Pompejus in das Reich Pontus und traf hier umfassende
-Anordnungen über die eroberten asiatischen Länder. Er setzte Könige
-und Fürsten ab und ein, löste Königreiche und Fürstentümer auf und
-schuf neue, ordnete die neuerworbenen Provinzen nach seinem Gutdünken,
-und kehrte dann, überreich an Erfolgen, Ruhm und Beute, nach Italien
-zurück. In Brundisium, wo er landete, entließ er sein Heer und begab
-sich, wie ein einfacher Bürger, nach Rom. Auf dem ganzen Wege begrüßte
-ihn das Volk unter stetem Beifallrufen bis zu den Toren Roms, wo ihn
-der ganze Senat erwartete. In Rom feierte er <em class="gesperrt">als Sieger über den
-dritten Weltteil</em> und <em class="gesperrt">zweiter Alexander</em> seinen dritten
-Triumph, der zwei Tage dauerte und alles, was man bisher in dieser
-Art in Rom gesehen hatte, an Pracht und Glanz weit hinter sich ließ.
-Voran trug man Tafeln mit den Namen von sechzehn besiegten Ländern und
-Völkern, mit der Angabe von 1000 Burgen, 900 Städten, 800 Schiffen, die
-er genommen, und von 39 Städten, die er gegründet oder bevölkert hatte.
-Unter den Siegeszeichen und erbeuteten Schätzen und Kostbarkeiten, die
-er zur Schau stellte, befanden sich 33 Kronen mit Perlen, 3 goldene
-Götterbildnisse, 9 Schenktische voll goldener Trinkgeschirre, die
-unermeßlichen Schätze des Mithridates, darunter eine kostbare Sammlung
-geschnittener Steine, sein goldenes, 8 Ellen hohes Brustbild, sein
-Thron, sein 4 Fuß breites und 3 Fuß langes Brettspiel von 30 Pfund
-Gold an Gewicht, mit Würfeln von Edelsteinen, ein Musentempel mit
-einer Sonnenuhr im Giebel u.&nbsp;s.&nbsp;w. Die Menge der Kostbarkeiten war
-so groß, daß sie nicht alle in diesen beiden Tagen aufgeführt werden
-konnten. Unter den 324 vornehmen Gefangenen aus den verschiedensten
-Völkerschaften, die ungefesselt vor dem Triumphwagen einhergingen,
-befanden sich fünf Söhne und zwei Töchter des Mithridates. Endlich
-folgte auf einem von Edelsteinen schimmernden Triumphwagen Pompejus
-selbst,<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> angetan mit einer Rüstung Alexanders des Großen, die er in
-der königlichen Schatzkammer des Mithridates gefunden hatte. In den
-römischen Staatsschatz lieferte er 20000 Talente (fast 10 Millionen
-Mark).</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXVI_Cicero"><span class="s4">XXVI.</span><br />
-
-<b>Cicero.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p><em class="gesperrt">Marcus Tullius Cicero</em> wurde im Jahre 106 v.&nbsp;Chr. im südlichen
-Latium, nahe bei Arpinum, der Vaterstadt des Marius, geboren. Er
-stammte aus einem wohlhabenden Rittergeschlechte und empfing von seinem
-Vater seine erste Bildung. Früh zeigte er den Ehrgeiz „immer der Beste
-zu sein und emporzustreben vor allen.“ Seine weitere Vorbildung erhielt
-er zu Rom, wo er schon in der Schule durch Wißbegierde, schnelle
-Auffassung und rasche Fortschritte allgemeine Bewunderung erregte. Dann
-machte er sich mit den Werken der besten griechischen Dichter, Redner
-und Philosophen vertraut, und ließ sich in die römische Rechtskunde
-einführen. Durch fleißiges Übersetzen griechischer Dichtungen und Reden
-erlangte er eine große Gewandtheit auch im Gebrauch der lateinischen
-Sprache. Nachdem er im marsischen oder Bundesgenossenkriege (<a href="#Bundesgenossenkrieg">S. 121</a>)
-einen Feldzug mitgemacht hatte, lebte er drei Jahre in Rom als Anwalt,
-indem er die Verteidigung von Angeklagten übernahm. Dann ging er, um
-seine Gesundheit herzustellen und sich weiter auszubilden, nach Athen,
-Kleinasien und Rhodus, wo er die berühmtesten Lehrer der Beredsamkeit
-hörte. In Rhodus, erzählt man, forderte ihn eines Tages sein Lehrer,
-der berühmte Apollonios Molon, auf, einen griechischen Vortrag zu
-halten. Cicero tat es und wußte seine Zuhörer so hinzureißen, daß
-sie in Lobsprüchen über ihn wetteiferten; nur Molon saß lange Zeit
-nachdenkend da und sprach endlich: „Dich, o Cicero, preise und
-bewundere ich, aber Griechenlands Geschick bedauere ich, da ich sehe,
-daß auch der einzige Vorzug, der uns Griechen noch übrig blieb, Bildung
-und Beredsamkeit, durch dich den Römern zuteil wird.“ Einige Jahre
-nach seiner Rückkehr ward er Quästor in Sicilien, wo er durch seine
-menschenfreundliche und gerechte Amtsführung sich allgemeine Achtung
-erwarb.<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> Deshalb übertrugen ihm hernach die Städte dieser Provinz
-die Anklage gegen <em class="gesperrt">Gajus Verres</em>, der sie als Prätor drei Jahre
-lang durch unersättliche Habgier, schamlose Erpressungen von Geld und
-Kunstwerken aller Art, durch ungerechte und grausame Urteilssprüche in
-Verzweiflung gebracht hatte. Cicero führte diese Anklage mit solchem
-Erfolge, daß Verres noch vor Beendigung des Prozesses seine Sache
-verloren gab und in die Verbannung ging. Dieser Erfolg begründete den
-Ruf Ciceros als des ersten Redners in Rom und erwarb ihm so allgemeine
-Anerkennung, daß er die nächsthöheren Ämter, die Ädilität und Prätur,
-mühelos erreichte und endlich auch, obgleich wie sein Landsmann Marius
-ein „Neuling“ (<span class="antiqua">homo novus</span>), das höchste Ziel seines Ehrgeizes,
-das Konsulat, für das Jahr 63 erlangte. Als Konsul erwarb er sich um
-sein Vaterland dadurch ein großes Verdienst, daß er die Verschwörung
-des Catilina entdeckte und vernichtete.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Lucius Sergius Catilina</em> war aus dem altpatrizischen Geschlechte
-der Sergier entsprossen. Von Jugend auf von allen Lastern jener Zeit
-befleckt, durch Verschwendung verarmt und verschuldet, war er vertraut
-mit allen durch Ausschweifung und Leichtsinn zugrunde gerichteten
-jungen Adligen, die er zu Meineid und Betrug, zu Gewalttat und Mord
-verführte. Schon zur Zeit der sullanischen Proskriptionen hatte er
-durch Ermordung des eigenen Bruders seine Verworfenheit gezeigt.
-Dennoch wußte er sich so zu verstellen, daß er hohe Ämter erlangte
-und sich sogar um das Konsulat bewarb. Da er aber als Proprätor
-in Afrika wegen Erpressungen angeklagt wurde, mußte er von dieser
-Bewerbung abstehen. Aus Erbitterung über diesen Fehlschlag seiner
-Hoffnung und aus Furcht vor weiteren gerichtlichen Verfolgungen faßte
-er den Entschluß die neuen Konsuln und die ihm verhaßten Senatoren zu
-ermorden, und sich so das Konsulat mit Gewalt zu verschaffen und die
-herrschende Aristokratie zu stürzen.</p>
-
-<p>Da sein Versuch, diesen Plan auszuführen, zweimal mißlungen war,
-stiftete er eine weit verbreitete Verschwörung zum Umsturz des Staates
-an. Er gewann in Rom selbst zehn Senatoren, eine Anzahl Ritter,
-außerdem noch viele Unzufriedene in den übrigen Städten, Leute, die,
-wie er selbst, durch eine völlige Umwälzung aus Armut, Schuldennot oder
-Unehre wieder emporzukommen hofften. Diesen allen verhieß er Ämter,
-Tilgung ihrer Schulden und Reichtümer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span></p>
-
-<p>Zur Ausführung seines ruchlosen Planes bewarb er sich von neuem um das
-Konsulat, diesmal zugleich mit Cicero, für das Jahr 63. Zwar er selbst
-fiel durch, aber neben Cicero wurde ein heimlicher Gesinnungsgenosse
-Catilinas, Antonius Pätus, gewählt. Durch seinen neuen Mißerfolg nicht
-abgeschreckt, sondern zum äußersten gereizt und entschlossen, betrieb
-Catilina seinen Verrat mit erhöhter Kraft. Er ließ in aller Stille
-in allen Teilen Italiens seine Anhänger sich sammeln und bewaffnen,
-und traf in Rom selbst alle Anstalten, um die Stadt auf ein gegebenes
-Zeichen in Brand stecken und den neuen Konsul Cicero mit allen
-Häuptern der herrschenden Partei ermorden zu lassen. Aber er fand in
-Cicero einen wachsamen und unerschrockenen Gegner, der alle seine
-Schritte beobachtete und rechtzeitig zu vereiteln wußte. So verging
-ein großer Teil des Jahres. Endlich gelang es dem Konsul durch den
-Verrat einer Frau und durch die Aussagen eines Teilnehmers einen Beweis
-für Catilinas Hochverrat zu erhalten. Da trat er im Senat offen mit
-seiner Anklage gegen Catilina hervor. Vergebens suchte dieser sich zu
-verteidigen. Als er die ihm feindliche Stimmung erkannte, rief er mit
-drohendem Trotz: „Aus zwei Körpern besteht unser Staat: der eine ist
-hinfällig und hat ein schwaches Haupt; der andere ist kräftig, jedoch
-ohne Haupt. Es soll ihm, wenn ich am Leben bleibe, nicht lange mehr
-fehlen!“ Dann stürzte er hinaus.</p>
-
-<p>Inzwischen hatten seine Anhänger unter der Führung eines gewissen
-<em class="gesperrt">Manlius</em> bei Fäsulä (heute Fiesole, nahe bei Florenz) ein Lager
-bezogen. Da Catilina auch bei der Konsulwahl dieses Jahres wieder
-durchgefallen war, so versammelte er in der darauf folgenden Nacht
-die Verschworenen und wies jedem sein Geschäft zu. Die vornehmsten
-Gegner sollten getötet, die Stadt an verschiedenen Stellen zugleich
-angezündet, vor allem aber Cicero vor Anbruch des Tages ermordet
-werden. Dieser erfuhr den Plan, ließ die beiden Verschworenen, die ihn
-ermorden wollten, vor seiner Tür abweisen und berief den Senat. Auch
-Catilina erschien. Jetzt enthüllte Cicero das ganze ruchlose Treiben
-des Mannes in gewaltiger Rede, richtete dann sein Wort unmittelbar an
-diesen selbst und forderte ihn auf mit seiner Rotte Rom zu verlassen,
-wo für seine heimlichen Anschläge kein Raum mehr sei, wo der Konsul und
-die Staatsgewalt ihn auf Schritt und Tritt bewache und das Volk ihn
-verabscheue; draußen möge er den offenen Kampf<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> gegen die Vaterstadt
-beginnen. Und Catilina folgte dieser höhnischen Aufforderung: in der
-folgenden Nacht eilte er aus der Stadt ins Lager zu Manlius.</p>
-
-<p>Die Mitverschworenen aber, die er in Rom zurückließ, bestimmten die
-Feier der Saturnalien (im Dezember) zur Ausführung ihres Planes; die
-Stadt sollte an zwölf Ecken angezündet, die Häupter des Senats und die
-Konsuln durch bestimmte Verschworene ermordet werden, und Catilina
-in der allgemeinen Verwirrung mit seinem Heere einrücken. Auch eine
-Gesandtschaft der Allóbroger, einer Völkerschaft in der gallischen
-Provinz, welche gekommen war, um über ungerechte Behandlung Beschwerde
-zu führen, wurde mit in die Verschwörung gezogen und zum Aufstande
-aufgefordert; aber dies beschleunigte nur den Untergang der Frevler.
-Da diese Gesandten schwankten, was sie tun sollten, so teilten sie die
-Sache einem Senator mit, durch den Cicero alles erfuhr. Sie erhielten
-den Rat, sich von den Häuptern der Verschwörung Briefe an ihr Volk
-geben zu lassen. Dies geschah; aber Cicero ließ die abreisenden
-Gesandten, bei denen sich auch ein Verschworener befand, nahe bei der
-Stadt aufheben und bekam durch die Briefe nun auch schriftliche Beweise
-gegen die Verschworenen in die Hand.</p>
-
-<p>Die Schuldigen wurden darauf überführt und in Haft gegeben. Cicero
-erhielt den Dank des Senats und den Namen Vater des Vaterlandes. Von
-den neun Hauptschuldigen waren vier entflohen, die übrigen fünf, an
-ihrer Spitze der Stadtprätor Lentulus, wurden vom Senat zum Tode
-verurteilt und dieser Beschluß sogleich im Gefängnis vollzogen. Mit
-den Worten: „Sie haben gelebt!“ verkündigte Cicero dem Volke die
-Vollstreckung der Strafe und ward von ihm, wie im Triumphe, nach seinem
-Hause begleitet.</p>
-
-<p>Gegen Catilina selbst aber wurde mit Waffengewalt vorgeschritten. Der
-Feldzug gegen ihn fiel ins folgende Jahr (62). Bei <em class="gesperrt">Pistoria</em> in
-Etrurien kam es zum Treffen. Catilina und seine 3000 Gefährten fochten
-mit verzweifelter Tapferkeit; sie fielen bis auf den letzten Mann.</p>
-
-<p id="Verbannung_Ciceros">Wiewohl Cicero durch die Entdeckung der Verschwörung den Staat gerettet
-hatte, so wurde doch der Umstand, daß er die Verbrecher wider das
-herkömmliche Rechtsverfahren, ohne gerichtliche Untersuchung und
-Verurteilung, bloß auf einen Senatsbeschluß hin, hatte hinrichten
-lassen, die Ursache, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> er später heftig angegriffen wurde, wobei
-er von seinen politischen Freunden nur schwach unterstützt wurde. Der
-Volkstribun <em class="gesperrt">Clodius</em> beantragte einige Jahre nachher ein Gesetz,
-daß jeder, der einen römischen Bürger ohne Richterspruch hingerichtet
-habe, geächtet sein solle. Dieses Gesetz, das unverkennbar gegen Cicero
-gerichtet war, fand die Zustimmung des Volkes, und so mußte dieser,
-um seinen Feinden zu entgehen, freiwillig in die Verbannung wandern
-(58). Er ging nach Thessalonike in Makedonien. In Rom zog man seine
-Güter ein und zerstörte sein Haus. Doch schon im folgenden Jahre (57)
-wurde er durch Volksbeschluß zurückgerufen. Seine Rückkehr glich einem
-Triumphzuge. Sein Haus und seine Güter wurden ihm wieder hergestellt.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXVII_Julius_Caesar"><span class="s4">XXVII.</span><br />
-
-<b>Julius Cäsar. Der zweite Bürgerkrieg.</b></h3>
-
-</div>
-
-<h4 id="Caesar_bis_zum_Kampfe_gegen_Pompejus"><b>1. Cäsar bis zum Kampfe
-gegen Pompejus.</b></h4>
-
-<p><em class="gesperrt">Gajus Julius Cäsar</em> wurde im Jahre 100 v.&nbsp;Chr. zu Rom als
-Sprößling eines der vornehmsten alten Adelsgeschlechter, dem der
-Julier, geboren. Von seiner Mutter Aurelia mit der größten Sorgfalt
-erzogen, zeigte er schon als Knabe eine ganz ungewöhnliche Begabung
-des Geistes und eine Willenskraft, die vor keinem Widerstande, vor
-keiner Schwierigkeit zurückwich. Von seinem Gedächtnis und seiner
-Geisteskraft erzählte man Erstaunliches: er sei imstande und gewohnt,
-zu gleicher Zeit zu schreiben, zu lesen und zu hören, und auf einmal
-vier bis sieben Briefe zu diktieren. Bei so seltenen Gaben, die mit
-rastloser Tätigkeit verbunden waren, erwarb er sich eine reiche Fülle
-von Kenntnissen aller Art und erreichte die volle Bildungshöhe seiner
-Zeit.</p>
-
-<p>Zur Zeit der Diktatur Sullas stand Cäsar auf Seiten des Marius. Schon
-durch Verwandtschaft war er mit dieser Partei verbunden, da Marius
-mit Cäsars Tante vermählt war und er selbst eine Tochter Cinnas,
-Cornelia, zur Gemahlin hatte. Dadurch zog er sich die Feindschaft des
-allgewaltigen Diktators zu. Sulla verlangte, Cäsar sollte sich von
-seiner Gemahlin scheiden; dieser aber weigerte sich standhaft, während
-Pompejus, an den Sulla eine gleiche Forderung gestellt hatte,<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> sich dem
-Willen des Diktators nachgiebig fügte. Durch diese Weigerung erbittert,
-ließ Sulla Cäsars Namen auf die Liste der Geächteten (Proskribierten)
-setzen. Dadurch verlor dieser das Heiratsgut seiner Frau und sein
-väterliches Erbe, mußte Rom verlassen und eine Zeitlang unter den
-größten Gefahren umherirren. Fast jede Nacht war er genötigt sich an
-einem anderen Orte zu verbergen, und hatte unter solchen Umständen
-um so schwerer zu leiden, als zugleich ein Fieber seine Kräfte
-verzehrte. Als er dennoch zuletzt entdeckt wurde, mußte er sich von
-den Häschern mit vielem Gelde loskaufen. Endlich verzieh ihm Sulla und
-begnadigte ihn auf Fürbitten einiger vornehmen Freunde und besonders
-der Vestalinnen, dabei sprach er aber die merkwürdigen Worte: „So nehmt
-ihn denn hin, aber wisset, daß dieser Jüngling uns einst zum Verderben
-gereichen wird; denn in dem einen Cäsar stecken viele Marius!“</p>
-
-<p>Aber auch nach seiner Begnadigung mochte sich Cäsar noch nicht für ganz
-sicher gehalten haben, denn bald verließ er Rom und begab sich nach
-Rhodus, um sich dort in der Beredsamkeit auszubilden. Auf der Fahrt
-dorthin geriet er in die Hände von Seeräubern, die damals noch ihr
-Unwesen trieben. Während der vierzig Tage, die er bei ihnen bleiben
-mußte, bis er das verlangte Lösegeld herbeischaffen konnte, wußte er
-sich so in Achtung zu setzen, daß er nicht ihr Gefangener, sondern
-ihr Herr zu sein schien. So hatten sie für seine Auslösung zwanzig
-Talente verlangt, da rief er: „Wie? für einen Mann, wie ich bin, nur
-zwanzig Talente? Ihr sollt fünfzig haben.“ Während der Gefangenschaft
-beschäftigte er sich mit der Abfassung von Reden und Gedichten, die er
-dann wohl den Piraten vorlas. Kargten sie dabei mit ihrem Beifall, so
-schalt er sie und drohte, er werde sie alle ans Kreuz schlagen lassen.
-Wenn er schlafen wollte, verbot er ihnen jedes Geräusch, und sie
-gehorchten. So mächtig erwies sich seine geistige Überlegenheit selbst
-auf die verwilderten Gemüter dieser rohen Gesellen. Kaum war er frei,
-so brachte er einige milesische Schiffe zusammen, überfiel damit die
-Seeräuber und ließ sie wirklich, wie er ihnen im Scherze gedroht, in
-Pergamon ans Kreuz schlagen.</p>
-
-<p>Nach Rom zurückgekehrt, schloß er sich an Pompejus an, den er bei
-Herstellung der Gewalt der Tribunen unterstützte, und wußte durch
-seine Beredsamkeit und Leutseligkeit die Gunst des Volkes zu gewinnen.
-Besonders erwarb er sich den Beifall<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> der noch zahlreichen Anhänger
-des Marius dadurch, als er seiner Tante, der Witwe des Marius, bei
-ihrer Bestattung eine Grabrede hielt, worin er die Verdienste des den
-Optimaten so verhaßten Mannes zu preisen wagte und sein Bildnis, dem
-Verbote trotzend, unter den Ahnenbildern seines eigenen Geschlechtes
-einhertragen ließ. Auch ließ er auf dem Kapitolium die Bildsäule
-desselben und seine Siegeszeichen aus dem jugurthinischen und
-cimbrischen Kriege, die von Sulla zerstört waren, wieder herstellen.</p>
-
-<p>Im Jahre 67 wurde er Quästor in der spanischen Provinz Lusitanien. Als
-er dort zu Gades im Herkulestempel ein Standbild Alexanders des Großen
-sah, rief er unter Tränen aus: „Der hatte in meinem Alter schon die
-Welt erobert, und ich habe noch gar nichts getan!“ Als Ädil gewann er
-durch ungemein prachtvolle und kostbare Spiele, wobei er unter anderem
-320 Fechterpaare in silbernen Rüstungen auftreten ließ, die Gunst der
-Volksmenge in hohem Grade, stürzte sich aber auch in große Schulden.
-Im Vertrauen auf diese Volksgunst bewarb er sich, obwohl noch sehr
-jung, um die erledigte Würde des Oberpriesters, die bislang nur die
-ältesten und geehrtesten Konsulare zu bekleiden pflegten. Als ihn am
-Tage der Wahl seine Mutter nicht ohne Tränen zur Tür geleitete, sagte
-er: „Heute, Mutter, siehst du deinen Sohn entweder als Oberpriester
-oder als Verbannten wieder!“ Und in der Tat hatte er das Glück dem an
-Alter und Amtswürde weit überlegenen Catulus bei der Wahl vorgezogen zu
-werden. Als Prätor bekam er die Verwaltung desselben Spaniens, in dem
-er Quästor gewesen war. Doch hätte er Schulden halber nicht abreisen
-können, wenn nicht Crassus für ihre ungeheure Summe (18 Millionen
-Mark) seine Bürgschaft gewährt hätte. Als er auf dieser Reise durch
-ein kleines Städtchen jenseits der Alpen kam, warf einer aus seiner
-Begleitung die Frage auf, ob man sich in diesem Örtchen wohl auch um
-Rang und Ämter streite. „Gewiß“, antwortete Cäsar, „ich wenigstens will
-lieber hier der erste als in Rom der zweite sein!“ In seiner Provinz
-Spanien erwarb er übrigens so viel, und machte in glücklichen Kriegen
-solche Beute, daß er nicht nur seine Schulden bezahlen, sondern auch
-noch eine große Summe in den Staatsschatz legen konnte.</p>
-
-<p>Als Cäsar nach Rom zurückkehrte, stand gerade die Konsulwahl für das
-Jahr 59 bevor. Um das Konsulat zu erlangen,<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> verband er sich mit
-Pompejus, der durch seine Taten und Erfolge der angesehenste Mann in
-Rom war, und mit Crassus, der einen ungeheuren Reichtum besaß. Diesen
-Bund der drei Römer nannten ihre Gegner spöttisch ein <em class="gesperrt">Triumvirat</em>
-(Dreimännerschaft). Sie versprachen sich einander, in den Kämpfen mit
-ihren politischen Gegnern bei Wahlen und im Senat mit allen Mitteln
-zu unterstützen. Denn auch Pompejus war mit dem Senat zerfallen, der
-die Einrichtungen, die er aus Eigenmacht in Asien getroffen hatte,
-nicht bestätigen wollte. Diese Bestätigung versprach ihm Cäsar beim
-Volke durchzusetzen. Cäsar erlangte das Konsulat, erhielt aber als
-Kollegen in diesem Amte den Kandidaten seiner Gegner, <em class="gesperrt">M. Calpurnius
-Bibulus</em>.</p>
-
-<p>Als Konsul fuhr er fort sich um die Gunst des Volkes zu bewerben und
-die Macht der Senatspartei zu schwächen. Dazu diente ihm besonders ein
-Gesetz, das armen römischen Bürgern Landbesitz in Campanien anwies.
-Als Bibulus sich diesem Gesetze entgegenstellte, entstand eine solche
-Bewegung in der Volksversammlung gegen ihn, daß er nur mit Mühe sein
-Leben rettete. Seit dieser Zeit wagte der eingeschüchterte Mitkonsul
-überhaupt keinen Widerstand mehr; ja, er hielt sich fortan, aus
-Furcht vor Cäsars gebieterischem Auftreten, während des Restes seines
-Amtsjahres in seinem Hause verschlossen. Daher nannten die Spötter
-dieses Konsulat nicht das des Cäsar und Bibulus, sondern das des Julius
-und des Cäsar.</p>
-
-<p>Am Schlusse des Jahres ließ sich Cäsar die Provinzen Illyrien und das
-diesseitige Gallien (<span class="antiqua">Gallia cisalpina</span>) als Statthalterschaft
-auf fünf Jahre zuweisen, worauf der Senat noch die Provinz des
-jenseitigen Galliens (<span class="antiqua">Gallia transalpina</span>) hinzufügte, in der
-geheimen Hoffnung, er werde dort in allerlei Verlegenheiten verwickelt
-und auf diese Weise am besten von Rom ferngehalten werden. Um seine
-Verbindung mit Pompejus zu befestigen, gab Cäsar ihm seine Tochter
-<em class="gesperrt">Julia</em> zur Gemahlin. Sodann wußte er noch zwei Männer aus Rom zu
-entfernen, die seine geheimen Absichten durchschaut hatten und seinen
-Plänen gefährlich werden konnten. Diese Männer waren Cato und Cicero;
-Cato ward nach der Insel Cypern gesandt, um dieselbe in eine römische
-Provinz zu verwandeln, Cicero aber durch den Volkstribunen Clodius
-genötigt in die Verbannung zu gehen (<a href="#Verbannung_Ciceros">S. 151</a>).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span></p>
-
-<p>Im Frühjahr des Jahres 58 eilte Cäsar hinüber nach Gallien, dem
-Lande der Kelten. Von diesem Lande besaßen die Römer damals nur den
-südöstlichen Teil (s. <a href="#Gallien_suedoestlich">S. 116</a>); das übrige Gallien war von den Römern
-noch nicht bezwungen. Hier fand Cäsar in achtjährigem Kriege (58&ndash;51)
-Gelegenheit, das römische Reich um drei große Provinzen zu vergrößern,
-sich selber aber den Ruhm eines der größten Feldherrn zu erwerben und
-ein ihm treu ergebenes großes Heer zu bilden, mit dessen Hilfe er sich
-bald der Reichsherrschaft selber bemächtigen konnte.</p>
-
-<p>Gleich im ersten Jahre seiner Statthalterschaft geriet er in Kampf
-mit den gefürchteten Germanen. In einem Zwiste der gallischen Äduer
-und Sequaner hatten die letzteren den Sueben <em class="gesperrt">Ariovist</em> vom
-rechten Rheinufer her zu Hilfe gerufen. Dieser besiegte die Äduer
-und setzte sich mit seinen Scharen, die allmählich auf 120000 Mann
-anwuchsen, im Lande der Äduer fest. Auch die Sequaner zwang er ein
-Dritteil ihres Landes ihm zu überlassen, und ein zweites Dritteil nahm
-er gerade für neue Ankömmlinge in Anspruch, als Cäsar von Äduern und
-Sequanern zu Hilfe gerufen ward. Ariovist war unter Cäsars Konsulat
-mit dem Ehrentitel „Freund und Bundesgenosse des römischen Volkes“
-ausgezeichnet worden und stand mit diesem bis dahin in gutem Vernehmen.
-Dennoch glaubte Cäsar die fortwährenden Zuzüge der Germanen nach
-Gallien, die auch für die römische Provinz gefährlich werden konnten,
-hindern zu müssen, und forderte den Ariovist zu einer Unterredung auf.
-Dieser aber gab die stolze Antwort: wenn er selbst von Cäsar etwas
-begehren sollte, so würde er selbst ihn aufsuchen; so möge Cäsar das
-Gleiche tun und zu ihm kommen. Übrigens begreife er nicht, was die
-Römer in diesem seinem Gallien zu tun und zu sagen hätten. Hierauf
-ließ ihn Cäsar auffordern den Galliern ihre Freiheit wiederzugeben und
-keine Germanen mehr über den Rhein kommen zu lassen. Dagegen erklärte
-Ariovist: es sei Brauch des Krieges, daß die Sieger über die Besiegten
-nach Gutdünken herrschten; auch die Römer herrschten über die Besiegten
-nach eigenem und nicht nach fremdem Ermessen. Wie er den Römern nicht
-vorschreibe, wie sie ihr Recht gebrauchen sollten, so wollte auch er in
-seinem Rechte vom römischen Volke nicht behindert sein. Wenn übrigens
-Cäsar Krieg wolle, möge er nur kommen; dann werde er einsehen, was
-seine noch nie besiegten Germanen, die in<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> vierzehn Jahren harten
-Kriegsdienstes unter kein Dach gekommen wären, auszurichten vermöchten.</p>
-
-<p>Als hierauf Cäsar die Hauptstadt der Sequaner Vesontio (Besançon)
-besetzte und eine Schlacht bevorstand, wurde das römische Heer von
-gewaltiger Furcht und Mutlosigkeit überfallen. Die Gerüchte von der
-Wildheit und Unüberwindlichkeit der Germanen, deren Mienen und feuriger
-Blick nicht zu ertragen seien, hatten ein Zagen und Klagen unter den
-Legionen erregt. Viele Offiziere, meist junge vornehme und des Krieges
-noch ungewohnte Männer, verlangten unter allerlei Vorwänden Urlaub,
-um nach Hause zu gehen; andere machten ihr Testament. Aber durch eine
-kräftige Rede wußte Cäsar die Verzagten zu beschämen und den Mut seiner
-Legionen wieder aufzurichten. In der bald darauf folgenden Schlacht,
-in der Gegend zwischen Vesontio und dem Rhein, wahrscheinlich in der
-Nähe von Mülhausen im Elsaß, siegte die römische Kriegskunst über die
-Germanen, die völlig geschlagen wurden. Ariovist rettete sich auf einem
-Kahne über den Rhein.</p>
-
-<p>In den folgenden Jahren zwang Cäsar, unter blutigen Kämpfen und nach
-wiederholten Aufständen, fast alle gallischen Stämme sich der römischen
-Herrschaft zu unterwerfen. Auch war er der erste Feldherr, der zweimal
-nach Germanien (55 und 53) und Britannien (55 und 54) übersetzte,
-nicht um auch diese Länder dauernd zu behaupten, sondern um ihre
-kriegslustigen Völker von Einfällen in Gallien und Unterstützung der
-Gallier abzuschrecken.</p>
-
-<p>Gallien schien endlich beruhigt, als sich im Jahre 52 noch einmal alle
-gallischen Völkerschaften zwischen Seine, Loire und Garonne zu einem
-Kampfe um ihre Freiheit erhoben. An der Spitze derselben stand der
-kräftige und kluge <em class="gesperrt">Vercingétorix</em>, ein Fürst der Arverner. Allein
-die Geistesgegenwart und Feldherrnkunst Cäsars, sowie die Tüchtigkeit
-seiner Legionen, insbesondere auch die Tapferkeit germanischer Söldner
-trug einen entschiedenen Sieg davon. Der Krieg zog sich endlich um
-die Stadt <em class="gesperrt">Alesia</em> (heute Alise St. Reine, zwischen Dijon und
-Chatillon) zusammen. In diese hochgelegene feste Stadt warf sich
-Vercingetorix mit 80000 Mann, worauf Cäsar Stadt und Lager der Feinde
-mit 60000 Mann einschloß, indem er eine Umwallung von fast zwei Meilen
-an Umfang errichtete und dann eine zweite noch ausgedehntere Reihe
-von Befestigungen aufwarf, um sich gegen ein Heer von<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> 257000 Mann zu
-schützen, welches heranzog, um Alesia zu entsetzen. Aber sowohl gegen
-die Ausfälle der Belagerten als gegen die Angriffe der Gallier, die von
-außen seine Werke umzingelten, behauptete sich Cäsar mit Beharrlichkeit
-und Glück. Die Heerhaufen der Gallier wurden geschlagen und zogen
-einzeln wieder davon; Vercingetorix sah keine Hilfe mehr, und in der
-Stadt nahm Hunger und Elend immer mehr zu. Da faßte er den Entschluß
-durch Aufopferung seiner selbst die Eingeschlossenen zu retten. In
-voller Rüstung, auf seinem besten Roß, erschien er vor dem Sieger,
-umritt dessen Tribunal, gab dann Roß und Waffen ab und ließ sich
-schweigend auf den Stufen zu Cäsars Füßen nieder. Fünf Jahre später
-ward er bei Cäsars Triumph durch die Straßen Roms geführt und dann
-enthauptet. Nach der Übergabe von Alesia baten die abgefallenen Völker
-um Frieden. Der Widerstand der Gallier war gebrochen, und nur wenige
-Stämme versuchten noch, aber ohne allen Erfolg, das Glück der Waffen.
-Cäsar konnte die Unterwerfung Galliens als vollendet betrachten.
-Er hatte in diesen Kriegen 800 Städte erobert, 300 Völkerschaften
-unterworfen und im ganzen eine Million Streiter vernichtet, zwei
-Millionen aber zu Gefangenen gemacht.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Caesars_Kampf_gegen_Pompejus"><b>2. Cäsars Kampf gegen
-Pompejus</b> (49&ndash;48).</h4>
-
-</div>
-
-<p>Während Cäsar Gallien unterjochte, blieb Pompejus fortwährend in Rom,
-um durch seine Gegenwart seine Macht zu behaupten und zu erhöhen. Im
-Jahre 55 bekleidete er mit Crassus zum zweiten Male das Konsulat,
-nach dessen Ablauf dem Crassus Syrien, ihm selber Spanien und Afrika
-als Provinzen zufielen. Cäsar hingegen erhielt die Erneuerung seiner
-Statthalterschaft auf weitere fünf Jahre.</p>
-
-<p id="Karrhae">Crassus eilte nach Syrien, um von dort aus einen Feldzug gegen die
-<em class="gesperrt">Parther</em>, die Nachbarn der Meder und Perser, welche mit ihren
-zahlreichen Reiterscharen von Osten her die römischen Provinzen in
-Vorderasien seit mehreren Jahren heimsuchten, zu unternehmen. Aber in
-unersättlicher Habsucht brachte er seine Zeit damit zu allenthalben
-Geld zu erpressen und die Tempelschätze zu plündern, wie er denn im
-Tempel zu Hierapolis tagelang mit Abwägen des Goldes beschäftigt war.
-Inzwischen gewannen die Parther Zeit zu mächtigen Rüstungen, und
-als es dann in Mesopotamien bei Karrhä<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> zur Schlacht kam, wurde er
-gänzlich geschlagen. Auf dem Rückzug ließ er sich durch den parthischen
-Feldherrn in einen Hinterhalt locken, in dem er verräterisch getötet
-ward (53).</p>
-
-<p>Durch den Tod des Crassus hatte sich das sogenannte Triumvirat in ein
-Duumvirat, d.&nbsp;h. in eine Verbindung zweier Männer verwandelt. Da aber
-im Jahre 52 Julia, die Tochter Cäsars und Gemahlin des Pompejus, welche
-bis dahin die Eintracht zwischen den beiden Machthabern erhalten hatte,
-starb, so wurde die Verbindung zwischen ihnen, die ja nie aufrichtig
-gemeint war, noch mehr gelockert. Pompejus war nach Ablauf seines
-Konsulates nicht in seine Provinzen gegangen, sondern ließ sie durch
-Legaten verwalten, um nur immer in Rom zu sein, wo es ihm gelang für
-das Jahr 52 gegen alles Herkommen, zum alleinigen Konsul ernannt zu
-werden. Dagegen unterließ aber auch Cäsar nicht durch Bestechungen die
-einflußreichsten Männer in Rom zu gewinnen, darunter den talentvollen
-und beredten Volkstribunen <em class="gesperrt">Curio</em>. Als nun der Zeitpunkt
-herannahte, wo die feindselige Spannung zwischen beiden Männern in
-offenen Kampf ausbrechen sollte, überließ sich Pompejus einer großen
-Sorglosigkeit, ohne an Gegenrüstungen zu denken. Als ihn jemand daran
-erinnerte, äußerte er in stolzer Zuversicht: „Wo ich nur in Italien mit
-dem Fuße auf die Erde stampfe, da werden Legionen hervorkommen.“</p>
-
-<p>Cäsar gedachte sich um das Konsulat für das Jahr 49 zu bewerben,
-wollte aber nicht, nach der herkömmlichen Ordnung, ein halbes Jahr
-vor dem Antritt des Amtes sich persönlich in Rom bewerben. Denn dann
-hätte er seine Stellung als Statthalter der ihm übertragenen Provinzen
-zuvor verlassen und seine Legionen abgeben müssen, und wäre als
-Privatmann gegen die Angriffe seiner Gegner machtlos geworden. Aber
-eben deshalb bestand auch der Senat hartnäckig auf der Forderung,
-daß er nur persönlich, nicht aus der Ferne, und als Privatmann, ohne
-Amt und Heerbefehl, als Bewerber um das Konsulat auftreten solle. An
-dieser Frage entzündete sich der seit lange drohende Kampf. Denn Cäsar
-forderte, daß dann auch Pompejus auf seine Provinzen und Legionen
-verzichten müsse. So wurde eine Zeit lang über die Frage, hin und her
-gestritten. Endlich beschloß der Senat, daß Cäsar seine Kriegsmacht
-abgeben sollte, wo nicht, so werde er als Feind des Vaterlandes
-betrachtet werden. Die dem Cäsar<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> treu ergebenen Tribunen M. Antonius
-und C. Cassius erhoben leidenschaftlichen Einspruch. Da schritt der
-Senat zu dem äußersten Mittel: er erteilte den Konsuln unbeschränkte
-Vollmacht mit der alten Formel, „die Konsuln sollten darauf achten,
-daß das Gemeinwesen (<span class="antiqua">res publica</span>) keinen Schaden nehme“, und
-gegen Cäsars Unbotmäßigkeit mit Waffengewalt einzuschreiten. Jetzt
-flohen die beiden Tribunen, als wären sie ihres Lebens nicht mehr
-sicher, als Sklaven verkleidet, nach Ravenna, einer nahe an der
-Grenze gelegenen Stadt der gallischen Provinz, wo sich Cäsar damals
-aufhielt, und meldeten ihm, daß der Krieg gegen ihn beschlossen sei.
-Er war seit lange auf diesen Ausgang seines Streites mit Pompejus und
-der Senatspartei vorbereitet, und handelte nun mit seiner gewohnten
-Raschheit.</p>
-
-<p>Er führte die Tribunen in derselben entwürdigenden Kleidung, in der
-sie zu ihm geflohen waren, vor die Reihen der Legion, mit der er nach
-Ravenna vorgerückt war, stellte ihnen das ihm widerfahrene Unrecht vor
-und schloß seine Rede mit der Frage, ob sie die Ehre ihres Feldherrn
-verteidigen wollten, unter dessen Anführung sie so viele glückliche
-Schlachten geliefert hätten. Freudig riefen alle, sie wären bereit
-ihn zu verteidigen, und gelobten ihn niemals zu verlassen, wohin er
-sie auch führen würde. Kaum war er der Treue seiner Legionen gewiß,
-so schickte er sie heimlich an den Fluß Rúbico, der seine Provinz von
-dem eigentlichen Italien trennte. Er selbst blieb bis zu Ende des
-folgenden Tages in Ravenna. Um sein Vorhaben zu verbergen und keinen
-Verdacht zu erregen, besuchte er früh ein öffentliches Schauspiel,
-besah zur Mittagszeit die Anlage einer Fechterschule, die er zu Ravenna
-bauen lassen wollte, und gab gegen Abend seiner Gewohnheit gemäß ein
-großes Gastmahl. Erst nach Sonnenuntergang stand er von Tische auf,
-unter dem Vorwand, daß er durch ein kleines Geschäft abgerufen werde,
-und mit dem Versprechen sobald als möglich wiederkommen zu wollen.
-Aber er kam nicht zurück. Er reiste vielmehr mit seinen vertrautesten
-Freunden zum Fluß Rubico, den er vor Tagesanbruch erreichte. Und nun
-stand er im Begriff den Krieg gegen sein Vaterland zu beginnen, denn
-mit dem Übergang über den Grenzfluß überschritt er zugleich seine
-amtliche Befugnis und erhob die Fahne der Empörung gegen die bestehende
-Staatsordnung. Es war der Beginn des Bürgerkriegs. Ein solches Beginnen
-mußte,<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> wenn auch seit lange von Cäsar erwogen und beschlossen, ihm in
-letzter Stunde noch einmal alle damit verbundenen Bedenken und Gefahren
-vor die Seele führen. Wohl möchten diese Gedanken auch eines Cäsars
-Geist erschüttern. „Noch ist es Zeit zurückzukehren“, sagte er zu
-seinen Freunden, „sind wir aber einmal über diese Brücke gegangen, dann
-muß alles mit den Waffen entschieden werden.“</p>
-
-<p>Lange, so erzählt man, stand er und sann. Endlich rief er: „Wohlan, die
-Götter wollen es, die Feinde fordern uns, der Würfel sei geworfen!“ Und
-sogleich ließ er seine Truppen hinübergehen, rückte in größter Eile vor
-Ariminum (Rimini) und nahm diese Stadt noch am Morgen des Tages ein.</p>
-
-<p>Zu spät erwachte jetzt Pompejus aus dem Schlummer der Sorglosigkeit.
-Auf seine Soldaten, die, wenn auch 30000 Mann stark, keine Lust hatten
-sich mit Cäsars sieggewohnten Legionen zu schlagen, konnte er sich
-nicht verlassen. Jetzt mußte er sogar den Vorwurf hören, er möge doch
-nun die verheißenen Legionen aus der Erde hervorstampfen! Dagegen
-rückte Cäsar in raschem Siegeslauf die Küste entlang und nahm ohne
-Schwertstreich eine Stadt nach der anderen. Da verlor Pompejus den
-Mut; er verließ Rom mit den Konsuln, den meisten Senatoren und allen
-seinen Anhängern, und ging nach Capua, wo seine Legionen standen. So
-übereilt war die Flucht, daß die Konsuln den gefüllten Schatz in Rom
-zurückließen und sich begnügten nur die Schlüssel mitzunehmen. Von
-Capua eilte Pompejus nach Brundisium (Bríndisi), um von da über das
-Meer nach Griechenland zu gehen. Ohne Kampf überließ er Italien seinem
-Gegner.</p>
-
-<p>Cäsar, von dessen Siege man die Wiederkehr der Schreckenszeiten unter
-Marius und Sulla befürchtete, verfuhr allenthalben mit unerwarteter
-Milde und zuvorkommender Großmut. Auch Sardinien und Sizilien kamen
-ohne Kampf in seine Gewalt. Den Zugang zum Schatz in Rom ließ er
-erbrechen und erklärte dem Tribunen Metellus, der dies verhindern
-wollte, daß er ihn bei fortgesetztem Widerstande werde hinrichten
-lassen, indem er hinzufügte: „Wisse, junger Mann, daß es mir schwerer
-fällt dies zu sagen als zu tun.“ Im Schatze fand er 26000 Barren Goldes
-und 40 Millionen Sesterzen. In 60 Tagen ward er Herr von Italien und
-hatte alle Gemüter durch Freundlichkeit und Wohlwollen beruhigt. Die
-Bewachung der Stadt übergab er dem Lépidus, das Kommando<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> in Italien
-dem Marcus Antonius, und zog dann nach Spanien, um dort „das Heer
-ohne Feldherrn“ und nach seiner Rückkehr „den Feldherrn ohne Heer“ zu
-bekämpfen. Bald nötigte er die Legaten des Pompejus in Spanien sich
-zu ergeben, und reiste dann nach Rom zurück, wo er sich zum Diktator
-ernennen ließ, aber schon nach elf Tagen diese Würde mit dem Konsulat
-vertauschte. Jetzt erst gedachte er den Pompejus selbst zu verfolgen
-und zu bekämpfen.</p>
-
-<p>Dieser hatte indessen großartige Rüstungen betrieben. Aus den östlichen
-Provinzen des römischen Reiches und von verbündeten Fürsten hatte er
-Truppen, Schiffe und Geld zusammengebracht, und stand jetzt an der
-Spitze eines Heeres von 63000 Mann zu Fuß und mehr als 10000 Reitern,
-wozu eine Flotte von 800 Schiffen kam. Zugleich gab er durch den
-Glanz seines Hauptquartiers, wo ein großer Teil des römischen Adels
-versammelt war, und durch die Einrichtung eines eigenen Senates zu
-erkennen, daß er <em class="gesperrt">sich</em> als den eigentlichen Machthaber und
-<em class="gesperrt">seinen</em> Senat als den eigentlichen Sitz der Reichsregierung
-betrachtete. Cäsar fuhr mit sieben Legionen von Brundisium ab und
-landete an der Küste von Epirus; die leeren Schiffe sandte er zurück,
-Antonius sollte die übrigen fünf Legionen auf ihnen hinüberführen.
-Aber von diesen Schiffen wurden 30 von einem Legaten des Pompejus
-abgefangen, die übrigen durch die Stürme des Winters an der Überfahrt
-gehindert. Ungeduldig vor langem Warten bestieg Cäsar selbst in einer
-stürmischen Nacht in Sklavenkleidung eine Barke, um nach Brundisium zu
-segeln und die Einschiffung seiner Truppen zu beschleunigen. Aber das
-Meer war so ungestüm, daß der Steuermann wieder umkehren wollte. Um ihn
-zu neuer Anstrengung zu ermuntern, wagte Cäsar sich ihm zu entdecken:
-„Sei guten Mutes!“ rief er, „du fährst Cäsar und Cäsars Glück!“ Dennoch
-mußte er den allzu mächtig tobenden Elementen weichen und in den Hafen
-zurückkehren. Endlich landete Marcus Antonius mit den übrigen Legionen.</p>
-
-<p>Anfangs ließ sich der Krieg in Epirus für Cäsar ungünstig an. Bei
-<em class="gesperrt">Dyrrháchion</em> (Durazzo) durchbrach Pompejus seine Verschanzungen
-und brachte ihm einen großen Verlust bei. Darauf zog Cäsar, dessen
-Heer den Mangel an den notwendigsten Bedürfnissen nicht länger tragen
-konnte, über das Gebirge nach dem fruchtbaren Thessalien hinüber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>Hier kam es in der Ebene von <em class="gesperrt">Pharsálos</em> zur entscheidenden
-Schlacht (9. August 48). Das Heer des Pompejus betrug 47000 Mann zu Fuß
-und 7000 Reiter, und bildete eine zehn Mann tiefe Linie. Von Cäsars
-Heer waren nur 22000 Mann zu Fuß und 1000 Reiter zur Stelle und in
-dreifacher Schlachtreihe aufgestellt. Da Pompejus mit seiner Reiterei
-den linken Flügel hielt, weil sein rechter von einem Fluß gedeckt war,
-so stellte sich Cäsar mit seiner treuen, in vielen Schlachten bewährten
-zehnten Legion und sechs Kohorten kräftiger Germanen, jenem gegenüber,
-hinter seinem rechten Flügel auf.</p>
-
-<p>Pompejus befahl seinen Soldaten den feindlichen Angriff ruhig zu
-erwarten. Cäsar dagegen ließ, um den Stoß auf den Feind zu verstärken,
-sein Heer anlaufen, dann mitten im Anlauf ein wenig halten und sich
-ordnen, und so auf den noch immer ruhigen Feind anstürmen. Zwar warf
-des Pompejus Reiterei die des Cäsar, wurde aber mitten im Vorstürmen
-plötzlich von der zehnten Legion und den deutschen Kohorten so
-empfangen, daß sie die Flucht ergriff, worauf die verfolgenden Kohorten
-Cäsars dem linken Flügel des feindlichen Fußvolkes in den Rücken
-fielen und durch dessen völlige Versprengung den Sieg herbeiführten.
-Am meisten Ruhm erntete im Heere Cäsars der Centurio Crástinus. Dieser
-rief seinen Kameraden zu: „Wohlan, ihr Kriegsgefährten! Mir nach und
-leistet eurem Feldherrn den Dienst, den ihr ihm verheißen habt; dieser
-eine Kampf ist noch übrig, dann wird er seine gebührende Würde und wir
-unsere Freiheit erlangen.“ Dann sagte er mit einem Blick auf Cäsar:
-„Heute, Feldherr, will ich mir deinen Dank verdienen, ob ich falle oder
-am Leben bleibe!“ Nach diesen Worten stürzte er sich an der Spitze
-von 120 Auserlesenen auf den Feind, in deren Mitte er aufs tapferste
-kämpfend den Tod fand.</p>
-
-<p>Die geschlagenen Truppen des Pompejus flohen ins Lager, wohin sich
-dieser schon gleich nach der Flucht seiner Reiter begeben hatte. Noch
-saß er wie betäubt und sprachlos in seinem Zelte, als man ihm meldete,
-der Feind habe schon die äußeren Schanzen genommen. „Also gar bis
-in unser Lager!“ rief er bestürzt und fassungslos, vertauschte sein
-purpurnes Feldherrngewand mit einem schlichten Kleide, warf sich auf
-ein Roß und floh, von wenigen Getreuen begleitet, in der Nacht durch
-das Tal Tempe dem Meere zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p>
-
-<p>Indessen eroberte Cäsar das feindliche Lager mit Sturm; 15000 Feinde
-lagen tot oder verwundet. Der Rest des feindlichen Heeres, der sich
-gerettet hatte, gegen 20000 Mann, ergab sich am folgenden Morgen,
-während Cäsar nur 30 Hauptleute und 200 Gemeine verloren hatte. Allen
-Gefangenen schenkte der Sieger Leben, Freiheit und Eigentum. Die
-Gemeinen nahm er in sein eigenes Heer auf. Die gefangenen Senatoren
-dagegen und Ritter wurden fast alle mit dem Tode bestraft, nur wenige
-fanden Schonung und Gnade; die übrigen suchten ihr Heil in der Flucht
-nach den westlichen Provinzen, denn der ganze Osten fiel alsbald in die
-Gewalt des Siegers.</p>
-
-<p>Als Pompejus auf seiner Flucht an das Meer gelangt war, bestieg er ein
-Schiff und segelte nach der Stadt Amphípolis in Makedonien, wo er den
-Befehl ausgehen ließ, daß alle junge Mannschaft dieser Provinz sich
-zur Werbung einstellen sollte. Wahrscheinlich tat er dies, um den Plan
-seiner ferneren Flucht zu verbergen; denn nur eine Nacht blieb er bei
-Amphipolis vor Anker, dann segelte er weiter nach der Insel Lesbos, um
-seine Gattin Cornelia, die sich dort aufhielt, zu sich zu nehmen. Durch
-einen Boten ließ er ihr die Nachricht von seiner Niederlage mitteilen.
-Die unglückliche Frau, welche in dem süßen Wahn lebte, daß Cäsar
-seit dem Verluste bei Dyrrhachion schon völlig besiegt sei, sank bei
-dieser Kunde sprachlos zu Boden, und als sie sich wieder aufgerichtet
-hatte, stürzte sie, einer Rasenden gleich, aus der Stadt dem Hafen
-zu; Pompejus kam ihr hier entgegen; sie fiel kraftlos in seine Arme.
-Pompejus, selbst des Trostes bedürftig, suchte sie zu ermutigen und
-stellte ihr vor, daß das Glück den, welchen es stürzt, auch wieder
-erheben könne.</p>
-
-<p>Nach einigen Tagen segelte er mit seiner Gemahlin von Lesbos ab. Er
-hatte nach reiflicher Überlegung beschlossen sich in den Schutz des
-Königs <em class="gesperrt">Ptolemäos</em> von Ägypten zu begeben. Denn er durfte mit
-vollem Recht auf die Dankbarkeit und das Wohlwollen desselben hoffen,
-weil er <em class="gesperrt">selbst</em> einst dessen Vater wieder auf den Thron gesetzt
-hatte. Er segelte also nach Pelusion, einer Stadt an der östlichen
-Mündung des Nils. Als er nicht mehr weit vom Ufer entfernt war, ließ
-er den König von seiner Ankunft benachrichtigen und um Schutz und
-Zuflucht bitten. Ptolemäos, erst dreizehn Jahre alt und noch unfähig
-selbst zu regieren, ließ sich von Achillas, dem Obersten seines Heeres,
-von seinem Vormund Potheinos und seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> Lehrer, dem Rhetor Theódotos,
-leiten. Diese drei Männer berieten über die Bitte des Pompejus. Anfangs
-waren sie in ihren Meinungen geteilt, zuletzt sagte Theodotos: „Nehmen
-wir ihn auf, so werden wir ihn zum Herrn und den Cäsar zum Feinde
-haben; weisen wir ihn zurück, so werden wir ihn beleidigen, weil wir
-ihm die Aufnahme versagt haben, und Cäsar nicht gewinnen, weil wir
-jenen haben entwischen lassen. Der beste Rat ist daher den Pompejus
-kommen zu lassen und sogleich zu töten; so beweisen wir uns dem Cäsar
-gefällig und brauchen uns vor Pompejus nicht zu fürchten! denn“ &mdash;
-setzte er hohnlachend hinzu &mdash; „die Toten beißen nicht mehr.“</p>
-
-<p>Der Vorschlag des Theodotos wurde genehmigt und Achillas zur
-Vollstreckung ausersehen. Dieser, ein Mann von außerordentlicher
-Verwegenheit, bestieg mit Septimius, einem geborenen Römer, der einst
-unter des Pompejus Fahnen gedient hatte, nebst drei bis vier Ägyptiern
-ein kleines Fahrzeug und fuhr auf das Schiff des Pompejus zu. Das
-schlechte Aussehen dieses Fahrzeuges und die geringen Anstalten, die
-man zum Empfange des Pompejus traf, machten seine Freunde unruhig. Sie
-fingen an Verdacht zu schöpfen und waren schon willens sich wieder zu
-entfernen, als Achillas an Bord kam und den Pompejus einlud in sein
-Fahrzeug zu steigen, dessen dürftiges Aussehen er damit entschuldigte,
-daß das Meer an dieser Küste zu flach sei, um es mit größeren und
-schwereren Schiffen zu befahren. Pompejus war nicht ohne Argwohn;
-denn schon sah er, daß an der Küste einige königliche Schiffe bemannt
-wurden. Allein, um die Ägyptier nicht durch Mißtrauen zu reizen, zeigte
-er sich sogleich bereit dem Achillas zu folgen. Er nahm daher gefaßten
-Mutes von seiner Gemahlin und seinem Sohne Abschied und stieg mit vier
-Personen seines Gefolges in das ägyptische Boot.</p>
-
-<p>Schon waren sie eine beträchtliche Strecke weit gefahren, und noch
-immer herrschte düsteres Schweigen in dem Boote. Pompejus wurde unruhig
-und suchte seine Unruhe durch Sprechen zu unterdrücken. Er wandte sich
-daher zu Septimius und sagte: „Mich dünkt, mein Freund, ich kenne dich.
-Sind wir nicht einmal Kriegsgefährten gewesen?“ Septimius nickte nur
-mit dem Kopfe, ohne ein Wort zu sprechen, und es herrschte abermals
-die vorige Stille. Da nahm Pompejus seine Schreibtafel zur Hand, um
-die griechische Anrede zu lesen, die er darin aufgezeichnet und die
-er an den jungen König richten<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> wollte. Cornelias Blicke begleiteten
-indes die Fahrt in angstvoller Spannung bis zum Lande, wo sich eben
-viele Hofleute wie zu feierlichem Empfange sammelten. Schon begann
-sie zu hoffen. Aber in dem Augenblick, als Pompejus den Arm seines
-Freigelassenen Philippus ergriff, um sich vom Sitze zu erheben, stieß
-ihm Septimius sein Schwert in den Rücken, und Achillas fiel ihn von
-vorn an. Pompejus sah, daß er seinem Tode nicht entrinnen konnte, und
-suchte nun wenigstens die würdevolle Haltung, die er im Leben stets
-gezeigt hatte, auch noch im Tode zu bewahren. Er zog seine Toga über
-das Haupt, sprach kein Wort, sondern stöhnte nur bei jedem weiteren
-Stoß, bis er tot am Ufer zusammenbrach. So starb der große Pompejus
-im 58sten Jahre seines Alters, am 28. September 48, am Tage vor
-seinem Geburtstage. Auf den Schiffen, welche ihn hergebracht hatten,
-erscholl lauter Jammerruf beim Anblick dieses schrecklichen Vorgangs,
-dann eilten sie ins offene Meer zurück, vergeblich verfolgt von den
-ägyptischen Kriegsgaleeren.</p>
-
-<p>Die Mörder des Pompejus wüteten noch gegen den Leichnam. Sie schnitten
-ihm den Kopf ab und warfen den Rumpf nackt an das Ufer, wo er von einer
-Menge neugieriger Menschen begafft ward. Darauf erwies Philippus, der
-Freigelassene des Pompejus, seinem Herrn den letzten Dienst. Er wusch
-den verstümmelten Leichnam im Meere ab, wickelte ihn in eins seiner
-Gewänder und brachte dann einige Trümmer von einem alten Fischerkahn
-zusammen, um einen Scheiterhaufen zu errichten. Während er damit
-beschäftigt war, trat ein alter Römer, der einst unter Pompejus gedient
-hatte, mit den Worten zu ihm: „Wer bist du, der du den großen Pompejus
-zu bestatten suchst?“ &mdash; „Sein Freigelassener“, antwortete Philippus.
-&mdash; „Wenn du der bist“, erwiderte der Alte, „so teile die Ehre der
-Beerdigung mit mir, damit ich in dem Elend, das mich drückt, doch
-wenigstens das eine Glück genieße, den Leichnam des größten römischen
-Feldherrn mit meinen Händen zu begraben.“ Philippus willfahrte ihm,
-beide verbrannten den Leichnam, vergruben die Asche und setzten auf den
-Grabhügel eine Tafel mit der Inschrift: „Hier ruht Pompejus der Große!“</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<h4 id="Caesar_in_Afrika"><b>3. Cäsar in Afrika. Catos Tod.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Drei Tage nach des Pompejus Tode erschien Cäsar vor dem Hafen von
-Alexandria, der damaligen Hauptstadt Ägyptens. Alsbald kamen die
-Mörder in der Hoffnung auf eine Belohnung an Bord seines Schiffes und
-überreichten des Pompejus Haupt und Siegelring. Cäsar wandte sich mit
-Abscheu von dem Anblick des blutigen Hauptes, aber tränenden Auges
-empfing er den Siegelring des Mannes, der einst so groß und mächtig und
-durch Freundschaft und Verwandtschaft mit ihm verbunden gewesen.</p>
-
-<p>Weit entfernt die Schandtat zu belohnen, bewies er sich milde und
-freundlich gegen die Anhänger des Pompejus, die man in Ägypten
-ergriffen hatte und in seine Gewalt lieferte. Denn Großmut und
-Nachsicht gegen besiegte Feinde bildeten den schönsten Zug seines
-Charakters. Er fand das ägyptische Volk gespalten und aufgeregt durch
-einen Zwist zwischen dem unmündigen König Ptolemäos und seiner älteren
-Schwester <em class="gesperrt">Kleópatra</em>, die ihm den Thron streitig machte. Cäsar
-befahl beiden Teilen ihre Heere zu entlassen, und entschied dann zu
-gunsten der schönen Kleopatra, die ihn durch ihre verführerischen
-Reize geblendet hatte. Da brach plötzlich, durch die Ratgeber des
-Königs, Potheinos und Achillas, angestiftet, ein gewaltiger Aufstand
-in Alexandria aus, gegen den sich Cäsar mit den wenigen Truppen, die
-er mitgebracht, kaum zu behaupten vermochte. Er zog sich vor der
-Übermacht in das Brucheion, den schönsten und festesten Teil der Stadt,
-zurück. Hier bestand er, von jeder Verbindung mit Rom und den Provinzen
-abgeschnitten, unter der größten Bedrängnis neun Monate lang den Kampf
-gegen die empörte, vielmal überlegene Menge der Feinde. Um sich den
-Zugang zum Meere zu öffnen, verbrannte er die ägyptische Flotte im
-alexandrinischen Hafen, weil er nicht hoffen konnte sie zu erobern.
-Der Brand ergriff aber auch das Brucheion selbst, und die Hälfte jener
-berühmten alexandrinischen Bibliothek, die sich hier befand, ward ein
-Raub der Flammen. Während dieses traurige Schauspiel die Aufmerksamkeit
-der Einwohner beschäftigte, besetzte Cäsar die kleine Insel Pharos,
-die vor dem Hafen lag und den berühmten Turm, der als eins der sieben
-Wunderwerke der alten Welt galt. Von da an drehte sich der Kampf um
-die Behauptung des Hafens. Die Ägyptier schnitten den Römern das
-Trinkwasser ab und leiteten Meerwasser in ihre Cisternen.<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> Um der Not
-abzuhelfen, ließ Cäsar neue Brunnen graben. Bald aber geriet auch die
-Insel Pharos, die durch einen Damm mit dem Brucheion zusammenhing,
-in die Hände der Feinde. Vergebens suchte Cäsar sie wiederzunehmen.
-Er wurde zurückgeschlagen und kam dabei selbst in Lebensgefahr. Denn
-als er vom Damm in ein Schiff sprang, drohte dieses wegen Überfüllung
-zu sinken. Da sprang er ins Meer und schwamm unter einem Pfeilregen
-einige hundert Schritte weit nach einem andern Schiffe, wobei er mit
-der einen Hand wichtige Schriften emporhielt, um sie nicht vom Wasser
-verderben zu lassen, und erreichte glücklich das Ufer. Endlich kam
-die langersehnte Hilfe, die ihm Mithridates, ein angeblicher Sohn
-des Königs dieses Namens, aus Kleinasien und Syrien zuführte. Dieser
-eroberte Pelusion; der König Ptolemäos wurde geschlagen und ertrank auf
-der Flucht im Nil. Nun ergab sich Alexandria dem Sieger (47); Kleopatra
-ward zwar als Königin von Ägypten anerkannt, das Land aber von einem
-römischen Heer besetzt gehalten.</p>
-
-<p>Bevor jedoch Cäsar nach Rom zurückkehrte, mußte er noch einen Feldzug
-gegen <em class="gesperrt">Phárnakes</em>, den Sohn des großen Mithridates, unternehmen.
-Dieser hatte, unzufrieden mit dem kleinen Königreiche, das ihm
-Pompejus gelassen, das väterliche Reich wieder erobert und gegen
-alle Römer grausam gewütet. Cäsar brach mit einer Legion gegen ihn
-auf; durch Syrien und Cilicien gelangte er nach Pontus, wo er den
-listigen Pharnakes überfiel und ihm in der entscheidenden Schlacht bei
-<em class="gesperrt">Ziéla</em> eine vollständige Niederlage beibrachte (47). Er selbst
-war von seinem schnellen Sieg so überrascht, daß er an seine Freunde
-in Rom die berühmten Worte schrieb: „Ich kam, sah, siegte!“ (<span class="antiqua">Veni,
-vidi, vici.</span>) Pharnakes verlor alle Besitzungen und bald darauf
-durch einen treulosen Diener das Leben.</p>
-
-<p>Jetzt erst kehrte Cäsar nach Rom zurück, wo seine Gegenwart dringend
-notwendig war, da ein unruhiger Volkstribun einen Aufstand verursacht
-hatte, der vielen Bürgern das Leben kostete. Cäsar stellte sogleich
-die Ruhe wieder her und überhäufte seine Anhänger mit Ehrenstellen
-und Belohnungen, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Afrika, wo
-sich die Anhänger des Pompejus gesammelt und eine bedeutende Macht an
-sich gezogen hatten. Noch war er mit den Rüstungen zu diesem Kriege
-beschäftigt, als eine Meuterei unter seinen Legionen ausbrach. Diese
-standen in Capua und warteten<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> mit Ungeduld auf ihren Abschied,
-sowie auf die Belohnungen, die er ihnen versprochen hatte. Als er
-ihnen noch größere Belohnungen versprechen ließ, wenn sie ihm nach
-Afrika folgen wollten, empörten sie sich und brachen in ihrer Wut
-nach Rom auf, um sich ihren Lohn mit Gewalt zu holen. Nachdem sie auf
-dem Marsfelde angekommen waren, trat Cäsar unerwartet unter sie und
-fragte sie mit fester Stimme, was sie wollten. „Unsere Entlassung“,
-riefen sie. „Ihr sollt sie haben“, antwortete er, „und auch die
-versprochenen Geschenke, wenn ich an der Spitze anderer Legionen
-gesiegt habe und sie zum Triumphe nach Rom führe.“ Hiermit entfernte
-er sich und überließ die Bestürzten dem quälenden Gedanken, daß nun
-andere an ihrer statt Ruhm und Lohn neuer Siege ernten würden. Doch
-noch einmal wandte er sich an sie, aber nun nicht mehr mit der Anrede
-„Kameraden“ (<span class="antiqua">commilitones</span>), sondern mit der Anrede: „Bürger!“
-(<span class="antiqua">Quirītes</span>). Da riefen alle, sie seien keine Bürger sondern
-Soldaten, und baten ihn sie nach Afrika zu führen.</p>
-
-<p>In Afrika bestand die Macht der Pompejaner aus zehn Legionen,
-20000 afrikanischen Reitern und 120 Elefanten; dazu kamen noch
-die Hilfstruppen des mit ihnen verbundenen Königs <em class="gesperrt">Juba</em> von
-Numidien. Dieser furchtbaren Macht konnte Cäsar nur sechs Legionen
-und 2000 Reiter entgegenstellen, mit denen er noch in demselben Jahre
-(47) von Sicilien aus unter Segel ging, um seine Gegner, die ihn in
-der ungünstigen Jahreszeit nicht erwarteten, zu überraschen. Die
-Herbststürme jedoch zerstreuten seine Flotte, und er selbst erreichte
-nur mit 3000 Mann zu Fuß und 150 Reitern die afrikanische Küste. Als
-er in der Nähe von Adrumetum landete, fiel er dabei zur Erde, aber
-mit gewohnter Geistesgegenwart rief er aus: „Ich halte dich, Afrika!“
-und verwandelte dadurch die schlimme Vorbedeutung, die seine Soldaten
-leicht in diesem Falle hätten sehen können, in eine gute. Bald auch
-fand sich die ganze Flotte wieder bei ihm ein, sodaß er im Anfang des
-Jahres 46 mit 15000 Mann einen Streifzug ins Innere unternehmen konnte.
-Da wurde er plötzlich von Labiēnus, der einst in Gallien sein bester
-und erfolgreichster Legat gewesen, und von Petrejus, den er vorher
-in Spanien besiegt und verschont hatte, mit einer solchen Übermacht
-angegriffen, daß er nur durch einen geschickt geleiteten Rückzug einer
-völligen Niederlage entging. Nicht lange darauf aber nötigte er seine
-Gegner zu<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> der entscheidenden Schlacht bei <em class="gesperrt">Thapsus</em>, welche mit
-der gänzlichen Vernichtung des pompejanischen Heeres endigte (46).</p>
-
-<p>Unter den Häuptern der pompejanischen Partei, die bei Thapsus besiegt
-wurde, nahm der edle <em class="gesperrt">M. Porcius Cato</em>, ein Urenkel jenes Cato,
-der die Zerstörung Karthagos zu fordern pflegte, den ersten Rang ein.
-Nach der Schlacht bei Pharsalos war er nach der Provinz Afrika gegangen
-und hatte dort die Verteidigung der Hauptstadt Utĭca übernommen. Als
-Cäsar heranzog, um durch die Eroberung dieser Stadt den Krieg zu
-beendigen, suchte er anfangs die Einwohner zum Widerstande zu bewegen.
-Da er aber sah, daß sie in ihren Meinungen geteilt waren, so änderte
-er seinen Plan. Zunächst war er vielen Senatoren mit Geld und Schiffen
-zur Flucht behilflich; ja, er riet sogar seinem eignen Sohn Marcus zur
-Flucht; dieser aber weigerte sich standhaft den Vater zu verlassen.
-Für ihn selbst hatte das Leben ohne den Bestand einer freien Republik
-keinen Wert mehr, und darum hielt er sich, nach den Grundsätzen der
-stoischen Lehre, deren eifriger Anhänger er war, für berechtigt sich
-selbst den Tod zu geben.</p>
-
-<p>Gegen Abend ging er ins Bad und nahm dann mit seinen Freunden ein Mahl
-ein. Nach dem Essen trank er mit seinen Gästen und unterredete sich
-mit ihnen über den Satz, daß nur der Weise wahrhaft frei sei. Diese
-Behauptung verteidigte er mit solcher Wärme, daß allen seine Absicht
-klar wurde. Es folgte eine ängstliche Stille. Kaum merkte dies Cato, so
-lenkte er das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Dann nahm er mit
-besonderer Herzlichkeit Abschied und begab sich in sein Schlafgemach.
-Hier las er den Phädon, eine Schrift des griechischen Weisen Plato,
-welche von der Unsterblichkeit der Seele handelt und zugleich den Tod
-des edlen und weisen Sokrates schildert, zweimal durch, und wollte dann
-nach seinem Schwerte greifen. Er fand es aber nicht, denn sein Sohn
-hatte es heimlich entfernt. Er forderte es mit Ungestüm und ließ nicht
-eher ab, bis man es ihm brachte. Ohne sich an die Bitten und Tränen der
-Seinigen zu kehren, rief er: „Nun bin ich Herr über mich!“ entließ die
-Weinenden, las noch und schlief dann bis Mitternacht. Dann erkundigte
-er sich, ob seinen Freunden die Flucht gelungen sei. Auf die Nachricht,
-daß sie alle entkommen seien, verschloß er die Tür, stürzte sich in
-sein Schwert und fiel zu Boden, wobei er einen Tisch mit umriß. Auf das
-Geräusch eilten die Seinen herbei<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> und verbanden seine Wunde; er aber,
-wieder zu sich gekommen, riß sie wieder auf und starb an Verblutung.</p>
-
-<p>Als Cäsar bei seinem Einzug in Utica, welches ihm die Tore öffnete,
-Catos Tod vernahm, sagte er mit aufrichtigem Schmerz: „Cato, ich
-mißgönne dir deinen Tod, weil du mir deine Erhaltung nicht gegönnt
-hast!“ Auch verzieh er dem jungen Cato und ließ ihm das väterliche
-Vermögen. Catos Beispiel folgend gaben sich auch Metellus, Scipio, Juba
-und Petrejus den Tod. Labienus aber und Sextus Pompejus verzweifelten
-noch nicht, sondern flohen nach Spanien, um dort den Krieg zu erneuern.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Caesars_fernere_Taten_und_Tod"><b>4. Cäsars fernere Taten und Tod.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Als Cäsar nach Rom zurückgekehrt war, wetteiferten der Senat und das
-ihm ergebene Volk, ihn mit den höchsten Ehren und Würden zu überhäufen.
-Die Diktatur, mit welcher die unumschränkte Macht über den ganzen
-Staat verbunden war, wurde ihm auf zehn Jahre übertragen; auf goldenem
-Sessel saß er neben den Konsuln, und 72 Liktoren, sechsmal mehr als
-den Konsuln, schritten ihm voran, so oft er sein Haus verließ. Für
-seinen Sieg bei Thapsus ordnete der Senat ein vierzigtägiges Dankfest
-an, und seine Siege über Gallien, Ägypten, Pontus und Afrika feierte
-Cäsar durch einen vierfachen Triumph. Neben dem Tempel der Fortuna,
-der Göttin des Glücks, brach, ein schlimmes Vorzeichen, die Achse
-seines Triumphwagens, und er mußte einen andern besteigen, dann stieg
-er die Stufen des Jupitertempels auf den Knieen hinauf. Bei dieser
-Gelegenheit legte er die Kriegsbeute über 200 Millionen Mark an Gold
-und 2822 goldene Kränze im Werte von mehr als 15 Millionen Mark in den
-öffentlichen Schatz. Seinen Feinden verzieh er großmütig und bewies
-überall die größte Milde. Bei dem öffentlichen Festmahle, das er gab,
-wurde das Volk an 22000 Tischen aufs köstlichste bewirtet, wobei sogar
-die bei den Römern so beliebte Fischart der Muränen und die berühmten
-Falerner- und Chierweine nicht fehlten. Außer dieser allgemeinen
-Speisung beschenkte er noch 50000 arme Bürger mit Getreide und Öl und
-je 60 Mark an Geld. Von seinen Kriegern bekam jeder gemeine Soldat 3000
-Mark, ein Hauptmann das Doppelte, ein Oberst das Dreifache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span></p>
-
-<p>Während Cäsar noch damit beschäftigt war durch eine Reihe von Gesetzen
-und Anordnungen die Ruhe und Ordnung des tief erschütterten Staates
-herzustellen, rief ihn die Besorgnis vor der drohenden Macht der
-Pompejaner in <em class="gesperrt">Spanien</em> zu neuem Kampfe ab. Dort hatten Gnaeus und
-Sextus, die Söhne des großen Pompejus, wieder ein Heer von dreizehn
-Legionen gesammelt. Cäsar zog mit acht Legionen gegen diese letzten
-Verteidiger der Republik, und bei der Stadt <em class="gesperrt">Munda</em> kam es zu dem
-erbittertsten und blutigsten Kampf dieses ganzen Bürgerkrieges (45).
-Schon schwankten seine Legionen und das Glück schien ihn zu verlassen;
-schon focht er, wie er später gestand, mehr um sein Leben als um den
-Sieg. Da sprang er vom Pferde und warf sich, entblößten Hauptes um von
-den Seinigen erkannt zu werden, und mit den Worten: „Wollt ihr mich
-diesen Knaben überliefern?“ in die vordersten Reihen. So hitzig focht
-er, daß viele unter seinen Streichen sanken und sein Schild von mehr
-als hundert Geschossen durchbohrt wurde, bis er mit seiner zehnten
-Legion und seiner Reiterei das Gleichgewicht wieder herstellte. Schon
-neigte sich der Tag, und die Schlacht war noch unentschieden, als Cäsar
-bemerkte, wie der pompejanische Anführer Labiēnus fünf Kohorten zum
-Schutze seines Lagers absandte, und im Augenblick rief er: „Seht, die
-Feinde fliehen!“ Dies glückliche Wort, das schnell durch die Reihen
-lief, erhöhte den Mut der Seinen so sehr, daß sie mit hellem Siegesrufe
-vordrangen und die Pompejaner, bestürzt durch die plötzliche Wendung,
-nun wirklich die Flucht ergriffen. Nun erst begann, wie gewöhnlich in
-jenen Zeiten, das eigentliche Gemetzel unter den aufgelösten Scharen
-der Besiegten. Über 33000 Erschlagene bedeckten das Schlachtfeld.
-Gnaeus Pompejus fiel auf der Flucht, als er eben die Küste erreicht
-hatte und Spanien verlassen wollte. Nur sein Bruder Sextus, der der
-Schlacht nicht beigewohnt hatte, blieb allein von den Häuptern der
-pompejanischen Partei am Leben.</p>
-
-<p>Dieser Sieg machte dem Bürgerkrieg, der 170000 Menschen hingerafft
-hatte, ein Ende. Als Cäsar nach Rom zurückkehrte, überhäufte ihn der
-Senat mit neuen Ehren, wie sie noch nie einem Römer zuteil geworden
-waren. Er erhielt den Titel Imperator oder Oberbefehlshaber der
-gesamten Kriegsmacht, und dieser Titel wurde ihm auf Lebenszeit
-beigelegt und sollte auch auf seine Nachkommen forterben können;
-ebenso ward er<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> auf zehn Jahre Konsul, auf Lebensdauer Diktator,
-„Vater des Vaterlandes“, „Befreier“ ward er genannt, und unter einem
-der zahlreichen Standbilder, die man ihm errichtete, war geschrieben:
-„Dem unbesiegten Gotte“. So war er denn in Wahrheit Alleinherrscher
-des römischen Reiches, wenn ihm auch dieser Name fehlte, und als
-solcher suchte er die Erinnerung an die Zeit der freien Republik im
-Volke allmählich auszulöschen, und die Amtswürden des herrschenden
-Adels sanken zu bloßen Titeln herab. Er vermehrte den Senat auf 900
-Mitglieder, von denen er die Hälfte selbst ernannte; bei der Wahl der
-andern Hälfte nahm das Volk auf seine Vorschläge Rücksicht. Auch ein
-neues Forum legte er an, und errichtete daselbst der Venus Victrix, der
-„siegreichen Venus“, die er als Stammmutter seines Geschlechts ausgab,
-einen herrlichen Tempel. Auf die Einweihung dieses Tempels folgten
-glänzende Volksspiele: in einem künstlichen See wurden Schiffsgefechte
-geliefert, im Circus wurden 400 Löwen gejagt, wilde Stiere erlegt und
-endlich eine förmliche Landschlacht dargestellt.</p>
-
-<p>Um die Verwaltung des Staates und der Provinzen, die von Grund auf
-neu zu ordnen war, erwarb Cäsar sich große Verdienste. Neben vielen
-anderen Gesetzen dieser Art ist besonders zu nennen die gründliche
-Verbesserung des römischen <em class="gesperrt">Kalenders</em>, die er mit Hilfe des
-alexandrinischen Mathematikers Sosígenes durchführte. Es war darin eine
-solche Verwirrung eingerissen, daß damals die Abweichung der Monats-
-und Tagesrechnung von der wahren Zeit bereits 67 Tage betrug und sich
-die Feste um ebensoviel Tage aus ihrer ursprünglichen Lage verschoben.
-Die Ursache lag darin, daß man sich dabei nicht nach dem Laufe der
-Sonne und der Dauer des Sonnenjahres, sondern nach den Mondumläufen
-richtete, deren zwölf ein Jahr von 354 anstatt von 365 Tagen ergaben.
-Und doch hatten schon längst die Ägyptier das Jahr nach dem Sonnenlaufe
-auf 365 Tage 6 Stunden festgesetzt, während die Griechen und Römer
-noch immer ihre Jahresrechnung auf den Mondlauf gründeten und dadurch
-zu ungleichen Einschaltungen genötigt waren. Der neue, dem ägyptischen
-nachgebildete Kalender, der nach seinem Urheber der <em class="gesperrt">julianische</em>
-genannt wird, machte allen diesen Ungleichheiten und Schwankungen ein
-heilsames Ende. Zwar war auch er noch nicht ganz der wirklichen Zeit
-entsprechend. Denn indem er dem<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> Jahre 365 Tage und jedem vierten Jahre
-mit einem Schalttage 366 gab, wich er von der wahren Jahreslänge des
-Sonnenumlaufs um ein Zuviel von mehreren Minuten ab, ein Fehler, der
-im Laufe der folgenden Jahrhunderte auf etwa 10 Tage anwuchs und erst
-durch den gregorianischen Kalender (1582 n.&nbsp;Chr.) ausgeglichen wurde.
-Auch verlegte Cäsar den Anfang des Kalenderjahres vom 1. März auf den
-1. Januar. Die Namen der römischen Monate behielt er bei, nur daß durch
-Senatsbeschluß der bisherige Quinctīlis dem Cäsar zu Ehren fortan
-Julius genannt wurde.</p>
-
-<p>Doch so sehr auch Cäsar seine Feinde durch Milde und Gnade gewonnen
-zu haben glaubte, so große Verdienste er sich um die Vergrößerung und
-den Ruhm des Staates erworben hatte, so vermochte er doch nicht den
-tiefen Haß aller derjenigen zu versöhnen, welche bisher gewohnt waren
-den Staat zu regieren und zu ihren Vorteilen auszubeuten. Auch schonte
-er nicht in allem seinem Tun die ehrwürdigen alten Überlieferungen
-der Republik, an denen das Volk mit zäher Beharrlichkeit hing. Nicht
-zufrieden mit königlicher Macht, strebte er auch nach dem königlichen
-Titel und beleidigte das Volk durch die Äußerung, daß die Republik
-nur ein leerer Name sei. Seine Freunde beeiferten sich ihm den Titel
-„König“ zu verschaffen, der den Römern seit der Vertreibung der Könige
-ein Gegenstand des Abscheus war. Einst bekränzten sie heimlich seine
-Bildsäule mit dem Diadem, aber die Tribunen rissen es ab und schickten
-die Täter unter dem Beifall des Volkes ins Gefängnis. Ein anderes
-Mal mischten einige in den Zuruf des Volkes den Königsgruß, aber die
-Menge stimmte nicht ein, und Cäsar mußte erklären, er heiße Cäsar,
-nicht König. An einem Fest trat einst sein Mitkonsul <em class="gesperrt">Antonius</em>
-mit einer Rede auf und wollte ihm dann eine Krone mit den Worten
-überreichen: „Dies sendet dir das römische Volk durch mich!“ aber das
-Volk brach in lautes Wehklagen aus, Cäsar wies das Geschenk zurück, und
-als Antonius fortfuhr ihm knieend das Diadem darzubieten, sagte er:
-„Nur Jupiter ist König!“ und schickte es auf das Kapitol.</p>
-
-<p>Wenn nun auch diese Versuche, den königlichen Titel zu erhalten,
-mißlangen, so war doch sein Streben nach der Königswürde unverkennbar.
-Die Furcht vor der Gewaltherrschaft eines Königs, Cäsars beleidigender
-Stolz gegen vornehme Römer, der Haß einzelner Großen, die seine
-unumschränkte<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> Macht nur mit tiefem Ingrimm ertrugen, brachten endlich
-eine Verschwörung zuwege, deren Zweck war den großen Diktator zu
-ermorden und die alte Ordnung wieder herzustellen.</p>
-
-<p>Der Plan zu diesem Morde entsprang aus dem finsteren Gemüte des
-<em class="gesperrt">Gajus Cassius</em>, der Cäsars Gnade das Leben verdankte. Er merkte
-aber bald, daß kein angesehener Mann seinem Anschlage beitreten werde,
-wenn nicht der damalige erste Prätor <em class="gesperrt">Marcus Brutus</em>, Cäsars
-Liebling, ein wegen seiner reichen Bildung und strenger Sinnesweise
-hochangesehener Mann, sich seinem Plane anschlösse. Diesen suchte er
-daher vor allem dafür zu gewinnen. Bald legte er Zettel auf seinen
-Prätorstuhl mit den Worten: „Brutus, du schläfst!“ &mdash; oder „Du bist
-wahrlich kein Brutus!“ Bald schrieb er an die Bildsäule des alten
-Brutus, der vorzeiten das Königtum gestürzt und die Freiheit begründet
-hatte (<a href="#Brutus_stuerzt_den_Koenig">S. 24</a>): „O daß du noch lebtest, oder daß von deinen Nachkommen
-einer dir gleich wäre!“ Lange blieb Brutus unentschlossen. Als er
-endlich der Verschwörung beitrat, wirkte sein Beispiel so mächtig, daß
-bald sechzig andere, teils begünstigte Freunde Cäsars, teils begnadigte
-Feinde, sich anschlossen. Es fehlte ihnen nur noch die Gelegenheit zur
-Ausführung ihres Planes, und diese bot ihnen Cäsar selbst.</p>
-
-<p>Damals, im Jahre 44, trug er sich mit dem großen Gedanken eines
-Kriegszugs gegen die Parther, um die noch nicht gesühnte Niederlage
-bei Karrhä (<a href="#Karrhae">S. 157</a>) an ihnen zu rächen und die Ostgrenzen des Reiches
-gegen diese mächtigen Feinde zu sichern. Sobald ihm dieses gelungen
-wäre, gedachte er längs den Küsten des kaspischen Meeres um den
-Kaukasus herum zu ziehen, in Skythien einzudringen und von da wieder
-westwärts durch die weiten Gebiete der Sarmaten, Daken, Germanen nach
-Italien zurückzukehren. Während er zu diesem Zuge die nötigen Anstalten
-traf, verbreiteten seine Freunde das Gerücht, daß nach einem Spruch
-der sibyllinischen Bücher (<a href="#sibyllinische_Buecher">S. 22</a>) die Parther nur von einem König
-besiegt werden könnten. Darum verlangten sie, daß Cäsar bloß in Italien
-Diktator heißen, in den Provinzen aber den Königstitel führen sollte.
-An den Iden des März (15. März, <span class="antiqua">idibus Martiis</span>, denn <span class="antiqua">idus</span>
-hieß nach römischem Sprachgebrauch der 15. oder 13. Tag eines Monates),
-sollte über diese Frage im Senate verhandelt werden, und so beschlossen
-denn die Verschworenen<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> ihn an diesem Tage in der von Pompejus gebauten
-Kurie (Ratshalle), wohin der Senat berufen war, zu ermorden.</p>
-
-<p>Vergebens warnten ihn drohende Anzeichen. Man fand, wie erzählt wird,
-eine alte eherne Tafel mit einer griechischen Inschrift, die auf
-seinen gewaltsamen Tod deutete; in der Nacht vor dem Morde gaben die
-heiligen Schilde auf dem Kapitol einen klingenden Ton; Cäsars Pferde
-wollten nicht fressen, und in den Tieren, die er opferte, fand sich
-kein Herz. Der Seher Spurinna warnte ihn gerade vor den Iden des
-Märzes. Doch Cäsars großes Herz war der Furcht und Sorge um sein Leben
-verschlossen. Am Abend des 14. März speiste er bei Lépidus, der als
-„Reiteroberst“ (<span class="antiqua">magister equitum</span>) dem Diktator als Gehilfe
-zur Seite stand. Während er dort einige Briefe unterschrieb, warf
-einer von den Gästen die Frage auf, welcher Tod der beste sei. Cäsar
-antwortete schnell: „Der unerwartete.“ Die Nacht darauf verbrachte er
-in großer Unruhe. Aufgeschreckt durch ein plötzliches Geräusch sah er
-bei hellem Mondlicht die Türen seines Gemachs von selbst geöffnet und
-hörte seine Gemahlin Calpurnia im Schlafe wehklagen. Ihr träumte, man
-hätte ihren Gemahl ermordet, und sie halte den Toten weinend in ihren
-Armen. Als der Morgen kam, bat sie, erschreckt durch diesen Traum,
-ihren Gemahl inständig zu Hause zu bleiben. Cäsar war bereit ihren
-Bitten zu willfahren, und gab schon dem Konsul Antonius den Auftrag den
-versammelten Senat wieder zu entlassen.</p>
-
-<p>Inzwischen warteten bereits in der Kurie des Pompejus die
-Verschworenen, mit versteckten Dolchen bewaffnet, ungeduldig ihres
-Opfers, und besorgten schon, da Cäsar nicht kam, ihr Geheimnis wäre
-verraten. Sie schickten daher den <em class="gesperrt">Décimus Brutus</em>, einen
-vertrauten Freund Cäsars, um sich nach der Ursache seines Säumens zu
-erkundigen. Cäsar erzählte ihm Calpurnias Traum. Aber Brutus stellte
-ihm vor, wie unklug es sei, seine Ernennung zum König verschieben zu
-wollen, bis ein Weib bessere Träume habe, und zog ihn an der Hand mit
-sich fort.</p>
-
-<p>Noch hätte Cäsar dem Tode entgehen können, denn selbst auf dem Wege
-nach der Kurie wurde er auf mannigfache Art gewarnt. Kaum hatte er sein
-Haus verlassen, so drängte sich Artemidōros, ein gelehrter Grieche,
-zu ihm heran und überreichte ihm eine Schrift, in der die ganze
-Verschwörung entdeckt war. „Lies diese Schrift“, sprach er eifrig,
-„lies sie<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> sogleich, sie enthält wichtige Dinge, die dich betreffen.“
-Cäsar versuchte sie zu lesen, aber das Gedränge der Menschen um ihn
-her war zu groß; ungelesen nahm er die Schrift mit in die Kurie. Nicht
-mehr weit davon sah er den Spurinna und rief ihm lachend zu: „Die Iden
-des Märzes sind gekommen!“ &mdash; „Aber sie sind noch nicht vorüber“,
-antwortete Spurinna. Ohne sich an das Wort zu kehren, ging Cäsar in
-die Kurie. An der Tür wurde er noch durch ein Bittgesuch aufgehalten,
-dann schritt er sorglos zu seinem goldenen Sessel, der am Fuße der
-Bildsäule des Pompejus stand. Alle Verschworenen standen auf, um ihn
-zu empfangen; nur Trebonius stand am Eingang der Kurie, um den Konsul
-<em class="gesperrt">Marcus Antonius</em>, den treuesten und kühnsten Anhänger Cäsars,
-von dessen Körperkraft und Geistesgegenwart alles zu befürchten war,
-zurückzuhalten.</p>
-
-<p>Kaum hatte sich Cäsar auf seinen Sessel niedergelassen, so drängten
-sich die Verschworenen an ihn heran. Voran stand Tullius <em class="gesperrt">Cimber</em>,
-um von Cäsar die Begnadigung seines verbannten Bruders zu erbitten.
-Die Verschworenen unterstützten sein Gesuch. Cäsar aber, unwillig
-über ihren zudringlichen Eifer, verwies sie auf eine andere Zeit. Da
-ergriff Cimber die Toga Cäsars und riß sie ihm von den Schultern.
-„Das ist ja Gewalt!“ schrie Cäsar. In demselben Augenblick stieß der
-hinter seinen Stuhl getretene <em class="gesperrt">Casca</em> mit dem Dolche nach seinem
-Hals, verwundete ihn aber nur leicht. „Verruchter Casca, was machst
-du?“ ruft Cäsar und durchbohrt mit seinem silbernen Schreibgriffel des
-Mörders Arm; aber im Nu stoßen ihm alle Verschworenen ihre Dolche mit
-solcher Wut in den Leib, daß mehrere von ihnen sich selbst an der Hand
-verwundeten. Als Cäsar auch den Marcus Brutus unter den Mördern sieht,
-ruft er klagend aus: „Auch du, mein Sohn!“ und nun sagt er kein Wort
-mehr, sondern verhüllt sein Haupt und gibt sich ohne Widerstand allen
-Stößen preis. Von 23 Wunden durchbohrt, von denen aber nur eine tödlich
-war, sank er an der Bildsäule des Pompejus nieder (44).</p>
-
-<p>Überrascht und entsetzt von dem schaudervollen Auftritt flohen die
-Senatoren auseinander. Brutus wollte sie anreden, aber niemand hörte
-auf ihn. Auch das Volk, unter das die Mörder mit dem Rufe der Freiheit
-traten, floh bestürzt. Eine Zeitlang lag der Ermordete allein in
-seinem Blute, bis ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> drei Sklaven in einer Sänfte in die Wohnung der
-Calpurnia trugen.</p>
-
-<p>In Cäsar ging der größte Mann unter, den Rom je hervorgebracht hatte.
-Er war als Feldherr, Staatsmann und Gesetzgeber ohnegleichen, aber
-auch hervorragend als Redner, Geschichtsschreiber, Sprachforscher,
-Mathematiker und Architekt. Auch seine Persönlichkeit und Haltung ließ
-den geborenen Herrscher erkennen. Seinen von Natur etwas schwächlichen
-Körper hatte er so abgehärtet, daß er an Ausdauer keinem seiner
-Krieger nachstand. Er ertrug Hitze und Kälte, Hunger und Durst und
-alle Beschwerden und Anstrengungen des Krieges. In allen Leibesübungen
-zeichnete er sich aus und suchte als Reiter, Schwimmer und Fechter
-seinesgleichen. Seine Soldaten, denen er in jeder Hinsicht als Muster
-vorleuchtete, verehrten ihn mit abgöttischer Liebe und Treue.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXVIII_Der_dritte_Buergerkrieg"><span class="s4">XXVIII.</span><br />
-
-<b>Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar Octavianus.</b></h3>
-
-</div>
-
-<p>Nachdem die Verschworenen die blutige Tat vollbracht hatten, waren sie
-durchaus ratlos, was sie nun weiter tun sollten. Sie hatten geglaubt,
-das Volk würde ihrem Werke der Befreiung zujubeln, begegneten aber fast
-überall einer feindlichen oder gleichgültigen Stimmung. Denn Cäsar
-hatte die Menge durch den Glanz seiner Taten und seine freigebige
-Großmut für sich gewonnen, und die „Freiheit“, welche Brutus und seine
-vornehmen Genossen gegen Cäsar zu verteidigen schienen, war in Wahrheit
-nur das bisherige Regiment der Großen und Reichen. Bald sollten die
-Mörder erfahren, daß sie einen milden Herrscher mit einem furchtbaren
-Tyrannen vertauscht hatten.</p>
-
-<p>Der Konsul <em class="gesperrt">Antonius</em>, ein entschiedener Anhänger Cäsars, der
-sich in der ersten Bestürzung versteckt hatte, trat nun hervor und
-beschloß die Rolle des Herrschers, die Cäsar gespielt hatte, selber
-weiter fortzuführen Er bemächtigte sich heimlich des öffentlichen
-Schatzes und erhielt von Calpurnia, der Gemahlin des Gemordeten, dessen
-schriftlichen Nachlaß. In einer Senatssitzung, der auch Antonius
-beiwohnte, wurde<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> zwar den Mördern Verzeihung bewilligt, aber auch
-beschlossen, daß Cäsars Anordnungen fortbestehen sollten. In einer
-zweiten Sitzung wurden sogar den Häuptern der Verschwörung nach einer
-Anordnung, die Cäsar selbst schon getroffen hatte, die ihnen bestimmten
-Provinzen zugewiesen: Marcus Brutus erhielt Makedonien, Decimus Brutus
-das cisalpinische Gallien, und Cassius Syrien.</p>
-
-<p>Bisda hatte Antonius seine herrschsüchtigen Absichten mit großer
-Schlauheit verborgen; nun aber trat er offener auf, und bei der
-Leichenfeier Cäsars offenbarte er, was die Mörder von ihm zu erwarten
-hatten. Um das Volk gegen diese aufzubringen, machte er zuerst das
-Testament Cäsars bekannt, in dem er dem Volke seine großen parkartigen
-Gärten jenseits der Tiber zu allgemeinem Gebrauch und jedem einzelnen
-Bürger 45 Mark vermachte. Dann folgte die Leichenfeier, die den Abscheu
-des Volkes gegen die Mörder, die ihm seinen Wohltäter entrissen hatten,
-auf den höchsten Grad steigern sollte.</p>
-
-<p>Auf einem Gerüste, neben der Rednerbühne auf dem Forum, stand
-eine vergoldete Kapelle, eine Nachbildung des von Cäsar erbauten
-Venustempels; innerhalb der Kapelle, deren Dach auf Säulen ohne Wände
-ruhte, war ein mit Elfenbein ausgelegtes, mit Purpurteppichen bedecktes
-Ruhebett sichtbar. Auf dieses wurde nach vollendetem Trauerzuge der
-Sarg mit der Leiche, unter dem Wehklagen des Volkes und der Soldaten
-Cäsars, niedergesetzt. Sodann hielt Antonius eine Rede, worin er
-Cäsars unsterbliche Taten und Verdienste um Reich und Volk mit
-überschwenglichen Worten pries, und dann den an ihm verübten greulichen
-Mord in grellen Farben schilderte, und zugleich, die Augen voll
-Tränen, das blutige, von Dolchstichen zerstoßene Gewand des Ermordeten
-emporhob. Dabei stieg ein aus Wachs verfertigtes Bild Cäsars mit den
-23 Wunden, unter denen die entstellende Wunde des Gesichts und die
-tödliche Brustwunde besonders auffielen, aus dem Sarg in die Höhe.</p>
-
-<p>Bei diesem Anblick verwandelte sich das Wehklagen des Volkes in helle
-Wut gegen die Mörder, und man hätte sie zerrissen, wenn sie sich nicht
-rechtzeitig entfernt hätten. Als dann das Leichengerüst angezündet
-wurde, warf jedermann, was ihm an Geräten, Waffen und Schmuck zur Hand
-war, in das Feuer, das dadurch so gewaltig um sich griff, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> ein Haus
-in der Nähe in Brand geriet, und eine Feuersbrunst mit Mühe verhütet
-ward. Kaum konnte Antonius das wütende Volk zurückhalten, das mit
-Fackeln durch die Straßen der Stadt tobte und die Häuser der Mörder
-anzünden wollte.</p>
-
-<p>Als Antonius das Volk für sich gewonnen hatte, brachte er es bald
-dahin, daß ihm der Senat eine Schutzwache bewilligte, die er selbst auf
-6000 Mann vermehrte. Im Vertrauen auf diesen Schutz gab er, angeblich
-aus dem Nachlaß Cäsars, eine Verordnung nach der andern heraus, um
-sich Anhänger und besonders Geld zu verschaffen. Er verkaufte Ämter
-und Würden, verhandelte Königreiche und wußte sich dadurch Geld
-in solcher Menge zu verschaffen, daß er und <em class="gesperrt">Fulvia</em>, seine
-schändliche Gemahlin, zuletzt das Geld nicht mehr zählten, sondern in
-Masse abwogen. Den Mördern Cäsars nahm er ihre Provinzen, indem er
-Makedonien, das Marcus Brutus hatte, für sich nahm und Syrien, das dem
-Cassius bestimmt war, dem Dolabella gab.</p>
-
-<p>Doch auch gegen Antonius erhob sich bald ein Nebenbuhler, der
-schließlich den Sieg über ihn davontragen sollte.</p>
-
-<p>Dies war der junge <em class="gesperrt">Octavius</em>, der damals zu Apollonia in Illyrien
-sich aufhielt, wo ein Teil der Truppen stand, die Cäsar für den
-parthischen Krieg bestimmt hatte, und mit denen er an dem Feldzuge
-teilnehmen sollte. Als Enkel von Cäsars jüngerer Schwester Julia war
-er im Testamente Cäsars, seines Großoheims, der keinen eigenen Sohn
-hinterlassen, an Sohnes Statt angenommen und zum Haupterben eingesetzt.
-Er nannte sich deshalb fortan <em class="gesperrt">Gajus Julius Cäsar Octavianus</em>.</p>
-
-<p>Nach dem Tode Cäsars eilte er nach Italien, um sein Erbe anzutreten.
-Vor den Toren Roms strömten ihm die Freunde und Anhänger Cäsars
-entgegen. Ein farbiger Ring, der in dieser Stunde die Sonne umgab,
-ward als ein Zeichen seiner aufgehenden Größe gedeutet. Aber seine
-Lage war schwierig. Auf der einen Seite drohte ihm die Feindschaft
-der Mörder, die in ihm den Rächer ihrer Freveltat fürchteten, auf
-der anderen sperrte ihm die gewalttätige Herrschaft des Antonius den
-Weg zur höchsten Gewalt. Aber der achtzehnjährige Jüngling verfolgte
-gleich von Anfang an mit ungewöhnlicher Klugheit und Selbstbeherrschung
-das Ziel, das er sich steckte, Rache an den Mördern und Besitznahme
-der ersten Stelle im Staate. Er suchte deshalb zunächst eine enge
-Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>bindung mit Antonius. Er verlangte von ihm die Herausgabe des
-Geldes, das Cäsar hinterlassen, um es nach den Bestimmungen des
-Testamentes unter die Bürger zu verteilen. Dies verweigerte Antonius
-unter allerlei Vorwänden, und behandelte überhaupt den „jungen
-Menschen“ mit hochfahrendem Stolze und Geringschätzung. Octavianus,
-obgleich tief erbittert, vermied es mit dem Gewaltigen zu brechen. Er
-ließ seine väterlichen Güter versteigern und zahlte aus dem Ertrag
-die Vermächtnisse aus, mit denen Cäsar das Volk bedacht hatte. Die
-Folge davon war, daß, während sich Antonius beim Volke verhaßt machte,
-Octavianus in dessen Gunst stieg, zumal da er nun auch der Menge
-kostbare Spiele gab. Während dieser Spiele zeigte sich sieben Tage lang
-am Himmel ein Komet, den Cäsars Partei als seinen Geist deutete, der
-unter die Götter versetzt sei.</p>
-
-<p>Während Antonius den Senat mit steigender Anmaßung und trotzigem
-Übermut behandelte, bewies ihm der schlaue Octavianus die größte
-Ehrerbietung. Unter den alten Soldaten Cäsars hatte er viele Anhänger,
-die zu Tausenden seinen Fahnen zuströmten. An der Spitze dieser Truppen
-gelang es ihm den Antonius aus Rom zu verdrängen. Dieser ging, nach dem
-Ablauf seines Konsulates, in das diesseitige Gallien, welche Provinz er
-dem Decimus Brutus entreißen wollte; aber von den beiden neuen Konsuln
-und Octavianus bei Mútina (Módena) geschlagen, mußte er ins jenseitige
-Gallien fliehen (43).</p>
-
-<p>Als die nächste Sorge vor Antonius vorüber war, glaubte der Senat den
-Octavianus entbehren zu können und begann ihn mit Kälte zu behandeln.
-Aber dieser wandte sich an seine treuen Legionen und stellte ihnen vor,
-daß ihnen in Rom der Lohn ihrer Taten verweigert würde. Da sandten
-die Truppen aus ihrer Mitte Abgeordnete an den Senat und forderten
-für Octavianus das Konsulat. Als man dies abschlug, rief einer der
-Abgeordneten, an sein Schwert schlagend: „Dieses wirds ihm geben!“
-worauf Cicero erwiderte: „Wenn das bitten heißt, so wird man es ihm
-gewähren müssen.“ Nach dieser Weigerung des Senats rückte Octavianus
-mit acht Legionen gegen Rom vor, wo das Volk ihn mit Jubel aufnahm und
-der Senat sich in alle seine Forderungen fügen mußte. Seine Soldaten
-belohnte Octavianus aus dem öffentlichen Schatze; dann ließ er sich
-zum Konsul wählen und das Verbannungs<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>urteil über Cäsars Mörder
-aussprechen. Um aber nachdrücklich an ihnen Rache nehmen zu können,
-hielt er es für zweckmäßig sich wieder mit Antonius zu verbinden.</p>
-
-<p>Dieser hatte sich inzwischen in Gallien mit <em class="gesperrt">Lépidus</em> vereinigt
-und eine Macht von 23 Legionen und 10000 Reitern zusammengebracht.
-Octavianus zog beiden entgegen, und Antonius ergriff die dargebotene
-Hand zu einer Vereinigung. Sie wählten eine kleine Insel auf dem
-Flusse Rhenus, unweit Bononia (Bologna) zum Orte ihrer Zusammenkunft.
-Beide Parteien, Antonius und Lepidus einerseits und Octavianus
-anderseits, rückten mit fünf Legionen an die Ufer dieses Flusses und
-schlugen von beiden Seiten eine Brücke nach der Insel zu. Lepidus,
-ein gemeinschaftlicher Freund der beiden andern, ging zuerst hinüber,
-um ihre Sicherheit zu prüfen; dann kamen auf ein gegebenes Zeichen
-Octavianus und Antonius, jeder mit 300 Mann, herbei. Diese blieben
-am Ende der Brücken zurück; sie selbst aber gingen auf eine Anhöhe,
-wo sie von ihren beiderseitigen Heeren gesehen werden konnten. Als
-sie beisammen waren, durchsuchten sie erst ihre Kleider, aus Furcht,
-daß irgend einer einen Dolch bei sich tragen möchte. Dann setzten
-sie sich nieder, um den Plan ihres Bündnisses zu entwerfen. Die
-Verhandlung dauerte drei Tage. Endlich kam nach manchem heftigen
-Streit ein Vergleich zustande. Der erste Punkt desselben betraf die
-höchste Gewalt im Staate; diese sollten alle drei gemeinschaftlich
-fünf Jahre lang ausüben unter dem Titel „Triumvirn zur Einrichtung des
-Gemeinwesens“. Dann verteilten sie die Provinzen unter sich; Italien
-als das gemeinsame Mutterland und die morgenländischen Provinzen,
-die damals noch Brutus und Cassius innehatten, wurden von dieser
-Teilung ausgenommen. Die Abendländer aber wurden auf folgende Art
-verteilt: Octavianus bekam Afrika, Sicilien und Sardinien, Antonius das
-diesseitige und jenseitige Gallien, Lepidus Spanien und einen Teil des
-jenseitigen Galliens. Hierauf verteilten sie die Geschäfte unter sich.
-Octavianus und Antonius sollten jeder mit zwanzig Legionen vereinigt
-den Krieg gegen Cäsars Mörder, namentlich gegen Brutus und Cassius,
-führen, während Lepidus als Konsul des nächsten Jahres (42) mit drei
-Legionen Rom und Italien in Gehorsam halten sollte. Der vierte Punkt
-ihrer Verabredung betraf die Belohnung der Legionen. Die Triumvirn
-machten aus, daß, nach Beendigung des Kampfes<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> im Osten, achtzehn
-Städte in den reichsten und blühendsten Gegenden Italiens als Kolonien
-unter die Soldaten verteilt werden sollten, denen sie übrigens noch
-ansehnliche Geschenke baren Geldes versprachen. Zur Ausführung aller
-dieser Pläne brauchten sie unermeßliche Geldsummen, zu denen ihnen die
-Achtserklärung (Proskription) ihrer Gegner die Mittel liefern sollte.
-300 Senatoren und 2000 Ritter wurden von der Ächtung betroffen, von
-denen jeder Triumvir einen Teil vorschlug und dabei selbst seine
-eigenen Freunde und Anhänger dem Haß der beiden andern preisgeben
-mußte. Endlich verpflichteten sich die Triumvirn zur Erfüllung dieses
-Vertrages durch einen feierlichen Eid und kehrten mit ihren Legionen
-nach Rom zurück, wo alsbald die Ächtungen ihren Anfang nahmen.</p>
-
-<p>Überall in Italien wüteten Verrat und Mord; nur wenige der Geächteten
-retteten sich durch die Flucht, die meisten wurden von den Verfolgern
-ereilt, ihre Köpfe auf der Rednerbühne ausgestellt. Jedem Freien wurde
-der Kopf eines Verurteilten mit 12000, jedem Sklaven mit beinahe 6000
-Mark bezahlt; die Angeber erhielten den gleichen Lohn; der Tod traf
-den, der einen Geächteten verbarg. Die Schreckenszeit Sullas kehrte
-wieder, aber die Zahl der Opfer war noch größer.</p>
-
-<p>Unter den Opfern dieser Proskriptionen befand sich auch der große
-Redner <em class="gesperrt">Cicero</em>, der einst, zur Zeit der Verschwörung des
-Catilina, sein Vaterland gerettet hatte. Er hatte sich den Antonius
-dadurch zu einem unerbittlichen Feinde gemacht, daß er gegen
-dessen eigenmächtiges und gewalttätiges Auftreten seine berühmten
-„philippischen Reden“ (<span class="antiqua">Philippicae</span>) hielt, und Octavian, von
-dem er bisher wie ein Vater verehrt worden war, hatte ihn herzlos
-dem Hasse des Verbündeten geopfert. Als die Listen der Geächteten
-in Rom bekannt wurden, auf denen auch sein Name stand, befand sich
-Cicero auf einem seiner Landgüter. Um sich zu retten, beschloß er nach
-Makedonien zu Marcus Brutus zu fliehen, allein körperliche Schwäche,
-Ängstlichkeit und Unentschlossenheit hinderten ihn an der Ausführung
-seines Entschlusses; zweimal ging er zu Schiffe und zweimal landete
-er wieder. Endlich drängten ihn seine Diener, die schon einen Haufen
-Soldaten gesehen hatten, welche nach ihrem Herrn spähten, die Flucht
-fortzusetzen. In einer Sänfte trugen sie ihn zur Küste. Aber mitten
-auf dem Wege begegneten sie den Häschern. Da Cicero sah, daß er nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-entrinnen konnte, ließ er die Sänfte niedersetzen und steckte den
-Kopf hinaus. An der Spitze der Soldaten stand Popilius Länas, ein
-Kriegstribun, dem Ciceros Beredsamkeit einst vor Gericht das Leben
-gerettet hatte. Eben dieser Mann eilte seinen Leuten zuvor, um selber
-den Blutlohn zu verdienen, und schlug seinem greisen Wohltäter, nach
-dem besonderen Auftrage des Antonius, des Todfeindes Ciceros, nicht nur
-das Haupt ab, sondern auch die Hände, mit denen er den Vortrag seiner
-Reden eindrucksvoll zu begleiten pflegte. Dies geschah am 7. Dezember
-des Jahres 43. Das abgehauene Haupt wurde dem Antonius überbracht,
-und nachdem Fulvia in ihrer Rachsucht die Zunge mit ihren Haarnadeln
-durchstochen hatte, nebst den Händen auf derselben Rednerbühne am
-Forum ausgestellt, wo Cicero so oft das Volk zu stürmischem Beifall
-hingerissen hatte. Er stand erst im 64. Lebensjahre.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p>Nachdem sich die Triumvirn auf so blutige und habgierige Weise eines
-großen Teiles ihrer Gegner im Senat und in der Ritterschaft entledigt
-hatten, beschlossen Octavianus und Antonius gegen Brutus und Cassius
-zu Felde zu ziehen, die inzwischen in Makedonien und Asien eine große
-Streitmacht und alle noch übrigen Anhänger der Republik um sich
-gesammelt hatten. Als diese von dem nahen Anzuge der beiden Triumvirn
-hörten, eilte Brutus nach Asien, um gemeinschaftlich mit Cassius über
-die Führung des Krieges zu beraten. Bei dieser Gelegenheit war es, wo,
-wie man sagt, dem Brutus ein Gespenst erschien. Einst saß er nämlich,
-wie er gewohnt war, bis tief in die Nacht in seinem Zelte, beschäftigt
-mit den Gedanken an den ungewissen Ausgang des bevorstehenden Krieges.
-Seine Diener schliefen, das Licht brannte düster, nichts regte sich,
-er war allein. Da hörte er plötzlich ein Geräusch; die Zelttür öffnet
-sich, und eine gespenstische Gestalt tritt auf ihn zu, ohne zu reden.
-Brutus richtet sich erschrocken auf und fragt: „Wer bist du, ein
-Gott oder ein Mensch, und was begehrst du?“ &mdash; „Ich bin dein böser
-Geist,“ antwortet die Gestalt, „bei Philippi sehen wir uns wieder.“
-Furchtlos erwiderte Brutus: „Wohl, ich werde dich dort wiedersehen!“
-Da verschwand die Gestalt. Gleich darauf rief Brutus seine Diener und
-fragte sie, ob sie etwas gesehen oder gehört hätten. Sie verneinten
-beides. Sobald der Morgen graute, ging Brutus zum Cassius und
-erzählte ihm den Vorfall der ver<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span>gangenen Nacht. Cassius, der nicht
-an die Wirklichkeit eines Gespenstes glauben mochte, suchte sich die
-Erscheinung aus der erregten Gemütsstimmung seines Freundes zu erklären.</p>
-
-<p>Von Sardis aus, wo sie ihre Legionen vereinigt hatten, brachen Brutus
-und Cassius nach dem Hellespont auf und setzten nach Thrakien über,
-wo bereits acht Legionen der Triumvirn standen. Bald kamen diese
-mit ihrer gesamten Macht hinzu und nötigten die Gegner, welche bei
-<em class="gesperrt">Philippi</em> ein festes Lager bezogen hatten, zur Schlacht. Es kam
-dort zu einer Doppelschlacht, die aber den ganzen Krieg entscheiden
-sollte; sie endete mit der Niederlage der Mörder Cäsars (42). Die
-Triumvirn befehligten ein Heer von 100000 Mann zu Fuß und 13000 Reiter,
-ihre Gegner 80000 Mann zu Fuß und 20000 Reiter. Auf beiden Seiten
-siegten die rechten Flügel; Brutus drang siegreich vor und eroberte das
-Lager des Octavianus, der sich damals wegen Krankheit aus dem Lager
-entfernt hatte; dagegen schlug Antonius den Cassius vollständig zurück.
-Der geschlagene Cassius wußte noch nichts von des Brutus Sieg, als
-dieser eine Abteilung Reiter mit der Siegesbotschaft absandte. Cassius
-hielt sie in der Dunkelheit für Feinde und glaubte schon die Seinigen
-gefangen; da ließ er, um der Gefangenschaft zu entgehen, sich durch
-einen Sklaven töten. Als Brutus von seinem Tode hörte, rief er unter
-Tränen aus: „So ist der letzte Römer gefallen!“</p>
-
-<p>Nach dieser Schlacht beschloß Brutus ein zweites Treffen zu vermeiden
-und sich in seiner vorteilhaften Stellung zu behaupten. Allein der
-Ungestüm seiner Soldaten, der weder durch Bitten noch durch Geschenke
-und Versprechungen zu bändigen war, forderte eine Schlacht, und so kam
-es denn ungefähr zwanzig Tage nach dem ersten zu einem zweiten Treffen
-bei Philippi. In der Nacht vor dieser Schlacht soll dem Brutus dieselbe
-Gestalt erschienen sein, die sich ihm vor seinem Übergange über den
-Hellespont gezeigt hatte; stumm ging sie diesmal vor ihm vorüber und
-verschwand.</p>
-
-<p>Auch dieses zweite Treffen entschied gegen Brutus. Von beiden Seiten
-ward mit der größten Erbitterung gestritten; abermals drang Brutus
-in das Lager des Octavianus, da sprengte Antonius die Mitte des ihm
-gegenüberstehenden Flügels und trieb die Feinde in ihr Lager zurück.
-Dadurch bekam Octavianus Luft, drang auch wieder vor und half den Sieg
-vollenden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span></p>
-
-<p>Brutus wandte sich mit vier Legionen nach dem Gebirge und hoffte in der
-einbrechenden Dunkelheit zu entkommen, aber alle Ausgänge waren schon
-besetzt. Da seine Legionen keine Lust zeigten sich durchzuschlagen, gab
-er alle Hoffnung auf und stürzte sich in sein Schwert. Seine Truppen
-streckten die Waffen. Seine Gemahlin <em class="gesperrt">Porcia</em> folgte ihm in den
-Tod, indem sie durch den Dunst glühender Kohlen ihr Leben endete.</p>
-
-<p class="mtop2">Nach diesen Siegen nahmen die beiden Triumvirn eine neue Teilung des
-Reiches unter sich vor, wobei Octavianus den Westen, Antonius den Osten
-erhielt. Lepidus, der wegen seiner Unbedeutendheit von den beiden
-andern verachtet wurde, mußte sich mit der Provinz Afrika abfinden
-lassen.</p>
-
-<p>In Kleinasien überließ Antonius sich ganz und gar seinem maßlosen
-Hange zur Schwelgerei, mit der er ungeheure Reichtümer in kurzer Zeit
-verschwendete. Einst schenkte er einem Zitherspieler die Steuern von
-vier Städten, und Köchen gab er für ein gutes Gericht reiche Häuser
-und Güter. Seine Lust an ausschweifenden Genüssen erreichte aber den
-höchsten Grad, als es der ägyptischen Königin <em class="gesperrt">Kleópatra</em> gelungen
-war ihn, wie einst den Cäsar, in ihre Netze zu ziehen.</p>
-
-<p>Diese Königin hatte es mit Brutus und Cassius gehalten und wurde
-deshalb von Antonius zur Rechenschaft gezogen. Sie kam, aber nicht als
-Angeklagte, sondern, um Antonius durch ihre Reize zu gewinnen, in dem
-Aufzuge der Göttin Venus. Auf einem vergoldeten Schiffe mit silbernen
-Rudern und purpurnen Segeln fuhr sie an der Küste Ciliciens, bei der
-Stadt Tarsos, den Kydnosfluß herauf. Als Venus gekleidet, saß sie in
-der Blüte der Schönheit unter einem goldgewirkten Zelte; zierliche
-Knaben als Liebesgötter fächelten ihr Kühlung zu, schöne Jungfrauen
-bedienten sie, während andere als Meergöttinnen die Ruder unter dem
-Klange von Flöten und Harfen bewegten, und angezündetes Räucherwerk den
-lieblichsten Duft verbreitete. Anstatt vor Antonius zu erscheinen, lud
-sie ihn zu sich zum Mahle. Er kam, und von dieser Zeit an lebte er mit
-Kleopatra in einem steten Taumel von Lüsten und ließ sogar die Parther
-ungestraft in Syrien einbrechen.</p>
-
-<p>Durch solche Aufführung gab Antonius gegründeten Anlaß zu Klagen und
-Beschwerden, und sein Verhältnis zu Octavianus, das nie aufrichtig
-gewesen war, da jeder nur den<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> andern zu verdrängen und sich zum
-Alleinherrscher zu machen suchte, wurde immer gespannter und
-feindseliger. Nur die Vermählung des Antonius mit des Octavianus
-tugendhafter Schwester Octavia vermochte die Eintracht auf kurze Zeit
-wieder herzustellen.</p>
-
-<p>Während Antonius die Zeit am üppigen Hofe Kleopatras vergeudete, war
-Octavianus in rastloser Tätigkeit. Sextus Pompejus, der Sohn des großen
-Pompejus, Octavians tüchtigster Helfer in Krieg und Frieden, der an der
-Spitze einer Piratenflotte Italien und das westliche Meer jahrelang
-beunruhigte, ward endlich von <em class="gesperrt">Agrippa</em> in der Seeschlacht bei
-Messāna völlig besiegt und zur Flucht nach Asien gezwungen, wo er
-gefangen und hingerichtet wurde. Auch den unbedeutenden Lepidus wußte
-Octavianus auf die Seite zu schieben, als dieser an der Spitze von
-zwanzig Legionen Sicilien verlangte. Er ging nach Messana und begab
-sich in das Lager des Lepidus, wo es ihm bald gelang dessen Heer
-abwendig zu machen. Als nun Lepidus sah, wie sein ganzes Heer zu
-Octavianus überging, warf er sich diesem zu Füßen und flehte um Gnade.
-Octavianus verachtete ihn zu sehr; er schenkte ihm Leben und Freiheit
-und ließ ihm die Würde des Oberpriesters bis an sein Lebensende.</p>
-
-<p>Nun war das Triumvirat zu einem Duumvirat geworden; aber auch die
-Verbindung zwischen Octavianus und Antonius eilte ihrer Auflösung
-entgegen und verwandelte sich bald in offenen Bürgerkrieg. Die
-Veranlassung dazu war, daß Antonius, der mit Kleopatra fortwährend ein
-schwelgerisches Leben führte, seine edle Gemahlin Octavia verstieß.
-Da erklärte der Senat den Krieg gegen Kleopatra, der Antonius
-natürlich Beistand leistete. Dieser Krieg wurde durch die Schlacht bei
-<em class="gesperrt">Aktium</em> (am Eingange des Meerbusens von Arta) entschieden (31
-v.&nbsp;Chr., am 2. September), und dadurch der Untergang der Republik in eine
-Monarchie eingeleitet, an deren Spitze der Sieger, Cäsar, trat.</p>
-
-<p>Die Kriegsmacht des Antonius bestand aus 100000 Mann zu Fuß nebst
-12000 Reitern, sowie aus einer Flotte von 500 Schiffen, die von
-ungewöhnlicher Größe und deshalb für den Kampf in engen Gewässern zu
-schwerfällig waren. Octavians Landheer betrug 80000 Mann zu Fuß mit
-12000 Reiter, und seine Flotte bestand aus 250 kleinen Schiffen, die
-aber leicht beweglich und trefflich bemannt waren. Vor allem kam<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span>
-es ihm sehr zustatten, daß der bewährte Seeheld <em class="gesperrt">Agrippa</em> sie
-befehligte. Des Antonius Schiffe bildeten einen dichten Wall, den die
-Feinde lange Zeit vergeblich zu durchbrechen suchten. Endlich gelang es
-doch und es entstand eine Öffnung in die Octavians Schiffe eindrangen.
-Bei diesem Anblick fuhr Kleopatra, die mit ihren Schiffen hinter der
-Schlachtreihe gehalten hatte, davon, und Antonius, der ihr Schiff an
-dem Purpursegel erkannte, segelte ihr eiligst nach. Die Flotte kämpfte
-noch fort; zuletzt aber mußten sich die Schiffe, ihres Führers beraubt,
-ergeben. Das dem Antonius treu ergebene Landheer wartete noch sieben
-Tage auf seine Rückkehr, dann streckte es auch die Waffen und ergab
-sich dem Sieger. Dieser gründete später an der Stelle, wo sein Lager
-gestanden hatte, zu dauernder Erinnerung an den entscheidenden Sieg,
-die Stadt Nikópolis (Siegstadt) und stiftete in Rom zu jährlicher Feier
-die Aktischen Kampfspiele.</p>
-
-<p>Im folgenden Jahre zog Octavianus gegen Ägypten, wo Antonius und
-Kleopatra ihr üppiges Leben fortgeführt hatten. Von allen seinen
-Truppen verlassen, empfing jetzt Antonius von der Königin, die sich
-seiner zu entledigen wünschte, die Nachricht, sie habe sich getötet.
-Da wollte auch er nicht länger leben und durchbohrte sich mit seinem
-Schwert. Als er aber, in seinem Blute liegend, hörte, daß sie noch
-lebte, verlangte er zu ihr gebracht zu werden. An Stricken wurde er in
-das obere Stock des Grabgebäudes hinaufgezogen, in das sie sich begeben
-hatte, und starb in ihren Armen. Nun versuchte die listige Kleopatra
-auch den siegreichen Cäsar durch ihre Reize zu berücken. Als ihr dies
-nicht gelang und er merken ließ, daß er sie zu seinem Triumph aufspare,
-beschloß sie zu sterben. Man fand sie entseelt auf einem Ruhebette
-liegend, im königlichen Schmuck; an ihrem Arme wollte man feine Stiche
-bemerken, die entweder von Nadeln oder von giftigen Nattern herrührten.
-Octavianus ließ sie mit königlichen Ehren bestatten.</p>
-
-<p>Der Sieger machte Ägypten zu einer römischen Provinz und feierte nach
-seiner Rückkehr in Rom einen dreifachen Triumph (29). Er bezahlte seine
-Schulden, belohnte seine Krieger mit Land und Geld, und suchte auch das
-Volk durch reiche Gaben für seine neue Herrschaft zu gewinnen.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span></p>
-
-<h3 id="XXIX_Caesar_Octavianus_als_Augustus"><span class="s4">XXIX.</span><br />
-
-<b>Cäsar Octavianus als Augustus.</b></h3>
-
-</div>
-
-<h4 id="Augustus_Regierung"><b>1. Augustus’ Regierung</b> (30 v.&nbsp;Chr.
-bis 14 n.&nbsp;Chr.).</h4>
-
-<p>Wenngleich nun Octavianus durch die Siege über alle seine Gegner
-und an der Spitze eines erprobten und unbedingt ergebenen Heeres
-der wirkliche Beherrscher des römischen Reiches war, so war er klug
-genug die bisherigen Rechte des Senates und des Volkes wenigstens
-der Form nach bestehen zu lassen, und mit dem Senat eine Verfassung
-zu vereinbaren, die ihm selbst zwar nicht den Namen, aber die Gewalt
-eines wirklichen Monarchen verlieh. Anfangs zwar hatte er im Senate
-erklärt die Obergewalt niederlegen zu wollen, aber nur zum Schein. Der
-Senat, den er von allen unwürdigen oder feindlich gesinnten Mitgliedern
-gereinigt und auf die Zahl von 600 Senatoren beschränkt hatte, war
-auf dieses Gaukelspiel vorbereitet; er drang mit Bitten in ihn die
-Regierung doch länger zu behalten und Oberhaupt des Reiches zu bleiben.
-Lange sträubte sich Octavianus, endlich versprach er, auf inständiges
-Bitten der Senatoren, die Regierung über den Staat auf zehn Jahre
-weiter zu übernehmen. Dieses Spiel, wobei er sich seine Macht alle zehn
-oder fünf Jahre erneuern ließ und sie mit scheinbarem Widerstreben
-annahm, wiederholte Augustus in der Folge noch mehrmals. So schien
-es, als habe er die Alleinherrschaft nicht in gewaltsamer Weise an
-sich gerissen, sondern auf gesetzmäßigem Wege erlangt. Die Würden und
-Ämter der Republik ließ er zwar bestehen, wußte aber alle mit ihnen
-verbundene Gewalt auf sich zu übertragen. Als <em class="gesperrt">Imperator</em> führte
-er allein den Oberbefehl über die bewaffnete Macht; als dauernder
-Inhaber der <em class="gesperrt">tribunicischen</em> Amtsbefugnis (<span class="antiqua">tribunicia
-potestas</span>) hatte er allein das Recht das Volk zu versammeln und ihm
-Gesetze vorzuschlagen und wurde persönlich unverletzlich; als erstes
-und vornehmstes Mitglied des Senates (<span class="antiqua">princeps senatus</span>) hatte er
-die erste und maßgebende Stimme bei allen Beschlüssen dieses höchsten
-Staatsrates. Als diese neue Ordnung nach längeren Verhandlungen am 1.
-Januar 27 in Kraft trat, erhielt er vom Senat und Volk den Beinamen
-<em class="gesperrt">Augustus</em> (der Erhabene) und wurde damit als erhaben über alle
-Bürger<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> und göttlicher Verehrung würdig feierlich anerkannt. Er besaß
-überdies die Würde des Oberpriesters (<span class="antiqua">póntifex maximus</span>) und
-übernahm wiederholt das Amt des Konsuls. Der Monat Sextīlis erhielt
-ihm zu Ehren den Namen Augustus. So kam er in den Besitz einer
-unumschränkten Macht, seine Person war heilig und unverletzlich und den
-jährlichen Konsuln blieb wenig mehr als die damit verbundene äußere
-Würde und Ehre. Auch das Volk behielt noch seine Versammlungen, lernte
-aber unter Festen, Spielen und Getreidespenden seine Freiheit vergessen.</p>
-
-<p>Unter Augustus war das römische Reich zu einer ungeheuren Ausdehnung
-gelangt, die fast alle Länder des damals bekannten Erdkreises umfaßte.
-Außer Italien gehörten dazu Gallien, Spanien, Griechenland, Makedonien,
-Thrakien, Kleinasien, Syrien, Ägypten und die ganze Nordküste
-Afrikas bis zur Grenze Mauretaniens. Alle diese Völker erkannten
-Roms Oberherrschaft an, nur die Parther im Osten und die Stämme der
-Germanen hatten sich noch nicht unter das römische Joch gebeugt. Die
-Statthalter dieser Provinzen, Prokonsuln oder Proprätoren, wurden teils
-von Augustus, teils vom Senat ernannt. An Stelle der alten Bürgerheere
-waren allmählich Söldnertruppen getreten, die von nun an zu stehenden
-Heeren wurden und an den von Feinden gefährdeten Grenzen, besonders
-am Rhein, an der Donau und am Euphrat ihre dauernden Lager hatten.
-Im ganzen unterhielt das Reich etwa 25 Legionen von je 6&ndash;7000 Mann.
-Außerdem standen in und bei Rom 9000 Mann als Leibgarde des Herrschers,
-die sog. prätorischen Kohorten, die zum Teil aus Germanen bestanden.
-Zwei mächtige Flotten sicherten das Meer, von denen die eine bei
-Ravenna im adriatischen, die andere bei Misēnum, nahe bei Neapel, ihren
-Standort hatte.</p>
-
-<p>Nachdem sich Augustus in seiner Macht befestigt hatte, war sein
-Streben darauf gerichtet, durch die Wohltaten eines ungestörten
-Friedens die Greuel der Bürgerkriege und seine eigenen Grausamkeiten
-in Vergessenheit zu bringen. Die Bevölkerung des weiten Reiches
-begann sich, dank einer umsichtigen und gerechten Verwaltung, von den
-Leiden der langen verwüstenden Kriege zu erholen; Ackerbau, Gewerbe,
-Handel blühten auf, und mit dem steigenden Wohlstand gediehen auch
-wieder die Künste und Wissenschaften. Die Stadt Rom verschönerte er
-durch Aufführung der prachtvollsten Bauten so sehr, daß er sich mit
-Recht rühmen konnte, er habe das aus<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> Backsteinen gebaute Rom in ein
-marmornes verwandelt. In den Werken der Baukunst wetteiferte mit ihm
-der edle <em class="gesperrt">Agrippa</em>, sein Feldherr, Berater und Schwiegersohn; er
-erbaute unter andern prachtvolle Bäder und inmitten derselben einen
-riesigen Kuppeltempel, das Pantheon, so genannt, weil er dem Dienste
-aller Götter zusammen geweiht wurde. Außer Agrippa war es besonders
-der kunstliebende <em class="gesperrt">Mäcēnas</em>, der Berater und Freund des Kaisers,
-der Gelehrte, Geschichtsschreiber und Dichter unterstützte und ihre
-Werke belohnte. Dieser Kreis von hochgebildeten Männern, der den Hof
-des Kaisers umgab, hat besonders dazu beigetragen, dem augustinischen
-Zeitalter den Charakter einer Hochblüte der römischen Literatur und
-Kunst zu verleihen.</p>
-
-<p class="mtop2">Obschon sich Italien unter Augustus des tiefsten Friedens erfreute,
-der nach den zerrüttenden Bürgerkriegen dem erschöpften Lande die
-größte Wohltat gewährte, so gemahnten doch einige Verschwörungen, die
-gegen des Augustus Leben gerichtet waren, diesen an das Schicksal
-seines Großoheims Cäsar. Um so mehr war er darauf bedacht allen Schein
-des Machthabers von sich zu entfernen und in allen seinen Handlungen
-Mäßigung und Leutseligkeit zu beweisen. Den Senat behandelte er mit
-der größten Achtung; in der Stadt sah man ihn nur in der Tracht eines
-Senators, ohne daß irgend eine Auszeichnung an den weltgebietenden
-Imperator erinnerte. Bei der Rückkehr von einer Reise vermied er
-alles Aufsehen und hielt seinen Einzug gewöhnlich zur Nachtzeit. Er
-bewohnte ein einfaches Haus auf dem palatinischen Hügel; erst als
-dieses abgebrannt war, erbaute er das sogenannte <em class="gesperrt">Palatium</em>, wovon
-das Wort Palast zur Bezeichnung fürstlicher Wohnungen abstammt. Es
-bleibt freilich zweifelhaft, ob die Tugenden, die Augustus als Kaiser
-entfaltete, in seinem Charakter begründet, oder eine Folge kluger
-Berechnung und des heilsamen Rates seiner Freunde waren. Soviel aber
-ist gewiß, daß ihn das Volk als seinen Wohltäter liebte, weshalb seine
-Zeitgenossen von ihm sagten: „Augustus hätte entweder nie sterben oder
-nie geboren werden sollen!“</p>
-
-<p>Der viel gepriesene Beherrscher des Reiches mußte, wie um die
-Unbeständigkeit alles Menschenglückes zu bestätigen, in seiner
-Familie schweren Kummer und Herzeleid erfahren. Seine einzige Tochter
-<em class="gesperrt">Julia</em> aus seiner dritten Ehe führte<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> ein lasterhaftes Leben,
-und seine vierte Gemahlin <em class="gesperrt">Livia</em>, die ihm zwei Stiefsöhne, den
-<em class="gesperrt">Tiberius</em> und <em class="gesperrt">Drusus</em>, zubrachte, ward für ihn die Ursache
-mancher häuslichen Sorgen. Die Nachfolge in der Regierung hatte er dem
-<em class="gesperrt">Marcellus</em>, einem hoffnungsvollen Jüngling, dem Sohne seiner
-Schwester Octavia aus ihrer ersten Ehe und Gemahl der Julia, zugedacht,
-aber der Tod raffte diesen in der Blüte seiner Jahre dahin. Auch zwei
-Enkel aus der zweiten Ehe der Julia mit Agrippa sah der Kaiser vor
-sich ins Grab sinken, während ein dritter, Agrippa Pósthumus, ihn zwar
-überlebte, aber blödsinnig und zur Nachfolge unfähig war. So schwand
-ihm die Hoffnung die Herrschaft in seinem eigenen Geschlechte zu
-erhalten. Er nahm deshalb seinen Stiefsohn <em class="gesperrt">Tiberius</em>, den älteren
-Sohn der Livia aus ihrer früheren Ehe mit Tiberius Claudius Nero, an
-Sohnes statt an, und erfüllte damit einen von Livia lange gehegten und
-eifrig betriebenen Plan. Tiberius war ein im Krieg und Staatsgeschäften
-rühmlich bewährter Mann, und da er zugleich auf Wunsch des Augustus die
-Julia, nach dem Tode ihres zweiten Gatten Agrippa, geheiratet hatte, so
-stand jetzt niemand der Thronfolge näher.</p>
-
-<p>Inzwischen hatten Alter und häusliches Unglück die Kräfte des Kaisers
-aufgerieben. Um seine zerrüttete Gesundheit wieder zu stärken,
-unternahm er eine Reise nach Campanien. Anfangs war er ungemein munter,
-bald aber nahm die Schwäche seines Körpers zu, und er beschloß nach Rom
-zurückzukehren. Doch schon zu Nola in Campanien ereilte ihn der Tod.
-Als er sein Ende herannahen fühlte, forderte er einen Spiegel, ließ
-seine Haare in Ordnung bringen und seine gerunzelten Wangen glätten.
-Dann fragte er seine umstehenden Freunde: „Was dünkt euch, habe ich die
-Rolle meines Lebens gut gespielt?“ Als sie dies bejahten, fuhr er fort:
-„Nun, so klatscht Beifall, denn sie ist ausgespielt!“ Darauf verschied
-er, am 18. August, im 76. Jahre seines Lebens und im 41. seiner
-Regierung (14 n.&nbsp;Chr.). Sein Leiche ward nach Rom gebracht und daselbst
-feierlichst bestattet.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h4 id="Kriege_gegen_die_Deutschen"><b>2. Kriege gegen die Deutschen.
-Arminius, Deutschlands Befreier.</b></h4>
-
-</div>
-
-<p>Das Land der Germanen war zu den Zeiten des Kaisers Augustus im Norden
-von der Nord- und Ostsee, im Osten von der Weichsel und den Karpathen,
-im Süden von der<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> Donau und im Westen vom Rhein begrenzt. Das Land war
-rauh und von undurchdringlichen Waldungen durchzogen. Der magere Boden
-trug nur Gerste, Hafer und Hanf. In den Urwäldern hauste zahlreiches
-Wild, Auerochsen, Renn- und Elentiere, Bären und Wölfe; auf den Felsen
-horsteten Adler und Falken. Die Bewohner dieses Landes, die Germanen
-oder Deutschen, waren durch blaue Augen und langes blondes Haar vor
-anderen Völkern kenntlich und überragten an Leibesgröße und Gliederbau
-die Bewohner der südlichen Völker. Schon von früher Jugend an übten
-sie sich Schwert, Lanze und Schild zu führen, und der Krieg war ihre
-liebste Beschäftigung, an deren Stelle im Frieden die Jagd trat.
-Ackerbau und Hauswesen überließen sie den Frauen und Knechten. Obschon
-dem Trunk und Spiel leidenschaftlich ergeben, zeichneten sie sich
-doch durch die Tugenden der Tapferkeit, Freiheitsliebe, Keuschheit,
-Gastlichkeit und vor allem durch Treue aus. Ihre Götter verehrten sie
-nicht in Tempeln, sondern im stillen Dunkel heiliger Eichenhaine;
-dorthin wallfahrtete das Volk; dort opferte der Oberpriester im Namen
-des gesamten Volks, und großes Gewicht legte man auf die Weissagungen
-kluger Frauen.</p>
-
-<p>Da die Germanen beständige Einfälle in das den Römern unterworfene, an
-Wohlstand und Gütern aller Art viel höher entwickelte Gallien machten,
-so ließ Augustus endlich seinen jüngeren Stiefsohn <em class="gesperrt">Drusus</em> sie in
-ihrem eigenen Lande angreifen. Vier Jahre nach einander, 12&ndash;9 v.&nbsp;Chr.,
-machte Drusus Heerzüge in das Land der Germanen, legte jenseits des
-Rheines eine Reihe von Kastellen an, und drang von dort bis zur Elbe
-vor. Als er schon im Begriff stand diesen Fluß zu überschreiten, soll
-ihm eine germanische <em class="gesperrt">Wole</em> oder weise Frau von übermenschlicher
-Gestalt auf dem jenseitigen Ufer zugerufen haben: „Wohin,
-Unersättlicher? Nicht alles zu sehen ist dir vom Schicksal beschieden.
-Kehre um, denn schon bist du am Ziele deiner Taten und Tage.“</p>
-
-<p>Nach Errichtung eines Siegeszeichens an diesem Strom beschleunigte
-Drusus seinen Rückweg. Auf diesem aber stürzte er mit dem Pferde, brach
-den Schenkel und starb dreißig Tage darauf in den Armen seines Bruders
-Tiberius, der auf die Nachricht von seinem Unfall herbeigeeilt war.</p>
-
-<p>Nach seinem Tode übernahm Tiberius den Oberbefehl. Mehr durch Klugheit,
-indem er die Zwietracht unter den<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> deutschen Stämmen nährte, als durch
-offene Schlachten suchte er die Deutschen allmählich zur Unterwerfung
-zu bringen. Und er tat dies mit solchem Erfolg, daß die Römer das
-Land zwischen dem Rhein und der Weser schon als eroberte Provinz
-betrachteten und alsbald auch römische Gesetze, Sprache und Sitten
-einzuführen begannen.</p>
-
-<p>Von seinen Nachfolgern ließ es sich besonders der Statthalter
-<em class="gesperrt">Quinctilius Varus</em> angelegen sein das römische Gerichtswesen in
-Anwendung zu bringen. Und weil er anfangs überall Willfährigkeit zu
-bemerken glaubte, so wähnte er die neuen Einrichtungen in aller Ruhe
-durchführen zu können. Aber mit tiefer Entrüstung sahen die Germanen,
-wie ihnen ihre altheimischen Volksgerichte und ihre freie Gauverfassung
-entzogen, wie sie nach fremdem Rechte in fremder Sprache und von
-fremden Richtern verurteilt, wie sie mit Rutenstreichen mißhandelt, ja
-mit der Todesstrafe belegt wurden.</p>
-
-<p>Am meisten empört über die Herrschaft fremden Rechts und fremder
-Sitte waren die Cherusker und unter ihnen vorzüglich <em class="gesperrt">Arminius</em>
-(Hermann?), der Sohn <em class="gesperrt">Segimers</em>, eines Cheruskerfürsten. Er hatte
-in römischen Kriegsdiensten gestanden, wie viele seiner Volksgenossen,
-und dort als Anführer einer cheruskischen Söldnerschar das römische
-Bürgerrecht und die römische Ritterwürde erlangt, aber auch die
-unersättliche Eroberungssucht und die Unterjochungskünste der Römer
-kennen gelernt. Jetzt, da Roms Absicht, die freien Germanen dem Reiche
-einzuverleiben, nahezu erfüllt schien, fühlte sich Arminius zum Retter
-seines Volkes berufen, und entwarf mit andern cheruskischen Edlen den
-Plan der Befreiung.</p>
-
-<p>Sorglos waltete Varus in Germanien; die scheinbare Willfährigkeit der
-deutschen Häuptlinge hatte ihn sicher gemacht, und am allerwenigsten
-besorgte er von seiten des Arminius eine Gefahr, dem er solches
-Vertrauen schenkte, daß nicht einmal die Warnungen des <em class="gesperrt">Segestes</em>,
-eines andern Cheruskerfürsten und Oheims des Arminius, bei ihm Eingang
-fanden. Während er an dem linken Ufer der Weser ein vergnügliches
-Lagerleben führte, erhielt er plötzlich Kunde von dem Aufstande eines
-benachbarten Stammes. Sofort traf er Anstalten zum Aufbruch und
-ließ sich bei einem Gastmahl von den cheruskischen Häuptlingen das
-Versprechen des Zuzugs wiederholen. Zwar machte ihn Segestes noch am
-Tage vor dem Aufbruch mit der ganzen Gefahr bekannt; aber Varus,<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> der
-wohl wußte, daß zwischen Segestes und Arminius bittere Feindschaft
-bestand, weil dieser jenem seine Tochter <em class="gesperrt">Thusnelda</em> entführt
-und wider seinen Willen zu seiner Ehefrau gemacht hatte, schenkte
-ihm keinen vollen Glauben. Eine höhere, den Germanen günstige Macht
-schien seinen Sinn geblendet zu haben, daß er jählings in das bereitete
-Verderben fiel.</p>
-
-<p>Unter dem Vorwande, dem Prokonsul ihre Scharen zuführen zu wollen,
-trennten sich die germanischen Fürsten von ihm; daheim aber riefen
-sie die Ihrigen zur Freiheit. Von Gau zu Gau erscholl der Ruf und
-riß alle mit sich fort. Selbst Segestes, der Römerfreund, mußte sich
-anschließen, während sein Sohn Segimund, ein Priester, die heilige
-Binde zerriß und zu dem Freiheitskampfe eilte.</p>
-
-<p>Nichts schlimmes ahnend, zog das Römerheer unter Varus, ohne strenge
-Ordnung, mit großem Troß und Gepäck, in langem Zuge durch Wald und
-sumpfiges Gelände, wo erst Wege durch das Dickicht gebahnt und Gewässer
-überbrückt werden mußten. Bald lockerten anhaltende Regengüsse den
-Boden so sehr, daß Roß und Mann einsank und allgemeine Erschöpfung
-eintrat. Plötzlich brachen die Germanen, anfangs einzeln, dann in
-Haufen von allen Seiten aus dem Dickicht hervor und griffen die vom
-Wege und Wetter erschöpften Römer an. Unter schweren Kämpfen erreichte
-das Heer endlich eine lichte Stelle, wo der Angriff nachließ und ein
-Lager zur Nachtrast geschlagen werden konnte.</p>
-
-<p>Am folgenden Morgen ging der Zug weiter. Kaum hatten die Legionen
-den <em class="gesperrt">Teutoburger Wald</em> erreicht, so wurden sie von neuem auf
-allen Seiten angefallen, und mit Mühe gelangten sie am Abend wieder
-an einen Platz, wo einige Ruhe die Ermüdeten erquickte. Aber auch
-am dritten Morgen wiederholte sich der Regensturm und der Angriff
-der Feinde. Die vom Regen erschlafften Bogensehnen versagten, und
-die schwere Bewaffnung empfand man als verdoppelte Last, während die
-leichtbewaffneten, mit ihrem Boden und Klima vertrauten Deutschen
-weniger gehemmt waren. Zwischen den Quellen der Lippe und Ems war die
-germanische Hauptmacht versammelt; hier kam es zum letzten Kampfe. Vor
-dem ungestümen allgemeinen Angriff weichen die erschöpften Legionen;
-ihre Reiter werfen sich in Flucht; ihre Adler werden genommen. Varus
-selbst, als er alles verloren sah, stürzte sich in sein<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> Schwert, um
-die Schande nicht zu überleben; die noch übrigen Römer erlagen dem
-Schwerte der Germanen, und nur wenige entkamen.</p>
-
-<p>Die Rache der erbitterten Sieger schonte auch der Gefangenen nicht: die
-vornehmsten Kriegshauptleute wurden an den Altären der Götter geopfert.
-Vorzüglich aber kehrte sich die Wut der Germanen gegen die römischen
-Richter und Sachwalter, die unter grausamen Martern getötet wurden. Der
-Leichnam des Varus wurde zerfleischt, sein Kopf von Arminius an Marbod,
-dem Könige der Markomannen in Böhmen gesendet, der sich eigensüchtig
-von dem Freiheitskampf ferngehalten hatte. Von den Gefangenen, die zu
-Leibeigenen gemacht wurden, hat mancher ehemalige Ritter oder Senator
-als Hausknecht oder Viehhüter eines deutschen Bauern seine übrige
-Lebenszeit zubringen müssen.</p>
-
-<p>Diese <em class="gesperrt">Hermannsschlacht</em>, im Jahre 9 n.&nbsp;Chr., vernichtete eines
-der tapfersten und geübtesten römischen Heere, das mit den Hilfstruppen
-auf 40000 Mann geschätzt wird. Als die Schreckensnachricht von der
-Niederlage nach Rom gelangte, geriet alles in größte Bestürzung. Schon
-glaubte man das linke Rheinufer samt Belgien und Gallien verloren und
-Italien bedroht; selbst Augustus verlor anfangs die Fassung so sehr,
-daß er, im Schmerz sein Gewand zerreißend, ausrief: „Varus, Varus, gib
-mir meine Legionen wieder!“ Mit ängstlicher Hast, als ob der Feind
-schon gegen Rom heranzöge, wurden alle Germanen und Gallier aus der
-Stadt entfernt und die deutsche Leibwache auf Inseln abgeführt. Allein
-die Sieger dachten nicht an Eroberung; sie zerstörten alle Denkmale
-römischer Knechtschaft, und kehrten dann wieder an ihren Herd zurück.</p>
-
-<p>Tiberius eilte an den Rhein, um dem erwarteten Einbruch der Germanen
-zu wehren, beschränkte sich aber klüglich auf die Befestigung der
-römischen Herrschaft an diesem Strom. Jedoch unmittelbar nach Augustus
-Tod begann des Drusus Sohn, <em class="gesperrt">Germánicus</em>, der Nachfolger des
-Tiberius im Oberbefehl am Rhein, den Eroberungsversuch zu wiederholen.
-Viermal in drei Jahren drang er in Germanien ein (14&ndash;16 n.&nbsp;Chr.)
-Im zweiten dieser Feldzüge hatte er das Land der Chatten (Hessen)
-verwüstet und war schon auf dem Rückzuge begriffen, als ihn der alte
-Römerfreund Segestes zur Hilfe gegen Arminius rief.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-<p>Segestes nämlich hatte seine Tochter <em class="gesperrt">Thusnelda</em>, des Arminius
-Gemahlin, in dessen Abwesenheit wieder in seine Gewalt gebracht, und
-ward deshalb von seinem Eidam hart bedrängt. Sogleich kehrte Germanicus
-um und zwang durch einen Überfall den Arminius zur Aufhebung der
-Belagerung, worauf sich Segestes samt seiner Tochter in den Schutz der
-Römer gab. Bei dieser Übergabe schritt Thusnelda, ihrem Gatten, nicht
-ihrem Vater ähnlich, ohne Tränen, ohne Worte, die Hände unter der Brust
-gefaltet, mit gesenktem Blicke einher. In der Gefangenschaft gebar sie
-den <em class="gesperrt">Thumélicus</em>, der späterhin zu Ravenna erzogen ward und dessen
-weiteres Schicksal unbekannt blieb. Arminius und Thusnelda sahen sich
-nie wieder.</p>
-
-<p>Auf die Nachricht von des Segestes Übertritt und Thusneldas
-Gefangenschaft durchflog Arminius mit der Wut der Verzweiflung die
-cheruskischen Gaue und rief alle seine Bundesgenossen zur Rache auf
-gegen die Römer, die, sagte er, sich nicht schämten den Krieg durch
-Verrat und gegen schwache Weiber zu führen. So gelang es ihm wieder
-einen großen Bund der nordgermanischen Stämme gegen die Römer zustande
-zu bringen.</p>
-
-<p>Um einem Angriffskriege der Germanen zuvorzukommen, eröffnete
-Germanicus den dritten Feldzug, in dem er bis zum Teutoburger Walde
-vordrang. Mit seinem ganzen Heere langte er bei der Walstatt der
-Varusschlacht an, wo seit sechs Jahren die römischen Krieger noch
-unbegraben lagen. Mit Grauen sahen die Römer die bleichenden Gebeine
-der Gefallenen, dazwischen zerbrochene Waffen, Pferdegerippe, an den
-Baumstämmen angenagelte Schädel, auf Altären die Reste der Geopferten.
-Einige, die damals der Schlacht entkommen und jetzt zugegen waren,
-zeigten die Stellen, wo die Legaten gefallen, wo die Adler genommen,
-wo Varus verwundet, wo die Gefangenen geschlachtet worden waren.
-Germanicus ließ alle Gebeine in ein gemeinsames Grab sammeln und legte
-selbst den ersten Rasen zu dem Erdhügel, der es decken sollte.</p>
-
-<p>Während er auf einen sicheren Sieg seiner von Rachedurst entflammten
-Legionen hoffte, zogen sich die Germanen in die Wälder zurück, aus
-denen sie dann hervorbrachen und den Rückzug der Feinde beunruhigten.</p>
-
-<p>Auf seinem vierten Feldzuge rückte Germanicus bis an die Weser, auf
-deren rechtem Ufer die Cherusker standen.<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> Hier forderte Arminius
-seinen Bruder <em class="gesperrt">Flavius</em>, der im römischen Heere diente, zu einer
-Unterredung auf, die von beiden Ufern aus gehalten wurde. Zunächst
-suchte Flavius, der im Dienste der Römer reichen Lohn und Ehre
-erhalten, aber ein Auge verloren hatte, den Bruder durch Aufzählung
-aller Vorteile auf die Seite der Römer zu ziehen. Aber Arminius
-erinnerte den Entarteten an die uralte Freiheit, an die heimischen
-Götter, an den Schmerz der Mutter, an die Pflicht gegen sein Vaterland,
-und beschwor ihn nicht der Verräter, sondern der Führer seines Volkes
-sein zu wollen. So leidenschaftlich und vorwurfsvoll ward schließlich
-die hin- und herschallende Rede, daß Flavius nach Roß und Waffen rief
-und es zwischen den Brüdern, ungeachtet sie der Fluß trennte, zum
-Zweikampf gekommen wäre, wenn nicht ein römischer Befehlshaber ihn
-diesseits des Stromes zurückgehalten hätte.</p>
-
-<p>Nachdem Germanicus den Übergang über die Weser bewerkstelligt hatte,
-traf er auf die vereinigte Macht der Germanen und brachte ihnen in
-einer Ebene, <em class="gesperrt">Idistavisus</em> (Feenwiese?) genannt, oberhalb der
-heutigen Stadt Minden, unter eigenem schweren Verlust, eine Niederlage
-bei. Allein der Mut und die Kraft der Germanen war dadurch nicht
-gebrochen. Empört über den Anblick der römischen Siegeszeichen, stand
-alles Volk ringsum auf; hoch und niedrig, jung und alt griff zu den
-Waffen, und so kam es zu einer zweiten Schlacht am Steinhudermeer.
-Furchtbar wütete hier das Schwert der Römer; aber auch die Germanen
-fochten mit dem Mut der Verzweiflung; Arminius selber ward verwundet.
-Daß sie gewichen wären, wird nicht berichtet, obschon die Römer sich
-den Sieg zuschrieben.</p>
-
-<p>Schon gedachte Germanicus im folgenden Jahre doch noch die stolzen
-Cherusker zu demütigen, als ihn Tiberius, nicht etwa aus Neid auf
-seinen Kriegsruhm, wie die Gegner des Kaisers raunten, sondern aus
-der Überzeugung von der Erfolglosigkeit dieser Unternehmungen, vom
-Oberbefehl abrief, mit der Bemerkung, es sei genug getan und gelitten,
-mit Klugheit richte man gegen diese Feinde mehr aus als mit Gewalt, man
-werde sie fortan besser ihrer eigenen Zwietracht überlassen.</p>
-
-<p>Und in der Tat brach die Uneinigkeit derselben bald in einen offenen
-Krieg zwischen Arminius und Marbod aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span></p>
-
-<p>Der Markomannenkönig <em class="gesperrt">Marbod</em> hatte sein Volk in das heutige
-Böhmen geführt und von hier aus einen Bund mit den anwohnenden Stämmen
-gebildet, den er noch immer weiter auszudehnen suchte. Zwischen ihm,
-der sich stets von der gemeinsamen Sache der germanischen Freiheit
-ferngehalten hatte, und Arminius, der an der Spitze der nordwestlichen
-Völker stand, entstand Feindschaft. Es kam zu einer Schlacht, die
-unentschieden blieb; aber dennoch bat Marbod den römischen Kaiser
-Tiberius um Hilfe, der dann einen Frieden zwischen Cheruskern und
-Markomannen zustande bringen ließ. Aber nicht lange, so wußte der
-schlaue Tiberius einen gotischen Fürsten zu einem Einfall in das Land
-der Markomannen aufzumuntern, der für Marbod so unglücklich endete,
-daß er, von allen verlassen, über die Donau fliehen und den Kaiser um
-eine Zuflucht bitten mußte. Die Stadt Ravenna wurde ihm als Aufenthalt
-angewiesen; dort lebte er noch achtzehn Jahre vom römischen Gnadenbrot
-und beschloß sein Leben als ein vergessener Mann.</p>
-
-<p>Nicht lange nachher wurde auch Arminius ein Opfer der inneren
-Zwietracht. Er fiel durch den Verrat seiner Verwandten, die,
-eifersüchtig auf seinen Ruhm, ihm Streben nach Alleinherrschaft
-vorwarfen.</p>
-
-<p>Von ihm urteilt der römische Geschichtsschreiber Tacitus: „Ohne Zweifel
-ist er der Befreier Germaniens gewesen. Er hat nicht, wie andere Könige
-und Feldherren, das römische Volk in seinen Anfängen, sondern in
-seiner ganzen Machtherrlichkeit bekämpft, und ist zwar in Schlachten
-nicht immer sieghaft, im Kriege aber unbesiegt gewesen. Er starb im
-37. Jahre seines Lebens, im zwölften seiner Feldherrnmacht. Noch
-heute wird er bei seinem Volke in Liedern gefeiert.“ Ein kolossales
-ehernes Standbild, auf der Höhe der „Grotenburg“, südlich der Stadt
-Detmold, im Jahre 1875 in Gegenwart Kaiser Wilhelms I. eingeweiht, ist
-ein Zeichen, daß sein Andenken und sein Verdienst um die Erhaltung
-deutscher Freiheit und deutscher Stammesart noch heute vom deutschen
-Volke dankbar verehrt wird.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></p>
-
-<h3 id="XXX_Kaiser_Tiberius"><span class="s4">XXX.</span><br />
-
-<b>Kaiser Tiberius.</b><br />
-
-<span class="s5">(14&ndash;37 n.&nbsp;Chr.)</span></h3>
-
-</div>
-
-<p>Augustus hatte dem Tiberius die Nachfolge gesichert. Als sich der Senat
-beeilte ihm die Herrschaft zu übertragen, weigerte er sich anfangs
-sie zu übernehmen, und lehnte mit anscheinender Bescheidenheit und
-Höflichkeit die dargebotenen Würden ab. Aber die Senatoren, welche die
-heuchlerische und versteckte Art seines Wesens und Redens kannten,
-ließen mit Bitten und Schmeicheleien nicht ab, bis er die Herrschaft
-übernahm. Nachdem die Vergötterung des Augustus, kraft welcher dieser
-den Beinamen „der Göttliche“ (<span class="antiqua">Divus</span>) erhielt, den oberen Göttern
-zugezählt und in eigenen Tempeln und durch eigene Priester verehrt
-ward, stattgefunden hatte, ward die Fülle aller Würden und Ehren, die
-jener besessen, auf den Tiberius übertragen. Unter ihm fielen die
-Volksversammlungen, die unter Augustus nur selten und bloß zum Schein
-berufen worden waren, völlig weg; ihre Befugnisse wurden dem Senate
-zugewiesen.</p>
-
-<p>Tiberius führte die Regierung mit Kraft und Umsicht, und die ersten
-neun Jahre derselben verdienen volle Anerkennung; nur seiner
-Familie und dem Senate gegenüber zeigte er ein argwöhnisches und
-zurückhaltendes Wesen. Darin mochte ihn, außer früheren verbitternden
-Erfahrungen &mdash; er hatte sich auf Augustus’ Verlangen von seiner
-geliebten Vipsania, Agrippas Tochter, scheiden und die lasterhafte
-Julia, des Kaisers Tochter und Agrippas Witwe heiraten müssen &mdash; die
-heimliche Anfeindung bestärken, die er von den Anhängern des Germanicus
-und dessen stolzen und ehrgeizigen Gemahlin Agrippina erfuhr. Diese
-war als Tochter der Julia eine Enkelin, Germanicus, durch seine Mutter
-Antonia und Großmutter Octavia ein Großneffe des Augustus. Beide sahen
-den Tiberius als Eindringling in die ihnen gebührenden Thronrechte
-an. Zwar hatte dieser seinen Neffen Germanicus auf Wunsch des alten
-Kaisers als Sohn adoptiert und ihm dadurch die Nachfolge gesichert.
-Auch behandelte er ihn mit großer Nachsicht und Schonung. So hatte er
-ihn zwar aus Germanien abberufen, weil seine eigenmächtigen Feldzüge
-gegen die Deutschen ohne alle bleibenden Folgen waren, hatte ihm aber
-doch einen glänzenden Triumph bewahrt, bei welchem des<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> Arminius Gattin
-Thusnelda mit ihrem dreijährigen Söhnlein mit aufgeführt ward. Da sich
-aber die Vorliebe des Volkes für den Germanicus zu deutlich kundgab,
-so suchte ihn der argwöhnische Tiberius aus den Augen des Volkes zu
-entfernen. Zu diesem Zweck übergab er ihm den Oberbefehl in Asien, um
-dort die gestörte Ruhe wieder herzustellen. Daneben beauftragte er
-den Calpurnius Piso mit der Statthalterschaft von Syrien, der dort,
-angeblich den geheimen Weisungen des Kaisers gemäß, den Befehlen des
-Germanicus stets zuwiderhandelte. Dieser reiste daher nach Syrien
-und bestrafte den ungehorsamen Piso mit Verweis und Entfernung. Als
-er gleich darauf in schweres Siechtum fiel, entstand der Verdacht,
-daß er durch Pisos und vielleicht sogar auf des Kaisers Anstiften
-ein zehrendes Gift getrunken habe. Seine Gattin Agrippina teilte und
-verbreitete diesen Verdacht. In ihren Armen starb Germanicus, fern
-von Rom, im Jahre 19 v.&nbsp;Chr. Ganz Italien wurde bei dieser Nachricht
-mit Trauer erfüllt, und die mit der Asche ihres Gatten zurückkehrende
-Agrippina zu Rom vom Volke mit der größten Teilnahme empfangen. Piso
-wurde zur Verantwortung gezogen, aber noch vor der Entscheidung seiner
-Sache ward er eines Morgens, von einem Schwert durchbohrt, auf dem
-Boden seines Gemachs gefunden. So blieb das Dunkel, das auf dem Tode
-des Germanicus ruhte, unaufgeklärt. Agrippina aber und die Freunde
-ihres Gatten ließen nicht ab in geheimen Umtrieben die Schuld seines
-Todes auf den Kaiser zu wenden.</p>
-
-<p>Diese gehässige Feindschaft und Verleumdung trug dazu bei, des Kaisers
-angeborene Neigung zu Argwohn und Menschenverachtung zu steigern. Die
-Anklagen wegen Majestätsbeleidigung, die schon unter Augustus nicht
-selten gewesen waren, wurden seit dieser Zeit immer häufiger. Jede
-unvorsichtige Äußerung des Unwillens oder Tadels gegen die Person des
-Kaisers, jeder zweideutige Ausdruck wurde von dem immer gefügigeren
-Senat mit Verbannung oder Tod bestraft, und da die Angeber belohnt
-wurden, so warfen sich viele verworfene Menschen mit Eifer auf dies
-abscheuliche Gewerbe.</p>
-
-<p>So mißtrauisch Tiberius war, so wußte ihn doch sein Günstling
-<em class="gesperrt">Älius Sejanus</em>, der Befehlshaber der Prätorianer, mit listiger
-Schmeichelei und dem Schein unbedingter Treue zu umstricken. Auf
-seinen Vorschlag wurden sämtliche Abteilungen dieser Garden in einem
-festen Standlager, dicht<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> unter den Mauern Roms, vereinigt. Von dieser
-Zeit an konnte sich der Kaiser dieser Truppen zur Durchführung jeder
-gewaltsamen Maßregel bedienen, und der Befehlshaber dieser Prätorianer
-ward nach dem Kaiser die wichtigste und mächtigste Person des Staates.</p>
-
-<p>Acht Jahre lang (23&ndash;31) stand der sonst gegen jedermann argwöhnische
-Kaiser unter dem Einfluß dieses Günstlings, dem er auch die
-Leitung der Regierung vertrauensvoll überließ. Er selber, in
-stolzer Menschenverachtung, müde der niedrigen und eigensüchtigen
-Unterwürfigkeit des Senates und des Volkes, hatte sich auf der einsamen
-Felseninsel Capreä (Capri), am Eingang des herrlichen Busens von
-Neapel, prächtige Schlösser gebaut, und lebte dort, fern vom Gewühl
-der Hauptstadt, seinen Neigungen. Aber auch dorthin verfolgte ihn die
-hämische Verleumdung und erzählte von unerhörten Ausschweifungen, denen
-sich der alternde Kaiser auf seiner Insel ergäbe.</p>
-
-<p>Inzwischen schaltete Sejanus in Rom mit unumschränkter Gewalt.
-Seine Bildsäulen standen allenthalben neben denen der kaiserlichen
-Familienglieder. Bereits hatte er des Kaisers Sohn und Nachfolger
-<em class="gesperrt">Drusus</em> durch Gift aus der Welt geschafft, und gegen die Familie
-des verstorbenen Germanicus wütete er mit Verbannung und Einkerkerung.
-Agrippina ward mit einem ihrer drei Söhne auf eine öde Insel verbannt,
-ein anderer wurde in einem Kerker eingeschlossen. Als er aber endlich
-seine Hand auch nach dem Throne ausstreckte, da wurden dem Tiberius
-die Augen über seinen Günstling geöffnet. Er ernannte in der Stille
-einen neuen Befehlshaber der Garden, und dieser legte eines Tages dem
-Senat den kaiserlichen Befehl zur Verhaftung des ahnungslosen Sejanus
-vor. Nicht nur der gefallene Günstling ward hingerichtet, sondern
-Tiberius ließ auch seine Kinder, Verwandten und Anhänger in großer Zahl
-umbringen.</p>
-
-<p>Denn nach dieser neuen bitteren Erfahrung verdüsterte sich der Sinn
-des Kaisers immer mehr. Jetzt erst ward er wirklich grausam und
-blutdürstig. Fast täglich fielen vornehme Männer und Frauen als Opfer
-schändlicher Angeberei; mancher nahm, um einer martervollen Hinrichtung
-zu entgehen, sich lieber selbst das Leben. Agrippina und zwei ihrer
-Söhne mußten im Kerker den Hungertod sterben. Von der Familie des
-Germanicus blieben, außer den Frauen, nur<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> <em class="gesperrt">Claudius</em>, sein
-Bruder, und sein jüngster Sohn, <em class="gesperrt">Gajus Caligŭla</em>, übrig. Endlich
-erkrankte der 78jährige Tyrann auf seiner Insel und fiel in eine
-todähnliche Ohnmacht, worauf sogleich die ganze Umgebung den jungen
-<em class="gesperrt">Gajus</em> den Tiberius an Sohnes Statt angenommen hatte, als neuen
-Kaiser begrüßte. Aber Tiberius kam wieder zu sich, und nun schien Gajus
-verloren. Da faßte Macro, wie erzählt wurde, der Befehlshaber der
-Prätorianer, einen raschen Entschluß; er ließ Polster und Decken auf
-den Kranken werfen und ihn darunter ersticken.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXXI_Der_Kaiser_Gajus_Caligula"><span class="s4">XXXI.</span><br />
-
-<b>Die Kaiser Gajus Caligula</b> <span class="s5">(37&ndash;41)</span> <b>und Tiberius Claudius</b>
-<span class="s5">(41&ndash;54)</span>.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Gajus, der jüngste Sohn des Germanicus und der Agrippina, hatte, da
-er mit seiner Mutter als Kind im Feldlager seines Vaters am Rhein
-lebte, von den Soldatenstiefelchen (<span class="antiqua">caligae</span>), die er trug, von
-den Soldaten den Beinamen <em class="gesperrt">Caligula</em> erhalten. Ihm allein war
-es gelungen durch den Schein kindlicher Demut und Liebe das Herz des
-Tiberius zu gewinnen, und als er nach dem Tode des alten Despoten
-als junger Kaiser in Rom erschien, jauchzte ihm alles Volk wie einem
-Erlöser aus harter Knechtschaft entgegen. In der Tat schien er anfangs
-die auf ihn gesetzte Hoffnung erfüllen zu wollen. Er stellte die
-Untersuchungen gegen die Verfolgten ein, wies die Angeber zurück,
-und machte sich durch Freigebigkeit beliebt. Aber schon nach wenigen
-Monaten zeigte er seine wahre Natur. Er erwies sich in Wirklichkeit als
-der schreckliche Tyrann und ausschweifende Lüstling, für den Tiberius
-so lange gegolten hatte. So sehr ging sein Tun und Denken gegen alle
-Vernunft, daß man ihn für wahnsinnig halten mußte. In solchem Wahnsinn
-verfiel er auf die grausamsten Handlungen. Den ungeheuren Schatz von
-420 Millionen Mark, den sein sparsamer Vorgänger gesammelt hatte,
-verschwendete er gleich im ersten Jahre seiner Regierung. Über die
-Meeresbucht zwischen Bajä und Putéoli, unweit des heutigen Neapels,
-eine Stunde weit, baute er eine Schiffbrücke und legte auf derselben
-eine Kunststraße an mit<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> Häusern auf beiden Seiten, bloß um einmal
-in einem Prachtzuge darüber fahren und sagen zu können, er habe das
-Meer in Land verwandelt. Seinem Leibpferde Incitatus, dem er die Würde
-eines Konsuls zugedacht hatte, ließ er einen Palast mit Hofhaltung
-einrichten, es mit vergoldetem Hafer füttern, ja sogar an seiner
-eigenen Tafel fressen. Als er durch solche wahnsinnige Streiche, durch
-Volksspeisungen und öffentliche Spiele den Schatz vergeudet hatte,
-zwang er, um wieder Geld aufzubringen, die Reichen die Kosten der
-öffentlichen Spiele zu tragen und ihm große Geschenke und Vermächtnisse
-zu machen. Viele ließ er hinrichten, um ihr Vermögen einzuziehen; er
-drückte die Reichen durch eine Menge von Steuern und errichtete endlich
-eine Spielbank, wobei er selbst den falschen Spieler machte. Seiner
-Grausamkeit wurden viele Menschen geopfert; manche ließ er lebendig
-zersägen, andere den wilden Tieren vorwerfen, ja bei den Tierhetzen,
-wenn gerade keine Verbrecher mehr da waren, Zuschauer ergreifen und
-den Tieren preisgeben. In seinem Blutdurste wünschte er, daß das ganze
-römische Volk nur <em class="gesperrt">einen</em> Kopf haben möchte, um ihn mit einem
-Streich abschlagen zu können. Sein Wahlspruch war: „Mag man mich
-hassen, wenn man mich nur fürchtet!“ (<span class="antiqua">Odĕrint, dum métuant!</span>)</p>
-
-<p>In seiner Eitelkeit wollte er auch als siegreicher Eroberer glänzen. Er
-unternahm deshalb sogenannte Feldzüge nach Germanien und Britannien.
-Er ließ nämlich von Gallien aus einige germanische Söldner über den
-Rhein setzen und sich dort verstecken; dann zog er mit einem Teil
-der Reiterei hinüber und brachte sie als Gefangene zurück: das war
-sein Sieg über die Germanen! Ebenso stellte er ein ungeheures Heer an
-Galliens Nordküste auf, angeblich zum Zuge gegen Britannien, fuhr dann
-auf einem Prachtschiff ein wenig ins Meer hinaus, und ließ nach seiner
-Rückkehr die Soldaten am Strande Muscheln sammeln, die er nachher als
-eine dem Ozean abgenommene Beute samt einer Anzahl Gefangener, die aus
-Galliern in germanischer Tracht bestanden, bei seinem Triumph in Rom
-aufführte.</p>
-
-<p>Nachdem er so fast vier Jahre lang gewütet hatte, bildete sich unter
-seiner Umgebung, die zuletzt ihres eigenen Lebens nicht mehr sicher
-war, eine Verschwörung, und zwei Hauptleute seiner Leibwache ermordeten
-den Kaiser samt seiner Gemahlin und seiner Tochter (41).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span></p>
-
-<p>Während der Ermordung Caligulas hatte sich sein Oheim <em class="gesperrt">Tiberius
-Claudius</em> hinter einem Türvorhang versteckt. Ihn zogen jetzt die
-Soldaten der Leibgarde hervor und huldigten ihm als Kaiser, wofür
-er ihnen eine große Summe Geldes versprechen mußte. Der Senat ward
-genötigt ihn anzuerkennen. Wenn auch Claudius in Geschichte und
-Sprachen wohl unterrichtet war, so fehlten ihm doch alle Eigenschaften
-zur Regierung des Reichs. Er überließ sie Günstlingen und Frauen. Unter
-diesen hatten besonders die durch ihren sittenlosen Wandel berüchtigte
-<em class="gesperrt">Messalina</em>, und nach ihrer Hinrichtung die, zwar nicht
-sittenlose, aber weit herrschsüchtigere <em class="gesperrt">Agrippina</em>, eine Tochter
-des Germanicus und Schwester des Caligula, großen Einfluß. Da Agrippina
-den Sohn des Kaisers von der Messalina, den <em class="gesperrt">Britannicus</em>, vom
-Throne zu verdrängen suchte, um ihrem eigenen Sohn aus erster Ehe,
-dem Domitius <em class="gesperrt">Nero</em>, Platz zu machen, so bewog sie den alten
-willensschwachen Kaiser diesen als Sohn anzunehmen. Sobald ihr dies
-gelungen war, ließ sie den alten Kaiser durch vergiftete Pilze töten,
-welche die berüchtigte Giftmischerin Lacusta bereitet hatte. Daran ward
-Nero, als der ältere der beiden Söhne, auf den Thron gehoben.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXXII_Nero"><span class="s4">XXXII.</span><br />
-
-<b>Nero</b> <span class="s5">(54&ndash;68)</span>.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Nero gelangte im Alter von siebzehn Jahren zur Regierung. Solange er
-sich der weisen Leitung des <em class="gesperrt">Burrus</em>, des Obersten der Garde, und
-seines Erziehers, des beredten und geistvollen <em class="gesperrt">Séneca</em> hingab,
-regierte er ohne Tadel und zeichnete sich durch Bescheidenheit und
-Milde, durch Wohltätigkeit und Enthaltsamkeit so sehr aus, daß man
-die ersten fünf Jahre (<span class="antiqua">quinquennium</span>) seiner Herrschaft das
-glückliche Quinquennium des Nero genannt hat. Doch alle diese Tugenden
-waren nur die Wirkung des Zwanges und der Verstellung. Länger vermochte
-der junge Monarch die Maske der Tugend nicht zu tragen, er warf sie ab
-und offenbarte alsbald einen solchen Hang zu Grausamkeit, Eitelkeit und
-Heuchelei, daß er ein wahres Ungeheuer von einem Tyrannen wurde.</p>
-
-<p>Da ihm seine Mutter Agrippina Vorwürfe über seine Ausschweifungen
-machte und ihm drohte den jüngeren Stief<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>bruder Britannicus, an dem
-sich treffliche Eigenschaften entwickelten, auf den Thron zu erheben,
-so beschloß Nero sofort dessen Tod. Eines Tages ward bei einem
-Festmahle ein warmes Getränk umhergereicht, dieses aber dem Britannicus
-so heiß gegeben, daß er es nicht trinken konnte. Eiligst wurde kaltes
-Wasser zugegossen, das die oben erwähnte Locusta vergiftet hatte.
-Kaum hatte Britannicus davon getrunken, als er vor Neros und aller
-Gäste Augen leblos niederfiel. „Es ist nichts als die Fallsucht, die
-er schon öfters gehabt!“ rief der heuchlerische Nero und ließ die
-Leiche wegschaffen, aber gleich in der Nacht auf einem Scheiterhaufen
-verbrennen, Agrippina mußte den kaiserlichen Palast räumen und verlor
-allen Einfluß. Bald ließ sich Nero durch die schöne, aber lasterhafte
-<em class="gesperrt">Poppäa Sabina</em> bewegen seine tugendhafte Gemahlin Octavia,
-die Schwester des Britannicus, zu verstoßen und seine eigene Mutter
-zu ermorden. Burrus und Seneca bebten vor diesem Entschluß zurück,
-hatten aber nicht den Mut sich zu widersetzen. Auf den Vorschlag eines
-Günstlings wurde in der Nähe von Bajä eine Lustfahrt auf dem Meere
-veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit sollte Agrippina mit dem Schiffe
-versenkt werden. Doch der Anschlag mißlang, Agrippina rettete sich ans
-Land, ward aber gleich darauf von gedungenen Mördern in ihrer Wohnung
-umgebracht.</p>
-
-<p>Seitdem von Gewissensangst verfolgt, suchte sich Nero durch den
-Taumel wilder Vergnügungen zu zerstreuen. Er scheute sich nicht, um
-seiner krankhaften Eitelkeit zu frönen, öffentlich als Wagenrenner,
-Zitherspieler, Sänger und Schauspieler aufzutreten, ohne auf die
-Mahnungen des Burrus und Seneca Rücksicht zu nehmen. Als Burrus starb
-und Seneca sich ganz vom Hofe zurückzog, konnte sich nun Nero ganz
-den Einflüsterungen elender Günstlinge hingeben. Seine Verschwendung
-war schrankenlos; oft warf er am Schlusse der Feste, die er dem Volke
-gab, kleine Kugeln unter dasselbe, auf denen Anweisungen auf Geld,
-Edelsteine, Gemälde, Pferde, Äcker und Landgüter standen, die dann dem
-glücklichen Erhascher ausgehändigt wurden. Darum mochte ihn sowohl das
-Volk, das er durch Spiele und Kornspenden befriedigte, als auch das
-Heer, das er reich besoldete, wohl leiden.</p>
-
-<p>Die größte Greueltat in seiner Regierung war der Brand von Rom. Um sich
-eine schönere Hauptstadt bauen zu können, ließ er Rom an verschiedenen
-Stellen anzünden; seine Mord<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>brenner durchzogen die Stadt, drangen mit
-Fackeln und Brandstoffen in die Häuser und hinderten die Leute mit
-Gewalt am Löschen. Während der Feuersbrunst stand er auf einem Turme
-und sah mit grausamer Lust dem furchtbaren Schauspiel zu, indem er
-dabei ein Gedicht von Trojas Untergang deklamierte. Durch diesen Brand
-ward ein großer Teil der Stadt in Asche gelegt und unsägliches Elend
-über die Bevölkerung gebracht, die damals bereits gegen eine Million
-betrug. Es war also natürlich, daß sich eine wütende Entrüstung gegen
-die Anstifter zu verbreiten begann. Darum suchte er mit teuflischer
-Arglist die Schuld auf die Christen zu schieben, die, weil sie sich
-von allen öffentlichen, mit heidnischen Gebräuchen verbundenen
-Festlichkeiten zurückhielten, dem Volke schon lange verdächtig und
-verhaßt waren. Viele derselben wurden als Mordbrenner angeklagt und
-verurteilt, ein Teil enthauptet oder gekreuzigt, ein anderer in Felle
-wilder Tiere genäht und den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen, andere
-mit Pech übergossen und angezündet, um wie Fackeln in langen Reihen
-bei nächtlichen Rennspielen zu leuchten. So ward Nero der Urheber der
-ersten <em class="gesperrt">Christenverfolgung</em>.</p>
-
-<p>Darauf ließ Nero die Stadt neu aufbauen, wobei er ein ganzes Quartier
-für sich nahm und daselbst mit verschwenderischer Pracht einen Palast,
-das sogenannte <em class="gesperrt">goldene Haus</em>, bauen ließ, das mit Gärten,
-Bädern, Lusthäusern, sogar mit Seen und Wildbahnen umgeben ward. Um
-die ungeheuren Kosten zu decken und das Innere auszuschmücken, mußten
-alle Provinzen, besonders die Tempel Griechenlands und Asiens, einen
-Teil ihrer Geld- und Kunstschätze dazu steuern, und selbst die Heere
-ihren Sold entbehren. Dadurch machte er sich allgemein verhaßt, und
-es bildete sich eine Verschwörung von Senatoren und Rittern, um ihn
-zu stürzen und den edeln <em class="gesperrt">Gajus Piso</em> auf den Thron zu setzen.
-Aber die Verschwörung wurde entdeckt, Piso gab sich selbst den Tod,
-und viele andere wurden hingerichtet Auch Neros Lehrer Seneca wurde,
-obschon unschuldig, zum Tode verurteilt. Da man ihm die Gunst gewährte
-sich selbst töten zu dürfen, so öffnete er sich die Adern; da aber bei
-dem Greise das Blut zu langsam floß, ließ er sich durch die Dämpfe
-eines Bades ersticken. Seine treue Gattin teilte freiwillig sein
-Schicksal.</p>
-
-<p>Um die Angst seines Gewissens zu betäuben, stürzte sich Nero in
-immer neue Zerstreuungen. Er reiste nach Griechen<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>land, wo er in den
-Spielen als Sänger und Wagenlenker auftrat. Als die Griechen seine
-Kunst bewunderten und ihm den Preis zuerkannten, verkündete er selber
-als Herold Griechenlands Freiheit, was ihn jedoch nicht hinderte die
-griechischen Tempel zu plündern. Mit 1800 Siegeskränzen geehrt, kehrte
-er nach Rom zurück und feierte wegen seiner Kunstsiege einen Triumph.</p>
-
-<p>Vierzehn Jahre lang hatte Nero auf diese Weise regiert, als sich einige
-Statthalter gegen ihn empörten. Noch hätte der Aufstand unterdrückt
-werden können, wenn er sich zu entschlossenem Widerstande hätte
-aufraffen können. Als es zu spät war, als in Rom selbst der Aufstand
-siegte, machte er sich, von allen verlassen, auf die Flucht, um sich
-auf einem Landgut bei Rom zu verstecken. Dahin ritt er mit vier
-Begleitern in einer sturmvollen Nacht; der Beherrscher der Erde hatte
-sich in einen schlechten Mantel vermummt und hielt sich ein Tuch vor
-das Gesicht. Zuckende Blitze erleuchteten den Weg. Neros Pferd ward
-scheu. Reisende, die ihnen begegneten, fragten: „Was neues von Nero?“
-Einen andern hörten sie sagen: „Die setzen gewiß auch dem Nero nach.“
-So geängstigt erreichte er halbtot das Landgut. Er wagte es nicht durch
-den gewöhnlichen Eingang in das Haus zu kommen, und bis man ihm eine
-Öffnung durch die Mauer gebrochen hatte, versteckte er sich im Schilf
-und schöpfte sich, von Durst gequält, mit der Hand Wasser aus einer
-Pfütze. Am folgenden Tage erhielt er die Nachricht, der Senat habe ihn
-als einen Feind des Vaterlandes geächtet, der, wenn man ihn fände, nach
-der Sitte der Vorfahren hingerichtet werden sollte. Seine Begleiter
-forderten ihn dringend auf dieser Schande zuvorzukommen; er versuchte
-auch, unter unsäglichem Wehklagen, sich selbst zu töten, aber er fand
-nicht den Mut dazu. „Welch ein Künstler geht in mir unter!“ rief er
-einmal über das andere aus. Da sprengten Reiter heran. Nun ergriff
-er den Dolch und ein Freigelassener half beim Stoß in die Kehle. Die
-Reiter, die ihn gern lebendig fangen wollten, traten ein, als er sich
-fast verblutet hatte. Er stand im 32. Jahre, als er starb (68). Mit ihm
-war Cäsars Geschlecht gänzlich erloschen.</p>
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span></p>
-
-<h3 id="XXXIII_Flavius_Vespasianus"><span class="s4">XXXIII.</span><br />
-
-<b>Flavius Vespasianus</b> <span class="s5">(69&ndash;79)</span>.<br />
-Seine Söhne <b>Titus</b> <span class="s5">(79&ndash;81)</span>
-und <b>Domitianus</b> <span class="s5">(81&ndash;96)</span>.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Nach Neros Tode ward der spanische Statthalter <em class="gesperrt">Galba</em>, der an der
-Spitze der Empörung stand, zum Kaiser ausgerufen, ward aber in Kürze
-durch <em class="gesperrt">Otho</em> gestürzt, wider den wieder der Befehlshaber der am
-Rhein stehenden Legionen, <em class="gesperrt">Vitellius</em>, sich erhob und in blutigem
-Bürgerkriege obsiegte. Gegen Vitellius ward im Osten des Reiches der
-Statthalter Syriens, <em class="gesperrt">Flavius Vespasianus</em>, aufgestellt, und erst
-diesem gelang es wieder eine dauernde Regierung herzustellen.</p>
-
-<p>Vespasianus stand eben mit seinen Legionen in Palästina, wo er einen
-furchtbaren Aufstand der Juden gegen den Druck der römischen Herrschaft
-zu bekämpfen hatte. Die Juden wehrten sich als Verzweifelnde. So lag
-sechs Wochen lang ein römisches Heer von 60000 Mann vor der Stadt
-Jotápata in Galiläa, ehe es sie erobern konnte. Vierzigtausend Juden
-verloren dabei ihr Leben. Neben dem Krieg gegen den äußeren Feind
-wüteten furchtbare innere Zwistigkeiten unter den Juden selbst. In
-Jerusalem hatte sich eine wütende Rotte, Zeloten (Eiferer) genannt,
-vor welcher die Gemäßigten, die den Frieden wünschten, zitterten, der
-Tempelburg bemächtigt und führte eine furchtbare Schreckensregierung.
-Bald zerfielen auch die Zeloten in zwei Parteien, welche einander mit
-der größten Heftigkeit bekämpften, weshalb Vespasianus den Angriff auf
-Jerusalem verschob, weil er darauf rechnete, daß diese Wütenden selbst
-einander aufreiben würden.</p>
-
-<p>Als die Nachricht von Neros Tode und von den neuen Machthabern Roms
-sich verbreitete, trugen die Statthalter der östlichen Provinzen
-dem Vespasianus die Kaiserwürde an. Er nahm sie an und überließ die
-Fortsetzung des Krieges seinem Sohne <em class="gesperrt">Titus</em>.</p>
-
-<p>Dieser rückte im Jahre 70 vor Jerusalem, wo die Zerrüttung und das
-Elend den höchsten Grad erreicht hatten. Die drei Parteien machten
-einander den Besitz der Stadt und des Tempels streitig, und taten
-alles, um sich gegenseitig zu verderben. Indes war Jerusalem so
-stark befestigt, daß es kaum mit Waffengewalt einnehmbar schien.
-Titus bot den Eingeschlossenen Verzeihung an, aber sie wollten sich
-durchaus nicht ergeben. Die Hungersnot stieg in der von Flüchtlingen<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-vollgedrängten Stadt so hoch, daß eine Mutter ihr Kind schlachtete und
-aß. Als Titus das hörte, rief er mit Entsetzen über die Empörer aus:
-„Sie allein tragen die Schuld dieses Frevels! Ich will den Greuel des
-Kindesfraßes mit den Trümmern der Stadt bedecken; die Sonne soll nicht
-mehr eine Stadt bescheinen, in der Mütter also sich nähren!“</p>
-
-<p>Neben dem Hunger wüteten Seuchen in der unglücklichen Stadt. Die
-Leichen wurden zu Tausenden über die Mauern geworfen. Nachdem die Römer
-den äußeren Mauerring erstürmt hatten, richtete sich ihre ganze Macht
-gegen den Tempel, der von einem Haufen todesmutiger Männer auf das
-tapferste verteidigt wurde. Aber dem unaufhaltsam vordringenden Angriff
-erlagen alle Widerstände. Mauer auf Mauer warfen die Sturmwidder der
-Römer nieder und erreichten endlich die den Tempel umgebenden Hallen.
-Titus wünschte dies Prachtgebäude zu erhalten, aber umsonst. Die Juden
-glaubten, ihr Tempel könne gar nicht erobert werden, Gott selber müsse
-ihn beschützen. Aber die römischen Soldaten warfen Feuer hinein,
-und bald bedeckte ein Flammenmeer den gewaltigen Bau. Es folgte ein
-allgemeines Blutbad, wobei weder Alter noch Geschlecht noch Stand
-geschont ward. Tausende fanden ihren Tod in den Flammen oder durch
-Absturz von den Mauern. Die obere Stadt ward erst mehrere Wochen später
-eingenommen, worauf Titus alles, was von Gebäuden noch stand, vollends
-der Erde gleichmachen ließ. Mehr als eine Million Juden sollen in
-diesem Vernichtungskriege ums Leben gekommen sein. Als Titus seinen
-Einzug in die rauchenden Trümmer der Stadt hielt, brach er in die Worte
-aus: „Wahrhaftig, mit Gott haben wir gesiegt! Gott hat die Juden aus
-diesen Bollwerken vertrieben, denn was vermöchten Menschenhände und
-Brechwerkzeuge gegen solche Steinmassen?“</p>
-
-<p>Also ward das Wort Christi über Jerusalem erfüllt (Luk. 19, 44): „Sie
-werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen.“</p>
-
-<p>Noch zwei Jahre währten die Todeszuckungen des zertretenen Volkes, und
-erst im Jahre 72 war die völlige Bezwingung Judäas erreicht. Damit
-verloren die Juden ihren nationalen Mittelpunkt und den letzten Rest
-einer politischen Vereinigung, und es vollendete sich ihre Zerstreuung
-in alle Welt und unter alle Völker.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p>
-
-<p>Unterdessen war Vespasianus in Rom mit der kaiserlichen Macht bekleidet
-worden und feierte im folgenden Jahre mit seinem Sohne Titus, den er
-zum Mitregenten erhoben hatte, einen glänzenden Triumph wegen der
-Beendigung des jüdischen Krieges. Noch steht im ganzen wohlerhalten
-der prachtvolle, innen und außen mit reichem Bildwerk geschmückte
-Triumphbogen, der nach dem Tode des Kaisers an der sogenannten
-„heiligen Straße“ (<span class="antiqua">via sacra</span>), nahe dem Forum, errichtet wurde.</p>
-
-<p>Mit Vespasianus kehrte wieder Ordnung und Gesetz in das zerrüttete
-römische Reich zurück. Er stellte die verfallene Kriegszucht bei den
-Heeren wieder her; er reinigte den Senat von unwürdigen Mitgliedern
-und ersetzte sie durch würdige Männer aus den Provinzen des Reiches.
-Er beschränkte die Anklagen wegen beleidigter Majestät, die unter
-seinen Vorgängern so vielen das Leben gekostet hatten, und füllte durch
-Sparsamkeit und weise Verwaltung die gänzlich erschöpfte Staatskasse.
-Unter den neuen Steuern, die er einführte, befand sich auch eine, die
-er auf die Urinfässer legte, welche die Tuchwalker bei ihrem Gewerbe
-gebrauchten. Als sich sein Sohn Titus darüber abfällig äußerte, hielt
-er ihm ein aus dieser Steuer herrührendes Geldstück unter die Nase
-und fragte ihn, ob es übel rieche. An seinem Hofe herrschte eine
-soldatische Einfachheit, was nicht ohne einen günstigen Einfluß auf die
-durch Luxus und Schwelgerei entartete römische Gesellschaft blieb.</p>
-
-<p>Auch verschönerte er Rom durch den Wiederaufbau des im Bürgerkriege
-niedergebrannten Capitoliums und der noch seit dem Neronischen
-Brande in Asche liegenden Stadtviertel. Außerdem ließ er an Stelle
-des Neronischen Goldenen Hauses einen Tempel der Friedensgöttin, den
-größten und prächtigsten Roms, bauen, und ein ungeheures Amphitheater,
-in dem 87000 Menschen Raum fanden. Hier wurden jährlich die blutigen
-Gladiatorengefechte und Tierhetzen vorgeführt, an deren Anblick sich
-das Volk nicht ersättigen konnte. Durch unterirdische Kanäle konnte
-Wasser eingelassen werden, das den ganzen Bodenraum in einen See
-verwandelte, worin Schiffsgefechte aufgeführt wurden. Noch jetzt
-machen die hochragenden Überreste dieses Riesenbaues, das den Namen
-Kolosséum führt, auf den Beschauer einen gewaltigen Eindruck. Bei den
-Einweihungsspielen wurden 5000 wilde Tiere erlegt. Es war dies der Ort,
-in welchem später Tausende von christ<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span>lichen Märtyrern unter den Zähnen
-der wilden Tiere verbluten mußten.</p>
-
-<p>Dieser für das Reich so wohltätige Fürst starb als ein siebzigjähriger
-Greis (79). Als er zum ersten Male in seinem Leben erkrankte und den
-Tod herannahen fühlte, sprang er mit den Worten: „Ein Imperator muß
-stehend sterben!“ vom Lager auf und sank tot um.</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p>Er hinterließ die Herrschaft seinem Sohne Flavius Vespasianus
-<em class="gesperrt">Titus</em>, den er schon längst zum Mitregenten angenommen hatte.
-Wegen seiner unordentlichen Lebensart und Neigung zur Grausamkeit hegte
-man von ihm keine günstigen Hoffnungen, aber als Kaiser erschien er
-wie umgewandelt und offenbarte das edelste und wohlwollendste Gemüt.
-Als er sich einst bei der Mahlzeit erinnerte, daß er an dem ganzen
-Tage niemanden eine Wohltat erwiesen hatte, rief er aus: „Freunde,
-ich habe einen Tag verloren!“ Oft sagte er, von seinem Fürsten dürfte
-niemand traurig weggehen. Den Regierungsgeschäften widmete er sich
-mit der größten Gewissenhaftigkeit, behandelte jeden mit Milde und
-Güte, selbst seine Feinde mit Großmut, und suchte die Leiden der
-Menschheit durch Wohltätigkeit zu lindern, sodaß ihn das Volk die
-Liebe und Wonne des Menschengeschlechts nannte. Seine kurze Regierung
-gab ihm Gelegenheit genug, seine Freude am Wohltun in reichem Maße
-zu offenbaren. Eine schreckliche Feuersbrunst wütete drei Tage lang
-in Rom; eine verheerende Pest raffte Tausende hin. Furchtbarer noch
-war der ganz unerwartete <em class="gesperrt">Ausbruch des Vesuvs</em>. Bis fast zum
-Gipfel reich angebaut, begann dieser Berg damals zum ersten Male
-und ganz plötzlich die in ihm schlummernden vulkanischen Kräfte zu
-offenbaren. Am Mittag des 24. August 79, unter gleichzeitigem Erdbeben
-und heftiger Bewegung des nahen Meeres, erhob sich eine himmelhohe
-pinienförmige Rauch- und Feuersäule, welche alles Land meilenweit mit
-einer mehrere Meter hohen Schicht von kleinen Bimssteinen und dann mit
-einer noch höheren von nasser Asche bedeckte. Mehrere Tage dauerte
-dieser Aschenregen, der die Luft mit erstickendem Qualm erfüllte und
-den Tag in tiefe Nacht verwandelte. Feurige Lavaströme brachen aus
-den Seiten des Berges und erhöhten das Entsetzen des Volkes. Drei
-blühende Städte am Meerbusen, Herculanum, Pompeji und Stabiä, wurden
-gänzlich<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> verschüttet. Viele tausend Menschen verloren Gut und Leben.
-Unter den Toten war der Befehlshaber der Flotte im Hafen von Misēnum,
-der gelehrte Naturforscher <em class="gesperrt">Plinius</em>, der das unerhörte Ereignis
-in der Nähe schauen wollte. Sein Neffe, Plinius der Jüngere, hat in
-Briefen an seinen Freund, den Geschichtschreiber Tacitus, den ganzen
-Vorgang geschildert.</p>
-
-<p>Am 24. August, erzählt er, erhob sich plötzlich ein Geschrei, es
-steige aus dem Berge Vesuv eine ganz ungewöhnliche, fürchterliche
-Wolke auf. Der unerschrockene Oheim wollte ein so merkwürdiges
-Ereignis in größerer Nähe beobachten, bestieg ein Schiff und eilte
-der Gefahr entgegen. Schon auf dem Meere erreichte ihn fallende Asche
-und Bimsstein; der Steuermann bat ihn umzukehren. Vergebens. „Mit dem
-Tapfern ist das Glück!“ rief er und ließ sich nach Stabiä bringen,
-wo er die Nacht hindurch ruhig schlief, während die Flammen aus dem
-Vesuv hervorbrachen und alles, was fliehen konnte, floh. Am Morgen
-aber entstand die Besorgnis, daß der stärker strömende Aschenregen
-zuletzt den Ausgang aus der Stadt versperren, oder die von dem heftigen
-Erdbeben schwankenden Mauern einstürzen möchten. So zog man denn
-hinaus, auf das Meer zu, welches fürchterlich tobte. Eine stockfinstere
-Nacht überall, nur von den Fackeln, welche die Sklaven trugen, und
-den Flammen des Berges erhellt. Da sank Plinius plötzlich tot nieder.
-Er war von den bösen Dämpfen erstickt; seinen Leichnam fand man erst
-am dritten Tage, denn so lange dauerte die Finsternis. Sein Neffe war
-indes in Misenum geblieben, bis auch dort das entsetzliche Erdbeben
-die Gebäude zu verlassen zwang. Eine Menge Volks zog aus; da wandelte
-sich auch hier in so weiter Entfernung der Tag in Nacht, und die Asche
-begann zu stäuben. Das Rufen, das Geschrei und Gejammer der auf dem
-Felde umhertappenden, die Ihrigen suchenden Menschen war schrecklich.
-Endlich, als der lange und schwere Aschenregen nachließ, und die Sonne,
-wiewohl mit fahlem Scheine, wieder hervortrat, boten die Gegenstände
-umher den traurigsten Anblick dar; der Boden war hoch mit Asche wie
-mit Schnee bedeckt. &mdash; Aus dem, was bei Misenum geschah, kann man
-sich ungefähr vorstellen, wie die dem schrecklichen Ausbruch so viel
-näheren Städte Pompeji und Stabiä unter der Asche, Herculanum unter
-den Lavaströmen verschüttet wurden und gänzlich verschwanden. Erst
-seit der<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> Mitte des 18. Jahrhunderts sind ihre Reste teilweise wieder
-aufgedeckt und zugänglich gemacht worden.</p>
-
-<p>Titus, der Rom auch durch ein herrliches Werk der Baukunst, die nach
-ihm genannten Thermen (allem Volk zugänglichen Bäder), zierte, regierte
-zum Unglück für das Reich nur zwei Jahre und drei Monate. Er starb
-kinderlos nach kurzer Krankheit (81).</p>
-
-<p>Sein Bruder <em class="gesperrt">Domitianus</em>, der ihm in der Herrschaft folgte,
-schien anfangs die Regierungsweise seiner beiden Vorgänger fortsetzen
-zu wollen, bis allmählich die übermäßige Vorstellung von seiner
-persönlichen Bedeutung, mit der er schon dem Vater lästig und dem
-Bruder feindselig gewesen war, in eine Art Herrscherwahnsinn ausartete,
-und seine Regierung für alle gefährlich machte, welche seine Eifersucht
-oder seinen Argwohn weckten. Die Zeiten Caligulas und Neros schienen
-sich zu erneuern. Endlich bildete sich unter den Freigelassenen,
-seinen Günstlingen, welchen er die Verwaltung der Staatsgeschäfte
-anvertraut hatte, und Mitgliedern des Senates, die alle in steter
-Furcht für ihr Leben standen, eine Verschwörung, die ihm ein blutiges
-Ende bereitete (96). Selbst seine Gemahlin Domitia half den Wüterich
-zu beseitigen. Mit ihm erlosch die Dynastie der Flavier. Das Reich
-aber hatte unter ihm, wenn auch ohne sein Verdienst, eine ansehnliche
-Erweiterung erfahren. Die <em class="gesperrt">Eroberung Britanniens</em>, die schon
-von Cäsar eingeleitet, aber erst unter Kaiser Claudius ernstlich
-begonnen war, wurde im Jahre 85, trotz des langen und heldenmütigen
-Widerstandes der Britanner, durch Julius Agricola, den Schwiegervater
-des Geschichtschreibers Tacitus, vollendet.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXXIV_Die_gluecklichste_Periode"><span class="s4">XXXIV.</span><br />
-
-<b>Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft: Nerva,
-Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine</b>
-<span class="s5">(96&ndash;180)</span>.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Auf die Flavier folgte, während einer fast hundertjährigen Zeitdauer,
-eine stetige Reihe trefflicher Fürsten, unter denen die Bewohner des
-Reiches sich einer einsichtigen und gerechten Verwaltung, ungestörten
-inneren Friedens und zunehmenden<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> Wohlstandes erfreuten, sodaß man
-diesen Zeitraum das goldene Zeitalter des römischen Reiches genannt hat.</p>
-
-<p>Zunächst wurde der alte würdige Senator Coccejus <em class="gesperrt">Nerva</em> auf den
-Thron erhoben (96&ndash;98). Er gab dem Senat den ihm gebührenden Anteil an
-der Regierung zurück, bemühte sich durch Milde und Gerechtigkeit, den
-Leiden und Klagen der armen Bevölkerung abzuhelfen, den zerrütteten
-Staatshaushalt zu ordnen, erleichterte die Abgaben und ließ arme
-Kinder auf öffentliche Kosten erziehen. Da er aber fühlte, daß ihm,
-dem Übermut und den Ansprüchen der Leibgarden gegenüber, die nötige
-Kraft fehlte, so adoptierte er den kriegserprobten Statthalter des
-oberen Germaniens, <em class="gesperrt">Ulpius Trajanus</em>, einen in Spanien geborenen
-römischen Bürger, und ernannte ihn zu seinem Mitregenten. Er starb
-einige Monate nach dieser Wahl, worauf ihm Trajanus als Alleinherrscher
-folgte (98&ndash;117).</p>
-
-<p>Durch seine Kraft und Milde, Güte und Bescheidenheit, Einsicht und
-Gerechtigkeit erwarb er sich die Liebe und Bewunderung der römischen
-Welt in dem Grade, daß ihm der Senat den Beinamen der „Beste“ erteilte,
-und noch nach zweihundert Jahren die neugewählten Kaiser den Thron
-unter dem Glückwunsch bestiegen: „Sei glücklicher als Augustus und
-besser als Trajanus!“ Alle Tugenden, die den Herrscher, Feldherrn und
-Menschen zieren, übte er in gleichem Maße. Die Majestätsprozesse hörten
-auf; der Senat erhielt Freiheit der Beratungen. Der Kaiser selbst
-unterwarf sich den Gesetzen und förderte dadurch auch in allen Bürgern
-die Achtung vor Gesetz und Recht. Jedem Bürger gestattete er freien
-Zutritt; die Provinzen beschützte er vor Bedrückung der Beamten; die
-Armen unterstützte er, indem er in allen Teilen Italiens arme Kinder
-auf Kosten des Staates erziehen ließ. Das Christentum aber, in dem der
-heidnische Römer nichts anderes als einen jüdischen Aberglauben sah und
-verachtete, suchte dieser beste der Kaiser planmäßig zu unterdrücken.
-Wenn er auch geheime Anklagen und Verfolgungen der Christen nicht
-gestattete, so befahl er doch die gesetzmäßig angeklagten und
-überführten, wenn sie nicht widerrufen wollten, hinzurichten.</p>
-
-<p>Auch glänzende Kriegstaten und eine erhebliche Ausdehnung des Reichs
-sind mit dem Namen dieses Kaisers verknüpft. Zur Sicherung der Provinz
-Moesia an der unteren<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> Donau unternahm er einen Kriegszug gegen das
-unruhige Volk der <em class="gesperrt">Daken</em> am jenseitigen linken Ufer des Stromes
-(im heutigen Rumänien und Siebenbürgen), deren König <em class="gesperrt">Decébalus</em>
-dem römischen Reiche unter Domitianus gegen die jährliche Zahlung
-eines Tributes Frieden gewährt hatte. Trajanus befreite Rom von dieser
-schmählichen Abgabe; Decebalus mußte seine Hauptstadt erobert, seine
-Festungen geschleift und einen Teil seines Landes von den Römern
-besetzt sehen (103). Als er sich dann, dem Friedensvertrage zuwider,
-heimlich mit Nachbarvölkern gegen die Römer verband, zog Trajanus
-zum zweiten Mal gegen die Daken. Zu diesem Zwecke baute er, in der
-Nähe der heutigen Stadt Czernetz in der Walachei, über die Donau eine
-steinerne Brücke, die aus 20 steinernen Pfeilern ruhte und 2500 Fuß
-lang war. Dann drang er tief in das Land der Feinde und bedrängte den
-Decebalus so, daß dieser sich selbst das Leben nahm (106). Sein Land
-ward römische Provinz (<span class="antiqua">Dacia</span>) und nahm bald römische Sprache und
-Art so gründlich an, daß noch der Name und die Sprache der heutigen
-Rumänier davon zeugen.</p>
-
-<p>Seine Siege über die Daken feierte Trajanus durch glänzende Triumphe
-und Festspiele, bei denen an 123 Tagen 11000 wilde Tiere getötet
-wurden. Das Andenken daran erhält noch heute die Trajanssäule in Rom.
-Sie erhebt sich auf dem vormals mit Säulenhallen umgebenen Platze des
-Trajanischen Forums, ist 117 Fuß hoch und aus hohlen Zylindern von
-weißem Marmor zusammengesetzt, welche einen unten 11, oben 10 Fuß
-starken Schaft bilden, an dessen Außenfläche Trajans Kriegstaten mit
-etwa 2500 menschlichen Figuren dargestellt sind. Die Säule, unter
-der sich des Kaisers Grabkammer befand, ist innen hohl, und 184
-Stufen führen auf ihre Spitze, auf welcher eine 22 Fuß hohe eherne
-Bildsäule Trajans stand, die aber im Laufe der Zeit zerstört und im 16.
-Jahrhundert durch die Bildsäule des Apostels Petrus ersetzt worden ist.</p>
-
-<p>Da die <em class="gesperrt">Parther</em> die Grenze des römischen Reiches im Osten
-beunruhigten, so unternahm Trajanus auch einen Feldzug in die
-Morgenländer. Er unterwarf Armenien, Mesopotamien und Assyrien und
-machte diese Länder zu römischen Provinzen, deren Besitz jedoch von
-nur kurzer Dauer war. Mit einer Flotte fuhr er den Tigris hinab in den
-persischen Meerbusen und war schon nahe seinem Ziele, der Herstellung<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>
-des Reiches Alexanders des Großen. Das Reich der Parther machte er,
-unter einem einheimischen, von ihm eingesetzten Fürsten, abhängig
-von Rom. Aber diese Eroberungen waren nicht von Bestand. Die Parther
-setzten ihren vertriebenen König wieder ein, und bevor er den Aufstand
-bezwingen konnte, starb Trajanus zu Selinus in Cilicien, das ihm
-zu Ehren Trajanopolis genannt ward. Seine Gebeine wurden nach Rom
-geschafft und unter der Trajanssäule beigesetzt.</p>
-
-<p>Nach seinem Tode ließ sich T. Aelius <em class="gesperrt">Hadrianus</em>, der vom
-sterbenden Trajan als Sohn angenommene Befehlshaber des Heeres und
-Statthalter von Syrien, sogleich von dem Heere zum Kaiser ausrufen, und
-der Senat bestätigte ihn in dieser Würde. Er war ein sehr gebildeter
-Mann und mit einem so außerordentlichen Gedächtnis begabt, daß er schon
-in seinem fünfzehnten Jahre die griechische Sprache so vollkommen
-wie ein Grieche sprach und jedes einmal gelesene Buch fast auswendig
-wußte. Als Kaiser wandte er den inneren Angelegenheiten seines Reiches
-die größte Sorgfalt zu. Er bereiste selbst fast alle Provinzen seines
-weiten Reiches, und zwar meistenteils zu Fuß, „denn ein Kaiser,“ sagte
-er, „muß wie die Sonne alle Teile seines Reiches beleuchten“. Auch die
-Literatur und die bildenden Künste gediehen unter ihm zu einer Art von
-Nachblüte. Von den zahlreichen Bauwerken, die er in allen Provinzen
-errichten ließ, verdient das sogenannte Mausoléum oder Grabmal des
-Hadrianus Erwähnung, das jetzt die Engelsburg heißt. Außer seinen
-glänzenden Eigenschaften besaß er aber auch grobe Fehler, und besonders
-waren Neid und Argwohn hervorstechende Züge seines Charakters, die ihn
-zuweilen zu grausamen Handlungen verleiteten. Er regierte von 117 bis
-138.</p>
-
-<p>Es folgte ihm sein Adoptivsohn <em class="gesperrt">T. Aelius Hadrianus Antoninus</em>
-(138&ndash;161). Die kindliche Ehrfurcht, mit der er das Andenken seines
-Vorgängers in Ehren hielt, erwarb ihm den Beinamen <em class="gesperrt">Pius</em>. Er
-regierte wie ein zweiter Numa, den er sich auch zum Muster genommen
-haben soll. Von ihm, den seine Zeit mit Recht den Vater der Menschen
-genannt, hat die Geschichte keine Kriegstaten, sondern nur wohltätige
-Einrichtungen zu melden. Selbst die unter früheren Kaisern verfolgten
-Christen konnten unter ihm ein ruhiges Leben führen. Er pflegte zu
-sagen: „Ich will lieber das Leben eines einzigen Bürgers erhalten, als
-tausend Feinde töten!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Marcus Aurelius</em> Antoninus, in Spanien geboren, war von Antonius
-Pius zusammen mit dessen zweitem Adoptivsohn zum Nachfolger ernannt
-worden. Mit edlen Anlagen des Geistes und Herzens begabt, hatten
-ihn ausgezeichnete Lehrer schon früh in die Lehren der griechischen
-Weisheit eingeführt, die auf seine Regierung von großem Einfluß
-wurden. Mit der ganzen sittlichen Kraft, die er aus der Beschäftigung
-mit dieser Weisheit schöpfen konnte, bestand er die mannigfachen
-Stürme, die während seiner neunzehnjährigen Regierung (161&ndash;180)
-über ihn und sein Reich kamen. Er sorgte für Recht und Gesetze und
-beobachtete eine weise Sparsamkeit in der Verwaltung. Besonders lag
-ihm die Besserung der Sitten am Herzen. In den Christen aber sah er
-eine staatsgefährliche Partei und ließ sie besonders in Kleinasien
-und Gallien grausam verfolgen. Seine Milde und Wohltätigkeit zeigte
-er, als Rom von einer Überschwemmung und Hungersnot heimgesucht ward.
-Zu derselben Zeit wurde das Reich durch die Einfälle der Germanen
-und Parther im Norden und Osten beunruhigt. Am furchtbarsten war der
-schwere und langwierige Krieg gegen die germanischen <em class="gesperrt">Markomannen</em>
-(166&ndash;190), der das römische Reich an den Rand des Untergangs brachte
-und die Römerwelt in eine solche Angst versetzte, daß einer auf dem
-Markte zu Rom den Untergang des Erdballes verkündete. Alle Donauvölker
-erhoben sich wie in einem Bunde vereinigt, darunter besonders die
-Markomannen (in Böhmen) und Quaden (in Mähren und Ungarn), stürmten
-über die Donau in die römischen Provinzen und schleppten unter
-furchtbaren Verheerungen ganze Bevölkerungen hinweg. Zu diesem Unglück
-kam noch die Pest, welche die Legionen aus Asien mitbrachten und die
-nun auch Italien und andere westliche Provinzen verheerte. Zwar zog
-Marcus Aurelius gegen die Quaden und schlug sie mehrmals, feierte
-auch zu Rom einen Triumph, aber die Markomannen und ihre Verbündeten
-brachen immer wieder los und nötigten den Kaiser zu neuen Feldzügen.
-Um die Mittel dazu aufzubringen, verkaufte er seine Kostbarkeiten und
-Kunstschätze, bewaffnete Sklaven und Sträflinge, und nahm sogar zur
-Wahrsagerei seine Zuflucht. Auf den Rat eines ägyptischen Wahrsagers
-ließ er zwei Löwen über die Donau treiben, um die Barbaren durch diesen
-Anblick zu erschrecken. Allein die Germanen hielten die Löwen für große
-Hunde und schlugen sie mit<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> Prügeln tot. In einer bald darauf folgenden
-Schlacht töteten sie 20000 Römer.</p>
-
-<p>Auf einem seiner Feldzüge stand der Kaiser mit seinem Heere diesseits
-der Gran, eines Nebenflusses der Donau in Ungarn, in einer wasserlosen
-Gegend, rings von Feinden eingeschlossen. Er und alle die Seinen waren
-dem Verschmachten nahe, als plötzlich ein Gewitter mit Regengüssen
-erfolgte und die Erschöpften, die den Regen in ihren Schildern
-auffingen, erfrischte. Nach einer christlichen Legende war der
-Gewitterregen eine Folge des Gebets der zwölften Legion, die meist aus
-Christen bestand, während römische Berichte ihn dem Gebete des Kaisers
-zuschrieben. Es war dem Kaiser nicht vergönnt, den Krieg gegen die
-Markomannen und Quaden zu beendigen. Er starb zu Vindóbona (Wien). Sein
-unwürdiger Sohn <em class="gesperrt">Commodus</em> (180&ndash;192) erkaufte von ihnen einen
-schimpflichen Frieden.</p>
-
-<div class="section">
-
-<h3 id="XXXV_Die_gluecklichste_Periode"><span class="s4">XXXV.</span><br />
-
-<b>Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches</b>
-<span class="s5">(180&ndash;476)</span>.</h3>
-
-</div>
-
-<p>Mit Marcus Aurelius schließt die Reihe der guten Kaiser. Zwar folgte
-noch eine große Anzahl von Imperatoren nach ihm, von denen aber nur
-sehr wenige verdienen hier erwähnt zu werden. Die innere Zerrüttung des
-Reiches, der Verfall der Sitten, die Schwäche nach außen nahmen immer
-mehr zu, und es zeigte sich in jeder Beziehung, daß die <em class="gesperrt">römische
-Welt sich ausgelebt hatte</em>. Ein anderes Volk war berufen an ihre
-Stelle zu treten, das morsche Gebäude des römischen Reiches zu
-zertrümmern und Träger des Christentums zu werden. Dieses Volk waren
-die <em class="gesperrt">Germanen</em>.</p>
-
-<p>Aber noch ehe die Germanen das alte Reich in den Staub traten,
-feierte das Christentum einen vollständigen Sieg über das Heidentum.
-<em class="gesperrt">Konstantinus der Große</em><a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> (306&ndash;337)<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> gewährte dem Christentum
-die staatliche Anerkennung. Damit hörten die Verfolgungen der Christen
-auf, und der Glaube an den Erlöser, zu dem sich Konstantinus selbst
-bekannte, verbreitete sich immer weiter. Auch ward die Regierung dieses
-Kaisers noch dadurch von großer Bedeutung, daß er die Residenz von Rom
-nach Byzantion verlegte, das ihm zu Ehren den Namen Konstantinopolis
-erhielt.</p>
-
-<p class="mbot1">Nach seinem Tode waren noch nicht vierzig Jahre verstrichen, als durch
-die Ankunft der Hunnen, die aus Asien in Europa einfielen, der Anstoß
-zur sogenannten <em class="gesperrt">Völkerwanderung</em> gegeben wurde (375). Seitdem
-hörten die Angriffe der Germanen gegen das römische Reich nicht mehr
-auf, und nur mit Mühe vermochte der römische Kaiser <em class="gesperrt">Theodosius
-der Große</em> (378&ndash;395) die in das oströmische Reich eingedrungenen
-Westgoten zu beruhigen. Dieser Kaiser vereinigte noch einmal das ganze
-römische Reich unter seinem Szepter. Vor seinem Tode (395) teilte er
-das Ganze unter seine Söhne <em class="gesperrt">Honorius</em> und <em class="gesperrt">Arkadius</em>, von
-denen jener das weströmische oder lateinische Reich mit der Hauptstadt
-Rom, dieser das oströmische oder griechische Reich mit der Hauptstadt
-Konstantinopel erhielt. Die Feindschaft beider Brüder machte die
-Teilung zu einer dauernden. Gegen das weströmische Reich richteten
-sich jetzt die stürmischen Angriffe der Germanen, die nach und nach
-eine Provinz nach der andern, Spanien, Gallien, Afrika und Britannien,
-davon losrissen, bis endlich im Jahre 476 <em class="gesperrt">Odoáker</em>, ein Anführer
-deutscher Soldtruppen, den letzten römischen Kaiser <em class="gesperrt">Romulus</em>
-Augústulus absetzte und sich zum Könige von Italien machte. Dadurch
-ward dem weströmischen Reiche ein Ende gemacht, während das oströmische
-oder byzantinische Kaisertum im Laufe des Mittelalters zwar immer mehr
-an Umfang und Macht verlor, aber sich doch in der Hauptstadt erhielt,
-bis auch diese im Jahre 1453 von den Türken erobert wurde.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Als Konstantin gegen <em class="gesperrt">Maxentius</em> in den Streit zog,
-betete er eines Nachmittags voll Andacht zu dem Gott der Christen. Da
-erschien ihm ein Zeichen am Himmel in Gestalt eines glänzenden Kreuzes
-mit der Inschrift: <span class="antiqua">In hoc vinces!</span> (In diesem Zeichen sollst du
-siegen!) Nachts erschien ihm Christus im Traum und befahl ihm dieses
-Sinnbild zum Kreuzespanier zu machen. Er ließ nun eine Kriegsfahne
-anfertigen, die seine christlichen Streiter mit begeistertem Mute
-erfüllte und ihm in der Schlacht an den „roten Steinen“ (<span class="antiqua">saxa
-rubra</span>) in der Nähe Roms den Sieg über Maxentius verschaffte (312).
-So erzählt ein christlicher Schriftsteller.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu_219" name="illu_219">
- <img class="w10em padtop2" src="images/illu_219.jpg" alt="Deko: Ende des
- Buchtexts" /></a>
-</div>
-
-<div id="Werbung" class="reklame">
-
-<hr class="vollfett" />
-
-<p class="s3 center"><span class="bb">Verlag von
-<em class="gesperrt">Gerhard Stalling</em>, Oldenburg i. Gr.</span></p>
-
-<p class="s3 center mtop2"><b><span class="bb">Professor
-<span class="antiqua">Dr.</span> Ludwig Stacke’s Schriften.</span></b></p>
-
-<p class="s4 center mtop1"><b>Erzählungen aus der</b></p>
-
-<p class="hang2"><b>Griechischen Geschichte</b>. <b>30.</b> Auflage. Gebd. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 90 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Römischen Geschichte</b>. <b>27.</b> Auflage. Gebd. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 90 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Mittelalter</b>. <b>17.</b> Auflage. Gebd. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 90 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Neuen Geschichte</b>. <b>14.</b> Auflage 2 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 75 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />, gebd. 3 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 25
-<img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Neuesten Geschichte</b> (1815 bis zur Abberufung Bismarcks).
-<b>6.</b> Auflage. 5 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 50 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />, eleg. gebd. 6 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 25 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="s5 mleft2 mtop1">Über Stackes „<em class="gesperrt">Erzählungen aus der Geschichte</em>“ schreiben in ihrem
-letzten Bande die in Berlin im Auftrage der historischen Gesellschaft
-erscheinenden „Jahresberichte der Geschichtswissenschaft“ gelegentlich
-der Besprechung von Volks- und Jugendschriften: „Hier sind in erster
-Linie die Stackeschen Schriften zu erwähnen, die sich auch, wie ihre
-hohen Auflagen zeigen, einer großen Beliebtheit erfreuen. An Rankes
-und Beckers Weltgeschichte angelehnt, verstehen sie es, durch korrekte
-Sprache und fesselnde Erzählungsform den Leser zu gewinnen und ihn in
-jene gehobene Stimmung zu versetzen, welche die schönste Frucht der
-Geschichtsbeschäftigung genannt worden ist.“</p>
-
-<p class="s5 mleft2">„Die fortgesetzten vielfachen Auflagen dieser vom echten Forschergeiste
-und warmer Empfindung getragenen Geschichten beweisen mehr als alle
-Anpreisungen den hohen Rang, welchen sie unter den zahlreichen
-literarischen Erscheinungen ähnlicher Art einnehmen. Die Darstellung
-ist in allen Richtungen anregend und frisch, die Form, meist
-klassischen Mustern angepaßt, tadellos. Die Gunst der Lehrer wird
-sicher diesen Büchern stets in steigendem Maße zu teil werden.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Schlesische Presse.)</p>
-
-<p class="s5 mleft2 mtop1">„Die Verlagshandlung und der als Oberlehrer am Gymnasium zu Rinteln
-wirkende Verfasser sind zu diesem erfreulichen, <em class="gesperrt">wohlverdienten</em>
-Erfolge, den diese „<em class="gesperrt">Erzählungen</em>“ erzielt haben, zu
-beglückwünschen.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Wissenschaftl. Beilage d. Leipziger Zeitung.)</p>
-
-<p class="s5 mleft2">„Eine herrliche Lektüre, eingehend, belehrend und angenehm
-unterhaltend. Die Schilderungen fesseln nicht bloß 12&ndash;15jährige Knaben
-und Mädchen, sondern auch reifere Jünglinge und Jungfrauen, gebildete
-Männer und Frauen. Auswahl und Darstellung ist vortrefflich. Die
-zahlreichen Auflagen sind verdiente.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Repertorium der Pädagogik.)</p>
-
-<hr class="r20" />
-
-<p class="s4 center mtop1"><b>Hülfsbücher fürs die erste Unterrichtsstufe
-in der Geschichte.</b></p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centred">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell">
- <div class="right">I. Teil.&ensp;</div>
- </div>
- <div class="csscell">
- <b>Altertum.</b> <b>3.</b> Auflage Geh. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" />, geb. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 50 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell">
- <div class="right">II. Teil.&ensp;</div>
- </div>
- <div class="csscell">
- <b>Mittelalter.</b> <b>2.</b> Auflage. Geh. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" />, geb. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 50 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell">
- <div class="right">III. Teil.&ensp;</div>
- </div>
- <div class="csscell">
- <b>Neue Zeit.</b> <b>2.</b> Auflage. Geh. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 75 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />, geb. 2 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 25 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.
- </div>
- </div>
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="s5 mleft2">„Der Herr Verfasser hat aus seinen „Erzählungen“ einen Auszug
-zusammengestellt, der sich zur Einführung in die Schulen, in deren
-Unterklassen alte Geschichte behandelt wird, im hohen Maße eignet.
-Die Vorzüge dieses Buches vor allen andern der Art bestehen darin,
-daß nicht einzelne, für sich behandelte Erzählungen aus der alten
-Geschichte gegeben werden, sondern der Verfasser gibt uns stets ein
-Gesamtbild der alten Geschichte. Dabei ist der Einzelgeschichte und
-dem geographischen Elemente überall die nötige Berücksichtigung zu
-teil geworden. Wer längere Zeit in diesem Unterricht sich mit recht
-schwachen Hülfsbüchern hat behelfen müssen, wird das Buch mit großer
-Freude begrüßen; denn er findet in demselben alles das, was er als
-wissenswert dem Gedächtnis des Kindes eingeprägt sehen möchte. Möge das
-Buch den Schulen bestens empfohlen sein!“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Magazin für Lehr- und Lernmittel.)</p>
-
-<hr class="vollfett break-before" />
-
-<p class="s3 center"><span class="bb">Verlag von
-<em class="gesperrt">Gerhard Stalling</em>, Oldenburg i. Gr.</span></p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><b><span class="bb">Das beste Buch für die
-deutsche Jugend und das deutsche Volk!</span></b></p>
-
-<p class="s1 center"><span class="s6">Nordisch-Germanische</span><br />
-Götter- und Heldensagen.</p>
-
-<p class="s4 center">Für die deutsche Jugend und das deutsche Volk</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Gustav Schalk</b></p>
-
-<p class="s4 center">3. Auflage</p>
-
-<p class="center">(mit Illustrationen).</p>
-
-<p class="s4 center">Preis gebd. <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" />. 2.80.</p>
-
-<p>„Mit Freuden begrüße ich jedes Werk, welches deutsche Mythologie und
-Heldensage behandelt. &mdash; Seit den dornenvollen Arbeiten von Jak. Grimm,
-K. Simrock, W. Wägner u. a. hat sich das Interesse für die Religion
-unserer Altvordern, für ihre Sitten, Anschauungen und Gebräuche
-gesteigert. &mdash; Eine edlere Begeisterung für die längst entschwundene
-Welt unserer Altvordern ist es auch, der dieses Werk seine Entstehung
-verdankt, welches wir als ein wohlgelungenes bezeichnen können. Es wird
-sicher die Kenntnis der alten Vorzeit verbreiten und Begeisterung für
-die Helden erwecken und so wieder Heldenmut und Edelsinn erzeugen. Die
-Darstellung ist eine recht gewandte und die Gruppierung des Stoffes
-ebenso geschickt. Den Glanzpunkt des Ganzen bildet die bezaubernd
-schöne Frithjofsage, die nach Tegner erzählt ist. &mdash; Wer kennt nicht
-Ingeborg, die schönste Rose des Nordens, und Frithjof, die königliche
-Eiche auf Nordlands Bergen? Schon diese <em class="gesperrt">eine</em> Sage macht das
-Buch jedem Leser lieb und wert. Die Sprache des Verfassers perlt hier
-gleichsam im Morgentau und Frühlingssonnenschein. &mdash; Möge das Buch
-zahlreiche Leser finden.“</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mainz.</em></p>
-
-<p class="right mright1"><em class="gesperrt"><span class="antiqua">Dr.</span>
-Heinrich Haskamp.</em><br />
-<span class="mright1">(Rhein.-Westf. Schulzeitung.)</span></p>
-
-<p>„Was dieses Buch vor manchen seinesgleichen ganz besonders auszeichnet,
-das ist die durchweg knappe, klare und doch so poesievolle Darstellung,
-der einfache, naive, meisterhafte Märchenton. Aus diesem Grunde sei das
-vortreffliche, übersichtlich gehaltene Buch, welches sich für Schüler
-aller Schulen als Nachlesebuch ganz vorzüglich eignet, aufs Wärmste
-empfohlen.“</p>
-
-<p class="right mright1">(Westfälische Lehrer-Zeitung.)</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Se. Excellenz der General der Infanterie von Keßler</em>,
-General-Inspekteur des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens, schreibt
-der Verlagsbuchhandlung unterm 4. Dezember 1897 über das Buch: „Das
-Kommando des Kadettenkorps, welchem ich das Buch mitgeteilt habe, hat
-mit <em class="gesperrt">Anerkennung</em> in Aussicht genommen, das Buch mit benutzen zu
-lassen.“</p>
-
-<hr class="vollfett break-before" />
-
-<p class="s3 center"><span class="bbd">Verlag von
-<em class="gesperrt">Gerhard Stalling</em>, Oldenburg i. Gr.</span></p>
-
-<p class="hang2"><b>Harms, Prof. Chr., Rechenbuch für die Vorschule.</b> Heft I. 12.
-Aufl. kart. 50 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />. Heft II, <b>13.</b> Aufl., kart. 80 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Harms, Prof. Chr., Kopfrechenbuch. Eine Anleitung zur Lösung</b>
-vieler angewandter Kopfrechenaufgaben. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" />. 50 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Harms, Zwei Abhandlungen über den Rechenunterricht.</b> 80 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Kallius, Prof. <span class="antiqua">Dr.</span>, Die vier Species in ganzen
-Zahlen</b>, und <b>Das Münz-, Maß- und Gewichtssystem im
-Rechenunterricht</b>. <b>4.</b> Aufl. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 20 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Lefèbre, Abriß der griechischen und römischen Geschichte für
-Quarta.</b> Preis 35 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="hang2"><b>Rechenbuch für Unterklassen von H. Friedrichs, A. Klusmann, F.
-Logemann.</b> <b>23.</b> Aufl. Bearbeitet von H. Friedrichs und C.
-Krüder. 65 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="s5 mleft1">„Das angezeigte Rechenbuch ist eine methodisch geordnete
-Aufgabensammlung für die vier Species im Zahlenraume von 1&ndash;10000.
-Der betreffende Stoff ist reichhaltig und wohlgegliedert. &mdash; &mdash;
-Somit wird in den Unterklassen ein guter Grund gelegt, auf welchem
-der Lehrer der Oberklasse mit Erfolg weiter zu bauen vermag.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Schulblatt f. d. Provinz Brandenburg.)</p>
-
-<p class="hang2"><b>Stacke, Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> Ludwig, Abriß der Geschichte der
-Preußischen Monarchie</b> von den ältesten Zeiten bis auf die
-Gegenwart. <b>2.</b> Aufl. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" />.</p>
-
-<p class="s5 mleft1">„Außerordentlich reich an Stoff, klar und lichtvoll in der
-Anordnung, anziehend und lebendig in der Sprache, anschaulich
-und malerisch in der Schilderung, kräftig und kernig in der
-Charakterisierung, durchdrungen von patriotischem Sinn und
-sittlichem Ernst, ist dieser „<em class="gesperrt">Abriß</em>“ Lehrenden und Lernenden
-angelegentlichst zu empfehlen.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Deutsche Schulzeitung, herausg. v. F. E.
-Keller, Berlin.)</p>
-
-<p class="s5 mleft1">„Gleich den übrigen Geschichtsdarstellungen des Verfassers eine der
-ansprechendsten und gediegensten Arbeiten auf diesem Gebiete der
-Literatur.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Pädag. Jahresbericht.)</p>
-
-<p class="s5 mleft1">„Das Buch zeichnet sich durch allseitige Berücksichtigung der
-wichtigsten historischen Momente, durch volle Beherrschung des
-Stoffes, treffende und präzise Darstellung und durch warme
-Hingebung an die Sache des Vaterlandes ganz besonders aus, und wird
-für Schule und Haus, für Volksbibliotheken und als Prämie gleich
-gut empfohlen werden können.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(National-Zeitung.)</p>
-
-<hr class="vollfett break-before" />
-
-<p class="s3 center"><span class="bbd">Verlag von
-<em class="gesperrt">Gerhard Stalling</em>, Oldenburg i. Gr.</span></p>
-
-<p class="hang2 mtop1"><b>Stacke, Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> Ludwig, Die französische Revolution und
-das Kaisertum</b> Napoleons I. Geschichtliche Übersicht der Zeit
-von 1789 bis 1815. 660 Seiten. Geh. 4 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /> 50 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<p class="s5 mleft1">„Wir haben bereits eine große Menge Schriften aus den für Europa
-ewig denkwürdigen 26 Jahren gelesen, aber kaum eine unter ihnen
-gefunden, welche wie diese auf eine so weise und zweckmäßige Weise
-die gebotenen Quellen benutzt und den gegebenen reichhaltigen
-Stoff in so gründlicher Weise ausgearbeitet und mit einer
-so ruhigen Würde dem Publikum zur Beurteilung und Belehrung
-dargeboten hätte. Dabei ist der Stil prägnant und entschieden
-und die Darstellungsweise edel und männlich, würdig den großen,
-welterschütternden Begebenheiten der damaligen Zeit. Wir empfehlen
-darum auch das Buch, nicht als ob es etwas Neues, Unbekanntes
-enthielte, sondern vielmehr darum, weil wir das Bekannte und
-teilweise Miterlebte hier auf meisterhafte Weise wiedergegeben
-finden.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Münchener Neueste Nachrichten aus dem Gebiete
-der Politik.)</p>
-
-<p class="hang2 mtop1"><b>Müller, Prof. E. R., Leitfaden der unorganischen Chemie für
-Gymnasien</b>, Realgymnasien, höhere Bürgerschulen, Seminare etc.
-Preis 60 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" /></p>
-
-<p class="s5 mleft1">„Das Buch zerfällt in drei Abschnitte: <span class="antiqua">A.</span> Das Wichtigste aus
-den Hülfswissenschaften der Chemie, §§ 1&ndash;10, <span class="antiqua">B.</span> Methodischer
-Kursus der Chemie, §§ 11&ndash;23, <span class="antiqua">C.</span> Systematischer Kursus der
-Chemie, §§ 24&ndash;57. Diese Einteilung und die ihr entsprechende
-Durchführung machen das Buch zu einer vollkommen neuen Erscheinung
-in der chemischen Schulliteratur. Ganz besonders aber ist an
-ihm zu loben, daß die wichtigsten Lehren der Chemie in streng
-synthetischer Weise entwickelt sind. Die Darstellung ist präzis und
-klar.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Zeitung f. d. höhere Unterrichtswesen
-Deutschlands.)</p>
-
-<p class="hang2 mtop1"><b>Müller, Prof. E. R., Planimetrische Konstruktionsaufgaben nebst
-Anleitung</b> zu deren Lösung für höhere Schulen. <b>5.</b> Aufl.,
-kart. 1 <img class="mark" src="images/m.png" alt="Mark" /></p>
-
-<p class="s5 mleft1">„Diese Sammlung ist trotz ihres geringen Umfanges recht reichhaltig
-und durchaus methodisch angelegt. &mdash; &mdash; Sie empfiehlt sich durch
-zweckmäßige methodische Behandlung, durch Gedrängtheit und Schärfe
-des Ausdrucks und durch Korrektheit, auch des Druckes. Wir zweifeln
-nicht, daß sich das kleine Buch neben einem Lehrbuche, welches, wie
-das Kamblysche, den Aufgaben nur geringe Beachtung schenkt, recht
-geeignet erweisen wird.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Zeitschrift f. d. Gymn.-Wesen.)</p>
-
-<p class="s5 mleft1">„Wir haben es hier mit einem Büchlein zu tun, das ebenso durch
-seine Kompendiosität, als durch die äußerst übersichtliche
-Gruppierung des behandelten Stoffes unstreitig die Sympathieen
-des Lesers wachruft. &mdash; &mdash; Der Referent kam bei der Durchsicht
-des Büchleins zu der Überzeugung, daß die Benutzung desselben in
-wirksamer Weise den planimetrischen Unterricht beleben und fördern
-dürfte.“</p>
-
-<p class="s5 right mright1">(Zeitschrift f. d. Realschulwesen.)</p>
-
-<p class="hang2 mtop1"><b>Müller, Prof. E. R., Lehr- und Übungsbuch der
-Elementar-Geometrie.</b> I. Teil (Quinta-Kursus). Geh. 40 <img class="pfennig" src="images/pf.png" alt="Pfennig" />.</p>
-
-<hr class="vollfett break-before" />
-
-<p class="s3 center padtop1">Verlagsanträge</p>
-
-<p class="center">aus dem Gebiete der</p>
-
-<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Schulbücher-Literatur</em></p>
-
-<p class="center">sind</p>
-
-<p class="s4 center">mir stets willkommen</p>
-
-<p class="center">und finden</p>
-
-<p class="s4 center"><em class="gesperrt">gewissenhafte Prüfung</em>.</p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centre">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell s4 vat padright2">
- Oldenburg i. Gr.
- </div>
- <div class="csscell right vat padleft2">
- <b class="s3">Gerhard Stalling,</b><br />
- Verlagsbuchhandlung.&nbsp;<br />
- <span class="mright1">Gegründet 1789.&nbsp;</span>
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-<pre>
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-End of the Project Gutenberg EBook of Erzählungen aus der Römisch
-n Geschichte in biographische, by Ludwig Stacke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZÄHLUNGEN AUS DER ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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-
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
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