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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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-The Project Gutenberg EBook of Von morgens bis mitternachts, by Georg Kaiser
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Von morgens bis mitternachts
-
-Author: Georg Kaiser
-
-Release Date: December 18, 2019 [EBook #60952]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON MORGENS BIS MITTERNACHTS ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-[Illustration]
-
-
- GEORG KAISER
-
-
-
-
- VON MORGENS
- BIS MITTERNACHTS
-
- STÜCK IN ZWEI TEILEN
-
- 1930
-
- GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG
- BERLIN
-
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Den
- Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Verkauf und
- Verleihung dieses Exemplars, sowie das Ausschreiben der Rollen
- verboten. Das Aufführungsrecht für alle Länder ist ausschließlich vom
- Bühnenvertrieb Felix Bloch Erben, Berlin-Wilmersdorf, Nikolsburger
- Platz Nr. 3 zu erwerben. Copyright 1916 by S. Fischer Verlag, Berlin.
- Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig.
-
-
-
-
-PERSONEN
-
- Kassierer
-
- Mutter
-
- Frau
-
- Erste, zweite Tochter
-
- Direktor
-
- Gehilfe
-
- Portier
-
- Erster, zweiter Herr
-
- Laufjunge
-
- Dienstmädchen
-
- Dame
-
- Sohn
-
- Hotelkellner
-
- Jüdische Herren als Kampfrichter
-
- Erste, zweite, dritte, vierte weibliche Maske
-
- Herren im Frack
-
- Kellner
-
- Mädchen der Heilsarmee
-
- Offiziere und Soldaten der Heilsarmee
-
- Publikum einer Versammlung der Heilsarmee:
- Kommis, Kokotte, Arbeiter usw.
-
- Schutzmann
-
- Die kleine Stadt W. und die große Stadt B.
-
-
-
-
-ERSTER TEIL
-
-
- Kleinbankkassenraum. Links Schalteranlage und Tür mit Aufschrift:
- Direktor. In der Mitte Tür mit Schild: Zur Stahlkammer. Ausgangstür
- rechts hinter Barriere. Daneben Rohrsofa und Tisch mit Wasserflasche
- und Glas.
-
- Im Schalter Kassierer und am Pult Gehilfe, schreibend. Im Rohrsofa
- sitzt der fette Herr, prustet. Jemand geht rechts hinaus. Am Schalter
- Laufjunge sieht ihm nach.
-
- KASSIERER
-
- klopft auf die Schalterplatte.
-
- LAUFJUNGE
-
- legt rasch seinen Zettel auf die wartende Hand.
-
- KASSIERER
-
- schreibt, holt Geld unter dem Schalter hervor, zählt sich in die Hand
- -- dann auf das Zahlbrett.
-
- LAUFJUNGE
-
- rückt mit dem Zahlbrett auf die Seite und schüttet das Geld in einen
- Leinenbeutel.
-
- HERR
-
- steht auf.
-
-Dann sind wir Dicken an der Reihe.
-
- Er holt einen prallen Lederbeutel aus dem Mantelinnern.
-
- Dame kommt. Kostbarer Pelz, Geknister von Seide.
-
- HERR
-
- stutzt.
-
- DAME
-
- klinkt mit einigem Bemühen die Barriere auf, lächelt unwillkürlich
- den Herrn an.
-
-Endlich.
-
- HERR
-
- verzieht den Mund.
-
- KASSIERER
-
- klopft ungeduldig.
-
- DAME
-
- fragende Geste gegen den Herrn.
-
- HERR
-
- zurückstehend.
-
-Wir Dicken immer zuletzt.
-
- DAME
-
- verneigt sich leicht, tritt an den Schalter.
-
- KASSIERER
-
- klopft.
-
- DAME
-
- öffnet ihre Handtasche, entnimmt ein Kuvert und legt es auf die Hand
- des Kassierers.
-
-Ich bitte dreitausend.
-
- KASSIERER
-
- dreht und wendet das Kuvert, schiebt es zurück.
-
- DAME
-
- begreift.
-
-Pardon.
-
- Sie zieht den Brief aus dem Umschlag und reicht ihn hin.
-
- KASSIERER
-
- wie vorher.
-
- DAME
-
- entfaltet noch das Papier.
-
-Dreitausend bitte.
-
- KASSIERER
-
- überfliegt das Papier und legt es dem Gehilfen hin.
-
- GEHILFE
-
- steht auf und geht aus der Tür mit dem Schild: Direktor.
-
- HERR
-
- sich wieder im Rohrsofa niederlassend.
-
-Bei mir dauert es länger. Bei uns Dicken dauert es immer etwas länger.
-
- KASSIERER
-
- beschäftigt sich mit Geldzählen.
-
- DAME
-
-Ich bitte: in Scheinen.
-
- KASSIERER
-
- verharrt gebückt.
-
- DIREKTOR
-
- jung, kugelrund -- mit dem Papier links heraus.
-
-Wer ist --
-
- Er verstummt der Dame gegenüber.
-
- GEHILFE
-
- schreibt wieder an seinem Pult.
-
- HERR
-
- laut.
-
-Morgen, Direktor.
-
- DIREKTOR
-
- flüchtig dahin.
-
-Geht's gut?
-
- HERR
-
- sich auf den Bauch klopfend.
-
-Es kugelt sich, Direktor.
-
- DIREKTOR
-
- lacht kurz. Zur Dame.
-
-Sie wollen bei uns abheben?
-
- DAME
-
-Dreitausend.
-
- DIREKTOR
-
-Ja drei -- dreitausend würde ich mit Vergnügen auszahlen --
-
- DAME
-
-Ist der Brief nicht in Ordnung?
-
- DIREKTOR
-
- süßlich, wichtig.
-
-Der Brief geht in Ordnung. Über zwölftausend --
-
- Buchstabierend.
-
-Banko --
-
- DAME
-
-Meine Bank in Florenz versicherte mich --
-
- DIREKTOR
-
-Die Bank in Florenz hat Ihnen den Brief richtig ausgestellt.
-
- DAME
-
-Dann begreife ich nicht --
-
- DIREKTOR
-
-Sie haben in Florenz die Ausfertigung dieses Briefes beantragt --
-
- DAME
-
-Allerdings.
-
- DIREKTOR
-
-Zwölftausend -- und zahlbar an den Plätzen --
-
- DAME
-
-Die ich auf der Reise berühre.
-
- DIREKTOR
-
-Der Bank in Florenz haben Sie mehrere Unterschriften geben müssen --
-
- DAME
-
-Die an die im Brief bezeichneten Banken geschickt sind, um mich
-auszuweisen.
-
- DIREKTOR
-
-Wir haben den Avis mit Ihrer Unterschrift nicht bekommen.
-
- HERR
-
- hustet; blinzelt den Direktor an.
-
- DAME
-
-Dann müßte ich mich gedulden, bis --
-
- DIREKTOR
-
-Irgendwas müssen wir doch in Händen haben!
-
- EIN HERR
-
- winterlich mit Fellmütze und Wollschal vermummt -- kommt, stellt sich
- am Schalter auf. Er schießt wütende Blicke nach der Dame.
-
- DAME
-
-Darauf bin ich so wenig vorbereitet --
-
- DIREKTOR
-
- plump lachend.
-
-Wir sind noch weniger vorbereitet, nämlich gar nicht!
-
- DAME
-
-Ich brauche so notwendig das Geld!
-
- HERR
-
- im Sofa lacht laut.
-
- DIREKTOR
-
-Ja, wer brauchte keins?
-
- HERR
-
- im Sofa wiehert.
-
- DIREKTOR
-
- sich ein Publikum machend.
-
-Ich zum Beispiel --
-
- zum Herrn am Schalter.
-
-Sie haben wohl mehr Zeit als ich. Sie sehen doch, ich spreche mit der
-Dame noch. -- Ja, gnädige Frau, wie haben Sie sich das gedacht? Soll
-ich Ihnen auszahlen -- auf Ihre --
-
- HERR
-
- im Sofa kichert.
-
- DAME
-
- rasch.
-
-Ich wohne im Elefant.
-
- HERR
-
- im Sofa prustet.
-
- DIREKTOR
-
-Ihre Adresse erfahre ich mit Vergnügen, gnädige Frau. Im Elefant
-verkehre ich am Stammtisch.
-
- DAME
-
-Kann der Besitzer mich nicht legitimieren?
-
- DIREKTOR
-
-Kennt Sie der Wirt schon näher?
-
- HERR
-
- im Sofa amüsiert sich köstlich.
-
- DAME
-
-Ich habe mein Gepäck im Hotel.
-
- DIREKTOR
-
-Soll ich Koffer und Köfferchen auf seinen Inhalt untersuchen?
-
- DAME
-
-Ich bin in der fatalsten Situation.
-
- DIREKTOR
-
-Dann reichen wir uns die Hände: Sie sind nicht in der Lage -- ich bin
-nicht in der Lage. Das ist die Lage.
-
- Er gibt ihr das Papier zurück.
-
- DAME
-
-Was raten Sie mir nun zu tun?
-
- DIREKTOR
-
-Unser Städtchen ist doch ein nettes Nest -- der Elefant ein
-renommiertes Haus -- die Gegend hat Umgegend -- Sie machen diese oder
-jene angenehme Bekanntschaften -- und die Zeit geht hin -- mal Tag, mal
-Nacht -- wie sich's macht.
-
- DAME
-
-Es kommt mir hier auf einige Tage nicht an.
-
- DIREKTOR
-
-Die Gesellschaft im Elefant wird sich freuen, etwas beizutragen.
-
- DAME
-
-Nur heute liegt es mir dringend an dreitausend!
-
- DIREKTOR
-
- zum Herrn im Sofa.
-
-Bürgt jemand hier für eine Dame aus der Fremde auf dreitausend?
-
- DAME
-
-Das könnte ich wohl nicht annehmen. Darf ich bitten, mir sofort, wenn
-die Bestätigung von Florenz eintrifft, telephonisch Mitteilung zu
-machen. Ich bleibe im Elefant auf meinem Zimmer.
-
- DIREKTOR
-
-Persönlich -- wie gnädige Frau es wünschen!
-
- DAME
-
-Wie ich am raschesten benachrichtigt werde.
-
- Sie schiebt das Papier in das Kuvert und steckt es in die Tasche.
-
-Ich spreche am Nachmittag noch selbst vor.
-
- DIREKTOR
-
-Ich stehe zur Verfügung.
-
- DAME
-
- grüßt kurz, ab.
-
- HERR
-
- am Schalter rückt vor und knallt in der Faust einen zerknüllten
- Zettel auf die Platte.
-
- DIREKTOR
-
- ohne davon Notiz zu nehmen, sieht belustigt nach dem Herrn im Sofa.
-
- HERR
-
- im Sofa zieht die Luft ein.
-
- DIREKTOR
-
- lacht.
-
-Sämtliche Wohlgerüche Italiens -- aus der Parfümflasche.
-
- HERR
-
- im Sofa fächelt sich mit der flachen Hand.
-
- DIREKTOR
-
-Das macht heiß, was?
-
- HERR
-
- im Sofa, gießt sich Wasser in ein Glas.
-
-Dreitausend ist ein bißchen hastig.
-
- Er trinkt.
-
-Dreihundert klappern auch nicht schlecht.
-
- DIREKTOR
-
-Vielleicht machen Sie billigere Offerte -- im Elefant, auf dem Zimmer?
-
- HERR
-
- im Sofa.
-
-Für uns Dicke ist das nichts.
-
- DIREKTOR
-
-Wir sind mit unserm moralischen Bauch gesetzlich geschützt.
-
- HERR
-
- am Schalter knallt zum zweitenmal die Faust auf die Platte.
-
- DIREKTOR
-
- gleichmütig.
-
-Was haben Sie denn?
-
- Er glättet den Zettel und reicht ihn dem Kassierer hin.
-
- LAUFJUNGE
-
- hatte die Dame angegafft, dann die Sprechenden -- verfehlt die
- Barriere und rennt gegen den Herrn im Sofa.
-
- HERR
-
- im Sofa nimmt ihm den Beutel weg.
-
-Ja, mein Junge, das kostet was -- schöne Mädchen angaffen. Jetzt bist
-du deinen Beutel los.
-
- LAUFJUNGE
-
- lacht ihn verlegen an.
-
- HERR
-
-Was machst du denn nun, wenn du nach Hause kommst?
-
- LAUFJUNGE
-
- lacht.
-
- HERR
-
- gibt ihm den Beutel wieder.
-
-Merk' dir das für dein Leben. Du bist der erste nicht, dem die Augen
-durchgehen -- und der ganze Mensch rollt nach.
-
- LAUFJUNGE
-
- ab.
-
- KASSIERER
-
- hat einige Münzen aufgezählt.
-
- DIREKTOR
-
-Solch einem Schlingel vertraut man nun Geld an.
-
- HERR
-
- im Sofa.
-
-Dummheit straft sich selbst.
-
- DIREKTOR
-
-Daß ein Chef nicht den Blick dafür hat. So was brennt doch bei der
-ersten Gelegenheit, die sich bietet, aus. Der geborene Defraudant.
-
- Zum Herrn am Schalter.
-
-Stimmt es nicht?
-
- HERR
-
- prüft jedes Geldstück.
-
- DIREKTOR
-
-Das ist ein Fünfundzwanzigpfennigstück. Das sind zusammen
-fünfundvierzig Pfennig, mehr hatten Sie doch nicht zu verlangen?
-
- HERR
-
- steckt umständlich ein.
-
- HERR
-
- im Sofa.
-
-Deponieren Sie doch Ihr Kapital in der Stahlkammer! -- Nun wollen wir
-Dicken mal abladen.
-
- HERR
-
- am Schalter rechts ab.
-
- DIREKTOR
-
-Was bringen Sie uns denn?
-
- HERR
-
- legt den Lederbeutel auf die Platte und holt eine Brieftasche heraus.
-
-Soll man kein Vertrauen zu Ihnen kriegen mit Ihrer feinen Kundschaft?
-
- Er reicht ihm die Hand.
-
- DIREKTOR
-
-Jedenfalls sind wir für schöne Augen in Geschäftssachen unempfänglich.
-
- HERR
-
- sein Geld aufzählend.
-
-Wie alt war sie? Taxe.
-
- DIREKTOR
-
-Ohne Schminke habe ich sie noch nicht gesehen.
-
- HERR
-
-Was will die denn hier?
-
- DIREKTOR
-
-Das werden wir ja heute abend im Elefant hören.
-
- HERR
-
-Wer käme denn da in Betracht?
-
- DIREKTOR
-
-In Betracht könnten wir schließlich alle noch kommen!
-
- HERR
-
-Wozu braucht sie denn hier dreitausend Mark?
-
- DIREKTOR
-
-Sie muß sie wohl brauchen.
-
- HERR
-
-Ich wünsche ihr den besten Erfolg.
-
- DIREKTOR
-
-Womit?
-
- HERR
-
-Daß sie ihre Dreitausend kapert.
-
- DIREKTOR
-
-Von mir?
-
- HERR
-
-Von wem ist ja nebensächlich.
-
- DIREKTOR
-
-Ich bin neugierig, wann die Nachricht von der Bank in Florenz kommt.
-
- HERR
-
-Ob sie kommt!
-
- DIREKTOR
-
-Ob sie kommt -- darauf bin ich allerdings noch gespannter!
-
- HERR
-
-Wir können ja sammeln und ihr aus der Verlegenheit helfen.
-
- DIREKTOR
-
-Auf Ähnliches wird es wohl abgesehen sein.
-
- HERR
-
-Wem erzählen Sie das?
-
- DIREKTOR
-
- lacht.
-
-Haben Sie in der Lotterie gewonnen?
-
- HERR
-
- zum Kassierer.
-
-Nehmen Sie mir mal ab.
-
- zum Direktor.
-
-Ob wir draußen unser Geld haben oder bei Ihnen verzinsen -- richten Sie
-mal ein Konto für den Bauverein ein.
-
- DIREKTOR
-
- scharf zum Gehilfen.
-
-Konto für Bauverein.
-
- HERR
-
-Es kommt noch mehr.
-
- DIREKTOR
-
-Immer herein, meine Herrschaften. Wir können gerade gebrauchen.
-
- HERR
-
-Also: sechzigtausend -- fünfzig Mille Papier -- zehn Mille Gold.
-
- KASSIERER
-
- zählt.
-
- DIREKTOR
-
- nach einer Pause.
-
-Sonst geht's noch gut?
-
- HERR
-
- zum Kassierer.
-
-Jawohl, der Schein ist geflickt.
-
- DIREKTOR
-
-Wir nehmen ihn selbstverständlich. Wir werden ihn wieder los. Ich
-reserviere ihn für unsere Kundin aus Florenz. Sie trug ja auch
-Schönheitspflästerchen.
-
- HERR
-
-Es stecken aber tausend Mark dahinter.
-
- DIREKTOR
-
-Liebhaberwert.
-
- HERR
-
- unbändig lachend.
-
-Liebhaberwert -- das ist kolossal.
-
- DIREKTOR
-
- unter Tränen.
-
-Liebhaberwert --
-
- Er gibt ihm die Quittung des Kassierers.
-
-Ihre Quittung.
-
- Erstickend.
-
-Sechzig -- tau -- --
-
- HERR
-
- nimmt, liest sie, ebenso.
-
-Sechzig -- tau -- --
-
- DIREKTOR
-
-Liebhaber --
-
- HERR
-
-Lieb -- --
-
- Sie reichen sich die Hände.
-
- DIREKTOR
-
-Wir sehen uns heute abend.
-
- HERR
-
- nickend.
-
-Liebhaber --
-
- Er knöpft seinen Mantel, kopfschüttelnd ab.
-
- DIREKTOR
-
- steht noch, wischt sich die Tränen hinter dem Kneifer. Dann links
- hinein.
-
- KASSIERER
-
- bündelt die zuletzt erhaltenen Scheine und rollt die Münzen.
-
- DIREKTOR
-
- kommt zurück.
-
-Diese Dame aus Florenz -- die aus Florenz kommen will -- ist Ihnen
-schon einmal eine Erscheinung wie diese vorm Schalter aufgetaucht?
-Pelz -- parfümiert. Das riecht nachträglich, man zieht mit der Luft
-Abenteuer ein! -- -- Das ist die große Aufmachung. Italien, das wirkt
-verblüffend -- märchenhaft. Riviera -- Mentone -- Bordighera -- Nizza
--- Monte Carlo! Ja, wo Orangen blühen, da blüht auch der Schwindel. Von
-Schwindel ist da unten kein Quadratmeter Erdboden frei. Dort wird der
-Raubzug arrangiert. Die Gesellschaft verstreut sich in alle Winde.
-Nach den kleineren Plätzen -- abseits der großen Heerstraße -- schlägt
-man sich am liebsten. Dann schäumend in Pelz und Seide. Weiber! Das
-sind die modernen Sirenen. Singsang vom blauen Süden -- o bella Napoli.
-Verfänglicher Augenaufschlag -- und man ist geplündert bis auf das
-Netzhemd. Bis auf die nackte Haut -- die nackte, nackte Haut!
-
- Er trommelt mit seinem Bleistift dem Kassierer den Rücken.
-
-Ich zweifle keinen Augenblick, daß die Bank in Florenz, die den Brief
-ausgestellt hat, so wenig von dem Brief etwas weiß -- wie der Papst den
-Mond bewohnt. Das Ganze ist Schwindel, von langer Hand vorbereitet.
-Und seine Urheber sitzen nicht in Florenz, sondern Monte Carlo! Das
-kommt zuerst in Frage. Verlassen Sie sich drauf. Wir haben hier eine
-jener Existenzen gesehen, die im Sumpf des Spielpalastes gedeihen.
-Und ich gebe mein zweites Wort darauf, daß wir sie nicht wiedersehen.
-Der erste Versuch ist mißglückt, die Person wird sich vor dem zweiten
-hüten! -- Wenn ich auch meine Späße mache -- dabei bin ich scharfäugig.
-Wir vom Bankgeschäft! -- Ich hätte eigentlich unserm Polizeileutnant
-Werde einen Wink geben sollen! -- Es geht mich ja weiter nichts an.
-Schließlich ist die Bank zu Stillschweigen verpflichtet.
-
- An der Tür.
-
-Verfolgen Sie mal in den auswärtigen Zeitungen: wenn Sie von einer
-Hochstaplerin lesen, die hinter Schloß und Riegel sichergesetzt ist,
-dann wollen wir uns wieder sprechen. Dann werden Sie mir recht geben.
-Dann werden wir von unserer Freundin aus Florenz mehr hören -- als wir
-heute oder morgen hier wieder von ihrem Pelz zu sehen bekommen!
-
- Ab.
-
- KASSIERER
-
- siegelt Rollen.
-
- PORTIER
-
- mit Briefen von rechts, sie dem Gehilfen reichend.
-
-Eine Quittung für eine Einschreibesendung bekomme ich wieder.
-
- GEHILFE
-
- stempelt den Zettel, gibt ihn an den Portier.
-
- PORTIER
-
- stellt noch Glas und Wasserflasche auf dem Tisch zurecht. Ab.
-
- GEHILFE
-
- trägt die Briefe in das Direktorzimmer -- kommt wieder.
-
- DAME
-
- kehrt zurück; rasch an den Schalter.
-
-Ach Pardon.
-
- KASSIERER
-
- streckt die flache Hand hin.
-
- DAME
-
- stärker.
-
-Pardon.
-
- KASSIERER
-
- klopft.
-
- DAME
-
-Ich möchte den Herrn Direktor nicht nochmal stören.
-
- KASSIERER
-
- klopft.
-
- DAME
-
- in Verzweiflung lächelnd.
-
-Hören Sie bitte, ist das nicht möglich: ich hinterlasse der Bank
-den Brief über den ganzen Betrag und empfange einen Vorschuß von
-dreitausend?
-
- KASSIERER
-
- klopft ungeduldig.
-
- DAME
-
-Ich bin eventuell bereit, meine Brillanten als Unterpfand
-auszuhändigen. Die Steine wird Ihnen jeder Juwelier in der Stadt
-abschätzen.
-
- Sie streift einen Handschuh ab und nestelt am Armband.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- rasch von rechts, setzt sich ins Rohrsofa und sucht, alles
- auswühlend, im Marktkorb.
-
- DAME
-
- hat sich schwach erschreckend umgedreht: sich aufstützend sinkt ihre
- Hand auf die Hand des Kassierers.
-
- KASSIERER
-
- dreht sich über die Hand in seiner Hand. Jetzt ranken seine
- Brillenscheiben am Handgelenk aufwärts.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- findet aufatmend den Schein.
-
- DAME
-
- nickt hin.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- ordnet im Korb.
-
- DAME
-
- sich dem Kassierer zuwendend -- trifft in sein Gesicht.
-
- KASSIERER
-
- lächelt.
-
- DAME
-
- zieht ihre Hand zurück.
-
-Ich will die Bank nicht zu Leistungen veranlassen, die sie nicht
-verantworten kann.
-
- Sie legt das Armband an, müht sich an der Schließe. Dem Kassierer den
- Arm hinstreckend.
-
-Würden Sie die Freundlichkeit haben -- ich bin nicht geschickt genug
-mit einer Hand nur.
-
- KASSIERER
-
- Büsche des Bartes wogen -- Brille sinkt in blühende Höhlen eröffneter
- Augen.
-
- DAME
-
- zum Dienstmädchen.
-
-Sie helfen mir, Fräulein.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- tut es.
-
- DAME
-
-Noch die Sicherheitskette.
-
- Mit einem kleinen Schrei.
-
-Sie stechen ja in mein offenes Fleisch. So hält es. Vielen Dank,
-Fräulein.
-
- Sie grüßt noch den Kassierer. Ab.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- am Schalter, legt ihren Schein hin.
-
- KASSIERER
-
- greift ihn in wehenden Händen. Lange sucht er unter der Platte. Dann
- zahlt er aus.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- sieht das aufgezählte Geld an; dann zum Kassierer.
-
-Das bekomme ich doch nicht?
-
- KASSIERER
-
- schreibt.
-
- GEHILFE
-
- wird aufmerksam.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- zum Gehilfen.
-
-Es ist doch mehr.
-
- GEHILFE
-
- sieht zum Kassierer.
-
- KASSIERER
-
- streicht einen Teil wieder ein.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
-Immer noch zuviel!
-
- KASSIERER
-
- schreibt.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- steckt kopfschüttelnd das Geld in den Korb. Ab.
-
- KASSIERER
-
- durch Heiserkeit sträubt sich der Laut herauf.
-
-Holen Sie -- Glas Wasser!
-
- GEHILFE
-
- geht aus dem Schalter zum Tisch.
-
- KASSIERER
-
-Das ist abgestanden. Frisches -- von der Leitung.
-
- GEHILFE
-
- geht mit dem Glas in die Stahlkammer.
-
- KASSIERER
-
- behende nach einem Klingelknopf -- drückt.
-
- PORTIER
-
- kommt.
-
- KASSIERER
-
-Holen Sie frisches Wasser.
-
- PORTIER
-
-Ich darf nicht von der Tür draußen weg.
-
- KASSIERER
-
-Für mich. Das ist Jauche. Ich will Wasser von der Leitung.
-
- PORTIER
-
- mit der Wasserflasche in die Stahlkammer.
-
- KASSIERER
-
- stopft mit schnellen Griffen die zuletzt gehäuften Scheine und
- Geldrollen in seine Taschen. Dann nimmt er den Mantel vom Haken,
- wirft ihn über den Arm. Noch den Hut. Er verläßt den Schalter -- und
- geht rechts ab.
-
- DIREKTOR
-
- in einen Brief vertieft links herein.
-
-Da ist ja die Bestätigung von Florenz eingetroffen!
-
- GEHILFE
-
- mit dem Glas Wasser aus der Stahlkammer.
-
- PORTIER
-
- mit der Wasserflasche aus der Stahlkammer.
-
- DIREKTOR
-
- bei ihrem Anblick.
-
-Zum Donnerwetter, was heißt denn das?
-
-
- Hotelschreibzimmer. Hinten Glastür. Links Schreibtisch mit
- Telefonapparat. Rechts Sofa, Sessel mit Tisch mit Zeitschriften usw.
-
- DAME
-
- schreibt.
-
- SOHN
-
- in Hut und Mantel kommt -- im Arm großen flachen Gegenstand in ein
- Tuch gehüllt.
-
- DAME
-
- überrascht.
-
-Du hast es?
-
- SOHN
-
-Unten sitzt der Weinhändler. Der schnurrige Kopf beargwöhnt mich, ich
-brenne ihm aus.
-
- DAME
-
-Am Morgen war er doch froh, es loszuwerden.
-
- SOHN
-
-Jetzt wittert er wohl allerhand.
-
- DAME
-
-Du wirst ihn aufmerksam gemacht haben.
-
- SOHN
-
-Ich habe mich ein bißchen gefreut.
-
- DAME
-
-Das muß Blinde sehend machen!
-
- SOHN
-
-Sie sollen auch die Augen aufreißen. Aber beruhige Dich, Mama, der
-Preis ist derselbe wie am Morgen.
-
- DAME
-
-Wartet der Weinhändler?
-
- SOHN
-
-Den lassen wir warten.
-
- DAME
-
-Ich muß dir leider mitteilen --
-
- SOHN
-
- küßt sie.
-
-Also Stille. Feierliche Stille. Du blickst erst hin, wenn ich dich dazu
-auffordere.
-
- Er wirft Hut und Mantel ab, stellt das Bild auf einen Sessel und
- lüftet das Tuch.
-
- DAME
-
-Noch nicht?
-
- SOHN
-
- sehr leise.
-
-Mama.
-
- DAME
-
- dreht sich im Stuhl um.
-
- SOHN
-
- kommt zu ihr, legt seinen Arm um ihre Schultern.
-
-Nun?
-
- DAME
-
-Das ist allerdings nicht für eine Weinstube!
-
- SOHN
-
-Es hing auch gegen die Wand gedreht. Auf die Rückseite hatte der Mann
-seine Photographie gepappt.
-
- DAME
-
-Hast du die mitgekauft?
-
- SOHN
-
- lacht.
-
-Wie findest du es?
-
- DAME
-
-Ich finde es -- sehr naiv.
-
- SOHN
-
-Köstlich -- nicht wahr? Für einen Cranach fabelhaft.
-
- DAME
-
-Willst du es als Bild so hochschätzen?
-
- SOHN
-
-Als Bild selbstverständlich! Aber daneben das Merkwürdige der
-Darstellung. Für Cranach -- und für die Behandlung des Gegenstandes
-in der gesamten Kunst überhaupt. Wo findest du das? Pitti -- Uffizien
--- die Vatikanischen? Der Louvre ist ja ganz schwach darin. Wir
-haben hier zweifellos die erste und einzige erotische Figuration des
-ersten Menschenpaares. Hier liegt noch der Apfel im Gras -- aus dem
-unsäglichen Laubgrün lugt die Schlange -- der Vorgang spielt sich also
-im Paradies selbst ab und nicht nach der Verstoßung. Das ist der
-wirkliche Sündenfall! -- Ein Unikum. Cranach hat ja Dutzend Adam und
-Eva gemalt -- steif -- mit dem Zweige in der Mitte -- und vor allem
-die zwei getrennt. Es heißt da: sie erkannten sich. Hier jubelt zum
-erstenmal die selige Menschheitsverkündung auf: sie liebten sich!
-Hier zeigt sich ein deutscher Meister als Erotiker von südlichster,
-allersüdlichster Emphatik!
-
- Vor dem Bild.
-
-Dabei diese Beherrschtheit noch in der Ekstase. Diese Linie des
-männlichen Armes, die die weibliche Hüfte überschneidet. Die
-Horizontale der unten gelagerten Schenkel und die Schräge des andern
-Schenkelpaares. Das ermüdet das Auge keinen Moment. Das erzeugt Liebe
-im Hinsehen -- der Fleischton leistet natürlich die wertvollste Hilfe.
-Geht es dir nicht ebenso?
-
- DAME
-
-Du bist wie dein Bild naiv.
-
- SOHN
-
-Was meinst du damit?
-
- DAME
-
-Ich bitte dich, das Bild im Hotel in deinem Zimmer zu verbergen.
-
- SOHN
-
-Zu Hause wird es ja erst mächtig auf mich wirken. Florenz und
-dieser Cranach. Der Abschluß meines Buches wird natürlich weit
-hinausgeschoben. Das muß verarbeitet sein. Das muß aus eigenem Fleisch
-und Blut zurückströmen, sonst versündigt sich der Kunsthistoriker.
-Augenblicklich fühle ich mich ziemlich erschlagen. -- Auf der ersten
-Station dieser Reise das Bild zu finden!
-
- DAME
-
-Du vermutetest es doch mit Sicherheit.
-
- SOHN
-
-Aber vor dem Ereignis steht man doch geblendet. Ist es nicht zum
-Verrücktwerden? Mama, ich bin ein Glücksmensch!
-
- DAME
-
-Du ziehst die Resultate aus deinen eingehenden Studien.
-
- SOHN
-
-Und ohne deine Hilfe? Ohne deine Güte?
-
- DAME
-
-Ich finde mein Glück mit dir darin.
-
- SOHN
-
-Du übst endlose Nachsicht mit mir. Ich reiße dich aus deinem schönen,
-ruhigen Leben in Fiesole. Du bist Italienerin, ich hetze dich durch
-Deutschland mitten im Winter. Du übernachtest im Schlafwagen -- Hotels
-zweiter, dritter Güte -- schlägst dich mit allerhand Leuten herum --
-
- DAME
-
-Das habe ich allerdings reichlich gekostet!
-
- SOHN
-
-Ich verspreche dir, mich zu beeilen. Ich bin ja selbst ungeduldig, den
-Schatz in Sicherheit zu bringen. Um drei reisen wir. Willst du mir die
-Dreitausend geben?
-
- DAME
-
-Ich habe sie nicht.
-
- SOHN
-
-Der Besitzer des Bildes ist im Hotel.
-
- DAME
-
-Die Bank konnte sie mir nicht auszahlen. Von Florenz muß sich die
-Benachrichtigung verzögert haben.
-
- SOHN
-
-Ich habe die Bezahlung zugesagt.
-
- DAME
-
-Dann mußt du ihm das Bild wieder ausliefern, bis die Bank Auftrag
-erhält.
-
- SOHN
-
-Läßt sich das nicht beschleunigen?
-
- DAME
-
-Ich habe hier ein Telegramm aufgesetzt, daß ich jetzt besorgen lasse.
-Wir sind ja schnell gereist --
-
- KELLNER
-
- klopft an.
-
- DAME
-
-Bitte.
-
- KELLNER
-
-Ein Herr von der Bank wünscht gnädige Frau zu sprechen.
-
- DAME
-
- zum Sohn.
-
-Da wird mir das Geld schon ins Hotel geschickt.
-
- Zum Kellner.
-
-Ich bitte.
-
- KELLNER
-
- ab.
-
- SOHN
-
-Du rufst mich, wenn du mir das Geld geben kannst. Ich lasse den Mann
-nicht gern wieder aus dem Hotel gehen.
-
- DAME
-
-Ich telephoniere dir.
-
- SOHN
-
-Ich sitze unten.
-
- Ab.
-
- DAME
-
- schließt die Schreibmappe.
-
- Kellner und Kassierer erscheinen hinter der Glastür. Kassierer
- überholt den Kellner, öffnet; Kellner kehrt um, ab.
-
- KASSIERER
-
- noch Mantel überm Arm -- tritt ein.
-
- DAME
-
- zeigt nach einem Sessel und setzt sich ins Sofa.
-
- KASSIERER
-
- den Mantel bei sich, auf dem Sessel.
-
- DAME
-
-Bei der Bank ist --
-
- KASSIERER
-
- sieht das Bild.
-
- DAME
-
-Dies Bild steht in enger Beziehung zu meinem Besuch auf der Bank.
-
- KASSIERER
-
-Sie?
-
- DAME
-
-Entdecken Sie Ähnlichkeiten?
-
- KASSIERER
-
- lächelnd.
-
-Am Handgelenk!
-
- DAME
-
-Sind Sie Kenner?
-
- KASSIERER
-
-Ich wünsche -- mehr kennenzulernen!
-
- DAME
-
-Interessieren Sie diese Bilder?
-
- KASSIERER
-
-Ich bin im Bilde!
-
- DAME
-
-Finden sich noch Stücke bei Besitzern in der Stadt? Sie würden mir
-einen Dienst erweisen. Das ist mir ja wichtiger -- so wichtig wie das
-Geld!
-
- KASSIERER
-
-Geld habe ich.
-
- DAME
-
-Am Ende wird die Summe nicht genügen, über die ich meinen Brief
-ausstellen ließ.
-
- KASSIERER
-
- packt die Scheine und Rollen aus.
-
-Das ist genug!
-
- DAME
-
-Ich kann nur zwölftausend erheben.
-
- KASSIERER
-
-Sechzigtausend!
-
- DAME
-
-Auf welche Weise?
-
- KASSIERER
-
-Meine Angelegenheit.
-
- DAME
-
-Wie soll ich --?
-
- KASSIERER
-
-Wir reisen.
-
- DAME
-
-Wohin?
-
- KASSIERER
-
-Über die Grenze. Packen Sie Ihren Koffer -- wenn Sie einen haben. Sie
-reisen vom Bahnhof ab -- ich laufe bis zur nächsten Station zu Fuß und
-steige zu. Wir logieren zum ersten Male -- -- Kursbuch?
-
- Er findet es auf dem Tische.
-
- DAME
-
-Bringen Sie mir denn von der Bank über dreitausend?
-
- KASSIERER
-
- beschäftigt.
-
-Ich habe sechzigtausend eingesteckt. Fünfzigtausend in Scheinen --
-zehntausend in Gold.
-
- DAME
-
-Davon gehören mir --?
-
- KASSIERER
-
- bricht eine Rolle auf und zählt fachmännisch die Stücke in eine Hand
- vor, dann auf den Tisch hin.
-
-Nehmen Sie. Stecken Sie fort. Wir könnten belauscht sein. Die Tür hat
-Glasscheiben. Fünfhundert in Gold.
-
- DAME
-
-Fünfhundert?
-
- KASSIERER
-
-Später mehr. Wenn wir in Sicherheit sind. Hier dürfen wir nichts sehen
-lassen. Vorwärts. Einkassiert. Für Zärtlichkeiten ist diese Stunde
-nicht geeignet, sie dreht rasend ihre Speichen, in denen jeder Arm
-zermalmt wird, der eingreift!
-
- Er springt auf.
-
- DAME
-
-Ich brauche dreitausend.
-
- KASSIERER
-
-Wenn sie die Polizei in Ihrer Tasche findet, sind Sie hinter Schloß und
-Riegel gesetzt!
-
- DAME
-
-Was geht es die Polizei an?
-
- KASSIERER
-
-Sie erfüllten den Kassenraum. An Sie hakt sich der Verdacht, und unsere
-Verkettung liegt zutage.
-
- DAME
-
-Ich betrat den Kassenraum --
-
- KASSIERER
-
-Unverfroren.
-
- DAME
-
-Ich forderte --
-
- KASSIERER
-
-Sie versuchten.
-
- DAME
-
-Ich suchte --
-
- KASSIERER
-
--- die Bank zu prellen, als Sie Ihren gefälschten Brief präsentierten.
-
- DAME
-
- aus ihrer Handtasche den Brief nehmend.
-
-Dieser Brief ist nicht echt?
-
- KASSIERER
-
-So unecht wie Ihre Brillanten.
-
- DAME
-
-Ich bot meine Wertsachen als Pfand an. Warum sind meine Pretiosen
-Imitationen?
-
- KASSIERER
-
-Damen Ihres Schlages blenden nur.
-
- DAME
-
-Von welchem Schlage bin ich denn? Schwarzhaarig -- mein Teint ist
-dunkel. Ich bin südlicher Schlag. Toskana.
-
- KASSIERER
-
-Monte Carlo!
-
- DAME
-
- lächelt.
-
-Nein, Florenz!
-
- KASSIERER
-
- sein Blick stürzt auf Hut und Mantel des Sohnes.
-
-Komme ich zu spät?
-
- DAME
-
-Zu spät?
-
- KASSIERER
-
-Wo ist er? Ich werde mit ihm verhandeln. Er wird mit sich handeln
-lassen. Ich habe Mittel. Wieviel soll ich ihm bieten? Wie hoch
-veranschlagen Sie die Entschädigung? Wieviel stopfe ich ihm in die
-Tasche? Ich steigere bis zu fünfzehntausend! -- Schläft er? Rekelt er
-sich im Bett? Wo ist Euer Zimmer? Zwanzigtausend -- fünftausend mehr
-für unverzögerten Abstand!
-
- Er rafft Hut und Mantel vom Sessel.
-
-Ich bringe ihm seine Sachen.
-
- DAME
-
- verwundert.
-
-Der Herr sitzt im Vestibül.
-
- KASSIERER
-
-Das ist zu gefährlich. Es ist belebt unten. Rufen Sie ihn herauf.
-Ich setze ihn hier matt. Klingeln Sie. Der Kellner soll fliegen.
-Zwanzigtausend -- in Scheinen!
-
- Er zählt auf.
-
- DAME
-
-Kann mein Sohn mich legitimieren?
-
- KASSIERER
-
- prallt zurück.
-
-Ihr -- -- Sohn?!
-
- DAME
-
-Ich reise mit ihm. Ich begleite ihn auf einer Studienreise, die uns
-von Florenz nach Deutschland führt. Mein Sohn sucht Material für sein
-kunsthistorisches Werk.
-
- KASSIERER
-
- starrt sie an.
-
--- -- Sohn?!
-
- DAME
-
-Ist das so ungeheuerlich?
-
- KASSIERER
-
- wirr.
-
-Dies -- -- Bild?!
-
- DAME
-
-Ist sein glücklicher Fund. Mit dreitausend bezahlt es mein Sohn. Das
-sind die von mir sehnlich gewünschten Dreitausend. Ein Weingroßhändler
--- den Sie ja kennen werden, wenn Sie seinen Namen hören -- überläßt es
-ihm zu diesem Preis.
-
- KASSIERER
-
--- -- Pelz -- -- Seide -- -- es schillerte und knisterte -- -- die Luft
-wogte von allen Parfümen!
-
- DAME
-
-Es ist Winter. Ich trage nach meinen Begriffen keine besondere Kleidung.
-
- KASSIERER
-
-Der falsche Brief?!
-
- DAME
-
-Ich bin im Begriff, an meine Bank zu depeschieren!
-
- KASSIERER
-
-Ihr Handgelenk nackt -- -- um das ich die Kette ranken sollte?!
-
- DAME
-
-Die linke Hand allein ist ungeschickt.
-
- KASSIERER
-
- dumpf.
-
-Ich habe -- -- das Geld eingesteckt -- -- -- --
-
- DAME
-
- belustigt.
-
-Sind Sie und die Polizei nun zufrieden? Mein Sohn ist wissenschaftlich
-nicht unbekannt.
-
- KASSIERER
-
-Jetzt -- -- in diesem Moment werde ich vermißt. Ich hatte Wasser für
-mich bestellt, um den Gehilfen zu entfernen -- zweimal Wasser, um die
-Tür vom Portier zu entblößen. Die Noten und Rollen sind verschwunden.
-Ich habe defraudiert! -- -- Ich darf mich nicht in den Straßen --
-auf dem Markt sehen lassen. Ich darf den Bahnhof nicht betreten. Die
-Polizei ist auf den Beinen. Sechzigtausend! -- -- Ich muß übers Feld --
-quer durch den Schnee, bevor die Gendarmen alarmiert sind!
-
- DAME
-
- entsetzt.
-
-Schweigen Sie doch!
-
- KASSIERER
-
-Ich habe alles Geld eingesteckt -- -- Sie erfüllten den Kassenraum --
--- Sie schillerten und knisterten -- -- Sie senkten Ihre nackte Hand
-in meine -- -- Sie rochen heiß -- -- Ihr Mund roch -- --
-
- DAME
-
-Ich bin eine Dame!
-
- KASSIERER
-
- stier.
-
-Jetzt müssen Sie doch -- --!!
-
- DAME
-
- sich bezwingend.
-
-Sind Sie verheiratet?
-
- Auf seine schwingende Geste.
-
-Ich meine, das gilt sehr viel. Wenn ich es nicht überhaupt als einen
-Scherz auffassen soll. Sie haben sich zu einer unüberlegten Handlung
-hinreißen lassen. Sie reparieren den Schaden. Sie kehren in Ihren
-Schalter zurück und schützen ein momentanes Unwohlsein vor. Sie haben
-den vollen Betrag noch bei sich?
-
- KASSIERER
-
-Ich habe mich an der Kasse vergriffen --
-
- DAME
-
- schroff.
-
-Das interessiert mich dann nicht weiter.
-
- KASSIERER
-
-Ich habe die Bank geplündert --
-
- DAME
-
-Sie belästigen mich, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Jetzt müssen Sie -- --
-
- DAME
-
-Was ich müßte --
-
- KASSIERER
-
-Jetzt müssen Sie doch!!
-
- DAME
-
-Lächerlich.
-
- KASSIERER
-
-Ich habe geraubt, gestohlen. Ich habe mich ausgeliefert -- ich habe
-meine Existenz vernichtet -- alle Brücken sind gesprengt -- ich bin ein
-Dieb -- Räuber -- --
-
- Über den Tisch geworfen.
-
-Jetzt müssen Sie doch -- -- jetzt müssen Sie doch!!!
-
- DAME
-
-Ich werde Ihnen meinen Sohn rufen, vielleicht -- --
-
- KASSIERER
-
- verändert, agil.
-
-Jemanden rufen? Allerweltsleute rufen? Alarm schlagen? Großartig! --
-Dumm. Plump. Mich fangen sie nicht ein. In die Falle trete ich nicht.
-Ich habe meinen Witz, meine Herrschaften. Euer Witz tappt hinterher --
-ich immer zehn Kilometer voraus. Rühren Sie sich nicht. Stillgesessen,
-bis ich --
-
- Er steckt das Geld ein, drückt den Hut ins Gesicht, preßt den Mantel
- auf die Brust.
-
-Bis ich --
-
- Behende geräuschlos durch die Glastür ab.
-
- DAME
-
- steht verwirrt.
-
- SOHN
-
- kommt.
-
-Der Herr von der Bank ging aus dem Hotel. Du bist erregt, Mama. Ist das
-Geld --
-
- DAME
-
-Die Unterhaltung hat mich angestrengt. Geldsachen, Jungchen. Du weißt,
-es reizt mich immer etwas.
-
- SOHN
-
-Sind Schwierigkeiten entstanden, die die Auszahlung wieder aufhalten?
-
- DAME
-
-Ich müßte es dir vielleicht doch sagen --
-
- SOHN
-
-Muß ich das Bild zurückgeben?
-
- DAME
-
-An das Bild denke ich nicht.
-
- SOHN
-
-Das geht uns doch am meisten an.
-
- DAME
-
-Ich glaube, ich muß sogleich eine Anzeige erstatten.
-
- SOHN
-
-Was für eine Anzeige?
-
- DAME
-
-Die Depesche besorge. Ich muß unter allen Umständen von meiner Bank
-eine Bestätigung in Händen haben.
-
- SOHN
-
-Genügt dein Bankbrief nicht?
-
- DAME
-
-Nein. Nicht ganz. Geh nach dem Telegraphenamt. Ich möchte den Portier
-nicht mit der offenen Depesche schicken.
-
- SOHN
-
-Und wann kommt nun das Geld?
-
- Das Telephon schrillt.
-
- DAME
-
-Da werde ich schon angerufen.
-
- Am Apparat.
-
-Ist eingetroffen. Ich soll selbst abheben. Gern. Aber bitte, Herr
-Direktor. Ich bin gar nicht aufgebracht. Florenz ist weit. Ja, die Post
-in Italien. Wie? Warum? Wie? Ja, warum? Ach so -- via Berlin, das
-ist allerdings ein großer Umweg. -- Mit keinem Gedanken. Danke, Herr
-Direktor. In zehn Minuten. Adieu.
-
- Zum Sohn.
-
-Erledigt, Junge. Meine Depesche ist überflüssig geworden.
-
- Sie zerreißt das Formular.
-
-Du hast dein Bild. Dein Weinhändler begleitet uns. Er nimmt auf der
-Bank den Betrag in Empfang. Verpacke deinen Schatz. Von der Bank fahren
-wir zum Bahnhof.
-
- Telephonierend, während Sohn das Bild verhüllt.
-
-Ich bitte um die Rechnung. Zimmer vierzehn und sechzehn. Sehr eilig.
-Bitte.
-
-
- Verschneites Feld mit Baum mit tiefreichender Astwirrnis.
- Blauschattende Sonne.
-
- KASSIERER
-
- kommt, rückwärts gehend. Er schaufelt mit den Händen seine Spur zu.
- Sich aufrichtend.
-
-Solch ein Mensch ist doch ein Wunderwerk. Der Mechanismus klappt in
-Scharnieren -- lautlos. Plötzlich sind Fähigkeiten ermittelt und mit
-Schwung tätig. Wie gebärden sich meine Hände? Wo haben sie Schnee
-geschippt? Jetzt wuchten sie die Massen, daß die Flocken stäuben.
-Überdies ist meine Spur über das Schneefeld wirkungsvoll verwischt.
-Erzielt ist ein undurchsichtiges Inkognito!
-
- Er streift die erweichten Manschetten ab.
-
-Nässe und Frost begünstigen scharfe Erkältungen. Unversehens bricht
-Fieber aus und beeinflußt die Entschlüsse. Man verliert die Kontrolle
-über seine Handlungen, und aufs Krankenbett geworfen, ist man geliefert!
-
- Er knöpft die Knöpfe heraus und schleudert die Manschetten weg.
-
-Ausgedient. Da liegt. Ihr werdet in der Wäsche fehlen. Das Lamento
-plärrt durch die Küche: ein Paar Manschetten fehlt. Katastrophe im
-Waschkessel. Weltuntergang!
-
- Er sammelt die Manschetten wieder auf und stopft sie in die
- Manteltaschen.
-
-Toll: da arbeitet mein Witz schon wieder. Mit unfehlbarer Sicherheit.
-Ich quäle mich mit dem zerstampften Schnee ab und verrate mich mit
-zwei leichtsinnig verschleuderten Wäschestücken. Meist ist es eine
-Kleinigkeit -- ein Versehen -- eine Flüchtigkeit, die den Täter
-feststellt. Hopla!
-
- Er sucht sich einen bequemen Sitz in einer Astgabel.
-
-Ich bin doch neugierig. Meine Spannung ist gewaltig geschwollen. Ich
-habe Grund, mich auf die wichtigsten Entdeckungen gefaßt zu machen.
-Im Fluge gewonnene Erfahrungen stehen mir zur Seite. Am Morgen noch
-erprobter Beamter. Man vertraut mir runde Vermögen an, der Bauverein
-deponiert Riesensummen. Mittags ein durchtriebener Halunke. Mit
-allen Wassern gewaschen. Die Technik der Flucht bis in die Details
-durchgebildet. Das Ding gedreht und hin. Fabelhafte Leistung. Und der
-Tag erst zur Hälfte bezwungen!
-
- Er stützt das Kinn auf die Faustrücken.
-
-Ich bin bereit, jedem Vorfall eine offene Brust zu bieten. Ich besitze
-untrügliche Zeichen, keinem Anspruch die Antwort schuldig zu bleiben.
-Ich bin auf dem Marsche -- Umkehr findet nicht statt. Ich marschiere
--- also ohne viel Federlesen heraus mit den Trümpfen. Ich habe
-sechzigtausend auf die Karte gesetzt -- und erwarte den Trumpf. Ich
-spiele zu hoch, um zu verlieren. Keine Flausen -- aufgedeckt und heda!
-Verstanden?
-
- Er lacht ein krächzendes Gelächter.
-
-Jetzt müssen Sie, schöne Dame. Ihr Stichwort, seidene Dame. Bringen
-Sie es doch, schillernde Dame, Sie lassen ja die Szene unter den
-Tisch fallen. Dummes Luder. Und sowas spielt Komödie. Kommt euren
-natürlichen Verpflichtungen nach, zeugt Kinder -- und belästigt
-nicht die Souffleuse! Verzeihung, Sie haben ja einen Sohn. Sie sind
-vollständig legitimiert. Ich liquidiere meine Verdächtigungen. Leben
-Sie wohl und grüßen Sie den Direktor. Seine Kalbsaugen werden Sie mit
-einem eklen Schleim bestreichen, aber machen Sie sich nichts draus.
-Der Mann ist um sechzigtausend geprellt, der Bauverein wird ihm das
-Dach neu beschindeln. Das klappert erbärmlich. Ich entbinde Sie aller
-Verpflichtungen gegen mich, Sie sind entlassen, Sie können gehen.
--- Halt! Nehmen Sie meinen Dank auf den Weg -- in die Eisenbahn! --
-Was? Keine Ursache? -- Ich denke, bedeutende! Nicht der Rede wert? --
-Sie scherzen, Ihr Schuldner! Wieso? -- Ich verdanke Ihnen das Leben!
--- Um Himmels willen! -- Ich übertreibe! Mich haben Sie, knisternd,
-aufgelockert. Ein Sprung hinter Sie drein stellt mich in den Brennpunkt
-unerhörter Geschehnisse. Und mit der Fracht in der Brusttasche zahle
-ich alle Begünstigungen bar!
-
- Mit einer nachlässigen Geste.
-
-Verduften Sie jetzt, Sie sind bereits überboten und können bei
-beschränkten Mitteln -- ziehen Sie sich Ihren Sohn zu Gemüte -- auf
-keinen Zuschlag hoffen!
-
- Er holt das Banknotenbündel aus der Tasche und klatscht es auf die
- Hand.
-
-Ich zahle bar! Der Betrag ist flüssig gemacht -- Regulierung läuft dem
-Angebot voraus. Vorwärts, was bietet sich?
-
- Er sieht in das Feld.
-
-Schnee. Schnee. Sonne. Stille.
-
- Er schüttelt den Kopf und steckt das Geld ein.
-
-Es wäre eine schamlose Übervorteilung -- mit dieser Summe blauen Schnee
-zu bezahlen. Ich mache das Geschäft nicht. Ich trete vor dem Abschluß
-zurück. Keine reelle Sache!
-
- Die Arme aufwerfend.
-
-Ich muß bezahlen!! -- -- Ich habe das Geld bar!! -- -- Wo ist Ware, die
-man mit dem vollen Einsatz kauft?! Mit sechzigtausend -- und dem ganzen
-Käufer mit Haut und Knochen?! -- --
-
- Schreiend.
-
-Ihr müßt mir doch liefern -- -- ihr müßt doch Wert und Gegenwert in
-Einklang bringen!!!!
-
- Sonne von Wolken verfinstert. Er steigt aus der Gabel.
-
-Die Erde kreißt -- Frühlingsstürme. Es macht sich, es macht sich.
-Ich wußte, daß ich nicht umsonst gerufen habe. Die Aufforderung war
-dringend. Das Chaos ist beleidigt, es will sich nicht vor meiner
-eingreifenden Tat am Vormittag blamieren. Ich wußte es ja, man darf in
-solchen Fällen nicht locker lassen. Hart auf den Leib rücken -- und
-das Mäntelchen vom Leib, dann zeigt sich was! -- Vor wem lüfte ich denn
-so höflich meinen Hut?
-
- Sein Hut ist ihm entrissen. Der Orkan hat den Schnee von den Zweigen
- gepeitscht: Reste in der Krone haften und bauen ein menschliches
- Gerippe mit grinsenden Kiefern auf. Eine Knochenhand hält den Hut.
-
-Hast du die ganze Zeit hinter mir gesessen und mich belauscht?
-Bist du ein Abgesandter der Polizei? Nicht in diesem lächerlich
-beschränkten Sinne. Umfassend: Polizei des Daseins? -- Bist du die
-erschöpfende Antwort auf meine nachdrückliche Befragung? Willst du
-mit deiner einigermaßen reichlich durchlöcherten Existenz andeuten:
-das abschließende Ergebnis -- deine Abgebranntheit? -- Das ist etwas
-dürftig. Sehr dürftig. Nämlich nichts! -- Ich lehne die Auskunft
-als nicht lückenlos ab. Ich danke für die Bedienung. Schließen Sie
-Ihren Laden mit alten Knochen. Ich bin nicht der erste beste, der
-sich beschwatzen läßt! -- Der Vorgang wäre ja ungeheuer einfach. Sie
-entheben der weiteren Verwickelungen. Aber ich schätze Komplikationen
-höher. Leben Sie wohl -- wenn Sie das in Ihrer Verfassung können! --
-Ich habe noch einiges zu erledigen. Wenn man unterwegs ist, kann man
-nicht in jede Haustür eintreten. Auch auf die freundlichste Einladung
-nicht. Ich sehe bis zum Abend noch eine ganze Menge Verpflichtungen
-vor mir. Sie können unmöglich die erste sein. Vielleicht die letzte.
-Aber auch dann nur notgedrungen. Vergnügen macht es mir nicht. Aber,
-wie gesagt, notgedrungen -- darüber läßt sich reden. Rufen Sie mich
-gegen Mitternacht nochmals an. Wechselnde Telephonnummer beim Amt zu
-erfragen! -- Verzeihung, ich rede dich mit Sie an. Wir stehen doch wohl
-auf du und du. Die Verwandtschaft bezeugt sich innigst. Ich glaube
-sogar, du steckst in mir drin. Also winde dich aus dem Astwerk los,
-das dich von allen Seiten durchsticht, und rutsche in mich hinein. Ich
-hinterlasse in meiner zweideutigen Lage nicht gern Spuren. Vorher gib
-mir meinen Hut wieder!
-
- Er nimmt den Hut vom Ast, den der Sturm ihm jetzt entgegenbiegt --
- verbeugt sich.
-
-Ich sehe, wir haben bis zu einem annehmbaren Grade eine Verständigung
-erzielt. Das ist ein Anfang, der Vertrauen einflößt und im Wirbel
-kommender großartiger Ereignisse den nötigen Rückhalt schafft. Ich weiß
-das unbedingt zu würdigen. Mit vorzüglicher Hochachtung -- --
-
- Donner rollt. Ein letzter Windstoß fegt auch das Gebilde aus dem
- Baum. Sonne bricht durch. Es ist hell wie zu Anfang.
-
-Ich sagte doch gleich, daß die Erscheinung nur vorübergehend war!
-
- Er drückt den Hut in die Stirn, schlägt den Mantelkragen hoch und
- trabt durch den stäubenden Schnee weg.
-
-
-
-
-ZWEITER TEIL
-
-
- Stube bei Kassierer. Fenster mit abgeblühten Geranien. Zwei Türen
- hinten, Tür rechts. Tisch und Stühle. Klavier.
-
- Mutter sitzt am Fenster. Erste Tochter stickt am Tisch. Zweite
- Tochter übt die Tannhäuserouvertüre. Frau geht durch die Tür rechts
- hinten ein und aus.
-
- MUTTER
-
-Was spielst du jetzt?
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Es ist doch die Tannhäuserouvertüre.
-
- MUTTER
-
-Die Weiße Dame ist auch sehr schön.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Die hat sie diese Woche nickt abonniert.
-
- FRAU
-
- kommt.
-
-Es ist Zeit, daß ich die Koteletts brate.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Lange noch nicht, Mutter.
-
- FRAU
-
-Nein, es ist noch nicht Zeit, daß ich die Koteletts brate.
-
- Ab.
-
- MUTTER
-
-Was stickst du jetzt?
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Die Langetten.
-
- FRAU
-
- kommt zur Mutter.
-
-Wir haben heute Koteletts.
-
- MUTTER
-
-Bratest du sie jetzt?
-
- FRAU
-
-Es hat noch Zeit. Es ist ja noch nicht Mittag.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Es ist ja noch lange nicht Mittag.
-
- FRAU
-
-Nein, es ist noch lange nicht Mittag.
-
- MUTTER
-
-Wenn er kommt, ist es Mittag.
-
- FRAU
-
-Er kommt noch nicht.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Wenn Vater kommt, ist es Mittag.
-
- FRAU
-
-Ja.
-
- Ab.
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- aufhörend, lauschend.
-
-Vater?
-
- ERSTE TOCHTER
-
- ebenso.
-
-Vater?
-
- FRAU
-
- kommt.
-
-Mein Mann?
-
- MUTTER
-
-Mein Sohn?
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- öffnet rechts.
-
-Vater!
-
- ERSTE TOCHTER
-
- ist aufgestanden.
-
-Vater!
-
- FRAU
-
-Der Mann!
-
- MUTTER
-
-Der Sohn!
-
- KASSIERER
-
- tritt rechts ein, hängt Hut und Mantel auf.
-
- FRAU
-
-Woher kommst du?
-
- KASSIERER
-
-Vom Friedhof.
-
- MUTTER
-
-Ist jemand plötzlich gestorben?
-
- KASSIERER
-
- klopft ihr auf den Rücken.
-
-Man kann wohl plötzlich sterben, aber nicht plötzlich begraben werden.
-
- FRAU
-
-Woher kommst du?
-
- KASSIERER
-
-Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch Schollen gebohrt. Hier hängt
-noch Eis. Es hat besondere Anstrengungen gekostet, um durchzukommen.
-Ganz besondere Anstrengungen. Ich habe mir die Finger etwas beschmutzt.
-Man muß lange Finger machen, um hinauszugreifen. Man liegt tief
-gebettet. So ein Leben lang schaufelt mächtig. Berge sind auf einen
-getürmt. Schutt, Müll -- es ist ein riesiger Abladeplatz. Die
-Gestorbenen liegen ihre drei Meter abgezählt unter der Oberfläche --
-die Lebenden verschüttet es immer tiefer.
-
- FRAU
-
-Du bist eingefroren -- oben und unten.
-
- KASSIERER
-
-Aufgetaut! Von Stürmen -- frühlinghaft -- geschüttelt. Es rauschte und
-brauste -- ich sage dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein
-Gebein saß nackt. Knochen -- gebleicht in Minuten. Schädelstätte!
-Zuletzt schmolz mich die Sonne wieder zusammen. Dermaßen von Grund auf
-geschah die Erneuerung. Da habt ihr mich.
-
- MUTTER
-
-Du bist im Freien gewesen?
-
- KASSIERER
-
-In scheußlichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen Türmen bodenlos
-verhaftet. Klirrende Ketten betäubten das Gehör. Von Finsternis meine
-Augen ausgestochen!
-
- FRAU
-
-Die Bank ist geschlossen. Der Direktor hat mit euch getrunken. Es ist
-ein freudiges Ereignis in seiner Familie?
-
- KASSIERER
-
-Er hat eine neue Mätresse auf dem Korn. Italienerin -- Pelz -- Seide
--- wo die Orangen blühen. Handgelenke wie geschliffen. Schwarzhaarig
--- der Teint ist dunkel. Brillanten. Echt -- alles echt. Tos -- Tos --
-der Schluß klingt wie Kanaan. Hol' einen Atlas. Tos -- Kanaan. Gibt
-es das? Ist es eine Insel? Ein Gebirge? Ein Sumpf? Die Geographie
-kann über alles Auskunft geben! Aber er wird sich schneiden. Glatt
-abfallen -- abgebürstet werden wie ein Flocken. Da liegt er -- zappelt
-auf dem Teppich -- Beine kerzengerade in die Luft -- das kugelfette
-Direktorchen!
-
- FRAU
-
-Die Bank hat nicht geschlossen?
-
- KASSIERER
-
-Niemals, Frau. Die Kerker schließen sich niemals. Der Zuzug hat kein
-Ende. Die ewige Wallfahrt ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen sie
-hinein -- in die Fleischbank. Das Gewühl ist dicht. Kein Entrinnen --
-oder mit keckem Satz über den Rücken!
-
- MUTTER
-
-Dein Mantel ist auf dem Rücken zerrissen.
-
- KASSIERER
-
-Betrachtet meinen Hut. Ein Landstreicher!
-
- ZWEITE TOCHTER
-
-Das Futter ist zerfetzt.
-
- KASSIERER
-
-Greift in die Taschen -- rechts -- links!
-
- ERSTE TOCHTER
-
- zieht eine Manschette hervor.
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- ebenso.
-
- KASSIERER
-
-Befund?
-
- BEIDE TÖCHTER
-
-Deine Manschetten.
-
- KASSIERER
-
-Ohne Knöpfe. Die Knöpfe habe ich hier. Triumph der Kaltblütigkeit! --
--- Paletot -- Hut -- ja, es geht ohne Fetzen nicht ab, wenn man über
-die Rücken setzt. Sie fassen nach einem -- sie krallen Nägel ein!
-Hürden und Schranken -- Ordnung muß herrschen. Gleichheit für alle.
-Aber ein tüchtiger Sprung -- nicht gefackelt -- und du bist aus dem
-Pferch -- aus dem Göpelwerk. Ein Gewaltstreich, und hier stehe ich!
-Hinter mir nichts -- und vor mir?
-
- Er sieht sich im Zimmer um.
-
- FRAU
-
- starrt ihn an.
-
- MUTTER
-
- halblaut.
-
-Er ist krank.
-
- FRAU
-
- mit raschem Entschluß zur Tür rechts.
-
- KASSIERER
-
- hält sie auf. Zu einer Tochter.
-
-Hol' meine Jacke.
-
- Tochter links hinten hinein, mit verschnürter Samtjacke zurück. Er
- zieht sie an.
-
-Meine Pantoffeln.
-
- Die andere Tochter bringt sie.
-
-Mein Käppchen.
-
- Tochter kommt mit gestickter Kappe.
-
-Meine Pfeife.
-
- MUTTER
-
-Du sollst nicht rauchen, wenn du schon --
-
- FRAU
-
- beschwichtigt sie hastig.
-
--- Soll ich dir anstecken?
-
- KASSIERER
-
- fertig häuslich gekleidet -- nimmt am Tisch eine bequeme Haltung an.
-
-Steck' an.
-
- FRAU
-
- immer sorgenvoll eifrig um ihn bemüht.
-
-Zieht sie?
-
- KASSIERER
-
- mit der Pfeife beschäftigt.
-
-Ich werde sie zur gründlichen Reinigung schicken müssen. Im Rohr sind
-wahrscheinlich Ansammlungen von unverbrauchten Tabakresten. Der Zug
-ist nicht frei von inneren Widerständen. Ich muß mehr, als eigentlich
-notwendig sein sollte, ziehen.
-
- FRAU
-
-Soll ich sie gleich forttragen?
-
- KASSIERER
-
-Nein, geblieben.
-
- Mächtige Rauchwolken ausstoßend.
-
-Annehmbar.
-
- Zur zweiten Tochter.
-
-Spiel'.
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- auf das Zeichen der Frau setzt sich ans Klavier und spielt.
-
- KASSIERER
-
-Was ist das für ein Stück?
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- atemlos.
-
-Wagner.
-
- KASSIERER
-
- nickt zustimmend. Zur ersten Tochter.
-
-Nähst -- flickst -- stopfst Du?
-
- ERSTE TOCHTER
-
- sich rasch hinsetzend.
-
-Ich sticke Langetten.
-
- KASSIERER
-
-Praktisch. -- Und Mutterchen, Du?
-
- MUTTER
-
- von der allgemeinen Angst angesteckt.
-
-Ich nickte ein bißchen vor mich hin.
-
- KASSIERER
-
-Friedvoll.
-
- MUTTER
-
-Ja, mein Leben ist Frieden geworden.
-
- KASSIERER
-
- zur Frau.
-
-Du?
-
- FRAU
-
-Ich will die Koteletts braten.
-
- KASSIERER
-
- nickt.
-
-Die Küche.
-
- FRAU
-
-Ich brate dir deins jetzt.
-
- KASSIERER
-
- wie vorher.
-
-Die Küche.
-
- FRAU
-
- ab.
-
- KASSIERER
-
- zur ersten Tochter.
-
-Sperre die Türen auf.
-
- ERSTE TOCHTER
-
- stößt die Türen hinten zurück: rechts ist in der Küche die Frau am
- Herd beschäftigt, links die Schlafkammer mit den beiden Betten.
-
- FRAU
-
- in der Tür.
-
-Ist dir sehr warm?
-
- Wieder am Herd.
-
- KASSIERER
-
- herumblickend.
-
-Alte Mutter am Fenster. Töchter am Tisch stickend -- Wagner spielend.
-Frau die Küche besorgend. Von vier Wänden umbaut -- Familienleben.
-Hübsche Gemütlichkeit des Zusammenseins. Mutter -- Sohn -- Kind
-versammelt sind. Vertraulicher Zauber. Er spinnt ein. Stube mit Tisch
-und Hängelampe. Klavier rechts. Kachelofen. Küche, tägliche Nahrung.
-Morgens Kaffee, mittags Koteletts. Schlafkammer -- Betten, hinein
--- hinaus. Vertraulicher Zauber. Zuletzt -- auf dem Rücken -- steif
-und weiß. Der Tisch wird hier an die Wand gerückt -- ein gelber Sarg
-streckt sich schräg, Beschläge abschraubbar -- um die Lampe etwas Flor
--- ein Jahr wird nicht das Klavier gespielt -- -- --
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- hört auf und läuft schluchzend in die Küche.
-
- FRAU
-
- auf der Schwelle, fliegend.
-
-Sie übt noch an dem neuen Stück.
-
- MUTTER
-
-Warum abonniert sie nicht auf die Weiße Dame?
-
- KASSIERER
-
- verlöscht die Pfeife. Er beginnt sich wieder umzukleiden.
-
- FRAU
-
-Gehst du in die Bank? Du hattest einen Geschäftsweg?
-
- KASSIERER
-
-In die Bank -- Geschäftsweg -- nein.
-
- FRAU
-
-Wohin willst du jetzt?
-
- KASSIERER
-
-Schwerste Frage, Frau. Ich bin von wehenden Bäumen niedergeklettert,
-um eine Antwort aufzusuchen. Hier sprach ich zuerst vor. Es war doch
-selbstverständlich. Es ist ja alles wunderschön -- unstreitbare Vorzüge
-verkleinere ich nicht, aber vor letzten Prüfungen besteht es nicht.
-Hier liegt es nicht -- damit ist der Weg angezeigt. Ich erhalte ein
-klares Nein.
-
- Er hat seinen früheren Anzug vollendet.
-
- FRAU
-
- zerrissen.
-
-Mann, wie entstellt siehst du aus?
-
- KASSIERER
-
-Landstreicher. Ich sagte es ja. Scheltet nicht! Besser ein
-verwahrloster Wanderer auf der Straße -- als Straßen leer von Wanderern!
-
- FRAU
-
-Wir essen jetzt zu Mittag.
-
- KASSIERER
-
-Koteletts, ich rieche sie.
-
- MUTTER
-
-Vor dem Mittagessen willst du --?
-
- KASSIERER
-
-Ein voller Magen macht schläfrig.
-
- MUTTER
-
- fuchtelt plötzlich mit den Armen durch die Luft, fällt zurück.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Die Großmutter --
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- aus der Küche.
-
-Großmutter --
-
- Beide sinken an ihren Knien nieder.
-
- FRAU
-
- steht steif.
-
- KASSIERER
-
- tritt zum Sessel.
-
-Daran stirbt sie, weil einer einmal vor dem Mittagessen weggeht.
-
- Er betrachtet die Tote.
-
-Schmerz? Trübsal? Tränengüsse, verschwemmend? Sind die Bande so eng
-geknüpft -- daß, wenn sie zerrissen, im geballten Leid es sich erfüllt?
-Mutter -- Sohn?
-
- Er holt die Scheine aus der Tasche und wägt sie auf der Hand --
- schüttelt den Kopf und steckt sie wieder ein.
-
-Keine vollständige Lähmung im Schmerz -- kein Erfülltsein bis in die
-Augen. Augen trocken -- Gedanken arbeiten weiter. Ich muß mich eilen,
-wenn ich zu gültigen Resultaten vorstoßen will!
-
- Er legt sein abgegriffenes Portemonnaie auf den Tisch.
-
-Sorgt. Es ist ehrlich erworbenes Gehalt. Die Erklärung kann von
-Wichtigkeit werden. Sorgt.
-
- Er geht rechts hinaus.
-
- FRAU
-
- steht unbeweglich.
-
- DIREKTOR
-
- durch die offene Tür rechts.
-
-Ist Ihr Mann zu Hause? -- Ist Ihr Mann hierher gekommen? -- Ich habe
-Ihnen leider die betrübende Mitteilung zu machen, daß er sich an der
-Kasse vergriffen hat. Wir haben seine Verfehlung schon seit einigen
-Stunden entdeckt. Es handelt sich um die Summe von sechzigtausend Mark,
-die der Bauverein deponierte. Die Anzeige habe ich in der Hoffnung noch
-zurückgehalten, daß er sich besinnen würde. -- Dies ist mein letzter
-Versuch. Ich bin persönlich gekommen. -- Ihr Mann ist nicht hier
-gewesen?
-
- Er sieht sich um, gewahrt Jacke, Pfeife usw., alle offenen Türen.
-
-Dem Anschein nach --
-
- Seine Blicke haften auf der Gruppe am Fenster, nickt.
-
-Ich sehe, die Dinge sind schon in ein vorgerücktes Stadium getreten.
-Dann allerdings --
-
- Er zuckt die Achseln, setzt den Hut auf.
-
-Es bleibt ein aufrichtiges, privates Bedauern, an dem es nicht fehlt --
-sonst die Konsequenzen.
-
- Ab.
-
- BEIDE TÖCHTER
-
- nähern sich der Frau.
-
-Mutter --
-
- FRAU
-
- ausbrechend.
-
-Kreischt mir nicht in die Ohren. Glotzt mich nicht an. Was wollt ihr
-von mir? Wer seid ihr? Fratzen -- Affengesichter -- was geht ihr mich
-an?
-
- Über den Tisch geworfen.
-
-Mich hat mein Mann verlassen!!
-
- BEIDE TÖCHTER
-
- scheu -- halten sich an den Händen.
-
-
- Sportpalast. Sechstagerennen. Bogenlampenlicht.
-
- Im Dunstraum rohgezimmerte freischwebende Holzbrücke. Die jüdischen
- Herren als Kampfrichter kommen und gehen. Alle sind ununterscheidbar:
- kleine bewegliche Gestalten, in Smoking, stumpfen Seidenhut im
- Nacken, am Riemen das Binokel.
-
- Rollendes Getöse von Rädern über Bohlen.
-
- Pfeifen, Heulen, Meckern geballter Zuschauermenge aus Höhe und Tiefe.
- Musikkapellen.
-
- EIN HERR
-
- kommend.
-
-Ist alles vorbereitet?
-
- EIN HERR
-
-Sehen Sie doch.
-
- EIN HERR
-
- durchs Glas.
-
-Die Blattpflanzen --
-
- EIN HERR
-
-Was ist mit den Blattpflanzen?
-
- EIN HERR
-
-Zweifellos.
-
- EIN HERR
-
-Was ist denn mit den Blattpflanzen?
-
- EIN HERR
-
-Wer hat denn das Arrangement gestellt?
-
- EIN HERR
-
-Sie haben recht.
-
- EIN HERR
-
-Das ist ja irrsinnig.
-
- EIN HERR
-
-Hat sich denn niemand um die Aufstellung gekümmert?
-
- EIN HERR
-
-Einfach lächerlich.
-
- EIN HERR
-
-Der Betreffende muß selbst blind sein.
-
- EIN HERR
-
-Oder schlafen.
-
- EIN HERR
-
-Das ist die einzig annehmbare Erklärung bei dieser Veranstaltung.
-
- EIN HERR
-
-Was reden Sie -- schlafen? Wir fahren doch erst in der vierten Nacht.
-
- EIN HERR
-
-Die Kübel müssen mehr auf die Seite gerückt werden.
-
- EIN HERR
-
-Gehen Sie?
-
- EIN HERR
-
-Ganz an die Wände.
-
- EIN HERR
-
-Der Überblick muß frei auf die ganze Bahn sein.
-
- EIN HERR
-
-Die Loge muß offen liegen.
-
- EIN HERR
-
-Ich gehe mit.
-
- Alle ab.
-
- EIN HERR
-
- kommt, feuert einen Pistolenschuß. Ab.
-
- ZWEI HERREN
-
- kommen mit einem rotlackierten Megaphon.
-
- DER EINE HERR
-
-Wie hoch ist die Prämie?
-
- DER ANDERE HERR
-
-Achtzig Mark. Dem ersten fünfzig. Dem zweiten dreißig.
-
- DER EINE HERR
-
-Drei Runden. Mehr nicht. Wir erschöpfen die Fahrer.
-
- DER ANDERE HERR
-
- spricht durch das Megaphon.
-
-Eine Preisstiftung von achtzig Mark aus der Bar sofort auszufahren über
-drei Runden! dem ersten fünfzig Mark -- dem zweiten dreißig Mark.
-
- Händeklatschen.
-
- MEHRERE HERREN
-
- kommen, einer mit einer roten Fahne.
-
- EIN HERR
-
-Geben Sie den Start.
-
- EIN HERR
-
-Noch nicht, Nummer sieben wechselt die Mannschaft.
-
- EIN HERR
-
-Start.
-
- EIN HERR
-
- senkt die rote Fahne.
-
- Anwachsender Lärm. Dann Händeklatschen und Pfeifen.
-
- EIN HERR
-
-Die Schwachen müssen auch mal gewinnen.
-
- EIN HERR
-
-Es ist gut, daß die Großen sich zurückhalten.
-
- EIN HERR
-
-Die Nacht wird ihnen noch zu schaffen machen.
-
- EIN HERR
-
-Die Aufregung unter den Fahrern ist ungeheuer.
-
- EIN HERR
-
-Es läßt sich denken.
-
- EIN HERR
-
-Passen Sie auf, diese Nacht fällt die Entscheidung.
-
- EIN HERR
-
- achselzuckend.
-
-Die Amerikaner sind noch frisch.
-
- EIN HERR
-
-Unsere Deutschen werden ihnen schon auf den Zahn fühlen.
-
- EIN HERR
-
-Jedenfalls hätte sich dann der Besuch gelohnt.
-
- EIN HERR
-
- durchs Glas.
-
-Jetzt ist die Loge klar.
-
- Alle bis auf den Herrn mit dem Megaphon ab.
-
- EIN HERR
-
- mit einem Zettel.
-
-Das Resultat.
-
- DER HERR
-
- durchs Megaphon.
-
-Prämie aus der Bar: fünfzig Mark für Nummer elf, dreißig Mark für
-Nummer vier.
-
- Musiktusch.
-
- Pfeifen und Klatschen.
-
- Die Brücke ist leer.
-
- Ein Herr kommt mit Kassierer. Kassierer im Frack, Frackumhang,
- Zylinder, Glacés; Bart ist spitz zugestutzt; Haar tief gescheitelt.
-
- KASSIERER
-
-Erklären Sie mir den Sinn --
-
- DER HERR
-
-Ich stelle Sie vor.
-
- KASSIERER
-
-Mein Name tut nichts zur Sache.
-
- DER HERR
-
-Sie haben ein Recht, daß ich Sie mit dem Präsidium bekannt mache.
-
- KASSIERER
-
-Ich bleibe inkognito.
-
- DER HERR
-
-Sie sind ein Freund unsres Sports.
-
- KASSIERER
-
-Ich verstehe nicht das mindeste davon. Was machen die Kerle da unten?
-Ich sehe einen Kreis und die bunte Schlangenlinie. Manchmal mischt sich
-ein anderer ein und ein anderer hört auf. Warum?
-
- DER HERR
-
-Die Fahrer liegen paarweise im Rennen. Während ein Partner fährt --
-
- KASSIERER
-
-Schläft sich der andere Bengel aus?
-
- DER HERR
-
-Er wird massiert.
-
- KASSIERER
-
-Und das nennen Sie Sechstagerennen?
-
- DER HERR
-
-Wieso?
-
- KASSIERER
-
-Ebenso könnte es Sechstageschlafen heißen. Geschlafen wird ja
-fortwährend von einem Partner.
-
- EIN HERR
-
- kommt.
-
-Die Brücke ist nur für die Leitung des Rennens erlaubt.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Eine Stiftung von tausend Mark dieses Herrn.
-
- DER ANDERE HERR
-
-Gestatten Sie mir, daß ich mich vorstelle.
-
- KASSIERER
-
-Keineswegs.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Der Herr wünscht sein Inkognito zu wahren.
-
- KASSIERER
-
-Undurchsichtig.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Ich habe Erklärungen gegeben.
-
- KASSIERER
-
-Ja, finden Sie es nicht komisch?
-
- DER ZWEITE HERR
-
-Inwiefern?
-
- KASSIERER
-
-Dies Sechstageschlafen.
-
- DER ZWEITE HERR
-
-Also tausend Mark über wieviel Runden?
-
- KASSIERER
-
-Nach Belieben.
-
- DER ZWEITE HERR
-
-Wieviel dem ersten?
-
- KASSIERER
-
-Nach Belieben.
-
- DER ZWEITE HERR
-
-Achthundert und zweihundert.
-
- Durchs Megaphon.
-
-Preisstiftung eines ungenannt bleiben wollenden Herrn über zehn Runden
-sofort auszufahren: dem ersten achthundert -- dem zweiten zweihundert.
-Zusammen tausend Mark.
-
- Gewaltiger Lärm.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Dann sagen Sie mir, wenn die Veranstaltung für Sie nur Gegenstand der
-Ironie ist, weshalb machen Sie eine Preisstiftung in der Höhe von
-tausend Mark?
-
- KASSIERER
-
-Weil die Wirkung fabelhaft ist.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Auf das Tempo der Fahrer?
-
- KASSIERER
-
-Unsinn.
-
- EIN HERR
-
- kommend.
-
-Sind Sie der Herr, der tausend Mark stiftet?
-
- KASSIERER
-
-In Gold.
-
- DER HERR
-
-Das würde zu lange aufhalten.
-
- KASSIERER
-
-Das Aufzählen? Sehen Sie zu.
-
- Er holt eine Rolle heraus, reißt sie auf, schüttet den Inhalt auf
- die Hand, prüft die leere Papierhülse, schleudert sie weg und zählt
- behende die klimpernden Goldstücke in seine Handhöhle.
-
-Außerdem erleichtere ich meine Taschen.
-
- DER HERR
-
-Mein Herr, Sie sind ein Fachmann in dieser Angelegenheit.
-
- KASSIERER
-
-Ein Detail, mein Herr.
-
- Er übergibt den Betrag.
-
-Nehmen Sie an.
-
- DER HERR
-
-Dankend erhalten.
-
- KASSIERER
-
-Nur ordnungsmäßig.
-
- EIN HERR
-
- kommend.
-
-Wo ist der Herr? Gestatten Sie --
-
- KASSIERER
-
-Nichts.
-
- EIN HERR
-
- mit der roten Fahne.
-
-Den Start gebe ich.
-
- EIN HERR
-
-Jetzt werden die Großen ins Zeug gehen.
-
- EIN HERR
-
-Die Flieger liegen sämtlich im Rennen.
-
- DER HERR
-
- die Fahne schwingend.
-
-Der Start.
-
- Er senkt die Fahne.
-
- Heulendes Getöse entsteht.
-
- KASSIERER
-
- zwei Herren im Nacken packend und ihre Köpfe nach hinten biegend.
-
-Jetzt will ich Ihnen die Antwort auf Ihre Frage geben. Hinauf geschaut!
-
- EIN HERR
-
-Verfolgen Sie doch die wechselnden Phasen des Kampfes unten auf der
-Bahn.
-
- KASSIERER
-
-Kindisch. Einer muß der erste werden, weil die andern schlechter
-fahren. -- Oben entblößt sich der Zauber. In dreifach
-übereinandergelegten Ringen -- vollgepfropft mit Zuschauern -- tobt
-Wirkung. Im ersten Rang -- anscheinend das bessere Publikum tut sich
-noch Zwang an. Nur Blicke, aber weit -- rund -- stierend. Höher schon
-Leiber in Bewegung. Schon Ausrufe. Mittlerer Rang! -- Ganz oben fallen
-die letzten Hüllen. Fanatisiertes Geschrei. Brüllende Nacktheit. Die
-Galerie der Leidenschaft! -- Sehen Sie doch: die Gruppe. Fünffach
-verschränkt. Fünf Köpfe auf einer Schulter. Um eine heulende Brust
-gespreizt fünf Armpaare. Einer ist der Kern. Er wird erdrückt --
-hinausgeschoben -- da purzelt sein steifer Hut -- im Dunst träge
-sinkend -- zum mittleren Rang nieder. Einer Dame auf den Busen. Sie
-kapiert es nicht. Da ruht er köstlich. Köstlich. Sie wird den Hut
-nie bemerken, sie geht mit ihm zu Bett, zeitlebenslang trägt sie den
-steifen Hut auf ihrem Busen!
-
- DER HERR
-
-Der Belgier setzt zum Spurt an.
-
- KASSIERER
-
-Der mittlere Rang kommt ins Heulen. Der Hut hat die Verbindung
-geschlossen. Die Dame hat ihn gegen die Brüstung zertrümmert. Ihr Busen
-entwickelt breite Schwielen. Schöne Dame, du mußt hier an die Brüstung
-und deine Büste brandmarken. Du mußt unweigerlich. Es ist sinnlos, sich
-zu sträuben. Mitten im Knäuel verkrallt wirst du an die Wand gepreßt
-und mußt hergeben, was du bist. Was du bist -- ohne Winseln!
-
- DER HERR
-
-Kennen Sie die Dame?
-
- KASSIERER
-
-Sehen Sie jetzt: oben die fünf drängen ihren Kern über die Barriere
--- er schwebt frei -- er stürzt -- da -- in den ersten Rang segelt er
-hinein. Wo ist er? Wo erstickt er? Ausgelöscht -- spurlos vergraben.
-Interesselos. Ein Zuschauer -- ein Zufallender -- ein Zufall, nicht
-mehr unter Abertausenden!
-
- EIN HERR
-
-Der Deutsche rückt auf.
-
- KASSIERER
-
-Der erste Rang rast. Der Kerl hat den Kontakt geschaffen. Die
-Beherrschung ist zum Teufel. Die Fräcke beben. Die Hemden reißen.
-Knöpfe prasseln in alle Richtungen. Bärte verschoben von zersprengten
-Lippen, Gebisse klappern. Oben und mitten und unten vermischt. Ein
-Heulen aus allen Ringen -- unterschiedlos. Unterschiedlos. Das ist
-erreicht!
-
- DER HERR
-
- sich umwendend.
-
-Der Deutsche hat's. Was sagen Sie nun?
-
- KASSIERER
-
-Albernes Zeug.
-
- Furchtbarer Lärm. Händeklatschen.
-
- EIN HERR
-
-Fabelhafter Spurt.
-
- KASSIERER
-
-Fabelhafter Blödsinn.
-
- EIN HERR
-
-Wir stellen das Resultat im Büro fest.
-
- Alle ab.
-
- KASSIERER
-
- jenen Herrn festhaltend.
-
-Haben Sie noch einen Zweifel?
-
- DER HERR
-
-Die Deutschen machen das Rennen.
-
- KASSIERER
-
-In zweiter Linie das, wenn Sie wollen.
-
- Hinaufweisend.
-
-Das ist es, das ist als Tatsache erdrückend. Das ist letzte Ballung
-des Tatsächlichen. Hier schwingt es sich zu seiner schwindelhaften
-Leistung auf. Vom ersten Rang bis in die Galerie Verschmelzung. Aus
-siedender Auflösung des einzelnen geballt der Kern: Leidenschaft!
-Beherrschungen -- Unterschiede rinnen ab. Verkleidungen von Nacktheit
-gestreift: Leidenschaft! -- Hier vorzustoßen ist Erlebnis. Türen --
-Tore verschweben zu Dunst. Posaunen schmettern und Mauern kieseln.
-Kein Widerstreben -- keine Keuschheit -- keine Mütterlichkeit -- keine
-Kindschaft: Leidenschaft! Das ist es. Das ist es. Das lohnt. Das
-lohnt den Griff -- das bringt auf breitem Präsentierbrett den Gewinn
-geschichtet!
-
- EIN HERR
-
- kommend.
-
-Die Sanitätskolonne funktioniert tadellos.
-
- KASSIERER
-
-Ist der Kerl stürzend zermahlen?
-
- EIN HERR
-
-Zertreten.
-
- KASSIERER
-
-Es geht nicht ohne Tote ab, wo andere fiebernd leben.
-
- EIN HERR
-
- durchs Megaphon.
-
-Resultat der Preisstiftung des ungenannt bleiben wollenden Herrn:
-achthundert Mark gewonnen von Nummer zwei -- zweihundert Mark von
-Nummer eins.
-
- Wahnsinniger Beifall. Tusch.
-
- EIN HERR
-
-Die Mannschaften sind erschöpft.
-
- EIN HERR
-
-Das Tempo fällt zusehend ab.
-
- EIN HERR
-
-Wir müssen die Manager für Ruhe im Felde sorgen lassen.
-
- KASSIERER
-
-Eine neue Stiftung!
-
- EIN HERR
-
-Später, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Keine Unterbrechung in dieser Situation.
-
- EIN HERR
-
-Die Situation wird für die Fahrer gefährlich.
-
- KASSIERER
-
-Ärgern Sie mich nicht mit den Bengels. Das Publikum kocht in
-Erregungen. Das muß ausgenutzt werden. Der Brand soll eine nie erlebte
-Steigerung erfahren. Fünfzigtausend Mark.
-
- EIN HERR
-
-Wahrhaftig?
-
- EIN HERR
-
-Wieviel?
-
- KASSIERER
-
-Ich setze alles dran.
-
- EIN HERR
-
-Das ist eine unerhörte Preisstiftung.
-
- KASSIERER
-
-Unerhört soll die Wirkung sein. Alarmieren Sie die Sanitätskolonnen in
-allen Ringen.
-
- EIN HERR
-
-Wir akzeptieren die Stiftung. Wir werden sie bei besetzter Loge
-ausfahren lassen.
-
- EIN HERR
-
-Prachtvoll.
-
- EIN HERR
-
-Großartig.
-
- EIN HERR
-
-Durchaus lohnender Besuch.
-
- KASSIERER
-
-Was heißt das! bei besetzter Loge?
-
- EIN HERR
-
-Wir beraten die Bedingungen im Büro. Dreißigtausend dem ersten,
-fünfzehntausend dem zweiten -- fünftausend dem dritten.
-
- EIN HERR
-
-Das Feld wird in dieser Nacht gesprengt.
-
- EIN HERR
-
-Damit ist das Rennen so gut wie aus.
-
- EIN HERR
-
-Jedenfalls: bei besetzter Loge.
-
- Alle ab.
-
- Mädchen der Heilsarmee kommt.
-
- Gelächter der Zuschauer. Pfiffe. Rufe.
-
- MÄDCHEN
-
- anbietend.
-
-Der Kriegsruf -- zehn Pfennig, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Andermal.
-
- MÄDCHEN
-
-Der Kriegsruf, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Was verhökern Sie da für ein Kümmelblättchen?
-
- MÄDCHEN
-
-Der Kriegsruf, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Sie treten verspätet auf. Hier ist die Schlacht in vollem Betrieb.
-
- MÄDCHEN
-
- mit der Blechbüchse.
-
-Zehn Pfennig, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Für zehn Pfennig wollen Sie Krieg entfachen?
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Ich bezahle hier Kriegskosten mit fünfzigtausend.
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Lumpiges Handgemenge. Ich subventioniere nur Höchstleistungen.
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Ich trage nur Gold bei mir.
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Gold --
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn --
-
- KASSIERER
-
- brüllt sie durchs Megaphon an.
-
-Gold -- Gold -- Gold!
-
- MÄDCHEN
-
- ab.
-
- Wieherndes Gelächter der Zuschauer. Händeklatschen. Viele Herren
- kommen.
-
- EIN HERR
-
-Wollen Sie selbst Ihre Stiftung bekanntgeben?
-
- KASSIERER
-
-Ich bleibe im undeutlichen Hintergrund.
-
- Er gibt ihm das Megaphon.
-
-Jetzt sprechen Sie. Jetzt teilen Sie die letzte Erschütterung aus.
-
- EIN HERR
-
- durchs Megaphon.
-
-Eine neue Preisstiftung desselben ungenannt bleiben wollenden Herrn.
-
- Bravorufe.
-
-Gesamtsumme fünfzigtausend Mark.
-
- Betäubendes Schreien.
-
-Fünftausend Mark dem dritten.
-
- Schreien.
-
-Fünfzehntausend Mark dem zweiten.
-
- Gesteigertes Schreien.
-
-Dem ersten dreißigtausend Mark.
-
- Ekstase.
-
- KASSIERER
-
- beiseite stehend, kopfnickend.
-
-Das wird es. Daher sträubt es sich empor. Das sind Erfüllungen.
-Heulendes Wehen vom Frühlingsorkan. Wogender Menschheitsstrom.
-Entkettet -- frei. Vorhänge hoch -- Vorwände nieder. Menschheit. Freie
-Menschheit. Hoch und tief -- Mensch. Keine Ringe -- keine Schichten --
-keine Klassen. Ins Unendliche schweifende Entlassenheit aus Fron und
-Lohn in Leidenschaft. Rein nicht -- doch frei! -- Das wird der Erlös
-für meine Keckheit.
-
- Er zieht das Bündel Scheine hervor.
-
-Gern gegeben -- anstandslos beglichen!
-
- Plötzlich lautlose Stille.
-
- Nationalhymne.
-
- Die Herren haben die Seidenhüte gezogen und stehen verneigt.
-
- EIN HERR
-
- tritt zum Kassierer.
-
-Händigen Sie mir den Betrag ein, um die Stiftung jetzt sofort ausfahren
-zu lassen.
-
- KASSIERER
-
-Was bedeutet das?
-
- DER HERR
-
-Was, mein Herr?
-
- KASSIERER
-
-Dieses jähe, unvermittelte Schweigen oben und unten?
-
- DER HERR
-
-Durchaus nicht unvermittelt: Seine Hoheit sind in die Loge getreten.
-
- KASSIERER
-
-Seine Hoheit -- in die Loge -- --
-
- DER HERR
-
-Um so günstiger kommt uns Ihre bedeutende Stiftung.
-
- KASSIERER
-
-Ich denke nicht daran, mein Geld zu vergeuden!
-
- DER HERR
-
-Was heißt das?
-
- KASSIERER
-
-Daß es mir für die Fütterung von krummen Buckeln zu teuer ist!
-
- DER HERR
-
-Erklären Sie mir --
-
- KASSIERER
-
-Dieser eben noch lodernde Brand ausgetreten von einem Lackstiefel am
-Bein Seiner Hoheit. Sind Sie toll, mich für so verrückt zu halten, daß
-ich zehn Pfennig vor Hundeschnauzen werfe! Auch das wäre noch zu viel.
-Einen Fußtritt gegen den eingeklemmten Schweif, das ist die gebotene
-Stiftung!
-
- DER HERR
-
-Die Stiftung ist angekündigt. Seine Hoheit warten in der Loge. Das
-Publikum verharrt ehrfürchtig. Was soll das heißen?
-
- KASSIERER
-
-Wenn Sie es denn nicht aus meinen Worten begreifen -- dann werden Sie
-die nötige Einsicht gewinnen, indem ich Ihnen mit einem Schlage ein
-einwandfreies Bekenntnis meinerseits beibringe!
-
- Er treibt ihm den Seidenhut auf die Schultern.
-
- Ab.
-
- Noch Hymne. Schweigen. Verbeugtsein auf der Brücke.
-
-
- Ballhaus. Sonderzimmer.
-
- Noch dunkel.
-
- Gedämpft: Orchester mit Tanzrhythmen.
-
- KELLNER
-
- öffnet die Tür, dreht rotes Licht an.
-
- KASSIERER
-
- Frack, Umhang, Schal, Bambusrohr mit Goldknopf.
-
- KELLNER
-
-Gefällig?
-
- KASSIERER
-
-Ganz.
-
- KELLNER
-
- nimmt Umhang in Empfang.
-
- KASSIERER
-
- vorm Spiegel.
-
- KELLNER
-
-Wieviel Gedecke belieben?
-
- KASSIERER
-
-Vierundzwanzig. Ich erwarte meine Großmama, meine Mama, meine Frau und
-weitere Tanten. Ich feiere die Konfirmation meiner Tochter.
-
- KELLNER
-
- staunend.
-
- KASSIERER
-
- zu ihm im Spiegel.
-
-Esel. Zwei! Oder wozu polstern Sie diese diskret illuminierten Kojen?
-
- KELLNER
-
-Welche Marke bevorzugen der Herr?
-
- KASSIERER
-
-Gesalbter Kuppler. Das überlassen Sie mir, mein Bester, welche Blume
-ich mir auf dem Parkett pflücke, Knospe oder Rose -- kurz oder schlank.
-Ich will Ihre unschätzbaren Dienste nicht übermäßig anspannen.
-Unschätzbar -- oder führen Sie auch darüber feste Tarife?
-
- KELLNER
-
-Die Sektmarke des Herrn?
-
- KASSIERER
-
- räuspert.
-
-Grand Marnier.
-
- KELLNER
-
-Das ist Kognak nach dem Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Also -- darin richte ich mich entgegenkommend nach Ihnen.
-
- KELLNER
-
-Zwei Flaschen Pommery. Dry?
-
- KASSIERER
-
-Zwei, wie Sie sagten.
-
- KELLNER
-
-Extra dry?
-
- KASSIERER
-
-Zwei decken den anfänglichen Bedarf. Oder für diskrete Bedienung drei
-Flaschen extra? Gewährt.
-
- KELLNER
-
- mit der Karte.
-
-Das Souper?
-
- KASSIERER
-
-Spitzen, Spitzen.
-
- KELLNER
-
-Oeufs pochés Bergère? Poulet grillé? Steak de veau truffé? Parfait de
-foie gras en croûte? Salade coeur de laitue?
-
- KASSIERER
-
-Spitzen -- von Anfang bis zu Ende nur Spitzen.
-
- KELLNER
-
-Pardon?
-
- KASSIERER
-
- ihm auf die Nase tippend.
-
-Spitzen sind letzte Ballungen in allen Dingen. Also auch aus Ihren
-Kochtöpfen und Bratpfannen. Das Delikateste vom Delikaten. Das Menu der
-Menus. Zur Garnierung bedeutsamerer Vorgänge. Ihre Sache, mein Freund,
-ich bin nicht der Koch.
-
- KELLNER
-
- stellt eine größere Karte auf den Tisch.
-
-In zwanzig Minuten zu servieren.
-
- Er ordnet die Gläser usw.
-
- Durch die Türspalte Köpfe mit seidenen Larven.
-
- KASSIERER
-
- in den Spiegel mit dem Finger drohend.
-
-Wartet, Motten, ich werde euch gleich unter das Glühlicht halten.
-Wir werden uns über diesen Punkt auseinandersetzen, wenn wir
-beieinandersitzen.
-
- Er nickt.
-
- Die kichernden Masken ab.
-
- KELLNER
-
- hängt einen Karton: Reserviert! -- an die Tür. Ab.
-
- KASSIERER
-
- schiebt den Zylinder zurück, entnimmt einem goldenen Etui Zigaretten,
- zündet an.
-
-Auf in den Kampf, Torero -- -- Was einem nicht alles auf die Lippen
-kommt. Man ist ja geladen. Alles -- einfach alles. Torero -- Carmen.
-Caruso. Den Schwindel irgendwo mal gelesen -- haften geblieben.
-Aufgestapelt. Ich könnte in diesem Augenblick Aufklärungen geben über
-die Verhandlungen mit der Bagdadbahn. Der Kronprinz von Rumänien
-heiratet die zweite Zarentochter. Tatjana. Also los. Sie soll sich
-verheiraten. Vergnügtes Himmelbett. Das Volk braucht Fürsten. Tat --
-Tat -- jana.
-
- Den Bambus wippend, ab.
-
- KELLNER
-
- mit Flaschen und Kühler; entkorkt und gießt ein. Ab.
-
- KASSIERER
-
- eine weibliche Maske -- Harlekin in gelbrotkariertem, von Fuß zu
- offener Brust knabenhaft anliegendem Anzug -- vor sich scheuchend
- herein.
-
-Motte!
-
- MASKE
-
- um den Tisch laufend.
-
-Sekt!
-
- Sie gießt sich beide Gläser Sekt in den Mund, fällt ins Sofa.
-
-Sekt!
-
- KASSIERER
-
- neu vollgießend.
-
-Flüssiges Pulver. Lade deinen scheckigen Leib.
-
- MASKE
-
- trinkt
-
-Sekt!
-
- KASSIERER
-
-Batterien aufgefahren und Entladungen vorbereitet.
-
- MASKE
-
-Sekt!
-
- KASSIERER
-
- die Flaschen wegstellend.
-
-Leer.
-
- Er kommt in die Polster zur Maske.
-
-Fertig zur Explosion.
-
- MASKE
-
- lehnt betrunken hinüber.
-
- KASSIERER
-
- rüttelt ihre schlaffen Arme.
-
-Munter, Motte.
-
- MASKE
-
- faul.
-
- KASSIERER
-
-Aufgerappelt, bunter Falter. Du hast den prickelnden gelben Honig
-geleckt. Entfalte Falterflügel. Überfalle mich mit dir. Vergrabe mich,
-decke mich zu. Ich habe mich in einigen Beziehungen mit den gesicherten
-Zuständen überworfen -- überwirf mich mit dir.
-
- MASKE
-
- lallt.
-
-Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Nein, mein Paradiesvogel. Du hast deine hinreichende Ladung. Du bist
-voll.
-
- MASKE
-
-Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Keinen Spritzer. Du wirst sonst unklar. Du bringst mich um schöne
-Möglichkeiten.
-
- MASKE
-
-Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Oder hast du keine? Also -- auf den Grund gelotet; was hast du?
-
- MASKE
-
-Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Den hast du allerdings. Das heißt: von mir. Was habe ich von dir?
-
- MASKE
-
- schläft ein.
-
- KASSIERER
-
-Willst du dich hier ausschlafen? Kleiner Schäker. Zu dermaßen
-ausgedehnten Scherzen fehlt mir diesmal die Zeit.
-
- Er steht auf, füllt ein Glas und schüttet es ihr ins Gesicht.
-
-Frühmorgens, wenn die Hähne krähn.
-
- MASKE
-
- springt auf.
-
-Schwein!
-
- KASSIERER
-
-Aparter Name. Leider bin ich nicht in der Lage, deine Vorstellung zu
-erwidern. Also, Maske der weitverzweigten Rüsselfamilie, räume die
-Polster.
-
- MASKE
-
-Das werde ich Sie eintränken.
-
- KASSIERER
-
-Mehr als billig, nachdem ich dir hinreichend eingetränkt.
-
- MASKE
-
- ab.
-
- KASSIERER
-
- trinkt Sekt; ab.
-
- KELLNER
-
- kommt, bringt Kaviar; nimmt leere Flaschen mit.
-
- KASSIERER
-
- kommt mit zwei schwarzen Masken.
-
- ERSTE MASKE
-
- die Tür zuwerfend.
-
-Reserviert.
-
- ZWEITE MASKE
-
- am Tisch.
-
-Kaviar.
-
- ERSTE MASKE
-
- hinlaufend.
-
-Kaviar.
-
- KASSIERER
-
-Schwarz wie ihr. Eßt ihn auf. Stopft ihn euch in den Hals.
-
- Er sitzt zwischen beiden im Polster.
-
-Sagt Kaviar. Flötet Sekt. Auf euren eigenen Witz verzichte ich.
-
- Er gießt ein, füllt die Teller.
-
-Ihr sollt nicht zu Worte kommen. Mit keiner Silbe, mit keinem Juchzer.
-Stumm wie die Fische, die diesen schwarzen Kaviar über das Schwarze
-Meer laichten. Kichert, meckert, aber redet nicht. Es kommt nichts
-dabei aus euch heraus. Höchstens ihr aus euren Polstern. Ich habe schon
-einmal ausgeräumt.
-
- MASKEN
-
- sehen sich kichernd an.
-
- KASSIERER
-
- die erste packend.
-
-Was hast du für Augen? Grüne -- gelbe?
-
- Zur andern.
-
-Deine blau -- rot? Reizendes Kugelspiel in den Schlitzen. Das verheißt.
-Das muß heraus. Ich setze einen Preis für die schönste!
-
- MASKEN
-
- lachen.
-
- KASSIERER
-
- zur ersten.
-
-Du bist die schönere. Du wehrst dich mächtig. Warte, ich reiße dir den
-Vorhang herunter und schaue das Ereignis an!
-
- MASKE
-
- entzieht sich ihm.
-
- KASSIERER
-
- zur andern.
-
-Du hast dich zu verbergen? Du bist aus Scham überwältigend. Du hast
-dich in diesen Ballsaal verirrt. Du streifst auf Abenteuer. Du hast
-deinen Abenteurer gefunden, den du suchst. Von deinem Milch und Blut
-die Larve herunter!
-
- MASKE
-
- rückt von ihm weg.
-
- KASSIERER
-
-Ich bin am Ziel. Ich sitze zitternd -- mein Blut ist erwühlt. Das wird
-es! -- Und nun bezahlt.
-
- Er holt den Pack Scheine heraus und teilt ihn.
-
-Schöne Maske, weil du schön bist. Schöne Maske, weil du schön bist.
-
- Er hält die Hände vor das Gesicht.
-
-Eins -- zwei -- drei!
-
- MASKEN
-
- lüften ihre Larven.
-
- KASSIERER
-
- blickt hin -- lacht.
-
-Deckt zu -- deckt zu -- deckt zu!
-
- Er läuft um den Tisch.
-
-Scheusal -- Scheusal -- Scheusal! Wollt ihr gleich -- aber sofort --
-oder --
-
- Er schwingt seinen Bambus.
-
- ERSTE MASKE
-
-Wollen Sie uns --
-
- ZWEITE MASKE
-
-Sie wollen uns --
-
- KASSIERER
-
-Euch will ich!
-
- MASKEN
-
- ab.
-
- KASSIERER
-
- schüttelt sich, trinkt Sekt.
-
-Kontrakte Vetteln!
-
- Ab.
-
- KELLNER
-
- mit neuen Flaschen. Ab.
-
- KASSIERER
-
- stößt die Tür auf: im Tanz mit einer Pierrette, der der Rock bis auf
- die Schuhe reicht, herein. Er läßt sie in der Mitte stehen und wirft
- sich in die Polster.
-
-Tanze!
-
- MASKE
-
- steht still.
-
- KASSIERER
-
-Tanze. Drehe deinen Wirbel. Tanze, tanze. Witz gilt nicht. Hübschheit
-gilt nicht. Tanz ist es, drehend -- wirbelnd. Tanz. Tanz. Tanz!
-
- MASKE
-
- kommt an den Tisch.
-
- KASSIERER
-
- abwehrend.
-
-Keine Pause. Keine Unterbrechung. Tanze.
-
- MASKE
-
- steht still.
-
- KASSIERER
-
-Warum springst du nicht? Weißt du, was Derwische sind? Tanzmenschen.
-Menschen im Tanz -- ohne Tanz Leichen. Tod und Tanz -- an den Ecken des
-Lebens aufgerichtet. Dazwischen --
-
- Das Mädchen der Heilsarmee tritt ein.
-
- KASSIERER
-
-Halleluja.
-
- MÄDCHEN
-
-Der Kriegsruf.
-
- KASSIERER
-
-Zehn Pfennig.
-
- MÄDCHEN
-
- hält die Büchse hin.
-
- KASSIERER
-
-Wann denkst du, daß ich in deine Büchse springe?
-
- MÄDCHEN
-
-Der Kriegsruf.
-
- KASSIERER
-
-Du erwartest es doch mit Bestimmtheit von mir?
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Also wann?
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Du hängst mir doch an den Frackschößen?
-
- MÄDCHEN
-
- schüttelt die Büchse.
-
- KASSIERER
-
-Und ich schüttle dich wieder ab!
-
- MÄDCHEN
-
- schüttelt.
-
- KASSIERER
-
-Also --
-
- Zur Maske.
-
-Tanze!
-
- MÄDCHEN
-
- ab.
-
- MASKE
-
- kommt in die Polster.
-
- KASSIERER
-
-Warum sitzt du in den Ecken des Saals und tanzt nicht in der Mitte? Du
-hast mich aufmerksam auf dich gemacht. Alle springen, und du bleibst
-ruhig dabei. Warum trägst du Röcke, während alle andern wie schlanke
-Knaben entkleidet sind?
-
- MASKE
-
-Ich tanze nicht.
-
- KASSIERER
-
-Du tanzt nicht wie die andern?
-
- MASKE
-
-Ich kann nicht tanzen.
-
- KASSIERER
-
-Nicht nach der Musik -- taktmäßig. Das ist auch albern. Du weißt andere
-Tänze. Du verhüllst etwas unter deinen Kleidern -- deine besonderen
-Sprünge, nicht in die Klammern von Takten und Schritten zu pressen.
-Eiligere Schwenkungen, die sind deine Spezialität.
-
- Alles vom Tisch auf den Teppich schiebend.
-
-Hier ist dein Tanzbrett. Spring auf. Im engen Bezirk dieser Tafel
-grenzenloser Tumult. Spring auf. Vom Teppich hüpf' auf. Mühelos. Von
-Spiralen gehoben, die in deinen Knöcheln federn. Spring. Stachle deine
-Fersen. Wölbe die Schenkel. Wehe deine Röcke auf über deinem Tanzbein.
-
- MASKE
-
- schmiegt sich im Polster an ihn.
-
-Ich kann nicht tanzen.
-
- KASSIERER
-
-Du peitschst meine Spannung. Du weißt nicht, um was es geht. Du sollst
-es wissen.
-
- Er zeigt ihr die Scheine.
-
-Um alles!
-
- MASKE
-
- führt seine Hand an ihrem Bein herab.
-
-Ich kann nicht.
-
- KASSIERER
-
- springt auf.
-
-Ein Holzbein!!
-
- Er faßt den Sektkühler und stülpt ihn ihr über.
-
-Es soll Knospen treiben, ich begieße es!
-
- MASKE
-
-Jetzt sollen Sie was erleben!
-
- KASSIERER
-
-Ich will ja was erleben!
-
- MASKE
-
-Warten Sie hier!
-
- Ab.
-
- KASSIERER
-
- legt einen Schein auf den Tisch, nimmt Umhang und Stock, beeilt ab.
-
- Herren im Frack kommen.
-
- EIN HERR
-
-Wo ist der Kerl?
-
- EIN HERR
-
-Den Kumpan wollen wir uns näher ansehen.
-
- EIN HERR
-
-Uns erst die Mädchen ausspannen --
-
- EIN HERR
-
-Mit Sekt und Kaviar auftrumpfen --
-
- EIN HERR
-
-Hinterher beschimpfen --
-
- EIN HERR
-
-Das Bürschchen werden wir uns kaufen --
-
- EIN HERR
-
-Wo steckt er?
-
- EIN HERR
-
-Abgeräumt!
-
- EIN HERR
-
-Ausgebrannt!
-
- EIN HERR
-
-Der Kavalier hat Lunte gerochen.
-
- EIN HERR
-
- den Schein entdeckend.
-
-Ein Tausender.
-
- EIN HERR
-
-Donnerkeil.
-
- EIN HERR
-
-Draht muß er haben.
-
- EIN HERR
-
-Ist das die Zeche?
-
- EIN HERR
-
-Ach was, durchgegangen ist er. Den Bräunling machen wir unsichtbar.
-
- Er steckt ihn ein.
-
- EIN HERR
-
-Das ist die Entschädigung.
-
- EIN HERR
-
-Die Mädchen hat er uns ausgespannt.
-
- EIN HERR
-
-Laßt doch die Weiber sitzen.
-
- EIN HERR
-
-Die sind ja doch besoffen.
-
- EIN HERR
-
-Die bedrecken uns bloß unsere Fräcke.
-
- EIN HERR
-
-Wir ziehen in ein Bordell und pachten den Bums drei Tage.
-
- MEHRERE HERREN
-
-Bravo. Los. Verduften wir. Achtung, der Kellner kommt.
-
- KELLNER
-
- mit vollbesetztem Servierbrett; vorm Tisch bestürzt.
-
- EIN HERR
-
-Suchen Sie jemanden?
-
- EIN HERR
-
-Servieren Sie ihm doch unter dem Tisch weiter.
-
- Gelächter.
-
- KELLNER
-
- ausbrechend.
-
-Der Sekt -- das Souper -- das reservierte Zimmer -- nichts ist bezahlt.
-Vier Flaschen Pommery -- zwei Portionen Kaviar -- zwei Extramenus --
-ich muß für alles aufkommen. Ich habe Frau und Kinder. Ich bin seit
-vier Monaten ohne Stellung gewesen. Ich hatte mir eine schwache Lunge
-zugezogen. Sie können mich doch nicht unglücklich machen, meine Herren?
-
- EIN HERR
-
-Was geht uns denn Ihre Lunge an? Frau und Kinder haben wir alle. Was
-wollen Sie denn von uns? Sind wir Ihnen denn etwa durch die Lappen
-gebrannt? Was denn?
-
- EIN HERR
-
-Was ist denn das überhaupt für ein Lokal? Wo sind wir denn hier? Das
-ist ja eine hundsgemeine Zechprellerbude. In solche Gesellschaft locken
-Sie Gäste? Wir sind anständige Gäste, die bezahlen, was sie saufen.
-Wie? Oder wie?
-
- EIN HERR
-
- der den Schlüssel in der Tür umgesteckt hatte.
-
-Sehen Sie doch mal hinter sich. Da haben Sie unsere Zeche auch!
-
- Er versetzt dem Kellner, der sich umgewandt hatte, einen Stoß in den
- Rücken.
-
- KELLNER
-
- taumelt vornüber, fällt auf den Teppich.
-
- HERREN
-
- ab.
-
- KELLNER
-
- richtet sich auf, läuft zur Tür, findet sie verschlossen. Mit den
- Fäusten auf das Holz schlagend.
-
-Laßt mich heraus -- Ihr sollt nicht bezahlen -- ich springe ins Wasser!
-
-
- Lokal der Heilsarmee -- zur Tiefe gestreckt, abgefangen von gelbem
- Vorhang mit aufgenähtem schwarzen Kreuz, groß, um einen Menschen
- aufzunehmen. Auf dem Podium rechts Bußbank -- links die Posaunen und
- Kesselpauken.
-
- Dicht besetzte Bankreihen.
-
- Über allem Kronleuchter mit Gewirr von Drähten für elektrische Lampen.
-
- Vorn Saaltür.
-
- Musik der Posaunen und Kesselpauken.
-
- Aus einer Ecke Händeklatschen und Gelächter.
-
- SOLDAT
-
- Mädchen -- geht dahin und setzt sich zu dem Lärmmacher -- einem
- Kommis -- nimmt seine Hände und flüstert auf ihn ein.
-
- JEMAND
-
- aus der andern Ecke.
-
-Immer dicht an.
-
- SOLDAT
-
- Mädchen -- geht zu diesem, einem jugendlichen Arbeiter.
-
- ARBEITER
-
-Was wollen Sie denn?
-
- SOLDAT
-
- sieht ihn kopfschüttelnd ernst an.
-
- Gelächter.
-
- OFFIZIER
-
- Frau -- oben auftretend.
-
-Ich habe euch eine Frage vorzulegen.
-
- Einige zischen zur Ruhe.
-
- ANDERE
-
- belustigt.
-
-Lauter reden. Nicht reden. Musik. Pauke. Posaunenengel.
-
- EINER
-
-Anfangen.
-
- ANDERER
-
-Aufhören.
-
- OFFIZIER
-
-Warum sitzt ihr auf den Bänken unten?
-
- EINER
-
-Warum nicht?
-
- OFFIZIER
-
-Ihr füllt sie bis auf den letzten Platz. Einer stößt gegen den andern.
-Trotzdem ist eine Bank leer.
-
- EINER
-
-Nichts zu machen.
-
- OFFIZIER
-
-Warum bleibt ihr unten, wo ihr euch drängen und drücken müßt? Ist
-es nicht widerwärtig, so im Gedränge zu sitzen? Wer kennt seinen
-Nachbar? Ihr reibt die Knie an ihm -- und vielleicht ist jener krank.
-Ihr seht in sein Gesicht -- und vielleicht wohnen hinter seiner Stirn
-mörderische Gedanken. Ich weiß es, es sind viele Kranke und Verbrecher
-in diesem Saal. Kranke und Verbrecher kommen herein und sitzen neben
-allen. Darum warne ich euch! Hütet euch vor eurem Nachbar in den
-Bänken. Die Bänke da unten tragen Kranke und Verbrecher!
-
- EINER
-
-Meinen Sie mir oder mich?
-
- OFFIZIER
-
-Ich weiß es und rate euch: trennt euch von eurem Nachbar, so lautet die
-Mahnung. Krankheit und Verbrechen sind allgemein in dieser asphaltenen
-Stadt. Wer von euch ist ohne Aussatz? Eure Haut kann weiß und glatt
-sein, aber eure Blicke verkünden euch. Ihr habt die Augen nicht, um zu
-sehen -- eure Augen sind offen, euch zu verraten. Ihr verratet euch
-selbst. Ihr seid schon nicht mehr frei von der großen Seuche. Die
-Ansteckung ist stark. Ihr habt zu lange in schlimmer Nachbarschaft
-gesessen. Darum, wenn ihr nicht sein wollt wie euer Nachbar in dieser
-asphaltenen Stadt, tretet aus den Bänken. Es ist die letzte Mahnung.
-Tut Buße. Tut Buße. Kommt herauf, kommt auf die Bußbank. Kommt auf die
-Bußbank. Kommt auf die Bußbank!
-
- Die Posaunen und Kesselpauken setzen ein.
-
- MÄDCHEN
-
- führt Kassierer herein.
-
- KASSIERER
-
- im Ballanzug erregt einige Aufmerksamkeit.
-
- MÄDCHEN
-
- weist Kassierer Platz an, setzt sich zu ihm und gibt ihm Erklärungen.
-
- KASSIERER
-
- sieht sich amüsiert um.
-
- Musik hört auf.
-
- Spöttisches lautes Bravoklatschen.
-
- OFFIZIER
-
- wieder oben auftretend.
-
-Laßt euch von unserm Kameraden erzählen, wie er den Weg zur Bußbank
-fand.
-
- SOLDAT
-
- jüngerer Mann -- tritt auf.
-
- EINER
-
-So siehst du aus.
-
- Gelächter.
-
- SOLDAT
-
-Ich will euch berichten von meiner Sünde. Ich führte ein Leben, ohne
-an meine Seele zu denken. Ich dachte nur an den Leib. Ich stellte
-ihn gleichsam vor die Seele auf und machte den Leib immer stärker
-und breiter davor. Die Seele war ganz verdeckt dahinter. Ich suchte
-mit meinem Leib den Ruhm und wußte nicht, daß ich nur den Schatten
-höher reckte, in dem die Seele verdorrte. Meine Sünde war der Sport.
-Ich übte ihn ohne eine Stunde der Besinnung. Ich war eitel auf die
-Schnelligkeit meiner Füße in den Pedalen, auf die Kraft meiner Arme an
-der Lenkstange. Ich vergaß alles, wenn die Zuschauer um mich jubelten.
-Ich verdoppelte meine Anstrengung und wurde in allen Kämpfen, die mit
-dem Leib geführt werden, erster Sieger. Mein Name prangte an allen
-Plakaten, auf Bretterzäunen, auf Millionen bunter Zettel. Ich wurde
-Weltchampion. Endlich mahnte mich meine Seele. Sie verlor die Geduld.
-Bei einem Wettkampf stürzte ich. Ich verletzte mich nur leicht. Die
-Seele wollte mir Zeit zur Umkehr lassen. Die Seele ließ mir noch Kraft
-zu einem Ausweg. Ich ging von den Bänken im Saal herauf zur Bußbank. Da
-hatte meine Seele Ruhe, zu mir zu sprechen. Und was sie mir erzählt,
-das kann ich hier nicht berichten. Es ist zu wunderschön und meine
-Worte sind zu schwach, das zu schildern. Ihr müßt selbst heraufkommen
-und es in euch hören.
-
- Er tritt beiseite.
-
- EINER
-
- lacht unflätig.
-
- MEHRERE
-
- zischen zur Ruhe.
-
- MÄDCHEN
-
- leise zum Kassierer.
-
-Hörst du ihn?
-
- KASSIERER
-
-Stören Sie mich nicht.
-
- OFFIZIER
-
-Ihr habt die Erzählung unseres Kameraden gehört. Klingt sie nicht
-verlockend! Kann man etwas Schöneres gewinnen als seine Seele? Und es
-geht ganz leicht, denn sie ist ja in euch. Ihr müßt ihr nur einmal
-Ruhe gönnen. Sie will einmal still bei euch sitzen. Auf dieser Bank
-sitzt sie am liebsten. Es ist gewiß einer unter euch, der sündigte,
-wie unser Kamerad getan. Dem will unser Kamerad helfen. Dem hat er den
-Weg eröffnet. Nun komm. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank. Komm zur
-Bußbank!
-
- Es herrscht Stille.
-
- EINER
-
- kräftiger, junger Mann, einen Arm im Verband, steht in einer Saalecke
- auf, durchquert verlegen lächelnd den Saal und ersteigt das Podium.
-
- EINER
-
- unflätige Zote.
-
- ANDERE
-
- entrüstet.
-
-Wer ist der Flegel?
-
- DER RUFER
-
- steht auf, strebt beschämt zur Tür.
-
- EINER
-
-Das ist der Lümmel.
-
- SOLDAT
-
- Mädchen -- eilt zu ihm und führt ihn auf seinen Platz zurück.
-
- EINER
-
-Nicht so zart anfassen.
-
- MEHRERE
-
-Bravo!
-
- JENER
-
- auf dem Podium, anfangs unbeholfen.
-
-Die asphaltene Stadt hat eine Halle errichtet. In der Sporthalle bin
-ich gefahren. Ich bin Radfahrer. Ich fahre das Sechstagerennen mit. In
-der zweiten Nacht bin ich von einem andern Fahrer angefahren. Ich brach
-den Arm. Ich mußte ausscheiden. Das Rennen rast weiter -- ich habe
-Ruhe. Ich kann mich auf alles in Ruhe besinnen. Ich habe mein Leben
-lang ohne Besinnen gefahren. Ich will mich auf alles besinnen -- auf
-alles.
-
- Stark.
-
-Auf meine Sünden will ich mich auf der Bußbank besinnen!
-
- Vom Soldat hingeführt, sinkt er auf die Bank. Soldat bleibt eng neben
- ihm.
-
- OFFIZIER
-
-Eine Seele ist gewonnen!
-
- Posaunen und Pauken schallen.
-
- Auch die im Saale verteilten Soldaten haben sich erhoben und jubeln,
- die Arme ausbreitend.
-
- Musik hört auf.
-
- MÄDCHEN
-
- zum Kassierer.
-
-Siehst du ihn?
-
- KASSIERER
-
-Das Sechstagerennen.
-
- MÄDCHEN
-
-Was flüsterst du?
-
- KASSIERER
-
-Meine Sache. Meine Sache.
-
- MÄDCHEN
-
-Bist du bereit?
-
- KASSIERER
-
-Schweigen Sie doch.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Jetzt will euch dieser Kamerad berichten.
-
- EINER
-
- zischt.
-
- VIELE
-
-Ruhe!
-
- SOLDAT
-
- Mädchen -- auftretend.
-
-Wessen Sünde ist meine Sünde? Ich will euch von mir ohne Scham
-erzählen. Ich hatte ein Elternhaus, in dem es wüst und gemein zuging.
-Der Mann -- er war mein Vater nicht -- trank. Meine Mutter gab sich
-feinen Herren hin. Ich erhielt von meiner Mutter Geld, soviel ich haben
-wollte. Von dem Manne Schläge, soviel ich nicht haben wollte.
-
- Gelächter.
-
-Niemand paßte mir auf und ich mir am wenigsten. So wurde ich eine
-Verlorene. Denn ich wußte damals nicht, daß die wüsten Zustände zu
-Hause nur dazu bestimmt waren, daß ich besser auf meine Seele achten
-sollte und mich ganz ihr widmen. Ich erfuhr es in einer Nacht. Ich
-hatte einen Herrn bei mir und er verlangte, daß wir mein Zimmer dunkel
-machten. Ich drehte das Licht aus, obwohl ich es nicht so gewöhnt
-war. Später, als wir zusammen waren, verstand ich seine Forderung.
-Denn ich fühlte nur den Rumpf eines Mannes bei mir, an dem die Beine
-abgeschnitten waren. Das sollte ich vorher nicht sehen. Er hatte
-Holzbeine, die er sich heimlich abgeschnallt hatte. Da faßte mich das
-Entsetzen und ließ mich nicht wieder los. Meinen Leib haßte ich -- nur
-meine Seele konnte ich noch lieben. Nun liebe ich nur noch meine Seele.
-Sie ist so vollkommen, daß sie das Schönste ist, was ich weiß. Ich weiß
-zuviel von ihr, daß ich es nicht alles sagen kann. Wenn ihr eure Seele
-fragt, da wird sie euch alles -- alles sagen.
-
- Sie tritt beiseite. -- Stille im Saal.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Ihr habt die Erzählung dieses Kameraden gehört. Seine Seele bot sich
-ihm an. Er wies sie nicht ab. Nun erzählt er von ihr mit frohem Munde.
-Bietet sich nicht einem zwischen euch jetzt seine Seele? Laß sie doch
-zu dir. Laß sie reden und erzählen, auf dieser Bank ist sie ungestört.
-Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank!
-
- In den Bänken Bewegung, man sieht sich um.
-
- KOKOTTE
-
- ältlich, ganz vorne, beginnt noch unten in den Saal zu reden.
-
-Was denken Sie von mir, meine Herren und Damen? Ich bin hier nur
-untergetreten, weil ich mich auf der Straße müde gelaufen hatte. Ich
-geniere mich gar nicht. Ich kenne dies Lokal gar nicht. Ich bin das
-erstemal hier. Ich bin rein per Zufall anwesend.
-
- Nun oben.
-
-Aber Sie irren sich darin, meine Herren und Damen, wenn Sie glauben
-sollten, daß ich mir das ein zweites Mal hätte sagen lassen sollen.
-Ich danke für diese Zumutung. Wenn Sie mich hier sehen -- bitte --
-Sie können mich von oben bis unten betrachten, wie es Ihnen beliebt
--- mustern Sie mich bitte mit Ihren Blicken eingehend, ich vergebe
-mir damit nicht das geringste. Ich geniere mich gar nicht. Sie werden
-diesen Anblick nicht das zweitemal in dieser Weise genießen können.
-Sie werden sich bitter täuschen, wenn Sie glauben, mir auch meine Seele
-abkaufen zu können. Die habe ich noch niemals verkauft. Man hätte mir
-viel bieten können, aber meine Seele war mir denn doch nicht feil. Ich
-danke Ihnen, meine verehrten Herrschaften, für alle Komplimente. Sie
-werden mich auf der Straße nicht mehr treffen. Ich habe nicht eine
-Minute frei für Sie, meine Seele läßt mir keine Ruhe mehr. Ich danke
-bestens, meine Herrschaften, ich geniere mich gar nicht, aber nein.
-
- Sie hat den Hut heruntergenommen. Jener Soldat geleitet sie zur
- Bußbank.
-
- OFFIZIER
-
-Eine Seele ist gewonnen!
-
- Pauken und Posaunen. Jubel der Soldaten.
-
- MÄDCHEN
-
- zum Kassierer.
-
-Hörst du alles?
-
- KASSIERER
-
-Meine Sache. Meine Sache.
-
- MÄDCHEN
-
-Was summst du vor dich hin?
-
- KASSIERER
-
-Das Holzbein.
-
- MÄDCHEN
-
-Bist du bereit?
-
- KASSIERER
-
-Noch nicht. Noch nicht.
-
- EINER
-
- in Saalmitte stehend.
-
-Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde hören.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Unser Kamerad will euch erzählen.
-
- EINIGE
-
- erregt.
-
-Hinsetzen. Stille. Erzählen.
-
- SOLDAT
-
- älterer Mann.
-
-Laßt euch von mir berichten. Es ist eine alltägliche Geschichte,
-weiter nichts. Darum wurde sie meine Sünde. Ich hatte eine gemütliche
-Wohnung, eine zutrauliche Familie, eine bequeme Beschäftigung -- es
-ging immer alltäglich bei mir zu. Wenn ich abends zwischen den Meinen
-am Tisch unter der Lampe saß und meine Pfeife schmauchte, dann war
-ich zufrieden. Ich wünschte niemals eine Veränderung in meinem Leben.
-Dennoch kam sie. Den Anstoß dazu weiß ich nicht mehr -- oder ich
-wußte ihn nie. Die Seele tut sich auch ohne besondere Erschütterung
-kund. Sie kennt ihre Stunde und benutzt sie. Ich konnte jedenfalls
-nicht ihre Mahnung überhören. Meine Trägheit wehrte sich im Anbeginn
-wohl gegen sie, aber sie war mächtiger. Das fühlte ich mehr und mehr.
-Die Seele allein konnte mir dauernde Zufriedenheit schaffen. Und auf
-Zufriedenheit war ich ja mein Lebtag bedacht. Jetzt finde ich sie nicht
-mehr am Tisch mit der Lampe und mit der langen Pfeife im Munde, sondern
-allein auf der Bußbank. Das ist meine ganz alltägliche Geschichte.
-
- Er tritt beiseite.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Unser Kamerad hat euch -- --
-
- EINER
-
- schon kommend.
-
-Meine Sünde!
-
- Oben.
-
-Ich bin Familienvater. Ich habe zwei Töchter. Ich habe meine Frau. Ich
-habe meine Mutter noch. Wir wohnen alle in drei Stuben. Es ist ganz
-gemütlich bei uns. Meine Töchter -- eine spielt Klavier -- eine stickt.
-Meine Frau kocht. Meine Mutter begießt die Blumentöpfe hinterm Fenster.
-Es ist urgemütlich bei uns. Es ist die Gemütlichkeit selbst. Es ist
-herrlich bei uns -- großartig -- vorbildlich -- praktisch -- musterhaft
--- --
-
- Verändert.
-
-Es ist ekelhaft -- entsetzlich -- es stinkt da es ist armselig --
-vollkommen durch und durch armselig mit dem Klavierspielen -- mit dem
-Sticken -- mit dem Kochen -- mit dem Blumenbegießen --
-
- ausbrechend.
-
-Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele. Ich habe
-eine Seele!
-
- Er taumelt zur Bußbank.
-
- OFFIZIER
-
-Eine Seele ist gewonnen!
-
- Posaunen und Pauken.
-
- Hoher Tumult im Saal.
-
- VIELE
-
- nach den Posaunen und Pauken aufrecht, auch auf den Bänken aufrecht.
-
-Was ist meine Sünde? Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde wissen!
-Ich will meine Sünde wissen!
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Unser Kamerad will euch erzählen.
-
- Tiefe Stille.
-
- MÄDCHEN
-
-Siehst du ihn?
-
- KASSIERER
-
-Meine Töchter. Meine Frau. Meine Mutter.
-
- MÄDCHEN
-
-Was murmelst und flüsterst du immer?
-
- KASSIERER
-
-Meine Sache. Meine Sache. Meine Sache.
-
- MÄDCHEN
-
-Bist du bereit?
-
- KASSIERER
-
-Noch nicht. Noch nicht. Noch nicht.
-
- SOLDAT
-
- in mittleren Jahren, auftretend.
-
-Meiner Seele war es nicht leicht gemacht, zu triumphieren. Sie mußte
-mich hart anfassen und rütteln. Schließlich gebrauchte sie das
-schwerste Mittel. Sie schickte mich ins Gefängnis. Ich hatte in die
-Kasse, die mir anvertraut war, gegriffen und einen großen Betrag
-defraudiert. Ich wurde abgefaßt und verurteilt. Da hatte ich in der
-Zelle Rast. Das hatte die Seele abgewartet. Und nun konnte sie endlich
-frei zu mir sprechen. Ich mußte ihr zuhören. Es wurde die schönste Zeit
-meines Lebens in der einsamen Zelle. Und als ich herauskam, wollte ich
-nur noch mit meiner Seele verkehren. Ich suchte nach einem stillen
-Platz für sie. Ich fand ihn auf der Bußbank und finde ihn täglich, wenn
-ich eine schöne Stunde genießen will!
-
- Er tritt beiseite.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Unser Kamerad hat euch von seinen schönen Stunden auf der Bußbank
-erzählt. Wer ist zwischen euch, der sich aus dieser Sünde heraussehnt?
-Wessen Sünde ist diese, von der er sich in Fröhlichkeit hier ausruht?
-Hier ist Ruhe für ihn. Komm zur Bußbank!
-
- ALLE
-
- im Saal schreiend und winkend.
-
-Das ist niemandes Sünde hier! Das ist niemandes Sünde hier! Ich will
-meine Sünde hören!! Meine Sünde!! Meine Sünde!! Meine Sünde!!
-
- MÄDCHEN
-
- durchdringend.
-
-Was rufst du?
-
- KASSIERER
-
-Die Kasse.
-
- MÄDCHEN
-
- ganz drängend.
-
-Bist du bereit?
-
- KASSIERER
-
-Jetzt bin ich bereit!
-
- MÄDCHEN
-
- sich an ihn hängend.
-
-Ich führe dich hin. Ich stehe dir bei. Ich stehe immer bei dir.
-
- Ekstatisch in den Saal.
-
-Eine Seele will laut werden. Ich habe diese Seele gesucht. Ich habe
-diese Seele gesucht.
-
- Lärm ebbt. Ruhe surrt.
-
- KASSIERER
-
- oben, Mädchen an ihm.
-
-Ich bin seit diesem Vormittag auf der Suche. Ich hatte Anstoß
-bekommen, auf die Suche zu gehen. Es war ein allgemeiner Aufbruch ohne
-mögliche Rückkehr -- Abbruch aller Brücken. So war ich auf dem Marsche
-seit dem Vormittag. Ich will euch mit den Stationen nicht aufhalten, an
-denen ich mich nicht aufhielt. Sie lohnten alle meinen entscheidenden
-Aufbruch nicht. Ich marschierte rüstig weiter -- prüfenden Blicks,
-tastender Finger, wählenden Kopfs. Ich ging an allem vorüber. Station
-hinter Station versank hinter meinem wandernden Rücken. Dies war es
-nicht, das war es nicht, das nächste nicht, das vierte -- fünfte
-nicht! Was ist es? Was ist es nun, das diesen vollen Einsatz lohnt?
--- -- Dieser Saal! Von Klängen durchbraust -- von Bänken bestellt.
-Dieser Saal! Von diesen Bänken steigt es auf -- dröhnt Erfüllung. Von
-Schlacken befreit lobt sie sich hoch hinauf -- ausgeschmolzen aus
-diesen glühenden zwei Tiegeln: Bekenntnis und Buße! Da steht es wie ein
-glänzender Turm -- fest und hell: Bekenntnis und Buße! Ihr schreit sie,
-euch will ich meine Geschichte erzählen.
-
- MÄDCHEN
-
-Sprich. Ich stehe bei dir. Ich stehe immer bei dir!
-
- KASSIERER
-
-Ich bin seit diesem Morgen unterwegs. Ich bekenne: ich habe mich an
-der Kasse vergriffen, die mir anvertraut war. Ich bin Bankkassierer.
-Eine große runde Summe: sechzigtausend! Ich flüchtete damit in die
-asphaltene Stadt. Jetzt werde ich jedenfalls verfolgt -- eine Belohnung
-ist wohl auf meine Festnahme gesetzt. Ich verberge mich nicht mehr, ich
-bekenne. Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man sich
-irgendwas von Wert kaufen. Man kauft immer weniger, als man bezahlt.
-Und je mehr man bezahlt, um so geringer wird die Ware. Das Geld
-verschlechtert den Wert. Das Geld verhüllt das Echte -- das Geld ist
-der armseligste Schwindel unter allem Betrug!
-
- Er holt es aus den Fracktaschen.
-
-Dieser Saal ist der brennende Ofen, den eure Verachtung für alles
-Armselige heizt. Euch werfe ich es hin, ihr zerstampft es im Augenblick
-unter euren Sohlen. Da ist etwas von dem Schwindel aus der Welt
-geschafft. Ich gehe durch eure Bänke und stelle mich dem nächsten
-Schutzmann: ich suche nach dem Bekenntnis die Buße! So wird es
-vollkommen!
-
- Er schleudert aus Glacéhänden Scheine und Geldstücke in den Saal.
-
- Die Scheine flattern noch auf die Verdutzten im Saal nieder, die
- Stücke rollen unter sie. Dann ist heißer Kampf um das Geld entbrannt.
- In ein kämpfendes Knäuel ist die Versammlung verstrickt. Vom Podium
- stürzen die Soldaten von ihren Musikinstrumenten in den Saal, die
- Bänke werden umgestoßen, heisere Rufe schwirren, Fäuste klatschen
- auf Leiber. Schließlich wälzt sich der verkrampfte Haufe zur Tür und
- rollt hinaus.
-
- MÄDCHEN
-
- das am Kampfe nicht mit teilgenommen hatte, steht allein inmitten der
- umgeworfenen Bänke.
-
- KASSIERER
-
- sieht lächelnd das Mädchen an.
-
-Du stehst bei mir -- du stehst immer bei mir!
-
- Er bemerkt die verlassenen Pauken, nimmt zwei Schlägel.
-
-Weiter.
-
- Kurzer Wirbel.
-
-Von Station zu Station.
-
- Einzelne Paukenschläge nach Satzgruppen.
-
-Menschenscharen dahinten. Gewimmel verronnen. Ausgebreitete Leere. Raum
-geschaffen. Raum. Raum!
-
- Wirbel.
-
-Ein Mädchen steht da. Aus verlaufenen Fluten -- aufrecht -- verharrend!
-
- Wirbel.
-
-Mädchen und Mann. Uralte Gärten aufgeschlossen. Entwölkter Himmel.
-Stimme aus Baumwipfelstille. Wohlgefallen.
-
- Wirbel.
-
-Mädchen und Mann -- ewige Beständigkeit. Mädchen und Mann -- Fülle im
-Leeren. Mädchen und Mann -- vollendeter Anfang. Mädchen und Mann --
-Keim und Krone. Mädchen und Mann -- Sinn und Ziel und Zweck.
-
- Paukenschlag nach Paukenschlag, nun beschließt ein endloser Wirbel.
-
- MÄDCHEN
-
- zieht sich nach der Tür zurück, verschwindet.
-
- KASSIERER
-
- verklingender Wirbel.
-
- MÄDCHEN
-
- reißt die Tür auf. Zum Schutzmann, nach Kassierer weisend.
-
-Da ist er. Ich habe ihn Ihnen gezeigt. Ich habe die Belohnung verdient!
-
- KASSIERER
-
- aus erhobenen Händen die Schlägel fallen lassend.
-
-Hier stehe ich. Oben stehe ich. Zwei sind zuviel. Der Raum faßt nur
-einen. Einsamkeit ist Raum. Raum ist Einsamkeit. Kälte ist Sonne. Sonne
-ist Kälte. Fiebernd blutet der Leib. Fiebernd friert der Leib. Felder
-öde. Eis im Wachsen. Wer entrinnt? Wo ist der Ausgang?
-
- SCHUTZMANN
-
-Hat der Saal andere Türen?
-
- MÄDCHEN
-
-Nein.
-
- KASSIERER
-
- wühlt in seiner Tasche.
-
- SCHUTZMANN
-
-Er faßt in die Tasche. Drehen Sie das Licht aus. Wir bieten ihm ein
-Ziel.
-
- MÄDCHEN
-
- tut es.
-
- Bis auf eine Lampe verlöscht der Kronleuchter. Die Lampe beleuchtet
- nun die hellen Drähte der Krone derart, daß sie ein menschliches
- Gerippe zu bilden scheinen.
-
- KASSIERER
-
- linke Hand in der Brusttasche vergrabend, mit der rechten eine
- Posaune ergreifend und gegen den Kronleuchter blasend.
-
-Entdeckt!
-
- Posaunenstoß.
-
-In schneelastenden Zweigen verlacht -- jetzt im Drahtgewirr des
-Kronleuchters bewillkommt!
-
- Posaunenstöße.
-
-Ich melde dir meine Ankunft!
-
- Posaunenstoß.
-
-Ich habe den Weg hinter mir. In steilen Kurven steigend keuche ich
-herauf. Ich habe meine Kräfte gebraucht. Ich habe mich nicht geschont!
-
- Posaunenstoß.
-
-Ich habe es mir schwer gemacht und hätte es so leicht haben können --
-oben im Schneebaum, als wir auf _einem_ Ast saßen. Du hättest mir ein
-wenig dringlicher zureden sollen. Ein Fünkchen Erleuchtung hätte mir
-geholfen und mir die Strapazen erspart. Es gehört ja so lächerlich
-wenig Verstand dazu!
-
- Posaunenstoß.
-
-Warum stieg ich nieder? Warum lief ich den Weg? Wohin laufe ich noch?
-
- Posaunenstöße.
-
-Zuerst sitzt er da -- knochennackt! Zuletzt sitzt er da --
-knochennackt! Von morgens bis mitternachts rase ich im Kreise -- nun
-zeigt sein fingerhergewinktes Zeichen den Ausweg -- -- wohin?!!
-
- Er zerschießt die Antwort in seine Hemdbrust. Die Posaune stirbt mit
- dünner werdendem Ton an seinem Mund hin.
-
- SCHUTZMANN
-
-Drehen Sie das Licht wieder an.
-
- MÄDCHEN
-
- tut es.
-
- Im selben Augenblick explodieren knallend alle Lampen.
-
- KASSIERER
-
- ist mit ausgebreiteten Armen gegen das aufgenähte Kreuz des Vorhangs
- gesunken. Sein Ächzen hüstelt wie ein Ecce -- sein Hauchen surrt wie
- ein Homo.
-
- SCHUTZMANN
-
-Es ist ein Kurzschluß in der Leitung.
-
- Es ist ganz dunkel.
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 127 "worüber" in "vorüber" geändert. |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Von morgens bis mitternachts, by Georg Kaiser
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON MORGENS BIS MITTERNACHTS ***
-
-***** This file should be named 60952-8.txt or 60952-8.zip *****
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-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
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-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
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-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
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-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
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-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-The Project Gutenberg EBook of Von morgens bis mitternachts, by Georg Kaiser
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Von morgens bis mitternachts
-
-Author: Georg Kaiser
-
-Release Date: December 18, 2019 [EBook #60952]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON MORGENS BIS MITTERNACHTS ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
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-</div>
-
-
-<p class="big160 pagebreak">GEORG KAISER</p>
-
-
-
-
-<h1>VON MORGENS
-BIS MITTERNACHTS</h1>
-
-<p class="big120">STÜCK IN ZWEI TEILEN</p>
-
-<p class="big120 p10">1930</p>
-
-<p class="big120">GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG<br />
-BERLIN
-</p>
-
-
-<blockquote>
-
-<p class="p6 pagebreak">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Den
-Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Verkauf
-und Verleihung dieses Exemplars, sowie das Ausschreiben der
-Rollen verboten. Das Aufführungsrecht für alle Länder ist ausschließlich
-vom Bühnenvertrieb Felix Bloch Erben, Berlin-Wilmersdorf,
-Nikolsburger Platz Nr. 3 zu erwerben. Copyright 1916 by
-S. Fischer Verlag, Berlin. Gedruckt bei Poeschel &amp; Trepte, Leipzig.</p></blockquote>
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak">PERSONEN</h2>
-
-<p>
-Kassierer<br />
-Mutter<br />
-Frau<br />
-Erste, zweite Tochter<br />
-Direktor<br />
-Gehilfe<br />
-Portier<br />
-Erster, zweiter Herr<br />
-Laufjunge<br />
-Dienstmädchen<br />
-Dame<br />
-Sohn<br />
-Hotelkellner<br />
-Jüdische Herren als Kampfrichter<br />
-Erste, zweite, dritte, vierte weibliche Maske<br />
-Herren im Frack<br />
-Kellner<br />
-Mädchen der Heilsarmee<br />
-Offiziere und Soldaten der Heilsarmee<br />
-Publikum einer Versammlung der Heilsarmee:
-Kommis, Kokotte, Arbeiter usw.<br />
-Schutzmann<br />
-Die kleine Stadt W. und die große Stadt B.<br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak">ERSTER TEIL</h2>
-
-<h3 title="ERSTE SZENE"></h3>
-
-
-<p class="directive">Kleinbankkassenraum. Links Schalteranlage und Tür mit Aufschrift:
-Direktor. In der Mitte Tür mit Schild: Zur Stahlkammer.
-Ausgangstür rechts hinter Barriere. Daneben Rohrsofa und Tisch
-mit Wasserflasche und Glas.</p>
-
-<p class="directive">Im Schalter Kassierer und am Pult Gehilfe, schreibend. Im
-Rohrsofa sitzt der fette Herr, prustet. Jemand geht rechts
-hinaus. Am Schalter Laufjunge sieht ihm nach.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">klopft auf die Schalterplatte.</p>
-
-<p class="actor">LAUFJUNGE</p>
-
-<p class="directive">legt rasch seinen Zettel auf die wartende Hand.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">schreibt, holt Geld unter dem Schalter hervor, zählt sich in die
-Hand &mdash; dann auf das Zahlbrett.</p>
-
-<p class="actor">LAUFJUNGE</p>
-
-<p class="directive">rückt mit dem Zahlbrett auf die Seite und schüttet das Geld
-in einen Leinenbeutel.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">steht auf.</p>
-
-<p>Dann sind wir Dicken an der Reihe.</p>
-
-<p class="directive">Er holt einen prallen Lederbeutel aus dem Mantelinnern.</p>
-
-<p class="directive">Dame kommt. Kostbarer Pelz, Geknister von Seide.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span></p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">stutzt.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">klinkt mit einigem Bemühen die Barriere auf, lächelt unwillkürlich
-den Herrn an.</p>
-
-<p>Endlich.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">verzieht den Mund.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">klopft ungeduldig.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">fragende Geste gegen den Herrn.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">zurückstehend.</p>
-
-<p>Wir Dicken immer zuletzt.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">verneigt sich leicht, tritt an den Schalter.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">klopft.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">öffnet ihre Handtasche, entnimmt ein Kuvert und legt es auf
-die Hand des Kassierers.</p>
-
-<p>Ich bitte dreitausend.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">dreht und wendet das Kuvert, schiebt es zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">begreift.</p>
-
-<p>Pardon.</p>
-
-<p class="directive">Sie zieht den Brief aus dem Umschlag und reicht ihn hin.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">wie vorher.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">entfaltet noch das Papier.</p>
-
-<p>Dreitausend bitte.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">überfliegt das Papier und legt es dem Gehilfen hin.</p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">steht auf und geht aus der Tür mit dem Schild: Direktor.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">sich wieder im Rohrsofa niederlassend.</p>
-
-<p>Bei mir dauert es länger. Bei uns Dicken dauert
-es immer etwas länger.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">beschäftigt sich mit Geldzählen.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich bitte: in Scheinen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">verharrt gebückt.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">jung, kugelrund &mdash; mit dem Papier links heraus.</p>
-
-<p>Wer ist &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Er verstummt der Dame gegenüber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">schreibt wieder an seinem Pult.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">laut.</p>
-
-<p>Morgen, Direktor.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">flüchtig dahin.</p>
-
-<p>Geht's gut?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">sich auf den Bauch klopfend.</p>
-
-<p>Es kugelt sich, Direktor.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">lacht kurz. Zur Dame.</p>
-
-<p>Sie wollen bei uns abheben?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Dreitausend.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Ja drei &mdash; dreitausend würde ich mit Vergnügen
-auszahlen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ist der Brief nicht in Ordnung?</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">süßlich, wichtig.</p>
-
-<p>Der Brief geht in Ordnung. Über zwölftausend &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Buchstabierend.</p>
-
-<p>Banko &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Meine Bank in Florenz versicherte mich &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Die Bank in Florenz hat Ihnen den Brief richtig
-ausgestellt.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Dann begreife ich nicht &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Sie haben in Florenz die Ausfertigung dieses Briefes
-beantragt &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Allerdings.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Zwölftausend &mdash; und zahlbar an den Plätzen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Die ich auf der Reise berühre.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Der Bank in Florenz haben Sie mehrere Unterschriften
-geben müssen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Die an die im Brief bezeichneten Banken geschickt
-sind, um mich auszuweisen.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Wir haben den Avis mit Ihrer Unterschrift nicht
-bekommen.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">hustet; blinzelt den Direktor an.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Dann müßte ich mich gedulden, bis &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Irgendwas müssen wir doch in Händen haben!</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">winterlich mit Fellmütze und Wollschal vermummt &mdash; kommt,
-stellt sich am Schalter auf. Er schießt wütende Blicke nach
-der Dame.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Darauf bin ich so wenig vorbereitet &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">plump lachend.</p>
-
-<p>Wir sind noch weniger vorbereitet, nämlich gar nicht!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich brauche so notwendig das Geld!</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa lacht laut.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Ja, wer brauchte keins?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa wiehert.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">sich ein Publikum machend.</p>
-
-<p>Ich zum Beispiel &mdash;</p>
-
-<p class="directive">zum Herrn am Schalter.</p>
-
-<p>Sie haben wohl mehr Zeit als ich. Sie sehen doch,
-ich spreche mit der Dame noch. &mdash; Ja, gnädige<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
-Frau, wie haben Sie sich das gedacht? Soll ich
-Ihnen auszahlen &mdash; auf Ihre &mdash;</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa kichert.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">rasch.</p>
-
-<p>Ich wohne im Elefant.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa prustet.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Ihre Adresse erfahre ich mit Vergnügen, gnädige
-Frau. Im Elefant verkehre ich am Stammtisch.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Kann der Besitzer mich nicht legitimieren?</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Kennt Sie der Wirt schon näher?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa amüsiert sich köstlich.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich habe mein Gepäck im Hotel.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Soll ich Koffer und Köfferchen auf seinen Inhalt
-untersuchen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich bin in der fatalsten Situation.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Dann reichen wir uns die Hände: Sie sind nicht
-in der Lage &mdash; ich bin nicht in der Lage. Das
-ist die Lage.</p>
-
-<p class="directive">Er gibt ihr das Papier zurück.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Was raten Sie mir nun zu tun?</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Unser Städtchen ist doch ein nettes Nest &mdash; der
-Elefant ein renommiertes Haus &mdash; die Gegend hat
-Umgegend &mdash; Sie machen diese oder jene angenehme
-Bekanntschaften &mdash; und die Zeit geht
-hin &mdash; mal Tag, mal Nacht &mdash; wie sich's macht.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Es kommt mir hier auf einige Tage nicht an.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Die Gesellschaft im Elefant wird sich freuen, etwas
-beizutragen.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Nur heute liegt es mir dringend an dreitausend!</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">zum Herrn im Sofa.</p>
-
-<p>Bürgt jemand hier für eine Dame aus der Fremde
-auf dreitausend?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Das könnte ich wohl nicht annehmen. Darf ich
-bitten, mir sofort, wenn die Bestätigung von Florenz
-eintrifft, telephonisch Mitteilung zu machen.
-Ich bleibe im Elefant auf meinem Zimmer.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Persönlich &mdash; wie gnädige Frau es wünschen!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Wie ich am raschesten benachrichtigt werde.</p>
-
-<p class="directive">Sie schiebt das Papier in das Kuvert und steckt es in die Tasche.</p>
-
-<p>Ich spreche am Nachmittag noch selbst vor.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Ich stehe zur Verfügung.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">grüßt kurz, ab.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">am Schalter rückt vor und knallt in der Faust einen zerknüllten
-Zettel auf die Platte.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">ohne davon Notiz zu nehmen, sieht belustigt nach dem Herrn im Sofa.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa zieht die Luft ein.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">lacht.</p>
-
-<p>Sämtliche Wohlgerüche Italiens &mdash; aus der Parfümflasche.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span></p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa fächelt sich mit der flachen Hand.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Das macht heiß, was?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa, gießt sich Wasser in ein Glas.</p>
-
-<p>Dreitausend ist ein bißchen hastig.</p>
-
-<p class="directive">Er trinkt.</p>
-
-<p>Dreihundert klappern auch nicht schlecht.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Vielleicht machen Sie billigere Offerte &mdash; im Elefant,
-auf dem Zimmer?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa.</p>
-
-<p>Für uns Dicke ist das nichts.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Wir sind mit unserm moralischen Bauch gesetzlich
-geschützt.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">am Schalter knallt zum zweitenmal die Faust auf die Platte.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">gleichmütig.</p>
-
-<p>Was haben Sie denn?</p>
-
-<p class="directive">Er glättet den Zettel und reicht ihn dem Kassierer hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<p class="actor">LAUFJUNGE</p>
-
-<p class="directive">hatte die Dame angegafft, dann die Sprechenden &mdash; verfehlt die
-Barriere und rennt gegen den Herrn im Sofa.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa nimmt ihm den Beutel weg.</p>
-
-<p>Ja, mein Junge, das kostet was &mdash; schöne Mädchen
-angaffen. Jetzt bist du deinen Beutel los.</p>
-
-<p class="actor">LAUFJUNGE</p>
-
-<p class="directive">lacht ihn verlegen an.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Was machst du denn nun, wenn du nach Hause
-kommst?</p>
-
-<p class="actor">LAUFJUNGE</p>
-
-<p class="directive">lacht.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">gibt ihm den Beutel wieder.</p>
-
-<p>Merk' dir das für dein Leben. Du bist der erste
-nicht, dem die Augen durchgehen &mdash; und der
-ganze Mensch rollt nach.</p>
-
-<p class="actor">LAUFJUNGE</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">hat einige Münzen aufgezählt.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Solch einem Schlingel vertraut man nun Geld an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span></p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa.</p>
-
-<p>Dummheit straft sich selbst.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Daß ein Chef nicht den Blick dafür hat. So was
-brennt doch bei der ersten Gelegenheit, die sich
-bietet, aus. Der geborene Defraudant.</p>
-
-<p class="directive">Zum Herrn am Schalter.</p>
-
-<p>Stimmt es nicht?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">prüft jedes Geldstück.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Das ist ein Fünfundzwanzigpfennigstück. Das sind
-zusammen fünfundvierzig Pfennig, mehr hatten
-Sie doch nicht zu verlangen?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">steckt umständlich ein.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">im Sofa.</p>
-
-<p>Deponieren Sie doch Ihr Kapital in der Stahlkammer!
-&mdash; Nun wollen wir Dicken mal abladen.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">am Schalter rechts ab.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Was bringen Sie uns denn?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">legt den Lederbeutel auf die Platte und holt eine Brieftasche heraus.</p>
-
-<p>Soll man kein Vertrauen zu Ihnen kriegen mit
-Ihrer feinen Kundschaft?</p>
-
-<p class="directive">Er reicht ihm die Hand.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Jedenfalls sind wir für schöne Augen in Geschäftssachen
-unempfänglich.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">sein Geld aufzählend.</p>
-
-<p>Wie alt war sie? Taxe.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Ohne Schminke habe ich sie noch nicht gesehen.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Was will die denn hier?</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Das werden wir ja heute abend im Elefant hören.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Wer käme denn da in Betracht?</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>In Betracht könnten wir schließlich alle noch
-kommen!</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Wozu braucht sie denn hier dreitausend Mark?</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Sie muß sie wohl brauchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span></p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Ich wünsche ihr den besten Erfolg.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Womit?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Daß sie ihre Dreitausend kapert.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Von mir?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Von wem ist ja nebensächlich.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Ich bin neugierig, wann die Nachricht von der
-Bank in Florenz kommt.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Ob sie kommt!</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Ob sie kommt &mdash; darauf bin ich allerdings noch
-gespannter!</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Wir können ja sammeln und ihr aus der Verlegenheit
-helfen.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Auf Ähnliches wird es wohl abgesehen sein.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Wem erzählen Sie das?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">lacht.</p>
-
-<p>Haben Sie in der Lotterie gewonnen?</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">zum Kassierer.</p>
-
-<p>Nehmen Sie mir mal ab.</p>
-
-<p class="directive">zum Direktor.</p>
-
-<p>Ob wir draußen unser Geld haben oder bei Ihnen
-verzinsen &mdash; richten Sie mal ein Konto für den
-Bauverein ein.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">scharf zum Gehilfen.</p>
-
-<p>Konto für Bauverein.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Es kommt noch mehr.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Immer herein, meine Herrschaften. Wir können
-gerade gebrauchen.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Also: sechzigtausend &mdash; fünfzig Mille Papier &mdash;
-zehn Mille Gold.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">zählt.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">nach einer Pause.</p>
-
-<p>Sonst geht's noch gut?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span></p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">zum Kassierer.</p>
-
-<p>Jawohl, der Schein ist geflickt.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Wir nehmen ihn selbstverständlich. Wir werden
-ihn wieder los. Ich reserviere ihn für unsere
-Kundin aus Florenz. Sie trug ja auch Schönheitspflästerchen.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Es stecken aber tausend Mark dahinter.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Liebhaberwert.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">unbändig lachend.</p>
-
-<p>Liebhaberwert &mdash; das ist kolossal.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">unter Tränen.</p>
-
-<p>Liebhaberwert &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Er gibt ihm die Quittung des Kassierers.</p>
-
-<p>Ihre Quittung.</p>
-
-<p class="directive">Erstickend.</p>
-
-<p>Sechzig &mdash; tau &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">nimmt, liest sie, ebenso.</p>
-
-<p>Sechzig &mdash; tau &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Liebhaber &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p>Lieb &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Sie reichen sich die Hände.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p>Wir sehen uns heute abend.</p>
-
-<p class="actor">HERR</p>
-
-<p class="directive">nickend.</p>
-
-<p>Liebhaber &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Er knöpft seinen Mantel, kopfschüttelnd ab.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">steht noch, wischt sich die Tränen hinter dem Kneifer. Dann
-links hinein.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">bündelt die zuletzt erhaltenen Scheine und rollt die Münzen.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">kommt zurück.</p>
-
-<p>Diese Dame aus Florenz &mdash; die aus Florenz kommen
-will &mdash; ist Ihnen schon einmal eine Erscheinung
-wie diese vorm Schalter aufgetaucht? Pelz
-&mdash; parfümiert. Das riecht nachträglich, man zieht
-mit der Luft Abenteuer ein! &mdash; &mdash; Das ist die
-große Aufmachung. Italien, das wirkt verblüffend
-&mdash; märchenhaft. Riviera &mdash; Mentone &mdash; Bordighera
-&mdash; Nizza &mdash; Monte Carlo! Ja, wo Orangen
-blühen, da blüht auch der Schwindel. Von Schwindel
-ist da unten kein Quadratmeter Erdboden frei.
-Dort wird der Raubzug arrangiert. Die Gesell<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>schaft
-verstreut sich in alle Winde. Nach den
-kleineren Plätzen &mdash; abseits der großen Heerstraße
-&mdash; schlägt man sich am liebsten. Dann schäumend
-in Pelz und Seide. Weiber! Das sind die modernen
-Sirenen. Singsang vom blauen Süden &mdash;
-o bella Napoli. Verfänglicher Augenaufschlag &mdash;
-und man ist geplündert bis auf das Netzhemd.
-Bis auf die nackte Haut &mdash; die nackte, nackte
-Haut!</p>
-
-<p class="directive">Er trommelt mit seinem Bleistift dem Kassierer den
-Rücken.</p>
-
-<p>Ich zweifle keinen Augenblick, daß die Bank in
-Florenz, die den Brief ausgestellt hat, so wenig
-von dem Brief etwas weiß &mdash; wie der Papst den
-Mond bewohnt. Das Ganze ist Schwindel, von
-langer Hand vorbereitet. Und seine Urheber sitzen
-nicht in Florenz, sondern Monte Carlo! Das kommt
-zuerst in Frage. Verlassen Sie sich drauf. Wir
-haben hier eine jener Existenzen gesehen, die im
-Sumpf des Spielpalastes gedeihen. Und ich gebe
-mein zweites Wort darauf, daß wir sie nicht wiedersehen.
-Der erste Versuch ist mißglückt, die
-Person wird sich vor dem zweiten hüten! &mdash;
-Wenn ich auch meine Späße mache &mdash; dabei bin
-ich scharfäugig. Wir vom Bankgeschäft! &mdash; Ich
-hätte eigentlich unserm Polizeileutnant Werde
-einen Wink geben sollen! &mdash; Es geht mich ja
-weiter nichts an. Schließlich ist die Bank zu
-Stillschweigen verpflichtet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
-
-<p class="directive">An der Tür.</p>
-
-<p>Verfolgen Sie mal in den auswärtigen Zeitungen:
-wenn Sie von einer Hochstaplerin lesen, die hinter
-Schloß und Riegel sichergesetzt ist, dann wollen
-wir uns wieder sprechen. Dann werden Sie mir
-recht geben. Dann werden wir von unserer Freundin
-aus Florenz mehr hören &mdash; als wir heute oder
-morgen hier wieder von ihrem Pelz zu sehen bekommen!</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">siegelt Rollen.</p>
-
-<p class="actor">PORTIER</p>
-
-<p class="directive">mit Briefen von rechts, sie dem Gehilfen reichend.</p>
-
-<p>Eine Quittung für eine Einschreibesendung bekomme
-ich wieder.</p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">stempelt den Zettel, gibt ihn an den Portier.</p>
-
-<p class="actor">PORTIER</p>
-
-<p class="directive">stellt noch Glas und Wasserflasche auf dem Tisch zurecht. Ab.</p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">trägt die Briefe in das Direktorzimmer &mdash; kommt wieder.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">kehrt zurück; rasch an den Schalter.</p>
-
-<p>Ach Pardon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">streckt die flache Hand hin.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">stärker.</p>
-
-<p>Pardon.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">klopft.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich möchte den Herrn Direktor nicht nochmal
-stören.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">klopft.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">in Verzweiflung lächelnd.</p>
-
-<p>Hören Sie bitte, ist das nicht möglich: ich hinterlasse
-der Bank den Brief über den ganzen Betrag
-und empfange einen Vorschuß von dreitausend?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">klopft ungeduldig.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich bin eventuell bereit, meine Brillanten als Unterpfand
-auszuhändigen. Die Steine wird Ihnen
-jeder Juwelier in der Stadt abschätzen.</p>
-
-<p class="directive">Sie streift einen Handschuh ab und nestelt am Armband.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">rasch von rechts, setzt sich ins Rohrsofa und sucht, alles auswühlend,
-im Marktkorb.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">hat sich schwach erschreckend umgedreht: sich aufstützend sinkt
-ihre Hand auf die Hand des Kassierers.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">dreht sich über die Hand in seiner Hand. Jetzt ranken seine
-Brillenscheiben am Handgelenk aufwärts.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">findet aufatmend den Schein.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">nickt hin.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">ordnet im Korb.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">sich dem Kassierer zuwendend &mdash; trifft in sein Gesicht.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">lächelt.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">zieht ihre Hand zurück.</p>
-
-<p>Ich will die Bank nicht zu Leistungen veranlassen,
-die sie nicht verantworten kann.</p>
-
-<p class="directive">Sie legt das Armband an, müht sich an der Schließe. Dem
-Kassierer den Arm hinstreckend.</p>
-
-<p>Würden Sie die Freundlichkeit haben &mdash; ich bin
-nicht geschickt genug mit einer Hand nur.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">Büsche des Bartes wogen &mdash; Brille sinkt in blühende Höhlen
-eröffneter Augen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">zum Dienstmädchen.</p>
-
-<p>Sie helfen mir, Fräulein.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">tut es.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Noch die Sicherheitskette.</p>
-
-<p class="directive">Mit einem kleinen Schrei.</p>
-
-<p>Sie stechen ja in mein offenes Fleisch. So hält
-es. Vielen Dank, Fräulein.</p>
-
-<p class="directive">Sie grüßt noch den Kassierer. Ab.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">am Schalter, legt ihren Schein hin.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">greift ihn in wehenden Händen. Lange sucht er unter der Platte.
-Dann zahlt er aus.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">sieht das aufgezählte Geld an; dann zum Kassierer.</p>
-
-<p>Das bekomme ich doch nicht?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">schreibt.</p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">wird aufmerksam.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">zum Gehilfen.</p>
-
-<p>Es ist doch mehr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">sieht zum Kassierer.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">streicht einen Teil wieder ein.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p>Immer noch zuviel!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">schreibt.</p>
-
-<p class="actor">DIENSTMÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">steckt kopfschüttelnd das Geld in den Korb. Ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">durch Heiserkeit sträubt sich der Laut herauf.</p>
-
-<p>Holen Sie &mdash; Glas Wasser!</p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">geht aus dem Schalter zum Tisch.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Das ist abgestanden. Frisches &mdash; von der Leitung.</p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">geht mit dem Glas in die Stahlkammer.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">behende nach einem Klingelknopf &mdash; drückt.</p>
-
-<p class="actor">PORTIER</p>
-
-<p class="directive">kommt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Holen Sie frisches Wasser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
-
-<p class="actor">PORTIER</p>
-
-<p>Ich darf nicht von der Tür draußen weg.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Für mich. Das ist Jauche. Ich will Wasser von
-der Leitung.</p>
-
-<p class="actor">PORTIER</p>
-
-<p class="directive">mit der Wasserflasche in die Stahlkammer.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">stopft mit schnellen Griffen die zuletzt gehäuften Scheine und
-Geldrollen in seine Taschen. Dann nimmt er den Mantel vom
-Haken, wirft ihn über den Arm. Noch den Hut. Er verläßt
-den Schalter &mdash; und geht rechts ab.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">in einen Brief vertieft links herein.</p>
-
-<p>Da ist ja die Bestätigung von Florenz eingetroffen!</p>
-
-<p class="actor">GEHILFE</p>
-
-<p class="directive">mit dem Glas Wasser aus der Stahlkammer.</p>
-
-<p class="actor">PORTIER</p>
-
-<p class="directive">mit der Wasserflasche aus der Stahlkammer.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">bei ihrem Anblick.</p>
-
-<p>Zum Donnerwetter, was heißt denn das?</p>
-
-
-<h3 class="pagebreak" title="ZWEITE SZENE"></h3>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-
-<p class="directive">Hotelschreibzimmer. Hinten Glastür. Links Schreibtisch mit
-Telefonapparat. Rechts Sofa, Sessel mit Tisch mit Zeitschriften
-usw.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">schreibt.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">in Hut und Mantel kommt &mdash; im Arm großen flachen Gegenstand
-in ein Tuch gehüllt.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">überrascht.</p>
-
-<p>Du hast es?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Unten sitzt der Weinhändler. Der schnurrige Kopf
-beargwöhnt mich, ich brenne ihm aus.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Am Morgen war er doch froh, es loszuwerden.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Jetzt wittert er wohl allerhand.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Du wirst ihn aufmerksam gemacht haben.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich habe mich ein bißchen gefreut.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Das muß Blinde sehend machen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Sie sollen auch die Augen aufreißen. Aber beruhige
-Dich, Mama, der Preis ist derselbe wie am
-Morgen.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Wartet der Weinhändler?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Den lassen wir warten.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich muß dir leider mitteilen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">küßt sie.</p>
-
-<p>Also Stille. Feierliche Stille. Du blickst erst hin,
-wenn ich dich dazu auffordere.</p>
-
-<p class="directive">Er wirft Hut und Mantel ab, stellt das Bild auf einen Sessel
-und lüftet das Tuch.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Noch nicht?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">sehr leise.</p>
-
-<p>Mama.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">dreht sich im Stuhl um.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">kommt zu ihr, legt seinen Arm um ihre Schultern.</p>
-
-<p>Nun?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Das ist allerdings nicht für eine Weinstube!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Es hing auch gegen die Wand gedreht. Auf die
-Rückseite hatte der Mann seine Photographie gepappt.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Hast du die mitgekauft?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">lacht.</p>
-
-<p>Wie findest du es?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich finde es &mdash; sehr naiv.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Köstlich &mdash; nicht wahr? Für einen Cranach fabelhaft.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Willst du es als Bild so hochschätzen?</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Als Bild selbstverständlich! Aber daneben das
-Merkwürdige der Darstellung. Für Cranach &mdash; und
-für die Behandlung des Gegenstandes in der gesamten
-Kunst überhaupt. Wo findest du das?
-Pitti &mdash; Uffizien &mdash; die Vatikanischen? Der Louvre
-ist ja ganz schwach darin. Wir haben hier zweifellos
-die erste und einzige erotische Figuration des
-ersten Menschenpaares. Hier liegt noch der Apfel
-im Gras &mdash; aus dem unsäglichen Laubgrün lugt
-die Schlange &mdash; der Vorgang spielt sich also im
-Paradies selbst ab und nicht nach der Verstoßung.<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-Das ist der wirkliche Sündenfall! &mdash; Ein Unikum.
-Cranach hat ja Dutzend Adam und Eva gemalt
-&mdash; steif &mdash; mit dem Zweige in der Mitte &mdash; und
-vor allem die zwei getrennt. Es heißt da: sie erkannten
-sich. Hier jubelt zum erstenmal die selige
-Menschheitsverkündung auf: sie liebten sich! Hier
-zeigt sich ein deutscher Meister als Erotiker von
-südlichster, allersüdlichster Emphatik!</p>
-
-<p class="directive">Vor dem Bild.</p>
-
-<p>Dabei diese Beherrschtheit noch in der Ekstase.
-Diese Linie des männlichen Armes, die die weibliche
-Hüfte überschneidet. Die Horizontale der
-unten gelagerten Schenkel und die Schräge des
-andern Schenkelpaares. Das ermüdet das Auge
-keinen Moment. Das erzeugt Liebe im Hinsehen
-&mdash; der Fleischton leistet natürlich die wertvollste
-Hilfe. Geht es dir nicht ebenso?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Du bist wie dein Bild naiv.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Was meinst du damit?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich bitte dich, das Bild im Hotel in deinem Zimmer
-zu verbergen.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Zu Hause wird es ja erst mächtig auf mich wirken.
-Florenz und dieser Cranach. Der Abschluß<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
-meines Buches wird natürlich weit hinausgeschoben.
-Das muß verarbeitet sein. Das muß aus eigenem
-Fleisch und Blut zurückströmen, sonst versündigt
-sich der Kunsthistoriker. Augenblicklich fühle
-ich mich ziemlich erschlagen. &mdash; Auf der ersten
-Station dieser Reise das Bild zu finden!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Du vermutetest es doch mit Sicherheit.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Aber vor dem Ereignis steht man doch geblendet.
-Ist es nicht zum Verrücktwerden? Mama, ich bin
-ein Glücksmensch!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Du ziehst die Resultate aus deinen eingehenden
-Studien.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Und ohne deine Hilfe? Ohne deine Güte?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich finde mein Glück mit dir darin.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Du übst endlose Nachsicht mit mir. Ich reiße
-dich aus deinem schönen, ruhigen Leben in Fiesole.
-Du bist Italienerin, ich hetze dich durch
-Deutschland mitten im Winter. Du übernachtest
-im Schlafwagen &mdash; Hotels zweiter, dritter Güte
-&mdash; schlägst dich mit allerhand Leuten herum &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Das habe ich allerdings reichlich gekostet!</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich verspreche dir, mich zu beeilen. Ich bin ja
-selbst ungeduldig, den Schatz in Sicherheit zu
-bringen. Um drei reisen wir. Willst du mir die
-Dreitausend geben?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich habe sie nicht.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Der Besitzer des Bildes ist im Hotel.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Die Bank konnte sie mir nicht auszahlen. Von
-Florenz muß sich die Benachrichtigung verzögert
-haben.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich habe die Bezahlung zugesagt.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Dann mußt du ihm das Bild wieder ausliefern,
-bis die Bank Auftrag erhält.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Läßt sich das nicht beschleunigen?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich habe hier ein Telegramm aufgesetzt, daß ich
-jetzt besorgen lasse. Wir sind ja schnell gereist &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">klopft an.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Bitte.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Ein Herr von der Bank wünscht gnädige Frau zu
-sprechen.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">zum Sohn.</p>
-
-<p>Da wird mir das Geld schon ins Hotel geschickt.</p>
-
-<p class="directive">Zum Kellner.</p>
-
-<p>Ich bitte.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Du rufst mich, wenn du mir das Geld geben kannst.
-Ich lasse den Mann nicht gern wieder aus dem
-Hotel gehen.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich telephoniere dir.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Ich sitze unten.</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">schließt die Schreibmappe.</p>
-
-<p class="directive">Kellner und Kassierer erscheinen hinter der Glastür. Kassierer
-überholt den Kellner, öffnet; Kellner kehrt um, ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">noch Mantel überm Arm &mdash; tritt ein.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">zeigt nach einem Sessel und setzt sich ins Sofa.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">den Mantel bei sich, auf dem Sessel.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Bei der Bank ist &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">sieht das Bild.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Dies Bild steht in enger Beziehung zu meinem
-Besuch auf der Bank.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Sie?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Entdecken Sie Ähnlichkeiten?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">lächelnd.</p>
-
-<p>Am Handgelenk!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Sind Sie Kenner?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich wünsche &mdash; mehr kennenzulernen!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Interessieren Sie diese Bilder?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich bin im Bilde!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Finden sich noch Stücke bei Besitzern in der Stadt?
-Sie würden mir einen Dienst erweisen. Das ist
-mir ja wichtiger &mdash; so wichtig wie das Geld!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Geld habe ich.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Am Ende wird die Summe nicht genügen, über
-die ich meinen Brief ausstellen ließ.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">packt die Scheine und Rollen aus.</p>
-
-<p>Das ist genug!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich kann nur zwölftausend erheben.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Sechzigtausend!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Auf welche Weise?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Meine Angelegenheit.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Wie soll ich &mdash;?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Wir reisen.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Wohin?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Über die Grenze. Packen Sie Ihren Koffer &mdash;
-wenn Sie einen haben. Sie reisen vom Bahnhof
-ab &mdash; ich laufe bis zur nächsten Station zu Fuß
-und steige zu. Wir logieren zum ersten Male &mdash;
-&mdash; Kursbuch?</p>
-
-<p class="directive">Er findet es auf dem Tische.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Bringen Sie mir denn von der Bank über dreitausend?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">beschäftigt.</p>
-
-<p>Ich habe sechzigtausend eingesteckt. Fünfzigtausend
-in Scheinen &mdash; zehntausend in Gold.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Davon gehören mir &mdash;?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">bricht eine Rolle auf und zählt fachmännisch die Stücke in
-eine Hand vor, dann auf den Tisch hin.</p>
-
-<p>Nehmen Sie. Stecken Sie fort. Wir könnten belauscht
-sein. Die Tür hat Glasscheiben. Fünfhundert
-in Gold.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Fünfhundert?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Später mehr. Wenn wir in Sicherheit sind. Hier
-dürfen wir nichts sehen lassen. Vorwärts. Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>kassiert.
-Für Zärtlichkeiten ist diese Stunde nicht
-geeignet, sie dreht rasend ihre Speichen, in denen
-jeder Arm zermalmt wird, der eingreift!</p>
-
-<p class="directive">Er springt auf.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich brauche dreitausend.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Wenn sie die Polizei in Ihrer Tasche findet, sind
-Sie hinter Schloß und Riegel gesetzt!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Was geht es die Polizei an?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Sie erfüllten den Kassenraum. An Sie hakt sich
-der Verdacht, und unsere Verkettung liegt zutage.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich betrat den Kassenraum &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Unverfroren.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich forderte &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Sie versuchten.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich suchte &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>&mdash; die Bank zu prellen, als Sie Ihren gefälschten
-Brief präsentierten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">aus ihrer Handtasche den Brief nehmend.</p>
-
-<p>Dieser Brief ist nicht echt?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>So unecht wie Ihre Brillanten.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich bot meine Wertsachen als Pfand an. Warum
-sind meine Pretiosen Imitationen?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Damen Ihres Schlages blenden nur.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Von welchem Schlage bin ich denn? Schwarzhaarig
-&mdash; mein Teint ist dunkel. Ich bin südlicher Schlag.
-Toskana.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Monte Carlo!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">lächelt.</p>
-
-<p>Nein, Florenz!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">sein Blick stürzt auf Hut und Mantel des Sohnes.</p>
-
-<p>Komme ich zu spät?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Zu spät?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Wo ist er? Ich werde mit ihm verhandeln. Er
-wird mit sich handeln lassen. Ich habe Mittel.<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-Wieviel soll ich ihm bieten? Wie hoch veranschlagen
-Sie die Entschädigung? Wieviel stopfe
-ich ihm in die Tasche? Ich steigere bis zu fünfzehntausend!
-&mdash; Schläft er? Rekelt er sich im
-Bett? Wo ist Euer Zimmer? Zwanzigtausend &mdash;
-fünftausend mehr für unverzögerten Abstand!</p>
-
-<p class="directive">Er rafft Hut und Mantel vom Sessel.</p>
-
-<p>Ich bringe ihm seine Sachen.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">verwundert.</p>
-
-<p>Der Herr sitzt im Vestibül.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Das ist zu gefährlich. Es ist belebt unten. Rufen
-Sie ihn herauf. Ich setze ihn hier matt. Klingeln
-Sie. Der Kellner soll fliegen. Zwanzigtausend
-&mdash; in Scheinen!</p>
-
-<p class="directive">Er zählt auf.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Kann mein Sohn mich legitimieren?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">prallt zurück.</p>
-
-<p>Ihr &mdash; &mdash; Sohn?!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich reise mit ihm. Ich begleite ihn auf einer
-Studienreise, die uns von Florenz nach Deutschland
-führt. Mein Sohn sucht Material für sein
-kunsthistorisches Werk.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">starrt sie an.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Sohn?!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ist das so ungeheuerlich?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">wirr.</p>
-
-<p>Dies &mdash; &mdash; Bild?!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ist sein glücklicher Fund. Mit dreitausend bezahlt
-es mein Sohn. Das sind die von mir sehnlich gewünschten
-Dreitausend. Ein Weingroßhändler &mdash;
-den Sie ja kennen werden, wenn Sie seinen Namen
-hören &mdash; überläßt es ihm zu diesem Preis.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Pelz &mdash; &mdash; Seide &mdash; &mdash; es schillerte und
-knisterte &mdash; &mdash; die Luft wogte von allen Parfümen!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Es ist Winter. Ich trage nach meinen Begriffen
-keine besondere Kleidung.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Der falsche Brief?!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich bin im Begriff, an meine Bank zu depeschieren!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ihr Handgelenk nackt &mdash; &mdash; um das ich die Kette
-ranken sollte?!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Die linke Hand allein ist ungeschickt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">dumpf.</p>
-
-<p>Ich habe &mdash; &mdash; das Geld eingesteckt &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">belustigt.</p>
-
-<p>Sind Sie und die Polizei nun zufrieden? Mein
-Sohn ist wissenschaftlich nicht unbekannt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Jetzt &mdash; &mdash; in diesem Moment werde ich vermißt.
-Ich hatte Wasser für mich bestellt, um den Gehilfen
-zu entfernen &mdash; zweimal Wasser, um die
-Tür vom Portier zu entblößen. Die Noten und
-Rollen sind verschwunden. Ich habe defraudiert!
-&mdash; &mdash; Ich darf mich nicht in den Straßen &mdash; auf
-dem Markt sehen lassen. Ich darf den Bahnhof
-nicht betreten. Die Polizei ist auf den Beinen.
-Sechzigtausend! &mdash; &mdash; Ich muß übers Feld &mdash; quer
-durch den Schnee, bevor die Gendarmen alarmiert
-sind!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">entsetzt.</p>
-
-<p>Schweigen Sie doch!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich habe alles Geld eingesteckt &mdash; &mdash; Sie erfüllten
-den Kassenraum &mdash; &mdash; Sie schillerten und knisterten<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
-&mdash; &mdash; Sie senkten Ihre nackte Hand in meine &mdash;
-&mdash; Sie rochen heiß &mdash; &mdash; Ihr Mund roch &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich bin eine Dame!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">stier.</p>
-
-<p>Jetzt müssen Sie doch &mdash; &mdash;!!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">sich bezwingend.</p>
-
-<p>Sind Sie verheiratet?</p>
-
-<p class="directive">Auf seine schwingende Geste.</p>
-
-<p>Ich meine, das gilt sehr viel. Wenn ich es nicht
-überhaupt als einen Scherz auffassen soll. Sie
-haben sich zu einer unüberlegten Handlung hinreißen
-lassen. Sie reparieren den Schaden. Sie
-kehren in Ihren Schalter zurück und schützen ein
-momentanes Unwohlsein vor. Sie haben den vollen
-Betrag noch bei sich?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich habe mich an der Kasse vergriffen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">schroff.</p>
-
-<p>Das interessiert mich dann nicht weiter.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich habe die Bank geplündert &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Sie belästigen mich, mein Herr.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Jetzt müssen Sie &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Was ich müßte &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Jetzt müssen Sie doch!!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Lächerlich.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich habe geraubt, gestohlen. Ich habe mich ausgeliefert
-&mdash; ich habe meine Existenz vernichtet &mdash;
-alle Brücken sind gesprengt &mdash; ich bin ein Dieb
-&mdash; Räuber &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Über den Tisch geworfen.</p>
-
-<p>Jetzt müssen Sie doch &mdash; &mdash; jetzt müssen Sie doch!!!</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich werde Ihnen meinen Sohn rufen, vielleicht &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">verändert, agil.</p>
-
-<p>Jemanden rufen? Allerweltsleute rufen? Alarm
-schlagen? Großartig! &mdash; Dumm. Plump. Mich
-fangen sie nicht ein. In die Falle trete ich nicht.
-Ich habe meinen Witz, meine Herrschaften. Euer
-Witz tappt hinterher &mdash; ich immer zehn Kilometer<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
-voraus. Rühren Sie sich nicht. Stillgesessen, bis
-ich &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Er steckt das Geld ein, drückt den Hut ins Gesicht, preßt den
-Mantel auf die Brust.</p>
-
-<p>Bis ich &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Behende geräuschlos durch die Glastür ab.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p class="directive">steht verwirrt.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p class="directive">kommt.</p>
-
-<p>Der Herr von der Bank ging aus dem Hotel. Du
-bist erregt, Mama. Ist das Geld &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Die Unterhaltung hat mich angestrengt. Geldsachen,
-Jungchen. Du weißt, es reizt mich immer
-etwas.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Sind Schwierigkeiten entstanden, die die Auszahlung
-wieder aufhalten?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich müßte es dir vielleicht doch sagen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Muß ich das Bild zurückgeben?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>An das Bild denke ich nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Das geht uns doch am meisten an.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Ich glaube, ich muß sogleich eine Anzeige erstatten.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Was für eine Anzeige?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Die Depesche besorge. Ich muß unter allen Umständen
-von meiner Bank eine Bestätigung in
-Händen haben.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Genügt dein Bankbrief nicht?</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Nein. Nicht ganz. Geh nach dem Telegraphenamt.
-Ich möchte den Portier nicht mit der offenen Depesche
-schicken.</p>
-
-<p class="actor">SOHN</p>
-
-<p>Und wann kommt nun das Geld?</p>
-
-<p class="directive">Das Telephon schrillt.</p>
-
-<p class="actor">DAME</p>
-
-<p>Da werde ich schon angerufen.</p>
-
-<p class="directive">Am Apparat.</p>
-
-<p>Ist eingetroffen. Ich soll selbst abheben. Gern.
-Aber bitte, Herr Direktor. Ich bin gar nicht aufgebracht.
-Florenz ist weit. Ja, die Post in Italien.
-Wie? Warum? Wie? Ja, warum? Ach<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>
-so &mdash; via Berlin, das ist allerdings ein großer Umweg.
-&mdash; Mit keinem Gedanken. Danke, Herr Direktor.
-In zehn Minuten. Adieu.</p>
-
-<p class="directive">Zum Sohn.</p>
-
-<p>Erledigt, Junge. Meine Depesche ist überflüssig
-geworden.</p>
-
-<p class="directive">Sie zerreißt das Formular.</p>
-
-<p>Du hast dein Bild. Dein Weinhändler begleitet
-uns. Er nimmt auf der Bank den Betrag in Empfang.
-Verpacke deinen Schatz. Von der Bank
-fahren wir zum Bahnhof.</p>
-
-<p class="directive">Telephonierend, während Sohn das Bild verhüllt.</p>
-
-<p>Ich bitte um die Rechnung. Zimmer vierzehn und
-sechzehn. Sehr eilig. Bitte.</p>
-
-
-<h3 class="pagebreak" title="DRITTE SZENE"></h3>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-<p class="directive">Verschneites Feld mit Baum mit tiefreichender Astwirrnis.
-Blauschattende Sonne.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">kommt, rückwärts gehend. Er schaufelt mit den Händen seine
-Spur zu. Sich aufrichtend.</p>
-
-<p>Solch ein Mensch ist doch ein Wunderwerk. Der
-Mechanismus klappt in Scharnieren &mdash; lautlos.
-Plötzlich sind Fähigkeiten ermittelt und mit
-Schwung tätig. Wie gebärden sich meine Hände?
-Wo haben sie Schnee geschippt? Jetzt wuchten
-sie die Massen, daß die Flocken stäuben. Überdies
-ist meine Spur über das Schneefeld wirkungsvoll
-verwischt. Erzielt ist ein undurchsichtiges
-Inkognito!</p>
-
-<p class="directive">Er streift die erweichten Manschetten ab.</p>
-
-<p>Nässe und Frost begünstigen scharfe Erkältungen.
-Unversehens bricht Fieber aus und beeinflußt die
-Entschlüsse. Man verliert die Kontrolle über seine
-Handlungen, und aufs Krankenbett geworfen, ist
-man geliefert!</p>
-
-<p class="directive">Er knöpft die Knöpfe heraus und schleudert die Manschetten weg.</p>
-
-<p>Ausgedient. Da liegt. Ihr werdet in der Wäsche
-fehlen. Das Lamento plärrt durch die Küche:
-ein Paar Manschetten fehlt. Katastrophe im Waschkessel.
-Weltuntergang!</p>
-
-<p class="directive">Er sammelt die Manschetten wieder auf und stopft sie in die
-Manteltaschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span></p>
-
-<p>Toll: da arbeitet mein Witz schon wieder. Mit
-unfehlbarer Sicherheit. Ich quäle mich mit dem
-zerstampften Schnee ab und verrate mich mit
-zwei leichtsinnig verschleuderten Wäschestücken.
-Meist ist es eine Kleinigkeit &mdash; ein Versehen &mdash;
-eine Flüchtigkeit, die den Täter feststellt. Hopla!</p>
-
-<p class="directive">Er sucht sich einen bequemen Sitz in einer Astgabel.</p>
-
-<p>Ich bin doch neugierig. Meine Spannung ist gewaltig
-geschwollen. Ich habe Grund, mich auf
-die wichtigsten Entdeckungen gefaßt zu machen.
-Im Fluge gewonnene Erfahrungen stehen mir zur
-Seite. Am Morgen noch erprobter Beamter. Man
-vertraut mir runde Vermögen an, der Bauverein
-deponiert Riesensummen. Mittags ein durchtriebener
-Halunke. Mit allen Wassern gewaschen. Die Technik
-der Flucht bis in die Details durchgebildet.
-Das Ding gedreht und hin. Fabelhafte Leistung.
-Und der Tag erst zur Hälfte bezwungen!</p>
-
-<p class="directive">Er stützt das Kinn auf die Faustrücken.</p>
-
-<p>Ich bin bereit, jedem Vorfall eine offene Brust
-zu bieten. Ich besitze untrügliche Zeichen, keinem
-Anspruch die Antwort schuldig zu bleiben. Ich
-bin auf dem Marsche &mdash; Umkehr findet nicht
-statt. Ich marschiere &mdash; also ohne viel Federlesen
-heraus mit den Trümpfen. Ich habe sechzigtausend
-auf die Karte gesetzt &mdash; und erwarte
-den Trumpf. Ich spiele zu hoch, um zu verlieren.
-Keine Flausen &mdash; aufgedeckt und heda! Verstanden?</p>
-
-<p class="directive">Er lacht ein krächzendes Gelächter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt müssen Sie, schöne Dame. Ihr Stichwort,
-seidene Dame. Bringen Sie es doch, schillernde
-Dame, Sie lassen ja die Szene unter den Tisch
-fallen. Dummes Luder. Und sowas spielt Komödie.
-Kommt euren natürlichen Verpflichtungen
-nach, zeugt Kinder &mdash; und belästigt nicht die
-Souffleuse! Verzeihung, Sie haben ja einen Sohn.
-Sie sind vollständig legitimiert. Ich liquidiere
-meine Verdächtigungen. Leben Sie wohl und
-grüßen Sie den Direktor. Seine Kalbsaugen werden
-Sie mit einem eklen Schleim bestreichen, aber
-machen Sie sich nichts draus. Der Mann ist um
-sechzigtausend geprellt, der Bauverein wird ihm
-das Dach neu beschindeln. Das klappert erbärmlich.
-Ich entbinde Sie aller Verpflichtungen gegen
-mich, Sie sind entlassen, Sie können gehen. &mdash;
-Halt! Nehmen Sie meinen Dank auf den Weg &mdash;
-in die Eisenbahn! &mdash; Was? Keine Ursache? &mdash;
-Ich denke, bedeutende! Nicht der Rede wert? &mdash;
-Sie scherzen, Ihr Schuldner! Wieso? &mdash; Ich verdanke
-Ihnen das Leben! &mdash; Um Himmels willen!
-&mdash; Ich übertreibe! Mich haben Sie, knisternd, aufgelockert.
-Ein Sprung hinter Sie drein stellt mich
-in den Brennpunkt unerhörter Geschehnisse. Und
-mit der Fracht in der Brusttasche zahle ich alle
-Begünstigungen bar!</p>
-
-<p class="directive">Mit einer nachlässigen Geste.</p>
-
-<p>Verduften Sie jetzt, Sie sind bereits überboten
-und können bei beschränkten Mitteln &mdash; ziehen<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
-Sie sich Ihren Sohn zu Gemüte &mdash; auf keinen
-Zuschlag hoffen!</p>
-
-<p class="directive">Er holt das Banknotenbündel aus der Tasche und klatscht es
-auf die Hand.</p>
-
-<p>Ich zahle bar! Der Betrag ist flüssig gemacht &mdash;
-Regulierung läuft dem Angebot voraus. Vorwärts,
-was bietet sich?</p>
-
-<p class="directive">Er sieht in das Feld.</p>
-
-<p>Schnee. Schnee. Sonne. Stille.</p>
-
-<p class="directive">Er schüttelt den Kopf und steckt das Geld ein.</p>
-
-<p>Es wäre eine schamlose Übervorteilung &mdash; mit
-dieser Summe blauen Schnee zu bezahlen. Ich
-mache das Geschäft nicht. Ich trete vor dem Abschluß
-zurück. Keine reelle Sache!</p>
-
-<p class="directive">Die Arme aufwerfend.</p>
-
-<p>Ich muß bezahlen!! &mdash; &mdash; Ich habe das Geld bar!!
-&mdash; &mdash; Wo ist Ware, die man mit dem vollen Einsatz
-kauft?! Mit sechzigtausend &mdash; und dem ganzen
-Käufer mit Haut und Knochen?! &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Schreiend.</p>
-
-<p>Ihr müßt mir doch liefern &mdash; &mdash; ihr müßt doch
-Wert und Gegenwert in Einklang bringen!!!!</p>
-
-<p class="directive">Sonne von Wolken verfinstert. Er steigt aus der Gabel.</p>
-
-<p>Die Erde kreißt &mdash; Frühlingsstürme. Es macht
-sich, es macht sich. Ich wußte, daß ich nicht
-umsonst gerufen habe. Die Aufforderung war
-dringend. Das Chaos ist beleidigt, es will sich
-nicht vor meiner eingreifenden Tat am Vormittag
-blamieren. Ich wußte es ja, man darf in solchen<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
-Fällen nicht locker lassen. Hart auf den Leib
-rücken &mdash; und das Mäntelchen vom Leib, dann
-zeigt sich was! &mdash; Vor wem lüfte ich denn so
-höflich meinen Hut?</p>
-
-<p class="directive">Sein Hut ist ihm entrissen. Der Orkan hat den Schnee von
-den Zweigen gepeitscht: Reste in der Krone haften und bauen
-ein menschliches Gerippe mit grinsenden Kiefern auf. Eine
-Knochenhand hält den Hut.</p>
-
-<p>Hast du die ganze Zeit hinter mir gesessen und
-mich belauscht? Bist du ein Abgesandter der Polizei?
-Nicht in diesem lächerlich beschränkten
-Sinne. Umfassend: Polizei des Daseins? &mdash; Bist
-du die erschöpfende Antwort auf meine nachdrückliche
-Befragung? Willst du mit deiner einigermaßen
-reichlich durchlöcherten Existenz andeuten:
-das abschließende Ergebnis &mdash; deine Abgebranntheit?
-&mdash; Das ist etwas dürftig. Sehr dürftig.
-Nämlich nichts! &mdash; Ich lehne die Auskunft als
-nicht lückenlos ab. Ich danke für die Bedienung.
-Schließen Sie Ihren Laden mit alten Knochen.
-Ich bin nicht der erste beste, der sich beschwatzen
-läßt! &mdash; Der Vorgang wäre ja ungeheuer einfach.
-Sie entheben der weiteren Verwickelungen. Aber
-ich schätze Komplikationen höher. Leben Sie
-wohl &mdash; wenn Sie das in Ihrer Verfassung können!
-&mdash; Ich habe noch einiges zu erledigen. Wenn
-man unterwegs ist, kann man nicht in jede Haustür
-eintreten. Auch auf die freundlichste Einladung
-nicht. Ich sehe bis zum Abend noch eine<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-ganze Menge Verpflichtungen vor mir. Sie können
-unmöglich die erste sein. Vielleicht die letzte.
-Aber auch dann nur notgedrungen. Vergnügen
-macht es mir nicht. Aber, wie gesagt, notgedrungen
-&mdash; darüber läßt sich reden. Rufen Sie mich gegen
-Mitternacht nochmals an. Wechselnde Telephonnummer
-beim Amt zu erfragen! &mdash; Verzeihung,
-ich rede dich mit Sie an. Wir stehen doch wohl
-auf du und du. Die Verwandtschaft bezeugt sich
-innigst. Ich glaube sogar, du steckst in mir drin.
-Also winde dich aus dem Astwerk los, das dich
-von allen Seiten durchsticht, und rutsche in mich
-hinein. Ich hinterlasse in meiner zweideutigen
-Lage nicht gern Spuren. Vorher gib mir meinen
-Hut wieder!</p>
-
-<p class="directive">Er nimmt den Hut vom Ast, den der Sturm ihm jetzt entgegenbiegt
-&mdash; verbeugt sich.</p>
-
-<p>Ich sehe, wir haben bis zu einem annehmbaren
-Grade eine Verständigung erzielt. Das ist ein
-Anfang, der Vertrauen einflößt und im Wirbel
-kommender großartiger Ereignisse den nötigen
-Rückhalt schafft. Ich weiß das unbedingt zu würdigen.
-Mit vorzüglicher Hochachtung &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Donner rollt. Ein letzter Windstoß fegt auch das Gebilde aus
-dem Baum. Sonne bricht durch. Es ist hell wie zu Anfang.</p>
-
-<p>Ich sagte doch gleich, daß die Erscheinung nur
-vorübergehend war!</p>
-
-<p class="directive">Er drückt den Hut in die Stirn, schlägt den Mantelkragen hoch
-und trabt durch den stäubenden Schnee weg.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak">ZWEITER TEIL</h2>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-
-<h3 title="ERSTE SZENE"></h3>
-
-<p class="directive">Stube bei Kassierer. Fenster mit abgeblühten Geranien. Zwei
-Türen hinten, Tür rechts. Tisch und Stühle. Klavier.</p>
-
-<p class="directive">Mutter sitzt am Fenster. Erste Tochter stickt am Tisch. Zweite
-Tochter übt die Tannhäuserouvertüre. Frau geht durch die Tür
-rechts hinten ein und aus.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Was spielst du jetzt?</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p>Es ist doch die Tannhäuserouvertüre.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Die Weiße Dame ist auch sehr schön.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p>Die hat sie diese Woche nickt abonniert.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">kommt.</p>
-
-<p>Es ist Zeit, daß ich die Koteletts brate.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p>Lange noch nicht, Mutter.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Nein, es ist noch nicht Zeit, daß ich die Koteletts brate.</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Was stickst du jetzt?</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p>Die Langetten.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">kommt zur Mutter.</p>
-
-<p>Wir haben heute Koteletts.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Bratest du sie jetzt?</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Es hat noch Zeit. Es ist ja noch nicht Mittag.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p>Es ist ja noch lange nicht Mittag.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Nein, es ist noch lange nicht Mittag.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Wenn er kommt, ist es Mittag.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Er kommt noch nicht.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p>Wenn Vater kommt, ist es Mittag.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Ja.</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
-
-<p class="actor">ZWEITE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">aufhörend, lauschend.</p>
-
-<p>Vater?</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">ebenso.</p>
-
-<p>Vater?</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">kommt.</p>
-
-<p>Mein Mann?</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Mein Sohn?</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">öffnet rechts.</p>
-
-<p>Vater!</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">ist aufgestanden.</p>
-
-<p>Vater!</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Der Mann!</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Der Sohn!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">tritt rechts ein, hängt Hut und Mantel auf.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Woher kommst du?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Vom Friedhof.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Ist jemand plötzlich gestorben?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">klopft ihr auf den Rücken.</p>
-
-<p>Man kann wohl plötzlich sterben, aber nicht plötzlich
-begraben werden.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Woher kommst du?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch
-Schollen gebohrt. Hier hängt noch Eis. Es hat
-besondere Anstrengungen gekostet, um durchzukommen.
-Ganz besondere Anstrengungen. Ich
-habe mir die Finger etwas beschmutzt. Man muß
-lange Finger machen, um hinauszugreifen. Man
-liegt tief gebettet. So ein Leben lang schaufelt
-mächtig. Berge sind auf einen getürmt. Schutt,
-Müll &mdash; es ist ein riesiger Abladeplatz. Die Gestorbenen
-liegen ihre drei Meter abgezählt unter
-der Oberfläche &mdash; die Lebenden verschüttet es
-immer tiefer.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Du bist eingefroren &mdash; oben und unten.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Aufgetaut! Von Stürmen &mdash; frühlinghaft &mdash; geschüttelt.
-Es rauschte und brauste &mdash; ich sage
-dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein
-Gebein saß nackt. Knochen &mdash; gebleicht in Mi<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>nuten.
-Schädelstätte! Zuletzt schmolz mich die
-Sonne wieder zusammen. Dermaßen von Grund
-auf geschah die Erneuerung. Da habt ihr mich.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Du bist im Freien gewesen?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>In scheußlichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen
-Türmen bodenlos verhaftet. Klirrende
-Ketten betäubten das Gehör. Von Finsternis meine
-Augen ausgestochen!</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Die Bank ist geschlossen. Der Direktor hat mit
-euch getrunken. Es ist ein freudiges Ereignis in
-seiner Familie?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Er hat eine neue Mätresse auf dem Korn. Italienerin
-&mdash; Pelz &mdash; Seide &mdash; wo die Orangen blühen.
-Handgelenke wie geschliffen. Schwarzhaarig &mdash;
-der Teint ist dunkel. Brillanten. Echt &mdash; alles
-echt. Tos &mdash; Tos &mdash; der Schluß klingt wie Kanaan.
-Hol' einen Atlas. Tos &mdash; Kanaan. Gibt
-es das? Ist es eine Insel? Ein Gebirge? Ein
-Sumpf? Die Geographie kann über alles Auskunft
-geben! Aber er wird sich schneiden. Glatt abfallen
-&mdash; abgebürstet werden wie ein Flocken. Da
-liegt er &mdash; zappelt auf dem Teppich &mdash; Beine<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>
-kerzengerade in die Luft &mdash; das kugelfette Direktorchen!</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Die Bank hat nicht geschlossen?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Niemals, Frau. Die Kerker schließen sich niemals.
-Der Zuzug hat kein Ende. Die ewige Wallfahrt
-ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen sie
-hinein &mdash; in die Fleischbank. Das Gewühl ist
-dicht. Kein Entrinnen &mdash; oder mit keckem Satz
-über den Rücken!</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Dein Mantel ist auf dem Rücken zerrissen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Betrachtet meinen Hut. Ein Landstreicher!</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE TOCHTER</p>
-
-<p>Das Futter ist zerfetzt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Greift in die Taschen &mdash; rechts &mdash; links!</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">zieht eine Manschette hervor.</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">ebenso.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Befund?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p class="actor">BEIDE TÖCHTER</p>
-
-<p>Deine Manschetten.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ohne Knöpfe. Die Knöpfe habe ich hier. Triumph
-der Kaltblütigkeit! &mdash; &mdash; Paletot &mdash; Hut &mdash; ja,
-es geht ohne Fetzen nicht ab, wenn man über
-die Rücken setzt. Sie fassen nach einem &mdash; sie
-krallen Nägel ein! Hürden und Schranken &mdash; Ordnung
-muß herrschen. Gleichheit für alle. Aber
-ein tüchtiger Sprung &mdash; nicht gefackelt &mdash; und
-du bist aus dem Pferch &mdash; aus dem Göpelwerk.
-Ein Gewaltstreich, und hier stehe ich! Hinter mir
-nichts &mdash; und vor mir?</p>
-
-<p class="directive">Er sieht sich im Zimmer um.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">starrt ihn an.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p class="directive">halblaut.</p>
-
-<p>Er ist krank.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">mit raschem Entschluß zur Tür rechts.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">hält sie auf. Zu einer Tochter.</p>
-
-<p>Hol' meine Jacke.</p>
-
-<p class="directive">Tochter links hinten hinein, mit verschnürter Samtjacke zurück.
-Er zieht sie an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p>
-
-<p>Meine Pantoffeln.</p>
-
-<p class="directive">Die andere Tochter bringt sie.</p>
-
-<p>Mein Käppchen.</p>
-
-<p class="directive">Tochter kommt mit gestickter Kappe.</p>
-
-<p>Meine Pfeife.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Du sollst nicht rauchen, wenn du schon &mdash;</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">beschwichtigt sie hastig.</p>
-
-<p>&mdash; Soll ich dir anstecken?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">fertig häuslich gekleidet &mdash; nimmt am Tisch eine bequeme
-Haltung an.</p>
-
-<p>Steck' an.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">immer sorgenvoll eifrig um ihn bemüht.</p>
-
-<p>Zieht sie?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">mit der Pfeife beschäftigt.</p>
-
-<p>Ich werde sie zur gründlichen Reinigung schicken
-müssen. Im Rohr sind wahrscheinlich Ansammlungen
-von unverbrauchten Tabakresten. Der Zug
-ist nicht frei von inneren Widerständen. Ich muß
-mehr, als eigentlich notwendig sein sollte, ziehen.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Soll ich sie gleich forttragen?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Nein, geblieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p class="directive">Mächtige Rauchwolken ausstoßend.</p>
-
-<p>Annehmbar.</p>
-
-<p class="directive">Zur zweiten Tochter.</p>
-
-<p>Spiel'.</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">auf das Zeichen der Frau setzt sich ans Klavier und spielt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Was ist das für ein Stück?</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">atemlos.</p>
-
-<p>Wagner.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">nickt zustimmend. Zur ersten Tochter.</p>
-
-<p>Nähst &mdash; flickst &mdash; stopfst Du?</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">sich rasch hinsetzend.</p>
-
-<p>Ich sticke Langetten.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Praktisch. &mdash; Und Mutterchen, Du?</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p class="directive">von der allgemeinen Angst angesteckt.</p>
-
-<p>Ich nickte ein bißchen vor mich hin.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Friedvoll.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Ja, mein Leben ist Frieden geworden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">zur Frau.</p>
-
-<p>Du?</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Ich will die Koteletts braten.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">nickt.</p>
-
-<p>Die Küche.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Ich brate dir deins jetzt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">wie vorher.</p>
-
-<p>Die Küche.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">zur ersten Tochter.</p>
-
-<p>Sperre die Türen auf.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">stößt die Türen hinten zurück: rechts ist in der Küche die Frau am
-Herd beschäftigt, links die Schlafkammer mit den beiden Betten.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">in der Tür.</p>
-
-<p>Ist dir sehr warm?</p>
-
-<p class="directive">Wieder am Herd.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">herumblickend.</p>
-
-<p>Alte Mutter am Fenster. Töchter am Tisch stickend<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>
-&mdash; Wagner spielend. Frau die Küche besorgend.
-Von vier Wänden umbaut &mdash; Familienleben. Hübsche
-Gemütlichkeit des Zusammenseins. Mutter &mdash;
-Sohn &mdash; Kind versammelt sind. Vertraulicher
-Zauber. Er spinnt ein. Stube mit Tisch und
-Hängelampe. Klavier rechts. Kachelofen. Küche,
-tägliche Nahrung. Morgens Kaffee, mittags Koteletts.
-Schlafkammer &mdash; Betten, hinein &mdash; hinaus.
-Vertraulicher Zauber. Zuletzt &mdash; auf dem Rücken
-&mdash; steif und weiß. Der Tisch wird hier an die
-Wand gerückt &mdash; ein gelber Sarg streckt sich
-schräg, Beschläge abschraubbar &mdash; um die Lampe
-etwas Flor &mdash; ein Jahr wird nicht das Klavier gespielt
-&mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">hört auf und läuft schluchzend in die Küche.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">auf der Schwelle, fliegend.</p>
-
-<p>Sie übt noch an dem neuen Stück.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Warum abonniert sie nicht auf die Weiße Dame?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">verlöscht die Pfeife. Er beginnt sich wieder umzukleiden.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Gehst du in die Bank? Du hattest einen Geschäftsweg?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>In die Bank &mdash; Geschäftsweg &mdash; nein.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Wohin willst du jetzt?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Schwerste Frage, Frau. Ich bin von wehenden
-Bäumen niedergeklettert, um eine Antwort aufzusuchen.
-Hier sprach ich zuerst vor. Es war
-doch selbstverständlich. Es ist ja alles wunderschön
-&mdash; unstreitbare Vorzüge verkleinere ich nicht,
-aber vor letzten Prüfungen besteht es nicht. Hier
-liegt es nicht &mdash; damit ist der Weg angezeigt. Ich
-erhalte ein klares Nein.</p>
-
-<p class="directive">Er hat seinen früheren Anzug vollendet.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">zerrissen.</p>
-
-<p>Mann, wie entstellt siehst du aus?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Landstreicher. Ich sagte es ja. Scheltet nicht!
-Besser ein verwahrloster Wanderer auf der Straße
-&mdash; als Straßen leer von Wanderern!</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p>Wir essen jetzt zu Mittag.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Koteletts, ich rieche sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p>Vor dem Mittagessen willst du &mdash;?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ein voller Magen macht schläfrig.</p>
-
-<p class="actor">MUTTER</p>
-
-<p class="directive">fuchtelt plötzlich mit den Armen durch die Luft, fällt zurück.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE TOCHTER</p>
-
-<p>Die Großmutter &mdash;</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE TOCHTER</p>
-
-<p class="directive">aus der Küche.</p>
-
-<p>Großmutter &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Beide sinken an ihren Knien nieder.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">steht steif.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">tritt zum Sessel.</p>
-
-<p>Daran stirbt sie, weil einer einmal vor dem Mittagessen
-weggeht.</p>
-
-<p class="directive">Er betrachtet die Tote.</p>
-
-<p>Schmerz? Trübsal? Tränengüsse, verschwemmend?
-Sind die Bande so eng geknüpft &mdash; daß, wenn
-sie zerrissen, im geballten Leid es sich erfüllt?
-Mutter &mdash; Sohn?</p>
-
-<p class="directive">Er holt die Scheine aus der Tasche und wägt sie auf der
-Hand &mdash; schüttelt den Kopf und steckt sie wieder ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p>Keine vollständige Lähmung im Schmerz &mdash; kein
-Erfülltsein bis in die Augen. Augen trocken &mdash;
-Gedanken arbeiten weiter. Ich muß mich eilen,
-wenn ich zu gültigen Resultaten vorstoßen will!</p>
-
-<p class="directive">Er legt sein abgegriffenes Portemonnaie auf den Tisch.</p>
-
-<p>Sorgt. Es ist ehrlich erworbenes Gehalt. Die Erklärung
-kann von Wichtigkeit werden. Sorgt.</p>
-
-<p class="directive">Er geht rechts hinaus.</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">steht unbeweglich.</p>
-
-<p class="actor">DIREKTOR</p>
-
-<p class="directive">durch die offene Tür rechts.</p>
-
-<p>Ist Ihr Mann zu Hause? &mdash; Ist Ihr Mann hierher
-gekommen? &mdash; Ich habe Ihnen leider die betrübende
-Mitteilung zu machen, daß er sich an der Kasse
-vergriffen hat. Wir haben seine Verfehlung schon
-seit einigen Stunden entdeckt. Es handelt sich um
-die Summe von sechzigtausend Mark, die der Bauverein
-deponierte. Die Anzeige habe ich in der
-Hoffnung noch zurückgehalten, daß er sich besinnen
-würde. &mdash; Dies ist mein letzter Versuch.
-Ich bin persönlich gekommen. &mdash; Ihr Mann ist
-nicht hier gewesen?</p>
-
-<p class="directive">Er sieht sich um, gewahrt Jacke, Pfeife usw., alle
-offenen Türen.</p>
-
-<p>Dem Anschein nach &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Seine Blicke haften auf der Gruppe am Fenster, nickt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
-
-<p>Ich sehe, die Dinge sind schon in ein vorgerücktes
-Stadium getreten. Dann allerdings &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Er zuckt die Achseln, setzt den Hut auf.</p>
-
-<p>Es bleibt ein aufrichtiges, privates Bedauern, an
-dem es nicht fehlt &mdash; sonst die Konsequenzen.</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p class="actor">BEIDE TÖCHTER</p>
-
-<p class="directive">nähern sich der Frau.</p>
-
-<p>Mutter &mdash;</p>
-
-<p class="actor">FRAU</p>
-
-<p class="directive">ausbrechend.</p>
-
-<p>Kreischt mir nicht in die Ohren. Glotzt mich
-nicht an. Was wollt ihr von mir? Wer seid ihr?
-Fratzen &mdash; Affengesichter &mdash; was geht ihr mich
-an?</p>
-
-<p class="directive">Über den Tisch geworfen.</p>
-
-<p>Mich hat mein Mann verlassen!!</p>
-
-<p class="actor">BEIDE TÖCHTER</p>
-
-<p class="directive">scheu &mdash; halten sich an den Händen.</p>
-
-
-<h3 class="pagebreak" title="ZWEITE SZENE"></h3>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span></p>
-
-<p class="directive">Sportpalast. Sechstagerennen. Bogenlampenlicht.</p>
-
-<p class="directive">Im Dunstraum rohgezimmerte freischwebende Holzbrücke. Die
-jüdischen Herren als Kampfrichter kommen und gehen. Alle
-sind ununterscheidbar: kleine bewegliche Gestalten, in Smoking,
-stumpfen Seidenhut im Nacken, am Riemen das Binokel.</p>
-
-<p class="directive">Rollendes Getöse von Rädern über Bohlen.</p>
-
-<p class="directive">Pfeifen, Heulen, Meckern geballter Zuschauermenge aus Höhe
-und Tiefe. Musikkapellen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">kommend.</p>
-
-<p>Ist alles vorbereitet?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Sehen Sie doch.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">durchs Glas.</p>
-
-<p>Die Blattpflanzen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Was ist mit den Blattpflanzen?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Zweifellos.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Was ist denn mit den Blattpflanzen?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wer hat denn das Arrangement gestellt?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Sie haben recht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span></p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Das ist ja irrsinnig.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Hat sich denn niemand um die Aufstellung gekümmert?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Einfach lächerlich.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Der Betreffende muß selbst blind sein.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Oder schlafen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Das ist die einzig annehmbare Erklärung bei dieser
-Veranstaltung.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Was reden Sie &mdash; schlafen? Wir fahren doch erst
-in der vierten Nacht.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Kübel müssen mehr auf die Seite gerückt
-werden.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Gehen Sie?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Ganz an die Wände.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Der Überblick muß frei auf die ganze Bahn sein.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Loge muß offen liegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Ich gehe mit.</p>
-
-<p class="directive">Alle ab.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">kommt, feuert einen Pistolenschuß. Ab.</p>
-
-<p class="actor">ZWEI HERREN</p>
-
-<p class="directive">kommen mit einem rotlackierten Megaphon.</p>
-
-<p class="actor">DER EINE HERR</p>
-
-<p>Wie hoch ist die Prämie?</p>
-
-<p class="actor">DER ANDERE HERR</p>
-
-<p>Achtzig Mark. Dem ersten fünfzig. Dem zweiten
-dreißig.</p>
-
-<p class="actor">DER EINE HERR</p>
-
-<p>Drei Runden. Mehr nicht. Wir erschöpfen die
-Fahrer.</p>
-
-<p class="actor">DER ANDERE HERR</p>
-
-<p class="directive">spricht durch das Megaphon.</p>
-
-<p>Eine Preisstiftung von achtzig Mark aus der Bar
-sofort auszufahren über drei Runden! dem ersten
-fünfzig Mark &mdash; dem zweiten dreißig Mark.</p>
-
-<p class="directive">Händeklatschen.</p>
-
-<p class="actor">MEHRERE HERREN</p>
-
-<p class="directive">kommen, einer mit einer roten Fahne.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Geben Sie den Start.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Noch nicht, Nummer sieben wechselt die Mannschaft.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Start.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">senkt die rote Fahne.</p>
-
-<p class="directive">Anwachsender Lärm. Dann Händeklatschen und Pfeifen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Schwachen müssen auch mal gewinnen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Es ist gut, daß die Großen sich zurückhalten.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Nacht wird ihnen noch zu schaffen machen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Aufregung unter den Fahrern ist ungeheuer.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Es läßt sich denken.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Passen Sie auf, diese Nacht fällt die Entscheidung.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">achselzuckend.</p>
-
-<p>Die Amerikaner sind noch frisch.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Unsere Deutschen werden ihnen schon auf den
-Zahn fühlen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Jedenfalls hätte sich dann der Besuch gelohnt.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">durchs Glas.</p>
-
-<p>Jetzt ist die Loge klar.</p>
-
-<p class="directive">Alle bis auf den Herrn mit dem Megaphon ab.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">mit einem Zettel.</p>
-
-<p>Das Resultat.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p class="directive">durchs Megaphon.</p>
-
-<p>Prämie aus der Bar: fünfzig Mark für Nummer
-elf, dreißig Mark für Nummer vier.</p>
-
-<p class="directive">Musiktusch.</p>
-
-<p class="directive">Pfeifen und Klatschen.</p>
-
-<p class="directive">Die Brücke ist leer.</p>
-
-<p class="directive">Ein Herr kommt mit Kassierer. Kassierer im Frack, Frackumhang,
-Zylinder, Glacés; Bart ist spitz zugestutzt; Haar
-tief gescheitelt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Erklären Sie mir den Sinn &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Ich stelle Sie vor.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Mein Name tut nichts zur Sache.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Sie haben ein Recht, daß ich Sie mit dem Präsidium
-bekannt mache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich bleibe inkognito.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Sie sind ein Freund unsres Sports.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich verstehe nicht das mindeste davon. Was
-machen die Kerle da unten? Ich sehe einen Kreis
-und die bunte Schlangenlinie. Manchmal mischt
-sich ein anderer ein und ein anderer hört auf.
-Warum?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Die Fahrer liegen paarweise im Rennen. Während
-ein Partner fährt &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Schläft sich der andere Bengel aus?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Er wird massiert.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Und das nennen Sie Sechstagerennen?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Wieso?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ebenso könnte es Sechstageschlafen heißen. Geschlafen
-wird ja fortwährend von einem Partner.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">kommt.</p>
-
-<p>Die Brücke ist nur für die Leitung des Rennens erlaubt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE HERR</p>
-
-<p>Eine Stiftung von tausend Mark dieses Herrn.</p>
-
-<p class="actor">DER ANDERE HERR</p>
-
-<p>Gestatten Sie mir, daß ich mich vorstelle.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Keineswegs.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE HERR</p>
-
-<p>Der Herr wünscht sein Inkognito zu wahren.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Undurchsichtig.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE HERR</p>
-
-<p>Ich habe Erklärungen gegeben.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ja, finden Sie es nicht komisch?</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE HERR</p>
-
-<p>Inwiefern?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Dies Sechstageschlafen.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE HERR</p>
-
-<p>Also tausend Mark über wieviel Runden?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Nach Belieben.</p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE HERR</p>
-
-<p>Wieviel dem ersten?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Nach Belieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER ZWEITE HERR</p>
-
-<p>Achthundert und zweihundert.</p>
-
-<p class="directive">Durchs Megaphon.</p>
-
-<p>Preisstiftung eines ungenannt bleiben wollenden
-Herrn über zehn Runden sofort auszufahren: dem
-ersten achthundert &mdash; dem zweiten zweihundert.
-Zusammen tausend Mark.</p>
-
-<p class="directive">Gewaltiger Lärm.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE HERR</p>
-
-<p>Dann sagen Sie mir, wenn die Veranstaltung für
-Sie nur Gegenstand der Ironie ist, weshalb machen
-Sie eine Preisstiftung in der Höhe von tausend
-Mark?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Weil die Wirkung fabelhaft ist.</p>
-
-<p class="actor">DER ERSTE HERR</p>
-
-<p>Auf das Tempo der Fahrer?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Unsinn.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">kommend.</p>
-
-<p>Sind Sie der Herr, der tausend Mark stiftet?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>In Gold.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Das würde zu lange aufhalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Das Aufzählen? Sehen Sie zu.</p>
-
-<p class="directive">Er holt eine Rolle heraus, reißt sie auf, schüttet den Inhalt auf die
-Hand, prüft die leere Papierhülse, schleudert sie weg und zählt
-behende die klimpernden Goldstücke in seine Handhöhle.</p>
-
-<p>Außerdem erleichtere ich meine Taschen.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Mein Herr, Sie sind ein Fachmann in dieser Angelegenheit.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ein Detail, mein Herr.</p>
-
-<p class="directive">Er übergibt den Betrag.</p>
-
-<p>Nehmen Sie an.</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Dankend erhalten.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Nur ordnungsmäßig.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">kommend.</p>
-
-<p>Wo ist der Herr? Gestatten Sie &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Nichts.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">mit der roten Fahne.</p>
-
-<p>Den Start gebe ich.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Jetzt werden die Großen ins Zeug gehen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Flieger liegen sämtlich im Rennen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p class="directive">die Fahne schwingend.</p>
-
-<p>Der Start.</p>
-
-<p class="directive">Er senkt die Fahne.</p>
-
-<p class="directive">Heulendes Getöse entsteht.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">zwei Herren im Nacken packend und ihre Köpfe nach
-hinten biegend.</p>
-
-<p>Jetzt will ich Ihnen die Antwort auf Ihre Frage
-geben. Hinauf geschaut!</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Verfolgen Sie doch die wechselnden Phasen des
-Kampfes unten auf der Bahn.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Kindisch. Einer muß der erste werden, weil die
-andern schlechter fahren. &mdash; Oben entblößt sich
-der Zauber. In dreifach übereinandergelegten
-Ringen &mdash; vollgepfropft mit Zuschauern &mdash; tobt
-Wirkung. Im ersten Rang &mdash; anscheinend das
-bessere Publikum tut sich noch Zwang an. Nur
-Blicke, aber weit &mdash; rund &mdash; stierend. Höher
-schon Leiber in Bewegung. Schon Ausrufe. Mittlerer
-Rang! &mdash; Ganz oben fallen die letzten Hüllen.
-Fanatisiertes Geschrei. Brüllende Nacktheit.
-Die Galerie der Leidenschaft! &mdash; Sehen Sie doch:
-die Gruppe. Fünffach verschränkt. Fünf Köpfe
-auf einer Schulter. Um eine heulende Brust gespreizt
-fünf Armpaare. Einer ist der Kern. Er<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-wird erdrückt &mdash; hinausgeschoben &mdash; da purzelt
-sein steifer Hut &mdash; im Dunst träge sinkend &mdash;
-zum mittleren Rang nieder. Einer Dame auf den
-Busen. Sie kapiert es nicht. Da ruht er köstlich.
-Köstlich. Sie wird den Hut nie bemerken, sie geht
-mit ihm zu Bett, zeitlebenslang trägt sie den steifen
-Hut auf ihrem Busen!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Der Belgier setzt zum Spurt an.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Der mittlere Rang kommt ins Heulen. Der Hut
-hat die Verbindung geschlossen. Die Dame hat
-ihn gegen die Brüstung zertrümmert. Ihr Busen
-entwickelt breite Schwielen. Schöne Dame, du
-mußt hier an die Brüstung und deine Büste brandmarken.
-Du mußt unweigerlich. Es ist sinnlos,
-sich zu sträuben. Mitten im Knäuel verkrallt
-wirst du an die Wand gepreßt und mußt hergeben,
-was du bist. Was du bist &mdash; ohne Winseln!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Kennen Sie die Dame?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Sehen Sie jetzt: oben die fünf drängen ihren
-Kern über die Barriere &mdash; er schwebt frei &mdash; er
-stürzt &mdash; da &mdash; in den ersten Rang segelt er hinein.
-Wo ist er? Wo erstickt er? Ausgelöscht
-&mdash; spurlos vergraben. Interesselos. Ein Zuschauer<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>
-&mdash; ein Zufallender &mdash; ein Zufall, nicht mehr unter
-Abertausenden!</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Der Deutsche rückt auf.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Der erste Rang rast. Der Kerl hat den Kontakt
-geschaffen. Die Beherrschung ist zum Teufel.
-Die Fräcke beben. Die Hemden reißen. Knöpfe
-prasseln in alle Richtungen. Bärte verschoben
-von zersprengten Lippen, Gebisse klappern. Oben
-und mitten und unten vermischt. Ein Heulen
-aus allen Ringen &mdash; unterschiedlos. Unterschiedlos.
-Das ist erreicht!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p class="directive">sich umwendend.</p>
-
-<p>Der Deutsche hat's. Was sagen Sie nun?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Albernes Zeug.</p>
-
-<p class="directive">Furchtbarer Lärm. Händeklatschen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Fabelhafter Spurt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Fabelhafter Blödsinn.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wir stellen das Resultat im Büro fest.</p>
-
-<p class="directive">Alle ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">jenen Herrn festhaltend.</p>
-
-<p>Haben Sie noch einen Zweifel?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Die Deutschen machen das Rennen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>In zweiter Linie das, wenn Sie wollen.</p>
-
-<p class="directive">Hinaufweisend.</p>
-
-<p>Das ist es, das ist als Tatsache erdrückend. Das
-ist letzte Ballung des Tatsächlichen. Hier schwingt
-es sich zu seiner schwindelhaften Leistung auf.
-Vom ersten Rang bis in die Galerie Verschmelzung.
-Aus siedender Auflösung des einzelnen geballt der
-Kern: Leidenschaft! Beherrschungen &mdash; Unterschiede
-rinnen ab. Verkleidungen von Nacktheit
-gestreift: Leidenschaft! &mdash; Hier vorzustoßen ist
-Erlebnis. Türen &mdash; Tore verschweben zu Dunst.
-Posaunen schmettern und Mauern kieseln. Kein
-Widerstreben &mdash; keine Keuschheit &mdash; keine Mütterlichkeit
-&mdash; keine Kindschaft: Leidenschaft! Das
-ist es. Das ist es. Das lohnt. Das lohnt den Griff &mdash;
-das bringt auf breitem Präsentierbrett den Gewinn
-geschichtet!</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">kommend.</p>
-
-<p>Die Sanitätskolonne funktioniert tadellos.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ist der Kerl stürzend zermahlen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Zertreten.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Es geht nicht ohne Tote ab, wo andere fiebernd
-leben.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">durchs Megaphon.</p>
-
-<p>Resultat der Preisstiftung des ungenannt bleiben
-wollenden Herrn: achthundert Mark gewonnen
-von Nummer zwei &mdash; zweihundert Mark von
-Nummer eins.</p>
-
-<p class="directive">Wahnsinniger Beifall. Tusch.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Mannschaften sind erschöpft.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Das Tempo fällt zusehend ab.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wir müssen die Manager für Ruhe im Felde sorgen
-lassen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Eine neue Stiftung!</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Später, mein Herr.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Keine Unterbrechung in dieser Situation.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Situation wird für die Fahrer gefährlich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ärgern Sie mich nicht mit den Bengels. Das Publikum
-kocht in Erregungen. Das muß ausgenutzt
-werden. Der Brand soll eine nie erlebte Steigerung
-erfahren. Fünfzigtausend Mark.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wahrhaftig?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wieviel?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich setze alles dran.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Das ist eine unerhörte Preisstiftung.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Unerhört soll die Wirkung sein. Alarmieren Sie
-die Sanitätskolonnen in allen Ringen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wir akzeptieren die Stiftung. Wir werden sie bei
-besetzter Loge ausfahren lassen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Prachtvoll.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Großartig.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Durchaus lohnender Besuch.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Was heißt das! bei besetzter Loge?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wir beraten die Bedingungen im Büro. Dreißigtausend
-dem ersten, fünfzehntausend dem zweiten
-&mdash; fünftausend dem dritten.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Das Feld wird in dieser Nacht gesprengt.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Damit ist das Rennen so gut wie aus.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Jedenfalls: bei besetzter Loge.</p>
-
-<p class="directive">Alle ab.</p>
-
-<p class="directive">Mädchen der Heilsarmee kommt.</p>
-
-<p class="directive">Gelächter der Zuschauer. Pfiffe. Rufe.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">anbietend.</p>
-
-<p>Der Kriegsruf &mdash; zehn Pfennig, mein Herr.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Andermal.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Der Kriegsruf, mein Herr.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Was verhökern Sie da für ein Kümmelblättchen?</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Der Kriegsruf, mein Herr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Sie treten verspätet auf. Hier ist die Schlacht in
-vollem Betrieb.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">mit der Blechbüchse.</p>
-
-<p>Zehn Pfennig, mein Herr.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Für zehn Pfennig wollen Sie Krieg entfachen?</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Zehn Pfennig, mein Herr.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich bezahle hier Kriegskosten mit fünfzigtausend.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Zehn Pfennig.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Lumpiges Handgemenge. Ich subventioniere nur
-Höchstleistungen.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Zehn Pfennig.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich trage nur Gold bei mir.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Zehn Pfennig.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Gold &mdash;</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Zehn &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">brüllt sie durchs Megaphon an.</p>
-
-<p>Gold &mdash; Gold &mdash; Gold!</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="directive">Wieherndes Gelächter der Zuschauer. Händeklatschen.
-Viele Herren kommen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wollen Sie selbst Ihre Stiftung bekanntgeben?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich bleibe im undeutlichen Hintergrund.</p>
-
-<p class="directive">Er gibt ihm das Megaphon.</p>
-
-<p>Jetzt sprechen Sie. Jetzt teilen Sie die letzte Erschütterung
-aus.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">durchs Megaphon.</p>
-
-<p>Eine neue Preisstiftung desselben ungenannt bleiben
-wollenden Herrn.</p>
-
-<p class="directive">Bravorufe.</p>
-
-<p>Gesamtsumme fünfzigtausend Mark.</p>
-
-<p class="directive">Betäubendes Schreien.</p>
-
-<p>Fünftausend Mark dem dritten.</p>
-
-<p class="directive">Schreien.</p>
-
-<p>Fünfzehntausend Mark dem zweiten.</p>
-
-<p class="directive">Gesteigertes Schreien.</p>
-
-<p>Dem ersten dreißigtausend Mark.</p>
-
-<p class="directive">Ekstase.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">beiseite stehend, kopfnickend.</p>
-
-<p>Das wird es. Daher sträubt es sich empor. Das
-sind Erfüllungen. Heulendes Wehen vom Frühlingsorkan.
-Wogender Menschheitsstrom. Entkettet
-&mdash; frei. Vorhänge hoch &mdash; Vorwände nieder.
-Menschheit. Freie Menschheit. Hoch und tief &mdash;
-Mensch. Keine Ringe &mdash; keine Schichten &mdash; keine
-Klassen. Ins Unendliche schweifende Entlassenheit
-aus Fron und Lohn in Leidenschaft. Rein nicht
-&mdash; doch frei! &mdash; Das wird der Erlös für meine
-Keckheit.</p>
-
-<p class="directive">Er zieht das Bündel Scheine hervor.</p>
-
-<p>Gern gegeben &mdash; anstandslos beglichen!</p>
-
-<p class="directive">Plötzlich lautlose Stille.</p>
-
-<p class="directive">Nationalhymne.</p>
-
-<p class="directive">Die Herren haben die Seidenhüte gezogen und stehen verneigt.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">tritt zum Kassierer.</p>
-
-<p>Händigen Sie mir den Betrag ein, um die Stiftung
-jetzt sofort ausfahren zu lassen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Was bedeutet das?</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Was, mein Herr?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Dieses jähe, unvermittelte Schweigen oben und
-unten?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span></p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Durchaus nicht unvermittelt: Seine Hoheit sind
-in die Loge getreten.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Seine Hoheit &mdash; in die Loge &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Um so günstiger kommt uns Ihre bedeutende Stiftung.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich denke nicht daran, mein Geld zu vergeuden!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Was heißt das?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Daß es mir für die Fütterung von krummen Buckeln
-zu teuer ist!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Erklären Sie mir &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Dieser eben noch lodernde Brand ausgetreten von
-einem Lackstiefel am Bein Seiner Hoheit. Sind
-Sie toll, mich für so verrückt zu halten, daß ich
-zehn Pfennig vor Hundeschnauzen werfe! Auch
-das wäre noch zu viel. Einen Fußtritt gegen den
-eingeklemmten Schweif, das ist die gebotene Stiftung!</p>
-
-<p class="actor">DER HERR</p>
-
-<p>Die Stiftung ist angekündigt. Seine Hoheit warten<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
-in der Loge. Das Publikum verharrt ehrfürchtig.
-Was soll das heißen?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Wenn Sie es denn nicht aus meinen Worten begreifen
-&mdash; dann werden Sie die nötige Einsicht
-gewinnen, indem ich Ihnen mit einem Schlage ein
-einwandfreies Bekenntnis meinerseits beibringe!</p>
-
-<p class="directive">Er treibt ihm den Seidenhut auf die Schultern.</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p class="directive">Noch Hymne. Schweigen. Verbeugtsein auf der Brücke.</p>
-
-
-<h3 class="pagebreak" title="DRITTE SZENE"></h3>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p>
-
-<p class="directive">Ballhaus. Sonderzimmer.</p>
-
-<p class="directive">Noch dunkel.</p>
-
-<p class="directive">Gedämpft: Orchester mit Tanzrhythmen.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">öffnet die Tür, dreht rotes Licht an.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">Frack, Umhang, Schal, Bambusrohr mit Goldknopf.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Gefällig?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ganz.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">nimmt Umhang in Empfang.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">vorm Spiegel.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Wieviel Gedecke belieben?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Vierundzwanzig. Ich erwarte meine Großmama,
-meine Mama, meine Frau und weitere Tanten.
-Ich feiere die Konfirmation meiner Tochter.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">staunend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">zu ihm im Spiegel.</p>
-
-<p>Esel. Zwei! Oder wozu polstern Sie diese diskret
-illuminierten Kojen?</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Welche Marke bevorzugen der Herr?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Gesalbter Kuppler. Das überlassen Sie mir, mein
-Bester, welche Blume ich mir auf dem Parkett
-pflücke, Knospe oder Rose &mdash; kurz oder schlank.
-Ich will Ihre unschätzbaren Dienste nicht übermäßig
-anspannen. Unschätzbar &mdash; oder führen
-Sie auch darüber feste Tarife?</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Die Sektmarke des Herrn?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">räuspert.</p>
-
-<p>Grand Marnier.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Das ist Kognak nach dem Sekt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Also &mdash; darin richte ich mich entgegenkommend
-nach Ihnen.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Zwei Flaschen Pommery. Dry?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Zwei, wie Sie sagten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Extra dry?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Zwei decken den anfänglichen Bedarf. Oder für
-diskrete Bedienung drei Flaschen extra? Gewährt.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">mit der Karte.</p>
-
-<p>Das Souper?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Spitzen, Spitzen.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Oeufs pochés Bergère? Poulet grillé? Steak de veau
-truffé? Parfait de foie gras en croûte? Salade
-coeur de laitue?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Spitzen &mdash; von Anfang bis zu Ende nur Spitzen.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p>Pardon?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">ihm auf die Nase tippend.</p>
-
-<p>Spitzen sind letzte Ballungen in allen Dingen. Also
-auch aus Ihren Kochtöpfen und Bratpfannen. Das
-Delikateste vom Delikaten. Das Menu der Menus.
-Zur Garnierung bedeutsamerer Vorgänge. Ihre
-Sache, mein Freund, ich bin nicht der Koch.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">stellt eine größere Karte auf den Tisch.</p>
-
-<p>In zwanzig Minuten zu servieren.</p>
-
-<p class="directive">Er ordnet die Gläser usw.</p>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-<p class="directive">Durch die Türspalte Köpfe mit seidenen Larven.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">in den Spiegel mit dem Finger drohend.</p>
-
-<p>Wartet, Motten, ich werde euch gleich unter das
-Glühlicht halten. Wir werden uns über diesen
-Punkt auseinandersetzen, wenn wir beieinandersitzen.</p>
-
-<p class="directive">Er nickt.</p>
-
-<p class="directive">Die kichernden Masken ab.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">hängt einen Karton: Reserviert! &mdash; an die Tür. Ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">schiebt den Zylinder zurück, entnimmt einem goldenen Etui Zigaretten,
-zündet an.</p>
-
-<p>Auf in den Kampf, Torero &mdash; &mdash; Was einem nicht
-alles auf die Lippen kommt. Man ist ja geladen.
-Alles &mdash; einfach alles. Torero &mdash; Carmen. Caruso.
-Den Schwindel irgendwo mal gelesen &mdash; haften
-geblieben. Aufgestapelt. Ich könnte in diesem
-Augenblick Aufklärungen geben über die Verhandlungen
-mit der Bagdadbahn. Der Kronprinz von
-Rumänien heiratet die zweite Zarentochter. Tatjana.
-Also los. Sie soll sich verheiraten. Vergnügtes
-Himmelbett. Das Volk braucht Fürsten.
-Tat &mdash; Tat &mdash; jana.</p>
-
-<p class="directive">Den Bambus wippend, ab.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">mit Flaschen und Kühler; entkorkt und gießt ein. Ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">eine weibliche Maske &mdash; Harlekin in gelbrotkariertem, von Fuß
-zu offener Brust knabenhaft anliegendem Anzug &mdash; vor sich
-scheuchend herein.</p>
-
-<p>Motte!</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">um den Tisch laufend.</p>
-
-<p>Sekt!</p>
-
-<p class="directive">Sie gießt sich beide Gläser Sekt in den Mund, fällt ins Sofa.</p>
-
-<p>Sekt!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">neu vollgießend.</p>
-
-<p>Flüssiges Pulver. Lade deinen scheckigen Leib.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">trinkt</p>
-
-<p>Sekt!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Batterien aufgefahren und Entladungen vorbereitet.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Sekt!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">die Flaschen wegstellend.</p>
-
-<p>Leer.</p>
-
-<p class="directive">Er kommt in die Polster zur Maske.</p>
-
-<p>Fertig zur Explosion.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">lehnt betrunken hinüber.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">rüttelt ihre schlaffen Arme.</p>
-
-<p>Munter, Motte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">faul.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Aufgerappelt, bunter Falter. Du hast den prickelnden
-gelben Honig geleckt. Entfalte Falterflügel.
-Überfalle mich mit dir. Vergrabe mich,
-decke mich zu. Ich habe mich in einigen Beziehungen
-mit den gesicherten Zuständen überworfen
-&mdash; überwirf mich mit dir.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">lallt.</p>
-
-<p>Sekt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Nein, mein Paradiesvogel. Du hast deine hinreichende
-Ladung. Du bist voll.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Sekt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Keinen Spritzer. Du wirst sonst unklar. Du
-bringst mich um schöne Möglichkeiten.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Sekt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Oder hast du keine? Also &mdash; auf den Grund gelotet;
-was hast du?</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Sekt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Den hast du allerdings. Das heißt: von mir. Was
-habe ich von dir?</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">schläft ein.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Willst du dich hier ausschlafen? Kleiner Schäker.
-Zu dermaßen ausgedehnten Scherzen fehlt mir
-diesmal die Zeit.</p>
-
-<p class="directive">Er steht auf, füllt ein Glas und schüttet es ihr ins Gesicht.</p>
-
-<p>Frühmorgens, wenn die Hähne krähn.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">springt auf.</p>
-
-<p>Schwein!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Aparter Name. Leider bin ich nicht in der Lage,
-deine Vorstellung zu erwidern. Also, Maske der
-weitverzweigten Rüsselfamilie, räume die Polster.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Das werde ich Sie eintränken.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Mehr als billig, nachdem ich dir hinreichend eingetränkt.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">trinkt Sekt; ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">kommt, bringt Kaviar; nimmt leere Flaschen mit.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">kommt mit zwei schwarzen Masken.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE MASKE</p>
-
-<p class="directive">die Tür zuwerfend.</p>
-
-<p>Reserviert.</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE MASKE</p>
-
-<p class="directive">am Tisch.</p>
-
-<p>Kaviar.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE MASKE</p>
-
-<p class="directive">hinlaufend.</p>
-
-<p>Kaviar.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Schwarz wie ihr. Eßt ihn auf. Stopft ihn euch
-in den Hals.</p>
-
-<p class="directive">Er sitzt zwischen beiden im Polster.</p>
-
-<p>Sagt Kaviar. Flötet Sekt. Auf euren eigenen
-Witz verzichte ich.</p>
-
-<p class="directive">Er gießt ein, füllt die Teller.</p>
-
-<p>Ihr sollt nicht zu Worte kommen. Mit keiner
-Silbe, mit keinem Juchzer. Stumm wie die Fische,
-die diesen schwarzen Kaviar über das Schwarze
-Meer laichten. Kichert, meckert, aber redet nicht.
-Es kommt nichts dabei aus euch heraus. Höchstens
-ihr aus euren Polstern. Ich habe schon einmal
-ausgeräumt.</p>
-
-<p class="actor">MASKEN</p>
-
-<p class="directive">sehen sich kichernd an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">die erste packend.</p>
-
-<p>Was hast du für Augen? Grüne &mdash; gelbe?</p>
-
-<p class="directive">Zur andern.</p>
-
-<p>Deine blau &mdash; rot? Reizendes Kugelspiel in den
-Schlitzen. Das verheißt. Das muß heraus. Ich
-setze einen Preis für die schönste!</p>
-
-<p class="actor">MASKEN</p>
-
-<p class="directive">lachen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">zur ersten.</p>
-
-<p>Du bist die schönere. Du wehrst dich mächtig.
-Warte, ich reiße dir den Vorhang herunter und
-schaue das Ereignis an!</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">entzieht sich ihm.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">zur andern.</p>
-
-<p>Du hast dich zu verbergen? Du bist aus Scham
-überwältigend. Du hast dich in diesen Ballsaal
-verirrt. Du streifst auf Abenteuer. Du hast deinen
-Abenteurer gefunden, den du suchst. Von deinem
-Milch und Blut die Larve herunter!</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">rückt von ihm weg.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich bin am Ziel. Ich sitze zitternd &mdash; mein Blut<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-ist erwühlt. Das wird es! &mdash; Und nun bezahlt.</p>
-
-<p class="directive">Er holt den Pack Scheine heraus und teilt ihn.</p>
-
-<p>Schöne Maske, weil du schön bist. Schöne Maske,
-weil du schön bist.</p>
-
-<p class="directive">Er hält die Hände vor das Gesicht.</p>
-
-<p>Eins &mdash; zwei &mdash; drei!</p>
-
-<p class="actor">MASKEN</p>
-
-<p class="directive">lüften ihre Larven.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">blickt hin &mdash; lacht.</p>
-
-<p>Deckt zu &mdash; deckt zu &mdash; deckt zu!</p>
-
-<p class="directive">Er läuft um den Tisch.</p>
-
-<p>Scheusal &mdash; Scheusal &mdash; Scheusal! Wollt ihr gleich
-&mdash; aber sofort &mdash; oder &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Er schwingt seinen Bambus.</p>
-
-<p class="actor">ERSTE MASKE</p>
-
-<p>Wollen Sie uns &mdash;</p>
-
-<p class="actor">ZWEITE MASKE</p>
-
-<p>Sie wollen uns &mdash;</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Euch will ich!</p>
-
-<p class="actor">MASKEN</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">schüttelt sich, trinkt Sekt.</p>
-
-<p>Kontrakte Vetteln!</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">mit neuen Flaschen. Ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">stößt die Tür auf: im Tanz mit einer Pierrette, der der Rock bis
-auf die Schuhe reicht, herein. Er läßt sie in der Mitte stehen
-und wirft sich in die Polster.</p>
-
-<p>Tanze!</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">steht still.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Tanze. Drehe deinen Wirbel. Tanze, tanze. Witz
-gilt nicht. Hübschheit gilt nicht. Tanz ist es,
-drehend &mdash; wirbelnd. Tanz. Tanz. Tanz!</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">kommt an den Tisch.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">abwehrend.</p>
-
-<p>Keine Pause. Keine Unterbrechung. Tanze.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">steht still.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Warum springst du nicht? Weißt du, was Derwische
-sind? Tanzmenschen. Menschen im Tanz
-&mdash; ohne Tanz Leichen. Tod und Tanz &mdash; an den
-Ecken des Lebens aufgerichtet. Dazwischen &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Das Mädchen der Heilsarmee tritt ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Halleluja.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Der Kriegsruf.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Zehn Pfennig.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">hält die Büchse hin.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Wann denkst du, daß ich in deine Büchse springe?</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Der Kriegsruf.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Du erwartest es doch mit Bestimmtheit von mir?</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Zehn Pfennig.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Also wann?</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Zehn Pfennig.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Du hängst mir doch an den Frackschößen?</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">schüttelt die Büchse.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Und ich schüttle dich wieder ab!</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">schüttelt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Also &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Zur Maske.</p>
-
-<p>Tanze!</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">kommt in die Polster.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Warum sitzt du in den Ecken des Saals und tanzt
-nicht in der Mitte? Du hast mich aufmerksam
-auf dich gemacht. Alle springen, und du bleibst
-ruhig dabei. Warum trägst du Röcke, während
-alle andern wie schlanke Knaben entkleidet sind?</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Ich tanze nicht.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Du tanzt nicht wie die andern?</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Ich kann nicht tanzen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Nicht nach der Musik &mdash; taktmäßig. Das ist auch
-albern. Du weißt andere Tänze. Du verhüllst
-etwas unter deinen Kleidern &mdash; deine besonderen
-Sprünge, nicht in die Klammern von Takten und
-Schritten zu pressen. Eiligere Schwenkungen, die
-sind deine Spezialität.</p>
-
-<p class="directive">Alles vom Tisch auf den Teppich schiebend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span></p>
-
-<p>Hier ist dein Tanzbrett. Spring auf. Im engen
-Bezirk dieser Tafel grenzenloser Tumult. Spring
-auf. Vom Teppich hüpf' auf. Mühelos. Von
-Spiralen gehoben, die in deinen Knöcheln federn.
-Spring. Stachle deine Fersen. Wölbe die Schenkel.
-Wehe deine Röcke auf über deinem Tanzbein.</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">schmiegt sich im Polster an ihn.</p>
-
-<p>Ich kann nicht tanzen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Du peitschst meine Spannung. Du weißt nicht,
-um was es geht. Du sollst es wissen.</p>
-
-<p class="directive">Er zeigt ihr die Scheine.</p>
-
-<p>Um alles!</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p class="directive">führt seine Hand an ihrem Bein herab.</p>
-
-<p>Ich kann nicht.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">springt auf.</p>
-
-<p>Ein Holzbein!!</p>
-
-<p class="directive">Er faßt den Sektkühler und stülpt ihn ihr über.</p>
-
-<p>Es soll Knospen treiben, ich begieße es!</p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Jetzt sollen Sie was erleben!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich will ja was erleben!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MASKE</p>
-
-<p>Warten Sie hier!</p>
-
-<p class="directive">Ab.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">legt einen Schein auf den Tisch, nimmt Umhang und Stock,
-beeilt ab.</p>
-
-<p class="directive">Herren im Frack kommen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wo ist der Kerl?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Den Kumpan wollen wir uns näher ansehen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Uns erst die Mädchen ausspannen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Mit Sekt und Kaviar auftrumpfen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Hinterher beschimpfen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Das Bürschchen werden wir uns kaufen &mdash;</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wo steckt er?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Abgeräumt!</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Ausgebrannt!</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Der Kavalier hat Lunte gerochen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">den Schein entdeckend.</p>
-
-<p>Ein Tausender.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Donnerkeil.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Draht muß er haben.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Ist das die Zeche?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Ach was, durchgegangen ist er. Den Bräunling
-machen wir unsichtbar.</p>
-
-<p class="directive">Er steckt ihn ein.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Das ist die Entschädigung.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die Mädchen hat er uns ausgespannt.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Laßt doch die Weiber sitzen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die sind ja doch besoffen.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Die bedrecken uns bloß unsere Fräcke.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Wir ziehen in ein Bordell und pachten den Bums
-drei Tage.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MEHRERE HERREN</p>
-
-<p>Bravo. Los. Verduften wir. Achtung, der Kellner
-kommt.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">mit vollbesetztem Servierbrett; vorm Tisch bestürzt.</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Suchen Sie jemanden?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Servieren Sie ihm doch unter dem Tisch weiter.</p>
-
-<p class="directive">Gelächter.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">ausbrechend.</p>
-
-<p>Der Sekt &mdash; das Souper &mdash; das reservierte Zimmer
-&mdash; nichts ist bezahlt. Vier Flaschen Pommery
-&mdash; zwei Portionen Kaviar &mdash; zwei Extramenus &mdash;
-ich muß für alles aufkommen. Ich habe Frau
-und Kinder. Ich bin seit vier Monaten ohne Stellung
-gewesen. Ich hatte mir eine schwache Lunge
-zugezogen. Sie können mich doch nicht unglücklich
-machen, meine Herren?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Was geht uns denn Ihre Lunge an? Frau und
-Kinder haben wir alle. Was wollen Sie denn von
-uns? Sind wir Ihnen denn etwa durch die Lappen
-gebrannt? Was denn?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p>Was ist denn das überhaupt für ein Lokal? Wo<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span>
-sind wir denn hier? Das ist ja eine hundsgemeine
-Zechprellerbude. In solche Gesellschaft locken Sie
-Gäste? Wir sind anständige Gäste, die bezahlen,
-was sie saufen. Wie? Oder wie?</p>
-
-<p class="actor">EIN HERR</p>
-
-<p class="directive">der den Schlüssel in der Tür umgesteckt hatte.</p>
-
-<p>Sehen Sie doch mal hinter sich. Da haben Sie
-unsere Zeche auch!</p>
-
-<p class="directive">Er versetzt dem Kellner, der sich umgewandt hatte, einen Stoß
-in den Rücken.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">taumelt vornüber, fällt auf den Teppich.</p>
-
-<p class="actor">HERREN</p>
-
-<p class="directive">ab.</p>
-
-<p class="actor">KELLNER</p>
-
-<p class="directive">richtet sich auf, läuft zur Tür, findet sie verschlossen. Mit den
-Fäusten auf das Holz schlagend.</p>
-
-<p>Laßt mich heraus &mdash; Ihr sollt nicht bezahlen &mdash;
-ich springe ins Wasser!</p>
-
-
-<h3 class="pagebreak" title="VIERTE SZENE"></h3>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p class="directive">Lokal der Heilsarmee &mdash; zur Tiefe gestreckt, abgefangen von gelbem
-Vorhang mit aufgenähtem schwarzen Kreuz, groß, um einen
-Menschen aufzunehmen. Auf dem Podium rechts Bußbank &mdash;
-links die Posaunen und Kesselpauken.</p>
-
-<p class="directive">Dicht besetzte Bankreihen.</p>
-
-<p class="directive">Über allem Kronleuchter mit Gewirr von Drähten für elektrische
-Lampen.</p>
-
-<p class="directive">Vorn Saaltür.</p>
-
-<p class="directive">Musik der Posaunen und Kesselpauken.</p>
-
-<p class="directive">Aus einer Ecke Händeklatschen und Gelächter.</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p class="directive">Mädchen &mdash; geht dahin und setzt sich zu dem Lärmmacher &mdash;
-einem Kommis &mdash; nimmt seine Hände und flüstert auf ihn ein.</p>
-
-<p class="actor">JEMAND</p>
-
-<p class="directive">aus der andern Ecke.</p>
-
-<p>Immer dicht an.</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p class="directive">Mädchen &mdash; geht zu diesem, einem jugendlichen Arbeiter.</p>
-
-<p class="actor">ARBEITER</p>
-
-<p>Was wollen Sie denn?</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p class="directive">sieht ihn kopfschüttelnd ernst an.</p>
-
-<p class="directive">Gelächter.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p class="directive">Frau &mdash; oben auftretend.</p>
-
-<p>Ich habe euch eine Frage vorzulegen.</p>
-
-<p class="directive">Einige zischen zur Ruhe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span></p>
-
-<p class="actor">ANDERE</p>
-
-<p class="directive">belustigt.</p>
-
-<p>Lauter reden. Nicht reden. Musik. Pauke. Posaunenengel.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p>Anfangen.</p>
-
-<p class="actor">ANDERER</p>
-
-<p>Aufhören.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p>Warum sitzt ihr auf den Bänken unten?</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p>Warum nicht?</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p>Ihr füllt sie bis auf den letzten Platz. Einer
-stößt gegen den andern. Trotzdem ist eine Bank
-leer.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p>Nichts zu machen.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p>Warum bleibt ihr unten, wo ihr euch drängen
-und drücken müßt? Ist es nicht widerwärtig, so
-im Gedränge zu sitzen? Wer kennt seinen Nachbar?
-Ihr reibt die Knie an ihm &mdash; und vielleicht
-ist jener krank. Ihr seht in sein Gesicht &mdash; und
-vielleicht wohnen hinter seiner Stirn mörderische
-Gedanken. Ich weiß es, es sind viele Kranke und
-Verbrecher in diesem Saal. Kranke und Verbrecher
-kommen herein und sitzen neben allen. Darum
-warne ich euch! Hütet euch vor eurem Nachbar<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>
-in den Bänken. Die Bänke da unten tragen Kranke
-und Verbrecher!</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p>Meinen Sie mir oder mich?</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p>Ich weiß es und rate euch: trennt euch von eurem
-Nachbar, so lautet die Mahnung. Krankheit und
-Verbrechen sind allgemein in dieser asphaltenen
-Stadt. Wer von euch ist ohne Aussatz? Eure
-Haut kann weiß und glatt sein, aber eure Blicke
-verkünden euch. Ihr habt die Augen nicht, um
-zu sehen &mdash; eure Augen sind offen, euch zu verraten.
-Ihr verratet euch selbst. Ihr seid schon
-nicht mehr frei von der großen Seuche. Die Ansteckung
-ist stark. Ihr habt zu lange in schlimmer
-Nachbarschaft gesessen. Darum, wenn ihr
-nicht sein wollt wie euer Nachbar in dieser asphaltenen
-Stadt, tretet aus den Bänken. Es ist die
-letzte Mahnung. Tut Buße. Tut Buße. Kommt
-herauf, kommt auf die Bußbank. Kommt auf die
-Bußbank. Kommt auf die Bußbank!</p>
-
-<p class="directive">Die Posaunen und Kesselpauken setzen ein.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">führt Kassierer herein.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">im Ballanzug erregt einige Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">weist Kassierer Platz an, setzt sich zu ihm und gibt ihm
-Erklärungen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">sieht sich amüsiert um.</p>
-
-<p class="directive">Musik hört auf.</p>
-
-<p class="directive">Spöttisches lautes Bravoklatschen.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p class="directive">wieder oben auftretend.</p>
-
-<p>Laßt euch von unserm Kameraden erzählen, wie
-er den Weg zur Bußbank fand.</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p class="directive">jüngerer Mann &mdash; tritt auf.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p>So siehst du aus.</p>
-
-<p class="directive">Gelächter.</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p>Ich will euch berichten von meiner Sünde. Ich
-führte ein Leben, ohne an meine Seele zu denken.
-Ich dachte nur an den Leib. Ich stellte ihn gleichsam
-vor die Seele auf und machte den Leib immer
-stärker und breiter davor. Die Seele war
-ganz verdeckt dahinter. Ich suchte mit meinem
-Leib den Ruhm und wußte nicht, daß ich nur
-den Schatten höher reckte, in dem die Seele verdorrte.
-Meine Sünde war der Sport. Ich übte
-ihn ohne eine Stunde der Besinnung. Ich war<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>
-eitel auf die Schnelligkeit meiner Füße in den
-Pedalen, auf die Kraft meiner Arme an der Lenkstange.
-Ich vergaß alles, wenn die Zuschauer um
-mich jubelten. Ich verdoppelte meine Anstrengung
-und wurde in allen Kämpfen, die mit dem Leib
-geführt werden, erster Sieger. Mein Name prangte
-an allen Plakaten, auf Bretterzäunen, auf Millionen
-bunter Zettel. Ich wurde Weltchampion.
-Endlich mahnte mich meine Seele. Sie verlor die
-Geduld. Bei einem Wettkampf stürzte ich. Ich
-verletzte mich nur leicht. Die Seele wollte mir
-Zeit zur Umkehr lassen. Die Seele ließ mir noch
-Kraft zu einem Ausweg. Ich ging von den Bänken
-im Saal herauf zur Bußbank. Da hatte meine
-Seele Ruhe, zu mir zu sprechen. Und was sie
-mir erzählt, das kann ich hier nicht berichten.
-Es ist zu wunderschön und meine Worte sind zu
-schwach, das zu schildern. Ihr müßt selbst heraufkommen
-und es in euch hören.</p>
-
-<p class="directive">Er tritt beiseite.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p class="directive">lacht unflätig.</p>
-
-<p class="actor">MEHRERE</p>
-
-<p class="directive">zischen zur Ruhe.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">leise zum Kassierer.</p>
-
-<p>Hörst du ihn?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Stören Sie mich nicht.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p>Ihr habt die Erzählung unseres Kameraden gehört.
-Klingt sie nicht verlockend! Kann man etwas
-Schöneres gewinnen als seine Seele? Und es geht
-ganz leicht, denn sie ist ja in euch. Ihr müßt
-ihr nur einmal Ruhe gönnen. Sie will einmal
-still bei euch sitzen. Auf dieser Bank sitzt sie
-am liebsten. Es ist gewiß einer unter euch, der
-sündigte, wie unser Kamerad getan. Dem will
-unser Kamerad helfen. Dem hat er den Weg eröffnet.
-Nun komm. Komm zur Bußbank. Komm
-zur Bußbank. Komm zur Bußbank!</p>
-
-<p class="directive">Es herrscht Stille.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p class="directive">kräftiger, junger Mann, einen Arm im Verband, steht in einer
-Saalecke auf, durchquert verlegen lächelnd den Saal und ersteigt
-das Podium.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p class="directive">unflätige Zote.</p>
-
-<p class="actor">ANDERE</p>
-
-<p class="directive">entrüstet.</p>
-
-<p>Wer ist der Flegel?</p>
-
-<p class="actor">DER RUFER</p>
-
-<p class="directive">steht auf, strebt beschämt zur Tür.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span></p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p>Das ist der Lümmel.</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p class="directive">Mädchen &mdash; eilt zu ihm und führt ihn auf seinen Platz zurück.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p>Nicht so zart anfassen.</p>
-
-<p class="actor">MEHRERE</p>
-
-<p>Bravo!</p>
-
-<p class="actor">JENER</p>
-
-<p class="directive">auf dem Podium, anfangs unbeholfen.</p>
-
-<p>Die asphaltene Stadt hat eine Halle errichtet. In
-der Sporthalle bin ich gefahren. Ich bin Radfahrer.
-Ich fahre das Sechstagerennen mit. In
-der zweiten Nacht bin ich von einem andern Fahrer
-angefahren. Ich brach den Arm. Ich mußte
-ausscheiden. Das Rennen rast weiter &mdash; ich habe
-Ruhe. Ich kann mich auf alles in Ruhe besinnen.
-Ich habe mein Leben lang ohne Besinnen gefahren.
-Ich will mich auf alles besinnen &mdash; auf
-alles.</p>
-
-<p class="directive">Stark.</p>
-
-<p>Auf meine Sünden will ich mich auf der Bußbank
-besinnen!</p>
-
-<p class="directive">Vom Soldat hingeführt, sinkt er auf die Bank. Soldat bleibt eng
-neben ihm.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p>Eine Seele ist gewonnen!</p>
-
-<p class="directive">Posaunen und Pauken schallen.</p>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
-<p>Auch die im Saale verteilten Soldaten haben sich erhoben und
-jubeln, die Arme ausbreitend.</p>
-
-<p class="directive">Musik hört auf.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">zum Kassierer.</p>
-
-<p>Siehst du ihn?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Das Sechstagerennen.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Was flüsterst du?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Meine Sache. Meine Sache.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Bist du bereit?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Schweigen Sie doch.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p class="directive">auftretend.</p>
-
-<p>Jetzt will euch dieser Kamerad berichten.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p class="directive">zischt.</p>
-
-<p class="actor">VIELE</p>
-
-<p>Ruhe!</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p class="directive">Mädchen &mdash; auftretend.</p>
-
-<p>Wessen Sünde ist meine Sünde? Ich will euch
-von mir ohne Scham erzählen. Ich hatte ein
-Elternhaus, in dem es wüst und gemein zuging.<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>
-Der Mann &mdash; er war mein Vater nicht &mdash; trank.
-Meine Mutter gab sich feinen Herren hin. Ich
-erhielt von meiner Mutter Geld, soviel ich haben
-wollte. Von dem Manne Schläge, soviel ich nicht
-haben wollte.</p>
-
-<p class="directive">Gelächter.</p>
-
-<p>Niemand paßte mir auf und ich mir am wenigsten.
-So wurde ich eine Verlorene. Denn ich wußte damals
-nicht, daß die wüsten Zustände zu Hause nur
-dazu bestimmt waren, daß ich besser auf meine
-Seele achten sollte und mich ganz ihr widmen.
-Ich erfuhr es in einer Nacht. Ich hatte einen
-Herrn bei mir und er verlangte, daß wir mein
-Zimmer dunkel machten. Ich drehte das Licht
-aus, obwohl ich es nicht so gewöhnt war. Später,
-als wir zusammen waren, verstand ich seine Forderung.
-Denn ich fühlte nur den Rumpf eines
-Mannes bei mir, an dem die Beine abgeschnitten
-waren. Das sollte ich vorher nicht sehen. Er
-hatte Holzbeine, die er sich heimlich abgeschnallt
-hatte. Da faßte mich das Entsetzen und ließ
-mich nicht wieder los. Meinen Leib haßte ich &mdash;
-nur meine Seele konnte ich noch lieben. Nun
-liebe ich nur noch meine Seele. Sie ist so vollkommen,
-daß sie das Schönste ist, was ich weiß.
-Ich weiß zuviel von ihr, daß ich es nicht alles
-sagen kann. Wenn ihr eure Seele fragt, da wird
-sie euch alles &mdash; alles sagen.</p>
-
-<p class="directive">Sie tritt beiseite. &mdash; Stille im Saal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span></p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p class="directive">auftretend.</p>
-
-<p>Ihr habt die Erzählung dieses Kameraden gehört.
-Seine Seele bot sich ihm an. Er wies sie nicht
-ab. Nun erzählt er von ihr mit frohem Munde.
-Bietet sich nicht einem zwischen euch jetzt seine
-Seele? Laß sie doch zu dir. Laß sie reden und
-erzählen, auf dieser Bank ist sie ungestört. Komm
-zur Bußbank. Komm zur Bußbank!</p>
-
-<p class="directive">In den Bänken Bewegung, man sieht sich um.</p>
-
-<p class="actor">KOKOTTE</p>
-
-<p class="directive">ältlich, ganz vorne, beginnt noch unten in den Saal zu reden.</p>
-
-<p>Was denken Sie von mir, meine Herren und Damen?
-Ich bin hier nur untergetreten, weil ich
-mich auf der Straße müde gelaufen hatte. Ich
-geniere mich gar nicht. Ich kenne dies Lokal
-gar nicht. Ich bin das erstemal hier. Ich bin
-rein per Zufall anwesend.</p>
-
-<p class="directive">Nun oben.</p>
-
-<p>Aber Sie irren sich darin, meine Herren und Damen,
-wenn Sie glauben sollten, daß ich mir das
-ein zweites Mal hätte sagen lassen sollen. Ich
-danke für diese Zumutung. Wenn Sie mich hier
-sehen &mdash; bitte &mdash; Sie können mich von oben bis
-unten betrachten, wie es Ihnen beliebt &mdash; mustern
-Sie mich bitte mit Ihren Blicken eingehend, ich
-vergebe mir damit nicht das geringste. Ich geniere
-mich gar nicht. Sie werden diesen Anblick nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
-das zweitemal in dieser Weise genießen können.
-Sie werden sich bitter täuschen, wenn Sie glauben,
-mir auch meine Seele abkaufen zu können. Die
-habe ich noch niemals verkauft. Man hätte mir
-viel bieten können, aber meine Seele war mir
-denn doch nicht feil. Ich danke Ihnen, meine
-verehrten Herrschaften, für alle Komplimente.
-Sie werden mich auf der Straße nicht mehr treffen.
-Ich habe nicht eine Minute frei für Sie,
-meine Seele läßt mir keine Ruhe mehr. Ich
-danke bestens, meine Herrschaften, ich geniere
-mich gar nicht, aber nein.</p>
-
-<p class="directive">Sie hat den Hut heruntergenommen. Jener Soldat geleitet sie
-zur Bußbank.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p>Eine Seele ist gewonnen!</p>
-
-<p class="directive">Pauken und Posaunen. Jubel der Soldaten.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">zum Kassierer.</p>
-
-<p>Hörst du alles?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Meine Sache. Meine Sache.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Was summst du vor dich hin?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Das Holzbein.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Bist du bereit?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span></p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Noch nicht. Noch nicht.</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p class="directive">in Saalmitte stehend.</p>
-
-<p>Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde hören.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p class="directive">auftretend.</p>
-
-<p>Unser Kamerad will euch erzählen.</p>
-
-<p class="actor">EINIGE</p>
-
-<p class="directive">erregt.</p>
-
-<p>Hinsetzen. Stille. Erzählen.</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p class="directive">älterer Mann.</p>
-
-<p>Laßt euch von mir berichten. Es ist eine alltägliche
-Geschichte, weiter nichts. Darum wurde sie
-meine Sünde. Ich hatte eine gemütliche Wohnung,
-eine zutrauliche Familie, eine bequeme
-Beschäftigung &mdash; es ging immer alltäglich bei
-mir zu. Wenn ich abends zwischen den Meinen
-am Tisch unter der Lampe saß und meine Pfeife
-schmauchte, dann war ich zufrieden. Ich wünschte
-niemals eine Veränderung in meinem Leben. Dennoch
-kam sie. Den Anstoß dazu weiß ich nicht
-mehr &mdash; oder ich wußte ihn nie. Die Seele tut
-sich auch ohne besondere Erschütterung kund. Sie
-kennt ihre Stunde und benutzt sie. Ich konnte
-jedenfalls nicht ihre Mahnung überhören. Meine<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>
-Trägheit wehrte sich im Anbeginn wohl gegen sie,
-aber sie war mächtiger. Das fühlte ich mehr und
-mehr. Die Seele allein konnte mir dauernde Zufriedenheit
-schaffen. Und auf Zufriedenheit war
-ich ja mein Lebtag bedacht. Jetzt finde ich sie nicht
-mehr am Tisch mit der Lampe und mit der langen
-Pfeife im Munde, sondern allein auf der Bußbank.
-Das ist meine ganz alltägliche Geschichte.</p>
-
-<p class="directive">Er tritt beiseite.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p class="directive">auftretend.</p>
-
-<p>Unser Kamerad hat euch &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="actor">EINER</p>
-
-<p class="directive">schon kommend.</p>
-
-<p>Meine Sünde!</p>
-
-<p class="directive">Oben.</p>
-
-<p>Ich bin Familienvater. Ich habe zwei Töchter.
-Ich habe meine Frau. Ich habe meine Mutter
-noch. Wir wohnen alle in drei Stuben. Es ist
-ganz gemütlich bei uns. Meine Töchter &mdash; eine
-spielt Klavier &mdash; eine stickt. Meine Frau kocht.
-Meine Mutter begießt die Blumentöpfe hinterm Fenster.
-Es ist urgemütlich bei uns. Es ist die Gemütlichkeit
-selbst. Es ist herrlich bei uns &mdash; großartig
-&mdash; vorbildlich &mdash; praktisch &mdash; musterhaft &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="directive">Verändert.</p>
-
-<p>Es ist ekelhaft &mdash; entsetzlich &mdash; es stinkt da es
-ist armselig &mdash; vollkommen durch und durch<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>
-armselig mit dem Klavierspielen &mdash; mit dem Sticken
-&mdash; mit dem Kochen &mdash; mit dem Blumenbegießen
-&mdash;</p>
-
-<p class="directive">ausbrechend.</p>
-
-<p>Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele! Ich
-habe eine Seele. Ich habe eine Seele!</p>
-
-<p class="directive">Er taumelt zur Bußbank.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p>Eine Seele ist gewonnen!</p>
-
-<p class="directive">Posaunen und Pauken.</p>
-
-<p class="directive">Hoher Tumult im Saal.</p>
-
-<p class="actor">VIELE</p>
-
-<p class="directive">nach den Posaunen und Pauken aufrecht, auch auf den Bänken
-aufrecht.</p>
-
-<p>Was ist meine Sünde? Was ist meine Sünde? Ich will
-meine Sünde wissen! Ich will meine Sünde wissen!</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p class="directive">auftretend.</p>
-
-<p>Unser Kamerad will euch erzählen.</p>
-
-<p class="directive">Tiefe Stille.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Siehst du ihn?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Meine Töchter. Meine Frau. Meine Mutter.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Was murmelst und flüsterst du immer?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Meine Sache. Meine Sache. Meine Sache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Bist du bereit?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Noch nicht. Noch nicht. Noch nicht.</p>
-
-<p class="actor">SOLDAT</p>
-
-<p class="directive">in mittleren Jahren, auftretend.</p>
-
-<p>Meiner Seele war es nicht leicht gemacht, zu triumphieren.
-Sie mußte mich hart anfassen und rütteln.
-Schließlich gebrauchte sie das schwerste
-Mittel. Sie schickte mich ins Gefängnis. Ich
-hatte in die Kasse, die mir anvertraut war, gegriffen
-und einen großen Betrag defraudiert. Ich
-wurde abgefaßt und verurteilt. Da hatte ich in
-der Zelle Rast. Das hatte die Seele abgewartet.
-Und nun konnte sie endlich frei zu mir sprechen.
-Ich mußte ihr zuhören. Es wurde die schönste
-Zeit meines Lebens in der einsamen Zelle. Und
-als ich herauskam, wollte ich nur noch mit meiner
-Seele verkehren. Ich suchte nach einem stillen
-Platz für sie. Ich fand ihn auf der Bußbank
-und finde ihn täglich, wenn ich eine schöne
-Stunde genießen will!</p>
-
-<p class="directive">Er tritt beiseite.</p>
-
-<p class="actor">OFFIZIER</p>
-
-<p class="directive">auftretend.</p>
-
-<p>Unser Kamerad hat euch von seinen schönen Stunden
-auf der Bußbank erzählt. Wer ist zwischen
-euch, der sich aus dieser Sünde heraussehnt? Wes<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span>sen
-Sünde ist diese, von der er sich in Fröhlichkeit
-hier ausruht? Hier ist Ruhe für ihn. Komm
-zur Bußbank!</p>
-
-<p class="actor">ALLE</p>
-
-<p class="directive">im Saal schreiend und winkend.</p>
-
-<p>Das ist niemandes Sünde hier! Das ist niemandes
-Sünde hier! Ich will meine Sünde hören!! Meine
-Sünde!! Meine Sünde!! Meine Sünde!!</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">durchdringend.</p>
-
-<p>Was rufst du?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Die Kasse.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">ganz drängend.</p>
-
-<p>Bist du bereit?</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Jetzt bin ich bereit!</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">sich an ihn hängend.</p>
-
-<p>Ich führe dich hin. Ich stehe dir bei. Ich stehe
-immer bei dir.</p>
-
-<p class="directive">Ekstatisch in den Saal.</p>
-
-<p>Eine Seele will laut werden. Ich habe diese Seele
-gesucht. Ich habe diese Seele gesucht.</p>
-
-<p class="directive">Lärm ebbt. Ruhe surrt.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">oben, Mädchen an ihm.</p>
-
-<p>Ich bin seit diesem Vormittag auf der Suche. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
-hatte Anstoß bekommen, auf die Suche zu gehen.
-Es war ein allgemeiner Aufbruch ohne mögliche
-Rückkehr &mdash; Abbruch aller Brücken. So war ich
-auf dem Marsche seit dem Vormittag. Ich will
-euch mit den Stationen nicht aufhalten, an denen
-ich mich nicht aufhielt. Sie lohnten alle meinen
-entscheidenden Aufbruch nicht. Ich marschierte
-rüstig weiter &mdash; prüfenden Blicks, tastender Finger,
-wählenden Kopfs. Ich ging an allem vorüber.
-Station hinter Station versank hinter meinem
-wandernden Rücken. Dies war es nicht, das war
-es nicht, das nächste nicht, das vierte &mdash; fünfte
-nicht! Was ist es? Was ist es nun, das diesen
-vollen Einsatz lohnt? &mdash; &mdash; Dieser Saal! Von
-Klängen durchbraust &mdash; von Bänken bestellt.
-Dieser Saal! Von diesen Bänken steigt es auf &mdash;
-dröhnt Erfüllung. Von Schlacken befreit lobt sie
-sich hoch hinauf &mdash; ausgeschmolzen aus diesen
-glühenden zwei Tiegeln: Bekenntnis und Buße!
-Da steht es wie ein glänzender Turm &mdash; fest und
-hell: Bekenntnis und Buße! Ihr schreit sie, euch
-will ich meine Geschichte erzählen.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Sprich. Ich stehe bei dir. Ich stehe immer bei dir!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p>Ich bin seit diesem Morgen unterwegs. Ich bekenne:
-ich habe mich an der Kasse vergriffen, die
-mir anvertraut war. Ich bin Bankkassierer. Eine<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
-große runde Summe: sechzigtausend! Ich flüchtete
-damit in die asphaltene Stadt. Jetzt werde ich
-jedenfalls verfolgt &mdash; eine Belohnung ist wohl auf
-meine Festnahme gesetzt. Ich verberge mich nicht
-mehr, ich bekenne. Mit keinem Geld aus allen
-Bankkassen der Welt kann man sich irgendwas
-von Wert kaufen. Man kauft immer weniger,
-als man bezahlt. Und je mehr man bezahlt, um
-so geringer wird die Ware. Das Geld verschlechtert
-den Wert. Das Geld verhüllt das Echte &mdash;
-das Geld ist der armseligste Schwindel unter allem
-Betrug!</p>
-
-<p class="directive">Er holt es aus den Fracktaschen.</p>
-
-<p>Dieser Saal ist der brennende Ofen, den eure Verachtung
-für alles Armselige heizt. Euch werfe
-ich es hin, ihr zerstampft es im Augenblick unter
-euren Sohlen. Da ist etwas von dem Schwindel
-aus der Welt geschafft. Ich gehe durch eure
-Bänke und stelle mich dem nächsten Schutzmann:
-ich suche nach dem Bekenntnis die Buße! So
-wird es vollkommen!</p>
-
-<p class="directive">Er schleudert aus Glacéhänden Scheine und Geldstücke in
-den Saal.</p>
-
-<p class="directive">Die Scheine flattern noch auf die Verdutzten im Saal nieder,
-die Stücke rollen unter sie. Dann ist heißer Kampf um das Geld
-entbrannt. In ein kämpfendes Knäuel ist die Versammlung verstrickt.
-Vom Podium stürzen die Soldaten von ihren Musikinstrumenten
-in den Saal, die Bänke werden umgestoßen, heisere Rufe
-schwirren, Fäuste klatschen auf Leiber. Schließlich wälzt sich
-der verkrampfte Haufe zur Tür und rollt hinaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">das am Kampfe nicht mit teilgenommen hatte, steht allein inmitten
-der umgeworfenen Bänke.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">sieht lächelnd das Mädchen an.</p>
-
-<p>Du stehst bei mir &mdash; du stehst immer bei mir!</p>
-
-<p class="directive">Er bemerkt die verlassenen Pauken, nimmt zwei Schlägel.</p>
-
-<p>Weiter.</p>
-
-<p class="directive">Kurzer Wirbel.</p>
-
-<p>Von Station zu Station.</p>
-
-<p class="directive">Einzelne Paukenschläge nach Satzgruppen.</p>
-
-<p>Menschenscharen dahinten. Gewimmel verronnen.
-Ausgebreitete Leere. Raum geschaffen. Raum.
-Raum!</p>
-
-<p class="directive">Wirbel.</p>
-
-<p>Ein Mädchen steht da. Aus verlaufenen Fluten
-&mdash; aufrecht &mdash; verharrend!</p>
-
-<p class="directive">Wirbel.</p>
-
-<p>Mädchen und Mann. Uralte Gärten aufgeschlossen.
-Entwölkter Himmel. Stimme aus Baumwipfelstille.
-Wohlgefallen.</p>
-
-<p class="directive">Wirbel.</p>
-
-<p>Mädchen und Mann &mdash; ewige Beständigkeit. Mädchen
-und Mann &mdash; Fülle im Leeren. Mädchen
-und Mann &mdash; vollendeter Anfang. Mädchen und
-Mann &mdash; Keim und Krone. Mädchen und Mann
-&mdash; Sinn und Ziel und Zweck.</p>
-
-<p class="directive">Paukenschlag nach Paukenschlag, nun beschließt ein endloser
-Wirbel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">zieht sich nach der Tür zurück, verschwindet.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">verklingender Wirbel.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">reißt die Tür auf. Zum Schutzmann, nach Kassierer weisend.</p>
-
-<p>Da ist er. Ich habe ihn Ihnen gezeigt. Ich habe
-die Belohnung verdient!</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">aus erhobenen Händen die Schlägel fallen lassend.</p>
-
-<p>Hier stehe ich. Oben stehe ich. Zwei sind zuviel.
-Der Raum faßt nur einen. Einsamkeit ist Raum.
-Raum ist Einsamkeit. Kälte ist Sonne. Sonne
-ist Kälte. Fiebernd blutet der Leib. Fiebernd
-friert der Leib. Felder öde. Eis im Wachsen.
-Wer entrinnt? Wo ist der Ausgang?</p>
-
-<p class="actor">SCHUTZMANN</p>
-
-<p>Hat der Saal andere Türen?</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p>Nein.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">wühlt in seiner Tasche.</p>
-
-<p class="actor">SCHUTZMANN</p>
-
-<p>Er faßt in die Tasche. Drehen Sie das Licht aus.
-Wir bieten ihm ein Ziel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span></p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">tut es.</p>
-
-<p class="directive">Bis auf eine Lampe verlöscht der Kronleuchter. Die Lampe beleuchtet
-nun die hellen Drähte der Krone derart, daß sie ein
-menschliches Gerippe zu bilden scheinen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">linke Hand in der Brusttasche vergrabend, mit der rechten eine
-Posaune ergreifend und gegen den Kronleuchter blasend.</p>
-
-<p>Entdeckt!</p>
-
-<p class="directive">Posaunenstoß.</p>
-
-<p>In schneelastenden Zweigen verlacht &mdash; jetzt im
-Drahtgewirr des Kronleuchters bewillkommt!</p>
-
-<p class="directive">Posaunenstöße.</p>
-
-<p>Ich melde dir meine Ankunft!</p>
-
-<p class="directive">Posaunenstoß.</p>
-
-<p>Ich habe den Weg hinter mir. In steilen Kurven
-steigend keuche ich herauf. Ich habe meine Kräfte
-gebraucht. Ich habe mich nicht geschont!</p>
-
-<p class="directive">Posaunenstoß.</p>
-
-<p>Ich habe es mir schwer gemacht und hätte es so
-leicht haben können &mdash; oben im Schneebaum, als
-wir auf <em class="gesperrt">einem</em> Ast saßen. Du hättest mir ein
-wenig dringlicher zureden sollen. Ein Fünkchen
-Erleuchtung hätte mir geholfen und mir die Strapazen
-erspart. Es gehört ja so lächerlich wenig
-Verstand dazu!</p>
-
-<p class="directive">Posaunenstoß.</p>
-
-<p>Warum stieg ich nieder? Warum lief ich den Weg?
-Wohin laufe ich noch?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p>
-
-<p class="directive">Posaunenstöße.</p>
-
-<p>Zuerst sitzt er da &mdash; knochennackt! Zuletzt sitzt
-er da &mdash; knochennackt! Von morgens bis mitternachts
-rase ich im Kreise &mdash; nun zeigt sein fingerhergewinktes
-Zeichen den Ausweg &mdash; &mdash; wohin?!!</p>
-
-<p class="directive">Er zerschießt die Antwort in seine Hemdbrust. Die Posaune stirbt
-mit dünner werdendem Ton an seinem Mund hin.</p>
-
-<p class="actor">SCHUTZMANN</p>
-
-<p>Drehen Sie das Licht wieder an.</p>
-
-<p class="actor">MÄDCHEN</p>
-
-<p class="directive">tut es.</p>
-
-<p class="directive">Im selben Augenblick explodieren knallend alle Lampen.</p>
-
-<p class="actor">KASSIERER</p>
-
-<p class="directive">ist mit ausgebreiteten Armen gegen das aufgenähte Kreuz des
-Vorhangs gesunken. Sein Ächzen hüstelt wie ein Ecce &mdash; sein
-Hauchen surrt wie ein Homo.</p>
-
-<p class="actor">SCHUTZMANN</p>
-
-<p>Es ist ein Kurzschluß in der Leitung.</p>
-
-<p class="directive">Es ist ganz dunkel.</p>
-
-
-
-<div class="transnote pagebreak p4">
-<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2>
-Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert.
-Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>S. 127 "worüber" in "vorüber" geändert.</li>
-</ul>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Von morgens bis mitternachts, by Georg Kaiser
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON MORGENS BIS MITTERNACHTS ***
-
-***** This file should be named 60952-h.htm or 60952-h.zip *****
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
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-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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