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-The Project Gutenberg EBook of Von morgens bis mitternachts, by Georg Kaiser
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Von morgens bis mitternachts
-
-Author: Georg Kaiser
-
-Release Date: December 18, 2019 [EBook #60952]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON MORGENS BIS MITTERNACHTS ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
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- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
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-[Illustration]
-
-
- GEORG KAISER
-
-
-
-
- VON MORGENS
- BIS MITTERNACHTS
-
- STÜCK IN ZWEI TEILEN
-
- 1930
-
- GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG
- BERLIN
-
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Den
- Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Verkauf und
- Verleihung dieses Exemplars, sowie das Ausschreiben der Rollen
- verboten. Das Aufführungsrecht für alle Länder ist ausschließlich vom
- Bühnenvertrieb Felix Bloch Erben, Berlin-Wilmersdorf, Nikolsburger
- Platz Nr. 3 zu erwerben. Copyright 1916 by S. Fischer Verlag, Berlin.
- Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig.
-
-
-
-
-PERSONEN
-
- Kassierer
-
- Mutter
-
- Frau
-
- Erste, zweite Tochter
-
- Direktor
-
- Gehilfe
-
- Portier
-
- Erster, zweiter Herr
-
- Laufjunge
-
- Dienstmädchen
-
- Dame
-
- Sohn
-
- Hotelkellner
-
- Jüdische Herren als Kampfrichter
-
- Erste, zweite, dritte, vierte weibliche Maske
-
- Herren im Frack
-
- Kellner
-
- Mädchen der Heilsarmee
-
- Offiziere und Soldaten der Heilsarmee
-
- Publikum einer Versammlung der Heilsarmee:
- Kommis, Kokotte, Arbeiter usw.
-
- Schutzmann
-
- Die kleine Stadt W. und die große Stadt B.
-
-
-
-
-ERSTER TEIL
-
-
- Kleinbankkassenraum. Links Schalteranlage und Tür mit Aufschrift:
- Direktor. In der Mitte Tür mit Schild: Zur Stahlkammer. Ausgangstür
- rechts hinter Barriere. Daneben Rohrsofa und Tisch mit Wasserflasche
- und Glas.
-
- Im Schalter Kassierer und am Pult Gehilfe, schreibend. Im Rohrsofa
- sitzt der fette Herr, prustet. Jemand geht rechts hinaus. Am Schalter
- Laufjunge sieht ihm nach.
-
- KASSIERER
-
- klopft auf die Schalterplatte.
-
- LAUFJUNGE
-
- legt rasch seinen Zettel auf die wartende Hand.
-
- KASSIERER
-
- schreibt, holt Geld unter dem Schalter hervor, zählt sich in die Hand
- -- dann auf das Zahlbrett.
-
- LAUFJUNGE
-
- rückt mit dem Zahlbrett auf die Seite und schüttet das Geld in einen
- Leinenbeutel.
-
- HERR
-
- steht auf.
-
-Dann sind wir Dicken an der Reihe.
-
- Er holt einen prallen Lederbeutel aus dem Mantelinnern.
-
- Dame kommt. Kostbarer Pelz, Geknister von Seide.
-
- HERR
-
- stutzt.
-
- DAME
-
- klinkt mit einigem Bemühen die Barriere auf, lächelt unwillkürlich
- den Herrn an.
-
-Endlich.
-
- HERR
-
- verzieht den Mund.
-
- KASSIERER
-
- klopft ungeduldig.
-
- DAME
-
- fragende Geste gegen den Herrn.
-
- HERR
-
- zurückstehend.
-
-Wir Dicken immer zuletzt.
-
- DAME
-
- verneigt sich leicht, tritt an den Schalter.
-
- KASSIERER
-
- klopft.
-
- DAME
-
- öffnet ihre Handtasche, entnimmt ein Kuvert und legt es auf die Hand
- des Kassierers.
-
-Ich bitte dreitausend.
-
- KASSIERER
-
- dreht und wendet das Kuvert, schiebt es zurück.
-
- DAME
-
- begreift.
-
-Pardon.
-
- Sie zieht den Brief aus dem Umschlag und reicht ihn hin.
-
- KASSIERER
-
- wie vorher.
-
- DAME
-
- entfaltet noch das Papier.
-
-Dreitausend bitte.
-
- KASSIERER
-
- überfliegt das Papier und legt es dem Gehilfen hin.
-
- GEHILFE
-
- steht auf und geht aus der Tür mit dem Schild: Direktor.
-
- HERR
-
- sich wieder im Rohrsofa niederlassend.
-
-Bei mir dauert es länger. Bei uns Dicken dauert es immer etwas länger.
-
- KASSIERER
-
- beschäftigt sich mit Geldzählen.
-
- DAME
-
-Ich bitte: in Scheinen.
-
- KASSIERER
-
- verharrt gebückt.
-
- DIREKTOR
-
- jung, kugelrund -- mit dem Papier links heraus.
-
-Wer ist --
-
- Er verstummt der Dame gegenüber.
-
- GEHILFE
-
- schreibt wieder an seinem Pult.
-
- HERR
-
- laut.
-
-Morgen, Direktor.
-
- DIREKTOR
-
- flüchtig dahin.
-
-Geht's gut?
-
- HERR
-
- sich auf den Bauch klopfend.
-
-Es kugelt sich, Direktor.
-
- DIREKTOR
-
- lacht kurz. Zur Dame.
-
-Sie wollen bei uns abheben?
-
- DAME
-
-Dreitausend.
-
- DIREKTOR
-
-Ja drei -- dreitausend würde ich mit Vergnügen auszahlen --
-
- DAME
-
-Ist der Brief nicht in Ordnung?
-
- DIREKTOR
-
- süßlich, wichtig.
-
-Der Brief geht in Ordnung. Über zwölftausend --
-
- Buchstabierend.
-
-Banko --
-
- DAME
-
-Meine Bank in Florenz versicherte mich --
-
- DIREKTOR
-
-Die Bank in Florenz hat Ihnen den Brief richtig ausgestellt.
-
- DAME
-
-Dann begreife ich nicht --
-
- DIREKTOR
-
-Sie haben in Florenz die Ausfertigung dieses Briefes beantragt --
-
- DAME
-
-Allerdings.
-
- DIREKTOR
-
-Zwölftausend -- und zahlbar an den Plätzen --
-
- DAME
-
-Die ich auf der Reise berühre.
-
- DIREKTOR
-
-Der Bank in Florenz haben Sie mehrere Unterschriften geben müssen --
-
- DAME
-
-Die an die im Brief bezeichneten Banken geschickt sind, um mich
-auszuweisen.
-
- DIREKTOR
-
-Wir haben den Avis mit Ihrer Unterschrift nicht bekommen.
-
- HERR
-
- hustet; blinzelt den Direktor an.
-
- DAME
-
-Dann müßte ich mich gedulden, bis --
-
- DIREKTOR
-
-Irgendwas müssen wir doch in Händen haben!
-
- EIN HERR
-
- winterlich mit Fellmütze und Wollschal vermummt -- kommt, stellt sich
- am Schalter auf. Er schießt wütende Blicke nach der Dame.
-
- DAME
-
-Darauf bin ich so wenig vorbereitet --
-
- DIREKTOR
-
- plump lachend.
-
-Wir sind noch weniger vorbereitet, nämlich gar nicht!
-
- DAME
-
-Ich brauche so notwendig das Geld!
-
- HERR
-
- im Sofa lacht laut.
-
- DIREKTOR
-
-Ja, wer brauchte keins?
-
- HERR
-
- im Sofa wiehert.
-
- DIREKTOR
-
- sich ein Publikum machend.
-
-Ich zum Beispiel --
-
- zum Herrn am Schalter.
-
-Sie haben wohl mehr Zeit als ich. Sie sehen doch, ich spreche mit der
-Dame noch. -- Ja, gnädige Frau, wie haben Sie sich das gedacht? Soll
-ich Ihnen auszahlen -- auf Ihre --
-
- HERR
-
- im Sofa kichert.
-
- DAME
-
- rasch.
-
-Ich wohne im Elefant.
-
- HERR
-
- im Sofa prustet.
-
- DIREKTOR
-
-Ihre Adresse erfahre ich mit Vergnügen, gnädige Frau. Im Elefant
-verkehre ich am Stammtisch.
-
- DAME
-
-Kann der Besitzer mich nicht legitimieren?
-
- DIREKTOR
-
-Kennt Sie der Wirt schon näher?
-
- HERR
-
- im Sofa amüsiert sich köstlich.
-
- DAME
-
-Ich habe mein Gepäck im Hotel.
-
- DIREKTOR
-
-Soll ich Koffer und Köfferchen auf seinen Inhalt untersuchen?
-
- DAME
-
-Ich bin in der fatalsten Situation.
-
- DIREKTOR
-
-Dann reichen wir uns die Hände: Sie sind nicht in der Lage -- ich bin
-nicht in der Lage. Das ist die Lage.
-
- Er gibt ihr das Papier zurück.
-
- DAME
-
-Was raten Sie mir nun zu tun?
-
- DIREKTOR
-
-Unser Städtchen ist doch ein nettes Nest -- der Elefant ein
-renommiertes Haus -- die Gegend hat Umgegend -- Sie machen diese oder
-jene angenehme Bekanntschaften -- und die Zeit geht hin -- mal Tag, mal
-Nacht -- wie sich's macht.
-
- DAME
-
-Es kommt mir hier auf einige Tage nicht an.
-
- DIREKTOR
-
-Die Gesellschaft im Elefant wird sich freuen, etwas beizutragen.
-
- DAME
-
-Nur heute liegt es mir dringend an dreitausend!
-
- DIREKTOR
-
- zum Herrn im Sofa.
-
-Bürgt jemand hier für eine Dame aus der Fremde auf dreitausend?
-
- DAME
-
-Das könnte ich wohl nicht annehmen. Darf ich bitten, mir sofort, wenn
-die Bestätigung von Florenz eintrifft, telephonisch Mitteilung zu
-machen. Ich bleibe im Elefant auf meinem Zimmer.
-
- DIREKTOR
-
-Persönlich -- wie gnädige Frau es wünschen!
-
- DAME
-
-Wie ich am raschesten benachrichtigt werde.
-
- Sie schiebt das Papier in das Kuvert und steckt es in die Tasche.
-
-Ich spreche am Nachmittag noch selbst vor.
-
- DIREKTOR
-
-Ich stehe zur Verfügung.
-
- DAME
-
- grüßt kurz, ab.
-
- HERR
-
- am Schalter rückt vor und knallt in der Faust einen zerknüllten
- Zettel auf die Platte.
-
- DIREKTOR
-
- ohne davon Notiz zu nehmen, sieht belustigt nach dem Herrn im Sofa.
-
- HERR
-
- im Sofa zieht die Luft ein.
-
- DIREKTOR
-
- lacht.
-
-Sämtliche Wohlgerüche Italiens -- aus der Parfümflasche.
-
- HERR
-
- im Sofa fächelt sich mit der flachen Hand.
-
- DIREKTOR
-
-Das macht heiß, was?
-
- HERR
-
- im Sofa, gießt sich Wasser in ein Glas.
-
-Dreitausend ist ein bißchen hastig.
-
- Er trinkt.
-
-Dreihundert klappern auch nicht schlecht.
-
- DIREKTOR
-
-Vielleicht machen Sie billigere Offerte -- im Elefant, auf dem Zimmer?
-
- HERR
-
- im Sofa.
-
-Für uns Dicke ist das nichts.
-
- DIREKTOR
-
-Wir sind mit unserm moralischen Bauch gesetzlich geschützt.
-
- HERR
-
- am Schalter knallt zum zweitenmal die Faust auf die Platte.
-
- DIREKTOR
-
- gleichmütig.
-
-Was haben Sie denn?
-
- Er glättet den Zettel und reicht ihn dem Kassierer hin.
-
- LAUFJUNGE
-
- hatte die Dame angegafft, dann die Sprechenden -- verfehlt die
- Barriere und rennt gegen den Herrn im Sofa.
-
- HERR
-
- im Sofa nimmt ihm den Beutel weg.
-
-Ja, mein Junge, das kostet was -- schöne Mädchen angaffen. Jetzt bist
-du deinen Beutel los.
-
- LAUFJUNGE
-
- lacht ihn verlegen an.
-
- HERR
-
-Was machst du denn nun, wenn du nach Hause kommst?
-
- LAUFJUNGE
-
- lacht.
-
- HERR
-
- gibt ihm den Beutel wieder.
-
-Merk' dir das für dein Leben. Du bist der erste nicht, dem die Augen
-durchgehen -- und der ganze Mensch rollt nach.
-
- LAUFJUNGE
-
- ab.
-
- KASSIERER
-
- hat einige Münzen aufgezählt.
-
- DIREKTOR
-
-Solch einem Schlingel vertraut man nun Geld an.
-
- HERR
-
- im Sofa.
-
-Dummheit straft sich selbst.
-
- DIREKTOR
-
-Daß ein Chef nicht den Blick dafür hat. So was brennt doch bei der
-ersten Gelegenheit, die sich bietet, aus. Der geborene Defraudant.
-
- Zum Herrn am Schalter.
-
-Stimmt es nicht?
-
- HERR
-
- prüft jedes Geldstück.
-
- DIREKTOR
-
-Das ist ein Fünfundzwanzigpfennigstück. Das sind zusammen
-fünfundvierzig Pfennig, mehr hatten Sie doch nicht zu verlangen?
-
- HERR
-
- steckt umständlich ein.
-
- HERR
-
- im Sofa.
-
-Deponieren Sie doch Ihr Kapital in der Stahlkammer! -- Nun wollen wir
-Dicken mal abladen.
-
- HERR
-
- am Schalter rechts ab.
-
- DIREKTOR
-
-Was bringen Sie uns denn?
-
- HERR
-
- legt den Lederbeutel auf die Platte und holt eine Brieftasche heraus.
-
-Soll man kein Vertrauen zu Ihnen kriegen mit Ihrer feinen Kundschaft?
-
- Er reicht ihm die Hand.
-
- DIREKTOR
-
-Jedenfalls sind wir für schöne Augen in Geschäftssachen unempfänglich.
-
- HERR
-
- sein Geld aufzählend.
-
-Wie alt war sie? Taxe.
-
- DIREKTOR
-
-Ohne Schminke habe ich sie noch nicht gesehen.
-
- HERR
-
-Was will die denn hier?
-
- DIREKTOR
-
-Das werden wir ja heute abend im Elefant hören.
-
- HERR
-
-Wer käme denn da in Betracht?
-
- DIREKTOR
-
-In Betracht könnten wir schließlich alle noch kommen!
-
- HERR
-
-Wozu braucht sie denn hier dreitausend Mark?
-
- DIREKTOR
-
-Sie muß sie wohl brauchen.
-
- HERR
-
-Ich wünsche ihr den besten Erfolg.
-
- DIREKTOR
-
-Womit?
-
- HERR
-
-Daß sie ihre Dreitausend kapert.
-
- DIREKTOR
-
-Von mir?
-
- HERR
-
-Von wem ist ja nebensächlich.
-
- DIREKTOR
-
-Ich bin neugierig, wann die Nachricht von der Bank in Florenz kommt.
-
- HERR
-
-Ob sie kommt!
-
- DIREKTOR
-
-Ob sie kommt -- darauf bin ich allerdings noch gespannter!
-
- HERR
-
-Wir können ja sammeln und ihr aus der Verlegenheit helfen.
-
- DIREKTOR
-
-Auf Ähnliches wird es wohl abgesehen sein.
-
- HERR
-
-Wem erzählen Sie das?
-
- DIREKTOR
-
- lacht.
-
-Haben Sie in der Lotterie gewonnen?
-
- HERR
-
- zum Kassierer.
-
-Nehmen Sie mir mal ab.
-
- zum Direktor.
-
-Ob wir draußen unser Geld haben oder bei Ihnen verzinsen -- richten Sie
-mal ein Konto für den Bauverein ein.
-
- DIREKTOR
-
- scharf zum Gehilfen.
-
-Konto für Bauverein.
-
- HERR
-
-Es kommt noch mehr.
-
- DIREKTOR
-
-Immer herein, meine Herrschaften. Wir können gerade gebrauchen.
-
- HERR
-
-Also: sechzigtausend -- fünfzig Mille Papier -- zehn Mille Gold.
-
- KASSIERER
-
- zählt.
-
- DIREKTOR
-
- nach einer Pause.
-
-Sonst geht's noch gut?
-
- HERR
-
- zum Kassierer.
-
-Jawohl, der Schein ist geflickt.
-
- DIREKTOR
-
-Wir nehmen ihn selbstverständlich. Wir werden ihn wieder los. Ich
-reserviere ihn für unsere Kundin aus Florenz. Sie trug ja auch
-Schönheitspflästerchen.
-
- HERR
-
-Es stecken aber tausend Mark dahinter.
-
- DIREKTOR
-
-Liebhaberwert.
-
- HERR
-
- unbändig lachend.
-
-Liebhaberwert -- das ist kolossal.
-
- DIREKTOR
-
- unter Tränen.
-
-Liebhaberwert --
-
- Er gibt ihm die Quittung des Kassierers.
-
-Ihre Quittung.
-
- Erstickend.
-
-Sechzig -- tau -- --
-
- HERR
-
- nimmt, liest sie, ebenso.
-
-Sechzig -- tau -- --
-
- DIREKTOR
-
-Liebhaber --
-
- HERR
-
-Lieb -- --
-
- Sie reichen sich die Hände.
-
- DIREKTOR
-
-Wir sehen uns heute abend.
-
- HERR
-
- nickend.
-
-Liebhaber --
-
- Er knöpft seinen Mantel, kopfschüttelnd ab.
-
- DIREKTOR
-
- steht noch, wischt sich die Tränen hinter dem Kneifer. Dann links
- hinein.
-
- KASSIERER
-
- bündelt die zuletzt erhaltenen Scheine und rollt die Münzen.
-
- DIREKTOR
-
- kommt zurück.
-
-Diese Dame aus Florenz -- die aus Florenz kommen will -- ist Ihnen
-schon einmal eine Erscheinung wie diese vorm Schalter aufgetaucht?
-Pelz -- parfümiert. Das riecht nachträglich, man zieht mit der Luft
-Abenteuer ein! -- -- Das ist die große Aufmachung. Italien, das wirkt
-verblüffend -- märchenhaft. Riviera -- Mentone -- Bordighera -- Nizza
--- Monte Carlo! Ja, wo Orangen blühen, da blüht auch der Schwindel. Von
-Schwindel ist da unten kein Quadratmeter Erdboden frei. Dort wird der
-Raubzug arrangiert. Die Gesellschaft verstreut sich in alle Winde.
-Nach den kleineren Plätzen -- abseits der großen Heerstraße -- schlägt
-man sich am liebsten. Dann schäumend in Pelz und Seide. Weiber! Das
-sind die modernen Sirenen. Singsang vom blauen Süden -- o bella Napoli.
-Verfänglicher Augenaufschlag -- und man ist geplündert bis auf das
-Netzhemd. Bis auf die nackte Haut -- die nackte, nackte Haut!
-
- Er trommelt mit seinem Bleistift dem Kassierer den Rücken.
-
-Ich zweifle keinen Augenblick, daß die Bank in Florenz, die den Brief
-ausgestellt hat, so wenig von dem Brief etwas weiß -- wie der Papst den
-Mond bewohnt. Das Ganze ist Schwindel, von langer Hand vorbereitet.
-Und seine Urheber sitzen nicht in Florenz, sondern Monte Carlo! Das
-kommt zuerst in Frage. Verlassen Sie sich drauf. Wir haben hier eine
-jener Existenzen gesehen, die im Sumpf des Spielpalastes gedeihen.
-Und ich gebe mein zweites Wort darauf, daß wir sie nicht wiedersehen.
-Der erste Versuch ist mißglückt, die Person wird sich vor dem zweiten
-hüten! -- Wenn ich auch meine Späße mache -- dabei bin ich scharfäugig.
-Wir vom Bankgeschäft! -- Ich hätte eigentlich unserm Polizeileutnant
-Werde einen Wink geben sollen! -- Es geht mich ja weiter nichts an.
-Schließlich ist die Bank zu Stillschweigen verpflichtet.
-
- An der Tür.
-
-Verfolgen Sie mal in den auswärtigen Zeitungen: wenn Sie von einer
-Hochstaplerin lesen, die hinter Schloß und Riegel sichergesetzt ist,
-dann wollen wir uns wieder sprechen. Dann werden Sie mir recht geben.
-Dann werden wir von unserer Freundin aus Florenz mehr hören -- als wir
-heute oder morgen hier wieder von ihrem Pelz zu sehen bekommen!
-
- Ab.
-
- KASSIERER
-
- siegelt Rollen.
-
- PORTIER
-
- mit Briefen von rechts, sie dem Gehilfen reichend.
-
-Eine Quittung für eine Einschreibesendung bekomme ich wieder.
-
- GEHILFE
-
- stempelt den Zettel, gibt ihn an den Portier.
-
- PORTIER
-
- stellt noch Glas und Wasserflasche auf dem Tisch zurecht. Ab.
-
- GEHILFE
-
- trägt die Briefe in das Direktorzimmer -- kommt wieder.
-
- DAME
-
- kehrt zurück; rasch an den Schalter.
-
-Ach Pardon.
-
- KASSIERER
-
- streckt die flache Hand hin.
-
- DAME
-
- stärker.
-
-Pardon.
-
- KASSIERER
-
- klopft.
-
- DAME
-
-Ich möchte den Herrn Direktor nicht nochmal stören.
-
- KASSIERER
-
- klopft.
-
- DAME
-
- in Verzweiflung lächelnd.
-
-Hören Sie bitte, ist das nicht möglich: ich hinterlasse der Bank
-den Brief über den ganzen Betrag und empfange einen Vorschuß von
-dreitausend?
-
- KASSIERER
-
- klopft ungeduldig.
-
- DAME
-
-Ich bin eventuell bereit, meine Brillanten als Unterpfand
-auszuhändigen. Die Steine wird Ihnen jeder Juwelier in der Stadt
-abschätzen.
-
- Sie streift einen Handschuh ab und nestelt am Armband.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- rasch von rechts, setzt sich ins Rohrsofa und sucht, alles
- auswühlend, im Marktkorb.
-
- DAME
-
- hat sich schwach erschreckend umgedreht: sich aufstützend sinkt ihre
- Hand auf die Hand des Kassierers.
-
- KASSIERER
-
- dreht sich über die Hand in seiner Hand. Jetzt ranken seine
- Brillenscheiben am Handgelenk aufwärts.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- findet aufatmend den Schein.
-
- DAME
-
- nickt hin.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- ordnet im Korb.
-
- DAME
-
- sich dem Kassierer zuwendend -- trifft in sein Gesicht.
-
- KASSIERER
-
- lächelt.
-
- DAME
-
- zieht ihre Hand zurück.
-
-Ich will die Bank nicht zu Leistungen veranlassen, die sie nicht
-verantworten kann.
-
- Sie legt das Armband an, müht sich an der Schließe. Dem Kassierer den
- Arm hinstreckend.
-
-Würden Sie die Freundlichkeit haben -- ich bin nicht geschickt genug
-mit einer Hand nur.
-
- KASSIERER
-
- Büsche des Bartes wogen -- Brille sinkt in blühende Höhlen eröffneter
- Augen.
-
- DAME
-
- zum Dienstmädchen.
-
-Sie helfen mir, Fräulein.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- tut es.
-
- DAME
-
-Noch die Sicherheitskette.
-
- Mit einem kleinen Schrei.
-
-Sie stechen ja in mein offenes Fleisch. So hält es. Vielen Dank,
-Fräulein.
-
- Sie grüßt noch den Kassierer. Ab.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- am Schalter, legt ihren Schein hin.
-
- KASSIERER
-
- greift ihn in wehenden Händen. Lange sucht er unter der Platte. Dann
- zahlt er aus.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- sieht das aufgezählte Geld an; dann zum Kassierer.
-
-Das bekomme ich doch nicht?
-
- KASSIERER
-
- schreibt.
-
- GEHILFE
-
- wird aufmerksam.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- zum Gehilfen.
-
-Es ist doch mehr.
-
- GEHILFE
-
- sieht zum Kassierer.
-
- KASSIERER
-
- streicht einen Teil wieder ein.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
-Immer noch zuviel!
-
- KASSIERER
-
- schreibt.
-
- DIENSTMÄDCHEN
-
- steckt kopfschüttelnd das Geld in den Korb. Ab.
-
- KASSIERER
-
- durch Heiserkeit sträubt sich der Laut herauf.
-
-Holen Sie -- Glas Wasser!
-
- GEHILFE
-
- geht aus dem Schalter zum Tisch.
-
- KASSIERER
-
-Das ist abgestanden. Frisches -- von der Leitung.
-
- GEHILFE
-
- geht mit dem Glas in die Stahlkammer.
-
- KASSIERER
-
- behende nach einem Klingelknopf -- drückt.
-
- PORTIER
-
- kommt.
-
- KASSIERER
-
-Holen Sie frisches Wasser.
-
- PORTIER
-
-Ich darf nicht von der Tür draußen weg.
-
- KASSIERER
-
-Für mich. Das ist Jauche. Ich will Wasser von der Leitung.
-
- PORTIER
-
- mit der Wasserflasche in die Stahlkammer.
-
- KASSIERER
-
- stopft mit schnellen Griffen die zuletzt gehäuften Scheine und
- Geldrollen in seine Taschen. Dann nimmt er den Mantel vom Haken,
- wirft ihn über den Arm. Noch den Hut. Er verläßt den Schalter -- und
- geht rechts ab.
-
- DIREKTOR
-
- in einen Brief vertieft links herein.
-
-Da ist ja die Bestätigung von Florenz eingetroffen!
-
- GEHILFE
-
- mit dem Glas Wasser aus der Stahlkammer.
-
- PORTIER
-
- mit der Wasserflasche aus der Stahlkammer.
-
- DIREKTOR
-
- bei ihrem Anblick.
-
-Zum Donnerwetter, was heißt denn das?
-
-
- Hotelschreibzimmer. Hinten Glastür. Links Schreibtisch mit
- Telefonapparat. Rechts Sofa, Sessel mit Tisch mit Zeitschriften usw.
-
- DAME
-
- schreibt.
-
- SOHN
-
- in Hut und Mantel kommt -- im Arm großen flachen Gegenstand in ein
- Tuch gehüllt.
-
- DAME
-
- überrascht.
-
-Du hast es?
-
- SOHN
-
-Unten sitzt der Weinhändler. Der schnurrige Kopf beargwöhnt mich, ich
-brenne ihm aus.
-
- DAME
-
-Am Morgen war er doch froh, es loszuwerden.
-
- SOHN
-
-Jetzt wittert er wohl allerhand.
-
- DAME
-
-Du wirst ihn aufmerksam gemacht haben.
-
- SOHN
-
-Ich habe mich ein bißchen gefreut.
-
- DAME
-
-Das muß Blinde sehend machen!
-
- SOHN
-
-Sie sollen auch die Augen aufreißen. Aber beruhige Dich, Mama, der
-Preis ist derselbe wie am Morgen.
-
- DAME
-
-Wartet der Weinhändler?
-
- SOHN
-
-Den lassen wir warten.
-
- DAME
-
-Ich muß dir leider mitteilen --
-
- SOHN
-
- küßt sie.
-
-Also Stille. Feierliche Stille. Du blickst erst hin, wenn ich dich dazu
-auffordere.
-
- Er wirft Hut und Mantel ab, stellt das Bild auf einen Sessel und
- lüftet das Tuch.
-
- DAME
-
-Noch nicht?
-
- SOHN
-
- sehr leise.
-
-Mama.
-
- DAME
-
- dreht sich im Stuhl um.
-
- SOHN
-
- kommt zu ihr, legt seinen Arm um ihre Schultern.
-
-Nun?
-
- DAME
-
-Das ist allerdings nicht für eine Weinstube!
-
- SOHN
-
-Es hing auch gegen die Wand gedreht. Auf die Rückseite hatte der Mann
-seine Photographie gepappt.
-
- DAME
-
-Hast du die mitgekauft?
-
- SOHN
-
- lacht.
-
-Wie findest du es?
-
- DAME
-
-Ich finde es -- sehr naiv.
-
- SOHN
-
-Köstlich -- nicht wahr? Für einen Cranach fabelhaft.
-
- DAME
-
-Willst du es als Bild so hochschätzen?
-
- SOHN
-
-Als Bild selbstverständlich! Aber daneben das Merkwürdige der
-Darstellung. Für Cranach -- und für die Behandlung des Gegenstandes
-in der gesamten Kunst überhaupt. Wo findest du das? Pitti -- Uffizien
--- die Vatikanischen? Der Louvre ist ja ganz schwach darin. Wir
-haben hier zweifellos die erste und einzige erotische Figuration des
-ersten Menschenpaares. Hier liegt noch der Apfel im Gras -- aus dem
-unsäglichen Laubgrün lugt die Schlange -- der Vorgang spielt sich also
-im Paradies selbst ab und nicht nach der Verstoßung. Das ist der
-wirkliche Sündenfall! -- Ein Unikum. Cranach hat ja Dutzend Adam und
-Eva gemalt -- steif -- mit dem Zweige in der Mitte -- und vor allem
-die zwei getrennt. Es heißt da: sie erkannten sich. Hier jubelt zum
-erstenmal die selige Menschheitsverkündung auf: sie liebten sich!
-Hier zeigt sich ein deutscher Meister als Erotiker von südlichster,
-allersüdlichster Emphatik!
-
- Vor dem Bild.
-
-Dabei diese Beherrschtheit noch in der Ekstase. Diese Linie des
-männlichen Armes, die die weibliche Hüfte überschneidet. Die
-Horizontale der unten gelagerten Schenkel und die Schräge des andern
-Schenkelpaares. Das ermüdet das Auge keinen Moment. Das erzeugt Liebe
-im Hinsehen -- der Fleischton leistet natürlich die wertvollste Hilfe.
-Geht es dir nicht ebenso?
-
- DAME
-
-Du bist wie dein Bild naiv.
-
- SOHN
-
-Was meinst du damit?
-
- DAME
-
-Ich bitte dich, das Bild im Hotel in deinem Zimmer zu verbergen.
-
- SOHN
-
-Zu Hause wird es ja erst mächtig auf mich wirken. Florenz und
-dieser Cranach. Der Abschluß meines Buches wird natürlich weit
-hinausgeschoben. Das muß verarbeitet sein. Das muß aus eigenem Fleisch
-und Blut zurückströmen, sonst versündigt sich der Kunsthistoriker.
-Augenblicklich fühle ich mich ziemlich erschlagen. -- Auf der ersten
-Station dieser Reise das Bild zu finden!
-
- DAME
-
-Du vermutetest es doch mit Sicherheit.
-
- SOHN
-
-Aber vor dem Ereignis steht man doch geblendet. Ist es nicht zum
-Verrücktwerden? Mama, ich bin ein Glücksmensch!
-
- DAME
-
-Du ziehst die Resultate aus deinen eingehenden Studien.
-
- SOHN
-
-Und ohne deine Hilfe? Ohne deine Güte?
-
- DAME
-
-Ich finde mein Glück mit dir darin.
-
- SOHN
-
-Du übst endlose Nachsicht mit mir. Ich reiße dich aus deinem schönen,
-ruhigen Leben in Fiesole. Du bist Italienerin, ich hetze dich durch
-Deutschland mitten im Winter. Du übernachtest im Schlafwagen -- Hotels
-zweiter, dritter Güte -- schlägst dich mit allerhand Leuten herum --
-
- DAME
-
-Das habe ich allerdings reichlich gekostet!
-
- SOHN
-
-Ich verspreche dir, mich zu beeilen. Ich bin ja selbst ungeduldig, den
-Schatz in Sicherheit zu bringen. Um drei reisen wir. Willst du mir die
-Dreitausend geben?
-
- DAME
-
-Ich habe sie nicht.
-
- SOHN
-
-Der Besitzer des Bildes ist im Hotel.
-
- DAME
-
-Die Bank konnte sie mir nicht auszahlen. Von Florenz muß sich die
-Benachrichtigung verzögert haben.
-
- SOHN
-
-Ich habe die Bezahlung zugesagt.
-
- DAME
-
-Dann mußt du ihm das Bild wieder ausliefern, bis die Bank Auftrag
-erhält.
-
- SOHN
-
-Läßt sich das nicht beschleunigen?
-
- DAME
-
-Ich habe hier ein Telegramm aufgesetzt, daß ich jetzt besorgen lasse.
-Wir sind ja schnell gereist --
-
- KELLNER
-
- klopft an.
-
- DAME
-
-Bitte.
-
- KELLNER
-
-Ein Herr von der Bank wünscht gnädige Frau zu sprechen.
-
- DAME
-
- zum Sohn.
-
-Da wird mir das Geld schon ins Hotel geschickt.
-
- Zum Kellner.
-
-Ich bitte.
-
- KELLNER
-
- ab.
-
- SOHN
-
-Du rufst mich, wenn du mir das Geld geben kannst. Ich lasse den Mann
-nicht gern wieder aus dem Hotel gehen.
-
- DAME
-
-Ich telephoniere dir.
-
- SOHN
-
-Ich sitze unten.
-
- Ab.
-
- DAME
-
- schließt die Schreibmappe.
-
- Kellner und Kassierer erscheinen hinter der Glastür. Kassierer
- überholt den Kellner, öffnet; Kellner kehrt um, ab.
-
- KASSIERER
-
- noch Mantel überm Arm -- tritt ein.
-
- DAME
-
- zeigt nach einem Sessel und setzt sich ins Sofa.
-
- KASSIERER
-
- den Mantel bei sich, auf dem Sessel.
-
- DAME
-
-Bei der Bank ist --
-
- KASSIERER
-
- sieht das Bild.
-
- DAME
-
-Dies Bild steht in enger Beziehung zu meinem Besuch auf der Bank.
-
- KASSIERER
-
-Sie?
-
- DAME
-
-Entdecken Sie Ähnlichkeiten?
-
- KASSIERER
-
- lächelnd.
-
-Am Handgelenk!
-
- DAME
-
-Sind Sie Kenner?
-
- KASSIERER
-
-Ich wünsche -- mehr kennenzulernen!
-
- DAME
-
-Interessieren Sie diese Bilder?
-
- KASSIERER
-
-Ich bin im Bilde!
-
- DAME
-
-Finden sich noch Stücke bei Besitzern in der Stadt? Sie würden mir
-einen Dienst erweisen. Das ist mir ja wichtiger -- so wichtig wie das
-Geld!
-
- KASSIERER
-
-Geld habe ich.
-
- DAME
-
-Am Ende wird die Summe nicht genügen, über die ich meinen Brief
-ausstellen ließ.
-
- KASSIERER
-
- packt die Scheine und Rollen aus.
-
-Das ist genug!
-
- DAME
-
-Ich kann nur zwölftausend erheben.
-
- KASSIERER
-
-Sechzigtausend!
-
- DAME
-
-Auf welche Weise?
-
- KASSIERER
-
-Meine Angelegenheit.
-
- DAME
-
-Wie soll ich --?
-
- KASSIERER
-
-Wir reisen.
-
- DAME
-
-Wohin?
-
- KASSIERER
-
-Über die Grenze. Packen Sie Ihren Koffer -- wenn Sie einen haben. Sie
-reisen vom Bahnhof ab -- ich laufe bis zur nächsten Station zu Fuß und
-steige zu. Wir logieren zum ersten Male -- -- Kursbuch?
-
- Er findet es auf dem Tische.
-
- DAME
-
-Bringen Sie mir denn von der Bank über dreitausend?
-
- KASSIERER
-
- beschäftigt.
-
-Ich habe sechzigtausend eingesteckt. Fünfzigtausend in Scheinen --
-zehntausend in Gold.
-
- DAME
-
-Davon gehören mir --?
-
- KASSIERER
-
- bricht eine Rolle auf und zählt fachmännisch die Stücke in eine Hand
- vor, dann auf den Tisch hin.
-
-Nehmen Sie. Stecken Sie fort. Wir könnten belauscht sein. Die Tür hat
-Glasscheiben. Fünfhundert in Gold.
-
- DAME
-
-Fünfhundert?
-
- KASSIERER
-
-Später mehr. Wenn wir in Sicherheit sind. Hier dürfen wir nichts sehen
-lassen. Vorwärts. Einkassiert. Für Zärtlichkeiten ist diese Stunde
-nicht geeignet, sie dreht rasend ihre Speichen, in denen jeder Arm
-zermalmt wird, der eingreift!
-
- Er springt auf.
-
- DAME
-
-Ich brauche dreitausend.
-
- KASSIERER
-
-Wenn sie die Polizei in Ihrer Tasche findet, sind Sie hinter Schloß und
-Riegel gesetzt!
-
- DAME
-
-Was geht es die Polizei an?
-
- KASSIERER
-
-Sie erfüllten den Kassenraum. An Sie hakt sich der Verdacht, und unsere
-Verkettung liegt zutage.
-
- DAME
-
-Ich betrat den Kassenraum --
-
- KASSIERER
-
-Unverfroren.
-
- DAME
-
-Ich forderte --
-
- KASSIERER
-
-Sie versuchten.
-
- DAME
-
-Ich suchte --
-
- KASSIERER
-
--- die Bank zu prellen, als Sie Ihren gefälschten Brief präsentierten.
-
- DAME
-
- aus ihrer Handtasche den Brief nehmend.
-
-Dieser Brief ist nicht echt?
-
- KASSIERER
-
-So unecht wie Ihre Brillanten.
-
- DAME
-
-Ich bot meine Wertsachen als Pfand an. Warum sind meine Pretiosen
-Imitationen?
-
- KASSIERER
-
-Damen Ihres Schlages blenden nur.
-
- DAME
-
-Von welchem Schlage bin ich denn? Schwarzhaarig -- mein Teint ist
-dunkel. Ich bin südlicher Schlag. Toskana.
-
- KASSIERER
-
-Monte Carlo!
-
- DAME
-
- lächelt.
-
-Nein, Florenz!
-
- KASSIERER
-
- sein Blick stürzt auf Hut und Mantel des Sohnes.
-
-Komme ich zu spät?
-
- DAME
-
-Zu spät?
-
- KASSIERER
-
-Wo ist er? Ich werde mit ihm verhandeln. Er wird mit sich handeln
-lassen. Ich habe Mittel. Wieviel soll ich ihm bieten? Wie hoch
-veranschlagen Sie die Entschädigung? Wieviel stopfe ich ihm in die
-Tasche? Ich steigere bis zu fünfzehntausend! -- Schläft er? Rekelt er
-sich im Bett? Wo ist Euer Zimmer? Zwanzigtausend -- fünftausend mehr
-für unverzögerten Abstand!
-
- Er rafft Hut und Mantel vom Sessel.
-
-Ich bringe ihm seine Sachen.
-
- DAME
-
- verwundert.
-
-Der Herr sitzt im Vestibül.
-
- KASSIERER
-
-Das ist zu gefährlich. Es ist belebt unten. Rufen Sie ihn herauf.
-Ich setze ihn hier matt. Klingeln Sie. Der Kellner soll fliegen.
-Zwanzigtausend -- in Scheinen!
-
- Er zählt auf.
-
- DAME
-
-Kann mein Sohn mich legitimieren?
-
- KASSIERER
-
- prallt zurück.
-
-Ihr -- -- Sohn?!
-
- DAME
-
-Ich reise mit ihm. Ich begleite ihn auf einer Studienreise, die uns
-von Florenz nach Deutschland führt. Mein Sohn sucht Material für sein
-kunsthistorisches Werk.
-
- KASSIERER
-
- starrt sie an.
-
--- -- Sohn?!
-
- DAME
-
-Ist das so ungeheuerlich?
-
- KASSIERER
-
- wirr.
-
-Dies -- -- Bild?!
-
- DAME
-
-Ist sein glücklicher Fund. Mit dreitausend bezahlt es mein Sohn. Das
-sind die von mir sehnlich gewünschten Dreitausend. Ein Weingroßhändler
--- den Sie ja kennen werden, wenn Sie seinen Namen hören -- überläßt es
-ihm zu diesem Preis.
-
- KASSIERER
-
--- -- Pelz -- -- Seide -- -- es schillerte und knisterte -- -- die Luft
-wogte von allen Parfümen!
-
- DAME
-
-Es ist Winter. Ich trage nach meinen Begriffen keine besondere Kleidung.
-
- KASSIERER
-
-Der falsche Brief?!
-
- DAME
-
-Ich bin im Begriff, an meine Bank zu depeschieren!
-
- KASSIERER
-
-Ihr Handgelenk nackt -- -- um das ich die Kette ranken sollte?!
-
- DAME
-
-Die linke Hand allein ist ungeschickt.
-
- KASSIERER
-
- dumpf.
-
-Ich habe -- -- das Geld eingesteckt -- -- -- --
-
- DAME
-
- belustigt.
-
-Sind Sie und die Polizei nun zufrieden? Mein Sohn ist wissenschaftlich
-nicht unbekannt.
-
- KASSIERER
-
-Jetzt -- -- in diesem Moment werde ich vermißt. Ich hatte Wasser für
-mich bestellt, um den Gehilfen zu entfernen -- zweimal Wasser, um die
-Tür vom Portier zu entblößen. Die Noten und Rollen sind verschwunden.
-Ich habe defraudiert! -- -- Ich darf mich nicht in den Straßen --
-auf dem Markt sehen lassen. Ich darf den Bahnhof nicht betreten. Die
-Polizei ist auf den Beinen. Sechzigtausend! -- -- Ich muß übers Feld --
-quer durch den Schnee, bevor die Gendarmen alarmiert sind!
-
- DAME
-
- entsetzt.
-
-Schweigen Sie doch!
-
- KASSIERER
-
-Ich habe alles Geld eingesteckt -- -- Sie erfüllten den Kassenraum --
--- Sie schillerten und knisterten -- -- Sie senkten Ihre nackte Hand
-in meine -- -- Sie rochen heiß -- -- Ihr Mund roch -- --
-
- DAME
-
-Ich bin eine Dame!
-
- KASSIERER
-
- stier.
-
-Jetzt müssen Sie doch -- --!!
-
- DAME
-
- sich bezwingend.
-
-Sind Sie verheiratet?
-
- Auf seine schwingende Geste.
-
-Ich meine, das gilt sehr viel. Wenn ich es nicht überhaupt als einen
-Scherz auffassen soll. Sie haben sich zu einer unüberlegten Handlung
-hinreißen lassen. Sie reparieren den Schaden. Sie kehren in Ihren
-Schalter zurück und schützen ein momentanes Unwohlsein vor. Sie haben
-den vollen Betrag noch bei sich?
-
- KASSIERER
-
-Ich habe mich an der Kasse vergriffen --
-
- DAME
-
- schroff.
-
-Das interessiert mich dann nicht weiter.
-
- KASSIERER
-
-Ich habe die Bank geplündert --
-
- DAME
-
-Sie belästigen mich, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Jetzt müssen Sie -- --
-
- DAME
-
-Was ich müßte --
-
- KASSIERER
-
-Jetzt müssen Sie doch!!
-
- DAME
-
-Lächerlich.
-
- KASSIERER
-
-Ich habe geraubt, gestohlen. Ich habe mich ausgeliefert -- ich habe
-meine Existenz vernichtet -- alle Brücken sind gesprengt -- ich bin ein
-Dieb -- Räuber -- --
-
- Über den Tisch geworfen.
-
-Jetzt müssen Sie doch -- -- jetzt müssen Sie doch!!!
-
- DAME
-
-Ich werde Ihnen meinen Sohn rufen, vielleicht -- --
-
- KASSIERER
-
- verändert, agil.
-
-Jemanden rufen? Allerweltsleute rufen? Alarm schlagen? Großartig! --
-Dumm. Plump. Mich fangen sie nicht ein. In die Falle trete ich nicht.
-Ich habe meinen Witz, meine Herrschaften. Euer Witz tappt hinterher --
-ich immer zehn Kilometer voraus. Rühren Sie sich nicht. Stillgesessen,
-bis ich --
-
- Er steckt das Geld ein, drückt den Hut ins Gesicht, preßt den Mantel
- auf die Brust.
-
-Bis ich --
-
- Behende geräuschlos durch die Glastür ab.
-
- DAME
-
- steht verwirrt.
-
- SOHN
-
- kommt.
-
-Der Herr von der Bank ging aus dem Hotel. Du bist erregt, Mama. Ist das
-Geld --
-
- DAME
-
-Die Unterhaltung hat mich angestrengt. Geldsachen, Jungchen. Du weißt,
-es reizt mich immer etwas.
-
- SOHN
-
-Sind Schwierigkeiten entstanden, die die Auszahlung wieder aufhalten?
-
- DAME
-
-Ich müßte es dir vielleicht doch sagen --
-
- SOHN
-
-Muß ich das Bild zurückgeben?
-
- DAME
-
-An das Bild denke ich nicht.
-
- SOHN
-
-Das geht uns doch am meisten an.
-
- DAME
-
-Ich glaube, ich muß sogleich eine Anzeige erstatten.
-
- SOHN
-
-Was für eine Anzeige?
-
- DAME
-
-Die Depesche besorge. Ich muß unter allen Umständen von meiner Bank
-eine Bestätigung in Händen haben.
-
- SOHN
-
-Genügt dein Bankbrief nicht?
-
- DAME
-
-Nein. Nicht ganz. Geh nach dem Telegraphenamt. Ich möchte den Portier
-nicht mit der offenen Depesche schicken.
-
- SOHN
-
-Und wann kommt nun das Geld?
-
- Das Telephon schrillt.
-
- DAME
-
-Da werde ich schon angerufen.
-
- Am Apparat.
-
-Ist eingetroffen. Ich soll selbst abheben. Gern. Aber bitte, Herr
-Direktor. Ich bin gar nicht aufgebracht. Florenz ist weit. Ja, die Post
-in Italien. Wie? Warum? Wie? Ja, warum? Ach so -- via Berlin, das
-ist allerdings ein großer Umweg. -- Mit keinem Gedanken. Danke, Herr
-Direktor. In zehn Minuten. Adieu.
-
- Zum Sohn.
-
-Erledigt, Junge. Meine Depesche ist überflüssig geworden.
-
- Sie zerreißt das Formular.
-
-Du hast dein Bild. Dein Weinhändler begleitet uns. Er nimmt auf der
-Bank den Betrag in Empfang. Verpacke deinen Schatz. Von der Bank fahren
-wir zum Bahnhof.
-
- Telephonierend, während Sohn das Bild verhüllt.
-
-Ich bitte um die Rechnung. Zimmer vierzehn und sechzehn. Sehr eilig.
-Bitte.
-
-
- Verschneites Feld mit Baum mit tiefreichender Astwirrnis.
- Blauschattende Sonne.
-
- KASSIERER
-
- kommt, rückwärts gehend. Er schaufelt mit den Händen seine Spur zu.
- Sich aufrichtend.
-
-Solch ein Mensch ist doch ein Wunderwerk. Der Mechanismus klappt in
-Scharnieren -- lautlos. Plötzlich sind Fähigkeiten ermittelt und mit
-Schwung tätig. Wie gebärden sich meine Hände? Wo haben sie Schnee
-geschippt? Jetzt wuchten sie die Massen, daß die Flocken stäuben.
-Überdies ist meine Spur über das Schneefeld wirkungsvoll verwischt.
-Erzielt ist ein undurchsichtiges Inkognito!
-
- Er streift die erweichten Manschetten ab.
-
-Nässe und Frost begünstigen scharfe Erkältungen. Unversehens bricht
-Fieber aus und beeinflußt die Entschlüsse. Man verliert die Kontrolle
-über seine Handlungen, und aufs Krankenbett geworfen, ist man geliefert!
-
- Er knöpft die Knöpfe heraus und schleudert die Manschetten weg.
-
-Ausgedient. Da liegt. Ihr werdet in der Wäsche fehlen. Das Lamento
-plärrt durch die Küche: ein Paar Manschetten fehlt. Katastrophe im
-Waschkessel. Weltuntergang!
-
- Er sammelt die Manschetten wieder auf und stopft sie in die
- Manteltaschen.
-
-Toll: da arbeitet mein Witz schon wieder. Mit unfehlbarer Sicherheit.
-Ich quäle mich mit dem zerstampften Schnee ab und verrate mich mit
-zwei leichtsinnig verschleuderten Wäschestücken. Meist ist es eine
-Kleinigkeit -- ein Versehen -- eine Flüchtigkeit, die den Täter
-feststellt. Hopla!
-
- Er sucht sich einen bequemen Sitz in einer Astgabel.
-
-Ich bin doch neugierig. Meine Spannung ist gewaltig geschwollen. Ich
-habe Grund, mich auf die wichtigsten Entdeckungen gefaßt zu machen.
-Im Fluge gewonnene Erfahrungen stehen mir zur Seite. Am Morgen noch
-erprobter Beamter. Man vertraut mir runde Vermögen an, der Bauverein
-deponiert Riesensummen. Mittags ein durchtriebener Halunke. Mit
-allen Wassern gewaschen. Die Technik der Flucht bis in die Details
-durchgebildet. Das Ding gedreht und hin. Fabelhafte Leistung. Und der
-Tag erst zur Hälfte bezwungen!
-
- Er stützt das Kinn auf die Faustrücken.
-
-Ich bin bereit, jedem Vorfall eine offene Brust zu bieten. Ich besitze
-untrügliche Zeichen, keinem Anspruch die Antwort schuldig zu bleiben.
-Ich bin auf dem Marsche -- Umkehr findet nicht statt. Ich marschiere
--- also ohne viel Federlesen heraus mit den Trümpfen. Ich habe
-sechzigtausend auf die Karte gesetzt -- und erwarte den Trumpf. Ich
-spiele zu hoch, um zu verlieren. Keine Flausen -- aufgedeckt und heda!
-Verstanden?
-
- Er lacht ein krächzendes Gelächter.
-
-Jetzt müssen Sie, schöne Dame. Ihr Stichwort, seidene Dame. Bringen
-Sie es doch, schillernde Dame, Sie lassen ja die Szene unter den
-Tisch fallen. Dummes Luder. Und sowas spielt Komödie. Kommt euren
-natürlichen Verpflichtungen nach, zeugt Kinder -- und belästigt
-nicht die Souffleuse! Verzeihung, Sie haben ja einen Sohn. Sie sind
-vollständig legitimiert. Ich liquidiere meine Verdächtigungen. Leben
-Sie wohl und grüßen Sie den Direktor. Seine Kalbsaugen werden Sie mit
-einem eklen Schleim bestreichen, aber machen Sie sich nichts draus.
-Der Mann ist um sechzigtausend geprellt, der Bauverein wird ihm das
-Dach neu beschindeln. Das klappert erbärmlich. Ich entbinde Sie aller
-Verpflichtungen gegen mich, Sie sind entlassen, Sie können gehen.
--- Halt! Nehmen Sie meinen Dank auf den Weg -- in die Eisenbahn! --
-Was? Keine Ursache? -- Ich denke, bedeutende! Nicht der Rede wert? --
-Sie scherzen, Ihr Schuldner! Wieso? -- Ich verdanke Ihnen das Leben!
--- Um Himmels willen! -- Ich übertreibe! Mich haben Sie, knisternd,
-aufgelockert. Ein Sprung hinter Sie drein stellt mich in den Brennpunkt
-unerhörter Geschehnisse. Und mit der Fracht in der Brusttasche zahle
-ich alle Begünstigungen bar!
-
- Mit einer nachlässigen Geste.
-
-Verduften Sie jetzt, Sie sind bereits überboten und können bei
-beschränkten Mitteln -- ziehen Sie sich Ihren Sohn zu Gemüte -- auf
-keinen Zuschlag hoffen!
-
- Er holt das Banknotenbündel aus der Tasche und klatscht es auf die
- Hand.
-
-Ich zahle bar! Der Betrag ist flüssig gemacht -- Regulierung läuft dem
-Angebot voraus. Vorwärts, was bietet sich?
-
- Er sieht in das Feld.
-
-Schnee. Schnee. Sonne. Stille.
-
- Er schüttelt den Kopf und steckt das Geld ein.
-
-Es wäre eine schamlose Übervorteilung -- mit dieser Summe blauen Schnee
-zu bezahlen. Ich mache das Geschäft nicht. Ich trete vor dem Abschluß
-zurück. Keine reelle Sache!
-
- Die Arme aufwerfend.
-
-Ich muß bezahlen!! -- -- Ich habe das Geld bar!! -- -- Wo ist Ware, die
-man mit dem vollen Einsatz kauft?! Mit sechzigtausend -- und dem ganzen
-Käufer mit Haut und Knochen?! -- --
-
- Schreiend.
-
-Ihr müßt mir doch liefern -- -- ihr müßt doch Wert und Gegenwert in
-Einklang bringen!!!!
-
- Sonne von Wolken verfinstert. Er steigt aus der Gabel.
-
-Die Erde kreißt -- Frühlingsstürme. Es macht sich, es macht sich.
-Ich wußte, daß ich nicht umsonst gerufen habe. Die Aufforderung war
-dringend. Das Chaos ist beleidigt, es will sich nicht vor meiner
-eingreifenden Tat am Vormittag blamieren. Ich wußte es ja, man darf in
-solchen Fällen nicht locker lassen. Hart auf den Leib rücken -- und
-das Mäntelchen vom Leib, dann zeigt sich was! -- Vor wem lüfte ich denn
-so höflich meinen Hut?
-
- Sein Hut ist ihm entrissen. Der Orkan hat den Schnee von den Zweigen
- gepeitscht: Reste in der Krone haften und bauen ein menschliches
- Gerippe mit grinsenden Kiefern auf. Eine Knochenhand hält den Hut.
-
-Hast du die ganze Zeit hinter mir gesessen und mich belauscht?
-Bist du ein Abgesandter der Polizei? Nicht in diesem lächerlich
-beschränkten Sinne. Umfassend: Polizei des Daseins? -- Bist du die
-erschöpfende Antwort auf meine nachdrückliche Befragung? Willst du
-mit deiner einigermaßen reichlich durchlöcherten Existenz andeuten:
-das abschließende Ergebnis -- deine Abgebranntheit? -- Das ist etwas
-dürftig. Sehr dürftig. Nämlich nichts! -- Ich lehne die Auskunft
-als nicht lückenlos ab. Ich danke für die Bedienung. Schließen Sie
-Ihren Laden mit alten Knochen. Ich bin nicht der erste beste, der
-sich beschwatzen läßt! -- Der Vorgang wäre ja ungeheuer einfach. Sie
-entheben der weiteren Verwickelungen. Aber ich schätze Komplikationen
-höher. Leben Sie wohl -- wenn Sie das in Ihrer Verfassung können! --
-Ich habe noch einiges zu erledigen. Wenn man unterwegs ist, kann man
-nicht in jede Haustür eintreten. Auch auf die freundlichste Einladung
-nicht. Ich sehe bis zum Abend noch eine ganze Menge Verpflichtungen
-vor mir. Sie können unmöglich die erste sein. Vielleicht die letzte.
-Aber auch dann nur notgedrungen. Vergnügen macht es mir nicht. Aber,
-wie gesagt, notgedrungen -- darüber läßt sich reden. Rufen Sie mich
-gegen Mitternacht nochmals an. Wechselnde Telephonnummer beim Amt zu
-erfragen! -- Verzeihung, ich rede dich mit Sie an. Wir stehen doch wohl
-auf du und du. Die Verwandtschaft bezeugt sich innigst. Ich glaube
-sogar, du steckst in mir drin. Also winde dich aus dem Astwerk los,
-das dich von allen Seiten durchsticht, und rutsche in mich hinein. Ich
-hinterlasse in meiner zweideutigen Lage nicht gern Spuren. Vorher gib
-mir meinen Hut wieder!
-
- Er nimmt den Hut vom Ast, den der Sturm ihm jetzt entgegenbiegt --
- verbeugt sich.
-
-Ich sehe, wir haben bis zu einem annehmbaren Grade eine Verständigung
-erzielt. Das ist ein Anfang, der Vertrauen einflößt und im Wirbel
-kommender großartiger Ereignisse den nötigen Rückhalt schafft. Ich weiß
-das unbedingt zu würdigen. Mit vorzüglicher Hochachtung -- --
-
- Donner rollt. Ein letzter Windstoß fegt auch das Gebilde aus dem
- Baum. Sonne bricht durch. Es ist hell wie zu Anfang.
-
-Ich sagte doch gleich, daß die Erscheinung nur vorübergehend war!
-
- Er drückt den Hut in die Stirn, schlägt den Mantelkragen hoch und
- trabt durch den stäubenden Schnee weg.
-
-
-
-
-ZWEITER TEIL
-
-
- Stube bei Kassierer. Fenster mit abgeblühten Geranien. Zwei Türen
- hinten, Tür rechts. Tisch und Stühle. Klavier.
-
- Mutter sitzt am Fenster. Erste Tochter stickt am Tisch. Zweite
- Tochter übt die Tannhäuserouvertüre. Frau geht durch die Tür rechts
- hinten ein und aus.
-
- MUTTER
-
-Was spielst du jetzt?
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Es ist doch die Tannhäuserouvertüre.
-
- MUTTER
-
-Die Weiße Dame ist auch sehr schön.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Die hat sie diese Woche nickt abonniert.
-
- FRAU
-
- kommt.
-
-Es ist Zeit, daß ich die Koteletts brate.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Lange noch nicht, Mutter.
-
- FRAU
-
-Nein, es ist noch nicht Zeit, daß ich die Koteletts brate.
-
- Ab.
-
- MUTTER
-
-Was stickst du jetzt?
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Die Langetten.
-
- FRAU
-
- kommt zur Mutter.
-
-Wir haben heute Koteletts.
-
- MUTTER
-
-Bratest du sie jetzt?
-
- FRAU
-
-Es hat noch Zeit. Es ist ja noch nicht Mittag.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Es ist ja noch lange nicht Mittag.
-
- FRAU
-
-Nein, es ist noch lange nicht Mittag.
-
- MUTTER
-
-Wenn er kommt, ist es Mittag.
-
- FRAU
-
-Er kommt noch nicht.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Wenn Vater kommt, ist es Mittag.
-
- FRAU
-
-Ja.
-
- Ab.
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- aufhörend, lauschend.
-
-Vater?
-
- ERSTE TOCHTER
-
- ebenso.
-
-Vater?
-
- FRAU
-
- kommt.
-
-Mein Mann?
-
- MUTTER
-
-Mein Sohn?
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- öffnet rechts.
-
-Vater!
-
- ERSTE TOCHTER
-
- ist aufgestanden.
-
-Vater!
-
- FRAU
-
-Der Mann!
-
- MUTTER
-
-Der Sohn!
-
- KASSIERER
-
- tritt rechts ein, hängt Hut und Mantel auf.
-
- FRAU
-
-Woher kommst du?
-
- KASSIERER
-
-Vom Friedhof.
-
- MUTTER
-
-Ist jemand plötzlich gestorben?
-
- KASSIERER
-
- klopft ihr auf den Rücken.
-
-Man kann wohl plötzlich sterben, aber nicht plötzlich begraben werden.
-
- FRAU
-
-Woher kommst du?
-
- KASSIERER
-
-Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch Schollen gebohrt. Hier hängt
-noch Eis. Es hat besondere Anstrengungen gekostet, um durchzukommen.
-Ganz besondere Anstrengungen. Ich habe mir die Finger etwas beschmutzt.
-Man muß lange Finger machen, um hinauszugreifen. Man liegt tief
-gebettet. So ein Leben lang schaufelt mächtig. Berge sind auf einen
-getürmt. Schutt, Müll -- es ist ein riesiger Abladeplatz. Die
-Gestorbenen liegen ihre drei Meter abgezählt unter der Oberfläche --
-die Lebenden verschüttet es immer tiefer.
-
- FRAU
-
-Du bist eingefroren -- oben und unten.
-
- KASSIERER
-
-Aufgetaut! Von Stürmen -- frühlinghaft -- geschüttelt. Es rauschte und
-brauste -- ich sage dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein
-Gebein saß nackt. Knochen -- gebleicht in Minuten. Schädelstätte!
-Zuletzt schmolz mich die Sonne wieder zusammen. Dermaßen von Grund auf
-geschah die Erneuerung. Da habt ihr mich.
-
- MUTTER
-
-Du bist im Freien gewesen?
-
- KASSIERER
-
-In scheußlichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen Türmen bodenlos
-verhaftet. Klirrende Ketten betäubten das Gehör. Von Finsternis meine
-Augen ausgestochen!
-
- FRAU
-
-Die Bank ist geschlossen. Der Direktor hat mit euch getrunken. Es ist
-ein freudiges Ereignis in seiner Familie?
-
- KASSIERER
-
-Er hat eine neue Mätresse auf dem Korn. Italienerin -- Pelz -- Seide
--- wo die Orangen blühen. Handgelenke wie geschliffen. Schwarzhaarig
--- der Teint ist dunkel. Brillanten. Echt -- alles echt. Tos -- Tos --
-der Schluß klingt wie Kanaan. Hol' einen Atlas. Tos -- Kanaan. Gibt
-es das? Ist es eine Insel? Ein Gebirge? Ein Sumpf? Die Geographie
-kann über alles Auskunft geben! Aber er wird sich schneiden. Glatt
-abfallen -- abgebürstet werden wie ein Flocken. Da liegt er -- zappelt
-auf dem Teppich -- Beine kerzengerade in die Luft -- das kugelfette
-Direktorchen!
-
- FRAU
-
-Die Bank hat nicht geschlossen?
-
- KASSIERER
-
-Niemals, Frau. Die Kerker schließen sich niemals. Der Zuzug hat kein
-Ende. Die ewige Wallfahrt ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen sie
-hinein -- in die Fleischbank. Das Gewühl ist dicht. Kein Entrinnen --
-oder mit keckem Satz über den Rücken!
-
- MUTTER
-
-Dein Mantel ist auf dem Rücken zerrissen.
-
- KASSIERER
-
-Betrachtet meinen Hut. Ein Landstreicher!
-
- ZWEITE TOCHTER
-
-Das Futter ist zerfetzt.
-
- KASSIERER
-
-Greift in die Taschen -- rechts -- links!
-
- ERSTE TOCHTER
-
- zieht eine Manschette hervor.
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- ebenso.
-
- KASSIERER
-
-Befund?
-
- BEIDE TÖCHTER
-
-Deine Manschetten.
-
- KASSIERER
-
-Ohne Knöpfe. Die Knöpfe habe ich hier. Triumph der Kaltblütigkeit! --
--- Paletot -- Hut -- ja, es geht ohne Fetzen nicht ab, wenn man über
-die Rücken setzt. Sie fassen nach einem -- sie krallen Nägel ein!
-Hürden und Schranken -- Ordnung muß herrschen. Gleichheit für alle.
-Aber ein tüchtiger Sprung -- nicht gefackelt -- und du bist aus dem
-Pferch -- aus dem Göpelwerk. Ein Gewaltstreich, und hier stehe ich!
-Hinter mir nichts -- und vor mir?
-
- Er sieht sich im Zimmer um.
-
- FRAU
-
- starrt ihn an.
-
- MUTTER
-
- halblaut.
-
-Er ist krank.
-
- FRAU
-
- mit raschem Entschluß zur Tür rechts.
-
- KASSIERER
-
- hält sie auf. Zu einer Tochter.
-
-Hol' meine Jacke.
-
- Tochter links hinten hinein, mit verschnürter Samtjacke zurück. Er
- zieht sie an.
-
-Meine Pantoffeln.
-
- Die andere Tochter bringt sie.
-
-Mein Käppchen.
-
- Tochter kommt mit gestickter Kappe.
-
-Meine Pfeife.
-
- MUTTER
-
-Du sollst nicht rauchen, wenn du schon --
-
- FRAU
-
- beschwichtigt sie hastig.
-
--- Soll ich dir anstecken?
-
- KASSIERER
-
- fertig häuslich gekleidet -- nimmt am Tisch eine bequeme Haltung an.
-
-Steck' an.
-
- FRAU
-
- immer sorgenvoll eifrig um ihn bemüht.
-
-Zieht sie?
-
- KASSIERER
-
- mit der Pfeife beschäftigt.
-
-Ich werde sie zur gründlichen Reinigung schicken müssen. Im Rohr sind
-wahrscheinlich Ansammlungen von unverbrauchten Tabakresten. Der Zug
-ist nicht frei von inneren Widerständen. Ich muß mehr, als eigentlich
-notwendig sein sollte, ziehen.
-
- FRAU
-
-Soll ich sie gleich forttragen?
-
- KASSIERER
-
-Nein, geblieben.
-
- Mächtige Rauchwolken ausstoßend.
-
-Annehmbar.
-
- Zur zweiten Tochter.
-
-Spiel'.
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- auf das Zeichen der Frau setzt sich ans Klavier und spielt.
-
- KASSIERER
-
-Was ist das für ein Stück?
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- atemlos.
-
-Wagner.
-
- KASSIERER
-
- nickt zustimmend. Zur ersten Tochter.
-
-Nähst -- flickst -- stopfst Du?
-
- ERSTE TOCHTER
-
- sich rasch hinsetzend.
-
-Ich sticke Langetten.
-
- KASSIERER
-
-Praktisch. -- Und Mutterchen, Du?
-
- MUTTER
-
- von der allgemeinen Angst angesteckt.
-
-Ich nickte ein bißchen vor mich hin.
-
- KASSIERER
-
-Friedvoll.
-
- MUTTER
-
-Ja, mein Leben ist Frieden geworden.
-
- KASSIERER
-
- zur Frau.
-
-Du?
-
- FRAU
-
-Ich will die Koteletts braten.
-
- KASSIERER
-
- nickt.
-
-Die Küche.
-
- FRAU
-
-Ich brate dir deins jetzt.
-
- KASSIERER
-
- wie vorher.
-
-Die Küche.
-
- FRAU
-
- ab.
-
- KASSIERER
-
- zur ersten Tochter.
-
-Sperre die Türen auf.
-
- ERSTE TOCHTER
-
- stößt die Türen hinten zurück: rechts ist in der Küche die Frau am
- Herd beschäftigt, links die Schlafkammer mit den beiden Betten.
-
- FRAU
-
- in der Tür.
-
-Ist dir sehr warm?
-
- Wieder am Herd.
-
- KASSIERER
-
- herumblickend.
-
-Alte Mutter am Fenster. Töchter am Tisch stickend -- Wagner spielend.
-Frau die Küche besorgend. Von vier Wänden umbaut -- Familienleben.
-Hübsche Gemütlichkeit des Zusammenseins. Mutter -- Sohn -- Kind
-versammelt sind. Vertraulicher Zauber. Er spinnt ein. Stube mit Tisch
-und Hängelampe. Klavier rechts. Kachelofen. Küche, tägliche Nahrung.
-Morgens Kaffee, mittags Koteletts. Schlafkammer -- Betten, hinein
--- hinaus. Vertraulicher Zauber. Zuletzt -- auf dem Rücken -- steif
-und weiß. Der Tisch wird hier an die Wand gerückt -- ein gelber Sarg
-streckt sich schräg, Beschläge abschraubbar -- um die Lampe etwas Flor
--- ein Jahr wird nicht das Klavier gespielt -- -- --
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- hört auf und läuft schluchzend in die Küche.
-
- FRAU
-
- auf der Schwelle, fliegend.
-
-Sie übt noch an dem neuen Stück.
-
- MUTTER
-
-Warum abonniert sie nicht auf die Weiße Dame?
-
- KASSIERER
-
- verlöscht die Pfeife. Er beginnt sich wieder umzukleiden.
-
- FRAU
-
-Gehst du in die Bank? Du hattest einen Geschäftsweg?
-
- KASSIERER
-
-In die Bank -- Geschäftsweg -- nein.
-
- FRAU
-
-Wohin willst du jetzt?
-
- KASSIERER
-
-Schwerste Frage, Frau. Ich bin von wehenden Bäumen niedergeklettert,
-um eine Antwort aufzusuchen. Hier sprach ich zuerst vor. Es war doch
-selbstverständlich. Es ist ja alles wunderschön -- unstreitbare Vorzüge
-verkleinere ich nicht, aber vor letzten Prüfungen besteht es nicht.
-Hier liegt es nicht -- damit ist der Weg angezeigt. Ich erhalte ein
-klares Nein.
-
- Er hat seinen früheren Anzug vollendet.
-
- FRAU
-
- zerrissen.
-
-Mann, wie entstellt siehst du aus?
-
- KASSIERER
-
-Landstreicher. Ich sagte es ja. Scheltet nicht! Besser ein
-verwahrloster Wanderer auf der Straße -- als Straßen leer von Wanderern!
-
- FRAU
-
-Wir essen jetzt zu Mittag.
-
- KASSIERER
-
-Koteletts, ich rieche sie.
-
- MUTTER
-
-Vor dem Mittagessen willst du --?
-
- KASSIERER
-
-Ein voller Magen macht schläfrig.
-
- MUTTER
-
- fuchtelt plötzlich mit den Armen durch die Luft, fällt zurück.
-
- ERSTE TOCHTER
-
-Die Großmutter --
-
- ZWEITE TOCHTER
-
- aus der Küche.
-
-Großmutter --
-
- Beide sinken an ihren Knien nieder.
-
- FRAU
-
- steht steif.
-
- KASSIERER
-
- tritt zum Sessel.
-
-Daran stirbt sie, weil einer einmal vor dem Mittagessen weggeht.
-
- Er betrachtet die Tote.
-
-Schmerz? Trübsal? Tränengüsse, verschwemmend? Sind die Bande so eng
-geknüpft -- daß, wenn sie zerrissen, im geballten Leid es sich erfüllt?
-Mutter -- Sohn?
-
- Er holt die Scheine aus der Tasche und wägt sie auf der Hand --
- schüttelt den Kopf und steckt sie wieder ein.
-
-Keine vollständige Lähmung im Schmerz -- kein Erfülltsein bis in die
-Augen. Augen trocken -- Gedanken arbeiten weiter. Ich muß mich eilen,
-wenn ich zu gültigen Resultaten vorstoßen will!
-
- Er legt sein abgegriffenes Portemonnaie auf den Tisch.
-
-Sorgt. Es ist ehrlich erworbenes Gehalt. Die Erklärung kann von
-Wichtigkeit werden. Sorgt.
-
- Er geht rechts hinaus.
-
- FRAU
-
- steht unbeweglich.
-
- DIREKTOR
-
- durch die offene Tür rechts.
-
-Ist Ihr Mann zu Hause? -- Ist Ihr Mann hierher gekommen? -- Ich habe
-Ihnen leider die betrübende Mitteilung zu machen, daß er sich an der
-Kasse vergriffen hat. Wir haben seine Verfehlung schon seit einigen
-Stunden entdeckt. Es handelt sich um die Summe von sechzigtausend Mark,
-die der Bauverein deponierte. Die Anzeige habe ich in der Hoffnung noch
-zurückgehalten, daß er sich besinnen würde. -- Dies ist mein letzter
-Versuch. Ich bin persönlich gekommen. -- Ihr Mann ist nicht hier
-gewesen?
-
- Er sieht sich um, gewahrt Jacke, Pfeife usw., alle offenen Türen.
-
-Dem Anschein nach --
-
- Seine Blicke haften auf der Gruppe am Fenster, nickt.
-
-Ich sehe, die Dinge sind schon in ein vorgerücktes Stadium getreten.
-Dann allerdings --
-
- Er zuckt die Achseln, setzt den Hut auf.
-
-Es bleibt ein aufrichtiges, privates Bedauern, an dem es nicht fehlt --
-sonst die Konsequenzen.
-
- Ab.
-
- BEIDE TÖCHTER
-
- nähern sich der Frau.
-
-Mutter --
-
- FRAU
-
- ausbrechend.
-
-Kreischt mir nicht in die Ohren. Glotzt mich nicht an. Was wollt ihr
-von mir? Wer seid ihr? Fratzen -- Affengesichter -- was geht ihr mich
-an?
-
- Über den Tisch geworfen.
-
-Mich hat mein Mann verlassen!!
-
- BEIDE TÖCHTER
-
- scheu -- halten sich an den Händen.
-
-
- Sportpalast. Sechstagerennen. Bogenlampenlicht.
-
- Im Dunstraum rohgezimmerte freischwebende Holzbrücke. Die jüdischen
- Herren als Kampfrichter kommen und gehen. Alle sind ununterscheidbar:
- kleine bewegliche Gestalten, in Smoking, stumpfen Seidenhut im
- Nacken, am Riemen das Binokel.
-
- Rollendes Getöse von Rädern über Bohlen.
-
- Pfeifen, Heulen, Meckern geballter Zuschauermenge aus Höhe und Tiefe.
- Musikkapellen.
-
- EIN HERR
-
- kommend.
-
-Ist alles vorbereitet?
-
- EIN HERR
-
-Sehen Sie doch.
-
- EIN HERR
-
- durchs Glas.
-
-Die Blattpflanzen --
-
- EIN HERR
-
-Was ist mit den Blattpflanzen?
-
- EIN HERR
-
-Zweifellos.
-
- EIN HERR
-
-Was ist denn mit den Blattpflanzen?
-
- EIN HERR
-
-Wer hat denn das Arrangement gestellt?
-
- EIN HERR
-
-Sie haben recht.
-
- EIN HERR
-
-Das ist ja irrsinnig.
-
- EIN HERR
-
-Hat sich denn niemand um die Aufstellung gekümmert?
-
- EIN HERR
-
-Einfach lächerlich.
-
- EIN HERR
-
-Der Betreffende muß selbst blind sein.
-
- EIN HERR
-
-Oder schlafen.
-
- EIN HERR
-
-Das ist die einzig annehmbare Erklärung bei dieser Veranstaltung.
-
- EIN HERR
-
-Was reden Sie -- schlafen? Wir fahren doch erst in der vierten Nacht.
-
- EIN HERR
-
-Die Kübel müssen mehr auf die Seite gerückt werden.
-
- EIN HERR
-
-Gehen Sie?
-
- EIN HERR
-
-Ganz an die Wände.
-
- EIN HERR
-
-Der Überblick muß frei auf die ganze Bahn sein.
-
- EIN HERR
-
-Die Loge muß offen liegen.
-
- EIN HERR
-
-Ich gehe mit.
-
- Alle ab.
-
- EIN HERR
-
- kommt, feuert einen Pistolenschuß. Ab.
-
- ZWEI HERREN
-
- kommen mit einem rotlackierten Megaphon.
-
- DER EINE HERR
-
-Wie hoch ist die Prämie?
-
- DER ANDERE HERR
-
-Achtzig Mark. Dem ersten fünfzig. Dem zweiten dreißig.
-
- DER EINE HERR
-
-Drei Runden. Mehr nicht. Wir erschöpfen die Fahrer.
-
- DER ANDERE HERR
-
- spricht durch das Megaphon.
-
-Eine Preisstiftung von achtzig Mark aus der Bar sofort auszufahren über
-drei Runden! dem ersten fünfzig Mark -- dem zweiten dreißig Mark.
-
- Händeklatschen.
-
- MEHRERE HERREN
-
- kommen, einer mit einer roten Fahne.
-
- EIN HERR
-
-Geben Sie den Start.
-
- EIN HERR
-
-Noch nicht, Nummer sieben wechselt die Mannschaft.
-
- EIN HERR
-
-Start.
-
- EIN HERR
-
- senkt die rote Fahne.
-
- Anwachsender Lärm. Dann Händeklatschen und Pfeifen.
-
- EIN HERR
-
-Die Schwachen müssen auch mal gewinnen.
-
- EIN HERR
-
-Es ist gut, daß die Großen sich zurückhalten.
-
- EIN HERR
-
-Die Nacht wird ihnen noch zu schaffen machen.
-
- EIN HERR
-
-Die Aufregung unter den Fahrern ist ungeheuer.
-
- EIN HERR
-
-Es läßt sich denken.
-
- EIN HERR
-
-Passen Sie auf, diese Nacht fällt die Entscheidung.
-
- EIN HERR
-
- achselzuckend.
-
-Die Amerikaner sind noch frisch.
-
- EIN HERR
-
-Unsere Deutschen werden ihnen schon auf den Zahn fühlen.
-
- EIN HERR
-
-Jedenfalls hätte sich dann der Besuch gelohnt.
-
- EIN HERR
-
- durchs Glas.
-
-Jetzt ist die Loge klar.
-
- Alle bis auf den Herrn mit dem Megaphon ab.
-
- EIN HERR
-
- mit einem Zettel.
-
-Das Resultat.
-
- DER HERR
-
- durchs Megaphon.
-
-Prämie aus der Bar: fünfzig Mark für Nummer elf, dreißig Mark für
-Nummer vier.
-
- Musiktusch.
-
- Pfeifen und Klatschen.
-
- Die Brücke ist leer.
-
- Ein Herr kommt mit Kassierer. Kassierer im Frack, Frackumhang,
- Zylinder, Glacés; Bart ist spitz zugestutzt; Haar tief gescheitelt.
-
- KASSIERER
-
-Erklären Sie mir den Sinn --
-
- DER HERR
-
-Ich stelle Sie vor.
-
- KASSIERER
-
-Mein Name tut nichts zur Sache.
-
- DER HERR
-
-Sie haben ein Recht, daß ich Sie mit dem Präsidium bekannt mache.
-
- KASSIERER
-
-Ich bleibe inkognito.
-
- DER HERR
-
-Sie sind ein Freund unsres Sports.
-
- KASSIERER
-
-Ich verstehe nicht das mindeste davon. Was machen die Kerle da unten?
-Ich sehe einen Kreis und die bunte Schlangenlinie. Manchmal mischt sich
-ein anderer ein und ein anderer hört auf. Warum?
-
- DER HERR
-
-Die Fahrer liegen paarweise im Rennen. Während ein Partner fährt --
-
- KASSIERER
-
-Schläft sich der andere Bengel aus?
-
- DER HERR
-
-Er wird massiert.
-
- KASSIERER
-
-Und das nennen Sie Sechstagerennen?
-
- DER HERR
-
-Wieso?
-
- KASSIERER
-
-Ebenso könnte es Sechstageschlafen heißen. Geschlafen wird ja
-fortwährend von einem Partner.
-
- EIN HERR
-
- kommt.
-
-Die Brücke ist nur für die Leitung des Rennens erlaubt.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Eine Stiftung von tausend Mark dieses Herrn.
-
- DER ANDERE HERR
-
-Gestatten Sie mir, daß ich mich vorstelle.
-
- KASSIERER
-
-Keineswegs.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Der Herr wünscht sein Inkognito zu wahren.
-
- KASSIERER
-
-Undurchsichtig.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Ich habe Erklärungen gegeben.
-
- KASSIERER
-
-Ja, finden Sie es nicht komisch?
-
- DER ZWEITE HERR
-
-Inwiefern?
-
- KASSIERER
-
-Dies Sechstageschlafen.
-
- DER ZWEITE HERR
-
-Also tausend Mark über wieviel Runden?
-
- KASSIERER
-
-Nach Belieben.
-
- DER ZWEITE HERR
-
-Wieviel dem ersten?
-
- KASSIERER
-
-Nach Belieben.
-
- DER ZWEITE HERR
-
-Achthundert und zweihundert.
-
- Durchs Megaphon.
-
-Preisstiftung eines ungenannt bleiben wollenden Herrn über zehn Runden
-sofort auszufahren: dem ersten achthundert -- dem zweiten zweihundert.
-Zusammen tausend Mark.
-
- Gewaltiger Lärm.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Dann sagen Sie mir, wenn die Veranstaltung für Sie nur Gegenstand der
-Ironie ist, weshalb machen Sie eine Preisstiftung in der Höhe von
-tausend Mark?
-
- KASSIERER
-
-Weil die Wirkung fabelhaft ist.
-
- DER ERSTE HERR
-
-Auf das Tempo der Fahrer?
-
- KASSIERER
-
-Unsinn.
-
- EIN HERR
-
- kommend.
-
-Sind Sie der Herr, der tausend Mark stiftet?
-
- KASSIERER
-
-In Gold.
-
- DER HERR
-
-Das würde zu lange aufhalten.
-
- KASSIERER
-
-Das Aufzählen? Sehen Sie zu.
-
- Er holt eine Rolle heraus, reißt sie auf, schüttet den Inhalt auf
- die Hand, prüft die leere Papierhülse, schleudert sie weg und zählt
- behende die klimpernden Goldstücke in seine Handhöhle.
-
-Außerdem erleichtere ich meine Taschen.
-
- DER HERR
-
-Mein Herr, Sie sind ein Fachmann in dieser Angelegenheit.
-
- KASSIERER
-
-Ein Detail, mein Herr.
-
- Er übergibt den Betrag.
-
-Nehmen Sie an.
-
- DER HERR
-
-Dankend erhalten.
-
- KASSIERER
-
-Nur ordnungsmäßig.
-
- EIN HERR
-
- kommend.
-
-Wo ist der Herr? Gestatten Sie --
-
- KASSIERER
-
-Nichts.
-
- EIN HERR
-
- mit der roten Fahne.
-
-Den Start gebe ich.
-
- EIN HERR
-
-Jetzt werden die Großen ins Zeug gehen.
-
- EIN HERR
-
-Die Flieger liegen sämtlich im Rennen.
-
- DER HERR
-
- die Fahne schwingend.
-
-Der Start.
-
- Er senkt die Fahne.
-
- Heulendes Getöse entsteht.
-
- KASSIERER
-
- zwei Herren im Nacken packend und ihre Köpfe nach hinten biegend.
-
-Jetzt will ich Ihnen die Antwort auf Ihre Frage geben. Hinauf geschaut!
-
- EIN HERR
-
-Verfolgen Sie doch die wechselnden Phasen des Kampfes unten auf der
-Bahn.
-
- KASSIERER
-
-Kindisch. Einer muß der erste werden, weil die andern schlechter
-fahren. -- Oben entblößt sich der Zauber. In dreifach
-übereinandergelegten Ringen -- vollgepfropft mit Zuschauern -- tobt
-Wirkung. Im ersten Rang -- anscheinend das bessere Publikum tut sich
-noch Zwang an. Nur Blicke, aber weit -- rund -- stierend. Höher schon
-Leiber in Bewegung. Schon Ausrufe. Mittlerer Rang! -- Ganz oben fallen
-die letzten Hüllen. Fanatisiertes Geschrei. Brüllende Nacktheit. Die
-Galerie der Leidenschaft! -- Sehen Sie doch: die Gruppe. Fünffach
-verschränkt. Fünf Köpfe auf einer Schulter. Um eine heulende Brust
-gespreizt fünf Armpaare. Einer ist der Kern. Er wird erdrückt --
-hinausgeschoben -- da purzelt sein steifer Hut -- im Dunst träge
-sinkend -- zum mittleren Rang nieder. Einer Dame auf den Busen. Sie
-kapiert es nicht. Da ruht er köstlich. Köstlich. Sie wird den Hut
-nie bemerken, sie geht mit ihm zu Bett, zeitlebenslang trägt sie den
-steifen Hut auf ihrem Busen!
-
- DER HERR
-
-Der Belgier setzt zum Spurt an.
-
- KASSIERER
-
-Der mittlere Rang kommt ins Heulen. Der Hut hat die Verbindung
-geschlossen. Die Dame hat ihn gegen die Brüstung zertrümmert. Ihr Busen
-entwickelt breite Schwielen. Schöne Dame, du mußt hier an die Brüstung
-und deine Büste brandmarken. Du mußt unweigerlich. Es ist sinnlos, sich
-zu sträuben. Mitten im Knäuel verkrallt wirst du an die Wand gepreßt
-und mußt hergeben, was du bist. Was du bist -- ohne Winseln!
-
- DER HERR
-
-Kennen Sie die Dame?
-
- KASSIERER
-
-Sehen Sie jetzt: oben die fünf drängen ihren Kern über die Barriere
--- er schwebt frei -- er stürzt -- da -- in den ersten Rang segelt er
-hinein. Wo ist er? Wo erstickt er? Ausgelöscht -- spurlos vergraben.
-Interesselos. Ein Zuschauer -- ein Zufallender -- ein Zufall, nicht
-mehr unter Abertausenden!
-
- EIN HERR
-
-Der Deutsche rückt auf.
-
- KASSIERER
-
-Der erste Rang rast. Der Kerl hat den Kontakt geschaffen. Die
-Beherrschung ist zum Teufel. Die Fräcke beben. Die Hemden reißen.
-Knöpfe prasseln in alle Richtungen. Bärte verschoben von zersprengten
-Lippen, Gebisse klappern. Oben und mitten und unten vermischt. Ein
-Heulen aus allen Ringen -- unterschiedlos. Unterschiedlos. Das ist
-erreicht!
-
- DER HERR
-
- sich umwendend.
-
-Der Deutsche hat's. Was sagen Sie nun?
-
- KASSIERER
-
-Albernes Zeug.
-
- Furchtbarer Lärm. Händeklatschen.
-
- EIN HERR
-
-Fabelhafter Spurt.
-
- KASSIERER
-
-Fabelhafter Blödsinn.
-
- EIN HERR
-
-Wir stellen das Resultat im Büro fest.
-
- Alle ab.
-
- KASSIERER
-
- jenen Herrn festhaltend.
-
-Haben Sie noch einen Zweifel?
-
- DER HERR
-
-Die Deutschen machen das Rennen.
-
- KASSIERER
-
-In zweiter Linie das, wenn Sie wollen.
-
- Hinaufweisend.
-
-Das ist es, das ist als Tatsache erdrückend. Das ist letzte Ballung
-des Tatsächlichen. Hier schwingt es sich zu seiner schwindelhaften
-Leistung auf. Vom ersten Rang bis in die Galerie Verschmelzung. Aus
-siedender Auflösung des einzelnen geballt der Kern: Leidenschaft!
-Beherrschungen -- Unterschiede rinnen ab. Verkleidungen von Nacktheit
-gestreift: Leidenschaft! -- Hier vorzustoßen ist Erlebnis. Türen --
-Tore verschweben zu Dunst. Posaunen schmettern und Mauern kieseln.
-Kein Widerstreben -- keine Keuschheit -- keine Mütterlichkeit -- keine
-Kindschaft: Leidenschaft! Das ist es. Das ist es. Das lohnt. Das
-lohnt den Griff -- das bringt auf breitem Präsentierbrett den Gewinn
-geschichtet!
-
- EIN HERR
-
- kommend.
-
-Die Sanitätskolonne funktioniert tadellos.
-
- KASSIERER
-
-Ist der Kerl stürzend zermahlen?
-
- EIN HERR
-
-Zertreten.
-
- KASSIERER
-
-Es geht nicht ohne Tote ab, wo andere fiebernd leben.
-
- EIN HERR
-
- durchs Megaphon.
-
-Resultat der Preisstiftung des ungenannt bleiben wollenden Herrn:
-achthundert Mark gewonnen von Nummer zwei -- zweihundert Mark von
-Nummer eins.
-
- Wahnsinniger Beifall. Tusch.
-
- EIN HERR
-
-Die Mannschaften sind erschöpft.
-
- EIN HERR
-
-Das Tempo fällt zusehend ab.
-
- EIN HERR
-
-Wir müssen die Manager für Ruhe im Felde sorgen lassen.
-
- KASSIERER
-
-Eine neue Stiftung!
-
- EIN HERR
-
-Später, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Keine Unterbrechung in dieser Situation.
-
- EIN HERR
-
-Die Situation wird für die Fahrer gefährlich.
-
- KASSIERER
-
-Ärgern Sie mich nicht mit den Bengels. Das Publikum kocht in
-Erregungen. Das muß ausgenutzt werden. Der Brand soll eine nie erlebte
-Steigerung erfahren. Fünfzigtausend Mark.
-
- EIN HERR
-
-Wahrhaftig?
-
- EIN HERR
-
-Wieviel?
-
- KASSIERER
-
-Ich setze alles dran.
-
- EIN HERR
-
-Das ist eine unerhörte Preisstiftung.
-
- KASSIERER
-
-Unerhört soll die Wirkung sein. Alarmieren Sie die Sanitätskolonnen in
-allen Ringen.
-
- EIN HERR
-
-Wir akzeptieren die Stiftung. Wir werden sie bei besetzter Loge
-ausfahren lassen.
-
- EIN HERR
-
-Prachtvoll.
-
- EIN HERR
-
-Großartig.
-
- EIN HERR
-
-Durchaus lohnender Besuch.
-
- KASSIERER
-
-Was heißt das! bei besetzter Loge?
-
- EIN HERR
-
-Wir beraten die Bedingungen im Büro. Dreißigtausend dem ersten,
-fünfzehntausend dem zweiten -- fünftausend dem dritten.
-
- EIN HERR
-
-Das Feld wird in dieser Nacht gesprengt.
-
- EIN HERR
-
-Damit ist das Rennen so gut wie aus.
-
- EIN HERR
-
-Jedenfalls: bei besetzter Loge.
-
- Alle ab.
-
- Mädchen der Heilsarmee kommt.
-
- Gelächter der Zuschauer. Pfiffe. Rufe.
-
- MÄDCHEN
-
- anbietend.
-
-Der Kriegsruf -- zehn Pfennig, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Andermal.
-
- MÄDCHEN
-
-Der Kriegsruf, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Was verhökern Sie da für ein Kümmelblättchen?
-
- MÄDCHEN
-
-Der Kriegsruf, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Sie treten verspätet auf. Hier ist die Schlacht in vollem Betrieb.
-
- MÄDCHEN
-
- mit der Blechbüchse.
-
-Zehn Pfennig, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Für zehn Pfennig wollen Sie Krieg entfachen?
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig, mein Herr.
-
- KASSIERER
-
-Ich bezahle hier Kriegskosten mit fünfzigtausend.
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Lumpiges Handgemenge. Ich subventioniere nur Höchstleistungen.
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Ich trage nur Gold bei mir.
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Gold --
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn --
-
- KASSIERER
-
- brüllt sie durchs Megaphon an.
-
-Gold -- Gold -- Gold!
-
- MÄDCHEN
-
- ab.
-
- Wieherndes Gelächter der Zuschauer. Händeklatschen. Viele Herren
- kommen.
-
- EIN HERR
-
-Wollen Sie selbst Ihre Stiftung bekanntgeben?
-
- KASSIERER
-
-Ich bleibe im undeutlichen Hintergrund.
-
- Er gibt ihm das Megaphon.
-
-Jetzt sprechen Sie. Jetzt teilen Sie die letzte Erschütterung aus.
-
- EIN HERR
-
- durchs Megaphon.
-
-Eine neue Preisstiftung desselben ungenannt bleiben wollenden Herrn.
-
- Bravorufe.
-
-Gesamtsumme fünfzigtausend Mark.
-
- Betäubendes Schreien.
-
-Fünftausend Mark dem dritten.
-
- Schreien.
-
-Fünfzehntausend Mark dem zweiten.
-
- Gesteigertes Schreien.
-
-Dem ersten dreißigtausend Mark.
-
- Ekstase.
-
- KASSIERER
-
- beiseite stehend, kopfnickend.
-
-Das wird es. Daher sträubt es sich empor. Das sind Erfüllungen.
-Heulendes Wehen vom Frühlingsorkan. Wogender Menschheitsstrom.
-Entkettet -- frei. Vorhänge hoch -- Vorwände nieder. Menschheit. Freie
-Menschheit. Hoch und tief -- Mensch. Keine Ringe -- keine Schichten --
-keine Klassen. Ins Unendliche schweifende Entlassenheit aus Fron und
-Lohn in Leidenschaft. Rein nicht -- doch frei! -- Das wird der Erlös
-für meine Keckheit.
-
- Er zieht das Bündel Scheine hervor.
-
-Gern gegeben -- anstandslos beglichen!
-
- Plötzlich lautlose Stille.
-
- Nationalhymne.
-
- Die Herren haben die Seidenhüte gezogen und stehen verneigt.
-
- EIN HERR
-
- tritt zum Kassierer.
-
-Händigen Sie mir den Betrag ein, um die Stiftung jetzt sofort ausfahren
-zu lassen.
-
- KASSIERER
-
-Was bedeutet das?
-
- DER HERR
-
-Was, mein Herr?
-
- KASSIERER
-
-Dieses jähe, unvermittelte Schweigen oben und unten?
-
- DER HERR
-
-Durchaus nicht unvermittelt: Seine Hoheit sind in die Loge getreten.
-
- KASSIERER
-
-Seine Hoheit -- in die Loge -- --
-
- DER HERR
-
-Um so günstiger kommt uns Ihre bedeutende Stiftung.
-
- KASSIERER
-
-Ich denke nicht daran, mein Geld zu vergeuden!
-
- DER HERR
-
-Was heißt das?
-
- KASSIERER
-
-Daß es mir für die Fütterung von krummen Buckeln zu teuer ist!
-
- DER HERR
-
-Erklären Sie mir --
-
- KASSIERER
-
-Dieser eben noch lodernde Brand ausgetreten von einem Lackstiefel am
-Bein Seiner Hoheit. Sind Sie toll, mich für so verrückt zu halten, daß
-ich zehn Pfennig vor Hundeschnauzen werfe! Auch das wäre noch zu viel.
-Einen Fußtritt gegen den eingeklemmten Schweif, das ist die gebotene
-Stiftung!
-
- DER HERR
-
-Die Stiftung ist angekündigt. Seine Hoheit warten in der Loge. Das
-Publikum verharrt ehrfürchtig. Was soll das heißen?
-
- KASSIERER
-
-Wenn Sie es denn nicht aus meinen Worten begreifen -- dann werden Sie
-die nötige Einsicht gewinnen, indem ich Ihnen mit einem Schlage ein
-einwandfreies Bekenntnis meinerseits beibringe!
-
- Er treibt ihm den Seidenhut auf die Schultern.
-
- Ab.
-
- Noch Hymne. Schweigen. Verbeugtsein auf der Brücke.
-
-
- Ballhaus. Sonderzimmer.
-
- Noch dunkel.
-
- Gedämpft: Orchester mit Tanzrhythmen.
-
- KELLNER
-
- öffnet die Tür, dreht rotes Licht an.
-
- KASSIERER
-
- Frack, Umhang, Schal, Bambusrohr mit Goldknopf.
-
- KELLNER
-
-Gefällig?
-
- KASSIERER
-
-Ganz.
-
- KELLNER
-
- nimmt Umhang in Empfang.
-
- KASSIERER
-
- vorm Spiegel.
-
- KELLNER
-
-Wieviel Gedecke belieben?
-
- KASSIERER
-
-Vierundzwanzig. Ich erwarte meine Großmama, meine Mama, meine Frau und
-weitere Tanten. Ich feiere die Konfirmation meiner Tochter.
-
- KELLNER
-
- staunend.
-
- KASSIERER
-
- zu ihm im Spiegel.
-
-Esel. Zwei! Oder wozu polstern Sie diese diskret illuminierten Kojen?
-
- KELLNER
-
-Welche Marke bevorzugen der Herr?
-
- KASSIERER
-
-Gesalbter Kuppler. Das überlassen Sie mir, mein Bester, welche Blume
-ich mir auf dem Parkett pflücke, Knospe oder Rose -- kurz oder schlank.
-Ich will Ihre unschätzbaren Dienste nicht übermäßig anspannen.
-Unschätzbar -- oder führen Sie auch darüber feste Tarife?
-
- KELLNER
-
-Die Sektmarke des Herrn?
-
- KASSIERER
-
- räuspert.
-
-Grand Marnier.
-
- KELLNER
-
-Das ist Kognak nach dem Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Also -- darin richte ich mich entgegenkommend nach Ihnen.
-
- KELLNER
-
-Zwei Flaschen Pommery. Dry?
-
- KASSIERER
-
-Zwei, wie Sie sagten.
-
- KELLNER
-
-Extra dry?
-
- KASSIERER
-
-Zwei decken den anfänglichen Bedarf. Oder für diskrete Bedienung drei
-Flaschen extra? Gewährt.
-
- KELLNER
-
- mit der Karte.
-
-Das Souper?
-
- KASSIERER
-
-Spitzen, Spitzen.
-
- KELLNER
-
-Oeufs pochés Bergère? Poulet grillé? Steak de veau truffé? Parfait de
-foie gras en croûte? Salade coeur de laitue?
-
- KASSIERER
-
-Spitzen -- von Anfang bis zu Ende nur Spitzen.
-
- KELLNER
-
-Pardon?
-
- KASSIERER
-
- ihm auf die Nase tippend.
-
-Spitzen sind letzte Ballungen in allen Dingen. Also auch aus Ihren
-Kochtöpfen und Bratpfannen. Das Delikateste vom Delikaten. Das Menu der
-Menus. Zur Garnierung bedeutsamerer Vorgänge. Ihre Sache, mein Freund,
-ich bin nicht der Koch.
-
- KELLNER
-
- stellt eine größere Karte auf den Tisch.
-
-In zwanzig Minuten zu servieren.
-
- Er ordnet die Gläser usw.
-
- Durch die Türspalte Köpfe mit seidenen Larven.
-
- KASSIERER
-
- in den Spiegel mit dem Finger drohend.
-
-Wartet, Motten, ich werde euch gleich unter das Glühlicht halten.
-Wir werden uns über diesen Punkt auseinandersetzen, wenn wir
-beieinandersitzen.
-
- Er nickt.
-
- Die kichernden Masken ab.
-
- KELLNER
-
- hängt einen Karton: Reserviert! -- an die Tür. Ab.
-
- KASSIERER
-
- schiebt den Zylinder zurück, entnimmt einem goldenen Etui Zigaretten,
- zündet an.
-
-Auf in den Kampf, Torero -- -- Was einem nicht alles auf die Lippen
-kommt. Man ist ja geladen. Alles -- einfach alles. Torero -- Carmen.
-Caruso. Den Schwindel irgendwo mal gelesen -- haften geblieben.
-Aufgestapelt. Ich könnte in diesem Augenblick Aufklärungen geben über
-die Verhandlungen mit der Bagdadbahn. Der Kronprinz von Rumänien
-heiratet die zweite Zarentochter. Tatjana. Also los. Sie soll sich
-verheiraten. Vergnügtes Himmelbett. Das Volk braucht Fürsten. Tat --
-Tat -- jana.
-
- Den Bambus wippend, ab.
-
- KELLNER
-
- mit Flaschen und Kühler; entkorkt und gießt ein. Ab.
-
- KASSIERER
-
- eine weibliche Maske -- Harlekin in gelbrotkariertem, von Fuß zu
- offener Brust knabenhaft anliegendem Anzug -- vor sich scheuchend
- herein.
-
-Motte!
-
- MASKE
-
- um den Tisch laufend.
-
-Sekt!
-
- Sie gießt sich beide Gläser Sekt in den Mund, fällt ins Sofa.
-
-Sekt!
-
- KASSIERER
-
- neu vollgießend.
-
-Flüssiges Pulver. Lade deinen scheckigen Leib.
-
- MASKE
-
- trinkt
-
-Sekt!
-
- KASSIERER
-
-Batterien aufgefahren und Entladungen vorbereitet.
-
- MASKE
-
-Sekt!
-
- KASSIERER
-
- die Flaschen wegstellend.
-
-Leer.
-
- Er kommt in die Polster zur Maske.
-
-Fertig zur Explosion.
-
- MASKE
-
- lehnt betrunken hinüber.
-
- KASSIERER
-
- rüttelt ihre schlaffen Arme.
-
-Munter, Motte.
-
- MASKE
-
- faul.
-
- KASSIERER
-
-Aufgerappelt, bunter Falter. Du hast den prickelnden gelben Honig
-geleckt. Entfalte Falterflügel. Überfalle mich mit dir. Vergrabe mich,
-decke mich zu. Ich habe mich in einigen Beziehungen mit den gesicherten
-Zuständen überworfen -- überwirf mich mit dir.
-
- MASKE
-
- lallt.
-
-Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Nein, mein Paradiesvogel. Du hast deine hinreichende Ladung. Du bist
-voll.
-
- MASKE
-
-Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Keinen Spritzer. Du wirst sonst unklar. Du bringst mich um schöne
-Möglichkeiten.
-
- MASKE
-
-Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Oder hast du keine? Also -- auf den Grund gelotet; was hast du?
-
- MASKE
-
-Sekt.
-
- KASSIERER
-
-Den hast du allerdings. Das heißt: von mir. Was habe ich von dir?
-
- MASKE
-
- schläft ein.
-
- KASSIERER
-
-Willst du dich hier ausschlafen? Kleiner Schäker. Zu dermaßen
-ausgedehnten Scherzen fehlt mir diesmal die Zeit.
-
- Er steht auf, füllt ein Glas und schüttet es ihr ins Gesicht.
-
-Frühmorgens, wenn die Hähne krähn.
-
- MASKE
-
- springt auf.
-
-Schwein!
-
- KASSIERER
-
-Aparter Name. Leider bin ich nicht in der Lage, deine Vorstellung zu
-erwidern. Also, Maske der weitverzweigten Rüsselfamilie, räume die
-Polster.
-
- MASKE
-
-Das werde ich Sie eintränken.
-
- KASSIERER
-
-Mehr als billig, nachdem ich dir hinreichend eingetränkt.
-
- MASKE
-
- ab.
-
- KASSIERER
-
- trinkt Sekt; ab.
-
- KELLNER
-
- kommt, bringt Kaviar; nimmt leere Flaschen mit.
-
- KASSIERER
-
- kommt mit zwei schwarzen Masken.
-
- ERSTE MASKE
-
- die Tür zuwerfend.
-
-Reserviert.
-
- ZWEITE MASKE
-
- am Tisch.
-
-Kaviar.
-
- ERSTE MASKE
-
- hinlaufend.
-
-Kaviar.
-
- KASSIERER
-
-Schwarz wie ihr. Eßt ihn auf. Stopft ihn euch in den Hals.
-
- Er sitzt zwischen beiden im Polster.
-
-Sagt Kaviar. Flötet Sekt. Auf euren eigenen Witz verzichte ich.
-
- Er gießt ein, füllt die Teller.
-
-Ihr sollt nicht zu Worte kommen. Mit keiner Silbe, mit keinem Juchzer.
-Stumm wie die Fische, die diesen schwarzen Kaviar über das Schwarze
-Meer laichten. Kichert, meckert, aber redet nicht. Es kommt nichts
-dabei aus euch heraus. Höchstens ihr aus euren Polstern. Ich habe schon
-einmal ausgeräumt.
-
- MASKEN
-
- sehen sich kichernd an.
-
- KASSIERER
-
- die erste packend.
-
-Was hast du für Augen? Grüne -- gelbe?
-
- Zur andern.
-
-Deine blau -- rot? Reizendes Kugelspiel in den Schlitzen. Das verheißt.
-Das muß heraus. Ich setze einen Preis für die schönste!
-
- MASKEN
-
- lachen.
-
- KASSIERER
-
- zur ersten.
-
-Du bist die schönere. Du wehrst dich mächtig. Warte, ich reiße dir den
-Vorhang herunter und schaue das Ereignis an!
-
- MASKE
-
- entzieht sich ihm.
-
- KASSIERER
-
- zur andern.
-
-Du hast dich zu verbergen? Du bist aus Scham überwältigend. Du hast
-dich in diesen Ballsaal verirrt. Du streifst auf Abenteuer. Du hast
-deinen Abenteurer gefunden, den du suchst. Von deinem Milch und Blut
-die Larve herunter!
-
- MASKE
-
- rückt von ihm weg.
-
- KASSIERER
-
-Ich bin am Ziel. Ich sitze zitternd -- mein Blut ist erwühlt. Das wird
-es! -- Und nun bezahlt.
-
- Er holt den Pack Scheine heraus und teilt ihn.
-
-Schöne Maske, weil du schön bist. Schöne Maske, weil du schön bist.
-
- Er hält die Hände vor das Gesicht.
-
-Eins -- zwei -- drei!
-
- MASKEN
-
- lüften ihre Larven.
-
- KASSIERER
-
- blickt hin -- lacht.
-
-Deckt zu -- deckt zu -- deckt zu!
-
- Er läuft um den Tisch.
-
-Scheusal -- Scheusal -- Scheusal! Wollt ihr gleich -- aber sofort --
-oder --
-
- Er schwingt seinen Bambus.
-
- ERSTE MASKE
-
-Wollen Sie uns --
-
- ZWEITE MASKE
-
-Sie wollen uns --
-
- KASSIERER
-
-Euch will ich!
-
- MASKEN
-
- ab.
-
- KASSIERER
-
- schüttelt sich, trinkt Sekt.
-
-Kontrakte Vetteln!
-
- Ab.
-
- KELLNER
-
- mit neuen Flaschen. Ab.
-
- KASSIERER
-
- stößt die Tür auf: im Tanz mit einer Pierrette, der der Rock bis auf
- die Schuhe reicht, herein. Er läßt sie in der Mitte stehen und wirft
- sich in die Polster.
-
-Tanze!
-
- MASKE
-
- steht still.
-
- KASSIERER
-
-Tanze. Drehe deinen Wirbel. Tanze, tanze. Witz gilt nicht. Hübschheit
-gilt nicht. Tanz ist es, drehend -- wirbelnd. Tanz. Tanz. Tanz!
-
- MASKE
-
- kommt an den Tisch.
-
- KASSIERER
-
- abwehrend.
-
-Keine Pause. Keine Unterbrechung. Tanze.
-
- MASKE
-
- steht still.
-
- KASSIERER
-
-Warum springst du nicht? Weißt du, was Derwische sind? Tanzmenschen.
-Menschen im Tanz -- ohne Tanz Leichen. Tod und Tanz -- an den Ecken des
-Lebens aufgerichtet. Dazwischen --
-
- Das Mädchen der Heilsarmee tritt ein.
-
- KASSIERER
-
-Halleluja.
-
- MÄDCHEN
-
-Der Kriegsruf.
-
- KASSIERER
-
-Zehn Pfennig.
-
- MÄDCHEN
-
- hält die Büchse hin.
-
- KASSIERER
-
-Wann denkst du, daß ich in deine Büchse springe?
-
- MÄDCHEN
-
-Der Kriegsruf.
-
- KASSIERER
-
-Du erwartest es doch mit Bestimmtheit von mir?
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Also wann?
-
- MÄDCHEN
-
-Zehn Pfennig.
-
- KASSIERER
-
-Du hängst mir doch an den Frackschößen?
-
- MÄDCHEN
-
- schüttelt die Büchse.
-
- KASSIERER
-
-Und ich schüttle dich wieder ab!
-
- MÄDCHEN
-
- schüttelt.
-
- KASSIERER
-
-Also --
-
- Zur Maske.
-
-Tanze!
-
- MÄDCHEN
-
- ab.
-
- MASKE
-
- kommt in die Polster.
-
- KASSIERER
-
-Warum sitzt du in den Ecken des Saals und tanzt nicht in der Mitte? Du
-hast mich aufmerksam auf dich gemacht. Alle springen, und du bleibst
-ruhig dabei. Warum trägst du Röcke, während alle andern wie schlanke
-Knaben entkleidet sind?
-
- MASKE
-
-Ich tanze nicht.
-
- KASSIERER
-
-Du tanzt nicht wie die andern?
-
- MASKE
-
-Ich kann nicht tanzen.
-
- KASSIERER
-
-Nicht nach der Musik -- taktmäßig. Das ist auch albern. Du weißt andere
-Tänze. Du verhüllst etwas unter deinen Kleidern -- deine besonderen
-Sprünge, nicht in die Klammern von Takten und Schritten zu pressen.
-Eiligere Schwenkungen, die sind deine Spezialität.
-
- Alles vom Tisch auf den Teppich schiebend.
-
-Hier ist dein Tanzbrett. Spring auf. Im engen Bezirk dieser Tafel
-grenzenloser Tumult. Spring auf. Vom Teppich hüpf' auf. Mühelos. Von
-Spiralen gehoben, die in deinen Knöcheln federn. Spring. Stachle deine
-Fersen. Wölbe die Schenkel. Wehe deine Röcke auf über deinem Tanzbein.
-
- MASKE
-
- schmiegt sich im Polster an ihn.
-
-Ich kann nicht tanzen.
-
- KASSIERER
-
-Du peitschst meine Spannung. Du weißt nicht, um was es geht. Du sollst
-es wissen.
-
- Er zeigt ihr die Scheine.
-
-Um alles!
-
- MASKE
-
- führt seine Hand an ihrem Bein herab.
-
-Ich kann nicht.
-
- KASSIERER
-
- springt auf.
-
-Ein Holzbein!!
-
- Er faßt den Sektkühler und stülpt ihn ihr über.
-
-Es soll Knospen treiben, ich begieße es!
-
- MASKE
-
-Jetzt sollen Sie was erleben!
-
- KASSIERER
-
-Ich will ja was erleben!
-
- MASKE
-
-Warten Sie hier!
-
- Ab.
-
- KASSIERER
-
- legt einen Schein auf den Tisch, nimmt Umhang und Stock, beeilt ab.
-
- Herren im Frack kommen.
-
- EIN HERR
-
-Wo ist der Kerl?
-
- EIN HERR
-
-Den Kumpan wollen wir uns näher ansehen.
-
- EIN HERR
-
-Uns erst die Mädchen ausspannen --
-
- EIN HERR
-
-Mit Sekt und Kaviar auftrumpfen --
-
- EIN HERR
-
-Hinterher beschimpfen --
-
- EIN HERR
-
-Das Bürschchen werden wir uns kaufen --
-
- EIN HERR
-
-Wo steckt er?
-
- EIN HERR
-
-Abgeräumt!
-
- EIN HERR
-
-Ausgebrannt!
-
- EIN HERR
-
-Der Kavalier hat Lunte gerochen.
-
- EIN HERR
-
- den Schein entdeckend.
-
-Ein Tausender.
-
- EIN HERR
-
-Donnerkeil.
-
- EIN HERR
-
-Draht muß er haben.
-
- EIN HERR
-
-Ist das die Zeche?
-
- EIN HERR
-
-Ach was, durchgegangen ist er. Den Bräunling machen wir unsichtbar.
-
- Er steckt ihn ein.
-
- EIN HERR
-
-Das ist die Entschädigung.
-
- EIN HERR
-
-Die Mädchen hat er uns ausgespannt.
-
- EIN HERR
-
-Laßt doch die Weiber sitzen.
-
- EIN HERR
-
-Die sind ja doch besoffen.
-
- EIN HERR
-
-Die bedrecken uns bloß unsere Fräcke.
-
- EIN HERR
-
-Wir ziehen in ein Bordell und pachten den Bums drei Tage.
-
- MEHRERE HERREN
-
-Bravo. Los. Verduften wir. Achtung, der Kellner kommt.
-
- KELLNER
-
- mit vollbesetztem Servierbrett; vorm Tisch bestürzt.
-
- EIN HERR
-
-Suchen Sie jemanden?
-
- EIN HERR
-
-Servieren Sie ihm doch unter dem Tisch weiter.
-
- Gelächter.
-
- KELLNER
-
- ausbrechend.
-
-Der Sekt -- das Souper -- das reservierte Zimmer -- nichts ist bezahlt.
-Vier Flaschen Pommery -- zwei Portionen Kaviar -- zwei Extramenus --
-ich muß für alles aufkommen. Ich habe Frau und Kinder. Ich bin seit
-vier Monaten ohne Stellung gewesen. Ich hatte mir eine schwache Lunge
-zugezogen. Sie können mich doch nicht unglücklich machen, meine Herren?
-
- EIN HERR
-
-Was geht uns denn Ihre Lunge an? Frau und Kinder haben wir alle. Was
-wollen Sie denn von uns? Sind wir Ihnen denn etwa durch die Lappen
-gebrannt? Was denn?
-
- EIN HERR
-
-Was ist denn das überhaupt für ein Lokal? Wo sind wir denn hier? Das
-ist ja eine hundsgemeine Zechprellerbude. In solche Gesellschaft locken
-Sie Gäste? Wir sind anständige Gäste, die bezahlen, was sie saufen.
-Wie? Oder wie?
-
- EIN HERR
-
- der den Schlüssel in der Tür umgesteckt hatte.
-
-Sehen Sie doch mal hinter sich. Da haben Sie unsere Zeche auch!
-
- Er versetzt dem Kellner, der sich umgewandt hatte, einen Stoß in den
- Rücken.
-
- KELLNER
-
- taumelt vornüber, fällt auf den Teppich.
-
- HERREN
-
- ab.
-
- KELLNER
-
- richtet sich auf, läuft zur Tür, findet sie verschlossen. Mit den
- Fäusten auf das Holz schlagend.
-
-Laßt mich heraus -- Ihr sollt nicht bezahlen -- ich springe ins Wasser!
-
-
- Lokal der Heilsarmee -- zur Tiefe gestreckt, abgefangen von gelbem
- Vorhang mit aufgenähtem schwarzen Kreuz, groß, um einen Menschen
- aufzunehmen. Auf dem Podium rechts Bußbank -- links die Posaunen und
- Kesselpauken.
-
- Dicht besetzte Bankreihen.
-
- Über allem Kronleuchter mit Gewirr von Drähten für elektrische Lampen.
-
- Vorn Saaltür.
-
- Musik der Posaunen und Kesselpauken.
-
- Aus einer Ecke Händeklatschen und Gelächter.
-
- SOLDAT
-
- Mädchen -- geht dahin und setzt sich zu dem Lärmmacher -- einem
- Kommis -- nimmt seine Hände und flüstert auf ihn ein.
-
- JEMAND
-
- aus der andern Ecke.
-
-Immer dicht an.
-
- SOLDAT
-
- Mädchen -- geht zu diesem, einem jugendlichen Arbeiter.
-
- ARBEITER
-
-Was wollen Sie denn?
-
- SOLDAT
-
- sieht ihn kopfschüttelnd ernst an.
-
- Gelächter.
-
- OFFIZIER
-
- Frau -- oben auftretend.
-
-Ich habe euch eine Frage vorzulegen.
-
- Einige zischen zur Ruhe.
-
- ANDERE
-
- belustigt.
-
-Lauter reden. Nicht reden. Musik. Pauke. Posaunenengel.
-
- EINER
-
-Anfangen.
-
- ANDERER
-
-Aufhören.
-
- OFFIZIER
-
-Warum sitzt ihr auf den Bänken unten?
-
- EINER
-
-Warum nicht?
-
- OFFIZIER
-
-Ihr füllt sie bis auf den letzten Platz. Einer stößt gegen den andern.
-Trotzdem ist eine Bank leer.
-
- EINER
-
-Nichts zu machen.
-
- OFFIZIER
-
-Warum bleibt ihr unten, wo ihr euch drängen und drücken müßt? Ist
-es nicht widerwärtig, so im Gedränge zu sitzen? Wer kennt seinen
-Nachbar? Ihr reibt die Knie an ihm -- und vielleicht ist jener krank.
-Ihr seht in sein Gesicht -- und vielleicht wohnen hinter seiner Stirn
-mörderische Gedanken. Ich weiß es, es sind viele Kranke und Verbrecher
-in diesem Saal. Kranke und Verbrecher kommen herein und sitzen neben
-allen. Darum warne ich euch! Hütet euch vor eurem Nachbar in den
-Bänken. Die Bänke da unten tragen Kranke und Verbrecher!
-
- EINER
-
-Meinen Sie mir oder mich?
-
- OFFIZIER
-
-Ich weiß es und rate euch: trennt euch von eurem Nachbar, so lautet die
-Mahnung. Krankheit und Verbrechen sind allgemein in dieser asphaltenen
-Stadt. Wer von euch ist ohne Aussatz? Eure Haut kann weiß und glatt
-sein, aber eure Blicke verkünden euch. Ihr habt die Augen nicht, um zu
-sehen -- eure Augen sind offen, euch zu verraten. Ihr verratet euch
-selbst. Ihr seid schon nicht mehr frei von der großen Seuche. Die
-Ansteckung ist stark. Ihr habt zu lange in schlimmer Nachbarschaft
-gesessen. Darum, wenn ihr nicht sein wollt wie euer Nachbar in dieser
-asphaltenen Stadt, tretet aus den Bänken. Es ist die letzte Mahnung.
-Tut Buße. Tut Buße. Kommt herauf, kommt auf die Bußbank. Kommt auf die
-Bußbank. Kommt auf die Bußbank!
-
- Die Posaunen und Kesselpauken setzen ein.
-
- MÄDCHEN
-
- führt Kassierer herein.
-
- KASSIERER
-
- im Ballanzug erregt einige Aufmerksamkeit.
-
- MÄDCHEN
-
- weist Kassierer Platz an, setzt sich zu ihm und gibt ihm Erklärungen.
-
- KASSIERER
-
- sieht sich amüsiert um.
-
- Musik hört auf.
-
- Spöttisches lautes Bravoklatschen.
-
- OFFIZIER
-
- wieder oben auftretend.
-
-Laßt euch von unserm Kameraden erzählen, wie er den Weg zur Bußbank
-fand.
-
- SOLDAT
-
- jüngerer Mann -- tritt auf.
-
- EINER
-
-So siehst du aus.
-
- Gelächter.
-
- SOLDAT
-
-Ich will euch berichten von meiner Sünde. Ich führte ein Leben, ohne
-an meine Seele zu denken. Ich dachte nur an den Leib. Ich stellte
-ihn gleichsam vor die Seele auf und machte den Leib immer stärker
-und breiter davor. Die Seele war ganz verdeckt dahinter. Ich suchte
-mit meinem Leib den Ruhm und wußte nicht, daß ich nur den Schatten
-höher reckte, in dem die Seele verdorrte. Meine Sünde war der Sport.
-Ich übte ihn ohne eine Stunde der Besinnung. Ich war eitel auf die
-Schnelligkeit meiner Füße in den Pedalen, auf die Kraft meiner Arme an
-der Lenkstange. Ich vergaß alles, wenn die Zuschauer um mich jubelten.
-Ich verdoppelte meine Anstrengung und wurde in allen Kämpfen, die mit
-dem Leib geführt werden, erster Sieger. Mein Name prangte an allen
-Plakaten, auf Bretterzäunen, auf Millionen bunter Zettel. Ich wurde
-Weltchampion. Endlich mahnte mich meine Seele. Sie verlor die Geduld.
-Bei einem Wettkampf stürzte ich. Ich verletzte mich nur leicht. Die
-Seele wollte mir Zeit zur Umkehr lassen. Die Seele ließ mir noch Kraft
-zu einem Ausweg. Ich ging von den Bänken im Saal herauf zur Bußbank. Da
-hatte meine Seele Ruhe, zu mir zu sprechen. Und was sie mir erzählt,
-das kann ich hier nicht berichten. Es ist zu wunderschön und meine
-Worte sind zu schwach, das zu schildern. Ihr müßt selbst heraufkommen
-und es in euch hören.
-
- Er tritt beiseite.
-
- EINER
-
- lacht unflätig.
-
- MEHRERE
-
- zischen zur Ruhe.
-
- MÄDCHEN
-
- leise zum Kassierer.
-
-Hörst du ihn?
-
- KASSIERER
-
-Stören Sie mich nicht.
-
- OFFIZIER
-
-Ihr habt die Erzählung unseres Kameraden gehört. Klingt sie nicht
-verlockend! Kann man etwas Schöneres gewinnen als seine Seele? Und es
-geht ganz leicht, denn sie ist ja in euch. Ihr müßt ihr nur einmal
-Ruhe gönnen. Sie will einmal still bei euch sitzen. Auf dieser Bank
-sitzt sie am liebsten. Es ist gewiß einer unter euch, der sündigte,
-wie unser Kamerad getan. Dem will unser Kamerad helfen. Dem hat er den
-Weg eröffnet. Nun komm. Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank. Komm zur
-Bußbank!
-
- Es herrscht Stille.
-
- EINER
-
- kräftiger, junger Mann, einen Arm im Verband, steht in einer Saalecke
- auf, durchquert verlegen lächelnd den Saal und ersteigt das Podium.
-
- EINER
-
- unflätige Zote.
-
- ANDERE
-
- entrüstet.
-
-Wer ist der Flegel?
-
- DER RUFER
-
- steht auf, strebt beschämt zur Tür.
-
- EINER
-
-Das ist der Lümmel.
-
- SOLDAT
-
- Mädchen -- eilt zu ihm und führt ihn auf seinen Platz zurück.
-
- EINER
-
-Nicht so zart anfassen.
-
- MEHRERE
-
-Bravo!
-
- JENER
-
- auf dem Podium, anfangs unbeholfen.
-
-Die asphaltene Stadt hat eine Halle errichtet. In der Sporthalle bin
-ich gefahren. Ich bin Radfahrer. Ich fahre das Sechstagerennen mit. In
-der zweiten Nacht bin ich von einem andern Fahrer angefahren. Ich brach
-den Arm. Ich mußte ausscheiden. Das Rennen rast weiter -- ich habe
-Ruhe. Ich kann mich auf alles in Ruhe besinnen. Ich habe mein Leben
-lang ohne Besinnen gefahren. Ich will mich auf alles besinnen -- auf
-alles.
-
- Stark.
-
-Auf meine Sünden will ich mich auf der Bußbank besinnen!
-
- Vom Soldat hingeführt, sinkt er auf die Bank. Soldat bleibt eng neben
- ihm.
-
- OFFIZIER
-
-Eine Seele ist gewonnen!
-
- Posaunen und Pauken schallen.
-
- Auch die im Saale verteilten Soldaten haben sich erhoben und jubeln,
- die Arme ausbreitend.
-
- Musik hört auf.
-
- MÄDCHEN
-
- zum Kassierer.
-
-Siehst du ihn?
-
- KASSIERER
-
-Das Sechstagerennen.
-
- MÄDCHEN
-
-Was flüsterst du?
-
- KASSIERER
-
-Meine Sache. Meine Sache.
-
- MÄDCHEN
-
-Bist du bereit?
-
- KASSIERER
-
-Schweigen Sie doch.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Jetzt will euch dieser Kamerad berichten.
-
- EINER
-
- zischt.
-
- VIELE
-
-Ruhe!
-
- SOLDAT
-
- Mädchen -- auftretend.
-
-Wessen Sünde ist meine Sünde? Ich will euch von mir ohne Scham
-erzählen. Ich hatte ein Elternhaus, in dem es wüst und gemein zuging.
-Der Mann -- er war mein Vater nicht -- trank. Meine Mutter gab sich
-feinen Herren hin. Ich erhielt von meiner Mutter Geld, soviel ich haben
-wollte. Von dem Manne Schläge, soviel ich nicht haben wollte.
-
- Gelächter.
-
-Niemand paßte mir auf und ich mir am wenigsten. So wurde ich eine
-Verlorene. Denn ich wußte damals nicht, daß die wüsten Zustände zu
-Hause nur dazu bestimmt waren, daß ich besser auf meine Seele achten
-sollte und mich ganz ihr widmen. Ich erfuhr es in einer Nacht. Ich
-hatte einen Herrn bei mir und er verlangte, daß wir mein Zimmer dunkel
-machten. Ich drehte das Licht aus, obwohl ich es nicht so gewöhnt
-war. Später, als wir zusammen waren, verstand ich seine Forderung.
-Denn ich fühlte nur den Rumpf eines Mannes bei mir, an dem die Beine
-abgeschnitten waren. Das sollte ich vorher nicht sehen. Er hatte
-Holzbeine, die er sich heimlich abgeschnallt hatte. Da faßte mich das
-Entsetzen und ließ mich nicht wieder los. Meinen Leib haßte ich -- nur
-meine Seele konnte ich noch lieben. Nun liebe ich nur noch meine Seele.
-Sie ist so vollkommen, daß sie das Schönste ist, was ich weiß. Ich weiß
-zuviel von ihr, daß ich es nicht alles sagen kann. Wenn ihr eure Seele
-fragt, da wird sie euch alles -- alles sagen.
-
- Sie tritt beiseite. -- Stille im Saal.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Ihr habt die Erzählung dieses Kameraden gehört. Seine Seele bot sich
-ihm an. Er wies sie nicht ab. Nun erzählt er von ihr mit frohem Munde.
-Bietet sich nicht einem zwischen euch jetzt seine Seele? Laß sie doch
-zu dir. Laß sie reden und erzählen, auf dieser Bank ist sie ungestört.
-Komm zur Bußbank. Komm zur Bußbank!
-
- In den Bänken Bewegung, man sieht sich um.
-
- KOKOTTE
-
- ältlich, ganz vorne, beginnt noch unten in den Saal zu reden.
-
-Was denken Sie von mir, meine Herren und Damen? Ich bin hier nur
-untergetreten, weil ich mich auf der Straße müde gelaufen hatte. Ich
-geniere mich gar nicht. Ich kenne dies Lokal gar nicht. Ich bin das
-erstemal hier. Ich bin rein per Zufall anwesend.
-
- Nun oben.
-
-Aber Sie irren sich darin, meine Herren und Damen, wenn Sie glauben
-sollten, daß ich mir das ein zweites Mal hätte sagen lassen sollen.
-Ich danke für diese Zumutung. Wenn Sie mich hier sehen -- bitte --
-Sie können mich von oben bis unten betrachten, wie es Ihnen beliebt
--- mustern Sie mich bitte mit Ihren Blicken eingehend, ich vergebe
-mir damit nicht das geringste. Ich geniere mich gar nicht. Sie werden
-diesen Anblick nicht das zweitemal in dieser Weise genießen können.
-Sie werden sich bitter täuschen, wenn Sie glauben, mir auch meine Seele
-abkaufen zu können. Die habe ich noch niemals verkauft. Man hätte mir
-viel bieten können, aber meine Seele war mir denn doch nicht feil. Ich
-danke Ihnen, meine verehrten Herrschaften, für alle Komplimente. Sie
-werden mich auf der Straße nicht mehr treffen. Ich habe nicht eine
-Minute frei für Sie, meine Seele läßt mir keine Ruhe mehr. Ich danke
-bestens, meine Herrschaften, ich geniere mich gar nicht, aber nein.
-
- Sie hat den Hut heruntergenommen. Jener Soldat geleitet sie zur
- Bußbank.
-
- OFFIZIER
-
-Eine Seele ist gewonnen!
-
- Pauken und Posaunen. Jubel der Soldaten.
-
- MÄDCHEN
-
- zum Kassierer.
-
-Hörst du alles?
-
- KASSIERER
-
-Meine Sache. Meine Sache.
-
- MÄDCHEN
-
-Was summst du vor dich hin?
-
- KASSIERER
-
-Das Holzbein.
-
- MÄDCHEN
-
-Bist du bereit?
-
- KASSIERER
-
-Noch nicht. Noch nicht.
-
- EINER
-
- in Saalmitte stehend.
-
-Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde hören.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Unser Kamerad will euch erzählen.
-
- EINIGE
-
- erregt.
-
-Hinsetzen. Stille. Erzählen.
-
- SOLDAT
-
- älterer Mann.
-
-Laßt euch von mir berichten. Es ist eine alltägliche Geschichte,
-weiter nichts. Darum wurde sie meine Sünde. Ich hatte eine gemütliche
-Wohnung, eine zutrauliche Familie, eine bequeme Beschäftigung -- es
-ging immer alltäglich bei mir zu. Wenn ich abends zwischen den Meinen
-am Tisch unter der Lampe saß und meine Pfeife schmauchte, dann war
-ich zufrieden. Ich wünschte niemals eine Veränderung in meinem Leben.
-Dennoch kam sie. Den Anstoß dazu weiß ich nicht mehr -- oder ich
-wußte ihn nie. Die Seele tut sich auch ohne besondere Erschütterung
-kund. Sie kennt ihre Stunde und benutzt sie. Ich konnte jedenfalls
-nicht ihre Mahnung überhören. Meine Trägheit wehrte sich im Anbeginn
-wohl gegen sie, aber sie war mächtiger. Das fühlte ich mehr und mehr.
-Die Seele allein konnte mir dauernde Zufriedenheit schaffen. Und auf
-Zufriedenheit war ich ja mein Lebtag bedacht. Jetzt finde ich sie nicht
-mehr am Tisch mit der Lampe und mit der langen Pfeife im Munde, sondern
-allein auf der Bußbank. Das ist meine ganz alltägliche Geschichte.
-
- Er tritt beiseite.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Unser Kamerad hat euch -- --
-
- EINER
-
- schon kommend.
-
-Meine Sünde!
-
- Oben.
-
-Ich bin Familienvater. Ich habe zwei Töchter. Ich habe meine Frau. Ich
-habe meine Mutter noch. Wir wohnen alle in drei Stuben. Es ist ganz
-gemütlich bei uns. Meine Töchter -- eine spielt Klavier -- eine stickt.
-Meine Frau kocht. Meine Mutter begießt die Blumentöpfe hinterm Fenster.
-Es ist urgemütlich bei uns. Es ist die Gemütlichkeit selbst. Es ist
-herrlich bei uns -- großartig -- vorbildlich -- praktisch -- musterhaft
--- --
-
- Verändert.
-
-Es ist ekelhaft -- entsetzlich -- es stinkt da es ist armselig --
-vollkommen durch und durch armselig mit dem Klavierspielen -- mit dem
-Sticken -- mit dem Kochen -- mit dem Blumenbegießen --
-
- ausbrechend.
-
-Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele. Ich habe
-eine Seele!
-
- Er taumelt zur Bußbank.
-
- OFFIZIER
-
-Eine Seele ist gewonnen!
-
- Posaunen und Pauken.
-
- Hoher Tumult im Saal.
-
- VIELE
-
- nach den Posaunen und Pauken aufrecht, auch auf den Bänken aufrecht.
-
-Was ist meine Sünde? Was ist meine Sünde? Ich will meine Sünde wissen!
-Ich will meine Sünde wissen!
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Unser Kamerad will euch erzählen.
-
- Tiefe Stille.
-
- MÄDCHEN
-
-Siehst du ihn?
-
- KASSIERER
-
-Meine Töchter. Meine Frau. Meine Mutter.
-
- MÄDCHEN
-
-Was murmelst und flüsterst du immer?
-
- KASSIERER
-
-Meine Sache. Meine Sache. Meine Sache.
-
- MÄDCHEN
-
-Bist du bereit?
-
- KASSIERER
-
-Noch nicht. Noch nicht. Noch nicht.
-
- SOLDAT
-
- in mittleren Jahren, auftretend.
-
-Meiner Seele war es nicht leicht gemacht, zu triumphieren. Sie mußte
-mich hart anfassen und rütteln. Schließlich gebrauchte sie das
-schwerste Mittel. Sie schickte mich ins Gefängnis. Ich hatte in die
-Kasse, die mir anvertraut war, gegriffen und einen großen Betrag
-defraudiert. Ich wurde abgefaßt und verurteilt. Da hatte ich in der
-Zelle Rast. Das hatte die Seele abgewartet. Und nun konnte sie endlich
-frei zu mir sprechen. Ich mußte ihr zuhören. Es wurde die schönste Zeit
-meines Lebens in der einsamen Zelle. Und als ich herauskam, wollte ich
-nur noch mit meiner Seele verkehren. Ich suchte nach einem stillen
-Platz für sie. Ich fand ihn auf der Bußbank und finde ihn täglich, wenn
-ich eine schöne Stunde genießen will!
-
- Er tritt beiseite.
-
- OFFIZIER
-
- auftretend.
-
-Unser Kamerad hat euch von seinen schönen Stunden auf der Bußbank
-erzählt. Wer ist zwischen euch, der sich aus dieser Sünde heraussehnt?
-Wessen Sünde ist diese, von der er sich in Fröhlichkeit hier ausruht?
-Hier ist Ruhe für ihn. Komm zur Bußbank!
-
- ALLE
-
- im Saal schreiend und winkend.
-
-Das ist niemandes Sünde hier! Das ist niemandes Sünde hier! Ich will
-meine Sünde hören!! Meine Sünde!! Meine Sünde!! Meine Sünde!!
-
- MÄDCHEN
-
- durchdringend.
-
-Was rufst du?
-
- KASSIERER
-
-Die Kasse.
-
- MÄDCHEN
-
- ganz drängend.
-
-Bist du bereit?
-
- KASSIERER
-
-Jetzt bin ich bereit!
-
- MÄDCHEN
-
- sich an ihn hängend.
-
-Ich führe dich hin. Ich stehe dir bei. Ich stehe immer bei dir.
-
- Ekstatisch in den Saal.
-
-Eine Seele will laut werden. Ich habe diese Seele gesucht. Ich habe
-diese Seele gesucht.
-
- Lärm ebbt. Ruhe surrt.
-
- KASSIERER
-
- oben, Mädchen an ihm.
-
-Ich bin seit diesem Vormittag auf der Suche. Ich hatte Anstoß
-bekommen, auf die Suche zu gehen. Es war ein allgemeiner Aufbruch ohne
-mögliche Rückkehr -- Abbruch aller Brücken. So war ich auf dem Marsche
-seit dem Vormittag. Ich will euch mit den Stationen nicht aufhalten, an
-denen ich mich nicht aufhielt. Sie lohnten alle meinen entscheidenden
-Aufbruch nicht. Ich marschierte rüstig weiter -- prüfenden Blicks,
-tastender Finger, wählenden Kopfs. Ich ging an allem vorüber. Station
-hinter Station versank hinter meinem wandernden Rücken. Dies war es
-nicht, das war es nicht, das nächste nicht, das vierte -- fünfte
-nicht! Was ist es? Was ist es nun, das diesen vollen Einsatz lohnt?
--- -- Dieser Saal! Von Klängen durchbraust -- von Bänken bestellt.
-Dieser Saal! Von diesen Bänken steigt es auf -- dröhnt Erfüllung. Von
-Schlacken befreit lobt sie sich hoch hinauf -- ausgeschmolzen aus
-diesen glühenden zwei Tiegeln: Bekenntnis und Buße! Da steht es wie ein
-glänzender Turm -- fest und hell: Bekenntnis und Buße! Ihr schreit sie,
-euch will ich meine Geschichte erzählen.
-
- MÄDCHEN
-
-Sprich. Ich stehe bei dir. Ich stehe immer bei dir!
-
- KASSIERER
-
-Ich bin seit diesem Morgen unterwegs. Ich bekenne: ich habe mich an
-der Kasse vergriffen, die mir anvertraut war. Ich bin Bankkassierer.
-Eine große runde Summe: sechzigtausend! Ich flüchtete damit in die
-asphaltene Stadt. Jetzt werde ich jedenfalls verfolgt -- eine Belohnung
-ist wohl auf meine Festnahme gesetzt. Ich verberge mich nicht mehr, ich
-bekenne. Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man sich
-irgendwas von Wert kaufen. Man kauft immer weniger, als man bezahlt.
-Und je mehr man bezahlt, um so geringer wird die Ware. Das Geld
-verschlechtert den Wert. Das Geld verhüllt das Echte -- das Geld ist
-der armseligste Schwindel unter allem Betrug!
-
- Er holt es aus den Fracktaschen.
-
-Dieser Saal ist der brennende Ofen, den eure Verachtung für alles
-Armselige heizt. Euch werfe ich es hin, ihr zerstampft es im Augenblick
-unter euren Sohlen. Da ist etwas von dem Schwindel aus der Welt
-geschafft. Ich gehe durch eure Bänke und stelle mich dem nächsten
-Schutzmann: ich suche nach dem Bekenntnis die Buße! So wird es
-vollkommen!
-
- Er schleudert aus Glacéhänden Scheine und Geldstücke in den Saal.
-
- Die Scheine flattern noch auf die Verdutzten im Saal nieder, die
- Stücke rollen unter sie. Dann ist heißer Kampf um das Geld entbrannt.
- In ein kämpfendes Knäuel ist die Versammlung verstrickt. Vom Podium
- stürzen die Soldaten von ihren Musikinstrumenten in den Saal, die
- Bänke werden umgestoßen, heisere Rufe schwirren, Fäuste klatschen
- auf Leiber. Schließlich wälzt sich der verkrampfte Haufe zur Tür und
- rollt hinaus.
-
- MÄDCHEN
-
- das am Kampfe nicht mit teilgenommen hatte, steht allein inmitten der
- umgeworfenen Bänke.
-
- KASSIERER
-
- sieht lächelnd das Mädchen an.
-
-Du stehst bei mir -- du stehst immer bei mir!
-
- Er bemerkt die verlassenen Pauken, nimmt zwei Schlägel.
-
-Weiter.
-
- Kurzer Wirbel.
-
-Von Station zu Station.
-
- Einzelne Paukenschläge nach Satzgruppen.
-
-Menschenscharen dahinten. Gewimmel verronnen. Ausgebreitete Leere. Raum
-geschaffen. Raum. Raum!
-
- Wirbel.
-
-Ein Mädchen steht da. Aus verlaufenen Fluten -- aufrecht -- verharrend!
-
- Wirbel.
-
-Mädchen und Mann. Uralte Gärten aufgeschlossen. Entwölkter Himmel.
-Stimme aus Baumwipfelstille. Wohlgefallen.
-
- Wirbel.
-
-Mädchen und Mann -- ewige Beständigkeit. Mädchen und Mann -- Fülle im
-Leeren. Mädchen und Mann -- vollendeter Anfang. Mädchen und Mann --
-Keim und Krone. Mädchen und Mann -- Sinn und Ziel und Zweck.
-
- Paukenschlag nach Paukenschlag, nun beschließt ein endloser Wirbel.
-
- MÄDCHEN
-
- zieht sich nach der Tür zurück, verschwindet.
-
- KASSIERER
-
- verklingender Wirbel.
-
- MÄDCHEN
-
- reißt die Tür auf. Zum Schutzmann, nach Kassierer weisend.
-
-Da ist er. Ich habe ihn Ihnen gezeigt. Ich habe die Belohnung verdient!
-
- KASSIERER
-
- aus erhobenen Händen die Schlägel fallen lassend.
-
-Hier stehe ich. Oben stehe ich. Zwei sind zuviel. Der Raum faßt nur
-einen. Einsamkeit ist Raum. Raum ist Einsamkeit. Kälte ist Sonne. Sonne
-ist Kälte. Fiebernd blutet der Leib. Fiebernd friert der Leib. Felder
-öde. Eis im Wachsen. Wer entrinnt? Wo ist der Ausgang?
-
- SCHUTZMANN
-
-Hat der Saal andere Türen?
-
- MÄDCHEN
-
-Nein.
-
- KASSIERER
-
- wühlt in seiner Tasche.
-
- SCHUTZMANN
-
-Er faßt in die Tasche. Drehen Sie das Licht aus. Wir bieten ihm ein
-Ziel.
-
- MÄDCHEN
-
- tut es.
-
- Bis auf eine Lampe verlöscht der Kronleuchter. Die Lampe beleuchtet
- nun die hellen Drähte der Krone derart, daß sie ein menschliches
- Gerippe zu bilden scheinen.
-
- KASSIERER
-
- linke Hand in der Brusttasche vergrabend, mit der rechten eine
- Posaune ergreifend und gegen den Kronleuchter blasend.
-
-Entdeckt!
-
- Posaunenstoß.
-
-In schneelastenden Zweigen verlacht -- jetzt im Drahtgewirr des
-Kronleuchters bewillkommt!
-
- Posaunenstöße.
-
-Ich melde dir meine Ankunft!
-
- Posaunenstoß.
-
-Ich habe den Weg hinter mir. In steilen Kurven steigend keuche ich
-herauf. Ich habe meine Kräfte gebraucht. Ich habe mich nicht geschont!
-
- Posaunenstoß.
-
-Ich habe es mir schwer gemacht und hätte es so leicht haben können --
-oben im Schneebaum, als wir auf _einem_ Ast saßen. Du hättest mir ein
-wenig dringlicher zureden sollen. Ein Fünkchen Erleuchtung hätte mir
-geholfen und mir die Strapazen erspart. Es gehört ja so lächerlich
-wenig Verstand dazu!
-
- Posaunenstoß.
-
-Warum stieg ich nieder? Warum lief ich den Weg? Wohin laufe ich noch?
-
- Posaunenstöße.
-
-Zuerst sitzt er da -- knochennackt! Zuletzt sitzt er da --
-knochennackt! Von morgens bis mitternachts rase ich im Kreise -- nun
-zeigt sein fingerhergewinktes Zeichen den Ausweg -- -- wohin?!!
-
- Er zerschießt die Antwort in seine Hemdbrust. Die Posaune stirbt mit
- dünner werdendem Ton an seinem Mund hin.
-
- SCHUTZMANN
-
-Drehen Sie das Licht wieder an.
-
- MÄDCHEN
-
- tut es.
-
- Im selben Augenblick explodieren knallend alle Lampen.
-
- KASSIERER
-
- ist mit ausgebreiteten Armen gegen das aufgenähte Kreuz des Vorhangs
- gesunken. Sein Ächzen hüstelt wie ein Ecce -- sein Hauchen surrt wie
- ein Homo.
-
- SCHUTZMANN
-
-Es ist ein Kurzschluß in der Leitung.
-
- Es ist ganz dunkel.
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 127 "worüber" in "vorüber" geändert. |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Von morgens bis mitternachts, by Georg Kaiser
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON MORGENS BIS MITTERNACHTS ***
-
-***** This file should be named 60952-8.txt or 60952-8.zip *****
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