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-The Project Gutenberg EBook of Komet und Erde, by Camille Flammarion
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Komet und Erde
- Eine astronomische Erzählung
-
-Author: Camille Flammarion
-
-Translator: J. Cassirer
-
-Release Date: December 15, 2019 [EBook #60930]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KOMET UND ERDE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Komet und Erde.
-
- Eine astronomische Erzählung
-
- von
-
- Camille Flammarion.
-
- Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen
-
- von
-
- J. Cassirer.
-
- Leipzig
-
- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-
-Was wir hier erzählen wollen, ist kein Phantasiegebilde, das aus den
-Gefilden einer oft nur zu schöpferischen Einbildung hervorgegangen ist;
-vielmehr haben eingehende Studien das Material hierzu geliefert, und
-auf wissenschaftlichem Boden ist unser Bericht gewachsen.
-
-Der Komet, den wir hier vorführen wollen und der uns die Grundlagen
-zu unserer Erzählung bieten soll, ist keine Mythe; er existiert, und
-Millionen von Menschen haben ihn über ihrem Haupte leuchten sehen, wie
-das Ende unserer Erzählung beweisen wird.
-
-Die Daten seiner früheren Erscheinungen sind nicht willkürlich
-angenommen, sondern nach elliptischen Elementen berechnet worden; man
-kann den Berechnungen getrost Glauben schenken, denn diese Elemente
-sind den Astronomen wohlbekannt, und die bei ihnen überhaupt mögliche
-Fehlergrenze beträgt nicht mehr als ein Hundertstel.[1]
-
-Auch in der Beschreibung der Gebiete, die unser kühner Reisender
-besucht, sind wir nicht planlos vorgegangen, sie beruht vielmehr zum
-Teil auf direkten Beobachtungen, zum Teil auf wissenschaftlichen
-Folgerungen.
-
-Keine der erwähnten Erscheinungen, auch nicht die kleinste ausgenommen,
-ist erfunden. Nicht in das Blaue hinein haben wir unser Wort ergehen
-lassen, sondern es ist stets im Dienste der Wissenschaft und ihrer
-erhabenen Herrin, der Wahrheit, geblieben.
-
-Aus solch festem Faden ist der Stoff gewebt, den wir jetzt das
-Vergnügen haben, vor unseren geneigten Lesern aufzurollen.
-
-
-Fußnoten
-
-[1] Astronomisch gebildete Leser werden sofort wissen, um welchen
-Kometen es sich handelt, wenn wir ihnen nachstehende Elemente nennen:
-
- Τ = 1811, Septbr. 12. 26
- π = 75° 1´ 0´´
- Ω = 140° 25´ 1´´
- ~i~ = 73° 2´ 43´´
- ~q~ = 1.03542.
-
-Als beinahe überflüssig könnten wir noch hinzufügen, daß die Entfernung
-des Kometen im Aphelium 421.02, seine halbe große Achse 208, seine
-Exzentrizität 0.9951 beträgt und daß seine Bewegung rückläufig ist.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Erste Begegnung des Kometen mit der Erde.
-
-
-Es mag im Jahre Sechshundertelftausendundneunundachtzig vor Christi
-Geburt gewesen sein, als der große Komet, der von den Bewohnern des
-Saturn schon fast seit hundertundvierzigtausend Jahren beobachtet
-worden war, einen winzigen Planeten entdeckte, der gegen achthundertmal
-kleiner war als der, den wir soeben genannt haben. Der neue Planet
-machte einen recht armseligen Eindruck: eine kleine Kugel, die sich
-ziemlich unbeholfen um sich selbst drehte, und die in dicke Rauchwolken
-eingehüllt war, welche von furchtbaren geologischen und atmosphärischen
-Umwälzungen, die sich in ihrem Inneren vollzogen, Kunde gaben. Für
-Menschen war sie gänzlich unbewohnbar.
-
-Der Komet, dessen Schweif nicht weniger als vierzig Millionen Meilen
-Länge besaß, dessen noch nicht fester Kern fünftausendvierhundert
-Meilen im Durchmesser maß und dessen Strahlen sich auf
-vierhundertsechsundachtzigtausend Meilen Ausdehnung in der Breite
-erstreckten -- heutzutage sind seine Dimensionen nur halb so groß,
-als sie damals waren --, der Komet, der sich bisher höchstens mit
-den Monden des Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun befaßt hatte und
-der immer nur unter der vornehmsten Gesellschaft des Firmaments
-umhergestreift war, sah sich beim Anblick unseres kleinen irdischen
-Gestirns seltsam und fast unangenehm überrascht.
-
-Wenn sich auch unser Held der unendlichen Mannigfaltigkeit der
-Schöpfung bewußt war, so hatte er sich doch niemals vorstellen können,
-daß es auch solch kleine Weltkörper geben könnte. Er mußte unsere Erde
-mehrmals ansehen, bevor er seinen Augen glauben wollte, und erst, als
-er sich überzeugt hatte, daß jede Täuschung ausgeschlossen sei, ließ er
-sich herab, von dem Dasein der neuen Weltkugel Kenntnis zu nehmen. Die
-niedrige Stellung, die diese unter den Gestirnen des Himmels einnahm,
-erschien in den Augen des Kometen noch geringer. Indem er sich in
-seine kometarische Majestät hüllte, flog er stolz an dem kleinen neuen
-Sprößling der Schöpfung vorüber, wobei er den Kopf abwandte. Seinen
-strahlenden Schweif aufrichtend, nahm er dann seinen alten Weg wieder
-auf, um stolz seinen glänzenden Flug durch die Tiefen des Weltalls
-fortzusetzen.
-
-So gehen -- leider nur zu oft in der Welt -- die Großen an den Kleinen,
-die Mächtigen an den Schwachen vorüber. In ihrem Hochmut erkennen sie
-den Wert des Kleinen nicht und ihre Verblendung macht sie ungerecht.
-Als ob Geschöpfe, denen Schönheit und Anmut abgeht, nicht auch Kinder
-derselben Natur wie sie und Glieder derselben großen Familie wären!
-
-Man muß indessen zugeben, daß unsere Erde für diejenigen, die sich über
-ihre Bedeutung in keiner Täuschung befinden, wie wir, eine recht kleine
-Welt ist. Unser Patriotismus für unsere »Mutter Erde«, so berechtigt er
-auch an sich sein mag, läßt sie uns größer und bedeutender erscheinen,
-als sie es in der Tat ist, und die Wanderer, die den Himmelsraum
-durchfliegen, mögen es durchaus nicht begreifen können, daß wir davon
-so viel Wesens machen.
-
-Der Komet, einer der schönsten, wenn nicht überhaupt der schönste
-unseres gesamten Sonnensystems, kommt nicht näher an die Sonne als
-die Erde heran: Zwanzig Millionen Meilen. In seiner Bahn beschreibt
-er eine Ellipse, und sobald er in die Gegend kommt, in der wir uns
-befinden, kehrt er in einem großen Halbkreise wieder um. Mit einer
-Schnelligkeit von vierhundert Meilen in der Minute eilt der himmlische
-Wanderer zu den Grenzen des Sonnensystems und kreuzt dabei die Bahnen
-sämtlicher darin kreisender Welten. Als ob es ihm leid tue, sich von
-der Sonne mit ihrer leuchtenden Krone entfernen zu müssen, verlangsamt
-er seinen Flug, je weiter er sich von ihr entfernt. Bis auf acht
-Milliarden dreihundertundsiebzehn Millionen Meilen Entfernung von der
-Sonne führt ihn seine Wanderung; soviel beträgt sein Aphelium, seine
-Sonnenferne. In diesen unfaßbaren Tiefen des Weltenraumes hat sich
-seine Schnelligkeit sehr verringert, und sie ist nicht mehr größer
-als die des Windes, das heißt, einige Meter in der Sekunde. Seine
-Kurve schließt sich jetzt von neuem, und er kehrt zu dem leuchtenden
-Tagesgestirn zurück, dessen Scheibe in dieser ungeheuren Entfernung
-allmählich so an Größe abgenommen hat, daß sie nur noch als ein kleiner
-Stern zu erkennen ist. Aus dieser erschreckenden Entfernung noch ruft
-ihn die Sonne, und der Komet hört ihre Stimme. Er wendet sich um und
-von seinen Polhöhen aus stürzt er sich auf die Sonnenbahn, wobei er
-es sorgfältig vermeidet, zu nahe an Jupiter und Saturn heranzukommen.
-Seine Schnelligkeit vergrößert sich zusehends, sie wächst und wird
-ungeheuer, heiß und gewaltig wie das Verlangen, und von neuem fliegt
-er der Sonne zu, die auf alle Planeten solch wunderbare Anziehung
-ausübt. Nach einer Reise von fünfzehnhundert Jahren erreicht er wieder
-sein Perihelium, seine Sonnennähe. Sein leuchtender Schweif, der immer
-blasser geworden war, je weiter sich der Komet von der Sonne entfernte,
-und der schließlich vollständig verschwunden war, kommt wieder zum
-Vorschein und wächst in dem Maße, in dem sich der Komet dem Mittelpunkt
-der Sphäre nähert. Seine Gestalt nimmt an Umfang zu, ebenso sein
-Schweif an Pracht und Glanz. Es ist gleichsam so, als ob ein hoher
-irdischer Würdenträger vor seinen Herrscher treten soll und zu diesem
-Behufe seine mit Gold und Edelsteinen reich geschmückten Festkleider
-anlegt. Der Komet hat das Gebiet der Königin des Lichtes betreten, und
-vor den erstaunten Augen entfaltet er majestätisch die Reize seiner
-Schönheit und seiner prächtigen Gewandung.
-
-Als im Jahre Sechshundertachttausendeinhundertvierundzwanzig vor
-Christi Geburt das leuchtende Gestirn auf seiner Wanderung wiederum
-in die Gegend kam, in der sich unsere Erde bewegt, wurde seine
-Aufmerksamkeit von neuem auf diesen kleinen meergrünen Ball gelenkt,
-und es gewann es nicht mehr über sich, ihn unbeachtet zu lassen.
-Große Personen interessieren sich ja oft für Kinder, und auch der
-Komet hielt es nicht unter seiner Würde, Beobachtungen über die Erde
-anzustellen; er wollte gern wissen, bis zu welchem Grade sich auf solch
-unscheinbarer Kugel wohl das Leben entwickeln könnte.
-
-Es traf sich insofern recht gut, als gerade damals der Komet ein volles
-Jahr lang in Sicht der Erde blieb und eine vorteilhafte Stellung für
-ihre Beobachtung einnahm; aber dies vermochte ihn doch nicht von der
-entgegengesetzten Richtung seines Umlaufs abwendig zu machen, die ihn
-wieder fortführte.
-
-Anstatt wie alle Planeten und fast alle Begleitsterne unseres
-Sonnensystems sich von Osten nach Westen zu bewegen, bewegt sich
-unser Komet von Westen nach Osten, also gerade entgegengesetzt. Diese
-konträre Bewegung machte die Beobachtung zwar schwieriger, aber gerade
-dadurch wurde sein Forschungseifer noch mehr angespornt, und während
-der zwölf Monate, während deren die Erde in seinem Gesichtsfelde blieb,
-ließ er keinen Tag und keine Nacht unbenutzt für seine Beobachtungen
-vorübergehen.
-
-Was er bereits vorher geahnt hatte, fand er jetzt bestätigt, nämlich,
-daß dieser kleine Sproß von einer Welt für vernunftbegabte Wesen noch
-unbewohnbar war. Langsam drehte sich der Weltkörper um sich selbst;
-der Wechsel von Tag und Nacht brachte auf ihm keine Wirkung hervor,
-denn die ungeheure Hitze, die er aus seinem Innern ausstrahlte, war um
-vieles größer als die, die er von der Sonne empfing. Übrigens würden
-auch die Nebel, die Gase und die Rauchwolken, die ihn einhüllten, den
-Sonnenstrahlen gar keinen Zutritt gewährt haben. Je mehr sich der
-Komet der irdischen Welt näherte, desto größere Mühe gab er sich, die
-Beschaffenheit ihrer Oberfläche zu erkennen; aber da er eine solch
-armselige Welt noch nie gesehen hatte und sich darüber nicht klar zu
-werden vermochte, welchem Zwecke ein solch dürftig ausgestatteter
-Planet wohl dienen könnte, wartete er, bis ein lichter Punkt in der
-Atmosphäre den Sonnenstrahlen erlauben würde, hindurchzudringen, um den
-Schauplatz einigermaßen zu beleuchten. Das traf endlich zur Zeit der
-Sonnenwende ein. War es aber die Winter- oder die Sommersonnenwende?
-Die Geschichte berichtet hierüber um so weniger, als es in jenen
-entlegenen Zeiträumen noch keine Jahreszeiten auf der Erde gab, und als
-es infolge der großen Eigenhitze der Erde sozusagen im tiefsten Winter
-ebenso heiß war wie im vollsten Sommer. Gleichviel an welchem Tage es
-gewesen sein mag, der Komet mußte vor Erstaunen fast aufschreien, als
-er endlich die Oberfläche der Erde deutlich unterscheiden konnte.
-
-»Eine Welt von Muscheln!« rief er.
-
-Er hatte sich nicht getäuscht. Die Erde befand sich damals
-in dem Stadium ihrer Entwicklung, das man als Sekundärzeit
-bezeichnet; die Triasformen bildeten sich, und es war die Zeit der
-Muschelkalkformation. --
-
-Einige Millionen Jahre vorher hatte sich die Erde, die damals eine
-noch ganz flüssige Kugel war, allmählich abgekühlt, und große
-Wasserbäche waren auf sie herniedergestürzt; der Rauch, die Gase, die
-Wolken, die von der Erde aufstiegen, gingen die verschiedenartigsten
-Verbindungen miteinander ein und hinterließen ihre Spuren auf der noch
-glühenden und unfesten Kugel. Gewaltige Umwälzungen erschütterten
-die in stetem Aufruhr befindlichen Fundamente der neugeschaffenen
-Welt, und furchtbares Toben und Brausen ließen das aufgeregte feurige
-Erdinnere nicht zur Ruhe kommen. Der Gewalt des in unausgesetzter
-Tätigkeit befindlichen Feuerherdes fiel die ganze Erdkugel zum Opfer.
-In diesem riesigen Laboratorium hat die Natur die chemischen Gemische
-vorbereitet, aus denen die feuerspeienden Berge, die Lava-Eruptionen,
-die aus der Erde aufsteigenden heißen Quellen usw. hervorgegangen
-sind. In derselben Weise, wie man im Schmelztiegel auf geschmolzenem
-Blei, das im Begriff ist, zu erkalten, sich ein Häutchen bilden sieht,
-bildete sich um den Erdball eine Kruste, und die beständigen Zuckungen
-ließen allmählich nach.
-
-Auf diese Entwicklungsperiode -- die Primärzeit -- während der es auf
-der Erde noch kein lebendes Wesen, weder Tier noch Pflanze, gab, folgte
-eine Übergangszeit, die so weit zurück liegt und so ungeheuer lange
-dauerte, daß kein menschlicher Geist sich von ihr eine Vorstellung
-machen kann. In dieser Periode war es, daß sich die ersten Keime zur
-Bildung lebender Wesen gestalteten, und unter unablässigen Wallungen
-und Änderungen der immer noch nicht erstarrten Erdoberfläche erschienen
-die ersten Pflanzen: Algen und Seetang, und auch auf dem Grunde des
-Meeres zeigten sich die ersten lebenden Gebilde: Korallen und Polypen.
-
-Noch später überzogen sich die Sümpfe der Urzeit mit einer endlosen
-Pflanzendecke, und mit ihr hatte das Reich der Pflanzen seine glänzende
-und prächtige Herrschaft angetreten. Als erster Regent des Erdballs
-entfaltete es all seine Reichtümer und Schätze, und die Erde sah keine
-Zeit mehr wiederkehren, in der sie eine solche Fülle pflanzlicher
-Formen und Gestalten bevölkerte. Es waren Pflanzen von höchst einfachem
-Bau und kunstlosen Formen, solche, die weder Blüten noch Früchte
-trugen, aber von gewaltiger Stärke und kolossaler Höhe waren. Mit ihrem
-Grün überdeckten sie jede Lagune, jede Bank, jede Landzunge, auf welche
-das weite Meer nicht seine Herrschaft ausgedehnt hatte. Die Erde sah
-aus wie ein einziger Ozean, der mit grünen Inseln durchsetzt war.
-Baumartige Farne, Kalamiten, Sigillarien und zahlreiche andere Arten
-stritten sich um den Vorrang auf den Inseln. Aus jener Epoche rührt
-die Bildung unserer Steinkohlen her, mit der wir heute unsere Zimmer
-heizen, jener ungeheuren, in längst entschwundenen Zeiten abgelagerten
-Pflanzenschichten, die wir jetzt ans Tageslicht bringen. Ihre Bildung
-geschah etwa eine Million Jahre vor der Zeit, in der unsere Geschichte
-anfängt. Von da an hat sich die Entwicklung des irdischen Lebens fort
-und fort vervollkommnet, und niemand vermag zu sagen, ob es schon
-seinen Gipfel erreicht hat.
-
-Als sich der Komet der Erde näherte, hatte er nur Muscheln wahrnehmen
-können. Trotzdem die schaffende Welt es an gutem Willen nicht hatte
-fehlen lassen, war es ihm doch nicht möglich gewesen, etwas anderes zu
-erkennen. Das Meer nahm noch die gesamte Oberfläche der Erde ein, wie
-es ja heutzutage noch drei Viertel von ihr bedeckt. Damals gab es noch
-kein Festland, sondern nur Inseln und Sümpfe. König der Schöpfung war
-damals eine Art Seeschnecke, ein Kopffüßler, ein ganz harmloses Tier.
-
-Dieses unschuldige Geschöpf, das wohl kaum ahnen mochte, daß es
-eines Tages nach Jupiter Ammon getauft werden würde, herrschte also
-als unumschränkter Souverän im Königreich des Neptun: »Der Dreizack
-des Neptun ist das Zepter der Welt«, sagt Lemierre. Kein Engländer
-könnte dieses Zepter mit größerem Rechte in Anspruch nehmen, als
-diese kleinen Tiere, von denen wir sprechen. Wie heutzutage jene
-Molluskenart, die unter dem Namen »Nautilus« bekannt ist, sah man sie
-in ihrem weißen oder vielfarbigen Nachen auf der Oberfläche des Meeres
-dahintreiben; große und kleine, in allen Gestalten; ganze Flotten von
-ihnen schwammen auf den Wassern, ihrer Beute nachstellend. Man sah
-sie rasch und zierlich dahinschießen, sich kreuzen, sich ausweichen,
-sich überholen, ganz so, als ob sie eine Regatta aufführten. »Man« sah
-sie; dieses »man« bedeutet den Kometen, denn außer ihm gab es keinen
-Zuschauer, der sich an diesem urweltlichen Schauspiel hätte ergötzen
-können. Überall Einsamkeit und Schweigen ...
-
-Unser Komet, der nicht wenig überrascht war, nur Muscheln zu sehen,
-Muscheln im Meer, Muscheln auf der Erde und überall nur Muscheln,
-erging sich in Mutmaßungen, wozu denn überhaupt die Erde eigentlich
-geschaffen sein mochte. »Es ist und bleibt ein großes Geheimnis,«
-sagte er sich, »daß man für derartige Wesen eigens eine Welt geformt
-hat.« Er versuchte sich vorzustellen, über welche geistige Kraft
-diese Geschöpfe wohl verfügen mochten, wie weit ihre Fähigkeiten
-gingen, ob sie wohl denken konnten usw. Trotz der Geringfügigkeit und
-Unansehnlichkeit des Erdballs konnte sich sein Geist doch nicht zu dem
-Glauben aufschwingen, daß dieser kleine Weltkörper nur dazu geschaffen
-sein sollte, um Mollusken zur Wohnung zu dienen. Er sah sich die
-verschiedenen Lebewesen genauer an, und es fielen ihm die Geselligkeit
-der Miesmuscheln und die Geschicklichkeit der Schildkröten, deren
-erste Exemplare gerade zum Leben erwachten, wohl auf. Er ließ die
-verschiedenen Arten der Mollusken: die Kopffüßler, die Bauchfüßler,
-die Blattkiemer, und wie sie alle heißen mögen, vor seinen Augen
-vorbeimarschieren; auch die Rankenfüßler (~Cirripediae~), die weder
-Kopf noch Füße noch Arme haben, übersah er nicht. Aber in dieser ganzen
-Gesellschaft fand er niemand, dem er die heilige Gabe der Vernunft
-zutrauen konnte.
-
-Seiner fruchtlosen Nachforschungen müde geworden, kehrte der Komet um,
-und ebenso wie in unendlich späterer Zukunft der ewige Jude, so dachte
-er, während er weiterging, und er ging weiter, während er dachte, bis
-plötzlich ein furchtbarer Schrei die Luft erzittern machte. »O,« rief
-der Komet aus, »da ist er wahrscheinlich, der König der neuen Welt. Ich
-danke dem Himmel dafür, daß er mich ihn noch vor meiner Abreise hat
-sehen lassen.« Er wandte sich um, und in der Tat -- er war da!
-
-Ein mißgestaltetes Ungeheuer von schwärzlicher Farbe, kolossalem
-Bau, höckrichter Haut, mit einem sehr langen Krokodilsrachen, der am
-Halse eines Nilpferdes befestigt zu sein schien, ein Ungetüm, dessen
-Vorderbeine anscheinend verkürzt waren, während seine Hinterbeine
-ebenso lang wie die eines Kamels waren, schleppte sich unbeholfen zu
-dem Rande eines Sumpfes hin.
-
-»Schön ist er zwar nicht,« sagte der Komet zu sich, »aber Schönheit ist
-ja nur Geschmackssache, ein bedingter Begriff, der nichts Absolutes
-an sich hat. Das also soll der Herr der Erde sein -- im Reiche der
-Blinden ist ja der Einäugige König -- und die Ammoniten sind dann die
-Fürstinnen des Meeres. Er scheint im allgemeinen auf dem Lande zu
-leben und auf gute Sitten nicht viel Wert zu legen. Er ist einfältig,
-bescheiden und häßlich, mit einem Wort, für die Welt, in der er lebt,
-vollkommen passend. Gleichviel, ich hätte es mir niemals träumen lassen
-mögen, daß es auch solche Schöpfungen geben kann, aber es nutzt nichts,
-es noch weiter leugnen zu wollen. Das Labyrinthodon ist das einzige
-Tier, welches die Macht hat, auf dieser Welt das Zepter zu führen, also
-ist es auch ihr König. Das also ist das erste Auftreten der Majestät!
-Macht geht vor Recht!« Er erging sich in seinem Selbstgespräch noch des
-weiteren in Betrachtungen im Sinne etwa der Darwinschen Lehre von der
-geschlechtlichen Zuchtwahl, aus der folgert, daß der Beweisgrund des
-Stärkeren auch immer der bessere ist.
-
-Durch das Erscheinen dieses irdischen Ungeheuers war unser Komet doch
-einigermaßen aus seiner gewohnten Ruhe gebracht worden, und noch immer
-träumend setzte er seine Rückreise fort, die ihn bis an die Grenzen
-des Sonnensystems führte. Weder bemerkte er hierbei, mit welcher
-Schnelligkeit er selber dahinschoß, noch auch, wie rasch sich die
-Weltkörper, die er unterwegs traf, fortbewegten. Erst als er sich in
-der Nähe des Saturn befand, kam er wieder recht zum Bewußtsein.
-
-Die glänzende Pracht und der Reichtum einer Zivilisation, die
-Jahrhunderte voller Arbeit hervorgerufen hatten, umgaben dieses
-strahlende Gestirn. Auf ihm wohnten die Fruchtbarkeit und der Friede.
-Schon wenn man näher an diese Welt herankam, fühlte man, daß hier das
-Leben wogte. Es war schon unendlich lange her, daß der Saturn aus den
-Finsternissen des Chaos emporgestiegen war und allmählich sich immer
-mehr vervollkommnet hatte. Wie einige jener glücklichen Sterblichen,
-die es wohl verdienten, daß sie den Geist der Natur begriffen und
-in ihre erhabenen Geheimnisse eindrangen, gelehrt haben, steht die
-Entfernung der Planeten von der Sonne mit ihrem Alter in einem
-ursächlichen Zusammenhange. Die entferntesten sind gleichzeitig die
-ältesten und die in ihrer Entwicklung am weitesten vorgeschrittenen.
-
-Neptun, der sechshundertundfünf Millionen Meilen von der Sonne
-entfernt ist, ist vor Milliarden von Jahrhunderten zuerst aus dem
-Sonnennebel hervorgegangen -- Uranus, der sich in einer Entfernung
-von dreihundertsechsundachtzig Millionen Meilen um den gemeinsamen
-Mittelpunkt aller Planeten bewegt, zählt ein Alter von mehreren
-hundert Millionen von Jahrhunderten -- Saturn, dessen Entfernung von
-der Sonne hundertzweiundneunzig Millionen Meilen beträgt, hat an
-seinem ehrwürdigen Haupte auch schon mehr als hundert Millionen von
-Jahrhunderten vorbeiziehen sehen -- Jupiter, dessen ungeheure Masse in
-einer Entfernung von hundertundfünf Millionen Meilen um die Sonne ihre
-Bahnen zieht, ist siebzig Millionen von Jahrhunderten alt. Mars zählt
-tausend Millionen von Jahren; von der Sonne ist er dreißig und eine
-halbe Million Meilen entfernt. Unsere Erde wandert in einem Abstand von
-zwanzig Millionen Meilen um die Sonne und ist aus ihrem glühenden Schoß
-vor hundert Millionen Jahren hervorgegangen. -- Erst fünfzig Millionen
-Jahre mögen es her sein, daß Venus sich von der Sonne getrennt hat;
-in einem Kreise von vierzehn und einer halben Million Meilen bewegt
-sie sich um die Sonne. Nur ein Alter von zehn Millionen Jahren zählt
-Merkur, dessen Entfernung von der Sonne gegen acht Millionen Meilen
-beträgt. Auch er hat in der Sonne seinen Ursprung genommen, dagegen ist
-der Mond ein Kind der Erde.
-
-Unser wanderndes Gestirn war bei allen diesen Schöpfungen zugegen
-gewesen, und besser als jeder andere kannte es die himmlische
-Genealogie, aber wie es ja Personen von großem Wissen immer tun,
-suchte auch es stets, seine Kenntnisse zu vermehren, und sein ganzes
-Leben verbrachte es damit, Beobachtungen anzustellen. Saturn also,
-dessen Bahn der Komet jetzt entlang fuhr, befand sich in voller Blüte.
-Der Segen, den eine unter begünstigenden Umständen vorgenommene Arbeit
-gewährte, machte sich überall bemerkbar. Da sah man Binnenmeere,
-die mit zahlreichen Fahrzeugen bedeckt waren, die, in keiner Weise
-durch das flüssige Element behindert, rasch dahinfuhren; da gab es
-Häfen, in denen die Schätze aller Länder zur Schau gestellt waren.
-Kleinere Schiffe bevölkerten die Flüsse, und das Land war von einem
-engen Netz von Straßen durchzogen, auf denen hohe, prächtige Gefährte
-dahinrollten. In den blauen Lüften sah man eine ganze Flotte segeln,
-und hoch oben von Türmen stiegen weitere Luftschiffe empor, um ihren
-Weg nach den Gipfeln steil abfallender Berge zu nehmen. Hier hatte
-in der Tat der Geist die Materie überwunden, und das Reich der
-Saturnbewohner erstreckte sich von tief unten, vom Boden der Abgründe,
-bis hoch hinauf auf die Gipfel der Berge. Wie in einem unsichtbaren
-Gewebe vereinigten sich die Fäden dieses Organismus an einer einzigen
-Stelle. Betrachtete man diesen Weltkörper von seinen Polen aus, so
-bemerkte man ein ungeheuer großes System von Ringen, die über ihm
-in unermeßlicher Höhe ausgespannt waren, und bis zu denen doch die
-Luftschiffe emporstiegen. Außer der »inneren« Welt auf dem Saturn, wie
-wir sie nennen wollen, gab es noch eine andere, eine »äußere« Welt,
-die von der ersten vierundeinhalbtausend Meilen entfernt war und sich
-fünfundvierzigtausend Meilen weit erstreckte. Nur durch die Luft, die
-Atmosphäre, stand sie mit der »inneren« Welt in Verbindung. Jenseits
-dieser zweiten Welt, die einem Ringe gleich Saturn umschloß, konnte man
-noch acht andere Ringe erkennen, die Kreisen von orange oder grünlicher
-Farbe glichen und sich umeinander drehten. Der Geist und Scharfsinn
-der Saturnbewohner hatte diesen Weltkörper vollständig unter seine
-Herrschaft gebracht, und von seiner »inneren« Welt aus strahlte ihre
-Macht aus, um sich auf ihre »äußeren« Welten zu verbreiten.
-
-Wenn man, unter dem Schatten einer Palme gelagert, die üppige, in
-Farbenpracht erglühende Landschaft Afrikas betrachtet, mag es wohl
-vorkommen, daß man einschlummert und dann plötzlich aus einem düstern
-Traum aufschreckt, um sich inmitten der fruchtbarsten Landschaft zu
-sehen. Ganz ebenso erging es unserem Kometen, als er nach dem Abschied
-von der unansehnlichen Erde von Träumen umfangen, erst in der Nähe des
-prächtigen Saturn erwachte. Er verlangsamte seinen Weg und mit größerer
-Aufmerksamkeit als je vorher betrachtete er diese wunderbare Welt --
-die dadurch entstandene Verzögerung in seiner Umlaufszeit verzeichnen
-die Astronomen des Neptun als »saturnale Störung« --. Und als er an
-diesem großen und schönen Weltkörper vorbeifuhr, da glaubte er wirklich
-aus einem bösen Alpdrücken erwacht zu sein.
-
-Was war die Erde neben diesem prächtigen Stern? Die Erde! Eine winzige,
-unscheinbare Kugel, auf der das Leben sich gerade zu regen begann und
-sich in Formen kleidete, von denen zu reden kaum erfreulich war; eine
-chaotische Masse, deren verschiedene Elemente untereinander vermischt
-blieben, kurz -- ein reines Nichts. Denn als der Komet sich umwandte,
-konnte er bei der ungeheuer großen Entfernung die Erde nur noch
-als einen schwarzen Fleck vor der Sonne erkennen. Das mag es auch
-entschuldigen, daß die Erde bei dem Kometen ins Vergessen geriet und
-daß ihm eine geringfügige Schöpfung, wie es unser Planet damals noch
-war, gleichgültig blieb.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Umwälzungen auf der Erde.
-
-
-Die Gleichgültigkeit, die der Komet der Erde gegenüber bewahrte, war
-so stark und andauernd, daß er dreiundzwanzigmal in seine Sonnennähe
-kam, ohne daß er es sich einfallen ließ, auch nur einen einzigen Blick
-auf den kleinen Erdball zu werfen. Und wäre nicht ein ganz merkwürdiges
-Ereignis eingetreten, das ihn ganz ohne seine Absicht zwang, der Erde
-ein wenig Aufmerksamkeit zuzuwenden, so würde er sie wohl noch länger
-unbeachtet gelassen haben.
-
-Als der Komet zum vierundzwanzigsten Male in
-ihre Nähe kam -- es war dies gegen das Jahr
-Fünfhundertvierunddreißigtausendfünfhundertundvierundsechzig vor
-Christi Geburt -- führte ihn sein Weg sehr dicht an der Erde vorbei,
-denn die beiden Gestirne kreuzten sich auf ihren Wegen, und zwar
-so nahe, daß die Erde während fünf Tagen und fünf Nächten in dem
-neblichten Schweife des Kometen blieb. Der Schweif gab dem Kometen
-eine Ausdehnung von achtunddreißig Millionen Meilen, vom Kopfe bis zur
-äußersten Spitze gemessen, und er bildete eine ungeheure Nebelfläche,
-die einige hunderttausend Meilen in der Breite maß. Im allgemeinen
-ist dies die Gestalt des Schweifes der Kometen; die Fläche ist mehr
-oder weniger ausgeweitet und nähert sich bisweilen auch der Fächerform.
-Infolge der großen Abstoßungskraft des Sonnenlichtes ist die Atmosphäre
-von einer außerordentlichen Dünne. Die Hitze löst alle Teile des
-Kometen, die dafür empfänglich sind, und was sich während der langen
-Entfernung des Kometen von dem Feuerherde der Sonne verdichtet hatte,
-verflüchtigt sich. Diese verflüchtigten Teile, die von nur sehr
-geringem Gewichte sind, nehmen aber sehr viel Raum ein und suchen sich
-vom Kern des Kometen, der auf sie eine nur schwache Anziehung ausübt,
-zu entfernen. Wie groß auch ihre Ausdehnung sein mag, ihr Gewicht
-beträgt nicht viel, und man könnte ganz gut ein Stück von der Größe der
-Notre-Dame-Kirche oder der Pariser Sternwarte aus ihnen herausschneiden
-und es wie eine Luftblase verschlucken.
-
-Wir sagten, daß die Erde fünf Tage und fünf Nächte lang in dieser
-Dunsthülle blieb. Man wird vielleicht erstaunt sein, daß nach einer
-solchen Begegnung unser Planet noch existiert, aber noch mehr wird man
-wohl erstaunen, wenn wir erwähnen, daß die zu jener Zeit lebenden Wesen
-von dieser Begegnung gar nichts merkten. Es hätte also wenig Zweck, bei
-diesem Kapitel von der Möglichkeit eines Zusammenstoßes der Erde mit
-einem Kometen lange zu verweilen; wir wollen indessen hören, welcher
-Meinung namhafte Astronomen hierüber sind.
-
-Einer der bedeutendsten[2] unter ihnen glaubte, daß die Kometen viel
-schwerer seien, als man auf Grund früherer Hypothesen bis dahin
-anzunehmen wagte. »Die Meere ergießen sich aus ihren bisherigen
-Becken,« sagte er, »um auf einen neuen Äquator zuzuströmen. Eine
-große Zahl von Menschen und Tieren wird in dieser neuen allgemeinen
-Sintflut ertrinken oder infolge des heftigen Stoßes, dem der Erdball
-ausgesetzt ist, umkommen. Ganze Arten von Tieren werden vollständig
-vernichtet werden. Alle Denkmäler menschlichen Fleißes werden zugrunde
-gehen. Solche unheilvolle Folgen müßte der Zusammenstoß mit einem
-Kometen nach sich ziehen.« -- »Wenn der Schweif eines Kometen mit
-der Erde zusammenträfe«, urteilt ein anderer,[3] »oder wenn ein Teil
-des Stoffes, aus dem sich dieser zusammensetzt, in den Tiefen des
-Weltalls auseinanderginge und infolge seiner Schwerkraft auf die Erde
-herniederfiele, dann würden die damit verbundenen Ausdünstungen bei
-Tieren und Pflanzen recht empfindliche Wirkungen hervorbringen. Denn
-es ist sehr wahrscheinlich, daß Gase, die aus so weit entfernten und
-so seltsam beschaffenen Welten zu uns kommen, die überdies noch im
-höchsten Grade erhitzt sind, für alles, was sich auf der Erde befindet,
-verhängnisvoll werden und dort die größten Verheerungen anrichten
-müßten«. Und ein Dritter[4] meint: »Schon bei der gegenseitigen
-Annäherung zweier solcher Körper müßten sich ohne Zweifel große
-Änderungen in ihrem Laufe vollziehen, sei es, daß diese Änderungen
-durch die gegenseitige Anziehung herbeigeführt würden, sei es, daß die
-Gase, die sich zwischen ihnen befänden, unter zu hohen Druck kämen. Das
-mindeste, was eine derartige Annäherung zuwege bringen müßte, wäre
-eine Verschiebung der Achse und der Pole der Erde. -- Ohne Zweifel
-stellen die Schweife der Kometen ungeheure Ströme von Ausdünstungen und
-Gasen dar, die infolge der Wirkung der Sonnenhitze aus dem festen Kern
-des Kometen entwichen sind. Ein Komet könnte mit seinem Schweif so nahe
-an der Erde vorbeigehen, daß wir in dem feurigen Strom, den er mit sich
-schleppt, ertrinken, oder in der Atmosphäre, die ihn umgibt und die von
-derselben Beschaffenheit ist, umkommen müßten. Bei ihrem Herannahen
-an die Sonne haben einige Kometen einen so hohen Hitzegrad erreicht,
-daß sie erst in fünfzigtausend Jahren sich abkühlen können. Welche
-Wirkung würde diese Hitze nun auf die Erde ausüben? Sie würde in Asche
-zerfallen oder in eine glasige Masse verwandelt werden. Der Schweif
-allein würde die Erde mit einem feurigen Strom überschwemmen und ihre
-sämtlichen Bewohner vernichten, genau so wie ein Haufen Ameisen in
-kochendem Wasser umkommt, das man über ihn gießt.«[5]
-
-Der Engländer Whiston war der erste, der den verschiedenen Kometen
-bestimmte verhängnisvolle Einwirkungen auf unsere Erde zugeschrieben
-hat. Den Kometen von 1680 sah er als die Ursache der Sintflut an
-und er behauptet, daß dieser Komet auf seinem Rückweg von der Sonne
-eines schönen Tages die Erde mit seinen feurigen und todbringenden
-Ausdünstungen überschütten werde und so ihren Bewohnern all das Unheil
-bringen würde, das ihnen für den Jüngsten Tag prophezeit ist; zu guter
-Letzt würde er den allgemeinen Weltenbrand entzünden, der unseren
-Planeten aufzehren müßte.
-
-Anderseits versichert uns Newton, daß ein Komet ohne Kern, wenn er auch
-so groß wäre, daß er von der Erde bis zum Saturn reichte, doch in einem
-Würfel von fünfundzwanzig Millimeter Seitenlänge Platz finden könnte,
-wenn er auf denselben Grad verdichtet würde wie die atmosphärische
-Luft, die wir atmen. Neuere Forschungen über die Masse der Kometen
-haben ein Resultat ergeben, das auch die geringste Beunruhigung
-schwinden läßt. Wenn der größte Komet auf unsere Erde stürzen würde,
-könnte er keine andere Wirkung hervorrufen als etwa eine Mücke, die
-eine Lokomotive aufhalten will, und auch seine Gase können unsere
-Atmosphäre in keiner Weise beeinflussen.
-
-Die Bewohner unserer vorsintflutlichen Welt brauchten aber die
-Begegnung, die ihnen drohte, um so weniger zu fürchten, als sie damals
-noch vollkommen im Wasser lebten und dort ihr Dasein fristeten. Die nur
-unter dem Mikroskop wahrnehmbaren Infusorien, die Fische und Amphibien
-merkten nichts von dem Vorgang.
-
-Für unsere Erde war das Ereignis vielmehr von Vorteil, insofern als
-die Begegnung unseren erhabenen Reisenden aus seiner jahrtausendelang
-dauernden Gleichgültigkeit gegen sie riß. Der Durchgang des Erdballs,
-der nicht weit von seinem Kopfe erfolgte, übte auf seinen Geist,
-wenigstens vom irdischen Gesichtspunkte aus betrachtet, einen recht
-günstigen Einfluß aus. Er geruhte von der Kugel Kenntnis zu nehmen,
-die durch seinen Schweif hindurchpassierte. Man wird es gewiß glauben,
-daß die Erde, der ihre lange Einsamkeit wohl nicht kurzweilig gewesen
-sein mochte, den Augenblick des Durchgangs nicht verschlafen hat; und
-ein seltsameres Schauspiel als jetzt hatte sich dem Auge des Kometen
-noch nie geboten. Zwei steil abfallende Felsen schützten die Einfahrt
-zu einer Halbinsel, und auf diesen, hoch in die Wolken ragenden Felsen
-saßen als bizarre Gruppe zwei wunderlich aussehende, ungewöhnlich
-gebaute Geschöpfe, die sich, ohne eine Miene zu verziehen, unausgesetzt
-scharf ansahen.
-
-Es waren dies der Pterodaktylus und der Ramphorynchus, zwei Arten
-von Fledermäusen in der ungefähren Größe eines Hammels, zwei lebende
-Sphinxe, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln Bäumen mit lang
-herabhängenden Blättern glichen. Von diesem Anblick betroffen, rief
-der Komet seine Erinnerungen wach, und es fiel ihm ein, daß er schon
-vor dreiundsiebzigtausendfünfhundertundsechzig Jahren Gelegenheit
-gehabt hatte, diese kleine Kugel und ihre höchst sonderbare Bevölkerung
-wahrzunehmen.
-
-Und er ging nun ernstlich ans Werk, sich die Erde recht genau
-anzusehen. Auf den ersten Blick erkannte er, daß die äußere Gestaltung
-der Oberfläche sich ganz auffallend verändert hatte, daß sich in dem
-großen Ozean, der vorher die ganze Erde bedeckte, nunmehr bereits
-kleine Kontinente gebildet hatten, und daß eine noch immer sehr üppige
-Vegetation ihre Herrschaft über den Erdball jetzt mit einem schon
-ziemlich bedeutenden Tierreich zu teilen hatte. Auch die Gestalt, die
-diesem Tierreich eigentümlich war, fiel ihm sofort auf, und er war
-darüber in nicht geringem Grade erstaunt. Bei seinem letzten Besuche
-hatte er in der Hauptsache nur Muscheln entdecken können, und jetzt
-erregten seine Aufmerksamkeit -- Krokodile, aber Krokodile von jeder
-Gestalt, von jeder Farbe, von jeder Größe. Auf dem Festlande, im Meere,
-hoch in den Lüften, waren Krokodile, Eidechsen und andere Reptilien zu
-sehen, hier solche mit Flossen, dort andere mit Flügeln, kurz, eine
-Unmasse von Krokodilen.
-
-Er ließ seinen Blick forschend auf die Ebene und das Gebirge schweifen
-und die ungeheure Menge der riesenhaften Saurier an seinem Auge
-vorbeiziehen. Da waren die verschiedenen Ichthyosaurusarten, der
-~I. communis~, der ~I. intermedius~, der ~I. platyodon~, der ~I.
-tenuirostris~ usw. usw. Einige maßen dreißig Fuß in der Länge. Ganze
-Herden dieser Reptilien schwammen im offenen Meer wie heutzutage die
-Walfische; oben, an ihrem Kopfe, und zwar wagerecht liegend, trugen sie
-Augen, die einen Fuß lang und so gebaut waren, daß sie nach Belieben
-entweder als Fernrohr oder als Mikroskop benutzt werden konnten.
-Bewaffnet waren sie mit einem vorzüglichen Gebiß, und wenn sich das
-Maul auftat, maß die Öffnung des Rachens mehr als drei Fuß, und es
-zeigten sich zwei Reihen von hundertundachtzig Zähnen. Die Wirbelsäule
-setzte sich bei ihnen aus hundert Wirbeln zusammen und ermöglichte
-ihnen die gelenkigsten und biegsamsten Gliederbewegungen. Er sah ganze
-Scharen von Plesiosauriern sich vom Ufer ins Meer stürzen. Es waren
-dies mit den geschilderten Arten verwandte Reptilien, die aber zu
-gleicher Zeit von der Schlange den unverhältnismäßig langgestreckten,
-dünnen Hals, von den Vierfüßlern den Rumpf und von den Walfischen
-die Flossen hatten. Er sah in gefährlichen Zusammenrottungen die
-furchtbaren Poekilopleurusarten mit ihren gewaltigen Krallen und
-ihren spitzen Zähnen, ferner die Hyleosaurier, die Cetiosaurier,
-die Stenosaurier und die Streptospondylen. Auch die Teleosaurier,
-jene Freibeuter der vorsintflutlichen Meere, bemerkte er. Er sah
-ganze Scharen von Pterodaktylen in die Lüfte aufsteigen, jener
-riesigen Fledermäuse, deren entsetzlicher Rachen sechzig drohende
-Zähne zeigte, und die ihr Leben damit verbrachten, daß sie von einem
-Baum zum anderen, von einem Felsen zum anderen flogen. Auch die mit
-Pflanzen bewachsenen Höhen setzten durch ihr düster-ernstes Aussehen
-den Kometen in recht große Verwunderung. Da waren dicke Stämme von
-großen Schachtelhalmen, langes Schilfrohr, riesenhafte Farnkräuter,
-Nadelhölzer, die unserer Tanne ziemlich ähnlich waren, und schlanke
-Pandangen (~Pandanus~) mit ihren hoch über den Boden aufragenden
-Luftwurzeln.
-
-Beim Anblick dieses mehr unheimlich als schön wirkenden Panoramas
-wurde der Komet nachdenklich. Dreihundertfünfundsechzigmal sah
-er vor seinen Augen die Erde sich um sich selbst drehen, und
-dreihundertfünfundsechzigmal hatte er Gelegenheit, die gesamte
-Erdoberfläche zu überschauen. Da, plötzlich, ertönte ein furchtbares
-Krachen. Auf dem Grunde des Meeres hatte sich die Rinde der
-Erdoberfläche gespalten, und während aus den im Aufruhr befindlichen
-Eingeweiden der Erde wütende Flammen emporschossen, ergoß sich mit
-grauenhaftem Getöse das Meer in einen Abgrund, der sich plötzlich
-aufgetan hatte. Die oben geschilderten Ungetüme wurden von den Wogen
-der mit furchtbarer Gewalt daherströmenden Wasserfluten fortgerissen,
-und wütende Schreie ausstoßend, kamen sie darin um, während die
-geflügelten Reptilien mit unheilverkündendem Gekrächze so rasch als
-möglich durch die Luft zu entkommen suchten. Die Gestade entvölkerten
-sich, und die mit Elektrizität überladene Atmosphäre entlud sich in
-heftigen Blitzschlägen, die die Luft durchzuckten. Bald vermischte sich
-auch das dumpfe Rollen eines bisher noch nie gehörten Donners mit dem
-Toben und Brausen des Unwetters, und es schien, als ob eine ungeheure
-Umwälzung die gesamte Erdoberfläche zerrissen und gespalten hätte.
-
-Unser Komet hatte leider seine Geringschätzung gegen unsere Erde noch
-immer nicht überwunden und er dachte gar nicht daran, unseren Planeten
-ernst zu nehmen. Seit Tausenden von Jahrhunderten war er gewohnt, an
-seinen Augen Welten vorbeiziehen zu sehen, die auf den Pfaden der
-Zivilisation schon weit vorgeschritten waren, wie das mit Neptun und
-Uranus der Fall war, andere, wie Saturn, waren eben auf der Höhe ihrer
-Entwicklung angelangt, und er konnte sie in ihrer ganzen Pracht und
-Herrlichkeit überschauen; wieder andere -- Jupiter gehörte zu diesen
--- bereiteten sich zu einer großartigen Entfaltung vor, und noch andere
-schließlich -- zu diesen zählte Mars -- befanden sich noch im Frühling
-ihres Lebens. Der Verkehr mit diesen der Erde überlegenen Planeten
-hinderte ihn vorläufig daran, dem Erdball eine gerechte Würdigung
-zuteil werden zu lassen, und so beharrte er in seinem Vorurteil und
-verfiel auch bald wieder in seine frühere Gleichgültigkeit.
-
-Während er noch in seinen Träumereien befangen war, nahm die gewaltige
-Erdrevolution ihren Fortgang. Es erstand die Juraformation; bei ihrer
-Bildung wurden die Fundamente des Erdballs von Grund aus erschüttert,
-und die Erde bebte, als ob sie von einem heftigen Taumel befallen
-worden wäre. Die Meere ergossen sich in die brennenden Tiefen oder
-überströmten Gegenden, die durch die geologische Umwälzung eingesunken
-waren. Aus Quellen, die plötzlich im Schoße der Erde entsprangen,
-stiegen neue Meere auf, und Ebenen krümmten sich empor, ähnlich, wie
-man auf der Oberfläche des im Schmelzen befindlichen Metalls sich
-Luftblasen bilden sieht. Das flache Land machte neuen Gebirgen Platz,
-und dort, wo sich früher Berge und Hügel erhoben, dehnte sich jetzt
-eine kahle oder durch mannigfache Erhebungen unterbrochene Ebene aus.
-So hatte die Oberfläche des Erdballs sich ganz und gar geändert. Der
-Komet hatte auf seinem Fluge durch das Weltall die Erde noch nicht aus
-seiner Sehweite verloren, als ihm klar wurde, daß die Umwälzungen,
-deren Vorspiel für einen Augenblick seine Gedanken abgelenkt hatte, mit
-unvermindertem Ungestüm fortdauerten, und daß für die Erde eine neue
-Schöpfungsperiode begonnen hatte.
-
-Mit einer Schnelligkeit von ungefähr vierzigtausend Meilen in der
-Stunde, oder neunhundertsechzigtausend Meilen an einem Tage, setzte
-der Komet seine Reise fort. Diese Schnelligkeit, mit der er seine
-Reise angetreten hatte, verminderte sich, je weiter er sich von
-seinem Ausgangspunkte entfernte, und drei Monate, nachdem er aus dem
-Bannkreise der Erde entschwunden war, bot sich dem himmlischen Wanderer
-eines der seltsamsten Schauspiele dar. Zu damaliger Zeit kreisten
-zwischen der Umlaufsbahn, die der Mars beschreibt, und derjenigen des
-Jupiter verschiedene Planeten, die ursprünglich einen Ring gebildet
-hatten, der sich in der Zwischenzeit, die zwischen dem Entstehen des
-Jupiter und dem des Mars liegt, von der gemeinschaftlichen Mutter
-aller Planeten, der Sonne, losgelöst hatte. Anstatt nun, wie es bei
-allen anderen Planeten der Fall gewesen war, sich in _eine_ Weltkugel
-umzuwandeln, hatte dieser sonderbare Weltenring eine ganze Menge neuer
-Weltkörper aus sich heraus entstehen lassen, die sämtlich so eigenartig
-und zerbrechlich wie er selbst waren. Wie alle anderen Planeten drehten
-sich auch diese Weltkugeln um die Sonne, wie diese hatten auch sie
-ihre Jahre, ihre Jahreszeiten und ihren Wechsel von Tag und Nacht. Als
-nun der Komet, der über die gewaltsamen Veränderungen auf der Erde
-noch in Nachdenken versunken war und gerade darüber philosophierte,
-welches Geschick wohl einst dem ganzen Weltenall bevorstehen werde,
-sich der Bahn des größten unter diesen kleineren Planeten näherte, kam
-diese immerhin gewaltige Kugel, die sich mit einer Geschwindigkeit von
-neuntausend Meilen in der Stunde vorwärts bewegte, in gerader Linie auf
-ihn losgestürzt; sie mußte auf den Kometen an dem Punkte auftreffen,
-an welchem er ihre Bahn zu kreuzen im Begriffe stand. Ein Zusammenstoß
-schien ganz unvermeidlich -- da, wenige Augenblicke vor der drohenden
-Katastrophe explodierte dieser Himmelskörper wie eine Bombe. Gase
-stiegen auf und verbanden sich mit den im Schweife des Kometen
-vorhandenen, und man konnte sehen, wie etwa zehn einzelne Teile sich
-loslösten und selbständig ihre Reise durch den Weltenraum fortsetzen.
-Es ereignete sich hier ein Weltuntergang, und zwar hatte der zerstörte
-Himmelskörper zweifellos ein frühzeitiges Ende gefunden, das schon
-lange Zeit in seinem Innern wirkende Kräfte mußten hervorgerufen haben.
-Die Katastrophe fand in einer Entfernung von achtundsechzig Millionen
-zweihundertundsechzehntausend Meilen von der Sonne statt. Vielleicht
-haben wir hier den Ursprung jener kleinen, nur durch den Refraktor
-wahrnehmbaren Planeten Ceres, Daphne, Thisbe, Sirona und Arduina zu
-suchen, welche sämtlich 2.77 von der Sonne entfernt sind, wenn man die
-Entfernung der Erde von der Sonne als Einheit nimmt. Es sieht fast
-so aus, als ob diese kleinen Gestirne Jahr für Jahr einmal den Ort
-wiedersehen müssen, an dem jenes furchtbare Naturereignis stattfand,
-das sie für immer trennen sollte.
-
-Hier fand unser Komet seinen Weg nach Damaskus und hier vollzog sich
-in seinem Geiste eine dauernde Wandlung. Hier war es, wo er für die
-Erde jene Sympathie faßte, von der er seitdem stets beseelt geblieben
-ist. Es ist wohl möglich, daß er ohne diese erschütternde Katastrophe
-noch lange in seiner Gleichgültigkeit gegen die Erde verharrt hätte.
-Aber auch bei ihm zeigte sich, was man schon so vielfach beobachtet
-hat: es bedarf nur eines plötzlichen Anlasses, um selbst starke
-Charaktere umzuwandeln. Das Gefühl wohlwollender Anteilnahme, wie es
-im allgemeinen die Mächtigen der Welt den Kleinen entgegenbringen, war
-es, das angesichts dieser Katastrophe schmerzliche Erinnerungen an die
-Erde in ihm wachrief. Einen Augenblick lang fürchtete er auch für das
-Dasein der Erde! Arme Erde! Wenn die furchtbare Umwälzung, die auf ihr
-vor kurzem begonnen hatte, ihr verhängnisvoll werden und sie daran
-zugrunde gehen sollte, bevor sie überhaupt noch geboren war! Wie würde
-sie sich in den schweren Kämpfen behaupten können, die sie noch zu
-bestehen hatte? Ob sie Kraft genug besaß, die Krisis zu überwinden und
-ihr Dasein zu verteidigen? Ob es ihr wirklich beschieden sein mochte,
-für immer solch wilden und grausamen Geschöpfen ungastlichen Aufenthalt
-zu gewähren?
-
-Von diesem Tage an interessierte er sich für die Erde, und ihr
-Schicksal ging ihm um so mehr zu Herzen, je unvollkommener sie in
-ihrer Entwicklung noch war. Oft überraschte er sich dabei, wie sich
-ganz unwillkürlich seine Gedanken mit dieser bescheidenen Schöpfung
-befaßten, und oft zog er, in seinen Gedanken tief bekümmert, an den
-glänzendsten Welten vorbei, ohne diese auch nur eines Blickes zu
-würdigen. Ja, es kam so weit mit ihm, daß ihm seine Reise durch den
-Weltenraum zu lang wurde. Dreitausendunddreiundsechzig und ein halbes
-Jahr von der Erde entfernt zu bleiben und nur höchstens achtzehn Monate
-in ihrer Nähe verweilen zu dürfen, schien ihm ganz außer Verhältnis zu
-stehen. Der kleine Erdball faßte schließlich in seinen Gedanken Platz
-und schien sich dort immer mehr befestigen zu wollen.
-
-Mit Ungeduld erwartete der Komet das Herannahen des Sommers. Der
-Sommer-Sonnenstillstand bedeutet für die Kometen den Zeitabschnitt, in
-dem sie ihren Flug nach ihrem Perihelium richten, d. h. sich wieder
-der Sonne zuwenden und somit auch der Erde wieder nähern. Sobald er
-merkte, daß die Strahlen der Sonne immer wärmer wurden, und sehen
-konnte, wie ihre Scheibe sich mehr und mehr vergrößerte, wußte er
-auch, daß das Ende des Frühlings gekommen war. Kaum wurde er der
-Erde wieder ansichtig -- und zwar sah er sie bald vor der Sonne in
-Gestalt eines schwarzen, runden Fleckes, in Form einer Mondsichel oder
-eines Halbmondes, bald auf der rechten, bald auf der linken Seite des
-leuchtenden Gestirns -- als er auch mit Wohlbehagen merkte, wie seine
-Geschwindigkeit zunahm und er seinem sehnsüchtig erstrebten Ziele immer
-näher kam. In seinem schnellen Laufe erreichte er endlich die Erde,
-die er immer mehr liebgewinnen sollte, und schon am ersten Tage seiner
-Ankunft unterzog er seine kleine Welt einer genauen Betrachtung.
-
-Er beobachtete das Erwachen der Tierwelt während der ganzen
-Sekundärzeit, von der Jura- und Liasperiode bis in die letzten
-Abschnitte der Kreidezeit. In einem Zwischenraume von dreitausend zu
-dreitausend Jahren konnte er verfolgen, wie die verschiedenen Arten,
-sowohl der Tier- als auch der Pflanzenwelt, sich langsam aber stetig
-weiter entwickelten. Da der Komet sich allmählich an die Umwälzungen,
-unter denen sich neue Ereignisse zu vollziehen pflegten, gewöhnt hatte;
-da er Zeuge gewesen war, wie große Fluten von Grund aus einzelne
-Teile der Erdoberfläche umgewandelt hatten; da er gesehen hatte, wie
-Kämpfe im Innern der Erde sich in Vulkanausbrüchen Luft machten, und
-wahrgenommen hatte, wie Gebirgsketten sich aus der Ebene erhoben und
-die Erdoberfläche bereits anfing, die Gestalt zu erhalten, die ihr in
-Zukunft eigentümlich sein sollte, wurde er auch allmählich ruhiger und
-fürchtete für die Erde die Folgen dieser Naturereignisse nicht mehr.
-Er glaubte schließlich, daß sie nur Konsequenzen eines unbekannten
-Gesetzes wären, und gewissermaßen Prüfungen, die der Erdkugel nur
-zum Nutzen gereichen könnten. So verfolgte er von einem seiner Jahre
-zum andern, wie sich das kleine irdische Kind in seiner Wiege weiter
-entwickelte.
-
-Die Wahrheit zwingt uns jedoch, nicht unerwähnt zu lassen, daß die
-liebende Sorgfalt des Kometen für die Erde doch noch einmal eine kleine
-Einbuße erlitt. Die Ursache davon war allgemeiner Art, und es lohnt
-sich wohl der Mühe, einen Augenblick dabei zu verweilen: Es war die
-Tatsache, daß der Umgang mit den Großen unsere Sympathien sehr leicht
-zum Nachteil der Kleinen beeinflussen kann. Den schöneren, oder sagen
-wir nur den größeren Teil seines Lebens verbrachte der Komet in der
-Gesellschaft der Patrizier des Sonnensystems, und ohne daß er es selber
-wußte, wurde er von ihrer Gesinnung angesteckt und selbst ein wenig
-hochmütig. Sein Interesse für die Erde hielt sich während ungefähr
-vierzigtausend Jahren auf derselben Höhe, dann aber geschah es, daß
-er, ganz unbewußt, die schöne Jahreszeit mit geringerer Sehnsucht
-erwartete. Er hatte sich an den Anblick, den ihm die Erde bot, gewöhnt,
-und er teilte seine Aufmerksamkeit jetzt zwischen ihr und den anderen
-Planeten. Wenn er an diesen vorüberflog, betrachtete er sie genau,
-und von neuem stellte er Vergleiche mit der Erde an, die für diese
-nicht vorteilhaft ausfielen. Zwanzigtausend Jahre lang blieb es so,
-und schon konnte man befürchten, daß die höheren Weltkörper wieder
-die vorherrschende Stellung in seinem Geiste erlangen würden, die
-sie früher darin eingenommen hatten. Aber die Erde schritt in ihrer
-Entwicklung rascher vor, als jene es taten, denn sie war noch jünger,
-und als zur Tertiärzeit die Oberfläche der Erde sich wieder vollkommen
-veränderte, wandte ihr der Komet wieder seine ungeteilte Gunst zu,
-an der er eine kurze Zeit die anderen planetarischen Welten hatte
-teilnehmen lassen.
-
-
-Fußnoten
-
-[2] Laplace.
-
-[3] Gregory.
-
-[4] Maupertuis.
-
-[5] Es scheint fast so, als ob M. de Maupertuis hier in das Gebiet
-des reinen Romans geraten sei, denn wer erinnert sich dabei nicht an
-das seltsamste Phantasiegemälde dieser Art, an die »Unterhaltung von
-Eiros mit Charmion«, eines der originellsten Gebilde jenes originellen
-transatlantischen Erzählers? Die Begegnung des Kometen mit der Erde
-hatte zum Glück keinen so schrecklichen Verlauf. Unser Komet war
-huldvoll genug, ihre Bewohner nicht zu vergiften, dagegen hätte der von
-Edgar Poe ihr Dasein vollständig vernichtet, wie er auch, wenn wir dem
-phantastischen Dichter folgen, an jener seltsamen Agonie die Schuld
-trägt, in welche die Erde versank.
-
-»Der gefürchtete Komet kam immer näher, seine rote Scheibe wurde
-zusehends größer und nahm auch an Glanz zu. Bei seinem Herannahen
-erblaßte der Geist der Menschheit und alles menschliche Tun und Treiben
-hatte sein Ende erreicht.
-
-Auch dem Tapfersten unseres Geschlechtes schlug das Herz heftig in der
-Brust. Dieses _neue_ Meteor war keine astronomische Erscheinung mehr,
-sondern es war vielmehr ein Alp, der allen auf der Brust lag, ein
-Schatten, der das Gehirn verfinsterte. Mit einer Schnelligkeit, die das
-menschliche Fassungsvermögen übersteigt, hatte er das Aussehen eines
-ungeheuren leuchtenden Flammenmantels angenommen, der in seiner ganzen
-Länge am Himmel ausgespannt war.
-
-Noch einen Tag -- und die Menschheit atmete viel freier. Es war
-zweifellos, sagt der Augenzeuge, daß wir bereits unter dem Einflusse
-des Kometen standen, und doch lebten wir immer noch. Ja, wir erfreuten
-uns sogar einer viel größeren Elastizität der Glieder und einer ganz
-außergewöhnlichen geistigen Spannkraft. Aber auch die Vegetation
-hatte sich zur selben Zeit ganz merkwürdig verändert. Alle Pflanzen
-entfalteten wie durch einen Zauberspruch eine so wunderbare Blüten- und
-Blätterpracht, wie sie vorher noch nie gesehen worden war.
-
-Aber auch noch eine andere, höchst seltsame Erscheinung griff bei
-allen Menschen Platz: die erste Empfindung des _Schmerzes_ gab das
-Zeichen zu allgemeinem Wehklagen und Schrecken. Dieser Schmerz äußerte
-sich in einer heftigen Zusammenziehung der Brust und der Lungen und
-in einer fast unerträglichen Trockenheit der Haut. Es ließ sich
-nicht mehr leugnen, daß die Luft ganz und gar infiziert war. Als die
-wissenschaftliche Forschung dies bestätigte, ging mit Blitzesschnelle
-ein Schaudern, das sich bald in furchtbarsten Schreck verwandelte,
-durch das Herz jedes fühlenden Menschen.
-
-Die Luft verlor ihren Gehalt an Stickstoff ... Dagegen vermehrte
-sich in ganz auffallender Weise ihr Gehalt an Sauerstoff, dem
-Haupterfordernis zum Atmen und zum Leben. Der Komet war da und das war
-seine Wirkung. Die Überreizung der Lebensgeister und die Pracht, die
-die Pflanzenwelt entfaltete, waren die ersten Symptome. Wenn aller
-Stickstoff der Luft entzogen war, dann mußte eine unabänderliche, alles
-sofort vernichtende Verbrennung aller Dinge auf Erden stattfinden, der
-auf keine Weise zu entrinnen war.
-
-Der letzte Tag des Lebens ... Wir atmen eine Luft, die sich zusehends
-ändert. Das Blut strömt ungestüm in seinen engen Gefäßen. Eine
-wahnsinnige Wut bemächtigt sich aller Lebenden, die geballte Faust
-strecken sie dem zürnenden Himmel entgegen und vor Angst zittern sie
-und schreien heftig ... Einen Augenblick lang erscheint plötzlich
-ein seltsames, unheimliches Licht, das überallhin dringt und alles
-beleuchtet ... Dann läßt sich ein schriller, durchdringender Donner
-vernehmen, als ob der Herr selbst gesprochen hätte -- und die ganze
-gewaltige Menge der Luft, die uns umgibt, in der wir lebten, hatte sich
-mit einem Schlage in ein furchtbares Feuermeer verwandelt ...«
-
-So Edgar Poe. Schon die bloße Erzählung einer derartigen Katastrophe
-macht uns schaudern. Aber unser Komet ist nicht so gefährlich. Er ist
-ein ehrsamer Reisender, der nur Land und Leute sehen will und der uns
-in seiner Begleitung eine wirkliche »Reise um die Welt« machen läßt,
-gegen die eine Reise um die irdische Welt ein wahres Kinderspiel ist.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Morgenröte der Erde.
-
-
-Wie klein der Erdball auch immer war und welch bescheidene Stellung er
-auch in der unendlichen Schöpfung einnehmen mochte, so zeigte er sich
-doch recht wohl der Beachtung würdig, mit der ihn unser Komet beehrte.
-Nicht immer machen Gestalt und Größe den Wert eines Geschöpfes aus,
-sondern das Geschöpf selbst als Erzeugnis einer unendlichen Macht
-trägt an der Stirn das Siegel seines göttlichen Urhebers. Der kleinste
-Gegenstand, den die Natur geschaffen hat, ist so wunderbar wie der
-größte; die Allmacht, die ihn ins Leben gerufen, hat ihn für immer
-gezeichnet, und so sehen wir auch, daß sich in einem Wassertropfen
-das Sonnenlicht ebenso leuchtend spiegelt wie in dem großen Ozean.
-Auf seinen langen Wanderungen hatte sich unserem Weltreisenden diese
-Beobachtung schon längst aufgedrängt, und wenn er sich seinen Gedanken
-überließ und die auf seiner Reise gewonnenen Eindrücke geistig
-verarbeitete, dann konnte er nicht umhin, auch der Erde den Platz
-anzuweisen, der ihr durch den Adel ihrer Geburt zukam.
-
-Was die Erde betrifft, so zeigte auch sie allmählich, von welch
-vornehmer Herkunft sie war. Ganz unmerklich zog sie ihre Kinderschuhe
-aus und entledigte sich ihrer ungestalteten Formen, um schönere dafür
-einzutauschen. Sie strebte nach Zierlichkeit der Erscheinung. Früher
-zeigten Pflanzen und Tiere ein rohes, unförmliches Aussehen und boten
-dem Auge wenig Reiz; die Bäume, von schwermütigem Charakter, hatten
-weder Blüten noch Blätter, die Tiere mußten des wärmenden Pelzes, der
-schützenden Wolle, des Federkleides entbehren, und auch sie hatten
-noch keinen Schmuck angelegt. Aber zu der Zeit, die wir jetzt erreicht
-haben, konnte man bei den Pflanzen bereits Blüten und Blätter, bei den
-Tieren schon prächtig gefärbte Bekleidungen erkennen. Die Familie der
-Proteazeen wies in den verschiedenen Banksia-Arten bereits großartige
-Pflanzen mit schöngestalteten fruchttragenden Zweigen auf.
-
-Unter den Mimosoideen gab es schon Akazien und andere Pflanzen, die
-man heute nur noch im fernen Australien findet, dessen Pflanzen-
-und Tierwelt ja noch vielfach an die der Urwelt erinnert. Birken,
-Buchen, Nußbäume, Erlen erhoben sich neben Palmen, Tannen, Zypressen
-und Eibenbäumen, und die Arten waren nicht wie heutzutage durch
-die Schranken geographischer Verbreitung voneinander getrennt.
-In den Sümpfen, auf den Teichen und in den Flüssen sah man noch
-Schachtelhalme und Wasserkastanien; aber die riesigen Blumen aus der
-Familie der Nymphäazeen bedeckten bereits die Oberfläche der stehenden
-Gewässer mit ihren schönen Blüten.
-
-Für welches Auge waren diese Schönheiten der Erde in ihrer Jugendblüte
-geschaffen? Für welche Ohren war der Wohlklang, der die Natur im
-Brausen der Wellen und im Rauschen der Blätter erfüllte, bestimmt?
-Für wen boten die schattigen Wälder lauschige Schlupfwinkel, für wen
-eröffneten sich die herrlichen Ausblicke, für wen breiteten sich diese
-Pflanzenteppiche, die ein wechselvolles Licht mit schönen Mustern
-verzierte, aus? Wer erfreute sich an der Sternenpracht der stillen
-Nächte, die der Mond mit seinem ruhigen, silbernen Schein erleuchtete?
-Für wen diese erhabene Pracht? Für wen dieser strahlende Himmel,
-diese grünenden Ebenen, das Flüstern des sich zu natürlichen Lauben
-verdichtenden Blätterwerkes, diese prächtigen Schauspiele, die Wasser
-und Land unausgesetzt boten? Für wen die Sonne am Tage und die Sterne
-in der Nacht, der blaue Himmel, die vielfarbigen Wetterwolken, die
-goldene Pracht der Dämmerung, das Hervorbrechen des Regenbogens und der
-Fall der Meteore? ... Für wen schuf die Natur diese ungeheure Arbeit?
-... Verständige oder mit Vernunft begabte Wesen waren auf der Erde noch
-nicht erschienen.
-
-Das Land, das heute von der Zivilisation beherrscht wird, die Gegend,
-in der Frankreichs glänzende Hauptstadt sich erhebt, war damals noch
-mit Wasser bedeckt. Noch nichts ließ die Gestalt erkennen, in der sich
-Frankreich heute unserem Auge darbietet. Nur große Seen und Halbinseln
-nahmen seine Stelle ein. Das Meer erstreckte sich über Paris hinaus,
-bis nach Bourges; von Valenciennes bis nach Saint-Lô konnte man an
-seinen Ufern entlang die unregelmäßige Kette der Kreideformation
-verfolgen. Während der Juraformation hatte sich bereits die Hochebene
-von Langres gebildet und beherrschte das eben genannte Meer. Die Berge,
-die sich mit ihren schwarzen Zinnen über Langres erheben, dieselben,
-auf denen Cäsar seine Wachtfeuer entzündete, die Bergeshöhlen, in
-denen sich Sabinus vor dem Zorn des römischen Adlers verbarg, diese
-ehrwürdigen Gipfel wachten schon über den Wogen des vorsintflutlichen
-Meeres. Die alte Auvergne und Bretagne zur Linken und die Alpen zur
-Rechten sind in den fernen Jahrhunderten der Primärzeit aus den Wassern
-entstanden. Dagegen schlief zu der Zeit, von der wir sprechen, die
-Gegend von Lyon, Tours, Dünkirchen noch auf dem Grunde des Meeres, und
-erst während der Tertiärzeit erhob sich das Land, auf dem die genannten
-Städte stehen, wenn auch nicht zu ewiger, so doch wohl zu einer recht
-langen Dauer.
-
-Nach der Reihenfolge ihres Erscheinens auf der Erde traten die
-Vorfahren der verschiedenen Arten unserer heutigen Tierwelt in deutlich
-zu erkennenden Entwicklungsstufen hervor. Auf die ausschließlich im
-Wasser lebenden Tiere waren die im Wasser und auf dem Lande lebenden
-Amphibien gefolgt, nach diesen kamen Geschöpfe, die nur für das
-feste Land bestimmt waren; wieder ein Hinweis darauf, daß es in der
-Natur keinen Zufall gibt, und daß die Reihenfolge und Entwicklung
-der Arten durch ewige, unabänderliche Gesetze bestimmt wird. Von
-den vierfüßigen Säugetieren erschienen zuerst die Dickhäuter: das
-Palaeotherium, das Anoplotherium, das Xiphodon, Geschöpfe, die ihrer
-Gestalt nach eine Zwischenstufe zwischen dem Rhinozeros, dem Pferde
-und dem Tapir einnahmen. Das erstgenannte, das etwa so groß wie ein
-Pferd sein mochte, hatte vom Tapir den Kopf, der in einen fleischigen
-Rüssel auslief, kleine, ausdruckslose Augen und kurze, plumpe Beine.
-Im Gegensatz zum Palaeotherium hatte das Anoplotherium lange Beine
-und dazu noch einen mehr als einen Meter langen Schwanz, der ihm beim
-Durchschwimmen von Seen oder Flüssen als Ruder diente. Das Xiphodon
-endlich ähnelte mehr unserer heutigen Gemse und war, wie diese,
-zierlich gebaut, furchtsam und schnellfüßig. Neben ihnen tummelten
-sich noch andere Arten, so das Lophiodon, das in seinen verschiedenen
-Abarten auch die verschiedensten Formen zeigte und in seinen Maßen
-von der Größe des Kaninchens bis zu der des Rhinozeros variierte, der
-Chiropotamus, der die Flüsse bewohnte. Das Meer, über dessen Wellen von
-Zeit zu Zeit der Mosasaurus sein furchtbares, drei Fuß langes Gebiß
-fletschte, bevölkerten friedliche Wale, die Delphine waren seine Könige.
-
-Wenn wir uns in die damalige Zeit zu versetzen suchen, so wird uns die
-eigenartige Formenwelt wundernehmen, die unsere Erde in jener Epoche
-noch zeigte; sie bewahrte noch viel von dem fremdartigen Charakter,
-der uns bei der Betrachtung der früheren Perioden so sehr in Staunen
-gesetzt hat.
-
-Es war gerade zur Zeit des Beginnes der letztgeschilderten Periode, der
-Eozän-Zeit, als der Komet wieder die Erde erreicht hatte, und es bot
-sich ihm jetzt Gelegenheit, die irdische Landschaft in der Fülle ihrer
-Entwicklung und ihrer Fortschritte zu betrachten. In diesem Schauspiel
-offenbarte sich ihm das Gesetz der Bestimmung, und er mutmaßte, daß
-ein höherer, unbekannter Wille die Bildung dieser kleinen Welt leite
-und sie zum Aufenthalt für irgendein neues Wesen, das würdig sei, das
-Zepter einer Welt zu führen, vorbereite.
-
-Die reine Luft erlaubte es der Sonne, ihre fruchtspendenden Strahlen
-mit vollen Händen über die Erde auszuschütten; aus den stillen und
-friedlichen Gewässern leuchtete der blaue Himmel; Tausende von
-Pflanzen schaukelten ihren grünenden Stengel in den Lüften und die
-ersten Blumen, die am Rande der Gewässer standen, spiegelten sich in
-ihren Wellen wieder. Zahlreiche Herden weideten auf dem Lande und
-die fröhlichen Bewohner der Luft nahmen zu höheren Regionen ihren
-Aufschwung. Überall lachte das Leben. Schon traten die Unterschiede
-der verschiedenen Jahreszeiten deutlich hervor, und der Komet erkannte
-bereits, daß die Einrichtungen der Erde sich allmählich denen höher
-organisierter Welten näherten. Wie alle Kometen hatte auch er in
-seiner Bahn die größtmöglichste Hitze und die alleräußerste Kälte zu
-ertragen. Kam er in seinem glühenden Sommer ganz nahe an die Sonne
-heran, so entfernte er sich in seinem Winter so weit von ihr, daß
-dieser tausendmal kälter war als der Winter auf der Erde. In seiner
-Selbstlosigkeit war er daher stets erfreut, wenn er Welten begegnete,
-die es in dieser Beziehung besser als er hatten.[6] Die Erde befand
-sich in der glücklichen Lage der Planeten. Das war ein Umstand, der
-sie in den Augen des Kometen an die andern, höher organisierten Welten
-näher heranrückte, und mit einem gewissen freudigen Gefühl merkte er,
-daß sein Interesse für die Erde noch immer wuchs. Die Stellung, die er
-in seinem Geiste ihr einzuräumen hatte, wurde ihm immer deutlicher.
-
-Die zwar langsamen, aber doch recht merklichen Fortschritte, welche
-die Erde in ihrer Entwicklung machte, gewährten unserem reisenden
-Gestirn Freuden, die ihm bis dahin unbekannt geblieben waren. Als der
-Komet einmal auf seinem Fluge durch die Welt wieder der Sonne sehr
-nahegekommen war, entdeckte er, daß zwischen Erde und Sonne noch zwei
-andere Planeten schwebten, nämlich Venus und Merkur. Er wollte seine
-Aufmerksamkeit nicht durch diese neuen Welten ablenken lassen und sich
-lieber das Vergnügen, das die Beobachtung der ersten Stufen ihrer
-Entwicklung ohne Zweifel gewähren mußte, versagen, als ihretwegen die
-ihm liebgewordene Erde vergessen; er zog es vor, die neuen Welten ganz
-zu übersehen, wie sie ja auch früher für ihn nicht vorhanden waren.
-Als er ein anderes Mal nahe an Mars vorbeizog, fiel ihm auf dieser
-Weltkugel eine ganz ähnliche Schöpfung, wie er sie auf der Erde gesehen
-hatte, auf, was einem Touristen eigentlich denselben Grund zur Neugier
-hätte bieten müssen. Aber wie er es mit Venus und Merkur gemacht hatte,
-so hielt er es auch mit Mars: er ließ ihn unbeachtet einsam seines
-Weges ziehen. Nur mit dem Erdball beschäftigte er sich, wenn ihn seine
-Bahn in die Gegenden führte, in denen sich unsere Erde bewegt. Aus
-dieser beiläufigen Bemerkung mag man erkennen, wie sehr er von seiner
-früheren Gleichgültigkeit gegen uns zurückgekommen war, und daß er in
-Zukunft alles sehr aufmerksam verfolgte, was die Erde betraf.
-
-Es war zur Zeit seiner hundertsten Reise -- wenn man die, die wir zu
-Beginn unserer Erzählung erwähnt haben, als erste zählt -- das heißt
-um das Jahr Dreihundertundviertausendsechshundertneunundachtzig, als
-er Zeuge des Vorspiels war, mit dem sich die große geologische Epoche
-einführte, die derjenigen, in der wir uns befinden, vorangegangen ist.
-Fünfzigtausend Jahre später konnte er sehen, wie jener Abschnitt in
-der Entwicklungsgeschichte der Erde -- die Eozänformation -- sein Ende
-erreichte. Zweihunderttausend Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung
-nahm dann die Periode, der man den Namen Miozänformation beigelegt hat,
-ihren Anfang.
-
-Aurora! Morgen des Lebens! Leuchtender Anfang! Später mögen die Formen
-des Erschaffenen wohl eine ausgesuchtere Eleganz, eine vollkommenere
-Schönheit angenommen haben, aber in dieser Frühlingszeit fühlt man
-es fast, wie in den Pflanzen der Saft aus der Wurzel emporsteigt und
-bis in die Spitze des Stengels dringt. Später wird der nie ruhende
-Fortschritt sein Werk vollenden: jetzt aber stehen alle Kräfte der
-Natur in ihrer größten Fülle und erwecken so viel frohe Hoffnungen für
-die Zukunft, wie dies keine spätere Zeit mehr tun kann.
-
-Wenn man sich das Weltgebäude als eine riesenhafte Uhr vorstellt,
-auf der eine Sekunde ein Erden-Jahrhundert bedeutet, und wenn man
-sich vergegenwärtigt, daß ein _Tag_ der Erde, im astronomischen Sinne
-gedacht, Tausende von Jahrhunderten umfaßt, dann wird man nicht mehr
-erstaunen, daß die Morgenröte eines solchen Tages nach gleichem Maße
-zu messen ist und daß sie sich über eine lange Reihe von Jahrhunderten
-erstreckt haben muß. Die Zeiten, nach denen wir die einzelnen
-Abschnitte unseres geschichtlichen Lebens rechnen, sind im Leben der
-Natur ein reines Nichts. Ein Jahrhundert geht an ihrer ewigen Jugend
-spurlos vorüber, und zehn, auch hundert Jahrhunderte rufen auf ihrer
-Stirn noch keine Altersfalte hervor.
-
-Wie die Kometen im allgemeinen, so befand sich auch unser Komet in
-einer viel günstigeren Lage, die ersten Jahre eines Weltkörpers,
-die nach Jahrtausenden zählen, zu messen, als es uns Erdenbewohnern
-vergönnt ist. Das Jahr unseres Kometen ist ja mehr als dreitausendmal
-so lang als eines von unseren Jahren, und dadurch hat er einen immerhin
-recht brauchbaren Anhalt, der ihm als Maßstab für die Dauer der
-verschiedenen Entwicklungsperioden der Erde dienen kann.
-
-Trotz dieser langen Intervalle zwischen seinen Reisen, die zwar
-unseren Augen ungeheuer groß erscheinen, bei der unendlichen Dauer
-der himmlischen Körper aber recht klein sind, kam es doch vor, daß
-der Komet bei einem neuen Besuche die Änderungen, die sich auf der
-Erde seit seiner letzten Anwesenheit vollzogen hatten, nicht wahrnahm,
-denn die Umwälzungen auf der Erde gingen, wie gesagt, langsam vor
-sich; oft wollte es ihm scheinen, als sähe er dieselben Gegenden,
-dieselben Landschaften, dieselben Pflanzen und Tiere, die er schon
-vor dreitausend Jahren und früher gesehen hatte, ja er mochte sogar
-glauben, daß er dieselben Individuen, die er damals erblickt, noch in
-vollster Kraft und in demselben Alter vor sich habe. Wenn das schon bei
-der langen Dauer seines Jahres so war, wie würde es erst gewesen sein,
-wenn er eine kürzere Umlaufszeit gehabt hätte? Bei aller Anstrengung
-würde es ihm wohl niemals möglich geworden sein, sich ein genaues Bild
-von den verschiedenen Stadien der Schöpfung zu machen.
-
-Zu diesen, der Natur des Kometen eigentümlichen Vorzügen traten aber
-für unseren Helden noch andere, nicht minder wichtige hinzu: nämlich
-die ihm gegebene Möglichkeit, fortwährende Vergleiche zwischen der Erde
-und den anderen Planeten anzustellen.
-
-Die Entfernung der Planeten von der Sonne steht ja im Verhältnis zu
-ihrem Alter. Die älteste Welt unseres Systems ist Neptun, die jüngste
-Merkur. Als der Komet zum erstenmal in unserem Sonnensystem erschien,
-waren die älteren Planeten bereits bewohnt; es war ihm nicht vergönnt,
-Zeuge zu sein, wie sich auf ihnen das Leben bildete.
-
-Neptun, der älteste und von uns am weitesten entfernte Planet, hatte
-bereits die Höhe seiner Entwicklung überschritten. In den entlegenen
-Gegenden des Weltenraumes, in denen er seine Bahn wandelt, würde unsere
-Erde rasch erstarren und zu Eis erkalten; nicht so Neptun, den, wie
-alle anderen Welten, die gütige Natur so geschaffen hat, daß seine
-Eigenschaften in vollster Harmonie mit seinen Daseinsbedingungen
-stehen. Er zieht seine Kreise um die Sonne in Jahren, von denen eines
-so groß ist wie hundertvierundsechzig Erdenjahre.
-
-Uranus, der jüngeren Datums ist, befand sich gerade im Mittag seines
-Lebenstages. Dort herrschte ein anderes Leben unter anderen Formen
-und nach anderen Gesetzen -- ein Leben, das mit dem auf dem Neptun
-vorhandenen gar keine Ähnlichkeit hatte und auch von dem auf den
-anderen Planeten grundverschieden war. Uns hiervon eine Vorstellung
-zu machen, ist ganz unmöglich, denn selbst unsere kühnste Phantasie
-ist nicht imstande, sich mit Vernunft begabte Wesen vorzustellen, die
-anders als wir organisiert sein sollen, sie vermag es nicht, sich
-unbekannte Formen vorzustellen. Um die Welt des Uranus kreisten in
-rückläufiger Bewegung vier Monde, die, gleich ihrem Regenten, ihre
-erste Jugend schon lange als vergangene Zeiten betrachten durften. Ein
-Jahr des Uranus umfaßt vierundachtzig Erdenjahre.
-
-Wie wir früher bereits gesehen haben, stand Saturn in seiner schönsten
-Blüte und vervollkommnete sich immer mehr. Damit soll aber keineswegs
-gesagt sein, daß seine Bewohner mit großen Schritten der Höhe
-entgegeneilten, auf der die Bewohner des Uranus bereits angekommen
-waren. Dies würde in keiner Weise das Richtige treffen; denn was
-für eine Welt die Vollendung darstellt, ist es noch keineswegs für
-eine andere, und in der langen Geschichte der Gestirne gibt es keine
-Epoche, in der man etwa die verschiedenen Welten in eine bestimmte
-Reihe gliedern und jeder Welt eine bestimmte Nummer in dieser Reihe
-anweisen könnte. Jede Welt hat ihre eigene Bestimmung und verfolgt
-ihr eigentümliche Mittel, um diese Bestimmung zu erreichen. Bei den
-Bewohnern des Saturn ist ein Jahr dreißigmal so lang als bei uns, und
-ihr Kalender hat die Umlaufszeit von zehn Monden mit zu berücksichtigen.
-
-Jupiter befand sich noch in vollster Jugend und strotzte von Kraft
-und Leben. Man konnte ohne große Mühe erkennen, daß er das Stadium
-der Entwicklung, in dem sich die Erde gerade jetzt befand, schon seit
-langer Zeit durchgemacht hatte, daß aber seine Lebensäußerungen mit
-einer immer noch ziemlich beträchtlichen Langsamkeit vor sich gingen.
-Während die Erde zwölf Jahre zurücklegte, vollendete er erst ein Jahr,
-und noch immer herrschte auf ihm beständiger Frühling, obwohl die
-verschiedenen Jahreszeiten auf seiner Oberfläche bereits ihr Erscheinen
-zu erkennen gegeben hatten; acht Monde drehten sich rasch um ihn.
-
-Schon bevor der Komet die Erde zum erstenmal gesehen hatte, hatte er
-diese Beobachtungen bereits gemacht, und es unterliegt keinem Zweifel,
-daß hierin der Grund für seine anfängliche Geringschätzung der Erde
-zu suchen ist. Was ihm aber bei seinen Wahrnehmungen am meisten
-aufgefallen war und wohl auch dazu beigetragen hatte, sein Vorurteil
-gegen die Erde immer mehr zu bestärken, das war die Kleinheit unseres
-Planeten im Verhältnis gerade zum Jupiter. Es wollte ihm scheinen,
-als sei die Erde nur ein vom Jupiter losgelöster Mond, und er war
-lange Zeit nicht geneigt, sich eines Besseren belehren zu lassen. In
-der Tat muß ihm ja zugegeben werden, daß der Kontrast zwischen den
-Größenverhältnissen des Jupiter und der Erde ungeheuer ist. Nicht
-weniger als elfmal ist der Durchmesser des Jupiter größer als der der
-Erde, und dementsprechend mißt seine Oberfläche hundertundzwanzigmal
-mehr und beträgt sein Körperinhalt dreizehnhundertmal mehr als der der
-Erde!
-
-Mars befand sich um jene Zeit in einer ähnlichen Lage wie die
-Erde. Obgleich er ihr älterer Bruder ist, war er doch nicht rasch
-vorgeschritten, vielmehr war er in seiner Entwicklung aufgehalten
-worden. Als später der Komet die Erde zum Gegenstand seiner Forschungen
-gemacht hatte, beschränkte er sich nur auf sie, und es wäre ihm schwer
-gefallen, seine Aufmerksamkeit zwischen der Erde und einem anderen
-Gegenstand zu teilen, wenn ihm dieser nicht etwas weit Interessanteres
-dargeboten hätte. Die Erde blieb das Objekt seiner Gedanken.
-
-Der Mond war damals von dem kleinen Volk der Seleniten bewohnt. Man
-wird es leicht glauben, daß diese Welt in der Tat zu klein war, um
-das Interesse des erhabenen Reisenden für längere Zeit in Anspruch zu
-nehmen.
-
-Trotz der unserer Erde in so hohem Maße entgegengebrachten Neigung
-des Kometen, hätte doch beinahe ein Ereignis, wie es im Leben eines
-jeden eines Tages vorkommen kann, diesen seinen so beharrlichen und
-lehrreichen Beobachtungen ein Ende gemacht. Auch bei den Bewohnern des
-Weltenraumes gibt es gewisse Vorgänge, die man mit solchen bei den
-Erdenbewohnern in Parallele stellen kann. Wir müssen einen Augenblick
-bei einem derartigen Ereignis verweilen, denn es kommt ihm immerhin
-eine gewisse Bedeutung zu: wir sprechen nämlich von einer Art ehelicher
-Verbindung des Kometen.
-
-Schon seit siebenundzwanzigtausend Jahren hatte ein prächtiges
-Meteor, das mit schönster Form einen Farbenglanz von reinstem Wasser
-verband, von weitem in den Gefilden des Himmelsraumes den Schweifstern
-daherziehen sehen. Die Einsamkeit macht nachdenklich, und man wird
-es daher glaubhaft finden, daß sich das Meteor in seiner Einsamkeit
-zu dem Gestirn mit den langen goldenen Haaren hingezogen fühlte.
-Siebenundzwanzigtausend Jahre lang näherte sich, infolge des Gesetzes
-der allgemeinen Schwerkraft, die Bahn dieses Meteorsteines, der zu
-den größten seiner Gattung gehörte, immer mehr der des Kometen.
-Bemerkt sei hierbei, daß diese großen Meteorsteine ganz ebenso wie
-die Kometen ihre Bahnen um die Sonne ziehen. Je näher er an den
-Kometen herankam, desto rascher flog er auf ihn zu, und zuletzt schoß
-er mit einer Geschwindigkeit von viertausend Meilen in weniger als
-einer Minute in die Sphäre des Kometen hinein, so daß er, von weitem
-gesehen, dessen Kern darzustellen schien. Ob dies vielleicht der Anfang
-zur Bildung neuer Kometen war? Darüber schweigt die Geschichte, und
-die Philosophen, die bei der Erklärung dieses Umstandes sich durch
-nicht passende Analogien haben bestimmen lassen, sind in lächerliche
-Übertreibungen verfallen. Auf welche Weise aber auch die Kometen sich
-bilden mögen, das eine steht fest, daß es am Himmel so viele gibt
-als Fische im Meere; wir berufen uns hierbei auf Kepler und fragen:
-Was müßte geschehen, wenn sich ihre Zahl willkürlich ins Ungeheure
-vermehrte? Es bedarf einer gewissen Entschlossenheit, um mit kaltem
-Blute die zahllose Masse jener Gestirne zu betrachten, die in raschem
-Fluge ihre Bahnen gegenseitig kreuzen, und man muß staunen, daß ihre
-vielfältigen Bahnen, welche die Bahn der Erde nach allen Richtungen hin
-kreuzen, nicht häufige Zusammenstöße zwischen den Planeten und Kometen
-herbeiführen.
-
-Wir wollen uns jedoch hierbei nicht länger aufhalten. Für uns bleibt
-der Komet, was er war, die handelnde Person unserer Erzählung. Das
-Meteor ist in ihm aufgegangen und seine Persönlichkeit existiert nicht
-mehr.
-
-Inzwischen war das Meer von jener Ebene, auf der sich Paris erheben
-sollte, zurückgetreten; ein gewaltiger Strom, weit größer als die
-heutige Seine, nahm deren Flußbett ein, sowie einen breiten Saum längs
-desselben, und warf sich nicht weit von ihrer heutigen berühmten
-Mündung bei Havre, aber etwas oberhalb derselben, in der Gegend von
-Caudebec, ins Meer; dagegen war das Cap de la Hève weiter in den
-Ozean vorgeschoben. Bekanntlich rücken die Ufer eines Flusses infolge
-des Sandes, den das Wasser mit sich führt, einander immer näher, und
-auch die Mündung versandet allmählich, während das Meer hingegen die
-vorspringenden felsigen Gestade nach und nach abrundet. So ist die
-Gestalt der Küste in fortwährender Umwandlung begriffen.
-
-Die Natur ging ihrem jetzigen Aussehen entgegen. Vögel sangen bereits
-in den Wäldern, die wohl das ganze heutige Frankreich bedeckten.
-Murmeltiere, Eichhörnchen, Feldmäuse, Biber, Pferde, Hunde usw. waren
-die ersten Vertreter jener harmloseren Tierwelt, die dann, nachdem
-der Mensch erschaffen worden war, bestehen bleiben sollte. In den
-geschmeidigen Zweigen der Liane kletterten bereits die ersten Affen und
-schnitten ihre Grimassen, auch sie, von allen Geschöpfen am meisten den
-Menschen ähnlich, waren Vorläufer des »Herrn der Schöpfung«.
-
-
-Fußnoten
-
-[6] Die Ellipse einiger Kometen ist so lang, daß sie zur Zeit ihres
-Apheliums eine Kälte zu ertragen haben, von der wir uns keine
-Vorstellung machen können, während sie zur Zeit ihres Periheliums
-so nahe an der Sonne vorbeigehen, daß sie einer ebenso unfaßbaren
-Hitze ausgesetzt sind. Newton schätzt das Wärmequantum, welches der
-Komet von 1680 bei seinem Vorbeigange an der Sonne in sich aufnehmen
-mußte, achtundzwanzigtausendmal so groß als die Wärme, die wir zur
-Zeit der Sommer-Sonnenwende von der Sonne empfangen, und setzt seine
-Temperatur zweitausendmal größer an als die von rotglühendem Eisen.
-Newton fügt hinzu, daß es die Bestimmung der Kometen sei, dereinst in
-die Sonne zu fallen, um deren Glühen zu unterhalten. Hierauf wollte
-wahrscheinlich der Verfasser der »Briefe aus dem Grabe« anspielen, als
-er folgendes schrieb: »Ein kolossaler Komet, größer noch als Jupiter,
-hatte noch dadurch an Umfang zugenommen, daß er unterwegs verschiedene
-kleinere Kometen, die bereits in der Auflösung begriffen waren, in sich
-aufgenommen hatte. So durch verschiedene kleine Erschütterungen einmal
-aus seiner Bahn gebracht, konnte er sich nicht mehr in seine Ellipse
-hineinfinden, und dieser Unglückliche stürzte in die verzehrende Glut
-der Sonne ... Man will wissen, daß der arme Komet, der so bei Lebzeiten
-verbrannt wurde, schrecklich geschrien haben soll.«
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Die vorpariserischen Pariser.
-
-
-Bei den ständigen Beobachtungen, welche die Kometen auf ihren
-Wanderungen anstellen, haben sie die sehr lobenswerte Angewohnheit
-angenommen, sich niemals auf ihr jeweiliges Urteil allein, so scharf
-und unparteiisch es auch sein mag, zu verlassen. Sie sind von jeder
-Voreingenommenheit frei, und man kann ihnen nicht den Vorwurf machen,
-daß sie etwa irgendeinem Machthaber zu Gefallen etwas nicht sagten,
-was sie dächten, oder etwas sagten, was sie nicht dächten. Nach jeder
-Richtung hin unabhängige Reisende, wie sie es sind, verbringen sie
-ihre Zeit damit, vergleichende Beobachtungen anzustellen, und sie sind
-vielleicht die weisesten von allen Himmelskindern. Um ein Beispiel
-von der Klugheit, die sie bei keiner ihrer Handlungen vermissen
-lassen, anzuführen, wollen wir nur erwähnen, daß unser Komet bei
-allem Wohlwollen, das er der Erde entgegenbrachte, und trotz des
-vorgeschrittenen Zustandes, in dem sich der Planet zurzeit befand,
-doch das Vergnügen herbeisehnte, auf dieser so zur Freude geschaffenen
-Welt ein mit Vernunft begabtes Wesen begrüßen zu können. Gegen das
-Ende der Tertiärperiode, das heißt vor vierzig Kometenjahren oder
-gegen das Jahr hundertundviertausendvierhundertundneunzig vor Beginn
-unserer Zeitrechnung, suchte er dieses Wesen auf der Erde, denn er
-folgerte sehr richtig, daß, da auf den anderen Planeten vernunftbegabte
-Geschöpfe vorhanden waren, solche auch auf der Erde erscheinen müßten.
-Da er aber von derartigen Wesen noch keine Spur entdecken konnte, so
-beruhigte er sich damit, daß die Erde für diese neue Schöpfung, die
-doch einst kommen müsse, noch nicht reif wäre, und daß all ihre Pracht
-und Herrlichkeit zunächst noch für eine vernunftlose Lebewelt da sei.
-
-Frankreich war eben aus den Wassern emporgestiegen. Wie es ja vorkommt,
-daß hervorragende Geister die Zukunft ganzer Reiche im Geiste vor
-sich sehen, so ahnte der Komet die künftige Bedeutung dieses Teiles
-der Erde und wandte ihm sein Interesse zu. Zweimal hatte sich bereits
-das Meer von neuem über den herrlichen Landstrich ergossen, bevor
-sein Gestade diejenige Gliederung annahm, deren Charakter ihm auch
-für die Zukunft bleiben sollte. Eine Bevölkerung, die sich aus den
-verschiedensten Elementen zusammensetzte, bewohnte das Land. Dort, wo
-einst Paris stehen sollte, sah der Komet sehr merkwürdige Vorfahren der
-zukünftigen Großstädter. Im Schlamme der Moräste brüllten Nilpferde und
-Megatherien; Kamele und andere Wiederkäuer zogen ihres Weges einher.
-Hirsche mit riesigen Geweihen und flinke Hirschkühe suchten und flohen
-einander in den tiefen Gründen des Waldes. An den Ufern der Seine,
-auf deren schönen Promenaden später Stutzer ihre elegante Erscheinung
-bewundern lassen sollten, waren schon Pfauen als erste Vertreter der
-Eitelkeit zu erblicken und in ihrer Nähe stolzierten Störche mit
-gravitätischen Schritten.
-
-Wie heutzutage war auch damals die Fauna bunt gemischt. Hasen liefen
-Schildkröten in den Weg, und Hunde blickten auf Katzen mit Verachtung
-herab; die kleinen Gänse liefen hinter den großen einher, aber die
-Raben hatten es noch nicht gelernt, sich mit fremden Federn zu
-schmücken. In voller Freiheit sprangen die Pferde auf den weiten Wiesen
-umher und ließen ihre Mähne lustig im Winde flattern. Die Rinderarten
-lebten in Herden gesellig beisammen und man sah sie in Gruppen mit den
-jungen Tieren zur Tränke wandern und von einer Weide zur andern ziehen.
-Die gesetzten Schrittes daherschreitenden Elefanten, die ältesten
-Glieder dieser Periode, betrachteten sich als Herren dieses friedlichen
-Reiches. Um diesem schönen Gemälde, das nur die Gegenwart des Menschen
-noch vermissen ließ, noch den letzten Pinselstrich zu geben, sah man
-in der Ferne die schneebedeckten Gipfel hoher Berge sich in den Wolken
-verlieren. Näher heran konnte man dunkle Wälder erkennen, die in ihrem
-überwiegenden Teile mit schwarzen Tannen bestanden waren. Am Rande der
-Wälder erhoben sich dichtbelaubte Erlen und Eichen in Abwechslung mit
-saftigen grünen Linden; in der Ebene waren hochaufstrebende Pappeln
-zu schauen und über den Ufern der murmelnden Quellen wiegten sich die
-Büsche der Weiden.
-
-Die Verschiedenheit, die zwischen den Gebilden zweier Welten herrscht,
-ist ganz ungeheuer, und die Geschöpfe eines Weltkörpers ähneln in
-keiner Weise denen eines anderen. Der Stoff, aus dem die Gebilde
-bestehen, ist durchaus passiver Natur; er fügt sich gehorsam der Kraft,
-die ihn leitet, und diese allein herrscht unumschränkt. Daher kommt es
-denn auch, daß die Naturkraft, welche auf den verschiedenen Weltkörpern
-an Intensität nicht gleich ist, auf ihnen Wesen hervorgebracht hat, die
-voneinander so bedeutend abweichen. Trotz der Verschiedenheit aller
-Bedingungen konnte der Komet doch bereits erkennen, daß auch die Erde
-sich jenem bleibenden Zustande näherte, in dem sich ihre Gefährten
-im Weltenraum bereits befanden, jenem Zustande, in dem ein Herrscher
-endlich von seinem Reiche Besitz ergreift. Es war deutlich zu sehen,
-daß sie sich für ihren Gebieter einrichtete, wobei freilich alle
-Entwicklungsformen einen ganz eigenen Charakter aufwiesen. So konnte
-ein aufmerksames Auge ohne Mühe erkennen, daß die Erde mannigfache
-Wohnungen vorbereitet hatte, die -- von denen anderer Planeten freilich
-sehr abweichend ausgestattet -- darauf warteten, ihren Benutzer
-demnächst einziehen zu sehen.
-
-Sollte man es jedoch wohl glauben, daß der Komet noch gegen dreißig
-seiner Jahre, von denen jedes mehr als dreitausend Erdenjahre
-umfaßt, warten mußte, bevor seine Hoffnungen sich zu verwirklichen
-schienen? Oft machte er trügerische Entdeckungen, und zuweilen
-glaubte er menschliche Spuren zu erkennen. In der großen Entfernung,
-in der er sich immerhin von der Erdoberfläche hielt, erblickte
-er oft Scharen neuer Wesen: Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans,
-die ihm das so sehr gesuchte Wesen zu sein schienen, aber immer
-wieder mußte er seinen Irrtum erkennen. Zu gewissen Zeiten, nämlich
-in den Jahren Vierundvierzigtausendundhundertvierundsechzig,
-Einundvierzigtausendundneunundneunzig,
-Achtunddreißigtausendundvierunddreißig und
-Vierunddreißigtausendneunhundertundneunundsechzig hatten seine
-Hoffnungen ihren Höhepunkt erreicht. Wie uns gelegentlich im
-Monat April schöne Sommertage, an denen vom Erdboden Licht,
-Wärme und Blumenduft in die weichen Lüfte aufsteigen, durch ihr
-frühzeitiges Erscheinen erfreuen, so gab es auch in diesem April der
-Entwicklungsgeschichte der Erde einen verfrühten Sommer. Ein neues
-Wesen, das ganz dazu angetan schien, die Herrschaft über die Erde an
-sich zu nehmen, war in den lachenden Fluren eines großen Erdteils,
-der inzwischen bereits wieder verschwunden ist, aufgetaucht. Schon
-gesellten sich die Viehherden zu ihm, als wollten sie ganz von selbst
-dem neuen Wesen untertänig werden, schon schienen die Elemente dem
-Einzuge des Königs und der Errichtung seiner Herrschaft geneigt zu
-sein, aber es handelte sich auch hier um eine frühzeitige Frucht, und
-der Komet erkannte bald, daß es noch keine Menschen waren.
-
-Vielleicht darf man diesen ursprünglichen Wesen, von denen ich eben
-sprach, den Namen »Troglodyten« geben, weil sie natürliche Höhlen,
-die sich entweder an den Seiten von Bergen oder in der Einsamkeit der
-Wälder befanden, bewohnten. Niemals legten sie Steine aufeinander,
-um einen größeren Bau aufzuführen. Möglich, daß sie die Ahnen des
-Menschengeschlechtes und das verbindende Glied zwischen dem Menschen
-und den früheren Tierarten waren, denn ~natura non facit saltum~.
-Unser aufmerksamer Reisender konnte dieses große Rätsel jedoch nicht
-lösen. Während der vier Jahre, die wir genannt haben, beobachtete
-er sie unausgesetzt, ohne daß er über ihre wahre Natur mit sich ins
-Reine kam, und als im Jahre Einunddreißigtausendneunhundertundvier vor
-unserer Zeitrechnung der Komet wieder in sein Perihelium trat, waren
-sie wieder verschwunden, und vergeblich suchte er auf der Erde ihre
-Spuren oder ihre Nachfolger.
-
-In den Lichtungen der jungfräulichen Wälder sah man bisweilen auch
-große Affen herumspazieren, einen Stock in der Hand schleppend, und
-manchmal konnte man auch zwei große Parteien, die sich mit abgerissenen
-Baumzweigen bewaffnet hatten, erkennen, wie sie am Rande eines Gehölzes
-aufeinander losschlugen. Tote und Verwundete blieben auf dem Platze,
-und man ließ sie liegen, ohne sich weiter um sie zu bekümmern. Andere
-Affen, die miteinander harmlos und zutraulich spielten, zeigten sich
-hinterlistig, sobald sich ihnen Gelegenheit zu losen Streichen bot, was
-immerhin auf eine gewisse Intelligenz schließen ließ. Mehrere dieser
-gespieligen Geschöpfe taten sich bisweilen zusammen, um ein träges
-Krokodil aus dem Schlummer aufzuschrecken. Fuhr dieses nun plötzlich
-aus dem Schlafe auf, so liefen sie eiligst davon, und das Krokodil
-vergnügte sich nun seinerseits damit, unversehens zuzuschnappen und den
-Kleinsten oder Ungeschicktesten, den es greifen konnte, zu verspeisen.
-Auch vereinigten sich ganze Scharen zu fröhlichen Gelagen, bei denen
-vermutlich die Hochzeit irgendeines hervorragenden Mitgliedes ihres
-Kreises gefeiert wurde. Um die Wahrheit zu gestehen, waren dies die
-einzigen irdischen Wesen, die damals den Kometen interessierten.
-Fünfzigtausend Jahre lang sah er sie immer wieder, ohne daß sie ihn
-langweilten. Die anderen auf der Erde lebenden Geschöpfe schienen auch
-noch nicht den vierten Teil ihres Verstandes zu besitzen. Pferde,
-Elefanten, Hunde und Katzen schienen wohl gelehriger, und es war wohl
-möglich, daß ihre Erziehung durch den Menschen sie einst in ferner
-Zukunft auf eine höhere geistige Stufe bringen und sie verständiger als
-die Affen machen würde; für jetzt aber nahmen unbestreitbar die Affen
-den ersten Rang in der Schöpfung ein.
-
-In den heißen Gegenden des Äquators entdeckte der Komet später andere
-Geschöpfe, die mit den eben geschilderten die größte Ähnlichkeit
-hatten. Sie waren genau so wie diese behaart, lebten ebenso wie diese
-in kleinen Familien in Schluchten oder Wäldern, schlugen sich von Zeit
-zu Zeit tot, machten auf die Vögel des Himmels Jagd und hielten sich
-während der Nacht verborgen. Nur in zwei Punkten unterschieden sie sich
-unwesentlich von den vorher geschilderten Geschöpfen, und zwar einmal
-darin, daß, während jene viel miteinander spielten, diese von wilderem
-Charakter zu sein schienen, und daß sie zweitens bisweilen Stämme zu
-Scheiterhaufen aufeinander schichteten und verbrannten, was die früher
-Beobachteten niemals versucht hatten. Davon abgesehen, glichen sie sich
-fast wie zwei Wassertropfen einander.
-
-Durch einen jener glücklichen Zufälle, wie sie sonst nur in Romanen
-vorkommen, begegnete unser Komet in demselben Jahre, in dem er
-die eben geschilderte Beobachtung machte, einem anderen großen,
-»parabolischen«[7] Kometen, der vom Stern α im Zentauren heranzog,
-unserem Nachbarn, der uns bekanntlich jedoch nur auf fünf und eine
-halbe Billion Meilen nahe kommt. Die beiden Kometen freuten sich der
-so selten vorkommenden Gelegenheit einer Begegnung, und der aus dem
-Zentauren begleitete unseren Helden, bis sie an die Bahn des Neptun
-kamen. Sie plauderten zwar nur einen kurzen Kometenaugenblick zusammen,
-das heißt nur dreihundertundneunzig Jahre lang, aber diese Zeit genügte
-vollkommen, um unseren Kometen in gute Laune zu versetzen, denn sein
-Kollege, der viel Scharfsinn besaß, hatte ihn versichert, daß er ohne
-Zweifel, wenn er auf der Erde habe Feuer anzünden sehen, auch Grund zu
-der Annahme hätte, daß dort ein mit Vernunft begabtes Geschlecht leben
-müsse.
-
-Sie hatten sich von den weiten Reichen unterhalten, die jenseit des
-Neptun sich erstreckten, und der parabolische Komet hatte dabei von
-einer großen Bildung und bedeutender Erfahrung Zeugnis abgelegt. Sein
-Gefährte war lebhaft interessiert, denn um uns über Wert und Eigenart
-verschiedener Gebiete zu unterrichten, gibt es kein besseres Mittel als
-die Berichte zuverlässiger Reisender. Aber anderseits stimmen diese
-Berichte oft nicht mit unseren Anschauungen über gewisse feststehende
-Wahrheiten, die z. B. mit Volksangehörigkeit nichts zu tun haben,
-überein, und auch der Komet aus dem Zentauren geriet in große
-Widersprüche, wenn auf derartige Wahrheiten die Rede kam. Aus diesem
-Grunde entschloß sich unser Held, allen Lockungen unbekannter Fernen
-gegenüber fest zu bleiben und niemals parabolisch zu werden. Von ihrer
-weiteren Unterhaltung will ich nichts erzählen, denn wir würden davon
-doch nichts verstehen. Selbst mit unseren schärfsten Fernrohren können
-wir kein Bild des Lebens auf dem Neptun erhalten, und um diesen Punkt
-drehte sich ihr Gespräch.
-
-Als auf seinem Rückwege sich unser unerschrockener Wanderer wiederum
-der Erde näherte, erwartete ihn Gutes. Seine geliebte Erde zeigte
-sich ihm bei Sonnenaufgang und bot ihm einen solch sinnberückenden
-und wunderbar schönen Anblick, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Bei
-dem blauen Himmel strahlte sie förmlich von Jugend und Schönheit.
-Die Wiesen prangten in frischem, taubenetztem Grün, die Knospen der
-Blumen entfalteten sich, und am Hagedorn blühten die wilden Rosen. Ganz
-zweifellos war die letzte Periode in der Entwicklungsgeschichte der
-Erde herangenaht -- die Quartärzeit hatte begonnen.
-
-Freilich, wenn noch zahlreiche Vulkane inmitten der Gebirgsketten
-rauchten und der rötliche Qualm wirbelnd zum Himmel stieg, wenn
-die Erde noch zitterte und ihre trägen Glieder gewaltsam zu dehnen
-suchte; wenn noch plumpe Dickhäuter den grünen, saftigen Schmuck der
-Wiesen zerstampften, während in den Wüsten Löwen und Tiger brüllten;
-wenn die großen geflügelten Jäger aus den Lüften sich auf kleine
-furchtsame Geschöpfe stürzten, um sie zu verschlingen, wenn in der
-salzigen Meeresflut noch unerbittliche Ungeheuer lauerten -- dann
-konnte die Erde noch keine vollkommene Schöpfung sein, dann mußte sie
-eine untergeordnete Welt bleiben, in der das Gesetz der Vernichtung
-herrschen sollte, das ja, leider, über dem Gesetz des Lebens steht. Auf
-der anderen Seite war auch nicht zu verkennen, daß die ursprünglichen
-unförmlichen Gestalten bereits verschwunden waren, um neuen Formen
-Platz zu machen, die sicherlich eine bleibende Stätte finden sollten.
-Es war ganz augenscheinlich, daß für die Berge auf dem festen Lande und
-für die Wälder am Meere die Zeit, in der ein Wesen kommen sollte, das
-ihren Wert wohl zu würdigen verstände, in der Gegenwart und nicht mehr
-in der fernen Zukunft lag.
-
-Im höchsten Grade begierig, endlich auf der Erde Wesen erscheinen zu
-sehen, die fähig wären, die Schönheit ihrer großartigen Landschaften
-zu bewundern, edle und kräftige Geschöpfe, in deren Kopfe die
-heilige Flamme des göttlichen Gedankens Platz gegriffen hätte, blieb
-dem aufmerksamen Kometen nichts übrig, als abzuwarten. Vor sechs
-Kometenjahren hatte er gesehen, wie unbehaarte Zweifüßler von Höhle
-zu Höhle liefen und sich leidenschaftlich der Jagd ergaben. Das Jahr
-darauf hatte er Wesen entdeckt, die mit Pfeil und Bogen, mit steinernen
-Messern und Äxten bewaffnet waren und sich bisweilen auch in kleinen,
-von Sümpfen geschützten Behausungen zusammentaten, ja sogar nach Art
-der Biber ihre Wohnungen in die Seen bauten. Aber es wollte dem Kometen
-nicht einleuchten, daß das menschliche Geschlecht nicht höher geartete
-Vertreter als diese haben sollte. Bei jedem Vorbeigange nach seinem
-Perihelium war er auf das eifrigste bemüht, die gesamte Oberfläche
-der Erde mit seinen Blicken zu durchmustern, und sein Herz zitterte
-dabei vor Erregung, jeden Augenblick eine neue Enttäuschung erleben
-zu müssen. Seit fünfzigtausend Jahren, ganz besonders aber seit den
-letzten zehntausend Jahren wartete er auf das Erscheinen des Menschen,
-und sein Eifer verdiente es wohl, von Erfolg gekrönt zu werden.
-
-In den fruchtbaren Tälern, welche die oberen Zuflüsse des Indus
-bewässern, am Fuße der Riesenketten des Himalaja, herrscht ein
-ewiger Frühling, der seinen wohltätigen Einfluß weithin verbreitet.
-Hier war es auch, wo der iranische Tierkreis entstand, der von
-einem Punkte am Himmel, welcher die Sonnenwende des Jahres
-Neunzehntausenddreihundertsiebenunddreißig vor unserer Zeitrechnung
-bezeichnet, seinen Ausgang nimmt. Nach diesem ersten astronomischen
-Kalender richteten später zwei große Völkerrassen ihr Leben ein. Zur
-Zeit, als der Komet vorbeiging, waren sie noch vereint, es waren
-die Arier, ein Hirtenvolk, das, wie der Komet auf den ersten Blick
-erkannte, den Völkern, die bisher auf der Erde gelebt hatten, überlegen
-war. Abgesehen von einer mehr entwickelten äußeren Gestalt, gaben sie
-durch untrügliche Zeichen von ihrer geistigen Regsamkeit Kunde. Die
-einzelnen Familien hatten sich zu Stämmen zusammengetan und schlugen
-bald hier, bald dort ihre Zelte auf, wobei sie sich stets nach der
-Sonne richteten. Der Orient erwachte, und vielleicht sollte in ihm
-die Wiege des Geistes entstehen. Hatte vielleicht Gott schon auf sein
-letzterschaffenes Wesen seine Hand gelegt, um seine Stirn mit dem für
-alle Zeiten unvergänglichen Zeichen seines Geistes zu schmücken? Oder
-hatte er die gebrechliche Stirn dieses noch zu jungen Geschöpfes noch
-nicht berührt? ... Nicht gleich am ersten Tage nach seiner Geburt kann
-das Kind von seiner Vernunft Gebrauch machen.
-
-Legt man eine Eichel in fruchtbares Erdreich, dann wird sich allmählich
-der in ihr verborgene Keim entwickeln. Viel Schnee wird den Boden des
-Waldes mit seinem weißen Tuche überdecken, viel Tau wird im Frühling
-darauf herniedersinken, und durch die dichtbelaubten Wipfel wird oft
-die heiße Julisonne ihre wohltuenden Strahlen senden. Und es wird zwar
-lange dauern, aber endlich wird sich doch eine junge, grüne Eiche im
-Winde schaukeln; noch können die kleinen Vögel, die auf ihr sitzen,
-ihren dünnen Stamm zur Seite biegen. Aber wenn die Jahrhunderte an
-ihrem sich immer mehr ausbreitenden Gipfel vorüberziehen, dann wird
-sich erst die ganze Größe des Baumes in seinem reichen Blätterschmuck
-an den vielfach verästelten Zweigen entfalten. Generationen werden
-unter seinem Schatten sitzen, und die Zahl seiner Jahre kann kaum noch
-gezählt werden. So geht in der Natur jeder Fortschritt nur gemach
-vonstatten, und so folgt auch in dem göttlichen Werke der Schöpfung ein
-Weltenalter mit gemessenem Schritt auf das andere.
-
-
-Fußnoten
-
-[7] Parabolische Kometen nennt man diejenigen, die anstatt in
-einer geschlossenen Kurve um die Sonne zu kreisen und in gewissen
-Perioden stets den nämlichen Punkt zu berühren, sich aus der Ellipse
-entfernen, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Sie wandern in unfaßbare
-Entfernungen, verschwinden aus dem Bereich der Anziehung unserer Sonne,
-gehen in andere Systeme über und setzen so ihr vagabundierendes Leben
-fort.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Im Orient.
-
-
-Dem Gestirn, das mit liebevoller Sorgfalt die weitere Entwicklung der
-Erde verfolgte, war es nicht entgangen, daß in der letzten Zeit die
-einzelnen Stufen rascher aufeinander gefolgt waren. Dreitausend Jahre
-sind indessen ein verhältnismäßig so geringer Zeitraum, daß der darin
-erreichte Fortschritt von keiner großen Bedeutung sein kann. Nur an der
-Zahl seiner Vorübergänge an der Erde vermochte der Komet festzustellen,
-welche Fortschritte die Erde in der Zwischenzeit gemacht hatte und
-wie weit sie auf ihrem Wege zu vielleicht unendlicher Vervollkommnung
-gelangt war.
-
-Mehr als jemals in seinen Hoffnungen bestärkt, machte sich unser
-Philosoph mit größtem Eifer daran, die Sitten jener patriarchalischen
-Stämme Indiens einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Aber welch
-großer Unterschied lag doch zwischen ihnen und denen der Bewohner
-anderer Welten, die er vor langer, langer Zeit kennen gelernt hatte!
-Wie weit waren diese Völker doch noch von dem wahren Zeitalter der
-Humanität entfernt, in dem Poesie, Wissenschaft und Kunst die Bildung
-einer Nation ausmachen! Wenn unter dieser flachen Hirnschale der Geist
-schon erwacht und sich seiner Kraft bewußt geworden war, dann war er
-ganz gewiß noch nicht über jenen halbnächtlichen Zustand, in dem noch
-die Traumwelt vorherrscht, hinausgekommen. Er lebt in einer beständigen
-Furcht; als höhere Wesen betet er die Elemente, die Naturerscheinungen
-an. Aber sein Sinnen ist schon erwacht, und die Poesie führt ihn
-bereits zum gemeinsamen Urquell aller Dinge.
-
-Erst im Jahre Dreizehntausendfünfhundertundvierzehn vor unserer
-Zeitrechnung geschah es, daß der Komet zum erstenmal auf der Erde
-etwas zu entdecken glaubte, was einer menschlichen Stadt ähnlich sah;
-in Wahrheit war es jedoch nur ein unregelmäßiger Haufen aus Stein
-erbauter Hütten. Der Enthusiasmus aber, mit dem er diese Entdeckung
-begrüßte, läßt sich nicht in Worten ausdrücken; glücklich war er, nun
-endlich einen handgreiflichen Beweis dafür zu haben, daß die Herren
-der Erde in ihrer Entwicklung und in ihrem Familienleben Fortschritte
-machten. Aus einer ungeheuren flüssigen Ebene, die den größten Teil
-der Erdoberfläche gleich einem smaragdenen Tuche überdeckte, hob sich
-ein weites unregelmäßiges Dreieck in ockergelber Farbe ab. Dieser
-Erdteil schien nicht so fruchtbar zu sein wie der benachbarte, der zu
-seiner Rechten angrenzte, und auf dem noch die bereits oben erwähnten
-indischen Stämme lebten; in seinem äußersten Norden war aber eine
-Landschaft von außerordentlicher Fruchtbarkeit und größter Schönheit
-zu erblicken. Es schien fast so, als ob der Mensch imstande gewesen
-wäre, das Gebiet der Erde vollständig zu übersehen, die verschiedenen
-Gegenden miteinander zu vergleichen, und gerade die fruchtbarste und
-schönste zu seiner Niederlassung auserwählt hätte. Inmitten dieser von
-der Natur bevorzugten Gegend strömte ein breiter, mächtiger Fluß dahin,
-der sich kurz vor seiner Einmündung ins Meer in zwei Arme teilte, und
-oberhalb des Deltas war die erste Stadt entstanden. Memphis hieß sie,
-die in späteren Jahren ihre königliche Oberherrschaft an This, eine
-Stadt Oberägyptens, abgeben sollte, bis noch später Theben die beiden
-Städte ablöste und in den Schatten stellte.
-
-Wohl ist es wahr, daß der himmlische Beobachter die weiße Rasse unter
-den Menschen noch nicht bemerkt hatte, aber es entging ihm auch nicht,
-daß sich in der äußeren Erscheinung der Menschen doch schon ein ganz
-gewaltiger Fortschritt kundgab. Er sah, wie zur Ausführung größerer
-Arbeiten Menschen sich zu Gruppen zusammenscharten und daß bereits ein
-festes Band die einzelnen Familien eines Stammes zusammenhielt. Wenn
-des Abends sein feuriger Schweif den Horizont schmückte, konnte er
-sehen, wie Menschen ihren Führern an den Nil folgten, an seinen Ufern
-niederknieten, um in den stillen Gewässern des Stromes das Bild des
-Kometen zu betrachten. Andere, in ihrer Kleidung wesentlich von jenen
-unterschieden, stiegen in der Nacht auf hohe Pyramiden und suchten dort
-den Stand des Kometen unter den anderen Sternen festzustellen. Es war
-dies der Ursprung wissenschaftlicher Forschung, aber auch zu gleicher
-Zeit der Anfang der Unterjochung furchtsamer und unwissender Völker
-durch tyrannische und rücksichtslose Männer.
-
-Da der Komet die Erde doch nur in langen Zwischenräumen besuchte, wird
-man es begreiflich finden, daß er von all dem, was der Mensch in seinem
-Hochmut mit der stolzen Bezeichnung »Weltgeschichte« benennt, nur eine
-ganz unbestimmte Vorstellung gewann. Nur in großen Zügen konnte er
-von seinem Stand am Himmel verfolgen, wie die einzelnen Perioden der
-Schöpfung der Erde aufeinander gefolgt waren, er sah sie aber nicht
-durch den trügerischen Spiegel, dessen die Menschen sich bedienen,
-um alles, was sie betrifft, recht groß zu machen, und das, was ihnen
-fremd oder unbegreiflich ist, recht klein erscheinen zu lassen. Der
-Komet konnte sich zwar naturgemäß nicht rühmen, alle Einzelheiten der
-Geschichte der Erde zu kennen; aber er konnte sich -- und es ist dies
-auch mehrmals geschehen -- zum Dolmetscher der Erde bei den anderen
-Gestirnen machen und ihnen die Geschichte unseres Planeten mit einer
-Klarheit und einer auf eigner Anschauung beruhenden Genauigkeit
-erzählen, die allen Täuschungen der Menschen bedeutend überlegen war.
-Es wäre daher sehr unrecht, wenn man sich etwa darüber wundern wollte,
-daß unser beobachtender Freund sich nicht besser über die Einzelheiten
-des irdischen Lebens zu unterrichten suchte. Seine Art, zu beobachten,
-konnte keine andere werden, und das Erscheinen des Menschen auf der
-Erde hat ihn auch nicht zu bewegen vermocht, seine Besuche in kürzeren
-Zwischenräumen zu wiederholen.
-
-So würde er zwar nicht bestimmen können, ob sein Vorbeigang im Jahre
-Zehntausendvierhundertundneunundvierzig in die Periode der Ptah oder
-erst in die des Re, des Chons oder des Set fiel, nach denen die
-ägyptischen Priester ihre Jahre zählten; er wußte aber ganz genau,
-daß eine der unserigen benachbarte Sonne, von der Kometen, die von
-dort kamen, ihm glänzende Schilderungen entworfen hatten, der große
-und schöne Sirius, es vermocht hatte, die Blicke und Gedanken, die
-Bewunderung und Verehrung der Priester von Ober- und Unterägypten auf
-sich zu ziehen. Er dürfte wohl auch nicht bestätigen können, daß in
-dem entlegenen Zeitabschnitt, von dem der indische Kalender seinen
-Ausgang nimmt, die Söhne des Ostens bereits imstande waren, den Punkt
-der Sonnenwende festzustellen; ganz zweifellos wußte er aber, daß
-die Inder die Sonne verehrten, ebenso Agni, den Gott des Feuers, und
-daß sie dagegen Indra, den Gott des Blitzes, fürchteten. Aus eigener
-Beobachtung wußte er auch, daß aus dem Orient das Licht der Erkenntnis
-hervorgehen würde, das später den Okzident erhellen sollte.
-
-Dem Kometen war es auch vollkommen klar, daß, wenn es der Erde
-beschieden sein sollte, ein Wohnort für vernunftbegabte Wesen zu
-werden, diese Wandlung nicht in zwei Tagen geschehen könnte, sondern
-daß auch die Menschheit zu diesem Ende eine lange Lehrzeit durchmachen
-müßte. Es ist ein weiter Weg, der zur Zivilisation einer Welt führt!
-Nach seinen Jahren von dreitausend Erdenjahren Länge hatte der Komet
-in der Theorie sich ausgerechnet, daß die Erde in vier bis fünf
-Jahren die Kinderschuhe werde ausziehen können. Vier Jahre, zu dem
-hinzugerechnet, bei dem wir jetzt in unserer Erzählung stehen, ergeben
-1811 unserer Zeitrechnung! Hat sich der Komet getäuscht? In der Praxis
-freilich, sagte sich der Komet selbst, wird hierzu ein viel längerer
-Zeitraum erforderlich sein, da nach allem, was er sehen konnte, die
-Menschen durchaus nicht von dem Verlangen, sich zu vervollkommnen,
-beseelt zu sein schienen, sondern viel lieber sich gegenseitig zu
-schädigen suchten. Eine Beobachtung, die sich ihm aufdrängte, machte
-ihn im höchsten Grade betroffen, und er hat sie nie vergessen können.
-Noch immer steht er unter dem Eindruck, den er erhielt, als er aus
-seinen Himmelshöhen Zeuge einer jener großen und blutigen Schlachten
-war, wie sie in der Frühzeit der Geschichte geschlagen wurden, ein
-Eindruck, der sich im Laufe der Zeiten nicht verwischte, sondern
-sich immer wieder erneuerte, denn, solange es auf der Erde Menschen
-gibt, hat unser teilnehmender Freund auch nicht ein einziges Mal die
-Erde besucht, ohne daß er nicht irgendwo gesehen hätte, wie diese
-Geschöpfe sich gegenseitig totschlugen. Es schien ihm fast so, als
-ob sie nur dazu geboren wären, ihre Kräfte aneinander zu messen, und
-sobald sie sich stark genug dazu fühlten, ihre Macht gegeneinander zu
-gebrauchen. Anstatt, wie auf anderen Welten, eine geeinte, solidarische
-Familie zu bilden, lagen die Menschen der Erde fortwährend mit sich
-selber im Kampfe. Nach dieser Erfahrung, folgerte er, müsse man die
-Zahl der Jahre, die für die Lehrzeit der Menschen erforderlich sei,
-vervierfachen.
-
-Durch ein unvorhergesehenes Ereignis, das wir hier nur beiläufig
-erwähnen wollen, sollten die Beobachtungen des Kometen zu der Zeit,
-in der wir uns jetzt befinden, eine kleine Lücke erhalten. Bei seinem
-Vorübergange im Jahre Siebentausenddreihundertundvierundachtzig
-wurde seine Aufmerksamkeit ausschließlich durch den Mond in Anspruch
-genommen, und die neun Monate, die der Komet angesichts der Erde
-verweilte, flossen dahin, ohne daß er Zeit gefunden hätte, seine
-Beobachtungen auf unserem Planeten fortzusetzen. Schon im Jahre
-Neunundfünfzigtausendvierhundertundneunundachtzig, also siebzehn
-seiner Jahre vorher, war dem Kometen auf dem der Erde benachbarten
-Gestirn, der sie wie ein treuer Trabant unablässig begleitet, eine
-allgemeine Bewegung aufgefallen, die auf der Oberfläche des Mondes
-eine ganz ungewohnte Änderung herbeiführte. Zwei voneinander ganz
-verschiedene Naturen hatten auf seinen beiden Halbkugeln Platz
-gegriffen; Mondbewohner, die von einer der beiden Hemisphären auf die
-andere übergingen, glaubten in eine ganz andere Welt zu kommen. Als
-ob das Gesetz von dem Gleichgewicht der Kräfte dort nicht existierte,
-nahm der reichere Teil den ärmeren Teil unmerklich in sich auf.
-Er sog ihm förmlich den Saft des Lebens aus, als ob es sein Wille
-gewesen wäre, das Reich der Mondbewohner allein ohne einen Nebenbuhler
-beherrschen zu wollen. Sämtliche flüssige Massen sowie alle zu Gasen
-verflüchtigten Körper zogen von der der Erde zugewandten Seite auf die
-andere hinüber, und gerade zu der Zeit, in der der Komet an der Erde
-vorbeiging, fand der Auszug der Seleniten, der Mondbewohner, nach der
-Halbkugel ihres Gestirnes statt, die nur noch allein bewohnbar blieb.
-Man sah sie überall sich rüsten, und von allen Seiten liefen sie nach
-der Grenze des Horizontes, und alles, alt und jung, groß und klein, arm
-und reich, wanderte nach der neuen Welt. Die unglückselige Hälfte des
-Mondes blieb von der Zeit an vollkommen verödet, und wir sehen heute
-ihre erloschenen Krater und die ausgetrockneten Meere, die ewig in ein
-grausiges Schweigen gehüllt sind.
-
-Fast hätte noch ein anderes Ereignis den Studien unseres Kometen ein
-frühzeitiges Ende gemacht. Bei seinem drittletzten Vorübergange glaubte
-er schon alles Leben auf der Erde der Vernichtung preisgegeben zu
-sehen. Eine ungeheure Flut hatte sich über sie ergossen, angeschwollene
-Ströme hatten Wiesen und Felder verwüstet, Ebenen und Gebirge
-schienen unterwühlt zu sein; auch das Meer schien die Grenzen seines
-Reiches überschritten zu haben, um die bisherigen Kontinente seiner
-todbringenden Herrschaft zu unterwerfen. Als sich aber gegen Abend
-die Erde gedreht hatte und dem Kometen ihre andere Hälfte zuwandte,
-vermochte er zu erkennen, daß diese Sintflut keine allgemeine war.
-Sie beschränkte sich nur auf die uralten Gegenden Asiens, während
-die beiden ungeheuren Dreiecke Amerikas im schönsten Sonnenschein
-dalagen. Die üppigste Vegetation herrschte hier, die Tierwelt befand
-sich auf der Höhe ihrer Blüte, und die Menschen, die dort wohnten,
-freuten sich ihres Lebens und beteten ihre schöne Natur an. Es waren
-die Vorfahren der Tolteken, auf die zuerst die Chichimeken und dann
-die Azteken folgten. Diesen war es auch beschieden, das Reich der
-Tapaneken, Akolhuaner usw. in das ihrige einzuverleiben. Sie gründeten
-die berühmte Stadt Tenochtitlan auf den Inseln des Tezcuco-Sees,
-die sie später zu einer einzigen Insel umschufen, um eine feste
-Grundlage für die Hauptstadt Mexikos zu gewinnen. Man sah auch die
-Berge, auf denen Manco-Capac eines Tages die Republik der Inkas,
-die Sonnenanbeter waren, gründen sollte. In ihr Reich zog später
-Pizarro ein, um es zu erobern und dann das Vize-Königreich Peru zu
-gründen. In den beiden Amerika lagen viele voneinander getrennte
-kleine Staaten. Nicht mit Unrecht dachte der Komet, daß, wenn durch
-ein plötzlich hereinbrechendes Unglück die asiatische Kultur auf dem
-Grunde des Meeres verschwände, Amerika sie recht wohl ersetzen könnte.
-Bald aber hatte er die Gewißheit, daß die Menschheit doch nicht in
-Gefahr stand, vom Erdboden zu verschwinden. Während die »neue Welt«
-zum Leben erwachte, wuchs die »alte« immer mehr und schuf so Ersatz
-für den kleinen Teil, den sie tatsächlich der großen Flut hatte zum
-Opfer bringen müssen. Ägypten besaß auch schon eine wirkliche Stadt,
-in der man bereits Paläste und Türme unterscheiden und die Anfänge
-einer einförmigen Skulptur erkennen konnte. Hohe Pyramiden bildeten
-Wahrzeichen der dortigen Kultur, und in Indien entstanden ebenfalls
-große Städte. Auch Europa machte sich schon bemerkbar; erwachend,
-erkannte es, daß es bereits Tag geworden war, und fühlte das Verlangen
-aufzustehen und an der Kultur mitzuarbeiten. Nur in Australien konnte
-unser Komet noch keine höher gearteten Wesen, als große Affen,
-erkennen, die einander Grimassen schnitten.
-
-In Gesellschaft der so verschiedenartig gestalteten menschlichen Rassen
-entdeckte der Komet auch seltsam geartete Tierformen, die heute nicht
-mehr vorhanden sind: Da war der ~Elephas primigenius~ oder das Mammut,
-ein ungeheurer Elefant, der 15--18 Fuß hoch war und mit gekrümmten
-Stoßzähnen, die wenigstens 12 Fuß in der Länge maßen, bewaffnet war.
-Als man in späteren Zeitaltern fossile Knochen dieses Mammut zusammen
-mit menschlichen Gebeinen fand, hielt man sie irrtümlich für Überreste
-von Riesen, die 20 Fuß groß gewesen sein sollten! Da sah man das
-~Rhinoceros tichorhinus~, ein über und über mit Haaren bedecktes
-Ungeheuer, in dem wir wohl das Urbild des die Höhle bewachenden
-Drachen der Sage zu erblicken haben; auf der Höhe des Montmartre
-hauste der Höhlenbär in Gesellschaft riesenhafter Tiger; der Wisent
-und der Auerochs, welcher in Gallien von Cäsar auf dessen Rückwege von
-Bibracte noch gesehen wurde, bevölkerten die Wälder, ebenso der ~Cervus
-megaceros~, eine Hirschart, die mit einem kolossalen Geweih von 10--12
-Fuß Breite geziert war; diese Hirsche fielen den ersten menschlichen
-Jägern, die mit Pfeil und Bogen schossen, als Beute zu. Auch prächtige
-Vögel, wie man sie heute nicht mehr sieht, gab es, wie der Dinornis
-oder Epiornis, dessen Eier 25 Zentimeter lang waren. Sie gehörten zu
-der Familie der Strauße und gaben in der damaligen Fauna eine sehr gute
-Figur ab.
-
-Die Ureinwohner Frankreichs, die Kelten, die ein Glied der
-indogermanischen Völkerfamilie waren, kannten diese würdigen
-Nachkommen vorsintflutlicher Tiergeschlechter noch ganz gut. Der
-Komet beobachtete die Kelten mit Interesse, und sie verdienten es
-auch, daß er ihnen seine Aufmerksamkeit zuwandte, die hunderttausend
-Jahre vorher die Riesen der Vorwelt auf sich gezogen hatten; übrigens
-eine bedeutungsvolle Perspektive, daß dasselbe Gestirn, zu dem wir
-aufblicken, schon Geschlechtern, die seit Jahrhunderten erloschen, und
-Völkern, die bereits für immer in den Abgrund der Zeiten verschwunden
-sind, leuchtete. So vergehen wie Eintagsfliegen die Wesen, die für
-uns alles Dasein darstellen, während die Natur, die wir als etwas
-Selbstverständliches hinnehmen, ewig in ihrer erhabenen Größe bestehen
-bleibt.
-
-Es war im Jahre 1254 vor Christi Geburt, als unser ehrwürdiger
-Reisender zum vorletztenmal an der Erde vorüberging. Damals führten
-unsere Ahnen noch ihr einförmiges Naturleben inmitten der dunklen
-Wälder, die zu jener Zeit noch das Land bedeckten. Ihr Ehrgeiz ging
-über die Scholle, auf der sie geboren waren, nicht hinaus, und sie
-genossen in Frieden das Licht des Himmels und die Güter der Erde.
-Ihre Großonkel, die wir bereits vor einigen tausend Jahren im fernen
-Orient kennen gelernt haben, führten noch immer dasselbe frohgemute
-Leben. Aber im Gegensatz zu den Kelten, die friedlich in den Wäldern
-ihres Landes wohnten, suchten sie weitere Eroberungen zu machen. Doch
-die Zeit ist nicht mehr fern, in der auch die Kelten nach dem Süden
-wandern und hinter sich die Kimmerier, Scordisken, Taurisker, Boier
-und Zimbern lassen werden; jetzt aber erfreuen sie sich noch des
-Glückes ihrer Kindheit, aber auch sie werden groß und mächtig werden.
-Anderseits jedoch sind die Völker, die wir bereits betrachtet haben,
-von ihrer Höhe zurückgegangen. Ägypten schläft, Memphis ist tot, This
-träumt und Theben, das hunderttorige, erwacht. Aber es dauert nicht
-mehr lange, und der Wüstensturm wird alle diese Städte hinwegfegen. Ach
-wieviel verschwundene Kulturen! Babylon, das vor fünfzehnhundert Jahren
-gegründet wurde, ist bereits gesunken, und Ninive, das ihm folgte,
-liegt in Trümmern. Ecbatana taucht auf, aber nur um später Persepolis
-Platz zu machen, das auch seinerseits wieder fallen wird. Assyrer,
-Meder, Perser, Chaldäer waren nichts weiter als abgestoßene Glieder
-einer großen Völkerfamilie. Auf der anderen Halbkugel schritt Amerika
-nur langsam vorwärts. Im östlichen Asien waren in China die Keime der
-Kultur aufgegangen; und überallhin sandte die Sonne ihre befruchtenden
-Strahlen und hüllte Länder und Meere in ihr friedliches Licht. Vor
-kurzem erst war ein kleines Volk aus Ägypten ausgezogen, jetzt setzte
-es sich längs des Meeres fest, aber es hatte sich noch keine Könige
-gewählt. Schließlich ist noch im Süden Europas eine kleine Halbinsel
-zu erwähnen, deren Bewohner, die erst vor achthundert Jahren dorthin
-gekommen waren, älter als der Mond sein wollten und behaupteten, der
-Grille gleich, die von ihren Frauen als Wahrzeichen im Haare getragen
-wurde, aus dem Boden der Erde entstanden zu sein. Damals beschäftigte
-eine wichtige Begebenheit die Bewohner dieses Landes. Ein gewisser
-Paris hatte eine sehr schöne Dame, namens Helena, die rechtmäßige
-Gattin des Königs Menelaus, entführt und nach einer einige Grade
-entfernten Stadt Kleinasiens gebracht. Das ganze Volk geriet dadurch
-in Aufregung. Überall wurden Waffen hergestellt, Pferde gezäumt,
-Säbel geschärft, Harnische geglättet, Panzerhemden gewebt, Schilde
-geschmiedet, Beinschienen gefertigt, Lanzenspitzen befestigt, Stöcke
-mit Eisen beschlagen, das Gepäck gepackt. Solch große Vorbereitungen
-hatte der Komet noch nie gesehen. Zu seinem Unglück, oder besser
-gesagt, zu seinem Glück, konnte er das Ende des Krieges nicht abwarten,
-denn die Belagerung der Stadt dauerte nicht weniger als zehn Jahre,
-und in diesen zehn Jahren hatte der Komet viele Millionen Meilen
-durchflogen; das hinderte ihn aber nicht, sich darüber klar zu werden,
-daß man einer Kleinigkeit wegen sehr viel Lärm mache, und sich zu
-sagen, daß er den Bewohnern der Erde, wenn sie fortfahren sollten, sich
-um Nichtigkeiten so hinzumorden, schließlich nicht mehr die Ehre seiner
-Beachtung würde zuteil werden lassen.
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-Sechstes Kapitel.
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-Von der Sintflut bis zum Jahre 1811.
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-»Welche Veränderung seit vorigem Jahr!« rief der Stern mit dem
-leuchtenden Schweif, als er bei seinem letzten Erscheinen, von dem die
-Geschichte berichtet, zur Erde zurückkam. »Ist das dieselbe Welt, die
-ich vor ganz kurzer Zeit noch in ihrer Kindheit sah? Ist dies dasselbe
-Volk, das vordem so gering an Wert und klein an Zahl, so furchtsam
-und schwach war? Ist denn nichts mehr von dem vorhanden, was ich hier
-gesehen und gehört habe? Menschen, Völker, Städte, Länder -- alles
-hat sich geändert! Wo sind die alten Barden, die mich zum Zeugen für
-keltisches Gesetz und Recht anriefen? Wo ihre Altäre und Druidensteine?
-Wie viele Umwälzungen seit meinem Weggange! Ich sehe hier weder die
-Kelten noch die Kimrier, und dort unten weder Griechen noch die Völker
-Mediens. Was für eine Stadt ist dies hier? Unmöglich, das kann nicht
-die Erde sein!« ... Vor Staunen konnte der Komet sich kaum fassen.
-
-Seit seinem letzten Besuch hatte die Erde sich tatsächlich sehr
-verändert, denn man zählte das Jahr des Heils 1811, und in vollem
-Glanze leuchtete der Komet über Paris.[8]
-
-Für die Sterne im allgemeinen und für die großen Kometen im besonderen
-wollen dreitausend Jahre nicht gerade viel sagen: Im Kalender der
-Ewigkeit sind sie weniger als eine Sekunde. Aber für den Menschen --
-das wissen wir alle sehr gut -- sind dreitausend Jahre viel, sehr viel!
-
-Wie viele Generationen hat die Welt gesehen seit 1254 vor Christi
-Geburt! Griechenland, Latium und seine Könige, die römische Republik,
-Karthago, das römische Kaiserreich und sein Sturz, die Barbaren,
-das west-römische Reich, die Gründung von fränkischen, deutschen,
-angelsächsischen, heidnischen, christlichen, mohammedanischen Reichen,
-das Aufkommen und der Verfall des Lehnswesens in Frankreich, das dann
-die Monarchie, die Republik und das Kaiserreich erlebte! Alle diese
-Veränderungen hatten sich langsam vollzogen, und für den Kometen waren
-sie nicht vorhanden. Und was müßte sich erst ergeben, wenn wir, anstatt
-uns auf ein einziges Land zu beschränken, den ganzen Erdball in den
-Kreis unserer Darstellung zögen? Die ganze Geschichte der Menschheit
-könnte in dem Zeitraum von 1254 v. Chr. bis 1811 n. Chr. eingeschlossen
-werden, der für den Kometen doch nur ein einziges Jahr bedeutet. Seine
-Überraschung war daher ganz gerechtfertigt und zu verzeihen. Ohne
-es zu merken, war er von heute auf morgen von Agamemnon zu Napoleon
-übergegangen, und man wird zugeben müssen, daß es einen größeren Sprung
-nicht gut geben kann.
-
-Städte und Völker hatten sich geändert. Viele waren verschwunden,
-andere neu erstanden. Es war ganz klar, die Menschheit hatte einen
-großen Schritt weiter getan. Ob aber vorwärts oder rückwärts? Der
-Komet, der doch ein scharfer Beobachter war, glaubte zu der Annahme
-Grund zu haben, daß die Menschheit nicht rückwärts gegangen war.
-Aber nicht allein der Mensch hatte sich mit allem, was mit ihm in
-näherer Beziehung steht, geändert; es schienen sich auch in der Natur
-Umwandlungen vollzogen zu haben, die nicht ausschließlich dem Zahn der
-Zeit zuzuschreiben waren. Die Wälder waren zurückgedrängt und bedeckten
-nicht mehr den ungeheuren Raum, den sie ehemals eingenommen hatten.
-Von Menschenhand angelegte Wasserläufe hatten sich in die natürlichen
-Flußsysteme eingeschoben. Sümpfe waren ausgetrocknet und die Meeresufer
-schienen geschützt. Das Land war mit weißen Linien durchschnitten und
-an den Hügeln bauten sich terrassenförmig Dörfer auf. Gewerbtreibende
-Städte erhoben sich an den Ufern großer Ströme und ließen ihren Grund
-von den rasch dahinströmenden Wellen benetzen; Gärten und Parkanlagen
-umrahmten die Gruppen menschlicher Wohnungen. Man mußte es wohl
-bekennen: diesem kleinen Teil der Erdkugel hatte der Mensch das Siegel
-seiner Gegenwart aufgedrückt.
-
-Aber ... und wo gibt es kein »Aber«? ... noch immer hörte der Komet
-auf der Erde Waffengeklirr. »Auch jetzt noch! Leider!« rief er
-aus. »Fast muß ich glauben, daß den Erdenleuten das Kriegführen zur
-Gewohnheit geworden ist. Die armen Menschen! Und dabei ist ihr Planet
-doch keineswegs häßlich. Warum schlagen sie in den sie entwürdigenden
-Kriegen einander tot? Kann es etwas Schöneres geben, als unter der
-lachenden Sonne in Frieden zu schaffen? Ob sie denn überhaupt wissen
-mögen, was sie tun?«
-
-In den stillen und unendlichen Tiefen des Weltenraumes ist das Gefühl
-für Entfernungen aufgehoben, und Organe, die imstande wären, auch den
-schwächsten Ton zu vernehmen, könnten sich durch den unendlichen,
-unfühlbaren Äther verständlich machen. Alles ist relativ, die
-Stärke des Tons sowohl als die des Lichts. Wenn die Kometen nach
-den entlegenen Wüsten ihrer größten Entfernung kommen, verlangsamen
-sie ihren Gang, als ob sie in den Tiefen des Raumes dem Unbekannten
-ein aufmerksames Ohr schenken wollten. Man will sogar wissen, daß
-sie manchmal, ebenso wie in ein fernes Land Verbannte, sich leicht
-aneinander schließen, sich durch den unermeßlichen Raum ihre Gedanken
-mitteilen und daß sie sich die Langeweile der Einsamkeit und der
-Finsternis durch eine Unterhaltung über die Natur der Dinge und das
-Schicksal der Wesen, die sie auf ihren Reisen gesehen haben, zu
-verkürzen suchen. Vor einigen Jahren traf unser Komet in der Einöde
-jenseits des Neptun den Halleyschen Kometen, der, wenn er auch nicht
-ganz so vornehm und berühmt wie unser Held ist, sich doch immerhin
-bedeutend über den Durchschnitt der gewöhnlichen Kometen erhebt. Die
-beiden Reisenden gingen sofort daran, ihre Erinnerungen und Erlebnisse
-miteinander auszutauschen.
-
-»Seit meinem letzten Besuche habe ich die Erde sehr verändert
-gefunden,« begann der größere und ältere von beiden. »Man arbeitet dort
-unten sehr rasch, und es will mir scheinen, daß eines meiner Jahre
-so lang ist wie dreitausend der ihrigen, und daß in dieser winzigen
-Spanne Zeit neunzig verschiedene Generationen geboren werden und
-sterben könnten. Welch Unterschied doch zum Neptun, auf dem ich seit
-sechstausend Jahren auch nicht ein Jota sich habe ändern sehen.«
-
-»Mit Verlaub, mein verehrter Kollege,« entgegnete der andere. »Auch
-meine Jahre vergehen viel schneller als die Eurigen, denn während
-ich einen Umlauf um unsere herrliche Königin, die Sonne, vollende,
-haben die Erdbewohner erst fünfundsiebzig ihrer Jahre verlebt, und
-um die Wahrheit zu gestehen, muß man zugeben, daß man während dieses
-kurzen Zeitraumes auf der kleinen Erde Zeit findet, viel zu bauen
-und niederzureißen. Glaubt es mir, werter Kollege, ich bin über den
-Leichtsinn der Erdbewohner nicht weniger erstaunt als Ihr es seid.«
-
-»Unter uns gesagt, diese Leute scheinen mir entweder sehr oberflächlich
-oder sehr tätig zu sein. Seitdem es Menschen auf der Erde gibt,
-verändert sie sich zusehends. Früher, bevor diese Geschöpfe erschaffen
-waren, kann ich mich erinnern, zwanzig und auch dreißig Reisen gemacht
-zu haben, ohne daß ich große Änderungen auf der Erdoberfläche bemerkt
-hätte. Aber seit fünf Jahren« (der Komet meinte fünfzehntausend Jahre)
-»haben sie es gelernt, in ihrem Lande zu bauen, niederzureißen, zu
-graben, Dämme aufzuschütten und es in einer Weise umzugestalten, als ob
-sie damit ein reines Gaukelspiel aufführen wollten.«
-
-»In welchem Erdenjahre waret Ihr zum vorletztenmal da?«
-
-»Mein lieber junger Freund, wenn ich mich recht erinnere, mögen dies
-dreißig irdische Jahrhunderte her sein. Ich kenne ihren Kalender zu
-wenig, um die Zeit genau angeben zu können. Ich war gerade damals
-in meinem zweihundertfünfundvierzigsten Jahre, denn ich zählte
-fünfundvierzig Jahr, als ich die Erde zum erstenmal bemerkte, und seit
-jener Zeit bin ich zweihundertmal an ihr vorbeigekommen.«
-
-Der kleine Komet, der sehr gut zu rechnen verstand, hatte ohne große
-Mühe sofort herausgefunden, daß dieser vorletzte Besuch keinesfalls
-später als um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts vor Beginn der
-christlichen Zeitrechnung stattgefunden haben konnte. Häufigere Besuche
-auf der Erde hatten ihn mit der dortigen Art, die Jahre vor und
-nach Christi Geburt zu zählen, vertraut gemacht. Und er konnte sich
-eines Lächelns nicht enthalten, wenn er an die Verwunderung seines
-ehrwürdigen Gefährten über die Veränderungen dachte, die sich seit
-jener Zeit auf der Erde vollzogen hatten. Da er gern erzählte und sich
-seinem vornehmeren Kollegen angenehm machen wollte, gelüstete es ihn,
-die Unterhaltung fortzusetzen und seine persönlichen Beobachtungen über
-die Bewohner der Erde zum besten zu geben. Sein Kamerad bemerkte dies.
-
-»Lieber Kollege,« begann er, »Ihr müßt doch über den Gegenstand,
-von dem wir sprechen, viel besser als ich unterrichtet sein. Ihr
-seid viel öfter als ich der Erde nahegekommen, und Ihr könnt ihre
-Geschichte besser verfolgen. Ist der Stand der Dinge, wie ich ihn
-auf meiner letzten Reise« (er meinte im Jahre 1811) »auf der Erde
-gesehen habe, unmittelbar auf den gefolgt, der sich meinem Auge bei
-meinem vorletzten Durchgange« (also zur Zeit des Trojanischen Krieges)
-»darbot? Zwischen diesen beiden Daten scheint mir doch eine große Lücke
-zu liegen, und ich glaube, Ihr könntet mir darüber hinweghelfen.«
-
-»Seit Eurem vorletzten Besuche«, erwiderte dieser, »bin ich vierzigmal
-in die Nähe der Erde gekommen, und, wollt Ihr es mir glauben? jedesmal
-habe ich Veränderungen auf der Erde wahrgenommen. Die Menschen leben
-auf ihrer Weltkugel eine so kurze Zeit, daß es wohl schwerlich viele
-gibt, die sich rühmen dürfen, mich bei zwei meiner aufeinander
-folgenden Erscheinungen am Himmel leuchten gesehen zu haben, ja die
-meisten Menschen haben mich auch nicht ein einziges Mal gesehen. Und
-dabei«, fuhr er in traurigem Tone fort, »ist mein Jahr doch vierzigmal
-kürzer als das Eurige. Von meinen verschiedenen Erscheinungen auf der
-Erde erinnere ich mich, nach der irdischen Zeitrechnung, derjenigen im
-Jahre 12 vor Christi Geburt, dann 837, 1066, 1456, 1531 und 1759 nach
-Christi Geburt am deutlichsten, weil Ereignisse, deren unschuldige
-Ursache ich werden sollte, mich in hohem Grade bewegten. Wenn es Euch
-interessiert, will ich Euch gern mehr davon erzählen. Es wäre mir dies
-ein um so größeres Vergnügen, als ich ja nur selten Gelegenheit habe,
-davon sprechen zu können.«
-
-Da unser Komet sich ganz außerordentlich für alle menschlichen
-Angelegenheiten interessierte, und da ihm in der tiefen Einöde des
-Weltenraumes, die sie jetzt durchflogen, die Gesellschaft seines
-jüngeren Gefährten ganz willkommen war, so hörte er dessen Bericht mit
-gespanntester Aufmerksamkeit zu.
-
-Und nun erzählte ihm dieser, wie im Jahre 12 vor Beginn unserer
-Zeitrechnung im chinesischen Reiche, unter der glorreichen Herrschaft
-der Han, die auf die Dynastie der Tsin gefolgt waren, auf Befehl des
-Kaisers der Fong-siang-chi, der kaiserliche Astronom, den Kometen
-beobachtet und in ihm einen neuen Beweis für den Zorn des Himmels auf
-Tsin-chin-hoang-ti erkannt hatte, weil dieser, noch nicht zufrieden
-damit, daß er die vom Kaiser Wu-wang auf dem »Turm der Geister«
-errichtete Sternwarte hatte einäschern und außerdem vierhundertfünfzig
-der gelehrtesten Weisen des Reiches hatte enthaupten lassen, bei
-Todesstrafe anbefohlen habe, innerhalb vierzehn Tagen sämtliche über
-Moral, Philosophie, Astronomie und Geschichte handelnde Bücher zu
-verbrennen; wie ferner der kaiserliche Astronom dem Fürsten anempfohlen
-habe, ebenso wie es ja im Winter zu geschehen pflegte, sich in den zur
-Linken gelegenen Saal des Schwarzen Palastes zu begeben, und durch
-ein dem Gotte Hiuen-ming dargebrachtes Opfer symbolisch eine neue Ära
-für Kunst und Wissenschaft einzuleiten; wie dann der Tatsung-pe die
-Mandarinen, ebenso wie zur Zeit der letzten Sonnenfinsternis, um den
-kaiserlichen Thron versammelt hatte, um dem Gestirn zu huldigen, und
-wie ganz China zwei lange irdische Monate hindurch auf den Beinen
-geblieben war. Er erzählte weiter, wie im Jahre des Heils 837 Ludwig
-der Fromme, der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, sich in einem
-dunklen Winkel der Burgterrasse vor ihm auf die Knie geworfen und ihn
-gefragt habe, welche Botschaft ihm der Komet vom Himmel brächte; wie
-dann statt des stummen Kometen des Kaisers geistliche Würdenträger
-geantwortet hätten und der fromme Kaiser die drei Jahre, die er noch
-zu leben hatte, damit verbrachte, Dome zu erbauen, reiche Abteien zu
-stiften, große Klöster zu errichten und Kirchen und Schulen mit reichen
-Mitteln auszustatten. Ferner erzählte er, wie im Jahre 1066 Wilhelm der
-Eroberer in der ganzen Normandie habe ausrufen lassen: »~Nova stella,
-novus rex~« (»Ein neuer Stern, ein neuer König«); wie er sich den
-Kometen zum Führer auserkor und unter seiner Führung England eroberte.
-Auf der berühmten Stickerei in der Bibliothek der Stadt Bayeux kann
-man dies noch heute sehen; das Werk stammt von der Königin Mathilde,
-der Frau des Eroberers. Sie bildete die bedeutendsten Szenen der
-Eroberung ab und verewigte dabei auch den Kometen, wie er über einer
-Gruppe von vielen Leuten steht, die Kopf und Hände zu ihm erheben. Und
-weiter berichtete der Wandergefährte unseres Kometen ganz ausführlich,
-wie im Jahre 1456 Christen und Muselmanen, die miteinander im Kriege
-lagen, in seiner Gestalt ein flammendes Schwert erkennen wollten, das
-am Himmel ausgesteckt worden sei, um ihnen das schrecklichste Unglück
-anzukündigen. Mohammed II., in dessen Besitz Konstantinopel bereits
-übergegangen war, hatte geschworen, daß er sein Pferd auf dem Altar
-der Sankt Peterskirche in Rom tränken werde, und auf dem Wege dahin
-belagerte er Belgrad. Als nun die Gestalt eines feurigen türkischen
-Schwertes am Himmel erschien, sah der Papst Calixt III. alle seine
-schlimmen Befürchtungen in Erfüllung gehen. Der Komet schilderte
-weiter, wie der Papst in seinem Zorn Gestirn und Türken feierlich
-verfluchte, wie er sodann das Angelus, ein Gebet, das beim Klange der
-Glocken gesprochen werden sollte, angeordnet habe, und wie dann jenes
-große Belgrader Blutbad begann, das ohne Unterbrechung zwei Tage lang
-dauerte, und bei dem die Franziskaner-Mönche mit keiner anderen Waffe
-als einem Kruzifixe in der Hand »in der vordersten Reihe standen und
-zum Papste flehten, er möge die himmlische Erscheinung beschwören,
-daß sie ihren verhängnisvollen Einfluß auf ihre Feinde ausübe«. Der
-Komet fuhr in seinem Berichte fort und erzählte, welche ganz andere
-Wirkung sein Erscheinen im Jahre 1531 hervorgerufen hätte. Luise von
-Savoyen, die Mutter Franz' I., hatte drei Tage vor ihrem Tode eine
-außerordentliche Helle in ihrem Zimmer bemerkt. Sie ließ den Vorhang
-hinwegziehen, und von dem Anblick des Kometen ganz betroffen, rief
-sie aus: »Ein solches Zeichen gibt der Himmel nicht für gewöhnliche
-Menschen. Gott hat es nur für uns Große der Erde vorbehalten.
-Schließt das Fenster! Es ist ein Komet, der mir den Tod anzeigt, wir
-wollen uns darauf vorbereiten!« Weiter erwähnte der Komet, daß von
-seinem Erscheinen im Jahre 1682 seine astronomische Registrierung
-datierte. Denn bei seinem Vorübergang in diesem Jahre wurden seine
-Elemente berechnet und festgestellt, daß er derselbe Komet sei, der
-in den Jahren 1531 und 1607 an der Erde vorübergezogen war. Dem
-berühmten Astronomen Halley war es vorbehalten, ihn der Wissenschaft
-einzuverleiben und ihm seinen Namen zu geben, und für das Jahr 1759
-kündigte Halley sein abermaliges Erscheinen an.
-
-Sodann erzählte der Halleysche Komet seinem älteren Bruder die
-Geschichte der Aufeinanderfolge der verschiedenen irdischen Reiche,
-und zwar vom Jahre 1254 vor Christi Geburt bis zum Jahre 1835 nach
-Christi Geburt, in welchem Jahre er zum letztenmal die Erde besucht
-hatte. Der große Komet war nicht wenig erstaunt, als er hörte,
-wie rasch sich auf der Erde neue Reiche bildeten und wie sie noch
-schneller wieder zerfielen. Was ihn aber am meisten, und leider auch am
-schmerzlichsten überraschte, das waren die Mittel, welche die Bewohner
-der Erde anwandten, um ihre Eroberungszüge gegeneinander ins Werk zu
-setzen. Eisen, Blut, die wildesten und ausgesuchtesten Grausamkeiten!
-Soviel Bosheit in so kleinen Körpern und in so gebrechlichen Wesen;
-solch übermütiger Eigendünkel bei den Großen und dagegen wieder
-solch angeborene Schwäche bei den Kleinen! Die Weltgeschichte schien
-ihm wenig erbaulich, und hätte er nicht in Wirklichkeit von seiner
-erhabenen Höhe aus die Schwächen der Menschheit verachtet, so hätten
-ihm bei dem schreckensvollen Bericht seines jüngeren Kollegen wohl mehr
-als einmal sozusagen seine langen Haare zu Berge gestanden.
-
-Sie flogen weiter, und ohne daß sie es merkten, zogen sie am Neptun
-vorüber. Der Halleysche Komet fuhr in der Darstellung seiner
-Lebensschicksale fort:
-
-»Während der fünfundzwanzig Jahre bis zu meinem Erscheinen im Jahre
-1682 irdischen Stils hatte die Astronomie so große Fortschritte
-gemacht, daß der Forscher, der mir seinen Namen gab, mein Erscheinen
-für das Jahr 1759 voraussagen konnte. Hierin lag sicherlich keine
-geringe Kühnheit. Ihr wißt jedoch, daß ich mich nicht so weit wie Ihr
-in die Tiefen des Weltalls stürzen kann -- denn schon nach etwa 37
-Jahren muß ich umkehren, während Ihr, Kollege, noch fünfzehnhundert
-Jahre lang Eure Reise fortsetzen könnt. Es ist Euch bekannt, daß
-ich mich jedesmal bis auf sechsunddreiviertel Millionen Meilen von
-der Erde entferne. Für uns will das nicht so sehr viel sagen; für
-die kleinen Bewohner der Erde bedeutet es aber eine unermeßliche
-Entfernung. Auf meinem Fluge werde ich bisweilen durch gewisse Bewohner
-des Weltenalls zurückgehalten, und wenn ich durch ihr Gebiet gehe,
-bin ich gezwungen, meine Bewegung zu verlangsamen. Die Herren von der
-Sternwarte müssen außerordentlich scharfe Augen haben, oder richtiger
-gesagt, mit einem fast übermenschlichen Ahnungsvermögen begabt sein.
-Denn als ich in das Gebiet des Jupiter kam, war ich ihrem Gesichtskreis
-schon längst entschwunden und konnte auch mit Hilfe ihrer schärfsten
-Fernrohre nicht mehr aufgefunden werden. Ich glaubte annehmen zu
-dürfen, ihrer Aufmerksamkeit entgangen zu sein. Aber damit war es
-nichts. Durch Jupiter verlor ich 518 Tage, und Saturn veranlaßte eine
-Verzögerung meiner Bahn um weitere 100 Tage. Nun gut. Alles dies war
-bis auf einen Monat berechnet, festgestellt und bekanntgegeben worden.
-Den Astronomen können wir nichts mehr verheimlichen.
-
-Ein glücklicher Zufall fügte es, daß man auf mein erneutes Erscheinen
-bei der Erde schon fünfzehn Jahr vorher aufmerksam geworden war,
-und zwar durch den schönsten Schweif, den man je gesehen hat, einen
-sechsfachen Schweif, der jedoch, wie ich gleich bemerken will, nicht
-mir gehörte. Ihr habt sicherlich, lieber Kollege, neulich jenen
-Vaganten gesehen, der von einer Welt zur andern fliegt und nie wieder
-an demselben Ort sich sehen läßt. Seine Bahn ist so exzentrisch, daß er
-schließlich parabolisch geworden ist. Ganz gewiß ist es auch Euch nicht
-entgangen, daß er den herrlichen Schmuck von sechs Schweifen besitzt.
-Nun, im Jahre 1744 war er mein Vorreiter, und nach dem irdischen
-Kalender gilt er als der schönste Komet des achtzehnten Jahrhunderts.
-An dem Abend, als er zum erstenmal am Himmel stand, glaubte man, eine
-zweite Sonne ginge unter, so groß war der Glanz, den seine Schweife
-ausstrahlten.
-
-Ich sagte Euch wohl schon, daß ich bei jeder Wiederkehr zur Erde
-dort immer etwas Neues in den Sitten, Gebräuchen und dem Geist der
-Völker gefunden hätte. Niemals hat sich mir jedoch diese Beobachtung
-lebhafter aufgedrängt als bei meinem letzten Besuche. Den Teil der
-Erde, den ich 1759 besuchte, sollte ich 1835 wieder sehen. Noch genauer
-als vorher hatte man die Verzögerung berechnet, die ich bei Jupiter,
-Saturn und Uranus erleiden mußte, ja, man hatte mir sogar den Weg
-vorgezeichnet, den ich auf meiner Rückkehr durch den Himmelsraum zu
-nehmen hatte. Am 20. August 1835 sollte ich am Stern ζ im Sternbild des
-Stiers vorübergehen, am 28. zwischen den Zwillingen und dem Fuhrmann
-stehen, am 21. September im Fuhrmann sein, am 3. Oktober im Luchs, am
-6. im Großen Bären, am 13. in der Krone, am 15. zwischen Herkules und
-Schlange, am 19. im Ophiuchus, am 16. November beim Stern η desselben
-Sternbildes und am 26. Dezember beim Stern Antares im Skorpion. Und
-was gewiß viel heißen will, von dieser mir so weise vorgezeichneten
-Marschroute brauchte ich nirgends abzuweichen. Aber, ich versichere
-Euch, niemals in meinem Leben und auch auf keiner anderen Welt habe
-ich so viel Umwälzungen und einen solchen Umschwung der Geister kennen
-gelernt, wie bei meinem letzten Besuch der Erde. Um Euch die Wahrheit
-zu gestehen, ist mir dies sehr nahe gegangen und ich bin darüber so
-traurig geworden, daß meine Betrübnis den Bewohnern der Erde nicht
-entgangen sein kann.[9] Was hat man auf der Erde von 1759 bis 1835
-gemacht? Welche Umwälzung hat sich bei den Menschen vollzogen? Je mehr
-ich über die Ursachen und das Wesen dieser Neuerungen nachdenke, desto
-mehr gerate ich ins völlig Dunkle. Auch der Komet Karl V. scheint sich
-darin verloren zu haben.«
-
-»Der Komet Karl V.? Was hat es mit dem für eine Bewandtnis?«
-
-»Ach, entschuldigt, verehrtester Kollege, ich vergaß vollständig, daß
-Ihr über die irdischen Ereignisse nicht genügend unterrichtet seid.
-Karl V. war ein Kaiser von Deutschland, der seine Krone niederlegte,
-als im Jahre 1556 einer unserer leuchtenden Brüder, der bis dahin
-sicherlich keine Ahnung von der Existenz der Erde hatte, zufällig
-in ihre Nähe kam. Es ist dies derselbe Komet, der nach Ansicht der
-Erdbewohner schuld an der Sintflut tragen und später beim Tode Cäsars
-geleuchtet haben soll. Aller dreihundert Jahre sollte er wiederkommen,
-also auch 1856. Aber er mag wohl inzwischen den dummen Hochmut der
-Großen der Erde kennen gelernt haben, die sich einbilden, daß sie
-im Mittelpunkt des ganzen Weltalls stehen -- genug, er hat dieser
-kleinen, eitlen Welt Valet gesagt und ist in ein anderes Sonnensystem
-geflogen. Er befindet sich jetzt im Gebiet des Polarsterns, und die
-Menschen können auf ihn warten; er kommt nicht wieder. Um jedoch den
-Faden unserer Unterhaltung, die durch diesen Muster-Kometen eine kleine
-Ablenkung erfahren hat, wieder aufzunehmen, wiederhole ich, daß ich
-mich in Mutmaßungen darüber erging, welches die Ursachen der großen
-Änderungen sein mögen, die sich während meiner Abwesenheit von der Erde
-in der europäischen Gesellschaft vollzogen haben.«
-
-»Dieses Mal kann ich Euch vielleicht Aufklärung geben, mein lieber
-junger Freund. Wenn die Großen auch oft zu hoch gestellt sind, um
-das, was sich in den unteren Regionen zuträgt, nach Gebühr sehen
-und würdigen zu können, und dadurch in eine bedauerliche Unkenntnis
-geraten, so verstehen sie es anderseits infolge ihres überlegenen
-Urteils doch, aus diesen Vorgängen die richtigen Schlüsse zu ziehen.
-Das wenige, was ich gesehen habe, kann daher vielleicht dazu dienen,
-die Lücke in Eurer Vorstellung auszufüllen. Ich weiß nur, daß es im
-Jahre 1811 in Frankreich keinen »König von Gottes Gnaden« mehr gab,
-sondern einen Kaiser, und gerade in derselben Woche, in der ich bei der
-Erde ankam, wurde diesem Kaiser ein Sohn geboren. Vom März 1811 bis
-zum April 1812 blieb ich bei der Erde. Ich glaube erkannt zu haben,
-daß die Eroberungen des Kaisers und die Vergrößerung Frankreichs die
-Nachbarreiche in Angst und Schrecken versetzten, und was mich in
-meiner Annahme bestärkte, war der Umstand, daß der große Machthaber
-eine Armee von 450000 Mann aushob, um mit dieser halben Million nach
-den russischen Steppen zu marschieren. Was aus ihnen geworden ist,
-vermag auch ich nicht zu sagen, denn vom Juli 1812 ab konnte ich auf
-der Oberfläche der kleinen Erdkugel nichts mehr erkennen.«
-
-Die Kometen sind gute Logiker. Indem sie sich einander mit ihren
-Erinnerungen aushalfen und die Erfahrungen, die sie bei ihren
-Beobachtungen der Erdbewohner gesammelt hatten, austauschten, waren sie
-imstande, sich unsere Geschichte aufzubauen. Sie verfuhren dabei ganz
-nach Vernunftschlüssen. Im Jahre 1759, so sagte der eine, gab es in
-Frankreich soziale Zustände, die in sich vollkommen morsch waren und
-auf die nun große Hämmer, Philosophen genannt, um die Wette loshieben.
-Im Jahre 1811, meinte der andere, gab es in Frankreich einen Kaiser und
-Kriegsrüstungen. Im Jahre 1835, nahm der erste wieder das Wort, hatte
-Frankreich einen konstitutionellen König und lebte in tiefstem Frieden.
-Mit diesen drei vorhandenen Tatsachen hatten sie sich in großen Zügen
-die Umrisse der französischen Geschichte geschaffen. Ihre Unterhaltung
-berührte in derselben Weise auch das Geschick der anderen Völker, denn
-die Kometen haben für eine Schar Ameisen keine größere Vorliebe als für
-die andere. Da aber diese Entwicklungen sich im großen und ganzen sehr
-ähneln und für uns, die wir doch keine Kometen sind, weniger Interesse
-haben, so verzichten wir darauf, diese siderischen Unterhaltungen hier
-wiederzugeben.
-
-So hatten die beiden Forschungsreisenden im Weltenraum, die sonst
-gewohnt waren, sich nur mit großen Dingen abzugeben, die kleine
-Erdkugel, auf der wir uns befinden, nach allen Richtungen hin
-besprochen. Bald aber mußte der Halleysche Komet abbiegen, um in seiner
-Ellipse dem Aphelium zuzufliegen, während der majestätische Komet von
-1811 in gerader Linie seine Reise fortsetzte, denn bis zum Jahre 3343
-wird er sich von der Sonne entfernen, um dann in demselben Marschtempo
-wieder zu ihr zurückzukehren. In den unermeßlichen Tiefen des
-Himmelsmeeres mag er dann wohl Welten begegnen, die uns unbekannt sind,
-einstigen Welten, deren Sonne erloschen und die in grausigem Schweigen
-ihre kosmischen Ruinen und die Gräber versunkener Kulturen durch den
-unendlichen Raum tragen.
-
-
-Fußnoten
-
-[8] Der himmlische Reisende, dessen Geschichte wir erzählen, ist in
-der Tat kein anderer als der Komet vom Jahre 1811. Die Wirkung, die
-das Auftauchen dieses herrlichen Gestirns am Abend des 26. März 1811
-überall hervorrief, war unbeschreiblich. Die fruchtbare Hitze des
-Sommers und die Güte des Weines in jenem merkwürdigen Jahr schrieb man
-dem Kometen zu. Alle Zeitungen brachten Artikel über ihn, in allen
-Sprachen unterhielt man sich von ihm und alle möglichen Erklärungen
-über seine Natur wurden gegeben. Einige schmeichelten ihm, während
-andere ihn fürchteten. Diese sahen in ihm die Verwirklichung einer
-uralten Prophezeiung, während jene in ihm ein Gnadenzeichen erblicken
-wollten, mit dem der Himmel die Geburt des Königs von Rom feierte. Auf
-ein Fensterkreuz der Tuilerien gestützt, fragte Napoleon seinen Onkel,
-den Kardinal Fesch, was er von dem wunderbaren Gestirn halte. Ganz
-Paris sah zu dem Kometen auf, und der Sommer verging nicht, ohne daß
-man unter anderem »Kometen-Krawatten« und »Kometen-Hüte« verfertigt
-hätte. Sogar einer Sauce verlieh man seinen Namen. So viel Aufsehen
-rief er hervor, daß alle, die jene Zeit erlebt hatten, sich ihrer bis
-in ihr spätes Alter erinnerten.
-
-[9] Die Edinburgh Review von 1836 schreibt: »Der Halleysche Komet
-erschien selbst in den Nächten, in denen er sich am deutlichsten
-zeigte, bleich und verschwommen, er rief mehr Neugier als Bewunderung
-hervor. Wir haben ihn durch das Fernrohr beobachtet und können den
-traurigen Eindruck nicht schildern, den sein melancholisches Licht
-erweckt. Je mehr man sich mit einem derartigen Objekt befaßt, desto
-weniger kann man über seine Natur ins reine kommen. Ein bläuliches,
-unklares Licht, das zur Hälfte durch eine große Wolkenhülle verfinstert
-wird, das ist der Anblick, der sich dem Auge bietet. Die Beschaffenheit
-dieses Lichtes ist uns unbekannt. Es ähnelt weder dem Lichte der Sonne
-noch dem des Begleiters der Erde, auch nicht dem der Sterne, ja nicht
-einmal dem des Nebels der Milchstraße. Nur wenn man Saturn durch ein
-starkes Vergrößerungsglas gesehen hat, kann man sich eine zutreffende
-Vorstellung von dem bleiernen Schimmer machen, den dieser Komet warf.«
-John Herschel.
-
-
-
-
-Nachschrift.
-
-
-Wenn im Jahre 1910 der Komet von 1835 wieder erscheint, wird er uns
-vielleicht nur um fünfundsiebzig Jahre älter finden. Was will das
-heißen? Aber wen oder was wird sein ehrwürdiger Kollege auf der Erde
-vorfinden, wenn er ihr im Jahre 4876 wiederum einen Besuch abstatten
-wird? Vielleicht wird dann auch Frankreichs glänzende Hauptstadt
-dahingeschwunden sein, wie es heute die großen Städte sind, die der
-Komet bei seiner letzten Annäherung an die Erde sah: Troja, Ninive,
-Theben und hundert andere, deren Namen mit ihren Ruinen nicht auf uns
-gekommen sind. Möglich, daß tiefste Einsamkeit dort lagert, wo einst
-Frankreich war, und daß sich Trauerweiden über dem Flusse schaukeln,
-der einst die Seine hieß. Wird der Komet Frankreich mit Paris, England
-mit London, Italien mit Rom nochmals zu sehen bekommen? Dieser Komet
-mit seiner langen Umlaufszeit, der bis jetzt weder dieselbe Stadt noch
-dasselbe Volk zum zweitenmal geschaut hat! Wenn in etwa fünfzigtausend
-Jahren wir -- oder irgendwelche andere -- diese Erzählung fortsetzen
-wollten, wird dann auch immer von neuen Dingen, die das Frühere
-verdrängt haben, berichtet werden müssen und wird die Geschichte der
-Erde jemals eine andere sein als die Geschichte von Umwälzungen und
-Neueinrichtungen, die nicht von Dauer sind?
-
-Die Kometen besitzen zwar nicht die Gabe der Weissagung. Da jedoch
-der Verfasser dieser Schrift das Glück hat, einige Kometen zu seinen
-Freunden zu zählen, und da er in dem heißen Sommer des Jahres 1811 noch
-zu klein war, um sich selbst an den großen und stolzen Kometen jenes
-Jahres wenden zu können, so erlaubte er sich erst ganz vor kurzem einen
-blondgeschweiften Boten an den erhabenen Reisenden mit der Bitte zu
-schicken, daß er ihm doch ganz im Vertrauen sagen lassen möchte, wie er
-die Erde bei seinem nächsten Besuche zu finden hoffe. Und der Autor hat
-das große Vergnügen, diese wahrhafte Geschichte mit einem angenehmen
-Bescheid abschließen zu können. Der große Komet hat sich zwar nicht
-ganz deutlich ausgedrückt -- man muß das zugestehen -- aber es ist
-dies auch wieder ein Beweis für die hohe Stellung, die er einnimmt,
-und ein Zeichen für seine große Klugheit. Er hat dem kleinen Kometen
-also gesagt, er solle mit einem freudigen Gesicht zu dem sonderbaren
-Astronomen, der ihn ausgesandt, zurückkehren. »Denn«, fügte er hinzu --
-und das sind seine eigenen Worte --, »sage ihm, mein lieber Kleiner,
-daß die Menschheit, die sich selbst schon so alt vorkommt, sich noch
-in ihrer frühen Kindheit befindet. Sie hat noch ihre Kinderkrankheiten
-durchzumachen. Aber nur nicht die Hoffnung verlieren! Ich möchte sogar
-meinen Schweif wetten, daß es keine hunderttausend Jahre mehr dauern
-wird, bis die Menschheit nicht nur zur Reife der Vernunft gelangt sein
-wird, sondern auch unentgeltlichen und obligatorischen Unterricht,
-allgemeines Stimmrecht, unabhängige republikanische Staatsverfassung,
-Befreiung der Geister von jedem Druck, und schließlich Abschaffung
-der stehenden Heere und endgültige Beseitigung der gegenseitigen
-Abschlachtungen errungen haben wird.«
-
-Das waren seine letzten Worte, die letzten Worte jenes wandernden
-Gestirnes, das es wohl versteht, von seinem erhabenen Standpunkte aus
-die Geschichte des irdischen Planeten und seiner menschlichen Bewohner
-zu beurteilen. Man kann daraus entnehmen, daß wir schließlich in dem
-ungeheuren Weltall zwar nur ein winziges Körnchen sind, daß wir aber
-dennoch, wenn wir nur unsere Fähigkeiten richtig anzuwenden verstehen,
-uns einen Wert erringen können, der uns über die Materie erhebt:
-_Geistige_ Wesen zu werden, das muß, wie ja auch der Komet meinte, das
-Endziel aller unserer Mühen sein.
-
-
- Ende.
-
-
-
-
-Flammarion, Komet und Erde.
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Einleitung 3
-
- Erstes Kapitel. Erste Begegnung des Kometen mit der Erde 5
-
- Zweites Kapitel. Umwälzungen auf der Erde 19
-
- Drittes Kapitel. Morgenröte der Erde 35
-
- Viertes Kapitel. Die vorpariserischen Pariser 50
-
- Fünftes Kapitel. Im Orient 62
-
- Sechstes Kapitel. Von der Sintflut bis zum Jahre 1811 74
-
- Nachschrift 91
-
-
-
-
-Naturwissenschaftliche Werke aus
-
-Philipp Reclams Universal-Bibliothek.
-
-Jede Nummer ist für 20 Pf. durch alle Buchhandlungen zu beziehen
-
-
-Bücher der Naturwissenschaft
-
-herausgegeben von Prof. ~Dr.~ Siegmund Günther
-
- 1. Band. =Grundriß der Naturphilosophie.= Von Prof. ~Dr.~
- Wilhelm Ostwald. 2. Aufl. Mit dem Bildnis des Verfassers. Nr.
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-
- 2. Band. =Geschichte der Naturwissenschaften.= Von Prof. ~Dr.~
- Siegm. Günther. =I. Teil.= 2. Aufl. Mit dem Bildnis des
- Verf., 2 farbigen u. 4 schwarzen Tafeln. Nr. 5069/70.
-
- 3. Band. =Geschichte der Naturwissenschaften.= Von Prof. ~Dr.~
- Siegm. Günther. =II. Teil.= 2. Auflage. Mit 2 farbigen und 8
- schwarzen Tafeln. Nr. 5071--74. Beide Teile zusammen in einem
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- Radioaktivität.= Von ~Dr.~ G. Bugge. 3. Aufl. Mit 4 Tafeln
- und 20 Zeichnungen im Text. Nr. 5151/52. In Leinen 80 Pf. In
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- Aufl. Mit 1 Porträt, 4 bunten Tafeln u. 75 Zeichnungen
- im Text. Nr. 5188--90. In Leinen M. 1.--. In Leder- oder
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- schwarzen Tafeln und 24 Zeichnungen im Text. 2. Auflage. Nr.
- 5228--30. In Leinen M. 1.--. In Leder- od. Hlbpgtbd. M. 2.--.
-
- 7. Band. =Die Abstammungslehre.= Von Prof. ~Dr.~ Kurt Lampert.
- Mit dem Bildnis des Verfassers, 4 farbigen, 7 schwarzen
- Tafeln und 9 Abbildungen im Text. Nr. 5241--43. In Leinen M.
- 1.--. In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.--.
-
- 8. Band. =Die chemischen Grundstoffe.= Von ~Dr.~ Max Speter.
- Mit 4 farbigen, 6 schwarzen Tafeln, einer Atomgewichtstabelle
- u. 10 Figuren im Text. Nr. 5269/70. In Leinen 80 Pf. Zus.
- geb. mit Bd. 17 unter d. Titel _Stoff und Energie im Lichte
- der Chemie_ in Leder- od. Halbpgmtbd. M. 2.50.
-
- 9. Band. =Die Elektrizität.= Von Prof. Franz Adami. =I. Teil.=
- Mit 1 Porträt, 4 schwarzen Tafeln und 29 Textfiguren. 2.
- Aufl. Nr. 5298/99. Gebunden zus. mit Teil II, s. 14. Band.
-
- 10. Band. =Die Wärme.= Von Prof. ~Dr.~ Robert Geigel. Mit 4
- Tafeln und 32 Zeichnungen im Text. Nr. 5321--23. In Leinen M.
- 1.--. In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.--.
-
- 11. Band. =Chemie und Technik.= Von ~Dr.~ Günther Bugge. Mit 7
- Tafeln u. 14 Zeichnungen im Text. Nr. 5348--50. In Leinen M.
- 1.--. In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.--.
-
- 12. Band. =Das Klima.= Von ~Dr.~ Eugen Alt. Mit 3 farbigen
- Erdkarten und 4 Zeichnungen im Text. Nr. 5431/32. In Leinen
- 80 Pf. In Leder- oder Halbpergamentband M. 1.80.
-
- 13. Band. =Physik der Gestirne.= Von Prof. ~Dr.~ J. B.
- Messerschmitt. Mit 4 farbigen und 9 schwarzen Tafeln und 21
- Zeichnungen im Text. Nr. 5451--53. In Leinen M. 1.--. In
- Leder- oder Halbpergamentband M. 2.--.
-
- 14. Band. =Die Elektrizität.= Von Prof. Franz Adami. =II.
- Teil.= Mit 4 farbigen und 8 schwarzen Tafeln, 89 Zeichnungen
- im Text und einem Gesamtregister für Elektrizität I u. II.
- Nr. 5478--80. Teil I u. II zusammen in einem Leinenband M.
- 1.50. In einem Leder- oder Halbpergamentband M. 2.70.
-
- 15. Band. =Vom Keim zum Leben.= Von Prof. ~Dr.~ Kurt Lampert.
- Mit 4 bunten und 8 schwarzen Tafeln und 13 Abbildungen
- im Text. Nr. 5501--3. In Leinen M. 1.--. In Leder- oder
- Halbpergamentband M. 2.--.
-
- 16. Band. =Schnee und Eis der Erde.= Von Prof. ~Dr.~ H.
- Wieleitner. Mit 16 Tafeln und 26 Abbildungen im Text. Nr.
- 5521--23. In Leinen M. 1.--. In Leder- od. Hlbpgtbd. M. 2.--.
-
- 17. Band. =Die chemische Verwandtschaft und ihre Beziehungen
- zu den übrigen Energieformen.= Von ~Dr.~ Max Speter. Mit 4
- Porträttafeln und 6 Abbildungen im Text. Nr. 5571/72. In
- Leinen 80 Pf. Zusammen gebunden mit Band 8 unter dem Titel
- _Stoff und Energie im Lichte der Chemie_ in Leder- oder
- Hlbpgtbd. M. 2.50.
-
- 18. Band. =Der Wirbeltierkörper.= Eine vergleichende Anatomie
- von ~Dr.~ Fr. Hempelmann. =I. Teil.= Mit 2 bunten und 2
- einfarbigen Tafeln und 62 Abbildungen im Text. Nr. 5609/10.
- Mit Teil II zus. in einem Leinenband M. 1.50. In einem Leder-
- oder Halbpergamentband M. 2.70.
-
- 19. Band. =Der Wirbeltierkörper.= Eine vergleichende Anatomie
- von ~Dr.~ Fr. Hempelmann. =II. Teil.= Mit 2 bunten und 2
- einfarbigen Tafeln und 71 Abbildungen im Text und einem
- Gesamtregister für Der Wirbeltierkörper I u. II. Nr.
- 5611--13. Mit Teil I zus. in einem Leinenband M. 1.50. In
- einem Leder- oder Halbpergamentband M. 2.70.
-
- 20. Band. =Meereskunde.= Von Prof ~Dr.~ Adolf Pahde. Mit 3
- farbigen Kartenbeilagen, 7 schwarzen Tafeln, 1 Porträtbeilage
- und 13 Abbildungen im Text. Nr. 5632--34. In Leinen M 1.--.
- In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.--.
-
- 21. Band. =Die Welt der Kolloide.= Von ~Dr.~ Heinr. Leiser. Mit
- 7 Tafeln und 15 Abbildungen im Text. Nr. 5651/52. In Leinen
- 80 Pf. In Leder- oder Halbpergamentband M. 1.80.
-
- 22. Band. =Der Säugetierorganismus und seine Leistungen.= Von
- Prof. ~Dr.~ Ernst Th. v. Brücke. =I. Teil.= Mit 4 bunten und
- 3 einfarbigen Tafeln und 21 Zeichnungen im Text. Nr. 5678--80.
-
- 23. Band. =Der Säugetierorganismus und seine Leistungen.= Von
- Prof. ~Dr.~ Ernst Th. v. Brücke. =II. Teil.= Mit 3 Tafeln
- und 28 Zeichnungen im Text und einem Gesamtregister für
- Der Säugetierorganismus und seine Leistungen I und II. Nr.
- 5681--83. Mit Teil I zus. in einem Leinenbd. M. 1.75. In
- einem Leder- od. Hlbpgtbd. M. 3.--.
-
- 24. Band. =Das Süßwasser der Erde.= Von Prof. ~Dr.~ W. Halbfaß.
- Mit einem Porträt, 14 Tafeln und 13 Abbildungen im Text. Nr.
- 5708--10. In Leinen M. 1.--. In Leder- oder Halbpergamentband
- M. 2.--.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- vordere Werbeseite wurde ans Buchende verschoben. Die Fußnoten
- wurden jeweils ans Kapitelende verschoben.
-
- Korrekturen:
-
- S. 90: erst im → bis zum
- {bis zum} Jahre 3343 wird er sich von der Sonne entfernen
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Komet und Erde, by Camille Flammarion
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KOMET UND ERDE ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Komet und Erde. Eine astronomische Erzählung, by Camille Flammarion.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Komet und Erde, by Camille Flammarion
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Komet und Erde
- Eine astronomische Erzählung
-
-Author: Camille Flammarion
-
-Translator: J. Cassirer
-
-Release Date: December 15, 2019 [EBook #60930]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KOMET UND ERDE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Komet und Erde.</h1>
-
-<p class="center">Eine astronomische Erzählung</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="h2">Camille Flammarion.</p>
-
-<p class="center">Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="center larger">J. Cassirer.</p>
-
-<p class="center p2"><b>Leipzig</b></p>
-
-<p class="center">Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_3">[3]</a></span></p>
-
-<h2 id="Einleitung">Einleitung.</h2>
-</div>
-
-<p>Was wir hier erzählen wollen, ist kein Phantasiegebilde,
-das aus den Gefilden einer oft nur zu schöpferischen Einbildung
-hervorgegangen ist; vielmehr haben eingehende Studien
-das Material hierzu geliefert, und auf wissenschaftlichem
-Boden ist unser Bericht gewachsen.</p>
-
-<p>Der Komet, den wir hier vorführen wollen und der
-uns die Grundlagen zu unserer Erzählung bieten soll, ist
-keine Mythe; er existiert, und Millionen von Menschen haben
-ihn über ihrem Haupte leuchten sehen, wie das Ende unserer
-Erzählung beweisen wird.</p>
-
-<p>Die Daten seiner früheren Erscheinungen sind nicht willkürlich
-angenommen, sondern nach elliptischen Elementen
-berechnet worden; man kann den Berechnungen getrost
-Glauben schenken, denn diese Elemente sind den Astronomen
-wohlbekannt, und die bei ihnen überhaupt mögliche Fehlergrenze
-beträgt nicht mehr als ein Hundertstel.<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">1</a></p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_4">[4]</a></span></p>
-<p>Auch in der Beschreibung der Gebiete, die unser kühner
-Reisender besucht, sind wir nicht planlos vorgegangen, sie
-beruht vielmehr zum Teil auf direkten Beobachtungen, zum
-Teil auf wissenschaftlichen Folgerungen.</p>
-
-<p>Keine der erwähnten Erscheinungen, auch nicht die kleinste
-ausgenommen, ist erfunden. Nicht in das Blaue hinein
-haben wir unser Wort ergehen lassen, sondern es ist stets
-im Dienste der Wissenschaft und ihrer erhabenen Herrin,
-der Wahrheit, geblieben.</p>
-
-<p>Aus solch festem Faden ist der Stoff gewebt, den wir
-jetzt das Vergnügen haben, vor unseren geneigten Lesern
-aufzurollen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<h3>Fußnoten</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">1</span></a> Astronomisch gebildete Leser werden sofort wissen, um welchen
-Kometen es sich handelt, wenn wir ihnen nachstehende Elemente nennen:
-</p>
-<ul class="index">
-<li>Τ = 1811, Septbr. 12. 26</li>
-<li>π = 75° 1´ 0´´</li>
-<li>Ω = 140° 25´ 1´´</li>
-<li><em class="antiqua">i</em> = 73° 2´ 43´´</li>
-<li><em class="antiqua">q</em> = 1.03542.</li>
-</ul>
-<p>
-Als beinahe überflüssig könnten wir noch hinzufügen, daß die Entfernung
-des Kometen im Aphelium 421.02, seine halbe große Achse 208,
-seine Exzentrizität 0.9951 beträgt und daß seine Bewegung rückläufig ist.</p></div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Erstes_Kapitel"><span class="h2meta">Erstes Kapitel.</span><br />
-Erste Begegnung des Kometen mit der Erde.</h2>
-</div>
-
-<p>Es mag im Jahre Sechshundertelftausendundneunundachtzig
-vor Christi Geburt gewesen sein, als der
-große Komet, der von den Bewohnern des Saturn
-schon fast seit hundertundvierzigtausend Jahren beobachtet
-worden war, einen winzigen Planeten entdeckte,
-der gegen achthundertmal kleiner war als der,
-den wir soeben genannt haben. Der neue Planet
-machte einen recht armseligen Eindruck: eine kleine
-Kugel, die sich ziemlich unbeholfen um sich selbst drehte,
-und die in dicke Rauchwolken eingehüllt war, welche
-von furchtbaren geologischen und atmosphärischen Umwälzungen,
-die sich in ihrem Inneren vollzogen, Kunde
-gaben. Für Menschen war sie gänzlich unbewohnbar.</p>
-
-<p>Der Komet, dessen Schweif nicht weniger als vierzig
-Millionen Meilen Länge besaß, dessen noch nicht fester
-Kern fünftausendvierhundert Meilen im Durchmesser
-maß und dessen Strahlen sich auf vierhundertsechsundachtzigtausend
-Meilen Ausdehnung in der Breite erstreckten
-&ndash; heutzutage sind seine Dimensionen nur halb
-so groß, als sie damals waren&nbsp;&ndash;, der Komet, der
-sich bisher höchstens mit den Monden des Jupiter,
-Saturn, Uranus und Neptun befaßt hatte und der
-immer nur unter der vornehmsten Gesellschaft des
-Firmaments umhergestreift war, sah sich beim Anblick
-unseres kleinen irdischen Gestirns seltsam und fast unangenehm
-überrascht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>Wenn sich auch unser Held der unendlichen Mannigfaltigkeit
-der Schöpfung bewußt war, so hatte er sich
-doch niemals vorstellen können, daß es auch solch kleine
-Weltkörper geben könnte. Er mußte unsere Erde
-mehrmals ansehen, bevor er seinen Augen glauben
-wollte, und erst, als er sich überzeugt hatte, daß jede
-Täuschung ausgeschlossen sei, ließ er sich herab, von
-dem Dasein der neuen Weltkugel Kenntnis zu nehmen.
-Die niedrige Stellung, die diese unter den Gestirnen
-des Himmels einnahm, erschien in den Augen des
-Kometen noch geringer. Indem er sich in seine kometarische
-Majestät hüllte, flog er stolz an dem kleinen
-neuen Sprößling der Schöpfung vorüber, wobei er
-den Kopf abwandte. Seinen strahlenden Schweif aufrichtend,
-nahm er dann seinen alten Weg wieder auf,
-um stolz seinen glänzenden Flug durch die Tiefen des
-Weltalls fortzusetzen.</p>
-
-<p>So gehen &ndash; leider nur zu oft in der Welt &ndash; die
-Großen an den Kleinen, die Mächtigen an den Schwachen
-vorüber. In ihrem Hochmut erkennen sie den Wert
-des Kleinen nicht und ihre Verblendung macht sie ungerecht.
-Als ob Geschöpfe, denen Schönheit und Anmut
-abgeht, nicht auch Kinder derselben Natur wie
-sie und Glieder derselben großen Familie wären!</p>
-
-<p>Man muß indessen zugeben, daß unsere Erde für
-diejenigen, die sich über ihre Bedeutung in keiner Täuschung
-befinden, wie wir, eine recht kleine Welt ist.
-Unser Patriotismus für unsere »Mutter Erde«, so
-berechtigt er auch an sich sein mag, läßt sie uns größer
-und bedeutender erscheinen, als sie es in der Tat ist,
-und die Wanderer, die den Himmelsraum durchfliegen,
-mögen es durchaus nicht begreifen können, daß wir
-davon so viel Wesens machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Der Komet, einer der schönsten, wenn nicht überhaupt
-der schönste unseres gesamten Sonnensystems,
-kommt nicht näher an die Sonne als die Erde
-heran: Zwanzig Millionen Meilen. In seiner Bahn
-beschreibt er eine Ellipse, und sobald er in die
-Gegend kommt, in der wir uns befinden, kehrt er in
-einem großen Halbkreise wieder um. Mit einer
-Schnelligkeit von vierhundert Meilen in der Minute
-eilt der himmlische Wanderer zu den Grenzen des
-Sonnensystems und kreuzt dabei die Bahnen sämtlicher
-darin kreisender Welten. Als ob es ihm leid tue, sich
-von der Sonne mit ihrer leuchtenden Krone entfernen
-zu müssen, verlangsamt er seinen Flug, je weiter er sich
-von ihr entfernt. Bis auf acht Milliarden dreihundertundsiebzehn
-Millionen Meilen Entfernung von der
-Sonne führt ihn seine Wanderung; soviel beträgt sein
-Aphelium, seine Sonnenferne. In diesen unfaßbaren
-Tiefen des Weltenraumes hat sich seine Schnelligkeit
-sehr verringert, und sie ist nicht mehr größer als die des
-Windes, das heißt, einige Meter in der Sekunde. Seine
-Kurve schließt sich jetzt von neuem, und er kehrt zu
-dem leuchtenden Tagesgestirn zurück, dessen Scheibe
-in dieser ungeheuren Entfernung allmählich so an
-Größe abgenommen hat, daß sie nur noch als ein
-kleiner Stern zu erkennen ist. Aus dieser erschreckenden
-Entfernung noch ruft ihn die Sonne, und der
-Komet hört ihre Stimme. Er wendet sich um und
-von seinen Polhöhen aus stürzt er sich auf die Sonnenbahn,
-wobei er es sorgfältig vermeidet, zu nahe an
-Jupiter und Saturn heranzukommen. Seine Schnelligkeit
-vergrößert sich zusehends, sie wächst und wird ungeheuer,
-heiß und gewaltig wie das Verlangen, und
-von neuem fliegt er der Sonne zu, die auf alle<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-Planeten solch wunderbare Anziehung ausübt. Nach
-einer Reise von fünfzehnhundert Jahren erreicht er wieder
-sein Perihelium, seine Sonnennähe. Sein leuchtender
-Schweif, der immer blasser geworden war, je weiter sich
-der Komet von der Sonne entfernte, und der schließlich
-vollständig verschwunden war, kommt wieder zum Vorschein
-und wächst in dem Maße, in dem sich der Komet
-dem Mittelpunkt der Sphäre nähert. Seine Gestalt
-nimmt an Umfang zu, ebenso sein Schweif an Pracht
-und Glanz. Es ist gleichsam so, als ob ein hoher
-irdischer Würdenträger vor seinen Herrscher treten soll
-und zu diesem Behufe seine mit Gold und Edelsteinen
-reich geschmückten Festkleider anlegt. Der Komet hat
-das Gebiet der Königin des Lichtes betreten, und
-vor den erstaunten Augen entfaltet er majestätisch die
-Reize seiner Schönheit und seiner prächtigen Gewandung.</p>
-
-<p>Als im Jahre Sechshundertachttausend&shy;einhundertvierundzwanzig
-vor Christi Geburt das leuchtende
-Gestirn auf seiner Wanderung wiederum in die Gegend
-kam, in der sich unsere Erde bewegt, wurde seine Aufmerksamkeit
-von neuem auf diesen kleinen meergrünen
-Ball gelenkt, und es gewann es nicht mehr über sich,
-ihn unbeachtet zu lassen. Große Personen interessieren
-sich ja oft für Kinder, und auch der Komet hielt es nicht
-unter seiner Würde, Beobachtungen über die Erde
-anzustellen; er wollte gern wissen, bis zu welchem
-Grade sich auf solch unscheinbarer Kugel wohl das
-Leben entwickeln könnte.</p>
-
-<p>Es traf sich insofern recht gut, als gerade damals
-der Komet ein volles Jahr lang in Sicht der Erde
-blieb und eine vorteilhafte Stellung für ihre Beobachtung
-einnahm; aber dies vermochte ihn doch nicht<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
-von der entgegengesetzten Richtung seines Umlaufs
-abwendig zu machen, die ihn wieder fortführte.</p>
-
-<p>Anstatt wie alle Planeten und fast alle Begleitsterne
-unseres Sonnensystems sich von Osten nach
-Westen zu bewegen, bewegt sich unser Komet von Westen
-nach Osten, also gerade entgegengesetzt. Diese konträre
-Bewegung machte die Beobachtung zwar schwieriger,
-aber gerade dadurch wurde sein Forschungseifer noch
-mehr angespornt, und während der zwölf Monate,
-während deren die Erde in seinem Gesichtsfelde blieb,
-ließ er keinen Tag und keine Nacht unbenutzt für seine
-Beobachtungen vorübergehen.</p>
-
-<p>Was er bereits vorher geahnt hatte, fand er jetzt
-bestätigt, nämlich, daß dieser kleine Sproß von einer
-Welt für vernunftbegabte Wesen noch unbewohnbar
-war. Langsam drehte sich der Weltkörper um sich
-selbst; der Wechsel von Tag und Nacht brachte auf
-ihm keine Wirkung hervor, denn die ungeheure Hitze,
-die er aus seinem Innern ausstrahlte, war um vieles
-größer als die, die er von der Sonne empfing. Übrigens
-würden auch die Nebel, die Gase und die Rauchwolken,
-die ihn einhüllten, den Sonnenstrahlen gar
-keinen Zutritt gewährt haben. Je mehr sich der Komet
-der irdischen Welt näherte, desto größere Mühe gab
-er sich, die Beschaffenheit ihrer Oberfläche zu erkennen;
-aber da er eine solch armselige Welt noch nie gesehen
-hatte und sich darüber nicht klar zu werden vermochte,
-welchem Zwecke ein solch dürftig ausgestatteter
-Planet wohl dienen könnte, wartete er, bis ein lichter
-Punkt in der Atmosphäre den Sonnenstrahlen erlauben
-würde, hindurchzudringen, um den Schauplatz einigermaßen
-zu beleuchten. Das traf endlich zur Zeit der
-Sonnenwende ein. War es aber die Winter- oder die<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-Sommersonnenwende? Die Geschichte berichtet hierüber
-um so weniger, als es in jenen entlegenen Zeiträumen
-noch keine Jahreszeiten auf der Erde gab,
-und als es infolge der großen Eigenhitze der Erde sozusagen
-im tiefsten Winter ebenso heiß war wie im vollsten
-Sommer. Gleichviel an welchem Tage es gewesen
-sein mag, der Komet mußte vor Erstaunen fast aufschreien,
-als er endlich die Oberfläche der Erde deutlich
-unterscheiden konnte.</p>
-
-<p>»Eine Welt von Muscheln!« rief er.</p>
-
-<p>Er hatte sich nicht getäuscht. Die Erde befand
-sich damals in dem Stadium ihrer Entwicklung, das
-man als Sekundärzeit bezeichnet; die Triasformen
-bildeten sich, und es war die Zeit der Muschelkalkformation.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Einige Millionen Jahre vorher hatte sich die Erde,
-die damals eine noch ganz flüssige Kugel war, allmählich
-abgekühlt, und große Wasserbäche waren auf sie
-herniedergestürzt; der Rauch, die Gase, die Wolken,
-die von der Erde aufstiegen, gingen die verschiedenartigsten
-Verbindungen miteinander ein und hinterließen
-ihre Spuren auf der noch glühenden und unfesten
-Kugel. Gewaltige Umwälzungen erschütterten die
-in stetem Aufruhr befindlichen Fundamente der neugeschaffenen
-Welt, und furchtbares Toben und Brausen
-ließen das aufgeregte feurige Erdinnere nicht zur
-Ruhe kommen. Der Gewalt des in unausgesetzter
-Tätigkeit befindlichen Feuerherdes fiel die ganze Erdkugel
-zum Opfer. In diesem riesigen Laboratorium
-hat die Natur die chemischen Gemische vorbereitet,
-aus denen die feuerspeienden Berge, die
-Lava-Eruptionen, die aus der Erde aufsteigenden
-heißen Quellen usw. hervorgegangen sind. In derselben Weise,<span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span>
-wie man im Schmelztiegel auf geschmolzenem
-Blei, das im Begriff ist, zu erkalten, sich ein
-Häutchen bilden sieht, bildete sich um den Erdball
-eine Kruste, und die beständigen Zuckungen ließen
-allmählich nach.</p>
-
-<p>Auf diese Entwicklungsperiode &ndash; die Primärzeit &ndash;
-während der es auf der Erde noch kein lebendes Wesen,
-weder Tier noch Pflanze, gab, folgte eine Übergangszeit,
-die so weit zurück liegt und so ungeheuer lange
-dauerte, daß kein menschlicher Geist sich von ihr eine
-Vorstellung machen kann. In dieser Periode war
-es, daß sich die ersten Keime zur Bildung lebender
-Wesen gestalteten, und unter unablässigen Wallungen
-und Änderungen der immer noch nicht erstarrten Erdoberfläche
-erschienen die ersten Pflanzen: Algen und
-Seetang, und auch auf dem Grunde des Meeres zeigten
-sich die ersten lebenden Gebilde: Korallen und
-Polypen.</p>
-
-<p>Noch später überzogen sich die Sümpfe der Urzeit
-mit einer endlosen Pflanzendecke, und mit ihr hatte
-das Reich der Pflanzen seine glänzende und prächtige
-Herrschaft angetreten. Als erster Regent des Erdballs
-entfaltete es all seine Reichtümer und Schätze, und
-die Erde sah keine Zeit mehr wiederkehren, in der sie
-eine solche Fülle pflanzlicher Formen und Gestalten
-bevölkerte. Es waren Pflanzen von höchst einfachem
-Bau und kunstlosen Formen, solche, die weder Blüten
-noch Früchte trugen, aber von gewaltiger Stärke
-und kolossaler Höhe waren. Mit ihrem Grün überdeckten
-sie jede Lagune, jede Bank, jede Landzunge,
-auf welche das weite Meer nicht seine Herrschaft
-ausgedehnt hatte. Die Erde sah aus wie ein einziger
-Ozean, der mit grünen Inseln durchsetzt war.<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
-Baumartige Farne, Kalamiten, Sigillarien und zahlreiche
-andere Arten stritten sich um den Vorrang auf
-den Inseln. Aus jener Epoche rührt die Bildung
-unserer Steinkohlen her, mit der wir heute unsere
-Zimmer heizen, jener ungeheuren, in längst entschwundenen
-Zeiten abgelagerten Pflanzenschichten, die wir
-jetzt ans Tageslicht bringen. Ihre Bildung geschah
-etwa eine Million Jahre vor der Zeit, in der unsere
-Geschichte anfängt. Von da an hat sich die Entwicklung
-des irdischen Lebens fort und fort vervollkommnet,
-und niemand vermag zu sagen, ob es schon seinen
-Gipfel erreicht hat.</p>
-
-<p>Als sich der Komet der Erde näherte, hatte er nur
-Muscheln wahrnehmen können. Trotzdem die schaffende
-Welt es an gutem Willen nicht hatte fehlen lassen,
-war es ihm doch nicht möglich gewesen, etwas anderes
-zu erkennen. Das Meer nahm noch die gesamte Oberfläche
-der Erde ein, wie es ja heutzutage noch drei
-Viertel von ihr bedeckt. Damals gab es noch kein
-Festland, sondern nur Inseln und Sümpfe. König
-der Schöpfung war damals eine Art Seeschnecke, ein
-Kopffüßler, ein ganz harmloses Tier.</p>
-
-<p>Dieses unschuldige Geschöpf, das wohl kaum ahnen
-mochte, daß es eines Tages nach Jupiter Ammon
-getauft werden würde, herrschte also als unumschränkter
-Souverän im Königreich des Neptun: »Der Dreizack
-des Neptun ist das Zepter der Welt«, sagt Lemierre.
-Kein Engländer könnte dieses Zepter mit größerem
-Rechte in Anspruch nehmen, als diese kleinen Tiere,
-von denen wir sprechen. Wie heutzutage jene Molluskenart,
-die unter dem Namen »Nautilus« bekannt ist,
-sah man sie in ihrem weißen oder vielfarbigen Nachen
-auf der Oberfläche des Meeres dahintreiben; große<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-und kleine, in allen Gestalten; ganze Flotten von ihnen
-schwammen auf den Wassern, ihrer Beute nachstellend.
-Man sah sie rasch und zierlich dahinschießen, sich
-kreuzen, sich ausweichen, sich überholen, ganz so, als
-ob sie eine Regatta aufführten. »Man« sah sie; dieses
-»man« bedeutet den Kometen, denn außer ihm
-gab es keinen Zuschauer, der sich an diesem urweltlichen
-Schauspiel hätte ergötzen können. Überall Einsamkeit
-und Schweigen&nbsp;…</p>
-
-<p>Unser Komet, der nicht wenig überrascht war, nur
-Muscheln zu sehen, Muscheln im Meer, Muscheln auf
-der Erde und überall nur Muscheln, erging sich in
-Mutmaßungen, wozu denn überhaupt die Erde eigentlich
-geschaffen sein mochte. »Es ist und bleibt ein
-großes Geheimnis,« sagte er sich, »daß man für derartige
-Wesen eigens eine Welt geformt hat.« Er
-versuchte sich vorzustellen, über welche geistige Kraft
-diese Geschöpfe wohl verfügen mochten, wie weit ihre
-Fähigkeiten gingen, ob sie wohl denken konnten usw.
-Trotz der Geringfügigkeit und Unansehnlichkeit des
-Erdballs konnte sich sein Geist doch nicht zu dem
-Glauben aufschwingen, daß dieser kleine Weltkörper
-nur dazu geschaffen sein sollte, um Mollusken zur
-Wohnung zu dienen. Er sah sich die verschiedenen
-Lebewesen genauer an, und es fielen ihm die Geselligkeit
-der Miesmuscheln und die Geschicklichkeit der
-Schildkröten, deren erste Exemplare gerade zum Leben
-erwachten, wohl auf. Er ließ die verschiedenen Arten
-der Mollusken: die Kopffüßler, die Bauchfüßler, die
-Blattkiemer, und wie sie alle heißen mögen, vor seinen
-Augen vorbeimarschieren; auch die Rankenfüßler
-(<em class="antiqua">Cirripediae</em>), die weder Kopf noch Füße noch Arme
-haben, übersah er nicht. Aber in dieser ganzen Gesellschaft<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span>
-fand er niemand, dem er die heilige Gabe der
-Vernunft zutrauen konnte.</p>
-
-<p>Seiner fruchtlosen Nachforschungen müde geworden,
-kehrte der Komet um, und ebenso wie in unendlich
-späterer Zukunft der ewige Jude, so dachte er, während
-er weiterging, und er ging weiter, während er dachte,
-bis plötzlich ein furchtbarer Schrei die Luft erzittern
-machte. »O,« rief der Komet aus, »da ist er wahrscheinlich,
-der König der neuen Welt. Ich danke dem
-Himmel dafür, daß er mich ihn noch vor meiner Abreise
-hat sehen lassen.« Er wandte sich um, und in
-der Tat &ndash; er war da!</p>
-
-<p>Ein mißgestaltetes Ungeheuer von schwärzlicher
-Farbe, kolossalem Bau, höckrichter Haut, mit einem
-sehr langen Krokodilsrachen, der am Halse eines Nilpferdes
-befestigt zu sein schien, ein Ungetüm, dessen
-Vorderbeine anscheinend verkürzt waren, während
-seine Hinterbeine ebenso lang wie die eines Kamels
-waren, schleppte sich unbeholfen zu dem Rande eines
-Sumpfes hin.</p>
-
-<p>»Schön ist er zwar nicht,« sagte der Komet zu
-sich, »aber Schönheit ist ja nur Geschmackssache, ein
-bedingter Begriff, der nichts Absolutes an sich hat.
-Das also soll der Herr der Erde sein &ndash; im Reiche
-der Blinden ist ja der Einäugige König &ndash; und die
-Ammoniten sind dann die Fürstinnen des Meeres.
-Er scheint im allgemeinen auf dem Lande zu leben
-und auf gute Sitten nicht viel Wert zu legen. Er
-ist einfältig, bescheiden und häßlich, mit einem Wort,
-für die Welt, in der er lebt, vollkommen passend.
-Gleichviel, ich hätte es mir niemals träumen lassen
-mögen, daß es auch solche Schöpfungen geben kann,
-aber es nutzt nichts, es noch weiter leugnen zu wollen.<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span>
-Das Labyrinthodon ist das einzige Tier, welches die
-Macht hat, auf dieser Welt das Zepter zu führen,
-also ist es auch ihr König. Das also ist das erste
-Auftreten der Majestät! Macht geht vor Recht!« Er
-erging sich in seinem Selbstgespräch noch des weiteren
-in Betrachtungen im Sinne etwa der Darwinschen Lehre
-von der geschlechtlichen Zuchtwahl, aus der folgert,
-daß der Beweisgrund des Stärkeren auch immer der
-bessere ist.</p>
-
-<p>Durch das Erscheinen dieses irdischen Ungeheuers
-war unser Komet doch einigermaßen aus seiner gewohnten
-Ruhe gebracht worden, und noch immer
-träumend setzte er seine Rückreise fort, die ihn bis
-an die Grenzen des Sonnensystems führte. Weder
-bemerkte er hierbei, mit welcher Schnelligkeit er selber
-dahinschoß, noch auch, wie rasch sich die Weltkörper,
-die er unterwegs traf, fortbewegten. Erst als er sich
-in der Nähe des Saturn befand, kam er wieder recht
-zum Bewußtsein.</p>
-
-<p>Die glänzende Pracht und der Reichtum einer
-Zivilisation, die Jahrhunderte voller Arbeit hervorgerufen
-hatten, umgaben dieses strahlende Gestirn.
-Auf ihm wohnten die Fruchtbarkeit und der Friede.
-Schon wenn man näher an diese Welt herankam,
-fühlte man, daß hier das Leben wogte. Es war schon
-unendlich lange her, daß der Saturn aus den Finsternissen
-des Chaos emporgestiegen war und allmählich
-sich immer mehr vervollkommnet hatte. Wie einige
-jener glücklichen Sterblichen, die es wohl verdienten,
-daß sie den Geist der Natur begriffen und in ihre
-erhabenen Geheimnisse eindrangen, gelehrt haben, steht
-die Entfernung der Planeten von der Sonne mit ihrem
-Alter in einem ursächlichen Zusammenhange. Die<span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span>
-entferntesten sind gleichzeitig die ältesten und die in
-ihrer Entwicklung am weitesten vorgeschrittenen.</p>
-
-<p>Neptun, der sechshundertundfünf Millionen Meilen
-von der Sonne entfernt ist, ist vor Milliarden von
-Jahrhunderten zuerst aus dem Sonnennebel hervorgegangen
-&ndash; Uranus, der sich in einer Entfernung von
-dreihundertsechsundachtzig Millionen Meilen um den
-gemeinsamen Mittelpunkt aller Planeten bewegt, zählt
-ein Alter von mehreren hundert Millionen von Jahrhunderten
-&ndash; Saturn, dessen Entfernung von der Sonne
-hundertzweiundneunzig Millionen Meilen beträgt, hat
-an seinem ehrwürdigen Haupte auch schon mehr als
-hundert Millionen von Jahrhunderten vorbeiziehen
-sehen &ndash; Jupiter, dessen ungeheure Masse in einer
-Entfernung von hundertundfünf Millionen Meilen
-um die Sonne ihre Bahnen zieht, ist siebzig Millionen
-von Jahrhunderten alt. Mars zählt tausend Millionen
-von Jahren; von der Sonne ist er dreißig und eine
-halbe Million Meilen entfernt. Unsere Erde wandert
-in einem Abstand von zwanzig Millionen Meilen
-um die Sonne und ist aus ihrem glühenden Schoß
-vor hundert Millionen Jahren hervorgegangen. &ndash;
-Erst fünfzig Millionen Jahre mögen es her sein, daß
-Venus sich von der Sonne getrennt hat; in einem
-Kreise von vierzehn und einer halben Million Meilen
-bewegt sie sich um die Sonne. Nur ein Alter von zehn
-Millionen Jahren zählt Merkur, dessen Entfernung
-von der Sonne gegen acht Millionen Meilen beträgt.
-Auch er hat in der Sonne seinen Ursprung genommen,
-dagegen ist der Mond ein Kind der Erde.</p>
-
-<p>Unser wanderndes Gestirn war bei allen diesen
-Schöpfungen zugegen gewesen, und besser als jeder
-andere kannte es die himmlische Genealogie, aber wie<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-es ja Personen von großem Wissen immer tun, suchte
-auch es stets, seine Kenntnisse zu vermehren, und sein
-ganzes Leben verbrachte es damit, Beobachtungen
-anzustellen. Saturn also, dessen Bahn der Komet
-jetzt entlang fuhr, befand sich in voller Blüte. Der
-Segen, den eine unter begünstigenden Umständen vorgenommene
-Arbeit gewährte, machte sich überall bemerkbar.
-Da sah man Binnenmeere, die mit zahlreichen
-Fahrzeugen bedeckt waren, die, in keiner Weise durch
-das flüssige Element behindert, rasch dahinfuhren; da
-gab es Häfen, in denen die Schätze aller Länder zur
-Schau gestellt waren. Kleinere Schiffe bevölkerten die
-Flüsse, und das Land war von einem engen Netz von
-Straßen durchzogen, auf denen hohe, prächtige Gefährte
-dahinrollten. In den blauen Lüften sah man eine
-ganze Flotte segeln, und hoch oben von Türmen stiegen
-weitere Luftschiffe empor, um ihren Weg nach den
-Gipfeln steil abfallender Berge zu nehmen. Hier hatte
-in der Tat der Geist die Materie überwunden, und
-das Reich der Saturnbewohner erstreckte sich von tief
-unten, vom Boden der Abgründe, bis hoch hinauf auf
-die Gipfel der Berge. Wie in einem unsichtbaren Gewebe
-vereinigten sich die Fäden dieses Organismus
-an einer einzigen Stelle. Betrachtete man diesen
-Weltkörper von seinen Polen aus, so bemerkte man
-ein ungeheuer großes System von Ringen, die über
-ihm in unermeßlicher Höhe ausgespannt waren, und
-bis zu denen doch die Luftschiffe emporstiegen. Außer
-der »inneren« Welt auf dem Saturn, wie wir sie
-nennen wollen, gab es noch eine andere, eine »äußere«
-Welt, die von der ersten vierundeinhalbtausend Meilen
-entfernt war und sich fünfundvierzigtausend Meilen
-weit erstreckte. Nur durch die Luft, die Atmosphäre,<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
-stand sie mit der »inneren« Welt in Verbindung. Jenseits
-dieser zweiten Welt, die einem Ringe gleich Saturn
-umschloß, konnte man noch acht andere Ringe erkennen,
-die Kreisen von orange oder grünlicher Farbe glichen
-und sich umeinander drehten. Der Geist und Scharfsinn
-der Saturnbewohner hatte diesen Weltkörper vollständig
-unter seine Herrschaft gebracht, und von seiner
-»inneren« Welt aus strahlte ihre Macht aus, um sich
-auf ihre »äußeren« Welten zu verbreiten.</p>
-
-<p>Wenn man, unter dem Schatten einer Palme gelagert,
-die üppige, in Farbenpracht erglühende Landschaft
-Afrikas betrachtet, mag es wohl vorkommen, daß
-man einschlummert und dann plötzlich aus einem düstern
-Traum aufschreckt, um sich inmitten der fruchtbarsten
-Landschaft zu sehen. Ganz ebenso erging es unserem
-Kometen, als er nach dem Abschied von der unansehnlichen
-Erde von Träumen umfangen, erst in der Nähe
-des prächtigen Saturn erwachte. Er verlangsamte
-seinen Weg und mit größerer Aufmerksamkeit als je
-vorher betrachtete er diese wunderbare Welt &ndash; die
-dadurch entstandene Verzögerung in seiner Umlaufszeit
-verzeichnen die Astronomen des Neptun als
-»saturnale Störung«&nbsp;&ndash;. Und als er an diesem großen
-und schönen Weltkörper vorbeifuhr, da glaubte er
-wirklich aus einem bösen Alpdrücken erwacht zu sein.</p>
-
-<p>Was war die Erde neben diesem prächtigen Stern?
-Die Erde! Eine winzige, unscheinbare Kugel, auf der
-das Leben sich gerade zu regen begann und sich in Formen
-kleidete, von denen zu reden kaum erfreulich war;
-eine chaotische Masse, deren verschiedene Elemente
-untereinander vermischt blieben, kurz &ndash; ein reines
-Nichts. Denn als der Komet sich umwandte, konnte
-er bei der ungeheuer großen Entfernung die Erde nur<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
-noch als einen schwarzen Fleck vor der Sonne erkennen.
-Das mag es auch entschuldigen, daß die Erde bei
-dem Kometen ins Vergessen geriet und daß ihm eine
-geringfügige Schöpfung, wie es unser Planet damals
-noch war, gleichgültig blieb.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Zweites_Kapitel"><span class="h2meta">Zweites Kapitel.</span><br />
-Umwälzungen auf der Erde.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Gleichgültigkeit, die der Komet der Erde gegenüber
-bewahrte, war so stark und andauernd, daß er
-dreiundzwanzigmal in seine Sonnennähe kam, ohne
-daß er es sich einfallen ließ, auch nur einen einzigen
-Blick auf den kleinen Erdball zu werfen. Und wäre
-nicht ein ganz merkwürdiges Ereignis eingetreten, das
-ihn ganz ohne seine Absicht zwang, der Erde ein wenig
-Aufmerksamkeit zuzuwenden, so würde er sie wohl
-noch länger unbeachtet gelassen haben.</p>
-
-<p>Als der Komet zum vierundzwanzigsten Male
-in ihre Nähe kam &ndash; es war dies gegen das Jahr
-Fünfhundertvierunddreißigtausend&shy;fünfhundertundvierundsechzig
-vor Christi Geburt &ndash; führte ihn sein Weg
-sehr dicht an der Erde vorbei, denn die beiden Gestirne
-kreuzten sich auf ihren Wegen, und zwar so
-nahe, daß die Erde während fünf Tagen und fünf
-Nächten in dem neblichten Schweife des Kometen
-blieb. Der Schweif gab dem Kometen eine Ausdehnung
-von achtunddreißig Millionen Meilen, vom
-Kopfe bis zur äußersten Spitze gemessen, und er bildete
-eine ungeheure Nebelfläche, die einige hunderttausend
-Meilen in der Breite maß. Im allgemeinen<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-ist dies die Gestalt des Schweifes der Kometen; die
-Fläche ist mehr oder weniger ausgeweitet und nähert
-sich bisweilen auch der Fächerform. Infolge der
-großen Abstoßungskraft des Sonnenlichtes ist die
-Atmosphäre von einer außerordentlichen Dünne. Die
-Hitze löst alle Teile des Kometen, die dafür empfänglich
-sind, und was sich während der langen Entfernung
-des Kometen von dem Feuerherde der Sonne verdichtet
-hatte, verflüchtigt sich. Diese verflüchtigten
-Teile, die von nur sehr geringem Gewichte sind, nehmen
-aber sehr viel Raum ein und suchen sich vom
-Kern des Kometen, der auf sie eine nur schwache Anziehung
-ausübt, zu entfernen. Wie groß auch ihre
-Ausdehnung sein mag, ihr Gewicht beträgt nicht viel,
-und man könnte ganz gut ein Stück von der Größe
-der Notre-Dame-Kirche oder der Pariser Sternwarte
-aus ihnen herausschneiden und es wie eine Luftblase
-verschlucken.</p>
-
-<p>Wir sagten, daß die Erde fünf Tage und fünf
-Nächte lang in dieser Dunsthülle blieb. Man wird
-vielleicht erstaunt sein, daß nach einer solchen Begegnung
-unser Planet noch existiert, aber noch mehr
-wird man wohl erstaunen, wenn wir erwähnen, daß
-die zu jener Zeit lebenden Wesen von dieser Begegnung
-gar nichts merkten. Es hätte also wenig Zweck,
-bei diesem Kapitel von der Möglichkeit eines Zusammenstoßes
-der Erde mit einem Kometen lange zu
-verweilen; wir wollen indessen hören, welcher Meinung
-namhafte Astronomen hierüber sind.</p>
-
-<p>Einer der bedeutendsten<a id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">2</a> unter ihnen glaubte, daß
-die Kometen viel schwerer seien, als man auf Grund<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-früherer Hypothesen bis dahin anzunehmen wagte.
-»Die Meere ergießen sich aus ihren bisherigen Becken,«
-sagte er, »um auf einen neuen Äquator zuzuströmen.
-Eine große Zahl von Menschen und Tieren wird in
-dieser neuen allgemeinen Sintflut ertrinken oder infolge
-des heftigen Stoßes, dem der Erdball ausgesetzt ist,
-umkommen. Ganze Arten von Tieren werden vollständig
-vernichtet werden. Alle Denkmäler menschlichen
-Fleißes werden zugrunde gehen. Solche unheilvolle
-Folgen müßte der Zusammenstoß mit einem Kometen
-nach sich ziehen.« &ndash; »Wenn der Schweif eines Kometen
-mit der Erde zusammenträfe«, urteilt ein anderer,<a id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">3</a>
-»oder wenn ein Teil des Stoffes, aus dem sich dieser
-zusammensetzt, in den Tiefen des Weltalls auseinanderginge
-und infolge seiner Schwerkraft auf die
-Erde herniederfiele, dann würden die damit verbundenen
-Ausdünstungen bei Tieren und Pflanzen recht
-empfindliche Wirkungen hervorbringen. Denn es ist
-sehr wahrscheinlich, daß Gase, die aus so weit entfernten
-und so seltsam beschaffenen Welten zu uns
-kommen, die überdies noch im höchsten Grade erhitzt
-sind, für alles, was sich auf der Erde befindet, verhängnisvoll
-werden und dort die größten Verheerungen
-anrichten müßten«. Und ein Dritter<a id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">4</a> meint: »Schon
-bei der gegenseitigen Annäherung zweier solcher Körper
-müßten sich ohne Zweifel große Änderungen in
-ihrem Laufe vollziehen, sei es, daß diese Änderungen
-durch die gegenseitige Anziehung herbeigeführt
-würden, sei es, daß die Gase, die sich zwischen
-ihnen befänden, unter zu hohen Druck kämen. Das
-mindeste, was eine derartige Annäherung zuwege<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-bringen müßte, wäre eine Verschiebung der Achse
-und der Pole der Erde. &ndash; Ohne Zweifel stellen die
-Schweife der Kometen ungeheure Ströme von Ausdünstungen
-und Gasen dar, die infolge der Wirkung
-der Sonnenhitze aus dem festen Kern des Kometen
-entwichen sind. Ein Komet könnte mit seinem Schweif
-so nahe an der Erde vorbeigehen, daß wir in dem
-feurigen Strom, den er mit sich schleppt, ertrinken,
-oder in der Atmosphäre, die ihn umgibt und die von
-derselben Beschaffenheit ist, umkommen müßten. Bei
-ihrem Herannahen an die Sonne haben einige Kometen
-einen so hohen Hitzegrad erreicht, daß sie erst in
-fünfzigtausend Jahren sich abkühlen können. Welche
-Wirkung würde diese Hitze nun auf die Erde ausüben?
-Sie würde in Asche zerfallen oder in eine
-glasige Masse verwandelt werden. Der Schweif allein
-würde die Erde mit einem feurigen Strom überschwemmen
-und ihre sämtlichen Bewohner vernichten,
-genau so wie ein Haufen Ameisen in kochendem Wasser
-umkommt, das man über ihn gießt.«<a id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">5</a></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>Der Engländer Whiston war der erste, der den
-verschiedenen Kometen bestimmte verhängnisvolle Einwirkungen<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span>
-auf unsere Erde zugeschrieben hat. Den
-Kometen von 1680 sah er als die Ursache der Sintflut
-an und er behauptet, daß dieser Komet auf seinem
-Rückweg von der Sonne eines schönen Tages die Erde
-mit seinen feurigen und todbringenden Ausdünstungen
-überschütten werde und so ihren Bewohnern all das
-Unheil bringen würde, das ihnen für den Jüngsten
-Tag prophezeit ist; zu guter Letzt würde er den allgemeinen
-Weltenbrand entzünden, der unseren Planeten
-aufzehren müßte.</p>
-
-<p>Anderseits versichert uns Newton, daß ein Komet
-ohne Kern, wenn er auch so groß wäre, daß er von der
-Erde bis zum Saturn reichte, doch in einem Würfel
-von fünfundzwanzig Millimeter Seitenlänge Platz finden
-könnte, wenn er auf denselben Grad verdichtet
-würde wie die atmosphärische Luft, die wir atmen.
-Neuere Forschungen über die Masse der Kometen haben
-ein Resultat ergeben, das auch die geringste Beunruhigung
-schwinden läßt. Wenn der größte Komet
-auf unsere Erde stürzen würde, könnte er keine andere
-Wirkung hervorrufen als etwa eine Mücke, die eine
-Lokomotive aufhalten will, und auch seine Gase können
-unsere Atmosphäre in keiner Weise beeinflussen.</p>
-
-<p>Die Bewohner unserer vorsintflutlichen Welt
-brauchten aber die Begegnung, die ihnen drohte, um<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span>
-so weniger zu fürchten, als sie damals noch vollkommen
-im Wasser lebten und dort ihr Dasein fristeten.
-Die nur unter dem Mikroskop wahrnehmbaren Infusorien,
-die Fische und Amphibien merkten nichts von
-dem Vorgang.</p>
-
-<p>Für unsere Erde war das Ereignis vielmehr von
-Vorteil, insofern als die Begegnung unseren erhabenen
-Reisenden aus seiner jahrtausendelang dauernden
-Gleichgültigkeit gegen sie riß. Der Durchgang des
-Erdballs, der nicht weit von seinem Kopfe erfolgte,
-übte auf seinen Geist, wenigstens vom irdischen Gesichtspunkte
-aus betrachtet, einen recht günstigen Einfluß
-aus. Er geruhte von der Kugel Kenntnis zu
-nehmen, die durch seinen Schweif hindurchpassierte.
-Man wird es gewiß glauben, daß die Erde, der ihre
-lange Einsamkeit wohl nicht kurzweilig gewesen sein
-mochte, den Augenblick des Durchgangs nicht verschlafen
-hat; und ein seltsameres Schauspiel als jetzt
-hatte sich dem Auge des Kometen noch nie geboten.
-Zwei steil abfallende Felsen schützten die Einfahrt zu
-einer Halbinsel, und auf diesen, hoch in die Wolken
-ragenden Felsen saßen als bizarre Gruppe zwei wunderlich
-aussehende, ungewöhnlich gebaute Geschöpfe,
-die sich, ohne eine Miene zu verziehen, unausgesetzt
-scharf ansahen.</p>
-
-<p>Es waren dies der Pterodaktylus und der Ramphorynchus,
-zwei Arten von Fledermäusen in der ungefähren
-Größe eines Hammels, zwei lebende Sphinxe,
-die mit ihren ausgebreiteten Flügeln Bäumen mit lang
-herabhängenden Blättern glichen. Von diesem Anblick
-betroffen, rief der Komet seine Erinnerungen
-wach, und es fiel ihm ein, daß er schon vor dreiundsiebzigtausend&shy;fünfhundertundsechzig
-Jahren Gelegenheit<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-gehabt hatte, diese kleine Kugel und ihre höchst
-sonderbare Bevölkerung wahrzunehmen.</p>
-
-<p>Und er ging nun ernstlich ans Werk, sich die Erde
-recht genau anzusehen. Auf den ersten Blick erkannte
-er, daß die äußere Gestaltung der Oberfläche sich ganz
-auffallend verändert hatte, daß sich in dem großen
-Ozean, der vorher die ganze Erde bedeckte, nunmehr
-bereits kleine Kontinente gebildet hatten, und daß eine
-noch immer sehr üppige Vegetation ihre Herrschaft
-über den Erdball jetzt mit einem schon ziemlich bedeutenden
-Tierreich zu teilen hatte. Auch die Gestalt, die
-diesem Tierreich eigentümlich war, fiel ihm sofort auf,
-und er war darüber in nicht geringem Grade erstaunt.
-Bei seinem letzten Besuche hatte er in der Hauptsache
-nur Muscheln entdecken können, und jetzt erregten
-seine Aufmerksamkeit &ndash; Krokodile, aber Krokodile von
-jeder Gestalt, von jeder Farbe, von jeder Größe. Auf
-dem Festlande, im Meere, hoch in den Lüften, waren
-Krokodile, Eidechsen und andere Reptilien zu sehen,
-hier solche mit Flossen, dort andere mit Flügeln, kurz,
-eine Unmasse von Krokodilen.</p>
-
-<p>Er ließ seinen Blick forschend auf die Ebene und
-das Gebirge schweifen und die ungeheure Menge der
-riesenhaften Saurier an seinem Auge vorbeiziehen.
-Da waren die verschiedenen Ichthyosaurusarten, der
-<em class="antiqua">I. communis</em>, der <em class="antiqua">I. intermedius</em>, der <em class="antiqua">I. platyodon</em>, der
-<em class="antiqua">I. tenuirostris</em> usw. usw. Einige maßen dreißig Fuß
-in der Länge. Ganze Herden dieser Reptilien schwammen
-im offenen Meer wie heutzutage die Walfische;
-oben, an ihrem Kopfe, und zwar wagerecht liegend,
-trugen sie Augen, die einen Fuß lang und so gebaut
-waren, daß sie nach Belieben entweder als Fernrohr
-oder als Mikroskop benutzt werden konnten. Bewaffnet<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span>
-waren sie mit einem vorzüglichen Gebiß, und wenn
-sich das Maul auftat, maß die Öffnung des Rachens
-mehr als drei Fuß, und es zeigten sich zwei Reihen
-von hundertundachtzig Zähnen. Die Wirbelsäule setzte
-sich bei ihnen aus hundert Wirbeln zusammen und
-ermöglichte ihnen die gelenkigsten und biegsamsten
-Gliederbewegungen. Er sah ganze Scharen von Plesiosauriern
-sich vom Ufer ins Meer stürzen. Es waren
-dies mit den geschilderten Arten verwandte Reptilien,
-die aber zu gleicher Zeit von der Schlange
-den unverhältnismäßig langgestreckten, dünnen Hals,
-von den Vierfüßlern den Rumpf und von den Walfischen
-die Flossen hatten. Er sah in gefährlichen
-Zusammenrottungen die furchtbaren Poekilopleurusarten
-mit ihren gewaltigen Krallen und ihren spitzen
-Zähnen, ferner die Hyleosaurier, die Cetiosaurier,
-die Stenosaurier und die Streptospondylen. Auch
-die Teleosaurier, jene Freibeuter der vorsintflutlichen
-Meere, bemerkte er. Er sah ganze Scharen von Pterodaktylen
-in die Lüfte aufsteigen, jener riesigen Fledermäuse,
-deren entsetzlicher Rachen sechzig drohende
-Zähne zeigte, und die ihr Leben damit verbrachten,
-daß sie von einem Baum zum anderen, von einem
-Felsen zum anderen flogen. Auch die mit Pflanzen
-bewachsenen Höhen setzten durch ihr düster-ernstes
-Aussehen den Kometen in recht große Verwunderung.
-Da waren dicke Stämme von großen Schachtelhalmen,
-langes Schilfrohr, riesenhafte Farnkräuter, Nadelhölzer,
-die unserer Tanne ziemlich ähnlich waren, und
-schlanke Pandangen (<em class="antiqua">Pandanus</em>) mit ihren hoch über
-den Boden aufragenden Luftwurzeln.</p>
-
-<p>Beim Anblick dieses mehr unheimlich als schön
-wirkenden Panoramas wurde der Komet nachdenklich.<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-Dreihundertfünfundsechzigmal sah er vor seinen Augen
-die Erde sich um sich selbst drehen, und dreihundertfünfundsechzigmal
-hatte er Gelegenheit, die gesamte
-Erdoberfläche zu überschauen. Da, plötzlich, ertönte
-ein furchtbares Krachen. Auf dem Grunde des Meeres
-hatte sich die Rinde der Erdoberfläche gespalten, und
-während aus den im Aufruhr befindlichen Eingeweiden
-der Erde wütende Flammen emporschossen, ergoß sich
-mit grauenhaftem Getöse das Meer in einen Abgrund,
-der sich plötzlich aufgetan hatte. Die oben geschilderten
-Ungetüme wurden von den Wogen der mit furchtbarer
-Gewalt daherströmenden Wasserfluten fortgerissen,
-und wütende Schreie ausstoßend, kamen sie
-darin um, während die geflügelten Reptilien mit unheilverkündendem
-Gekrächze so rasch als möglich durch
-die Luft zu entkommen suchten. Die Gestade entvölkerten
-sich, und die mit Elektrizität überladene
-Atmosphäre entlud sich in heftigen Blitzschlägen, die
-die Luft durchzuckten. Bald vermischte sich auch das
-dumpfe Rollen eines bisher noch nie gehörten Donners
-mit dem Toben und Brausen des Unwetters, und es
-schien, als ob eine ungeheure Umwälzung die gesamte
-Erdoberfläche zerrissen und gespalten hätte.</p>
-
-<p>Unser Komet hatte leider seine Geringschätzung
-gegen unsere Erde noch immer nicht überwunden und
-er dachte gar nicht daran, unseren Planeten ernst zu
-nehmen. Seit Tausenden von Jahrhunderten war er
-gewohnt, an seinen Augen Welten vorbeiziehen zu
-sehen, die auf den Pfaden der Zivilisation schon weit
-vorgeschritten waren, wie das mit Neptun und Uranus
-der Fall war, andere, wie Saturn, waren eben auf
-der Höhe ihrer Entwicklung angelangt, und er
-konnte sie in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-überschauen; wieder andere &ndash; Jupiter gehörte zu diesen
-&ndash; bereiteten sich zu einer großartigen Entfaltung
-vor, und noch andere schließlich &ndash; zu diesen
-zählte Mars &ndash; befanden sich noch im Frühling ihres
-Lebens. Der Verkehr mit diesen der Erde überlegenen
-Planeten hinderte ihn vorläufig daran, dem Erdball
-eine gerechte Würdigung zuteil werden zu lassen, und
-so beharrte er in seinem Vorurteil und verfiel auch
-bald wieder in seine frühere Gleichgültigkeit.</p>
-
-<p>Während er noch in seinen Träumereien befangen
-war, nahm die gewaltige Erdrevolution ihren Fortgang.
-Es erstand die Juraformation; bei ihrer
-Bildung wurden die Fundamente des Erdballs von
-Grund aus erschüttert, und die Erde bebte, als ob sie
-von einem heftigen Taumel befallen worden wäre.
-Die Meere ergossen sich in die brennenden Tiefen oder
-überströmten Gegenden, die durch die geologische Umwälzung
-eingesunken waren. Aus Quellen, die plötzlich
-im Schoße der Erde entsprangen, stiegen neue
-Meere auf, und Ebenen krümmten sich empor, ähnlich,
-wie man auf der Oberfläche des im Schmelzen befindlichen
-Metalls sich Luftblasen bilden sieht. Das flache
-Land machte neuen Gebirgen Platz, und dort, wo sich
-früher Berge und Hügel erhoben, dehnte sich jetzt eine
-kahle oder durch mannigfache Erhebungen unterbrochene
-Ebene aus. So hatte die Oberfläche des Erdballs
-sich ganz und gar geändert. Der Komet hatte auf
-seinem Fluge durch das Weltall die Erde noch nicht
-aus seiner Sehweite verloren, als ihm klar wurde,
-daß die Umwälzungen, deren Vorspiel für einen Augenblick
-seine Gedanken abgelenkt hatte, mit unvermindertem
-Ungestüm fortdauerten, und daß für die Erde eine
-neue Schöpfungsperiode begonnen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>Mit einer Schnelligkeit von ungefähr vierzigtausend
-Meilen in der Stunde, oder neunhundertsechzigtausend
-Meilen an einem Tage, setzte der Komet
-seine Reise fort. Diese Schnelligkeit, mit der er
-seine Reise angetreten hatte, verminderte sich, je
-weiter er sich von seinem Ausgangspunkte entfernte,
-und drei Monate, nachdem er aus dem Bannkreise der
-Erde entschwunden war, bot sich dem himmlischen
-Wanderer eines der seltsamsten Schauspiele dar. Zu
-damaliger Zeit kreisten zwischen der Umlaufsbahn,
-die der Mars beschreibt, und derjenigen des Jupiter
-verschiedene Planeten, die ursprünglich einen Ring
-gebildet hatten, der sich in der Zwischenzeit, die
-zwischen dem Entstehen des Jupiter und dem des
-Mars liegt, von der gemeinschaftlichen Mutter aller
-Planeten, der Sonne, losgelöst hatte. Anstatt nun,
-wie es bei allen anderen Planeten der Fall gewesen
-war, sich in <em class="gesperrt">eine</em> Weltkugel umzuwandeln, hatte dieser
-sonderbare Weltenring eine ganze Menge neuer
-Weltkörper aus sich heraus entstehen lassen, die sämtlich
-so eigenartig und zerbrechlich wie er selbst waren.
-Wie alle anderen Planeten drehten sich auch diese
-Weltkugeln um die Sonne, wie diese hatten auch sie
-ihre Jahre, ihre Jahreszeiten und ihren Wechsel von
-Tag und Nacht. Als nun der Komet, der über die
-gewaltsamen Veränderungen auf der Erde noch in
-Nachdenken versunken war und gerade darüber philosophierte,
-welches Geschick wohl einst dem ganzen
-Weltenall bevorstehen werde, sich der Bahn des größten
-unter diesen kleineren Planeten näherte, kam diese
-immerhin gewaltige Kugel, die sich mit einer Geschwindigkeit
-von neuntausend Meilen in der Stunde vorwärts
-bewegte, in gerader Linie auf ihn losgestürzt; sie<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-mußte auf den Kometen an dem Punkte auftreffen,
-an welchem er ihre Bahn zu kreuzen im Begriffe
-stand. Ein Zusammenstoß schien ganz unvermeidlich
-&ndash; da, wenige Augenblicke vor der drohenden
-Katastrophe explodierte dieser Himmelskörper wie eine
-Bombe. Gase stiegen auf und verbanden sich mit
-den im Schweife des Kometen vorhandenen, und man
-konnte sehen, wie etwa zehn einzelne Teile sich loslösten
-und selbständig ihre Reise durch den Weltenraum
-fortsetzen. Es ereignete sich hier ein Weltuntergang,
-und zwar hatte der zerstörte Himmelskörper
-zweifellos ein frühzeitiges Ende gefunden, das schon
-lange Zeit in seinem Innern wirkende Kräfte mußten
-hervorgerufen haben. Die Katastrophe fand in einer
-Entfernung von achtundsechzig Millionen zweihundertundsechzehntausend
-Meilen von der Sonne statt. Vielleicht
-haben wir hier den Ursprung jener kleinen, nur
-durch den Refraktor wahrnehmbaren Planeten Ceres,
-Daphne, Thisbe, Sirona und Arduina zu suchen, welche
-sämtlich 2.77 von der Sonne entfernt sind, wenn man
-die Entfernung der Erde von der Sonne als Einheit
-nimmt. Es sieht fast so aus, als ob diese kleinen Gestirne
-Jahr für Jahr einmal den Ort wiedersehen müssen,
-an dem jenes furchtbare Naturereignis stattfand, das
-sie für immer trennen sollte.</p>
-
-<p>Hier fand unser Komet seinen Weg nach Damaskus
-und hier vollzog sich in seinem Geiste eine dauernde
-Wandlung. Hier war es, wo er für die Erde jene
-Sympathie faßte, von der er seitdem stets beseelt geblieben
-ist. Es ist wohl möglich, daß er ohne diese
-erschütternde Katastrophe noch lange in seiner Gleichgültigkeit
-gegen die Erde verharrt hätte. Aber auch
-bei ihm zeigte sich, was man schon so vielfach beobachtet<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
-hat: es bedarf nur eines plötzlichen Anlasses, um selbst
-starke Charaktere umzuwandeln. Das Gefühl wohlwollender
-Anteilnahme, wie es im allgemeinen die
-Mächtigen der Welt den Kleinen entgegenbringen,
-war es, das angesichts dieser Katastrophe schmerzliche
-Erinnerungen an die Erde in ihm wachrief. Einen
-Augenblick lang fürchtete er auch für das Dasein der
-Erde! Arme Erde! Wenn die furchtbare Umwälzung,
-die auf ihr vor kurzem begonnen hatte, ihr verhängnisvoll
-werden und sie daran zugrunde gehen sollte,
-bevor sie überhaupt noch geboren war! Wie würde
-sie sich in den schweren Kämpfen behaupten können,
-die sie noch zu bestehen hatte? Ob sie Kraft genug
-besaß, die Krisis zu überwinden und ihr Dasein zu
-verteidigen? Ob es ihr wirklich beschieden sein mochte,
-für immer solch wilden und grausamen Geschöpfen
-ungastlichen Aufenthalt zu gewähren?</p>
-
-<p>Von diesem Tage an interessierte er sich für die Erde,
-und ihr Schicksal ging ihm um so mehr zu Herzen, je
-unvollkommener sie in ihrer Entwicklung noch war. Oft
-überraschte er sich dabei, wie sich ganz unwillkürlich
-seine Gedanken mit dieser bescheidenen Schöpfung befaßten,
-und oft zog er, in seinen Gedanken tief bekümmert,
-an den glänzendsten Welten vorbei, ohne
-diese auch nur eines Blickes zu würdigen. Ja, es kam
-so weit mit ihm, daß ihm seine Reise durch den Weltenraum
-zu lang wurde. Dreitausendunddreiundsechzig
-und ein halbes Jahr von der Erde entfernt zu bleiben
-und nur höchstens achtzehn Monate in ihrer Nähe verweilen
-zu dürfen, schien ihm ganz außer Verhältnis
-zu stehen. Der kleine Erdball faßte schließlich in seinen
-Gedanken Platz und schien sich dort immer mehr befestigen
-zu wollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span></p>
-
-<p>Mit Ungeduld erwartete der Komet das Herannahen
-des Sommers. Der Sommer-Sonnenstillstand
-bedeutet für die Kometen den Zeitabschnitt, in dem
-sie ihren Flug nach ihrem Perihelium richten, d. h.
-sich wieder der Sonne zuwenden und somit auch der
-Erde wieder nähern. Sobald er merkte, daß die
-Strahlen der Sonne immer wärmer wurden, und
-sehen konnte, wie ihre Scheibe sich mehr und mehr vergrößerte,
-wußte er auch, daß das Ende des Frühlings
-gekommen war. Kaum wurde er der Erde wieder
-ansichtig &ndash; und zwar sah er sie bald vor der Sonne
-in Gestalt eines schwarzen, runden Fleckes, in Form
-einer Mondsichel oder eines Halbmondes, bald auf
-der rechten, bald auf der linken Seite des leuchtenden
-Gestirns &ndash; als er auch mit Wohlbehagen merkte, wie
-seine Geschwindigkeit zunahm und er seinem sehnsüchtig
-erstrebten Ziele immer näher kam. In seinem
-schnellen Laufe erreichte er endlich die Erde, die er
-immer mehr liebgewinnen sollte, und schon am ersten
-Tage seiner Ankunft unterzog er seine kleine Welt
-einer genauen Betrachtung.</p>
-
-<p>Er beobachtete das Erwachen der Tierwelt während
-der ganzen Sekundärzeit, von der Jura- und Liasperiode
-bis in die letzten Abschnitte der Kreidezeit.
-In einem Zwischenraume von dreitausend zu dreitausend
-Jahren konnte er verfolgen, wie die verschiedenen
-Arten, sowohl der Tier- als auch der Pflanzenwelt,
-sich langsam aber stetig weiter entwickelten. Da
-der Komet sich allmählich an die Umwälzungen, unter
-denen sich neue Ereignisse zu vollziehen pflegten, gewöhnt
-hatte; da er Zeuge gewesen war, wie große
-Fluten von Grund aus einzelne Teile der Erdoberfläche
-umgewandelt hatten; da er gesehen hatte, wie<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span>
-Kämpfe im Innern der Erde sich in Vulkanausbrüchen
-Luft machten, und wahrgenommen hatte, wie Gebirgsketten
-sich aus der Ebene erhoben und die Erdoberfläche
-bereits anfing, die Gestalt zu erhalten, die ihr
-in Zukunft eigentümlich sein sollte, wurde er auch
-allmählich ruhiger und fürchtete für die Erde die Folgen
-dieser Naturereignisse nicht mehr. Er glaubte
-schließlich, daß sie nur Konsequenzen eines unbekannten
-Gesetzes wären, und gewissermaßen Prüfungen,
-die der Erdkugel nur zum Nutzen gereichen könnten.
-So verfolgte er von einem seiner Jahre zum andern,
-wie sich das kleine irdische Kind in seiner Wiege
-weiter entwickelte.</p>
-
-<p>Die Wahrheit zwingt uns jedoch, nicht unerwähnt
-zu lassen, daß die liebende Sorgfalt des Kometen für
-die Erde doch noch einmal eine kleine Einbuße erlitt.
-Die Ursache davon war allgemeiner Art, und es lohnt
-sich wohl der Mühe, einen Augenblick dabei zu verweilen:
-Es war die Tatsache, daß der Umgang mit den
-Großen unsere Sympathien sehr leicht zum Nachteil
-der Kleinen beeinflussen kann. Den schöneren, oder
-sagen wir nur den größeren Teil seines Lebens verbrachte
-der Komet in der Gesellschaft der Patrizier
-des Sonnensystems, und ohne daß er es selber wußte,
-wurde er von ihrer Gesinnung angesteckt und selbst
-ein wenig hochmütig. Sein Interesse für die Erde hielt
-sich während ungefähr vierzigtausend Jahren auf derselben
-Höhe, dann aber geschah es, daß er, ganz unbewußt,
-die schöne Jahreszeit mit geringerer Sehnsucht
-erwartete. Er hatte sich an den Anblick, den
-ihm die Erde bot, gewöhnt, und er teilte seine
-Aufmerksamkeit jetzt zwischen ihr und den anderen
-Planeten. Wenn er an diesen vorüberflog, betrachtete<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
-er sie genau, und von neuem stellte er Vergleiche mit
-der Erde an, die für diese nicht vorteilhaft ausfielen.
-Zwanzigtausend Jahre lang blieb es so, und schon
-konnte man befürchten, daß die höheren Weltkörper wieder
-die vorherrschende Stellung in seinem Geiste erlangen
-würden, die sie früher darin eingenommen
-hatten. Aber die Erde schritt in ihrer Entwicklung
-rascher vor, als jene es taten, denn sie war noch
-jünger, und als zur Tertiärzeit die Oberfläche der
-Erde sich wieder vollkommen veränderte, wandte ihr
-der Komet wieder seine ungeteilte Gunst zu, an der er
-eine kurze Zeit die anderen planetarischen Welten hatte
-teilnehmen lassen.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<h3>Fußnoten</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">2</span></a> Laplace.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">3</span></a> Gregory.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">4</span></a> Maupertuis.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">5</span></a> Es scheint fast so, als ob M. de Maupertuis hier in das Gebiet
-des reinen Romans geraten sei, denn wer erinnert sich dabei nicht
-an das seltsamste Phantasiegemälde dieser Art, an die »Unterhaltung
-von Eiros mit Charmion«, eines der originellsten Gebilde jenes originellen
-transatlantischen Erzählers? Die Begegnung des Kometen
-mit der Erde hatte zum Glück keinen so schrecklichen Verlauf. Unser
-Komet war huldvoll genug, ihre Bewohner nicht zu vergiften, dagegen
-hätte der von Edgar Poe ihr Dasein vollständig vernichtet, wie
-er auch, wenn wir dem phantastischen Dichter folgen, an jener seltsamen
-Agonie die Schuld trägt, in welche die Erde versank.
-</p>
-<p>
-»Der gefürchtete Komet kam immer näher, seine rote Scheibe wurde
-zusehends größer und nahm auch an Glanz zu. Bei seinem Herannahen
-erblaßte der Geist der Menschheit und alles menschliche Tun und
-Treiben hatte sein Ende erreicht.
-</p>
-<p>
-Auch dem Tapfersten unseres Geschlechtes schlug das Herz heftig
-in der Brust. Dieses <em class="gesperrt">neue</em> Meteor war keine astronomische Erscheinung
-mehr, sondern es war vielmehr ein Alp, der allen auf der Brust
-lag, ein Schatten, der das Gehirn verfinsterte. Mit einer Schnelligkeit,
-die das menschliche Fassungsvermögen übersteigt, hatte er das
-Aussehen eines ungeheuren leuchtenden Flammenmantels angenommen,
-der in seiner ganzen Länge am Himmel ausgespannt war.
-</p>
-<p>
-Noch einen Tag &ndash; und die Menschheit atmete viel freier. Es
-war zweifellos, sagt der Augenzeuge, daß wir bereits unter dem Einflusse
-des Kometen standen, und doch lebten wir immer noch. Ja,
-wir erfreuten uns sogar einer viel größeren Elastizität der Glieder
-und einer ganz außergewöhnlichen geistigen Spannkraft. Aber auch
-die Vegetation hatte sich zur selben Zeit ganz merkwürdig verändert.
-Alle Pflanzen entfalteten wie durch einen Zauberspruch eine so wunderbare
-Blüten- und Blätterpracht, wie sie vorher noch nie gesehen
-worden war.
-</p>
-<p>
-Aber auch noch eine andere, höchst seltsame Erscheinung griff bei
-allen Menschen Platz: die erste Empfindung des <em class="gesperrt">Schmerzes</em> gab das
-Zeichen zu allgemeinem Wehklagen und Schrecken. Dieser Schmerz
-äußerte sich in einer heftigen Zusammenziehung der Brust und der
-Lungen und in einer fast unerträglichen Trockenheit der Haut. Es
-ließ sich nicht mehr leugnen, daß die Luft ganz und gar infiziert war.
-Als die wissenschaftliche Forschung dies bestätigte, ging mit Blitzesschnelle
-ein Schaudern, das sich bald in furchtbarsten Schreck verwandelte,
-durch das Herz jedes fühlenden Menschen.
-</p>
-<p>
-Die Luft verlor ihren Gehalt an Stickstoff&nbsp;… Dagegen vermehrte
-sich in ganz auffallender Weise ihr Gehalt an Sauerstoff, dem
-Haupterfordernis zum Atmen und zum Leben. Der Komet war da
-und das war seine Wirkung. Die Überreizung der Lebensgeister und
-die Pracht, die die Pflanzenwelt entfaltete, waren die ersten Symptome.
-Wenn aller Stickstoff der Luft entzogen war, dann mußte eine
-unabänderliche, alles sofort vernichtende Verbrennung aller Dinge auf
-Erden stattfinden, der auf keine Weise zu entrinnen war.
-</p>
-<p>
-Der letzte Tag des Lebens&nbsp;… Wir atmen eine Luft, die sich
-zusehends ändert. Das Blut strömt ungestüm in seinen engen Gefäßen.
-Eine wahnsinnige Wut bemächtigt sich aller Lebenden, die geballte
-Faust strecken sie dem zürnenden Himmel entgegen und vor Angst
-zittern sie und schreien heftig&nbsp;… Einen Augenblick lang erscheint
-plötzlich ein seltsames, unheimliches Licht, das überallhin dringt und
-alles beleuchtet&nbsp;… Dann läßt sich ein schriller, durchdringender
-Donner vernehmen, als ob der Herr selbst gesprochen hätte &ndash; und
-die ganze gewaltige Menge der Luft, die uns umgibt, in der wir
-lebten, hatte sich mit einem Schlage in ein furchtbares Feuermeer
-verwandelt&nbsp;…«
-</p>
-<p>
-So Edgar Poe. Schon die bloße Erzählung einer derartigen
-Katastrophe macht uns schaudern. Aber unser Komet ist nicht so gefährlich.
-Er ist ein ehrsamer Reisender, der nur Land und Leute sehen
-will und der uns in seiner Begleitung eine wirkliche »Reise um die
-Welt« machen läßt, gegen die eine Reise um die irdische Welt ein wahres
-Kinderspiel ist.</p></div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Drittes_Kapitel"><span class="h2meta">Drittes Kapitel.</span><br />
-Morgenröte der Erde.</h2>
-</div>
-
-<p>Wie klein der Erdball auch immer war und welch
-bescheidene Stellung er auch in der unendlichen
-Schöpfung einnehmen mochte, so zeigte er sich doch
-recht wohl der Beachtung würdig, mit der ihn unser
-Komet beehrte. Nicht immer machen Gestalt und
-Größe den Wert eines Geschöpfes aus, sondern das
-Geschöpf selbst als Erzeugnis einer unendlichen Macht
-trägt an der Stirn das Siegel seines göttlichen Urhebers.
-Der kleinste Gegenstand, den die Natur geschaffen
-hat, ist so wunderbar wie der größte; die
-Allmacht, die ihn ins Leben gerufen, hat ihn für immer
-gezeichnet, und so sehen wir auch, daß sich in einem
-Wassertropfen das Sonnenlicht ebenso leuchtend spiegelt<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-wie in dem großen Ozean. Auf seinen langen
-Wanderungen hatte sich unserem Weltreisenden diese
-Beobachtung schon längst aufgedrängt, und wenn er
-sich seinen Gedanken überließ und die auf seiner Reise
-gewonnenen Eindrücke geistig verarbeitete, dann konnte
-er nicht umhin, auch der Erde den Platz anzuweisen,
-der ihr durch den Adel ihrer Geburt zukam.</p>
-
-<p>Was die Erde betrifft, so zeigte auch sie allmählich,
-von welch vornehmer Herkunft sie war. Ganz unmerklich
-zog sie ihre Kinderschuhe aus und entledigte sich
-ihrer ungestalteten Formen, um schönere dafür einzutauschen.
-Sie strebte nach Zierlichkeit der Erscheinung.
-Früher zeigten Pflanzen und Tiere ein rohes, unförmliches
-Aussehen und boten dem Auge wenig Reiz; die
-Bäume, von schwermütigem Charakter, hatten weder
-Blüten noch Blätter, die Tiere mußten des wärmenden
-Pelzes, der schützenden Wolle, des Federkleides
-entbehren, und auch sie hatten noch keinen
-Schmuck angelegt. Aber zu der Zeit, die wir jetzt
-erreicht haben, konnte man bei den Pflanzen bereits
-Blüten und Blätter, bei den Tieren schon prächtig
-gefärbte Bekleidungen erkennen. Die Familie der
-Proteazeen wies in den verschiedenen Banksia-Arten
-bereits großartige Pflanzen mit schöngestalteten fruchttragenden
-Zweigen auf.</p>
-
-<p>Unter den Mimosoideen gab es schon Akazien und
-andere Pflanzen, die man heute nur noch im fernen
-Australien findet, dessen Pflanzen- und Tierwelt ja noch
-vielfach an die der Urwelt erinnert. Birken, Buchen,
-Nußbäume, Erlen erhoben sich neben Palmen, Tannen,
-Zypressen und Eibenbäumen, und die Arten waren
-nicht wie heutzutage durch die Schranken geographischer
-Verbreitung voneinander getrennt. In den Sümpfen,<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-auf den Teichen und in den Flüssen sah man noch
-Schachtelhalme und Wasserkastanien; aber die riesigen
-Blumen aus der Familie der Nymphäazeen bedeckten
-bereits die Oberfläche der stehenden Gewässer mit ihren
-schönen Blüten.</p>
-
-<p>Für welches Auge waren diese Schönheiten der
-Erde in ihrer Jugendblüte geschaffen? Für welche
-Ohren war der Wohlklang, der die Natur im Brausen
-der Wellen und im Rauschen der Blätter erfüllte,
-bestimmt? Für wen boten die schattigen
-Wälder lauschige Schlupfwinkel, für wen eröffneten
-sich die herrlichen Ausblicke, für wen breiteten sich
-diese Pflanzenteppiche, die ein wechselvolles Licht mit
-schönen Mustern verzierte, aus? Wer erfreute sich
-an der Sternenpracht der stillen Nächte, die der Mond
-mit seinem ruhigen, silbernen Schein erleuchtete? Für
-wen diese erhabene Pracht? Für wen dieser strahlende
-Himmel, diese grünenden Ebenen, das Flüstern
-des sich zu natürlichen Lauben verdichtenden Blätterwerkes,
-diese prächtigen Schauspiele, die Wasser und
-Land unausgesetzt boten? Für wen die Sonne am
-Tage und die Sterne in der Nacht, der blaue Himmel,
-die vielfarbigen Wetterwolken, die goldene Pracht
-der Dämmerung, das Hervorbrechen des Regenbogens
-und der Fall der Meteore? … Für wen schuf die
-Natur diese ungeheure Arbeit? … Verständige oder
-mit Vernunft begabte Wesen waren auf der Erde
-noch nicht erschienen.</p>
-
-<p>Das Land, das heute von der Zivilisation beherrscht
-wird, die Gegend, in der Frankreichs glänzende Hauptstadt
-sich erhebt, war damals noch mit Wasser bedeckt.
-Noch nichts ließ die Gestalt erkennen, in der
-sich Frankreich heute unserem Auge darbietet. Nur<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span>
-große Seen und Halbinseln nahmen seine Stelle ein.
-Das Meer erstreckte sich über Paris hinaus, bis
-nach Bourges; von Valenciennes bis nach Saint-Lô
-konnte man an seinen Ufern entlang die unregelmäßige
-Kette der Kreideformation verfolgen. Während der
-Juraformation hatte sich bereits die Hochebene von
-Langres gebildet und beherrschte das eben genannte
-Meer. Die Berge, die sich mit ihren schwarzen Zinnen
-über Langres erheben, dieselben, auf denen Cäsar
-seine Wachtfeuer entzündete, die Bergeshöhlen, in denen
-sich Sabinus vor dem Zorn des römischen Adlers verbarg,
-diese ehrwürdigen Gipfel wachten schon über den
-Wogen des vorsintflutlichen Meeres. Die alte Auvergne
-und Bretagne zur Linken und die Alpen zur Rechten
-sind in den fernen Jahrhunderten der Primärzeit aus
-den Wassern entstanden. Dagegen schlief zu der Zeit,
-von der wir sprechen, die Gegend von Lyon, Tours,
-Dünkirchen noch auf dem Grunde des Meeres, und
-erst während der Tertiärzeit erhob sich das Land,
-auf dem die genannten Städte stehen, wenn auch
-nicht zu ewiger, so doch wohl zu einer recht langen
-Dauer.</p>
-
-<p>Nach der Reihenfolge ihres Erscheinens auf der Erde
-traten die Vorfahren der verschiedenen Arten unserer
-heutigen Tierwelt in deutlich zu erkennenden Entwicklungsstufen
-hervor. Auf die ausschließlich im Wasser
-lebenden Tiere waren die im Wasser und auf dem
-Lande lebenden Amphibien gefolgt, nach diesen kamen
-Geschöpfe, die nur für das feste Land bestimmt waren;
-wieder ein Hinweis darauf, daß es in der Natur keinen
-Zufall gibt, und daß die Reihenfolge und Entwicklung
-der Arten durch ewige, unabänderliche Gesetze bestimmt
-wird. Von den vierfüßigen Säugetieren erschienen zuerst<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-die Dickhäuter: das Palaeotherium, das Anoplotherium,
-das Xiphodon, Geschöpfe, die ihrer Gestalt nach eine
-Zwischenstufe zwischen dem Rhinozeros, dem Pferde
-und dem Tapir einnahmen. Das erstgenannte, das etwa
-so groß wie ein Pferd sein mochte, hatte vom Tapir
-den Kopf, der in einen fleischigen Rüssel auslief, kleine,
-ausdruckslose Augen und kurze, plumpe Beine. Im
-Gegensatz zum Palaeotherium hatte das Anoplotherium
-lange Beine und dazu noch einen mehr als einen Meter
-langen Schwanz, der ihm beim Durchschwimmen von
-Seen oder Flüssen als Ruder diente. Das Xiphodon
-endlich ähnelte mehr unserer heutigen Gemse und war,
-wie diese, zierlich gebaut, furchtsam und schnellfüßig.
-Neben ihnen tummelten sich noch andere Arten, so das
-Lophiodon, das in seinen verschiedenen Abarten auch die
-verschiedensten Formen zeigte und in seinen Maßen von
-der Größe des Kaninchens bis zu der des Rhinozeros
-variierte, der Chiropotamus, der die Flüsse bewohnte.
-Das Meer, über dessen Wellen von Zeit zu Zeit der
-Mosasaurus sein furchtbares, drei Fuß langes Gebiß
-fletschte, bevölkerten friedliche Wale, die Delphine
-waren seine Könige.</p>
-
-<p>Wenn wir uns in die damalige Zeit zu versetzen
-suchen, so wird uns die eigenartige Formenwelt wundernehmen,
-die unsere Erde in jener Epoche noch
-zeigte; sie bewahrte noch viel von dem fremdartigen
-Charakter, der uns bei der Betrachtung der früheren
-Perioden so sehr in Staunen gesetzt hat.</p>
-
-<p>Es war gerade zur Zeit des Beginnes der letztgeschilderten
-Periode, der Eozän-Zeit, als der Komet
-wieder die Erde erreicht hatte, und es bot sich ihm
-jetzt Gelegenheit, die irdische Landschaft in der Fülle
-ihrer Entwicklung und ihrer Fortschritte zu betrachten.<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-In diesem Schauspiel offenbarte sich ihm das Gesetz
-der Bestimmung, und er mutmaßte, daß ein höherer,
-unbekannter Wille die Bildung dieser kleinen Welt leite
-und sie zum Aufenthalt für irgendein neues Wesen,
-das würdig sei, das Zepter einer Welt zu führen,
-vorbereite.</p>
-
-<p>Die reine Luft erlaubte es der Sonne, ihre fruchtspendenden
-Strahlen mit vollen Händen über die Erde
-auszuschütten; aus den stillen und friedlichen Gewässern
-leuchtete der blaue Himmel; Tausende von Pflanzen
-schaukelten ihren grünenden Stengel in den Lüften
-und die ersten Blumen, die am Rande der Gewässer
-standen, spiegelten sich in ihren Wellen wieder. Zahlreiche
-Herden weideten auf dem Lande und die fröhlichen
-Bewohner der Luft nahmen zu höheren Regionen
-ihren Aufschwung. Überall lachte das Leben. Schon
-traten die Unterschiede der verschiedenen Jahreszeiten
-deutlich hervor, und der Komet erkannte bereits, daß
-die Einrichtungen der Erde sich allmählich denen
-höher organisierter Welten näherten. Wie alle Kometen
-hatte auch er in seiner Bahn die größtmöglichste
-Hitze und die alleräußerste Kälte zu ertragen.
-Kam er in seinem glühenden Sommer ganz nahe an
-die Sonne heran, so entfernte er sich in seinem Winter
-so weit von ihr, daß dieser tausendmal kälter
-war als der Winter auf der Erde. In seiner Selbstlosigkeit
-war er daher stets erfreut, wenn er Welten
-begegnete, die es in dieser Beziehung besser als er
-hatten.<a id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">6</a> Die Erde befand sich in der glücklichen
-Lage der Planeten. Das war ein Umstand, der sie<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span>
-in den Augen des Kometen an die andern, höher organisierten
-Welten näher heranrückte, und mit einem gewissen
-freudigen Gefühl merkte er, daß sein Interesse
-für die Erde noch immer wuchs. Die Stellung, die
-er in seinem Geiste ihr einzuräumen hatte, wurde ihm
-immer deutlicher.</p>
-
-<p>Die zwar langsamen, aber doch recht merklichen
-Fortschritte, welche die Erde in ihrer Entwicklung
-machte, gewährten unserem reisenden Gestirn Freuden,
-die ihm bis dahin unbekannt geblieben waren. Als der
-Komet einmal auf seinem Fluge durch die Welt wieder
-der Sonne sehr nahegekommen war, entdeckte er, daß
-zwischen Erde und Sonne noch zwei andere Planeten
-schwebten, nämlich Venus und Merkur. Er wollte
-seine Aufmerksamkeit nicht durch diese neuen Welten
-ablenken lassen und sich lieber das Vergnügen, das
-die Beobachtung der ersten Stufen ihrer Entwicklung
-ohne Zweifel gewähren mußte, versagen, als<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span>
-ihretwegen die ihm liebgewordene Erde vergessen;
-er zog es vor, die neuen Welten ganz zu übersehen,
-wie sie ja auch früher für ihn nicht vorhanden waren.
-Als er ein anderes Mal nahe an Mars vorbeizog,
-fiel ihm auf dieser Weltkugel eine ganz ähnliche
-Schöpfung, wie er sie auf der Erde gesehen hatte,
-auf, was einem Touristen eigentlich denselben Grund
-zur Neugier hätte bieten müssen. Aber wie er es
-mit Venus und Merkur gemacht hatte, so hielt er
-es auch mit Mars: er ließ ihn unbeachtet einsam
-seines Weges ziehen. Nur mit dem Erdball beschäftigte
-er sich, wenn ihn seine Bahn in die Gegenden
-führte, in denen sich unsere Erde bewegt. Aus dieser
-beiläufigen Bemerkung mag man erkennen, wie sehr er
-von seiner früheren Gleichgültigkeit gegen uns zurückgekommen
-war, und daß er in Zukunft alles sehr aufmerksam
-verfolgte, was die Erde betraf.</p>
-
-<p>Es war zur Zeit seiner hundertsten Reise &ndash;
-wenn man die, die wir zu Beginn unserer Erzählung
-erwähnt haben, als erste zählt &ndash; das heißt um das
-Jahr Dreihundertundviertausend&shy;sechshundertneunundachtzig,
-als er Zeuge des Vorspiels war, mit dem sich
-die große geologische Epoche einführte, die derjenigen,
-in der wir uns befinden, vorangegangen ist. Fünfzigtausend
-Jahre später konnte er sehen, wie jener
-Abschnitt in der Entwicklungsgeschichte der Erde &ndash;
-die Eozänformation &ndash; sein Ende erreichte. Zweihunderttausend
-Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung
-nahm dann die Periode, der man den Namen
-Miozänformation beigelegt hat, ihren Anfang.</p>
-
-<p>Aurora! Morgen des Lebens! Leuchtender Anfang!
-Später mögen die Formen des Erschaffenen wohl eine
-ausgesuchtere Eleganz, eine vollkommenere Schönheit<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
-angenommen haben, aber in dieser Frühlingszeit fühlt
-man es fast, wie in den Pflanzen der Saft aus der
-Wurzel emporsteigt und bis in die Spitze des Stengels
-dringt. Später wird der nie ruhende Fortschritt sein
-Werk vollenden: jetzt aber stehen alle Kräfte der Natur
-in ihrer größten Fülle und erwecken so viel frohe
-Hoffnungen für die Zukunft, wie dies keine spätere
-Zeit mehr tun kann.</p>
-
-<p>Wenn man sich das Weltgebäude als eine riesenhafte
-Uhr vorstellt, auf der eine Sekunde ein Erden-Jahrhundert
-bedeutet, und wenn man sich vergegenwärtigt,
-daß ein <em class="gesperrt">Tag</em> der Erde, im astronomischen
-Sinne gedacht, Tausende von Jahrhunderten umfaßt,
-dann wird man nicht mehr erstaunen, daß die
-Morgenröte eines solchen Tages nach gleichem Maße
-zu messen ist und daß sie sich über eine lange Reihe
-von Jahrhunderten erstreckt haben muß. Die Zeiten,
-nach denen wir die einzelnen Abschnitte unseres geschichtlichen
-Lebens rechnen, sind im Leben der Natur
-ein reines Nichts. Ein Jahrhundert geht an
-ihrer ewigen Jugend spurlos vorüber, und zehn, auch
-hundert Jahrhunderte rufen auf ihrer Stirn noch
-keine Altersfalte hervor.</p>
-
-<p>Wie die Kometen im allgemeinen, so befand sich
-auch unser Komet in einer viel günstigeren Lage, die
-ersten Jahre eines Weltkörpers, die nach Jahrtausenden
-zählen, zu messen, als es uns Erdenbewohnern
-vergönnt ist. Das Jahr unseres Kometen ist ja mehr
-als dreitausendmal so lang als eines von unseren
-Jahren, und dadurch hat er einen immerhin recht
-brauchbaren Anhalt, der ihm als Maßstab für die
-Dauer der verschiedenen Entwicklungsperioden der
-Erde dienen kann.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>Trotz dieser langen Intervalle zwischen seinen
-Reisen, die zwar unseren Augen ungeheuer groß erscheinen,
-bei der unendlichen Dauer der himmlischen
-Körper aber recht klein sind, kam es doch vor, daß
-der Komet bei einem neuen Besuche die Änderungen,
-die sich auf der Erde seit seiner letzten Anwesenheit
-vollzogen hatten, nicht wahrnahm, denn die Umwälzungen
-auf der Erde gingen, wie gesagt, langsam vor
-sich; oft wollte es ihm scheinen, als sähe er dieselben
-Gegenden, dieselben Landschaften, dieselben
-Pflanzen und Tiere, die er schon vor dreitausend
-Jahren und früher gesehen hatte, ja er mochte sogar
-glauben, daß er dieselben Individuen, die er damals
-erblickt, noch in vollster Kraft und in demselben Alter
-vor sich habe. Wenn das schon bei der langen Dauer
-seines Jahres so war, wie würde es erst gewesen
-sein, wenn er eine kürzere Umlaufszeit gehabt hätte?
-Bei aller Anstrengung würde es ihm wohl niemals
-möglich geworden sein, sich ein genaues Bild
-von den verschiedenen Stadien der Schöpfung zu
-machen.</p>
-
-<p>Zu diesen, der Natur des Kometen eigentümlichen
-Vorzügen traten aber für unseren Helden noch andere,
-nicht minder wichtige hinzu: nämlich die ihm gegebene
-Möglichkeit, fortwährende Vergleiche zwischen der Erde
-und den anderen Planeten anzustellen.</p>
-
-<p>Die Entfernung der Planeten von der Sonne steht
-ja im Verhältnis zu ihrem Alter. Die älteste Welt
-unseres Systems ist Neptun, die jüngste Merkur. Als
-der Komet zum erstenmal in unserem Sonnensystem
-erschien, waren die älteren Planeten bereits bewohnt;
-es war ihm nicht vergönnt, Zeuge zu sein, wie sich
-auf ihnen das Leben bildete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>Neptun, der älteste und von uns am weitesten entfernte
-Planet, hatte bereits die Höhe seiner Entwicklung
-überschritten. In den entlegenen Gegenden des
-Weltenraumes, in denen er seine Bahn wandelt, würde
-unsere Erde rasch erstarren und zu Eis erkalten; nicht
-so Neptun, den, wie alle anderen Welten, die gütige
-Natur so geschaffen hat, daß seine Eigenschaften in
-vollster Harmonie mit seinen Daseinsbedingungen
-stehen. Er zieht seine Kreise um die Sonne in Jahren,
-von denen eines so groß ist wie hundertvierundsechzig
-Erdenjahre.</p>
-
-<p>Uranus, der jüngeren Datums ist, befand sich gerade
-im Mittag seines Lebenstages. Dort herrschte
-ein anderes Leben unter anderen Formen und nach
-anderen Gesetzen &ndash; ein Leben, das mit dem auf
-dem Neptun vorhandenen gar keine Ähnlichkeit hatte
-und auch von dem auf den anderen Planeten grundverschieden
-war. Uns hiervon eine Vorstellung zu
-machen, ist ganz unmöglich, denn selbst unsere kühnste
-Phantasie ist nicht imstande, sich mit Vernunft begabte
-Wesen vorzustellen, die anders als wir organisiert sein
-sollen, sie vermag es nicht, sich unbekannte Formen
-vorzustellen. Um die Welt des Uranus kreisten in
-rückläufiger Bewegung vier Monde, die, gleich ihrem
-Regenten, ihre erste Jugend schon lange als vergangene
-Zeiten betrachten durften. Ein Jahr des
-Uranus umfaßt vierundachtzig Erdenjahre.</p>
-
-<p>Wie wir früher bereits gesehen haben, stand Saturn
-in seiner schönsten Blüte und vervollkommnete
-sich immer mehr. Damit soll aber keineswegs gesagt
-sein, daß seine Bewohner mit großen Schritten der
-Höhe entgegeneilten, auf der die Bewohner des Uranus
-bereits angekommen waren. Dies würde in keiner<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span>
-Weise das Richtige treffen; denn was für eine Welt
-die Vollendung darstellt, ist es noch keineswegs für eine
-andere, und in der langen Geschichte der Gestirne gibt
-es keine Epoche, in der man etwa die verschiedenen
-Welten in eine bestimmte Reihe gliedern und jeder
-Welt eine bestimmte Nummer in dieser Reihe anweisen
-könnte. Jede Welt hat ihre eigene Bestimmung und
-verfolgt ihr eigentümliche Mittel, um diese Bestimmung
-zu erreichen. Bei den Bewohnern des Saturn
-ist ein Jahr dreißigmal so lang als bei uns, und ihr
-Kalender hat die Umlaufszeit von zehn Monden mit
-zu berücksichtigen.</p>
-
-<p>Jupiter befand sich noch in vollster Jugend und
-strotzte von Kraft und Leben. Man konnte ohne große
-Mühe erkennen, daß er das Stadium der Entwicklung,
-in dem sich die Erde gerade jetzt befand, schon seit
-langer Zeit durchgemacht hatte, daß aber seine Lebensäußerungen
-mit einer immer noch ziemlich beträchtlichen
-Langsamkeit vor sich gingen. Während die
-Erde zwölf Jahre zurücklegte, vollendete er erst ein
-Jahr, und noch immer herrschte auf ihm beständiger
-Frühling, obwohl die verschiedenen Jahreszeiten
-auf seiner Oberfläche bereits ihr Erscheinen zu erkennen
-gegeben hatten; acht Monde drehten sich rasch
-um ihn.</p>
-
-<p>Schon bevor der Komet die Erde zum erstenmal
-gesehen hatte, hatte er diese Beobachtungen bereits
-gemacht, und es unterliegt keinem Zweifel, daß hierin
-der Grund für seine anfängliche Geringschätzung der
-Erde zu suchen ist. Was ihm aber bei seinen Wahrnehmungen
-am meisten aufgefallen war und wohl
-auch dazu beigetragen hatte, sein Vorurteil gegen die
-Erde immer mehr zu bestärken, das war die Kleinheit<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-unseres Planeten im Verhältnis gerade zum
-Jupiter. Es wollte ihm scheinen, als sei die Erde
-nur ein vom Jupiter losgelöster Mond, und er war
-lange Zeit nicht geneigt, sich eines Besseren belehren zu
-lassen. In der Tat muß ihm ja zugegeben werden, daß
-der Kontrast zwischen den Größenverhältnissen des
-Jupiter und der Erde ungeheuer ist. Nicht weniger
-als elfmal ist der Durchmesser des Jupiter größer
-als der der Erde, und dementsprechend mißt seine
-Oberfläche hundertundzwanzigmal mehr und beträgt
-sein Körperinhalt dreizehnhundertmal mehr als der
-der Erde!</p>
-
-<p>Mars befand sich um jene Zeit in einer ähnlichen
-Lage wie die Erde. Obgleich er ihr älterer Bruder
-ist, war er doch nicht rasch vorgeschritten, vielmehr
-war er in seiner Entwicklung aufgehalten worden.
-Als später der Komet die Erde zum Gegenstand
-seiner Forschungen gemacht hatte, beschränkte er
-sich nur auf sie, und es wäre ihm schwer gefallen,
-seine Aufmerksamkeit zwischen der Erde und einem
-anderen Gegenstand zu teilen, wenn ihm dieser nicht
-etwas weit Interessanteres dargeboten hätte. Die Erde
-blieb das Objekt seiner Gedanken.</p>
-
-<p>Der Mond war damals von dem kleinen Volk der
-Seleniten bewohnt. Man wird es leicht glauben, daß
-diese Welt in der Tat zu klein war, um das Interesse
-des erhabenen Reisenden für längere Zeit in Anspruch
-zu nehmen.</p>
-
-<p>Trotz der unserer Erde in so hohem Maße entgegengebrachten
-Neigung des Kometen, hätte doch
-beinahe ein Ereignis, wie es im Leben eines jeden
-eines Tages vorkommen kann, diesen seinen so beharrlichen<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span>
-und lehrreichen Beobachtungen ein Ende gemacht.
-Auch bei den Bewohnern des Weltenraumes
-gibt es gewisse Vorgänge, die man mit solchen bei
-den Erdenbewohnern in Parallele stellen kann. Wir
-müssen einen Augenblick bei einem derartigen Ereignis
-verweilen, denn es kommt ihm immerhin eine gewisse
-Bedeutung zu: wir sprechen nämlich von einer Art
-ehelicher Verbindung des Kometen.</p>
-
-<p>Schon seit siebenundzwanzigtausend Jahren hatte
-ein prächtiges Meteor, das mit schönster Form einen
-Farbenglanz von reinstem Wasser verband, von weitem
-in den Gefilden des Himmelsraumes den Schweifstern
-daherziehen sehen. Die Einsamkeit macht nachdenklich,
-und man wird es daher glaubhaft finden,
-daß sich das Meteor in seiner Einsamkeit zu dem
-Gestirn mit den langen goldenen Haaren hingezogen
-fühlte. Siebenundzwanzigtausend Jahre lang näherte
-sich, infolge des Gesetzes der allgemeinen Schwerkraft,
-die Bahn dieses Meteorsteines, der zu den größten
-seiner Gattung gehörte, immer mehr der des Kometen.
-Bemerkt sei hierbei, daß diese großen Meteorsteine
-ganz ebenso wie die Kometen ihre Bahnen um die
-Sonne ziehen. Je näher er an den Kometen herankam,
-desto rascher flog er auf ihn zu, und zuletzt schoß
-er mit einer Geschwindigkeit von viertausend Meilen
-in weniger als einer Minute in die Sphäre des Kometen
-hinein, so daß er, von weitem gesehen, dessen
-Kern darzustellen schien. Ob dies vielleicht der Anfang
-zur Bildung neuer Kometen war? Darüber schweigt
-die Geschichte, und die Philosophen, die bei der Erklärung
-dieses Umstandes sich durch nicht passende
-Analogien haben bestimmen lassen, sind in lächerliche
-Übertreibungen verfallen. Auf welche Weise aber auch<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span>
-die Kometen sich bilden mögen, das eine steht fest, daß
-es am Himmel so viele gibt als Fische im Meere;
-wir berufen uns hierbei auf Kepler und fragen: Was
-müßte geschehen, wenn sich ihre Zahl willkürlich ins
-Ungeheure vermehrte? Es bedarf einer gewissen Entschlossenheit,
-um mit kaltem Blute die zahllose Masse
-jener Gestirne zu betrachten, die in raschem Fluge ihre
-Bahnen gegenseitig kreuzen, und man muß staunen,
-daß ihre vielfältigen Bahnen, welche die Bahn der Erde
-nach allen Richtungen hin kreuzen, nicht häufige Zusammenstöße
-zwischen den Planeten und Kometen herbeiführen.</p>
-
-<p>Wir wollen uns jedoch hierbei nicht länger aufhalten.
-Für uns bleibt der Komet, was er war, die
-handelnde Person unserer Erzählung. Das Meteor ist
-in ihm aufgegangen und seine Persönlichkeit existiert
-nicht mehr.</p>
-
-<p>Inzwischen war das Meer von jener Ebene, auf
-der sich Paris erheben sollte, zurückgetreten; ein gewaltiger
-Strom, weit größer als die heutige
-Seine, nahm deren Flußbett ein, sowie einen breiten
-Saum längs desselben, und warf sich nicht
-weit von ihrer heutigen berühmten Mündung bei
-Havre, aber etwas oberhalb derselben, in der Gegend
-von Caudebec, ins Meer; dagegen war das Cap de
-la Hève weiter in den Ozean vorgeschoben. Bekanntlich
-rücken die Ufer eines Flusses infolge des Sandes,
-den das Wasser mit sich führt, einander immer
-näher, und auch die Mündung versandet allmählich,
-während das Meer hingegen die vorspringenden felsigen
-Gestade nach und nach abrundet. So ist die
-Gestalt der Küste in fortwährender Umwandlung begriffen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Die Natur ging ihrem jetzigen Aussehen entgegen.
-Vögel sangen bereits in den Wäldern, die wohl das
-ganze heutige Frankreich bedeckten. Murmeltiere, Eichhörnchen,
-Feldmäuse, Biber, Pferde, Hunde usw.
-waren die ersten Vertreter jener harmloseren Tierwelt,
-die dann, nachdem der Mensch erschaffen worden
-war, bestehen bleiben sollte. In den geschmeidigen
-Zweigen der Liane kletterten bereits die ersten
-Affen und schnitten ihre Grimassen, auch sie, von
-allen Geschöpfen am meisten den Menschen ähnlich,
-waren Vorläufer des »Herrn der Schöpfung«.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<h3>Fußnoten</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">6</span></a> Die Ellipse einiger Kometen ist so lang, daß sie zur Zeit
-ihres Apheliums eine Kälte zu ertragen haben, von der wir uns keine
-Vorstellung machen können, während sie zur Zeit ihres Periheliums so
-nahe an der Sonne vorbeigehen, daß sie einer ebenso unfaßbaren
-Hitze ausgesetzt sind. Newton schätzt das Wärmequantum, welches der
-Komet von 1680 bei seinem Vorbeigange an der Sonne in sich aufnehmen
-mußte, achtundzwanzigtausendmal so groß als die Wärme, die
-wir zur Zeit der Sommer-Sonnenwende von der Sonne empfangen,
-und setzt seine Temperatur zweitausendmal größer an als die von rotglühendem
-Eisen. Newton fügt hinzu, daß es die Bestimmung der
-Kometen sei, dereinst in die Sonne zu fallen, um deren Glühen zu
-unterhalten. Hierauf wollte wahrscheinlich der Verfasser der »Briefe
-aus dem Grabe« anspielen, als er folgendes schrieb: »Ein kolossaler
-Komet, größer noch als Jupiter, hatte noch dadurch an Umfang zugenommen,
-daß er unterwegs verschiedene kleinere Kometen, die bereits
-in der Auflösung begriffen waren, in sich aufgenommen hatte. So
-durch verschiedene kleine Erschütterungen einmal aus seiner Bahn gebracht,
-konnte er sich nicht mehr in seine Ellipse hineinfinden, und dieser
-Unglückliche stürzte in die verzehrende Glut der Sonne&nbsp;… Man
-will wissen, daß der arme Komet, der so bei Lebzeiten verbrannt
-wurde, schrecklich geschrien haben soll.«</p></div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Viertes_Kapitel"><span class="h2meta">Viertes Kapitel.</span><br />
-Die vorpariserischen Pariser.</h2>
-</div>
-
-<p>Bei den ständigen Beobachtungen, welche die Kometen
-auf ihren Wanderungen anstellen, haben sie die
-sehr lobenswerte Angewohnheit angenommen, sich niemals
-auf ihr jeweiliges Urteil allein, so scharf und unparteiisch
-es auch sein mag, zu verlassen. Sie sind von jeder
-Voreingenommenheit frei, und man kann ihnen nicht
-den Vorwurf machen, daß sie etwa irgendeinem Machthaber
-zu Gefallen etwas nicht sagten, was sie dächten,
-oder etwas sagten, was sie nicht dächten. Nach jeder
-Richtung hin unabhängige Reisende, wie sie es sind,
-verbringen sie ihre Zeit damit, vergleichende Beobachtungen
-anzustellen, und sie sind vielleicht die weisesten
-von allen Himmelskindern. Um ein Beispiel von der
-Klugheit, die sie bei keiner ihrer Handlungen vermissen
-lassen, anzuführen, wollen wir nur erwähnen, daß
-unser Komet bei allem Wohlwollen, das er der Erde<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-entgegenbrachte, und trotz des vorgeschrittenen Zustandes,
-in dem sich der Planet zurzeit befand, doch
-das Vergnügen herbeisehnte, auf dieser so zur Freude
-geschaffenen Welt ein mit Vernunft begabtes Wesen
-begrüßen zu können. Gegen das Ende der Tertiärperiode,
-das heißt vor vierzig Kometenjahren oder
-gegen das Jahr hundertundviertausend&shy;vierhundertundneunzig
-vor Beginn unserer Zeitrechnung, suchte er
-dieses Wesen auf der Erde, denn er folgerte sehr
-richtig, daß, da auf den anderen Planeten vernunftbegabte
-Geschöpfe vorhanden waren, solche auch auf
-der Erde erscheinen müßten. Da er aber von derartigen
-Wesen noch keine Spur entdecken konnte, so beruhigte
-er sich damit, daß die Erde für diese neue Schöpfung,
-die doch einst kommen müsse, noch nicht reif wäre,
-und daß all ihre Pracht und Herrlichkeit zunächst noch
-für eine vernunftlose Lebewelt da sei.</p>
-
-<p>Frankreich war eben aus den Wassern emporgestiegen.
-Wie es ja vorkommt, daß hervorragende
-Geister die Zukunft ganzer Reiche im Geiste vor
-sich sehen, so ahnte der Komet die künftige Bedeutung
-dieses Teiles der Erde und wandte ihm sein
-Interesse zu. Zweimal hatte sich bereits das Meer von
-neuem über den herrlichen Landstrich ergossen, bevor
-sein Gestade diejenige Gliederung annahm, deren
-Charakter ihm auch für die Zukunft bleiben sollte.
-Eine Bevölkerung, die sich aus den verschiedensten
-Elementen zusammensetzte, bewohnte das Land. Dort,
-wo einst Paris stehen sollte, sah der Komet sehr merkwürdige
-Vorfahren der zukünftigen Großstädter. Im
-Schlamme der Moräste brüllten Nilpferde und Megatherien;
-Kamele und andere Wiederkäuer zogen ihres
-Weges einher. Hirsche mit riesigen Geweihen und<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span>
-flinke Hirschkühe suchten und flohen einander in den tiefen
-Gründen des Waldes. An den Ufern der Seine, auf
-deren schönen Promenaden später Stutzer ihre elegante
-Erscheinung bewundern lassen sollten, waren schon
-Pfauen als erste Vertreter der Eitelkeit zu erblicken
-und in ihrer Nähe stolzierten Störche mit gravitätischen
-Schritten.</p>
-
-<p>Wie heutzutage war auch damals die Fauna
-bunt gemischt. Hasen liefen Schildkröten in den Weg,
-und Hunde blickten auf Katzen mit Verachtung herab;
-die kleinen Gänse liefen hinter den großen einher,
-aber die Raben hatten es noch nicht gelernt, sich mit
-fremden Federn zu schmücken. In voller Freiheit
-sprangen die Pferde auf den weiten Wiesen umher
-und ließen ihre Mähne lustig im Winde flattern. Die
-Rinderarten lebten in Herden gesellig beisammen und
-man sah sie in Gruppen mit den jungen Tieren zur
-Tränke wandern und von einer Weide zur andern ziehen.
-Die gesetzten Schrittes daherschreitenden Elefanten, die
-ältesten Glieder dieser Periode, betrachteten sich als
-Herren dieses friedlichen Reiches. Um diesem schönen
-Gemälde, das nur die Gegenwart des Menschen noch
-vermissen ließ, noch den letzten Pinselstrich zu geben,
-sah man in der Ferne die schneebedeckten Gipfel hoher
-Berge sich in den Wolken verlieren. Näher heran
-konnte man dunkle Wälder erkennen, die in ihrem
-überwiegenden Teile mit schwarzen Tannen bestanden
-waren. Am Rande der Wälder erhoben sich dichtbelaubte
-Erlen und Eichen in Abwechslung mit saftigen
-grünen Linden; in der Ebene waren hochaufstrebende
-Pappeln zu schauen und über den Ufern
-der murmelnden Quellen wiegten sich die Büsche der
-Weiden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>Die Verschiedenheit, die zwischen den Gebilden
-zweier Welten herrscht, ist ganz ungeheuer, und die
-Geschöpfe eines Weltkörpers ähneln in keiner Weise
-denen eines anderen. Der Stoff, aus dem die Gebilde
-bestehen, ist durchaus passiver Natur; er fügt
-sich gehorsam der Kraft, die ihn leitet, und diese
-allein herrscht unumschränkt. Daher kommt es denn
-auch, daß die Naturkraft, welche auf den verschiedenen
-Weltkörpern an Intensität nicht gleich ist, auf
-ihnen Wesen hervorgebracht hat, die voneinander so
-bedeutend abweichen. Trotz der Verschiedenheit aller
-Bedingungen konnte der Komet doch bereits erkennen,
-daß auch die Erde sich jenem bleibenden Zustande
-näherte, in dem sich ihre Gefährten im Weltenraum
-bereits befanden, jenem Zustande, in dem ein Herrscher
-endlich von seinem Reiche Besitz ergreift. Es
-war deutlich zu sehen, daß sie sich für ihren Gebieter
-einrichtete, wobei freilich alle Entwicklungsformen
-einen ganz eigenen Charakter aufwiesen. So konnte
-ein aufmerksames Auge ohne Mühe erkennen, daß
-die Erde mannigfache Wohnungen vorbereitet hatte,
-die &ndash; von denen anderer Planeten freilich sehr abweichend
-ausgestattet &ndash; darauf warteten, ihren Benutzer
-demnächst einziehen zu sehen.</p>
-
-<p>Sollte man es jedoch wohl glauben, daß der Komet
-noch gegen dreißig seiner Jahre, von denen jedes
-mehr als dreitausend Erdenjahre umfaßt, warten
-mußte, bevor seine Hoffnungen sich zu verwirklichen
-schienen? Oft machte er trügerische Entdeckungen, und
-zuweilen glaubte er menschliche Spuren zu erkennen.
-In der großen Entfernung, in der er sich immerhin
-von der Erdoberfläche hielt, erblickte er oft Scharen
-neuer Wesen: Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans,<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span>
-die ihm das so sehr gesuchte Wesen zu sein schienen,
-aber immer wieder mußte er seinen Irrtum erkennen.
-Zu gewissen Zeiten, nämlich in den Jahren Vierundvierzigtausend&shy;undhundertvierundsechzig,
-Einundvierzigtausendundneunundneunzig,
-Achtunddreißigtausendundvierunddreißig
-und Vierunddreißigtausend&shy;neunhundertundneunundsechzig
-hatten seine Hoffnungen ihren
-Höhepunkt erreicht. Wie uns gelegentlich im Monat
-April schöne Sommertage, an denen vom Erdboden
-Licht, Wärme und Blumenduft in die weichen Lüfte
-aufsteigen, durch ihr frühzeitiges Erscheinen erfreuen, so
-gab es auch in diesem April der Entwicklungsgeschichte
-der Erde einen verfrühten Sommer. Ein neues Wesen,
-das ganz dazu angetan schien, die Herrschaft über die
-Erde an sich zu nehmen, war in den lachenden Fluren
-eines großen Erdteils, der inzwischen bereits wieder
-verschwunden ist, aufgetaucht. Schon gesellten sich die
-Viehherden zu ihm, als wollten sie ganz von selbst
-dem neuen Wesen untertänig werden, schon schienen
-die Elemente dem Einzuge des Königs und der Errichtung
-seiner Herrschaft geneigt zu sein, aber es
-handelte sich auch hier um eine frühzeitige Frucht, und
-der Komet erkannte bald, daß es noch keine Menschen
-waren.</p>
-
-<p>Vielleicht darf man diesen ursprünglichen Wesen,
-von denen ich eben sprach, den Namen »Troglodyten«
-geben, weil sie natürliche Höhlen, die sich entweder
-an den Seiten von Bergen oder in der Einsamkeit
-der Wälder befanden, bewohnten. Niemals legten sie
-Steine aufeinander, um einen größeren Bau aufzuführen.
-Möglich, daß sie die Ahnen des Menschengeschlechtes
-und das verbindende Glied zwischen dem
-Menschen und den früheren Tierarten waren, denn<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span>
-<em class="antiqua">natura non facit saltum</em>. Unser aufmerksamer Reisender
-konnte dieses große Rätsel jedoch nicht lösen.
-Während der vier Jahre, die wir genannt haben,
-beobachtete er sie unausgesetzt, ohne daß er über ihre
-wahre Natur mit sich ins Reine kam, und als im
-Jahre Einunddreißigtausendneunhundertundvier vor
-unserer Zeitrechnung der Komet wieder in sein Perihelium
-trat, waren sie wieder verschwunden, und vergeblich
-suchte er auf der Erde ihre Spuren oder ihre
-Nachfolger.</p>
-
-<p>In den Lichtungen der jungfräulichen Wälder sah
-man bisweilen auch große Affen herumspazieren, einen
-Stock in der Hand schleppend, und manchmal konnte
-man auch zwei große Parteien, die sich mit abgerissenen
-Baumzweigen bewaffnet hatten, erkennen,
-wie sie am Rande eines Gehölzes aufeinander losschlugen.
-Tote und Verwundete blieben auf dem
-Platze, und man ließ sie liegen, ohne sich weiter um
-sie zu bekümmern. Andere Affen, die miteinander
-harmlos und zutraulich spielten, zeigten sich hinterlistig,
-sobald sich ihnen Gelegenheit zu losen Streichen
-bot, was immerhin auf eine gewisse Intelligenz schließen
-ließ. Mehrere dieser gespieligen Geschöpfe taten sich
-bisweilen zusammen, um ein träges Krokodil aus dem
-Schlummer aufzuschrecken. Fuhr dieses nun plötzlich
-aus dem Schlafe auf, so liefen sie eiligst davon, und
-das Krokodil vergnügte sich nun seinerseits damit,
-unversehens zuzuschnappen und den Kleinsten oder Ungeschicktesten,
-den es greifen konnte, zu verspeisen.
-Auch vereinigten sich ganze Scharen zu fröhlichen Gelagen,
-bei denen vermutlich die Hochzeit irgendeines
-hervorragenden Mitgliedes ihres Kreises gefeiert
-wurde. Um die Wahrheit zu gestehen, waren dies die<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
-einzigen irdischen Wesen, die damals den Kometen
-interessierten. Fünfzigtausend Jahre lang sah er sie
-immer wieder, ohne daß sie ihn langweilten. Die anderen
-auf der Erde lebenden Geschöpfe schienen auch noch nicht
-den vierten Teil ihres Verstandes zu besitzen. Pferde,
-Elefanten, Hunde und Katzen schienen wohl gelehriger,
-und es war wohl möglich, daß ihre Erziehung durch
-den Menschen sie einst in ferner Zukunft auf eine
-höhere geistige Stufe bringen und sie verständiger
-als die Affen machen würde; für jetzt aber nahmen
-unbestreitbar die Affen den ersten Rang in der Schöpfung
-ein.</p>
-
-<p>In den heißen Gegenden des Äquators entdeckte
-der Komet später andere Geschöpfe, die mit den eben
-geschilderten die größte Ähnlichkeit hatten. Sie waren
-genau so wie diese behaart, lebten ebenso wie diese
-in kleinen Familien in Schluchten oder Wäldern,
-schlugen sich von Zeit zu Zeit tot, machten auf die
-Vögel des Himmels Jagd und hielten sich während
-der Nacht verborgen. Nur in zwei Punkten unterschieden
-sie sich unwesentlich von den vorher geschilderten
-Geschöpfen, und zwar einmal darin, daß,
-während jene viel miteinander spielten, diese von
-wilderem Charakter zu sein schienen, und daß sie
-zweitens bisweilen Stämme zu Scheiterhaufen aufeinander
-schichteten und verbrannten, was die früher
-Beobachteten niemals versucht hatten. Davon abgesehen,
-glichen sie sich fast wie zwei Wassertropfen
-einander.</p>
-
-<p>Durch einen jener glücklichen Zufälle, wie sie
-sonst nur in Romanen vorkommen, begegnete unser
-Komet in demselben Jahre, in dem er die eben geschilderte
-Beobachtung machte, einem anderen großen,<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span>
-»parabolischen«<a id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">7</a> Kometen, der vom Stern α im Zentauren
-heranzog, unserem Nachbarn, der uns bekanntlich
-jedoch nur auf fünf und eine halbe Billion Meilen
-nahe kommt. Die beiden Kometen freuten sich der so
-selten vorkommenden Gelegenheit einer Begegnung,
-und der aus dem Zentauren begleitete unseren Helden,
-bis sie an die Bahn des Neptun kamen. Sie
-plauderten zwar nur einen kurzen Kometenaugenblick
-zusammen, das heißt nur dreihundertundneunzig Jahre
-lang, aber diese Zeit genügte vollkommen, um unseren
-Kometen in gute Laune zu versetzen, denn sein Kollege,
-der viel Scharfsinn besaß, hatte ihn versichert, daß er
-ohne Zweifel, wenn er auf der Erde habe Feuer
-anzünden sehen, auch Grund zu der Annahme hätte,
-daß dort ein mit Vernunft begabtes Geschlecht leben
-müsse.</p>
-
-<p>Sie hatten sich von den weiten Reichen unterhalten,
-die jenseit des Neptun sich erstreckten, und der
-parabolische Komet hatte dabei von einer großen Bildung
-und bedeutender Erfahrung Zeugnis abgelegt.
-Sein Gefährte war lebhaft interessiert, denn um uns
-über Wert und Eigenart verschiedener Gebiete zu
-unterrichten, gibt es kein besseres Mittel als die Berichte
-zuverlässiger Reisender. Aber anderseits stimmen
-diese Berichte oft nicht mit unseren Anschauungen
-über gewisse feststehende Wahrheiten, die z. B. mit<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
-Volksangehörigkeit nichts zu tun haben, überein, und
-auch der Komet aus dem Zentauren geriet in große
-Widersprüche, wenn auf derartige Wahrheiten die
-Rede kam. Aus diesem Grunde entschloß sich unser
-Held, allen Lockungen unbekannter Fernen gegenüber
-fest zu bleiben und niemals parabolisch zu werden.
-Von ihrer weiteren Unterhaltung will ich nichts
-erzählen, denn wir würden davon doch nichts verstehen.
-Selbst mit unseren schärfsten Fernrohren können wir
-kein Bild des Lebens auf dem Neptun erhalten, und
-um diesen Punkt drehte sich ihr Gespräch.</p>
-
-<p>Als auf seinem Rückwege sich unser unerschrockener
-Wanderer wiederum der Erde näherte, erwartete ihn
-Gutes. Seine geliebte Erde zeigte sich ihm bei Sonnenaufgang
-und bot ihm einen solch sinnberückenden und
-wunderbar schönen Anblick, wie er ihn noch nie gesehen
-hatte. Bei dem blauen Himmel strahlte sie förmlich
-von Jugend und Schönheit. Die Wiesen prangten
-in frischem, taubenetztem Grün, die Knospen der Blumen
-entfalteten sich, und am Hagedorn blühten die
-wilden Rosen. Ganz zweifellos war die letzte Periode
-in der Entwicklungsgeschichte der Erde herangenaht &ndash;
-die Quartärzeit hatte begonnen.</p>
-
-<p>Freilich, wenn noch zahlreiche Vulkane inmitten der
-Gebirgsketten rauchten und der rötliche Qualm wirbelnd
-zum Himmel stieg, wenn die Erde noch zitterte
-und ihre trägen Glieder gewaltsam zu dehnen suchte;
-wenn noch plumpe Dickhäuter den grünen, saftigen
-Schmuck der Wiesen zerstampften, während in den Wüsten
-Löwen und Tiger brüllten; wenn die großen geflügelten
-Jäger aus den Lüften sich auf kleine furchtsame
-Geschöpfe stürzten, um sie zu verschlingen, wenn in der
-salzigen Meeresflut noch unerbittliche Ungeheuer lauerten<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span>
-&ndash; dann konnte die Erde noch keine vollkommene
-Schöpfung sein, dann mußte sie eine untergeordnete
-Welt bleiben, in der das Gesetz der Vernichtung
-herrschen sollte, das ja, leider, über dem Gesetz des
-Lebens steht. Auf der anderen Seite war auch nicht
-zu verkennen, daß die ursprünglichen unförmlichen Gestalten
-bereits verschwunden waren, um neuen Formen
-Platz zu machen, die sicherlich eine bleibende
-Stätte finden sollten. Es war ganz augenscheinlich,
-daß für die Berge auf dem festen Lande und für die
-Wälder am Meere die Zeit, in der ein Wesen kommen
-sollte, das ihren Wert wohl zu würdigen verstände,
-in der Gegenwart und nicht mehr in der fernen Zukunft
-lag.</p>
-
-<p>Im höchsten Grade begierig, endlich auf der Erde
-Wesen erscheinen zu sehen, die fähig wären, die
-Schönheit ihrer großartigen Landschaften zu bewundern,
-edle und kräftige Geschöpfe, in deren Kopfe
-die heilige Flamme des göttlichen Gedankens Platz
-gegriffen hätte, blieb dem aufmerksamen Kometen nichts
-übrig, als abzuwarten. Vor sechs Kometenjahren
-hatte er gesehen, wie unbehaarte Zweifüßler von
-Höhle zu Höhle liefen und sich leidenschaftlich der
-Jagd ergaben. Das Jahr darauf hatte er Wesen entdeckt,
-die mit Pfeil und Bogen, mit steinernen Messern
-und Äxten bewaffnet waren und sich bisweilen auch
-in kleinen, von Sümpfen geschützten Behausungen
-zusammentaten, ja sogar nach Art der Biber ihre
-Wohnungen in die Seen bauten. Aber es wollte dem
-Kometen nicht einleuchten, daß das menschliche Geschlecht
-nicht höher geartete Vertreter als diese haben sollte.
-Bei jedem Vorbeigange nach seinem Perihelium war
-er auf das eifrigste bemüht, die gesamte Oberfläche<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span>
-der Erde mit seinen Blicken zu durchmustern, und sein
-Herz zitterte dabei vor Erregung, jeden Augenblick eine
-neue Enttäuschung erleben zu müssen. Seit fünfzigtausend
-Jahren, ganz besonders aber seit den letzten
-zehntausend Jahren wartete er auf das Erscheinen des
-Menschen, und sein Eifer verdiente es wohl, von Erfolg
-gekrönt zu werden.</p>
-
-<p>In den fruchtbaren Tälern, welche die oberen Zuflüsse
-des Indus bewässern, am Fuße der Riesenketten
-des Himalaja, herrscht ein ewiger Frühling, der seinen
-wohltätigen Einfluß weithin verbreitet. Hier war es
-auch, wo der iranische Tierkreis entstand, der von einem
-Punkte am Himmel, welcher die Sonnenwende des Jahres
-Neunzehntausend&shy;dreihundertsiebenunddreißig vor
-unserer Zeitrechnung bezeichnet, seinen Ausgang nimmt.
-Nach diesem ersten astronomischen Kalender richteten
-später zwei große Völkerrassen ihr Leben ein. Zur Zeit,
-als der Komet vorbeiging, waren sie noch vereint, es
-waren die Arier, ein Hirtenvolk, das, wie der Komet
-auf den ersten Blick erkannte, den Völkern, die bisher
-auf der Erde gelebt hatten, überlegen war. Abgesehen
-von einer mehr entwickelten äußeren Gestalt,
-gaben sie durch untrügliche Zeichen von ihrer geistigen
-Regsamkeit Kunde. Die einzelnen Familien
-hatten sich zu Stämmen zusammengetan und schlugen
-bald hier, bald dort ihre Zelte auf, wobei sie sich
-stets nach der Sonne richteten. Der Orient erwachte,
-und vielleicht sollte in ihm die Wiege des Geistes
-entstehen. Hatte vielleicht Gott schon auf sein letzterschaffenes
-Wesen seine Hand gelegt, um seine Stirn
-mit dem für alle Zeiten unvergänglichen Zeichen seines
-Geistes zu schmücken? Oder hatte er die gebrechliche
-Stirn dieses noch zu jungen Geschöpfes noch nicht berührt?<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span>
-… Nicht gleich am ersten Tage nach seiner
-Geburt kann das Kind von seiner Vernunft Gebrauch
-machen.</p>
-
-<p>Legt man eine Eichel in fruchtbares Erdreich, dann
-wird sich allmählich der in ihr verborgene Keim entwickeln.
-Viel Schnee wird den Boden des Waldes
-mit seinem weißen Tuche überdecken, viel Tau wird
-im Frühling darauf herniedersinken, und durch die
-dichtbelaubten Wipfel wird oft die heiße Julisonne
-ihre wohltuenden Strahlen senden. Und es wird zwar
-lange dauern, aber endlich wird sich doch eine junge,
-grüne Eiche im Winde schaukeln; noch können die
-kleinen Vögel, die auf ihr sitzen, ihren dünnen Stamm
-zur Seite biegen. Aber wenn die Jahrhunderte an
-ihrem sich immer mehr ausbreitenden Gipfel vorüberziehen,
-dann wird sich erst die ganze Größe des Baumes
-in seinem reichen Blätterschmuck an den vielfach verästelten
-Zweigen entfalten. Generationen werden unter
-seinem Schatten sitzen, und die Zahl seiner Jahre
-kann kaum noch gezählt werden. So geht in der
-Natur jeder Fortschritt nur gemach vonstatten, und
-so folgt auch in dem göttlichen Werke der Schöpfung
-ein Weltenalter mit gemessenem Schritt auf das andere.</p>
-
-<div class="footnotes">
-<h3>Fußnoten</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">7</span></a> Parabolische Kometen nennt man diejenigen, die anstatt in
-einer geschlossenen Kurve um die Sonne zu kreisen und in gewissen
-Perioden stets den nämlichen Punkt zu berühren, sich aus der Ellipse
-entfernen, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Sie wandern in unfaßbare
-Entfernungen, verschwinden aus dem Bereich der Anziehung
-unserer Sonne, gehen in andere Systeme über und setzen so ihr
-vagabundierendes Leben fort.</p></div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Funftes_Kapitel"><span class="h2meta">Fünftes Kapitel.</span><br />
-Im Orient.</h2>
-</div>
-
-<p>Dem Gestirn, das mit liebevoller Sorgfalt die
-weitere Entwicklung der Erde verfolgte, war es nicht
-entgangen, daß in der letzten Zeit die einzelnen Stufen
-rascher aufeinander gefolgt waren. Dreitausend Jahre
-sind indessen ein verhältnismäßig so geringer Zeitraum,
-daß der darin erreichte Fortschritt von keiner
-großen Bedeutung sein kann. Nur an der Zahl seiner
-Vorübergänge an der Erde vermochte der Komet
-festzustellen, welche Fortschritte die Erde in der Zwischenzeit
-gemacht hatte und wie weit sie auf ihrem
-Wege zu vielleicht unendlicher Vervollkommnung gelangt
-war.</p>
-
-<p>Mehr als jemals in seinen Hoffnungen bestärkt,
-machte sich unser Philosoph mit größtem Eifer daran,
-die Sitten jener patriarchalischen Stämme Indiens
-einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Aber welch
-großer Unterschied lag doch zwischen ihnen und denen
-der Bewohner anderer Welten, die er vor langer,
-langer Zeit kennen gelernt hatte! Wie weit waren
-diese Völker doch noch von dem wahren Zeitalter
-der Humanität entfernt, in dem Poesie, Wissenschaft
-und Kunst die Bildung einer Nation ausmachen!
-Wenn unter dieser flachen Hirnschale der Geist schon
-erwacht und sich seiner Kraft bewußt geworden war,
-dann war er ganz gewiß noch nicht über jenen halbnächtlichen
-Zustand, in dem noch die Traumwelt
-vorherrscht, hinausgekommen. Er lebt in einer beständigen
-Furcht; als höhere Wesen betet er die Elemente,<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span>
-die Naturerscheinungen an. Aber sein Sinnen ist schon
-erwacht, und die Poesie führt ihn bereits zum gemeinsamen
-Urquell aller Dinge.</p>
-
-<p>Erst im Jahre Dreizehntausendfünfhundertundvierzehn
-vor unserer Zeitrechnung geschah es, daß der
-Komet zum erstenmal auf der Erde etwas zu entdecken
-glaubte, was einer menschlichen Stadt ähnlich sah;
-in Wahrheit war es jedoch nur ein unregelmäßiger
-Haufen aus Stein erbauter Hütten. Der Enthusiasmus
-aber, mit dem er diese Entdeckung begrüßte, läßt sich
-nicht in Worten ausdrücken; glücklich war er, nun
-endlich einen handgreiflichen Beweis dafür zu haben,
-daß die Herren der Erde in ihrer Entwicklung und in
-ihrem Familienleben Fortschritte machten. Aus einer
-ungeheuren flüssigen Ebene, die den größten Teil der
-Erdoberfläche gleich einem smaragdenen Tuche überdeckte,
-hob sich ein weites unregelmäßiges Dreieck in ockergelber
-Farbe ab. Dieser Erdteil schien nicht so fruchtbar
-zu sein wie der benachbarte, der zu seiner Rechten
-angrenzte, und auf dem noch die bereits oben erwähnten
-indischen Stämme lebten; in seinem äußersten
-Norden war aber eine Landschaft von außerordentlicher
-Fruchtbarkeit und größter Schönheit zu erblicken.
-Es schien fast so, als ob der Mensch imstande gewesen
-wäre, das Gebiet der Erde vollständig zu übersehen,
-die verschiedenen Gegenden miteinander zu vergleichen,
-und gerade die fruchtbarste und schönste zu seiner
-Niederlassung auserwählt hätte. Inmitten dieser
-von der Natur bevorzugten Gegend strömte ein
-breiter, mächtiger Fluß dahin, der sich kurz vor
-seiner Einmündung ins Meer in zwei Arme teilte,
-und oberhalb des Deltas war die erste Stadt
-entstanden. Memphis hieß sie, die in späteren Jahren<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-ihre königliche Oberherrschaft an This, eine Stadt
-Oberägyptens, abgeben sollte, bis noch später Theben
-die beiden Städte ablöste und in den Schatten
-stellte.</p>
-
-<p>Wohl ist es wahr, daß der himmlische Beobachter
-die weiße Rasse unter den Menschen noch nicht bemerkt
-hatte, aber es entging ihm auch nicht, daß sich
-in der äußeren Erscheinung der Menschen doch schon
-ein ganz gewaltiger Fortschritt kundgab. Er sah, wie
-zur Ausführung größerer Arbeiten Menschen sich zu
-Gruppen zusammenscharten und daß bereits ein festes
-Band die einzelnen Familien eines Stammes zusammenhielt.
-Wenn des Abends sein feuriger Schweif
-den Horizont schmückte, konnte er sehen, wie Menschen
-ihren Führern an den Nil folgten, an seinen Ufern
-niederknieten, um in den stillen Gewässern des Stromes
-das Bild des Kometen zu betrachten. Andere,
-in ihrer Kleidung wesentlich von jenen unterschieden,
-stiegen in der Nacht auf hohe Pyramiden und suchten
-dort den Stand des Kometen unter den anderen Sternen
-festzustellen. Es war dies der Ursprung wissenschaftlicher
-Forschung, aber auch zu gleicher Zeit der Anfang
-der Unterjochung furchtsamer und unwissender
-Völker durch tyrannische und rücksichtslose Männer.</p>
-
-<p>Da der Komet die Erde doch nur in langen
-Zwischenräumen besuchte, wird man es begreiflich
-finden, daß er von all dem, was der Mensch in seinem
-Hochmut mit der stolzen Bezeichnung »Weltgeschichte«
-benennt, nur eine ganz unbestimmte Vorstellung gewann.
-Nur in großen Zügen konnte er von seinem
-Stand am Himmel verfolgen, wie die einzelnen Perioden
-der Schöpfung der Erde aufeinander gefolgt
-waren, er sah sie aber nicht durch den trügerischen<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-Spiegel, dessen die Menschen sich bedienen, um alles,
-was sie betrifft, recht groß zu machen, und das, was
-ihnen fremd oder unbegreiflich ist, recht klein erscheinen
-zu lassen. Der Komet konnte sich zwar naturgemäß
-nicht rühmen, alle Einzelheiten der Geschichte
-der Erde zu kennen; aber er konnte sich &ndash; und es
-ist dies auch mehrmals geschehen &ndash; zum Dolmetscher
-der Erde bei den anderen Gestirnen machen und ihnen
-die Geschichte unseres Planeten mit einer Klarheit
-und einer auf eigner Anschauung beruhenden Genauigkeit
-erzählen, die allen Täuschungen der Menschen
-bedeutend überlegen war. Es wäre daher sehr unrecht,
-wenn man sich etwa darüber wundern wollte, daß unser
-beobachtender Freund sich nicht besser über die Einzelheiten
-des irdischen Lebens zu unterrichten suchte.
-Seine Art, zu beobachten, konnte keine andere werden,
-und das Erscheinen des Menschen auf der Erde hat
-ihn auch nicht zu bewegen vermocht, seine Besuche in
-kürzeren Zwischenräumen zu wiederholen.</p>
-
-<p>So würde er zwar nicht bestimmen können, ob
-sein Vorbeigang im Jahre Zehntausendvierhundertundneunundvierzig
-in die Periode der Ptah oder erst
-in die des Re, des Chons oder des Set fiel, nach
-denen die ägyptischen Priester ihre Jahre zählten; er
-wußte aber ganz genau, daß eine der unserigen benachbarte
-Sonne, von der Kometen, die von dort kamen,
-ihm glänzende Schilderungen entworfen hatten, der
-große und schöne Sirius, es vermocht hatte, die
-Blicke und Gedanken, die Bewunderung und Verehrung
-der Priester von Ober- und Unterägypten auf
-sich zu ziehen. Er dürfte wohl auch nicht bestätigen
-können, daß in dem entlegenen Zeitabschnitt, von dem
-der indische Kalender seinen Ausgang nimmt, die<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-Söhne des Ostens bereits imstande waren, den Punkt
-der Sonnenwende festzustellen; ganz zweifellos wußte
-er aber, daß die Inder die Sonne verehrten, ebenso
-Agni, den Gott des Feuers, und daß sie dagegen
-Indra, den Gott des Blitzes, fürchteten. Aus eigener
-Beobachtung wußte er auch, daß aus dem Orient
-das Licht der Erkenntnis hervorgehen würde, das
-später den Okzident erhellen sollte.</p>
-
-<p>Dem Kometen war es auch vollkommen klar, daß,
-wenn es der Erde beschieden sein sollte, ein Wohnort
-für vernunftbegabte Wesen zu werden, diese Wandlung
-nicht in zwei Tagen geschehen könnte, sondern daß
-auch die Menschheit zu diesem Ende eine lange Lehrzeit
-durchmachen müßte. Es ist ein weiter Weg, der
-zur Zivilisation einer Welt führt! Nach seinen Jahren
-von dreitausend Erdenjahren Länge hatte der Komet
-in der Theorie sich ausgerechnet, daß die Erde in vier
-bis fünf Jahren die Kinderschuhe werde ausziehen
-können. Vier Jahre, zu dem hinzugerechnet, bei
-dem wir jetzt in unserer Erzählung stehen, ergeben
-1811 unserer Zeitrechnung! Hat sich der Komet getäuscht?
-In der Praxis freilich, sagte sich der Komet
-selbst, wird hierzu ein viel längerer Zeitraum erforderlich
-sein, da nach allem, was er sehen konnte,
-die Menschen durchaus nicht von dem Verlangen, sich
-zu vervollkommnen, beseelt zu sein schienen, sondern
-viel lieber sich gegenseitig zu schädigen suchten. Eine
-Beobachtung, die sich ihm aufdrängte, machte ihn
-im höchsten Grade betroffen, und er hat sie nie vergessen
-können. Noch immer steht er unter dem Eindruck,
-den er erhielt, als er aus seinen Himmelshöhen
-Zeuge einer jener großen und blutigen Schlachten
-war, wie sie in der Frühzeit der Geschichte geschlagen<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span>
-wurden, ein Eindruck, der sich im Laufe der Zeiten
-nicht verwischte, sondern sich immer wieder erneuerte,
-denn, solange es auf der Erde Menschen gibt, hat
-unser teilnehmender Freund auch nicht ein einziges
-Mal die Erde besucht, ohne daß er nicht irgendwo
-gesehen hätte, wie diese Geschöpfe sich gegenseitig totschlugen.
-Es schien ihm fast so, als ob sie nur dazu
-geboren wären, ihre Kräfte aneinander zu messen, und
-sobald sie sich stark genug dazu fühlten, ihre Macht
-gegeneinander zu gebrauchen. Anstatt, wie auf anderen
-Welten, eine geeinte, solidarische Familie zu bilden,
-lagen die Menschen der Erde fortwährend mit sich
-selber im Kampfe. Nach dieser Erfahrung, folgerte er,
-müsse man die Zahl der Jahre, die für die Lehrzeit
-der Menschen erforderlich sei, vervierfachen.</p>
-
-<p>Durch ein unvorhergesehenes Ereignis, das wir
-hier nur beiläufig erwähnen wollen, sollten die Beobachtungen
-des Kometen zu der Zeit, in der wir uns
-jetzt befinden, eine kleine Lücke erhalten. Bei seinem
-Vorübergange im Jahre Siebentausend&shy;dreihundertundvierundachtzig
-wurde seine Aufmerksamkeit ausschließlich
-durch den Mond in Anspruch genommen, und die
-neun Monate, die der Komet angesichts der Erde verweilte,
-flossen dahin, ohne daß er Zeit gefunden hätte,
-seine Beobachtungen auf unserem Planeten fortzusetzen.
-Schon im Jahre Neunundfünfzigtausend&shy;vierhundertundneunundachtzig,
-also siebzehn seiner Jahre vorher,
-war dem Kometen auf dem der Erde benachbarten
-Gestirn, der sie wie ein treuer Trabant unablässig begleitet,
-eine allgemeine Bewegung aufgefallen, die auf
-der Oberfläche des Mondes eine ganz ungewohnte
-Änderung herbeiführte. Zwei voneinander ganz verschiedene
-Naturen hatten auf seinen beiden Halbkugeln<span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span>
-Platz gegriffen; Mondbewohner, die von einer der beiden
-Hemisphären auf die andere übergingen, glaubten
-in eine ganz andere Welt zu kommen. Als ob das
-Gesetz von dem Gleichgewicht der Kräfte dort nicht existierte,
-nahm der reichere Teil den ärmeren Teil unmerklich
-in sich auf. Er sog ihm förmlich den Saft des Lebens
-aus, als ob es sein Wille gewesen wäre, das Reich
-der Mondbewohner allein ohne einen Nebenbuhler beherrschen
-zu wollen. Sämtliche flüssige Massen sowie
-alle zu Gasen verflüchtigten Körper zogen von der
-der Erde zugewandten Seite auf die andere hinüber,
-und gerade zu der Zeit, in der der Komet an der
-Erde vorbeiging, fand der Auszug der Seleniten, der
-Mondbewohner, nach der Halbkugel ihres Gestirnes
-statt, die nur noch allein bewohnbar blieb. Man sah
-sie überall sich rüsten, und von allen Seiten liefen sie
-nach der Grenze des Horizontes, und alles, alt und
-jung, groß und klein, arm und reich, wanderte nach
-der neuen Welt. Die unglückselige Hälfte des Mondes
-blieb von der Zeit an vollkommen verödet, und wir
-sehen heute ihre erloschenen Krater und die ausgetrockneten
-Meere, die ewig in ein grausiges Schweigen
-gehüllt sind.</p>
-
-<p>Fast hätte noch ein anderes Ereignis den Studien
-unseres Kometen ein frühzeitiges Ende gemacht. Bei
-seinem drittletzten Vorübergange glaubte er schon alles
-Leben auf der Erde der Vernichtung preisgegeben zu
-sehen. Eine ungeheure Flut hatte sich über sie ergossen,
-angeschwollene Ströme hatten Wiesen und Felder verwüstet,
-Ebenen und Gebirge schienen unterwühlt zu
-sein; auch das Meer schien die Grenzen seines Reiches
-überschritten zu haben, um die bisherigen Kontinente
-seiner todbringenden Herrschaft zu unterwerfen. Als<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span>
-sich aber gegen Abend die Erde gedreht hatte und dem
-Kometen ihre andere Hälfte zuwandte, vermochte er zu
-erkennen, daß diese Sintflut keine allgemeine war. Sie
-beschränkte sich nur auf die uralten Gegenden Asiens,
-während die beiden ungeheuren Dreiecke Amerikas im
-schönsten Sonnenschein dalagen. Die üppigste Vegetation
-herrschte hier, die Tierwelt befand sich auf
-der Höhe ihrer Blüte, und die Menschen, die dort
-wohnten, freuten sich ihres Lebens und beteten ihre
-schöne Natur an. Es waren die Vorfahren der Tolteken,
-auf die zuerst die Chichimeken und dann die
-Azteken folgten. Diesen war es auch beschieden, das
-Reich der Tapaneken, Akolhuaner usw. in das ihrige
-einzuverleiben. Sie gründeten die berühmte Stadt
-Tenochtitlan auf den Inseln des Tezcuco-Sees, die sie
-später zu einer einzigen Insel umschufen, um eine
-feste Grundlage für die Hauptstadt Mexikos zu gewinnen.
-Man sah auch die Berge, auf denen Manco-Capac
-eines Tages die Republik der Inkas, die Sonnenanbeter
-waren, gründen sollte. In ihr Reich zog später
-Pizarro ein, um es zu erobern und dann das Vize-Königreich
-Peru zu gründen. In den beiden Amerika
-lagen viele voneinander getrennte kleine Staaten. Nicht
-mit Unrecht dachte der Komet, daß, wenn durch ein
-plötzlich hereinbrechendes Unglück die asiatische Kultur
-auf dem Grunde des Meeres verschwände, Amerika
-sie recht wohl ersetzen könnte. Bald aber hatte er die
-Gewißheit, daß die Menschheit doch nicht in Gefahr
-stand, vom Erdboden zu verschwinden. Während die
-»neue Welt« zum Leben erwachte, wuchs die »alte«
-immer mehr und schuf so Ersatz für den kleinen Teil,
-den sie tatsächlich der großen Flut hatte zum Opfer
-bringen müssen. Ägypten besaß auch schon eine wirkliche<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-Stadt, in der man bereits Paläste und Türme
-unterscheiden und die Anfänge einer einförmigen
-Skulptur erkennen konnte. Hohe Pyramiden bildeten
-Wahrzeichen der dortigen Kultur, und in Indien entstanden
-ebenfalls große Städte. Auch Europa machte
-sich schon bemerkbar; erwachend, erkannte es, daß es
-bereits Tag geworden war, und fühlte das Verlangen
-aufzustehen und an der Kultur mitzuarbeiten. Nur
-in Australien konnte unser Komet noch keine höher gearteten
-Wesen, als große Affen, erkennen, die einander
-Grimassen schnitten.</p>
-
-<p>In Gesellschaft der so verschiedenartig gestalteten
-menschlichen Rassen entdeckte der Komet auch seltsam
-geartete Tierformen, die heute nicht mehr vorhanden
-sind: Da war der <em class="antiqua">Elephas primigenius</em> oder das
-Mammut, ein ungeheurer Elefant, der 15&ndash;18 Fuß
-hoch war und mit gekrümmten Stoßzähnen, die wenigstens
-12 Fuß in der Länge maßen, bewaffnet war.
-Als man in späteren Zeitaltern fossile Knochen dieses
-Mammut zusammen mit menschlichen Gebeinen fand,
-hielt man sie irrtümlich für Überreste von Riesen, die
-20 Fuß groß gewesen sein sollten! Da sah man das
-<em class="antiqua">Rhinoceros tichorhinus</em>, ein über und über mit Haaren
-bedecktes Ungeheuer, in dem wir wohl das Urbild des
-die Höhle bewachenden Drachen der Sage zu erblicken
-haben; auf der Höhe des Montmartre hauste der
-Höhlenbär in Gesellschaft riesenhafter Tiger; der
-Wisent und der Auerochs, welcher in Gallien von
-Cäsar auf dessen Rückwege von Bibracte noch gesehen
-wurde, bevölkerten die Wälder, ebenso der <em class="antiqua">Cervus
-megaceros</em>, eine Hirschart, die mit einem kolossalen
-Geweih von 10&ndash;12 Fuß Breite geziert war; diese
-Hirsche fielen den ersten menschlichen Jägern, die mit<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-Pfeil und Bogen schossen, als Beute zu. Auch prächtige
-Vögel, wie man sie heute nicht mehr sieht, gab
-es, wie der Dinornis oder Epiornis, dessen Eier
-25 Zentimeter lang waren. Sie gehörten zu der
-Familie der Strauße und gaben in der damaligen
-Fauna eine sehr gute Figur ab.</p>
-
-<p>Die Ureinwohner Frankreichs, die Kelten, die ein
-Glied der indogermanischen Völkerfamilie waren, kannten
-diese würdigen Nachkommen vorsintflutlicher Tiergeschlechter
-noch ganz gut. Der Komet beobachtete die
-Kelten mit Interesse, und sie verdienten es auch, daß
-er ihnen seine Aufmerksamkeit zuwandte, die hunderttausend
-Jahre vorher die Riesen der Vorwelt auf sich
-gezogen hatten; übrigens eine bedeutungsvolle Perspektive,
-daß dasselbe Gestirn, zu dem wir aufblicken,
-schon Geschlechtern, die seit Jahrhunderten erloschen,
-und Völkern, die bereits für immer in den Abgrund
-der Zeiten verschwunden sind, leuchtete. So vergehen
-wie Eintagsfliegen die Wesen, die für uns alles Dasein
-darstellen, während die Natur, die wir als etwas
-Selbstverständliches hinnehmen, ewig in ihrer erhabenen
-Größe bestehen bleibt.</p>
-
-<p>Es war im Jahre 1254 vor Christi Geburt, als unser
-ehrwürdiger Reisender zum vorletztenmal an der Erde
-vorüberging. Damals führten unsere Ahnen noch ihr
-einförmiges Naturleben inmitten der dunklen Wälder,
-die zu jener Zeit noch das Land bedeckten. Ihr Ehrgeiz
-ging über die Scholle, auf der sie geboren waren,
-nicht hinaus, und sie genossen in Frieden das Licht
-des Himmels und die Güter der Erde. Ihre Großonkel,
-die wir bereits vor einigen tausend Jahren im
-fernen Orient kennen gelernt haben, führten noch immer
-dasselbe frohgemute Leben. Aber im Gegensatz zu<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span>
-den Kelten, die friedlich in den Wäldern ihres Landes
-wohnten, suchten sie weitere Eroberungen zu machen.
-Doch die Zeit ist nicht mehr fern, in der auch die
-Kelten nach dem Süden wandern und hinter sich die
-Kimmerier, Scordisken, Taurisker, Boier und Zimbern
-lassen werden; jetzt aber erfreuen sie sich noch des
-Glückes ihrer Kindheit, aber auch sie werden groß
-und mächtig werden. Anderseits jedoch sind die Völker,
-die wir bereits betrachtet haben, von ihrer Höhe
-zurückgegangen. Ägypten schläft, Memphis ist tot,
-This träumt und Theben, das hunderttorige, erwacht.
-Aber es dauert nicht mehr lange, und der Wüstensturm
-wird alle diese Städte hinwegfegen. Ach wieviel
-verschwundene Kulturen! Babylon, das vor fünfzehnhundert
-Jahren gegründet wurde, ist bereits gesunken,
-und Ninive, das ihm folgte, liegt in Trümmern.
-Ecbatana taucht auf, aber nur um später
-Persepolis Platz zu machen, das auch seinerseits wieder
-fallen wird. Assyrer, Meder, Perser, Chaldäer waren
-nichts weiter als abgestoßene Glieder einer großen Völkerfamilie.
-Auf der anderen Halbkugel schritt Amerika
-nur langsam vorwärts. Im östlichen Asien waren
-in China die Keime der Kultur aufgegangen; und
-überallhin sandte die Sonne ihre befruchtenden
-Strahlen und hüllte Länder und Meere in ihr
-friedliches Licht. Vor kurzem erst war ein kleines
-Volk aus Ägypten ausgezogen, jetzt setzte es sich
-längs des Meeres fest, aber es hatte sich noch
-keine Könige gewählt. Schließlich ist noch im Süden
-Europas eine kleine Halbinsel zu erwähnen, deren
-Bewohner, die erst vor achthundert Jahren dorthin
-gekommen waren, älter als der Mond sein wollten und
-behaupteten, der Grille gleich, die von ihren Frauen als<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-Wahrzeichen im Haare getragen wurde, aus dem Boden
-der Erde entstanden zu sein. Damals beschäftigte eine
-wichtige Begebenheit die Bewohner dieses Landes.
-Ein gewisser Paris hatte eine sehr schöne Dame,
-namens Helena, die rechtmäßige Gattin des Königs
-Menelaus, entführt und nach einer einige Grade entfernten
-Stadt Kleinasiens gebracht. Das ganze Volk
-geriet dadurch in Aufregung. Überall wurden Waffen
-hergestellt, Pferde gezäumt, Säbel geschärft, Harnische
-geglättet, Panzerhemden gewebt, Schilde geschmiedet,
-Beinschienen gefertigt, Lanzenspitzen befestigt, Stöcke
-mit Eisen beschlagen, das Gepäck gepackt. Solch
-große Vorbereitungen hatte der Komet noch nie gesehen.
-Zu seinem Unglück, oder besser gesagt, zu
-seinem Glück, konnte er das Ende des Krieges nicht
-abwarten, denn die Belagerung der Stadt dauerte
-nicht weniger als zehn Jahre, und in diesen zehn
-Jahren hatte der Komet viele Millionen Meilen durchflogen;
-das hinderte ihn aber nicht, sich darüber
-klar zu werden, daß man einer Kleinigkeit wegen
-sehr viel Lärm mache, und sich zu sagen, daß er
-den Bewohnern der Erde, wenn sie fortfahren sollten,
-sich um Nichtigkeiten so hinzumorden, schließlich
-nicht mehr die Ehre seiner Beachtung würde zuteil
-werden lassen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span></p>
-
-<h2 id="Sechstes_Kapitel"><span class="h2meta">Sechstes Kapitel.</span><br />
-Von der Sintflut bis zum Jahre 1811.</h2>
-</div>
-
-<p>»Welche Veränderung seit vorigem Jahr!« rief
-der Stern mit dem leuchtenden Schweif, als er bei
-seinem letzten Erscheinen, von dem die Geschichte
-berichtet, zur Erde zurückkam. »Ist das dieselbe Welt,
-die ich vor ganz kurzer Zeit noch in ihrer Kindheit
-sah? Ist dies dasselbe Volk, das vordem so gering
-an Wert und klein an Zahl, so furchtsam und schwach
-war? Ist denn nichts mehr von dem vorhanden, was
-ich hier gesehen und gehört habe? Menschen, Völker,
-Städte, Länder &ndash; alles hat sich geändert! Wo sind
-die alten Barden, die mich zum Zeugen für keltisches
-Gesetz und Recht anriefen? Wo ihre Altäre
-und Druidensteine? Wie viele Umwälzungen seit
-meinem Weggange! Ich sehe hier weder die Kelten
-noch die Kimrier, und dort unten weder Griechen noch
-die Völker Mediens. Was für eine Stadt ist dies
-hier? Unmöglich, das kann nicht die Erde sein!« …
-Vor Staunen konnte der Komet sich kaum fassen.</p>
-
-<p>Seit seinem letzten Besuch hatte die Erde sich tatsächlich
-sehr verändert, denn man zählte das Jahr des
-Heils 1811, und in vollem Glanze leuchtete der Komet
-über Paris.<a id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">8</a></p>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p>
-<p>Für die Sterne im allgemeinen und für die großen
-Kometen im besonderen wollen dreitausend Jahre nicht
-gerade viel sagen: Im Kalender der Ewigkeit sind sie
-weniger als eine Sekunde. Aber für den Menschen
-&ndash; das wissen wir alle sehr gut &ndash; sind dreitausend
-Jahre viel, sehr viel!</p>
-
-<p>Wie viele Generationen hat die Welt gesehen seit
-1254 vor Christi Geburt! Griechenland, Latium
-und seine Könige, die römische Republik, Karthago,
-das römische Kaiserreich und sein Sturz, die Barbaren,
-das west-römische Reich, die Gründung von fränkischen,
-deutschen, angelsächsischen, heidnischen, christlichen,
-mohammedanischen Reichen, das Aufkommen und der
-Verfall des Lehnswesens in Frankreich, das dann die
-Monarchie, die Republik und das Kaiserreich erlebte!
-Alle diese Veränderungen hatten sich langsam vollzogen,
-und für den Kometen waren sie nicht vorhanden.
-Und was müßte sich erst ergeben, wenn wir,
-anstatt uns auf ein einziges Land zu beschränken, den
-ganzen Erdball in den Kreis unserer Darstellung
-zögen? Die ganze Geschichte der Menschheit könnte
-in dem Zeitraum von 1254 v. Chr. bis 1811 n. Chr.
-eingeschlossen werden, der für den Kometen doch nur<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-ein einziges Jahr bedeutet. Seine Überraschung war
-daher ganz gerechtfertigt und zu verzeihen. Ohne es
-zu merken, war er von heute auf morgen von Agamemnon
-zu Napoleon übergegangen, und man wird
-zugeben müssen, daß es einen größeren Sprung nicht
-gut geben kann.</p>
-
-<p>Städte und Völker hatten sich geändert. Viele
-waren verschwunden, andere neu erstanden. Es war
-ganz klar, die Menschheit hatte einen großen Schritt
-weiter getan. Ob aber vorwärts oder rückwärts? Der
-Komet, der doch ein scharfer Beobachter war, glaubte
-zu der Annahme Grund zu haben, daß die Menschheit
-nicht rückwärts gegangen war. Aber nicht allein
-der Mensch hatte sich mit allem, was mit ihm in näherer
-Beziehung steht, geändert; es schienen sich auch in der
-Natur Umwandlungen vollzogen zu haben, die nicht
-ausschließlich dem Zahn der Zeit zuzuschreiben waren.
-Die Wälder waren zurückgedrängt und bedeckten nicht
-mehr den ungeheuren Raum, den sie ehemals eingenommen
-hatten. Von Menschenhand angelegte Wasserläufe
-hatten sich in die natürlichen Flußsysteme eingeschoben.
-Sümpfe waren ausgetrocknet und die Meeresufer schienen
-geschützt. Das Land war mit weißen Linien
-durchschnitten und an den Hügeln bauten sich terrassenförmig
-Dörfer auf. Gewerbtreibende Städte erhoben
-sich an den Ufern großer Ströme und ließen ihren
-Grund von den rasch dahinströmenden Wellen benetzen;
-Gärten und Parkanlagen umrahmten die Gruppen
-menschlicher Wohnungen. Man mußte es wohl bekennen:
-diesem kleinen Teil der Erdkugel hatte der
-Mensch das Siegel seiner Gegenwart aufgedrückt.</p>
-
-<p>Aber … und wo gibt es kein »Aber«? … noch
-immer hörte der Komet auf der Erde Waffengeklirr.<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span>
-»Auch jetzt noch! Leider!« rief er aus. »Fast muß
-ich glauben, daß den Erdenleuten das Kriegführen zur
-Gewohnheit geworden ist. Die armen Menschen! Und
-dabei ist ihr Planet doch keineswegs häßlich. Warum
-schlagen sie in den sie entwürdigenden Kriegen einander
-tot? Kann es etwas Schöneres geben, als unter der
-lachenden Sonne in Frieden zu schaffen? Ob sie denn
-überhaupt wissen mögen, was sie tun?«</p>
-
-<p>In den stillen und unendlichen Tiefen des Weltenraumes
-ist das Gefühl für Entfernungen aufgehoben,
-und Organe, die imstande wären, auch den schwächsten
-Ton zu vernehmen, könnten sich durch den unendlichen,
-unfühlbaren Äther verständlich machen. Alles
-ist relativ, die Stärke des Tons sowohl als die des
-Lichts. Wenn die Kometen nach den entlegenen Wüsten
-ihrer größten Entfernung kommen, verlangsamen sie
-ihren Gang, als ob sie in den Tiefen des Raumes dem
-Unbekannten ein aufmerksames Ohr schenken wollten.
-Man will sogar wissen, daß sie manchmal, ebenso wie
-in ein fernes Land Verbannte, sich leicht aneinander
-schließen, sich durch den unermeßlichen Raum ihre Gedanken
-mitteilen und daß sie sich die Langeweile der
-Einsamkeit und der Finsternis durch eine Unterhaltung
-über die Natur der Dinge und das Schicksal der Wesen,
-die sie auf ihren Reisen gesehen haben, zu verkürzen
-suchen. Vor einigen Jahren traf unser Komet
-in der Einöde jenseits des Neptun den Halleyschen
-Kometen, der, wenn er auch nicht ganz so vornehm
-und berühmt wie unser Held ist, sich doch immerhin
-bedeutend über den Durchschnitt der gewöhnlichen
-Kometen erhebt. Die beiden Reisenden gingen sofort
-daran, ihre Erinnerungen und Erlebnisse miteinander
-auszutauschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>»Seit meinem letzten Besuche habe ich die Erde
-sehr verändert gefunden,« begann der größere und
-ältere von beiden. »Man arbeitet dort unten sehr
-rasch, und es will mir scheinen, daß eines meiner
-Jahre so lang ist wie dreitausend der ihrigen, und
-daß in dieser winzigen Spanne Zeit neunzig verschiedene
-Generationen geboren werden und sterben
-könnten. Welch Unterschied doch zum Neptun, auf
-dem ich seit sechstausend Jahren auch nicht ein Jota
-sich habe ändern sehen.«</p>
-
-<p>»Mit Verlaub, mein verehrter Kollege,« entgegnete
-der andere. »Auch meine Jahre vergehen viel
-schneller als die Eurigen, denn während ich einen Umlauf
-um unsere herrliche Königin, die Sonne, vollende,
-haben die Erdbewohner erst fünfundsiebzig ihrer Jahre
-verlebt, und um die Wahrheit zu gestehen, muß man
-zugeben, daß man während dieses kurzen Zeitraumes
-auf der kleinen Erde Zeit findet, viel zu bauen und
-niederzureißen. Glaubt es mir, werter Kollege, ich
-bin über den Leichtsinn der Erdbewohner nicht weniger
-erstaunt als Ihr es seid.«</p>
-
-<p>»Unter uns gesagt, diese Leute scheinen mir entweder
-sehr oberflächlich oder sehr tätig zu sein. Seitdem
-es Menschen auf der Erde gibt, verändert sie sich
-zusehends. Früher, bevor diese Geschöpfe erschaffen
-waren, kann ich mich erinnern, zwanzig und auch
-dreißig Reisen gemacht zu haben, ohne daß ich große
-Änderungen auf der Erdoberfläche bemerkt hätte. Aber
-seit fünf Jahren« (der Komet meinte fünfzehntausend
-Jahre) »haben sie es gelernt, in ihrem Lande zu bauen,
-niederzureißen, zu graben, Dämme aufzuschütten und
-es in einer Weise umzugestalten, als ob sie damit ein
-reines Gaukelspiel aufführen wollten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span></p>
-
-<p>»In welchem Erdenjahre waret Ihr zum vorletztenmal
-da?«</p>
-
-<p>»Mein lieber junger Freund, wenn ich mich recht
-erinnere, mögen dies dreißig irdische Jahrhunderte her
-sein. Ich kenne ihren Kalender zu wenig, um die
-Zeit genau angeben zu können. Ich war gerade damals
-in meinem zweihundertfünfundvierzigsten Jahre,
-denn ich zählte fünfundvierzig Jahr, als ich die Erde
-zum erstenmal bemerkte, und seit jener Zeit bin ich
-zweihundertmal an ihr vorbeigekommen.«</p>
-
-<p>Der kleine Komet, der sehr gut zu rechnen verstand,
-hatte ohne große Mühe sofort herausgefunden, daß
-dieser vorletzte Besuch keinesfalls später als um die
-Mitte des dreizehnten Jahrhunderts vor Beginn der
-christlichen Zeitrechnung stattgefunden haben konnte.
-Häufigere Besuche auf der Erde hatten ihn mit der
-dortigen Art, die Jahre vor und nach Christi Geburt
-zu zählen, vertraut gemacht. Und er konnte sich eines
-Lächelns nicht enthalten, wenn er an die Verwunderung
-seines ehrwürdigen Gefährten über die Veränderungen
-dachte, die sich seit jener Zeit auf der Erde
-vollzogen hatten. Da er gern erzählte und sich seinem
-vornehmeren Kollegen angenehm machen wollte, gelüstete
-es ihn, die Unterhaltung fortzusetzen und seine
-persönlichen Beobachtungen über die Bewohner der
-Erde zum besten zu geben. Sein Kamerad bemerkte dies.</p>
-
-<p>»Lieber Kollege,« begann er, »Ihr müßt doch über
-den Gegenstand, von dem wir sprechen, viel besser als
-ich unterrichtet sein. Ihr seid viel öfter als ich der
-Erde nahegekommen, und Ihr könnt ihre Geschichte
-besser verfolgen. Ist der Stand der Dinge, wie ich
-ihn auf meiner letzten Reise« (er meinte im Jahre
-1811) »auf der Erde gesehen habe, unmittelbar auf<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-den gefolgt, der sich meinem Auge bei meinem vorletzten
-Durchgange« (also zur Zeit des Trojanischen
-Krieges) »darbot? Zwischen diesen beiden Daten scheint
-mir doch eine große Lücke zu liegen, und ich glaube,
-Ihr könntet mir darüber hinweghelfen.«</p>
-
-<p>»Seit Eurem vorletzten Besuche«, erwiderte dieser,
-»bin ich vierzigmal in die Nähe der Erde gekommen,
-und, wollt Ihr es mir glauben? jedesmal habe ich Veränderungen
-auf der Erde wahrgenommen. Die Menschen
-leben auf ihrer Weltkugel eine so kurze Zeit, daß
-es wohl schwerlich viele gibt, die sich rühmen dürfen,
-mich bei zwei meiner aufeinander folgenden Erscheinungen
-am Himmel leuchten gesehen zu haben, ja die
-meisten Menschen haben mich auch nicht ein einziges
-Mal gesehen. Und dabei«, fuhr er in traurigem Tone
-fort, »ist mein Jahr doch vierzigmal kürzer als das
-Eurige. Von meinen verschiedenen Erscheinungen auf
-der Erde erinnere ich mich, nach der irdischen Zeitrechnung,
-derjenigen im Jahre 12 vor Christi Geburt,
-dann 837, 1066, 1456, 1531 und 1759 nach Christi
-Geburt am deutlichsten, weil Ereignisse, deren unschuldige
-Ursache ich werden sollte, mich in hohem
-Grade bewegten. Wenn es Euch interessiert, will ich
-Euch gern mehr davon erzählen. Es wäre mir dies
-ein um so größeres Vergnügen, als ich ja nur selten
-Gelegenheit habe, davon sprechen zu können.«</p>
-
-<p>Da unser Komet sich ganz außerordentlich für
-alle menschlichen Angelegenheiten interessierte, und da
-ihm in der tiefen Einöde des Weltenraumes, die sie
-jetzt durchflogen, die Gesellschaft seines jüngeren Gefährten
-ganz willkommen war, so hörte er dessen Bericht
-mit gespanntester Aufmerksamkeit zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>Und nun erzählte ihm dieser, wie im Jahre 12
-vor Beginn unserer Zeitrechnung im chinesischen
-Reiche, unter der glorreichen Herrschaft der Han, die
-auf die Dynastie der Tsin gefolgt waren, auf Befehl
-des Kaisers der Fong-siang-chi, der kaiserliche Astronom,
-den Kometen beobachtet und in ihm einen neuen Beweis
-für den Zorn des Himmels auf Tsin-chin-hoang-ti
-erkannt hatte, weil dieser, noch nicht zufrieden
-damit, daß er die vom Kaiser Wu-wang auf
-dem »Turm der Geister« errichtete Sternwarte hatte
-einäschern und außerdem vierhundertfünfzig der gelehrtesten
-Weisen des Reiches hatte enthaupten lassen,
-bei Todesstrafe anbefohlen habe, innerhalb vierzehn
-Tagen sämtliche über Moral, Philosophie, Astronomie
-und Geschichte handelnde Bücher zu verbrennen; wie
-ferner der kaiserliche Astronom dem Fürsten anempfohlen
-habe, ebenso wie es ja im Winter zu geschehen
-pflegte, sich in den zur Linken gelegenen Saal des
-Schwarzen Palastes zu begeben, und durch ein dem
-Gotte Hiuen-ming dargebrachtes Opfer symbolisch
-eine neue Ära für Kunst und Wissenschaft einzuleiten;
-wie dann der Tatsung-pe die Mandarinen,
-ebenso wie zur Zeit der letzten Sonnenfinsternis, um
-den kaiserlichen Thron versammelt hatte, um dem Gestirn
-zu huldigen, und wie ganz China zwei lange
-irdische Monate hindurch auf den Beinen geblieben
-war. Er erzählte weiter, wie im Jahre des Heils
-837 Ludwig der Fromme, der Sohn und Nachfolger
-Karls des Großen, sich in einem dunklen Winkel der
-Burgterrasse vor ihm auf die Knie geworfen und
-ihn gefragt habe, welche Botschaft ihm der Komet
-vom Himmel brächte; wie dann statt des stummen
-Kometen des Kaisers geistliche Würdenträger geantwortet<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span>
-hätten und der fromme Kaiser die drei Jahre,
-die er noch zu leben hatte, damit verbrachte, Dome
-zu erbauen, reiche Abteien zu stiften, große Klöster zu
-errichten und Kirchen und Schulen mit reichen Mitteln
-auszustatten. Ferner erzählte er, wie im Jahre 1066
-Wilhelm der Eroberer in der ganzen Normandie habe
-ausrufen lassen: »<em class="antiqua">Nova stella, novus rex</em>« (»Ein neuer
-Stern, ein neuer König«); wie er sich den Kometen
-zum Führer auserkor und unter seiner Führung England
-eroberte. Auf der berühmten Stickerei in der
-Bibliothek der Stadt Bayeux kann man dies noch heute
-sehen; das Werk stammt von der Königin Mathilde,
-der Frau des Eroberers. Sie bildete die bedeutendsten
-Szenen der Eroberung ab und verewigte dabei auch den
-Kometen, wie er über einer Gruppe von vielen Leuten
-steht, die Kopf und Hände zu ihm erheben. Und
-weiter berichtete der Wandergefährte unseres Kometen
-ganz ausführlich, wie im Jahre 1456 Christen und
-Muselmanen, die miteinander im Kriege lagen, in
-seiner Gestalt ein flammendes Schwert erkennen wollten,
-das am Himmel ausgesteckt worden sei, um ihnen
-das schrecklichste Unglück anzukündigen. Mohammed II.,
-in dessen Besitz Konstantinopel bereits übergegangen
-war, hatte geschworen, daß er sein Pferd auf dem
-Altar der Sankt Peterskirche in Rom tränken werde,
-und auf dem Wege dahin belagerte er Belgrad. Als
-nun die Gestalt eines feurigen türkischen Schwertes
-am Himmel erschien, sah der Papst Calixt III. alle
-seine schlimmen Befürchtungen in Erfüllung gehen. Der
-Komet schilderte weiter, wie der Papst in seinem Zorn
-Gestirn und Türken feierlich verfluchte, wie er sodann
-das Angelus, ein Gebet, das beim Klange der Glocken
-gesprochen werden sollte, angeordnet habe, und wie dann<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-jenes große Belgrader Blutbad begann, das ohne Unterbrechung
-zwei Tage lang dauerte, und bei dem die Franziskaner-Mönche
-mit keiner anderen Waffe als einem
-Kruzifixe in der Hand »in der vordersten Reihe standen
-und zum Papste flehten, er möge die himmlische
-Erscheinung beschwören, daß sie ihren verhängnisvollen
-Einfluß auf ihre Feinde ausübe«. Der Komet fuhr in
-seinem Berichte fort und erzählte, welche ganz andere
-Wirkung sein Erscheinen im Jahre 1531 hervorgerufen
-hätte. Luise von Savoyen, die Mutter Franz' I., hatte
-drei Tage vor ihrem Tode eine außerordentliche Helle
-in ihrem Zimmer bemerkt. Sie ließ den Vorhang
-hinwegziehen, und von dem Anblick des Kometen ganz
-betroffen, rief sie aus: »Ein solches Zeichen gibt der
-Himmel nicht für gewöhnliche Menschen. Gott hat
-es nur für uns Große der Erde vorbehalten. Schließt
-das Fenster! Es ist ein Komet, der mir den Tod
-anzeigt, wir wollen uns darauf vorbereiten!« Weiter
-erwähnte der Komet, daß von seinem Erscheinen im
-Jahre 1682 seine astronomische Registrierung datierte.
-Denn bei seinem Vorübergang in diesem Jahre wurden
-seine Elemente berechnet und festgestellt, daß er derselbe
-Komet sei, der in den Jahren 1531 und 1607
-an der Erde vorübergezogen war. Dem berühmten
-Astronomen Halley war es vorbehalten, ihn der
-Wissenschaft einzuverleiben und ihm seinen Namen zu
-geben, und für das Jahr 1759 kündigte Halley sein
-abermaliges Erscheinen an.</p>
-
-<p>Sodann erzählte der Halleysche Komet seinem älteren
-Bruder die Geschichte der Aufeinanderfolge der verschiedenen
-irdischen Reiche, und zwar vom Jahre 1254
-vor Christi Geburt bis zum Jahre 1835 nach Christi
-Geburt, in welchem Jahre er zum letztenmal die Erde<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span>
-besucht hatte. Der große Komet war nicht wenig
-erstaunt, als er hörte, wie rasch sich auf der Erde neue
-Reiche bildeten und wie sie noch schneller wieder zerfielen.
-Was ihn aber am meisten, und leider auch
-am schmerzlichsten überraschte, das waren die Mittel,
-welche die Bewohner der Erde anwandten, um ihre
-Eroberungszüge gegeneinander ins Werk zu setzen.
-Eisen, Blut, die wildesten und ausgesuchtesten Grausamkeiten!
-Soviel Bosheit in so kleinen Körpern und
-in so gebrechlichen Wesen; solch übermütiger Eigendünkel
-bei den Großen und dagegen wieder solch angeborene
-Schwäche bei den Kleinen! Die Weltgeschichte
-schien ihm wenig erbaulich, und hätte er nicht in Wirklichkeit
-von seiner erhabenen Höhe aus die Schwächen
-der Menschheit verachtet, so hätten ihm bei dem
-schreckensvollen Bericht seines jüngeren Kollegen wohl
-mehr als einmal sozusagen seine langen Haare zu
-Berge gestanden.</p>
-
-<p>Sie flogen weiter, und ohne daß sie es merkten,
-zogen sie am Neptun vorüber. Der Halleysche Komet
-fuhr in der Darstellung seiner Lebensschicksale fort:</p>
-
-<p>»Während der fünfundzwanzig Jahre bis zu meinem
-Erscheinen im Jahre 1682 irdischen Stils hatte die
-Astronomie so große Fortschritte gemacht, daß der
-Forscher, der mir seinen Namen gab, mein Erscheinen
-für das Jahr 1759 voraussagen konnte. Hierin lag
-sicherlich keine geringe Kühnheit. Ihr wißt jedoch,
-daß ich mich nicht so weit wie Ihr in die Tiefen
-des Weltalls stürzen kann &ndash; denn schon nach etwa
-37 Jahren muß ich umkehren, während Ihr, Kollege,
-noch fünfzehnhundert Jahre lang Eure Reise fortsetzen
-könnt. Es ist Euch bekannt, daß ich mich jedesmal
-bis auf sechsunddreiviertel Millionen Meilen von der<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span>
-Erde entferne. Für uns will das nicht so sehr viel
-sagen; für die kleinen Bewohner der Erde bedeutet
-es aber eine unermeßliche Entfernung. Auf meinem
-Fluge werde ich bisweilen durch gewisse Bewohner
-des Weltenalls zurückgehalten, und wenn ich durch ihr
-Gebiet gehe, bin ich gezwungen, meine Bewegung zu
-verlangsamen. Die Herren von der Sternwarte müssen
-außerordentlich scharfe Augen haben, oder richtiger gesagt,
-mit einem fast übermenschlichen Ahnungsvermögen
-begabt sein. Denn als ich in das Gebiet des Jupiter
-kam, war ich ihrem Gesichtskreis schon längst entschwunden
-und konnte auch mit Hilfe ihrer schärfsten
-Fernrohre nicht mehr aufgefunden werden. Ich glaubte
-annehmen zu dürfen, ihrer Aufmerksamkeit entgangen
-zu sein. Aber damit war es nichts. Durch Jupiter
-verlor ich 518 Tage, und Saturn veranlaßte eine Verzögerung
-meiner Bahn um weitere 100 Tage. Nun
-gut. Alles dies war bis auf einen Monat berechnet,
-festgestellt und bekanntgegeben worden. Den Astronomen
-können wir nichts mehr verheimlichen.</p>
-
-<p>Ein glücklicher Zufall fügte es, daß man auf mein
-erneutes Erscheinen bei der Erde schon fünfzehn Jahr
-vorher aufmerksam geworden war, und zwar durch
-den schönsten Schweif, den man je gesehen hat, einen
-sechsfachen Schweif, der jedoch, wie ich gleich bemerken
-will, nicht mir gehörte. Ihr habt sicherlich,
-lieber Kollege, neulich jenen Vaganten gesehen, der
-von einer Welt zur andern fliegt und nie wieder
-an demselben Ort sich sehen läßt. Seine Bahn ist
-so exzentrisch, daß er schließlich parabolisch geworden
-ist. Ganz gewiß ist es auch Euch nicht entgangen,
-daß er den herrlichen Schmuck von sechs Schweifen
-besitzt. Nun, im Jahre 1744 war er mein Vorreiter,<span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span>
-und nach dem irdischen Kalender gilt er als der schönste
-Komet des achtzehnten Jahrhunderts. An dem Abend,
-als er zum erstenmal am Himmel stand, glaubte man,
-eine zweite Sonne ginge unter, so groß war der Glanz,
-den seine Schweife ausstrahlten.</p>
-
-<p>Ich sagte Euch wohl schon, daß ich bei jeder
-Wiederkehr zur Erde dort immer etwas Neues in den
-Sitten, Gebräuchen und dem Geist der Völker gefunden
-hätte. Niemals hat sich mir jedoch diese Beobachtung
-lebhafter aufgedrängt als bei meinem letzten Besuche.
-Den Teil der Erde, den ich 1759 besuchte, sollte ich
-1835 wieder sehen. Noch genauer als vorher hatte
-man die Verzögerung berechnet, die ich bei Jupiter,
-Saturn und Uranus erleiden mußte, ja, man hatte
-mir sogar den Weg vorgezeichnet, den ich auf meiner
-Rückkehr durch den Himmelsraum zu nehmen hatte.
-Am 20. August 1835 sollte ich am Stern ζ im Sternbild
-des Stiers vorübergehen, am 28. zwischen den
-Zwillingen und dem Fuhrmann stehen, am 21. September
-im Fuhrmann sein, am 3. Oktober im Luchs,
-am 6. im Großen Bären, am 13. in der Krone, am
-15. zwischen Herkules und Schlange, am 19. im Ophiuchus,
-am 16. November beim Stern η desselben Sternbildes
-und am 26. Dezember beim Stern Antares im
-Skorpion. Und was gewiß viel heißen will, von dieser
-mir so weise vorgezeichneten Marschroute brauchte
-ich nirgends abzuweichen. Aber, ich versichere Euch,
-niemals in meinem Leben und auch auf keiner anderen
-Welt habe ich so viel Umwälzungen und einen solchen
-Umschwung der Geister kennen gelernt, wie bei meinem
-letzten Besuch der Erde. Um Euch die Wahrheit
-zu gestehen, ist mir dies sehr nahe gegangen und ich bin
-darüber so traurig geworden, daß meine Betrübnis<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span>
-den Bewohnern der Erde nicht entgangen sein kann.<a id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">9</a>
-Was hat man auf der Erde von 1759 bis 1835 gemacht?
-Welche Umwälzung hat sich bei den Menschen
-vollzogen? Je mehr ich über die Ursachen und das
-Wesen dieser Neuerungen nachdenke, desto mehr gerate
-ich ins völlig Dunkle. Auch der Komet Karl V. scheint
-sich darin verloren zu haben.«</p>
-
-<p>»Der Komet Karl V.? Was hat es mit dem für
-eine Bewandtnis?«</p>
-
-<p>»Ach, entschuldigt, verehrtester Kollege, ich vergaß
-vollständig, daß Ihr über die irdischen Ereignisse
-nicht genügend unterrichtet seid. Karl V. war
-ein Kaiser von Deutschland, der seine Krone niederlegte,
-als im Jahre 1556 einer unserer leuchtenden
-Brüder, der bis dahin sicherlich keine Ahnung von der
-Existenz der Erde hatte, zufällig in ihre Nähe kam.
-Es ist dies derselbe Komet, der nach Ansicht der Erdbewohner
-schuld an der Sintflut tragen und später
-beim Tode Cäsars geleuchtet haben soll. Aller dreihundert
-Jahre sollte er wiederkommen, also auch 1856.<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-Aber er mag wohl inzwischen den dummen Hochmut
-der Großen der Erde kennen gelernt haben, die sich
-einbilden, daß sie im Mittelpunkt des ganzen Weltalls
-stehen &ndash; genug, er hat dieser kleinen, eitlen Welt
-Valet gesagt und ist in ein anderes Sonnensystem geflogen.
-Er befindet sich jetzt im Gebiet des Polarsterns,
-und die Menschen können auf ihn warten; er
-kommt nicht wieder. Um jedoch den Faden unserer
-Unterhaltung, die durch diesen Muster-Kometen eine
-kleine Ablenkung erfahren hat, wieder aufzunehmen,
-wiederhole ich, daß ich mich in Mutmaßungen darüber
-erging, welches die Ursachen der großen Änderungen
-sein mögen, die sich während meiner Abwesenheit von der
-Erde in der europäischen Gesellschaft vollzogen haben.«</p>
-
-<p>»Dieses Mal kann ich Euch vielleicht Aufklärung
-geben, mein lieber junger Freund. Wenn die Großen
-auch oft zu hoch gestellt sind, um das, was sich in den
-unteren Regionen zuträgt, nach Gebühr sehen und
-würdigen zu können, und dadurch in eine bedauerliche
-Unkenntnis geraten, so verstehen sie es anderseits infolge
-ihres überlegenen Urteils doch, aus diesen Vorgängen
-die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das wenige,
-was ich gesehen habe, kann daher vielleicht dazu
-dienen, die Lücke in Eurer Vorstellung auszufüllen.
-Ich weiß nur, daß es im Jahre 1811 in Frankreich
-keinen »König von Gottes Gnaden« mehr
-gab, sondern einen Kaiser, und gerade in derselben
-Woche, in der ich bei der Erde ankam, wurde diesem
-Kaiser ein Sohn geboren. Vom März 1811 bis zum
-April 1812 blieb ich bei der Erde. Ich glaube erkannt
-zu haben, daß die Eroberungen des Kaisers und die
-Vergrößerung Frankreichs die Nachbarreiche in Angst
-und Schrecken versetzten, und was mich in meiner<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span>
-Annahme bestärkte, war der Umstand, daß der große
-Machthaber eine Armee von 450&nbsp;000 Mann aushob, um
-mit dieser halben Million nach den russischen Steppen
-zu marschieren. Was aus ihnen geworden ist, vermag
-auch ich nicht zu sagen, denn vom Juli 1812 ab konnte
-ich auf der Oberfläche der kleinen Erdkugel nichts
-mehr erkennen.«</p>
-
-<p>Die Kometen sind gute Logiker. Indem sie sich
-einander mit ihren Erinnerungen aushalfen und die
-Erfahrungen, die sie bei ihren Beobachtungen der Erdbewohner
-gesammelt hatten, austauschten, waren sie
-imstande, sich unsere Geschichte aufzubauen. Sie verfuhren
-dabei ganz nach Vernunftschlüssen. Im Jahre
-1759, so sagte der eine, gab es in Frankreich soziale
-Zustände, die in sich vollkommen morsch waren und auf
-die nun große Hämmer, Philosophen genannt, um die
-Wette loshieben. Im Jahre 1811, meinte der andere,
-gab es in Frankreich einen Kaiser und Kriegsrüstungen.
-Im Jahre 1835, nahm der erste wieder das Wort,
-hatte Frankreich einen konstitutionellen König und lebte
-in tiefstem Frieden. Mit diesen drei vorhandenen
-Tatsachen hatten sie sich in großen Zügen die Umrisse
-der französischen Geschichte geschaffen. Ihre
-Unterhaltung berührte in derselben Weise auch das
-Geschick der anderen Völker, denn die Kometen haben
-für eine Schar Ameisen keine größere Vorliebe als
-für die andere. Da aber diese Entwicklungen sich im
-großen und ganzen sehr ähneln und für uns, die wir
-doch keine Kometen sind, weniger Interesse haben, so
-verzichten wir darauf, diese siderischen Unterhaltungen
-hier wiederzugeben.</p>
-
-<p>So hatten die beiden Forschungsreisenden im Weltenraum,
-die sonst gewohnt waren, sich nur mit großen<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span>
-Dingen abzugeben, die kleine Erdkugel, auf der wir
-uns befinden, nach allen Richtungen hin besprochen.
-Bald aber mußte der Halleysche Komet abbiegen,
-um in seiner Ellipse dem Aphelium zuzufliegen,
-während der majestätische Komet von 1811 in gerader
-Linie seine Reise fortsetzte, denn <span id="corr090">bis zum</span> Jahre 3343
-wird er sich von der Sonne entfernen, um dann
-in demselben Marschtempo wieder zu ihr zurückzukehren.
-In den unermeßlichen Tiefen des Himmelsmeeres
-mag er dann wohl Welten begegnen, die uns
-unbekannt sind, einstigen Welten, deren Sonne erloschen
-und die in grausigem Schweigen ihre kosmischen
-Ruinen und die Gräber versunkener Kulturen durch
-den unendlichen Raum tragen.</p>
-
-<div class="footnotes"><h3>Fußnoten</h3>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">8</span></a> Der himmlische Reisende, dessen Geschichte wir erzählen, ist in
-der Tat kein anderer als der Komet vom Jahre 1811. Die Wirkung,
-die das Auftauchen dieses herrlichen Gestirns am Abend des 26. März
-1811 überall hervorrief, war unbeschreiblich. Die fruchtbare Hitze des
-Sommers und die Güte des Weines in jenem merkwürdigen Jahr
-schrieb man dem Kometen zu. Alle Zeitungen brachten Artikel über
-ihn, in allen Sprachen unterhielt man sich von ihm und alle möglichen
-Erklärungen über seine Natur wurden gegeben. Einige schmeichelten
-ihm, während andere ihn fürchteten. Diese sahen in ihm die Verwirklichung
-einer uralten Prophezeiung, während jene in ihm ein
-Gnadenzeichen erblicken wollten, mit dem der Himmel die Geburt des
-Königs von Rom feierte. Auf ein Fensterkreuz der Tuilerien gestützt,
-fragte Napoleon seinen Onkel, den Kardinal Fesch, was er von dem
-wunderbaren Gestirn halte. Ganz Paris sah zu dem Kometen auf, und der
-Sommer verging nicht, ohne daß man unter anderem »Kometen-Krawatten«
-und »Kometen-Hüte« verfertigt hätte. Sogar einer Sauce verlieh
-man seinen Namen. So viel Aufsehen rief er hervor, daß alle, die jene
-Zeit erlebt hatten, sich ihrer bis in ihr spätes Alter erinnerten.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">9</span></a> Die Edinburgh Review von 1836 schreibt: »Der Halleysche Komet
-erschien selbst in den Nächten, in denen er sich am deutlichsten zeigte,
-bleich und verschwommen, er rief mehr Neugier als Bewunderung
-hervor. Wir haben ihn durch das Fernrohr beobachtet und können
-den traurigen Eindruck nicht schildern, den sein melancholisches Licht
-erweckt. Je mehr man sich mit einem derartigen Objekt befaßt, desto
-weniger kann man über seine Natur ins reine kommen. Ein bläuliches,
-unklares Licht, das zur Hälfte durch eine große Wolkenhülle verfinstert
-wird, das ist der Anblick, der sich dem Auge bietet. Die Beschaffenheit
-dieses Lichtes ist uns unbekannt. Es ähnelt weder dem
-Lichte der Sonne noch dem des Begleiters der Erde, auch nicht dem
-der Sterne, ja nicht einmal dem des Nebels der Milchstraße. Nur
-wenn man Saturn durch ein starkes Vergrößerungsglas gesehen hat,
-kann man sich eine zutreffende Vorstellung von dem bleiernen Schimmer
-machen, den dieser Komet warf.« John Herschel.</p></div></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Nachschrift">Nachschrift.</h2>
-</div>
-
-<p>Wenn im Jahre 1910 der Komet von 1835 wieder
-erscheint, wird er uns vielleicht nur um fünfundsiebzig
-Jahre älter finden. Was will das heißen?
-Aber wen oder was wird sein ehrwürdiger Kollege
-auf der Erde vorfinden, wenn er ihr im Jahre 4876
-wiederum einen Besuch abstatten wird? Vielleicht
-wird dann auch Frankreichs glänzende Hauptstadt dahingeschwunden
-sein, wie es heute die großen Städte
-sind, die der Komet bei seiner letzten Annäherung an
-die Erde sah: Troja, Ninive, Theben und hundert
-andere, deren Namen mit ihren Ruinen nicht auf uns
-gekommen sind. Möglich, daß tiefste Einsamkeit dort
-lagert, wo einst Frankreich war, und daß sich Trauerweiden
-über dem Flusse schaukeln, der einst die Seine
-hieß. Wird der Komet Frankreich mit Paris, England
-mit London, Italien mit Rom nochmals zu sehen bekommen?
-Dieser Komet mit seiner langen Umlaufszeit,
-der bis jetzt weder dieselbe Stadt noch dasselbe Volk
-zum zweitenmal geschaut hat! Wenn in etwa fünfzigtausend
-Jahren wir &ndash; oder irgendwelche andere &ndash; diese
-Erzählung fortsetzen wollten, wird dann auch immer
-von neuen Dingen, die das Frühere verdrängt haben,
-berichtet werden müssen und wird die Geschichte der
-Erde jemals eine andere sein als die Geschichte von
-Umwälzungen und Neueinrichtungen, die nicht von
-Dauer sind?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Die Kometen besitzen zwar nicht die Gabe der
-Weissagung. Da jedoch der Verfasser dieser Schrift
-das Glück hat, einige Kometen zu seinen Freunden
-zu zählen, und da er in dem heißen Sommer des
-Jahres 1811 noch zu klein war, um sich selbst an den
-großen und stolzen Kometen jenes Jahres wenden zu
-können, so erlaubte er sich erst ganz vor kurzem einen
-blondgeschweiften Boten an den erhabenen Reisenden
-mit der Bitte zu schicken, daß er ihm doch ganz im
-Vertrauen sagen lassen möchte, wie er die Erde bei
-seinem nächsten Besuche zu finden hoffe. Und der
-Autor hat das große Vergnügen, diese wahrhafte Geschichte
-mit einem angenehmen Bescheid abschließen zu
-können. Der große Komet hat sich zwar nicht ganz
-deutlich ausgedrückt &ndash; man muß das zugestehen &ndash; aber
-es ist dies auch wieder ein Beweis für die hohe
-Stellung, die er einnimmt, und ein Zeichen für seine
-große Klugheit. Er hat dem kleinen Kometen also
-gesagt, er solle mit einem freudigen Gesicht zu dem
-sonderbaren Astronomen, der ihn ausgesandt, zurückkehren.
-»Denn«, fügte er hinzu &ndash; und das sind seine
-eigenen Worte&nbsp;&ndash;, »sage ihm, mein lieber Kleiner, daß
-die Menschheit, die sich selbst schon so alt vorkommt,
-sich noch in ihrer frühen Kindheit befindet. Sie hat
-noch ihre Kinderkrankheiten durchzumachen. Aber nur
-nicht die Hoffnung verlieren! Ich möchte sogar meinen
-Schweif wetten, daß es keine hunderttausend Jahre mehr
-dauern wird, bis die Menschheit nicht nur zur Reife
-der Vernunft gelangt sein wird, sondern auch unentgeltlichen
-und obligatorischen Unterricht, allgemeines
-Stimmrecht, unabhängige republikanische Staatsverfassung,
-Befreiung der Geister von jedem Druck, und
-schließlich Abschaffung der stehenden Heere und endgültige<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span>
-Beseitigung der gegenseitigen Abschlachtungen errungen
-haben wird.«</p>
-
-<p>Das waren seine letzten Worte, die letzten Worte
-jenes wandernden Gestirnes, das es wohl versteht, von
-seinem erhabenen Standpunkte aus die Geschichte des
-irdischen Planeten und seiner menschlichen Bewohner
-zu beurteilen. Man kann daraus entnehmen, daß wir
-schließlich in dem ungeheuren Weltall zwar nur ein
-winziges Körnchen sind, daß wir aber dennoch, wenn
-wir nur unsere Fähigkeiten richtig anzuwenden verstehen,
-uns einen Wert erringen können, der uns über
-die Materie erhebt: <em class="gesperrt">Geistige</em> Wesen zu werden, das
-muß, wie ja auch der Komet meinte, das Endziel
-aller unserer Mühen sein.</p>
-
-<p class="center p2">Ende.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span></p>
-
-<h2 id="Flammarion_Komet_und_Erde">Flammarion, Komet und Erde.<br />
-<span class="h2meta">Inhalt.</span></h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Einleitung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Einleitung">3</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Erstes Kapitel. Erste Begegnung des Kometen mit der Erde</td>
- <td class="tdr"><a href="#Erstes_Kapitel">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Zweites Kapitel. Umwälzungen auf der Erde</td>
- <td class="tdr"><a href="#Zweites_Kapitel">19</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Drittes Kapitel. Morgenröte der Erde</td>
- <td class="tdr"><a href="#Drittes_Kapitel">35</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Viertes Kapitel. Die vorpariserischen Pariser</td>
- <td class="tdr"><a href="#Viertes_Kapitel">50</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Fünftes Kapitel. Im Orient</td>
- <td class="tdr"><a href="#Funftes_Kapitel">62</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sechstes Kapitel. Von der Sintflut bis zum Jahre 1811</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sechstes_Kapitel">74</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Nachschrift</td>
- <td class="tdr"><a href="#Nachschrift">91</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="center"><b>Naturwissenschaftliche Werke aus</b></p>
-
-<p class="h2">Philipp Reclams Universal-Bibliothek.</p>
-
-<p class="center">Jede Nummer ist für 20 Pf. durch alle Buchhandlungen zu beziehen</p>
-</div>
-
-<p class="h2">Bücher der Naturwissenschaft</p>
-
-<p class="center">herausgegeben von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Siegmund Günther</p>
-
-<div class="hang">
-
-<p>1. Band. <b>Grundriß der Naturphilosophie.</b> Von Prof.
-<em class="antiqua">Dr.</em> Wilhelm Ostwald. <span class="smaller">2. Aufl. Mit dem Bildnis des Verfassers.
-Nr. 4992/93. In Leinen 80 Pf. In Leder- oder Halbpergamentband
-M. 1.80.</span></p>
-
-<p>2. Band. <b>Geschichte der Naturwissenschaften.</b> Von
-Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Siegm. Günther. <span class="smaller"><b>I. Teil.</b> 2. Aufl. Mit dem
-Bildnis des Verf., 2 farbigen u. 4 schwarzen Tafeln. Nr. 5069/70.</span></p>
-
-<p>3. Band. <b>Geschichte der Naturwissenschaften.</b> Von
-Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Siegm. Günther. <span class="smaller"><b>II. Teil.</b> 2. Auflage. Mit
-2 farbigen und 8 schwarzen Tafeln. Nr. 5071&ndash;74. Beide Teile
-zusammen in einem Leinenband M. 1.50. In Leder- oder Halbpergamentband
-M. 3.&ndash;.</span></p>
-
-<p>4. Band. <b>Strahlungserscheinungen, Ionen, Elektronen
-und Radioaktivität.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> G. Bugge. <span class="smaller">3. Aufl. Mit
-4 Tafeln und 20 Zeichnungen im Text. Nr. 5151/52. In Leinen
-80 Pf. In Leder- oder Halbpergamentband M. 1.80.</span></p>
-
-<p>5. Band. <b>Licht und Farbe.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Rob. Geigel.
-<span class="smaller">2. Aufl. Mit 1 Porträt, 4 bunten Tafeln u. 75 Zeichnungen im Text.
-Nr. 5188&ndash;90. In Leinen M. 1.&ndash;. In Leder- oder Halbpergamentband
-M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>6. Band. <b>Der Sternenhimmel.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> J. B.
-Messerschmitt. <span class="smaller">Mit dem Bildnis des Verfassers, 4 farbigen,
-9 schwarzen Tafeln und 24 Zeichnungen im Text. 2. Auflage.
-Nr. 5228&ndash;30. In Leinen M. 1.&ndash;. In Leder- od. Hlbpgtbd. M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>7. Band. <b>Die Abstammungslehre.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em>
-Kurt Lampert. <span class="smaller">Mit dem Bildnis des Verfassers, 4 farbigen,
-7 schwarzen Tafeln und 9 Abbildungen im Text. Nr. 5241&ndash;43.
-In Leinen M. 1.&ndash;. In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>8. Band. <b>Die chemischen Grundstoffe.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> Max
-Speter. <span class="smaller">Mit 4 farbigen, 6 schwarzen Tafeln, einer Atomgewichtstabelle
-u. 10 Figuren im Text. Nr. 5269/70. In Leinen
-80 Pf. Zus. geb. mit Bd. 17 unter d. Titel <em class="gesperrt">Stoff und Energie
-im Lichte der Chemie</em> in Leder- od. Halbpgmtbd. M. 2.50.</span></p>
-
-<p>9. Band. <b>Die Elektrizität.</b> Von Prof. Franz Adami.
-<span class="smaller"><b>I. Teil.</b> Mit 1 Porträt, 4 schwarzen Tafeln und 29 Textfiguren.
-2. Aufl. Nr. 5298/99. Gebunden zus. mit Teil II, s. 14. Band.</span></p>
-
-<p>10. Band. <b>Die Wärme.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Robert Geigel.
-<span class="smaller">Mit 4 Tafeln und 32 Zeichnungen im Text. Nr. 5321&ndash;23. In
-Leinen M. 1.&ndash;. In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>11. Band. <b>Chemie und Technik.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> Günther
-Bugge. <span class="smaller">Mit 7 Tafeln u. 14 Zeichnungen im Text. Nr. 5348&ndash;50.
-In Leinen M. 1.&ndash;. In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>12. Band. <b>Das Klima.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> Eugen Alt. <span class="smaller">Mit 3 farbigen
-Erdkarten und 4 Zeichnungen im Text. Nr. 5431/32.
-In Leinen 80 Pf. In Leder- oder Halbpergamentband M. 1.80.</span></p>
-
-<p>13. Band. <b>Physik der Gestirne.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> J. B.
-Messerschmitt. <span class="smaller">Mit 4 farbigen und 9 schwarzen Tafeln und
-21 Zeichnungen im Text. Nr. 5451&ndash;53. In Leinen M. 1.&ndash;.
-In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>14. Band. <b>Die Elektrizität.</b> Von Prof. Franz Adami.
-<span class="smaller"><b>II. Teil.</b> Mit 4 farbigen und 8 schwarzen Tafeln, 89 Zeichnungen
-im Text und einem Gesamtregister für Elektrizität I
-u. II. Nr. 5478&ndash;80. Teil I u. II zusammen in einem Leinenband
-M. 1.50. In einem Leder- oder Halbpergamentband M. 2.70.</span></p>
-
-<p>15. Band. <b>Vom Keim zum Leben.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Kurt
-Lampert. <span class="smaller">Mit 4 bunten und 8 schwarzen Tafeln und
-13 Abbildungen im Text. Nr. 5501&ndash;3. In Leinen M. 1.&ndash;.
-In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>16. Band. <b>Schnee und Eis der Erde.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> H.
-Wieleitner. <span class="smaller">Mit 16 Tafeln und 26 Abbildungen im Text.
-Nr. 5521&ndash;23. In Leinen M. 1.&ndash;. In Leder- od. Hlbpgtbd. M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>17. Band. <b>Die chemische Verwandtschaft und ihre
-Beziehungen zu den übrigen Energieformen.</b>
-Von <em class="antiqua">Dr.</em> Max Speter. <span class="smaller">Mit 4 Porträttafeln und 6 Abbildungen
-im Text. Nr. 5571/72. In Leinen 80 Pf. Zusammen
-gebunden mit Band 8 unter dem Titel <em class="gesperrt">Stoff und Energie
-im Lichte der Chemie</em> in Leder- oder Hlbpgtbd. M. 2.50.</span></p>
-
-<p>18. Band. <b>Der Wirbeltierkörper.</b> Eine vergleichende
-Anatomie von <em class="antiqua">Dr.</em> Fr. Hempelmann. <span class="smaller"><b>I. Teil.</b> Mit
-2 bunten und 2 einfarbigen Tafeln und 62 Abbildungen im
-Text. Nr. 5609/10. Mit Teil II zus. in einem Leinenband
-M. 1.50. In einem Leder- oder Halbpergamentband M. 2.70.</span></p>
-
-<p>19. Band. <b>Der Wirbeltierkörper.</b> Eine vergleichende
-Anatomie von <em class="antiqua">Dr.</em> Fr. Hempelmann. <span class="smaller"><b>II. Teil.</b> Mit 2
-bunten und 2 einfarbigen Tafeln und 71 Abbildungen im Text
-und einem Gesamtregister für Der Wirbeltierkörper I u. II.
-Nr. 5611&ndash;13. Mit Teil I zus. in einem Leinenband M. 1.50.
-In einem Leder- oder Halbpergamentband M. 2.70.</span></p>
-
-<p>20. Band. <b>Meereskunde.</b> Von Prof <em class="antiqua">Dr.</em> Adolf Pahde.
-<span class="smaller">Mit 3 farbigen Kartenbeilagen, 7 schwarzen Tafeln, 1 Porträtbeilage
-und 13 Abbildungen im Text. Nr. 5632&ndash;34. In Leinen
-M 1.&ndash;. In Leder- oder Halbpergamentband M. 2.&ndash;.</span></p>
-
-<p>21. Band. <b>Die Welt der Kolloide.</b> Von <em class="antiqua">Dr.</em> Heinr. Leiser.
-<span class="smaller">Mit 7 Tafeln und 15 Abbildungen im Text. Nr. 5651/52. In
-Leinen 80 Pf. In Leder- oder Halbpergamentband M. 1.80.</span></p>
-
-<p>22. Band. <b>Der Säugetierorganismus und seine
-Leistungen.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Ernst Th. v. Brücke.
-<span class="smaller"><b>I. Teil.</b> Mit 4 bunten und 3 einfarbigen Tafeln und 21 Zeichnungen
-im Text. Nr. 5678&ndash;80.</span></p>
-
-<p>23. Band. <b>Der Säugetierorganismus und seine
-Leistungen.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> Ernst Th. v. Brücke.
-<span class="smaller"><b>II. Teil.</b> Mit 3 Tafeln und 28 Zeichnungen im Text und einem
-Gesamtregister für Der Säugetierorganismus und seine
-Leistungen I und II. Nr. 5681&ndash;83. Mit Teil I zus. in einem
-Leinenbd. M. 1.75. In einem Leder- od. Hlbpgtbd. M. 3.&ndash;.</span></p>
-
-<p>24. Band. <b>Das Süßwasser der Erde.</b> Von Prof. <em class="antiqua">Dr.</em>
-W. Halbfaß. <span class="smaller">Mit einem Porträt, 14 Tafeln und 13 Abbildungen
-im Text. Nr. 5708&ndash;10. In Leinen M. 1.&ndash;. In
-Leder- oder Halbpergamentband M. 2.&ndash;.</span></p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die vordere
-Werbeseite wurde ans Buchende verschoben. Die Fußnoten wurden jeweils
-ans Kapitelende verschoben.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 90: erst im → bis zum<br />
-<a href="#corr090">bis zum</a> Jahre 3343 wird er sich von der Sonne entfernen</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Komet und Erde, by Camille Flammarion
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KOMET UND ERDE ***
-
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-beginning of this work.
-
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-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
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