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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien - -Author: Ina von Binzer - -Release Date: November 16, 2019 [EBook #60701] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEID UND FREUD EINER *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (Biblioteca Brasiliana Guita e José -Mindlin) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie - möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden - stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche - Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. - Fremdsprachliche Ausdrücke (auch Orts- und Personennamen) wurden - weder korrigiert noch vereinheitlicht, sofern der Sinn des Texts - dadurch nicht verfälscht würde. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom - Bearbeiter hinzugefügt; Fußnoten wurden an das Ende der jeweiligen - Briefe versetzt. Im Original erscheint der Brief vom 21. Februar - 1882 vor demjenigen, der auf den 17. Februar 1882 datiert wurde. - Die Reihenfolge der Buchausgabe wurde gleichwohl beibehalten. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - kursiv: _Unterstriche_ - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Leid und Freud einer Erzieherin - - in Brasilien. - - [Illustration] - - - - - Leid und Freud - - einer Erzieherin - - in - - Brasilien. - - [Illustration] - - Von - - Ina von Binzer - - (Ulla von Eck.) - - [Illustration] - - Berlin. - - Richard Eckstein Nachfolger. - - (Hammer & Runge.) - - - - - Alle Rechte vorbehalten. - - - - -Inhalt - - - Seite - Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881 1 - - Saõ Francisco, den 9. Juni 1881 9 - - Saõ Francisco, den 20. Juni 1881 13 - - Saõ Francisco, den 11. Juli 1881 21 - - Saõ Francisco, den 25. Juli 1881 26 - - Saõ Francisco, den 14. August 1881 35 - - Saõ Francisco, den 1. September 1881 43 - - Saõ Francisco, den 17. September 1881 56 - - Saõ Francisco, den 5. October 1881 59 - - Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881 68 - - S. F., den 3. Dez. 1881 70 - - Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends 71 - - Petropolis, den 15. Januar 1882 76 - - Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882 83 - - Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882 90 - - Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882 94 - - Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882 99 - - Rio de Janeiro, den 2. März 1882 107 - - Saõ Paulo, den 20. März 1882 109 - - Saõ Paulo, den 5. April 1882 114 - - Saõ Paulo, den 21. April 1882 120 - - Saõ Paulo, den 5. Mai 1882 124 - - Saõ Paulo, den 29. Mai 1882 133 - - Saõ Paulo, den 20. Juni 1882 138 - - Saõ Paulo, den 28. Juni 1882 144 - - Saõ Paulo, den 1. Juli 1882 146 - - Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882 148 - - Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882 156 - - Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882 163 - - Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882 169 - - Santos, den 20. August 1882 173 - - Santos, den 22. September 1882 179 - - Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882 183 - - Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882 187 - - Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882 197 - - Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882 206 - - Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882 209 - - Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882 210 - - Santos, den 2. Januar 1883 214 - - Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883 215 - - Verlobungsanzeige 225 - - - - -[Illustration] - - - - - Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881. - - +Meine liebe Grete!+ - -Fazenda bedeutet Pflanzung. Es thut mir leid, daß es nicht Hacienda -heißt, da Ihr das wahrscheinlich bis jetzt geglaubt habt, und ich Euch -also gleich beim ersten Worte meines ersten Briefes enttäuschen muß. -Ihr könnt Euch aber mit mir trösten, es ging mir ebenso, und es war -doch so hübsch, als wir noch so unschuldig Spanisch und Portugiesisch -verwechselten. So geht eine Illusion nach der andern verloren! - -Daß diese Fazenda Saõ Francisco heißt, ist durchaus nicht wunderbar; -im Gegenteil, es wäre merkwürdig, wenn sie anders hieße; einundzwanzig -Ortschaften in Brasilien heißen Saõ Francisco, und der Pflanzungen, die -dieser beliebte Heilige unter den Schutz seines Namens nehmen muß, sind -Legion. - -Eine zweite Enttäuschung wird Dir sein, daß ich Euch über meine Reise -von Rio de Janeiro bis hierher nicht einmal von einem Indianerüberfall -oder einem Tigerkampf berichten kann -- als Geringstes hättet Ihr doch -eine Riesenschlange verlangen können -- und ich sehe vollständig ein, -wie sehr es mich von vornherein andern Tropenreisenden gegenüber in -Euer Aller Augen herabsetzen muß, daß ich ohne weiteren Unfall hier -angekommen bin. - -Doch dem ist so. - -An der Eisenbahnstation holte mich Dr. Rameiro[1] selbst ab, und, denke -Dir, Grete, in einer ganz bequemen europäischen Halbchaise! Selten -hat mich wohl eine Halbchaise so geärgert wie diese! Wenn ihr doch -wenigstens unterwegs ein Rad gebrochen wäre, oder der Negerkutscher -versucht hätte, uns in irgend einen Abgrund zu fahren, etwa aus Rache -für erlittene Züchtigung, denn der war doch wenigstens ein richtiger -Sklave! Aber ich muß beschämt wiederum eingestehen, daß er recht -gutmütig über seiner platten Nase dreinschaute und wahrscheinlich -garnicht an einen Abgrund dachte. Nun, hoffen wir, daß das Geschick ein -Einsehen hat und mich noch in eine recht gefährliche Situation geraten -läßt.... aber so, daß ich sie Dir nachher noch beschreiben kann. - -Also Dr. Rameiro holte mich ab. Er wird „Doktor“ genannt. Warum, weiß -ich nicht, und ich bezweifle, ob er selbst oder die, welche ihn so -anreden, irgend eine befriedigende Auskunft darüber geben könnten außer -der, daß jeder besser situierte Brasilianer ein natürliches Anrecht -auf diesen Titel mit auf die Welt bringt, und es also einesteils -unbescheiden, andernteils blödsinnig erscheinen müßte, wollte jemand -von ihm verlangen, daß er sich denselben durch ein höchst überflüssiges -Studium erst verdiente. - -Er sprach portugiesisch, ich französisch. - -Es soll kaum einen Brasilianer geben, der nicht französisch spräche, -manchen aber auch, der nur einen sehr unvollkommenen Begriff hat von -der Lage des dazugehörigen Landes oder davon, daß es in demselben auch -noch einige andre Ortschaften giebt als Paris. In dem Kopfe meiner -Negerin ist „Paris“ identisch mit allem und jedem außerhalb Brasiliens -befindlichen Gebiet, und da ich ihre unbegrenzte Hochachtung vor diesem -merkwürdigen Dinge „Paris“ sehe, dem ich natürlich auch entstamme, so -habe ich mich wohl gehütet, dasselbe und die Leistungsfähigkeit seiner -Kinder berichtigender Weise durch mein achttägiges Portugiesisch zu -diskreditieren. - -„Meine Negerin“ -- nicht wahr, das ist bis jetzt noch das Beste an -meinem Brief, das klingt doch nach was! Sie heißt sogar Olympia, was -die Sache doch entschieden noch pomphafter macht, und sagt bei jeder -Gelegenheit höchst unterwürfig „~Sim, Senhora~“, auch wenn ich -sie schelte. Im Vertrauen will ich Dir zwar sagen, liebe Grete, daß -sie das scheußlichste, dicklippigste schwarze Geschöpf ist, das je -einen hochtrabenden Namen trug, und daß das „~Senhora~“ ganz etwas -gewöhnliches hier ist, wie in Berlin z. B. „gnädige Frau“. Außerdem -macht Einen das ewige „~Sim, Senhora~“ zuletzt ganz stumpfsinnig, -da sie es überall und immer anwendet, zumal wenn sie mein Portugiesisch -nicht verstanden hat, was einige Male am Tage vorkommt. Aber dies -erzähle den Andern nicht, hörst Du! - -Dr. Rameiro besitzt noch gegen 200 Sklaven und Sklavinnen. Die meisten -arbeiten natürlich draußen im Kaffee, aber hier im Hause sind auch eine -ganze Anzahl, von denen einige auch etwas zu thun haben. In einem -großen Saale mit Oberlicht, der eigentlich den Eindruck eines großen -Flures macht, sitzen ein Neger und eine Negerin je an einer Nähmaschine -und klappern den ganzen Tag. Rings umher an der Erde und auch in einem -anstoßenden Raume, der wieder wie ein Flur aussieht und an die Küche -stößt, sitzen zehn bis zwölf Negerinnen und nähen, und eine jede hat -einen Korb aus Bambusgeflecht vor sich, worin ein kleines Kind liegt, -von welcher Kollektion natürlich immer mindestens eines schreit. Da zu -diesen Näharbeiten nur Negerinnen mit ganz kleinen Kindern, die sie -nicht verlassen können, verwendet werden, so ist es klar, daß, wenn -welche dasitzen, auch die Bambuskörbe nicht fehlen und mindestens aus -einem derselben geschrieen wird. - -Das Küchenpersonal besteht aus drei Personen. Wer von ihnen kocht, habe -ich in diesen Tagen noch nicht herauskriegen können; manchmal schmeckt -das Essen so, als wären ihre Ansichten in Bezug auf die erforderlichen -Zuthaten in den denkbarsten Diametralen auseinander gegangen und hätte -schließlich jeder von ihnen die seinige durchgesetzt, manchmal scheint -es, als haben sie sich um des lieben Friedens willen alle drei von der -Sache zurückgezogen. - -Ein kleiner zwölfjähriger Mulatte mit unverschämtem Gesicht und einer -scheinbar unbesiegbaren Anhänglichkeit an schmutzige Anzüge und -Purzelbäume, in welchen letzteren er eigentlich +geht+, hat des -Mittags mit einer kleinen Fahne (die jedenfalls jetzt bräunlich-grau -ist, was sie auch früher gewesen sein mag) die Fliegen über dem Tisch -zu verjagen, was meiner Ansicht nach viel unerträglicher ist als die -Fliegen, und außerdem den Kaffee zu servieren. Aber trotzdem diese -Erfrischung mindestens vier Mal am Tage eingenommen wird, kann diese -Arbeit doch nicht als ausreichende Beschäftigung für einen ganzen -Tag angesehen werden, und es läßt sich also garnicht absehen, bis zu -welcher Virtuosität in Purzelbäumen diese kleine gelbe Kreatur es noch -bringen kann, wenn er auch nur die Hälfte seiner freien Zeit auf ihre -Vervollkommnung verwendet. - -„Freie Zeit!“ Ach, liebe Grete, bei dem Worte könnte ich elegisch -werden. Weißt Du noch, wie wir es als unumstößlich richtig unter uns -ausmachten, daß die Brasilianer den ganzen Tag weiter nichts thäten als -fesch aussehen und rauchen, ihre Damen, in duftigste Gewänder gehüllt, -sich in Hängematten wiegten und sich dabei von kleinen interessanten, -weiß und roth gekleideten Negerknaben befächern ließen? Wie Orangen- -und Bananenbäume in unsern Bildern eine merkwürdige Neigung hatten, -zu den Fenstern hineinzuwachsen, und bunte Papageien und die „süßen“ -kleinen Kolibris nur so um Einen herumflogen wie die Tauben in Lillis -Park? Welche Idylle! Und natürlich würden solche idyllische Menschen -auch von ihrer Erzieherin nicht so etwas Rohes wie wirkliche handfeste -„Arbeit“ verlangen -- pfui -- man würde mit den Kindern im Schatten der -Orangenbäume ruhen, sie gleichsam spielend die theure Muttersprache -lehren, Papageien zähmen, Früchte essen, Gedichte machen, sich mit -Blumen schmücken..... - -Ach, Grete! Ich sage nichts als „Ach!“ - -Dr. Rameiro raucht freilich -- es ist mir eigentlich noch nie -aufgefallen, daß er +nicht+ rauchte -- aber fesch kann ich ihn -mit dem besten Willen nicht finden! Weder wenn er mit gespreizten -Beinen vor dem Hause steht oder wenn er in den Kaffeeräumen -umhersteigt, noch wenn er abends thatenlos in der Hängematte liegt, -hat er die geringste Ähnlichkeit mit den schönen Brasilianern auf der -seligen Friedrich-Wilhelmstädtischen Operetten-Bühne. Es ist recht -niederschlagend! - -Madame Rameiro liegt auch manchmal in der Hängematte, (diese spielen -vollkommen die Rolle eines Möbels und sind in den Zimmern mit starken -Haken an zwei passend zu einander gelegenen Thüren befestigt) aber -sie ist eine etwas lebhafte Dame, sie hält es nie lange darin aus, -und wenn ihre Energie erwacht, etwa ob einer schlechten Naht einer -Derer mit den Bambuskörben, so höre ich sie im Schulzimmer (was -hörte ich da +nicht+!) die Negerinnen anfeuern durch Wörter, -die merkwürdigerweise eine auffallende Ähnlichkeit haben mit recht -kräftigen heimischen Schimpfwörtern. Ich werde aber morgen im -Lexikon nach der friedlichen Bedeutung von „~diabolo~“ oder -„~canailla~“ suchen, um die gute Frau vor meinen eignen Augen zu -rechtfertigen, was dem Lexikon jedenfalls glänzend gelingen wird. - -Von den Orangen und Bananen später. Jetzt nur noch ein Wort über die -Papageien. Was Du auch thust, liebste Grete, bringe sie nie wieder in -einer Idylle an, oder wenn Du es thust, begnüge dich mit +einem+ -und laß +den+ taubstumm sein! In dem Zimmer mit den musikalischen -Bambuskörben hängen ihrer sechs an den Wänden umher auf kleinen ½ Fuß -breiten Ständern aus Blech, die wie Konsölchen aussehen. Des Morgens -um vier beginnen sie auf’s Energischste ihren Kaffee zu verlangen -und hören damit nicht eher auf als bis sie ihren Zweck erreicht -haben, frühestens und unter günstigen Verhältnissen nach anderthalb -Stunden; und dann plappern, schreien, quieken, kreischen und keifen -sie den ganzen Tag lang mit einer Unermüdlichkeit, die beschämend -sein würde, wenn sie Einen nicht, im Verein mit eilf andern Vögeln, -den Nähmaschinen und den Bambuskörben gradezu rasend machte! Sie sind -bis jetzt meine intimsten Feinde. In den ersten Tagen nährte ich eine -unbestimmte Hoffnung, daß sie bald sterben könnten, seitdem mir jedoch -vorgestern Molières hundertjähriger Papagei eingefallen ist, betrachte -ich sie nur zu oft wie Mr. Pickwick das widerspänstige Pferd, d. h. ich -überschlage im Geiste die möglichen Folgen davon, wenn ich sie alle -sechs umbrächte. Natürlich höre ich auch sie im Schulzimmer. - -Man hört überhaupt in diesem idyllischen Hause überall alles, denn -Thüren und Fenster stehen samt und sonders fortwährend offen, und kein -Teppich, keine Gardine, kein Polstermöbel dämpft auch nur irgendwie -einen Schall, der Lust hat, sich fortzupflanzen. Ach liebe Grete, diese -Reitsäle von Zimmern, dieses grelle Licht, diese Korbgeflechtsophas und -Wiener Stühle sind so entsetzlich unromantisch, so garnicht idyllisch! - -Und nun gar das ~dolce far niente~! Laß mich schweigen. Wir -waren erstaunlich „jung“, als wir uns überzeugten, daß das hier meine -Hauptbeschäftigung sein würde! Mit weiterem will ich heute Dein -mitfühlendes Freundesherz nicht zerreißen. Ich werde es Dir so nach und -nach beibringen. - -Für heute leb’ wohl: der Thee ist serviert, denn „eins, zwei, drei“ -- -nämlich Purzelbäume des Mulattenjungen. Drei braucht er vom Eßzimmer -bis hierher, und natürlich höre ich sie. Richtig, da murmelt er an der -Thür: „~Chà, Senhora~“ -- also bis zu meiner nächsten Muße. Möge -Dir die Zeit nicht allzu lang werden. - - +Deine Ulla.+ - - - [1] Das ei in portugiesischen Wörtern ist gewissermaßen getrennt zu - sprechen mit dem Ton auf dem e. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 9. Juni 1881. - - +Liebste Grete!+ - -Weißt Du, was ich heute in die tiefsten Tiefen meines Koffers versenkt -habe?... Unsern +Bormann+, d. h. seine „vierzig pädagogischen -Briefe“. Sie passen nicht, Grete, sie passen hier nicht! Und ich hatte -mich so darauf verlassen! -- Wenn mich unterwegs die Angst befiel, -wie ich mit meinen brasilianischen Zöglingen fertig werden würde, -dann dachte ich immer an das hülfreiche kleine Buch unter meinen -Reiseeffekten und sagte mir beruhigt: So machst Du’s! Und nun.....! -Ach Grete, ich glaube, Bormann hätte hier oft selber nicht gewußt, was -er machen sollte. Man ärgert sich über so vieles, was sich garnicht -greifen läßt, und was doch da ist und immer wieder da ist! - -In dieser gesegneten Familie sind zwölf Kinder, und sieben davon -habe ich unter meiner pädagogischen Fuchtel. Um sieben Uhr morgens -geht es los. Dann kommen erst „die Großen“ und nehmen eine deutsche -Stunde. Dona Gabriella, Dona Olympia und Dona Emilia sind schon -neunzehn, einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt, was für -Brasilianerinnen schon dicht an der alten Jungfer ist und mich bei -meinen eignen zweiundzwanzig sehr entsetzte; und dann denke Dir, -eine Schülerin immerfort mit „Dona“ anreden zu müssen! Die ersten -Morgende kamen sie regelmäßig zu spät in die Stunde, so daß ich mich -zu dem Ersuchen veranlaßt sah, doch pünktlich zu erscheinen, denn -damals lebte ich noch nach Bormann. Seitdem sitzen sie nun jeden -Morgen, wenn ich hereinkomme, ernst und schweigend um den Tisch mit -ihren blaßgelben, unbewegten brasilianischen Gesichtern, und auch das -dumpfe, gleichgültige: „~Bon jour, mademoiselle~“ bringt keinerlei -Ausdruck darauf hervor; keine Morgenfrische, keine Lernfreude, keine -persönliche Sympathie -- ach Grete, dies Trio ist entsetzlich lähmend! -Mir fällt jetzt immer bei ihrem Anblick die heilige Vehme ein, wo die -Richter nicht ernster und kälter in der Runde gesessen haben können. -Ich bin feige genug, bereits zu wünschen, ich hätte sie nicht um -Pünktlichkeit ersucht. Wir würgen uns mühsam durch diese deutsche -Stunde, natürlich immer durch das Medium des Französischen, und -letzteres ist noch das Beste von der Sache, denn sowie sie anfangen, -deutsch zu sprechen, verstehe ich keine Silbe mehr. - -Ich bin immer ganz erlöst, aber auch schon halb kaput, wenn dann um -8 Uhr „die Kleinen“ kommen. Wenn sie auch unartig sind, so sind es -doch wenigstens Kinder, und nur die älteste von ihnen hat auch schon -etwas von der heiligen Vehme an sich. Ach Grete, sie sind alle so -„~provoking~!“ Sie thun alles, was ich sage, lernen alles, was ich -aufgebe, und doch irritieren sie mich namenlos! - -Ich glaube gewiß, sie meinen nichts Böses, und manchmal finde ich meine -„Kleinen“ auch ganz drollig. - -So saß ich neulich Sonntags ein Stündchen in dem paradiesischen -Garten auf der Bank unter einem mächtigen Mangabaum und träumte --- ach Grete -- von deutschen Eichen, als mich plötzlich, wie ich -aufblickte, eine scheußliche kleine schwarze Kreatur vor mir in die -Tropen zurückschreckte. Denke sie Dir etwa zwölfjährig, mehr Affe -als Mensch, bis an die Ohren grinsend, mit unappetitlichem Wollhaar, -fingerbreitem Vorkopf, entsetzlich dickem Bauch und stockartigen -schwarzen Beinen, die vor Staub ganz lilla schimmerten; denke Dir -dies Ganze nur bekleidet mit der denkbar kürzesten Ausgabe eines -Hemdes von undefinierbarer Farbe, und Du wirst begreifen, daß ich von -diesem edlen Mitgeschöpf nicht grade hingerissen war. Im Gegenteil -bin ich wol etwas erschrocken zusammengefahren, denn sogleich trat -die kleine achtjährige Leonilla hinter einem Strauch hervor und sagte -beruhigend und protegierend zu mir: „~N’ayez pas peur, mademoiselle, -c’est Jacob~“, und dann, als mein Gesicht wohl immer noch nicht -den genügenden Ausdruck der Begeisterung zeigte ob dieser ehrenden -Bekanntschaft mit dem heiligen Erzvater, fügte sie, halb indigniert, -halb erläuternd hinzu: „~Il est à moi, grand’maman m’en a fait cadeau -à mon jour de fête.~“ Ich sage Dir, es war zu komisch; die kleine -Sklavenhalterin sah so stolz auf dies lebendige „Geburtstagsgeschenk“, -und das scheußliche kleine Besitzthum grinste so vergnügt zu dieser -Eigentumserklärung, die es allerdings wohl mehr erriet als verstand, -daß ich hell auflachen mußte. Überhaupt hat die Würde, welche hier -durch das Bestehen der Sklaverei unwillkürlich schon die Kinder -annehmen, oft etwas Komisches. Dagegen ist es wiederum rührend, wie sie -auch anderseits an den guten, treuen Negern und Negerinnen hängen. Die -kleine fünfjährige Maria da Gloria z. B. spart immer von ihrem Dessert -etwas über für ihre frühere Amme, eine hübsche junge Mulattin, oder -erbittet etwas für ihre kleine Milchschwester, und Alphonsina, die sich -sonst selber gern putzt, verschenkt doch ihr buntestes Band, wenn sie -denkt, daß die alte Anna es gern hätte. - -Sie geben alle sehr gern und erfüllen Einem jeden möglichen Wunsch -- -und doch -- und doch....! - -Ach Grete, weißt Du, daß ich den Peter in der Fremde jetzt eigentlich -für einen ganz gescheidten Menschen halte! - - +Deine Ulla.+ - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 20. Juni 1881. - -Ich wünschte, Gretel, Du könntest einmal zu einem brasilianischen -Mittagessen dabei sein! Eingeladen würdest Du zwar nicht „zu Tische“, -auch nicht einmal zu dem berühmten deutschen „Löffel Suppe“, sondern -zu einem „Glase Wasser“. Du kannst es aber getrost daraufhin wagen, -denn dies ~copo d’agua~ umfaßt ein recht vielseitiges Mittagessen -und hat als Appendix einen musikerfüllten Abend, sowie eventuell ein -Nachtquartier. - -Wir waren gestern zu unsern Gutsnachbarn gebeten, übrigens Nachbarn -von fünf Meilen Entfernung, zu denen uns zwei mit je vier Maultieren -bespannte Wagen in scharfem Trabe hinbrachten. - -Wir fanden schon einen größeren Kreis in der riesigen, siebenfenstrigen -~salla de visita~ beisammen. Das Wort „Kreis“ darfst Du allerdings -nur als Gewohnheitsausdruck fassen, denn die Gesellschaft präsentierte -sich so, daß je rechts und links von dem großen Rohrsopha, das in -nebelhafter Ferne sich dem Eintretenden gegenüber zeigte, sich in -scharfen rechten Winkeln eine Reihe von Stühlen abzweigte, die den Raum -vor dem Sopha frei ließen, und die den Eindruck hervorbrachten, als sei -man bei einem Gesellschaftsspiel. Der Eingeweihte weiß jedoch, daß er -diese rechten Winkel in jedem brasilianischen Hause wiederfindet. Der -Sophatisch steht in der Mitte des Saales. - -Wir schüttelten rings herum alle bekannten und unbekannten Hände, wobei -ich als die neue „~professora~“ eingeführt wurde, und fragten -einander der Sitte gemäß höchst teilnehmend: „Wie geht es Ihnen, geht -es Ihnen gut?“ auch wenn man sich nie vorher im Leben gesehen. - -Nachdem ich dann, neben Dona Gabriella sitzend, eine Weile den linken -Flügel einer jener Stuhlreihen occupiert hatte, meldete ein barfüßiger -Negerjunge, daß „das Mittagessen auf dem Tisch“ sei, und würdevoll -erhob sich die Hausfrau mit der Aufforderung: „~Vamus jantar~“ d. -h. gehen wir essen. - -Zu beiden Seiten der Tafel standen barfüßige und nicht allzu saubere -Mulattenjungen, mit langen Bambusstöcken bewaffnet, an deren Ende der -eine eine kleine rothe Fahne, der andere einige in lange Streifen -geschnittene Exemplare des Rioer „~Jornal de Commercio~“ -schwenkte, um die Fliegen und Mosquiten zu verscheuchen. Mit solch -einer Fahne war ich ja schon von Saõ Francisco her befeindet, jedoch -gegenüber diesen abscheulich raschelnden Papierfetzen, für deren -beleidigende Geschmacklosigkeit für Aug’ und Ohr aber außer mir niemand -von der Gesellschaft Sinn zu haben schien, sondern die man gewiß als -eine sehr geniale und liebenswürdige Erfindung betrachtete, bat ich dem -kleinen schmutzigen Lappen daheim allen geheimen Zorn ab. - -Nachdem die Suppe gegessen war, begann ein Jeder das Gericht, das er -zu verwalten hatte, in der Runde anzubieten. Denn hier wird keine -Schüssel herumgereicht, sondern alles wird und zwar zu gleicher Zeit -auf den Tisch gesetzt und dann von dem Betreffenden, der das Gericht -vor sich hat, sei derselbe auch ein Gast, angeboten und serviert. -Jeder stellt sich dann seine Gänge ~ad libitum~ zusammen. So -begann auch ich denn tapfer mit meiner Schüssel schwarzer Bohnen, -dem geliebten ~feijaõ~ der Brasilianer, das bei keiner Mahlzeit -fehlt, zu wirtschaften: „~A Senhora quer feijaõ?~“ „~Um poco de -feijaõ, Senhor Doutor?~“ -- ganz fesch, sage ich Dir, ich imponierte -mir selber als „Brasilianerin“. Dazwischen wurde mir nun auch wieder -angeboten. „Wollen Sie ein wenig Reis?“ glänzte die Tochter des Hauses -mit einem deutschen Satz, in dem sie die Endsilbe von „wollen“ recht -deutlich betonte, das g in „wenig“ wie k aussprach und alle s wie ß. -„~Um poco de vinho, mademoiselle?~“ fragte der biedre Vater, der -nie eine andre Sprache gelernt als die „~lingua dos brancos~“, wie -das Portugiesische hier im Gegensatz zu den afrikanischen Ursprachen -der eingeführten Negersklaven genannt wird. „~Vous offrirai-je des -pommes de terre?~“ machte ein junger Herr, der eben aus „Paris“ -zurück war (natürlich war er auch ~doutor~), und so setzte ich mir -denn unter dem Schweinebraten, Rinderfilet, schwarzen Bohnen, Huhn, -Reis, Kohl, Polenta, süßen Kartoffeln ein möglichst homogenes Mahl -zusammen. Ein +warmes+ Mittagessen wirst Du aber bei Brasilianern -schwerlich, oder doch nur mit Aufwand der größten Berechnung und -Gewandtheit zu essen bekommen, denn jedesmal, wenn Du Dein „~S’il -vous plaît~“ heraus hast, erwischt mit Blitzesschnelle der Arm -einer der bedienenden Negerinnen (hier waren es vier) Deinen Teller -und trabt mit ihm davon zu dem Verwalter der betreffenden Schüssel, -um das Verlangte zu holen. Du siehst hieraus, daß Du um so ruhiger -und um so wärmer essen kannst, je weniger verwickelt Du Dir Dein Mahl -zusammensetzst, sintemalen jedes neue ~s’il vous plaît~ Deinen -Teller wieder auf die jähe Rundreise schicken würde. - -Diese Manier zu speisen ist schon an und für sich entsetzlich -beunruhigend, aber die raschelnden Papierstreifen, das gelegentliche -energischere Schnalzen der kleinen Fahne, die laute, gestenreiche -Unterhaltung der Brasilianer, das Umhertraben der Negerinnen, das alles -wirkte gradezu betäubend auf meine deutschen Nerven, die schon die -blendende Helle der gardinenlosen Räume angriff, so daß ich nur mit -Beschämung die gleichgültigen Gesichter der übrigen Damen betrachtete, -die sich zwar selbst auch wenig an der Unterhaltung betheiligten, an -deren Nervenleben aber auch all dieser Lärm vollständig abzuprallen -schien. - -Ich war hungrig gewesen von der Fahrt, aber ich konnte unter diesen -Verhältnissen nicht essen. Ich bin eigentlich immer noch hungrig, -seitdem ich zum letzten Mal auf dem Schiff gegessen habe, denn mein -Magen befreundet sich nur sehr allmälig mit der Eintönigkeit des -Essens und -- dem Schweinefett, mit dem hier alle Speisen zubereitet -werden. Was mir zuerst die Sache noch unerträglicher machte, war das -gänzliche Fehlen von Kartoffeln oder Brot auf dem Tisch, womit man die -Aufdringlichkeit des Fettes hätte mildern können. Das Brot wird auf -dem Lande durch sogenannte ~biscoitos~ ersetzt, ein Gebäck aus -dem Mehl der Maniocawurzel, das ganz gut schmeckt, wenn es eben aus -dem Ofen kommt, im Alter von einigen Stunden aber schon an Zähigkeit -nichts mehr zu wünschen übrig läßt und nach zwei Tagen mit absolutem -Erfolg eine Konkurrenz mit jungen Steinen aufnehmen könnte. Unsre -gute Kartoffel gedeiht in diesen gesegneten Gegenden nur in süßen -Exemplaren, den Bataten, die bis zu neun Pfund schwer werden und -entweder einfach gekocht oder mit Zuckerzusatz als Dessert genossen -werden. Die ersten Tage waren mir die großen bläulichen Dinger, die -in Farbe und Geschmack an ihre erfrorenen Brüder im nordischen Winter -erinnern, höchst widerlich, aber jetzt schmeckt mir, fast zu meiner -Beschämung, das Kompott schon ganz gut. Auch befreunde ich mich mit -den schwarzen Bohnen und dem dazugehörigen salzlosen Maismehlpudding, -dem ~angú~, liebäugele bereits mit dem Mais- und Maniocamehl, das in -Brotkörben auf den Tisch kommt und das sich die Brasilianer zwischen -die saucenreichen Bohnen rühren -- und wie lange wird es noch dauern, -da werde ich eine Passion haben für das an der Sonne gedörrte -Hammelfleisch, mit dem man uns häufig zum Frühstück regalirt. - -Verachte mich nicht, Grete, es giebt nichts anderes hier! Denn wenn -Du zu den ebengenannten Delikatessen noch Reis in Wasser gekocht -hinzufügst, der vor lauter Tomaten so rot wie ein Ziegelstein auf den -Tisch kommt, so hast Du das Menü für das ganze Jahr. - -Eine große Sache ist es hier um das Dessert, um die „~doces~“, und -der Ruf der Brasilianer, im Bereiten wie im Vertilgen derselben Meister -zu sein, bestätigte sich mir auch gestern wieder in vollem Maße: Herren -wie Damen verzehrten unglaubliche Mengen von eingemachten Früchten, -Chokoladen- und Eierkonfekt etc. und aßen dazu große Stücken Käse. - -Daß ich’s nur gestehe -- ich auch! - -Den ersten Tag freilich, als dieser neue Genuß meinem europäischen -Gaumen zugemutet wurde, wies ich ihn empört zurück und bat um etwas -Butter und Brot zum Käse. Es erschienen ~biscoitos~ im Stadium -Nr. 2 und eine dänische Konservenbutter von einer Weichheit, Gelbheit, -Salzigkeit.... laß mich schweigen! Mutig entschloß ich mich zu der -landesüblichen Zusammenstellung, und ich glaube, ich that wohl daran. - -So war ich gestern doch wenigstens im stande, mein Mahl auf gut -brasilianisch zu beschließen, und da ich auch schon so ziemlich alle -Gerichte portugiesisch benennen kann (eine große Kunst, da täglich zwei -Mal die gleichen auf dem Tisch erscheinen) und ein paar fehlerhafte -aber dafür desto überschwänglichere Phrasen zu drechseln verstand, -so fanden mich meine neuen Bekannten „~muito sympathica~“ und -beehrten mich nach Tische sofort mit der Aufforderung, ihnen etwas -vorzuspielen oder zu singen. - -Ich spielte einen Chopinschen Walzer, der ihnen sehr gefiel, und -sang ihnen „Klein Anna-Kathrin“, was sie nach keiner Richtung -hin verstanden. Nun singe ich nie mehr ein deutsches Lied vor -brasilianischen Ohren, sondern immer nur italienische Etüden, von denen -ich überzeugt bin, daß sie ihnen imponieren werden. - -Nach mir folgte mit ein paar französischen Tänzen unsre Dona Olympia, -die ganz nett aber mit geschmackloser Auswahl spielt, und dann setzte -sich eine sehr stille, sehr starke und sehr dunkeläugige Dame an das -Instrument und begann den zweiten Akt des „Troubadour“ vorzutragen. Man -sagte mir vorher, sie spiele „perfekt“, und so horchte ich gespannt.... -Ach, Grete, bin ich denn so gar starr germanisch, daß ich diese Romanen -mit dem besten Willen nicht interessant und geistreich finden kann! -Aber es war nicht anders -- +mir+ sprach nichts aus den flinken -abgerichteten Fingern, nichts aus dem unbeweglichen wachsgelben Gesicht -der Spielerin, in dem die schwarzen Augen wie geistlose Tintenklexe -standen, und doch war es wahr: sie spielte ~perfeitamente~! Ich -ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich nicht begeistern konnte und -blickte ängstlich im Kreise umher, ob man es mir auch nicht anmerke. -Alle Gesichter waren blaß, gelb und, aus lauter Hochachtung vor diesem -„perfekten Spiel“, unbeweglich, alle bis auf eins. - -Seit ein paar Tagen ist nämlich ein junger italienischer Architekt -bei uns zum Besuch, ein Neffe des Doktors von seiten seiner ersten -Frau, die eine Italienerin war, und dieser Unglückliche schien ebenso -antipodisch berührt wie ich. Ich lächelte unwillkürlich, als ich sein -Gesicht sah, zumal unser gemeinsames Europäertum uns schon zu vielen -gleichartigen Urteilen über hiesige Verhältnisse veranlaßt hat, und er -schlug mit unendlich komischem Ausdruck die Augen zur Decke empor. - -Mittlerweile war der „Troubadour“ immer eindringlicher geworden, -bereits spielte die stille, starke Dame eine halbe Stunde -- hatte sie -Absichten auf den ganzen Akt? Ich schlängelte mich vorsichtig der Thüre -zu, aber noch wagte ich nicht, dem Saal zu entschlüpfen, obgleich ich -fühlte, daß mich eine fernere Viertelstunde unter der Wirkung dieses -perfekten Spiels völlig überwältigt hätte. Da schob sich der junge -Italiener an mir vorbei, er sah ganz erschöpft aus -- „~Je n’en -peux plus~“, flüsterte er mir zu, „~j’ai déjà une indigestion de -musique!~“ -- -- - -Und das in einem Lande, das erst +anfängt+, civilisiert zu -werden und das erst +ein+ Konservatorium hat! Wehe künftigen -Geschlechtern, wenn die Klavierseuche hier verhältnismäßig wächst! - -Aber halt -- da sagt mein Licht Valet! Grade als hätte es mir nur noch -diesen trüben prophetischen Stoßseufzer erlaubt, flackert es eben auf -seinem letzten Faden empor -- Lampen giebt es hier nämlich nicht! - -Gute Nacht also, meine Grete, oder wenn es Dir interessanter klingt: -~boa noite~ -- - - Deine noch immer musikerfüllte - +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 11. Juli 1881. - - +Liebe, einzige Grete!+ - -Die ersten Briefe aus der Heimath heute! Ich hätte den schmutzigen -Negerjungen umarmen können, als eins, zwei, drei Briefe für die -~professora~ aus seiner Mappe herausspazierten, nachdem ich sie -so viele, viele Tage umsonst sehnsuchtsvoll angeschaut. Dr. Rameiro -läßt nämlich jeden Tag die Postsachen holen, was hier auf dem Lande -sehr selten ist; die meisten Pflanzer schicken nur einmal in der Woche -nach der Station. Gute Nachrichten von zu Hause, einen fröhlichen -Brief von meiner Grete -- Gott, wie Einen so ein beschrieben Blättchen -doch glücklich machen kann! Und wie geduldig man wird! Ich sage -Dir, Gretel, ich komme mir manchmal vor wie Salas y Gomez. Weißt Du -wohl, wie ich auf dem Seminar schon immer außer mir war, wenn der -Briefbote einmal zwei Tage ausblieb -- und nun nach fast anderthalb -Monaten die ersten Briefe! Ich werde so viele gute Eigenschaften von -hier mit zurückbringen, daß ich in Europa gar keine Verwendung dafür -haben werde! Aber heute brauchte ich grade eine kleine Erfrischung, -alles war so lähmend gewesen von früh ab, und ich fühlte mich so -beschwert! Zuerst hatte ich einen der härtesten Kämpfe mit meinen -~biscoitos~, die ich in Stadium Nr. 3 erhielt, dann war das -Vehmgericht unbehaglicher als je, und endlich leide ich seit einer -Woche an einer gräßlichen Neuralgie im Gesicht, so daß ich nur mit Mühe -essen und sprechen kann. Das ist das allgemeine Leiden für den Europäer -hier, und oft auch für Einheimische; es ist entsetzlich peinigend, -zumal wenn man dabei unterrichten muß. Sie behaupten hier, ich habe es -mir zugezogen dadurch, daß ich abends nach sechs Uhr draußen gewesen -sei in dem ~sereno~, dem gefährlichen Abendthau -- aber, liebe -Grete, ich wäre erstickt, wenn ich nie an die Luft gekommen wäre, -zumal nachdem ich die 24 Tage auf dem Schiff von Morgen bis zum Abend -draußen war. Hier aber ist Unterricht von 7-10, dann warmes Frühstück, -wobei uns Madame Rameiro immer ganz nutzlos bis halb 11 Uhr warten -läßt, so daß ich nachher nicht mehr hinaus kann, sondern sofort nach -dem letzten Bissen wieder in die Stunde muß. Dann geht’s weiter bis -um ein Uhr, wo eine halbe Stunde Lunchzeit ist; um halb zwei fangen -aber schon wieder die Klavierstunden an, die bis um 5 Uhr dauern, wo -gegessen wird. Nun frage ich Dich, wann soll ich da spazieren gehen -außer nach sechs! Kannst Du eine andre mögliche Zeit am Tage entdecken? -Sie wollen die „Bildung“ hier gradezu mit Löffeln schlucken und haben -nie einen freien Nachmittag, nie einen Tag, geschweige denn eine Woche -Ferien das ganze Jahr hindurch -- -- mir graut schon bei dem Gedanken -daran, und die ganze Zeit über kein deutsches Wort! In den Stunden und -bei Tische Französisch und mit den Schwarzen Portugiesisch -- ach, -Gretel, es ist wirklich saurer, als man so von weitem denkt; überlege -Dir’s lieber noch mal, ob ich mich für Dich hier umsehen soll, -- -jedenfalls aber bringe dann Dein Bett mit. Es ist gewiß ein gut Ding -um die Anspruchslosigkeit, man muß aber auch keinen Mißbrauch damit -treiben. Ich will Dir mein Lager beschreiben -- weine dann eine stille -Thräne um mich! Stelle Dir eine rohe hölzerne Bank mit Armstützen -aber ohne Rücklehne vor, das ist mein Bettgestell. Darauf liegt eine -„Matratze“, die, als ich sie auf ihren Inhalt prüfte, irgend ein wildes -getrocknetes Gras ergab, dem man aus unbekannten Gründen verschiedenes -Blätterwerk, anmutig mit Stöcken und Zweigen untermischt, beigesellt -hatte. Auf dieser mit einem Leintuch bedeckten Folterbank verliert -sich am Kopfende ein Miniaturkissen, von dem ich zuerst glaubte, -die kleine Maria habe es aus ihrer Puppenwiege verloren; es soll -aber thatsächlich mein Kopfkissen sein und ist mit einer trocknen -gelben Blume, der ~marcella~, die etwas Ähnlichkeit mit unsern -Immortellen hat, gestopft. Das Ganze krönt zum Zudecken eine englische -wollene Decke. Ob es mir wohl noch gelingen wird, mich auch mit dieser -Seite Brasilianertums zu befreunden? Ich hoffe es! Vorläufig strebe -ich die Beruhigung an, sämtliche Stöcke in meiner Matratze persönlich -zu kennen, und dann hoffe ich diesem Asketenlager auch ein klein wenig -Wärme abzuschmeicheln, denn wenn es auch bei Tage heiß ist, so sind -doch grade jetzt die Nächte oft empfindlich kalt. - -Ich wundre mich, daß diese sehr frischen Nächte den Pflanzen nicht -schaden in unserm entzückenden Garten. Madame ist eine große -Botanikerin und hat den Garten unter ihrer speziellen Leitung. Sie -achtet darauf, daß jede seltene Pflanze gepflegt wird und läßt auch -außerbrasilianische Tropengewächse mit großen Kosten aus Indien und -Japan kommen, so daß sie aus diesem Fleckchen Land ein wahres Eden -gemacht hat, ein Zauberland voll Märchenherrlichkeit. - -Die Gartenthür, von üppiger, graziöser Klematis überhangen, führt -zunächst zu kleinen Gruppen seltener Coniferen und schöngeformten -Beeten voll großer, fremdartiger Blumen von wunderbarer Farbengluth. -Zwischendrein steht ein bunter Kiosk in chinesischem Styl. Ich sage -Dir, Gretel, mit dem tiefblauen Himmel und der Tropensonne darüber, -mit den reizenden kleinen Kolibris, die wirklich wie flatternde -Edelsteine in der Sonne erscheinen, ist dies Plätzchen so südlich, so -exquisit tropisch, wie man es nur träumen kann! Dann kommt man in eine -herrlich schattige, feuchtkühle Bambusallee. Ihr zur Linken, etwas -tiefer gelegen, ein kleiner, mit bunten Enten belebter See, rechts -eine Anhöhe, sanft ansteigend und mit duftenden Orangenbäumen, die oft -Blüte und Frucht zugleich tragen, besetzt. Neue Überraschung an ihrem -Ausgang: Orangen, Palmen und Bananen überall, Zimmt- und Mandelbäume -duften und Granaten glühen aus ihrem zierlichen Laub hervor; hier ein -Theestrauch, dort ein Kaffeebaum; jetzt eine verlorne Baumwollstaude, -dann ein Anis- oder Muskatpflänzchen, ja, selbst Vanilla und Patschouli -giebt’s zu entdecken. Ich war zuerst ganz berauscht, Grete, und trank -all das Zaubrische, Schöne, Fremdartige förmlich mit allen Sinnen -ein.... aber, wunderbar -- weißt Du, welcher Eindruck hiervon für mich -der nachhaltigste ist? Der des Fremdartigen, ja des absolut Fremden! -Ich staune sie an, all diese südliche Pracht, ich bewundere sie, sie -berauscht mich momentan mit ihrem verführerischen Zauber -- aber ich -verstehe sie nicht; ich kann mir nichts mit diesen prächtigen Pflanzen -erzählen, ich kenne sie nicht, und sie kennen mich nicht. Es ist doch -etwas wunderbares um das +Vaterland+! Was doch alles so mit dazu -gehört! Auch die Blumen und Bäume. Wir wissen doch daheim gleich etwas -zu singen unter unsern prächtigen Eichen; welches junge Gemüt kennte -nicht unsre reiche deutsche Lindenpoesie, und sowie man sprechen -kann, lallt man schon sein weihnächtlich-heimliches „O Tannebaum, o -Tannebaum“! Da grüßt man so einen Baum doch gleich ganz anders! Der -mächtige Mangabaum inmitten des Gartens ist zwar sehr schön, aber ich -überraschte mich dennoch neulich dabei, daß ich unter seinem Schatten -das hübsche kleine Lied summte: - - „Ich hatte einst ein schönes Vaterland, - Der Eichenbaum stand dort so hoch, - Die Veilchen nickten sanft -- - Es war ein Traum. - Und als ich nun in’s ferne Ausland kam, - Da war ein Mädchen zauberschön - Und blond von Haar zu sehn, -- - Es war ein Traum. - Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch, - Ihr glaubt es nicht, wie gut es klang, - Das Wort: Ich liebe Dich -- - Es war ein Traum ...“ - -Und erinnerst Du Dich, wie wir drüben es nie recht verstehen konnten, -wenn Dranmor singt: „Ich gäbe diese ganze Herrlichkeit -- Für eine -einz’ge schneebehang’ne Tanne“! Und jetzt.... Aber ich rede, darum -schweige ich; sentimental darf man hier nicht werden. - - Deine deutscheste +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 25. Juli 1881. - - +Liebste Grete!+ - -Also in Elgersburg muß ich Euch jetzt mit meinen Gedanken suchen -- -Du Glückliche, die Du das Wort „Ferien“ noch kennst und es in dem -reizenden Thüringer Nest in die Praxis umsetzen kannst! Deiner armen -Ulla werden derartige Dinge immer mehr zu körperlosen Begriffen -- was -ist Freiheit, Erholung, Sommerfrische.... das heißt, nein! Was die -„Frische“ angeht, da bin ich Dir entschieden über: ich konstatiere -hiermit feierlichst, daß ich in diesen Tagen des öfteren vor Frost -geklappert habe und auch jetzt mit ganz steifen Fingern schreibe. Und -dazu habe ich das volle Recht, denn gestern war hier der kälteste Tag -im Jahr, der Tag Johannis des Täufers. Es fror mich denn auch, zum -größtem Gaudium der Familie, die der „kalten Deutschen“ das Recht dazu -eigentlich völlig absprechen, so barbarisch, daß ich die liebevolle -Anhänglichkeit segnete, die mich beim Einpacken in Berlin plötzlich -inbezug auf meine alte Winterjacke überkommen hatte. Die Brasilianer -selbst empfinden merkmürdigerweise die Kälte garnicht so sehr, wie -mir das besonders gestern Abend auffiel bei der Namensfeier des -heiligen Johannes, der ein großer Liebling der Nation ist. Dr. Rameiro -veranstaltet jedes Jahr an diesem Tage, der auch zugleich der Namenstag -eines in Europa (natürlich in Paris) befindlichen Sohnes ist, eine Art -von Erntefest für die Sklaven, weil ungefähr um diese Zeit auch die -Kaffee-Ernte vorüber ist. - -Es hatte mich schon immer interessiert, die Wagen voll Kaffeefrüchten -aus den Plantagen hereinfahren zu sehen, die dann in prächtigen Anlagen -und Maschinenräumen, die der Doktor eingerichtet hat, für den Handel -zurecht gemacht werden. - -Letzten Sonntag fuhren wir durch eine Anpflanzung von einer halben -Quadratmeile Ausdehnung. Die Bäume oder eigentlich Sträucher waren etwa -wie größere Haselnußsträucher und saßen zum Theil noch voll Früchten -zwischen den spitzen, glänzenden Blättern. Der Doktor meinte, dieser -Bestand sei etwa 25 Jahre alt; dienen könne eine Anpflanzung ca. 40 -Jahre, dann wird wieder ein neues Stück Land in Angriff genommen, -das vorher rechtzeitig bepflanzt wurde. Es ist merkwürdig und kann -Einen ordentlich neidisch machen, wie hier so eine Strecke Landes, -die bei uns schon ein ganz hübsches Feld oder ein sehr respektabler -Garten wäre, so gar keine nennenswerte Rolle spielt. Diese Pflanzung -ist drei Quadratmeilen groß, aber die Bewirtschaftung ist eine -merkwürdige. Das meiste Land liegt natürlich immer brach. Soll aber -ein Stück in Benutzung genommen werden, so wird alles, was bisher -darauf wuchs, heruntergebrannt, was auch manchmal schonungslos die -herrlichsten Urwaldbestände trifft, deren Asche und faulende Stämme -dann den prächtigsten Dung abgeben. Nichts sieht toller aus als so ein -Maisfeld z. B., das zwischen wild und wüst durcheinander liegenden, -halb und ganz verkohlten Baumstämmen frisch und fröhlich emporwächst! -Bei uns kann man sich von solcher Unordnung und vor allem von solcher -Verschwendung gar keine Vorstellung machen; auch hier kommt man immer -mehr von dieser etwas kannibalischen Manier der Rodung zurück, die -jedoch keineswegs schon so selten geworden ist, wie es die Brasilianer -gern Wort haben möchten, und die früher ganz allgemein war. Und denke -Dir, Gretele, daß auf der Pflanzung von Madame Rameiros Bruder erst vor -7 Jahren noch ein Negersklave bei einem derartigen Brande umgekommen -ist, weil er sich nicht rechtzeitig aus dem an allen vier Seiten -angezündeten Walde entfernt hatte! Das ist doch schauerlich und soll -leider gar nicht einmal so selten vorgekommen sein. - -Als wir durch die Plantage fuhren, waren die Neger grade an der Arbeit, -denn der Sklavensonntag auf dieser Pflanzung fällt auf den Mittwoch. -Das Gesetz verlangt nur überhaupt einen Feiertag in der Woche für -die Sklaven, überläßt es jedoch dem Besitzer, einen Tag auszuwählen, -was dann gewöhnlich so geschieht, daß er nicht mit demjenigen der -Nachbarpflanzungen zusammenfällt und man auf diese Weise im Stande ist, -einen Verkehr der Schwarzen untereinander zu verhüten. - -Es sah wirklich malerisch aus, wie die schwarzen Gestalten in -den hellen Blusen emsig pflückend mit ihren Körben zwischen den -dunkelglänzenden Sträuchern standen. Die Neger werden auf dieser -Pflanzung auch gut behandelt, und wer mehr als die ihm aufgegebene -Anzahl von Körben voll pflückt, bekommt für den Überschuß eine -Kleinigkeit bezahlt. - -Der Kaffee sieht am Baum fast aus wie große Schlehen und in der -rotblauen fleischigen Hülle sitzen gleich Kernen immer zwei Bohnen mit -der flachen Seite gegeneinander. - -Wenn nun ein Wagen voll aus der Plantage ankommt, so wird er in ein -Wasserbecken entleert, wo die Früchte schon zum Teil die locker -sitzenden Hüllen verlieren, dann fließt das Ganze durch rauhe Röhren -mit besonderen Enthülsungsvorrichtungen hinunter in ein tiefer -gelegenes Bassin, wo die Bohnen bereits freigemacht ankommen. Nachdem -ihnen dann noch durch andre Manipulationen die dünnen Häutchen genommen -sind, die wir manchmal noch bei uns an mangelhaft präparierten Bohnen -entdecken können, wird er auf eine große Asphaltfläche zum Trocknen -gebreitet, von wo er endlich in lange, hallenartige Räume wandert, wo -er von Negerinnen verlesen und sortiert wird. Dann erst kommt er in -Säcke und wird nach Ablauf einer Lagerzeit verschickt. Dr. Rameiro hat -mir einen ganzen Sack voll geschenkt, denke Dir, einen ganzen Sack voll -Kaffee, der schon drei Jahre lagert und daher seiner Ansicht nach grade -so recht ist und will ihn durch seine Korrespondenten in Rio nach Hause -schicken lassen. Dann laß Dich nur recht oft darauf einladen, Gretel! - -Für dies Jahr ist nun die Ernte vorbei und mit dem gestrigen Fest -abgeschlossen. Dona Gabriella hatte mir schon vorher mit Stolz erzählt, -am Saõ Joaõs Tag schlachteten sie immer einen Ochsen und zwei Schweine, -und das würde alles von den Negern bei dem Festmahl verzehrt. In der -That war gestern den ganzen Vormittag große Bewegung, und sogar das -Vehmgericht beschäftigte sich in höchsteigner Person lebhaft mit der -Anordnung des Ganzen, der Zubereitung von ~doces~, dem Herausgeben -von Getränken etc. - -Als es dunkel wurde, begann die Feier. - -Auf dem Hofe, der von drei Seiten durch das Gebäude eingeschlossen -und an der vierten mit Palmen abgegrenzt ist, war eine große Tafel in -Hufeisenform gedeckt, wirklich mit weißen Tischtüchern gedeckt, denn -es ist nicht der geringste Stolz der Neger bei diesem Feste, doch -wenigstens einmal im Jahre von Linnen zu essen wie die ~senhores~. Auf -den Tischen standen mächtige, geschnittene Braten, große Berge Reis -(natürlich rot wie die Ziegelsteine von Tomaten), Riesenschüsseln mit -schwarzen Bohnen und dazu ihr nie fehlender Kumpan der Maismehlpudding -~angú~; da war aber auch als Dessert Batatenkompott, in Milch gekochter -frischer Mais (~canjica~) mit dazugehöriger Melasse, Guyabada, ein -prächtiges, aus der Guyabafrucht zubereitetes ~doce~ und sogar -- -Wein ~à discrétion~! - -Wie fein hatten sich aber auch die Schwarzen gemacht! Erst langsam -und verlegen, dann zuversichtlicher und endlich einander drängend -und den Rang ablaufend kamen zunächst die Älteren und Erwachsenen -heran; die Jugend mußte warten, da nur etwa hundert Personen zugleich -sitzen konnten. Es war zu drollig anzusehen, womit manche dieser -guten Einfaltsmenschen sich „geschmückt“ hatten: Die Männer hatten -augenscheinlich ihren Ehrgeiz in dem Tragen von Röcken gesucht, die -sie entweder geschenkt bekommen oder wohl für ein Geringes von einem -herumziehenden Trödler erstanden hatten; einer hatte sogar einen alten -Frack an. Wer es aber nicht zu einem Rock hatte bringen können, der -hatte doch wenigstens einen Hut, und zwar mit Vorliebe einen Cylinder, -erworben. - -Graziöser schon präsentierten sich die Frauen, die sich mehr auf das -Bunte geworfen hatten, und von denen einige mit äußerster Grandezza -sämtliche Farben des Regenbogens zur Schau trugen: ein rother Turban, -ein blaues Kleid und ein grüner Gürtel verursachen ihnen absolut keine -Gewissensbisse. - -Ganz besonders hübsch und sehr eigenartig wurde das Bild, nachdem -eine Menge bunter Lämpchen angezündet waren, die die Scene mit ihrem -Flimmern phantastisch erleuchteten, und am kaltklaren Himmel darüber -das Kreuz des Südens leuchtend ausgegangen war. Wir betrachteten das -Ganze von den Fenstern des Hauses aus, und Du kannst Dir denken, wie -besonders für uns Europäer das Bild fesselnd und interessant war. - -Auch ihre Tischrede und ihren Toast hatten die schwarzen Gäste. Die -kleine Leonilla ergriff nämlich im Scherz ein Zeitungsblatt, reichte es -zum Fenster hinaus einem alten Neger zu und rief: „Lies, Porphyrio!“ - -Porphyrio, ein famoser alter Neger mit ergrautem Krauskopf, nahm -das Blatt, besah es mit halb komischem, halb wehmütigem Pathos von -allen Seiten und fing dann an zu reden: „Meine kleine Senhora hat mir -befohlen zu lesen, doch Porphyrio kann nicht lesen. Aber Porphyrio -kann sprechen und er hat auch was zu sagen. Ich muß etwas beichten vor -Senhor und Senhora -- sie leben --“ „Viva!“ schrieen die Neger. - -„Ich muß beichten, daß ich im vorigen Jahre schlecht gesprochen habe -von Senhor, weil er uns kein Erntefest gegeben hat. Ich habe gesagt: -„Warum hat Senhor die Säcke gezählt und hat uns arme Neger dann -vergessen?“ Und ich bin zornig gewesen in meinem Innern. Aber dies Jahr -hat sich Senhor unserer wieder erinnert und Senhora auch -- viva Senhor ---“ - -„Viva!“ - -„Viva, Senhora --“ - -„Viva!“ - -„Und dafür wollen wir ihnen danken. Und für noch etwas wollen wir -danken. Nämlich dies. Wie haben wir armen Schwarzen uns früher quälen -müssen mit dem Reinigen des Kaffees, wie haben wir die Frucht der -Ricinusstaude schlagen müssen, um ein wenig Öl zum Brennen zu gewinnen --- jetzt hat unser Senhor Maschinen kommen lassen aus fremden Ländern, -die sie England und Deutschland nennen, so daß wir es viel besser -haben. Dafür wollen wir danken: viva, Senhor --“ - -„Viva!“ - -„Viva, Senhora!“ - -„Viva!“ - -So ging es noch eine Weile mit den Vivas fort, bis dann die Erwachsenen -den Halbwüchsigen und Kindern Platz machten und ihrerseits auf dem -freien Platz vor dem Hause ihre geliebten Tänze begannen. - -Sie stellten sich im Kreise auf und dann ertönte eine ohrenzerreißende -Musik. Aus Tonnen waren zwei Trommeln hergestellt, die zwei Neger -in monotonen Schlägen bearbeiteten, eine Blechrassel vollführte -die möglichst unmusikalische Begleitung, und dazu wurde eine -eintönige Melodie von zwei Strophen gesungen, die ohne Ermüdung -der Sänger wiederkehrte, bis ich 64 Mal gezählt hatte. Beim Klange -dieser „Harmonien“ wurde also getanzt und zwar so, daß immer nur -eine Person inmitten des Kreises den Tanz ausführte und dann eine -andre zur Ablösung hervorzog. Ich muß zur Schande der weiblichen -Theilnehmer gestehen, daß sie den männlichen an Grazie und Schwung -bei weitem nachstanden, und zumal war unser kleiner unausstehlicher -Purzelbaum-Muleque, der Tonino, ganz brillant in seinen geschickten -schlangenartigen Bewegungen. - -Wer nicht tanzte, beschäftigte sich mit dem Feuerwerk, denn das -ist eigentlich die Feier, die der heilige Johannes sich für seinen -Namenstag in Brasilien ausbedungen zu haben scheint. Vor dem Hause -waren zwei hohe Feuer nach Art unsrer Osterfeuer aufgeschichtet und -erhellten mit phantastischem Flackern und Leuchten die Scene; tanzende -Negerknaben warfen Leuchtkugeln und Raketen in die Luft, und unter dem -kaltklaren, funkelnden Sternenhimmel dieses kältesten Tages im Jahr auf -der freien weiten Rasenfläche erschien alles dies ungemein malerisch -und poetisch. - -Unvergeßlich vor allem wird mir aber eine kleine Scene dieses Abends -bleiben, die ich gewünscht hätte, mit Pinsel und Farbe festhalten zu -können, um sie Dir in all ihrem Reiz zu veranschaulichen. Unter dem -fortdauernden Lärm der Trommeln und Blechrasseln schritt eine graziöse -Mulattin, das Gesicht gegen die Sterne gerichtet, die Augen geschlossen -und den rechten Arm ausgestreckt, +barfuß+ durch die rotglühenden -Kohlen des gesunkenen Feuers, während über ihr die bunten Leuchtkugeln -aus der dunkeln Luft zurückfielen. Man glaubte, eine Somnambule zu -sehen, so sicher schritt sie einher. Ich traute meinen Augen kaum und -schaute ihr mit angehaltenem Atem und einer Art stummen Entsetzens zu. -Allein ruhig lächelnd zog sie nachher ihre Schuhe wieder an: An Saõ -Joaõs Tag verletzt das Feuer niemanden, sagen die Neger. - -Weißt Du auch, Gretele, daß mir schon ganz neidisch zu Mute wird, da -ich eben nur an ein Feuer denke? Mit welcher Hochachtung werde ich -den ersten Ofen wieder begrüßen! Dona Gabriella, die immer noch die -Freundlichste ist von dem Vehmgericht, bot mir neulich an, mein Zimmer -durch große Wannen voll heißes Wasser zu erwärmen, aber das würde gewiß -nur die ohnehin schon ungesunde Feuchtigkeit des Zimmers erhöhen und -dabei wenig helfen. Wer mir gesagt hätte, daß ich am meisten in meinem -Leben in -- Brasilien frieren würde! Meine Neuralgie will auch immer -noch nicht weichen, und ich verbleibe daher heute wie schon seit Wochen --- unter Zahnschmerzen - - Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 14. August 1881. - - +Herzensgretele!+ - -Die Neger spielen doch die Hauptrolle in diesem Lande, und ich finde, -daß sie im Grunde viel mehr die Herren als die Sklaven der Brasilianer -sind. Jede Arbeit wird von Schwarzen verrichtet, der ganze Reichtum -durch +ihre+ Hände herbeigeschafft, denn der Brasilianer arbeitet -nicht, und ist er arm, so schmarotzert er lieber bei wohlhabenderen -Verwandten oder Freunden umher, als daß er redlich die Hände rührte. -Auch jede +häusliche+ Dienstleistung geschieht von Negern. Da -fährt Dich der schwarze Kutscher, da wartet Dir die Negerin auf, da -steht der schwarze Koch am Herde, da säugt die Sklavin das weiße Kind --- ich möchte bloß wissen, was diese Menschen anfangen wollen, wenn -einmal die Sklaven-Emancipation ganz und gar vollzogen ist! Wir waren -uns ja drüben in Europa recht wenig klar über das diesbezügliche -Gesetz hier und glaubten wol eigentlich, daß es die Sklaverei gänzlich -aufgehoben habe. Dem ist aber nicht so. Es bestimmte nur, daß von -dem Tage seiner Proklamation an, also vom 28. September 1871 an, -kein Unfreier mehr in Brasilien +geboren+ werde. Was also bis -dahin schon lebte und Sklave war, muß es bleiben bis zum Tode, bis -zum Loskauf oder zur Freilassung. Was aber jetzt an solch kleinem -schwarzen „Kroppzeug“ geboren wird, das hat keinen Wert für die -Herren und nur die Bedeutung unnützer Esser. Es geschieht daher auch -nichts für sie, es wird ihnen nicht einmal wie früher diese oder jene -Handfertigkeit beigebracht, denn -- „man hat ja später nichts davon“. -Anderseits werden sie wiederum als „freie“ Menschen von dem Brasilianer -mit etwas mehr Hochachtung behandelt als die geborenen Sklaven. - -So wurden hier heute Mittag acht solcher kleiner Weltbürger feierlich -getauft! - -Ich hatte schon beim Frühstück ein wunderliches altes Herrchen bemerkt, -der wenig sprach und das Wenige in einer mir total rätselhaften -Sprache, die Dr. Rameiro in dem ihm geläufigen Italienisch erwiederte, -der mir aber durch ein riesenhaftes rotbuntes Taschentuch, an das er -eine große Anhänglichkeit zu haben schien, auffiel und dadurch, daß -er ungezählte Bananen ver -- schlang hätte ich beinahe geschrieben --- also +verzehrte+. Wie erstaunte ich, als er sich nachher als -ein katholischer Reisepriester entpuppte, für den ich ihn niemals -gehalten hätte, zumal er in gewöhnlichem Civilhabit reiste. Er war -geborner Italiener, aber schon in allen Erdteilen gewesen und hatte die -Weltsprache, die er spricht, gewiß schon erfunden, ehe in Europa jemand -an so etwas dachte. - -So gegen zwölf Uhr wurde in der großen ~salla de costura~, vulgo -Nähstube, ein mächtiger, büffetähnlicher Schrank geöffnet, über dessen -Inhalt ich schon immer gegrübelt hatte, und zum Vorschein kam -- die -Mutter Gottes nebst Jesuskind, Schleifen, Kränzen, Krone, Hals- und -Armbändern und Ohrringen. Der Neger Felicio, den ich sonst nur als -Hausschneider an der Nähmaschine zu sehen gewohnt war, amtierte, ebenso -wie der Priester in Ornat, als Meßdiener. Das Ganze war merkwürdig für -meine evangelische Seele, Gretel! - -Eine nach der andern erschienen nun die Negerinnen-Mütter mit ihren -jüngsten Sprößlingen, die alle sehr nett, einige sogar mit weißen -gestickten Kleidchen und bunten Schleifen herausgeputzt waren, und zwar -durch die Güte des Vehmgerichts (hier darf ich sie wohl garnicht mal so -nennen!), die sich zu ~madrinhas~ d. h. Patinnen dieser kleinen -schwarzen Mitchristen hatten bereit finden lassen. - -Was übrigens die Farbe betraf, so wunderte ich mich über die sehr -wenig dunkle, ja fast weiße Haut der meisten dieser Kinder. -- „Sie -+werden+ schwarz“, sagte man mir mit einem Lächeln, das halb -den Neger verachtete, halb meine Unwissenheit, „nur die inneren -Handflächen und die Fußsohlen bleiben weiß. Sie sagen, als Ham nach -Afrika ausgewandert sei, habe er auf Befehl des Herrn mit Füßen -und Handflächen das Wasser des Jordan berührt, das dann vor ihm -zurückgewichen sei; von dieser Berührung seien bei ihm und seinen -Nachkommen jene Stellen weiß geblieben, auch im Sonnenbrand Afrikas.“ - -Die Ceremonie begann, und ich war stummer Zeuge, wie diese acht -plattnäsigen, wollköpfigen kleinen Scheußlichkeiten die Namen: Cäsar, -Felicio, Messias(!), Illyia, Angelica, Maria Salome, Marcella und -Ruth erhielten. Warum sollten sie freilich auch nicht die schönsten -Namen bekommen? Sind doch diese Taufnamen, die ihnen das alte -portugiesisch-italienisch-lateinisch kauderwelschende Priesterlein auf -Wunsch und Wahl der Herrschaft erteilte, die einzigen, mit denen sie -sich ihr Lebelang begnügen müssen. Denn wenn auch die meisten dieser -Mütter verheiratet sind, so haben ja auch diese keine Familiennamen. -Deshalb nehmen die freigewordenen Sklaven aus Mangel an einem solchen -nach ihrer Freilassung gewöhnlich den Namen ihrer früheren Herrschaft -an -- -- angenehm für diese, nicht wahr!! - -Da ich nun aber einmal bei den Negern bin, muß ich Dir noch eine -Geschichte erzählen, die hier neulich passierte. - -Es war eines Abends in der vorigen Woche und draußen so gar „kühl und -labend“, dass es beim warmen Thee drinnen ganz gemütlich war, als vor -dem Hause plötzlich ein schüchternes Händeklatschen ertönte, das alle -unsre Hunde in Bewegung setzte und auch bei uns drinnen ein allgemeines -Aufhorchen zur Folge hatte. Das Händeklatschen ersetzt hier nämlich die -Hausglocke, und wenn man in ein Haus einzutreten wünscht oder eintritt, -besonders auf dem Lande, muß man sich draußen oder im Flur auf diese -Weise bemerkbar machen, wenn man nicht für einen Dieb gehalten werden -will. Alles wunderte sich natürlich, wer so spät noch kommen könne, -und Tonino wurde hinausgeschickt, um nachzuschauen. Er ging etwas -ängstlich, purzelbaumte dann aber vergnügt wieder bis an die Schwelle. - -„Draußen sind zwei Onkels, Herr“, meldete er. Die älteren Schwarzen -werden nämlich von den jüngeren ~tio~, Onkel, und ~tia~, -Tante, genannt, auch wenn sie einander garnicht kennen, und ich finde, -das darin ausgesprochene Verwandtschaftsgefühl dieser Paria hat etwas -Rührendes; nicht wahr? - -Zwei Neger? Es war kaum anzunehmen, daß ein Nachbar noch so spät eine -Botschaft sende, und was konnten sie sonst wollen! Dr. Rameiro ging -hinaus und kam nach einer Weile zurück, sein sonst so joviales Gesicht -ganz verdüstert! - -„Nun?“ riefen wir alle. - -„Zwei unglückliche Schwarze“, sagte er, „die mich um Jesu willen -bitten, sie zu kaufen.“ - -„Wo kommen sie her?“ - -„Von Dr. Albus Pflanzung.“ - -„O, die Armen! Der ist bekannt dafür, daß er seine Neger quält“, sagte -Madame. „Mein Mann braucht einem widerspänstigen Schwarzen nur zu -drohen, ihn an Dr. Albu zu verkaufen, dann wird er gleich gehorsam.“ - -„Was wirst Du thun, Papa?“ fragte Dona Olympia. - -„Was +kann+ ich thun, mein Kind?“ rief der alte Herr erregt. -- -„Er wird sie garnicht gern verkaufen wollen und mir also jedenfalls -einen übermäßigen Preis stellen; außerdem ist er, wenn ich mich gegen -ihn einlasse, mein unversöhnlicher Feind, und Du weißt, daß ich sehr -wahrscheinlich ihm bereits den heftigen Waldbrand im vorigen Jahre -verdanke, den sich niemand erklären konnte.“ - -„So müssen die armen Kerle zurück?“ fragte ich. - -„Ich kann sie nicht im Hause behalten. Es ist Eigentum, und behielte -ich sie auch nur eine Nacht unter meinem Dache, so würde das schwerlich -anders als wie eine Verhehlung flüchtiger Neger ausgelegt werden. Dem -kann man sich nicht aussetzen, zumal wenn man selber noch Schwarze hat -und haben muß. Diese Vertrauensbeweise sind ja an sich recht schön und -schmeichelhaft, aber entsetzlich peinlich! Dies ist nicht das erste -Mal, daß es mir so ergeht.“ - -„So giebt es also wirklich Pflanzungen, wo noch die schlimmen Zustände -aus Onkel Toms Hütte wiederzufinden sind?“ erkundigte ich mich. - -„So arg dürfte es wohl nirgends bei uns sein und ist es wohl auch kaum -je gewesen. Der Brasilianer ist gutmütiger als der Nordamerikaner, und -die schwarze Race nimmt bei uns überhaupt eine andre Stellung ein. Sie -sehen, sowie der Neger frei ist, wird er hier als gleichberechtigt -behandelt: wir haben farbige Lehrer, Künstler, Ärzte, Abgeordnete, -ja Minister, und die Prinzessin befiehlt auch Farbige zum Tanz. Die -Verachtung auf der einen und demgemäß die Erbitterung auf der andern -Seite ist hier nicht so groß wie bei unsern nordischen Brüdern. -Freilich giebt es auch bei uns einzelne brutale Kreaturen, welche die -armen Schwarzen in der That mißhandeln, wie Sie eben einen Beweis davon -gehabt haben.“ - -„Was wird nun aus diesen beiden armen Teufeln?“ fragte ich. - -„Sie werden heute Abend noch tüchtige Hiebe bekommen und nur um so -strenger gehalten werden; derartige Streiche sind zu thöricht. Dann -werde ich sehen, ob ich sie entweder selber freikaufen kann oder sie -einer Abolitionisten-Gesellschaft empfehlen.“ - -„Wenn ihr Herr sie nun aber nicht verkaufen +will+?“ warf ich ein. - -„Das muß er, sowie ihm ein annehmbarer Preis geboten wird.“ - -„Warum mögen sie sich denn nicht selbst an eine solche Gesellschaft -gewandt haben?“ - -„Das ist ihnen zu schwer gemacht, da deren Mitglieder sehr unklug -wären, sich auf den Pflanzungen sehen zu lassen, und da der Schwarze -nicht schreiben kann; sie haben eben gar keine Kommunikationsmittel. -Aber den meisten von ihnen ist es auch nur um eine gute Behandlung zu -thun und um die Freiheit erst in zweiter Linie. Ideale haben sie nicht.“ - -„Das habe ich mir gedacht“, rief ich, „nach dem Wenigen, was ich habe -beobachten können; denn sonst mußten ja auch selbst die Gutgehaltenen -stets voll Groll und Mißmut sein.“ - -„Ja, und das werden Sie, ich darf wohl sagen, nie finden. Auf dieser -Pflanzung werden Sie keinen aufrührerischen Schwarzen antreffen, denn -ich halte streng auf ihre menschliche Behandlung und gute Versorgung. -Ich habe manche, besonders Negerinnen, die sich längst hätten -freikaufen können.“ - -„Wirklich! Womit verdienen sie sich Geld?“ - -„Wer darum bittet, bekommt ein Stückchen Land zum Bepflanzen, und gute -Gemüse kauft man ihnen dann hier im Herrenhause gern ab, auch dürfen -sie sich Hühner halten, deren Eier sie dann verkaufen, wenn ich nach -der Post schicke, und dergleichen mehr. Die sonntägliche und die über -die gesetzliche Stundenanzahl hinausgehende Arbeit wird ihnen bezahlt, -und die Hausneger und Negerinnen erhalten oft Geldgeschenke, letztere -besonders, wenn sie Ammen der Kinder sind oder waren. Unsre dicke -grinsende Anna da z. B. ist eine ganz wohlhabende Erbtante; sie bleibt -aber, weil sie es hier gut hat und sie die Kinder liebt. Das ideale Gut -der Freiheit versteht sie nicht.“ - -Ich freute mich über diese Erklärung, wie man sich immer über -Äußerungen freut, die eigne Gedanken und Schlüsse bestätigen. So -konnte ich mir die Sache vorstellen. Daß Rohheit und tierische -Grausamkeit den Sklaven gegenüber oft zu sehr traurigen Vorkommnissen -führen, das konnte ich mir denken; aber anderseits, die idealen -Anschauungen tiefgebildeter Menschen zu suchen bei einer Race, die -durch Generationen geknechtet ist, unsre Begriffe von Freiheit bei den -Männern, von Ehre bei den Frauen vorauszusetzen, das, merke ich wohl, -wäre eitel dichterische Illusion. - -Aber ich sehe eben, daß ich Dir eine förmliche national-ökonomische -Abhandlung zumute unter der Maske eines simplen Schreibebriefes -- nun, -Du kannst Dich ja rächen, indem Du es drucken läßt, oder -- lies es im -Kränzchen den Andern vor: geteilter Schmerz ist halber Schmerz. - -Jetzt werde ich schlafen gehen, indem ich Betrachtungen darüber -anstelle, nach welcher Richtung hin mir die Neuralgie morgen wohl das -Gesicht verzogen haben wird; mein Spiegel und ich, wir wundern uns über -nichts mehr! - -Gute Nacht -- aber bei Euch ist es ja jetzt garnicht Nacht -- also -Guten Morgen! - - Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 1. September 1881. - -Gestern sind wir von einer „Expedition in’s Innere“ zurückgekommen, -d. h. von einer Reise nach der Provinz ~Minas geraes~, wo wir -geholfen haben, eine Eisenbahn einzuweihen. Wenn ich noch daran -denke, Grete, wie wir diesen Namen immer ausgesprochen haben in der -Geographiestunde, zumal das ~geraes~! Und gedacht haben wir uns -garnichts dabei, während es doch so einfach ist: ~geraes~ ist die -Mehrzahl von ~geral~, allgemein, und ~Minas geraes~ heißt -also nichts anderes als allgemeines Minenland oder minenreiches Land. - -Diese Provinz ist in Südbrasilien etwa das, was ein hochmütiger -Westländer bei uns meint, wenn er von „Hinterpommern“ oder „Ostpreußen“ -spricht: ein etwas ursprüngliches Stück Erde, mehr Gutmütigkeit bergend -als Civilisation, und im ganzen ebenso verschrieen wie unbekannt. Was -Minas aber vor jenen deutschen Provinzen voraus hat, ist sein Reichtum -an edlen Metallen, vorzüglich an Gold. Die Hauptstadt der Provinz trägt -ihre beiden Namen: ~Ouro preto~ d. h. schwarzes (dunkles) Gold und -~Villa rica~ d. h. reiche Stadt nach diesen Schätzen ihrer Berge -und Flüsse. - -Es war mir hochinteressant, durch diese Gegenden zu fahren, die wieder -so ganz verschieden sind von dem, was man in der Provinz Rio sieht. -Rings um Dich her siehst Du die Flanken der Berge zerklüftet und -zerfleischt wie von zahllosen offengelegten Maulwurfsgängen, und durch -das Fernglas erkannten wir auch die geschäftigen schwarzbraunen und -weißen Männer, die dort dem edlen Metall nachspüren. Auch entlang der -Flüsse, die weite, grasreiche Thäler durchschneiden, sahen wir gebückte -Gestalten, die da Tage und Wochen lang geduldig das Gold aus dem Sande -waschen. Manche werden reich dabei, andre quälen sich gerade für’s -tägliche Brot, wie’s Fortuna jedem gönnt; ich kaufte nachher in Saõ -Joaõ einem armen schwarzen Schelm einen halben Fingerhut voll Korngold -für 22 Mark ab, die Frucht von 8 Arbeitstagen, wie er mir sagte! - -Früher soll die Ausbeute überall gleichmäßiger und vor allem weit -beträchtlicher gewesen sein, und eben dieser Goldreichtum des Landes -hat denn auch wohl zuerst den Anlaß gegeben zu größeren Niederlassungen -der erobernden Portugiesen in diesen damals noch ungleich mehr als -jetzt unwirtlichen Gegenden, wo jegliche Beförderung, sei es von -Menschen, sei es von Lebensmitteln und sonstigem Bedarf auf Eselsrücken -geschah und zum größten Teil noch heute geschieht, wo man noch vor -zwanzig Jahren Brot kaum kannte, und wo es ein Hotel noch heute nicht -giebt. - -Alle die Gäste, die sich die kleine Stadt Saõ Joaõ del Rei zur -Inauguration ihrer Eisenbahn geladen, wurden daher in Privathäusern -beherbergt, und es scheint mir ungemein charakteristisch für Brasilien, -wo die Mißverhältnisse an der Tagesordnung sind, daß ein Städtchen von -etwa 700 Einwohnern sich ca. 800 Gäste eingeladen hatte, allen voran -den Kaiser ~Dom Pedro II.~, der sein Erscheinen auch freundlich -zugesagt. - -Von Dr. Rameiros Familie war auf sechs Personen gerechnet, da aber -Madame (oder Dona Alfoncina, wie sie nach Landessitte genannt wird) -eines heftigen Rheumatismus wegen absolut nicht fahren wollte, so -forderten sie mich auf, an ihre Stelle zu treten, und Du weißt ja -- -wo’s was zu sehen giebt, da bin ich dabei. Lustig zogen wir los, der -Doktor, das Vehmgericht, der kleine Julio und meine Wenigkeit. - -Zuerst fuhren wir mit der schon bestehenden großen Eisenbahn „~Dom -Pedro Segundo~“, an die sich dann erst in der Provinz Minas die -neue Strecke anschließt, aber mit recht brasilianischer Liberalität -beförderte diese ihre Gäste nicht nur im eignen Bereich ohne irgend -welche Entschädigung, sondern sie hatte sich auch mit der großen Bahn -arrangiert, so daß wir eine Strecke von über hundert deutschen Meilen -ohne einen Heller Kosten zurücklegten. - -Vier Stunden vor unserm Bestimmungsort begann das Reich der -neuen Eisenbahn. „Umsteigen so schnell wie möglich“, lautete das -Feldgeschrei, sowie der Zug hielt. Die Hast mußte etwas zu bedeuten -haben, denn sonst heißt’s in Brasilien immer: „~Paciencia~“, und -niemand überstürzt sich. Alles eilt daher mit ungewohnter Behendigkeit -nach dem andern Perron -- ah, der Grund wird hier klar! Da hättest Du -die kleinste Eisenbahn sehen können, die Dir wohl je vorgekommen ist, -Grete, Waggons und Lokomotive alles ~en miniature~. Schneller -als der Blitz sitzen wir darin, um dann allerdings geduldig -- oder -ungeduldig -- ¾ Stunden warten zu müssen, bis sich das Eisenbähnchen -in Bewegung setze. Natürlich maßen wir u. a. zum Zeitvertreib den Wagen -aus: er war 1 ~m.~ 65 ~cm.~ breit. - -Endlich ging’s los, erst langsam, dann rascher und immer rascher, -keck durch Berge und über Brücken, als wenn sich das kleine Ding vor -garnichts fürchte. Und es schien auch mehr ausrichten zu können als -seine schwerfälligeren Brüder. Mit Erstaunen und Bewunderung sahen wir -unsern kleinen Zug sich wie eine Schlange geschickt um einen hohen -Bergkegel winden, allmälig aber sicher hinaufkriechend, indem er -dreimal auf derselben Seite erscheint. - -Wie wir an Ort und Stelle d. h. in dem Städtchen Saõ Joaõ del Rei -anlangen, ist es halb zwölf Uhr anstatt sieben, aber das thut nichts, -im Gegenteil, wenn in Brasilien etwas recht pünktlich ausfällt, ist’s -entschieden irgendwo nicht geheuer; jedermann war also zufrieden. - -Der Bahnhof ist beflaggt und mit Guirlanden geschmückt, eine Musikbande -(meist Deutsche hier zu Lande) bläst lustig drauf los, und auf dem -Perron drängt sich eine kaum entwirrbare Menschenmenge, um die Gäste zu -bewillkommnen, in Empfang zu nehmen oder anzugaffen. Ein wohlwollender -Heiliger läßt uns einen Wagen erhaschen, der uns über das gefährlichste -Straßenpflaster hinweg, das je Menschen und Gespanne bedrohte, zu -meinem Erstaunen heil und glücklich vor der Wohnung unserer Wirte -abliefert. Ich werde diesen vorgestellt und suche mein bestes -Portugiesisch hervor, um mein ungeladenes Erscheinen zu entschuldigen, -doch ihre erstaunten Gesichter und kräftiges Händeschütteln, sowie die -üblichen zwei Begrüßungsküsse der Damen belehren mich, daß man eben -dies Erscheinen für völlig selbstverständlich hält, was mir natürlich -um so lieber ist. Es sind noch mehr Gäste da, und man quält sich noch -eine Weile damit hin, im „Salon“ auf den rechtwinkeligen Stuhlreihen -zu sitzen und sich zu unterhalten; dann geht’s zu Bette. - -Wir sind in unserm Zimmer sechs Kameradinnen, aber nur ein einziger -Waschtisch ist vorhanden, und mich friert entsetzlich in dem mehr -als primitiven „Bett“, zumal durch allerlei Spalten und Ritzen im -Fußboden dafür gesorgt wird, daß die frische Luft aus einer darunter -befindlichen offenen Halle ungehindert hereindringe. Ich bin durchaus -nicht erstaunt, als der andere Morgen mich belehrt, daß das kleine Haus -unserer Wirthe in der Nacht 27 Gäste beherbergt hat. Man rühmt bei -uns die brasilianische Gastfreundschaft und das mit Recht, nur darf -man die Sache beileibe nicht nach europäischen Begriffen beurteilen. -Der brasilianische Gast beansprucht nichts als eine Matratze und eine -wollene Decke, er verzichtet auf jegliche Gemütlichkeit (von Komfort -garnicht zu reden), und der brasilianische Wirt ist, wenn er ihm jenes -giebt und ihn zu den Mahlzeiten an seinem Kaffee, seinen schwarzen -Bohnen und dem gedörrten Fleisch teilnehmen läßt, seiner Pflichten als -solcher los und ledig. Ich bin überzeugt, daß die Leute es herzlich -gut meinen, aber bei uns würde man doch in solchen Masseneinladungen -und in dem summarischen Verfahren bei Behandlung der Gäste eine große -Rücksichtslosigkeit oder eine gewisse einfältige Unverschämtheit sehen. -Aber wie gesagt, der Wille hier ist entschieden gut, und darum soll sie -auch kein Undank treffen. - -Am Vormittag herrschte ein buntes Leben. Alle Gäste waren auf den -Beinen, um sich das Städtchen anzusehen, und jeder, auch der ärmste -Einwohner war stolz und liebenswürdig, denn er fühlte sich als Wirt. - -Wir besahen uns zunächst die Kirchen; der kleine Ort hatte deren -nicht weniger als drei große aufzuweisen, was den Europäer und zumal -den Protestanten in billiges Erstaunen setzen muß angesichts der -Ursprünglichkeit der übrigen Verhältnisse. Und diese Kirchen sind -nicht etwa hölzerne Kapellen oder Bethäuser, sondern große, massiv -steinerne Gebäude, aus portugiesischem Marmor erbaut. Ihr Styl, -weder ausgesprochen byzantinisch noch im geringsten gothisch, ist -meist geschmacklos und überladen, am meisten immer dem sogenannten -Jesuitenstyl nahekommend, und in ihrem Interieur entsetzten mich -überall die schrecklichsten Abbildungen der heiligen Trinität, die in -bunten Holzfiguren von über Lebensgröße zur Darstellung kamen; auch die -Gemälde boten, zumal an Perspektive, das Wunderlichste, das mir je zu -Gesicht gekommen. - -Und doch habe ich in größerer Bewunderung vor diesen Zeugen der -Frömmigkeit eines Volkes gestanden, als ich solche je vor den ragenden -Türmen des reizendes Münsters in Ulm oder dem Wunderwerke des Kölner -Doms empfunden. Denke Dir mächtige, fußdicke und oft mehr als 2 Meter -lange Steine, massive Pfeiler, Treppen und Wälle ringsum, und dann -frage Dich, wie sie hierhergelangten! Dann sage Dir, daß jeder dieser -Steine auf dem Rücken von Maultieren den Weg von der Küste in’s Innere -zurücklegte, eine Strecke, die heute mit der Bahn 16-18 Stunden in -Anspruch nimmt, und zu der die Thiere wohl 4-5 Monate gebrauchten; -frage Dich einmal, abgesehen von dieser erstaunlichen +Arbeitsleistung+ -nach den +Kosten+ eines solchen Werkes, und Du mußt billig mit mir -erstaunen und den Geist der Frömmigkeit eines Volkes bewundern, das -vor allem andern daran dachte, seinem Gott Altäre zu bauen und seine -Heiligen angemessen unterzubringen. - -Der folgende Tag, der 29. August, war der eigentliche Tag der -Inauguration, weil der der Ankunft des Kaisers. Schon früh am -Morgen hatten sich die brasilianischen Schönen in Staat geworfen, -und zwar erschienen sie zum Teil in den elegantesten Pariser -Gesellschaftskleidern; wer irgend Geld und Verbindungen besaß, hatte -sich eine prachtvolle Toilette wirklich aus Paris oder doch mindestens -aus Rio kommen lassen und nutzte sie nun auch gründlich aus. Da -konntest Du Damen, die sonst das ganze Jahr hindurch nichts wie ein -Kattunfähnchen tragen, in hochroten oder kraßblauen, ja gelben und -grünen[2] Seidenkleidern sehen, und die Nichte unsrer Wirte, die ein -chamoisfarbenes Atlaskleid trug, das ungefähr ihrer eignen Hautfarbe -Konkurrenz machte, wird mir nie aus dem Gedächtnis entschwinden. Es war -mit rotem Sammet beflaggt und viereckig ausgeschnitten; die Schleppe, -deren weißer Spitzenansatz halb abgerissen war, wirbelte im Staube; -ihre braunen beringten Hände hielten einen der buntesten Fächer, und -anstatt des Hutes hatte sie sich eine tolle Frisur gemacht, die gewiß -eigens für diesen Zweck componiert war. Sie war mir am Tage vorher -als ein ganz gutmütig dreinblickendes Geschöpf erschienen trotz ihres -braunen pickeligen Gesichts und den unordentlich herabhängenden Zöpfen, -und niemand hätte so treuherzig wie sie das „Wie geht es Ihnen, geht -es Ihnen gut?“ an die Fremde gerichtet haben können, aber in diesem -Costüm sah sie wirklich affreuse aus! Ob sie das doch instinctiv -fühlte? Wenigstens strich sie einmal plötzlich sehr respektvoll an -meinem fußfreien braunen Sammetkleide herunter, dessen Wärme ich sehr -gut vertrug, und sagte so recht von Herzen: „~A Senhora esta muito -civilisada!~“ - -An diesem Tage wurden auch endlich die Ehrenpforten aufgerichtet, die -seit dem Tage unserer Ankunft halbfertig in den Straßen umherlagen. -Es waren Rundbogen, aus dem biegsamen Bambusrohr auf das einfachste -hergestellt, ein größerer in der Mitte und zwei kleinere zu den Seiten. -Auf dem Straßenpflaster liegend, wurden sie mit farbiger Gaze umwunden, -die in Zwischenräumen von 1 Fuß mit bunten Bändern abgebunden wurde; -hie und da befestigte man ein Lampion. Diese Allee von Triumphbogen, -die auf das kaiserliche Logis zuführte, hätte, passend decoriert, -äußerst graziös sein können. Aber in ihrer steifen Umhüllung und -dürftigen Beleuchtung machten dieselben, als sie endlich am dritten -Tage aus dem Straßenstaub erstanden, einen höchst jämmerlichen -Eindruck; zudem blieb, wo sie eingerammt waren, das Straßenpflaster -aufgerissen, und die Steine lagen wild umher. Vor dem für den Kaiser -bestimmten Hause schloß ein Thor diesen Bogengang, das aus Holz -und Papier construiert war und in seiner plumpen und gedrungenen -Erfindung einen recht handfesten Eindruck machte. In einer andern -Straße erreichte ein Thor, das fast 2 Fuß dick und aus dunkelblauem, -buntbemaltem Papier, das man auf Holz gezogen, gebaut war das -Menschenmögliche an Geschmacklosigkeit. Eine ganze Straße hatte sich -mit gelb und grün gestrichenen Tonnen vor den Thüren patriotisch zu -„schmücken“ geglaubt, aus denen hier ein zerrissen Fähnlein flatterte, -dort ein wenig Palmengrün hervorsah. Nur der Weg vom Bahnhof zur -Stadt bot, auf beiden Seiten von leichten Säulen eingefaßt, auf denen -schlankes Grün und zierliche Fähnchen standen, einen wohlthuenden -Eindruck dar. Ich war ganz erstaunt über so viel Geschmacklosigkeit -und Ungeschick! Was hätten wir nicht in unserm Deutschland allein -schon mit diesem Reichtum an +natürlichem+ Schmuck zu machen -gewußt, über den Brasilien verfügt! Gebt uns einmal weiter nichts als -diese nickenden Palmzweige, diese pomphaften Bananenblätter, diese -leuchtenden Orangen in ihrem dunkeln Grün, gebt uns die entzückend -feinen Tannenarten Brasiliens, diese Schlingpflanzen von oft 10-20 -Meter Länge, diese großen, glühenden, sattfarbenen Blumen, diesen -seidetragenden Painabaum, dessen weiße Flocken Du wie Schnee verwehen -kannst, gebt uns alles das und in solchem Ueberfluß wie hier -- und die -kleinste deutsche Stadt würde ohne jene armseligen Tarlatanfetzen, ohne -Hülfe von Holz und Papier sich ein märchenhaft Kleid anziehen. Meinst -Du nicht auch, Gretel? Aber nun möchtest Du natürlich vom Kaiser hören. -Also: - -Abends um 7 Uhr strömte, was einheimisch und fremd war, nach dem -Bahnhof, wo ~Dom Pedro~ ankommen sollte, und da sich der Zug um -fast 3 Stunden verspätete, auch kein einziger Schutzmann oder sonstiger -Ordnungsbeamte die lieben Unterthanen in ihrem loyalen „Drängen“ -hinderte, so hatte die Menge Zeit und Freiheit, sich zu einer ganz -anständigen Mauer anzustauen. - -Endlich kam der Zug. Die Lokomotive war unterwegs zerbrochen, man -hatte eine andere geholt, und der Kaiser hatte zwei Stunden lang auf -der Station ~Entere Rio~ warten müssen, wo man eben am Malen und -Tapezieren war. Alles das hatte ihm aber, wie es schien, die gute -Laune nicht verdorben: „Hat man auch für ein Konzert oder einen Ball -gesorgt?“ hörten wir ihn fragen. - -Er grüßte fortwährend mit dem Hute und der Hand, die Kaiserin nickte -rechts und links, und dann wand sich der kleine Zug so allmälig mit -Geduld und guten Worten durch die geschätzten Unterthanen aller -Schattierungen hindurch, um im „Wartesaal“ (ich beleidigte einen -Brasilianer durch meine Frage, ob das die Durchfahrt sei) offiziell von -den Bahndirektoren empfangen zu werden. Unsere Gesellschaft benutzte -diese Verzögerung, um so schnell als thunlich nach dem kaiserlichen -Logis in der Stadt zurückzueilen, wo wir unserseits das hohe Paar mit -„empfangen“ durften. - -Man hatte mittlerweile illuminiert. Einige -- ~entre nous~, -schauderhafte -- Transparente waren das Bedeutendste dieser Leistung. -Viele Häuser hatten sich damit begnügt, eine Art von Wagenlaternen zu -beiden Seiten ihrer Fenster zu befestigen. Eine Straße hatte an einer -Seite einen Bindfaden gezogen und ihn mit Lampions bereiht; die andere -Seite war dunkel. Das Thor vor dem kaiserlichen Logis war durch eine -Schnur kleiner Lämpchen erhellt, die beinahe gut ausgesehen hätten, -aber die Lämpchen waren nicht alle angezündet, und die unterbrochene -Lichterschnur war nun einfach störend. Es hat wirklich manchmal -den Anschein, als würde der Brasilianer bei all seiner Neigung zum -~show~ nicht zufrieden sein, wenn er etwas Ordentliches leisten -würde, als widerspräche es seinem Wesen, denn oft ist für die volle, -gründliche Leistung garnicht einmal ein viel größerer Müheaufwand -erforderlich. Oder +sehen+ sie dergleichen nicht?! - -Wir kommen an, werfen Hut und Plaid ab und ziehen den rechten -Handschuh aus, denn die brasilianische Etiquette gestattet nicht, daß -man die Majestäten mit Handschuhen anfaßt. Dann stellen wir uns im -Hausflur auf -- nur 12 Personen! Die Menge schien bereits abgekühlt -oder ihre Neugier befriedigt. - -Wir zwölf (denke Dir, Deine Ulla mit!) „machen die Wirte“. Das Haus -war Privateigentum und nur „hergeliehen“ für den kaiserlichen Gast; -es gehörte einer verwittweten Baronin, welche in Rio lebt, die für -europäische Begriffe fast mehr als einfachen Rohrmöbel teils derselben -Dame, teils andern Patrioten; wer etwas Hübsches besaß, hatte es -herbeigetragen. Wir gingen rasch erst noch durch alle Zimmer; nirgend -erschien es mir gemütlich außer in dem Speisesaal, wo eine kleine Tafel -durch einen französischen Koch wunderhübsch gedeckt und besetzt war. - -Als wir wieder hinunter kamen, wurde gerade ein Piquet Soldaten vor der -Thür in mir unverständlichen Kommandos von einem Korporal angeschrieen -und vollführte ein „Rechtsum“, das mich in die beste Laune versetzte. -Gretele, da machen’s unsere rekrutesten Rekruten besser! Der Korporal -zog einen Mann am Knopf etwas nach vorn, drückte den andern mit -dem Säbel ein wenig zurück, und dann überließ er es ihrem loyalen -Gutdünken, ob sie so bleiben wollten. - -Jetzt aber rasselte ein Wagen über das Straßenpflaster ... „~O -Imperador!~“ donnerte eine Stimme, und „Viva!“ schrie die allerdings -nicht sehr zahlreiche Menge draußen. Neugierig streckte ich den -Kopf vor. Ein hoher stattlicher Herr im weißen Bart schüttelte Dr. -Rameiro, der in der Thür stand, kordial die Hand, dann tritt der -stattliche Herr in den Flur, schüttelt den Damen, die sich nur leicht -verneigen, die Hände und dann den Herren. Ich hatte mich wohlweislich -als Letzte in die Reihe gestellt, um alles nachmachen zu können, was -die Brasilianerinnen thaten. Hinter dem Kaiser kam eine sehr kleine, -etwas verwachsene Dame, in einfachstes Schwarz gekleidet, und ließ -sich mit wohlwollendem Lächeln in der Runde die Hand küssen. Das waren -der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien! Du glaubst garnicht, Grete, -wie mir zu Mute war. Es war so schrecklich einfach. Und ich hatte mir -so einen Kaiserempfang bei den pomphaften Brasilianern so ganz anders -gedacht -- es war so garnichts zum Eindruckmachen! - -Dom Pedro bietet seiner Gemahlin den Arm, und das einfache Paar steigt -langsam die Treppe hinauf. Wir folgen. Oben setzt sich die Kaiserin -in der salla de visita auf das Sofa, die anwesenden Damen schließen -sich nach dem Beispiel der einzigen Hofdame rechts und links auf den -rechtwinkligen Stuhlreihen an, und die arme alte ermüdete Fürstin quält -sich für jeden noch ein freundliches Wort heraus, während der Kaiser -wie ein Jüngling ohne die geringste Spur von Erschlaffung unter den -Herren steht. Und denke Dir, Grete, er hat auch mit mir gesprochen! -Ich erschrack zuerst so, als er mich anredete. Er fragte nach meinem -New-Yorker Onkel, der lange Jahre in Brasilien gelebt hat und von Dom -Pedro sehr bevorzugt wurde. Der Kaiser soll sehr gut deutsch sprechen, -sprach aber zu mir französisch. Nach einem kurzen Anstandsverweilen -verließen „die Wirte“ das Haus, die hohen Herrschaften waren nicht -aufgelegt zu einem formellen Souper, und so wurde bald alles still und -dunkel in dem Hause der verwittweten Baronin. - -Aber nicht lange war den hohen Gästen Ruhe gegönnt. Des Kaisers -landwirtschaftlicher Minister, Buarque de Macedo, der sich mit unter -seiner Begleitung befand, war schon unterwegs von einem heftigen -Unwohlsein befallen worden, und um Mitternacht meldete man dem Kaiser, -der diesbezüglich Befehl gegeben, daß derselbe wohl seinem Ende -entgegensehe. Sofort begab sich der Kaiser selbst an Ort und Stelle; -Dr. Rameiros Bruder, der Arzt ist und auch in unserm Hause logiert, -wurde hinzugerufen. Zu spät! Da war keine Hülfe mehr möglich. Noch eine -Zeitlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Sterben, dann seufzte -er auf: „Meine arme Familie!“ Kaum hatte der Kaiser noch Zeit, ihn über -ihr Schicksal durch ein hastiges Wort zu beruhigen. Im Morgengrauen -ging Dom Pedro über die geschmückten Straßen nach seinem Logis zurück; -im nächsten Morgengrauen führte ihn sein Wagen wieder an den Bahnhof; -alle weiteren Feierlichkeiten unterblieben. - -Ich glaube aber, wir haben wenig daran verloren, denn eine Aufführung -der „Glocken von Corneville“, die wir einen Tag sahen, war entsetzlich, -und bei einer musikalischen Matinée, wo das Orchester nach dem -Metronom, und als das auch noch nicht half, nach dem energisch -tactierenden Fuße des Leiters spielte, haben wir ungezogener Weise so -gelacht, daß wir uns den regsten Unwillen der andächtigen „Eingebornen“ -zuzogen. - -Ich fürchte übrigens nächstens den Deinigen, wenn ich diesen Brief noch -länger werden lassen, darum für heute Schluß! - - Deine getreue +Ulla+. - - - [2] Die brasilianischen Landesfarben. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 17. September 1881. - -Ach liebste Grete, wenn Du wüßtest, wie sauer mir hier manchmal so -ein Tag wird! Wie die Stunden schleichen, wie alles so schwerfällig -erscheint! Die Kinder sind unartig, das Vehmgericht passiv, das -ganze Haus laut, und man fühlt sich so allein, so unbeschreiblich -vereinsamt! Zudem fängt die ganze Sache an, mich sehr anzugreifen. Die -neuralgischen Schmerzen dauern fort, wenn auch Gottlob in vermindertem -Maßstabe, und ich habe sehr oft Migräne, die ich besonders dem Lärm und -der ganzen Unbehaglichkeit der häuslichen Einrichtungen zuschreibe. Die -Nerven dieser Menschen müssen Stricke sein -- leider! Sonst würden sie -Rücksichten auf Andre kennen! - -Stelle Dir einmal folgende Scene vor und dann appelliere an Deine -eignen Nerven, ob sie es ertrügen. - -Ich gab der kleinen Leonilla eine Klavierstunde in dem sogenannten -Arbeitszimmer von Dona Alfoncina, denn die Kinder haben ihre Stunden -nicht auf dem Flügel in der ~salla de visita~, sondern auf einem -ehrwürdigen Tafelförmigen. Besagtes „Arbeitszimmer“ liegt so ziemlich -in der Mitte des Hauses, und allerlei Räume münden in dasselbe ein, -nämlich eine Vorratskammer, das Badezimmer, das Schlafzimmer der -Kinder, das des Vehmgerichts, ein Kleiderzimmer und die Nähstube. Nun -kannst Du Dir eine kleine Vorstellung machen, wieviel Lärm in diesem -angenehmen Raume schon unter normalen Verhältnissen gehört werden kann; -heute aber war es gerade, als hätte der alte ~gentleman~ sein Spiel! -Man hatte nämlich Mäuse in der Vorratskammer entdeckt, und ohne Verzug -kommandierte Dona Alfoncina zwei Negerinnen und einen Neger herbei, -die den ganzen Raum leer machen mußten, damit man die Löcher finde. -Während ich also an dem verstimmten Tafelförmigen resigniert mein -~un~, ~deux~, ~trois~ zählte und Leonilla mit Ausdauer immer dieselben -Fehler machte, baute sich unter lautem Kommando von Dona Alfoncina -rings um uns eine Wagenburg von Kisten, Fässern, Säcken etc. auf. Der -Lärm, der durch diese Prozedur verursacht wurde, die lauten Kommandos -und gelegentlichen Mißfallensäußerungen der Herrin waren an sich -schon betäubend. Dazu stand neben dem Klavier die Thür zur Nähstube -offen, von wo heraus wir die zwei Maschinen klappern hörten; in dem -Nachbarraum schrie’s aus einem Bambuskorbe und dazwischen frohlockten -Papageien und andre Vögel. Zum Schluß wurde noch eine kleine Mulattin, -die Dona Gabriella lesen lehrt, durch die sich aufbauende Wagenburg -aus ihrer Ecke, wo sie „studierte“, fortgetrieben und stand plötzlich -hinter meinem Stuhl, eintönig ihr b -- a ba, b -- e be, b -- i bi -murmelnd! Das war zu viel! Wütend sprang ich auf, ergriff die Noten, -rief Leonilla, mir in den Saal zu folgen und gab die Stunde da zu Ende. -Man hat mir das furchtbar übel genommen und hält +mich+ bei der ganzen -Sache für die Rücksichtslose! - -Ja, ja, wenn Menschen zu viel Nerven haben, ist es wohl schlimm, aber -wenn sie garkeine haben, ist es noch peinvoller für Andre. Und so -scheinen mir die Brasilianer geartet. Ich bezweifle, daß ich hier -allzu lange mit meiner Gesundheit reiche! Schreibt mir nur recht oft, -ich fühle mich sehr einsam und weltfern. Wenn ich doch nur wenigstens -einmal ein deutsches Wesen zu sehen bekäme! - - Deine arme +Ulla+. - -Uebrigens habe ich mit dem Zimmer gewechselt, da es mir in dem vorigen, -sonnenlosen vor Feuchtigkeit unerträglich wurde, ich auch eines Mittags -eine Schlange unmittelbar vor meinem Fenster sah -- hu, die ekelhaften -Tiere! Wir sehen oft welche. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 5. October 1881. - - +Meine liebe Grete!+ - -Es ist gerade, als hätte die Vorsehung den Stoßseufzer in meinem -letzten Briefe an Dich zu Gesichte bekommen! Das „deutsche Wesen“ ist -da! Und das wunderlichste obendrein, das Du Dir vorstellen kannst -- -das Gaudium des ganzen Hauses und, daß ich’s nur gestehe, meines auch. -Es ist ein Naturforscher, ein älterer Herr, dem auf die Empfehlung -eines italienischen Collegen hin Dr. Rameiro das Haus „zu Befehl“ -gestellt hat für die Dauer seines Aufenthaltes in dieser Gegend -Brasiliens. - -Unser guter Landsmann, dessen Französisch absolut unzulänglich ist, und -der sich ziemlich vergeblich abmüht, sein deutsch accentuiertes Latein -dem Portugiesischen anzupassen, wäre ohne mich als seinen Dolmetsch -völlig verloren. Er ist ein „Gelehrter“, wie er in Büchern steht, und -würde mit seiner Pedanterie und seiner wunderlichen Kleidung selbst -bei uns komisch sein, hier aber sehe ich es dem Vehmgericht trotz -ihrer unbeweglichen Gesichter an, wie es sie entzückt, sich über etwas -Deutsches lustig machen zu können, und ich bin gewiß, daß sie überzeugt -sind, alle Deutschen wären genau wie dieser Professor. Zu dem, was man -so Plaudern nennt, ist er gerade nicht gemacht, aber er ist doch ein -Landsmann, und ich höre doch wieder deutsche Worte! Was das für eine -Wonne ist, Grete! Ich könnte den garstigen kleinen Pedanten küssen bloß -dafür, daß er ein Deutscher ist! - -Aber ich wollte Dir eine Geschichte erzählen, die ihm gestern -passierte, und über die ich gelacht habe, wie noch nie, solange ich -hüben bin. - -Gestern war Sonntag, und als ich im Genusse meiner Muße am Nachmittage -vor der Thür sitze, steht plötzlich die sonderbarst ausstaffierte -Gestalt von der Welt vor mir. Eine große blaue Brille auf der Nase, -einen weißen Strohhut auf dem Haupt, eine mächtige Botanisiertrommel -an der Seite, ein grünes Schmetterlingsnetz über der Schulter, -aus der rechten Rocktasche ein „Handbuch der Botanik“, aus der -linken ein umfangreiches Werk über Insectenkunde -- wer konnte -in diesen Attributen anders stecken als ein deutscher Gelehrter! -Unser guter Professor forderte mich auf, die Genossin seiner ersten -Entdeckungsreise auf der Pflanzung zu sein, allein die Sache hatte für -mich wenig Reiz, und die Sonne war mir auch noch zu drückend; so bat -ich ihn, mich zu entschuldigen. Die Kinder kamen heraus und spielten -vor der Thür, und Dona Gabriella und der Doktor setzten sich zu mir auf -die Bank. Als wir aber kaum ¾ Stunden da gesessen hatten, wurden wir -plötzlich wild aufgeschreckt. - -Um die scharfe Biegung, die der Weg grade neben dem Hause macht, -stürzte es hervor, atemlos, bis an den Hals beschmutzt, einen -Stiefel von einem Schlamm-Überzug bedeckt, den andern dadurch -ersetzt, brillenlos, hutlos, ohne Botanisiertrommel, das leere -Schmetterlingsnetz wie eine Fahne in der Hand -- die Reste eines -deutschen Gelehrten, der ausgezogen war, Natur zu forschen! Keuchend -sank er auf die Bank nieder, entsetzt starrte ihn der Doktor an und -blickte dann hilfeflehend auf mich, die ich schon mein: „Was ist denn -nur geschehen?“ herausgestoßen hatte. - -„Geschehen! ach! oh! Ich werde verfolgt! Man will mich umbringen! -Ermorden! Uff! ah, meine schönen Pflanzen -- eine solche Orchis! Und -diese intressanten Sandflöhe, o, ich hatte ein Prachtexemplar unter der -Lupe....!“ - -„Aber wer in aller Welt verfolgt Sie denn?“ - -„Wer? die Wilden, die Menschenfresser, die -- ach!“ - -„Welche Wilden denn?“ - -„Da, da, sehen Sie nur, wie der Kerl herbeistürzt, selbst sein Herr -wird ihn nicht zähmen können, retten wir uns in das Haus!“ - -„Aber das ist ja ein Neger der Pflanzung!“ - -„Ja, ja, ja, meinetwegen, aber ich sage Ihnen, daß er wild ist und daß -ich ihm nur mit Mühe entgangen bin“, schrie der arme kleine Mann in -heller Verzweiflung und stürzte mit Aufraffung seiner letzten Kräfte in -das Haus. - -Lächelnd und kopfschüttelnd übersetzte ich diese aufgeregten Aphorismen -dem Doktor, der sie achselzuckend anhörte. Ganz atemlos kam jetzt der -Neger näher, er hielt in der linken Hand das Handbuch der Botanik, in -der rechten das von der Insectenkunde; er streckte eins mir, eins dem -Doktor entgegen und keuchte dabei zwei Mal „~Sos kiss~“, „~sos -kiss~“ hervor. - -„Was giebt’s?“ herrschte ihn sein Herr an. - -„~Senhor, sim senhor~“, sagte der Schwarze, „der deutsche Herr, -der bei ~Senhor~ zum Besuch ist, ist verrückt.“ Wir konnten beide -das Lachen nicht unterdrücken. - -„Er sagt, +ihr+ seid +wild+. Was habt ihr ihm gethan?“ - -„Nichts, Herr, nein Herr. Wir arbeiteten im Kaffee, da kam der deutsche -Herr daher. Wir liefen auf ihn zu, um „~sos kiss~“ zu bieten. Der -Herr sah uns nicht und ging rasch zu, ~sim Senhor~. So liefen wir -etwas näher heran. Da begann er zu laufen, schnell, schnell, warf seine -Schachtel ab, seinen Hut, seine Bücher, und lief auf den Morast beim -Teiche von Sanct Hieronymus zu, ~sim Senhor~. Wir schrieen ihm zu, -aber er wollte nicht hören und lief immer mehr. Wir schrieen lauter, -daß der Herr nicht in den Morast laufen sollte, aber der Herr stürzte -weiter, ~sim Senhor~, und ist durch den Morast gelaufen.“ - -Dieser Bericht wurde in vielen Absätzen und von zahllosen und -oft, wie Du siehst, sinnlosen „~Sim Senhor’s~“ unterbrochen, -hervorgestottert. Während dessen aber sammelten sich hinter dem Sklaven -eine ganze Gesellschaft seiner schwarzen Genossen an: der eine hielt -den Hut, der andre die Botanisiertrommel, der dritte die zertrümmerte -Brille, der vierte den schlammigen Schuh des armen Gelehrten, und alle -streckten uns diese mannichfachen Gegenstände mit ihrem stereotypen -„~sos kiss~“ auf das bekümmertste entgegen. - -Die Scene, die ja bereits halb aufgeklärt erschien, war so unglaublich -komisch, daß ich in ein unbändiges Gelächter ausbrach, in das Dr. -Rameiro schließlich einstimmte, das aber unsere armen braven Schwarzen -vollständig verblüffte. „Legt es nur dahin“ sagte endlich der Doktor, -und gedankenvoll entfernten sich die Guten, die traurigen Reste einer -Naturforscher-Expedition auf der Bank aufgereiht zurücklassend. - -„Was aber kann Ihren armen Landsmann von vornherein nur so erschreckt -haben?“ fragte dann der Doktor, sich die Lachthränen trocknend. - -„Ich kann es mir denken“, sagte ich, die eigne Lustigkeit zähmend, --- „sollten es nicht etwa die ausgestreckten Hände gewesen sein und -das „~sos kiss~“, das mir auch zuerst so geheimnisvoll war?“ Der -Doktor lachte wieder auf. - -„Bei unsrer lieben Frau -- das kann es sein! Hahaha! Grade ihre -Höflichkeit -- ihr Gruß! Ich gebe zu, daß in der steif und flach -ausgestreckten Hand eine graziöse Geste schwer zu erkennen ist, und -das „geheimnisvolle“ „~sos kiss~“ -- Sie haben Recht, wer sollte -darin den schönen Gruß erkennen: ~Louvado seja noso Senhor Jesus -Christus~[3]!“ - -Bis an die Kehle voll Heiterkeit, aber mit dem mitleidigsten Gesicht -von der Welt ging ich zu meinem Professor, der abgespannt und pustend -in seinem Schaukelstuhle lag; der Doktor folgte mir. - -„Aber was hat Sie denn nur so in Angst gesetzt?“ fragte ich deutsch. - -„In Angst gesetzt, in Angst gesetzt! O, es ist empörend! ist -das Gastfreundschaft? das Bettelvolk von Schwarzen -- die ganze -Gesellschaft wollte mich anbetteln! Daß das geduldet wird! Sie hätten -nur die Anzahl der ausgestreckten Hände sehen sollen! Aber wer nimmt -denn Geld mit zum Botanisieren? Ich that, als sähe ich diese Kannibalen -nicht, da liefen sie mir nach und haben mich wild schreiend bis an das -Haus verfolgt. Sie hätten nur diese Stimmen hören sollen!“ - -Ich lachte schon wieder. Der Doktor stand verlegen dabei. Der Professor -schoß wütende und verächtliche Blicke auf mich. - -„Verzeihung“, brachte ich endlich hervor, „aber es ist zu komisch --“ - -„Komisch!!“ - -„Hören Sie nur --“ und ich erzählte ihm, was uns der Neger berichtet -und welchen Zusammenhang die Sache habe. Das Gesicht des Professors -machte dabei den ganzen Wechsel im Ausdruck von mißtrauischem Zorn -über Erstaunen, Verlegenheit, Erleichterung, gutmütigen Humor bis zur -ehrlichen Selbstironie und Heiterkeit durch, und schließlich lachten -wir alle Drei. - -„Nun soll Ihr Landsmann sich doch einmal unsre Neger in der Nähe -ansehen, damit er seine Menschenfresser-Ideen los wird“ sagte der -Doktor Nachmittags, und so zogen wir zu Dreien aus, den Professor das -Nichtfürchten zu lehren. - -Überall in der Nähe der Negerhütten liefen uns die kleinen schwarzen -Halbaffen entgegen und murmelten ihr „~sos kiss~“, und tapfer -antwortete jetzt unser Professor „~para semper~“. Wir sahen in die -erste Hütte hinein. - -Eine Art rohester Bettstelle von Brettern, darauf eine Matte aus -Maisstroh und eine rote wollne Decke, eine kleine blecherne Truhe, -ein unbeschreiblich primitiver Tisch, das war, außer einigen Töpfen, -Schüsseln und kleinen Geräten die ganze Ausstattung des fensterlosen -Raumes. In einer Ecke brannte ein Feuer, über dem eine Frau irgend ein -Gericht bewachte. - -„Wie schrecklich dies Feuer in der Hütte sein muß, sagte ich; erlauben -Sie es nicht, daß die armen Menschen das bei der Hitze +vor+ dem -Hause anzünden?“ - -„Erlauben? Ich habe es hundertmal durchsetzen wollen, aber der Schwarze -ist unglücklich, gradezu krank, wenn man ihm sein Feuer nimmt. Er -bedarf dessen Winter und Sommer und schläft nie ohne seine glimmenden -Kohlen in der Hütte.“ - -„Wie fürchterlich!“ stöhnte der Professor -- „und obendrein keine -Fenster!“ - -„Das mag wohl zuerst zur Verhinderung von Fluchtversuchen so -eingerichtet gewesen sein, da sich Fenster doch nie so wie Thüren -verschließen lassen. Aber der Neger ist jetzt auch so daran gewöhnt, -daß, wenn sie als Freigewordene sich ein Hüttchen aufrichten, sie auch -keine Fenster darin anbringen.“ - -„Was kochen denn die Frauen nur alle“, sagte ich, „die Sklaven werden -ja doch wohl alle auf der Pflanzung gespeist?“ - -„Die Verheirateten nur Mittags; Abendbrot kochen ihnen ihre Weiber; sie -erhalten Rationen zuerteilt.“ -- - -Vor einem der letzten Häuser erhoben sich ein paar ganz alte -gebrechliche Neger: „~Sos kiss~“ stotterten sie, als wir uns -näherten. „Wozu gebrauchen Sie denn die noch?“ fragte der Professor -ganz entsetzt. - -„Zu nichts“, lächelte der Doktor, „aber ich kann sie doch nicht -ersäufen. Sie sind in meinem Dienste grau geworden, jetzt bekommen -sie das Gnadenbrot. Ich habe sie auch freigegeben, aber ich habe -nicht das Herz, alte, abgebrauchte Neger mit ihrer Freiheit und ihrer -Arbeitsunfähigkeit in das Elend oder auf den Bettel zu schicken -- -mögen sie hier sterben.“ - -„Denken viele Pflanzer so?“ fragte ich. - -„Ja, Gott sei Dank, und es ist auch nicht mehr als billig. Zu solchen -alten Menschen zu sagen: „Du bist frei, ich habe jetzt also nicht mehr -für Dich zu sorgen, geh’ deiner Wege“, das ist eine Barbarei. Wer -das Fleisch ißt, behält auch nachher die Knochen, sagt eins unsrer -Sprichwörter.“ - -„Ich fürchte, Herr Doktor“, machte unser alter Professor mit Feinheit, -„ich bin hier auf eine Pflanzung geraten, wo ich nur die guten Seiten -des Sklaventums zu sehen bekomme!“ - -„Das würde auch nichts schaden!“ rief der Doktor liebenswürdig. „Es ist -so viel über die gegenteilige Seite geschrieben und dabei übertrieben -worden, daß die lichteren Seiten auch einmal hervorgekehrt werden -können. Überdies irren Sie, wenn Sie denken, ich stehe vereinzelt da. -Viele Pflanzer hier in Brasilien halten ihre Sklaven ebenso gut wie -ich, manche schon aus Eigennutz! Die traurigen Seiten: der Mangel an -Freiheit, die sittliche Verkommenheit vieler, die Unwissenheit aller, -das alles wird bleiben, solange es Sklaven geben wird, die es ja -vorläufig für uns leider noch geben +muß+.“ - -„Es ist aber eigentümlich, wie diese trüben Seiten sich mir hier -viel weniger aufdrängen als es in Europa bei mir und ich glaube bei -jedermann der Fall ist“, sagte ich sinnend. - -„Vielleicht sahen Sie da +nur+ die trübe Seite“, sprach lächelnd -der Sklavenhalter. - -Weißt Du, Grete, ich habe es ihm schon längst verziehen, daß er -nicht fesch aussieht und nicht so bunt angezogen geht wie der -Operetten-Brasilianer der kleinen Handschuhmacherin -- er ist wirklich -ein guter Mensch, und soweit es ihn und seine Frau angeht, bin ich ja -hier auch ganz gut aufgehoben -- aber das Vehmgericht, das Vehmgericht! - - Deine +Ulla+. - -Der Professor reist morgen weiter. - - - [3] Gelobt sei unser Herr Jesus Christus. -- - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881. - - +Meine liebe Grete!+ - -Du fragst in Deinem letzten Briefe, ob ich denn nicht in der Nähe eine -Kollegin hätte, mit der ich mich einmal aussprechen könne. Bestes -Herz, ein „in der Nähe“ giebt es hier überhaupt nicht, die nächsten -Pflanzungen sind alle 4-6 Meilen entfernt, und eine Stadt giebt es -garnicht in erreichbarer Nähe. Zudem will mein Unstern, daß auf all den -Pflanzungen, die allenfalls zu erreichen wären, nur erwachsene Kinder -sind oder die Besitzer so einfach, daß sie keine „~professora~“ -halten. So bin ich denn ganz allein in der Runde, die traditionelle -einzig fühlende Brust; ich weine auch manchmal ganz furchtbar, aber das -darfst Du auf keinen Fall meinem Mutting erzählen! - -Ich möchte so gern einmal heraus hier, wenigstens nach Rio, um mir die -Stadt anzusehen, die ich bei meiner Ankunft nur so flüchtig gesehen -habe, und die mir doch so schön erschien; auch habe ich ja noch -meine Empfehlungsbriefe an eine deutsche Familie dort und an einen -Geschäftsfreund meines New-Yorker Onkels, der sehr reich ist; es würde -mich so sehr beruhigen, nur irgend welchen Halt in diesem fremden Lande -zu haben.... - -Aber verzeih mir, Gretel, wenn ich schon schließe: -- ich bin totmüde -und schwer, und wollte Dir nur einen Gruß senden. - - Deine +Ulla+. - - - - - _S. F., den 3. Dez. 1881._ - - _Das war eine lange Pause, meine Grete, nicht wahr? Aber Du - wirst mir schon verzeihen, wenn Du hörst, daß ich krank war. Ein - abscheuliches Sumpffieber hatte mich richtig gefaßt und mich - im Verein mit der Ueberanstrengung, die diese Stelle besonders - in musikalischer Beziehung von mir fordert, für vier Wochen - pädagogisch unschädlich gemacht._ - - _Heute an meinem Geburtstage (ach Grete, kein Mensch weiß davon, - ich habe keinen Glückwunsch, keine Blume, keinen Brief, nichts!) - bin ich zum ersten Mal aufgestanden und will in diesen Tagen nach - Rio, um einen Arzt zu konsultieren. Es grüßt Dich herzlichst_ - - _Deine Ulla._ - - _Gieb diese Karte Deinem Brüderlein für seine Sammlung._ - - - - -[Illustration] - - - - - Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends. - -Weihnachtsabend und 25° Celsius im Schatten! Wie fremdartig, wie -heimatfern und, ach Grete, wie traurig! Kein Mensch in dieser ganzen -bunten, lärmenden Stadt scheint an Weihnachten zu denken; das -öffentliche Leben wird garnicht davon berührt, und nichts erinnert an -die heilige Zeit wie daheim. Vielleicht, daß einige wenige deutsche -Familien auch in der Tropenstadt ein fremdartig Christbäumlein -schmücken (unsere Tanne giebt es ja hier nicht) -- aber mir stralt -doch keines! +Kleins+ haben mich so wenig freundlich empfangen, -daß ich nicht wieder hingehe, und das wundert mich umsomehr, als Frau -Klein früher selbst Erzieherin hier war und also weiß, wie solch’ -einsamem Menschenkinde zu Mute sein muß! Onkels Geschäftsfreund konnte -ich bisher nicht antreffen. So stelle Dir Deine Ulla nachträglich am -heiligen Abend in einem einsamen Hotelzimmer vor, an Euch Lieben in der -Heimat denkend und sich unbeschreiblich nach Euch und unserm schönen, -lieben Deutschland sehnend! - -Draußen lärmt die Stadt mit ihrem Abendgetriebe. Durch die offenen -Fenster kommt die eigentümliche, feuchtwarme Tropenluft herein, und -ich sehe die Sterne an dem frühdunkeln Abendhimmel erscheinen; in dem -Rahmen des Seitenfensters zeichnen sich die Palmen des Corcovado ab, -jenes luftigen Bergkegels hinter der Botafogobai, dessen berühmte -Quellen Rio mit herrlichem Trinkwasser versehen. Der Bewohner von -Rio ist auch sehr stolz auf diese prächtige Naturgabe und sagt im -Sprichwort: „~Quem bebeu a agua da Carioca~-(Quelle) ~Nunca toma -outra agua na boca~.“ Wer einmal das Wasser der Cariocaquelle trank, -nimmt nie wieder andres Wasser in den Mund. - -Wie poetisch könnten hier so manche Eindrücke sein, wenn man sie in -Ruhe genießen könnte, aber so unbeschreiblich lärmend wie hier in -Rio de Janeiro habe ich es noch in keiner Stadt gefunden, die ich -kenne. In Berlin ist der Aufenthalt dagegen die reine Sommerfrische -mit Nervenberuhigung, und nicht einmal in London habe ich es so laut -gefunden. Da fahren zunächst Pferdebahn und Omnibus mit lautem Gerassel -und häufigen Warnungspfiffen daher; kleine einsitzige Droschken, -von den Engländern ~tilbury~ benannt, poltern im Galopp über das -entsetzlichste Straßenpflaster, das Du Dir vorstellen kannst. Reitet -jemand, so geschieht es ohne Gnade auch im Galopp, und ich bin schon -einige Male in diesen Tagen an’s Fenster gestürzt, weil ich dachte, -es gehe ein Pferd durch. Wasserverkäufer, Zeitungshändler (gerade -diese sind fast so schlimm wie die Papageien auf der Pflanzung), -Bonbons-, Cigaretten- und Sorbetverkäufer, Italiener, die Fische -ausschreien, und dazu Drehorgeln und sonstige Instrumente, ganz -abgesehen von den ungezählten Klavieren, die zu den offnen Fenstern -hinaustönen, alles das tobt sich förmlich aus in den engen Straßen, -wo jeder Schall doppelt hart stecken bleibt. Dabei haben diese Leute, -besonders die erwachsenen Neger, oft ganz unmenschliche Stimmen, so -daß man zusammenfährt, wenn man zufällig in ihre unmittelbare Nähe -gerät. Vervollständige Dir diesen Ohrenschmaus durch das Geprassel -von Feuerwerk, das man bei Tage und bei Nacht abbrennt, und nimm als -selbstverständlich eine eintönige, hartstimmige Negerunterhaltung -unmittelbar vor Deinem Fenster und ein ungeschicktes Guitarengeklimper -in nicht allzu großer Entfernung hinzu, und dann -- beneide mich, -wenn Du kannst! Aber auch hier staune ich wieder die Nerven der -Einheimischen an: trotz dieses betäubenden Lärms lebt alles auf der -Straße oder so gut wie auf der Straße. Wenn der Grundsatz jenes famosen -alten Berliner Professors: „Der gebildete Mensch gehört in die Stube!“ -überall rück- und vorwärts gefolgert würde, so ist es sicher, daß -man hier um die gebildeten Menschen handeln könnte wie Abraham um -die guten in Sodom. Der unbeschäftigte Schwarze ist absolut nirgend -anders zu finden als vor der Hausthür, rauchend und spuckend, die -Kinder wälzen sich vom Morgen bis zum Abend auf der Gasse umher. Der -kleine Krämer, der Vendiste, ja und auch der bessere Kaufmann in den -vornehmeren Straßen steht vor der Thür, wenn augenblicklich kein Kunde -da ist, und schwatzt mit den Vorübergehenden, und sowie die Sonne es -gestattet, ist jeder Balkon, jedes Fenster besetzt von müßig gaffenden -Menschen. +Das Haus+ scheint für niemanden Anziehungskraft oder -Beschäftigung zu haben, denn sonst würde es diese Leute doch nicht -immer wieder amüsieren, in den Tumult der Straßen hineinzugaffen. Die -Straße wirkt hier überhaupt auf entsetzlich plebejische Weise in das -Haus hinein. In einem gut brasilianischen Zimmer sitzt man wie in einem -Schaukasten, sämtliche Fenster stehen auf, da der Brasilianer der -Ansicht ist, daß offne Fenster unter allen Umständen ein Haus kühl -machen, und sämtliche Thüren obendrein. Ich gebe zu, daß letzteres -nötig wird, um durch den dadurch bewirkten Zug die Thorheit des -ersteren wieder gut zu machen -- aber warum schafft man nicht lieber -eine weit gründlichere und angenehmere Kühle dadurch, daß man die -Fenster gegen den Sonnenbrand der Tagesstunden verwahrt?! Ich begreife -es jetzt schon viel besser, daß die Brasilianer noch nichts Bedeutendes -an wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen haben: ihre Lebensweise -läßt keinen geordneten Gedanken aufkommen. Zu geschlossenen Gedanken -gehört ein geschlossener Raum, wo nicht tausenderlei äußere Dinge einen -abziehen von dem, womit man sich beschäftigen will, und das meinte wohl -auch der Berliner Professor mit seinem originellen Dictum. - -Natürlich ist Rio augenblicklich durchaus kein Aufenthalt für mich. Der -Arzt war sehr unzufrieden mit dem Zustand meiner von Arbeit, Lärm und -neuralgischen Schmerzen zerquälten Nerven und hat mir auch dringend -geraten, die Arbeit in Saõ Francisco nicht wieder aufzunehmen, sondern -dem Vehmgericht, den Papageien und den täglichen fünf Klavierstunden -Valet zu sagen, vor allen Dingen aber erst auf vier Wochen nach -Petropolis (dem berühmten, jenseits der Bai gelegenen Luftkurort) -hinaufzugehen, um mich von dem Fieber zu erholen. Petropolis ist -zugleich Sommerresidenz des Kaisers, und die ganze Diplomatie flüchtet -in diesen Monaten dort hinauf vor der Hitze und dem gelben Fieber. - -Aber da läßt mich Mrs. Carson, die Frau des Hotelwirtes auffordern, -mit ihnen zusammen in ihrem Privatzimmer Abendbrot zu essen. Carsons -sind Engländer und sehr liebe Menschen. Ihre Kinder werden in England -erzogen, und wenn sie daher auch keinen eigentlichen „Weihnachten“ -feiern, so scheinen sie doch zu empfinden, wie schwer dieser Tag hier -für ein einsames deutsches Herz sein muß. Und unsre eignen Landsleute --- --! - -Schreibe mir nur recht ausführlich, wie alles bei Euch und zu Hause -war, beschreibe mir alles, alles, wie wir es als Kinder thaten, jedes -Stück, was Du geschenkt bekommen hast -- es wird mir jedes Wort ein -Stück Deutschland sein! Richte Deine Briefe hier an das ~Hôtel -Carson, rua Catette~, und laß ihrer recht viele sein! - - Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Petropolis, den 15. Januar 1882. - - +Mein liebstes Gretele!+ - -Freue Dich mit mir, denn ich habe meinen Humor wiedergefunden, den ich -verloren hatte -- oder sollte es nur der Racker Galgenhumor sein, den -ich beim Kragen erwischt? - -Ich schreibe hier in einer Umgebung, die ein ganz nettes Modell für -eine Trödelbude wäre. An den Nägeln in der Wand hängen meine Kleider -und Jacken in malerischer Unordnung; auf dem Bette sind Schleifen, Hüte -und Tücher ausgebreitet; auf allen Stühlen sonnt sich Wäsche. Von den -Fensterbrettern aus gucken fünf Paar Stiefel und Schuhe andachtsvoll -auf die Bananengruppe davor hinaus, und darüber flattern, auf einen -Bindfaden gereiht, meine sämtlichen Handschuhe im Zephyr des Mittags. - -In diesem Zustande befinden meine Garderobe und ich uns alle drei -Tage einmal, nachdem ich gleich zu Anfang die Entdeckung gemacht, daß -andernfalls in diesem fruchtbaren Lande sich sogar Stiefel und Kleider -mit der üppigsten Vegetation bedecken. Diese mühelose Pflanzenzucht ist -ja im Uebrigen ganz hübsch, nur den Sachen nicht sehr bekömmlich, und -besonders verfolgt das Schicksal in dieser Hinsicht Stiefel, Handschuhe -und Seide; alle die schönen feinen Lederhandschuhe, die ich noch in -Antwerpen gekauft, sind fleckig geworden! - -Doch ich will Dir meine Abenteuer von Anfang an erzählen: - -Als ich am zweiten Weihnachtstage nach Saõ Francisco zurückkam und -erklärte, daß ich nicht länger bleiben könne, war man höchst unangenehm -überrascht, aber meine vierwöchentliche Krankheit und mein immer -noch elendes Aussehen hatten ihre Herzen doch insofern erweicht, -daß sie meiner Abreise kein Hindernis in den Weg legten. Wir sagten -einander Adieu, und fort war ich. Grete, solch ein Lebewohl habe ich -in meinem Leben noch nicht gesagt! Nichts that mir leid zu verlassen, -im Gegenteil, ich fühlte, daß mir keiner von ihnen schwer zu missen -sein würde, und war mir ebenso sehr bewußt, daß auch in den Herzen -der Kinder keinerlei Anhänglichkeit für mich vorhanden war, und daß -man einzig die ~gêne~ bedauerte, eine neue Gouvernante suchen zu -müssen; man wird eben nicht warm mit diesen Menschen hier! -- - -Am Sylvestertage reiste ich hierher, und zwar in drei Absätzen: erst -mit dem Dampfer über die Bai, dann mit der Eisenbahn bis an den Berg, -der Petropolis trägt, und dann mit einem Omnibus auf allerdings recht -gut chaussiertem Wege hinauf.[4] Ich erwischte einen ziemlich guten -Platz in einem der fünf Wagen und hatte auch die Beruhigung, zu sehen, -daß meinem Koffer ein ähnliches Glück widerfuhr. - -Etwa auf der Hälfte des Weges wurde Station gemacht, und alles drängte -sich um eine dort stehende Bude, wo Kaffee, Gebäck und Früchte zu -haben waren. Ich war hungrig geworden und trank gierig meine Tasse -Kaffee hinunter und biß ebenso eifrig in ein Stück Biscuit-Kuchen, -das ich aufgegriffen. Es schmeckte etwas eigentümlich, und als ich -es beim zweiten Happen näher besah, fand ich, daß es von Ameisen -wimmelte, von denen ich also gewiß soeben eine erkleckliche Anzahl -mit verschluckt hatte. Brrr! nicht wahr? Ja, siehst Du, ich war aber -schon so verbrasilianert, daß ich nur gleichmütig den Rest der kleinen -Gäste von meinem Biscuit abstreifte und diesen dann behaglich zu einer -zweiten Tasse Kaffee verzehrte. Dies wird Deine Verachtung ebensosehr -herausfordern, wie es entschieden die Ver- und Bewunderung eines jungen -Franzosen erregte, der daraufhin eine lächelnde Bemerkung an mich -richtete, die ich dummer Weise munter beantwortete, denn seitdem ödete -mich dieser galante „Erbfeind“, der glücklicherweise in einem andern -Wagen saß, an jeder Haltestelle, und wenn ich alles das hätte essen -und trinken wollen, was er mir hinter einander anbot, so wäre ich wohl -schwerlich lebend nach Petropolis hinaufgekommen. - -Hier ging ich erst in das deutsche Hotel und machte mich dann auf -nach der Behausung des Herrn Goldschmidt, Onkels Geschäftsfreund, der -hier ein schloßähnliches Haus mit herrlichem Park besitzt, das er in -der heißen Zeit mit seiner Familie bewohnt. Da ich sie bei meinem -Aufenthalt in Rio zuletzt noch getroffen hatte, so war dieser Besuch -nicht mein erster. - -Ich wurde in den Saal geführt und gebeten, einen Augenblick zu -verziehen. - -„Haben Sie keine Stelle?“ schrie es da plötzlich hinter mir, und Frau -Goldschmidt, eine äußerst lebhafte Brasilianerin, die rasch aber falsch -deutsch spricht, stand mit halb lachendem (sie lacht +immer+), -halb ängstlichem Gesichte vor mir. - -Grete, die Angst dieser zwanzigfachen Millionärin, ich könne irgend -etwas von ihr wollen, war so unbeschreiblich komisch, daß mir wie mit -Zauberschlag der Humor zurückkam und ich laut herauslachte. Donna -Albertina sah mich starr an. - -„Verzeihen Sie“, sagte ich nun auch etwas brutal, „aber es ist zu -komisch, daß das Ihre erste Frage war! Nein, ich habe keine Stelle, -aber ich werde eine finden, wenn es nötig sein wird.“ - -Dann kam der Gatte. - -„Sehen Sie, mein Fräulein“, dozierte er, „ich war immer ein reicher -Mann, denn ich verbrauchte immer nur die Hälfte von dem, was ich -einnahm. Ich kam nach Rio mit fünfzig Mark und besitze heute mehrere -Millionen: Alles durch jene Praxis! Aber was ich sagen wollte -- gehen -Sie jetzt zu unserer Miß Dahlmann; wir haben nämlich unsere Gouvernante -nicht im Hause; es geniert mich, fremde Leute im Hause zu haben. Sie -ist eine Deutsch-Engländerin und wohnt bei einer einfachen deutschen -Familie im Dorfe; vielleicht kann sie Ihnen raten, wo sie am billigsten -unterkommen; Sie verbrauchen im Hotel zu viel Geld, das ist schon -falsch -- immer nach meinem Prinzip, mein Fräulein, immer nach meinem -Prinzip!“ - -Der kleine Mann amüsierte mich unaussprechlich mit seinem ~mezza -voce~ vorgebrachten Redeschwall und den fortwährend nach den -Westenärmeln schnappenden Daumen. Seinen, wenn auch ungeforderten Rat -betreffs meines Unterkommens beschloß ich jedoch insofern wenigstens zu -befolgen, als ich diese Miß Dahlmann aufsuchen wollte, in der ich doch -wenigstens eine Collegin fand. - -Donna Albertina forderte mich auf, an dem Frühstück teilzunehmen, das -eben serviert wurde. „Sehen Sie, mein Fräulein“, begann der Gatte -wieder (er scheint diesen Anfang sehr zu lieben), -- „ich lade nur -zum Frühstück Leute ein, zu Mittag aber niemals. Wir essen um sechs; -nachdem kommt gleich die Abendpost, die ich in Ruhe erledigen muß, -und da ist es mir störend, wenn jemand Fremdes da ist. Verstehen Sie -wohl? Aber zum Frühstück, da mag kommen, wer da will, da stört es mich -weniger“ -- schwupp fuhren seine beiden Daumen in die Westenärmel. - -Es wurde Zeit, daß ich ging, Grete, sonst hätte ich den Leuten wieder -ins Gesicht gelacht, denn die Heiterkeit steckte mir schon oben in -der Kehle. Ich sagte, daß ich bereits gefrühstückt habe, ehe ich -hergekommen, daß ich aber zu Miß Dahlmann gehen wolle, wenn sie mir den -Weg beschreiben möchten. Daß sie mich so schnell los würden, hatten -sie wohl kaum gehofft; in ihrer Freude darüber wurden sie plötzlich -sehr liebenswürdig und bestanden darauf, mir einen Neger zur Führung -mitzugeben, was ich denn auch annahm. Es geht doch nichts über gute -Empfehlungen an Landsleute im fremden Lande -- da kann man doch absolut -nicht verderben!! - -Miß Dahlmann ist einige Jahre älter als ich und etwas steif und -„englisch“, war aber doch gutmütig genug, mir behülflich zu sein, daß -ich bei ihrer eigenen Wirtin unterkam, wo wir auch essen. Sie ist meine -einzige Gesellschafterin hier und, wenn auch nicht gerade herzlich, so -doch auch nicht unliebenswürdig. Sie sieht das Leben im Ganzen weit -kühler an als ich, und so verstehe ich es, daß sie bei Goldschmidts -aushält. Ich habe mir schon manchen nützlichen, entweder beabsichtigten -oder unwillkürlichen Wink von ihr ~ad notam~ genommen und denke -ein ganz Teil „landesgewandter“ von hier fortzugehen, als ich kam. - -Petropolis +selbst+ ist meiner Ansicht nach ein elendes Nest, und -das Hauptamüsement der Fremden besteht darin, jeden Nachmittag nach der -Haltestelle der Omnibusse hinzugehen und die heraufkommenden Fremden -anzugaffen. Das Palais des Kaisers ist ein langes, weitläufiges, -aber schrecklich langweiliges Gebäude, an dem nichts zu sehen ist, -wie viele Fenster. Ich bringe die Ansicht davon auf einem gläsernen -Briefbeschwerer eingraviert mit, sowie auch ein paar kleine Vasen, -auf denen ~Lembrança~ (Erinnerung) ~de Petropolis~ steht; -diese Sachen sind aber sehr wenig interessant, da sie alle aus Europa -kommen und hier nur graviert werden. Weit besser gefallen mir die -feinen Drechsler- und Schnitzarbeiten eines Deutschen, der hier ein -allerliebstes Häuschen hat und ein höchst gemütlicher alter Herr ist -mit einer ebenso gemütlichen und sehr zahlreichen Familie. Dahin gehe -ich manchmal, um ein Stündchen zu verplaudern, und lasse mir über -die Anfänge von Petropolis erzählen; auch habe ich dort einen ganz -prächtigen Tabaksbehälter gekauft, der aus einer Brotfrucht gefertigt -und oben von einem geschnitzten Indianer gekrönt ist. - -Die übrigen hier ansässigen Deutschen sind fast alle ganz ungebildete -Bauern. Sie haben sich ihre deutsche Sprache und einige deutsche -Untugenden bewahrt, aber im Ganzen sind sie doch schon sehr von den -Landessitten angestreift. Petropolis ist auch schon lange keine -rein deutsche Colonie mehr, wie es ursprünglich war. Es wohnen hier -Colonisten aus aller Herren Länder, und man hört alle Sprachen, unter -welchen mir ein Kauderwelsch von Neger-Portugiesisch und Plattdeutsch -am besten gefällt: „Kiek mal, ob dat noch schuwet“ (regnet) -- „Esperen -(warten) Se mal en beten“ -- „Ich kann ainda (noch) nicht“, und -dergleichen hört man viel. - -Die +Lage+ des Ortes ist herrlich, das muß man sagen! Hoch -in den Bergen, zwischen unabsehbaren Waldungen gelegen, bietet -derselbe prachtvolle Spaziergänge auf guten Waldwegen, die sonst in -Brasilien etwas ungemein Seltenes sind, da das erste Eindringen in die -Wälder schwer ist und alles gleich wieder zuwächst mit Gestrüpp und -Schlingpflanzen. - -Ich bleibe hier wahrscheinlich noch diesen Monat und will dann doch -einmal, um die Stadt kennen zu lernen, mein Heil in Rio versuchen; ich -habe jetzt wieder bessere Nerven und mehr Courage! Tausend Grüße von - - Deiner alten +Ulla+. - -Neulich begegneten Miß Dahlmann und ich der Kaiserin, sie war zu Fuß -mit einer Hofdame; und am Sonntag sahen wir den Kaiser, die Prinzessin -und ihren Gemahl, den Grafen von Eu, sowie die drei kleinen Prinzen -alle in +einem+ Wagen ausfahren. - - - [4] Jetzt führt eine Bahn bis ganz hinauf. D. V. - - - - -[Illustration] - - - - - Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882. - - +Mein Herzens-Gretchen!+ - -Da wäre ich denn wieder in der bunten, südlichen Stadt und mitten -in ihrem Lärm! Gretel -- schön ist dieses Rio, das muß man sagen, -wunderbar schön und phantastisch, zumal von der Bai aus, wie ich es bei -meiner Ankunft damals und jetzt wieder bei der Rückkehr von Petropolis -erblickte. - -Wie ein Feenmärchen entfaltet sichs da vor unsern unverwöhnten -norddeutschen Augen! Terrassenförmig wird von Brasiliens Küstenbergen -die Stadt in die Bucht hinausgehalten, bunt und prächtig, ein -einziges Licht- und Farbenmeer, nur unterbrochen, oder besser, noch -vermannichfaltigt durch die schlanken Palmen und die großblätterigen -Bananen, die überall ihre Plätze gefunden. Nichts von unserm eintönigen -roten Gemäuer oder der uniformen grauen Tünche -- alles weiß oder -bunt und in Brasiliens sattem Sonnenlicht schwimmend, sodaß selbst -die kleinen Forts, die auf Inselchen vor dem Binnenhafen liegen, -in ihrem Verstecke von Palmengruppen und Farben nicht wie grimme -Verteidigungswerke dreinschauen, sondern wie reizende kleine Idyllen, -die man für Wirklichkeit zu halten sich zwingen muß. Hier liegt auch -die „Blumeninsel“, das erste Asyl für Auswanderer, wo es den armen -Menschen zwar durchaus nicht beneidenswert ergehen soll, die aber in -ihrem äußeren Anblick an die Idylle Dranmors erinnert, die sich in -seinem Requiem findet: - - „Ich weiß ein schönes Eiland, wie verloren - Im Stillen Ocean, ein waldbedecktes, - In milden Sonnenstralen hingestrecktes, - Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren. - Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht, - Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden Rosen - Für die Betrübten, für die Heimatlosen - Aus träumerischen Fluten aufgetaucht.“ - -Und drinnen in der Stadt erscheint’s auf den ersten Blick wie draußen: -phantastisch, südlich, fremdartig und wunderbar reizvoll -- nur eines -gesellt sich hier noch außer dem betäubenden Lärm hinzu, was man -draußen gern vermißte: der Schmutz und die Unordnung! Die Straßen -sind eng und schlecht gepflastert -- ich bin +ein+ Mal in einer -Droschke darüber gefahren und +nie+ wieder -- die Trottoirs, -besonders in der Geschäftsgegend, ebenso unsauber wie der Damm. Die -Häuser sehen sich zwar recht lustig an mit ihrem Mantel von drei, vier -und mehr Farben, aber es ist meistens nichts rein und vieles windschief -daran vom Dach bis zur Schwelle. Alles erscheint uns strafferzogenen -Norddeutschen nachlässig und die Menschen so -- ja, ich weiß nicht -+wie+ -- ich glaube: +undiscipliniert+ wäre das Wort. - -Hier steht eine Gruppe rauchender, spuckender Neger, dort hocken -Negerinnen in den Thüren der Magazine und lesen Kaffee aus. Vielfach -wird auch ein Teil des Trottoirs eingenommen von Negern, Negerinnen -oder Mulattinnen mit ihren Tischen und Körben, die Orangen, Bananen, -Kokosnüsse, Feuerwerk und allerlei sonstige Nichtigkeiten feilbieten. -Sie würden, schon der Fremdartigkeit des ersten Eindrucks wegen, -vielleicht den europäischen Käufer anlocken, allein ein Blick auf -die Umgebung ihres Standes, wo Apfelsinenschalen, Streichhölzer, -Papierfetzen, Cigarrenstummel etc. sich mit allerlei sonstigem -~rubbish~ um den Vorrang streiten, und worin die Schleppe (!) des -hellen Mousselinkleides der Verkäuferin umherfegt, verscheucht ihn -wieder. In sehr vielen Kaufläden des eigentlichen Geschäftsviertels, -ja sogar in einzelnen der eleganteren Stadtgegend, sah ich auf dem -Fußboden Stroh, Packpapier, Bindfaden, zerbrochenes Gerät etc. -umherliegen; es schien aber Niemand etwas Ungewöhnliches darin zu -finden. Der Brasilianer bringt dieser Art von Unordnung eine gewisse -kindliche Harmlosigkeit entgegen, die fast rührend ist, und ich glaube, -Grete, wir Europäer gewöhnen uns mit der Zeit wenn auch nicht an den -Schmutz, so doch daran, ihn von den Anderen unbeachtet zu sehen. - -An Läden habe ich nicht viel Schönes gesehen, und vor Allem nichts -für dies Land Charakteristisches, ausgenommen ein Geschäft mit -wunderhübschen Sachen, gefertigt aus den ungefärbten Federn der -einheimischen farbenprächtigen Vögel; die vorhandenen Ballgarnituren -waren ganz entzückend! Was Du aber sonst kaufst, ist fast ohne Ausnahme -europäische Ware, und es dürfte außer den Rohprodukten des Landes kaum -einen Gegenstand geben in den Geschäften, der nicht den atlantischen -Ocean gesehen. Kleiderstoffe, Stiefel, Wäsche, Wollwaaren, Möbel, -Beleuchtungsgegenstände, Kücheneinrichtung, Bücher, ja bis zum Papier -und zur Stecknadel kommt alles aus Europa. Selbst die Kattunstoffe -kommen dem Lande der Baumwolle aus Deutschland und Frankreich, wohin -sie das Rohmaterial liefern, das sie selbst nur sehr mangelhaft in -wenigen unbedeutenden Fabriken zu verarbeiten verstehen; und wenn sie -hier weißen Hutzucker essen wollen, so läßt ihn sich das Land des -Zuckerrohrs aus dem Lande der Runkelrübe kommen. Manche Dinge sind -hier wunderbar! -- In der rua d’ Ouvidor, so einem Mittelding zwischen -feiner Geschäfts- und Bummelstraße, giebt es einige große Magazine mit -eleganten Damentoiletten. Die kommen alle direkt aus Paris hierher und -sind horrend teuer, doch werden sie von den reichen Brasilianerinnen -mit Kußhand zu den höchsten Preisen gekauft für die „Saison“, d. h. -für die Vorstellungen einer italienischen Operngesellschaft, zu denen -die Damen in den Logen in ausgeschnittener Balltoilette erscheinen; -Privatgesellschaften giebt es wenige außerhalb der Grenzen des -diplomatischen Korps, und der Kaiser repräsentiert nicht, was wohl -zum Teil seiner bekannten persönlichen Einfachheit entspricht, teils -durch die ungemein niedrige Civilliste der Herrscher von Brasilien -bedingt wird: nur bei der Prinzessin finden Theeabende statt. Der große -kaiserliche Palast in Saõ Christovaõ, einer Vorstadt von Rio, ist ein -mächtiges, ödes Gebäude, das zwar einige prachtvoll eingerichtete -Zimmer enthalten soll, jedenfalls aber eine sehr häßliche Lage hat. -Wenn ich der Kaiser von Brasilien wäre, baute ich mir eine graziöse, -luftige Villa in Botafogo, der jenseitigen, entzückenden Vorstadt -von Rio, und überließe Saõ Christovaõ seiner Nachbarschaft von -Viehschlächtereien und ihren Hunderttausenden von Krähen! - -Botafogo ist reizend; wie ein Kranz liegen die Villen mit ihren Gärten -um die Bai gleichen Namens herum, hinten überragt von dem mächtigen -Corcovado, vor sich in der Bai den merkwürdigen Paõ de Assucar, den -Zuckerhutberg. Die Blumenpracht in dieser Vorstadt, wo nur vornehme, -reiche Leute wohnen, ist bezaubernd! Die üppigsten Ranken von saftigem -Grün überwuchern die Mauern, darinnen große, stralende, dunkelrote, -lila, gelbe oder weiße Blumen. Mrs. Brassey, in ihrem netten Buche -„~A voyage in the Sunbeam~“ hat ganz meine Empfindungen -ausgesprochen, wenn sie sagt, in Brasilien seien ihr alle Blumenfarben -weit satter vorgekommen, als irgendwo in der Welt, ja, selbst das Weiß -schiene ihr dort intensiver zu sein. Diesen Eindruck hat man wirklich, -und soweit die Natur mitspricht, ist hier alles bezaubernd! - -Der Larangeirasberg, der Santa Theresaberg, kurz, alle Hügel der Stadt -sind mit Villen besetzt und, besonders der Santa Theresaberg, vielfach -von fremden Kaufleuten bewohnt, die ihre Geschäftshäuser unten in der -Stadt haben. - -Da ich mich bisher vergeblich um eine Thätigkeit hier in Rio bemüht -habe, so habe ich mir die Stadt schon so ziemlich angesehen, aber -es giebt nicht viel darin zu betrachten. Die Kirchen sind eine wie -die andere, und keine ist durch besondere Kunstschätze interessant; -das Museum (von dessen Existenz Viele hier gar nichts wissen und -das die Wenigsten ansehen) ist, abgesehen von einer prächtigen -Sammlung ausgestopfter, z. T. sehr seltener Vögel recht mäßig. Die -Kunstakademie, die eine Gemälde- und Statuensammlung enthält, ist, -was letztere betrifft, noch sehr in den Kinderschuhen, doch enthält -sie einige sehr interessante Gemälde einheimischer Künstler, die mir -ausnehmend gefielen an Farbengebung und lebendiger Anordnung. Ich -lege die Photographie eines derselben bei, welches „die erste Messe in -Brasilien“ darstellt, und bedauere nur, daß ich die einiger anderen -nicht bekam, zumal die eines Kolossal-Schlachtenbildes von Meirelles. -Im Ganzen ist es aber auffallend, wie wenig Sinn die Brasilianer zeigen -für die bildende Kunst; zu verwundern ist es freilich nicht, denn -die deklamatorischen Künste +müssen+ sie ihrer Natur nach mehr -anziehen. Der Brasilianer ist der geborene Redner, er deklamiert, sowie -er nur einen längeren Satz spricht, und alle lieben sie schwärmerisch -die Musik, und zwar die Italiener, dann französische Operetten und -- -Meyerbeer. - -Noch schwächer als mit der Malerei sieht es mit der Bildhauerei und der -Architektur aus. Die Stadt hat absolut keinen architektonischen Schmuck -an Gebäuden, Brücken oder Thoren aufzuweisen, Prachtbauten fehlen -gänzlich, wenn man nicht die immerhin ziemlich einfache fiskalische -Druckerei dahin rechnen will, und an Denkmälern habe ich nur zwei -entdecken können, wovon eins obendrein einen Heiligen darstellt. -Diese Armut an Denkmälern hat wohl z. T. darin seinen Grund, daß das -Land seit seiner Selbständigkeit nur eine äußerst kurze Geschichte, -also wenig historische Erinnerungen hat. Das einzige Denkmal, welches -außer jenem Heiligen (ich glaube gar, es ist Saõ Francisco) vorhanden -ist, verherrlicht denn auch den bedeutungsvollsten Augenblick von -Brasiliens Geschichte: es stellt nämlich den ersten Kaiser, den Vater -des jetzigen, Dom Pedro ~I.~ zu Pferde dar, wie er mit der -Verfassungsurkunde in der Hand dahergesprengt kommt. Das Standbild ist -von einem französischen Künstler, ist prächtig frisch aufgefaßt und -mit jener Dosis von Pathos versehen, die ihm bei den Brasilianern den -Erfolg sichert. Der Sockel trägt in Reliefs allegorische Darstellungen -der vier Hauptströme des Landes, des Amazonas, Saõ Francisco, Orinoco -und Madeira. - -Natürlich war ich auch in den Gärten von Rio, dem sehr graziösen und -so ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen ~Jardim publico~, wo -neulich eine deutsche Kapelle Mendelssohn’sche Duette spielte, ferner -in einem neuen, großartig angelegten Garten am Ende der Stadt und -~last not least~ in dem berühmten botanischen Garten mit seiner -noch berühmteren Palmenallee. Ja, Gretel, interessant und sehenswert -für den Fremden ist diese Allee jedenfalls, aber so sehr schön finde -ich die langen kahlen Stämme gerade nicht, und außerdem ist diese -berühmte Allee unausstehlich schattenlos. Dies Urteil ist aber wieder -etwas, das ich Dir nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit -überlassen kann, sonst steinigen mich die traditionellen Bewunderer -dieser Allee hüben und drüben, sei’s auch nur mit ~biscoitos~ Nr. -3! Die Allee ist merkwürdig und darum auch schön -- basta! Ich will -versuchen, mir diese Meinung auch noch anzugewöhnen und fortan die -+Palme+ als den +Alleebaum+ ~par excellence~ anzusehen. -Ob es mir gelingen wird? - - Deine rebellische +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882. - - +Liebste Grete!+ - -Ich muß Dir schon wieder schreiben, denn denke Dir, seit vorgestern -bin ich hier in einem Collegio engagiert! Ein Collegio ist eine -höhere Töchterschule mit Pensionat, und ich habe da also durch vier -Klassen die Töchter dieses Landes in die Geheimnisse der deutschen -sowie der englischen Sprache einzuführen und außerdem eine Unzahl von -Klavierstunden zu erteilen. Ach Grete, die beiden Sprachen, besonders -aber das Deutsche, werden meinen Schülerinnen wohl ewig ein Buch -mit sieben Siegeln bleiben; es ist merkwürdig, wie wenig sie bei -mir lernen! Ich habe noch nicht herausfinden können, ob es an mir -oder an ihnen liegt, vielleicht macht es auch der Racenunterschied -zwischen Germanen- und Romanentum, denn Französisch lernen sie halb im -Schlaf, und die Französinnen werden auch viel besser mit ihren Klassen -fertig. Ich war schon wieder ein paar Mal in Versuchung, den Bormann -hervorzuholen, ich habe ihn aber doch schließlich stecken lassen, weil -ich weiß, daß ich zu viele Vorwürfe für mich darin finden würde. - -Da zu wenig Schulräume vorhanden sind, so gebe ich meine Stunden -gewöhnlich mit einer andern Lehrerin zugleich in demselben Zimmer; -wärend also am einen Ende des Saales z. B. portugiesische Gedichte -deklamiert werden, versuche ich meinen unaufmerksamen „Donas“ die -Verwicklungen der deutschen Deklinationen klarzulegen. Die drei -Artikel mit ihren vier Fällen sind ihnen aber in ihren zwölfteiligen -Dunkelheiten (die Mehrzahl garnicht gerechnet) so unsympatisch, daß ich -ordentlich fühle, wie unser unschuldiges +der+, +die+, +das+ von der -ganzen gelbblaßen Gesellschaft vor mir wie eine hinterlistige Erfindung -angesehen wird, die eigens aus Tücke für Schulkinder gemacht wurde. -Neulich, als ich einer kleinen schwarzäugigen Krabbe verbesserte: „Der -Schirm steht hinter +der+ Thür“ -- warf sie mit sofort erscheinenden -Wutthränen ihr Buch auf den Tisch und schrie in hellem Zorn: „Was! -Sonst war es immer +die+ Thür, und jetzt ist es mit einmal +der+ Thür?!“ - -Grete, ich war ganz konsterniert und wußte im ersten Augenblick -wirklich nichts zu machen. Aber derartige Scenen kommen hier oft -vor. Die besseren Familien geben ihre Töchter überhaupt nicht in -Collegios, und daher ist diese Gesellschaft gewöhnlich die wenigst gut -erzogene und wildeste, die man sehen kann; sie toben und schreien oft, -bis sie ganz kirschbraun im Gesicht sind. Unsere jüngere Französin -~Mademoiselle Lerôt~ sperrt sie dann immer in einen leeren Schrank, bis -sie still sind. Die Vorsteherin sehen wir selten, eigentlich nur bei -den Mahlzeiten; sie ist die Einzige, die Autorität hat bei der wilden -Bande, vielleicht weil sie sich so wenig zeigt. Sie sitzt immer in -guter Toilette in ihrem Wohnzimmer, empfängt die Eltern ihrer Zöglinge -und giebt nur eine Lesestunde in jeder Klasse. Sie liebt es nicht, wenn -wir uns in Schulangelegenheiten an sie wenden, und so wird mir auch -nichts anderes übrig bleiben, als mir selbst zu helfen wie Mlle. Lerôt. - -Von einem Lehrplan oder auch nur einem Stundenplan habe ich bis jetzt -noch nichts entdecken können, und alles erscheint mir hier vorläufig -wie ein wüstes Chaos. Die Anzahl meiner Klavierschülerinnen habe ich -bis jetzt beim besten Willen noch nicht feststellen können; wenn ich -mich des Morgens um halb sieben ans Klavier setze, so erscheint bis -um zehn Uhr alle halbe Stunde eine Andre mit ihren Noten, als ob sie -von einem mechanischen Uhrwerk ausgespieen würden; ich notiere sie mir -nun alle nach der Reihe und werde wohl so mit Mühe und List endlich zu -einem gewissen Stundenplan durchdringen. - -Mich haben sie vorläufig noch ganz gern, und zwar, wie mir Mlle. -Lerôt sagte, weil -- ich gute Toilette mache (womit man doch manchmal -+Kinderherzen+ gewinnt!) und „nicht wie die andern Deutschen -aussehe.“ Letzteres ist hier ganz entschieden als ein Lob zu fassen, -es empörte mich aber nichts destoweniger; allein wie sollte von -Kindern Rücksicht zu erwarten sein, wenn sich Erwachsene ähnlicher -Taktlosigkeiten nicht schämen. Heute Morgen ging Madame mit einer -brasilianischen Dame und Zöglingsmutter durch das Musikzimmer, und -die Brasilianerin sagte ganz laut auf Portugiesisch: „Ist sie eine -Deutsche? Ah, sie hat garnicht den deutschen Typ und ist ja auch -sehr gut angezogen!“ Das Absprechen des „deutschen Typ“ war mir, der -starren Germanin, wie Du wohl denken kannst, äußerst schmerzlich und -zugleich bei meinem blonden Haar verwunderlich -- was aber mögen denn -meine deutschen Vorgängerinnen und andre Kolleginnen hier für Gewänder -getragen haben, wenn die Toilette der deutschen Damen so sehr das -hohe Mißfallen der Brasilianerinnen erregt?! Übrigens findet man diese -Geringschätzung deutscher Konfektion hier überall. Das Drastischste -in dieser Beziehung begegnete mir neulich in einem Friseurladen, wo -ich eintrat, um mir den kurzgeschorenen Kopf wieder einmal ordentlich -durchbrennen zu lassen. Ich wußte nicht, daß das an sich schon etwas -Auffallendes hier ist, da die Brasilianerin nie allein auf der Straße -geht und sich keinenfalls außer dem Hause frisieren lassen würde. Der -Jüngling mit der Tollscheere hielt mich zuerst für eine Französin, da -ich mein Anliegen auf französisch vorgebracht; dann fragte er, ob ich -Russin sei, und als er mich schließlich, halb zu meinem Ergötzen, halb -zu meiner Entrüstung durch alle Nationen durchgefragt hatte, meinte -er zuletzt: „~Mais enfin -- vous n’êtes pas allemande?~“ „~Et -pourquoi non?~“ sagte ich, innerlich wütend. „~Ah bah~“, -machte er verächtlich, „~ça se connaît; les allemandes sont toujours -mal-vêtues et n’ont pas de chic.~“ - -„„~Les allemandes~“ bedanken sich“, dachte ich und ging von -dannen, diesem Laden ewige Feindschaft schwörend. - -Aber da läutet es zum Thee. O dieser Collegio-Thee! Augenblicklich -mache ich mir die große Hitze zu Nutze, um ihn häufig auszuschlagen und -mir anstatt dessen die ~cajuada~, eine Limonade aus der Cajú-Frucht, die -hier viel getrunken wird und sehr kühlend ist, zu bereiten. Das zweite -Läuten -- ich eile! - - Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882. - -O Gretel, dieses Collegio -- es wächst mir über den Kopf! Ich glaube, -ich bin wirklich eine ganz miserable Lehrerin! Sie lernen nichts bei -mir, sie lernen garnichts. Ob es hier wohl Schulinspektoren giebt? Dann -blamiere ich mich entsetzlich. Ich finde mich so schlecht in dieses -oberflächliche Tünchen hinein; beginne ich aber zu vergründlichen, -dann wird es erst recht wüst -- ich bin ganz verzweifelt! Und nun gar -die Disziplin! Schon das Wort allein macht mich schamrot. Denke Dir -Folgendes. Als ich neulich in die Klasse trat, fand ich dieselbe sehr -unruhig und lärmend, und in meiner Ratlosigkeit that ich nochmals -einen verzweifelten Griff auf Bormann zurück. Sobald ich nämlich so -viel Ruhe schaffen konnte, daß ich gehört wurde, kommandierte ich -„Aufstehen -- setzen!“ fünf Mal hinter einander, was bei uns ja auch -wirklich nie verfehlt, eine Klasse zu beschämen. Und hier -- ~o -sancta simplicitas~! Nachdem ich ihnen erst überhaupt nur schwer -begreiflich gemacht hatte, was ich von ihnen verlangte, waren die -Kinder derartig weit entfernt, das Ganze für eine Strafe anzusehen, -daß sie glaubten, es handle sich um einen guten Spaß, hopsten zuletzt -immer noch von selbst wie die Perpendikel auf und nieder und amüsierten -sich königlich. Grete, seitdem ist Bormann für mich +hier in -Brasilien+ endgültig abgethan! Ich sehe wohl ein -- wenn hier eine -Pädagogik eingeführt werden soll, dann muß sie brasilianisch sein und -nicht deutsch -- brasilianisch in Bezug auf die ganze Auffassung und -alle Voraussetzungen, sie muß dem Charakter des Volkes, den häuslichen -Lebensverhältnissen dieser Leute angepaßt sein. Brasilianische Kinder -sollten überhaupt nicht von Deutschen erzogen werden, es ist völlig -verlorene Mühe, denn das fremde Reis, das der Jugend da aufgepfropft -wird, gedeiht doch nicht! Mir geht es hier mit den Kindern, wie ich -Dir von Saõ Francisco in Bezug auf die Pflanzen schrieb: wir verstehen -einander nicht, wir reden äußerlich und auch seelisch eine fremde -Sprache mit einander, und besonders letzteres macht mir die Existenz -hier zu einer furchtbar unbehaglichen. - -Allerdings läßt auch meine äußere „Behaglichkeit“ einiges zu wünschen -übrig. Mein „Zimmer“ ist ein fensterloser Alkoven, der sich von einem -Zöglingssaal abzweigt und nur durch die Thür zu diesem Raum Luft und -Licht erhält! Seine ganze Ausstattung besteht aus dem Bett (es ist eine -+wohlfeile+ Ausgabe von dem in Saõ Francisco), einem Waschtisch -und einem Stuhl. Ich besitze weder Schrank noch Kommode; mein Koffer -dient als Leinzeugbehälter, und für meine besseren Kleider hoffe ich -immer noch Mlle. Lerôt den Strafschrank abzuschmeicheln, wofür mir -die Kinder jedenfalls sehr dankbar sein werden. Schreiben thue ich -auch in dem Zimmer der Französin, mit der ich trotz der Erbfeindschaft -hier im Hause noch am meisten sympathisiere. Ihr Zimmer ist zwar auch -nicht viel besser als meines, aber sie hat einen Tisch darin und ein -Fensterchen oben an der Decke, während ich in meinem dunkeln Loch, -deren es in jedem brasilianischen Hause giebt, manchmal fast ersticke. -Dazu kommt, daß wir in diesem Hause schrecklich unter den Baratten -leiden, einem widerlichen Käfer, unserer Schabe ähnlich, doch von -Maikäfergröße und pestartigem Geruch! Die Baratte ist eine allgemeine -Landplage hier, aber so, zu Hunderten und Tausenden wie in diesem -Hause, habe ich sie noch nicht auftreten sehen. Abends wenn ich mit -den Kindern in ihren Schlafsaal trete, wimmelt es auf dem Fußboden von -den eklen Tieren, und sofort wird mit Stiefeln und allen erreichbaren -harten Gegenständen Jagd darauf gemacht. Hunderte rennen uns davon, -aber hunderte von Leichen bleiben auch auf dem Schlachtfeld und werden -dann erst ausgekehrt. Glaube nicht Grete, daß dies übertrieben ist, es -soll in alten Häusern oft so schlimm sein, und gewiß könnte mir mancher -andre Brasilienreisende Ähnliches bestätigen. Von den Mosquitos, den -Ameisen, den Eidechsen und anderem Ungeziefer spreche ich garnicht, -weil es gegen diese Baratten nichts ist, die außerdem noch alles -anfressen und ruinieren, wo sie dazu kommen können; allein schon in -diesen wenigen Nächten haben sie mir meinen Göthe ganz aus dem Einband -gefressen! - -Überhaupt ist mein Enthusiasmus für Rio schon ziemlich abgekühlt. Das -Leben hier im Collegio ist nicht sehr reizvoll, und das Wandern in -den Straßen wird zur Pein durch -- die übergroße „Höflichkeit“ der -Herrenwelt. Sie sind es von ihren Landsmänninnen nicht gewohnt, Damen -allein auf der Straße zu sehen, und wenn sie auch wissen, daß wir -Fremden diese Freiheit hier für uns in Anspruch nehmen +müssen+, -so scheinen sie sich doch berechtigt zu glauben, europäische Damen, -wenn sie allein sind, mit Anreden zu belästigen. „~Comment ça -va-t-il, Mademoiselle?~“, „~Mais, ou allez-vous si vite, mon -enfant?~“, solche und ähnliche Redensarten habe ich mir nun schon -die Überwindung angeignet, ohne Thränen einfach zu ignorieren. Was -sagst Du aber dazu, daß sich neulich, als ich eben einen Handschuhladen -verlassen wollte, ein langer, dürrer Brasilianer grade vor mich -hinstellte und mit der unverschämtesten Miene unter seinem Kneifer -hervorgriente: „~Pas décidemment jolie, mais gentille, très -gentille!~“ Ich stürzte aufgebracht von dannen, was ihn höchlich zu -amüsieren schien. - -Ach, Grete, hätte ich wenigstens eine gleichgestimmte Seele hier! -Mademoiselle Lerôt, Miß Dahlmann, ja, sie sind ja ganz freundlich und -liebenswürdig -- aber so eine rechte Freundin möchte ich haben -- so -eine Grete! Ach, Herz, wenn Du hier wärest -- -- aber nein, ich will -es Dir doch nicht wünschen! Bleibe Du drüben, und (ganz heimlich ins -Ohr flüstern) ich komme auch wieder -- sobald das Reisegeld reicht. -Vorläufig ist große Ebbe im Schatz, und mein Collegio-Gehalt wird keine -Flut hineinleiten; also noch heißt’s Stillsitzen, denn allein das -Dampfer-Billet bis Hamburg kostet 30 £! - -Den 22. - -Heute war ich bei dem Pastor der hiesigen deutschen Gemeinde und auch -bei dem deutschen Konsul; beide waren sehr liebenswürdig, und der -Konsul, der ein feiner Mann ist und die Brasilianer auch nach Gebühr -„würdigt“, empfiehlt mir, lieber nach der Provinz Saõ Paulo zu gehen, -wenn ich dort irgend etwas bekommen könne; dies sei keine Stellung -für mich, und in Saõ Paulo seien auch mehr Kolleginnen. Ich habe mir -das gesagt sein lassen und studiere nun, wo ich es erhaschen kann, -eifrig das ~Jornal de Commercio~, wo unter Annoncen entlaufene Neger -betreffend und zwischen Sklavenverkaufsanzeigen auch „~professoras~“ -mit zahllosen Fähigkeiten und Vollkommenheiten gesucht werden. Übrigens -habe ich hier im Collegio gelernt, daß es „~professora~“ nur heißt, -so lange man beliebt ist, sonst wird man auf das mindere „~mestra~“ -herabgesetzt. Ein wahres Glück ist es, daß man hier keine Kontrakte -macht oder Kündigungsfristen innehält, denn wenn man dabei freilich -auch stets gewärtig sein muß, an irgend einem beliebigen Tage an die -Luft gesetzt zu werden, so kann man doch auch selber sein Ränzel -schnüren, wenn’s einem zu bunt wird. Adieu, mein Schatz; empfiehl mich -dem Wohlwollen aller neun Musen, daß sie mich nach Saõ Paulo gelangen -lassen! - - Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882. - -Grete, bist Du schon einmal auf dem Wege zum Zahnarzt gewesen, um Dir -einen festen Backenzahn ausreißen zu lassen? Vielleicht. Aber ist es -Dir dann auch schon passiert, daß man Dir plötzlich an die sorgfältig -behütete Wange ein hartes Etwas geschleudert hat, das daselbst -zerplatzte und eine kleine Flut patchouliduftenden Wassers in Deinen -Hals ergoß? Nein? Dann weißt Du auch nicht, wie viel Galle Du hast. -Widersprich mir nicht -- Du weißt es nicht! Ich meinesteils wenigstens -erhielt durch die eben erzählte Prozedur einen so unvermuteten -Aufschluß über die Größe meines Quantums Cholerik, daß ich in meiner -guten Meinung von mir ganz beträchtlich gedemütigt wurde. - -Es war in der ~rua dos Ourives~, wo ich meine Entdeckung machte. -Ihre erste Wirkung war, wie gesagt, mir mit +einem+ Schlage die -schönen Illusionen zu rauben, die ich in Bezug auf die Milde meiner -Gemütsart gehegt -- allein „paff“ betäubte ein zweites hartes Etwas mit -nachfolgender Wasserflut, das sich diesmal die entgegengesetzte Seite -aussuchte, meine Selbstanklagen, und es wallte wieder zorniger in mir -auf... „piff“ sauste es unmittelbar darauf an meiner Nase vorbei und -zerplatzte an der Wand neben mir -- ich wollte mich bücken, um die -Beschaffenheit dieser entsetzlichen kleinen Geschosse zu konstatieren --- „puff“ zerplatzte es dumpf in meinem Nacken und lief mir den Rücken -hinab. - -Außer mir vor Zorn stand ich still und blickte um mich, meine -Zahnschmerzen vollständig vergessend. Rings um mich her sah ich -Gesichter von einer so impertinenten Heiterkeit, wie Gesichter sie nur -anzunehmen pflegen, wenn sie sich in einem ohnmächtig-zornsprühendem -Antlitz reflektieren dürfen; elegante Herren, schmutzige -Mulattenjungen, Kommis, Straßenbummler, sogar die Damen auf den -Balkons, alles verwandelte sich mir in ebenso viele grinsende -Teufel, und alle zielten wie auf Verabredung auf mein unseliges, -zahnwehbehaftetes Ich mit jenen infamen kleinen harten und wässrigen -Geschossen. Mechanisch drückte ich mich an ein Haus, um wenigstens von -hinten gesichert zu sein... sssrrr floß es in wohlberechnetem Guß auf -meinen Hut (es war eine echte Feder darauf!) überschwemmte ihn und -suchte einen Ausweg in meinen Kragen. - -Ich war vollständig betäubt. Was war dies? Was bedeutete es? Wachte ich -wirklich und befand ich mich in einer der besten Straßen Rios, oder war -dies alles ein wüster Traum?! - -Da lehnt sich eine junge Brasilianerin lächelnd zu dem Fenster hinaus, -an dem ich wie angewurzelt stehe; ich wende mich an sie und will sie -anreden, da hebt sie die Hand -- ein kleines blankes Flakon glänzt -darin -- „huist“, „huist“ -- und meine beiden Augen waren momentan -dienstunfähig. Das war zu viel! Ich war außer mir. Eine ohnmächtige -Wut und zugleich eine unglaubliche Feigheit all diesen geheinmisvollen -Feinden gegenüber bemächtigte sich meiner, und als ob der Böse selber -mich verfolgte, legte ich den Rest meines Weges zurück. - -Am ganzen Körper bebend vor Zorn und bei jeder Bewegung Tropfen -sprühend, sank ich, am Ziele angelangt, in Thränen ausbrechend auf ein -Sofa im Wartezimmer von Dr. Müller, der mich seit einer Woche unter -seiner zahnärztlichen Behandlung hatte. - -„Aber liebes Fräulein, was fehlt Ihnen?“ rief er aus dem Nebenzimmer; -doch als er dann eintrat und mich so triefend dasitzen sah, verzog -sich auch sein Gesicht zu einer Spielart jenes bereits erwähnten -Heiterkeitsausdruckes, und ich sah, wie schwer es ihm wurde, nicht laut -heraus zu lachen. - -„Ja, mein Gott“, rief ich außer mir vor Zorn, „was ist denn nur los, -ist denn hier in Rio alles toll geworden!“ - -Jetzt lachte der Doktor los, faßte mich bei der Hand, führte mich -an den Wandkalender und wies mit dem Finger auf eine Zeile des -Monats Februar -- „+Fastnacht+“ -- las ich da und sank, dumpf -aufseufzend, auf den nächsten Stuhl. - -Der Doktor begann an mir herumzupflücken. „Was machen Sie denn?“ fragte -ich matt. - -„Ich sammle Ihnen wenigstens einige Wachsstücke ab.“ - -„Wachsstücke?“ wiederholte ich ebenso matt, aber erstaunt. - -„Nun ja, Sie haben, wie es scheint, eine gehörige Ladung von den -Dingern bekommen, Wachseier mit Wasser gefüllt, unter deren Zeichen Rio -nun bis zum Aschermittwoch fortwährend stehen wird.“ - -Bis zum Aschermittwoch, das waren damals noch eilf Tage! Mit stummem -Entsetzen überschlug ich das mögliche Quantum von Patchouliwasser -und Wachseier-Schalen, des aus Kübeln gegossenen Wassers garnicht zu -gedenken, das sich in diesen eilf Tagen noch den Weg in meine Garderobe -suchen konnte, und ingrimmig zerdrückte ich das Wachs einer halben -Eierschale, die ich eben aus meiner triefenden linken Manschette zog. - -„Da ist wohl der Zahn noch für heute gerettet?“ lächelte der Doktor. - -„Nein, im Gegenteil“, rief ich mit einer Erneuerung meiner vorherigen -„Energie“ -- „an etwas muß ich meinen Zorn auslassen, und sei es an -mir selber; reißen Sie -- reißen Sie --“ Und so wurde ich um einen -Weisheitszahn ärmer. - -Als ich in das Collegio zurückkam und meine Abenteuer erzählte, geriet -die kleine Bande in eine schreckliche Aufregung -- „~Laranginhas, -Laranginhas!~“ wurde das allgemeine Feldgeschrei. Die Brasilianer -nennen diese abscheulichen kleinen Wachsgeschosse ~Laranginhas~ d. h. -kleine Orangen, mit denen sie jedoch meiner Ansicht nach nicht die -geringste Ähnlichkeit haben; sie haben vielmehr die Form und Größe von -Hühnereiern, und die Kinder gießen sie selbst mittels einer hölzernen -Form. Dutzende von solchen Formen kamen wie mit Zauberschlag in unserm -ehrenfesten Collegio zum Vorschein, und ehe wir Lehrerinnen es uns -versahen, war die Wasserschlacht im vollen Gange. Nicht nur, daß man -sich in den Pausen mit ~laranginhas~ bombardierte, sondern sogar in -den Stunden spritzten sich die Nachbarinnen mit den ~bisnagas~, die -durch Gott weiß wen eingeschmuggelt wurden, Wasser in die Ohren und -die Kleider, so daß an eine ruhige, gesammelte Stunde garnicht mehr -zu denken war. (Die Bisnagas sind kleine Flakons genau wie unsre -Farbenfläschchen, und man hat sie mit allen Parfüms gefüllt, bis zu den -feinsten Sorten). Am Sonntag aber, als die Kinder nun nichts zu thun -hatten, wurden sie ganz wild und begossen sich gegenseitig von oben -bis unten mit Wasser aus großen Steinkrügen und Waschschüsseln. Das -ganze Schlafzimmer schwamm, und Mlle. Lerôt und ich standen ratlos vor -der wasserberauschten Gesellschaft, die wie die Wilden umhersprangen -und schrieen, bis glücklicherweise Madame kam und der Sache ein Ende -machte. Seitdem haben wir hier im Hause Ruhe. - -Draußen aber dauert dieser geschmackvolle Faschingssport ruhig fort, -so daß ich mein Schicksal verwünsche, das mich grade jetzt alle Tage -in die ~rua dos Ourives~ treibt, und halbe und ganze Stunden vergrüble -über der Zusammenstellung möglichst wasserdichter Kostümierungen. Die -Brasilianer aber sind selig in dieser Zeit, ganz „aus dem Häuschen“. -Man sieht reiche junge Brasilianer die Straße entlang wandern eigens -zum Zweck dieses wässrigen „Amüsements“, einen Negerjungen hinter -sich, der in einem mächtigen Korbe ~laranginhas~ und ~bisnagas~ bereit -hält, und hunderte von Franks sollen da von Einzelnen auf diese Weise -verschleudert werden. Obgleich es in jedem Jahre von neuem verboten -wird, geschieht es in jedem Jahre wieder, und an den Straßenecken -stehen ganz naiv sogar die Negerinnen da, welche große Tablets voller -~laranginhas~ zum Verkauf feil halten. In den Pferdebahnen fürchtet ein -Jeder einen Jeden, und wenn man eben anfängt, seinen Nachbarn mit ein -wenig mehr Vertrauen zu betrachten, so fährt man im nächsten Moment -entsetzt zusammen, da der Hintermann einem mit wahrhaft teuflichem -Genuß ein ganzes Fläschchen Wasser in den Kragen gießt. Aber ärgern -darf man sich nicht, denn wenn sie das sehen, so ist man erst recht -verloren, und je mehr man sich in der Kleidung zu schützen sucht, desto -nasser wird man. Jetzt naht sich aber die Sache glücklicherweise ihrem -Ende, denn gestern war der große Faschingsumzug, und heute ist der -beschließende Maskenball. - -Den Umzug habe ich mit angesehen von dem Balkon einer mit Madame -befreundeten Familie in der ~rua d’ Ouvidor~, und ich kann nicht -anders sagen, als daß er ganz brillant war. Viele der Wagen, deren -Ausstattung man teils aus Lissabon, teils aus Paris hatte kommen -lassen, waren sogar hochkomisch, so einer derselben, „das wahre Bild -der Hölle“ betitelt, wo in Gestalt von lebensgroßen Strohpuppen Mönche -verbrannt, Pfaffen geprügelt und Nonnen gerädert wurden. Und das -in einem +katholischen+ Lande! Aber der Brasilianer ist nicht -mehr so fromm wie seine Vorfahren. Mit Jubel begrüßt wurde zumal ein -andrer Wagen, wo aus der Dachluke eines darauf stehenden Häuschens in -regelmäßigen Intervallen von einigen Minuten die täuschend ähnliche -Maske des hiesigen Telegraphendirektors heraussah, der mit einer -Schere die über dem Hause weggeleiteten Telephondrähte zu zerschneiden -suchte, was nämlich in der That auf sein Anstiften von den Unterbeamten -geschehen sein soll. An die eigentlichen darstellenden Wagen schloß -sich eine lange Reihe Kutschen mit Masken an, allerdings nur Herren mit -Damen vom Theater und der Demimonde. Da der Zug nicht beworfen werden -durfte, so konnte man ihn in Ruhe betrachten, aber dennoch kam ich die -ganze Zeit über nicht aus der Gänsehaut heraus wegen der gruseligen -Geschichten eines neben mir stehenden Brasilianers. Die eine handelte -von einem deutschen Lehrer, der wegen eines herausfordernden Havelocks -in der Faschingszeit vor einigen Jahren schließlich von zwei handfesten -Negern erfaßt und in eine mit Wasser gefüllte Badewanne geschleppt -worden war, worauf er die Cholera bekommen, die andre von einem -Engländer, der sich aus den ~bisnagas~ und den ~laranginhas~ -das gelbe Fieber und den Tod geholt. Als er die dritte anfangen wollte, -die wahrscheinlich von einem Russen gehandelt hätte, bat ich ihn, mich -zu verschonen. - -Nun -- Gute Nacht, mein Gretel -- es ist entsetzlich heiß, so daß -das Licht vor mir sich biegt, aber ich kann es aushalten, da ich es -selten drückend finde, indem die große atmosphärische Feuchtigkeit -sehr mildernd wirkt. Die schlimmste Zeit ist nun auch bald vorüber und -damit auch die Zeit des gelben Fiebers, die allerdings alljährlich nach -dieser wilden Faschingszeit noch einmal einen Aufschwung nimmt; noch -sterben wöchentlich gegen hundert Personen allein am gelben Fieber. -Mich muß es nicht wollen, Grete, denn sonst hätte ich es bei meiner -augenblicklichen schlechten Verpflegung längst bekommen müssen, zumal -es immer zuerst „die weißeste Haut“ nimmt; Europäer, und besonders -Engländer und Deutsche sind am meisten ausgesetzt, und zuletzt bekommen -es die Neger. - -Übrigens ~à propos~ Verpflegung Grete! Die Zeit ist da, wo ich -„eine Passion für das gedörrte Hammelfleisch“ habe; es ist wenigstens -nicht so fett und läßt sich daher bei der Hitze am besten essen. Mit -Appetit esse ich aber nur, wenn mich Carsons einmal zu einem guten -englischen ~beef~ einladen, was sie thun, so oft ich abkommen -kann. Sie sind überhaupt rührend gut zu mir, Grete, und viel von -meiner Courage in diesem fremden Lande danke ich ihrem freundlichen -Zuspruch; ~God bless them~! - -Aber Mademoiselle wird ungeduldig, ich muß schließen. Es küßt Dich, -mein Gretel, - - +Deine Ulla.+ - - - - -[Illustration] - - - - - Rio de Janeiro, den 2. März 1882. - -In aller Eile ein paar Worte, Herzensgrete! Ich bin nach Saõ Paulo -engagiert und zwar, denke Dir mein Glück, nach der +Stadt+ Saõ -Paulo zu einer, wie es scheint sehr netten Familie. Herr Konsul Haupt -war so sehr liebenswürdig, eine Annonce für mich in das ~Jornal de -Commercio~ rücken zu lassen, wo er mich wohl sehr herausgestrichen -haben muß, denn dieser Herr Costa ist eigens von Saõ Paulo -hergekommen, um dies Wundertier von „~professora~“ (~vulgo~ -„~mestra~“) zu engagieren. So geht’s denn morgen nach der -„geistigen Hauptstadt von Brasilien“, wie der Paulistaner seine Stadt -mit Stolz und Vorliebe nennt. - -Madame war höchst ärgerlich, als ich ihr sagte, daß ich fort wolle, und -hat mir kaum Adieu gesagt, aber alle, die mir wohlwollen, raten mir zu. - -Weißt Du aber, was mir jetzt klar geworden ist, Gretel? Der Grund, -warum meine deutschen Kolleginnen in ihrer Toilette nicht im Stande -waren, den Beifall ihrer brasilianischen Mitschwestern zu erlangen! -Ich werde wohl nächstens auch ohne denselben fertig werden müssen. -Stelle Dir vor, wenn es Dir möglich ist, daß ich neulich für ein -Kattunkleidel, das ich haben mußte und mir bei einer französischen -Schneiderin anfertigen ließ, dieser edlen „Madame Victorine“ baare -78 Mark Macherlohn auf den Tisch des Hauses niederlegen mußte!! Ich -war versteinert und werde nie mehr zu einer Madame Victorine gehen, -wenn meine mitgebrachten Sachen nicht mehr reichen, sondern es machen, -wie es wahrscheinlich meine Kolleginnen hier vielfach thun: ich werde -selber zu Schere und Nadel greifen! - -Der erste „Erfolg“ dieses Kattunkleidels ist, daß ich Mr. Carson -anpumpen mußte, um an meinen neuen Bestimmungsort zu gelangen, und ich -schreibe Dir dies als ~exemplum tragicum~ zu Nutz und Frommen -aller Derer, die es bethören sollte, wenn man ihnen in Brasilien -4-5000 Mark Gehalt bietet. Jetzt werde ich übrigens nur 3000 bekommen. -Aber Courage habe ich doch noch, Gretel, unterkriegen lassen wir -uns nicht. Wie sagt jener geistreiche Franzose? ~Il faut fatiguer -l’infortune!~ - - Unverwüstlich Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 20. März 1882. - - +Meine einzige Grete!+ - -Heute bekam ich einen ganzen Haufen lieber freundlicher Briefe von Mr. -Carson nachgeschickt, und ich wundre mich nur, daß sie alle angekommen -sind! Du bedauerst mich so sehr wegen des „abscheulichen Collegio“, Du -Gute, aber das sind ja glücklicherweise jetzt schon wieder ~tempi -passati~, wie Du siehst, und ich fühle mich dagegen hier in Saõ -Paulo wie im Himmel. - -Schon die Reise hierher war mir sehr interessant, da sie mich durch -eine recht vielseitige Landschaft führte. Um neun Uhr Morgens -installierte mich Mr. Carson in einem Coupé erster Klasse der Saõ -Paulo Railway -- +erster+ Klasse, Grete, nicht etwa aus Hochmut -oder aus plötzlich eingetretener Kassenflut (im Gegenteil, Du weißt -ja: Madame Victorine!) sondern weil es in diesem Lande überhaupt nur -zwei Eisenbahnklassen giebt, und in der zweiten nur der ~nigger~ -aller Schattierungen fährt. Mein Aufenthaltsort hatte auch wenig -gemein mit unsern heimischen Coupés erster Klasse, mehr mit einem -solchen dritter. Ungeteilt bot der Waggon mit seinen 24 Plätzen auf -Sitzen von Rohrflechtwerk, seinen acht offenen Fenstern, die Wind, -Sonne und Staub zugleich hereinließen, einen möglichst ungemütlichen -Aufenthalt. Es reisten fast nur Herren in dem Wagen, und Nichtraucher- -oder Damen-Coupés, wohin ich mich hätte zurückziehen können, giebt es -hier zu Lande nicht. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, holten die -Brasilianer jeder ein großes weißes Laken hervor, das rings mit Franzen -besetzt war und in der Mitte ein Loch hatte, durch welches sie den Kopf -steckten, so daß das Laken um sie herumfiel. Diese Dinger nennt man -~ponchos~, und wärend die leichten gegen den Staub benutzt werden, -so dienen wärmere, buntfarbige gegen Regen und Kälte. - -Die meisten der Herren versanken sehr bald hinter die riesigen Blätter -ihrer ~Jornals de Commercio~, und es dauerte nicht lange, da -erinnerten sie sich auch zu meinem Entsetzen ihrer Cigarretten. War die -Fahrt bisher nur mäßig angenehm gewesen, so wurde sie jetzt zu einer -wahren Kreuzfahrt. Nicht wegen des Rauches; Du weißt, Grete, ich bin -nicht so zimperlich, aber -- für den rauchenden Brasilianer scheint -die Welt um ihn her nichts zu sein als ein großes +Spucknapf+. -Der offen zur Schau getragene Ekel der Fremden, ja, manche recht -blamable Scenen in Restaurants und auf den englischen Küstendampfern -haben bis jetzt nichts an dieser widerlichen Unsitte ändern können. -Der Brasilianer sieht das fortwährende Umsichspucken für etwas ganz -Harmloses an, worauf er in seinen Häusern auch auf das Gründlichste -eingerichtet ist, denn neben jedem ihrer ungemütlichen Rohrsofas wirst -Du zu beiden Seiten die schönsten, buntesten Spucknäpfe erblicken, -immer gleich paarweise und so groß und schwungvoll, daß ich sie zuerst -immer für Blumentöpfe hielt. - -Ich machte den Versuch, mich meiner Umgebung einigermaßen zu -entziehen, die sich gelegentlich um zwei und drei rauchende, -schwatzende Schaffner vermehrte, indem ich aufstand, um mir durch das -offne Fenster die Gegend zu betrachten. Aber mit diesem Einfall machte -ich ein klägliches Fiasko. So ein brasilianischer Zug, wenn er einmal -im Gange ist, rast mit unglaublicher Schnelligkeit, aber er wackelt -auch ebenso unglaublich hin und her, und wenn man dazu noch seinen Fuß -in der (natürlich unbefestigten und zerrissenen) Fußmatte verwickelt, -so darf man froh sein, wenn man sich nach drei Sekunden mit einer Beule -an der Stirn, im Übrigen aber mit heilen Gliedern auf seinen Sitz -zurückgeschleudert findet. Diese Schnelligkeit des Beförderns zusammen -mit so manchen Unzulänglichkeiten und Naivetäten hat Etwas, was sich am -besten durch „ungebildet Civilisiertes“ ausdrücken ließe, Etwas, das -unwillkürlich lächeln macht, ein Eindruck, den ich schon oft in diesem -Lande empfangen habe. - -Trotz alledem und alledem gelang es mir doch, die Natur rings im Großen -und Ganzen aufzufassen und ihren Reichtum, ihre Großartigkeit und ihre -Weite zu würdigen. Es ist alles großartiger als bei uns, es ist überall -wie ein Überfluß an vorhandenem Raum, und es kommt mir immer so vor, -als habe die Natur mit großem Griff Berg und Thal hier verteilt, um nur -erst zu füllen, worauf sie’s dann freute, wiederum mit vollen Händen -ihr Werk zu schmücken mit großblättrigen Bäumen und deren seltsamen -Früchten, mit graziösem Strauchwerk, das hier aber auch immer Baum zu -werden trachtet, und mit großen, intensiv gefärbten Blumen, wie um den -kleinen Menschen über diesem phantastischen Schmuck ihre gewaltige -Größe weniger drückend empfinden zu lassen. Berg und Thal wechselte -fortwährend, und wir passierten dreizehn Tunnels, von denen der längste -vier Minuten Fahrzeit in Anspruch nahm. - -Hier auf dem Bahnhof holte mich Dr. Costa (+natürlich+ „Doktor“) -mit meinen beiden ältesten Zöglingen ab. Das Mädel von zwölf Jahren, -Lavinia, machte mir gleich einen sehr netten, frischen Eindruck, und -ich kann wohl sagen, daß ich sie seitdem schon wirklich lieb gewonnen -habe. Überhaupt, Grete, fühle ich mich hier wie im Himmel, nachdem das -Collegio wie ein wüster Traum hinter mir liegt. Zwar schütteln die -Kolleginnen den Kopf über mein Entzücken und meinen, die Costaschen -Jungen seien in der ganzen Stadt berüchtigt wegen ihrer Ungezogenheit, -so daß sie +hier+ schon keine Erzieherin mehr bekämen. Ich mag -aber vorläufig von nichts hören und bin froh, daß ich hier bin und mit -Kolleginnen und andern +Menschen+ verkehren kann. - -Hier in Saõ Paulo sind ziemlich viele Deutsche, aber meistens -Handwerker, und ich verkehre eigentlich nur im Hause des deutschen -Apothekers, den ich zuerst in seiner Eigenschaft als Konsul aufsuchte. -Das sind Prachtmenschen, sage ich Dir, Gretel! Hochgebildet und doch -schlicht dabei, klug, liebenswürdig und gastfreundlich. Schon mancher -deutsche Brasilienreisende hat in ihrem Hause ein paar frohe, anregende -Stunden oder Tage verlebt, und selbst fürstliche Gäste haben sich wohl -gefühlt in dem freundlichen Schaumannschen Hause. Ich bin am Sonntag -zu Mittag dagewesen und lernte bei der Gelegenheit zwei sehr nette -Kolleginnen kennen, Frl. Meyer und Frl. Harras, die ich Dir wohl noch -öfter nennen werde; da ich außerdem schon die Bekanntschaft einer -dritten, älteren Kollegin gemacht hatte, die schon seit Jahren die -Vettern und Kousinen meiner Schüler erzieht, so siehst Du, daß es -mir hier golden vorkommen muß gegen meine bisherigen brasilianischen -Erfahrungen. Ich bin doch unter Menschen, ich bin doch nicht so -entsetzlich allein! - -Bei Schaumanns trifft man Gesellschaft aus aller Herren Länder, so daß -doch auch einmal wieder von einer Unterhaltung die Rede sein kann. Da -kamen neulich gegen Abend ein alter origineller dänischer Ingenieur und -früherer Hauptmann, ein französischer Musiklehrer, ein deutscher Arzt -und ein englischer Ingenieur, ein sehr netter Mensch, der sich fast -ausschließlich mit mir unterhielt und sich über mein Englisch freute, -das er sehr gut fand. Er heißt Mr. Hall und wohnt seit einem halben -Jahr hier in Saõ Paulo, wo er die Vertretung einer großen englischen -Maschinenfabrik hat. Er sieht aus wie -- nein, doch nicht! Ich glaubte, -eine Ähnlichkeit gefunden zu haben, aber er sieht doch eigentlich -niemandem ähnlich. Ach Gretele, ich bin so froh, daß ich hier bin, so -sehr froh! - - Deine glückliche +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 5. April 1882. - - +Mein liebes, herziges Gretele!+ - -Es ist wirklich wahr: Saõ Paulo ist der beste Platz für Erzieherinnen -in Brasilien, die Stadt sowohl wie die ganze Provinz, denn hier -kokettieren Männlein und Weiblein, d. h. die jüngere Generation, mit -der „Wissenschaft“ und spielen sich mit Vorliebe auf das Gelehrten- und -Philosophentum heraus. Man ist +Universitätsstadt+! Allerdings -darfst Du Dir darunter kein Bonn oder Heidelberg vorstellen, schon -darum nicht, weil diese ~Academia~ nur eine Facultät besonders -pflegt, nämlich die juristische. Weiter im Innern der Provinz, bei -den Padres (der Name des Ortes ist mir entfallen), werden die Pfaffen -zurechtgemacht, hier die Advokaten und in Rio de Janeiro die Jünger -Aeskulaps, die „Doktoren“ ~par excellence~. - -Zu Advokaten passen die Brasilianer insofern ausgezeichnet, als sie da -ihr deklamatorisches Talent verwerten können. Sie +sprechen+ für -ihr Leben gern, wenn sie auch nichts +sagen+; mit dem Pathos, das -sie an eine einzige Rede verschwenden, könnte man bei uns bequem deren -zehn ausstatten, und dennoch haben sie keine eigentliche Begeisterung -noch auch individuelle Impulse -- denn alle reden in dem gleichen -traditionellen Tonfall, der auch bei allen Gelegenheiten derselbe zu -bleiben scheint. Alles ist äußerlich, alles Halbbildung und Geste. -Dieses pomphafte Phrasieren, dies hochtrabende Pathos ist an sich schon -immer verdächtig und komödiantenhaft, aber wenn Du wirklich einmal die -Probe darauf machst und die Leute nach etwas fragst, so können sie Dir -keine Rechenschaft geben. - -Da sind Leute, die an der Spitze der republikanischen Partei stehen, -und sie kennen weder die Geschichte noch die Verfassung ihres Landes, -geschweige die andrer Nationen, da giebt es andere, die sich zu dem -philosophischen System des geistreichen Contes zu bekennen behaupten, -und sie haben nicht seine elementarsten Lehren begriffen, da geben sie -Urteile über die Sprachen fremder Nationen ab und können Dir keine -Regel der eigenen erklären. Alle neuen Erfindungen auf technischem -Gebiet müssen sie sofort haben, aber die Ingenieure zur Einrichtung -kommen gleich mit aus Europa, und wenn sie wieder fort sind und es -geht etwas an der betreffenden Maschinerie entzwei, dann kann ein -Einheimischer sie gewiß nicht reparieren. Gründlichkeit herrscht -nirgends, und wenn sie auch äußerlich Anschluß an deutsche Bildung -zu suchen scheinen auf allen Gebieten der Wissenschaft -- so lange -sie sich nicht zugleich auch deutschen Fleiß und Ernst, deutsche -Ausdauer und Gewissenhaftigkeit aneignen können, bleibt es doch nur -Pantomime. Sie gehören eben innerlich nicht zu uns, mir drängt sich -dies Gefühl immer von neuem auf, und die Brasilianer selbst bethätigen -die Richtigkeit desselben instinktiv, indem sie mit ihrem +Herzen+ -doch immer wieder den Franzosen und andern romanischen Völkern -zuneigen, wenn ihnen auch deutscher Geist oder englische Thatkraft -mehr +imponieren+. Aber ich merke, daß ich +predige+ -- darum -schnell zu etwas Anderem. - -Meine jetzigen „Erziehungssubstrate“ sind in der That wahre -Muster-Exemplare von Wildheit, und nur bei Lavinia hat sich diese -berechtigte(?) Familieneigentümlichkeit zu einer angenehmen Frische -abgeschwächt. Mit den Jungen habe ich einen schweren Stand, und mehr -als einmal haben sich die beiden Brüder schon in der Stunde beim Kragen -gehabt, ehe ich mich dessen versah. Da braucht der eine blos eine -falsche Antwort zu geben, dann wirft der andre eine lebhafte vorlaute -Verbesserung dazwischen, wofür ihm jener schneller als der Blitz eins -mit dem Lineal überzieht -- dann haben wir die schönste Rauferei, -und es ist für mich keine Kleinigkeit, diese Brüderzwiste immer -rasch wieder zu schlichten; neulich habe ich mich dazu aufgerafft, -den kleineren einfach vor die Thür zu setzen, und finde das Mittel -eigentlich ganz probat. Aber ich will versuchen, hier auszuhalten; man -muß streben, solche arme, schlechterzogene Kinder zu bessern. Meinst Du -nicht auch, meine süße Grete? Ich möchte doch nicht schon wieder fort. - -Gestern traf ich zufällig auf Mr. Hall, als ich zu Frl. Meyer ging, -und er begleitete mich ganz bis an das Haus. Weißt Du Grete, er -ist wirklich sehr nett, garnicht wie die Brasilianer, fast wie ein -Deutscher; er hat so aufrichtige große blaue Augen und sieht so -männlich aus. Er fragte mich, ob ich nicht Sonntags in die englische -Kirche ginge; eine deutsche ist hier nämlich nicht. Ich bin zwar bis -jetzt noch nicht hingegangen, aber es ist wirklich wahr, ich sollte es -thun; es ist recht unrecht, daß ich bis jetzt nicht dagewesen bin. -Nächsten Sonntag muß ich bestimmt hingehen. Es küßt Dich tausendmal - - Deine +Ulla+. - -~P. S.~ Anliegend schicke ich Dir zwei Verdeutschungen eines -brasilianischen Gedichtes von Goçalves Dias (in Europa gedichtet), -das wohl so eine Art von Anspruch auf Volkstümlichkeit hat, wenn man -in diesem Lande, wo es eigentlich gar kein Volk giebt, und wo ich -+niemanden+ finde, der mir den Text der Nationalhymne sagt, von so -etwas sprechen kann. Die eine ist von Herrn Schaumann und fast wörtlich -übersetzt, die andre, freiere, von unserm verehrten Dranmor; Du wirst -da den +Dichter+ sofort erkennen. Ich schicke die wortgetreuere -Übersetzung voraus. - - -Lied des Verbannten. - - Meine Heimat, die hat Palmen, - Und dort singt der ~sabia~, - Anders zwitschern hier die Vögel, - Anders zwitschern sie da. - - Unser Himmel hat mehr Sterne - Und mehr Leben unsre Wälder - Und mehr Liebe unser Leben - Und mehr Blumen unsre Felder. - - Dort des Abends, wenn alleine, - Wie viel süßer träumt’ ich da! - Ach, mein Heimatland hat Palmen, - Und dort singt der ~sabia~. - - Volles Glück beut meine Heimat, - Wie ich hier noch keines sah, - Und des Abends, wenn alleine -- - Wie viel süßer träumt’ ich da! - Ja, mein Heimatland hat Palmen, - Und dort singt der ~sabia~. - - Wolle Gott nicht, daß ich stürbe, - Ohn’ daß ich es wiedersah, - Ferne von dem Glück der Heimat, - (Ach, ich finde es nur da!) - Ferne von der Heimat Palmen - Und dem Lied des ~sabia~. - -Und nun die Übertragung des Poeten: - - -Lied aus der Verbannung. - - Palmen schmücken meine Heimat, - Und so traulich ist es da, - Wo von grünen Blätterkronen - Uns begrüßt der Sabia. - - Zeigt mir holden Waldesschatten, - Fluren, die den unsern gleich, - Sterne, wie sie niederleuchten - Auf der Liebe Zauberreich. - - In den trüben Winternächten - O, wie gramvoll denk’ ich da - An das Land der Palmenhaine - Und des Sängers Sabia. - - Denn es stralt in Schönheitsfülle, - Wie ich sonst sie nirgends sah, - Und in allen Traumgebilden - Ist es meiner Sehnsucht nah - Mit dem Flüstern seiner Palmen, - Mit dem Gruß des Sabia. - - Laß, o Gott, erst dann mich sterben, - Wenn mein Land ich wiedersah, - Und die Heimat mich beglückte, - Wie es hier noch nie geschah, - Wie die Palmen es verkünden - Und der Ruf des Sabia. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 21. April 1882. - -Heute ist in unserm Hause etwas passiert, worüber sich Herr Costa und -seine Frau sehr geärgert haben, was ich aber nicht umhin kann, doch -wieder sehr komisch zu finden. - -Wir hatten hier nämlich einen Sklaven im Hause, einen kräftigen -Burschen von etwa 25 Jahren, der in dieser Zeit, wo niemand neue -Sklaven kauft und auch keine mehr heranwachsen, für seinen Herrn -sehr wertvoll war. Dieser Gute war nun vorgestern zu irgendwelchen -Besorgungen in die Stadt geschickt, erschien aber nicht wieder. Zuerst -glaubte man, ihm sei ein Unglück geschehen, und ließ ihn suchen, aber -nichts fand sich. Dann nahm man an, er sei entlaufen, und Herr Costa -ließ es sofort in die Zeitung setzen. Gestern früh bekommt er plötzlich -eine Zuschickung von der hiesigen „Gesellschaft für Abolierung der -Sklaverei“, des Inhalts, der Sklave Tiberio habe sich im Büreau -der Gesellschaft zum Loskauf gemeldet und 200 Milreis (ca. 400 M.) -deponiert, die man ihm nun für denselben als Kaufpreis biete; man werde -den Schwarzen bis zur Entscheidung da behalten. Herr Costa schimpfte -und tobte wie ein Wilder im Hause herum, nannte sich selbst einen Esel, -daß er den Sklaven nicht längst auf die Pflanzung geschickt habe, und -stellte schließlich eine Gegenforderung von 2000 Mark. Heute Morgen -war nun der Termin, wo ein Arzt und ein andrer Sachverständiger über -den Wert dieser menschlichen Ware entscheiden sollte. War aber unser -guter Herbergsvater gestern schon wütend gewesen, so kam er heute -gradezu wie besessen zurück, fluchte und zeterte, daß die Wände bebten. -Was hatte man nämlich gethan? In der Zwischenzeit von vorgestern bis -heute war dem Tiberio +ein+ Purgativ über das andre eingegeben -worden, bis der früher so kräftige Bursche auf dem Termin natürlich als -eine elende knieschlotternde Kreatur erschien, die Arzt und Taxator -selbstverständlich nicht höher als 200 Milreis einschätzen konnten. -Wie findet Ihr dies? Ehrliche Arbeit ist es ja nicht, aber es ist auch -wieder ein gut Teil Humor dabei. - -Es wird jetzt überhaupt sehr viel von der Sklaven-Emancipation -gesprochen, die Sache scheint plötzlich in Schwung zu kommen. Der Staat -wirft jedes Jahr einen Fond zum Loskauf im Budget aus, in den Provinzen -bilden sich Emancipationsgesellschaften, und viele Sklaven werden frei -durch Privat-Initiative. - -Gewiß ist diese Bewegung sehr schön, aber was wird dabei auch für Staub -aufgewirbelt! Was für Schmutz kommt dabei zum Vorschein! Die deutsche -Zeitung in Rio bringt hin und wieder interessante Streiflichter über -diese Sachen. In der Provinz ~Espirito santo~ kaufte man aus den -staatlichen Fonds vor einiger Zeit zwei Sklaven im Alter von 69 und 70 -Jahren ihren Herren für je 1000 Mark ab. Wem zu Nutzen geschah das: den -alten, verbrauchten Sklaven, die der Tod sowieso bald erlöst hätte, und -die jetzt ihr Brot erbetteln müssen -- oder ihren Herren? Bei einem -andern Sklavenhalter verheiratete sich eine 72jährige Sklavin mit -einem 75jährigen Freien. Da aber die an Freie verheirateten Sklaven -oder Sklavinnen beim Loskauf immer zuerst berücksichtigt werden sollen, -so empfahl ihr Herr die 72jährige junge Frau dem Emancipationsfonds -für 2000 Mark und -- bekam sie! In Tatuhy wurde ein Sklave, der sich -im letzten Stadium der Schwindsucht befand, aus den Mitteln des -staatlichen Emancipationsfonds für die Summe von 1 Conto 500 Milreis -(3000 Mark) freigekauft. Aber diese und ähnliche Durchstechereien -und Betrügereien sind nichts gegen die Entdeckung, daß +längst -verstorbene Neger+ als durch den Emancipationsfonds freigekauft -in den Listen figurierten und ihre früheren Herren natürlich die -Loskaufssumme für sie einsteckten, worauf man sie nach einiger Zeit -dann zum zweiten Male und endgültig sterben ließ!! - -Anderseits ist aber auch viel wirklicher Edelmut zu verzeichnen, und -täglich kann man in den Zeitungen ganze Spalten angefüllt sehen mit -den Namen solcher Besitzer, die ihre Sklaven freiwillig entließen. Man -darf dies nicht zu gering anschlagen, und wenn ich jetzt im Geiste Euer -„Nun, das ist aber so natürlich!“ höre, so sage ich mir freilich, daß -ich in Europa ebenso gedacht haben würde, aber auch zugleich, daß man -hier an Ort und Stelle anderer Meinung werden muß! Erstens sind die -Sklaven ein, wenn auch nicht humaner, so doch ein ebenso rechtmäßig -erworbener Besitz wie jeder andre, anderseits aber heißt „alle seine -Sklaven plötzlich entlassen“ für die meisten Pflanzer nichts anderes -als: „sich ruinieren“. Denn was Ersatzschaffen für 80-100 oder 200 -gehorsame Sklaven heißt, ganz besonders aber in Brasilien, wo es keinen -freien Arbeiterstand giebt, und auf entlegenen Pflanzungen heißt, -davon kann man sich nur schwer einen Begriff machen, wenn man nicht -einmal mit angesehen hat, was freie Arbeit heißt in einem Sklavenlande, -und wenn man selbst in einem Lande lebt wie Deutschland, wo das -Angebot der Arbeitskraft ihre Verwendbarkeit übersteigt. Ich kann es -mir also sehr gut erklären und finde es durchaus gerechtfertigt, wenn -auch sonst humane Pflanzer sich weigern, ihr bisheriges Vermögen, die -Sklavenarbeit, ohne Kampf und vor allen Dingen ohne Aufschub und Frist -herzugeben. Ich glaube nicht, daß irgend ein Europäer anders denken -würde, und Du mußt deshalb nicht glauben, mein Gretel, daß sich Deine -Ulla hier zur hartherzigen Sklaverei-Schwärmerin ausbildet. - -Im Gegenteil, sie ist weichherzig wie immer und hat neulich sogar -- -ein +lyrisches Gedicht+ gemacht! Das ist doch gewiß tröstlich! - - Deine +Ulla+. - -Vor mir stehen ein paar herrliche Rosen, die mir Mr. Hall gestern -gegeben hat; ich war ihm neulich zufällig wieder begegnet, und er hatte -sie eben zufällig gekauft. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 5. Mai 1882. - - +Mein Herzensgretele!+ - -In Deinem letzten Briefe „lächelst Du eine Bemerkung“ über den -hochtrabenden Namen meiner kleinen Schülerin: +Lavinia!+ Ja, das -ist aber nur der Anfang zu einer ganzen antiken Gallerie, die ich -hier unter meiner pädagogischen Zuchtrute habe. Der älteste Junge -heißt Cajus Gracchus, mein dritter Zögling Plinius; er sollte zuerst -Tiberius heißen, erzählte mir Lavinia, doch wurde dieser Name als -speziell „negerhaft“ dann wieder verworfen. Auf ihn folgen ein paar -Römer+innen+: Clölia und Cornelia, die ich immer noch hoffe, -einmal mit reinen Gesichtern zu erblicken, wenn man das überhaupt -von echten und rechten, in der Wolle gefärbten Republikanerkindern -verlangen darf. Die Namen seiner Kinder machen nämlich einen Teil des -politischen Glaubensbekenntnisses von Herrn Costa aus. Bis zur Cornelia -kann ich ihm ja auch folgen; -- was ihn jedoch veranlaßt haben kann, -sein jüngstgebornes Knäblein Vercingetorix zu nennen, das ist mir ein -undurchdringliches Rätsel! Sollte er die Gefühle des biedern alten -Galliers für seine Lieblingsnation, die Römer, so gröblich mißkennen?! -Daß er für die nötigen zwei feindlichen Parteien beim Soldatenspiel -hätte sorgen wollen, ist nicht wahrscheinlich: brasilianische Kinder -spielen nie Soldat, und außerdem würden da auch schon die Vettern Rat -schaffen, die bereits, ebenfalls die landläufigen Joaõ, Luiz oder -Carlos verschmähend, einen Themistokles und einen Perikles unter sich -aufweisen. - -Friedfertiger lassen sich die großen und kleinen Kousinen an. Da -rivalisiert keine Sappho oder Aspasia mit unsern Römerinnen, dafür -verwirren sie aber einen armen Europäer-Verstand um so ausgiebiger -durch eine überwältigende Einigkeit unter ihren Namen: Dona Maria, Dona -Maria Salome, Dona Maria Magdalena, Dona Maria da Gloria, Dona Maria da -Conceicaõ, Dona Maria da Cruz -- und so mit Grazie ~ad infinitum~. -Und dann zu sehen, mit welcher Sicherheit die Brasilianer unter all -diesen Marien herumunterscheiden, und sogar womöglich noch wissen: -Dona Maria Magdalena, Tochter von Dona Maria das Dores etc.! In diesem -Bevorzugen der Vornamen liegt aber eine gewisse Unzivilisiertheit, es -erinnert so an Adam und Eva, die auch keine Familiennamen hatten. Und -es wäre doch so viel leichter, alle jene Marien auseinander zu halten, -wenn man ihren Familiennamen hinzufügte, anstatt des Vornamens der -Mutter, denn die oben genannten sind +nur+ zwei- und dreiteilige -Vornamen. Auch schokiert es mich immer von neuem, so eine alte Dame -von dem jüngsten Jüngling etwa mit „Dona Gabriella“ oder einen alten -weißhaarigen Großvater mit „Senhor Carlos“ anreden zu hören. Da lobe -ich mir doch unsre Titel! Wenn es heißt „Frau Geheimerätin“, „Frau -Oberamtmann“, „Frau Superintendent“, da weiß man doch wenigstens, daß -nicht von der 17jährigen Tochter die Rede ist, wärend man hier nie -weiß, wie hoch oder wie niedrig auf der Staffel der Jahre man so eine -„Dona“ einzuschätzen hat. Wolltest Du jedoch eine Dame z. B. „Senhora -Maria“ anreden, so würdest Du sie sehr beleidigen, denn „Senhora“ ist -in der guten Gesellschaft nur ohne Namensanschluß zulässig und wird mit -Namen für die untere Klasse der Freien, freie Mulattinen etc. gebraucht. - -Wir deutschen Erzieherinnen und wohl auch andre Ausländerinnen werden -in den Geschäften etc. gewöhnlich mit der Anrede „Madamma“ beglückt, -ein schon für’s Ohr abscheulich häßliches Wort, das aber noch -unleidlicher erscheint, da man sich sagen muß, daß der brasilianische -Hochmut es eigens erfunden hat, um die ~estrangeiras~ (bitte, sprich -das immer mit der gehörigen Verachtung aus) von den +~Brazileiras~+ zu -unterscheiden. - -Die Dame des Hauses heißt in jeder Familie für die Bedienung -+Sinha+[5], der Herr +Sinho+, die älteste Tochter stets ~Sinhasinha~, -der älteste Sohn ~Nhonho~; letztere beiden Bezeichnungen werden auch -unter den Geschwistern gebräuchlich. Für die übrigen Kinder kommen -dann noch hinzu: Nhonhosinho, Nhanha, Senhara, Nunu, häufig auch -Bébé und ähnliche Benennungen, eine immer häßlicher als die andere. -Man denke sich eine Geschwisterreihe wie folgt: Sinhasinha, Nhonho, -Nhanha, Senhara, Nunu, Nhonhosinho, Bébé -- für unsre Ohren doch das -Erreichbare an Geschmacklosigkeit, in Brasilien aber faktisch in jeder -Familie vertreten. Mädchen, die Maricota heißen, werden mit Vorliebe in -„Cocotte“ abgekürzt! - -Zahlreiche Leute gehen hier unter sogenannten ~appelidos~, Beinamen -oder Rufnamen. Diese Sitte wird ja auch wohl in Oberbayern und Tyrol -gefunden, doch sind dort die Rufnamen doch immer wirkliche Namen, -wärend sie hier oft ein ganz unerklärlicher Blödsinn sind. Auf Saõ -Francisco war als Erdarbeiter ein Portugiese beschäftigt, der nie -anders als „Johann mit dem Hut“ genannt wurde; selbst Dr. Rameiro -sprach so von ihm mit dem gleichmütigsten Gesicht, und ich bin -überzeugt, er stand auch so im Lohnbuch. Und als der Doktor einmal nach -einer kleinen Nachbarstadt ritt und nach dem Hause eines Senhor Carlos -de Oliveira fragte, konnte ihm kein Mensch dasselbe zeigen, wogegen er, -sich glücklich dessen dummen Appelidos „Nhonho Padre“ (kleiner Herr und -Pater) erinnernd, sofort Auskunft erhielt. - -Anderseits erscheint es wieder, als könne dem Brasilianer sein Name -nicht prunkend genug sein, und er stellt ihn sich so mannichfaltig -zusammen, wie er nur irgend kann. Weißt Du noch, wie wir in der Pension -die kleine Brasilianerin oder eigentlich ihren herrlich-prunkenden -Namen unterthänigst verehrten? Julieta Olympia Leite da Costa Pinto! -Was war dagegen Anna Schulze, oder wie empfand man bei dem Bewußtsein, -daß es Leute gäbe, die Meier heißen! Aber, aber -- die Illusionen -weichen! Stelle Dir vor, daß Leite Milch heißt, Costa die Küste und -Pinto das Kücken, und Du wirst Dich, wie ich es gethan, mit Schulze, -Müller und vielleicht gar mit Meier aussöhnen. Und grade einen dieser -Namen Costa, Pinto, Leite führen hier wohl 50% aller Einwohner in -irgend einer Verbindung. Chaves bedeutet Schlüssel, Machado Axt, und -nun gar Leitaõ lautet im erbarmungslosen Deutsch: Ferkel! Ja, der -Marquis de la Marlinière hat Recht: „die deutsche Sprak ist ein arm -Sprak, ein plump Sprak --“! Durch all unsre leidigen Consonanten -verlaufen die meisten unsrer Namen auch so armselig und „klanglos“ im -Sande! Wie viel besser endet sich’s doch da auf ein a oder o oder gar -auf oa! - -Ja, wenn es bei uns im guten Deutschland auch so leicht wäre wie -hier, sich einen schönen Namen zu verschaffen, ich glaube, da würden -die sogenannten „Sammelnamen“ bald aussterben, und wie würde das -Geschlecht der Cohne aufatmen! Gefällt +hier+ jemandem sein -Name nicht oder giebt er zu Verwechselungen Anlaß, so legt er sich -einfach einen andern bei, läßt das in die Zeitung setzen und damit -basta. Frl. Meyer ist hier in einer Familie, wo der Hausherr und seine -beiden rechten Brüder total verschiedene Namen haben. Sie nehmen da -übrigens das Gute, wo sie es finden. Es giebt im Lande Leute, die sich -Montmorency, Medina-Coeli etc. nennen, und zahlreich sind die Pedro de -Alcantara, wie Du weißt, der Hausname des Kaisers. Seit dem letzten -Jahrzehnt haben auch einige deutsche Namen Gnade vor brasilianischen -Augen gefunden. Einer Veröffentlichung zufolge wollte sich ein -Namens-Unzufriedener fortan noch Habsburgio zubenennen, was mich ja -an und für sich ziemlich kalt lassen würde, wenn nur nicht plötzlich -ein deutscher Forscher Wind bekommt von der Existenz dieses Namens in -Brasilien und uns, in enthusiastischer Entdeckungsfreude, noch eine -ausgewanderte Linie der Habsburger mit allerlei verwickelten Daten und -Zahlen in die Geschichtstabellen hineinforscht. Na, ich bewahre den -Zeitungsausschnitt auf, bis Du das Examen wenigstens glücklich hinter -Dir hast. - -Neulich habe ich übrigens ob dieses Namens-Unfugs meinen gehörigen -kleinen Zorn gehabt, als nämlich ein wenig reputierliches Individuum, -das wegen Ruhestörung sistiert wurde, seinen Namen als Joaõ Leaõ -+Bismarckio+ angab[6]. Wenn der Kaiser sich alle die Pseudo-Pedro de -Alcantara in seinem Lande gefallen lassen will, und der Sklavenbaron es -duldet, daß seine freigewordenen Sklaven sich +seinen+ Familiennamen -beilegen, so sagen wir: „~De gustibus non est disputandum~“ -- allein, -ich denke, wir Deutschen halten unsre großen Namen heiliger, und man -müßte sich dergleichen auch im fremden Lande verbitten. - -Jetzt bin ich aber so in den Ärger hineingeraten, daß ich mich auf dem -Wege des Übergangs nicht wieder herausfinde; Du bist darum wohl nicht -böse, liebe Grete, wenn ich einen Sprung mache; es ist ja das ohnehin -modern, unsre Schriftsteller machen ja oft wahre ~salto mortales~, wenn -die Handlung nicht so recht schreiten will. Ich finde das bequem, -also..... denke Dir, daß mich neulich ein junger Brasilianer zum Tanz -aufforderte mit den Worten: „Haben Euer Excellenz schon einen Partner?“ -Auf der einen Seite neben mir saß sein jüngerer Bruder, an dem andern -Stuhl lehnte ein Cello -- blieb nur ich für die „Excellenz“ -- Der -Mensch sah zu einfältig aus, um mich aufziehen zu wollen, also die -Excellenz tanzte. Die Sache amüsierte mich aber so, daß ich sie bei -erster Gelegenheit lachend an Lavinia’s Mutter erzählte -- da kam ich -aber schön an! Das erfordre die einfachste Höflichkeit, hieß es (bitte, -versuche nicht, Dir eine Vorstellung von der komplizierten danach zu -machen, es könnte Dir zu Kopf steigen), und „~Vossa Excellencia~“ -klinge doch entschieden schöner als das simple „~A Senhora~“ --- -- Dagegen ließ sich absolut nichts einwenden, und „schluckuhrig“ -zog ich mit dieser Belehrung von dannen. Das Titelwesen hier ist das -reine Studium und meiner Ansicht nach viel komplizierter als bei -uns. Über die Titulatur der Damen habe ich Dir schon gesprochen. Die -Herren heißen alle Senhor; der „Don“ kommt im Portugiesischen, wo es -Dom geschrieben wird, nur den Prinzen zu. Aber mit „Senhor“ kannst -Du freigiebig sein, das ist jeder, der nicht Sklave ist, auch der -barfüßige Erdarbeiter, doch haben sie in solchem Falle eine pfiffige -Art, das Wort ganz kurz, etwa wie „Sior“ auszusprechen, so daß der Mann -den Abstand begreift. Auch im Satz heißt die Anrede meistens Senhor und -Senhora: „Würde mir der Senhor dies Buch leihen?“ „Wünscht die Senhora -ein Glas Wasser?“ - -~Vossé~ ist unserm Du gleich, man redet die Sklaven so an und -die Kinder, wogegen diese Vater und Mutter Senhor und Senhora und nur -selten Papa und Mama titulieren. So ziemlich zwischen ~vossé~ und -Senhor resp. Senhora steht ~Vosse mercé~, was Du im Ollendorf mit -„Euer Gnaden“ übersetzt findest; es bedeutet aber thatsächlich bei -weitem nicht so viel, kommt vielmehr unserm einfachen „Sie“ am nächsten -und ist im Ganzen sehr wenig gebräuchlich. Etwas unterwürfiger wiederum -als das einfache Senhor ist ~Vossa Senhoria~, und da erzählte mir -neulich unser sehr verdienter Landsmann Gruber hier, der durch sein -Wirken und seine Verbindungen auch einigen politischen Einfluß hat, -eine nette kleine Steigerungsgeschichte. - -Er hatte mit einem ganz einfachen Brasilianer vom Lande (man nennt die -Leute ~Caïpira~) wegen einer Wahl verhandelt und ihn dabei einfach -~vossé~ angeredet. Als aber der Mann seinerseits ihn ~vosse -mercé~ titulierte, hatte Gruber ihm an Höflichkeit nicht nachstehen -wollen und folglich dieselbe Anrede aufgenommen. Da sprang aber unser -guter ~Caïpira~ zu Senhor und dann zu ~Vossa Senhoria~ über, -wohin ihm Herr Gruber auch noch folgte. Als jener aber dann sofort eine -Stufe höher rutschte und sich zu ~Vossa Excellencia~ verstieg, -sagte unser Landsmann lachend: „Na, mein Bester, nun wollen wir man -stoppen, wir können uns doch schließlich nicht einander ~Vossa -Majestade~ anreden!“ - -Schicke doch den nächsten Titelhasser, der Dir begegnet, einmal -herüber, Grete -- hier würde er alle unsre einheimischen Titel segnen -lernen, die so oft die Zielscheibe des Spottes fremder Nationen sind. -Das Wunderbarste ist die Adels-Aristokratie dieses Landes, es giebt -darunter Leute, die als barfüßige Erdarbeiter s. Z. aus Portugal -eingewandert sind, aber die Barone, Marquis und Vicondes aus Dom Pedros -Adelsfabrik bringen dem Staate ein hübsches Sümmchen ein. Schade -nur, daß so ein teuer erstandener Marquis oder der bar bestrittene -Vicomte mit dem glücklichen Käufer begraben wird! Dom Pedro traut -seinem heißblütigen Völkchen nicht; der Vater ein Baron und der -Sohn vielleicht ein Bummler -- da wird nichts dergleichen vererbt. -Was aber solch eine Aristokratie dem Lande nur soll! Sehr selten -und nur aus besonderer Gunst, und wenn der Kaiser den Betreffenden -wirklich ehren möchte, wird das „von“ oder der Titel einfach zu dem -Namen des Belehnten gesetzt, sonst wird er fast immer mit einem -Ortsnamen verbunden. Die meisten dieser Ortsnamen sind der alten -einheimischen Guarany-Sprache entnommen, der noch unzählige Orte hier -in Brasilien ihre Benennung verdanken. So giebt es z. B. einen Marquis -de Itanhaem d. h. „vom steinernen Mörser“; einen Visconde de Suassuna -d. h. „vom schwarzen Reh“; einen Visconde de Uruguay d. h. „vom -Hahnenschwanzflusse“; einen Visconde de Muritiba d. h. „von dem Orte, -wo es Fliegen giebt“; einen Baron de Cambathy d. h. vom „schwarzen -Affen“; einen Visconde de Iroumitatá d. h. von „bringe mir Feuer“ etc. -Manche Namen sind natürlich auch portugiesisch, und da übt der Kaiser -denn manchmal seinen Spott daran aus. Ein Baron „Groß-Mogul“, den er -creïrt hat, ist noch lange nicht das Schlimmste, es soll sogar Bewerber -genug gegeben haben, die der erfinderische Spott des kaiserlichen -Titelfabrikanten abgeschreckt hat. - -Und dennoch, liebe Grete -- mit den Wölfen muß man heulen: Wenn Du mir -wieder schreibst, so bitte adressiere den Brief: - - ~Illustrissima Excellentissima - Senhora Dona Ulla von Eck.~ - -Das ist das mindeste, was dazu gehört, sonst halten sie mich hier für -gar zu simpel. Womit ich verbleibe - - D. O. - - - [5] nh ist überall wie nj zu sprechen, entspricht also dem - französischen ~gn~. - - [6] Deutsche Allgemeine Ztg. für Brasilien vom 30. Juni 1883 - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 29. Mai 1882. - - +Meine liebe gute Grete!+ - -Meine antiken Zöglinge sind wirklich sehr ungezogen, und ich habe -alle möglichen pädagogischen Finessen nötig, um mit ihnen fertig zu -werden. Besonders kann ich die beiden Jungen nie allein unten im -Schulzimmer arbeiten lassen, wenn Lavinia oben Klavierstunde hat. -Es kommt mir immer vor wie die Geschichte mit dem Wolf, der Ziege -und den Kohlköpfen, die ein Schiffer einzeln über den Fluß zu setzen -hatte und von denen er doch niemals Ziege und Kohl oder Wolf und Ziege -unbeaufsichtigt zusammen zurücklassen konnte. Neulich hatte Cajus -Gracchus -- sein Vater nennt ihn immer pomphaft „~Gracho~“ -- -als der Stärkere, wenn auch weniger Begabte von beiden, seinen Bruder -einfach zu dem niedrigen Parterre-Fenster hinausgesteckt, und dieser -stand nun zeternd davor und warf Sand und Steine hinein -- Du kannst -Dir den Zustand meines Zimmers nachher vorstellen! - -Die Eltern kümmern sich absolut nicht um das, was die Kinder thun, -vielleicht gehört das zu Herrn Costas republikanischem „System“. -Die drei ältesten sind ganz meiner geistigen Fürsorge anvertraut, -und die jüngeren Römer werden von den Negerinnen so gut oder so -schlecht versorgt, wie es diesen paßt. Neulich sah ich den kleinen -zweijährigen Mucius vollständig nackt im Garten umher laufen, nachdem -er eben gebadet war, und die Grachenmutter, sowie die tapfere -Schwimmerin Clölia erblicke ich nur selten anders als in den ersten -Toilettenstadien. So sehr überhaupt bei „Gelegenheiten“ und auf der -Straße die Brasilianerinnen das sind, was der Engländer ~dressy~ -nennt, so primitiv ist ihre Haustoilette. Auch die vornehmste und -reichste Brasilianerin geht im Hause vom Morgen bis zum Abend in einem -einfachsten, völlig besatzlosen Kattunrocke und weiter Jacke, sowie -mit herabhängenden Zöpfen. In der heißen Zeit ist das ja allerdings -ganz angenehm und erquicklich, allein in den kühleren Monaten ist es -absolut nichts als Faulheit, denn da ist ein fester Anzug sehr gut zu -vertragen, ja wünschenswert. Aber die Wollkleider hängen im Schrank, -oder sie haben überhaupt keine: im Hause wird Kattun getragen, auf der -Straße trägt man feinere Waschstoffe und vielfach Seide; sie finden -die wollnen Kleider auch unreinlich, weil sie nicht alle acht Tage -gewaschen werden können! Weißt Du, Grete, diese Brasilianer haben -eine wunderbare Art von Reinlichkeit und Ordnung an sich. Sie baden -oft, die meisten jeden Tag, und doch sind viele Kinder und Erwachsene -nie so recht „zweifelsohne“ um Ohren und Hals herum; sie wechseln -sehr oft Wäsche und Kleidung, aber wie oft ist beides zerrissen und -unordentlich! Es besteht hier über diesen Punkt zwischen Einheimischen -und Fremden eine kleine Gereiztheit. Viele Gewohnheiten der Brasilianer -erregen wohl mit Recht den Widerwillen der letzteren, wenn’s auch nicht -ganz so schlimm ist, wie Herr Zöllner macht. Dafür rächen sich dann -die Brasilianer mit der Anekdote von jenem Deutschen, der, als sein -Wirt ihm am zweiten Tage seines hübenschen Aufenthaltes, wie am ersten -ein Bad angeboten, ganz empört geantwortet habe: „nein, so ein Ferkel -sei er nicht, daß er jeden Tag zu baden brauche“, auf welche Anekdote -dann natürlich wieder mit deutschen und englischen, z. T. weit derberen -Geschichten gedient wird. Nun, derlei Streitereien sind unfruchtbar und -werden vor allen Dingen nichts ändern an eingeborenen und durch das -Klima begünstigten Eigenschaften. - -Ich persönlich leide unter diesen Landeseigentümlichkeiten besonders -nach der Seite der Fußbekleidung hin. Hier im Hause wird außer meinen -kein Stiefel gewichst, und Du machst Dir keinen Begriff von den -Manipulationen, Listen und Mühen, die nötig waren, um den Haushalt -mit einer Wichs-Einrichtung, und eine Negerin mit der Fähigkeit -auszustatten, dieselbe angemessen zu benutzen; letzteres ist auch bis -heute noch sehr unvollkommen geglückt. Herr Costa läßt seine Stiefel -mit Lack einschmieren, was ja sehr bequem ist und den Negern daher weit -besser gefällt als das Wichsen, Madame trägt im Hause Pantoffeln, auf -der Straße feine Halbstiefelchen oder Bronzeschuhe; ordentliche, feste -Chauffüre brauchen die hiesigen Damen nicht, da sie bei schlechtem -Wetter einfach nicht ausgehen. Die Kinder laufen mit ungepflegtem -Schuhzeug einher, bis es ihnen sozusagen in Fetzen von den Füßen fällt, -was z. B. bei Plinio alle 14 Tage der Fall ist. Schuhwerk ausbessern -zu lassen, ist den Brasilianern fremd; es wird eben so lange getragen, -bis es schlecht wird; dann wird es weggeworfen und durch neues ersetzt. -Es giebt hier auch gar keinen ordentlichen Schuhmacher, sondern nur -Läden mit fertiger, meist aus Frankreich bezogener Ware, so daß es -für uns Ausländer sehr schwierig ist, etwas ausgebessert zu bekommen, -es sei denn, daß man die Sache den umherziehenden italienischen -Flickern anvertraue, die vor der Hausthür die Stiefel flicken wie die -Kesselflicker bei uns die Töpfe. - -Ein tüchtiger Handwerkerstand fehlt hier überhaupt noch fast ganz, -und vor allem wird man selten einen +brasilianischen+ Handwerker -finden; die wenigen, die vorhanden sind, sind meist Deutsche, -Portugiesen und Italiener. Dieser Mangel verteuert hier das Leben -sehr, insofern als man zwar die fertigen Sachen kaufen kann, aber -nicht die Möglichkeit hat, sie sich durch gelegentliches Ausbessern -oder Aufarbeiten zu erhalten. Ich meine, für fleißige Handwerker wäre -hier ein weit dankbareres Feld als für den einwandernden Landmann, -der Klima, Bodenverhältnisse, Absatzwege etc. nicht kennt, der -augenblicklich durch die Sklaven-Emancipation die ungünstigsten -Verhältnisse vorfindet, und dessen Auskommen schon durch die bereits -vorhandene Überproduktion des einen großen Export-Artikels, des -Kaffees, erschwert wird. Was der +Handwerker+ arbeitet, hat aber -stets seinen Markt, und fleißige, tüchtige Leute bringen es nach dieser -Richtung hin hier immer zu etwas. - -Nur einmal habe ich in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, den Mangel an -tüchtigen „erhaltenden“ Kräften zu preisen. - -Cajus und Plinius besaßen nämlich jeder ein Velociped, ersterer sogar -ein ganz modernes Bicycle, das Herr Costa ihm aus England hatte kommen -lassen. Auf diesen unseligen Vehikeln brachten nun die Römerjünglinge -außer den Schulstunden ihr Dasein zu und entwickelten eine derartige -Anhänglichkeit an dieselben, daß sie sogar „vom hoh’n Velociped herab“ -zu Mittag speisten. Da die Eltern gleichmütig dabei saßen, mochte ich -nicht wehren, aber meine Mahlzeiten wurden durch Plinio’s bedrohliche -dreirädrige Nachbarschaft entschieden in ihrer Gemütlichkeit nicht -gehoben; zumal waren die Momente beunruhigend, wenn er von kleinen -zerstreulichen Rundfahrten um den Tisch, die er in seinen Essenpausen -unternahm, auf seinen Platz zurückkehrte. Nachdem er denn auch richtig -einmal derartig in meinen Stuhl gefahren war, daß er mich fast mit -dem Gesicht in meinen Teller schickte, bekam er zwar eine Rüge, aber -das aufregende Vehikel blieb zu Rechtens bestehen. Jetzt ist aber das -abscheuliche Ding glücklich zerbrochen, und wärend ich hier unten in -meinem Zimmer schreibe, rollt doch wenigstens nur das große Zweirad -über meinem Kopfe herum, auf dem der Grache sich im Eßzimmer Bewegung -macht, da es draußen regnet. Es ist eine ordentliche Erlösung! - -Ich erzählte es neulich Mr. Hall, und er sagte, sie hätten zwar unter -ihren Arbeitern einen, der es würde ausbessern können, doch wolle er -ihn zu Gunsten meiner Nerven „unterschlagen“, wenn er danach gefragt -würde. Das ist doch nett von ihm, nicht wahr, Gretele? Er heißt George -mit Vornamen; er gab mir neulich einen Brief von seiner Schwester an -ihn zu lesen, da habe ich es gesehen. - -Aber nun schnell zum Schluß, denn da kommt Frl. Harras; sie kommt jeden -Montag zu mir, und Donnerstags gehen wir zusammen zu Fräulein Meyer... -da ist sie schon. Sie läßt „die Grete“ grüßen, von der ihr schon so -viel erzählt hat - - Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 20. Juni 1882. - - +Mein Herzensgretele!+ - -Ich schreibe in einer Atmosphäre von Pulverdampf! Wirf nur einen Blick -auf das Datum oben, und Du wirst vielleicht von selbst darauf kommen, -warum. Es ist nämlich gestern wieder der Tag des Täufers gewesen, -(schon ein Jahr, seitdem ich Dir damals von Saõ Francisco aus schrieb!) -und hier in der Stadt merkt man erst so recht, was das in Brasilien -sagen will! - -Schon seit einigen Tagen spukte der Heilige vor; jeden Abend wurde -gefeuerwerkelt, und selbst dem hellen Sonnenlichte prasselte man -lustig seine Raketen entgegen. An dem pomphaften Knall des Feuerwerks -und seinem momentanen Scheinen und Blenden scheint der Brasilianer -noch mehr Gefallen zu finden, als an seinem wässrigen Faschingssport, -wenigstens schmuggelt er die Sitte, Feuersport zu machen, eigentlich -durch das ganze Jahr hindurch, während er die Wasserfreuden doch auf -die Karnevalszeit beschränkt. In Rio de Janeiro ist es uns an schönen -Abenden öfters begegnet, daß wir aus dem Garten in das Haus flüchten -mußten, weil in der Nähe gesportet wurde und es dem brasilianischen -Feuerwerkler ganz gleichgültig ist, wohin er seine Rakete richtet, oder -wem seine Leuchtkugeln um den Kopf fliegen, wenn’s nur gut aufsprüht -und gehörig knattert und knistert. Auf dem Verkaufsstand jeder Negerin -in den Städten kannst Du das ganze Jahr hindurch einfacheres Feuerwerk -zum Verkauf ausliegen sehen, und jeder Muleque (Mulattenjunge mit der -Bedeutung unseres „Straßenjungen“) der ein paar ~reis~ sein eigen -nennt, kauft neben den beliebten Süßigkeiten und Papier-Cigaretten -gewiß sein Feuerwerkstengelchen oder seinen ~cracker~, um an dem -Gespritze und Geknattere sein Herz zu erfreuen. - -Die letzte und vorletzte Nacht habe ich kein Auge geschlossen: in -allen Straßen, auf allen Höfen, in sämtlichen Gärten unsrer Umgebung -knisterte, knatterte, puffte, knallte und zischte es in einer solchen -Profusion und mit einer solchen Ausdauer, daß ich glaube, jetzt eine -ungefähre Vorstellung davon zu haben, wie sich’s anhören muß, wenn man -in einem heftigen Kleingewehrfeuer steht. Die ganze Stadt riecht nach -Pulver, und mein Schlafzimmer, das wieder so ein Alcoven ohne direkte -Lüftung ist, ist derartig solide eingeräuchert, daß ich wohl noch -mehrere Nächte nicht in die Gefahr kommen werde, den heiligen Johannes -zu vergessen. - -Gestern war es geradezu gefährlich, die Straßen zu passieren. Am -frühen Morgen begann der Sport, bei dem natürlich die Studenten -die schlimmsten waren. Ein ganz besonderes Vergnügen fand man -daran, anscheinend harmlos einherzuschreiten und dann plötzlich dem -Begegnenden, zumal aber dem leicht erkannten Fremden, ein halbes -Dutzend Knallerbsen auf einmal vor die Füße zu prasseln oder ihm eines -der bekannten kleinen Handstengelchen von Sternfeuerwerk unter die Nase -zu halten. Früher waren die Krone des ganzen Feuersports sogenannte -Schlangen gewesen, die brennend auf der Erde umherkreisten, und die -man demgemäß ein ebenso kindisches wie frevelhaftes Vergnügen gefunden -hatte, weiblichen Personen gegen Füße und Kleider zu jagen. Der Spaß -dauerte so lange, bis einmal ein allzu geschickter Musensohn das -leichte Kattunkleid einer Mulattin in Feuer setzte, und diese selbst -erhebliche Brandwunden davontrug. Da fand man es denn freilich an der -Zeit, diesen Brunnen zuzudecken -- ein wenig spät, sintemalen das Kind -darin lag, doch muß man hier in Brasilien, scheint’s, in derlei Dingen -für alles dankbar sein. - -Du kannst Dir denken, Gretele, daß die Antiken völlig außer Rand und -Band waren; mich wundert nur, daß sie uns nicht das Haus über’m Kopf -angezündet haben! Daß der Gracche sich das Haar versengt und Plinius -sich einen Finger gehörig angeschmort hat, gehört so sehr zu den -Selbstverständlichkeiten, daß ich es kaum zu erwähnen brauchte; selbst -Lavinia artete ein wenig aus und hat ein Kleid völlig mit Brandwunden -bedeckt. - -Der gestrige Abend war der Feuerwerksabend ~par excellence~, -und Herr Costa forderte mich noch besonders feierlich auf, nach dem -Abendbrot oben zu bleiben, sie wollten „ein wenig Feuerwerk machen“. -Natürlich -- es war ja auch bis dahin noch zu wenig darin geschehen! - -Erstaunlicherweise hatte sich die Polizei zu einer Verordnung -aufgerafft, daß an diesem Abend kein Feuerwerk in den Straßen oder -zu den Straßenfenstern hinaus abgebrannt werden dürfe, und was noch -mehr war, dem Verbote wurde nachgekommen! Ich glaubte daher in meiner -europäischen Einfalt, Herr Costa würde in dem Gärtchen, das hinter -dem Hause liegt und vom Eßzimmer zu übersehen ist, durch die Neger ein -hübsch geordnetes Feuerwerk aufführen lassen: mit bengalischem Licht, -kerzengraden Raketen, sanftglänzenden Leuchtkugeln und stralenden -Feuerrädern, wie wir uns daheim ein solches Schauspiel ungefähr -vorstellen würden. Bestärkt wurde ich in diesem Glauben durch die -Anwesenheit von 10-12 Gästen, und so trat ich denn erwartungsvoll -an eines der in die Höhe geschobenen Fenster heran. Aber Grete, ich -habe Pech mit den brasilianischen Lieblingssports, denn.... ßßßscht! --- begrüßte es mich, und entsetzt prallte ich zurück vor den letzten -Sprühfunken einer mißleiteten Rakete, mit der ein geschickter -Verherrlicher des umknallten und umzischten Heiligen die Richtung -nach oben zu Gunsten unsrer Fenster verfehlt hatte. Mehrere Damen und -Kinder, die mit mir zugleich herangetreten waren, sprangen lachend und -kreischend zurück, ja, die ganze Sache erregte eigentlich geradezu -einen entzückten Jubel bei ihnen, so daß ich ganz verblüfft in meine -eigne innere Empörung blickte. Ist diese Gutmütigkeit richtig, sind wir -etwa daheim gar zu „discipliniert“?! - -Nun begann aber unser Vergnügen auch, und zwar bestand es zu meiner -größten Enttäuschung darin, daß -- wir selbst uns Feuerwerk vormachen -sollten; die Brasilianer allerdings amüsiert das weit mehr als ein -ruhiges Zusehen, und die Jungen zappelten schon vor Ungeduld. - -Herr Costa hatte eine Unmasse von Feuerwerk eigens für diesen Abend aus -Rio kommen lassen, das er nun auf das Freigiebigste verteilte. Lange -Rohre mit Sprühregen und englische ~crackers~ spielten dabei die -Hauptrolle; jeder bekam, so viel er wollte. Die vier Fenster des Raumes -waren dicht umdrängt, und aus jedem derselben ragten drei bis vier -solcher Sprühstöcke hervor, gehalten von braunen beringten Damenhänden -oder den ungeduldigen Fingern der kleinen wilden Rangen, die gewöhnlich -die noch unausgebrannten Rohre in den Hof hinunterwarfen, nur um -schleunigst ein neues oder etwas anderes ergreifen zu können. Nach -und nach füllte sich trotz der offenen Fenster das Zimmer mit dem -abscheulichsten Pulverdampf, den die Sprühstöcke wahrscheinlich nicht -bescheidentlich entwickelten, und den der Abendwind zu uns hereintrieb. - -Die Scene hatte für den kaltblütigen Zuschauer etwas unendlich -Komisches: diese buntgekleideten, goldbehangenen Schönen mit den -qualmenden Stöcken in der Hand, die mit abgewandtem Gesicht und -zugekniffenen Augen den -- Rauch ihres Feuerwerks genossen, die -lärmenden, aufgeregten Jungen, die mit heißen Köpfen wie toll im -Zimmer umhersprangen und einen ~cracker~ nach dem andern zu -den Fenstern hinauswarfen, dem kein Mensch nachsah, so daß nur das -Zerplatzen auf dem Steinpflaster des Hofes von seiner Ankunft meldete, -dazu der unerschütterliche Ernst, mit dem der Hausherr sein Feuerwerk -verteilte, und das Ganze eingehüllt in eine dicke Atmosphäre von -Pulverdampf -- ich gestand mir, daß ich ein derartiges „Vergnügen“ -noch nicht mitgemacht hatte. Nach einer Stunde war für sechzig Francs -Stoff verpufft, die ganze obere Etage des Hause für die Nacht und -den nächsten Tag verpestet und zwei fremde sowie ein antiker Finger -verbrannt, allein -- die Hinterthür des Hauses, die Waschleinen auf dem -Hof und der windschiefe Gartenzaun, hoffen wir’s, hatten sich amüsiert! - -Plinio möchte seine verbrannte linke Hand zum Vorwand machen, um mit -der rechten nicht zu schreiben, und war höchlich aufgebracht, als mir -das nicht ebenso sehr wie ihm einleuchtete. Ach ja, Grete, schlimm -sind die Antiken, aber ich will Geduld haben; Mr. Hall meint auch, ich -solle nur auszuhalten versuchen. Aber was Bormann betrifft -- Du siehst -selbst, Grete, daß er auf brasilianische Kinder mit republikanischer -Erziehung nicht vorbereitet gewesen ist! Na, Kopf oben, er ist ja oben -gewachsen! - - Deine alte +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 28. Juni 1882. - -Denke Dir, Grete, was für ein Schlag aus heiterm Himmel mich getroffen -hat! Ich muß fort aus Saõ Paulo! Das ist des Schicksals Rache für -meine Flucht aus dem Collegio! Nun werde ich wieder auf eine Pflanzung -wandern müssen und wieder allein sein und zwischen Schlangen und Negern -hausen! - -Aber höre. - -Ich schrieb Dir schon in meinem letzten Briefe, den Du wahrscheinlich -mit diesem zusammen erhalten wirst, daß die Römlinge ganz aus Rand -und Band gewesen seien in diesen Tagen des Feuersports; wie weit das -aber gegangen war, wußten wir selbst nicht. Sie müssen unbedingt „Max -und Moritz“ studiert haben, sie haben so viel in’s Brasilianische -übertragene Ähnlichkeit mit diesen Klassikern der dummen Streiche! -Was, denkst Du wohl, war ihr Hauptstreich am Sanct Johannestage? Sie -waren nach der Hauptstraße gelaufen und hatten den Pferden der Trambahn -Feuerwerk vor die Füße geworfen und Knallerbsen auf die Schienen -gelegt und sich dabei natürlich wie die jungen Teufel amüsiert, bis -sie schließlich ein Pferd zum Stürzen gebracht hatten, das denn auch -richtig ein Bein gebrochen. Gestern wurden sie nun von dem Direktor -der Trambahn bei ihrem Vater verklagt, dieser muß das Pferd bezahlen -und hat den Ärger gratis. Dieses vergnügliche Intermezzo hat den -Republikaner und Römervater aber doch so in Harnisch gebracht, daß -er seine Jungen sofort zu den Mönchen zur Erziehung schicken will; -Lavinia, für die allein eine Erzieherin zu halten ihm nicht lohnt, soll -in ein Collegio. Arme Lavinia! Aber auch arme Ulla, die nun wieder -wandern muß! Es gefiel mir hier sonst so gut in Saõ Paulo! Da kann ich -wirklich mit dem Trompeter seufzen: - - „All Jahr’ wächst eine andre Pflanz’ - Im Garten als vorher -- - Das Leben wär’ ein Narrentanz, - Wenn’s nicht so ernsthaft wär’!“ - -Ach Grete, ich bin mit einem Male schrecklich mutlos geworden; ich -möchte immerfort weinen. Ich habe auch nichts wie Unglück! Mr. Hall, -dem ich es heute Abend erzählt -- ich ging zu Fräulein Meyer, weißt Du, -und er begegnete mir zufällig -- meinte auch ganz betroffen: „~It’s -too bad, yes, this is too bad!~“ - -Fräulein Meyer glaubt eine Stelle für mich zu wissen bei den Cousinen -ihrer eignen Zöglinge, aber das ist wieder auf dem Lande, und so muß -ich fort aus Saõ Paulo, das ich doch so sehr liebe! Ach Grete, ich sage -Dir, ich liebe Saõ Paulo schwärmerisch, ich werde unglücklich sein, -wenn ich fort bin, ganz elend! Das Leben ist doch recht schwer, Grete! - - Deine sehr betrübte +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 1. Juli 1882. - -Ja, Gretel -- „sie muß auf’s Land“. Aber es ist glücklicherweise nicht -weit; nur zwei Stunden mit der Bahn von hier bis zur Station, zu der -die Pflanzung gehört. Das tröstet mich schon einigermaßen, da ist man -doch nicht ganz aus der Welt. Die Kinder, drei Mädchen, sollen auch -sehr gut geartet sein, und die Mutter, Dona Maria Louisa, ist als -liebenswürdig bekannt und hat eine große Vorliebe für alles Deutsche; -sie selber hat bereits deutsche Erzieherinnen gehabt, und den einzigen -Sohn lassen sie auch in Deutschland erziehen. Nur sagte man mir, daß -ich es äußerst primitiv auf der Pflanzung finden würde, die noch ganz -nach altem Landesstyl eingerichtet sein soll. Halb graut mir vor -diesem „Styl“, halb bin ich aber auch neugierig darauf, das echte, -brasilianische Landleben kennen zu lernen, von dem viele Hunderte, die -Brasilien besuchen, nie einen Begriff bekommen. In dieser Weise sind -wir Erzieherinnen im Vorteil gegen die Kaufleute und andere Europäer, -von denen die wenigsten je die Küstenplätze verlassen, sondern die -meisten nach zehn und zwanzig Jahren nach Europa zurückkehren, ohne das -Land oder das Leben der Brasilianer im geringsten zu kennen, während -wir, die wir direkt in den Familien leben, auf diese Weise ja alle -Chikanen mitmachen müssen. - -Nun also, auf denn nach Saõ Sebastiaõ. ~Variatio delectat!~ Ich -schreibe bald, wie dieser neue Heilige sich anläßt. - - Deine getreue +Ulla+, - „fahrende“ Lehrerin. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882. - - +Meine liebe Grete!+ - -Das ist wahr, Sanct Franziscus war entschieden der elegantere Heilige, -wir sind hier sehr ursprünglich -- und dennoch vertrage ich mich besser -mit dem heiligen Sebastian! Die Familie hier ist die liebenswürdigste, -die ich bisher unter den Einheimischen kennen gelernt, sie sind auch -in jeder Weise verständiger, ich möchte sagen europäischer (trotz der -Urzustände auf der Pflanzung) und nicht so schwerfällig und faul wie -die meisten ihrer Landsleute. - -Zu dem „Europäischen“ rechne ich zunächst, daß Herr de Souza mich -selbst von der Bahn abholte. Die Brasilianer haben nämlich sonst so -wundersame Begriffe von dem, was sich schickt, daß sie es höchst -unpassend finden, wenn eine junge Erzieherin den Weg von der -Station nach der Pflanzung in der Gesellschaft des Vaters ihrer -Zöglinge zurücklegt, dagegen sehr angemessen, wenn dies allein mit -dem Negerkutscher oder zu Pferde mit einem freien Arbeiter, einem -sogenannten „~camarada~“, geschieht, wie man es neulich erst -von Saõ Paulo aus einer Collegin für einen 7stündigen Weg zugemutet -hatte! Herr de Souza war sogar sehr nett und unterhielt sich auch -mit mir, während sonst, nach Frl. Meyers drolliger Behauptung, -wir Europäerinnen es uns immer als eine Höflichkeit vonseiten der -brasilianischen Herren anrechnen müssen, wenn sie uns ignorieren. -Leider hat sie damit so ganz Unrecht nicht, und darum bin ich um so -froher, daß ich hier unter verständige Menschen geraten bin. - -Wir legten den Weg von der Station nach der Pflanzung, der in der -heißen, nassen Jahreszeit nur zu reiten gewesen wäre, zu Wagen zurück -und fuhren fast fünf Stunden. Manchmal dachte ich, wir würden nicht -heil in Saõ Sebastiaõ ankommen, so wild ging’s die steilsten Abhänge -bergab und bergauf, durch riesige Pfützen und sonstige abnorme -Variationen eines „Weges“. Ich lernte hier einen gewaltigen Unterschied -kennen gegen die Provinz Rio oder speziell den Weg nach Saõ Francisco, -der fast so gut wie eine Chaussee war. Aber interessanter ist es doch -eigentlich hier, Grete; es hat mehr „Lokalfarbe“. - -Wir passierten auf unserm Wege eine ganze Strecke Urwaldes, wo der -Weg ziemlich schlecht und eigentlich nur für ein Reittier berechnet -war; die Pflanzer der Gegend haben unendliche Mühe, sich solch einen -Weg offen zu halten, da er so leicht wieder zuwächst und dabei in -der nassen Jahreszeit nicht einmal gut zu bearbeiten ist. Wenn er -gebessert und frei gemacht werden soll, schickt jeder Fazendeiro, der -den Weg mit benutzt, eine Anzahl Sklaven nach der Station, von wo aus -dieselben alle mit einander zurück arbeiten; allmählich fallen dann -die einzelnen Parteien ab, entweder bei der betreffenden Pflanzung, -oder, wenn diese nicht unmittelbar am Wege liegt, da, wo derselbe dahin -abbiegt. Unsere Waldfahrt hatte wenig Ähnlichkeit mit einer solchen -durch heimische Buchenwälder oder Tannenforsten, da so ein Wald hier -ganz anders ausschaut als daheim. Von Ordnung oder Pflege ist nichts -zu entdecken, und hineingehen oder auch nur hindurchsehen kann man -auch nicht. Jene gewisse Feierlichkeit, die uns daheim so leicht in -stillem Waldesdom überkommt, darf man hier nicht suchen; das Ganze hat -mehr etwas Aufregendes, halb Phantastisches und Geheimnisvolles, halb -Beängstigendes und Beklemmendes; der Zauber des Urwaldes und was ihm -Reiz verleiht, ist eben ganz etwas anderes als der Eindruck, den unsere -Wälder machen. Du mußt nicht denken, daß die Bäume darin grade so sehr -dick und mächtig wären -- zuerst macht das Ganze sogar einen viel -weniger gewaltigen Eindruck als z. B. einer der großen holsteinischen -oder westfälischen Buchenwälder, und ich brachte das Vehmgericht s. -Z. einmal fürchterlich in Harnisch durch meine Behauptung, ich, ein -Forstmannskind, hätte in Brasilien noch keinen ordentlichen Wald -gesehen, denn diese langen, dünnen, den verschiedensten Holzarten -angehörenden Stämme, die in der ungleichsten Entfernung von einander -stehen, könne ich keinen Wald nennen. Man muß, wie ich jetzt sehe, -hindurchfahren oder reiten, um einen Eindruck zu haben. Dann sieht -man, was so recht den Urwald ausmacht, was aber auch wohl zugleich -verhindert, daß die einzelnen Stämme sehr umfangreich werden. Schier -undurchdringlich steht nämlich das Unterholz um dieselben herum, und -wer da eindringen wollte, müßte sich in der That seinen Weg Schritt -für Schritt mit der Axt in der Hand bahnen. Daß die Bäume nicht -dicht stehen, sieht man auch nur von weitem, wo die grauen, lang -hinausragenden Stämme mit ihrer spärlichen Kronen-Belaubung das Einzige -sind, was ins Auge fällt. In der Nähe sieht man, wie die einzelnen -Bäume einander näher gerückt sind oder doch scheinen durch märchenhaft -üppige, fünfzehn bis zwanzig Meter lange Lianen, die an ihren Stämmen -emporklettern und wieder herabhängen, ja die oft von einem Stamme -zum andern sich ranken, eine grüne, zitternde Wand bildend, aus der -seltsame, dunkellilla oder rot gefärbte Blumen großäugig herausschauen. - -Ich kam weit zufriedener in Saõ Sebastiaõ an, als ich bei meinem -Abschied aus Saõ Paulo für möglich gehalten hätte, und wurde es noch -mehr, als ich Dona Maria Louisa und meine Schülerinnen sah. Erstere ist -zwar ebenso wenig eine Schönheit wie alle Brasilianerinnen, die ich -bisher gesehen habe, sie geht zwar auch in dem obligaten Kattunröckchen -und mit herabhängenden Zöpfen einher, aber sie hat etwas sehr -Liebenswürdiges und Frisches und hat die kleinen Mädchen gut erzogen. -Meine älteste Schülerin, Maricota, ist ein sehr liebes Geschöpf, -obgleich ihre große Schweigsamkeit ihr leicht etwas Moroses giebt, und -die beiden Kleinen sind so artig, daß mir zuerst ganz unheimlich dabei -wurde. Wir arbeiten sehr nett zusammen, wobei ich Maricota besonders -auf das Englische hinlenke, das ihr immerhin noch leichter wird als -Deutsch, und Du weißt ja, daß ich Englisch auch sehr liebe. Mr. Hall -fand auch immer, daß ich es sehr gut spräche -- er war auf der Bahn, -als ich abfuhr, was mir aber eigentlich gar nicht sehr angenehm war, -denn einzelne Kolleginnen haben mich schon viel mit ihm geneckt. - -Aber zurück zu meinem Berichte von hier. - -Es ist wahr, diese Pflanzung läßt sich mit Saõ Francisco nicht -vergleichen. Sie stammt noch von den Großeltern Herrn de Souzas und -ist lange Jahre von der Familie nicht bewohnt worden. Auch jetzt dient -sie ihnen gewissermaßen nur als Arbeitsstation, und man verwendet -keinen Luxus auf sie. Mein Zimmer ist bei all seinen Mängeln doch das -besteingerichtete im Hause, und das ist auch der Grund, weshalb ich -über nichts klagen will; ich sehe ja, daß die Familie selbst sich -noch weit mehr begnügt, und die Stube ist wenigstens luftig und hell. -Die ~salla de visita~ ist ein großer fünffenstriger Raum mit -weißgetünchten Wänden und ausmöblirt durch ein Rohrsopha, 12 Wiener -Stühle, eine Hängematte und eine Singer-Nähmaschine. Auch hier keine -Gardine am Fenster, kein Teppich auf den rohen Bohlen, kein Bild an -der Wand -- nur, und ich konstatiere das als eine höchst vorteilhafte -Ausnahme hier zu Lande, eine stets richtig gehende Uhr! Dona Maria -Louisa hält auf Pünktlichkeit und besonders, was sehr dankenswert ist, -auf Pünktlichkeit inbezug auf die Mahlzeiten, so daß nach denselben -immer noch ein Viertel- oder halbes Stündchen zur Erholung bleibt, -ehe der Unterricht wieder beginnt. Punkt neun Uhr Morgens und Punkt 3 -Uhr Nachmittags finden wir uns in der „Veranda“ zum Frühstück, resp. -Mittagessen zusammen. Veranda nennen die Brasilianer, abweichend von -+unserm+ Begriff einer Veranda, immer das Eßzimmer, und die -unzähligen Thüren und Fenster, mit denen der Raum gewöhnlich gesegnet -ist, rechtfertigen ja auch einigermaßen diese Bezeichnung. Die -rustikale Veranda ist nun meistens noch dadurch ausgezeichnet, daß ihre -Außenthür zugleich Hinterthür des Hauses ist und unmittelbar ins Freie -führt, wodurch dieselbe alle Eigenschaften einer Berliner Hintertreppe -gewinnt. So ist es auch hier. Durch sie gehen die dienenden Neger und -Negerinnen hin und her; Wasser, Holz, Vorräte, Wäsche, alles wandert -dort in großen Kübeln und Körben auf den Köpfen der Schwarzen aus -und ein, und da der Raum meistens auch noch mit der Küche und häufig -sogar mit der Kammer der Negerinnen in directer Verbindung steht, so -wird auf diese Weise für die Hausfrau ein ähnlich bewundernswerter -Kontrolposten geschaffen, wie die Küche der holländischen Häuser ihn -bieten soll. Dona Maria Louisa übt nun aber auch, im Gegensatz zu -den meisten brasilianischen Hausfrauen, diese Kontrole wirklich aus; -sie ist überall und sieht den Negerinnen auf die Finger, sie bäckt -selber ausgezeichnetes Weißbrot, so daß ich glücklicherweise hier den -~biscoitos~ entrinne; sie macht selber Butter auf die mühsamste -Weise, indem sie die Sahne in einer Satte schlägt, bis sie zu Butter -geworden. Sie näht auch unermüdlich an der Singermaschine und fördert -Kleider und Wäsche für die Kinder, ja, Hemden und derbe Winterjacken -für die Hausneger, kurz, sie ist thätiger, als manche berühmte -„deutsche Hausfrau“ und unter schwierigeren Verhältnissen obendrein, -so daß sie mir wirklich imponiert und ich sie sehr gern habe. Sie hat -auch viel Humor und amusierte sich königlich über mein Entsetzen beim -Anblick der hiesigen Veranda, die allerdings noch ganz nach dem mir -bereits in Saõ Paulo avisierten „alten Styl“ sein muß. Ich will sie Dir -beschreiben. - -Der sehr große, aber mehr lange als breite Raum ist weder plafoniert -noch gedielt. Der Fußboden ist zur einen Hälfte mit Backsteinen -ausgelegt, während die andere ungeniert den Lehmboden zeigt, auf -dem das Haus steht, das, wie alle brasilianischen Häuser, nicht -unterkellert ist. In diesem Lehmboden ist eine Feuerstelle, um die sich -an kalten Abenden die Familie sammelt, wie man bei uns im Winter am -Ofen zusammenrückt; natürlich ist bei dieser Einrichtung der Mangel -eines Plafonds nur wohlthuend, da kein anderer Abzug für den Rauch -vorhanden ist als der, den die Löcher und Ritzen in der Ziegeldeckung -über den Dachbalken gewähren. - -An der einen Seite dieses wunderbaren Saales steht der Eßtisch, -wo gefrühstückt, Mittag gegessen und Abends beim Schein eines -Stearinlichtes Thee getrunken wird. - -Gleich am ersten Abend bekam ich da von meinem Platze aus einen -Begriff von der vielseitigen Nützlichkeit dieser Veranda. Während wir -tranken, stand in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes eine Negerin -und plättete Wäsche, was mir schon von vornherein für meine eigenen -Sachen ein gewisses Grauen einflößte, denn in jenem Winkel mußte es -erstens stockfinster sein, und dann bewegte sie auch sekundenlang das -Eisen garnicht, sondern starrte mit offenem Munde zu uns herüber; -man kann nur hoffen, daß es nicht sehr heiß war. Neben ihr knetete -eine zweite Brotteig aus Weizenmehl. Dies und die Uhr, sowie das -ungezwungenere Wesen der ganzen Familie hatte mir schon die größte -Befriedigung abgerungen, als mich ein neuer Anblick ganz und gar -entzückte. Du wirst Dir nicht denken können, was es ist, drum will ich -es lieber gleich sagen: es war ein stiefelputzender Mulattenjunge, der -in einer anderen abgelegenen Gegend dieses bewundernswerten Saales -etabliert war. Also Ausnahme Nummer drei: -- Nichtvorhandensein der -allgemeinen brasilianischen Aversion gegen Wichse! Die Zufriedenheit -mit meinem neuen Lose wuchs. Dieser kleine Mulatte -- er ist übrigens -zugleich Mittags der Fahnenjunge -- war urkomisch anzusehen. Das -einförmige, im langsamsten Tempo vollführte Wichsen mochte wohl eine -unüberwindlich einschläfernde Wirkung auf ihn ausüben, denn alle -Augenblicke stockte seine Thätigkeit, und er stand mit geschlossenen -Augen und gehobener Bürste, gegen die Wand gelehnt, bis ihn das Fallen -des Wichsinstrumentes oder ein aufscheuchendes „Nun, Ivo?“ der Hausfrau -wieder in eine schläfrige Bewegung setzte. Nach gethaner Arbeit mußte -er der Herrin die ganze Stiefelreihe an den Tisch bringen, wo die Dame -sie musterte und den schmutzigen kleinen Kerl dann in Gnaden entließ. -Nach einigen Augenblicken kam er jedoch wieder hereingelaufen und -meldete: „Cäsario bringt noch das Schwein, Senhora.“ „Mein Gott, wie -lästig, so spät!“ rief die Herrin -- „nun, dann hilft es nichts, er -komme, aber schnell!“ Herein zu der famosen Hinterthür kam „Cäsario“, -der ein kleines ausgenommenes Schwein auf dem Rücken trug, das er -auf einen ihm zurechtgerückten Tisch deponierte und dort zu zerlegen -begann. Wahrlich, diese Veranda war ein ~non plus ultra~ von -Vielseitigkeit, und ihre ausgedehnte Nutzbarmachung als Backstube, -Plättkammer, Wichskabinett und Schlachthaus erspart jedenfalls, was -man auch sonst davon denken mag, der Herrschaft manchen Schritt und --- manches Scheltwort. Hier ist lange nicht so viel Geschrei wie in -Saõ Francisco, weil von vornherein mehr Kontrole ist und daher weniger -Fehler gemacht werden. Also der „alte Styl“ -- er lebe! - - Deine urwäldliche +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882. - - +Liebste Grete!+ - -Ich bin ganz glückselig -- mein längst gehegter Wunsch ist in Erfüllung -gegangen: ich +reite+ jetzt! Vor einigen Tagen hatte ich meinen -ersten und einzigsten Unterricht. Umständlich war er nicht. Dona Maria -Louisa lieh mir ihren Reitrock, bis für mich einer genäht sein wird, -und sagte dabei lächelnd: „~Mais ne tombez pas, mademoiselle.~“ -Dann half mir Herr de Souza aufs Pferd und meinte schmunzelnd: „~Nao -caïa,[7] mademoiselle~“, und als ich oben saß, beschloß Maricota -diese ausgiebigen Anweisungen durch eine dritte Variation desselben -Themas: „~But don’t fall off, miss~“, rief sie von ihrem eigenen -Gaul herunter mir zu, und dann trabten wir drei los, Herr de Souza -voran und ich der größeren Sicherheit wegen in der Mitte. Da meine -Rosinante aber nach der Gewöhnung der hiesigen Pferde immer genau dem -vorangehenden Tier folgt, ich also mit dem Lenken nichts zu schaffen -hatte, so war das Festsitzen nicht so schwer, oder ich habe, wie Herr -de Souza meinte, das Talent zum Reiten mit auf die Welt gebracht. -Seitdem haben wir schon zweimal wieder kleine Ritte auf dem Gebiete -der Pflanzung unternommen, und ich komme jetzt auch schon ohne einen -geehrten Vorreiter zurecht. Müssen doch manche Kolleginnen, frisch -wie sie aus Europa kommen, an der Station aufs Pferd und stundenweit -bis an ihren Bestimmungsort reiten! Die Damensättel kommen vielfach -aus England und Nordamerika, doch hat man auch hiesige, während in -Herrensätteln meist einheimische Arbeit genommen wird, die allerdings -auch in diesem Fache ausgezeichnet ausfällt. - -Sehr drollig ist es zu sehen, wie die Schwarzen die Pferde einfangen, -wenn wir ausreiten wollen. Ställe giebt es hier nämlich nicht, -weder für das Rindvieh noch die Schweine, noch auch für die Pferde; -diese werden auch weiter nicht gepflegt, als daß sie ab und zu zum -Salzfressen herangetrieben werden. Im Übrigen laufen sie frei umher und -fressen, was sie an Gras und Kräutern finden, was manchmal recht wenig -ist, da auch nach dieser Richtung hin nichts für das Land geschieht, -und man z. B. keine ordentliche Wiese hier sieht. Sollen nun Pferde -gebraucht werden, so jagt ein Bursche so viel Tiere als der Zufall ihn -erreichen läßt, in den inneren Hof; dort greift man die, die man haben -will, heraus und läßt die anderen wieder laufen. Diese Freiheit, in -der die Haustiere hier leben, ist ja an sich recht schön, aber fett -werden sie nicht dabei, und in den jetzigen kalten Nächten, die hier im -Hochland manchmal recht sehr frisch sind, erfriert manch ein armes Tier -im Walde, besonders von den Jungen. Wie viel Vieh sie besitzen, wissen -Souzas garnicht, eine Kontrole ist darin schwer möglich, die Kühe -kalben im Walde und kommen dann eines schönen Tages mit den Kälbern an. -Natürlich herrscht auch auf diese Weise absolut keine Regelmäßigkeit -in der Milchgewinnung; gewöhnlich kommen allerdings die Kühe zum Melken -herein, wenn es aber sehr kalt ist, bleiben sie im Walde, und dann -meldet Cäsario einfach: „Heut’ giebt’s keine Milch, Senhora, ’s ist -keine Kuh hereingekommen.“ Es ist eben alles urwüchsig unter der Ägide -des heiligen Sebastian. - -Am besten haben es die kleinen schwarzen Schweine, die sich hier -beängstigend vermehren, von denen aber allerdings auch fast jeden Tag -eines daran glauben muß, da die Pflanzung viel verbraucht. - -Sklaven sind hier fast gar keine, da sowohl Herr de Souza wie Dona -Maria Louisa die Sklavenwirtschaft nicht lieben; man hat nur wenige -Schwarze hier für den unmittelbaren Hausdienst, und die Außenarbeit -wird von freien Arbeitern gethan. Alle übrigen Sklaven, die die -Familie besitzt, arbeiten auf einer zweiten Pflanzung, Saõ Luiz, unter -einem portugiesischen Administrator, und Herr de Souza reitet nur -alle 2-3 Wochen einmal die 9 Stunden hin und zurück, um alles dort zu -inspizieren. Saõ Luiz ist Kaffeeplantage, während wir hier Zucker und -Baumwolle haben und vor allem eine Holzschneidemühle, was ja alles -weniger Arbeitskräfte verlangt als die Kaffeekultur. - -Ich glaube, es ist ganz klug von den Brasilianern, sich allmählich -auf den „~camarada~“ einzuarbeiten: +leicht+ ist es aber -+nicht+, das sehe ich hier: ich würde mich über solche Menschen -zu Tode ärgern! Die „~camaradas~“ sind Brasilianer, vielfach -Halbindiauer, Caboclos genannt, oder auch ganz verarmte Nachkommen -der eingewanderten Portugiesen, bettelhaft armes und zerlumptes Volk, -in ihrem Aussehen weit elender als die Sklaven, aber -- sie sind -+frei+ in einem Sklavenlande! Was sie daraufhin für einen Hochmut -entwickeln und für Ansprüche machen, das ist unglaublich! Dabei -arbeiten sie natürlich höchstens halb so viel wie ein Sklave. Unseren -deutschen Gutsbesitzern würden die Haare zu Berge stehen, wenn sie mit -solchen Menschen zu thun hätten! Als die jetzt hier vorhandenen hier -ankamen, hat Herr de Souza ihnen erst alles Material zu ihren Hütten -gegeben und die eigenen Leute beim Bau derselben helfen lassen. Dann -bekam jede Familie eine Summe Geldes vorgestreckt, um davon zu leben, -bis das eigene Bohnen- und Maisfeld Erträge lieferte. Natürlich sollte -dies allmählich wieder vom Lohn abgezogen werden. Nun aber „kaufen“ -diese Menschen, nachdem sie das Geld verbraucht, alle ihre Bedürfnisse -hier im Hause, d. h. sie entnehmen Speck, Mehl, Kaffee, Mais und Zucker -in unbescheidenen Mengen und verheißen, auch dies wieder abzuarbeiten. -Da sie jedoch häufig garnicht zur Arbeit kommen und gewöhnlich eine -große Familie haben, die viel verbraucht, so werden ihre Schulden nicht -kleiner, sondern größer. Herr de Souza behauptet, er könne da wenig -thun; weigere er ihnen die Lebensmittel, so zögen sie ab, und wenn er -auch einen Contrakt mit ihnen habe, so nütze ihm der doch garnichts; da -sie nichts haben, könne man ihnen nichts nehmen, und zur Arbeit zwingen -könne man sie auch nicht. So läßt er alles dies gehen, so gut es will, -und nimmt so viel Arbeitsleistung mit, als er kriegen kann; wird es ihm -dann zu bunt, so jagt er die Leute fort; die vorige Serie hat er mit -2000 Mark Schaden zum Kuckuck geschickt. Wenn man diese Verhältnisse -mit ansieht, kann man sich wahrlich nicht wundern, wenn der größere -Pflanzer sich mit Händen und Füßen gegen die Aufhebung der Sklaverei -sträubt. Woher soll er denn seine Arbeiter nehmen! Die freigewordenen -Neger bleiben nicht auf den Pflanzungen, so wenig wie sie das in andern -früheren Sklavenstaaten gethan haben, und europäische Arbeiter sind -ihnen oft zu teuer oder zu unbequem. Portugiesen und Italiener suchen -nur viel Geld zu verdienen, um dann mit einer kleinen Wohlhabenheit -in die Heimat zurückkehren zu können, und Deutsche streben nach dem -selbständigen Erwerb von Grund und Boden. Die Arbeiterfrage ist hier -wie bei uns eine ganz böse, nur daß es dort zu viele giebt und hier -eigentlich keine. - -Ich spreche viel über diese Zustände mit Herrn de Souza und Dona Maria -Louisa, die, wie mir scheint, sehr verständige Ansichten darüber -haben. Sie selbst verwerfen die Sklaverei im Prinzip und wünschen, -daß sie aufhöre, aber sie haben auch ein offenes Auge für die Gefahr, -die dem Lande dadurch zunächst insofern droht, als viele seiner -wohlhabenden Grundbesitzer durch die Emancipation ruiniert werden oder -doch verarmen, und zwar gestaltet sich die Sache um so schwieriger, je -entfernter die betreffende Pflanzung von den Küstenplätzen gelegen ist, -welche die Einwanderer zuerst bekommen. So kann man sich einerseits -nicht wundern, wenn der Brasilianer die fremden Gäste nur als Ersatz -für die Sklaven wünscht, anderseits kann es aber allerdings nicht der -Zweck sein für unsere nach Brasilien auswandernden Landsleute, sich -hier wiederum in Abhängigkeit zu begeben und sich als Knechte einer -fremden Nation zu verdingen. Wer dem Lande seine und seiner Nachkommen -Arbeit zuwendet, der beansprucht Selbständigkeit und eigenen Anteil -an eben diesem Lande, und das mit Recht. Die Brasilianer sollten -sich +in ihrem eigenen Volke+ einen Arbeiterstand heranziehen, -den sie so wenig wie einen Handwerkerstand bis jetzt haben, und sie -könnten dies mit einem wenigstens teilweisen Erfolg thun, wenn sie die -freien Negerkinder an eine regelmäßige Arbeit zu gewöhnen suchten. Es -geschieht aber gerade das Gegenteil. - -Das Emancipationsgesetz vom 28. September 1871 befiehlt u. a. auch -jedem Sklavenbesitzer, diese Kinder im Lesen und Schreiben unterrichten -zu lassen, aber es giebt wahrscheinlich im ganzen Kaiserreiche keine -zehn Häuser, wo diesem Gesetze nachgekommen wird. Auf den Pflanzungen -ist seine Befolgung auch eigentlich unmöglich. Hier im Innern giebt es -ja keine Dorfschulmeister wie bei uns, und wenn es sie gäbe -- soll -der Fazendeiro denn etwa jeden Tag zwischen 20 und 50 Tiere satteln -lassen, um die kleinen Neger in das nächste, gewöhnlich sehr entfernte -Städtchen zu schicken, oder soll er einen besonderen Erzieher für -die kleine Bande halten? Man mag diese Fragen beantworten, wie man -will -- jedenfalls thut hier niemand dergleichen, und so wächst das -freigeborene Sklavenkind vollständig ohne Erziehung und Unterricht auf -und wird demgemäß dereinst mit den Wilden auf gleicher Stufe stehen, -denn es hat nicht einmal den Vorteil, daß ihn die Herrschaft dies und -jenes an körperlicher Arbeit erlernen läßt, wie es beim Sklaven geschah --- sie sind ja frei, warum soll man sich zu Gunsten Anderer Mühe und -Kosten machen, man hat ja nichts davon. - -Wunderbarerweise denken auch Herr de Souza und Dona Maria Louisa -ebenso, die doch sonst sehr human und auch klug sind. Ob man denn gar -nicht bedenkt, daß man auf diese Weise eine Generation von „Mitbürgern“ -für die eigenen Kinder heranwachsen läßt, wie sie schlimmer nicht -gedacht werden kann?! - -Aber ich merke, daß ich schon wieder predige und Dich mit einer -vollständigen national-ökonomischen Abhandlung beglückt habe. -Du glaubst aber auch nicht, wie sehr sich einem hier alle diese -Verhältnisse aufdrängen, und wie sie fast ausschließlich Gesprächsthema -sind -- da wird selbst die harmloseste Seele zum Socialpolitiker. - -Und nun kann ich diesem Briefe auch nicht einmal mehr ein leichteres -Anhängsel verleihen, damit Du nicht allzu sehr unter dem Eindrucke -dieses sozialen Vortrages bleibst, denn da erscheint eben der -Zimmermann, der hier gearbeitet hat und heute Abend wieder zur Stadt -zurückkehrt, und der aus Gefälligkeit unsere Postsachen mitnimmt. Denn -Herr de Souza schickt nur des Donnerstags zur Post -- ich bin richtig -ganz und gar in den „alten Styl“ hineingeraten. - -Also ein Lebewohl für heute und nächstens mehr von - - Deiner +Ulla+. - - - [7] Fallen Sie nicht! - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882. - - +Liebste, beste Grete!+ - -Denke Dir meine Freude, hier ist eine Pflanzung ganz in der Nähe, die -amerikanischen Ansiedlern gehört, also ganz zivilisierten Menschen! -Niemand hatte mir davon erzählt, bis sie uns heute besuchten -- man -wußte ja nicht, wieviel mir das wert sein konnte! Ach, Grete, so -nett diese Souzas auch sind, fremd bleiben die Brasilianer einem -doch, fremder sogar als alle anderen Fremden hier, die schon ein -gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit als Gäste auf hiesigen Boden -zusammenzieht. Zudem ist mir doch immer das ganze Wesen und Sein -germanischer Volksstämme weit sympathischer als diese Romanen; schon -beim Klange der englischen Sprache atmete ich auf, ganz abgesehen -davon, daß Mr. Quimby und seine Schwägerin wirklich sehr liebenswürdig -und nett waren. Mrs. Quimby war zu Hause geblieben bei den kleinen -Kindern, während das älteste zwölfjährige Mädchen schon flott -mitgeritten war. Es war am vorigen Sonnabend, als sie kamen und -- -„Wollen Sie morgen mit uns zur Kirche?“ fragten sie mich plötzlich. - -„Zur Kirche?“ wiederholte ich erstaunt -- „wo?“ - -„O, hat man Ihnen noch nicht von unserer Kirche erzählt? Nun, ein -Prachtgebäude ist sie freilich nicht, aber wir können doch so jeden -dritten Sonntag im Monat unseren Gottesdienst haben. Kommen Sie mit und -übernachten Sie bei uns, wir reiten dann morgen alle zusammen hin, wenn -Sie wollen.“ - -Ob ich wollte! Natürlich wollte ich. Schnell war ein Pferd gesattelt, -und vergnügt galloppierten wir die zwei Meilen bis zu Mr. Quimbys -Pflanzung zurück. Ich „galloppiere“ nämlich jetzt auch schon flottweg, -und Mr. Quimby schmeichelte meiner empfänglichsten Schwäche, als er -meinte: „~You look as if you’d been born and bred on your horse.~“ -Mrs. Quimby empfing mich herzlich wie einen erwarteten Gast, und in den -Hängematten sitzend, verbrachten wir plaudernd den Rest des Abends. - -Am andern Morgen um 9 Uhr brach eine ganze kleine Kavalkade zur Kirche -auf, denn noch einige Damen und Herren aus der Umgegend schlossen sich -uns an. - -Solange der Weg auf dem Terrain der Pflanzung lag, war er nicht gar zu -schlecht, obgleich Du Dir unter dem Worte „Weg“ auch nichts weiter als -einen grade für +ein+ Pferd hinreichenden Pfad vorstellen darfst, -dann aber wurde er stellenweise so schlecht, daß man bei uns wohl -überhaupt davon abgestanden wäre, ihn zu passieren. Aber brasilianische -Pferde sind nicht verwöhnt; obgleich unbeschlagen, gehen sie sehr -sicher ihren Weg, und man kann es ihnen bei schwierigen Stellen getrost -selbst überlassen, sich denselben auszusuchen. - -Recht seltsam malerisch nahm sich unsere kleine Gesellschaft aus: die -hellen Kleider und Hüte der Damen, die weißen Staubmäntel der Herren, -und die großen, meist auch weißen Sonnenschirme -- alles hellglänzend -beschienen von einer bereits recht brennend werdenden Sonne, und hin -und wieder verschwindend und wieder auftauchend zwischen den mannshohen -Farren, die die Pferde durchschnitten, einmal sogar sich spiegelnd in -einer großen, einem See gleichenden Lache, wo die Tiere bis an den -Bauch im Wasser gingen. - -Ich war noch nie um diese Tageszeit geritten, da wir auf Saõ Sebastiaõ -immer den frühen Morgen oder den späten Abend wählen, daher empfand ich -die Sonne doch ziemlich unangenehm; der Weg zeigte unglücklicherweise, -so weit das Auge reichte, nicht einen einzigen Baum, einzelne lange -Palmen abgerechnet, deren graziöse, doch spärlich bewachsene Kronen -aber keine Kühlung schufen und keinen Schatten auf den Boden warfen. -Da habe ich denn doch gesehen, welche Erschlaffung einen doch nach nur -dreistündigem Ritt in der Tropensonne befallen kann; die Hitze der Luft -wäre ja noch zu ertragen, aber das unmittelbare Einwirken der Sonne ist -das Schlimme! Es schien auch allen mehr oder weniger zu gehen wie mir, -denn unsere Unterhaltung wurde immer einsilbiger und war zuletzt ganz -verstummt. Da zeigte sich bei einer Biegung des Weges plötzlich ein -langes, strohbedecktes Lehmgebäude. - -„Wer kann sich denn hier auf der Roça (das ungerodete Feld) eine -Scheune gebaut haben, so abgelegen von allen Pflanzungen?“ äußerte ich -erstaunt. - -„Das ist die Kirche“, sagte Mr. Quimby mit halbem Lächeln und bog -zugleich in einen kleinen Seitenweg ein, dem Gebäude zu. - -Mein Erstaunen war fast Entsetzen -- +dies+ eine Kirche, diese -Scheune mit den durchlöcherten Lehmwänden, dem Strohdach, den -Fensterluken ohne Rahmen, geschweige denn mit Fenstern! Aber ich -konnte nicht länger zweifeln: unsere Gesellschaft ritt auf, die Herren -sprangen von den Pferden, halfen uns von den unsrigen und befestigten -die Tiere an einigen Bäumen neben dem Gebäude. Jetzt bemerkte ich auch -eine Anzahl anderer Pferde und Maultiere, die rings umher standen, -sowie deren Reiter und Reiterinnen, welche hie und da im Schatten oder -bereits in der „Kirche“ saßen, und die nun Mr. Quimby und seine Familie -zu begrüßen kamen. „~How do you do?~“ erklang es von allen Seiten, -dazwischen vielfach das gemütliche „~How d’ye?~“ der Südstaaten, -und dann wurden solche Neuigkeiten ausgetauscht, wie sie sich seit -dem letzten „dritten Sonntag im Monat“ in dieser Zurückgezogenheit -ereignet hatten. Ein Trunk aus der nahen Quelle erfrischte in etwas -die erschlafften Lebensgeister, und dann traten wir in das Gebäude -ein, wo wir, nachdem wir die Bänke mit einem dazu vorhandenen Besen -abgefegt, dankbar für eine Weile der kühlen Stille genossen, während -sich allmählich 50 bis 60 Personen ansammelten, fast ohne Ausnahme von -ihren Pflanzungen oder der Kolonie Santa Barbara kommende Amerikaner. - -Durch ein großes Loch in der Lehmwand neben mir beobachtete ich -die Scene draußen, wie sie sich immer bunter gestaltete durch neu -aufreitende Personen, ihre Pferde und Maulesel, die rings umher -grasten, und durch die bunten, in die Bäume gehängten Reitröcke der -Damen. So hatte ich noch nie in einer Kirche gesessen, dachte ich, als -hinter mir eine junge Mutter vergeblich ihren jüngsten schreienden -Sprößling zu beruhigen suchte, dem der Ritt wohl nicht behagt haben -mochte, und dann ein altes, weißhaariges Mütterchen sich neben mir -niederließ, die ich eben durch meine Wand angestaunt hatte, wie sie so -munter auf ihrem Maulesel herangetrabt war. - -Nach einer Weile kam der Prediger, und der Gottesdienst begann. Ein -noch junger Mann ohne Talar oder sonstiges geistliches Abzeichen -trat mit großer Einfachheit vor den hölzernen Altar (eine Kanzel war -natürlich nicht vorhanden) und, nur ein Testament in der Hand, hielt -er eine sehr durchdachte, wirklich schöne Predigt über Christi Antwort -auf die Frage des Täufers: „Bist Du, der da kommen soll, oder sollen -wir eines Anderen warten?“ Grete, da konnte man fromm werden. Es war -tief ergreifend, die Bibelworte, die wir Zivilisationsmenschen gewohnt -werden, mit der Katechismusstunde oder den geheiligten Hallen unserer -Kirchen zu verbinden und sie gewissermaßen unwillkürlich dahin zu -bannen, diese Bibelworte dort in jener Lehmhütte, in der tropischen -Umgebung und so wenig unterstützt durch äußere Heiligungs-Hülfsmittel -erklingen zu hören. Und sie klangen nicht anders als daheim, nicht -weniger ernst oder feierlich als in geschmückten Kathedralen, unter -herrlich ragenden Säulen und hinter bunten Fahnen. Ich war lange nicht -in einer Kirche gewesen, aber ich bezweifle, ob die glanzvollste Messe -in Sankt Peters Dom auf mich auch nur nahezu den Eindruck gemacht -hätte, wie unser einfacher evangelischer Gottesdienst in der Lehmhütte, -auf diesem verlorenen Posten im Innern Brasiliens. Der Gedanke von -der Allgegenwart des Christengottes und die Predigt: „Gott wohnet -nicht in Tempeln von Menschenhänden gemacht“, drängte sich dort mit -einer gewaltigen Unmittelbarheit und einer gewissen rührenden Größe -sicherlich auch denen auf, die einen solchen Eindruck nicht suchten. - -Die drückende Hitze hatte nach und nach etwas nachgelassen, ein -leichter Wind machte sich auf und plötzlich sah ich durch mein Wandloch -einzelne große Regentropfen herabfallen.... O weh, die Sättel! Rasch -wurde der Regen stärker, so daß nichts übrig blieb, als Sättel und -Reitkleider hereinzuholen in die Kirche, wollte man sich nicht einen -höchst unangenehmen Heimweg schaffen. Gegen 60 Sättel und einige 30 -Reitkleider fanden in einem Winkel der Kirche ein Unterkommen, und -lächelnd mußte ich daran denken, wie sich, was hier ganz natürlich -erschien, wohl in einer europäischen Kirche oder Kapelle ausnehmen -würde. - -Plötzlich, wie er gekommen, hörte aber der Regen wieder auf, und als -der Gottesdienst beendet war und man einander Lebewohl gesagt hatte für -einen Monat, konnten die Sättel wieder aufgelegt werden. - -Mit weit besserem Humor gings nun in der kühleren, staubfreien Luft -heimwärts, und abends brachten mich Mr. Quimby und seine Schwägerin -wieder nach Saõ Sebastiaõ zurück, versprechend, mich bald wieder einmal -abzuholen. - -Aber da ruft die alte dicke Anna an meiner Thür: „~Chà, Senhora~“ --- ich schließe. Schreibe bald - - Deiner feschen Amazone +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882. - - +Herzensgretele!+ - -Dieser Brief wird wohl etwas zerfahren ausfallen, denn ich schreibe bei -dem Gebell von 37 Hunden. Hier ist nämlich seit gestern Treibjagd, und -Herr de Souza hat dazu 6 Herren eingeladen, von denen jeder ein Pferd -oder zwei und so viel Hunde mitgebracht hat, als er besitzt; denn die -Jagd ist um so viel schöner und forscher, je größer die Meute ist. -Gestern sah ich den Zug oben am Walde vorbeirasen, ein Rehbock voraus --- es sah ganz gut aus und ist jedenfalls eine Art zu jagen, wie sie -für dies Land paßt. Aber von der Beute hat man nichts. Zwei erlegte -Tiere hängen seit gestern an der Wand des Geschirrhauses, und als ich -Dona Maria Louisa fragte, wann sie denn als Braten auf den Tisch kommen -würden, lächelte sie und meinte, Rehe seien doch für Menschen nicht -eßbar, die bekämen die Hunde! Mein Haar wollte sich schon wieder mal -aufrichten, als ich mich noch zur rechten Zeit erinnerte, daß mir Herr -Schaumann in der That einmal gesagt hatte, das Rotwild hier habe eine -zu große Strenge, als daß es für Menschen genießbar sei. So essen wir -denn unser ~carne de porco~ frisch und fröhlich weiter, obgleich -ich sagen muß, daß Dona Maria Louisa alles thut, um Abwechslung in -das Essen zu bringen; wir haben schon alles mögliche Getier gegessen, -sogar einmal Gürteltier, das aber ganz gut, etwa wie zartes Kalbfleisch -oder Huhn schmeckte. Der Panzer dieses Tropenbewohners prangt als -Dekorationsstück in meinem Zimmer; wenn er eben abgezogen ist, ist er -ganz weich und läßt sich in jede Form biegen, die man ihm geben will, -und in welcher er dann beim Eintrockenen völlig verhärtet und beharrt. -Überhaupt sammle ich an Merkwürdigkeiten, was ich bekommen kann, -obgleich dies weit schwerer ist, als man es bei uns gemeiniglich denkt. -Wir stellten uns die Sache doch ungefähr so vor, als raffte man hier -die Indianerpfeile und andere wunderbare Dinge nur so nebenher am Wege -zusammen, und ich sehe jetzt, daß die Sachen hier sehr teuer sind und -schwer zu bekommen. Ich begnüge mich also mit einem sehr bescheidenen -Naturalienkabinett eigener Sammlung. Die Neger bringen mir alles an, -was sie draußen Merkwürdiges finden, und strahlen förmlich, wenn ich -mich darüber freue; sie nennen mich „~a professora que gosta dos -bixos feios~“ (die Gouvernante, die die häßlichen Tiere liebt), -und fast jeden Tag finde ich auf meinem Fensterbrett irgend einen -Käfer oder eine Raupe oder eine merkwürdige Pflanze aufgebaut. Eine -Schlange, und zwar eine hübsche Korallenschlange, habe ich mir auch -schon „eingemacht.“ Besonders aber habe ich eine Sammlung von reizenden -Nestern, worunter entzückende Kolibrinester verschiedener Sorten und -ein höchst merkwürdiges, mächtig großes Nest von Lehm, das sich ein -mittelgroßer Vogel baut, den sie nach seiner Wohnung ~Joaõ de -barro~ d. h. Lehmjohann nennen. Das Lehmnest ist noch etwas größer, -als ein Menschenkopf und der Eingang so sinnreich seitwärts gearbeitet, -daß es absolut nicht hinein regnen kann; inwendig befindet sich dann -erst das eigentliche weiche Nestchen. -- Meine letzte Errungenschaft -ist ein Fischotternfell und das allerliebste Fell eines schwarzen -Affen, den ein ~camarada~ hier neulich auf der Pflanzung getötet -hat; und gestern brachte mir Maricota, die immer sehr lieb und gut -ist, eine sehr nette Sammlung von 21 Holzarten, die sie sammeln und -zu zierlichen gleichmäßigen Proben hatte zuschneiden lassen. Mit Holz -verschwenden sie übrigens hier in Saõ Sebastiaõ nach unseren Begriffen -fürchterlich; so ist z. B. meine Kommode, ein schweres, ungeschickt -gearbeitetes Ding, ganz aus Cedernholz gemacht, und auch die plumpen -Möbel im Schulzimmer bestehen aus dem kostbarsten Holzmaterial, -wiederum ein Beispiel von den vielen Mißverhältnissen hier zu Lande an -Verschwendung auf der einen Seite und Unzulänglichkeit auf der anderen. - -+Abends.+ Gretele, ich bin ganz außer mir vor Freude -- vorhin -unterbrach mich Maricota mit der entzückenden Nachricht, daß wir in -etwa 8 Tagen nach Santos an die See gehen, um dort 5-6 Wochen Bäder zu -nehmen! So bald soll ich mein geliebtes Saõ Paulo schon wiedersehen! -Denn dahin müssen wir zuerst. Wir bleiben dort 1-2 Tage bei Dona Maria -Louisas Eltern und fahren dann über die Serra nach Santos, dem großen -Kaffeehafen der Provinz Saõ Paulo. Dort werden wir an der „Barra“, d. -h. am Strande außerhalb der Stadt und vor dem Hafen wohnen in einem -Hause, das der ganzen Familie gemeinschaftlich gehört und immer von -denen benutzt wird, die es gerade für die Bäder brauchen. - -Adieu, adieu, ich muß schnell an Fräulein Meyer schreiben, die -augenblicklich auch mit der Familie in Santos ist; sie wird sich -freuen, Gesellschaft zu bekommen. - - Deine glückliche +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Santos, den 20. August 1882. - - +Meine liebe, gute Grete!+ - -Ich sage Dir, dies Haus ist furchtbar poetisch -- verzeih’, ich muß -erst diese Wespe vertreiben... also, was ich sagen wollte: das reine -Idyll! Draußen rauschen und branden die Wogen -- Donner und Doria, das -ist heute die fünfte handgroße Spinne! -- und die Sonne funkelt darauf -und macht sie -- schon wieder eine Fliege im Tintefaß? -- glitzern wie -Silber. Der Garten ist ein wenig vernachlässigt, aber gerade darum um -so roma... na, da sehe ich eben, daß mir die Baraten auch meine neue -Schreibmappe schon angefressen haben! -- romantischer. Reizend ist -es, wenn wir die Schiffe so von weitem hereinkommen sehen -- o diese -Mosquiten, verzeih den Klex -- und die vorhandenen Operngläser wandern, -wenn ein großes Fahrzeug in Sicht ist, auch immer sofort heraus, um -die Nationalität zu bestimmen. -- Ach, ich Ärmste, da wimmelt’s auf -dem Tisch vor mir von Ameisen! Warum habe ich auch den Zucker stehen -lassen! Nun heißt’s erst Pause und Ameisenjagd... - -Später. Du siehst, mein Gretele, daß hier die Poesie mit -Schwierigkeiten verknüpft ist, das Ganze hier ist eine Idylle mit -Hindernissen. Diese Chakara (so nennen sie hier derartige Gebäude, -die halb Villa, mehr Landhaus sind) ist jedenfalls früher einmal für -menschliche Bewohnungszwecke gebaut worden, doch haben anscheinend -seit längerer Zeit Baraten, Spinnen, Eidechsen und Ameisen sich hier -derartig häuslich und unbehelligt einrichten können, daß es ihnen -nicht zu verdenken ist, wenn sie jetzt uns gegenüber den Standpunkt -unbedingter Herrschaft nur schwer und sehr allmälig aufgeben. - -Meine erste Nacht hier war nichts wie ein einziger „Kampf mit dem -Insekt“, aber seitdem ich dann alle meine Mußestunden auf Grübeln -über die besten Verteidigungsmittel verwendet habe, kommt es mir -vor, als finge ich doch allmälig wieder an, diesen herrschsüchtigen -Mitgeschöpfen gegenüber den richtigen Standpunkt als Mensch zu -gewinnen. Mein Bett steht in der Mitte des Zimmers, wie ich überhaupt -kein Möbel an die Wand gerückt habe; diese gebe ich „dem Insekt“ frei. -Unter +Möbeln+ verstehe ich den Waschständer, einen Tisch, einen -Stuhl und meinen Koffer. Letzterer dient als Kommode und überhaupt -als Aufbewahrungsort für all mein Besitztum außer den Kleidern. -Diese habe ich, nachdem ich eine breite alte Gardine untergenagelt, -malerisch an der Wand gruppiert und sie mit einem Bettlaken verhangen, -doch benutze ich sie auch nach diesen Vorsichtsmaßregeln immer nur -wie solche Medizinen, die das Etiquette tragen: „Vor dem Gebrauch zu -schütteln“, und die Anhäufung einer kleinen Insektensammlung auf dem -Fußboden bei solcher Prozedur lehrt, wie weise ich daran thue. Bei -meinem Waschständer habe ich, seitdem er den Wänden fern, wenigstens -die Befriedigung, jetzt meine Seife allein zu verbrauchen und sie -nicht des Morgens halb von den Baraten genossen zu finden, die sie -als ganz besondere Delikatesse zu betrachten schienen. Das meiste -Nachdenken kostete es mich, mein Bett unter möglichst günstige -Insekten-Verhältnisse zu bringen. Die erste Nacht stand es an der Wand -zum größten Gaudium der heimischen Spinnen, Baraten, Eidechsen und -Ameisen, die zweite Nacht rückte ich es ab, so daß nur das Kopfende an -der Wand blieb, doch legte auch dies, wie ich sah, den ebengenannten -Hausbewohnern keine wesentliche Beschränkung in der Bewegung auf. -So rückte ich denn am dritten Tage in die Mitte der Stube, welcher -luftige Standort noch den übrigen Vorteil gewährt, daß er mich lehrt, -auch im Schlafe Balance zu halten, denn die erste derartig „im Freien“ -zugebrachte Nacht begann damit, daß ich auf der einen Seite von meinem -Spartanerlager, das natürlich wieder jede Seitenwand verschmäht, -herunterrutschte und einige Baraten totfiel. Nachdem ich mich bei -derselben Gelegenheit überzeugte, daß diese angenehmen Tierchen auch -eine besondere Vorliebe für die Reibeflächen der Schwedenschachteln -haben und einen so angesichts der vollen Streichholzschachtel einer -unerleuchtbaren Finsternis preisgeben können, quittierte ich auch -den Stuhl neben meinem Bett, stelle jetzt das Licht in armlanger -Entfernung auf die Erde und stecke die Schachtel Schweden nebst Uhr -und Taschentuch geheimnisvoll unter mein Kopfkissen, auf dem sich’s -allerdings seitdem, da es von bekannter brasilianischer Größe, recht -holprig schläft. Nun galt es nur noch, die Ameisenfrage zu lösen, der -ich aber schließlich auch beigekommen bin, indem ich nachmachte, was -ich neulich in einem Bahnhofsrestaurant an einem Tische gesehen: ich -habe alle vier Bettfüße in Blechgefäße mit Wasser gestellt, so daß -jetzt -- hurrah! -- das Insekt auf die Angriffe beschränkt bleibt, die -es von der Decke herab auf mich vollführen kann. - -Im Übrigen sind diese interessanten Mitbewohner unserer Chakara -insofern wertvoll, als sie dauernd für unsere Unterhaltung sorgen. -Des Morgens beim Kaffee muß jedesmal die Zuckerdose hinauswandern, -damit die Ameisen ausgeräuchert werden, während Maricota und ich -die Milch ausfischen; des Mittags sind wir jetzt so sehr an Fliegen -auf den Tellerrändern gewöhnt, daß ich mir ein Essen ohne diesen -Zierrat eigentlich schon recht öde vorstelle, und abends, wenn die -Baraten munter werden, ist der Hauptspaß. Maricota und ich sitzen -dann gewöhnlich in meinem Zimmer über unserem Dickens, und nebenan im -Eßzimmer spielen Dona Maria Louisa, ihre Schwester und Herr de Souza -Whist mit ’nem Strohmann. Plötzlich entsteht dort ein Heidenlärm, man -kreischt auf, und sämtliche Morgenschuhe fliegen; sofort ergreifen auch -wir die immer bereitstehenden Stiefel und schleudern sie gegen die -Thür, denn durch ihre handbreite Spalte über der Schwelle saust das -bedrohte Insekt von den Whistspielern herein zu uns Pickwickiern, um -hier so ziemlich sicher den Untergang zu finden, denn auf Baratenmord -bin ich noch vom Collegio her eingeübt. - -Das „Leben in und mit der Natur“ ist überhaupt hier die Devise unseres -Banners. Um fünf Uhr früh, so ungefähr, wenn der Mond zum Abschied -noch der Sonne sein schiefstes Gesicht zuschneidet, stürzen sich -sämtliche menschliche Hausbewohner in den Schoß der Wellen. Männlein -und Weiblein, Schwarz und Weiß, alles läuft in flanellenen Badeanzügen -durch den Garten an den Strand und ins Wasser, um dort in schönster -Harmonie beim Mondenschein die Glieder zu erfrischen. Es ist ein -heilloses Gekreische, das mich immer schon für den ganzen kommenden Tag -betäubte, und da mir Seebäder überhaupt nicht sehr gut bekommen, so -habe ich mich nach den ersten 5 Tagen aus dem Gewimmel zurückgezogen -und bade nun nach wie vor im Zimmer in einer der üblichen großen runden -Blechwannen, die die Negerinnen auf dem Kopfe hereintragen. - -Der Abend endet nach anderer Richtung hin in recht harmloser Weise. -Unsere Chakara steht nämlich sehr einsam, da sich auf der einen Seite -ein großer Garten, auf der andern eine unbewohnte Chakara befindet; -trotzdem ist sie von der Strandseite ganz unverschließbar. Da wird -nun des Abends einfach eine Barrikade aus einem Tisch und zwei -daraufgetürmten Stühlen vor der Glasthür aufgeführt, und damit Gott -befohlen für die Nacht.... Wie ich Dich kenne, würde Dich diese Seite -unserer Strandidylle ganz besonders anmuten! - -Der Unterricht geht fort wie gewöhnlich, nur daß zur Betrübnis der -Familie und +meiner+ höchsten Wonne -- das Klavier fortfällt. Das -betrachte ich als meine Badereise! - -Aber ich habe Dir noch garnicht erzählt, wie es in Saõ Paulo war. Wir -sind zwei Tage dageblieben und logierten bei Maricotas Großeltern. -Den ersten Tag war ich Nachmittags bei Schaumanns und den zweiten -mit Fräulein Harras bei Fräulein Meyer, die leider, leider mit ihrer -Familie von hier wieder abgereist war und in Saõ Paulo zurück. Am -dritten Vormittag fuhren wir dann hier herunter, den imposanten Weg -über die Serra mit der Seilbahn, und denke Dir, wer auch herunterfuhr --- -- Mr. Hall! Er saß neben mir im Coupé und erzählte mir, daß er -nach Santos ginge, weil eine Sendung Maschinen aus England avisiert -sei, die er gern selbst aus dem Zoll nehmen wollte. Seitdem habe ich -ihn noch nicht wiedergesehen, aber, Grete, ich glaube -- wir freuten -uns +beide+ über die netten Maschinen, die grade jetzt ankommen -mußten. - -Ach, Gretele, ich bin so froh! Und es ist doch eigentlich ganz hübsch -in Brasilien. - -Nächstens mehr von - - Deiner +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Santos, den 22. September 1882. - - +Meine Herzensgrete!+ - -Unsere Strandidylle nähert sich ihrem Ende, und es werden wohl kaum -noch 8 Tage vergehen, da werden die 32 Stück Gepäck, mit denen wir -hier eingezogen, wieder zusammengepackt und heim nach Saõ Sebastiaõ -dirigiert werden. Ich bedaure das wirklich von Herzen, denn ich habe -mich, trotz der mehr für Insektologen als für sonstige Sterbliche -geeigneten Verhältnisse so sehr an diese Chacara gewöhnt, daß ich sie -ordentlich lieb gewonnen habe; ob auch das +Unmusikalische+ unseres -hiesigen Aufenthaltes dabei ein Wort mitspricht, darüber wollen wir -ein wohlwollendes Auge zudrücken. Als Ersatz für die Klavierstunden -habe ich übrigens den einzigen Sohn von Dona Lydia, der Schwester von -Dona Maria Louisa mit zu unterrichten gehabt für diese Badezeit. Dona -Lydia ist Wittwe und hat gewöhnlich keine eigene Erzieherin gehalten, -sondern ihren Luiz-Guilherme (Ludwig-Wilhelm) immer mit bei einer ihrer -vielen Schwestern in Saõ Paulo pädagogisch zu Gaste gegeben; sämtliche -~professoras~ der Familie kannten ihn bereits und behaupteten, ihn -nach Gebühr zu „schätzen.“ Ich war daher nur sehr wenig entzückt, -als ich gefragt wurde, ob ich ihn mit zu Maricota in die Stunden -nehmen wollte, denn ich fürchtete eine Wiederholung meiner Zeit des -klassischen Altertums in Saõ Paulo. Aber siehe da, er entpuppte sich -als ein ganz traitabler, sogar ziemlich liebenswürdiger und recht -intelligenter Junge von 13 Jahren, der auf den Spaziergängen schon den -Cavalier spielt, und dem ich bis jetzt weiter keine Verdrehtheiten -angemerkt habe, als daß er steif und fest behauptet, er habe die Gicht -in den Füßen. Ich bin die 14. unter den Lehrern und Lehrerinnen, die -er in seinem, wie Du siehst, wechselreichen Schulleben bisher gehabt -hat; und daß er neulich zu seiner Mutter gesagt, ich sei von allen 14 -der vernünftigste Mensch, darauf bin ich demgemäß nicht wenig stolz, -denn Du mußt zugeben, daß ihm eine gewisse Urteilsfähigkeit in dieser -Beziehung wohl nicht gut abzusprechen sein dürfte. - -Luiz-Guilherme ist mein hauptsächlichster Versorger in der -Richtung +Muschel+. Ich sammle natürlich auch darin auf geradezu -gemeingefährliche Weise, und ein kleines leeres Zimmer neben dem -meinen, sowie mein eigenes Fensterbrett „duften“ fortwährend auf das -Penetranteste nach Seetang und faulenden Muscheltieren. Es ist ein -rechtes Kreuz für mich, aber ich mache hier die Erfahrung: wenn den -Menschen einmal die Sammelwut packt, da ist ihm zuletzt nichts mehr -heilig, nicht einmal die eigene Nase! - -Heute kommt Herr de Souza zurück von der Fazenda, wo er einmal nach dem -Rechten gesehen hat. Während seines Fortseins war es hier natürlich -nicht gerade anheimelnder, zumal da einige Tage oder vielmehr Nächte -vor seiner Abreise ganz in unserer Nähe eingebrochen und gestohlen -worden war. Am Morgen seiner Abreise trat er daher beim Frühstück mit -einem großen Revolver auf mich zu und meinte, ich sei ja wohl noch -die Tapferste von der zurückbleibenden ewig weiblichen Gesellschaft, -und er lege daher die Verteidigung des Platzes in meine Hände. Ich -muß gestehen, daß dies auch meine erste Bekanntschaft mit Revolvern -oder sonstigen Mordinstrumenten war, allein ich übernahm kühn meine -Rolle als wehrhafte Besatzung der Chakara und ließ mir nur zur -größeren Sicherheit -- +meiner selbst+ -- das Ding von einem mir -bekannten deutschen Herrn in unserer Nachbarschaft erklären. Seitdem -droht es nun von meiner Wand herab und macht in der That neben meinen -Kattunkleidern und Röcken einen höchst schreckhaften Eindruck, dessen -erste Wirkung sich auf die Negerin warf, welche seitdem kaum zu -bewegen ist, das Zimmer aufzuräumen. Eine weitere Vorsichtsmaßregel -war, daß wir sämtliche Damen alle die Tage über ganz ohne Schmuck -und in den schlechtesten Kleidern ostentativ auf der Praia, d. h. am -Strande spazieren gehen mußten, um den Dieben zu demonstrieren, daß -bei uns nichts zu holen sei, eine Maßregel, die gewiß nicht verfehlt -hat, auf die Diebe den größten Eindruck zu machen! Endlich wurde der -Barrikadenbau des Abends etwas raffinierter betrieben. Ein disponibles -Rohrsopha wurde dem Tische hinzugefügt, und die Stühle wurden in der -Anzahl auf 5 erhoben, sowie etwas „kippeliger“ aufgebaut; das Werk -krönten ein paar leere Schubladen (+meine+ Erfindung!) und das Ganze -machte stets, wenn es fertig gestellt war, einen erhebenden Eindruck -auf uns alle. Mit heute werden wir denn wohl wieder zu Barrikade Nr. -~I~ zurückkehren, und ich werde die Verteidigung des Platzes in Herrn -de Souzas Hände zurücklegen. - -Ob er mir einen Brief von meiner Grete aus Saõ Sebastiaõ mitbringen -wird? Adieu, mein Herzle, das Licht brennt, Dickens tritt in seine -Rechte, und die Baratenstunde naht. - - Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882. - - +Meine gute Grete!+ - -Da sitzen wir wieder in Saõ Sebastiaõ und warten auf die Hitze und -die Zuckerrohrernte, auf das letztere mit großer, auf das andere mit -mäßiger Sehnsucht. - -Unsere Abreise von der guten alten schmutzigen Chakara und der Abschied -von dem Insekt wurde uns schwer trotz alledem und alledem, und außer -Herrn de Souza und Dona Maria Louisa mußten wir alle darüber getröstet -werden, die Kinder mit der kommenden „süßen“ Zeit, ich mit dem kleinen -muntern Lazaõ, meinem Lieblingspferd, das ich immer geritten, und mit -dem mir Herr de Souza lachend ein Wiedersehen schon an der Station -versprach. Es ist wahr, das Reiten ist hier mein schönstes Vergnügen, -ja, meine +einzigste+ Zerstreuung, und wenn mir die Einsamkeit -einmal gar zu traurig wird, kann ich leicht wieder froh gemacht werden -durch einen besonders schönen Ritt. - -Es ist wirklich bezaubernd und giebt einen fast berauschenden Begriff -von dem Reichtum und dem Reiz der Tropenwelt, wenn wir so langsam -und schweigend neben dem abendlichen Wald herreiten, manchmal -Viertelstunden lang begleitet von dem wollüstigen Duft prachtvoller -Orchideen, die in selbstgenügsamer Schöne hier an den uralten einsamen -Stämmen tief im Walde blühen, oder wenn am Nachmittag im hellen -Sonnenlicht handgroße blaue Schmetterlinge paarweise, die Köpfe unserer -Pferde fast streifend, vorüberflattern. - -Aber wir +gehen+ auch viel spazieren, bei welchen Gelegenheiten -ich meine „Naturalien“-Sammlung zu vervollständigen suche. Neulich fand -ich eine ganze Anzahl riesengroßer leerer Häuser von Erdschnecken, und -von Schlangen könnte ich schon eine ganze Collection haben, wenn ich -alle aufheben wollte, die hier getötet werden. Vor einigen Tagen habe -ich selber mit meinem Regenschirm ein kleineres Exemplar von diesen -Unholden totgeschlagen, und das Kindermädchen bringt, wenn sie mit den -Kleinen spazieren geht, öfters solche ekelhafte Reptilienleichen an, -für die wir uns ein besonderes „Massengrab“ eingerichtet haben. Meine -Käfersammlung aber habe ich in ihren Anfängen verkümmern lassen müssen; -ich konnte das Morden nicht mehr aushalten, Grete. Wenn ich sie eben -mit Chloroform getötet zu haben glaubte und sie dann vor das Fenster -in die Sonne zum Trocknen legte, dann lebten sie nach einer Stunde oft -wieder auf und krochen schwerfällig umher. Das war mir zu ekelhaft, -meine Kaltblütigkeit scheint sich nur auf Baraten und Schlangen zu -beschränken. Von ersteren haben wir hier, Gott sei Dank, so gut wie -gar keine, wie denn überhaupt das Insect auf dieser hochgelegenen -Pflanzung glücklicherweise nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. -Worunter wir am meisten leiden, ist die auch hier herrschende große -atmosphärische Feuchtigkeit, deren Regiment jetzt mit der heißen Zeit, -wo es fast jeden Tag regnet oder gewittert, wieder beginnt. Da werde -ich denn wohl von Zeit zu Zeit eine Trödelbude aus meinem Zimmer machen -müssen, wenn mir nicht alles verstocken soll. Übrigens habe ich jetzt -als vortreffliches Mittel gegen Stockflecke in Handschuhen gelernt, -diese in einer Schachtel mit Hirschhornholz aufzubewahren, wobei man -nur die Knöpfe zu umwickeln hat, da diese sonst anlaufen. - -Heute fördert’s schlecht mit meinem Briefe, Herzensgretel, denn -vor meinem Fenster auf dem freien Platz werden schwarze Bohnen -ausgedroschen. Sechs Neger stehen einander zu je dreien gegenüber und -schlagen mit langen Bambusstöcken auf die Bohnen los; das eintönige, -taktmäßige Geräusch geht nun schon seit heute Morgen um 7 Uhr vor -sich und hat uns auch durch sämtliche Schulstunden begleitet. Das -gelegentliche Singen unserer Drescher daheim wird hier ersetzt durch -einen beliebigen aber rhythmischen, oft allerdings ganz blödsinnigen -Satz, den der erste Drescher erfindet oder doch vorspricht, und den -die anderen mitsprechen, und nach dessen Takt gearbeitet wird. „~Que -bom chà, que bom~“ (Welch’ guter Thee, welch’ guter) ist Cäsarios -geistreiche Erfindung, nach der hier die schwarzen Bohnensträucher -geprügelt werden, und ich darf wohl mit Wahrheit behaupten, daß ich -diesen imaginären Thee heute wohl einige tausend Mal habe loben hören. -Übrigens trinke ich hier jetzt keinen chinesischen Thee mehr, weil -er mir Schlaflosigkeit verursacht, sondern ich nehme des Abends auf -Dona Maria Louisas Rat statt dessen Thee von Kopfsalat zu mir, der mir -anfangs natürlich schauderhaft schmeckte, an den ich mich jetzt aber -sehr gewöhnt habe, zumal er in der That eine leicht beruhigende Wirkung -hat. - -Was gäbe ich um ein kleines Fläschchen Bier hier am Abend! Aber -das ist auf den Pflanzungen nicht zu halten und kostet schon an den -Hafenplätzen einen Milreis, also 2 Mark die Flasche! Mit Getränken -ist man überhaupt schlecht daran in Brasilien! Mittags wird von den -Brasilianern ein kleines Glas Portwein getrunken, wie wir es zum -Frühstück nehmen, aber die Sorte ist gewöhnlich so schlecht, daß wir -daheim sie verschmähen würden, und dann ist das doch auch kein Wein, -der in größeren Mengen als Tischwein genossen werden kann. Unser Wasser -hier in Saõ Sebastiaõ ist recht schlecht und oft ganz gelb und lehmig, -und den roten Lissabon-Wein, den mir Herr de Souza aus Saõ Paulo hat -kommen lassen, trinke ich nur aus Courtoisie. Der Brasilianer ist kein -Weinkenner und trinkt überhaupt wenig außer Wasser und Kaffee, von -welchen beiden Flüssigkeiten er allerdings tagsüber erstaunliche Mengen -zu sich nimmt. - -Widme mir das erste Glas Bowle, Gretele, das Du nach Empfang dieses -Stoßseufzers zu Dir nimmst, und verurteile nie mehr einen Studenten, -wenn er singt: „Ein Bursch wie ich, säuft ganze Fässer aus -- Fässer -aus“ -- vielleicht will er nach Brasilien gehen und trinkt Vorrat, -+woran er recht thut+! - -Mit welchem höchst forschen und schneidigen Ausspruch ich für heute -schließe. - - Deine +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882. - - +Meine süße Grete!+ - -Heute muß ich Dir eine vollständige kleine Geschichte erzählen, und -hoffentlich wirst Du sie nicht allzu unsympatisch finden, weil sie von -einem -- Aussätzigen handelt. Die ganze Sache hat mich so beschäftigt -und erinnerte mich zugleich unwillkürlich an die rührende Erzählung -Xavier de Maistre’s: „~Le lépreux d’Aoste~“, daß ich nicht umhin -kann, sie meiner Grete mitzuteilen. - -Es ist schon eine Zeitlang her und war vor unsrer Reise nach Santos, -da ging ich eines Abends mit den Kindern langsam dem berittenen Neger -entgegen, der die Briefe für die Pflanzung von der Station holte. „Da -kommt er“, rief ich freudig aus, als sich vor uns in der Dämmerung -etwas bewegte. - -„Ach, das ist ja gar kein Reiter“, lachte die kleine Albertina, „das -ist Ignacio.“ - -„Wer ist Ignacio?“ - -„Nun -- Ignacio, wissen Sie.“ - -„Ist er ein Neger der Pflanzung?“ - -„O ja, aber er arbeitet nicht, er ist krank.“ - -„Was fehlt ihm denn?“ - -„Weiß nicht, er hat ein Loch unterm Fuß und an der Hand auch eins, und -das will gar nicht heilen.“ - -Du weißt ja, Greteherz, daß ich einen fast krankhaften Ekel gegen alle -Hautleiden habe, und so bog ich etwas seitwärts ab, als wir dem Neger -nahe kamen. - -Eine große und durchaus nicht unkräftige Gestalt stand, als wir -vorbeigingen, mit dem Hute in der Hand still, grinste und murmelte -„~Soss kiss~“, um dann aber auf der Kinder freundliches „Guten -Abend, Ignacio, wie geht’s, Ignacio?“ uns ein wiederholtes „danke, -danke, Senhora; guten Abend, meine kleine Herrin, gelobt sei Jesus -Christus“ nachzurufen. - -Die entsetzlich zerlumpte und schmutzige Kleidung des Schwarzen, -das verwilderte Wollhaar und der große, struppige, für einen Neger -ungewöhnlich starke Bart gaben dem auf seinen Stock Gestützten und -sich mühsam weiter Schleppenden ein so abstoßendes Aussehen, daß der -Widerwille in mir das Mitleid bei weitem überwog, und die Kinder nicht -so ganz unrecht hatten, als sie nachher lachend zu Hause verkündeten, -Mademoiselle habe sich vor Ignacio „gefürchtet.“ - -„Was fehlt ihm?“ fragte ich wieder statt aller Verteidigung. - -„~Quem sabe!~“ machte Dona Mara Louisa, „er hat überall am Körper -Löcher und wunde Stellen, gegen welche auch die bewährtesten Blätter -und Kräuter nicht helfen, so daß wir jetzt fast glauben, er ist -lazaruskrank.“ - -Das wurde so ruhig hingesagt, als wenn man erzähle, es habe jemand -einen Schnupfen. Grete, es überlief mich kalt. Ein Gefühl unsäglichen -Jammers für den Unglücklichen, den die Schickung nicht tief genug -demütigen zu können schien, überkam mich. Neger -- Sklave -- aussätzig! -Es war fast eine Erleichterung zu denken, daß ihn nun nichts -Schlimmeres mehr treffen könne. Was seine eignen Gedanken wohl darüber -waren? Ob er um Hülfe rufen würde, wenn er in’s Wasser fiele? Ob er uns -haßte, die wir gesund waren? Ich grübelte den ganzen Tag über diesen -unglücklichen, vom Geschick gezeichneten Paria, und sein Bild ängstigte -mich im Traum. - -Einige Tage später erzählte man mir, Ignacio sei aus der nächsten -Umgebung des Hofes verbannt und der Verkehr mit ihm den Negern -untersagt, damit er niemanden mit seiner traurigen Krankheit anstecke. - -Wie erbärmlich selbstisch ist doch der Mensch! Mein erstes unbewachtes -und wie instinktives Gefühl war das der Erleichterung, daß ich die -verwilderte, hinkende Gestalt des zerlumpten Aussätzigen nicht -wiedersehen sollte, dann erst dachte ich an +sein+ Elend und -- -suchte schließlich auch das zu vergessen. - -Bald darauf machte ich eines Morgens meinen gewohnten Frühspaziergang. -Dabei schmetterte ich im Frohgefühl meiner Gesundheit und Kraft ein -vergnügtes deutsches Lied in die brasilianische Landschaft hinein.... - -Plötzlich aber brach der Ton in meiner Kehle ab -- da kam ja der -Aussätzige auf mich zugehinkt! - -Dem ersten blitzartigen Impuls gehorchend, kehrte ich jäh um und maß -bereits mit eiligen Schritten meinen Weg zurück, als ich zur Besinnung -kam. - -„Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ -- ich wagte es garnicht, -Grete, diesen unseren Lieblingsspruch auszudenken, als er mir einfiel. -Pfui ob meiner verletzenden Hast!... Dann war eine Stimme da, die -mich entschuldigen wollte: die Erscheinung war so plötzlich gewesen, -ich hatte auch gar nicht an den verkommenen Neger gedacht. -- -- Aber -wiederum nein, nein, es half nichts, ich schämte mich, o wie sehr! - -Am folgenden Morgen ging ich zur gleichen Stunde denselben Weg. Das -war meine Buße. An der nemlichen Stelle, wie am Tage vorher, traf -ich den Aussätzigen. Sein unbedecktes Haar stand im Morgenwind, die -Kleider umhingen zerlumpt den großen Körper, die dick umwickelten Füße -erinnerten an seine Krankheit. Ein Schauer überlief mich, doch zwang -ich mich, weiterzugehen. Da, als er ungefähr zehn Schritte von mir -entfernt war, bog der Schwarze seitwärts in das wegelose Gestrüpp ein -und schritt so, sich in ziemlicher Entfernung haltend, mit dem Gruße: -„Gelobt sei Jesus Christus“ an mir vorüber. Mir brannte das Gesicht vor -Scham in Gedanken an meine gestrige Flucht -- wie unsäglich klein war -das gewesen! Ob er das wohl auch gedacht hatte? Ich wünschte, er wäre -mir nicht so sorgfältig ausgewichen. - -Auf meinem Rückwege sah ich ihn nicht, aber der Lazaruskranke begann, -fortan in meinem Gemütsleben eine Rolle zu spielen. Ich quälte mich -mit dem Gedanken an ihn herum, fand mich jetzt klein und erbärmlich in -meiner Scheu, dann wieder läppisch und überspannt in meinem Kampf gegen -einen Ekel, den jedermann offen zur Schau trug, und dessen Berechtigung -sein unglücklicher Gegenstand offenbar selbst anerkannte. Warum sollte -ich allein mich überwinden, einem Menschen zu begegnen, den jedes -glückliche Geschöpf floh! - -Ohne Ergebnis jedoch in diesem Gedankenstreit fand mich der folgende -Morgen zunächst wieder auf dem alten Wege. Wie an den beiden anderen -Tagen traf ich den Aussätzigen. Wieder bog er tief in das Gestrüpp -ein, als wir an einander vorüberschritten, aber es fiel mir auf, daß -er reinere Kleider trug und einen Hut auf dem Kopfe, den er lebhaft -abzog, als er mir zweimal eifrig sein „~Soss kiss~“ zurief. Der -Gedanke kam mir, als könne der arme Ausgestoßene diesem Austausch eines -Morgengrußes mit einem der glücklicheren Wesen, aus deren Nähe ihn sein -Elend bannte, mit einer gewissen Freude entgegen gesehen haben, und -der Streit in mir war beendet. Ich beschloß, er solle dieses kleinen -Trostes nun nie mehr entbehren. - -Da mich der folgende Morgen ein wenig früher als gewöhnlich -hinausführte, so traf ich erst auf Ignacio, als derselbe eben aus -einer kleinen Hütte von Bambus und Lehm trat, die zwischen Farren und -Gesträuch lag. Als er mich sah, blieb er zurück. - -„Ist das Deine Hütte, Ignacio?“ rief ich ihm zu. - -„Ja, Senhora, meine“, rief er mit strahlendem Gesicht zurück. - -„Wohin gehst Du jeden Morgen?“ - -„Wasser holen zum Kaffee, Senhora.“ - -Seit wieviel Tagen, vielleicht Wochen mochten dies seine ersten Worte -wieder sein! - -Jeden Morgen brachte ich nun dem Unglücklichen seinen Gruß aus der -Welt der Menschen, und es war mir jedesmal eine Befriedigung, in der -Entfernung sein Gesicht freudig aufleuchten zu sehen hinter dem hohen -Ginster hervor, durch den er sich allmählich einen vollständigen Weg -gemacht hatte. Dennoch blieben meine Morgenspaziergänge, die früher der -schönste Teil des Tages gewesen, noch lange eine Überwindung -- vor -allen Dingen sang und jubelte ich nicht mehr unterwegs. - -Dann kam unser Aufenthalt in Santos, und der Gedanke an den Aussätzigen -wurde in den Hintergrund gedrängt. Kurz nach unserer Rückkehr sollte -ich wieder an ihn erinnert werden. Eines Tages sah ich nämlich, wie -Dona Maria Louisa verschiedene große Papierdüten mit Kaffee, Reis, -Zucker und schwarzen Bohnen füllte. - -„Für wen ist das?“ fragte ich. - -„Die Lazaruskranken sind da“, war die Antwort. - -„Ignacio?“ - -„Nein, die Aussätzigen von Santa Barbara, eine ganze Anzahl dieser -Kranken, die dort in der Nähe eine Art von Kolonie bilden und ihren -Unterhalt erbetteln, um nicht durch das Geld[8] und den Eintritt in -die Venden[9] ihr schreckliches Leiden zu übertragen. Die mittellosen -Kranken sind auf diese Weise besser daran als in einsamer Verbannung, -und wer daher z. B. einen lazaruskranken Sklaven hat, schickt ihn -gewöhnlich dorthin. Sie leiden keine Not, denn jeder giebt ihnen -reichlich.“ - -„Warum lassen Sie Ignacio sich ihnen nicht anschließen?“ - -„Er will nicht, weil er seine Tochter hier hat; wir haben es ihm oft -vorgeschlagen.“ - -Trauriger und rührender Gedanke, diese Familie von Parias, die, -durch einen gemeinsamen Fluch von der übrigen Welt geschieden, sich -zu gegenseitiger Samariterschaft verbrüderte -- die Freimaurer des -Elends.... - -Ich blickte der weiterziehenden Schar der Kranken nach, und ihr -dankbares „Gelobt sei Jesus Christus“ schnitt mir ins Herz. - -Am folgenden Tage traf ich Ignacio nicht, so daß ich annahm, er sei ein -Stück Weges mit seinen Leidensgenossen einhergezogen; als man ihn aber -dann auch am anderen Tage bei der Rationenverteilung auf seinem Posten -hinter der Barriere vermißte, wurde ein alter Neger hingeschickt, um -nach ihm zu sehen. Der Auftrag war wohl ein unliebsamer, der Bericht -jedenfalls ein liebloser: Ignacio behaupte, krank zu sein, hieß es, -doch könne er nicht sagen, wo es ihm fehle, und demnach würde wohl das -ganze Übel nichts weiter als Trägheit sein, er wolle bedient werden und -scheue gar die kleine Mühe des Kochens. Ich war erstaunt und verletzt -zu sehen, ein wie bereitwilliges Echo diese lieblose Äußerung fand, und -sann nach, was zu thun sei, wenn dies fortdauere. - -Am nächsten Morgen traf ich jedoch den Aussätzigen, der aber schmutzig -und nachlässig aussah, und dessen unglücklicher Gesichtsausdruck und -matter Gruß mir das größte Mitleid abnötigten. - -Derselbe Tag brachte einen Regen, der mich durch seine Heftigkeit -und Dauer mehrere Tage am Ausgehen hinderte. Ich dachte während der -Zeit öfter an Ignacio, und ob er genügenden Mundvorrat und trocknes -Brennholz in seiner Hütte haben werde; bei der Rationenverteilung -fehlte er wiederum, und so oft ich täglich nach der Richtung seiner -Hütte blickte, nie sah ich dort ein Rauchwölkchen aufsteigen. Grete, -da kämpfte ich mit einem schweren Entschluß: sollte ich eintreten in -die Hütte des Aussätzigen?! Ein Grauen schüttelte meinen ganzen Körper -bei dem bloßen Gedanken daran. Aber: „Edel sei der Mensch, hülfreich -und gut“ mahnte es wieder in mir. Was hatte ich denn bisher gethan für -den Unglücklichen, was war mein Samaritertum gewesen? Ich errötete bei -dem Gedanken, wie viel Überwindung mir das Wenige gekostet hatte, und -mehr noch, da ich mir sagen mußte, daß meine Scheu vor dem Kranken weit -weniger auf der Furcht vor Ansteckung beruhe, die bei mir immer sehr -gering ist, vielmehr fast einzig in einem rückhaltlos groß gezogenen -Ekel zu suchen sei. Um so mehr glaubte ich, mich überwinden zu müssen, -und wiederholte mir, daß ich nichts gethan habe, wenn ich nicht dies -eine thäte. Der Kampf war hart, und das erbitterte Ringen gegen mich -selbst machte mich fast fieberisch. Einen Augenblick wies ich die Idee, -bei dem Aussätzigen einzutreten, als eine wahnsinnige von mir und -verspottete mich selbst ob meiner eingebildeten Samariterpflichten da, -wo der Priester und der Levit vorübergingen; mochten doch seine Herren -für den Leibeigenen sorgen, was ging er mich an! Dann wieder graute mir -vor meiner eigenen Lieblosigkeit, und ich hatte ein Gefühl, als hätte -mir die Vorsehung diesen Unglücklichen so recht besonders in den Weg -geführt, als ginge er mich sehr viel an, mich vor allen andern, und als -würde ich mehr als irgend jemand freveln, wenn ich ihn am Wege liegen -ließe.... - -Ich faßte endlich den Entschluß, in die Hütte des Aussätzigen -einzutreten, aber Grete -- ich will es Dir gestehen -- ich hatte -am Abend vorher eine wilde, fieberhafte Hoffnung, in der Nacht zu -sterben...! - -Früh am nächsten Morgen pochte es an die Hausthür. Einer der -Holzfäller, die von der nächsten Kolonie hierher kommen, meldete, er -habe aus der Hütte des Ignacio im Vorbeigehen ein vernehmliches Stöhnen -hervordringen hören, habe sich jedoch gegraut, hineinzugehen, der arme -Teufel sei gewiß recht krank. Ein Neger wurde hingeschickt, um nach -dem Unglücklichen zu sehen und ihn mit Stärkungsmitteln zu versorgen. -Ich begann meine Stunden, konnte aber meine Aufregung kaum bemeistern! -Grade als wir Pause hatten, kam der Bote zurück. Er hatte einen -+Toten+ gefunden. - -Gretele, da drang mir ein Erlösungsschrei aus der immer doch -menschlichen Brust hervor, und „~homo sum~“ mußte ich mit -Beschämung erkennen. Als aber dann ein heftiges Weinen mir die -angespannten Nerven gelöst hatte, konnte ich ohne selbstischen -Nebengedanken dem unglücklichen Paria die ewige Ruhe gönnen, und ich -konnte nicht anders als mir vorstellen, wie das Wort, das fast das -einzige war, das ich aus seinem Munde gehört, gewiß auch sein letztes -gewesen sei: „Gelobt sei Jesus Christus.“ - -Ein alter, fast unbrauchbarer Ochsenwagen wurde bespannt, und, in -eine Hängematte gelegt, fuhren zwei Neger den Toten zu seiner letzten -Ruhestatt. Es war schon stark dämmerig gewesen, als sie im Dorfe -anlangten und vor der Wohnung des Kaplans hielten, um diesen um -Beerdigung der Leiche in einem der immer bereiten Gräber zu ersuchen. -Aber so spät eine Beerdigung, und nun gar eines Schwarzen -- eines -Sklaven -- eines Aussätzigen -- unverschämtes Ansinnen! Rauh war ihnen -bedeutet worden, bis zum anderen Morgen zu warten. „Es geht nicht, -wir müssen heim, Herr, wo sollen wir auch die Nacht über bleiben?“ -hatten die Neger remonstriert. „Erlaubt denn, daß wir die Leiche in -den Kirchhof stellen und selber umkehren.“ Auch dies war ihnen barsch -verweigert worden, so daß die aufgebrachten Leute endlich gedroht -hatten, die Leiche des Aussätzigen dem christlichen Geistlichen auf die -Schwelle zu legen. Da befahl ihnen der Priester, die Aussätzigen der -Kolonie herbeizuholen und von diesen die Leiche während der Nacht vor -dem Kirchhofsthor hüten zu lassen. Die stille Krankenbrüderschaft ist -dann gekommen, und es haben dem früheren Genossen ihres Elends, den die -Menschen selbst über den Tod hinaus aus ihrer Gemeinschaft stießen, -diese Paria der Menschheit die nächtliche Totenwacht gehalten. - -Ich erinnere mich, daß in jener Nacht hellglänzend das Sternbild des -Kreuzes am Himmel stand. Aber jetzt muß ich oft denken bei dem heiligen -Zeichen: Warum bescheint es +die Erde+! Ich will heute nichts mehr -hinzufügen mein Gretele, aber ich schicke dieses erst mit dem nächsten -Briefe zusammen ab. - - - [8] In Brasilien zirkuliert fast nur Papiergeld. - - [9] Krämereien. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882. - -Heute ging es mir und den Kindern wie dem Reiter über’n Bodensee; wir -haben einen tüchtigen nachträglichen Schreck davongetragen. Bei unserem -Spaziergange, den wir, durch das prächtige Wetter verlockt, ziemlich -weit ausdehnten, kamen wir auch an einer großen Zuckerrohrplantage -vorbei, wo wir an einer Stelle das kaum reife Rohr in einem großen -viereckigen Stück herausgeschnitten fanden. Wir wunderten uns alle über -diese merkwürdige stückweise Ernte und erzählten davon zu Hause. „O, -das sind Maraõs, Senhor“, sagte Cäsario, der dabei stand, „ich habe -in dieser Zeit auch manchmal geglaubt, spät Abends da drüben im Walde -Rauch aufsteigen zu sehen, aber es war zu dunkel und neblig, um es -genau zu unterscheiden.“ - -Du magst Dir meinen Schreck vorstellen, als mir auf meine Frage „was -sind Maraõs?“ geantwortet wurde: - -„O, vor denen müssen Sie sich sehr in Acht nehmen und dürfen jetzt -nie mehr allein so weit gehen. Maraõs nennen wir entlaufene und -verwilderte Sklaven, die sich in die Wälder geflüchtet haben und dort -wie die Wilden leben, die Nachbarschaft plündernd, wo sie können. Sie -stehlen ihren Unterhalt meist auf den Pflanzungen zusammen, seltener -bauen sie selbst im Walde etwas Bohnen und Mais; sie sind gefürchteter -als die Indianer. In letzter Zeit gesellen sich auch manchmal -+freigelassene+ Neger zu ihnen, die zu faul sind, um zu arbeiten. -Diese Banden sind eine schlimme Wunde für Brasilien und würden dies -noch mehr sein, wenn sie nicht durch das wilde Leben häufig zu Grunde -gingen oder überhaupt sich mehr fortpflanzen könnten; Frauen gehen sehr -selten mit, und so hoffen wir, wird dies mit einer Generation abgethan -sein.“ - -Von jetzt ab werde ich wohl kaum den Mut haben, mehr zu thun, als feige -ein wenig um’s Haus zu schleichen, denn diese Maraõs haben mir die -Freude an unseren weiteren Spaziergängen auf’s Gründlichste verdorben. - -Was überhaupt diese schwarze Race für ein Druck auf Brasilien ist, -und daß die Sklaverei schließlich ein weit größerer Fluch für die -Sklaven+halter+ als für die Neger ist, das zeigt sich jetzt so -recht, wo sie aufgegeben werden soll. Was, um Gotteswillen, soll aus -den Millionen von freien Schwarzen hier werden! Bei uns in Deutschland, -wo man die inneren Verhältnisse Brasiliens so gut wie garnicht -kennt, wird man vielfach denken (und ich hätte das wahrscheinlich -dort auch behauptet), sie würden gewiß meistens auf den Pflanzungen -ihrer bisherigen Herren bleiben und dort als freie und bezahlte Leute -weiter arbeiten, schon die Not würde sie lehren, tüchtige Menschen -und nützliche Staatsbürger zu werden! Hier sehe ich aber, daß -nichts dergleichen der Fall sein wird. Selbst ein Vergleich mit den -Verhältnissen in der nordamerikanischen Union ist unangebracht. Erstens -haben sie hier nicht das Beispiel der Tüchtigkeit vor sich wie dort. -Der Nordamerikaner achtet die Arbeit und den Arbeitenden; er schafft -selber und legt ungeniert mit Hand an; er verachtete in dem Schwarzen -nur die untergeordnete Race. Der Brasilianer, weniger peinlich, aber -anderseits hochmütiger und doch wieder ungebildeter, verachtet gradezu -die Arbeit und den Arbeitenden. Er selbst arbeitet nicht, wenn er es -irgend vermeiden kann, er sieht das Nichtsthun als ein Attribut des -Freien an, und woher will man denn erwarten, daß der in tierischer -Unwissenheit erzogene Sklave sich über solche Ansichten hinwegsetze, -sich eine selbständige philosophische Ansicht gebildet habe oder bilden -werde?! Er wird’s ruhig der weißen Race nachmachen und so wenig wie -möglich arbeiten, und +wie+ wenig dieses „Mögliche“ ist, kann -man nur hier an Ort und Stelle angesichts der Freundlichkeit der -Tropennatur und der schier unglaublichen Anspruchslosigkeit jener Leute -ermessen. Ich habe, seitdem ich hier bin, natürlich unendlich viel mehr -als früher Interesse für diese Dinge genommen, lese auch viel darüber, -und da sehe ich denn, daß manch ein geistreicher Tropenkenner zu den -gleichen Ansichten gekommen ist, wie sie sich mir hier aufdrängen. - -Absolut das Gleiche, was ich eben behauptete, sagt Smarda, in seinem -Ausspruche: „In den Tropen arbeitet niemand zum Vergnügen -- warum -sollte es der bedürfnißlose Neger thun?“ - -Lewes schreibt: „Hunger ist das wahre Lebensfeuer, von dem alle -Anregung zur Arbeit und Thätigkeit ausgeht, und wir mögen hinblicken, -wohin wir wollen, wir finden in ihm die bewegende Kraft, welche die -unermeßliche Kette menschlichen Treibens und Schaffens in Thätigkeit -und Bewegung setzt. Laßt Nahrung im Überfluß vorhanden sein und leicht -zu erringen -- und die Zivilisation wird unmöglich werden.“ Das paßt -hierher; die Notdurft ist vorhanden oder doch leicht zu beschaffen, und -Ehrgeiz oder Erwerbssinn (portugiesisch heißt beides mit dem gleichen -Wort ~ambiçaõ~), die ihn zu persönlichen Anstrengungen geneigt -machen könnten, liegen dem Sklaven und selbst dem Freigelassenen -mit seltenen Ausnahmen fern; warum sollten sie sich also plötzlich -in seinen vollkommen müßig aufgewachsenen Kindern finden? Und der -geistreiche Fernando Schmidt (Dranmor), der 40jährige Beobachter -brasilianischer Verhältnisse, sagt in einem seiner Leitartikel: „Keiner -menschlichen Kreatur ist Feldarbeit verhaßter, als dem freien Neger. -Nicht wie in den Südstaaten der amerikanischen Union heißt es bei -uns, „wenn Dir die Sonne auf den Scheitel brennt, erringe im Schweiße -deines Angesichts das, womit Du Deines Körpers Blöße bedecken kannst, -wenn eisiger Frost sich über den Erdboden lagert“ -- in dem gesegneten -Brasilien, in jenen Distrikten wenigstens, wo zur Zeit noch leider nur -Zwangsarbeit die großen tropischen Handelsartikel erzeugt, ist uns -die afrikanische Race darin überlegen, daß sie Jahr aus, Jahr ein dem -ihren Aspirationen angemessenen Schlaraffenleben zu fröhnen versteht, -und sobald sie der Zucht entrinnt, sich für die tägliche, leicht -zu beschaffende Atzung keine großen Sorgen zu machen braucht. Eine -geistige Regeneration kommt nicht in Betracht.“ - -Es geht eben hier in Brasilien, wie es nach einer Notiz in einer -älteren Nummer des „~Economiste français~“, die mir neulich -in die Hände fiel, in Jamaica seiner Zeit gegangen ist. Das Blatt -sagt: „Neben der Aufhebung der Differentialzölle hat besonders die -Sklaven-Emancipation die Prosperität der früher blühenden englischen -Besitzung Jamaica vernichtet. Die Neger ergaben sich der Faullenzerei, -und noch heute verdienen sie ihren Unterhalt nicht in den Pflanzungen; -die Insel bedarf hunderttausend Kulies.“ - -Ich habe nach meinen Beobachtungen den Eindruck, daß auch Brasilien -zunächst furchtbar leiden wird durch die Aufhebung der Sklaverei, zumal -da man sich immer noch nicht entschließt, europäischen und besonders -den nützlicheren germanischen Einwanderern günstigere Bedingungen -zu stellen. Es wird nach zwei Seiten hin leiden, einmal durch den -Wegfall der Arbeitskräfte auf dem Lande und dann durch die plötzliche -Überschwemmung seiner Städte mit faulen und im besten Falle unnützen -Bevölkerungs-Elementen. - -Man sieht ja jetzt schon so ziemlich, was Brasilien wenigstens von den -ersten beiden Generationen seiner freien schwarzen Mitbürger erwarten -und hoffen darf. Von den Männern bleibt nur ein verschwindend kleiner -Teil auf dem Lande als freie Feldarbeiter; nur ein geringer Prozentsatz -von Allen wurde bisher, wenn auch nicht zu besonders fördernden, so -doch auch nicht zu störenden oder schädlichen Mitgliedern der freien -Gesellschaft. An ein Plus von Arbeit und Schaffen der schwarzen -Bevölkerung aber, über die eigenen bescheidensten Bedürfnisse hinaus, -ein Plus, das also indirekt dem Lande zugute käme, sei es was -Bodenkultur, sei es was Industrie anbetrifft, ist wohl noch in vielen -Jahrzehnten nicht, wenn überhaupt zu denken. - -Von den alten, verbrauchten Freigelassenen schrieb ich Dir schon, -daß sie oft dem größten Elend ausgesetzt sind; von einer alten -Negerin las ich einmal, daß sie in der Nacht nach ihrer Freilassung -aus Mangel an Obdach in einem hochgelegenen Bergstädtchen erfroren -sei, und mit was für einer Unzahl von Bettlern beiderlei Geschlechts -die Sklaven-Emancipation die Städte beglückt hat, ist gradezu -überwältigend. Ich weiß nicht, ob es Selbstironie sein sollte, was in -Saõ Paulo die Polizei bewog, die dortigen -- mit Nummern zu versehen!! -Die jüngeren Frauen, besonders die Mulattinnen, sind zum großen Teil -moralisch verkommen und rühren gewiß keine Arbeit an, wenn sie anders -existieren können. Die älteren Weiber schmarotzern sich so durch, essen -heute bei der früheren Herrschaft, morgen bei deren Eltern, einmal in -der Küche befreundeter Sklavinnen, ein ander Mal wird das Mittagbrot -aus einigen Bananen und etwas Brot billig zusammengesetzt. Wer die -Schlafstelle einer Negerin kennt, weiß, daß sie überall aufzuschlagen -ist: eine Matte und ein Tuch über dem Kopf ist leicht irgendwo gewährt. -Das wenige Geld, dessen sie doch etwa noch benötigen, verdienen sie -meistens durch Waschen oder Nähen, öfter noch durch Früchte- oder -Konfekt-Verkauf in den Straßen; doch darf bei ihrer Arbeit nicht im -entferntesten an eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit gedacht -werden. Selbst wenn sie in einen Dienst treten, so ist ein ewiges -Wechseln desselben die Hauptsache dabei. - -Und zu alledem giebt es jetzt (1882) etwa noch eine Million Sklaven -in Brasilien. Wie werden die Zustände nun erst werden, wenn die alle -auch noch frei sind! Und dieser Zeitpunkt wird nicht mehr allzu -fern sein, denn die Emanzipation schreitet täglich vorwärts. Der -staatliche Fonds reicht ja allerdings nicht entfernt aus, aber die -provinziellen Verbände helfen, und unzählige Sklaven werden frei durch -Privat-Initiative. - -Ein Verwandter von Herrn de Souza, der sehr reich ist, hat alle seine -Sklaven, deren gegen 300 waren, freigegeben und sie mit enormen Kosten -durch „Kolonisten“ aus der Schweiz und Tyrol ersetzt; und dies Beispiel -ist nicht das einzige seiner Art. Auch manch deutschen Namen sieht man -unter der Zahl solch edelmütiger Herren. Bei besonders erfreulichen -Familienereignissen oder sonstigen Anlässen ist es jetzt allgemein -Brauch, seiner Freude durch Befreiung eines oder mehrerer Sklaven -Ausdruck zu geben; bei der Geburt eines Kindes, bei der glücklichen -Rückkehr eines in Europa erzogenen Sohnes, bei einer besonders günstig -ausgefallenen Ernte oder Spekulationen erhält mancher Sklave seine -„Carta“. Wenn Maricotas Bruder Bento aus Cassel zurückkommt, erhält das -hiesige Factotum, Cäsario, die seine, wurde mir neulich anvertraut. - -Eine Menge Sklaven werden frei durch testamentarische Verfügung, doch -wird von den Besitzern ein derartiges Testament streng geheim gehalten, -da sie sonst fürchten, vergiftet zu werden. - -Alleinstehende Leute machen sogar manchmal ihre Sklaven zu, natürlich -freien, Erben ihrer Pflanzung, doch scheint mir diese Art von Humanität -recht wenig angebracht, da die Schwarzen in solchem Falle gewöhnlich -schon nach kurzer Zeit Besitzer einer Wildnis sind und dieselbe -sämtlich verlassen, um in den Städten ein mäßiges Vagabundenleben zu -führen, das ihren Neigungen weit mehr entspricht, als ein geordnetes, -arbeitsvolles Dasein. Daher wußte eine kürzlich verstorbene Dame aus -Minas geraes auch wohl, was sie that, wenn sie bestimmt hatte, daß -eine ihrer Pflanzungen nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ihren -32 freizulassenden Negern zur Nutznießung überlassen werden und dann an -zwei milde Stiftungen fallen solle. - -Von dem eklatantesten Fall aber, wie gefährlich unbedachte Humanität -wirken kann, erzählte mir neulich Dona Maria Louisa. Eine alte -Schwarze, die ihr früher einmal gehört hatte, war vor einiger Zeit zu -ihr gekommen, um ihre Not zu klagen. Sie war bei ihrer neuen Herrin -nach deren Tode auch Miterbin der Pflanzung geworden und erzählte -nun, daß auf derselben ein schrecklicher Zustand herrsche. Einige der -früheren Sklaven und jetzigen Besitzer arbeiteten und ernteten, die -Faulen verlangten dann, von deren Mühen mitzuleben, was ihnen jene -natürlich weigerten. Darüber käme es dann oft zu blutigen Raufereien, -bei denen schon fast die Hälfte der Neger um’s Leben gekommen sei. -„Nein“, hat sie ganz überzeugt geschlossen, „damit hat unser Senhor -keinen Segen gestiftet, daß er uns die Fazenda hinterlassen hat, -dafür kommt er in die Hölle!“ Das scheint mir nun allerdings für -den seligen Sklavenbaron und sein gewiß gutgemeintes Testament ein -etwas gar zu hartes Prognostikon, aber es liegt thatsächlich eine -enorme Ungeschicklichkeit darin, ohne Übergang den Sklaven zum Herrn -zu machen, so durchaus abhängig erzogene Wesen plötzlich mündig zu -erklären. Aber das Ganze „mutet an“, nicht wahr? Die Zustände sind so -recht behaglich und vertrauenerweckend? Ich kann Dir nur sagen, Grete, -daß ich auf einer großen Sklavenpflanzung jetzt nicht sein möchte. - -Aber nun wirst Du wohl genug haben von Negern und Sklaverei, und da -kommt auch Albertina, mich zu holen, damit ich das längste Zuckerrohr -ansähe, das ich je gesehen hätte! - -Adieu, mein Herzensgretel, schreibt mir nur ja rechtzeitig zu -Weihnachten; nächste Woche müßten Eure Briefe dazu schon abgehen; ob -Ihr wohl daran denkt? - - Deine alte +Ulla+. - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882. - - +Meine liebe Grete!+ - -„Das längste Zuckerrohr, das ich je gesehen“, steht in der Veranda -in einer Ecke; das feierliche Herbeibringen des längsten Rohres ist -hier, was bei uns der Erntekranz. Die Zuckerernte ist in vollem Gange -und -- alles klebt. Es ist scheußlich. Die Kinder kauen von Morgen -bis zum Abend „~canna~“, das sie manchmal hübsch abschälen und -in Stückchen schneiden lassen, gewöhnlich aber einfach aussaugen, so -gut es die Rohrschale erlaubt, und die Reste um sich herum spucken. -Die kleinen Neger konntest Du die letzten Tage absolut nicht anders -erblicken, als mit Zuckerstöcken in den Mündern, über deren mögliche -Bewältigung einen nur die Verhältnismäßigkeit ihrer Kauwerkzeuge -beruhigte. Jetzt ist die rohe ~canna~-Periode vorbei, und wir -sind in das Zeichen des Syrups eingetreten, ein recht zweifelhafter -Fortschritt. - -Gestern wurde die Maschine aufgestellt, die das Rohr zermalmt und -auspreßt, und heute Morgen vor dem ersten Frühstück brachten die -Kinder mir triumphierend einen großen Becher Zuckersaft, wie er -unmittelbar den ausgepreßten Stangen entquillt. Er ist dann grünlich, -verhältnismäßig klar und dünnflüssig wie Wasser und schmeckt -merkwürdigerweise lange nicht so ekelhaft süß, wie man vermuten -sollte; Klein und Groß vertilgt ihn literweise. - -Dieser Saft läuft durch Röhren in große Kessel, wo er gekocht wird und -sich so zu Melasse verdickt, die, abgesehen von einem etwas feineren -Geschmack, völlig unserem Syrup entspricht. Heute Mittag brach diese -„Melado“-Periode an, wir hatten welchen zu Tisch mit ~canjica~ -(gekochtem Mais) zusammen, und seitdem sind die Kinder schon zwei Mal -umgezogen worden. Alles schwelgt in der Zuckerernte, sogar, oder vor -allem, die Schweine, die die ausgepreßten Rohre bekommen und dabei -zusehends an Umfang zunehmen. - -Die ganze Natur rings um die Fazenda riecht, aber nicht unangenehm, -nach dem gekochten Saft. Wenn die Melasse dick genug ist, kommt -sie in große hölzerne Behälter zum Krystallisieren, und damit dies -schneller und besser vor sich gehe, wird sie mit -- Kuhmist bedeckt! So -wenigstens machen es die meisten kleinen Pflanzer, sagte mir Dona Maria -Louisa; hier wird glücklicherweise statt dessen eine besonders fette -Lehmsorte genommen, die sie auf der Pflanzung haben. - -Im Großen wird die Zuckerbereitung in Brasilien eigentlich nur vom -Staat betrieben, und in dem fiskalischen Etablissement sind die ganzen -Einrichtungen auch modernerer Art; die Pflanzer bauen meistens nur, was -sie zum eigenen Verbrauch benötigen, und wer die Rohrkultur in größerem -Maßstabe betreibt, der verkauft gewöhnlich die rohe ~canna~ an den -Staat. - -Den 11. Wir sind in eine neue Zuckerphase getreten; die Melasse hat -regelrecht ihre Metamorphose zum gelben Streuzucker durchgemacht, und -dieser liegt nun in hellen Haufen auf Matten im Hofe aufgeschüttet, -um zu trocknen. Grete, weißt Du, worüber ich mich bei der ganzen Sache -am meisten freue? -- Daß ich nicht immer dabei bin, denn sonst wäre -ich wahrscheinlich nicht im Stande, hier noch irgend etwas Süßes zu -genießen. Von den unzähligen Mosquiten, Fliegen, Wespen, Bienen und -Ameisen, die sich ihr Scherflein von dem Zuckerhaufen holen, will ich -noch garnicht einmal reden, aber da keinerlei Umzäumung diese süßen -Berge schützt, so kommen auch Katzen und Hunde zu Gaste und wollen -ihr Teil an der allgemeinen Zuckerfreude von Saõ Sebastiaõ. Diesen -ersten, noch ziemlich dunkeln Zucker bekommen allerdings nur die Neger -zu ihrem Kaffee, aber ich habe so meinen leisen Verdacht, als würde er -zum Kochen doch auch für uns in die Küche geschmuggelt. Der für die -Herrschaft bestimmte Zucker wird raffiniert, aber auch nur hier auf -der Pflanzung und auf die ursprünglichste Manier. Ganz hell wird er -überhaupt nicht, und absolut weißen Zucker sieht mancher Brasilianer -nicht, so alt er wird. Du siehst auch in den besten Häusern hier keinen -Brodzucker, und die Kinder amusierten sich neulich höchlich darüber, -daß in ihrem französischen Lesebuch von einem „Stück“ Zucker die Rede -war; sie hielten das für einen wunderbaren schriftstellerischen Lapsus. -Weißt Du, Gretele, im Ganzen, glaube ich, können wir mit unserem -Runkelrübenlande zufrieden sein -- etwas appetitlicher scheint es mir -denn doch da zuzugehen. Schließe sie mit in das bewußte Glas Bowle ein: -Deutschland und -- seine Runkelrübe! - - Deine +Ulla+. - - - - - _Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882._ - - _Gretele, Herzensgretele, denke Dir, ich reise zu Weihnachten nach - Saõ Paulo! Schaumanns haben mich eingeladen, und ich gehe am 22. - hin. Ich kann mich gar nicht fassen vor Glück! Wie anders wird es - sein als im vorigen Jahr! Und ich werde sie alle wiedersehen, die - lieben Menschen, Schaumanns vor allem und Fräulein Meyer und die - kleine Harras und -- und -- alle!_ - - _Ach, Grete, ich bin ja_ - - _Deine so glückliche_ - - _Ulla!_ - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882. - - +Meine einzige Grete!+ - -Ist das eine hübsche Weihnachtszeit mit deutschen Menschen, -deutschen Liedern, deutschem Festtagskuchen! Nur daß die Tropensonne -dreinleuchtet und sengt, als wolle sie sich rächen für unser Versenken -in die Bräuche der kalten nordischen Heimat, und die Bananen draußen -scheinen unzufrieden zu rascheln, und die Palmen schütteln die Häupter, -wie wenn sie sagen wollten: „Wie könnt ihr bei unserem Anblick an -düstere Tannen denken!“ Und doch -- und doch, Grete! Dranmors „einzige, -schneebehang’ne Tanne“, sie hat mich diese ganzen Tage über verfolgt, -denn der Christbaum fehlte, wenn auch sonst alles weihnachtlich war, -und man mit überreichen Gaben freundlich auf den Gast bedachte. Was -doch an solch einem Baum für eine Poesie haften kann! Mein Bruder -behauptete immer, ihm wäre nicht eher weihnachtlich zu Mute, als bis -diverse Wachsflecke den Fußboden zierten und es durch alle Stuben nach -versengten Tannennadeln röche. Ich wußte auch früher, daß er auf dem -Grunde dieser immer halb spöttisch vorgebrachten Äußerung die Poesie -der Weihnachtszeit mehr empfand, als er es je Wort haben wollte, -aber wie viel daran war, merke ich erst jetzt, wo ich vergeblich den -„Weihnachtsduft“ in den Zimmern suche. - -Und selbst draußen -- ach Grete, wie viel schöner ist doch solch’ ein -weißer, schneeiger Platz in Berlin, auf dem in langen Reihen die Tannen -stehen, als dieser sonnengetränkte südliche Garten mit seinen Rosen und -Palmen... - -Ich bin undankbar, wirklich, ich muß es sein, denn die Menschen sind so -unendlich lieb zu mir, und das Land ist so märchenhaft schön, und dabei -kann ich es nicht ändern, daß mir immer der Refrain des Liedes durch -den Kopf summt, das wir neulich sangen: - - „’S ist zwar schön im fremden Lande, - Doch zur Heimat wird es nie!“ - -Gestern war ich nämlich bei einer Erzieherin, die ein Klavier im -Schulzimmer hat und ein deutsches Volkslieder-Album besitzt; wir waren -im ganzen 6 deutsche Mädchen und haben das Album bis auf das letzte -bekannte Lied durchgesungen, so daß ich heute noch heiser bin. O grüße -es mir, grüße mir mein schönes Deutschland und seinen frohen Sang! - -+Den 29. Abends.+ Soeben komme ich von der englischen Familie, -mit der ich zur Zeit meines klassischen Römertums bekannt geworden -war, und die mich zum Christmas-Pudding eingeladen hatten. Mr. Hall -hat mich nach Hause gebracht, denn er war auch da, wie er überhaupt -sehr befreundet mit Emersons ist. Aber ich weiß garnicht, Grete, was -mit ihm vorgegangen ist, seitdem er damals mit nach Santos hinunter -fuhr: er hat kein Wort gesprochen den ganzen Weg über, so daß wir -völlig stumm neben einander hergeschritten sind, denn ich sagte auch -nichts. Und hier vor der Thür war er noch sonderbarer. Erst hielt -er meine Hand eine Zeitlang fest und sah mich an (er hat wirklich -bezaubernde blaue Augen!) als ob er etwas sagen wolle, dann ließ er -sie rasch los, stieß hastig ein kurzes „~Good night~“ hervor und -war so unartig, davonzulaufen, ehe ich die Thür aufgeschlossen hatte. -Was sagst Du dazu, und was soll ich davon denken? Ob er verletzt war, -daß ich garnicht gesprochen habe auf dem Wege? Aber es war doch seine -Sache, von irgend etwas zu beginnen, und ich wußte auch wirklich nichts -zu sagen, Grete. Es war ganz komisch; ich schwatze doch manchmal das -Blaue vom Himmel herunter, aber vorhin fiel mir absolut nichts ein, was -ich hätte sagen können, oder was mir einfiel, war dumm. Nun, die ganze -Sache ist ja auch gleichgültig, und ich brauche ja nicht mehr daran zu -denken. - -Morgen sollte ich eigentlich mit Emersons nach dem Maschinenlager -gehen, wo er uns einige interessante Sachen zeigen wollte, aber jetzt -werde ich +nicht+ hingehen, sondern dafür mein verwichenes -klassisches Altertum aufsuchen, von dem ich allerdings wohl nur die -kleineren Heldinnen vorfinden werde; die großen werden wohl in den -~collegios~ geblieben sein, die Brasilianer machen sich ja nichts -aus Weihnachten. - -Adieu für heute, mein Gretel. - - Deine +Ulla+. - -~P. S.~, +den 30. früh+. Soeben bringt die Post aus Santos -eine Einladung zum Sylvesterball in der dortigen „Germania“ für -Fräulein Schaumann und Bruder und „Besuch.“ Das bin ich, und so ist -das Blauseidene denn doch nicht vergebens von Saõ Sebastiaõ hierher -gewandert! Wie drollig kommt mir’s vor, hier zu einem Ball und sogar zu -einem +deutschen+ Ball gehen zu können. Nur warm wird’s werden! - - - - -[Illustration] - - - - - Santos, den 2. Januar 1883. - -Liebe Grete! Der Ball ist gewesen und das Blauseidene auch. Wir haben -viel getanzt, und es war furchtbar staubig und heiß in dem kleinen -Saal. Was soll ich Dir sonst noch davon erzählen -- Du weißt ja, wie -ein Ball ausschaut. Es ist eigentlich ein kindisches Vergnügen, nicht -wahr, Grete? Ich habe mich im Grunde gelangweilt. - -Von Saõ Paulo war außer uns nur noch ein einziger deutscher Kaufmann -da; ich hatte geglaubt, man würde sehr Viele von dort einladen. Ach -Grete, manche Vergnügungen der Jugend sind doch recht thöricht! Ich -werde jetzt verständig werden und mich so allmählich in die alte -Jungfer hineinkapseln, das ist doch das einzig Richtige! - -Wie geht es Dir? Hoffentlich besser als - - Deiner +Ulla+. - -Das heißt, mir fehlt eigentlich nichts. -- - - - - -[Illustration] - - - - - Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883. - -Greteherz -- er war hier! Mr. Hall! Herr de Souza hat neue Maschinen -gekauft, und da war er so gewissenhaft, selbst ihre Aufstellung zu -überwachen. Ich war so überrascht und erschrocken! Aber ich muß Dir die -ganze Geschichte erzählen, es war zu drollig! Wundre Dich nur nicht, -wenn eine Melone die Hauptrolle in meiner Geschichte spielt -- sie -verdient es! - -Wie ich von Saõ Paulo zurück- und in Santa Barbara auf der Station -ankam, stand Cäsario schon da mit seinem Wagen. Ich wäre eigentlich -lieber geritten, aber da ich Gepäck hatte, so mußten wir fahren. Santa -Barbara ist berühmt wegen der prachtvollen Wassermelonen, die dort von -nordamerikanischen Ansiedlern gezogen werden, und weil der Wagen nun -doch einmal da war, so kaufte ich die größte, die ich bekommen konnte. -„Die wiegt gut ihre 12 bis 15 Pfund“, grinste der Jüngling, von dem ich -sie erhandelte, und der mir sie an den Wagen trug. - -„Nun, Cäsario“, sagte ich, vergnügt über meinen famosen Handel, „wo -bringen wir denn diesen zierlichen Gegenstand noch unter? Er ist für -die Kinder.“ - -Cäsario kraute sich das schwarze Wollhaar. - -„Hm, Senhora, es ist nirgend Platz.“ - -„Was“, rief ich, „ein ganzer Wagen und kein Platz für eine Melone -- -hier ist ja ein Kasten unter dem Sitz.“ - -„Darin ist Senhoras Handköfferchen und Fleisch aus dem Dorf und etwas -Weißbrot, es geht nichts mehr hinein.“ - -„So nimm die Melone auf den Bock.“ - -„Ja, Senhora, gern, Senhora, aber sie wird hinunterfallen, denn ich -habe die vier Maultiere und die Peitsche.“ - -„Nun, so wird sie stolz neben mir auf dem Sitz fahren, gieb her“, -entschied ich, als in der That der Wagen keinen weiteren Raum für die -schöne Frucht zu haben schien. - -Das kleine offene Gefährt hatte auf einem höckerigen Rasenplatze hinter -dem Stationsgebäude gehalten, aus dessen Höhen und Tiefen ihn jetzt -wieder herauszuarbeiten, keine kleine Aufgabe war. Aber Cäsario wußte -seine Tiere zu nehmen. - -Er verfügt über eine erstaunliche Menge ermunternder Zurufe und -illustriert sie auf das Geschickteste durch kleine geeignete -Peitschenbewegungen. Die Maulesel faßten endlich einen Entschluß und -zogen an. - -„Hoho“, schrie ich zu gleicher Zeit, denn -- die Melone war zum Wagen -hinaus. Alles, was ich bei dem plötzlichen Ausbruch von Eselsenergie -hatte thun können, war, meinen Hut auf dem Kopf zu behalten, meinen -Regenschirm aufzufangen, als er eben auf seinem Wege zum Wagen hinaus -war, und selber darin zu bleiben, was ich auch nur mit Hülfe der -verwickeltsten equilibristischen Kunststücke fertig brachte... „Halt, -Cäsario, meine Melone!“ - -Glücklicherweise lag sie unversehrt in einer der Untiefen des höckrigen -Rasens; Cäsario kletterte vom Bocke herunter und brachte sie wieder -heran. „’S ist schlimm damit, Senhora“, sagte er, die große Frucht -ratlos angrinsend. Aber ich war zuversichtlich: „O, ich werde sie jetzt -schon besser festhalten“, behauptete ich, und Cäsario stieg wieder auf. - -Die ganze Serie von Schmeicheleien, Drohungen und Ermunterungen für die -Maulesel wurde wiederholt; als diese dann aber wiederum einen Entschluß -faßten, brachten sie den Wagen mit seinem ganzen Inhalt, Regenschirm -und Wassermelone eingerechnet, glücklich aus dem Bereich des fatalen -Rasenplatzes heraus. - -Eine mächtige Pfütze unter dem Schlagbaum, der das Bahnhofsterrain -abgrenzt, brachte die glatte Frucht nochmals in nicht unerhebliche -Gefahr, der sie nur dadurch entging, daß ich aufopfernd die rechte -Seite meines Kattunkleides dem Einfluß der spritzenden Räder preisgab -und der Melone beide Hände widmete. Aber nun sah der Weg vor uns -friedlich aus. Ich versuchte es, die große grüne Kugel jetzt nur mit -einer Hand zu stetigen und der Erfolg war zufriedenstellend, obgleich -mir das Vergnügen, das große Ding vier Stunden lang festhalten zu -sollen, bereits anfing, in zweifelhaftem Glanze zu erscheinen. -Wenigstens wollte ich den Schirm aufspannen, ich brauchte mich wegen -der dummen Melone doch nicht zum Mohren brennen zu lassen! Grete, ich -sehe mich selbst noch, wie ich langsam, langsam den festen Griff, mit -dem ich sie gepackt, ein wenig lockerte, dann vorsichtig die Hand -emporhob und wachsam mit den Augen die Bewegungen der Frucht verfolgte, -die unter meinen gespreizten Fingern immerhin noch mißtrauenerweckend -genug wackelte. Aber es ging wirklich! Man konnte sie einen Augenblick -loslassen! - -Der Schirm war aufgespannt und die Melone sich selbst überlassen --- wie erleichtert ich war! Nur beobachten muß man sie noch ein -Weilchen... Ein Seitenblick: -- alles in Ordnung. - -Ob sie aber auch nicht nach vorn wegrutscht? Wieder ein Blick -- nein, -da ist sie ja auf derselben Stelle... - -Aber sie konnte von der Seite unter dem Armgeländer wegschlüpfen... ein -dritter Blick! Ach, da kann sie ja gar nicht durch.... - -In der Gegend, wo wir grade fuhren, wird die Landschaft sehr hübsch; -einzelne Palmen auf den welligen Hügeln heben sich sehr malerisch -gegen den südlichen Himmel ab und -- +nur+ eine rasche Wendung -nach links: ja, sie ist da -- und dort die kleine Ansiedlung, das -weidende Vieh -- Herrjeh, die Melone! Ach was, sie ist ja auf derselben -Stelle.... - -Da hast Du einen Begriff, wie mich das lästige Ding quälte, das ewige -Hin- und Herdrehen des Kopfes war nicht zu ertragen, lieber hielt ich -sie wieder fest! - -Endlich kamen wir an eine Biegung, von wo aus, wie ich wußte, der Weg -eine ganze Zeitlang sanft ansteigt -- hurrah, jetzt war ich wieder Herr -über beide Hände. -- „Hier +kann+ sie nicht fort“, jubelte ich, -und ich glaube, ich habe meine glatte und doch so ungefüge Peinigerin -ordentlich triumphierend angelächelt. Aber, aber, Grete, das war die -Rechnung ohne den Wirt gemacht oder hier ohne die mutwillig erstandene -Frucht! Das Ding hatte wahrhaftig die perfidesten Einfälle, die man -gewiß je an einer Wassermelone wahrgenommen. Nach vorn konnte sie nun -allerdings nicht wegrutschen, aber nun begann sie, in Übereinstimmung -mit dem leichten Trab der Maultiere, mir in regelmäßigen Intervallen -von 30 Sekunden gegen die Seite zu prallen mit einer Vehemenz, die -sich absolut nicht ignorieren ließ, und gegen die es einen passiven -Widerstand nicht gab. - -Ich war empört auf die Melone, auf mich selbst, auf den Jüngling, der -sie mir verkauft und noch grinsend ihre 12 bis 15 Pfund Gewicht betont -hatte; es war grade, als hätte er gewußt, wie sich das große Geschöpf -benehmen würde. Ein Versuch, die Melone, ohne sie mit der Hand zu -stetigen, vor mir auf dem Schooß zu balancieren, scheiterte an einer -Serie urkräftiger, auf meine Magengegend gerichteter Püffe von Seiten -der Melone -- es war dem teuflischen Ding mit List nun einmal nicht -beizukommen, sie war voller Ressourcen. - -Ein besonders lebhafter Zornesausruf von meiner Seite veranlaßte -Caesario zu dem Rat, den Plagegeist auf den Boden des Wägelchens zu -legen und ihn mit den Füßen zu halten. Dies schien mir eine glänzende -Idee! Aber es war auch nichts mit ihr. Die schwere Frucht rollte den -sie einschließenden Füßen nach vorn weg, und als ich diese dann mit -zorniger Energie heftiger anpreßte, glitt das unleidliche glatte -Ding auf der einen Seite hinüber, und ich mußte wieder allerlei -gymnastische Kunststücke vollführen, damit sie nur nicht unter die -Räder kam. Einen Augenblick war mir allerdings der Gedanke durch den -Kopf geblitzt, was für eine Erleichterung es gewesen wäre, sie los zu -sein, aber dann wieder dachte ich auch: „Nein, nun erst recht nicht!“ -und stellte die Melone von neuem, jetzt aber auf ihre Spitze, zwischen -meine Füße. Das ging auch ein Weilchen gut, und ich dachte schon, ich -hätte nun wirklich und endgültig den Vorteil über sie errungen, als -plötzlich Caesario es für gut befand, das rechte Rad des Wagens in -eine tiefe Furche zu schicken, während das linke oben blieb. -- Ja, -da half kein Widerstreben! Zwar klammerte ich mich mit eigensinnig -zusammengekniffenen Lippen an den Armstütz des Wägelchens, zwar suchte -ich mit aller Kraft auch die Melone zu dem gleichen Beharrungsvermögen -zu zwingen, allein, Grete, dem Ungestüm einer fünfzehnpfündigen -Wassermelone, die entschlossen ist, ihren Willen zu haben, ist man -nicht gewachsen: abwärts rutschten Fuß und Frucht, und hinaus zum Wagen -war die tückische Melone und lag in empörender Ruhe im Wegestaub, ehe -ich mich noch von dem Schrecken, beinahe mit aus dem Wagen geschleudert -worden zu sein, erholt hatte. Caesario hatte bereits gehalten und -überreichte mir die wiederum unversehrte Frucht mit dem gleichen -verlegenen Grinsen wie das erste Mal, während ich meinem Grimm gegen -dieselbe auf deutsch Luft machte. Allein, hatte ich mich so lange mit -dem dummen Ding gequält, so wäre es doch thöricht gewesen, jetzt in der -letzten Stunde die Geduld zu verlieren. Ich gab der Melone ihren alten -Platz auf dem Wagensitz wieder und verdammte wiederum meine linke Hand -dazu, ihre Fluchtversuche zu vereiteln. - -Der Wagen stuckerte weiter. - -Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinter Wolken getreten, und -einzeln, wie zögernd fielen endlich die ersten Regentropfen aus der -Luft. Ich will es Dir nur gestehen, Gretele: ich war mittlerweile schon -so ärgerlich und nervös geworden, daß ein zorniger kleiner Faustschlag -die Melone traf, als sei sie unfehlbar auch an dieser Prüfung -schuld, und der verzweifelte Ausruf: „Und dabei keinen Regenmantel!“ -begleitete ihn, ohne daß beides jedoch die hartherzige Melone in ihrem -aufregenden Wackeln und Rucksen irre gemacht hätte. Nur Cäsario ließ -ein, dem deutschen Ausruf ~au hasard~ angepaßtes „Sim, Senhora“, -hören. - -Rasch wurde der Regen stärker, und mein wieder aufgespannter Entoutcas -bedeutete sehr bald nur noch eine Traufe, die sich mir auf Schultern, -Hut und in den Kragen hinein entleerte, je nachdem die Bewegungen des -Wagens den Schirm dirigierten. Und zu alledem immer die Melone! Da -lag das unförmliche Ding und triefte von Regenwasser, dem sich der -aufgesammelte Staub liebreich gesellte und als Schmutz dem hellen -Handschuh, der darauf herumzurutschen verdammt war, bald eine völlig -undefinierbare Farbe verlieh. Ich hätte schließlich weinen können vor -Zorn! Mit förmlichem Haß betrachtete ich die widerspänstige große -Melone, erwägend, ob ich mich während der noch fehlenden Stunde Wegs -mehr über etwaige neue Chikanen derselben oder darüber ärgern würde, -wenn ich sie jetzt noch aus dem Wagen schleuderte. Ein plötzlicher -heftiger Anprall des Wagens an einen Stein, der die Melone zu dem -entsprechenden Angriff gegen meine Seite veranlaßte, entschied die -Frage. Der unnütze Schirm wurde energisch zugeklappt, und mit beiden -Händen ergriff ich die abscheuliche Frucht, um sie aus dem Wagen zu -schleudern. - -„Was wollen Sie denn mit der schönen Melone thun?“ fragte in demselben -Augenblick auf englisch eine Stimme hinter mir und ich sah, mich -umwendend, einen Reiter unmittelbar hinter meinem Wagen... Grete, -ich hätte in die Erde sinken können vor Scham! Das war Mr. Hall, und -ich in dieser Verfassung! Das Kleid bespritzt, total verregnet, mit -schmutzigen Handschuhen und mit dem zornigen Gesicht über der großen -grünen Frucht -- ich war versteinert vor Schreck und wünschte ihn, ja -denke Dir, im Ernst, ich wünschte ihn lieber tausend Meilen entfernt, -als gerade in dem Augenblicke vor mir! Er ritt langsam neben dem Wagen -her, während ich ganz rot und verlegen auf die Melone starrte, die ich -noch steif in Händen hielt. „~Well?~“ machte er und lächelte. Da -sah ich ihn an, und da lachten wir beide. - -„Das große Ding war auch zu unleidlich geworden“, sagte ich, begann -jedoch unwillkürlich, ich weiß nicht warum, das „unleidliche“ Ding mit -erneuter Sanftmut zu halten. - -„Geben Sie her“, sagte Mr. Hall, „ich werde sie Ihnen für den Rest des -Weges tragen.“ - -„Ah! -- aber wie?“ - -„Hier in diesem Sack; den kann ich so an meinen Sattel hängen... Sehen -Sie, so!“ - -„O danke!“ - -Grete, wenn ich nur nicht so zerzaust ausgesehen hätte! Ich freute mich -förmlich, daß es nicht mehr weit war bis nach Saõ Sebastiaõ. Aber wo -mochte Mr. Hall hinwollen, und wo kam er her? - -Ich scheute mich, ihn zu fragen, aber ich hätte es zu gerne gewußt. -Wir sprachen überhaupt wenig, aber ich hatte so eine Ahnung, als -+müsse+ er nach Saõ Sebastiaõ reiten. - -Jetzt kam ein Seitenweg, da wollte ich es schon erfahren. - -„Sie sollen um meinetwillen aber keinen Umweg machen“, sagte ich. -Gretel, das war doch gewiß fein ausgedacht, und ich dachte, er würde -nichts merken, aber er machte ein so drolliges Gesicht zu dieser -Bemerkung und ich wurde so rot dabei, daß ich sie augenblicklich -zehntausendmal mehr verwünschte, als vorhin die Tücken der Melone. - -„Ich reite meinen Weg“, lächelte Mr. Hall. - -„Ja, wollen Sie denn auch --“ - -„Nach Saõ Sebastiaõ, ja, genau wie Sie; ich komme von der Fazenda Santa -Catharina.“ - -„Aber was --?“ - -Es machte ihm augenscheinlich Spaß, mich neugierig zu machen, was er -in Saõ Sebastiaõ wolle, bis er mir zuletzt die Maschinen-Angelegenheit -erzählte. So kamen wir zusammen auf Saõ Sebastiaõ an. Du kannst Dir -denken, daß Souzas nicht wenig erstaunt waren zu finden, daß wir beide -uns recht -- oder ziemlich -- ich meine, daß wir beide uns schon -kannten. - -Er blieb nur einen Tag, aber diesmal war es so, als sei ich dazu -bestimmt gewesen, mich einfältig zu betragen. Was mag er nur jetzt von -mir denken! - -Als er nämlich gegen Abend fortreiten wollte, kam er, um mir Adieu zu -sagen, in’s Schulzimmer, wo ich allein war und sang. Ich stand auf vom -Klavier und reichte ihm die Hand. Da hielt er sie wieder fest in der -seinen, wie an jenem Abend in Saõ Paulo und sah mich ebenso an wie -damals. Diesmal aber sagte er auch etwas -- viel war es nicht -- nur -„Ulla“ -- aber, Grete, mir war’s, als hätte ich meinen Namen noch nie -zuvor gehört. Mir wurde einen Augenblick ganz wirr und betäubt zu Mute -und dann -- -- bin ich dumme, ungezogene Gans davongelaufen und habe -mich nicht wieder blicken lassen, bis er fortgeritten war. Werde ich -denn ewig kindisch bleiben! - - Deine unartige +Ulla+. - -Er hat mir auch gesagt, Emersons wollten mich nächstens zum Ball -einladen; ich freue mich schon furchtbar darauf -- ein Ball ist doch -ein entzückendes Vergnügen, meinst Du nicht auch, Herzensgrete? - -Himmel, was er nur denken mag! - - - - - Ulla von Eck - - George Hall - - Verlobte. - - +Saõ Paulo+, im Januar 1883. - - Süße Grete, es war auf dem Ball! Ich habe ja immer für Bälle - geschwärmt!! Nun schreibe ich nicht mehr. Wir kommen bald beide, - und ich -- als - - Deine überglückliche - - +Ulla Hall+. - - Wie drollig sich das anhört! - - - - -Druck von Greßner & Schramm in Leipzig. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Leid und Freud einer Erzieherin in -Brasilien, by Ina von Binzer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEID UND FREUD EINER *** - -***** This file should be named 60701-0.txt or 60701-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/7/0/60701/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (Biblioteca Brasiliana Guita e José -Mindlin) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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