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-The Project Gutenberg EBook of Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien, by
-Ina von Binzer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien
-
-Author: Ina von Binzer
-
-Release Date: November 16, 2019 [EBook #60701]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEID UND FREUD EINER ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (Biblioteca Brasiliana Guita e José
-Mindlin)
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie
- möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden
- stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche
- Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
- Fremdsprachliche Ausdrücke (auch Orts- und Personennamen) wurden
- weder korrigiert noch vereinheitlicht, sofern der Sinn des Texts
- dadurch nicht verfälscht würde.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom
- Bearbeiter hinzugefügt; Fußnoten wurden an das Ende der jeweiligen
- Briefe versetzt. Im Original erscheint der Brief vom 21. Februar
- 1882 vor demjenigen, der auf den 17. Februar 1882 datiert wurde.
- Die Reihenfolge der Buchausgabe wurde gleichwohl beibehalten.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- kursiv: _Unterstriche_
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Leid und Freud einer Erzieherin
-
- in Brasilien.
-
- [Illustration]
-
-
-
-
- Leid und Freud
-
- einer Erzieherin
-
- in
-
- Brasilien.
-
- [Illustration]
-
- Von
-
- Ina von Binzer
-
- (Ulla von Eck.)
-
- [Illustration]
-
- Berlin.
-
- Richard Eckstein Nachfolger.
-
- (Hammer & Runge.)
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
- Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881 1
-
- Saõ Francisco, den 9. Juni 1881 9
-
- Saõ Francisco, den 20. Juni 1881 13
-
- Saõ Francisco, den 11. Juli 1881 21
-
- Saõ Francisco, den 25. Juli 1881 26
-
- Saõ Francisco, den 14. August 1881 35
-
- Saõ Francisco, den 1. September 1881 43
-
- Saõ Francisco, den 17. September 1881 56
-
- Saõ Francisco, den 5. October 1881 59
-
- Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881 68
-
- S. F., den 3. Dez. 1881 70
-
- Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends 71
-
- Petropolis, den 15. Januar 1882 76
-
- Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882 83
-
- Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882 90
-
- Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882 94
-
- Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882 99
-
- Rio de Janeiro, den 2. März 1882 107
-
- Saõ Paulo, den 20. März 1882 109
-
- Saõ Paulo, den 5. April 1882 114
-
- Saõ Paulo, den 21. April 1882 120
-
- Saõ Paulo, den 5. Mai 1882 124
-
- Saõ Paulo, den 29. Mai 1882 133
-
- Saõ Paulo, den 20. Juni 1882 138
-
- Saõ Paulo, den 28. Juni 1882 144
-
- Saõ Paulo, den 1. Juli 1882 146
-
- Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882 148
-
- Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882 156
-
- Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882 163
-
- Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882 169
-
- Santos, den 20. August 1882 173
-
- Santos, den 22. September 1882 179
-
- Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882 183
-
- Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882 187
-
- Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882 197
-
- Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882 206
-
- Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882 209
-
- Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882 210
-
- Santos, den 2. Januar 1883 214
-
- Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883 215
-
- Verlobungsanzeige 225
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881.
-
- +Meine liebe Grete!+
-
-Fazenda bedeutet Pflanzung. Es thut mir leid, daß es nicht Hacienda
-heißt, da Ihr das wahrscheinlich bis jetzt geglaubt habt, und ich Euch
-also gleich beim ersten Worte meines ersten Briefes enttäuschen muß.
-Ihr könnt Euch aber mit mir trösten, es ging mir ebenso, und es war
-doch so hübsch, als wir noch so unschuldig Spanisch und Portugiesisch
-verwechselten. So geht eine Illusion nach der andern verloren!
-
-Daß diese Fazenda Saõ Francisco heißt, ist durchaus nicht wunderbar;
-im Gegenteil, es wäre merkwürdig, wenn sie anders hieße; einundzwanzig
-Ortschaften in Brasilien heißen Saõ Francisco, und der Pflanzungen, die
-dieser beliebte Heilige unter den Schutz seines Namens nehmen muß, sind
-Legion.
-
-Eine zweite Enttäuschung wird Dir sein, daß ich Euch über meine Reise
-von Rio de Janeiro bis hierher nicht einmal von einem Indianerüberfall
-oder einem Tigerkampf berichten kann -- als Geringstes hättet Ihr doch
-eine Riesenschlange verlangen können -- und ich sehe vollständig ein,
-wie sehr es mich von vornherein andern Tropenreisenden gegenüber in
-Euer Aller Augen herabsetzen muß, daß ich ohne weiteren Unfall hier
-angekommen bin.
-
-Doch dem ist so.
-
-An der Eisenbahnstation holte mich Dr. Rameiro[1] selbst ab, und, denke
-Dir, Grete, in einer ganz bequemen europäischen Halbchaise! Selten
-hat mich wohl eine Halbchaise so geärgert wie diese! Wenn ihr doch
-wenigstens unterwegs ein Rad gebrochen wäre, oder der Negerkutscher
-versucht hätte, uns in irgend einen Abgrund zu fahren, etwa aus Rache
-für erlittene Züchtigung, denn der war doch wenigstens ein richtiger
-Sklave! Aber ich muß beschämt wiederum eingestehen, daß er recht
-gutmütig über seiner platten Nase dreinschaute und wahrscheinlich
-garnicht an einen Abgrund dachte. Nun, hoffen wir, daß das Geschick ein
-Einsehen hat und mich noch in eine recht gefährliche Situation geraten
-läßt.... aber so, daß ich sie Dir nachher noch beschreiben kann.
-
-Also Dr. Rameiro holte mich ab. Er wird „Doktor“ genannt. Warum, weiß
-ich nicht, und ich bezweifle, ob er selbst oder die, welche ihn so
-anreden, irgend eine befriedigende Auskunft darüber geben könnten außer
-der, daß jeder besser situierte Brasilianer ein natürliches Anrecht
-auf diesen Titel mit auf die Welt bringt, und es also einesteils
-unbescheiden, andernteils blödsinnig erscheinen müßte, wollte jemand
-von ihm verlangen, daß er sich denselben durch ein höchst überflüssiges
-Studium erst verdiente.
-
-Er sprach portugiesisch, ich französisch.
-
-Es soll kaum einen Brasilianer geben, der nicht französisch spräche,
-manchen aber auch, der nur einen sehr unvollkommenen Begriff hat von
-der Lage des dazugehörigen Landes oder davon, daß es in demselben auch
-noch einige andre Ortschaften giebt als Paris. In dem Kopfe meiner
-Negerin ist „Paris“ identisch mit allem und jedem außerhalb Brasiliens
-befindlichen Gebiet, und da ich ihre unbegrenzte Hochachtung vor diesem
-merkwürdigen Dinge „Paris“ sehe, dem ich natürlich auch entstamme, so
-habe ich mich wohl gehütet, dasselbe und die Leistungsfähigkeit seiner
-Kinder berichtigender Weise durch mein achttägiges Portugiesisch zu
-diskreditieren.
-
-„Meine Negerin“ -- nicht wahr, das ist bis jetzt noch das Beste an
-meinem Brief, das klingt doch nach was! Sie heißt sogar Olympia, was
-die Sache doch entschieden noch pomphafter macht, und sagt bei jeder
-Gelegenheit höchst unterwürfig „~Sim, Senhora~“, auch wenn ich
-sie schelte. Im Vertrauen will ich Dir zwar sagen, liebe Grete, daß
-sie das scheußlichste, dicklippigste schwarze Geschöpf ist, das je
-einen hochtrabenden Namen trug, und daß das „~Senhora~“ ganz etwas
-gewöhnliches hier ist, wie in Berlin z. B. „gnädige Frau“. Außerdem
-macht Einen das ewige „~Sim, Senhora~“ zuletzt ganz stumpfsinnig,
-da sie es überall und immer anwendet, zumal wenn sie mein Portugiesisch
-nicht verstanden hat, was einige Male am Tage vorkommt. Aber dies
-erzähle den Andern nicht, hörst Du!
-
-Dr. Rameiro besitzt noch gegen 200 Sklaven und Sklavinnen. Die meisten
-arbeiten natürlich draußen im Kaffee, aber hier im Hause sind auch eine
-ganze Anzahl, von denen einige auch etwas zu thun haben. In einem
-großen Saale mit Oberlicht, der eigentlich den Eindruck eines großen
-Flures macht, sitzen ein Neger und eine Negerin je an einer Nähmaschine
-und klappern den ganzen Tag. Rings umher an der Erde und auch in einem
-anstoßenden Raume, der wieder wie ein Flur aussieht und an die Küche
-stößt, sitzen zehn bis zwölf Negerinnen und nähen, und eine jede hat
-einen Korb aus Bambusgeflecht vor sich, worin ein kleines Kind liegt,
-von welcher Kollektion natürlich immer mindestens eines schreit. Da zu
-diesen Näharbeiten nur Negerinnen mit ganz kleinen Kindern, die sie
-nicht verlassen können, verwendet werden, so ist es klar, daß, wenn
-welche dasitzen, auch die Bambuskörbe nicht fehlen und mindestens aus
-einem derselben geschrieen wird.
-
-Das Küchenpersonal besteht aus drei Personen. Wer von ihnen kocht, habe
-ich in diesen Tagen noch nicht herauskriegen können; manchmal schmeckt
-das Essen so, als wären ihre Ansichten in Bezug auf die erforderlichen
-Zuthaten in den denkbarsten Diametralen auseinander gegangen und hätte
-schließlich jeder von ihnen die seinige durchgesetzt, manchmal scheint
-es, als haben sie sich um des lieben Friedens willen alle drei von der
-Sache zurückgezogen.
-
-Ein kleiner zwölfjähriger Mulatte mit unverschämtem Gesicht und einer
-scheinbar unbesiegbaren Anhänglichkeit an schmutzige Anzüge und
-Purzelbäume, in welchen letzteren er eigentlich +geht+, hat des
-Mittags mit einer kleinen Fahne (die jedenfalls jetzt bräunlich-grau
-ist, was sie auch früher gewesen sein mag) die Fliegen über dem Tisch
-zu verjagen, was meiner Ansicht nach viel unerträglicher ist als die
-Fliegen, und außerdem den Kaffee zu servieren. Aber trotzdem diese
-Erfrischung mindestens vier Mal am Tage eingenommen wird, kann diese
-Arbeit doch nicht als ausreichende Beschäftigung für einen ganzen
-Tag angesehen werden, und es läßt sich also garnicht absehen, bis zu
-welcher Virtuosität in Purzelbäumen diese kleine gelbe Kreatur es noch
-bringen kann, wenn er auch nur die Hälfte seiner freien Zeit auf ihre
-Vervollkommnung verwendet.
-
-„Freie Zeit!“ Ach, liebe Grete, bei dem Worte könnte ich elegisch
-werden. Weißt Du noch, wie wir es als unumstößlich richtig unter uns
-ausmachten, daß die Brasilianer den ganzen Tag weiter nichts thäten als
-fesch aussehen und rauchen, ihre Damen, in duftigste Gewänder gehüllt,
-sich in Hängematten wiegten und sich dabei von kleinen interessanten,
-weiß und roth gekleideten Negerknaben befächern ließen? Wie Orangen-
-und Bananenbäume in unsern Bildern eine merkwürdige Neigung hatten,
-zu den Fenstern hineinzuwachsen, und bunte Papageien und die „süßen“
-kleinen Kolibris nur so um Einen herumflogen wie die Tauben in Lillis
-Park? Welche Idylle! Und natürlich würden solche idyllische Menschen
-auch von ihrer Erzieherin nicht so etwas Rohes wie wirkliche handfeste
-„Arbeit“ verlangen -- pfui -- man würde mit den Kindern im Schatten der
-Orangenbäume ruhen, sie gleichsam spielend die theure Muttersprache
-lehren, Papageien zähmen, Früchte essen, Gedichte machen, sich mit
-Blumen schmücken.....
-
-Ach, Grete! Ich sage nichts als „Ach!“
-
-Dr. Rameiro raucht freilich -- es ist mir eigentlich noch nie
-aufgefallen, daß er +nicht+ rauchte -- aber fesch kann ich ihn
-mit dem besten Willen nicht finden! Weder wenn er mit gespreizten
-Beinen vor dem Hause steht oder wenn er in den Kaffeeräumen
-umhersteigt, noch wenn er abends thatenlos in der Hängematte liegt,
-hat er die geringste Ähnlichkeit mit den schönen Brasilianern auf der
-seligen Friedrich-Wilhelmstädtischen Operetten-Bühne. Es ist recht
-niederschlagend!
-
-Madame Rameiro liegt auch manchmal in der Hängematte, (diese spielen
-vollkommen die Rolle eines Möbels und sind in den Zimmern mit starken
-Haken an zwei passend zu einander gelegenen Thüren befestigt) aber
-sie ist eine etwas lebhafte Dame, sie hält es nie lange darin aus,
-und wenn ihre Energie erwacht, etwa ob einer schlechten Naht einer
-Derer mit den Bambuskörben, so höre ich sie im Schulzimmer (was
-hörte ich da +nicht+!) die Negerinnen anfeuern durch Wörter,
-die merkwürdigerweise eine auffallende Ähnlichkeit haben mit recht
-kräftigen heimischen Schimpfwörtern. Ich werde aber morgen im
-Lexikon nach der friedlichen Bedeutung von „~diabolo~“ oder
-„~canailla~“ suchen, um die gute Frau vor meinen eignen Augen zu
-rechtfertigen, was dem Lexikon jedenfalls glänzend gelingen wird.
-
-Von den Orangen und Bananen später. Jetzt nur noch ein Wort über die
-Papageien. Was Du auch thust, liebste Grete, bringe sie nie wieder in
-einer Idylle an, oder wenn Du es thust, begnüge dich mit +einem+
-und laß +den+ taubstumm sein! In dem Zimmer mit den musikalischen
-Bambuskörben hängen ihrer sechs an den Wänden umher auf kleinen ½ Fuß
-breiten Ständern aus Blech, die wie Konsölchen aussehen. Des Morgens
-um vier beginnen sie auf’s Energischste ihren Kaffee zu verlangen
-und hören damit nicht eher auf als bis sie ihren Zweck erreicht
-haben, frühestens und unter günstigen Verhältnissen nach anderthalb
-Stunden; und dann plappern, schreien, quieken, kreischen und keifen
-sie den ganzen Tag lang mit einer Unermüdlichkeit, die beschämend
-sein würde, wenn sie Einen nicht, im Verein mit eilf andern Vögeln,
-den Nähmaschinen und den Bambuskörben gradezu rasend machte! Sie sind
-bis jetzt meine intimsten Feinde. In den ersten Tagen nährte ich eine
-unbestimmte Hoffnung, daß sie bald sterben könnten, seitdem mir jedoch
-vorgestern Molières hundertjähriger Papagei eingefallen ist, betrachte
-ich sie nur zu oft wie Mr. Pickwick das widerspänstige Pferd, d. h. ich
-überschlage im Geiste die möglichen Folgen davon, wenn ich sie alle
-sechs umbrächte. Natürlich höre ich auch sie im Schulzimmer.
-
-Man hört überhaupt in diesem idyllischen Hause überall alles, denn
-Thüren und Fenster stehen samt und sonders fortwährend offen, und kein
-Teppich, keine Gardine, kein Polstermöbel dämpft auch nur irgendwie
-einen Schall, der Lust hat, sich fortzupflanzen. Ach liebe Grete, diese
-Reitsäle von Zimmern, dieses grelle Licht, diese Korbgeflechtsophas und
-Wiener Stühle sind so entsetzlich unromantisch, so garnicht idyllisch!
-
-Und nun gar das ~dolce far niente~! Laß mich schweigen. Wir
-waren erstaunlich „jung“, als wir uns überzeugten, daß das hier meine
-Hauptbeschäftigung sein würde! Mit weiterem will ich heute Dein
-mitfühlendes Freundesherz nicht zerreißen. Ich werde es Dir so nach und
-nach beibringen.
-
-Für heute leb’ wohl: der Thee ist serviert, denn „eins, zwei, drei“ --
-nämlich Purzelbäume des Mulattenjungen. Drei braucht er vom Eßzimmer
-bis hierher, und natürlich höre ich sie. Richtig, da murmelt er an der
-Thür: „~Chà, Senhora~“ -- also bis zu meiner nächsten Muße. Möge
-Dir die Zeit nicht allzu lang werden.
-
- +Deine Ulla.+
-
-
- [1] Das ei in portugiesischen Wörtern ist gewissermaßen getrennt zu
- sprechen mit dem Ton auf dem e.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 9. Juni 1881.
-
- +Liebste Grete!+
-
-Weißt Du, was ich heute in die tiefsten Tiefen meines Koffers versenkt
-habe?... Unsern +Bormann+, d. h. seine „vierzig pädagogischen
-Briefe“. Sie passen nicht, Grete, sie passen hier nicht! Und ich hatte
-mich so darauf verlassen! -- Wenn mich unterwegs die Angst befiel,
-wie ich mit meinen brasilianischen Zöglingen fertig werden würde,
-dann dachte ich immer an das hülfreiche kleine Buch unter meinen
-Reiseeffekten und sagte mir beruhigt: So machst Du’s! Und nun.....!
-Ach Grete, ich glaube, Bormann hätte hier oft selber nicht gewußt, was
-er machen sollte. Man ärgert sich über so vieles, was sich garnicht
-greifen läßt, und was doch da ist und immer wieder da ist!
-
-In dieser gesegneten Familie sind zwölf Kinder, und sieben davon
-habe ich unter meiner pädagogischen Fuchtel. Um sieben Uhr morgens
-geht es los. Dann kommen erst „die Großen“ und nehmen eine deutsche
-Stunde. Dona Gabriella, Dona Olympia und Dona Emilia sind schon
-neunzehn, einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt, was für
-Brasilianerinnen schon dicht an der alten Jungfer ist und mich bei
-meinen eignen zweiundzwanzig sehr entsetzte; und dann denke Dir,
-eine Schülerin immerfort mit „Dona“ anreden zu müssen! Die ersten
-Morgende kamen sie regelmäßig zu spät in die Stunde, so daß ich mich
-zu dem Ersuchen veranlaßt sah, doch pünktlich zu erscheinen, denn
-damals lebte ich noch nach Bormann. Seitdem sitzen sie nun jeden
-Morgen, wenn ich hereinkomme, ernst und schweigend um den Tisch mit
-ihren blaßgelben, unbewegten brasilianischen Gesichtern, und auch das
-dumpfe, gleichgültige: „~Bon jour, mademoiselle~“ bringt keinerlei
-Ausdruck darauf hervor; keine Morgenfrische, keine Lernfreude, keine
-persönliche Sympathie -- ach Grete, dies Trio ist entsetzlich lähmend!
-Mir fällt jetzt immer bei ihrem Anblick die heilige Vehme ein, wo die
-Richter nicht ernster und kälter in der Runde gesessen haben können.
-Ich bin feige genug, bereits zu wünschen, ich hätte sie nicht um
-Pünktlichkeit ersucht. Wir würgen uns mühsam durch diese deutsche
-Stunde, natürlich immer durch das Medium des Französischen, und
-letzteres ist noch das Beste von der Sache, denn sowie sie anfangen,
-deutsch zu sprechen, verstehe ich keine Silbe mehr.
-
-Ich bin immer ganz erlöst, aber auch schon halb kaput, wenn dann um
-8 Uhr „die Kleinen“ kommen. Wenn sie auch unartig sind, so sind es
-doch wenigstens Kinder, und nur die älteste von ihnen hat auch schon
-etwas von der heiligen Vehme an sich. Ach Grete, sie sind alle so
-„~provoking~!“ Sie thun alles, was ich sage, lernen alles, was ich
-aufgebe, und doch irritieren sie mich namenlos!
-
-Ich glaube gewiß, sie meinen nichts Böses, und manchmal finde ich meine
-„Kleinen“ auch ganz drollig.
-
-So saß ich neulich Sonntags ein Stündchen in dem paradiesischen
-Garten auf der Bank unter einem mächtigen Mangabaum und träumte
--- ach Grete -- von deutschen Eichen, als mich plötzlich, wie ich
-aufblickte, eine scheußliche kleine schwarze Kreatur vor mir in die
-Tropen zurückschreckte. Denke sie Dir etwa zwölfjährig, mehr Affe
-als Mensch, bis an die Ohren grinsend, mit unappetitlichem Wollhaar,
-fingerbreitem Vorkopf, entsetzlich dickem Bauch und stockartigen
-schwarzen Beinen, die vor Staub ganz lilla schimmerten; denke Dir
-dies Ganze nur bekleidet mit der denkbar kürzesten Ausgabe eines
-Hemdes von undefinierbarer Farbe, und Du wirst begreifen, daß ich von
-diesem edlen Mitgeschöpf nicht grade hingerissen war. Im Gegenteil
-bin ich wol etwas erschrocken zusammengefahren, denn sogleich trat
-die kleine achtjährige Leonilla hinter einem Strauch hervor und sagte
-beruhigend und protegierend zu mir: „~N’ayez pas peur, mademoiselle,
-c’est Jacob~“, und dann, als mein Gesicht wohl immer noch nicht
-den genügenden Ausdruck der Begeisterung zeigte ob dieser ehrenden
-Bekanntschaft mit dem heiligen Erzvater, fügte sie, halb indigniert,
-halb erläuternd hinzu: „~Il est à moi, grand’maman m’en a fait cadeau
-à mon jour de fête.~“ Ich sage Dir, es war zu komisch; die kleine
-Sklavenhalterin sah so stolz auf dies lebendige „Geburtstagsgeschenk“,
-und das scheußliche kleine Besitzthum grinste so vergnügt zu dieser
-Eigentumserklärung, die es allerdings wohl mehr erriet als verstand,
-daß ich hell auflachen mußte. Überhaupt hat die Würde, welche hier
-durch das Bestehen der Sklaverei unwillkürlich schon die Kinder
-annehmen, oft etwas Komisches. Dagegen ist es wiederum rührend, wie sie
-auch anderseits an den guten, treuen Negern und Negerinnen hängen. Die
-kleine fünfjährige Maria da Gloria z. B. spart immer von ihrem Dessert
-etwas über für ihre frühere Amme, eine hübsche junge Mulattin, oder
-erbittet etwas für ihre kleine Milchschwester, und Alphonsina, die sich
-sonst selber gern putzt, verschenkt doch ihr buntestes Band, wenn sie
-denkt, daß die alte Anna es gern hätte.
-
-Sie geben alle sehr gern und erfüllen Einem jeden möglichen Wunsch --
-und doch -- und doch....!
-
-Ach Grete, weißt Du, daß ich den Peter in der Fremde jetzt eigentlich
-für einen ganz gescheidten Menschen halte!
-
- +Deine Ulla.+
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 20. Juni 1881.
-
-Ich wünschte, Gretel, Du könntest einmal zu einem brasilianischen
-Mittagessen dabei sein! Eingeladen würdest Du zwar nicht „zu Tische“,
-auch nicht einmal zu dem berühmten deutschen „Löffel Suppe“, sondern
-zu einem „Glase Wasser“. Du kannst es aber getrost daraufhin wagen,
-denn dies ~copo d’agua~ umfaßt ein recht vielseitiges Mittagessen
-und hat als Appendix einen musikerfüllten Abend, sowie eventuell ein
-Nachtquartier.
-
-Wir waren gestern zu unsern Gutsnachbarn gebeten, übrigens Nachbarn
-von fünf Meilen Entfernung, zu denen uns zwei mit je vier Maultieren
-bespannte Wagen in scharfem Trabe hinbrachten.
-
-Wir fanden schon einen größeren Kreis in der riesigen, siebenfenstrigen
-~salla de visita~ beisammen. Das Wort „Kreis“ darfst Du allerdings
-nur als Gewohnheitsausdruck fassen, denn die Gesellschaft präsentierte
-sich so, daß je rechts und links von dem großen Rohrsopha, das in
-nebelhafter Ferne sich dem Eintretenden gegenüber zeigte, sich in
-scharfen rechten Winkeln eine Reihe von Stühlen abzweigte, die den Raum
-vor dem Sopha frei ließen, und die den Eindruck hervorbrachten, als sei
-man bei einem Gesellschaftsspiel. Der Eingeweihte weiß jedoch, daß er
-diese rechten Winkel in jedem brasilianischen Hause wiederfindet. Der
-Sophatisch steht in der Mitte des Saales.
-
-Wir schüttelten rings herum alle bekannten und unbekannten Hände, wobei
-ich als die neue „~professora~“ eingeführt wurde, und fragten
-einander der Sitte gemäß höchst teilnehmend: „Wie geht es Ihnen, geht
-es Ihnen gut?“ auch wenn man sich nie vorher im Leben gesehen.
-
-Nachdem ich dann, neben Dona Gabriella sitzend, eine Weile den linken
-Flügel einer jener Stuhlreihen occupiert hatte, meldete ein barfüßiger
-Negerjunge, daß „das Mittagessen auf dem Tisch“ sei, und würdevoll
-erhob sich die Hausfrau mit der Aufforderung: „~Vamus jantar~“ d.
-h. gehen wir essen.
-
-Zu beiden Seiten der Tafel standen barfüßige und nicht allzu saubere
-Mulattenjungen, mit langen Bambusstöcken bewaffnet, an deren Ende der
-eine eine kleine rothe Fahne, der andere einige in lange Streifen
-geschnittene Exemplare des Rioer „~Jornal de Commercio~“
-schwenkte, um die Fliegen und Mosquiten zu verscheuchen. Mit solch
-einer Fahne war ich ja schon von Saõ Francisco her befeindet, jedoch
-gegenüber diesen abscheulich raschelnden Papierfetzen, für deren
-beleidigende Geschmacklosigkeit für Aug’ und Ohr aber außer mir niemand
-von der Gesellschaft Sinn zu haben schien, sondern die man gewiß als
-eine sehr geniale und liebenswürdige Erfindung betrachtete, bat ich dem
-kleinen schmutzigen Lappen daheim allen geheimen Zorn ab.
-
-Nachdem die Suppe gegessen war, begann ein Jeder das Gericht, das er
-zu verwalten hatte, in der Runde anzubieten. Denn hier wird keine
-Schüssel herumgereicht, sondern alles wird und zwar zu gleicher Zeit
-auf den Tisch gesetzt und dann von dem Betreffenden, der das Gericht
-vor sich hat, sei derselbe auch ein Gast, angeboten und serviert.
-Jeder stellt sich dann seine Gänge ~ad libitum~ zusammen. So
-begann auch ich denn tapfer mit meiner Schüssel schwarzer Bohnen,
-dem geliebten ~feijaõ~ der Brasilianer, das bei keiner Mahlzeit
-fehlt, zu wirtschaften: „~A Senhora quer feijaõ?~“ „~Um poco de
-feijaõ, Senhor Doutor?~“ -- ganz fesch, sage ich Dir, ich imponierte
-mir selber als „Brasilianerin“. Dazwischen wurde mir nun auch wieder
-angeboten. „Wollen Sie ein wenig Reis?“ glänzte die Tochter des Hauses
-mit einem deutschen Satz, in dem sie die Endsilbe von „wollen“ recht
-deutlich betonte, das g in „wenig“ wie k aussprach und alle s wie ß.
-„~Um poco de vinho, mademoiselle?~“ fragte der biedre Vater, der
-nie eine andre Sprache gelernt als die „~lingua dos brancos~“, wie
-das Portugiesische hier im Gegensatz zu den afrikanischen Ursprachen
-der eingeführten Negersklaven genannt wird. „~Vous offrirai-je des
-pommes de terre?~“ machte ein junger Herr, der eben aus „Paris“
-zurück war (natürlich war er auch ~doutor~), und so setzte ich mir
-denn unter dem Schweinebraten, Rinderfilet, schwarzen Bohnen, Huhn,
-Reis, Kohl, Polenta, süßen Kartoffeln ein möglichst homogenes Mahl
-zusammen. Ein +warmes+ Mittagessen wirst Du aber bei Brasilianern
-schwerlich, oder doch nur mit Aufwand der größten Berechnung und
-Gewandtheit zu essen bekommen, denn jedesmal, wenn Du Dein „~S’il
-vous plaît~“ heraus hast, erwischt mit Blitzesschnelle der Arm
-einer der bedienenden Negerinnen (hier waren es vier) Deinen Teller
-und trabt mit ihm davon zu dem Verwalter der betreffenden Schüssel,
-um das Verlangte zu holen. Du siehst hieraus, daß Du um so ruhiger
-und um so wärmer essen kannst, je weniger verwickelt Du Dir Dein Mahl
-zusammensetzst, sintemalen jedes neue ~s’il vous plaît~ Deinen
-Teller wieder auf die jähe Rundreise schicken würde.
-
-Diese Manier zu speisen ist schon an und für sich entsetzlich
-beunruhigend, aber die raschelnden Papierstreifen, das gelegentliche
-energischere Schnalzen der kleinen Fahne, die laute, gestenreiche
-Unterhaltung der Brasilianer, das Umhertraben der Negerinnen, das alles
-wirkte gradezu betäubend auf meine deutschen Nerven, die schon die
-blendende Helle der gardinenlosen Räume angriff, so daß ich nur mit
-Beschämung die gleichgültigen Gesichter der übrigen Damen betrachtete,
-die sich zwar selbst auch wenig an der Unterhaltung betheiligten, an
-deren Nervenleben aber auch all dieser Lärm vollständig abzuprallen
-schien.
-
-Ich war hungrig gewesen von der Fahrt, aber ich konnte unter diesen
-Verhältnissen nicht essen. Ich bin eigentlich immer noch hungrig,
-seitdem ich zum letzten Mal auf dem Schiff gegessen habe, denn mein
-Magen befreundet sich nur sehr allmälig mit der Eintönigkeit des
-Essens und -- dem Schweinefett, mit dem hier alle Speisen zubereitet
-werden. Was mir zuerst die Sache noch unerträglicher machte, war das
-gänzliche Fehlen von Kartoffeln oder Brot auf dem Tisch, womit man die
-Aufdringlichkeit des Fettes hätte mildern können. Das Brot wird auf
-dem Lande durch sogenannte ~biscoitos~ ersetzt, ein Gebäck aus
-dem Mehl der Maniocawurzel, das ganz gut schmeckt, wenn es eben aus
-dem Ofen kommt, im Alter von einigen Stunden aber schon an Zähigkeit
-nichts mehr zu wünschen übrig läßt und nach zwei Tagen mit absolutem
-Erfolg eine Konkurrenz mit jungen Steinen aufnehmen könnte. Unsre
-gute Kartoffel gedeiht in diesen gesegneten Gegenden nur in süßen
-Exemplaren, den Bataten, die bis zu neun Pfund schwer werden und
-entweder einfach gekocht oder mit Zuckerzusatz als Dessert genossen
-werden. Die ersten Tage waren mir die großen bläulichen Dinger, die
-in Farbe und Geschmack an ihre erfrorenen Brüder im nordischen Winter
-erinnern, höchst widerlich, aber jetzt schmeckt mir, fast zu meiner
-Beschämung, das Kompott schon ganz gut. Auch befreunde ich mich mit
-den schwarzen Bohnen und dem dazugehörigen salzlosen Maismehlpudding,
-dem ~angú~, liebäugele bereits mit dem Mais- und Maniocamehl, das in
-Brotkörben auf den Tisch kommt und das sich die Brasilianer zwischen
-die saucenreichen Bohnen rühren -- und wie lange wird es noch dauern,
-da werde ich eine Passion haben für das an der Sonne gedörrte
-Hammelfleisch, mit dem man uns häufig zum Frühstück regalirt.
-
-Verachte mich nicht, Grete, es giebt nichts anderes hier! Denn wenn
-Du zu den ebengenannten Delikatessen noch Reis in Wasser gekocht
-hinzufügst, der vor lauter Tomaten so rot wie ein Ziegelstein auf den
-Tisch kommt, so hast Du das Menü für das ganze Jahr.
-
-Eine große Sache ist es hier um das Dessert, um die „~doces~“, und
-der Ruf der Brasilianer, im Bereiten wie im Vertilgen derselben Meister
-zu sein, bestätigte sich mir auch gestern wieder in vollem Maße: Herren
-wie Damen verzehrten unglaubliche Mengen von eingemachten Früchten,
-Chokoladen- und Eierkonfekt etc. und aßen dazu große Stücken Käse.
-
-Daß ich’s nur gestehe -- ich auch!
-
-Den ersten Tag freilich, als dieser neue Genuß meinem europäischen
-Gaumen zugemutet wurde, wies ich ihn empört zurück und bat um etwas
-Butter und Brot zum Käse. Es erschienen ~biscoitos~ im Stadium
-Nr. 2 und eine dänische Konservenbutter von einer Weichheit, Gelbheit,
-Salzigkeit.... laß mich schweigen! Mutig entschloß ich mich zu der
-landesüblichen Zusammenstellung, und ich glaube, ich that wohl daran.
-
-So war ich gestern doch wenigstens im stande, mein Mahl auf gut
-brasilianisch zu beschließen, und da ich auch schon so ziemlich alle
-Gerichte portugiesisch benennen kann (eine große Kunst, da täglich zwei
-Mal die gleichen auf dem Tisch erscheinen) und ein paar fehlerhafte
-aber dafür desto überschwänglichere Phrasen zu drechseln verstand,
-so fanden mich meine neuen Bekannten „~muito sympathica~“ und
-beehrten mich nach Tische sofort mit der Aufforderung, ihnen etwas
-vorzuspielen oder zu singen.
-
-Ich spielte einen Chopinschen Walzer, der ihnen sehr gefiel, und
-sang ihnen „Klein Anna-Kathrin“, was sie nach keiner Richtung
-hin verstanden. Nun singe ich nie mehr ein deutsches Lied vor
-brasilianischen Ohren, sondern immer nur italienische Etüden, von denen
-ich überzeugt bin, daß sie ihnen imponieren werden.
-
-Nach mir folgte mit ein paar französischen Tänzen unsre Dona Olympia,
-die ganz nett aber mit geschmackloser Auswahl spielt, und dann setzte
-sich eine sehr stille, sehr starke und sehr dunkeläugige Dame an das
-Instrument und begann den zweiten Akt des „Troubadour“ vorzutragen. Man
-sagte mir vorher, sie spiele „perfekt“, und so horchte ich gespannt....
-Ach, Grete, bin ich denn so gar starr germanisch, daß ich diese Romanen
-mit dem besten Willen nicht interessant und geistreich finden kann!
-Aber es war nicht anders -- +mir+ sprach nichts aus den flinken
-abgerichteten Fingern, nichts aus dem unbeweglichen wachsgelben Gesicht
-der Spielerin, in dem die schwarzen Augen wie geistlose Tintenklexe
-standen, und doch war es wahr: sie spielte ~perfeitamente~! Ich
-ärgerte mich über mich selbst, daß ich mich nicht begeistern konnte und
-blickte ängstlich im Kreise umher, ob man es mir auch nicht anmerke.
-Alle Gesichter waren blaß, gelb und, aus lauter Hochachtung vor diesem
-„perfekten Spiel“, unbeweglich, alle bis auf eins.
-
-Seit ein paar Tagen ist nämlich ein junger italienischer Architekt
-bei uns zum Besuch, ein Neffe des Doktors von seiten seiner ersten
-Frau, die eine Italienerin war, und dieser Unglückliche schien ebenso
-antipodisch berührt wie ich. Ich lächelte unwillkürlich, als ich sein
-Gesicht sah, zumal unser gemeinsames Europäertum uns schon zu vielen
-gleichartigen Urteilen über hiesige Verhältnisse veranlaßt hat, und er
-schlug mit unendlich komischem Ausdruck die Augen zur Decke empor.
-
-Mittlerweile war der „Troubadour“ immer eindringlicher geworden,
-bereits spielte die stille, starke Dame eine halbe Stunde -- hatte sie
-Absichten auf den ganzen Akt? Ich schlängelte mich vorsichtig der Thüre
-zu, aber noch wagte ich nicht, dem Saal zu entschlüpfen, obgleich ich
-fühlte, daß mich eine fernere Viertelstunde unter der Wirkung dieses
-perfekten Spiels völlig überwältigt hätte. Da schob sich der junge
-Italiener an mir vorbei, er sah ganz erschöpft aus -- „~Je n’en
-peux plus~“, flüsterte er mir zu, „~j’ai déjà une indigestion de
-musique!~“ -- --
-
-Und das in einem Lande, das erst +anfängt+, civilisiert zu
-werden und das erst +ein+ Konservatorium hat! Wehe künftigen
-Geschlechtern, wenn die Klavierseuche hier verhältnismäßig wächst!
-
-Aber halt -- da sagt mein Licht Valet! Grade als hätte es mir nur noch
-diesen trüben prophetischen Stoßseufzer erlaubt, flackert es eben auf
-seinem letzten Faden empor -- Lampen giebt es hier nämlich nicht!
-
-Gute Nacht also, meine Grete, oder wenn es Dir interessanter klingt:
-~boa noite~ --
-
- Deine noch immer musikerfüllte
- +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 11. Juli 1881.
-
- +Liebe, einzige Grete!+
-
-Die ersten Briefe aus der Heimath heute! Ich hätte den schmutzigen
-Negerjungen umarmen können, als eins, zwei, drei Briefe für die
-~professora~ aus seiner Mappe herausspazierten, nachdem ich sie
-so viele, viele Tage umsonst sehnsuchtsvoll angeschaut. Dr. Rameiro
-läßt nämlich jeden Tag die Postsachen holen, was hier auf dem Lande
-sehr selten ist; die meisten Pflanzer schicken nur einmal in der Woche
-nach der Station. Gute Nachrichten von zu Hause, einen fröhlichen
-Brief von meiner Grete -- Gott, wie Einen so ein beschrieben Blättchen
-doch glücklich machen kann! Und wie geduldig man wird! Ich sage
-Dir, Gretel, ich komme mir manchmal vor wie Salas y Gomez. Weißt Du
-wohl, wie ich auf dem Seminar schon immer außer mir war, wenn der
-Briefbote einmal zwei Tage ausblieb -- und nun nach fast anderthalb
-Monaten die ersten Briefe! Ich werde so viele gute Eigenschaften von
-hier mit zurückbringen, daß ich in Europa gar keine Verwendung dafür
-haben werde! Aber heute brauchte ich grade eine kleine Erfrischung,
-alles war so lähmend gewesen von früh ab, und ich fühlte mich so
-beschwert! Zuerst hatte ich einen der härtesten Kämpfe mit meinen
-~biscoitos~, die ich in Stadium Nr. 3 erhielt, dann war das
-Vehmgericht unbehaglicher als je, und endlich leide ich seit einer
-Woche an einer gräßlichen Neuralgie im Gesicht, so daß ich nur mit Mühe
-essen und sprechen kann. Das ist das allgemeine Leiden für den Europäer
-hier, und oft auch für Einheimische; es ist entsetzlich peinigend,
-zumal wenn man dabei unterrichten muß. Sie behaupten hier, ich habe es
-mir zugezogen dadurch, daß ich abends nach sechs Uhr draußen gewesen
-sei in dem ~sereno~, dem gefährlichen Abendthau -- aber, liebe
-Grete, ich wäre erstickt, wenn ich nie an die Luft gekommen wäre,
-zumal nachdem ich die 24 Tage auf dem Schiff von Morgen bis zum Abend
-draußen war. Hier aber ist Unterricht von 7-10, dann warmes Frühstück,
-wobei uns Madame Rameiro immer ganz nutzlos bis halb 11 Uhr warten
-läßt, so daß ich nachher nicht mehr hinaus kann, sondern sofort nach
-dem letzten Bissen wieder in die Stunde muß. Dann geht’s weiter bis
-um ein Uhr, wo eine halbe Stunde Lunchzeit ist; um halb zwei fangen
-aber schon wieder die Klavierstunden an, die bis um 5 Uhr dauern, wo
-gegessen wird. Nun frage ich Dich, wann soll ich da spazieren gehen
-außer nach sechs! Kannst Du eine andre mögliche Zeit am Tage entdecken?
-Sie wollen die „Bildung“ hier gradezu mit Löffeln schlucken und haben
-nie einen freien Nachmittag, nie einen Tag, geschweige denn eine Woche
-Ferien das ganze Jahr hindurch -- -- mir graut schon bei dem Gedanken
-daran, und die ganze Zeit über kein deutsches Wort! In den Stunden und
-bei Tische Französisch und mit den Schwarzen Portugiesisch -- ach,
-Gretel, es ist wirklich saurer, als man so von weitem denkt; überlege
-Dir’s lieber noch mal, ob ich mich für Dich hier umsehen soll, --
-jedenfalls aber bringe dann Dein Bett mit. Es ist gewiß ein gut Ding
-um die Anspruchslosigkeit, man muß aber auch keinen Mißbrauch damit
-treiben. Ich will Dir mein Lager beschreiben -- weine dann eine stille
-Thräne um mich! Stelle Dir eine rohe hölzerne Bank mit Armstützen
-aber ohne Rücklehne vor, das ist mein Bettgestell. Darauf liegt eine
-„Matratze“, die, als ich sie auf ihren Inhalt prüfte, irgend ein wildes
-getrocknetes Gras ergab, dem man aus unbekannten Gründen verschiedenes
-Blätterwerk, anmutig mit Stöcken und Zweigen untermischt, beigesellt
-hatte. Auf dieser mit einem Leintuch bedeckten Folterbank verliert
-sich am Kopfende ein Miniaturkissen, von dem ich zuerst glaubte,
-die kleine Maria habe es aus ihrer Puppenwiege verloren; es soll
-aber thatsächlich mein Kopfkissen sein und ist mit einer trocknen
-gelben Blume, der ~marcella~, die etwas Ähnlichkeit mit unsern
-Immortellen hat, gestopft. Das Ganze krönt zum Zudecken eine englische
-wollene Decke. Ob es mir wohl noch gelingen wird, mich auch mit dieser
-Seite Brasilianertums zu befreunden? Ich hoffe es! Vorläufig strebe
-ich die Beruhigung an, sämtliche Stöcke in meiner Matratze persönlich
-zu kennen, und dann hoffe ich diesem Asketenlager auch ein klein wenig
-Wärme abzuschmeicheln, denn wenn es auch bei Tage heiß ist, so sind
-doch grade jetzt die Nächte oft empfindlich kalt.
-
-Ich wundre mich, daß diese sehr frischen Nächte den Pflanzen nicht
-schaden in unserm entzückenden Garten. Madame ist eine große
-Botanikerin und hat den Garten unter ihrer speziellen Leitung. Sie
-achtet darauf, daß jede seltene Pflanze gepflegt wird und läßt auch
-außerbrasilianische Tropengewächse mit großen Kosten aus Indien und
-Japan kommen, so daß sie aus diesem Fleckchen Land ein wahres Eden
-gemacht hat, ein Zauberland voll Märchenherrlichkeit.
-
-Die Gartenthür, von üppiger, graziöser Klematis überhangen, führt
-zunächst zu kleinen Gruppen seltener Coniferen und schöngeformten
-Beeten voll großer, fremdartiger Blumen von wunderbarer Farbengluth.
-Zwischendrein steht ein bunter Kiosk in chinesischem Styl. Ich sage
-Dir, Gretel, mit dem tiefblauen Himmel und der Tropensonne darüber,
-mit den reizenden kleinen Kolibris, die wirklich wie flatternde
-Edelsteine in der Sonne erscheinen, ist dies Plätzchen so südlich, so
-exquisit tropisch, wie man es nur träumen kann! Dann kommt man in eine
-herrlich schattige, feuchtkühle Bambusallee. Ihr zur Linken, etwas
-tiefer gelegen, ein kleiner, mit bunten Enten belebter See, rechts
-eine Anhöhe, sanft ansteigend und mit duftenden Orangenbäumen, die oft
-Blüte und Frucht zugleich tragen, besetzt. Neue Überraschung an ihrem
-Ausgang: Orangen, Palmen und Bananen überall, Zimmt- und Mandelbäume
-duften und Granaten glühen aus ihrem zierlichen Laub hervor; hier ein
-Theestrauch, dort ein Kaffeebaum; jetzt eine verlorne Baumwollstaude,
-dann ein Anis- oder Muskatpflänzchen, ja, selbst Vanilla und Patschouli
-giebt’s zu entdecken. Ich war zuerst ganz berauscht, Grete, und trank
-all das Zaubrische, Schöne, Fremdartige förmlich mit allen Sinnen
-ein.... aber, wunderbar -- weißt Du, welcher Eindruck hiervon für mich
-der nachhaltigste ist? Der des Fremdartigen, ja des absolut Fremden!
-Ich staune sie an, all diese südliche Pracht, ich bewundere sie, sie
-berauscht mich momentan mit ihrem verführerischen Zauber -- aber ich
-verstehe sie nicht; ich kann mir nichts mit diesen prächtigen Pflanzen
-erzählen, ich kenne sie nicht, und sie kennen mich nicht. Es ist doch
-etwas wunderbares um das +Vaterland+! Was doch alles so mit dazu
-gehört! Auch die Blumen und Bäume. Wir wissen doch daheim gleich etwas
-zu singen unter unsern prächtigen Eichen; welches junge Gemüt kennte
-nicht unsre reiche deutsche Lindenpoesie, und sowie man sprechen
-kann, lallt man schon sein weihnächtlich-heimliches „O Tannebaum, o
-Tannebaum“! Da grüßt man so einen Baum doch gleich ganz anders! Der
-mächtige Mangabaum inmitten des Gartens ist zwar sehr schön, aber ich
-überraschte mich dennoch neulich dabei, daß ich unter seinem Schatten
-das hübsche kleine Lied summte:
-
- „Ich hatte einst ein schönes Vaterland,
- Der Eichenbaum stand dort so hoch,
- Die Veilchen nickten sanft --
- Es war ein Traum.
- Und als ich nun in’s ferne Ausland kam,
- Da war ein Mädchen zauberschön
- Und blond von Haar zu sehn, --
- Es war ein Traum.
- Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch,
- Ihr glaubt es nicht, wie gut es klang,
- Das Wort: Ich liebe Dich --
- Es war ein Traum ...“
-
-Und erinnerst Du Dich, wie wir drüben es nie recht verstehen konnten,
-wenn Dranmor singt: „Ich gäbe diese ganze Herrlichkeit -- Für eine
-einz’ge schneebehang’ne Tanne“! Und jetzt.... Aber ich rede, darum
-schweige ich; sentimental darf man hier nicht werden.
-
- Deine deutscheste +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 25. Juli 1881.
-
- +Liebste Grete!+
-
-Also in Elgersburg muß ich Euch jetzt mit meinen Gedanken suchen --
-Du Glückliche, die Du das Wort „Ferien“ noch kennst und es in dem
-reizenden Thüringer Nest in die Praxis umsetzen kannst! Deiner armen
-Ulla werden derartige Dinge immer mehr zu körperlosen Begriffen -- was
-ist Freiheit, Erholung, Sommerfrische.... das heißt, nein! Was die
-„Frische“ angeht, da bin ich Dir entschieden über: ich konstatiere
-hiermit feierlichst, daß ich in diesen Tagen des öfteren vor Frost
-geklappert habe und auch jetzt mit ganz steifen Fingern schreibe. Und
-dazu habe ich das volle Recht, denn gestern war hier der kälteste Tag
-im Jahr, der Tag Johannis des Täufers. Es fror mich denn auch, zum
-größtem Gaudium der Familie, die der „kalten Deutschen“ das Recht dazu
-eigentlich völlig absprechen, so barbarisch, daß ich die liebevolle
-Anhänglichkeit segnete, die mich beim Einpacken in Berlin plötzlich
-inbezug auf meine alte Winterjacke überkommen hatte. Die Brasilianer
-selbst empfinden merkmürdigerweise die Kälte garnicht so sehr, wie
-mir das besonders gestern Abend auffiel bei der Namensfeier des
-heiligen Johannes, der ein großer Liebling der Nation ist. Dr. Rameiro
-veranstaltet jedes Jahr an diesem Tage, der auch zugleich der Namenstag
-eines in Europa (natürlich in Paris) befindlichen Sohnes ist, eine Art
-von Erntefest für die Sklaven, weil ungefähr um diese Zeit auch die
-Kaffee-Ernte vorüber ist.
-
-Es hatte mich schon immer interessiert, die Wagen voll Kaffeefrüchten
-aus den Plantagen hereinfahren zu sehen, die dann in prächtigen Anlagen
-und Maschinenräumen, die der Doktor eingerichtet hat, für den Handel
-zurecht gemacht werden.
-
-Letzten Sonntag fuhren wir durch eine Anpflanzung von einer halben
-Quadratmeile Ausdehnung. Die Bäume oder eigentlich Sträucher waren etwa
-wie größere Haselnußsträucher und saßen zum Theil noch voll Früchten
-zwischen den spitzen, glänzenden Blättern. Der Doktor meinte, dieser
-Bestand sei etwa 25 Jahre alt; dienen könne eine Anpflanzung ca. 40
-Jahre, dann wird wieder ein neues Stück Land in Angriff genommen,
-das vorher rechtzeitig bepflanzt wurde. Es ist merkwürdig und kann
-Einen ordentlich neidisch machen, wie hier so eine Strecke Landes,
-die bei uns schon ein ganz hübsches Feld oder ein sehr respektabler
-Garten wäre, so gar keine nennenswerte Rolle spielt. Diese Pflanzung
-ist drei Quadratmeilen groß, aber die Bewirtschaftung ist eine
-merkwürdige. Das meiste Land liegt natürlich immer brach. Soll aber
-ein Stück in Benutzung genommen werden, so wird alles, was bisher
-darauf wuchs, heruntergebrannt, was auch manchmal schonungslos die
-herrlichsten Urwaldbestände trifft, deren Asche und faulende Stämme
-dann den prächtigsten Dung abgeben. Nichts sieht toller aus als so ein
-Maisfeld z. B., das zwischen wild und wüst durcheinander liegenden,
-halb und ganz verkohlten Baumstämmen frisch und fröhlich emporwächst!
-Bei uns kann man sich von solcher Unordnung und vor allem von solcher
-Verschwendung gar keine Vorstellung machen; auch hier kommt man immer
-mehr von dieser etwas kannibalischen Manier der Rodung zurück, die
-jedoch keineswegs schon so selten geworden ist, wie es die Brasilianer
-gern Wort haben möchten, und die früher ganz allgemein war. Und denke
-Dir, Gretele, daß auf der Pflanzung von Madame Rameiros Bruder erst vor
-7 Jahren noch ein Negersklave bei einem derartigen Brande umgekommen
-ist, weil er sich nicht rechtzeitig aus dem an allen vier Seiten
-angezündeten Walde entfernt hatte! Das ist doch schauerlich und soll
-leider gar nicht einmal so selten vorgekommen sein.
-
-Als wir durch die Plantage fuhren, waren die Neger grade an der Arbeit,
-denn der Sklavensonntag auf dieser Pflanzung fällt auf den Mittwoch.
-Das Gesetz verlangt nur überhaupt einen Feiertag in der Woche für
-die Sklaven, überläßt es jedoch dem Besitzer, einen Tag auszuwählen,
-was dann gewöhnlich so geschieht, daß er nicht mit demjenigen der
-Nachbarpflanzungen zusammenfällt und man auf diese Weise im Stande ist,
-einen Verkehr der Schwarzen untereinander zu verhüten.
-
-Es sah wirklich malerisch aus, wie die schwarzen Gestalten in
-den hellen Blusen emsig pflückend mit ihren Körben zwischen den
-dunkelglänzenden Sträuchern standen. Die Neger werden auf dieser
-Pflanzung auch gut behandelt, und wer mehr als die ihm aufgegebene
-Anzahl von Körben voll pflückt, bekommt für den Überschuß eine
-Kleinigkeit bezahlt.
-
-Der Kaffee sieht am Baum fast aus wie große Schlehen und in der
-rotblauen fleischigen Hülle sitzen gleich Kernen immer zwei Bohnen mit
-der flachen Seite gegeneinander.
-
-Wenn nun ein Wagen voll aus der Plantage ankommt, so wird er in ein
-Wasserbecken entleert, wo die Früchte schon zum Teil die locker
-sitzenden Hüllen verlieren, dann fließt das Ganze durch rauhe Röhren
-mit besonderen Enthülsungsvorrichtungen hinunter in ein tiefer
-gelegenes Bassin, wo die Bohnen bereits freigemacht ankommen. Nachdem
-ihnen dann noch durch andre Manipulationen die dünnen Häutchen genommen
-sind, die wir manchmal noch bei uns an mangelhaft präparierten Bohnen
-entdecken können, wird er auf eine große Asphaltfläche zum Trocknen
-gebreitet, von wo er endlich in lange, hallenartige Räume wandert, wo
-er von Negerinnen verlesen und sortiert wird. Dann erst kommt er in
-Säcke und wird nach Ablauf einer Lagerzeit verschickt. Dr. Rameiro hat
-mir einen ganzen Sack voll geschenkt, denke Dir, einen ganzen Sack voll
-Kaffee, der schon drei Jahre lagert und daher seiner Ansicht nach grade
-so recht ist und will ihn durch seine Korrespondenten in Rio nach Hause
-schicken lassen. Dann laß Dich nur recht oft darauf einladen, Gretel!
-
-Für dies Jahr ist nun die Ernte vorbei und mit dem gestrigen Fest
-abgeschlossen. Dona Gabriella hatte mir schon vorher mit Stolz erzählt,
-am Saõ Joaõs Tag schlachteten sie immer einen Ochsen und zwei Schweine,
-und das würde alles von den Negern bei dem Festmahl verzehrt. In der
-That war gestern den ganzen Vormittag große Bewegung, und sogar das
-Vehmgericht beschäftigte sich in höchsteigner Person lebhaft mit der
-Anordnung des Ganzen, der Zubereitung von ~doces~, dem Herausgeben
-von Getränken etc.
-
-Als es dunkel wurde, begann die Feier.
-
-Auf dem Hofe, der von drei Seiten durch das Gebäude eingeschlossen
-und an der vierten mit Palmen abgegrenzt ist, war eine große Tafel in
-Hufeisenform gedeckt, wirklich mit weißen Tischtüchern gedeckt, denn
-es ist nicht der geringste Stolz der Neger bei diesem Feste, doch
-wenigstens einmal im Jahre von Linnen zu essen wie die ~senhores~. Auf
-den Tischen standen mächtige, geschnittene Braten, große Berge Reis
-(natürlich rot wie die Ziegelsteine von Tomaten), Riesenschüsseln mit
-schwarzen Bohnen und dazu ihr nie fehlender Kumpan der Maismehlpudding
-~angú~; da war aber auch als Dessert Batatenkompott, in Milch gekochter
-frischer Mais (~canjica~) mit dazugehöriger Melasse, Guyabada, ein
-prächtiges, aus der Guyabafrucht zubereitetes ~doce~ und sogar --
-Wein ~à discrétion~!
-
-Wie fein hatten sich aber auch die Schwarzen gemacht! Erst langsam
-und verlegen, dann zuversichtlicher und endlich einander drängend
-und den Rang ablaufend kamen zunächst die Älteren und Erwachsenen
-heran; die Jugend mußte warten, da nur etwa hundert Personen zugleich
-sitzen konnten. Es war zu drollig anzusehen, womit manche dieser
-guten Einfaltsmenschen sich „geschmückt“ hatten: Die Männer hatten
-augenscheinlich ihren Ehrgeiz in dem Tragen von Röcken gesucht, die
-sie entweder geschenkt bekommen oder wohl für ein Geringes von einem
-herumziehenden Trödler erstanden hatten; einer hatte sogar einen alten
-Frack an. Wer es aber nicht zu einem Rock hatte bringen können, der
-hatte doch wenigstens einen Hut, und zwar mit Vorliebe einen Cylinder,
-erworben.
-
-Graziöser schon präsentierten sich die Frauen, die sich mehr auf das
-Bunte geworfen hatten, und von denen einige mit äußerster Grandezza
-sämtliche Farben des Regenbogens zur Schau trugen: ein rother Turban,
-ein blaues Kleid und ein grüner Gürtel verursachen ihnen absolut keine
-Gewissensbisse.
-
-Ganz besonders hübsch und sehr eigenartig wurde das Bild, nachdem
-eine Menge bunter Lämpchen angezündet waren, die die Scene mit ihrem
-Flimmern phantastisch erleuchteten, und am kaltklaren Himmel darüber
-das Kreuz des Südens leuchtend ausgegangen war. Wir betrachteten das
-Ganze von den Fenstern des Hauses aus, und Du kannst Dir denken, wie
-besonders für uns Europäer das Bild fesselnd und interessant war.
-
-Auch ihre Tischrede und ihren Toast hatten die schwarzen Gäste. Die
-kleine Leonilla ergriff nämlich im Scherz ein Zeitungsblatt, reichte es
-zum Fenster hinaus einem alten Neger zu und rief: „Lies, Porphyrio!“
-
-Porphyrio, ein famoser alter Neger mit ergrautem Krauskopf, nahm
-das Blatt, besah es mit halb komischem, halb wehmütigem Pathos von
-allen Seiten und fing dann an zu reden: „Meine kleine Senhora hat mir
-befohlen zu lesen, doch Porphyrio kann nicht lesen. Aber Porphyrio
-kann sprechen und er hat auch was zu sagen. Ich muß etwas beichten vor
-Senhor und Senhora -- sie leben --“ „Viva!“ schrieen die Neger.
-
-„Ich muß beichten, daß ich im vorigen Jahre schlecht gesprochen habe
-von Senhor, weil er uns kein Erntefest gegeben hat. Ich habe gesagt:
-„Warum hat Senhor die Säcke gezählt und hat uns arme Neger dann
-vergessen?“ Und ich bin zornig gewesen in meinem Innern. Aber dies Jahr
-hat sich Senhor unserer wieder erinnert und Senhora auch -- viva Senhor
---“
-
-„Viva!“
-
-„Viva, Senhora --“
-
-„Viva!“
-
-„Und dafür wollen wir ihnen danken. Und für noch etwas wollen wir
-danken. Nämlich dies. Wie haben wir armen Schwarzen uns früher quälen
-müssen mit dem Reinigen des Kaffees, wie haben wir die Frucht der
-Ricinusstaude schlagen müssen, um ein wenig Öl zum Brennen zu gewinnen
--- jetzt hat unser Senhor Maschinen kommen lassen aus fremden Ländern,
-die sie England und Deutschland nennen, so daß wir es viel besser
-haben. Dafür wollen wir danken: viva, Senhor --“
-
-„Viva!“
-
-„Viva, Senhora!“
-
-„Viva!“
-
-So ging es noch eine Weile mit den Vivas fort, bis dann die Erwachsenen
-den Halbwüchsigen und Kindern Platz machten und ihrerseits auf dem
-freien Platz vor dem Hause ihre geliebten Tänze begannen.
-
-Sie stellten sich im Kreise auf und dann ertönte eine ohrenzerreißende
-Musik. Aus Tonnen waren zwei Trommeln hergestellt, die zwei Neger
-in monotonen Schlägen bearbeiteten, eine Blechrassel vollführte
-die möglichst unmusikalische Begleitung, und dazu wurde eine
-eintönige Melodie von zwei Strophen gesungen, die ohne Ermüdung
-der Sänger wiederkehrte, bis ich 64 Mal gezählt hatte. Beim Klange
-dieser „Harmonien“ wurde also getanzt und zwar so, daß immer nur
-eine Person inmitten des Kreises den Tanz ausführte und dann eine
-andre zur Ablösung hervorzog. Ich muß zur Schande der weiblichen
-Theilnehmer gestehen, daß sie den männlichen an Grazie und Schwung
-bei weitem nachstanden, und zumal war unser kleiner unausstehlicher
-Purzelbaum-Muleque, der Tonino, ganz brillant in seinen geschickten
-schlangenartigen Bewegungen.
-
-Wer nicht tanzte, beschäftigte sich mit dem Feuerwerk, denn das
-ist eigentlich die Feier, die der heilige Johannes sich für seinen
-Namenstag in Brasilien ausbedungen zu haben scheint. Vor dem Hause
-waren zwei hohe Feuer nach Art unsrer Osterfeuer aufgeschichtet und
-erhellten mit phantastischem Flackern und Leuchten die Scene; tanzende
-Negerknaben warfen Leuchtkugeln und Raketen in die Luft, und unter dem
-kaltklaren, funkelnden Sternenhimmel dieses kältesten Tages im Jahr auf
-der freien weiten Rasenfläche erschien alles dies ungemein malerisch
-und poetisch.
-
-Unvergeßlich vor allem wird mir aber eine kleine Scene dieses Abends
-bleiben, die ich gewünscht hätte, mit Pinsel und Farbe festhalten zu
-können, um sie Dir in all ihrem Reiz zu veranschaulichen. Unter dem
-fortdauernden Lärm der Trommeln und Blechrasseln schritt eine graziöse
-Mulattin, das Gesicht gegen die Sterne gerichtet, die Augen geschlossen
-und den rechten Arm ausgestreckt, +barfuß+ durch die rotglühenden
-Kohlen des gesunkenen Feuers, während über ihr die bunten Leuchtkugeln
-aus der dunkeln Luft zurückfielen. Man glaubte, eine Somnambule zu
-sehen, so sicher schritt sie einher. Ich traute meinen Augen kaum und
-schaute ihr mit angehaltenem Atem und einer Art stummen Entsetzens zu.
-Allein ruhig lächelnd zog sie nachher ihre Schuhe wieder an: An Saõ
-Joaõs Tag verletzt das Feuer niemanden, sagen die Neger.
-
-Weißt Du auch, Gretele, daß mir schon ganz neidisch zu Mute wird, da
-ich eben nur an ein Feuer denke? Mit welcher Hochachtung werde ich
-den ersten Ofen wieder begrüßen! Dona Gabriella, die immer noch die
-Freundlichste ist von dem Vehmgericht, bot mir neulich an, mein Zimmer
-durch große Wannen voll heißes Wasser zu erwärmen, aber das würde gewiß
-nur die ohnehin schon ungesunde Feuchtigkeit des Zimmers erhöhen und
-dabei wenig helfen. Wer mir gesagt hätte, daß ich am meisten in meinem
-Leben in -- Brasilien frieren würde! Meine Neuralgie will auch immer
-noch nicht weichen, und ich verbleibe daher heute wie schon seit Wochen
--- unter Zahnschmerzen
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 14. August 1881.
-
- +Herzensgretele!+
-
-Die Neger spielen doch die Hauptrolle in diesem Lande, und ich finde,
-daß sie im Grunde viel mehr die Herren als die Sklaven der Brasilianer
-sind. Jede Arbeit wird von Schwarzen verrichtet, der ganze Reichtum
-durch +ihre+ Hände herbeigeschafft, denn der Brasilianer arbeitet
-nicht, und ist er arm, so schmarotzert er lieber bei wohlhabenderen
-Verwandten oder Freunden umher, als daß er redlich die Hände rührte.
-Auch jede +häusliche+ Dienstleistung geschieht von Negern. Da
-fährt Dich der schwarze Kutscher, da wartet Dir die Negerin auf, da
-steht der schwarze Koch am Herde, da säugt die Sklavin das weiße Kind
--- ich möchte bloß wissen, was diese Menschen anfangen wollen, wenn
-einmal die Sklaven-Emancipation ganz und gar vollzogen ist! Wir waren
-uns ja drüben in Europa recht wenig klar über das diesbezügliche
-Gesetz hier und glaubten wol eigentlich, daß es die Sklaverei gänzlich
-aufgehoben habe. Dem ist aber nicht so. Es bestimmte nur, daß von
-dem Tage seiner Proklamation an, also vom 28. September 1871 an,
-kein Unfreier mehr in Brasilien +geboren+ werde. Was also bis
-dahin schon lebte und Sklave war, muß es bleiben bis zum Tode, bis
-zum Loskauf oder zur Freilassung. Was aber jetzt an solch kleinem
-schwarzen „Kroppzeug“ geboren wird, das hat keinen Wert für die
-Herren und nur die Bedeutung unnützer Esser. Es geschieht daher auch
-nichts für sie, es wird ihnen nicht einmal wie früher diese oder jene
-Handfertigkeit beigebracht, denn -- „man hat ja später nichts davon“.
-Anderseits werden sie wiederum als „freie“ Menschen von dem Brasilianer
-mit etwas mehr Hochachtung behandelt als die geborenen Sklaven.
-
-So wurden hier heute Mittag acht solcher kleiner Weltbürger feierlich
-getauft!
-
-Ich hatte schon beim Frühstück ein wunderliches altes Herrchen bemerkt,
-der wenig sprach und das Wenige in einer mir total rätselhaften
-Sprache, die Dr. Rameiro in dem ihm geläufigen Italienisch erwiederte,
-der mir aber durch ein riesenhaftes rotbuntes Taschentuch, an das er
-eine große Anhänglichkeit zu haben schien, auffiel und dadurch, daß
-er ungezählte Bananen ver -- schlang hätte ich beinahe geschrieben
--- also +verzehrte+. Wie erstaunte ich, als er sich nachher als
-ein katholischer Reisepriester entpuppte, für den ich ihn niemals
-gehalten hätte, zumal er in gewöhnlichem Civilhabit reiste. Er war
-geborner Italiener, aber schon in allen Erdteilen gewesen und hatte die
-Weltsprache, die er spricht, gewiß schon erfunden, ehe in Europa jemand
-an so etwas dachte.
-
-So gegen zwölf Uhr wurde in der großen ~salla de costura~, vulgo
-Nähstube, ein mächtiger, büffetähnlicher Schrank geöffnet, über dessen
-Inhalt ich schon immer gegrübelt hatte, und zum Vorschein kam -- die
-Mutter Gottes nebst Jesuskind, Schleifen, Kränzen, Krone, Hals- und
-Armbändern und Ohrringen. Der Neger Felicio, den ich sonst nur als
-Hausschneider an der Nähmaschine zu sehen gewohnt war, amtierte, ebenso
-wie der Priester in Ornat, als Meßdiener. Das Ganze war merkwürdig für
-meine evangelische Seele, Gretel!
-
-Eine nach der andern erschienen nun die Negerinnen-Mütter mit ihren
-jüngsten Sprößlingen, die alle sehr nett, einige sogar mit weißen
-gestickten Kleidchen und bunten Schleifen herausgeputzt waren, und zwar
-durch die Güte des Vehmgerichts (hier darf ich sie wohl garnicht mal so
-nennen!), die sich zu ~madrinhas~ d. h. Patinnen dieser kleinen
-schwarzen Mitchristen hatten bereit finden lassen.
-
-Was übrigens die Farbe betraf, so wunderte ich mich über die sehr
-wenig dunkle, ja fast weiße Haut der meisten dieser Kinder. -- „Sie
-+werden+ schwarz“, sagte man mir mit einem Lächeln, das halb
-den Neger verachtete, halb meine Unwissenheit, „nur die inneren
-Handflächen und die Fußsohlen bleiben weiß. Sie sagen, als Ham nach
-Afrika ausgewandert sei, habe er auf Befehl des Herrn mit Füßen
-und Handflächen das Wasser des Jordan berührt, das dann vor ihm
-zurückgewichen sei; von dieser Berührung seien bei ihm und seinen
-Nachkommen jene Stellen weiß geblieben, auch im Sonnenbrand Afrikas.“
-
-Die Ceremonie begann, und ich war stummer Zeuge, wie diese acht
-plattnäsigen, wollköpfigen kleinen Scheußlichkeiten die Namen: Cäsar,
-Felicio, Messias(!), Illyia, Angelica, Maria Salome, Marcella und
-Ruth erhielten. Warum sollten sie freilich auch nicht die schönsten
-Namen bekommen? Sind doch diese Taufnamen, die ihnen das alte
-portugiesisch-italienisch-lateinisch kauderwelschende Priesterlein auf
-Wunsch und Wahl der Herrschaft erteilte, die einzigen, mit denen sie
-sich ihr Lebelang begnügen müssen. Denn wenn auch die meisten dieser
-Mütter verheiratet sind, so haben ja auch diese keine Familiennamen.
-Deshalb nehmen die freigewordenen Sklaven aus Mangel an einem solchen
-nach ihrer Freilassung gewöhnlich den Namen ihrer früheren Herrschaft
-an -- -- angenehm für diese, nicht wahr!!
-
-Da ich nun aber einmal bei den Negern bin, muß ich Dir noch eine
-Geschichte erzählen, die hier neulich passierte.
-
-Es war eines Abends in der vorigen Woche und draußen so gar „kühl und
-labend“, dass es beim warmen Thee drinnen ganz gemütlich war, als vor
-dem Hause plötzlich ein schüchternes Händeklatschen ertönte, das alle
-unsre Hunde in Bewegung setzte und auch bei uns drinnen ein allgemeines
-Aufhorchen zur Folge hatte. Das Händeklatschen ersetzt hier nämlich die
-Hausglocke, und wenn man in ein Haus einzutreten wünscht oder eintritt,
-besonders auf dem Lande, muß man sich draußen oder im Flur auf diese
-Weise bemerkbar machen, wenn man nicht für einen Dieb gehalten werden
-will. Alles wunderte sich natürlich, wer so spät noch kommen könne,
-und Tonino wurde hinausgeschickt, um nachzuschauen. Er ging etwas
-ängstlich, purzelbaumte dann aber vergnügt wieder bis an die Schwelle.
-
-„Draußen sind zwei Onkels, Herr“, meldete er. Die älteren Schwarzen
-werden nämlich von den jüngeren ~tio~, Onkel, und ~tia~,
-Tante, genannt, auch wenn sie einander garnicht kennen, und ich finde,
-das darin ausgesprochene Verwandtschaftsgefühl dieser Paria hat etwas
-Rührendes; nicht wahr?
-
-Zwei Neger? Es war kaum anzunehmen, daß ein Nachbar noch so spät eine
-Botschaft sende, und was konnten sie sonst wollen! Dr. Rameiro ging
-hinaus und kam nach einer Weile zurück, sein sonst so joviales Gesicht
-ganz verdüstert!
-
-„Nun?“ riefen wir alle.
-
-„Zwei unglückliche Schwarze“, sagte er, „die mich um Jesu willen
-bitten, sie zu kaufen.“
-
-„Wo kommen sie her?“
-
-„Von Dr. Albus Pflanzung.“
-
-„O, die Armen! Der ist bekannt dafür, daß er seine Neger quält“, sagte
-Madame. „Mein Mann braucht einem widerspänstigen Schwarzen nur zu
-drohen, ihn an Dr. Albu zu verkaufen, dann wird er gleich gehorsam.“
-
-„Was wirst Du thun, Papa?“ fragte Dona Olympia.
-
-„Was +kann+ ich thun, mein Kind?“ rief der alte Herr erregt. --
-„Er wird sie garnicht gern verkaufen wollen und mir also jedenfalls
-einen übermäßigen Preis stellen; außerdem ist er, wenn ich mich gegen
-ihn einlasse, mein unversöhnlicher Feind, und Du weißt, daß ich sehr
-wahrscheinlich ihm bereits den heftigen Waldbrand im vorigen Jahre
-verdanke, den sich niemand erklären konnte.“
-
-„So müssen die armen Kerle zurück?“ fragte ich.
-
-„Ich kann sie nicht im Hause behalten. Es ist Eigentum, und behielte
-ich sie auch nur eine Nacht unter meinem Dache, so würde das schwerlich
-anders als wie eine Verhehlung flüchtiger Neger ausgelegt werden. Dem
-kann man sich nicht aussetzen, zumal wenn man selber noch Schwarze hat
-und haben muß. Diese Vertrauensbeweise sind ja an sich recht schön und
-schmeichelhaft, aber entsetzlich peinlich! Dies ist nicht das erste
-Mal, daß es mir so ergeht.“
-
-„So giebt es also wirklich Pflanzungen, wo noch die schlimmen Zustände
-aus Onkel Toms Hütte wiederzufinden sind?“ erkundigte ich mich.
-
-„So arg dürfte es wohl nirgends bei uns sein und ist es wohl auch kaum
-je gewesen. Der Brasilianer ist gutmütiger als der Nordamerikaner, und
-die schwarze Race nimmt bei uns überhaupt eine andre Stellung ein. Sie
-sehen, sowie der Neger frei ist, wird er hier als gleichberechtigt
-behandelt: wir haben farbige Lehrer, Künstler, Ärzte, Abgeordnete,
-ja Minister, und die Prinzessin befiehlt auch Farbige zum Tanz. Die
-Verachtung auf der einen und demgemäß die Erbitterung auf der andern
-Seite ist hier nicht so groß wie bei unsern nordischen Brüdern.
-Freilich giebt es auch bei uns einzelne brutale Kreaturen, welche die
-armen Schwarzen in der That mißhandeln, wie Sie eben einen Beweis davon
-gehabt haben.“
-
-„Was wird nun aus diesen beiden armen Teufeln?“ fragte ich.
-
-„Sie werden heute Abend noch tüchtige Hiebe bekommen und nur um so
-strenger gehalten werden; derartige Streiche sind zu thöricht. Dann
-werde ich sehen, ob ich sie entweder selber freikaufen kann oder sie
-einer Abolitionisten-Gesellschaft empfehlen.“
-
-„Wenn ihr Herr sie nun aber nicht verkaufen +will+?“ warf ich ein.
-
-„Das muß er, sowie ihm ein annehmbarer Preis geboten wird.“
-
-„Warum mögen sie sich denn nicht selbst an eine solche Gesellschaft
-gewandt haben?“
-
-„Das ist ihnen zu schwer gemacht, da deren Mitglieder sehr unklug
-wären, sich auf den Pflanzungen sehen zu lassen, und da der Schwarze
-nicht schreiben kann; sie haben eben gar keine Kommunikationsmittel.
-Aber den meisten von ihnen ist es auch nur um eine gute Behandlung zu
-thun und um die Freiheit erst in zweiter Linie. Ideale haben sie nicht.“
-
-„Das habe ich mir gedacht“, rief ich, „nach dem Wenigen, was ich habe
-beobachten können; denn sonst mußten ja auch selbst die Gutgehaltenen
-stets voll Groll und Mißmut sein.“
-
-„Ja, und das werden Sie, ich darf wohl sagen, nie finden. Auf dieser
-Pflanzung werden Sie keinen aufrührerischen Schwarzen antreffen, denn
-ich halte streng auf ihre menschliche Behandlung und gute Versorgung.
-Ich habe manche, besonders Negerinnen, die sich längst hätten
-freikaufen können.“
-
-„Wirklich! Womit verdienen sie sich Geld?“
-
-„Wer darum bittet, bekommt ein Stückchen Land zum Bepflanzen, und gute
-Gemüse kauft man ihnen dann hier im Herrenhause gern ab, auch dürfen
-sie sich Hühner halten, deren Eier sie dann verkaufen, wenn ich nach
-der Post schicke, und dergleichen mehr. Die sonntägliche und die über
-die gesetzliche Stundenanzahl hinausgehende Arbeit wird ihnen bezahlt,
-und die Hausneger und Negerinnen erhalten oft Geldgeschenke, letztere
-besonders, wenn sie Ammen der Kinder sind oder waren. Unsre dicke
-grinsende Anna da z. B. ist eine ganz wohlhabende Erbtante; sie bleibt
-aber, weil sie es hier gut hat und sie die Kinder liebt. Das ideale Gut
-der Freiheit versteht sie nicht.“
-
-Ich freute mich über diese Erklärung, wie man sich immer über
-Äußerungen freut, die eigne Gedanken und Schlüsse bestätigen. So
-konnte ich mir die Sache vorstellen. Daß Rohheit und tierische
-Grausamkeit den Sklaven gegenüber oft zu sehr traurigen Vorkommnissen
-führen, das konnte ich mir denken; aber anderseits, die idealen
-Anschauungen tiefgebildeter Menschen zu suchen bei einer Race, die
-durch Generationen geknechtet ist, unsre Begriffe von Freiheit bei den
-Männern, von Ehre bei den Frauen vorauszusetzen, das, merke ich wohl,
-wäre eitel dichterische Illusion.
-
-Aber ich sehe eben, daß ich Dir eine förmliche national-ökonomische
-Abhandlung zumute unter der Maske eines simplen Schreibebriefes -- nun,
-Du kannst Dich ja rächen, indem Du es drucken läßt, oder -- lies es im
-Kränzchen den Andern vor: geteilter Schmerz ist halber Schmerz.
-
-Jetzt werde ich schlafen gehen, indem ich Betrachtungen darüber
-anstelle, nach welcher Richtung hin mir die Neuralgie morgen wohl das
-Gesicht verzogen haben wird; mein Spiegel und ich, wir wundern uns über
-nichts mehr!
-
-Gute Nacht -- aber bei Euch ist es ja jetzt garnicht Nacht -- also
-Guten Morgen!
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 1. September 1881.
-
-Gestern sind wir von einer „Expedition in’s Innere“ zurückgekommen,
-d. h. von einer Reise nach der Provinz ~Minas geraes~, wo wir
-geholfen haben, eine Eisenbahn einzuweihen. Wenn ich noch daran
-denke, Grete, wie wir diesen Namen immer ausgesprochen haben in der
-Geographiestunde, zumal das ~geraes~! Und gedacht haben wir uns
-garnichts dabei, während es doch so einfach ist: ~geraes~ ist die
-Mehrzahl von ~geral~, allgemein, und ~Minas geraes~ heißt
-also nichts anderes als allgemeines Minenland oder minenreiches Land.
-
-Diese Provinz ist in Südbrasilien etwa das, was ein hochmütiger
-Westländer bei uns meint, wenn er von „Hinterpommern“ oder „Ostpreußen“
-spricht: ein etwas ursprüngliches Stück Erde, mehr Gutmütigkeit bergend
-als Civilisation, und im ganzen ebenso verschrieen wie unbekannt. Was
-Minas aber vor jenen deutschen Provinzen voraus hat, ist sein Reichtum
-an edlen Metallen, vorzüglich an Gold. Die Hauptstadt der Provinz trägt
-ihre beiden Namen: ~Ouro preto~ d. h. schwarzes (dunkles) Gold und
-~Villa rica~ d. h. reiche Stadt nach diesen Schätzen ihrer Berge
-und Flüsse.
-
-Es war mir hochinteressant, durch diese Gegenden zu fahren, die wieder
-so ganz verschieden sind von dem, was man in der Provinz Rio sieht.
-Rings um Dich her siehst Du die Flanken der Berge zerklüftet und
-zerfleischt wie von zahllosen offengelegten Maulwurfsgängen, und durch
-das Fernglas erkannten wir auch die geschäftigen schwarzbraunen und
-weißen Männer, die dort dem edlen Metall nachspüren. Auch entlang der
-Flüsse, die weite, grasreiche Thäler durchschneiden, sahen wir gebückte
-Gestalten, die da Tage und Wochen lang geduldig das Gold aus dem Sande
-waschen. Manche werden reich dabei, andre quälen sich gerade für’s
-tägliche Brot, wie’s Fortuna jedem gönnt; ich kaufte nachher in Saõ
-Joaõ einem armen schwarzen Schelm einen halben Fingerhut voll Korngold
-für 22 Mark ab, die Frucht von 8 Arbeitstagen, wie er mir sagte!
-
-Früher soll die Ausbeute überall gleichmäßiger und vor allem weit
-beträchtlicher gewesen sein, und eben dieser Goldreichtum des Landes
-hat denn auch wohl zuerst den Anlaß gegeben zu größeren Niederlassungen
-der erobernden Portugiesen in diesen damals noch ungleich mehr als
-jetzt unwirtlichen Gegenden, wo jegliche Beförderung, sei es von
-Menschen, sei es von Lebensmitteln und sonstigem Bedarf auf Eselsrücken
-geschah und zum größten Teil noch heute geschieht, wo man noch vor
-zwanzig Jahren Brot kaum kannte, und wo es ein Hotel noch heute nicht
-giebt.
-
-Alle die Gäste, die sich die kleine Stadt Saõ Joaõ del Rei zur
-Inauguration ihrer Eisenbahn geladen, wurden daher in Privathäusern
-beherbergt, und es scheint mir ungemein charakteristisch für Brasilien,
-wo die Mißverhältnisse an der Tagesordnung sind, daß ein Städtchen von
-etwa 700 Einwohnern sich ca. 800 Gäste eingeladen hatte, allen voran
-den Kaiser ~Dom Pedro II.~, der sein Erscheinen auch freundlich
-zugesagt.
-
-Von Dr. Rameiros Familie war auf sechs Personen gerechnet, da aber
-Madame (oder Dona Alfoncina, wie sie nach Landessitte genannt wird)
-eines heftigen Rheumatismus wegen absolut nicht fahren wollte, so
-forderten sie mich auf, an ihre Stelle zu treten, und Du weißt ja --
-wo’s was zu sehen giebt, da bin ich dabei. Lustig zogen wir los, der
-Doktor, das Vehmgericht, der kleine Julio und meine Wenigkeit.
-
-Zuerst fuhren wir mit der schon bestehenden großen Eisenbahn „~Dom
-Pedro Segundo~“, an die sich dann erst in der Provinz Minas die
-neue Strecke anschließt, aber mit recht brasilianischer Liberalität
-beförderte diese ihre Gäste nicht nur im eignen Bereich ohne irgend
-welche Entschädigung, sondern sie hatte sich auch mit der großen Bahn
-arrangiert, so daß wir eine Strecke von über hundert deutschen Meilen
-ohne einen Heller Kosten zurücklegten.
-
-Vier Stunden vor unserm Bestimmungsort begann das Reich der
-neuen Eisenbahn. „Umsteigen so schnell wie möglich“, lautete das
-Feldgeschrei, sowie der Zug hielt. Die Hast mußte etwas zu bedeuten
-haben, denn sonst heißt’s in Brasilien immer: „~Paciencia~“, und
-niemand überstürzt sich. Alles eilt daher mit ungewohnter Behendigkeit
-nach dem andern Perron -- ah, der Grund wird hier klar! Da hättest Du
-die kleinste Eisenbahn sehen können, die Dir wohl je vorgekommen ist,
-Grete, Waggons und Lokomotive alles ~en miniature~. Schneller
-als der Blitz sitzen wir darin, um dann allerdings geduldig -- oder
-ungeduldig -- ¾ Stunden warten zu müssen, bis sich das Eisenbähnchen
-in Bewegung setze. Natürlich maßen wir u. a. zum Zeitvertreib den Wagen
-aus: er war 1 ~m.~ 65 ~cm.~ breit.
-
-Endlich ging’s los, erst langsam, dann rascher und immer rascher,
-keck durch Berge und über Brücken, als wenn sich das kleine Ding vor
-garnichts fürchte. Und es schien auch mehr ausrichten zu können als
-seine schwerfälligeren Brüder. Mit Erstaunen und Bewunderung sahen wir
-unsern kleinen Zug sich wie eine Schlange geschickt um einen hohen
-Bergkegel winden, allmälig aber sicher hinaufkriechend, indem er
-dreimal auf derselben Seite erscheint.
-
-Wie wir an Ort und Stelle d. h. in dem Städtchen Saõ Joaõ del Rei
-anlangen, ist es halb zwölf Uhr anstatt sieben, aber das thut nichts,
-im Gegenteil, wenn in Brasilien etwas recht pünktlich ausfällt, ist’s
-entschieden irgendwo nicht geheuer; jedermann war also zufrieden.
-
-Der Bahnhof ist beflaggt und mit Guirlanden geschmückt, eine Musikbande
-(meist Deutsche hier zu Lande) bläst lustig drauf los, und auf dem
-Perron drängt sich eine kaum entwirrbare Menschenmenge, um die Gäste zu
-bewillkommnen, in Empfang zu nehmen oder anzugaffen. Ein wohlwollender
-Heiliger läßt uns einen Wagen erhaschen, der uns über das gefährlichste
-Straßenpflaster hinweg, das je Menschen und Gespanne bedrohte, zu
-meinem Erstaunen heil und glücklich vor der Wohnung unserer Wirte
-abliefert. Ich werde diesen vorgestellt und suche mein bestes
-Portugiesisch hervor, um mein ungeladenes Erscheinen zu entschuldigen,
-doch ihre erstaunten Gesichter und kräftiges Händeschütteln, sowie die
-üblichen zwei Begrüßungsküsse der Damen belehren mich, daß man eben
-dies Erscheinen für völlig selbstverständlich hält, was mir natürlich
-um so lieber ist. Es sind noch mehr Gäste da, und man quält sich noch
-eine Weile damit hin, im „Salon“ auf den rechtwinkeligen Stuhlreihen
-zu sitzen und sich zu unterhalten; dann geht’s zu Bette.
-
-Wir sind in unserm Zimmer sechs Kameradinnen, aber nur ein einziger
-Waschtisch ist vorhanden, und mich friert entsetzlich in dem mehr
-als primitiven „Bett“, zumal durch allerlei Spalten und Ritzen im
-Fußboden dafür gesorgt wird, daß die frische Luft aus einer darunter
-befindlichen offenen Halle ungehindert hereindringe. Ich bin durchaus
-nicht erstaunt, als der andere Morgen mich belehrt, daß das kleine Haus
-unserer Wirthe in der Nacht 27 Gäste beherbergt hat. Man rühmt bei
-uns die brasilianische Gastfreundschaft und das mit Recht, nur darf
-man die Sache beileibe nicht nach europäischen Begriffen beurteilen.
-Der brasilianische Gast beansprucht nichts als eine Matratze und eine
-wollene Decke, er verzichtet auf jegliche Gemütlichkeit (von Komfort
-garnicht zu reden), und der brasilianische Wirt ist, wenn er ihm jenes
-giebt und ihn zu den Mahlzeiten an seinem Kaffee, seinen schwarzen
-Bohnen und dem gedörrten Fleisch teilnehmen läßt, seiner Pflichten als
-solcher los und ledig. Ich bin überzeugt, daß die Leute es herzlich
-gut meinen, aber bei uns würde man doch in solchen Masseneinladungen
-und in dem summarischen Verfahren bei Behandlung der Gäste eine große
-Rücksichtslosigkeit oder eine gewisse einfältige Unverschämtheit sehen.
-Aber wie gesagt, der Wille hier ist entschieden gut, und darum soll sie
-auch kein Undank treffen.
-
-Am Vormittag herrschte ein buntes Leben. Alle Gäste waren auf den
-Beinen, um sich das Städtchen anzusehen, und jeder, auch der ärmste
-Einwohner war stolz und liebenswürdig, denn er fühlte sich als Wirt.
-
-Wir besahen uns zunächst die Kirchen; der kleine Ort hatte deren
-nicht weniger als drei große aufzuweisen, was den Europäer und zumal
-den Protestanten in billiges Erstaunen setzen muß angesichts der
-Ursprünglichkeit der übrigen Verhältnisse. Und diese Kirchen sind
-nicht etwa hölzerne Kapellen oder Bethäuser, sondern große, massiv
-steinerne Gebäude, aus portugiesischem Marmor erbaut. Ihr Styl,
-weder ausgesprochen byzantinisch noch im geringsten gothisch, ist
-meist geschmacklos und überladen, am meisten immer dem sogenannten
-Jesuitenstyl nahekommend, und in ihrem Interieur entsetzten mich
-überall die schrecklichsten Abbildungen der heiligen Trinität, die in
-bunten Holzfiguren von über Lebensgröße zur Darstellung kamen; auch die
-Gemälde boten, zumal an Perspektive, das Wunderlichste, das mir je zu
-Gesicht gekommen.
-
-Und doch habe ich in größerer Bewunderung vor diesen Zeugen der
-Frömmigkeit eines Volkes gestanden, als ich solche je vor den ragenden
-Türmen des reizendes Münsters in Ulm oder dem Wunderwerke des Kölner
-Doms empfunden. Denke Dir mächtige, fußdicke und oft mehr als 2 Meter
-lange Steine, massive Pfeiler, Treppen und Wälle ringsum, und dann
-frage Dich, wie sie hierhergelangten! Dann sage Dir, daß jeder dieser
-Steine auf dem Rücken von Maultieren den Weg von der Küste in’s Innere
-zurücklegte, eine Strecke, die heute mit der Bahn 16-18 Stunden in
-Anspruch nimmt, und zu der die Thiere wohl 4-5 Monate gebrauchten;
-frage Dich einmal, abgesehen von dieser erstaunlichen +Arbeitsleistung+
-nach den +Kosten+ eines solchen Werkes, und Du mußt billig mit mir
-erstaunen und den Geist der Frömmigkeit eines Volkes bewundern, das
-vor allem andern daran dachte, seinem Gott Altäre zu bauen und seine
-Heiligen angemessen unterzubringen.
-
-Der folgende Tag, der 29. August, war der eigentliche Tag der
-Inauguration, weil der der Ankunft des Kaisers. Schon früh am
-Morgen hatten sich die brasilianischen Schönen in Staat geworfen,
-und zwar erschienen sie zum Teil in den elegantesten Pariser
-Gesellschaftskleidern; wer irgend Geld und Verbindungen besaß, hatte
-sich eine prachtvolle Toilette wirklich aus Paris oder doch mindestens
-aus Rio kommen lassen und nutzte sie nun auch gründlich aus. Da
-konntest Du Damen, die sonst das ganze Jahr hindurch nichts wie ein
-Kattunfähnchen tragen, in hochroten oder kraßblauen, ja gelben und
-grünen[2] Seidenkleidern sehen, und die Nichte unsrer Wirte, die ein
-chamoisfarbenes Atlaskleid trug, das ungefähr ihrer eignen Hautfarbe
-Konkurrenz machte, wird mir nie aus dem Gedächtnis entschwinden. Es war
-mit rotem Sammet beflaggt und viereckig ausgeschnitten; die Schleppe,
-deren weißer Spitzenansatz halb abgerissen war, wirbelte im Staube;
-ihre braunen beringten Hände hielten einen der buntesten Fächer, und
-anstatt des Hutes hatte sie sich eine tolle Frisur gemacht, die gewiß
-eigens für diesen Zweck componiert war. Sie war mir am Tage vorher
-als ein ganz gutmütig dreinblickendes Geschöpf erschienen trotz ihres
-braunen pickeligen Gesichts und den unordentlich herabhängenden Zöpfen,
-und niemand hätte so treuherzig wie sie das „Wie geht es Ihnen, geht
-es Ihnen gut?“ an die Fremde gerichtet haben können, aber in diesem
-Costüm sah sie wirklich affreuse aus! Ob sie das doch instinctiv
-fühlte? Wenigstens strich sie einmal plötzlich sehr respektvoll an
-meinem fußfreien braunen Sammetkleide herunter, dessen Wärme ich sehr
-gut vertrug, und sagte so recht von Herzen: „~A Senhora esta muito
-civilisada!~“
-
-An diesem Tage wurden auch endlich die Ehrenpforten aufgerichtet, die
-seit dem Tage unserer Ankunft halbfertig in den Straßen umherlagen.
-Es waren Rundbogen, aus dem biegsamen Bambusrohr auf das einfachste
-hergestellt, ein größerer in der Mitte und zwei kleinere zu den Seiten.
-Auf dem Straßenpflaster liegend, wurden sie mit farbiger Gaze umwunden,
-die in Zwischenräumen von 1 Fuß mit bunten Bändern abgebunden wurde;
-hie und da befestigte man ein Lampion. Diese Allee von Triumphbogen,
-die auf das kaiserliche Logis zuführte, hätte, passend decoriert,
-äußerst graziös sein können. Aber in ihrer steifen Umhüllung und
-dürftigen Beleuchtung machten dieselben, als sie endlich am dritten
-Tage aus dem Straßenstaub erstanden, einen höchst jämmerlichen
-Eindruck; zudem blieb, wo sie eingerammt waren, das Straßenpflaster
-aufgerissen, und die Steine lagen wild umher. Vor dem für den Kaiser
-bestimmten Hause schloß ein Thor diesen Bogengang, das aus Holz
-und Papier construiert war und in seiner plumpen und gedrungenen
-Erfindung einen recht handfesten Eindruck machte. In einer andern
-Straße erreichte ein Thor, das fast 2 Fuß dick und aus dunkelblauem,
-buntbemaltem Papier, das man auf Holz gezogen, gebaut war das
-Menschenmögliche an Geschmacklosigkeit. Eine ganze Straße hatte sich
-mit gelb und grün gestrichenen Tonnen vor den Thüren patriotisch zu
-„schmücken“ geglaubt, aus denen hier ein zerrissen Fähnlein flatterte,
-dort ein wenig Palmengrün hervorsah. Nur der Weg vom Bahnhof zur
-Stadt bot, auf beiden Seiten von leichten Säulen eingefaßt, auf denen
-schlankes Grün und zierliche Fähnchen standen, einen wohlthuenden
-Eindruck dar. Ich war ganz erstaunt über so viel Geschmacklosigkeit
-und Ungeschick! Was hätten wir nicht in unserm Deutschland allein
-schon mit diesem Reichtum an +natürlichem+ Schmuck zu machen
-gewußt, über den Brasilien verfügt! Gebt uns einmal weiter nichts als
-diese nickenden Palmzweige, diese pomphaften Bananenblätter, diese
-leuchtenden Orangen in ihrem dunkeln Grün, gebt uns die entzückend
-feinen Tannenarten Brasiliens, diese Schlingpflanzen von oft 10-20
-Meter Länge, diese großen, glühenden, sattfarbenen Blumen, diesen
-seidetragenden Painabaum, dessen weiße Flocken Du wie Schnee verwehen
-kannst, gebt uns alles das und in solchem Ueberfluß wie hier -- und die
-kleinste deutsche Stadt würde ohne jene armseligen Tarlatanfetzen, ohne
-Hülfe von Holz und Papier sich ein märchenhaft Kleid anziehen. Meinst
-Du nicht auch, Gretel? Aber nun möchtest Du natürlich vom Kaiser hören.
-Also:
-
-Abends um 7 Uhr strömte, was einheimisch und fremd war, nach dem
-Bahnhof, wo ~Dom Pedro~ ankommen sollte, und da sich der Zug um
-fast 3 Stunden verspätete, auch kein einziger Schutzmann oder sonstiger
-Ordnungsbeamte die lieben Unterthanen in ihrem loyalen „Drängen“
-hinderte, so hatte die Menge Zeit und Freiheit, sich zu einer ganz
-anständigen Mauer anzustauen.
-
-Endlich kam der Zug. Die Lokomotive war unterwegs zerbrochen, man
-hatte eine andere geholt, und der Kaiser hatte zwei Stunden lang auf
-der Station ~Entere Rio~ warten müssen, wo man eben am Malen und
-Tapezieren war. Alles das hatte ihm aber, wie es schien, die gute
-Laune nicht verdorben: „Hat man auch für ein Konzert oder einen Ball
-gesorgt?“ hörten wir ihn fragen.
-
-Er grüßte fortwährend mit dem Hute und der Hand, die Kaiserin nickte
-rechts und links, und dann wand sich der kleine Zug so allmälig mit
-Geduld und guten Worten durch die geschätzten Unterthanen aller
-Schattierungen hindurch, um im „Wartesaal“ (ich beleidigte einen
-Brasilianer durch meine Frage, ob das die Durchfahrt sei) offiziell von
-den Bahndirektoren empfangen zu werden. Unsere Gesellschaft benutzte
-diese Verzögerung, um so schnell als thunlich nach dem kaiserlichen
-Logis in der Stadt zurückzueilen, wo wir unserseits das hohe Paar mit
-„empfangen“ durften.
-
-Man hatte mittlerweile illuminiert. Einige -- ~entre nous~,
-schauderhafte -- Transparente waren das Bedeutendste dieser Leistung.
-Viele Häuser hatten sich damit begnügt, eine Art von Wagenlaternen zu
-beiden Seiten ihrer Fenster zu befestigen. Eine Straße hatte an einer
-Seite einen Bindfaden gezogen und ihn mit Lampions bereiht; die andere
-Seite war dunkel. Das Thor vor dem kaiserlichen Logis war durch eine
-Schnur kleiner Lämpchen erhellt, die beinahe gut ausgesehen hätten,
-aber die Lämpchen waren nicht alle angezündet, und die unterbrochene
-Lichterschnur war nun einfach störend. Es hat wirklich manchmal
-den Anschein, als würde der Brasilianer bei all seiner Neigung zum
-~show~ nicht zufrieden sein, wenn er etwas Ordentliches leisten
-würde, als widerspräche es seinem Wesen, denn oft ist für die volle,
-gründliche Leistung garnicht einmal ein viel größerer Müheaufwand
-erforderlich. Oder +sehen+ sie dergleichen nicht?!
-
-Wir kommen an, werfen Hut und Plaid ab und ziehen den rechten
-Handschuh aus, denn die brasilianische Etiquette gestattet nicht, daß
-man die Majestäten mit Handschuhen anfaßt. Dann stellen wir uns im
-Hausflur auf -- nur 12 Personen! Die Menge schien bereits abgekühlt
-oder ihre Neugier befriedigt.
-
-Wir zwölf (denke Dir, Deine Ulla mit!) „machen die Wirte“. Das Haus
-war Privateigentum und nur „hergeliehen“ für den kaiserlichen Gast;
-es gehörte einer verwittweten Baronin, welche in Rio lebt, die für
-europäische Begriffe fast mehr als einfachen Rohrmöbel teils derselben
-Dame, teils andern Patrioten; wer etwas Hübsches besaß, hatte es
-herbeigetragen. Wir gingen rasch erst noch durch alle Zimmer; nirgend
-erschien es mir gemütlich außer in dem Speisesaal, wo eine kleine Tafel
-durch einen französischen Koch wunderhübsch gedeckt und besetzt war.
-
-Als wir wieder hinunter kamen, wurde gerade ein Piquet Soldaten vor der
-Thür in mir unverständlichen Kommandos von einem Korporal angeschrieen
-und vollführte ein „Rechtsum“, das mich in die beste Laune versetzte.
-Gretele, da machen’s unsere rekrutesten Rekruten besser! Der Korporal
-zog einen Mann am Knopf etwas nach vorn, drückte den andern mit
-dem Säbel ein wenig zurück, und dann überließ er es ihrem loyalen
-Gutdünken, ob sie so bleiben wollten.
-
-Jetzt aber rasselte ein Wagen über das Straßenpflaster ... „~O
-Imperador!~“ donnerte eine Stimme, und „Viva!“ schrie die allerdings
-nicht sehr zahlreiche Menge draußen. Neugierig streckte ich den
-Kopf vor. Ein hoher stattlicher Herr im weißen Bart schüttelte Dr.
-Rameiro, der in der Thür stand, kordial die Hand, dann tritt der
-stattliche Herr in den Flur, schüttelt den Damen, die sich nur leicht
-verneigen, die Hände und dann den Herren. Ich hatte mich wohlweislich
-als Letzte in die Reihe gestellt, um alles nachmachen zu können, was
-die Brasilianerinnen thaten. Hinter dem Kaiser kam eine sehr kleine,
-etwas verwachsene Dame, in einfachstes Schwarz gekleidet, und ließ
-sich mit wohlwollendem Lächeln in der Runde die Hand küssen. Das waren
-der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien! Du glaubst garnicht, Grete,
-wie mir zu Mute war. Es war so schrecklich einfach. Und ich hatte mir
-so einen Kaiserempfang bei den pomphaften Brasilianern so ganz anders
-gedacht -- es war so garnichts zum Eindruckmachen!
-
-Dom Pedro bietet seiner Gemahlin den Arm, und das einfache Paar steigt
-langsam die Treppe hinauf. Wir folgen. Oben setzt sich die Kaiserin
-in der salla de visita auf das Sofa, die anwesenden Damen schließen
-sich nach dem Beispiel der einzigen Hofdame rechts und links auf den
-rechtwinkligen Stuhlreihen an, und die arme alte ermüdete Fürstin quält
-sich für jeden noch ein freundliches Wort heraus, während der Kaiser
-wie ein Jüngling ohne die geringste Spur von Erschlaffung unter den
-Herren steht. Und denke Dir, Grete, er hat auch mit mir gesprochen!
-Ich erschrack zuerst so, als er mich anredete. Er fragte nach meinem
-New-Yorker Onkel, der lange Jahre in Brasilien gelebt hat und von Dom
-Pedro sehr bevorzugt wurde. Der Kaiser soll sehr gut deutsch sprechen,
-sprach aber zu mir französisch. Nach einem kurzen Anstandsverweilen
-verließen „die Wirte“ das Haus, die hohen Herrschaften waren nicht
-aufgelegt zu einem formellen Souper, und so wurde bald alles still und
-dunkel in dem Hause der verwittweten Baronin.
-
-Aber nicht lange war den hohen Gästen Ruhe gegönnt. Des Kaisers
-landwirtschaftlicher Minister, Buarque de Macedo, der sich mit unter
-seiner Begleitung befand, war schon unterwegs von einem heftigen
-Unwohlsein befallen worden, und um Mitternacht meldete man dem Kaiser,
-der diesbezüglich Befehl gegeben, daß derselbe wohl seinem Ende
-entgegensehe. Sofort begab sich der Kaiser selbst an Ort und Stelle;
-Dr. Rameiros Bruder, der Arzt ist und auch in unserm Hause logiert,
-wurde hinzugerufen. Zu spät! Da war keine Hülfe mehr möglich. Noch eine
-Zeitlang schwebte der Kranke zwischen Leben und Sterben, dann seufzte
-er auf: „Meine arme Familie!“ Kaum hatte der Kaiser noch Zeit, ihn über
-ihr Schicksal durch ein hastiges Wort zu beruhigen. Im Morgengrauen
-ging Dom Pedro über die geschmückten Straßen nach seinem Logis zurück;
-im nächsten Morgengrauen führte ihn sein Wagen wieder an den Bahnhof;
-alle weiteren Feierlichkeiten unterblieben.
-
-Ich glaube aber, wir haben wenig daran verloren, denn eine Aufführung
-der „Glocken von Corneville“, die wir einen Tag sahen, war entsetzlich,
-und bei einer musikalischen Matinée, wo das Orchester nach dem
-Metronom, und als das auch noch nicht half, nach dem energisch
-tactierenden Fuße des Leiters spielte, haben wir ungezogener Weise so
-gelacht, daß wir uns den regsten Unwillen der andächtigen „Eingebornen“
-zuzogen.
-
-Ich fürchte übrigens nächstens den Deinigen, wenn ich diesen Brief noch
-länger werden lassen, darum für heute Schluß!
-
- Deine getreue +Ulla+.
-
-
- [2] Die brasilianischen Landesfarben.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 17. September 1881.
-
-Ach liebste Grete, wenn Du wüßtest, wie sauer mir hier manchmal so
-ein Tag wird! Wie die Stunden schleichen, wie alles so schwerfällig
-erscheint! Die Kinder sind unartig, das Vehmgericht passiv, das
-ganze Haus laut, und man fühlt sich so allein, so unbeschreiblich
-vereinsamt! Zudem fängt die ganze Sache an, mich sehr anzugreifen. Die
-neuralgischen Schmerzen dauern fort, wenn auch Gottlob in vermindertem
-Maßstabe, und ich habe sehr oft Migräne, die ich besonders dem Lärm und
-der ganzen Unbehaglichkeit der häuslichen Einrichtungen zuschreibe. Die
-Nerven dieser Menschen müssen Stricke sein -- leider! Sonst würden sie
-Rücksichten auf Andre kennen!
-
-Stelle Dir einmal folgende Scene vor und dann appelliere an Deine
-eignen Nerven, ob sie es ertrügen.
-
-Ich gab der kleinen Leonilla eine Klavierstunde in dem sogenannten
-Arbeitszimmer von Dona Alfoncina, denn die Kinder haben ihre Stunden
-nicht auf dem Flügel in der ~salla de visita~, sondern auf einem
-ehrwürdigen Tafelförmigen. Besagtes „Arbeitszimmer“ liegt so ziemlich
-in der Mitte des Hauses, und allerlei Räume münden in dasselbe ein,
-nämlich eine Vorratskammer, das Badezimmer, das Schlafzimmer der
-Kinder, das des Vehmgerichts, ein Kleiderzimmer und die Nähstube. Nun
-kannst Du Dir eine kleine Vorstellung machen, wieviel Lärm in diesem
-angenehmen Raume schon unter normalen Verhältnissen gehört werden kann;
-heute aber war es gerade, als hätte der alte ~gentleman~ sein Spiel!
-Man hatte nämlich Mäuse in der Vorratskammer entdeckt, und ohne Verzug
-kommandierte Dona Alfoncina zwei Negerinnen und einen Neger herbei,
-die den ganzen Raum leer machen mußten, damit man die Löcher finde.
-Während ich also an dem verstimmten Tafelförmigen resigniert mein
-~un~, ~deux~, ~trois~ zählte und Leonilla mit Ausdauer immer dieselben
-Fehler machte, baute sich unter lautem Kommando von Dona Alfoncina
-rings um uns eine Wagenburg von Kisten, Fässern, Säcken etc. auf. Der
-Lärm, der durch diese Prozedur verursacht wurde, die lauten Kommandos
-und gelegentlichen Mißfallensäußerungen der Herrin waren an sich
-schon betäubend. Dazu stand neben dem Klavier die Thür zur Nähstube
-offen, von wo heraus wir die zwei Maschinen klappern hörten; in dem
-Nachbarraum schrie’s aus einem Bambuskorbe und dazwischen frohlockten
-Papageien und andre Vögel. Zum Schluß wurde noch eine kleine Mulattin,
-die Dona Gabriella lesen lehrt, durch die sich aufbauende Wagenburg
-aus ihrer Ecke, wo sie „studierte“, fortgetrieben und stand plötzlich
-hinter meinem Stuhl, eintönig ihr b -- a ba, b -- e be, b -- i bi
-murmelnd! Das war zu viel! Wütend sprang ich auf, ergriff die Noten,
-rief Leonilla, mir in den Saal zu folgen und gab die Stunde da zu Ende.
-Man hat mir das furchtbar übel genommen und hält +mich+ bei der ganzen
-Sache für die Rücksichtslose!
-
-Ja, ja, wenn Menschen zu viel Nerven haben, ist es wohl schlimm, aber
-wenn sie garkeine haben, ist es noch peinvoller für Andre. Und so
-scheinen mir die Brasilianer geartet. Ich bezweifle, daß ich hier
-allzu lange mit meiner Gesundheit reiche! Schreibt mir nur recht oft,
-ich fühle mich sehr einsam und weltfern. Wenn ich doch nur wenigstens
-einmal ein deutsches Wesen zu sehen bekäme!
-
- Deine arme +Ulla+.
-
-Uebrigens habe ich mit dem Zimmer gewechselt, da es mir in dem vorigen,
-sonnenlosen vor Feuchtigkeit unerträglich wurde, ich auch eines Mittags
-eine Schlange unmittelbar vor meinem Fenster sah -- hu, die ekelhaften
-Tiere! Wir sehen oft welche.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 5. October 1881.
-
- +Meine liebe Grete!+
-
-Es ist gerade, als hätte die Vorsehung den Stoßseufzer in meinem
-letzten Briefe an Dich zu Gesichte bekommen! Das „deutsche Wesen“ ist
-da! Und das wunderlichste obendrein, das Du Dir vorstellen kannst --
-das Gaudium des ganzen Hauses und, daß ich’s nur gestehe, meines auch.
-Es ist ein Naturforscher, ein älterer Herr, dem auf die Empfehlung
-eines italienischen Collegen hin Dr. Rameiro das Haus „zu Befehl“
-gestellt hat für die Dauer seines Aufenthaltes in dieser Gegend
-Brasiliens.
-
-Unser guter Landsmann, dessen Französisch absolut unzulänglich ist, und
-der sich ziemlich vergeblich abmüht, sein deutsch accentuiertes Latein
-dem Portugiesischen anzupassen, wäre ohne mich als seinen Dolmetsch
-völlig verloren. Er ist ein „Gelehrter“, wie er in Büchern steht, und
-würde mit seiner Pedanterie und seiner wunderlichen Kleidung selbst
-bei uns komisch sein, hier aber sehe ich es dem Vehmgericht trotz
-ihrer unbeweglichen Gesichter an, wie es sie entzückt, sich über etwas
-Deutsches lustig machen zu können, und ich bin gewiß, daß sie überzeugt
-sind, alle Deutschen wären genau wie dieser Professor. Zu dem, was man
-so Plaudern nennt, ist er gerade nicht gemacht, aber er ist doch ein
-Landsmann, und ich höre doch wieder deutsche Worte! Was das für eine
-Wonne ist, Grete! Ich könnte den garstigen kleinen Pedanten küssen bloß
-dafür, daß er ein Deutscher ist!
-
-Aber ich wollte Dir eine Geschichte erzählen, die ihm gestern
-passierte, und über die ich gelacht habe, wie noch nie, solange ich
-hüben bin.
-
-Gestern war Sonntag, und als ich im Genusse meiner Muße am Nachmittage
-vor der Thür sitze, steht plötzlich die sonderbarst ausstaffierte
-Gestalt von der Welt vor mir. Eine große blaue Brille auf der Nase,
-einen weißen Strohhut auf dem Haupt, eine mächtige Botanisiertrommel
-an der Seite, ein grünes Schmetterlingsnetz über der Schulter,
-aus der rechten Rocktasche ein „Handbuch der Botanik“, aus der
-linken ein umfangreiches Werk über Insectenkunde -- wer konnte
-in diesen Attributen anders stecken als ein deutscher Gelehrter!
-Unser guter Professor forderte mich auf, die Genossin seiner ersten
-Entdeckungsreise auf der Pflanzung zu sein, allein die Sache hatte für
-mich wenig Reiz, und die Sonne war mir auch noch zu drückend; so bat
-ich ihn, mich zu entschuldigen. Die Kinder kamen heraus und spielten
-vor der Thür, und Dona Gabriella und der Doktor setzten sich zu mir auf
-die Bank. Als wir aber kaum ¾ Stunden da gesessen hatten, wurden wir
-plötzlich wild aufgeschreckt.
-
-Um die scharfe Biegung, die der Weg grade neben dem Hause macht,
-stürzte es hervor, atemlos, bis an den Hals beschmutzt, einen
-Stiefel von einem Schlamm-Überzug bedeckt, den andern dadurch
-ersetzt, brillenlos, hutlos, ohne Botanisiertrommel, das leere
-Schmetterlingsnetz wie eine Fahne in der Hand -- die Reste eines
-deutschen Gelehrten, der ausgezogen war, Natur zu forschen! Keuchend
-sank er auf die Bank nieder, entsetzt starrte ihn der Doktor an und
-blickte dann hilfeflehend auf mich, die ich schon mein: „Was ist denn
-nur geschehen?“ herausgestoßen hatte.
-
-„Geschehen! ach! oh! Ich werde verfolgt! Man will mich umbringen!
-Ermorden! Uff! ah, meine schönen Pflanzen -- eine solche Orchis! Und
-diese intressanten Sandflöhe, o, ich hatte ein Prachtexemplar unter der
-Lupe....!“
-
-„Aber wer in aller Welt verfolgt Sie denn?“
-
-„Wer? die Wilden, die Menschenfresser, die -- ach!“
-
-„Welche Wilden denn?“
-
-„Da, da, sehen Sie nur, wie der Kerl herbeistürzt, selbst sein Herr
-wird ihn nicht zähmen können, retten wir uns in das Haus!“
-
-„Aber das ist ja ein Neger der Pflanzung!“
-
-„Ja, ja, ja, meinetwegen, aber ich sage Ihnen, daß er wild ist und daß
-ich ihm nur mit Mühe entgangen bin“, schrie der arme kleine Mann in
-heller Verzweiflung und stürzte mit Aufraffung seiner letzten Kräfte in
-das Haus.
-
-Lächelnd und kopfschüttelnd übersetzte ich diese aufgeregten Aphorismen
-dem Doktor, der sie achselzuckend anhörte. Ganz atemlos kam jetzt der
-Neger näher, er hielt in der linken Hand das Handbuch der Botanik, in
-der rechten das von der Insectenkunde; er streckte eins mir, eins dem
-Doktor entgegen und keuchte dabei zwei Mal „~Sos kiss~“, „~sos
-kiss~“ hervor.
-
-„Was giebt’s?“ herrschte ihn sein Herr an.
-
-„~Senhor, sim senhor~“, sagte der Schwarze, „der deutsche Herr,
-der bei ~Senhor~ zum Besuch ist, ist verrückt.“ Wir konnten beide
-das Lachen nicht unterdrücken.
-
-„Er sagt, +ihr+ seid +wild+. Was habt ihr ihm gethan?“
-
-„Nichts, Herr, nein Herr. Wir arbeiteten im Kaffee, da kam der deutsche
-Herr daher. Wir liefen auf ihn zu, um „~sos kiss~“ zu bieten. Der
-Herr sah uns nicht und ging rasch zu, ~sim Senhor~. So liefen wir
-etwas näher heran. Da begann er zu laufen, schnell, schnell, warf seine
-Schachtel ab, seinen Hut, seine Bücher, und lief auf den Morast beim
-Teiche von Sanct Hieronymus zu, ~sim Senhor~. Wir schrieen ihm zu,
-aber er wollte nicht hören und lief immer mehr. Wir schrieen lauter,
-daß der Herr nicht in den Morast laufen sollte, aber der Herr stürzte
-weiter, ~sim Senhor~, und ist durch den Morast gelaufen.“
-
-Dieser Bericht wurde in vielen Absätzen und von zahllosen und
-oft, wie Du siehst, sinnlosen „~Sim Senhor’s~“ unterbrochen,
-hervorgestottert. Während dessen aber sammelten sich hinter dem Sklaven
-eine ganze Gesellschaft seiner schwarzen Genossen an: der eine hielt
-den Hut, der andre die Botanisiertrommel, der dritte die zertrümmerte
-Brille, der vierte den schlammigen Schuh des armen Gelehrten, und alle
-streckten uns diese mannichfachen Gegenstände mit ihrem stereotypen
-„~sos kiss~“ auf das bekümmertste entgegen.
-
-Die Scene, die ja bereits halb aufgeklärt erschien, war so unglaublich
-komisch, daß ich in ein unbändiges Gelächter ausbrach, in das Dr.
-Rameiro schließlich einstimmte, das aber unsere armen braven Schwarzen
-vollständig verblüffte. „Legt es nur dahin“ sagte endlich der Doktor,
-und gedankenvoll entfernten sich die Guten, die traurigen Reste einer
-Naturforscher-Expedition auf der Bank aufgereiht zurücklassend.
-
-„Was aber kann Ihren armen Landsmann von vornherein nur so erschreckt
-haben?“ fragte dann der Doktor, sich die Lachthränen trocknend.
-
-„Ich kann es mir denken“, sagte ich, die eigne Lustigkeit zähmend,
--- „sollten es nicht etwa die ausgestreckten Hände gewesen sein und
-das „~sos kiss~“, das mir auch zuerst so geheimnisvoll war?“ Der
-Doktor lachte wieder auf.
-
-„Bei unsrer lieben Frau -- das kann es sein! Hahaha! Grade ihre
-Höflichkeit -- ihr Gruß! Ich gebe zu, daß in der steif und flach
-ausgestreckten Hand eine graziöse Geste schwer zu erkennen ist, und
-das „geheimnisvolle“ „~sos kiss~“ -- Sie haben Recht, wer sollte
-darin den schönen Gruß erkennen: ~Louvado seja noso Senhor Jesus
-Christus~[3]!“
-
-Bis an die Kehle voll Heiterkeit, aber mit dem mitleidigsten Gesicht
-von der Welt ging ich zu meinem Professor, der abgespannt und pustend
-in seinem Schaukelstuhle lag; der Doktor folgte mir.
-
-„Aber was hat Sie denn nur so in Angst gesetzt?“ fragte ich deutsch.
-
-„In Angst gesetzt, in Angst gesetzt! O, es ist empörend! ist
-das Gastfreundschaft? das Bettelvolk von Schwarzen -- die ganze
-Gesellschaft wollte mich anbetteln! Daß das geduldet wird! Sie hätten
-nur die Anzahl der ausgestreckten Hände sehen sollen! Aber wer nimmt
-denn Geld mit zum Botanisieren? Ich that, als sähe ich diese Kannibalen
-nicht, da liefen sie mir nach und haben mich wild schreiend bis an das
-Haus verfolgt. Sie hätten nur diese Stimmen hören sollen!“
-
-Ich lachte schon wieder. Der Doktor stand verlegen dabei. Der Professor
-schoß wütende und verächtliche Blicke auf mich.
-
-„Verzeihung“, brachte ich endlich hervor, „aber es ist zu komisch --“
-
-„Komisch!!“
-
-„Hören Sie nur --“ und ich erzählte ihm, was uns der Neger berichtet
-und welchen Zusammenhang die Sache habe. Das Gesicht des Professors
-machte dabei den ganzen Wechsel im Ausdruck von mißtrauischem Zorn
-über Erstaunen, Verlegenheit, Erleichterung, gutmütigen Humor bis zur
-ehrlichen Selbstironie und Heiterkeit durch, und schließlich lachten
-wir alle Drei.
-
-„Nun soll Ihr Landsmann sich doch einmal unsre Neger in der Nähe
-ansehen, damit er seine Menschenfresser-Ideen los wird“ sagte der
-Doktor Nachmittags, und so zogen wir zu Dreien aus, den Professor das
-Nichtfürchten zu lehren.
-
-Überall in der Nähe der Negerhütten liefen uns die kleinen schwarzen
-Halbaffen entgegen und murmelten ihr „~sos kiss~“, und tapfer
-antwortete jetzt unser Professor „~para semper~“. Wir sahen in die
-erste Hütte hinein.
-
-Eine Art rohester Bettstelle von Brettern, darauf eine Matte aus
-Maisstroh und eine rote wollne Decke, eine kleine blecherne Truhe,
-ein unbeschreiblich primitiver Tisch, das war, außer einigen Töpfen,
-Schüsseln und kleinen Geräten die ganze Ausstattung des fensterlosen
-Raumes. In einer Ecke brannte ein Feuer, über dem eine Frau irgend ein
-Gericht bewachte.
-
-„Wie schrecklich dies Feuer in der Hütte sein muß, sagte ich; erlauben
-Sie es nicht, daß die armen Menschen das bei der Hitze +vor+ dem
-Hause anzünden?“
-
-„Erlauben? Ich habe es hundertmal durchsetzen wollen, aber der Schwarze
-ist unglücklich, gradezu krank, wenn man ihm sein Feuer nimmt. Er
-bedarf dessen Winter und Sommer und schläft nie ohne seine glimmenden
-Kohlen in der Hütte.“
-
-„Wie fürchterlich!“ stöhnte der Professor -- „und obendrein keine
-Fenster!“
-
-„Das mag wohl zuerst zur Verhinderung von Fluchtversuchen so
-eingerichtet gewesen sein, da sich Fenster doch nie so wie Thüren
-verschließen lassen. Aber der Neger ist jetzt auch so daran gewöhnt,
-daß, wenn sie als Freigewordene sich ein Hüttchen aufrichten, sie auch
-keine Fenster darin anbringen.“
-
-„Was kochen denn die Frauen nur alle“, sagte ich, „die Sklaven werden
-ja doch wohl alle auf der Pflanzung gespeist?“
-
-„Die Verheirateten nur Mittags; Abendbrot kochen ihnen ihre Weiber; sie
-erhalten Rationen zuerteilt.“ --
-
-Vor einem der letzten Häuser erhoben sich ein paar ganz alte
-gebrechliche Neger: „~Sos kiss~“ stotterten sie, als wir uns
-näherten. „Wozu gebrauchen Sie denn die noch?“ fragte der Professor
-ganz entsetzt.
-
-„Zu nichts“, lächelte der Doktor, „aber ich kann sie doch nicht
-ersäufen. Sie sind in meinem Dienste grau geworden, jetzt bekommen
-sie das Gnadenbrot. Ich habe sie auch freigegeben, aber ich habe
-nicht das Herz, alte, abgebrauchte Neger mit ihrer Freiheit und ihrer
-Arbeitsunfähigkeit in das Elend oder auf den Bettel zu schicken --
-mögen sie hier sterben.“
-
-„Denken viele Pflanzer so?“ fragte ich.
-
-„Ja, Gott sei Dank, und es ist auch nicht mehr als billig. Zu solchen
-alten Menschen zu sagen: „Du bist frei, ich habe jetzt also nicht mehr
-für Dich zu sorgen, geh’ deiner Wege“, das ist eine Barbarei. Wer
-das Fleisch ißt, behält auch nachher die Knochen, sagt eins unsrer
-Sprichwörter.“
-
-„Ich fürchte, Herr Doktor“, machte unser alter Professor mit Feinheit,
-„ich bin hier auf eine Pflanzung geraten, wo ich nur die guten Seiten
-des Sklaventums zu sehen bekomme!“
-
-„Das würde auch nichts schaden!“ rief der Doktor liebenswürdig. „Es ist
-so viel über die gegenteilige Seite geschrieben und dabei übertrieben
-worden, daß die lichteren Seiten auch einmal hervorgekehrt werden
-können. Überdies irren Sie, wenn Sie denken, ich stehe vereinzelt da.
-Viele Pflanzer hier in Brasilien halten ihre Sklaven ebenso gut wie
-ich, manche schon aus Eigennutz! Die traurigen Seiten: der Mangel an
-Freiheit, die sittliche Verkommenheit vieler, die Unwissenheit aller,
-das alles wird bleiben, solange es Sklaven geben wird, die es ja
-vorläufig für uns leider noch geben +muß+.“
-
-„Es ist aber eigentümlich, wie diese trüben Seiten sich mir hier
-viel weniger aufdrängen als es in Europa bei mir und ich glaube bei
-jedermann der Fall ist“, sagte ich sinnend.
-
-„Vielleicht sahen Sie da +nur+ die trübe Seite“, sprach lächelnd
-der Sklavenhalter.
-
-Weißt Du, Grete, ich habe es ihm schon längst verziehen, daß er
-nicht fesch aussieht und nicht so bunt angezogen geht wie der
-Operetten-Brasilianer der kleinen Handschuhmacherin -- er ist wirklich
-ein guter Mensch, und soweit es ihn und seine Frau angeht, bin ich ja
-hier auch ganz gut aufgehoben -- aber das Vehmgericht, das Vehmgericht!
-
- Deine +Ulla+.
-
-Der Professor reist morgen weiter.
-
-
- [3] Gelobt sei unser Herr Jesus Christus. --
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Francisco, den 22. Oktober 1881.
-
- +Meine liebe Grete!+
-
-Du fragst in Deinem letzten Briefe, ob ich denn nicht in der Nähe eine
-Kollegin hätte, mit der ich mich einmal aussprechen könne. Bestes
-Herz, ein „in der Nähe“ giebt es hier überhaupt nicht, die nächsten
-Pflanzungen sind alle 4-6 Meilen entfernt, und eine Stadt giebt es
-garnicht in erreichbarer Nähe. Zudem will mein Unstern, daß auf all den
-Pflanzungen, die allenfalls zu erreichen wären, nur erwachsene Kinder
-sind oder die Besitzer so einfach, daß sie keine „~professora~“
-halten. So bin ich denn ganz allein in der Runde, die traditionelle
-einzig fühlende Brust; ich weine auch manchmal ganz furchtbar, aber das
-darfst Du auf keinen Fall meinem Mutting erzählen!
-
-Ich möchte so gern einmal heraus hier, wenigstens nach Rio, um mir die
-Stadt anzusehen, die ich bei meiner Ankunft nur so flüchtig gesehen
-habe, und die mir doch so schön erschien; auch habe ich ja noch
-meine Empfehlungsbriefe an eine deutsche Familie dort und an einen
-Geschäftsfreund meines New-Yorker Onkels, der sehr reich ist; es würde
-mich so sehr beruhigen, nur irgend welchen Halt in diesem fremden Lande
-zu haben....
-
-Aber verzeih mir, Gretel, wenn ich schon schließe: -- ich bin totmüde
-und schwer, und wollte Dir nur einen Gruß senden.
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
- _S. F., den 3. Dez. 1881._
-
- _Das war eine lange Pause, meine Grete, nicht wahr? Aber Du
- wirst mir schon verzeihen, wenn Du hörst, daß ich krank war. Ein
- abscheuliches Sumpffieber hatte mich richtig gefaßt und mich
- im Verein mit der Ueberanstrengung, die diese Stelle besonders
- in musikalischer Beziehung von mir fordert, für vier Wochen
- pädagogisch unschädlich gemacht._
-
- _Heute an meinem Geburtstage (ach Grete, kein Mensch weiß davon,
- ich habe keinen Glückwunsch, keine Blume, keinen Brief, nichts!)
- bin ich zum ersten Mal aufgestanden und will in diesen Tagen nach
- Rio, um einen Arzt zu konsultieren. Es grüßt Dich herzlichst_
-
- _Deine Ulla._
-
- _Gieb diese Karte Deinem Brüderlein für seine Sammlung._
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Rio de Janeiro, den 24. Dezember 1881, Abends.
-
-Weihnachtsabend und 25° Celsius im Schatten! Wie fremdartig, wie
-heimatfern und, ach Grete, wie traurig! Kein Mensch in dieser ganzen
-bunten, lärmenden Stadt scheint an Weihnachten zu denken; das
-öffentliche Leben wird garnicht davon berührt, und nichts erinnert an
-die heilige Zeit wie daheim. Vielleicht, daß einige wenige deutsche
-Familien auch in der Tropenstadt ein fremdartig Christbäumlein
-schmücken (unsere Tanne giebt es ja hier nicht) -- aber mir stralt
-doch keines! +Kleins+ haben mich so wenig freundlich empfangen,
-daß ich nicht wieder hingehe, und das wundert mich umsomehr, als Frau
-Klein früher selbst Erzieherin hier war und also weiß, wie solch’
-einsamem Menschenkinde zu Mute sein muß! Onkels Geschäftsfreund konnte
-ich bisher nicht antreffen. So stelle Dir Deine Ulla nachträglich am
-heiligen Abend in einem einsamen Hotelzimmer vor, an Euch Lieben in der
-Heimat denkend und sich unbeschreiblich nach Euch und unserm schönen,
-lieben Deutschland sehnend!
-
-Draußen lärmt die Stadt mit ihrem Abendgetriebe. Durch die offenen
-Fenster kommt die eigentümliche, feuchtwarme Tropenluft herein, und
-ich sehe die Sterne an dem frühdunkeln Abendhimmel erscheinen; in dem
-Rahmen des Seitenfensters zeichnen sich die Palmen des Corcovado ab,
-jenes luftigen Bergkegels hinter der Botafogobai, dessen berühmte
-Quellen Rio mit herrlichem Trinkwasser versehen. Der Bewohner von
-Rio ist auch sehr stolz auf diese prächtige Naturgabe und sagt im
-Sprichwort: „~Quem bebeu a agua da Carioca~-(Quelle) ~Nunca toma
-outra agua na boca~.“ Wer einmal das Wasser der Cariocaquelle trank,
-nimmt nie wieder andres Wasser in den Mund.
-
-Wie poetisch könnten hier so manche Eindrücke sein, wenn man sie in
-Ruhe genießen könnte, aber so unbeschreiblich lärmend wie hier in
-Rio de Janeiro habe ich es noch in keiner Stadt gefunden, die ich
-kenne. In Berlin ist der Aufenthalt dagegen die reine Sommerfrische
-mit Nervenberuhigung, und nicht einmal in London habe ich es so laut
-gefunden. Da fahren zunächst Pferdebahn und Omnibus mit lautem Gerassel
-und häufigen Warnungspfiffen daher; kleine einsitzige Droschken,
-von den Engländern ~tilbury~ benannt, poltern im Galopp über das
-entsetzlichste Straßenpflaster, das Du Dir vorstellen kannst. Reitet
-jemand, so geschieht es ohne Gnade auch im Galopp, und ich bin schon
-einige Male in diesen Tagen an’s Fenster gestürzt, weil ich dachte,
-es gehe ein Pferd durch. Wasserverkäufer, Zeitungshändler (gerade
-diese sind fast so schlimm wie die Papageien auf der Pflanzung),
-Bonbons-, Cigaretten- und Sorbetverkäufer, Italiener, die Fische
-ausschreien, und dazu Drehorgeln und sonstige Instrumente, ganz
-abgesehen von den ungezählten Klavieren, die zu den offnen Fenstern
-hinaustönen, alles das tobt sich förmlich aus in den engen Straßen,
-wo jeder Schall doppelt hart stecken bleibt. Dabei haben diese Leute,
-besonders die erwachsenen Neger, oft ganz unmenschliche Stimmen, so
-daß man zusammenfährt, wenn man zufällig in ihre unmittelbare Nähe
-gerät. Vervollständige Dir diesen Ohrenschmaus durch das Geprassel
-von Feuerwerk, das man bei Tage und bei Nacht abbrennt, und nimm als
-selbstverständlich eine eintönige, hartstimmige Negerunterhaltung
-unmittelbar vor Deinem Fenster und ein ungeschicktes Guitarengeklimper
-in nicht allzu großer Entfernung hinzu, und dann -- beneide mich,
-wenn Du kannst! Aber auch hier staune ich wieder die Nerven der
-Einheimischen an: trotz dieses betäubenden Lärms lebt alles auf der
-Straße oder so gut wie auf der Straße. Wenn der Grundsatz jenes famosen
-alten Berliner Professors: „Der gebildete Mensch gehört in die Stube!“
-überall rück- und vorwärts gefolgert würde, so ist es sicher, daß
-man hier um die gebildeten Menschen handeln könnte wie Abraham um
-die guten in Sodom. Der unbeschäftigte Schwarze ist absolut nirgend
-anders zu finden als vor der Hausthür, rauchend und spuckend, die
-Kinder wälzen sich vom Morgen bis zum Abend auf der Gasse umher. Der
-kleine Krämer, der Vendiste, ja und auch der bessere Kaufmann in den
-vornehmeren Straßen steht vor der Thür, wenn augenblicklich kein Kunde
-da ist, und schwatzt mit den Vorübergehenden, und sowie die Sonne es
-gestattet, ist jeder Balkon, jedes Fenster besetzt von müßig gaffenden
-Menschen. +Das Haus+ scheint für niemanden Anziehungskraft oder
-Beschäftigung zu haben, denn sonst würde es diese Leute doch nicht
-immer wieder amüsieren, in den Tumult der Straßen hineinzugaffen. Die
-Straße wirkt hier überhaupt auf entsetzlich plebejische Weise in das
-Haus hinein. In einem gut brasilianischen Zimmer sitzt man wie in einem
-Schaukasten, sämtliche Fenster stehen auf, da der Brasilianer der
-Ansicht ist, daß offne Fenster unter allen Umständen ein Haus kühl
-machen, und sämtliche Thüren obendrein. Ich gebe zu, daß letzteres
-nötig wird, um durch den dadurch bewirkten Zug die Thorheit des
-ersteren wieder gut zu machen -- aber warum schafft man nicht lieber
-eine weit gründlichere und angenehmere Kühle dadurch, daß man die
-Fenster gegen den Sonnenbrand der Tagesstunden verwahrt?! Ich begreife
-es jetzt schon viel besser, daß die Brasilianer noch nichts Bedeutendes
-an wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen haben: ihre Lebensweise
-läßt keinen geordneten Gedanken aufkommen. Zu geschlossenen Gedanken
-gehört ein geschlossener Raum, wo nicht tausenderlei äußere Dinge einen
-abziehen von dem, womit man sich beschäftigen will, und das meinte wohl
-auch der Berliner Professor mit seinem originellen Dictum.
-
-Natürlich ist Rio augenblicklich durchaus kein Aufenthalt für mich. Der
-Arzt war sehr unzufrieden mit dem Zustand meiner von Arbeit, Lärm und
-neuralgischen Schmerzen zerquälten Nerven und hat mir auch dringend
-geraten, die Arbeit in Saõ Francisco nicht wieder aufzunehmen, sondern
-dem Vehmgericht, den Papageien und den täglichen fünf Klavierstunden
-Valet zu sagen, vor allen Dingen aber erst auf vier Wochen nach
-Petropolis (dem berühmten, jenseits der Bai gelegenen Luftkurort)
-hinaufzugehen, um mich von dem Fieber zu erholen. Petropolis ist
-zugleich Sommerresidenz des Kaisers, und die ganze Diplomatie flüchtet
-in diesen Monaten dort hinauf vor der Hitze und dem gelben Fieber.
-
-Aber da läßt mich Mrs. Carson, die Frau des Hotelwirtes auffordern,
-mit ihnen zusammen in ihrem Privatzimmer Abendbrot zu essen. Carsons
-sind Engländer und sehr liebe Menschen. Ihre Kinder werden in England
-erzogen, und wenn sie daher auch keinen eigentlichen „Weihnachten“
-feiern, so scheinen sie doch zu empfinden, wie schwer dieser Tag hier
-für ein einsames deutsches Herz sein muß. Und unsre eignen Landsleute
--- --!
-
-Schreibe mir nur recht ausführlich, wie alles bei Euch und zu Hause
-war, beschreibe mir alles, alles, wie wir es als Kinder thaten, jedes
-Stück, was Du geschenkt bekommen hast -- es wird mir jedes Wort ein
-Stück Deutschland sein! Richte Deine Briefe hier an das ~Hôtel
-Carson, rua Catette~, und laß ihrer recht viele sein!
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Petropolis, den 15. Januar 1882.
-
- +Mein liebstes Gretele!+
-
-Freue Dich mit mir, denn ich habe meinen Humor wiedergefunden, den ich
-verloren hatte -- oder sollte es nur der Racker Galgenhumor sein, den
-ich beim Kragen erwischt?
-
-Ich schreibe hier in einer Umgebung, die ein ganz nettes Modell für
-eine Trödelbude wäre. An den Nägeln in der Wand hängen meine Kleider
-und Jacken in malerischer Unordnung; auf dem Bette sind Schleifen, Hüte
-und Tücher ausgebreitet; auf allen Stühlen sonnt sich Wäsche. Von den
-Fensterbrettern aus gucken fünf Paar Stiefel und Schuhe andachtsvoll
-auf die Bananengruppe davor hinaus, und darüber flattern, auf einen
-Bindfaden gereiht, meine sämtlichen Handschuhe im Zephyr des Mittags.
-
-In diesem Zustande befinden meine Garderobe und ich uns alle drei
-Tage einmal, nachdem ich gleich zu Anfang die Entdeckung gemacht, daß
-andernfalls in diesem fruchtbaren Lande sich sogar Stiefel und Kleider
-mit der üppigsten Vegetation bedecken. Diese mühelose Pflanzenzucht ist
-ja im Uebrigen ganz hübsch, nur den Sachen nicht sehr bekömmlich, und
-besonders verfolgt das Schicksal in dieser Hinsicht Stiefel, Handschuhe
-und Seide; alle die schönen feinen Lederhandschuhe, die ich noch in
-Antwerpen gekauft, sind fleckig geworden!
-
-Doch ich will Dir meine Abenteuer von Anfang an erzählen:
-
-Als ich am zweiten Weihnachtstage nach Saõ Francisco zurückkam und
-erklärte, daß ich nicht länger bleiben könne, war man höchst unangenehm
-überrascht, aber meine vierwöchentliche Krankheit und mein immer
-noch elendes Aussehen hatten ihre Herzen doch insofern erweicht,
-daß sie meiner Abreise kein Hindernis in den Weg legten. Wir sagten
-einander Adieu, und fort war ich. Grete, solch ein Lebewohl habe ich
-in meinem Leben noch nicht gesagt! Nichts that mir leid zu verlassen,
-im Gegenteil, ich fühlte, daß mir keiner von ihnen schwer zu missen
-sein würde, und war mir ebenso sehr bewußt, daß auch in den Herzen
-der Kinder keinerlei Anhänglichkeit für mich vorhanden war, und daß
-man einzig die ~gêne~ bedauerte, eine neue Gouvernante suchen zu
-müssen; man wird eben nicht warm mit diesen Menschen hier! --
-
-Am Sylvestertage reiste ich hierher, und zwar in drei Absätzen: erst
-mit dem Dampfer über die Bai, dann mit der Eisenbahn bis an den Berg,
-der Petropolis trägt, und dann mit einem Omnibus auf allerdings recht
-gut chaussiertem Wege hinauf.[4] Ich erwischte einen ziemlich guten
-Platz in einem der fünf Wagen und hatte auch die Beruhigung, zu sehen,
-daß meinem Koffer ein ähnliches Glück widerfuhr.
-
-Etwa auf der Hälfte des Weges wurde Station gemacht, und alles drängte
-sich um eine dort stehende Bude, wo Kaffee, Gebäck und Früchte zu
-haben waren. Ich war hungrig geworden und trank gierig meine Tasse
-Kaffee hinunter und biß ebenso eifrig in ein Stück Biscuit-Kuchen,
-das ich aufgegriffen. Es schmeckte etwas eigentümlich, und als ich
-es beim zweiten Happen näher besah, fand ich, daß es von Ameisen
-wimmelte, von denen ich also gewiß soeben eine erkleckliche Anzahl
-mit verschluckt hatte. Brrr! nicht wahr? Ja, siehst Du, ich war aber
-schon so verbrasilianert, daß ich nur gleichmütig den Rest der kleinen
-Gäste von meinem Biscuit abstreifte und diesen dann behaglich zu einer
-zweiten Tasse Kaffee verzehrte. Dies wird Deine Verachtung ebensosehr
-herausfordern, wie es entschieden die Ver- und Bewunderung eines jungen
-Franzosen erregte, der daraufhin eine lächelnde Bemerkung an mich
-richtete, die ich dummer Weise munter beantwortete, denn seitdem ödete
-mich dieser galante „Erbfeind“, der glücklicherweise in einem andern
-Wagen saß, an jeder Haltestelle, und wenn ich alles das hätte essen
-und trinken wollen, was er mir hinter einander anbot, so wäre ich wohl
-schwerlich lebend nach Petropolis hinaufgekommen.
-
-Hier ging ich erst in das deutsche Hotel und machte mich dann auf
-nach der Behausung des Herrn Goldschmidt, Onkels Geschäftsfreund, der
-hier ein schloßähnliches Haus mit herrlichem Park besitzt, das er in
-der heißen Zeit mit seiner Familie bewohnt. Da ich sie bei meinem
-Aufenthalt in Rio zuletzt noch getroffen hatte, so war dieser Besuch
-nicht mein erster.
-
-Ich wurde in den Saal geführt und gebeten, einen Augenblick zu
-verziehen.
-
-„Haben Sie keine Stelle?“ schrie es da plötzlich hinter mir, und Frau
-Goldschmidt, eine äußerst lebhafte Brasilianerin, die rasch aber falsch
-deutsch spricht, stand mit halb lachendem (sie lacht +immer+),
-halb ängstlichem Gesichte vor mir.
-
-Grete, die Angst dieser zwanzigfachen Millionärin, ich könne irgend
-etwas von ihr wollen, war so unbeschreiblich komisch, daß mir wie mit
-Zauberschlag der Humor zurückkam und ich laut herauslachte. Donna
-Albertina sah mich starr an.
-
-„Verzeihen Sie“, sagte ich nun auch etwas brutal, „aber es ist zu
-komisch, daß das Ihre erste Frage war! Nein, ich habe keine Stelle,
-aber ich werde eine finden, wenn es nötig sein wird.“
-
-Dann kam der Gatte.
-
-„Sehen Sie, mein Fräulein“, dozierte er, „ich war immer ein reicher
-Mann, denn ich verbrauchte immer nur die Hälfte von dem, was ich
-einnahm. Ich kam nach Rio mit fünfzig Mark und besitze heute mehrere
-Millionen: Alles durch jene Praxis! Aber was ich sagen wollte -- gehen
-Sie jetzt zu unserer Miß Dahlmann; wir haben nämlich unsere Gouvernante
-nicht im Hause; es geniert mich, fremde Leute im Hause zu haben. Sie
-ist eine Deutsch-Engländerin und wohnt bei einer einfachen deutschen
-Familie im Dorfe; vielleicht kann sie Ihnen raten, wo sie am billigsten
-unterkommen; Sie verbrauchen im Hotel zu viel Geld, das ist schon
-falsch -- immer nach meinem Prinzip, mein Fräulein, immer nach meinem
-Prinzip!“
-
-Der kleine Mann amüsierte mich unaussprechlich mit seinem ~mezza
-voce~ vorgebrachten Redeschwall und den fortwährend nach den
-Westenärmeln schnappenden Daumen. Seinen, wenn auch ungeforderten Rat
-betreffs meines Unterkommens beschloß ich jedoch insofern wenigstens zu
-befolgen, als ich diese Miß Dahlmann aufsuchen wollte, in der ich doch
-wenigstens eine Collegin fand.
-
-Donna Albertina forderte mich auf, an dem Frühstück teilzunehmen, das
-eben serviert wurde. „Sehen Sie, mein Fräulein“, begann der Gatte
-wieder (er scheint diesen Anfang sehr zu lieben), -- „ich lade nur
-zum Frühstück Leute ein, zu Mittag aber niemals. Wir essen um sechs;
-nachdem kommt gleich die Abendpost, die ich in Ruhe erledigen muß,
-und da ist es mir störend, wenn jemand Fremdes da ist. Verstehen Sie
-wohl? Aber zum Frühstück, da mag kommen, wer da will, da stört es mich
-weniger“ -- schwupp fuhren seine beiden Daumen in die Westenärmel.
-
-Es wurde Zeit, daß ich ging, Grete, sonst hätte ich den Leuten wieder
-ins Gesicht gelacht, denn die Heiterkeit steckte mir schon oben in
-der Kehle. Ich sagte, daß ich bereits gefrühstückt habe, ehe ich
-hergekommen, daß ich aber zu Miß Dahlmann gehen wolle, wenn sie mir den
-Weg beschreiben möchten. Daß sie mich so schnell los würden, hatten
-sie wohl kaum gehofft; in ihrer Freude darüber wurden sie plötzlich
-sehr liebenswürdig und bestanden darauf, mir einen Neger zur Führung
-mitzugeben, was ich denn auch annahm. Es geht doch nichts über gute
-Empfehlungen an Landsleute im fremden Lande -- da kann man doch absolut
-nicht verderben!!
-
-Miß Dahlmann ist einige Jahre älter als ich und etwas steif und
-„englisch“, war aber doch gutmütig genug, mir behülflich zu sein, daß
-ich bei ihrer eigenen Wirtin unterkam, wo wir auch essen. Sie ist meine
-einzige Gesellschafterin hier und, wenn auch nicht gerade herzlich, so
-doch auch nicht unliebenswürdig. Sie sieht das Leben im Ganzen weit
-kühler an als ich, und so verstehe ich es, daß sie bei Goldschmidts
-aushält. Ich habe mir schon manchen nützlichen, entweder beabsichtigten
-oder unwillkürlichen Wink von ihr ~ad notam~ genommen und denke
-ein ganz Teil „landesgewandter“ von hier fortzugehen, als ich kam.
-
-Petropolis +selbst+ ist meiner Ansicht nach ein elendes Nest, und
-das Hauptamüsement der Fremden besteht darin, jeden Nachmittag nach der
-Haltestelle der Omnibusse hinzugehen und die heraufkommenden Fremden
-anzugaffen. Das Palais des Kaisers ist ein langes, weitläufiges,
-aber schrecklich langweiliges Gebäude, an dem nichts zu sehen ist,
-wie viele Fenster. Ich bringe die Ansicht davon auf einem gläsernen
-Briefbeschwerer eingraviert mit, sowie auch ein paar kleine Vasen,
-auf denen ~Lembrança~ (Erinnerung) ~de Petropolis~ steht;
-diese Sachen sind aber sehr wenig interessant, da sie alle aus Europa
-kommen und hier nur graviert werden. Weit besser gefallen mir die
-feinen Drechsler- und Schnitzarbeiten eines Deutschen, der hier ein
-allerliebstes Häuschen hat und ein höchst gemütlicher alter Herr ist
-mit einer ebenso gemütlichen und sehr zahlreichen Familie. Dahin gehe
-ich manchmal, um ein Stündchen zu verplaudern, und lasse mir über
-die Anfänge von Petropolis erzählen; auch habe ich dort einen ganz
-prächtigen Tabaksbehälter gekauft, der aus einer Brotfrucht gefertigt
-und oben von einem geschnitzten Indianer gekrönt ist.
-
-Die übrigen hier ansässigen Deutschen sind fast alle ganz ungebildete
-Bauern. Sie haben sich ihre deutsche Sprache und einige deutsche
-Untugenden bewahrt, aber im Ganzen sind sie doch schon sehr von den
-Landessitten angestreift. Petropolis ist auch schon lange keine
-rein deutsche Colonie mehr, wie es ursprünglich war. Es wohnen hier
-Colonisten aus aller Herren Länder, und man hört alle Sprachen, unter
-welchen mir ein Kauderwelsch von Neger-Portugiesisch und Plattdeutsch
-am besten gefällt: „Kiek mal, ob dat noch schuwet“ (regnet) -- „Esperen
-(warten) Se mal en beten“ -- „Ich kann ainda (noch) nicht“, und
-dergleichen hört man viel.
-
-Die +Lage+ des Ortes ist herrlich, das muß man sagen! Hoch
-in den Bergen, zwischen unabsehbaren Waldungen gelegen, bietet
-derselbe prachtvolle Spaziergänge auf guten Waldwegen, die sonst in
-Brasilien etwas ungemein Seltenes sind, da das erste Eindringen in die
-Wälder schwer ist und alles gleich wieder zuwächst mit Gestrüpp und
-Schlingpflanzen.
-
-Ich bleibe hier wahrscheinlich noch diesen Monat und will dann doch
-einmal, um die Stadt kennen zu lernen, mein Heil in Rio versuchen; ich
-habe jetzt wieder bessere Nerven und mehr Courage! Tausend Grüße von
-
- Deiner alten +Ulla+.
-
-Neulich begegneten Miß Dahlmann und ich der Kaiserin, sie war zu Fuß
-mit einer Hofdame; und am Sonntag sahen wir den Kaiser, die Prinzessin
-und ihren Gemahl, den Grafen von Eu, sowie die drei kleinen Prinzen
-alle in +einem+ Wagen ausfahren.
-
-
- [4] Jetzt führt eine Bahn bis ganz hinauf. D. V.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882.
-
- +Mein Herzens-Gretchen!+
-
-Da wäre ich denn wieder in der bunten, südlichen Stadt und mitten
-in ihrem Lärm! Gretel -- schön ist dieses Rio, das muß man sagen,
-wunderbar schön und phantastisch, zumal von der Bai aus, wie ich es bei
-meiner Ankunft damals und jetzt wieder bei der Rückkehr von Petropolis
-erblickte.
-
-Wie ein Feenmärchen entfaltet sichs da vor unsern unverwöhnten
-norddeutschen Augen! Terrassenförmig wird von Brasiliens Küstenbergen
-die Stadt in die Bucht hinausgehalten, bunt und prächtig, ein
-einziges Licht- und Farbenmeer, nur unterbrochen, oder besser, noch
-vermannichfaltigt durch die schlanken Palmen und die großblätterigen
-Bananen, die überall ihre Plätze gefunden. Nichts von unserm eintönigen
-roten Gemäuer oder der uniformen grauen Tünche -- alles weiß oder
-bunt und in Brasiliens sattem Sonnenlicht schwimmend, sodaß selbst
-die kleinen Forts, die auf Inselchen vor dem Binnenhafen liegen,
-in ihrem Verstecke von Palmengruppen und Farben nicht wie grimme
-Verteidigungswerke dreinschauen, sondern wie reizende kleine Idyllen,
-die man für Wirklichkeit zu halten sich zwingen muß. Hier liegt auch
-die „Blumeninsel“, das erste Asyl für Auswanderer, wo es den armen
-Menschen zwar durchaus nicht beneidenswert ergehen soll, die aber in
-ihrem äußeren Anblick an die Idylle Dranmors erinnert, die sich in
-seinem Requiem findet:
-
- „Ich weiß ein schönes Eiland, wie verloren
- Im Stillen Ocean, ein waldbedecktes,
- In milden Sonnenstralen hingestrecktes,
- Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren.
- Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht,
- Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden Rosen
- Für die Betrübten, für die Heimatlosen
- Aus träumerischen Fluten aufgetaucht.“
-
-Und drinnen in der Stadt erscheint’s auf den ersten Blick wie draußen:
-phantastisch, südlich, fremdartig und wunderbar reizvoll -- nur eines
-gesellt sich hier noch außer dem betäubenden Lärm hinzu, was man
-draußen gern vermißte: der Schmutz und die Unordnung! Die Straßen
-sind eng und schlecht gepflastert -- ich bin +ein+ Mal in einer
-Droschke darüber gefahren und +nie+ wieder -- die Trottoirs,
-besonders in der Geschäftsgegend, ebenso unsauber wie der Damm. Die
-Häuser sehen sich zwar recht lustig an mit ihrem Mantel von drei, vier
-und mehr Farben, aber es ist meistens nichts rein und vieles windschief
-daran vom Dach bis zur Schwelle. Alles erscheint uns strafferzogenen
-Norddeutschen nachlässig und die Menschen so -- ja, ich weiß nicht
-+wie+ -- ich glaube: +undiscipliniert+ wäre das Wort.
-
-Hier steht eine Gruppe rauchender, spuckender Neger, dort hocken
-Negerinnen in den Thüren der Magazine und lesen Kaffee aus. Vielfach
-wird auch ein Teil des Trottoirs eingenommen von Negern, Negerinnen
-oder Mulattinnen mit ihren Tischen und Körben, die Orangen, Bananen,
-Kokosnüsse, Feuerwerk und allerlei sonstige Nichtigkeiten feilbieten.
-Sie würden, schon der Fremdartigkeit des ersten Eindrucks wegen,
-vielleicht den europäischen Käufer anlocken, allein ein Blick auf
-die Umgebung ihres Standes, wo Apfelsinenschalen, Streichhölzer,
-Papierfetzen, Cigarrenstummel etc. sich mit allerlei sonstigem
-~rubbish~ um den Vorrang streiten, und worin die Schleppe (!) des
-hellen Mousselinkleides der Verkäuferin umherfegt, verscheucht ihn
-wieder. In sehr vielen Kaufläden des eigentlichen Geschäftsviertels,
-ja sogar in einzelnen der eleganteren Stadtgegend, sah ich auf dem
-Fußboden Stroh, Packpapier, Bindfaden, zerbrochenes Gerät etc.
-umherliegen; es schien aber Niemand etwas Ungewöhnliches darin zu
-finden. Der Brasilianer bringt dieser Art von Unordnung eine gewisse
-kindliche Harmlosigkeit entgegen, die fast rührend ist, und ich glaube,
-Grete, wir Europäer gewöhnen uns mit der Zeit wenn auch nicht an den
-Schmutz, so doch daran, ihn von den Anderen unbeachtet zu sehen.
-
-An Läden habe ich nicht viel Schönes gesehen, und vor Allem nichts
-für dies Land Charakteristisches, ausgenommen ein Geschäft mit
-wunderhübschen Sachen, gefertigt aus den ungefärbten Federn der
-einheimischen farbenprächtigen Vögel; die vorhandenen Ballgarnituren
-waren ganz entzückend! Was Du aber sonst kaufst, ist fast ohne Ausnahme
-europäische Ware, und es dürfte außer den Rohprodukten des Landes kaum
-einen Gegenstand geben in den Geschäften, der nicht den atlantischen
-Ocean gesehen. Kleiderstoffe, Stiefel, Wäsche, Wollwaaren, Möbel,
-Beleuchtungsgegenstände, Kücheneinrichtung, Bücher, ja bis zum Papier
-und zur Stecknadel kommt alles aus Europa. Selbst die Kattunstoffe
-kommen dem Lande der Baumwolle aus Deutschland und Frankreich, wohin
-sie das Rohmaterial liefern, das sie selbst nur sehr mangelhaft in
-wenigen unbedeutenden Fabriken zu verarbeiten verstehen; und wenn sie
-hier weißen Hutzucker essen wollen, so läßt ihn sich das Land des
-Zuckerrohrs aus dem Lande der Runkelrübe kommen. Manche Dinge sind
-hier wunderbar! -- In der rua d’ Ouvidor, so einem Mittelding zwischen
-feiner Geschäfts- und Bummelstraße, giebt es einige große Magazine mit
-eleganten Damentoiletten. Die kommen alle direkt aus Paris hierher und
-sind horrend teuer, doch werden sie von den reichen Brasilianerinnen
-mit Kußhand zu den höchsten Preisen gekauft für die „Saison“, d. h.
-für die Vorstellungen einer italienischen Operngesellschaft, zu denen
-die Damen in den Logen in ausgeschnittener Balltoilette erscheinen;
-Privatgesellschaften giebt es wenige außerhalb der Grenzen des
-diplomatischen Korps, und der Kaiser repräsentiert nicht, was wohl
-zum Teil seiner bekannten persönlichen Einfachheit entspricht, teils
-durch die ungemein niedrige Civilliste der Herrscher von Brasilien
-bedingt wird: nur bei der Prinzessin finden Theeabende statt. Der große
-kaiserliche Palast in Saõ Christovaõ, einer Vorstadt von Rio, ist ein
-mächtiges, ödes Gebäude, das zwar einige prachtvoll eingerichtete
-Zimmer enthalten soll, jedenfalls aber eine sehr häßliche Lage hat.
-Wenn ich der Kaiser von Brasilien wäre, baute ich mir eine graziöse,
-luftige Villa in Botafogo, der jenseitigen, entzückenden Vorstadt
-von Rio, und überließe Saõ Christovaõ seiner Nachbarschaft von
-Viehschlächtereien und ihren Hunderttausenden von Krähen!
-
-Botafogo ist reizend; wie ein Kranz liegen die Villen mit ihren Gärten
-um die Bai gleichen Namens herum, hinten überragt von dem mächtigen
-Corcovado, vor sich in der Bai den merkwürdigen Paõ de Assucar, den
-Zuckerhutberg. Die Blumenpracht in dieser Vorstadt, wo nur vornehme,
-reiche Leute wohnen, ist bezaubernd! Die üppigsten Ranken von saftigem
-Grün überwuchern die Mauern, darinnen große, stralende, dunkelrote,
-lila, gelbe oder weiße Blumen. Mrs. Brassey, in ihrem netten Buche
-„~A voyage in the Sunbeam~“ hat ganz meine Empfindungen
-ausgesprochen, wenn sie sagt, in Brasilien seien ihr alle Blumenfarben
-weit satter vorgekommen, als irgendwo in der Welt, ja, selbst das Weiß
-schiene ihr dort intensiver zu sein. Diesen Eindruck hat man wirklich,
-und soweit die Natur mitspricht, ist hier alles bezaubernd!
-
-Der Larangeirasberg, der Santa Theresaberg, kurz, alle Hügel der Stadt
-sind mit Villen besetzt und, besonders der Santa Theresaberg, vielfach
-von fremden Kaufleuten bewohnt, die ihre Geschäftshäuser unten in der
-Stadt haben.
-
-Da ich mich bisher vergeblich um eine Thätigkeit hier in Rio bemüht
-habe, so habe ich mir die Stadt schon so ziemlich angesehen, aber
-es giebt nicht viel darin zu betrachten. Die Kirchen sind eine wie
-die andere, und keine ist durch besondere Kunstschätze interessant;
-das Museum (von dessen Existenz Viele hier gar nichts wissen und
-das die Wenigsten ansehen) ist, abgesehen von einer prächtigen
-Sammlung ausgestopfter, z. T. sehr seltener Vögel recht mäßig. Die
-Kunstakademie, die eine Gemälde- und Statuensammlung enthält, ist,
-was letztere betrifft, noch sehr in den Kinderschuhen, doch enthält
-sie einige sehr interessante Gemälde einheimischer Künstler, die mir
-ausnehmend gefielen an Farbengebung und lebendiger Anordnung. Ich
-lege die Photographie eines derselben bei, welches „die erste Messe in
-Brasilien“ darstellt, und bedauere nur, daß ich die einiger anderen
-nicht bekam, zumal die eines Kolossal-Schlachtenbildes von Meirelles.
-Im Ganzen ist es aber auffallend, wie wenig Sinn die Brasilianer zeigen
-für die bildende Kunst; zu verwundern ist es freilich nicht, denn
-die deklamatorischen Künste +müssen+ sie ihrer Natur nach mehr
-anziehen. Der Brasilianer ist der geborene Redner, er deklamiert, sowie
-er nur einen längeren Satz spricht, und alle lieben sie schwärmerisch
-die Musik, und zwar die Italiener, dann französische Operetten und --
-Meyerbeer.
-
-Noch schwächer als mit der Malerei sieht es mit der Bildhauerei und der
-Architektur aus. Die Stadt hat absolut keinen architektonischen Schmuck
-an Gebäuden, Brücken oder Thoren aufzuweisen, Prachtbauten fehlen
-gänzlich, wenn man nicht die immerhin ziemlich einfache fiskalische
-Druckerei dahin rechnen will, und an Denkmälern habe ich nur zwei
-entdecken können, wovon eins obendrein einen Heiligen darstellt.
-Diese Armut an Denkmälern hat wohl z. T. darin seinen Grund, daß das
-Land seit seiner Selbständigkeit nur eine äußerst kurze Geschichte,
-also wenig historische Erinnerungen hat. Das einzige Denkmal, welches
-außer jenem Heiligen (ich glaube gar, es ist Saõ Francisco) vorhanden
-ist, verherrlicht denn auch den bedeutungsvollsten Augenblick von
-Brasiliens Geschichte: es stellt nämlich den ersten Kaiser, den Vater
-des jetzigen, Dom Pedro ~I.~ zu Pferde dar, wie er mit der
-Verfassungsurkunde in der Hand dahergesprengt kommt. Das Standbild ist
-von einem französischen Künstler, ist prächtig frisch aufgefaßt und
-mit jener Dosis von Pathos versehen, die ihm bei den Brasilianern den
-Erfolg sichert. Der Sockel trägt in Reliefs allegorische Darstellungen
-der vier Hauptströme des Landes, des Amazonas, Saõ Francisco, Orinoco
-und Madeira.
-
-Natürlich war ich auch in den Gärten von Rio, dem sehr graziösen und
-so ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen ~Jardim publico~, wo
-neulich eine deutsche Kapelle Mendelssohn’sche Duette spielte, ferner
-in einem neuen, großartig angelegten Garten am Ende der Stadt und
-~last not least~ in dem berühmten botanischen Garten mit seiner
-noch berühmteren Palmenallee. Ja, Gretel, interessant und sehenswert
-für den Fremden ist diese Allee jedenfalls, aber so sehr schön finde
-ich die langen kahlen Stämme gerade nicht, und außerdem ist diese
-berühmte Allee unausstehlich schattenlos. Dies Urteil ist aber wieder
-etwas, das ich Dir nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit
-überlassen kann, sonst steinigen mich die traditionellen Bewunderer
-dieser Allee hüben und drüben, sei’s auch nur mit ~biscoitos~ Nr.
-3! Die Allee ist merkwürdig und darum auch schön -- basta! Ich will
-versuchen, mir diese Meinung auch noch anzugewöhnen und fortan die
-+Palme+ als den +Alleebaum+ ~par excellence~ anzusehen.
-Ob es mir gelingen wird?
-
- Deine rebellische +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882.
-
- +Liebste Grete!+
-
-Ich muß Dir schon wieder schreiben, denn denke Dir, seit vorgestern
-bin ich hier in einem Collegio engagiert! Ein Collegio ist eine
-höhere Töchterschule mit Pensionat, und ich habe da also durch vier
-Klassen die Töchter dieses Landes in die Geheimnisse der deutschen
-sowie der englischen Sprache einzuführen und außerdem eine Unzahl von
-Klavierstunden zu erteilen. Ach Grete, die beiden Sprachen, besonders
-aber das Deutsche, werden meinen Schülerinnen wohl ewig ein Buch
-mit sieben Siegeln bleiben; es ist merkwürdig, wie wenig sie bei
-mir lernen! Ich habe noch nicht herausfinden können, ob es an mir
-oder an ihnen liegt, vielleicht macht es auch der Racenunterschied
-zwischen Germanen- und Romanentum, denn Französisch lernen sie halb im
-Schlaf, und die Französinnen werden auch viel besser mit ihren Klassen
-fertig. Ich war schon wieder ein paar Mal in Versuchung, den Bormann
-hervorzuholen, ich habe ihn aber doch schließlich stecken lassen, weil
-ich weiß, daß ich zu viele Vorwürfe für mich darin finden würde.
-
-Da zu wenig Schulräume vorhanden sind, so gebe ich meine Stunden
-gewöhnlich mit einer andern Lehrerin zugleich in demselben Zimmer;
-wärend also am einen Ende des Saales z. B. portugiesische Gedichte
-deklamiert werden, versuche ich meinen unaufmerksamen „Donas“ die
-Verwicklungen der deutschen Deklinationen klarzulegen. Die drei
-Artikel mit ihren vier Fällen sind ihnen aber in ihren zwölfteiligen
-Dunkelheiten (die Mehrzahl garnicht gerechnet) so unsympatisch, daß ich
-ordentlich fühle, wie unser unschuldiges +der+, +die+, +das+ von der
-ganzen gelbblaßen Gesellschaft vor mir wie eine hinterlistige Erfindung
-angesehen wird, die eigens aus Tücke für Schulkinder gemacht wurde.
-Neulich, als ich einer kleinen schwarzäugigen Krabbe verbesserte: „Der
-Schirm steht hinter +der+ Thür“ -- warf sie mit sofort erscheinenden
-Wutthränen ihr Buch auf den Tisch und schrie in hellem Zorn: „Was!
-Sonst war es immer +die+ Thür, und jetzt ist es mit einmal +der+ Thür?!“
-
-Grete, ich war ganz konsterniert und wußte im ersten Augenblick
-wirklich nichts zu machen. Aber derartige Scenen kommen hier oft
-vor. Die besseren Familien geben ihre Töchter überhaupt nicht in
-Collegios, und daher ist diese Gesellschaft gewöhnlich die wenigst gut
-erzogene und wildeste, die man sehen kann; sie toben und schreien oft,
-bis sie ganz kirschbraun im Gesicht sind. Unsere jüngere Französin
-~Mademoiselle Lerôt~ sperrt sie dann immer in einen leeren Schrank, bis
-sie still sind. Die Vorsteherin sehen wir selten, eigentlich nur bei
-den Mahlzeiten; sie ist die Einzige, die Autorität hat bei der wilden
-Bande, vielleicht weil sie sich so wenig zeigt. Sie sitzt immer in
-guter Toilette in ihrem Wohnzimmer, empfängt die Eltern ihrer Zöglinge
-und giebt nur eine Lesestunde in jeder Klasse. Sie liebt es nicht, wenn
-wir uns in Schulangelegenheiten an sie wenden, und so wird mir auch
-nichts anderes übrig bleiben, als mir selbst zu helfen wie Mlle. Lerôt.
-
-Von einem Lehrplan oder auch nur einem Stundenplan habe ich bis jetzt
-noch nichts entdecken können, und alles erscheint mir hier vorläufig
-wie ein wüstes Chaos. Die Anzahl meiner Klavierschülerinnen habe ich
-bis jetzt beim besten Willen noch nicht feststellen können; wenn ich
-mich des Morgens um halb sieben ans Klavier setze, so erscheint bis
-um zehn Uhr alle halbe Stunde eine Andre mit ihren Noten, als ob sie
-von einem mechanischen Uhrwerk ausgespieen würden; ich notiere sie mir
-nun alle nach der Reihe und werde wohl so mit Mühe und List endlich zu
-einem gewissen Stundenplan durchdringen.
-
-Mich haben sie vorläufig noch ganz gern, und zwar, wie mir Mlle.
-Lerôt sagte, weil -- ich gute Toilette mache (womit man doch manchmal
-+Kinderherzen+ gewinnt!) und „nicht wie die andern Deutschen
-aussehe.“ Letzteres ist hier ganz entschieden als ein Lob zu fassen,
-es empörte mich aber nichts destoweniger; allein wie sollte von
-Kindern Rücksicht zu erwarten sein, wenn sich Erwachsene ähnlicher
-Taktlosigkeiten nicht schämen. Heute Morgen ging Madame mit einer
-brasilianischen Dame und Zöglingsmutter durch das Musikzimmer, und
-die Brasilianerin sagte ganz laut auf Portugiesisch: „Ist sie eine
-Deutsche? Ah, sie hat garnicht den deutschen Typ und ist ja auch
-sehr gut angezogen!“ Das Absprechen des „deutschen Typ“ war mir, der
-starren Germanin, wie Du wohl denken kannst, äußerst schmerzlich und
-zugleich bei meinem blonden Haar verwunderlich -- was aber mögen denn
-meine deutschen Vorgängerinnen und andre Kolleginnen hier für Gewänder
-getragen haben, wenn die Toilette der deutschen Damen so sehr das
-hohe Mißfallen der Brasilianerinnen erregt?! Übrigens findet man diese
-Geringschätzung deutscher Konfektion hier überall. Das Drastischste
-in dieser Beziehung begegnete mir neulich in einem Friseurladen, wo
-ich eintrat, um mir den kurzgeschorenen Kopf wieder einmal ordentlich
-durchbrennen zu lassen. Ich wußte nicht, daß das an sich schon etwas
-Auffallendes hier ist, da die Brasilianerin nie allein auf der Straße
-geht und sich keinenfalls außer dem Hause frisieren lassen würde. Der
-Jüngling mit der Tollscheere hielt mich zuerst für eine Französin, da
-ich mein Anliegen auf französisch vorgebracht; dann fragte er, ob ich
-Russin sei, und als er mich schließlich, halb zu meinem Ergötzen, halb
-zu meiner Entrüstung durch alle Nationen durchgefragt hatte, meinte
-er zuletzt: „~Mais enfin -- vous n’êtes pas allemande?~“ „~Et
-pourquoi non?~“ sagte ich, innerlich wütend. „~Ah bah~“,
-machte er verächtlich, „~ça se connaît; les allemandes sont toujours
-mal-vêtues et n’ont pas de chic.~“
-
-„„~Les allemandes~“ bedanken sich“, dachte ich und ging von
-dannen, diesem Laden ewige Feindschaft schwörend.
-
-Aber da läutet es zum Thee. O dieser Collegio-Thee! Augenblicklich
-mache ich mir die große Hitze zu Nutze, um ihn häufig auszuschlagen und
-mir anstatt dessen die ~cajuada~, eine Limonade aus der Cajú-Frucht, die
-hier viel getrunken wird und sehr kühlend ist, zu bereiten. Das zweite
-Läuten -- ich eile!
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882.
-
-O Gretel, dieses Collegio -- es wächst mir über den Kopf! Ich glaube,
-ich bin wirklich eine ganz miserable Lehrerin! Sie lernen nichts bei
-mir, sie lernen garnichts. Ob es hier wohl Schulinspektoren giebt? Dann
-blamiere ich mich entsetzlich. Ich finde mich so schlecht in dieses
-oberflächliche Tünchen hinein; beginne ich aber zu vergründlichen,
-dann wird es erst recht wüst -- ich bin ganz verzweifelt! Und nun gar
-die Disziplin! Schon das Wort allein macht mich schamrot. Denke Dir
-Folgendes. Als ich neulich in die Klasse trat, fand ich dieselbe sehr
-unruhig und lärmend, und in meiner Ratlosigkeit that ich nochmals
-einen verzweifelten Griff auf Bormann zurück. Sobald ich nämlich so
-viel Ruhe schaffen konnte, daß ich gehört wurde, kommandierte ich
-„Aufstehen -- setzen!“ fünf Mal hinter einander, was bei uns ja auch
-wirklich nie verfehlt, eine Klasse zu beschämen. Und hier -- ~o
-sancta simplicitas~! Nachdem ich ihnen erst überhaupt nur schwer
-begreiflich gemacht hatte, was ich von ihnen verlangte, waren die
-Kinder derartig weit entfernt, das Ganze für eine Strafe anzusehen,
-daß sie glaubten, es handle sich um einen guten Spaß, hopsten zuletzt
-immer noch von selbst wie die Perpendikel auf und nieder und amüsierten
-sich königlich. Grete, seitdem ist Bormann für mich +hier in
-Brasilien+ endgültig abgethan! Ich sehe wohl ein -- wenn hier eine
-Pädagogik eingeführt werden soll, dann muß sie brasilianisch sein und
-nicht deutsch -- brasilianisch in Bezug auf die ganze Auffassung und
-alle Voraussetzungen, sie muß dem Charakter des Volkes, den häuslichen
-Lebensverhältnissen dieser Leute angepaßt sein. Brasilianische Kinder
-sollten überhaupt nicht von Deutschen erzogen werden, es ist völlig
-verlorene Mühe, denn das fremde Reis, das der Jugend da aufgepfropft
-wird, gedeiht doch nicht! Mir geht es hier mit den Kindern, wie ich
-Dir von Saõ Francisco in Bezug auf die Pflanzen schrieb: wir verstehen
-einander nicht, wir reden äußerlich und auch seelisch eine fremde
-Sprache mit einander, und besonders letzteres macht mir die Existenz
-hier zu einer furchtbar unbehaglichen.
-
-Allerdings läßt auch meine äußere „Behaglichkeit“ einiges zu wünschen
-übrig. Mein „Zimmer“ ist ein fensterloser Alkoven, der sich von einem
-Zöglingssaal abzweigt und nur durch die Thür zu diesem Raum Luft und
-Licht erhält! Seine ganze Ausstattung besteht aus dem Bett (es ist eine
-+wohlfeile+ Ausgabe von dem in Saõ Francisco), einem Waschtisch
-und einem Stuhl. Ich besitze weder Schrank noch Kommode; mein Koffer
-dient als Leinzeugbehälter, und für meine besseren Kleider hoffe ich
-immer noch Mlle. Lerôt den Strafschrank abzuschmeicheln, wofür mir
-die Kinder jedenfalls sehr dankbar sein werden. Schreiben thue ich
-auch in dem Zimmer der Französin, mit der ich trotz der Erbfeindschaft
-hier im Hause noch am meisten sympathisiere. Ihr Zimmer ist zwar auch
-nicht viel besser als meines, aber sie hat einen Tisch darin und ein
-Fensterchen oben an der Decke, während ich in meinem dunkeln Loch,
-deren es in jedem brasilianischen Hause giebt, manchmal fast ersticke.
-Dazu kommt, daß wir in diesem Hause schrecklich unter den Baratten
-leiden, einem widerlichen Käfer, unserer Schabe ähnlich, doch von
-Maikäfergröße und pestartigem Geruch! Die Baratte ist eine allgemeine
-Landplage hier, aber so, zu Hunderten und Tausenden wie in diesem
-Hause, habe ich sie noch nicht auftreten sehen. Abends wenn ich mit
-den Kindern in ihren Schlafsaal trete, wimmelt es auf dem Fußboden von
-den eklen Tieren, und sofort wird mit Stiefeln und allen erreichbaren
-harten Gegenständen Jagd darauf gemacht. Hunderte rennen uns davon,
-aber hunderte von Leichen bleiben auch auf dem Schlachtfeld und werden
-dann erst ausgekehrt. Glaube nicht Grete, daß dies übertrieben ist, es
-soll in alten Häusern oft so schlimm sein, und gewiß könnte mir mancher
-andre Brasilienreisende Ähnliches bestätigen. Von den Mosquitos, den
-Ameisen, den Eidechsen und anderem Ungeziefer spreche ich garnicht,
-weil es gegen diese Baratten nichts ist, die außerdem noch alles
-anfressen und ruinieren, wo sie dazu kommen können; allein schon in
-diesen wenigen Nächten haben sie mir meinen Göthe ganz aus dem Einband
-gefressen!
-
-Überhaupt ist mein Enthusiasmus für Rio schon ziemlich abgekühlt. Das
-Leben hier im Collegio ist nicht sehr reizvoll, und das Wandern in
-den Straßen wird zur Pein durch -- die übergroße „Höflichkeit“ der
-Herrenwelt. Sie sind es von ihren Landsmänninnen nicht gewohnt, Damen
-allein auf der Straße zu sehen, und wenn sie auch wissen, daß wir
-Fremden diese Freiheit hier für uns in Anspruch nehmen +müssen+,
-so scheinen sie sich doch berechtigt zu glauben, europäische Damen,
-wenn sie allein sind, mit Anreden zu belästigen. „~Comment ça
-va-t-il, Mademoiselle?~“, „~Mais, ou allez-vous si vite, mon
-enfant?~“, solche und ähnliche Redensarten habe ich mir nun schon
-die Überwindung angeignet, ohne Thränen einfach zu ignorieren. Was
-sagst Du aber dazu, daß sich neulich, als ich eben einen Handschuhladen
-verlassen wollte, ein langer, dürrer Brasilianer grade vor mich
-hinstellte und mit der unverschämtesten Miene unter seinem Kneifer
-hervorgriente: „~Pas décidemment jolie, mais gentille, très
-gentille!~“ Ich stürzte aufgebracht von dannen, was ihn höchlich zu
-amüsieren schien.
-
-Ach, Grete, hätte ich wenigstens eine gleichgestimmte Seele hier!
-Mademoiselle Lerôt, Miß Dahlmann, ja, sie sind ja ganz freundlich und
-liebenswürdig -- aber so eine rechte Freundin möchte ich haben -- so
-eine Grete! Ach, Herz, wenn Du hier wärest -- -- aber nein, ich will
-es Dir doch nicht wünschen! Bleibe Du drüben, und (ganz heimlich ins
-Ohr flüstern) ich komme auch wieder -- sobald das Reisegeld reicht.
-Vorläufig ist große Ebbe im Schatz, und mein Collegio-Gehalt wird keine
-Flut hineinleiten; also noch heißt’s Stillsitzen, denn allein das
-Dampfer-Billet bis Hamburg kostet 30 £!
-
-Den 22.
-
-Heute war ich bei dem Pastor der hiesigen deutschen Gemeinde und auch
-bei dem deutschen Konsul; beide waren sehr liebenswürdig, und der
-Konsul, der ein feiner Mann ist und die Brasilianer auch nach Gebühr
-„würdigt“, empfiehlt mir, lieber nach der Provinz Saõ Paulo zu gehen,
-wenn ich dort irgend etwas bekommen könne; dies sei keine Stellung
-für mich, und in Saõ Paulo seien auch mehr Kolleginnen. Ich habe mir
-das gesagt sein lassen und studiere nun, wo ich es erhaschen kann,
-eifrig das ~Jornal de Commercio~, wo unter Annoncen entlaufene Neger
-betreffend und zwischen Sklavenverkaufsanzeigen auch „~professoras~“
-mit zahllosen Fähigkeiten und Vollkommenheiten gesucht werden. Übrigens
-habe ich hier im Collegio gelernt, daß es „~professora~“ nur heißt,
-so lange man beliebt ist, sonst wird man auf das mindere „~mestra~“
-herabgesetzt. Ein wahres Glück ist es, daß man hier keine Kontrakte
-macht oder Kündigungsfristen innehält, denn wenn man dabei freilich
-auch stets gewärtig sein muß, an irgend einem beliebigen Tage an die
-Luft gesetzt zu werden, so kann man doch auch selber sein Ränzel
-schnüren, wenn’s einem zu bunt wird. Adieu, mein Schatz; empfiehl mich
-dem Wohlwollen aller neun Musen, daß sie mich nach Saõ Paulo gelangen
-lassen!
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882.
-
-Grete, bist Du schon einmal auf dem Wege zum Zahnarzt gewesen, um Dir
-einen festen Backenzahn ausreißen zu lassen? Vielleicht. Aber ist es
-Dir dann auch schon passiert, daß man Dir plötzlich an die sorgfältig
-behütete Wange ein hartes Etwas geschleudert hat, das daselbst
-zerplatzte und eine kleine Flut patchouliduftenden Wassers in Deinen
-Hals ergoß? Nein? Dann weißt Du auch nicht, wie viel Galle Du hast.
-Widersprich mir nicht -- Du weißt es nicht! Ich meinesteils wenigstens
-erhielt durch die eben erzählte Prozedur einen so unvermuteten
-Aufschluß über die Größe meines Quantums Cholerik, daß ich in meiner
-guten Meinung von mir ganz beträchtlich gedemütigt wurde.
-
-Es war in der ~rua dos Ourives~, wo ich meine Entdeckung machte.
-Ihre erste Wirkung war, wie gesagt, mir mit +einem+ Schlage die
-schönen Illusionen zu rauben, die ich in Bezug auf die Milde meiner
-Gemütsart gehegt -- allein „paff“ betäubte ein zweites hartes Etwas mit
-nachfolgender Wasserflut, das sich diesmal die entgegengesetzte Seite
-aussuchte, meine Selbstanklagen, und es wallte wieder zorniger in mir
-auf... „piff“ sauste es unmittelbar darauf an meiner Nase vorbei und
-zerplatzte an der Wand neben mir -- ich wollte mich bücken, um die
-Beschaffenheit dieser entsetzlichen kleinen Geschosse zu konstatieren
--- „puff“ zerplatzte es dumpf in meinem Nacken und lief mir den Rücken
-hinab.
-
-Außer mir vor Zorn stand ich still und blickte um mich, meine
-Zahnschmerzen vollständig vergessend. Rings um mich her sah ich
-Gesichter von einer so impertinenten Heiterkeit, wie Gesichter sie nur
-anzunehmen pflegen, wenn sie sich in einem ohnmächtig-zornsprühendem
-Antlitz reflektieren dürfen; elegante Herren, schmutzige
-Mulattenjungen, Kommis, Straßenbummler, sogar die Damen auf den
-Balkons, alles verwandelte sich mir in ebenso viele grinsende
-Teufel, und alle zielten wie auf Verabredung auf mein unseliges,
-zahnwehbehaftetes Ich mit jenen infamen kleinen harten und wässrigen
-Geschossen. Mechanisch drückte ich mich an ein Haus, um wenigstens von
-hinten gesichert zu sein... sssrrr floß es in wohlberechnetem Guß auf
-meinen Hut (es war eine echte Feder darauf!) überschwemmte ihn und
-suchte einen Ausweg in meinen Kragen.
-
-Ich war vollständig betäubt. Was war dies? Was bedeutete es? Wachte ich
-wirklich und befand ich mich in einer der besten Straßen Rios, oder war
-dies alles ein wüster Traum?!
-
-Da lehnt sich eine junge Brasilianerin lächelnd zu dem Fenster hinaus,
-an dem ich wie angewurzelt stehe; ich wende mich an sie und will sie
-anreden, da hebt sie die Hand -- ein kleines blankes Flakon glänzt
-darin -- „huist“, „huist“ -- und meine beiden Augen waren momentan
-dienstunfähig. Das war zu viel! Ich war außer mir. Eine ohnmächtige
-Wut und zugleich eine unglaubliche Feigheit all diesen geheinmisvollen
-Feinden gegenüber bemächtigte sich meiner, und als ob der Böse selber
-mich verfolgte, legte ich den Rest meines Weges zurück.
-
-Am ganzen Körper bebend vor Zorn und bei jeder Bewegung Tropfen
-sprühend, sank ich, am Ziele angelangt, in Thränen ausbrechend auf ein
-Sofa im Wartezimmer von Dr. Müller, der mich seit einer Woche unter
-seiner zahnärztlichen Behandlung hatte.
-
-„Aber liebes Fräulein, was fehlt Ihnen?“ rief er aus dem Nebenzimmer;
-doch als er dann eintrat und mich so triefend dasitzen sah, verzog
-sich auch sein Gesicht zu einer Spielart jenes bereits erwähnten
-Heiterkeitsausdruckes, und ich sah, wie schwer es ihm wurde, nicht laut
-heraus zu lachen.
-
-„Ja, mein Gott“, rief ich außer mir vor Zorn, „was ist denn nur los,
-ist denn hier in Rio alles toll geworden!“
-
-Jetzt lachte der Doktor los, faßte mich bei der Hand, führte mich
-an den Wandkalender und wies mit dem Finger auf eine Zeile des
-Monats Februar -- „+Fastnacht+“ -- las ich da und sank, dumpf
-aufseufzend, auf den nächsten Stuhl.
-
-Der Doktor begann an mir herumzupflücken. „Was machen Sie denn?“ fragte
-ich matt.
-
-„Ich sammle Ihnen wenigstens einige Wachsstücke ab.“
-
-„Wachsstücke?“ wiederholte ich ebenso matt, aber erstaunt.
-
-„Nun ja, Sie haben, wie es scheint, eine gehörige Ladung von den
-Dingern bekommen, Wachseier mit Wasser gefüllt, unter deren Zeichen Rio
-nun bis zum Aschermittwoch fortwährend stehen wird.“
-
-Bis zum Aschermittwoch, das waren damals noch eilf Tage! Mit stummem
-Entsetzen überschlug ich das mögliche Quantum von Patchouliwasser
-und Wachseier-Schalen, des aus Kübeln gegossenen Wassers garnicht zu
-gedenken, das sich in diesen eilf Tagen noch den Weg in meine Garderobe
-suchen konnte, und ingrimmig zerdrückte ich das Wachs einer halben
-Eierschale, die ich eben aus meiner triefenden linken Manschette zog.
-
-„Da ist wohl der Zahn noch für heute gerettet?“ lächelte der Doktor.
-
-„Nein, im Gegenteil“, rief ich mit einer Erneuerung meiner vorherigen
-„Energie“ -- „an etwas muß ich meinen Zorn auslassen, und sei es an
-mir selber; reißen Sie -- reißen Sie --“ Und so wurde ich um einen
-Weisheitszahn ärmer.
-
-Als ich in das Collegio zurückkam und meine Abenteuer erzählte, geriet
-die kleine Bande in eine schreckliche Aufregung -- „~Laranginhas,
-Laranginhas!~“ wurde das allgemeine Feldgeschrei. Die Brasilianer
-nennen diese abscheulichen kleinen Wachsgeschosse ~Laranginhas~ d. h.
-kleine Orangen, mit denen sie jedoch meiner Ansicht nach nicht die
-geringste Ähnlichkeit haben; sie haben vielmehr die Form und Größe von
-Hühnereiern, und die Kinder gießen sie selbst mittels einer hölzernen
-Form. Dutzende von solchen Formen kamen wie mit Zauberschlag in unserm
-ehrenfesten Collegio zum Vorschein, und ehe wir Lehrerinnen es uns
-versahen, war die Wasserschlacht im vollen Gange. Nicht nur, daß man
-sich in den Pausen mit ~laranginhas~ bombardierte, sondern sogar in
-den Stunden spritzten sich die Nachbarinnen mit den ~bisnagas~, die
-durch Gott weiß wen eingeschmuggelt wurden, Wasser in die Ohren und
-die Kleider, so daß an eine ruhige, gesammelte Stunde garnicht mehr
-zu denken war. (Die Bisnagas sind kleine Flakons genau wie unsre
-Farbenfläschchen, und man hat sie mit allen Parfüms gefüllt, bis zu den
-feinsten Sorten). Am Sonntag aber, als die Kinder nun nichts zu thun
-hatten, wurden sie ganz wild und begossen sich gegenseitig von oben
-bis unten mit Wasser aus großen Steinkrügen und Waschschüsseln. Das
-ganze Schlafzimmer schwamm, und Mlle. Lerôt und ich standen ratlos vor
-der wasserberauschten Gesellschaft, die wie die Wilden umhersprangen
-und schrieen, bis glücklicherweise Madame kam und der Sache ein Ende
-machte. Seitdem haben wir hier im Hause Ruhe.
-
-Draußen aber dauert dieser geschmackvolle Faschingssport ruhig fort,
-so daß ich mein Schicksal verwünsche, das mich grade jetzt alle Tage
-in die ~rua dos Ourives~ treibt, und halbe und ganze Stunden vergrüble
-über der Zusammenstellung möglichst wasserdichter Kostümierungen. Die
-Brasilianer aber sind selig in dieser Zeit, ganz „aus dem Häuschen“.
-Man sieht reiche junge Brasilianer die Straße entlang wandern eigens
-zum Zweck dieses wässrigen „Amüsements“, einen Negerjungen hinter
-sich, der in einem mächtigen Korbe ~laranginhas~ und ~bisnagas~ bereit
-hält, und hunderte von Franks sollen da von Einzelnen auf diese Weise
-verschleudert werden. Obgleich es in jedem Jahre von neuem verboten
-wird, geschieht es in jedem Jahre wieder, und an den Straßenecken
-stehen ganz naiv sogar die Negerinnen da, welche große Tablets voller
-~laranginhas~ zum Verkauf feil halten. In den Pferdebahnen fürchtet ein
-Jeder einen Jeden, und wenn man eben anfängt, seinen Nachbarn mit ein
-wenig mehr Vertrauen zu betrachten, so fährt man im nächsten Moment
-entsetzt zusammen, da der Hintermann einem mit wahrhaft teuflichem
-Genuß ein ganzes Fläschchen Wasser in den Kragen gießt. Aber ärgern
-darf man sich nicht, denn wenn sie das sehen, so ist man erst recht
-verloren, und je mehr man sich in der Kleidung zu schützen sucht, desto
-nasser wird man. Jetzt naht sich aber die Sache glücklicherweise ihrem
-Ende, denn gestern war der große Faschingsumzug, und heute ist der
-beschließende Maskenball.
-
-Den Umzug habe ich mit angesehen von dem Balkon einer mit Madame
-befreundeten Familie in der ~rua d’ Ouvidor~, und ich kann nicht
-anders sagen, als daß er ganz brillant war. Viele der Wagen, deren
-Ausstattung man teils aus Lissabon, teils aus Paris hatte kommen
-lassen, waren sogar hochkomisch, so einer derselben, „das wahre Bild
-der Hölle“ betitelt, wo in Gestalt von lebensgroßen Strohpuppen Mönche
-verbrannt, Pfaffen geprügelt und Nonnen gerädert wurden. Und das
-in einem +katholischen+ Lande! Aber der Brasilianer ist nicht
-mehr so fromm wie seine Vorfahren. Mit Jubel begrüßt wurde zumal ein
-andrer Wagen, wo aus der Dachluke eines darauf stehenden Häuschens in
-regelmäßigen Intervallen von einigen Minuten die täuschend ähnliche
-Maske des hiesigen Telegraphendirektors heraussah, der mit einer
-Schere die über dem Hause weggeleiteten Telephondrähte zu zerschneiden
-suchte, was nämlich in der That auf sein Anstiften von den Unterbeamten
-geschehen sein soll. An die eigentlichen darstellenden Wagen schloß
-sich eine lange Reihe Kutschen mit Masken an, allerdings nur Herren mit
-Damen vom Theater und der Demimonde. Da der Zug nicht beworfen werden
-durfte, so konnte man ihn in Ruhe betrachten, aber dennoch kam ich die
-ganze Zeit über nicht aus der Gänsehaut heraus wegen der gruseligen
-Geschichten eines neben mir stehenden Brasilianers. Die eine handelte
-von einem deutschen Lehrer, der wegen eines herausfordernden Havelocks
-in der Faschingszeit vor einigen Jahren schließlich von zwei handfesten
-Negern erfaßt und in eine mit Wasser gefüllte Badewanne geschleppt
-worden war, worauf er die Cholera bekommen, die andre von einem
-Engländer, der sich aus den ~bisnagas~ und den ~laranginhas~
-das gelbe Fieber und den Tod geholt. Als er die dritte anfangen wollte,
-die wahrscheinlich von einem Russen gehandelt hätte, bat ich ihn, mich
-zu verschonen.
-
-Nun -- Gute Nacht, mein Gretel -- es ist entsetzlich heiß, so daß
-das Licht vor mir sich biegt, aber ich kann es aushalten, da ich es
-selten drückend finde, indem die große atmosphärische Feuchtigkeit
-sehr mildernd wirkt. Die schlimmste Zeit ist nun auch bald vorüber und
-damit auch die Zeit des gelben Fiebers, die allerdings alljährlich nach
-dieser wilden Faschingszeit noch einmal einen Aufschwung nimmt; noch
-sterben wöchentlich gegen hundert Personen allein am gelben Fieber.
-Mich muß es nicht wollen, Grete, denn sonst hätte ich es bei meiner
-augenblicklichen schlechten Verpflegung längst bekommen müssen, zumal
-es immer zuerst „die weißeste Haut“ nimmt; Europäer, und besonders
-Engländer und Deutsche sind am meisten ausgesetzt, und zuletzt bekommen
-es die Neger.
-
-Übrigens ~à propos~ Verpflegung Grete! Die Zeit ist da, wo ich
-„eine Passion für das gedörrte Hammelfleisch“ habe; es ist wenigstens
-nicht so fett und läßt sich daher bei der Hitze am besten essen. Mit
-Appetit esse ich aber nur, wenn mich Carsons einmal zu einem guten
-englischen ~beef~ einladen, was sie thun, so oft ich abkommen
-kann. Sie sind überhaupt rührend gut zu mir, Grete, und viel von
-meiner Courage in diesem fremden Lande danke ich ihrem freundlichen
-Zuspruch; ~God bless them~!
-
-Aber Mademoiselle wird ungeduldig, ich muß schließen. Es küßt Dich,
-mein Gretel,
-
- +Deine Ulla.+
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Rio de Janeiro, den 2. März 1882.
-
-In aller Eile ein paar Worte, Herzensgrete! Ich bin nach Saõ Paulo
-engagiert und zwar, denke Dir mein Glück, nach der +Stadt+ Saõ
-Paulo zu einer, wie es scheint sehr netten Familie. Herr Konsul Haupt
-war so sehr liebenswürdig, eine Annonce für mich in das ~Jornal de
-Commercio~ rücken zu lassen, wo er mich wohl sehr herausgestrichen
-haben muß, denn dieser Herr Costa ist eigens von Saõ Paulo
-hergekommen, um dies Wundertier von „~professora~“ (~vulgo~
-„~mestra~“) zu engagieren. So geht’s denn morgen nach der
-„geistigen Hauptstadt von Brasilien“, wie der Paulistaner seine Stadt
-mit Stolz und Vorliebe nennt.
-
-Madame war höchst ärgerlich, als ich ihr sagte, daß ich fort wolle, und
-hat mir kaum Adieu gesagt, aber alle, die mir wohlwollen, raten mir zu.
-
-Weißt Du aber, was mir jetzt klar geworden ist, Gretel? Der Grund,
-warum meine deutschen Kolleginnen in ihrer Toilette nicht im Stande
-waren, den Beifall ihrer brasilianischen Mitschwestern zu erlangen!
-Ich werde wohl nächstens auch ohne denselben fertig werden müssen.
-Stelle Dir vor, wenn es Dir möglich ist, daß ich neulich für ein
-Kattunkleidel, das ich haben mußte und mir bei einer französischen
-Schneiderin anfertigen ließ, dieser edlen „Madame Victorine“ baare
-78 Mark Macherlohn auf den Tisch des Hauses niederlegen mußte!! Ich
-war versteinert und werde nie mehr zu einer Madame Victorine gehen,
-wenn meine mitgebrachten Sachen nicht mehr reichen, sondern es machen,
-wie es wahrscheinlich meine Kolleginnen hier vielfach thun: ich werde
-selber zu Schere und Nadel greifen!
-
-Der erste „Erfolg“ dieses Kattunkleidels ist, daß ich Mr. Carson
-anpumpen mußte, um an meinen neuen Bestimmungsort zu gelangen, und ich
-schreibe Dir dies als ~exemplum tragicum~ zu Nutz und Frommen
-aller Derer, die es bethören sollte, wenn man ihnen in Brasilien
-4-5000 Mark Gehalt bietet. Jetzt werde ich übrigens nur 3000 bekommen.
-Aber Courage habe ich doch noch, Gretel, unterkriegen lassen wir
-uns nicht. Wie sagt jener geistreiche Franzose? ~Il faut fatiguer
-l’infortune!~
-
- Unverwüstlich Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 20. März 1882.
-
- +Meine einzige Grete!+
-
-Heute bekam ich einen ganzen Haufen lieber freundlicher Briefe von Mr.
-Carson nachgeschickt, und ich wundre mich nur, daß sie alle angekommen
-sind! Du bedauerst mich so sehr wegen des „abscheulichen Collegio“, Du
-Gute, aber das sind ja glücklicherweise jetzt schon wieder ~tempi
-passati~, wie Du siehst, und ich fühle mich dagegen hier in Saõ
-Paulo wie im Himmel.
-
-Schon die Reise hierher war mir sehr interessant, da sie mich durch
-eine recht vielseitige Landschaft führte. Um neun Uhr Morgens
-installierte mich Mr. Carson in einem Coupé erster Klasse der Saõ
-Paulo Railway -- +erster+ Klasse, Grete, nicht etwa aus Hochmut
-oder aus plötzlich eingetretener Kassenflut (im Gegenteil, Du weißt
-ja: Madame Victorine!) sondern weil es in diesem Lande überhaupt nur
-zwei Eisenbahnklassen giebt, und in der zweiten nur der ~nigger~
-aller Schattierungen fährt. Mein Aufenthaltsort hatte auch wenig
-gemein mit unsern heimischen Coupés erster Klasse, mehr mit einem
-solchen dritter. Ungeteilt bot der Waggon mit seinen 24 Plätzen auf
-Sitzen von Rohrflechtwerk, seinen acht offenen Fenstern, die Wind,
-Sonne und Staub zugleich hereinließen, einen möglichst ungemütlichen
-Aufenthalt. Es reisten fast nur Herren in dem Wagen, und Nichtraucher-
-oder Damen-Coupés, wohin ich mich hätte zurückziehen können, giebt es
-hier zu Lande nicht. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, holten die
-Brasilianer jeder ein großes weißes Laken hervor, das rings mit Franzen
-besetzt war und in der Mitte ein Loch hatte, durch welches sie den Kopf
-steckten, so daß das Laken um sie herumfiel. Diese Dinger nennt man
-~ponchos~, und wärend die leichten gegen den Staub benutzt werden,
-so dienen wärmere, buntfarbige gegen Regen und Kälte.
-
-Die meisten der Herren versanken sehr bald hinter die riesigen Blätter
-ihrer ~Jornals de Commercio~, und es dauerte nicht lange, da
-erinnerten sie sich auch zu meinem Entsetzen ihrer Cigarretten. War die
-Fahrt bisher nur mäßig angenehm gewesen, so wurde sie jetzt zu einer
-wahren Kreuzfahrt. Nicht wegen des Rauches; Du weißt, Grete, ich bin
-nicht so zimperlich, aber -- für den rauchenden Brasilianer scheint
-die Welt um ihn her nichts zu sein als ein großes +Spucknapf+.
-Der offen zur Schau getragene Ekel der Fremden, ja, manche recht
-blamable Scenen in Restaurants und auf den englischen Küstendampfern
-haben bis jetzt nichts an dieser widerlichen Unsitte ändern können.
-Der Brasilianer sieht das fortwährende Umsichspucken für etwas ganz
-Harmloses an, worauf er in seinen Häusern auch auf das Gründlichste
-eingerichtet ist, denn neben jedem ihrer ungemütlichen Rohrsofas wirst
-Du zu beiden Seiten die schönsten, buntesten Spucknäpfe erblicken,
-immer gleich paarweise und so groß und schwungvoll, daß ich sie zuerst
-immer für Blumentöpfe hielt.
-
-Ich machte den Versuch, mich meiner Umgebung einigermaßen zu
-entziehen, die sich gelegentlich um zwei und drei rauchende,
-schwatzende Schaffner vermehrte, indem ich aufstand, um mir durch das
-offne Fenster die Gegend zu betrachten. Aber mit diesem Einfall machte
-ich ein klägliches Fiasko. So ein brasilianischer Zug, wenn er einmal
-im Gange ist, rast mit unglaublicher Schnelligkeit, aber er wackelt
-auch ebenso unglaublich hin und her, und wenn man dazu noch seinen Fuß
-in der (natürlich unbefestigten und zerrissenen) Fußmatte verwickelt,
-so darf man froh sein, wenn man sich nach drei Sekunden mit einer Beule
-an der Stirn, im Übrigen aber mit heilen Gliedern auf seinen Sitz
-zurückgeschleudert findet. Diese Schnelligkeit des Beförderns zusammen
-mit so manchen Unzulänglichkeiten und Naivetäten hat Etwas, was sich am
-besten durch „ungebildet Civilisiertes“ ausdrücken ließe, Etwas, das
-unwillkürlich lächeln macht, ein Eindruck, den ich schon oft in diesem
-Lande empfangen habe.
-
-Trotz alledem und alledem gelang es mir doch, die Natur rings im Großen
-und Ganzen aufzufassen und ihren Reichtum, ihre Großartigkeit und ihre
-Weite zu würdigen. Es ist alles großartiger als bei uns, es ist überall
-wie ein Überfluß an vorhandenem Raum, und es kommt mir immer so vor,
-als habe die Natur mit großem Griff Berg und Thal hier verteilt, um nur
-erst zu füllen, worauf sie’s dann freute, wiederum mit vollen Händen
-ihr Werk zu schmücken mit großblättrigen Bäumen und deren seltsamen
-Früchten, mit graziösem Strauchwerk, das hier aber auch immer Baum zu
-werden trachtet, und mit großen, intensiv gefärbten Blumen, wie um den
-kleinen Menschen über diesem phantastischen Schmuck ihre gewaltige
-Größe weniger drückend empfinden zu lassen. Berg und Thal wechselte
-fortwährend, und wir passierten dreizehn Tunnels, von denen der längste
-vier Minuten Fahrzeit in Anspruch nahm.
-
-Hier auf dem Bahnhof holte mich Dr. Costa (+natürlich+ „Doktor“)
-mit meinen beiden ältesten Zöglingen ab. Das Mädel von zwölf Jahren,
-Lavinia, machte mir gleich einen sehr netten, frischen Eindruck, und
-ich kann wohl sagen, daß ich sie seitdem schon wirklich lieb gewonnen
-habe. Überhaupt, Grete, fühle ich mich hier wie im Himmel, nachdem das
-Collegio wie ein wüster Traum hinter mir liegt. Zwar schütteln die
-Kolleginnen den Kopf über mein Entzücken und meinen, die Costaschen
-Jungen seien in der ganzen Stadt berüchtigt wegen ihrer Ungezogenheit,
-so daß sie +hier+ schon keine Erzieherin mehr bekämen. Ich mag
-aber vorläufig von nichts hören und bin froh, daß ich hier bin und mit
-Kolleginnen und andern +Menschen+ verkehren kann.
-
-Hier in Saõ Paulo sind ziemlich viele Deutsche, aber meistens
-Handwerker, und ich verkehre eigentlich nur im Hause des deutschen
-Apothekers, den ich zuerst in seiner Eigenschaft als Konsul aufsuchte.
-Das sind Prachtmenschen, sage ich Dir, Gretel! Hochgebildet und doch
-schlicht dabei, klug, liebenswürdig und gastfreundlich. Schon mancher
-deutsche Brasilienreisende hat in ihrem Hause ein paar frohe, anregende
-Stunden oder Tage verlebt, und selbst fürstliche Gäste haben sich wohl
-gefühlt in dem freundlichen Schaumannschen Hause. Ich bin am Sonntag
-zu Mittag dagewesen und lernte bei der Gelegenheit zwei sehr nette
-Kolleginnen kennen, Frl. Meyer und Frl. Harras, die ich Dir wohl noch
-öfter nennen werde; da ich außerdem schon die Bekanntschaft einer
-dritten, älteren Kollegin gemacht hatte, die schon seit Jahren die
-Vettern und Kousinen meiner Schüler erzieht, so siehst Du, daß es
-mir hier golden vorkommen muß gegen meine bisherigen brasilianischen
-Erfahrungen. Ich bin doch unter Menschen, ich bin doch nicht so
-entsetzlich allein!
-
-Bei Schaumanns trifft man Gesellschaft aus aller Herren Länder, so daß
-doch auch einmal wieder von einer Unterhaltung die Rede sein kann. Da
-kamen neulich gegen Abend ein alter origineller dänischer Ingenieur und
-früherer Hauptmann, ein französischer Musiklehrer, ein deutscher Arzt
-und ein englischer Ingenieur, ein sehr netter Mensch, der sich fast
-ausschließlich mit mir unterhielt und sich über mein Englisch freute,
-das er sehr gut fand. Er heißt Mr. Hall und wohnt seit einem halben
-Jahr hier in Saõ Paulo, wo er die Vertretung einer großen englischen
-Maschinenfabrik hat. Er sieht aus wie -- nein, doch nicht! Ich glaubte,
-eine Ähnlichkeit gefunden zu haben, aber er sieht doch eigentlich
-niemandem ähnlich. Ach Gretele, ich bin so froh, daß ich hier bin, so
-sehr froh!
-
- Deine glückliche +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 5. April 1882.
-
- +Mein liebes, herziges Gretele!+
-
-Es ist wirklich wahr: Saõ Paulo ist der beste Platz für Erzieherinnen
-in Brasilien, die Stadt sowohl wie die ganze Provinz, denn hier
-kokettieren Männlein und Weiblein, d. h. die jüngere Generation, mit
-der „Wissenschaft“ und spielen sich mit Vorliebe auf das Gelehrten- und
-Philosophentum heraus. Man ist +Universitätsstadt+! Allerdings
-darfst Du Dir darunter kein Bonn oder Heidelberg vorstellen, schon
-darum nicht, weil diese ~Academia~ nur eine Facultät besonders
-pflegt, nämlich die juristische. Weiter im Innern der Provinz, bei
-den Padres (der Name des Ortes ist mir entfallen), werden die Pfaffen
-zurechtgemacht, hier die Advokaten und in Rio de Janeiro die Jünger
-Aeskulaps, die „Doktoren“ ~par excellence~.
-
-Zu Advokaten passen die Brasilianer insofern ausgezeichnet, als sie da
-ihr deklamatorisches Talent verwerten können. Sie +sprechen+ für
-ihr Leben gern, wenn sie auch nichts +sagen+; mit dem Pathos, das
-sie an eine einzige Rede verschwenden, könnte man bei uns bequem deren
-zehn ausstatten, und dennoch haben sie keine eigentliche Begeisterung
-noch auch individuelle Impulse -- denn alle reden in dem gleichen
-traditionellen Tonfall, der auch bei allen Gelegenheiten derselbe zu
-bleiben scheint. Alles ist äußerlich, alles Halbbildung und Geste.
-Dieses pomphafte Phrasieren, dies hochtrabende Pathos ist an sich schon
-immer verdächtig und komödiantenhaft, aber wenn Du wirklich einmal die
-Probe darauf machst und die Leute nach etwas fragst, so können sie Dir
-keine Rechenschaft geben.
-
-Da sind Leute, die an der Spitze der republikanischen Partei stehen,
-und sie kennen weder die Geschichte noch die Verfassung ihres Landes,
-geschweige die andrer Nationen, da giebt es andere, die sich zu dem
-philosophischen System des geistreichen Contes zu bekennen behaupten,
-und sie haben nicht seine elementarsten Lehren begriffen, da geben sie
-Urteile über die Sprachen fremder Nationen ab und können Dir keine
-Regel der eigenen erklären. Alle neuen Erfindungen auf technischem
-Gebiet müssen sie sofort haben, aber die Ingenieure zur Einrichtung
-kommen gleich mit aus Europa, und wenn sie wieder fort sind und es
-geht etwas an der betreffenden Maschinerie entzwei, dann kann ein
-Einheimischer sie gewiß nicht reparieren. Gründlichkeit herrscht
-nirgends, und wenn sie auch äußerlich Anschluß an deutsche Bildung
-zu suchen scheinen auf allen Gebieten der Wissenschaft -- so lange
-sie sich nicht zugleich auch deutschen Fleiß und Ernst, deutsche
-Ausdauer und Gewissenhaftigkeit aneignen können, bleibt es doch nur
-Pantomime. Sie gehören eben innerlich nicht zu uns, mir drängt sich
-dies Gefühl immer von neuem auf, und die Brasilianer selbst bethätigen
-die Richtigkeit desselben instinktiv, indem sie mit ihrem +Herzen+
-doch immer wieder den Franzosen und andern romanischen Völkern
-zuneigen, wenn ihnen auch deutscher Geist oder englische Thatkraft
-mehr +imponieren+. Aber ich merke, daß ich +predige+ -- darum
-schnell zu etwas Anderem.
-
-Meine jetzigen „Erziehungssubstrate“ sind in der That wahre
-Muster-Exemplare von Wildheit, und nur bei Lavinia hat sich diese
-berechtigte(?) Familieneigentümlichkeit zu einer angenehmen Frische
-abgeschwächt. Mit den Jungen habe ich einen schweren Stand, und mehr
-als einmal haben sich die beiden Brüder schon in der Stunde beim Kragen
-gehabt, ehe ich mich dessen versah. Da braucht der eine blos eine
-falsche Antwort zu geben, dann wirft der andre eine lebhafte vorlaute
-Verbesserung dazwischen, wofür ihm jener schneller als der Blitz eins
-mit dem Lineal überzieht -- dann haben wir die schönste Rauferei,
-und es ist für mich keine Kleinigkeit, diese Brüderzwiste immer
-rasch wieder zu schlichten; neulich habe ich mich dazu aufgerafft,
-den kleineren einfach vor die Thür zu setzen, und finde das Mittel
-eigentlich ganz probat. Aber ich will versuchen, hier auszuhalten; man
-muß streben, solche arme, schlechterzogene Kinder zu bessern. Meinst Du
-nicht auch, meine süße Grete? Ich möchte doch nicht schon wieder fort.
-
-Gestern traf ich zufällig auf Mr. Hall, als ich zu Frl. Meyer ging,
-und er begleitete mich ganz bis an das Haus. Weißt Du Grete, er
-ist wirklich sehr nett, garnicht wie die Brasilianer, fast wie ein
-Deutscher; er hat so aufrichtige große blaue Augen und sieht so
-männlich aus. Er fragte mich, ob ich nicht Sonntags in die englische
-Kirche ginge; eine deutsche ist hier nämlich nicht. Ich bin zwar bis
-jetzt noch nicht hingegangen, aber es ist wirklich wahr, ich sollte es
-thun; es ist recht unrecht, daß ich bis jetzt nicht dagewesen bin.
-Nächsten Sonntag muß ich bestimmt hingehen. Es küßt Dich tausendmal
-
- Deine +Ulla+.
-
-~P. S.~ Anliegend schicke ich Dir zwei Verdeutschungen eines
-brasilianischen Gedichtes von Goçalves Dias (in Europa gedichtet),
-das wohl so eine Art von Anspruch auf Volkstümlichkeit hat, wenn man
-in diesem Lande, wo es eigentlich gar kein Volk giebt, und wo ich
-+niemanden+ finde, der mir den Text der Nationalhymne sagt, von so
-etwas sprechen kann. Die eine ist von Herrn Schaumann und fast wörtlich
-übersetzt, die andre, freiere, von unserm verehrten Dranmor; Du wirst
-da den +Dichter+ sofort erkennen. Ich schicke die wortgetreuere
-Übersetzung voraus.
-
-
-Lied des Verbannten.
-
- Meine Heimat, die hat Palmen,
- Und dort singt der ~sabia~,
- Anders zwitschern hier die Vögel,
- Anders zwitschern sie da.
-
- Unser Himmel hat mehr Sterne
- Und mehr Leben unsre Wälder
- Und mehr Liebe unser Leben
- Und mehr Blumen unsre Felder.
-
- Dort des Abends, wenn alleine,
- Wie viel süßer träumt’ ich da!
- Ach, mein Heimatland hat Palmen,
- Und dort singt der ~sabia~.
-
- Volles Glück beut meine Heimat,
- Wie ich hier noch keines sah,
- Und des Abends, wenn alleine --
- Wie viel süßer träumt’ ich da!
- Ja, mein Heimatland hat Palmen,
- Und dort singt der ~sabia~.
-
- Wolle Gott nicht, daß ich stürbe,
- Ohn’ daß ich es wiedersah,
- Ferne von dem Glück der Heimat,
- (Ach, ich finde es nur da!)
- Ferne von der Heimat Palmen
- Und dem Lied des ~sabia~.
-
-Und nun die Übertragung des Poeten:
-
-
-Lied aus der Verbannung.
-
- Palmen schmücken meine Heimat,
- Und so traulich ist es da,
- Wo von grünen Blätterkronen
- Uns begrüßt der Sabia.
-
- Zeigt mir holden Waldesschatten,
- Fluren, die den unsern gleich,
- Sterne, wie sie niederleuchten
- Auf der Liebe Zauberreich.
-
- In den trüben Winternächten
- O, wie gramvoll denk’ ich da
- An das Land der Palmenhaine
- Und des Sängers Sabia.
-
- Denn es stralt in Schönheitsfülle,
- Wie ich sonst sie nirgends sah,
- Und in allen Traumgebilden
- Ist es meiner Sehnsucht nah
- Mit dem Flüstern seiner Palmen,
- Mit dem Gruß des Sabia.
-
- Laß, o Gott, erst dann mich sterben,
- Wenn mein Land ich wiedersah,
- Und die Heimat mich beglückte,
- Wie es hier noch nie geschah,
- Wie die Palmen es verkünden
- Und der Ruf des Sabia.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 21. April 1882.
-
-Heute ist in unserm Hause etwas passiert, worüber sich Herr Costa und
-seine Frau sehr geärgert haben, was ich aber nicht umhin kann, doch
-wieder sehr komisch zu finden.
-
-Wir hatten hier nämlich einen Sklaven im Hause, einen kräftigen
-Burschen von etwa 25 Jahren, der in dieser Zeit, wo niemand neue
-Sklaven kauft und auch keine mehr heranwachsen, für seinen Herrn
-sehr wertvoll war. Dieser Gute war nun vorgestern zu irgendwelchen
-Besorgungen in die Stadt geschickt, erschien aber nicht wieder. Zuerst
-glaubte man, ihm sei ein Unglück geschehen, und ließ ihn suchen, aber
-nichts fand sich. Dann nahm man an, er sei entlaufen, und Herr Costa
-ließ es sofort in die Zeitung setzen. Gestern früh bekommt er plötzlich
-eine Zuschickung von der hiesigen „Gesellschaft für Abolierung der
-Sklaverei“, des Inhalts, der Sklave Tiberio habe sich im Büreau
-der Gesellschaft zum Loskauf gemeldet und 200 Milreis (ca. 400 M.)
-deponiert, die man ihm nun für denselben als Kaufpreis biete; man werde
-den Schwarzen bis zur Entscheidung da behalten. Herr Costa schimpfte
-und tobte wie ein Wilder im Hause herum, nannte sich selbst einen Esel,
-daß er den Sklaven nicht längst auf die Pflanzung geschickt habe, und
-stellte schließlich eine Gegenforderung von 2000 Mark. Heute Morgen
-war nun der Termin, wo ein Arzt und ein andrer Sachverständiger über
-den Wert dieser menschlichen Ware entscheiden sollte. War aber unser
-guter Herbergsvater gestern schon wütend gewesen, so kam er heute
-gradezu wie besessen zurück, fluchte und zeterte, daß die Wände bebten.
-Was hatte man nämlich gethan? In der Zwischenzeit von vorgestern bis
-heute war dem Tiberio +ein+ Purgativ über das andre eingegeben
-worden, bis der früher so kräftige Bursche auf dem Termin natürlich als
-eine elende knieschlotternde Kreatur erschien, die Arzt und Taxator
-selbstverständlich nicht höher als 200 Milreis einschätzen konnten.
-Wie findet Ihr dies? Ehrliche Arbeit ist es ja nicht, aber es ist auch
-wieder ein gut Teil Humor dabei.
-
-Es wird jetzt überhaupt sehr viel von der Sklaven-Emancipation
-gesprochen, die Sache scheint plötzlich in Schwung zu kommen. Der Staat
-wirft jedes Jahr einen Fond zum Loskauf im Budget aus, in den Provinzen
-bilden sich Emancipationsgesellschaften, und viele Sklaven werden frei
-durch Privat-Initiative.
-
-Gewiß ist diese Bewegung sehr schön, aber was wird dabei auch für Staub
-aufgewirbelt! Was für Schmutz kommt dabei zum Vorschein! Die deutsche
-Zeitung in Rio bringt hin und wieder interessante Streiflichter über
-diese Sachen. In der Provinz ~Espirito santo~ kaufte man aus den
-staatlichen Fonds vor einiger Zeit zwei Sklaven im Alter von 69 und 70
-Jahren ihren Herren für je 1000 Mark ab. Wem zu Nutzen geschah das: den
-alten, verbrauchten Sklaven, die der Tod sowieso bald erlöst hätte, und
-die jetzt ihr Brot erbetteln müssen -- oder ihren Herren? Bei einem
-andern Sklavenhalter verheiratete sich eine 72jährige Sklavin mit
-einem 75jährigen Freien. Da aber die an Freie verheirateten Sklaven
-oder Sklavinnen beim Loskauf immer zuerst berücksichtigt werden sollen,
-so empfahl ihr Herr die 72jährige junge Frau dem Emancipationsfonds
-für 2000 Mark und -- bekam sie! In Tatuhy wurde ein Sklave, der sich
-im letzten Stadium der Schwindsucht befand, aus den Mitteln des
-staatlichen Emancipationsfonds für die Summe von 1 Conto 500 Milreis
-(3000 Mark) freigekauft. Aber diese und ähnliche Durchstechereien
-und Betrügereien sind nichts gegen die Entdeckung, daß +längst
-verstorbene Neger+ als durch den Emancipationsfonds freigekauft
-in den Listen figurierten und ihre früheren Herren natürlich die
-Loskaufssumme für sie einsteckten, worauf man sie nach einiger Zeit
-dann zum zweiten Male und endgültig sterben ließ!!
-
-Anderseits ist aber auch viel wirklicher Edelmut zu verzeichnen, und
-täglich kann man in den Zeitungen ganze Spalten angefüllt sehen mit
-den Namen solcher Besitzer, die ihre Sklaven freiwillig entließen. Man
-darf dies nicht zu gering anschlagen, und wenn ich jetzt im Geiste Euer
-„Nun, das ist aber so natürlich!“ höre, so sage ich mir freilich, daß
-ich in Europa ebenso gedacht haben würde, aber auch zugleich, daß man
-hier an Ort und Stelle anderer Meinung werden muß! Erstens sind die
-Sklaven ein, wenn auch nicht humaner, so doch ein ebenso rechtmäßig
-erworbener Besitz wie jeder andre, anderseits aber heißt „alle seine
-Sklaven plötzlich entlassen“ für die meisten Pflanzer nichts anderes
-als: „sich ruinieren“. Denn was Ersatzschaffen für 80-100 oder 200
-gehorsame Sklaven heißt, ganz besonders aber in Brasilien, wo es keinen
-freien Arbeiterstand giebt, und auf entlegenen Pflanzungen heißt,
-davon kann man sich nur schwer einen Begriff machen, wenn man nicht
-einmal mit angesehen hat, was freie Arbeit heißt in einem Sklavenlande,
-und wenn man selbst in einem Lande lebt wie Deutschland, wo das
-Angebot der Arbeitskraft ihre Verwendbarkeit übersteigt. Ich kann es
-mir also sehr gut erklären und finde es durchaus gerechtfertigt, wenn
-auch sonst humane Pflanzer sich weigern, ihr bisheriges Vermögen, die
-Sklavenarbeit, ohne Kampf und vor allen Dingen ohne Aufschub und Frist
-herzugeben. Ich glaube nicht, daß irgend ein Europäer anders denken
-würde, und Du mußt deshalb nicht glauben, mein Gretel, daß sich Deine
-Ulla hier zur hartherzigen Sklaverei-Schwärmerin ausbildet.
-
-Im Gegenteil, sie ist weichherzig wie immer und hat neulich sogar --
-ein +lyrisches Gedicht+ gemacht! Das ist doch gewiß tröstlich!
-
- Deine +Ulla+.
-
-Vor mir stehen ein paar herrliche Rosen, die mir Mr. Hall gestern
-gegeben hat; ich war ihm neulich zufällig wieder begegnet, und er hatte
-sie eben zufällig gekauft.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 5. Mai 1882.
-
- +Mein Herzensgretele!+
-
-In Deinem letzten Briefe „lächelst Du eine Bemerkung“ über den
-hochtrabenden Namen meiner kleinen Schülerin: +Lavinia!+ Ja, das
-ist aber nur der Anfang zu einer ganzen antiken Gallerie, die ich
-hier unter meiner pädagogischen Zuchtrute habe. Der älteste Junge
-heißt Cajus Gracchus, mein dritter Zögling Plinius; er sollte zuerst
-Tiberius heißen, erzählte mir Lavinia, doch wurde dieser Name als
-speziell „negerhaft“ dann wieder verworfen. Auf ihn folgen ein paar
-Römer+innen+: Clölia und Cornelia, die ich immer noch hoffe,
-einmal mit reinen Gesichtern zu erblicken, wenn man das überhaupt
-von echten und rechten, in der Wolle gefärbten Republikanerkindern
-verlangen darf. Die Namen seiner Kinder machen nämlich einen Teil des
-politischen Glaubensbekenntnisses von Herrn Costa aus. Bis zur Cornelia
-kann ich ihm ja auch folgen; -- was ihn jedoch veranlaßt haben kann,
-sein jüngstgebornes Knäblein Vercingetorix zu nennen, das ist mir ein
-undurchdringliches Rätsel! Sollte er die Gefühle des biedern alten
-Galliers für seine Lieblingsnation, die Römer, so gröblich mißkennen?!
-Daß er für die nötigen zwei feindlichen Parteien beim Soldatenspiel
-hätte sorgen wollen, ist nicht wahrscheinlich: brasilianische Kinder
-spielen nie Soldat, und außerdem würden da auch schon die Vettern Rat
-schaffen, die bereits, ebenfalls die landläufigen Joaõ, Luiz oder
-Carlos verschmähend, einen Themistokles und einen Perikles unter sich
-aufweisen.
-
-Friedfertiger lassen sich die großen und kleinen Kousinen an. Da
-rivalisiert keine Sappho oder Aspasia mit unsern Römerinnen, dafür
-verwirren sie aber einen armen Europäer-Verstand um so ausgiebiger
-durch eine überwältigende Einigkeit unter ihren Namen: Dona Maria, Dona
-Maria Salome, Dona Maria Magdalena, Dona Maria da Gloria, Dona Maria da
-Conceicaõ, Dona Maria da Cruz -- und so mit Grazie ~ad infinitum~.
-Und dann zu sehen, mit welcher Sicherheit die Brasilianer unter all
-diesen Marien herumunterscheiden, und sogar womöglich noch wissen:
-Dona Maria Magdalena, Tochter von Dona Maria das Dores etc.! In diesem
-Bevorzugen der Vornamen liegt aber eine gewisse Unzivilisiertheit, es
-erinnert so an Adam und Eva, die auch keine Familiennamen hatten. Und
-es wäre doch so viel leichter, alle jene Marien auseinander zu halten,
-wenn man ihren Familiennamen hinzufügte, anstatt des Vornamens der
-Mutter, denn die oben genannten sind +nur+ zwei- und dreiteilige
-Vornamen. Auch schokiert es mich immer von neuem, so eine alte Dame
-von dem jüngsten Jüngling etwa mit „Dona Gabriella“ oder einen alten
-weißhaarigen Großvater mit „Senhor Carlos“ anreden zu hören. Da lobe
-ich mir doch unsre Titel! Wenn es heißt „Frau Geheimerätin“, „Frau
-Oberamtmann“, „Frau Superintendent“, da weiß man doch wenigstens, daß
-nicht von der 17jährigen Tochter die Rede ist, wärend man hier nie
-weiß, wie hoch oder wie niedrig auf der Staffel der Jahre man so eine
-„Dona“ einzuschätzen hat. Wolltest Du jedoch eine Dame z. B. „Senhora
-Maria“ anreden, so würdest Du sie sehr beleidigen, denn „Senhora“ ist
-in der guten Gesellschaft nur ohne Namensanschluß zulässig und wird mit
-Namen für die untere Klasse der Freien, freie Mulattinen etc. gebraucht.
-
-Wir deutschen Erzieherinnen und wohl auch andre Ausländerinnen werden
-in den Geschäften etc. gewöhnlich mit der Anrede „Madamma“ beglückt,
-ein schon für’s Ohr abscheulich häßliches Wort, das aber noch
-unleidlicher erscheint, da man sich sagen muß, daß der brasilianische
-Hochmut es eigens erfunden hat, um die ~estrangeiras~ (bitte, sprich
-das immer mit der gehörigen Verachtung aus) von den +~Brazileiras~+ zu
-unterscheiden.
-
-Die Dame des Hauses heißt in jeder Familie für die Bedienung
-+Sinha+[5], der Herr +Sinho+, die älteste Tochter stets ~Sinhasinha~,
-der älteste Sohn ~Nhonho~; letztere beiden Bezeichnungen werden auch
-unter den Geschwistern gebräuchlich. Für die übrigen Kinder kommen
-dann noch hinzu: Nhonhosinho, Nhanha, Senhara, Nunu, häufig auch
-Bébé und ähnliche Benennungen, eine immer häßlicher als die andere.
-Man denke sich eine Geschwisterreihe wie folgt: Sinhasinha, Nhonho,
-Nhanha, Senhara, Nunu, Nhonhosinho, Bébé -- für unsre Ohren doch das
-Erreichbare an Geschmacklosigkeit, in Brasilien aber faktisch in jeder
-Familie vertreten. Mädchen, die Maricota heißen, werden mit Vorliebe in
-„Cocotte“ abgekürzt!
-
-Zahlreiche Leute gehen hier unter sogenannten ~appelidos~, Beinamen
-oder Rufnamen. Diese Sitte wird ja auch wohl in Oberbayern und Tyrol
-gefunden, doch sind dort die Rufnamen doch immer wirkliche Namen,
-wärend sie hier oft ein ganz unerklärlicher Blödsinn sind. Auf Saõ
-Francisco war als Erdarbeiter ein Portugiese beschäftigt, der nie
-anders als „Johann mit dem Hut“ genannt wurde; selbst Dr. Rameiro
-sprach so von ihm mit dem gleichmütigsten Gesicht, und ich bin
-überzeugt, er stand auch so im Lohnbuch. Und als der Doktor einmal nach
-einer kleinen Nachbarstadt ritt und nach dem Hause eines Senhor Carlos
-de Oliveira fragte, konnte ihm kein Mensch dasselbe zeigen, wogegen er,
-sich glücklich dessen dummen Appelidos „Nhonho Padre“ (kleiner Herr und
-Pater) erinnernd, sofort Auskunft erhielt.
-
-Anderseits erscheint es wieder, als könne dem Brasilianer sein Name
-nicht prunkend genug sein, und er stellt ihn sich so mannichfaltig
-zusammen, wie er nur irgend kann. Weißt Du noch, wie wir in der Pension
-die kleine Brasilianerin oder eigentlich ihren herrlich-prunkenden
-Namen unterthänigst verehrten? Julieta Olympia Leite da Costa Pinto!
-Was war dagegen Anna Schulze, oder wie empfand man bei dem Bewußtsein,
-daß es Leute gäbe, die Meier heißen! Aber, aber -- die Illusionen
-weichen! Stelle Dir vor, daß Leite Milch heißt, Costa die Küste und
-Pinto das Kücken, und Du wirst Dich, wie ich es gethan, mit Schulze,
-Müller und vielleicht gar mit Meier aussöhnen. Und grade einen dieser
-Namen Costa, Pinto, Leite führen hier wohl 50% aller Einwohner in
-irgend einer Verbindung. Chaves bedeutet Schlüssel, Machado Axt, und
-nun gar Leitaõ lautet im erbarmungslosen Deutsch: Ferkel! Ja, der
-Marquis de la Marlinière hat Recht: „die deutsche Sprak ist ein arm
-Sprak, ein plump Sprak --“! Durch all unsre leidigen Consonanten
-verlaufen die meisten unsrer Namen auch so armselig und „klanglos“ im
-Sande! Wie viel besser endet sich’s doch da auf ein a oder o oder gar
-auf oa!
-
-Ja, wenn es bei uns im guten Deutschland auch so leicht wäre wie
-hier, sich einen schönen Namen zu verschaffen, ich glaube, da würden
-die sogenannten „Sammelnamen“ bald aussterben, und wie würde das
-Geschlecht der Cohne aufatmen! Gefällt +hier+ jemandem sein
-Name nicht oder giebt er zu Verwechselungen Anlaß, so legt er sich
-einfach einen andern bei, läßt das in die Zeitung setzen und damit
-basta. Frl. Meyer ist hier in einer Familie, wo der Hausherr und seine
-beiden rechten Brüder total verschiedene Namen haben. Sie nehmen da
-übrigens das Gute, wo sie es finden. Es giebt im Lande Leute, die sich
-Montmorency, Medina-Coeli etc. nennen, und zahlreich sind die Pedro de
-Alcantara, wie Du weißt, der Hausname des Kaisers. Seit dem letzten
-Jahrzehnt haben auch einige deutsche Namen Gnade vor brasilianischen
-Augen gefunden. Einer Veröffentlichung zufolge wollte sich ein
-Namens-Unzufriedener fortan noch Habsburgio zubenennen, was mich ja
-an und für sich ziemlich kalt lassen würde, wenn nur nicht plötzlich
-ein deutscher Forscher Wind bekommt von der Existenz dieses Namens in
-Brasilien und uns, in enthusiastischer Entdeckungsfreude, noch eine
-ausgewanderte Linie der Habsburger mit allerlei verwickelten Daten und
-Zahlen in die Geschichtstabellen hineinforscht. Na, ich bewahre den
-Zeitungsausschnitt auf, bis Du das Examen wenigstens glücklich hinter
-Dir hast.
-
-Neulich habe ich übrigens ob dieses Namens-Unfugs meinen gehörigen
-kleinen Zorn gehabt, als nämlich ein wenig reputierliches Individuum,
-das wegen Ruhestörung sistiert wurde, seinen Namen als Joaõ Leaõ
-+Bismarckio+ angab[6]. Wenn der Kaiser sich alle die Pseudo-Pedro de
-Alcantara in seinem Lande gefallen lassen will, und der Sklavenbaron es
-duldet, daß seine freigewordenen Sklaven sich +seinen+ Familiennamen
-beilegen, so sagen wir: „~De gustibus non est disputandum~“ -- allein,
-ich denke, wir Deutschen halten unsre großen Namen heiliger, und man
-müßte sich dergleichen auch im fremden Lande verbitten.
-
-Jetzt bin ich aber so in den Ärger hineingeraten, daß ich mich auf dem
-Wege des Übergangs nicht wieder herausfinde; Du bist darum wohl nicht
-böse, liebe Grete, wenn ich einen Sprung mache; es ist ja das ohnehin
-modern, unsre Schriftsteller machen ja oft wahre ~salto mortales~, wenn
-die Handlung nicht so recht schreiten will. Ich finde das bequem,
-also..... denke Dir, daß mich neulich ein junger Brasilianer zum Tanz
-aufforderte mit den Worten: „Haben Euer Excellenz schon einen Partner?“
-Auf der einen Seite neben mir saß sein jüngerer Bruder, an dem andern
-Stuhl lehnte ein Cello -- blieb nur ich für die „Excellenz“ -- Der
-Mensch sah zu einfältig aus, um mich aufziehen zu wollen, also die
-Excellenz tanzte. Die Sache amüsierte mich aber so, daß ich sie bei
-erster Gelegenheit lachend an Lavinia’s Mutter erzählte -- da kam ich
-aber schön an! Das erfordre die einfachste Höflichkeit, hieß es (bitte,
-versuche nicht, Dir eine Vorstellung von der komplizierten danach zu
-machen, es könnte Dir zu Kopf steigen), und „~Vossa Excellencia~“
-klinge doch entschieden schöner als das simple „~A Senhora~“
--- -- Dagegen ließ sich absolut nichts einwenden, und „schluckuhrig“
-zog ich mit dieser Belehrung von dannen. Das Titelwesen hier ist das
-reine Studium und meiner Ansicht nach viel komplizierter als bei
-uns. Über die Titulatur der Damen habe ich Dir schon gesprochen. Die
-Herren heißen alle Senhor; der „Don“ kommt im Portugiesischen, wo es
-Dom geschrieben wird, nur den Prinzen zu. Aber mit „Senhor“ kannst
-Du freigiebig sein, das ist jeder, der nicht Sklave ist, auch der
-barfüßige Erdarbeiter, doch haben sie in solchem Falle eine pfiffige
-Art, das Wort ganz kurz, etwa wie „Sior“ auszusprechen, so daß der Mann
-den Abstand begreift. Auch im Satz heißt die Anrede meistens Senhor und
-Senhora: „Würde mir der Senhor dies Buch leihen?“ „Wünscht die Senhora
-ein Glas Wasser?“
-
-~Vossé~ ist unserm Du gleich, man redet die Sklaven so an und
-die Kinder, wogegen diese Vater und Mutter Senhor und Senhora und nur
-selten Papa und Mama titulieren. So ziemlich zwischen ~vossé~ und
-Senhor resp. Senhora steht ~Vosse mercé~, was Du im Ollendorf mit
-„Euer Gnaden“ übersetzt findest; es bedeutet aber thatsächlich bei
-weitem nicht so viel, kommt vielmehr unserm einfachen „Sie“ am nächsten
-und ist im Ganzen sehr wenig gebräuchlich. Etwas unterwürfiger wiederum
-als das einfache Senhor ist ~Vossa Senhoria~, und da erzählte mir
-neulich unser sehr verdienter Landsmann Gruber hier, der durch sein
-Wirken und seine Verbindungen auch einigen politischen Einfluß hat,
-eine nette kleine Steigerungsgeschichte.
-
-Er hatte mit einem ganz einfachen Brasilianer vom Lande (man nennt die
-Leute ~Caïpira~) wegen einer Wahl verhandelt und ihn dabei einfach
-~vossé~ angeredet. Als aber der Mann seinerseits ihn ~vosse
-mercé~ titulierte, hatte Gruber ihm an Höflichkeit nicht nachstehen
-wollen und folglich dieselbe Anrede aufgenommen. Da sprang aber unser
-guter ~Caïpira~ zu Senhor und dann zu ~Vossa Senhoria~ über,
-wohin ihm Herr Gruber auch noch folgte. Als jener aber dann sofort eine
-Stufe höher rutschte und sich zu ~Vossa Excellencia~ verstieg,
-sagte unser Landsmann lachend: „Na, mein Bester, nun wollen wir man
-stoppen, wir können uns doch schließlich nicht einander ~Vossa
-Majestade~ anreden!“
-
-Schicke doch den nächsten Titelhasser, der Dir begegnet, einmal
-herüber, Grete -- hier würde er alle unsre einheimischen Titel segnen
-lernen, die so oft die Zielscheibe des Spottes fremder Nationen sind.
-Das Wunderbarste ist die Adels-Aristokratie dieses Landes, es giebt
-darunter Leute, die als barfüßige Erdarbeiter s. Z. aus Portugal
-eingewandert sind, aber die Barone, Marquis und Vicondes aus Dom Pedros
-Adelsfabrik bringen dem Staate ein hübsches Sümmchen ein. Schade
-nur, daß so ein teuer erstandener Marquis oder der bar bestrittene
-Vicomte mit dem glücklichen Käufer begraben wird! Dom Pedro traut
-seinem heißblütigen Völkchen nicht; der Vater ein Baron und der
-Sohn vielleicht ein Bummler -- da wird nichts dergleichen vererbt.
-Was aber solch eine Aristokratie dem Lande nur soll! Sehr selten
-und nur aus besonderer Gunst, und wenn der Kaiser den Betreffenden
-wirklich ehren möchte, wird das „von“ oder der Titel einfach zu dem
-Namen des Belehnten gesetzt, sonst wird er fast immer mit einem
-Ortsnamen verbunden. Die meisten dieser Ortsnamen sind der alten
-einheimischen Guarany-Sprache entnommen, der noch unzählige Orte hier
-in Brasilien ihre Benennung verdanken. So giebt es z. B. einen Marquis
-de Itanhaem d. h. „vom steinernen Mörser“; einen Visconde de Suassuna
-d. h. „vom schwarzen Reh“; einen Visconde de Uruguay d. h. „vom
-Hahnenschwanzflusse“; einen Visconde de Muritiba d. h. „von dem Orte,
-wo es Fliegen giebt“; einen Baron de Cambathy d. h. vom „schwarzen
-Affen“; einen Visconde de Iroumitatá d. h. von „bringe mir Feuer“ etc.
-Manche Namen sind natürlich auch portugiesisch, und da übt der Kaiser
-denn manchmal seinen Spott daran aus. Ein Baron „Groß-Mogul“, den er
-creïrt hat, ist noch lange nicht das Schlimmste, es soll sogar Bewerber
-genug gegeben haben, die der erfinderische Spott des kaiserlichen
-Titelfabrikanten abgeschreckt hat.
-
-Und dennoch, liebe Grete -- mit den Wölfen muß man heulen: Wenn Du mir
-wieder schreibst, so bitte adressiere den Brief:
-
- ~Illustrissima Excellentissima
- Senhora Dona Ulla von Eck.~
-
-Das ist das mindeste, was dazu gehört, sonst halten sie mich hier für
-gar zu simpel. Womit ich verbleibe
-
- D. O.
-
-
- [5] nh ist überall wie nj zu sprechen, entspricht also dem
- französischen ~gn~.
-
- [6] Deutsche Allgemeine Ztg. für Brasilien vom 30. Juni 1883
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 29. Mai 1882.
-
- +Meine liebe gute Grete!+
-
-Meine antiken Zöglinge sind wirklich sehr ungezogen, und ich habe
-alle möglichen pädagogischen Finessen nötig, um mit ihnen fertig zu
-werden. Besonders kann ich die beiden Jungen nie allein unten im
-Schulzimmer arbeiten lassen, wenn Lavinia oben Klavierstunde hat.
-Es kommt mir immer vor wie die Geschichte mit dem Wolf, der Ziege
-und den Kohlköpfen, die ein Schiffer einzeln über den Fluß zu setzen
-hatte und von denen er doch niemals Ziege und Kohl oder Wolf und Ziege
-unbeaufsichtigt zusammen zurücklassen konnte. Neulich hatte Cajus
-Gracchus -- sein Vater nennt ihn immer pomphaft „~Gracho~“ --
-als der Stärkere, wenn auch weniger Begabte von beiden, seinen Bruder
-einfach zu dem niedrigen Parterre-Fenster hinausgesteckt, und dieser
-stand nun zeternd davor und warf Sand und Steine hinein -- Du kannst
-Dir den Zustand meines Zimmers nachher vorstellen!
-
-Die Eltern kümmern sich absolut nicht um das, was die Kinder thun,
-vielleicht gehört das zu Herrn Costas republikanischem „System“.
-Die drei ältesten sind ganz meiner geistigen Fürsorge anvertraut,
-und die jüngeren Römer werden von den Negerinnen so gut oder so
-schlecht versorgt, wie es diesen paßt. Neulich sah ich den kleinen
-zweijährigen Mucius vollständig nackt im Garten umher laufen, nachdem
-er eben gebadet war, und die Grachenmutter, sowie die tapfere
-Schwimmerin Clölia erblicke ich nur selten anders als in den ersten
-Toilettenstadien. So sehr überhaupt bei „Gelegenheiten“ und auf der
-Straße die Brasilianerinnen das sind, was der Engländer ~dressy~
-nennt, so primitiv ist ihre Haustoilette. Auch die vornehmste und
-reichste Brasilianerin geht im Hause vom Morgen bis zum Abend in einem
-einfachsten, völlig besatzlosen Kattunrocke und weiter Jacke, sowie
-mit herabhängenden Zöpfen. In der heißen Zeit ist das ja allerdings
-ganz angenehm und erquicklich, allein in den kühleren Monaten ist es
-absolut nichts als Faulheit, denn da ist ein fester Anzug sehr gut zu
-vertragen, ja wünschenswert. Aber die Wollkleider hängen im Schrank,
-oder sie haben überhaupt keine: im Hause wird Kattun getragen, auf der
-Straße trägt man feinere Waschstoffe und vielfach Seide; sie finden
-die wollnen Kleider auch unreinlich, weil sie nicht alle acht Tage
-gewaschen werden können! Weißt Du, Grete, diese Brasilianer haben
-eine wunderbare Art von Reinlichkeit und Ordnung an sich. Sie baden
-oft, die meisten jeden Tag, und doch sind viele Kinder und Erwachsene
-nie so recht „zweifelsohne“ um Ohren und Hals herum; sie wechseln
-sehr oft Wäsche und Kleidung, aber wie oft ist beides zerrissen und
-unordentlich! Es besteht hier über diesen Punkt zwischen Einheimischen
-und Fremden eine kleine Gereiztheit. Viele Gewohnheiten der Brasilianer
-erregen wohl mit Recht den Widerwillen der letzteren, wenn’s auch nicht
-ganz so schlimm ist, wie Herr Zöllner macht. Dafür rächen sich dann
-die Brasilianer mit der Anekdote von jenem Deutschen, der, als sein
-Wirt ihm am zweiten Tage seines hübenschen Aufenthaltes, wie am ersten
-ein Bad angeboten, ganz empört geantwortet habe: „nein, so ein Ferkel
-sei er nicht, daß er jeden Tag zu baden brauche“, auf welche Anekdote
-dann natürlich wieder mit deutschen und englischen, z. T. weit derberen
-Geschichten gedient wird. Nun, derlei Streitereien sind unfruchtbar und
-werden vor allen Dingen nichts ändern an eingeborenen und durch das
-Klima begünstigten Eigenschaften.
-
-Ich persönlich leide unter diesen Landeseigentümlichkeiten besonders
-nach der Seite der Fußbekleidung hin. Hier im Hause wird außer meinen
-kein Stiefel gewichst, und Du machst Dir keinen Begriff von den
-Manipulationen, Listen und Mühen, die nötig waren, um den Haushalt
-mit einer Wichs-Einrichtung, und eine Negerin mit der Fähigkeit
-auszustatten, dieselbe angemessen zu benutzen; letzteres ist auch bis
-heute noch sehr unvollkommen geglückt. Herr Costa läßt seine Stiefel
-mit Lack einschmieren, was ja sehr bequem ist und den Negern daher weit
-besser gefällt als das Wichsen, Madame trägt im Hause Pantoffeln, auf
-der Straße feine Halbstiefelchen oder Bronzeschuhe; ordentliche, feste
-Chauffüre brauchen die hiesigen Damen nicht, da sie bei schlechtem
-Wetter einfach nicht ausgehen. Die Kinder laufen mit ungepflegtem
-Schuhzeug einher, bis es ihnen sozusagen in Fetzen von den Füßen fällt,
-was z. B. bei Plinio alle 14 Tage der Fall ist. Schuhwerk ausbessern
-zu lassen, ist den Brasilianern fremd; es wird eben so lange getragen,
-bis es schlecht wird; dann wird es weggeworfen und durch neues ersetzt.
-Es giebt hier auch gar keinen ordentlichen Schuhmacher, sondern nur
-Läden mit fertiger, meist aus Frankreich bezogener Ware, so daß es
-für uns Ausländer sehr schwierig ist, etwas ausgebessert zu bekommen,
-es sei denn, daß man die Sache den umherziehenden italienischen
-Flickern anvertraue, die vor der Hausthür die Stiefel flicken wie die
-Kesselflicker bei uns die Töpfe.
-
-Ein tüchtiger Handwerkerstand fehlt hier überhaupt noch fast ganz,
-und vor allem wird man selten einen +brasilianischen+ Handwerker
-finden; die wenigen, die vorhanden sind, sind meist Deutsche,
-Portugiesen und Italiener. Dieser Mangel verteuert hier das Leben
-sehr, insofern als man zwar die fertigen Sachen kaufen kann, aber
-nicht die Möglichkeit hat, sie sich durch gelegentliches Ausbessern
-oder Aufarbeiten zu erhalten. Ich meine, für fleißige Handwerker wäre
-hier ein weit dankbareres Feld als für den einwandernden Landmann,
-der Klima, Bodenverhältnisse, Absatzwege etc. nicht kennt, der
-augenblicklich durch die Sklaven-Emancipation die ungünstigsten
-Verhältnisse vorfindet, und dessen Auskommen schon durch die bereits
-vorhandene Überproduktion des einen großen Export-Artikels, des
-Kaffees, erschwert wird. Was der +Handwerker+ arbeitet, hat aber
-stets seinen Markt, und fleißige, tüchtige Leute bringen es nach dieser
-Richtung hin hier immer zu etwas.
-
-Nur einmal habe ich in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, den Mangel an
-tüchtigen „erhaltenden“ Kräften zu preisen.
-
-Cajus und Plinius besaßen nämlich jeder ein Velociped, ersterer sogar
-ein ganz modernes Bicycle, das Herr Costa ihm aus England hatte kommen
-lassen. Auf diesen unseligen Vehikeln brachten nun die Römerjünglinge
-außer den Schulstunden ihr Dasein zu und entwickelten eine derartige
-Anhänglichkeit an dieselben, daß sie sogar „vom hoh’n Velociped herab“
-zu Mittag speisten. Da die Eltern gleichmütig dabei saßen, mochte ich
-nicht wehren, aber meine Mahlzeiten wurden durch Plinio’s bedrohliche
-dreirädrige Nachbarschaft entschieden in ihrer Gemütlichkeit nicht
-gehoben; zumal waren die Momente beunruhigend, wenn er von kleinen
-zerstreulichen Rundfahrten um den Tisch, die er in seinen Essenpausen
-unternahm, auf seinen Platz zurückkehrte. Nachdem er denn auch richtig
-einmal derartig in meinen Stuhl gefahren war, daß er mich fast mit
-dem Gesicht in meinen Teller schickte, bekam er zwar eine Rüge, aber
-das aufregende Vehikel blieb zu Rechtens bestehen. Jetzt ist aber das
-abscheuliche Ding glücklich zerbrochen, und wärend ich hier unten in
-meinem Zimmer schreibe, rollt doch wenigstens nur das große Zweirad
-über meinem Kopfe herum, auf dem der Grache sich im Eßzimmer Bewegung
-macht, da es draußen regnet. Es ist eine ordentliche Erlösung!
-
-Ich erzählte es neulich Mr. Hall, und er sagte, sie hätten zwar unter
-ihren Arbeitern einen, der es würde ausbessern können, doch wolle er
-ihn zu Gunsten meiner Nerven „unterschlagen“, wenn er danach gefragt
-würde. Das ist doch nett von ihm, nicht wahr, Gretele? Er heißt George
-mit Vornamen; er gab mir neulich einen Brief von seiner Schwester an
-ihn zu lesen, da habe ich es gesehen.
-
-Aber nun schnell zum Schluß, denn da kommt Frl. Harras; sie kommt jeden
-Montag zu mir, und Donnerstags gehen wir zusammen zu Fräulein Meyer...
-da ist sie schon. Sie läßt „die Grete“ grüßen, von der ihr schon so
-viel erzählt hat
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 20. Juni 1882.
-
- +Mein Herzensgretele!+
-
-Ich schreibe in einer Atmosphäre von Pulverdampf! Wirf nur einen Blick
-auf das Datum oben, und Du wirst vielleicht von selbst darauf kommen,
-warum. Es ist nämlich gestern wieder der Tag des Täufers gewesen,
-(schon ein Jahr, seitdem ich Dir damals von Saõ Francisco aus schrieb!)
-und hier in der Stadt merkt man erst so recht, was das in Brasilien
-sagen will!
-
-Schon seit einigen Tagen spukte der Heilige vor; jeden Abend wurde
-gefeuerwerkelt, und selbst dem hellen Sonnenlichte prasselte man
-lustig seine Raketen entgegen. An dem pomphaften Knall des Feuerwerks
-und seinem momentanen Scheinen und Blenden scheint der Brasilianer
-noch mehr Gefallen zu finden, als an seinem wässrigen Faschingssport,
-wenigstens schmuggelt er die Sitte, Feuersport zu machen, eigentlich
-durch das ganze Jahr hindurch, während er die Wasserfreuden doch auf
-die Karnevalszeit beschränkt. In Rio de Janeiro ist es uns an schönen
-Abenden öfters begegnet, daß wir aus dem Garten in das Haus flüchten
-mußten, weil in der Nähe gesportet wurde und es dem brasilianischen
-Feuerwerkler ganz gleichgültig ist, wohin er seine Rakete richtet, oder
-wem seine Leuchtkugeln um den Kopf fliegen, wenn’s nur gut aufsprüht
-und gehörig knattert und knistert. Auf dem Verkaufsstand jeder Negerin
-in den Städten kannst Du das ganze Jahr hindurch einfacheres Feuerwerk
-zum Verkauf ausliegen sehen, und jeder Muleque (Mulattenjunge mit der
-Bedeutung unseres „Straßenjungen“) der ein paar ~reis~ sein eigen
-nennt, kauft neben den beliebten Süßigkeiten und Papier-Cigaretten
-gewiß sein Feuerwerkstengelchen oder seinen ~cracker~, um an dem
-Gespritze und Geknattere sein Herz zu erfreuen.
-
-Die letzte und vorletzte Nacht habe ich kein Auge geschlossen: in
-allen Straßen, auf allen Höfen, in sämtlichen Gärten unsrer Umgebung
-knisterte, knatterte, puffte, knallte und zischte es in einer solchen
-Profusion und mit einer solchen Ausdauer, daß ich glaube, jetzt eine
-ungefähre Vorstellung davon zu haben, wie sich’s anhören muß, wenn man
-in einem heftigen Kleingewehrfeuer steht. Die ganze Stadt riecht nach
-Pulver, und mein Schlafzimmer, das wieder so ein Alcoven ohne direkte
-Lüftung ist, ist derartig solide eingeräuchert, daß ich wohl noch
-mehrere Nächte nicht in die Gefahr kommen werde, den heiligen Johannes
-zu vergessen.
-
-Gestern war es geradezu gefährlich, die Straßen zu passieren. Am
-frühen Morgen begann der Sport, bei dem natürlich die Studenten
-die schlimmsten waren. Ein ganz besonderes Vergnügen fand man
-daran, anscheinend harmlos einherzuschreiten und dann plötzlich dem
-Begegnenden, zumal aber dem leicht erkannten Fremden, ein halbes
-Dutzend Knallerbsen auf einmal vor die Füße zu prasseln oder ihm eines
-der bekannten kleinen Handstengelchen von Sternfeuerwerk unter die Nase
-zu halten. Früher waren die Krone des ganzen Feuersports sogenannte
-Schlangen gewesen, die brennend auf der Erde umherkreisten, und die
-man demgemäß ein ebenso kindisches wie frevelhaftes Vergnügen gefunden
-hatte, weiblichen Personen gegen Füße und Kleider zu jagen. Der Spaß
-dauerte so lange, bis einmal ein allzu geschickter Musensohn das
-leichte Kattunkleid einer Mulattin in Feuer setzte, und diese selbst
-erhebliche Brandwunden davontrug. Da fand man es denn freilich an der
-Zeit, diesen Brunnen zuzudecken -- ein wenig spät, sintemalen das Kind
-darin lag, doch muß man hier in Brasilien, scheint’s, in derlei Dingen
-für alles dankbar sein.
-
-Du kannst Dir denken, Gretele, daß die Antiken völlig außer Rand und
-Band waren; mich wundert nur, daß sie uns nicht das Haus über’m Kopf
-angezündet haben! Daß der Gracche sich das Haar versengt und Plinius
-sich einen Finger gehörig angeschmort hat, gehört so sehr zu den
-Selbstverständlichkeiten, daß ich es kaum zu erwähnen brauchte; selbst
-Lavinia artete ein wenig aus und hat ein Kleid völlig mit Brandwunden
-bedeckt.
-
-Der gestrige Abend war der Feuerwerksabend ~par excellence~,
-und Herr Costa forderte mich noch besonders feierlich auf, nach dem
-Abendbrot oben zu bleiben, sie wollten „ein wenig Feuerwerk machen“.
-Natürlich -- es war ja auch bis dahin noch zu wenig darin geschehen!
-
-Erstaunlicherweise hatte sich die Polizei zu einer Verordnung
-aufgerafft, daß an diesem Abend kein Feuerwerk in den Straßen oder
-zu den Straßenfenstern hinaus abgebrannt werden dürfe, und was noch
-mehr war, dem Verbote wurde nachgekommen! Ich glaubte daher in meiner
-europäischen Einfalt, Herr Costa würde in dem Gärtchen, das hinter
-dem Hause liegt und vom Eßzimmer zu übersehen ist, durch die Neger ein
-hübsch geordnetes Feuerwerk aufführen lassen: mit bengalischem Licht,
-kerzengraden Raketen, sanftglänzenden Leuchtkugeln und stralenden
-Feuerrädern, wie wir uns daheim ein solches Schauspiel ungefähr
-vorstellen würden. Bestärkt wurde ich in diesem Glauben durch die
-Anwesenheit von 10-12 Gästen, und so trat ich denn erwartungsvoll
-an eines der in die Höhe geschobenen Fenster heran. Aber Grete, ich
-habe Pech mit den brasilianischen Lieblingssports, denn.... ßßßscht!
--- begrüßte es mich, und entsetzt prallte ich zurück vor den letzten
-Sprühfunken einer mißleiteten Rakete, mit der ein geschickter
-Verherrlicher des umknallten und umzischten Heiligen die Richtung
-nach oben zu Gunsten unsrer Fenster verfehlt hatte. Mehrere Damen und
-Kinder, die mit mir zugleich herangetreten waren, sprangen lachend und
-kreischend zurück, ja, die ganze Sache erregte eigentlich geradezu
-einen entzückten Jubel bei ihnen, so daß ich ganz verblüfft in meine
-eigne innere Empörung blickte. Ist diese Gutmütigkeit richtig, sind wir
-etwa daheim gar zu „discipliniert“?!
-
-Nun begann aber unser Vergnügen auch, und zwar bestand es zu meiner
-größten Enttäuschung darin, daß -- wir selbst uns Feuerwerk vormachen
-sollten; die Brasilianer allerdings amüsiert das weit mehr als ein
-ruhiges Zusehen, und die Jungen zappelten schon vor Ungeduld.
-
-Herr Costa hatte eine Unmasse von Feuerwerk eigens für diesen Abend aus
-Rio kommen lassen, das er nun auf das Freigiebigste verteilte. Lange
-Rohre mit Sprühregen und englische ~crackers~ spielten dabei die
-Hauptrolle; jeder bekam, so viel er wollte. Die vier Fenster des Raumes
-waren dicht umdrängt, und aus jedem derselben ragten drei bis vier
-solcher Sprühstöcke hervor, gehalten von braunen beringten Damenhänden
-oder den ungeduldigen Fingern der kleinen wilden Rangen, die gewöhnlich
-die noch unausgebrannten Rohre in den Hof hinunterwarfen, nur um
-schleunigst ein neues oder etwas anderes ergreifen zu können. Nach
-und nach füllte sich trotz der offenen Fenster das Zimmer mit dem
-abscheulichsten Pulverdampf, den die Sprühstöcke wahrscheinlich nicht
-bescheidentlich entwickelten, und den der Abendwind zu uns hereintrieb.
-
-Die Scene hatte für den kaltblütigen Zuschauer etwas unendlich
-Komisches: diese buntgekleideten, goldbehangenen Schönen mit den
-qualmenden Stöcken in der Hand, die mit abgewandtem Gesicht und
-zugekniffenen Augen den -- Rauch ihres Feuerwerks genossen, die
-lärmenden, aufgeregten Jungen, die mit heißen Köpfen wie toll im
-Zimmer umhersprangen und einen ~cracker~ nach dem andern zu
-den Fenstern hinauswarfen, dem kein Mensch nachsah, so daß nur das
-Zerplatzen auf dem Steinpflaster des Hofes von seiner Ankunft meldete,
-dazu der unerschütterliche Ernst, mit dem der Hausherr sein Feuerwerk
-verteilte, und das Ganze eingehüllt in eine dicke Atmosphäre von
-Pulverdampf -- ich gestand mir, daß ich ein derartiges „Vergnügen“
-noch nicht mitgemacht hatte. Nach einer Stunde war für sechzig Francs
-Stoff verpufft, die ganze obere Etage des Hause für die Nacht und
-den nächsten Tag verpestet und zwei fremde sowie ein antiker Finger
-verbrannt, allein -- die Hinterthür des Hauses, die Waschleinen auf dem
-Hof und der windschiefe Gartenzaun, hoffen wir’s, hatten sich amüsiert!
-
-Plinio möchte seine verbrannte linke Hand zum Vorwand machen, um mit
-der rechten nicht zu schreiben, und war höchlich aufgebracht, als mir
-das nicht ebenso sehr wie ihm einleuchtete. Ach ja, Grete, schlimm
-sind die Antiken, aber ich will Geduld haben; Mr. Hall meint auch, ich
-solle nur auszuhalten versuchen. Aber was Bormann betrifft -- Du siehst
-selbst, Grete, daß er auf brasilianische Kinder mit republikanischer
-Erziehung nicht vorbereitet gewesen ist! Na, Kopf oben, er ist ja oben
-gewachsen!
-
- Deine alte +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 28. Juni 1882.
-
-Denke Dir, Grete, was für ein Schlag aus heiterm Himmel mich getroffen
-hat! Ich muß fort aus Saõ Paulo! Das ist des Schicksals Rache für
-meine Flucht aus dem Collegio! Nun werde ich wieder auf eine Pflanzung
-wandern müssen und wieder allein sein und zwischen Schlangen und Negern
-hausen!
-
-Aber höre.
-
-Ich schrieb Dir schon in meinem letzten Briefe, den Du wahrscheinlich
-mit diesem zusammen erhalten wirst, daß die Römlinge ganz aus Rand
-und Band gewesen seien in diesen Tagen des Feuersports; wie weit das
-aber gegangen war, wußten wir selbst nicht. Sie müssen unbedingt „Max
-und Moritz“ studiert haben, sie haben so viel in’s Brasilianische
-übertragene Ähnlichkeit mit diesen Klassikern der dummen Streiche!
-Was, denkst Du wohl, war ihr Hauptstreich am Sanct Johannestage? Sie
-waren nach der Hauptstraße gelaufen und hatten den Pferden der Trambahn
-Feuerwerk vor die Füße geworfen und Knallerbsen auf die Schienen
-gelegt und sich dabei natürlich wie die jungen Teufel amüsiert, bis
-sie schließlich ein Pferd zum Stürzen gebracht hatten, das denn auch
-richtig ein Bein gebrochen. Gestern wurden sie nun von dem Direktor
-der Trambahn bei ihrem Vater verklagt, dieser muß das Pferd bezahlen
-und hat den Ärger gratis. Dieses vergnügliche Intermezzo hat den
-Republikaner und Römervater aber doch so in Harnisch gebracht, daß
-er seine Jungen sofort zu den Mönchen zur Erziehung schicken will;
-Lavinia, für die allein eine Erzieherin zu halten ihm nicht lohnt, soll
-in ein Collegio. Arme Lavinia! Aber auch arme Ulla, die nun wieder
-wandern muß! Es gefiel mir hier sonst so gut in Saõ Paulo! Da kann ich
-wirklich mit dem Trompeter seufzen:
-
- „All Jahr’ wächst eine andre Pflanz’
- Im Garten als vorher --
- Das Leben wär’ ein Narrentanz,
- Wenn’s nicht so ernsthaft wär’!“
-
-Ach Grete, ich bin mit einem Male schrecklich mutlos geworden; ich
-möchte immerfort weinen. Ich habe auch nichts wie Unglück! Mr. Hall,
-dem ich es heute Abend erzählt -- ich ging zu Fräulein Meyer, weißt Du,
-und er begegnete mir zufällig -- meinte auch ganz betroffen: „~It’s
-too bad, yes, this is too bad!~“
-
-Fräulein Meyer glaubt eine Stelle für mich zu wissen bei den Cousinen
-ihrer eignen Zöglinge, aber das ist wieder auf dem Lande, und so muß
-ich fort aus Saõ Paulo, das ich doch so sehr liebe! Ach Grete, ich sage
-Dir, ich liebe Saõ Paulo schwärmerisch, ich werde unglücklich sein,
-wenn ich fort bin, ganz elend! Das Leben ist doch recht schwer, Grete!
-
- Deine sehr betrübte +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 1. Juli 1882.
-
-Ja, Gretel -- „sie muß auf’s Land“. Aber es ist glücklicherweise nicht
-weit; nur zwei Stunden mit der Bahn von hier bis zur Station, zu der
-die Pflanzung gehört. Das tröstet mich schon einigermaßen, da ist man
-doch nicht ganz aus der Welt. Die Kinder, drei Mädchen, sollen auch
-sehr gut geartet sein, und die Mutter, Dona Maria Louisa, ist als
-liebenswürdig bekannt und hat eine große Vorliebe für alles Deutsche;
-sie selber hat bereits deutsche Erzieherinnen gehabt, und den einzigen
-Sohn lassen sie auch in Deutschland erziehen. Nur sagte man mir, daß
-ich es äußerst primitiv auf der Pflanzung finden würde, die noch ganz
-nach altem Landesstyl eingerichtet sein soll. Halb graut mir vor
-diesem „Styl“, halb bin ich aber auch neugierig darauf, das echte,
-brasilianische Landleben kennen zu lernen, von dem viele Hunderte, die
-Brasilien besuchen, nie einen Begriff bekommen. In dieser Weise sind
-wir Erzieherinnen im Vorteil gegen die Kaufleute und andere Europäer,
-von denen die wenigsten je die Küstenplätze verlassen, sondern die
-meisten nach zehn und zwanzig Jahren nach Europa zurückkehren, ohne das
-Land oder das Leben der Brasilianer im geringsten zu kennen, während
-wir, die wir direkt in den Familien leben, auf diese Weise ja alle
-Chikanen mitmachen müssen.
-
-Nun also, auf denn nach Saõ Sebastiaõ. ~Variatio delectat!~ Ich
-schreibe bald, wie dieser neue Heilige sich anläßt.
-
- Deine getreue +Ulla+,
- „fahrende“ Lehrerin.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882.
-
- +Meine liebe Grete!+
-
-Das ist wahr, Sanct Franziscus war entschieden der elegantere Heilige,
-wir sind hier sehr ursprünglich -- und dennoch vertrage ich mich besser
-mit dem heiligen Sebastian! Die Familie hier ist die liebenswürdigste,
-die ich bisher unter den Einheimischen kennen gelernt, sie sind auch
-in jeder Weise verständiger, ich möchte sagen europäischer (trotz der
-Urzustände auf der Pflanzung) und nicht so schwerfällig und faul wie
-die meisten ihrer Landsleute.
-
-Zu dem „Europäischen“ rechne ich zunächst, daß Herr de Souza mich
-selbst von der Bahn abholte. Die Brasilianer haben nämlich sonst so
-wundersame Begriffe von dem, was sich schickt, daß sie es höchst
-unpassend finden, wenn eine junge Erzieherin den Weg von der
-Station nach der Pflanzung in der Gesellschaft des Vaters ihrer
-Zöglinge zurücklegt, dagegen sehr angemessen, wenn dies allein mit
-dem Negerkutscher oder zu Pferde mit einem freien Arbeiter, einem
-sogenannten „~camarada~“, geschieht, wie man es neulich erst
-von Saõ Paulo aus einer Collegin für einen 7stündigen Weg zugemutet
-hatte! Herr de Souza war sogar sehr nett und unterhielt sich auch
-mit mir, während sonst, nach Frl. Meyers drolliger Behauptung,
-wir Europäerinnen es uns immer als eine Höflichkeit vonseiten der
-brasilianischen Herren anrechnen müssen, wenn sie uns ignorieren.
-Leider hat sie damit so ganz Unrecht nicht, und darum bin ich um so
-froher, daß ich hier unter verständige Menschen geraten bin.
-
-Wir legten den Weg von der Station nach der Pflanzung, der in der
-heißen, nassen Jahreszeit nur zu reiten gewesen wäre, zu Wagen zurück
-und fuhren fast fünf Stunden. Manchmal dachte ich, wir würden nicht
-heil in Saõ Sebastiaõ ankommen, so wild ging’s die steilsten Abhänge
-bergab und bergauf, durch riesige Pfützen und sonstige abnorme
-Variationen eines „Weges“. Ich lernte hier einen gewaltigen Unterschied
-kennen gegen die Provinz Rio oder speziell den Weg nach Saõ Francisco,
-der fast so gut wie eine Chaussee war. Aber interessanter ist es doch
-eigentlich hier, Grete; es hat mehr „Lokalfarbe“.
-
-Wir passierten auf unserm Wege eine ganze Strecke Urwaldes, wo der
-Weg ziemlich schlecht und eigentlich nur für ein Reittier berechnet
-war; die Pflanzer der Gegend haben unendliche Mühe, sich solch einen
-Weg offen zu halten, da er so leicht wieder zuwächst und dabei in
-der nassen Jahreszeit nicht einmal gut zu bearbeiten ist. Wenn er
-gebessert und frei gemacht werden soll, schickt jeder Fazendeiro, der
-den Weg mit benutzt, eine Anzahl Sklaven nach der Station, von wo aus
-dieselben alle mit einander zurück arbeiten; allmählich fallen dann
-die einzelnen Parteien ab, entweder bei der betreffenden Pflanzung,
-oder, wenn diese nicht unmittelbar am Wege liegt, da, wo derselbe dahin
-abbiegt. Unsere Waldfahrt hatte wenig Ähnlichkeit mit einer solchen
-durch heimische Buchenwälder oder Tannenforsten, da so ein Wald hier
-ganz anders ausschaut als daheim. Von Ordnung oder Pflege ist nichts
-zu entdecken, und hineingehen oder auch nur hindurchsehen kann man
-auch nicht. Jene gewisse Feierlichkeit, die uns daheim so leicht in
-stillem Waldesdom überkommt, darf man hier nicht suchen; das Ganze hat
-mehr etwas Aufregendes, halb Phantastisches und Geheimnisvolles, halb
-Beängstigendes und Beklemmendes; der Zauber des Urwaldes und was ihm
-Reiz verleiht, ist eben ganz etwas anderes als der Eindruck, den unsere
-Wälder machen. Du mußt nicht denken, daß die Bäume darin grade so sehr
-dick und mächtig wären -- zuerst macht das Ganze sogar einen viel
-weniger gewaltigen Eindruck als z. B. einer der großen holsteinischen
-oder westfälischen Buchenwälder, und ich brachte das Vehmgericht s.
-Z. einmal fürchterlich in Harnisch durch meine Behauptung, ich, ein
-Forstmannskind, hätte in Brasilien noch keinen ordentlichen Wald
-gesehen, denn diese langen, dünnen, den verschiedensten Holzarten
-angehörenden Stämme, die in der ungleichsten Entfernung von einander
-stehen, könne ich keinen Wald nennen. Man muß, wie ich jetzt sehe,
-hindurchfahren oder reiten, um einen Eindruck zu haben. Dann sieht
-man, was so recht den Urwald ausmacht, was aber auch wohl zugleich
-verhindert, daß die einzelnen Stämme sehr umfangreich werden. Schier
-undurchdringlich steht nämlich das Unterholz um dieselben herum, und
-wer da eindringen wollte, müßte sich in der That seinen Weg Schritt
-für Schritt mit der Axt in der Hand bahnen. Daß die Bäume nicht
-dicht stehen, sieht man auch nur von weitem, wo die grauen, lang
-hinausragenden Stämme mit ihrer spärlichen Kronen-Belaubung das Einzige
-sind, was ins Auge fällt. In der Nähe sieht man, wie die einzelnen
-Bäume einander näher gerückt sind oder doch scheinen durch märchenhaft
-üppige, fünfzehn bis zwanzig Meter lange Lianen, die an ihren Stämmen
-emporklettern und wieder herabhängen, ja die oft von einem Stamme
-zum andern sich ranken, eine grüne, zitternde Wand bildend, aus der
-seltsame, dunkellilla oder rot gefärbte Blumen großäugig herausschauen.
-
-Ich kam weit zufriedener in Saõ Sebastiaõ an, als ich bei meinem
-Abschied aus Saõ Paulo für möglich gehalten hätte, und wurde es noch
-mehr, als ich Dona Maria Louisa und meine Schülerinnen sah. Erstere ist
-zwar ebenso wenig eine Schönheit wie alle Brasilianerinnen, die ich
-bisher gesehen habe, sie geht zwar auch in dem obligaten Kattunröckchen
-und mit herabhängenden Zöpfen einher, aber sie hat etwas sehr
-Liebenswürdiges und Frisches und hat die kleinen Mädchen gut erzogen.
-Meine älteste Schülerin, Maricota, ist ein sehr liebes Geschöpf,
-obgleich ihre große Schweigsamkeit ihr leicht etwas Moroses giebt, und
-die beiden Kleinen sind so artig, daß mir zuerst ganz unheimlich dabei
-wurde. Wir arbeiten sehr nett zusammen, wobei ich Maricota besonders
-auf das Englische hinlenke, das ihr immerhin noch leichter wird als
-Deutsch, und Du weißt ja, daß ich Englisch auch sehr liebe. Mr. Hall
-fand auch immer, daß ich es sehr gut spräche -- er war auf der Bahn,
-als ich abfuhr, was mir aber eigentlich gar nicht sehr angenehm war,
-denn einzelne Kolleginnen haben mich schon viel mit ihm geneckt.
-
-Aber zurück zu meinem Berichte von hier.
-
-Es ist wahr, diese Pflanzung läßt sich mit Saõ Francisco nicht
-vergleichen. Sie stammt noch von den Großeltern Herrn de Souzas und
-ist lange Jahre von der Familie nicht bewohnt worden. Auch jetzt dient
-sie ihnen gewissermaßen nur als Arbeitsstation, und man verwendet
-keinen Luxus auf sie. Mein Zimmer ist bei all seinen Mängeln doch das
-besteingerichtete im Hause, und das ist auch der Grund, weshalb ich
-über nichts klagen will; ich sehe ja, daß die Familie selbst sich
-noch weit mehr begnügt, und die Stube ist wenigstens luftig und hell.
-Die ~salla de visita~ ist ein großer fünffenstriger Raum mit
-weißgetünchten Wänden und ausmöblirt durch ein Rohrsopha, 12 Wiener
-Stühle, eine Hängematte und eine Singer-Nähmaschine. Auch hier keine
-Gardine am Fenster, kein Teppich auf den rohen Bohlen, kein Bild an
-der Wand -- nur, und ich konstatiere das als eine höchst vorteilhafte
-Ausnahme hier zu Lande, eine stets richtig gehende Uhr! Dona Maria
-Louisa hält auf Pünktlichkeit und besonders, was sehr dankenswert ist,
-auf Pünktlichkeit inbezug auf die Mahlzeiten, so daß nach denselben
-immer noch ein Viertel- oder halbes Stündchen zur Erholung bleibt,
-ehe der Unterricht wieder beginnt. Punkt neun Uhr Morgens und Punkt 3
-Uhr Nachmittags finden wir uns in der „Veranda“ zum Frühstück, resp.
-Mittagessen zusammen. Veranda nennen die Brasilianer, abweichend von
-+unserm+ Begriff einer Veranda, immer das Eßzimmer, und die
-unzähligen Thüren und Fenster, mit denen der Raum gewöhnlich gesegnet
-ist, rechtfertigen ja auch einigermaßen diese Bezeichnung. Die
-rustikale Veranda ist nun meistens noch dadurch ausgezeichnet, daß ihre
-Außenthür zugleich Hinterthür des Hauses ist und unmittelbar ins Freie
-führt, wodurch dieselbe alle Eigenschaften einer Berliner Hintertreppe
-gewinnt. So ist es auch hier. Durch sie gehen die dienenden Neger und
-Negerinnen hin und her; Wasser, Holz, Vorräte, Wäsche, alles wandert
-dort in großen Kübeln und Körben auf den Köpfen der Schwarzen aus
-und ein, und da der Raum meistens auch noch mit der Küche und häufig
-sogar mit der Kammer der Negerinnen in directer Verbindung steht, so
-wird auf diese Weise für die Hausfrau ein ähnlich bewundernswerter
-Kontrolposten geschaffen, wie die Küche der holländischen Häuser ihn
-bieten soll. Dona Maria Louisa übt nun aber auch, im Gegensatz zu
-den meisten brasilianischen Hausfrauen, diese Kontrole wirklich aus;
-sie ist überall und sieht den Negerinnen auf die Finger, sie bäckt
-selber ausgezeichnetes Weißbrot, so daß ich glücklicherweise hier den
-~biscoitos~ entrinne; sie macht selber Butter auf die mühsamste
-Weise, indem sie die Sahne in einer Satte schlägt, bis sie zu Butter
-geworden. Sie näht auch unermüdlich an der Singermaschine und fördert
-Kleider und Wäsche für die Kinder, ja, Hemden und derbe Winterjacken
-für die Hausneger, kurz, sie ist thätiger, als manche berühmte
-„deutsche Hausfrau“ und unter schwierigeren Verhältnissen obendrein,
-so daß sie mir wirklich imponiert und ich sie sehr gern habe. Sie hat
-auch viel Humor und amusierte sich königlich über mein Entsetzen beim
-Anblick der hiesigen Veranda, die allerdings noch ganz nach dem mir
-bereits in Saõ Paulo avisierten „alten Styl“ sein muß. Ich will sie Dir
-beschreiben.
-
-Der sehr große, aber mehr lange als breite Raum ist weder plafoniert
-noch gedielt. Der Fußboden ist zur einen Hälfte mit Backsteinen
-ausgelegt, während die andere ungeniert den Lehmboden zeigt, auf
-dem das Haus steht, das, wie alle brasilianischen Häuser, nicht
-unterkellert ist. In diesem Lehmboden ist eine Feuerstelle, um die sich
-an kalten Abenden die Familie sammelt, wie man bei uns im Winter am
-Ofen zusammenrückt; natürlich ist bei dieser Einrichtung der Mangel
-eines Plafonds nur wohlthuend, da kein anderer Abzug für den Rauch
-vorhanden ist als der, den die Löcher und Ritzen in der Ziegeldeckung
-über den Dachbalken gewähren.
-
-An der einen Seite dieses wunderbaren Saales steht der Eßtisch,
-wo gefrühstückt, Mittag gegessen und Abends beim Schein eines
-Stearinlichtes Thee getrunken wird.
-
-Gleich am ersten Abend bekam ich da von meinem Platze aus einen
-Begriff von der vielseitigen Nützlichkeit dieser Veranda. Während wir
-tranken, stand in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes eine Negerin
-und plättete Wäsche, was mir schon von vornherein für meine eigenen
-Sachen ein gewisses Grauen einflößte, denn in jenem Winkel mußte es
-erstens stockfinster sein, und dann bewegte sie auch sekundenlang das
-Eisen garnicht, sondern starrte mit offenem Munde zu uns herüber;
-man kann nur hoffen, daß es nicht sehr heiß war. Neben ihr knetete
-eine zweite Brotteig aus Weizenmehl. Dies und die Uhr, sowie das
-ungezwungenere Wesen der ganzen Familie hatte mir schon die größte
-Befriedigung abgerungen, als mich ein neuer Anblick ganz und gar
-entzückte. Du wirst Dir nicht denken können, was es ist, drum will ich
-es lieber gleich sagen: es war ein stiefelputzender Mulattenjunge, der
-in einer anderen abgelegenen Gegend dieses bewundernswerten Saales
-etabliert war. Also Ausnahme Nummer drei: -- Nichtvorhandensein der
-allgemeinen brasilianischen Aversion gegen Wichse! Die Zufriedenheit
-mit meinem neuen Lose wuchs. Dieser kleine Mulatte -- er ist übrigens
-zugleich Mittags der Fahnenjunge -- war urkomisch anzusehen. Das
-einförmige, im langsamsten Tempo vollführte Wichsen mochte wohl eine
-unüberwindlich einschläfernde Wirkung auf ihn ausüben, denn alle
-Augenblicke stockte seine Thätigkeit, und er stand mit geschlossenen
-Augen und gehobener Bürste, gegen die Wand gelehnt, bis ihn das Fallen
-des Wichsinstrumentes oder ein aufscheuchendes „Nun, Ivo?“ der Hausfrau
-wieder in eine schläfrige Bewegung setzte. Nach gethaner Arbeit mußte
-er der Herrin die ganze Stiefelreihe an den Tisch bringen, wo die Dame
-sie musterte und den schmutzigen kleinen Kerl dann in Gnaden entließ.
-Nach einigen Augenblicken kam er jedoch wieder hereingelaufen und
-meldete: „Cäsario bringt noch das Schwein, Senhora.“ „Mein Gott, wie
-lästig, so spät!“ rief die Herrin -- „nun, dann hilft es nichts, er
-komme, aber schnell!“ Herein zu der famosen Hinterthür kam „Cäsario“,
-der ein kleines ausgenommenes Schwein auf dem Rücken trug, das er
-auf einen ihm zurechtgerückten Tisch deponierte und dort zu zerlegen
-begann. Wahrlich, diese Veranda war ein ~non plus ultra~ von
-Vielseitigkeit, und ihre ausgedehnte Nutzbarmachung als Backstube,
-Plättkammer, Wichskabinett und Schlachthaus erspart jedenfalls, was
-man auch sonst davon denken mag, der Herrschaft manchen Schritt und
--- manches Scheltwort. Hier ist lange nicht so viel Geschrei wie in
-Saõ Francisco, weil von vornherein mehr Kontrole ist und daher weniger
-Fehler gemacht werden. Also der „alte Styl“ -- er lebe!
-
- Deine urwäldliche +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882.
-
- +Liebste Grete!+
-
-Ich bin ganz glückselig -- mein längst gehegter Wunsch ist in Erfüllung
-gegangen: ich +reite+ jetzt! Vor einigen Tagen hatte ich meinen
-ersten und einzigsten Unterricht. Umständlich war er nicht. Dona Maria
-Louisa lieh mir ihren Reitrock, bis für mich einer genäht sein wird,
-und sagte dabei lächelnd: „~Mais ne tombez pas, mademoiselle.~“
-Dann half mir Herr de Souza aufs Pferd und meinte schmunzelnd: „~Nao
-caïa,[7] mademoiselle~“, und als ich oben saß, beschloß Maricota
-diese ausgiebigen Anweisungen durch eine dritte Variation desselben
-Themas: „~But don’t fall off, miss~“, rief sie von ihrem eigenen
-Gaul herunter mir zu, und dann trabten wir drei los, Herr de Souza
-voran und ich der größeren Sicherheit wegen in der Mitte. Da meine
-Rosinante aber nach der Gewöhnung der hiesigen Pferde immer genau dem
-vorangehenden Tier folgt, ich also mit dem Lenken nichts zu schaffen
-hatte, so war das Festsitzen nicht so schwer, oder ich habe, wie Herr
-de Souza meinte, das Talent zum Reiten mit auf die Welt gebracht.
-Seitdem haben wir schon zweimal wieder kleine Ritte auf dem Gebiete
-der Pflanzung unternommen, und ich komme jetzt auch schon ohne einen
-geehrten Vorreiter zurecht. Müssen doch manche Kolleginnen, frisch
-wie sie aus Europa kommen, an der Station aufs Pferd und stundenweit
-bis an ihren Bestimmungsort reiten! Die Damensättel kommen vielfach
-aus England und Nordamerika, doch hat man auch hiesige, während in
-Herrensätteln meist einheimische Arbeit genommen wird, die allerdings
-auch in diesem Fache ausgezeichnet ausfällt.
-
-Sehr drollig ist es zu sehen, wie die Schwarzen die Pferde einfangen,
-wenn wir ausreiten wollen. Ställe giebt es hier nämlich nicht,
-weder für das Rindvieh noch die Schweine, noch auch für die Pferde;
-diese werden auch weiter nicht gepflegt, als daß sie ab und zu zum
-Salzfressen herangetrieben werden. Im Übrigen laufen sie frei umher und
-fressen, was sie an Gras und Kräutern finden, was manchmal recht wenig
-ist, da auch nach dieser Richtung hin nichts für das Land geschieht,
-und man z. B. keine ordentliche Wiese hier sieht. Sollen nun Pferde
-gebraucht werden, so jagt ein Bursche so viel Tiere als der Zufall ihn
-erreichen läßt, in den inneren Hof; dort greift man die, die man haben
-will, heraus und läßt die anderen wieder laufen. Diese Freiheit, in
-der die Haustiere hier leben, ist ja an sich recht schön, aber fett
-werden sie nicht dabei, und in den jetzigen kalten Nächten, die hier im
-Hochland manchmal recht sehr frisch sind, erfriert manch ein armes Tier
-im Walde, besonders von den Jungen. Wie viel Vieh sie besitzen, wissen
-Souzas garnicht, eine Kontrole ist darin schwer möglich, die Kühe
-kalben im Walde und kommen dann eines schönen Tages mit den Kälbern an.
-Natürlich herrscht auch auf diese Weise absolut keine Regelmäßigkeit
-in der Milchgewinnung; gewöhnlich kommen allerdings die Kühe zum Melken
-herein, wenn es aber sehr kalt ist, bleiben sie im Walde, und dann
-meldet Cäsario einfach: „Heut’ giebt’s keine Milch, Senhora, ’s ist
-keine Kuh hereingekommen.“ Es ist eben alles urwüchsig unter der Ägide
-des heiligen Sebastian.
-
-Am besten haben es die kleinen schwarzen Schweine, die sich hier
-beängstigend vermehren, von denen aber allerdings auch fast jeden Tag
-eines daran glauben muß, da die Pflanzung viel verbraucht.
-
-Sklaven sind hier fast gar keine, da sowohl Herr de Souza wie Dona
-Maria Louisa die Sklavenwirtschaft nicht lieben; man hat nur wenige
-Schwarze hier für den unmittelbaren Hausdienst, und die Außenarbeit
-wird von freien Arbeitern gethan. Alle übrigen Sklaven, die die
-Familie besitzt, arbeiten auf einer zweiten Pflanzung, Saõ Luiz, unter
-einem portugiesischen Administrator, und Herr de Souza reitet nur
-alle 2-3 Wochen einmal die 9 Stunden hin und zurück, um alles dort zu
-inspizieren. Saõ Luiz ist Kaffeeplantage, während wir hier Zucker und
-Baumwolle haben und vor allem eine Holzschneidemühle, was ja alles
-weniger Arbeitskräfte verlangt als die Kaffeekultur.
-
-Ich glaube, es ist ganz klug von den Brasilianern, sich allmählich
-auf den „~camarada~“ einzuarbeiten: +leicht+ ist es aber
-+nicht+, das sehe ich hier: ich würde mich über solche Menschen
-zu Tode ärgern! Die „~camaradas~“ sind Brasilianer, vielfach
-Halbindiauer, Caboclos genannt, oder auch ganz verarmte Nachkommen
-der eingewanderten Portugiesen, bettelhaft armes und zerlumptes Volk,
-in ihrem Aussehen weit elender als die Sklaven, aber -- sie sind
-+frei+ in einem Sklavenlande! Was sie daraufhin für einen Hochmut
-entwickeln und für Ansprüche machen, das ist unglaublich! Dabei
-arbeiten sie natürlich höchstens halb so viel wie ein Sklave. Unseren
-deutschen Gutsbesitzern würden die Haare zu Berge stehen, wenn sie mit
-solchen Menschen zu thun hätten! Als die jetzt hier vorhandenen hier
-ankamen, hat Herr de Souza ihnen erst alles Material zu ihren Hütten
-gegeben und die eigenen Leute beim Bau derselben helfen lassen. Dann
-bekam jede Familie eine Summe Geldes vorgestreckt, um davon zu leben,
-bis das eigene Bohnen- und Maisfeld Erträge lieferte. Natürlich sollte
-dies allmählich wieder vom Lohn abgezogen werden. Nun aber „kaufen“
-diese Menschen, nachdem sie das Geld verbraucht, alle ihre Bedürfnisse
-hier im Hause, d. h. sie entnehmen Speck, Mehl, Kaffee, Mais und Zucker
-in unbescheidenen Mengen und verheißen, auch dies wieder abzuarbeiten.
-Da sie jedoch häufig garnicht zur Arbeit kommen und gewöhnlich eine
-große Familie haben, die viel verbraucht, so werden ihre Schulden nicht
-kleiner, sondern größer. Herr de Souza behauptet, er könne da wenig
-thun; weigere er ihnen die Lebensmittel, so zögen sie ab, und wenn er
-auch einen Contrakt mit ihnen habe, so nütze ihm der doch garnichts; da
-sie nichts haben, könne man ihnen nichts nehmen, und zur Arbeit zwingen
-könne man sie auch nicht. So läßt er alles dies gehen, so gut es will,
-und nimmt so viel Arbeitsleistung mit, als er kriegen kann; wird es ihm
-dann zu bunt, so jagt er die Leute fort; die vorige Serie hat er mit
-2000 Mark Schaden zum Kuckuck geschickt. Wenn man diese Verhältnisse
-mit ansieht, kann man sich wahrlich nicht wundern, wenn der größere
-Pflanzer sich mit Händen und Füßen gegen die Aufhebung der Sklaverei
-sträubt. Woher soll er denn seine Arbeiter nehmen! Die freigewordenen
-Neger bleiben nicht auf den Pflanzungen, so wenig wie sie das in andern
-früheren Sklavenstaaten gethan haben, und europäische Arbeiter sind
-ihnen oft zu teuer oder zu unbequem. Portugiesen und Italiener suchen
-nur viel Geld zu verdienen, um dann mit einer kleinen Wohlhabenheit
-in die Heimat zurückkehren zu können, und Deutsche streben nach dem
-selbständigen Erwerb von Grund und Boden. Die Arbeiterfrage ist hier
-wie bei uns eine ganz böse, nur daß es dort zu viele giebt und hier
-eigentlich keine.
-
-Ich spreche viel über diese Zustände mit Herrn de Souza und Dona Maria
-Louisa, die, wie mir scheint, sehr verständige Ansichten darüber
-haben. Sie selbst verwerfen die Sklaverei im Prinzip und wünschen,
-daß sie aufhöre, aber sie haben auch ein offenes Auge für die Gefahr,
-die dem Lande dadurch zunächst insofern droht, als viele seiner
-wohlhabenden Grundbesitzer durch die Emancipation ruiniert werden oder
-doch verarmen, und zwar gestaltet sich die Sache um so schwieriger, je
-entfernter die betreffende Pflanzung von den Küstenplätzen gelegen ist,
-welche die Einwanderer zuerst bekommen. So kann man sich einerseits
-nicht wundern, wenn der Brasilianer die fremden Gäste nur als Ersatz
-für die Sklaven wünscht, anderseits kann es aber allerdings nicht der
-Zweck sein für unsere nach Brasilien auswandernden Landsleute, sich
-hier wiederum in Abhängigkeit zu begeben und sich als Knechte einer
-fremden Nation zu verdingen. Wer dem Lande seine und seiner Nachkommen
-Arbeit zuwendet, der beansprucht Selbständigkeit und eigenen Anteil
-an eben diesem Lande, und das mit Recht. Die Brasilianer sollten
-sich +in ihrem eigenen Volke+ einen Arbeiterstand heranziehen,
-den sie so wenig wie einen Handwerkerstand bis jetzt haben, und sie
-könnten dies mit einem wenigstens teilweisen Erfolg thun, wenn sie die
-freien Negerkinder an eine regelmäßige Arbeit zu gewöhnen suchten. Es
-geschieht aber gerade das Gegenteil.
-
-Das Emancipationsgesetz vom 28. September 1871 befiehlt u. a. auch
-jedem Sklavenbesitzer, diese Kinder im Lesen und Schreiben unterrichten
-zu lassen, aber es giebt wahrscheinlich im ganzen Kaiserreiche keine
-zehn Häuser, wo diesem Gesetze nachgekommen wird. Auf den Pflanzungen
-ist seine Befolgung auch eigentlich unmöglich. Hier im Innern giebt es
-ja keine Dorfschulmeister wie bei uns, und wenn es sie gäbe -- soll
-der Fazendeiro denn etwa jeden Tag zwischen 20 und 50 Tiere satteln
-lassen, um die kleinen Neger in das nächste, gewöhnlich sehr entfernte
-Städtchen zu schicken, oder soll er einen besonderen Erzieher für
-die kleine Bande halten? Man mag diese Fragen beantworten, wie man
-will -- jedenfalls thut hier niemand dergleichen, und so wächst das
-freigeborene Sklavenkind vollständig ohne Erziehung und Unterricht auf
-und wird demgemäß dereinst mit den Wilden auf gleicher Stufe stehen,
-denn es hat nicht einmal den Vorteil, daß ihn die Herrschaft dies und
-jenes an körperlicher Arbeit erlernen läßt, wie es beim Sklaven geschah
--- sie sind ja frei, warum soll man sich zu Gunsten Anderer Mühe und
-Kosten machen, man hat ja nichts davon.
-
-Wunderbarerweise denken auch Herr de Souza und Dona Maria Louisa
-ebenso, die doch sonst sehr human und auch klug sind. Ob man denn gar
-nicht bedenkt, daß man auf diese Weise eine Generation von „Mitbürgern“
-für die eigenen Kinder heranwachsen läßt, wie sie schlimmer nicht
-gedacht werden kann?!
-
-Aber ich merke, daß ich schon wieder predige und Dich mit einer
-vollständigen national-ökonomischen Abhandlung beglückt habe.
-Du glaubst aber auch nicht, wie sehr sich einem hier alle diese
-Verhältnisse aufdrängen, und wie sie fast ausschließlich Gesprächsthema
-sind -- da wird selbst die harmloseste Seele zum Socialpolitiker.
-
-Und nun kann ich diesem Briefe auch nicht einmal mehr ein leichteres
-Anhängsel verleihen, damit Du nicht allzu sehr unter dem Eindrucke
-dieses sozialen Vortrages bleibst, denn da erscheint eben der
-Zimmermann, der hier gearbeitet hat und heute Abend wieder zur Stadt
-zurückkehrt, und der aus Gefälligkeit unsere Postsachen mitnimmt. Denn
-Herr de Souza schickt nur des Donnerstags zur Post -- ich bin richtig
-ganz und gar in den „alten Styl“ hineingeraten.
-
-Also ein Lebewohl für heute und nächstens mehr von
-
- Deiner +Ulla+.
-
-
- [7] Fallen Sie nicht!
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882.
-
- +Liebste, beste Grete!+
-
-Denke Dir meine Freude, hier ist eine Pflanzung ganz in der Nähe, die
-amerikanischen Ansiedlern gehört, also ganz zivilisierten Menschen!
-Niemand hatte mir davon erzählt, bis sie uns heute besuchten -- man
-wußte ja nicht, wieviel mir das wert sein konnte! Ach, Grete, so
-nett diese Souzas auch sind, fremd bleiben die Brasilianer einem
-doch, fremder sogar als alle anderen Fremden hier, die schon ein
-gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit als Gäste auf hiesigen Boden
-zusammenzieht. Zudem ist mir doch immer das ganze Wesen und Sein
-germanischer Volksstämme weit sympathischer als diese Romanen; schon
-beim Klange der englischen Sprache atmete ich auf, ganz abgesehen
-davon, daß Mr. Quimby und seine Schwägerin wirklich sehr liebenswürdig
-und nett waren. Mrs. Quimby war zu Hause geblieben bei den kleinen
-Kindern, während das älteste zwölfjährige Mädchen schon flott
-mitgeritten war. Es war am vorigen Sonnabend, als sie kamen und --
-„Wollen Sie morgen mit uns zur Kirche?“ fragten sie mich plötzlich.
-
-„Zur Kirche?“ wiederholte ich erstaunt -- „wo?“
-
-„O, hat man Ihnen noch nicht von unserer Kirche erzählt? Nun, ein
-Prachtgebäude ist sie freilich nicht, aber wir können doch so jeden
-dritten Sonntag im Monat unseren Gottesdienst haben. Kommen Sie mit und
-übernachten Sie bei uns, wir reiten dann morgen alle zusammen hin, wenn
-Sie wollen.“
-
-Ob ich wollte! Natürlich wollte ich. Schnell war ein Pferd gesattelt,
-und vergnügt galloppierten wir die zwei Meilen bis zu Mr. Quimbys
-Pflanzung zurück. Ich „galloppiere“ nämlich jetzt auch schon flottweg,
-und Mr. Quimby schmeichelte meiner empfänglichsten Schwäche, als er
-meinte: „~You look as if you’d been born and bred on your horse.~“
-Mrs. Quimby empfing mich herzlich wie einen erwarteten Gast, und in den
-Hängematten sitzend, verbrachten wir plaudernd den Rest des Abends.
-
-Am andern Morgen um 9 Uhr brach eine ganze kleine Kavalkade zur Kirche
-auf, denn noch einige Damen und Herren aus der Umgegend schlossen sich
-uns an.
-
-Solange der Weg auf dem Terrain der Pflanzung lag, war er nicht gar zu
-schlecht, obgleich Du Dir unter dem Worte „Weg“ auch nichts weiter als
-einen grade für +ein+ Pferd hinreichenden Pfad vorstellen darfst,
-dann aber wurde er stellenweise so schlecht, daß man bei uns wohl
-überhaupt davon abgestanden wäre, ihn zu passieren. Aber brasilianische
-Pferde sind nicht verwöhnt; obgleich unbeschlagen, gehen sie sehr
-sicher ihren Weg, und man kann es ihnen bei schwierigen Stellen getrost
-selbst überlassen, sich denselben auszusuchen.
-
-Recht seltsam malerisch nahm sich unsere kleine Gesellschaft aus: die
-hellen Kleider und Hüte der Damen, die weißen Staubmäntel der Herren,
-und die großen, meist auch weißen Sonnenschirme -- alles hellglänzend
-beschienen von einer bereits recht brennend werdenden Sonne, und hin
-und wieder verschwindend und wieder auftauchend zwischen den mannshohen
-Farren, die die Pferde durchschnitten, einmal sogar sich spiegelnd in
-einer großen, einem See gleichenden Lache, wo die Tiere bis an den
-Bauch im Wasser gingen.
-
-Ich war noch nie um diese Tageszeit geritten, da wir auf Saõ Sebastiaõ
-immer den frühen Morgen oder den späten Abend wählen, daher empfand ich
-die Sonne doch ziemlich unangenehm; der Weg zeigte unglücklicherweise,
-so weit das Auge reichte, nicht einen einzigen Baum, einzelne lange
-Palmen abgerechnet, deren graziöse, doch spärlich bewachsene Kronen
-aber keine Kühlung schufen und keinen Schatten auf den Boden warfen.
-Da habe ich denn doch gesehen, welche Erschlaffung einen doch nach nur
-dreistündigem Ritt in der Tropensonne befallen kann; die Hitze der Luft
-wäre ja noch zu ertragen, aber das unmittelbare Einwirken der Sonne ist
-das Schlimme! Es schien auch allen mehr oder weniger zu gehen wie mir,
-denn unsere Unterhaltung wurde immer einsilbiger und war zuletzt ganz
-verstummt. Da zeigte sich bei einer Biegung des Weges plötzlich ein
-langes, strohbedecktes Lehmgebäude.
-
-„Wer kann sich denn hier auf der Roça (das ungerodete Feld) eine
-Scheune gebaut haben, so abgelegen von allen Pflanzungen?“ äußerte ich
-erstaunt.
-
-„Das ist die Kirche“, sagte Mr. Quimby mit halbem Lächeln und bog
-zugleich in einen kleinen Seitenweg ein, dem Gebäude zu.
-
-Mein Erstaunen war fast Entsetzen -- +dies+ eine Kirche, diese
-Scheune mit den durchlöcherten Lehmwänden, dem Strohdach, den
-Fensterluken ohne Rahmen, geschweige denn mit Fenstern! Aber ich
-konnte nicht länger zweifeln: unsere Gesellschaft ritt auf, die Herren
-sprangen von den Pferden, halfen uns von den unsrigen und befestigten
-die Tiere an einigen Bäumen neben dem Gebäude. Jetzt bemerkte ich auch
-eine Anzahl anderer Pferde und Maultiere, die rings umher standen,
-sowie deren Reiter und Reiterinnen, welche hie und da im Schatten oder
-bereits in der „Kirche“ saßen, und die nun Mr. Quimby und seine Familie
-zu begrüßen kamen. „~How do you do?~“ erklang es von allen Seiten,
-dazwischen vielfach das gemütliche „~How d’ye?~“ der Südstaaten,
-und dann wurden solche Neuigkeiten ausgetauscht, wie sie sich seit
-dem letzten „dritten Sonntag im Monat“ in dieser Zurückgezogenheit
-ereignet hatten. Ein Trunk aus der nahen Quelle erfrischte in etwas
-die erschlafften Lebensgeister, und dann traten wir in das Gebäude
-ein, wo wir, nachdem wir die Bänke mit einem dazu vorhandenen Besen
-abgefegt, dankbar für eine Weile der kühlen Stille genossen, während
-sich allmählich 50 bis 60 Personen ansammelten, fast ohne Ausnahme von
-ihren Pflanzungen oder der Kolonie Santa Barbara kommende Amerikaner.
-
-Durch ein großes Loch in der Lehmwand neben mir beobachtete ich
-die Scene draußen, wie sie sich immer bunter gestaltete durch neu
-aufreitende Personen, ihre Pferde und Maulesel, die rings umher
-grasten, und durch die bunten, in die Bäume gehängten Reitröcke der
-Damen. So hatte ich noch nie in einer Kirche gesessen, dachte ich, als
-hinter mir eine junge Mutter vergeblich ihren jüngsten schreienden
-Sprößling zu beruhigen suchte, dem der Ritt wohl nicht behagt haben
-mochte, und dann ein altes, weißhaariges Mütterchen sich neben mir
-niederließ, die ich eben durch meine Wand angestaunt hatte, wie sie so
-munter auf ihrem Maulesel herangetrabt war.
-
-Nach einer Weile kam der Prediger, und der Gottesdienst begann. Ein
-noch junger Mann ohne Talar oder sonstiges geistliches Abzeichen
-trat mit großer Einfachheit vor den hölzernen Altar (eine Kanzel war
-natürlich nicht vorhanden) und, nur ein Testament in der Hand, hielt
-er eine sehr durchdachte, wirklich schöne Predigt über Christi Antwort
-auf die Frage des Täufers: „Bist Du, der da kommen soll, oder sollen
-wir eines Anderen warten?“ Grete, da konnte man fromm werden. Es war
-tief ergreifend, die Bibelworte, die wir Zivilisationsmenschen gewohnt
-werden, mit der Katechismusstunde oder den geheiligten Hallen unserer
-Kirchen zu verbinden und sie gewissermaßen unwillkürlich dahin zu
-bannen, diese Bibelworte dort in jener Lehmhütte, in der tropischen
-Umgebung und so wenig unterstützt durch äußere Heiligungs-Hülfsmittel
-erklingen zu hören. Und sie klangen nicht anders als daheim, nicht
-weniger ernst oder feierlich als in geschmückten Kathedralen, unter
-herrlich ragenden Säulen und hinter bunten Fahnen. Ich war lange nicht
-in einer Kirche gewesen, aber ich bezweifle, ob die glanzvollste Messe
-in Sankt Peters Dom auf mich auch nur nahezu den Eindruck gemacht
-hätte, wie unser einfacher evangelischer Gottesdienst in der Lehmhütte,
-auf diesem verlorenen Posten im Innern Brasiliens. Der Gedanke von
-der Allgegenwart des Christengottes und die Predigt: „Gott wohnet
-nicht in Tempeln von Menschenhänden gemacht“, drängte sich dort mit
-einer gewaltigen Unmittelbarheit und einer gewissen rührenden Größe
-sicherlich auch denen auf, die einen solchen Eindruck nicht suchten.
-
-Die drückende Hitze hatte nach und nach etwas nachgelassen, ein
-leichter Wind machte sich auf und plötzlich sah ich durch mein Wandloch
-einzelne große Regentropfen herabfallen.... O weh, die Sättel! Rasch
-wurde der Regen stärker, so daß nichts übrig blieb, als Sättel und
-Reitkleider hereinzuholen in die Kirche, wollte man sich nicht einen
-höchst unangenehmen Heimweg schaffen. Gegen 60 Sättel und einige 30
-Reitkleider fanden in einem Winkel der Kirche ein Unterkommen, und
-lächelnd mußte ich daran denken, wie sich, was hier ganz natürlich
-erschien, wohl in einer europäischen Kirche oder Kapelle ausnehmen
-würde.
-
-Plötzlich, wie er gekommen, hörte aber der Regen wieder auf, und als
-der Gottesdienst beendet war und man einander Lebewohl gesagt hatte für
-einen Monat, konnten die Sättel wieder aufgelegt werden.
-
-Mit weit besserem Humor gings nun in der kühleren, staubfreien Luft
-heimwärts, und abends brachten mich Mr. Quimby und seine Schwägerin
-wieder nach Saõ Sebastiaõ zurück, versprechend, mich bald wieder einmal
-abzuholen.
-
-Aber da ruft die alte dicke Anna an meiner Thür: „~Chà, Senhora~“
--- ich schließe. Schreibe bald
-
- Deiner feschen Amazone +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882.
-
- +Herzensgretele!+
-
-Dieser Brief wird wohl etwas zerfahren ausfallen, denn ich schreibe bei
-dem Gebell von 37 Hunden. Hier ist nämlich seit gestern Treibjagd, und
-Herr de Souza hat dazu 6 Herren eingeladen, von denen jeder ein Pferd
-oder zwei und so viel Hunde mitgebracht hat, als er besitzt; denn die
-Jagd ist um so viel schöner und forscher, je größer die Meute ist.
-Gestern sah ich den Zug oben am Walde vorbeirasen, ein Rehbock voraus
--- es sah ganz gut aus und ist jedenfalls eine Art zu jagen, wie sie
-für dies Land paßt. Aber von der Beute hat man nichts. Zwei erlegte
-Tiere hängen seit gestern an der Wand des Geschirrhauses, und als ich
-Dona Maria Louisa fragte, wann sie denn als Braten auf den Tisch kommen
-würden, lächelte sie und meinte, Rehe seien doch für Menschen nicht
-eßbar, die bekämen die Hunde! Mein Haar wollte sich schon wieder mal
-aufrichten, als ich mich noch zur rechten Zeit erinnerte, daß mir Herr
-Schaumann in der That einmal gesagt hatte, das Rotwild hier habe eine
-zu große Strenge, als daß es für Menschen genießbar sei. So essen wir
-denn unser ~carne de porco~ frisch und fröhlich weiter, obgleich
-ich sagen muß, daß Dona Maria Louisa alles thut, um Abwechslung in
-das Essen zu bringen; wir haben schon alles mögliche Getier gegessen,
-sogar einmal Gürteltier, das aber ganz gut, etwa wie zartes Kalbfleisch
-oder Huhn schmeckte. Der Panzer dieses Tropenbewohners prangt als
-Dekorationsstück in meinem Zimmer; wenn er eben abgezogen ist, ist er
-ganz weich und läßt sich in jede Form biegen, die man ihm geben will,
-und in welcher er dann beim Eintrockenen völlig verhärtet und beharrt.
-Überhaupt sammle ich an Merkwürdigkeiten, was ich bekommen kann,
-obgleich dies weit schwerer ist, als man es bei uns gemeiniglich denkt.
-Wir stellten uns die Sache doch ungefähr so vor, als raffte man hier
-die Indianerpfeile und andere wunderbare Dinge nur so nebenher am Wege
-zusammen, und ich sehe jetzt, daß die Sachen hier sehr teuer sind und
-schwer zu bekommen. Ich begnüge mich also mit einem sehr bescheidenen
-Naturalienkabinett eigener Sammlung. Die Neger bringen mir alles an,
-was sie draußen Merkwürdiges finden, und strahlen förmlich, wenn ich
-mich darüber freue; sie nennen mich „~a professora que gosta dos
-bixos feios~“ (die Gouvernante, die die häßlichen Tiere liebt),
-und fast jeden Tag finde ich auf meinem Fensterbrett irgend einen
-Käfer oder eine Raupe oder eine merkwürdige Pflanze aufgebaut. Eine
-Schlange, und zwar eine hübsche Korallenschlange, habe ich mir auch
-schon „eingemacht.“ Besonders aber habe ich eine Sammlung von reizenden
-Nestern, worunter entzückende Kolibrinester verschiedener Sorten und
-ein höchst merkwürdiges, mächtig großes Nest von Lehm, das sich ein
-mittelgroßer Vogel baut, den sie nach seiner Wohnung ~Joaõ de
-barro~ d. h. Lehmjohann nennen. Das Lehmnest ist noch etwas größer,
-als ein Menschenkopf und der Eingang so sinnreich seitwärts gearbeitet,
-daß es absolut nicht hinein regnen kann; inwendig befindet sich dann
-erst das eigentliche weiche Nestchen. -- Meine letzte Errungenschaft
-ist ein Fischotternfell und das allerliebste Fell eines schwarzen
-Affen, den ein ~camarada~ hier neulich auf der Pflanzung getötet
-hat; und gestern brachte mir Maricota, die immer sehr lieb und gut
-ist, eine sehr nette Sammlung von 21 Holzarten, die sie sammeln und
-zu zierlichen gleichmäßigen Proben hatte zuschneiden lassen. Mit Holz
-verschwenden sie übrigens hier in Saõ Sebastiaõ nach unseren Begriffen
-fürchterlich; so ist z. B. meine Kommode, ein schweres, ungeschickt
-gearbeitetes Ding, ganz aus Cedernholz gemacht, und auch die plumpen
-Möbel im Schulzimmer bestehen aus dem kostbarsten Holzmaterial,
-wiederum ein Beispiel von den vielen Mißverhältnissen hier zu Lande an
-Verschwendung auf der einen Seite und Unzulänglichkeit auf der anderen.
-
-+Abends.+ Gretele, ich bin ganz außer mir vor Freude -- vorhin
-unterbrach mich Maricota mit der entzückenden Nachricht, daß wir in
-etwa 8 Tagen nach Santos an die See gehen, um dort 5-6 Wochen Bäder zu
-nehmen! So bald soll ich mein geliebtes Saõ Paulo schon wiedersehen!
-Denn dahin müssen wir zuerst. Wir bleiben dort 1-2 Tage bei Dona Maria
-Louisas Eltern und fahren dann über die Serra nach Santos, dem großen
-Kaffeehafen der Provinz Saõ Paulo. Dort werden wir an der „Barra“, d.
-h. am Strande außerhalb der Stadt und vor dem Hafen wohnen in einem
-Hause, das der ganzen Familie gemeinschaftlich gehört und immer von
-denen benutzt wird, die es gerade für die Bäder brauchen.
-
-Adieu, adieu, ich muß schnell an Fräulein Meyer schreiben, die
-augenblicklich auch mit der Familie in Santos ist; sie wird sich
-freuen, Gesellschaft zu bekommen.
-
- Deine glückliche +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Santos, den 20. August 1882.
-
- +Meine liebe, gute Grete!+
-
-Ich sage Dir, dies Haus ist furchtbar poetisch -- verzeih’, ich muß
-erst diese Wespe vertreiben... also, was ich sagen wollte: das reine
-Idyll! Draußen rauschen und branden die Wogen -- Donner und Doria, das
-ist heute die fünfte handgroße Spinne! -- und die Sonne funkelt darauf
-und macht sie -- schon wieder eine Fliege im Tintefaß? -- glitzern wie
-Silber. Der Garten ist ein wenig vernachlässigt, aber gerade darum um
-so roma... na, da sehe ich eben, daß mir die Baraten auch meine neue
-Schreibmappe schon angefressen haben! -- romantischer. Reizend ist
-es, wenn wir die Schiffe so von weitem hereinkommen sehen -- o diese
-Mosquiten, verzeih den Klex -- und die vorhandenen Operngläser wandern,
-wenn ein großes Fahrzeug in Sicht ist, auch immer sofort heraus, um
-die Nationalität zu bestimmen. -- Ach, ich Ärmste, da wimmelt’s auf
-dem Tisch vor mir von Ameisen! Warum habe ich auch den Zucker stehen
-lassen! Nun heißt’s erst Pause und Ameisenjagd...
-
-Später. Du siehst, mein Gretele, daß hier die Poesie mit
-Schwierigkeiten verknüpft ist, das Ganze hier ist eine Idylle mit
-Hindernissen. Diese Chakara (so nennen sie hier derartige Gebäude,
-die halb Villa, mehr Landhaus sind) ist jedenfalls früher einmal für
-menschliche Bewohnungszwecke gebaut worden, doch haben anscheinend
-seit längerer Zeit Baraten, Spinnen, Eidechsen und Ameisen sich hier
-derartig häuslich und unbehelligt einrichten können, daß es ihnen
-nicht zu verdenken ist, wenn sie jetzt uns gegenüber den Standpunkt
-unbedingter Herrschaft nur schwer und sehr allmälig aufgeben.
-
-Meine erste Nacht hier war nichts wie ein einziger „Kampf mit dem
-Insekt“, aber seitdem ich dann alle meine Mußestunden auf Grübeln
-über die besten Verteidigungsmittel verwendet habe, kommt es mir
-vor, als finge ich doch allmälig wieder an, diesen herrschsüchtigen
-Mitgeschöpfen gegenüber den richtigen Standpunkt als Mensch zu
-gewinnen. Mein Bett steht in der Mitte des Zimmers, wie ich überhaupt
-kein Möbel an die Wand gerückt habe; diese gebe ich „dem Insekt“ frei.
-Unter +Möbeln+ verstehe ich den Waschständer, einen Tisch, einen
-Stuhl und meinen Koffer. Letzterer dient als Kommode und überhaupt
-als Aufbewahrungsort für all mein Besitztum außer den Kleidern.
-Diese habe ich, nachdem ich eine breite alte Gardine untergenagelt,
-malerisch an der Wand gruppiert und sie mit einem Bettlaken verhangen,
-doch benutze ich sie auch nach diesen Vorsichtsmaßregeln immer nur
-wie solche Medizinen, die das Etiquette tragen: „Vor dem Gebrauch zu
-schütteln“, und die Anhäufung einer kleinen Insektensammlung auf dem
-Fußboden bei solcher Prozedur lehrt, wie weise ich daran thue. Bei
-meinem Waschständer habe ich, seitdem er den Wänden fern, wenigstens
-die Befriedigung, jetzt meine Seife allein zu verbrauchen und sie
-nicht des Morgens halb von den Baraten genossen zu finden, die sie
-als ganz besondere Delikatesse zu betrachten schienen. Das meiste
-Nachdenken kostete es mich, mein Bett unter möglichst günstige
-Insekten-Verhältnisse zu bringen. Die erste Nacht stand es an der Wand
-zum größten Gaudium der heimischen Spinnen, Baraten, Eidechsen und
-Ameisen, die zweite Nacht rückte ich es ab, so daß nur das Kopfende an
-der Wand blieb, doch legte auch dies, wie ich sah, den ebengenannten
-Hausbewohnern keine wesentliche Beschränkung in der Bewegung auf.
-So rückte ich denn am dritten Tage in die Mitte der Stube, welcher
-luftige Standort noch den übrigen Vorteil gewährt, daß er mich lehrt,
-auch im Schlafe Balance zu halten, denn die erste derartig „im Freien“
-zugebrachte Nacht begann damit, daß ich auf der einen Seite von meinem
-Spartanerlager, das natürlich wieder jede Seitenwand verschmäht,
-herunterrutschte und einige Baraten totfiel. Nachdem ich mich bei
-derselben Gelegenheit überzeugte, daß diese angenehmen Tierchen auch
-eine besondere Vorliebe für die Reibeflächen der Schwedenschachteln
-haben und einen so angesichts der vollen Streichholzschachtel einer
-unerleuchtbaren Finsternis preisgeben können, quittierte ich auch
-den Stuhl neben meinem Bett, stelle jetzt das Licht in armlanger
-Entfernung auf die Erde und stecke die Schachtel Schweden nebst Uhr
-und Taschentuch geheimnisvoll unter mein Kopfkissen, auf dem sich’s
-allerdings seitdem, da es von bekannter brasilianischer Größe, recht
-holprig schläft. Nun galt es nur noch, die Ameisenfrage zu lösen, der
-ich aber schließlich auch beigekommen bin, indem ich nachmachte, was
-ich neulich in einem Bahnhofsrestaurant an einem Tische gesehen: ich
-habe alle vier Bettfüße in Blechgefäße mit Wasser gestellt, so daß
-jetzt -- hurrah! -- das Insekt auf die Angriffe beschränkt bleibt, die
-es von der Decke herab auf mich vollführen kann.
-
-Im Übrigen sind diese interessanten Mitbewohner unserer Chakara
-insofern wertvoll, als sie dauernd für unsere Unterhaltung sorgen.
-Des Morgens beim Kaffee muß jedesmal die Zuckerdose hinauswandern,
-damit die Ameisen ausgeräuchert werden, während Maricota und ich
-die Milch ausfischen; des Mittags sind wir jetzt so sehr an Fliegen
-auf den Tellerrändern gewöhnt, daß ich mir ein Essen ohne diesen
-Zierrat eigentlich schon recht öde vorstelle, und abends, wenn die
-Baraten munter werden, ist der Hauptspaß. Maricota und ich sitzen
-dann gewöhnlich in meinem Zimmer über unserem Dickens, und nebenan im
-Eßzimmer spielen Dona Maria Louisa, ihre Schwester und Herr de Souza
-Whist mit ’nem Strohmann. Plötzlich entsteht dort ein Heidenlärm, man
-kreischt auf, und sämtliche Morgenschuhe fliegen; sofort ergreifen auch
-wir die immer bereitstehenden Stiefel und schleudern sie gegen die
-Thür, denn durch ihre handbreite Spalte über der Schwelle saust das
-bedrohte Insekt von den Whistspielern herein zu uns Pickwickiern, um
-hier so ziemlich sicher den Untergang zu finden, denn auf Baratenmord
-bin ich noch vom Collegio her eingeübt.
-
-Das „Leben in und mit der Natur“ ist überhaupt hier die Devise unseres
-Banners. Um fünf Uhr früh, so ungefähr, wenn der Mond zum Abschied
-noch der Sonne sein schiefstes Gesicht zuschneidet, stürzen sich
-sämtliche menschliche Hausbewohner in den Schoß der Wellen. Männlein
-und Weiblein, Schwarz und Weiß, alles läuft in flanellenen Badeanzügen
-durch den Garten an den Strand und ins Wasser, um dort in schönster
-Harmonie beim Mondenschein die Glieder zu erfrischen. Es ist ein
-heilloses Gekreische, das mich immer schon für den ganzen kommenden Tag
-betäubte, und da mir Seebäder überhaupt nicht sehr gut bekommen, so
-habe ich mich nach den ersten 5 Tagen aus dem Gewimmel zurückgezogen
-und bade nun nach wie vor im Zimmer in einer der üblichen großen runden
-Blechwannen, die die Negerinnen auf dem Kopfe hereintragen.
-
-Der Abend endet nach anderer Richtung hin in recht harmloser Weise.
-Unsere Chakara steht nämlich sehr einsam, da sich auf der einen Seite
-ein großer Garten, auf der andern eine unbewohnte Chakara befindet;
-trotzdem ist sie von der Strandseite ganz unverschließbar. Da wird
-nun des Abends einfach eine Barrikade aus einem Tisch und zwei
-daraufgetürmten Stühlen vor der Glasthür aufgeführt, und damit Gott
-befohlen für die Nacht.... Wie ich Dich kenne, würde Dich diese Seite
-unserer Strandidylle ganz besonders anmuten!
-
-Der Unterricht geht fort wie gewöhnlich, nur daß zur Betrübnis der
-Familie und +meiner+ höchsten Wonne -- das Klavier fortfällt. Das
-betrachte ich als meine Badereise!
-
-Aber ich habe Dir noch garnicht erzählt, wie es in Saõ Paulo war. Wir
-sind zwei Tage dageblieben und logierten bei Maricotas Großeltern.
-Den ersten Tag war ich Nachmittags bei Schaumanns und den zweiten
-mit Fräulein Harras bei Fräulein Meyer, die leider, leider mit ihrer
-Familie von hier wieder abgereist war und in Saõ Paulo zurück. Am
-dritten Vormittag fuhren wir dann hier herunter, den imposanten Weg
-über die Serra mit der Seilbahn, und denke Dir, wer auch herunterfuhr
--- -- Mr. Hall! Er saß neben mir im Coupé und erzählte mir, daß er
-nach Santos ginge, weil eine Sendung Maschinen aus England avisiert
-sei, die er gern selbst aus dem Zoll nehmen wollte. Seitdem habe ich
-ihn noch nicht wiedergesehen, aber, Grete, ich glaube -- wir freuten
-uns +beide+ über die netten Maschinen, die grade jetzt ankommen
-mußten.
-
-Ach, Gretele, ich bin so froh! Und es ist doch eigentlich ganz hübsch
-in Brasilien.
-
-Nächstens mehr von
-
- Deiner +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Santos, den 22. September 1882.
-
- +Meine Herzensgrete!+
-
-Unsere Strandidylle nähert sich ihrem Ende, und es werden wohl kaum
-noch 8 Tage vergehen, da werden die 32 Stück Gepäck, mit denen wir
-hier eingezogen, wieder zusammengepackt und heim nach Saõ Sebastiaõ
-dirigiert werden. Ich bedaure das wirklich von Herzen, denn ich habe
-mich, trotz der mehr für Insektologen als für sonstige Sterbliche
-geeigneten Verhältnisse so sehr an diese Chacara gewöhnt, daß ich sie
-ordentlich lieb gewonnen habe; ob auch das +Unmusikalische+ unseres
-hiesigen Aufenthaltes dabei ein Wort mitspricht, darüber wollen wir
-ein wohlwollendes Auge zudrücken. Als Ersatz für die Klavierstunden
-habe ich übrigens den einzigen Sohn von Dona Lydia, der Schwester von
-Dona Maria Louisa mit zu unterrichten gehabt für diese Badezeit. Dona
-Lydia ist Wittwe und hat gewöhnlich keine eigene Erzieherin gehalten,
-sondern ihren Luiz-Guilherme (Ludwig-Wilhelm) immer mit bei einer ihrer
-vielen Schwestern in Saõ Paulo pädagogisch zu Gaste gegeben; sämtliche
-~professoras~ der Familie kannten ihn bereits und behaupteten, ihn
-nach Gebühr zu „schätzen.“ Ich war daher nur sehr wenig entzückt,
-als ich gefragt wurde, ob ich ihn mit zu Maricota in die Stunden
-nehmen wollte, denn ich fürchtete eine Wiederholung meiner Zeit des
-klassischen Altertums in Saõ Paulo. Aber siehe da, er entpuppte sich
-als ein ganz traitabler, sogar ziemlich liebenswürdiger und recht
-intelligenter Junge von 13 Jahren, der auf den Spaziergängen schon den
-Cavalier spielt, und dem ich bis jetzt weiter keine Verdrehtheiten
-angemerkt habe, als daß er steif und fest behauptet, er habe die Gicht
-in den Füßen. Ich bin die 14. unter den Lehrern und Lehrerinnen, die
-er in seinem, wie Du siehst, wechselreichen Schulleben bisher gehabt
-hat; und daß er neulich zu seiner Mutter gesagt, ich sei von allen 14
-der vernünftigste Mensch, darauf bin ich demgemäß nicht wenig stolz,
-denn Du mußt zugeben, daß ihm eine gewisse Urteilsfähigkeit in dieser
-Beziehung wohl nicht gut abzusprechen sein dürfte.
-
-Luiz-Guilherme ist mein hauptsächlichster Versorger in der
-Richtung +Muschel+. Ich sammle natürlich auch darin auf geradezu
-gemeingefährliche Weise, und ein kleines leeres Zimmer neben dem
-meinen, sowie mein eigenes Fensterbrett „duften“ fortwährend auf das
-Penetranteste nach Seetang und faulenden Muscheltieren. Es ist ein
-rechtes Kreuz für mich, aber ich mache hier die Erfahrung: wenn den
-Menschen einmal die Sammelwut packt, da ist ihm zuletzt nichts mehr
-heilig, nicht einmal die eigene Nase!
-
-Heute kommt Herr de Souza zurück von der Fazenda, wo er einmal nach dem
-Rechten gesehen hat. Während seines Fortseins war es hier natürlich
-nicht gerade anheimelnder, zumal da einige Tage oder vielmehr Nächte
-vor seiner Abreise ganz in unserer Nähe eingebrochen und gestohlen
-worden war. Am Morgen seiner Abreise trat er daher beim Frühstück mit
-einem großen Revolver auf mich zu und meinte, ich sei ja wohl noch
-die Tapferste von der zurückbleibenden ewig weiblichen Gesellschaft,
-und er lege daher die Verteidigung des Platzes in meine Hände. Ich
-muß gestehen, daß dies auch meine erste Bekanntschaft mit Revolvern
-oder sonstigen Mordinstrumenten war, allein ich übernahm kühn meine
-Rolle als wehrhafte Besatzung der Chakara und ließ mir nur zur
-größeren Sicherheit -- +meiner selbst+ -- das Ding von einem mir
-bekannten deutschen Herrn in unserer Nachbarschaft erklären. Seitdem
-droht es nun von meiner Wand herab und macht in der That neben meinen
-Kattunkleidern und Röcken einen höchst schreckhaften Eindruck, dessen
-erste Wirkung sich auf die Negerin warf, welche seitdem kaum zu
-bewegen ist, das Zimmer aufzuräumen. Eine weitere Vorsichtsmaßregel
-war, daß wir sämtliche Damen alle die Tage über ganz ohne Schmuck
-und in den schlechtesten Kleidern ostentativ auf der Praia, d. h. am
-Strande spazieren gehen mußten, um den Dieben zu demonstrieren, daß
-bei uns nichts zu holen sei, eine Maßregel, die gewiß nicht verfehlt
-hat, auf die Diebe den größten Eindruck zu machen! Endlich wurde der
-Barrikadenbau des Abends etwas raffinierter betrieben. Ein disponibles
-Rohrsopha wurde dem Tische hinzugefügt, und die Stühle wurden in der
-Anzahl auf 5 erhoben, sowie etwas „kippeliger“ aufgebaut; das Werk
-krönten ein paar leere Schubladen (+meine+ Erfindung!) und das Ganze
-machte stets, wenn es fertig gestellt war, einen erhebenden Eindruck
-auf uns alle. Mit heute werden wir denn wohl wieder zu Barrikade Nr.
-~I~ zurückkehren, und ich werde die Verteidigung des Platzes in Herrn
-de Souzas Hände zurücklegen.
-
-Ob er mir einen Brief von meiner Grete aus Saõ Sebastiaõ mitbringen
-wird? Adieu, mein Herzle, das Licht brennt, Dickens tritt in seine
-Rechte, und die Baratenstunde naht.
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882.
-
- +Meine gute Grete!+
-
-Da sitzen wir wieder in Saõ Sebastiaõ und warten auf die Hitze und
-die Zuckerrohrernte, auf das letztere mit großer, auf das andere mit
-mäßiger Sehnsucht.
-
-Unsere Abreise von der guten alten schmutzigen Chakara und der Abschied
-von dem Insekt wurde uns schwer trotz alledem und alledem, und außer
-Herrn de Souza und Dona Maria Louisa mußten wir alle darüber getröstet
-werden, die Kinder mit der kommenden „süßen“ Zeit, ich mit dem kleinen
-muntern Lazaõ, meinem Lieblingspferd, das ich immer geritten, und mit
-dem mir Herr de Souza lachend ein Wiedersehen schon an der Station
-versprach. Es ist wahr, das Reiten ist hier mein schönstes Vergnügen,
-ja, meine +einzigste+ Zerstreuung, und wenn mir die Einsamkeit
-einmal gar zu traurig wird, kann ich leicht wieder froh gemacht werden
-durch einen besonders schönen Ritt.
-
-Es ist wirklich bezaubernd und giebt einen fast berauschenden Begriff
-von dem Reichtum und dem Reiz der Tropenwelt, wenn wir so langsam
-und schweigend neben dem abendlichen Wald herreiten, manchmal
-Viertelstunden lang begleitet von dem wollüstigen Duft prachtvoller
-Orchideen, die in selbstgenügsamer Schöne hier an den uralten einsamen
-Stämmen tief im Walde blühen, oder wenn am Nachmittag im hellen
-Sonnenlicht handgroße blaue Schmetterlinge paarweise, die Köpfe unserer
-Pferde fast streifend, vorüberflattern.
-
-Aber wir +gehen+ auch viel spazieren, bei welchen Gelegenheiten
-ich meine „Naturalien“-Sammlung zu vervollständigen suche. Neulich fand
-ich eine ganze Anzahl riesengroßer leerer Häuser von Erdschnecken, und
-von Schlangen könnte ich schon eine ganze Collection haben, wenn ich
-alle aufheben wollte, die hier getötet werden. Vor einigen Tagen habe
-ich selber mit meinem Regenschirm ein kleineres Exemplar von diesen
-Unholden totgeschlagen, und das Kindermädchen bringt, wenn sie mit den
-Kleinen spazieren geht, öfters solche ekelhafte Reptilienleichen an,
-für die wir uns ein besonderes „Massengrab“ eingerichtet haben. Meine
-Käfersammlung aber habe ich in ihren Anfängen verkümmern lassen müssen;
-ich konnte das Morden nicht mehr aushalten, Grete. Wenn ich sie eben
-mit Chloroform getötet zu haben glaubte und sie dann vor das Fenster
-in die Sonne zum Trocknen legte, dann lebten sie nach einer Stunde oft
-wieder auf und krochen schwerfällig umher. Das war mir zu ekelhaft,
-meine Kaltblütigkeit scheint sich nur auf Baraten und Schlangen zu
-beschränken. Von ersteren haben wir hier, Gott sei Dank, so gut wie
-gar keine, wie denn überhaupt das Insect auf dieser hochgelegenen
-Pflanzung glücklicherweise nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.
-Worunter wir am meisten leiden, ist die auch hier herrschende große
-atmosphärische Feuchtigkeit, deren Regiment jetzt mit der heißen Zeit,
-wo es fast jeden Tag regnet oder gewittert, wieder beginnt. Da werde
-ich denn wohl von Zeit zu Zeit eine Trödelbude aus meinem Zimmer machen
-müssen, wenn mir nicht alles verstocken soll. Übrigens habe ich jetzt
-als vortreffliches Mittel gegen Stockflecke in Handschuhen gelernt,
-diese in einer Schachtel mit Hirschhornholz aufzubewahren, wobei man
-nur die Knöpfe zu umwickeln hat, da diese sonst anlaufen.
-
-Heute fördert’s schlecht mit meinem Briefe, Herzensgretel, denn
-vor meinem Fenster auf dem freien Platz werden schwarze Bohnen
-ausgedroschen. Sechs Neger stehen einander zu je dreien gegenüber und
-schlagen mit langen Bambusstöcken auf die Bohnen los; das eintönige,
-taktmäßige Geräusch geht nun schon seit heute Morgen um 7 Uhr vor
-sich und hat uns auch durch sämtliche Schulstunden begleitet. Das
-gelegentliche Singen unserer Drescher daheim wird hier ersetzt durch
-einen beliebigen aber rhythmischen, oft allerdings ganz blödsinnigen
-Satz, den der erste Drescher erfindet oder doch vorspricht, und den
-die anderen mitsprechen, und nach dessen Takt gearbeitet wird. „~Que
-bom chà, que bom~“ (Welch’ guter Thee, welch’ guter) ist Cäsarios
-geistreiche Erfindung, nach der hier die schwarzen Bohnensträucher
-geprügelt werden, und ich darf wohl mit Wahrheit behaupten, daß ich
-diesen imaginären Thee heute wohl einige tausend Mal habe loben hören.
-Übrigens trinke ich hier jetzt keinen chinesischen Thee mehr, weil
-er mir Schlaflosigkeit verursacht, sondern ich nehme des Abends auf
-Dona Maria Louisas Rat statt dessen Thee von Kopfsalat zu mir, der mir
-anfangs natürlich schauderhaft schmeckte, an den ich mich jetzt aber
-sehr gewöhnt habe, zumal er in der That eine leicht beruhigende Wirkung
-hat.
-
-Was gäbe ich um ein kleines Fläschchen Bier hier am Abend! Aber
-das ist auf den Pflanzungen nicht zu halten und kostet schon an den
-Hafenplätzen einen Milreis, also 2 Mark die Flasche! Mit Getränken
-ist man überhaupt schlecht daran in Brasilien! Mittags wird von den
-Brasilianern ein kleines Glas Portwein getrunken, wie wir es zum
-Frühstück nehmen, aber die Sorte ist gewöhnlich so schlecht, daß wir
-daheim sie verschmähen würden, und dann ist das doch auch kein Wein,
-der in größeren Mengen als Tischwein genossen werden kann. Unser Wasser
-hier in Saõ Sebastiaõ ist recht schlecht und oft ganz gelb und lehmig,
-und den roten Lissabon-Wein, den mir Herr de Souza aus Saõ Paulo hat
-kommen lassen, trinke ich nur aus Courtoisie. Der Brasilianer ist kein
-Weinkenner und trinkt überhaupt wenig außer Wasser und Kaffee, von
-welchen beiden Flüssigkeiten er allerdings tagsüber erstaunliche Mengen
-zu sich nimmt.
-
-Widme mir das erste Glas Bowle, Gretele, das Du nach Empfang dieses
-Stoßseufzers zu Dir nimmst, und verurteile nie mehr einen Studenten,
-wenn er singt: „Ein Bursch wie ich, säuft ganze Fässer aus -- Fässer
-aus“ -- vielleicht will er nach Brasilien gehen und trinkt Vorrat,
-+woran er recht thut+!
-
-Mit welchem höchst forschen und schneidigen Ausspruch ich für heute
-schließe.
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882.
-
- +Meine süße Grete!+
-
-Heute muß ich Dir eine vollständige kleine Geschichte erzählen, und
-hoffentlich wirst Du sie nicht allzu unsympatisch finden, weil sie von
-einem -- Aussätzigen handelt. Die ganze Sache hat mich so beschäftigt
-und erinnerte mich zugleich unwillkürlich an die rührende Erzählung
-Xavier de Maistre’s: „~Le lépreux d’Aoste~“, daß ich nicht umhin
-kann, sie meiner Grete mitzuteilen.
-
-Es ist schon eine Zeitlang her und war vor unsrer Reise nach Santos,
-da ging ich eines Abends mit den Kindern langsam dem berittenen Neger
-entgegen, der die Briefe für die Pflanzung von der Station holte. „Da
-kommt er“, rief ich freudig aus, als sich vor uns in der Dämmerung
-etwas bewegte.
-
-„Ach, das ist ja gar kein Reiter“, lachte die kleine Albertina, „das
-ist Ignacio.“
-
-„Wer ist Ignacio?“
-
-„Nun -- Ignacio, wissen Sie.“
-
-„Ist er ein Neger der Pflanzung?“
-
-„O ja, aber er arbeitet nicht, er ist krank.“
-
-„Was fehlt ihm denn?“
-
-„Weiß nicht, er hat ein Loch unterm Fuß und an der Hand auch eins, und
-das will gar nicht heilen.“
-
-Du weißt ja, Greteherz, daß ich einen fast krankhaften Ekel gegen alle
-Hautleiden habe, und so bog ich etwas seitwärts ab, als wir dem Neger
-nahe kamen.
-
-Eine große und durchaus nicht unkräftige Gestalt stand, als wir
-vorbeigingen, mit dem Hute in der Hand still, grinste und murmelte
-„~Soss kiss~“, um dann aber auf der Kinder freundliches „Guten
-Abend, Ignacio, wie geht’s, Ignacio?“ uns ein wiederholtes „danke,
-danke, Senhora; guten Abend, meine kleine Herrin, gelobt sei Jesus
-Christus“ nachzurufen.
-
-Die entsetzlich zerlumpte und schmutzige Kleidung des Schwarzen,
-das verwilderte Wollhaar und der große, struppige, für einen Neger
-ungewöhnlich starke Bart gaben dem auf seinen Stock Gestützten und
-sich mühsam weiter Schleppenden ein so abstoßendes Aussehen, daß der
-Widerwille in mir das Mitleid bei weitem überwog, und die Kinder nicht
-so ganz unrecht hatten, als sie nachher lachend zu Hause verkündeten,
-Mademoiselle habe sich vor Ignacio „gefürchtet.“
-
-„Was fehlt ihm?“ fragte ich wieder statt aller Verteidigung.
-
-„~Quem sabe!~“ machte Dona Mara Louisa, „er hat überall am Körper
-Löcher und wunde Stellen, gegen welche auch die bewährtesten Blätter
-und Kräuter nicht helfen, so daß wir jetzt fast glauben, er ist
-lazaruskrank.“
-
-Das wurde so ruhig hingesagt, als wenn man erzähle, es habe jemand
-einen Schnupfen. Grete, es überlief mich kalt. Ein Gefühl unsäglichen
-Jammers für den Unglücklichen, den die Schickung nicht tief genug
-demütigen zu können schien, überkam mich. Neger -- Sklave -- aussätzig!
-Es war fast eine Erleichterung zu denken, daß ihn nun nichts
-Schlimmeres mehr treffen könne. Was seine eignen Gedanken wohl darüber
-waren? Ob er um Hülfe rufen würde, wenn er in’s Wasser fiele? Ob er uns
-haßte, die wir gesund waren? Ich grübelte den ganzen Tag über diesen
-unglücklichen, vom Geschick gezeichneten Paria, und sein Bild ängstigte
-mich im Traum.
-
-Einige Tage später erzählte man mir, Ignacio sei aus der nächsten
-Umgebung des Hofes verbannt und der Verkehr mit ihm den Negern
-untersagt, damit er niemanden mit seiner traurigen Krankheit anstecke.
-
-Wie erbärmlich selbstisch ist doch der Mensch! Mein erstes unbewachtes
-und wie instinktives Gefühl war das der Erleichterung, daß ich die
-verwilderte, hinkende Gestalt des zerlumpten Aussätzigen nicht
-wiedersehen sollte, dann erst dachte ich an +sein+ Elend und --
-suchte schließlich auch das zu vergessen.
-
-Bald darauf machte ich eines Morgens meinen gewohnten Frühspaziergang.
-Dabei schmetterte ich im Frohgefühl meiner Gesundheit und Kraft ein
-vergnügtes deutsches Lied in die brasilianische Landschaft hinein....
-
-Plötzlich aber brach der Ton in meiner Kehle ab -- da kam ja der
-Aussätzige auf mich zugehinkt!
-
-Dem ersten blitzartigen Impuls gehorchend, kehrte ich jäh um und maß
-bereits mit eiligen Schritten meinen Weg zurück, als ich zur Besinnung
-kam.
-
-„Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ -- ich wagte es garnicht,
-Grete, diesen unseren Lieblingsspruch auszudenken, als er mir einfiel.
-Pfui ob meiner verletzenden Hast!... Dann war eine Stimme da, die
-mich entschuldigen wollte: die Erscheinung war so plötzlich gewesen,
-ich hatte auch gar nicht an den verkommenen Neger gedacht. -- -- Aber
-wiederum nein, nein, es half nichts, ich schämte mich, o wie sehr!
-
-Am folgenden Morgen ging ich zur gleichen Stunde denselben Weg. Das
-war meine Buße. An der nemlichen Stelle, wie am Tage vorher, traf
-ich den Aussätzigen. Sein unbedecktes Haar stand im Morgenwind, die
-Kleider umhingen zerlumpt den großen Körper, die dick umwickelten Füße
-erinnerten an seine Krankheit. Ein Schauer überlief mich, doch zwang
-ich mich, weiterzugehen. Da, als er ungefähr zehn Schritte von mir
-entfernt war, bog der Schwarze seitwärts in das wegelose Gestrüpp ein
-und schritt so, sich in ziemlicher Entfernung haltend, mit dem Gruße:
-„Gelobt sei Jesus Christus“ an mir vorüber. Mir brannte das Gesicht vor
-Scham in Gedanken an meine gestrige Flucht -- wie unsäglich klein war
-das gewesen! Ob er das wohl auch gedacht hatte? Ich wünschte, er wäre
-mir nicht so sorgfältig ausgewichen.
-
-Auf meinem Rückwege sah ich ihn nicht, aber der Lazaruskranke begann,
-fortan in meinem Gemütsleben eine Rolle zu spielen. Ich quälte mich
-mit dem Gedanken an ihn herum, fand mich jetzt klein und erbärmlich in
-meiner Scheu, dann wieder läppisch und überspannt in meinem Kampf gegen
-einen Ekel, den jedermann offen zur Schau trug, und dessen Berechtigung
-sein unglücklicher Gegenstand offenbar selbst anerkannte. Warum sollte
-ich allein mich überwinden, einem Menschen zu begegnen, den jedes
-glückliche Geschöpf floh!
-
-Ohne Ergebnis jedoch in diesem Gedankenstreit fand mich der folgende
-Morgen zunächst wieder auf dem alten Wege. Wie an den beiden anderen
-Tagen traf ich den Aussätzigen. Wieder bog er tief in das Gestrüpp
-ein, als wir an einander vorüberschritten, aber es fiel mir auf, daß
-er reinere Kleider trug und einen Hut auf dem Kopfe, den er lebhaft
-abzog, als er mir zweimal eifrig sein „~Soss kiss~“ zurief. Der
-Gedanke kam mir, als könne der arme Ausgestoßene diesem Austausch eines
-Morgengrußes mit einem der glücklicheren Wesen, aus deren Nähe ihn sein
-Elend bannte, mit einer gewissen Freude entgegen gesehen haben, und
-der Streit in mir war beendet. Ich beschloß, er solle dieses kleinen
-Trostes nun nie mehr entbehren.
-
-Da mich der folgende Morgen ein wenig früher als gewöhnlich
-hinausführte, so traf ich erst auf Ignacio, als derselbe eben aus
-einer kleinen Hütte von Bambus und Lehm trat, die zwischen Farren und
-Gesträuch lag. Als er mich sah, blieb er zurück.
-
-„Ist das Deine Hütte, Ignacio?“ rief ich ihm zu.
-
-„Ja, Senhora, meine“, rief er mit strahlendem Gesicht zurück.
-
-„Wohin gehst Du jeden Morgen?“
-
-„Wasser holen zum Kaffee, Senhora.“
-
-Seit wieviel Tagen, vielleicht Wochen mochten dies seine ersten Worte
-wieder sein!
-
-Jeden Morgen brachte ich nun dem Unglücklichen seinen Gruß aus der
-Welt der Menschen, und es war mir jedesmal eine Befriedigung, in der
-Entfernung sein Gesicht freudig aufleuchten zu sehen hinter dem hohen
-Ginster hervor, durch den er sich allmählich einen vollständigen Weg
-gemacht hatte. Dennoch blieben meine Morgenspaziergänge, die früher der
-schönste Teil des Tages gewesen, noch lange eine Überwindung -- vor
-allen Dingen sang und jubelte ich nicht mehr unterwegs.
-
-Dann kam unser Aufenthalt in Santos, und der Gedanke an den Aussätzigen
-wurde in den Hintergrund gedrängt. Kurz nach unserer Rückkehr sollte
-ich wieder an ihn erinnert werden. Eines Tages sah ich nämlich, wie
-Dona Maria Louisa verschiedene große Papierdüten mit Kaffee, Reis,
-Zucker und schwarzen Bohnen füllte.
-
-„Für wen ist das?“ fragte ich.
-
-„Die Lazaruskranken sind da“, war die Antwort.
-
-„Ignacio?“
-
-„Nein, die Aussätzigen von Santa Barbara, eine ganze Anzahl dieser
-Kranken, die dort in der Nähe eine Art von Kolonie bilden und ihren
-Unterhalt erbetteln, um nicht durch das Geld[8] und den Eintritt in
-die Venden[9] ihr schreckliches Leiden zu übertragen. Die mittellosen
-Kranken sind auf diese Weise besser daran als in einsamer Verbannung,
-und wer daher z. B. einen lazaruskranken Sklaven hat, schickt ihn
-gewöhnlich dorthin. Sie leiden keine Not, denn jeder giebt ihnen
-reichlich.“
-
-„Warum lassen Sie Ignacio sich ihnen nicht anschließen?“
-
-„Er will nicht, weil er seine Tochter hier hat; wir haben es ihm oft
-vorgeschlagen.“
-
-Trauriger und rührender Gedanke, diese Familie von Parias, die,
-durch einen gemeinsamen Fluch von der übrigen Welt geschieden, sich
-zu gegenseitiger Samariterschaft verbrüderte -- die Freimaurer des
-Elends....
-
-Ich blickte der weiterziehenden Schar der Kranken nach, und ihr
-dankbares „Gelobt sei Jesus Christus“ schnitt mir ins Herz.
-
-Am folgenden Tage traf ich Ignacio nicht, so daß ich annahm, er sei ein
-Stück Weges mit seinen Leidensgenossen einhergezogen; als man ihn aber
-dann auch am anderen Tage bei der Rationenverteilung auf seinem Posten
-hinter der Barriere vermißte, wurde ein alter Neger hingeschickt, um
-nach ihm zu sehen. Der Auftrag war wohl ein unliebsamer, der Bericht
-jedenfalls ein liebloser: Ignacio behaupte, krank zu sein, hieß es,
-doch könne er nicht sagen, wo es ihm fehle, und demnach würde wohl das
-ganze Übel nichts weiter als Trägheit sein, er wolle bedient werden und
-scheue gar die kleine Mühe des Kochens. Ich war erstaunt und verletzt
-zu sehen, ein wie bereitwilliges Echo diese lieblose Äußerung fand, und
-sann nach, was zu thun sei, wenn dies fortdauere.
-
-Am nächsten Morgen traf ich jedoch den Aussätzigen, der aber schmutzig
-und nachlässig aussah, und dessen unglücklicher Gesichtsausdruck und
-matter Gruß mir das größte Mitleid abnötigten.
-
-Derselbe Tag brachte einen Regen, der mich durch seine Heftigkeit
-und Dauer mehrere Tage am Ausgehen hinderte. Ich dachte während der
-Zeit öfter an Ignacio, und ob er genügenden Mundvorrat und trocknes
-Brennholz in seiner Hütte haben werde; bei der Rationenverteilung
-fehlte er wiederum, und so oft ich täglich nach der Richtung seiner
-Hütte blickte, nie sah ich dort ein Rauchwölkchen aufsteigen. Grete,
-da kämpfte ich mit einem schweren Entschluß: sollte ich eintreten in
-die Hütte des Aussätzigen?! Ein Grauen schüttelte meinen ganzen Körper
-bei dem bloßen Gedanken daran. Aber: „Edel sei der Mensch, hülfreich
-und gut“ mahnte es wieder in mir. Was hatte ich denn bisher gethan für
-den Unglücklichen, was war mein Samaritertum gewesen? Ich errötete bei
-dem Gedanken, wie viel Überwindung mir das Wenige gekostet hatte, und
-mehr noch, da ich mir sagen mußte, daß meine Scheu vor dem Kranken weit
-weniger auf der Furcht vor Ansteckung beruhe, die bei mir immer sehr
-gering ist, vielmehr fast einzig in einem rückhaltlos groß gezogenen
-Ekel zu suchen sei. Um so mehr glaubte ich, mich überwinden zu müssen,
-und wiederholte mir, daß ich nichts gethan habe, wenn ich nicht dies
-eine thäte. Der Kampf war hart, und das erbitterte Ringen gegen mich
-selbst machte mich fast fieberisch. Einen Augenblick wies ich die Idee,
-bei dem Aussätzigen einzutreten, als eine wahnsinnige von mir und
-verspottete mich selbst ob meiner eingebildeten Samariterpflichten da,
-wo der Priester und der Levit vorübergingen; mochten doch seine Herren
-für den Leibeigenen sorgen, was ging er mich an! Dann wieder graute mir
-vor meiner eigenen Lieblosigkeit, und ich hatte ein Gefühl, als hätte
-mir die Vorsehung diesen Unglücklichen so recht besonders in den Weg
-geführt, als ginge er mich sehr viel an, mich vor allen andern, und als
-würde ich mehr als irgend jemand freveln, wenn ich ihn am Wege liegen
-ließe....
-
-Ich faßte endlich den Entschluß, in die Hütte des Aussätzigen
-einzutreten, aber Grete -- ich will es Dir gestehen -- ich hatte
-am Abend vorher eine wilde, fieberhafte Hoffnung, in der Nacht zu
-sterben...!
-
-Früh am nächsten Morgen pochte es an die Hausthür. Einer der
-Holzfäller, die von der nächsten Kolonie hierher kommen, meldete, er
-habe aus der Hütte des Ignacio im Vorbeigehen ein vernehmliches Stöhnen
-hervordringen hören, habe sich jedoch gegraut, hineinzugehen, der arme
-Teufel sei gewiß recht krank. Ein Neger wurde hingeschickt, um nach
-dem Unglücklichen zu sehen und ihn mit Stärkungsmitteln zu versorgen.
-Ich begann meine Stunden, konnte aber meine Aufregung kaum bemeistern!
-Grade als wir Pause hatten, kam der Bote zurück. Er hatte einen
-+Toten+ gefunden.
-
-Gretele, da drang mir ein Erlösungsschrei aus der immer doch
-menschlichen Brust hervor, und „~homo sum~“ mußte ich mit
-Beschämung erkennen. Als aber dann ein heftiges Weinen mir die
-angespannten Nerven gelöst hatte, konnte ich ohne selbstischen
-Nebengedanken dem unglücklichen Paria die ewige Ruhe gönnen, und ich
-konnte nicht anders als mir vorstellen, wie das Wort, das fast das
-einzige war, das ich aus seinem Munde gehört, gewiß auch sein letztes
-gewesen sei: „Gelobt sei Jesus Christus.“
-
-Ein alter, fast unbrauchbarer Ochsenwagen wurde bespannt, und, in
-eine Hängematte gelegt, fuhren zwei Neger den Toten zu seiner letzten
-Ruhestatt. Es war schon stark dämmerig gewesen, als sie im Dorfe
-anlangten und vor der Wohnung des Kaplans hielten, um diesen um
-Beerdigung der Leiche in einem der immer bereiten Gräber zu ersuchen.
-Aber so spät eine Beerdigung, und nun gar eines Schwarzen -- eines
-Sklaven -- eines Aussätzigen -- unverschämtes Ansinnen! Rauh war ihnen
-bedeutet worden, bis zum anderen Morgen zu warten. „Es geht nicht,
-wir müssen heim, Herr, wo sollen wir auch die Nacht über bleiben?“
-hatten die Neger remonstriert. „Erlaubt denn, daß wir die Leiche in
-den Kirchhof stellen und selber umkehren.“ Auch dies war ihnen barsch
-verweigert worden, so daß die aufgebrachten Leute endlich gedroht
-hatten, die Leiche des Aussätzigen dem christlichen Geistlichen auf die
-Schwelle zu legen. Da befahl ihnen der Priester, die Aussätzigen der
-Kolonie herbeizuholen und von diesen die Leiche während der Nacht vor
-dem Kirchhofsthor hüten zu lassen. Die stille Krankenbrüderschaft ist
-dann gekommen, und es haben dem früheren Genossen ihres Elends, den die
-Menschen selbst über den Tod hinaus aus ihrer Gemeinschaft stießen,
-diese Paria der Menschheit die nächtliche Totenwacht gehalten.
-
-Ich erinnere mich, daß in jener Nacht hellglänzend das Sternbild des
-Kreuzes am Himmel stand. Aber jetzt muß ich oft denken bei dem heiligen
-Zeichen: Warum bescheint es +die Erde+! Ich will heute nichts mehr
-hinzufügen mein Gretele, aber ich schicke dieses erst mit dem nächsten
-Briefe zusammen ab.
-
-
- [8] In Brasilien zirkuliert fast nur Papiergeld.
-
- [9] Krämereien.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882.
-
-Heute ging es mir und den Kindern wie dem Reiter über’n Bodensee; wir
-haben einen tüchtigen nachträglichen Schreck davongetragen. Bei unserem
-Spaziergange, den wir, durch das prächtige Wetter verlockt, ziemlich
-weit ausdehnten, kamen wir auch an einer großen Zuckerrohrplantage
-vorbei, wo wir an einer Stelle das kaum reife Rohr in einem großen
-viereckigen Stück herausgeschnitten fanden. Wir wunderten uns alle über
-diese merkwürdige stückweise Ernte und erzählten davon zu Hause. „O,
-das sind Maraõs, Senhor“, sagte Cäsario, der dabei stand, „ich habe
-in dieser Zeit auch manchmal geglaubt, spät Abends da drüben im Walde
-Rauch aufsteigen zu sehen, aber es war zu dunkel und neblig, um es
-genau zu unterscheiden.“
-
-Du magst Dir meinen Schreck vorstellen, als mir auf meine Frage „was
-sind Maraõs?“ geantwortet wurde:
-
-„O, vor denen müssen Sie sich sehr in Acht nehmen und dürfen jetzt
-nie mehr allein so weit gehen. Maraõs nennen wir entlaufene und
-verwilderte Sklaven, die sich in die Wälder geflüchtet haben und dort
-wie die Wilden leben, die Nachbarschaft plündernd, wo sie können. Sie
-stehlen ihren Unterhalt meist auf den Pflanzungen zusammen, seltener
-bauen sie selbst im Walde etwas Bohnen und Mais; sie sind gefürchteter
-als die Indianer. In letzter Zeit gesellen sich auch manchmal
-+freigelassene+ Neger zu ihnen, die zu faul sind, um zu arbeiten.
-Diese Banden sind eine schlimme Wunde für Brasilien und würden dies
-noch mehr sein, wenn sie nicht durch das wilde Leben häufig zu Grunde
-gingen oder überhaupt sich mehr fortpflanzen könnten; Frauen gehen sehr
-selten mit, und so hoffen wir, wird dies mit einer Generation abgethan
-sein.“
-
-Von jetzt ab werde ich wohl kaum den Mut haben, mehr zu thun, als feige
-ein wenig um’s Haus zu schleichen, denn diese Maraõs haben mir die
-Freude an unseren weiteren Spaziergängen auf’s Gründlichste verdorben.
-
-Was überhaupt diese schwarze Race für ein Druck auf Brasilien ist,
-und daß die Sklaverei schließlich ein weit größerer Fluch für die
-Sklaven+halter+ als für die Neger ist, das zeigt sich jetzt so
-recht, wo sie aufgegeben werden soll. Was, um Gotteswillen, soll aus
-den Millionen von freien Schwarzen hier werden! Bei uns in Deutschland,
-wo man die inneren Verhältnisse Brasiliens so gut wie garnicht
-kennt, wird man vielfach denken (und ich hätte das wahrscheinlich
-dort auch behauptet), sie würden gewiß meistens auf den Pflanzungen
-ihrer bisherigen Herren bleiben und dort als freie und bezahlte Leute
-weiter arbeiten, schon die Not würde sie lehren, tüchtige Menschen
-und nützliche Staatsbürger zu werden! Hier sehe ich aber, daß
-nichts dergleichen der Fall sein wird. Selbst ein Vergleich mit den
-Verhältnissen in der nordamerikanischen Union ist unangebracht. Erstens
-haben sie hier nicht das Beispiel der Tüchtigkeit vor sich wie dort.
-Der Nordamerikaner achtet die Arbeit und den Arbeitenden; er schafft
-selber und legt ungeniert mit Hand an; er verachtete in dem Schwarzen
-nur die untergeordnete Race. Der Brasilianer, weniger peinlich, aber
-anderseits hochmütiger und doch wieder ungebildeter, verachtet gradezu
-die Arbeit und den Arbeitenden. Er selbst arbeitet nicht, wenn er es
-irgend vermeiden kann, er sieht das Nichtsthun als ein Attribut des
-Freien an, und woher will man denn erwarten, daß der in tierischer
-Unwissenheit erzogene Sklave sich über solche Ansichten hinwegsetze,
-sich eine selbständige philosophische Ansicht gebildet habe oder bilden
-werde?! Er wird’s ruhig der weißen Race nachmachen und so wenig wie
-möglich arbeiten, und +wie+ wenig dieses „Mögliche“ ist, kann
-man nur hier an Ort und Stelle angesichts der Freundlichkeit der
-Tropennatur und der schier unglaublichen Anspruchslosigkeit jener Leute
-ermessen. Ich habe, seitdem ich hier bin, natürlich unendlich viel mehr
-als früher Interesse für diese Dinge genommen, lese auch viel darüber,
-und da sehe ich denn, daß manch ein geistreicher Tropenkenner zu den
-gleichen Ansichten gekommen ist, wie sie sich mir hier aufdrängen.
-
-Absolut das Gleiche, was ich eben behauptete, sagt Smarda, in seinem
-Ausspruche: „In den Tropen arbeitet niemand zum Vergnügen -- warum
-sollte es der bedürfnißlose Neger thun?“
-
-Lewes schreibt: „Hunger ist das wahre Lebensfeuer, von dem alle
-Anregung zur Arbeit und Thätigkeit ausgeht, und wir mögen hinblicken,
-wohin wir wollen, wir finden in ihm die bewegende Kraft, welche die
-unermeßliche Kette menschlichen Treibens und Schaffens in Thätigkeit
-und Bewegung setzt. Laßt Nahrung im Überfluß vorhanden sein und leicht
-zu erringen -- und die Zivilisation wird unmöglich werden.“ Das paßt
-hierher; die Notdurft ist vorhanden oder doch leicht zu beschaffen, und
-Ehrgeiz oder Erwerbssinn (portugiesisch heißt beides mit dem gleichen
-Wort ~ambiçaõ~), die ihn zu persönlichen Anstrengungen geneigt
-machen könnten, liegen dem Sklaven und selbst dem Freigelassenen
-mit seltenen Ausnahmen fern; warum sollten sie sich also plötzlich
-in seinen vollkommen müßig aufgewachsenen Kindern finden? Und der
-geistreiche Fernando Schmidt (Dranmor), der 40jährige Beobachter
-brasilianischer Verhältnisse, sagt in einem seiner Leitartikel: „Keiner
-menschlichen Kreatur ist Feldarbeit verhaßter, als dem freien Neger.
-Nicht wie in den Südstaaten der amerikanischen Union heißt es bei
-uns, „wenn Dir die Sonne auf den Scheitel brennt, erringe im Schweiße
-deines Angesichts das, womit Du Deines Körpers Blöße bedecken kannst,
-wenn eisiger Frost sich über den Erdboden lagert“ -- in dem gesegneten
-Brasilien, in jenen Distrikten wenigstens, wo zur Zeit noch leider nur
-Zwangsarbeit die großen tropischen Handelsartikel erzeugt, ist uns
-die afrikanische Race darin überlegen, daß sie Jahr aus, Jahr ein dem
-ihren Aspirationen angemessenen Schlaraffenleben zu fröhnen versteht,
-und sobald sie der Zucht entrinnt, sich für die tägliche, leicht
-zu beschaffende Atzung keine großen Sorgen zu machen braucht. Eine
-geistige Regeneration kommt nicht in Betracht.“
-
-Es geht eben hier in Brasilien, wie es nach einer Notiz in einer
-älteren Nummer des „~Economiste français~“, die mir neulich
-in die Hände fiel, in Jamaica seiner Zeit gegangen ist. Das Blatt
-sagt: „Neben der Aufhebung der Differentialzölle hat besonders die
-Sklaven-Emancipation die Prosperität der früher blühenden englischen
-Besitzung Jamaica vernichtet. Die Neger ergaben sich der Faullenzerei,
-und noch heute verdienen sie ihren Unterhalt nicht in den Pflanzungen;
-die Insel bedarf hunderttausend Kulies.“
-
-Ich habe nach meinen Beobachtungen den Eindruck, daß auch Brasilien
-zunächst furchtbar leiden wird durch die Aufhebung der Sklaverei, zumal
-da man sich immer noch nicht entschließt, europäischen und besonders
-den nützlicheren germanischen Einwanderern günstigere Bedingungen
-zu stellen. Es wird nach zwei Seiten hin leiden, einmal durch den
-Wegfall der Arbeitskräfte auf dem Lande und dann durch die plötzliche
-Überschwemmung seiner Städte mit faulen und im besten Falle unnützen
-Bevölkerungs-Elementen.
-
-Man sieht ja jetzt schon so ziemlich, was Brasilien wenigstens von den
-ersten beiden Generationen seiner freien schwarzen Mitbürger erwarten
-und hoffen darf. Von den Männern bleibt nur ein verschwindend kleiner
-Teil auf dem Lande als freie Feldarbeiter; nur ein geringer Prozentsatz
-von Allen wurde bisher, wenn auch nicht zu besonders fördernden, so
-doch auch nicht zu störenden oder schädlichen Mitgliedern der freien
-Gesellschaft. An ein Plus von Arbeit und Schaffen der schwarzen
-Bevölkerung aber, über die eigenen bescheidensten Bedürfnisse hinaus,
-ein Plus, das also indirekt dem Lande zugute käme, sei es was
-Bodenkultur, sei es was Industrie anbetrifft, ist wohl noch in vielen
-Jahrzehnten nicht, wenn überhaupt zu denken.
-
-Von den alten, verbrauchten Freigelassenen schrieb ich Dir schon,
-daß sie oft dem größten Elend ausgesetzt sind; von einer alten
-Negerin las ich einmal, daß sie in der Nacht nach ihrer Freilassung
-aus Mangel an Obdach in einem hochgelegenen Bergstädtchen erfroren
-sei, und mit was für einer Unzahl von Bettlern beiderlei Geschlechts
-die Sklaven-Emancipation die Städte beglückt hat, ist gradezu
-überwältigend. Ich weiß nicht, ob es Selbstironie sein sollte, was in
-Saõ Paulo die Polizei bewog, die dortigen -- mit Nummern zu versehen!!
-Die jüngeren Frauen, besonders die Mulattinnen, sind zum großen Teil
-moralisch verkommen und rühren gewiß keine Arbeit an, wenn sie anders
-existieren können. Die älteren Weiber schmarotzern sich so durch, essen
-heute bei der früheren Herrschaft, morgen bei deren Eltern, einmal in
-der Küche befreundeter Sklavinnen, ein ander Mal wird das Mittagbrot
-aus einigen Bananen und etwas Brot billig zusammengesetzt. Wer die
-Schlafstelle einer Negerin kennt, weiß, daß sie überall aufzuschlagen
-ist: eine Matte und ein Tuch über dem Kopf ist leicht irgendwo gewährt.
-Das wenige Geld, dessen sie doch etwa noch benötigen, verdienen sie
-meistens durch Waschen oder Nähen, öfter noch durch Früchte- oder
-Konfekt-Verkauf in den Straßen; doch darf bei ihrer Arbeit nicht im
-entferntesten an eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit gedacht
-werden. Selbst wenn sie in einen Dienst treten, so ist ein ewiges
-Wechseln desselben die Hauptsache dabei.
-
-Und zu alledem giebt es jetzt (1882) etwa noch eine Million Sklaven
-in Brasilien. Wie werden die Zustände nun erst werden, wenn die alle
-auch noch frei sind! Und dieser Zeitpunkt wird nicht mehr allzu
-fern sein, denn die Emanzipation schreitet täglich vorwärts. Der
-staatliche Fonds reicht ja allerdings nicht entfernt aus, aber die
-provinziellen Verbände helfen, und unzählige Sklaven werden frei durch
-Privat-Initiative.
-
-Ein Verwandter von Herrn de Souza, der sehr reich ist, hat alle seine
-Sklaven, deren gegen 300 waren, freigegeben und sie mit enormen Kosten
-durch „Kolonisten“ aus der Schweiz und Tyrol ersetzt; und dies Beispiel
-ist nicht das einzige seiner Art. Auch manch deutschen Namen sieht man
-unter der Zahl solch edelmütiger Herren. Bei besonders erfreulichen
-Familienereignissen oder sonstigen Anlässen ist es jetzt allgemein
-Brauch, seiner Freude durch Befreiung eines oder mehrerer Sklaven
-Ausdruck zu geben; bei der Geburt eines Kindes, bei der glücklichen
-Rückkehr eines in Europa erzogenen Sohnes, bei einer besonders günstig
-ausgefallenen Ernte oder Spekulationen erhält mancher Sklave seine
-„Carta“. Wenn Maricotas Bruder Bento aus Cassel zurückkommt, erhält das
-hiesige Factotum, Cäsario, die seine, wurde mir neulich anvertraut.
-
-Eine Menge Sklaven werden frei durch testamentarische Verfügung, doch
-wird von den Besitzern ein derartiges Testament streng geheim gehalten,
-da sie sonst fürchten, vergiftet zu werden.
-
-Alleinstehende Leute machen sogar manchmal ihre Sklaven zu, natürlich
-freien, Erben ihrer Pflanzung, doch scheint mir diese Art von Humanität
-recht wenig angebracht, da die Schwarzen in solchem Falle gewöhnlich
-schon nach kurzer Zeit Besitzer einer Wildnis sind und dieselbe
-sämtlich verlassen, um in den Städten ein mäßiges Vagabundenleben zu
-führen, das ihren Neigungen weit mehr entspricht, als ein geordnetes,
-arbeitsvolles Dasein. Daher wußte eine kürzlich verstorbene Dame aus
-Minas geraes auch wohl, was sie that, wenn sie bestimmt hatte, daß
-eine ihrer Pflanzungen nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ihren
-32 freizulassenden Negern zur Nutznießung überlassen werden und dann an
-zwei milde Stiftungen fallen solle.
-
-Von dem eklatantesten Fall aber, wie gefährlich unbedachte Humanität
-wirken kann, erzählte mir neulich Dona Maria Louisa. Eine alte
-Schwarze, die ihr früher einmal gehört hatte, war vor einiger Zeit zu
-ihr gekommen, um ihre Not zu klagen. Sie war bei ihrer neuen Herrin
-nach deren Tode auch Miterbin der Pflanzung geworden und erzählte
-nun, daß auf derselben ein schrecklicher Zustand herrsche. Einige der
-früheren Sklaven und jetzigen Besitzer arbeiteten und ernteten, die
-Faulen verlangten dann, von deren Mühen mitzuleben, was ihnen jene
-natürlich weigerten. Darüber käme es dann oft zu blutigen Raufereien,
-bei denen schon fast die Hälfte der Neger um’s Leben gekommen sei.
-„Nein“, hat sie ganz überzeugt geschlossen, „damit hat unser Senhor
-keinen Segen gestiftet, daß er uns die Fazenda hinterlassen hat,
-dafür kommt er in die Hölle!“ Das scheint mir nun allerdings für
-den seligen Sklavenbaron und sein gewiß gutgemeintes Testament ein
-etwas gar zu hartes Prognostikon, aber es liegt thatsächlich eine
-enorme Ungeschicklichkeit darin, ohne Übergang den Sklaven zum Herrn
-zu machen, so durchaus abhängig erzogene Wesen plötzlich mündig zu
-erklären. Aber das Ganze „mutet an“, nicht wahr? Die Zustände sind so
-recht behaglich und vertrauenerweckend? Ich kann Dir nur sagen, Grete,
-daß ich auf einer großen Sklavenpflanzung jetzt nicht sein möchte.
-
-Aber nun wirst Du wohl genug haben von Negern und Sklaverei, und da
-kommt auch Albertina, mich zu holen, damit ich das längste Zuckerrohr
-ansähe, das ich je gesehen hätte!
-
-Adieu, mein Herzensgretel, schreibt mir nur ja rechtzeitig zu
-Weihnachten; nächste Woche müßten Eure Briefe dazu schon abgehen; ob
-Ihr wohl daran denkt?
-
- Deine alte +Ulla+.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882.
-
- +Meine liebe Grete!+
-
-„Das längste Zuckerrohr, das ich je gesehen“, steht in der Veranda
-in einer Ecke; das feierliche Herbeibringen des längsten Rohres ist
-hier, was bei uns der Erntekranz. Die Zuckerernte ist in vollem Gange
-und -- alles klebt. Es ist scheußlich. Die Kinder kauen von Morgen
-bis zum Abend „~canna~“, das sie manchmal hübsch abschälen und
-in Stückchen schneiden lassen, gewöhnlich aber einfach aussaugen, so
-gut es die Rohrschale erlaubt, und die Reste um sich herum spucken.
-Die kleinen Neger konntest Du die letzten Tage absolut nicht anders
-erblicken, als mit Zuckerstöcken in den Mündern, über deren mögliche
-Bewältigung einen nur die Verhältnismäßigkeit ihrer Kauwerkzeuge
-beruhigte. Jetzt ist die rohe ~canna~-Periode vorbei, und wir
-sind in das Zeichen des Syrups eingetreten, ein recht zweifelhafter
-Fortschritt.
-
-Gestern wurde die Maschine aufgestellt, die das Rohr zermalmt und
-auspreßt, und heute Morgen vor dem ersten Frühstück brachten die
-Kinder mir triumphierend einen großen Becher Zuckersaft, wie er
-unmittelbar den ausgepreßten Stangen entquillt. Er ist dann grünlich,
-verhältnismäßig klar und dünnflüssig wie Wasser und schmeckt
-merkwürdigerweise lange nicht so ekelhaft süß, wie man vermuten
-sollte; Klein und Groß vertilgt ihn literweise.
-
-Dieser Saft läuft durch Röhren in große Kessel, wo er gekocht wird und
-sich so zu Melasse verdickt, die, abgesehen von einem etwas feineren
-Geschmack, völlig unserem Syrup entspricht. Heute Mittag brach diese
-„Melado“-Periode an, wir hatten welchen zu Tisch mit ~canjica~
-(gekochtem Mais) zusammen, und seitdem sind die Kinder schon zwei Mal
-umgezogen worden. Alles schwelgt in der Zuckerernte, sogar, oder vor
-allem, die Schweine, die die ausgepreßten Rohre bekommen und dabei
-zusehends an Umfang zunehmen.
-
-Die ganze Natur rings um die Fazenda riecht, aber nicht unangenehm,
-nach dem gekochten Saft. Wenn die Melasse dick genug ist, kommt
-sie in große hölzerne Behälter zum Krystallisieren, und damit dies
-schneller und besser vor sich gehe, wird sie mit -- Kuhmist bedeckt! So
-wenigstens machen es die meisten kleinen Pflanzer, sagte mir Dona Maria
-Louisa; hier wird glücklicherweise statt dessen eine besonders fette
-Lehmsorte genommen, die sie auf der Pflanzung haben.
-
-Im Großen wird die Zuckerbereitung in Brasilien eigentlich nur vom
-Staat betrieben, und in dem fiskalischen Etablissement sind die ganzen
-Einrichtungen auch modernerer Art; die Pflanzer bauen meistens nur, was
-sie zum eigenen Verbrauch benötigen, und wer die Rohrkultur in größerem
-Maßstabe betreibt, der verkauft gewöhnlich die rohe ~canna~ an den
-Staat.
-
-Den 11. Wir sind in eine neue Zuckerphase getreten; die Melasse hat
-regelrecht ihre Metamorphose zum gelben Streuzucker durchgemacht, und
-dieser liegt nun in hellen Haufen auf Matten im Hofe aufgeschüttet,
-um zu trocknen. Grete, weißt Du, worüber ich mich bei der ganzen Sache
-am meisten freue? -- Daß ich nicht immer dabei bin, denn sonst wäre
-ich wahrscheinlich nicht im Stande, hier noch irgend etwas Süßes zu
-genießen. Von den unzähligen Mosquiten, Fliegen, Wespen, Bienen und
-Ameisen, die sich ihr Scherflein von dem Zuckerhaufen holen, will ich
-noch garnicht einmal reden, aber da keinerlei Umzäumung diese süßen
-Berge schützt, so kommen auch Katzen und Hunde zu Gaste und wollen
-ihr Teil an der allgemeinen Zuckerfreude von Saõ Sebastiaõ. Diesen
-ersten, noch ziemlich dunkeln Zucker bekommen allerdings nur die Neger
-zu ihrem Kaffee, aber ich habe so meinen leisen Verdacht, als würde er
-zum Kochen doch auch für uns in die Küche geschmuggelt. Der für die
-Herrschaft bestimmte Zucker wird raffiniert, aber auch nur hier auf
-der Pflanzung und auf die ursprünglichste Manier. Ganz hell wird er
-überhaupt nicht, und absolut weißen Zucker sieht mancher Brasilianer
-nicht, so alt er wird. Du siehst auch in den besten Häusern hier keinen
-Brodzucker, und die Kinder amusierten sich neulich höchlich darüber,
-daß in ihrem französischen Lesebuch von einem „Stück“ Zucker die Rede
-war; sie hielten das für einen wunderbaren schriftstellerischen Lapsus.
-Weißt Du, Gretele, im Ganzen, glaube ich, können wir mit unserem
-Runkelrübenlande zufrieden sein -- etwas appetitlicher scheint es mir
-denn doch da zuzugehen. Schließe sie mit in das bewußte Glas Bowle ein:
-Deutschland und -- seine Runkelrübe!
-
- Deine +Ulla+.
-
-
-
-
- _Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882._
-
- _Gretele, Herzensgretele, denke Dir, ich reise zu Weihnachten nach
- Saõ Paulo! Schaumanns haben mich eingeladen, und ich gehe am 22.
- hin. Ich kann mich gar nicht fassen vor Glück! Wie anders wird es
- sein als im vorigen Jahr! Und ich werde sie alle wiedersehen, die
- lieben Menschen, Schaumanns vor allem und Fräulein Meyer und die
- kleine Harras und -- und -- alle!_
-
- _Ach, Grete, ich bin ja_
-
- _Deine so glückliche_
-
- _Ulla!_
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882.
-
- +Meine einzige Grete!+
-
-Ist das eine hübsche Weihnachtszeit mit deutschen Menschen,
-deutschen Liedern, deutschem Festtagskuchen! Nur daß die Tropensonne
-dreinleuchtet und sengt, als wolle sie sich rächen für unser Versenken
-in die Bräuche der kalten nordischen Heimat, und die Bananen draußen
-scheinen unzufrieden zu rascheln, und die Palmen schütteln die Häupter,
-wie wenn sie sagen wollten: „Wie könnt ihr bei unserem Anblick an
-düstere Tannen denken!“ Und doch -- und doch, Grete! Dranmors „einzige,
-schneebehang’ne Tanne“, sie hat mich diese ganzen Tage über verfolgt,
-denn der Christbaum fehlte, wenn auch sonst alles weihnachtlich war,
-und man mit überreichen Gaben freundlich auf den Gast bedachte. Was
-doch an solch einem Baum für eine Poesie haften kann! Mein Bruder
-behauptete immer, ihm wäre nicht eher weihnachtlich zu Mute, als bis
-diverse Wachsflecke den Fußboden zierten und es durch alle Stuben nach
-versengten Tannennadeln röche. Ich wußte auch früher, daß er auf dem
-Grunde dieser immer halb spöttisch vorgebrachten Äußerung die Poesie
-der Weihnachtszeit mehr empfand, als er es je Wort haben wollte,
-aber wie viel daran war, merke ich erst jetzt, wo ich vergeblich den
-„Weihnachtsduft“ in den Zimmern suche.
-
-Und selbst draußen -- ach Grete, wie viel schöner ist doch solch’ ein
-weißer, schneeiger Platz in Berlin, auf dem in langen Reihen die Tannen
-stehen, als dieser sonnengetränkte südliche Garten mit seinen Rosen und
-Palmen...
-
-Ich bin undankbar, wirklich, ich muß es sein, denn die Menschen sind so
-unendlich lieb zu mir, und das Land ist so märchenhaft schön, und dabei
-kann ich es nicht ändern, daß mir immer der Refrain des Liedes durch
-den Kopf summt, das wir neulich sangen:
-
- „’S ist zwar schön im fremden Lande,
- Doch zur Heimat wird es nie!“
-
-Gestern war ich nämlich bei einer Erzieherin, die ein Klavier im
-Schulzimmer hat und ein deutsches Volkslieder-Album besitzt; wir waren
-im ganzen 6 deutsche Mädchen und haben das Album bis auf das letzte
-bekannte Lied durchgesungen, so daß ich heute noch heiser bin. O grüße
-es mir, grüße mir mein schönes Deutschland und seinen frohen Sang!
-
-+Den 29. Abends.+ Soeben komme ich von der englischen Familie,
-mit der ich zur Zeit meines klassischen Römertums bekannt geworden
-war, und die mich zum Christmas-Pudding eingeladen hatten. Mr. Hall
-hat mich nach Hause gebracht, denn er war auch da, wie er überhaupt
-sehr befreundet mit Emersons ist. Aber ich weiß garnicht, Grete, was
-mit ihm vorgegangen ist, seitdem er damals mit nach Santos hinunter
-fuhr: er hat kein Wort gesprochen den ganzen Weg über, so daß wir
-völlig stumm neben einander hergeschritten sind, denn ich sagte auch
-nichts. Und hier vor der Thür war er noch sonderbarer. Erst hielt
-er meine Hand eine Zeitlang fest und sah mich an (er hat wirklich
-bezaubernde blaue Augen!) als ob er etwas sagen wolle, dann ließ er
-sie rasch los, stieß hastig ein kurzes „~Good night~“ hervor und
-war so unartig, davonzulaufen, ehe ich die Thür aufgeschlossen hatte.
-Was sagst Du dazu, und was soll ich davon denken? Ob er verletzt war,
-daß ich garnicht gesprochen habe auf dem Wege? Aber es war doch seine
-Sache, von irgend etwas zu beginnen, und ich wußte auch wirklich nichts
-zu sagen, Grete. Es war ganz komisch; ich schwatze doch manchmal das
-Blaue vom Himmel herunter, aber vorhin fiel mir absolut nichts ein, was
-ich hätte sagen können, oder was mir einfiel, war dumm. Nun, die ganze
-Sache ist ja auch gleichgültig, und ich brauche ja nicht mehr daran zu
-denken.
-
-Morgen sollte ich eigentlich mit Emersons nach dem Maschinenlager
-gehen, wo er uns einige interessante Sachen zeigen wollte, aber jetzt
-werde ich +nicht+ hingehen, sondern dafür mein verwichenes
-klassisches Altertum aufsuchen, von dem ich allerdings wohl nur die
-kleineren Heldinnen vorfinden werde; die großen werden wohl in den
-~collegios~ geblieben sein, die Brasilianer machen sich ja nichts
-aus Weihnachten.
-
-Adieu für heute, mein Gretel.
-
- Deine +Ulla+.
-
-~P. S.~, +den 30. früh+. Soeben bringt die Post aus Santos
-eine Einladung zum Sylvesterball in der dortigen „Germania“ für
-Fräulein Schaumann und Bruder und „Besuch.“ Das bin ich, und so ist
-das Blauseidene denn doch nicht vergebens von Saõ Sebastiaõ hierher
-gewandert! Wie drollig kommt mir’s vor, hier zu einem Ball und sogar zu
-einem +deutschen+ Ball gehen zu können. Nur warm wird’s werden!
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Santos, den 2. Januar 1883.
-
-Liebe Grete! Der Ball ist gewesen und das Blauseidene auch. Wir haben
-viel getanzt, und es war furchtbar staubig und heiß in dem kleinen
-Saal. Was soll ich Dir sonst noch davon erzählen -- Du weißt ja, wie
-ein Ball ausschaut. Es ist eigentlich ein kindisches Vergnügen, nicht
-wahr, Grete? Ich habe mich im Grunde gelangweilt.
-
-Von Saõ Paulo war außer uns nur noch ein einziger deutscher Kaufmann
-da; ich hatte geglaubt, man würde sehr Viele von dort einladen. Ach
-Grete, manche Vergnügungen der Jugend sind doch recht thöricht! Ich
-werde jetzt verständig werden und mich so allmählich in die alte
-Jungfer hineinkapseln, das ist doch das einzig Richtige!
-
-Wie geht es Dir? Hoffentlich besser als
-
- Deiner +Ulla+.
-
-Das heißt, mir fehlt eigentlich nichts. --
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883.
-
-Greteherz -- er war hier! Mr. Hall! Herr de Souza hat neue Maschinen
-gekauft, und da war er so gewissenhaft, selbst ihre Aufstellung zu
-überwachen. Ich war so überrascht und erschrocken! Aber ich muß Dir die
-ganze Geschichte erzählen, es war zu drollig! Wundre Dich nur nicht,
-wenn eine Melone die Hauptrolle in meiner Geschichte spielt -- sie
-verdient es!
-
-Wie ich von Saõ Paulo zurück- und in Santa Barbara auf der Station
-ankam, stand Cäsario schon da mit seinem Wagen. Ich wäre eigentlich
-lieber geritten, aber da ich Gepäck hatte, so mußten wir fahren. Santa
-Barbara ist berühmt wegen der prachtvollen Wassermelonen, die dort von
-nordamerikanischen Ansiedlern gezogen werden, und weil der Wagen nun
-doch einmal da war, so kaufte ich die größte, die ich bekommen konnte.
-„Die wiegt gut ihre 12 bis 15 Pfund“, grinste der Jüngling, von dem ich
-sie erhandelte, und der mir sie an den Wagen trug.
-
-„Nun, Cäsario“, sagte ich, vergnügt über meinen famosen Handel, „wo
-bringen wir denn diesen zierlichen Gegenstand noch unter? Er ist für
-die Kinder.“
-
-Cäsario kraute sich das schwarze Wollhaar.
-
-„Hm, Senhora, es ist nirgend Platz.“
-
-„Was“, rief ich, „ein ganzer Wagen und kein Platz für eine Melone --
-hier ist ja ein Kasten unter dem Sitz.“
-
-„Darin ist Senhoras Handköfferchen und Fleisch aus dem Dorf und etwas
-Weißbrot, es geht nichts mehr hinein.“
-
-„So nimm die Melone auf den Bock.“
-
-„Ja, Senhora, gern, Senhora, aber sie wird hinunterfallen, denn ich
-habe die vier Maultiere und die Peitsche.“
-
-„Nun, so wird sie stolz neben mir auf dem Sitz fahren, gieb her“,
-entschied ich, als in der That der Wagen keinen weiteren Raum für die
-schöne Frucht zu haben schien.
-
-Das kleine offene Gefährt hatte auf einem höckerigen Rasenplatze hinter
-dem Stationsgebäude gehalten, aus dessen Höhen und Tiefen ihn jetzt
-wieder herauszuarbeiten, keine kleine Aufgabe war. Aber Cäsario wußte
-seine Tiere zu nehmen.
-
-Er verfügt über eine erstaunliche Menge ermunternder Zurufe und
-illustriert sie auf das Geschickteste durch kleine geeignete
-Peitschenbewegungen. Die Maulesel faßten endlich einen Entschluß und
-zogen an.
-
-„Hoho“, schrie ich zu gleicher Zeit, denn -- die Melone war zum Wagen
-hinaus. Alles, was ich bei dem plötzlichen Ausbruch von Eselsenergie
-hatte thun können, war, meinen Hut auf dem Kopf zu behalten, meinen
-Regenschirm aufzufangen, als er eben auf seinem Wege zum Wagen hinaus
-war, und selber darin zu bleiben, was ich auch nur mit Hülfe der
-verwickeltsten equilibristischen Kunststücke fertig brachte... „Halt,
-Cäsario, meine Melone!“
-
-Glücklicherweise lag sie unversehrt in einer der Untiefen des höckrigen
-Rasens; Cäsario kletterte vom Bocke herunter und brachte sie wieder
-heran. „’S ist schlimm damit, Senhora“, sagte er, die große Frucht
-ratlos angrinsend. Aber ich war zuversichtlich: „O, ich werde sie jetzt
-schon besser festhalten“, behauptete ich, und Cäsario stieg wieder auf.
-
-Die ganze Serie von Schmeicheleien, Drohungen und Ermunterungen für die
-Maulesel wurde wiederholt; als diese dann aber wiederum einen Entschluß
-faßten, brachten sie den Wagen mit seinem ganzen Inhalt, Regenschirm
-und Wassermelone eingerechnet, glücklich aus dem Bereich des fatalen
-Rasenplatzes heraus.
-
-Eine mächtige Pfütze unter dem Schlagbaum, der das Bahnhofsterrain
-abgrenzt, brachte die glatte Frucht nochmals in nicht unerhebliche
-Gefahr, der sie nur dadurch entging, daß ich aufopfernd die rechte
-Seite meines Kattunkleides dem Einfluß der spritzenden Räder preisgab
-und der Melone beide Hände widmete. Aber nun sah der Weg vor uns
-friedlich aus. Ich versuchte es, die große grüne Kugel jetzt nur mit
-einer Hand zu stetigen und der Erfolg war zufriedenstellend, obgleich
-mir das Vergnügen, das große Ding vier Stunden lang festhalten zu
-sollen, bereits anfing, in zweifelhaftem Glanze zu erscheinen.
-Wenigstens wollte ich den Schirm aufspannen, ich brauchte mich wegen
-der dummen Melone doch nicht zum Mohren brennen zu lassen! Grete, ich
-sehe mich selbst noch, wie ich langsam, langsam den festen Griff, mit
-dem ich sie gepackt, ein wenig lockerte, dann vorsichtig die Hand
-emporhob und wachsam mit den Augen die Bewegungen der Frucht verfolgte,
-die unter meinen gespreizten Fingern immerhin noch mißtrauenerweckend
-genug wackelte. Aber es ging wirklich! Man konnte sie einen Augenblick
-loslassen!
-
-Der Schirm war aufgespannt und die Melone sich selbst überlassen
--- wie erleichtert ich war! Nur beobachten muß man sie noch ein
-Weilchen... Ein Seitenblick: -- alles in Ordnung.
-
-Ob sie aber auch nicht nach vorn wegrutscht? Wieder ein Blick -- nein,
-da ist sie ja auf derselben Stelle...
-
-Aber sie konnte von der Seite unter dem Armgeländer wegschlüpfen... ein
-dritter Blick! Ach, da kann sie ja gar nicht durch....
-
-In der Gegend, wo wir grade fuhren, wird die Landschaft sehr hübsch;
-einzelne Palmen auf den welligen Hügeln heben sich sehr malerisch
-gegen den südlichen Himmel ab und -- +nur+ eine rasche Wendung
-nach links: ja, sie ist da -- und dort die kleine Ansiedlung, das
-weidende Vieh -- Herrjeh, die Melone! Ach was, sie ist ja auf derselben
-Stelle....
-
-Da hast Du einen Begriff, wie mich das lästige Ding quälte, das ewige
-Hin- und Herdrehen des Kopfes war nicht zu ertragen, lieber hielt ich
-sie wieder fest!
-
-Endlich kamen wir an eine Biegung, von wo aus, wie ich wußte, der Weg
-eine ganze Zeitlang sanft ansteigt -- hurrah, jetzt war ich wieder Herr
-über beide Hände. -- „Hier +kann+ sie nicht fort“, jubelte ich,
-und ich glaube, ich habe meine glatte und doch so ungefüge Peinigerin
-ordentlich triumphierend angelächelt. Aber, aber, Grete, das war die
-Rechnung ohne den Wirt gemacht oder hier ohne die mutwillig erstandene
-Frucht! Das Ding hatte wahrhaftig die perfidesten Einfälle, die man
-gewiß je an einer Wassermelone wahrgenommen. Nach vorn konnte sie nun
-allerdings nicht wegrutschen, aber nun begann sie, in Übereinstimmung
-mit dem leichten Trab der Maultiere, mir in regelmäßigen Intervallen
-von 30 Sekunden gegen die Seite zu prallen mit einer Vehemenz, die
-sich absolut nicht ignorieren ließ, und gegen die es einen passiven
-Widerstand nicht gab.
-
-Ich war empört auf die Melone, auf mich selbst, auf den Jüngling, der
-sie mir verkauft und noch grinsend ihre 12 bis 15 Pfund Gewicht betont
-hatte; es war grade, als hätte er gewußt, wie sich das große Geschöpf
-benehmen würde. Ein Versuch, die Melone, ohne sie mit der Hand zu
-stetigen, vor mir auf dem Schooß zu balancieren, scheiterte an einer
-Serie urkräftiger, auf meine Magengegend gerichteter Püffe von Seiten
-der Melone -- es war dem teuflischen Ding mit List nun einmal nicht
-beizukommen, sie war voller Ressourcen.
-
-Ein besonders lebhafter Zornesausruf von meiner Seite veranlaßte
-Caesario zu dem Rat, den Plagegeist auf den Boden des Wägelchens zu
-legen und ihn mit den Füßen zu halten. Dies schien mir eine glänzende
-Idee! Aber es war auch nichts mit ihr. Die schwere Frucht rollte den
-sie einschließenden Füßen nach vorn weg, und als ich diese dann mit
-zorniger Energie heftiger anpreßte, glitt das unleidliche glatte
-Ding auf der einen Seite hinüber, und ich mußte wieder allerlei
-gymnastische Kunststücke vollführen, damit sie nur nicht unter die
-Räder kam. Einen Augenblick war mir allerdings der Gedanke durch den
-Kopf geblitzt, was für eine Erleichterung es gewesen wäre, sie los zu
-sein, aber dann wieder dachte ich auch: „Nein, nun erst recht nicht!“
-und stellte die Melone von neuem, jetzt aber auf ihre Spitze, zwischen
-meine Füße. Das ging auch ein Weilchen gut, und ich dachte schon, ich
-hätte nun wirklich und endgültig den Vorteil über sie errungen, als
-plötzlich Caesario es für gut befand, das rechte Rad des Wagens in
-eine tiefe Furche zu schicken, während das linke oben blieb. -- Ja,
-da half kein Widerstreben! Zwar klammerte ich mich mit eigensinnig
-zusammengekniffenen Lippen an den Armstütz des Wägelchens, zwar suchte
-ich mit aller Kraft auch die Melone zu dem gleichen Beharrungsvermögen
-zu zwingen, allein, Grete, dem Ungestüm einer fünfzehnpfündigen
-Wassermelone, die entschlossen ist, ihren Willen zu haben, ist man
-nicht gewachsen: abwärts rutschten Fuß und Frucht, und hinaus zum Wagen
-war die tückische Melone und lag in empörender Ruhe im Wegestaub, ehe
-ich mich noch von dem Schrecken, beinahe mit aus dem Wagen geschleudert
-worden zu sein, erholt hatte. Caesario hatte bereits gehalten und
-überreichte mir die wiederum unversehrte Frucht mit dem gleichen
-verlegenen Grinsen wie das erste Mal, während ich meinem Grimm gegen
-dieselbe auf deutsch Luft machte. Allein, hatte ich mich so lange mit
-dem dummen Ding gequält, so wäre es doch thöricht gewesen, jetzt in der
-letzten Stunde die Geduld zu verlieren. Ich gab der Melone ihren alten
-Platz auf dem Wagensitz wieder und verdammte wiederum meine linke Hand
-dazu, ihre Fluchtversuche zu vereiteln.
-
-Der Wagen stuckerte weiter.
-
-Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinter Wolken getreten, und
-einzeln, wie zögernd fielen endlich die ersten Regentropfen aus der
-Luft. Ich will es Dir nur gestehen, Gretele: ich war mittlerweile schon
-so ärgerlich und nervös geworden, daß ein zorniger kleiner Faustschlag
-die Melone traf, als sei sie unfehlbar auch an dieser Prüfung
-schuld, und der verzweifelte Ausruf: „Und dabei keinen Regenmantel!“
-begleitete ihn, ohne daß beides jedoch die hartherzige Melone in ihrem
-aufregenden Wackeln und Rucksen irre gemacht hätte. Nur Cäsario ließ
-ein, dem deutschen Ausruf ~au hasard~ angepaßtes „Sim, Senhora“,
-hören.
-
-Rasch wurde der Regen stärker, und mein wieder aufgespannter Entoutcas
-bedeutete sehr bald nur noch eine Traufe, die sich mir auf Schultern,
-Hut und in den Kragen hinein entleerte, je nachdem die Bewegungen des
-Wagens den Schirm dirigierten. Und zu alledem immer die Melone! Da
-lag das unförmliche Ding und triefte von Regenwasser, dem sich der
-aufgesammelte Staub liebreich gesellte und als Schmutz dem hellen
-Handschuh, der darauf herumzurutschen verdammt war, bald eine völlig
-undefinierbare Farbe verlieh. Ich hätte schließlich weinen können vor
-Zorn! Mit förmlichem Haß betrachtete ich die widerspänstige große
-Melone, erwägend, ob ich mich während der noch fehlenden Stunde Wegs
-mehr über etwaige neue Chikanen derselben oder darüber ärgern würde,
-wenn ich sie jetzt noch aus dem Wagen schleuderte. Ein plötzlicher
-heftiger Anprall des Wagens an einen Stein, der die Melone zu dem
-entsprechenden Angriff gegen meine Seite veranlaßte, entschied die
-Frage. Der unnütze Schirm wurde energisch zugeklappt, und mit beiden
-Händen ergriff ich die abscheuliche Frucht, um sie aus dem Wagen zu
-schleudern.
-
-„Was wollen Sie denn mit der schönen Melone thun?“ fragte in demselben
-Augenblick auf englisch eine Stimme hinter mir und ich sah, mich
-umwendend, einen Reiter unmittelbar hinter meinem Wagen... Grete,
-ich hätte in die Erde sinken können vor Scham! Das war Mr. Hall, und
-ich in dieser Verfassung! Das Kleid bespritzt, total verregnet, mit
-schmutzigen Handschuhen und mit dem zornigen Gesicht über der großen
-grünen Frucht -- ich war versteinert vor Schreck und wünschte ihn, ja
-denke Dir, im Ernst, ich wünschte ihn lieber tausend Meilen entfernt,
-als gerade in dem Augenblicke vor mir! Er ritt langsam neben dem Wagen
-her, während ich ganz rot und verlegen auf die Melone starrte, die ich
-noch steif in Händen hielt. „~Well?~“ machte er und lächelte. Da
-sah ich ihn an, und da lachten wir beide.
-
-„Das große Ding war auch zu unleidlich geworden“, sagte ich, begann
-jedoch unwillkürlich, ich weiß nicht warum, das „unleidliche“ Ding mit
-erneuter Sanftmut zu halten.
-
-„Geben Sie her“, sagte Mr. Hall, „ich werde sie Ihnen für den Rest des
-Weges tragen.“
-
-„Ah! -- aber wie?“
-
-„Hier in diesem Sack; den kann ich so an meinen Sattel hängen... Sehen
-Sie, so!“
-
-„O danke!“
-
-Grete, wenn ich nur nicht so zerzaust ausgesehen hätte! Ich freute mich
-förmlich, daß es nicht mehr weit war bis nach Saõ Sebastiaõ. Aber wo
-mochte Mr. Hall hinwollen, und wo kam er her?
-
-Ich scheute mich, ihn zu fragen, aber ich hätte es zu gerne gewußt.
-Wir sprachen überhaupt wenig, aber ich hatte so eine Ahnung, als
-+müsse+ er nach Saõ Sebastiaõ reiten.
-
-Jetzt kam ein Seitenweg, da wollte ich es schon erfahren.
-
-„Sie sollen um meinetwillen aber keinen Umweg machen“, sagte ich.
-Gretel, das war doch gewiß fein ausgedacht, und ich dachte, er würde
-nichts merken, aber er machte ein so drolliges Gesicht zu dieser
-Bemerkung und ich wurde so rot dabei, daß ich sie augenblicklich
-zehntausendmal mehr verwünschte, als vorhin die Tücken der Melone.
-
-„Ich reite meinen Weg“, lächelte Mr. Hall.
-
-„Ja, wollen Sie denn auch --“
-
-„Nach Saõ Sebastiaõ, ja, genau wie Sie; ich komme von der Fazenda Santa
-Catharina.“
-
-„Aber was --?“
-
-Es machte ihm augenscheinlich Spaß, mich neugierig zu machen, was er
-in Saõ Sebastiaõ wolle, bis er mir zuletzt die Maschinen-Angelegenheit
-erzählte. So kamen wir zusammen auf Saõ Sebastiaõ an. Du kannst Dir
-denken, daß Souzas nicht wenig erstaunt waren zu finden, daß wir beide
-uns recht -- oder ziemlich -- ich meine, daß wir beide uns schon
-kannten.
-
-Er blieb nur einen Tag, aber diesmal war es so, als sei ich dazu
-bestimmt gewesen, mich einfältig zu betragen. Was mag er nur jetzt von
-mir denken!
-
-Als er nämlich gegen Abend fortreiten wollte, kam er, um mir Adieu zu
-sagen, in’s Schulzimmer, wo ich allein war und sang. Ich stand auf vom
-Klavier und reichte ihm die Hand. Da hielt er sie wieder fest in der
-seinen, wie an jenem Abend in Saõ Paulo und sah mich ebenso an wie
-damals. Diesmal aber sagte er auch etwas -- viel war es nicht -- nur
-„Ulla“ -- aber, Grete, mir war’s, als hätte ich meinen Namen noch nie
-zuvor gehört. Mir wurde einen Augenblick ganz wirr und betäubt zu Mute
-und dann -- -- bin ich dumme, ungezogene Gans davongelaufen und habe
-mich nicht wieder blicken lassen, bis er fortgeritten war. Werde ich
-denn ewig kindisch bleiben!
-
- Deine unartige +Ulla+.
-
-Er hat mir auch gesagt, Emersons wollten mich nächstens zum Ball
-einladen; ich freue mich schon furchtbar darauf -- ein Ball ist doch
-ein entzückendes Vergnügen, meinst Du nicht auch, Herzensgrete?
-
-Himmel, was er nur denken mag!
-
-
-
-
- Ulla von Eck
-
- George Hall
-
- Verlobte.
-
- +Saõ Paulo+, im Januar 1883.
-
- Süße Grete, es war auf dem Ball! Ich habe ja immer für Bälle
- geschwärmt!! Nun schreibe ich nicht mehr. Wir kommen bald beide,
- und ich -- als
-
- Deine überglückliche
-
- +Ulla Hall+.
-
- Wie drollig sich das anhört!
-
-
-
-
-Druck von Greßner & Schramm in Leipzig.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Leid und Freud einer Erzieherin in
-Brasilien, by Ina von Binzer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEID UND FREUD EINER ***
-
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