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-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
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-this ebook.
-
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden, Zweiter Band
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Annotator: Alfred Weile
-
-Release Date: November 16, 2019 [EBook #60699]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Wilhelm Hauffs
-
- sämtliche Werke in sechs Bänden
-
- Mit einer biographischen Einleitung
- von _Alfred Weile_
-
- Neu durchgesehene Ausgabe
-
- :: :: in neuester Rechtschreibung :: ::
-
- Zweiter Band.
-
- A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei
- _Berlin_ NO.⁴³ Neue Königstr. 9
-
-
-
-
-Novellen.
-
-Zweiter Teil.
-
-
-Phantasien im Bremer Ratskeller.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Das Bild des Kaisers 5
-
- Die letzten Ritter von Marienburg 88
-
- Die Sängerin 145
-
- Phantasien im Bremer Ratskeller 190
-
-
-
-
-Das Bild des Kaisers.
-
-
-1.
-
-In dem Kabriolett des Eilwagens, der zweimal in der Woche von Frankfurt
-nach Stuttgart geht, reisten vor einigen Jahren an einem der schönsten
-Tage des Septembers zwei junge Männer. Der eine von ihnen war erst
-eine Station hinter Darmstadt eingestiegen und hatte dem früheren
-Passagier schon beim ersten Anblick durch sein schmuckes Aeußere und
-den freundlichen Gruß, womit er sich neben ihn setzte, die Furcht,
-der Zufall möchte ihm eine unangenehme Nachbarschaft geben, völlig
-benommen. Der Fortgang der Reise bewies, daß er nicht unrichtig
-geurteilt hatte, wenn er seinen Reisegefährten für einen wohlerzogenen,
-anständigen Mann hielt. Was er sprach, war, wenn nicht gerade heiter,
-doch offen und verständig; nicht selten sogar überraschten den
-Reisenden leicht hingeworfene Aeußerungen, Gedanken seines Nachbars,
-die von feiner Bildung, gesellschaftlicher Erfahrung und einer
-Belesenheit zeugten, die er denn doch hinter dem etwas groben Jagdrock
-und der unscheinbaren Ledermütze nicht gesucht hätte. Ueberhaupt
-deuchte es diesem Reisenden, er müsse, je weiter er im Süden vordrang,
-desto öfter und nicht ohne Beschämung dem Lande und den Bewohnern
-Vorurteile abbitten, die man in der Ferne vom Hörensagen, besonders in
-einem Alter von vierundzwanzig Jahren, so leicht annimmt.
-
-Wie anders war ihm dieses Land im Brandenburgischen geschildert worden!
-Manche Reisende hatten zwar diese Bergstraße, dieses Neckartal gelobt,
-doch erschien dann ihre Beschreibung matt und klein gegen die Wunder
-der Schweiz, zu welcher sie auf dieser Straße geeilt waren. Ueber die
-Bewohner war aber in seiner Heimat nur _eine_ Stimme. Hier, bald hinter
-Darmstadt, fangen die Schwaben an, erzählte man dem jungen Reisenden
-in Berlin, mit einem mitleidigen Blick auf die Karte, mit einem noch
-mitleidigeren auf ihn, der diese Länder besuchen wolle. Da geht alles
-gesellschaftliche Leben, alle Bildung aus; ein rohes, ungesittetes
-Volk, das nicht einmal gutes Deutsch sprechen kann. Und leider! nicht
-nur die untersten Klassen leiden an diesem Mangel, auch die besseren
-Stände haben einen Anstrich von eingeschränktem, ungalantem Wesen
-und reden so elendes Deutsch, daß sie vor Fremden, um nicht erröten
-zu müssen, Französisch sprechen. Das war der Reisepfennig, den man
-ihm nach Schwaben mitgab, und in dem jungen und romantischen Kopf
-des jungen Brandenburgers hatten diese Sagen sich endlich während
-der schönen Muße, die ihm die Sandkunststraßen und die schnapsenden
-Postillons seines Vaterlandes gönnten, so sonderbar gestaltet, daß
-er sich selbst wie einer jener wohlerzogenen, jungen Herrn in einem
-Scottischen Roman erschien, die von den wehmütigen Erinnerungen an
-die feinsten Zirkel, an Theater und alle Genüsse der großen Welt
-erfüllt, von London aus reisen, um das _Hochland und seine barbarischen
-Bewohner_ zu besuchen.
-
-Doch als die herrliche Welt jener Berge voll Obst und Wein und jene
-gesegneten Täler sich vor seinen Blicken auftaten, als die schönen
-Dörfer mit ihren roten Dächern, mit ihren reinlichen, fröhlichen
-Menschen seinem erstaunten Auge sich zeigten, als da und dort
-zwischen prachtvollen Buchenwäldern eine alte Burg und ein Schloß mit
-schimmernden Fenstern auftauchte, da fiel er beinahe in das andere
-Extrem; er strömte über von Lob und Bewunderung und bemitleidete
-die arme, flache Mark, ihren kahlen Sandboden, ihre mageren Tannen
-und ihre bleichen Bewohner, von welchen vielleicht Tausende aus dem
-Leben gingen, ohne nur eine jener üppigen Trauben gesehen zu haben,
-die hier in unendlicher Fülle durch das grüne Laub schimmerten, und
-ein schwacher Trost für seinen Patriotismus war, daß die Natur seine
-Landsleute durch höhere Einsicht, eine wohllautendere Sprache und
-feinere Bildung in etwas wenigstens entschädigt habe.
-
-Der junge Mann an seiner Seite schien übrigens, obgleich man seiner
-Sprache den südlichen Akzent anfühlte, die Gesetze des Anstandes nicht
-minder gut zu verstehen als der Brandenburger; zum mindesten verriet
-keine seiner Fragen Neugierde, über dessen Stand, Vaterland und
-Reisezweck etwas zu erfahren, er benahm sich zuvorkommend, aber würdig,
-schien geneigter zu antworten, als zu fragen, und übernahm es, ohne
-sich dadurch belästigt zu fühlen, den Fremden über Namen und Geschichte
-der Burgen und Städte, die ihm auffielen, zu unterrichten.
-
-So ruhig und kalt übrigens der junge Mann im Jagdkleid über diese Dinge
-Aufschluß gab, so waren es doch zwei Punkte, über welche er wärmer und
-länger sprach. Einmal, als sein Nebensitzer über die gute Gesellschaft
-in Schwaben einige seiner sonderbaren Begriffe preisgab, sah ihn
-der Grüne mit Verwunderung an, fragte ihn auch, ob er vielleicht
-auf einem andern Wege schon früher in Schwaben gewesen sei, und als
-jener es verneinte, erwiderte er: »Ich weiß, man macht sich hin und
-wieder, besonders in Norddeutschland, sonderbare Begriffe von uns.
-Ob mit Recht, mögen Sie selbst entscheiden, wenn Sie einige Zeit in
-unserer Mitte verweilt haben. Doch möchte ich Ihnen raten, zuvor etwas
-unbefangener die mögliche Quelle solcher Urteile zu betrachten. Ich
-gebe zu, daß eine gewisse nachteilige Ansicht über mein Vaterland seit
-Jahrhunderten besteht; zum mindesten sind die Schwabenstreiche nicht
-erst in unseren Tagen bekannt geworden. Doch scheint ein großer Teil
-dieser aberwitzigen Dinge aus einer gewissen Eifersucht der Volksstämme
-hervorzugehen und aus der Kleinstädterei, die von jeher in unserem
-lieben Deutschland herrschte. In Schwaben zum Beispiel erzählt man alle
-jene Sonderbarkeiten, die andere uns aufbürden, von den Oesterreichern;
-daß aber dieses Vorurteil selbst in neueren Zeiten, selbst durch die
-Fortschritte der Kultur und das regere gesellige Leben nicht geschwächt
-wurde, hat zwei wichtige Gründe, die größere Schuld aber liegt nicht
-auf der Seite von Süddeutschland.«
-
-»Bitte!« rief der brandenburgische Reisende etwas ungläubig, »ich
-sollte doch nicht denken --«
-
-»Man beurteilt unsere Sitten nach meinen Landsleuten, die man in
-Norddeutschland sieht. Wenn nun diese auch die vernünftigsten Menschen
-wären, es würden ihnen doch zwei Mängel anhängen, die sie in Ihren
-Augen in Nachteil setzen. Einmal die Sprache --«
-
-»Bitte!« erwiderte sein Gefährte verbindlich. »Nicht alle, Sie zum
-Beispiel drücken sich allerliebst aus.«
-
-»Ich drücke mich aus, wie ich denke, und so macht es ein guter
-Teil meiner Landsleute auch; weil wir aber die Diphthongen anders
-aussprechen als ihr, die Endsilben entweder nach unserer altertümlichen
-Form ändern oder im Sprechen übereilen, klingt euch unsere Sprache
-auffallend, hart, beinahe gemein. Die meisten Schwaben, die Sie bei
-sich sehen, sind junge Männer, die von der Universität kommen und
-die Anstalten in Norddeutschland besuchen, oder Kaufleute, die ihr
-Handelsweg dahin führt. Diesen Menschen legen nun Ihre Landsleute
-durchaus ihren eigenen Maßstab an und tun sehr unrecht daran. In Ihrem
-Lande wird den äußeren Formen und dem Benehmen des Knaben und des
-Jünglings einige Aufmerksamkeit geschenkt, er wird sehr bald in die
-geselligen Kreise gezogen; bei uns findet dies vielleicht erst um acht
-oder zehn Jahre später statt.«
-
-»Nun das ist es ja gerade, was ich sagte,« entgegnete jener; »diese
-Formen gewinnt keiner durch sich selbst, und dies ist also ein Fehler
-Ihrer Erziehung --«
-
-»Vorausgesetzt, daß jene Formen wirklich so trefflich, daß sie _das_
-sind, was dem zukünftigen Bürger eines Staates vor allem als nützlich
-und notwendig einzuimpfen ist.«
-
-»Das soll es ja nicht; aber so auf dem Wege mitnehmen kann er sie doch
-wohl,« meinte der Fremde.
-
-»Wenn er sie nur so mitnimmt, verliert er sie auch gelegentlich,«
-erwiderte der Schwabe. »Doch das ist nicht der Punkt, wovon wir
-sprechen. Ich behaupte nur, man hat in Norddeutschland unrecht, unsere
-Sitten und unsere Gesellschaft nach Leuten zu beurteilen, die der
-Gesellschaft eigentlich noch nicht angehört hatten, die vielleicht in
-die Welt geschickt wurden, um ihre Sitten abzuschleifen. Oder wollen
-Sie nach einigen jungen Gelehrten, die gerade aus der Studierstube zu
-Ihnen kamen und sich vielleicht ungeschickt in Sprache und Manieren
-zeigten, die Landsleute dieser Menschen beurteilen?«
-
-»Gewiß nicht, aber gestehen Sie selbst, man hört doch selbst von der
-guten Gesellschaft in Schwaben so sonderbare Gerüchte von ihren Sitten
-und Gebräuchen, von ihren Frauen und Mädchen.«
-
-»Vielleicht kaum so sonderbar,« versetzte der Jäger lächelnd, »als man
-bei uns von den Sitten Ihrer Damen hört; denn unsere Mädchen stellen
-sich die _norddeutschen_ Damen gewiß immer mit irgend einem gelehrten
-Buche in der Hand vor. Die zweite Quelle des Irrtums über mein
-Vaterland sind aber _Ihre_ reisenden Landsleute und die eigentümlichen
-Verhältnisse unseres Familienlebens. In Norddeutschland fällt es nicht
-schwer, in Familienkreisen Zutritt zu bekommen, durch _einen_ Bekannten
-zehn zu erwerben. In Schwaben ist es anders; man ist heiter, gesellig
-_unter sich_, der Fremde wird als etwas Fremdes angestaunt, aber eher
-vermieden als eingeladen, doch werden _Sie_ für diese scheinbare Kälte
-immer eine Entschädigung finden. Ihre Landsleute öffnen die Tür, aber
-selten das Herz; meine Schwaben sind vorsichtiger, aber sie schließen
-sich an _den_, welchen sie liebgewonnen, mit einer Herzlichkeit an, die
-Sie bei künstlich verfeinerten Sitten umsonst suchen.«
-
-»Und also liegt eine zweite Quelle unserer Vorurteile,« fragte der
-Fremde, »darin, daß meine Landsleute eigentlich gar nicht in Ihren
-Kreisen einheimisch wurden?«
-
-»Gewiß!« sagte der Nachbar. »Lernen Sie, wenn Ihnen das Glück wohlwill,
-in die Kreise unserer bessern Stände zu kommen, lernen Sie uns näher
-kennen, lassen Sie sich nicht durch Ihre eigenen Ansichten über Leben
-und Sitte durchaus leiten, und Sie werden ein gutes, herzliches
-Völkchen finden, gebildet genug, um, wenn man nur die rechte Saite
-anschlägt, sich mit den Gebildetsten zu messen, vernünftig genug, um
-die Grenzen guter Sitten festzuhalten und das Lächerliche der Unsitte
-zu belächeln.«
-
-Der Fremde aus der Mark lächelte. »Er liebt sein Land,« dachte er,
-»und er verteidigt es mit Wärme, weil er es nicht sinken lassen
-will oder Besseres nie gesehen hat.« Er entschuldigte bei sich die
-warme Verteidigung des Schwaben, aber dennoch konnte er es sich
-nicht versagen, einen kleinen Triumph über jenen zu feiern. Er
-machte ihn mit der Geläufigkeit der Zunge und jener Uebung, über ein
-_Nichts_ schnell und vieles zu sprechen, -- die man im Norden unseres
-Vaterlandes häufiger als im Süden treffen soll -- auf andere große
-Vorzüge aufmerksam, welche die nördlichen Provinzen Deutschlands vor
-den südlichen voraus haben. Er zählte immer zwanzig Schriftsteller
-und Dichter seiner Heimat gegen _einen_ im Süden, und der Schwabe
-konnte endlich dem Schwall seiner Beredsamkeit nur dadurch Einhalt
-tun, daß er, als sie um eine Ecke der Landstraße bogen, auf die
-erhabenen Ruinen von Heidelberg hinwies; der Fremde betrachtete sie
-staunend und mit Entzücken. Ihre rötlichen Steinmassen waren von der
-sinkenden Herbstsonne noch höher gerötet, und der Abend ließ die Bäume
-und Gesträuche, die in den verfallenen Mauern wachsen, im dunkelsten,
-wundervollsten Grün erscheinen. Durch die hohen, offenen Fensterbogen
-blickte der schwärzliche Wald hervor, den Gipfel des Berges umzog jener
-duftige Schleier, welcher allen Gegenständen so eigenen geheimnisvollen
-Reiz verleiht, und von oben herab spiegelten sich die rötlichen
-Abendwölkchen und der dunkelblaue Himmel in den Fluten des Neckars.
-
-»Und haben Sie solche Poesie in der Mark?« fragte der Jäger mit
-gutmütigem Lächeln.
-
-Der Fremde schien es nicht zu hören, unverwandt hingen seine Blicke an
-diesem reizenden Schauspiel; er mochte fühlen, daß es sich an solchen
-Stellen über Poesie nicht gut streiten lasse.
-
-Nach diesem Vorfall kehrte übrigens auf dem Gesicht des Jägers
-die vorige Ruhe und Unbefangenheit zurück; er stritt über keinen
-Gegenstand, schien sogar über manche Dinge sich behutsam auszudrücken.
-
-Als aber das Gespräch unter den beiden Reisenden, da die
-hereinbrechende Nacht ihre Aufmerksamkeit auf die Gegend hemmte, auf
-einige neuere Ereignisse und auf die Politik kam, schien es dem jungen
-Mann aus der Mark, obgleich er die Züge seines Nachbars nicht mehr
-gut unterscheiden konnte, sein Atem gehe schneller, seine Rede werde
-wärmer, kurz, man habe einen Punkt der Unterredung getroffen, welcher
-für den Schwaben von hohem Interesse sei. Man sprach von der Gestalt
-und der innern Kraft Deutschlands. Mit einer gewissen Erbitterung
-zog jener eine Parallele zwischen Jetzt und Sonst, die nicht gerade
-zum Vorteil der neuern Zeit ausfiel. Der Fremde, dessen Grundsätze
-im ganzen nicht mit diesen Ansichten übereinstimmen mochten, gab
-ihm dennoch, nicht ohne einiges Selbstgefühl, die letzten Sätze zu.
-Unglücklicherweise fing er seinen Satz »_Ich bin ein Preuße_« an und
-reizte dadurch unwillkürlich den Unmut des jungen Mannes noch mehr
-auf. Denn dieser vergaß nun jede Rücksicht der Klugheit; mit einer
-Beredsamkeit, die an jedem andern Orte dienlich gewesen wäre, suchte
-er seine Meinung durchzuführen, und nichts war ihm zu hoch, das er
-nicht mit seinem eigenen Maßstab gemessen hätte. Der Preuße, der solche
-Leute nur vom Hörensagen und unter dem gefährlichen Namen »Köpenicker«
-kannte, erschrak über diese Aeußerungen. Konnte nicht der Postillon,
-konnte nicht ein Passagier im Bauche des Wagens diese Reden vernommen
-haben! Spandau, Köpenick, Jülich und alle möglichen _festen Plätze_
-schwebten vor seiner aufgeregten Phantasie, und das beste Mittel,
-seinen Nachbar zum Stillschweigen zu bringen, schien ihm, wenn er sich
-in die Ecke drückte und sich schlafend stellte.
-
-
-2.
-
-Als die beiden Reisenden am Morgen nach dieser gefährlichen Nacht
-erwachten, sahen sie in geringer Entfernung die Türme von Heilbronn aus
-dem Nebel tauchen. »Hier endet meine Fahrt,« sagte der Herr im grünen
-Rock, indem er auf die Stadt deutete, »und Ihnen danke ich es,« setzte
-er mit einem freundlichen Blick auf seinen Nachbar hinzu, »daß ich
-diesmal den Wagen ungern verlasse. Wie angenehm wäre mir noch ein Tag
-in Ihrer Gesellschaft vergangen!«
-
-»Dies ist mein Los schon seit vierzehn Tagen gewesen,« erwiderte der
-Brandenburger. »Der enge Raum macht nachbarlich; Menschen, welche
-vielleicht in einer größern Stadt, selbst wenn sie Zimmernachbarn
-gewesen wären, jahrelang unter sich kein Wort gewechselt hätten, treten
-sich nahe durch den so natürlichen Drang nach Mitteilung. Der Platz
-an meiner Seite wechselte öfter als in einer Schlacht, doch darf ich
-mir Glück wünschen, Sie wenigstens so lange zu meinem Nachbar gehabt
-zu haben, denn so bin ich auf die angenehmste Weise in Ihr Vaterland
-eingeführt worden.«
-
-»Werden Sie länger in Württemberg verweilen?«
-
-»Ich besuche Verwandte meiner Mutter,« erwiderte der Fremde; »je
-nachdem sie und die Residenz mir gefallen, werde ich länger oder kürzer
-verweilen.«
-
-»Wir werden uns schwerlich wiedersehen,« sagte der Grüne, »ich wüßte
-wenigstens nicht, was mich nach Stuttgart treiben sollte. Vergessen Sie
-aber nie, was ich Ihnen über den Charakter meiner Landsleute sagte.
-Können Sie nach ihrer Denkungsart, nach ihren Sitten sich ein wenig
-richten, so werden Sie überall gesucht und willkommen sein. Unsern
-Damen sind Sie dann als Fremder nur um so interessanter, und unsern
-Männern -- nun da kommt es immer auf den Zirkel an, in welchem Sie
-leben; nur müssen Sie,« setzte er mit einem Lächeln hinzu, das zwischen
-Ironie und gutmütiger Freundlichkeit schwebte, »nie zu deutlich und
-fühlbar machen -- --«
-
-»Nun?« rief der Fremde erwartungsvoll, als jener innehielt.
-
-»Daß Sie kein Deutscher, sondern ein Preuße sind.«
-
-Das schmetternde Horn des Postillons und das Rasseln des schweren
-Wagens auf dem Steinweg übertönte die Antwort des Fremden. Den
-Passagieren ward in dieser Stadt eine kleine Rast vergönnt, und der
-Fremde wollte seinen Nachbar vom Eilwagen noch einmal zum Frühstück
-einladen. Doch schon unter der Tür des Posthauses überreichte diesem
-ein alter Reitknecht mehrere Briefe; er riß den einen hastig, errötend
-auf, und sein Reisegefährte bemerkte im Vorübergehen, daß es die
-Handschrift einer Dame sei. Der Fremde trat etwas verstimmt in dem
-Wirtshaus ans Fenster; er sah den Jäger angelegentlich mit seinem
-Diener sprechen, und bald darauf führte man zwei schöne Pferde vor. In
-demselben Augenblick trat der grüne Herr eilends in den Saal, seine
-Augen suchten und fanden den Reisegefährten, er trat zu ihm, doch nur,
-um schnell, aber herzlich von ihm Abschied zu nehmen; und so konnte ihn
-der Brandenburger zu seinem großen Verdruß nicht einmal nach dem Haus
-und der Familie _Käthchens von Heilbronn_ fragen, eine Frage, die er
-sich unter seinen Reisenotizen aufgezeichnet und doppelt unterstrichen
-hatte. Doch der Anblick des Jägers, wie er sich so leicht in den Sattel
-des schönen, stolzen Pferdes schwang, wie er so majestätisch über den
-Markt hinsprengte, söhnte ihn mit der beinahe unhöflichen Hast aus,
-womit jener von ihm Abschied genommen hatte. Er gestand sich, selten
-eine so wohlgebaute Gestalt mit einem so schönen, ausdrucksvollen
-Gesicht vereint gesehen zu haben.
-
-»Wer war dieser Herr im grünen Kleid?« fragte er den Kellner, der am
-andern Fenster dem Reiter nachblickte.
-
-»Mit dem Namen kann ich nicht dienen,« antwortete jener; »ich weiß nur,
-daß man ihn ›Herr Baron‹ nennt, daß sein Vater einige Stunden von hier
-am Neckar Güter hat, und daß sie sehr reich sein sollen; in die Stadt
-kommt er selten.«
-
-Nicht ganz zufrieden mit dieser Erklärung setzte sich der junge Mann
-wieder in den Wagen. Sein Vater, der früher einmal in diesem Lande
-gewesen war, hatte ihm so viel Sonderbares von schwäbischen Baronen
-erzählt, daß er in seinem liebenswürdigen und gewandten Reisegefährten
-keinen solchen vermutet hätte. Sein neuer Nachbar, der ihm gleich in
-der ersten Viertelstunde vertraute, daß er ein Hopfenhändler aus Bayern
-sei, machte ihm den Verlust, den er erlitten, nur um so fühlbarer,
-und da er am Hopfenbau wenig Unterhaltung fand, beschäftigte er sich
-damit, über den Charakter des jungen Mannes, der ihn verlassen hatte,
-nachzudenken und dann noch einmal alle Erwartungen und Hoffnungen zu
-durchlaufen, die er sich von seinen Verwandten, zu welchen er reiste,
-gemacht hatte. Von dem Oheim versprach er sich für seine Unterhaltung
-wenig; er mußte nach seiner Berechnung ein vorgerückter Sechziger sein;
-mürrisch, ungesellig und eigensinnig hatte ihn sein Vater schon vor
-fünfundzwanzig Jahren gekannt, und solche Eigenschaften pflegen sich im
-Alter nicht zu verbessern. Desto mehr versprach sich der junge Mann von
-Fräulein Anna, seiner Cousine. Von einem seiner Freunde, der längere
-Zeit in Schwaben gelebt hatte, war sie ihm als eine Zierde dieses
-Landes genannt worden. Ein angenehmes, trauliches Verhältnis von fünf
-bis sechs Wochen schien ihm ganz wünschenswert, und so eifrig war seine
-Berechnung der Mittel, die ihm zu Gebote standen, sich liebenswürdig zu
-zeigen, so gewiß war er sich des Eindrucks bewußt, den seine Person,
-sein Wesen unfehlbar machen müsse, für so leicht zu erobern hielt er
-das Herz eines Fräuleins in Schwaben, daß ihm nicht einmal der Gedanke
-kam, die schöne Cousine Anna könne sich vielleicht schon versehen haben.
-
-Er ließ sich, in der Residenz angekommen, sogleich nach dem Hause
-führen, wo sein Oheim sonst gewohnt hatte,
-
- aber mit dem Donnerworte
- ward ihm aufgetan:
- die du suchest --
-
-wohnen schon seit langer Zeit auf einem Landgut, sie werden auch im
-nächsten Winter nicht zurückkehren, und selbst dies Haus gehört ihnen
-nicht mehr eigen.
-
-Der Reisende aus Brandenburg war schnell entschlossen. Er benützte
-diesen Tag, um sich die freundliche Stadt zu betrachten, und eilte dann
-denselben Weg, welchen er hergekommen war, zurück, nach dem unteren
-Neckartal, wo der Landsitz seines Oheims lag.
-
-Je näher er dieser reizenden Gegend kam, desto angenehmer war es
-ihm, daß er einige Wochen auf dem Lande zubringen sollte. Er wußte
-aus eigener Erfahrung, daß man auf dem Lande, abgeschnitten von den
-Zerstreuungen der Stadt und jener Formen enthoben, die man dort für
-schön und notwendig, hier für überflüssig und lästig hält, schnell
-bekannt und befreundet wird, daß man sich, auf eine kleine Gesellschaft
-beschränkt, schneller nahe rückt. -- Etwa eine Stunde von dem Gut
-bog der Weg von der Hauptstraße ab. Der Kutscher, den er gemietet
-hatte, deutete auf einen Fußpfad, der in den Wald lief; der Fahrweg
-wende sich um den ganzen Berg her, sagte er, doch auf diesem Pfad
-könne man zu Fuß in bei weitem kürzerer Zeit zum Schloß Thierberg
-hinauf gelangen. Der junge Mann stieg aus; er war bisher auf einem
-Bergrücken gefahren, sah nun eine mäßige, mit Wald bewachsene Anhöhe
-vor sich und schloß, weil er gehört hatte, das Schloß seines Oheims
-liege im Neckartal, man müsse von dieser Anhöhe eine weite Aussicht
-in das Tal genießen. Er ließ den Wagen weiterfahren und stieg den
-Seitenpfad hinan. Ein Wald von prachtvollen Buchen nahm ihn auf. Nie
-hatte er diesen Baum so kräftig, so majestätisch gesehen, zwischendurch
-erblickte er hie und da Eichen und schöne Eschen und zu seiner nicht
-geringen Verwunderung Waldkirschbäume von ungewöhnlicher Höhe. Nach und
-nach wurde ihm das Steigen schwerer; der Berg schien sich auf einmal
-steiler zu erheben, und er war oft versucht, die unbequeme Eleganz zu
-verwünschen, in welche ihn sein Berliner Schneider gekleidet hatte.
-Endlich hatte er den Gipfel erreicht, aber noch öffnete sich keine
-Aussicht. Die Bäume schienen dichter zu werden, je mehr sich der Pfad
-wieder senkte, und als sich, um seine Ungeduld zu vermehren, der kleine
-Pfad in zwei noch kleinere teilte, die nach verschiedenen Richtungen
-liefen, schmälte er auf den Kutscher und auf seine eigene Torheit, die
-ihn verleitet hatten, in einem fremden Wald sich zu verirren. Er schlug
-endlich den Weg rechts ein und sah, nachdem er einige hundert Schritte
-gegangen war, zu seiner großen Freude ein buntes Kleid durch das Laub
-schimmern.
-
-Er verdoppelte seine Schritte und war nicht wenig betroffen, als er
-plötzlich vor einer jungen Dame stand, die im Schatten einer alten
-Eiche auf einer Bank saß. Sie hatte ein Buch in der Hand, von welchem
-sie, als sein Schritt in den abgefallenen Blättern rauschte, langsam
-und ruhig ihre schönen Augen erhob; doch auch sie schien betroffen,
-als es ein junger, städtisch gekleideter Herr war, den sie in dieser
-Einsamkeit vor sich sah; sie errötete flüchtig, aber sie senkte ihren
-Blick nicht, der fragend an dem unerwarteten Besuch hing. Der junge
-Mann verbeugte sich einigemal, ehe er recht wußte, was er sagen sollte.
-»Ist wohl das schöne Mädchen Cousine Anna?« war alles, was er in diesem
-Augenblick zu denken und sich zu fragen vermochte, und erst, als er
-diese Frage schnell bejaht hatte, trat er näher zu der jungen Dame, die
-indessen ihr Buch schloß und von ihrem Bänkchen aufstand. »Bitte um
-Vergebung,« sagte er, »wenn ich Sie gestört haben sollte; ich fürchte,
-von dem Wege abgekommen zu sein. Kann ich hier nach dem Schloß des
-Herrn von Thierberg kommen?«
-
-»Auf diesem Fußpfad nicht wohl, wenn Sie hier nicht bekannt sind,«
-erwiderte sie mit einer klangvollen Stimme; »Sie haben oben einen
-Fußpfad links gelassen, der nach dem Schloß führt.« Sie verbeugte sich
-nach diesen Worten, und der junge Mann ging seinen Weg zurück; doch
-kaum hatte er einige Schritte gemacht, so zog ihn ein unwiderstehliches
-Gefühl zurück. Das schöne Mädchen stand noch einmal von ihrem Sitz
-auf, als sie ihn zurückkehren sah, doch diesmal schien Bestürzung ihre
-Wangen zu färben, und eine gewisse Aengstlichkeit blickte aus ihren
-großen Augen. Auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten, fragte
-der Reisende, ob er vielleicht die Ehre gehabt habe, mit Fräulein von
-Thierberg zu sprechen?
-
-»Ich heiße so,« antwortete sie etwas befangen.
-
-»~Eh bien, ma chère cousine!~« sagte er lächelnd, indem er sich artig
-verbeugte; »so habe ich das Vergnügen, Ihnen Ihren Vetter Rantow
-vorzustellen.«
-
-»Wie, Vetter _Albert_!« rief sie freudig. »So haben Sie endlich doch
-Wort gehalten? Wie wird sich der Vater freuen! Und was macht Onkel
-und die liebe Tante, und wie sind Sie gereist?« So drängte sich eine
-Frage nach der andern über die schönen Lippen, und Vetter Rantow fand,
-verloren in sein Glück, eine schöne Muhme zu besitzen, keine Worte,
-alle nach der Reihe zu beantworten. Wie reizend, wie naiv klang ihm die
-Sprache! Er konnte nicht sagen, daß sie gegen irgend eine Regel des
-Stils gesündigt hätte, und doch deuchte es ihn, es seien ganz andere
-Worte, ganz andere Töne, als die er in seinem Vaterland gehört hatte.
-Er fühlte, er sei zu schnell gereist, als daß er allmählich auf diesen
-Kontrast vorbereitet worden wäre.
-
-»Dies ist mein Lieblingsspaziergang,« sagte sie, indem sie langsam
-neben ihm herging. »Zwar ist der Weg im Tal noch angenehmer, der
-Neckar macht schöne Windungen, alte Burgen schmücken die Höhen -- und
-die unsrige spielt dabei nicht die schlechteste Rolle, wenigstens was
-das Altertum betrifft -- Dörfer und sogar ein Städtchen sieht man
-talauf und -ab; aber der Rückweg ins Schloß hinauf ist dann so steil
-und mühsam, und auf der Straße gehen mir zu viele Leute. Der Wald hier
-liegt nicht höher als das Schloß, in einem halben Stündchen geht man
-herüber und ist dann so köstlich einsam, als säße man in seinem Boudoir
-bei verschlossenen Türen.«
-
-»Bis dann der Zufall einen Vetter aus Preußen hereinwehen muß, der die
-köstliche Einsamkeit stört,« unterbrach sie Rantow.
-
-»Im ganzen genommen,« fuhr sie fort, »ist es im Schloß gerade auch
-nicht geräuschvoll. Es ist so einsam als irgend ein bezaubertes Schloß
-in Tausend und eine Nacht. Außer der Dienerschaft und im hintern
-Flügel dem Amtmann, den man nie zu sehen bekommt, sind wir, der Vater
-und ich, die einzigen Bewohner; ja die Einsamkeit im Schloß ist oft
-so schrecklich und traurig, daß ich mich lieber in die Waldeinsamkeit
-flüchte, wo das Rauschen der Bäume und der Gesang der Vögel doch noch
-einiges Leben verkünden.«
-
-
-3.
-
-Ueberrascht stand der junge Mann stille, als sie aus dem dichten Holz
-durch eine Wendung des Weges auf einmal dem Schloß gegenüberstanden.
-Die Bewohner des südlichen Deutschlands sind von Jugend auf an Anblicke
-dieser Art gewöhnt. Man trifft in Franken und Schwaben selten ein Tal
-von der Länge einiger Stunden, in welches nicht eine Burg oder zum
-mindesten ein gebrochener Turm und ein halbes Tor herabschauen. Die
-natürliche Beschaffenheit des Landes, die vielen Berge und kleinen
-Flüsse, überdies die eigentümliche Verfassung des zahlreichen Landadels
-begünstigten oder nötigten in früherer Zeit zu diesen befestigten
-Wohnungen. Aber der Norden unseres Vaterlandes trägt weniger Spuren
-dieser alten Zeit; die weiten Ebenen boten keine so natürliche
-Befestigung wie die Felsen und Gebirgsausläufer des Südens, und hatte
-auch hier und dort eine solche Feste im platten Lande gestanden, so war
-sie nur desto schneller dem Verfall und der Zerstörung preisgegeben.
-Die Nachbarn teilten sich brüderlich in die teuren Steine, und ihr
-Gedächtnis verwehte der Wind, der über die Ebene hinstrich. Darum war
-es dem jungen Manne aus der Mark ein so überraschender Anblick, sich
-in solcher Nähe einer dieser altertümlichen Burgen gegenüber zu sehen,
-um so überraschender, da er durch diese düsteren, tiefen Tore als Gast
-einziehen, in jenem altertümlichen Gemäuer wohnen sollte. Doch bald
-erfüllte kein anderer Gedanke mehr als der malerische Anblick, der sich
-ihm darbot, seine Seele. Der alte schwärzlichgraue Wartturm war auf der
-Mittagsseite von oben bis in den Graben hinab mit einem Mantel von Efeu
-umhängt. Aus den Ritzen der Mauer sproßten Zweige und grüne Ranken, und
-um das Tor zog sich ein breites Rebengeländer, dessen zarte Blätter
-und Fasern sich mit sanfter Gewalt um die rostigen Angeln und Ketten
-der Zugbrücke geschlungen hatten. Zur rechten Seite des Schlosses
-hinderte der dunkle Wald die Aussicht, aber links, an den hohen Mauern
-vorüber, tauchte das Auge hinab in die Tiefe des schönen fruchtbaren
-Neckartals, schweifte hinauf, den Fluß entlang, zu Dörfern und Weilern
-und weit über die Weinberge hin nach fernen blauen Gebirgen.
-
-»Das ist unser Thierberg,« sagte das Fräulein; »es scheint, die Gegend
-habe einigen Reiz für Sie, Vetter, und ich möchte Ihnen wahrlich raten,
-recht oft aus dem Fenster zu sehen, um vor unserer Einsamkeit und
-diesem häßlichen alten Gemäuer nicht zu erschrecken!«
-
-»Ein häßliches Gemäuer nennen Sie diese alte Burg?« rief der Gast.
-»Kann man etwas Romantischeres sehen, als diese Türme mit Efeu
-bewachsen, diesen Torweg mit den alten Wappen, diese Zugbrücke, diese
-Wälle und Gräben? Glaubt man nicht das Schloß von Bradwardine oder
-irgend ein anderes aus Scottischen Romanen zu sehen? Erwartet man
-nicht, ein Sickingen, ein Götz werde uns jetzt eben aus dem Tore
-entgegentreten? --«
-
-»Für dieses Mal höchstens ein Thierberg,« erwiderte das Fräulein
-lachend, »und auch von diesen spukt nur noch einer in den fatalen
-Mauern. Dergleichen Türme und Zinnen liebe ich ungemein in einem Roman
-oder in Kupfer gestochen, aber zwischen diesen Mauern zu wohnen, so
-einsam, und winters, wenn der Wind um diese Türme heult und das Auge
-nichts Grünes mehr sieht als jenen Eppich dort am Turm -- Vetter! mich
-friert schon jetzt wieder, wenn ich nur daran denke. Doch kommt, Herr
-Ritter, das Burgfräulein will Euch selbst einführen.«
-
-Der düstere, schattenreiche Hof, in welchen sie traten, kühlte etwas
-die warme Begeisterung des Gastes. Er sah sich flüchtig um, als sie
-hindurchgingen, und bemerkte, daß der Platz für ein Turnier denn doch
-nicht groß genug gewesen sein müsse, erschrak vor einem halbzerstörten
-Turm, dessen Rudera drohend über die Mauer hereinhingen, erstaunte
-über den scharfen Zahn der Zeit, der in die dicke Mauer mächtige Risse
-genagt und dem Auge eine freie Aussicht in das Tal hinab geöffnet
-hatte, und gab in seinem Herzen schon auf den ausgetretenen Stufen der
-Wendeltreppe, wo ein heftiger Zugwind durch schlecht verwahrte Fenster
-blies, der Bemerkung seiner Cousine über die Wohnlichkeit des Hauses
-vollkommen Beifall. Sechs bis acht Hunde begrüßten in einer großen,
-mit Backsteinen gepflasterten Halle das Fräulein mit freundlichem
-Kläffen und Wedeln, und ein gefesselter Raubvogel, der in einer Ecke
-auf der Stange saß, stieß ein unangenehmes Geschrei aus und schwenkte
-die Flügel. »Das ist nun unsere Antichambre, unser Hofgesinde,« sagte
-Anna, indem sie lächelnd auf die Tiere zeigte; »verwünschte Prinzen und
-Prinzessinnen, die Sie entzaubern können. Doch lassen Sie uns jetzt
-eintreten,« setzte sie nach einer Weile ernster hinzu, »in diesem
-Zimmer ist der Vater.«
-
-Sie öffnete eine hohe, schwere Flügeltüre, und durch das altfränkisch
-ausstaffierte Gemach fiel der Blick des Jünglings auf einen alten
-Mann, der in einer tiefen Fensterwölbung saß, wie es schien, in ein
-Zeitungsblatt vertieft. Bei dem Gruß seiner Tochter sah er sich um, und
-als er den Fremden erblickte und Anna seinen Namen nannte, stand er auf
-und ging ihm langsam, aber festen Schrittes entgegen. Mit Bewunderung
-sah sein Neffe die hohe, gebietende Gestalt, die ihn unwillkürlich
-an jenen Wartturm dieser Burg erinnerte, den so viele Jahre nicht
-einzustürzen vermochten, und dessen Alter nur der Efeu anzeigte, der
-sich an ihm emporgeschlungen hatte. Zwar hatte die Zeit in diese
-fünfundsechzigjährige Stirne Furchen gegraben, um die Schläfe fielen
-dünne graue Haare, und der Bart und die Augenbrauen waren silberweiß
-geworden, aber das Auge leuchtete noch ungetrübt, und der Nacken trug
-den Kopf noch so aufrecht wie in jugendlicher Kraft, und die Hand gab
-einen beinahe kräftigeren Druck, als der Neffe zu erwidern vermochte.
-
-»Bist willkommen in Schwaben,« sagte er mit tiefer, kräftiger Stimme;
-»'s war ein vernünftiger Einfall meiner Frau Schwester, daß sie dich
-herausschickte. Mach' dir's bequem; setz' dich zu mir ans Fenster, und
-du, Anna, bringe Wein.«
-
-So war der Empfang auf Thierberg. So herzlich und offen er aber auch
-sein mochte, so konnte doch der junge Mann mehrere Stunden lang ein
-gewisses unbehagliches Gefühl nicht verdrängen. Er hatte sich den Oheim
-ganz anders gedacht. Er glaubte nach der Beschreibung, die ihm sein
-Vater gemacht hatte, einen rauhen, aber fröhlichen alten Landjunker
-zu finden, der seine Hasen hetzt, mit Laune die Händel seiner Bauern
-schlichtet, von seinen Kleppern gerne erzählt und zuweilen mit seinen
-Freunden und Nachbarn ein Glas über Durst trinkt. Er bedachte nicht,
-wie fünfundzwanzig Jahre und eine so verhängnisvolle Zeit wie die,
-welche dazwischen lag, auf diesen Mann gewirkt haben konnten. Das
-ruhige, ernste Auge des Oheims, das prüfend auf seinen Zügen zu ruhen
-schien, die ungesuchten, aber gründlichen Fragen, womit er den Neffen
-über sein bisheriges Leben und Treiben ins Gebet nahm, das ironische
-Lächeln, das hie und da bei einer Aeußerung des jungen Mannes um seinen
-Mund blitzte, dies alles und das ganze gewichtige Wesen des Alten
-imponierten ihm auf eine Weise, die ihm höchst unbequem war. Er konnte
-sich kein Herz fassen, den Oheim ebenso traulich zu behandeln wie jener
-ihn, er kam sich vor wie ein angehender Staatsdiener, dem ein Minister
-Audienz gibt, und es war dies zu seinem nicht geringen Verdruß das
-zweite Mal, daß er sich über die Landjunker in Schwaben getäuscht sah.
-
-Auch seine Base erschien ihm ganz anders, als er sie gedacht hatte. Er
-fand zwar alle jene liebenswürdige Natürlichkeit, jenes unbefangene,
-ungesuchte Wesen, was man ihm an den Töchtern dieses Landes gerühmt
-hatte, aber diese Unbefangenheit schien nicht aus Unwissenheit, sondern
-aus einem feinen, sichern Takt hervorzugehen, und was sie sprach,
-zeugte von einem so trefflich gebildeten Geist, daß ihre Natürlichkeit
-nur darin zu bestehen schien, daß sie alles Geistreiche, sei es witzig
-oder erhaben, wie etwas Natürliches, Angeborenes vorbrachte, daß es nie
-als etwas Erlerntes, als etwas Gesuchtes erschien. Am ärgerlichsten
-war es ihm, daß sie ihn schon nach den ersten Stunden zu durchschauen
-schien. Die ausgesuchten Artigkeiten, die er ihr sagte, zog sie ins
-Komische, den feineren Komplimenten wich sie auf unbegreifliche Art
-aus, wollte er ihr nur den zarten, in Berlin gebildeten jungen Mann
-zeigen, so nannte sie ihn gewiß immer Herrn von Rantow. Und dennoch
-mußte er sich gestehen, daß er nie soviel Harmonie der Bewegung, der
-Miene, der Gestalt und der Stimme gesehen habe. Ihr ganzes Wesen
-erschien ihm wie das Hauskleid, das sie jetzt eben trug. Es war
-einfach und von bescheidenen Farben, und dennoch kleidete es ihre
-feine, schlanke Gestalt mit jener geschmackvollen Eleganz, die auch
-dem anspruchlosesten Gewand einen geheimnisvollen Zauber verleiht; ein
-Toilettengeheimnis, worüber, soviel der junge Mann sich erinnerte,
-noch nie ein Modejournal Aufschluß gab, und das ihm mehr das Zeichen
-und Symbol einer harmonischen Seele als die Folge einer sorgfältigen
-Erziehung zu sein schien.
-
-Dieselbe Uebereinstimmung glaubte er zwischen dem alten Herrn und
-dem Gemach zu finden, in welches er zuerst geführt worden war. Es
-war der verblichene Glanz eines früheren Jahrhunderts, was ihm von
-den Wänden und Hausgeräten entgegenblickte. Die schweren gewirkten
-Tapeten, mit Leisten befestigt, die einst vergoldet waren und deren
-Farbe jetzt ins Dunkelbraune spielte; die breiten Armstühle mit
-ausgeschweiften, zierlich geschnitzten Beinen, die Polster, mit grellen
-Farben künstlich ausgenäht, mit Papageien, Blumentöpfen und den
-Bildern längst begrabener Schoßhündchen geziert. Wie manchen Wintertag
-mochten seine Ahnfrauen über dieser mühsamen Arbeit gesessen sein, die
-ihnen vielleicht einst für das Vollendetste galt, was der menschliche
-Geschmack je ersonnen, und die jetzt ihrem Urenkel geschmacklos,
-schwerfällig, und hätten sich nicht so ehrwürdige Erinnerungen daran
-geknüpft, beinahe lächerlich erschien. Und doch kam ihm dies alles, der
-ehrwürdigen Gestalt seines Oheims gegenüber, wie durch Altertum und
-langjährige Gewohnheit geheiligt vor. Er sah, man sei in Thierberg
-erhaben über den Wechsel der Mode, und wenn er hinzufügte, was ihm sein
-Vater über die mancherlei Unglücksfälle und die mißlichen Umstände,
-worin sich der Oheim befand, gesagt hatte, so fühlte er sich beschämt,
-daß er diese Umgebungen nur einen Augenblick habe grotesk und sonderbar
-finden können; er fühlte, daß er unverschuldeter Armut, wenn sie sich
-in so ernstem und würdigem Gewande zeige, seine Achtung nicht versagen
-könne; ja, vor diesen Wänden, diesem Geräte, und vor dem unscheinbaren,
-groben Hausrock des Oheims erschien er sich selbst, wenn er seinen
-Blick auf seine modische und höchst unbequeme Tracht warf, wie ein
-Tor, beherrscht von einem Phantom, das ein Weiser lächelnd an sich
-vorübergleiten läßt.
-
-Dies waren die Eindrücke, welche der erste Abend in Thierberg auf die
-Seele des jungen Rantow machte. So ernst sie aber am Ende auch sein
-mochten, so konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken, als mit dem
-Schlage acht Uhr, den die alte Schloßuhr zögernd und zitternd angab,
-eine Flügeltür am Ende des Zimmers aufsprang, ein kleiner Kerl in
-einem verschossenen, bordierten Rock, der ihm weit um den Leib hing,
-hereintrat, sich dreimal verbeugte und dann feierlich sagte: »~Le
-souper est servi!~«
-
-»~S'il vous plaît!~« sagte der Alte mit ernsthaftem Gesicht und einer
-Verbeugung zu seinem Neffen, reichte seinen Arm der schönen Anna und
-ging langsamen Schrittes dem Speisezimmer zu.
-
-
-4.
-
-Mit den Flügeltüren des Speisesaals und dem ersten Blick, den er
-hineinwarf, hatte sich übrigens dem Gast aus Brandenburg ein weites
-Feld der Erinnerung geöffnet. Von diesem gemalten Plafond, der die
-Erschaffung der Welt vorstellte, von dem schweren Kronleuchter, den
-der Engel Gabriel als Sonne aus den Wolken herabhängen ließ, von
-den gelben Gardinen von schwerer Seide hatte ihm seine Mutter oft
-gesprochen, wenn sie von ihrem väterlichen Schloß in Schwaben und von
-dem ungemeinen Glanz erzählte, welcher einst durch ihre hochselige Frau
-Großmutter, die Tochter eines reichen Ministers, in die Familie und
-in die schöneren Appartements zu Thierberg gekommen sei. Schon seine
-Mutter hatte in ihrer Kindheit diese Prachtstücke mit großer Ehrfurcht
-vor ihrem Altertum betrachtet, und seit dieser Zeit hatten sie zum
-mindesten dreißig bis vierzig Jahre gesehen.
-
-»Das ist der Familiensaal,« sagte während der Tafel der alte Thierberg,
-als er die neugierigen Blicke sah, womit sein Neffe dieses Gemach
-musterte. »Vor Zeiten soll man es die _Laube_ genannt haben, und meine
-Ahnherren pflegten hier zu trinken. Mein Großvater selig ließ es aber
-also einrichten und schmücken. Er war ein Mann von vielem Geschmack und
-hatte in seiner Jugend mehrere Jahre am Hof Ludwigs XIV. zugebracht.
-Auch meine Frau Großmutter war eine prächtige Dame, und sie beide haben
-das Innere des Schlosses auf diese Art eingeteilt und dekoriert.«
-
-»Am Hofe Ludwigs XIV.!« rief der junge Mann mit Staunen. »Das ist eine
-schöne Zeit her; wie mancherlei Gäste mag dieser Saal seit jener Zeit
-gesehen haben!«
-
-»Viele Menschen und wunderbare Zeiten,« erwiderte der alte Herr. »Ja,
-es ging einst glänzend zu auf Thierberg, und unsere Gäste befanden sich
-bei uns nicht schlimmer als bei jedem Fürsten des Reichs. Man konnte
-kein fröhlicheres Leben finden als das auf diesen Schlössern, solange
-unsere Ritterschaft noch blühte. Da galt noch unser Ansehen, unsere
-Stimme. Man war ein Edelmann so gut als der König von Frankreich, und
-ein Freiherr war ein freier Mann, der nichts über sich kannte als
-seinen gnädigen Herrn, den Kaiser, und Gott; jetzt --«
-
-»Vater!« unterbrach ihn Anna, als sie sah, wie die Ader auf seiner
-Stirn anschwoll, und wie eine dunkle Röte, ein Vorbote nahenden
-Sturmes, auf seinen Wangen aufzog. »Vater!« rief sie mit zärtlichen
-Tönen, indem sie seine Hand ergriff, »nichts mehr über dies Thema; Sie
-wissen, wie es Sie immer angreift!«
-
-»Törichtes Mädchen!« erwiderte der alte Herr, halb unwillig, halb
-gerührt von der bittenden Stimme seiner schönen Tochter; »warum sollte
-ein Mann nicht stark genug sein, nach Jahren von _dem_ zu sprechen,
-was er zu dulden und zu tragen stark genug war? Der Vetter kennt nur
-unsere Verhältnisse, wie sie jetzt sind. Er ist geboren zu einer Zeit,
-wo diese Stürme gerade am heftigsten wüteten, und aufgewachsen in einem
-Lande, wo die Ordnung der Dinge längst schon anders war; er kann sich
-also nicht so recht denken, was die Vorfahren seiner Mutter waren, und
-deshalb will ich ihn belehren.«
-
-Der Freiherr nahm nach diesen Worten sein großes Glas, auf dessen
-Deckel die Wappenschilde seines Hauses, aus Silber getrieben,
-angebracht waren, und trank, um Kraft zu seiner Belehrung zu sammeln,
-einen langen, tüchtigen Zug. Doch Fräulein Anna sah an ihm vorüber den
-Gast mit besorglichen, bittenden Blicken an. Er verstand diesen Wink
-und suchte den Oheim von dieser Materie abzubringen.
-
-»Es ist wahr,« fiel er ein, noch ehe jener das Glas wieder auf den
-Tisch gesetzt hatte, »in Preußen sind die Verhältnisse anders und seit
-langer Zeit anders gewesen. Aber sagen Sie selbst, kann man ein Land in
-Europa finden, das meinem Vaterlande gliche? Ich gebe zu, daß andere
-Länder an Flächeninhalt, an Seelenzahl uns bei weitem überwiegen, aber
-nirgends trifft man auf so kleinem Raum eine so kräftige, durch innere
-Tugend imponierende Macht; es ist das Sparta der neuen Zeit. Und nicht
-ein glücklicherer Boden oder ein milderer Himmel bewirkten so Großes;
-sondern der Genius großer Männer hat ein Preußen geschaffen, weil
-sie es verstanden, die schlummernden Kräfte zu wecken, und dem Volke
-selbst zeigten, welche Stellung es einnehmen müsse; weil sie _Preußen_
-geworden sind, ist auch ein Preußen erstanden.«
-
-Der alte Herr hatte seinem Neffen ruhig zugehört, bei den letzten
-Worten aber zog sich sein Gesicht zu solcher Ironie zusammen, daß der
-Brandenburger errötete. »Der Sohn meines Nachbars, des Generals von
-Willi, würde sagen, wenn er dich hörte: ›O Deutschland, Deutschland, da
-sieht man, wie dein Elend aus deiner eigenen Zersplitterung hervorgeht!
-Sie wollen nicht mehr Griechen, sondern Platäer, Korinther, Athener,
-Thebaner und gar -- Spartaner heißen!‹ Ich wünsche nur,« setzte
-er lächelnd hinzu, »daß die Spartaner nicht zum zweitenmal einen
-Epaminondas im Felde finden mögen. Die Schlacht bei Leuktra war kein
-Meisterstück der Kriegskunst unserer modernen Spartaner.«
-
-»Unser Unglück bei Jena,« sagte der junge Mann verdrießlich, »kann man
-weder dem Volk noch dem Könige zuschreiben, und ich glaube, wir haben
-uns an Napoleon hinlänglich gerächt; wir haben nicht nur Deutschland
-wieder frei gemacht, sondern ihn selbst entthront.«
-
-»So? Das seid _ihr_ gewesen?« fragte der Oheim; »Gott weiß, ich tat bis
-jetzt sehr unrecht, daß ich dieses Ereignis der halben Million Soldaten
-zuschrieb, die man aus ganz Europa gegen ihn zusammenhetzte. Warst
-du vielleicht selbst mit dabei, Neffe? Du kannst wahrscheinlich als
-Augenzeuge reden?«
-
-Der Neffe errötete und schickte einen ängstlichen Blick nach Anna, die
-ihr Lächeln kaum unterdrücken konnte. »Ich war damals noch auf der
-Schule,« antwortete er, »und es hat mich nachher oft geärgert, daß ich
-nicht dabei war. Ich gebe zu, daß die andern auch mitgeholfen haben,
-aber in allen Schlachten waren es nur die Preußen, die entschieden
-haben; denken Sie nur an Waterloo.«
-
-»Seid überzeugt, ich denke daran,« erwiderte der alte Herr mit großem
-Ernst, »und denke mit Vergnügen daran. Wenn _einer_ ein Feind jenes
-Mannes ist, so bin ich es; denn er hat uns und alles unglücklich
-gemacht und das alte schöne Reich umgekehrt wie einen Handschuh.
-Aber das mit deinen Landsleuten weißt du denn doch nicht recht. Ich
-glaube schwerlich, daß eure jungen Soldaten, wenn sie auch wirklich
-so begeistert waren, wie man sagte, so viele Stöße auf ihr Zentrum
-ausgehalten hätten als am achtzehnten Juni jene Engländer, die schon in
-allen Weltteilen gedient hatten.«
-
-»Nicht die Jahre sind es,« sagte jener, »die in solchen Augenblicken
-Kraft geben, sondern das Selbstbewußtsein, der Stolz einer Nation und
-die Begeisterung des Soldaten für seine Sache; und die hat der Preuße
-vollauf.«
-
-»Ich habe in meiner Jugend auch ein paar Jahre gedient,« entgegnete der
-Oheim; »Anno 85 bei den Kreistruppen. Damals waren die Soldaten noch
-nicht begeistert, darum kenne ich das Ding nicht. Nächstens wird mich
-aber mein Nachbar, der General, besuchen, mit diesem mußt du darüber
-sprechen.«
-
-»Wie dem auch sei,« fuhr der Gast fort, »es freut mich innig, daß Sie
-über den Hauptpunkt, über den Unwillen gegen die Franzosen und im Haß
-gegen diesen Korsen, mit mir übereinstimmen. Bei uns zu Hause behauptet
-man, daß er in Süddeutschland leider noch immer als eine Art Heros
-angesehen und, es ist lächerlich zu sagen, von vielen sogar als ein
-Beglücker der Menschheit verehrt werde.«
-
-»Sprich nicht zu laut, Freund,« erwiderte der alte Herr, »wenn du es
-nicht mit dieser jungen Dame hier gänzlich verderben willst. Sie ist
-gewaltig _napoleonisch_ gesinnt.«
-
-»Sie werden darum nicht schlechter von mir denken,« sagte Anna
-hocherrötend, »weil ich einen Mann nicht geradehin verdammen mag,
-dessen unverzeihlicher Fehler der ist, daß er ein großer Mensch war.«
-
-»Großer Mensch!« rief der Alte mit blitzenden Augen, »den Teufel auch,
-großer Mensch! Was heißt das? Daß er den rechten Augenblick erspähte,
-um wie ein Dieb eine Krone zu stehlen? Daß er mit seinen Bajonetten
-ein treffliches Reich über den Haufen warf, seine herrliche natürliche
-Form zertrümmerte, ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen! Großer
-Mensch!«
-
-»Sie sprechen so, weil --«
-
-»Anna, Anna!« fiel er seiner Tochter in die Rede, »meinst du, ich
-spreche nur darum so, weil er uns elend machte? Weil er dieses Tal
-und den Wald mir entriß, weil er diese Menschen, die mir und meinen
-Ahnen als ihren Herren dienten, an einen andern verschenkte? Weil die
-ungebetenen Gäste, die er uns schickte, das bißchen aufzehrten oder
-einsteckten, was mir noch geblieben war? Es ist wahr, an jenem Tage,
-wo man ein fremdes Siegel über das alte Wappen der Thierberge klebte,
-wo man mein Vieh zählte und schätzte, meine Weinberge nach dem Schuh
-ausmaß, meine Wälder lichtete und die erste Steuer von mir eintrieb, an
-jenem Tage sah ich nur mich und den Fall meines Hauses; aber ging es
-der ganzen Reichsritterschaft besser, mußten wir nicht sogar erleben,
-daß ein Mann von der Insel Korsika erklärte, es gebe keinen deutschen
-Kaiser und kein Deutschland mehr?«
-
-»Gott sei es geklagt!« sagte der junge Rantow, »und uns wahrhaftig hat
-er es nicht besser gemacht.«
-
-»Ihr, gerade ihr seid selbst schuld daran,« fuhr der alte Herr immer
-heftiger fort. »Ihr hattet euch längst losgesagt vom Reich, hattet kein
-Herz mehr für das Allgemeine, wolltet einen eigenen Namen haben und
-tatet euch viel darauf zu gut. Ihr sahet es vielleicht sogar gern, daß
-man uns Schaft für Schaft entzweibrach, weil man uns fürchtete, solange
-die übrigen Speere _ein_ Band umschlang. Habt ihr nicht gesehen, wie
-weit es kam, als man in Sparta jeden Griechen einen Fremden nannte?
-Verdammt sei dieses Jahrhundert der Selbstsucht und Zwietracht,
-verdammt diese Welt von Toren, welche Eigenliebe und Herrschsucht Größe
-nennt!«
-
-»Aber lieber Vater --« wollte das Fräulein besänftigend einfallen, doch
-der alte Herr war bei seinen letzten Worten schnell aufgestanden, und
-der kleine Mensch in der Thierbergischen Livree eilte auf seinen Wink
-mit zwei Kerzen herbei.
-
-»Gute Nacht,« wandte er sich noch einmal zu seinem Neffen; »stoße dich
-nicht daran, wenn du mich zuweilen heftig siehst; 's ist so meine
-Natur. Schlafet wohl, Kinder!« setzte er ruhiger hinzu, »wenn die
-Gegenwart schlecht ist, muß man von besseren Zeiten träumen.« Anna
-küßte ihm gerührt die Hand, und die erhabene Gestalt des alten Herrn
-schritt langsam der Türe zu. Rantow war so betroffen von allem, was er
-gehört und gesehen, daß es ihm sogar entging, welche komische Figur
-der Diener machte, der seinem Herrn zu Bette leuchtete. Die weite
-Staatslivree, die er trug, hing beinahe bis zum Boden herab, und die
-langen bordierten Aufschläge bedeckten völlig die Hände, welche die
-silbernen Leuchter trugen. Er war anzusehen wie ein großer Pilgrim,
-der einen Kalvarienberg hinan auf den Knieen rutscht. Um so erhabener
-war der Kontrast des Mannes, der ihm folgte; er erschien, als er durch
-den altfränkischen Saal unter den Familiengemälden seiner Ahnen
-vorbeischritt, wie ein wandelndes Bild der guten alten Zeit.
-
-Als der alte Herr das Gemach verlassen hatte, stand das Fräulein mit
-einer Verbeugung gegen ihren Gast auf und trat in ein Fenster. Der
-junge Mann fühlte an ihrem Schweigen, daß er diesen Abend Saiten
-berührt haben müsse, die man anzutasten sonst vielleicht sorgfältig
-vermied. Sie blickte hinaus in die Nacht, und Rantow trat an ihre
-Seite; er hatte oft erprobt, wie sich Mißverständnisse leichter lösen,
-wenn man sie in einen Scherz kehrt, als wenn man mit Ernst oder Wehmut
-darüber spricht. Mit solch einem Scherz wollte er Anna versöhnen; doch
-als er zu ihr ans Fenster trat, war der Anblick, der sich ihm darbot,
-so überraschend, daß kein heiteres Wort über seine Lippen schlüpfen
-konnte. Das tiefe, schwärzliche und doch so reine Blau, das nur ein
-südlicher Himmel im Mondlicht zeigt, hatte er noch nie gesehen. Ueber
-Wald und Weinberge herab goß der Mond seltsame Streiflichter, und im
-Tal schimmerten seinen Glanz nur die zitternden Wellen des Neckars
-und die Spitze des dunkeln Kirchturms zurück. Der falbe Schein dieses
-Lichtes der Nacht hatte Annas Züge gebleicht, und in ihren schönen
-Augen schwamm eine Träne. Jetzt erst, als alles so still und lautlos
-war, vernahm man aus der Ferne die gehaltenen Töne einer Flöte, und
-diese Klänge verbanden sich so sanft mit dem milden Schimmer des
-Mondes, daß man zu glauben versucht war, es seien _seine_ Strahlen,
-die so melodisch sich auf die Erde niedersenkten. Ein seliges Lächeln
-zog über Annas Gesicht; ihr glänzender Blick hing an einer Waldspitze,
-die weit in das Tal vorsprang, und ihre tieferen Atemzüge schienen der
-Flöte zu antworten.
-
-»Wie prachtvoll ist selbst die Nacht in Ihrem Tal!« sprach nach einer
-Weile der Gast. »Wie schön wölbt sich der Himmel darüber hin, und der
-Mond scheint nur für diesen stillen Winkel der Erde geschaffen zu sein.«
-
-Anna öffnete das hohe Bogenfenster. »Wie warm und mild es noch draußen
-ist!« sagte sie, indem sie freundlich in das Tal hinabschaute. »Kein
-Lüftchen weht.«
-
-»Aber die Bäume neigen sich doch her und hin,« erwiderte er, »sie
-rauschen, gewiß vom Wind bewegt.«
-
-»Kein Lüftchen weht,« wiederholte sie und hielt ihr weißes Tuch hinaus.
-»Sehen Sie, nicht einmal dieses leichte Tuch bewegt sich. Und kennen
-Sie denn nicht die alte Sage von den Bäumen? Nicht der Nachtwind ist
-es, der ihre Blätter bewegt, sie flüstern jetzt und erzählen sich, und
-wer nur ihre Sprache verstünde, könnte manches Geheimnis erfahren.«
-
-»Vielleicht könnte man dann auch erfahren, wer der Flötenspieler ist,«
-sagte der Vetter, indem er Anna schärfer ansah; denn schon war er so
-eifersüchtig auf seine schöne Base geworden, daß ihm die süßen Töne vom
-Wald her und ihr Tuch, das sie noch immer aus dem Fenster hielt, in
-Wechselwirkung zu stehen schienen.
-
-»Das kann ich Ihnen auch ohne die Bäume verraten,« erwiderte sie
-lächelnd, indem sie das Tuch zurücknahm. »Das ist ein munterer
-Jägerbursche, der seinem Mädchen einen guten Abend spielt.«
-
-»Dazu ist aber die Entfernung doch beinahe zu groß,« fuhr er fort,
-»manche Töne werden nicht ganz deutlich.«
-
-»Im Dorf unten hört man es besser als hier oben«, sagte sie
-gleichgültig und schloß das Fenster; »überdies sagt ja das Sprichwort:
-›Das Ohr der Liebe hört noch weiter als das des Argwohns.‹«
-
-»Schön gesagt,« rief der junge Mann, »doch das _Auge_ des Argwohns
-sieht weiter als das der Liebe.«
-
-»Sie haben recht,« entgegnete sie, »aber nur bei Tag, nicht bei Nacht.«
-
-Diese, wie es schien, ganz absichtslos gesagten Worte überraschten den
-jungen Mann so sehr, daß er beschämt die Augen niederschlug. Er warf
-sich seine Torheit vor, daß er nur einen Augenblick glauben konnte, es
-sei ein Liebhaber dieses arglosen Kindes, der dort im Walde musiziere.
-
-»Und nun gute Nacht, Vetter,« fuhr Anna fort, indem sie eine Kerze
-ergriff. »Träumen Sie etwas recht Schönes, man sagt ja, der erste
-Traum in einem Hause werde wahr; Hans! leuchte dem Herrn Baron ins
-rechte Turmzimmer! Und dies noch,« setzte sie auf französisch hinzu,
-als der Diener näher trat, »vermeiden Sie, mit meinem Vater über Dinge
-zu sprechen, die ihn so tief berühren. Er ist sehr heftig, doch gilt
-sein Zorn nie der Person, sondern der Meinung. Es war _meine_ Schuld,
-daß ich Sie nicht zuvor unterrichtet habe, morgen will ich nähere
-Instruktionen erteilen. -- Gute Nacht!«
-
-Sinnend über dieses sonderbare und doch so liebenswürdige Wesen folgte
-der Gast dem Diener, und die dumpf hallenden Gänge und Wendeltreppen,
-das vieleckige, in wunderlichen Spitzbogen gewölbte Gemach, das
-altertümliche Gardinenbette, so manche Gegenstände, die er sonst so
-aufmerksam betrachtet hätte, blieben diesmal ohne Eindruck auf seine
-Seele, die nur eifrig beschäftigt war, den Charakter und das Benehmen
-Annas zu prüfen und zu mustern.
-
-
-5.
-
-Als der Gast am folgenden Morgen nach einer sorgfältigen Toilette
-hinabging, um mit seinen Verwandten zu frühstücken, konnte er sich
-anfänglich in dem alten Gemäuer nicht zurechtfinden. Ein Diener,
-auf welchen er stieß, führte ihn dem Saal zu, und an den Gängen und
-Treppen, die er durchwandern mußte, bemerkte er erst, was ihm gestern
-nicht aufgefallen war, daß er im entlegensten Teil dieser Burg
-geschlafen habe. Auf sein Befragen gestand ihm der Diener, daß sein
-Gemach das einzige sei, das man auf jener Seite noch bewohnen könne,
-und außer dem Wohnzimmer mit den gewirkten Tapeten, dem Schlafzimmer
-des alten Herrn, dem Saal, dem kleinen Zimmerchen in einem andern Turm,
-wo Fräulein Anna wohne, sei nur noch das ungeheure Bedientenzimmer,
-das früher zu einer Küche gedient habe, und die Wohnung des Amtmanns
-einigermaßen bewohnbar; die übrigen Gemächer seien entweder schon halb
-eingestürzt oder würden zu Fruchtböden und dergleichen benützt. Der
-stolze Sinn des Oheims und die fröhliche Anmut seiner Tochter standen
-in sonderbarem Widerspruch mit diesen öden Mauern und verfallenen
-Treppen, mit diesen sprechenden Bildern einer vornehmen Dürftigkeit.
-Der junge Mann war, wenn nicht an Pracht, doch an eine gewisse
-reinliche Eleganz in seiner Umgebung selbst an den Treppen und Wänden
-gewöhnt, und er konnte daher nicht umhin, seine Verwandten, die in so
-großer, augenscheinlicher Entbehrung lebten, für sehr unglücklich zu
-halten. Das romantische Interesse, das der erste Anblick dieser Burg
-für ihn gehabt hatte, verschwand vor dieser traurigen Wirklichkeit, und
-wenn er sich dachte, wie die Mauerrisse und Spalten, durch welche jetzt
-nur die warme Morgensonne hereinfiel, den Stürmen des Winters freien
-Durchgang lassen mußten, war ihm Annas Furcht vor dieser Jahreszeit
-wohl erklärlich.
-
-»Und ein so zartes Wesen diesen rauhen Stürmen ausgesetzt,« sagte er
-zu sich, »ein so reicher und gebildeter Geist ohne Umgang, vielleicht
-ohne Lektüre, einen ganzen Winter lang in diesen Mauern vom Schnee und
-Wetter gefangen gehalten, einsam bei dem ernsten, feierlichen, alten
-Mann! Und dieser ehrwürdige Alte, der einst bessere Tage gesehen, durch
-die Ungunst der Zeit in unverschuldete Dürftigkeit und Entbehrung
-versetzt!« Von so gutmütiger Natur war das Herz des jungen Mannes, daß
-er vor der Türe des Saales halb und halb den Entschluß faßte, um die
-schöne Anna zu freien, sie in die Mark zu führen, oder wenn ihm das
-Leben in Schwaben besser gefallen sollte, mit ihr in die Residenz zu
-ziehen und für den Sommer Thierberg wieder instandsetzen zu lassen.
-
-Der Alte empfing ihn mit einem herzlichen Morgengruß und derben
-Händedruck, und Anna erschien ihm heute noch freundlicher und
-zutraulicher als gestern. Das Tagewerk der Knechte wurde in seiner
-Gegenwart angeordnet, und mit Wonne sah er Anna eine Geschäftigkeit
-im Hauswesen entfalten, die er der feingebildeten jungen Dame nicht
-zugetraut hätte. Auch über ihre eigenen Geschäfte sprachen die
-Bewohner des Schlosses. Der Alte wollte vormittags mit seinem Verwalter
-rechnen, Anna den Gast unterhalten und einen Spaziergang mit ihm ins
-Tal hinab machen. Nach Tische wollte sie bei einigen Damen in der
-Nachbarschaft Besuche abstatten, der Alte das Stück Wald, das ihm noch
-eigen gehörte, mustern, und Albert sollte ihn begleiten. Der Abend
-sollte sie alle zum Spiel vereinigen. So angenehm dem jungen Manne
-die Aussicht war, einen ganzen Vormittag mit der schönen Cousine zu
-verleben, so erschreckte ihn doch ein so langer Waldspaziergang mit dem
-ernsten Onkel, der alle Augenblicke die sonderbarsten, vielseitigsten
-Kenntnisse verriet und in so hohem Alter noch ein Wortgedächtnis hatte,
-vor welchem jenem graute. »Wie, wenn er dich den ganzen Nachmittag
-ausfragte, was du gelernt hast!« sagte er zu sich. »Wie schnöde wird
-es dann an den Tag kommen, welche Lehrstühle und Säle in Berlin du
-_nicht_ besucht, und wie schnell wird er ahnen, _welche_ du besucht
-hast.« Einiger Trost für ihn war seine geläufige Zunge und ein wenig
-Disputierkunst, das einzige, was ihm von seinem Hofmeister übrig
-geblieben war. Doch wie einen zum Galgen Verdammten das Henkermahl noch
-erfreut, das ihm der Nachrichter zu- und anrichten muß, so richtete
-sich seine geängstigte Seele an der schönen Gegenwart auf. Und welcher
-Himmel ging ihm erst auf, als der Onkel, nachdem er schon Hut und
-Stock ergriffen hatte, sich noch einmal zu seinem Neffen wandte. »Noch
-etwas!« sagte er zu ihm. »So lange Thierberg steht, ist es Sitte, daß
-die nächsten Verwandten gleicher Linie mit Du unter sich reden; ich
-denke, du wirst mit Anna keine Ausnahme machen, weil du hundert Meilen
-nördlicher geboren bist.«
-
-Anna lächelte und schien es ganz in der Ordnung zu finden, aber mit
-freudeglühenden Wangen sagte der junge Mann zu; dankbar blickte er
-dem alten Oheim nach, der ihm in diesem Augenblick wie ein Bote der
-Liebe erschien. Leider vergaß er dabei, daß dieses Du nicht das süße,
-heimliche Du der Liebe sei, und daß ein so nahes Verhältnis zwar der
-Freundschaft förderlich, für die entstehende Liebe aber ein Hindernis
-sein könnte.
-
-»Und du wolltest mir gestern abend noch Instruktionen geben,« sagte
-er, indem er sich in das Fenster zu dem Fräulein setzte. »Es ist mir
-angenehm, wenn du mir recht viel vom Onkel sagst, ich habe ihn mir
-durchaus anders gedacht, und daher kam nun wohl gestern abend mein
-Mißgriff.«
-
-»Wie hast du dir ihn denn gedacht?« fragte Anna.
-
-»Nun, ich setzte mir aus dem, was Mutter und Vater erzählten, ein Bild
-zusammen, das nun freilich nicht paßt. Seit mein Vater Kammerjunker an
-eurem Hofe war und nachher die Mutter nach Preußen heimführte, mögen
-es doch etwa dreißig Jahre sein. Damals war wohl Onkel etwa fünf- bis
-sechsunddreißig Jahre alt, und man nannte ihn noch immer den Junker,
-denn der Großvater Thierberg lebte noch. Mein Vater beschreibt ihn nun
-gar komisch, wenn er auf ihn zu sprechen kommt. Er war hier im Schloß
-aufgewachsen unter der Aufsicht seines Herrn Papa und seiner Frau Mama.
-Die guten Großeltern könnte ich malen. Sie müßten in den geblümten
-und ausgenähten Fauteuils sitzen, aufrecht und anständig frisiert;
-die Großmama in einem blauseidenen Reifrock, der Großpapa in einem
-verschossenen Hofkleid. Sie sind die regierende Familie in ihrem Land,
-der Amtmann und der Pastor ihr Hofstaat. Der Erbprinz lernte hier nicht
-viel mehr, als sich anständig verbeugen, die Hand küssen, reiten und
-jagen, und die Prinzessinnen sollen ihn an Bildung weit übertroffen
-haben. Die zwei Jahre Garnisonleben bei den Reichstruppen hatten ihn
-nicht gerade verfeinert, und so soll er immer zur größten Lust der
-Verwandten gedient haben, wenn er um die Zeit, da man alljährlich die
-Remontepferde von Leipzig brachte, in die Residenz kam. Meine Mutter
-wurde damals bei Onkel Wernau erzogen, und mein Vater kam täglich in
-das Haus. Wenn dann dein Vater im Herbst zu Besuch kam, verhehlte
-er nicht, daß er nur gekommen sei, um die schönen Remontepferde zu
-betrachten, zog den ganzen Tag bei Bereitern und in den Ställen umher,
-freute sich, mit seiner großen Pferdekenntnis glänzen zu können, und
-unterhielt abends die glänzende Gesellschaft bei Wernaus durch sein
-sonderbares Wesen, das zwar nie linkisch oder unanständig, aber im
-höchsten Grade naiv, ungezwungen und komisch war. Mein Vater sagte oft
-›Er war ein Bild der guten alten Zeit, nicht jener steifen Zeit, wo man
-den Hofton und die Reifröcke in jedem Winkel des Landes affektierte,
-sondern einer viel früheren. Er war das Muster eines schwäbischen
-Landjunkers.‹«
-
-Der junge Mann hielt inne in seiner Beschreibung, als er sah, daß seine
-Zuhörerin lächelte. »Du findest vielleicht diese Züge unwahr,« sagte
-er, »weil sie auf heute nicht mehr passen, und doch versichere ich --«
-
-»Mir fiel nur,« erwiderte sie, »als du dies das Bild eines schwäbischen
-Landjunkers nanntest, jenes Buch ein, das beinahe mit denselben Zügen
-einen Landjunker in -- Pommern schildert. Du versetzest nun dieses Bild
-in mein Vaterland, in dieses Schloß sogar; sonderbar ist übrigens,
-daß beinahe kein Zug mehr zutrifft. In dem gut gemalten Bilde eines
-Jünglings muß man sogar die Züge des Greises wiedererkennen, doch
-hier --«
-
-»Das wollte ich ja eben sagen; ich fand den Onkel so ganz und durchaus
-anders, daß ich selbst nicht begreifen konnte, wie er einst jener
-muntere, naive Junge habe sein können.«
-
-»Ich spreche ungern mit Männern über Männer, ich meine, es passe
-nicht für Mädchen,« nahm Anna das Wort; »über meinen Vater vollends
-habe ich nie -- _beinahe_ nie gesprochen,« setzte sie errötend hinzu,
-»doch mit dir will ich eine Ausnahme machen. Ich kenne zwar den Vater
-nicht anders, als wie er jetzt ist; es ist möglich, daß er vor dreißig
-Jahren etwas anders war, aber bedenke, Vetter Albert, durch welche
-Schule er ging! Alles, alles, was ihm einst lieb und wert war, hat
-diese furchtbare Zeit niedergewühlt. Oder meinst du, jene Verhältnisse,
-so sonderbar und unnatürlich sie vielleicht erscheinen, seien ihm
-nicht teuer gewesen? Wie oft, wenn die alten Herren in der vormaligen
-Reichsritterschaft im Saal waren und sich besprachen über die gute alte
-Zeit, wie oft hätte ich da weinen mögen, aus Mitleid mit den Greisen,
-die sich nun so schwer in diese neuen Gestaltungen finden!«
-
-»Aber ging es ganz Europa besser? Denke an Spanien, Frankreich,
-Italien, Polen und das ganze Deutschland,« erwiderte der Gast.
-
-»Ich weiß, was du sagen willst,« fuhr sie eifrig fort; »man soll über
-dem Unglück und der Umwühlung eines Weltteils so kleine Schmerzen
-vergessen; aber wahrlich, so weit sind wir Menschen noch nicht. Auf
-diesen Standpunkt erhebe sich, wer kann, und ich meine, er wird auch
-in seiner Großherzigkeit wenig Trost, weder für sich noch für das
-Allgemeine finden. Und ich möchte überdies noch behaupten, daß unter
-allen, die überall gelitten haben, vielleicht gerade diese Ritterschaft
-nicht am wenigsten litt. Andere Wunden, die man nur dem Vermögen
-schlägt, heilen mit der Zeit, doch wo, nicht durch Revolution, sondern
-im Namen gesetzlicher Gewalt, so alte, lang gewöhnte Bande zersprengt,
-und Formen, die auf ewig gegründet schienen, zertrümmert werden, das
-eine Stück hierhin, das andere dorthin gerissen -- werden die teuersten
-Interessen in innerster Seele verwundet. Wenn so die alten Hauptleute
-und Räte der Ritterschaft, einige Komture und deutsche Ritter um die
-Tafel sitzen, so glaubt man oft Gespenster, Schatten aus einer anderen
-Welt zu sehen. Doch wenn man bedenkt, daß dies alles, was sie einst
-erfreute, so lang vor ihnen zu Grabe ging, und diese Titel von der
-jungen Welt nicht mehr verstanden werden, so kann man mit ihnen recht
-traurig werden.«
-
-»Es ist wahr,« bemerkte der Gast, »und man muß gerecht sein; sie wurden
-von früher Jugend in der Achtung und im ritterlichen Eifer für jene
-alten Formen erzogen, glänzten vielleicht eben im ersten Schimmer einer
-neuen Amtswürde, als das Unglück hereinbrach und alles auflöste; und
-wie schwer ist es, alten Gewohnheiten zu entsagen, alte Vorurteile
-abzulegen!«
-
-»Um so schwerer,« setzte Anna hinzu, »wenn man ein Recht und
-gesetzliche Ansprüche darauf zu haben glaubt. Hätte man jene Bande
-sanft gelöst, man würde sich nach und nach gewöhnt haben; so aber war
-es das Werk eines Augenblicks. Vermögen, Ansehen und Würden gingen
-zugleich verloren, und mancher wurde geflissentlich gekränkt. So
-wurde der Unmut über die Veränderung zur Erbitterung. Der Vater hat
-oft erzählt, wie sie ihm an _einem_ Tage alle Familienwappen von den
-Wänden gerissen, das Vieh geschätzt, Pferde weggeführt, die Braupfannen
-versiegelt und für Staatseigentum erklärt haben; die Mutter war
-krank, der Vater außer sich gebracht durch höhnische Behandlung der
-neuen Beamten, und um das Unglück vollkommen zu machen, legten sie
-fünfundsiebzig Franzosen in dieses Schloß, die nicht plündern, aber
-ungestraft stehlen durften, und wenn sie weiter zogen, nur ebensoviel
-neuen Gästen Platz machten.«
-
-»Wahrhaftig!« rief Albert, »ein solches Schicksal hätte wohl auch den
-fröhlichsten Junker ernst machen müssen!«
-
-»Wie es ging, weiß ich nicht; nur so viel nahm ich mir aus den
-Gesprächen ab, daß er seit jener Zeit ganz verändert sei. Er hielt
-sich meistens zu Hause, las viel und studierte manches. Er gilt jetzt
-in der Gegend für einen Mann, der viel weiß, und muß in manchen Fällen
-Rat geben. Doch um auf die Instruktionen zu kommen, die ich dir
-erteilen wollte, so kannst du sie aus dem, was ich dir erzählte, selbst
-abnehmen. Berühre nie die früheren politischen Verhältnisse, wenn du
-ihn nicht wehmütig machen willst, sprich nie von dem Kaiser --«
-
-»Von welchem Kaiser?« unterbrach sie der Vetter.
-
-»Nun, von Napoleon, wollte ich sagen; er sieht ihn als den Urheber
-aller seiner Leiden an, und wenn etwa der General in diesen Tagen
-kommen sollte, laß dich in keinen politischen Diskurs ein; sie sind
-schon so heftig aneinander geraten.«
-
-»Wer ist denn der General?« fragte Albert. »Hat nicht dein Vater mich
-gestern aufgefordert, mit ihm über die neuere Kriegszucht zu sprechen?«
-
-»Der General Willi ist unser Nachbar,« erwiderte Anna, »und wohnt
-eine halbe Stunde von hier, den Neckar abwärts. Er gehört so sehr der
-neueren Zeit an, als der Vater der alten, und ich kann ihm seine Art zu
-denken ebensowenig verargen als meinem Vater. Er machte in den früheren
-Feldzügen eine sehr schnelle Karriere, und der Kaiser selbst soll ihn
-im Feldzuge von 1809 beredet haben, unsern Dienst zu verlassen und in
-die Garde zu treten. Er war mit in Rußland, wurde bei Chalons gefangen
-und zog sich nachher gänzlich zurück. Hier hat er nun ein Gut gekauft,
-ist ein sehr vermögender Mann und lebt im stillen seinen Erinnerungen.
-Du kannst dir denken, daß ein Mann, der in solchen Verhältnissen
-seine schönsten Jahre lebte, wohl auch noch heute von der Sache, für
-welche er einst focht, eingenommen ist; er ist, was man so nennt, ein
-eigensinniger Napoleonist und hat wenigstens so gut als irgend einer
-Grund dazu.«
-
-»Wenn er ein Franzose wäre,« entgegnete Albert, »dann möchte es ihm
-hingehen. Aber für einen Deutschen schickt es sich doch wahrhaftig
-nicht. Es war keine _Sache_, für welche er focht, sondern ein Phantom.«
-
-»Streiten wir nicht darüber,« fiel ihm Anna ins Wort. »Ich bin
-überzeugt, wenn du diesen liebenswürdigen, edlen Mann kennen lernst,
-wirst du ihm seinen Enthusiasmus vergeben.«
-
-»Wie alt ist er denn?« fragte jener befangen.
-
-»Ein guter Fünfziger,« erwiderte Anna lächelnd. »Mir aber scheint er,
-wie gesagt, für seine Gesinnungen ein so gutes Recht zu haben als der
-Vater. Wurde ja doch auch, was _ihm_ groß und erhaben deuchte, zerstört
-und verhöhnt, und du weißt, daß dies nicht der Weg ist, die Menschen
-mit dem Neueren auszusöhnen. Die beiden Herren haben große Zuneigung
-zueinander gefaßt, obgleich sie in ihren Meinungen so schroff einander
-gegenüberstehen. Oft kommt es unter ihnen zu so heftigem Streit, daß
-ich immer einmal einen wirklichen Bruch der nachbarlichen Verhältnisse
-voraussehe. Ich glaube, wenn mehr Damen zugegen wären, würde es nie
-so weit kommen, aber leider hat auch der General vor einigen Jahren
-seine Frau verloren. Sie war eine treffliche Frau, und meine Mutter
-schätzte sie sehr; der Vater konnte es ihr aber nie vergeben, daß sie
-eine Bürgerliche war, und seine Schwester, die jetzt eben bei ihm ist,
-pflegt immer nur auf kurze Zeit einzukehren.«
-
-Der alte Thierberg, der in diesem Augenblick von seinem Amtmann
-zurückkam, unterbrach dieses Gespräch, das der junge Mann noch lange
-hätte fortsetzen mögen; denn Base Anna erschien ihm, wenn sie lebhaft
-sprach, wenn ihre Augen während ihrer Rede immer heller glänzten, und
-ihre zarten Züge jede ihrer Empfindungen abspiegelten, immer reizender,
-liebenswürdiger zu werden, und er glaubte aus dem Vergnügen, das ihr
-die Unterhaltung mit ihm zu gewähren schien, nicht mit Unrecht einen
-günstigen Schluß für sich ziehen zu dürfen.
-
-
-6.
-
-Von allen seinen früheren reichsfreiherrlichen Rechten war dem
-alten Thierberg nur die Ernennung oder, wie man es dort nannte, die
-Präsentation des Schulmeisters übrig geblieben, und er verwünschte auch
-diesen letzten Rest ehemaliger Größe und Gewalt, als er nachmittags
-zwei Schulamtskandidaten mit dem Thierberger Prediger ins Schloß
-treten sah. Er hieß seinen Neffen allein in den Wald vorausgehen und
-versprach, bald zu folgen. Der junge Mann wanderte langsam jenen Weg
-hinan, welchen ihn Anna zuerst geführt hatte. Oft stand er stille und
-sah zurück auf diese altertümliche Burg, und gerne verweilte sein Auge
-auf jenem Turm, in dessen Zimmerchen Anna wohnte. Wie liebte er dieses
-klare, ruhige, natürliche Wesen, gepaart mit so viel Anstand und mit
-so feiner Bildung! Er konnte sich auf nichts Aehnliches besinnen.
-Oft wollten zwar in seiner Erinnerung die Damen der Mark diesem
-Schwabenkind den Vorrang streitig machen. Es deuchte dem jungen Mann,
-er habe elegantere Formen gesehen, gewandter, zierlicher sprechen
-gehört, er rief sich jede einzelne Schönheit, die ihn sonst bezauberte,
-zurück, aber er bekannte, daß es gerade diese Unbefangenheit, diese
-Ruhe sei, was ihm so überraschend, so neu, so liebenswürdig erschien.
-»Sie ist zu verständig, zu ruhig, zu klar, um jemals recht lieben zu
-können,« fuhr er in seinen Gedanken fort, »aber schätzen wird sie mich,
-sie wird Interesse an mir finden. Und gerade diese Klarheit, diese
-Art, über das Leben zu denken, muß ihr andere, bessere Verhältnisse
-längst wünschenswert gemacht haben. Bequeme, elegante Wohnung, eine
-geschmackvolle Garderobe, Wagen, Pferde, Bediente, eine ausgesuchte
-Bibliothek, das sind die Dinge, welche in einem solchen kalten Herzen
-die Liebe ersetzen; so unbefangen sie ist, so weiß sie doch in ihrer
-Unbefangenheit die Dame recht wohl zu spielen, und wirklich -- es muß
-ihr als Frau von Rantow allerliebst stehen!«
-
-Der junge Mann war unter diesen Träumen einer schönen Zukunft auf einer
-Höhe angelangt, wo er einen Teil des reizenden Neckartales überschauen
-konnte. Vorwärts zu seiner Linken gewahrte er eine Waldspitze, die
-weit vorsprang und ihm die Aussicht auf den andern Teil des Tales
-verdeckte. Er verglich sie mit der Lage des Schlosses und fand,
-es müsse dieselbe Bergspitze sein, von welcher gestern jene süßen
-Flötenklänge herübertönten. Von dort aus, hatte ihm Anna gesagt, könne
-man einen weiten, freien Blick über das ganze Tal genießen, und rasch
-beschloß er, nicht erst den Oheim abzuwarten, sondern im Genuß einer
-herrlichen Aussicht auf jener Waldecke seinen Gedanken nachzuhängen.
-Er hatte sich die Richtung gut gemerkt, und nicht lange, so trat er
-auf diesen reizenden Platz heraus. Das Tal schwenkte sich in einem
-schönen Bogen an Thierberg vorüber um diese Bergecke. Rechts und bei
-weitem näher, als Albert gedacht hatte, lag die Burg, durch eine breite
-Waldschlucht von dieser Stelle getrennt. Man konnte mit einem guten
-Fernglas deutlich in die Fenster von Thierberg sehen, und der junge
-Mann ergötzte sich eine Zeitlang an den Zügen des Pastors und seines
-Oheims, die in eifrigem Gespräch an der Fensterbrüstung standen. Auch
-Annas Turmfenster war geöffnet, aber statt ihrer holden Züge sah man
-nur einen kleinen Orangenbaum, den sie an die Sonne gestellt hatte.
-In der Mitte des Tales zog in kleineren Bogen der Neckar hin, viele
-freundliche Halbinseln bildend und in kleiner Entfernung entdeckte
-das Auge des jungen Mannes ein neues Schloß, in dessen Fenstern sich
-die Mittagssonne spiegelte. Es war in gefälligem, italienischem Stil
-aufgebaut, die Säulen und der Balkon, schlank und zierlich, machten
-einen sonderbaren Kontrast mit den dunkeln schweren Mauern des
-Thierbergs zu seiner Rechten, und wie diese Burg auf der Nordseite
-des Gebirges auf einem steilen Waldberg hing, so ruhte jenes schöne
-Lustschloß auf der Südseite gegenüber an einem sanften Rebhügel, dessen
-reinlich und nett angelegten Geländer und Spaliere sich bis an den
-Fluß herabzogen. Albert war in diesen reizenden Anblick versunken und
-dachte nach über diesen Gegensatz, welchen die beiden Schlösser wie
-Bilder der alten und neuen Zeit hervorbrachten, als feste Männertritte
-hinter ihm durch das Gebüsch rauschten und ihn aus seinen Betrachtungen
-weckten. Er wandte sich um und war vielleicht nicht weniger erstaunt
-als der Mann, der jetzt durch die letzten Büsche brach und vor ihm
-stand. -- Es war sein Gefährte vom Eilwagen. Er hatte eine Jagdtasche
-übergeworfen, trug eine Büchse unter dem Arm, und zwei große Windhunde
-stürzten hinter ihm aus dem Gebüsch.
-
-»Wie, ist es möglich?« rief der Jäger und blieb verwunderungsvoll
-stehen; »ich hätte mir noch eher einfallen lassen, hier auf einen Adler
-denn auf Sie zu stoßen!«
-
-»Sie sehen, ich benütze Ihren Rat,« erwiderte der junge Mann, »ich
-durchspüre jeden Winkel Ihres Landes nach schönen Aussichten --«
-
-»Aber wie kommen Sie _hieher_?« fuhr jener fort, indem er ihn
-aufmerksamer betrachtete. »Und Sie sind auch nicht auf der Reise, wie
-ich sehe; haben Sie sich in der Nähe eingemietet?«
-
-Albert deutete lächelnd auf die alte Burg hinüber. »Dort -- und
-gestehen Sie,« sagte er, »ich hätte keinen schöneren Punkt wählen
-können.«
-
-»In Thierberg?« rief der Jäger mit steigendem Erstaunen, indem er auf
-einen Augenblick leicht errötete; »wie, ist es möglich, in Thierberg?
-Oder sind vielleicht gar Thierbergs die Verwandten, die --«
-
-»Die ich in der Stadt besuchen wollte und hier auf ihrem Landsitz traf.
-Ich segne übrigens diesen Geschmack meines Oheims,« setzte Albert
-mit einer Verbeugung hinzu, »da er mich aufs neue in die Nähe meines
-angenehmen Reisegesellschafters führte.«
-
-»So wären Sie vielleicht ein Rantow aus Preußen?« fragte der Jäger aufs
-neue.
-
-»Allerdings,« antwortete der Gefragte. »Aber wie folgern Sie dies? Sind
-Sie vielleicht mit meinem Oheim bekannt?«
-
-»Ich besuche ihn zuweilen,« sagte jener mit einem langen Seitenblick
-auf das alte Schloß, »ich bin gerne dort; doch beinahe hätte ich das
-Glück gehabt, Ihre Bekanntschaft noch früher zu machen; ich reiste vor
-einem Jahr in Ihre Heimat, und auf den Fall, daß mich meine Straße
-über Fehrbellin geführt hätte, war ich mit einem Brief an Ihre Eltern
-versehen, mit einem Brief von Ihrem Oheim selbst. -- Aber habe ich
-zu viel gesagt, wenn ich von den Reizen unseres Neckartales sprach?
-Finden Sie nicht alles hier vereinigt, was man immer für das Auge
-wünschen kann?«
-
-»Ich dachte schon vorhin darüber nach,« versetzte Rantow; »wie
-verschieden ist der Charakter dieser beiden Berge zur Seite des Tales!
-Hier dieser dunkle Wald, mit Schluchten und Felsenrissen, durch welche
-sich Bäche herabgießen, die alte Burg, halb Ruine, auf diese jäh
-abbrechende Wand hinausgerückt. Jenseits die sanften, wellenförmigen
-Rebhügel, mit bläulichroter Erde und dem sanften Grün des Weinstocks.
-Und diese Kontraste durch das liebliche Tal, durch den Fluß vereinigt,
-der bald hierhin, bald dorthin zu den Bergen sich wendet! Wahrhaftig,
-es müßte nichts Angenehmeres sein, als auf einer dieser grünen
-Halbinseln ein einsames Idyllenleben zu führen!«
-
-»Ja,« entgegnete der Jäger lächelnd, »wenn der Fluß nicht in jedem
-Frühjahre austräte und Damon, die Hütte und -- seine Daphne zu
-entführen drohte! Aber waren Sie schon unten im Tal?«
-
-»Noch nicht, und wenn etwa Ihr Weg hinabführt, werde ich Sie gerne
-begleiten.«
-
-Der Jäger lockte seine Hunde und schlug dann einen Seitenpfad ein,
-der in die Tiefe führte. Rantow, der hinter ihm ging, bewunderte den
-schlanken Bau, den kräftigen Schritt und die gewandten Bewegungen des
-jungen Mannes. Er war einigemal versucht zu fragen, wer er sei, wo
-er wohne; aber es lag etwas so Bestimmtes, Ueberwiegendes in seinem
-ganzen Wesen, daß er diese Frage immer wieder auf eine bequemere Zeit
-verschob. Im Tal wandte sich der Jäger stromabwärts; Kinder und Alte,
-die ihnen begegneten, grüßten ihn überall freundlich und zutraulich;
-manche blieben wohl auch stehen und schauten ihm nach. Oft stand er
-stille und machte den Fremden auf jeden schönen Punkt aufmerksam,
-erzählte ihm von der Lebensart der Leute, von ihren Sitten und
-ländlichen Festen.
-
-Der Weg bog jetzt um den Berg, und plötzlich standen sie dem neuen
-Schloß gegenüber, das Albert von der Höhe herab gesehen hatte. »Welch
-herrliches Gebäude!« rief er, »wie malerisch liegt es in diesen
-Weinbergen! Wem gehört dieses Schloß?«
-
-»Meinem Vater,« erwiderte der Jäger freundlich. »Ich denke, Sie setzen
-mit mir über und versuchen den Wein, der auf diesen Hügeln wächst.«
-
-Gerne folgte der junge Mann dieser einfachen Einladung; sie gingen ans
-Ufer, wo der Jäger einen Kahn losband; er ließ seinen Gast einsteigen
-und ruderte ihn leicht und kräftig über den Fluß. Auf reinlichen, mit
-feinem Kies bestreuten Wegen, durch hohe Spaliere von Wein gingen sie
-dem Schloß zu, dessen einfach schöne Formen in der Nähe noch deutlicher
-und angenehmer hervortraten, als aus der Ferne betrachtet. Unter
-dem schattigen Portal, das vier Säulen bildeten, saß ein Mann, der
-aufmerksam in einem Buche las. Als die jungen Männer näher kamen, stand
-er auf und ging ihnen einige Schritte entgegen. Er war groß, aufrecht
-und hager, und etwa zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Ein
-schwarzes, blitzendes Auge, eine kühn gebogene Nase, die dunkelbraune
-Gesichtsfarbe und eine hohe gebietende Stirne, wie seine ganze Haltung,
-gaben ihm etwas Auffallendes, Ueberraschendes. Er trug einen einfachen
-militärischen Oberrock, ein rotes Band im Knopfloch, und noch ehe er
-ihm vorgestellt wurde, wußte der junge Rantow aus diesem allem, daß es
-der General Willi sei, vor welchem er stand. Ihn selbst stellte der
-junge Willi als Vetter der Thierbergs und als seinen Reisegefährten vor.
-
-Der General hatte eine tiefe, aber angenehme Stimme; er antwortete:
-»Mein Sohn hat mir von Ihnen gesagt. Ihre Mutter kenne ich wohl,
-habe sie früher in der Residenz gesehen. Als wir nach Schlesien
-marschierten, wurde ich nach Berlin geschickt; ich blieb vier Wochen
-bei der Feldpost dort und ritt während dieser Zeit mehreremal nach
-Fehrbellin hinüber, Ihre Eltern zu besuchen.«
-
-»Wahrhaftig!« rief der junge Mann; »ich erinnere mich, mehrere
-französische und deutsche Offiziere damals in unserem Haus gesehen
-zu haben; es müßte mich alles täuschen, Herr General, oder ich kann
-mich noch Ihrer erinnern. Ihre Uniform war grün und schwarz, und einen
-großen grünen Busch trugen Sie auf dem Hut. Sie ritten einen großen
-Rappen.«
-
-»Ach ja, die alte Leda!« sagte der General; »sie hat treu ausgehalten
-bis an die Beresina; dort liegt sie zwanzig Schritte von der Brücke
-im Sumpf. Es war ein gutes Tier, und in der Garde nannte man sie ~le
-diable noir~. -- Grüne Büsche, sagen Sie? -- Richtig, ich diente damals
-unter den schwarzen Jägern von Württemberg. Ein braves Korps, bei Gott!
-Wie haben sich diese Leute bei Linz geschlagen!«
-
-»War es damals,« bemerkte Rantow, »als Marschall Vandamme, den Gott
-verdamme, äußerte: ~Ces bougres là se battent comme nous?~«
-
-»Sie haben da eine sonderbare Uebersetzung des Namens Vandamme, doch
--- ach! Sie sind ein Preuße, gut! ich gebe zu, der General Vandamme
-war verhaßt, besonders in der süddeutschen Armee; er wußte es auch
-recht gut; seine Bewunderung über die Bravour jener Soldaten hätte er
-vielleicht artiger, aber nie mit mehr Wahrheit ausdrücken können.«
-
-Sie waren unter diesen Worten bis unter das Portal des Hauses getreten;
-ein Buch lag dort aufgeschlagen, der junge Willi sah es lächelnd an und
-sagte: »Zum sechstenmal, mein Vater?«
-
-»Zum sechstenmal,« erwiderte jener, indem auch durch seine ernsten Züge
-ein leichtes Lächeln ging. »Sie sehen, Herr von Rantow, man zieht oft
-die Kinder nur dazu auf, daß sie ihre Eltern nachher wieder aufziehen.
-So kann er es nicht recht leiden, daß ich gewisse Bücher oft lese; und
-doch ist es ein guter Grundsatz, nicht vielerlei Bücher, aber wenige
-gute öfter zu lesen.«
-
-»Sie haben recht,« erwiderte Rantow, »und darf ich wissen, _welches_
-Buch Sie zum sechstenmal lesen?« Der General bot es ihm schweigend.
-
-»Ah! die schöne Fabel von 1812,« rief Albert, »der Feldzug des Grafen
-Segur! Nun, ein Gedicht wie dieses darf man immer wieder lesen,
-besonders wenn man, wie Sie, den Gegenstand kennen gelernt hat.«
-
-»Sie nennen es Gedicht?« fragte der General. »Da Sie nicht aus
-Erfahrung sprechen können, ist wohl General Gourgaud Ihr Gewährsmann.
-Aber ich kann Ihnen versichern, in diesem Buch ist so furchtbare
-Wahrheit, so traurige Gewißheit, daß man das wenige, was Dichtung
-ist, darüber vergessen kann. Die Figuren in diesem Gemälde leben,
-man sieht ihren schwankenden Marsch über die Eisfelder, man sieht
-brave Kameraden im Schnee verscheiden, man sieht ein Riesenwerk, jene
-große, kampfgeübte Armee, durch die Ungunst des Schicksals in viele
-tausend traurige Trümmer zerschlagen. Aber ich liebe es, unter diesen
-Trümmern zu wandeln, ich liebe es, an jene traurigen, über das Eis
-hinschwankenden Männer mich anzuschließen, denn ich habe ihr Glück und
--- ihr Unglück geteilt.«
-
-»Ich bewundere nur deine Geduld, Vater,« erwiderte der Sohn; »du kannst
-diese französischen Tiraden, die, wenn man sie in nüchternes Deutsch
-auflöst, beinahe lächerlich erscheinen, lesen und immer wieder lesen!
-Ich erinnere mich aus diesem berühmten Buch einer solchen Stelle,
-die im Augenblick das Gefühl besticht, nachher, mich wenigstens,
-lächeln machte. Die Armee hat sich in größter Unordnung hinter Wilna
-zurückgezogen. Die Russen sind auf den Fersen. Eine Zeitlang imponiert
-ihnen noch die Nachhut des Heeres, aber bald löst sich auch diese auf,
-und die ersten der Russen, indem sie einen Hohlweg heraufdringen,
-mischen sich schon mit den letzten der Franzosen. Segur schließt
-seine Periode mit den Worten: ›Ach! Es gibt keine französische Armee
-mehr!‹ -- ›Doch, es gibt noch eine,‹ fährt er fort; ›Ney lebt noch; er
-reißt dem Nächsten das Gewehr aus der Hand,‹ u. s. w. Kurz, der edle
-Marschall tut in übertriebenem Eifer noch einige Schüsse auf den Feind
-und repräsentiert gleichsam in sich selbst die halbe Million Soldaten,
-die Napoleon gegen Rußland ins Feld führte. Ist dies nicht mehr als
-dichterisch, ist dies nicht lächerlich überstiegen?«
-
-»Ich erinnere mich noch recht wohl jenes Moments, und so grausam unser
-Schicksal, so gedrängt unser Rückzug war, so ließ er uns doch einige
-Augenblicke frei, diesem Krieger und seiner wahrhaft antiken Größe
-unsere Bewunderung zu zollen. Wenn du bedenkst, wie es von großer
-Wichtigkeit war, daß er mit wenigen Tapfern jenes Defilee eine Zeitlang
-gegen den Feind behauptete, daß er und die Seinen allerdings in diesem
-Augenblick noch die einzigen wirklichen Kombattanten waren, die den
-Russen die Spitze boten, so wird dich jener Ausdruck weniger befremden;
-ich wenigstens danke es Segur, daß er auch jenem erhabenen Moment einen
-Denkstein setzte.«
-
-»Also ist jene Szene wahr?« fragte Rantow.
-
-»Gewiß! Und eine schöne großartige Idee liegt darin, daß man weiß, wer
-von der großen Armee zuletzt gegen die Russen schlug, daß es Ney war,
-welchen jener hohe Ruhm, der ihm sogar aus diesem Rückzug sproßte, die
-Handgriffe des gemeinen Soldaten nicht vergessen ließ. Er war, wie
-Hannibal, der letzte beim Rückzug.«
-
-»Was sagen Sie aber über jenen, welcher der erste in der Armee und der
-erste beim Rückzuge war?« bemerkte Rantow. »Ich glaube, zwanzig Jahre
-früher hätte er jeden Schritt mit seinen Garden verteidigt --«
-
-»Und zwanzig Jahre später vielleicht auch,« fiel ihm der General ins
-Wort, »und wäre vielleicht als Greis eines schönen Todes mit seinen
-Garden gestorben. Anno 13, werden Sie aber wohl wissen, war er Kaiser
-eines Landes, von welchem er, ohne Nachricht, ohne Hilfe, auf so viele
-hundert Meilen getrennt war. Was hielt ihn bei der Armee, nachdem unser
-Unglück entschieden war? Glauben Sie nicht, daß er etwas Aehnliches,
-wie den Abfall Ihres York, geahnt hat! Mußte er nicht in Frankreich
-frische Mannschaft holen?«
-
-»Warum zog er gegen Asien zu Feld, der neue Alexander,« sagte Rantow
-spöttisch lächelnd, »wenn er ahnte, daß das Preußenvolk in seinem
-Rücken nur darauf laure, ihm den Todesstreich zu geben? War dies die
-gerühmte Klugheit des ersten Mannes des Jahrhunderts?«
-
-»Glauben Sie, junger Mann,« erwiderte der General, »der Kaiser war
-erhaben über einen solchen Verdacht. Er wußte, daß Ihr König ein Mann
-von Ehre sei, der ihn im Rücken nicht überfallen werde; er wußte auch,
-daß Preußen zu klug sei, um ~à la~ Don Quichotte die große Armee allein
-anzugreifen.«
-
-»Preußen war ihm nichts schuldig,« rief der junge Mann errötend; »man
-weiß, wie Bonaparte selbst seine Friedensbündnisse gehalten hat; man
-war nicht schuldig, zu warten, bis es dem großen Mann gefällig sei,
-die Kriegserklärung anzunehmen. Der Gefesselte hat das Recht, in jedem
-günstigen Augenblick seine Fesseln zu zerreißen, und sollte er auch
-_den_ damit zertrümmern müssen, der sie ihm anlegte.«
-
-»Nun, Vater,« setzte der junge Willi hinzu, »das ist es ja, was ich
-schon lange sagte, wenn ich den Aufstand des ganzen Deutschlands in
-Schutz nahm. Wer gab den Franzosen das Recht, uns in Ketten und Bande
-zu schlagen? Unsere Torheit und ihre Macht! Wer gab uns das Recht,
-ihnen das Schwert zu entwinden und die Spitze gegen sie selbst zu
-wenden? _Ihre_ Torheit und unsere _Macht_.«
-
-»Ich gebe zu,« antwortete der General mit Ruhe, »daß man im Volk,
-vielleicht auch unter Politikern, also spricht und sprechen darf.
-Niemals aber darf der Soldat diese Sprache führen, um eine schlechte
-Tat zu beschönigen. Es gibt manche glänzende Verrätereien in der
-Geschichte; die Zeiten, wo sie begangen wurden, waren vielleicht mit
-der Gegenwart so sehr beschäftigt, daß man die Verräter gepriesen hat;
-aber die Nachwelt, welche die Gegenstände in hellerem Lichte sieht,
-hat immer gerecht gerichtet und manchen glänzenden Namen ins schwarze
-Register geschrieben. Auch die Sache des Kaisers wird die Nachwelt
-führen. So viel ist aber gewiß, daß zu allen Zeiten, wo es Soldaten
-gibt, einer, der seine Fahne verläßt, immer für einen Schurken gelten
-wird.«
-
-»Ich gebe dies zu,« erwiderte Rantow, »nur sehe ich nicht ein, wie
-dies den übereilten Zug nach Rußland entschuldigen könnte.«
-
-»Meinen Sie denn, der Zustand Preußens sei uns so unbekannt gewesen?«
-fragte der General; »man wußte so ziemlich, wie es dort aussah. Ich
-war von Mainz bis Smolensk im Gefolge des Kaisers und namentlich in
-deutschen Provinzen oft an seiner Seite, weil ich die Gegenden kannte,
-und manchmal in seinem Namen Fragen an die Einwohner tun mußte. In
-den preußischen Stammprovinzen fiel ihm und uns allen die Haltung
-und das Ansehen der jungen Leute auf. Das ganze Land schien von
-Beurlaubten angefüllt, und doch waren es immer nur die jungen Männer,
-die hier geboren und erzogen waren. Die Haare waren ihnen militärisch
-verschnitten, ihre Haltung war aufgerichtet, geregelt; sie standen
-selten wie faule, müßige Gaffer da, wenn der Kaiser und sein Gefolge
-vorüberzog. Nein, sie machten Front, wenn sie ihn sahen, die Füße
-standen eingewurzelt, der linke Arm straff angezogen und an die Seite
-gedrückt, das Auge hatte die regelrechte Richtung, und die rechte Hand
-machte ihren Soldatengruß. Es waren dies keine Bauernbursche mehr,
-sondern Soldaten, und der Kaiser wußte wenigstens, daß nicht die ganze
-preußische Armee mit ihm ziehe.«
-
-»Er ließ einen gefährlichen, beleidigten Feind in seinem Rücken,«
-bemerkte Rantow.
-
-»Ein gefährlicher Feind, Herr von Rantow, ist etwa eine beleidigte
-Schlange, aber nicht eine Armee, nicht Männer von Ehrgefühl. Das
-preußische Heer hatte sich mit der großen Armee vereinigt, und sobald
-dies geschehen war, stand sie unter dem Oberbefehl des ersten Kriegers
-dieser Armee; in dieser Eigenschaft hatten wir weder von ihnen noch von
-den Zurückgebliebenen etwas zu fürchten; die Untergebenen band ihr Eid
-an ihre Fahnen, und die Generale, die Repräsentanten dieser Fahnen,
-band ihre Ehre. Wenn Sie die Sache aus diesem natürlichen Gesichtspunkt
-betrachten wollen, so werden Sie am Betragen des Kaisers bei Beginn
-jenes unglücklichen Feldzuges nichts Uebereiltes oder Unkluges finden.«
-
-»Das preußische Heer, das gezwungen mit ausrückte,« erwiderte der
-junge Mann, »gehörte nicht diesem Kaiser der Franzosen, sondern seinem
-rechtmäßigen König, und in demselben Augenblick, als dieser sie ihrer
-Pflichten gegen jenen ersten Krieger entband --«
-
-»Konnten sie gegen uns selbst die Waffen richten,« fiel der General
-ein; »da haben Sie vollkommen recht; sie konnten ihre Karrees bilden,
-uns den Gehorsam weigern und, im Fall des Zwanges, Feuer auf unsere
-Kolonnen geben, sie konnten sich im Angesicht der Armee mit den Russen
-vereinigen, sie durften dies alles tun --«
-
-»Nun ja -- das war es ja eben, was ich meinte. --«
-
-»Nein, Herr! Das war es _nicht_,« fuhr jener eifrig fort. »Nur erst,
-verstehen Sie wohl, _nur dann erst_, wann ihr König sie ihres Eides
-entband, konnten sie den Gehorsam verweigern, sie _mußten_ es sogar,
-auch auf die Gefahr hin, zu Grunde zu gehen. Solange dies nicht der
-Fall war, handelten sie, wenn sie feindlich auftraten, als Verräter an
-ihrer Ehre und sogar an ihrem König; denn die Ehre des Königs, der die
-Befehlshaber gewählt hatte, bürgte gleichsam für ihr Betragen.«
-
-»Nun, wenn ich auch dies von den Befehlshabern zugebe,« erwiderte
-Rantow, »so hat wenigstens die Armee immerhin ihre Pflicht getan.«
-
-»In diesem Fall nimmermehr!« rief der General; »wenn der Chef keinen
-Befehl seines Herrn vorweisen kann, um seine Schritte zu entschuldigen,
-und dennoch seine Schuldigkeit nicht tut oder sogar zum Verräter wird,
-und zum Verräter nicht für sich allein, sondern mit einem ganzen Korps,
-so hat jeder Offizier, jeder Soldat hat das Recht, ihn vor der Front
-vom Pferd zu schießen!«
-
-»Ei, Vater!« rief der junge Willi.
-
-»Mein Gott, dies denn doch nicht,« rief zugleich der Fremde; »einen
-General ~en chef~ vom Pferd zu schießen!«
-
-»Und wenn man es unterlassen hat,« fuhr jener mit blitzenden Augen
-fort, »so hat man seine Pflicht versäumt. Aber ich kenne noch recht
-wohl jene schändliche Zeit und die Motive, die damals die Handlungen
-der Menschen lenkten; Wölfe und Tiger waren sie geworden, die
-menschliche Natur hatte man ausgezogen, Treue, Ehre, Glauben, alles
-verloren, und für Heroismus galt damals, was sonst für eine Schandtat
-gegolten hätte!«
-
-»Nun, etwas Herrliches und Erhabenes, was sich damals offenbarte,
-werden Sie doch nicht leugnen können,« sprach der Märker; »der
-allgemeine Enthusiasmus, womit das ganze Volk aufstand, war doch
-wirklich erhaben, ergreifend!«
-
-»Das ganze Volk? -- aufstand?« rief der General bitter lachend; »da
-müßte Deutschland erst auferstehen, ehe die Deutschen aufstünden. Es
-war bei manchem ein schöner, aber unkluger Eifer, bei einigen Haß,
-bei vielen Uebermut, bei den meisten war es Sache der Mode; und
-Sie vergessen, daß Oesterreich, Bayern, Württemberg, daß Schwaben
-und Franken nicht, was Sie sagen, aufstanden und denn doch auch zu
-Deutschland gehörten. Und Ihre Enthusiasten selbst! Vor diesen wären
-wir gewiß nie aus Sachsen gewichen!«
-
-»Wenn es ihnen auch an jenen gerühmten Eigenschaften eines alten,
-gedienten Soldaten gebrach, wahrhaftig, ihr Wille war schön, ihre Taten
-groß, und ihre Einheit, ihre Aufopferung ersetzte vieles --«
-
-»Einheit? Aufopferung? Wir nahmen, es war schon auf französischem
-Boden, einmal ein solches Individuum gefangen. Es war ein junger,
-schön geputzter Mann. Der Kaiser hatte von diesen Volontärs sprechen
-gehört, man hatte ihm ihre Kleidung, ihre Haltung überaus komisch
-beschrieben; er ließ daher den Gefangenen vortreten. Als dieser den
-Kaiser erblickte, geriet er in augenscheinliche Verwirrung, dachte
-nicht mehr daran, daß er selbst Soldat geworden sei und gegen den
-größten Krieger zu Felde ziehe, sondern er nahm seinen Tschako am
-Schild, riß ihn nach gewöhnlicher, bürgerlicher Weise vom Kopf, daß
-der schöne Federbusch elendiglich in den Kot hing, und kratzte mit dem
-Fuß hintenaus. Der Kaiser ließ ihn durch mich fragen, ob er unter den
-deutschen Freiwilligen diene? Jener aber verbeugte sich noch einmal und
-sagte: ›Ich bin vom Frankfurter Korps der Rache.‹ Der Kaiser konnte ein
-Lächeln nicht unterdrücken, und als er weiter ritt, wandte er sich noch
-einmal um. Der Sohn der Rache stand noch immer ganz verblüfft unter
-einem Haufen von Franzosen, und jetzt erst schien er aus dem Traum zu
-erwachen, er mochte sich auf die schöne _Zeil_ zurückwünschen. Der arme
-Teufel sah aus, als wäre er ein Volontaire ~malgré lui~, als hätte er
-nur seinem Schatz zu Gefallen sich in dem Korps der Rache einschreiben
-lassen. Und dieser Rächer kehrte nicht mehr hinter den Ladentisch
-seines Vaters heim. Ich sah ihn sechs Tage nachher ohne Beine, sterbend
-wieder, seine eigenen Landsleute hatten ihn in unseren Reihen getötet.
-Und von solchen Menschen verlangen Sie Einheit, Aufopferung?«
-
-Der Preuße hatte dem General unmutig zugehört; es kam ihm vor, als
-liege in den Zügen dieses Mannes Spott und Verachtung einer Sache,
-die er immer als etwas Ungeheures, Welthistorisches, Großartiges zu
-betrachten gewöhnt gewesen war. Der junge Willi sah diese unangenehmen
-Gefühle, die mit der Ehrfurcht vor dem General in Rantows Brust zu
-kämpfen schienen. Er nahm daher schnell das Wort und sagte: »Du warst
-damals auf feindlicher Partei, lieber Vater, du sahst alles in einem
-andern Lichte, und ich zweifle, ob nicht eure jungen Konskribierten
-sich auf ähnliche Weise benommen hätten. Aber wahr bleibt es immer
-und jedem unbefangenen Auge noch jetzt sichtbar, daß damals ein
-erhabener, ungewöhnlicher Geist unter dem Volke, hauptsächlich im
-Norden, wehte; die Mittelstände vorzüglich haben gezeigt, daß sie einer
-bewunderungswürdigen Kraftäußerung fähig seien, und darauf, so schlecht
-auch die Zeiten sind, kann man noch immer einige Hoffnung gründen.«
-
-Rantow sah den jungen Mann bei den letzten Worten befremdet an, als
-wüßte er sich diesen Satz nicht zu erklären; doch erfreut, seine
-eigenen Gesinnungen wiederholt zu hören, wandte er sich wieder an den
-General. »Er hat recht,« sagte er, »auf feindlicher Seite konnten Sie
-das rührende Bild dieser Aufopferung nicht so genau kennen lernen.
-Aber die großen Worte unserer Redner, die feurigen, aufrufenden Lieder
-unserer Sänger, die begeisternde Aufopferung unserer Frauen, sie
-gaben, verbunden mit dem Mut, der frommen Kraft und der gottgeweihten
-Hingebung unserer Jünglinge und Männer, Szenen, die ebenso erhaben als
-unvergeßlich sind.«
-
-»Und wofür denn dieses alles?« fragte der alte Soldat. »Wozu so große
-Aufopferungen, was hat man damit erreicht und errungen? Ließ sich dies
-alles nicht voraussehen?«
-
-»Und was haben denn Sie, Herr General, auf jener Seite erreicht und
-errungen? Das ist einmal das Schicksal alles menschlichen Lebens und
-Treibens, daß man kämpft, sich hingibt, aufopfert, um am Ende nichts
-oder wenig zu erreichen. Zwanzig Jahre haben Sie jenem Mann geweiht,
-jenem Eigensüchtigen, der nur sich und immer nur sich bedachte.
-Jetzt liegt er auf einem öden Felsen, seine Genossen sind zerstreut,
-aufgerieben -- was, was haben denn Sie gewonnen?«
-
-»Ein Endchen rotes Band und die Erinnerung,« antwortete er lächelnd,
-indem er mit einer Träne im Auge auf seine Brust herabsah. Es lag etwas
-so Ergreifendes, Erhabenes in dem Wesen des Mannes, als er diese Worte
-sprach, daß Rantow, errötend, als hätte er eine Torheit gesagt, seine
-Augen von ihm abwandte und betreten den Sohn ansah. Doch dieser schien
-nicht auf das Gespräch zu merken, er blickte unverwandt und eifrig
-auf ein kleines Gebüsch am Fluß, von welchem man eben das Plätschern
-eines Ruders vernahm; jetzt teilten sich die Zweige der Weiden, und ein
-schöner Mädchenkopf bog sich lächelnd daraus hervor.
-
-
-7.
-
-»Unsere schöne Nachbarin!« rief der General freundlich und eilte auf
-sie zu, ihr die Hand zu bieten; die jungen Männer folgten, und mittels
-seiner trefflichen Lorgnette entdeckte Rantow zu seinem nicht geringen
-Vergnügen, daß es Anna sei, die hier so plötzlich, gleich einer Najade,
-aus dem Fluß auftauchte. Der General küßte sie auf die Stirne und bot
-ihr dann den Arm, sie grüßte seinen Sohn kurz und freundlich, fragte
-flüchtig nach des Generals Schwester und verweilte dann mit einem
-Ausdruck der Verwunderung auf ihrem Gast. »Du hier, Vetter Albert?«
-rief sie, indem sie ihm die Hand bot. »Nun das muß ich gestehen, für so
-klug hätte ich dich nicht gehalten, deinen schönen Verstand in Ehren,
-daß du sogleich die angenehmste Gesellschaft in der ganzen Gegend
-auffinden würdest; welcher Zauberer hat dich denn hieher gebracht?«
-
-»Mein Sohn,« sagte der General, »hatte das Glück, Ihren Vetter auf
-seiner kleinen Reise kennen zu lernen, und fand ihn jenseits in Ihrem
-Forst --«
-
-»Und lud mich ein, ihn hieher zu begleiten,« fuhr Rantow fort, »wo
-ich schon wieder wie gestern das Unglück hatte, zu streiten und immer
-heftiger zu widersprechen. Du lächelst, Anna? Aber es ist, als brächte
-es hier das Klima so mit sich; zu Hause bin ich der friedfertigste Kerl
-von der Welt, habe vielleicht in zwei Jahren nicht so viel disputiert
-als hier in zwei Tagen, und wie käme ich vollends mit Herren, wie der
-Herr General oder mein Onkel, in Streit?«
-
-»Ist es möglich?« fragte der General, »mit Herrn von Thierberg, mit
-Ihrem Vater, Aennchen, kommt er in Streit? Ich dachte doch, da Sie mit
-mir in politischen Ansichten so gar nicht übereinstimmen, Sie müßten
-von Ihres Oheims Grundsätzen eingenommen sein.«
-
-»Nun, so ganz unmöglich ist eine dritte oder vierte Meinung doch
-nicht,« bemerkte der junge Willi lächelnd; »ich bin gewiß nicht von
-Ihrem politischen Glaubensbekenntnis und glaube, daß sich mit der Welt
-jetzt etwas machen ließe, wenn _Ihr_ nicht fünfzehn Jahre früher mit
-Feuer und Schwert reformiert und die Menschen eingeschüchtert hättet;
-aber mit Herrn von Thierberg lebe ich deswegen doch in ewigem Kampf,
-und wir beide haben unsere gegenseitige Bekehrung längst aufgegeben.«
-
-»Demagogen streiten gegen alle Welt,« erwiderte ihm Anna lächelnd und
-doch, wie es schien, ein wenig unmutig. »Sie sind ein Inkurabel in
-diesem Spital der Menschheit; haben Sie je gehört, daß ein solcher
-politischer Ritter von la Mancha, solch ein irrender Weltverbesserer,
-von Grund aus kuriert worden wäre?«
-
-»Ich sehe, Sie wollen den Krieg auf _mein_ Land spielen,« sagte
-Robert, »Sie wollen, wie immer, meine Ansichten zur Zielscheibe Ihres
-liebenswürdigen Witzes machen, und doch soll es Ihnen nicht gelingen,
-mich aus der Fassung zu bringen, heute wenigstens gewiß nicht. Sie
-kennen wohl die schönen Eigenschaften Ihrer Fräulein Cousine noch nicht
-ganz, Rantow? Nehmen Sie sich um Gottes willen in acht, ihr zu trauen!«
-
-»Freund,« entgegnete Rantow, »in diesem Süddeutschland finde ich mich
-selbst nicht mehr; es ist alles ganz anders, man denkt, man spricht
-anders, als ich gewöhnt bin, und so mag ich mir selbst kein Urteil mehr
-zutrauen, am wenigsten über Anna.«
-
-»General!« rief Anna, »Sie führen nachher hoffentlich meine
-Verteidigung gegen Ihren Herrn Sohn?«
-
-»Nun merken Sie auf, Rantow!« sprach der junge Willi; »daß dieses
-Fräulein die schönste im ganzen Neckartal, von Heidelberg bis Tübingen,
-ist, behaupten nicht nur alle reisenden Studenten, sondern auch sie
-selbst weiß es nur allzugut und hat sich ganz danach eingerichtet; sie
-ist aber dabei so spröde wie Leandra im eben angeführten Don Quichotte.
-Nach ihren politischen Ansichten, denn sie ist gewaltig politisch,
-ist sie ein Amphibion. Sie hält es bald mit dem Alten, bald mit der
-neuen Zeit. Sie ist gewaltig stolz, daß sie vierundsechzig Ahnen hat,
-auf ihrem Stammschloß lebt, und daß schon Anno 950 ein Thierberg
-einen Acker gekauft hat. Auf der andern Seite ist sie durch und durch
-napoleonisch. Sie hat den ersten Lügner seiner Zeit, den Moniteur,
-öfter gelesen als die Bibel, trägt ein Stückchen Zeug, das Montholon
-meinem Vater schickte, und das angeblich von Napoleons letztem Lager
-stammt, in einem Ring, singt nichts als kaiserliche Lieder von Beranger
-und Delavigne, und kurz -- sie liebt eben jenen Mann mit Enthusiasmus,
-der den Glanz ihrer vierundsechzig Ahnen in den Staub geworfen hat.«
-
-»Sind Sie nun zu Ende?« fragte Anna, ruhig lächelnd, indem sie ihren
-Ring an die Lippen zog. »Weißt du aber auch, Vetter, daß er den
-ärgsten Anklagepunkt, das schwärzeste Verbrechen in seinen Augen,
-aus Edelmut verschwiegen hat? Nämlich das, daß ich kein sogenanntes
-deutsches Mädchen bin, daß ich nicht jetzt schon in meinem Kämmerlein
-mich im Spinnen übe, wie es einer deutschen Maid frommt, und keine
-Lorbeerkränze für die Stirne der künftigen Sieger flechte. Weißt du
-denn auch, wer dieser Herr ist? Das ist ein Glied eines ungeheuren,
-unsichtbaren Bundes, der nächstens das Oberste zu unterst kehren wird;
-nun, bei euch soll es ja noch mehrere solcher Staatsmänner geben.
-Aber, Herr von Willi, wie ist mir doch, ist es denn wahr, was man mir
-letzthin erzählte, daß unter euren geheimen Gesetzen eines ausdrücklich
-gegen junge Damen von Adel gerichtet sei und also laute: ›Wenn ein
-biderber deutscher Ritter um eine Jungfrau freit, die ehemals der
-adeligen Kaste angehörte, und solche aus törichtem Hochmut ihre Hand
-versagt, soll ihr Name öffentlich bekannt gemacht und sie selbst für
-wahnsinnig erklärt werden.‹«
-
-Das Pathos, womit Anna diese Worte vorbrachte, war so komisch, daß der
-General und Rantow unwillkürlich in Lachen ausbrachen; der junge Willi
-aber errötete, und unmutig entgegnete er: »Wie mögen Sie sich nur immer
-über Dinge lustig machen, die Ihnen so ferne liegen, daß Sie auch nicht
-das geringste davon fühlen können? Ich gebe zu, daß es Ihnen in Ihrem
-Stande, in Ihren Verhältnissen recht angenehm und behaglich scheinen
-mag, weil Sie freiere Formen und natürlichere Sitten nicht kennen,
-keine Ahnung davon haben. Warum aber mit Spott Gefühle verfolgen, die
-wenigstens in Männerbrust mächtig und erhaben wirken und zu allem
-Schönen und Guten begeistern?«
-
-»Wie ungezogen!« erwiderte Anna. »Sie haben mit Spott begonnen und
-meine Ahnen und den Kaiser der Franzosen schlecht behandelt, und nehmen
-es nun empfindlich auf, wenn man über die Herren Demagogen und ihre
-Träume scherzt! Wahrlich, wenn nicht Ihr Vater ein so getreuer Mann und
-mein getreuester Anhänger wäre, Sie sollten es entgelten müssen. Doch
-zur Strafe will ich Sie über das Gedicht examinieren, das Sie mir für
-meinen Vater versprochen haben.« Sie nahm bei diesen Worten Roberts Arm
-und ging mit ihm den Baumgang hin, und Albert Rantow hätte in diesem
-Augenblick viel darum gegeben, an der Stelle des jungen Willi neben ihr
-gehen zu dürfen, denn nie hatte ihm ihr Auge so schön, ihre Stimme so
-klangvoll und rührend gedeucht als in diesem Augenblick.
-
-»Sie ist ein sonderbares, aber treffliches Kind,« sagte der General,
-indem er ihr lächelnd nachblickte. »Wenn sie ihm doch alle seine
-Schwärmereien aus dem Kopfe reden könnte! Aber so wird er nie
-glücklich werden; denken Sie, Rantow! er hat oft Stunden, wo es ihm
-lächerlich, ja töricht erscheint, daß er in meinem bequemen Schloß
-wohnt und Nachbar Görge und Michel, die doch auch ›deutsche Männer‹
-sind, nur mit einer schlechten Hütte sich begnügen müssen. Das ist eine
-sonderbare Jugend, das nennen sie jetzt Freiheitssinn! Und doch ist er
-sonst ein so wackerer und vernünftiger Junge.«
-
-»Ein liebenswürdiger, trefflicher Mensch,« bemerkte Albert, indem er
-oft unruhige Blicke nach jenen Bäumen streifen ließ, unter welchen
-Willi und Anna wandelten; »ich darf Ihnen sagen, daß ich über seine
-Gewandtheit, über die feinen gesellschaftlichen Formen staunte, die er
-so unbefangen entwickelt, er muß viel und lange in guten Zirkeln gelebt
-haben; und dennoch so sonderbare, spießbürgerliche Pläne!«
-
-»Er war in London, Paris und Rom,« sagte der General gleichgültig, »und
-er lebte dort unter meinen Freunden. Ich glaube, Lafayette und Foy
-haben mir ihn verzogen.«
-
-»Wie! Lafayette, Foy, hat er diese gesehen?« fragte Rantow staunend.
-
-»Er war täglich in der Umgebung beider Männer, und sie fanden an
-dem Jungen mehr, als ich erwarten konnte. Da hörte er nun die
-Amerikaner und die Herren von der linken Seite; und weil er manche der
-exaltiertesten Schreier als meine alten Freunde kannte, glaubte er in
-seinem jugendlichen Eifer, es müsse alles wahr sein, was sie schwatzen,
-und fand sich am Ende geschickt, selbst mit zu reformieren. Da ist er
-nun mit allen unruhigen Köpfen in diesem ruhigen Deutschland bekannt.
-Keine Woche vergeht, ohne daß sie einen jener deutschen Radikalreformer
-mit langen Haaren, Stutzbärtchen, Beilstöcken und sonderbaren Röcken in
-meinen Hof bringt; sie nennen ihn Bruder und sind so wunderliche Leute,
-daß sie alle Briefe an meinen Robert mit einem ›Deutschen Gruß zuvor‹
-anfangen.«
-
-»Ich kenne diese Leute,« bemerkte Albert mit wegwerfender Miene; »sie
-zeigen sich auch bei uns zu Hause. Aber wie kann nur ein Mann von
-so glänzenden Anlagen für ein anständigeres Leben und für die gute
-Gesellschaft wie Robert, mit so gemeinen Menschen umgehen, die im
-Bier ihr höchstes Glück finden, rauchend durch die Straßen gehen, in
-gemeinen Schenken umherliegen und alles Noble, Feine gering achten?«
-
-»_Gemein_, lieber Herr von Rantow, habe ich sie noch nie gefunden,«
-erwiderte der General lächelnd, »was ich unter gemein verstehe; daß
-sie rauchen, macht sie höchstens für einen Nichtraucher unangenehm,
-daß sie Bier trinken, geschieht wohl aus Armut, denn meinen Wein haben
-sie nicht verachtet, und von der ~bonne société~ denken sie gerade wie
-ich; sie langweilen sich dort und finden das Steife gezwungen und das
-Gezierte lächerlich. Sonst fand ich sie unterrichtet, vernünftig, und
-nur in ihrer Kleidung und in ihren Träumereien dachte ich mit Anna an
-Don Quichotte und fand es komisch, daß sie sich berufen glauben, die
-Welt zu erlösen von allem Uebel.«
-
-Der junge Mann verbeugte sich stillschweigend gegen den General, als
-wolle er ihm dadurch seinen Beifall zu erkennen geben; bei sich selbst
-aber dachte er: Ich lasse mich aufknüpfen, wenn er nicht selbst raucht
-und lieber Stettiner und Josty als Franzwein trinkt; doch einem alten
-Soldaten kann man es verzeihen, wenn er roh und unhöflich ist. Er sah
-sich zugleich wieder nach Anna um; das Gespräch schien von beiden
-Seiten mit großem Interesse geführt zu werden, die Gegenwart des
-Generals verhinderte ihn, von seiner Lorgnette Gebrauch zu machen, und
-doch war sie ihm nie so nötig gewesen als in diesem Augenblick, denn er
-glaubte gesehen zu haben, wie der junge Willi Annas Hand ergriff und --
-an seine Lippen führte. Der General mochte die Unruhe und Zerstreuung
-des jungen Mannes bemerken; er ging mit Rantow dem Baumgang zu, und
-als Anna sie herankommen sah, ging sie ihnen mit Willi entgegen. Des
-Generals Schwester, eine würdige Dame, welcher Annas Besuch galt,
-kam in diesem Augenblick herzu, und da in ihrer Gegenwart nichts
-Politisches, das zum Streit führen konnte, abgehandelt werden durfte,
-so zog es die Gesellschaft vor, ihrer Einladung zu folgen und unter
-der Halle des Schlosses den Wein des Generals und die schönen Früchte
-seiner Gärten zu kosten. Man beschloß, daß der General und sein Sohn
-morgen den Besuch auf Thierberg erwidern sollten, und so schieden die
-beiden Willi, als ihre Gäste in den Kahn stiegen, mit Ehrfurcht von
-Anna, mit der Herzlichkeit alter Freunde von Rantow.
-
-
-8.
-
-Der Gast aus der Mark, obgleich er in jedem Damenkreis seiner Heimat
-mit jener Sicherheit aufgetreten war, welche man sich durch Erziehung
-und gehöriges Selbstvertrauen erwirbt, obgleich er sich in Berlin
-manches schwierigen Sieges hatte rühmen können, fühlte sich doch nie
-in seinem Leben so befangen als an jenem Abend, wo er mit Anna am
-Neckar hin nach Thierberg zurückkehrte. Tausend Zweifel plagten und
-quälten ihn, und jetzt erst, als ihm der letzte Blick, den Anna dem
-jungen Willi zugeworfen hatte, zu feurig für bloße Achtung, zu zögernd
-für gute Nachbarschaft geschienen hatte, jetzt erst fühlte er, wie
-mächtig schon in ihm die Neigung zu seiner schönen Base geworden sei.
-Zwar, wenn er seine eigene Gestalt, sein ausdrucksvolles Gesicht, sein
-sprechendes Auge, seine gewählte und reiche Sprache, seine eleganten
-Formen, die Sicherheit und Gewandtheit seines Geistes, kurz, wenn er
-alle seine Vorzüge mit Robert Willis Eigenschaften maß, so glaubte er
-sich doch ohne Anmaßung trösten zu können; fehlte doch jenem wenn er
-sich auch gut auszudrücken vermochte, jener unnachahmliche Tonfall
-der Sprache, fehlte ihm, wenn man ihm auch Anstand und Würde nicht
-streitig machen konnte, jene letzte Vollendung und Feinheit eines
-modischen Wundervogels (~Incroyabilis, _Linn_~), jenes unnachahmliche
-Genie des Geschmackes, das angeboren sein muß; es fehlte ihm, so
-schloß der Berliner mit heimlichem Lächeln bei sich selbst, jenes ~Je
-ne sais quoi~, das den Geschöpfen Gottes das Siegel der Veredlung und
-Vollendung aufdrückt und auch den gewöhnlichsten Menschen zu einem
-~homme comme il faut~ macht! Aber Anna ist hier auf dem Lande, ist in
-Schwaben aufgewachsen, fuhr er fort, sie könnte, ehe sie mich sah, mit
-Robert Willi -- »Anna, eine Frage,« sprach er ängstlich zu ihr, nachdem
-sie eine geraume Weile still fortgewandelt waren, »und nimm doch diese
-Frage nicht übel auf! Liebst du diesen jungen Willi? Stehst du mit ihm
-in einem Verhältnis?«
-
-Das Fräulein von Thierberg errötete leicht über diese Frage, und diese
-Röte konnte ebensogut der Frage als dem Gegenstand gelten, den er
-berührte. »Wie kommst du auf diesen Einfall, Vetter?« erwiderte sie.
-»Und meinst du denn, wenn ich auch das Unglück haben sollte, diesen
-Willi zu lieben, was mir übrigens noch nie in den Sinn kam, ich würde
-etwa dich zum Vertrauten in meinen Herzensangelegenheiten wählen, weil
-ich dich schon seit zwei Tagen kenne? Mein Gott, Vetter,« setzte sie
-schalkhaft lächelnd hinzu, »was seid ihr doch für närrische Leute in
-Preußen!«
-
-»Ich will mich durchaus nicht in dein Geheimnis drängen, hochedle und
-gestrenge Dame,« sagte er, »aber meinst du denn, dein langes und, wie
-es schien, interessantes Gespräch mit ihm sollte mir nicht aufgefallen
-sein? Meinst du, ich glaube, ihr habt nur von Versen gesprochen?«
-
-»Wenn ich nun sagte, wir _haben_ nur von Versen gesprochen,« entgegnete
-sie eifrig, »so _müßtest_ du es doch glauben. Leuten, die gerne Arges
-denken, fällt alles auf. Diesmal übrigens hat sich dein Scharfsinn
-nicht betrogen; das übrige Gespräch drehte sich auch noch um etwas
-anderes als Verse, um ein Geheimnis, ein gar wichtiges Geheimnis.«
-
-»Also doch?« rief der junge Mann, mit ungläubiger Miene. »Siehst du,
-also doch?«
-
-»Doch,« antwortete sie lächelnd, »und weil du so artig bist, will ich
-dich auch mit ins Geheimnis ziehen, vielleicht kannst du behilflich
-sein; er riet mir selbst, es dir zu entdecken.«
-
-»Wie?« entgegnete er bitter. »Meinst du, ich sei nur deshalb nach
-Schwaben gekommen, um Herrn von Willis Liebesboten an meine Base zu
-machen? Da kennst du mich wahrhaftig schlecht; eher sage ich deinem
-Vater die ganze Geschichte, und ich glaube nicht, daß er sich einen
-solchen Tugendbündler, einen solchen Weltverbesserer und Demagogen zum
-Schwiegersohn wählen wird.«
-
-Anna war verwundert stehen geblieben, als sie diesen heftigen Ausbruch
-seiner Leidenschaft vernahm. »Habe die Gnade und höre zuvor, um was
-man dich bitten wird,« sagte sie, und wie es schien, nicht ohne
-Empfindlichkeit; »soviel weiß ich aber, daß, wäre ich ein junger Herr
-und überdies ein Berliner, ich mich gegen Damen ganz anders betragen
-würde.« Bestürzt wollte Albert etwas zur Entschuldigung erwidern, aber
-mit freundlicherer Miene und gütigeren Blicken fuhr sie fort: »Du
-weißt und hast es heute selbst gehört, wie sehr der General seinen
-Napoleon liebt und verehrt. Nun ist nächstens sein Geburtstag, der
-zufällig auf einen berühmten Schlachttag des Kaisers fällt, und da
-will ihn sein Sohn mit etwas Napoleonischem erfreuen. Er hat sich
-durch einen Bekannten in Berlin eine Kopie jenes berühmten Bildes von
-David verschafft, das Bonaparte zu Pferde noch als Konsul vorstellt.
-Es ist kein übler Gedanke, denn so nimmt er sich am besten aus, er ist
-noch jung und mager, und das interessante, feurige Gesicht unter dem
-Hut mit der dreifarbigen Feder ist malerischer, eignet sich mehr für
-die Darstellung eines Helden, als wie er nachher abgebildet wird. Und
-dieses Bild des Kaisers ist unser Geheimnis.«
-
-»Aber was soll ich hierbei tun?« fragte Albert, der wieder freier
-atmete, da kein anderes gefürchtetes Geständnis ihn bedrohte.
-
-»Höre weiter; dieses Bild wird in diesen Tagen ankommen, und zwar nicht
-bei Generals, sondern bei uns. In meinem eigenen Zimmer wird es bis
-am Vorabend des Geburtstages bleiben, und dann müssen wir beide dafür
-sorgen, daß der General, während das Bild herübergeschafft wird, nicht
-zu Hause oder wenigstens so beschäftigt sei, daß er nichts bemerkt.
-Während der Nacht wird dann das Bild im Salon aufgehängt und bekränzt,
-und wenn dann morgen der gute Willi zum Frühstück in den Salon tritt,
-ist es sein Held, der ihn an diesem feierlichen Tage zuerst begrüßt!«
-
-»Gut ausgedacht,« erwiderte Rantow lächelnd, »und wenn es nur nicht
-dieser Held wäre, wollte ich noch so gerne meine Hilfe anbieten, doch
--- auch so werde ich mitspielen; hast ja du mich darum gebeten!« Sein
-Ton war so zärtlich, als er dies sagte, daß ihn Anna überrascht ansah.
-Er bemerkte es und fuhr, indem er ihren Arm näher an seine Brust zog,
-fort: »Du kannst ja ganz über mich gebieten, Anna, ach! daß du immer
-über mich gebieten möchtest! Wie freut es mich, daß du nicht schon
-liebst, nicht schon versagt bist! Darf ich bei dem Onkel um dich
-werben?«
-
-In Anna schien es zu kämpfen, ob sie bei diesen Worten wie über eine
-Torheit lächeln oder erzürnt weinen solle, wenigstens wechselte auf
-sonderbare Weise die Farbe ihres schönen Gesichtes mit Röte und Blässe.
-Sie zog ihren Arm schnell aus seiner Hand und sagte: »Soviel kann ich
-dir sagen, Vetter, daß uns hier in Schwaben nichts unerträglicher ist
-als Empfindsamkeit und Koketterie, und daß wir diejenigen für Toren
-halten, die nach zwei Tagen schon Bündnisse für die Ewigkeit schließen
-wollen.«
-
-»Anna!« fiel ihr der junge Mann mit bittender Gebärde ins Wort,
-»glaubst du nicht an die Allgewalt der Liebe? Wenn auch ihre Dauer
-unsterblich ist, so ist doch ihr Anfang das Werk eines Augenblicks, und
-ich --«
-
-»Kein Wort mehr, Albert,« rief sie unmutig, »wenn ich nicht alles dem
-Vater sagen und ihn um Schutz gegen deine Torheit anrufen soll! Das
-wäre dir wohl bequem,« fuhr sie gefaßter und lächelnd fort, »um deine
-Langeweile in Thierberg zu vertreiben, einen kleinen Roman zu spielen?
-Spiele ihn in Gottes Namen, wenn du nichts Besseres zu tun weißt, mich
-wirst du vielleicht trefflich damit unterhalten, nur verlange nicht,
-daß ich die zweite Rolle darin übernehme.«
-
-»O Anna!« sprach er seufzend, »verdiene ich diesen Spott? Ich meine
-es so redlich, so treu! Das Los, das ich dir bieten kann, ist nicht
-glänzend, aber es ist doch so, daß du vielleicht zufrieden, glücklich
-sein könntest.«
-
-»Werde nur nicht tragisch,« erwiderte sie; »alles höre ich lieber als
-solches Pathos. Spott verdienst du auf jeden Fall, und zum mindesten
-kann er dich heilen. Komm, sei vernünftig; begleite mich recht artig
-und wie es sich ziemt nach Hause. Aber sei überzeugt, wenn noch ein
-einziges Wort dieser Art über deine Lippen kommt, so beschäme ich dich
-vor dem nächsten besten Bauer und rufe ihn heran, und wenn du im Schloß
-oben diese Torheiten fortsetzest, so werde ich nie mehr mit dir allein
-sein.« Der Ton, womit sie dies aussprach, klang zwar bestimmt, mutig
-und befehlend, doch schien ihr schalkhaftes Auge und ihr lächelnder
-Mund dem strengen Befehl zu widersprechen, und Rantow, den diese
-widersprechenden Zeichen verwirrten, begnügte sich zu schweigen, zu
-seufzen, mit Blicken zu sprechen und einen erneuerten Kampf auf einen
-glücklicheren Moment zu verschieben. Mit großer Besonnenheit und Ruhe
-knüpfte sie ein Gespräch über den General an, und so gelangten sie,
-weniger verstimmt, als man hätte denken sollen, nach Thierberg. Der
-Alte ließ sich ihre Ausflüge erzählen und schien nicht unzufrieden, daß
-Albert diese neue Bekanntschaft gemacht habe. »Es sind wackere Leute,
-diese Willis, und das ganze Tal hat ihnen Wohltaten zu verdanken. Es
-soll wenige hohe Offiziere von der Bildung und den ausgezeichneten
-Kenntnissen des Generals geben, und den jungen habe ich selbst schon
-auf dem Korn gehabt und gefunden, daß er tiefe, gründliche Kenntnisse
-hat und mit Eifer Studien treibt, die man heutzutage unter der jüngeren
-Generation selten findet. Ein kluges, gewandtes, feuriges Bürschchen;
-aber, aber -- diese verschrobenen, überspannten Ansichten. Ich glaube,
-er würde mich in meinem eigenen Hause anfallen, wollte ich sagen,
-daß das Bauernpack immer Bauernpack bleibe, und wenn man sie auch
-noch so frei von Lasten, noch so gelahrt machte, daß die Bürgerlichen
-bei ihrem Leist bleiben und nicht an der erhabenen Figur des Staates
-künsteln und pinseln und meißeln sollen. Aber das kommt nur daher,
-weil der alte Tor unter seinem Stand geheiratet hat, da will nun
-der junge den Fehler gut machen, indem er die Vettern und Basen und
-das ganze Verwandtschaftgesindel seiner hochseligen Frau Mutter,
-spießbürgerlichen Angedenkens, recht hoch stellt!«
-
-»Aber, Vater,« bemerkte Anna, »daß er es aus diesem Grunde tut, kannst
-du doch nicht behaupten. Ich gebe zu, er stellt uns alle insgesamt
-etwas tief und die andern an unsere Seite, aber er ist ein Enthusiast
-und hat von Freiheit und Volksleben Begriffe, die sich nie ausführen
-lassen.«
-
-»Lehre mich die Menschen nicht kennen, Kind!« sagte der Alte lächelnd.
-»Eitelkeit ist der Grundtext in jedem, die Variationen mögen heißen,
-wie sie wollen; aber was sagst du zu dem Vater, Neffe?«
-
-»Bei uns würde man ihn steinigen, wollte er öffentlich aussprechen,
-was ich heute habe hören müssen. Ja, in einer Gesellschaft von Preußen
-sollte er einmal solch ein Wort sagen, ich glaube, man würde weder
-sein Alter noch seinen Stand berücksichtigen. Sein ganzes Gespräch ist
-ein Triumphgesang der Vergangenheit und ein Fluch der Gegenwart. Ich
-glaube, er hält es für die größte Sünde, daß wir das schmähliche Joch
-abgeschüttelt und die übrigen, vielleicht gegen ihren Willen, mit
-befreit haben. Eine Schande, daß ein deutscher Mann etwas solches nur
-denken kann. Aber bei nächster Gelegenheit will ich ihm sagen, wie sehr
-ich von Grund des Herzens seinen Kaiser und alle Franzosen hasse.«
-
-»Das hat er von mir schon oft gehört,« erwiderte Herr von Thierberg;
-»mehr denn zwanzigmal, ich hasse sie alle, allesamt wie die Hölle!«
-
-»Alle, Vater, alle?« fragte Anna mit Bedeutung.
-
-»Nein, du hast recht, Kind! Einen nehme ich aus, den ich täglich loben
-und preisen möchte. Hätte er nicht so verzweifelt gut Französisch
-gesprochen, ich hätte geglaubt, es sei ein Engel vom Himmel. Leider war
-und blieb er nur ein Franzose.«
-
-»Und wer ist denn dieser _eine_, den Sie so feierlich ausnehmen?«
-fragte Albert.
-
-»Siehe, das ist eine wunderliche Geschichte,« fuhr der Oheim fort;
-»doch will ich sie dir erzählen, es ist ein schönes Stück. Ich machte
-im Jahre 1800 eine Reise nach Italien mit meiner seligen Frau. Ehe
-wir uns dessen versahen, brach der Krieg aus, und da wir vernahmen,
-daß Moreau gegen Deutschland ziehe, beschloß ich, meine Frau bei
-einer befreundeten Familie in Rom zurückzulassen und allein, um desto
-schneller reisen zu können, nach Schwaben heimzukehren. Ich wählte,
-teils weil ich dort am wenigsten auf Franzosen zu stoßen hoffte, teils
-weil einer meiner Vettern die Besatzung in der kleinen Festung Bard
-kommandierte, teils der Neuheit der Gegend wegen die Straße über den
-großen Bernhard, der bald nachher durch den Uebergang des Konsuls
-Bonaparte so berühmt wurde. Dort am Fuße des Berges, auf der Schweizer
-Seite, überfielen mich fünf zerlumpte Kerls von der französischen
-Armee, die ich hier freilich nicht vermuten konnte. Ich zeigte ihnen
-meinen Paß, aber es half nichts, sie rissen mich und meinen Reitknecht,
-den alten Hans, den du noch hier siehst, vom Pferd, zogen uns Rock
-und Stiefeln aus, nahmen mir Uhr und Börse, und eben wollten sie auch
-meinen Mantelsack untersuchen, als eine schreckliche Stimme hinter uns
-_Halt_ gebot.
-
-Die Räuber sahen sich um und ließen, wie vom Donner gerührt, die Arme
-sinken, denn es war ein französischer Offizier, der hinter uns zu
-Pferde hielt, und sie hielten, man muß selbst dem Teufel Gerechtigkeit
-widerfahren lassen, strenge Mannszucht. ›Wer sind Sie, mein Herr?‹
-fragte er, nachdem er abgestiegen war. Ich erzählte ihm kurz meine
-Verhältnisse und den Zweck meiner Reise. Er nahm meinen Paß, sah ihn
-durch und fragte mich, ob ich solchen den Soldaten gezeigt habe.
-Als ich es bejahte, wandte er sich an die Burschen, die noch immer
-kerzengerade und verlegen dastanden: ›Seid ihr Soldaten? Seid ihr
-Franzosen?‹ rief er zürnend und sah, trotz seinem schlechten Oberrock,
-sehr vornehm aus; ›auf der Stelle kleidet ihr diesen Herrn und seinen
-Diener an, ordnet sein Gepäck und geht dann, wohin ihr beordert
-seid.‹ Noch nie bin ich so schnell bedient worden; ein junger Kerl
-wollte mir gegen meinen Willen die Stiefeln anziehen und bat mich mit
-Tränen im Auge, es zu erlauben. Solchen Gehorsam habe ich nie in der
-Reichsarmee gesehen. Ich sagte es auch dem Offizier, der sich, nachdem
-wir fertig waren, zu mir ins Gras setzte und für seine Landsleute
-Vergebung und Entschuldigung erbat. Ich sagte ihm, daß dieser ganze
-Vorfall durch jenen schönen Anblick von Disziplin aufgewogen werde.
-Ehe ich mich dessen versah, waren wir in ein tiefes Gespräch über die
-Zeitereignisse und namentlich über das Schicksal des Adels verwickelt.
-Ich stritt lebhaft für unsern alten Reichsadel, aber kurz und bestimmt,
-und so artig als möglich wußte er meine besten Gründe zu widerlegen.
-Ich merkte wohl aus allem, und er gestand es auch offen, daß er ein
-~Ci-devant~ sei. Er gestand auch zu, daß eine Republik in neueren
-Zeiten etwas Schwieriges, beinahe Unnatürliches sei, daß Institute wie
-der Adel nützlich, ja gewissermaßen notwendig seien, behauptete aber,
-daß der Adel überall von neuem geboren werden und nur aus kriegerischem
-Verdienst und Ruhm hervorgehen müsse.«
-
-»Wie?« fiel ihm Rantow ins Wort, »so allgemein dachte man schon damals
-in jener Armee an _das_, was nachher jener sogenannte Kaiser wirklich
-ausführte? Das ist wunderbar!« -- »Auch mir sind nachmals,« erzählte
-der alte Thierberg, »da Napoleon die Ehrenlegion und Dotationen schuf,
-oft die Worte meines guten Kapitäns eingefallen. Diesen gewann ich
-in _einer_ Stunde, die wir zusammen sprachen, so lieb, als wäre er
-kein Franzose, als wären wir langjährige Freunde. Endlich mahnte ihn
-die Feldmusik eines ferne heranziehenden Regiments zum Aufbruch. Ich
-schenkte ihm meine silberne Feldflasche, die er erst nach langem Streit
-und endlich lachend annahm; mir gab er dafür eine kleine Ausgabe des
-Tacitus und eine von den bunten Federn auf seinem Hut, womit sich
-damals die republikanischen Offiziere schmückten. Die Bajonette des
-Regiments blitzten über den nächsten Hügel herab, und die Musiker
-begannen eben ihr ›~Allons enfants~‹, als er aufs Pferd stieg; er gab
-mir noch einige Verhaltungsregeln, drückte mir lächelnd die Hand und
-unter dem ›~Marchons, ça ira!~‹ setzte er den Berg hinan. Noch heute
-steht dieser liebenswürdige, interessante junge Mann vor meinen Augen,
-wie er den Fuß der Alpe hinanritt, der Wind in seinem Mantel, in seinen
-Federn wehte, und er grüßend noch einmal sein geistreiches Gesicht
-nach mir umwandte. Damals, aber nur einen Augenblick lang, und ich
-weiß heute noch nicht warum, schlug mein Herz für diese Franzosen, und
-solange ich die Musik hören konnte, sang ich das ›~Allons enfants~‹ und
-das ›~Marchons, ça ira~‹ mit. Nachher freilich schämte ich mich meiner
-Schwäche, haßte dieses Volk nach wie vorher, und nur mein Retter in der
-Not, mein Kapitän, steht in meinem dankbaren Gedächtnis.«
-
-»Allerdings ein wunderbarer Fall,« sagte Rantow, als der Alte nicht
-ohne tiefe Rührung geendet hatte; »artige und honette Leute gab es
-zwar immer unter diesen Truppen, aber die gute Disziplin war ungleich
-seltener. Ich hätte mögen den Schrecken jener fünf Soldaten sehen.«
-
-»Nun Hans,« sagte Anna zu dem Diener, der aufmerksam und gespannt
-zuhorchte, »du hast sie ja gesehen.«
-
-»Ich sag' Ihnen, gnädiges Fräulein, wie aus Stein gemeißelt standen sie
-vor dem Kapitän und schämten sich, und Augen hat er auf sie dargemacht
-wie der Lindwurm auf den Ritter Sankt Georg. Als die Franzosen nachher
-zu uns herauskamen, bin ich oft halbe Tage lang an der Landstraße von
-Heidelberg gestanden und habe sie Regiment für Regiment defilieren
-lassen, aber der Kapitän war nie dabei; der ist wohl schon lange tot.«
-
-»Ehre und Segen mit seinem Andenken, wo er auch sein möge,« sprach der
-alte Thierberg. »Ist er gestorben, so hat er doch alles, was nachher
-in der Welt Ungerechtes und Frevelhaftes geschah, nicht mehr mitmachen
-müssen. Vielleicht hat er sich auch vom Dienst zurückgezogen, als der
-Diktator sich zum Kaiser machte, denn mein braver Kapitän, der so nobel
-dachte, kann kein Freund des übermütigen Korsen gewesen sein.«
-
-Anna lächelte, aber sie mochte das Lieblingsthema ihres alten Vaters,
-die Geschichte »vom besten Franzosen« nicht durch eine Apologie jenes
-großen Sohnes einer kleinen Insel stören.
-
-
-9.
-
-Man hatte sich heute früher getrennt als gestern, und Albert, den der
-Schlaf noch nicht besuchen wollte, stand unter dem Bogenfenster seines
-altertümlichen Zimmers und schaute in das Tal hinab. Er dachte nach
-über alle Worte seiner schönen Cousine, er fand so viel Stoff, sie
-anzuklagen und sich zu bedauern, daß er das erste Mal in seinem Leben
-im Ernste sich selbst sehr schwermütig erschien.
-
-Dieses eine Mal, nach so vielen flatterhaften und flüchtigen
-Geschichten, war er sich recht klar und deutlich bewußt, ernstlich
-zu lieben; niemals zuvor hatte er einem Gedanken an ein häusliches
-Verhältnis, an das Glück der Ehe Raum gegeben, und nur erst diesem
-fröhlichen, unbefangenen Geschöpf war es gelungen, seine Ansichten über
-seine Zukunft ernster, seine Gefühle würdiger zu machen. Er wunderte
-sich, gerade da zurückgewiesen zu werden, wo er es wirklich redlich
-meinte, es befremdete ihn, gerade in jenen Augen als flüchtig und
-kokett zu erscheinen, die ihn so unwiderstehlich angezogen, gefesselt
-hatten; er schämte sich, daß bei diesem natürlichen Kind seine sonst
-überall anerkannten Vorzüge ohne Wirkung bleiben sollten; er sah darin
-ein böses Vorzeichen, denn seine bisherige Erfahrung hatte ihn gelehrt,
-daß die Ueberraschung, daß der erste Eindruck entscheiden müsse.
-
-Aus diesen Gedanken weckte ihn eine Flöte, die wie am gestrigen Abend
-süße Töne vom Wald herüberhauchte. Aufs neue erwachte in ihm der
-Gedanke, daß diese Serenade wohl Anna gelten könnte. Er sah schärfer
-nach dem Wald hinüber, und, er irrte sich nicht, es war jene Waldecke,
-die er heute besucht hatte, woher die Töne kamen. Schnell warf er
-seinen Mantel über; eilte hinab und bat den alten Hans, ihm das Tor zu
-öffnen; er gab vor, auf einem Platz im Wald, unweit des Schlosses, ein
-Taschenbuch zurückgelassen zu haben, dem der Nachttau schaden könnte.
-Die Flötenklänge, die immer weicher und schmelzender wurden, dienten
-ihm zu Führern nach jener Waldecke; immer eifriger drang er durch das
-Gebüsch, denn er hatte einen Blick nach der Burg hinübergeworfen und
-gesehen, daß ein weißes Tuch von Annas Fenster wehte. Schon sah er die
-Umrisse des Flötenspielers, schon rief er: »Halt, Freund Musikus, ich
-werde die zweite Stimme spielen,« da schlug dicht neben ihm ein Hund
-an, und als er erschreckt auf die Seite sprang, stürzte er über die
-Wurzeln einer alten Eiche unsanft zur Erde.
-
-Als er sich nach einer Weile wieder aufgerichtet hatte und auf den
-Platz zutrat, wo der Mann mit der Flöte gesessen hatte, fand er weder
-von ihm noch von dem Hund eine Spur, wohl aber hörte er tief unten am
-Berg die Büsche rauschen und das Gesträuch knacken. Beschämt wandte
-er sich ab und sah nach dem Schloß hinüber. Ein heller Schein war an
-Annas Fenster, aber es war kein Tuch, wie er geglaubt hatte, sondern
-der Mond, der in den Gläsern sich spiegelte. Er warf sich seine
-Unbesonnenheit, seine Hast und Eile, sein Mißtrauen, seine Eifersucht
-vor. Er suchte für das Entweichen des Flötenspielers die gewöhnlichen
-und prosaischen Gründe auf, er _wollte_ Anna unschuldig finden, und
-dennoch wurde er nicht ruhig.
-
-So stand er in dem Anblick der vom Mondlicht übergossenen Burg da, als
-er plötzlich mit einem Schrei des Schreckens auffuhr, denn eine kalte
-Hand rührte an die seinige; er sah sich um, und eine dunkle Gestalt
-stand vor ihm. Ehe er noch fragen, sich nur fassen konnte, fühlte er,
-daß man ein Papier in seine Hand gedrückt habe, und zugleich stürzte
-sich dieses geheimnisvolle Wesen in den Wald, doch war es nicht so
-ätherischer Natur, daß es nicht im Forteilen das Gesträuch zerknickt
-und Zweige abgestoßen hätte. Albert wurde es ganz unheimlich an diesem
-Ort. Sein aufgeregtes Blut, die tiefe Stille der Nacht, das schaurige
-Dunkel der Buchen, und gegenüber die altersgraue Burg, ihre Fenster vom
-Monde so sonderbar beleuchtet, daß er geheimnisvolle Schatten in den
-hohen Gemächern hin und her schleichen sah -- es war ihm so bange, daß
-er schnell seinen Weg zurückeilte, daß er im Wald laut auftrat, nur um
-sich selbst in dieser unheimlichen Stille zu hören.
-
-Die Laterne des alten Hans warf ihm ein tröstliches Licht aus dem Tor
-entgegen. Eilends ließ er den Alten mit der Lampe voran nach seinem
-Zimmer gehen, er entrollte das Papier und erschrak vor einem fremden
-Unglück, denn die wenigen Zeilen lauteten:
-
-»Dein Brief traf mich erst heute, die Antwort ein andermal. S. Z. N.
-und noch drei andere wurden heute früh verhaftet und nach der Festung
-geführt. Ich weiß nicht, ob du dich schuldig fühlst, aber vernünftig
-wäre es, wenn du dich auf die Beine machtest. In _deiner_ Lage kann es
-nicht schaden. Ich schickte diese Zeilen an den gewöhnlichen Platz;
-Gott gebe, daß sie dich treffen. Was du auch tun wirst, Robert, sei
-diskret und nenne mich nie.«
-
-Wer der unglückliche Flötenspieler gewesen sei, sah jetzt Albert
-deutlich; doch zu großmütig, um aus dieser Verwechslung einen Vorteil
-ziehen zu wollen, faßte er rasch den Entschluß, den jungen Willi zu
-retten. Aber fremd und unbekannt in dieser Gegend deuchte es ihm
-unmöglich, dies allein auszuführen. Er schickte schnell den alten
-Hans nach dem Turm, wo Anna wohnte, er ließ sie dringend bitten, ihm
-nur auf zwei Minuten in einer sehr wichtigen Sache Gehör zu geben. Er
-folgte dem Alten bis an die Tür des Saales, und dort blieb er in dem
-großen weiten Gemach allein, um seine Cousine zu erwarten. Zu jeder
-andern Zeit hätte der Anblick, der sich ihm hier darbot, mächtig auf
-seine Seele wirken müssen. Ein ungewisses Licht schimmerte durch die
-Fenster und fiel auf die Gemälde seiner Ahnen. Ihre Gestalten schienen
-lebendiger hervorzutreten, ihre Gesichter waren bleicher als sonst, und
-die ausgestreckte Hand einer längst verstorbenen Frau von Thierberg
-schien sich zu bewegen. Dazu rauschten die Bäume und murmelte der Fluß
-auf so eigene Weise, daß man glauben konnte, dieses Geräusch gehe von
-den Gewändern der Verstorbenen aus.
-
-In diesen Augenblicken aber hatte er nur ein Ohr für die immer leiser
-schallenden Tritte des alten Dieners; sein Auge hing erwartungsvoll an
-der Türe, sein Herz pochte unruhig einer Gewißheit entgegen, die keine
-erfreuliche sein konnte.
-
-Bald tönten die Schritte wieder den Korridor herauf; er strengte sein
-Ohr an, ob er nicht auch den leichten Tritt seiner Base vernehme, die
-Türe öffnete sich, und sie erschien mit Hans und ihrem Mädchen, er sah
-ihrer Kleidung und ihren Augen an, daß sie noch nicht geschlummert
-hatte. Noch ehe sie ihn fragen konnte, reichte er ihr schnell das
-Billet und sagte französisch in wenigen Worten, wie er es erhalten
-habe. Eine hohe Röte flammte über das schöne Gesicht, solange er
-sprach, sie wagte es nicht, die zarten Augenlider aufzuschlagen; doch
-kaum hatte sie einen Blick auf die Zeilen geworfen, so erbleichte sie,
-sah ihn mit großen Augen erschrocken an und zitterte so heftig, daß sie
-sich an dem Tisch halten mußte.
-
-»Ich muß sogleich hinübereilen,« sagte er, näher tretend, »und nur
-darum habe ich dich rufen lassen, daß du mir ein Mittel angebest, wie
-ich durch den Fluß komme. Ich möchte bei den Domestiken nicht gerne
-Aufsehen erregen.«
-
-»Zu Pferd, schnell zu Pferd!« rief sie hastig, indem sie bebend seine
-Hand ergriff; »schwimm hinüber und dann schnell nach Neckareck.«
-
-»Aber bei Nacht?« erwiderte er zaudernd. »Ich kenne die Stellen nicht,
-wo man durchkommen kann, der Fluß ist tief und reißend.«
-
-»Führe _mir_ des Vaters Pferd heraus, Hans!« wandte sie sich an den
-erschrockenen Diener; »schnell, du begleitest mich, ich will selbst
-hinüber!«
-
-»Führe es heraus, Alter, aber für mich!« fiel Rantow unmutig ein. »Wie
-magst du mich so verkennen, Anna? Du wirst mir den Weg zu einer Stelle
-zeigen, wo ich durch den Neckar kommen kann.«
-
-»Nein, so geht es nicht!« sagte sie beinahe weinend und sank auf einen
-Stuhl nieder; »du wirst nicht hinüberkommen. Führe ihn durchs Dorf
-hinab, Hans, mach' unsern Kahn los und schiffe den Vetter hinüber, du
-mußt zu Fuß hinüber, Albert, in einer halben Stunde kannst du dort
-sein. O Gott! ich habe es ja schon lange geahnt, daß es so kommen
-würde! Sag' ihm, er soll nicht zögern, ich wolle ihn überall lieber
-wissen als in einem Kerker!«
-
-Der junge Mann drückte ihr schweigend die Hand und winkte dem Alten,
-zu gehen. Nie zuvor hätte er sich für fähig gehalten, so schönen
-Hoffnungen so schnell zu entsagen, aber der Gedanke an die schöne,
-kummervolle Anna, die er bis jetzt nur lächelnd gesehen hatte, spornte
-ihn zu immer schnelleren Schritten, und so mächtig ist in einem Herzen,
-das die Selbstsucht noch nicht ganz umsponnen hat, das Gefühl, in einem
-entscheidenden Moment Hilfe oder Rettung zu geben, daß er in diesem
-Augenblick in dem jungen Willi nur einen Unglücklichen und nicht Annas
-Geliebten sah.
-
-Am Ufer schloß der Alte schnell den Kahn los und bat den Gast, sich
-ruhig niederzusetzen, aber dennoch konnte Albert diesem Gebote nicht
-völlig Folge leisten, denn als sie ungefähr die Mitte des Neckars
-erreicht hatten, hörte man deutlich den Hufschlag von Pferden und das
-Rollen eines Wagens von der Landstraße her, die sich jenseits dem Ufer
-näherte. Er richtete sich auf, trotz dem Schelten des Alten und dem
-unruhigen Schaukeln des Kahns, und sah im Schein einiger Laternen einen
-Wagen mit vier Pferden, von einigen, wie es schien, bewaffneten Reitern
-begleitet, vorüberfahren. »Ist dies eine Hauptstraße?« fragte er den
-alten Hans; »kann dies vielleicht ein Postwagen sein, der dort fährt?«
-
-»Hab' hier noch nie einen gesehen,« erwiderte jener mürrisch; »und um
-einen Postwagen zu sehen, möchte ich kein kaltes Bad im Neckar wagen.«
-
-»Schnell! wo geht man nach Neckareck, nach dem Gut des Generals?«
-fragte Albert, welcher besorgte, er möchte zu spät gekommen sein.
-»Spute dich, Alter!«
-
-»So lassen Sie mich doch den Kahn erst wieder anschließen!« sagte Hans;
-»doch wenn Sie Eile haben, nur hier links immer die Straße fort, sie
-führt gerade auf das Schloß zu; ich will schon nachkommen.«
-
-Der junge Rantow lief mehr, als er ging; der Alte keuchte mühsam
-hinter ihm her, aber so oft er ihn erreicht hatte, lief jener wieder
-schneller, als würde er verfolgt. Endlich sah er das Schloß mit seinen
-weißen Säulen durch die Nacht schimmern; es fiel ihm ängstlich auf,
-daß viele Fenster erleuchtet waren, und als er näher kam, sah er
-deutlich Menschen an den Fenstern hin und her laufen. Der Schrecken
-dieser Nacht und die ungewöhnlich schnelle Bewegung hatten seine Kräfte
-beinahe erschöpft, aber dieser beunruhigende Anblick trieb ihn zu noch
-rascherem Laufen; in wenigen Minuten langte er an dem Schloß an, aber
-er mußte sich an die Pforte lehnen und nach Atem suchen, ehe er eintrat.
-
-Der erste, dem er an der erleuchteten Treppe begegnete, war der
-Gardist, ein alter französischer Kriegsgefährte des Generals, der jetzt
-mehr den Haushofmeister als den Diener spielte. Er schien bleicher
-als sonst und schlich trübselig die Treppe herab. »Wo ist Euer junger
-Herr?« rief Albert hastig, »führt mich schnell zu ihm.«
-
-»~Sacre bleu!~« antwortete der Gardist erstaunt, als er den jungen Mann
-erkannte; »weiß es Fräulein Anna schon? ~O la pauvre enfant!~«
-
-»Wo ist Robert?« rief Rantow drängender.
-
-»~Il est prisonnier!~« erwiderte er traurig. »Auf die Festung gebracht
-~comme ennemi de la patrie, comme démocrate~; vier ~Dragons de la
-gensdarmerie~ haben ihn eskortiert, o, mein armer Monsieur Robert!«
-
-»Führe mich zum General!« sagte Rantow, als er diese Nachricht hörte.
-
-»~Monsieur le general est sorti.~«
-
-»Wohin?« rief der junge Mann, unwillig darüber, daß er jedes Wort dem
-alten Soldaten abfragen mußte.
-
-»Mit seinem Sohn ~à la capitale~, zu fragen, was Monsieur ~de~ Willi
-verschuldet.«
-
-Als Rantow sah, daß hier nichts mehr zu tun sei, suchte er einen
-andern Bedienten auf und ließ sich die näheren Umstände der Verhaftung
-erzählen. Er hörte, daß spät abends, in Roberts Abwesenheit, ein
-Kommissär angekommen sei, der nach einer kurzen Rücksprache mit
-dem General die Papiere des jungen Willi untersucht und teilweise
-versiegelt habe. Darauf sei Robert nach Hause gekommen und habe sich
-gutwillig darein ergeben, dem Kommissär zu folgen; er habe seinem Vater
-das Wort darauf gegeben, daß man ihn unschuldig finden werde; das
-letztere hatte der General einem Bedienten befohlen, am nächsten Morgen
-dem Herrn von Thierberg und seiner Familie zu sagen; er habe sich dann
-zu Pferd gesetzt und sei, nur von einem Bedienten begleitet, vom Schloß
-weggeritten. Der junge Willi selbst hatte weder nach Thierberg noch
-sonst wohin Aufträge zurückgelassen.
-
-Soviel erfuhr Albert, und diese Nachrichten waren nicht dazu geeignet,
-ihn auf dem Rückweg freudiger zu stimmen. Er konnte auf den Trost,
-welchen Robert seinem Vater gegeben, keine große Hoffnung bauen, und
-vor allem war ihm vor dem Augenblicke bange, wo er die schmerzliche
-Kunde der trauernden Anna bringen sollte.
-
-
-10.
-
-Es waren seit jener traurigen Nacht mehrere Wochen verstrichen, sie
-deuchten der armen Anna ebenso viele Monate. Das Laub der Bäume fing
-schon an, sich zu bräunen, der Herbst mit seinem fröhlichen Gefolge war
-in das Tal eingezogen, Gesang und Jubel schallte von den Rebhügeln,
-schallte antwortend aus dem Fluß herauf, welcher Kähne, mit Trauben
-schwer belastet, abwärts trug. Als würde einem verwegenen, in diesen
-Bergen eingedrungenen Feind ein Gefecht geliefert, so krachten Büchsen-
-und Pistolenfeuer aus den Weinbergen, doch nicht das Wutgeschrei
-zurückgeworfener Kolonnen, sondern das Jauchzen einer freudeberauschten
-Menge stieg auf, wenn die Gewehre recht laut knallten, oder wenn
-die vorspringenden Ecken der Bergreihen die tiefere Stimme eines
-Pfundböllers zehnfach nachriefen.
-
-Mit verschiedenen Empfindungen sahen die Bewohner des Schlosses
-Thierberg diesem fröhlichen Treiben von einer altertümlichen
-Terrasse des Schlosses zu. Der junge Rantow blickte unverwandt und
-mit glänzenden Augen auf dieses Schauspiel, das ihm ebenso neu als
-anziehend erschien. Er hatte in seiner Heimat, im Kreise vertrauter
-Freunde, oft bemerkt, wie der Wein, diese Himmelsgabe, die Wangen
-freundlicher färbte, die Zungen löste und zu traulichem Gespräch,
-wohl auch zum Gesang, selbst die Ernsteren fortriß; doch nie hatte
-er gedacht, daß eine noch rauschendere Freude, ein höherer Jubel
-mit der Bereitung des fröhlichen Trankes sich verbinden könnte.
-Wie poetisch deuchte ihm dieses lebhafte Gemälde! Welch frische,
-natürliche Bilder zeigte ihm sein Opernglas! Diese Gruppen hatte der
-Zufall geordnet, und doch schienen sie ihm reizender, als was die
-Kunst je erfunden. »Siehe,« sagte er zu Anna, die, den schönen Kopf
-auf den Arm gestützt, ihm gegenübersaß und zuweilen einen ernsten
-Blick über das Tal hingleiten ließ, »siehe, dort gegenüber jenen Alten
-mit den silbergrauen Haaren; wie viele solcher Herbste mag er schon
-gesehen haben! Wahrlich, ich könnte an der Gruppe um ihn her seine
-Lebensgeschichte studieren. Der blonde Knabe, der ihm eben die große
-Traube brachte, ist wohl sein Enkel; den jungen Burschen, der mit der
-Pritsche die Mädchen neckt und durch seine Scherze von der Arbeit
-abhält, indem er sie anzutreiben scheint, halte ich für seinen jüngeren
-Sohn; siehe, jenes Mädchen hat seinen Schlag derb erwidert, sie ist
-wohl das Liebchen des muntern Burschen, denn sie lachen alle und
-verspotten ihn. Dieser gebräunte, breite Mann von vierzig, der soeben
-den ungeheuren, mit Trauben gefüllten Korb auf seine Schultern hob, ist
-wohl der ältere Sohn und des blonden Knaben Vater. So hast du die vier
-Altersstufen, die sie wohl alle ohne viel Aenderung durchlaufen mögen.«
-
-»Gewiß, ohne viel Aenderung und ohne viel Vergnügen,« bemerkte der alte
-Herr von Thierberg, der gleichgültig hinblickte; »das ewige Einerlei
-seit vielen hundert Jahren. Der Kleine dort wird jetzt bald in die
-Schule getrieben und von seinem Schulmeister täglich geprügelt, gerade
-wie vorzeiten sein Großvater. Der junge Bursche wird bald Soldat oder
-auf ein paar Jahre Knecht in der Stadt. Kommt er dann nach Hause und
-der Vater ist tot, so bekommt er sein kleines Stückchen Erbe und
-glaubt heiraten zu müssen; und hat er vier Kinder, so werden sie, wenn
-auch er einst stirbt, das armselige Erbe unter sich teilen und gerade
-viermal ärmer sein als er. So treibt es sich herauf und herab; zu dem
-Pulver, das sie heute verschießen, haben sie ein ganzes Jahr gespart,
-um doch auch _einen_ Tag zu haben, an welchem sie sich betäuben können;
-und das nennen sie lustig sein! Das nennen die Städter ein Fest, ein
-malerisches Volksvergnügen!«
-
-»Nein! Sie sehen es zu düster an, Oheim!« entgegnete der Gast. »Mir
-scheint, ich gestehe es, eine wundervolle Poesie in diesem Treiben zu
-liegen. Diese Menschen sind so behende, so lebendig, so regsam. Stellen
-Sie einmal meine Märker hierher, wie unbeholfen und ungeschickt sie
-sich benehmen würden! Ich schäme mich heute noch der Unerfahrenheit,
-die ich letzthin zeigte; ich nahm in einem Ihrer Weinberge einem
-hübschen Mädchen das gebogene Messer ab und versprach, sie zu
-unterstützen; als ich die erste Traube abgeschnitten hatte und sie in
-das Körbchen legte, betrachtete das Mädchen nur den Stiel der Traube
-und sagte lächelnd: ›Er hat wohl noch nicht oft Trauben geschnitten;‹
-und siehe, ich hatte, statt schief zu schneiden, gerade geschnitten.
-Nein! mir scheint diese Weinlese ein fortdauernder Festtag der Natur,
-eine liebliche, verkörperte Poesie.«
-
-»Poesie?« erwiderte Anna, indem sie einen trüben, wehmütigen Blick
-auf die Berge gegenüber warf; »eine Poesie, die mir das Herz
-durchschneidet. Mir erscheint dieses fröhliche Treiben wie ein Bild
-des Lebens. Unter langem Jammer und Ungemach _ein_ Tag der Freude,
-der durch seine hellen, freundlichen Strahlen das öde Dunkel umher
-nur noch deutlicher zeigt, aber nicht aufhellt! O, kenntest du erst
-das Leben dieser Armen näher! Wenn du sie beim ersten Erwachen des
-Frühlings sehen könntest! Jeder Winter verwüstet ihre steilen Gärten;
-der Schnee löst sie auf und reißt ihre beste, fruchtbarste Erde mit
-sich hinab. Aber rastlos zieht jung und alt heraus. Die Erde, die ihnen
-das Wasser nahm, tragen sie wieder hinauf und legen sie sorglich um
-ihre Reben her. Vom frühesten Morgen, in der Glut des Mittags, bis am
-späten Abend steigen sie, schwer beladen, die steilen engen Treppen
-hinan. Welche Freude, wenn dann der Weinstock schön steht, aber wie
-bitter ist zugleich ihre Sorge; denn der kleinste Frost kann ihre zarte
-Pflanze vernichten. Und fällt nun der böse Tau oder eine kalte Nacht,
-wie schauerlich ist dann ihr Geschäft anzusehen. Alle, selbst die
-kleinsten Kinder, strömen noch vor Tag in den Weinberg. Dort legen sie
-alte Stücke von Kleidern und Tüchern neben die Rebstöcke und brennen
-sie an, daß der qualmende Rauch die zarte Pflanze schützen möchte. Wie
-arme Seelen, ins Fegfeuer verbannt, schleichen sie um die kleinen,
-zuckenden Feuer und durch die Schleier, die der Rauch um sie zieht. Die
-Kleinen rennen umher, sie können noch nicht berechnen, welches Unglück
-sie sehen, aber die Männer und Weiber wissen es wohl; es ist _eine_
-kühle Morgenstunde, die das Werk langer, mühsamer Wochen zerstört und
-sie ohne Rettung noch tiefer in die Armut senkt.«
-
-»Wahrhaftig! Du bist krank, Anna!« sagte der alte Herr, indem er
-lächelnd zu ihr trat und, doch nicht ohne leise Besorglichkeit, seine
-Hand auf ihre schöne Stirne legte; »du warst ja doch einst so fröhlich
-im Herbst, gabst solchen bösen Gedanken niemals Raum und freutest dich
-mit den Fröhlichen. Bist du krank?«
-
-Anna errötete und suchte fröhlicher zu scheinen, als sie es war. »Krank
-bin ich nicht, lieber Vater,« erwiderte sie, »aber ich bin doch alt
-genug, um sogenannte Herbstgedanken haben zu dürfen. Man kann doch
-nicht immer fröhlich sein, und -- mein Gott!« rief sie, indem sie
-errötend aufsprang -- »ist er es nicht? -- seht dort! --«
-
-»Willi?« rief Rantow verwundert und wandte sich nach der Seite, wohin
-Anna deutete.
-
-»Wer denn?« sagte der Alte, indem er bald seine zitternde und verwirrte
-Tochter, bald seinen Gast ansah. »Wie kommst du nur auf Willi? Wer soll
-denn kommen? So sprechet doch!«
-
-Aber in diesem Augenblick trat auch schon der, dem Annas Ausruf
-gegolten hatte, herein, es war der alte Gardist. Er war noch nicht
-ganz auf die Terrasse getreten, als schon Anna, jede andere Rücksicht
-vergessend, zu ihm hinflog, seine Hand ergriff und eine Frage
-aussprechen wollte, zu welcher ihr der Atem fehlte. Der alte Soldat
-zog lächelnd seine Hand zurück, grüßte mit militärischem Anstand und
-berichtete, in Form eines militärischen Rapports, daß der General noch
-diesen Abend zu Hause eintreffen und --
-
-»Ist er frei?« unterbrach ihn Anna.
-
-»-- und seinen Sohn mitbringen werde, der auf sein Ehrenwort und die
-Kaution, die der Herr General gestellt habe, aus der Haft entlassen
-worden sei.«
-
-In Annas Augen drängten sich Tränen, sie zitterte heftig und setzte
-sich nieder; der alte Thierberg, durch diesen Anblick überrascht,
-preßte die Lippen zusammen und blickte seine Tochter unwillig an, und
-Albert, der in den Zügen seines Oheims las, daß jener ein Geheimnis
-ahne, dessen Teilnehmer er bis jetzt allein gewesen war, fühlte sich
-befangen; er fürchtete für Anna, und erst in diesem Augenblicke wurde
-es ihm deutlich, daß es für ihn selbst besser gewesen wäre, sich
-nie in diese Angelegenheit zu mischen. »Ich lasse dem Herrn General
-danken und Glück wünschen,« sagte nach einer peinlichen Pause Herr
-von Thierberg zu dem Grenadier und winkte ihm, zu gehen. »Wünsche
-nur,« fuhr er fort, indem er auf der Terrasse mit heftigen Schritten
-auf und ab ging, »wünsche nur, daß die paar Wochen Gefängnis eine
-gute Wirkung auf den Herrn Weltstürmer gehabt haben mögen! Ein paar
-Monate hätten nicht schaden können, wäre es auch nur gewesen, um das
-heiße Blut abzukühlen und die vorschnelle Zunge zu fesseln. Aber das
-alles ist das Erbteil seiner hochweisen Frau Mama! Ein junger Mann von
-unbeflecktem Adel hätte sich so weit nicht verirrt; aber das gewinnt
-man bei solchen Heiraten; weil sie sah, daß man in unserem Zirkel
-ihre Abkunft nicht vergessen habe, hat sie ihrem Sohn solche tollen,
-republikanischen Ideen eingeprägt und ihn zu einem Toren, wo nicht zu
-einem verderblichen Menschen gemacht.« Diese und andere Worte stieß
-er schnell und heftig aus, und plötzlich blieb er vor seiner Tochter
-stehen, sah sie mit grimmigen Blicken an und sagte dann: »Ich glaube
-jetzt in der Tat, daß du kränker bist, als ich dachte; geh auf dein
-Zimmer! -- Ich werde mit dem Vetter diesen Abend allein speisen; geh!«
-
-Das arme Kind ging hinweg, ohne ein Wort zu sagen; sie mochte die Natur
-ihres Vaters kennen und wissen, daß jeder Widerspruch seinen Zorn
-steigere, sie mochte auch fühlen, was in diesem Augenblick in seiner
-Seele vorgehe, wo sie zu wenig Macht über sich besaß, um ihr Geheimnis
-zu verbergen.
-
-Als sie weggegangen war, schritt der Alte wieder eine Zeitlang
-schweigend hin und her; dann trat er zu seinem Neffen und fragte mit
-bewegter Stimme: »Was sagst du zu dem Auftritt, den wir da gesehen
-haben? Meinst du wirklich, es wäre möglich?«
-
-»Ich kann Sie nicht verstehen, lieber Oheim.«
-
-»Nicht verstehen, Junge? So soll ich es denn selbst in den Mund nehmen?
-Wisse -- ich habe entdeckt, daß Anna den -- den von drüben -- nun
-daß sie den Sohn des Generals liebt. Zum Teufel, Junge! Du erwiderst
-nichts? Wie magst du so -- so gleichgültig aussehen, wenn von der Ehre
-deiner Familie die Rede ist? Rede!«
-
-»Ich kann nichts hierin sehen,« entgegnete der junge Mann trotzig, »was
-etwa der Thierbergschen Ehre zu nahe treten könnte. Der alte Willi ist
-von Adel, ist ein berühmter General, ist reich --«
-
-»Also abkaufen sollen wir uns unsere Ehre lassen, abhandeln? --
-Bursche, wenn du nicht mein Neffe wärest -- Gott strafe mich, aber
-ich kenne mich selbst nicht, wenn ich in Wut bin. -- Reich? Siehe,
-für so schlecht und niederträchtig halte ich mein Kind selbst nicht,
-daß es daran gedacht haben sollte. Sieh dich um -- so weit du sehen
-kannst, war einst alles -- alles mein; ich habe nichts mehr als diese
-verfallenen Türme und eine Hufe Landes wie der gemeinste Bauer, aber
-auch dieses soll diese Nacht noch hinfahren, in den Schuldturm soll man
-mich werfen, mich auspfänden, mein altes Wappen entzweischlagen, wenn
-ich je zugebe --«
-
-»Oheim!« fiel ihm der Neffe erbleichend ins Wort, »bedenken Sie sich
-zuvor, ehe Sie einen solchen Frevel aussprechen! Was kann dieser junge
-Mann dafür, daß sein Vater reich ist? Beträgt er sich denn aufgeblasen?
-Macht er Ansprüche auf seinen Reichtum? Ich sagte es ja vorhin nur so
-in der Uebereilung.«
-
-»Nein, das tun sie nicht, die Willis,« antwortete nach einer Pause der
-Alte; »das ist noch ihre gute Seite. Aber das macht ihn nicht besser.
-Seine Grundsätze sind es, die ich hasse; er ist mein bitterster Feind!«
-
-»Wie wäre dies möglich?« erwiderte Rantow beruhigend. »Wie könnte er
-_Ihr_ persönlicher Feind sein!«
-
-»Was persönlicher Feind!« rief Thierberg heftiger. »Solche Feindschaft
-kenne ich nicht, und mein Feind müßte ein anderer sein als dieser
-Knabe; aber ein Todfeind bin ich all diesem Wesen, diesen Neuerungen,
-diesem Deutschtum, Bürgertum, Kosmopolitismus, und welchen Namen sie
-dem Unsinn geben mögen, und dessen treuester Anhänger eben dieser junge
-Mensch da ist. Das ganze erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts
-hatte den verdammten Geschmack dieses Unwesens, und man wird sehen,
-wohin es im jetzigen kommt, wenn diese Menschen und ihre Gesinnungen
-um sich greifen; aber, so wahr Gott lebt, man soll von dem letzten
-Thierberg nicht sagen können, daß er in seinen alten Tagen einem dieser
-Weltverbesserer die Hand zur Unterstützung gereicht hätte!«
-
-»Aber, Oheim!« fiel Albert ein, dem es in diesem entscheidenden
-Augenblicke keine Sünde deuchte, gegen seine eigene Ueberzeugung zu
-sprechen, »gibt es denn in diesem Jahrhundert auch nur _eine_ Familie,
-die nicht, wenn man sie einzeln durchginge, die verschiedensten
-Gesinnungen in sich schlösse? Wird denn der einzelne Mann dadurch
-schlechter, daß er eine andere Meinung hat als wir? Ist nicht
-Protestant und Katholik in den Augen des Vernünftigen gleich viel wert?
-Denkt nicht der General selbst ganz verschieden von seinem Sohn?«
-
-»Laß mir den Glauben aus dem Spiel, Neffe!« entgegnete jener. »Darüber
-zu richten, geht weder dich noch mich an. Aber dieser General vollends,
-der meinen Todfeind als Schutzpatron anbetet und diesen Bonaparte für
-den heiligen Georg hält, der den Lindwurm des veralteten Jahrhunderts
-tötete; _diesen_ in _meiner_ Familie! Es würde mich töten!«
-
-»Aber wissen Sie denn, ob auch der junge Willi Ihre Tochter liebt? Hat
-denn Anna irgend etwas gestanden?«
-
-Der Alte sah seinen Neffen bei dieser Frage lange und erschrocken
-an; dann fuhr er nach einigem Nachsinnen gefaßter fort. »Nein! Einer
-solchen Schmach halte ich sie nicht fähig; meinst du, _meine_ Tochter
-werde sich in einen solchen -- Menschen verlieben, ohne daß er sie
-zuvor mit tausend Künsten dazu verlockte? Nein! Dazu ist sie mir noch
-immer zu gut; aber -- ich will mir Gewißheit verschaffen!«
-
-Er sprach es, und noch ehe ihn Rantow aufhalten konnte, eilte der alte
-Mann hinweg, um seine Tochter zur Rede zu stellen. Düster schaute ihm
-der Gast aus der Mark nach. »Wahrlich, wenn die Aktien so stehen, werde
-ich weder Brautführer noch Hochzeitsgast in Thierberg sein,« sprach er,
-»der Alte müßte sich denn durch ein Wunder in einen Demagogen oder der
-Demagoge in einen rechtgläubigen Verehrer der alten Reichsritterschaft
-verwandeln.«
-
-
-11.
-
-Es hatte dem General Willi nicht geringe Mühe gekostet, von seinem Sohn
-das Unglück einer längeren Gefangenschaft abzuwenden. Sein Ansehen
-war zwar in der Hauptstadt jenes Landes, welchem sein Gut angehörte,
-durch den Wechsel der Verhältnisse und Meinungen nicht gesunken; man
-verehrte in ihm einen Mann von hohem Verdienst, militärischer Umsicht
-und Tapferkeit, und es gab manche, die ihn wegen seiner treuen und
-ausdauernden Anhänglichkeit an jenen Mann, der einst das Schicksal
-Europas in der Rechten getragen, bewunderten; es gab viele, die
-ihm, wenn sie auch diese Bewunderung nicht teilten, doch wegen der
-Beharrlichkeit und Charakterstärke, die er in den Tagen des Unglücks
-entfaltet hatte, wohlwollten. Dennoch mußte er sein ganzes Ansehen
-aufbieten, manche Türe öffnen, um seinem Sohn, auf dem _der Verdacht,
-mit Verdächtigen in Verbindung zu stehen_, lastete, nutzen zu können.
-
-Der General war ein Mann von zu großem Rechtsgefühl, als daß er,
-wenn er seinen Sohn schuldig glaubte, diese Schritte für ihn getan
-hätte. Aber es genügte ihm an der einfachen Versicherung seines
-Sohnes. »Ich teile,« hatte er ihm gesagt, als er verhaftet wurde,
-»ich teile im allgemeinen die Gesinnungen jener Männer, die man jetzt
-zur Untersuchung zieht, aber -- ich teile weder ihre Pläne noch die
-Ansichten, die sie über die Mittel zum Zweck haben. Ich habe nur
-_gedacht_, nie _gehandelt_, habe mir selbst gelebt, nicht mit andern,
-und Beschuldigungen, welche andere treffen mögen, werden nie auf mich
-kommen.« So war es denn gelungen, den jungen Willi auf so lange frei zu
-machen, als nicht stärkere Beweise, die gegen ihn vorgebracht würden,
-seine Anwesenheit vor den Gerichten notwendig machten, eine Schonung,
-die er nur der Fürsprache seines Vaters und dem Vertrauen verdankte,
-das man in die Bürgschaft des Generals Willi setzte.
-
-Sie konnten sich beide wohl denken, welches Aufsehen dieser Vorfall in
-der Umgegend von Neckareck gemacht haben mußte; hätten sie in einer
-Stadt gewohnt, so würden sie sich wohl damit begnügt haben, ihren
-Bekannten von ihrer Rückkunft Nachricht zu geben; aber die Sitte auf
-dem Lande fordert größere Aufmerksamkeit für gute Nachbarn; man mußte
-fünf oder sechs Familien im Umkreis von drei Stunden besuchen, mußte
-ihre Neugierde über diesen Vorfall umständlich befriedigen; kurz,
-man mußte sich zeigen, wie man sich etwa nach einer überstandenen
-Krankheit bei den Bekannten wieder zeigt und für ihre Teilnahme Dank
-sagt. Als aber der General mit seinem Sohn am dritten Tag nach ihrer
-Rückkehr nach Thierberg aufbrach, war es noch ein anderer Grund als
-Höflichkeit gegen gute Nachbarn, was sie dorthin zog. Der junge Willi
-mochte in den einsamen Wochen seiner Gefangenschaft Zeit gefunden
-haben, über sein Leben und Treiben nachzudenken, er mochte gefunden
-haben, daß ihn jene politischen Träume, welchen er nachgehängt hatte,
-nicht befriedigen könnten, daß es ein höheres, reineres Interesse
-gebe, wodurch sein Leben Bedeutung und Gehalt, seine Seele Ruhe und
-Zufriedenheit gewänne.
-
-Der General lächelte, als ihm Robert sein Verhältnis zu Anna entdeckte
-und die Wünsche auszusprechen wagte, die sich mit dem Gedanken an die
-Geliebte verbanden. Er lächelte und gestand seinem Sohn, daß er längst
-dieses Verhältnis geahnt, daß er gewünscht habe, das unruhige Treiben
-des jungen Mannes möchte eine festere Richtung annehmen. »Ich kenne
-dich,« sagte er ihm, »wärest du zu jener Zeit jung gewesen, wo wir in
-Europa umherzogen, um Krieg zu führen, so hätte deine Phantasie mit
-aller Kraft die großartigen Bilder des Krieges ergriffen, ich hätte
-dir den ersten Raum geöffnet, du selbst hättest dann deine Laufbahn
-gemacht. Daß du in diesen stillen Feiertagen des Jahrhunderts nicht
-dienen willst, kann ich dir nicht übelnehmen. Des Umherschweifens in
-der Welt bist du satt, das Leben in den Salons genügt dir nicht, so
-bleibe bei mir; besorge an meiner Statt meine Güter, ich kann dabei nur
-gewinnen; ich gewinne Zeit für mich und meine Erinnerungen, gewinne
-dich, und« -- setzte er mit einem freundlichen Händedruck hinzu --
-»wenn du anders deiner Sache gewiß bist, gewinne ich Anna.«
-
-Sie besprachen dieses Kapitel auch auf dem Weg nach Thierberg wieder,
-und Robert gab seinem Vater Vollmacht, bei dem Alten um Anna für ihn
-zu werben. Sie verhehlten sich nicht, daß eine nicht unbedeutende
-Schwierigkeit im Charakter des alten Thierberg liegen könne. Ihre
-Gesinnungen hatten so oft die seinigen beinahe feindlich durchkreuzt.
-Man hatte sich wegen Meinungen so oft gezankt, man war oft unzufrieden,
-beinahe verstimmt auseinander gegangen. Aber sie trösteten sich damit,
-daß er doch nie persönliche Abneigung gezeigt habe, und die Vorteile,
-die für Thierberg aus dieser Verbindung hervorgingen, erschienen
-so bedeutend, daß der General, als sie über die Zugbrücke ritten,
-sich schon im Geiste als Vater der schönen Anna zu sehen glaubte und
-vertrauensvoll auf das Thierbergische Wappen über dem alten Portal
-zeigte. »Mut gewinnt, führen sie als Symbol im Wappen,« flüsterte er
-seinem Sohn zu. »Das fügt sich trefflich, denn weißt du noch, was der
-Wahlspruch _deiner_ Ahnen war?«
-
-»_Der Will' ist stark!_« rief der junge Willi, freudig errötend. »_Mut
-gewinnt_ -- und _der Will' ist stark_!«
-
-Im Schloßhof empfing Rantow die Angekommenen. Er entschuldigte seinen
-Oheim mit einem kleinen gichtischen Anfall, der ihn verhindere, die
-steile Treppe herabzusteigen und seinen Gästen entgegenzugehen.
-Er sagte dies schnell und nicht ohne einige Verlegenheit, die er
-hinter einem Schwall von Glückwünschen für Robert Willi zu verbergen
-suchte. Nach den Verhältnissen, die gegenwärtig in den alten Mauern
-von Thierberg herrschten, konnte nicht leicht etwas störender wirken
-als dieser Besuch. Man hatte zwar den Vetter aus der Mark nicht mit
-in das Geheimnis gezogen. Der Vater schien es zu bereuen, daß er
-sich nur so weit gegen seinen Neffen ausgesprochen habe, und Anna
-hatte mit ihm seit einigen Tagen nie mehr über Willi gesprochen, sei
-es auf ein Verbot ihres Vaters, sei es aus Argwohn, er möchte dem
-Alten ihr Geheimnis verraten haben. Seit jenem Abend jedoch, wo die
-Rückkehr Roberts angekündigt worden war, herrschte eine Spannung, die
-um so drückender wurde, da die ganze Gesellschaft zwar aus dreierlei
-Parteien, aber -- nur aus drei Personen bestand.
-
-Anna sprach wenig und hielt sich meist auf ihrem Zimmer auf, wohin
-Albert noch niemals eingeladen worden war; der Alte war mürrisch,
-aufbrausender als sonst gegen seine Diener, gegen seinen Gast herzlich
-wie zuvor, aber ernster und einsilbiger, gegen seine Tochter kalt und
-gleichgültig. Er trank, trotz der bittenden Blicke, die Anna zuweilen
-nach ihm hinzusenden wagte, mehr Wein als gewöhnlich, schimpfte dann
-auf die ganze Welt, verschlief den Nachmittag und ließ sich abends
-den Amtmann holen, um ein Spiel mit ihm zu machen. Dann setzte sich
-Anna mit ihrer Arbeit in ein Fenster, ließ sich von dem Vetter etwas
-vorlesen, aber Tränen, die hin und wieder auf ihre Hand herabfielen,
-zeigten dem jungen Mann, wie wenig ihr Geist mit dem beschäftigt sei,
-was er eben las. Der Anfall von Gicht, der über den Alten kam, machte
-die Sache womöglich noch schlimmer. Man sah, wie er alle Kraft aufbot,
-seine Schmerzen zu unterdrücken, nur um der natürlichen Hilfe seiner
-Tochter weniger zu bedürfen, und wenn Fälle eintraten, wo er diese
-Hilfe nicht abweisen konnte, wenn das schöne Kind bleich und mit Tränen
-im Auge vor ihm kniete, um seine Beine in warme Tücher zu hüllen, da
-wandte er sich ab, pfiff irgend ein altes Liedchen, nannte sich einen
-Mann, der bald in die Grube fahren müsse, und fand es schön, daß doch
-ein Enkel der Thierberge zugegen sein werde, wenn man den letzten
-dieses Namens beisetze.
-
-Rantow wußte zwar, daß sein Oheim das Gastrecht gegen seine Nachbarn
-nicht verletzen werde, aber diese letzten Tage fielen ihm schwer auf
-die Seele, als er die Fremden die Treppe hinanführte, und er sah
-voraus, daß die beiden Willis gewiß nichts dazu beitragen würden, die
-Verstimmung aufzulösen.
-
-Der Empfang war übrigens herzlicher, als er sich gedacht hatte; es gibt
-eine gewisse höfliche Freundlichkeit, die man sich angewöhnen kann,
-ohne sich dessen bewußt zu werden. Besonders auffallend erscheint diese
-Eigenschaft, wenn sich Männer begrüßen, von welchen wir wissen, daß sie
-keiner Heuchelei fähig sind, und die dennoch, sei das durch Meinungen,
-sei es durch Verhältnisse, sich feindlich gegenüber stehen. So schien
-es auch der alte Thierberg nicht über sich vermögen zu können,
-sein gewohntes: »Ah! schön, schön! Freut mich, -- Platz genommen!«
-diesmal mit einem kälteren und förmlicheren Gruß zu vertauschen,
-und die fünfhundertjährige Gastfreundschaft dieser Burg schien die
-unwillkommenen Gäste in ihre schützenden Arme zu schließen. _Ein_ Blick
-von Anna hatte dem jungen Willi gesagt, was hier vorgegangen sei. Er
-fand sie blaß, ihre Stimme nicht so fest wie sonst, es lag Kummer um
-den holden Mund, und ihre Augen schienen weicher geworden zu sein. Er
-pries im stillen ihren richtigen Takt, daß sie mehr zu dem General
-sprach als zu ihm, denn er hätte, von diesem Anblick ergriffen, nicht
-Fassung genug gehabt, Gleichgültiges mit ihr zu reden. Rantow, der
-einen ganz andern Auftritt erwartet hatte, wunderte sich, daß auch in
-diesem »ehrlichen Schwaben«, wo ihm sonst alles so offen und ehrlich
-deuchte, vier Menschen, die sich so nahe standen, ein so falsches Spiel
-unter sich spielen könnten, ihre Gedanken, ihre Leidenschaften unter
-einer so ruhigen Hülle zu verdecken wüßten. Er sah staunend bald den
-jungen Willi und den alten Thierberg an, die ganz ruhig und abgemessen
-sich über die Ereignisse der letzten Woche besprachen; bald hörte er
-auf das Gespräch zwischen dem General und der Geliebten seines Sohnes,
-die dasselbe Thema, nur mit Veränderungen abhandelten, wobei übrigens
-Anna eine solche Ruhe an den Tag legte, daß sie nie hastig fragte, von
-nichts mehr, als schicklich, ergriffen war. Der General wandte sich
-im Gespräch und ging mit ihr langsam im Saal auf und ab; er stellte
-sich endlich, wie zufällig, in einen tiefen Fensterbogen, und Albert
-entging es nicht, daß er sich dort schnell zu dem schönen Mädchen
-herabbückte, ihr etwas zuflüsterte, was eine tiefe Röte auf ihre Wangen
-jagte; sie schien erschrocken, sie faßte seine Hand, sie sprach leise
-heftig zu ihm, aber er lächelte, schien sie zu beruhigen, zu trösten,
-und so stolz und zuversichtlich war seine Stirne, waren seine Züge, als
-müßte er in diesem Augenblick seine Division ins Feuer führen, um den
-schwankenden Sieg zu entscheiden.
-
-Der Gast aus der Mark ahnte, daß dort in jenem Fensterbogen ein
-Entschluß gefaßt oder mitgeteilt worden sei, der auf Annas Schicksal
-sich beziehe, und das Herz pochte ihm, wenn er an den eisernen Trotz
-seines Oheims dachte. Die Diener hatten indessen Wein herbeigebracht,
-man setzte sich in eines der weiten Fenster, und wenn nur die Gemüter
-der fünf Menschen, die um den kleinen Tisch saßen, weniger befangen
-waren, der schöne Tag, der Anblick des herrlichen Tales, das vor ihnen
-lag, hätte sie zu immer höherer Freude stimmen müssen.
-
-Der General, dem es peinlich sein mochte, daß das Gespräch nach und
-nach zu stocken anfing, bat Anna um ein Lied, und ein Wink ihres
-Vaters bekräftigte diese Bitte. Man brachte ihre Gitarre herbei, der
-junge Willi stimmte die Saiten, aber waren es die Worte des Generals,
-war es der Anblick ihres Vaters, war es die lang ersehnte Nähe des
-Geliebten, was sie verwirrte, sie errötete und gestand, daß sie in
-diesem Augenblick kein passendes Lied zu singen wüßte. Man schlug vor,
-man verwarf, bis Rantow beifiel, wie man einst in Berlin eine berühmte
-schöne Sängerin von einer ähnlichen Verlegenheit befreite. Er schnitt
-kleine Zettel und ließ jeden ein Lied aufschreiben. Dann faltete er
-die Papiere geschickt und zierlich zusammen, schüttelte sie als Lose
-durcheinander und ließ die Sängerin eines wählen.
-
-Sie wählte, sie eröffnete das Los und errötete sichtbar, indem sie
-den General besorgt anblickte. »Das hat niemand anders als Sie
-geschrieben,« sagte sie. »Warum denn gerade dieses Lied? Es ist nicht
-immer politisch, ein politisches Lied zu singen!«
-
-»Wenn es nun aber mein Lieblingslied ist?« erwiderte Willi; »ich
-appelliere an Ihren Vater; stand nicht die Wahl durchaus frei?«
-
-»Gewiß!« antwortete der Alte, »du singst, Anna; und wenn das Lied
-Politik enthalten sollte -- nun, erdichtete Politik kann man ja immer
-noch ertragen.«
-
-Sie nickte schweigend Gehorsam zu. Aber von jenem Augenblick an, wo
-sie mit einem kurzen, aber kräftigen Vorspiel den Gesang anhob, schien
-auf ihren lieblichen Zügen eine Art von Begeisterung aufzugehen; eine
-zarte Röte spielte auf ihren Wangen, ihre Augen glänzten, und um den
-schönen Mund, der die Töne so voll und rund hervorströmen ließ, spielte
-anfangs ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmut überging. Es war eine
-französische Ode, aus welcher sie einige Stellen vortrug; die Melodie,
-bald heiter, ermunternd, bald erhaben und triumphierend, bald ernst und
-getragen, schmiegte sich an das wechselnde Versmaß und den Gedankengang
-der Strophen, und so süß war ihre Stimme, so ausdrucksvoll ihr Vortrag,
-so hinreißend ihr ganzes Wesen, das mit dem Gesang sich zu verschmelzen
-schien, daß die Männer, wenn sie gleich über den Gegenstand die
-verschiedensten Gesinnungen hegten, doch von dem Strom der Töne mit
-fortgerissen wurden. Wie erhaben war ihr Vortrag, als sie sang:
-
- ~Cachez ce lambeau tricolore!
- C'est sa voix; il aborde, et la France est à lui.~
-
-Ernst, beinahe traurig, doch nicht ohne Triumph, fuhr sie fort:
-
- ~Il la joue, il la perd; l'Europe est satisfaite
- Et l'aigle, qui, tombant aux pieds du Léopard,
- Change en grand capitaine un héros de hasard,
- Illustre aussi vingt rois, dont la gloire muette
- N'eût jamais retenti chez la postérité;
- Et d'une part dans sa défaite,
- Il fait à chacun d'eux une immortalité.~[1]
-
- [1] ~Sept Messéniennes nouvelles par C. Delavigne. 1re. Le départ.~
-
-Als sie geendet hatte, legte sie die Gitarre nieder und ging, während
-die Männer noch in verlegener Stille saßen, schnell hinweg.
-
-»~Il la joue, il la perd~,« sprach der alte Thierberg lachend. »Eine
-große Wahrheit! Und dieser Dichter, wer er auch sein mag, konnte jenen
-Mann nicht besser schildern; seine ganze Größe bestand ja nur darin,
-daß er das ~rouge et noir~ so hoch als möglich spielte, und der alte
-Satz, daß der _kaltblütigste_ Spieler endlich gewinnt, bestätigte sich
-an ihm. Der Leopard hat doch die Bank gesprengt, und Wellington wird
-es eben darum keinen Kummer machen, wenn man ihn ~héros de hasard~
-nennt.«
-
-»Wie lächerlich sind solche Hyperbeln!« rief Rantow, »als ob zwanzig
-Könige ihren Nachruhm, ihre Unsterblichkeit diesem Sommerkönig zu
-verdanken hätten! Was uns betrifft wenigstens, so wird man eingestehen
-müssen, daß der Ruhm der preußischen Waffen älter ist als der des
-sogenannten Siegers von Italien, und nicht erst von der großen Nation
-geadelt werden mußte.«
-
-»Und dennoch,« erwiderte der General mit großer Ruhe, »dennoch wird
-man _einst_ nicht sagen, es war Bonaparte, der zur Zeit dieses oder
-jenes Königs lebte -- man wird sagen, Herr von Rantow, sie waren
-Zeitgenossen Napoleons. Doch was den Obergeneral des englischen Heeres
-in der Bataille von Mont St. Jean betrifft, so möchte es die Frage
-sein, ob ihm der Titel ~héros de hasard~ sehr angenehm ist; soviel ist
-wenigstens gewiß, daß er jene Schlacht nicht gewonnen, sondern nur --
-_nicht verloren hat_.«
-
-»Es ist ein Glück für die Welt,« bemerkte Thierberg lächelnd, »daß man
-Ihren Satz umkehren kann, und daß er dann noch höhere Wahrheit enthält;
-Ihr Herr und Meister hat jene Schlacht _zwar nicht gewonnen_, aber
-desto gewisser _verloren_.«
-
-»Er hat sie verloren,« antwortete der General; »was die Welt damit
-verlor, will ich nicht aussprechen, aber jene Strophe, womit Anna ihren
-Gesang schloß, drückt aus, wer noch am Abend jenes unglücklichen Tages,
-als Cäsar und sein Glück von der Uebermacht zerschmettert wurden, als
-meine braven Kameraden auf Mont St. Jean den letzten Atem aushauchten
--- der _Größere war_.«
-
-»Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?« entgegnete
-heftig der junge Mann aus der Mark. »Als die Strahlen der Abendröte
-über jenes denkwürdige Feld streiften, beleuchtend die Schande
-Frankreichs und sein verwirrtes Heer, als blutend, aber unbesiegt,
-das englische Heer jene Hügel deckte und Deutschlands Völker stolzen
-Schrittes in die Ebene herabstiegen, um den Kampf siegend zu
-entscheiden -- denken Sie sich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und
-sagen Sie mir, wer da der Größere war?«
-
-»Der Gott des Zufalls,« erwiderte der General. »Mächtiger war er
-wenigstens als jener alte Held, der auch noch an seinem letzten
-Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwischen dem Genie und
-roher, wohlgenährter, tierischer Kraft befestigt sei. Er ist gefallen,
-nicht weil ihm England oder Deutschland gewachsen waren, sondern weil
-er früher oder später fallen mußte, weil er einen Vertilgungskrieg
-gegen sich selbst führte, der seine Kräfte aufrieb; oder können Sie
-mir beweisen, daß an jenem Tage von Waterloo das Genie des englischen
-Feldherrn oder gar Ihres Blücher ihn besiegte?«
-
-»Seien wir gerecht,« nahm der junge Willi das Wort; »geben wir zu,
-daß ihm keiner seiner militärischen Gegner gewachsen war, so beweist
-dies noch immer nicht für jene innere Größe, für jene moralische
-Erhabenheit, welche die Mitwelt mit sich fortreißt, ihr Jahrhundert
-bildet und Segen noch auf die späte Nachwelt bringt. Napoleon war ein
-großer Soldat, -- aber kein großer Mensch.«
-
-»Sohn!« erwiderte der General, »wie kannst du in irgend einem Fach des
-Wissens groß, größer als sonst ein Mann des Jahrhunderts werden, _ohne
-ein großer Mensch_ zu sein? Die Maschine ist es nicht, nicht dieser
-Körper ist es, was sie groß macht, es ist der Geist. Jene veralteten
-Formen Europas, von klugen Männern vor tausend Jahren ausgedacht,
-stürzten zusammen, weil es Formen waren, die der Geist verlassen hatte;
-sie brachen ein vor den Blitzen seines Genies, sie hatten das Schicksal
-jener Leichname, die in Grüften eingeschlossen, in ihren fürstlichen
-Leichenprunk gehüllt, Jahrhunderte überdauern, weil sie die Kerkerluft
-ihres Grabes nicht vermodern läßt. Berühre sie mit _lebendiger_ Hand,
-hauche sie an mit _freiem_ Odem, und -- sie zerfallen in Asche!«
-
-»Dies beweist nicht gegen mich,« sagte Willi.
-
-»Und wo ist denn das große und feste Reich, das der große Mann
-gründete?« unterbrach ihn Thierberg; »Sie vergleichen unsere schönen,
-alten Institutionen, Gott möge es Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam,
-aber was war denn jener korsische Kaiserthron, was sein Staatsgebäude
-als ein Kartenhaus?«
-
-»Ich habe nie gesagt, daß Napoleon der Mann war, einen großen Staat
-zu gründen,« antwortete der alte Willi; »Frankreich war unter ihm ein
-Lager, dessen erste Posten die Rheinbundstaaten bildeten. Er hätte
-vielleicht ein Ende genommen, das seiner oder Frankreichs unwürdig
-gewesen wäre, wenn er einige Jahre in beständiger Ruhe und in Frieden
-regiert hätte.«
-
-»So war also das Ende, welches er nahm, seiner würdig?« fragte Rantow
-lächelnd.
-
-»Nicht der Platz, auf welchem wir stehen,« versetzte der General
-nicht ohne Wehmut, »nicht der Raum, sei er groß oder klein, gibt uns
-Würde oder Schmach. Wir sind es, die uns und unsern Posten adeln oder
-schänden. Die Welt hat gelacht und gehöhnt, als man den größten Geist
-des Jahrhunderts auf eine öde Insel verbannte. Dort, an der höchsten
-Felsenspitze, haben sie den alten Adler angeschlossen, wo er nur in die
-Sonne, auf den weiten Ozean und in einige treue Herzen sah. Aber man
-hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt gebe;
-es war nicht _Strafe_, was ihn dorthin verbannte; wer in Europa konnte
-_ihn strafen_? Es war -- _Furcht_. So mußte es kommen, daß man in ihm
-noch immer den _Gefürchteten_ sah; und manche Herzen, die sich von ihm
-abgewendet hatten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das
-Unglück die Menschen zu versöhnen, und -- es war ja nichts an seine
-Stelle getreten, was ihn hätte vergessen machen können.«
-
-»Glauben Sie etwa, Herr Nachbar,« sagte Thierberg, »es hätte wieder
-ein solcher Attila auftreten müssen, nur um die Zeitungsschreiber zu
-unterhalten? Vergessen wird man wohl jenen Namen noch lange nicht, aber
--- man wird ihn verdammen.«
-
-»Mancher hat ein persönliches Recht dazu, und ich kann ihn darum nur
-beklagen, nicht entschuldigen, daß sein Gang über die Erde nicht die
-gebahnte Straße ging. Aber man wird auch mit andern Gefühlen sich
-seiner erinnern. Die Großen der Erde scheinen zwar nicht viel von ihm
-gelernt zu haben, desto mehr vielleicht die Kleinen. Er hat sich seine
-Bahn so erhaben aufgerissen als Alexander, er hat sie verfolgt wie
-Cäsar, man hat ihm gedankt wie dem Hannibal, auf jenem Felsen hat er
-gelebt wie Seneca, und seine letzten Tage waren eines Sokrates würdig.«
-
-»In diesem Punkt werden wir nimmer einig,« erwiderte der alte
-Thierberg; »was mich betrifft, so kömmt er mir vor, als habe er seine
-Laufbahn eröffnet wie ein Aventurier, habe sie verfolgt wie ein Räuber,
-habe mit seinem Raub verfahren wie ein verzweifelter Spieler, und habe
-geendet wie ein -- _Komödiant_!«
-
-»Wir sind noch nicht seine Nachwelt,« bemerkte Robert Willi. »Erst wenn
-alle Parteien, die persönliches Interesse aussprachen, von der Erde
-verschwunden sind, dann erst wird man mit klaren Augen richten. Mein
-Held ist er nicht, aber in seinen italienischen Feldzügen erscheint er
-wie ein Wesen höherer Art, und dies wenigstens werden auch Sie zugeben,
-Herr von Thierberg.«
-
-»Es ist möglich,« versetzte der Alte, »er hat damals mein Staunen,
-meine Bewunderung erregt; aber wie schnell wurde ich von meiner
-Vorliebe geheilt! Wenn er damals den Bourbons den Thron zurückgegeben
-hätte -- die Macht hatte er dazu --, so wäre er mir wie ein Engel
-erschienen.«
-
-»Dies war wegen seiner Armee, die anders dachte, unmöglich,« antwortete
-der General.
-
-»Sie erinnern sich,« fuhr der Alte fort, »daß ich Ihnen öfter von einem
-französischen Kapitän erzählte, der mich in der Schweiz aus großer
-Verlegenheit rettete; -- der einzige Franzose, den ich achte, und für
-den ich noch jetzt alles tun könnte. Mit diesem sprach ich damals
-auch über _diesen_ Punkt. Ich sagte ihm, daß Frankreich ohne Rettung
-verloren gehe, wenn es in der ewigen, sich immer von neuem gebärenden
-Revolution fortfahre. Nur ein König an der Spitze könnte es retten.
--- Er gab es zu; er sagte mir, daß die Bourbons eine große Partei in
-Paris hätten, und daß mein Gedanke vielleicht erfüllt würde. Ich fragte
-ihn, wie der Konsul Bonaparte, der damals an der Spitze stand, darüber
-dächte. ›Er äußert sich nicht,‹ erwiderte mir der Kapitän, ›aber wenn
-ich ihn recht verstehe,‹ setzte er lächelnd hinzu, ›so wird Frankreich
-bald nur _einen_ Meister haben.‹ Ich deutete dies Wort meines neuen
-Freundes damals auf die Zurückkunft der Bourbons, leider ist es an
-Bonaparte selbst in Erfüllung gegangen.«
-
-Der junge Willi war schon zu Anfang dieser Rede aufgestanden; er hatte
-Annas Vater die Geschichte von seinem Kapitän schon einige Dutzendmal
-erzählen gehört, und sein Blut wallte in diesem Augenblick noch zu
-unruhig, als daß er sie von neuem anhören mochte; er ging mit zögernden
-Schritten im Saal auf und nieder; als aber der alte Thierberg im
-Gespräch mit dem General auf die jetzigen Verhältnisse Frankreichs
-einging, ein Punkt, über den sie niemals in Streit gerieten, gesellte
-sich auch Rantow zu dem jungen Willi. Er ließ sich von ihm die
-Geschichte der letzten Wochen noch einmal wiederholen, führte ihn
-unbemerkt in das nächste Zimmer und dann auf die breite Hausflur. Dort
-hielt er plötzlich inne und flüsterte dem erstaunten jungen Mann ins
-Ohr: »Sie dürfen vor mir kein Geheimnis mehr haben; Anna hat mir alles
-entdeckt, und auf meinen Beistand können Sie sich verlassen.« Noch
-einen Augenblick zweifelte Robert, weil ihm diese Nachricht zu neu und
-unerwartet kam; als aber Rantow ins einzelne einging und ihm erzählte,
-was in jener Schreckensnacht vorgefallen sei, als er ihm entdeckte,
-wie ungünstig gegenwärtig die Verhältnisse seien, da stand jener nicht
-länger an, die Hilfe, die ihm geboten wurde, anzunehmen; er bat Albert,
-ihm, wenn es möglich wäre, Gelegenheit zu verschaffen, mit Anna zu
-sprechen.
-
-Der Gast aus der Mark dachte einige Augenblicke nach, ob er dies
-möglich machen könnte. Anna hatte ihn zwar selbst nie auf ihr Boudoir
-im Turm eingeladen, aber er hoffte, in solcher Begleitung nicht
-unwillkommen zu sein; das einzige, was ihn hätte abhalten können, war
-die Furcht vor dem Zorn seines Oheims, im Fall diese Zusammenkunft
-entdeckt wurde; aber die Lust, wo er nicht selbst die Rolle übernehmen
-konnte, wenigstens die Intrige zu unterstützen, siegte über jede
-Bedenklichkeit; er winkte dem jungen Willi, ihm zu folgen. Der Gang
-nach Annas Turm war ihm bekannt. Nach der Lage ihrer Fenster mußte ihr
-Gemach noch zwei Stockwerke höher liegen als der Saal. Sie stiegen eine
-enge, steile Treppe von Holz hinan, die unter jedem Tritte, so behutsam
-sie auch stiegen, ächzte. Zum nicht geringen Schrecken begegnete ihnen
-auf dem ersten Stock der alte Hans, der sie verwundert ansah. Albert
-winkte seinem Gefährten, nur immer voranzugehen, er selbst nahm, ohne
-in seiner Bestürzung zu bedenken, ob es klug sein möchte, den alten
-Diener auf die Seite. »Hans!« sagte er, »wenn du deinem Herrn ein
-Wort --« -- »O,« erwiderte jener schlau lächelnd, »da hat es gute Wege,
-so wenig als in jener Nacht, da Sie mich beinahe in den Neckar warfen,
-ich bin so still wie ein toter Hund.« Beruhigt folgte Rantow dem
-Liebhaber; sie hatten bald das Ende der Treppe erreicht und standen nun
-auf einer Art von Vorsaal; die Reinlichkeit und Zierlichkeit, die hier
-herrschte, ließ ahnen, daß man sich nicht mehr weit von Annas Gemach
-befinde. Zwei Türen gingen auf diesen Vorplatz; sie wählten auf gutes
-Glück die nächste, pochten an -- keine Antwort. Sie pochten wieder;
-jetzt tat sich die zweite Tür auf, und Anna erschien auf der Schwelle.
-
-Sie errötete, als sie die beiden jungen Männer sah, doch, als habe
-dieser Besuch nichts Auffallendes an sich, lud sie dieselben durch
-einen freundlichen Wink ein, näher zu treten. »Ihr kommt wohl, um die
-schöne Aussicht von meinem Turm zu betrachten?« sagte sie; »jetzt erst
-fällt mir bei, daß du nie hier warst, Albert, aber so ganz bin ich
-schon an diesen herrlichen Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal
-einfiel, dich hierher einzuladen.«
-
-
-12.
-
-Das Gemach war klein, die Geräte gehörten einer früheren Zeit an,
-aber dennoch war alles so freundlich und geschmackvoll geordnet, daß
-Rantow, nachdem er die Aussicht geprüft, die nächsten Umgebungen
-gemustert und alles recht genau angesehen hatte, dieses Zimmer für das
-schönste im Schloß erklärte. Nur eine breite Kiste, von schlechtem
-Holz zusammengezimmert, die auf einer Kommode stand, schien ihm nicht
-mit den übrigen Gerätschaften zu harmonieren. So ungerne er die beiden
-Liebenden, die, anscheinend in die Aussicht auf das Tal hinab vertieft,
-eifrig zusammen flüsterten, stören mochte, so war doch seine Neugierde,
-zu wissen, was der geheimnisvolle Schrank verberge, zu groß, als daß er
-nicht seine Base darüber befragt hätte.
-
-»Bald hätte ich das Beste vergessen!« rief sie aus; »das Bild für Ihren
-Vater ist heute angekommen, Robert; ich habe es hierhergestellt, weil
-mein Vater nie hierher kommt, und weil ich es doch auch betrachten
-wollte.« Sie rückte unter diesen Worten den Deckel des Schranks, Willi
-half ihn herabnehmen, und das Bild eines Reiters, der auf einem wilden
-Pferd eine Anhöhe hinansprengt, wurde sichtbar.
-
-»Bonaparte!« rief Rantow, als ihm die kühnen, geistvollen Züge aus der
-Leinwand entgegensprangen.
-
-»Erkennst du ihn?« fragte Anna lächelnd. »Das war der Sieger von
-Italien!«
-
-»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie so gut gelingen könnte,«
-bemerkte Willi; »aber wahrlich, David war ein großer Maler. Wie
-edel ist diese Gestalt gehalten, wie glücklich der Einfall, diesen
-hochstrebenden Mann nicht in der gebietenden Stellung eines
-Obergenerals, sondern in einer Kraftäußerung aufzufassen, die einen
-mächtigen Willen und doch eine so erhabene Ruhe in sich schließt.«
-
-»Ich kenne das Original,« sagte Rantow, »es ist in der Galerie zu
-Berlin aufgestellt, und ich finde diese Kopie trefflich; für Liebhaber
-des Gegenstandes, worunter ich nicht gehöre, gewinnt dieses Gemälde um
-so höheres Interesse, als die Idee dazu von Napoleon selbst ausging.
-Man sagt, David habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der
-Hand, auf dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merkwürdigen
-Worte: ›Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten; ich will
-_ruhig_ gemalt sein -- auf einem wilden Pferde.‹«
-
-»Dank dir für diese Anekdote,« erwiderte Anna, »sie macht mir das Bild
-um so lieber, und nicht wahr, Robert,« setzte sie hinzu, »auch dein
-Vater soll durch seine Originalität nur noch mehr erfreut werden.«
-
-»Anna!« unterbrach die Beschauenden eine dumpfe, wohlbekannte Stimme.
-Sie sahen sich um, der alte Thierberg, auf seinen Diener gestützt,
-stand mit hochrotem, zürnendem Gesicht und zitternd vor ihnen; der
-General, welcher seitwärts stand, schien verlegen und ängstlich. Aber
-so schnell war dieser Schreck, so groß die Furcht Annas vor ihrem Vater
-und so furchtbar sein Anblick, daß sie zu schwanken anfing, und hätte
-der General sie nicht unterstützt, sie wäre in die Knie gesunken.
-
-»Sind das die gerühmten Sitten Ihres Herrn Sohnes?« wandte sich der
-Alte bitter lachend zu dem General, indem er bald den Sohn, bald den
-Vater ansah; »heißt das, wie Sie mir vorzumalen suchten, sich in den
-zartesten Grenzen des Anstandes halten? Herr! Wie kommen Sie dazu, mit
-meiner Tochter _allein_ auf ihrem Zimmer zu sein?«
-
-»Onkel --« rief Rantow, um ihn zu belehren.
-
-»Schweig, Bursche!« antwortete ihm der zürnende Alte, indem er immer
-den jungen Willi mit glühenden Blicken ansah.
-
-»Ich denke,« erwiderte dieser ruhig und mit stolzer Fassung, »die
-Erziehung Ihrer Tochter und Annas Sitten müßten Ihnen Bürge sein,
-daß ein Mann, selbst wenn er allein käme, sie besuchen dürfte,
-vorausgesetzt, sie will ihn empfangen, und über den letztern Punkt
-steht nach allen Gesetzen der guten Sitte der jungen Dame selbst, nicht
-aber Ihnen, Herr von Thierberg, die Entscheidung zu.«
-
-Diese Worte schienen seinen Eifer noch mehr zu entflammen, er atmete
-tief auf; aber in diesem Augenblick trat sein Neffe mutig dazwischen
-und redete ihn auf eine Weise an, die, wie ihn sein kurzer Aufenthalt
-bei den Thierbergs gelehrt hatte, die Wirkung nicht verfehlen konnte.
-»Herr von Thierberg,« rief er bestimmt und mit ernster Miene, »Sie
-haben mir vorhin zu schweigen geboten, ich werde aber nicht schweigen,
-wenn man meiner Ehre zu nahe tritt. Ich bin es gewesen, der Herrn von
-Willi hierher führte, ich bin es gewesen, der ihn hier unterhielt, und
-er hat mich hierher begleitet, weil ich ihn darum gebeten habe.«
-
-»Du warst zugegen?« fragte der Oheim mit etwas gemilderter Stimme.
-»Aber was Teufel geht dich das Zimmer meiner Tochter an? Was hattest du
-hier zu suchen?«
-
-Mit einer theatralischen Wendung und sprechender Miene wandte sich der
-Neffe gegen die Hinterwand des Zimmers, deutete mit dem ausgestreckten
-Arm hin und sprach: »Hier steht, was ich suchte.«
-
-Der Alte trat mit schnelleren Schritten, als seine Krankheit erlaubte,
-näher. Er betrachtete das Bild und blieb mit einem Ausruf des
-Erstaunens stehen; seine trotzige Miene klärte sich auf, seine Stirn
-entfaltete sich, sein blitzendes Auge schimmerte nur noch von Rührung
-und Freude. »Gott im Himmel,« rief er aus, indem er das Mützchen
-abnahm, das er beständig trug. »Wer hat mir das getan, woher, woher
-habt ihr ihn? Wer hat ihn meinen Gedanken nachgebildet, wer hat mir
-diese Züge, diese Augen hier, hier aus meinem Herzen herausgestohlen?«
-
-Die Männer sahen sich staunend an, betreten richtete sich Anna auf und
-trat näher, denn sie besorgte, ihr alter Vater rede irre. »Wer hat
-dies Bild hierher gestellt?« fragte er nach einer Pause, indem er sich
-umwandte, und alle sahen Tränen in seinen Augen glänzen.
-
-»Ich, mein Vater,« sagte Anna zögernd.
-
-»O du gutes Kind,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme schloß,
-»wie unrecht habe ich dir vorhin getan! Als ich in dieses Zimmer trat,
-glaubte ich, du habest mich tief gekränkt, und doch hast du mich so
-unendlich erfreut! -- Kennst du ihn, Hans?« wandte er sich an seinen
-Diener. »Kennst du ihn nicht wieder?«
-
-»Gott straf' mich, er ist's!« erwiderte der alte Reitknecht. »Solche
-schreckliche Augen machte er gegen die fünf Buschklepper, die uns
-auszogen, o das war ein braver Herr!«
-
-Die, welche den Herrn und seinen Diener so sprechen hörten, konnten
-sich von ihrem Staunen kaum erholen, sie sahen sich lächelnd an, als
-ahnten sie eine sonderbare Fügung des Geschicks, als sei ein schweres
-Gewitter segnend über ihnen hinweggezogen. Der General aber, der bald
-Anna, bald das Bild mit blitzenden Augen betrachtet hatte, trat näher
-heran und fragte den alten Thierberg, wen er denn in diesem Bilde
-wiedererkenne?
-
-»Das ist derselbe treffliche Kapitän,« antwortete er, »der mich am Fuß
-des St. Bernhard aus der Gewalt ruchloser Soldaten errettete; wie? Er
-ist derselbe, von welchem ich Ihnen so oft erzählte; das Muster eines
-braven Mannes, eines gebildeten und klugen Soldaten.«
-
-»Nun, so bitte ich Sie,« fuhr der General mit inniger Rührung fort,
-indem auch ihm eine Träne im Auge schwamm, »ich bitte Sie im Namen
-dieses Mannes, den ich auch kannte, Sie mögen ihm vergeben, wenn er
-nachher anders handelte, als Sie damals dachten!«
-
-»Wie? Sie haben ihn gekannt?« rief der Alte dringend, indem er die Hand
-des Generals faßte, »wer war er, wie heißt er, lebt er noch?«
-
-»Er ist tot -- seinen Namen kannte die Welt -- dieser Mann hier ist --«
-
-»Nun?« drängte der Alte den General, dem die Stimme zu brechen schien.
-»Wer? Doch nicht --«
-
-»Dieser Mann,« rief der General mit einem feurigen Blick auf das
-Gemälde, »dieser Mann war -- _Napoleon Bonaparte_, der Kaiser der
-Franzosen.«
-
-Der Alte setzte seine Mütze auf; er drückte die Augen zu, und in
-seinem Gesicht kämpfte Unmut mit Rührung. Doch als er nach einer Weile
-das Bild wieder ansah, schien er es nicht über sich zu vermögen, dem
-stolzen Reiter gram zu werden; »du also?« sprach er zu ihm, »du warst
-dieser -- kühne Mann? Das war also deine Meinung? Du hast mir mein
-Kleid, meinen Hut und meine Börse zurückgegeben, um mir nachher mein
-alles zu rauben?«
-
-»Vater,« sagte Anna schmeichelnd, »wie glücklich waren Sie aber
-dennoch! Der erste Mann des Jahrhunderts hat so traulich zu Ihnen
-gesprochen.«
-
-»Ja, das haben wir,« erwiderte der Alte lächelnd und nicht ohne Stolz,
-»recht freundlich haben wir uns unterhalten, ich und er, und er schien
-Gefallen an mir zu finden. Ich habe nicht gehört, daß der erste Konsul
-sich je gegen einen so offen ausgesprochen hätte, wie damals gegen
-mich. ›Frankreich wird nicht mehr lange ohne König sein‹, waren seine
-eigenen Worte; du hast es erfüllt, kleiner Schelm! -- Ha! Und gerade
-so sah er aus, so warf er noch einmal den stolzen Kopf herüber, als
-er sein Roß den Berg hinantrieb und die Feldmusik des Regiments
-herüberklang. General Willi -- es war doch ein großer Geist!«
-
-»Gewiß!« sagte der General freudig gerührt, indem er dem Alten die Hand
-drückte. »Aber, wie kam nur dies Bild hierher zu Ihnen, Anna?«
-
-»Darf ich es verschweigen, Robert?« antwortete sie; »nein, er hat
-es ja doch schon gesehen. Ihr Sohn wollte Sie an Ihrem Geburtstag
-damit überraschen, und ich erlaubte, daß das Bild einstweilen hier
-aufgestellt würde.«
-
-Der alte Thierberg hatte aufmerksam zugehört; er schien überrascht und
-ging auf den jungen Willi zu, dem er seine Hand bot. »Junger Mann,«
-sagte er, »ich habe Ihnen vorhin bitter unrecht getan, ich sehe jetzt,
-daß Sie ein schönerer Zweck auf dieses Zimmer führte, als ich anfangs
-dachte; werden Sie mir meine übereilten Worte, meine Hitze vergeben?«
-
-Robert errötete. »Gewiß, Herr von Thierberg,« antwortete er, »und wenn
-Sie noch zehnmal heftiger gewesen wären, so konnten Sie mich zwar
-kränken, aber niemals beleidigen; es ist hier nichts zu vergeben.«
-
-»Wirklich?« erwiderte der alte Herr sehr freundlich, »und wenn ich
-fragen darf -- wo haben Sie das Bild gekauft? Könnte man nicht sich
-auch ein Exemplar verschaffen? Ich möchte doch den ~grand capitaine~,
-_meinen_ Kapitän, in meinem Zimmer haben.«
-
-»Wie ich meinen Vater kenne,« sagte der junge Mann, »so wird er dieses
-Bild vielleicht noch lieber in Ihrem Hause als in dem seinigen sehen.
-Ich bitte, erlauben Sie, daß ich es dort aufhänge.«
-
-»Sie machen mir ein großes Geschenk, lieber Robert,« sagte Thierberg;
-»wohin ist es mit unseren Gesinnungen gekommen? Ich glaube, wir denken
-im Grunde gleich über diesen Bonaparte, und doch sind _Sie_ es, der mir
-ihn anbietet, und mir macht es Freude, ihn anzunehmen. Ich habe wenige
-Bilder, aber einige alte, gute; suchen Sie sich etwas aus, nehmen Sie
-dafür aus meinem Schloß, was Sie wollen.«
-
-»Halt!« rief der General, »bei diesem Handel bin ich auch beteiligt;
-ich kenne den unglücklichen Geschmack meines Sohnes und weiß, wie wenig
-er auf _alte_ Bilder hält; wollen Sie ihm nicht ein _jüngeres_ dafür
-geben? Thierberg, vor diesem Bilde, das nun auch für Sie von Bedeutung
-ist, wiederhole ich meine Werbung: Ihre Anna um diesen Napoleon.«
-
-Der alte Herr war betreten, er warf verlegene Blicke auf die
-Umstehenden; endlich haftete sein Auge auf Davids Gemälde. »Du hast
-viel verschuldet,« sprach er, »Europas alte Ordnung hast du umgeworfen,
-und nun nach deinem Tode willst du dich in meine Haushaltung mischen?«
-
-»Herr Baron!« sagte der alte Hans mit gerührter Stimme, »nehmen Sie es
-einem alten Diener nicht ungnädig auf, aber wissen Sie noch, was Sie zu
-dem braven Kapitän sagten, und was Sie mir oft erzählt haben? Monsieur,
-haben Sie gesagt, wenn Sie einst durch Schwaben kommen und in unsere
-Gegend, so vergessen Sie nicht, auf Thierberg einzusprechen, daß Sie
-mich nicht zu Ihrem ewigen Schuldner machen.«
-
-Herr von Thierberg aber strich sich nachdenklich mit der Hand über die
-Stirne, warf noch einen zögernden Blick auf das Bild und führte dann
-Anna zu Robert Willi. »Nimm sie hin!« sagte er fest und ernst. »Ich
-habe es nicht tun wollen, aber vielleicht war es gut, daß _dies_ alles
-so kommen mußte; nimm sie hin!«
-
-Mit großer Rührung umarmte der General den alten Mann, und indem Robert
-überrascht und selig seine Braut, wir wissen nicht ob zum erstenmal, an
-seine Lippen drückte, schüttelte der Gast aus der Mark, um nicht ganz
-teilnahmlos zu erscheinen, dem alten Diener herzlich die Hand. Albert
-hat nachher erzählt, daß er in jenem feierlichen Augenblick, trotz
-seines inneren Widerstrebens, gut napoleonisch gesinnt gewesen sei und
-zum erstenmal in seinem Leben jene Macht und Ueberlegenheit gefühlt und
-anerkannt habe, die jener große Geist auf die Gemüter zu üben pflegte.
-
-Er erzählte auch, daß der alte Thierberg jenen sonderbaren Tausch
-niemals bereut habe; er fand in seinem Schwiegersohne Eigenschaften,
-die er ihm nie zugetraut hatte, und als er ihn bei der Verwaltung der
-Güter seines Vaters mit Rat und Tat unterstützte, lebte er im Glücke
-seiner Kinder die Tage seiner eigenen Jugend wieder.
-
-Von der Hochzeit des jungen Paares sprach der Gast aus der Mark nicht
-gerne, man sah ihm an, daß er lieber selbst mit der liebenswürdigen
-Anna vor den Altar getreten wäre. Einen Zug aber aus diesem glänzenden
-Tag pflegte er bei Wiederholung dieser Geschichte nie zu vergessen,
-vielleicht nur, um jene schwärmerischen Anhänger Napoleons und seinen
-neubekehrten Oheim ins Komische zu ziehen. Der alte Gardist des
-Generals, erzählte er, habe alle Domestiken und einige junge Burschen
-zum Vivatschreien abgerichtet und die schöne Braut mit ins Geheimnis
-gezogen; er habe seine Leute unter die Türen des großen Saales im
-Schlosse Thierberg gestellt, und als nun mancher Toast ausgebracht
-war, sei auch Anna mit dem Kelchglas aufgestanden und habe mit ihrer
-süßen Stimme »dem Bild des Kaisers« die Ehre eines Toasts gegeben. Da
-wurde der Jubel rauschend, die Gäste stießen an, Hans und der Gardist
-schwangen zum Zeichen ihre Mützen, und wohl aus fünfzig Kehlen schallte
-ein jauchzendes: »~Vive l'empereur!~«
-
-
-
-
-Die letzten Ritter von Marienburg.
-
-
-1.
-
-»Guten Morgen, Neffe der Musen!« rief mit munterem Ton der junge Rempen
-einem Bekannten zu, dem er am Markt begegnete; »Ihre Augen leuchten,
-Ihre Mienen drücken eine gewisse Behaglichkeit aus, und ich wollte
-wetten, Sie haben heute schon gedichtet.«
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-»Wie man will, bester Stallmeister,« entgegnete jener, »in Reimen
-zwar nicht, aber an meinem neuen Roman habe ich ein paar Kapitel
-geschrieben.«
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-»Wie, an einem neuen Roman? Das ist göttlich, auf Ehre! Aber, bitte
-Sie, warum so geheim mit solchen Dingen, so verschlossen gegen die
-nächsten Bekannten und Freunde? Sonst ließen Sie doch hin und wieder
-ein Wörtchen fallen über Anordnung und Charaktere, lasen mir und
-anderen einige Strophen; wie kommt es denn, daß _dies_ alles nun
-vorüber ist?«
-
-»War es euch denn wirklich interessant?« fragte der Dichter nicht ohne
-wohlgefälliges Lächeln; »ich muß gestehen, mir selbst kommt, wenn ich
-etwas niedergeschrieben habe, alles so leer, so gemein, so langweilig
-vor, daß ich mich ennuyierte, wenn ich es nur in den Revisionsbogen
-wieder durchlas; da dachte ich denn, es könnte euch auch so gehen.« --
-
-»Uns? Gewiß, es machte uns immer Vergnügen!«
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-»Gut, lassen Sie uns dort bei dem Italiener eintreten und etwas
-trinken, dabei will ich Ihnen den Plan meines neuen --«
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-»Wie!« rief der Freund des Dichters lachend. »So frühe schon am Tage in
-die Restauration? Sind wir denn Leute aus einer neumodischen Novelle,
-daß wir gleich anfangs, des Tages nämlich, in einem Wirtshaus sitzen
-müssen, als ob es außer der Kirche und der Weinstube kein öffentliches
-Leben mehr geben könnte?«
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-»Wie kommen Sie nur auf diese Vergleichung!« entgegnete jener. »Wie oft
-waren wir morgens bei Primavesi!«
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-»Es ging mir nur so durch den Kopf,« sprach der Stallmeister; »gestehen
-Sie selbst, seit Tieck mit Marlow und Green im Wirtshaus zusammenkam,
-glauben sie alle, es könne keinen schicklicheren Ort geben, um eine
-Novelle anzufangen; erinnern Sie sich nur an die Almanache des letzten
-Jahres; doch Sie selbst sind ja solch ein Stück von einem Poeten, und
-wenn Sie durchaus heute mit dem Italiener anfangen wollen, so mögen Sie
-Ihren Willen haben.«
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-»Sie werden erwartet, Herr Doktor Zundler,« sagte der Italiener, als
-die beiden Männer in den Keller traten, »der Buchhändler Kaper sitzt
-schon seit einer Viertelstunde im Eckstübchen und fragt oft nach Ihnen.«
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-Der Stallmeister machte Miene, sich entfernen zu wollen; Doktor Zundler
-aber faßte heftig seine Hand. »Bleiben Sie immer,« rief er, »kommen
-Sie mit zu dem Buchhändler; er wird wohl von meinem neuen Roman
-gehört haben und mir Verlag anbieten; da können Sie einmal sehen,
-wie unsereiner Geschäfte macht; habe ich ja selbst schon oft Ihren
-Pferdeeinkäufen beigewohnt.«
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-Der Stallmeister folgte; in einer Ecke sah er einen kleinen, bleichen
-Mann, der hastig an einem Rippchen zehrte, und so oft er einen Biß
-getan, Lippen und Finger ableckte; er erinnerte sich, diese Figur
-hie und da durch die Straßen schleichen gesehen zu haben, und hatte
-den Mann immer für einen Krämer gehalten; jetzt wurde ihm dieser als
-Buchhändler Kaper vorgestellt. Zur Verwunderung des Stallmeisters
-sprach er nicht zuerst den Dichter, sondern ihn selbst an: »Herr
-Stallmeister,« sprach er, »schon lange habe ich mich gesehnt, Ihre
-werte Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie oft an meinem Gewölbe
-vorbeiritten, ritten, ich darf sagen, wie ein Gott, da sagte ich immer
-zu meinem Buchhalter, und auf Ehre, es ist wahr, Winkelmann, sagte
-ich (Sie kennen ihn ja, Herr Doktor), Winkelmann, es fehlt uns schon
-lange an einem tüchtigen Pferde- und Bereiterbuch. Der Pferdealmanach
-erscheint schon lange nicht mehr, und was letzthin der Herr Baptist bei
-den Kunstreitern geschrieben, ist auch mehr für Dilettanten, obgleich
-die Vignette schön ist, Sie haben ja den Menschen persönlich gesehen,
-Herr Doktor; nun, sagte ich, ein solches Buch zu schreiben, wäre der
-Herr Stallmeister von Rempen ganz der Mann. Etwa fürs erste achtzehn
-bis zwanzig Bogen, statt der Kupfer nehmen wir Lithographien --«
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-»Bemühen Sie sich nicht,« erwiderte der junge Rempen, mit Mühe das
-Lachen unterdrückend. »Ich bin zum Büchermachen verdorben; es geht
-mir nicht von der Hand, und überdies, Herr Kaper, bei unserem Metier,
-gerade bei unserem, muß der jüngere sich bescheiden. Da kommt es auf
-Erfahrung an.«
-
-»Und ich dächte, Sie hätten Verlag genug,« sagte der Doktor, wie es
-schien, etwas ärgerlich, von dem Buchhändler nicht gleich beachtet
-worden zu sein.
-
-»O ja, Herr Doktor, Verlag genug, was man so verlegene Bücher nennt;
-ich könnte Deutschland in allen Monaten, die ein R haben, mit Krebsen
-versehen, Sie wissen ja selbst.«
-
-»Ich will nicht hoffen,« rief der Dichter hoch errötend, »daß Sie damit
-etwa mein griechisches Epos meinen --«
-
-»Mit nichten, gewiß nicht, wir haben doch hundert etwa abgesetzt und
-die Kosten so ziemlich gedeckt, und der Herr Doktor werden mir nicht
-übelnehmen, wenn ich sage, es war eine frühe Arbeit, eine Jugendarbeit;
-hat doch auch Schiller nicht gleich mit dem ›Tell‹ angefangen, sondern
-zuerst ›Die Räuber‹ geschrieben, und überdies noch die erste Ausgabe
-bei Schwan und Götz, wo Franz Moor noch in den Turm kommt, die gar
-nicht so gut ist als die zweite; aber seit man Ihre vortreffliche
-Novelle in der Amathusia für 1827, seit man Ihre Rezensionen und
-Kritiken und die Sonette vor vier Wochen gelesen hat, läßt sich Großes
-erwarten.«
-
-Der Dichter schien beruhigt. »Ich habe Sie immer für einen Mann von
-gesundem Urteil gehalten, Herr Kaper,« sprach er mit gütigem Lächeln;
-»haben Sie vielleicht schon von meinem neuen Roman gehört?«
-
-»Ich habe, ich habe,« erwiderte der Buchhändler mit schlauer Miene;
-»und wo, raten Sie, wo ich davon gehört habe? Sie erraten nicht? Warum
-kommen denn der Herr Doktor so gerne in mein Gewölbe? Etwa wegen meiner
-Leihbibliothek, auf welche Sie immer zu schimpfen belieben, oder wegen
-des Vis-à-vis?«
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-»Wie!« rief der junge Mann und drückte die Hand des Buchhändlers,
-»hätte etwa Elise --«
-
-»Elise Wicklow, meinen Sie?« fragte der Stallmeister, etwas näher
-rückend.
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-»Ja, meine Herren! Fräulein Wicklow,« fuhr Herr Kaper, vertraulich
-flüsternd, fort, »doch nicht zu laut, wenn ich bitten darf; denn soeben
-hat sich der Oberjustizreferendar Palvi dorthin gepflanzt in seine
-tägliche Ecke --«
-
-»Welcher ist es?« fragte der Stallmeister, sich umkehrend; »ich hörte
-mancherlei von diesem Menschen, sonderbares Gerede von den einen und
-hohes Lob von anderen; der junge Mann, der so düster in sein Glas
-sieht, ist Palvi?«
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-»Es ist nicht viel an ihm,« bemerkte der Dichter. »Auf der Universität
--- ich war noch ein Jahr mit ihm in Göttingen -- war er so eine Art von
-Poetaster; einmal las ich ein paar gute Gedanken von ihm, die er zu
-einem Fest gemacht hatte; hier treibt er ein elendes, wüstes Leben und
-kommt selten in gute Gesellschaft.«
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-»Aber gerade wegen Fräulein Wicklow dürfen wir vor ihm nicht zu laut
-werden,« flüsterte der Buchhändler. »Ich weiß, er kam, als er noch
-auf Schulen war, zuweilen hinüber ins Haus, und wie mir meine Tochter
-sagte, soll einmal ein Verhältnis zwischen den beiden Leutchen --«
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-»Wie?« rief der Stallmeister gespannt.
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-»Possen!« entgegnete der Dichter, indem er auf seinen eleganten Anzug
-einen Blick herabwarf, »er sieht aus wie ein Landstreicher; bringen
-Sie mir Elise auch nicht in Gedanken mit diesem Menschen zusammen. Ich
-weiß, sie liebt die Poesie; alles Erhabene, Schöne gefällt ihr, und
-sagen Sie aufrichtig, hat sie von meinem Roman gesprochen?«
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-»Sie hat, und wie! Sie ist ein belesenes Frauenzimmer, das muß man ihr
-lassen; keine in der ganzen Stadt ist so delikat in der Auswahl ihrer
-Lektüre. So kommt es, daß sie immer in einer Art von Verbindung mit mir
-steht, und wenn ich etwas Neues habe, bringe ich es gleich hinüber,
-denn ich selbst habe es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein so
-schönes Kind ›lieber Herr Kaper‹ zu mir sagt und gütig und freundlich
-ist. Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, ›Die letzten Ritter
-von Marienburg‹, brachte, noch unaufgeschnitten, ich hatte ihn selbst
-noch nicht gelesen. Sie hatte eine kindische Freude und sprach recht
-freundlich und viel. Und wie wir so plaudern, komme ich auch auf Ihre
-Novelle, welche sie ungemein lobte und Stil und Erfindung pries. Und
-so sagte sie denn, ob ich auch schon gehört, daß Sie einen neuen Roman
-schreiben?«
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-»Ja,« fiel der Dichter feurig ein, »und einen Roman schreibe, Kaper,
-wie Deutschland, Europa noch keinen besitzt!«
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-»Historisch doch?« fragte der Buchhändler zweifelhaft.
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-»Historisch, rein geschichtlich, aber dies unter uns!«
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-»Historisch! das möchte ich auch raten!« sprach der Verleger, eine
-große Prise nehmend. »Das ist gegenwärtig die Hauptsache. Wenn man
-es so bedenkt, es ist doch eine sonderbare Sache um den deutschen
-Buchhandel. Ich war Commis in Leipzig, als ›Wilhelm Meister‹ zuerst
-erschien. ›Werther‹ und ›Siegwart‹ waren Mode gewesen, hatten
-Nachahmung gefunden lange Zeit. Aber mein Prinzipal sagte: ›Er wird
-sehen, Kaper (damals sprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird
-sehen, über kurz oder lang geschieht eine Veränderung.‹ So war's auch;
-wir gaben anfänglich nicht viel um den ›Wilhelm Meister‹, es schien
-uns ein gar konfuses Buch; aber siehe da, man schrieb allenthalben
-nach diesem Muster, und mancher hat sich ein schönes Stück Geld damit
-gemacht. Wieder eine Weile, ich hatte meine eigene Handlung etabliert,
-lag mir oft das Wort meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im
-Buchhandel ist nur Mode. Wer eine neue angibt, ist Meister. Wie ich
-mich noch auf etwas Neues besinne und einen Menschen suche, der etwas
-Tüchtiges schreiben täte -- da haben wir's, kommt Fouqué mit den Helden
-und Altdeutschen, und alles machte nach. Und jetzt hat der Walter Scott
-wieder eine neue Mode gemacht; ich möchte mir die Haare ausraufen, daß
-ich keine Taschenausgabe machte, und nichts bleibt übrig, als etwa
-deutsche historische Romane, die gehen noch.«
-
-»Fürwahr!« bemerkte der Stallmeister lächelnd, »so habe ich bisher ohne
-Brille gelesen, und der deutsche Parnaß ist in ganz andern Händen, als
-ich dachte. Nicht um das Interesse der Literatur scheint es sich zu
-handeln, sondern um das Interesse der Verkäufer?«
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-»Ist alles so ganz genau verknüpft,« antwortete Herr Kaper mit großer
-Ruhe, »hängt alles so fest zusammen, daß es sich um den Namen nicht
-handelt! Deutsche Literatur! Was ist sie denn anders, als was man
-alljährlich zweimal in Leipzig kauft und verkauft? Je weniger Krebse,
-desto besser das Buch, pflegen wir zu sagen im Buchhandel.«
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-»Aber der Ruhm?« fragte der junge Rempen.
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-»Der Ruhm? Herr, was nützt mich Ruhm ohne Geld? Gebe ich eine Sammlung
-gelehrter Reisen mit Kupfern heraus, die mich schwer Geld kosteten,
-so hat zwar meine Firma den Ruhm, das Buch verlegt zu haben. Aber wer
-kauft's, wer nimmt's, wer liest das Ding? Sechs Bibliotheken und ein
-paar Büchersammler, das ist alles, und wer geprellt ist, bin ich. Nein,
-Herr von Rempen! Eine vergriffene Auflage von einem Roman, eine Messe
-von höchstens dreißig Krebsen, das ist Ruhm, der echte, nämlich Ruhm
-mit Geld.«
-
-»Das ist also ungefähr wie Tee mit Rum, es schmeckt besser,« erwiderte
-der Stallmeister, »aber ich meinte den schriftstellerischen Ruhm.«
-
-»I nun, das ist etwas anderes,« antwortete er, »den haben die Herren
-neben dem Honorar umsonst. Und den weiß man sich zu machen, sehen
-Sie --«
-
-
-2.
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-Doch die Forschungen des Herrn Kaper wurden hier auf eine unangenehme
-Weise durch einen Lärm unterbrochen, der im Laden des Italieners
-entstand. Neugierig sah man nach der Türe, welche durch ein Glasfenster
-einen Ueberblick über den unteren Teil des Gewölbes gewährte. Ein
-ältlicher und zwei jüngere Herren schienen in heftigem Streit
-begriffen; jeder sprach, jeder focht mit den Händen; der eine stürzte
-endlich mit hochgeröteten Wangen aus dem Laden, die beiden andern, noch
-keuchend vom Wortkampf, traten in das Gewölbe, wo die Freunde saßen.
-
-»Herr Rat! Was ist mit Ihnen vorgefallen!« rief Doktor Zundler beim
-Anblick des älteren Mannes, der, ein gedrucktes Blatt in der Hand
-zerknitternd, atemlos auf einen Stuhl sank. »Haben Sie denn nicht
-gelesen, Doktor Zundler?« antwortete für den älteren der jüngere
-Mann, der unmutig und dröhnenden Schrittes im Zimmer auf und ab ging,
-»nicht gelesen, wie wir blamiert sind, nicht gelesen, daß man uns alle
-zusammen hier eine poetische Badegesellschaft, eine Bänkelsängerbande
-nennt?«
-
-»Tod und Teufel!« fuhr der Doktor auf. »Wer wagt es, diese Sprache
-zu führen? Wer wagt, die ersten Geister der Nation auf diese Art zu
-benennen? Ich will nicht von mir sagen; was habe ich viel getan, um
-auf einigen Ruhm Anspruch machen zu können? Aber was für andere Männer
-finden sich hier! Sind es nicht -- die schönsten Zierden der Nation? So
-jung Sie sind, Professor, sind denn nicht alle Blätter voll Ihres Lobes
-wegen Ihrer Trauerspiele, und unser Rat --«
-
-»Aber büßen sollen sie es mir, büßen,« rief der letztere, »so wahr
-ich lebe, und Zundler, Sie müssen mithelfen und alle, die ins
-Freitagskränzchen kommen. Hab' ich es mir darum sauer werden lassen
-zwanzig Jahre lang, daß man jetzt über mich herfällt, und wegen nichts,
-als wegen der Rezensionen über den dummen Roman: ›Die letzten Ritter
-von Marienburg‹, sonst wegen nichts!«
-
-»Die letzten Ritter von Marienburg,« fragte der Buchhändler, der als
-Mann vom Fach mitsprechen zu müssen glaubte; »mich gehorsamst zu
-empfehlen, Herr Rat, aber ist es nicht bei Wenz in Leipzig erschienen,
-3 Bände Oktav, Preis 4 Taler netto?«
-
-»Und ich will nun einmal diese Schule nicht aufkommen lassen,« fuhr der
-Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören; »woher kommt es, daß man
-keine Verse mehr lesen will, daß man die Lyrik verachtet, sei sie auch
-noch so duftig und gefeilt, daß man über die tiefsinnigsten Sonette
-weggeht wie über Lückenbüßer, woher, als von diesen Neuerungen?«
-
-»Aber so zeigen Sie doch, ich bitte,« flüsterte der Doktor, das
-zerknitterte Papier fassend; »ist es denn wirklich so arg, so
-niederschlagend?«
-
-»Lesen Sie immer,« erwiderte der Rat gefaßter, »lesen Sie meinetwegen
-laut, es ist doch in jedermanns Händen; die Herren sind ja ohnedies
-Zeugen meines Schmerzens gewesen, und mögen auch Zeugen sein, wie man
-Redakteur und Mitarbeiter eines der gelesensten Blätter behandelt!«
-
-Der junge Mann entrollte das Blatt. »Wie? In den Blättern für
-literarische Unterhaltung? Nein, das hätte ich mir nicht träumen
-lassen; die waren ja sonst immer so nachbarlich, so freundlich mit uns!
-Ist es die Kritik, die anfängt: ›Ehe wir noch dieses Buch --‹«
-
-»Ebendiese, nur zu!«
-
-»Die letzten Ritter von Marienburg, historischer Roman von Hüon. 3
-Bände. Leipzig. Fr. Wenz.«
-
-»Ehe wir noch dieses Buch in die Hände bekamen, lasen wir in den
-Blättern für belletristisches Vergnügen eine Kritik, welche uns
-beinahe den Mut benahm, diesen dreibändigen historischen Roman nur
-zu durchblättern. Man kann zwar gewöhnlich auf das Urteil dieser
-Blätter nicht viel halten. Es sind so wenige Männer von Gehalt dabei
-beschäftigt, daß der wissenschaftlich Gebildete von diesen Urteilen
-sich nie bestimmen lassen kann; doch machte diese Kritik eine Ausnahme.
-Es ist nämlich eine Seltenheit, daß die Blätter für belletristisches
-Vergnügen etwas durchaus tadeln; selten ist ihnen etwas schlecht
-genug; aber diesmal hieben sie so unbarmherzig und greulich ein,
-daß wir im ersten Augenblick, auf die kritische Ehrlichkeit solcher
-Leute trauend, glaubten, dieser Roman müsse die tiefste Saite der
-Schlechtigkeit berührt haben. Doch zu einer guten Stunde entschlossen
-wir uns, nachzusehen, wie tief man es in der deutschen Literatur
-dermalen gebracht habe. Wir lasen. Aber welch ein Geist wehte uns aus
-diesen Blättern an! Welch mächtiges, erhabenes Gebäude stieg vor unsern
-Blicken auf; ein Gebäude in so hohem, erhabenen Stil wie die Marienburg
-selbst; wir fühlten uns fortgerissen, versetzt in ihre Hallen; der
-letzte Großkomtur und seine Ritter traten uns lebend entgegen, und
-noch einmal ertönte jene alte Feste vom Waffenspiel und den kräftigen
-Stimmen ihrer tapfern Bewohner. Wir wollen den Dichter nicht tadeln,
-daß ein Hauch von Melancholie über seinem Gemälde schwebt, der
-keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen gestattet. Wo ein
-so großartiges Schicksal waltet, wo ein ganzes, großes Geschlecht
-untergeht, da muß ja wohl auch die zarte Liebe, die nur einen Frühling
-blühte, mit zu Grabe gehen. In diesem außerordentlichen Buche ist ein
-Geist unter uns getreten, so originell, so groß, so frei, daß er keine
-Vergleichung zuläßt. Er nennt sich Hüon, zwar ein angenommener Name,
-aber gut gewählt; denn der Verfasser scheint uns nicht minder würdig,
-von Oberon mit Horn und Becher beschenkt zu werden als jener tapfere
-Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müssen einen solchen Jünger
-Meister wie Goethe und Tieck willkommen heißen, und unsere Zeit darf
-sich glücklich preisen, einen Mann wie diesen geboren zu haben.
-
-»Aber mit tiefer Indignation müssen wir hierbei einer Clique von
-Menschen gedenken, die diese edle Blume schon in ihrem Keim in den
-Staub drücken wollten. Freilich ist er euch zu groß, zu erhaben,
-ihr kleinen belletristischen Seelen; möge immer diese poetische
-Badegesellschaft in ihrem lauen Versewasser auf und nieder tauchen, nur
-bespritze sie nicht mit ihrem Schlammwasser den Wanderer, der am Ufer
-geht und sich verachtend abwendet. Ein Glück ist es übrigens, daß man
-anfängt, in der guten Gesellschaft auf reinere Melodien zu horchen, daß
-man diese Bänkelsänger dem Straßenpöbel überläßt.«
-
- »190.«
-
-Für den Stallmeister war es ein interessantes Schauspiel, die Gesichter
-der Zuhörer zu mustern, während der Dichter mit schnarrendem Tone
-diese Kritik ablas. Der Buchhändler, der ihm zunächst saß, versteckte
-schlecht seine Neugierde und eine gewisse Behaglichkeit hinter einer
-unmutigen Miene. Vielleicht hatte ihm der Hofrat einmal ein Verlagswerk
-schlecht rezensiert oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum
-Verlegen gegeben oder irgend einer der »Badegesellschaft« hatte ihn
-beleidigt. Er dachte wie so viele kleine Seelen im ähnlichen Falle:
-»Gottlob, es ist dafür gesorgt, daß die Rezensenten sich immer selbst
-wieder rezensieren.« Der Rat hatte den Mund auf seinen Stockknopf
-gepreßt, und seine Augen irrten auf dem Boden; der Theaterdichter
-zwang sich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die ihm vorhin völlig
-gefehlt hatte. Sein »Ohe!« oder »Ei!«, das er hin und wieder mit einem
-kurzen Lachen herauspreßte, klang unnatürlich. Am merkwürdigsten war
-dem jungen Rempen ein stiller Zuhörer, der scheinbar ohne Teilnahme
-in der Ecke saß, der Referendär Palvi. Als der Doktor zu lesen anhub,
-lauschte er mit niedergeschlagenen Augen, dann ergoß sich plötzlich
-eine brennende Röte über seine Stirn und Wangen; sie verschwand ebenso
-schnell als der glänzende Blick seiner großen Augen, den er auf den
-Lesenden warf, und wer diesen Blick, dieses flüchtige Erröten nicht
-gesehen, konnte vor- und nachher glauben, er schenke weder diesen
-Literatoren noch der Ursache ihres Aufbrausens einige Aufmerksamkeit.
-
-»Nun was sagen Sie dazu?« fragte der Theaterdichter, nachdem Doktor
-Zundler geendet hatte. »Sie sind ja auch mit gemeint, denn zahlreiche
-Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken finden sich von Ihrer Arbeit
-in den Blättern fürs belletristische Vergnügen.«
-
-»Schweigen kann man nicht!« rief der Doktor entrüstet. »Ja, wir stehen
-alle für _einen_, und alle, die ins Freitagskränzchen kommen, müssen
-beleidigt sein, müssen sich rächen. Ich habe in Berlin einen Bekannten,
-in den Gesellschafter laß ich es rücken durch die dritte Hand, oder
-vielleicht nimmt es Doktor Saphir in die Schnellpost auf, ich kenn' ihn
-noch von Wien.«
-
-»In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,« fuhr der Theaterdichter
-fort; »ah! wenn nur Marienburg nicht preußisch wäre, ich wollte mich
-rächen, wollte, oh! aber so könnte man alles für Anzüglichkeit nehmen.
-Und gegen die Blätter für literarische Unterhaltung kann ich nicht
-schimpfen, ich habe noch drei Trauerspiele dort liegen, die noch nicht
-rezensiert sind. Aber wo ein Loch offen ist, will ich einen Ausfall
-machen!«
-
-»Ich will untergehen,« sagte der Rat pathetisch, indem er seinen
-Wein bezahlte und den Hut ergriff, »fallen will ich oder siegreich
-hervorschreiten aus diesem Kampf. Die ganze Lyrik ist in mir beleidigt,
-auch alle Romantiker, denn wir haben auch Romanzen gemacht, und diese
-Hermaphrodriten von Geschichte und Dichtung, diese Novellenprosaiker,
-diese Scott-Tieckianer, diese -- genug, ich werde sie stürzen; und
-damit guten Morgen!«
-
-Als dieser Rat nach seinem ~dixi~ mit vorgeschobenen Knieen aus dem
-Zimmer ging, war er zwar nicht anzusehen wie ein Ritter, der zum
-Turnier schreitet, der Professor aber und der Doktor Zundler folgten
-ihm in schweigender Majestät; sie schienen als seine Knappen oder Pagen
-Schild und Lanze dem neuen Orlando furioso nachzutragen.
-
-
-3.
-
-Bei dem Stallmeister hatte diese Szene, nachdem das Komische, was sie
-enthielt, bald verflogen war, einen störenden, unangenehmen Eindruck
-hinterlassen. Er hatte sich mit der schönen Literatur von jeher gerade
-nur so viel befaßt, als ihm nötig schien, um nicht für ungebildet zu
-gelten; und auch hier war er mehr seiner Neigung als dem herrschenden
-Geschmacke gefolgt. Er wußte wohl, daß man ihn bemitleiden würde,
-wollte er öffentlich gestehen, daß er Smollets Peregrine Pickle für den
-besten Roman und einige sangbare Lieder von Kleist für die angenehmsten
-Gedichte halte; er behielt dieses Geheimnis für sich, brummte, wenn
-er morgens ausritt, sein Liedchen, ohne zu wissen, welcher Klasse der
-Lyrik es angehöre, und las, wenn er sich einmal ein literarisches Fest
-bereiten wollte, ausgesuchte Szenen im Peregrine Pickle. Ein paar
-Almanache, ein paar schöngeistige Zeitschriften durchflog er, um,
-wenn er darüber gefragt würde, nicht erröten zu müssen. So kam es,
-daß er vor Schriftstellern oder Leuten, »die etwas drucken ließen«,
-große Ehrfurcht hatte; denn seine Seele war zu ehrlich, um ohne Gründe
-von Menschen schlecht zu denken, deren Beschäftigung ihm so fremd
-war als der Hippogryph seinen Ställen. Um so verletzender wirkte
-auf ihn der Anblick dieser erbosten Literatoren. »Man tadelt es an
-Schauspielern,« sprach er zu sich, »daß sie außerhalb des Theaters oft
-roh und ungebildet sich zeigen, daß sie Tadel, auch den gerechten,
-nicht ertragen wollen und öffentlich darüber schimpfen und schelten.
-Aber zeigten sich denn _diese_ Leute besser? Ist es nicht an sich schon
-fatal, seinen Unmut über eine Beschimpfung zu äußern? Muß man das
-Wirtshaus zum Schauplatz seiner Wut machen und sich so weit vergessen,
-daß man wie ein Betrunkener sich gebärdet? Und wie schön ließen diese
-Leute sich in die Karten sehen! Also weil sie beleidigt sind --
-vielleicht mit Recht --, wollen sie wieder beleidigen, wollen ihre
-Privatsache zu einer öffentlichen machen? Das also sind die Leiter der
-Bildung, das die feinfühlenden Dichter, die, wie Freund Zundler sagt,
-Instrumente sind, die nie einen Mißton von sich geben?«
-
-Nicht ohne Kummer dachte er dabei an ein Wesen, das ihm vor allen
-teuer war. Der Buchhändler hatte nicht mit Unrecht geäußert, daß Elise
-Wicklow ein sehr belesenes Frauenzimmer sei. Nach Rempens Ansichten
-über die Stellung und den Wert der Frauen schien sie ihm beinahe zu
-gelehrt, in Stunden des Unmuts nannte er es wohl gar überbildet. Er
-hatte es niemand, kaum sich selbst gestanden, daß sie seine stillen
-Huldigungen nicht unbemerkt ließ, daß sie ihm manchen gütigen Blick
-schenkte, aus dem er vieles deuten konnte. Er war zu bescheiden, um
-zu glauben, daß dieses liebenswürdige Geschöpf ihn lieben könnte,
-und dennoch verletzte ihn ihr ungleiches, zweifelhaftes Betragen.
-Es war eine gewisse Koketterie des Geistes, die das liebenswürdige
-Mädchen in seinen Augen entstellte. Wenn er zuweilen in freundlichem
-Geplauder mit ihr war, wenn sie so traulich, so natürlich ihm von
-ihrem Hauswesen, ihren Blumen, ihren Vergnügungen erzählte, wenn er
-sich ganz selig fühlte, daß sie so lange, so gerne zu ihm spreche, so
-führte gewiß ein feindlicher Dämon einen jener Literatoren oder Dichter
-herbei, deren diese gute Stadt zwei Dutzend zählte, und Elise war
-wie ausgetauscht. Ihre schönen Augen schimmerten dann vor Vergnügen,
-ihr schlanker Hals bog sich vor, und ohne auf eine Frage des guten
-Stallmeisters zu achten, ohne seine Antwort abzuwarten, befand man sich
-mit Blitzesschnelle in einem kritischen oder literarischen Geplänkel,
-wo Rempen zwar die ungemeine Belesenheit, das schnelle Urteil, den
-glänzenden Witz seiner Dame bewundern, sie selbst aber bedauern mußte,
-daß sie dieser Art von Gespräch, diesem gesuchten Vergnügen sichtbarer
-entgegenkam, als es sich für ein Mädchen von achtzehn Jahren schickte.
-
-»Und an dieses Volk, an diesen literarischen Pöbel wirft sie ihre
-glänzendsten Gedanken, ihre zartesten Empfindungen, wirft sie
-Blicke und Worte weg, die einen andern als diese gedruckten Seelen
-überglücklich machen würden. Und fühlen sie es denn? Sind sie
-dadurch geehrt, entzückt? Nur mit ihnen spricht sie über das, was
-sie gelesen, als ob sonst niemand lesen könnte, nur ihnen zeigt sie,
-was sie gefühlt, als ob gerade diese Versmacher und Rezensenten die
-gefühlvollsten Leute wären und ein so schönes, liebenswürdiges Wesen
-zu würdigen verständen. Nein, diese Toren sehen es überdies noch als
-einen schuldigen Tribut, als eine geringe Anerkennung ihrer eminenten
-Verdienste an, wenn die Krone aller Mädchen mit ihnen schwatzt wie
-mit ihresgleichen, während andere wackere Leute in der Ferne stehen.
-Und diese Menschen, die sich heute so niedrig gebärdeten, bilden ihren
-Hofstaat, dies sind die genialen Männer, mit welchen sie so gerne
-spricht!«
-
-Diese Gedanken beschäftigten ihn den ganzen Tag. Sein Stallpersonal
-konnte sich heute gar nicht in ihn finden. Der gutmütige, milde Herr
-war zu einem rauhen, mürrischen Gebieter geworden. Die Stallknechte
-klagten es sich beim Füttern; acht Pferde hatte er hinausgejagt durch
-dick und dünn, und jedes hatte einen andern Fehler gehabt. Die Bereiter
-hatte er zum erstenmal streng getadelt, und als es Abend wurde, war
-man im Stall darüber einig, dem Stallmeister von Rempen müsse etwas
-Außerordentliches begegnet sein, vielleicht sei er sogar in Ungnade
-gefallen. Man bedauerte ihn, denn sein leutseliges Wesen hatte ihn zum
-Liebling seiner Untergebenen gemacht.
-
-Und wahrlich, der Abend dieses Tages war nicht dazu gemacht, diese
-düsteren Gedanken zu zerstreuen. Der Geheimrat von Rempen, sein
-Oheim, gab alle vierzehn Tage einen großen Klub, in welchem er, das
-Unmögliche möglich zu machen, die getrenntesten Extreme zu vereinigen
-suchte. Dieser Klub hatte sich früher in drei verschiedene Abteilungen
-getrennt. Es war in jener Stadt eine literarische Sozietät, deren
-Mitglied der alte Rempen war; sie versammelte sich, um zu lesen, zu
-rezensieren, gelehrt zu sprechen; an einem andern Tage war großer,
-umwechselnder Singtee, an einem dritten Abend Tanzunterhaltung.
-~Tria juncta in uno~, drei Köpfe unter _einem_ Hut, sagte der alte
-Rempen und lud sie alle zusammen ein. Der bunteste Wechsel schien
-ihm die interessanteste Unterhaltung, und darum preßte er wie ein
-Seelenverkäufer Literatoren, Soldaten, Justizleute, lese-, gesang- und
-tanzlustige Damen und packte sie in seinen Salon zusammen, zu Tee und
-Butterbrot, in der festen Ueberzeugung, die wahre Springwurzel der
-Unterhaltung gefunden zu haben. Für seinen Neffen aber vereinigten
-sich Himmel und Fegfeuer in diesem Klub. Er hörte Elisen singen;
-seine nahe Verwandtschaft zu dem alten Rempen, der keinen Sohn hatte,
-machte es ihm möglich, wie ein Kind des Hauses, nicht wie ein Gast
-aufzutreten und mit Elisen ungestört zu tanzen und zu plaudern. Aber
-seine Höllenqualen begannen, wenn er den Oheim, umgeben von einem
-Kreise älterer und jüngerer Herren, mit wichtiger Miene etwas erklären
-sah, wenn er endlich ein Buch aus der Tasche zog, durchblätterte, es
-im Kreise umher zeigte und die Herren vor Freude stöhnten: -- »Ah
--- etwas Neues, schon gelesen? göttlich -- vorlesen, bitte vorlesen
--- Professor am besten lesen -- in den Saal und lesen.« -- »Lesen,
-vorlesen!« tönte es dann von dem Munde älterer Damen und jener Herren,
-die nicht tanzen wollten, und Elise -- nahm mit einer kurzen Verbeugung
-Abschied, drängte sich in den literarischen Kreis, wurde als Königin
-des guten Geschmacks begrüßt, hatte gewöhnlich das Buch schon gelesen,
-stimmte für die Vorlesung und war für den armen Stallmeister auf den
-ganzen Abend verloren.
-
-Mit diesen trüben Erinnerungen gelangte er an das Haus seines Oheims.
-Er war eben im Begriff einzutreten, als das Gespräch zweier Männer,
-die sich diesem Hause näherten, seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
-Soviel der matte Schein einer fernen Laterne erraten ließ, war der eine
-ein ältlicher, dürftig gekleideter Mann, der andere jünger, höher und
-festlich gekleidet.
-
-»Brüderchen!« sprach der ältere mit einem Accent, der nicht dieser
-Gegend angehörte; »Brüderchen, bleibt mir aus dem fatalen Haus! So oft
-Ihr wieder herauskommt, seid Ihr zwei, drei Tage ein geschlagener Mann.
-Laßt die Bursche dort oben in Gottes Namen auf Stelzen gehen und Unsinn
-schwatzen, bleibt aber nur Ihr hinweg, 's ist noch Euer Tod!«
-
-»Ich muß sie sehen, Alter!« sprach der jüngere, »ich muß sie hören. Es
-gehört zu meinem Glück, sie gesehen zu haben.«
-
-»Ihr seid ein Narr!« erwiderte der andere, »sie mag Euch nicht, sie
-will Euch nicht. Ihr seid ein armer Teufel und gehört nicht in diese
-Sozietät. Aber fassen kann ich Euch nicht! 's gehört ein Wort dazu,
-nur ein Wörtchen, ein bißchen von einem Geständnis, und Ihr könnt
-vielleicht glücklich sein. Geh fort, geh fort; scherwenze in der nobeln
-Welt, werde ein Schuft wie alle und vergiß den alten, armen Bunker,
-lebe wohl, will nichts mehr von dir.«
-
-Er wollte unmutig weggehen, aber der junge Mann hielt ihn auf. »Sei
-vernünftig,« bat er; »willst auch du mich noch elend machen? Tu es
-immer, laß mich liegen wie einen Hund, wenn du es über dein Herz
-vermagst. Ich bin ja ohnedies unglücklich genug.«
-
-»Jammere nur nicht so!« sprach der Alte gerührt. »Geh hinauf, wenn du
-es nicht lassen kannst; aber bleibe nicht da, wenn sie vorlesen; du
-ärgerst dich! Komm zu mir!«
-
-»Ich komme,« erwiderte der jüngere nach einigem Nachsinnen. »Um zehn
-Uhr will ich kommen. Wohin?«
-
-»Heute in den Entenzapfen, im Rosmarin ist heilloses Volk, Schneider
-und Schuster und die Affen und Bären aus den Druckereien, es ist heute
-Montag. Aber Brüderchen, im Entenzapfen ist Cerevis, man trinkt es in
-Augsburg nicht besser.«
-
-Ein Wagen mit hellglänzenden Laternen rollte in diesem Augenblick
-auf das Haus zu, der junge Mann sagte eilig zu, und der Alte schlich
-langsam die Straße hin. Der Stallmeister konnte sich kaum von seinem
-Erstaunen erholen. Wer konnte aus so sonderbarer Gesellschaft in den
-Tanzsaal seines Oheims kommen? Noch sonderbarer schien es ihm, daß man
-diesen glänzenden Klub, der alle geistreiche und noble Welt der Stadt
-vereinigte, verlassen wollte, um in dem Entenzapfen Bier zu trinken, in
-einer Winkelkneipe, die er kaum dreimal von seinen Stallknechten hatte
-rühmen gehört. Er setzte dem sonderbaren Gast, der flüchtig die Treppe
-hinaneilte, nach, er holte ihn im hell erleuchteten Korridor ein, er
-ging an ihm vorüber, sah sich um und erblickte das düstere Auge und die
-markierten Züge des Referendärs Palvi.
-
-Verworrene Gedanken flogen vor seiner Seele vorüber, als er ihn
-erkannte; seine Worte: »Ich muß sie sehen,« der Wink des Buchhändlers,
-Palvi sei früher in einem Verhältnis zu Elisen gestanden, Staunen über
-die sonderbaren Reden mit dem Alten, wunderliche Sagen, die er früher
-über diesen Palvi vernommen, alle diese Gedanken wollten auf einmal
-zur Klarheit dringen und machten, daß er sich vornahm, über _eines_
-wenigstens sich diesen Abend Gewißheit zu verschaffen, über sein
-Verhältnis zu Elisen.
-
-
-4.
-
-Der größte Teil der Gesellschaft hatte sich schon versammelt, als die
-jungen Männer eintraten. Des Stallmeisters scharfes Auge durchirrte den
-Damenkreis, der an den Wänden hin sich ausbreitete; er fand endlich
-Elisen an einem fernen Fenster im Gespräch mit seiner Tante; aber ihr
-schönes Gesicht hatte nicht den Ausdruck von Heiterkeit und Laune,
-die er sonst so gerne sah, sie lächelte nicht, sie schien verstimmt.
-Es kostete ihn einige künstlich angeknüpfte Gespräche, einige
-Neuigkeiten vom Hofe, im Vorübergehen erzählt, um sich an jenes Fenster
-durchzuwinden.
-
-Die Tante sprach so eifrig, Elise hörte so aufmerksam zu, daß er
-endlich die herabhängende Hand der Tante erfassen und ehrerbietig
-küssen mußte, um sich bemerklich zu machen. Elisens Wangen glühten, als
-sie ihn erblickte, und die Tante rief staunend: »Wie gerufen, Julius!
-Ich sprach soeben mit dem Fräulein von dir, du kannst dir etwas darauf
-einbilden, so gut wird es dir nicht alle Tage.«
-
-»Und was war der Inhalt Ihres Gespräches, wenn man fragen darf?«
-
-»Deine Klagen von letzthin,« erwiderte die Tante lachend. »Dein Kummer,
-daß dich das Fräulein mitten in der Rede stehen gelassen habe, um mit
-irgend einem eminenten Dichter zu verkehren. Doch am besten machst du
-dies mit Fräulein Elise selbst aus,« setzte sie hinzu und ging weiter.
-
-Elise schien sich wirklich einer kleinen Schuld bewußt, denn sie schlug
-die Augen nieder und zögerte zu sprechen; als aber Rempen bei seinem
-unmutigen Schweigen verharrte, sagte sie halb lächelnd, halb verlegen:
-»Ich gestehe, es war nicht artig, und sicher würde ich es mir gegen
-einen Fremden nicht erlaubt haben; aber daß _Sie_ mir dergleichen
-übelnehmen, da Sie meine Weise doch kennen --«
-
-»So stünde ich Ihnen denn näher als jene gelehrten und berühmten
-Herren?« erwiderte er, freudig bewegt. »Darf es sogar als ein Zeichen
-Ihres Zutrauens nehmen, wenn Sie mich so plötzlich verlassen, um zu
-jenen zu sprechen?«
-
-»Sie sind zu schnell, Herr Stallmeister!« sagte sie. »Ich meinte nur,
-weil Sie meine Eltern kennen und ich viel zu Ihrer Tante komme, müsse
-man die Konvenienz nicht so genau berechnen. Und muß man denn im Leben
-alles so ängstlich berechnen?«
-
-Sie bemerkte dies halb zerstreut, und es entging Rempen nicht, daß
-ihr Auge eine andere Richtung genommen habe, als zu ihrer Rede passe,
-er verfolgte diesen Blick und traf auf Palvi, der mit einem ältlichen
-Herrn sprach und zugleich seine Blicke brennend und düster auf Elisen
-heftete. Ein tiefer Atemzug stahl sich aus ihrer Brust, als sie ihre
-Augen, die weder zärtlich noch freudig glänzten, von ihm abwandte. Sie
-errötete, als sie bemerkte, wie ihr Nachbar die Richtung ihrer Blicke
-bemerkt habe, und halb verlegen, halb zerstreut flüsterte sie: »Wie
-kommt doch er hieher zu Ihrem Onkel?«
-
-Der Stallmeister war so boshaft, sie zu fragen, wen sie denn meine.
-
-»Den Referendär Palvi,« antwortete sie leichthin, als wollte sie ihre
-vorige Frage verbessern, »er ist vielleicht mit Ihrem Hause bekannt?«
-
-»Ich kenn' ihn nicht,« erwiderte der Stallmeister etwas ernst; »doch
-warum sollte er nicht hier sein? Kennen Sie ihn vielleicht? Man sagt,
-es sei ein Mann von schönen Talenten, der --«
-
-»Wie freut es mich, dich wieder gesund zu sehen, Klothilde!« rief seine
-Nachbarin und hüpfte auf ein Mädchen zu, das sechs Schritte von ihr
-entfernt stand; verblüfft, als hätte er einen dummen Streich begangen,
-stand der Stallmeister und sah ihr nach.
-
-Man hatte indessen um Ruhe und Stille gebeten; ein Fräulein von kleiner
-Gestalt, aber gewaltiger Stimme wollte sich hören lassen und stellte
-sich zu diesem Zweck auf ein gepolstertes Fußbänkchen hinter ein
-elegantes Notenpult. Die Männer setzten sich Stühle hinter die Frauen,
-die Frauen machten erwartungsvolle Mienen, und es war so tiefe Stille
-in dem großen Zimmer, daß man nur die Bedienten hin und wieder »Ist's
-gefällig« brummen hörte, wenn sie Tee anboten. Beim ersten Takt, den
-man zur Begleitung des kleinen Fräuleins auf dem Flügel anschlug,
-entwich der junge Rempen in ein Nebenzimmer, um ungestört seinen
-Gedanken nachzuhängen; er zog weiter, wandelte einigemal im Salon auf
-und ab, bog dann in die nächste Türe, dem Ende der Enfilade zu. Im
-letzten Zimmer saß ein Mann in einem Sofa, der die Stirne in die Hand
-gelegt hatte. Bei Rempens Nähertreten wendete er den Kopf, und den
-Stallmeister hatte seine schnelle Ahnung nicht betrogen, es war Palvi.
-
-»Auch Sie scheinen die Musik nicht in der Nähe zu lieben,« sagte
-Julius, indem er sich zu ihm auf das Ruhebett setzte; »kaum bis hieher
-dringen die zarteren Töne.«
-
-»Es geht mir damit wie mit dem Geruch stark duftender Blumen,«
-erwiderte Palvi mit angenehmer Stimme. »Mit diesen Düften in einem
-verschlossenen Zimmer zu sein, macht mich krank und traurig, aber im
-Freien, so aus der Ferne atme ich ihren Balsam mit Wollust ein, ich
-unterscheide und errate dann jede einzelne Nuance, ich möchte sagen,
-jede Schattierung, jeden Ton, jeden Uebergang des Geruches.«
-
-»Sie haben recht, jede Musik gewinnt durch Entfernung,« bemerkte
-Rempen; »aber das jammervollste ist mir, jemand singen sehen zu müssen.
-Besonders ängstigt mich die kleine Person, die jetzt eben etwas
-vorträgt. Sie ist nett, beinahe zierlich gebaut, aber alle Gliederchen
-~en miniature~. Nun stellt man sie immer auf ein Fußbänkchen, damit
-sie gesehen wird. Hinter ihr steht der Musikdirektor mit der Violine.
-Von Anfang macht es sich ganz gut. Der Direktor spielt ~piano~ und
-verzieht höchstens den Mund links und rechts nach dem Strich seines
-Fiedelbogens, nach und nach kommt er ins Feuer, ›~Forte, piu forte~‹,
-flüstert er und wackelt mit dem Kopf; jetzt fängt auch die Kleine an
-sich zu heben; anfänglich wiegt sie sich auf den Zehen und bewegt
-die Ellbogen, als nähme sie einen kleinen Anlauf zum Fliegen; doch
-~crescendo~ mit des Musikers Perpendikularbewegungen schreiten ihre
-Gebärden vor, sie weht und rudert mit den Armen, sie hebt und senkt
-sich, bis sie im höchsten Ton auf den Zehenspitzen aushält und -- wie
-leicht kann da die Fußbank umschlagen!«
-
-Der Referendär lächelte flüchtig: »Beinahe noch verschiedener als beim
-Lachen gebärden sich die Menschen, wenn sie singen,« sagte er. »Haben
-Sie nie in einer evangelischen Kirche die Mienen der Weiber unter dem
-Gesang betrachtet? Betrachten Sie ein zartes, schwärmerisches Kind von
-sechzehn Jahren, das mit rundgewölbten Lippen, Frieden und Andacht
-in den Zügen, die zarten Wimpern über die feuchten Augen herabsenkt,
-seinen Schöpfer lobt. Sie können aus den vielen Hunderten ihre Stimme
-nicht herausfinden, und doch sind Sie überzeugt, sie müsse weich,
-leise, melodisch sein. Setzen Sie neben das Kind zwei ältliche Frauen,
-die eine wohlbeleibt, mit gut genährten Wangen und Doppelkinn, die
-Augen gerade vor sich hinstarrend, die andere etwas vergelbt, mit
-runzligen, dürren Zügen und spitzigem Kinn, auf die gebogene Nase eine
-Brille geklemmt -- und Sie werden erraten können, daß die Dicke einen
-hübschen Baßton murmelnd singt, die andere in die höchsten Nasentöne
-und Triller hinaufsteigt.«
-
-»Sie scheinen genau zu beobachten,« antwortete lachend der
-Stallmeister. »Es fehlt nur noch, daß Sie die dicke Frau mit dem
-murmelnden Baßton für die Mutter der Kleinen, die spitzige aber für
-ihre ledige Tante ausgeben, eine alte Jungfer, die nicht sowohl von
-unserem Herrgott als von den Nachbarinnen gehört sein will. Was sagen
-Sie aber zu der sonderbaren Gewohnheit der Primadonna unserer Oper?
-In den tiefen Tönen ist ihr hübsches Gesicht ernsthaft, beinahe
-melancholisch; wenn sie aber aufsteigt, klärt es sich auf, und hat
-sie nur erst die oberen Doppeltgestrichenen hinter sich, so schließt
-sie die Augen wie zu einem seligen Traum, sie lächelt freundlich und
-hold, und lächelt, bis sie wieder abwärts geht. Gleichgültig ist ihr
-dabei, was sie für Worte singt. Sie könnte in den tiefsten Tönen: ›Ich
-liebe dich, meines Herzens Wonne,‹ singen und ungemein ernsthaft dabei
-aussehen, und könnte ebenso leicht ›Ich sterbe, Verräter!‹ in den
-höchsten Rouladen schreien und ganz hold und anmutig dazu lächeln. Wie
-erklären Sie dies?«
-
-»Es ist nicht schwer zu erklären,« entgegnete Palvi nach einigem
-Nachsinnen; »die tiefen Töne fallen ihr etwas schwer; sie muß drücken,
-etwa wie man einen großen Bissen hinabwürgt, und unmöglich kann sie
-das mit heiterem Gesicht; mit den hohen Tönen geht es aber wohl
-folgendermaßen zu: als sie noch jung war und die höheren Töne sich erst
-in ihrer echten Kraft bildeten, mochte sie einen Lehrmeister haben,
-der ihr unerbittlich alle Tage die Skala bis oben hinauf vorgeigte.
-Für einen klaren höchsten Ton bekam sie wohl ein Stück Kuchen, ein
-Tuch oder sonst dergleichen etwas; je höher sie es nun brachte, desto
-freudiger strahlte ihr Gesicht vor Vergnügen über ihre eigenen Töne,
-und so mochte sie sich angewöhnt haben, mit der freundlichsten Miene zu
-singen: ›Ich verzweifle!‹«
-
-In diesem Augenblick ertönte eine reine, volle Frauenstimme in so
-schmelzenden, süßen Tönen, daß die beiden Männer unwillkürlich ihre
-Rede unterbrachen und lauschten. Eine leichte Röte flog über Rempens
-Gesicht, denn er erkannte diese Stimme. Sein Auge begegnete dem dunkeln
-Auge Palvis, das wohl eine Weile prüfend auf seinen Zügen verweilt
-haben mochte.
-
-»Kennen Sie die Stimme?« fragte Rempen etwas befangen.
-
-»Ich kenne sie,« erwiderte jener und stand auf.
-
-»Und wollen Sie sich den Genuß vermindern und näher treten?«
-
-»Ich möchte wohl auch die Worte des Textes hören,« entschuldigte sich
-jener nicht ohne Verlegenheit.
-
-Der Stallmeister folgte ihm; Palvi schwebte schnellen, aber leisen
-Schrittes über den Boden hin und setzte sich unweit des Zimmers
-nieder, wo Elise sang, auf ein Bankett, indem er Rempen durch einen
-stummen Wink einlud, sich neben ihn zu setzen. Sie lauschten; es war
-die bekannte Melodie einer jener alten französischen Romanzen, die,
-indem sie durch ihren ungekünstelten Wohllaut dem Ohre schmeicheln,
-in mutigen Tönen das Herz erheben; aber ein deutscher Text war
-untergelegt, Worte, von welchen die Sängerin selbst wunderbar
-ergriffen schien, denn sie trug sie mit einem Feuer vor, das ihre
-Zuhörer mit erfaßte.
-
-Der junge Rempen fühlte sein Herz von Liebe zu der Sängerin wie von dem
-hohen Schwung ihres Gesanges mächtiger gehoben; aber mit Verwunderung
-und Neugierde sah er die tiefe Bewegung, die sich auf den Zügen seines
-Nachbars ausdrückte. Seine Augen strahlten, sein Haupt hatte sich mutig
-und stolz aufgerichtet, und um Wangen und Stirne wogte eine dunkle Röte
-auf und ab, jene Röte, die ein erfülltes, von irgend einer mächtigen
-Freude überraschtes Herz verrät.
-
-Mit gekrümmtem Rücken, auf den Zehenspitzen schlich jetzt der Oheim
-Rempen heran. Schon von weitem drückte er seinem Neffen durch beredtes
-Mienenspiel seinen Beifall über den herrlichen Gesang aus, und als er
-nahe genug war, flüsterte er: »Heute singt sie wieder wie die Pasta,
-voll Glut, voll Glut; und der schöne Text, den sie untergelegt hat! --
-er ist aus einem neuen Roman, die letzten Ritter von Marienburg.«
-
-Der junge Mann winkte seinem Oheim ungeduldig, stille zu sein; der Alte
-schlich weiter zu einer anderen Gruppe, und die beiden lauschten wieder
-ungestört, bis der Gesang geendet war.
-
-
-5.
-
-Rauschender Beifall füllte nun das Gemach, man drängte sich um die
-Sängerin, und auch Rempen folgte seinem Herzen, das ihn zu Elisen
-zog. Aber schon war sie von einem halben Dutzend jener Literatoren
-umlagert, die ihn immer verdrängten. »Welch herrliches Lied!« hörte er
-den Doktor Zundler sagen, »welche Kraft, welche Fülle von Mut, und wie
-zart gehalten!« Doch dem Stallmeister entging nicht, daß der Hofrat,
-der ebenfalls bei der Gruppe stand, den jungen Doktor durch einen
-freundschaftlichen Rippenstoß aufmerksam darauf zu machen schien, daß
-er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Er erschrak, errötete und fragte in
-befangener Verlegenheit, woher das Fräulein das schöne Lied habe?
-
-»Es ist aus den letzten Rittern von Marienburg, von Hüon.« Ein Gemurmel
-des Staunens und Beifalls lief durch die dichten Massen, als man
-diesen Titel hörte. »Wie, ein neuer Roman? -- Ah, derselbe, welchen
-die Blätter fürs belletristische Vergnügen so tüchtig ausg-- Sie sind
-ja da, leise, leise. -- -- Wo kann man den Roman sehen?« -- So wogte
-das Gespräch und Geflüster auf und ab, bis der Wirt des Hauses mit
-triumphierendem Lächeln ein Damenkörbchen an seidenen Bändern in die
-Höhe hielt, es öffnete und ein Buch hervorzog. Er schlug den Titel
-auf, er zeigte ihn der gespannten Gesellschaft, und mit freudigem
-Staunen las man in großen gotischen Lettern: »Die letzten Ritter
-von Marienburg.« -- »Vorlesen, bitte, vorlesen,« tönte es jetzt von
-dreißig, vierzig schönen Lippen, und selbst die jungen Männer, die
-sonst diese Unterhaltung weniger liebten, stimmten für die Vorlesung.
-Aber eine nicht geringe Schwierigkeit fand sich jetzt in der Wahl des
-Vorlesers; denn jene Literatoren, die sonst in diesem Zirkel dieses Amt
-bekleidet hatten, stemmten sich heute bestimmt dagegen; der eine war
-erhitzt, der andere hatte Katarrh, der dritte war heiser, und allen war
-die Unlust anzusehen, daß nicht ihre eigenen Produkte, sondern fremde
-Geschichten vorgelesen werden sollten.
-
-»Ich wüßte keinen Besseren vorzuschlagen,« sagte endlich ein
-Kriminalpräsident von großem Gewicht, »als dort meinen Referendär
-Palvi; wenigstens zeugen seine Referate von sehr guter Lunge und
-geschmeidiger Kehle.« Indem der Kriminalpräsident seinen eigenen Witz
-belachte und im Chorus sechs Juristen pflichtgemäß mit einstimmten,
-verbeugte sich der junge Mann, an welchen die Rede ging, während
-eine flüchtige Röte über sein Gesicht zog, und zur Verwunderung der
-Gesellschaft, die ihn sehr wenig kannte, ergriff er das Buch und die
-Tasche und fragte bescheiden, welcher von den Damen beides gehöre?
-
-Dem Stallmeister, der hinter ihm stand, hatte dies längst sein
-scharfes Auge gesagt. Elise war flüchtig errötet, als der Onkel den
-Beutel emporgehoben und das Buch daraus hervorgeholt hatte. Als aber
-Palvi anfragte, als er mit seinem dunkeln Auge den Kreis der Damen
-überstreifte und bei ihr stillestand, da goß sich ein dunkler Karmin
-über Stirne, Wangen und den schönen Hals des Fräuleins; sie schien
-überrascht, verlegen, und als jene Röte ebenso schnell verflog, schien
-sie sogar ängstlich zu sein. »Das Buch gehört mir, Herr von Palvi,«
-sagte sie schnell und mit einem kurzen Blick auf ihn. »Und werden Sie
-erlauben, daß daraus vorgelesen wird? Daß _ich_ daraus vorlese?« fragte
-er weiter.
-
-»Ich habe hier nichts zu bestimmen,« erwiderte sie, ohne aufzusehen,
-»doch das Buch steht zu Diensten.«
-
-»Nun dann nicht gesäumt!« rief der Oheim. »Sessel in den Kreis und
-ruhig sich gesetzt und andächtig zugehört, denn ich denke, wir werden
-einen ganz angenehmen Genuß haben.«
-
-Man tat nach seinem Vorschlag; in bunten Kreis setzte sich die
-zahlreiche Gesellschaft, und sei es, daß man auch hier Fräulein Elise
-als literarische Königin ansah, oder war es eine sonderbare Fügung des
-Zufalls, der Vorleser kam so gerade ihr gegenüber zu sitzen, daß, so
-oft sie die Augen aufhob, diese schönen Augen auf ihn fallen mußten.
-
-»Aber, Freunde,« bemerkte die Dame vom Hause, »dieser Roman hat, soviel
-ich weiß, drei Bände; wollen wir sie alle anhören, so kommt unsere
-junge Welt heute nicht mehr zum Tanzen, und wir andern nicht zum Spiel;
-ich denke, man wählt die schönsten Stellen aus.«
-
-»Wer aber soll sie wählen?« fiel ihr Gatte ein. »Das Ding ist nagelneu,
-niemand hat es gelesen; doch Fräulein Wicklow wird uns helfen können.
-Können Sie nicht schöne Stellen andeuten und uns den Faden des übrigen
-geben?«
-
-Man bat so allgemein, so dringend, daß Elise nach einigem Zögern
-nachgab. »Der Roman,« sagte sie, »spielt, wenn ich mir die Jahreszahl
-richtig gemerkt habe, in den Jahren 1455 bis 1456 in und um Marienburg
-in Ostpreußen. Der Deutsche Orden ist von seinen früheren einfachen
-und reinen Sitten abgekommen; dies und innerer Zwiespalt, wie Neid
-und Anfeindungen von allen Seiten her, drohen einen baldigen Umsturz
-der Dinge herbeizuführen, wie denn auch durch den Verrat böhmischer
-Ordenssoldaten, gegen Ende des dritten Teils, Marienburg für den
-Orden auf immer verloren geht. Auf diesem geschichtlichen Hintergrund
-ist aber die interessante Geschichte eines Verhältnisses zwischen
-einem jungen deutschen Ritter und einem Edelfräulein aufgetragen. Sie
-ist die Tochter des Kastellans von Marienburg, eines geheimen und
-furchtbaren Feindes des Ordens, der, anscheinend dem Deutschmeister
-befreundet, nur dazu in Marienburg lebt, um jede Blöße des Ordens
-den Polen zu verraten. Der Roman beginnt in der Ordenskirche, wo die
-Ritter und viele Bewohner von Marienburg und der Umgegend bei einem
-feierlichen Hochamt versammelt sind, um den Tag zu feiern, an welchem
-vor vielen Jahren der erste Komtur mit seinem Konvent in dieser Burg
-einzog. Der letzte Meister, Ulrich von Elrichshausen, ein Mann, der
-sich dem nahenden Verderben noch entgegenstemmen will, hält eine
-eindringliche Rede an die Ordensglieder. Der Gottesdienst endet mit
-einer feierlichen, lateinischen Hymne. Indem zwei der jüngsten Ritter,
-nach der Sitte bei solchen Gelegenheiten, den vornehmsten fremden
-Besuchern das Geleite bis in den Vorhof geben, bemerkt der eine von
-ihnen, daß der andere im Vorbeistreifen ein kleines Päckchen in die
-Hand einer verschleierten Dame gedrückt habe. Die Kirche ist leer, und
-im zweiten Kapitel fragt nun der erstere den zweiten um die Bedeutung
-dessen, was er gesehen. Er ist sein Waffenbruder, ein Bündnis, das nach
-der Sitte der Zeit fester als irgend ein Freundschaftsband galt, und
-Elrichshausen, der Neffe des Meisters, der Held des Romans, gesteht
-ihm endlich sein Verhältnis zu der Dame, erzählt ihm von seinem Leben,
-seinen trostlosen Aussichten.
-
-»Der Freund ratet ab, Kuno aber verschmäht jede Warnung und bittet
-jenen, er möchte ihn an diesem Abend zu einer Zusammenkunft mit der
-Geliebten begleiten. Diese Zusammenkunft in einem verfallenen Teil des
-älteren Schlosses ist so schauerlich schön, daß ich möchte, sie würde
-ganz gelesen.«
-
-Palvi las. Wer je ein Buch, das er sonst nicht kannte, in Gesellschaft
-vorgelesen, der weiß, daß etwas Beunruhigendes in dem Gedanken liegt,
-daß man mit gehaltener Sicherheit auf einem Felsenpfade gehen soll,
-den man noch nie betreten. Dieses beängstigende Gefühl wächst, wenn es
-ein Gespräch ist, das man vorträgt. Man kann den Atem, den Rhythmus,
-den Ausdruck der Empfindung nicht richtig abmessen und verteilen, man
-weiß nicht, ob jetzt die höchste Höhe der Lust ausgedrückt ist, ob
-jetzt der Dichter die tiefste Saite der Wehmut berührt habe, ob er
-nicht noch tiefere Akkorde anschlagen werde; und der Zuhörer pflegt
-diese Unsicherheit störend mitzuempfinden. Aber wunderbar las dieser
-junge Mann, den ein zufälliger Scherz seines Vorgesetzten zum Vorleser
-gestempelt hatte. Es war, als lese er nicht mit den Augen, sondern mit
-der Seele ohne dieses Organ, als spreche er etwas längst Gedachtes,
-eine Erinnerung aus, als kenne er den Inhalt, den Geist dieser Blätter,
-und sein Gedächtnis habe das Buch nur wegen der zufälligen Wortstellung
-von nöten. Wenn das, was er las, nicht durch Inhalt und Form so
-großartig, dieses Gespräch zweier Liebenden so neu, so bedeutungsvoll
-gewesen wäre, diese Art, etwas vorzutragen, hätte zur Bewunderung
-hinreißen müssen.
-
-Wir fürchten zu ermüden, wollten wir den Gang der Gefühle im Gespräch
-dieser Liebenden verfolgen. Wir bemerken nur, daß der jüngere Teil
-dieser Gesellschaft mächtig davon ergriffen wurde, daß Fräulein Elise,
-die anfangs den Vorleser mit scheuen, staunenden Blicken angesehen
-hatte, in tiefer Rührung die Augen senkte und kaum so viel Fassung
-fand, ihre Erzählung weiter fortzusetzen.
-
-»Die Liebenden,« sagte sie, »so wenig Trost im Schluß dieser Szene
-lag, sind zufrieden in dem Gedanken an die Gegenwart. Je dunkler
-aber die Zukunft vor ihnen liegt, desto angenehmer dünkt es ihnen,
-die Gegenwart mit schönen Träumen auszufüllen. Der Deutschmeister
-bekommt die Nachricht, daß der Kaiser, von den Einflüsterungen Polens
-halb besiegt, dem Orden zürne, ihm namentlich innere Zügellosigkeit
-vorwerfe. Der Meister versammelt daher ein Kapitel, wo er die Ritter
-anredet. Diese Stelle ist eine der trefflichsten im Buche, denn der
-Verfasser befriedigt hier auf wunderbare Weise zwei Interessen. Indem
-der Meister die Verhältnisse des Ordens bis auf die zartesten Nuancen
-aufdeckt und berechnet, bekommt der Leser nicht nur ein schönes Bild
-von dem einsichtsvollen, umsichtigen Ulrich von Elrichshausen, von
-der erhabenen Würde eines Nachfolgers so großer Meister, von der
-gebietenden Stellung eines Herrschers auf Marienburg, sondern er
-bekommt auch auf ungezwungene und natürliche Weise eine Uebersicht
-über die historische Basis des Romans. Der Meister schärft die Haus-
-und Sittengesetze und schließt mit einer furchtbaren Drohung für den
-Uebertreter.
-
-»Der Held des Romans, voll schönen Glaubens an alles Edle und Reine,
-sieht in seiner Freundschaft für Wanda, so heißt das Fräulein, kein
-Unrecht. Er setzt, begleitet von seinem Freunde, die nächtlichen
-Zusammenkünfte fort. In eine derselben ist ein wunderschönes Märchen
-eingewoben, eine Sage, die man auch mir in meiner Kindheit oft erzählt
-haben muß, denn sie klang mir wie alte Erinnerungen.«
-
-Sie hielt inne; mit einem Blick voll Liebe und Wehmut fragte Palvi,
-ob er das Märchen lesen solle? Sie nickte ein kurzes Ja, und er las.
-Der junge Rempen hatte während des Märchens sein Auge fest auf Elisen
-gerichtet. Er bemerkte, daß sie anfangs heiter zuhörte, mit einem
-Gesicht, wie man eine bekannte Lieblingsmelodie hört und die kommenden
-Wendungen zum voraus erratet; nach und nach wurde sie aufmerksamer;
-es kamen einige sonderbare Reime vor, die Palvi so rasch und mit so
-eigenem, singendem Tone vortrug, daß sie dadurch tief ergriffen schien;
-Erinnerungen schienen in ihr auf und nieder zu tauchen, sie preßte die
-Lippen zusammen, als unterdrücke sie einen inneren Schmerz; er sah, wie
-sie bleich und immer blässer wurde, er sah sie endlich ihrer Nachbarin
-etwas zuflüstern, sie standen beide auf, aber ebenso schnell sank
-Elise wieder kraftlos auf ihren Stuhl zurück.
-
-Die Bestürzung der Gesellschaft war allgemein. Die Damen sprangen
-herzu, um zu helfen, aber sei es, daß, wie es oft zu geschehen pflegt,
-gerade das unangenehme Gefühl dieser störenden, geräuschvollen Hilfe
-sie wieder emporraffte, oder war es wirklich nur etwas Vorübergehendes,
-ein kleiner Schwindel, der sie befiel, sie stand beinahe in demselben
-Moment wieder aufrecht, bleich, aber lächelnd, und konnte sich bei der
-Gesellschaft entschuldigen, diese Störung veranlaßt zu haben.
-
-An Erzählen und Vorlesen war übrigens nach diesem Vorfall heute abend
-nicht wohl wieder zu denken, und man nahm mit Vergnügen den Vorschlag
-an, sich am übernächsten Nachmittage in einem öffentlichen Gartensalon
-zu versammeln und die Ritter von Marienburg gemeinschaftlich zu
-genießen.
-
-
-6.
-
-Der Stallmeister fühlte sich von dieser Szene auf mehr als eine Weise
-ergriffen; er konnte zwar Palvi nichts vorwerfen, er hatte zwei Worte
-mit Elisen und diese öffentlich gesprochen; es war, wenn er selbst
-auch wirkliche Rechte auf das Fräulein gehabt hätte, kein Grund zur
-Eifersucht da, denn sie schien jenen sogar zu scheuen, zu fliehen;
-aber dennoch lag etwas so Rätselhaftes in Palvis Betragen, etwas so
-schmerzlich Rührendes in seinen Mienen, und doch wieder in seinem
-ganzen Wesen eine so gehaltene Würde, daß Rempen sich vornahm, was
-es ihn auch kosten möge, Aufschluß über ihn zu suchen. Der Oheim war
-bemüht, die frühere Ordnung und Freude herzustellen. Spieltische wurden
-herbeigetragen, und aus dem Salon lud eine Violine und die lockenden
-Akkorde einer Harfe die junge Welt zum Tanzen ein.
-
-Mit bewachenden Blicken folgte der Stallmeister Palvi, der, noch
-immer das Buch in der Hand haltend, gedankenvoll umherging. In einer
-Vertiefung des Fensters saß Elise. Eben ging eine Freundin von ihr weg,
-und Rempen nahm wahr, wie sich Palvi ihr zögernd nahte, wie er ihr
-mit einer tiefen Verbeugung das Buch überreichte. Schnell trat auch
-er hinzu, und nur die breite, dunkelrote Gardine trennte ihn von den
-beiden.
-
-»Elise,« hörte er den jungen Mann sagen, »seit zehn Monaten zum
-erstenmal wird es mir möglich, so nahe zu stehen, nur _eine_ Bitte habe
-ich --«
-
-»Schweigen Sie,« sagte sie in leisen, aber leidenschaftlichen Tönen,
-»ich will nichts hören, nichts sprechen! ich habe Ihnen schon einmal
-gesagt: ich verachte Sie.«
-
-»Nur das _Warum_ möchte ich wissen,« bat er beinahe weinend; »nur _ein_
-Wörtchen, vielleicht können Sie mich doch verkennen.«
-
-»Ich kenne Sie zu gut,« erwiderte sie unmutig, »einen so niedrigen,
-gemeinen Menschen kann ich nur verabscheuen.«
-
-»Gemein, niedrig?« rief er bitter, »und dennoch schwöre ich, daß ich
-Ihnen Achtung abzwingen will; diesen gemeinen niedrigen Mann sollen Sie
-schätzen müssen! Wissen Sie, ich bin --«
-
-»Daß Sie ein recht elender Mensch sind, weiß ich lange; darum bitte
-ich, entfernen Sie sich; diesen Zirkel werde ich aber nie mehr
-besuchen, wenn es Ihnen noch einmal einfallen sollte, mich anzureden.«
-
-Bei diesen Worten stand sie rasch auf und entfernte sich mit einer
-kurzen Verbeugung gegen den unglücklichen jungen Mann.
-
-So wichtig diese Worte, so bedeutungsvoll diese Szene war, konnte sie
-doch dem Stallmeister kein deutlicheres Licht geben. Palvi durfte
-wagen, sie mit »Elise« anzureden, sie behauptete, ihn ganz zu kennen,
-sie sprach so heftig ihre Gefühle aus, daß ihren Haß notwendig Liebe
-geboren haben mußte. -- Er sah Palvi, nachdem er noch eine Weile in
-der Vertiefung des Fensters verweilt hatte, nach der Türe des Vorsaals
-gehen. Er folgte ihm dahin, wie zufällig nahm er zugleich mit jenem
-seinen Mantel um.
-
-»Auch Sie scheinen kein Freund des Tanzes zu sein,« redete er den
-Referendär an.
-
-»Ich habe es längst aufgegeben,« antwortete er, »aber Sie, Sie -- ein
-Glücklicher, und nicht tanzen?«
-
-»Ein Glücklicher?« erwiderte der Stallmeister freundlich; »davon möchte
-ich mir doch noch eine nähere Definition erbitten. Ueberhaupt, hier
-wird mir so langweilig zu Mute, und zu Hause geht mir die Tanzmusik im
-Kopfe herum; gehen wir, wenn Sie nichts Besseres vorhaben, nicht irgend
-wohin zusammen?«
-
-Palvi schien in einiger Verlegenheit zu sein. »Ich weiß nicht, was mir
-Ihre Gesellschaft so wünschenswert macht,« antwortete er; »ich möchte
-die Hälfte der Nacht mit Ihnen verplaudern, und dennoch, werden Sie es
-glauben? -- ich rechnete darauf, früh diese Gesellschaft zu verlassen,
-und habe einem Freunde den übrigen Teil des Abends zugesagt.«
-
-»Wohlan,« fuhr der Stallmeister fort, »wenn Sie nichts gar zu Wichtiges
-zu besprechen haben, so folge ich Ihnen dahin.«
-
-Der junge Mann errötete. »Das Haus ist abgelegen,« sagte er, »und für
-solche Gäste nicht ganz passend.«
-
-»Und wenn es der Entenzapfen wäre,« rief Rempen; »es soll ja
-vortreffliches Cerevis dort geben.«
-
-Mit einer Mischung von Staunen und Freude blickte ihn der Referendär
-an, doch ehe er noch fragen konnte, sprach Rempen weiter: »Verzeihen
-Sie meiner Neugierde, die diesmal die Diskretion überwog. Der Zufall
-machte mich zum Zeugen, als ein wunderlicher alter Herr Sie einlud, und
-schon damals wünschte ich, mit von der Partie zu sein, um so mehr,«
-setzte er verbindlich hinzu, »da ich diesen Abend so manchen ~Point de
-réunion~ zwischen uns fand.«
-
-»Gut, so folgen Sie mir. -- Sie werden ein Original kennen lernen, das
-aber mehr unsere Aufmerksamkeit verdient als die schwachen Kopien dort
-oben, die doch immer für Originale gelten möchten, ja sich selbst dafür
-halten. Ich meine jene Poeten und Literatoren, die uns heute morgen ein
-so wunderbares Schauspiel gegeben haben.«
-
-»In seiner Art diesen Abend ein nicht minder sonderbares,« entgegnete
-Rempen; »oder sollte Ihnen entgangen sein, wie ungezogen sie sich
-benahmen, als man verlangte, dieser Roman solle vorgelesen werden;
-schien es nicht, als wollten sie durch stilles, höhnisches Lächeln,
-durch ihre kalte Entschuldigung, zum Vorlesen nicht bei Stimme zu
-sein, durch so manche Zeichen ihres Mißfallens der Gesellschaft die
-Ueberzeugung aufdringen, als sei das Buch schlecht und unwürdig? Man
-kann nicht verlangen, daß sie sich -- wollen sie einmal ungesittet sein
--- im Keller eines Italieners Fesseln anlegen; sie bezahlen dort, und
-ihre Rede ist frei; aber in einer Gesellschaft wie diese mußten sie
-sich den Gesetzen des Anstandes fügen.«
-
-»Ich wollte vieles wetten,« bemerkte Palvi, »der Mann, zu dem ich Sie
-jetzt führe, ob er gleich in seinen Gewohnheiten und Sitten wenig
-gesellschaftliche Bildung verrät, würde sich weniger unschicklich
-benommen haben.«
-
-»Und wer ist er denn?« fragte der Stallmeister.
-
-»Er gehört einem Schlag von Leuten an, die man in unsern Ländern jetzt
-weniger oder nicht so auffallend und originell sieht als früher, ein
-sogenannter württembergischer Magister. Bitte zum voraus, glauben
-Sie nicht, daß in diesem Begriffe etwas Lächerliches liege, denn eine
-nicht geringe Zahl würdiger, gelehrter Männer unserer Zeit gehören
-diesem Stande an. Es gab in früherer Zeit, -- ob jetzt noch, weiß ich
-nicht, -- in jenem Lande eine Pflanzschule für tiefe Gelehrsamkeit.
-Es gingen Philologen, Philosophen, Astronomen, Mathematiker in Menge
-daraus hervor; zum Beispiel ein Keppler, ein Schelling, Hegel und
-dergleichen. Vor zwanzig Jahren soll man allenthalben in Deutschland
-Leute aus dieser Schule gesehen haben; den Titel Magister bekamen sie
-als Geleitsbrief mit. Sie waren gewöhnlich mit tiefen Kenntnissen
-ausgerüstet, aber vernachlässigt in äußeren Formen, in Sprache und
-Ausdruck sonderbar, und spielten eine um so auffallendere Figur, als
-sie gewöhnlich, ihrer Stellung nach, als Lehrer an Universitäten, als
-Erzieher in brillanten Häusern, in der Gesellschaft durch ihr Aeußeres
-den Rang nicht ausfüllten, den ihnen ihre Gelehrsamkeit gab. Eine
-solche Figur aus alter Zeit ist mein Freund. Er ging schon vor dreißig
-Jahren aus seinem Vaterlande, hat aber weder in Kurland noch in Sachsen
-seine Eigenheiten abgelegt. Er lebt hier, abgeschieden von der Welt,
-in einem Dachstübchen; ich halte ihn für einen der tiefsten Denker
-des Zeitalters, dabei ist er ein liebenswürdiger Dichter, und dennoch
-ist sein Name gänzlich unbekannt. Die gelehrtesten Rezensionen in den
-Leipziger und Haller Blättern sind von seiner Hand; manche Entdeckung,
-mancher tiefgedachte Satz, womit jetzt die neuen Philosophen ihre Werke
-aufputzen, sind von ihm; er hat sie spielend hingeworfen.«
-
-»Also ein literarischer Eremit,« rief Rempen aus, indem er, nicht ohne
-kleinen Schauder, an der Seite des Referendärs durch enge, schmutzige
-Gäßchen ging; »eine Nachteule der Minerva in bester Form?«
-
-»Wenn es heutzutage wieder einen Diogenes geben könnte,« erwiderte
-jener, »ich glaube, er müßte im Kostüm meines Magisters erscheinen.
-Dieses ehrliche, kluge, ein wenig ernste Gesicht, die kunstlos um den
-Kopf hängenden Haare, das verschossene Hütchen, der abgetragene Rock,
-den er mit keinem anderen vertauschen mag, die sonderbare, beinahe
-zärtliche Neigung zu einer alten, schwarz gerauchten Pfeife, dazu ein
-dunkelbraunes Meerrohr mit silbernem Knopfe, und diese ganze Gestalt in
-der düsteren, schwärzlichen Spelunke, in welche wir eben treten wollen
--- nehmen Sie dies alles zusammen, und Sie werden finden, das Urbild
-eines modernen zynischen Philosophen ist fertig, nur würde er einen
-Alexander nicht um ein wenig Sonne, sondern um ein bißchen Feuer für
-seine Pfeife bitten.«
-
-Durch einen Vorplatz, wo das trübe Licht einer schmutzigen Laterne
-einen zweifelhaften Schein auf Kornsäcke und umgestürzte Bierfäßchen
-warf, traten jetzt die beiden jungen Männer in das größere Schenkzimmer
-des Entenzapfen. Der Wirt, dick und angeschwollen von dem Kosten
-seines eigenen Getränkes, schlief in einem Lehnsessel hinter dem
-Ofen; einige abgerissene Gestalten spielten bei einem Stümpchen Licht
-mit schmutzigen Karten und sahen die Vorübergehenden mit matten,
-schläfrigen Augen an.
-
-Palvi ging vorüber in ein zweites kleineres Gemach, das für bessere
-Gäste eingerichtet schien. Derselbe Alte, den Rempen diesen Abend
-flüchtig gesehen, saß dort allein hinter einer Kanne Bier. Auf den
-Tisch hatte er mit Kreide einen mathematischen Satz gemalt. Er schaute,
-die Stirn in die Hand gestützt, aufmerksam auf seine Berechnung nieder,
-und nur große Tabakswolken, die er hin und wieder ausstieß, zeigten,
-daß er lebe und atme. Erst auf den Abendgruß seines jungen Freundes
-richtete er sich auf und zeigte ein ernstes, gleichgültiges Gesicht,
-dem nur das glänzende, ungemein interessante Auge einiges Leben verlieh.
-
-Die Gegenwart eines Fremden schien ihm unangenehm aufzufallen. Kurz
-abgebrochen, indem er hastig mit dem Rockärmel die Figuren von dem
-Tische abwischte, sagte er: »Seid lange ausgeblieben.«
-
-»Dafür bringe ich aber einen seltenen Gast mit,« erwiderte der junge
-Mann, »der das Entenbier versuchen will.«
-
-»Literator?« fragte der Alte etwas mürrisch.
-
-»Wo denkst du hin, Magister; ein hiesiger Literator und der
-Entenzapfen! Nein, er ist nicht von diesen, sondern heißt Herr von
-Rempen und ist Stallmeister.«
-
-»Da haben der Herr die echte Quelle gefunden,« sprach der Alte
-freundlich und mit einer Herzlichkeit, die ihn sogar angenehm machte.
-»Der Entenzapfen hat solid Getränke. Setzet euch, da bringt die
-Kellnerin schon die Kannen.«
-
-Der Stallmeister erschrak vor der großen Kanne, die ihm das niedliche
-Kellnermädchen mit den roten Lippen kredenzte; aber die Neugierde nach
-dem Magister, der Drang, von Palvi nähere Aufschlüsse über Elisens
-Betragen zu erhalten, milderten seinen Schauder vor dem Entenzapfen.
-
-»Es hat einen eigenen Reiz für mich,« sagte er, um die Anrede des
-Alten zu erwidern, »so aus einer glänzenden Gesellschaft, wo alles
-voll Glanz und Putz, voll Berechnung und eitlen Benehmens ist, mich in
-die Einsamkeit einer solchen Schenke zu begeben. Man wird so leicht
-verführt, jenes schimmernde Wesen für wahres Leben, für ein Ideal der
-Gesellschaft zu nehmen, und nur ein plötzlicher, recht greller Tausch
-kann von diesem Wahne retten, besonders wenn man das Glück hat, Männer
-zu finden, die zu vernünftigem Gespräch bereitwillig sind.«
-
-»Ich kann mir's denken aus früherer Zeit,« entgegnete der Alte mit
-ironischem Lächeln. »Nun hat man wieder anständig geschnattert und
-gezwitschert, Tee getrunken und göttlichem Gesange gelauscht, und als
-man gar ästhetisch zu werden, vorzulesen anfing, seid ihr aus Angst
-davongelaufen?«
-
-»Nein,« antwortete Rempen, »so lange gelesen wurde, blieben wir.«
-
-»Wie?« rief der Magister. »Und Ihr habt es über Euch vermocht, Herr
-Referendär, allerlei rosenfarbene Poesie anzuhören?«
-
-»Man las die letzten Ritter von Marienburg,« belehrte ihn der
-Stallmeister.
-
-»Ei der Tausend!« sagte der Alte, mit einem sonderbaren Seitenblick auf
-Palvi, »konnte man doch solche Speise vertragen, ohne den ästhetischen
-Gaumen und Magen zu verderben? Hat sich denn die Welt gedreht, oder
-waren unsere hiesigen Schöngeister nicht zugegen?«
-
-»Doch, sie waren dabei,« erwiderte Rempen, »sie wagten es nicht, sich
-dagegen zu setzen, obgleich der Zorn aus ihren Augen sprühte, denn
-noch diesen Morgen hatten sie sich bündig und deutlich erklärt.«
-Und nun erzählte er den Auftritt im Keller des Italieners mit einer
-Geläufigkeit, über welche er sich selbst wundern mußte. Mehrmals wurde
-er von einem schnellen, kurzen Lachen des Alten unterbrochen, als er
-aber mit dem furchtbaren Bündnisse der literarischen Trias endete,
-brach der alte Mann in so herzliches Gelächter aus, daß der Wirt zum
-Entenzapfen mit einem tiefen Gestöhne erwachte und sich im Sessel
-umwälzte.
-
-»Der Herr Stallmeister erzählen gut,« sprach dann der Magister, indem
-er Tränen, die das Lachen hervorgelockt hatte, verwischte. »Ich kenne
-sie, diese Bursche, diesen Chorus von Halbwissern. Sie sind geachteter
-beim Stadtpublikum und auf dem Landsitze als der wahre Gelehrte, sie
-sind die Vornehmern unter den Musensöhnen und machen ungebeten die
-Honneurs auf dem Parnaß, als wären sie Prinzen des Hauses oder zum
-mindesten Kammerjunker; um so weniger können sie es verschmerzen, wenn
-ihre Blöße aufgedeckt und ihre Schande ans Licht gestellt wird. Sie
-fühlen ihr Nichts, sie sehen es einander ab, aber sie wollen es sich
-nicht merken lassen.«
-
-»Am sonderbarsten und unerklärlichsten scheint mir ihre Wut gegen
-_das_, was man jetzt historischen Roman nennt,« bemerkte der
-Stallmeister. »Ich bin zu wenig im Getriebe der Literatur bewandert, um
-es mir erklären zu können.«
-
-»Danken Sie Gott,« erwiderte der Alte, »daß Sie ein heiteres, rüstiges
-Handwerk erlernt haben und von diesem unseligen, feindlichen Treiben
-nichts wissen. Kommt mir doch diese schöne Literatur jetzt vor wie
-scharfer Essig. Mit gehöriger Zutat vom Oel des Lebens, Philosophie,
-ist sie die Würze eurer Tage; aber kostet sie gesondert, so ist sie
-scharf, abstoßend; betrachtet sie genau, etwa durch ein tüchtiges Glas,
-so sehet ihr das Acidum aufgelöst in eine Welt von kleinen Würmern, die
-sich wälzen und einander anfallen, übereinander wegkriechen.«
-
-»Pfui! Aber ihr Verhältnis zum historischen Roman?«
-
-»Sie gebärden sich,« antwortete Bunker, »als ob sie gegen irgend eine
-Erscheinung des Zeitgeistes ankämpfen könnten, wie Pygmäen gegen
-einen Riesen. Als ob nicht schon die Ilias so gut historisch gewesen
-wäre als irgend ein Roman des Verfassers von Waverley. Und ist nicht
-Don Quichotte der erste aller historischen Romane? Doch nehmen Sie
-nähere Beispiele bei uns. Spricht sich nicht in Wilhelm Meister das
-Element eines historischen Romans geheimnisvoll aus? Müssen wir nicht
-den Begebenheiten, in die der Held verwickelt ist, eine gewisse
-Zeitgeschichte unwillkürlich unterlegen? Müssen wir nicht das Lager
-des Prinzen als eine notwendige historische Dekoration damaliger Zeit
-ansehen? Und die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, sind sie
-nicht eine historische Novelle? Wir betraten also zum mindesten keinen
-neuen Boden, kein neues, zweifelhaftes Gebiet.«
-
-»Und welch kleiner Schritt,« bemerkte Palvi, »welch natürlicher
-Uebergang ist vom historischen Drama, wie wir es bei Goethe finden, zum
-modernen, geschichtlichen Roman. Sie sind ihm schon um vieles näher
-als die historischen Schauspiele Shakespeares. Wie im Romane sprechen
-dort die Helden nicht großartige Gefühle aus. Sie halten nicht gedehnte
-Reden, sondern ihre Reden erzählen von den schlummernden Entschlüssen
-ihrer Seele, und wir erblicken in einer einzelnen Wendung Motive, ahnen
-Handlungen, die sich nachher verwirklichen.
-
-»Die Völker scheinen sich in unseren Tagen zu scheiden und scharf
-abzugrenzen. Doch diese Scheidung ist nur scheinbar, denn die
-Menschheit ist durch so viele Erfindungen sich näher gerückt worden.
-Wir gehören mehr und mehr der Welt an. Wir sprechen von entfernten
-Polarländern oder von Amerika mit einer Bestimmtheit, einem Gefühl der
-Nähe, wie unsere Großväter von Frankreich sprachen. Wir sind jetzt erst
-Europäer geworden. Darum ist uns nichts mehr fremd, was in diesem alten
-Weltteile geschieht. Der Unterschied der Sprache hat aufgehört, denn
-Dank sei es unseren gewandten Uebersetzern, es ist, als ob Scott und
-Irving in Frankfurt oder Leipzig lebten.«
-
-»Gewiß!« fiel Rempen ein, »auch in der Gesellschaft sind sich
-die verschiedenartigsten Elemente näher getreten. Unsere jungen
-Männer erzählen jetzt von einer Reise nach London oder Rom mit mehr
-Bescheidenheit oder Gleichgültigkeit als sonst einer von einer Reise an
-einen zwanzig Meilen entfernten Hof erzählte. Aber ist uns durch alles
-_dies_, da wir in einer so breiten Gegenwart leben, die Geschichte
-nicht vielmehr fern als nahe gerückt?«
-
-»Ich gebe zu,« sagte der Alte, »das ernste Studium der Historie,
-aber nicht das rein menschliche Interesse daran. Die Geschichte war
-sonst die Geschichte der Könige, und an ihre oft unbedeutende Person
-knüpfte sich das Leben unsterblicher Männer. Die neuere Zeit, so große
-Veränderungen um uns her, haben uns anders denken gelehrt. Es ist die
-Geschichte der Meinungen, es sind die Schicksale gewisser Prinzipien,
-die wir kennen lernen möchten. Ihr Kampf erscheint in jedem Zeitalter
-mehr oder minder und unter der verschiedensten Gestalt, und dieser
-Kampf der Meinung ist es, was jeder Periode ihr Interesse gibt, er
-ist es, der, dem Romane zum Grunde gelegt, unsere Teilnahme auf
-unbeschreibliche Weise anzieht.«
-
-»Ich ahne, daß Sie recht haben,« erwiderte der Stallmeister.
-»Gleichwohl kann ich diese Idee meinen bisherigen Ansichten noch
-nicht recht anpassen. Denn wie vertragen sich zum Beispiel mit dieser
-welthistorischen Ansicht jene sonderbaren Figuren Walter Scotts,
-die bald als rohe Hochländer, bald als Räuber, als Fischer in die
-Geschichte unmittelbar eingreifen und so anziehend erscheinen?«
-
-»Das ist es ja gerade, was ich sagte,« antwortete der Magister. »Wir
-ahnen in der Geschichte des Landes und des Volkes, die uns Professoren
-auf Kathedern vortragen, daß es nicht immer die Könige und ihre
-Minister waren, die Großes, Wunderbares, Unerwartetes herbeiführten.
-Da oder dort hat die Tradition den Schatten, den Namen eines Mannes
-aufbehalten, von dem die Sage geht, er habe großen und geheimnisvollen
-Anteil an wichtigen Ereignissen gehabt. Solche Schatten, solche
-fabelhaften Wesen schafft die Phantasie des Dichters zu etwas
-Wirklichem um; in den Mund eines solchen Menschen, in sein und seiner
-Verbündeten geheimnisvolles Treiben legt er die Idee, legt er den
-Keim zu Taten und Geschichten, die man im Handbuch nur als geschehen
-nachliest, vergebens nach ihren Ursachen forschend. Indem solche
-Figuren die Ideen persönlich vorstellen, bereiten sie dem Leser hohen
-Genuß und oft ein um so romantischeres Interesse, je unscheinbarer
-sie durch Bildung und die Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft
-anfänglich erscheinen.«
-
-»Und so hielten Sie es für möglich, daß auch die deutsche Geschichte
-interessante Stoffe für historische Romane bieten könnte?« fragte
-Rempen; »mir schien sie immer zu zerrissen, zu flach, zu wenig
-romantisch und großartig.«
-
-»Das letztere glaube ich nicht,« erwiderte Palvi; »und muß denn gerade
-der Hintergrund, das historische Faktum, das Erhabene sein? Ist es
-nicht der Zweck des Romans, Charaktere in ihren verschiedenen Nuancen,
-Menschen in ihren wechselseitigen Beziehungen zu schildern? Und kann
-sich nicht ein großartiger Charakter in einer Tat, einem Zwiste
-erproben, der für die allgemeine Geschichte von geringerer Bedeutung
-ist? Oder glauben Sie, weil Tieck in die Cevennen flüchtete, um einen
-historischen Hintergrund zu holen, er habe damit sagen wollen, unsere
-Geschichte biete keinen Stoff, der seines hohen Genius würdig wäre?«
-
-»Diese Ritter von Marienburg,« nahm der Alte das Wort, »beschäftigen
-sich mit keinem großartigen historischen Ereignisse. Schon fünfzig
-Jahre, ehe das Unglück des Ordens in Ostpreußen wirklich hereinbricht,
-gewahrt man, daß er sich nie mehr zu seinem alten Glanze erheben
-könne, daß früher oder später die Elemente selbst, die seine Größe
-beförderten, seinen Sturz bereiten werden. Er fällt, denn er hat seinen
-Beruf erfüllt. Aber an die geschichtliche Figur des Großmeisters, an
-die Täler der Nogat, an die Mauern der erhabenen Burg weiß jener Hüon
-Fäden anzuknüpfen, woraus er ein erhabenes Gewebe schafft. Ich möchte
-sagen, er baut aus den Trümmern jenes gestrandeten Schiffes eine Hütte,
-worin sich bequem wohnen läßt.«
-
-»Nun verstehe ich Sie,« rief der Stallmeister, »und weil sie diesen
-Standpunkt nicht erreichten, weil sie diese höhere Ansicht nicht
-erfassen mögen, kämpfen jene Leutchen gegen diesen historischen Roman.
-Es ist Brotneid, sie wollen ihn nicht aufkommen lassen, weil er die
-Kunden an sich ziehen könnte.«
-
-»Hat er nicht recht, der Herr Stallmeister?« wandte sich der Magister
-lächelnd an seinen Nachbar. »Sie schimpfen alle aufeinander und
-zusammen auf jedes Größere, diese Kleinmeister. Mich freut es nur, daß
-mein Doktor Zundler auch bei der furchtbaren Freitags-Trias ist.«
-
-»_Ihr_ Doktor Zundler?« fragte Rempen befremdet. »Kennen Sie ihn?«
-
-»Ob ich ihn kenne!« erwiderte der Alte lachend.
-
-»Der Herr Stallmeister macht keinen schlimmen Gebrauch davon,« sagte
-Palvi zu dem Magister, »und zu größerem Verständnis der Poesie ist es
-ihm nützlich, wenn er es weiß. Bist du es zufrieden, Alter?«
-
-»Es sei; aber der Herr Stallmeister wird diskret sein,« antwortete der
-Alte.
-
-»Was werde ich erfahren?« fragte Rempen. »Wie geheimnisvoll werden Sie
-auf einmal?«
-
-»Sie kennen den Doktor Zundler, einen der ersten Lyriker dieser Stadt,«
-sprach Palvi; »sein Ruhm war früher gerade nicht sehr groß, doch etwa
-seit einem halben Jahre regt er die Flügel mächtig. Hier sitzt der
-Dädalus, der sie ihm gemacht hat.«
-
-»Wie soll ich dies verstehen?« erwiderte der Stallmeister.
-
-»Unser Magister hier ist ein sonderbarer Kauz,« fuhr jener fort, »einer
-seiner bedeutendsten Fehler ist Aengstlichkeit, sonderbar verschwistert
-mit Gleichgültigkeit. Er hätte es weit bringen können auf dem deutschen
-Parnaß, aber er war zu ängstlich, um etwas drucken zu lassen. Doch wie
-vermöchte ein dichterischer Genius von diesem Hindernisse sich besiegen
-zu lassen; er dichtete fort, für sich.«
-
-»Ich machte Verse,« fiel der Alte gleichgültig ein.
-
-»Du hast gedichtet!« sagte Palvi. »Aber seine besten Arbeiten, seine
-gründlichsten Forschungen hat er um acht Groschen den Bogen in Journale
-verzettelt, weil er sich scheute, seinen Namen auf ein Titelblatt zu
-setzen; und von den glühendsten Poesien seiner Jugend fand ich die
-einzigen Spuren in halbverbrannten Fidibus. In meinen Augen bist du
-entschuldigt, guter Magister, durch deine Erziehung und die Art und
-Weise deines Vaterlandes. Wer hat sich dort zu deiner Zeit um einen
-Geist, wie der deine war, bekümmert? Was hat man für einen Mann getan,
-der nicht in die vier Kardinaltugenden, in die vier Himmelsgegenden
-der Brotwissenschaft, in die vier Fakultäten paßte? Haben sie ja sogar
-Schiller zwingen wollen, Pflaster zu streichen, und Wieland floh das
-Land der Abderiten, weil es dort keinen Raum für ihn gab als den
-Posten eines Stadtschreibers, den er freilich so schlecht als möglich
-ausgefüllt haben mochte.«
-
-»Mensch, nichts Bitteres gegen mein schönes Vaterland,« sagte der Alte
-mit sehr ernstem Blick; »es war die Wiege großer Männer.«
-
-»Du sagst es,« erwiderte Palvi, »die _Wiege_, aber nicht das _Grab_.
-Und dieser Umstand mag seine eigenen Ursachen haben. Zum mindesten
-findet man in Odessa wie am Mississippi, in Polen und in Rio-Janeiro,
-und überdies noch auf den Kathedern aller bekannten Universitäten
-deine Landsleute. Doktor Zundler nun, um von diesem zu reden, hatte
-das Glück, eines Tages eine Wohnung zu beziehen, in deren Giebel unser
-Magister ein Freilogis bewohnt, weil er den Knaben des Hausherrn
-zum Gelehrten bilden soll. Doktor Zundler hat, um sich zum Dichter
-zu bilden, viel gelesen und hat den großen Menschenkennern bald
-abgemerkt, daß sie auf Originale Jagd machen. Er stellt sich daher
-alle Tage zwei Stunden mit seinem Glas unter das Fenster und stellt
-Betrachtungen über die Menschen an wie der selige Hoffmann in Vetters
-Eckfenster, nur, behauptet man, mit verschiedenem Erfolg. Denn der
-selige Kammergerichtsrat guckte durch das Kaleidoskop, das ihm eine
-Fee geschenkt, der Doktor Zundler aber durch ein ganz gewöhnliches
-Opernglas. Da sah er einigemal den Magister und -- nun, Bunkerchen,
-erzähle.«
-
-Ein behagliches Lächeln verbreitete sich über das Gesicht des Alten; er
-trank in längeren Zügen aus seinem Glas und erzählte dann: »Eines Tages
-sagte mir meine Aufwärterin, daß sich der wunderschöne reiche Herr in
-der Bel-Etage nach mir erkundigt habe, wer ich wäre, was ich treibe und
-dergleichen. Bald darauf kam ein schön geputzter Herr in mein Stübchen,
-beguckte mich von allen Seiten, fragte mich allerlei und wunderte sich
-ungemein, daß ich ein Gelehrter sei. Er hatte mich, meiner Physiognomie
-nach, für einen unglücklichen Musiker gehalten. Sein Staunen wuchs, als
-er einige poetische Versuche, die am Boden lagen, aufnahm und las. Er
-wollte nicht glauben, daß sie von mir herrühren, und nahm sie endlich
-aus reinem Interesse, wie er sagte, mit. Den folgenden Tag schickte er
-mir ein paar Flaschen Wein. Es freute mich, ich hatte gehört, daß er
-reich sei; ich bin arm und trank den Wein. Als ich die erste Flasche
-hinunter hatte und warm war, ging die Tür auf, und mein Doktorchen trat
-herein. Ein Wort gab das andere; man kam auf Poesie, ich machte wenig
-daraus, er viel; er schwatzte mir etwas vor von einer Erbschaft, die er
-gewinnen könne von seinem Oheim, einem portierten Verehrer der Musen.
-Seine bisherigen Versuche haben aber nur den Unwillen des Erblassers
-erregt. So machte es sich von selbst, daß ich ihm meinen ganzen Kram
-von Poesien anbot; mich selbst amüsierten diese Verse nur, solange ich
-sie entwarf und ausarbeitete; ob sie das Publikum lese, ob es mich
-dabei nenne, war ja so gleichgültig! Im Scherz ging ich einen Akkord
-ein, daß ich ihm auch eine Novelle und später einen Roman schriebe. Er
-gibt mir dafür Wein, Knaster, zuweilen Geld, und ich habe das Bequeme,
-daß niemand, weder in Lob noch Tadel, meinen Namen nennt, was mir
-unausstehlich ist, und daß ich mich mit keinem Journalredakteur, mit
-keinem Buchhändler, keinem Rezensenten herumbeißen muß.«
-
-»Ist dies nicht köstlich, Stallmeister?« fragte Palvi lachend. »Was
-halten Sie von diesem trefflichen Lyriker, von diesem Zunder, der ohne
-fremden Stahl und Stein kein Feuer gibt?«
-
-»Ist es möglich?« rief der junge Rempen staunend aus. »Ist eine solche
-lächerliche Niederträchtigkeit jemals erhört worden! Und diesen
-Menschen konnte auch ich für einen Dichter halten, konnte den Genius
-bewundern, der auf einmal über ihn gekommen? Und auch _sie_, auch
-_sie_,« fuhr er in Gedanken versunken fort, »auch _sie_ ehrt und achtet
-ihn um dieser Gaben willen, zeichnet ihn aus, spricht mit ihm über
-seine neuesten Werke. Es ist, um rasend zu werden!«
-
-Palvi sah den jungen Mann bei diesen Worten teilnehmend, beinahe
-gerührt an; er schien mit Mühe eine tiefe Wehmut zu bekämpfen, aber
-der Alte fuhr fort: »Solch belletristisches Ungeziefer, das sich vom
-Marke anderer mästet, hätte ich schon längst gern in der Nähe geschaut,
-und so studierte ich diesen Hohlkopf. Wenn allerlei Mittel von außen
-her einen Dichter machen könnten, er müßte es längst sein. Denken Sie
-nur, er trägt, wenn er sich zum Dichten niedersetzt, einen Schlafrock,
-dessen Unterfutter aus einem Schlafrock gefertigt ist, den einst
-Wieland trug. Hoffmanns Tintengefäß hat er in Berlin erstanden, von
-einem Sattler in Weimar aber den ledernen Ueberzug eines Fauteuils, in
-welchem Goethe oft gesessen. Mit diesem hat er seinen Stuhl beschlagen
-lassen, und so will er seine Phantasie gleichsam ~a posteriori~
-erwärmen. Auch liegt auf seinem Tisch eine heilige Feder, Schiller
-soll damit geschrieben haben. Er hat gehört, daß große Dichter gern
-trinken, darum geht er morgens ins Weinhaus und zwingt sich zu einer
-Flasche Rheinwein; abends aber, wenn er schon ganz dumm und schläfrig
-ist, trinkt er schwarzen Kaffee mit Rum und liegt dann in schrecklichen
-Geburtsschmerzen und ist gewärtig, irgend eine neue Maria Stuart oder
-Jungfrau von Orleans hervorzubringen.«
-
-
-7.
-
-Während der Magister Bunker also sprach, schlug es elf Uhr, und nicht
-sobald hatte er den ersten dumpfen Ton der Glocke vernommen, als er
-hastig sein Glas austrank, einige Groschen auf den Tisch legte, dem
-erstaunten Stallmeister mit einer gewissen freundlichen Rührung die
-Hand bot und sie ihm und Palvi herzlich drückte. Dann aber rannte er so
-eilends aus dem Entenzapfen, daß Rempen nicht einmal sein freundliches
-»Gute Nacht!« erwidern konnte.
-
-»Sie staunen,« sprach der Referendär, »daß uns der sonderbare Mensch
-so plötzlich und verwirrt verläßt. Er wohnt bei einem strengen Mann,
-der immer fünf Minuten nach elf Uhr die Haustür schließt. Weil nun der
-arme Magister eigentlich als Almosen sein Freilogis genießt, darf er
-keinen Hausschlüssel führen wie Leute, die ordentlich bezahlen, und so
-jagt er wie ein Gespenst, das mit dem ersten Hahnenschrei in sein Grab
-entweicht.«
-
-»Ist dieser Mensch glücklich oder unglücklich zu nennen?« fragte Rempen
-nicht ohne Bewegung.
-
-»Ich denke glücklich,« erwiderte Palvi sehr ernst; »wer wenig hofft,
-hat nichts zu fürchten; er ist ruhig. Die Zeit mildert ja alles, und
-für die Erinnerung ist er kalt geworden.«
-
-»Hat er je geliebt?«
-
-»Er hat geliebt, die Tochter jenes Hauses in Kurland, wo er Erzieher
-war. Er muß sehr liebenswürdig gewesen sein, denn die junge Gräfin
-starb nachher aus Kummer. Er selbst aber brachte zwei Jahre tiefer
-Schwermut in einem Irrenhause zu.«
-
-»Gott, welch ein Schicksal!« rief der junge Mann gerührt. »Wer hätte
-dies ahnen können? Er hat uns eine so heitere Außenseite gezeigt.«
-
-»Wozu soll er seinen Schmerz zur Schau tragen?« entgegnete Palvi. »Er
-gehört nur sein, und er verschließt ihn mit den Trümmern besserer Tage
-in seiner Brust. Ich denke, es ist dies die einzige Art, wie Männer
-leiden müssen.«
-
-»Es müßte mich alles täuschen,« sagte Rempen nach einer Pause, »oder
-auch Sie lieben nicht glücklich. Nennen Sie mich nicht unbescheiden.
-Sie haben mir zu viel Interesse eingeflößt, und auch die Dame, die ich
-meine, steht mir nicht so fern, als daß nicht meine wärmste Teilnahme
-bei dieser Frage wäre.«
-
-Der Referendär sah ihn überrascht, doch nicht gerade verwundert an;
-sein ernstes, dunkles Auge schien die Züge des Fragenden noch einmal zu
-prüfen. »Es gibt wenige Menschen,« antwortete er, »die diese Frage an
-mich gerichtet hätten. Doch an Ihnen freut mich gerade diese Offenheit.
-Ich weiß, Sie meinen Elise Wicklow; ich liebe sie.«
-
-»Und werden wiedergeliebt?« fragte Rempen errötend.
-
-»Ich zweifle; doch möchte ich von Ihnen nicht verkannt werden, darum
-will ich Ihnen die kurze Geschichte dieser Liebe geben. Meine Eltern,
-sie sind beide tot, lebten in dieser Stadt. Unser Haus war mit den
-Wicklows sehr befreundet, denn mein und Elisens Großvater sind aus
-demselben Lande hier eingewandert. Ich bin um so viel älter denn Elise,
-daß uns unsere Kinderspiele nicht zusammenführten. Wohl aber durfte
-ich, als auch meine Mutter starb, das Haus hin und wieder besuchen,
-und ich faßte in einem noch sehr jungen Herzen eine glühende Neigung
-für das schöne Kind. Nach den ersten Jahren meines Universitätslebens
-kam ich hierher. Sie war herrlich herangeblüht und gestand mir, daß
-sie mir recht gut sei. Elise war damals fünfzehn Jahre alt. Ich kam in
-rohe Gesellschaften. Mein Vermögen und mein Stipendium reichten nur
-das erste Mal hin, meine Schulden zu decken. Das zweite Mal drückte
-mich eine bei weitem geringere Verlegenheit bei weitem unangenehmer,
-weil ich keinen Rat wußte. Sie hatte es erfahren, und durch fremde
-Hand wurden meine Schulden getilgt. Mädchen in guten Ständen, in einem
-soliden Hause aufgewachsen, wissen nicht, wie leicht ein armer Teufel
-in solche Verlegenheit kommt. Sie schmälte mich in den Ferien und hielt
-mich für einen schlechten Menschen. Ich versprach Fleiß und solides
-Leben. Das Unglück eines meiner Freunde, der einen andern erschoß, riß
-mich mit fort und wieder ins Elend. Auch da hat sie mir wieder geholfen
-und mich zu Ehren gebracht. Bei so vielen Wohltaten konnte mich vor mir
-selbst nur der Gedanke entschuldigen, daß es die Hand der Geliebten
-sei, die mich gerettet, daß ich diese Hand einst auf immer in die
-meinige legen werde.
-
-»Ich raffte mich zusammen, und bald darauf gelang es mir durch Fleiß
-und Eifer, hier angestellt zu werden. Meine Stellung zu Elisen war
-aber eine ganz andere geworden. Der alte Wicklow hatte erfahren,
-wie mich seine Tochter unterstützt hatte, und verbot mir schon beim
-ersten Besuch sein Haus, aus dem einfachen Grunde, weil ich _arm_ und
-_leichtsinnig_ sei.
-
-»Elise selbst lebte in großen, glänzenden Zirkeln, wo ich keinen
-Zutritt hatte, verkehrte mit allerlei schönen Geistern und galt für
-die Krone der jungen Damen. Ich konnte sie höchstens in öffentlichen
-Gärten, auf Bällen und Konzerten, im Theater sehen. Und nur ihr
-freundlicher Blick konnte mich für so viel Entsagung trösten, konnte
-mich von dem beinahe Unbegreiflichen überzeugen, daß dieses allgemein
-angebetete Geschöpf -- mich liebe.«
-
-Der Stallmeister suchte vergebens seine Bewegung zu verbergen. Eine
-hohe Röte lag auf seinem Gesicht, und sein Auge hing voll Erwartung an
-den Lippen Palvis.
-
-»Beruhigen Sie sich,« sagte dieser, als er den unangenehmen Eindruck
-bemerkte, den seine Erzählung auf den jungen Mann machte. »Fürchten Sie
-nichts, ich werde bald zu Ende sein. Ich war glücklich und zufrieden;
-ich kannte ihre Vorliebe für Poesie, und die Liebe ermutigte mich,
-einen Versuch zu wagen, der mich ihr noch werter machen sollte.
-Ich strengte alle meine Kräfte an, um sie mit etwas Gelungenem zu
-überraschen. Da brachte man mir eines Tages einen Brief. Ich erkannte
-ihre Züge, ich riß ihn auf und -- sie schrieb mir mit kurzen, aber
-heftigen Worten, daß sie sich auf ewig von mir lossage, daß sie mich in
-tiefster Seele verachte; warum? werde mir mein eigenes Gewissen sagen.
-Ich versuchte mancherlei Wege, um mich ihr zu nahen, mein Gewissen
-sprach mich von irgend einem Fehler gegen die Geliebte frei, darum
-wollte ich mir Gewißheit über das Warum verschaffen. Doch sie wich
-überall aus, und noch heute -- heute abend in jenem Zirkel hat sie alle
-meine Hoffnungen zertrümmert.«
-
-In dem edelmütigen Herzen des jungen Rempen siegte jetzt Mitleiden
-über jedes andere Gefühl. Er faßte die Hand des unglücklichen, ihm so
-interessanten Mannes; er gelobte ihm, bei Elisen für ihn zu sprechen,
-sie um die Ursache ihres Betragens zu befragen.
-
-Aber jener erwiderte mit dem Stolze, den unverdiente Kränkung gibt:
-»Vertrauen ist die erste Bedingung der Liebe. Wo Vertrauen fehlt, da
-war nie Liebe, oder sie ist jedem Zufall ausgesetzt. Ich habe Elisen
-auf immer verloren, selbst wenn sie mich wieder lieben würde.«
-
-»Und in diesem Zustand wollen Sie hier fortleben?« fragte Rempen, seine
-Hand ergreifend; »wollen Elisen sehen und dabei immer fühlen, daß Sie
-verachtet sind?«
-
-»Nein, gewiß nicht,« erwiderte jener mit düsterem Lächeln; »_mein_
-Geschäft in dieser Stadt ist zu Ende. Es bleibt mir nur noch übrig,
-die Geliebte vor Menschen zu warnen, die ihrer nicht wert sind. Diesen
-literarischen Pöbel, der ihr so unendlich wert scheint, will ich noch
-vor ihren Augen entlarven; und ich glaube ihr damit nützlich zu sein,
-denn die Stellung, die Elise jetzt eingenommen, würde sie später
-nimmer glücklich machen. Sie selbst werden mir dazu helfen, mein
-Freund; schlagen Sie ein, wir wollen unsere Penelope von diesen Freiern
-erretten.«
-
-»Wohlan!« rief der Stallmeister, indem er aufbrach, »vielleicht
-findet sich morgen schon Gelegenheit, wenn uns die letzten Ritter von
-Marienburg versammeln; aber dann,« setzte er entschlossen hinzu, »noch
-_einen_ Versuch, um auch Sie glücklich zu machen!«
-
-
-8.
-
-Der schöne Frühlingstag und die Furcht, für ungebildet zu gelten,
-wenigstens durch ihr Nichterscheinen geringes Interesse an der schönen
-Literatur zu verraten, vereinigte den größten Teil des Rempenschen
-Klubs in dem Gartensaal, den man zum Sammelplatz bestimmt hatte.
-Der junge Rempen war zu Pferd herausgekommen, geraume Zeit vor den
-übrigen Gästen; gedankenvoll setzte er sich auf den Altan des Hauses
-und schaute in den Fluß hinab. Wie so gern hätte er sich schon heute
-am frühen Morgen Gewißheit verschafft, warum Elise so plötzlich mit
-Palvi gebrochen, auf eine Weise gebrochen, die notwendig, er gestand
-es sich mit Schmerz, auf den Charakter des jungen Mannes einen düstern
-Schatten werfen mußte. Oft verwünschte er den gestrigen Tag und daß er
-diesen Menschen kennen gelernt habe, nur um ihn heute unaussprechlich
-zu achten und vielleicht morgen zu verlieren, zu -- bedauern; denn
-verachten? nein, es konnte keinen Fall geben, der ihm diesen Mann
-hätte verächtlich machen können. War es denn möglich, daß eine so
-großartige Seele etwas Gemeinem, Niedrigem sich hingeben konnte? »Er
-ist arm,« sagte der gutmütige Rempen zu sich, »er muß dürftig sein,
-denn seine Stelle kann ihn nicht ernähren; vielleicht hat er wieder
-Schulden gemacht, sie hat es erfahren und deutet als Leichtsinn, was
-vielleicht Not ist? Aber kann, selbst wenn es Leichtsinn wäre, dieser
-den Geliebten in ihren Augen verächtlich, elend machen?« Wie ergrimmte
-er in seiner Gedankenfolge über jene Schranken, welche das Herkommen
-und die »gute Sitte« um vornehme Häuser und ihre Töchter gezogen,
-wie unnatürlich erschien es ihm, daß der Geliebte die Zürnende nicht
-in ihrem Hause, auf dem Wege, überall befragen, vielleicht versöhnen
-konnte, daß vielleicht ein kleines, aber sichtbares Ausweichen, eine
-scharfe und laut gesprochene Rede dazu gehörte, ihn, nach den Sitten
-der Gesellschaft, auf immer von sich zu entfernen! »Oder wie? Sollte
-sie ihn vielleicht nie geliebt haben?« setzte er getrösteter hinzu. »Es
-wäre möglich, daß ihm diese Gewißheit weniger schmerzlich wäre als ihr
-Haß; aber -- darf sie ihn deswegen hassen?«
-
-Ein großer Zug von Damen und Herren hatte während dieser Gedanken
-des jungen Rempen den Berg erstiegen und war jetzt in den Gartensaal
-getreten.
-
-Noch fehlte Elise, aber man konnte nur um so ungezwungener ihren
-Geschmack und ihre Belesenheit bewundern. Auch Palvi wurde gebührendes
-Lob gespendet; man hatte selten mit dieser Gewandtheit, mit diesem
-Ausdruck etwas vorlesen gehört, und die Bewunderung stieg, als man sich
-sagte, daß er wahrscheinlich diesen Roman nicht zuvor gelesen habe.
-Elise kam mit Onkel und Tante Rempen angefahren, und Julius vergaß so
-ganz seine vorigen Gedanken, seine Vorsätze, daß er vor Freude errötend
-herbeisprang, sie aus dem Wagen zu heben, daß er halb unbewußt ihre
-Hand drückte und dies erst erkannte, als er diesen Druck erwidert
-fühlte. Alle jene düstern Bilder, die auf dem Altan vor seiner Seele
-vorübergezogen, verschwanden vor dem Glanz ihrer Schönheit. Er hatte
-sie nie so reizend, so wundervoll gesehen, wenigstens so huldreich
-war sie nie gegen ihn gewesen. Den Grund davon gestand ihm in einer
-Ecke des Saals die Tante. Er hatte den Zirkel gestern abend so bald
-verlassen, daß Elise glaubte, sie habe ihn gekränkt. Dieser Gedanke
-erfüllte ihn jetzt so ganz, daß er in ihre Nähe eilte, daß er mit ihr
-sprach und scherzte und erst durch die wiederholte Mahnung seines
-Onkels darauf aufmerksam gemacht werden konnte, daß die Gesellschaft
-sich bereits im Kreise gesetzt habe und die Erzählung des Fräulein
-Wicklow erwarte.
-
-»Mein Unfall,« sprach sie mit leichtem Erröten, »hat mich gestern,
-wenn ich nicht irre, gerade bei der Zusammenkunft der Ritter mit dem
-Fräulein getroffen. Des Fräuleins Vater, der nicht nur von außen,
-sondern auch im Innern dem Bund durch Zwischenträgerei und Uneinigkeit
-zu schaden sucht, hat überall Spione. Erwünscht ist ihm, daß ihm einer
-die Anzeige von jenem nächtlichen Rendezvous macht. Er denkt keinen
-Augenblick daran, daß es seine Tochter sein könnte, sondern schleicht
-sich mit Knechten in jene Ruinen und überfällt zuerst den Freund; die
-Dame und ihre Amme, die immer zugegen war, entfliehen; es kommt zum
-Gefecht, die Knechte werden in die Flucht geschlagen, und auch der Alte
-zieht sich zurück, doch nicht ohne sich vorher mit einem Zeichen von
-seinem Gegner versehen zu haben.
-
-»Den andern Tag versammelt der Großmeister ein Kapitel. Er entdeckt
-den Rittern diesen Vorfall und beschwört die Schuldigen, sich zu
-nennen. Sie schweigen. Noch einmal fordert er sie vergebens auf und
-zeigt dann der Versammlung eine goldne Kette, woran ein Siegelring
-befestigt ist. Das Wappen wird erkannt, und der Freund sieht sich
-genötigt, zu gestehen. Er übersieht mit klarem Blick seine Lage; die
-geschärften Gesetze müssen ihn schuldig sprechen, darum ist für ihn
-keine Rettung. Doch glaubt er, da er selbst verloren ist, seinen Freund
-retten zu können. Er gesteht, in den Ruinen mit einer Dame gesprochen
-zu haben. Der Meister ist tief ergriffen von diesem Geständnis; es
-ist ein tapferer, junger Mann, den das Urteil trifft, er wurde von
-vielen geliebt. Peinlich ist die Lage des Helden selbst, und treffend
-die Beschreibung, wie die Furcht vor Entehrung, die Hoffnung, der
-Freund könne gerettet werden, ihn bald zur Entdeckung antreiben, bald
-davon zurückhalten. Das Urteil der Ritter wird gesammelt. Es lautet:
-›Entehrender Ausschluß aus dem Orden.‹ Jetzt aber erzählt der Meister,
-daß noch ein zweiter Johanniter diesen Fehltritt geteilt habe; er
-verspricht, die Strafe in Entlassung zu mildern, wenn der Schuldige
-den Mitschuldigen entdecke. Jener schweigt und verratet ihn nicht. Da
-stürzt der Neffe des Meisters hervor und bekennt seine ganze Schuld.
-Diese Szene, der Schmerz des alten Ulrich von Elrichshausen und der
-Wettstreit der Freunde, von welchen jeder der Schuldige sein will, ist
-so treffend, daß man sie hören muß.«
-
-Jetzt erst sah man sich nach dem Vorleser um. Doktor Zundler sprang
-nach dem Buch, das auf dem Tische lag, um zu lesen, und hatte sich
-schon mit freundlichem, zuversichtlichem Lächeln Elisen genähert, als
-der alte Rempen plötzlich aus den dichten Reihen der Männer Palvi
-herbeiführte. »Nein, nein,« sagte er, »hier steht der Mann, der uns
-gestern gezeigt hat, wie gut er einen Roman vorlese; ich denke,
-bester Doktor, Ihre Stimme paßt mehr zum Leichten, Lyrischen.« Mit
-spöttischem, halb verlegenem Lächeln reichte der Doktor das Buch hin,
-und Palvi las, wenn es möglich war, noch schöner als am gestrigen
-Abend. Diese erhabene und so unglückliche Freundschaft, die Zeremonien
-ihrer Ausstoßung aus dem Orden, ihre letzten Worte, als sie das Schloß
-verlassen, lockten in manches Auge Tränen der Wehmut, und Elise
-selbst schien so gerührt, daß Palvi mehrere Kapitel weiter las, um
-ihr Fassung zu geben. Unsern Lesern ist dieser Roman zu bekannt, als
-daß wir nicht besorgen müßten, sie durch längere Auseinandersetzung
-zu ermüden. Jene interessanten Abteilungen, wo die beiden verstoßenen
-Ritter an den romantischen Ufern der Nogat umherstreifen, jene
-glücklichen Schilderungen eines schönen Landes, die Nachrichten über
-die alten Preußen, in deren Mitte der Orden zwei Jahrhunderte zuvor
-den Samen der Kultur getragen hatte, ihre altertümlichen Gebräuche,
-die unverkennbaren Spuren heidnischer Sitten, auf sonderbare Weise mit
-christlichem Ritus vermischt, dies alles, getragen und veredelt von
-der tiefen Melancholie Kunos, von seines Freundes Seelenstärke und
-heiterem, unverzagtem Mut, spannte die Zuhörer und riß sie hin.
-
-Elise hatte sich bald wieder so weit gefaßt, daß sie mit Ruhe weiter
-erzählen konnte. Sie erzählte, wie die beiden Vertriebenen die
-Verräterei des Ordenskastellans entdecken, der die Polen heimlich nach
-Marienburg rief; wie sie unter Gefahr und Beschwerden sich durch die
-aufrührerischen Preußen nach Marienburg durchschlagen, den Meister
-warnen und verborgen auf Gelegenheit harren, dem Orden zu nützen. Mit
-großer Begeisterung las Palvi jene Schlachtszenen, worin der Meister,
-bei einem Ausfall auf die Polen, von seinem Neffen gerettet wird, wo
-der Freund die heilige Fahne des Ordens, der ihn verstoßen, aus dem
-dichtesten Haufen der Feinde zurückbringt und diese erhabene Tat
-mit einer tödlichen Wunde zahlt. Tiefe Rührung brachte jene Szene
-hervor, wo der Sterbende seinem Freund so manches Rätselhafte in
-seinem Betragen auflöst und ihm gesteht, daß auch er selbst Wanda
-aufs innigste geliebt habe. Der Schmerz um den Sterbenden bewegt Kuno
-zu dem romantischen Entschluß, seiner Liebe auf immer zu entsagen,
-besonders da ein Verdacht in ihm keimt, daß sie ihn weniger geliebt
-als den Freund. Die nächtliche Bestattung dieses edeln Menschen, die
-Wiederaufnahme Kunos in den Orden waren von ergreifender Wirkung, nicht
-minder rührend Wandas Versuche, den Geliebten noch einmal zu sprechen,
-und als sie sich vergessen glaubt, ihr schnelles Hinwelken.
-
-Der Kastellan ist von dem Czirwenka, dem Hauptmann der böhmischen
-Besatzung, der dessen Geständnis fürchtet, selbst getötet worden;
-verlassen, verwaist, auch von der Liebe verlassen, will sie nur
-so lange noch in der Nähe des Geliebten weilen, bis der Frühling
-heraufkommt; doch nicht nur diese zarte Blume, auch der Orden trägt den
-Tod im Herzen, und beide sollten den letzten Frühling in Marienburg
-sehen.
-
-Der Großmeister Ulrich von Elrichshausen kann sich mit seinen Rittern
-nicht mehr gegen den Aufstand der Preußen und gegen seine eigenen
-Söldner halten. Er will den Orden nach Deutschland führen und bedingt
-sich von den Verrätern freien Abzug. Schon sind die Pferde gerüstet,
-der Zug will aufbrechen, und die Ritter nehmen mit blutenden Herzen
-von den Hallen dieser Burg Abschied. Und als alle noch einmal ihr
-Teuerstes mustern, was sie verlassen sollen, kann Kuno dem letzten
-Ruf der Geliebten nicht widerstehen; er will zu ihr -- und findet sie
-sterbend. Sie schien nur noch so viel Leben in sich zu tragen, um ihn
-von ihrer Treue, ihrer Liebe zu versichern. Indessen hat Czirwenka die
-Tore geöffnet. Sechshundert Polen ziehen ein, und, statt dem Orden
-freien Abzug zu gönnen, wird der Großmeister vom Pferde gerissen,
-verspottet und verhöhnt. Kuno verläßt die sterbende Geliebte, um ihm
-beizuspringen; ein heftiges Gefecht entspinnt sich in den Höfen;
-einem großen Teil der Ritter, den Meister in der Mitte, gelingt es,
-zu entkommen, aber Kuno mit sechs anderen tapferen Ordensbrüdern,
-welche die Fahnenwache bildeten, werden von den übrigen abgeschnitten;
-kämpfend ziehen sie sich über die breiten Stufen bis in den großen
-Rempter zurück, wo sonst die Ordensfahne stand. Der Entschluß, sie
-lebend nicht zu übergeben, beseelt sie, sie pflanzen das Panier an
-seinem alten Standpunkt auf und umgeben es. Lange gelingt es ihnen,
-das Siegeszeichen so vieler Schlachten zu verteidigen. Aber die Polen
-dringen immer heftiger ein; Uebermacht und Verrat siegen, und über ihre
-Fahne gebreitet, sterben _die letzten Ritter von Marienburg_.
-
-Es entstand eine Pause, als Palvi geendet hatte; es schien niemand
-zuerst jene Stille stören zu wollen, die unter zwei oder drei heilig
-und rührend, in größeren Gesellschaften peinigend ist. Doch je
-erhabener das Gefühl ist, welches zu einer solchen Ruhe zwingt, desto
-ängstlicher sind die Menschen, mit etwas Gemeinem diese Nachklänge
-tieferer Empfindungen zu unterbrechen. Sie rennen dann auf allen vieren
-durch die Speisekammer ihrer Erinnerung, um etwas Feines, Eingemachtes,
-Kandiertes vorzusetzen, statt ihre frischen natürlichen Gefühle
-sprechen zu lassen.
-
-»Dieser ganze Roman,« lispelte endlich eine Dame, deren Blässe und
-feuchte Augen auf zarte Nerven schließen ließen, »kommt mir vor wie
-jener Ausspruch Jean Pauls: ›Wie manche stille Brust ist nichts als der
-gesunkene Sarg eines erblaßten geliebten Bildes.‹ Dieser Hüon liebt
-gewiß unglücklich, und darum gefällt er sich in diesem tragischen
-Geschick.«
-
-»Gerade dies kommt mir überaus komisch vor,« bemerkte der Hofrat,
-dem Neid und Verdruß um die Nasenflügel spielten; »dieser Mensch hat
-zu wenig Tiefe, zu wenig Empfindung, um die Wehmut, das Unglück zu
-zeichnen, doch ich habe mich an einem andern Ort hinlänglich darüber
-ausgesprochen. Gewiß, es ist so, wie ich sage. Es steht ja gedruckt,
-mein Urteil,« setzte er hinzu, indem er sich vornehm in den Stuhl
-zurücklehnte.
-
-»Doch glaube ich, auch gegen ein gedrucktes findet noch Appellation
-statt,« sagte der junge Rempen mit gleichgültiger Miene.
-
-»Wieso?« rief der Hofrat errötend.
-
-Rempen war etwas betroffen, aber die munteren Augen seines Oheims, der
-hinter dem Stuhl des Hofrats stand, winkten ihm, fortzufahren. »Ich
-meine, ich habe so etwas gelesen, das Ihr Urteil, bester Hofrat, völlig
-umstieß,« entgegnete er; »übrigens ist ein gedrucktes Urteil immer nur
-das Urteil eines einzelnen, und dem einzelnen muß erlaubt sein, dagegen
-zu streiten. Ich zum Beispiel finde diesen Roman besser, als Sie ihn
-gemacht haben. Auch glaube ich, Tiefe des Gefühls müsse dem abgehen,
-der dies in den letzten Rittern von Marienburg nicht findet.«
-
-Der Oheim hatte solches wohl nicht geahnt, denn er und die ganze
-Gesellschaft schienen erstaunt über die Kühnheit des Stallmeisters.
-
-»Solche historischen Romane,« nahm der Professor das Wort, »sind nur
-Fabrikarbeiten. Die Form ist gegeben, und wie leicht, wie sicher
-läßt sich diese Form von jedem handhaben! Nehmen Sie irgend einen
-Lappen der Welthistorie, zerreißen ihn in kleine Fetzen und kleiden
-die hergebrachten Personen von A bis Z darein, so haben Sie einen
-historischen Roman. Die weitere Entwicklung ist leicht, besonders wenn
-man es sich so leicht macht wie dieser Hüon, und nur genugsam Floskeln
-eingestreut sind; wenn das Tränentuch häufig als Panier aufgepflanzt
-wird, so kann der Eindruck nicht verfehlt werden.«
-
-»Und doch deucht mir,« erwiderte Palvi, »es ist bei weitem schwerer,
-einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer wahren, vernünftigen
-und billigen Kritik entspricht, als ein Drama zu schreiben.«
-
-»Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige Kritik, Herr
-Referendarius?« fragte Doktor Zundler mit ungemein klugem und
-spöttischem Gesicht.
-
-»Man muß ein Buch,« erwiderte Palvi mit großer Ruhe, »man muß besonders
-ein Gedicht zuerst nach den Empfindungen beurteilen, die es in uns
-hervorruft, denn auf Gefühl ist ja ein solches Werk berechnet; es soll
-angenehm unterhalten, durch den Wechsel freudiger und wehmütiger Szenen
-befriedigen. Und dann erst, wenn unser Herz darüber entschieden hat,
-daß das Buch ein solches sei, das unsere Gefühle erhoben, befriedigt
-hat, dann erst erlaube man dem Verstand, sein Urteil darüber zu fällen,
-und ihm bleibt es übrig, nachzuweisen, was in Anordnung oder Stil
-gefehlt ist.«
-
-»Da müßte man am Ende alle Herzen abstimmen lassen,« sagte der Hofrat
-mitleidig lächelnd, »müßte umherfragen: hat's gefallen oder nicht?
-ehe man ein öffentliches Urteil fällt. Aber dem ist nicht so; unsere
-Journale waren es von jeher, denen zu loben oder zu verdammen zustand,
-und der gebildete, geläuterte Geschmack ist es, der dort richtet.«
-
-»Ueberhaupt dächte ich,« setzte Doktor Zundler mit zärtlichem
-Seitenblick auf Elisen hinzu, »man kann über Dinge dieser Art in
-Gesellschaft eine gebildete Dame mit Vergnügen hören, wie schon Goethe
-im Tasso sagt, aber ein öffentliches Urteil müssen nur Leute vom Fach
-fällen, und nur Leute vom Fach können dagegen opponieren.«
-
-»Und halten Sie sich etwa für einen Mann vom Fach?« fragte Palvi mit
-großem Nachdruck.
-
-Der Doktor verbarg seinen Unmut über diese Frage nur mühsam hinter
-einem lächelnden Gesicht. »Ich denke, die Welt zählt mich zu
-Deutschlands Dichtern,« sagte er.
-
-»Die Welt,« antwortete der Referendar, »die betrogene Welt, aber nicht
-ich; so wenig als ich meinen Dekopisten für ein Genie halte.«
-
-Die Gesellschaft fiel aus ihrer Spannung in eine sonderbare Bewegung.
-Die Damen sahen unmutig auf Palvi, ein Teil der Männer lachte über des
-Doktors auffallenden Mangel an Fassung, ein anderer Teil mißbilligte
-laut solche Reden in einer guten Gesellschaft.
-
-»Herr von Palvi,« rief endlich Zundler bebend, man wußte nicht, ob vor
-Wut oder Schrecken, »wie soll ich Ihre sonderbaren Reden verstehen?«
-
-»Ja, ja, Doktor,« sagte der Stallmeister laut lachend, »auch mit meiner
-Bewunderung hat es ein Ende; man sagt, Sie haben sich Ihre Gedichte und
-sonstigen schönen Sachen machen lassen.«
-
-»Machen lassen?« fragte der Chorus der Literatoren mit Bestürzung.
-
-»Hat sie machen lassen?« rief die Gesellschaft.
-
-»Wer wagt dies zu sagen?« schrie der Doktor, indem er bleich und
-atemlos aufsprang.
-
-»Nun, leider derjenige selbst, der sie Ihnen verfertigt hat,«
-antwortete Rempen mit großer Ruhe, »der Magister Bunker; er logiert
-oben in Ihrem Hause.«
-
-Der entlarvte Dichter versuchte noch einige Worte zu sprechen; er war
-anzusehen wie der Kopf eines Enthaupteten; die Augen drehen sich noch,
-die Lippen scheinen Worte zu sprechen, aber der Geist ist entflohen,
-der diesen Organen Leben gab. Eilig drängte er sich dann durch den
-Kreis, stürzte nach seinem Hut und verließ den Saal und die vor
-Verwunderung verstummte Gesellschaft.
-
-»Ist es denn wahr?« sprach endlich die von Angst und Sorge erbleichte
-Elise, indem sie den Stallmeister sehr ernst ansah.
-
-»Gewiß, mein Fräulein!« erwiderte dieser lächelnd. »Ich würde der
-Gesellschaft diese Szene erspart haben, aber ich war zu tief über
-diese freche Stirn erbittert, womit dieser Mensch mich und Sie alle
-hinterging. Doch hören Sie von dem wunderlichen Mann, der ihm alles
-dichtete.«
-
-Man setzte sich schweigend, und Rempen erzählte; während seiner
-Erzählung schlich sich der Redakteur der »Blätter für belletristisches
-Vergnügen« aus dem Saal, ihm folgten seine Genossen, beschämt und
-ergrimmt über sich, den Doktor und die ganze Welt. Der Gesellschaft
-aber gereichte die Erzählung des Stallmeisters zu nicht geringem
-Vergnügen. Die gute Stimmung war wiederhergestellt, der Punsch, den
-der alte Rempen als Nachsatz von gestern gab, löste die Zungen, man
-fühlte sich weniger beengt, seit die öffentlichen Schiedsrichter
-hinweggegangen waren, man sprach allgemein das Lob des vorgelesenen
-Romans aus. Auch die Toasts wurden nicht vergessen, und als Julius von
-Rempen die Gesundheit aller wahrhaften Dichter und ihrer gründlichen
-Kritiker ausgebracht hatte, wagte es Elise, mit glänzenden Augen, aber
-tief errötenden Wangen, die Gesellschaft aufzufordern, auf das Wohl des
-neuen Hüon und der letzten Ritter von Marienburg zu trinken.
-
-
-9.
-
-Elise hatte dem Stallmeister, als er beim Nachhausefahren neben dem
-Wagen ritt, erlaubt, sie den andern Tag zu besuchen; er kam, er fand
-sie allein und gütiger gegen ihn gesinnt als je. Sie neckte ihn über
-seine Eingriffe in die literarische Welt und riet ihm, nie etwas
-drucken zu lassen, denn er habe alle Rezensenten gegen sich aufgebracht.
-
-»Und sind denn nicht auch Sie mir einige Minuten gram gewesen,« fragte
-er lächelnd, »weil es einer Ihrer Freier war, den ich entlarvte?«
-
-»Einer meiner Freier?« fragte sie hocherrötend. »Zundler? Sie irren
-sich.«
-
-»O, Sie schenkten ihm oft ein geneigtes Ohr,« fuhr er fort,
-»verabschiedeten mich oft mitten im Gespräch, um auf die Worte dieses
-großen Dichters zu lauschen!«
-
-»Gewiß nicht, Rempen!« antwortete sie verlegen. »Und _einer_ meiner
-Freier, sagten Sie, als ob ich deren viele hätte!«
-
-»Ich kenne wenigstens einige,« erwiderte er mit lauerndem Blick.
-
-»Und wen?«
-
-»Zum Beispiel Palvi.«
-
-»Palvi!« rief sie erbleichend. »Was wollen Sie mit Palvi? Ich kenne ihn
-nicht.«
-
-»Elise,« erwiderte der Stallmeister sehr ernst, »Sie kennen ihn. Der
-Zufall ließ mich vorgestern hören, daß Sie ihm selbst sagten, wie gut
-Sie ihn kennen. Sie lieben ihn.«
-
-»Nimmermehr!« rief sie mit glühendem Gesicht. »Er ist ein
-Abscheulicher! Glauben Sie, ich werde einen Elenden lieben, der -- mein
-Kammermädchen anbetet?«
-
-»Elise! Palvi?«
-
-»Ja, ich gestehe es,« flüsterte sie, in Tränen ausbrechend, »Ihnen
-gestehe ich es, es gab eine Zeit, wo ich für diesen Menschen alles
-hätte tun können. Ich kannte ihn noch aus meiner Kindheit und auch
-später, er war mir wert. Aber hören Sie: schon oft hatte mir mein
-eingebildetes Kammermädchen von einem schönen Herrn erzählt, der sie
-immer anrede, ihr von Liebe vorschwatze, und dem sie recht herzlich
-zugetan sei. Eines Tages stand sie dort am Fenster; auf einmal schlägt
-sie die Hände zusammen vor Freude, bittet mich, ans Fenster zu treten,
-und ruft: ›Sehen Sie, der dort in der Türe des Buchladens steht, der
-ist der schöne Herr.‹ Sie macht mir Platz, ich trete arglos hin, und
-aus dem Laden tritt in diesem Augenblick --«
-
-»Wie, doch nicht Palvi?« rief der Stallmeister, ergrimmt über das
-schlechte Betragen eines Mannes, den er geachtet hatte.
-
-»Er selbst,« flüsterte Elise und drückte ihre weinenden Augen in ihr
-Tuch.
-
-Der Stallmeister überließ das unglückliche Mädchen einige Minuten
-der Erinnerung an einen tiefen Kummer, hatte er ja doch selbst diese
-Pause nötig, um sich zu sammeln. Liebe, Mitleiden, so viele andere
-Empfindungen stürmten auf ihn ein, rissen ihn hin, Elisens Hand zu
-ergreifen und sie an seine brennenden Lippen zu ziehen. Erschreckt,
-überrascht blickte sie ihn an; doch schien ein günstiges Gefühl für ihn
-ihren strafenden Blick zu mildern.
-
-»Und darf ein Mann,« sprach er bewegt, »zu Ihnen von Liebe reden,
-nachdem Sie so Bitteres von uns erfahren? Darf er sagen, er würde treu
-sein bis in den Tod, wenn Sie ihm nur einen Teil jener Liebe schenken
-könnten, die jener ganz besaß?«
-
-»Julius, was fällt Ihnen ein?« rief sie mit bebenden Lippen, doch ohne
-ihm ihre Hand zu entziehen. »Wozu --«
-
-»Elise,« fuhr er fort, »ich kann einem so großen und schönen Herzen,
-wie das Ihrige ist, wenig Trost geben; aber die Zeit mildert, und kann
-nicht treue und aufmerksame Liebe selbst schönere Vorzüge ersetzen?«
-
-Sie wollte antworten, sie errötete und schwieg, aber ihren Blick voll
-Liebe und Wehmut durfte er günstig für sich deuten; er schloß sie in
-seine Arme und küßte ihren schönen Mund.
-
-»Aber, mein Gott, Rempen,« sagte sie, indem sie sich sanft von ihm
-loszumachen suchte, »was machen Sie doch?«
-
-»Ich habe dich ja längst geliebt,« fuhr er fort, »hatte nur _einen_
-Wunsch, ich glaubte dein Herz nicht mehr frei und zögerte; jetzt, da
-ich weiß, daß nur Gram, aber keine fremde Liebe in diesem Herzen wohnt,
-jetzt muß ich dieses lästige Geheimnis von mir werfen. Aber wie? --
-zürnen Sie mir vielleicht über alles dieses?«
-
-»Julius!« rief sie erschreckt von dem wehmütigen Ton, womit er
-die letzten Worte sagte. Dieser Name, so sanft und wohlwollend
-ausgesprochen, ihr ängstlicher, zärtlicher Blick sagten ihm mehr als
-alle Worte. »Und darf ich mit dem Vater reden, Elise? Darf ich?« setzte
-er hinzu.
-
-Sie errötete und erbleichte ebenso schnell wieder, sie sah ihn eine
-kleine Weile prüfend an, eine Träne trat in ihre schönen Augen; aber um
-ihren Mund zog ein flüchtiges, feines Lächeln; sie drückte seine Hand;
-eine kleine Bewegung des Hauptes und die hohe Röte, die wieder über
-ihre Wangen ging, sagten ja, und schnell, wie vom Wind hinweggetragen,
-war sie in ein anderes Zimmer entschlüpft.
-
-Der Stallmeister war in jeder Hinsicht eine so gute und anständige
-Partie, daß der alte Wicklow, als der Geheimrat von Rempen für seinen
-Neffen warb, keinen Anstand nahm, seine Zusage zu geben. Der junge Mann
-selbst war so von seinem süßen Glück erfüllt, daß er lange nicht an
-die Begebenheiten dachte, die diesem wichtigen Schritt vorangegangen
-waren. Endlich erinnerte ihn ein Zufall an Palvi; so unangenehm diese
-Erinnerung war, so fühlte er doch als Mann und als künftiger Gatte
-Elisens, daß er diesem Menschen, mochte er sich auch wirklich schlecht
-gezeigt haben, Erklärung schuldig sei. Und wie bebte seine Hand, als er
-ihm in wenigen Zeilen sagte, daß Elisens Widerwille unüberwindlich sei,
-daß er ihn versichern könne, daß sie niemals einen Mann mehr lieben
-werde, welchen sie aufzugeben nicht unrecht gehabt, daß er selbst
-versuchen wolle, Palvis Stelle bei ihr zu ersetzen. Ja, seine Hand,
-sein Herz bebte, als er diese Buchstaben niederschrieb; es konnte ihn
-nicht beruhigen, daß er sich ins Gedächtnis recht lebhaft zurückrief,
-wie niedrig und elend dieser Mensch an einer so zarten, heiligen Liebe,
-wie sie Elise gab, gefrevelt habe. Die edeln Züge, das Auge dieses
-Mannes standen vor ihm; sein so hoher und liebenswürdiger Geist, so
-fein in Urteil und Benehmen, und dennoch so wenig sittliche Würde? Die
-Erinnerung an jenen Abend, wo sich ihm dieser Mensch so ernst und doch
-so herzlich genähert hatte, wo er ihm sein inneres Leben aufschloß
-und ein verarmtes Herz bei solchem Reichtum der Gedanken, eine tief
-verwundete Seele bei solcher Gesundheit des Geistes zeigte, machte ihn
-so wehmütig, daß er nahe daran war, die kaum geschriebenen Zeilen zu
-zerreißen; aber der Gedanke an Elise, die Vermutung, daß dieser Palvi
-so schöne Empfindung, so tiefe Rührung nur geheuchelt haben müsse,
-erkälteten schnell seine warme Teilnahme. Entschlossen schickte er den
-Brief ab, und doch deuchte es ihm, als er seinen Boten verschwinden
-sah, er habe einen Todespfeil auf ein edles Herz entsendet.
-
-
-10.
-
-Der alte Herr von Rempen erinnerte sich mehrerer Fälle, wo die
-feierliche Verlobung gräflicher, sogar fürstlicher Paare gleich den
-andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen worden, vor
-sich gegangen war. Er stand daher um so weniger an, seinen Neffen und
-Elisens Vater zu gleicher Eilfertigkeit zu treiben, als er selbst
-gleich nach dieser Szene, wobei, seiner Meinung nach, sein Segen
-notwendig war, auf mehrere Wochen auf das Land gehen wollte. So kam
-es, daß sich der Stallmeister durch den verhängnisvollen Zug der
-Umstände in die ruhige Bucht eines schönen, häuslichen Glückes versetzt
-sah, als er sich kaum noch auf hoher See glaubte oder wenigstens
-von Klippen träumte, an welchen seine Hoffnung auf immer scheitern
-könnte. Am Morgen jenes festlichen Tages, der zu seiner Verlobung
-angesetzt war, brachte ihm ein Knabe einen Brief; die Hand, die ihn
-geschrieben, war ihm unbekannt. Er öffnete und fand den Namen des
-Magisters Bunker unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen
-sein mochten, mit welchen dieser Name in Verbindung stand, so machte
-doch das Andenken an diesen alten Mann und die wenigen rührenden Worte
-des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er bat, der Stallmeister möchte
-dem Knaben zu ihm folgen; er habe ihm notwendig etwas zu eröffnen und
-sei selbst zu schwach und angegriffen, als daß er über die Straße gehen
-könnte. Rempen fürchtete anfangs ein Zusammentreffen mit Palvi. Als
-aber der Knabe auf seine Frage, ob Herr von Palvi bei dem Alten sei,
-antwortete: »Ach nein! der ist ganz schnell weggereist und kommt nimmer
-wieder, und der alte Herr Magister hat geweint wie ein Kind,« nahm er
-eilends seinen Hut und folgte.
-
-Der Knabe führte ihn durch mehrere Seitenstraßen in einen abgelegenen
-Teil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker wohnten, bis vor ein
-kleines, aber reinliches Haus. Dort stieg er eine Treppe hinan und
-öffnete dem Stallmeister eine Türe. Es war ein Zimmer voll Verwirrung
-und Unordnung, in das sie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden
-zerstreut, und die Trümmer einer Gitarre mischten sich mit ausgeleerten
-Flaschen und alten Schuhen. Auf den Stühlen lagen Kleidungsstücke, auf
-dem schlechten Kanapee aber saß, den Kopf in die Hand gestützt, ein
-Mann, in welchem Rempen den Alten erkannte. Beim Geräusch, das ihr
-Eintritt verursachte, wandte er den Kopf um und hatte Tränen in den
-alten Augen.
-
-»Vergeben Sie mir!« sagte er, indem er mit Mühe sich aufraffte. »Meine
-Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen, und meine Hand zittert -- ich
-mußte meine Botschaft mündlich geben.«
-
-»Was ist vorgegangen!« rief der junge Mann bestürzt. »Sie sind krank,
-Sie weinen, um wen? Und von wem eine so feierliche Botschaft?«
-
-Der Alte trocknete sich die Augen. »Er hat viel auf Sie gehalten,«
-sprach er, »noch gestern und vorgestern hat er immer von Ihnen
-gesprochen und innig bedauert, daß er Sie so spät erst kennen gelernt
-hat. Sie hätten können herzliche Freunde werden, denn Sie sind keiner
-von den schuftigen Gesellen, die er verabscheute.«
-
-»Mein Gott, Sie sprechen von Palvi? Wo ist er?«
-
-»Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Flusses bewahrt haben!«
-erwiderte der Alte sehr ernst; »doch nicht wahr, junger Mann, es gehört
-größere Kraft dazu, einen Kummer zu tragen, als sich von ihm zerbrechen
-zu lassen? Nicht wahr? Ich glaube es wenigstens, und er ist eine
-kräftige Seele, er kann nicht zum Selbstmörder werden.«
-
-Rempen verhüllte sein Gesicht, er konnte den tiefen Gram des Alten
-nicht länger sehen. Aber dieser zog ihm ängstlich die Hand von den
-Augen. »O lesen Sie doch,« sagte er; »lesen Sie genau, prüfen Sie jedes
-Wort, nicht wahr, es steht nichts darin, daß er sich töten wolle?«
-
-Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Worten ein kurzer, aber
-ergreifender Abschied an den Alten. Er müsse ihn und diese Stadt
-verlassen, schrieb er. Als Grund gab er nur flüchtig sein unglückliches
-Verhältnis zu Elisen an, von welchem der Alte völlig unterrichtet
-schien.
-
-Rempen suchte den Alten zu trösten; »es sei so natürlich,« sagte er,
-»daß Palvi sich zerstreuen wolle, daß er vielleicht nur eine kleine
-Reise mache!«
-
-Aber der Alte schüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf. »Er kommt nicht
-wieder; und ach! ich habe keine Freude und keinen Freund mehr! Er hat
-alle seine kleinen Rechnungen bezahlt, und mir,« setzte er weinend
-hinzu, »mir hat er seine Bücher und alles hinterlassen. -- Doch mein
-Auftrag. Sie sehen, wie sehr er Sie schätzte, hier ist ein Paket mit
-Büchern an Sie, die Adresse schrieb er noch heute morgen, und in einem
-kleinen Zettelchen, das er darauf gelegt hat, bittet er mich, Sie bei
-allem, was heilig sei, zu versichern, daß er kein schlechter Mensch
-gewesen sei, daß er Sie liebe und in Ihrem Glück sein eigenes finde.«
-
-Indem der Magister noch diese Worte sprach, hörte man ein Geräusch auf
-der Treppe, eilende Schritte nahten dem Zimmer, die Türe ging auf, und
-ein Zeitungsblatt in der Hand stürzte der Buchhändler Kaper in das
-Zimmer. »Wo ist er?« rief er erhitzt und atemlos; »wo ist der große und
-unvergleichliche Hüon, unser Scott, unser letzter Ritter! Wo ist Blüte
-und Kern unserer Literatur? Ich meine den Herrn Referendär von Palvi,
-der hier logiert, wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, als er den
-Gesuchten nicht im Zimmer fand.
-
-»Er ist verreist,« antwortete der Alte.
-
-»Himmel! komme ich zu spät?« fuhr Kaper fort, »wissen Sie nicht, hat
-Hüon schon einen Verleger zum nächsten Historischen? Daß wir es erst
-heute erfahren müssen! -- Ei! ei! gratuliere, Herr Stallmeister, zu
-meiner schönen Nachbarin -- aber wer hätte das gedacht, daß wir den
-göttlichen Hüon in den eigenen Mauern hätten, daß es dieser Herr von
-Palvi wäre!«
-
-»Wie!« rief der Stallmeister, indem er den Alten staunend anblickte.
-»Er wäre Hüon?«
-
-»Da steht's, da steht's gedruckt im Konversationsblatt,« schrie der
-Buchhändler, seine Zeitung dem jungen Rempen überreichend.
-
-»Hüon,« sagte der Alte, »er war Hüon. Wohl hat er den Ungläubigen die
-Backenzähne ausgezogen, und vergebens kämpften sie gegen meinen edlen,
-jugendlichen Paladin, aber sein Geschick wollte, er sollte Hüon ohne
-Rezia sein.«
-
-Noch einmal öffnete sich die Türe und spie, wie das Tor im Löwengarten
-des Königs Franz, zwei Leoparden auf einmal aus. Es waren der Hofrat
-und der dramatische Professor, die hereinstürzten. »Wo ist er?« riefen
-sie. »Vergessen sei alle Fehde! Wir hatten ja einen ganz andern im
-Verdacht, der Autor dieses Romans zu sein; darum, gewiß nur darum haben
-wir ihn gehauen. Ins Freitagskränzchen soll er kommen, Mitarbeiter
-soll er werden am belletristischen Vergnügen! Den Zundler soll er uns
-ersetzen, der treffliche Hüon.« So schrieen sie durcheinander, aber
-mit Hohn und Verachtung blickte sie der Alte an. »Ihr findet ihn nicht
-mehr,« sagte er. »Er ist hinweg für immer.«
-
-»Hat er etwa einen Ruf bekommen?« rief der Professor.
-
-»Ha!« rief ihm der Hofrat nach, »das ist ja wohl Zundlers rätselhafter
-Magister. Herrlicher Fund! Wir zahlen zehn Taler pro Bogen,
-Wertgeschätzter; arbeiten Sie mit an unserm Blatt, was Sie wollen;
-Gedichte, Novellen, Rezensionen, Kunstgefühle, wir nehmen alles auf!«
-
-»Zurück!« entgegnete der alte Mann mit mehr Hoheit, als ihm Rempen
-zugetraut hatte; »ich habe einen Freund verloren, eine große, schöne
-Seele, und bin nicht gesonnen, ihn mit euch und euren Talern zu
-ersetzen. Dort am Boden liegen Palvis Papiere -- teilt euch in seinen
-poetischen Nachlaß.«
-
-Er sprach es, nahm den Stallmeister unter den Arm und verließ mit ihm
-langsam das Zimmer. Kaper, der Hofrat und der Professor stürzten wie
-Drachen auf den Boden und über die Papiere her, und mitten in seinem
-Kummer mußte der Stallmeister lächeln, als ihm der Alte auf der Treppe
-entdeckte, jene werden nur Fragmente von juristischen Relationen und
-unbedeutende Kriminalakten finden. Als aber der Alte an der Türe
-des Hauses, mühsam und auf seinen Stab gestützt, an den Häusern
-hinschleichen wollte, ergriff Rempen seinen Arm von neuem und führte
-ihn trotz seiner Widerrede bis zu seiner Wohnung. Dort setzte sich der
-Magister auf einen Stein, um Kräfte zu gewinnen; denn sein Stübchen lag
-fünf Stockwerke hoch.
-
-
-11.
-
-Elise saß zu derselben Stunde vor der Toilette. Gedankenvoll sah sie
-vor sich hin, indem das Kammermädchen ihre Haare ordnete. Vielleicht
-hatte der tägliche Anblick dieser Zofe den Stachel entheiligter Liebe
-nur immer noch tiefer in das Herz gedrückt; und dennoch vermochte
-sie es nicht über sich, dieses Mädchen wegzuschicken; es war der
-Stolz einer erhabenen Seele, was sie von diesem Schritt abhielt, der
-vielleicht auch von ihren Eltern getadelt worden wäre, denn das Mädchen
-diente treu und geschickt. Doch so tief diese Wunde sein mochte, Elise
-suchte in diesem Augenblick ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach den
-Gesetzen der Natur das Wesen in uns zu derselben Zeit verschiedentlich
-beschäftigt sein könnte, wenn es möglich wäre, in dem nämlichen Moment
-in dem Herzen so ganz anders zu fühlen, als man oben hinter den Augen
-denkt, so müßte Elisens Seele in dieser Stunde nach verschiedenen
-Richtungen sich geteilt haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüsterten
-tiefe, wehmütige Töne die Erinnerung einer schönen Zeit, sie sangen in
-klagenden Weisen jene Tage, wo Elise auf der ersten Stufe der Jugend
-das Auge des Geliebten verstand. In volleren Akkorden rauschten diese
-Erinnerungen, als sie von Stunden seliger Liebe, von Trennung und der
-Wonne des Wiederfindens sprachen. »Verloren, verloren durch seine
-eigene Schuld!« weinte dann ihre Seele. »Untergegangen ein so großer,
-schöner Geist in Leichtsinn und Niedrigkeit!« Doch diese Gefühle
-schlichen nur gleich Schatten vorbei; sie suchte mit aller Gewalt des
-Geistes den Blick von diesen Erinnerungen abzuwenden, sie dachte an das
-ruhige, klare Wesen ihres zukünftigen Gatten, sein bescheidenes und
-doch so würdiges Betragen, seine reine Herzensgüte. Sie rief sich alles
-dies hervor, ja, sie versuchte zu lächeln, um freundlichere Gefühle
-dadurch zu erringen, aber -- es gelang ihr, ruhig, doch nicht, heiter
-zu werden.
-
-Der Putz war vollendet, sie richtete sich vor dem hohen Spiegel auf,
-und die Freude an ihrer eigenen hübschen Gestalt verdrängte auf
-Augenblicke jene düsteren, wehmütigen Bilder. »Nein, und wenn er noch
-so proper angetan wäre,« sagte in diesem Augenblick das Kammermädchen,
-»mich soll er nicht mehr anreden dürfen!«
-
-»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mehr von solchen Dingen reden,«
-rief Elise mit der Röte des Unmutes auf den Wangen.
-
-»Ach Gott! gnädiges Fräulein, ich will ja auch gar nichts mehr von dem
-schlechten Menschen wissen, aber ich sagte nur so, weil er wieder in
-Herrn Kapers Laden steht.«
-
-Elise zitterte, sie wollte von dem Spiegel hinwegeilen, aber
-unwiderstehlich zog es sie an das Fenster. Sie warf einen Blick
-hinüber, und unter jener Türe stand Zundler.
-
-»Wie!« rief sie, kaum ihrer Worte mächtig, der Zofe zu, »ist es denn
-dieser?«
-
-»I, freilich! aber werden Sie mir nur nicht böse!«
-
-»Und dieser ist derselbe, den du _damals_ meintest?« fuhr sie mit
-bebenden Lippen fort.
-
-»Wer denn anders?« entgegnete jene ruhig; »aber ich weiß jetzt, er ist
-ein schlechter Mensch, und jetzt weiß ich auch, wie er heißt, Doktor
-Zundler.«
-
-»Geh, geh, bringe die Kleider weg,« flüsterte Elise, indem sie ihr
-glühendes Gesicht halb bewußtlos in die Kissen des Sofas drückte; das
-Mädchen eilte erschrocken hinweg, und die unglückliche Braut war mit
-ihrem Gram allein. Welche Gefühle stürmten auf sie ein! Beschämung,
-Liebe, Unmut über sich selbst. Sie sprang auf; ein Gang durch das
-Zimmer machte sie mutiger. Sie wollte Rempen alles gestehen, sie war
-einen Augenblick überzeugt, er werde so edel sein, zurückzutreten,
-Palvi werde leicht zu versöhnen sein. Aber die Stadt wußte, daß heute
-ihre Verlobung sei. Ihr Vater hatte dem Geliebten sogar das Haus
-verboten, würde er jemals einwilligen, sie glücklich zu machen? Nein!
--- Scham vor der Welt, Reue, Angst warfen sie nieder. Bleich, erschöpft
-und zitternd fand sie der Stallmeister, als er bald darauf ernster, als
-zu diesem fröhlichen Tag sich schickte, in Elisens Zimmer trat.
-
-»Ich muß Ihnen eine sonderbare Nachricht geben,« sagte er bewegt,
-indem er sich zu ihr setzte und, beschäftigt mit seinen Gedanken, ihre
-Verwirrung nicht bemerkte. »Palvi ist weggereist, und zwar auf immer.«
-
-»Er ist tot!« rief sie. »Gewiß, schnell, sagen Sie es nur heraus, er
-hat sich getötet!«
-
-»Nein,« erwiderte Rempen, »er hat mir einen Brief zurückgelassen,
-worin er Sie und mich zum letztenmal begrüßt; er ist nach Frankreich
-gegangen. Dorthin lautet auch sein Paß, wie mir soeben mein Onkel
-erzählte.«
-
-Elise schwieg; sie fühlte, daß sie ihn erst in diesem Augenblick ganz
-verloren habe; aber sie hatte Kraft genug, jeden Laut des Kummers zu
-unterdrücken.
-
-»Doch was Sie noch mehr befremden wird,« fuhr er fort, »jenen
-Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der Autor selbst
-vorgelesen.«
-
-»Palvi!« rief sie in so eigenem Ton, daß der Stallmeister erschrak. »Er
-wäre --«
-
-»Hüon, der Autor der ›letzten Ritter von Marienburg‹. Es steht schon in
-öffentlichen Blättern, und hier schickt er mir und Ihnen dieses Werk.«
-Der Stallmeister öffnete ein Paket und gab Elisen die Bücher. Sie
-öffnete eines derselben; ihr Blick fiel auf das Märchen, woraus Palvi
-mit so sonderbarem Accent einige Reime gelesen, und jetzt erst stieg
-eine längst verbleichte Erinnerung in ihr auf. Es war ein Märchen, das
-Palvis Vater den Kindern so oft erzählt hatte. Eine große Träne schwamm
-in ihrem schönen Auge und fiel herab auf diese Zeilen.
-
-In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Mit feierlichem
-Gesicht und überladen mit seinen Orden trat der Geheimrat von Rempen
-herein. Mit Anstand trat er vor das Fräulein, ihr den Arm zu bieten.
-»Die Familien sind im Salon versammelt,« sprach er; »ist es gefällig,
-die Ringe zu wechseln? Doch wie? Sind Sie so sehr in unsere Literatur
-verliebt, daß Sie sogar gerade vor der Verlobung Lesestunden mit meinem
-Neffen halten? Was lesen Sie denn, wenn man fragen darf?«
-
-Mit einem schmerzlichen Lächeln stand Elise auf und nahm seinen
-Arm. »Etwas Altes in neuer Form,« erwiderte sie, »ein Märchen von
-untergegangener Liebe!«
-
-»Ei! ei!« setzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu.
-»Etwas solches vor der Verlobung? und wie heißt denn der Titel?« fragte
-er, indem er sie in den Saal führte.
-
-»Er heißt: _Die letzten Ritter von Marienburg_.«
-
-
-Des Verfassers eigene Kritik über vorstehende Novelle.
-
-(Litteraturblatt des Morgenblatts 1827 Nr. 92 u. ff.)
-
- _Die letzten Ritter von Marienburg_, Novelle von W. Hauff. Auch
- wieder einmal eine Novelle, doch gottlob keine historische, wie wir
- beim ersten Anblick geargwöhnt hatten; lieber wäre es uns gewesen
- wenn Herr Hauff seinen Stoff, wie es im ersten Kapitel geschieht,
- durchaus zu einer Satire der historischen Romane, nicht aber zu
- einer ziemlich unnötigen Belobung derselben benützt hätte. Auch
- ist es nicht sehr bescheiden, daß der Herr Verfasser den Roman
- »Die letzten Ritter von Marienburg« so oft als trefflich und
- unvergleichlich schildert, da er doch selbst es ist, der die Skizze
- davon entworfen hat.
-
- Die letzten Partien der Novelle sind abgerissener und eilender
- als die ersten und verfehlen dadurch den Charakter der besonnenen
- Ruhe und Rundung, den die Novelle haben soll. Herr Hauff scheint
- sich zwar diesmal in Hinsicht auf Sprache und Anordnung mehr Mühe
- gegeben zu haben als im vorjährigen Frauentaschenbuch; aber auch
- hier sind die Figuren nur skizziert, flüchtig angedeutet und
- gelangen somit nicht zu echterm, farbigem Leben. Das Motiv, aus
- welchem Fräulein Elise den Dichter Palvi aufgibt, ist, wenn ein
- natürliches, doch jedenfalls kein poetisches.
-
-
-
-
-Die Sängerin.
-
-
-1.
-
-»Das ist ein sonderbarer Vorfall!« sagte der Kommerzienrat Bolnau zu
-einem Bekannten, den er auf der breiten Straße in B. traf; »gesteht
-selbst, wir leben in einer argen Zeit.«
-
-»Ihr meint die Geschichte im Norden?« entgegnete der Bekannte, »habt
-Ihr Handelsnachrichten, Kommerzienrat? Hat Euch der Minister des
-Auswärtigen aus alter Freundschaft etwas Näheres gesagt?«
-
-»Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen mag
-geschehen, was da will. Nein, ich meine die Geschichte mit der
-Bianetti.«
-
-»Mit der Sängerin? Wie? Ist sie noch einmal engagiert? Man sagte ja,
-der Kapellmeister habe sich mit ihr überworfen --«
-
-»Aber um Gottes willen,« rief der Kommerzienrat und blieb staunend
-stehen; »in welchen Spelunken treibet Ihr Euch umher, daß Ihr nicht
-wisset, was sich in der Stadt zuträgt? So wisset Ihr nicht, was der
-Bianetti arrivierte?«
-
-»Kein Wort, auf Ehre! was ist es denn mit ihr?«
-
-»Nun, es ist weiter nichts mit ihr, als daß sie heute nacht
-totgestochen worden ist.«
-
-Der Kommerzienrat galt unter seinen Bekannten für einen Spaßvogel, der,
-wenn er morgens von elf bis Mittag seine Promenaden in der breiten
-Straße machte, die Leute gerne aufhielt und ihnen irgend etwas aus
-dem Stegreife aufband. Der Bekannte war daher nicht sehr gerührt von
-dieser Schreckensnachricht, sondern antwortete: »Weiter wisset Ihr also
-heute nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nachgerade mit Eurem Witz zu Rande
-sein, weil Ihr die Farben so stark auftraget. Wenn Ihr mich übrigens
-ein andermal wieder stellet in der breiten Straße, so besinnt Euch auf
-etwas Vernünftigeres, sonst bin ich genötigt, einen Umweg zu machen,
-wenn ich von der Kanzlei nach Hause gehe.«
-
-»Er glaubt's wieder nicht!« rief der Spaziergänger; »seht nur, er
-glaubt's wieder nicht! Wenn ich gesagt hätte, der Kaiser von Marokko
-sei erstochen worden, so hättet Ihr die Nachricht mit Dank eingesteckt
-und weitergetragen, weil sich dort schon Aehnliches zugetragen hat.
-Aber wenn eine Sängerin hier in B. totgestochen wird, da will keiner
-glauben, bis man den Leichenzug sieht. Aber, Freundchen, diesmal ist's
-wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.«
-
-»Mensch! Bedenket, was Ihr sagt!« rief der Freund mit Entsetzen. »Die
-Sängerin erstochen? Tot, sagtet Ihr? Die Bianetti totgestochen?«
-
-»Tot war sie vor einer Stunde noch nicht, aber sie liegt in den letzten
-Zügen, soviel ist gewiß.«
-
-»Aber sprechet doch ums Himmels willen! Wie kann man denn eine
-Sängerin totstechen? Leben wir denn in Italien? Für was ist denn eine
-wohllöbliche Polizei da? Wie ging es denn zu? Totgestochen!«
-
-»Schreiet doch nicht so mörderlich!« erwiderte Bolnau besänftigend;
-»die Leute fahren schon mit den Köpfen aus allen Fenstern und schauen
-nach dem Straßenlärm. Ihr könntet ja ~sotta voce~ jammern, so viel Ihr
-wollt. Wie es zuging? Ja sehet, da liegt es eben; das weiß bis jetzt
-kein Mensch. Gestern nacht war das schöne Kind noch auf der Redoute,
-so liebenswürdig, so bezaubernd wie immer, und heute nacht um zwölf
-Uhr wird der Medizinalrat Lange aus dem Bette geholt, Signora Bianetti
-liege am Sterben; sie habe eine Stichwunde im Herzen. Die ganze
-Stadt spricht schon davon, aber natürlich das tollste Zeug. Es sind
-allerdings fatale Umstände dabei, daß man nicht ins reine kommen kann;
-so darf z. B. niemand ins Haus als der Arzt und die Leute, die sie
-bedienen. Auch bei Hof weiß man es schon, und es kam ein Befehl, daß
-die Wache nicht am Haus vorbeiziehen dürfe; das ganze Bataillon mußte
-den Umweg über den Markt nehmen.«
-
-»Was Ihr sagt! Aber weiß man denn gar nicht, wie es zuging? Hat man
-denn gar keine Spur?«
-
-»Es ist schwer, sich aus den verschiedenen Gerüchten auf das Wahre
-durchzuarbeiten. Die Bianetti, das muß man ihr lassen, ist eine sehr
-anständige Person, der man auch nicht das geringste nachsagen kann.
-Nun, wie aber die Leute sind, besonders die Frauen, wenn man da von
-dem ordentlichen Lebenswandel des armen Mädchens spricht, zuckt man
-die Achsel und will von ihrem frühern Leben allerlei wissen. Von ihrem
-frühern Leben! Sie hat kaum siebzehn Jahre und ist schon anderthalb
-Jahre hier? Was ist das für ein früheres Leben!«
-
-»Haltet Euch nicht so lange beim Eingang auf,« unterbrach ihn der
-Bekannte, »sondern kommt auf das Thema. Weiß man nicht, wer sie
-erstochen hat?«
-
-»Nun, das sage ich ja eben; da soll es nun wieder ein abgewiesener
-oder eifersüchtiger Liebhaber sein, der sie umbrachte. Sonderbar sind
-allerdings die Umstände. Sie soll gestern auf der Redoute mit einer
-Maske, die niemand kannte, ziemlich lange allein gesprochen haben. Sie
-ging bald nachher weg, und einige Leute wollten gesehen haben, daß
-dieselbe Maske zu ihr in den Wagen stieg. Weiter weiß niemand etwas
-Gewisses; aber ich werde es bald erfahren, was an der Sache ist.«
-
-»Ich weiß, Ihr habt so Eure eigenen Kanäle, und gewiß habt Ihr auch
-bei der Bianetti einen dienstbaren Geist. Es gibt Leute, die Euch die
-Stadtchronik nennen.«
-
-»Zu viel Ehre, zu viel Ehre,« lachte der Kommerzienrat und schien sich
-ein wenig geschmeichelt zu fühlen. »Diesmal habe ich aber keinen andern
-Spion als den Medizinalrat selbst. Ihr müßt bemerkt haben, daß ich,
-ganz gegen meine Gewohnheit, nicht die ganze Straße hinauf und hinab
-wandle, sondern mich immer zwischen der Karls- und Friedrichsstraße
-halte.«
-
-»Wohl habe ich dies bemerkt, aber ich dachte, Ihr macht Fensterparade
-vor der Staatsrätin Baruch.«
-
-»Geht mir mit der Baruch! Wir haben seit drei Tagen gebrochen, meine
-Frau sah das Verhältnis nicht gerne, weil jene so hoch spielt. Nein,
-der Medizinalrat Lange kommt alle Tage um zwölf Uhr durch die breite
-Straße, um ins Schloß zu gehen, und ich stehe hier auf dem Anstand, um
-ihn sogleich aufs Korn zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.«
-
-»Da bleibe ich bei Euch,« sprach der Freund, »die Geschichte der
-Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es doch, Bolnau?«
-
-»Wertester, geniert Euch ganz und gar nicht,« entgegnete jener; »ich
-weiß, Ihr speiset um zwölf Uhr, lasset doch die Suppe nicht kalt
-werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch nicht recht mit der Sprache
-heraus wollen; kommt lieber nach Tisch ins Kaffeehaus, dort sollet Ihr
-alles hören. -- Machet übrigens, daß Ihr fortkommt, dort biegt er schon
-um die Ecke.«
-
-
-2.
-
-»Ich halte die Wunde nicht für absolut tödlich,« sprach der
-Medizinalrat Lange nach den ersten Begrüßungen; »der Stoß scheint
-nicht sicher geführt worden zu sein. Sie ist schon wieder ganz bei
-Besinnung, und die Schwäche abgerechnet, die der große Blutverlust
-verursachte, ist in diesem Augenblick wenigstens keine Spur von Gefahr.«
-
-»Das freut mich,« erwiderte der Kommerzienrat und schob vertraulich
-seinen Arm in den des Doktors; »ich begleite Ihn noch die paar Straßen
-bis ans Schloß; aber sag' Er mir doch ums Himmels willen etwas Näheres
-über diese Geschichte; man kann ja gar nicht ins klare kommen, wie sich
-alles zugetragen.«
-
-»Ich kann Ihm schwören,« antwortete jener, »es liegt ein furchtbares
-Dunkel über der Sache. Ich war kaum eingeschlafen, so weckt mich mein
-Johann mit der Nachricht, man verlange mich zu einem sehr gefährlichen
-Kranken. Ich warf mich in die Kleider, renne hinaus, im Vorsaal steht
-ein Mädchen, bleich und zitternd, und flüstert so leise, daß ich es
-kaum hörte, ich soll mein Verbandzeug zu mir stecken. Schon das fällt
-mir auf; ich werfe mich in den Wagen, lasse die bleiche Mamsell auf
-den Bock zu Johann sitzen, daß sie den Weg zeige, und fort geht es bis
-in den Lindenhof. Ich steige vor einem kleinen Hause ab und frage die
-Mamsell, wer denn der Kranke sei?«
-
-»Ich kann mir denken, wie Er staunte --«
-
-»Wie ich staunte, als ich hörte, es ist Signora Bianetti! Ich kannte
-sie zwar nur vom Theater, hatte sie sonst kaum zwei-, dreimal gesehen,
-aber die geheimnisvolle Art, wie ich zu ihr gerufen wurde, das
-Verbandzeug, das ich zu mir stecken sollte, ich gestehe Ihm, ich war
-sehr gespannt, was der Sängerin zugestoßen sein sollte. Es ging eine
-kurze Treppe hinan, eine schmale Hausflur entlang. Das Mädchen ging
-voran, ließ mich einige Augenblicke im Dunkeln warten und kam mir dann
-schluchzend und noch bleicher als zuvor entgegen. ›Treten Sie ein, Herr
-Doktor,‹ sagte sie, ›ach! Sie werden zu spät kommen, sie wird's nicht
-überleben.‹ Ich trat ein, es war ein schrecklicher Anblick.«
-
-Der Medizinalrat schwieg sinnend und düster, es schien sich ein Bild
-vor seine Seele zu drängen, das er umsonst abzuwehren suchte. »Nun, was
-sah Er?« rief sein Begleiter, ungeduldig über diese Unterbrechung. »Er
-wird mich doch nicht so zwischen Türe und Angel stehen lassen wollen?«
-
-»Es ist mir manches in meinem Leben begegnet,« fuhr der Doktor fort,
-nachdem er sich gesammelt hatte, »manches, wovor mir graute, manches,
-das mich erschreckte, aber nichts, was mir das Herz so in der Brust
-umdrehte wie dieser Anblick. In einem matt erleuchteten Zimmer lag
-ein bleiches, junges Weib auf dem Sofa, vor ihr kniete eine alte Magd
-und preßte ihr ein Tuch auf das Herz. Ich trat näher; weiß und starr
-wie eine Büste lag der Kopf der Sterbenden zurück, die schwarzen,
-herabfallenden Haare, die dunkeln Brauen und Wimpern der geschlossenen
-Augen bildeten einen schrecklichen Kontrast mit der glänzenden Blässe
-der Stirn, des Gesichtes, des schönen Halses. Die weißen faltenreichen
-Gewänder, die wohl zu ihrer Maske gehört hatten, waren von Blut
-überströmt, Blut auf dem Fußboden, und von dem Herzen schien der rote
-Strom auszugehen. -- Dies alles stellte sich mir in einem Augenblick
-dar -- es war Bianetti, die Sängerin.«
-
-»O Gott, wie mich das rührt!« sprach der Kommerzienrat bewegt und zog
-ein langes, seidenes Tuch hervor, um sich die Augen zu wischen; »gerade
-so lag sie noch letzten Sonntag vor acht Tagen in der Oper Othello da,
-als sie die Desdemona spielte. Schon damals war der Effekt so grausam
-wahr und wahrhaft greulich, daß man meinte, der Mohr habe sie in der
-Tat erdolcht; und jetzt ist es wirklich so weit mit ihr gekommen! Wie
-mich das rührt!«
-
-»Habe ich Ihm nicht jede übermäßige Rührung verboten?« unterbrach ihn
-der Arzt. »Will Er mit Gewalt wieder seine Zufälle bekommen?«
-
-»Er hat recht,« sagte der Kommerzienrat Bolnau und fuhr schnell mit
-dem Tuch in die Tasche; »Er hat recht; meine Konstitution ist nicht
-für den Affekt. Erzähl' Er nur weiter, ich werde die Tafelscheiben am
-Kriegsministerio im Vorbeigehen zählen, das hilft gegen solche Anfälle.«
-
-»Zähl' Er nur, und wenn es nicht hilft, so kann Er auch noch den oberen
-Stock des Palais mitnehmen. -- Die alte Magd nahm das Tuch weg, und mit
-Erstaunen erblickte ich eine Wunde, wie von einem Messerstich, die dem
-Herzen sehr nahe war. Es war nicht Zeit, mich mit Fragen aufzuhalten,
-so viele derselben mir auch auf der Zunge schwebten, ich untersuchte
-die Wunde und legte den Verband um. Die Verwundete hatte während der
-ganzen Operation kein Zeichen von Leben gezeigt; nur, als ich die Wunde
-sondierte, hatte sie schmerzlich zusammengezuckt. Ich ließ sie ruhen
-und bewachte ihren Schlummer.«
-
-»Aber das Mädchen und die alte Magd, hat Er denn diese nicht gefragt,
-woher die Wunde rühre?«
-
-»Ich will es Ihm nur gestehen, Kommerzienrat, weil Er mein alter Freund
-ist; ja, als für die Kranke im Augenblicke nichts mehr zu tun war,
-habe ich ihnen rund genug erklärt, daß ich weiter keine Hand mehr an
-die Dame legen werde, wenn sie mir nicht alles beichten.«
-
-»Und was sagten sie? So sprech Er doch!«
-
-»Nach elf Uhr war die Sängerin zu Hause gekommen, und zwar von
-einer großen männlichen Maske begleitet. -- Ich mochte bei dieser
-Nachricht die beiden Weiber etwas sehr zweideutig angesehen haben,
-denn sie fingen aufs neue an zu weinen und beteuerten mir mit den
-außerordentlichsten Schwüren, ich solle doch nichts Schlechtes von
-ihrer Herrschaft denken; es sei die lange Zeit, seit sie ihr dienen,
-nie nach vier Uhr abends ein Mann über ihre Schwelle gekommen; das
-kleinere Mädchen, das wohl Romane mußte gelesen haben, wollte sogar
-behaupten, Signora sei ein Engel an Reinheit.«
-
-»Das behaupte ich auch,« sagte der Kommerzienrat, indem er gerührt die
-Scheiben des Palais, dem sie sich näherten, zu zählen anfing; »das sage
-ich auch; der Bianetti kann man nichts Böses nachsagen, sie ist ein
-liebes, frommes Kind, und was kann sie denn dafür, daß sie schön ist
-und ihr Leben durch Gesang fristen muß?«
-
-»Glaub' Er mir,« entgegnete Lange, »ein Arzt hat hierin einen
-untrüglichen psychologischen Maßstab. Ein Blick auf die engelreinen
-Züge des unglücklichen Mädchens überzeugte mich mehr von ihrer
-Tugend als die Schwüre ihrer Zofen. Doch höre Er weiter: Die
-Sängerin trat mit dem Fremden in dieses Zimmer und hieß ihr Mädchen
-hinausgehen. Diese war vielleicht aus Neugierde, was wohl dieser
-nächtliche Besuch zu bedeuten habe, der Türe nahe geblieben; sie
-hörte einen heftigen Wortwechsel, der zwischen ihrer Dame und einer
-tiefen, hohlen Männerstimme in französischer Sprache geführt wurde;
-Signora sei endlich in heftiges Weinen ausgebrochen, der Mann habe
-schrecklich geflucht; plötzlich hörte sie ihre Dame einen gellenden
-Schrei ausstoßen, sie kann sich vor Angst nicht mehr zurückhalten,
-reißt die Türe auf, und in demselben Augenblicke fährt die Maske an
-ihr vorbei und durch den Gang an die Treppe. Sie folgt ihr einige
-Schritte, vor der Treppe hört sie ein schreckliches Gepolter, er mußte
-hinuntergestürzt sein. Von unten dringt ein Aechzen und Stöhnen herauf
-wie das eines Sterbenden, aber es graut ihr, sie wagt keinen Schritt
-weiter vorzugehen. Sie geht zurück in die Türe -- die Sängerin liegt
-in ihrem Blute und schließt nach wenigen Augenblicken die Augen.
-Das Mädchen weiß sich nicht zu raten, sie weckt die alte Magd, ihrer
-Herrschaft einstweilen beizustehen, und springt zu mir, um vielleicht
-Signora noch zu retten.«
-
-»Und die Bianetti hat noch nichts geäußert? Hat Er sie nicht befragt?«
-
-»Ich ging sogleich auf die Polizei und weckte den Direktor; er ließ
-noch um Mitternacht alle Gasthöfe, alle Gassenkneipen, alle Winkel der
-Stadt durchsuchen, aus dem Tore ist in jener Stunde niemand passiert,
-und von jetzt an wird jedermann strenge untersucht. Die Hausleute,
-die im oberen Stock wohnen, erfuhren die ganze Sache erst, als die
-Polizei das Haus durchsuchte; unbegreiflich war es, wie der Mörder
-entspringen konnte, da er durch seinen Fall hart beschädigt sein mußte,
-denn man fand viel Blut unten an der Treppe, und es ist mir nicht
-unwahrscheinlich, daß er sich im Falle durch seinen eigenen Dolch
-verwundet hat. Es ist um so unbegreiflicher, wie er entkam, da die
-Haustüre verschlossen war. Die Bianetti selbst erwachte um zehn Uhr
-und gab dem Polizeidirektor zu Protokoll, daß sie im strengsten Sinne
-nicht wisse, auch nicht einmal ahne, wer die Maske sein könne. Alle
-Aerzte und Chirurgen sind verpflichtet, wenn sie zu einem Patienten,
-der durch einen Fall oder eine Messerwunde lädiert ist, gerufen werden,
-solches anzuzeigen, weil man vielleicht auf diesem Wege dem Mörder auf
-die Spur kommen könnte. So stehen die Sachen. Ich bin aber überzeugt
-wie von meinem Leben, daß ein tiefes Geheimnis zu Grunde liegt, das
-die Sängerin nicht entdecken will; denn die Bianetti ist nicht die
-Person, die sich von einem ihr völlig unbekannten Mann nach Hause
-begleiten läßt. Das scheint auch ihr Mädchen, das beim Verhör zugegen
-war, zu ahnen. Denn als sie sah, daß Signora nichts wissen wolle, gab
-sie nichts von dem Wortwechsel an, den sie gehört hatte, mir aber warf
-sie einen bittenden Blick zu, sie nicht zu verraten. ›Es ist eine
-entsetzliche Geschichte,‹ sagte sie, als sie mich nachher zur Treppe
-begleitete, ›aber keine Welt brächte mich dazu, etwas zu verraten, was
-Signora nicht bekannt werden lassen will.‹ Sie gestand mir noch etwas,
-das vielleicht auf die ganze Sache Licht verbreiten würde.«
-
-»Nun, und darf ich diesen Umstand nicht auch wissen?« fragte der
-Kommerzienrat; »Er sieht, wie ich gespannt bin; spann' Er ab, spann' Er
-ab, um Gottes willen, ich könnte sonst leicht meine Zufälle bekommen!«
-
-»Höre Er, Bolnau, besinn Er sich, lebt noch ein Bolnau außer Ihm in
-dieser Stadt? Existiert noch irgend ein anderer in der Welt, und wo,
-sag' Er, wo?«
-
-»Außer mir keine Seele in dieser Stadt,« antwortete Bolnau; »als ich
-vor acht Jahren hieher zog, freute es mich, daß ich nicht Schwarz, Weiß
-oder Braun, nicht Meier, Müller oder Bauer heiße, weil damit allerlei
-unangenehme Verwechselungen geschehen. In Kassel war ich der einzige
-Mann in meiner Familie, und sonst gibt es auf Gottes Erdboden keinen
-Bolnau mehr als meinen Sohn, den unglücklichen Musiknarren, der ist
-verschollen, seit er nach Amerika segelte. Aber warum fragt Er nach
-meinem Namen, Doktor?«
-
-»Nun, _Er_ kann es nicht sein, Kommerzienrat, und Sein Sohn ist in
-Amerika. Aber es ist schon ein Viertel über zwölf Uhr, Prinzeß Sophie
-ist krank, ich habe mich nur zu lang mit Euch verschwatzt; lebt wohl,
-~à revoir~!«
-
-»Nicht von der Stelle,« rief Bolnau und hielt ihn fest am Arm, »sagt
-mir zuvor, was das Mädchen noch gesagt hat.«
-
-»Nun ja, aber reinen Mund gehalten, Bolnau! ihr letztes Wort, ehe sie
-in jene tiefe Ohnmacht sank, war _Bolnau_.«
-
-
-3.
-
-Man hatte den Kommerzienrat Bolnau noch nie so ernst und düster
-schleichen sehen wie damals, als ihn der Doktor Lange vor dem Palais
-verließ. Sonst war er munter und rüstig einhergeschritten, und wenn er
-mit dem freundlichsten Lächeln alle Mädchen und Frauen grüßte, mit den
-Männern viel lachte und ihnen allerlei Neues erzählte, so hätte man
-ihm noch keine sechzig Jahre zugetraut. Er schien auch alle Ursache zu
-haben, fröhlich und guter Dinge zu sein; er hatte ein hübsches Vermögen
-zusammenspekuliert, hatte sich, als es genug schien, mit seiner Frau in
-B. zur Ruhe gesetzt und lebte nun in Freude und Jubel jahraus, jahrein.
-Er hatte einen einzigen Sohn gehabt, dieser sollte die Laufbahn des
-alten Herrn auch durchlaufen und handeln und sich umtun im Kommerz, so
-wollte er es haben.
-
-Der Sohn aber lebte und webte nur im Reich der Töne, die Musik war
-ihm alles, der Handel und Kommerz des Vaters war ihm zu gemein und
-niedrig. Der Vater hatte einen harten Sinn, der Sohn auch, der Vater
-brauste leicht auf, der Sohn auch, der Vater stellte gleich alles auf
-die Spitze, der Sohn auch; kein Wunder, daß sie nicht miteinander leben
-konnten. Und als der Sohn sein zwanzigstes Jahr zurückgelegt hatte,
-war der Vater fünfzig, da brach er ab, sich zur Ruhe zu setzen, und
-wollte dem Sohn den Handel geben. Es war auch bald alles in Richtigkeit
-und Ruhe; denn in einer schönen Sommernacht war der Sohn nebst einigen
-Klavierauszügen verschwunden, kam auch richtig nach England und
-schrieb ganz freundschaftlich, daß er nach Amerika gehen werde. Der
-Kommerzienrat wünschte ihm Glück auf den Weg und begab sich nach B.
-
-Der Gedanke an den Musiknarren, wie er seinen Sohn nannte, trübte ihm
-zwar manche Stunde, denn er hatte ihn ersucht, sich nie mehr vor ihm
-sehen zu lassen, und es stand nicht zu erwarten, daß jener ungerufen
-wiederkehre; es wollte ihn zuweilen bedünken, als habe er doch töricht
-getan, als er ihn durchaus im Kommerz haben wollte; aber Zeit,
-Gesellschaft und heitere Laune ließen diese trüben Gedanken nicht lange
-aufkommen; er lebte in Jubel und Freude, und wer ihn recht heiter sehen
-wollte, durfte nur zwischen elf Uhr und Mittag durch die breite Straße
-wandeln. Sah er dort einen langen, hagern Mann, dessen sehr moderne
-Kleidung, dessen Lorgnette und Reitpeitsche, dessen bewegliche Manieren
-nicht mehr recht zu seinen grauen Haaren passen wollten, sah er diesen
-Mann nach allen Seiten grüßen, alle Augenblicke bei diesem oder jenem
-stille stehen und schwatzen und mit den Armen fechten, so konnte er
-sich darauf verlassen, es war der Kommerzienrat Bolnau.
-
-Aber heute war dies alles ganz anders. Hatte ihn schon zuvor die
-Ermordungsgeschichte der Sängerin fast zu sehr affiziert, so war
-ihm das letzte Wort des Doktors in die Glieder geschlagen. »Bolnau«
-hatte die Bianetti noch gesagt, ehe sie vom Bewußtsein kam. Seinen
-eigenen ehrlichen Namen hatte sie unter so verfänglichen Umständen
-ausgesprochen! Seine Kniee zitterten und wollten ihm die Dienste
-versagen, sein Haupt senkte sich auf die Brust sorgenvoll und
-gedankenschwer. »Bolnau!« dachte er, »königlicher Kommerzienrat! Wenn
-sie jetzt stürbe, die Sängerin, wenn das Mädchen dann ihr Geheimnis von
-sich gäbe und den Polizeidirektor mit den näheren Umständen des Mordes
-und mit dem verhängnisvollen Worte bekannt machte! Was kann nicht ein
-geschickter Jurist aus einem einzigen Wort argumentieren, besonders
-wenn ihn die Eitelkeit anfeuert, in einer solchen ~cause célèbre~
-seinen Scharfsinn zu zeigen.« Er lorgnettierte mit verzweiflungsvoller
-Miene das Zuchthaus, dessen Giebel aus der Ferne ragte. »Dorthin,
-Bolnau, aus ganz besonderer Gnade und Rücksicht auf mehrjährige
-Dienste!«
-
-Er atmete schwerer, er lüftete die Halsbinde, aber erschreckt fuhr er
-zurück; war dies nicht der Ort, wo man das hänfene Halsband umknüpfte,
-war nicht dies die Stelle, wo das kalte Schwert durchging?
-
-Begegnete ihm ein Bekannter und nickte ihm zu, so dachte er: Holla,
-der weiß schon um die Sache und will mir zu verstehen geben, daß er
-wohl unterrichtet sei. Ging ein anderer vorüber, ohne zu grüßen, so
-schien ihm nichts gewisser, als daß man ihn nicht kennen wolle, sich
-nicht mit dem Umgang eines Mörders beflecken wolle. Es fehlte wenig,
-so glaubte er selbst, er sei schuldig am Mord, und es war kein Wunder,
-daß er einen großen Bogen machte, um das Polizeibureau zu vermeiden;
-denn konnte nicht der Direktor am Fenster stehen, ihn erblicken und
-heraufrufen? »Wertester, beliebt es nicht, ein wenig heraufzuspazieren,
-ich habe ein Wort mit Ihnen zu sprechen!« Verspürte er nicht schon
-jetzt ein gewisses Zittern, fühlte er nicht jetzt schon seine Züge sich
-zu einem Armensündergesicht verziehen, nur weil man glauben könnte, er
-sei der, den die Sängerin mit ihrem letzten Worte angeklagt?
-
-Und dann fiel ihm wieder ein, wie schädlich eine solche Gemütsbewegung
-für seine Konstitution sei; ängstlich suchte er nach Fensterscheiben,
-um sich ruhig zu zählen, aber die Häuser und Straßen tanzten um ihn
-her, der Glockenturm schien sich höhnisch vor ihm zu neigen, ein
-wahnsinniges Grauen erfaßte ihn, er rannte durch die Straßen, bis er
-erschöpft in seiner Behausung niedersank, und seine erste Frage war,
-als er wieder ein wenig zu sich gekommen, ob nicht ein Polizeidiener
-nach ihm gefragt habe.
-
-
-4.
-
-Als gegen Abend der Medizinalrat Lange zu seiner Kranken kam, fand
-er sie um vieles besser, als er sich gedacht hatte. Er setzte
-sich an ihrem Bette nieder und besprach sich mit ihr über diesen
-unglücklichen Vorfall. Sie hatte ihren Arm auf die Kissen gestützt,
-in der zartgeformten Hand lag ihr schöner Kopf. Ihr Gesicht war noch
-sehr bleich, aber selbst die Erschöpfung ihrer Kräfte schien ihr
-einen eigentümlichen Reiz zu geben. Ihr dunkles Auge hatte nichts von
-jenem Feuer, jenem Ausdruck verloren, der den Doktor, obgleich er ein
-bedächtiger Mann und nicht mehr in den Jahren war, wo Phantasie der
-Schönheit zu Hilfe kommt, schon früher von der Bühne aus angezogen
-hatte. Er mußte sich gestehen, daß er selten einen so schönen Kopf, ein
-so liebliches Gesicht gesehen hatte; ihre Züge waren nichts weniger als
-regelmäßig, und dennoch übten sie durch ihre Verbindung und Harmonie
-einen Zauber aus, für welchen er lange keinen Grund wußte; doch dem
-psychologischen Blicke des Medizinalrates blieb dieser Grund nicht
-verborgen; es war jene Reinheit der Seele, jener Adel der Natur, was
-diese jungfräulichen Züge mit einem überraschenden Glanz von Schönheit
-übergoß. »Es scheint, Sie studieren meine Züge, Doktor,« sprach die
-Sängerin lächelnd; »Sie sitzen so stumm und sinnend da, starren mich
-an und scheinen ganz zu vergessen, was ich fragte. Oder ist es zu
-schrecklich, als daß ich es hören sollte? Darf ich nicht erfahren, was
-die Stadt über mein Unglück sagt?«
-
-»Was wollen Sie alle diese törichten Vermutungen hören, die müßige
-Menschen erfinden und weitersagen? Ich habe eben darüber nachgedacht,
-wie rein sich Ihre Seele auf Ihren Zügen spiegle; Sie haben Frieden in
-sich, was kümmert Sie das Urteil der Menschen?«
-
-»Sie weichen mir aus,« entgegnete sie, »Sie wollen mir entschlüpfen,
-indem Sie mir schöne Dinge sagen. Und mich sollte das Urteil der
-Menschen nicht kümmern? Welches rechtliche Mädchen darf sich so über
-die Gesellschaft, in welcher sie lebt, hinwegsetzen, daß es ihr gleich
-gilt, was man von ihr spricht? Oder glauben Sie etwa,« setzte sie
-ernster hinzu, »ich werde nichts danach fragen, weil ich einem Stand
-angehöre, dem man nicht viel Gutes zutraut? Gestehen Sie nur, Sie
-halten mich für recht leichtsinnig.«
-
-»Nein, gewiß nicht; ich habe immer nur Schönes von Ihnen gehört,
-Mademoiselle Bianetti, von Ihrem stillen, eingezogenen Leben, und daß
-Sie mit sicherer Haltung in der Welt stehen, obgleich Sie so einsam und
-mancher Kabale ausgesetzt sind. Aber warum wollen Sie gerade wissen,
-was die Menschen sagen? Wenn ich nun als Arzt solche Neuigkeiten nicht
-für zuträglich hielt?«
-
-»Bitte, Doktor, bitte, foltern Sie mich nicht so lange,« rief sie;
-»sehen Sie, ich lese in Ihren Augen, daß man nicht gut von mir spricht.
-Warum mich in Ungewißheit lassen, die gefährlicher für die Ruhe ist als
-die Wahrheit selbst?«
-
-Diesen letzten Grund fand der Medizinalrat sehr richtig; und konnte
-in seiner Abwesenheit nicht irgend eine geschwätzige Frau sich
-eindrängen und noch Aergeres berichten, als er sagen konnte? »Sie
-kennen die hiesigen Leute,« antwortete er, »B. ist zwar ziemlich groß,
-aber, du lieber Gott, bei einer Neuigkeit derart zeigt es sich, wie
-kleinstädtisch man ist. Es ist wahr, Sie sind das Gespräch der Stadt,
-dies kann Sie nicht wundern, und weil man nichts Bestimmtes weiß, so --
-nun so macht man sich allerhand seltsame Geschichten. So soll z. B. die
-männliche Maske, die man auf der Redoute mit Ihnen sprechen sah und die
-ohne Zweifel dieselbe ist, welche diese Tat beging, ein --«
-
-»Nun, so reden Sie doch aus,« bat die Sängerin in großer Spannung,
-»vollenden Sie!«
-
-»Es soll ein früherer Liebhaber gewesen sein, der Sie in -- in einer
-andern Stadt geliebt hat und aus Eifersucht umbringen wollte.«
-
-»Von _mir_ das! O, ich Unglückliche!« rief sie schmerzlich bewegt,
-und Tränen glänzten in ihren schönen Augen; »wie hart sind doch die
-Menschen gegen ein so armes, armes Mädchen, das ohne Schutz und Hilfe
-ist! Aber reden Sie aus, Doktor, ich beschwöre Sie! Es ist noch etwas
-anderes zurück, das Sie mir nicht sagten. In welcher Stadt, sagen die
-Leute, soll ich --«
-
-»Signora, ich hätte Ihnen mehr Kraft zugetraut,« sprach Lange, besorgt
-über die Bewegung seiner Kranken. »Wahrlich, ich bereue es, nur so viel
-gesagt zu haben; ich hätte es nie getan, wenn ich nicht fürchtete, daß
-andere mir unberufen zuvorkämen.«
-
-Die Sängerin trocknete schnell ihre Tränen; »ich will ruhig sein,«
-sagte sie wehmütig lächelnd, »ruhig will ich sein wie ein Kind; ich
-will fröhlich sein, als hätten mir diese Menschen, die mich jetzt
-verdammen, ein tausendstimmiges Bravo zugerufen. Nur erzählen Sie
-weiter, lieber, guter Doktor!«
-
-»Nun, die Leute schwatzen dummes Zeug,« fuhr jener ärgerlich fort.
-»So soll, als Sie letzthin im Othello auftraten, in einer der ersten
-Ranglogen ein fremder Graf gewesen sein; dieser will Sie erkannt und
-vor etwa zwei Jahren in Paris in einem schlechten Hause gesehen haben.
--- Aber, mein Gott, Sie werden immer blässer --«
-
-»Es ist nichts, der Schein der Lampe fiel nur etwas matter herüber,
-weiter, weiter!«
-
-»Nun, dieses Gerede blieb von Anfang nur in den ersten Zirkeln, nach
-und nach kam es aber ins Publikum, und da dieser Vorfall hinzukommt,
-verbindet man beides und versetzt das frühere Verhältnis zu Ihrem
-Mörder in jenes berüchtigte Haus in Paris.«
-
-Auf den ausdrucksvollen Zügen der Kranken hatte während dieser Rede
-die tiefste Blässe mit flammender Röte gewechselt. Sie hatte sich
-höher aufgerichtet, als solle ihr kein Wort dieser schrecklichen Kunde
-entgehen, ihr Auge haftete starr und brennend auf dem Mund des Arztes,
-sie atmete kaum, ihr Herz schien stillzustehen. »Jetzt ist's aus,« rief
-sie mit einem schmerzlichen Blick zum Himmel, indem Tränen ihrem Auge
-entstürzten, »jetzt ist es aus, wenn _er_ dies hörte, so war es zuviel
-für seine Eifersucht. Warum bin ich nicht gestern gestorben, ach! da
-hätte ich meinen guten Vater gehabt, und meine süße Mutter hätte mich
-getröstet über den Hohn dieser grausamen Menschen!«
-
-Der Doktor staunte über diese rätselhaften Worte; er wollte eben ein
-tröstendes, besänftigendes Wort zu ihr sprechen, als die Türe mit
-Geräusch aufflog und ein großer, junger Mann hereinfuhr. Sein Gesicht
-war auffallend schön, aber ein wilder Trotz verfinsterte seine Züge,
-sein Auge rollte, sein Haar hing verwildert um die Stirne. Er hatte ein
-großes zusammengerolltes Notenblatt in der Faust, mit welchem er in der
-Luft herumfuhr und gleichsam agierte, ehe er Atem zum Sprechen fand.
-Bei seinem Anblick schrie die Sängerin laut auf, der Doktor glaubte
-anfangs, aus Angst, aber es war Freude, denn ein holdes Lächeln zog um
-ihren Mund, ihr Auge glänzte ihm durch Tränen entgegen. »Carlo!« rief
-sie, »Carlo! Endlich kommst du, nach mir zu sehen!«
-
-»Elende!« rief der junge Mann, indem er majestätisch den Arm mit
-der langen Notenrolle nach ihr ausstreckte. »Laß ab von deinem
-Sirenengesang, ich komme -- dich zu richten!«
-
-»O Carlo!« unterbrach ihn die Sängerin, und ihre Töne klangen
-schmelzend und süß wie die Klänge der Flöte. »Wie kannst du so zu
-deiner Giuseppa sprechen!«
-
-Der junge Mann wollte mit tragischem Pathos antworten, aber der Doktor,
-dem dieser Auftritt für seine Kranke zu angreifend schien, warf sich
-dazwischen. »Wertester Herr Carlo,« sagte er, indem er ihm eine Prise
-bot, »belieben Sie zu bedenken, daß Mademoiselle in einem Zustand ist,
-wo solche Szenen allzusehr ihre schwachen Nerven affizieren!«
-
-Jener schaute ihn groß an und wandte die Notenrolle gegen ihn. »Wer
-bist du, Erdenwurm?« rief er mit tiefer, dröhnender Stimme. »Wer bist
-du, daß du dich zwischen mich stellst und meinen Zorn?«
-
-»Ich bin der Medizinalrat Lange,« entgegnete dieser und schlug die Dose
-zu, »und in meinen Titeln befindet sich nichts von einem Erdenwurme.
-Ich bin hier Herr und Meister, solange Signora krank ist, und ich sage
-Ihnen im guten, packen Sie sich hinaus, oder modulieren Sie Ihr ~Presto
-assai~ zu einem anständigen ~Larghetto~.«
-
-»O, lassen Sie ihn doch, Doktor,« rief die Kranke ängstlich, »lassen
-Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er ist mein Freund, Carlo wird
-mir nichts Böses tun, was ihm auch die schlechten Menschen wieder von
-mir gesagt haben.«
-
-»Ha! Du wagst es noch zu spotten! Aber wisse, ein Blitzstrahl hat
-die Tore deines Geheimnisses gesprengt und hat die Nacht erhellt,
-in welcher ich wandelte. Also darum sollte ich nicht wissen, was du
-warst, woher du kamst? Darum verschlossest du mir den Mund mit deinen
-Küssen, wenn ich nach deinem Leben fragte? Ich Tor! Daß ich von einer
-Weiberstimme mich bezaubern ließ und nicht bedachte, daß sie nur Trug
-und Lug ist! Nur im Gesang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. ~Ciel!~
-Wie konnte ich mich von den Rouladen einer Dirne betören lassen!«
-
-»O Carlo,« flüsterte die Kranke, »wenn du wüßtest, wie deine Worte mein
-Herz verwunden, wie dein schrecklicher Verdacht noch tiefer dringt als
-der Stahl des Mörders!«
-
-»Nicht wahr, Täubchen,« schrie jener mit schrecklichem Lachen, »deine
-Amorosi sollten blind sein, da wäre gut mit ihnen spielen? Der Pariser
-muß doch ein wackerer Kerl sein, daß er endlich doch noch das fromme
-Täubchen fand!«
-
-»Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,« rief der Doktor und packte
-den Rasenden am Rock; »auf der Stelle marschier' Er sich zu dem Zimmer
-hinaus, sonst werde ich die Hausleute rufen, daß sie Ihn expedieren!«
-
-»Ich gehe schon, Erdenwurm, ich gehe,« schrie jener und stieß den
-Medizinalrat zurück, daß er ganz bequem in einem Fauteuil niedersaß;
-»ja ich gehe, Giuseppa, um nimmer wiederzukehren. Lebe wohl oder
-stirb lieber, Unglückliche, verbirg deine Schmach unter der Erde.
-Aber jenseits verbirg deine Seele an einem Ort, wo ich dir nie
-begegnen möge; ich würde der Seligkeit fluchen, wenn ich sie mit dir
-teilte, weil du mich hier so schändlich um meine Liebe, um mein Leben
-betrogen.« Er rief es, indem er noch etwas weniges mit den Noten
-agierte, aber sein wildes, rollendes Auge schmolz in Tränen, als er den
-letzten Blick auf die Geliebte warf, und schluchzend rannte er aus dem
-Zimmer.
-
-»Ihm nach, halten Sie ihn auf,« rief die Sängerin, »führen Sie ihn
-zurück, es gilt meine Seligkeit!«
-
-»Mit nichten, Wertgeschätzte,« entgegnete Doktor Lange, indem er sich
-aus seinem Lehnstuhl aufrichtete; »diese Szene darf nicht fortgespielt
-werden. Ich will Ihnen etwas Niederschlagendes aufschreiben, das Sie
-alle Stunden zwei Eßlöffel voll einnehmen werden.«
-
-Die Unglückliche war in ihre Kissen zurückgesunken, und ihre Kräfte
-waren erschöpft, sie verlor das Bewußtsein von neuem.
-
-Der Doktor rief das Mädchen und suchte mit ihrer Hilfe die Kranke
-wieder ins Leben zurückzubringen, doch konnte er sich nicht enthalten,
-während er die Essenzen einflößte, das Mädchen tüchtig auszuschmälen.
-»Habe ich nicht befohlen, man solle niemand, gar niemand hereinlassen,
-und jetzt läßt man diesen Wahnsinnigen zu, der Ihr braves Fräulein
-beinahe zum zweitenmal ums Leben brachte.«
-
-»Ich habe gewiß sonst niemand hereingelassen,« sprach die Zofe weinend;
-»aber _ihn_ konnte ich doch nicht abweisen; sie schickte mich ja heute
-schon dreimal in sein Haus, um ihn zu beschwören, nur auf einen kleinen
-Augenblick zu kommen; ich mußte ja sogar sagen, sie sterbe und wolle
-ihn vor ihrem Tode nur noch ein einziges Mal sehen!«
-
-»So? Und wer ist denn dieser --«
-
-Die Kranke schlug die Augen auf. Sie sah bald den Doktor, bald das
-Mädchen an, ihre Blicke irrten suchend durchs Zimmer. »Er ist fort, er
-ist auf ewig hin,« flüsterte sie; »ach, lieber Doktor, gehen Sie zu
-Bolnau!«
-
-»Aber, mein Gott, was wollen Sie nur von meinem unglücklichen
-Kommerzienrat, er hat sich über Ihre Geschichte schon genug alteriert,
-daß er zu Bette liegen muß; was kann denn er Ihnen helfen?«
-
-»Ach, ich habe mich versprochen,« erwiderte sie, »zu dem fremden
-Kapellmeister sollen Sie gehen, er heißt Boloni und logiert im Hotel de
-Portugal.«
-
-»Ich erinnere mich, von ihm gehört zu haben,« sprach der Doktor, »aber
-was soll ich bei diesem tun?«
-
-»Sagen Sie ihm, ich wolle ihm alles sagen, er soll nur noch einmal
-kommen -- doch nein, ich kann es ihm nicht selbst sagen; Doktor, wenn
-Sie -- ja ich habe Vertrauen zu Ihnen, ich will Ihnen alles sagen, und
-dann sagen Sie es wieder dem Unglücklichen, nicht wahr?«
-
-»Ich stehe zu Befehl; was ich zu Ihrer Beruhigung tun kann, werde ich
-mit Freuden tun.«
-
-»Nun, so kommen Sie morgen frühe, ich kann heute nicht mehr so viel
-sprechen. Adieu, Herr Medizinalrat; doch noch ein Wort; Babette, gib
-dem Herrn Doktor sein Tuch!«
-
-Das Mädchen schloß einen Schrank auf und reichte dem Doktor ein Tuch
-von gelber Seide, das einen starken, angenehmen Geruch im Zimmer
-verbreitete.
-
-»Das Tuch gehört nicht mir,« sprach jener, »Sie irren sich, ich führe
-nur Schnupftücher von Leinwand.«
-
-»Unmöglich!« entgegnete das Mädchen; »wir fanden es heute nacht am
-Boden, ins Haus gehört es nicht, und sonst war noch niemand da als Sie.«
-
-Der Doktor begegnete den Blicken der Sängerin, die erwartungsvoll auf
-ihm ruhten. »Könnte nicht dieses Tuch jemand anderem entfallen sein?«
-fragte er mit einem festen Blick auf sie.
-
-»Zeigen Sie her,« erwiderte sie ängstlich, »daran hatte ich noch
-nicht gedacht.« Sie untersuchte das Tuch und fand in der Ecke einen
-verschlungenen Namenszug; sie erbleichte, sie fing an zu zittern.
-
-»Es scheint, Sie kennen dieses Tuch und die Person, die es verloren
-hat,« fragte Lange weiter; »es könnte zu etwas führen; darf ich es
-nicht mit mir nehmen? Darf ich Gebrauch davon machen?«
-
-Giuseppa schien mit sich zu kämpfen; bald reichte sie ihm das Tuch,
-bald zog sie es ängstlich und krampfhaft zurück. »Es sei,« sagte sie
-endlich; »und sollte der Schreckliche noch einmal kommen und mein
-wundes Herz diesmal besser treffen, ich wage es; nehmen Sie, Doktor.
-Ich will Ihnen morgen Erläuterungen zu diesem Tuche geben.«
-
-
-5.
-
-Man kann sich denken, wie ausschließlich diese Vorfälle die Seele des
-Medizinalrats Lange beschäftigten. Seine sehr ausgebreitete Praxis war
-ihm jetzt ebensosehr zur Last, als sie ihm vorher Freude gemacht hatte,
-denn verhinderten ihn nicht die vielen Krankenbesuche, die er vorher
-zu machen hatte, die Sängerin am andern Morgen recht bald zu besuchen
-und jene Aufschlüsse und Erläuterungen zu vernehmen, denen sein Herz
-ungeduldig entgegenpochte? Doch zu etwas waren diese Besuche in
-dreißig bis vierzig Häusern gut, er konnte, wie er zu sagen pflegte,
-hinhorchen, was man über die Bianetti sage, vielleicht konnte er auch
-über ihren sonderbaren Liebhaber, den Kapellmeister Boloni, eines oder
-das andere erfahren.
-
-Ueber die Sängerin zuckte man die Achseln. Man urteilte um so
-unfreundlicher über sie, je ärgerlicher man darüber war, daß so lange
-nichts Offizielles und Sicheres über ihre Geschichte ins Publikum kam.
-Ihre Neider -- und welche ausgezeichnete Sängerin, wenn sie dazu schön
-und achtzehn alt ist, hat deren nicht genug? -- ihre Neider gönnten ihr
-alles und machten hämische Bemerkungen; die Gemäßigten sagten: so ist
-es mit solchem Volke; einer Deutschen wäre dies auch nicht passiert.
-Ihre Freunde beklagten sie und fürchteten für ihren Ruf beinahe noch
-mehr als für ihre Gesundheit. Das arme Mädchen! dachte Lange und
-beschloß, um so eifriger ihr zu dienen.
-
-Vom Kapellmeister wußte man wenig, weder Schlechtes noch Gutes. Er
-war vor etwa drei Vierteljahren nach B. gekommen, hatte sich im Hotel
-de Portugal ein Dachstübchen gemietet und lebte sehr eingezogen und
-mäßig. Er schien sich von Gesangstunden und musikalischen Kompositionen
-zu nähren. Alle wollten übrigens etwas Ueberspanntes, Hochfahrendes
-an ihm bemerkt haben; die, welche ihn näher kennen gelernt hatten,
-fanden ihn sehr interessant, und schon mancher Musikfreund soll sich
-ein Couvert an der Abendtafel im Hotel de Portugal bestellt haben, nur
-um seine herrliche Unterhaltung über die Musik zu genießen. Aber auch
-diese kamen darin überein, daß es mit Boloni nicht ganz richtig sei,
-denn er vernachlässige, verachte sogar den weiblichen Gesang, während
-er mit Entzücken von Männerstimmen, besonders von Männerchören spreche
-Er hatte übrigens keine näheren Bekannten, keinen Freund; von seinem
-Verhältnis zur Sängerin Bianetti schien niemand etwas zu wissen.
-
-Den Kommerzienrat Bolnau fand er noch immer unwohl und im Bette; er
-schien sehr niedergeschlagen und sprach mit unsicherer, heiserer
-Stimme allerlei Unsinn über Dinge, die sonst gänzlich außer seinem
-Gesichtskreise lagen. Er hatte eine Sammlung berühmter Rechtsfälle um
-sich her, in welcher er eifrig studierte; die Frau Kommerzienrätin
-behauptete, er habe die ganze Nacht darin gelesen und hie und da
-schrecklich gewinselt und gejammert. Seine Lektüre betraf besonders
-die unschuldig Hingerichteten, und er äußerte gegen den Medizinalrat,
-es liege eigentlich für den Menschenfreund ein großer Trost in der
-Langsamkeit der deutschen Justiz; denn es lasse sich erwarten, daß,
-wenn ein Prozeß zehn und mehrere Jahre daure, die Unschuld doch
-leichter an den Tag komme, als wenn man heute gefangen und morgen
-gehangen werde.
-
-Die Sängerin Bianetti, für welche der Doktor endlich ein Stündchen
-erübrigt hatte, war düster und niedergeschlagen, als sei keine
-Hoffnung mehr für sie auf Erden. Ihr Auge war trübe, sie mußte viel
-geweint haben, die Wunde war über alle Erwartung gut; aber mit ihrem
-zunehmenden körperlichen Wohlbefinden schien die Ruhe und Gesundheit
-ihrer Seele zu schwinden. »Ich habe lange darüber nachgedacht,« sagte
-sie, »und fand, daß Sie, lieber Doktor, doch auf höchst sonderbare
-Weise in mein Schicksal verwebt werden. Ich kannte Sie vorher nicht;
-ich gestehe, ich wußte kaum, daß ein Medizinalrat Lange in B.
-existiere. Und jetzt, da ich mit einem Schlage so unglücklich geworden
-bin, sendet mir Gott einen so teilnehmenden, väterlichen Freund zu.«
-
-»Mademoiselle Bianetti,« erwiderte Lange, »der Arzt hat an manchem
-Bette mehr zu tun, als nur den Puls an der Linken zu fühlen, Wunden
-zu verbinden und Mixturen zu verschreiben. Glauben Sie mir, wenn man
-so allein bei einem Kranken sitzt, wenn man den innern Puls der Seele
-unruhig pochen hört, wenn man Wunden verbinden möchte, die niemand
-siehet, da wird auf wunderbare Weise der Arzt zum Freunde, und der
-geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Körper und Seele scheint auch in
-diesem Verhältnis auffallend zu wirken.«
-
-»So ist es,« sprach Giuseppa, indem sie zutraulich seine Hand faßte;
-»so ist es, und auch meine Seele hat einen Arzt gefunden. Sie werden
-vielleicht viel für mich tun müssen. Es möchte sein, daß Sie sogar vor
-den Gerichten in meinem Namen handeln müssen. Wenn Sie einem armen
-Mädchen, das sonst gar keine Stütze hat, dieses große Opfer bringen
-wollen, so will ich mich Ihnen entdecken.«
-
-»Ich will es tun,« sprach der freundliche Alte, indem er ihre Hand
-drückte.
-
-»Aber bedenken Sie es wohl; die Welt hat meinen Ruf angegriffen, sie
-klagt mich an, sie richtet, sie verdammt mich. Wenn nun die Menschen
-auch auf Sie höhnisch deuten, daß Sie der verrufenen Sängerin, der
-schlechten Italienerin, ach! _meiner_ sich angenommen haben, werden
-Sie das ertragen können?«
-
-»Ich will es!« rief der Doktor mit Ernst und Heftigkeit. »Erzählen Sie!«
-
-
-6.
-
-»Mein Vater,« erzählte die Sängerin, »war Antonio Bianetti, ein
-berühmter Violinspieler, der Ihnen aus jüngeren Jahren nicht unbekannt
-sein kann, denn sein Ruf hatte durch die Konzerte, die er an Höfen
-und in großen Städten gab, sich überall verbreitet. Ich kann mir ihn
-nur noch aus meiner frühesten Kindheit denken, wie er mir die Skala
-vorgeigte, die ich schon im dritten Jahre sehr richtig nachsang. Meine
-Mutter war zu ihrer Zeit eine vorzügliche Sängerin gewesen und pflegte
-in den Konzerten des Vaters einige Arien und Kanzonetten vorzutragen.
-Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der Reise starb und uns in
-Armut zurückließ. Meine Mutter mußte sich entschließen, durch Singen
-uns fortzubringen. Sie heiratete nach einem Jahr einen Musiker, der
-ihr von Anfang sehr geschmeichelt haben soll, nachher aber zeigte es
-sich, daß er sie nur geheiratet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde
-Musikdirektor in einer kleinen Stadt im Elsaß, und da fing erst unser
-Leiden recht an.
-
-»Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre Stimme so sehr,
-daß sie beinahe keinen Ton mehr singen konnte. Dadurch war die größte
-Geldquelle meines Stiefvaters versiegt, denn seine Konzerte waren nur
-durch meine Mutter glänzend und zahlreich gewesen. Er plagte sie von
-jetzt an schrecklich; mir wollte er gar nicht mehr zu essen geben,
-bis er endlich auf ein Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen. Er
-marterte mich ganze Tage lang und geigte mir die schwersten Sachen von
-Mozart, Gluck, Rossini und Spontini ein, die ich dann Sonntagsabend mit
-großem Applaus absang; das arme Schepperl, so hatte man meinen Namen
-Giuseppa verketzert, wurde eines jener unglücklichen Wunderkinder,
-denen die Natur ein schönes Talent zu ihrem größten Unglück gegeben
-hat; der Grausame ließ mich alle Tage singen, er peitschte mich, er
-gab mir tagelang nichts zu essen, wenn ich nicht richtig intoniert
-hatte; die Mutter aber konnte meine Qualen nicht mehr lange sehen, es
-war, als ob ihr Leben in ihren stillen Tränen dahinfließe; an einem
-schönen Frühlingsmorgen fanden wir sie tot. Was soll ich Sie von meinen
-Marterjahren unterhalten, die jetzt anfingen? Ich war elf Jahre alt
-und sollte die Haushaltung führen, die kleinen Geschwister erziehen,
-und dabei noch singen lernen für die Konzerte! O, es war eine Qual der
-Hölle!
-
-»Um diese Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater immer einen Sack
-voll Fünffrankstücke mitbrachte. Ich kann nicht ohne Grauen an ihn
-denken. Es war ein großer, hagerer Mann von mittlerem Alter; er hatte
-kleine blinzelnde, graue Augen, die ihn durch ihren unangenehmen,
-stechenden Ausdruck vor allen Menschen, die ich je gesehen,
-auszeichnete. Mich schien er besonders liebgewonnen zu haben. Er lobte,
-wenn er kam, meine Größe, meinen Anstand, mein Gesicht, meinen Gesang.
-Er setzte mich auf seine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches
-Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines Schreiens, er
-sagte wohlgefällig: ›Noch zwei -- drei Jahr, dann bist du fertig,
-Schepperl!‹ Und er und mein Stiefvater brachen in ein wildes Lachen bei
-dieser Prophezeiung aus. An meinem fünfzehnten Geburtsfest sagte mein
-Stiefvater zu mir: ›Höre, Schepperl, du hast nichts, du bist nichts,
-ich geb' dir nichts, ich will nichts von dir, habe auch hinlänglich
-genug an meinen drei übrigen Rangen; die Christel (meine Schwester)
-wird jetzt statt deiner das Wunderkind. Was du hast, dein bißchen
-Gesang, hast du von mir, damit wirst du dich fortbringen. Der Onkel in
-Paris will dich übrigens aus Gnade in sein Haus aufnehmen.‹ -- ›Der
-Onkel in Paris?‹ rief ich staunend, denn bisher wußte ich nichts von
-einem solchen. ›Ja, der Onkel in Paris,‹ gab er zur Antwort, ›er kann
-alle Tage kommen.‹
-
-»Sie können sich denken, wie ich mich freute; es ist jetzt drei Jahre
-her, aber noch heute ist die Erinnerung an jene Stunden so lebhaft
-in mir, als wäre es gestern gewesen. Das Glück, aus dem Hause meines
-Vaters zu kommen, das Glück, meinen Onkel zu sehen, der sich meiner
-erbarme, das Glück, nach Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz des
-Putzes und der Seligkeit dachte, -- ich war berauscht von so vielem
-Glück; so oft ein Wagen fuhr, sah ich hinaus, ob nicht der Onkel komme,
-mich in sein Reich abzuholen. Endlich fuhr eines Abends ein Wagen vor
-unserem Hause vor. ›Das ist dein Onkel,‹ rief der Vater; ich flog
-hinab, ich breitete meine Arme aus nach meinem Erretter -- grausame
-Täuschung! Es war der Mann mit den Fünffrankenstücken.
-
-»Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber dennoch vergesse
-ich die teuflische Freude nie, die aus seinen grauen Augen blitzte, als
-er mich hoch aufgewachsen fand; noch immer klingt mir seine krächzende
-Stimme in den Ohren: ›Jetzt bist du recht, mein Täubchen, jetzt will
-ich dich einführen in die große Welt.‹ Er faßte mich mit der Hand, mit
-der andern warf er einen Geldsack auf den Tisch; der Sack fuhr auf,
-ein glänzender Regen von Silber- und Goldstücken rollte auf den Boden;
-meine drei kleinen Geschwister und der Vater jubelten, rutschten auf
-dem Boden umher und lasen die Stücke auf, -- es war -- mein Kaufpreis.
-
-»Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der hagere Mann (ich
-vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte mir beständig vor,
-welch glänzende Rolle ich in seinen Salons spielen werde. Ich konnte
-mich nicht freuen, eine Angst, eine unerklärliche Bangigkeit waren an
-die Stelle meiner Freude, meines Glückes getreten. Vor einem großen,
-erleuchteten Hause hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis
-zwölf schöne, allerliebste Mädchen hüpften die breiten Treppen herab
-uns entgegen. Sie herzten und küßten mich und nannten mich Schwester
-Giuseppa; ich fragte den Hagern: ›Sind dies Ihre Töchter, mein Herr?‹
--- ›~Oui, mes bonnes enfants!~‹ rief er lachend, und die Mädchen und
-die zahlreiche Dienerschaft stimmten ein mit einem rohen, schallenden
-Gelächter.
-
-»Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerstreuten mich. Ich wurde am
-folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich in den Salon. Die
-zwölf Mädchen saßen im schönsten Putz an Spieltischen, auf Kanapees, am
-Flügel. Sie unterhielten sich mit jungen und ältern Herrn sehr lebhaft.
-Als ich eintrat, brachen alle auf, gingen mir entgegen und betrachteten
-mich. Der Herr des Hauses führte mich zum Flügel, ich mußte singen;
-allgemeiner Beifall wurde mir zu teil. Man zog mich ins Gespräch,
-meine ungebildeten, halb italienischen Ausdrücke galten für Naivität;
-man bewunderte mich, ich erröte heute noch, mit welchen Worten man
-mir dieses sagte. So ging es mehrere Tage herrlich und in Freuden.
-Ich lebte ungeniert, ich hätte zufrieden leben können, wenn ich mich
-nicht höchst unbehaglich, beinahe bänglich in diesem Hause, in dieser
-Gesellschaft gefühlt hätte; in meiner naiven Unschuld glaubte ich,
-so sei nun einmal die große Welt, und man müsse sich in ihre Sitten
-fügen. Eines fiel mir jedoch auf; als ich an einem Abende zufällig an
-der Treppe vorbeiging, sah ich, daß die Herren, die uns besuchten, dem
-Portier Geld gaben, dafür blaue oder rote Karten bekamen und solche
-einem Bedienten vor dem Salon wieder übergaben. Ein junger Stutzer,
-der an mir vorüberkam, wies mir mit zärtlichen Blicken eine dieser
-roten Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber errötete.
-Aber hören Sie weiter, was sich alsbald zutrug.
-
-»Sehen Sie, lieber Doktor, hier habe ich ein kleines, unscheinbares
-Papier. Diesem bin ich meine Rettung schuldig. Ich fand es eines
-Morgens unter dem Brötchen meines Frühstücks, ich weiß nicht, von
-welcher gütigen Hand es kam, aber möge der Himmel das Herz belohnen,
-das sich meiner erbarmte. Es lautet:
-
- ›Mademoiselle!
-
-Das Haus, welches Sie bewohnen, ist ein Freudenhaus; die Damen, die
-Sie um sich sehen, sind Freudenmädchen; sollten wir uns in Giuseppa
-geirrt haben? Wird sie einen kurzen Schimmer von Glück mit langer Reue
-erkaufen wollen?‹
-
-»Es war ein schreckliches Licht, es drohte mich völlig zu blenden, denn
-es zerriß beinahe zu plötzlich meinen unschuldigen Kindersinn und den
-Traum von einer unbesorgten glücklichen Lage. Was war zu tun? Ich hatte
-in meinem Leben noch nicht gelernt, Entschlüsse zu fassen. Der Mann,
-dem dieses Haus gehörte, war mir ein fürchterlicher Zauberer, der jeden
-meiner Gedanken lesen könne, der jetzt schon darum wissen müsse, was
-ich erfahren. Und dennoch wollte ich lieber sterben, als noch einen
-Augenblick hier verweilen. -- Ich hatte ein Mädchen geradeüber von
-unserer Wohnung zuweilen Italienisch sprechen hören; ich kannte sie
-nicht -- aber kannte ich denn sonst jemand in dieser ungeheuren Stadt?
-Diese vaterländischen Klänge erweckten Zutrauen in mir; zu ihr wollte
-ich flüchten, ich wollte sie auf den Knieen anflehen, mich zu retten.
-
-»Es war sieben Uhr frühe; ich war meiner ländlichen Gewohnheit treu
-geblieben, stand immer frühe auf und pflegte gleich nachher zu
-frühstücken, und dies rettete mich. Um diese Zeit schliefen noch alle,
-sogar ein großer Teil der Domestiken. Nur der Portier war zu fürchten.
-Doch konnte er denken, daß jemand aus diesem Tempel der Herrlichkeit
-entfliehen werde? Ich wagte es; ich warf mein schwarzes, unscheinbares
-Mäntelchen um mich, eilte die Treppe hinab; meine Kniee schwankten, als
-ich an der Loge des Portiers vorbeiging; er bemerkte mich nicht; drei
-Schritte, und ich war frei.
-
-»Rechts über die Straße hinüber wohnte das italienische Mädchen. Ich
-sprang über die breite Straße, ich pochte am Haus, ein Diener öffnete.
-Ich fragte nach der Signora mit dem schwarzen Lockenköpfchen, die
-Italienisch spreche. Der Diener lachte und sagte, ich meine wohl die
-kleine Exzellenza Seraphine; ›dieselbe, dieselbe,‹ antwortete ich,
-›führen Sie mich geschwind zu ihr.‹ Er schien anfangs Bedenken zu
-tragen, weil es noch frühe am Tage sei, doch meine Bitten überredeten
-ihn. Er führte mich in dem zweiten Stock in ein Zimmer, hieß mich
-warten und rief dann eine Zofe, der Exzellenza mich zu melden. Ich
-hatte mir gedacht, das hübsche italienische Mädchen werde meines
-Standes sein; ich schämte mich, einer Höheren mich zu entdecken, aber
-man ließ mir keine Zeit, mich zu besinnen; die Zofe erschien, mich vor
-das Bett ihrer Gebieterin zu führen. Ja, sie war es, es war die schöne
-junge Dame, die ich hatte Italienisch sprechen hören. Ich stürzte vor
-ihr nieder und flehte sie um ihren Schutz an; ich mußte ihr meine ganze
-Geschichte erzählen. Sie schien gerührt und versprach, mich zu retten.
-Sie ließ den Diener, der mich heraufgeführt hatte, kommen und legte
-ihm das strengste Stillschweigen auf, dann wies sie mir ein kleines
-Stübchen an, dessen Fenster in den Hof gingen, gab mir zu arbeiten und
-zu essen, und so lebte ich mehrere Tage in Freude über meine Rettung,
-in Angst über meine Zukunft.
-
-»Es war das Haus des Gesandten eines kleinen deutschen Hofes, in
-welches ich aufgenommen war. Die Exzellenza war seine Nichte, eine
-geborene Italienerin, die bei ihm in Paris erzogen worden war. Sie
-war ein gütiges, liebenswürdiges Geschöpf, dessen Wohltaten ich nie
-vergessen werde. Sie kam alle Tage zu mir und tröstete mich; sie sagte
-mir, daß der Gesandte durch seine Bedienten in dem Hause des argen
-Mannes nachgeforscht habe. Man sei sehr in Bestürzung, suche es aber
-zu verbergen. Die Diener drüben flüstern geheimnisvoll, es habe sich
-eine Mamsell aus einem Fenster des zweiten Stocks in den Kanal der
-Seine gestürzt. Sonderbare Fügung! Mein Zimmer war ein Eckzimmer und
-sah mit der einen Seite nach der Straße, die andere ging schroff hinab
-in einen Kanal. Ich erinnerte mich, an jenem Morgen ein Fenster dieser
-Seite geöffnet zu haben; wahrscheinlich war es _offen_ geblieben,
-und so mochte man sich mein Verschwinden erklären. Signora Seraphine
-sollte um diese Zeit nach Italien zurückkehren, sie war so gütig,
-mich mitzunehmen. Ja, sie tat noch mehr für mich; sie bewog ihre
-Eltern in Piacenza, daß sie mich wie ihr Kind in ihr Haus aufnahmen;
-sie ließ mein Talent ausbilden, ihr habe ich Freiheit, Leben, Kunst,
-o! vielleicht mehr, als ich weiß, zu danken. In Piacenza lernte ich
-den Kapellmeister Boloni, der übrigens kein Italiener ist, kennen;
-er schien mich zu lieben, aber er sagte es mir nicht. Ich nahm bald
-nachher den Ruf an das hiesige Theater an. Man schätzte mich hier, man
-hat mir sonst wohlgewollt, mein Leben und mein Ruf waren unsträflich;
-ach, ich habe in dieser langen Zeit nie einen Mann bei mir gesehen, als
--- ich kann Ihnen dieses schöne Verhältnis ohne Erröten gestehen --
-als Boloni, der mir bald hierher nachgereist war. Sie haben mein Leben
-jetzt gehört; sagen Sie mir, habe ich etwas getan, um so bittere Strafe
-zu verdienen? Habe ich so Entsetzliches verschuldet?«
-
-
-7.
-
-Als die Sängerin geendet hatte, ergriff der Medizinalrat lebhaft ihre
-Hand. »Ich wünsche mir Glück,« sagte er, »den wenigen Menschen, die Sie
-auf Ihrem Lebensweg gefunden haben, beitreten zu können. Meine Kräfte
-sind zwar zu schwach, um für Sie tun zu können, was die treffliche
-kleine Exzellenza für Sie tat, aber ich will suchen, Ihr trauriges
-Geschick entwirren zu helfen; ich will den Brausewind, Ihren Freund,
-zu versöhnen suchen. Aber sagen Sie mir nur, was ist denn Herr Boloni
-eigentlich für ein Landsmann?« -- »Da fragen Sie mich zu viel,«
-erwiderte sie ausweichend: »ich weiß nur, daß er ein Deutscher von
-Geburt ist und, wenn ich nicht irre, wegen Familienverhältnissen vor
-mehreren Jahren sein Vaterland verließ. Er hielt sich in England und
-Italien auf und kam vor etwa drei Vierteljahren hierher.«
-
-»So, so; aber warum haben Sie ihm _das_, was Sie mir erzählen, nicht
-schon früher selbst gesagt?«
-
-Giuseppa errötete bei dieser Frage; sie schlug die Augen nieder und
-antwortete: »Sie sind mein Arzt, mein väterlicher Freund, es ist mir,
-wenn ich zu Ihnen spreche, als spräche ich als Kind zu meinem Vater. --
-Aber konnte ich denn dem jungen Mann von diesen Dingen erzählen? Und
-ich kenne ja seine schreckliche Eifersucht, seinen leicht gereizten
-Argwohn, ich habe es nie über mich vermocht, ihm zu sagen, welchen
-Schlingen ich entflohen war.«
-
-»Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie sind ein gutes Kind; glauben
-Sie mir, es tut einem alten Manne wohl, auf solche dezente Gefühle
-aus der alten Zeit zu stoßen; denn heutzutage gilt es für guten Ton,
-sich über dergleichen wegzusetzen. Aber noch haben Sie mir nicht alles
-erzählt; der Abend auf der Redoute, jene schreckliche Nacht? --«
-
-»Es ist wahr, ich muß Ihnen noch weiter sagen. Ich habe, so oft ich im
-stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorsehung gepriesen, daß man
-in jenem Hause glaubte, ich habe mich selbst getötet, denn es war mir
-nur zu gewiß, daß, wenn jener Schreckliche nur die entfernteste Ahnung
-von meinem Leben habe, er kommen werde, sein Opfer zurückzuholen oder
-es zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankstück für mich bezahlt
-haben. Deswegen habe ich, solange ich in Piacenza war, manches schöne
-Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich mich scheute, öffentlich
-aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb Jahre dort war, brachte mir
-eines Morgens Seraphine ein Pariser Zeitungsblatt, worin der Tod des
-Chevalier de Planto angezeigt war.«
-
-»Chevalier de Planto?« unterbrach sie der Arzt: »hieß so jener Mann,
-der Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte?«
-
-»So hieß er; ich war voll Freude, meine letzte Furcht war verschwunden,
-und es stand nichts mehr im Wege, meinen Wohltätern nicht mehr
-beschwerlich zu fallen. Schon einige Wochen nachher kam ich nach B. Ich
-ging vorgestern abend auf die Redoute, und ich will Ihnen nur gestehen,
-daß ich recht freudig gestimmt war. Boloni durfte nicht wissen, in
-welchem Kostüm ich erscheinen würde, ich wollte ihn necken und dann
-überraschen. Auf einmal, wie ich allein durch den Saal gehe, flüstert
-eine Stimme in mein Ohr: ›Schepperl! was macht dein Onkel?‹ Ich war wie
-niedergedonnert; diesen Namen hatte ich nicht mehr gehört, seit ich
-den Händen jenes Fürchterlichen entgangen war. Mein Onkel! Ich hatte
-ja keinen, und nur _einer_ hatte gelebt, der sich vor der Welt dafür
-ausgab, der Chevalier de Planto. Ich hatte kaum so viel Fassung, zu
-erwidern: ›Du irrst dich, Maske!‹ Ich wollte hinwegeilen, mich unter
-dem Gewühl der Menge verbergen, aber die Maske schob ihren Arm in den
-meinigen und hielt mich fest. ›Schepperl!‹ sprach der Unbekannte,
-›ich rate dir, ruhig neben mir herzugehen, sonst werde ich den Leuten
-erzählen, in welcher Gesellschaft du dich früher umhergetrieben.‹ Ich
-war vernichtet, es wurde Nacht in meiner Seele, nur _ein_ Gedanke war
-in mir lebhaft: die Furcht vor der Schande. Was konnte ich armes,
-hilfloses Mädchen machen, wenn dieser Mensch, wer er auch sein mochte,
-solche Dinge von mir aussagte? Die Welt würde ihm geglaubt haben, und
-Carlo! ach, Carlo wäre nicht der letzte gewesen, der mich verdammt
-hätte. Ich folgte dem Manne an meiner Seite willenlos. Er flüsterte
-mir die schrecklichsten Dinge zu; meinen Onkel, wie er den Chevalier
-nannte, habe ich unglücklich gemacht, meinen Vater, meine Familie ins
-Verderben gestürzt. -- Ich konnte es nicht mehr aushalten, ich riß mich
-los und rief nach meinem Wagen. Als ich mich aber auf der Treppe umsah,
-war diese schreckliche Gestalt mir gefolgt. ›Ich fahre mit dir nach
-Hause, Schepperl,‹ sprach er mit schrecklichem Lachen; ›ich habe noch
-ein paar Worte mit dir zu reden.‹ Die Sinne vergingen mir, ich fühlte,
-daß ich ohnmächtig werde, ich wachte erst wieder im Wagen auf, die
-Maske saß neben mir. Ich stieg aus und ging auf mein Zimmer, er folgte;
-er fing sogleich wieder an zu reden; in der Todesangst, ich möchte
-verraten werden, schickte ich Babette hinaus.
-
-»›Was willst du hier, Elender?‹ rief ich voll Wut, mich so beleidigt zu
-sehen. ›Was kannst du von mir Schlechtes sagen? Ohne meinen Willen kam
-ich in jenes Haus; ich verließ es, als ich sah, was dort meiner warte.‹
-
-»›Schepperl, mache keine Umstände; es gibt nur zwei Wege, dich zu
-retten. Entweder zahlst du auf der Stelle zehntausend Franken, sei es
-in Juwelen oder Gold, oder du folgst mir nach Paris; sonst weiß morgen
-die ganze Stadt mehr von dir, als dir lieb ist.‹ Ich war außer mir.
-›Wer gibt dir dieses Recht, mir solche Zumutungen zu machen?‹ rief ich.
-›Wohlan! sage der Stadt, was du willst; aber auf der Stelle verlasse
-dieses Haus! Ich rufe die Nachbarn.‹
-
-»Ich hatte einige Schritte gegen das Fenster getan, er lief mir nach,
-packte meinen Arm. ›Wer mir das Recht gibt?‹ sprach er, ›dein Vater,
-Täubchen, dein Vater.‹ Ein teuflisches Lachen tönte aus seinem Mund,
-der Schein der Kerze fiel auf ein Paar graue, stechende Augen, die
-mir nur zu bekannt waren. In demselben Moment war mir klar, wen ich
-vor mir hatte; ich wußte jetzt, daß sein Tod nur ein Blendwerk war,
-das er zu irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir
-übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm seine Maske
-abreißen. ›Ich kenne Euch, Chevalier de Planto,‹ rief ich, ›aber Ihr
-sollt den Gerichten Rechenschaft über mich geben müssen.‹ -- ›So weit
-sind wir noch nicht, Täubchen,‹ sagte er, und in demselben Augenblick
-fühlte ich sein Eisen in meiner Brust, ich glaubte zu sterben --«
-
-Der Doktor schauderte; es war heller Tag, und doch graute ihm, wie wenn
-man im Dunkeln von Gespenstern spricht. Er glaubte, das heisere Lachen
-dieses Teufels zu hören, er glaubte, hinter den Gardinen des Bettes
-die grauen, stechenden Augen dieses Ungeheuers glänzen zu sehen. »Sie
-glauben also,« sagte er nach einer Weile, »daß der Chevalier nicht tot
-ist, daß es derselbe ist, der Sie ermorden wollte?«
-
-»Seine Stimme, sein Auge überzeugten mich; das Tuch, das ich Ihnen
-gestern gab, machte es mir zur Gewißheit. Die Anfangslettern seines
-Namens sind dort eingezeichnet.«
-
-»Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu handeln? Darf ich alles, was
-Sie mir sagten, selbst vor Gericht angeben?«
-
-»Ich habe keine Wahl, alles! Aber, nicht wahr, Doktor, Sie gehen zu
-Boloni und sagen ihm, was ich Ihnen sagte? Er wird Ihnen glauben, er
-kannte ja auch Seraphine.«
-
-»Und darf ich nicht auch wissen,« fuhr der Medizinalrat fort, »wie der
-Gesandte hieß, in dessen Haus Sie sich verbargen?«
-
-»Warum nicht? Es war ein Baron Martinow.«
-
-»Wie?« rief Lange in freudiger Bewegung. »Der Baron Martinow? Ist er
-nicht in ...schen Diensten?«
-
-»Ja, kennen Sie ihn? Er war Gesandter des ...schen Hofes in Paris und
-nachher in Petersburg.«
-
-»O, dann ist es gut, sehr gut,« sagte der Medizinalrat und rieb sich
-freudig die Hände. »Ich kenne ihn, er ist seit gestern hier; er hat
-mich rufen lassen; er wohnt im Hotel de Portugal.«
-
-Eine Träne blinkte in dem Auge der Sängerin, und von frommen
-Empfindungen schien ihr Herz bewegt. »So mußte ein Mann,« sagte sie,
-»den ich viele hundert Meilen entfernt glaubte, hierher kommen, um
-die Wahrheit meiner Erzählung zu bekräftigen! Gehen Sie zu ihm; ach,
-daß auch Carlo zuhören könnte, wenn er Ihnen versichert, daß ich die
-Wahrheit sprach!«
-
-»Er soll es, er soll mit mir, ich will es schon machen. Adieu, gutes
-Kind; seien Sie ganz ruhig, es muß Ihnen noch gut gehen auf Erden, und
-nehmen Sie die Mixtur recht fleißig, alle Stunden zwei Löffel voll!«
-So sprach der Doktor und ging. Die Sängerin aber dankte ihm durch
-ihre freundlichen Blicke. Sie war ruhiger und heiter; es war, als
-habe sie eine große Last mit ihrem Geheimnis hinweggewälzt; sie sah
-vertrauensvoller in die Zukunft, denn ein gütiges Geschick schien sich
-des armen Mädchens zu erbarmen.
-
-
-8.
-
-Der Baron Martinow, dem Lange früher einmal einen wichtigen Dienst zu
-leisten Gelegenheit gehabt hatte, nahm ihn freundlich auf und gab ihm
-über die Sängerin Bianetti die genügendsten Aufschlüsse. Er bestätigte
-nicht nur beinahe wörtlich ihre Erzählung, sondern er brach auch in
-die lautesten Lobeserhebungen ihres Charakters aus; ja er versprach,
-wohin er in dieser Stadt kommen würde, überall zu ihren Gunsten zu
-sprechen und die Gerüchte zu widerlegen, die über sie im Umlauf waren.
-Er hat auch Wort gehalten, denn hauptsächlich seinem Ansehen und der
-edelmütigen Art, womit er sich der Italienerin annahm, schrieben es
-ihre Freunde zu, daß die Gesinnungen des Publikums über sie in wenigen
-Tagen wie durch einen Zauberschlag sich änderten. Der Medizinalrat
-Lange aber stieg an jenem Tage, als er vom Gesandten kam, aus der
-Bel-Etage des Hotels de Portugal noch einige Treppen höher, in die
-Mansarden; in Nr. 54 sollte der Kapellmeister wohnen. Er stand vor der
-Türe still, um Atem zu schöpfen, denn die steilen Treppen hatten ihn
-angegriffen. Sonderbare Töne drangen aus dieser Türe in sein Ohr. Es
-schien ein schwer Kranker darin zu sein, denn er vernahm ein tiefes
-Stöhnen und Seufzen, das aus der tiefsten Brust aufzusteigen schien.
-Dann klangen wieder schreckliche französische und italienische Flüche
-dazwischen, wie wenn Ungeduld dem Jammer Luft machen will, und ein
-heiseres Lachen der Verzweiflung bildete wieder den Uebergang zu jenen
-tiefen Seufzern. Der Medizinalrat schauderte. »Habe ich doch schon
-neulich etwas weniges Wahnsinn an dem Maestro verspürt,« dachte er,
-»sollte er vollends übergeschnappt sein, oder ist er krank geworden
-aus Schmerz?« Er hatte schon den Finger gekrümmt, um anzuklopfen,
-als sein Blick noch einmal auf die Nummer der Türe fiel; es war 53.
-Wie hatte er sich doch täuschen können; fast wäre er zu einem ganz
-fremden Menschen eingetreten. Unwillig über sich selbst ging er eine
-Türe weiter; hier war 54; hier lautete es auch ganz anders. Eine tiefe
-schöne Männerstimme sang ein Lied, begleitet von dem Pianoforte; der
-Medizinalrat trat ein, es war jener junge Mann, den er gestern bei der
-Sängerin gesehen.
-
-Im Zimmer lagen Notenblätter, Gitarre, Violinen, Saiten und anderer
-Musikbedarf umher, und mitten unter diesen Trümmern stand der
-Kapellmeister in einem weiten, schwarzen Schlafrock, eine rote Mütze
-auf dem Kopf und eine Notenrolle in der Hand; der Doktor hat nachher
-gestanden, es sei ihm bei seinem Anblick Marius auf den Trümmern von
-Karthago eingefallen.
-
-Der junge Mann schien sich seiner von gestern zu erinnern und empfing
-ihn beinahe finster; doch war er so artig, einen Stoß Notenblätter mit
-einem Ruck von einem Sessel auf den Boden zu werfen, um seinem Besuch
-Platz anzubieten; er selbst stieg mit großen Schritten im Zimmer umher,
-und sein fliegender Schlafrock nahm geschickt den Staub von Tischen und
-Büchern.
-
-Er ließ den Medizinalrat nicht zum Worte gelangen, er überschrie ihn.
-»Sie kommen von ihr?« rief er. »Schämen sich Ihre grauen Haare nicht,
-der Kuppler eines solchen Weibes zu werden? Ich will nichts mehr hören;
-ich habe mein Glück zu Grabe getragen, Sie sehen, ich traure um meine
-Seligkeit; ich habe meinen schwarzen Schlafrock an, schon dies sollte
-Ihnen, wenn Sie sich entfernt auf Psychologie verstehen, ein Zeichen
-sein, daß ich jene Person für mich als gestorben ansehe. O Giuseppa,
-Giuseppa!«
-
-»Wertester Herr Kapellmeister,« unterbrach ihn der Doktor, »so hören
-Sie mich nur an --«
-
-»Hören? Was wissen Sie von Hören? Lauschen Sie, wenn Sie von Hören
-sprechen; ich will prüfen, ob du Gehör hast, Alter! Siehe, das ist
-das Weib,« fuhr er fort, indem er den Flügel aufriß und einiges
-spielte, das übrigens dem Doktor, der kein großer Musikkenner war,
-vorkam wie andere Musik auch; »hören Sie dieses Weiche, Schmelzende,
-Anschmiegende? Aber bemerken Sie nicht in diesen Uebergängen das
-unzuverlässige, flüchtige, charakterlose Wesen dieser Geschöpfe? Aber
-hören Sie weiter,« sprach er mit erhobener Stimme und glänzendem Auge,
-indem er die weiten Aermel des Trauerschlafrockes zurückschüttelte,
-»wo Männer wirken, ist Kraft und Wahrheit; hier kann nichts Unreines
-aufkommen, es sind heilige, göttliche Laute!« Er hämmerte mit großer
-Macht auf den Tasten umher, aber dem Doktor wollte es wieder bedünken,
-als sei dies nur ganz gewöhnliche Musik.
-
-»Sie haben da eine sonderbare Charakteristik der Menschen,« sagte
-er; »da wir doch einmal so weit sind, dürfte ich Sie nicht bitten,
-Verehrter, daß Sie mir doch einmal einen Medizinalrat auf dem Klavier
-vorstellten?«
-
-Der Musiker sah ihn verächtlich an. »Wie magst du nur mit einem
-schlechten quiekenden Cis hereinfahren, Erdenwurm, wenn ich den
-herrlichen, strahlenwerfenden Akkord anschlage!«
-
-Die Antwort des Doktors wurde durch ein Klopfen an der Tür
-unterbrochen; eine kleine verwachsene Figur trat herein, machte eine
-Reverenz und sprach: »Der kranke Herr auf Nr. 53 läßt den Herrn
-Kapellmeister höflichst ersuchen, doch nicht so gar erschrecklich
-zu hantieren und zu haselieren, wasmaßen derselbe von gar schwacher
-Konstitution und dem zeitlichen Hinscheiden nahe ist.«
-
-»Ich lasse dem Herrn meinen gehorsamsten Respekt vermelden,« erwiderte
-der junge Mann, »und meinetwegen könne er abfahren, wann es ihm
-gefällig. Es graut mir ohnedies alle Nacht vor seinem Jammern und
-Stöhnen, und das greulichste sind mir seine gottlosen Flüche und sein
-tolles Lachen. Meint vielleicht der Franzose, er sei allein Herr im
-Hotel de Portugal? Geniert er mich, so geniere ich ihn wieder.«
-
-»Aber verzeihen Euer Hochedelgeboren,« sagte der verwachsene Mensch,
-»er treibt's nicht mehr lange, wollten Sie ihm nicht die letzten
-Augenblicke --«
-
-»Ist er so gar krank, der Herr?« fragte der Medizinalrat teilnehmend,
-»was fehlt ihm? Wer behandelt ihn? Wer ist er?«
-
-»Wer er ist, weiß ich gerade nicht; ich bin der Lohnlakai; ich denke,
-er nennt sich Lorier und ist aus Frankreich; vorgestern war er noch
-wohlauf, aber etwas melancholisch, denn er ging gar nicht aus, hatte
-auch keine Lust, die Merkwürdigkeiten dieser Stadt zu sehen, aber am
-andern Morgen fand ich ihn schwerkrank im Bette; es scheint, er hat in
-der Nacht einen Schlaganfall bekommen. Aber um alle Welt will er keinen
-Arzt. Er flucht gräßlich, wenn ich frage, ob ich einen zu ihm führen
-solle. Er pflegt und verbindet sich selbst; ich glaube, er hat auch
-eine alte Schußwunde aus dem Krieg, die jetzt wieder aufgegangen ist.«
-
-Man hörte in diesem Augenblick den Kranken nebenan mit heiserer Stimme
-rufen und einige Verwünschungen ausstoßen. Der Lohnlakai schlug drei
-Kreuze und flog hinüber.
-
-Der Doktor versuchte noch einmal, ob seine Reden bei dem verstockten
-Liebhaber keinen Eingang fänden, und wirklich schien es diesmal zu
-gelingen. Er hatte eine Partitur in die Hand genommen, aus welcher er
-mit leiser Stimme vor sich hinsang; der Doktor benützte diese ruhigere
-Stimmung und fing an, ihm das Leben der Sängerin zu erzählen. Anfangs
-schien der Kapellmeister nicht darauf zu achten; er las emsig in seiner
-Partitur und tat, als sei außer ihm niemand im Zimmer; nach und nach
-aber wurde er aufmerksamer, er hörte auf zu singen; bald hob sich
-zuweilen sein Auge über die Partitur und streifte glühend über des
-Doktors Gesicht, dann ließ er das Notenheft sinken und sah den Erzähler
-fest an; sein Interesse schien mehr und mehr zu wachsen, seine Augen
-glänzten, er rückte näher, er faßte den Arm des Mediziners, und als
-dieser seine Erzählung schloß, sprang er in großer Bewegung auf und
-rannte im Zimmer auf und nieder. »Ja,« rief er, »es liegt Wahrheit
-darin, ein Schein von Wahrheit, eine Wahrscheinlichkeit; es ist
-möglich, es könnte etwa so gewesen sein; Teufel! könnte es nicht auch
-eine Lüge sein?«
-
-»Das heißt man, glaube ich, ~decrescendo~ in Ihrer werten Kunst, Herr
-Kapellmeister; aber warum denn bei dieser Sache so von der Wahrheit bis
-zur Lüge herabsteigen? Wenn ich Ihnen nun einen Bürgen für die Wahrheit
-stellte? Maestro, wie dann?«
-
-Boloni blieb sinnend vor ihm stehen: »Ha! wer dieses könnte,
-Medizinalrat, in Gold wollte ich dich fassen, schon dieser Gedanke
-verdient, groß und königlich belohnt zu werden. Ja! wer mir Bürge wäre!
--- Es ist alles so finster -- verworrene Labyrinthe -- kein Ausgang --
-kein leitendes Gestirn!«
-
-»Wertgeschätzter Freund,« unterbrach ihn der Doktor; »ich ertappe Sie
-hier auf einer Reminiszenz aus Schillers Räubern, so in der Cottaschen
-Taschenausgabe stehet, wenn ich mich recht erinnere. Demungeachtet weiß
-ich einen solchen Bürgen, ein solches leitendes Gestirn.«
-
-»Ha! Wer mir einen solchen gäbe!« rief jener. »Er sei mein Freund, mein
-Engel, mein Gott -- ich will ihn anbeten!«
-
-»Es ist zwar in der angeführten Stelle von einem Schwert die Rede,
-womit man der Otternbrut eine brennende Wunde versetzen will;
-nichtsdestoweniger aber will ich Sie überzeugen; jener Gesandte, der
-die arme Giuseppa in seinem Hause aufnahm, logiert zufällig hier im
-Hause auf Nr. 6; belieben Sie einen Frack anzuziehen und ein Halstuch
-umzuknüpfen, so werde ich Sie zu ihm führen; er hat mir versprochen,
-Sie zu überzeugen.«
-
-Der junge Mann drückte gerührt die Hand des Arztes; doch auch jetzt
-noch konnte er ein gewisses erhabenes Pathos nicht verbergen. »Ihr wart
-mein guter Engel,« sagte er; »wie vielen Dank bin ich für diesen Wink
-Euch schuldig; ich fahre nur geschwind in meinen Frack, und sogleich
-folg' ich Euch zu dem Gesandten.«
-
-
-9.
-
-Die Aussöhnung mit dem Geliebten schien beinahe noch von größerer
-Wirkung auf die Sängerin zu sein als die kunstreichsten Tränklein
-ihres Arztes. Ihre Gesundheit besserte sich in den nächsten Tagen
-zusehends, und bald war sie so weit hergestellt, daß sie die Besuche
-ihrer teilnehmenden Freunde außer dem Bette empfangen konnte. Diese
-Wendung ihres Zustandes mochte der Direktor der Polizei abgewartet
-haben, um die Sache weiter zu verfolgen. Er war ein umsichtiger Mann,
-und der Ruf sagte von ihm, daß ihm nicht leicht einer entgehe, auf
-den er einmal sein Auge geworfen, sollte er auch hundert und mehrere
-Meilen entfernt sein. Von dem Medizinalrat war ihm die Geschichte der
-Sängerin mitgeteilt worden, er hatte sodann mit dem Baron Martinow noch
-weitere Rücksprache genommen und einiges erfahren, was ihm von großem
-Interesse schien. Der Gesandte hatte ihm nämlich gestanden, daß er von
-dem Vorfall mit der jungen Bianetti Gelegenheit genommen, das ruchlose
-Leben des Chevalier de Planto höheren Orts zu berühren. Er hatte nicht
-versäumt, hauptsächlich den Umstand, daß jenes arme Kind eigentlich
-verkauft wurde, ins rechte Licht zu setzen. Jenes berüchtigte Haus
-wurde kurze Zeit darauf von der Polizei aufgehoben, und der Baron
-schien dies hauptsächlich den Schritten, die er in der Sache getan,
-zuzuschreiben. Auch er hatte von dem Tod des Chevaliers gehört,
-glaubte aber mit dem Polizeidirektor, daß dies nur ein Kunstgriff
-gewesen sei, um sein Gewerbe sicherer fortzusetzen; denn beide hegten
-keinen Zweifel, jener Mordversuch an der Sängerin könne nur von
-diesem schrecklichen Menschen herrühren. Wie schwer war es aber, der
-Spur dieses Mörders zu folgen; die Fremden, die sich damals in B.
-aufhielten, waren, wie der Direktor versicherte, alle unverdächtig;
-nur zwei Umstände konnten zu Gewisserem führen; das Schnupftuch,
-welches sich im Zimmer der Bianetti gefunden hatte, konnte, wenn man
-irgendwo ein ähnliches sah, zur Entdeckung leiten; es war daher die
-genaueste Beschreibung davon in den Händen aller jener Nähterinnen
-und Waschfrauen, welche die Garderobe der Fremden in B. zu besorgen
-pflegten. Sodann glaubte der Direktor aus psychologischen Gründen
-annehmen zu können, daß ein zweiter Versuch auf das Leben der Sängerin
-bald folgen würde, im Falle sich nämlich der Mörder noch in der Nähe
-aufhielte.
-
-Sobald daher die Sängerin wieder bei Kräften war, begleitete der
-Direktor der Polizei den Doktor Lange, so oft er sie besuchte; es
-wurden dort manche Maßregeln besprochen, manche schienen gut, aber
-nicht wohl auszuführen, manche wurden geradehin verworfen. Giuseppa
-selbst kam endlich auf einen Gedanken, der den beiden Männern sehr
-einleuchtete. »Der Doktor,« sagte sie, »hat mir erlaubt, in der
-nächsten Woche wieder auszugehen; wenn er nichts dagegen hat, würde
-ich auf der letzten Redoute des Karnevals zuerst wieder unter den
-Leuten erscheinen; es hat etwas Anziehendes für mich, mich dort, wo
-mein Unglück eigentlich anfing, zum erstenmal zu zeigen. Wenn wir dafür
-sorgen, daß dies in B. hinlänglich bekannt wird, und wenn der Chevalier
-noch hier ist, so bin ich wie von meinem Leben überzeugt, daß er unter
-irgend einer Maske sich wieder in meine Nähe drängt. Er wird sich zwar
-hüten zu sprechen, er wird durch nichts sich verraten, aber seine
-Anschläge auf mein Leben wird er nicht ruhen lassen, und ich will ihn
-aus Tausenden erkennen. Seine Größe, seine Gestalt, vor allem seine
-Augen werden mir ihn kenntlich machen. Was meinen Sie, meine Herren?«
-
-Der Plan war nicht übel. »Ich wollte wetten,« sagte der Direktor, »wenn
-er erfährt, Sie kommen auf diesen Ball, so bleibt er nicht aus; sei es
-auch nur, um den Gegenstand seiner Rache wiederzusehen und seiner Wut
-neue Nahrung zu geben. Ich denke übrigens, Sie sollten keine Larve vors
-Gesicht nehmen, er wird Sie dann um so leichter erkennen, um so eher in
-Ihrer Nähe in seine Falle gehen; ich werde ein paar tüchtige Bursche in
-Dominos stecken und sie Ihnen zur Eskorte geben; auf ein Zeichen von
-Ihnen soll der alte Fuchs gefangen sein.«
-
-Babette, das Kammermädchen der Sängerin, war während dieses Gespräches
-ab und zu gegangen; sie hatte gehört, wie ihre Dame entschlossen sei,
-den Mörder oder seine Gehilfen ausfindig zu machen, sie glaubte es sich
-selbst schuldig zu sein, nach Kräften zu dieser Entdeckung beizutragen.
-Sie paßte daher den Direktor ab, faßte sich ein Herz und sagte, sie
-habe schon neulich den Doktor auf einen Umstand aufmerksam gemacht, der
-zur Entdeckung führen könnte, er scheine aber nicht darauf zu achten.
-
-»Kein Umstand ist bei solchen Vorfällen gering, meine liebe Kleine,«
-antwortete der Mann der Polizei; »wenn Sie irgend etwas wissen --«
-
-»Ich glaube fast, Signora ist zu diskret und will nicht recht mit der
-Sprache heraus; als sie den Stich bekam und in meinen Armen ohnmächtig
-wurde, war ihr letzter Seufzer -- Bolnau.«
-
-»Wie?« rief der Direktor entrüstet, »und das verschwieg man mir bis
-jetzt? Einen so wichtigen Umstand; haben Sie auch recht gehört, Bolnau?«
-
-»Auf meine Ehre,« sagte die Kleine und legte die Hand beteuernd auf
-das Herz. »Bolnau sagte sie und so schmerzlich, daß ich nicht anders
-glaube, als so heißt der Mörder; aber bitte, verraten Sie mich nicht!«
-
-Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er sehe so ehrlich
-aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen sei. Der Kommerzienrat
-Bolnau, und einen andern wußte er nicht in dieser Stadt, war ihm zwar
-als ein geordneter Mann bekannt, aber -- hatte man nicht Beispiele, daß
-gerade solche Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte,
-der Justiz am meisten zu schaffen machten? Konnte er nicht mit diesem
-Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte unter diesen
-Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näherte sich der breiten
-Straße, es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der Kommerzienrat sich dort
-zu ergehen pflegte; er beschloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen.
-Richtig, dort kam er die Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte
-links, er sprach alle Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte,
-wenn er weiter ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu
-sein. Er mochte etwa noch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt sein,
-als er dessen ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um und wollte
-in eine Seitenstraße einbiegen. »Ein verdächtiger, sehr verdächtiger
-Umstand!« dachte der Direktor, lief ihm nach, rief seinen Namen und
-brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat war ein Bild des Jammers; er
-brachte in hohlen Tönen ein »~Bon jour, bon jour~« hervor, er schien
-lächeln zu wollen, aber die Augen gingen ihm über, und sein Gesicht
-verzog sich krampfhaft; seine Kniee zitterten, seine Zähne schlugen
-hörbar aneinander.
-
-»Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein paar Tage nicht
-an meinem Fenster vorbeigehen sehen; Sie scheinen nicht recht wohl zu
-sein?« setzte der Direktor mit einem stechenden Blick hinzu, »Sie sind
-so blaß, fehlt Ihnen etwas?«
-
-»Nein, -- es ist nur so ein kleines Frösteln -- ich war wirklich einige
-Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.«
-
-»So? Sie waren nicht wohl?« fragte jener weiter; »das hätte ich kaum
-gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen Tagen auf der Redoute
-recht munter gesehen zu haben.«
-
-»Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich legen; ich
-bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz wiederhergestellt.«
-
-»Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute zu besuchen;
-es ist die letzte und soll sehr brillant werden; ich hoffe Sie dort zu
-sehen; bis dahin adieu! Herr Kommerzienrat.«
-
-
-10.
-
-»Werde nicht mankieren!« rief ihm der Kommerzienrat Bolnau mit
-jammervollen Mienen nach. »Der hat Verdacht!« sprach er zu sich. »Der
-weiß etwas von dem Wort der Sängerin. Zwar sie soll wiederhergestellt
-sein; aber kann nicht der Verdacht im Herzen dieses Polizisten um sich
-fressen? Kann er mich nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime
-Polizei wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten
-sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden, so wird
-es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, ich werde ein
-unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum; und doch lebte ich still
-und harmlos wie Wilhelm Tell im vierten Akt!«
-
-So sprach der unglückliche Bolnau bei sich; seine Angst vermehrte
-sich, als er über die verfängliche Frage wegen der nächsten Redoute
-nachdachte. »Er meint gewiß, ich werde mich nicht in die Nähe der
-Sängerin wagen, aus bösem Gewissen; aber ich muß hin, ich muß ihm
-diesen Verdacht benehmen! Und doch -- wird mich nicht in ihrer Nähe
-ein Zittern und Beben überfallen, gerade weil er glauben kann, ich
-werde aus Gewissensbissen und Angst zittern?« Er quälte sich ab mit
-diesen Vorstellungen, sie beschäftigten ihn tagelang, er erinnerte
-sich, daß ein berühmter Schriftsteller in einer Schrift bewiesen
-habe, daß man Angst vor der Angst haben könne, und dies schien ihm
-ganz sein Fall zu sein. Aber er fühlte, daß er sich ein Herz fassen
-und der Gefahr entgegengehen müsse. Er ließ sich vom Maskenverleiher
-den prachtvollen Anzug des Pascha von Janina holen; er zog ihn alle
-Tage an und übte sich vor einem großen Spiegel, recht unbefangen aus
-seiner Maske hervorzuschauen. Er machte sich aus seinem Schlafrocke
-eine Puppe und setzte sie auf einen Sessel: sie stellte die Sängerin
-Bianetti vor. Er ging als Pascha um sie her, näherte sich ihr und
-sprach: »Es freuet mich unendlich, Sie in so erwünschtem Wohlbefinden
-zu sehen.« Am dritten Tage konnte er seine Lektion schon ganz ohne
-Zittern sagen, daher legte er sich noch Schwereres auf. Er wollte recht
-artig und unbefangen sein und ihr einen Teller mit Bonbons und Punsch
-offerieren. Er übte sich mit einem Glas Wasser, das er auf einen Teller
-setzte. Von Anfang klirrte es schrecklich in seiner zitternden Hand;
-aber auch diese Schwachheit überwand er, ja er konnte ganz lustig dazu
-sagen: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche
-Bonbons?« Es ging trefflich; kein Sterblicher sollte ihn beben sehen.
-Ali Pascha von Janina fühlte Mut in sich, trotz seiner Angst auf die
-Redoute zu gehen.
-
-Der Medizinalrat Lange hatte es sich nicht nehmen lassen, die Genesene
-zum erstenmal wieder unter die Leute zu führen. Sie hatte es ihm gerne
-zugesagt; hatte er doch durch seine treue Pflege, durch die väterliche
-Sorgfalt, womit er sich ihrer angenommen, ein Recht auf ihre wärmste
-Dankbarkeit gewonnen. So kam er mit ihr auf die Redoute, und er schien
-sich nicht wenig auf den Platz an der Seite des schönen, interessanten
-Mädchens zu gut zu tun. Die Leute in B. sind ein sonderbares Volk. In
-den ersten Tagen hatte man von den nobelsten Salons bis hinab in die
-Bierschenken von der Sängerin Uebles gesprochen; als aber Männer von
-Gewicht sich ihrer annahmen, als angesehene Damen sich öffentlich für
-sie erklärten, drehte sich die Fahne nach dem Wind, und die B...er
-liefen, gerührt über das Schicksal des armen Kindes, in den Straßen
-umher und starben bald vor Entzücken, daß sie genesen. Als sie in den
-Saal der Redoute trat, schien alles nur auf sie, als die Königin des
-Festes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man klatschte in
-die Hände und rief bravo! als hätte sie eben die schwersten Rouladen
-zustande gebracht. Auch dem Medizinalrat fiel sein Anteil am Beifall
-zu: »Sehet, der ist's,« riefen sie, »das ist ein geschickter Mann, der
-hat sie gerettet!«
-
-Die Sängerin fühlte sich freudig bewegt von diesem Beifall der Menge;
-ja sie hätte, berauscht von dem Gemurmel der Glückwünschenden, beinahe
-vergessen, daß sie noch ein ernsterer Zweck in diesen Saal geführt
-habe; aber die vier handfesten Dominos, die ihren Schritten folgten,
-die Fragen des Doktors, ob sie der grauen Augen des Chevaliers noch
-nicht ansichtig geworden, erinnerten sie immer wieder an ihr Vorhaben.
-Ihr selbst und dem Doktor war es nicht entgangen, daß ein langer,
-hagerer Türke (man hieß in B. sein Kostüm den Ali Bassa) sich immer
-in ihre Nähe dränge; und so oft der Strom der Masken ihn wegriß, immer
-war er ihnen wieder zur Seite. Die Sängerin stieß den Doktor an und
-winkte mit den Augen nach dem Pascha hin. Er erwiderte ihren Wink und
-sagte: »Ich habe ihn schon lange bemerkt.« Der Pascha näherte sich mit
-ungewissen Schritten; die Sängerin klammerte sich fester an Langes
-Arm; er war jetzt ganz nahe, starre, graue Aeuglein guckten aus der
-Maske, und eine hohle Stimme sprach zu ihr: »Es freut mich unendlich,
-wertgeschätzte Mamsell, Sie in so erwünschtem Wohlsein zu sehen.« Die
-Sängerin wandte sich erschreckt ab und schien zu zittern; auch die
-Maske fuhr bei diesem Anblick bebend zurück und verschwand unter der
-Menge. »Ist er es?« rief der Medizinalrat; »fassen Sie sich doch; es
-gilt hier, ruhig und mit Umsicht zu handeln; glauben Sie, er ist es?«
--- »Noch weiß ich es nicht gewiß,« entgegnete sie; »aber ich glaube,
-seine Augen zu erkennen.«
-
-Der Medizinalrat gab den vier Dominos die Weisung, recht genau auf
-diesen Pascha acht zu geben, und ging mit der Dame weiter. Aber kaum
-hatte er einige Gänge durch den Saal gemacht, so erschien der Türke
-wieder; doch hielt er sich mehr in der Entfernung, als beobachte er die
-Sängerin.
-
-Der Doktor trat mit seiner Dame an ein Büfett, um ihr auf den gehabten
-Schrecken eine Tasse Tee zu verordnen; er sah sich um -- auch hier
-wieder der Türke. Und siehe da, jetzt hatte er auf einem Tellerlein
-ein Glas Punsch und einige Bonbons; er nähert sich der Sängerin, seine
-Augen funkeln, das Glas hüpft und klappert in seltsamen Klängen auf dem
-zitternden Teller; er ist an ihrer Seite, er bietet ihr den Teller und
-sagt: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche
-Bonbons?« Die Sängerin sah ihn starr an, sie erbleichte, sie stieß den
-Teller zurück und rief: »Ha! der Schreckliche! Er ist's, er ist's, er
-will mich vergiften!«
-
-Der Pascha von Janina stand stumm und regungslos, er schien jeden
-Gedanken an Verteidigung aufzugeben; willenlos ließ er sich von den
-vier handfesten Dominos hinwegführen.
-
-Beinahe in demselben Augenblick wurde der Doktor heftig an seinem
-schwarzen Mantel gezogen; er sah sich um, jener kleine verwachsene
-Lohnlakai aus dem Hotel de Portugal stand vor ihm, bleich und
-von Schrecken entstellt: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr
-Medizinalrat, kommen Sie doch gefälligst mit mir auf Nr. 53, eben will
-der Teufel den französischen Herrn holen.«
-
-»Was schwatzt Er da?« sagte der Doktor unwillig und wollte ihn auf die
-Seite schieben, um dem Gefangenen auf die Polizeidirektion zu folgen;
-»was geht es mich an, wenn ihn der Satan zu sich nimmt?«
-
-»Aber ich bitte Sie,« rief der Kleine beinahe heulend, »er kann
-vielleicht doch gerettet werden; Hochdieselben sind ja Stadtphysikus
-allhier und verpflichtet, zu den Fremden in den Hotellern zu kommen.«
-
-Der Medizinalrat unterdrückte einen Fluch, der ihm auf der Zunge
-schwebte; er sah, daß er diesem unangenehmen Gang nicht ausweichen
-könne, er winkte den Kapellmeister Boloni herbei, übergab ihm die
-Sängerin und eilte mit dem kleinen Menschen nach dem Hotel de Portugal.
-
-
-11.
-
-Es war still und öde in diesem großen Gasthof, Mitternacht war beinahe
-schon vorüber, die Lampen in den Gängen und Treppen brannten düster
-und trübe; es war dem Medizinalrat unheimlich zu Mut, als er zu dem
-einsamen Kranken hinanstieg. Der Lakai schloß die Türe auf, der Doktor
-trat ein, wäre aber beinahe wieder zurückgesunken. Denn ein Wesen, das
-seit einigen Tagen unablässig seine Phantasie im Wachen und im Schlafe
-beschäftigt hatte, saß hier wirklich und verkörpert im Bette. Es war
-ein großer, hagerer, ältlicher Mann, er hatte eine spitzig aufstehende,
-wollene Schlafmütze tief in die Stirne gezogen, seine enge Brust, seine
-langen, dünnen Arme waren mit Flanell überkleidet, unter der Mütze
-ragte eine große, spitzige Nase aus einem mageren braungelben Gesicht
-hervor, das man schon tot und erstorben geglaubt hätte, wären es nicht
-ein Paar graue, stechende Augen gewesen, die ihm noch etwas Leben und
-einen schrecklichen, grauenerregenden Ausdruck gaben. Seine langen,
-dünnen Finger, die mit den hageren Gelenken weit aus den Aermeln
-hervorragten, hatte er zusammengekrümmt, er kratzte mit heiserem,
-wahnsinnigen Lachen auf der Bettdecke.
-
-»Schaut! er kratzt sich schon sein Grab!« flüsterte der kleine Mensch
-und weckte damit den Doktor aus seinem Hinstarren auf den Kranken. So,
-gerade so, hatte sich dieser den Chevalier de Planto gedacht, dieses
-tückische, graue Auge, diese unheilverkündenden Züge, diese dürre,
-gespensterhafte Figur -- es war hier alles, was die Sängerin von jenem
-schrecklichen Manne gesagt hatte. Doch er besann sich, kam er denn
-nicht jetzt eben von der Verhaftung jenes Chevaliers? Konnte nicht
-ein anderer Mann auch graue Augen haben? War es zu verwundern, daß
-ein Kranker abgefallen und bleich war? Der Doktor lachte sich selbst
-aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er diese Gedanken
-hinwegwischen, und trat an das Bett. -- Doch noch nie hatte er in so
-langen Jahren am Bette eines Kranken Grauen und Furcht gefühlt -- hier,
-es war ihm unerklärlich, hier befiel ihn eine Beengung, ein Schauer,
-den er umsonst abzuschütteln suchte, und er fuhr unwillkürlich zurück,
-als er die feuchte, kalte Hand in der seinigen fühlte, als er lange
-umsonst nach einem Puls suchte.
-
-»Der dumme Kerl,« rief der Kranke mit heiserer Stimme, indem er bald
-Französisch, bald schlechtes Italienisch und gebrochenes Deutsch
-untereinanderwarf, »der dumme kleine Kerl hat mir, glaube ich, einen
-Doktor gebracht. Sie werden mir verzeihen, ich habe nie viel von Ihrer
-Kunst gehalten. Das einzige, was mich heilen kann, sind die Bäder
-von Genua; ich habe der Bête schon befohlen, daß er mir Postpferde
-bestellt; ich werde heute nacht noch abfahren.«
-
-»Freilich wird er abfahren,« murmelte der kleine Mensch; »aber mit
-sechs kohlschwarzen Rappen, und nicht nach Genua, wo der selige Fiesco
-ertrunken, sondern dahin, wo Heulen und Zähneklappern.«
-
-Der Doktor sah, daß hier wenig zu machen sei; er glaubte die Vorzeichen
-des nahen Todes in den Augen, in den unruhigen Bewegungen des Kranken
-zu lesen, selbst jene Sehnsucht zu reisen und hinaus ins Weite zu
-kommen, war schon oft der Vorbote eines schnellen Endes gewesen. Er
-riet ihm daher, sich ruhig niederzulegen, und versprach ihm, einen
-kühlen Trank zu bereiten.
-
-Der Kranke lachte grimmig. »Liegen, ruhig liegen?« antwortete er.
-»Wenn ich liege, höre ich auf zu atmen; ich muß sitzen, im Wagen muß
-ich sitzen, fort, weit fort! -- Was sagt der kleine Mensch? Hat er die
-Pferde bestellt? Kleiner Hund, hast du mein Gepäck in Ordnung?«
-
-»Ach, Herr und Vater!« krächzte der Kleine, »jetzt denkt er an sein
-Gepäck; ja einen schweren Pack Sünden nimmt er mit, der Unmensch. Es
-ist nicht an den Himmel zu malen, was er geflucht und gotteslästerliche
-Reden geführt hat.«
-
-Der Medizinalrat faßte noch einmal die Hand des Kranken. »Fassen
-Sie Vertrauen zu mir,« sagte er, »vielleicht kann Ihnen die Kunst
-doch noch nützen; Ihr Diener sagt mir, es sei Ihnen eine Schußwunde
-wieder aufgegangen; lassen Sie mich untersuchen.« Murrend bequemte
-sich der Kranke dazu, er deutete auf seine Brust. Der Arzt nahm einen
-schlechtgemachten Verband weg, er fand -- eine Stichwunde nahe am
-Herzen. -- Sonderbar! es war dieselbe Größe, derselbe Ort, wie die
-Wunde der Sängerin.
-
-»Das ist eine frische Wunde, ein Stich!« rief der Doktor und sah den
-Kranken mißtrauisch an. »Woher haben Sie diese Wunde?«
-
-»Sie glauben wohl, ich habe mich geschlagen? Nein, beim Teufel! Ich
-hatte ein Messer in der Brusttasche, fiel eine Treppe herab und habe
-mich ein wenig geritzt.«
-
-»Ein wenig geritzt!« dachte Lange; »und doch wird er an dieser Wunde
-sterben.«
-
-Er hatte indessen Limonade bereitet und bot sie dem Kranken; dieser
-führte sie mit unsicherer Hand zum Munde, sie schien ihn zu erquicken;
-er war einige Momente still und ruhig; doch, als er sah, daß er einige
-Tropfen auf die Decke gegossen hatte, fing er an zu fluchen und
-verlangte ein Schnupftuch. Der Lakai flog zu einem Koffer, schloß auf
-und brachte ein Tuch heraus -- der Doktor sah hin, eine schreckliche
-Ahnung stieg in ihm auf -- er sah wieder hin, es war dieselbe Farbe,
-derselbe Stoff, es war das Tuch, das man bei der Sängerin gefunden.
-Der kleine Mensch wollte es dem Kranken überreichen; er stieß es
-zurück: »Gehe zu allen Teufeln, du Tier! Wie oft muß ich es sagen, ~Eau
-d'héliotrope~ darauf!« Der Diener holte eine kleine Flasche hervor und
-besprengte das Tuch; ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer
--- es war dasselbe Parfüm, das jenes gefundene Tuch an sich getragen.
-
-Der Medizinalrat bebte an allen Gliedern; es war kein Zweifel mehr, er
-hatte hier den Mörder der Sängerin Bianetti, den Chevalier de Planto
-vor sich. Es war ein Hilfloser, ein Kranker, ein Sterbender, der hier
-im Bette saß, aber dem Doktor war es, als könne er alle Augenblicke aus
-dem Bette fahren und nach seiner Kehle greifen, er ergriff seinen Hut,
-es trieb ihn fort aus der Nähe des Schrecklichen.
-
-Der kleine Lakai packte ihn am Rock, als er ihn gehen sah. »Ach,
-Wohledler!« stöhnte er, »Sie werden mich doch nicht bei ihm allein
-lassen wollen? Ich halte es nicht aus, wenn er jetzt stürbe und dann
-sogleich als flanellenes Gespenst mit der Zipfelmütze auf dem Schädel
-im Zimmer auf und ab spazierte! Um Gottes Barmherzigkeit willen,
-verlassen Sie mich nicht!«
-
-Der Kranke grinste fürchterlich und lachte und fluchte untereinander,
-er schien dem Kleinen zu Hilfe kommen zu wollen, er streckte ein
-langes, dürres Bein aus dem Bette, er krallte die dünnen Finger nach
-dem Doktor. Doch dieser hielt es nicht mehr aus; der Wahnsinn schien
-ihn anzustecken, er warf den Kleinen zurück und floh aus dem Zimmer;
-noch auf den untersten Treppen hörte er das gräßliche Lachen des
-Mörders.
-
-
-12.
-
-Am Morgen nach dieser Nacht fuhr ein hübscher Stadtwagen vor dem
-Hotel de Portugal vor; es stiegen drei Personen, eine verschleierte
-Dame und zwei ältliche Herren, heraus und stiegen die Treppe hinan.
-»Ist der Herr Oberjustiz-Referendarius Pfälle schon oben?« fragte der
-eine dieser Herren den Kellner, der sie hinaufführte. Dieser bejahte,
-und der Herr fuhr fort: »Und doch ist es eine sonderbare Fügung des
-Schicksals, daß er die Treppe hinabstürzt und sich selbst den Dolch
-in die Brust stößt, daß er sich selbst verhindert, zu entfliehen, daß
-gerade Sie, Lange, zu ihm beschieden werden!«
-
-»Gewiß,« sagte die verschleierte Dame, »finden Sie aber nicht auch ein
-eigentümliches Verhängnis in diesen Schnupftüchern? Das eine mußte er
-bei mir liegen lassen, welcher Zufall! das andere muß er gerade in dem
-Augenblick verlangen, wo der Doktor noch bei ihm ist.«
-
-»Es mußte so gehen,« erwiderte der zweite Herr, »man kann nichts sagen,
-als es mußte so kommen. Aber in diesem Strudel hätte ich beinahe etwas
-vergessen; sagen Sie, was ist es denn mit dem Pascha von Janina?
-Signora mußte sich offenbar getäuscht haben. Sie haben ihn wieder auf
-freien Fuß gesetzt? Wer war der arme Teufel?«
-
-»Mit nichten und im Gegenteil,« sprach der erstere, »ich habe mich
-überzeugt, daß es ein Mitschuldiger des Chevaliers ist, dem ich schon
-lange auf der Spur bin. Ich habe ihn schon hieher bringen lassen, er
-wird mit dem Mörder konfrontiert werden.«
-
-»Nicht möglich!« rief die Dame; »ein Mitschuldiger?«
-
-»Ja! ja!« sagte der Herr mit schlauem Lächeln, »ich weiß allerlei, wenn
-man mir es auch nicht angibt. Aber gottlob, wir sind oben, hier ist
-ja gleich Nr. 53. Mademoiselle, haben Sie die Güte, einstweilen hier
-auf 54 einzutreten; der Kapellmeister hat es erlaubt und wird Sie nicht
-hinauswerfen; dafür wollte ich stehen. Wenn das Verhör an Sie kommt,
-werde ich Sie rufen.«
-
-Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß diese drei Personen die Sängerin,
-der Doktor und der Direktor waren; sie kamen, um den Chevalier de
-Planto eines Mordversuchs anzuklagen. Der Direktor und der Medizinalrat
-traten ein; der Kranke saß noch ebenso im Bette, wie ihn der Doktor
-in der Nacht gesehen; nur schienen beim Tageslicht seine Züge noch
-krasser, der Ausdruck seiner Augen, die schon zu erstarren anfingen,
-noch schauerlicher. Er sah bald den Doktor, bald den Direktor mit
-seelenlosen Blicken an, dann schien er nachzusinnen, was hier in seinem
-Zimmer vorgehe, denn der Referendarius Pfälle, ein kurzer, junger Mann
-mit roten Wangen und kleinen Aeuglein hatte sich einen Tisch zurecht
-gestellt, einen Stoß Papier vor sich hingelegt und hielt eine lange
-Schwanenfeder in der Rechten, um zu protokollieren.
-
-»Bête, was wollen diese Herren?« rief der Kranke mit schwacher Stimme
-dem kleinen Lakaien zu. »Du weißt ja, ich nehme keine Besuche an.«
-
-Der Direktor trat dicht vor ihn hin, sah ihn fest an und sagte mit
-Nachdruck: »Chevalier de Planto!«
-
-»~Qui vive?~« schrie der Kranke und fuhr mit der Rechten an die
-Schlafmütze, als wolle er militärisch salutieren.
-
-»Mein Herr, Sie sind der Chevalier de Planto?« fuhr jener fort.
-
-Die grauen Augen fingen an zu glänzen, er warf stechende Blicke auf den
-Direktor und den Referendär, schüttelte mit höhnischer Miene den Kopf
-und antwortete: »Der Chevalier ist längst tot.«
-
-»So? Wer sind denn Sie? Antworten Sie; ich frage im Namen des Königs.«
-
-Der Kranke lachte: »Ich nenne mich Lorier; Bête, gib dem Herrn meine
-Pässe!«
-
-»Ist nicht nötig; kennen Sie dies Tuch, mein Herr?«
-
-»Was werde ich es nicht kennen, Sie haben es da von meinem Stuhl
-weggenommen; wozu diese Fragen, wozu diese Szenen? Sie genieren mich,
-mein Herr!«
-
-»Belieben Sie auf Ihre linke Hand zu schauen,« sagte der Direktor;
-»dort halten Sie ja Ihr Tuch; dieses hier fand sich im Hause einer
-gewissen Giuseppa Bianetti.«
-
-Der Kranke warf einen wütenden Blick auf die Männer; er ballte seine
-Faust und knirschte mit den Zähnen; er schwieg hartnäckig, obgleich der
-Direktor seine Fragen wiederholte. Dieser gab jetzt dem Doktor einen
-Wink; er ging hinaus und erschien bald darauf mit der Sängerin, dem
-Kapellmeister Boloni und dem ...schen Gesandten in dem Zimmer.
-
-»Herr Baron von Martinow,« wandte sich der Direktor zu diesem,
-»erkennen Sie diesen Mann für denselben, den Sie in Paris als Chevalier
-de Planto kannten?«
-
-»Ich erkenne ihn für denselben,« antwortete der Baron, »und wiederhole
-meine Aussage über ihn, die ich früher zu Prototoll gab.«
-
-»Giuseppa Bianetti! erkennen Sie ihn für denselben, der Sie aus dem
-Hause Ihres Stiefvaters führte, in sein Haus nach Paris brachte, für
-denselben, den Sie eines Mordversuches beschuldigen?«
-
-Die Sängerin bebte bei dem Anblick des fürchterlichen Mannes; sie
-wollte antworten, aber er selbst ersparte ihr jedes Geständnis.
-Er richtete sich höher auf, seine wollene Mütze schien spitziger
-aufzustehen, seine Arme waren steif, er schien sie mit Mühe zu bewegen,
-aber seine Finger krallten sich krampfhaft auf und zu; seine Stimme
-schlich sich nur noch leise und heiser aus der Brust herauf, selbst
-sein Lachen und seine Flüche wurden beinahe zum Geflüster. »Kommst du,
-mich zu besuchen, Schepperl?« sagte er; »das ist schön von dir; nicht
-wahr, du weidest dich recht an meinem Anblick? Es ist mir wahrhaftig
-leid, daß ich dich nicht besser getroffen, ich hätte dir dadurch den
-Schmerz erspart, deinen Oheim vor seiner Abreise von diesen deutschen
-Tieren verhöhnt zu sehen.«
-
-»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« unterbrach ihn der Direktor. »Herr
-Referendarius Pfälle, schreiben Sie einen Verhaftungsbefehl gegen --«
-
-»Was tun Sie?« rief der Doktor, »sehen Sie denn nicht, daß ihm der Tod
-schon am Herzen ist? Er treibt es keine Viertelstunde mehr. Eilen Sie,
-wenn Sie noch etwas zu fragen haben.«
-
-Der Doktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdienern zu rufen, sie sollen
-den Gefangenen heraufbringen; der Kranke sank mehr und mehr zusammen,
-sein Auge schien stillzustehen, es hatte nur eine Richtung, nach
-der Sängerin, aber auch jetzt noch schien Wut und Ingrimm daraus
-hervorzublitzen. »Schepperl,« sprach er wieder, »du hast mich
-unglücklich gemacht, zu Grunde gerichtet, darum verdientest du den
-Tod; du hast deinen Vater zu Grunde gerichtet, sie haben ihn auf die
-Galeere geschickt, weil er dich mir um Geld verkauft hat; er hat mich
-beschworen, dich umzubringen; es tut mir leid, daß ich gezittert habe.
-Verflucht seien diese Hände, die nicht einmal mehr sicher stoßen
-konnten!« Seine greulichen Verwünschungen, die er über sich und
-Giuseppa ausstieß, wurden durch eine neue Erscheinung unterbrochen.
-Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in türkischer Kleidung; es
-war der unglückliche Ali Pascha von Janina -- der Turban bedeckte das
-jammervolle Haupt des Kommerzienrats Bolnau. Alle erstaunten über
-diesen Anblick, besonders schien der Kapellmeister sehr betreten; er
-erblaßte und errötete und wandte sein Gesicht ab. »Monsieur de Planto,«
-sprach der Direktor, »kennen Sie diesen Mann?« Der Kranke hatte die
-Augen geschlossen; er riß sie mühsam auf und sagte: »Gehet zu allen
-Teufeln, ich kenne ihn nicht.«
-
-Der Türke sah die Umstehenden mit kummervoller Miene an; »ich wußte
-wohl, daß es so kommen werde,« sprach er mit weinerlichem Tone, »es hat
-mir schon lange geahnet. Aber, Mademoiselle Bianetti, wie konnten Sie
-doch einen unschuldigen Mann so ins Unglück bringen?«
-
-»Was ist es denn mit diesem Herrn?« fragte die Sängerin; »ich kenne ihn
-nicht. Herr Direktor, was hat denn dieser getan?«
-
-»Signora,« sprach der Direktor mit tiefem Ernst, »vor den Gerichten
-gilt keine Nachsicht oder irgend eine Schonung, Sie müssen diesen Herrn
-kennen; es ist der Kommerzienrat Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat
-eingestanden, daß Sie bei dem Mord seinen Namen ausgerufen haben.«
-
-»Freilich!« klagte der Pascha, »meinen Namen genannt, unter so
-verfänglichen Umständen!«
-
-Die Sängerin erstaunte, eine tiefe Röte flog über ihr schönes Gesicht,
-sie ergriff in großer Bewegung den Kapellmeister bei der Hand; »Carlo,«
-rief sie, »jetzt gilt es zu sprechen, ich kann es nicht verschweigen;
-ja, Herr Direktor, ich werde diesen teuren Namen genannt haben, aber
-ich meinte nicht jenen Herrn, sondern --«
-
-»Mich!« rief der Kapellmeister und trat hervor. »Ich heiße, wenn es
-mein lieber Vater dort erlaubt, Karl Bolnau!«
-
-»Karl! Musikant! Amerikaner!« rief der Türke und umarmte ihn; »das ist
-das erste gescheite Wort in deinem Leben, du hast mich aus einem großen
-Jammer befreit.«
-
-»Wenn sich die Sache so verhält,« sagte der Direktor, »so sind Sie
-frei, und wir haben in dieser Sache nur mit gegenwärtigem Herrn
-Chevalier de Planto zu tun.« Er wandte sich um zu dem Bette; dort stand
-der Arzt und hielt die Hand des Mörders in der seinigen; er legte sie
-ernst und ruhig auf die Decke und drückte ihm die starren Augen zu.
-»Direktor,« sagte er, »der macht es jetzt mit einem höheren Richter
-aus.«
-
-Man verstand ihn; sie gingen aus dem Gemach des furchtbaren Toten und
-traten drüben bei dem Kapellmeister, dem glücklichen, wiedergefundenen
-Sohne des Pascha, ein; die Sängerin verbarg ihr Gesicht an der Brust
-des Geliebten, ihre Tränen strömten heftig, aber es waren die letzten,
-die sie ihrem unglücklichen Schicksal weinte; denn der Pascha ging
-lächelnd um das schöne Paar, er schien an einem großen Entschluß zu
-arbeiten; er besprach sich heimlich mit dem Medizinalrat und trat von
-diesem zu seinem Sohn und der Sängerin. »Liebste Mademoiselle,« sprach
-er, »ich habe Ihretwegen vieles ausgestanden, Sie haben meinen Namen
-so verfänglich genannt, daß ich Sie bitte, ihn mit dem Ihrigen zu
-vertauschen. Sie haben gestern meinen Teller mit Punsch verschmäht,
-werden Sie mich wieder zurückstoßen, wenn ich Ihnen gegenwärtigen Herrn
-Karl Bolnau, meinen musikalischen Sohn, präsentiere, mit der Bitte, ihn
-zu ehelichen?«
-
-Sie sagte nicht nein; sie küßte mit Freudentränen seine Hand, der
-Kapellmeister schloß sie mit Entzücken in seine Arme und schien diesmal
-sein erhabenes Pathos ganz vergessen zu haben. Der Kommerzienrat aber
-faßte des Doktors Hand: »Lange, sage Er, hätte ich denken können, daß
-es so kommen würde, als Er mir den Schrecken in alle Glieder jagte, als
-ich die Scheiben des Palais zählte und Er mir sagte: ›Ihr letztes Wort
-war Bolnau!‹«
-
-»Nun! was will Er weiter!« antwortete der Medizinalrat lächelnd; »es
-war doch gut, daß ich es Ihm damals sagte; wer weiß es, ob alles so
-gekommen wäre ohne das _letzte Wort der Sängerin_.«
-
-
-
-
-Phantasien im Bremer Ratskeller,
-
-ein Herbstgeschenk
-
-für Freunde des Weines.
-
- Den zwölf Aposteln
-
- im Ratskeller zu Bremen
-
- in dankbarer Erinnerung
-
- Im Herbst 1827. Der Verfasser.
-
- Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und jeder Mensch
- kann sich wohl einmal davon begeistern lassen.
-
- _Shakespeare._
-
-
-»Mit dem Menschen ist nicht auszukommen,« sagten sie, als sie in meinem
-Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich konnte es noch deutlich hören.
-»Jetzt will er wieder schlafen von neun Uhr an und leben wie ein
-Murmeltier; wer hätte das gedacht vor vier Jahren!«
-
-Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut verließen.
-Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten musikalischen,
-tanzenden und deklamierenden Butterbrote in der Stadt, und hatten sie
-sich nicht alle mögliche Mühe gegeben, mir, dem Landfremden, einen
-angenehmen Abend dort zu verschaffen? Aber es war wahrhaftig unmöglich;
-ich konnte nicht gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Tee besuchen,
-wo _sie_ nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich
-wußte es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von _ihr_ gehört zu
-werden; warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn und
-finsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen konnte? O
-Gott! ich wollte ja lieber, daß sie mir auf der Treppe einige Sekunden
-fluchten, als daß sie sich von neun Uhr bis ein Uhr langweilten, wenn
-sie nur mit meinem Körper sich unterhielten und bei der Seele umsonst
-anfragten, die einige Straßen weiter auf Unserer Lieben Frauen
-Kirchhof nachtwandelte.
-
-Aber das tat mir wehe, daß mich die guten Gesellen für ein Murmeltier
-hielten und dem Drang nach Schlafe zuschrieben, was aus Freude am
-Wachen geschah. O nur du, ehrlicher Hermann, wußtest es mehr zu
-würdigen! Hörte ich denn nicht, wie du unten auf dem Domhof sagtest:
-»Schlaf ist es nicht, denn seine Augen leuchten. Aber entweder hat er
-wieder zu viel oder zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch
-welchen und -- allein.«
-
-Wer verlieh dir denn diese prophetische Kraft? Oder konntest du ahnen,
-daß meine Augen wacker waren, weil sie heute nacht alten Rheinwein
-schauen sollten? Konntest du wissen, daß ich gerade heute von dem
-Patent und Erlaubnisschein, vom Rate auf meine Person ausgestellt,
-Gebrauch machen werde, um die Rose und eure zwölf Apostel zu begrüßen?
-Und überdies, war denn heute nicht mein Schalttag?
-
-Meines Erachtens ist es keine üble Gewohnheit, die ich von meinem
-Großvater angenommen, nämlich hie und da Einschnitte zu machen in den
-Baum des Jahres und sinnend dabei zu verweilen. Wenn der Mensch nur
-Neujahr und Ostern, nur Christfest oder Pfingsten feiert, so kommen ihm
-endlich diese Ruhepunkte in der Geschichte seines Lebens so alltäglich
-vor, daß er darüber hinweggleitet ohne Erinnerung. Und doch ist es gut,
-wenn die Seele, sonst immer nach außen gerichtet, auch einmal auf ein
-paar Stunden einkehrt im eigenen Gasthof ihrer Brust, sich bewirtet an
-der langen Table d'hôte der Erinnerung und nachher gewissenhaft die
-Rechnung ~ad notam~ schreibt wie Frau Hurtig dem Ritter. Der Großvater
-nannte solche Tage seine Schalttage; nicht daß er etwa ein Bankett
-veranstaltete mit seinen Freunden oder den Tag lustig und in Freuden
-lebte, in Saus und Braus; nein, er kehrte ein bei sich, und seine Seele
-schmauste in der Kammer, die sie seit fünfundsiebzig Jahren kannte.
-Noch jetzt, da er längst im kühlen Friedhof ruht, noch jetzt kann ich
-es seinem holländischen Horaz ansehen, welche Stellen er an solchen
-Tagen gelesen; noch jetzt, als wäre es gestern geschehen, sehe ich
-sein großes blaues Auge sinnend auf den vergelbten Blättern seines
-Stammbuchs weilen; und wie deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach und
-nach sich füllt, wie eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der
-gebietende Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und
-zögernd die Feder ergreift und »einem seiner Brüder, der geschieden«,
-das schwarze Kreuz unter den Namen malt.
-
-»Der Herr hält seinen Schalttag,« pflegten die Diener uns zuzuwispern,
-wenn wir Enkel laut und fröhlich wie gewöhnlich die Treppe
-hinanstürmten; »der Großvater hält seinen Schalttag,« flüsterten wir
-uns zu und glaubten nicht anders, als er beschere sich selbst den
-heiligen Christ, weil er ja doch niemand habe, der ihm den Christbaum
-anzünde. Und war es nicht so, wie wir in kindlicher Einfalt glaubten?
-Zündete er nicht den Christbaum seiner Erinnerung an, flammten nicht
-tausend flimmernde Kerzen auf, die Lieblingsstunden eines langen
-Lebens, und schien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags still
-und ruhig im Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der
-Vergangenheit?
-
-Es war sein Schalttag wieder eingetreten, als sie ihn hinaustrugen.
-Ich mußte weinen, als ich dachte, daß der alte Mann seit langer Zeit
-zum erstenmal wieder in die freie Luft komme. Sie führten ihn den Weg,
-auf dem ich so oft an seiner Seite gegangen war. Aber nicht lange, so
-beugten sie über die schwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde.
-»Nun hält er seinen rechten Schalttag,« dachte ich, »aber wundern soll
-es mich doch, wie der alte Herr wieder da heraufkommen will, denn
-sie haben doch viele Steine und Rasen auf ihn hinabgeworfen.« Er kam
-nicht wieder. Aber sein Bild blieb in meinem Gedächtnis, und als ich
-herangewachsen war, gehörte es zu meinen liebsten Beschäftigungen,
-seine feine offene Stirne, das klare Auge, den gebietenden und doch
-so freundlichen Mund mir vorzumalen. Mit seinem Bilde stiegen tausend
-Erinnerungen auf, und seine Schalttage waren mir die Lieblingsstücke in
-der langen Bildergalerie.
-
-Und ist denn heute nicht der erste September, den auch ich mir zum
-Schalttag erwählte? Und ich sollte Butterbrot verzehren in einer
-Gesellschaft und allerlei Arien absingen hören mit beigefügtem Applaus
-und Gezwitscher? Nein! Heraus mit dir, köstliches Rezept, das kein Arzt
-der Erde so köstlich mischt! Hinab zu dir, alte, wahrhaftige Apotheke,
-um »nach Vorschrift jedesmal einen _Römer_ voll zu nehmen.«
-
- * * * * *
-
-Es schlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Ratskellers
-hinabstieg; ich durfte hoffen, keinen Zecher mehr zu finden, denn
-es war Werktag bei andern Leuten, und draußen heulte der Sturm, die
-Windfahnen stimmten sonderbare Weisen an, und der Regen rauschte auf
-das Pflaster des Domhofs. Aber der Ratsdiener maß mich mit fragenden
-Blicken vom Kopf bis zum Fuß, als ich ihm die Anweisung auf einigen
-Wein darreichte.
-
-»So spät noch, und heute, in _dieser_ Nacht?« rief er.
-
-»Mir ist es vor zwölf Uhr nie zu spät,« entgegnete ich, »und nachher
-ist es wohl frühe genug am Tage.«
-
-»Aber muß es denn,« wollte er eben fragen, doch Siegel und Handschrift
-seiner Obern fiel ihm wieder ins Auge, und schweigend, aber nicht ohne
-Zögern, schritt er voraus durch die Hallen. Welch herzerquickender
-Anblick, wenn sein Windlicht über die lange Reihe der Fässer
-hinstreifte, welch sonderbare Formen und Schatten, wenn es an den
-Schwibbogen des Kellers zitterte und die Säulen im dunkeln Hintergrunde
-wie geschäftige Küper um die Fässer schwebten! Er wollte mir eines
-jener kleineren Gemächer aufschließen, wo höchstens sechs bis acht
-Freunde, eng zusammengerückt, den Becher kreisen lassen können. Doch,
-mit trauten Gesellen liebe ich ein solches heimliches Plätzchen; der
-enge Raum drängt Mann an Mann, und die Töne, die hier nicht verhallen
-können, klingen traulicher; aber allein und einsam liebe ich freiere
-Räume, wo der Gedanke, gleich den Atemzügen, sich freier ausdehnt. Ich
-wählte einen alten gewölbten Saal, den größten in diesen unterirdischen
-Räumen, zu meinem einsamen Gelage.
-
-»Erwarten Sie Gesellschaft?« fragte der Mann an meiner Seite.
-
-»Ich bin allein.«
-
-»Sie könnten ungebeten welche haben,« setzte er hinzu, indem er sich
-scheu nach den Schatten umsah, die seine Lampe warf.
-
-»Wie meint Ihr das?« fragte ich verwundert.
-
-»Ich meinte nur so,« antwortete er, indem er einige Kerzen anzündete
-und einen großen Römer vor mich hinsetzte. »Man spricht mancherlei vom
-ersten September -- der Herr Senator D. waren übrigens schon vor zwei
-Stunden da, und ich erwartete Sie nicht mehr.«
-
-»Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?«
-
-»Nein, er hieß mich nur die Proben herausnehmen.«
-
-»Welche Proben, mein Freund?«
-
-»Nun, die von den Zwölfen und der Rose;« erwiderte der alte Mann, indem
-er anfing, einige niedliche Fläschchen mit langen Papierstreifen an den
-Hälsen hervorzuziehen.
-
-»Wie!« rief ich, »man sagte mir ja, ich könnte den Wein von den Fässern
-selbst trinken!«
-
-»Ja, aber nur im Beisein eines Herrn vom Senat. Darum hieß mich der
-Herr Senator die Zungenpröbchen herausnehmen, und so will ich sie Ihnen
-einschenken, wenn's gefällig.«
-
-»Nicht einen Tropfen,« unterbrach ich ihn, »hier kein Glas voll; nein,
-das ist der echte Genuß, _vom Fasse_ zu trinken, und ist es mir nicht
-mehr möglich, so will ich doch am Fasse trinken. Kommt, Alter, nehmet
-die Proben mit, ich will das Licht tragen.«
-
-Ich stand schon einige Minuten und sah dem wunderlichen Treiben des
-alten Dieners zu. Bald stand er still, sah auf mich und räusperte sich,
-als wollt' er sprechen, bald nahm er die Proben vom Tisch und packte
-sie in seine weiten Taschen, bald nahm er sie zögernd wieder heraus, um
-sie auf den Tisch zu setzen. Es ermüdete mich; »nun, sollen wir bald
-gehen?« rief ich voll Sehnsucht nach dem Apostelkeller. »Wie lange
-wollt Ihr noch an Euren Gläschen hier aus- und einpacken?«
-
-Der ernste Ton, in welchem ich dies sagte, schien ihm Mut zu machen.
-Ziemlich bestimmt antwortete er: »Es geht nicht, -- nein! Heute geht es
-nicht mehr, Herr!«
-
-Ich glaubte hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu sehen, womit
-Hausverwalter, Kastellane oder Kellermeister dem Fremden Geld
-abzuzwacken suchen, drückte ihm ein hinlängliches Geldstück in die Hand
-und nahm ihn beim Arm, ihn fortzuziehen.
-
-»Nein, so war es nicht gemeint,« entgegnete er, indem er das Geldstück
-zurückzuschieben suchte: »so nicht, fremder Herr! Ich will es nur
-gerade heraus sagen: mich bringt man nicht mehr in den Apostelkeller in
-dieser Nacht, denn wir schreiben heute den ersten September.«
-
-»Und welche Torheit wollt Ihr daraus folgern?«
-
-»Nun, in Gottes Namen, Sie können denken davon, was Sie wollen; es ist
-dort nicht geheuer in dieser Nacht, das macht, es ist der Jahrestag der
-Rose.«
-
-Ich lachte, daß die Halle dröhnte. »Nein! In meinem Leben habe ich doch
-so manchen Spuk erzählen gehört, aber einen Weinspuk nie! Schämt Ihr
-Euch nicht mit Euren weißen Haaren, noch solches Zeug zu schwatzen?
-Doch hier ist nicht lange zu spaßen. Hier ist die Vollmacht des Senats;
-im Keller darf ich trinken heute nacht, ohne nach Zeit und Raum zu
-fragen. Darum im Namen des Rates heiß' ich Euch folgen. Schließe den
-_Keller des Bacchus_ auf.«
-
-Dies wirkte; unwillig, aber ohne etwas zu entgegnen, nahm er die Kerzen
-und winkte mir, zu folgen. Es ging zuerst wieder durch den großen
-Keller, dann durch kleinere, bis der Weg in einen engern schmalen Gang
-zusammenlief. Dumpf dröhnten unsere Schritte in diesem Hohlweg, und
-unsere Atemzüge tönten, wenn sie an den Mauern sich brachen, wie fernes
-Geflüster. Endlich standen wir vor einer Türe, die Schlüssel rasselten,
-sie gähnte ächzend auf, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe, mir
-gegenüber saß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß. Erquickender
-Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und fein dargestellt, die alten
-Bremer Künstler, nicht zierlich als einen griechischen Jüngling; sie
-hatten ihn nicht alt und trunken sich gedacht, mit gräßlichem Bauch,
-verdrehten Augen und hängender Zunge, wie ihn die gemein gewordene
-Mythe hin und wieder gotteslästerlich abkonterfeit. Schmählicher
-Anthropomorphismus; blinde Torheit des Menschen! Weil einige seiner
-im Dienste ergrauten Priester also einhergehen, weil ihnen voll guten
-Mutes der Leib anschwoll, die Nase von dem brennenden Widerscheine der
-dunkelroten Flut sich färbte, das in stummer Wonne aufwärts gerichtete
-Auge stehen blieb, -- so legten sie dem Gott bei, was seine Diener
-schmückt!
-
-Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter reitet der alte
-Knabe auf dem Faß! Das runde, blühende Gesicht, die kleinen muntern
-Weinäuglein, die so klug und neckend herabsehen, der breite, lächelnde
-Mund, der sich an mancher Kanne schon versuchte; der kurze kräftige
-Hals, das ganze Körperchen von behaglichem, gutem Leben strotzend! Ganz
-besondere Kunst hat aber der Meister, der dich geschaffen, auf Arme
-und Beinchen gelegt. Meint man nicht, dein kräftiges Aermlein werde
-sich bewegen, du werdest mit den runden Fingerchen ein Schnippchen
-schlagen, und der breite, lächelnde Mund werde sich auftun zu einem
-muntern Juheisa, heisa, he! Ist man nicht versucht zu glauben, du
-werdest im tollen Weinmut die runden Knie beugen, den Waden anlegen,
-mit dem Fersen stauchen und das alte Mutterfaß in Galopp setzen, daß
-alle Rosen, Apostel und andere gemeinere Fässer mit Hussa und Hallo dir
-nachjagen durch den Keller?
-
-»Herr des Himmels!« rief der Ratsdiener, indem er sich an mir
-festklammerte, »seht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht und mit dem
-Füßchen baumelt?«
-
-»Alter, Ihr seid verrückt!« sagte ich, einen scheuen Blick nach dem
-hölzernen Weingott werfend; »es ist der Schein der Kerzen, der an ihm
-hin und her flackert.« Dennoch war mir wunderlich zumute, ich folgte
-dem Alten aus dem Bacchuskeller. Und war es denn auch der Schein der
-Kerzen, war es auch Täuschung, als ich mich umsah? Nickte er mir nicht
-mit dem runden Köpfchen, streckte er mir nicht das eine seiner Beinchen
-nach und schüttelte und krümmte sich vor heimlichem Lachen? Ich rannte
-unwillkürlich dem Alten nach und schloß mich dicht hinter ihm an.
-
-»Jetzt zu den zwölf Aposteln,« sprach ich zu ihm, »wie sollen uns dort
-die Proben munden!«
-
-Er antwortete nichts; kopfschüttelnd ging er weiter. Man steigt
-vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kellerlein, zum
-unterirdischen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit, wo die _Zwölfe_
-hausen. Was seid ihr, Trauergewölbe und Grüfte alter Königshäuser,
-gegen _diese_ Katakomben! Pflanzet Särge neben Särge, rühmet auf
-schwarzem Marmor die Verdienste des Mannes, der hier einer »fröhlichen
-Urständ« entgegenschläft, stellt einen schwatzhaften Cicerone an,
-in Trauermantel und florumhängtem Hute, laßt ihn die absonderliche
-Herrlichkeit dieses oder jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen von
-den trefflichen Tugenden eines Prinzen, der in der Bataille so und so
-gefallen, von der holden Schönheit einer Fürstin, auf deren Sarge die
-jungfräuliche Myrte sich um die kaum erblühte Rosenknospe schlingt --
-es wird euch an die Sterblichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine
-Träne kosten; aber kann es euch also rühren, wie der Anblick dieser
-Schlafkammer eines Jahrhunderts, dieser Ruhestätte eines herrlichen
-Geschlechtes? Da liegen sie in ihren dunkelbraunen Särgen, schmucklos,
-ohne Glanz und Flitter. Kein Marmor rühmt ihr stilles Verdienst, ihre
-anspruchlose Tugend, ihren vortrefflichen Charakter; aber welcher Mann
-von einigem Gefühl für Tugenden dieser Art fühlt sich nicht innig
-bewegt, wenn der alte Ratsdiener, dieser Aufwärter in den Katakomben,
-dieser Küster der unterirdischen Kirche, die Kerzen auf die Särge
-stellt, wenn dann das Licht auf die erhabenen Namen der großen Toten
-fällt! Wie regierende Häupter führen auch sie keine langen Titel und
-Zunamen; einfach und groß stehen die Namen auf ihren braunen Särgen
-geschrieben. Dort Andreas, hier Johannes, in jener Ecke Judas, in
-dieser Petrus. Wen rührt es nicht, wenn er dann hört: dort liegt der
-Edle von Nierenstein, geboren 1718, hier der von Rüdesheim, geboren
-1726. Rechts Paulus, links Jakob, der gute Jakob!
-
-Und ihre Verdienste? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht, wie er eingießt
-in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut des Apostels mir
-darreicht? Gleich dunkelrotem Golde blinkt es im Glase. Als ihn die
-Sonne aufzog auf den Hügeln von St. Johannes, da war er blond und
-helle; ein _Jahrhundert_ hat ihn gefärbt. Welche Würze des Geruches!
-Welche Namen leg' ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer
-aufsteigt? Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen in
-den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, besprengt mit Ambra diese
-kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen auf -- mischet
-aus ihnen alle die feinsten Düfte, wie die Biene ihren Honig aus den
-Blüten saugt, wie schlecht, wie gemein, wie unwürdig gegen die zarte
-Blume deines Kelches, mein Bingen und Laubenheim, gegen deine Düfte
-Johannes und Nierenstein von 1718!
-
-»Ihr schüttelt den Kopf, Alter? Tadelt Ihr meine Freude an Euren alten
-Gesellen? Da, nimm diesen Römer, alter Mensch, trink auf das Wohlsein
-dieser Zwölfe! Komm, stoß an, sie sollen leben!«
-
-»Gott soll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in _dieser_
-Nacht,« erwiderte er; »man soll mit dem Teufel kein Spiel treiben. Aber
-wenn Ihr sie alle durchgekostet, wollen wir weiter gehen. Mir graut in
-diesem Keller.«
-
-»Gute Nacht denn, ihr alten Herren vom Rheine, gute Nacht und
-herzlichen Dank für euer Labsal. Und wenn ich dir, mein ernster
-feuriger Judas, wenn ich dir, mein sanfter lieblicher Andreas, dir,
-mein Johannes, dienen kann, so kommt, kommt zu mir.«
-
-»Herr des Himmels!« unterbrach mich der Alte und schlug die Türe zu und
-drehte hastig die Schlüssel um, »seid Ihr von den paar Tropfen schon
-betrunken, daß Ihr den Teufel heraufschwört? Wißt Ihr denn nicht, daß
-die Weingeister aufstehen diese Nacht und einander besuchen, wie immer
-am ersten September? Und sollt' ich meinen Dienst verlieren, ich laufe
-davon, wenn Ihr noch solche Worte sprecht. Noch ist es nicht zwölf
-Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblick einer aus dem Faß kriechen
-mit greulichem Gesicht und uns zu Tode schrecken?«
-
-»Alter, du faselst! Doch sei ruhig, ich will kein Wort mehr sprechen,
-daß deine Weingespenster nicht wach werden. Doch jetzt führe mich
-zur Rose.« Wir gingen weiter, wir traten ein in das Gewölbe, in das
-Rosengärtlein von Bremen. Da lag sie, die alte Rose, groß, ungeheuer,
-mit einer Art von gebietender Hoheit. Welch ungeheures Faß! und
-jeder Römer ein Stück Goldes wert! Anno 1615! Wo sind die Hände, die
-dich pflanzten! Wo die Augen, die sich an deiner Blüte erfreuten,
-wo die fröhlichen Menschen alle, die dir zujauchzten, edle Traube,
-als man dich abschnitt auf den Höhen des Rheingaus, als man deine
-Hüllen abstreifte und du als goldener Born in die Kufe strömtest?
-Sie sind dahin, wie die Wellen des Stromes, der an deinem Rebenhügel
-hinabzog. Wo sind sie, jene alten Herren der Hansa, jene würdigen
-Senatoren dieser alten Stadt, die dich pflückten, duftende Rose, dich
-verpflanzten in diese kühlen Räume zum Labsal ihrer Enkel? Gehet hinaus
-auf Angarii Friedhof, gehet hinauf zur Kirche Unserer Lieben Frauen
-und gießet Wein auf ihre Grabsteine! Sie sind hinunter, und zwei
-Jahrhunderte mit ihnen!
-
-»Nun auf euer Wohlsein, alte Herren von Anno 1615, und auf das Wohl
-eurer würdigen Enkel, die so gastfreundlich dem Fremdling die Hand und
-dieses Labsal boten!«
-
-»So! Und jetzt gute Nacht, Frau Rose!« setzte der alte Diener
-freundlicher hinzu, indem er sein Körbchen zusammenräumte. »Jetzt gute
-Nacht und Gott befohlen; hier heraus, nicht dort um die Ecke, hier
-heraus geht der Weg aus dem Keller, wertgeschätzter Herr. Kommt, stoßet
-Euch nicht hier an die Fässer, ich will Euch leuchten.«
-
-»Mit nichten, Alter,« erwiderte ich, »jetzt geht das Leben erst
-recht an. Das alles war nur der Vorschmack. Gib mir Zweiundzwanz'ger
-Ausstich, so etwa zwei bis drei Flaschen in das große Gemach dort
-hinten. Ich hab' ihn grünen sehen diesen Wein und war dabei, als sie
-ihn kelterten; hab' ich das Alter bewundert, so muß ich _meiner_ Zeit
-nicht minder ihr Recht antun.«
-
-Er stand da mit weit geöffneten Augen, der Jammermensch; er schien
-seinen Ohren nicht zu trauen. »Herr,« sprach er dann feierlich,
-»sprechet nicht solch gottlosen Scherz. Heute nacht wird nun und
-nimmermehr was daraus; ich bleibe um keine Seligkeit.«
-
-»Und wer sagt denn, daß du bleiben sollst? Dort setze den Wein hinein
-und dann mache in Gottes Namen, daß du fortkommst; ich will nun
-einmal diese Gedächtnisnacht hier feiern und habe mir deinen Keller
-ausersehen; dich habe ich nicht vonnöten.«
-
-»Aber ich darf Euch nicht allein im Keller lassen,« entgegnete er; »ich
-weiß wohl, nehmt mir nicht ungütig, daß Ihr den Keller nicht bestehlet,
-aber es ist einmal gegen die Ordnung.«
-
-»Nun, so schließe mich ein in jenes Gemach; hänge ein Schloß davor, so
-schwer als du willst, daß ich nimmer heraus kann, und morgen früh um
-sechs Uhr kannst du mich aufwecken und dein Schlafgeld holen.«
-
-Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst;
-er setzte endlich drei Flaschen und neue Kerzen vor mich hin, wischte
-den Römer aus, schenkte mir den Zweiundwanziger Ausstich ein und
-wünschte mir, wie es schien, mit schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig
-schloß er auch die Türe zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr
-aus zärtlicher Angst für mich als aus Vorliebe für seinen Keller noch
-ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb zwölf. Ich hörte
-ihn ein Gebet sprechen und davoneilen. Seine Schritte hallten immer
-ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Außentor des Kellers
-zuschlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen.
-
-So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schoße der
-Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier
-unten, rings um mich her, schlummern sie in ihren Särgen, die Geister
-des Weines. Ob sie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen und
-der fernen Berge, der Heimat gedenken, wo sie groß wurden, und des
-Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein
-Wiegenlied murmelte?
-
-Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch
-aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeuglein
-öffnetet zum erstenmal und hinabschautet ins herrliche Rheingau? Und
-als der Mai einzog in sein deutsches Paradies, gedenket ihr noch, wie
-euch die Mutter antat mit grünen Kleidchen von Laubwerk und wie der
-alte Vater baß sich dessen freute, herauflugte aus seinem grünen Bette
-und euch zuwinkte und munter rauschte am _Lurlei_?
-
-Und gedenkst denn auch du der Rosentage deiner Jugend, o Seele, der
-sanften Rebenhügel der Heimat, des blauen Stromes und der blühenden
-Täler des Schwabenlandes? O Wonnezeit voll holder Träume! Wie reich
-bist du behängt mit Bilderbüchern, Christbäumen, Mutterliebe,
-Osterwochen und Ostereiern, mit Blumen und Vögeln, Armeen aus Blei und
-Papier und den ersten Höschen und Kollettchen, in welche sich deine
-kleine sterbliche Hülle, stolz auf ihre Größe, kleiden ließ. Und wie
-dich der selige Vater auf den Knieen schaukelte, und dir der Großvater
-gerne das lange Meerrohr mit dem goldenen Knopf abtrat, um es dir als
-Reitpferd zu leihen!
-
-Und rücke mit dem nächsten Glase um einige Jahre vorwärts! Erinnerst
-du dich des Morgens, als sie dich hineinführten zu einem wohlbekannten
-Mann, dessen Gesicht so blaß geworden war, dessen Hand du weinend
-küßtest, weinend, ohne zu wissen warum? Denn konntest du glauben, daß
-die harten Männer, die ihn in einen Schrank legten und mit schwarzen
-Tüchern zudeckten, konntest du glauben, daß sie ihn nicht mehr
-zurückbringen würden? Sei ruhig, auch er schlummert nur ein Weilchen.
--- Und gedenkst du des geheimnisvollen Freudenlebens in Großvaters
-Büchersaal? Ach, damals kanntest du noch keine Bücher als den schnöden
-kleinen Bröder, deinen ärgsten Feind, wußtest nicht, daß jene Folianten
-noch zu etwas anderem in Leder gebunden seien, als um Hütten und Ställe
-daraus zu erbauen für dich und dein Vieh!
-
-Gedenkst du noch des Frevels, wie roh du mit der deutschen Literatur in
-kleinerem Format umgingst? Hast du nicht deinem Bruder den Lessing an
-den Kopf geworfen, wofür er dich freilich mit Sophiens Reisen von Memel
-nach Sachsen erbärmlich zudeckte? Damals dachtest du freilich nicht
-daran, daß du einst selbst Bücher machen werdest!
-
-Tauchet auch ihr auf, aus dem Nebel verschwundener Jahre, ihr Mauern
-des alten Schlosses. Wie oft dienten deine halbverfallenen Gänge,
-deine Keller, deine Zwinger, deine Verließe der fröhlichen Schar
-zum Tummelplatz ihrer Spiele! Soldaten und Räuber, Nomaden und
-Karawanen! Wie wohl war uns oft in der untergeordneten Rolle eines
-Kosaken, während andere -- Generale, Platows, Blüchers, Napoleone
-und dergleichen vorstellten und sich prügelten? Ja, waren wir nicht
-zuzeiten sogar ein Pferd, dem Freunde zu Gefallen? O Himmel, wie schön
-ließ es sich dort spielen!
-
-Wo sind sie hin, die Gespielen deiner Kindheit, die Genossen jener
-goldenen Tage, wo kein Rang, kein Stand, kein Ansehen gilt. Grafen
-und Barone machen jetzt wohl die große Tour oder dienen an Höfen als
-Kammerherren. Arme Teufel pilgern als Handwerksbursche durchs Reich,
-den schweren Bündel auf dem Rücken, ohne Schuhe an den Füßen, haschen
-nach Pfennigen aus dem Kutschenschlag, die sie mit dem vom Regen
-gebräunten Hut künstlich aufzufassen wissen. Und die Liebe drückt sie
-oft noch schwerer als das Bündel auf dem Rücken. Andere Kameraden,
-Seelen, die sich in der Schule durch geordneten Fleiß in Humanioribus
-hervorgetan, sitzen jetzt schon auf einer Pfarre, im Schlaf- oder
-Chorrock bei der Frau Liebsten. Andere sind Amtleute, wieder andere
-Apotheker, einige Referendäre und dergleichen, und nur wir beide,
-ausschweifend aus dem gewöhnlichen Gang der Dinge, sitzen hier im
-Bremer Ratskeller und tun uns gütlich im Weine. Und was sind denn wir
-Absonderliches geworden? Doktor? Das kann jeder werden, der vernünftig
-genug ist, eine Dissertation zu schreiben.
-
-Doch ich trinke das vierte Glas, Seele. Das vierte! Fühlst du nicht
-einen gewissen Nexus zwischen dem Wein und der Zunge? Zwischen der
-Zunge und dem Gaumen? Hier, behaupte ich, ist ein Scheideweg und daran
-ein Wegezeiger aufgestellt. Nämlich auf der einen Seite steht: »_Weg
-nach dem Magen._« Eine breite fahrbare Straße. Es geht so schnell,
-so glitschend bergab! Daher auch der gemeinere Stoff gewöhnlich
-diesen Weg nimmt. Der andere Arm des Zeigers heißt: »_In den Kopf._«
-Dahin ziehen die Geister, die sich schon im Faß lange genug bei dem
-schnöden gemeineren Stoff gelangweilt haben, und jetzt, da sie freien
-Lauf nehmen können, schielen sie nach dem Wegezeiger rechts hinauf.
-Während die Masse links hinabströmt, steigen sie aufwärts und finden
-sich im Wirtshaus zur Zirbeldrüse wieder zusammen. Es sind friedliche,
-verständige Leute, diese Geister. Sie erhellen dein Haus, o Seele,
-solang ihrer vier oder fünf beisammen sind, nachher möchte ich wohl für
-nichts stehen, denn sie raufen sich dann und treiben allerhand Unfug im
-Gehirn.
-
-Wie schön ist die vierte Lebensperiode, die wir mit dem vierten Glase
-beginnen wollen! Du bist vierzehn Jahre alt, o Seele! Aber was ist
-mit dir vorgegangen in der kurzen Zeit? Du spielst keine Knabenspiele
-mehr, Soldaten und alles dieses Gezeuge liegt hinter dir, und du
-scheinst mir viel zu lesen. Du bist hinter Goethe und Schiller geraten
-und verschlingst sie, ohne alles zu verstehen. Oder wie? Du verstehst
-_jetzt schon_ alles? Du willst meinen, du könntest Liebe verstehen,
-weil du im letzten Sonntagsklub Elvire hinter der Kommode im Dunkeln
-geküßt und Emmas Zärtlichkeit zurückgewiesen hast? Barbar! Ahnest du
-nicht, daß dieses dreizehnjährige Herz auch den Werther und sogar etwas
-von Clauren gelesen haben kann und Liebe für dich fühlt? Aber die
-Szene ändert sich. Sei mir gegrüßt, du Felsental der Alb! Du blauer
-Strom, an welchem ich drei lange Jahre hauste, die Jahre lebte, die den
-Knaben zum Jüngling machen. Sei mir gegrüßt, du klösterliches Dach,
-du Kreuzgang mit den Bildern verstorbener Aebte, du Kirche mit dem
-wundervollen Hochaltar, ihr Bilder alle in schönes Gold des Morgenrotes
-getaucht! Seid mir gegrüßt, ihr Schlösser auf den Felsen, ihr Höhlen,
-ihr Täler, ihr grünen Wälder! Jene Täler, jene Klostermauern waren
-das enge Nest, das uns aufzog, bis wir flügge waren, und ihrer rauhen
-Albluft danken wir es, daß wir nicht verweichlichten.
-
-Ich komme ans fünfte Glas ins fünfte Säkulum unseres Lebens. Ich
-schlürfe euch ein, liebliche Erinnerungen, wie ich dies Glas edlen
-Rheinweins schlürfe. Ihr duftet auf in herrlicher Schöne, Jahre meiner
-Jugend, wie das Aroma aufsteigt aus dem Römer. Mein Auge wird wacker,
-o Seele, denn sie sind um mich, die Freunde meiner Jugend! Wie soll
-ich dich nennen, du hohes, edles, rohes, barbarisches, liebliches,
-unharmonisches, gesangvolles, zurückstoßendes und doch so mild
-erquickendes Leben der Burschenjahre? Wie soll ich euch beschreiben,
-ihr goldenen Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? Welche Töne
-soll ich euch geben, um mich verständlich zu machen? Welche Farben
-dir, du nie begriffenes Chaos! Ich soll dich beschreiben? Nie! Deine
-lächerliche Außenseite liegt offen, die sieht der Laie, die kann man
-ihm beschreiben, aber deinen innern, lieblichen Schmelz kennt nur
-der Bergmann, der singend mit seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen
-Schacht. Gold bringt er herauf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig,
-gilt gleich viel. Aber dies ist nicht seine ganze Ausbeute. Was er
-geschaut, mag er dem Laien nicht beschreiben, es wäre allzu sonderbar
-und doch zu köstlich für sein Ohr. Es leben Geister in der Tiefe, die
-sonst kein Ohr erfaßt, kein Auge schaut. Musik ertönt in jenen Hallen,
-die jedem nüchternen Ohr leer und bedeutungslos ertönt. Doch dem, der
-_mit_ gefühlt und _mit_ gesungen, gibt sie eine eigene Weihe, wenn
-er auch über das Loch in seiner Mütze lächelt, das er als Symbolum
-zurückgebracht. Alter Großvater! Jetzt weiß ich, was du vornahmst, wenn
-»der Herr seinen Schalttag feierte«. Auch du hattest deine trauten
-Gesellen seit den Tagen deiner Jugend, und das Wasser stand dir in den
-grauen Wimpern, wenn du einen beisetztest im Stammbuch. Sie leben!
-
-Wirf die Flasche weg, Mensch, stich eine neue an zu neuer Freude. Das
-sechste! Wer kann dich berechnen, o Liebe!
-
-Es ging uns, wie es so manchem Erdensohn ergeht. Wir lasen von Liebe
-und glaubten zu lieben. Das Wunderbarste und doch Natürlichste an
-der Sache war, daß die Perioden oder Grade dieser Art Liebe sich
-nach unserer Lektüre richteten. Haben wir nicht Vergißmeinnicht und
-Ranunkeln gebrochen und des Doktors Tochter in G. verschämt überreicht
-und uns einige Tränen ausgepreßt, weil wir lasen: »Das Schönste sucht
-er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt?« -- »Aus seinen Augen
-brechen Tränen?« Haben wir nicht ~à la~ Wilhelm Meister geliebt, das
-heißt, wir wußten nicht mehr, war es Emeline oder Camilla, die Zarte,
-oder gar Ottilie? Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen
-hinter den Jalousieen hervorgeschaut, wenn wir Ständchen brachten im
-Winter und die Gitarre weidlich schlugen, obgleich uns der Frost die
-Finger krumm bog? Und nachher, als es sich zeigte, wie sie alle nur
-schnöde Koketten seien, haben wir da nicht die Liebe törichterweise
-verschworen und uns vorgenommen, erst dann zu heiraten, wenn die
-Schwaben klug werden, das heißt im vierzigsten?
-
-Wer kann dich berechnen, verschwören, o Liebe? Du tauchst nieder aus
-dem Auge der Geliebten und schlüpfst durch unser Auge verstohlen in
-das Herz. Und dennoch so kalt konntest du bleiben, wenn ich meine
-Lieder sang, wolltest den Blick nicht erwidern, den ich so oft nach dir
-aussandte? Ich möchte ein General sein, nur daß sie meinen Namen in der
-Zeitung läse, daß es ihr bange würde, wenn sie läse: »Der General Hauff
-hat sich in der letzten Schlacht bedeutend hervorgetan und acht Kugeln
-ins Herz bekommen, -- woran er aber nicht gestorben.« Ich möchte ein
-Tambour sein, nur daß ich vor ihrem Haus meinen Schmerz auslassen und
-fürchterlich trommeln könnte, und fährt sie dann erschrocken mit dem
-Köpfchen durchs Fenster, so will ich gerade das Gegenteil russischer
-Fellraßler machen und vom Fortissimo abwärts trommeln und piano und im
-leisen Adagiowirbel ihr zuflüstern: »Ich liebe dich.« Ein berühmter
-Mensch möchte ich sein, nur daß sie von mir hörte und stolz zu sich
-sagte: »Der hat dich einst geliebt.« Aber leider reden die Leute nicht
-von mir, höchstens wird man ihr morgen sagen: »Gestern nacht ist er
-auch wieder bis Mitternacht im Weinkeller gelegen!« Und wenn ich
-vollends ein Schuster oder Schneider wäre! Doch dies ist ein gemeiner
-Gedanke und deiner unwürdig, Adelgunde! --
-
-Jetzt wacht wohl keiner mehr als der Höchste und Niedrigste dieser
-Stadt, nämlich der Turmwächter hoch oben auf der Domkirche und ich tief
-unten im Ratskeller. Wär' ich doch der auf dem Turme! in jeder Stunde
-wollte ich das Sprachrohr ansetzen und dir ein Lied hinabsingen ins
-Schlafkämmerlein; doch nein! das würde ja den süßen Engel aus seinem
-Schlummer wecken, aus seinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier
-unten hört mich niemand, da will ich eines singen! Seele! komme ich mir
-denn nicht gerade vor wie ein Soldat auf dem Posten, dem das Heimweh
-recht schwer und tief im Herzen liegt? Und hat nicht einer meiner
-Freunde dies Lied gedichtet?
-
- Steh' ich in finstrer Mitternacht
- So einsam auf der fernen Wacht,
- So denk' ich an mein fernes Lieb,
- Ob mir's auch treu und hold verblieb?
-
- Als ich zur Fahne fort gemüßt,
- Hat sie so herzlich mich geküßt,
- Mit Bändern meinen Hut geschmückt
- Und weinend mich ans Herz gedrückt!
-
- Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,
- Drum bin ich froh und wohlgemut,
- Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,
- Wenn es ans treue Lieb gedacht.
-
- Jetzt bei der Lampe mildem Schein
- Gehst du wohl in dein Kämmerlein,
- Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn
- Auch für den Liebsten in der Fern'!
-
- Doch, wenn du traurig bist und weinst,
- Mich von Gefahr umrungen meinst --
- Sei ruhig; bin in Gottes Hut,
- Er liebt ein treu Soldatenblut.
-
- Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'
- Und löst mich ab zu dieser Stund':
- Schlaf wohl im stillen Kämmerlein
- Und denk' in deinen Träumen mein!
-
-Und denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die Glocken summten
-dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen Gesang. Schon Mitternacht?
-Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen Schauer in sich; es ist,
-als zittere die Erde leise, wenn sich die schlummernden Menschen unter
-ihr auf die andere Seite legen, die schwere Decke schütteln und den
-Nachbar im Kämmerlein nebenan fragen: »Ist's noch nicht Morgen?« Wie so
-ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir hernieder,
-als wenn er am Mittag durch die hellen klaren Lüfte schallt. Horch!
-Ging da nicht im Keller eine Türe? Sonderbar; wenn ich nicht so ganz
-allein hier unten wäre, wenn ich nicht wüßte, daß die Menschen nur oben
-wandeln, ich würde glauben, es tönen Schritte durch diese Hallen. --
-Ha! es ist so; es kommt näher, es tastet an der Türe hin und her; es
-faßt und schüttelt die Klinke; doch die Türe ist verschlossen und mit
-Riegeln verhängt; mich stört heute nacht _kein Sterblicher_ mehr. --
-Ha, was ist das? die Türe springt auf! Entsetzen! --
-
- * * * * *
-
-Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig Komplimente
-über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug
-eine große, schwarze Lockenperücke, einen dunkelroten Rock
-nach altfränkischem Schnitt, überall mit goldenen Tressen und
-goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer langen und dünnen
-Beine staken in dünnen Beinkleidern von schwarzem Samt mit goldenen
-Schnallen am Knie; daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den
-Schuhen trug er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von
-Porzellan hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn
-er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen kleinen Hut von Seide,
-und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann wie Wasserfälle
-über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes
-Gesicht, tiefliegende Augen und eine große feuerrote Nase. Ganz anders
-war der kleinere Geselle anzuschauen, dem jener den Vortritt gönnen
-wollte. Seine Haare waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und
-nur an den Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalftern
-gewickelt, ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; er
-trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten in großen
-Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste, die über
-sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Kniee herabfiel, und hatte
-einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt. Er hatte etwas Gutmütiges in
-seinem feisten Gesicht, besonders in den Aeuglein, die ihm wie einem
-Hummer hervorstanden. Seine Manöver führte er mit einem ungeheuren
-Filzhut aus, der auf zwei Seiten aufgeklappt war.
-
-Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, Zeit
-genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden Herren machten
-wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle die zierlichsten Pas.
-Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Türe auf, nahm den
-Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre
-Hüte an die Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich
-zu beachten, stillschweigend an den Tisch. »Ist denn heute Fastnacht
-in Bremen?« sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren Gäste
-nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung so unheimlich vor,
-besonders wußte ich mich in ihre starren Blicke, in ihr Schweigen nicht
-zu finden; ich wollte mir eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein
-neues Geräusch im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging
-auf, und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die ersten
-gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, der wie ein
-Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und Jagdhorn und schaute
-ungemein fröhlich um sich.
-
-»Gott grüß euch, ihr Herren vom Rhein!« sprach der Lange im roten Rocke
-im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte. »Gott grüß euch,«
-quiekte der Kleine dazu, »haben uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!«
-
-»Frisch auf! Holla und guten Morgen, Herr Matthäus,« rief der Jäger dem
-Kleinen zu, »und auch Euch guten Morgen, Herr Judas! Aber was ist das?
-Wo sind die Römer, wo Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch
-nicht wach aus seinem Sündenschlaf?«
-
-»Die Schlafmütze!« erwiderte der Kleine. »Der schläfrige Bengel! Droben
-liegt er noch in Unser Lieben Frauen Kirchhof, aber das Donnerwetter,
-ich will ihn herausschellen!« Dabei ergriff er eine große Glocke, die
-auf dem Tische stand, und klingelte und lachte in grellen, schneidenden
-Tönen. Auch die drei anderen Herren hatten Hüte, Stock und Degen in
-die Ecken gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Tisch gesetzt.
-Zwischen dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas
-nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, auf seinen
-schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger Ernst, und um
-die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln; er trug eine blonde
-Perücke mit vielen Locken, was mit seinen großen, braunen Augen einen
-auffallenden, aber angenehmen Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber
-saß ein großer, wohl gemästeter Mann, mit rotausgeschlagenem Gesicht
-und einer Purpurnase. Er hatte die Unterlippe weit herabhängen und
-trommelte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen ihn
-Philippus.
-
-Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen, saß neben
-ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln Augen, ein kräftiges
-Rot schmückte seine Wangen, und ein dichter Bart umschattete den Mund.
-Er hieß Herr Petrus.
-
-Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen Gästen das
-Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien eine neue Gestalt
-in der Türe. Es war ein kleines, altes Männlein mit schlotternden
-Beinen und grauem Haar; sein Kopf sah aus wie ein Totenkopf, über den
-man eine dünne Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen
-Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei und grüßte die
-Gäste demütig.
-
-»Ha! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar,« riefen die Gäste ihm
-entgegen; »frisch heran, Alter, setz' die Römer auf und bring' uns
-Pfeifen! Wo steckst du nur so lang? Es ist längst zwölf vorüber.«
-
-Der alte Mann gähnte einigemal etwas unanständig und sah überhaupt
-aus wie einer, der zu lange geschlafen. »Hätte beinahe den ersten
-September verschlafen,« krächzte er, »ich schlief so hart, und seitdem
-sie den Kirchhof gepflastert haben, höre ich auch ziemlich schlecht. Wo
-sind denn aber die anderen Herren?« fuhr er fort, indem er Pokale von
-wunderlicher Form und ansehnlicher Größe aus dem Korbe nahm und auf den
-Tisch setzte; »wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und
-die alte Rose fehlt auch noch.«
-
-»Setze nur die Flaschen her,« rief Judas, »daß wir endlich was zu
-trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen noch im Faß, poch'
-an mit deinen dürren Knochen und heiße sie aufstehen, sage, wir sitzen
-schon alle hier.«
-
-Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein großes Geräusch
-und Gelächter vor der Türe entstand. »Jungfer Rose hoch, hussa, hoch!
-und ihr Schatz der Bacchus, hoch!« hörte man von mehreren Stimmen
-rufen; die Türe flog auf, die gespenstischen Gesellen am Tische
-sprangen in die Höhe und schrieen: »Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose
-und Bacchus und die anderen! Hallo! Jetzt geht das Freudenleben erst
-recht an!« und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der
-Dicke schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die
-Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und stimmte
-ein in das Juheisa, heisa, he! daß mir die Ohren gellten. Welch ein
-Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im Keller geritten, war
-herabgestiegen, nackt, wie er war; mit seinem breiten, freundlichen
-Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte er das Volk und trippelte auf
-kleinen Füßchen in das Zimmer; an seiner Hand führte er ganz ehrbarlich
-wie seine Braut eine alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher
-Dicke. Noch weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles
-so geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame
-niemand anders sei als die alte Rose, das ungeheure Faß im Rosenkeller.
-
-Und wie hatte sie sich köstlich aufgeputzt, die alte Rheinländerin!
-Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen sein, denn wenn
-auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und Mund gelegt hatte, wenn
-auch das frische Rot der Jugend von ihren Wangen verschwunden war,
-zwei Jahrhunderte konnten die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht
-völlig verwischen. Ihre Augenbrauen waren grau geworden, und einige
-unziemliche graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber die
-Haare, die um die Stirne schön geglättet lagen, waren nußbraun und nur
-etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf dem Kopfe trug sie eine
-schwarze Samtmütze, die sich enge an die Schläfe anschloß; dazu hatte
-sie ein Wams vom feinsten schwarzen Tuche an, und das Mieder vom roten
-Samt, das darunter hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten
-geschnürt. Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden
-Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein weiter,
-faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte Gestalt,
-und ein kleines weißes Schürzchen, mit feinen Spitzen besetzt, wollte
-sich recht schalkhaft ausnehmen. An der einen Seite hing ihr eine große
-Tasche von Leder, an der anderen ein Bündel gewaltiger Schlüssel --
-kurz, sie war eine so ehrbare Frau, als je eine Anno 1618 in Köln oder
-Mainz über die Straße ging.
-
-Aber hinter der Frau Rose kamen noch sechs jubelnde Gesellen, die
-Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf den Kopf gesetzt,
-mit weitschößigen Röcken und langen, reich gestickten Westen angetan.
-
-Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel Bacchus
-seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit großem Anstand
-gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder; an ihrer Seite nahm der
-hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, der Kellermeister, hatte ihm ein
-tüchtiges Polster untergeschoben, weil er sonst gar klein und niedrig
-dagesessen hätte. Auch die anderen sechs Gesellen nahmen Platz, und ich
-merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apostel vom Rheine seien, die hier
-um die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen.
-
-»Da wären wir ja,« sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nachgelassen,
-»da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von 1700, und alle
-wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, Jungfer Rose! Auch Sie
-hat gar nicht gealtert und ist noch so stattlich und hübsch wie vor
-fünfzig Jahren. Gutes Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr
-Bacchus, daneben!«
-
-»Soll leben, die alte Rose soll leben!« riefen sie und stießen an und
-tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen silbernen Humpen
-trank, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele Beschwerden hinunter,
-und er ward zusehends dicker davon und größer wie eine Schweinsblase,
-die man mit Luft füllt.
-
-»Mich gehorsamst zu bedanken, wertgeschätzte Herren Apostel und
-Vettern,« antwortete Frau Rosalia, indem sie sich freundlich verneigte.
-»Seid Ihr noch immer solch ein loser Schäker, Herr Petrus? Ich weiß
-von keinem Schatz nicht, und Ihr müßt ein sittsam Mägdlein nicht so in
-Verlegenheit setzen.« Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte,
-und trank ein mächtiges Paßglas aus.
-
-»Schatz,« erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus seinen Aeuglein
-zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, »Schatz, ziere dich doch nicht
-so; du weißt ja wohl, daß dir mein Herz zugetan schon seit zweihundert
-Herbsten; und daß ich dich noch heute vor allen anderen liebe, soll ein
-feuriger Kuß auf deine rosigen Lippen beweisen.«
-
-Er neigte sich zärtlich gegen die Rose. »Wenn nur das junge Volk hier
-nicht dabei wäre,« flüsterte sie verschämt, indem sie sich halb zu
-ihm neigte; aber unter dem Jubeln und Jauchzen der Zwölfe hatte der
-Weingott sein Schürzenstipendium nebst Zinsen eingenommen. Dann leerte
-er seinen Humpen wieder und ward um zwei Fäuste breiter und größer und
-hub an mit einer rauhen Weinstimme zu singen:
-
- Vor allen Schlössern dieser Zeit
- Lob' ich ein Schloß zu Bremen,
- An seinen Hallen hoch und weit
- Darf sich kein Kaiser schämen;
- Gar seltsam ist es ausstaffiert,
- Mit schmuckem Hausrat ausgeziert,
- Doch hat daselbst vor allen
- Eine Jungfrau mir gefallen.
-
- Ihr Auge blinkt wie klarer Wein,
- Ihre Wangen sind nicht bleiche,
- Wie prächtig ihre Kleider sein,
- Von lauter schwerem Zeuge;
- Von Eichenholz ist ihr Gewand,
- Von Birkenreifen ihre Band',
- Das Mieder das sie zieret,
- Mit Eisen ist geschnüret.
-
- Doch ach, man hat ihr Schlafklosett
- Mit Riegeln wohl versehen,
- Dort schlummert sie im Rosenbett,
- Und ich muß draußen stehen;
- Drum poch' ich an die Kammertür:
- Steh auf, mein Schatz, und komm herfür,
- Damit ich mit dir kose,
- Mach' auf, herzliebe Rose.
-
- So steig' ich jede Mitternacht
- Zu ihrer Kammer nieder;
- Nur einmal hat sie aufgemacht,
- Jetzt will sie nimmer wieder;
- Und seit ich einmal sie geküßt,
- Mein Herz von Sehnsucht trunken ist,
- Nur einmal, Rosamunde,
- Küß' mich, daß es gesunde.
-
-»Ihr seid ein Schäker, Herr Bacchus,« sagte Rosa, als er mit
-einem zärtlichen Triller geendet hatte. »Ihr wißt wohl, daß mich
-Bürgermeister und Rat unter gar strenger Klausur halten und nicht
-erlauben, daß ich mit jedwedem mich einlasse.«
-
-»Aber mir könntest du doch zuweilen das Kämmerlein öffnen, lieb
-Röschen!« flüsterte Bacchus; »mich gelüstet nach der süßen Speise
-deines Mundes.«
-
-»Ihr seid ein Schelm,« rief sie lachend, »Ihr seid ein Türke und habt
-es mit vielen zugleich; meint Ihr, ich wisse nicht, wie Ihr mit der
-leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein von Bordeaux, und
-mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin; geht, geht, Ihr habt einen
-schlechten Charakter und verstehet Euch nicht auf treue deutsche Minne.«
-
-»Ja, das sag' ich auch!« rief Judas, und fuhr mit der langen knöchernen
-Hand nach der Hand der Jungfer Rose. »Das sag' ich auch; drum nehmet
-mich zu Eurem Galan, liebwerteste Jungfer, und lasset den kleinen,
-nackten Kerl seiner Französin nachziehen.«
-
-»Was?« schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige Maß Wein. »Was?
-Mit dem jungen Fant von 1726 willst du dich abgeben, Röschen? Pfui,
-schäme dich; was mein nacktes Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann
-ich ebensogut wie er, eine Perücke aufsetzen, einen Rock umhängen und
-einen Degen an die Seite stecken; aber ich trage mich so, weil ich
-Feuer im Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da
-sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich erlogen.
-Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste erlustiert, aber
-weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster Schatz, und dir gehört
-mein Herz.«
-
-»Eine schöne Treue, Gott erbarm's!« erwiderte die Dame. »Was hört man
-nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem Frauenzimmer habt? Von der
-süßlichen Metze, der Xeres, will ich gar nichts sagen, das ist eine
-bekannte Geschichte, aber wie ist es denn mit der Jungfer Dentilla di
-Rota und mit der von San Lucas? Und dann mit der Sennora Ximenes?«
-
-»Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit,« rief er
-ärgerlich, »man kann doch alte Verbindungen nicht ganz aufgeben. Und
-was die Sennora Ximenes betrifft, so seid Ihr sehr ungerecht, ich
-besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch, weil sie Eure Verwandte
-ist.«
-
-»Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verwandte?« murmelten Rose und die
-Zwölfe untereinander. »Wie das?«
-
-»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr er fort, »daß diese Sennora eigentlich eine
-Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Ximenes hat sie heimgeführt als
-blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau nach seiner Heimat Spanien,
-und dort hat sie sich angesiedelt und seinen Familiennamen angenommen.
-Noch jetzt, obgleich sie den süßen, spanischen Charakter angenommen,
-noch jetzt hat sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzüge des
-Gesichtes sich in der Familie nicht ganz verlieren. Dieselbe Farbe und
-jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie zu Eurer
-würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose.«
-
-»Sie soll leben, soll leben!« riefen die Apostel und stießen an, »Base
-Ximenes in Hispanien soll leben!«
-
-Jungfer Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und stieß mit
-bittersüßer Miene an; doch schien sie nicht ferner mit ihm hadern zu
-wollen, sondern sprach weiter:
-
-»Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr alle hier?
-Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein mutiger Judas, mein
-feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, wische dir den Schlaf fein aus
-den Aeuglein, du siehst noch ganz trübselig aus; Bartholomäus, du bist
-unmäßig dick geworden und scheinst träge zu sein. Ha, mein munterer
-Paulus, und wie fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte.
-Aber wie, ihr seid ja zu dreizehn am Tische, wer ist denn _der_ dort in
-fremder Kleidung, wer hat ihn hieher gebracht?«
-
-Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf mich und
-schienen mit meiner Anwesenheit nicht ganz zufrieden. Aber ich faßte
-mir ein Herz und sagte: »Mich gehorsamst der werten Gesellschaft zu
-empfehlen. Ich bin eigentlich nichts weiter als ein zum Doktor der
-Philosophie graduierter Mensch und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts
-in dem Wirtshause zur Stadt Frankfurt auf.«
-
-»Wie wagst du es aber, hierher zu kommen in dieser Stunde, graduiertes
-Menschenkind?« sprach Petrus sehr ernst, indem er Blitze aus seinen
-Feueraugen auf mich sprühte. »Du hättest wohl denken können, daß du
-nicht in diese noble Sozietät gehörst.«
-
-»Herr Apostel,« antwortete ich und weiß noch heute nicht, woher ich den
-Mut bekam, wahrscheinlich aus dem Wein; »Herr Apostel, das Du verbitte
-ich mir fürs erste, bis wir weiter bekannt sind. Und was die noble
-Sozietät betrifft, in die ich gekommen sein soll, so kam sie zu mir,
-nicht ich zu ihr, denn ich sitze schon seit drei Stunden in diesem
-Gemach, Herr!«
-
-»Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor?« fragte
-Bacchus etwas sanfter als der Apostel. »Um diese Zeit pflegt sonst das
-Erdenvolk zu schlafen.«
-
-»Euer Exzellenz,« erwiderte ich, »das hat seinen guten Grund. Ich bin
-ein portierter Freund des edlen Getränkes, das man hier unten verzapft,
-habe auch durch die Vergünstigung eines wohledlen Senats die Permission
-erhalten, denen Herrn Aposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch
-abzustatten, was ich auch geziemendst getan.«
-
-»Also Ihr trinkt gerne Rheinwein?« fuhr Bacchus fort, »nun, das ist
-eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser Zeit, wo die Menschen
-so kalt geworden sind gegen diese goldene Quelle.«
-
-»Ja, der Teufel hole sie all!« rief Judas. »Keiner will mehr einige Maß
-Rheinwein trinken, außer hie und da solch ein fahrender Doktor oder
-vazierender Magister, und diese Hungerleider lassen sich ihn erst noch
-aufwichsen.«
-
-»Muß ganz gehorsamst deprezieren, Herr von Judas,« unterbrach ich den
-schrecklichen Rotrock. »Nur einige kleine Versuche habe ich getan mit
-Dero Rebenblut von 1700 und etlichen Jahren, und den hat mir allerdings
-der wackere Bürgermeister einschenken lassen; was Sie aber hier sehen,
-ist etwas neuer und in barer Münze von mir bezahlt.«
-
-»Doktor, ereifert Euch nicht,« sagte Frau Rose, »er meint's nicht so
-böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht, daß die Zeiten
-so lau geworden.«
-
-»Ja!« rief Andreas, der feine, schöne Andreas. »Ich glaube, dieses
-Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes mehr wert ist, drum
-sollen sie hier ein Gesöff von allerlei Schnaps und Sirup brauen,
-heißen es Chateau-Margaux, Sillery, St. Julien und sonst nach allerlei
-pompösen Namen, und kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es
-saufen, bekommen sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt
-war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie schnöden Schnaps getrunken.«
-
-»Ha, was war das für ein anderes Leben,« führte Johannes die Rede fort,
-»als wir noch junge, blutjunge Gesellen waren, Anno 19 und 26. Auch
-Anno 50 ging es noch hoch her in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es
-mochte die Sonne scheinen in hellem Frühling oder schneien und regnen
-im Winter, jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen
-Gästen. Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der _Senat
-von Bremen_, stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre an der Seite,
-Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich.«
-
-»Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus, hier die
-Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine berieten sie sich über
-das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn sie
-uneinig in der Meinung waren, so stritten sie sich nicht mit bösen
-Worten, sondern tranken einander wacker zu, und wenn der Wein ihre
-Herzen erwärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war
-der Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände,
-sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren des edlen
-Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie
-abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus.«
-
-»Schöne, alte Zeiten!« rief Paulus; »daher kommt es auch, daß noch
-heutzutage jeder vom Rat ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche
-Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier saßen und tranken,
-war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr
-Geldsäckelein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben,
-und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es gibt einige wackere
-Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren
-wenige.«
-
-»Ja, ja, Kinder,« sprach die alte Rose, »sonst war es anders, so vor
-fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie abends ihre
-Weiber und Mädchen mit in den Keller, und die schönen Bremerkinder
-tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler und waren weit und
-breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurroten
-Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie
-allerlei miserables Zeug als Tee und dergleichen, was weit von hier bei
-den Chinesen wachsen soll und was zu meiner Zeit die Frauen tranken,
-wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, echten
-gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch
-ums Himmels willen, sie gießen spanischen Süßen darunter, daß er ihnen
-munde, sie sagen, er sei zu sauer.«
-
-Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich unwillkürlich
-einstimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich, daß ihn der alte
-Balthasar halten mußte.
-
-»Ja, die guten alten Zeiten!« rief der dicke Bartholomäus; »sonst trank
-ein Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt' er Wasser getrunken,
-so nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein Römer um. Sie sind aus der
-Uebung gekommen.«
-
-»Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu,« sagte
-Fräulein Rose und lächelte vor sich hin.
-
-»Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!« baten alle; sie aber
-trank bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte Kehle bekam, und hub
-an:
-
-»Anno tausend sechshundert und einige zwanzig, dreißig Jahre war
-ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen des Glaubens; die
-einen wollten so und die anderen anders, und statt daß sie bei
-einem Glase Wein die Sache vernünftig besprochen hätten, schlugen
-sie sich die Schädel ein. Albrecht von Wallenstein, des Kaisers
-Generalfeldmarschall, hauste schrecklich in protestantischen Landen.
-Des erbarmte sich der Schwedenkönig, Gustav Adolf, und kam mit vieler
-Mannschaft zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert,
-sie hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber weiter
-nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit waren Bremen und die
-anderen Hansestädte neutral und wollten es mit keiner Partei verderben.
-Dem Schweden lag aber daran, durch ihr Gebiet zu ziehen und sich
-freundlich mit ihnen einzulassen, darum wollte er einen Gesandten an
-sie schicken. Weil aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles
-im Weinkeller verhandle und die Ratsherren und Bürgermeister einen
-guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schwedenkönig, sie möchten
-seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein, daß er endlich betrunken
-würde und schlechte Bedingungen einginge für die Schweden.
-
-»Nun befand sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann vom gelben
-Regiment, der ganz erschrecklich trinken konnte. Zwei, drei Maß zum
-Frühstück war ihm ein kleines, und oft hat er abends zum Zuspitzen
-ein halb Imi getrunken und nachher gut geschlafen. Als nun der König
-voll Besorgnis war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten
-allzusehr zusetzen, so erzählte ihm der Kanzler Oxenstierna von dem
-Hauptmann, Gutekunst hieß er, der so viel trinken könne. Des freute
-sich der König und ließ ihn vor sich kommen.
-
-»Da brachten sie einen kleinen, hageren Mann, der war ganz bleich im
-Gesicht, hatte aber eine große, kupferrote Nase und hellblaue Lippen,
-was ganz wunderlich anzusehen war. Der König fragte ihn, wieviel er
-sich wohl zu trinken getraue, wenn es recht ernstlich zuginge. ›O
-Herr und König,‹ antwortete er, ›so ernstlich bin ich noch nie daran
-gekommen, habe mich bis dato auch noch nicht geeicht; der Wein ist
-nicht wohlfeil, und man kann täglich nicht über sieben, acht Maß
-trinken, ohne in Schulden zu geraten.‹ -- ›Nun, wieviel meinst du
-denn führen zu können?‹ fragte der König weiter. Er aber antwortete
-unerschrocken: ›Wenn Euer Majestät bezahlen wollen, möchte ich wohl
-einmal zwölf Mäßchen trinken, mein Reitknecht, der Balthasar Ohnegrund,
-kann es aber noch besser.‹ Da schickte der König auch nach Balthasar
-Ohnegrund, dem Knecht des Hauptmann Gutekunst, und war der Herr schon
-blaß gewesen und mager, so war es der Diener noch mehr, der ganz
-aschenfarb aussah, als hätt' er sein Leben lang Wasser getrunken.
-
-»Da ließ nun der König den Hauptmann und Ohnegrund, den Reitknecht, in
-ein Zelt setzen und einige Fäßlein alten Hochheimer und Nierensteiner
-anfahren und wollte haben, die beiden sollten sich eichen lassen. Sie
-tranken von morgens elf Uhr bis abends vier Uhr ein Imi Hochheimer und
-anderthalb Imi Nierensteiner, und der König ging voll Verwunderung
-zu ihnen ins Zelt, um zu sehen, wie es mit ihnen stehe. Die beiden
-Gesellen waren aber wohlauf, und der Hauptmann sagte: ›So, jetzt will
-ich einmal die Degenkoppel abschnallen, dann geht's besser;‹ Ohnegrund
-aber machte drei Knöpfe an seinem Koller auf.
-
-»Da entsetzten sich alle, die dies sahen, der König aber sprach:
-›Kann ich bessere Gesandte finden nach der fröhlichen Stadt Bremen
-als diese?‹ Und alsobald ließ er dem Hauptmann prächtige Kleider
-und Waffen geben, wie auch Ohnegrund, dem Reitknecht, denn dieser
-sollte den Schreiber des Gesandten vorstellen. Der König und der
-Kanzler unterrichteten den Hauptmann, was er zu sagen hätte bei der
-Unterhandlung, und nahm beiden das Versprechen ab, daß sie auf der
-ganzen Reise nur Wasser trinken sollten, damit nachher das Treffen im
-Keller um so glorreicher würde! Gutekunst aber, der Hauptmann, mußte
-seine rote Nase mit einer künstlichen Salbe anstreichen, auf daß sie
-weiß aussah, damit man nicht merke, welch ein Kunde er sei.
-
-»Ganz elendiglich von vielem Wassertrinken kamen die beiden nach der
-Stadt Bremen, und nachdem sie bei dem Bürgermeister gewesen, sagte
-dieser zum Senat: ›O, was hat uns der Schwede für zwei bleiche, magere
-Gesellen geschickt; heute abend wollen wir sie in den Ratskeller
-führen und zudecken. Ich nehme den Gesandten auf mich ganz allein,
-und der Doktor Schnellpfeffer muß auf den Schreiber.‹ So wurden
-sie denn abends nach der Betglocke feierlichst in den Ratskeller
-geführt, der Bürgermeister führte Gutekunsten, den Hauptmann, der
-Doktor Schnellpfeffer, was auch ein guter Trinker war, führte den
-Reitknecht am Arm, der als Schreiber angetan sich recht züchtiglich
-gebärdete; hinter ihnen gingen viele Ratsherren, die zur Verhandlung
-geladen waren. Hier in diesem Gemach setzten sie sich um den Tisch
-und verspeisten zuerst Hasenbraten und Schinken und Heringe, um sich
-zum Trinken zu rüsten. Dann wollte der Gesandte ganz ehrbar mit der
-Verhandlung anfangen, und sein Schreiber zog Pergament und Feder
-aus der Tasche; aber der Bürgermeister sprach: ›Mit nichten also,
-Ihr edlen Herren; so ist es nicht Gebrauch in Bremen, daß man die
-Sache also trocken abmacht; wollen einander vorerst auch zutrinken
-nach Sitte unserer Väter und Großväter.‹ -- ›Kann eigentlich nicht
-viel vertragen,‹ antwortete der Hauptmann, ›dieweil es aber Seiner
-Magnifizenz also gefällig, will ich ein Schlücklein zu mir nehmen.‹ Nun
-tranken sie sich zu und hielten ein Gespräch über Krieg und Frieden und
-über die Schlachten, so geliefert worden; die Ratsherren aber, um den
-Fremden mit gutem Beispiel voranzugehen, tranken sich weidlich zu und
-bekamen rote Köpfe. Bei jeder neuen Flasche entschuldigten sich die
-Fremden, wie sie gar den Wein nicht gewohnt wären und er ihnen zu Kopfe
-steige; des freute sich der Bürgermeister, trank in seiner Herzenslust
-ein Paßglas um das andere, so daß er nicht mehr recht wußte, was zu
-beginnen. Aber, wie es zu gehen pflegt in diesem wunderbaren Zustand,
-er dachte: jetzt ist er betrunken, der Gesandte, und auch dem Schreiber
-hat der Doktor tüchtig zugesetzt; und sprach daher: ›Nun wollen wir
-anfangen mit unserem Geschäft.‹ Das waren die Fremden zufrieden, taten,
-wie wenn sie voll Weines wären und tranken auf ihrer Seite den Herren
-weidlich zu.
-
-»Da wurde nun gesprochen und getrunken, gehandelt und wieder
-getrunken, bis der Bürgermeister mitten im Satz einschlief und der
-Doktor Schnellpfeffer unter dem Tische lag. Da kamen denn die anderen
-Ratsherren und tranken den Fremden zu und führten die Verhandlung fort;
-aber trank der Hauptmann lästerlich, so machte es sein Reitknecht noch
-schlimmer; fünf Küper mußten immer hin und her laufen und einschenken,
-denn der Wein verschwand von dem Tisch, als wäre er in den Sand
-gegossen worden. So geschah es, daß die Gäste nacheinander den ganzen
-Rat unter den Tisch tranken bis auf einen.
-
-»Dieser eine aber war ein großer starker Mann, mit Namen Walther,
-von welchem man allerlei sprach in Bremen, und wäre er nicht im Rat
-gesessen, man hätte ihn längst böser Künste und Zauberei angeklagt.
-Herr Walther war seines Zeichens eigentlich ein Zirkelschmied gewesen,
-hatte sich aber hervorgetan in seiner Gilde, war unter die Aeltermänner
-gekommen und nachher in den Senat. Dieser hielt aus bei den Gästen,
-trank zweimal so viel als beide, so daß ihnen ganz unheimlich wurde,
-denn er war so verständig wie zuvor, während der Hauptmann schon trübe
-Augen bekam und glaubte, es gehe ihm ein Rad im Kopf herum. So oft der
-Senator Walther ein Paßglas getrunken, fuhr er mit der Hand unter den
-Hut, und dem Reitknecht kam es vor, als sähe er ein bläuliches Wölkchen
-ganz fein wie Nebel aus seinem rabenschwarzen Haar hervorsteigen. Er
-trank wacker drauf los, bis der Hauptmann Gutekunst selig einschlief
-und sein Haupt ganz weich auf des Bürgermeisters Bauch legte.
-
-»Da sprach der Senator Walther mit sonderbarem Lächeln zu dem Schreiber
-des Gesandten: ›Lieber Geselle, du führst einen mächtigen Zug, ich
-vermeine aber, daß du mit dem Roßstriegel besser fortkommst als mit der
-Feder.‹ Da erschrak der Schreiber und sprach: ›Wie meinet Ihr dies,
-Herr? Ich will nicht hoffen, daß Ihr mir hohnsprechen wollt; bedenket,
-daß ich Seiner Majestät Gesandtschaftsschreiber bin.‹
-
-»›Hoho!‹ rief der andere mit schrecklichem Lachen, ›seit wann haben
-denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel an und führen
-solche Federn bei der Sitzung?‹ Da sah der Reitknecht auf sein
-Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er seinen gewöhnlichen
-Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand, und siehe da, statt der
-Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste. Da entsetzte er sich und
-sah sich verraten und wußte nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber
-lächelte seltsam und höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb
-Maß zu auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und der
-Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus seinem Kopf kam.
-›Gott soll mich bewahren, Herr, daß ich fürder mit Euch trinke,‹ rief
-er; ›Ihr seid ein Schwarzkünstler, wie ich nun vermute, und könnt mehr
-als Brot essen.‹
-
-»›Darüber wäre noch vielerlei zu sagen,‹ antwortete Walther ganz
-ruhig und freundlich; ›aber es würde dir auch nicht viel helfen,
-wertgeschätzter Stallknecht und Roßkamm, wenn du mir fürder zusetztest
-mit Trinken, mich trinkst du nicht unter den Tisch, wasmaßen ich einen
-kleinen Hahnen in mein Gehirn geschraubt habe, durch welchen der
-Weindunst wieder herausfährt. Schau zu!‹ Dabei trank er ein großes
-Paßglas aus, wandte seinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund,
-strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein
-kleiner silberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den Zapfen um,
-und ein bläulicher Dunst strömte hervor, so daß ihm der Weingeist keine
-Beschwerden machte in der Hirnkammer.
-
-»Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände zusammen und rief:
-›Das ist einmal eine schöne Erfindung, Herr Zauberer! Könnet Ihr mir
-nicht auch so ein Ding an den Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?‹
--- ›Nein, das geht nicht,‹ antwortete jener bedächtig; ›da seid Ihr
-nicht erfahren genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch
-liebgewonnen wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum möchte
-ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es ist gegenwärtig
-die Stelle des Kellermeisters vakant allhier. Balthasar Ohnegrund,
-verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es doch mehr Wasser als Wein
-gibt, und diene dem wohledlen Rat dieser Stadt; wenn wir auch einige
-Lasten Wein mehr brauchen des Jahres, die du heimlich saufest, das
-tut nichts, ein solcher Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar
-Ohnegrund, ich mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst.
-Willst du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze
-Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber geschickt.‹
-Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler Wein; er tat einen
-Blick in dieses unermeßliche Weinreich, schlug sich auf den Magen und
-sagte: ›Ich will's tun.‹ Nachher machten sie noch allerhand Punkte aus,
-wie es gehalten werden soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit
-seiner armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gutekunst
-aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische Lager, und als
-nachher die Kaiserlichen in die Stadt kamen, war der Bürgermeister und
-Senat froh, daß sie sich mit dem Schweden nicht zu tief eingelassen,
-obgleich keiner recht wußte, wie es so gekommen war.«
-
-So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und lachten
-sehr über die beiden Gesandten; Paulus aber fragte: »Und Balthasar
-Ohnegrund, der wackere Kunde, was ist aus ihm geworden? Blieb er
-Kellermeister?« Die Rose aber wandte sich um mit Lächeln, deutete
-auf eine Ecke des Gemachs und sagte: »Dort sitzt er ja noch, wie vor
-zweihundert Jahren, der wackere Zecher.« Mir graute, als ich hinsah.
-Eine bleiche, abgehärmte Gestalt saß in der Ecke, schluchzte und weinte
-sehr und trank dazu sehr viel Rheinwein. Aber es war niemand anders als
-eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser Lieben Frauen Kirchhof
-herabgekommen war, nachdem ihn Matthäus aus dem Schlaf geschellt.
-
-»Nun, alter Balthasar,« rief ihm Jakobus zu. »Du hast also als
-Reitknecht gedient beim Hauptmann Gutekunst und warst sogar
-Gesandtschaftsschreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister wurdest?
-Was machte denn der Herr, so den Hahnen im Hirnkasten hatte, für
-Bedingnisse?«
-
-»O Herr!« stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele, und es war,
-als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, so greulich tönte
-es aus seiner Brust, »O Herr! fordert nicht von mir, daß ich es sage.«
-
-»Heraus damit!« schrieen die Apostel, was wollte der mit dem
-Spiritusableiter? Der Weingeistschröpfer, was wollte er?«
-
-»_Meine Seele._«
-
-»Armer Kerl,« sagte Petrus sehr ernst; »und um was wollte er deine arme
-Seele?«
-
-»Um Wein!« murmelte er dumpf, und mir war es, als ob eine Stimme ohne
-Hoffnung spräche.
-
-»Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner Seele?« Er
-schwieg lange; endlich sprach er: »Warum dies erzählen, ihr Herren?
-Es ist grausig, und ihr versteht doch nicht, was es heißt, eine Seele
-verlieren.«
-
-»Wohl wahr,« sprach Paulus. »Wir sind fröhliche Geister und schlummern
-im Weine und freuen uns ewiger ungetrübter Herrlichkeit und Freude;
-darum kann uns aber auch kein Grauen anwandeln, denn wer hat Macht über
-uns, daß er uns elend mache oder uns schrecke? Darum erzähle!«
-
-»Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen,«
-sprach der Tote; »vor ihm darf ich es nicht sagen.«
-
-»Nur zu, immer zu,« erwiderte ich, an allen Gliedern schauernd, »ich
-kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen, und was ist es am
-Ende, als daß Euch der Teufel geholt?«
-
-»Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet,« murmelte der Alte, »aber
-Ihr wollt es so haben, so höret: Der Mensch, der in jener Nacht in
-diesem Zimmer bei mir saß, -- es war ein böses Ding mit ihm -- der
-hatte seine Seele dem Bösen verhandelt, und es war dabei bedingt, daß
-er sich loskaufen könnte durch eine andere Seele. Schon viele hatte
-er auf dem Korn gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen.
-Mich faßte er besser. Ich war wild aufgewachsen, ohne Unterricht, und
-das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn ich so über
-ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab, und Freund und
-Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich: sie sind jetzt halt tot und
-leben nicht mehr; von der Seele hielt ich nicht viel und von Himmel und
-Hölle noch weniger. Aber weil man so kurz lebt, wollt' ich's Leben
-recht genießen, und Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der
-Höllenknecht abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ›So zwanzig,
-dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel zu
-trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das müßt' ein Leben
-sein?‹ -- ›Ja, Herr,‹ sprach ich, ›aber wie könnte ich dies verdienen?‹
--- ›An was liegt dir mehr,‹ fuhr er fort, ›hier recht zu leben nach
-Herzenslust auf der Erde, hier im Keller, oder an den Geschichten,
-die sich nachher begeben, wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt
-und Wein trinkt?‹ Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: ›Meine
-Gebeine werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen. Ist
-der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an manchem
-Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte, darum will
-ich leben und lustig sein.‹ Er sprach aber zu mir: ›Wenn du Verzicht
-leisten willst auf das, was nachher kommt, so ist es ein leichtes, dich
-hier zum Kellermeister zu machen; schreib nur deinen Namen in dies
-Büchlein und tue einen recht tüchtigen Schwur dazu.‹ -- ›Was nachher
-mit mir geschieht, das kümmert mich nicht,‹ sprach ich; ›Kellermeister
-will ich hier sein immerdar und ewiglich, solang ich bin, und der
-Teufel, oder wer will, kann das andere haben alles, wenn sie mich einst
-einscharren.‹
-
-»Als ich so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei, sondern
-ein dritter saß neben mir und hielt mir das Büchlein hin zum
-Unterschreiben. Der aber, der dies tat, war nicht der Zirkelschmied,
-sondern ein anderer.«
-
-»Wer war es denn? Sag' an!« riefen die Apostel ungeduldig.
-
-Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich und seine
-bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu sprechen, aber
-ein Krampf schien ihm die Kehle zuzuschnüren. Da blickte er auf einmal
-fest und mutig in eine dunkle Ecke, trank sein Glas aus und warf es
-an die Erde. »Was hilft alle Reue, alter Balthasar!« sprach er, indem
-große Tränen in seinen Wimpern hingen; »der bei mir saß -- war der
-Teufel.«
-
-Es war bei diesen Worten unheimlich, bis zur Verzweiflung unheimlich in
-dem Gemach. Die Apostel schauten ernst und schweigend in ihre Römer,
-Bacchus hatte das Gesicht in die Hände gedrückt, und die Rose war
-bleich und stille. Kein Atemzug rührte sich, man hörte nur, wie in dem
-Totenkopf des Alten die Zähne schaudernd aneinander klapperten.
-
-»Mein Vater hatte mich gelehrt, meinen Namen zu schreiben, als ich noch
-ein kleiner, frommer Knabe war; ich unterschrieb ihn ins Buch, das mir
-der andere mit seinen Krallen vorhielt. Von da an ging mir ein Leben
-auf in Saus und Braus. In ganz Bremen gab es keinen Mann so fröhlich
-als den Kellermeister Balthasar, und getrunken hab' ich, was der Keller
-Gutes und Köstliches hatte. Zur Kirche ging ich nie, sondern wenn sie
-zusammenläuteten, schritt ich hinab zum besten Faß und schenkte mir ein
-nach Herzenslust. Als ich alt wurde, kam oft ein Grauen über mich, und
-es fröstelte mir durch die Glieder, wenn ich ans Sterben dachte; hatte
-zwar kein Weib, das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich
-trösteten; da trank ich denn, wenn die Todesgedanken über mich kamen,
-bis ich von Sinnen war und schlief. So trieb ich's lange Jahre, mein
-Haar ward grau, meine Glieder schwach, und ich sehnte mich, zu schlafen
-im Grabe. Da war mir eines Tages, als sei ich erwacht und könne doch
-nicht recht erwachen. Die Augen wollten sich nicht auftun, die Finger
-waren steif, als ich mich aus dem Bette heben wollte, und die Beine
-lagen starr wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute,
-betasteten mich und sprachen: ›Der alte Balthasar ist tot.‹
-
-»Tot, dachte ich und erschrak, tot und nicht schlafen? Tot bin ich
-und _denke_? Mich erfaßte eine unnennbare Angst, ich fühlte, wie mein
-Herz stillestand, und wie sich doch etwas in mir regte und in sich
-zusammenzog und bange, bange war; das war mein _Körper_ nicht, denn der
-lag steif und tot, was war es denn?«
-
-»Deine Seele!« sprach Petrus dumpf. »_Deine Seele!_« flüsterten die
-andern ihm nach.
-
-»Da maßen sie meine Länge und Breite, um die sechs Brettlein fertig zu
-machen, und legten mich hinein, und ein hartes Kissen von Hobelspänen
-unter meinen Schädel und nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde
-immer ängstlicher, weil sie nicht schlafen konnte. Dann hörte ich die
-Totenglocke läuten auf der Domkirche, sie hoben mich auf, und kein Auge
-weinte um mich. Sie trugen mich auf Unser Lieben Frauen Kirchhof, dort
-hatten sie mein Grab gegraben, noch höre ich die Seile schwirren, die
-sie heraufgezogen, als ich unten lag; dann warfen sie Steine und Erde
-herab, und es ward stille um mich her.
-
-»Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde, als es zehn
-Uhr, elf Uhr schlug auf allen Glocken. Wie wird es dir gehen, wie
-wird es dir gehen? dachte ich bei mir. Ich wußte noch ein Gebetlein
-aus alter Zeit, das wollte ich sprechen, aber meine Lippen standen
-still. -- Da schlug es zwölf Uhr, und mit einem Ruck war die schwere
-Grabesdecke abgerissen, und auf meinen Sarg geschah ein schrecklicher
-Schlag.«
-
-Ein Schlag, daß die Hallen dröhnten, sprengte jetzt eben die Türe des
-Gemaches auf, und eine große weiße Gestalt erschien auf der Schwelle.
-Ich war durch Wein und die Schrecknisse dieser Nacht so exaltiert und
-außer mir selbst gebracht, daß ich nicht aufschrie, nicht aufsprang,
-wie wohl sonst geschehen wäre, sondern geduldig das Schreckliche
-anstarrte, das jetzt kommen sollte; mein erster Gedanke war nämlich:
-»Jetzt kommt der Teufel.«
-
-Habt ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geschaut, wo Tritte dumpf
-und immer näher tönen, wo Leporello schreiend zurückkommt und die
-Statue des Gouverneurs, ihrem Streitroß auf dem Monument entstiegen,
-zum Gastmahl kommt? Riesengroß mit abgemessenem, dröhnendem Schritt,
-ein ungeheures Schwert in der Hand, gepanzert, aber ohne Helm, trat die
-Gestalt ins Gemach. Sie war von Stein, das Gesicht steif und seelenlos;
-aber dennoch tat sich der steinerne Mund auf und sprach: »Gott grüß'
-euch, vielliebe Reben vom Rheine; muß doch das schöne Nachbarskind
-besuchen an ihrem Jahrestag. Gott grüß' Euch, Jungfrau Rose. Darf ich
-auch Platz nehmen in Eurem Gelaggaden?«
-
-Sie schauten alle verwundert nach der riesigen Statue, Frau Rose aber
-brach das Stillschweigen, schlug vor Freude die Hände zusammen und
-schrie: »Ei, du meine Güte! 's ist ja der steinerne Roland, so seit
-vielen hundert Jahren auf dem Domhofe in der lieben Stadt Bremen steht.
-Ei, das ist schön, daß Ihr uns die Ehre antut, Herr Ritter; leget doch
-Schild und Schwert ab und machet es Euch bequem; wollet Ihr Euch nicht
-obenan setzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!«
-
-Der hölzerne Weingott, so indessen wieder um ein Erkleckliches
-gewachsen, warf mürrische Blicke bald auf den steinernen Roland,
-bald auf die naive Dame seines Herzens, die ihre Freude so laut und
-unverhohlen ausgelassen. Er murmelte etwas von ungebetenen Gästen und
-strampelte ungeduldig mit den Beinen. Aber Rose drückte ihm unter dem
-Tische die Hand und beschwichtigte ihn durch süße Blicke. Die Apostel
-waren näher zusammengerückt und hatten dem steinernen Gast einen Stuhl
-neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte Schwert und Schild in
-die Ecke und setzte sich ziemlich ungelenk auf das Stühlchen, aber ach,
-dies war für ehrsame Bremer Stadtkinder und nicht für einen steinernen
-Riesen gemacht; es knackte, als er sich setzte, morsch zusammen, und so
-lang er war, lag er im Gemach.
-
-»Schnödes Geschlecht, das solche Hütschen zimmert, worauf zu meiner
-Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte sitzen können, ohne mit
-dem Sitz durchzubrechen!« sagte der Heros und stand langsam auf; der
-Kellermeister Balthasar aber rollte ein Halbeimerfaß herbei an den
-Tisch und lud den Ritter ein, Platz zu nehmen. Es knackten nur ein
-paar Dauben, als er sich setzte, aber das Faß hielt aus. Dann bot ihm
-der Kellermeister ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der
-breiten steinernen Faust, aber krach! war es entzwei, daß ihm der Wein
-über die Finger lief. »Ei, Ihr hättet auch die Handschuhe von Stein
-füglich ablegen können,« sprach Balthasar ärgerlich und kredenzte ihm
-einen silbernen Becher, so ein Maß hielt und in früherer Zeit Tummler
-genannt wurde. Der Ritter faßte ihn, drückte nur einige unbedeutende
-Buckeln in den Becher, sperrte das steinerne Maul auf und goß den Wein
-hinab.
-
-»Wie mundet Euch der Wein?« fragte Bacchus den Gast; »Ihr habt wohl
-lange keinen getrunken?«
-
-»Er ist gut, bei meinem Schwert! Sehr gut! Was ist es für Gewächs?«
-
-»Roter Ingelheimer, gestrenger Herr!« antwortete der Kellermeister.
-
-Das steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies
-hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes Lächeln, und
-vergnüglich schaute er in den Becher.
-
-»_Ingelheim!_ du süßer, trauter Name!« sprach er. »Du edle Burg meines
-ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen
-Namen, und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem
-Ingelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt und
-von dem großen Carolus, seinem Meister?«
-
-»Das müßt Ihr den Menschen dort fragen,« erwiderte Judas, »wir geben
-uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doktor und Magister und
-muß Euch Bescheid geben können über sein Geschlecht.«
-
-Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich, und ich antwortete:
-»Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und
-schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt
-und blickt nicht vor-, nicht rückwärts; aber so elend sind wir doch
-nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Gestalten
-gedächten, die einst über unsere Vatererde gingen und ihren Schatten
-werfen noch bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten
-in die Vergangenheit, wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die
-höher schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die
-Ruinen wandeln, wo einst der große Kaiser saß in seiner Zelle, wo seine
-Ritter um ihn standen, wo Eginhart bedeutungsvolle Worte sprach und
-die traute Emma dem treuesten seiner Paladine den Becher kredenzte.
-Wo man den Namen Eures großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland
-unvergessen, und wie Ihr ihm nahe standet im Leben, so enge seid Ihr
-mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung.
-Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus dem Tal von Ronceval
-durch die Welt und wird tönen, bis er sich in die Klänge der letzten
-Posaune mischt.«
-
-»So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach der Ritter,
-»die Nachwelt feiert unsere Namen.«
-
-»Ha!« rief Johannes feurigen Mutes; »diese Menschen wären auch wert,
-Wasser aus dem Rhein zu saufen statt des Rebenblutes seiner Hügel,
-wenn sie den Namen des Mannes vergessen hätten, der zuerst die Reben
-pflanzte im Rheingau. Auf, ihr trauten Gesellen und Apostel, stoßet an,
-unser herrlicher Stammvater lebe, es lebe _Kaiser Karl der Große_!«
-
-Die Römer klangen, aber Bacchus sprach: »Ja, es war eine schöne,
-herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tausend Jahren. Wo
-jetzt die wundervollen Weingärten stehen vom Ufer bis hinauf an die
-Rücken der Berge, und hinauf und hinab im Rheintal Traube an Traube
-sich schlingt, da lag sonst wüster, düsterer Wald. Da schaute einst
-Kaiser Karl aus seiner Burg in Ingelheim an den Bergen hin, er sah,
-wie die Sonne schon im März so warm diese Hügel begrüße und den Schnee
-hinabrolle in den Rhein, wie so frühe die Bäume dort sich belauben und
-das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde. Da erwachte in ihm
-der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo sonst der Wald stand.
-
-»Und ein geschäftiges Leben regte sich im Rheingau bei Ingelheim, der
-Wald verschwand, und die Erde war bereit, den Weinstock aufzunehmen. Da
-schickte er Männer nach Ungarn und Spanien, nach Italia und Burgund,
-nach der Champagne und nach Lothringen und ließ Reben herbeibringen
-und senkte die Reiser in der Erde Schoß.
-
-»Da freute sich mein Herz, daß er mein Reich ausbreite im deutschen
-Lande, und als dort die ersten Reben blühten, zog ich ein im Rheingau
-mit glänzendem Gefolge; wir lagerten auf den Hügeln und schafften in
-der Erde und schafften in den Lüften, und meine Diener breiteten die
-zarten Netze aus und fingen den Frühlingstau auf, daß er den Reben
-nicht schade; sie stiegen hinauf und brachten warme Sonnenstrahlen
-nieder, die sie sorgsam um die kleinen Beerlein gossen, schöpften
-Wasser im grünen Rhein und tränkten die zarten Wurzeln und Blätter.
-Und als im Herbst das erste zarte Kind des Rheingaues in der Wiege
-lag, da hielten wir ein großes Fest und luden alle Elemente zur Feier
-ein. Und sie brachten köstliche Geschenke und legten sie dem Kindlein
-als Angebinde in die Wiege. Das Feuer legte seine Hand auf des Kindes
-Augen und sprach: ›Du sollst mein Zeichen an dir tragen ewiglich; ein
-reines, mildes Feuer soll in dir wohnen und dich wert machen vor allen
-anderen.‹ Und die Luft in zartem, goldenem Gewande kam heran, legte
-ihre Hand auf des Kindes Haupt und sprach: ›Zart und licht sei deine
-Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln, wie das goldene
-Haar der schönen Frauen im Rheingau.‹ Und das Wasser rauschte heran
-in silbernen Kleidern, bückte sich auf das Kind und sprach: ›Ich will
-deinen Wurzeln immer nahe sein, daß dein Geschlecht ewig grüne und
-blühe und sich ausbreite, so weit mein Rheinstrom reicht.‹ Aber die
-Erde kam und küßte das Kindlein auf den Mund und wehte es an mit süßem
-Atem. ›Die Wohlgerüche meiner Kräuter,‹ sprach sie, ›die herrlichsten
-Düfte meiner Blumen habe ich für dich gesammelt zum Angebinde. Die
-köstlichsten Salben aus Ambra und Myrrhen werden gering sein gegen
-deine Düfte, und deine lieblichsten Töchter wird man nach der Königin
-der Blumen heißen -- die _Rosen_.‹
-
-»So sprachen die Elemente; wir aber jubelten über die herrlichen
-Gaben, schmückten das Kindlein mit frischem Weinlaub und schickten es
-dem Kaiser in die Burg. Und er erstaunte über die Herrlichkeit des
-Rebenkindes, hat es fortan gehegt und gepflegt und die Rebe am Rhein
-seinen herrlichsten Schätzen gleich geachtet.«
-
-»Andreas!« rief Jungfrau Rose. »Lieber Vetter, du hast solch eine
-schöne zarte Stimme, willst du nicht singen zum Ruhme des Rheingaues
-und seiner Weine?«
-
-»Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht Beschwerde
-macht, edler Bacchus, wie auch Euch nicht unangenehm ist, mein Herr und
-Ritter Roland, so will ich eines singen.« Und er sang eine schöne Weise
-voll zarter Töne und Worte, klangvoll und zierlich gefüget, so, daß
-man wohl merken konnte, es sei ein Lied eines alten Meisters von 1400
-oder 1500. Verflogen sind seine Worte aus meinem Gedächtnis, aber seine
-Weise möchte ich doch wohl finden, denn sie war einfach und schön, und
-Petrus begleitete ihn mit einem sonoren, herrlichen Sekund. Die Lust
-des Gesanges schien über alle herabzukommen, denn als Andreas geendet,
-sang Judas unaufgefordert ein Lied, und ihm folgten die übrigen. Selbst
-Rose, so sehr sie sich zierte, mußte ein Lied von 1615 singen, was sie
-mit angenehmer, etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem Baß
-sang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher ich nur einige
-Worte verstand, und endlich, als sie alle gesungen, schauten sie auf
-mich, und Rose nickte mir zu, etwas zu singen. Da hub ich denn an:
-
- »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,
- Gesegnet sei der Rhein,
- Da wachsen sie am Ufer hin und geben
- Uns diesen Labewein.«
-
-Sie lauschten, als sie diese Worte hörten, sie nickten sich zu und
-rückten näher zusammen; und die Entfernteren streckten die Köpfe vor,
-als wollten sie kein Wort verlieren. Mutiger erhob ich meine Stimme,
-lauter und immer lauter war mein Gesang, denn es wogte in mir wie
-Begeisterung, vor solchem Publikum zu singen. Die alte Rose nickte den
-Takt mit dem Kopfe und summte den Chorus leise, leise mit, und Freude
-und Stolz blickten aus den Augen der Apostel. Und als ich geendet,
-drängten sie sich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte einen
-Kuß auf meine Lippen.
-
-»Doktor!« rief Bacchus, »Doktor, welch ein Lied! Wie geht einem da das
-Herz auf! Herzensdoktor, hast du das Lied gedichtet in deinem eigenen
-graduierten Gehirn?«
-
-»Nein, Euer Exzellenz! solch ein Meister des Gesanges bin ich nicht.
-Aber den, der es gedichtet, haben sie längst begraben; er hieß Matthias
-Claudius!«
-
-»_Sie haben -- einen guten Mann begraben_,« sagte Paulus. »Wie klar und
-munter ist dies Lied, so klar und helle wie echter Wein, so mutig und
-munter wie der Geist, der im Weine wohnet und gewürzt mit Scherz und
-Laune, die wie ein würziger Duft aus dem Römer steigen; der Mann hat
-gewiß verstanden, welch gutes Ding es um ein Glas lautern Weines ist.«
-
-»Herr, er ist lange tot, das weiß ich nicht, aber ein anderer großer
-Sterblicher hat gesagt: ›Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding,
-und jeder Mensch kann sich wohl einmal von ihm begeistern lassen!‹ Und
-ich denke, der alte Matthias hat auch so gedacht unter guten Freunden,
-hätte ja sonst solch ein schönes Lied nicht machen können, das noch
-heute alle fröhlichen Menschen singen, die im Rheingau wandeln oder
-edeln Rheinwein trinken.«
-
-»Singen sie das?« rief Bacchus. »Nun seht, Doktor, das freut mich, und
-so gar miserabel muß Euer Geschlecht doch nicht geworden sein, wenn sie
-so klare, schöne Lieder haben und singen.«
-
-»Ach, Herr!« sprach ich bekümmert. »Es gibt der _Ueberschwenglichen_
-gar viele, das sind die Pietisten in der Poesie, und wollen solch Lied
-gar nicht für ein Gedicht gelten lassen, wie manchen Frömmlern das
-Vaterunser nicht mystisch genug zum Beten ist.«
-
-»Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!« erwiderte mir Petrus, »und
-jeder fegt am besten vor seiner eigenen Türe. Aber weil wir gerade bei
-seinem Geschlecht sind, erzähl' Er uns doch, wie es auf der Erde ging
-im letzten Jahr?«
-
-»Wenn es die Herren und Damen interessiert,« -- sprach ich zögernd.
-
-»Immerzu,« rief Roland, »wegen meiner könntet Ihr die letzten
-fünfhundert Jahre erzählen, denn auf meinem Domhof sehe ich nichts als
-Zigarrenmacher, Weinbrauer, Pfarrer und alte Weiber.« Auch die übrigen
-stimmten mit ein; ich hub also an:
-
-»Was zuerst die deutsche Literatur betrifft --«
-
-»Halt, ~manum de tabula~!« rief Paulus. »Was scheren wir uns um euer
-miserables Geschmier, um eure kleinlichen, ekelhaften Gassenstreite und
-Kneipenraufereien, um eure Poetaster, Afterpropheten und --«
-
-Ich erschrak; wenn diesen Leuten nicht einmal unsere wunderherrliche,
-magnifike Literatur interessant war, was konnte ich ihnen denn sagen?
-Ich besann mich und fuhr fort: »Offenbar hat Joco im letzten Jahre, was
-das Theater anbelangt --«
-
-»Theater? Geht mir weg!« unterbrach Andreas, »was sollen wir von
-euren Puppenspielen, Marionettenkomödien und sonstigen Torheiten
-hören! Meinet Ihr etwa, uns komme viel darauf an, ob einer eurer
-Lustspieldichter ausgepfiffen wurde oder nicht? Habt Ihr denn dermalen
-gar nichts Interessantes, nichts Welthistorisches, das Ihr etwa
-erzählen könntet?«
-
-»Ach, daß Gott erbarm',« erwiderte ich, »bei uns ist die Welthistorie
-ausgegangen, wir haben in diesem Fach nur noch den Bundestag in
-Frankfurt. Bei unsern Nachbarn höchstens gibt es noch hin und wieder
-etwas; zum Beispiel in Frankreich haben die Jesuiten wieder Macht
-gewonnen und das Zepter an sich gerissen, und in Rußland sollte es eine
-Revolution geben.«
-
-»Ihr verwechselt die Namen, Freund!« sagte Judas, »Ihr wolltet sagen,
-in Rußland sind die Jesuiten wieder eingezogen, und in Frankreich
-sollte es eine Revolution geben.«
-
-»Mit nichten, Herr Judas von Ischariot,« antwortete ich, »so ist es,
-wie ich gesagt.«
-
-»Ei der Tausend!« murmelten sie nachdenklich, »das ist ja ganz
-sonderbar und verkehrt!« -- »Und,« fragte Petrus, »Krieg gibt es nicht?«
-
-»Ein klein wenig, wird aber bald vollends zu Ende sein, in
-Griechenland, gegen die Türken.«
-
-»Ha! das ist schön,« rief der Paladin und schlug mit der steinernen
-Faust auf den Tisch. »Hat mich schon vor vielen Jahren geärgert, daß
-die Christenheit so schnöde zuschaute, wie der Muselmann dies herrliche
-Volk in Banden hielt; das ist schön, wahrlich! Ihr lebet in einer
-schönen Zeit, und Euer Geschlecht ist edler, als ich dachte. Also die
-Ritter von Deutschland und Frankreich, von Italien, Spanien und England
-sind ausgezogen wie einst unter Richard Löwenherz, die Ungläubigen zu
-bekämpfen? Die Genueser Flotte schifft im Archipel, die Tausende der
-Streiter überzusetzen, die Oriflamme naht sich Stambuls Küsten, und
-Oesterreichs Banner weht im ersten Reihen? Ha! zu solchem Kampfe möchte
-ich selbst noch einmal mein Roß besteigen, mein gutes Schwert Durande
-ziehen und in mein Hifthorn stoßen, daß alle Helden, die da schlafen,
-aufstünden aus den Gräbern und mit mir zögen in die Türkenschlacht.«
-
-»Edler Ritter,« antwortete ich und errötete vor meiner Zeit, »die
-Zeiten haben sich geändert. Ihr würdet wahrscheinlich als Demagoge
-verhaftet werden bei sotanen Umständen und Verhältnissen, denn weder
-Habsburgs Banner noch die Oriflamme, weder Englands Harfe noch
-Hispaniens Löwen sieht man in jenen Gefechten.«
-
-»Wer ist es denn, der gegen den Halbmond schlägt, wenn es nicht diese
-sind?«
-
-»Die Griechen selbst.«
-
-»Die Griechen? Ist es möglich?« rief Johannes; »und die andern Staaten,
-wo sind denn diese beschäftigt?«
-
-»Noch haben sie Gesandte bei der Pforte.«
-
-»Mensch, was sagst du?« sprach Roland, starr vor Staunen; »kann
-man es ignorieren, wenn ein Volk um seine Freiheit kämpft? Heilige
-Jungfrau, was ist dies für eine Welt! Wahrlich das möchte einen Stein
-erbarmen!« Er quetschte im Zorn, während er die letzten Worte sprach,
-den silbernen Becher wie dünnes Zinn zusammen, daß der Wein darin hoch
-an die Decke spritzte, fuhr rasselnd auf vom Tisch, nahm seine Tartsche
-und sein langes Schwert und schritt düster mit dröhnenden Schritten aus
-dem Gemach.
-
-»Ei, was ist der steinerne Roland für ein zorniger Kumpan!« murmelte
-Rose, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen, indem sie etliche
-Weintropfen, die sie benetzten, vom Busentuch abschüttelte. »Will der
-steinerne Narr auf seine alten Tage noch zu Felde ziehen! Wenn er sich
-sehen ließe, sie steckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann
-unter die Brandenburger Grenadiere, denn die Größe hat er.«
-
-»Jungfer Rose,« erwiderte ihr Petrus, »zornig ist er, das ist wahr,
-und er hätte können auf andere Weise davongehen; aber bedenket, daß
-er einst Furioso, wahnsinnig war und noch ganz andere Sachen getan,
-als silberne Becher zerquetscht und Frauenzimmer mit Wein besudelt.
-Und genau beim Lichte besehen, kann ich ihm seinen Unmut auch nicht
-verdenken; war er doch auch einmal ein Mensch und dazu ein herrlicher
-Paladin des großen Kaisers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl
-gewollt hätte, allein gegen tausend Muselmannen zu Felde gezogen wäre.
-Da hat er sich denn geschämt und ist unmutig geworden.«
-
-»Laßt ihn laufen, den steinernen Recken!« rief Bacchus, »hat mich
-geniert, der Bursche, hat mich geniert. Er paßt nicht unter uns, der
-Lümmel von zehn Schuh, er sah immer höhnisch auf mich herab. Die ganze
-Freudigkeit und mein Vergnügen hätt' er gestört. Wir wären nicht zum
-Tanzen gekommen, nur weil er mit seinen steifen, steinernen Beinen
-keinen tüchtigen Hopser hätte riskieren können, ohne elend umzustülpen.«
-
-»Ja tanzen, heisa, tanzen!« riefen die Apostel; »Balthasar spiel' auf,
-spiel' auf!«
-
-Judas stand auf, zog ungeheure Stülphandschuhe an, die ihm beinahe
-bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die Jungfrau heran und
-sagte: »Ehrenfeste und allerschönste Jungfer Rose, dürfte ich mir die
-absonderliche Ehre ausbitten, mit Ihr den ersten --«
-
-»~Manum de~ --« unterbrach ihn Bacchus pathetisch. »Ich bin es, der den
-Ball arrangiert hat, und ich muß ihn eröffnen. Tanze Er, mit wem Er
-will, Meister Judas, mein Röschen tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?«
-
-Sie machte errötend einen Knicks zur Bejahung, und die Apostel lachten
-den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber winkte der Weingott heroisch
-zu; »versteht Er Musik, Doktor?« fragte er.
-
-»Ein wenig.«
-
-»Taktfest?«
-
-»O ja, taktfest wohl.«
-
-»Nun so nehme Er dies Fäßlein da, setze Er sich neben Balthasar
-Ohnegrund, unseren Kellermeister und Zinkenisten, nehme Er diese
-hölzernen Küperhämmer zur Hand und begleite jenen mit der Trommel.«
-
-Ich staunte und bequemte mich. War aber schon meine Trommel etwas
-außergewöhnlich, so war Balthasars Instrument noch auffallender. Er
-hielt nämlich einen eisernen Hahnen von einem achtfuderigen Faß an den
-Mund wie ein Klarinett. Neben mich setzten sich noch Bartholomäus und
-Jakobus mit ungeheuern Weintrichtern, die sie als Trompeten handhabten,
-und warteten des Zeichens. Der Tisch wurde auf die Seite gerückt, Rose
-und Bacchus stellten sich zum Tanze. Er winkte, und eine schreckliche,
-quiekende, mißtönende Janitscharenmusik brach los, zu der ich im
-Sechsachteltakte auf mein Faß als Tambour aufschlegelte. Der Hahn,
-den Balthasar blies, tönte wie eine Nachtwächtertute und wechselte
-nur zwischen zwei Tönen, Grundton und abscheulich hohem Falsett, die
-beiden Trichtertrompeter bliesen die Backen auf und lockten aus ihren
-Instrumenten Angst- und Klagelaute so herzdurchschneidend wie die Töne
-der Tritonen, wenn sie die Meermuscheln blasen.
-
-Der Tanz, den die beiden aufführten, mochte wohl vor ein paar hundert
-Jahren üblich gewesen sein. Jungfer Rose hatte mit beiden Händen ihren
-Rock ergriffen und solchen an den Seiten weit ausgespannt, daß sie
-anzusehen war wie ein großes weites Faß. Sie bewegte sich nicht sehr
-weit von der Stelle, sondern trippelte hin und her, indem sie bald
-auf, bald nieder tauchte und knickste. Lebendiger war dagegen ihr
-Tänzer, der wie ein Kreisel um sie herfuhr, allerlei kühne Sprünge
-machte, mit den Fingern knallte und heisa, juhe! schrie. Wunderlich
-war es anzusehen, wie das kleine Schürzlein der Jungfer Rose, das
-ihm Balthasar umgetan, hin und her flatterte in der Luft, wie seine
-Beinchen umherbaumelten, wie sein dickes Gesicht lächelte vor inniger
-Herzenslust und Freude.
-
-Endlich schien er ermüdet, er winkte Judas und Paulus herbei und
-flüsterte ihnen etwas zu. Sie banden ihm die Schürze ab, faßten solche
-an beiden Enden und zogen und zogen, so daß sie plötzlich so groß wurde
-wie ein Bettuch. Dann riefen sie die andern herbei, stellten sie rings
-um das Tuch und ließen es anfassen. »Ha,« dachte ich, »jetzt wird
-wahrscheinlich der alte Balthasar ein wenig geprellt, zu allgemeiner
-Ergötzung; wenn nur das Gewölbe nicht so nieder wäre, da kann er leicht
-den Schädel einstoßen.« Da kam Judas und der starke Bartholomäus auf
-uns zu und faßten -- _mich_; Balthasar Ohnegrund lachte hämisch; ich
-bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas faßte mich fest an der
-Kehle und drohte mich zu erwürgen, wenn ich mich ferner sträube. Die
-Sinne wollten mir vergehen, als sie mich unter allgemeinem Jauchzen und
-Geschrei auf das Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zusammen;
-»nur nicht zu hoch, meine werten Gönner, ich renne mir sonst das Hirn
-ein am Gewölbe,« rief ich in der Angst des Herzens, aber sie lachten
-und überschrieen mich. Jetzt fingen sie an, das Tuch hin und her zu
-wiegen, Balthasar blies den Trichter dazu. Jetzt ging es auf- und
-abwärts, zuerst drei, vier, fünf Schuh hoch, auf einmal schnellten sie
-stärker, ich flog hinauf und -- wie eine Wolke tat sich die Decke des
-Gewölbes auseinander; ich flog immer aufwärts zum Rathausdach hinaus,
-höher, höher als der Turm der Domkirche. »Ha,« dachte ich im Fliegen,
-»jetzt ist es um dich geschehen! Wenn du jetzt wieder fällst, brichst
-du das Genick oder zum allerwenigsten ein Paar Arme oder Beine! O
-Himmel, und ich weiß ja, was _sie_ von einem Mann mit gebrochenen
-Gliedmaßen denkt! Ade, ade! Mein Leben, meine Liebe!«
-
-Jetzt hatte ich den höchsten Punkt meines Steigens erreicht, und ebenso
-pfeilschnell fiel ich abwärts. Krach! ging es durchs Rathausdach und
-hinab durch die Decke des Gewölbes, aber ich fiel nicht auf das Tuch
-zurück, sondern gerade auf einen Stuhl, mit dem ich rücklings über auf
-den Boden schlug.
-
-Ich lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am Kopfe und die
-Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich wußte anfangs nicht, war
-ich zu Hause aus dem Bette gefallen oder lag ich sonstwo. Endlich
-besann ich mich, daß ich irgendwo weit herabgestürzt sei. Ich
-untersuchte ängstlich meine Glieder, es war nichts gebrochen, nur das
-Haupt tat mir weh vom Fall. Ich raffte mich auf, sah um mich. Da war
-ich in einem gewölbten Zimmer, der Tag schien matt durch ein Kellerloch
-herab, auf dem Tische sprühte ein Licht in seinem letzten Leben, umher
-standen Gläser und Flaschen, und rings um die Tafel vor jedem Stuhl
-ein kleines Fläschchen mit langem Zettel am Halse. -- Ha, jetzt fiel
-mir nach und nach alles wieder ein. Ich war zu Bremen im Ratskeller;
-gestern nacht war ich hereingegangen, hatte getrunken, hatte mich
-einschließen lassen, da war --; voll Grauen schaute ich um mich, denn
-alle, alle Erinnerungen erwachten mit einemmal. Wenn der gespenstige
-Balthasar noch in der Ecke säße, wenn die Weingeister noch um mich
-schwebten! Ich wagte verstohlene Blicke in die Ecken des düsteren
-Zimmers, es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt?
-
-Sinnend ging ich um die lange Tafel; die Probefläschchen standen, wie
-jeder gesessen hatte. Obenan die Rose, dann Judas, Jakobus -- Johannes,
-sie alle an der Stelle, wo ich sie leiblich geschaut hatte diese Nacht.
-»Nein, so lebhaft träumt man nicht,« sprach ich zu mir; »dies alles,
-was ich gehört, geschaut, ist wirklich geschehen!« Doch nicht lange
-hatte ich Zeit zu diesen Reflexionen; ich hörte Schlüssel rasseln an
-der Tür, sie ging langsam auf, und der alte Ratsdiener trat grüßend ein.
-
-»Sechs Uhr hat es eben geschlagen,« sprach er, »und wie Sie befohlen,
-bin ich da, Sie herauszulassen. Nun,« fuhr er fort, als ich mich
-schweigend anschickte, ihm zu folgen, »nun, und wie haben Sie
-geschlafen diese Nacht?«
-
-»So gut es sich auf einem Stuhl tun läßt, ziemlich gut.«
-
-»Herr,« rief er ängstlich und betrachtete mich genauer, »Ihnen ist
-etwas Unheimliches passiert diese Nacht. Sie sehen so verstört und
-bleich aus, und Ihre Stimme zittert!«
-
-»Alter, was wird mir passiert sein!« erwiderte ich, mich zum Lachen
-zwingend. »Wenn ich bleich aussehe und verstört, so kommt es vom langen
-Wachen, und weil ich nicht im Bette geschlafen.« --
-
-»Ich sehe, was ich sehe,« sagte er kopfschüttelnd; »und der
-Nachtwächter war heute früh auch schon bei mir und erzählte, wie er
-am Kellerloch vorübergegangen zwischen zwölf und ein Uhr, habe er
-allerlei Gesang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen aus dem Keller.«
-
-»Einbildungen, Possen! Ich habe ein wenig für mich gesungen zur
-Unterhaltung und vielleicht im Schlaf gesprochen, das ist alles.«
-
-»Diesmal einen im Keller gelassen in solcher Nacht und von nun an nie
-wieder,« murmelte er, indem er mich die Treppe hinauf begleitete; »Gott
-weiß, was der Herr Greuliches hat hören und schauen müssen! Wünsche
-gehorsamst guten Morgen.«
-
- * * * * *
-
- »Doch hat daselbst vor allen
- Eine Jungfrau mir gefallen.«
-
-Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von Sehnsucht der Liebe
-getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden geschlummert, der
-Holden guten Morgen zu sagen. Aber kalt und zurückhaltend empfing sie
-mich, und als ich ihr einige innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir
-laut lachend den Rücken zu und sprach: »Gehen Sie und schlafen Sie erst
-fein aus, mein Herr.«
-
-Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie gewesen. Ein
-Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers am Klavier gesessen,
-ging mir nach und sagte, indem er wehmütig meine Hand ergriff:
-»Herzensbruder, mit deiner Liebe ist es rein aus auf immerdar, schlage
-dir nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne.«
-
-»Soviel ungefähr konnte ich selbst merken,« antwortete ich. »Der Teufel
-hole alle schönen Augen, jeden rosigen Mund und den törichten Glauben
-an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen aussprechen.«
-
-»Tobe nicht so arg, sie hören es oben,« flüsterte er; »aber sag' mir
-um Gottes willen, ist es denn wahr, daß du heute die ganze Nacht im
-Weinkeller gelegen und getrunken hast?«
-
-»Nun ja, und wen kümmert es denn?«
-
-»Weiß der Himmel, wie sie es gleich erfahren hat, sie hat den ganzen
-Morgen geweint und nachher gesagt, vor einem solchen Trunkenbold, der
-ganze Nächte beim Wein sitze und aus schnöder Trinklust ganz allein
-trinke, solle sie Gott behüten. Du seiest ein ganz gemeiner Mensch, von
-dem sie nichts mehr hören wolle.«
-
-»So?« erwiderte ich ganz gelassen und hatte einiges Mitleiden mit mir
-selbst. »Nun gut, geliebt hat sie mich nie, sonst würde sie auch mich
-darüber hören; ich lasse sie schön grüßen. Lebe wohl!«
-
-Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und fuhr noch
-denselben Abend von dannen. Als ich an der Rolandsäule vorüberkam,
-grüßte ich den alten Recken recht freundlich, und zum Entsetzen meines
-Postillons nickte er mir mit dem steinernen Haupt einen Abschiedsgruß.
-Dem alten Rathaus und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu,
-drückte mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasieen
-dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Weitere Korrekturen:
-
- S. 15: hinab → hinauf
- Rückweg ins Schloß {hinauf} ist
-
- S. 26: wilden → milden
- mit dem {milden} Schimmer des Mondes
-
- S. 30: verschlossen → verschossenen
- in einem {verschossenen} Hofkleid
-
- S. 128: die → wie
- treffend die Beschreibung, {wie} die Furcht vor
-
- S. 150: noch → nach
- nie {nach} vier Uhr abends ein Mann
-
- S. 200: Napoleine → Napoleone
- Generale, Platows, Blüchers, {Napoleone} und dergleichen
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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