summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/60699-0.txt10060
-rw-r--r--old/60699-0.zipbin222784 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60699-h.zipbin264993 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/60699-h/60699-h.htm11620
-rw-r--r--old/60699-h/images/cover.jpgbin35535 -> 0 bytes
8 files changed, 17 insertions, 21680 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..3a23b85
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #60699 (https://www.gutenberg.org/ebooks/60699)
diff --git a/old/60699-0.txt b/old/60699-0.txt
deleted file mode 100644
index 7f22759..0000000
--- a/old/60699-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,10060 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden, Zweiter Band
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Annotator: Alfred Weile
-
-Release Date: November 16, 2019 [EBook #60699]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Wilhelm Hauffs
-
- sämtliche Werke in sechs Bänden
-
- Mit einer biographischen Einleitung
- von _Alfred Weile_
-
- Neu durchgesehene Ausgabe
-
- :: :: in neuester Rechtschreibung :: ::
-
- Zweiter Band.
-
- A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei
- _Berlin_ NO.⁴³ Neue Königstr. 9
-
-
-
-
-Novellen.
-
-Zweiter Teil.
-
-
-Phantasien im Bremer Ratskeller.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
- Das Bild des Kaisers 5
-
- Die letzten Ritter von Marienburg 88
-
- Die Sängerin 145
-
- Phantasien im Bremer Ratskeller 190
-
-
-
-
-Das Bild des Kaisers.
-
-
-1.
-
-In dem Kabriolett des Eilwagens, der zweimal in der Woche von Frankfurt
-nach Stuttgart geht, reisten vor einigen Jahren an einem der schönsten
-Tage des Septembers zwei junge Männer. Der eine von ihnen war erst
-eine Station hinter Darmstadt eingestiegen und hatte dem früheren
-Passagier schon beim ersten Anblick durch sein schmuckes Aeußere und
-den freundlichen Gruß, womit er sich neben ihn setzte, die Furcht,
-der Zufall möchte ihm eine unangenehme Nachbarschaft geben, völlig
-benommen. Der Fortgang der Reise bewies, daß er nicht unrichtig
-geurteilt hatte, wenn er seinen Reisegefährten für einen wohlerzogenen,
-anständigen Mann hielt. Was er sprach, war, wenn nicht gerade heiter,
-doch offen und verständig; nicht selten sogar überraschten den
-Reisenden leicht hingeworfene Aeußerungen, Gedanken seines Nachbars,
-die von feiner Bildung, gesellschaftlicher Erfahrung und einer
-Belesenheit zeugten, die er denn doch hinter dem etwas groben Jagdrock
-und der unscheinbaren Ledermütze nicht gesucht hätte. Ueberhaupt
-deuchte es diesem Reisenden, er müsse, je weiter er im Süden vordrang,
-desto öfter und nicht ohne Beschämung dem Lande und den Bewohnern
-Vorurteile abbitten, die man in der Ferne vom Hörensagen, besonders in
-einem Alter von vierundzwanzig Jahren, so leicht annimmt.
-
-Wie anders war ihm dieses Land im Brandenburgischen geschildert worden!
-Manche Reisende hatten zwar diese Bergstraße, dieses Neckartal gelobt,
-doch erschien dann ihre Beschreibung matt und klein gegen die Wunder
-der Schweiz, zu welcher sie auf dieser Straße geeilt waren. Ueber die
-Bewohner war aber in seiner Heimat nur _eine_ Stimme. Hier, bald hinter
-Darmstadt, fangen die Schwaben an, erzählte man dem jungen Reisenden
-in Berlin, mit einem mitleidigen Blick auf die Karte, mit einem noch
-mitleidigeren auf ihn, der diese Länder besuchen wolle. Da geht alles
-gesellschaftliche Leben, alle Bildung aus; ein rohes, ungesittetes
-Volk, das nicht einmal gutes Deutsch sprechen kann. Und leider! nicht
-nur die untersten Klassen leiden an diesem Mangel, auch die besseren
-Stände haben einen Anstrich von eingeschränktem, ungalantem Wesen
-und reden so elendes Deutsch, daß sie vor Fremden, um nicht erröten
-zu müssen, Französisch sprechen. Das war der Reisepfennig, den man
-ihm nach Schwaben mitgab, und in dem jungen und romantischen Kopf
-des jungen Brandenburgers hatten diese Sagen sich endlich während
-der schönen Muße, die ihm die Sandkunststraßen und die schnapsenden
-Postillons seines Vaterlandes gönnten, so sonderbar gestaltet, daß
-er sich selbst wie einer jener wohlerzogenen, jungen Herrn in einem
-Scottischen Roman erschien, die von den wehmütigen Erinnerungen an
-die feinsten Zirkel, an Theater und alle Genüsse der großen Welt
-erfüllt, von London aus reisen, um das _Hochland und seine barbarischen
-Bewohner_ zu besuchen.
-
-Doch als die herrliche Welt jener Berge voll Obst und Wein und jene
-gesegneten Täler sich vor seinen Blicken auftaten, als die schönen
-Dörfer mit ihren roten Dächern, mit ihren reinlichen, fröhlichen
-Menschen seinem erstaunten Auge sich zeigten, als da und dort
-zwischen prachtvollen Buchenwäldern eine alte Burg und ein Schloß mit
-schimmernden Fenstern auftauchte, da fiel er beinahe in das andere
-Extrem; er strömte über von Lob und Bewunderung und bemitleidete
-die arme, flache Mark, ihren kahlen Sandboden, ihre mageren Tannen
-und ihre bleichen Bewohner, von welchen vielleicht Tausende aus dem
-Leben gingen, ohne nur eine jener üppigen Trauben gesehen zu haben,
-die hier in unendlicher Fülle durch das grüne Laub schimmerten, und
-ein schwacher Trost für seinen Patriotismus war, daß die Natur seine
-Landsleute durch höhere Einsicht, eine wohllautendere Sprache und
-feinere Bildung in etwas wenigstens entschädigt habe.
-
-Der junge Mann an seiner Seite schien übrigens, obgleich man seiner
-Sprache den südlichen Akzent anfühlte, die Gesetze des Anstandes nicht
-minder gut zu verstehen als der Brandenburger; zum mindesten verriet
-keine seiner Fragen Neugierde, über dessen Stand, Vaterland und
-Reisezweck etwas zu erfahren, er benahm sich zuvorkommend, aber würdig,
-schien geneigter zu antworten, als zu fragen, und übernahm es, ohne
-sich dadurch belästigt zu fühlen, den Fremden über Namen und Geschichte
-der Burgen und Städte, die ihm auffielen, zu unterrichten.
-
-So ruhig und kalt übrigens der junge Mann im Jagdkleid über diese Dinge
-Aufschluß gab, so waren es doch zwei Punkte, über welche er wärmer und
-länger sprach. Einmal, als sein Nebensitzer über die gute Gesellschaft
-in Schwaben einige seiner sonderbaren Begriffe preisgab, sah ihn
-der Grüne mit Verwunderung an, fragte ihn auch, ob er vielleicht
-auf einem andern Wege schon früher in Schwaben gewesen sei, und als
-jener es verneinte, erwiderte er: »Ich weiß, man macht sich hin und
-wieder, besonders in Norddeutschland, sonderbare Begriffe von uns.
-Ob mit Recht, mögen Sie selbst entscheiden, wenn Sie einige Zeit in
-unserer Mitte verweilt haben. Doch möchte ich Ihnen raten, zuvor etwas
-unbefangener die mögliche Quelle solcher Urteile zu betrachten. Ich
-gebe zu, daß eine gewisse nachteilige Ansicht über mein Vaterland seit
-Jahrhunderten besteht; zum mindesten sind die Schwabenstreiche nicht
-erst in unseren Tagen bekannt geworden. Doch scheint ein großer Teil
-dieser aberwitzigen Dinge aus einer gewissen Eifersucht der Volksstämme
-hervorzugehen und aus der Kleinstädterei, die von jeher in unserem
-lieben Deutschland herrschte. In Schwaben zum Beispiel erzählt man alle
-jene Sonderbarkeiten, die andere uns aufbürden, von den Oesterreichern;
-daß aber dieses Vorurteil selbst in neueren Zeiten, selbst durch die
-Fortschritte der Kultur und das regere gesellige Leben nicht geschwächt
-wurde, hat zwei wichtige Gründe, die größere Schuld aber liegt nicht
-auf der Seite von Süddeutschland.«
-
-»Bitte!« rief der brandenburgische Reisende etwas ungläubig, »ich
-sollte doch nicht denken --«
-
-»Man beurteilt unsere Sitten nach meinen Landsleuten, die man in
-Norddeutschland sieht. Wenn nun diese auch die vernünftigsten Menschen
-wären, es würden ihnen doch zwei Mängel anhängen, die sie in Ihren
-Augen in Nachteil setzen. Einmal die Sprache --«
-
-»Bitte!« erwiderte sein Gefährte verbindlich. »Nicht alle, Sie zum
-Beispiel drücken sich allerliebst aus.«
-
-»Ich drücke mich aus, wie ich denke, und so macht es ein guter
-Teil meiner Landsleute auch; weil wir aber die Diphthongen anders
-aussprechen als ihr, die Endsilben entweder nach unserer altertümlichen
-Form ändern oder im Sprechen übereilen, klingt euch unsere Sprache
-auffallend, hart, beinahe gemein. Die meisten Schwaben, die Sie bei
-sich sehen, sind junge Männer, die von der Universität kommen und
-die Anstalten in Norddeutschland besuchen, oder Kaufleute, die ihr
-Handelsweg dahin führt. Diesen Menschen legen nun Ihre Landsleute
-durchaus ihren eigenen Maßstab an und tun sehr unrecht daran. In Ihrem
-Lande wird den äußeren Formen und dem Benehmen des Knaben und des
-Jünglings einige Aufmerksamkeit geschenkt, er wird sehr bald in die
-geselligen Kreise gezogen; bei uns findet dies vielleicht erst um acht
-oder zehn Jahre später statt.«
-
-»Nun das ist es ja gerade, was ich sagte,« entgegnete jener; »diese
-Formen gewinnt keiner durch sich selbst, und dies ist also ein Fehler
-Ihrer Erziehung --«
-
-»Vorausgesetzt, daß jene Formen wirklich so trefflich, daß sie _das_
-sind, was dem zukünftigen Bürger eines Staates vor allem als nützlich
-und notwendig einzuimpfen ist.«
-
-»Das soll es ja nicht; aber so auf dem Wege mitnehmen kann er sie doch
-wohl,« meinte der Fremde.
-
-»Wenn er sie nur so mitnimmt, verliert er sie auch gelegentlich,«
-erwiderte der Schwabe. »Doch das ist nicht der Punkt, wovon wir
-sprechen. Ich behaupte nur, man hat in Norddeutschland unrecht, unsere
-Sitten und unsere Gesellschaft nach Leuten zu beurteilen, die der
-Gesellschaft eigentlich noch nicht angehört hatten, die vielleicht in
-die Welt geschickt wurden, um ihre Sitten abzuschleifen. Oder wollen
-Sie nach einigen jungen Gelehrten, die gerade aus der Studierstube zu
-Ihnen kamen und sich vielleicht ungeschickt in Sprache und Manieren
-zeigten, die Landsleute dieser Menschen beurteilen?«
-
-»Gewiß nicht, aber gestehen Sie selbst, man hört doch selbst von der
-guten Gesellschaft in Schwaben so sonderbare Gerüchte von ihren Sitten
-und Gebräuchen, von ihren Frauen und Mädchen.«
-
-»Vielleicht kaum so sonderbar,« versetzte der Jäger lächelnd, »als man
-bei uns von den Sitten Ihrer Damen hört; denn unsere Mädchen stellen
-sich die _norddeutschen_ Damen gewiß immer mit irgend einem gelehrten
-Buche in der Hand vor. Die zweite Quelle des Irrtums über mein
-Vaterland sind aber _Ihre_ reisenden Landsleute und die eigentümlichen
-Verhältnisse unseres Familienlebens. In Norddeutschland fällt es nicht
-schwer, in Familienkreisen Zutritt zu bekommen, durch _einen_ Bekannten
-zehn zu erwerben. In Schwaben ist es anders; man ist heiter, gesellig
-_unter sich_, der Fremde wird als etwas Fremdes angestaunt, aber eher
-vermieden als eingeladen, doch werden _Sie_ für diese scheinbare Kälte
-immer eine Entschädigung finden. Ihre Landsleute öffnen die Tür, aber
-selten das Herz; meine Schwaben sind vorsichtiger, aber sie schließen
-sich an _den_, welchen sie liebgewonnen, mit einer Herzlichkeit an, die
-Sie bei künstlich verfeinerten Sitten umsonst suchen.«
-
-»Und also liegt eine zweite Quelle unserer Vorurteile,« fragte der
-Fremde, »darin, daß meine Landsleute eigentlich gar nicht in Ihren
-Kreisen einheimisch wurden?«
-
-»Gewiß!« sagte der Nachbar. »Lernen Sie, wenn Ihnen das Glück wohlwill,
-in die Kreise unserer bessern Stände zu kommen, lernen Sie uns näher
-kennen, lassen Sie sich nicht durch Ihre eigenen Ansichten über Leben
-und Sitte durchaus leiten, und Sie werden ein gutes, herzliches
-Völkchen finden, gebildet genug, um, wenn man nur die rechte Saite
-anschlägt, sich mit den Gebildetsten zu messen, vernünftig genug, um
-die Grenzen guter Sitten festzuhalten und das Lächerliche der Unsitte
-zu belächeln.«
-
-Der Fremde aus der Mark lächelte. »Er liebt sein Land,« dachte er,
-»und er verteidigt es mit Wärme, weil er es nicht sinken lassen
-will oder Besseres nie gesehen hat.« Er entschuldigte bei sich die
-warme Verteidigung des Schwaben, aber dennoch konnte er es sich
-nicht versagen, einen kleinen Triumph über jenen zu feiern. Er
-machte ihn mit der Geläufigkeit der Zunge und jener Uebung, über ein
-_Nichts_ schnell und vieles zu sprechen, -- die man im Norden unseres
-Vaterlandes häufiger als im Süden treffen soll -- auf andere große
-Vorzüge aufmerksam, welche die nördlichen Provinzen Deutschlands vor
-den südlichen voraus haben. Er zählte immer zwanzig Schriftsteller
-und Dichter seiner Heimat gegen _einen_ im Süden, und der Schwabe
-konnte endlich dem Schwall seiner Beredsamkeit nur dadurch Einhalt
-tun, daß er, als sie um eine Ecke der Landstraße bogen, auf die
-erhabenen Ruinen von Heidelberg hinwies; der Fremde betrachtete sie
-staunend und mit Entzücken. Ihre rötlichen Steinmassen waren von der
-sinkenden Herbstsonne noch höher gerötet, und der Abend ließ die Bäume
-und Gesträuche, die in den verfallenen Mauern wachsen, im dunkelsten,
-wundervollsten Grün erscheinen. Durch die hohen, offenen Fensterbogen
-blickte der schwärzliche Wald hervor, den Gipfel des Berges umzog jener
-duftige Schleier, welcher allen Gegenständen so eigenen geheimnisvollen
-Reiz verleiht, und von oben herab spiegelten sich die rötlichen
-Abendwölkchen und der dunkelblaue Himmel in den Fluten des Neckars.
-
-»Und haben Sie solche Poesie in der Mark?« fragte der Jäger mit
-gutmütigem Lächeln.
-
-Der Fremde schien es nicht zu hören, unverwandt hingen seine Blicke an
-diesem reizenden Schauspiel; er mochte fühlen, daß es sich an solchen
-Stellen über Poesie nicht gut streiten lasse.
-
-Nach diesem Vorfall kehrte übrigens auf dem Gesicht des Jägers
-die vorige Ruhe und Unbefangenheit zurück; er stritt über keinen
-Gegenstand, schien sogar über manche Dinge sich behutsam auszudrücken.
-
-Als aber das Gespräch unter den beiden Reisenden, da die
-hereinbrechende Nacht ihre Aufmerksamkeit auf die Gegend hemmte, auf
-einige neuere Ereignisse und auf die Politik kam, schien es dem jungen
-Mann aus der Mark, obgleich er die Züge seines Nachbars nicht mehr
-gut unterscheiden konnte, sein Atem gehe schneller, seine Rede werde
-wärmer, kurz, man habe einen Punkt der Unterredung getroffen, welcher
-für den Schwaben von hohem Interesse sei. Man sprach von der Gestalt
-und der innern Kraft Deutschlands. Mit einer gewissen Erbitterung
-zog jener eine Parallele zwischen Jetzt und Sonst, die nicht gerade
-zum Vorteil der neuern Zeit ausfiel. Der Fremde, dessen Grundsätze
-im ganzen nicht mit diesen Ansichten übereinstimmen mochten, gab
-ihm dennoch, nicht ohne einiges Selbstgefühl, die letzten Sätze zu.
-Unglücklicherweise fing er seinen Satz »_Ich bin ein Preuße_« an und
-reizte dadurch unwillkürlich den Unmut des jungen Mannes noch mehr
-auf. Denn dieser vergaß nun jede Rücksicht der Klugheit; mit einer
-Beredsamkeit, die an jedem andern Orte dienlich gewesen wäre, suchte
-er seine Meinung durchzuführen, und nichts war ihm zu hoch, das er
-nicht mit seinem eigenen Maßstab gemessen hätte. Der Preuße, der solche
-Leute nur vom Hörensagen und unter dem gefährlichen Namen »Köpenicker«
-kannte, erschrak über diese Aeußerungen. Konnte nicht der Postillon,
-konnte nicht ein Passagier im Bauche des Wagens diese Reden vernommen
-haben! Spandau, Köpenick, Jülich und alle möglichen _festen Plätze_
-schwebten vor seiner aufgeregten Phantasie, und das beste Mittel,
-seinen Nachbar zum Stillschweigen zu bringen, schien ihm, wenn er sich
-in die Ecke drückte und sich schlafend stellte.
-
-
-2.
-
-Als die beiden Reisenden am Morgen nach dieser gefährlichen Nacht
-erwachten, sahen sie in geringer Entfernung die Türme von Heilbronn aus
-dem Nebel tauchen. »Hier endet meine Fahrt,« sagte der Herr im grünen
-Rock, indem er auf die Stadt deutete, »und Ihnen danke ich es,« setzte
-er mit einem freundlichen Blick auf seinen Nachbar hinzu, »daß ich
-diesmal den Wagen ungern verlasse. Wie angenehm wäre mir noch ein Tag
-in Ihrer Gesellschaft vergangen!«
-
-»Dies ist mein Los schon seit vierzehn Tagen gewesen,« erwiderte der
-Brandenburger. »Der enge Raum macht nachbarlich; Menschen, welche
-vielleicht in einer größern Stadt, selbst wenn sie Zimmernachbarn
-gewesen wären, jahrelang unter sich kein Wort gewechselt hätten, treten
-sich nahe durch den so natürlichen Drang nach Mitteilung. Der Platz
-an meiner Seite wechselte öfter als in einer Schlacht, doch darf ich
-mir Glück wünschen, Sie wenigstens so lange zu meinem Nachbar gehabt
-zu haben, denn so bin ich auf die angenehmste Weise in Ihr Vaterland
-eingeführt worden.«
-
-»Werden Sie länger in Württemberg verweilen?«
-
-»Ich besuche Verwandte meiner Mutter,« erwiderte der Fremde; »je
-nachdem sie und die Residenz mir gefallen, werde ich länger oder kürzer
-verweilen.«
-
-»Wir werden uns schwerlich wiedersehen,« sagte der Grüne, »ich wüßte
-wenigstens nicht, was mich nach Stuttgart treiben sollte. Vergessen Sie
-aber nie, was ich Ihnen über den Charakter meiner Landsleute sagte.
-Können Sie nach ihrer Denkungsart, nach ihren Sitten sich ein wenig
-richten, so werden Sie überall gesucht und willkommen sein. Unsern
-Damen sind Sie dann als Fremder nur um so interessanter, und unsern
-Männern -- nun da kommt es immer auf den Zirkel an, in welchem Sie
-leben; nur müssen Sie,« setzte er mit einem Lächeln hinzu, das zwischen
-Ironie und gutmütiger Freundlichkeit schwebte, »nie zu deutlich und
-fühlbar machen -- --«
-
-»Nun?« rief der Fremde erwartungsvoll, als jener innehielt.
-
-»Daß Sie kein Deutscher, sondern ein Preuße sind.«
-
-Das schmetternde Horn des Postillons und das Rasseln des schweren
-Wagens auf dem Steinweg übertönte die Antwort des Fremden. Den
-Passagieren ward in dieser Stadt eine kleine Rast vergönnt, und der
-Fremde wollte seinen Nachbar vom Eilwagen noch einmal zum Frühstück
-einladen. Doch schon unter der Tür des Posthauses überreichte diesem
-ein alter Reitknecht mehrere Briefe; er riß den einen hastig, errötend
-auf, und sein Reisegefährte bemerkte im Vorübergehen, daß es die
-Handschrift einer Dame sei. Der Fremde trat etwas verstimmt in dem
-Wirtshaus ans Fenster; er sah den Jäger angelegentlich mit seinem
-Diener sprechen, und bald darauf führte man zwei schöne Pferde vor. In
-demselben Augenblick trat der grüne Herr eilends in den Saal, seine
-Augen suchten und fanden den Reisegefährten, er trat zu ihm, doch nur,
-um schnell, aber herzlich von ihm Abschied zu nehmen; und so konnte ihn
-der Brandenburger zu seinem großen Verdruß nicht einmal nach dem Haus
-und der Familie _Käthchens von Heilbronn_ fragen, eine Frage, die er
-sich unter seinen Reisenotizen aufgezeichnet und doppelt unterstrichen
-hatte. Doch der Anblick des Jägers, wie er sich so leicht in den Sattel
-des schönen, stolzen Pferdes schwang, wie er so majestätisch über den
-Markt hinsprengte, söhnte ihn mit der beinahe unhöflichen Hast aus,
-womit jener von ihm Abschied genommen hatte. Er gestand sich, selten
-eine so wohlgebaute Gestalt mit einem so schönen, ausdrucksvollen
-Gesicht vereint gesehen zu haben.
-
-»Wer war dieser Herr im grünen Kleid?« fragte er den Kellner, der am
-andern Fenster dem Reiter nachblickte.
-
-»Mit dem Namen kann ich nicht dienen,« antwortete jener; »ich weiß nur,
-daß man ihn ›Herr Baron‹ nennt, daß sein Vater einige Stunden von hier
-am Neckar Güter hat, und daß sie sehr reich sein sollen; in die Stadt
-kommt er selten.«
-
-Nicht ganz zufrieden mit dieser Erklärung setzte sich der junge Mann
-wieder in den Wagen. Sein Vater, der früher einmal in diesem Lande
-gewesen war, hatte ihm so viel Sonderbares von schwäbischen Baronen
-erzählt, daß er in seinem liebenswürdigen und gewandten Reisegefährten
-keinen solchen vermutet hätte. Sein neuer Nachbar, der ihm gleich in
-der ersten Viertelstunde vertraute, daß er ein Hopfenhändler aus Bayern
-sei, machte ihm den Verlust, den er erlitten, nur um so fühlbarer,
-und da er am Hopfenbau wenig Unterhaltung fand, beschäftigte er sich
-damit, über den Charakter des jungen Mannes, der ihn verlassen hatte,
-nachzudenken und dann noch einmal alle Erwartungen und Hoffnungen zu
-durchlaufen, die er sich von seinen Verwandten, zu welchen er reiste,
-gemacht hatte. Von dem Oheim versprach er sich für seine Unterhaltung
-wenig; er mußte nach seiner Berechnung ein vorgerückter Sechziger sein;
-mürrisch, ungesellig und eigensinnig hatte ihn sein Vater schon vor
-fünfundzwanzig Jahren gekannt, und solche Eigenschaften pflegen sich im
-Alter nicht zu verbessern. Desto mehr versprach sich der junge Mann von
-Fräulein Anna, seiner Cousine. Von einem seiner Freunde, der längere
-Zeit in Schwaben gelebt hatte, war sie ihm als eine Zierde dieses
-Landes genannt worden. Ein angenehmes, trauliches Verhältnis von fünf
-bis sechs Wochen schien ihm ganz wünschenswert, und so eifrig war seine
-Berechnung der Mittel, die ihm zu Gebote standen, sich liebenswürdig zu
-zeigen, so gewiß war er sich des Eindrucks bewußt, den seine Person,
-sein Wesen unfehlbar machen müsse, für so leicht zu erobern hielt er
-das Herz eines Fräuleins in Schwaben, daß ihm nicht einmal der Gedanke
-kam, die schöne Cousine Anna könne sich vielleicht schon versehen haben.
-
-Er ließ sich, in der Residenz angekommen, sogleich nach dem Hause
-führen, wo sein Oheim sonst gewohnt hatte,
-
- aber mit dem Donnerworte
- ward ihm aufgetan:
- die du suchest --
-
-wohnen schon seit langer Zeit auf einem Landgut, sie werden auch im
-nächsten Winter nicht zurückkehren, und selbst dies Haus gehört ihnen
-nicht mehr eigen.
-
-Der Reisende aus Brandenburg war schnell entschlossen. Er benützte
-diesen Tag, um sich die freundliche Stadt zu betrachten, und eilte dann
-denselben Weg, welchen er hergekommen war, zurück, nach dem unteren
-Neckartal, wo der Landsitz seines Oheims lag.
-
-Je näher er dieser reizenden Gegend kam, desto angenehmer war es
-ihm, daß er einige Wochen auf dem Lande zubringen sollte. Er wußte
-aus eigener Erfahrung, daß man auf dem Lande, abgeschnitten von den
-Zerstreuungen der Stadt und jener Formen enthoben, die man dort für
-schön und notwendig, hier für überflüssig und lästig hält, schnell
-bekannt und befreundet wird, daß man sich, auf eine kleine Gesellschaft
-beschränkt, schneller nahe rückt. -- Etwa eine Stunde von dem Gut
-bog der Weg von der Hauptstraße ab. Der Kutscher, den er gemietet
-hatte, deutete auf einen Fußpfad, der in den Wald lief; der Fahrweg
-wende sich um den ganzen Berg her, sagte er, doch auf diesem Pfad
-könne man zu Fuß in bei weitem kürzerer Zeit zum Schloß Thierberg
-hinauf gelangen. Der junge Mann stieg aus; er war bisher auf einem
-Bergrücken gefahren, sah nun eine mäßige, mit Wald bewachsene Anhöhe
-vor sich und schloß, weil er gehört hatte, das Schloß seines Oheims
-liege im Neckartal, man müsse von dieser Anhöhe eine weite Aussicht
-in das Tal genießen. Er ließ den Wagen weiterfahren und stieg den
-Seitenpfad hinan. Ein Wald von prachtvollen Buchen nahm ihn auf. Nie
-hatte er diesen Baum so kräftig, so majestätisch gesehen, zwischendurch
-erblickte er hie und da Eichen und schöne Eschen und zu seiner nicht
-geringen Verwunderung Waldkirschbäume von ungewöhnlicher Höhe. Nach und
-nach wurde ihm das Steigen schwerer; der Berg schien sich auf einmal
-steiler zu erheben, und er war oft versucht, die unbequeme Eleganz zu
-verwünschen, in welche ihn sein Berliner Schneider gekleidet hatte.
-Endlich hatte er den Gipfel erreicht, aber noch öffnete sich keine
-Aussicht. Die Bäume schienen dichter zu werden, je mehr sich der Pfad
-wieder senkte, und als sich, um seine Ungeduld zu vermehren, der kleine
-Pfad in zwei noch kleinere teilte, die nach verschiedenen Richtungen
-liefen, schmälte er auf den Kutscher und auf seine eigene Torheit, die
-ihn verleitet hatten, in einem fremden Wald sich zu verirren. Er schlug
-endlich den Weg rechts ein und sah, nachdem er einige hundert Schritte
-gegangen war, zu seiner großen Freude ein buntes Kleid durch das Laub
-schimmern.
-
-Er verdoppelte seine Schritte und war nicht wenig betroffen, als er
-plötzlich vor einer jungen Dame stand, die im Schatten einer alten
-Eiche auf einer Bank saß. Sie hatte ein Buch in der Hand, von welchem
-sie, als sein Schritt in den abgefallenen Blättern rauschte, langsam
-und ruhig ihre schönen Augen erhob; doch auch sie schien betroffen,
-als es ein junger, städtisch gekleideter Herr war, den sie in dieser
-Einsamkeit vor sich sah; sie errötete flüchtig, aber sie senkte ihren
-Blick nicht, der fragend an dem unerwarteten Besuch hing. Der junge
-Mann verbeugte sich einigemal, ehe er recht wußte, was er sagen sollte.
-»Ist wohl das schöne Mädchen Cousine Anna?« war alles, was er in diesem
-Augenblick zu denken und sich zu fragen vermochte, und erst, als er
-diese Frage schnell bejaht hatte, trat er näher zu der jungen Dame, die
-indessen ihr Buch schloß und von ihrem Bänkchen aufstand. »Bitte um
-Vergebung,« sagte er, »wenn ich Sie gestört haben sollte; ich fürchte,
-von dem Wege abgekommen zu sein. Kann ich hier nach dem Schloß des
-Herrn von Thierberg kommen?«
-
-»Auf diesem Fußpfad nicht wohl, wenn Sie hier nicht bekannt sind,«
-erwiderte sie mit einer klangvollen Stimme; »Sie haben oben einen
-Fußpfad links gelassen, der nach dem Schloß führt.« Sie verbeugte sich
-nach diesen Worten, und der junge Mann ging seinen Weg zurück; doch
-kaum hatte er einige Schritte gemacht, so zog ihn ein unwiderstehliches
-Gefühl zurück. Das schöne Mädchen stand noch einmal von ihrem Sitz
-auf, als sie ihn zurückkehren sah, doch diesmal schien Bestürzung ihre
-Wangen zu färben, und eine gewisse Aengstlichkeit blickte aus ihren
-großen Augen. Auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten, fragte
-der Reisende, ob er vielleicht die Ehre gehabt habe, mit Fräulein von
-Thierberg zu sprechen?
-
-»Ich heiße so,« antwortete sie etwas befangen.
-
-»~Eh bien, ma chère cousine!~« sagte er lächelnd, indem er sich artig
-verbeugte; »so habe ich das Vergnügen, Ihnen Ihren Vetter Rantow
-vorzustellen.«
-
-»Wie, Vetter _Albert_!« rief sie freudig. »So haben Sie endlich doch
-Wort gehalten? Wie wird sich der Vater freuen! Und was macht Onkel
-und die liebe Tante, und wie sind Sie gereist?« So drängte sich eine
-Frage nach der andern über die schönen Lippen, und Vetter Rantow fand,
-verloren in sein Glück, eine schöne Muhme zu besitzen, keine Worte,
-alle nach der Reihe zu beantworten. Wie reizend, wie naiv klang ihm die
-Sprache! Er konnte nicht sagen, daß sie gegen irgend eine Regel des
-Stils gesündigt hätte, und doch deuchte es ihn, es seien ganz andere
-Worte, ganz andere Töne, als die er in seinem Vaterland gehört hatte.
-Er fühlte, er sei zu schnell gereist, als daß er allmählich auf diesen
-Kontrast vorbereitet worden wäre.
-
-»Dies ist mein Lieblingsspaziergang,« sagte sie, indem sie langsam
-neben ihm herging. »Zwar ist der Weg im Tal noch angenehmer, der
-Neckar macht schöne Windungen, alte Burgen schmücken die Höhen -- und
-die unsrige spielt dabei nicht die schlechteste Rolle, wenigstens was
-das Altertum betrifft -- Dörfer und sogar ein Städtchen sieht man
-talauf und -ab; aber der Rückweg ins Schloß hinauf ist dann so steil
-und mühsam, und auf der Straße gehen mir zu viele Leute. Der Wald hier
-liegt nicht höher als das Schloß, in einem halben Stündchen geht man
-herüber und ist dann so köstlich einsam, als säße man in seinem Boudoir
-bei verschlossenen Türen.«
-
-»Bis dann der Zufall einen Vetter aus Preußen hereinwehen muß, der die
-köstliche Einsamkeit stört,« unterbrach sie Rantow.
-
-»Im ganzen genommen,« fuhr sie fort, »ist es im Schloß gerade auch
-nicht geräuschvoll. Es ist so einsam als irgend ein bezaubertes Schloß
-in Tausend und eine Nacht. Außer der Dienerschaft und im hintern
-Flügel dem Amtmann, den man nie zu sehen bekommt, sind wir, der Vater
-und ich, die einzigen Bewohner; ja die Einsamkeit im Schloß ist oft
-so schrecklich und traurig, daß ich mich lieber in die Waldeinsamkeit
-flüchte, wo das Rauschen der Bäume und der Gesang der Vögel doch noch
-einiges Leben verkünden.«
-
-
-3.
-
-Ueberrascht stand der junge Mann stille, als sie aus dem dichten Holz
-durch eine Wendung des Weges auf einmal dem Schloß gegenüberstanden.
-Die Bewohner des südlichen Deutschlands sind von Jugend auf an Anblicke
-dieser Art gewöhnt. Man trifft in Franken und Schwaben selten ein Tal
-von der Länge einiger Stunden, in welches nicht eine Burg oder zum
-mindesten ein gebrochener Turm und ein halbes Tor herabschauen. Die
-natürliche Beschaffenheit des Landes, die vielen Berge und kleinen
-Flüsse, überdies die eigentümliche Verfassung des zahlreichen Landadels
-begünstigten oder nötigten in früherer Zeit zu diesen befestigten
-Wohnungen. Aber der Norden unseres Vaterlandes trägt weniger Spuren
-dieser alten Zeit; die weiten Ebenen boten keine so natürliche
-Befestigung wie die Felsen und Gebirgsausläufer des Südens, und hatte
-auch hier und dort eine solche Feste im platten Lande gestanden, so war
-sie nur desto schneller dem Verfall und der Zerstörung preisgegeben.
-Die Nachbarn teilten sich brüderlich in die teuren Steine, und ihr
-Gedächtnis verwehte der Wind, der über die Ebene hinstrich. Darum war
-es dem jungen Manne aus der Mark ein so überraschender Anblick, sich
-in solcher Nähe einer dieser altertümlichen Burgen gegenüber zu sehen,
-um so überraschender, da er durch diese düsteren, tiefen Tore als Gast
-einziehen, in jenem altertümlichen Gemäuer wohnen sollte. Doch bald
-erfüllte kein anderer Gedanke mehr als der malerische Anblick, der sich
-ihm darbot, seine Seele. Der alte schwärzlichgraue Wartturm war auf der
-Mittagsseite von oben bis in den Graben hinab mit einem Mantel von Efeu
-umhängt. Aus den Ritzen der Mauer sproßten Zweige und grüne Ranken, und
-um das Tor zog sich ein breites Rebengeländer, dessen zarte Blätter
-und Fasern sich mit sanfter Gewalt um die rostigen Angeln und Ketten
-der Zugbrücke geschlungen hatten. Zur rechten Seite des Schlosses
-hinderte der dunkle Wald die Aussicht, aber links, an den hohen Mauern
-vorüber, tauchte das Auge hinab in die Tiefe des schönen fruchtbaren
-Neckartals, schweifte hinauf, den Fluß entlang, zu Dörfern und Weilern
-und weit über die Weinberge hin nach fernen blauen Gebirgen.
-
-»Das ist unser Thierberg,« sagte das Fräulein; »es scheint, die Gegend
-habe einigen Reiz für Sie, Vetter, und ich möchte Ihnen wahrlich raten,
-recht oft aus dem Fenster zu sehen, um vor unserer Einsamkeit und
-diesem häßlichen alten Gemäuer nicht zu erschrecken!«
-
-»Ein häßliches Gemäuer nennen Sie diese alte Burg?« rief der Gast.
-»Kann man etwas Romantischeres sehen, als diese Türme mit Efeu
-bewachsen, diesen Torweg mit den alten Wappen, diese Zugbrücke, diese
-Wälle und Gräben? Glaubt man nicht das Schloß von Bradwardine oder
-irgend ein anderes aus Scottischen Romanen zu sehen? Erwartet man
-nicht, ein Sickingen, ein Götz werde uns jetzt eben aus dem Tore
-entgegentreten? --«
-
-»Für dieses Mal höchstens ein Thierberg,« erwiderte das Fräulein
-lachend, »und auch von diesen spukt nur noch einer in den fatalen
-Mauern. Dergleichen Türme und Zinnen liebe ich ungemein in einem Roman
-oder in Kupfer gestochen, aber zwischen diesen Mauern zu wohnen, so
-einsam, und winters, wenn der Wind um diese Türme heult und das Auge
-nichts Grünes mehr sieht als jenen Eppich dort am Turm -- Vetter! mich
-friert schon jetzt wieder, wenn ich nur daran denke. Doch kommt, Herr
-Ritter, das Burgfräulein will Euch selbst einführen.«
-
-Der düstere, schattenreiche Hof, in welchen sie traten, kühlte etwas
-die warme Begeisterung des Gastes. Er sah sich flüchtig um, als sie
-hindurchgingen, und bemerkte, daß der Platz für ein Turnier denn doch
-nicht groß genug gewesen sein müsse, erschrak vor einem halbzerstörten
-Turm, dessen Rudera drohend über die Mauer hereinhingen, erstaunte
-über den scharfen Zahn der Zeit, der in die dicke Mauer mächtige Risse
-genagt und dem Auge eine freie Aussicht in das Tal hinab geöffnet
-hatte, und gab in seinem Herzen schon auf den ausgetretenen Stufen der
-Wendeltreppe, wo ein heftiger Zugwind durch schlecht verwahrte Fenster
-blies, der Bemerkung seiner Cousine über die Wohnlichkeit des Hauses
-vollkommen Beifall. Sechs bis acht Hunde begrüßten in einer großen,
-mit Backsteinen gepflasterten Halle das Fräulein mit freundlichem
-Kläffen und Wedeln, und ein gefesselter Raubvogel, der in einer Ecke
-auf der Stange saß, stieß ein unangenehmes Geschrei aus und schwenkte
-die Flügel. »Das ist nun unsere Antichambre, unser Hofgesinde,« sagte
-Anna, indem sie lächelnd auf die Tiere zeigte; »verwünschte Prinzen und
-Prinzessinnen, die Sie entzaubern können. Doch lassen Sie uns jetzt
-eintreten,« setzte sie nach einer Weile ernster hinzu, »in diesem
-Zimmer ist der Vater.«
-
-Sie öffnete eine hohe, schwere Flügeltüre, und durch das altfränkisch
-ausstaffierte Gemach fiel der Blick des Jünglings auf einen alten
-Mann, der in einer tiefen Fensterwölbung saß, wie es schien, in ein
-Zeitungsblatt vertieft. Bei dem Gruß seiner Tochter sah er sich um, und
-als er den Fremden erblickte und Anna seinen Namen nannte, stand er auf
-und ging ihm langsam, aber festen Schrittes entgegen. Mit Bewunderung
-sah sein Neffe die hohe, gebietende Gestalt, die ihn unwillkürlich
-an jenen Wartturm dieser Burg erinnerte, den so viele Jahre nicht
-einzustürzen vermochten, und dessen Alter nur der Efeu anzeigte, der
-sich an ihm emporgeschlungen hatte. Zwar hatte die Zeit in diese
-fünfundsechzigjährige Stirne Furchen gegraben, um die Schläfe fielen
-dünne graue Haare, und der Bart und die Augenbrauen waren silberweiß
-geworden, aber das Auge leuchtete noch ungetrübt, und der Nacken trug
-den Kopf noch so aufrecht wie in jugendlicher Kraft, und die Hand gab
-einen beinahe kräftigeren Druck, als der Neffe zu erwidern vermochte.
-
-»Bist willkommen in Schwaben,« sagte er mit tiefer, kräftiger Stimme;
-»'s war ein vernünftiger Einfall meiner Frau Schwester, daß sie dich
-herausschickte. Mach' dir's bequem; setz' dich zu mir ans Fenster, und
-du, Anna, bringe Wein.«
-
-So war der Empfang auf Thierberg. So herzlich und offen er aber auch
-sein mochte, so konnte doch der junge Mann mehrere Stunden lang ein
-gewisses unbehagliches Gefühl nicht verdrängen. Er hatte sich den Oheim
-ganz anders gedacht. Er glaubte nach der Beschreibung, die ihm sein
-Vater gemacht hatte, einen rauhen, aber fröhlichen alten Landjunker
-zu finden, der seine Hasen hetzt, mit Laune die Händel seiner Bauern
-schlichtet, von seinen Kleppern gerne erzählt und zuweilen mit seinen
-Freunden und Nachbarn ein Glas über Durst trinkt. Er bedachte nicht,
-wie fünfundzwanzig Jahre und eine so verhängnisvolle Zeit wie die,
-welche dazwischen lag, auf diesen Mann gewirkt haben konnten. Das
-ruhige, ernste Auge des Oheims, das prüfend auf seinen Zügen zu ruhen
-schien, die ungesuchten, aber gründlichen Fragen, womit er den Neffen
-über sein bisheriges Leben und Treiben ins Gebet nahm, das ironische
-Lächeln, das hie und da bei einer Aeußerung des jungen Mannes um seinen
-Mund blitzte, dies alles und das ganze gewichtige Wesen des Alten
-imponierten ihm auf eine Weise, die ihm höchst unbequem war. Er konnte
-sich kein Herz fassen, den Oheim ebenso traulich zu behandeln wie jener
-ihn, er kam sich vor wie ein angehender Staatsdiener, dem ein Minister
-Audienz gibt, und es war dies zu seinem nicht geringen Verdruß das
-zweite Mal, daß er sich über die Landjunker in Schwaben getäuscht sah.
-
-Auch seine Base erschien ihm ganz anders, als er sie gedacht hatte. Er
-fand zwar alle jene liebenswürdige Natürlichkeit, jenes unbefangene,
-ungesuchte Wesen, was man ihm an den Töchtern dieses Landes gerühmt
-hatte, aber diese Unbefangenheit schien nicht aus Unwissenheit, sondern
-aus einem feinen, sichern Takt hervorzugehen, und was sie sprach,
-zeugte von einem so trefflich gebildeten Geist, daß ihre Natürlichkeit
-nur darin zu bestehen schien, daß sie alles Geistreiche, sei es witzig
-oder erhaben, wie etwas Natürliches, Angeborenes vorbrachte, daß es nie
-als etwas Erlerntes, als etwas Gesuchtes erschien. Am ärgerlichsten
-war es ihm, daß sie ihn schon nach den ersten Stunden zu durchschauen
-schien. Die ausgesuchten Artigkeiten, die er ihr sagte, zog sie ins
-Komische, den feineren Komplimenten wich sie auf unbegreifliche Art
-aus, wollte er ihr nur den zarten, in Berlin gebildeten jungen Mann
-zeigen, so nannte sie ihn gewiß immer Herrn von Rantow. Und dennoch
-mußte er sich gestehen, daß er nie soviel Harmonie der Bewegung, der
-Miene, der Gestalt und der Stimme gesehen habe. Ihr ganzes Wesen
-erschien ihm wie das Hauskleid, das sie jetzt eben trug. Es war
-einfach und von bescheidenen Farben, und dennoch kleidete es ihre
-feine, schlanke Gestalt mit jener geschmackvollen Eleganz, die auch
-dem anspruchlosesten Gewand einen geheimnisvollen Zauber verleiht; ein
-Toilettengeheimnis, worüber, soviel der junge Mann sich erinnerte,
-noch nie ein Modejournal Aufschluß gab, und das ihm mehr das Zeichen
-und Symbol einer harmonischen Seele als die Folge einer sorgfältigen
-Erziehung zu sein schien.
-
-Dieselbe Uebereinstimmung glaubte er zwischen dem alten Herrn und
-dem Gemach zu finden, in welches er zuerst geführt worden war. Es
-war der verblichene Glanz eines früheren Jahrhunderts, was ihm von
-den Wänden und Hausgeräten entgegenblickte. Die schweren gewirkten
-Tapeten, mit Leisten befestigt, die einst vergoldet waren und deren
-Farbe jetzt ins Dunkelbraune spielte; die breiten Armstühle mit
-ausgeschweiften, zierlich geschnitzten Beinen, die Polster, mit grellen
-Farben künstlich ausgenäht, mit Papageien, Blumentöpfen und den
-Bildern längst begrabener Schoßhündchen geziert. Wie manchen Wintertag
-mochten seine Ahnfrauen über dieser mühsamen Arbeit gesessen sein, die
-ihnen vielleicht einst für das Vollendetste galt, was der menschliche
-Geschmack je ersonnen, und die jetzt ihrem Urenkel geschmacklos,
-schwerfällig, und hätten sich nicht so ehrwürdige Erinnerungen daran
-geknüpft, beinahe lächerlich erschien. Und doch kam ihm dies alles, der
-ehrwürdigen Gestalt seines Oheims gegenüber, wie durch Altertum und
-langjährige Gewohnheit geheiligt vor. Er sah, man sei in Thierberg
-erhaben über den Wechsel der Mode, und wenn er hinzufügte, was ihm sein
-Vater über die mancherlei Unglücksfälle und die mißlichen Umstände,
-worin sich der Oheim befand, gesagt hatte, so fühlte er sich beschämt,
-daß er diese Umgebungen nur einen Augenblick habe grotesk und sonderbar
-finden können; er fühlte, daß er unverschuldeter Armut, wenn sie sich
-in so ernstem und würdigem Gewande zeige, seine Achtung nicht versagen
-könne; ja, vor diesen Wänden, diesem Geräte, und vor dem unscheinbaren,
-groben Hausrock des Oheims erschien er sich selbst, wenn er seinen
-Blick auf seine modische und höchst unbequeme Tracht warf, wie ein
-Tor, beherrscht von einem Phantom, das ein Weiser lächelnd an sich
-vorübergleiten läßt.
-
-Dies waren die Eindrücke, welche der erste Abend in Thierberg auf die
-Seele des jungen Rantow machte. So ernst sie aber am Ende auch sein
-mochten, so konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken, als mit dem
-Schlage acht Uhr, den die alte Schloßuhr zögernd und zitternd angab,
-eine Flügeltür am Ende des Zimmers aufsprang, ein kleiner Kerl in
-einem verschossenen, bordierten Rock, der ihm weit um den Leib hing,
-hereintrat, sich dreimal verbeugte und dann feierlich sagte: »~Le
-souper est servi!~«
-
-»~S'il vous plaît!~« sagte der Alte mit ernsthaftem Gesicht und einer
-Verbeugung zu seinem Neffen, reichte seinen Arm der schönen Anna und
-ging langsamen Schrittes dem Speisezimmer zu.
-
-
-4.
-
-Mit den Flügeltüren des Speisesaals und dem ersten Blick, den er
-hineinwarf, hatte sich übrigens dem Gast aus Brandenburg ein weites
-Feld der Erinnerung geöffnet. Von diesem gemalten Plafond, der die
-Erschaffung der Welt vorstellte, von dem schweren Kronleuchter, den
-der Engel Gabriel als Sonne aus den Wolken herabhängen ließ, von
-den gelben Gardinen von schwerer Seide hatte ihm seine Mutter oft
-gesprochen, wenn sie von ihrem väterlichen Schloß in Schwaben und von
-dem ungemeinen Glanz erzählte, welcher einst durch ihre hochselige Frau
-Großmutter, die Tochter eines reichen Ministers, in die Familie und
-in die schöneren Appartements zu Thierberg gekommen sei. Schon seine
-Mutter hatte in ihrer Kindheit diese Prachtstücke mit großer Ehrfurcht
-vor ihrem Altertum betrachtet, und seit dieser Zeit hatten sie zum
-mindesten dreißig bis vierzig Jahre gesehen.
-
-»Das ist der Familiensaal,« sagte während der Tafel der alte Thierberg,
-als er die neugierigen Blicke sah, womit sein Neffe dieses Gemach
-musterte. »Vor Zeiten soll man es die _Laube_ genannt haben, und meine
-Ahnherren pflegten hier zu trinken. Mein Großvater selig ließ es aber
-also einrichten und schmücken. Er war ein Mann von vielem Geschmack und
-hatte in seiner Jugend mehrere Jahre am Hof Ludwigs XIV. zugebracht.
-Auch meine Frau Großmutter war eine prächtige Dame, und sie beide haben
-das Innere des Schlosses auf diese Art eingeteilt und dekoriert.«
-
-»Am Hofe Ludwigs XIV.!« rief der junge Mann mit Staunen. »Das ist eine
-schöne Zeit her; wie mancherlei Gäste mag dieser Saal seit jener Zeit
-gesehen haben!«
-
-»Viele Menschen und wunderbare Zeiten,« erwiderte der alte Herr. »Ja,
-es ging einst glänzend zu auf Thierberg, und unsere Gäste befanden sich
-bei uns nicht schlimmer als bei jedem Fürsten des Reichs. Man konnte
-kein fröhlicheres Leben finden als das auf diesen Schlössern, solange
-unsere Ritterschaft noch blühte. Da galt noch unser Ansehen, unsere
-Stimme. Man war ein Edelmann so gut als der König von Frankreich, und
-ein Freiherr war ein freier Mann, der nichts über sich kannte als
-seinen gnädigen Herrn, den Kaiser, und Gott; jetzt --«
-
-»Vater!« unterbrach ihn Anna, als sie sah, wie die Ader auf seiner
-Stirn anschwoll, und wie eine dunkle Röte, ein Vorbote nahenden
-Sturmes, auf seinen Wangen aufzog. »Vater!« rief sie mit zärtlichen
-Tönen, indem sie seine Hand ergriff, »nichts mehr über dies Thema; Sie
-wissen, wie es Sie immer angreift!«
-
-»Törichtes Mädchen!« erwiderte der alte Herr, halb unwillig, halb
-gerührt von der bittenden Stimme seiner schönen Tochter; »warum sollte
-ein Mann nicht stark genug sein, nach Jahren von _dem_ zu sprechen,
-was er zu dulden und zu tragen stark genug war? Der Vetter kennt nur
-unsere Verhältnisse, wie sie jetzt sind. Er ist geboren zu einer Zeit,
-wo diese Stürme gerade am heftigsten wüteten, und aufgewachsen in einem
-Lande, wo die Ordnung der Dinge längst schon anders war; er kann sich
-also nicht so recht denken, was die Vorfahren seiner Mutter waren, und
-deshalb will ich ihn belehren.«
-
-Der Freiherr nahm nach diesen Worten sein großes Glas, auf dessen
-Deckel die Wappenschilde seines Hauses, aus Silber getrieben,
-angebracht waren, und trank, um Kraft zu seiner Belehrung zu sammeln,
-einen langen, tüchtigen Zug. Doch Fräulein Anna sah an ihm vorüber den
-Gast mit besorglichen, bittenden Blicken an. Er verstand diesen Wink
-und suchte den Oheim von dieser Materie abzubringen.
-
-»Es ist wahr,« fiel er ein, noch ehe jener das Glas wieder auf den
-Tisch gesetzt hatte, »in Preußen sind die Verhältnisse anders und seit
-langer Zeit anders gewesen. Aber sagen Sie selbst, kann man ein Land in
-Europa finden, das meinem Vaterlande gliche? Ich gebe zu, daß andere
-Länder an Flächeninhalt, an Seelenzahl uns bei weitem überwiegen, aber
-nirgends trifft man auf so kleinem Raum eine so kräftige, durch innere
-Tugend imponierende Macht; es ist das Sparta der neuen Zeit. Und nicht
-ein glücklicherer Boden oder ein milderer Himmel bewirkten so Großes;
-sondern der Genius großer Männer hat ein Preußen geschaffen, weil
-sie es verstanden, die schlummernden Kräfte zu wecken, und dem Volke
-selbst zeigten, welche Stellung es einnehmen müsse; weil sie _Preußen_
-geworden sind, ist auch ein Preußen erstanden.«
-
-Der alte Herr hatte seinem Neffen ruhig zugehört, bei den letzten
-Worten aber zog sich sein Gesicht zu solcher Ironie zusammen, daß der
-Brandenburger errötete. »Der Sohn meines Nachbars, des Generals von
-Willi, würde sagen, wenn er dich hörte: ›O Deutschland, Deutschland, da
-sieht man, wie dein Elend aus deiner eigenen Zersplitterung hervorgeht!
-Sie wollen nicht mehr Griechen, sondern Platäer, Korinther, Athener,
-Thebaner und gar -- Spartaner heißen!‹ Ich wünsche nur,« setzte
-er lächelnd hinzu, »daß die Spartaner nicht zum zweitenmal einen
-Epaminondas im Felde finden mögen. Die Schlacht bei Leuktra war kein
-Meisterstück der Kriegskunst unserer modernen Spartaner.«
-
-»Unser Unglück bei Jena,« sagte der junge Mann verdrießlich, »kann man
-weder dem Volk noch dem Könige zuschreiben, und ich glaube, wir haben
-uns an Napoleon hinlänglich gerächt; wir haben nicht nur Deutschland
-wieder frei gemacht, sondern ihn selbst entthront.«
-
-»So? Das seid _ihr_ gewesen?« fragte der Oheim; »Gott weiß, ich tat bis
-jetzt sehr unrecht, daß ich dieses Ereignis der halben Million Soldaten
-zuschrieb, die man aus ganz Europa gegen ihn zusammenhetzte. Warst
-du vielleicht selbst mit dabei, Neffe? Du kannst wahrscheinlich als
-Augenzeuge reden?«
-
-Der Neffe errötete und schickte einen ängstlichen Blick nach Anna, die
-ihr Lächeln kaum unterdrücken konnte. »Ich war damals noch auf der
-Schule,« antwortete er, »und es hat mich nachher oft geärgert, daß ich
-nicht dabei war. Ich gebe zu, daß die andern auch mitgeholfen haben,
-aber in allen Schlachten waren es nur die Preußen, die entschieden
-haben; denken Sie nur an Waterloo.«
-
-»Seid überzeugt, ich denke daran,« erwiderte der alte Herr mit großem
-Ernst, »und denke mit Vergnügen daran. Wenn _einer_ ein Feind jenes
-Mannes ist, so bin ich es; denn er hat uns und alles unglücklich
-gemacht und das alte schöne Reich umgekehrt wie einen Handschuh.
-Aber das mit deinen Landsleuten weißt du denn doch nicht recht. Ich
-glaube schwerlich, daß eure jungen Soldaten, wenn sie auch wirklich
-so begeistert waren, wie man sagte, so viele Stöße auf ihr Zentrum
-ausgehalten hätten als am achtzehnten Juni jene Engländer, die schon in
-allen Weltteilen gedient hatten.«
-
-»Nicht die Jahre sind es,« sagte jener, »die in solchen Augenblicken
-Kraft geben, sondern das Selbstbewußtsein, der Stolz einer Nation und
-die Begeisterung des Soldaten für seine Sache; und die hat der Preuße
-vollauf.«
-
-»Ich habe in meiner Jugend auch ein paar Jahre gedient,« entgegnete der
-Oheim; »Anno 85 bei den Kreistruppen. Damals waren die Soldaten noch
-nicht begeistert, darum kenne ich das Ding nicht. Nächstens wird mich
-aber mein Nachbar, der General, besuchen, mit diesem mußt du darüber
-sprechen.«
-
-»Wie dem auch sei,« fuhr der Gast fort, »es freut mich innig, daß Sie
-über den Hauptpunkt, über den Unwillen gegen die Franzosen und im Haß
-gegen diesen Korsen, mit mir übereinstimmen. Bei uns zu Hause behauptet
-man, daß er in Süddeutschland leider noch immer als eine Art Heros
-angesehen und, es ist lächerlich zu sagen, von vielen sogar als ein
-Beglücker der Menschheit verehrt werde.«
-
-»Sprich nicht zu laut, Freund,« erwiderte der alte Herr, »wenn du es
-nicht mit dieser jungen Dame hier gänzlich verderben willst. Sie ist
-gewaltig _napoleonisch_ gesinnt.«
-
-»Sie werden darum nicht schlechter von mir denken,« sagte Anna
-hocherrötend, »weil ich einen Mann nicht geradehin verdammen mag,
-dessen unverzeihlicher Fehler der ist, daß er ein großer Mensch war.«
-
-»Großer Mensch!« rief der Alte mit blitzenden Augen, »den Teufel auch,
-großer Mensch! Was heißt das? Daß er den rechten Augenblick erspähte,
-um wie ein Dieb eine Krone zu stehlen? Daß er mit seinen Bajonetten
-ein treffliches Reich über den Haufen warf, seine herrliche natürliche
-Form zertrümmerte, ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen! Großer
-Mensch!«
-
-»Sie sprechen so, weil --«
-
-»Anna, Anna!« fiel er seiner Tochter in die Rede, »meinst du, ich
-spreche nur darum so, weil er uns elend machte? Weil er dieses Tal
-und den Wald mir entriß, weil er diese Menschen, die mir und meinen
-Ahnen als ihren Herren dienten, an einen andern verschenkte? Weil die
-ungebetenen Gäste, die er uns schickte, das bißchen aufzehrten oder
-einsteckten, was mir noch geblieben war? Es ist wahr, an jenem Tage,
-wo man ein fremdes Siegel über das alte Wappen der Thierberge klebte,
-wo man mein Vieh zählte und schätzte, meine Weinberge nach dem Schuh
-ausmaß, meine Wälder lichtete und die erste Steuer von mir eintrieb, an
-jenem Tage sah ich nur mich und den Fall meines Hauses; aber ging es
-der ganzen Reichsritterschaft besser, mußten wir nicht sogar erleben,
-daß ein Mann von der Insel Korsika erklärte, es gebe keinen deutschen
-Kaiser und kein Deutschland mehr?«
-
-»Gott sei es geklagt!« sagte der junge Rantow, »und uns wahrhaftig hat
-er es nicht besser gemacht.«
-
-»Ihr, gerade ihr seid selbst schuld daran,« fuhr der alte Herr immer
-heftiger fort. »Ihr hattet euch längst losgesagt vom Reich, hattet kein
-Herz mehr für das Allgemeine, wolltet einen eigenen Namen haben und
-tatet euch viel darauf zu gut. Ihr sahet es vielleicht sogar gern, daß
-man uns Schaft für Schaft entzweibrach, weil man uns fürchtete, solange
-die übrigen Speere _ein_ Band umschlang. Habt ihr nicht gesehen, wie
-weit es kam, als man in Sparta jeden Griechen einen Fremden nannte?
-Verdammt sei dieses Jahrhundert der Selbstsucht und Zwietracht,
-verdammt diese Welt von Toren, welche Eigenliebe und Herrschsucht Größe
-nennt!«
-
-»Aber lieber Vater --« wollte das Fräulein besänftigend einfallen, doch
-der alte Herr war bei seinen letzten Worten schnell aufgestanden, und
-der kleine Mensch in der Thierbergischen Livree eilte auf seinen Wink
-mit zwei Kerzen herbei.
-
-»Gute Nacht,« wandte er sich noch einmal zu seinem Neffen; »stoße dich
-nicht daran, wenn du mich zuweilen heftig siehst; 's ist so meine
-Natur. Schlafet wohl, Kinder!« setzte er ruhiger hinzu, »wenn die
-Gegenwart schlecht ist, muß man von besseren Zeiten träumen.« Anna
-küßte ihm gerührt die Hand, und die erhabene Gestalt des alten Herrn
-schritt langsam der Türe zu. Rantow war so betroffen von allem, was er
-gehört und gesehen, daß es ihm sogar entging, welche komische Figur
-der Diener machte, der seinem Herrn zu Bette leuchtete. Die weite
-Staatslivree, die er trug, hing beinahe bis zum Boden herab, und die
-langen bordierten Aufschläge bedeckten völlig die Hände, welche die
-silbernen Leuchter trugen. Er war anzusehen wie ein großer Pilgrim,
-der einen Kalvarienberg hinan auf den Knieen rutscht. Um so erhabener
-war der Kontrast des Mannes, der ihm folgte; er erschien, als er durch
-den altfränkischen Saal unter den Familiengemälden seiner Ahnen
-vorbeischritt, wie ein wandelndes Bild der guten alten Zeit.
-
-Als der alte Herr das Gemach verlassen hatte, stand das Fräulein mit
-einer Verbeugung gegen ihren Gast auf und trat in ein Fenster. Der
-junge Mann fühlte an ihrem Schweigen, daß er diesen Abend Saiten
-berührt haben müsse, die man anzutasten sonst vielleicht sorgfältig
-vermied. Sie blickte hinaus in die Nacht, und Rantow trat an ihre
-Seite; er hatte oft erprobt, wie sich Mißverständnisse leichter lösen,
-wenn man sie in einen Scherz kehrt, als wenn man mit Ernst oder Wehmut
-darüber spricht. Mit solch einem Scherz wollte er Anna versöhnen; doch
-als er zu ihr ans Fenster trat, war der Anblick, der sich ihm darbot,
-so überraschend, daß kein heiteres Wort über seine Lippen schlüpfen
-konnte. Das tiefe, schwärzliche und doch so reine Blau, das nur ein
-südlicher Himmel im Mondlicht zeigt, hatte er noch nie gesehen. Ueber
-Wald und Weinberge herab goß der Mond seltsame Streiflichter, und im
-Tal schimmerten seinen Glanz nur die zitternden Wellen des Neckars
-und die Spitze des dunkeln Kirchturms zurück. Der falbe Schein dieses
-Lichtes der Nacht hatte Annas Züge gebleicht, und in ihren schönen
-Augen schwamm eine Träne. Jetzt erst, als alles so still und lautlos
-war, vernahm man aus der Ferne die gehaltenen Töne einer Flöte, und
-diese Klänge verbanden sich so sanft mit dem milden Schimmer des
-Mondes, daß man zu glauben versucht war, es seien _seine_ Strahlen,
-die so melodisch sich auf die Erde niedersenkten. Ein seliges Lächeln
-zog über Annas Gesicht; ihr glänzender Blick hing an einer Waldspitze,
-die weit in das Tal vorsprang, und ihre tieferen Atemzüge schienen der
-Flöte zu antworten.
-
-»Wie prachtvoll ist selbst die Nacht in Ihrem Tal!« sprach nach einer
-Weile der Gast. »Wie schön wölbt sich der Himmel darüber hin, und der
-Mond scheint nur für diesen stillen Winkel der Erde geschaffen zu sein.«
-
-Anna öffnete das hohe Bogenfenster. »Wie warm und mild es noch draußen
-ist!« sagte sie, indem sie freundlich in das Tal hinabschaute. »Kein
-Lüftchen weht.«
-
-»Aber die Bäume neigen sich doch her und hin,« erwiderte er, »sie
-rauschen, gewiß vom Wind bewegt.«
-
-»Kein Lüftchen weht,« wiederholte sie und hielt ihr weißes Tuch hinaus.
-»Sehen Sie, nicht einmal dieses leichte Tuch bewegt sich. Und kennen
-Sie denn nicht die alte Sage von den Bäumen? Nicht der Nachtwind ist
-es, der ihre Blätter bewegt, sie flüstern jetzt und erzählen sich, und
-wer nur ihre Sprache verstünde, könnte manches Geheimnis erfahren.«
-
-»Vielleicht könnte man dann auch erfahren, wer der Flötenspieler ist,«
-sagte der Vetter, indem er Anna schärfer ansah; denn schon war er so
-eifersüchtig auf seine schöne Base geworden, daß ihm die süßen Töne vom
-Wald her und ihr Tuch, das sie noch immer aus dem Fenster hielt, in
-Wechselwirkung zu stehen schienen.
-
-»Das kann ich Ihnen auch ohne die Bäume verraten,« erwiderte sie
-lächelnd, indem sie das Tuch zurücknahm. »Das ist ein munterer
-Jägerbursche, der seinem Mädchen einen guten Abend spielt.«
-
-»Dazu ist aber die Entfernung doch beinahe zu groß,« fuhr er fort,
-»manche Töne werden nicht ganz deutlich.«
-
-»Im Dorf unten hört man es besser als hier oben«, sagte sie
-gleichgültig und schloß das Fenster; »überdies sagt ja das Sprichwort:
-›Das Ohr der Liebe hört noch weiter als das des Argwohns.‹«
-
-»Schön gesagt,« rief der junge Mann, »doch das _Auge_ des Argwohns
-sieht weiter als das der Liebe.«
-
-»Sie haben recht,« entgegnete sie, »aber nur bei Tag, nicht bei Nacht.«
-
-Diese, wie es schien, ganz absichtslos gesagten Worte überraschten den
-jungen Mann so sehr, daß er beschämt die Augen niederschlug. Er warf
-sich seine Torheit vor, daß er nur einen Augenblick glauben konnte, es
-sei ein Liebhaber dieses arglosen Kindes, der dort im Walde musiziere.
-
-»Und nun gute Nacht, Vetter,« fuhr Anna fort, indem sie eine Kerze
-ergriff. »Träumen Sie etwas recht Schönes, man sagt ja, der erste
-Traum in einem Hause werde wahr; Hans! leuchte dem Herrn Baron ins
-rechte Turmzimmer! Und dies noch,« setzte sie auf französisch hinzu,
-als der Diener näher trat, »vermeiden Sie, mit meinem Vater über Dinge
-zu sprechen, die ihn so tief berühren. Er ist sehr heftig, doch gilt
-sein Zorn nie der Person, sondern der Meinung. Es war _meine_ Schuld,
-daß ich Sie nicht zuvor unterrichtet habe, morgen will ich nähere
-Instruktionen erteilen. -- Gute Nacht!«
-
-Sinnend über dieses sonderbare und doch so liebenswürdige Wesen folgte
-der Gast dem Diener, und die dumpf hallenden Gänge und Wendeltreppen,
-das vieleckige, in wunderlichen Spitzbogen gewölbte Gemach, das
-altertümliche Gardinenbette, so manche Gegenstände, die er sonst so
-aufmerksam betrachtet hätte, blieben diesmal ohne Eindruck auf seine
-Seele, die nur eifrig beschäftigt war, den Charakter und das Benehmen
-Annas zu prüfen und zu mustern.
-
-
-5.
-
-Als der Gast am folgenden Morgen nach einer sorgfältigen Toilette
-hinabging, um mit seinen Verwandten zu frühstücken, konnte er sich
-anfänglich in dem alten Gemäuer nicht zurechtfinden. Ein Diener,
-auf welchen er stieß, führte ihn dem Saal zu, und an den Gängen und
-Treppen, die er durchwandern mußte, bemerkte er erst, was ihm gestern
-nicht aufgefallen war, daß er im entlegensten Teil dieser Burg
-geschlafen habe. Auf sein Befragen gestand ihm der Diener, daß sein
-Gemach das einzige sei, das man auf jener Seite noch bewohnen könne,
-und außer dem Wohnzimmer mit den gewirkten Tapeten, dem Schlafzimmer
-des alten Herrn, dem Saal, dem kleinen Zimmerchen in einem andern Turm,
-wo Fräulein Anna wohne, sei nur noch das ungeheure Bedientenzimmer,
-das früher zu einer Küche gedient habe, und die Wohnung des Amtmanns
-einigermaßen bewohnbar; die übrigen Gemächer seien entweder schon halb
-eingestürzt oder würden zu Fruchtböden und dergleichen benützt. Der
-stolze Sinn des Oheims und die fröhliche Anmut seiner Tochter standen
-in sonderbarem Widerspruch mit diesen öden Mauern und verfallenen
-Treppen, mit diesen sprechenden Bildern einer vornehmen Dürftigkeit.
-Der junge Mann war, wenn nicht an Pracht, doch an eine gewisse
-reinliche Eleganz in seiner Umgebung selbst an den Treppen und Wänden
-gewöhnt, und er konnte daher nicht umhin, seine Verwandten, die in so
-großer, augenscheinlicher Entbehrung lebten, für sehr unglücklich zu
-halten. Das romantische Interesse, das der erste Anblick dieser Burg
-für ihn gehabt hatte, verschwand vor dieser traurigen Wirklichkeit, und
-wenn er sich dachte, wie die Mauerrisse und Spalten, durch welche jetzt
-nur die warme Morgensonne hereinfiel, den Stürmen des Winters freien
-Durchgang lassen mußten, war ihm Annas Furcht vor dieser Jahreszeit
-wohl erklärlich.
-
-»Und ein so zartes Wesen diesen rauhen Stürmen ausgesetzt,« sagte er
-zu sich, »ein so reicher und gebildeter Geist ohne Umgang, vielleicht
-ohne Lektüre, einen ganzen Winter lang in diesen Mauern vom Schnee und
-Wetter gefangen gehalten, einsam bei dem ernsten, feierlichen, alten
-Mann! Und dieser ehrwürdige Alte, der einst bessere Tage gesehen, durch
-die Ungunst der Zeit in unverschuldete Dürftigkeit und Entbehrung
-versetzt!« Von so gutmütiger Natur war das Herz des jungen Mannes, daß
-er vor der Türe des Saales halb und halb den Entschluß faßte, um die
-schöne Anna zu freien, sie in die Mark zu führen, oder wenn ihm das
-Leben in Schwaben besser gefallen sollte, mit ihr in die Residenz zu
-ziehen und für den Sommer Thierberg wieder instandsetzen zu lassen.
-
-Der Alte empfing ihn mit einem herzlichen Morgengruß und derben
-Händedruck, und Anna erschien ihm heute noch freundlicher und
-zutraulicher als gestern. Das Tagewerk der Knechte wurde in seiner
-Gegenwart angeordnet, und mit Wonne sah er Anna eine Geschäftigkeit
-im Hauswesen entfalten, die er der feingebildeten jungen Dame nicht
-zugetraut hätte. Auch über ihre eigenen Geschäfte sprachen die
-Bewohner des Schlosses. Der Alte wollte vormittags mit seinem Verwalter
-rechnen, Anna den Gast unterhalten und einen Spaziergang mit ihm ins
-Tal hinab machen. Nach Tische wollte sie bei einigen Damen in der
-Nachbarschaft Besuche abstatten, der Alte das Stück Wald, das ihm noch
-eigen gehörte, mustern, und Albert sollte ihn begleiten. Der Abend
-sollte sie alle zum Spiel vereinigen. So angenehm dem jungen Manne
-die Aussicht war, einen ganzen Vormittag mit der schönen Cousine zu
-verleben, so erschreckte ihn doch ein so langer Waldspaziergang mit dem
-ernsten Onkel, der alle Augenblicke die sonderbarsten, vielseitigsten
-Kenntnisse verriet und in so hohem Alter noch ein Wortgedächtnis hatte,
-vor welchem jenem graute. »Wie, wenn er dich den ganzen Nachmittag
-ausfragte, was du gelernt hast!« sagte er zu sich. »Wie schnöde wird
-es dann an den Tag kommen, welche Lehrstühle und Säle in Berlin du
-_nicht_ besucht, und wie schnell wird er ahnen, _welche_ du besucht
-hast.« Einiger Trost für ihn war seine geläufige Zunge und ein wenig
-Disputierkunst, das einzige, was ihm von seinem Hofmeister übrig
-geblieben war. Doch wie einen zum Galgen Verdammten das Henkermahl noch
-erfreut, das ihm der Nachrichter zu- und anrichten muß, so richtete
-sich seine geängstigte Seele an der schönen Gegenwart auf. Und welcher
-Himmel ging ihm erst auf, als der Onkel, nachdem er schon Hut und
-Stock ergriffen hatte, sich noch einmal zu seinem Neffen wandte. »Noch
-etwas!« sagte er zu ihm. »So lange Thierberg steht, ist es Sitte, daß
-die nächsten Verwandten gleicher Linie mit Du unter sich reden; ich
-denke, du wirst mit Anna keine Ausnahme machen, weil du hundert Meilen
-nördlicher geboren bist.«
-
-Anna lächelte und schien es ganz in der Ordnung zu finden, aber mit
-freudeglühenden Wangen sagte der junge Mann zu; dankbar blickte er
-dem alten Oheim nach, der ihm in diesem Augenblick wie ein Bote der
-Liebe erschien. Leider vergaß er dabei, daß dieses Du nicht das süße,
-heimliche Du der Liebe sei, und daß ein so nahes Verhältnis zwar der
-Freundschaft förderlich, für die entstehende Liebe aber ein Hindernis
-sein könnte.
-
-»Und du wolltest mir gestern abend noch Instruktionen geben,« sagte
-er, indem er sich in das Fenster zu dem Fräulein setzte. »Es ist mir
-angenehm, wenn du mir recht viel vom Onkel sagst, ich habe ihn mir
-durchaus anders gedacht, und daher kam nun wohl gestern abend mein
-Mißgriff.«
-
-»Wie hast du dir ihn denn gedacht?« fragte Anna.
-
-»Nun, ich setzte mir aus dem, was Mutter und Vater erzählten, ein Bild
-zusammen, das nun freilich nicht paßt. Seit mein Vater Kammerjunker an
-eurem Hofe war und nachher die Mutter nach Preußen heimführte, mögen
-es doch etwa dreißig Jahre sein. Damals war wohl Onkel etwa fünf- bis
-sechsunddreißig Jahre alt, und man nannte ihn noch immer den Junker,
-denn der Großvater Thierberg lebte noch. Mein Vater beschreibt ihn nun
-gar komisch, wenn er auf ihn zu sprechen kommt. Er war hier im Schloß
-aufgewachsen unter der Aufsicht seines Herrn Papa und seiner Frau Mama.
-Die guten Großeltern könnte ich malen. Sie müßten in den geblümten
-und ausgenähten Fauteuils sitzen, aufrecht und anständig frisiert;
-die Großmama in einem blauseidenen Reifrock, der Großpapa in einem
-verschossenen Hofkleid. Sie sind die regierende Familie in ihrem Land,
-der Amtmann und der Pastor ihr Hofstaat. Der Erbprinz lernte hier nicht
-viel mehr, als sich anständig verbeugen, die Hand küssen, reiten und
-jagen, und die Prinzessinnen sollen ihn an Bildung weit übertroffen
-haben. Die zwei Jahre Garnisonleben bei den Reichstruppen hatten ihn
-nicht gerade verfeinert, und so soll er immer zur größten Lust der
-Verwandten gedient haben, wenn er um die Zeit, da man alljährlich die
-Remontepferde von Leipzig brachte, in die Residenz kam. Meine Mutter
-wurde damals bei Onkel Wernau erzogen, und mein Vater kam täglich in
-das Haus. Wenn dann dein Vater im Herbst zu Besuch kam, verhehlte
-er nicht, daß er nur gekommen sei, um die schönen Remontepferde zu
-betrachten, zog den ganzen Tag bei Bereitern und in den Ställen umher,
-freute sich, mit seiner großen Pferdekenntnis glänzen zu können, und
-unterhielt abends die glänzende Gesellschaft bei Wernaus durch sein
-sonderbares Wesen, das zwar nie linkisch oder unanständig, aber im
-höchsten Grade naiv, ungezwungen und komisch war. Mein Vater sagte oft
-›Er war ein Bild der guten alten Zeit, nicht jener steifen Zeit, wo man
-den Hofton und die Reifröcke in jedem Winkel des Landes affektierte,
-sondern einer viel früheren. Er war das Muster eines schwäbischen
-Landjunkers.‹«
-
-Der junge Mann hielt inne in seiner Beschreibung, als er sah, daß seine
-Zuhörerin lächelte. »Du findest vielleicht diese Züge unwahr,« sagte
-er, »weil sie auf heute nicht mehr passen, und doch versichere ich --«
-
-»Mir fiel nur,« erwiderte sie, »als du dies das Bild eines schwäbischen
-Landjunkers nanntest, jenes Buch ein, das beinahe mit denselben Zügen
-einen Landjunker in -- Pommern schildert. Du versetzest nun dieses Bild
-in mein Vaterland, in dieses Schloß sogar; sonderbar ist übrigens,
-daß beinahe kein Zug mehr zutrifft. In dem gut gemalten Bilde eines
-Jünglings muß man sogar die Züge des Greises wiedererkennen, doch
-hier --«
-
-»Das wollte ich ja eben sagen; ich fand den Onkel so ganz und durchaus
-anders, daß ich selbst nicht begreifen konnte, wie er einst jener
-muntere, naive Junge habe sein können.«
-
-»Ich spreche ungern mit Männern über Männer, ich meine, es passe
-nicht für Mädchen,« nahm Anna das Wort; »über meinen Vater vollends
-habe ich nie -- _beinahe_ nie gesprochen,« setzte sie errötend hinzu,
-»doch mit dir will ich eine Ausnahme machen. Ich kenne zwar den Vater
-nicht anders, als wie er jetzt ist; es ist möglich, daß er vor dreißig
-Jahren etwas anders war, aber bedenke, Vetter Albert, durch welche
-Schule er ging! Alles, alles, was ihm einst lieb und wert war, hat
-diese furchtbare Zeit niedergewühlt. Oder meinst du, jene Verhältnisse,
-so sonderbar und unnatürlich sie vielleicht erscheinen, seien ihm
-nicht teuer gewesen? Wie oft, wenn die alten Herren in der vormaligen
-Reichsritterschaft im Saal waren und sich besprachen über die gute alte
-Zeit, wie oft hätte ich da weinen mögen, aus Mitleid mit den Greisen,
-die sich nun so schwer in diese neuen Gestaltungen finden!«
-
-»Aber ging es ganz Europa besser? Denke an Spanien, Frankreich,
-Italien, Polen und das ganze Deutschland,« erwiderte der Gast.
-
-»Ich weiß, was du sagen willst,« fuhr sie eifrig fort; »man soll über
-dem Unglück und der Umwühlung eines Weltteils so kleine Schmerzen
-vergessen; aber wahrlich, so weit sind wir Menschen noch nicht. Auf
-diesen Standpunkt erhebe sich, wer kann, und ich meine, er wird auch
-in seiner Großherzigkeit wenig Trost, weder für sich noch für das
-Allgemeine finden. Und ich möchte überdies noch behaupten, daß unter
-allen, die überall gelitten haben, vielleicht gerade diese Ritterschaft
-nicht am wenigsten litt. Andere Wunden, die man nur dem Vermögen
-schlägt, heilen mit der Zeit, doch wo, nicht durch Revolution, sondern
-im Namen gesetzlicher Gewalt, so alte, lang gewöhnte Bande zersprengt,
-und Formen, die auf ewig gegründet schienen, zertrümmert werden, das
-eine Stück hierhin, das andere dorthin gerissen -- werden die teuersten
-Interessen in innerster Seele verwundet. Wenn so die alten Hauptleute
-und Räte der Ritterschaft, einige Komture und deutsche Ritter um die
-Tafel sitzen, so glaubt man oft Gespenster, Schatten aus einer anderen
-Welt zu sehen. Doch wenn man bedenkt, daß dies alles, was sie einst
-erfreute, so lang vor ihnen zu Grabe ging, und diese Titel von der
-jungen Welt nicht mehr verstanden werden, so kann man mit ihnen recht
-traurig werden.«
-
-»Es ist wahr,« bemerkte der Gast, »und man muß gerecht sein; sie wurden
-von früher Jugend in der Achtung und im ritterlichen Eifer für jene
-alten Formen erzogen, glänzten vielleicht eben im ersten Schimmer einer
-neuen Amtswürde, als das Unglück hereinbrach und alles auflöste; und
-wie schwer ist es, alten Gewohnheiten zu entsagen, alte Vorurteile
-abzulegen!«
-
-»Um so schwerer,« setzte Anna hinzu, »wenn man ein Recht und
-gesetzliche Ansprüche darauf zu haben glaubt. Hätte man jene Bande
-sanft gelöst, man würde sich nach und nach gewöhnt haben; so aber war
-es das Werk eines Augenblicks. Vermögen, Ansehen und Würden gingen
-zugleich verloren, und mancher wurde geflissentlich gekränkt. So
-wurde der Unmut über die Veränderung zur Erbitterung. Der Vater hat
-oft erzählt, wie sie ihm an _einem_ Tage alle Familienwappen von den
-Wänden gerissen, das Vieh geschätzt, Pferde weggeführt, die Braupfannen
-versiegelt und für Staatseigentum erklärt haben; die Mutter war
-krank, der Vater außer sich gebracht durch höhnische Behandlung der
-neuen Beamten, und um das Unglück vollkommen zu machen, legten sie
-fünfundsiebzig Franzosen in dieses Schloß, die nicht plündern, aber
-ungestraft stehlen durften, und wenn sie weiter zogen, nur ebensoviel
-neuen Gästen Platz machten.«
-
-»Wahrhaftig!« rief Albert, »ein solches Schicksal hätte wohl auch den
-fröhlichsten Junker ernst machen müssen!«
-
-»Wie es ging, weiß ich nicht; nur so viel nahm ich mir aus den
-Gesprächen ab, daß er seit jener Zeit ganz verändert sei. Er hielt
-sich meistens zu Hause, las viel und studierte manches. Er gilt jetzt
-in der Gegend für einen Mann, der viel weiß, und muß in manchen Fällen
-Rat geben. Doch um auf die Instruktionen zu kommen, die ich dir
-erteilen wollte, so kannst du sie aus dem, was ich dir erzählte, selbst
-abnehmen. Berühre nie die früheren politischen Verhältnisse, wenn du
-ihn nicht wehmütig machen willst, sprich nie von dem Kaiser --«
-
-»Von welchem Kaiser?« unterbrach sie der Vetter.
-
-»Nun, von Napoleon, wollte ich sagen; er sieht ihn als den Urheber
-aller seiner Leiden an, und wenn etwa der General in diesen Tagen
-kommen sollte, laß dich in keinen politischen Diskurs ein; sie sind
-schon so heftig aneinander geraten.«
-
-»Wer ist denn der General?« fragte Albert. »Hat nicht dein Vater mich
-gestern aufgefordert, mit ihm über die neuere Kriegszucht zu sprechen?«
-
-»Der General Willi ist unser Nachbar,« erwiderte Anna, »und wohnt
-eine halbe Stunde von hier, den Neckar abwärts. Er gehört so sehr der
-neueren Zeit an, als der Vater der alten, und ich kann ihm seine Art zu
-denken ebensowenig verargen als meinem Vater. Er machte in den früheren
-Feldzügen eine sehr schnelle Karriere, und der Kaiser selbst soll ihn
-im Feldzuge von 1809 beredet haben, unsern Dienst zu verlassen und in
-die Garde zu treten. Er war mit in Rußland, wurde bei Chalons gefangen
-und zog sich nachher gänzlich zurück. Hier hat er nun ein Gut gekauft,
-ist ein sehr vermögender Mann und lebt im stillen seinen Erinnerungen.
-Du kannst dir denken, daß ein Mann, der in solchen Verhältnissen
-seine schönsten Jahre lebte, wohl auch noch heute von der Sache, für
-welche er einst focht, eingenommen ist; er ist, was man so nennt, ein
-eigensinniger Napoleonist und hat wenigstens so gut als irgend einer
-Grund dazu.«
-
-»Wenn er ein Franzose wäre,« entgegnete Albert, »dann möchte es ihm
-hingehen. Aber für einen Deutschen schickt es sich doch wahrhaftig
-nicht. Es war keine _Sache_, für welche er focht, sondern ein Phantom.«
-
-»Streiten wir nicht darüber,« fiel ihm Anna ins Wort. »Ich bin
-überzeugt, wenn du diesen liebenswürdigen, edlen Mann kennen lernst,
-wirst du ihm seinen Enthusiasmus vergeben.«
-
-»Wie alt ist er denn?« fragte jener befangen.
-
-»Ein guter Fünfziger,« erwiderte Anna lächelnd. »Mir aber scheint er,
-wie gesagt, für seine Gesinnungen ein so gutes Recht zu haben als der
-Vater. Wurde ja doch auch, was _ihm_ groß und erhaben deuchte, zerstört
-und verhöhnt, und du weißt, daß dies nicht der Weg ist, die Menschen
-mit dem Neueren auszusöhnen. Die beiden Herren haben große Zuneigung
-zueinander gefaßt, obgleich sie in ihren Meinungen so schroff einander
-gegenüberstehen. Oft kommt es unter ihnen zu so heftigem Streit, daß
-ich immer einmal einen wirklichen Bruch der nachbarlichen Verhältnisse
-voraussehe. Ich glaube, wenn mehr Damen zugegen wären, würde es nie
-so weit kommen, aber leider hat auch der General vor einigen Jahren
-seine Frau verloren. Sie war eine treffliche Frau, und meine Mutter
-schätzte sie sehr; der Vater konnte es ihr aber nie vergeben, daß sie
-eine Bürgerliche war, und seine Schwester, die jetzt eben bei ihm ist,
-pflegt immer nur auf kurze Zeit einzukehren.«
-
-Der alte Thierberg, der in diesem Augenblick von seinem Amtmann
-zurückkam, unterbrach dieses Gespräch, das der junge Mann noch lange
-hätte fortsetzen mögen; denn Base Anna erschien ihm, wenn sie lebhaft
-sprach, wenn ihre Augen während ihrer Rede immer heller glänzten, und
-ihre zarten Züge jede ihrer Empfindungen abspiegelten, immer reizender,
-liebenswürdiger zu werden, und er glaubte aus dem Vergnügen, das ihr
-die Unterhaltung mit ihm zu gewähren schien, nicht mit Unrecht einen
-günstigen Schluß für sich ziehen zu dürfen.
-
-
-6.
-
-Von allen seinen früheren reichsfreiherrlichen Rechten war dem
-alten Thierberg nur die Ernennung oder, wie man es dort nannte, die
-Präsentation des Schulmeisters übrig geblieben, und er verwünschte auch
-diesen letzten Rest ehemaliger Größe und Gewalt, als er nachmittags
-zwei Schulamtskandidaten mit dem Thierberger Prediger ins Schloß
-treten sah. Er hieß seinen Neffen allein in den Wald vorausgehen und
-versprach, bald zu folgen. Der junge Mann wanderte langsam jenen Weg
-hinan, welchen ihn Anna zuerst geführt hatte. Oft stand er stille und
-sah zurück auf diese altertümliche Burg, und gerne verweilte sein Auge
-auf jenem Turm, in dessen Zimmerchen Anna wohnte. Wie liebte er dieses
-klare, ruhige, natürliche Wesen, gepaart mit so viel Anstand und mit
-so feiner Bildung! Er konnte sich auf nichts Aehnliches besinnen.
-Oft wollten zwar in seiner Erinnerung die Damen der Mark diesem
-Schwabenkind den Vorrang streitig machen. Es deuchte dem jungen Mann,
-er habe elegantere Formen gesehen, gewandter, zierlicher sprechen
-gehört, er rief sich jede einzelne Schönheit, die ihn sonst bezauberte,
-zurück, aber er bekannte, daß es gerade diese Unbefangenheit, diese
-Ruhe sei, was ihm so überraschend, so neu, so liebenswürdig erschien.
-»Sie ist zu verständig, zu ruhig, zu klar, um jemals recht lieben zu
-können,« fuhr er in seinen Gedanken fort, »aber schätzen wird sie mich,
-sie wird Interesse an mir finden. Und gerade diese Klarheit, diese
-Art, über das Leben zu denken, muß ihr andere, bessere Verhältnisse
-längst wünschenswert gemacht haben. Bequeme, elegante Wohnung, eine
-geschmackvolle Garderobe, Wagen, Pferde, Bediente, eine ausgesuchte
-Bibliothek, das sind die Dinge, welche in einem solchen kalten Herzen
-die Liebe ersetzen; so unbefangen sie ist, so weiß sie doch in ihrer
-Unbefangenheit die Dame recht wohl zu spielen, und wirklich -- es muß
-ihr als Frau von Rantow allerliebst stehen!«
-
-Der junge Mann war unter diesen Träumen einer schönen Zukunft auf einer
-Höhe angelangt, wo er einen Teil des reizenden Neckartales überschauen
-konnte. Vorwärts zu seiner Linken gewahrte er eine Waldspitze, die
-weit vorsprang und ihm die Aussicht auf den andern Teil des Tales
-verdeckte. Er verglich sie mit der Lage des Schlosses und fand,
-es müsse dieselbe Bergspitze sein, von welcher gestern jene süßen
-Flötenklänge herübertönten. Von dort aus, hatte ihm Anna gesagt, könne
-man einen weiten, freien Blick über das ganze Tal genießen, und rasch
-beschloß er, nicht erst den Oheim abzuwarten, sondern im Genuß einer
-herrlichen Aussicht auf jener Waldecke seinen Gedanken nachzuhängen.
-Er hatte sich die Richtung gut gemerkt, und nicht lange, so trat er
-auf diesen reizenden Platz heraus. Das Tal schwenkte sich in einem
-schönen Bogen an Thierberg vorüber um diese Bergecke. Rechts und bei
-weitem näher, als Albert gedacht hatte, lag die Burg, durch eine breite
-Waldschlucht von dieser Stelle getrennt. Man konnte mit einem guten
-Fernglas deutlich in die Fenster von Thierberg sehen, und der junge
-Mann ergötzte sich eine Zeitlang an den Zügen des Pastors und seines
-Oheims, die in eifrigem Gespräch an der Fensterbrüstung standen. Auch
-Annas Turmfenster war geöffnet, aber statt ihrer holden Züge sah man
-nur einen kleinen Orangenbaum, den sie an die Sonne gestellt hatte.
-In der Mitte des Tales zog in kleineren Bogen der Neckar hin, viele
-freundliche Halbinseln bildend und in kleiner Entfernung entdeckte
-das Auge des jungen Mannes ein neues Schloß, in dessen Fenstern sich
-die Mittagssonne spiegelte. Es war in gefälligem, italienischem Stil
-aufgebaut, die Säulen und der Balkon, schlank und zierlich, machten
-einen sonderbaren Kontrast mit den dunkeln schweren Mauern des
-Thierbergs zu seiner Rechten, und wie diese Burg auf der Nordseite
-des Gebirges auf einem steilen Waldberg hing, so ruhte jenes schöne
-Lustschloß auf der Südseite gegenüber an einem sanften Rebhügel, dessen
-reinlich und nett angelegten Geländer und Spaliere sich bis an den
-Fluß herabzogen. Albert war in diesen reizenden Anblick versunken und
-dachte nach über diesen Gegensatz, welchen die beiden Schlösser wie
-Bilder der alten und neuen Zeit hervorbrachten, als feste Männertritte
-hinter ihm durch das Gebüsch rauschten und ihn aus seinen Betrachtungen
-weckten. Er wandte sich um und war vielleicht nicht weniger erstaunt
-als der Mann, der jetzt durch die letzten Büsche brach und vor ihm
-stand. -- Es war sein Gefährte vom Eilwagen. Er hatte eine Jagdtasche
-übergeworfen, trug eine Büchse unter dem Arm, und zwei große Windhunde
-stürzten hinter ihm aus dem Gebüsch.
-
-»Wie, ist es möglich?« rief der Jäger und blieb verwunderungsvoll
-stehen; »ich hätte mir noch eher einfallen lassen, hier auf einen Adler
-denn auf Sie zu stoßen!«
-
-»Sie sehen, ich benütze Ihren Rat,« erwiderte der junge Mann, »ich
-durchspüre jeden Winkel Ihres Landes nach schönen Aussichten --«
-
-»Aber wie kommen Sie _hieher_?« fuhr jener fort, indem er ihn
-aufmerksamer betrachtete. »Und Sie sind auch nicht auf der Reise, wie
-ich sehe; haben Sie sich in der Nähe eingemietet?«
-
-Albert deutete lächelnd auf die alte Burg hinüber. »Dort -- und
-gestehen Sie,« sagte er, »ich hätte keinen schöneren Punkt wählen
-können.«
-
-»In Thierberg?« rief der Jäger mit steigendem Erstaunen, indem er auf
-einen Augenblick leicht errötete; »wie, ist es möglich, in Thierberg?
-Oder sind vielleicht gar Thierbergs die Verwandten, die --«
-
-»Die ich in der Stadt besuchen wollte und hier auf ihrem Landsitz traf.
-Ich segne übrigens diesen Geschmack meines Oheims,« setzte Albert
-mit einer Verbeugung hinzu, »da er mich aufs neue in die Nähe meines
-angenehmen Reisegesellschafters führte.«
-
-»So wären Sie vielleicht ein Rantow aus Preußen?« fragte der Jäger aufs
-neue.
-
-»Allerdings,« antwortete der Gefragte. »Aber wie folgern Sie dies? Sind
-Sie vielleicht mit meinem Oheim bekannt?«
-
-»Ich besuche ihn zuweilen,« sagte jener mit einem langen Seitenblick
-auf das alte Schloß, »ich bin gerne dort; doch beinahe hätte ich das
-Glück gehabt, Ihre Bekanntschaft noch früher zu machen; ich reiste vor
-einem Jahr in Ihre Heimat, und auf den Fall, daß mich meine Straße
-über Fehrbellin geführt hätte, war ich mit einem Brief an Ihre Eltern
-versehen, mit einem Brief von Ihrem Oheim selbst. -- Aber habe ich
-zu viel gesagt, wenn ich von den Reizen unseres Neckartales sprach?
-Finden Sie nicht alles hier vereinigt, was man immer für das Auge
-wünschen kann?«
-
-»Ich dachte schon vorhin darüber nach,« versetzte Rantow; »wie
-verschieden ist der Charakter dieser beiden Berge zur Seite des Tales!
-Hier dieser dunkle Wald, mit Schluchten und Felsenrissen, durch welche
-sich Bäche herabgießen, die alte Burg, halb Ruine, auf diese jäh
-abbrechende Wand hinausgerückt. Jenseits die sanften, wellenförmigen
-Rebhügel, mit bläulichroter Erde und dem sanften Grün des Weinstocks.
-Und diese Kontraste durch das liebliche Tal, durch den Fluß vereinigt,
-der bald hierhin, bald dorthin zu den Bergen sich wendet! Wahrhaftig,
-es müßte nichts Angenehmeres sein, als auf einer dieser grünen
-Halbinseln ein einsames Idyllenleben zu führen!«
-
-»Ja,« entgegnete der Jäger lächelnd, »wenn der Fluß nicht in jedem
-Frühjahre austräte und Damon, die Hütte und -- seine Daphne zu
-entführen drohte! Aber waren Sie schon unten im Tal?«
-
-»Noch nicht, und wenn etwa Ihr Weg hinabführt, werde ich Sie gerne
-begleiten.«
-
-Der Jäger lockte seine Hunde und schlug dann einen Seitenpfad ein,
-der in die Tiefe führte. Rantow, der hinter ihm ging, bewunderte den
-schlanken Bau, den kräftigen Schritt und die gewandten Bewegungen des
-jungen Mannes. Er war einigemal versucht zu fragen, wer er sei, wo
-er wohne; aber es lag etwas so Bestimmtes, Ueberwiegendes in seinem
-ganzen Wesen, daß er diese Frage immer wieder auf eine bequemere Zeit
-verschob. Im Tal wandte sich der Jäger stromabwärts; Kinder und Alte,
-die ihnen begegneten, grüßten ihn überall freundlich und zutraulich;
-manche blieben wohl auch stehen und schauten ihm nach. Oft stand er
-stille und machte den Fremden auf jeden schönen Punkt aufmerksam,
-erzählte ihm von der Lebensart der Leute, von ihren Sitten und
-ländlichen Festen.
-
-Der Weg bog jetzt um den Berg, und plötzlich standen sie dem neuen
-Schloß gegenüber, das Albert von der Höhe herab gesehen hatte. »Welch
-herrliches Gebäude!« rief er, »wie malerisch liegt es in diesen
-Weinbergen! Wem gehört dieses Schloß?«
-
-»Meinem Vater,« erwiderte der Jäger freundlich. »Ich denke, Sie setzen
-mit mir über und versuchen den Wein, der auf diesen Hügeln wächst.«
-
-Gerne folgte der junge Mann dieser einfachen Einladung; sie gingen ans
-Ufer, wo der Jäger einen Kahn losband; er ließ seinen Gast einsteigen
-und ruderte ihn leicht und kräftig über den Fluß. Auf reinlichen, mit
-feinem Kies bestreuten Wegen, durch hohe Spaliere von Wein gingen sie
-dem Schloß zu, dessen einfach schöne Formen in der Nähe noch deutlicher
-und angenehmer hervortraten, als aus der Ferne betrachtet. Unter
-dem schattigen Portal, das vier Säulen bildeten, saß ein Mann, der
-aufmerksam in einem Buche las. Als die jungen Männer näher kamen, stand
-er auf und ging ihnen einige Schritte entgegen. Er war groß, aufrecht
-und hager, und etwa zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Ein
-schwarzes, blitzendes Auge, eine kühn gebogene Nase, die dunkelbraune
-Gesichtsfarbe und eine hohe gebietende Stirne, wie seine ganze Haltung,
-gaben ihm etwas Auffallendes, Ueberraschendes. Er trug einen einfachen
-militärischen Oberrock, ein rotes Band im Knopfloch, und noch ehe er
-ihm vorgestellt wurde, wußte der junge Rantow aus diesem allem, daß es
-der General Willi sei, vor welchem er stand. Ihn selbst stellte der
-junge Willi als Vetter der Thierbergs und als seinen Reisegefährten vor.
-
-Der General hatte eine tiefe, aber angenehme Stimme; er antwortete:
-»Mein Sohn hat mir von Ihnen gesagt. Ihre Mutter kenne ich wohl,
-habe sie früher in der Residenz gesehen. Als wir nach Schlesien
-marschierten, wurde ich nach Berlin geschickt; ich blieb vier Wochen
-bei der Feldpost dort und ritt während dieser Zeit mehreremal nach
-Fehrbellin hinüber, Ihre Eltern zu besuchen.«
-
-»Wahrhaftig!« rief der junge Mann; »ich erinnere mich, mehrere
-französische und deutsche Offiziere damals in unserem Haus gesehen
-zu haben; es müßte mich alles täuschen, Herr General, oder ich kann
-mich noch Ihrer erinnern. Ihre Uniform war grün und schwarz, und einen
-großen grünen Busch trugen Sie auf dem Hut. Sie ritten einen großen
-Rappen.«
-
-»Ach ja, die alte Leda!« sagte der General; »sie hat treu ausgehalten
-bis an die Beresina; dort liegt sie zwanzig Schritte von der Brücke
-im Sumpf. Es war ein gutes Tier, und in der Garde nannte man sie ~le
-diable noir~. -- Grüne Büsche, sagen Sie? -- Richtig, ich diente damals
-unter den schwarzen Jägern von Württemberg. Ein braves Korps, bei Gott!
-Wie haben sich diese Leute bei Linz geschlagen!«
-
-»War es damals,« bemerkte Rantow, »als Marschall Vandamme, den Gott
-verdamme, äußerte: ~Ces bougres là se battent comme nous?~«
-
-»Sie haben da eine sonderbare Uebersetzung des Namens Vandamme, doch
--- ach! Sie sind ein Preuße, gut! ich gebe zu, der General Vandamme
-war verhaßt, besonders in der süddeutschen Armee; er wußte es auch
-recht gut; seine Bewunderung über die Bravour jener Soldaten hätte er
-vielleicht artiger, aber nie mit mehr Wahrheit ausdrücken können.«
-
-Sie waren unter diesen Worten bis unter das Portal des Hauses getreten;
-ein Buch lag dort aufgeschlagen, der junge Willi sah es lächelnd an und
-sagte: »Zum sechstenmal, mein Vater?«
-
-»Zum sechstenmal,« erwiderte jener, indem auch durch seine ernsten Züge
-ein leichtes Lächeln ging. »Sie sehen, Herr von Rantow, man zieht oft
-die Kinder nur dazu auf, daß sie ihre Eltern nachher wieder aufziehen.
-So kann er es nicht recht leiden, daß ich gewisse Bücher oft lese; und
-doch ist es ein guter Grundsatz, nicht vielerlei Bücher, aber wenige
-gute öfter zu lesen.«
-
-»Sie haben recht,« erwiderte Rantow, »und darf ich wissen, _welches_
-Buch Sie zum sechstenmal lesen?« Der General bot es ihm schweigend.
-
-»Ah! die schöne Fabel von 1812,« rief Albert, »der Feldzug des Grafen
-Segur! Nun, ein Gedicht wie dieses darf man immer wieder lesen,
-besonders wenn man, wie Sie, den Gegenstand kennen gelernt hat.«
-
-»Sie nennen es Gedicht?« fragte der General. »Da Sie nicht aus
-Erfahrung sprechen können, ist wohl General Gourgaud Ihr Gewährsmann.
-Aber ich kann Ihnen versichern, in diesem Buch ist so furchtbare
-Wahrheit, so traurige Gewißheit, daß man das wenige, was Dichtung
-ist, darüber vergessen kann. Die Figuren in diesem Gemälde leben,
-man sieht ihren schwankenden Marsch über die Eisfelder, man sieht
-brave Kameraden im Schnee verscheiden, man sieht ein Riesenwerk, jene
-große, kampfgeübte Armee, durch die Ungunst des Schicksals in viele
-tausend traurige Trümmer zerschlagen. Aber ich liebe es, unter diesen
-Trümmern zu wandeln, ich liebe es, an jene traurigen, über das Eis
-hinschwankenden Männer mich anzuschließen, denn ich habe ihr Glück und
--- ihr Unglück geteilt.«
-
-»Ich bewundere nur deine Geduld, Vater,« erwiderte der Sohn; »du kannst
-diese französischen Tiraden, die, wenn man sie in nüchternes Deutsch
-auflöst, beinahe lächerlich erscheinen, lesen und immer wieder lesen!
-Ich erinnere mich aus diesem berühmten Buch einer solchen Stelle,
-die im Augenblick das Gefühl besticht, nachher, mich wenigstens,
-lächeln machte. Die Armee hat sich in größter Unordnung hinter Wilna
-zurückgezogen. Die Russen sind auf den Fersen. Eine Zeitlang imponiert
-ihnen noch die Nachhut des Heeres, aber bald löst sich auch diese auf,
-und die ersten der Russen, indem sie einen Hohlweg heraufdringen,
-mischen sich schon mit den letzten der Franzosen. Segur schließt
-seine Periode mit den Worten: ›Ach! Es gibt keine französische Armee
-mehr!‹ -- ›Doch, es gibt noch eine,‹ fährt er fort; ›Ney lebt noch; er
-reißt dem Nächsten das Gewehr aus der Hand,‹ u. s. w. Kurz, der edle
-Marschall tut in übertriebenem Eifer noch einige Schüsse auf den Feind
-und repräsentiert gleichsam in sich selbst die halbe Million Soldaten,
-die Napoleon gegen Rußland ins Feld führte. Ist dies nicht mehr als
-dichterisch, ist dies nicht lächerlich überstiegen?«
-
-»Ich erinnere mich noch recht wohl jenes Moments, und so grausam unser
-Schicksal, so gedrängt unser Rückzug war, so ließ er uns doch einige
-Augenblicke frei, diesem Krieger und seiner wahrhaft antiken Größe
-unsere Bewunderung zu zollen. Wenn du bedenkst, wie es von großer
-Wichtigkeit war, daß er mit wenigen Tapfern jenes Defilee eine Zeitlang
-gegen den Feind behauptete, daß er und die Seinen allerdings in diesem
-Augenblick noch die einzigen wirklichen Kombattanten waren, die den
-Russen die Spitze boten, so wird dich jener Ausdruck weniger befremden;
-ich wenigstens danke es Segur, daß er auch jenem erhabenen Moment einen
-Denkstein setzte.«
-
-»Also ist jene Szene wahr?« fragte Rantow.
-
-»Gewiß! Und eine schöne großartige Idee liegt darin, daß man weiß, wer
-von der großen Armee zuletzt gegen die Russen schlug, daß es Ney war,
-welchen jener hohe Ruhm, der ihm sogar aus diesem Rückzug sproßte, die
-Handgriffe des gemeinen Soldaten nicht vergessen ließ. Er war, wie
-Hannibal, der letzte beim Rückzug.«
-
-»Was sagen Sie aber über jenen, welcher der erste in der Armee und der
-erste beim Rückzuge war?« bemerkte Rantow. »Ich glaube, zwanzig Jahre
-früher hätte er jeden Schritt mit seinen Garden verteidigt --«
-
-»Und zwanzig Jahre später vielleicht auch,« fiel ihm der General ins
-Wort, »und wäre vielleicht als Greis eines schönen Todes mit seinen
-Garden gestorben. Anno 13, werden Sie aber wohl wissen, war er Kaiser
-eines Landes, von welchem er, ohne Nachricht, ohne Hilfe, auf so viele
-hundert Meilen getrennt war. Was hielt ihn bei der Armee, nachdem unser
-Unglück entschieden war? Glauben Sie nicht, daß er etwas Aehnliches,
-wie den Abfall Ihres York, geahnt hat! Mußte er nicht in Frankreich
-frische Mannschaft holen?«
-
-»Warum zog er gegen Asien zu Feld, der neue Alexander,« sagte Rantow
-spöttisch lächelnd, »wenn er ahnte, daß das Preußenvolk in seinem
-Rücken nur darauf laure, ihm den Todesstreich zu geben? War dies die
-gerühmte Klugheit des ersten Mannes des Jahrhunderts?«
-
-»Glauben Sie, junger Mann,« erwiderte der General, »der Kaiser war
-erhaben über einen solchen Verdacht. Er wußte, daß Ihr König ein Mann
-von Ehre sei, der ihn im Rücken nicht überfallen werde; er wußte auch,
-daß Preußen zu klug sei, um ~à la~ Don Quichotte die große Armee allein
-anzugreifen.«
-
-»Preußen war ihm nichts schuldig,« rief der junge Mann errötend; »man
-weiß, wie Bonaparte selbst seine Friedensbündnisse gehalten hat; man
-war nicht schuldig, zu warten, bis es dem großen Mann gefällig sei,
-die Kriegserklärung anzunehmen. Der Gefesselte hat das Recht, in jedem
-günstigen Augenblick seine Fesseln zu zerreißen, und sollte er auch
-_den_ damit zertrümmern müssen, der sie ihm anlegte.«
-
-»Nun, Vater,« setzte der junge Willi hinzu, »das ist es ja, was ich
-schon lange sagte, wenn ich den Aufstand des ganzen Deutschlands in
-Schutz nahm. Wer gab den Franzosen das Recht, uns in Ketten und Bande
-zu schlagen? Unsere Torheit und ihre Macht! Wer gab uns das Recht,
-ihnen das Schwert zu entwinden und die Spitze gegen sie selbst zu
-wenden? _Ihre_ Torheit und unsere _Macht_.«
-
-»Ich gebe zu,« antwortete der General mit Ruhe, »daß man im Volk,
-vielleicht auch unter Politikern, also spricht und sprechen darf.
-Niemals aber darf der Soldat diese Sprache führen, um eine schlechte
-Tat zu beschönigen. Es gibt manche glänzende Verrätereien in der
-Geschichte; die Zeiten, wo sie begangen wurden, waren vielleicht mit
-der Gegenwart so sehr beschäftigt, daß man die Verräter gepriesen hat;
-aber die Nachwelt, welche die Gegenstände in hellerem Lichte sieht,
-hat immer gerecht gerichtet und manchen glänzenden Namen ins schwarze
-Register geschrieben. Auch die Sache des Kaisers wird die Nachwelt
-führen. So viel ist aber gewiß, daß zu allen Zeiten, wo es Soldaten
-gibt, einer, der seine Fahne verläßt, immer für einen Schurken gelten
-wird.«
-
-»Ich gebe dies zu,« erwiderte Rantow, »nur sehe ich nicht ein, wie
-dies den übereilten Zug nach Rußland entschuldigen könnte.«
-
-»Meinen Sie denn, der Zustand Preußens sei uns so unbekannt gewesen?«
-fragte der General; »man wußte so ziemlich, wie es dort aussah. Ich
-war von Mainz bis Smolensk im Gefolge des Kaisers und namentlich in
-deutschen Provinzen oft an seiner Seite, weil ich die Gegenden kannte,
-und manchmal in seinem Namen Fragen an die Einwohner tun mußte. In
-den preußischen Stammprovinzen fiel ihm und uns allen die Haltung
-und das Ansehen der jungen Leute auf. Das ganze Land schien von
-Beurlaubten angefüllt, und doch waren es immer nur die jungen Männer,
-die hier geboren und erzogen waren. Die Haare waren ihnen militärisch
-verschnitten, ihre Haltung war aufgerichtet, geregelt; sie standen
-selten wie faule, müßige Gaffer da, wenn der Kaiser und sein Gefolge
-vorüberzog. Nein, sie machten Front, wenn sie ihn sahen, die Füße
-standen eingewurzelt, der linke Arm straff angezogen und an die Seite
-gedrückt, das Auge hatte die regelrechte Richtung, und die rechte Hand
-machte ihren Soldatengruß. Es waren dies keine Bauernbursche mehr,
-sondern Soldaten, und der Kaiser wußte wenigstens, daß nicht die ganze
-preußische Armee mit ihm ziehe.«
-
-»Er ließ einen gefährlichen, beleidigten Feind in seinem Rücken,«
-bemerkte Rantow.
-
-»Ein gefährlicher Feind, Herr von Rantow, ist etwa eine beleidigte
-Schlange, aber nicht eine Armee, nicht Männer von Ehrgefühl. Das
-preußische Heer hatte sich mit der großen Armee vereinigt, und sobald
-dies geschehen war, stand sie unter dem Oberbefehl des ersten Kriegers
-dieser Armee; in dieser Eigenschaft hatten wir weder von ihnen noch von
-den Zurückgebliebenen etwas zu fürchten; die Untergebenen band ihr Eid
-an ihre Fahnen, und die Generale, die Repräsentanten dieser Fahnen,
-band ihre Ehre. Wenn Sie die Sache aus diesem natürlichen Gesichtspunkt
-betrachten wollen, so werden Sie am Betragen des Kaisers bei Beginn
-jenes unglücklichen Feldzuges nichts Uebereiltes oder Unkluges finden.«
-
-»Das preußische Heer, das gezwungen mit ausrückte,« erwiderte der
-junge Mann, »gehörte nicht diesem Kaiser der Franzosen, sondern seinem
-rechtmäßigen König, und in demselben Augenblick, als dieser sie ihrer
-Pflichten gegen jenen ersten Krieger entband --«
-
-»Konnten sie gegen uns selbst die Waffen richten,« fiel der General
-ein; »da haben Sie vollkommen recht; sie konnten ihre Karrees bilden,
-uns den Gehorsam weigern und, im Fall des Zwanges, Feuer auf unsere
-Kolonnen geben, sie konnten sich im Angesicht der Armee mit den Russen
-vereinigen, sie durften dies alles tun --«
-
-»Nun ja -- das war es ja eben, was ich meinte. --«
-
-»Nein, Herr! Das war es _nicht_,« fuhr jener eifrig fort. »Nur erst,
-verstehen Sie wohl, _nur dann erst_, wann ihr König sie ihres Eides
-entband, konnten sie den Gehorsam verweigern, sie _mußten_ es sogar,
-auch auf die Gefahr hin, zu Grunde zu gehen. Solange dies nicht der
-Fall war, handelten sie, wenn sie feindlich auftraten, als Verräter an
-ihrer Ehre und sogar an ihrem König; denn die Ehre des Königs, der die
-Befehlshaber gewählt hatte, bürgte gleichsam für ihr Betragen.«
-
-»Nun, wenn ich auch dies von den Befehlshabern zugebe,« erwiderte
-Rantow, »so hat wenigstens die Armee immerhin ihre Pflicht getan.«
-
-»In diesem Fall nimmermehr!« rief der General; »wenn der Chef keinen
-Befehl seines Herrn vorweisen kann, um seine Schritte zu entschuldigen,
-und dennoch seine Schuldigkeit nicht tut oder sogar zum Verräter wird,
-und zum Verräter nicht für sich allein, sondern mit einem ganzen Korps,
-so hat jeder Offizier, jeder Soldat hat das Recht, ihn vor der Front
-vom Pferd zu schießen!«
-
-»Ei, Vater!« rief der junge Willi.
-
-»Mein Gott, dies denn doch nicht,« rief zugleich der Fremde; »einen
-General ~en chef~ vom Pferd zu schießen!«
-
-»Und wenn man es unterlassen hat,« fuhr jener mit blitzenden Augen
-fort, »so hat man seine Pflicht versäumt. Aber ich kenne noch recht
-wohl jene schändliche Zeit und die Motive, die damals die Handlungen
-der Menschen lenkten; Wölfe und Tiger waren sie geworden, die
-menschliche Natur hatte man ausgezogen, Treue, Ehre, Glauben, alles
-verloren, und für Heroismus galt damals, was sonst für eine Schandtat
-gegolten hätte!«
-
-»Nun, etwas Herrliches und Erhabenes, was sich damals offenbarte,
-werden Sie doch nicht leugnen können,« sprach der Märker; »der
-allgemeine Enthusiasmus, womit das ganze Volk aufstand, war doch
-wirklich erhaben, ergreifend!«
-
-»Das ganze Volk? -- aufstand?« rief der General bitter lachend; »da
-müßte Deutschland erst auferstehen, ehe die Deutschen aufstünden. Es
-war bei manchem ein schöner, aber unkluger Eifer, bei einigen Haß,
-bei vielen Uebermut, bei den meisten war es Sache der Mode; und
-Sie vergessen, daß Oesterreich, Bayern, Württemberg, daß Schwaben
-und Franken nicht, was Sie sagen, aufstanden und denn doch auch zu
-Deutschland gehörten. Und Ihre Enthusiasten selbst! Vor diesen wären
-wir gewiß nie aus Sachsen gewichen!«
-
-»Wenn es ihnen auch an jenen gerühmten Eigenschaften eines alten,
-gedienten Soldaten gebrach, wahrhaftig, ihr Wille war schön, ihre Taten
-groß, und ihre Einheit, ihre Aufopferung ersetzte vieles --«
-
-»Einheit? Aufopferung? Wir nahmen, es war schon auf französischem
-Boden, einmal ein solches Individuum gefangen. Es war ein junger,
-schön geputzter Mann. Der Kaiser hatte von diesen Volontärs sprechen
-gehört, man hatte ihm ihre Kleidung, ihre Haltung überaus komisch
-beschrieben; er ließ daher den Gefangenen vortreten. Als dieser den
-Kaiser erblickte, geriet er in augenscheinliche Verwirrung, dachte
-nicht mehr daran, daß er selbst Soldat geworden sei und gegen den
-größten Krieger zu Felde ziehe, sondern er nahm seinen Tschako am
-Schild, riß ihn nach gewöhnlicher, bürgerlicher Weise vom Kopf, daß
-der schöne Federbusch elendiglich in den Kot hing, und kratzte mit dem
-Fuß hintenaus. Der Kaiser ließ ihn durch mich fragen, ob er unter den
-deutschen Freiwilligen diene? Jener aber verbeugte sich noch einmal und
-sagte: ›Ich bin vom Frankfurter Korps der Rache.‹ Der Kaiser konnte ein
-Lächeln nicht unterdrücken, und als er weiter ritt, wandte er sich noch
-einmal um. Der Sohn der Rache stand noch immer ganz verblüfft unter
-einem Haufen von Franzosen, und jetzt erst schien er aus dem Traum zu
-erwachen, er mochte sich auf die schöne _Zeil_ zurückwünschen. Der arme
-Teufel sah aus, als wäre er ein Volontaire ~malgré lui~, als hätte er
-nur seinem Schatz zu Gefallen sich in dem Korps der Rache einschreiben
-lassen. Und dieser Rächer kehrte nicht mehr hinter den Ladentisch
-seines Vaters heim. Ich sah ihn sechs Tage nachher ohne Beine, sterbend
-wieder, seine eigenen Landsleute hatten ihn in unseren Reihen getötet.
-Und von solchen Menschen verlangen Sie Einheit, Aufopferung?«
-
-Der Preuße hatte dem General unmutig zugehört; es kam ihm vor, als
-liege in den Zügen dieses Mannes Spott und Verachtung einer Sache,
-die er immer als etwas Ungeheures, Welthistorisches, Großartiges zu
-betrachten gewöhnt gewesen war. Der junge Willi sah diese unangenehmen
-Gefühle, die mit der Ehrfurcht vor dem General in Rantows Brust zu
-kämpfen schienen. Er nahm daher schnell das Wort und sagte: »Du warst
-damals auf feindlicher Partei, lieber Vater, du sahst alles in einem
-andern Lichte, und ich zweifle, ob nicht eure jungen Konskribierten
-sich auf ähnliche Weise benommen hätten. Aber wahr bleibt es immer
-und jedem unbefangenen Auge noch jetzt sichtbar, daß damals ein
-erhabener, ungewöhnlicher Geist unter dem Volke, hauptsächlich im
-Norden, wehte; die Mittelstände vorzüglich haben gezeigt, daß sie einer
-bewunderungswürdigen Kraftäußerung fähig seien, und darauf, so schlecht
-auch die Zeiten sind, kann man noch immer einige Hoffnung gründen.«
-
-Rantow sah den jungen Mann bei den letzten Worten befremdet an, als
-wüßte er sich diesen Satz nicht zu erklären; doch erfreut, seine
-eigenen Gesinnungen wiederholt zu hören, wandte er sich wieder an den
-General. »Er hat recht,« sagte er, »auf feindlicher Seite konnten Sie
-das rührende Bild dieser Aufopferung nicht so genau kennen lernen.
-Aber die großen Worte unserer Redner, die feurigen, aufrufenden Lieder
-unserer Sänger, die begeisternde Aufopferung unserer Frauen, sie
-gaben, verbunden mit dem Mut, der frommen Kraft und der gottgeweihten
-Hingebung unserer Jünglinge und Männer, Szenen, die ebenso erhaben als
-unvergeßlich sind.«
-
-»Und wofür denn dieses alles?« fragte der alte Soldat. »Wozu so große
-Aufopferungen, was hat man damit erreicht und errungen? Ließ sich dies
-alles nicht voraussehen?«
-
-»Und was haben denn Sie, Herr General, auf jener Seite erreicht und
-errungen? Das ist einmal das Schicksal alles menschlichen Lebens und
-Treibens, daß man kämpft, sich hingibt, aufopfert, um am Ende nichts
-oder wenig zu erreichen. Zwanzig Jahre haben Sie jenem Mann geweiht,
-jenem Eigensüchtigen, der nur sich und immer nur sich bedachte.
-Jetzt liegt er auf einem öden Felsen, seine Genossen sind zerstreut,
-aufgerieben -- was, was haben denn Sie gewonnen?«
-
-»Ein Endchen rotes Band und die Erinnerung,« antwortete er lächelnd,
-indem er mit einer Träne im Auge auf seine Brust herabsah. Es lag etwas
-so Ergreifendes, Erhabenes in dem Wesen des Mannes, als er diese Worte
-sprach, daß Rantow, errötend, als hätte er eine Torheit gesagt, seine
-Augen von ihm abwandte und betreten den Sohn ansah. Doch dieser schien
-nicht auf das Gespräch zu merken, er blickte unverwandt und eifrig
-auf ein kleines Gebüsch am Fluß, von welchem man eben das Plätschern
-eines Ruders vernahm; jetzt teilten sich die Zweige der Weiden, und ein
-schöner Mädchenkopf bog sich lächelnd daraus hervor.
-
-
-7.
-
-»Unsere schöne Nachbarin!« rief der General freundlich und eilte auf
-sie zu, ihr die Hand zu bieten; die jungen Männer folgten, und mittels
-seiner trefflichen Lorgnette entdeckte Rantow zu seinem nicht geringen
-Vergnügen, daß es Anna sei, die hier so plötzlich, gleich einer Najade,
-aus dem Fluß auftauchte. Der General küßte sie auf die Stirne und bot
-ihr dann den Arm, sie grüßte seinen Sohn kurz und freundlich, fragte
-flüchtig nach des Generals Schwester und verweilte dann mit einem
-Ausdruck der Verwunderung auf ihrem Gast. »Du hier, Vetter Albert?«
-rief sie, indem sie ihm die Hand bot. »Nun das muß ich gestehen, für so
-klug hätte ich dich nicht gehalten, deinen schönen Verstand in Ehren,
-daß du sogleich die angenehmste Gesellschaft in der ganzen Gegend
-auffinden würdest; welcher Zauberer hat dich denn hieher gebracht?«
-
-»Mein Sohn,« sagte der General, »hatte das Glück, Ihren Vetter auf
-seiner kleinen Reise kennen zu lernen, und fand ihn jenseits in Ihrem
-Forst --«
-
-»Und lud mich ein, ihn hieher zu begleiten,« fuhr Rantow fort, »wo
-ich schon wieder wie gestern das Unglück hatte, zu streiten und immer
-heftiger zu widersprechen. Du lächelst, Anna? Aber es ist, als brächte
-es hier das Klima so mit sich; zu Hause bin ich der friedfertigste Kerl
-von der Welt, habe vielleicht in zwei Jahren nicht so viel disputiert
-als hier in zwei Tagen, und wie käme ich vollends mit Herren, wie der
-Herr General oder mein Onkel, in Streit?«
-
-»Ist es möglich?« fragte der General, »mit Herrn von Thierberg, mit
-Ihrem Vater, Aennchen, kommt er in Streit? Ich dachte doch, da Sie mit
-mir in politischen Ansichten so gar nicht übereinstimmen, Sie müßten
-von Ihres Oheims Grundsätzen eingenommen sein.«
-
-»Nun, so ganz unmöglich ist eine dritte oder vierte Meinung doch
-nicht,« bemerkte der junge Willi lächelnd; »ich bin gewiß nicht von
-Ihrem politischen Glaubensbekenntnis und glaube, daß sich mit der Welt
-jetzt etwas machen ließe, wenn _Ihr_ nicht fünfzehn Jahre früher mit
-Feuer und Schwert reformiert und die Menschen eingeschüchtert hättet;
-aber mit Herrn von Thierberg lebe ich deswegen doch in ewigem Kampf,
-und wir beide haben unsere gegenseitige Bekehrung längst aufgegeben.«
-
-»Demagogen streiten gegen alle Welt,« erwiderte ihm Anna lächelnd und
-doch, wie es schien, ein wenig unmutig. »Sie sind ein Inkurabel in
-diesem Spital der Menschheit; haben Sie je gehört, daß ein solcher
-politischer Ritter von la Mancha, solch ein irrender Weltverbesserer,
-von Grund aus kuriert worden wäre?«
-
-»Ich sehe, Sie wollen den Krieg auf _mein_ Land spielen,« sagte
-Robert, »Sie wollen, wie immer, meine Ansichten zur Zielscheibe Ihres
-liebenswürdigen Witzes machen, und doch soll es Ihnen nicht gelingen,
-mich aus der Fassung zu bringen, heute wenigstens gewiß nicht. Sie
-kennen wohl die schönen Eigenschaften Ihrer Fräulein Cousine noch nicht
-ganz, Rantow? Nehmen Sie sich um Gottes willen in acht, ihr zu trauen!«
-
-»Freund,« entgegnete Rantow, »in diesem Süddeutschland finde ich mich
-selbst nicht mehr; es ist alles ganz anders, man denkt, man spricht
-anders, als ich gewöhnt bin, und so mag ich mir selbst kein Urteil mehr
-zutrauen, am wenigsten über Anna.«
-
-»General!« rief Anna, »Sie führen nachher hoffentlich meine
-Verteidigung gegen Ihren Herrn Sohn?«
-
-»Nun merken Sie auf, Rantow!« sprach der junge Willi; »daß dieses
-Fräulein die schönste im ganzen Neckartal, von Heidelberg bis Tübingen,
-ist, behaupten nicht nur alle reisenden Studenten, sondern auch sie
-selbst weiß es nur allzugut und hat sich ganz danach eingerichtet; sie
-ist aber dabei so spröde wie Leandra im eben angeführten Don Quichotte.
-Nach ihren politischen Ansichten, denn sie ist gewaltig politisch,
-ist sie ein Amphibion. Sie hält es bald mit dem Alten, bald mit der
-neuen Zeit. Sie ist gewaltig stolz, daß sie vierundsechzig Ahnen hat,
-auf ihrem Stammschloß lebt, und daß schon Anno 950 ein Thierberg
-einen Acker gekauft hat. Auf der andern Seite ist sie durch und durch
-napoleonisch. Sie hat den ersten Lügner seiner Zeit, den Moniteur,
-öfter gelesen als die Bibel, trägt ein Stückchen Zeug, das Montholon
-meinem Vater schickte, und das angeblich von Napoleons letztem Lager
-stammt, in einem Ring, singt nichts als kaiserliche Lieder von Beranger
-und Delavigne, und kurz -- sie liebt eben jenen Mann mit Enthusiasmus,
-der den Glanz ihrer vierundsechzig Ahnen in den Staub geworfen hat.«
-
-»Sind Sie nun zu Ende?« fragte Anna, ruhig lächelnd, indem sie ihren
-Ring an die Lippen zog. »Weißt du aber auch, Vetter, daß er den
-ärgsten Anklagepunkt, das schwärzeste Verbrechen in seinen Augen,
-aus Edelmut verschwiegen hat? Nämlich das, daß ich kein sogenanntes
-deutsches Mädchen bin, daß ich nicht jetzt schon in meinem Kämmerlein
-mich im Spinnen übe, wie es einer deutschen Maid frommt, und keine
-Lorbeerkränze für die Stirne der künftigen Sieger flechte. Weißt du
-denn auch, wer dieser Herr ist? Das ist ein Glied eines ungeheuren,
-unsichtbaren Bundes, der nächstens das Oberste zu unterst kehren wird;
-nun, bei euch soll es ja noch mehrere solcher Staatsmänner geben.
-Aber, Herr von Willi, wie ist mir doch, ist es denn wahr, was man mir
-letzthin erzählte, daß unter euren geheimen Gesetzen eines ausdrücklich
-gegen junge Damen von Adel gerichtet sei und also laute: ›Wenn ein
-biderber deutscher Ritter um eine Jungfrau freit, die ehemals der
-adeligen Kaste angehörte, und solche aus törichtem Hochmut ihre Hand
-versagt, soll ihr Name öffentlich bekannt gemacht und sie selbst für
-wahnsinnig erklärt werden.‹«
-
-Das Pathos, womit Anna diese Worte vorbrachte, war so komisch, daß der
-General und Rantow unwillkürlich in Lachen ausbrachen; der junge Willi
-aber errötete, und unmutig entgegnete er: »Wie mögen Sie sich nur immer
-über Dinge lustig machen, die Ihnen so ferne liegen, daß Sie auch nicht
-das geringste davon fühlen können? Ich gebe zu, daß es Ihnen in Ihrem
-Stande, in Ihren Verhältnissen recht angenehm und behaglich scheinen
-mag, weil Sie freiere Formen und natürlichere Sitten nicht kennen,
-keine Ahnung davon haben. Warum aber mit Spott Gefühle verfolgen, die
-wenigstens in Männerbrust mächtig und erhaben wirken und zu allem
-Schönen und Guten begeistern?«
-
-»Wie ungezogen!« erwiderte Anna. »Sie haben mit Spott begonnen und
-meine Ahnen und den Kaiser der Franzosen schlecht behandelt, und nehmen
-es nun empfindlich auf, wenn man über die Herren Demagogen und ihre
-Träume scherzt! Wahrlich, wenn nicht Ihr Vater ein so getreuer Mann und
-mein getreuester Anhänger wäre, Sie sollten es entgelten müssen. Doch
-zur Strafe will ich Sie über das Gedicht examinieren, das Sie mir für
-meinen Vater versprochen haben.« Sie nahm bei diesen Worten Roberts Arm
-und ging mit ihm den Baumgang hin, und Albert Rantow hätte in diesem
-Augenblick viel darum gegeben, an der Stelle des jungen Willi neben ihr
-gehen zu dürfen, denn nie hatte ihm ihr Auge so schön, ihre Stimme so
-klangvoll und rührend gedeucht als in diesem Augenblick.
-
-»Sie ist ein sonderbares, aber treffliches Kind,« sagte der General,
-indem er ihr lächelnd nachblickte. »Wenn sie ihm doch alle seine
-Schwärmereien aus dem Kopfe reden könnte! Aber so wird er nie
-glücklich werden; denken Sie, Rantow! er hat oft Stunden, wo es ihm
-lächerlich, ja töricht erscheint, daß er in meinem bequemen Schloß
-wohnt und Nachbar Görge und Michel, die doch auch ›deutsche Männer‹
-sind, nur mit einer schlechten Hütte sich begnügen müssen. Das ist eine
-sonderbare Jugend, das nennen sie jetzt Freiheitssinn! Und doch ist er
-sonst ein so wackerer und vernünftiger Junge.«
-
-»Ein liebenswürdiger, trefflicher Mensch,« bemerkte Albert, indem er
-oft unruhige Blicke nach jenen Bäumen streifen ließ, unter welchen
-Willi und Anna wandelten; »ich darf Ihnen sagen, daß ich über seine
-Gewandtheit, über die feinen gesellschaftlichen Formen staunte, die er
-so unbefangen entwickelt, er muß viel und lange in guten Zirkeln gelebt
-haben; und dennoch so sonderbare, spießbürgerliche Pläne!«
-
-»Er war in London, Paris und Rom,« sagte der General gleichgültig, »und
-er lebte dort unter meinen Freunden. Ich glaube, Lafayette und Foy
-haben mir ihn verzogen.«
-
-»Wie! Lafayette, Foy, hat er diese gesehen?« fragte Rantow staunend.
-
-»Er war täglich in der Umgebung beider Männer, und sie fanden an
-dem Jungen mehr, als ich erwarten konnte. Da hörte er nun die
-Amerikaner und die Herren von der linken Seite; und weil er manche der
-exaltiertesten Schreier als meine alten Freunde kannte, glaubte er in
-seinem jugendlichen Eifer, es müsse alles wahr sein, was sie schwatzen,
-und fand sich am Ende geschickt, selbst mit zu reformieren. Da ist er
-nun mit allen unruhigen Köpfen in diesem ruhigen Deutschland bekannt.
-Keine Woche vergeht, ohne daß sie einen jener deutschen Radikalreformer
-mit langen Haaren, Stutzbärtchen, Beilstöcken und sonderbaren Röcken in
-meinen Hof bringt; sie nennen ihn Bruder und sind so wunderliche Leute,
-daß sie alle Briefe an meinen Robert mit einem ›Deutschen Gruß zuvor‹
-anfangen.«
-
-»Ich kenne diese Leute,« bemerkte Albert mit wegwerfender Miene; »sie
-zeigen sich auch bei uns zu Hause. Aber wie kann nur ein Mann von
-so glänzenden Anlagen für ein anständigeres Leben und für die gute
-Gesellschaft wie Robert, mit so gemeinen Menschen umgehen, die im
-Bier ihr höchstes Glück finden, rauchend durch die Straßen gehen, in
-gemeinen Schenken umherliegen und alles Noble, Feine gering achten?«
-
-»_Gemein_, lieber Herr von Rantow, habe ich sie noch nie gefunden,«
-erwiderte der General lächelnd, »was ich unter gemein verstehe; daß
-sie rauchen, macht sie höchstens für einen Nichtraucher unangenehm,
-daß sie Bier trinken, geschieht wohl aus Armut, denn meinen Wein haben
-sie nicht verachtet, und von der ~bonne société~ denken sie gerade wie
-ich; sie langweilen sich dort und finden das Steife gezwungen und das
-Gezierte lächerlich. Sonst fand ich sie unterrichtet, vernünftig, und
-nur in ihrer Kleidung und in ihren Träumereien dachte ich mit Anna an
-Don Quichotte und fand es komisch, daß sie sich berufen glauben, die
-Welt zu erlösen von allem Uebel.«
-
-Der junge Mann verbeugte sich stillschweigend gegen den General, als
-wolle er ihm dadurch seinen Beifall zu erkennen geben; bei sich selbst
-aber dachte er: Ich lasse mich aufknüpfen, wenn er nicht selbst raucht
-und lieber Stettiner und Josty als Franzwein trinkt; doch einem alten
-Soldaten kann man es verzeihen, wenn er roh und unhöflich ist. Er sah
-sich zugleich wieder nach Anna um; das Gespräch schien von beiden
-Seiten mit großem Interesse geführt zu werden, die Gegenwart des
-Generals verhinderte ihn, von seiner Lorgnette Gebrauch zu machen, und
-doch war sie ihm nie so nötig gewesen als in diesem Augenblick, denn er
-glaubte gesehen zu haben, wie der junge Willi Annas Hand ergriff und --
-an seine Lippen führte. Der General mochte die Unruhe und Zerstreuung
-des jungen Mannes bemerken; er ging mit Rantow dem Baumgang zu, und
-als Anna sie herankommen sah, ging sie ihnen mit Willi entgegen. Des
-Generals Schwester, eine würdige Dame, welcher Annas Besuch galt,
-kam in diesem Augenblick herzu, und da in ihrer Gegenwart nichts
-Politisches, das zum Streit führen konnte, abgehandelt werden durfte,
-so zog es die Gesellschaft vor, ihrer Einladung zu folgen und unter
-der Halle des Schlosses den Wein des Generals und die schönen Früchte
-seiner Gärten zu kosten. Man beschloß, daß der General und sein Sohn
-morgen den Besuch auf Thierberg erwidern sollten, und so schieden die
-beiden Willi, als ihre Gäste in den Kahn stiegen, mit Ehrfurcht von
-Anna, mit der Herzlichkeit alter Freunde von Rantow.
-
-
-8.
-
-Der Gast aus der Mark, obgleich er in jedem Damenkreis seiner Heimat
-mit jener Sicherheit aufgetreten war, welche man sich durch Erziehung
-und gehöriges Selbstvertrauen erwirbt, obgleich er sich in Berlin
-manches schwierigen Sieges hatte rühmen können, fühlte sich doch nie
-in seinem Leben so befangen als an jenem Abend, wo er mit Anna am
-Neckar hin nach Thierberg zurückkehrte. Tausend Zweifel plagten und
-quälten ihn, und jetzt erst, als ihm der letzte Blick, den Anna dem
-jungen Willi zugeworfen hatte, zu feurig für bloße Achtung, zu zögernd
-für gute Nachbarschaft geschienen hatte, jetzt erst fühlte er, wie
-mächtig schon in ihm die Neigung zu seiner schönen Base geworden sei.
-Zwar, wenn er seine eigene Gestalt, sein ausdrucksvolles Gesicht, sein
-sprechendes Auge, seine gewählte und reiche Sprache, seine eleganten
-Formen, die Sicherheit und Gewandtheit seines Geistes, kurz, wenn er
-alle seine Vorzüge mit Robert Willis Eigenschaften maß, so glaubte er
-sich doch ohne Anmaßung trösten zu können; fehlte doch jenem wenn er
-sich auch gut auszudrücken vermochte, jener unnachahmliche Tonfall
-der Sprache, fehlte ihm, wenn man ihm auch Anstand und Würde nicht
-streitig machen konnte, jene letzte Vollendung und Feinheit eines
-modischen Wundervogels (~Incroyabilis, _Linn_~), jenes unnachahmliche
-Genie des Geschmackes, das angeboren sein muß; es fehlte ihm, so
-schloß der Berliner mit heimlichem Lächeln bei sich selbst, jenes ~Je
-ne sais quoi~, das den Geschöpfen Gottes das Siegel der Veredlung und
-Vollendung aufdrückt und auch den gewöhnlichsten Menschen zu einem
-~homme comme il faut~ macht! Aber Anna ist hier auf dem Lande, ist in
-Schwaben aufgewachsen, fuhr er fort, sie könnte, ehe sie mich sah, mit
-Robert Willi -- »Anna, eine Frage,« sprach er ängstlich zu ihr, nachdem
-sie eine geraume Weile still fortgewandelt waren, »und nimm doch diese
-Frage nicht übel auf! Liebst du diesen jungen Willi? Stehst du mit ihm
-in einem Verhältnis?«
-
-Das Fräulein von Thierberg errötete leicht über diese Frage, und diese
-Röte konnte ebensogut der Frage als dem Gegenstand gelten, den er
-berührte. »Wie kommst du auf diesen Einfall, Vetter?« erwiderte sie.
-»Und meinst du denn, wenn ich auch das Unglück haben sollte, diesen
-Willi zu lieben, was mir übrigens noch nie in den Sinn kam, ich würde
-etwa dich zum Vertrauten in meinen Herzensangelegenheiten wählen, weil
-ich dich schon seit zwei Tagen kenne? Mein Gott, Vetter,« setzte sie
-schalkhaft lächelnd hinzu, »was seid ihr doch für närrische Leute in
-Preußen!«
-
-»Ich will mich durchaus nicht in dein Geheimnis drängen, hochedle und
-gestrenge Dame,« sagte er, »aber meinst du denn, dein langes und, wie
-es schien, interessantes Gespräch mit ihm sollte mir nicht aufgefallen
-sein? Meinst du, ich glaube, ihr habt nur von Versen gesprochen?«
-
-»Wenn ich nun sagte, wir _haben_ nur von Versen gesprochen,« entgegnete
-sie eifrig, »so _müßtest_ du es doch glauben. Leuten, die gerne Arges
-denken, fällt alles auf. Diesmal übrigens hat sich dein Scharfsinn
-nicht betrogen; das übrige Gespräch drehte sich auch noch um etwas
-anderes als Verse, um ein Geheimnis, ein gar wichtiges Geheimnis.«
-
-»Also doch?« rief der junge Mann, mit ungläubiger Miene. »Siehst du,
-also doch?«
-
-»Doch,« antwortete sie lächelnd, »und weil du so artig bist, will ich
-dich auch mit ins Geheimnis ziehen, vielleicht kannst du behilflich
-sein; er riet mir selbst, es dir zu entdecken.«
-
-»Wie?« entgegnete er bitter. »Meinst du, ich sei nur deshalb nach
-Schwaben gekommen, um Herrn von Willis Liebesboten an meine Base zu
-machen? Da kennst du mich wahrhaftig schlecht; eher sage ich deinem
-Vater die ganze Geschichte, und ich glaube nicht, daß er sich einen
-solchen Tugendbündler, einen solchen Weltverbesserer und Demagogen zum
-Schwiegersohn wählen wird.«
-
-Anna war verwundert stehen geblieben, als sie diesen heftigen Ausbruch
-seiner Leidenschaft vernahm. »Habe die Gnade und höre zuvor, um was
-man dich bitten wird,« sagte sie, und wie es schien, nicht ohne
-Empfindlichkeit; »soviel weiß ich aber, daß, wäre ich ein junger Herr
-und überdies ein Berliner, ich mich gegen Damen ganz anders betragen
-würde.« Bestürzt wollte Albert etwas zur Entschuldigung erwidern, aber
-mit freundlicherer Miene und gütigeren Blicken fuhr sie fort: »Du
-weißt und hast es heute selbst gehört, wie sehr der General seinen
-Napoleon liebt und verehrt. Nun ist nächstens sein Geburtstag, der
-zufällig auf einen berühmten Schlachttag des Kaisers fällt, und da
-will ihn sein Sohn mit etwas Napoleonischem erfreuen. Er hat sich
-durch einen Bekannten in Berlin eine Kopie jenes berühmten Bildes von
-David verschafft, das Bonaparte zu Pferde noch als Konsul vorstellt.
-Es ist kein übler Gedanke, denn so nimmt er sich am besten aus, er ist
-noch jung und mager, und das interessante, feurige Gesicht unter dem
-Hut mit der dreifarbigen Feder ist malerischer, eignet sich mehr für
-die Darstellung eines Helden, als wie er nachher abgebildet wird. Und
-dieses Bild des Kaisers ist unser Geheimnis.«
-
-»Aber was soll ich hierbei tun?« fragte Albert, der wieder freier
-atmete, da kein anderes gefürchtetes Geständnis ihn bedrohte.
-
-»Höre weiter; dieses Bild wird in diesen Tagen ankommen, und zwar nicht
-bei Generals, sondern bei uns. In meinem eigenen Zimmer wird es bis
-am Vorabend des Geburtstages bleiben, und dann müssen wir beide dafür
-sorgen, daß der General, während das Bild herübergeschafft wird, nicht
-zu Hause oder wenigstens so beschäftigt sei, daß er nichts bemerkt.
-Während der Nacht wird dann das Bild im Salon aufgehängt und bekränzt,
-und wenn dann morgen der gute Willi zum Frühstück in den Salon tritt,
-ist es sein Held, der ihn an diesem feierlichen Tage zuerst begrüßt!«
-
-»Gut ausgedacht,« erwiderte Rantow lächelnd, »und wenn es nur nicht
-dieser Held wäre, wollte ich noch so gerne meine Hilfe anbieten, doch
--- auch so werde ich mitspielen; hast ja du mich darum gebeten!« Sein
-Ton war so zärtlich, als er dies sagte, daß ihn Anna überrascht ansah.
-Er bemerkte es und fuhr, indem er ihren Arm näher an seine Brust zog,
-fort: »Du kannst ja ganz über mich gebieten, Anna, ach! daß du immer
-über mich gebieten möchtest! Wie freut es mich, daß du nicht schon
-liebst, nicht schon versagt bist! Darf ich bei dem Onkel um dich
-werben?«
-
-In Anna schien es zu kämpfen, ob sie bei diesen Worten wie über eine
-Torheit lächeln oder erzürnt weinen solle, wenigstens wechselte auf
-sonderbare Weise die Farbe ihres schönen Gesichtes mit Röte und Blässe.
-Sie zog ihren Arm schnell aus seiner Hand und sagte: »Soviel kann ich
-dir sagen, Vetter, daß uns hier in Schwaben nichts unerträglicher ist
-als Empfindsamkeit und Koketterie, und daß wir diejenigen für Toren
-halten, die nach zwei Tagen schon Bündnisse für die Ewigkeit schließen
-wollen.«
-
-»Anna!« fiel ihr der junge Mann mit bittender Gebärde ins Wort,
-»glaubst du nicht an die Allgewalt der Liebe? Wenn auch ihre Dauer
-unsterblich ist, so ist doch ihr Anfang das Werk eines Augenblicks, und
-ich --«
-
-»Kein Wort mehr, Albert,« rief sie unmutig, »wenn ich nicht alles dem
-Vater sagen und ihn um Schutz gegen deine Torheit anrufen soll! Das
-wäre dir wohl bequem,« fuhr sie gefaßter und lächelnd fort, »um deine
-Langeweile in Thierberg zu vertreiben, einen kleinen Roman zu spielen?
-Spiele ihn in Gottes Namen, wenn du nichts Besseres zu tun weißt, mich
-wirst du vielleicht trefflich damit unterhalten, nur verlange nicht,
-daß ich die zweite Rolle darin übernehme.«
-
-»O Anna!« sprach er seufzend, »verdiene ich diesen Spott? Ich meine
-es so redlich, so treu! Das Los, das ich dir bieten kann, ist nicht
-glänzend, aber es ist doch so, daß du vielleicht zufrieden, glücklich
-sein könntest.«
-
-»Werde nur nicht tragisch,« erwiderte sie; »alles höre ich lieber als
-solches Pathos. Spott verdienst du auf jeden Fall, und zum mindesten
-kann er dich heilen. Komm, sei vernünftig; begleite mich recht artig
-und wie es sich ziemt nach Hause. Aber sei überzeugt, wenn noch ein
-einziges Wort dieser Art über deine Lippen kommt, so beschäme ich dich
-vor dem nächsten besten Bauer und rufe ihn heran, und wenn du im Schloß
-oben diese Torheiten fortsetzest, so werde ich nie mehr mit dir allein
-sein.« Der Ton, womit sie dies aussprach, klang zwar bestimmt, mutig
-und befehlend, doch schien ihr schalkhaftes Auge und ihr lächelnder
-Mund dem strengen Befehl zu widersprechen, und Rantow, den diese
-widersprechenden Zeichen verwirrten, begnügte sich zu schweigen, zu
-seufzen, mit Blicken zu sprechen und einen erneuerten Kampf auf einen
-glücklicheren Moment zu verschieben. Mit großer Besonnenheit und Ruhe
-knüpfte sie ein Gespräch über den General an, und so gelangten sie,
-weniger verstimmt, als man hätte denken sollen, nach Thierberg. Der
-Alte ließ sich ihre Ausflüge erzählen und schien nicht unzufrieden, daß
-Albert diese neue Bekanntschaft gemacht habe. »Es sind wackere Leute,
-diese Willis, und das ganze Tal hat ihnen Wohltaten zu verdanken. Es
-soll wenige hohe Offiziere von der Bildung und den ausgezeichneten
-Kenntnissen des Generals geben, und den jungen habe ich selbst schon
-auf dem Korn gehabt und gefunden, daß er tiefe, gründliche Kenntnisse
-hat und mit Eifer Studien treibt, die man heutzutage unter der jüngeren
-Generation selten findet. Ein kluges, gewandtes, feuriges Bürschchen;
-aber, aber -- diese verschrobenen, überspannten Ansichten. Ich glaube,
-er würde mich in meinem eigenen Hause anfallen, wollte ich sagen,
-daß das Bauernpack immer Bauernpack bleibe, und wenn man sie auch
-noch so frei von Lasten, noch so gelahrt machte, daß die Bürgerlichen
-bei ihrem Leist bleiben und nicht an der erhabenen Figur des Staates
-künsteln und pinseln und meißeln sollen. Aber das kommt nur daher,
-weil der alte Tor unter seinem Stand geheiratet hat, da will nun
-der junge den Fehler gut machen, indem er die Vettern und Basen und
-das ganze Verwandtschaftgesindel seiner hochseligen Frau Mutter,
-spießbürgerlichen Angedenkens, recht hoch stellt!«
-
-»Aber, Vater,« bemerkte Anna, »daß er es aus diesem Grunde tut, kannst
-du doch nicht behaupten. Ich gebe zu, er stellt uns alle insgesamt
-etwas tief und die andern an unsere Seite, aber er ist ein Enthusiast
-und hat von Freiheit und Volksleben Begriffe, die sich nie ausführen
-lassen.«
-
-»Lehre mich die Menschen nicht kennen, Kind!« sagte der Alte lächelnd.
-»Eitelkeit ist der Grundtext in jedem, die Variationen mögen heißen,
-wie sie wollen; aber was sagst du zu dem Vater, Neffe?«
-
-»Bei uns würde man ihn steinigen, wollte er öffentlich aussprechen,
-was ich heute habe hören müssen. Ja, in einer Gesellschaft von Preußen
-sollte er einmal solch ein Wort sagen, ich glaube, man würde weder
-sein Alter noch seinen Stand berücksichtigen. Sein ganzes Gespräch ist
-ein Triumphgesang der Vergangenheit und ein Fluch der Gegenwart. Ich
-glaube, er hält es für die größte Sünde, daß wir das schmähliche Joch
-abgeschüttelt und die übrigen, vielleicht gegen ihren Willen, mit
-befreit haben. Eine Schande, daß ein deutscher Mann etwas solches nur
-denken kann. Aber bei nächster Gelegenheit will ich ihm sagen, wie sehr
-ich von Grund des Herzens seinen Kaiser und alle Franzosen hasse.«
-
-»Das hat er von mir schon oft gehört,« erwiderte Herr von Thierberg;
-»mehr denn zwanzigmal, ich hasse sie alle, allesamt wie die Hölle!«
-
-»Alle, Vater, alle?« fragte Anna mit Bedeutung.
-
-»Nein, du hast recht, Kind! Einen nehme ich aus, den ich täglich loben
-und preisen möchte. Hätte er nicht so verzweifelt gut Französisch
-gesprochen, ich hätte geglaubt, es sei ein Engel vom Himmel. Leider war
-und blieb er nur ein Franzose.«
-
-»Und wer ist denn dieser _eine_, den Sie so feierlich ausnehmen?«
-fragte Albert.
-
-»Siehe, das ist eine wunderliche Geschichte,« fuhr der Oheim fort;
-»doch will ich sie dir erzählen, es ist ein schönes Stück. Ich machte
-im Jahre 1800 eine Reise nach Italien mit meiner seligen Frau. Ehe
-wir uns dessen versahen, brach der Krieg aus, und da wir vernahmen,
-daß Moreau gegen Deutschland ziehe, beschloß ich, meine Frau bei
-einer befreundeten Familie in Rom zurückzulassen und allein, um desto
-schneller reisen zu können, nach Schwaben heimzukehren. Ich wählte,
-teils weil ich dort am wenigsten auf Franzosen zu stoßen hoffte, teils
-weil einer meiner Vettern die Besatzung in der kleinen Festung Bard
-kommandierte, teils der Neuheit der Gegend wegen die Straße über den
-großen Bernhard, der bald nachher durch den Uebergang des Konsuls
-Bonaparte so berühmt wurde. Dort am Fuße des Berges, auf der Schweizer
-Seite, überfielen mich fünf zerlumpte Kerls von der französischen
-Armee, die ich hier freilich nicht vermuten konnte. Ich zeigte ihnen
-meinen Paß, aber es half nichts, sie rissen mich und meinen Reitknecht,
-den alten Hans, den du noch hier siehst, vom Pferd, zogen uns Rock
-und Stiefeln aus, nahmen mir Uhr und Börse, und eben wollten sie auch
-meinen Mantelsack untersuchen, als eine schreckliche Stimme hinter uns
-_Halt_ gebot.
-
-Die Räuber sahen sich um und ließen, wie vom Donner gerührt, die Arme
-sinken, denn es war ein französischer Offizier, der hinter uns zu
-Pferde hielt, und sie hielten, man muß selbst dem Teufel Gerechtigkeit
-widerfahren lassen, strenge Mannszucht. ›Wer sind Sie, mein Herr?‹
-fragte er, nachdem er abgestiegen war. Ich erzählte ihm kurz meine
-Verhältnisse und den Zweck meiner Reise. Er nahm meinen Paß, sah ihn
-durch und fragte mich, ob ich solchen den Soldaten gezeigt habe.
-Als ich es bejahte, wandte er sich an die Burschen, die noch immer
-kerzengerade und verlegen dastanden: ›Seid ihr Soldaten? Seid ihr
-Franzosen?‹ rief er zürnend und sah, trotz seinem schlechten Oberrock,
-sehr vornehm aus; ›auf der Stelle kleidet ihr diesen Herrn und seinen
-Diener an, ordnet sein Gepäck und geht dann, wohin ihr beordert
-seid.‹ Noch nie bin ich so schnell bedient worden; ein junger Kerl
-wollte mir gegen meinen Willen die Stiefeln anziehen und bat mich mit
-Tränen im Auge, es zu erlauben. Solchen Gehorsam habe ich nie in der
-Reichsarmee gesehen. Ich sagte es auch dem Offizier, der sich, nachdem
-wir fertig waren, zu mir ins Gras setzte und für seine Landsleute
-Vergebung und Entschuldigung erbat. Ich sagte ihm, daß dieser ganze
-Vorfall durch jenen schönen Anblick von Disziplin aufgewogen werde.
-Ehe ich mich dessen versah, waren wir in ein tiefes Gespräch über die
-Zeitereignisse und namentlich über das Schicksal des Adels verwickelt.
-Ich stritt lebhaft für unsern alten Reichsadel, aber kurz und bestimmt,
-und so artig als möglich wußte er meine besten Gründe zu widerlegen.
-Ich merkte wohl aus allem, und er gestand es auch offen, daß er ein
-~Ci-devant~ sei. Er gestand auch zu, daß eine Republik in neueren
-Zeiten etwas Schwieriges, beinahe Unnatürliches sei, daß Institute wie
-der Adel nützlich, ja gewissermaßen notwendig seien, behauptete aber,
-daß der Adel überall von neuem geboren werden und nur aus kriegerischem
-Verdienst und Ruhm hervorgehen müsse.«
-
-»Wie?« fiel ihm Rantow ins Wort, »so allgemein dachte man schon damals
-in jener Armee an _das_, was nachher jener sogenannte Kaiser wirklich
-ausführte? Das ist wunderbar!« -- »Auch mir sind nachmals,« erzählte
-der alte Thierberg, »da Napoleon die Ehrenlegion und Dotationen schuf,
-oft die Worte meines guten Kapitäns eingefallen. Diesen gewann ich
-in _einer_ Stunde, die wir zusammen sprachen, so lieb, als wäre er
-kein Franzose, als wären wir langjährige Freunde. Endlich mahnte ihn
-die Feldmusik eines ferne heranziehenden Regiments zum Aufbruch. Ich
-schenkte ihm meine silberne Feldflasche, die er erst nach langem Streit
-und endlich lachend annahm; mir gab er dafür eine kleine Ausgabe des
-Tacitus und eine von den bunten Federn auf seinem Hut, womit sich
-damals die republikanischen Offiziere schmückten. Die Bajonette des
-Regiments blitzten über den nächsten Hügel herab, und die Musiker
-begannen eben ihr ›~Allons enfants~‹, als er aufs Pferd stieg; er gab
-mir noch einige Verhaltungsregeln, drückte mir lächelnd die Hand und
-unter dem ›~Marchons, ça ira!~‹ setzte er den Berg hinan. Noch heute
-steht dieser liebenswürdige, interessante junge Mann vor meinen Augen,
-wie er den Fuß der Alpe hinanritt, der Wind in seinem Mantel, in seinen
-Federn wehte, und er grüßend noch einmal sein geistreiches Gesicht
-nach mir umwandte. Damals, aber nur einen Augenblick lang, und ich
-weiß heute noch nicht warum, schlug mein Herz für diese Franzosen, und
-solange ich die Musik hören konnte, sang ich das ›~Allons enfants~‹ und
-das ›~Marchons, ça ira~‹ mit. Nachher freilich schämte ich mich meiner
-Schwäche, haßte dieses Volk nach wie vorher, und nur mein Retter in der
-Not, mein Kapitän, steht in meinem dankbaren Gedächtnis.«
-
-»Allerdings ein wunderbarer Fall,« sagte Rantow, als der Alte nicht
-ohne tiefe Rührung geendet hatte; »artige und honette Leute gab es
-zwar immer unter diesen Truppen, aber die gute Disziplin war ungleich
-seltener. Ich hätte mögen den Schrecken jener fünf Soldaten sehen.«
-
-»Nun Hans,« sagte Anna zu dem Diener, der aufmerksam und gespannt
-zuhorchte, »du hast sie ja gesehen.«
-
-»Ich sag' Ihnen, gnädiges Fräulein, wie aus Stein gemeißelt standen sie
-vor dem Kapitän und schämten sich, und Augen hat er auf sie dargemacht
-wie der Lindwurm auf den Ritter Sankt Georg. Als die Franzosen nachher
-zu uns herauskamen, bin ich oft halbe Tage lang an der Landstraße von
-Heidelberg gestanden und habe sie Regiment für Regiment defilieren
-lassen, aber der Kapitän war nie dabei; der ist wohl schon lange tot.«
-
-»Ehre und Segen mit seinem Andenken, wo er auch sein möge,« sprach der
-alte Thierberg. »Ist er gestorben, so hat er doch alles, was nachher
-in der Welt Ungerechtes und Frevelhaftes geschah, nicht mehr mitmachen
-müssen. Vielleicht hat er sich auch vom Dienst zurückgezogen, als der
-Diktator sich zum Kaiser machte, denn mein braver Kapitän, der so nobel
-dachte, kann kein Freund des übermütigen Korsen gewesen sein.«
-
-Anna lächelte, aber sie mochte das Lieblingsthema ihres alten Vaters,
-die Geschichte »vom besten Franzosen« nicht durch eine Apologie jenes
-großen Sohnes einer kleinen Insel stören.
-
-
-9.
-
-Man hatte sich heute früher getrennt als gestern, und Albert, den der
-Schlaf noch nicht besuchen wollte, stand unter dem Bogenfenster seines
-altertümlichen Zimmers und schaute in das Tal hinab. Er dachte nach
-über alle Worte seiner schönen Cousine, er fand so viel Stoff, sie
-anzuklagen und sich zu bedauern, daß er das erste Mal in seinem Leben
-im Ernste sich selbst sehr schwermütig erschien.
-
-Dieses eine Mal, nach so vielen flatterhaften und flüchtigen
-Geschichten, war er sich recht klar und deutlich bewußt, ernstlich
-zu lieben; niemals zuvor hatte er einem Gedanken an ein häusliches
-Verhältnis, an das Glück der Ehe Raum gegeben, und nur erst diesem
-fröhlichen, unbefangenen Geschöpf war es gelungen, seine Ansichten über
-seine Zukunft ernster, seine Gefühle würdiger zu machen. Er wunderte
-sich, gerade da zurückgewiesen zu werden, wo er es wirklich redlich
-meinte, es befremdete ihn, gerade in jenen Augen als flüchtig und
-kokett zu erscheinen, die ihn so unwiderstehlich angezogen, gefesselt
-hatten; er schämte sich, daß bei diesem natürlichen Kind seine sonst
-überall anerkannten Vorzüge ohne Wirkung bleiben sollten; er sah darin
-ein böses Vorzeichen, denn seine bisherige Erfahrung hatte ihn gelehrt,
-daß die Ueberraschung, daß der erste Eindruck entscheiden müsse.
-
-Aus diesen Gedanken weckte ihn eine Flöte, die wie am gestrigen Abend
-süße Töne vom Wald herüberhauchte. Aufs neue erwachte in ihm der
-Gedanke, daß diese Serenade wohl Anna gelten könnte. Er sah schärfer
-nach dem Wald hinüber, und, er irrte sich nicht, es war jene Waldecke,
-die er heute besucht hatte, woher die Töne kamen. Schnell warf er
-seinen Mantel über; eilte hinab und bat den alten Hans, ihm das Tor zu
-öffnen; er gab vor, auf einem Platz im Wald, unweit des Schlosses, ein
-Taschenbuch zurückgelassen zu haben, dem der Nachttau schaden könnte.
-Die Flötenklänge, die immer weicher und schmelzender wurden, dienten
-ihm zu Führern nach jener Waldecke; immer eifriger drang er durch das
-Gebüsch, denn er hatte einen Blick nach der Burg hinübergeworfen und
-gesehen, daß ein weißes Tuch von Annas Fenster wehte. Schon sah er die
-Umrisse des Flötenspielers, schon rief er: »Halt, Freund Musikus, ich
-werde die zweite Stimme spielen,« da schlug dicht neben ihm ein Hund
-an, und als er erschreckt auf die Seite sprang, stürzte er über die
-Wurzeln einer alten Eiche unsanft zur Erde.
-
-Als er sich nach einer Weile wieder aufgerichtet hatte und auf den
-Platz zutrat, wo der Mann mit der Flöte gesessen hatte, fand er weder
-von ihm noch von dem Hund eine Spur, wohl aber hörte er tief unten am
-Berg die Büsche rauschen und das Gesträuch knacken. Beschämt wandte
-er sich ab und sah nach dem Schloß hinüber. Ein heller Schein war an
-Annas Fenster, aber es war kein Tuch, wie er geglaubt hatte, sondern
-der Mond, der in den Gläsern sich spiegelte. Er warf sich seine
-Unbesonnenheit, seine Hast und Eile, sein Mißtrauen, seine Eifersucht
-vor. Er suchte für das Entweichen des Flötenspielers die gewöhnlichen
-und prosaischen Gründe auf, er _wollte_ Anna unschuldig finden, und
-dennoch wurde er nicht ruhig.
-
-So stand er in dem Anblick der vom Mondlicht übergossenen Burg da, als
-er plötzlich mit einem Schrei des Schreckens auffuhr, denn eine kalte
-Hand rührte an die seinige; er sah sich um, und eine dunkle Gestalt
-stand vor ihm. Ehe er noch fragen, sich nur fassen konnte, fühlte er,
-daß man ein Papier in seine Hand gedrückt habe, und zugleich stürzte
-sich dieses geheimnisvolle Wesen in den Wald, doch war es nicht so
-ätherischer Natur, daß es nicht im Forteilen das Gesträuch zerknickt
-und Zweige abgestoßen hätte. Albert wurde es ganz unheimlich an diesem
-Ort. Sein aufgeregtes Blut, die tiefe Stille der Nacht, das schaurige
-Dunkel der Buchen, und gegenüber die altersgraue Burg, ihre Fenster vom
-Monde so sonderbar beleuchtet, daß er geheimnisvolle Schatten in den
-hohen Gemächern hin und her schleichen sah -- es war ihm so bange, daß
-er schnell seinen Weg zurückeilte, daß er im Wald laut auftrat, nur um
-sich selbst in dieser unheimlichen Stille zu hören.
-
-Die Laterne des alten Hans warf ihm ein tröstliches Licht aus dem Tor
-entgegen. Eilends ließ er den Alten mit der Lampe voran nach seinem
-Zimmer gehen, er entrollte das Papier und erschrak vor einem fremden
-Unglück, denn die wenigen Zeilen lauteten:
-
-»Dein Brief traf mich erst heute, die Antwort ein andermal. S. Z. N.
-und noch drei andere wurden heute früh verhaftet und nach der Festung
-geführt. Ich weiß nicht, ob du dich schuldig fühlst, aber vernünftig
-wäre es, wenn du dich auf die Beine machtest. In _deiner_ Lage kann es
-nicht schaden. Ich schickte diese Zeilen an den gewöhnlichen Platz;
-Gott gebe, daß sie dich treffen. Was du auch tun wirst, Robert, sei
-diskret und nenne mich nie.«
-
-Wer der unglückliche Flötenspieler gewesen sei, sah jetzt Albert
-deutlich; doch zu großmütig, um aus dieser Verwechslung einen Vorteil
-ziehen zu wollen, faßte er rasch den Entschluß, den jungen Willi zu
-retten. Aber fremd und unbekannt in dieser Gegend deuchte es ihm
-unmöglich, dies allein auszuführen. Er schickte schnell den alten
-Hans nach dem Turm, wo Anna wohnte, er ließ sie dringend bitten, ihm
-nur auf zwei Minuten in einer sehr wichtigen Sache Gehör zu geben. Er
-folgte dem Alten bis an die Tür des Saales, und dort blieb er in dem
-großen weiten Gemach allein, um seine Cousine zu erwarten. Zu jeder
-andern Zeit hätte der Anblick, der sich ihm hier darbot, mächtig auf
-seine Seele wirken müssen. Ein ungewisses Licht schimmerte durch die
-Fenster und fiel auf die Gemälde seiner Ahnen. Ihre Gestalten schienen
-lebendiger hervorzutreten, ihre Gesichter waren bleicher als sonst, und
-die ausgestreckte Hand einer längst verstorbenen Frau von Thierberg
-schien sich zu bewegen. Dazu rauschten die Bäume und murmelte der Fluß
-auf so eigene Weise, daß man glauben konnte, dieses Geräusch gehe von
-den Gewändern der Verstorbenen aus.
-
-In diesen Augenblicken aber hatte er nur ein Ohr für die immer leiser
-schallenden Tritte des alten Dieners; sein Auge hing erwartungsvoll an
-der Türe, sein Herz pochte unruhig einer Gewißheit entgegen, die keine
-erfreuliche sein konnte.
-
-Bald tönten die Schritte wieder den Korridor herauf; er strengte sein
-Ohr an, ob er nicht auch den leichten Tritt seiner Base vernehme, die
-Türe öffnete sich, und sie erschien mit Hans und ihrem Mädchen, er sah
-ihrer Kleidung und ihren Augen an, daß sie noch nicht geschlummert
-hatte. Noch ehe sie ihn fragen konnte, reichte er ihr schnell das
-Billet und sagte französisch in wenigen Worten, wie er es erhalten
-habe. Eine hohe Röte flammte über das schöne Gesicht, solange er
-sprach, sie wagte es nicht, die zarten Augenlider aufzuschlagen; doch
-kaum hatte sie einen Blick auf die Zeilen geworfen, so erbleichte sie,
-sah ihn mit großen Augen erschrocken an und zitterte so heftig, daß sie
-sich an dem Tisch halten mußte.
-
-»Ich muß sogleich hinübereilen,« sagte er, näher tretend, »und nur
-darum habe ich dich rufen lassen, daß du mir ein Mittel angebest, wie
-ich durch den Fluß komme. Ich möchte bei den Domestiken nicht gerne
-Aufsehen erregen.«
-
-»Zu Pferd, schnell zu Pferd!« rief sie hastig, indem sie bebend seine
-Hand ergriff; »schwimm hinüber und dann schnell nach Neckareck.«
-
-»Aber bei Nacht?« erwiderte er zaudernd. »Ich kenne die Stellen nicht,
-wo man durchkommen kann, der Fluß ist tief und reißend.«
-
-»Führe _mir_ des Vaters Pferd heraus, Hans!« wandte sie sich an den
-erschrockenen Diener; »schnell, du begleitest mich, ich will selbst
-hinüber!«
-
-»Führe es heraus, Alter, aber für mich!« fiel Rantow unmutig ein. »Wie
-magst du mich so verkennen, Anna? Du wirst mir den Weg zu einer Stelle
-zeigen, wo ich durch den Neckar kommen kann.«
-
-»Nein, so geht es nicht!« sagte sie beinahe weinend und sank auf einen
-Stuhl nieder; »du wirst nicht hinüberkommen. Führe ihn durchs Dorf
-hinab, Hans, mach' unsern Kahn los und schiffe den Vetter hinüber, du
-mußt zu Fuß hinüber, Albert, in einer halben Stunde kannst du dort
-sein. O Gott! ich habe es ja schon lange geahnt, daß es so kommen
-würde! Sag' ihm, er soll nicht zögern, ich wolle ihn überall lieber
-wissen als in einem Kerker!«
-
-Der junge Mann drückte ihr schweigend die Hand und winkte dem Alten,
-zu gehen. Nie zuvor hätte er sich für fähig gehalten, so schönen
-Hoffnungen so schnell zu entsagen, aber der Gedanke an die schöne,
-kummervolle Anna, die er bis jetzt nur lächelnd gesehen hatte, spornte
-ihn zu immer schnelleren Schritten, und so mächtig ist in einem Herzen,
-das die Selbstsucht noch nicht ganz umsponnen hat, das Gefühl, in einem
-entscheidenden Moment Hilfe oder Rettung zu geben, daß er in diesem
-Augenblick in dem jungen Willi nur einen Unglücklichen und nicht Annas
-Geliebten sah.
-
-Am Ufer schloß der Alte schnell den Kahn los und bat den Gast, sich
-ruhig niederzusetzen, aber dennoch konnte Albert diesem Gebote nicht
-völlig Folge leisten, denn als sie ungefähr die Mitte des Neckars
-erreicht hatten, hörte man deutlich den Hufschlag von Pferden und das
-Rollen eines Wagens von der Landstraße her, die sich jenseits dem Ufer
-näherte. Er richtete sich auf, trotz dem Schelten des Alten und dem
-unruhigen Schaukeln des Kahns, und sah im Schein einiger Laternen einen
-Wagen mit vier Pferden, von einigen, wie es schien, bewaffneten Reitern
-begleitet, vorüberfahren. »Ist dies eine Hauptstraße?« fragte er den
-alten Hans; »kann dies vielleicht ein Postwagen sein, der dort fährt?«
-
-»Hab' hier noch nie einen gesehen,« erwiderte jener mürrisch; »und um
-einen Postwagen zu sehen, möchte ich kein kaltes Bad im Neckar wagen.«
-
-»Schnell! wo geht man nach Neckareck, nach dem Gut des Generals?«
-fragte Albert, welcher besorgte, er möchte zu spät gekommen sein.
-»Spute dich, Alter!«
-
-»So lassen Sie mich doch den Kahn erst wieder anschließen!« sagte Hans;
-»doch wenn Sie Eile haben, nur hier links immer die Straße fort, sie
-führt gerade auf das Schloß zu; ich will schon nachkommen.«
-
-Der junge Rantow lief mehr, als er ging; der Alte keuchte mühsam
-hinter ihm her, aber so oft er ihn erreicht hatte, lief jener wieder
-schneller, als würde er verfolgt. Endlich sah er das Schloß mit seinen
-weißen Säulen durch die Nacht schimmern; es fiel ihm ängstlich auf,
-daß viele Fenster erleuchtet waren, und als er näher kam, sah er
-deutlich Menschen an den Fenstern hin und her laufen. Der Schrecken
-dieser Nacht und die ungewöhnlich schnelle Bewegung hatten seine Kräfte
-beinahe erschöpft, aber dieser beunruhigende Anblick trieb ihn zu noch
-rascherem Laufen; in wenigen Minuten langte er an dem Schloß an, aber
-er mußte sich an die Pforte lehnen und nach Atem suchen, ehe er eintrat.
-
-Der erste, dem er an der erleuchteten Treppe begegnete, war der
-Gardist, ein alter französischer Kriegsgefährte des Generals, der jetzt
-mehr den Haushofmeister als den Diener spielte. Er schien bleicher
-als sonst und schlich trübselig die Treppe herab. »Wo ist Euer junger
-Herr?« rief Albert hastig, »führt mich schnell zu ihm.«
-
-»~Sacre bleu!~« antwortete der Gardist erstaunt, als er den jungen Mann
-erkannte; »weiß es Fräulein Anna schon? ~O la pauvre enfant!~«
-
-»Wo ist Robert?« rief Rantow drängender.
-
-»~Il est prisonnier!~« erwiderte er traurig. »Auf die Festung gebracht
-~comme ennemi de la patrie, comme démocrate~; vier ~Dragons de la
-gensdarmerie~ haben ihn eskortiert, o, mein armer Monsieur Robert!«
-
-»Führe mich zum General!« sagte Rantow, als er diese Nachricht hörte.
-
-»~Monsieur le general est sorti.~«
-
-»Wohin?« rief der junge Mann, unwillig darüber, daß er jedes Wort dem
-alten Soldaten abfragen mußte.
-
-»Mit seinem Sohn ~à la capitale~, zu fragen, was Monsieur ~de~ Willi
-verschuldet.«
-
-Als Rantow sah, daß hier nichts mehr zu tun sei, suchte er einen
-andern Bedienten auf und ließ sich die näheren Umstände der Verhaftung
-erzählen. Er hörte, daß spät abends, in Roberts Abwesenheit, ein
-Kommissär angekommen sei, der nach einer kurzen Rücksprache mit
-dem General die Papiere des jungen Willi untersucht und teilweise
-versiegelt habe. Darauf sei Robert nach Hause gekommen und habe sich
-gutwillig darein ergeben, dem Kommissär zu folgen; er habe seinem Vater
-das Wort darauf gegeben, daß man ihn unschuldig finden werde; das
-letztere hatte der General einem Bedienten befohlen, am nächsten Morgen
-dem Herrn von Thierberg und seiner Familie zu sagen; er habe sich dann
-zu Pferd gesetzt und sei, nur von einem Bedienten begleitet, vom Schloß
-weggeritten. Der junge Willi selbst hatte weder nach Thierberg noch
-sonst wohin Aufträge zurückgelassen.
-
-Soviel erfuhr Albert, und diese Nachrichten waren nicht dazu geeignet,
-ihn auf dem Rückweg freudiger zu stimmen. Er konnte auf den Trost,
-welchen Robert seinem Vater gegeben, keine große Hoffnung bauen, und
-vor allem war ihm vor dem Augenblicke bange, wo er die schmerzliche
-Kunde der trauernden Anna bringen sollte.
-
-
-10.
-
-Es waren seit jener traurigen Nacht mehrere Wochen verstrichen, sie
-deuchten der armen Anna ebenso viele Monate. Das Laub der Bäume fing
-schon an, sich zu bräunen, der Herbst mit seinem fröhlichen Gefolge war
-in das Tal eingezogen, Gesang und Jubel schallte von den Rebhügeln,
-schallte antwortend aus dem Fluß herauf, welcher Kähne, mit Trauben
-schwer belastet, abwärts trug. Als würde einem verwegenen, in diesen
-Bergen eingedrungenen Feind ein Gefecht geliefert, so krachten Büchsen-
-und Pistolenfeuer aus den Weinbergen, doch nicht das Wutgeschrei
-zurückgeworfener Kolonnen, sondern das Jauchzen einer freudeberauschten
-Menge stieg auf, wenn die Gewehre recht laut knallten, oder wenn
-die vorspringenden Ecken der Bergreihen die tiefere Stimme eines
-Pfundböllers zehnfach nachriefen.
-
-Mit verschiedenen Empfindungen sahen die Bewohner des Schlosses
-Thierberg diesem fröhlichen Treiben von einer altertümlichen
-Terrasse des Schlosses zu. Der junge Rantow blickte unverwandt und
-mit glänzenden Augen auf dieses Schauspiel, das ihm ebenso neu als
-anziehend erschien. Er hatte in seiner Heimat, im Kreise vertrauter
-Freunde, oft bemerkt, wie der Wein, diese Himmelsgabe, die Wangen
-freundlicher färbte, die Zungen löste und zu traulichem Gespräch,
-wohl auch zum Gesang, selbst die Ernsteren fortriß; doch nie hatte
-er gedacht, daß eine noch rauschendere Freude, ein höherer Jubel
-mit der Bereitung des fröhlichen Trankes sich verbinden könnte.
-Wie poetisch deuchte ihm dieses lebhafte Gemälde! Welch frische,
-natürliche Bilder zeigte ihm sein Opernglas! Diese Gruppen hatte der
-Zufall geordnet, und doch schienen sie ihm reizender, als was die
-Kunst je erfunden. »Siehe,« sagte er zu Anna, die, den schönen Kopf
-auf den Arm gestützt, ihm gegenübersaß und zuweilen einen ernsten
-Blick über das Tal hingleiten ließ, »siehe, dort gegenüber jenen Alten
-mit den silbergrauen Haaren; wie viele solcher Herbste mag er schon
-gesehen haben! Wahrlich, ich könnte an der Gruppe um ihn her seine
-Lebensgeschichte studieren. Der blonde Knabe, der ihm eben die große
-Traube brachte, ist wohl sein Enkel; den jungen Burschen, der mit der
-Pritsche die Mädchen neckt und durch seine Scherze von der Arbeit
-abhält, indem er sie anzutreiben scheint, halte ich für seinen jüngeren
-Sohn; siehe, jenes Mädchen hat seinen Schlag derb erwidert, sie ist
-wohl das Liebchen des muntern Burschen, denn sie lachen alle und
-verspotten ihn. Dieser gebräunte, breite Mann von vierzig, der soeben
-den ungeheuren, mit Trauben gefüllten Korb auf seine Schultern hob, ist
-wohl der ältere Sohn und des blonden Knaben Vater. So hast du die vier
-Altersstufen, die sie wohl alle ohne viel Aenderung durchlaufen mögen.«
-
-»Gewiß, ohne viel Aenderung und ohne viel Vergnügen,« bemerkte der alte
-Herr von Thierberg, der gleichgültig hinblickte; »das ewige Einerlei
-seit vielen hundert Jahren. Der Kleine dort wird jetzt bald in die
-Schule getrieben und von seinem Schulmeister täglich geprügelt, gerade
-wie vorzeiten sein Großvater. Der junge Bursche wird bald Soldat oder
-auf ein paar Jahre Knecht in der Stadt. Kommt er dann nach Hause und
-der Vater ist tot, so bekommt er sein kleines Stückchen Erbe und
-glaubt heiraten zu müssen; und hat er vier Kinder, so werden sie, wenn
-auch er einst stirbt, das armselige Erbe unter sich teilen und gerade
-viermal ärmer sein als er. So treibt es sich herauf und herab; zu dem
-Pulver, das sie heute verschießen, haben sie ein ganzes Jahr gespart,
-um doch auch _einen_ Tag zu haben, an welchem sie sich betäuben können;
-und das nennen sie lustig sein! Das nennen die Städter ein Fest, ein
-malerisches Volksvergnügen!«
-
-»Nein! Sie sehen es zu düster an, Oheim!« entgegnete der Gast. »Mir
-scheint, ich gestehe es, eine wundervolle Poesie in diesem Treiben zu
-liegen. Diese Menschen sind so behende, so lebendig, so regsam. Stellen
-Sie einmal meine Märker hierher, wie unbeholfen und ungeschickt sie
-sich benehmen würden! Ich schäme mich heute noch der Unerfahrenheit,
-die ich letzthin zeigte; ich nahm in einem Ihrer Weinberge einem
-hübschen Mädchen das gebogene Messer ab und versprach, sie zu
-unterstützen; als ich die erste Traube abgeschnitten hatte und sie in
-das Körbchen legte, betrachtete das Mädchen nur den Stiel der Traube
-und sagte lächelnd: ›Er hat wohl noch nicht oft Trauben geschnitten;‹
-und siehe, ich hatte, statt schief zu schneiden, gerade geschnitten.
-Nein! mir scheint diese Weinlese ein fortdauernder Festtag der Natur,
-eine liebliche, verkörperte Poesie.«
-
-»Poesie?« erwiderte Anna, indem sie einen trüben, wehmütigen Blick
-auf die Berge gegenüber warf; »eine Poesie, die mir das Herz
-durchschneidet. Mir erscheint dieses fröhliche Treiben wie ein Bild
-des Lebens. Unter langem Jammer und Ungemach _ein_ Tag der Freude,
-der durch seine hellen, freundlichen Strahlen das öde Dunkel umher
-nur noch deutlicher zeigt, aber nicht aufhellt! O, kenntest du erst
-das Leben dieser Armen näher! Wenn du sie beim ersten Erwachen des
-Frühlings sehen könntest! Jeder Winter verwüstet ihre steilen Gärten;
-der Schnee löst sie auf und reißt ihre beste, fruchtbarste Erde mit
-sich hinab. Aber rastlos zieht jung und alt heraus. Die Erde, die ihnen
-das Wasser nahm, tragen sie wieder hinauf und legen sie sorglich um
-ihre Reben her. Vom frühesten Morgen, in der Glut des Mittags, bis am
-späten Abend steigen sie, schwer beladen, die steilen engen Treppen
-hinan. Welche Freude, wenn dann der Weinstock schön steht, aber wie
-bitter ist zugleich ihre Sorge; denn der kleinste Frost kann ihre zarte
-Pflanze vernichten. Und fällt nun der böse Tau oder eine kalte Nacht,
-wie schauerlich ist dann ihr Geschäft anzusehen. Alle, selbst die
-kleinsten Kinder, strömen noch vor Tag in den Weinberg. Dort legen sie
-alte Stücke von Kleidern und Tüchern neben die Rebstöcke und brennen
-sie an, daß der qualmende Rauch die zarte Pflanze schützen möchte. Wie
-arme Seelen, ins Fegfeuer verbannt, schleichen sie um die kleinen,
-zuckenden Feuer und durch die Schleier, die der Rauch um sie zieht. Die
-Kleinen rennen umher, sie können noch nicht berechnen, welches Unglück
-sie sehen, aber die Männer und Weiber wissen es wohl; es ist _eine_
-kühle Morgenstunde, die das Werk langer, mühsamer Wochen zerstört und
-sie ohne Rettung noch tiefer in die Armut senkt.«
-
-»Wahrhaftig! Du bist krank, Anna!« sagte der alte Herr, indem er
-lächelnd zu ihr trat und, doch nicht ohne leise Besorglichkeit, seine
-Hand auf ihre schöne Stirne legte; »du warst ja doch einst so fröhlich
-im Herbst, gabst solchen bösen Gedanken niemals Raum und freutest dich
-mit den Fröhlichen. Bist du krank?«
-
-Anna errötete und suchte fröhlicher zu scheinen, als sie es war. »Krank
-bin ich nicht, lieber Vater,« erwiderte sie, »aber ich bin doch alt
-genug, um sogenannte Herbstgedanken haben zu dürfen. Man kann doch
-nicht immer fröhlich sein, und -- mein Gott!« rief sie, indem sie
-errötend aufsprang -- »ist er es nicht? -- seht dort! --«
-
-»Willi?« rief Rantow verwundert und wandte sich nach der Seite, wohin
-Anna deutete.
-
-»Wer denn?« sagte der Alte, indem er bald seine zitternde und verwirrte
-Tochter, bald seinen Gast ansah. »Wie kommst du nur auf Willi? Wer soll
-denn kommen? So sprechet doch!«
-
-Aber in diesem Augenblick trat auch schon der, dem Annas Ausruf
-gegolten hatte, herein, es war der alte Gardist. Er war noch nicht
-ganz auf die Terrasse getreten, als schon Anna, jede andere Rücksicht
-vergessend, zu ihm hinflog, seine Hand ergriff und eine Frage
-aussprechen wollte, zu welcher ihr der Atem fehlte. Der alte Soldat
-zog lächelnd seine Hand zurück, grüßte mit militärischem Anstand und
-berichtete, in Form eines militärischen Rapports, daß der General noch
-diesen Abend zu Hause eintreffen und --
-
-»Ist er frei?« unterbrach ihn Anna.
-
-»-- und seinen Sohn mitbringen werde, der auf sein Ehrenwort und die
-Kaution, die der Herr General gestellt habe, aus der Haft entlassen
-worden sei.«
-
-In Annas Augen drängten sich Tränen, sie zitterte heftig und setzte
-sich nieder; der alte Thierberg, durch diesen Anblick überrascht,
-preßte die Lippen zusammen und blickte seine Tochter unwillig an, und
-Albert, der in den Zügen seines Oheims las, daß jener ein Geheimnis
-ahne, dessen Teilnehmer er bis jetzt allein gewesen war, fühlte sich
-befangen; er fürchtete für Anna, und erst in diesem Augenblicke wurde
-es ihm deutlich, daß es für ihn selbst besser gewesen wäre, sich
-nie in diese Angelegenheit zu mischen. »Ich lasse dem Herrn General
-danken und Glück wünschen,« sagte nach einer peinlichen Pause Herr
-von Thierberg zu dem Grenadier und winkte ihm, zu gehen. »Wünsche
-nur,« fuhr er fort, indem er auf der Terrasse mit heftigen Schritten
-auf und ab ging, »wünsche nur, daß die paar Wochen Gefängnis eine
-gute Wirkung auf den Herrn Weltstürmer gehabt haben mögen! Ein paar
-Monate hätten nicht schaden können, wäre es auch nur gewesen, um das
-heiße Blut abzukühlen und die vorschnelle Zunge zu fesseln. Aber das
-alles ist das Erbteil seiner hochweisen Frau Mama! Ein junger Mann von
-unbeflecktem Adel hätte sich so weit nicht verirrt; aber das gewinnt
-man bei solchen Heiraten; weil sie sah, daß man in unserem Zirkel
-ihre Abkunft nicht vergessen habe, hat sie ihrem Sohn solche tollen,
-republikanischen Ideen eingeprägt und ihn zu einem Toren, wo nicht zu
-einem verderblichen Menschen gemacht.« Diese und andere Worte stieß
-er schnell und heftig aus, und plötzlich blieb er vor seiner Tochter
-stehen, sah sie mit grimmigen Blicken an und sagte dann: »Ich glaube
-jetzt in der Tat, daß du kränker bist, als ich dachte; geh auf dein
-Zimmer! -- Ich werde mit dem Vetter diesen Abend allein speisen; geh!«
-
-Das arme Kind ging hinweg, ohne ein Wort zu sagen; sie mochte die Natur
-ihres Vaters kennen und wissen, daß jeder Widerspruch seinen Zorn
-steigere, sie mochte auch fühlen, was in diesem Augenblick in seiner
-Seele vorgehe, wo sie zu wenig Macht über sich besaß, um ihr Geheimnis
-zu verbergen.
-
-Als sie weggegangen war, schritt der Alte wieder eine Zeitlang
-schweigend hin und her; dann trat er zu seinem Neffen und fragte mit
-bewegter Stimme: »Was sagst du zu dem Auftritt, den wir da gesehen
-haben? Meinst du wirklich, es wäre möglich?«
-
-»Ich kann Sie nicht verstehen, lieber Oheim.«
-
-»Nicht verstehen, Junge? So soll ich es denn selbst in den Mund nehmen?
-Wisse -- ich habe entdeckt, daß Anna den -- den von drüben -- nun
-daß sie den Sohn des Generals liebt. Zum Teufel, Junge! Du erwiderst
-nichts? Wie magst du so -- so gleichgültig aussehen, wenn von der Ehre
-deiner Familie die Rede ist? Rede!«
-
-»Ich kann nichts hierin sehen,« entgegnete der junge Mann trotzig, »was
-etwa der Thierbergschen Ehre zu nahe treten könnte. Der alte Willi ist
-von Adel, ist ein berühmter General, ist reich --«
-
-»Also abkaufen sollen wir uns unsere Ehre lassen, abhandeln? --
-Bursche, wenn du nicht mein Neffe wärest -- Gott strafe mich, aber
-ich kenne mich selbst nicht, wenn ich in Wut bin. -- Reich? Siehe,
-für so schlecht und niederträchtig halte ich mein Kind selbst nicht,
-daß es daran gedacht haben sollte. Sieh dich um -- so weit du sehen
-kannst, war einst alles -- alles mein; ich habe nichts mehr als diese
-verfallenen Türme und eine Hufe Landes wie der gemeinste Bauer, aber
-auch dieses soll diese Nacht noch hinfahren, in den Schuldturm soll man
-mich werfen, mich auspfänden, mein altes Wappen entzweischlagen, wenn
-ich je zugebe --«
-
-»Oheim!« fiel ihm der Neffe erbleichend ins Wort, »bedenken Sie sich
-zuvor, ehe Sie einen solchen Frevel aussprechen! Was kann dieser junge
-Mann dafür, daß sein Vater reich ist? Beträgt er sich denn aufgeblasen?
-Macht er Ansprüche auf seinen Reichtum? Ich sagte es ja vorhin nur so
-in der Uebereilung.«
-
-»Nein, das tun sie nicht, die Willis,« antwortete nach einer Pause der
-Alte; »das ist noch ihre gute Seite. Aber das macht ihn nicht besser.
-Seine Grundsätze sind es, die ich hasse; er ist mein bitterster Feind!«
-
-»Wie wäre dies möglich?« erwiderte Rantow beruhigend. »Wie könnte er
-_Ihr_ persönlicher Feind sein!«
-
-»Was persönlicher Feind!« rief Thierberg heftiger. »Solche Feindschaft
-kenne ich nicht, und mein Feind müßte ein anderer sein als dieser
-Knabe; aber ein Todfeind bin ich all diesem Wesen, diesen Neuerungen,
-diesem Deutschtum, Bürgertum, Kosmopolitismus, und welchen Namen sie
-dem Unsinn geben mögen, und dessen treuester Anhänger eben dieser junge
-Mensch da ist. Das ganze erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts
-hatte den verdammten Geschmack dieses Unwesens, und man wird sehen,
-wohin es im jetzigen kommt, wenn diese Menschen und ihre Gesinnungen
-um sich greifen; aber, so wahr Gott lebt, man soll von dem letzten
-Thierberg nicht sagen können, daß er in seinen alten Tagen einem dieser
-Weltverbesserer die Hand zur Unterstützung gereicht hätte!«
-
-»Aber, Oheim!« fiel Albert ein, dem es in diesem entscheidenden
-Augenblicke keine Sünde deuchte, gegen seine eigene Ueberzeugung zu
-sprechen, »gibt es denn in diesem Jahrhundert auch nur _eine_ Familie,
-die nicht, wenn man sie einzeln durchginge, die verschiedensten
-Gesinnungen in sich schlösse? Wird denn der einzelne Mann dadurch
-schlechter, daß er eine andere Meinung hat als wir? Ist nicht
-Protestant und Katholik in den Augen des Vernünftigen gleich viel wert?
-Denkt nicht der General selbst ganz verschieden von seinem Sohn?«
-
-»Laß mir den Glauben aus dem Spiel, Neffe!« entgegnete jener. »Darüber
-zu richten, geht weder dich noch mich an. Aber dieser General vollends,
-der meinen Todfeind als Schutzpatron anbetet und diesen Bonaparte für
-den heiligen Georg hält, der den Lindwurm des veralteten Jahrhunderts
-tötete; _diesen_ in _meiner_ Familie! Es würde mich töten!«
-
-»Aber wissen Sie denn, ob auch der junge Willi Ihre Tochter liebt? Hat
-denn Anna irgend etwas gestanden?«
-
-Der Alte sah seinen Neffen bei dieser Frage lange und erschrocken
-an; dann fuhr er nach einigem Nachsinnen gefaßter fort. »Nein! Einer
-solchen Schmach halte ich sie nicht fähig; meinst du, _meine_ Tochter
-werde sich in einen solchen -- Menschen verlieben, ohne daß er sie
-zuvor mit tausend Künsten dazu verlockte? Nein! Dazu ist sie mir noch
-immer zu gut; aber -- ich will mir Gewißheit verschaffen!«
-
-Er sprach es, und noch ehe ihn Rantow aufhalten konnte, eilte der alte
-Mann hinweg, um seine Tochter zur Rede zu stellen. Düster schaute ihm
-der Gast aus der Mark nach. »Wahrlich, wenn die Aktien so stehen, werde
-ich weder Brautführer noch Hochzeitsgast in Thierberg sein,« sprach er,
-»der Alte müßte sich denn durch ein Wunder in einen Demagogen oder der
-Demagoge in einen rechtgläubigen Verehrer der alten Reichsritterschaft
-verwandeln.«
-
-
-11.
-
-Es hatte dem General Willi nicht geringe Mühe gekostet, von seinem Sohn
-das Unglück einer längeren Gefangenschaft abzuwenden. Sein Ansehen
-war zwar in der Hauptstadt jenes Landes, welchem sein Gut angehörte,
-durch den Wechsel der Verhältnisse und Meinungen nicht gesunken; man
-verehrte in ihm einen Mann von hohem Verdienst, militärischer Umsicht
-und Tapferkeit, und es gab manche, die ihn wegen seiner treuen und
-ausdauernden Anhänglichkeit an jenen Mann, der einst das Schicksal
-Europas in der Rechten getragen, bewunderten; es gab viele, die
-ihm, wenn sie auch diese Bewunderung nicht teilten, doch wegen der
-Beharrlichkeit und Charakterstärke, die er in den Tagen des Unglücks
-entfaltet hatte, wohlwollten. Dennoch mußte er sein ganzes Ansehen
-aufbieten, manche Türe öffnen, um seinem Sohn, auf dem _der Verdacht,
-mit Verdächtigen in Verbindung zu stehen_, lastete, nutzen zu können.
-
-Der General war ein Mann von zu großem Rechtsgefühl, als daß er,
-wenn er seinen Sohn schuldig glaubte, diese Schritte für ihn getan
-hätte. Aber es genügte ihm an der einfachen Versicherung seines
-Sohnes. »Ich teile,« hatte er ihm gesagt, als er verhaftet wurde,
-»ich teile im allgemeinen die Gesinnungen jener Männer, die man jetzt
-zur Untersuchung zieht, aber -- ich teile weder ihre Pläne noch die
-Ansichten, die sie über die Mittel zum Zweck haben. Ich habe nur
-_gedacht_, nie _gehandelt_, habe mir selbst gelebt, nicht mit andern,
-und Beschuldigungen, welche andere treffen mögen, werden nie auf mich
-kommen.« So war es denn gelungen, den jungen Willi auf so lange frei zu
-machen, als nicht stärkere Beweise, die gegen ihn vorgebracht würden,
-seine Anwesenheit vor den Gerichten notwendig machten, eine Schonung,
-die er nur der Fürsprache seines Vaters und dem Vertrauen verdankte,
-das man in die Bürgschaft des Generals Willi setzte.
-
-Sie konnten sich beide wohl denken, welches Aufsehen dieser Vorfall in
-der Umgegend von Neckareck gemacht haben mußte; hätten sie in einer
-Stadt gewohnt, so würden sie sich wohl damit begnügt haben, ihren
-Bekannten von ihrer Rückkunft Nachricht zu geben; aber die Sitte auf
-dem Lande fordert größere Aufmerksamkeit für gute Nachbarn; man mußte
-fünf oder sechs Familien im Umkreis von drei Stunden besuchen, mußte
-ihre Neugierde über diesen Vorfall umständlich befriedigen; kurz,
-man mußte sich zeigen, wie man sich etwa nach einer überstandenen
-Krankheit bei den Bekannten wieder zeigt und für ihre Teilnahme Dank
-sagt. Als aber der General mit seinem Sohn am dritten Tag nach ihrer
-Rückkehr nach Thierberg aufbrach, war es noch ein anderer Grund als
-Höflichkeit gegen gute Nachbarn, was sie dorthin zog. Der junge Willi
-mochte in den einsamen Wochen seiner Gefangenschaft Zeit gefunden
-haben, über sein Leben und Treiben nachzudenken, er mochte gefunden
-haben, daß ihn jene politischen Träume, welchen er nachgehängt hatte,
-nicht befriedigen könnten, daß es ein höheres, reineres Interesse
-gebe, wodurch sein Leben Bedeutung und Gehalt, seine Seele Ruhe und
-Zufriedenheit gewänne.
-
-Der General lächelte, als ihm Robert sein Verhältnis zu Anna entdeckte
-und die Wünsche auszusprechen wagte, die sich mit dem Gedanken an die
-Geliebte verbanden. Er lächelte und gestand seinem Sohn, daß er längst
-dieses Verhältnis geahnt, daß er gewünscht habe, das unruhige Treiben
-des jungen Mannes möchte eine festere Richtung annehmen. »Ich kenne
-dich,« sagte er ihm, »wärest du zu jener Zeit jung gewesen, wo wir in
-Europa umherzogen, um Krieg zu führen, so hätte deine Phantasie mit
-aller Kraft die großartigen Bilder des Krieges ergriffen, ich hätte
-dir den ersten Raum geöffnet, du selbst hättest dann deine Laufbahn
-gemacht. Daß du in diesen stillen Feiertagen des Jahrhunderts nicht
-dienen willst, kann ich dir nicht übelnehmen. Des Umherschweifens in
-der Welt bist du satt, das Leben in den Salons genügt dir nicht, so
-bleibe bei mir; besorge an meiner Statt meine Güter, ich kann dabei nur
-gewinnen; ich gewinne Zeit für mich und meine Erinnerungen, gewinne
-dich, und« -- setzte er mit einem freundlichen Händedruck hinzu --
-»wenn du anders deiner Sache gewiß bist, gewinne ich Anna.«
-
-Sie besprachen dieses Kapitel auch auf dem Weg nach Thierberg wieder,
-und Robert gab seinem Vater Vollmacht, bei dem Alten um Anna für ihn
-zu werben. Sie verhehlten sich nicht, daß eine nicht unbedeutende
-Schwierigkeit im Charakter des alten Thierberg liegen könne. Ihre
-Gesinnungen hatten so oft die seinigen beinahe feindlich durchkreuzt.
-Man hatte sich wegen Meinungen so oft gezankt, man war oft unzufrieden,
-beinahe verstimmt auseinander gegangen. Aber sie trösteten sich damit,
-daß er doch nie persönliche Abneigung gezeigt habe, und die Vorteile,
-die für Thierberg aus dieser Verbindung hervorgingen, erschienen
-so bedeutend, daß der General, als sie über die Zugbrücke ritten,
-sich schon im Geiste als Vater der schönen Anna zu sehen glaubte und
-vertrauensvoll auf das Thierbergische Wappen über dem alten Portal
-zeigte. »Mut gewinnt, führen sie als Symbol im Wappen,« flüsterte er
-seinem Sohn zu. »Das fügt sich trefflich, denn weißt du noch, was der
-Wahlspruch _deiner_ Ahnen war?«
-
-»_Der Will' ist stark!_« rief der junge Willi, freudig errötend. »_Mut
-gewinnt_ -- und _der Will' ist stark_!«
-
-Im Schloßhof empfing Rantow die Angekommenen. Er entschuldigte seinen
-Oheim mit einem kleinen gichtischen Anfall, der ihn verhindere, die
-steile Treppe herabzusteigen und seinen Gästen entgegenzugehen.
-Er sagte dies schnell und nicht ohne einige Verlegenheit, die er
-hinter einem Schwall von Glückwünschen für Robert Willi zu verbergen
-suchte. Nach den Verhältnissen, die gegenwärtig in den alten Mauern
-von Thierberg herrschten, konnte nicht leicht etwas störender wirken
-als dieser Besuch. Man hatte zwar den Vetter aus der Mark nicht mit
-in das Geheimnis gezogen. Der Vater schien es zu bereuen, daß er
-sich nur so weit gegen seinen Neffen ausgesprochen habe, und Anna
-hatte mit ihm seit einigen Tagen nie mehr über Willi gesprochen, sei
-es auf ein Verbot ihres Vaters, sei es aus Argwohn, er möchte dem
-Alten ihr Geheimnis verraten haben. Seit jenem Abend jedoch, wo die
-Rückkehr Roberts angekündigt worden war, herrschte eine Spannung, die
-um so drückender wurde, da die ganze Gesellschaft zwar aus dreierlei
-Parteien, aber -- nur aus drei Personen bestand.
-
-Anna sprach wenig und hielt sich meist auf ihrem Zimmer auf, wohin
-Albert noch niemals eingeladen worden war; der Alte war mürrisch,
-aufbrausender als sonst gegen seine Diener, gegen seinen Gast herzlich
-wie zuvor, aber ernster und einsilbiger, gegen seine Tochter kalt und
-gleichgültig. Er trank, trotz der bittenden Blicke, die Anna zuweilen
-nach ihm hinzusenden wagte, mehr Wein als gewöhnlich, schimpfte dann
-auf die ganze Welt, verschlief den Nachmittag und ließ sich abends
-den Amtmann holen, um ein Spiel mit ihm zu machen. Dann setzte sich
-Anna mit ihrer Arbeit in ein Fenster, ließ sich von dem Vetter etwas
-vorlesen, aber Tränen, die hin und wieder auf ihre Hand herabfielen,
-zeigten dem jungen Mann, wie wenig ihr Geist mit dem beschäftigt sei,
-was er eben las. Der Anfall von Gicht, der über den Alten kam, machte
-die Sache womöglich noch schlimmer. Man sah, wie er alle Kraft aufbot,
-seine Schmerzen zu unterdrücken, nur um der natürlichen Hilfe seiner
-Tochter weniger zu bedürfen, und wenn Fälle eintraten, wo er diese
-Hilfe nicht abweisen konnte, wenn das schöne Kind bleich und mit Tränen
-im Auge vor ihm kniete, um seine Beine in warme Tücher zu hüllen, da
-wandte er sich ab, pfiff irgend ein altes Liedchen, nannte sich einen
-Mann, der bald in die Grube fahren müsse, und fand es schön, daß doch
-ein Enkel der Thierberge zugegen sein werde, wenn man den letzten
-dieses Namens beisetze.
-
-Rantow wußte zwar, daß sein Oheim das Gastrecht gegen seine Nachbarn
-nicht verletzen werde, aber diese letzten Tage fielen ihm schwer auf
-die Seele, als er die Fremden die Treppe hinanführte, und er sah
-voraus, daß die beiden Willis gewiß nichts dazu beitragen würden, die
-Verstimmung aufzulösen.
-
-Der Empfang war übrigens herzlicher, als er sich gedacht hatte; es gibt
-eine gewisse höfliche Freundlichkeit, die man sich angewöhnen kann,
-ohne sich dessen bewußt zu werden. Besonders auffallend erscheint diese
-Eigenschaft, wenn sich Männer begrüßen, von welchen wir wissen, daß sie
-keiner Heuchelei fähig sind, und die dennoch, sei das durch Meinungen,
-sei es durch Verhältnisse, sich feindlich gegenüber stehen. So schien
-es auch der alte Thierberg nicht über sich vermögen zu können,
-sein gewohntes: »Ah! schön, schön! Freut mich, -- Platz genommen!«
-diesmal mit einem kälteren und förmlicheren Gruß zu vertauschen,
-und die fünfhundertjährige Gastfreundschaft dieser Burg schien die
-unwillkommenen Gäste in ihre schützenden Arme zu schließen. _Ein_ Blick
-von Anna hatte dem jungen Willi gesagt, was hier vorgegangen sei. Er
-fand sie blaß, ihre Stimme nicht so fest wie sonst, es lag Kummer um
-den holden Mund, und ihre Augen schienen weicher geworden zu sein. Er
-pries im stillen ihren richtigen Takt, daß sie mehr zu dem General
-sprach als zu ihm, denn er hätte, von diesem Anblick ergriffen, nicht
-Fassung genug gehabt, Gleichgültiges mit ihr zu reden. Rantow, der
-einen ganz andern Auftritt erwartet hatte, wunderte sich, daß auch in
-diesem »ehrlichen Schwaben«, wo ihm sonst alles so offen und ehrlich
-deuchte, vier Menschen, die sich so nahe standen, ein so falsches Spiel
-unter sich spielen könnten, ihre Gedanken, ihre Leidenschaften unter
-einer so ruhigen Hülle zu verdecken wüßten. Er sah staunend bald den
-jungen Willi und den alten Thierberg an, die ganz ruhig und abgemessen
-sich über die Ereignisse der letzten Woche besprachen; bald hörte er
-auf das Gespräch zwischen dem General und der Geliebten seines Sohnes,
-die dasselbe Thema, nur mit Veränderungen abhandelten, wobei übrigens
-Anna eine solche Ruhe an den Tag legte, daß sie nie hastig fragte, von
-nichts mehr, als schicklich, ergriffen war. Der General wandte sich
-im Gespräch und ging mit ihr langsam im Saal auf und ab; er stellte
-sich endlich, wie zufällig, in einen tiefen Fensterbogen, und Albert
-entging es nicht, daß er sich dort schnell zu dem schönen Mädchen
-herabbückte, ihr etwas zuflüsterte, was eine tiefe Röte auf ihre Wangen
-jagte; sie schien erschrocken, sie faßte seine Hand, sie sprach leise
-heftig zu ihm, aber er lächelte, schien sie zu beruhigen, zu trösten,
-und so stolz und zuversichtlich war seine Stirne, waren seine Züge, als
-müßte er in diesem Augenblick seine Division ins Feuer führen, um den
-schwankenden Sieg zu entscheiden.
-
-Der Gast aus der Mark ahnte, daß dort in jenem Fensterbogen ein
-Entschluß gefaßt oder mitgeteilt worden sei, der auf Annas Schicksal
-sich beziehe, und das Herz pochte ihm, wenn er an den eisernen Trotz
-seines Oheims dachte. Die Diener hatten indessen Wein herbeigebracht,
-man setzte sich in eines der weiten Fenster, und wenn nur die Gemüter
-der fünf Menschen, die um den kleinen Tisch saßen, weniger befangen
-waren, der schöne Tag, der Anblick des herrlichen Tales, das vor ihnen
-lag, hätte sie zu immer höherer Freude stimmen müssen.
-
-Der General, dem es peinlich sein mochte, daß das Gespräch nach und
-nach zu stocken anfing, bat Anna um ein Lied, und ein Wink ihres
-Vaters bekräftigte diese Bitte. Man brachte ihre Gitarre herbei, der
-junge Willi stimmte die Saiten, aber waren es die Worte des Generals,
-war es der Anblick ihres Vaters, war es die lang ersehnte Nähe des
-Geliebten, was sie verwirrte, sie errötete und gestand, daß sie in
-diesem Augenblick kein passendes Lied zu singen wüßte. Man schlug vor,
-man verwarf, bis Rantow beifiel, wie man einst in Berlin eine berühmte
-schöne Sängerin von einer ähnlichen Verlegenheit befreite. Er schnitt
-kleine Zettel und ließ jeden ein Lied aufschreiben. Dann faltete er
-die Papiere geschickt und zierlich zusammen, schüttelte sie als Lose
-durcheinander und ließ die Sängerin eines wählen.
-
-Sie wählte, sie eröffnete das Los und errötete sichtbar, indem sie
-den General besorgt anblickte. »Das hat niemand anders als Sie
-geschrieben,« sagte sie. »Warum denn gerade dieses Lied? Es ist nicht
-immer politisch, ein politisches Lied zu singen!«
-
-»Wenn es nun aber mein Lieblingslied ist?« erwiderte Willi; »ich
-appelliere an Ihren Vater; stand nicht die Wahl durchaus frei?«
-
-»Gewiß!« antwortete der Alte, »du singst, Anna; und wenn das Lied
-Politik enthalten sollte -- nun, erdichtete Politik kann man ja immer
-noch ertragen.«
-
-Sie nickte schweigend Gehorsam zu. Aber von jenem Augenblick an, wo
-sie mit einem kurzen, aber kräftigen Vorspiel den Gesang anhob, schien
-auf ihren lieblichen Zügen eine Art von Begeisterung aufzugehen; eine
-zarte Röte spielte auf ihren Wangen, ihre Augen glänzten, und um den
-schönen Mund, der die Töne so voll und rund hervorströmen ließ, spielte
-anfangs ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmut überging. Es war eine
-französische Ode, aus welcher sie einige Stellen vortrug; die Melodie,
-bald heiter, ermunternd, bald erhaben und triumphierend, bald ernst und
-getragen, schmiegte sich an das wechselnde Versmaß und den Gedankengang
-der Strophen, und so süß war ihre Stimme, so ausdrucksvoll ihr Vortrag,
-so hinreißend ihr ganzes Wesen, das mit dem Gesang sich zu verschmelzen
-schien, daß die Männer, wenn sie gleich über den Gegenstand die
-verschiedensten Gesinnungen hegten, doch von dem Strom der Töne mit
-fortgerissen wurden. Wie erhaben war ihr Vortrag, als sie sang:
-
- ~Cachez ce lambeau tricolore!
- C'est sa voix; il aborde, et la France est à lui.~
-
-Ernst, beinahe traurig, doch nicht ohne Triumph, fuhr sie fort:
-
- ~Il la joue, il la perd; l'Europe est satisfaite
- Et l'aigle, qui, tombant aux pieds du Léopard,
- Change en grand capitaine un héros de hasard,
- Illustre aussi vingt rois, dont la gloire muette
- N'eût jamais retenti chez la postérité;
- Et d'une part dans sa défaite,
- Il fait à chacun d'eux une immortalité.~[1]
-
- [1] ~Sept Messéniennes nouvelles par C. Delavigne. 1re. Le départ.~
-
-Als sie geendet hatte, legte sie die Gitarre nieder und ging, während
-die Männer noch in verlegener Stille saßen, schnell hinweg.
-
-»~Il la joue, il la perd~,« sprach der alte Thierberg lachend. »Eine
-große Wahrheit! Und dieser Dichter, wer er auch sein mag, konnte jenen
-Mann nicht besser schildern; seine ganze Größe bestand ja nur darin,
-daß er das ~rouge et noir~ so hoch als möglich spielte, und der alte
-Satz, daß der _kaltblütigste_ Spieler endlich gewinnt, bestätigte sich
-an ihm. Der Leopard hat doch die Bank gesprengt, und Wellington wird
-es eben darum keinen Kummer machen, wenn man ihn ~héros de hasard~
-nennt.«
-
-»Wie lächerlich sind solche Hyperbeln!« rief Rantow, »als ob zwanzig
-Könige ihren Nachruhm, ihre Unsterblichkeit diesem Sommerkönig zu
-verdanken hätten! Was uns betrifft wenigstens, so wird man eingestehen
-müssen, daß der Ruhm der preußischen Waffen älter ist als der des
-sogenannten Siegers von Italien, und nicht erst von der großen Nation
-geadelt werden mußte.«
-
-»Und dennoch,« erwiderte der General mit großer Ruhe, »dennoch wird
-man _einst_ nicht sagen, es war Bonaparte, der zur Zeit dieses oder
-jenes Königs lebte -- man wird sagen, Herr von Rantow, sie waren
-Zeitgenossen Napoleons. Doch was den Obergeneral des englischen Heeres
-in der Bataille von Mont St. Jean betrifft, so möchte es die Frage
-sein, ob ihm der Titel ~héros de hasard~ sehr angenehm ist; soviel ist
-wenigstens gewiß, daß er jene Schlacht nicht gewonnen, sondern nur --
-_nicht verloren hat_.«
-
-»Es ist ein Glück für die Welt,« bemerkte Thierberg lächelnd, »daß man
-Ihren Satz umkehren kann, und daß er dann noch höhere Wahrheit enthält;
-Ihr Herr und Meister hat jene Schlacht _zwar nicht gewonnen_, aber
-desto gewisser _verloren_.«
-
-»Er hat sie verloren,« antwortete der General; »was die Welt damit
-verlor, will ich nicht aussprechen, aber jene Strophe, womit Anna ihren
-Gesang schloß, drückt aus, wer noch am Abend jenes unglücklichen Tages,
-als Cäsar und sein Glück von der Uebermacht zerschmettert wurden, als
-meine braven Kameraden auf Mont St. Jean den letzten Atem aushauchten
--- der _Größere war_.«
-
-»Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?« entgegnete
-heftig der junge Mann aus der Mark. »Als die Strahlen der Abendröte
-über jenes denkwürdige Feld streiften, beleuchtend die Schande
-Frankreichs und sein verwirrtes Heer, als blutend, aber unbesiegt,
-das englische Heer jene Hügel deckte und Deutschlands Völker stolzen
-Schrittes in die Ebene herabstiegen, um den Kampf siegend zu
-entscheiden -- denken Sie sich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und
-sagen Sie mir, wer da der Größere war?«
-
-»Der Gott des Zufalls,« erwiderte der General. »Mächtiger war er
-wenigstens als jener alte Held, der auch noch an seinem letzten
-Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwischen dem Genie und
-roher, wohlgenährter, tierischer Kraft befestigt sei. Er ist gefallen,
-nicht weil ihm England oder Deutschland gewachsen waren, sondern weil
-er früher oder später fallen mußte, weil er einen Vertilgungskrieg
-gegen sich selbst führte, der seine Kräfte aufrieb; oder können Sie
-mir beweisen, daß an jenem Tage von Waterloo das Genie des englischen
-Feldherrn oder gar Ihres Blücher ihn besiegte?«
-
-»Seien wir gerecht,« nahm der junge Willi das Wort; »geben wir zu,
-daß ihm keiner seiner militärischen Gegner gewachsen war, so beweist
-dies noch immer nicht für jene innere Größe, für jene moralische
-Erhabenheit, welche die Mitwelt mit sich fortreißt, ihr Jahrhundert
-bildet und Segen noch auf die späte Nachwelt bringt. Napoleon war ein
-großer Soldat, -- aber kein großer Mensch.«
-
-»Sohn!« erwiderte der General, »wie kannst du in irgend einem Fach des
-Wissens groß, größer als sonst ein Mann des Jahrhunderts werden, _ohne
-ein großer Mensch_ zu sein? Die Maschine ist es nicht, nicht dieser
-Körper ist es, was sie groß macht, es ist der Geist. Jene veralteten
-Formen Europas, von klugen Männern vor tausend Jahren ausgedacht,
-stürzten zusammen, weil es Formen waren, die der Geist verlassen hatte;
-sie brachen ein vor den Blitzen seines Genies, sie hatten das Schicksal
-jener Leichname, die in Grüften eingeschlossen, in ihren fürstlichen
-Leichenprunk gehüllt, Jahrhunderte überdauern, weil sie die Kerkerluft
-ihres Grabes nicht vermodern läßt. Berühre sie mit _lebendiger_ Hand,
-hauche sie an mit _freiem_ Odem, und -- sie zerfallen in Asche!«
-
-»Dies beweist nicht gegen mich,« sagte Willi.
-
-»Und wo ist denn das große und feste Reich, das der große Mann
-gründete?« unterbrach ihn Thierberg; »Sie vergleichen unsere schönen,
-alten Institutionen, Gott möge es Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam,
-aber was war denn jener korsische Kaiserthron, was sein Staatsgebäude
-als ein Kartenhaus?«
-
-»Ich habe nie gesagt, daß Napoleon der Mann war, einen großen Staat
-zu gründen,« antwortete der alte Willi; »Frankreich war unter ihm ein
-Lager, dessen erste Posten die Rheinbundstaaten bildeten. Er hätte
-vielleicht ein Ende genommen, das seiner oder Frankreichs unwürdig
-gewesen wäre, wenn er einige Jahre in beständiger Ruhe und in Frieden
-regiert hätte.«
-
-»So war also das Ende, welches er nahm, seiner würdig?« fragte Rantow
-lächelnd.
-
-»Nicht der Platz, auf welchem wir stehen,« versetzte der General
-nicht ohne Wehmut, »nicht der Raum, sei er groß oder klein, gibt uns
-Würde oder Schmach. Wir sind es, die uns und unsern Posten adeln oder
-schänden. Die Welt hat gelacht und gehöhnt, als man den größten Geist
-des Jahrhunderts auf eine öde Insel verbannte. Dort, an der höchsten
-Felsenspitze, haben sie den alten Adler angeschlossen, wo er nur in die
-Sonne, auf den weiten Ozean und in einige treue Herzen sah. Aber man
-hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt gebe;
-es war nicht _Strafe_, was ihn dorthin verbannte; wer in Europa konnte
-_ihn strafen_? Es war -- _Furcht_. So mußte es kommen, daß man in ihm
-noch immer den _Gefürchteten_ sah; und manche Herzen, die sich von ihm
-abgewendet hatten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das
-Unglück die Menschen zu versöhnen, und -- es war ja nichts an seine
-Stelle getreten, was ihn hätte vergessen machen können.«
-
-»Glauben Sie etwa, Herr Nachbar,« sagte Thierberg, »es hätte wieder
-ein solcher Attila auftreten müssen, nur um die Zeitungsschreiber zu
-unterhalten? Vergessen wird man wohl jenen Namen noch lange nicht, aber
--- man wird ihn verdammen.«
-
-»Mancher hat ein persönliches Recht dazu, und ich kann ihn darum nur
-beklagen, nicht entschuldigen, daß sein Gang über die Erde nicht die
-gebahnte Straße ging. Aber man wird auch mit andern Gefühlen sich
-seiner erinnern. Die Großen der Erde scheinen zwar nicht viel von ihm
-gelernt zu haben, desto mehr vielleicht die Kleinen. Er hat sich seine
-Bahn so erhaben aufgerissen als Alexander, er hat sie verfolgt wie
-Cäsar, man hat ihm gedankt wie dem Hannibal, auf jenem Felsen hat er
-gelebt wie Seneca, und seine letzten Tage waren eines Sokrates würdig.«
-
-»In diesem Punkt werden wir nimmer einig,« erwiderte der alte
-Thierberg; »was mich betrifft, so kömmt er mir vor, als habe er seine
-Laufbahn eröffnet wie ein Aventurier, habe sie verfolgt wie ein Räuber,
-habe mit seinem Raub verfahren wie ein verzweifelter Spieler, und habe
-geendet wie ein -- _Komödiant_!«
-
-»Wir sind noch nicht seine Nachwelt,« bemerkte Robert Willi. »Erst wenn
-alle Parteien, die persönliches Interesse aussprachen, von der Erde
-verschwunden sind, dann erst wird man mit klaren Augen richten. Mein
-Held ist er nicht, aber in seinen italienischen Feldzügen erscheint er
-wie ein Wesen höherer Art, und dies wenigstens werden auch Sie zugeben,
-Herr von Thierberg.«
-
-»Es ist möglich,« versetzte der Alte, »er hat damals mein Staunen,
-meine Bewunderung erregt; aber wie schnell wurde ich von meiner
-Vorliebe geheilt! Wenn er damals den Bourbons den Thron zurückgegeben
-hätte -- die Macht hatte er dazu --, so wäre er mir wie ein Engel
-erschienen.«
-
-»Dies war wegen seiner Armee, die anders dachte, unmöglich,« antwortete
-der General.
-
-»Sie erinnern sich,« fuhr der Alte fort, »daß ich Ihnen öfter von einem
-französischen Kapitän erzählte, der mich in der Schweiz aus großer
-Verlegenheit rettete; -- der einzige Franzose, den ich achte, und für
-den ich noch jetzt alles tun könnte. Mit diesem sprach ich damals
-auch über _diesen_ Punkt. Ich sagte ihm, daß Frankreich ohne Rettung
-verloren gehe, wenn es in der ewigen, sich immer von neuem gebärenden
-Revolution fortfahre. Nur ein König an der Spitze könnte es retten.
--- Er gab es zu; er sagte mir, daß die Bourbons eine große Partei in
-Paris hätten, und daß mein Gedanke vielleicht erfüllt würde. Ich fragte
-ihn, wie der Konsul Bonaparte, der damals an der Spitze stand, darüber
-dächte. ›Er äußert sich nicht,‹ erwiderte mir der Kapitän, ›aber wenn
-ich ihn recht verstehe,‹ setzte er lächelnd hinzu, ›so wird Frankreich
-bald nur _einen_ Meister haben.‹ Ich deutete dies Wort meines neuen
-Freundes damals auf die Zurückkunft der Bourbons, leider ist es an
-Bonaparte selbst in Erfüllung gegangen.«
-
-Der junge Willi war schon zu Anfang dieser Rede aufgestanden; er hatte
-Annas Vater die Geschichte von seinem Kapitän schon einige Dutzendmal
-erzählen gehört, und sein Blut wallte in diesem Augenblick noch zu
-unruhig, als daß er sie von neuem anhören mochte; er ging mit zögernden
-Schritten im Saal auf und nieder; als aber der alte Thierberg im
-Gespräch mit dem General auf die jetzigen Verhältnisse Frankreichs
-einging, ein Punkt, über den sie niemals in Streit gerieten, gesellte
-sich auch Rantow zu dem jungen Willi. Er ließ sich von ihm die
-Geschichte der letzten Wochen noch einmal wiederholen, führte ihn
-unbemerkt in das nächste Zimmer und dann auf die breite Hausflur. Dort
-hielt er plötzlich inne und flüsterte dem erstaunten jungen Mann ins
-Ohr: »Sie dürfen vor mir kein Geheimnis mehr haben; Anna hat mir alles
-entdeckt, und auf meinen Beistand können Sie sich verlassen.« Noch
-einen Augenblick zweifelte Robert, weil ihm diese Nachricht zu neu und
-unerwartet kam; als aber Rantow ins einzelne einging und ihm erzählte,
-was in jener Schreckensnacht vorgefallen sei, als er ihm entdeckte,
-wie ungünstig gegenwärtig die Verhältnisse seien, da stand jener nicht
-länger an, die Hilfe, die ihm geboten wurde, anzunehmen; er bat Albert,
-ihm, wenn es möglich wäre, Gelegenheit zu verschaffen, mit Anna zu
-sprechen.
-
-Der Gast aus der Mark dachte einige Augenblicke nach, ob er dies
-möglich machen könnte. Anna hatte ihn zwar selbst nie auf ihr Boudoir
-im Turm eingeladen, aber er hoffte, in solcher Begleitung nicht
-unwillkommen zu sein; das einzige, was ihn hätte abhalten können, war
-die Furcht vor dem Zorn seines Oheims, im Fall diese Zusammenkunft
-entdeckt wurde; aber die Lust, wo er nicht selbst die Rolle übernehmen
-konnte, wenigstens die Intrige zu unterstützen, siegte über jede
-Bedenklichkeit; er winkte dem jungen Willi, ihm zu folgen. Der Gang
-nach Annas Turm war ihm bekannt. Nach der Lage ihrer Fenster mußte ihr
-Gemach noch zwei Stockwerke höher liegen als der Saal. Sie stiegen eine
-enge, steile Treppe von Holz hinan, die unter jedem Tritte, so behutsam
-sie auch stiegen, ächzte. Zum nicht geringen Schrecken begegnete ihnen
-auf dem ersten Stock der alte Hans, der sie verwundert ansah. Albert
-winkte seinem Gefährten, nur immer voranzugehen, er selbst nahm, ohne
-in seiner Bestürzung zu bedenken, ob es klug sein möchte, den alten
-Diener auf die Seite. »Hans!« sagte er, »wenn du deinem Herrn ein
-Wort --« -- »O,« erwiderte jener schlau lächelnd, »da hat es gute Wege,
-so wenig als in jener Nacht, da Sie mich beinahe in den Neckar warfen,
-ich bin so still wie ein toter Hund.« Beruhigt folgte Rantow dem
-Liebhaber; sie hatten bald das Ende der Treppe erreicht und standen nun
-auf einer Art von Vorsaal; die Reinlichkeit und Zierlichkeit, die hier
-herrschte, ließ ahnen, daß man sich nicht mehr weit von Annas Gemach
-befinde. Zwei Türen gingen auf diesen Vorplatz; sie wählten auf gutes
-Glück die nächste, pochten an -- keine Antwort. Sie pochten wieder;
-jetzt tat sich die zweite Tür auf, und Anna erschien auf der Schwelle.
-
-Sie errötete, als sie die beiden jungen Männer sah, doch, als habe
-dieser Besuch nichts Auffallendes an sich, lud sie dieselben durch
-einen freundlichen Wink ein, näher zu treten. »Ihr kommt wohl, um die
-schöne Aussicht von meinem Turm zu betrachten?« sagte sie; »jetzt erst
-fällt mir bei, daß du nie hier warst, Albert, aber so ganz bin ich
-schon an diesen herrlichen Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal
-einfiel, dich hierher einzuladen.«
-
-
-12.
-
-Das Gemach war klein, die Geräte gehörten einer früheren Zeit an,
-aber dennoch war alles so freundlich und geschmackvoll geordnet, daß
-Rantow, nachdem er die Aussicht geprüft, die nächsten Umgebungen
-gemustert und alles recht genau angesehen hatte, dieses Zimmer für das
-schönste im Schloß erklärte. Nur eine breite Kiste, von schlechtem
-Holz zusammengezimmert, die auf einer Kommode stand, schien ihm nicht
-mit den übrigen Gerätschaften zu harmonieren. So ungerne er die beiden
-Liebenden, die, anscheinend in die Aussicht auf das Tal hinab vertieft,
-eifrig zusammen flüsterten, stören mochte, so war doch seine Neugierde,
-zu wissen, was der geheimnisvolle Schrank verberge, zu groß, als daß er
-nicht seine Base darüber befragt hätte.
-
-»Bald hätte ich das Beste vergessen!« rief sie aus; »das Bild für Ihren
-Vater ist heute angekommen, Robert; ich habe es hierhergestellt, weil
-mein Vater nie hierher kommt, und weil ich es doch auch betrachten
-wollte.« Sie rückte unter diesen Worten den Deckel des Schranks, Willi
-half ihn herabnehmen, und das Bild eines Reiters, der auf einem wilden
-Pferd eine Anhöhe hinansprengt, wurde sichtbar.
-
-»Bonaparte!« rief Rantow, als ihm die kühnen, geistvollen Züge aus der
-Leinwand entgegensprangen.
-
-»Erkennst du ihn?« fragte Anna lächelnd. »Das war der Sieger von
-Italien!«
-
-»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie so gut gelingen könnte,«
-bemerkte Willi; »aber wahrlich, David war ein großer Maler. Wie
-edel ist diese Gestalt gehalten, wie glücklich der Einfall, diesen
-hochstrebenden Mann nicht in der gebietenden Stellung eines
-Obergenerals, sondern in einer Kraftäußerung aufzufassen, die einen
-mächtigen Willen und doch eine so erhabene Ruhe in sich schließt.«
-
-»Ich kenne das Original,« sagte Rantow, »es ist in der Galerie zu
-Berlin aufgestellt, und ich finde diese Kopie trefflich; für Liebhaber
-des Gegenstandes, worunter ich nicht gehöre, gewinnt dieses Gemälde um
-so höheres Interesse, als die Idee dazu von Napoleon selbst ausging.
-Man sagt, David habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der
-Hand, auf dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merkwürdigen
-Worte: ›Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten; ich will
-_ruhig_ gemalt sein -- auf einem wilden Pferde.‹«
-
-»Dank dir für diese Anekdote,« erwiderte Anna, »sie macht mir das Bild
-um so lieber, und nicht wahr, Robert,« setzte sie hinzu, »auch dein
-Vater soll durch seine Originalität nur noch mehr erfreut werden.«
-
-»Anna!« unterbrach die Beschauenden eine dumpfe, wohlbekannte Stimme.
-Sie sahen sich um, der alte Thierberg, auf seinen Diener gestützt,
-stand mit hochrotem, zürnendem Gesicht und zitternd vor ihnen; der
-General, welcher seitwärts stand, schien verlegen und ängstlich. Aber
-so schnell war dieser Schreck, so groß die Furcht Annas vor ihrem Vater
-und so furchtbar sein Anblick, daß sie zu schwanken anfing, und hätte
-der General sie nicht unterstützt, sie wäre in die Knie gesunken.
-
-»Sind das die gerühmten Sitten Ihres Herrn Sohnes?« wandte sich der
-Alte bitter lachend zu dem General, indem er bald den Sohn, bald den
-Vater ansah; »heißt das, wie Sie mir vorzumalen suchten, sich in den
-zartesten Grenzen des Anstandes halten? Herr! Wie kommen Sie dazu, mit
-meiner Tochter _allein_ auf ihrem Zimmer zu sein?«
-
-»Onkel --« rief Rantow, um ihn zu belehren.
-
-»Schweig, Bursche!« antwortete ihm der zürnende Alte, indem er immer
-den jungen Willi mit glühenden Blicken ansah.
-
-»Ich denke,« erwiderte dieser ruhig und mit stolzer Fassung, »die
-Erziehung Ihrer Tochter und Annas Sitten müßten Ihnen Bürge sein,
-daß ein Mann, selbst wenn er allein käme, sie besuchen dürfte,
-vorausgesetzt, sie will ihn empfangen, und über den letztern Punkt
-steht nach allen Gesetzen der guten Sitte der jungen Dame selbst, nicht
-aber Ihnen, Herr von Thierberg, die Entscheidung zu.«
-
-Diese Worte schienen seinen Eifer noch mehr zu entflammen, er atmete
-tief auf; aber in diesem Augenblick trat sein Neffe mutig dazwischen
-und redete ihn auf eine Weise an, die, wie ihn sein kurzer Aufenthalt
-bei den Thierbergs gelehrt hatte, die Wirkung nicht verfehlen konnte.
-»Herr von Thierberg,« rief er bestimmt und mit ernster Miene, »Sie
-haben mir vorhin zu schweigen geboten, ich werde aber nicht schweigen,
-wenn man meiner Ehre zu nahe tritt. Ich bin es gewesen, der Herrn von
-Willi hierher führte, ich bin es gewesen, der ihn hier unterhielt, und
-er hat mich hierher begleitet, weil ich ihn darum gebeten habe.«
-
-»Du warst zugegen?« fragte der Oheim mit etwas gemilderter Stimme.
-»Aber was Teufel geht dich das Zimmer meiner Tochter an? Was hattest du
-hier zu suchen?«
-
-Mit einer theatralischen Wendung und sprechender Miene wandte sich der
-Neffe gegen die Hinterwand des Zimmers, deutete mit dem ausgestreckten
-Arm hin und sprach: »Hier steht, was ich suchte.«
-
-Der Alte trat mit schnelleren Schritten, als seine Krankheit erlaubte,
-näher. Er betrachtete das Bild und blieb mit einem Ausruf des
-Erstaunens stehen; seine trotzige Miene klärte sich auf, seine Stirn
-entfaltete sich, sein blitzendes Auge schimmerte nur noch von Rührung
-und Freude. »Gott im Himmel,« rief er aus, indem er das Mützchen
-abnahm, das er beständig trug. »Wer hat mir das getan, woher, woher
-habt ihr ihn? Wer hat ihn meinen Gedanken nachgebildet, wer hat mir
-diese Züge, diese Augen hier, hier aus meinem Herzen herausgestohlen?«
-
-Die Männer sahen sich staunend an, betreten richtete sich Anna auf und
-trat näher, denn sie besorgte, ihr alter Vater rede irre. »Wer hat
-dies Bild hierher gestellt?« fragte er nach einer Pause, indem er sich
-umwandte, und alle sahen Tränen in seinen Augen glänzen.
-
-»Ich, mein Vater,« sagte Anna zögernd.
-
-»O du gutes Kind,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme schloß,
-»wie unrecht habe ich dir vorhin getan! Als ich in dieses Zimmer trat,
-glaubte ich, du habest mich tief gekränkt, und doch hast du mich so
-unendlich erfreut! -- Kennst du ihn, Hans?« wandte er sich an seinen
-Diener. »Kennst du ihn nicht wieder?«
-
-»Gott straf' mich, er ist's!« erwiderte der alte Reitknecht. »Solche
-schreckliche Augen machte er gegen die fünf Buschklepper, die uns
-auszogen, o das war ein braver Herr!«
-
-Die, welche den Herrn und seinen Diener so sprechen hörten, konnten
-sich von ihrem Staunen kaum erholen, sie sahen sich lächelnd an, als
-ahnten sie eine sonderbare Fügung des Geschicks, als sei ein schweres
-Gewitter segnend über ihnen hinweggezogen. Der General aber, der bald
-Anna, bald das Bild mit blitzenden Augen betrachtet hatte, trat näher
-heran und fragte den alten Thierberg, wen er denn in diesem Bilde
-wiedererkenne?
-
-»Das ist derselbe treffliche Kapitän,« antwortete er, »der mich am Fuß
-des St. Bernhard aus der Gewalt ruchloser Soldaten errettete; wie? Er
-ist derselbe, von welchem ich Ihnen so oft erzählte; das Muster eines
-braven Mannes, eines gebildeten und klugen Soldaten.«
-
-»Nun, so bitte ich Sie,« fuhr der General mit inniger Rührung fort,
-indem auch ihm eine Träne im Auge schwamm, »ich bitte Sie im Namen
-dieses Mannes, den ich auch kannte, Sie mögen ihm vergeben, wenn er
-nachher anders handelte, als Sie damals dachten!«
-
-»Wie? Sie haben ihn gekannt?« rief der Alte dringend, indem er die Hand
-des Generals faßte, »wer war er, wie heißt er, lebt er noch?«
-
-»Er ist tot -- seinen Namen kannte die Welt -- dieser Mann hier ist --«
-
-»Nun?« drängte der Alte den General, dem die Stimme zu brechen schien.
-»Wer? Doch nicht --«
-
-»Dieser Mann,« rief der General mit einem feurigen Blick auf das
-Gemälde, »dieser Mann war -- _Napoleon Bonaparte_, der Kaiser der
-Franzosen.«
-
-Der Alte setzte seine Mütze auf; er drückte die Augen zu, und in
-seinem Gesicht kämpfte Unmut mit Rührung. Doch als er nach einer Weile
-das Bild wieder ansah, schien er es nicht über sich zu vermögen, dem
-stolzen Reiter gram zu werden; »du also?« sprach er zu ihm, »du warst
-dieser -- kühne Mann? Das war also deine Meinung? Du hast mir mein
-Kleid, meinen Hut und meine Börse zurückgegeben, um mir nachher mein
-alles zu rauben?«
-
-»Vater,« sagte Anna schmeichelnd, »wie glücklich waren Sie aber
-dennoch! Der erste Mann des Jahrhunderts hat so traulich zu Ihnen
-gesprochen.«
-
-»Ja, das haben wir,« erwiderte der Alte lächelnd und nicht ohne Stolz,
-»recht freundlich haben wir uns unterhalten, ich und er, und er schien
-Gefallen an mir zu finden. Ich habe nicht gehört, daß der erste Konsul
-sich je gegen einen so offen ausgesprochen hätte, wie damals gegen
-mich. ›Frankreich wird nicht mehr lange ohne König sein‹, waren seine
-eigenen Worte; du hast es erfüllt, kleiner Schelm! -- Ha! Und gerade
-so sah er aus, so warf er noch einmal den stolzen Kopf herüber, als
-er sein Roß den Berg hinantrieb und die Feldmusik des Regiments
-herüberklang. General Willi -- es war doch ein großer Geist!«
-
-»Gewiß!« sagte der General freudig gerührt, indem er dem Alten die Hand
-drückte. »Aber, wie kam nur dies Bild hierher zu Ihnen, Anna?«
-
-»Darf ich es verschweigen, Robert?« antwortete sie; »nein, er hat
-es ja doch schon gesehen. Ihr Sohn wollte Sie an Ihrem Geburtstag
-damit überraschen, und ich erlaubte, daß das Bild einstweilen hier
-aufgestellt würde.«
-
-Der alte Thierberg hatte aufmerksam zugehört; er schien überrascht und
-ging auf den jungen Willi zu, dem er seine Hand bot. »Junger Mann,«
-sagte er, »ich habe Ihnen vorhin bitter unrecht getan, ich sehe jetzt,
-daß Sie ein schönerer Zweck auf dieses Zimmer führte, als ich anfangs
-dachte; werden Sie mir meine übereilten Worte, meine Hitze vergeben?«
-
-Robert errötete. »Gewiß, Herr von Thierberg,« antwortete er, »und wenn
-Sie noch zehnmal heftiger gewesen wären, so konnten Sie mich zwar
-kränken, aber niemals beleidigen; es ist hier nichts zu vergeben.«
-
-»Wirklich?« erwiderte der alte Herr sehr freundlich, »und wenn ich
-fragen darf -- wo haben Sie das Bild gekauft? Könnte man nicht sich
-auch ein Exemplar verschaffen? Ich möchte doch den ~grand capitaine~,
-_meinen_ Kapitän, in meinem Zimmer haben.«
-
-»Wie ich meinen Vater kenne,« sagte der junge Mann, »so wird er dieses
-Bild vielleicht noch lieber in Ihrem Hause als in dem seinigen sehen.
-Ich bitte, erlauben Sie, daß ich es dort aufhänge.«
-
-»Sie machen mir ein großes Geschenk, lieber Robert,« sagte Thierberg;
-»wohin ist es mit unseren Gesinnungen gekommen? Ich glaube, wir denken
-im Grunde gleich über diesen Bonaparte, und doch sind _Sie_ es, der mir
-ihn anbietet, und mir macht es Freude, ihn anzunehmen. Ich habe wenige
-Bilder, aber einige alte, gute; suchen Sie sich etwas aus, nehmen Sie
-dafür aus meinem Schloß, was Sie wollen.«
-
-»Halt!« rief der General, »bei diesem Handel bin ich auch beteiligt;
-ich kenne den unglücklichen Geschmack meines Sohnes und weiß, wie wenig
-er auf _alte_ Bilder hält; wollen Sie ihm nicht ein _jüngeres_ dafür
-geben? Thierberg, vor diesem Bilde, das nun auch für Sie von Bedeutung
-ist, wiederhole ich meine Werbung: Ihre Anna um diesen Napoleon.«
-
-Der alte Herr war betreten, er warf verlegene Blicke auf die
-Umstehenden; endlich haftete sein Auge auf Davids Gemälde. »Du hast
-viel verschuldet,« sprach er, »Europas alte Ordnung hast du umgeworfen,
-und nun nach deinem Tode willst du dich in meine Haushaltung mischen?«
-
-»Herr Baron!« sagte der alte Hans mit gerührter Stimme, »nehmen Sie es
-einem alten Diener nicht ungnädig auf, aber wissen Sie noch, was Sie zu
-dem braven Kapitän sagten, und was Sie mir oft erzählt haben? Monsieur,
-haben Sie gesagt, wenn Sie einst durch Schwaben kommen und in unsere
-Gegend, so vergessen Sie nicht, auf Thierberg einzusprechen, daß Sie
-mich nicht zu Ihrem ewigen Schuldner machen.«
-
-Herr von Thierberg aber strich sich nachdenklich mit der Hand über die
-Stirne, warf noch einen zögernden Blick auf das Bild und führte dann
-Anna zu Robert Willi. »Nimm sie hin!« sagte er fest und ernst. »Ich
-habe es nicht tun wollen, aber vielleicht war es gut, daß _dies_ alles
-so kommen mußte; nimm sie hin!«
-
-Mit großer Rührung umarmte der General den alten Mann, und indem Robert
-überrascht und selig seine Braut, wir wissen nicht ob zum erstenmal, an
-seine Lippen drückte, schüttelte der Gast aus der Mark, um nicht ganz
-teilnahmlos zu erscheinen, dem alten Diener herzlich die Hand. Albert
-hat nachher erzählt, daß er in jenem feierlichen Augenblick, trotz
-seines inneren Widerstrebens, gut napoleonisch gesinnt gewesen sei und
-zum erstenmal in seinem Leben jene Macht und Ueberlegenheit gefühlt und
-anerkannt habe, die jener große Geist auf die Gemüter zu üben pflegte.
-
-Er erzählte auch, daß der alte Thierberg jenen sonderbaren Tausch
-niemals bereut habe; er fand in seinem Schwiegersohne Eigenschaften,
-die er ihm nie zugetraut hatte, und als er ihn bei der Verwaltung der
-Güter seines Vaters mit Rat und Tat unterstützte, lebte er im Glücke
-seiner Kinder die Tage seiner eigenen Jugend wieder.
-
-Von der Hochzeit des jungen Paares sprach der Gast aus der Mark nicht
-gerne, man sah ihm an, daß er lieber selbst mit der liebenswürdigen
-Anna vor den Altar getreten wäre. Einen Zug aber aus diesem glänzenden
-Tag pflegte er bei Wiederholung dieser Geschichte nie zu vergessen,
-vielleicht nur, um jene schwärmerischen Anhänger Napoleons und seinen
-neubekehrten Oheim ins Komische zu ziehen. Der alte Gardist des
-Generals, erzählte er, habe alle Domestiken und einige junge Burschen
-zum Vivatschreien abgerichtet und die schöne Braut mit ins Geheimnis
-gezogen; er habe seine Leute unter die Türen des großen Saales im
-Schlosse Thierberg gestellt, und als nun mancher Toast ausgebracht
-war, sei auch Anna mit dem Kelchglas aufgestanden und habe mit ihrer
-süßen Stimme »dem Bild des Kaisers« die Ehre eines Toasts gegeben. Da
-wurde der Jubel rauschend, die Gäste stießen an, Hans und der Gardist
-schwangen zum Zeichen ihre Mützen, und wohl aus fünfzig Kehlen schallte
-ein jauchzendes: »~Vive l'empereur!~«
-
-
-
-
-Die letzten Ritter von Marienburg.
-
-
-1.
-
-»Guten Morgen, Neffe der Musen!« rief mit munterem Ton der junge Rempen
-einem Bekannten zu, dem er am Markt begegnete; »Ihre Augen leuchten,
-Ihre Mienen drücken eine gewisse Behaglichkeit aus, und ich wollte
-wetten, Sie haben heute schon gedichtet.«
-
-»Wie man will, bester Stallmeister,« entgegnete jener, »in Reimen
-zwar nicht, aber an meinem neuen Roman habe ich ein paar Kapitel
-geschrieben.«
-
-»Wie, an einem neuen Roman? Das ist göttlich, auf Ehre! Aber, bitte
-Sie, warum so geheim mit solchen Dingen, so verschlossen gegen die
-nächsten Bekannten und Freunde? Sonst ließen Sie doch hin und wieder
-ein Wörtchen fallen über Anordnung und Charaktere, lasen mir und
-anderen einige Strophen; wie kommt es denn, daß _dies_ alles nun
-vorüber ist?«
-
-»War es euch denn wirklich interessant?« fragte der Dichter nicht ohne
-wohlgefälliges Lächeln; »ich muß gestehen, mir selbst kommt, wenn ich
-etwas niedergeschrieben habe, alles so leer, so gemein, so langweilig
-vor, daß ich mich ennuyierte, wenn ich es nur in den Revisionsbogen
-wieder durchlas; da dachte ich denn, es könnte euch auch so gehen.« --
-
-»Uns? Gewiß, es machte uns immer Vergnügen!«
-
-»Gut, lassen Sie uns dort bei dem Italiener eintreten und etwas
-trinken, dabei will ich Ihnen den Plan meines neuen --«
-
-»Wie!« rief der Freund des Dichters lachend. »So frühe schon am Tage in
-die Restauration? Sind wir denn Leute aus einer neumodischen Novelle,
-daß wir gleich anfangs, des Tages nämlich, in einem Wirtshaus sitzen
-müssen, als ob es außer der Kirche und der Weinstube kein öffentliches
-Leben mehr geben könnte?«
-
-»Wie kommen Sie nur auf diese Vergleichung!« entgegnete jener. »Wie oft
-waren wir morgens bei Primavesi!«
-
-»Es ging mir nur so durch den Kopf,« sprach der Stallmeister; »gestehen
-Sie selbst, seit Tieck mit Marlow und Green im Wirtshaus zusammenkam,
-glauben sie alle, es könne keinen schicklicheren Ort geben, um eine
-Novelle anzufangen; erinnern Sie sich nur an die Almanache des letzten
-Jahres; doch Sie selbst sind ja solch ein Stück von einem Poeten, und
-wenn Sie durchaus heute mit dem Italiener anfangen wollen, so mögen Sie
-Ihren Willen haben.«
-
-»Sie werden erwartet, Herr Doktor Zundler,« sagte der Italiener, als
-die beiden Männer in den Keller traten, »der Buchhändler Kaper sitzt
-schon seit einer Viertelstunde im Eckstübchen und fragt oft nach Ihnen.«
-
-Der Stallmeister machte Miene, sich entfernen zu wollen; Doktor Zundler
-aber faßte heftig seine Hand. »Bleiben Sie immer,« rief er, »kommen
-Sie mit zu dem Buchhändler; er wird wohl von meinem neuen Roman
-gehört haben und mir Verlag anbieten; da können Sie einmal sehen,
-wie unsereiner Geschäfte macht; habe ich ja selbst schon oft Ihren
-Pferdeeinkäufen beigewohnt.«
-
-Der Stallmeister folgte; in einer Ecke sah er einen kleinen, bleichen
-Mann, der hastig an einem Rippchen zehrte, und so oft er einen Biß
-getan, Lippen und Finger ableckte; er erinnerte sich, diese Figur
-hie und da durch die Straßen schleichen gesehen zu haben, und hatte
-den Mann immer für einen Krämer gehalten; jetzt wurde ihm dieser als
-Buchhändler Kaper vorgestellt. Zur Verwunderung des Stallmeisters
-sprach er nicht zuerst den Dichter, sondern ihn selbst an: »Herr
-Stallmeister,« sprach er, »schon lange habe ich mich gesehnt, Ihre
-werte Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie oft an meinem Gewölbe
-vorbeiritten, ritten, ich darf sagen, wie ein Gott, da sagte ich immer
-zu meinem Buchhalter, und auf Ehre, es ist wahr, Winkelmann, sagte
-ich (Sie kennen ihn ja, Herr Doktor), Winkelmann, es fehlt uns schon
-lange an einem tüchtigen Pferde- und Bereiterbuch. Der Pferdealmanach
-erscheint schon lange nicht mehr, und was letzthin der Herr Baptist bei
-den Kunstreitern geschrieben, ist auch mehr für Dilettanten, obgleich
-die Vignette schön ist, Sie haben ja den Menschen persönlich gesehen,
-Herr Doktor; nun, sagte ich, ein solches Buch zu schreiben, wäre der
-Herr Stallmeister von Rempen ganz der Mann. Etwa fürs erste achtzehn
-bis zwanzig Bogen, statt der Kupfer nehmen wir Lithographien --«
-
-»Bemühen Sie sich nicht,« erwiderte der junge Rempen, mit Mühe das
-Lachen unterdrückend. »Ich bin zum Büchermachen verdorben; es geht
-mir nicht von der Hand, und überdies, Herr Kaper, bei unserem Metier,
-gerade bei unserem, muß der jüngere sich bescheiden. Da kommt es auf
-Erfahrung an.«
-
-»Und ich dächte, Sie hätten Verlag genug,« sagte der Doktor, wie es
-schien, etwas ärgerlich, von dem Buchhändler nicht gleich beachtet
-worden zu sein.
-
-»O ja, Herr Doktor, Verlag genug, was man so verlegene Bücher nennt;
-ich könnte Deutschland in allen Monaten, die ein R haben, mit Krebsen
-versehen, Sie wissen ja selbst.«
-
-»Ich will nicht hoffen,« rief der Dichter hoch errötend, »daß Sie damit
-etwa mein griechisches Epos meinen --«
-
-»Mit nichten, gewiß nicht, wir haben doch hundert etwa abgesetzt und
-die Kosten so ziemlich gedeckt, und der Herr Doktor werden mir nicht
-übelnehmen, wenn ich sage, es war eine frühe Arbeit, eine Jugendarbeit;
-hat doch auch Schiller nicht gleich mit dem ›Tell‹ angefangen, sondern
-zuerst ›Die Räuber‹ geschrieben, und überdies noch die erste Ausgabe
-bei Schwan und Götz, wo Franz Moor noch in den Turm kommt, die gar
-nicht so gut ist als die zweite; aber seit man Ihre vortreffliche
-Novelle in der Amathusia für 1827, seit man Ihre Rezensionen und
-Kritiken und die Sonette vor vier Wochen gelesen hat, läßt sich Großes
-erwarten.«
-
-Der Dichter schien beruhigt. »Ich habe Sie immer für einen Mann von
-gesundem Urteil gehalten, Herr Kaper,« sprach er mit gütigem Lächeln;
-»haben Sie vielleicht schon von meinem neuen Roman gehört?«
-
-»Ich habe, ich habe,« erwiderte der Buchhändler mit schlauer Miene;
-»und wo, raten Sie, wo ich davon gehört habe? Sie erraten nicht? Warum
-kommen denn der Herr Doktor so gerne in mein Gewölbe? Etwa wegen meiner
-Leihbibliothek, auf welche Sie immer zu schimpfen belieben, oder wegen
-des Vis-à-vis?«
-
-»Wie!« rief der junge Mann und drückte die Hand des Buchhändlers,
-»hätte etwa Elise --«
-
-»Elise Wicklow, meinen Sie?« fragte der Stallmeister, etwas näher
-rückend.
-
-»Ja, meine Herren! Fräulein Wicklow,« fuhr Herr Kaper, vertraulich
-flüsternd, fort, »doch nicht zu laut, wenn ich bitten darf; denn soeben
-hat sich der Oberjustizreferendar Palvi dorthin gepflanzt in seine
-tägliche Ecke --«
-
-»Welcher ist es?« fragte der Stallmeister, sich umkehrend; »ich hörte
-mancherlei von diesem Menschen, sonderbares Gerede von den einen und
-hohes Lob von anderen; der junge Mann, der so düster in sein Glas
-sieht, ist Palvi?«
-
-»Es ist nicht viel an ihm,« bemerkte der Dichter. »Auf der Universität
--- ich war noch ein Jahr mit ihm in Göttingen -- war er so eine Art von
-Poetaster; einmal las ich ein paar gute Gedanken von ihm, die er zu
-einem Fest gemacht hatte; hier treibt er ein elendes, wüstes Leben und
-kommt selten in gute Gesellschaft.«
-
-»Aber gerade wegen Fräulein Wicklow dürfen wir vor ihm nicht zu laut
-werden,« flüsterte der Buchhändler. »Ich weiß, er kam, als er noch
-auf Schulen war, zuweilen hinüber ins Haus, und wie mir meine Tochter
-sagte, soll einmal ein Verhältnis zwischen den beiden Leutchen --«
-
-»Wie?« rief der Stallmeister gespannt.
-
-»Possen!« entgegnete der Dichter, indem er auf seinen eleganten Anzug
-einen Blick herabwarf, »er sieht aus wie ein Landstreicher; bringen
-Sie mir Elise auch nicht in Gedanken mit diesem Menschen zusammen. Ich
-weiß, sie liebt die Poesie; alles Erhabene, Schöne gefällt ihr, und
-sagen Sie aufrichtig, hat sie von meinem Roman gesprochen?«
-
-»Sie hat, und wie! Sie ist ein belesenes Frauenzimmer, das muß man ihr
-lassen; keine in der ganzen Stadt ist so delikat in der Auswahl ihrer
-Lektüre. So kommt es, daß sie immer in einer Art von Verbindung mit mir
-steht, und wenn ich etwas Neues habe, bringe ich es gleich hinüber,
-denn ich selbst habe es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein so
-schönes Kind ›lieber Herr Kaper‹ zu mir sagt und gütig und freundlich
-ist. Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, ›Die letzten Ritter
-von Marienburg‹, brachte, noch unaufgeschnitten, ich hatte ihn selbst
-noch nicht gelesen. Sie hatte eine kindische Freude und sprach recht
-freundlich und viel. Und wie wir so plaudern, komme ich auch auf Ihre
-Novelle, welche sie ungemein lobte und Stil und Erfindung pries. Und
-so sagte sie denn, ob ich auch schon gehört, daß Sie einen neuen Roman
-schreiben?«
-
-»Ja,« fiel der Dichter feurig ein, »und einen Roman schreibe, Kaper,
-wie Deutschland, Europa noch keinen besitzt!«
-
-»Historisch doch?« fragte der Buchhändler zweifelhaft.
-
-»Historisch, rein geschichtlich, aber dies unter uns!«
-
-»Historisch! das möchte ich auch raten!« sprach der Verleger, eine
-große Prise nehmend. »Das ist gegenwärtig die Hauptsache. Wenn man
-es so bedenkt, es ist doch eine sonderbare Sache um den deutschen
-Buchhandel. Ich war Commis in Leipzig, als ›Wilhelm Meister‹ zuerst
-erschien. ›Werther‹ und ›Siegwart‹ waren Mode gewesen, hatten
-Nachahmung gefunden lange Zeit. Aber mein Prinzipal sagte: ›Er wird
-sehen, Kaper (damals sprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird
-sehen, über kurz oder lang geschieht eine Veränderung.‹ So war's auch;
-wir gaben anfänglich nicht viel um den ›Wilhelm Meister‹, es schien
-uns ein gar konfuses Buch; aber siehe da, man schrieb allenthalben
-nach diesem Muster, und mancher hat sich ein schönes Stück Geld damit
-gemacht. Wieder eine Weile, ich hatte meine eigene Handlung etabliert,
-lag mir oft das Wort meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im
-Buchhandel ist nur Mode. Wer eine neue angibt, ist Meister. Wie ich
-mich noch auf etwas Neues besinne und einen Menschen suche, der etwas
-Tüchtiges schreiben täte -- da haben wir's, kommt Fouqué mit den Helden
-und Altdeutschen, und alles machte nach. Und jetzt hat der Walter Scott
-wieder eine neue Mode gemacht; ich möchte mir die Haare ausraufen, daß
-ich keine Taschenausgabe machte, und nichts bleibt übrig, als etwa
-deutsche historische Romane, die gehen noch.«
-
-»Fürwahr!« bemerkte der Stallmeister lächelnd, »so habe ich bisher ohne
-Brille gelesen, und der deutsche Parnaß ist in ganz andern Händen, als
-ich dachte. Nicht um das Interesse der Literatur scheint es sich zu
-handeln, sondern um das Interesse der Verkäufer?«
-
-»Ist alles so ganz genau verknüpft,« antwortete Herr Kaper mit großer
-Ruhe, »hängt alles so fest zusammen, daß es sich um den Namen nicht
-handelt! Deutsche Literatur! Was ist sie denn anders, als was man
-alljährlich zweimal in Leipzig kauft und verkauft? Je weniger Krebse,
-desto besser das Buch, pflegen wir zu sagen im Buchhandel.«
-
-»Aber der Ruhm?« fragte der junge Rempen.
-
-»Der Ruhm? Herr, was nützt mich Ruhm ohne Geld? Gebe ich eine Sammlung
-gelehrter Reisen mit Kupfern heraus, die mich schwer Geld kosteten,
-so hat zwar meine Firma den Ruhm, das Buch verlegt zu haben. Aber wer
-kauft's, wer nimmt's, wer liest das Ding? Sechs Bibliotheken und ein
-paar Büchersammler, das ist alles, und wer geprellt ist, bin ich. Nein,
-Herr von Rempen! Eine vergriffene Auflage von einem Roman, eine Messe
-von höchstens dreißig Krebsen, das ist Ruhm, der echte, nämlich Ruhm
-mit Geld.«
-
-»Das ist also ungefähr wie Tee mit Rum, es schmeckt besser,« erwiderte
-der Stallmeister, »aber ich meinte den schriftstellerischen Ruhm.«
-
-»I nun, das ist etwas anderes,« antwortete er, »den haben die Herren
-neben dem Honorar umsonst. Und den weiß man sich zu machen, sehen
-Sie --«
-
-
-2.
-
-Doch die Forschungen des Herrn Kaper wurden hier auf eine unangenehme
-Weise durch einen Lärm unterbrochen, der im Laden des Italieners
-entstand. Neugierig sah man nach der Türe, welche durch ein Glasfenster
-einen Ueberblick über den unteren Teil des Gewölbes gewährte. Ein
-ältlicher und zwei jüngere Herren schienen in heftigem Streit
-begriffen; jeder sprach, jeder focht mit den Händen; der eine stürzte
-endlich mit hochgeröteten Wangen aus dem Laden, die beiden andern, noch
-keuchend vom Wortkampf, traten in das Gewölbe, wo die Freunde saßen.
-
-»Herr Rat! Was ist mit Ihnen vorgefallen!« rief Doktor Zundler beim
-Anblick des älteren Mannes, der, ein gedrucktes Blatt in der Hand
-zerknitternd, atemlos auf einen Stuhl sank. »Haben Sie denn nicht
-gelesen, Doktor Zundler?« antwortete für den älteren der jüngere
-Mann, der unmutig und dröhnenden Schrittes im Zimmer auf und ab ging,
-»nicht gelesen, wie wir blamiert sind, nicht gelesen, daß man uns alle
-zusammen hier eine poetische Badegesellschaft, eine Bänkelsängerbande
-nennt?«
-
-»Tod und Teufel!« fuhr der Doktor auf. »Wer wagt es, diese Sprache
-zu führen? Wer wagt, die ersten Geister der Nation auf diese Art zu
-benennen? Ich will nicht von mir sagen; was habe ich viel getan, um
-auf einigen Ruhm Anspruch machen zu können? Aber was für andere Männer
-finden sich hier! Sind es nicht -- die schönsten Zierden der Nation? So
-jung Sie sind, Professor, sind denn nicht alle Blätter voll Ihres Lobes
-wegen Ihrer Trauerspiele, und unser Rat --«
-
-»Aber büßen sollen sie es mir, büßen,« rief der letztere, »so wahr
-ich lebe, und Zundler, Sie müssen mithelfen und alle, die ins
-Freitagskränzchen kommen. Hab' ich es mir darum sauer werden lassen
-zwanzig Jahre lang, daß man jetzt über mich herfällt, und wegen nichts,
-als wegen der Rezensionen über den dummen Roman: ›Die letzten Ritter
-von Marienburg‹, sonst wegen nichts!«
-
-»Die letzten Ritter von Marienburg,« fragte der Buchhändler, der als
-Mann vom Fach mitsprechen zu müssen glaubte; »mich gehorsamst zu
-empfehlen, Herr Rat, aber ist es nicht bei Wenz in Leipzig erschienen,
-3 Bände Oktav, Preis 4 Taler netto?«
-
-»Und ich will nun einmal diese Schule nicht aufkommen lassen,« fuhr der
-Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören; »woher kommt es, daß man
-keine Verse mehr lesen will, daß man die Lyrik verachtet, sei sie auch
-noch so duftig und gefeilt, daß man über die tiefsinnigsten Sonette
-weggeht wie über Lückenbüßer, woher, als von diesen Neuerungen?«
-
-»Aber so zeigen Sie doch, ich bitte,« flüsterte der Doktor, das
-zerknitterte Papier fassend; »ist es denn wirklich so arg, so
-niederschlagend?«
-
-»Lesen Sie immer,« erwiderte der Rat gefaßter, »lesen Sie meinetwegen
-laut, es ist doch in jedermanns Händen; die Herren sind ja ohnedies
-Zeugen meines Schmerzens gewesen, und mögen auch Zeugen sein, wie man
-Redakteur und Mitarbeiter eines der gelesensten Blätter behandelt!«
-
-Der junge Mann entrollte das Blatt. »Wie? In den Blättern für
-literarische Unterhaltung? Nein, das hätte ich mir nicht träumen
-lassen; die waren ja sonst immer so nachbarlich, so freundlich mit uns!
-Ist es die Kritik, die anfängt: ›Ehe wir noch dieses Buch --‹«
-
-»Ebendiese, nur zu!«
-
-»Die letzten Ritter von Marienburg, historischer Roman von Hüon. 3
-Bände. Leipzig. Fr. Wenz.«
-
-»Ehe wir noch dieses Buch in die Hände bekamen, lasen wir in den
-Blättern für belletristisches Vergnügen eine Kritik, welche uns
-beinahe den Mut benahm, diesen dreibändigen historischen Roman nur
-zu durchblättern. Man kann zwar gewöhnlich auf das Urteil dieser
-Blätter nicht viel halten. Es sind so wenige Männer von Gehalt dabei
-beschäftigt, daß der wissenschaftlich Gebildete von diesen Urteilen
-sich nie bestimmen lassen kann; doch machte diese Kritik eine Ausnahme.
-Es ist nämlich eine Seltenheit, daß die Blätter für belletristisches
-Vergnügen etwas durchaus tadeln; selten ist ihnen etwas schlecht
-genug; aber diesmal hieben sie so unbarmherzig und greulich ein,
-daß wir im ersten Augenblick, auf die kritische Ehrlichkeit solcher
-Leute trauend, glaubten, dieser Roman müsse die tiefste Saite der
-Schlechtigkeit berührt haben. Doch zu einer guten Stunde entschlossen
-wir uns, nachzusehen, wie tief man es in der deutschen Literatur
-dermalen gebracht habe. Wir lasen. Aber welch ein Geist wehte uns aus
-diesen Blättern an! Welch mächtiges, erhabenes Gebäude stieg vor unsern
-Blicken auf; ein Gebäude in so hohem, erhabenen Stil wie die Marienburg
-selbst; wir fühlten uns fortgerissen, versetzt in ihre Hallen; der
-letzte Großkomtur und seine Ritter traten uns lebend entgegen, und
-noch einmal ertönte jene alte Feste vom Waffenspiel und den kräftigen
-Stimmen ihrer tapfern Bewohner. Wir wollen den Dichter nicht tadeln,
-daß ein Hauch von Melancholie über seinem Gemälde schwebt, der
-keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen gestattet. Wo ein
-so großartiges Schicksal waltet, wo ein ganzes, großes Geschlecht
-untergeht, da muß ja wohl auch die zarte Liebe, die nur einen Frühling
-blühte, mit zu Grabe gehen. In diesem außerordentlichen Buche ist ein
-Geist unter uns getreten, so originell, so groß, so frei, daß er keine
-Vergleichung zuläßt. Er nennt sich Hüon, zwar ein angenommener Name,
-aber gut gewählt; denn der Verfasser scheint uns nicht minder würdig,
-von Oberon mit Horn und Becher beschenkt zu werden als jener tapfere
-Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müssen einen solchen Jünger
-Meister wie Goethe und Tieck willkommen heißen, und unsere Zeit darf
-sich glücklich preisen, einen Mann wie diesen geboren zu haben.
-
-»Aber mit tiefer Indignation müssen wir hierbei einer Clique von
-Menschen gedenken, die diese edle Blume schon in ihrem Keim in den
-Staub drücken wollten. Freilich ist er euch zu groß, zu erhaben,
-ihr kleinen belletristischen Seelen; möge immer diese poetische
-Badegesellschaft in ihrem lauen Versewasser auf und nieder tauchen, nur
-bespritze sie nicht mit ihrem Schlammwasser den Wanderer, der am Ufer
-geht und sich verachtend abwendet. Ein Glück ist es übrigens, daß man
-anfängt, in der guten Gesellschaft auf reinere Melodien zu horchen, daß
-man diese Bänkelsänger dem Straßenpöbel überläßt.«
-
- »190.«
-
-Für den Stallmeister war es ein interessantes Schauspiel, die Gesichter
-der Zuhörer zu mustern, während der Dichter mit schnarrendem Tone
-diese Kritik ablas. Der Buchhändler, der ihm zunächst saß, versteckte
-schlecht seine Neugierde und eine gewisse Behaglichkeit hinter einer
-unmutigen Miene. Vielleicht hatte ihm der Hofrat einmal ein Verlagswerk
-schlecht rezensiert oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum
-Verlegen gegeben oder irgend einer der »Badegesellschaft« hatte ihn
-beleidigt. Er dachte wie so viele kleine Seelen im ähnlichen Falle:
-»Gottlob, es ist dafür gesorgt, daß die Rezensenten sich immer selbst
-wieder rezensieren.« Der Rat hatte den Mund auf seinen Stockknopf
-gepreßt, und seine Augen irrten auf dem Boden; der Theaterdichter
-zwang sich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die ihm vorhin völlig
-gefehlt hatte. Sein »Ohe!« oder »Ei!«, das er hin und wieder mit einem
-kurzen Lachen herauspreßte, klang unnatürlich. Am merkwürdigsten war
-dem jungen Rempen ein stiller Zuhörer, der scheinbar ohne Teilnahme
-in der Ecke saß, der Referendär Palvi. Als der Doktor zu lesen anhub,
-lauschte er mit niedergeschlagenen Augen, dann ergoß sich plötzlich
-eine brennende Röte über seine Stirn und Wangen; sie verschwand ebenso
-schnell als der glänzende Blick seiner großen Augen, den er auf den
-Lesenden warf, und wer diesen Blick, dieses flüchtige Erröten nicht
-gesehen, konnte vor- und nachher glauben, er schenke weder diesen
-Literatoren noch der Ursache ihres Aufbrausens einige Aufmerksamkeit.
-
-»Nun was sagen Sie dazu?« fragte der Theaterdichter, nachdem Doktor
-Zundler geendet hatte. »Sie sind ja auch mit gemeint, denn zahlreiche
-Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken finden sich von Ihrer Arbeit
-in den Blättern fürs belletristische Vergnügen.«
-
-»Schweigen kann man nicht!« rief der Doktor entrüstet. »Ja, wir stehen
-alle für _einen_, und alle, die ins Freitagskränzchen kommen, müssen
-beleidigt sein, müssen sich rächen. Ich habe in Berlin einen Bekannten,
-in den Gesellschafter laß ich es rücken durch die dritte Hand, oder
-vielleicht nimmt es Doktor Saphir in die Schnellpost auf, ich kenn' ihn
-noch von Wien.«
-
-»In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,« fuhr der Theaterdichter
-fort; »ah! wenn nur Marienburg nicht preußisch wäre, ich wollte mich
-rächen, wollte, oh! aber so könnte man alles für Anzüglichkeit nehmen.
-Und gegen die Blätter für literarische Unterhaltung kann ich nicht
-schimpfen, ich habe noch drei Trauerspiele dort liegen, die noch nicht
-rezensiert sind. Aber wo ein Loch offen ist, will ich einen Ausfall
-machen!«
-
-»Ich will untergehen,« sagte der Rat pathetisch, indem er seinen
-Wein bezahlte und den Hut ergriff, »fallen will ich oder siegreich
-hervorschreiten aus diesem Kampf. Die ganze Lyrik ist in mir beleidigt,
-auch alle Romantiker, denn wir haben auch Romanzen gemacht, und diese
-Hermaphrodriten von Geschichte und Dichtung, diese Novellenprosaiker,
-diese Scott-Tieckianer, diese -- genug, ich werde sie stürzen; und
-damit guten Morgen!«
-
-Als dieser Rat nach seinem ~dixi~ mit vorgeschobenen Knieen aus dem
-Zimmer ging, war er zwar nicht anzusehen wie ein Ritter, der zum
-Turnier schreitet, der Professor aber und der Doktor Zundler folgten
-ihm in schweigender Majestät; sie schienen als seine Knappen oder Pagen
-Schild und Lanze dem neuen Orlando furioso nachzutragen.
-
-
-3.
-
-Bei dem Stallmeister hatte diese Szene, nachdem das Komische, was sie
-enthielt, bald verflogen war, einen störenden, unangenehmen Eindruck
-hinterlassen. Er hatte sich mit der schönen Literatur von jeher gerade
-nur so viel befaßt, als ihm nötig schien, um nicht für ungebildet zu
-gelten; und auch hier war er mehr seiner Neigung als dem herrschenden
-Geschmacke gefolgt. Er wußte wohl, daß man ihn bemitleiden würde,
-wollte er öffentlich gestehen, daß er Smollets Peregrine Pickle für den
-besten Roman und einige sangbare Lieder von Kleist für die angenehmsten
-Gedichte halte; er behielt dieses Geheimnis für sich, brummte, wenn
-er morgens ausritt, sein Liedchen, ohne zu wissen, welcher Klasse der
-Lyrik es angehöre, und las, wenn er sich einmal ein literarisches Fest
-bereiten wollte, ausgesuchte Szenen im Peregrine Pickle. Ein paar
-Almanache, ein paar schöngeistige Zeitschriften durchflog er, um,
-wenn er darüber gefragt würde, nicht erröten zu müssen. So kam es,
-daß er vor Schriftstellern oder Leuten, »die etwas drucken ließen«,
-große Ehrfurcht hatte; denn seine Seele war zu ehrlich, um ohne Gründe
-von Menschen schlecht zu denken, deren Beschäftigung ihm so fremd
-war als der Hippogryph seinen Ställen. Um so verletzender wirkte
-auf ihn der Anblick dieser erbosten Literatoren. »Man tadelt es an
-Schauspielern,« sprach er zu sich, »daß sie außerhalb des Theaters oft
-roh und ungebildet sich zeigen, daß sie Tadel, auch den gerechten,
-nicht ertragen wollen und öffentlich darüber schimpfen und schelten.
-Aber zeigten sich denn _diese_ Leute besser? Ist es nicht an sich schon
-fatal, seinen Unmut über eine Beschimpfung zu äußern? Muß man das
-Wirtshaus zum Schauplatz seiner Wut machen und sich so weit vergessen,
-daß man wie ein Betrunkener sich gebärdet? Und wie schön ließen diese
-Leute sich in die Karten sehen! Also weil sie beleidigt sind --
-vielleicht mit Recht --, wollen sie wieder beleidigen, wollen ihre
-Privatsache zu einer öffentlichen machen? Das also sind die Leiter der
-Bildung, das die feinfühlenden Dichter, die, wie Freund Zundler sagt,
-Instrumente sind, die nie einen Mißton von sich geben?«
-
-Nicht ohne Kummer dachte er dabei an ein Wesen, das ihm vor allen
-teuer war. Der Buchhändler hatte nicht mit Unrecht geäußert, daß Elise
-Wicklow ein sehr belesenes Frauenzimmer sei. Nach Rempens Ansichten
-über die Stellung und den Wert der Frauen schien sie ihm beinahe zu
-gelehrt, in Stunden des Unmuts nannte er es wohl gar überbildet. Er
-hatte es niemand, kaum sich selbst gestanden, daß sie seine stillen
-Huldigungen nicht unbemerkt ließ, daß sie ihm manchen gütigen Blick
-schenkte, aus dem er vieles deuten konnte. Er war zu bescheiden, um
-zu glauben, daß dieses liebenswürdige Geschöpf ihn lieben könnte,
-und dennoch verletzte ihn ihr ungleiches, zweifelhaftes Betragen.
-Es war eine gewisse Koketterie des Geistes, die das liebenswürdige
-Mädchen in seinen Augen entstellte. Wenn er zuweilen in freundlichem
-Geplauder mit ihr war, wenn sie so traulich, so natürlich ihm von
-ihrem Hauswesen, ihren Blumen, ihren Vergnügungen erzählte, wenn er
-sich ganz selig fühlte, daß sie so lange, so gerne zu ihm spreche, so
-führte gewiß ein feindlicher Dämon einen jener Literatoren oder Dichter
-herbei, deren diese gute Stadt zwei Dutzend zählte, und Elise war
-wie ausgetauscht. Ihre schönen Augen schimmerten dann vor Vergnügen,
-ihr schlanker Hals bog sich vor, und ohne auf eine Frage des guten
-Stallmeisters zu achten, ohne seine Antwort abzuwarten, befand man sich
-mit Blitzesschnelle in einem kritischen oder literarischen Geplänkel,
-wo Rempen zwar die ungemeine Belesenheit, das schnelle Urteil, den
-glänzenden Witz seiner Dame bewundern, sie selbst aber bedauern mußte,
-daß sie dieser Art von Gespräch, diesem gesuchten Vergnügen sichtbarer
-entgegenkam, als es sich für ein Mädchen von achtzehn Jahren schickte.
-
-»Und an dieses Volk, an diesen literarischen Pöbel wirft sie ihre
-glänzendsten Gedanken, ihre zartesten Empfindungen, wirft sie
-Blicke und Worte weg, die einen andern als diese gedruckten Seelen
-überglücklich machen würden. Und fühlen sie es denn? Sind sie
-dadurch geehrt, entzückt? Nur mit ihnen spricht sie über das, was
-sie gelesen, als ob sonst niemand lesen könnte, nur ihnen zeigt sie,
-was sie gefühlt, als ob gerade diese Versmacher und Rezensenten die
-gefühlvollsten Leute wären und ein so schönes, liebenswürdiges Wesen
-zu würdigen verständen. Nein, diese Toren sehen es überdies noch als
-einen schuldigen Tribut, als eine geringe Anerkennung ihrer eminenten
-Verdienste an, wenn die Krone aller Mädchen mit ihnen schwatzt wie
-mit ihresgleichen, während andere wackere Leute in der Ferne stehen.
-Und diese Menschen, die sich heute so niedrig gebärdeten, bilden ihren
-Hofstaat, dies sind die genialen Männer, mit welchen sie so gerne
-spricht!«
-
-Diese Gedanken beschäftigten ihn den ganzen Tag. Sein Stallpersonal
-konnte sich heute gar nicht in ihn finden. Der gutmütige, milde Herr
-war zu einem rauhen, mürrischen Gebieter geworden. Die Stallknechte
-klagten es sich beim Füttern; acht Pferde hatte er hinausgejagt durch
-dick und dünn, und jedes hatte einen andern Fehler gehabt. Die Bereiter
-hatte er zum erstenmal streng getadelt, und als es Abend wurde, war
-man im Stall darüber einig, dem Stallmeister von Rempen müsse etwas
-Außerordentliches begegnet sein, vielleicht sei er sogar in Ungnade
-gefallen. Man bedauerte ihn, denn sein leutseliges Wesen hatte ihn zum
-Liebling seiner Untergebenen gemacht.
-
-Und wahrlich, der Abend dieses Tages war nicht dazu gemacht, diese
-düsteren Gedanken zu zerstreuen. Der Geheimrat von Rempen, sein
-Oheim, gab alle vierzehn Tage einen großen Klub, in welchem er, das
-Unmögliche möglich zu machen, die getrenntesten Extreme zu vereinigen
-suchte. Dieser Klub hatte sich früher in drei verschiedene Abteilungen
-getrennt. Es war in jener Stadt eine literarische Sozietät, deren
-Mitglied der alte Rempen war; sie versammelte sich, um zu lesen, zu
-rezensieren, gelehrt zu sprechen; an einem andern Tage war großer,
-umwechselnder Singtee, an einem dritten Abend Tanzunterhaltung.
-~Tria juncta in uno~, drei Köpfe unter _einem_ Hut, sagte der alte
-Rempen und lud sie alle zusammen ein. Der bunteste Wechsel schien
-ihm die interessanteste Unterhaltung, und darum preßte er wie ein
-Seelenverkäufer Literatoren, Soldaten, Justizleute, lese-, gesang- und
-tanzlustige Damen und packte sie in seinen Salon zusammen, zu Tee und
-Butterbrot, in der festen Ueberzeugung, die wahre Springwurzel der
-Unterhaltung gefunden zu haben. Für seinen Neffen aber vereinigten
-sich Himmel und Fegfeuer in diesem Klub. Er hörte Elisen singen;
-seine nahe Verwandtschaft zu dem alten Rempen, der keinen Sohn hatte,
-machte es ihm möglich, wie ein Kind des Hauses, nicht wie ein Gast
-aufzutreten und mit Elisen ungestört zu tanzen und zu plaudern. Aber
-seine Höllenqualen begannen, wenn er den Oheim, umgeben von einem
-Kreise älterer und jüngerer Herren, mit wichtiger Miene etwas erklären
-sah, wenn er endlich ein Buch aus der Tasche zog, durchblätterte, es
-im Kreise umher zeigte und die Herren vor Freude stöhnten: -- »Ah
--- etwas Neues, schon gelesen? göttlich -- vorlesen, bitte vorlesen
--- Professor am besten lesen -- in den Saal und lesen.« -- »Lesen,
-vorlesen!« tönte es dann von dem Munde älterer Damen und jener Herren,
-die nicht tanzen wollten, und Elise -- nahm mit einer kurzen Verbeugung
-Abschied, drängte sich in den literarischen Kreis, wurde als Königin
-des guten Geschmacks begrüßt, hatte gewöhnlich das Buch schon gelesen,
-stimmte für die Vorlesung und war für den armen Stallmeister auf den
-ganzen Abend verloren.
-
-Mit diesen trüben Erinnerungen gelangte er an das Haus seines Oheims.
-Er war eben im Begriff einzutreten, als das Gespräch zweier Männer,
-die sich diesem Hause näherten, seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
-Soviel der matte Schein einer fernen Laterne erraten ließ, war der eine
-ein ältlicher, dürftig gekleideter Mann, der andere jünger, höher und
-festlich gekleidet.
-
-»Brüderchen!« sprach der ältere mit einem Accent, der nicht dieser
-Gegend angehörte; »Brüderchen, bleibt mir aus dem fatalen Haus! So oft
-Ihr wieder herauskommt, seid Ihr zwei, drei Tage ein geschlagener Mann.
-Laßt die Bursche dort oben in Gottes Namen auf Stelzen gehen und Unsinn
-schwatzen, bleibt aber nur Ihr hinweg, 's ist noch Euer Tod!«
-
-»Ich muß sie sehen, Alter!« sprach der jüngere, »ich muß sie hören. Es
-gehört zu meinem Glück, sie gesehen zu haben.«
-
-»Ihr seid ein Narr!« erwiderte der andere, »sie mag Euch nicht, sie
-will Euch nicht. Ihr seid ein armer Teufel und gehört nicht in diese
-Sozietät. Aber fassen kann ich Euch nicht! 's gehört ein Wort dazu,
-nur ein Wörtchen, ein bißchen von einem Geständnis, und Ihr könnt
-vielleicht glücklich sein. Geh fort, geh fort; scherwenze in der nobeln
-Welt, werde ein Schuft wie alle und vergiß den alten, armen Bunker,
-lebe wohl, will nichts mehr von dir.«
-
-Er wollte unmutig weggehen, aber der junge Mann hielt ihn auf. »Sei
-vernünftig,« bat er; »willst auch du mich noch elend machen? Tu es
-immer, laß mich liegen wie einen Hund, wenn du es über dein Herz
-vermagst. Ich bin ja ohnedies unglücklich genug.«
-
-»Jammere nur nicht so!« sprach der Alte gerührt. »Geh hinauf, wenn du
-es nicht lassen kannst; aber bleibe nicht da, wenn sie vorlesen; du
-ärgerst dich! Komm zu mir!«
-
-»Ich komme,« erwiderte der jüngere nach einigem Nachsinnen. »Um zehn
-Uhr will ich kommen. Wohin?«
-
-»Heute in den Entenzapfen, im Rosmarin ist heilloses Volk, Schneider
-und Schuster und die Affen und Bären aus den Druckereien, es ist heute
-Montag. Aber Brüderchen, im Entenzapfen ist Cerevis, man trinkt es in
-Augsburg nicht besser.«
-
-Ein Wagen mit hellglänzenden Laternen rollte in diesem Augenblick
-auf das Haus zu, der junge Mann sagte eilig zu, und der Alte schlich
-langsam die Straße hin. Der Stallmeister konnte sich kaum von seinem
-Erstaunen erholen. Wer konnte aus so sonderbarer Gesellschaft in den
-Tanzsaal seines Oheims kommen? Noch sonderbarer schien es ihm, daß man
-diesen glänzenden Klub, der alle geistreiche und noble Welt der Stadt
-vereinigte, verlassen wollte, um in dem Entenzapfen Bier zu trinken, in
-einer Winkelkneipe, die er kaum dreimal von seinen Stallknechten hatte
-rühmen gehört. Er setzte dem sonderbaren Gast, der flüchtig die Treppe
-hinaneilte, nach, er holte ihn im hell erleuchteten Korridor ein, er
-ging an ihm vorüber, sah sich um und erblickte das düstere Auge und die
-markierten Züge des Referendärs Palvi.
-
-Verworrene Gedanken flogen vor seiner Seele vorüber, als er ihn
-erkannte; seine Worte: »Ich muß sie sehen,« der Wink des Buchhändlers,
-Palvi sei früher in einem Verhältnis zu Elisen gestanden, Staunen über
-die sonderbaren Reden mit dem Alten, wunderliche Sagen, die er früher
-über diesen Palvi vernommen, alle diese Gedanken wollten auf einmal
-zur Klarheit dringen und machten, daß er sich vornahm, über _eines_
-wenigstens sich diesen Abend Gewißheit zu verschaffen, über sein
-Verhältnis zu Elisen.
-
-
-4.
-
-Der größte Teil der Gesellschaft hatte sich schon versammelt, als die
-jungen Männer eintraten. Des Stallmeisters scharfes Auge durchirrte den
-Damenkreis, der an den Wänden hin sich ausbreitete; er fand endlich
-Elisen an einem fernen Fenster im Gespräch mit seiner Tante; aber ihr
-schönes Gesicht hatte nicht den Ausdruck von Heiterkeit und Laune,
-die er sonst so gerne sah, sie lächelte nicht, sie schien verstimmt.
-Es kostete ihn einige künstlich angeknüpfte Gespräche, einige
-Neuigkeiten vom Hofe, im Vorübergehen erzählt, um sich an jenes Fenster
-durchzuwinden.
-
-Die Tante sprach so eifrig, Elise hörte so aufmerksam zu, daß er
-endlich die herabhängende Hand der Tante erfassen und ehrerbietig
-küssen mußte, um sich bemerklich zu machen. Elisens Wangen glühten, als
-sie ihn erblickte, und die Tante rief staunend: »Wie gerufen, Julius!
-Ich sprach soeben mit dem Fräulein von dir, du kannst dir etwas darauf
-einbilden, so gut wird es dir nicht alle Tage.«
-
-»Und was war der Inhalt Ihres Gespräches, wenn man fragen darf?«
-
-»Deine Klagen von letzthin,« erwiderte die Tante lachend. »Dein Kummer,
-daß dich das Fräulein mitten in der Rede stehen gelassen habe, um mit
-irgend einem eminenten Dichter zu verkehren. Doch am besten machst du
-dies mit Fräulein Elise selbst aus,« setzte sie hinzu und ging weiter.
-
-Elise schien sich wirklich einer kleinen Schuld bewußt, denn sie schlug
-die Augen nieder und zögerte zu sprechen; als aber Rempen bei seinem
-unmutigen Schweigen verharrte, sagte sie halb lächelnd, halb verlegen:
-»Ich gestehe, es war nicht artig, und sicher würde ich es mir gegen
-einen Fremden nicht erlaubt haben; aber daß _Sie_ mir dergleichen
-übelnehmen, da Sie meine Weise doch kennen --«
-
-»So stünde ich Ihnen denn näher als jene gelehrten und berühmten
-Herren?« erwiderte er, freudig bewegt. »Darf es sogar als ein Zeichen
-Ihres Zutrauens nehmen, wenn Sie mich so plötzlich verlassen, um zu
-jenen zu sprechen?«
-
-»Sie sind zu schnell, Herr Stallmeister!« sagte sie. »Ich meinte nur,
-weil Sie meine Eltern kennen und ich viel zu Ihrer Tante komme, müsse
-man die Konvenienz nicht so genau berechnen. Und muß man denn im Leben
-alles so ängstlich berechnen?«
-
-Sie bemerkte dies halb zerstreut, und es entging Rempen nicht, daß
-ihr Auge eine andere Richtung genommen habe, als zu ihrer Rede passe,
-er verfolgte diesen Blick und traf auf Palvi, der mit einem ältlichen
-Herrn sprach und zugleich seine Blicke brennend und düster auf Elisen
-heftete. Ein tiefer Atemzug stahl sich aus ihrer Brust, als sie ihre
-Augen, die weder zärtlich noch freudig glänzten, von ihm abwandte. Sie
-errötete, als sie bemerkte, wie ihr Nachbar die Richtung ihrer Blicke
-bemerkt habe, und halb verlegen, halb zerstreut flüsterte sie: »Wie
-kommt doch er hieher zu Ihrem Onkel?«
-
-Der Stallmeister war so boshaft, sie zu fragen, wen sie denn meine.
-
-»Den Referendär Palvi,« antwortete sie leichthin, als wollte sie ihre
-vorige Frage verbessern, »er ist vielleicht mit Ihrem Hause bekannt?«
-
-»Ich kenn' ihn nicht,« erwiderte der Stallmeister etwas ernst; »doch
-warum sollte er nicht hier sein? Kennen Sie ihn vielleicht? Man sagt,
-es sei ein Mann von schönen Talenten, der --«
-
-»Wie freut es mich, dich wieder gesund zu sehen, Klothilde!« rief seine
-Nachbarin und hüpfte auf ein Mädchen zu, das sechs Schritte von ihr
-entfernt stand; verblüfft, als hätte er einen dummen Streich begangen,
-stand der Stallmeister und sah ihr nach.
-
-Man hatte indessen um Ruhe und Stille gebeten; ein Fräulein von kleiner
-Gestalt, aber gewaltiger Stimme wollte sich hören lassen und stellte
-sich zu diesem Zweck auf ein gepolstertes Fußbänkchen hinter ein
-elegantes Notenpult. Die Männer setzten sich Stühle hinter die Frauen,
-die Frauen machten erwartungsvolle Mienen, und es war so tiefe Stille
-in dem großen Zimmer, daß man nur die Bedienten hin und wieder »Ist's
-gefällig« brummen hörte, wenn sie Tee anboten. Beim ersten Takt, den
-man zur Begleitung des kleinen Fräuleins auf dem Flügel anschlug,
-entwich der junge Rempen in ein Nebenzimmer, um ungestört seinen
-Gedanken nachzuhängen; er zog weiter, wandelte einigemal im Salon auf
-und ab, bog dann in die nächste Türe, dem Ende der Enfilade zu. Im
-letzten Zimmer saß ein Mann in einem Sofa, der die Stirne in die Hand
-gelegt hatte. Bei Rempens Nähertreten wendete er den Kopf, und den
-Stallmeister hatte seine schnelle Ahnung nicht betrogen, es war Palvi.
-
-»Auch Sie scheinen die Musik nicht in der Nähe zu lieben,« sagte
-Julius, indem er sich zu ihm auf das Ruhebett setzte; »kaum bis hieher
-dringen die zarteren Töne.«
-
-»Es geht mir damit wie mit dem Geruch stark duftender Blumen,«
-erwiderte Palvi mit angenehmer Stimme. »Mit diesen Düften in einem
-verschlossenen Zimmer zu sein, macht mich krank und traurig, aber im
-Freien, so aus der Ferne atme ich ihren Balsam mit Wollust ein, ich
-unterscheide und errate dann jede einzelne Nuance, ich möchte sagen,
-jede Schattierung, jeden Ton, jeden Uebergang des Geruches.«
-
-»Sie haben recht, jede Musik gewinnt durch Entfernung,« bemerkte
-Rempen; »aber das jammervollste ist mir, jemand singen sehen zu müssen.
-Besonders ängstigt mich die kleine Person, die jetzt eben etwas
-vorträgt. Sie ist nett, beinahe zierlich gebaut, aber alle Gliederchen
-~en miniature~. Nun stellt man sie immer auf ein Fußbänkchen, damit
-sie gesehen wird. Hinter ihr steht der Musikdirektor mit der Violine.
-Von Anfang macht es sich ganz gut. Der Direktor spielt ~piano~ und
-verzieht höchstens den Mund links und rechts nach dem Strich seines
-Fiedelbogens, nach und nach kommt er ins Feuer, ›~Forte, piu forte~‹,
-flüstert er und wackelt mit dem Kopf; jetzt fängt auch die Kleine an
-sich zu heben; anfänglich wiegt sie sich auf den Zehen und bewegt
-die Ellbogen, als nähme sie einen kleinen Anlauf zum Fliegen; doch
-~crescendo~ mit des Musikers Perpendikularbewegungen schreiten ihre
-Gebärden vor, sie weht und rudert mit den Armen, sie hebt und senkt
-sich, bis sie im höchsten Ton auf den Zehenspitzen aushält und -- wie
-leicht kann da die Fußbank umschlagen!«
-
-Der Referendär lächelte flüchtig: »Beinahe noch verschiedener als beim
-Lachen gebärden sich die Menschen, wenn sie singen,« sagte er. »Haben
-Sie nie in einer evangelischen Kirche die Mienen der Weiber unter dem
-Gesang betrachtet? Betrachten Sie ein zartes, schwärmerisches Kind von
-sechzehn Jahren, das mit rundgewölbten Lippen, Frieden und Andacht
-in den Zügen, die zarten Wimpern über die feuchten Augen herabsenkt,
-seinen Schöpfer lobt. Sie können aus den vielen Hunderten ihre Stimme
-nicht herausfinden, und doch sind Sie überzeugt, sie müsse weich,
-leise, melodisch sein. Setzen Sie neben das Kind zwei ältliche Frauen,
-die eine wohlbeleibt, mit gut genährten Wangen und Doppelkinn, die
-Augen gerade vor sich hinstarrend, die andere etwas vergelbt, mit
-runzligen, dürren Zügen und spitzigem Kinn, auf die gebogene Nase eine
-Brille geklemmt -- und Sie werden erraten können, daß die Dicke einen
-hübschen Baßton murmelnd singt, die andere in die höchsten Nasentöne
-und Triller hinaufsteigt.«
-
-»Sie scheinen genau zu beobachten,« antwortete lachend der
-Stallmeister. »Es fehlt nur noch, daß Sie die dicke Frau mit dem
-murmelnden Baßton für die Mutter der Kleinen, die spitzige aber für
-ihre ledige Tante ausgeben, eine alte Jungfer, die nicht sowohl von
-unserem Herrgott als von den Nachbarinnen gehört sein will. Was sagen
-Sie aber zu der sonderbaren Gewohnheit der Primadonna unserer Oper?
-In den tiefen Tönen ist ihr hübsches Gesicht ernsthaft, beinahe
-melancholisch; wenn sie aber aufsteigt, klärt es sich auf, und hat
-sie nur erst die oberen Doppeltgestrichenen hinter sich, so schließt
-sie die Augen wie zu einem seligen Traum, sie lächelt freundlich und
-hold, und lächelt, bis sie wieder abwärts geht. Gleichgültig ist ihr
-dabei, was sie für Worte singt. Sie könnte in den tiefsten Tönen: ›Ich
-liebe dich, meines Herzens Wonne,‹ singen und ungemein ernsthaft dabei
-aussehen, und könnte ebenso leicht ›Ich sterbe, Verräter!‹ in den
-höchsten Rouladen schreien und ganz hold und anmutig dazu lächeln. Wie
-erklären Sie dies?«
-
-»Es ist nicht schwer zu erklären,« entgegnete Palvi nach einigem
-Nachsinnen; »die tiefen Töne fallen ihr etwas schwer; sie muß drücken,
-etwa wie man einen großen Bissen hinabwürgt, und unmöglich kann sie
-das mit heiterem Gesicht; mit den hohen Tönen geht es aber wohl
-folgendermaßen zu: als sie noch jung war und die höheren Töne sich erst
-in ihrer echten Kraft bildeten, mochte sie einen Lehrmeister haben,
-der ihr unerbittlich alle Tage die Skala bis oben hinauf vorgeigte.
-Für einen klaren höchsten Ton bekam sie wohl ein Stück Kuchen, ein
-Tuch oder sonst dergleichen etwas; je höher sie es nun brachte, desto
-freudiger strahlte ihr Gesicht vor Vergnügen über ihre eigenen Töne,
-und so mochte sie sich angewöhnt haben, mit der freundlichsten Miene zu
-singen: ›Ich verzweifle!‹«
-
-In diesem Augenblick ertönte eine reine, volle Frauenstimme in so
-schmelzenden, süßen Tönen, daß die beiden Männer unwillkürlich ihre
-Rede unterbrachen und lauschten. Eine leichte Röte flog über Rempens
-Gesicht, denn er erkannte diese Stimme. Sein Auge begegnete dem dunkeln
-Auge Palvis, das wohl eine Weile prüfend auf seinen Zügen verweilt
-haben mochte.
-
-»Kennen Sie die Stimme?« fragte Rempen etwas befangen.
-
-»Ich kenne sie,« erwiderte jener und stand auf.
-
-»Und wollen Sie sich den Genuß vermindern und näher treten?«
-
-»Ich möchte wohl auch die Worte des Textes hören,« entschuldigte sich
-jener nicht ohne Verlegenheit.
-
-Der Stallmeister folgte ihm; Palvi schwebte schnellen, aber leisen
-Schrittes über den Boden hin und setzte sich unweit des Zimmers
-nieder, wo Elise sang, auf ein Bankett, indem er Rempen durch einen
-stummen Wink einlud, sich neben ihn zu setzen. Sie lauschten; es war
-die bekannte Melodie einer jener alten französischen Romanzen, die,
-indem sie durch ihren ungekünstelten Wohllaut dem Ohre schmeicheln,
-in mutigen Tönen das Herz erheben; aber ein deutscher Text war
-untergelegt, Worte, von welchen die Sängerin selbst wunderbar
-ergriffen schien, denn sie trug sie mit einem Feuer vor, das ihre
-Zuhörer mit erfaßte.
-
-Der junge Rempen fühlte sein Herz von Liebe zu der Sängerin wie von dem
-hohen Schwung ihres Gesanges mächtiger gehoben; aber mit Verwunderung
-und Neugierde sah er die tiefe Bewegung, die sich auf den Zügen seines
-Nachbars ausdrückte. Seine Augen strahlten, sein Haupt hatte sich mutig
-und stolz aufgerichtet, und um Wangen und Stirne wogte eine dunkle Röte
-auf und ab, jene Röte, die ein erfülltes, von irgend einer mächtigen
-Freude überraschtes Herz verrät.
-
-Mit gekrümmtem Rücken, auf den Zehenspitzen schlich jetzt der Oheim
-Rempen heran. Schon von weitem drückte er seinem Neffen durch beredtes
-Mienenspiel seinen Beifall über den herrlichen Gesang aus, und als er
-nahe genug war, flüsterte er: »Heute singt sie wieder wie die Pasta,
-voll Glut, voll Glut; und der schöne Text, den sie untergelegt hat! --
-er ist aus einem neuen Roman, die letzten Ritter von Marienburg.«
-
-Der junge Mann winkte seinem Oheim ungeduldig, stille zu sein; der Alte
-schlich weiter zu einer anderen Gruppe, und die beiden lauschten wieder
-ungestört, bis der Gesang geendet war.
-
-
-5.
-
-Rauschender Beifall füllte nun das Gemach, man drängte sich um die
-Sängerin, und auch Rempen folgte seinem Herzen, das ihn zu Elisen
-zog. Aber schon war sie von einem halben Dutzend jener Literatoren
-umlagert, die ihn immer verdrängten. »Welch herrliches Lied!« hörte er
-den Doktor Zundler sagen, »welche Kraft, welche Fülle von Mut, und wie
-zart gehalten!« Doch dem Stallmeister entging nicht, daß der Hofrat,
-der ebenfalls bei der Gruppe stand, den jungen Doktor durch einen
-freundschaftlichen Rippenstoß aufmerksam darauf zu machen schien, daß
-er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Er erschrak, errötete und fragte in
-befangener Verlegenheit, woher das Fräulein das schöne Lied habe?
-
-»Es ist aus den letzten Rittern von Marienburg, von Hüon.« Ein Gemurmel
-des Staunens und Beifalls lief durch die dichten Massen, als man
-diesen Titel hörte. »Wie, ein neuer Roman? -- Ah, derselbe, welchen
-die Blätter fürs belletristische Vergnügen so tüchtig ausg-- Sie sind
-ja da, leise, leise. -- -- Wo kann man den Roman sehen?« -- So wogte
-das Gespräch und Geflüster auf und ab, bis der Wirt des Hauses mit
-triumphierendem Lächeln ein Damenkörbchen an seidenen Bändern in die
-Höhe hielt, es öffnete und ein Buch hervorzog. Er schlug den Titel
-auf, er zeigte ihn der gespannten Gesellschaft, und mit freudigem
-Staunen las man in großen gotischen Lettern: »Die letzten Ritter
-von Marienburg.« -- »Vorlesen, bitte, vorlesen,« tönte es jetzt von
-dreißig, vierzig schönen Lippen, und selbst die jungen Männer, die
-sonst diese Unterhaltung weniger liebten, stimmten für die Vorlesung.
-Aber eine nicht geringe Schwierigkeit fand sich jetzt in der Wahl des
-Vorlesers; denn jene Literatoren, die sonst in diesem Zirkel dieses Amt
-bekleidet hatten, stemmten sich heute bestimmt dagegen; der eine war
-erhitzt, der andere hatte Katarrh, der dritte war heiser, und allen war
-die Unlust anzusehen, daß nicht ihre eigenen Produkte, sondern fremde
-Geschichten vorgelesen werden sollten.
-
-»Ich wüßte keinen Besseren vorzuschlagen,« sagte endlich ein
-Kriminalpräsident von großem Gewicht, »als dort meinen Referendär
-Palvi; wenigstens zeugen seine Referate von sehr guter Lunge und
-geschmeidiger Kehle.« Indem der Kriminalpräsident seinen eigenen Witz
-belachte und im Chorus sechs Juristen pflichtgemäß mit einstimmten,
-verbeugte sich der junge Mann, an welchen die Rede ging, während
-eine flüchtige Röte über sein Gesicht zog, und zur Verwunderung der
-Gesellschaft, die ihn sehr wenig kannte, ergriff er das Buch und die
-Tasche und fragte bescheiden, welcher von den Damen beides gehöre?
-
-Dem Stallmeister, der hinter ihm stand, hatte dies längst sein
-scharfes Auge gesagt. Elise war flüchtig errötet, als der Onkel den
-Beutel emporgehoben und das Buch daraus hervorgeholt hatte. Als aber
-Palvi anfragte, als er mit seinem dunkeln Auge den Kreis der Damen
-überstreifte und bei ihr stillestand, da goß sich ein dunkler Karmin
-über Stirne, Wangen und den schönen Hals des Fräuleins; sie schien
-überrascht, verlegen, und als jene Röte ebenso schnell verflog, schien
-sie sogar ängstlich zu sein. »Das Buch gehört mir, Herr von Palvi,«
-sagte sie schnell und mit einem kurzen Blick auf ihn. »Und werden Sie
-erlauben, daß daraus vorgelesen wird? Daß _ich_ daraus vorlese?« fragte
-er weiter.
-
-»Ich habe hier nichts zu bestimmen,« erwiderte sie, ohne aufzusehen,
-»doch das Buch steht zu Diensten.«
-
-»Nun dann nicht gesäumt!« rief der Oheim. »Sessel in den Kreis und
-ruhig sich gesetzt und andächtig zugehört, denn ich denke, wir werden
-einen ganz angenehmen Genuß haben.«
-
-Man tat nach seinem Vorschlag; in bunten Kreis setzte sich die
-zahlreiche Gesellschaft, und sei es, daß man auch hier Fräulein Elise
-als literarische Königin ansah, oder war es eine sonderbare Fügung des
-Zufalls, der Vorleser kam so gerade ihr gegenüber zu sitzen, daß, so
-oft sie die Augen aufhob, diese schönen Augen auf ihn fallen mußten.
-
-»Aber, Freunde,« bemerkte die Dame vom Hause, »dieser Roman hat, soviel
-ich weiß, drei Bände; wollen wir sie alle anhören, so kommt unsere
-junge Welt heute nicht mehr zum Tanzen, und wir andern nicht zum Spiel;
-ich denke, man wählt die schönsten Stellen aus.«
-
-»Wer aber soll sie wählen?« fiel ihr Gatte ein. »Das Ding ist nagelneu,
-niemand hat es gelesen; doch Fräulein Wicklow wird uns helfen können.
-Können Sie nicht schöne Stellen andeuten und uns den Faden des übrigen
-geben?«
-
-Man bat so allgemein, so dringend, daß Elise nach einigem Zögern
-nachgab. »Der Roman,« sagte sie, »spielt, wenn ich mir die Jahreszahl
-richtig gemerkt habe, in den Jahren 1455 bis 1456 in und um Marienburg
-in Ostpreußen. Der Deutsche Orden ist von seinen früheren einfachen
-und reinen Sitten abgekommen; dies und innerer Zwiespalt, wie Neid
-und Anfeindungen von allen Seiten her, drohen einen baldigen Umsturz
-der Dinge herbeizuführen, wie denn auch durch den Verrat böhmischer
-Ordenssoldaten, gegen Ende des dritten Teils, Marienburg für den
-Orden auf immer verloren geht. Auf diesem geschichtlichen Hintergrund
-ist aber die interessante Geschichte eines Verhältnisses zwischen
-einem jungen deutschen Ritter und einem Edelfräulein aufgetragen. Sie
-ist die Tochter des Kastellans von Marienburg, eines geheimen und
-furchtbaren Feindes des Ordens, der, anscheinend dem Deutschmeister
-befreundet, nur dazu in Marienburg lebt, um jede Blöße des Ordens
-den Polen zu verraten. Der Roman beginnt in der Ordenskirche, wo die
-Ritter und viele Bewohner von Marienburg und der Umgegend bei einem
-feierlichen Hochamt versammelt sind, um den Tag zu feiern, an welchem
-vor vielen Jahren der erste Komtur mit seinem Konvent in dieser Burg
-einzog. Der letzte Meister, Ulrich von Elrichshausen, ein Mann, der
-sich dem nahenden Verderben noch entgegenstemmen will, hält eine
-eindringliche Rede an die Ordensglieder. Der Gottesdienst endet mit
-einer feierlichen, lateinischen Hymne. Indem zwei der jüngsten Ritter,
-nach der Sitte bei solchen Gelegenheiten, den vornehmsten fremden
-Besuchern das Geleite bis in den Vorhof geben, bemerkt der eine von
-ihnen, daß der andere im Vorbeistreifen ein kleines Päckchen in die
-Hand einer verschleierten Dame gedrückt habe. Die Kirche ist leer, und
-im zweiten Kapitel fragt nun der erstere den zweiten um die Bedeutung
-dessen, was er gesehen. Er ist sein Waffenbruder, ein Bündnis, das nach
-der Sitte der Zeit fester als irgend ein Freundschaftsband galt, und
-Elrichshausen, der Neffe des Meisters, der Held des Romans, gesteht
-ihm endlich sein Verhältnis zu der Dame, erzählt ihm von seinem Leben,
-seinen trostlosen Aussichten.
-
-»Der Freund ratet ab, Kuno aber verschmäht jede Warnung und bittet
-jenen, er möchte ihn an diesem Abend zu einer Zusammenkunft mit der
-Geliebten begleiten. Diese Zusammenkunft in einem verfallenen Teil des
-älteren Schlosses ist so schauerlich schön, daß ich möchte, sie würde
-ganz gelesen.«
-
-Palvi las. Wer je ein Buch, das er sonst nicht kannte, in Gesellschaft
-vorgelesen, der weiß, daß etwas Beunruhigendes in dem Gedanken liegt,
-daß man mit gehaltener Sicherheit auf einem Felsenpfade gehen soll,
-den man noch nie betreten. Dieses beängstigende Gefühl wächst, wenn es
-ein Gespräch ist, das man vorträgt. Man kann den Atem, den Rhythmus,
-den Ausdruck der Empfindung nicht richtig abmessen und verteilen, man
-weiß nicht, ob jetzt die höchste Höhe der Lust ausgedrückt ist, ob
-jetzt der Dichter die tiefste Saite der Wehmut berührt habe, ob er
-nicht noch tiefere Akkorde anschlagen werde; und der Zuhörer pflegt
-diese Unsicherheit störend mitzuempfinden. Aber wunderbar las dieser
-junge Mann, den ein zufälliger Scherz seines Vorgesetzten zum Vorleser
-gestempelt hatte. Es war, als lese er nicht mit den Augen, sondern mit
-der Seele ohne dieses Organ, als spreche er etwas längst Gedachtes,
-eine Erinnerung aus, als kenne er den Inhalt, den Geist dieser Blätter,
-und sein Gedächtnis habe das Buch nur wegen der zufälligen Wortstellung
-von nöten. Wenn das, was er las, nicht durch Inhalt und Form so
-großartig, dieses Gespräch zweier Liebenden so neu, so bedeutungsvoll
-gewesen wäre, diese Art, etwas vorzutragen, hätte zur Bewunderung
-hinreißen müssen.
-
-Wir fürchten zu ermüden, wollten wir den Gang der Gefühle im Gespräch
-dieser Liebenden verfolgen. Wir bemerken nur, daß der jüngere Teil
-dieser Gesellschaft mächtig davon ergriffen wurde, daß Fräulein Elise,
-die anfangs den Vorleser mit scheuen, staunenden Blicken angesehen
-hatte, in tiefer Rührung die Augen senkte und kaum so viel Fassung
-fand, ihre Erzählung weiter fortzusetzen.
-
-»Die Liebenden,« sagte sie, »so wenig Trost im Schluß dieser Szene
-lag, sind zufrieden in dem Gedanken an die Gegenwart. Je dunkler
-aber die Zukunft vor ihnen liegt, desto angenehmer dünkt es ihnen,
-die Gegenwart mit schönen Träumen auszufüllen. Der Deutschmeister
-bekommt die Nachricht, daß der Kaiser, von den Einflüsterungen Polens
-halb besiegt, dem Orden zürne, ihm namentlich innere Zügellosigkeit
-vorwerfe. Der Meister versammelt daher ein Kapitel, wo er die Ritter
-anredet. Diese Stelle ist eine der trefflichsten im Buche, denn der
-Verfasser befriedigt hier auf wunderbare Weise zwei Interessen. Indem
-der Meister die Verhältnisse des Ordens bis auf die zartesten Nuancen
-aufdeckt und berechnet, bekommt der Leser nicht nur ein schönes Bild
-von dem einsichtsvollen, umsichtigen Ulrich von Elrichshausen, von
-der erhabenen Würde eines Nachfolgers so großer Meister, von der
-gebietenden Stellung eines Herrschers auf Marienburg, sondern er
-bekommt auch auf ungezwungene und natürliche Weise eine Uebersicht
-über die historische Basis des Romans. Der Meister schärft die Haus-
-und Sittengesetze und schließt mit einer furchtbaren Drohung für den
-Uebertreter.
-
-»Der Held des Romans, voll schönen Glaubens an alles Edle und Reine,
-sieht in seiner Freundschaft für Wanda, so heißt das Fräulein, kein
-Unrecht. Er setzt, begleitet von seinem Freunde, die nächtlichen
-Zusammenkünfte fort. In eine derselben ist ein wunderschönes Märchen
-eingewoben, eine Sage, die man auch mir in meiner Kindheit oft erzählt
-haben muß, denn sie klang mir wie alte Erinnerungen.«
-
-Sie hielt inne; mit einem Blick voll Liebe und Wehmut fragte Palvi,
-ob er das Märchen lesen solle? Sie nickte ein kurzes Ja, und er las.
-Der junge Rempen hatte während des Märchens sein Auge fest auf Elisen
-gerichtet. Er bemerkte, daß sie anfangs heiter zuhörte, mit einem
-Gesicht, wie man eine bekannte Lieblingsmelodie hört und die kommenden
-Wendungen zum voraus erratet; nach und nach wurde sie aufmerksamer;
-es kamen einige sonderbare Reime vor, die Palvi so rasch und mit so
-eigenem, singendem Tone vortrug, daß sie dadurch tief ergriffen schien;
-Erinnerungen schienen in ihr auf und nieder zu tauchen, sie preßte die
-Lippen zusammen, als unterdrücke sie einen inneren Schmerz; er sah, wie
-sie bleich und immer blässer wurde, er sah sie endlich ihrer Nachbarin
-etwas zuflüstern, sie standen beide auf, aber ebenso schnell sank
-Elise wieder kraftlos auf ihren Stuhl zurück.
-
-Die Bestürzung der Gesellschaft war allgemein. Die Damen sprangen
-herzu, um zu helfen, aber sei es, daß, wie es oft zu geschehen pflegt,
-gerade das unangenehme Gefühl dieser störenden, geräuschvollen Hilfe
-sie wieder emporraffte, oder war es wirklich nur etwas Vorübergehendes,
-ein kleiner Schwindel, der sie befiel, sie stand beinahe in demselben
-Moment wieder aufrecht, bleich, aber lächelnd, und konnte sich bei der
-Gesellschaft entschuldigen, diese Störung veranlaßt zu haben.
-
-An Erzählen und Vorlesen war übrigens nach diesem Vorfall heute abend
-nicht wohl wieder zu denken, und man nahm mit Vergnügen den Vorschlag
-an, sich am übernächsten Nachmittage in einem öffentlichen Gartensalon
-zu versammeln und die Ritter von Marienburg gemeinschaftlich zu
-genießen.
-
-
-6.
-
-Der Stallmeister fühlte sich von dieser Szene auf mehr als eine Weise
-ergriffen; er konnte zwar Palvi nichts vorwerfen, er hatte zwei Worte
-mit Elisen und diese öffentlich gesprochen; es war, wenn er selbst
-auch wirkliche Rechte auf das Fräulein gehabt hätte, kein Grund zur
-Eifersucht da, denn sie schien jenen sogar zu scheuen, zu fliehen;
-aber dennoch lag etwas so Rätselhaftes in Palvis Betragen, etwas so
-schmerzlich Rührendes in seinen Mienen, und doch wieder in seinem
-ganzen Wesen eine so gehaltene Würde, daß Rempen sich vornahm, was
-es ihn auch kosten möge, Aufschluß über ihn zu suchen. Der Oheim war
-bemüht, die frühere Ordnung und Freude herzustellen. Spieltische wurden
-herbeigetragen, und aus dem Salon lud eine Violine und die lockenden
-Akkorde einer Harfe die junge Welt zum Tanzen ein.
-
-Mit bewachenden Blicken folgte der Stallmeister Palvi, der, noch
-immer das Buch in der Hand haltend, gedankenvoll umherging. In einer
-Vertiefung des Fensters saß Elise. Eben ging eine Freundin von ihr weg,
-und Rempen nahm wahr, wie sich Palvi ihr zögernd nahte, wie er ihr
-mit einer tiefen Verbeugung das Buch überreichte. Schnell trat auch
-er hinzu, und nur die breite, dunkelrote Gardine trennte ihn von den
-beiden.
-
-»Elise,« hörte er den jungen Mann sagen, »seit zehn Monaten zum
-erstenmal wird es mir möglich, so nahe zu stehen, nur _eine_ Bitte habe
-ich --«
-
-»Schweigen Sie,« sagte sie in leisen, aber leidenschaftlichen Tönen,
-»ich will nichts hören, nichts sprechen! ich habe Ihnen schon einmal
-gesagt: ich verachte Sie.«
-
-»Nur das _Warum_ möchte ich wissen,« bat er beinahe weinend; »nur _ein_
-Wörtchen, vielleicht können Sie mich doch verkennen.«
-
-»Ich kenne Sie zu gut,« erwiderte sie unmutig, »einen so niedrigen,
-gemeinen Menschen kann ich nur verabscheuen.«
-
-»Gemein, niedrig?« rief er bitter, »und dennoch schwöre ich, daß ich
-Ihnen Achtung abzwingen will; diesen gemeinen niedrigen Mann sollen Sie
-schätzen müssen! Wissen Sie, ich bin --«
-
-»Daß Sie ein recht elender Mensch sind, weiß ich lange; darum bitte
-ich, entfernen Sie sich; diesen Zirkel werde ich aber nie mehr
-besuchen, wenn es Ihnen noch einmal einfallen sollte, mich anzureden.«
-
-Bei diesen Worten stand sie rasch auf und entfernte sich mit einer
-kurzen Verbeugung gegen den unglücklichen jungen Mann.
-
-So wichtig diese Worte, so bedeutungsvoll diese Szene war, konnte sie
-doch dem Stallmeister kein deutlicheres Licht geben. Palvi durfte
-wagen, sie mit »Elise« anzureden, sie behauptete, ihn ganz zu kennen,
-sie sprach so heftig ihre Gefühle aus, daß ihren Haß notwendig Liebe
-geboren haben mußte. -- Er sah Palvi, nachdem er noch eine Weile in
-der Vertiefung des Fensters verweilt hatte, nach der Türe des Vorsaals
-gehen. Er folgte ihm dahin, wie zufällig nahm er zugleich mit jenem
-seinen Mantel um.
-
-»Auch Sie scheinen kein Freund des Tanzes zu sein,« redete er den
-Referendär an.
-
-»Ich habe es längst aufgegeben,« antwortete er, »aber Sie, Sie -- ein
-Glücklicher, und nicht tanzen?«
-
-»Ein Glücklicher?« erwiderte der Stallmeister freundlich; »davon möchte
-ich mir doch noch eine nähere Definition erbitten. Ueberhaupt, hier
-wird mir so langweilig zu Mute, und zu Hause geht mir die Tanzmusik im
-Kopfe herum; gehen wir, wenn Sie nichts Besseres vorhaben, nicht irgend
-wohin zusammen?«
-
-Palvi schien in einiger Verlegenheit zu sein. »Ich weiß nicht, was mir
-Ihre Gesellschaft so wünschenswert macht,« antwortete er; »ich möchte
-die Hälfte der Nacht mit Ihnen verplaudern, und dennoch, werden Sie es
-glauben? -- ich rechnete darauf, früh diese Gesellschaft zu verlassen,
-und habe einem Freunde den übrigen Teil des Abends zugesagt.«
-
-»Wohlan,« fuhr der Stallmeister fort, »wenn Sie nichts gar zu Wichtiges
-zu besprechen haben, so folge ich Ihnen dahin.«
-
-Der junge Mann errötete. »Das Haus ist abgelegen,« sagte er, »und für
-solche Gäste nicht ganz passend.«
-
-»Und wenn es der Entenzapfen wäre,« rief Rempen; »es soll ja
-vortreffliches Cerevis dort geben.«
-
-Mit einer Mischung von Staunen und Freude blickte ihn der Referendär
-an, doch ehe er noch fragen konnte, sprach Rempen weiter: »Verzeihen
-Sie meiner Neugierde, die diesmal die Diskretion überwog. Der Zufall
-machte mich zum Zeugen, als ein wunderlicher alter Herr Sie einlud, und
-schon damals wünschte ich, mit von der Partie zu sein, um so mehr,«
-setzte er verbindlich hinzu, »da ich diesen Abend so manchen ~Point de
-réunion~ zwischen uns fand.«
-
-»Gut, so folgen Sie mir. -- Sie werden ein Original kennen lernen, das
-aber mehr unsere Aufmerksamkeit verdient als die schwachen Kopien dort
-oben, die doch immer für Originale gelten möchten, ja sich selbst dafür
-halten. Ich meine jene Poeten und Literatoren, die uns heute morgen ein
-so wunderbares Schauspiel gegeben haben.«
-
-»In seiner Art diesen Abend ein nicht minder sonderbares,« entgegnete
-Rempen; »oder sollte Ihnen entgangen sein, wie ungezogen sie sich
-benahmen, als man verlangte, dieser Roman solle vorgelesen werden;
-schien es nicht, als wollten sie durch stilles, höhnisches Lächeln,
-durch ihre kalte Entschuldigung, zum Vorlesen nicht bei Stimme zu
-sein, durch so manche Zeichen ihres Mißfallens der Gesellschaft die
-Ueberzeugung aufdringen, als sei das Buch schlecht und unwürdig? Man
-kann nicht verlangen, daß sie sich -- wollen sie einmal ungesittet sein
--- im Keller eines Italieners Fesseln anlegen; sie bezahlen dort, und
-ihre Rede ist frei; aber in einer Gesellschaft wie diese mußten sie
-sich den Gesetzen des Anstandes fügen.«
-
-»Ich wollte vieles wetten,« bemerkte Palvi, »der Mann, zu dem ich Sie
-jetzt führe, ob er gleich in seinen Gewohnheiten und Sitten wenig
-gesellschaftliche Bildung verrät, würde sich weniger unschicklich
-benommen haben.«
-
-»Und wer ist er denn?« fragte der Stallmeister.
-
-»Er gehört einem Schlag von Leuten an, die man in unsern Ländern jetzt
-weniger oder nicht so auffallend und originell sieht als früher, ein
-sogenannter württembergischer Magister. Bitte zum voraus, glauben
-Sie nicht, daß in diesem Begriffe etwas Lächerliches liege, denn eine
-nicht geringe Zahl würdiger, gelehrter Männer unserer Zeit gehören
-diesem Stande an. Es gab in früherer Zeit, -- ob jetzt noch, weiß ich
-nicht, -- in jenem Lande eine Pflanzschule für tiefe Gelehrsamkeit.
-Es gingen Philologen, Philosophen, Astronomen, Mathematiker in Menge
-daraus hervor; zum Beispiel ein Keppler, ein Schelling, Hegel und
-dergleichen. Vor zwanzig Jahren soll man allenthalben in Deutschland
-Leute aus dieser Schule gesehen haben; den Titel Magister bekamen sie
-als Geleitsbrief mit. Sie waren gewöhnlich mit tiefen Kenntnissen
-ausgerüstet, aber vernachlässigt in äußeren Formen, in Sprache und
-Ausdruck sonderbar, und spielten eine um so auffallendere Figur, als
-sie gewöhnlich, ihrer Stellung nach, als Lehrer an Universitäten, als
-Erzieher in brillanten Häusern, in der Gesellschaft durch ihr Aeußeres
-den Rang nicht ausfüllten, den ihnen ihre Gelehrsamkeit gab. Eine
-solche Figur aus alter Zeit ist mein Freund. Er ging schon vor dreißig
-Jahren aus seinem Vaterlande, hat aber weder in Kurland noch in Sachsen
-seine Eigenheiten abgelegt. Er lebt hier, abgeschieden von der Welt,
-in einem Dachstübchen; ich halte ihn für einen der tiefsten Denker
-des Zeitalters, dabei ist er ein liebenswürdiger Dichter, und dennoch
-ist sein Name gänzlich unbekannt. Die gelehrtesten Rezensionen in den
-Leipziger und Haller Blättern sind von seiner Hand; manche Entdeckung,
-mancher tiefgedachte Satz, womit jetzt die neuen Philosophen ihre Werke
-aufputzen, sind von ihm; er hat sie spielend hingeworfen.«
-
-»Also ein literarischer Eremit,« rief Rempen aus, indem er, nicht ohne
-kleinen Schauder, an der Seite des Referendärs durch enge, schmutzige
-Gäßchen ging; »eine Nachteule der Minerva in bester Form?«
-
-»Wenn es heutzutage wieder einen Diogenes geben könnte,« erwiderte
-jener, »ich glaube, er müßte im Kostüm meines Magisters erscheinen.
-Dieses ehrliche, kluge, ein wenig ernste Gesicht, die kunstlos um den
-Kopf hängenden Haare, das verschossene Hütchen, der abgetragene Rock,
-den er mit keinem anderen vertauschen mag, die sonderbare, beinahe
-zärtliche Neigung zu einer alten, schwarz gerauchten Pfeife, dazu ein
-dunkelbraunes Meerrohr mit silbernem Knopfe, und diese ganze Gestalt in
-der düsteren, schwärzlichen Spelunke, in welche wir eben treten wollen
--- nehmen Sie dies alles zusammen, und Sie werden finden, das Urbild
-eines modernen zynischen Philosophen ist fertig, nur würde er einen
-Alexander nicht um ein wenig Sonne, sondern um ein bißchen Feuer für
-seine Pfeife bitten.«
-
-Durch einen Vorplatz, wo das trübe Licht einer schmutzigen Laterne
-einen zweifelhaften Schein auf Kornsäcke und umgestürzte Bierfäßchen
-warf, traten jetzt die beiden jungen Männer in das größere Schenkzimmer
-des Entenzapfen. Der Wirt, dick und angeschwollen von dem Kosten
-seines eigenen Getränkes, schlief in einem Lehnsessel hinter dem
-Ofen; einige abgerissene Gestalten spielten bei einem Stümpchen Licht
-mit schmutzigen Karten und sahen die Vorübergehenden mit matten,
-schläfrigen Augen an.
-
-Palvi ging vorüber in ein zweites kleineres Gemach, das für bessere
-Gäste eingerichtet schien. Derselbe Alte, den Rempen diesen Abend
-flüchtig gesehen, saß dort allein hinter einer Kanne Bier. Auf den
-Tisch hatte er mit Kreide einen mathematischen Satz gemalt. Er schaute,
-die Stirn in die Hand gestützt, aufmerksam auf seine Berechnung nieder,
-und nur große Tabakswolken, die er hin und wieder ausstieß, zeigten,
-daß er lebe und atme. Erst auf den Abendgruß seines jungen Freundes
-richtete er sich auf und zeigte ein ernstes, gleichgültiges Gesicht,
-dem nur das glänzende, ungemein interessante Auge einiges Leben verlieh.
-
-Die Gegenwart eines Fremden schien ihm unangenehm aufzufallen. Kurz
-abgebrochen, indem er hastig mit dem Rockärmel die Figuren von dem
-Tische abwischte, sagte er: »Seid lange ausgeblieben.«
-
-»Dafür bringe ich aber einen seltenen Gast mit,« erwiderte der junge
-Mann, »der das Entenbier versuchen will.«
-
-»Literator?« fragte der Alte etwas mürrisch.
-
-»Wo denkst du hin, Magister; ein hiesiger Literator und der
-Entenzapfen! Nein, er ist nicht von diesen, sondern heißt Herr von
-Rempen und ist Stallmeister.«
-
-»Da haben der Herr die echte Quelle gefunden,« sprach der Alte
-freundlich und mit einer Herzlichkeit, die ihn sogar angenehm machte.
-»Der Entenzapfen hat solid Getränke. Setzet euch, da bringt die
-Kellnerin schon die Kannen.«
-
-Der Stallmeister erschrak vor der großen Kanne, die ihm das niedliche
-Kellnermädchen mit den roten Lippen kredenzte; aber die Neugierde nach
-dem Magister, der Drang, von Palvi nähere Aufschlüsse über Elisens
-Betragen zu erhalten, milderten seinen Schauder vor dem Entenzapfen.
-
-»Es hat einen eigenen Reiz für mich,« sagte er, um die Anrede des
-Alten zu erwidern, »so aus einer glänzenden Gesellschaft, wo alles
-voll Glanz und Putz, voll Berechnung und eitlen Benehmens ist, mich in
-die Einsamkeit einer solchen Schenke zu begeben. Man wird so leicht
-verführt, jenes schimmernde Wesen für wahres Leben, für ein Ideal der
-Gesellschaft zu nehmen, und nur ein plötzlicher, recht greller Tausch
-kann von diesem Wahne retten, besonders wenn man das Glück hat, Männer
-zu finden, die zu vernünftigem Gespräch bereitwillig sind.«
-
-»Ich kann mir's denken aus früherer Zeit,« entgegnete der Alte mit
-ironischem Lächeln. »Nun hat man wieder anständig geschnattert und
-gezwitschert, Tee getrunken und göttlichem Gesange gelauscht, und als
-man gar ästhetisch zu werden, vorzulesen anfing, seid ihr aus Angst
-davongelaufen?«
-
-»Nein,« antwortete Rempen, »so lange gelesen wurde, blieben wir.«
-
-»Wie?« rief der Magister. »Und Ihr habt es über Euch vermocht, Herr
-Referendär, allerlei rosenfarbene Poesie anzuhören?«
-
-»Man las die letzten Ritter von Marienburg,« belehrte ihn der
-Stallmeister.
-
-»Ei der Tausend!« sagte der Alte, mit einem sonderbaren Seitenblick auf
-Palvi, »konnte man doch solche Speise vertragen, ohne den ästhetischen
-Gaumen und Magen zu verderben? Hat sich denn die Welt gedreht, oder
-waren unsere hiesigen Schöngeister nicht zugegen?«
-
-»Doch, sie waren dabei,« erwiderte Rempen, »sie wagten es nicht, sich
-dagegen zu setzen, obgleich der Zorn aus ihren Augen sprühte, denn
-noch diesen Morgen hatten sie sich bündig und deutlich erklärt.«
-Und nun erzählte er den Auftritt im Keller des Italieners mit einer
-Geläufigkeit, über welche er sich selbst wundern mußte. Mehrmals wurde
-er von einem schnellen, kurzen Lachen des Alten unterbrochen, als er
-aber mit dem furchtbaren Bündnisse der literarischen Trias endete,
-brach der alte Mann in so herzliches Gelächter aus, daß der Wirt zum
-Entenzapfen mit einem tiefen Gestöhne erwachte und sich im Sessel
-umwälzte.
-
-»Der Herr Stallmeister erzählen gut,« sprach dann der Magister, indem
-er Tränen, die das Lachen hervorgelockt hatte, verwischte. »Ich kenne
-sie, diese Bursche, diesen Chorus von Halbwissern. Sie sind geachteter
-beim Stadtpublikum und auf dem Landsitze als der wahre Gelehrte, sie
-sind die Vornehmern unter den Musensöhnen und machen ungebeten die
-Honneurs auf dem Parnaß, als wären sie Prinzen des Hauses oder zum
-mindesten Kammerjunker; um so weniger können sie es verschmerzen, wenn
-ihre Blöße aufgedeckt und ihre Schande ans Licht gestellt wird. Sie
-fühlen ihr Nichts, sie sehen es einander ab, aber sie wollen es sich
-nicht merken lassen.«
-
-»Am sonderbarsten und unerklärlichsten scheint mir ihre Wut gegen
-_das_, was man jetzt historischen Roman nennt,« bemerkte der
-Stallmeister. »Ich bin zu wenig im Getriebe der Literatur bewandert, um
-es mir erklären zu können.«
-
-»Danken Sie Gott,« erwiderte der Alte, »daß Sie ein heiteres, rüstiges
-Handwerk erlernt haben und von diesem unseligen, feindlichen Treiben
-nichts wissen. Kommt mir doch diese schöne Literatur jetzt vor wie
-scharfer Essig. Mit gehöriger Zutat vom Oel des Lebens, Philosophie,
-ist sie die Würze eurer Tage; aber kostet sie gesondert, so ist sie
-scharf, abstoßend; betrachtet sie genau, etwa durch ein tüchtiges Glas,
-so sehet ihr das Acidum aufgelöst in eine Welt von kleinen Würmern, die
-sich wälzen und einander anfallen, übereinander wegkriechen.«
-
-»Pfui! Aber ihr Verhältnis zum historischen Roman?«
-
-»Sie gebärden sich,« antwortete Bunker, »als ob sie gegen irgend eine
-Erscheinung des Zeitgeistes ankämpfen könnten, wie Pygmäen gegen
-einen Riesen. Als ob nicht schon die Ilias so gut historisch gewesen
-wäre als irgend ein Roman des Verfassers von Waverley. Und ist nicht
-Don Quichotte der erste aller historischen Romane? Doch nehmen Sie
-nähere Beispiele bei uns. Spricht sich nicht in Wilhelm Meister das
-Element eines historischen Romans geheimnisvoll aus? Müssen wir nicht
-den Begebenheiten, in die der Held verwickelt ist, eine gewisse
-Zeitgeschichte unwillkürlich unterlegen? Müssen wir nicht das Lager
-des Prinzen als eine notwendige historische Dekoration damaliger Zeit
-ansehen? Und die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, sind sie
-nicht eine historische Novelle? Wir betraten also zum mindesten keinen
-neuen Boden, kein neues, zweifelhaftes Gebiet.«
-
-»Und welch kleiner Schritt,« bemerkte Palvi, »welch natürlicher
-Uebergang ist vom historischen Drama, wie wir es bei Goethe finden, zum
-modernen, geschichtlichen Roman. Sie sind ihm schon um vieles näher
-als die historischen Schauspiele Shakespeares. Wie im Romane sprechen
-dort die Helden nicht großartige Gefühle aus. Sie halten nicht gedehnte
-Reden, sondern ihre Reden erzählen von den schlummernden Entschlüssen
-ihrer Seele, und wir erblicken in einer einzelnen Wendung Motive, ahnen
-Handlungen, die sich nachher verwirklichen.
-
-»Die Völker scheinen sich in unseren Tagen zu scheiden und scharf
-abzugrenzen. Doch diese Scheidung ist nur scheinbar, denn die
-Menschheit ist durch so viele Erfindungen sich näher gerückt worden.
-Wir gehören mehr und mehr der Welt an. Wir sprechen von entfernten
-Polarländern oder von Amerika mit einer Bestimmtheit, einem Gefühl der
-Nähe, wie unsere Großväter von Frankreich sprachen. Wir sind jetzt erst
-Europäer geworden. Darum ist uns nichts mehr fremd, was in diesem alten
-Weltteile geschieht. Der Unterschied der Sprache hat aufgehört, denn
-Dank sei es unseren gewandten Uebersetzern, es ist, als ob Scott und
-Irving in Frankfurt oder Leipzig lebten.«
-
-»Gewiß!« fiel Rempen ein, »auch in der Gesellschaft sind sich
-die verschiedenartigsten Elemente näher getreten. Unsere jungen
-Männer erzählen jetzt von einer Reise nach London oder Rom mit mehr
-Bescheidenheit oder Gleichgültigkeit als sonst einer von einer Reise an
-einen zwanzig Meilen entfernten Hof erzählte. Aber ist uns durch alles
-_dies_, da wir in einer so breiten Gegenwart leben, die Geschichte
-nicht vielmehr fern als nahe gerückt?«
-
-»Ich gebe zu,« sagte der Alte, »das ernste Studium der Historie,
-aber nicht das rein menschliche Interesse daran. Die Geschichte war
-sonst die Geschichte der Könige, und an ihre oft unbedeutende Person
-knüpfte sich das Leben unsterblicher Männer. Die neuere Zeit, so große
-Veränderungen um uns her, haben uns anders denken gelehrt. Es ist die
-Geschichte der Meinungen, es sind die Schicksale gewisser Prinzipien,
-die wir kennen lernen möchten. Ihr Kampf erscheint in jedem Zeitalter
-mehr oder minder und unter der verschiedensten Gestalt, und dieser
-Kampf der Meinung ist es, was jeder Periode ihr Interesse gibt, er
-ist es, der, dem Romane zum Grunde gelegt, unsere Teilnahme auf
-unbeschreibliche Weise anzieht.«
-
-»Ich ahne, daß Sie recht haben,« erwiderte der Stallmeister.
-»Gleichwohl kann ich diese Idee meinen bisherigen Ansichten noch
-nicht recht anpassen. Denn wie vertragen sich zum Beispiel mit dieser
-welthistorischen Ansicht jene sonderbaren Figuren Walter Scotts,
-die bald als rohe Hochländer, bald als Räuber, als Fischer in die
-Geschichte unmittelbar eingreifen und so anziehend erscheinen?«
-
-»Das ist es ja gerade, was ich sagte,« antwortete der Magister. »Wir
-ahnen in der Geschichte des Landes und des Volkes, die uns Professoren
-auf Kathedern vortragen, daß es nicht immer die Könige und ihre
-Minister waren, die Großes, Wunderbares, Unerwartetes herbeiführten.
-Da oder dort hat die Tradition den Schatten, den Namen eines Mannes
-aufbehalten, von dem die Sage geht, er habe großen und geheimnisvollen
-Anteil an wichtigen Ereignissen gehabt. Solche Schatten, solche
-fabelhaften Wesen schafft die Phantasie des Dichters zu etwas
-Wirklichem um; in den Mund eines solchen Menschen, in sein und seiner
-Verbündeten geheimnisvolles Treiben legt er die Idee, legt er den
-Keim zu Taten und Geschichten, die man im Handbuch nur als geschehen
-nachliest, vergebens nach ihren Ursachen forschend. Indem solche
-Figuren die Ideen persönlich vorstellen, bereiten sie dem Leser hohen
-Genuß und oft ein um so romantischeres Interesse, je unscheinbarer
-sie durch Bildung und die Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft
-anfänglich erscheinen.«
-
-»Und so hielten Sie es für möglich, daß auch die deutsche Geschichte
-interessante Stoffe für historische Romane bieten könnte?« fragte
-Rempen; »mir schien sie immer zu zerrissen, zu flach, zu wenig
-romantisch und großartig.«
-
-»Das letztere glaube ich nicht,« erwiderte Palvi; »und muß denn gerade
-der Hintergrund, das historische Faktum, das Erhabene sein? Ist es
-nicht der Zweck des Romans, Charaktere in ihren verschiedenen Nuancen,
-Menschen in ihren wechselseitigen Beziehungen zu schildern? Und kann
-sich nicht ein großartiger Charakter in einer Tat, einem Zwiste
-erproben, der für die allgemeine Geschichte von geringerer Bedeutung
-ist? Oder glauben Sie, weil Tieck in die Cevennen flüchtete, um einen
-historischen Hintergrund zu holen, er habe damit sagen wollen, unsere
-Geschichte biete keinen Stoff, der seines hohen Genius würdig wäre?«
-
-»Diese Ritter von Marienburg,« nahm der Alte das Wort, »beschäftigen
-sich mit keinem großartigen historischen Ereignisse. Schon fünfzig
-Jahre, ehe das Unglück des Ordens in Ostpreußen wirklich hereinbricht,
-gewahrt man, daß er sich nie mehr zu seinem alten Glanze erheben
-könne, daß früher oder später die Elemente selbst, die seine Größe
-beförderten, seinen Sturz bereiten werden. Er fällt, denn er hat seinen
-Beruf erfüllt. Aber an die geschichtliche Figur des Großmeisters, an
-die Täler der Nogat, an die Mauern der erhabenen Burg weiß jener Hüon
-Fäden anzuknüpfen, woraus er ein erhabenes Gewebe schafft. Ich möchte
-sagen, er baut aus den Trümmern jenes gestrandeten Schiffes eine Hütte,
-worin sich bequem wohnen läßt.«
-
-»Nun verstehe ich Sie,« rief der Stallmeister, »und weil sie diesen
-Standpunkt nicht erreichten, weil sie diese höhere Ansicht nicht
-erfassen mögen, kämpfen jene Leutchen gegen diesen historischen Roman.
-Es ist Brotneid, sie wollen ihn nicht aufkommen lassen, weil er die
-Kunden an sich ziehen könnte.«
-
-»Hat er nicht recht, der Herr Stallmeister?« wandte sich der Magister
-lächelnd an seinen Nachbar. »Sie schimpfen alle aufeinander und
-zusammen auf jedes Größere, diese Kleinmeister. Mich freut es nur, daß
-mein Doktor Zundler auch bei der furchtbaren Freitags-Trias ist.«
-
-»_Ihr_ Doktor Zundler?« fragte Rempen befremdet. »Kennen Sie ihn?«
-
-»Ob ich ihn kenne!« erwiderte der Alte lachend.
-
-»Der Herr Stallmeister macht keinen schlimmen Gebrauch davon,« sagte
-Palvi zu dem Magister, »und zu größerem Verständnis der Poesie ist es
-ihm nützlich, wenn er es weiß. Bist du es zufrieden, Alter?«
-
-»Es sei; aber der Herr Stallmeister wird diskret sein,« antwortete der
-Alte.
-
-»Was werde ich erfahren?« fragte Rempen. »Wie geheimnisvoll werden Sie
-auf einmal?«
-
-»Sie kennen den Doktor Zundler, einen der ersten Lyriker dieser Stadt,«
-sprach Palvi; »sein Ruhm war früher gerade nicht sehr groß, doch etwa
-seit einem halben Jahre regt er die Flügel mächtig. Hier sitzt der
-Dädalus, der sie ihm gemacht hat.«
-
-»Wie soll ich dies verstehen?« erwiderte der Stallmeister.
-
-»Unser Magister hier ist ein sonderbarer Kauz,« fuhr jener fort, »einer
-seiner bedeutendsten Fehler ist Aengstlichkeit, sonderbar verschwistert
-mit Gleichgültigkeit. Er hätte es weit bringen können auf dem deutschen
-Parnaß, aber er war zu ängstlich, um etwas drucken zu lassen. Doch wie
-vermöchte ein dichterischer Genius von diesem Hindernisse sich besiegen
-zu lassen; er dichtete fort, für sich.«
-
-»Ich machte Verse,« fiel der Alte gleichgültig ein.
-
-»Du hast gedichtet!« sagte Palvi. »Aber seine besten Arbeiten, seine
-gründlichsten Forschungen hat er um acht Groschen den Bogen in Journale
-verzettelt, weil er sich scheute, seinen Namen auf ein Titelblatt zu
-setzen; und von den glühendsten Poesien seiner Jugend fand ich die
-einzigen Spuren in halbverbrannten Fidibus. In meinen Augen bist du
-entschuldigt, guter Magister, durch deine Erziehung und die Art und
-Weise deines Vaterlandes. Wer hat sich dort zu deiner Zeit um einen
-Geist, wie der deine war, bekümmert? Was hat man für einen Mann getan,
-der nicht in die vier Kardinaltugenden, in die vier Himmelsgegenden
-der Brotwissenschaft, in die vier Fakultäten paßte? Haben sie ja sogar
-Schiller zwingen wollen, Pflaster zu streichen, und Wieland floh das
-Land der Abderiten, weil es dort keinen Raum für ihn gab als den
-Posten eines Stadtschreibers, den er freilich so schlecht als möglich
-ausgefüllt haben mochte.«
-
-»Mensch, nichts Bitteres gegen mein schönes Vaterland,« sagte der Alte
-mit sehr ernstem Blick; »es war die Wiege großer Männer.«
-
-»Du sagst es,« erwiderte Palvi, »die _Wiege_, aber nicht das _Grab_.
-Und dieser Umstand mag seine eigenen Ursachen haben. Zum mindesten
-findet man in Odessa wie am Mississippi, in Polen und in Rio-Janeiro,
-und überdies noch auf den Kathedern aller bekannten Universitäten
-deine Landsleute. Doktor Zundler nun, um von diesem zu reden, hatte
-das Glück, eines Tages eine Wohnung zu beziehen, in deren Giebel unser
-Magister ein Freilogis bewohnt, weil er den Knaben des Hausherrn
-zum Gelehrten bilden soll. Doktor Zundler hat, um sich zum Dichter
-zu bilden, viel gelesen und hat den großen Menschenkennern bald
-abgemerkt, daß sie auf Originale Jagd machen. Er stellt sich daher
-alle Tage zwei Stunden mit seinem Glas unter das Fenster und stellt
-Betrachtungen über die Menschen an wie der selige Hoffmann in Vetters
-Eckfenster, nur, behauptet man, mit verschiedenem Erfolg. Denn der
-selige Kammergerichtsrat guckte durch das Kaleidoskop, das ihm eine
-Fee geschenkt, der Doktor Zundler aber durch ein ganz gewöhnliches
-Opernglas. Da sah er einigemal den Magister und -- nun, Bunkerchen,
-erzähle.«
-
-Ein behagliches Lächeln verbreitete sich über das Gesicht des Alten; er
-trank in längeren Zügen aus seinem Glas und erzählte dann: »Eines Tages
-sagte mir meine Aufwärterin, daß sich der wunderschöne reiche Herr in
-der Bel-Etage nach mir erkundigt habe, wer ich wäre, was ich treibe und
-dergleichen. Bald darauf kam ein schön geputzter Herr in mein Stübchen,
-beguckte mich von allen Seiten, fragte mich allerlei und wunderte sich
-ungemein, daß ich ein Gelehrter sei. Er hatte mich, meiner Physiognomie
-nach, für einen unglücklichen Musiker gehalten. Sein Staunen wuchs, als
-er einige poetische Versuche, die am Boden lagen, aufnahm und las. Er
-wollte nicht glauben, daß sie von mir herrühren, und nahm sie endlich
-aus reinem Interesse, wie er sagte, mit. Den folgenden Tag schickte er
-mir ein paar Flaschen Wein. Es freute mich, ich hatte gehört, daß er
-reich sei; ich bin arm und trank den Wein. Als ich die erste Flasche
-hinunter hatte und warm war, ging die Tür auf, und mein Doktorchen trat
-herein. Ein Wort gab das andere; man kam auf Poesie, ich machte wenig
-daraus, er viel; er schwatzte mir etwas vor von einer Erbschaft, die er
-gewinnen könne von seinem Oheim, einem portierten Verehrer der Musen.
-Seine bisherigen Versuche haben aber nur den Unwillen des Erblassers
-erregt. So machte es sich von selbst, daß ich ihm meinen ganzen Kram
-von Poesien anbot; mich selbst amüsierten diese Verse nur, solange ich
-sie entwarf und ausarbeitete; ob sie das Publikum lese, ob es mich
-dabei nenne, war ja so gleichgültig! Im Scherz ging ich einen Akkord
-ein, daß ich ihm auch eine Novelle und später einen Roman schriebe. Er
-gibt mir dafür Wein, Knaster, zuweilen Geld, und ich habe das Bequeme,
-daß niemand, weder in Lob noch Tadel, meinen Namen nennt, was mir
-unausstehlich ist, und daß ich mich mit keinem Journalredakteur, mit
-keinem Buchhändler, keinem Rezensenten herumbeißen muß.«
-
-»Ist dies nicht köstlich, Stallmeister?« fragte Palvi lachend. »Was
-halten Sie von diesem trefflichen Lyriker, von diesem Zunder, der ohne
-fremden Stahl und Stein kein Feuer gibt?«
-
-»Ist es möglich?« rief der junge Rempen staunend aus. »Ist eine solche
-lächerliche Niederträchtigkeit jemals erhört worden! Und diesen
-Menschen konnte auch ich für einen Dichter halten, konnte den Genius
-bewundern, der auf einmal über ihn gekommen? Und auch _sie_, auch
-_sie_,« fuhr er in Gedanken versunken fort, »auch _sie_ ehrt und achtet
-ihn um dieser Gaben willen, zeichnet ihn aus, spricht mit ihm über
-seine neuesten Werke. Es ist, um rasend zu werden!«
-
-Palvi sah den jungen Mann bei diesen Worten teilnehmend, beinahe
-gerührt an; er schien mit Mühe eine tiefe Wehmut zu bekämpfen, aber
-der Alte fuhr fort: »Solch belletristisches Ungeziefer, das sich vom
-Marke anderer mästet, hätte ich schon längst gern in der Nähe geschaut,
-und so studierte ich diesen Hohlkopf. Wenn allerlei Mittel von außen
-her einen Dichter machen könnten, er müßte es längst sein. Denken Sie
-nur, er trägt, wenn er sich zum Dichten niedersetzt, einen Schlafrock,
-dessen Unterfutter aus einem Schlafrock gefertigt ist, den einst
-Wieland trug. Hoffmanns Tintengefäß hat er in Berlin erstanden, von
-einem Sattler in Weimar aber den ledernen Ueberzug eines Fauteuils, in
-welchem Goethe oft gesessen. Mit diesem hat er seinen Stuhl beschlagen
-lassen, und so will er seine Phantasie gleichsam ~a posteriori~
-erwärmen. Auch liegt auf seinem Tisch eine heilige Feder, Schiller
-soll damit geschrieben haben. Er hat gehört, daß große Dichter gern
-trinken, darum geht er morgens ins Weinhaus und zwingt sich zu einer
-Flasche Rheinwein; abends aber, wenn er schon ganz dumm und schläfrig
-ist, trinkt er schwarzen Kaffee mit Rum und liegt dann in schrecklichen
-Geburtsschmerzen und ist gewärtig, irgend eine neue Maria Stuart oder
-Jungfrau von Orleans hervorzubringen.«
-
-
-7.
-
-Während der Magister Bunker also sprach, schlug es elf Uhr, und nicht
-sobald hatte er den ersten dumpfen Ton der Glocke vernommen, als er
-hastig sein Glas austrank, einige Groschen auf den Tisch legte, dem
-erstaunten Stallmeister mit einer gewissen freundlichen Rührung die
-Hand bot und sie ihm und Palvi herzlich drückte. Dann aber rannte er so
-eilends aus dem Entenzapfen, daß Rempen nicht einmal sein freundliches
-»Gute Nacht!« erwidern konnte.
-
-»Sie staunen,« sprach der Referendär, »daß uns der sonderbare Mensch
-so plötzlich und verwirrt verläßt. Er wohnt bei einem strengen Mann,
-der immer fünf Minuten nach elf Uhr die Haustür schließt. Weil nun der
-arme Magister eigentlich als Almosen sein Freilogis genießt, darf er
-keinen Hausschlüssel führen wie Leute, die ordentlich bezahlen, und so
-jagt er wie ein Gespenst, das mit dem ersten Hahnenschrei in sein Grab
-entweicht.«
-
-»Ist dieser Mensch glücklich oder unglücklich zu nennen?« fragte Rempen
-nicht ohne Bewegung.
-
-»Ich denke glücklich,« erwiderte Palvi sehr ernst; »wer wenig hofft,
-hat nichts zu fürchten; er ist ruhig. Die Zeit mildert ja alles, und
-für die Erinnerung ist er kalt geworden.«
-
-»Hat er je geliebt?«
-
-»Er hat geliebt, die Tochter jenes Hauses in Kurland, wo er Erzieher
-war. Er muß sehr liebenswürdig gewesen sein, denn die junge Gräfin
-starb nachher aus Kummer. Er selbst aber brachte zwei Jahre tiefer
-Schwermut in einem Irrenhause zu.«
-
-»Gott, welch ein Schicksal!« rief der junge Mann gerührt. »Wer hätte
-dies ahnen können? Er hat uns eine so heitere Außenseite gezeigt.«
-
-»Wozu soll er seinen Schmerz zur Schau tragen?« entgegnete Palvi. »Er
-gehört nur sein, und er verschließt ihn mit den Trümmern besserer Tage
-in seiner Brust. Ich denke, es ist dies die einzige Art, wie Männer
-leiden müssen.«
-
-»Es müßte mich alles täuschen,« sagte Rempen nach einer Pause, »oder
-auch Sie lieben nicht glücklich. Nennen Sie mich nicht unbescheiden.
-Sie haben mir zu viel Interesse eingeflößt, und auch die Dame, die ich
-meine, steht mir nicht so fern, als daß nicht meine wärmste Teilnahme
-bei dieser Frage wäre.«
-
-Der Referendär sah ihn überrascht, doch nicht gerade verwundert an;
-sein ernstes, dunkles Auge schien die Züge des Fragenden noch einmal zu
-prüfen. »Es gibt wenige Menschen,« antwortete er, »die diese Frage an
-mich gerichtet hätten. Doch an Ihnen freut mich gerade diese Offenheit.
-Ich weiß, Sie meinen Elise Wicklow; ich liebe sie.«
-
-»Und werden wiedergeliebt?« fragte Rempen errötend.
-
-»Ich zweifle; doch möchte ich von Ihnen nicht verkannt werden, darum
-will ich Ihnen die kurze Geschichte dieser Liebe geben. Meine Eltern,
-sie sind beide tot, lebten in dieser Stadt. Unser Haus war mit den
-Wicklows sehr befreundet, denn mein und Elisens Großvater sind aus
-demselben Lande hier eingewandert. Ich bin um so viel älter denn Elise,
-daß uns unsere Kinderspiele nicht zusammenführten. Wohl aber durfte
-ich, als auch meine Mutter starb, das Haus hin und wieder besuchen,
-und ich faßte in einem noch sehr jungen Herzen eine glühende Neigung
-für das schöne Kind. Nach den ersten Jahren meines Universitätslebens
-kam ich hierher. Sie war herrlich herangeblüht und gestand mir, daß
-sie mir recht gut sei. Elise war damals fünfzehn Jahre alt. Ich kam in
-rohe Gesellschaften. Mein Vermögen und mein Stipendium reichten nur
-das erste Mal hin, meine Schulden zu decken. Das zweite Mal drückte
-mich eine bei weitem geringere Verlegenheit bei weitem unangenehmer,
-weil ich keinen Rat wußte. Sie hatte es erfahren, und durch fremde
-Hand wurden meine Schulden getilgt. Mädchen in guten Ständen, in einem
-soliden Hause aufgewachsen, wissen nicht, wie leicht ein armer Teufel
-in solche Verlegenheit kommt. Sie schmälte mich in den Ferien und hielt
-mich für einen schlechten Menschen. Ich versprach Fleiß und solides
-Leben. Das Unglück eines meiner Freunde, der einen andern erschoß, riß
-mich mit fort und wieder ins Elend. Auch da hat sie mir wieder geholfen
-und mich zu Ehren gebracht. Bei so vielen Wohltaten konnte mich vor mir
-selbst nur der Gedanke entschuldigen, daß es die Hand der Geliebten
-sei, die mich gerettet, daß ich diese Hand einst auf immer in die
-meinige legen werde.
-
-»Ich raffte mich zusammen, und bald darauf gelang es mir durch Fleiß
-und Eifer, hier angestellt zu werden. Meine Stellung zu Elisen war
-aber eine ganz andere geworden. Der alte Wicklow hatte erfahren,
-wie mich seine Tochter unterstützt hatte, und verbot mir schon beim
-ersten Besuch sein Haus, aus dem einfachen Grunde, weil ich _arm_ und
-_leichtsinnig_ sei.
-
-»Elise selbst lebte in großen, glänzenden Zirkeln, wo ich keinen
-Zutritt hatte, verkehrte mit allerlei schönen Geistern und galt für
-die Krone der jungen Damen. Ich konnte sie höchstens in öffentlichen
-Gärten, auf Bällen und Konzerten, im Theater sehen. Und nur ihr
-freundlicher Blick konnte mich für so viel Entsagung trösten, konnte
-mich von dem beinahe Unbegreiflichen überzeugen, daß dieses allgemein
-angebetete Geschöpf -- mich liebe.«
-
-Der Stallmeister suchte vergebens seine Bewegung zu verbergen. Eine
-hohe Röte lag auf seinem Gesicht, und sein Auge hing voll Erwartung an
-den Lippen Palvis.
-
-»Beruhigen Sie sich,« sagte dieser, als er den unangenehmen Eindruck
-bemerkte, den seine Erzählung auf den jungen Mann machte. »Fürchten Sie
-nichts, ich werde bald zu Ende sein. Ich war glücklich und zufrieden;
-ich kannte ihre Vorliebe für Poesie, und die Liebe ermutigte mich,
-einen Versuch zu wagen, der mich ihr noch werter machen sollte.
-Ich strengte alle meine Kräfte an, um sie mit etwas Gelungenem zu
-überraschen. Da brachte man mir eines Tages einen Brief. Ich erkannte
-ihre Züge, ich riß ihn auf und -- sie schrieb mir mit kurzen, aber
-heftigen Worten, daß sie sich auf ewig von mir lossage, daß sie mich in
-tiefster Seele verachte; warum? werde mir mein eigenes Gewissen sagen.
-Ich versuchte mancherlei Wege, um mich ihr zu nahen, mein Gewissen
-sprach mich von irgend einem Fehler gegen die Geliebte frei, darum
-wollte ich mir Gewißheit über das Warum verschaffen. Doch sie wich
-überall aus, und noch heute -- heute abend in jenem Zirkel hat sie alle
-meine Hoffnungen zertrümmert.«
-
-In dem edelmütigen Herzen des jungen Rempen siegte jetzt Mitleiden
-über jedes andere Gefühl. Er faßte die Hand des unglücklichen, ihm so
-interessanten Mannes; er gelobte ihm, bei Elisen für ihn zu sprechen,
-sie um die Ursache ihres Betragens zu befragen.
-
-Aber jener erwiderte mit dem Stolze, den unverdiente Kränkung gibt:
-»Vertrauen ist die erste Bedingung der Liebe. Wo Vertrauen fehlt, da
-war nie Liebe, oder sie ist jedem Zufall ausgesetzt. Ich habe Elisen
-auf immer verloren, selbst wenn sie mich wieder lieben würde.«
-
-»Und in diesem Zustand wollen Sie hier fortleben?« fragte Rempen, seine
-Hand ergreifend; »wollen Elisen sehen und dabei immer fühlen, daß Sie
-verachtet sind?«
-
-»Nein, gewiß nicht,« erwiderte jener mit düsterem Lächeln; »_mein_
-Geschäft in dieser Stadt ist zu Ende. Es bleibt mir nur noch übrig,
-die Geliebte vor Menschen zu warnen, die ihrer nicht wert sind. Diesen
-literarischen Pöbel, der ihr so unendlich wert scheint, will ich noch
-vor ihren Augen entlarven; und ich glaube ihr damit nützlich zu sein,
-denn die Stellung, die Elise jetzt eingenommen, würde sie später
-nimmer glücklich machen. Sie selbst werden mir dazu helfen, mein
-Freund; schlagen Sie ein, wir wollen unsere Penelope von diesen Freiern
-erretten.«
-
-»Wohlan!« rief der Stallmeister, indem er aufbrach, »vielleicht
-findet sich morgen schon Gelegenheit, wenn uns die letzten Ritter von
-Marienburg versammeln; aber dann,« setzte er entschlossen hinzu, »noch
-_einen_ Versuch, um auch Sie glücklich zu machen!«
-
-
-8.
-
-Der schöne Frühlingstag und die Furcht, für ungebildet zu gelten,
-wenigstens durch ihr Nichterscheinen geringes Interesse an der schönen
-Literatur zu verraten, vereinigte den größten Teil des Rempenschen
-Klubs in dem Gartensaal, den man zum Sammelplatz bestimmt hatte.
-Der junge Rempen war zu Pferd herausgekommen, geraume Zeit vor den
-übrigen Gästen; gedankenvoll setzte er sich auf den Altan des Hauses
-und schaute in den Fluß hinab. Wie so gern hätte er sich schon heute
-am frühen Morgen Gewißheit verschafft, warum Elise so plötzlich mit
-Palvi gebrochen, auf eine Weise gebrochen, die notwendig, er gestand
-es sich mit Schmerz, auf den Charakter des jungen Mannes einen düstern
-Schatten werfen mußte. Oft verwünschte er den gestrigen Tag und daß er
-diesen Menschen kennen gelernt habe, nur um ihn heute unaussprechlich
-zu achten und vielleicht morgen zu verlieren, zu -- bedauern; denn
-verachten? nein, es konnte keinen Fall geben, der ihm diesen Mann
-hätte verächtlich machen können. War es denn möglich, daß eine so
-großartige Seele etwas Gemeinem, Niedrigem sich hingeben konnte? »Er
-ist arm,« sagte der gutmütige Rempen zu sich, »er muß dürftig sein,
-denn seine Stelle kann ihn nicht ernähren; vielleicht hat er wieder
-Schulden gemacht, sie hat es erfahren und deutet als Leichtsinn, was
-vielleicht Not ist? Aber kann, selbst wenn es Leichtsinn wäre, dieser
-den Geliebten in ihren Augen verächtlich, elend machen?« Wie ergrimmte
-er in seiner Gedankenfolge über jene Schranken, welche das Herkommen
-und die »gute Sitte« um vornehme Häuser und ihre Töchter gezogen,
-wie unnatürlich erschien es ihm, daß der Geliebte die Zürnende nicht
-in ihrem Hause, auf dem Wege, überall befragen, vielleicht versöhnen
-konnte, daß vielleicht ein kleines, aber sichtbares Ausweichen, eine
-scharfe und laut gesprochene Rede dazu gehörte, ihn, nach den Sitten
-der Gesellschaft, auf immer von sich zu entfernen! »Oder wie? Sollte
-sie ihn vielleicht nie geliebt haben?« setzte er getrösteter hinzu. »Es
-wäre möglich, daß ihm diese Gewißheit weniger schmerzlich wäre als ihr
-Haß; aber -- darf sie ihn deswegen hassen?«
-
-Ein großer Zug von Damen und Herren hatte während dieser Gedanken
-des jungen Rempen den Berg erstiegen und war jetzt in den Gartensaal
-getreten.
-
-Noch fehlte Elise, aber man konnte nur um so ungezwungener ihren
-Geschmack und ihre Belesenheit bewundern. Auch Palvi wurde gebührendes
-Lob gespendet; man hatte selten mit dieser Gewandtheit, mit diesem
-Ausdruck etwas vorlesen gehört, und die Bewunderung stieg, als man sich
-sagte, daß er wahrscheinlich diesen Roman nicht zuvor gelesen habe.
-Elise kam mit Onkel und Tante Rempen angefahren, und Julius vergaß so
-ganz seine vorigen Gedanken, seine Vorsätze, daß er vor Freude errötend
-herbeisprang, sie aus dem Wagen zu heben, daß er halb unbewußt ihre
-Hand drückte und dies erst erkannte, als er diesen Druck erwidert
-fühlte. Alle jene düstern Bilder, die auf dem Altan vor seiner Seele
-vorübergezogen, verschwanden vor dem Glanz ihrer Schönheit. Er hatte
-sie nie so reizend, so wundervoll gesehen, wenigstens so huldreich
-war sie nie gegen ihn gewesen. Den Grund davon gestand ihm in einer
-Ecke des Saals die Tante. Er hatte den Zirkel gestern abend so bald
-verlassen, daß Elise glaubte, sie habe ihn gekränkt. Dieser Gedanke
-erfüllte ihn jetzt so ganz, daß er in ihre Nähe eilte, daß er mit ihr
-sprach und scherzte und erst durch die wiederholte Mahnung seines
-Onkels darauf aufmerksam gemacht werden konnte, daß die Gesellschaft
-sich bereits im Kreise gesetzt habe und die Erzählung des Fräulein
-Wicklow erwarte.
-
-»Mein Unfall,« sprach sie mit leichtem Erröten, »hat mich gestern,
-wenn ich nicht irre, gerade bei der Zusammenkunft der Ritter mit dem
-Fräulein getroffen. Des Fräuleins Vater, der nicht nur von außen,
-sondern auch im Innern dem Bund durch Zwischenträgerei und Uneinigkeit
-zu schaden sucht, hat überall Spione. Erwünscht ist ihm, daß ihm einer
-die Anzeige von jenem nächtlichen Rendezvous macht. Er denkt keinen
-Augenblick daran, daß es seine Tochter sein könnte, sondern schleicht
-sich mit Knechten in jene Ruinen und überfällt zuerst den Freund; die
-Dame und ihre Amme, die immer zugegen war, entfliehen; es kommt zum
-Gefecht, die Knechte werden in die Flucht geschlagen, und auch der Alte
-zieht sich zurück, doch nicht ohne sich vorher mit einem Zeichen von
-seinem Gegner versehen zu haben.
-
-»Den andern Tag versammelt der Großmeister ein Kapitel. Er entdeckt
-den Rittern diesen Vorfall und beschwört die Schuldigen, sich zu
-nennen. Sie schweigen. Noch einmal fordert er sie vergebens auf und
-zeigt dann der Versammlung eine goldne Kette, woran ein Siegelring
-befestigt ist. Das Wappen wird erkannt, und der Freund sieht sich
-genötigt, zu gestehen. Er übersieht mit klarem Blick seine Lage; die
-geschärften Gesetze müssen ihn schuldig sprechen, darum ist für ihn
-keine Rettung. Doch glaubt er, da er selbst verloren ist, seinen Freund
-retten zu können. Er gesteht, in den Ruinen mit einer Dame gesprochen
-zu haben. Der Meister ist tief ergriffen von diesem Geständnis; es
-ist ein tapferer, junger Mann, den das Urteil trifft, er wurde von
-vielen geliebt. Peinlich ist die Lage des Helden selbst, und treffend
-die Beschreibung, wie die Furcht vor Entehrung, die Hoffnung, der
-Freund könne gerettet werden, ihn bald zur Entdeckung antreiben, bald
-davon zurückhalten. Das Urteil der Ritter wird gesammelt. Es lautet:
-›Entehrender Ausschluß aus dem Orden.‹ Jetzt aber erzählt der Meister,
-daß noch ein zweiter Johanniter diesen Fehltritt geteilt habe; er
-verspricht, die Strafe in Entlassung zu mildern, wenn der Schuldige
-den Mitschuldigen entdecke. Jener schweigt und verratet ihn nicht. Da
-stürzt der Neffe des Meisters hervor und bekennt seine ganze Schuld.
-Diese Szene, der Schmerz des alten Ulrich von Elrichshausen und der
-Wettstreit der Freunde, von welchen jeder der Schuldige sein will, ist
-so treffend, daß man sie hören muß.«
-
-Jetzt erst sah man sich nach dem Vorleser um. Doktor Zundler sprang
-nach dem Buch, das auf dem Tische lag, um zu lesen, und hatte sich
-schon mit freundlichem, zuversichtlichem Lächeln Elisen genähert, als
-der alte Rempen plötzlich aus den dichten Reihen der Männer Palvi
-herbeiführte. »Nein, nein,« sagte er, »hier steht der Mann, der uns
-gestern gezeigt hat, wie gut er einen Roman vorlese; ich denke,
-bester Doktor, Ihre Stimme paßt mehr zum Leichten, Lyrischen.« Mit
-spöttischem, halb verlegenem Lächeln reichte der Doktor das Buch hin,
-und Palvi las, wenn es möglich war, noch schöner als am gestrigen
-Abend. Diese erhabene und so unglückliche Freundschaft, die Zeremonien
-ihrer Ausstoßung aus dem Orden, ihre letzten Worte, als sie das Schloß
-verlassen, lockten in manches Auge Tränen der Wehmut, und Elise
-selbst schien so gerührt, daß Palvi mehrere Kapitel weiter las, um
-ihr Fassung zu geben. Unsern Lesern ist dieser Roman zu bekannt, als
-daß wir nicht besorgen müßten, sie durch längere Auseinandersetzung
-zu ermüden. Jene interessanten Abteilungen, wo die beiden verstoßenen
-Ritter an den romantischen Ufern der Nogat umherstreifen, jene
-glücklichen Schilderungen eines schönen Landes, die Nachrichten über
-die alten Preußen, in deren Mitte der Orden zwei Jahrhunderte zuvor
-den Samen der Kultur getragen hatte, ihre altertümlichen Gebräuche,
-die unverkennbaren Spuren heidnischer Sitten, auf sonderbare Weise mit
-christlichem Ritus vermischt, dies alles, getragen und veredelt von
-der tiefen Melancholie Kunos, von seines Freundes Seelenstärke und
-heiterem, unverzagtem Mut, spannte die Zuhörer und riß sie hin.
-
-Elise hatte sich bald wieder so weit gefaßt, daß sie mit Ruhe weiter
-erzählen konnte. Sie erzählte, wie die beiden Vertriebenen die
-Verräterei des Ordenskastellans entdecken, der die Polen heimlich nach
-Marienburg rief; wie sie unter Gefahr und Beschwerden sich durch die
-aufrührerischen Preußen nach Marienburg durchschlagen, den Meister
-warnen und verborgen auf Gelegenheit harren, dem Orden zu nützen. Mit
-großer Begeisterung las Palvi jene Schlachtszenen, worin der Meister,
-bei einem Ausfall auf die Polen, von seinem Neffen gerettet wird, wo
-der Freund die heilige Fahne des Ordens, der ihn verstoßen, aus dem
-dichtesten Haufen der Feinde zurückbringt und diese erhabene Tat
-mit einer tödlichen Wunde zahlt. Tiefe Rührung brachte jene Szene
-hervor, wo der Sterbende seinem Freund so manches Rätselhafte in
-seinem Betragen auflöst und ihm gesteht, daß auch er selbst Wanda
-aufs innigste geliebt habe. Der Schmerz um den Sterbenden bewegt Kuno
-zu dem romantischen Entschluß, seiner Liebe auf immer zu entsagen,
-besonders da ein Verdacht in ihm keimt, daß sie ihn weniger geliebt
-als den Freund. Die nächtliche Bestattung dieses edeln Menschen, die
-Wiederaufnahme Kunos in den Orden waren von ergreifender Wirkung, nicht
-minder rührend Wandas Versuche, den Geliebten noch einmal zu sprechen,
-und als sie sich vergessen glaubt, ihr schnelles Hinwelken.
-
-Der Kastellan ist von dem Czirwenka, dem Hauptmann der böhmischen
-Besatzung, der dessen Geständnis fürchtet, selbst getötet worden;
-verlassen, verwaist, auch von der Liebe verlassen, will sie nur
-so lange noch in der Nähe des Geliebten weilen, bis der Frühling
-heraufkommt; doch nicht nur diese zarte Blume, auch der Orden trägt den
-Tod im Herzen, und beide sollten den letzten Frühling in Marienburg
-sehen.
-
-Der Großmeister Ulrich von Elrichshausen kann sich mit seinen Rittern
-nicht mehr gegen den Aufstand der Preußen und gegen seine eigenen
-Söldner halten. Er will den Orden nach Deutschland führen und bedingt
-sich von den Verrätern freien Abzug. Schon sind die Pferde gerüstet,
-der Zug will aufbrechen, und die Ritter nehmen mit blutenden Herzen
-von den Hallen dieser Burg Abschied. Und als alle noch einmal ihr
-Teuerstes mustern, was sie verlassen sollen, kann Kuno dem letzten
-Ruf der Geliebten nicht widerstehen; er will zu ihr -- und findet sie
-sterbend. Sie schien nur noch so viel Leben in sich zu tragen, um ihn
-von ihrer Treue, ihrer Liebe zu versichern. Indessen hat Czirwenka die
-Tore geöffnet. Sechshundert Polen ziehen ein, und, statt dem Orden
-freien Abzug zu gönnen, wird der Großmeister vom Pferde gerissen,
-verspottet und verhöhnt. Kuno verläßt die sterbende Geliebte, um ihm
-beizuspringen; ein heftiges Gefecht entspinnt sich in den Höfen;
-einem großen Teil der Ritter, den Meister in der Mitte, gelingt es,
-zu entkommen, aber Kuno mit sechs anderen tapferen Ordensbrüdern,
-welche die Fahnenwache bildeten, werden von den übrigen abgeschnitten;
-kämpfend ziehen sie sich über die breiten Stufen bis in den großen
-Rempter zurück, wo sonst die Ordensfahne stand. Der Entschluß, sie
-lebend nicht zu übergeben, beseelt sie, sie pflanzen das Panier an
-seinem alten Standpunkt auf und umgeben es. Lange gelingt es ihnen,
-das Siegeszeichen so vieler Schlachten zu verteidigen. Aber die Polen
-dringen immer heftiger ein; Uebermacht und Verrat siegen, und über ihre
-Fahne gebreitet, sterben _die letzten Ritter von Marienburg_.
-
-Es entstand eine Pause, als Palvi geendet hatte; es schien niemand
-zuerst jene Stille stören zu wollen, die unter zwei oder drei heilig
-und rührend, in größeren Gesellschaften peinigend ist. Doch je
-erhabener das Gefühl ist, welches zu einer solchen Ruhe zwingt, desto
-ängstlicher sind die Menschen, mit etwas Gemeinem diese Nachklänge
-tieferer Empfindungen zu unterbrechen. Sie rennen dann auf allen vieren
-durch die Speisekammer ihrer Erinnerung, um etwas Feines, Eingemachtes,
-Kandiertes vorzusetzen, statt ihre frischen natürlichen Gefühle
-sprechen zu lassen.
-
-»Dieser ganze Roman,« lispelte endlich eine Dame, deren Blässe und
-feuchte Augen auf zarte Nerven schließen ließen, »kommt mir vor wie
-jener Ausspruch Jean Pauls: ›Wie manche stille Brust ist nichts als der
-gesunkene Sarg eines erblaßten geliebten Bildes.‹ Dieser Hüon liebt
-gewiß unglücklich, und darum gefällt er sich in diesem tragischen
-Geschick.«
-
-»Gerade dies kommt mir überaus komisch vor,« bemerkte der Hofrat,
-dem Neid und Verdruß um die Nasenflügel spielten; »dieser Mensch hat
-zu wenig Tiefe, zu wenig Empfindung, um die Wehmut, das Unglück zu
-zeichnen, doch ich habe mich an einem andern Ort hinlänglich darüber
-ausgesprochen. Gewiß, es ist so, wie ich sage. Es steht ja gedruckt,
-mein Urteil,« setzte er hinzu, indem er sich vornehm in den Stuhl
-zurücklehnte.
-
-»Doch glaube ich, auch gegen ein gedrucktes findet noch Appellation
-statt,« sagte der junge Rempen mit gleichgültiger Miene.
-
-»Wieso?« rief der Hofrat errötend.
-
-Rempen war etwas betroffen, aber die munteren Augen seines Oheims, der
-hinter dem Stuhl des Hofrats stand, winkten ihm, fortzufahren. »Ich
-meine, ich habe so etwas gelesen, das Ihr Urteil, bester Hofrat, völlig
-umstieß,« entgegnete er; »übrigens ist ein gedrucktes Urteil immer nur
-das Urteil eines einzelnen, und dem einzelnen muß erlaubt sein, dagegen
-zu streiten. Ich zum Beispiel finde diesen Roman besser, als Sie ihn
-gemacht haben. Auch glaube ich, Tiefe des Gefühls müsse dem abgehen,
-der dies in den letzten Rittern von Marienburg nicht findet.«
-
-Der Oheim hatte solches wohl nicht geahnt, denn er und die ganze
-Gesellschaft schienen erstaunt über die Kühnheit des Stallmeisters.
-
-»Solche historischen Romane,« nahm der Professor das Wort, »sind nur
-Fabrikarbeiten. Die Form ist gegeben, und wie leicht, wie sicher
-läßt sich diese Form von jedem handhaben! Nehmen Sie irgend einen
-Lappen der Welthistorie, zerreißen ihn in kleine Fetzen und kleiden
-die hergebrachten Personen von A bis Z darein, so haben Sie einen
-historischen Roman. Die weitere Entwicklung ist leicht, besonders wenn
-man es sich so leicht macht wie dieser Hüon, und nur genugsam Floskeln
-eingestreut sind; wenn das Tränentuch häufig als Panier aufgepflanzt
-wird, so kann der Eindruck nicht verfehlt werden.«
-
-»Und doch deucht mir,« erwiderte Palvi, »es ist bei weitem schwerer,
-einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer wahren, vernünftigen
-und billigen Kritik entspricht, als ein Drama zu schreiben.«
-
-»Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige Kritik, Herr
-Referendarius?« fragte Doktor Zundler mit ungemein klugem und
-spöttischem Gesicht.
-
-»Man muß ein Buch,« erwiderte Palvi mit großer Ruhe, »man muß besonders
-ein Gedicht zuerst nach den Empfindungen beurteilen, die es in uns
-hervorruft, denn auf Gefühl ist ja ein solches Werk berechnet; es soll
-angenehm unterhalten, durch den Wechsel freudiger und wehmütiger Szenen
-befriedigen. Und dann erst, wenn unser Herz darüber entschieden hat,
-daß das Buch ein solches sei, das unsere Gefühle erhoben, befriedigt
-hat, dann erst erlaube man dem Verstand, sein Urteil darüber zu fällen,
-und ihm bleibt es übrig, nachzuweisen, was in Anordnung oder Stil
-gefehlt ist.«
-
-»Da müßte man am Ende alle Herzen abstimmen lassen,« sagte der Hofrat
-mitleidig lächelnd, »müßte umherfragen: hat's gefallen oder nicht?
-ehe man ein öffentliches Urteil fällt. Aber dem ist nicht so; unsere
-Journale waren es von jeher, denen zu loben oder zu verdammen zustand,
-und der gebildete, geläuterte Geschmack ist es, der dort richtet.«
-
-»Ueberhaupt dächte ich,« setzte Doktor Zundler mit zärtlichem
-Seitenblick auf Elisen hinzu, »man kann über Dinge dieser Art in
-Gesellschaft eine gebildete Dame mit Vergnügen hören, wie schon Goethe
-im Tasso sagt, aber ein öffentliches Urteil müssen nur Leute vom Fach
-fällen, und nur Leute vom Fach können dagegen opponieren.«
-
-»Und halten Sie sich etwa für einen Mann vom Fach?« fragte Palvi mit
-großem Nachdruck.
-
-Der Doktor verbarg seinen Unmut über diese Frage nur mühsam hinter
-einem lächelnden Gesicht. »Ich denke, die Welt zählt mich zu
-Deutschlands Dichtern,« sagte er.
-
-»Die Welt,« antwortete der Referendar, »die betrogene Welt, aber nicht
-ich; so wenig als ich meinen Dekopisten für ein Genie halte.«
-
-Die Gesellschaft fiel aus ihrer Spannung in eine sonderbare Bewegung.
-Die Damen sahen unmutig auf Palvi, ein Teil der Männer lachte über des
-Doktors auffallenden Mangel an Fassung, ein anderer Teil mißbilligte
-laut solche Reden in einer guten Gesellschaft.
-
-»Herr von Palvi,« rief endlich Zundler bebend, man wußte nicht, ob vor
-Wut oder Schrecken, »wie soll ich Ihre sonderbaren Reden verstehen?«
-
-»Ja, ja, Doktor,« sagte der Stallmeister laut lachend, »auch mit meiner
-Bewunderung hat es ein Ende; man sagt, Sie haben sich Ihre Gedichte und
-sonstigen schönen Sachen machen lassen.«
-
-»Machen lassen?« fragte der Chorus der Literatoren mit Bestürzung.
-
-»Hat sie machen lassen?« rief die Gesellschaft.
-
-»Wer wagt dies zu sagen?« schrie der Doktor, indem er bleich und
-atemlos aufsprang.
-
-»Nun, leider derjenige selbst, der sie Ihnen verfertigt hat,«
-antwortete Rempen mit großer Ruhe, »der Magister Bunker; er logiert
-oben in Ihrem Hause.«
-
-Der entlarvte Dichter versuchte noch einige Worte zu sprechen; er war
-anzusehen wie der Kopf eines Enthaupteten; die Augen drehen sich noch,
-die Lippen scheinen Worte zu sprechen, aber der Geist ist entflohen,
-der diesen Organen Leben gab. Eilig drängte er sich dann durch den
-Kreis, stürzte nach seinem Hut und verließ den Saal und die vor
-Verwunderung verstummte Gesellschaft.
-
-»Ist es denn wahr?« sprach endlich die von Angst und Sorge erbleichte
-Elise, indem sie den Stallmeister sehr ernst ansah.
-
-»Gewiß, mein Fräulein!« erwiderte dieser lächelnd. »Ich würde der
-Gesellschaft diese Szene erspart haben, aber ich war zu tief über
-diese freche Stirn erbittert, womit dieser Mensch mich und Sie alle
-hinterging. Doch hören Sie von dem wunderlichen Mann, der ihm alles
-dichtete.«
-
-Man setzte sich schweigend, und Rempen erzählte; während seiner
-Erzählung schlich sich der Redakteur der »Blätter für belletristisches
-Vergnügen« aus dem Saal, ihm folgten seine Genossen, beschämt und
-ergrimmt über sich, den Doktor und die ganze Welt. Der Gesellschaft
-aber gereichte die Erzählung des Stallmeisters zu nicht geringem
-Vergnügen. Die gute Stimmung war wiederhergestellt, der Punsch, den
-der alte Rempen als Nachsatz von gestern gab, löste die Zungen, man
-fühlte sich weniger beengt, seit die öffentlichen Schiedsrichter
-hinweggegangen waren, man sprach allgemein das Lob des vorgelesenen
-Romans aus. Auch die Toasts wurden nicht vergessen, und als Julius von
-Rempen die Gesundheit aller wahrhaften Dichter und ihrer gründlichen
-Kritiker ausgebracht hatte, wagte es Elise, mit glänzenden Augen, aber
-tief errötenden Wangen, die Gesellschaft aufzufordern, auf das Wohl des
-neuen Hüon und der letzten Ritter von Marienburg zu trinken.
-
-
-9.
-
-Elise hatte dem Stallmeister, als er beim Nachhausefahren neben dem
-Wagen ritt, erlaubt, sie den andern Tag zu besuchen; er kam, er fand
-sie allein und gütiger gegen ihn gesinnt als je. Sie neckte ihn über
-seine Eingriffe in die literarische Welt und riet ihm, nie etwas
-drucken zu lassen, denn er habe alle Rezensenten gegen sich aufgebracht.
-
-»Und sind denn nicht auch Sie mir einige Minuten gram gewesen,« fragte
-er lächelnd, »weil es einer Ihrer Freier war, den ich entlarvte?«
-
-»Einer meiner Freier?« fragte sie hocherrötend. »Zundler? Sie irren
-sich.«
-
-»O, Sie schenkten ihm oft ein geneigtes Ohr,« fuhr er fort,
-»verabschiedeten mich oft mitten im Gespräch, um auf die Worte dieses
-großen Dichters zu lauschen!«
-
-»Gewiß nicht, Rempen!« antwortete sie verlegen. »Und _einer_ meiner
-Freier, sagten Sie, als ob ich deren viele hätte!«
-
-»Ich kenne wenigstens einige,« erwiderte er mit lauerndem Blick.
-
-»Und wen?«
-
-»Zum Beispiel Palvi.«
-
-»Palvi!« rief sie erbleichend. »Was wollen Sie mit Palvi? Ich kenne ihn
-nicht.«
-
-»Elise,« erwiderte der Stallmeister sehr ernst, »Sie kennen ihn. Der
-Zufall ließ mich vorgestern hören, daß Sie ihm selbst sagten, wie gut
-Sie ihn kennen. Sie lieben ihn.«
-
-»Nimmermehr!« rief sie mit glühendem Gesicht. »Er ist ein
-Abscheulicher! Glauben Sie, ich werde einen Elenden lieben, der -- mein
-Kammermädchen anbetet?«
-
-»Elise! Palvi?«
-
-»Ja, ich gestehe es,« flüsterte sie, in Tränen ausbrechend, »Ihnen
-gestehe ich es, es gab eine Zeit, wo ich für diesen Menschen alles
-hätte tun können. Ich kannte ihn noch aus meiner Kindheit und auch
-später, er war mir wert. Aber hören Sie: schon oft hatte mir mein
-eingebildetes Kammermädchen von einem schönen Herrn erzählt, der sie
-immer anrede, ihr von Liebe vorschwatze, und dem sie recht herzlich
-zugetan sei. Eines Tages stand sie dort am Fenster; auf einmal schlägt
-sie die Hände zusammen vor Freude, bittet mich, ans Fenster zu treten,
-und ruft: ›Sehen Sie, der dort in der Türe des Buchladens steht, der
-ist der schöne Herr.‹ Sie macht mir Platz, ich trete arglos hin, und
-aus dem Laden tritt in diesem Augenblick --«
-
-»Wie, doch nicht Palvi?« rief der Stallmeister, ergrimmt über das
-schlechte Betragen eines Mannes, den er geachtet hatte.
-
-»Er selbst,« flüsterte Elise und drückte ihre weinenden Augen in ihr
-Tuch.
-
-Der Stallmeister überließ das unglückliche Mädchen einige Minuten
-der Erinnerung an einen tiefen Kummer, hatte er ja doch selbst diese
-Pause nötig, um sich zu sammeln. Liebe, Mitleiden, so viele andere
-Empfindungen stürmten auf ihn ein, rissen ihn hin, Elisens Hand zu
-ergreifen und sie an seine brennenden Lippen zu ziehen. Erschreckt,
-überrascht blickte sie ihn an; doch schien ein günstiges Gefühl für ihn
-ihren strafenden Blick zu mildern.
-
-»Und darf ein Mann,« sprach er bewegt, »zu Ihnen von Liebe reden,
-nachdem Sie so Bitteres von uns erfahren? Darf er sagen, er würde treu
-sein bis in den Tod, wenn Sie ihm nur einen Teil jener Liebe schenken
-könnten, die jener ganz besaß?«
-
-»Julius, was fällt Ihnen ein?« rief sie mit bebenden Lippen, doch ohne
-ihm ihre Hand zu entziehen. »Wozu --«
-
-»Elise,« fuhr er fort, »ich kann einem so großen und schönen Herzen,
-wie das Ihrige ist, wenig Trost geben; aber die Zeit mildert, und kann
-nicht treue und aufmerksame Liebe selbst schönere Vorzüge ersetzen?«
-
-Sie wollte antworten, sie errötete und schwieg, aber ihren Blick voll
-Liebe und Wehmut durfte er günstig für sich deuten; er schloß sie in
-seine Arme und küßte ihren schönen Mund.
-
-»Aber, mein Gott, Rempen,« sagte sie, indem sie sich sanft von ihm
-loszumachen suchte, »was machen Sie doch?«
-
-»Ich habe dich ja längst geliebt,« fuhr er fort, »hatte nur _einen_
-Wunsch, ich glaubte dein Herz nicht mehr frei und zögerte; jetzt, da
-ich weiß, daß nur Gram, aber keine fremde Liebe in diesem Herzen wohnt,
-jetzt muß ich dieses lästige Geheimnis von mir werfen. Aber wie? --
-zürnen Sie mir vielleicht über alles dieses?«
-
-»Julius!« rief sie erschreckt von dem wehmütigen Ton, womit er
-die letzten Worte sagte. Dieser Name, so sanft und wohlwollend
-ausgesprochen, ihr ängstlicher, zärtlicher Blick sagten ihm mehr als
-alle Worte. »Und darf ich mit dem Vater reden, Elise? Darf ich?« setzte
-er hinzu.
-
-Sie errötete und erbleichte ebenso schnell wieder, sie sah ihn eine
-kleine Weile prüfend an, eine Träne trat in ihre schönen Augen; aber um
-ihren Mund zog ein flüchtiges, feines Lächeln; sie drückte seine Hand;
-eine kleine Bewegung des Hauptes und die hohe Röte, die wieder über
-ihre Wangen ging, sagten ja, und schnell, wie vom Wind hinweggetragen,
-war sie in ein anderes Zimmer entschlüpft.
-
-Der Stallmeister war in jeder Hinsicht eine so gute und anständige
-Partie, daß der alte Wicklow, als der Geheimrat von Rempen für seinen
-Neffen warb, keinen Anstand nahm, seine Zusage zu geben. Der junge Mann
-selbst war so von seinem süßen Glück erfüllt, daß er lange nicht an
-die Begebenheiten dachte, die diesem wichtigen Schritt vorangegangen
-waren. Endlich erinnerte ihn ein Zufall an Palvi; so unangenehm diese
-Erinnerung war, so fühlte er doch als Mann und als künftiger Gatte
-Elisens, daß er diesem Menschen, mochte er sich auch wirklich schlecht
-gezeigt haben, Erklärung schuldig sei. Und wie bebte seine Hand, als er
-ihm in wenigen Zeilen sagte, daß Elisens Widerwille unüberwindlich sei,
-daß er ihn versichern könne, daß sie niemals einen Mann mehr lieben
-werde, welchen sie aufzugeben nicht unrecht gehabt, daß er selbst
-versuchen wolle, Palvis Stelle bei ihr zu ersetzen. Ja, seine Hand,
-sein Herz bebte, als er diese Buchstaben niederschrieb; es konnte ihn
-nicht beruhigen, daß er sich ins Gedächtnis recht lebhaft zurückrief,
-wie niedrig und elend dieser Mensch an einer so zarten, heiligen Liebe,
-wie sie Elise gab, gefrevelt habe. Die edeln Züge, das Auge dieses
-Mannes standen vor ihm; sein so hoher und liebenswürdiger Geist, so
-fein in Urteil und Benehmen, und dennoch so wenig sittliche Würde? Die
-Erinnerung an jenen Abend, wo sich ihm dieser Mensch so ernst und doch
-so herzlich genähert hatte, wo er ihm sein inneres Leben aufschloß
-und ein verarmtes Herz bei solchem Reichtum der Gedanken, eine tief
-verwundete Seele bei solcher Gesundheit des Geistes zeigte, machte ihn
-so wehmütig, daß er nahe daran war, die kaum geschriebenen Zeilen zu
-zerreißen; aber der Gedanke an Elise, die Vermutung, daß dieser Palvi
-so schöne Empfindung, so tiefe Rührung nur geheuchelt haben müsse,
-erkälteten schnell seine warme Teilnahme. Entschlossen schickte er den
-Brief ab, und doch deuchte es ihm, als er seinen Boten verschwinden
-sah, er habe einen Todespfeil auf ein edles Herz entsendet.
-
-
-10.
-
-Der alte Herr von Rempen erinnerte sich mehrerer Fälle, wo die
-feierliche Verlobung gräflicher, sogar fürstlicher Paare gleich den
-andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen worden, vor
-sich gegangen war. Er stand daher um so weniger an, seinen Neffen und
-Elisens Vater zu gleicher Eilfertigkeit zu treiben, als er selbst
-gleich nach dieser Szene, wobei, seiner Meinung nach, sein Segen
-notwendig war, auf mehrere Wochen auf das Land gehen wollte. So kam
-es, daß sich der Stallmeister durch den verhängnisvollen Zug der
-Umstände in die ruhige Bucht eines schönen, häuslichen Glückes versetzt
-sah, als er sich kaum noch auf hoher See glaubte oder wenigstens
-von Klippen träumte, an welchen seine Hoffnung auf immer scheitern
-könnte. Am Morgen jenes festlichen Tages, der zu seiner Verlobung
-angesetzt war, brachte ihm ein Knabe einen Brief; die Hand, die ihn
-geschrieben, war ihm unbekannt. Er öffnete und fand den Namen des
-Magisters Bunker unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen
-sein mochten, mit welchen dieser Name in Verbindung stand, so machte
-doch das Andenken an diesen alten Mann und die wenigen rührenden Worte
-des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er bat, der Stallmeister möchte
-dem Knaben zu ihm folgen; er habe ihm notwendig etwas zu eröffnen und
-sei selbst zu schwach und angegriffen, als daß er über die Straße gehen
-könnte. Rempen fürchtete anfangs ein Zusammentreffen mit Palvi. Als
-aber der Knabe auf seine Frage, ob Herr von Palvi bei dem Alten sei,
-antwortete: »Ach nein! der ist ganz schnell weggereist und kommt nimmer
-wieder, und der alte Herr Magister hat geweint wie ein Kind,« nahm er
-eilends seinen Hut und folgte.
-
-Der Knabe führte ihn durch mehrere Seitenstraßen in einen abgelegenen
-Teil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker wohnten, bis vor ein
-kleines, aber reinliches Haus. Dort stieg er eine Treppe hinan und
-öffnete dem Stallmeister eine Türe. Es war ein Zimmer voll Verwirrung
-und Unordnung, in das sie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden
-zerstreut, und die Trümmer einer Gitarre mischten sich mit ausgeleerten
-Flaschen und alten Schuhen. Auf den Stühlen lagen Kleidungsstücke, auf
-dem schlechten Kanapee aber saß, den Kopf in die Hand gestützt, ein
-Mann, in welchem Rempen den Alten erkannte. Beim Geräusch, das ihr
-Eintritt verursachte, wandte er den Kopf um und hatte Tränen in den
-alten Augen.
-
-»Vergeben Sie mir!« sagte er, indem er mit Mühe sich aufraffte. »Meine
-Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen, und meine Hand zittert -- ich
-mußte meine Botschaft mündlich geben.«
-
-»Was ist vorgegangen!« rief der junge Mann bestürzt. »Sie sind krank,
-Sie weinen, um wen? Und von wem eine so feierliche Botschaft?«
-
-Der Alte trocknete sich die Augen. »Er hat viel auf Sie gehalten,«
-sprach er, »noch gestern und vorgestern hat er immer von Ihnen
-gesprochen und innig bedauert, daß er Sie so spät erst kennen gelernt
-hat. Sie hätten können herzliche Freunde werden, denn Sie sind keiner
-von den schuftigen Gesellen, die er verabscheute.«
-
-»Mein Gott, Sie sprechen von Palvi? Wo ist er?«
-
-»Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Flusses bewahrt haben!«
-erwiderte der Alte sehr ernst; »doch nicht wahr, junger Mann, es gehört
-größere Kraft dazu, einen Kummer zu tragen, als sich von ihm zerbrechen
-zu lassen? Nicht wahr? Ich glaube es wenigstens, und er ist eine
-kräftige Seele, er kann nicht zum Selbstmörder werden.«
-
-Rempen verhüllte sein Gesicht, er konnte den tiefen Gram des Alten
-nicht länger sehen. Aber dieser zog ihm ängstlich die Hand von den
-Augen. »O lesen Sie doch,« sagte er; »lesen Sie genau, prüfen Sie jedes
-Wort, nicht wahr, es steht nichts darin, daß er sich töten wolle?«
-
-Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Worten ein kurzer, aber
-ergreifender Abschied an den Alten. Er müsse ihn und diese Stadt
-verlassen, schrieb er. Als Grund gab er nur flüchtig sein unglückliches
-Verhältnis zu Elisen an, von welchem der Alte völlig unterrichtet
-schien.
-
-Rempen suchte den Alten zu trösten; »es sei so natürlich,« sagte er,
-»daß Palvi sich zerstreuen wolle, daß er vielleicht nur eine kleine
-Reise mache!«
-
-Aber der Alte schüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf. »Er kommt nicht
-wieder; und ach! ich habe keine Freude und keinen Freund mehr! Er hat
-alle seine kleinen Rechnungen bezahlt, und mir,« setzte er weinend
-hinzu, »mir hat er seine Bücher und alles hinterlassen. -- Doch mein
-Auftrag. Sie sehen, wie sehr er Sie schätzte, hier ist ein Paket mit
-Büchern an Sie, die Adresse schrieb er noch heute morgen, und in einem
-kleinen Zettelchen, das er darauf gelegt hat, bittet er mich, Sie bei
-allem, was heilig sei, zu versichern, daß er kein schlechter Mensch
-gewesen sei, daß er Sie liebe und in Ihrem Glück sein eigenes finde.«
-
-Indem der Magister noch diese Worte sprach, hörte man ein Geräusch auf
-der Treppe, eilende Schritte nahten dem Zimmer, die Türe ging auf, und
-ein Zeitungsblatt in der Hand stürzte der Buchhändler Kaper in das
-Zimmer. »Wo ist er?« rief er erhitzt und atemlos; »wo ist der große und
-unvergleichliche Hüon, unser Scott, unser letzter Ritter! Wo ist Blüte
-und Kern unserer Literatur? Ich meine den Herrn Referendär von Palvi,
-der hier logiert, wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, als er den
-Gesuchten nicht im Zimmer fand.
-
-»Er ist verreist,« antwortete der Alte.
-
-»Himmel! komme ich zu spät?« fuhr Kaper fort, »wissen Sie nicht, hat
-Hüon schon einen Verleger zum nächsten Historischen? Daß wir es erst
-heute erfahren müssen! -- Ei! ei! gratuliere, Herr Stallmeister, zu
-meiner schönen Nachbarin -- aber wer hätte das gedacht, daß wir den
-göttlichen Hüon in den eigenen Mauern hätten, daß es dieser Herr von
-Palvi wäre!«
-
-»Wie!« rief der Stallmeister, indem er den Alten staunend anblickte.
-»Er wäre Hüon?«
-
-»Da steht's, da steht's gedruckt im Konversationsblatt,« schrie der
-Buchhändler, seine Zeitung dem jungen Rempen überreichend.
-
-»Hüon,« sagte der Alte, »er war Hüon. Wohl hat er den Ungläubigen die
-Backenzähne ausgezogen, und vergebens kämpften sie gegen meinen edlen,
-jugendlichen Paladin, aber sein Geschick wollte, er sollte Hüon ohne
-Rezia sein.«
-
-Noch einmal öffnete sich die Türe und spie, wie das Tor im Löwengarten
-des Königs Franz, zwei Leoparden auf einmal aus. Es waren der Hofrat
-und der dramatische Professor, die hereinstürzten. »Wo ist er?« riefen
-sie. »Vergessen sei alle Fehde! Wir hatten ja einen ganz andern im
-Verdacht, der Autor dieses Romans zu sein; darum, gewiß nur darum haben
-wir ihn gehauen. Ins Freitagskränzchen soll er kommen, Mitarbeiter
-soll er werden am belletristischen Vergnügen! Den Zundler soll er uns
-ersetzen, der treffliche Hüon.« So schrieen sie durcheinander, aber
-mit Hohn und Verachtung blickte sie der Alte an. »Ihr findet ihn nicht
-mehr,« sagte er. »Er ist hinweg für immer.«
-
-»Hat er etwa einen Ruf bekommen?« rief der Professor.
-
-»Ha!« rief ihm der Hofrat nach, »das ist ja wohl Zundlers rätselhafter
-Magister. Herrlicher Fund! Wir zahlen zehn Taler pro Bogen,
-Wertgeschätzter; arbeiten Sie mit an unserm Blatt, was Sie wollen;
-Gedichte, Novellen, Rezensionen, Kunstgefühle, wir nehmen alles auf!«
-
-»Zurück!« entgegnete der alte Mann mit mehr Hoheit, als ihm Rempen
-zugetraut hatte; »ich habe einen Freund verloren, eine große, schöne
-Seele, und bin nicht gesonnen, ihn mit euch und euren Talern zu
-ersetzen. Dort am Boden liegen Palvis Papiere -- teilt euch in seinen
-poetischen Nachlaß.«
-
-Er sprach es, nahm den Stallmeister unter den Arm und verließ mit ihm
-langsam das Zimmer. Kaper, der Hofrat und der Professor stürzten wie
-Drachen auf den Boden und über die Papiere her, und mitten in seinem
-Kummer mußte der Stallmeister lächeln, als ihm der Alte auf der Treppe
-entdeckte, jene werden nur Fragmente von juristischen Relationen und
-unbedeutende Kriminalakten finden. Als aber der Alte an der Türe
-des Hauses, mühsam und auf seinen Stab gestützt, an den Häusern
-hinschleichen wollte, ergriff Rempen seinen Arm von neuem und führte
-ihn trotz seiner Widerrede bis zu seiner Wohnung. Dort setzte sich der
-Magister auf einen Stein, um Kräfte zu gewinnen; denn sein Stübchen lag
-fünf Stockwerke hoch.
-
-
-11.
-
-Elise saß zu derselben Stunde vor der Toilette. Gedankenvoll sah sie
-vor sich hin, indem das Kammermädchen ihre Haare ordnete. Vielleicht
-hatte der tägliche Anblick dieser Zofe den Stachel entheiligter Liebe
-nur immer noch tiefer in das Herz gedrückt; und dennoch vermochte
-sie es nicht über sich, dieses Mädchen wegzuschicken; es war der
-Stolz einer erhabenen Seele, was sie von diesem Schritt abhielt, der
-vielleicht auch von ihren Eltern getadelt worden wäre, denn das Mädchen
-diente treu und geschickt. Doch so tief diese Wunde sein mochte, Elise
-suchte in diesem Augenblick ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach den
-Gesetzen der Natur das Wesen in uns zu derselben Zeit verschiedentlich
-beschäftigt sein könnte, wenn es möglich wäre, in dem nämlichen Moment
-in dem Herzen so ganz anders zu fühlen, als man oben hinter den Augen
-denkt, so müßte Elisens Seele in dieser Stunde nach verschiedenen
-Richtungen sich geteilt haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüsterten
-tiefe, wehmütige Töne die Erinnerung einer schönen Zeit, sie sangen in
-klagenden Weisen jene Tage, wo Elise auf der ersten Stufe der Jugend
-das Auge des Geliebten verstand. In volleren Akkorden rauschten diese
-Erinnerungen, als sie von Stunden seliger Liebe, von Trennung und der
-Wonne des Wiederfindens sprachen. »Verloren, verloren durch seine
-eigene Schuld!« weinte dann ihre Seele. »Untergegangen ein so großer,
-schöner Geist in Leichtsinn und Niedrigkeit!« Doch diese Gefühle
-schlichen nur gleich Schatten vorbei; sie suchte mit aller Gewalt des
-Geistes den Blick von diesen Erinnerungen abzuwenden, sie dachte an das
-ruhige, klare Wesen ihres zukünftigen Gatten, sein bescheidenes und
-doch so würdiges Betragen, seine reine Herzensgüte. Sie rief sich alles
-dies hervor, ja, sie versuchte zu lächeln, um freundlichere Gefühle
-dadurch zu erringen, aber -- es gelang ihr, ruhig, doch nicht, heiter
-zu werden.
-
-Der Putz war vollendet, sie richtete sich vor dem hohen Spiegel auf,
-und die Freude an ihrer eigenen hübschen Gestalt verdrängte auf
-Augenblicke jene düsteren, wehmütigen Bilder. »Nein, und wenn er noch
-so proper angetan wäre,« sagte in diesem Augenblick das Kammermädchen,
-»mich soll er nicht mehr anreden dürfen!«
-
-»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mehr von solchen Dingen reden,«
-rief Elise mit der Röte des Unmutes auf den Wangen.
-
-»Ach Gott! gnädiges Fräulein, ich will ja auch gar nichts mehr von dem
-schlechten Menschen wissen, aber ich sagte nur so, weil er wieder in
-Herrn Kapers Laden steht.«
-
-Elise zitterte, sie wollte von dem Spiegel hinwegeilen, aber
-unwiderstehlich zog es sie an das Fenster. Sie warf einen Blick
-hinüber, und unter jener Türe stand Zundler.
-
-»Wie!« rief sie, kaum ihrer Worte mächtig, der Zofe zu, »ist es denn
-dieser?«
-
-»I, freilich! aber werden Sie mir nur nicht böse!«
-
-»Und dieser ist derselbe, den du _damals_ meintest?« fuhr sie mit
-bebenden Lippen fort.
-
-»Wer denn anders?« entgegnete jene ruhig; »aber ich weiß jetzt, er ist
-ein schlechter Mensch, und jetzt weiß ich auch, wie er heißt, Doktor
-Zundler.«
-
-»Geh, geh, bringe die Kleider weg,« flüsterte Elise, indem sie ihr
-glühendes Gesicht halb bewußtlos in die Kissen des Sofas drückte; das
-Mädchen eilte erschrocken hinweg, und die unglückliche Braut war mit
-ihrem Gram allein. Welche Gefühle stürmten auf sie ein! Beschämung,
-Liebe, Unmut über sich selbst. Sie sprang auf; ein Gang durch das
-Zimmer machte sie mutiger. Sie wollte Rempen alles gestehen, sie war
-einen Augenblick überzeugt, er werde so edel sein, zurückzutreten,
-Palvi werde leicht zu versöhnen sein. Aber die Stadt wußte, daß heute
-ihre Verlobung sei. Ihr Vater hatte dem Geliebten sogar das Haus
-verboten, würde er jemals einwilligen, sie glücklich zu machen? Nein!
--- Scham vor der Welt, Reue, Angst warfen sie nieder. Bleich, erschöpft
-und zitternd fand sie der Stallmeister, als er bald darauf ernster, als
-zu diesem fröhlichen Tag sich schickte, in Elisens Zimmer trat.
-
-»Ich muß Ihnen eine sonderbare Nachricht geben,« sagte er bewegt,
-indem er sich zu ihr setzte und, beschäftigt mit seinen Gedanken, ihre
-Verwirrung nicht bemerkte. »Palvi ist weggereist, und zwar auf immer.«
-
-»Er ist tot!« rief sie. »Gewiß, schnell, sagen Sie es nur heraus, er
-hat sich getötet!«
-
-»Nein,« erwiderte Rempen, »er hat mir einen Brief zurückgelassen,
-worin er Sie und mich zum letztenmal begrüßt; er ist nach Frankreich
-gegangen. Dorthin lautet auch sein Paß, wie mir soeben mein Onkel
-erzählte.«
-
-Elise schwieg; sie fühlte, daß sie ihn erst in diesem Augenblick ganz
-verloren habe; aber sie hatte Kraft genug, jeden Laut des Kummers zu
-unterdrücken.
-
-»Doch was Sie noch mehr befremden wird,« fuhr er fort, »jenen
-Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der Autor selbst
-vorgelesen.«
-
-»Palvi!« rief sie in so eigenem Ton, daß der Stallmeister erschrak. »Er
-wäre --«
-
-»Hüon, der Autor der ›letzten Ritter von Marienburg‹. Es steht schon in
-öffentlichen Blättern, und hier schickt er mir und Ihnen dieses Werk.«
-Der Stallmeister öffnete ein Paket und gab Elisen die Bücher. Sie
-öffnete eines derselben; ihr Blick fiel auf das Märchen, woraus Palvi
-mit so sonderbarem Accent einige Reime gelesen, und jetzt erst stieg
-eine längst verbleichte Erinnerung in ihr auf. Es war ein Märchen, das
-Palvis Vater den Kindern so oft erzählt hatte. Eine große Träne schwamm
-in ihrem schönen Auge und fiel herab auf diese Zeilen.
-
-In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Mit feierlichem
-Gesicht und überladen mit seinen Orden trat der Geheimrat von Rempen
-herein. Mit Anstand trat er vor das Fräulein, ihr den Arm zu bieten.
-»Die Familien sind im Salon versammelt,« sprach er; »ist es gefällig,
-die Ringe zu wechseln? Doch wie? Sind Sie so sehr in unsere Literatur
-verliebt, daß Sie sogar gerade vor der Verlobung Lesestunden mit meinem
-Neffen halten? Was lesen Sie denn, wenn man fragen darf?«
-
-Mit einem schmerzlichen Lächeln stand Elise auf und nahm seinen
-Arm. »Etwas Altes in neuer Form,« erwiderte sie, »ein Märchen von
-untergegangener Liebe!«
-
-»Ei! ei!« setzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu.
-»Etwas solches vor der Verlobung? und wie heißt denn der Titel?« fragte
-er, indem er sie in den Saal führte.
-
-»Er heißt: _Die letzten Ritter von Marienburg_.«
-
-
-Des Verfassers eigene Kritik über vorstehende Novelle.
-
-(Litteraturblatt des Morgenblatts 1827 Nr. 92 u. ff.)
-
- _Die letzten Ritter von Marienburg_, Novelle von W. Hauff. Auch
- wieder einmal eine Novelle, doch gottlob keine historische, wie wir
- beim ersten Anblick geargwöhnt hatten; lieber wäre es uns gewesen
- wenn Herr Hauff seinen Stoff, wie es im ersten Kapitel geschieht,
- durchaus zu einer Satire der historischen Romane, nicht aber zu
- einer ziemlich unnötigen Belobung derselben benützt hätte. Auch
- ist es nicht sehr bescheiden, daß der Herr Verfasser den Roman
- »Die letzten Ritter von Marienburg« so oft als trefflich und
- unvergleichlich schildert, da er doch selbst es ist, der die Skizze
- davon entworfen hat.
-
- Die letzten Partien der Novelle sind abgerissener und eilender
- als die ersten und verfehlen dadurch den Charakter der besonnenen
- Ruhe und Rundung, den die Novelle haben soll. Herr Hauff scheint
- sich zwar diesmal in Hinsicht auf Sprache und Anordnung mehr Mühe
- gegeben zu haben als im vorjährigen Frauentaschenbuch; aber auch
- hier sind die Figuren nur skizziert, flüchtig angedeutet und
- gelangen somit nicht zu echterm, farbigem Leben. Das Motiv, aus
- welchem Fräulein Elise den Dichter Palvi aufgibt, ist, wenn ein
- natürliches, doch jedenfalls kein poetisches.
-
-
-
-
-Die Sängerin.
-
-
-1.
-
-»Das ist ein sonderbarer Vorfall!« sagte der Kommerzienrat Bolnau zu
-einem Bekannten, den er auf der breiten Straße in B. traf; »gesteht
-selbst, wir leben in einer argen Zeit.«
-
-»Ihr meint die Geschichte im Norden?« entgegnete der Bekannte, »habt
-Ihr Handelsnachrichten, Kommerzienrat? Hat Euch der Minister des
-Auswärtigen aus alter Freundschaft etwas Näheres gesagt?«
-
-»Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen mag
-geschehen, was da will. Nein, ich meine die Geschichte mit der
-Bianetti.«
-
-»Mit der Sängerin? Wie? Ist sie noch einmal engagiert? Man sagte ja,
-der Kapellmeister habe sich mit ihr überworfen --«
-
-»Aber um Gottes willen,« rief der Kommerzienrat und blieb staunend
-stehen; »in welchen Spelunken treibet Ihr Euch umher, daß Ihr nicht
-wisset, was sich in der Stadt zuträgt? So wisset Ihr nicht, was der
-Bianetti arrivierte?«
-
-»Kein Wort, auf Ehre! was ist es denn mit ihr?«
-
-»Nun, es ist weiter nichts mit ihr, als daß sie heute nacht
-totgestochen worden ist.«
-
-Der Kommerzienrat galt unter seinen Bekannten für einen Spaßvogel, der,
-wenn er morgens von elf bis Mittag seine Promenaden in der breiten
-Straße machte, die Leute gerne aufhielt und ihnen irgend etwas aus
-dem Stegreife aufband. Der Bekannte war daher nicht sehr gerührt von
-dieser Schreckensnachricht, sondern antwortete: »Weiter wisset Ihr also
-heute nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nachgerade mit Eurem Witz zu Rande
-sein, weil Ihr die Farben so stark auftraget. Wenn Ihr mich übrigens
-ein andermal wieder stellet in der breiten Straße, so besinnt Euch auf
-etwas Vernünftigeres, sonst bin ich genötigt, einen Umweg zu machen,
-wenn ich von der Kanzlei nach Hause gehe.«
-
-»Er glaubt's wieder nicht!« rief der Spaziergänger; »seht nur, er
-glaubt's wieder nicht! Wenn ich gesagt hätte, der Kaiser von Marokko
-sei erstochen worden, so hättet Ihr die Nachricht mit Dank eingesteckt
-und weitergetragen, weil sich dort schon Aehnliches zugetragen hat.
-Aber wenn eine Sängerin hier in B. totgestochen wird, da will keiner
-glauben, bis man den Leichenzug sieht. Aber, Freundchen, diesmal ist's
-wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.«
-
-»Mensch! Bedenket, was Ihr sagt!« rief der Freund mit Entsetzen. »Die
-Sängerin erstochen? Tot, sagtet Ihr? Die Bianetti totgestochen?«
-
-»Tot war sie vor einer Stunde noch nicht, aber sie liegt in den letzten
-Zügen, soviel ist gewiß.«
-
-»Aber sprechet doch ums Himmels willen! Wie kann man denn eine
-Sängerin totstechen? Leben wir denn in Italien? Für was ist denn eine
-wohllöbliche Polizei da? Wie ging es denn zu? Totgestochen!«
-
-»Schreiet doch nicht so mörderlich!« erwiderte Bolnau besänftigend;
-»die Leute fahren schon mit den Köpfen aus allen Fenstern und schauen
-nach dem Straßenlärm. Ihr könntet ja ~sotta voce~ jammern, so viel Ihr
-wollt. Wie es zuging? Ja sehet, da liegt es eben; das weiß bis jetzt
-kein Mensch. Gestern nacht war das schöne Kind noch auf der Redoute,
-so liebenswürdig, so bezaubernd wie immer, und heute nacht um zwölf
-Uhr wird der Medizinalrat Lange aus dem Bette geholt, Signora Bianetti
-liege am Sterben; sie habe eine Stichwunde im Herzen. Die ganze
-Stadt spricht schon davon, aber natürlich das tollste Zeug. Es sind
-allerdings fatale Umstände dabei, daß man nicht ins reine kommen kann;
-so darf z. B. niemand ins Haus als der Arzt und die Leute, die sie
-bedienen. Auch bei Hof weiß man es schon, und es kam ein Befehl, daß
-die Wache nicht am Haus vorbeiziehen dürfe; das ganze Bataillon mußte
-den Umweg über den Markt nehmen.«
-
-»Was Ihr sagt! Aber weiß man denn gar nicht, wie es zuging? Hat man
-denn gar keine Spur?«
-
-»Es ist schwer, sich aus den verschiedenen Gerüchten auf das Wahre
-durchzuarbeiten. Die Bianetti, das muß man ihr lassen, ist eine sehr
-anständige Person, der man auch nicht das geringste nachsagen kann.
-Nun, wie aber die Leute sind, besonders die Frauen, wenn man da von
-dem ordentlichen Lebenswandel des armen Mädchens spricht, zuckt man
-die Achsel und will von ihrem frühern Leben allerlei wissen. Von ihrem
-frühern Leben! Sie hat kaum siebzehn Jahre und ist schon anderthalb
-Jahre hier? Was ist das für ein früheres Leben!«
-
-»Haltet Euch nicht so lange beim Eingang auf,« unterbrach ihn der
-Bekannte, »sondern kommt auf das Thema. Weiß man nicht, wer sie
-erstochen hat?«
-
-»Nun, das sage ich ja eben; da soll es nun wieder ein abgewiesener
-oder eifersüchtiger Liebhaber sein, der sie umbrachte. Sonderbar sind
-allerdings die Umstände. Sie soll gestern auf der Redoute mit einer
-Maske, die niemand kannte, ziemlich lange allein gesprochen haben. Sie
-ging bald nachher weg, und einige Leute wollten gesehen haben, daß
-dieselbe Maske zu ihr in den Wagen stieg. Weiter weiß niemand etwas
-Gewisses; aber ich werde es bald erfahren, was an der Sache ist.«
-
-»Ich weiß, Ihr habt so Eure eigenen Kanäle, und gewiß habt Ihr auch
-bei der Bianetti einen dienstbaren Geist. Es gibt Leute, die Euch die
-Stadtchronik nennen.«
-
-»Zu viel Ehre, zu viel Ehre,« lachte der Kommerzienrat und schien sich
-ein wenig geschmeichelt zu fühlen. »Diesmal habe ich aber keinen andern
-Spion als den Medizinalrat selbst. Ihr müßt bemerkt haben, daß ich,
-ganz gegen meine Gewohnheit, nicht die ganze Straße hinauf und hinab
-wandle, sondern mich immer zwischen der Karls- und Friedrichsstraße
-halte.«
-
-»Wohl habe ich dies bemerkt, aber ich dachte, Ihr macht Fensterparade
-vor der Staatsrätin Baruch.«
-
-»Geht mir mit der Baruch! Wir haben seit drei Tagen gebrochen, meine
-Frau sah das Verhältnis nicht gerne, weil jene so hoch spielt. Nein,
-der Medizinalrat Lange kommt alle Tage um zwölf Uhr durch die breite
-Straße, um ins Schloß zu gehen, und ich stehe hier auf dem Anstand, um
-ihn sogleich aufs Korn zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.«
-
-»Da bleibe ich bei Euch,« sprach der Freund, »die Geschichte der
-Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es doch, Bolnau?«
-
-»Wertester, geniert Euch ganz und gar nicht,« entgegnete jener; »ich
-weiß, Ihr speiset um zwölf Uhr, lasset doch die Suppe nicht kalt
-werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch nicht recht mit der Sprache
-heraus wollen; kommt lieber nach Tisch ins Kaffeehaus, dort sollet Ihr
-alles hören. -- Machet übrigens, daß Ihr fortkommt, dort biegt er schon
-um die Ecke.«
-
-
-2.
-
-»Ich halte die Wunde nicht für absolut tödlich,« sprach der
-Medizinalrat Lange nach den ersten Begrüßungen; »der Stoß scheint
-nicht sicher geführt worden zu sein. Sie ist schon wieder ganz bei
-Besinnung, und die Schwäche abgerechnet, die der große Blutverlust
-verursachte, ist in diesem Augenblick wenigstens keine Spur von Gefahr.«
-
-»Das freut mich,« erwiderte der Kommerzienrat und schob vertraulich
-seinen Arm in den des Doktors; »ich begleite Ihn noch die paar Straßen
-bis ans Schloß; aber sag' Er mir doch ums Himmels willen etwas Näheres
-über diese Geschichte; man kann ja gar nicht ins klare kommen, wie sich
-alles zugetragen.«
-
-»Ich kann Ihm schwören,« antwortete jener, »es liegt ein furchtbares
-Dunkel über der Sache. Ich war kaum eingeschlafen, so weckt mich mein
-Johann mit der Nachricht, man verlange mich zu einem sehr gefährlichen
-Kranken. Ich warf mich in die Kleider, renne hinaus, im Vorsaal steht
-ein Mädchen, bleich und zitternd, und flüstert so leise, daß ich es
-kaum hörte, ich soll mein Verbandzeug zu mir stecken. Schon das fällt
-mir auf; ich werfe mich in den Wagen, lasse die bleiche Mamsell auf
-den Bock zu Johann sitzen, daß sie den Weg zeige, und fort geht es bis
-in den Lindenhof. Ich steige vor einem kleinen Hause ab und frage die
-Mamsell, wer denn der Kranke sei?«
-
-»Ich kann mir denken, wie Er staunte --«
-
-»Wie ich staunte, als ich hörte, es ist Signora Bianetti! Ich kannte
-sie zwar nur vom Theater, hatte sie sonst kaum zwei-, dreimal gesehen,
-aber die geheimnisvolle Art, wie ich zu ihr gerufen wurde, das
-Verbandzeug, das ich zu mir stecken sollte, ich gestehe Ihm, ich war
-sehr gespannt, was der Sängerin zugestoßen sein sollte. Es ging eine
-kurze Treppe hinan, eine schmale Hausflur entlang. Das Mädchen ging
-voran, ließ mich einige Augenblicke im Dunkeln warten und kam mir dann
-schluchzend und noch bleicher als zuvor entgegen. ›Treten Sie ein, Herr
-Doktor,‹ sagte sie, ›ach! Sie werden zu spät kommen, sie wird's nicht
-überleben.‹ Ich trat ein, es war ein schrecklicher Anblick.«
-
-Der Medizinalrat schwieg sinnend und düster, es schien sich ein Bild
-vor seine Seele zu drängen, das er umsonst abzuwehren suchte. »Nun, was
-sah Er?« rief sein Begleiter, ungeduldig über diese Unterbrechung. »Er
-wird mich doch nicht so zwischen Türe und Angel stehen lassen wollen?«
-
-»Es ist mir manches in meinem Leben begegnet,« fuhr der Doktor fort,
-nachdem er sich gesammelt hatte, »manches, wovor mir graute, manches,
-das mich erschreckte, aber nichts, was mir das Herz so in der Brust
-umdrehte wie dieser Anblick. In einem matt erleuchteten Zimmer lag
-ein bleiches, junges Weib auf dem Sofa, vor ihr kniete eine alte Magd
-und preßte ihr ein Tuch auf das Herz. Ich trat näher; weiß und starr
-wie eine Büste lag der Kopf der Sterbenden zurück, die schwarzen,
-herabfallenden Haare, die dunkeln Brauen und Wimpern der geschlossenen
-Augen bildeten einen schrecklichen Kontrast mit der glänzenden Blässe
-der Stirn, des Gesichtes, des schönen Halses. Die weißen faltenreichen
-Gewänder, die wohl zu ihrer Maske gehört hatten, waren von Blut
-überströmt, Blut auf dem Fußboden, und von dem Herzen schien der rote
-Strom auszugehen. -- Dies alles stellte sich mir in einem Augenblick
-dar -- es war Bianetti, die Sängerin.«
-
-»O Gott, wie mich das rührt!« sprach der Kommerzienrat bewegt und zog
-ein langes, seidenes Tuch hervor, um sich die Augen zu wischen; »gerade
-so lag sie noch letzten Sonntag vor acht Tagen in der Oper Othello da,
-als sie die Desdemona spielte. Schon damals war der Effekt so grausam
-wahr und wahrhaft greulich, daß man meinte, der Mohr habe sie in der
-Tat erdolcht; und jetzt ist es wirklich so weit mit ihr gekommen! Wie
-mich das rührt!«
-
-»Habe ich Ihm nicht jede übermäßige Rührung verboten?« unterbrach ihn
-der Arzt. »Will Er mit Gewalt wieder seine Zufälle bekommen?«
-
-»Er hat recht,« sagte der Kommerzienrat Bolnau und fuhr schnell mit
-dem Tuch in die Tasche; »Er hat recht; meine Konstitution ist nicht
-für den Affekt. Erzähl' Er nur weiter, ich werde die Tafelscheiben am
-Kriegsministerio im Vorbeigehen zählen, das hilft gegen solche Anfälle.«
-
-»Zähl' Er nur, und wenn es nicht hilft, so kann Er auch noch den oberen
-Stock des Palais mitnehmen. -- Die alte Magd nahm das Tuch weg, und mit
-Erstaunen erblickte ich eine Wunde, wie von einem Messerstich, die dem
-Herzen sehr nahe war. Es war nicht Zeit, mich mit Fragen aufzuhalten,
-so viele derselben mir auch auf der Zunge schwebten, ich untersuchte
-die Wunde und legte den Verband um. Die Verwundete hatte während der
-ganzen Operation kein Zeichen von Leben gezeigt; nur, als ich die Wunde
-sondierte, hatte sie schmerzlich zusammengezuckt. Ich ließ sie ruhen
-und bewachte ihren Schlummer.«
-
-»Aber das Mädchen und die alte Magd, hat Er denn diese nicht gefragt,
-woher die Wunde rühre?«
-
-»Ich will es Ihm nur gestehen, Kommerzienrat, weil Er mein alter Freund
-ist; ja, als für die Kranke im Augenblicke nichts mehr zu tun war,
-habe ich ihnen rund genug erklärt, daß ich weiter keine Hand mehr an
-die Dame legen werde, wenn sie mir nicht alles beichten.«
-
-»Und was sagten sie? So sprech Er doch!«
-
-»Nach elf Uhr war die Sängerin zu Hause gekommen, und zwar von
-einer großen männlichen Maske begleitet. -- Ich mochte bei dieser
-Nachricht die beiden Weiber etwas sehr zweideutig angesehen haben,
-denn sie fingen aufs neue an zu weinen und beteuerten mir mit den
-außerordentlichsten Schwüren, ich solle doch nichts Schlechtes von
-ihrer Herrschaft denken; es sei die lange Zeit, seit sie ihr dienen,
-nie nach vier Uhr abends ein Mann über ihre Schwelle gekommen; das
-kleinere Mädchen, das wohl Romane mußte gelesen haben, wollte sogar
-behaupten, Signora sei ein Engel an Reinheit.«
-
-»Das behaupte ich auch,« sagte der Kommerzienrat, indem er gerührt die
-Scheiben des Palais, dem sie sich näherten, zu zählen anfing; »das sage
-ich auch; der Bianetti kann man nichts Böses nachsagen, sie ist ein
-liebes, frommes Kind, und was kann sie denn dafür, daß sie schön ist
-und ihr Leben durch Gesang fristen muß?«
-
-»Glaub' Er mir,« entgegnete Lange, »ein Arzt hat hierin einen
-untrüglichen psychologischen Maßstab. Ein Blick auf die engelreinen
-Züge des unglücklichen Mädchens überzeugte mich mehr von ihrer
-Tugend als die Schwüre ihrer Zofen. Doch höre Er weiter: Die
-Sängerin trat mit dem Fremden in dieses Zimmer und hieß ihr Mädchen
-hinausgehen. Diese war vielleicht aus Neugierde, was wohl dieser
-nächtliche Besuch zu bedeuten habe, der Türe nahe geblieben; sie
-hörte einen heftigen Wortwechsel, der zwischen ihrer Dame und einer
-tiefen, hohlen Männerstimme in französischer Sprache geführt wurde;
-Signora sei endlich in heftiges Weinen ausgebrochen, der Mann habe
-schrecklich geflucht; plötzlich hörte sie ihre Dame einen gellenden
-Schrei ausstoßen, sie kann sich vor Angst nicht mehr zurückhalten,
-reißt die Türe auf, und in demselben Augenblicke fährt die Maske an
-ihr vorbei und durch den Gang an die Treppe. Sie folgt ihr einige
-Schritte, vor der Treppe hört sie ein schreckliches Gepolter, er mußte
-hinuntergestürzt sein. Von unten dringt ein Aechzen und Stöhnen herauf
-wie das eines Sterbenden, aber es graut ihr, sie wagt keinen Schritt
-weiter vorzugehen. Sie geht zurück in die Türe -- die Sängerin liegt
-in ihrem Blute und schließt nach wenigen Augenblicken die Augen.
-Das Mädchen weiß sich nicht zu raten, sie weckt die alte Magd, ihrer
-Herrschaft einstweilen beizustehen, und springt zu mir, um vielleicht
-Signora noch zu retten.«
-
-»Und die Bianetti hat noch nichts geäußert? Hat Er sie nicht befragt?«
-
-»Ich ging sogleich auf die Polizei und weckte den Direktor; er ließ
-noch um Mitternacht alle Gasthöfe, alle Gassenkneipen, alle Winkel der
-Stadt durchsuchen, aus dem Tore ist in jener Stunde niemand passiert,
-und von jetzt an wird jedermann strenge untersucht. Die Hausleute,
-die im oberen Stock wohnen, erfuhren die ganze Sache erst, als die
-Polizei das Haus durchsuchte; unbegreiflich war es, wie der Mörder
-entspringen konnte, da er durch seinen Fall hart beschädigt sein mußte,
-denn man fand viel Blut unten an der Treppe, und es ist mir nicht
-unwahrscheinlich, daß er sich im Falle durch seinen eigenen Dolch
-verwundet hat. Es ist um so unbegreiflicher, wie er entkam, da die
-Haustüre verschlossen war. Die Bianetti selbst erwachte um zehn Uhr
-und gab dem Polizeidirektor zu Protokoll, daß sie im strengsten Sinne
-nicht wisse, auch nicht einmal ahne, wer die Maske sein könne. Alle
-Aerzte und Chirurgen sind verpflichtet, wenn sie zu einem Patienten,
-der durch einen Fall oder eine Messerwunde lädiert ist, gerufen werden,
-solches anzuzeigen, weil man vielleicht auf diesem Wege dem Mörder auf
-die Spur kommen könnte. So stehen die Sachen. Ich bin aber überzeugt
-wie von meinem Leben, daß ein tiefes Geheimnis zu Grunde liegt, das
-die Sängerin nicht entdecken will; denn die Bianetti ist nicht die
-Person, die sich von einem ihr völlig unbekannten Mann nach Hause
-begleiten läßt. Das scheint auch ihr Mädchen, das beim Verhör zugegen
-war, zu ahnen. Denn als sie sah, daß Signora nichts wissen wolle, gab
-sie nichts von dem Wortwechsel an, den sie gehört hatte, mir aber warf
-sie einen bittenden Blick zu, sie nicht zu verraten. ›Es ist eine
-entsetzliche Geschichte,‹ sagte sie, als sie mich nachher zur Treppe
-begleitete, ›aber keine Welt brächte mich dazu, etwas zu verraten, was
-Signora nicht bekannt werden lassen will.‹ Sie gestand mir noch etwas,
-das vielleicht auf die ganze Sache Licht verbreiten würde.«
-
-»Nun, und darf ich diesen Umstand nicht auch wissen?« fragte der
-Kommerzienrat; »Er sieht, wie ich gespannt bin; spann' Er ab, spann' Er
-ab, um Gottes willen, ich könnte sonst leicht meine Zufälle bekommen!«
-
-»Höre Er, Bolnau, besinn Er sich, lebt noch ein Bolnau außer Ihm in
-dieser Stadt? Existiert noch irgend ein anderer in der Welt, und wo,
-sag' Er, wo?«
-
-»Außer mir keine Seele in dieser Stadt,« antwortete Bolnau; »als ich
-vor acht Jahren hieher zog, freute es mich, daß ich nicht Schwarz, Weiß
-oder Braun, nicht Meier, Müller oder Bauer heiße, weil damit allerlei
-unangenehme Verwechselungen geschehen. In Kassel war ich der einzige
-Mann in meiner Familie, und sonst gibt es auf Gottes Erdboden keinen
-Bolnau mehr als meinen Sohn, den unglücklichen Musiknarren, der ist
-verschollen, seit er nach Amerika segelte. Aber warum fragt Er nach
-meinem Namen, Doktor?«
-
-»Nun, _Er_ kann es nicht sein, Kommerzienrat, und Sein Sohn ist in
-Amerika. Aber es ist schon ein Viertel über zwölf Uhr, Prinzeß Sophie
-ist krank, ich habe mich nur zu lang mit Euch verschwatzt; lebt wohl,
-~à revoir~!«
-
-»Nicht von der Stelle,« rief Bolnau und hielt ihn fest am Arm, »sagt
-mir zuvor, was das Mädchen noch gesagt hat.«
-
-»Nun ja, aber reinen Mund gehalten, Bolnau! ihr letztes Wort, ehe sie
-in jene tiefe Ohnmacht sank, war _Bolnau_.«
-
-
-3.
-
-Man hatte den Kommerzienrat Bolnau noch nie so ernst und düster
-schleichen sehen wie damals, als ihn der Doktor Lange vor dem Palais
-verließ. Sonst war er munter und rüstig einhergeschritten, und wenn er
-mit dem freundlichsten Lächeln alle Mädchen und Frauen grüßte, mit den
-Männern viel lachte und ihnen allerlei Neues erzählte, so hätte man
-ihm noch keine sechzig Jahre zugetraut. Er schien auch alle Ursache zu
-haben, fröhlich und guter Dinge zu sein; er hatte ein hübsches Vermögen
-zusammenspekuliert, hatte sich, als es genug schien, mit seiner Frau in
-B. zur Ruhe gesetzt und lebte nun in Freude und Jubel jahraus, jahrein.
-Er hatte einen einzigen Sohn gehabt, dieser sollte die Laufbahn des
-alten Herrn auch durchlaufen und handeln und sich umtun im Kommerz, so
-wollte er es haben.
-
-Der Sohn aber lebte und webte nur im Reich der Töne, die Musik war
-ihm alles, der Handel und Kommerz des Vaters war ihm zu gemein und
-niedrig. Der Vater hatte einen harten Sinn, der Sohn auch, der Vater
-brauste leicht auf, der Sohn auch, der Vater stellte gleich alles auf
-die Spitze, der Sohn auch; kein Wunder, daß sie nicht miteinander leben
-konnten. Und als der Sohn sein zwanzigstes Jahr zurückgelegt hatte,
-war der Vater fünfzig, da brach er ab, sich zur Ruhe zu setzen, und
-wollte dem Sohn den Handel geben. Es war auch bald alles in Richtigkeit
-und Ruhe; denn in einer schönen Sommernacht war der Sohn nebst einigen
-Klavierauszügen verschwunden, kam auch richtig nach England und
-schrieb ganz freundschaftlich, daß er nach Amerika gehen werde. Der
-Kommerzienrat wünschte ihm Glück auf den Weg und begab sich nach B.
-
-Der Gedanke an den Musiknarren, wie er seinen Sohn nannte, trübte ihm
-zwar manche Stunde, denn er hatte ihn ersucht, sich nie mehr vor ihm
-sehen zu lassen, und es stand nicht zu erwarten, daß jener ungerufen
-wiederkehre; es wollte ihn zuweilen bedünken, als habe er doch töricht
-getan, als er ihn durchaus im Kommerz haben wollte; aber Zeit,
-Gesellschaft und heitere Laune ließen diese trüben Gedanken nicht lange
-aufkommen; er lebte in Jubel und Freude, und wer ihn recht heiter sehen
-wollte, durfte nur zwischen elf Uhr und Mittag durch die breite Straße
-wandeln. Sah er dort einen langen, hagern Mann, dessen sehr moderne
-Kleidung, dessen Lorgnette und Reitpeitsche, dessen bewegliche Manieren
-nicht mehr recht zu seinen grauen Haaren passen wollten, sah er diesen
-Mann nach allen Seiten grüßen, alle Augenblicke bei diesem oder jenem
-stille stehen und schwatzen und mit den Armen fechten, so konnte er
-sich darauf verlassen, es war der Kommerzienrat Bolnau.
-
-Aber heute war dies alles ganz anders. Hatte ihn schon zuvor die
-Ermordungsgeschichte der Sängerin fast zu sehr affiziert, so war
-ihm das letzte Wort des Doktors in die Glieder geschlagen. »Bolnau«
-hatte die Bianetti noch gesagt, ehe sie vom Bewußtsein kam. Seinen
-eigenen ehrlichen Namen hatte sie unter so verfänglichen Umständen
-ausgesprochen! Seine Kniee zitterten und wollten ihm die Dienste
-versagen, sein Haupt senkte sich auf die Brust sorgenvoll und
-gedankenschwer. »Bolnau!« dachte er, »königlicher Kommerzienrat! Wenn
-sie jetzt stürbe, die Sängerin, wenn das Mädchen dann ihr Geheimnis von
-sich gäbe und den Polizeidirektor mit den näheren Umständen des Mordes
-und mit dem verhängnisvollen Worte bekannt machte! Was kann nicht ein
-geschickter Jurist aus einem einzigen Wort argumentieren, besonders
-wenn ihn die Eitelkeit anfeuert, in einer solchen ~cause célèbre~
-seinen Scharfsinn zu zeigen.« Er lorgnettierte mit verzweiflungsvoller
-Miene das Zuchthaus, dessen Giebel aus der Ferne ragte. »Dorthin,
-Bolnau, aus ganz besonderer Gnade und Rücksicht auf mehrjährige
-Dienste!«
-
-Er atmete schwerer, er lüftete die Halsbinde, aber erschreckt fuhr er
-zurück; war dies nicht der Ort, wo man das hänfene Halsband umknüpfte,
-war nicht dies die Stelle, wo das kalte Schwert durchging?
-
-Begegnete ihm ein Bekannter und nickte ihm zu, so dachte er: Holla,
-der weiß schon um die Sache und will mir zu verstehen geben, daß er
-wohl unterrichtet sei. Ging ein anderer vorüber, ohne zu grüßen, so
-schien ihm nichts gewisser, als daß man ihn nicht kennen wolle, sich
-nicht mit dem Umgang eines Mörders beflecken wolle. Es fehlte wenig,
-so glaubte er selbst, er sei schuldig am Mord, und es war kein Wunder,
-daß er einen großen Bogen machte, um das Polizeibureau zu vermeiden;
-denn konnte nicht der Direktor am Fenster stehen, ihn erblicken und
-heraufrufen? »Wertester, beliebt es nicht, ein wenig heraufzuspazieren,
-ich habe ein Wort mit Ihnen zu sprechen!« Verspürte er nicht schon
-jetzt ein gewisses Zittern, fühlte er nicht jetzt schon seine Züge sich
-zu einem Armensündergesicht verziehen, nur weil man glauben könnte, er
-sei der, den die Sängerin mit ihrem letzten Worte angeklagt?
-
-Und dann fiel ihm wieder ein, wie schädlich eine solche Gemütsbewegung
-für seine Konstitution sei; ängstlich suchte er nach Fensterscheiben,
-um sich ruhig zu zählen, aber die Häuser und Straßen tanzten um ihn
-her, der Glockenturm schien sich höhnisch vor ihm zu neigen, ein
-wahnsinniges Grauen erfaßte ihn, er rannte durch die Straßen, bis er
-erschöpft in seiner Behausung niedersank, und seine erste Frage war,
-als er wieder ein wenig zu sich gekommen, ob nicht ein Polizeidiener
-nach ihm gefragt habe.
-
-
-4.
-
-Als gegen Abend der Medizinalrat Lange zu seiner Kranken kam, fand
-er sie um vieles besser, als er sich gedacht hatte. Er setzte
-sich an ihrem Bette nieder und besprach sich mit ihr über diesen
-unglücklichen Vorfall. Sie hatte ihren Arm auf die Kissen gestützt,
-in der zartgeformten Hand lag ihr schöner Kopf. Ihr Gesicht war noch
-sehr bleich, aber selbst die Erschöpfung ihrer Kräfte schien ihr
-einen eigentümlichen Reiz zu geben. Ihr dunkles Auge hatte nichts von
-jenem Feuer, jenem Ausdruck verloren, der den Doktor, obgleich er ein
-bedächtiger Mann und nicht mehr in den Jahren war, wo Phantasie der
-Schönheit zu Hilfe kommt, schon früher von der Bühne aus angezogen
-hatte. Er mußte sich gestehen, daß er selten einen so schönen Kopf, ein
-so liebliches Gesicht gesehen hatte; ihre Züge waren nichts weniger als
-regelmäßig, und dennoch übten sie durch ihre Verbindung und Harmonie
-einen Zauber aus, für welchen er lange keinen Grund wußte; doch dem
-psychologischen Blicke des Medizinalrates blieb dieser Grund nicht
-verborgen; es war jene Reinheit der Seele, jener Adel der Natur, was
-diese jungfräulichen Züge mit einem überraschenden Glanz von Schönheit
-übergoß. »Es scheint, Sie studieren meine Züge, Doktor,« sprach die
-Sängerin lächelnd; »Sie sitzen so stumm und sinnend da, starren mich
-an und scheinen ganz zu vergessen, was ich fragte. Oder ist es zu
-schrecklich, als daß ich es hören sollte? Darf ich nicht erfahren, was
-die Stadt über mein Unglück sagt?«
-
-»Was wollen Sie alle diese törichten Vermutungen hören, die müßige
-Menschen erfinden und weitersagen? Ich habe eben darüber nachgedacht,
-wie rein sich Ihre Seele auf Ihren Zügen spiegle; Sie haben Frieden in
-sich, was kümmert Sie das Urteil der Menschen?«
-
-»Sie weichen mir aus,« entgegnete sie, »Sie wollen mir entschlüpfen,
-indem Sie mir schöne Dinge sagen. Und mich sollte das Urteil der
-Menschen nicht kümmern? Welches rechtliche Mädchen darf sich so über
-die Gesellschaft, in welcher sie lebt, hinwegsetzen, daß es ihr gleich
-gilt, was man von ihr spricht? Oder glauben Sie etwa,« setzte sie
-ernster hinzu, »ich werde nichts danach fragen, weil ich einem Stand
-angehöre, dem man nicht viel Gutes zutraut? Gestehen Sie nur, Sie
-halten mich für recht leichtsinnig.«
-
-»Nein, gewiß nicht; ich habe immer nur Schönes von Ihnen gehört,
-Mademoiselle Bianetti, von Ihrem stillen, eingezogenen Leben, und daß
-Sie mit sicherer Haltung in der Welt stehen, obgleich Sie so einsam und
-mancher Kabale ausgesetzt sind. Aber warum wollen Sie gerade wissen,
-was die Menschen sagen? Wenn ich nun als Arzt solche Neuigkeiten nicht
-für zuträglich hielt?«
-
-»Bitte, Doktor, bitte, foltern Sie mich nicht so lange,« rief sie;
-»sehen Sie, ich lese in Ihren Augen, daß man nicht gut von mir spricht.
-Warum mich in Ungewißheit lassen, die gefährlicher für die Ruhe ist als
-die Wahrheit selbst?«
-
-Diesen letzten Grund fand der Medizinalrat sehr richtig; und konnte
-in seiner Abwesenheit nicht irgend eine geschwätzige Frau sich
-eindrängen und noch Aergeres berichten, als er sagen konnte? »Sie
-kennen die hiesigen Leute,« antwortete er, »B. ist zwar ziemlich groß,
-aber, du lieber Gott, bei einer Neuigkeit derart zeigt es sich, wie
-kleinstädtisch man ist. Es ist wahr, Sie sind das Gespräch der Stadt,
-dies kann Sie nicht wundern, und weil man nichts Bestimmtes weiß, so --
-nun so macht man sich allerhand seltsame Geschichten. So soll z. B. die
-männliche Maske, die man auf der Redoute mit Ihnen sprechen sah und die
-ohne Zweifel dieselbe ist, welche diese Tat beging, ein --«
-
-»Nun, so reden Sie doch aus,« bat die Sängerin in großer Spannung,
-»vollenden Sie!«
-
-»Es soll ein früherer Liebhaber gewesen sein, der Sie in -- in einer
-andern Stadt geliebt hat und aus Eifersucht umbringen wollte.«
-
-»Von _mir_ das! O, ich Unglückliche!« rief sie schmerzlich bewegt,
-und Tränen glänzten in ihren schönen Augen; »wie hart sind doch die
-Menschen gegen ein so armes, armes Mädchen, das ohne Schutz und Hilfe
-ist! Aber reden Sie aus, Doktor, ich beschwöre Sie! Es ist noch etwas
-anderes zurück, das Sie mir nicht sagten. In welcher Stadt, sagen die
-Leute, soll ich --«
-
-»Signora, ich hätte Ihnen mehr Kraft zugetraut,« sprach Lange, besorgt
-über die Bewegung seiner Kranken. »Wahrlich, ich bereue es, nur so viel
-gesagt zu haben; ich hätte es nie getan, wenn ich nicht fürchtete, daß
-andere mir unberufen zuvorkämen.«
-
-Die Sängerin trocknete schnell ihre Tränen; »ich will ruhig sein,«
-sagte sie wehmütig lächelnd, »ruhig will ich sein wie ein Kind; ich
-will fröhlich sein, als hätten mir diese Menschen, die mich jetzt
-verdammen, ein tausendstimmiges Bravo zugerufen. Nur erzählen Sie
-weiter, lieber, guter Doktor!«
-
-»Nun, die Leute schwatzen dummes Zeug,« fuhr jener ärgerlich fort.
-»So soll, als Sie letzthin im Othello auftraten, in einer der ersten
-Ranglogen ein fremder Graf gewesen sein; dieser will Sie erkannt und
-vor etwa zwei Jahren in Paris in einem schlechten Hause gesehen haben.
--- Aber, mein Gott, Sie werden immer blässer --«
-
-»Es ist nichts, der Schein der Lampe fiel nur etwas matter herüber,
-weiter, weiter!«
-
-»Nun, dieses Gerede blieb von Anfang nur in den ersten Zirkeln, nach
-und nach kam es aber ins Publikum, und da dieser Vorfall hinzukommt,
-verbindet man beides und versetzt das frühere Verhältnis zu Ihrem
-Mörder in jenes berüchtigte Haus in Paris.«
-
-Auf den ausdrucksvollen Zügen der Kranken hatte während dieser Rede
-die tiefste Blässe mit flammender Röte gewechselt. Sie hatte sich
-höher aufgerichtet, als solle ihr kein Wort dieser schrecklichen Kunde
-entgehen, ihr Auge haftete starr und brennend auf dem Mund des Arztes,
-sie atmete kaum, ihr Herz schien stillzustehen. »Jetzt ist's aus,« rief
-sie mit einem schmerzlichen Blick zum Himmel, indem Tränen ihrem Auge
-entstürzten, »jetzt ist es aus, wenn _er_ dies hörte, so war es zuviel
-für seine Eifersucht. Warum bin ich nicht gestern gestorben, ach! da
-hätte ich meinen guten Vater gehabt, und meine süße Mutter hätte mich
-getröstet über den Hohn dieser grausamen Menschen!«
-
-Der Doktor staunte über diese rätselhaften Worte; er wollte eben ein
-tröstendes, besänftigendes Wort zu ihr sprechen, als die Türe mit
-Geräusch aufflog und ein großer, junger Mann hereinfuhr. Sein Gesicht
-war auffallend schön, aber ein wilder Trotz verfinsterte seine Züge,
-sein Auge rollte, sein Haar hing verwildert um die Stirne. Er hatte ein
-großes zusammengerolltes Notenblatt in der Faust, mit welchem er in der
-Luft herumfuhr und gleichsam agierte, ehe er Atem zum Sprechen fand.
-Bei seinem Anblick schrie die Sängerin laut auf, der Doktor glaubte
-anfangs, aus Angst, aber es war Freude, denn ein holdes Lächeln zog um
-ihren Mund, ihr Auge glänzte ihm durch Tränen entgegen. »Carlo!« rief
-sie, »Carlo! Endlich kommst du, nach mir zu sehen!«
-
-»Elende!« rief der junge Mann, indem er majestätisch den Arm mit
-der langen Notenrolle nach ihr ausstreckte. »Laß ab von deinem
-Sirenengesang, ich komme -- dich zu richten!«
-
-»O Carlo!« unterbrach ihn die Sängerin, und ihre Töne klangen
-schmelzend und süß wie die Klänge der Flöte. »Wie kannst du so zu
-deiner Giuseppa sprechen!«
-
-Der junge Mann wollte mit tragischem Pathos antworten, aber der Doktor,
-dem dieser Auftritt für seine Kranke zu angreifend schien, warf sich
-dazwischen. »Wertester Herr Carlo,« sagte er, indem er ihm eine Prise
-bot, »belieben Sie zu bedenken, daß Mademoiselle in einem Zustand ist,
-wo solche Szenen allzusehr ihre schwachen Nerven affizieren!«
-
-Jener schaute ihn groß an und wandte die Notenrolle gegen ihn. »Wer
-bist du, Erdenwurm?« rief er mit tiefer, dröhnender Stimme. »Wer bist
-du, daß du dich zwischen mich stellst und meinen Zorn?«
-
-»Ich bin der Medizinalrat Lange,« entgegnete dieser und schlug die Dose
-zu, »und in meinen Titeln befindet sich nichts von einem Erdenwurme.
-Ich bin hier Herr und Meister, solange Signora krank ist, und ich sage
-Ihnen im guten, packen Sie sich hinaus, oder modulieren Sie Ihr ~Presto
-assai~ zu einem anständigen ~Larghetto~.«
-
-»O, lassen Sie ihn doch, Doktor,« rief die Kranke ängstlich, »lassen
-Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er ist mein Freund, Carlo wird
-mir nichts Böses tun, was ihm auch die schlechten Menschen wieder von
-mir gesagt haben.«
-
-»Ha! Du wagst es noch zu spotten! Aber wisse, ein Blitzstrahl hat
-die Tore deines Geheimnisses gesprengt und hat die Nacht erhellt,
-in welcher ich wandelte. Also darum sollte ich nicht wissen, was du
-warst, woher du kamst? Darum verschlossest du mir den Mund mit deinen
-Küssen, wenn ich nach deinem Leben fragte? Ich Tor! Daß ich von einer
-Weiberstimme mich bezaubern ließ und nicht bedachte, daß sie nur Trug
-und Lug ist! Nur im Gesang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. ~Ciel!~
-Wie konnte ich mich von den Rouladen einer Dirne betören lassen!«
-
-»O Carlo,« flüsterte die Kranke, »wenn du wüßtest, wie deine Worte mein
-Herz verwunden, wie dein schrecklicher Verdacht noch tiefer dringt als
-der Stahl des Mörders!«
-
-»Nicht wahr, Täubchen,« schrie jener mit schrecklichem Lachen, »deine
-Amorosi sollten blind sein, da wäre gut mit ihnen spielen? Der Pariser
-muß doch ein wackerer Kerl sein, daß er endlich doch noch das fromme
-Täubchen fand!«
-
-»Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,« rief der Doktor und packte
-den Rasenden am Rock; »auf der Stelle marschier' Er sich zu dem Zimmer
-hinaus, sonst werde ich die Hausleute rufen, daß sie Ihn expedieren!«
-
-»Ich gehe schon, Erdenwurm, ich gehe,« schrie jener und stieß den
-Medizinalrat zurück, daß er ganz bequem in einem Fauteuil niedersaß;
-»ja ich gehe, Giuseppa, um nimmer wiederzukehren. Lebe wohl oder
-stirb lieber, Unglückliche, verbirg deine Schmach unter der Erde.
-Aber jenseits verbirg deine Seele an einem Ort, wo ich dir nie
-begegnen möge; ich würde der Seligkeit fluchen, wenn ich sie mit dir
-teilte, weil du mich hier so schändlich um meine Liebe, um mein Leben
-betrogen.« Er rief es, indem er noch etwas weniges mit den Noten
-agierte, aber sein wildes, rollendes Auge schmolz in Tränen, als er den
-letzten Blick auf die Geliebte warf, und schluchzend rannte er aus dem
-Zimmer.
-
-»Ihm nach, halten Sie ihn auf,« rief die Sängerin, »führen Sie ihn
-zurück, es gilt meine Seligkeit!«
-
-»Mit nichten, Wertgeschätzte,« entgegnete Doktor Lange, indem er sich
-aus seinem Lehnstuhl aufrichtete; »diese Szene darf nicht fortgespielt
-werden. Ich will Ihnen etwas Niederschlagendes aufschreiben, das Sie
-alle Stunden zwei Eßlöffel voll einnehmen werden.«
-
-Die Unglückliche war in ihre Kissen zurückgesunken, und ihre Kräfte
-waren erschöpft, sie verlor das Bewußtsein von neuem.
-
-Der Doktor rief das Mädchen und suchte mit ihrer Hilfe die Kranke
-wieder ins Leben zurückzubringen, doch konnte er sich nicht enthalten,
-während er die Essenzen einflößte, das Mädchen tüchtig auszuschmälen.
-»Habe ich nicht befohlen, man solle niemand, gar niemand hereinlassen,
-und jetzt läßt man diesen Wahnsinnigen zu, der Ihr braves Fräulein
-beinahe zum zweitenmal ums Leben brachte.«
-
-»Ich habe gewiß sonst niemand hereingelassen,« sprach die Zofe weinend;
-»aber _ihn_ konnte ich doch nicht abweisen; sie schickte mich ja heute
-schon dreimal in sein Haus, um ihn zu beschwören, nur auf einen kleinen
-Augenblick zu kommen; ich mußte ja sogar sagen, sie sterbe und wolle
-ihn vor ihrem Tode nur noch ein einziges Mal sehen!«
-
-»So? Und wer ist denn dieser --«
-
-Die Kranke schlug die Augen auf. Sie sah bald den Doktor, bald das
-Mädchen an, ihre Blicke irrten suchend durchs Zimmer. »Er ist fort, er
-ist auf ewig hin,« flüsterte sie; »ach, lieber Doktor, gehen Sie zu
-Bolnau!«
-
-»Aber, mein Gott, was wollen Sie nur von meinem unglücklichen
-Kommerzienrat, er hat sich über Ihre Geschichte schon genug alteriert,
-daß er zu Bette liegen muß; was kann denn er Ihnen helfen?«
-
-»Ach, ich habe mich versprochen,« erwiderte sie, »zu dem fremden
-Kapellmeister sollen Sie gehen, er heißt Boloni und logiert im Hotel de
-Portugal.«
-
-»Ich erinnere mich, von ihm gehört zu haben,« sprach der Doktor, »aber
-was soll ich bei diesem tun?«
-
-»Sagen Sie ihm, ich wolle ihm alles sagen, er soll nur noch einmal
-kommen -- doch nein, ich kann es ihm nicht selbst sagen; Doktor, wenn
-Sie -- ja ich habe Vertrauen zu Ihnen, ich will Ihnen alles sagen, und
-dann sagen Sie es wieder dem Unglücklichen, nicht wahr?«
-
-»Ich stehe zu Befehl; was ich zu Ihrer Beruhigung tun kann, werde ich
-mit Freuden tun.«
-
-»Nun, so kommen Sie morgen frühe, ich kann heute nicht mehr so viel
-sprechen. Adieu, Herr Medizinalrat; doch noch ein Wort; Babette, gib
-dem Herrn Doktor sein Tuch!«
-
-Das Mädchen schloß einen Schrank auf und reichte dem Doktor ein Tuch
-von gelber Seide, das einen starken, angenehmen Geruch im Zimmer
-verbreitete.
-
-»Das Tuch gehört nicht mir,« sprach jener, »Sie irren sich, ich führe
-nur Schnupftücher von Leinwand.«
-
-»Unmöglich!« entgegnete das Mädchen; »wir fanden es heute nacht am
-Boden, ins Haus gehört es nicht, und sonst war noch niemand da als Sie.«
-
-Der Doktor begegnete den Blicken der Sängerin, die erwartungsvoll auf
-ihm ruhten. »Könnte nicht dieses Tuch jemand anderem entfallen sein?«
-fragte er mit einem festen Blick auf sie.
-
-»Zeigen Sie her,« erwiderte sie ängstlich, »daran hatte ich noch
-nicht gedacht.« Sie untersuchte das Tuch und fand in der Ecke einen
-verschlungenen Namenszug; sie erbleichte, sie fing an zu zittern.
-
-»Es scheint, Sie kennen dieses Tuch und die Person, die es verloren
-hat,« fragte Lange weiter; »es könnte zu etwas führen; darf ich es
-nicht mit mir nehmen? Darf ich Gebrauch davon machen?«
-
-Giuseppa schien mit sich zu kämpfen; bald reichte sie ihm das Tuch,
-bald zog sie es ängstlich und krampfhaft zurück. »Es sei,« sagte sie
-endlich; »und sollte der Schreckliche noch einmal kommen und mein
-wundes Herz diesmal besser treffen, ich wage es; nehmen Sie, Doktor.
-Ich will Ihnen morgen Erläuterungen zu diesem Tuche geben.«
-
-
-5.
-
-Man kann sich denken, wie ausschließlich diese Vorfälle die Seele des
-Medizinalrats Lange beschäftigten. Seine sehr ausgebreitete Praxis war
-ihm jetzt ebensosehr zur Last, als sie ihm vorher Freude gemacht hatte,
-denn verhinderten ihn nicht die vielen Krankenbesuche, die er vorher
-zu machen hatte, die Sängerin am andern Morgen recht bald zu besuchen
-und jene Aufschlüsse und Erläuterungen zu vernehmen, denen sein Herz
-ungeduldig entgegenpochte? Doch zu etwas waren diese Besuche in
-dreißig bis vierzig Häusern gut, er konnte, wie er zu sagen pflegte,
-hinhorchen, was man über die Bianetti sage, vielleicht konnte er auch
-über ihren sonderbaren Liebhaber, den Kapellmeister Boloni, eines oder
-das andere erfahren.
-
-Ueber die Sängerin zuckte man die Achseln. Man urteilte um so
-unfreundlicher über sie, je ärgerlicher man darüber war, daß so lange
-nichts Offizielles und Sicheres über ihre Geschichte ins Publikum kam.
-Ihre Neider -- und welche ausgezeichnete Sängerin, wenn sie dazu schön
-und achtzehn alt ist, hat deren nicht genug? -- ihre Neider gönnten ihr
-alles und machten hämische Bemerkungen; die Gemäßigten sagten: so ist
-es mit solchem Volke; einer Deutschen wäre dies auch nicht passiert.
-Ihre Freunde beklagten sie und fürchteten für ihren Ruf beinahe noch
-mehr als für ihre Gesundheit. Das arme Mädchen! dachte Lange und
-beschloß, um so eifriger ihr zu dienen.
-
-Vom Kapellmeister wußte man wenig, weder Schlechtes noch Gutes. Er
-war vor etwa drei Vierteljahren nach B. gekommen, hatte sich im Hotel
-de Portugal ein Dachstübchen gemietet und lebte sehr eingezogen und
-mäßig. Er schien sich von Gesangstunden und musikalischen Kompositionen
-zu nähren. Alle wollten übrigens etwas Ueberspanntes, Hochfahrendes
-an ihm bemerkt haben; die, welche ihn näher kennen gelernt hatten,
-fanden ihn sehr interessant, und schon mancher Musikfreund soll sich
-ein Couvert an der Abendtafel im Hotel de Portugal bestellt haben, nur
-um seine herrliche Unterhaltung über die Musik zu genießen. Aber auch
-diese kamen darin überein, daß es mit Boloni nicht ganz richtig sei,
-denn er vernachlässige, verachte sogar den weiblichen Gesang, während
-er mit Entzücken von Männerstimmen, besonders von Männerchören spreche
-Er hatte übrigens keine näheren Bekannten, keinen Freund; von seinem
-Verhältnis zur Sängerin Bianetti schien niemand etwas zu wissen.
-
-Den Kommerzienrat Bolnau fand er noch immer unwohl und im Bette; er
-schien sehr niedergeschlagen und sprach mit unsicherer, heiserer
-Stimme allerlei Unsinn über Dinge, die sonst gänzlich außer seinem
-Gesichtskreise lagen. Er hatte eine Sammlung berühmter Rechtsfälle um
-sich her, in welcher er eifrig studierte; die Frau Kommerzienrätin
-behauptete, er habe die ganze Nacht darin gelesen und hie und da
-schrecklich gewinselt und gejammert. Seine Lektüre betraf besonders
-die unschuldig Hingerichteten, und er äußerte gegen den Medizinalrat,
-es liege eigentlich für den Menschenfreund ein großer Trost in der
-Langsamkeit der deutschen Justiz; denn es lasse sich erwarten, daß,
-wenn ein Prozeß zehn und mehrere Jahre daure, die Unschuld doch
-leichter an den Tag komme, als wenn man heute gefangen und morgen
-gehangen werde.
-
-Die Sängerin Bianetti, für welche der Doktor endlich ein Stündchen
-erübrigt hatte, war düster und niedergeschlagen, als sei keine
-Hoffnung mehr für sie auf Erden. Ihr Auge war trübe, sie mußte viel
-geweint haben, die Wunde war über alle Erwartung gut; aber mit ihrem
-zunehmenden körperlichen Wohlbefinden schien die Ruhe und Gesundheit
-ihrer Seele zu schwinden. »Ich habe lange darüber nachgedacht,« sagte
-sie, »und fand, daß Sie, lieber Doktor, doch auf höchst sonderbare
-Weise in mein Schicksal verwebt werden. Ich kannte Sie vorher nicht;
-ich gestehe, ich wußte kaum, daß ein Medizinalrat Lange in B.
-existiere. Und jetzt, da ich mit einem Schlage so unglücklich geworden
-bin, sendet mir Gott einen so teilnehmenden, väterlichen Freund zu.«
-
-»Mademoiselle Bianetti,« erwiderte Lange, »der Arzt hat an manchem
-Bette mehr zu tun, als nur den Puls an der Linken zu fühlen, Wunden
-zu verbinden und Mixturen zu verschreiben. Glauben Sie mir, wenn man
-so allein bei einem Kranken sitzt, wenn man den innern Puls der Seele
-unruhig pochen hört, wenn man Wunden verbinden möchte, die niemand
-siehet, da wird auf wunderbare Weise der Arzt zum Freunde, und der
-geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Körper und Seele scheint auch in
-diesem Verhältnis auffallend zu wirken.«
-
-»So ist es,« sprach Giuseppa, indem sie zutraulich seine Hand faßte;
-»so ist es, und auch meine Seele hat einen Arzt gefunden. Sie werden
-vielleicht viel für mich tun müssen. Es möchte sein, daß Sie sogar vor
-den Gerichten in meinem Namen handeln müssen. Wenn Sie einem armen
-Mädchen, das sonst gar keine Stütze hat, dieses große Opfer bringen
-wollen, so will ich mich Ihnen entdecken.«
-
-»Ich will es tun,« sprach der freundliche Alte, indem er ihre Hand
-drückte.
-
-»Aber bedenken Sie es wohl; die Welt hat meinen Ruf angegriffen, sie
-klagt mich an, sie richtet, sie verdammt mich. Wenn nun die Menschen
-auch auf Sie höhnisch deuten, daß Sie der verrufenen Sängerin, der
-schlechten Italienerin, ach! _meiner_ sich angenommen haben, werden
-Sie das ertragen können?«
-
-»Ich will es!« rief der Doktor mit Ernst und Heftigkeit. »Erzählen Sie!«
-
-
-6.
-
-»Mein Vater,« erzählte die Sängerin, »war Antonio Bianetti, ein
-berühmter Violinspieler, der Ihnen aus jüngeren Jahren nicht unbekannt
-sein kann, denn sein Ruf hatte durch die Konzerte, die er an Höfen
-und in großen Städten gab, sich überall verbreitet. Ich kann mir ihn
-nur noch aus meiner frühesten Kindheit denken, wie er mir die Skala
-vorgeigte, die ich schon im dritten Jahre sehr richtig nachsang. Meine
-Mutter war zu ihrer Zeit eine vorzügliche Sängerin gewesen und pflegte
-in den Konzerten des Vaters einige Arien und Kanzonetten vorzutragen.
-Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der Reise starb und uns in
-Armut zurückließ. Meine Mutter mußte sich entschließen, durch Singen
-uns fortzubringen. Sie heiratete nach einem Jahr einen Musiker, der
-ihr von Anfang sehr geschmeichelt haben soll, nachher aber zeigte es
-sich, daß er sie nur geheiratet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde
-Musikdirektor in einer kleinen Stadt im Elsaß, und da fing erst unser
-Leiden recht an.
-
-»Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre Stimme so sehr,
-daß sie beinahe keinen Ton mehr singen konnte. Dadurch war die größte
-Geldquelle meines Stiefvaters versiegt, denn seine Konzerte waren nur
-durch meine Mutter glänzend und zahlreich gewesen. Er plagte sie von
-jetzt an schrecklich; mir wollte er gar nicht mehr zu essen geben,
-bis er endlich auf ein Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen. Er
-marterte mich ganze Tage lang und geigte mir die schwersten Sachen von
-Mozart, Gluck, Rossini und Spontini ein, die ich dann Sonntagsabend mit
-großem Applaus absang; das arme Schepperl, so hatte man meinen Namen
-Giuseppa verketzert, wurde eines jener unglücklichen Wunderkinder,
-denen die Natur ein schönes Talent zu ihrem größten Unglück gegeben
-hat; der Grausame ließ mich alle Tage singen, er peitschte mich, er
-gab mir tagelang nichts zu essen, wenn ich nicht richtig intoniert
-hatte; die Mutter aber konnte meine Qualen nicht mehr lange sehen, es
-war, als ob ihr Leben in ihren stillen Tränen dahinfließe; an einem
-schönen Frühlingsmorgen fanden wir sie tot. Was soll ich Sie von meinen
-Marterjahren unterhalten, die jetzt anfingen? Ich war elf Jahre alt
-und sollte die Haushaltung führen, die kleinen Geschwister erziehen,
-und dabei noch singen lernen für die Konzerte! O, es war eine Qual der
-Hölle!
-
-»Um diese Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater immer einen Sack
-voll Fünffrankstücke mitbrachte. Ich kann nicht ohne Grauen an ihn
-denken. Es war ein großer, hagerer Mann von mittlerem Alter; er hatte
-kleine blinzelnde, graue Augen, die ihn durch ihren unangenehmen,
-stechenden Ausdruck vor allen Menschen, die ich je gesehen,
-auszeichnete. Mich schien er besonders liebgewonnen zu haben. Er lobte,
-wenn er kam, meine Größe, meinen Anstand, mein Gesicht, meinen Gesang.
-Er setzte mich auf seine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches
-Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines Schreiens, er
-sagte wohlgefällig: ›Noch zwei -- drei Jahr, dann bist du fertig,
-Schepperl!‹ Und er und mein Stiefvater brachen in ein wildes Lachen bei
-dieser Prophezeiung aus. An meinem fünfzehnten Geburtsfest sagte mein
-Stiefvater zu mir: ›Höre, Schepperl, du hast nichts, du bist nichts,
-ich geb' dir nichts, ich will nichts von dir, habe auch hinlänglich
-genug an meinen drei übrigen Rangen; die Christel (meine Schwester)
-wird jetzt statt deiner das Wunderkind. Was du hast, dein bißchen
-Gesang, hast du von mir, damit wirst du dich fortbringen. Der Onkel in
-Paris will dich übrigens aus Gnade in sein Haus aufnehmen.‹ -- ›Der
-Onkel in Paris?‹ rief ich staunend, denn bisher wußte ich nichts von
-einem solchen. ›Ja, der Onkel in Paris,‹ gab er zur Antwort, ›er kann
-alle Tage kommen.‹
-
-»Sie können sich denken, wie ich mich freute; es ist jetzt drei Jahre
-her, aber noch heute ist die Erinnerung an jene Stunden so lebhaft
-in mir, als wäre es gestern gewesen. Das Glück, aus dem Hause meines
-Vaters zu kommen, das Glück, meinen Onkel zu sehen, der sich meiner
-erbarme, das Glück, nach Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz des
-Putzes und der Seligkeit dachte, -- ich war berauscht von so vielem
-Glück; so oft ein Wagen fuhr, sah ich hinaus, ob nicht der Onkel komme,
-mich in sein Reich abzuholen. Endlich fuhr eines Abends ein Wagen vor
-unserem Hause vor. ›Das ist dein Onkel,‹ rief der Vater; ich flog
-hinab, ich breitete meine Arme aus nach meinem Erretter -- grausame
-Täuschung! Es war der Mann mit den Fünffrankenstücken.
-
-»Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber dennoch vergesse
-ich die teuflische Freude nie, die aus seinen grauen Augen blitzte, als
-er mich hoch aufgewachsen fand; noch immer klingt mir seine krächzende
-Stimme in den Ohren: ›Jetzt bist du recht, mein Täubchen, jetzt will
-ich dich einführen in die große Welt.‹ Er faßte mich mit der Hand, mit
-der andern warf er einen Geldsack auf den Tisch; der Sack fuhr auf,
-ein glänzender Regen von Silber- und Goldstücken rollte auf den Boden;
-meine drei kleinen Geschwister und der Vater jubelten, rutschten auf
-dem Boden umher und lasen die Stücke auf, -- es war -- mein Kaufpreis.
-
-»Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der hagere Mann (ich
-vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte mir beständig vor,
-welch glänzende Rolle ich in seinen Salons spielen werde. Ich konnte
-mich nicht freuen, eine Angst, eine unerklärliche Bangigkeit waren an
-die Stelle meiner Freude, meines Glückes getreten. Vor einem großen,
-erleuchteten Hause hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis
-zwölf schöne, allerliebste Mädchen hüpften die breiten Treppen herab
-uns entgegen. Sie herzten und küßten mich und nannten mich Schwester
-Giuseppa; ich fragte den Hagern: ›Sind dies Ihre Töchter, mein Herr?‹
--- ›~Oui, mes bonnes enfants!~‹ rief er lachend, und die Mädchen und
-die zahlreiche Dienerschaft stimmten ein mit einem rohen, schallenden
-Gelächter.
-
-»Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerstreuten mich. Ich wurde am
-folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich in den Salon. Die
-zwölf Mädchen saßen im schönsten Putz an Spieltischen, auf Kanapees, am
-Flügel. Sie unterhielten sich mit jungen und ältern Herrn sehr lebhaft.
-Als ich eintrat, brachen alle auf, gingen mir entgegen und betrachteten
-mich. Der Herr des Hauses führte mich zum Flügel, ich mußte singen;
-allgemeiner Beifall wurde mir zu teil. Man zog mich ins Gespräch,
-meine ungebildeten, halb italienischen Ausdrücke galten für Naivität;
-man bewunderte mich, ich erröte heute noch, mit welchen Worten man
-mir dieses sagte. So ging es mehrere Tage herrlich und in Freuden.
-Ich lebte ungeniert, ich hätte zufrieden leben können, wenn ich mich
-nicht höchst unbehaglich, beinahe bänglich in diesem Hause, in dieser
-Gesellschaft gefühlt hätte; in meiner naiven Unschuld glaubte ich,
-so sei nun einmal die große Welt, und man müsse sich in ihre Sitten
-fügen. Eines fiel mir jedoch auf; als ich an einem Abende zufällig an
-der Treppe vorbeiging, sah ich, daß die Herren, die uns besuchten, dem
-Portier Geld gaben, dafür blaue oder rote Karten bekamen und solche
-einem Bedienten vor dem Salon wieder übergaben. Ein junger Stutzer,
-der an mir vorüberkam, wies mir mit zärtlichen Blicken eine dieser
-roten Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber errötete.
-Aber hören Sie weiter, was sich alsbald zutrug.
-
-»Sehen Sie, lieber Doktor, hier habe ich ein kleines, unscheinbares
-Papier. Diesem bin ich meine Rettung schuldig. Ich fand es eines
-Morgens unter dem Brötchen meines Frühstücks, ich weiß nicht, von
-welcher gütigen Hand es kam, aber möge der Himmel das Herz belohnen,
-das sich meiner erbarmte. Es lautet:
-
- ›Mademoiselle!
-
-Das Haus, welches Sie bewohnen, ist ein Freudenhaus; die Damen, die
-Sie um sich sehen, sind Freudenmädchen; sollten wir uns in Giuseppa
-geirrt haben? Wird sie einen kurzen Schimmer von Glück mit langer Reue
-erkaufen wollen?‹
-
-»Es war ein schreckliches Licht, es drohte mich völlig zu blenden, denn
-es zerriß beinahe zu plötzlich meinen unschuldigen Kindersinn und den
-Traum von einer unbesorgten glücklichen Lage. Was war zu tun? Ich hatte
-in meinem Leben noch nicht gelernt, Entschlüsse zu fassen. Der Mann,
-dem dieses Haus gehörte, war mir ein fürchterlicher Zauberer, der jeden
-meiner Gedanken lesen könne, der jetzt schon darum wissen müsse, was
-ich erfahren. Und dennoch wollte ich lieber sterben, als noch einen
-Augenblick hier verweilen. -- Ich hatte ein Mädchen geradeüber von
-unserer Wohnung zuweilen Italienisch sprechen hören; ich kannte sie
-nicht -- aber kannte ich denn sonst jemand in dieser ungeheuren Stadt?
-Diese vaterländischen Klänge erweckten Zutrauen in mir; zu ihr wollte
-ich flüchten, ich wollte sie auf den Knieen anflehen, mich zu retten.
-
-»Es war sieben Uhr frühe; ich war meiner ländlichen Gewohnheit treu
-geblieben, stand immer frühe auf und pflegte gleich nachher zu
-frühstücken, und dies rettete mich. Um diese Zeit schliefen noch alle,
-sogar ein großer Teil der Domestiken. Nur der Portier war zu fürchten.
-Doch konnte er denken, daß jemand aus diesem Tempel der Herrlichkeit
-entfliehen werde? Ich wagte es; ich warf mein schwarzes, unscheinbares
-Mäntelchen um mich, eilte die Treppe hinab; meine Kniee schwankten, als
-ich an der Loge des Portiers vorbeiging; er bemerkte mich nicht; drei
-Schritte, und ich war frei.
-
-»Rechts über die Straße hinüber wohnte das italienische Mädchen. Ich
-sprang über die breite Straße, ich pochte am Haus, ein Diener öffnete.
-Ich fragte nach der Signora mit dem schwarzen Lockenköpfchen, die
-Italienisch spreche. Der Diener lachte und sagte, ich meine wohl die
-kleine Exzellenza Seraphine; ›dieselbe, dieselbe,‹ antwortete ich,
-›führen Sie mich geschwind zu ihr.‹ Er schien anfangs Bedenken zu
-tragen, weil es noch frühe am Tage sei, doch meine Bitten überredeten
-ihn. Er führte mich in dem zweiten Stock in ein Zimmer, hieß mich
-warten und rief dann eine Zofe, der Exzellenza mich zu melden. Ich
-hatte mir gedacht, das hübsche italienische Mädchen werde meines
-Standes sein; ich schämte mich, einer Höheren mich zu entdecken, aber
-man ließ mir keine Zeit, mich zu besinnen; die Zofe erschien, mich vor
-das Bett ihrer Gebieterin zu führen. Ja, sie war es, es war die schöne
-junge Dame, die ich hatte Italienisch sprechen hören. Ich stürzte vor
-ihr nieder und flehte sie um ihren Schutz an; ich mußte ihr meine ganze
-Geschichte erzählen. Sie schien gerührt und versprach, mich zu retten.
-Sie ließ den Diener, der mich heraufgeführt hatte, kommen und legte
-ihm das strengste Stillschweigen auf, dann wies sie mir ein kleines
-Stübchen an, dessen Fenster in den Hof gingen, gab mir zu arbeiten und
-zu essen, und so lebte ich mehrere Tage in Freude über meine Rettung,
-in Angst über meine Zukunft.
-
-»Es war das Haus des Gesandten eines kleinen deutschen Hofes, in
-welches ich aufgenommen war. Die Exzellenza war seine Nichte, eine
-geborene Italienerin, die bei ihm in Paris erzogen worden war. Sie
-war ein gütiges, liebenswürdiges Geschöpf, dessen Wohltaten ich nie
-vergessen werde. Sie kam alle Tage zu mir und tröstete mich; sie sagte
-mir, daß der Gesandte durch seine Bedienten in dem Hause des argen
-Mannes nachgeforscht habe. Man sei sehr in Bestürzung, suche es aber
-zu verbergen. Die Diener drüben flüstern geheimnisvoll, es habe sich
-eine Mamsell aus einem Fenster des zweiten Stocks in den Kanal der
-Seine gestürzt. Sonderbare Fügung! Mein Zimmer war ein Eckzimmer und
-sah mit der einen Seite nach der Straße, die andere ging schroff hinab
-in einen Kanal. Ich erinnerte mich, an jenem Morgen ein Fenster dieser
-Seite geöffnet zu haben; wahrscheinlich war es _offen_ geblieben,
-und so mochte man sich mein Verschwinden erklären. Signora Seraphine
-sollte um diese Zeit nach Italien zurückkehren, sie war so gütig,
-mich mitzunehmen. Ja, sie tat noch mehr für mich; sie bewog ihre
-Eltern in Piacenza, daß sie mich wie ihr Kind in ihr Haus aufnahmen;
-sie ließ mein Talent ausbilden, ihr habe ich Freiheit, Leben, Kunst,
-o! vielleicht mehr, als ich weiß, zu danken. In Piacenza lernte ich
-den Kapellmeister Boloni, der übrigens kein Italiener ist, kennen;
-er schien mich zu lieben, aber er sagte es mir nicht. Ich nahm bald
-nachher den Ruf an das hiesige Theater an. Man schätzte mich hier, man
-hat mir sonst wohlgewollt, mein Leben und mein Ruf waren unsträflich;
-ach, ich habe in dieser langen Zeit nie einen Mann bei mir gesehen, als
--- ich kann Ihnen dieses schöne Verhältnis ohne Erröten gestehen --
-als Boloni, der mir bald hierher nachgereist war. Sie haben mein Leben
-jetzt gehört; sagen Sie mir, habe ich etwas getan, um so bittere Strafe
-zu verdienen? Habe ich so Entsetzliches verschuldet?«
-
-
-7.
-
-Als die Sängerin geendet hatte, ergriff der Medizinalrat lebhaft ihre
-Hand. »Ich wünsche mir Glück,« sagte er, »den wenigen Menschen, die Sie
-auf Ihrem Lebensweg gefunden haben, beitreten zu können. Meine Kräfte
-sind zwar zu schwach, um für Sie tun zu können, was die treffliche
-kleine Exzellenza für Sie tat, aber ich will suchen, Ihr trauriges
-Geschick entwirren zu helfen; ich will den Brausewind, Ihren Freund,
-zu versöhnen suchen. Aber sagen Sie mir nur, was ist denn Herr Boloni
-eigentlich für ein Landsmann?« -- »Da fragen Sie mich zu viel,«
-erwiderte sie ausweichend: »ich weiß nur, daß er ein Deutscher von
-Geburt ist und, wenn ich nicht irre, wegen Familienverhältnissen vor
-mehreren Jahren sein Vaterland verließ. Er hielt sich in England und
-Italien auf und kam vor etwa drei Vierteljahren hierher.«
-
-»So, so; aber warum haben Sie ihm _das_, was Sie mir erzählen, nicht
-schon früher selbst gesagt?«
-
-Giuseppa errötete bei dieser Frage; sie schlug die Augen nieder und
-antwortete: »Sie sind mein Arzt, mein väterlicher Freund, es ist mir,
-wenn ich zu Ihnen spreche, als spräche ich als Kind zu meinem Vater. --
-Aber konnte ich denn dem jungen Mann von diesen Dingen erzählen? Und
-ich kenne ja seine schreckliche Eifersucht, seinen leicht gereizten
-Argwohn, ich habe es nie über mich vermocht, ihm zu sagen, welchen
-Schlingen ich entflohen war.«
-
-»Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie sind ein gutes Kind; glauben
-Sie mir, es tut einem alten Manne wohl, auf solche dezente Gefühle
-aus der alten Zeit zu stoßen; denn heutzutage gilt es für guten Ton,
-sich über dergleichen wegzusetzen. Aber noch haben Sie mir nicht alles
-erzählt; der Abend auf der Redoute, jene schreckliche Nacht? --«
-
-»Es ist wahr, ich muß Ihnen noch weiter sagen. Ich habe, so oft ich im
-stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorsehung gepriesen, daß man
-in jenem Hause glaubte, ich habe mich selbst getötet, denn es war mir
-nur zu gewiß, daß, wenn jener Schreckliche nur die entfernteste Ahnung
-von meinem Leben habe, er kommen werde, sein Opfer zurückzuholen oder
-es zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankstück für mich bezahlt
-haben. Deswegen habe ich, solange ich in Piacenza war, manches schöne
-Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich mich scheute, öffentlich
-aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb Jahre dort war, brachte mir
-eines Morgens Seraphine ein Pariser Zeitungsblatt, worin der Tod des
-Chevalier de Planto angezeigt war.«
-
-»Chevalier de Planto?« unterbrach sie der Arzt: »hieß so jener Mann,
-der Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte?«
-
-»So hieß er; ich war voll Freude, meine letzte Furcht war verschwunden,
-und es stand nichts mehr im Wege, meinen Wohltätern nicht mehr
-beschwerlich zu fallen. Schon einige Wochen nachher kam ich nach B. Ich
-ging vorgestern abend auf die Redoute, und ich will Ihnen nur gestehen,
-daß ich recht freudig gestimmt war. Boloni durfte nicht wissen, in
-welchem Kostüm ich erscheinen würde, ich wollte ihn necken und dann
-überraschen. Auf einmal, wie ich allein durch den Saal gehe, flüstert
-eine Stimme in mein Ohr: ›Schepperl! was macht dein Onkel?‹ Ich war wie
-niedergedonnert; diesen Namen hatte ich nicht mehr gehört, seit ich
-den Händen jenes Fürchterlichen entgangen war. Mein Onkel! Ich hatte
-ja keinen, und nur _einer_ hatte gelebt, der sich vor der Welt dafür
-ausgab, der Chevalier de Planto. Ich hatte kaum so viel Fassung, zu
-erwidern: ›Du irrst dich, Maske!‹ Ich wollte hinwegeilen, mich unter
-dem Gewühl der Menge verbergen, aber die Maske schob ihren Arm in den
-meinigen und hielt mich fest. ›Schepperl!‹ sprach der Unbekannte,
-›ich rate dir, ruhig neben mir herzugehen, sonst werde ich den Leuten
-erzählen, in welcher Gesellschaft du dich früher umhergetrieben.‹ Ich
-war vernichtet, es wurde Nacht in meiner Seele, nur _ein_ Gedanke war
-in mir lebhaft: die Furcht vor der Schande. Was konnte ich armes,
-hilfloses Mädchen machen, wenn dieser Mensch, wer er auch sein mochte,
-solche Dinge von mir aussagte? Die Welt würde ihm geglaubt haben, und
-Carlo! ach, Carlo wäre nicht der letzte gewesen, der mich verdammt
-hätte. Ich folgte dem Manne an meiner Seite willenlos. Er flüsterte
-mir die schrecklichsten Dinge zu; meinen Onkel, wie er den Chevalier
-nannte, habe ich unglücklich gemacht, meinen Vater, meine Familie ins
-Verderben gestürzt. -- Ich konnte es nicht mehr aushalten, ich riß mich
-los und rief nach meinem Wagen. Als ich mich aber auf der Treppe umsah,
-war diese schreckliche Gestalt mir gefolgt. ›Ich fahre mit dir nach
-Hause, Schepperl,‹ sprach er mit schrecklichem Lachen; ›ich habe noch
-ein paar Worte mit dir zu reden.‹ Die Sinne vergingen mir, ich fühlte,
-daß ich ohnmächtig werde, ich wachte erst wieder im Wagen auf, die
-Maske saß neben mir. Ich stieg aus und ging auf mein Zimmer, er folgte;
-er fing sogleich wieder an zu reden; in der Todesangst, ich möchte
-verraten werden, schickte ich Babette hinaus.
-
-»›Was willst du hier, Elender?‹ rief ich voll Wut, mich so beleidigt zu
-sehen. ›Was kannst du von mir Schlechtes sagen? Ohne meinen Willen kam
-ich in jenes Haus; ich verließ es, als ich sah, was dort meiner warte.‹
-
-»›Schepperl, mache keine Umstände; es gibt nur zwei Wege, dich zu
-retten. Entweder zahlst du auf der Stelle zehntausend Franken, sei es
-in Juwelen oder Gold, oder du folgst mir nach Paris; sonst weiß morgen
-die ganze Stadt mehr von dir, als dir lieb ist.‹ Ich war außer mir.
-›Wer gibt dir dieses Recht, mir solche Zumutungen zu machen?‹ rief ich.
-›Wohlan! sage der Stadt, was du willst; aber auf der Stelle verlasse
-dieses Haus! Ich rufe die Nachbarn.‹
-
-»Ich hatte einige Schritte gegen das Fenster getan, er lief mir nach,
-packte meinen Arm. ›Wer mir das Recht gibt?‹ sprach er, ›dein Vater,
-Täubchen, dein Vater.‹ Ein teuflisches Lachen tönte aus seinem Mund,
-der Schein der Kerze fiel auf ein Paar graue, stechende Augen, die
-mir nur zu bekannt waren. In demselben Moment war mir klar, wen ich
-vor mir hatte; ich wußte jetzt, daß sein Tod nur ein Blendwerk war,
-das er zu irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir
-übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm seine Maske
-abreißen. ›Ich kenne Euch, Chevalier de Planto,‹ rief ich, ›aber Ihr
-sollt den Gerichten Rechenschaft über mich geben müssen.‹ -- ›So weit
-sind wir noch nicht, Täubchen,‹ sagte er, und in demselben Augenblick
-fühlte ich sein Eisen in meiner Brust, ich glaubte zu sterben --«
-
-Der Doktor schauderte; es war heller Tag, und doch graute ihm, wie wenn
-man im Dunkeln von Gespenstern spricht. Er glaubte, das heisere Lachen
-dieses Teufels zu hören, er glaubte, hinter den Gardinen des Bettes
-die grauen, stechenden Augen dieses Ungeheuers glänzen zu sehen. »Sie
-glauben also,« sagte er nach einer Weile, »daß der Chevalier nicht tot
-ist, daß es derselbe ist, der Sie ermorden wollte?«
-
-»Seine Stimme, sein Auge überzeugten mich; das Tuch, das ich Ihnen
-gestern gab, machte es mir zur Gewißheit. Die Anfangslettern seines
-Namens sind dort eingezeichnet.«
-
-»Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu handeln? Darf ich alles, was
-Sie mir sagten, selbst vor Gericht angeben?«
-
-»Ich habe keine Wahl, alles! Aber, nicht wahr, Doktor, Sie gehen zu
-Boloni und sagen ihm, was ich Ihnen sagte? Er wird Ihnen glauben, er
-kannte ja auch Seraphine.«
-
-»Und darf ich nicht auch wissen,« fuhr der Medizinalrat fort, »wie der
-Gesandte hieß, in dessen Haus Sie sich verbargen?«
-
-»Warum nicht? Es war ein Baron Martinow.«
-
-»Wie?« rief Lange in freudiger Bewegung. »Der Baron Martinow? Ist er
-nicht in ...schen Diensten?«
-
-»Ja, kennen Sie ihn? Er war Gesandter des ...schen Hofes in Paris und
-nachher in Petersburg.«
-
-»O, dann ist es gut, sehr gut,« sagte der Medizinalrat und rieb sich
-freudig die Hände. »Ich kenne ihn, er ist seit gestern hier; er hat
-mich rufen lassen; er wohnt im Hotel de Portugal.«
-
-Eine Träne blinkte in dem Auge der Sängerin, und von frommen
-Empfindungen schien ihr Herz bewegt. »So mußte ein Mann,« sagte sie,
-»den ich viele hundert Meilen entfernt glaubte, hierher kommen, um
-die Wahrheit meiner Erzählung zu bekräftigen! Gehen Sie zu ihm; ach,
-daß auch Carlo zuhören könnte, wenn er Ihnen versichert, daß ich die
-Wahrheit sprach!«
-
-»Er soll es, er soll mit mir, ich will es schon machen. Adieu, gutes
-Kind; seien Sie ganz ruhig, es muß Ihnen noch gut gehen auf Erden, und
-nehmen Sie die Mixtur recht fleißig, alle Stunden zwei Löffel voll!«
-So sprach der Doktor und ging. Die Sängerin aber dankte ihm durch
-ihre freundlichen Blicke. Sie war ruhiger und heiter; es war, als
-habe sie eine große Last mit ihrem Geheimnis hinweggewälzt; sie sah
-vertrauensvoller in die Zukunft, denn ein gütiges Geschick schien sich
-des armen Mädchens zu erbarmen.
-
-
-8.
-
-Der Baron Martinow, dem Lange früher einmal einen wichtigen Dienst zu
-leisten Gelegenheit gehabt hatte, nahm ihn freundlich auf und gab ihm
-über die Sängerin Bianetti die genügendsten Aufschlüsse. Er bestätigte
-nicht nur beinahe wörtlich ihre Erzählung, sondern er brach auch in
-die lautesten Lobeserhebungen ihres Charakters aus; ja er versprach,
-wohin er in dieser Stadt kommen würde, überall zu ihren Gunsten zu
-sprechen und die Gerüchte zu widerlegen, die über sie im Umlauf waren.
-Er hat auch Wort gehalten, denn hauptsächlich seinem Ansehen und der
-edelmütigen Art, womit er sich der Italienerin annahm, schrieben es
-ihre Freunde zu, daß die Gesinnungen des Publikums über sie in wenigen
-Tagen wie durch einen Zauberschlag sich änderten. Der Medizinalrat
-Lange aber stieg an jenem Tage, als er vom Gesandten kam, aus der
-Bel-Etage des Hotels de Portugal noch einige Treppen höher, in die
-Mansarden; in Nr. 54 sollte der Kapellmeister wohnen. Er stand vor der
-Türe still, um Atem zu schöpfen, denn die steilen Treppen hatten ihn
-angegriffen. Sonderbare Töne drangen aus dieser Türe in sein Ohr. Es
-schien ein schwer Kranker darin zu sein, denn er vernahm ein tiefes
-Stöhnen und Seufzen, das aus der tiefsten Brust aufzusteigen schien.
-Dann klangen wieder schreckliche französische und italienische Flüche
-dazwischen, wie wenn Ungeduld dem Jammer Luft machen will, und ein
-heiseres Lachen der Verzweiflung bildete wieder den Uebergang zu jenen
-tiefen Seufzern. Der Medizinalrat schauderte. »Habe ich doch schon
-neulich etwas weniges Wahnsinn an dem Maestro verspürt,« dachte er,
-»sollte er vollends übergeschnappt sein, oder ist er krank geworden
-aus Schmerz?« Er hatte schon den Finger gekrümmt, um anzuklopfen,
-als sein Blick noch einmal auf die Nummer der Türe fiel; es war 53.
-Wie hatte er sich doch täuschen können; fast wäre er zu einem ganz
-fremden Menschen eingetreten. Unwillig über sich selbst ging er eine
-Türe weiter; hier war 54; hier lautete es auch ganz anders. Eine tiefe
-schöne Männerstimme sang ein Lied, begleitet von dem Pianoforte; der
-Medizinalrat trat ein, es war jener junge Mann, den er gestern bei der
-Sängerin gesehen.
-
-Im Zimmer lagen Notenblätter, Gitarre, Violinen, Saiten und anderer
-Musikbedarf umher, und mitten unter diesen Trümmern stand der
-Kapellmeister in einem weiten, schwarzen Schlafrock, eine rote Mütze
-auf dem Kopf und eine Notenrolle in der Hand; der Doktor hat nachher
-gestanden, es sei ihm bei seinem Anblick Marius auf den Trümmern von
-Karthago eingefallen.
-
-Der junge Mann schien sich seiner von gestern zu erinnern und empfing
-ihn beinahe finster; doch war er so artig, einen Stoß Notenblätter mit
-einem Ruck von einem Sessel auf den Boden zu werfen, um seinem Besuch
-Platz anzubieten; er selbst stieg mit großen Schritten im Zimmer umher,
-und sein fliegender Schlafrock nahm geschickt den Staub von Tischen und
-Büchern.
-
-Er ließ den Medizinalrat nicht zum Worte gelangen, er überschrie ihn.
-»Sie kommen von ihr?« rief er. »Schämen sich Ihre grauen Haare nicht,
-der Kuppler eines solchen Weibes zu werden? Ich will nichts mehr hören;
-ich habe mein Glück zu Grabe getragen, Sie sehen, ich traure um meine
-Seligkeit; ich habe meinen schwarzen Schlafrock an, schon dies sollte
-Ihnen, wenn Sie sich entfernt auf Psychologie verstehen, ein Zeichen
-sein, daß ich jene Person für mich als gestorben ansehe. O Giuseppa,
-Giuseppa!«
-
-»Wertester Herr Kapellmeister,« unterbrach ihn der Doktor, »so hören
-Sie mich nur an --«
-
-»Hören? Was wissen Sie von Hören? Lauschen Sie, wenn Sie von Hören
-sprechen; ich will prüfen, ob du Gehör hast, Alter! Siehe, das ist
-das Weib,« fuhr er fort, indem er den Flügel aufriß und einiges
-spielte, das übrigens dem Doktor, der kein großer Musikkenner war,
-vorkam wie andere Musik auch; »hören Sie dieses Weiche, Schmelzende,
-Anschmiegende? Aber bemerken Sie nicht in diesen Uebergängen das
-unzuverlässige, flüchtige, charakterlose Wesen dieser Geschöpfe? Aber
-hören Sie weiter,« sprach er mit erhobener Stimme und glänzendem Auge,
-indem er die weiten Aermel des Trauerschlafrockes zurückschüttelte,
-»wo Männer wirken, ist Kraft und Wahrheit; hier kann nichts Unreines
-aufkommen, es sind heilige, göttliche Laute!« Er hämmerte mit großer
-Macht auf den Tasten umher, aber dem Doktor wollte es wieder bedünken,
-als sei dies nur ganz gewöhnliche Musik.
-
-»Sie haben da eine sonderbare Charakteristik der Menschen,« sagte
-er; »da wir doch einmal so weit sind, dürfte ich Sie nicht bitten,
-Verehrter, daß Sie mir doch einmal einen Medizinalrat auf dem Klavier
-vorstellten?«
-
-Der Musiker sah ihn verächtlich an. »Wie magst du nur mit einem
-schlechten quiekenden Cis hereinfahren, Erdenwurm, wenn ich den
-herrlichen, strahlenwerfenden Akkord anschlage!«
-
-Die Antwort des Doktors wurde durch ein Klopfen an der Tür
-unterbrochen; eine kleine verwachsene Figur trat herein, machte eine
-Reverenz und sprach: »Der kranke Herr auf Nr. 53 läßt den Herrn
-Kapellmeister höflichst ersuchen, doch nicht so gar erschrecklich
-zu hantieren und zu haselieren, wasmaßen derselbe von gar schwacher
-Konstitution und dem zeitlichen Hinscheiden nahe ist.«
-
-»Ich lasse dem Herrn meinen gehorsamsten Respekt vermelden,« erwiderte
-der junge Mann, »und meinetwegen könne er abfahren, wann es ihm
-gefällig. Es graut mir ohnedies alle Nacht vor seinem Jammern und
-Stöhnen, und das greulichste sind mir seine gottlosen Flüche und sein
-tolles Lachen. Meint vielleicht der Franzose, er sei allein Herr im
-Hotel de Portugal? Geniert er mich, so geniere ich ihn wieder.«
-
-»Aber verzeihen Euer Hochedelgeboren,« sagte der verwachsene Mensch,
-»er treibt's nicht mehr lange, wollten Sie ihm nicht die letzten
-Augenblicke --«
-
-»Ist er so gar krank, der Herr?« fragte der Medizinalrat teilnehmend,
-»was fehlt ihm? Wer behandelt ihn? Wer ist er?«
-
-»Wer er ist, weiß ich gerade nicht; ich bin der Lohnlakai; ich denke,
-er nennt sich Lorier und ist aus Frankreich; vorgestern war er noch
-wohlauf, aber etwas melancholisch, denn er ging gar nicht aus, hatte
-auch keine Lust, die Merkwürdigkeiten dieser Stadt zu sehen, aber am
-andern Morgen fand ich ihn schwerkrank im Bette; es scheint, er hat in
-der Nacht einen Schlaganfall bekommen. Aber um alle Welt will er keinen
-Arzt. Er flucht gräßlich, wenn ich frage, ob ich einen zu ihm führen
-solle. Er pflegt und verbindet sich selbst; ich glaube, er hat auch
-eine alte Schußwunde aus dem Krieg, die jetzt wieder aufgegangen ist.«
-
-Man hörte in diesem Augenblick den Kranken nebenan mit heiserer Stimme
-rufen und einige Verwünschungen ausstoßen. Der Lohnlakai schlug drei
-Kreuze und flog hinüber.
-
-Der Doktor versuchte noch einmal, ob seine Reden bei dem verstockten
-Liebhaber keinen Eingang fänden, und wirklich schien es diesmal zu
-gelingen. Er hatte eine Partitur in die Hand genommen, aus welcher er
-mit leiser Stimme vor sich hinsang; der Doktor benützte diese ruhigere
-Stimmung und fing an, ihm das Leben der Sängerin zu erzählen. Anfangs
-schien der Kapellmeister nicht darauf zu achten; er las emsig in seiner
-Partitur und tat, als sei außer ihm niemand im Zimmer; nach und nach
-aber wurde er aufmerksamer, er hörte auf zu singen; bald hob sich
-zuweilen sein Auge über die Partitur und streifte glühend über des
-Doktors Gesicht, dann ließ er das Notenheft sinken und sah den Erzähler
-fest an; sein Interesse schien mehr und mehr zu wachsen, seine Augen
-glänzten, er rückte näher, er faßte den Arm des Mediziners, und als
-dieser seine Erzählung schloß, sprang er in großer Bewegung auf und
-rannte im Zimmer auf und nieder. »Ja,« rief er, »es liegt Wahrheit
-darin, ein Schein von Wahrheit, eine Wahrscheinlichkeit; es ist
-möglich, es könnte etwa so gewesen sein; Teufel! könnte es nicht auch
-eine Lüge sein?«
-
-»Das heißt man, glaube ich, ~decrescendo~ in Ihrer werten Kunst, Herr
-Kapellmeister; aber warum denn bei dieser Sache so von der Wahrheit bis
-zur Lüge herabsteigen? Wenn ich Ihnen nun einen Bürgen für die Wahrheit
-stellte? Maestro, wie dann?«
-
-Boloni blieb sinnend vor ihm stehen: »Ha! wer dieses könnte,
-Medizinalrat, in Gold wollte ich dich fassen, schon dieser Gedanke
-verdient, groß und königlich belohnt zu werden. Ja! wer mir Bürge wäre!
--- Es ist alles so finster -- verworrene Labyrinthe -- kein Ausgang --
-kein leitendes Gestirn!«
-
-»Wertgeschätzter Freund,« unterbrach ihn der Doktor; »ich ertappe Sie
-hier auf einer Reminiszenz aus Schillers Räubern, so in der Cottaschen
-Taschenausgabe stehet, wenn ich mich recht erinnere. Demungeachtet weiß
-ich einen solchen Bürgen, ein solches leitendes Gestirn.«
-
-»Ha! Wer mir einen solchen gäbe!« rief jener. »Er sei mein Freund, mein
-Engel, mein Gott -- ich will ihn anbeten!«
-
-»Es ist zwar in der angeführten Stelle von einem Schwert die Rede,
-womit man der Otternbrut eine brennende Wunde versetzen will;
-nichtsdestoweniger aber will ich Sie überzeugen; jener Gesandte, der
-die arme Giuseppa in seinem Hause aufnahm, logiert zufällig hier im
-Hause auf Nr. 6; belieben Sie einen Frack anzuziehen und ein Halstuch
-umzuknüpfen, so werde ich Sie zu ihm führen; er hat mir versprochen,
-Sie zu überzeugen.«
-
-Der junge Mann drückte gerührt die Hand des Arztes; doch auch jetzt
-noch konnte er ein gewisses erhabenes Pathos nicht verbergen. »Ihr wart
-mein guter Engel,« sagte er; »wie vielen Dank bin ich für diesen Wink
-Euch schuldig; ich fahre nur geschwind in meinen Frack, und sogleich
-folg' ich Euch zu dem Gesandten.«
-
-
-9.
-
-Die Aussöhnung mit dem Geliebten schien beinahe noch von größerer
-Wirkung auf die Sängerin zu sein als die kunstreichsten Tränklein
-ihres Arztes. Ihre Gesundheit besserte sich in den nächsten Tagen
-zusehends, und bald war sie so weit hergestellt, daß sie die Besuche
-ihrer teilnehmenden Freunde außer dem Bette empfangen konnte. Diese
-Wendung ihres Zustandes mochte der Direktor der Polizei abgewartet
-haben, um die Sache weiter zu verfolgen. Er war ein umsichtiger Mann,
-und der Ruf sagte von ihm, daß ihm nicht leicht einer entgehe, auf
-den er einmal sein Auge geworfen, sollte er auch hundert und mehrere
-Meilen entfernt sein. Von dem Medizinalrat war ihm die Geschichte der
-Sängerin mitgeteilt worden, er hatte sodann mit dem Baron Martinow noch
-weitere Rücksprache genommen und einiges erfahren, was ihm von großem
-Interesse schien. Der Gesandte hatte ihm nämlich gestanden, daß er von
-dem Vorfall mit der jungen Bianetti Gelegenheit genommen, das ruchlose
-Leben des Chevalier de Planto höheren Orts zu berühren. Er hatte nicht
-versäumt, hauptsächlich den Umstand, daß jenes arme Kind eigentlich
-verkauft wurde, ins rechte Licht zu setzen. Jenes berüchtigte Haus
-wurde kurze Zeit darauf von der Polizei aufgehoben, und der Baron
-schien dies hauptsächlich den Schritten, die er in der Sache getan,
-zuzuschreiben. Auch er hatte von dem Tod des Chevaliers gehört,
-glaubte aber mit dem Polizeidirektor, daß dies nur ein Kunstgriff
-gewesen sei, um sein Gewerbe sicherer fortzusetzen; denn beide hegten
-keinen Zweifel, jener Mordversuch an der Sängerin könne nur von
-diesem schrecklichen Menschen herrühren. Wie schwer war es aber, der
-Spur dieses Mörders zu folgen; die Fremden, die sich damals in B.
-aufhielten, waren, wie der Direktor versicherte, alle unverdächtig;
-nur zwei Umstände konnten zu Gewisserem führen; das Schnupftuch,
-welches sich im Zimmer der Bianetti gefunden hatte, konnte, wenn man
-irgendwo ein ähnliches sah, zur Entdeckung leiten; es war daher die
-genaueste Beschreibung davon in den Händen aller jener Nähterinnen
-und Waschfrauen, welche die Garderobe der Fremden in B. zu besorgen
-pflegten. Sodann glaubte der Direktor aus psychologischen Gründen
-annehmen zu können, daß ein zweiter Versuch auf das Leben der Sängerin
-bald folgen würde, im Falle sich nämlich der Mörder noch in der Nähe
-aufhielte.
-
-Sobald daher die Sängerin wieder bei Kräften war, begleitete der
-Direktor der Polizei den Doktor Lange, so oft er sie besuchte; es
-wurden dort manche Maßregeln besprochen, manche schienen gut, aber
-nicht wohl auszuführen, manche wurden geradehin verworfen. Giuseppa
-selbst kam endlich auf einen Gedanken, der den beiden Männern sehr
-einleuchtete. »Der Doktor,« sagte sie, »hat mir erlaubt, in der
-nächsten Woche wieder auszugehen; wenn er nichts dagegen hat, würde
-ich auf der letzten Redoute des Karnevals zuerst wieder unter den
-Leuten erscheinen; es hat etwas Anziehendes für mich, mich dort, wo
-mein Unglück eigentlich anfing, zum erstenmal zu zeigen. Wenn wir dafür
-sorgen, daß dies in B. hinlänglich bekannt wird, und wenn der Chevalier
-noch hier ist, so bin ich wie von meinem Leben überzeugt, daß er unter
-irgend einer Maske sich wieder in meine Nähe drängt. Er wird sich zwar
-hüten zu sprechen, er wird durch nichts sich verraten, aber seine
-Anschläge auf mein Leben wird er nicht ruhen lassen, und ich will ihn
-aus Tausenden erkennen. Seine Größe, seine Gestalt, vor allem seine
-Augen werden mir ihn kenntlich machen. Was meinen Sie, meine Herren?«
-
-Der Plan war nicht übel. »Ich wollte wetten,« sagte der Direktor, »wenn
-er erfährt, Sie kommen auf diesen Ball, so bleibt er nicht aus; sei es
-auch nur, um den Gegenstand seiner Rache wiederzusehen und seiner Wut
-neue Nahrung zu geben. Ich denke übrigens, Sie sollten keine Larve vors
-Gesicht nehmen, er wird Sie dann um so leichter erkennen, um so eher in
-Ihrer Nähe in seine Falle gehen; ich werde ein paar tüchtige Bursche in
-Dominos stecken und sie Ihnen zur Eskorte geben; auf ein Zeichen von
-Ihnen soll der alte Fuchs gefangen sein.«
-
-Babette, das Kammermädchen der Sängerin, war während dieses Gespräches
-ab und zu gegangen; sie hatte gehört, wie ihre Dame entschlossen sei,
-den Mörder oder seine Gehilfen ausfindig zu machen, sie glaubte es sich
-selbst schuldig zu sein, nach Kräften zu dieser Entdeckung beizutragen.
-Sie paßte daher den Direktor ab, faßte sich ein Herz und sagte, sie
-habe schon neulich den Doktor auf einen Umstand aufmerksam gemacht, der
-zur Entdeckung führen könnte, er scheine aber nicht darauf zu achten.
-
-»Kein Umstand ist bei solchen Vorfällen gering, meine liebe Kleine,«
-antwortete der Mann der Polizei; »wenn Sie irgend etwas wissen --«
-
-»Ich glaube fast, Signora ist zu diskret und will nicht recht mit der
-Sprache heraus; als sie den Stich bekam und in meinen Armen ohnmächtig
-wurde, war ihr letzter Seufzer -- Bolnau.«
-
-»Wie?« rief der Direktor entrüstet, »und das verschwieg man mir bis
-jetzt? Einen so wichtigen Umstand; haben Sie auch recht gehört, Bolnau?«
-
-»Auf meine Ehre,« sagte die Kleine und legte die Hand beteuernd auf
-das Herz. »Bolnau sagte sie und so schmerzlich, daß ich nicht anders
-glaube, als so heißt der Mörder; aber bitte, verraten Sie mich nicht!«
-
-Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er sehe so ehrlich
-aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen sei. Der Kommerzienrat
-Bolnau, und einen andern wußte er nicht in dieser Stadt, war ihm zwar
-als ein geordneter Mann bekannt, aber -- hatte man nicht Beispiele, daß
-gerade solche Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte,
-der Justiz am meisten zu schaffen machten? Konnte er nicht mit diesem
-Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte unter diesen
-Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näherte sich der breiten
-Straße, es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der Kommerzienrat sich dort
-zu ergehen pflegte; er beschloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen.
-Richtig, dort kam er die Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte
-links, er sprach alle Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte,
-wenn er weiter ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu
-sein. Er mochte etwa noch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt sein,
-als er dessen ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um und wollte
-in eine Seitenstraße einbiegen. »Ein verdächtiger, sehr verdächtiger
-Umstand!« dachte der Direktor, lief ihm nach, rief seinen Namen und
-brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat war ein Bild des Jammers; er
-brachte in hohlen Tönen ein »~Bon jour, bon jour~« hervor, er schien
-lächeln zu wollen, aber die Augen gingen ihm über, und sein Gesicht
-verzog sich krampfhaft; seine Kniee zitterten, seine Zähne schlugen
-hörbar aneinander.
-
-»Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein paar Tage nicht
-an meinem Fenster vorbeigehen sehen; Sie scheinen nicht recht wohl zu
-sein?« setzte der Direktor mit einem stechenden Blick hinzu, »Sie sind
-so blaß, fehlt Ihnen etwas?«
-
-»Nein, -- es ist nur so ein kleines Frösteln -- ich war wirklich einige
-Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.«
-
-»So? Sie waren nicht wohl?« fragte jener weiter; »das hätte ich kaum
-gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen Tagen auf der Redoute
-recht munter gesehen zu haben.«
-
-»Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich legen; ich
-bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz wiederhergestellt.«
-
-»Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute zu besuchen;
-es ist die letzte und soll sehr brillant werden; ich hoffe Sie dort zu
-sehen; bis dahin adieu! Herr Kommerzienrat.«
-
-
-10.
-
-»Werde nicht mankieren!« rief ihm der Kommerzienrat Bolnau mit
-jammervollen Mienen nach. »Der hat Verdacht!« sprach er zu sich. »Der
-weiß etwas von dem Wort der Sängerin. Zwar sie soll wiederhergestellt
-sein; aber kann nicht der Verdacht im Herzen dieses Polizisten um sich
-fressen? Kann er mich nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime
-Polizei wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten
-sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden, so wird
-es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, ich werde ein
-unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum; und doch lebte ich still
-und harmlos wie Wilhelm Tell im vierten Akt!«
-
-So sprach der unglückliche Bolnau bei sich; seine Angst vermehrte
-sich, als er über die verfängliche Frage wegen der nächsten Redoute
-nachdachte. »Er meint gewiß, ich werde mich nicht in die Nähe der
-Sängerin wagen, aus bösem Gewissen; aber ich muß hin, ich muß ihm
-diesen Verdacht benehmen! Und doch -- wird mich nicht in ihrer Nähe
-ein Zittern und Beben überfallen, gerade weil er glauben kann, ich
-werde aus Gewissensbissen und Angst zittern?« Er quälte sich ab mit
-diesen Vorstellungen, sie beschäftigten ihn tagelang, er erinnerte
-sich, daß ein berühmter Schriftsteller in einer Schrift bewiesen
-habe, daß man Angst vor der Angst haben könne, und dies schien ihm
-ganz sein Fall zu sein. Aber er fühlte, daß er sich ein Herz fassen
-und der Gefahr entgegengehen müsse. Er ließ sich vom Maskenverleiher
-den prachtvollen Anzug des Pascha von Janina holen; er zog ihn alle
-Tage an und übte sich vor einem großen Spiegel, recht unbefangen aus
-seiner Maske hervorzuschauen. Er machte sich aus seinem Schlafrocke
-eine Puppe und setzte sie auf einen Sessel: sie stellte die Sängerin
-Bianetti vor. Er ging als Pascha um sie her, näherte sich ihr und
-sprach: »Es freuet mich unendlich, Sie in so erwünschtem Wohlbefinden
-zu sehen.« Am dritten Tage konnte er seine Lektion schon ganz ohne
-Zittern sagen, daher legte er sich noch Schwereres auf. Er wollte recht
-artig und unbefangen sein und ihr einen Teller mit Bonbons und Punsch
-offerieren. Er übte sich mit einem Glas Wasser, das er auf einen Teller
-setzte. Von Anfang klirrte es schrecklich in seiner zitternden Hand;
-aber auch diese Schwachheit überwand er, ja er konnte ganz lustig dazu
-sagen: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche
-Bonbons?« Es ging trefflich; kein Sterblicher sollte ihn beben sehen.
-Ali Pascha von Janina fühlte Mut in sich, trotz seiner Angst auf die
-Redoute zu gehen.
-
-Der Medizinalrat Lange hatte es sich nicht nehmen lassen, die Genesene
-zum erstenmal wieder unter die Leute zu führen. Sie hatte es ihm gerne
-zugesagt; hatte er doch durch seine treue Pflege, durch die väterliche
-Sorgfalt, womit er sich ihrer angenommen, ein Recht auf ihre wärmste
-Dankbarkeit gewonnen. So kam er mit ihr auf die Redoute, und er schien
-sich nicht wenig auf den Platz an der Seite des schönen, interessanten
-Mädchens zu gut zu tun. Die Leute in B. sind ein sonderbares Volk. In
-den ersten Tagen hatte man von den nobelsten Salons bis hinab in die
-Bierschenken von der Sängerin Uebles gesprochen; als aber Männer von
-Gewicht sich ihrer annahmen, als angesehene Damen sich öffentlich für
-sie erklärten, drehte sich die Fahne nach dem Wind, und die B...er
-liefen, gerührt über das Schicksal des armen Kindes, in den Straßen
-umher und starben bald vor Entzücken, daß sie genesen. Als sie in den
-Saal der Redoute trat, schien alles nur auf sie, als die Königin des
-Festes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man klatschte in
-die Hände und rief bravo! als hätte sie eben die schwersten Rouladen
-zustande gebracht. Auch dem Medizinalrat fiel sein Anteil am Beifall
-zu: »Sehet, der ist's,« riefen sie, »das ist ein geschickter Mann, der
-hat sie gerettet!«
-
-Die Sängerin fühlte sich freudig bewegt von diesem Beifall der Menge;
-ja sie hätte, berauscht von dem Gemurmel der Glückwünschenden, beinahe
-vergessen, daß sie noch ein ernsterer Zweck in diesen Saal geführt
-habe; aber die vier handfesten Dominos, die ihren Schritten folgten,
-die Fragen des Doktors, ob sie der grauen Augen des Chevaliers noch
-nicht ansichtig geworden, erinnerten sie immer wieder an ihr Vorhaben.
-Ihr selbst und dem Doktor war es nicht entgangen, daß ein langer,
-hagerer Türke (man hieß in B. sein Kostüm den Ali Bassa) sich immer
-in ihre Nähe dränge; und so oft der Strom der Masken ihn wegriß, immer
-war er ihnen wieder zur Seite. Die Sängerin stieß den Doktor an und
-winkte mit den Augen nach dem Pascha hin. Er erwiderte ihren Wink und
-sagte: »Ich habe ihn schon lange bemerkt.« Der Pascha näherte sich mit
-ungewissen Schritten; die Sängerin klammerte sich fester an Langes
-Arm; er war jetzt ganz nahe, starre, graue Aeuglein guckten aus der
-Maske, und eine hohle Stimme sprach zu ihr: »Es freut mich unendlich,
-wertgeschätzte Mamsell, Sie in so erwünschtem Wohlsein zu sehen.« Die
-Sängerin wandte sich erschreckt ab und schien zu zittern; auch die
-Maske fuhr bei diesem Anblick bebend zurück und verschwand unter der
-Menge. »Ist er es?« rief der Medizinalrat; »fassen Sie sich doch; es
-gilt hier, ruhig und mit Umsicht zu handeln; glauben Sie, er ist es?«
--- »Noch weiß ich es nicht gewiß,« entgegnete sie; »aber ich glaube,
-seine Augen zu erkennen.«
-
-Der Medizinalrat gab den vier Dominos die Weisung, recht genau auf
-diesen Pascha acht zu geben, und ging mit der Dame weiter. Aber kaum
-hatte er einige Gänge durch den Saal gemacht, so erschien der Türke
-wieder; doch hielt er sich mehr in der Entfernung, als beobachte er die
-Sängerin.
-
-Der Doktor trat mit seiner Dame an ein Büfett, um ihr auf den gehabten
-Schrecken eine Tasse Tee zu verordnen; er sah sich um -- auch hier
-wieder der Türke. Und siehe da, jetzt hatte er auf einem Tellerlein
-ein Glas Punsch und einige Bonbons; er nähert sich der Sängerin, seine
-Augen funkeln, das Glas hüpft und klappert in seltsamen Klängen auf dem
-zitternden Teller; er ist an ihrer Seite, er bietet ihr den Teller und
-sagt: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche
-Bonbons?« Die Sängerin sah ihn starr an, sie erbleichte, sie stieß den
-Teller zurück und rief: »Ha! der Schreckliche! Er ist's, er ist's, er
-will mich vergiften!«
-
-Der Pascha von Janina stand stumm und regungslos, er schien jeden
-Gedanken an Verteidigung aufzugeben; willenlos ließ er sich von den
-vier handfesten Dominos hinwegführen.
-
-Beinahe in demselben Augenblick wurde der Doktor heftig an seinem
-schwarzen Mantel gezogen; er sah sich um, jener kleine verwachsene
-Lohnlakai aus dem Hotel de Portugal stand vor ihm, bleich und
-von Schrecken entstellt: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr
-Medizinalrat, kommen Sie doch gefälligst mit mir auf Nr. 53, eben will
-der Teufel den französischen Herrn holen.«
-
-»Was schwatzt Er da?« sagte der Doktor unwillig und wollte ihn auf die
-Seite schieben, um dem Gefangenen auf die Polizeidirektion zu folgen;
-»was geht es mich an, wenn ihn der Satan zu sich nimmt?«
-
-»Aber ich bitte Sie,« rief der Kleine beinahe heulend, »er kann
-vielleicht doch gerettet werden; Hochdieselben sind ja Stadtphysikus
-allhier und verpflichtet, zu den Fremden in den Hotellern zu kommen.«
-
-Der Medizinalrat unterdrückte einen Fluch, der ihm auf der Zunge
-schwebte; er sah, daß er diesem unangenehmen Gang nicht ausweichen
-könne, er winkte den Kapellmeister Boloni herbei, übergab ihm die
-Sängerin und eilte mit dem kleinen Menschen nach dem Hotel de Portugal.
-
-
-11.
-
-Es war still und öde in diesem großen Gasthof, Mitternacht war beinahe
-schon vorüber, die Lampen in den Gängen und Treppen brannten düster
-und trübe; es war dem Medizinalrat unheimlich zu Mut, als er zu dem
-einsamen Kranken hinanstieg. Der Lakai schloß die Türe auf, der Doktor
-trat ein, wäre aber beinahe wieder zurückgesunken. Denn ein Wesen, das
-seit einigen Tagen unablässig seine Phantasie im Wachen und im Schlafe
-beschäftigt hatte, saß hier wirklich und verkörpert im Bette. Es war
-ein großer, hagerer, ältlicher Mann, er hatte eine spitzig aufstehende,
-wollene Schlafmütze tief in die Stirne gezogen, seine enge Brust, seine
-langen, dünnen Arme waren mit Flanell überkleidet, unter der Mütze
-ragte eine große, spitzige Nase aus einem mageren braungelben Gesicht
-hervor, das man schon tot und erstorben geglaubt hätte, wären es nicht
-ein Paar graue, stechende Augen gewesen, die ihm noch etwas Leben und
-einen schrecklichen, grauenerregenden Ausdruck gaben. Seine langen,
-dünnen Finger, die mit den hageren Gelenken weit aus den Aermeln
-hervorragten, hatte er zusammengekrümmt, er kratzte mit heiserem,
-wahnsinnigen Lachen auf der Bettdecke.
-
-»Schaut! er kratzt sich schon sein Grab!« flüsterte der kleine Mensch
-und weckte damit den Doktor aus seinem Hinstarren auf den Kranken. So,
-gerade so, hatte sich dieser den Chevalier de Planto gedacht, dieses
-tückische, graue Auge, diese unheilverkündenden Züge, diese dürre,
-gespensterhafte Figur -- es war hier alles, was die Sängerin von jenem
-schrecklichen Manne gesagt hatte. Doch er besann sich, kam er denn
-nicht jetzt eben von der Verhaftung jenes Chevaliers? Konnte nicht
-ein anderer Mann auch graue Augen haben? War es zu verwundern, daß
-ein Kranker abgefallen und bleich war? Der Doktor lachte sich selbst
-aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er diese Gedanken
-hinwegwischen, und trat an das Bett. -- Doch noch nie hatte er in so
-langen Jahren am Bette eines Kranken Grauen und Furcht gefühlt -- hier,
-es war ihm unerklärlich, hier befiel ihn eine Beengung, ein Schauer,
-den er umsonst abzuschütteln suchte, und er fuhr unwillkürlich zurück,
-als er die feuchte, kalte Hand in der seinigen fühlte, als er lange
-umsonst nach einem Puls suchte.
-
-»Der dumme Kerl,« rief der Kranke mit heiserer Stimme, indem er bald
-Französisch, bald schlechtes Italienisch und gebrochenes Deutsch
-untereinanderwarf, »der dumme kleine Kerl hat mir, glaube ich, einen
-Doktor gebracht. Sie werden mir verzeihen, ich habe nie viel von Ihrer
-Kunst gehalten. Das einzige, was mich heilen kann, sind die Bäder
-von Genua; ich habe der Bête schon befohlen, daß er mir Postpferde
-bestellt; ich werde heute nacht noch abfahren.«
-
-»Freilich wird er abfahren,« murmelte der kleine Mensch; »aber mit
-sechs kohlschwarzen Rappen, und nicht nach Genua, wo der selige Fiesco
-ertrunken, sondern dahin, wo Heulen und Zähneklappern.«
-
-Der Doktor sah, daß hier wenig zu machen sei; er glaubte die Vorzeichen
-des nahen Todes in den Augen, in den unruhigen Bewegungen des Kranken
-zu lesen, selbst jene Sehnsucht zu reisen und hinaus ins Weite zu
-kommen, war schon oft der Vorbote eines schnellen Endes gewesen. Er
-riet ihm daher, sich ruhig niederzulegen, und versprach ihm, einen
-kühlen Trank zu bereiten.
-
-Der Kranke lachte grimmig. »Liegen, ruhig liegen?« antwortete er.
-»Wenn ich liege, höre ich auf zu atmen; ich muß sitzen, im Wagen muß
-ich sitzen, fort, weit fort! -- Was sagt der kleine Mensch? Hat er die
-Pferde bestellt? Kleiner Hund, hast du mein Gepäck in Ordnung?«
-
-»Ach, Herr und Vater!« krächzte der Kleine, »jetzt denkt er an sein
-Gepäck; ja einen schweren Pack Sünden nimmt er mit, der Unmensch. Es
-ist nicht an den Himmel zu malen, was er geflucht und gotteslästerliche
-Reden geführt hat.«
-
-Der Medizinalrat faßte noch einmal die Hand des Kranken. »Fassen
-Sie Vertrauen zu mir,« sagte er, »vielleicht kann Ihnen die Kunst
-doch noch nützen; Ihr Diener sagt mir, es sei Ihnen eine Schußwunde
-wieder aufgegangen; lassen Sie mich untersuchen.« Murrend bequemte
-sich der Kranke dazu, er deutete auf seine Brust. Der Arzt nahm einen
-schlechtgemachten Verband weg, er fand -- eine Stichwunde nahe am
-Herzen. -- Sonderbar! es war dieselbe Größe, derselbe Ort, wie die
-Wunde der Sängerin.
-
-»Das ist eine frische Wunde, ein Stich!« rief der Doktor und sah den
-Kranken mißtrauisch an. »Woher haben Sie diese Wunde?«
-
-»Sie glauben wohl, ich habe mich geschlagen? Nein, beim Teufel! Ich
-hatte ein Messer in der Brusttasche, fiel eine Treppe herab und habe
-mich ein wenig geritzt.«
-
-»Ein wenig geritzt!« dachte Lange; »und doch wird er an dieser Wunde
-sterben.«
-
-Er hatte indessen Limonade bereitet und bot sie dem Kranken; dieser
-führte sie mit unsicherer Hand zum Munde, sie schien ihn zu erquicken;
-er war einige Momente still und ruhig; doch, als er sah, daß er einige
-Tropfen auf die Decke gegossen hatte, fing er an zu fluchen und
-verlangte ein Schnupftuch. Der Lakai flog zu einem Koffer, schloß auf
-und brachte ein Tuch heraus -- der Doktor sah hin, eine schreckliche
-Ahnung stieg in ihm auf -- er sah wieder hin, es war dieselbe Farbe,
-derselbe Stoff, es war das Tuch, das man bei der Sängerin gefunden.
-Der kleine Mensch wollte es dem Kranken überreichen; er stieß es
-zurück: »Gehe zu allen Teufeln, du Tier! Wie oft muß ich es sagen, ~Eau
-d'héliotrope~ darauf!« Der Diener holte eine kleine Flasche hervor und
-besprengte das Tuch; ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer
--- es war dasselbe Parfüm, das jenes gefundene Tuch an sich getragen.
-
-Der Medizinalrat bebte an allen Gliedern; es war kein Zweifel mehr, er
-hatte hier den Mörder der Sängerin Bianetti, den Chevalier de Planto
-vor sich. Es war ein Hilfloser, ein Kranker, ein Sterbender, der hier
-im Bette saß, aber dem Doktor war es, als könne er alle Augenblicke aus
-dem Bette fahren und nach seiner Kehle greifen, er ergriff seinen Hut,
-es trieb ihn fort aus der Nähe des Schrecklichen.
-
-Der kleine Lakai packte ihn am Rock, als er ihn gehen sah. »Ach,
-Wohledler!« stöhnte er, »Sie werden mich doch nicht bei ihm allein
-lassen wollen? Ich halte es nicht aus, wenn er jetzt stürbe und dann
-sogleich als flanellenes Gespenst mit der Zipfelmütze auf dem Schädel
-im Zimmer auf und ab spazierte! Um Gottes Barmherzigkeit willen,
-verlassen Sie mich nicht!«
-
-Der Kranke grinste fürchterlich und lachte und fluchte untereinander,
-er schien dem Kleinen zu Hilfe kommen zu wollen, er streckte ein
-langes, dürres Bein aus dem Bette, er krallte die dünnen Finger nach
-dem Doktor. Doch dieser hielt es nicht mehr aus; der Wahnsinn schien
-ihn anzustecken, er warf den Kleinen zurück und floh aus dem Zimmer;
-noch auf den untersten Treppen hörte er das gräßliche Lachen des
-Mörders.
-
-
-12.
-
-Am Morgen nach dieser Nacht fuhr ein hübscher Stadtwagen vor dem
-Hotel de Portugal vor; es stiegen drei Personen, eine verschleierte
-Dame und zwei ältliche Herren, heraus und stiegen die Treppe hinan.
-»Ist der Herr Oberjustiz-Referendarius Pfälle schon oben?« fragte der
-eine dieser Herren den Kellner, der sie hinaufführte. Dieser bejahte,
-und der Herr fuhr fort: »Und doch ist es eine sonderbare Fügung des
-Schicksals, daß er die Treppe hinabstürzt und sich selbst den Dolch
-in die Brust stößt, daß er sich selbst verhindert, zu entfliehen, daß
-gerade Sie, Lange, zu ihm beschieden werden!«
-
-»Gewiß,« sagte die verschleierte Dame, »finden Sie aber nicht auch ein
-eigentümliches Verhängnis in diesen Schnupftüchern? Das eine mußte er
-bei mir liegen lassen, welcher Zufall! das andere muß er gerade in dem
-Augenblick verlangen, wo der Doktor noch bei ihm ist.«
-
-»Es mußte so gehen,« erwiderte der zweite Herr, »man kann nichts sagen,
-als es mußte so kommen. Aber in diesem Strudel hätte ich beinahe etwas
-vergessen; sagen Sie, was ist es denn mit dem Pascha von Janina?
-Signora mußte sich offenbar getäuscht haben. Sie haben ihn wieder auf
-freien Fuß gesetzt? Wer war der arme Teufel?«
-
-»Mit nichten und im Gegenteil,« sprach der erstere, »ich habe mich
-überzeugt, daß es ein Mitschuldiger des Chevaliers ist, dem ich schon
-lange auf der Spur bin. Ich habe ihn schon hieher bringen lassen, er
-wird mit dem Mörder konfrontiert werden.«
-
-»Nicht möglich!« rief die Dame; »ein Mitschuldiger?«
-
-»Ja! ja!« sagte der Herr mit schlauem Lächeln, »ich weiß allerlei, wenn
-man mir es auch nicht angibt. Aber gottlob, wir sind oben, hier ist
-ja gleich Nr. 53. Mademoiselle, haben Sie die Güte, einstweilen hier
-auf 54 einzutreten; der Kapellmeister hat es erlaubt und wird Sie nicht
-hinauswerfen; dafür wollte ich stehen. Wenn das Verhör an Sie kommt,
-werde ich Sie rufen.«
-
-Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß diese drei Personen die Sängerin,
-der Doktor und der Direktor waren; sie kamen, um den Chevalier de
-Planto eines Mordversuchs anzuklagen. Der Direktor und der Medizinalrat
-traten ein; der Kranke saß noch ebenso im Bette, wie ihn der Doktor
-in der Nacht gesehen; nur schienen beim Tageslicht seine Züge noch
-krasser, der Ausdruck seiner Augen, die schon zu erstarren anfingen,
-noch schauerlicher. Er sah bald den Doktor, bald den Direktor mit
-seelenlosen Blicken an, dann schien er nachzusinnen, was hier in seinem
-Zimmer vorgehe, denn der Referendarius Pfälle, ein kurzer, junger Mann
-mit roten Wangen und kleinen Aeuglein hatte sich einen Tisch zurecht
-gestellt, einen Stoß Papier vor sich hingelegt und hielt eine lange
-Schwanenfeder in der Rechten, um zu protokollieren.
-
-»Bête, was wollen diese Herren?« rief der Kranke mit schwacher Stimme
-dem kleinen Lakaien zu. »Du weißt ja, ich nehme keine Besuche an.«
-
-Der Direktor trat dicht vor ihn hin, sah ihn fest an und sagte mit
-Nachdruck: »Chevalier de Planto!«
-
-»~Qui vive?~« schrie der Kranke und fuhr mit der Rechten an die
-Schlafmütze, als wolle er militärisch salutieren.
-
-»Mein Herr, Sie sind der Chevalier de Planto?« fuhr jener fort.
-
-Die grauen Augen fingen an zu glänzen, er warf stechende Blicke auf den
-Direktor und den Referendär, schüttelte mit höhnischer Miene den Kopf
-und antwortete: »Der Chevalier ist längst tot.«
-
-»So? Wer sind denn Sie? Antworten Sie; ich frage im Namen des Königs.«
-
-Der Kranke lachte: »Ich nenne mich Lorier; Bête, gib dem Herrn meine
-Pässe!«
-
-»Ist nicht nötig; kennen Sie dies Tuch, mein Herr?«
-
-»Was werde ich es nicht kennen, Sie haben es da von meinem Stuhl
-weggenommen; wozu diese Fragen, wozu diese Szenen? Sie genieren mich,
-mein Herr!«
-
-»Belieben Sie auf Ihre linke Hand zu schauen,« sagte der Direktor;
-»dort halten Sie ja Ihr Tuch; dieses hier fand sich im Hause einer
-gewissen Giuseppa Bianetti.«
-
-Der Kranke warf einen wütenden Blick auf die Männer; er ballte seine
-Faust und knirschte mit den Zähnen; er schwieg hartnäckig, obgleich der
-Direktor seine Fragen wiederholte. Dieser gab jetzt dem Doktor einen
-Wink; er ging hinaus und erschien bald darauf mit der Sängerin, dem
-Kapellmeister Boloni und dem ...schen Gesandten in dem Zimmer.
-
-»Herr Baron von Martinow,« wandte sich der Direktor zu diesem,
-»erkennen Sie diesen Mann für denselben, den Sie in Paris als Chevalier
-de Planto kannten?«
-
-»Ich erkenne ihn für denselben,« antwortete der Baron, »und wiederhole
-meine Aussage über ihn, die ich früher zu Prototoll gab.«
-
-»Giuseppa Bianetti! erkennen Sie ihn für denselben, der Sie aus dem
-Hause Ihres Stiefvaters führte, in sein Haus nach Paris brachte, für
-denselben, den Sie eines Mordversuches beschuldigen?«
-
-Die Sängerin bebte bei dem Anblick des fürchterlichen Mannes; sie
-wollte antworten, aber er selbst ersparte ihr jedes Geständnis.
-Er richtete sich höher auf, seine wollene Mütze schien spitziger
-aufzustehen, seine Arme waren steif, er schien sie mit Mühe zu bewegen,
-aber seine Finger krallten sich krampfhaft auf und zu; seine Stimme
-schlich sich nur noch leise und heiser aus der Brust herauf, selbst
-sein Lachen und seine Flüche wurden beinahe zum Geflüster. »Kommst du,
-mich zu besuchen, Schepperl?« sagte er; »das ist schön von dir; nicht
-wahr, du weidest dich recht an meinem Anblick? Es ist mir wahrhaftig
-leid, daß ich dich nicht besser getroffen, ich hätte dir dadurch den
-Schmerz erspart, deinen Oheim vor seiner Abreise von diesen deutschen
-Tieren verhöhnt zu sehen.«
-
-»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« unterbrach ihn der Direktor. »Herr
-Referendarius Pfälle, schreiben Sie einen Verhaftungsbefehl gegen --«
-
-»Was tun Sie?« rief der Doktor, »sehen Sie denn nicht, daß ihm der Tod
-schon am Herzen ist? Er treibt es keine Viertelstunde mehr. Eilen Sie,
-wenn Sie noch etwas zu fragen haben.«
-
-Der Doktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdienern zu rufen, sie sollen
-den Gefangenen heraufbringen; der Kranke sank mehr und mehr zusammen,
-sein Auge schien stillzustehen, es hatte nur eine Richtung, nach
-der Sängerin, aber auch jetzt noch schien Wut und Ingrimm daraus
-hervorzublitzen. »Schepperl,« sprach er wieder, »du hast mich
-unglücklich gemacht, zu Grunde gerichtet, darum verdientest du den
-Tod; du hast deinen Vater zu Grunde gerichtet, sie haben ihn auf die
-Galeere geschickt, weil er dich mir um Geld verkauft hat; er hat mich
-beschworen, dich umzubringen; es tut mir leid, daß ich gezittert habe.
-Verflucht seien diese Hände, die nicht einmal mehr sicher stoßen
-konnten!« Seine greulichen Verwünschungen, die er über sich und
-Giuseppa ausstieß, wurden durch eine neue Erscheinung unterbrochen.
-Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in türkischer Kleidung; es
-war der unglückliche Ali Pascha von Janina -- der Turban bedeckte das
-jammervolle Haupt des Kommerzienrats Bolnau. Alle erstaunten über
-diesen Anblick, besonders schien der Kapellmeister sehr betreten; er
-erblaßte und errötete und wandte sein Gesicht ab. »Monsieur de Planto,«
-sprach der Direktor, »kennen Sie diesen Mann?« Der Kranke hatte die
-Augen geschlossen; er riß sie mühsam auf und sagte: »Gehet zu allen
-Teufeln, ich kenne ihn nicht.«
-
-Der Türke sah die Umstehenden mit kummervoller Miene an; »ich wußte
-wohl, daß es so kommen werde,« sprach er mit weinerlichem Tone, »es hat
-mir schon lange geahnet. Aber, Mademoiselle Bianetti, wie konnten Sie
-doch einen unschuldigen Mann so ins Unglück bringen?«
-
-»Was ist es denn mit diesem Herrn?« fragte die Sängerin; »ich kenne ihn
-nicht. Herr Direktor, was hat denn dieser getan?«
-
-»Signora,« sprach der Direktor mit tiefem Ernst, »vor den Gerichten
-gilt keine Nachsicht oder irgend eine Schonung, Sie müssen diesen Herrn
-kennen; es ist der Kommerzienrat Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat
-eingestanden, daß Sie bei dem Mord seinen Namen ausgerufen haben.«
-
-»Freilich!« klagte der Pascha, »meinen Namen genannt, unter so
-verfänglichen Umständen!«
-
-Die Sängerin erstaunte, eine tiefe Röte flog über ihr schönes Gesicht,
-sie ergriff in großer Bewegung den Kapellmeister bei der Hand; »Carlo,«
-rief sie, »jetzt gilt es zu sprechen, ich kann es nicht verschweigen;
-ja, Herr Direktor, ich werde diesen teuren Namen genannt haben, aber
-ich meinte nicht jenen Herrn, sondern --«
-
-»Mich!« rief der Kapellmeister und trat hervor. »Ich heiße, wenn es
-mein lieber Vater dort erlaubt, Karl Bolnau!«
-
-»Karl! Musikant! Amerikaner!« rief der Türke und umarmte ihn; »das ist
-das erste gescheite Wort in deinem Leben, du hast mich aus einem großen
-Jammer befreit.«
-
-»Wenn sich die Sache so verhält,« sagte der Direktor, »so sind Sie
-frei, und wir haben in dieser Sache nur mit gegenwärtigem Herrn
-Chevalier de Planto zu tun.« Er wandte sich um zu dem Bette; dort stand
-der Arzt und hielt die Hand des Mörders in der seinigen; er legte sie
-ernst und ruhig auf die Decke und drückte ihm die starren Augen zu.
-»Direktor,« sagte er, »der macht es jetzt mit einem höheren Richter
-aus.«
-
-Man verstand ihn; sie gingen aus dem Gemach des furchtbaren Toten und
-traten drüben bei dem Kapellmeister, dem glücklichen, wiedergefundenen
-Sohne des Pascha, ein; die Sängerin verbarg ihr Gesicht an der Brust
-des Geliebten, ihre Tränen strömten heftig, aber es waren die letzten,
-die sie ihrem unglücklichen Schicksal weinte; denn der Pascha ging
-lächelnd um das schöne Paar, er schien an einem großen Entschluß zu
-arbeiten; er besprach sich heimlich mit dem Medizinalrat und trat von
-diesem zu seinem Sohn und der Sängerin. »Liebste Mademoiselle,« sprach
-er, »ich habe Ihretwegen vieles ausgestanden, Sie haben meinen Namen
-so verfänglich genannt, daß ich Sie bitte, ihn mit dem Ihrigen zu
-vertauschen. Sie haben gestern meinen Teller mit Punsch verschmäht,
-werden Sie mich wieder zurückstoßen, wenn ich Ihnen gegenwärtigen Herrn
-Karl Bolnau, meinen musikalischen Sohn, präsentiere, mit der Bitte, ihn
-zu ehelichen?«
-
-Sie sagte nicht nein; sie küßte mit Freudentränen seine Hand, der
-Kapellmeister schloß sie mit Entzücken in seine Arme und schien diesmal
-sein erhabenes Pathos ganz vergessen zu haben. Der Kommerzienrat aber
-faßte des Doktors Hand: »Lange, sage Er, hätte ich denken können, daß
-es so kommen würde, als Er mir den Schrecken in alle Glieder jagte, als
-ich die Scheiben des Palais zählte und Er mir sagte: ›Ihr letztes Wort
-war Bolnau!‹«
-
-»Nun! was will Er weiter!« antwortete der Medizinalrat lächelnd; »es
-war doch gut, daß ich es Ihm damals sagte; wer weiß es, ob alles so
-gekommen wäre ohne das _letzte Wort der Sängerin_.«
-
-
-
-
-Phantasien im Bremer Ratskeller,
-
-ein Herbstgeschenk
-
-für Freunde des Weines.
-
- Den zwölf Aposteln
-
- im Ratskeller zu Bremen
-
- in dankbarer Erinnerung
-
- Im Herbst 1827. Der Verfasser.
-
- Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und jeder Mensch
- kann sich wohl einmal davon begeistern lassen.
-
- _Shakespeare._
-
-
-»Mit dem Menschen ist nicht auszukommen,« sagten sie, als sie in meinem
-Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich konnte es noch deutlich hören.
-»Jetzt will er wieder schlafen von neun Uhr an und leben wie ein
-Murmeltier; wer hätte das gedacht vor vier Jahren!«
-
-Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut verließen.
-Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten musikalischen,
-tanzenden und deklamierenden Butterbrote in der Stadt, und hatten sie
-sich nicht alle mögliche Mühe gegeben, mir, dem Landfremden, einen
-angenehmen Abend dort zu verschaffen? Aber es war wahrhaftig unmöglich;
-ich konnte nicht gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Tee besuchen,
-wo _sie_ nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich
-wußte es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von _ihr_ gehört zu
-werden; warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn und
-finsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen konnte? O
-Gott! ich wollte ja lieber, daß sie mir auf der Treppe einige Sekunden
-fluchten, als daß sie sich von neun Uhr bis ein Uhr langweilten, wenn
-sie nur mit meinem Körper sich unterhielten und bei der Seele umsonst
-anfragten, die einige Straßen weiter auf Unserer Lieben Frauen
-Kirchhof nachtwandelte.
-
-Aber das tat mir wehe, daß mich die guten Gesellen für ein Murmeltier
-hielten und dem Drang nach Schlafe zuschrieben, was aus Freude am
-Wachen geschah. O nur du, ehrlicher Hermann, wußtest es mehr zu
-würdigen! Hörte ich denn nicht, wie du unten auf dem Domhof sagtest:
-»Schlaf ist es nicht, denn seine Augen leuchten. Aber entweder hat er
-wieder zu viel oder zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch
-welchen und -- allein.«
-
-Wer verlieh dir denn diese prophetische Kraft? Oder konntest du ahnen,
-daß meine Augen wacker waren, weil sie heute nacht alten Rheinwein
-schauen sollten? Konntest du wissen, daß ich gerade heute von dem
-Patent und Erlaubnisschein, vom Rate auf meine Person ausgestellt,
-Gebrauch machen werde, um die Rose und eure zwölf Apostel zu begrüßen?
-Und überdies, war denn heute nicht mein Schalttag?
-
-Meines Erachtens ist es keine üble Gewohnheit, die ich von meinem
-Großvater angenommen, nämlich hie und da Einschnitte zu machen in den
-Baum des Jahres und sinnend dabei zu verweilen. Wenn der Mensch nur
-Neujahr und Ostern, nur Christfest oder Pfingsten feiert, so kommen ihm
-endlich diese Ruhepunkte in der Geschichte seines Lebens so alltäglich
-vor, daß er darüber hinweggleitet ohne Erinnerung. Und doch ist es gut,
-wenn die Seele, sonst immer nach außen gerichtet, auch einmal auf ein
-paar Stunden einkehrt im eigenen Gasthof ihrer Brust, sich bewirtet an
-der langen Table d'hôte der Erinnerung und nachher gewissenhaft die
-Rechnung ~ad notam~ schreibt wie Frau Hurtig dem Ritter. Der Großvater
-nannte solche Tage seine Schalttage; nicht daß er etwa ein Bankett
-veranstaltete mit seinen Freunden oder den Tag lustig und in Freuden
-lebte, in Saus und Braus; nein, er kehrte ein bei sich, und seine Seele
-schmauste in der Kammer, die sie seit fünfundsiebzig Jahren kannte.
-Noch jetzt, da er längst im kühlen Friedhof ruht, noch jetzt kann ich
-es seinem holländischen Horaz ansehen, welche Stellen er an solchen
-Tagen gelesen; noch jetzt, als wäre es gestern geschehen, sehe ich
-sein großes blaues Auge sinnend auf den vergelbten Blättern seines
-Stammbuchs weilen; und wie deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach und
-nach sich füllt, wie eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der
-gebietende Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und
-zögernd die Feder ergreift und »einem seiner Brüder, der geschieden«,
-das schwarze Kreuz unter den Namen malt.
-
-»Der Herr hält seinen Schalttag,« pflegten die Diener uns zuzuwispern,
-wenn wir Enkel laut und fröhlich wie gewöhnlich die Treppe
-hinanstürmten; »der Großvater hält seinen Schalttag,« flüsterten wir
-uns zu und glaubten nicht anders, als er beschere sich selbst den
-heiligen Christ, weil er ja doch niemand habe, der ihm den Christbaum
-anzünde. Und war es nicht so, wie wir in kindlicher Einfalt glaubten?
-Zündete er nicht den Christbaum seiner Erinnerung an, flammten nicht
-tausend flimmernde Kerzen auf, die Lieblingsstunden eines langen
-Lebens, und schien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags still
-und ruhig im Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der
-Vergangenheit?
-
-Es war sein Schalttag wieder eingetreten, als sie ihn hinaustrugen.
-Ich mußte weinen, als ich dachte, daß der alte Mann seit langer Zeit
-zum erstenmal wieder in die freie Luft komme. Sie führten ihn den Weg,
-auf dem ich so oft an seiner Seite gegangen war. Aber nicht lange, so
-beugten sie über die schwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde.
-»Nun hält er seinen rechten Schalttag,« dachte ich, »aber wundern soll
-es mich doch, wie der alte Herr wieder da heraufkommen will, denn
-sie haben doch viele Steine und Rasen auf ihn hinabgeworfen.« Er kam
-nicht wieder. Aber sein Bild blieb in meinem Gedächtnis, und als ich
-herangewachsen war, gehörte es zu meinen liebsten Beschäftigungen,
-seine feine offene Stirne, das klare Auge, den gebietenden und doch
-so freundlichen Mund mir vorzumalen. Mit seinem Bilde stiegen tausend
-Erinnerungen auf, und seine Schalttage waren mir die Lieblingsstücke in
-der langen Bildergalerie.
-
-Und ist denn heute nicht der erste September, den auch ich mir zum
-Schalttag erwählte? Und ich sollte Butterbrot verzehren in einer
-Gesellschaft und allerlei Arien absingen hören mit beigefügtem Applaus
-und Gezwitscher? Nein! Heraus mit dir, köstliches Rezept, das kein Arzt
-der Erde so köstlich mischt! Hinab zu dir, alte, wahrhaftige Apotheke,
-um »nach Vorschrift jedesmal einen _Römer_ voll zu nehmen.«
-
- * * * * *
-
-Es schlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Ratskellers
-hinabstieg; ich durfte hoffen, keinen Zecher mehr zu finden, denn
-es war Werktag bei andern Leuten, und draußen heulte der Sturm, die
-Windfahnen stimmten sonderbare Weisen an, und der Regen rauschte auf
-das Pflaster des Domhofs. Aber der Ratsdiener maß mich mit fragenden
-Blicken vom Kopf bis zum Fuß, als ich ihm die Anweisung auf einigen
-Wein darreichte.
-
-»So spät noch, und heute, in _dieser_ Nacht?« rief er.
-
-»Mir ist es vor zwölf Uhr nie zu spät,« entgegnete ich, »und nachher
-ist es wohl frühe genug am Tage.«
-
-»Aber muß es denn,« wollte er eben fragen, doch Siegel und Handschrift
-seiner Obern fiel ihm wieder ins Auge, und schweigend, aber nicht ohne
-Zögern, schritt er voraus durch die Hallen. Welch herzerquickender
-Anblick, wenn sein Windlicht über die lange Reihe der Fässer
-hinstreifte, welch sonderbare Formen und Schatten, wenn es an den
-Schwibbogen des Kellers zitterte und die Säulen im dunkeln Hintergrunde
-wie geschäftige Küper um die Fässer schwebten! Er wollte mir eines
-jener kleineren Gemächer aufschließen, wo höchstens sechs bis acht
-Freunde, eng zusammengerückt, den Becher kreisen lassen können. Doch,
-mit trauten Gesellen liebe ich ein solches heimliches Plätzchen; der
-enge Raum drängt Mann an Mann, und die Töne, die hier nicht verhallen
-können, klingen traulicher; aber allein und einsam liebe ich freiere
-Räume, wo der Gedanke, gleich den Atemzügen, sich freier ausdehnt. Ich
-wählte einen alten gewölbten Saal, den größten in diesen unterirdischen
-Räumen, zu meinem einsamen Gelage.
-
-»Erwarten Sie Gesellschaft?« fragte der Mann an meiner Seite.
-
-»Ich bin allein.«
-
-»Sie könnten ungebeten welche haben,« setzte er hinzu, indem er sich
-scheu nach den Schatten umsah, die seine Lampe warf.
-
-»Wie meint Ihr das?« fragte ich verwundert.
-
-»Ich meinte nur so,« antwortete er, indem er einige Kerzen anzündete
-und einen großen Römer vor mich hinsetzte. »Man spricht mancherlei vom
-ersten September -- der Herr Senator D. waren übrigens schon vor zwei
-Stunden da, und ich erwartete Sie nicht mehr.«
-
-»Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?«
-
-»Nein, er hieß mich nur die Proben herausnehmen.«
-
-»Welche Proben, mein Freund?«
-
-»Nun, die von den Zwölfen und der Rose;« erwiderte der alte Mann, indem
-er anfing, einige niedliche Fläschchen mit langen Papierstreifen an den
-Hälsen hervorzuziehen.
-
-»Wie!« rief ich, »man sagte mir ja, ich könnte den Wein von den Fässern
-selbst trinken!«
-
-»Ja, aber nur im Beisein eines Herrn vom Senat. Darum hieß mich der
-Herr Senator die Zungenpröbchen herausnehmen, und so will ich sie Ihnen
-einschenken, wenn's gefällig.«
-
-»Nicht einen Tropfen,« unterbrach ich ihn, »hier kein Glas voll; nein,
-das ist der echte Genuß, _vom Fasse_ zu trinken, und ist es mir nicht
-mehr möglich, so will ich doch am Fasse trinken. Kommt, Alter, nehmet
-die Proben mit, ich will das Licht tragen.«
-
-Ich stand schon einige Minuten und sah dem wunderlichen Treiben des
-alten Dieners zu. Bald stand er still, sah auf mich und räusperte sich,
-als wollt' er sprechen, bald nahm er die Proben vom Tisch und packte
-sie in seine weiten Taschen, bald nahm er sie zögernd wieder heraus, um
-sie auf den Tisch zu setzen. Es ermüdete mich; »nun, sollen wir bald
-gehen?« rief ich voll Sehnsucht nach dem Apostelkeller. »Wie lange
-wollt Ihr noch an Euren Gläschen hier aus- und einpacken?«
-
-Der ernste Ton, in welchem ich dies sagte, schien ihm Mut zu machen.
-Ziemlich bestimmt antwortete er: »Es geht nicht, -- nein! Heute geht es
-nicht mehr, Herr!«
-
-Ich glaubte hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu sehen, womit
-Hausverwalter, Kastellane oder Kellermeister dem Fremden Geld
-abzuzwacken suchen, drückte ihm ein hinlängliches Geldstück in die Hand
-und nahm ihn beim Arm, ihn fortzuziehen.
-
-»Nein, so war es nicht gemeint,« entgegnete er, indem er das Geldstück
-zurückzuschieben suchte: »so nicht, fremder Herr! Ich will es nur
-gerade heraus sagen: mich bringt man nicht mehr in den Apostelkeller in
-dieser Nacht, denn wir schreiben heute den ersten September.«
-
-»Und welche Torheit wollt Ihr daraus folgern?«
-
-»Nun, in Gottes Namen, Sie können denken davon, was Sie wollen; es ist
-dort nicht geheuer in dieser Nacht, das macht, es ist der Jahrestag der
-Rose.«
-
-Ich lachte, daß die Halle dröhnte. »Nein! In meinem Leben habe ich doch
-so manchen Spuk erzählen gehört, aber einen Weinspuk nie! Schämt Ihr
-Euch nicht mit Euren weißen Haaren, noch solches Zeug zu schwatzen?
-Doch hier ist nicht lange zu spaßen. Hier ist die Vollmacht des Senats;
-im Keller darf ich trinken heute nacht, ohne nach Zeit und Raum zu
-fragen. Darum im Namen des Rates heiß' ich Euch folgen. Schließe den
-_Keller des Bacchus_ auf.«
-
-Dies wirkte; unwillig, aber ohne etwas zu entgegnen, nahm er die Kerzen
-und winkte mir, zu folgen. Es ging zuerst wieder durch den großen
-Keller, dann durch kleinere, bis der Weg in einen engern schmalen Gang
-zusammenlief. Dumpf dröhnten unsere Schritte in diesem Hohlweg, und
-unsere Atemzüge tönten, wenn sie an den Mauern sich brachen, wie fernes
-Geflüster. Endlich standen wir vor einer Türe, die Schlüssel rasselten,
-sie gähnte ächzend auf, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe, mir
-gegenüber saß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß. Erquickender
-Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und fein dargestellt, die alten
-Bremer Künstler, nicht zierlich als einen griechischen Jüngling; sie
-hatten ihn nicht alt und trunken sich gedacht, mit gräßlichem Bauch,
-verdrehten Augen und hängender Zunge, wie ihn die gemein gewordene
-Mythe hin und wieder gotteslästerlich abkonterfeit. Schmählicher
-Anthropomorphismus; blinde Torheit des Menschen! Weil einige seiner
-im Dienste ergrauten Priester also einhergehen, weil ihnen voll guten
-Mutes der Leib anschwoll, die Nase von dem brennenden Widerscheine der
-dunkelroten Flut sich färbte, das in stummer Wonne aufwärts gerichtete
-Auge stehen blieb, -- so legten sie dem Gott bei, was seine Diener
-schmückt!
-
-Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter reitet der alte
-Knabe auf dem Faß! Das runde, blühende Gesicht, die kleinen muntern
-Weinäuglein, die so klug und neckend herabsehen, der breite, lächelnde
-Mund, der sich an mancher Kanne schon versuchte; der kurze kräftige
-Hals, das ganze Körperchen von behaglichem, gutem Leben strotzend! Ganz
-besondere Kunst hat aber der Meister, der dich geschaffen, auf Arme
-und Beinchen gelegt. Meint man nicht, dein kräftiges Aermlein werde
-sich bewegen, du werdest mit den runden Fingerchen ein Schnippchen
-schlagen, und der breite, lächelnde Mund werde sich auftun zu einem
-muntern Juheisa, heisa, he! Ist man nicht versucht zu glauben, du
-werdest im tollen Weinmut die runden Knie beugen, den Waden anlegen,
-mit dem Fersen stauchen und das alte Mutterfaß in Galopp setzen, daß
-alle Rosen, Apostel und andere gemeinere Fässer mit Hussa und Hallo dir
-nachjagen durch den Keller?
-
-»Herr des Himmels!« rief der Ratsdiener, indem er sich an mir
-festklammerte, »seht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht und mit dem
-Füßchen baumelt?«
-
-»Alter, Ihr seid verrückt!« sagte ich, einen scheuen Blick nach dem
-hölzernen Weingott werfend; »es ist der Schein der Kerzen, der an ihm
-hin und her flackert.« Dennoch war mir wunderlich zumute, ich folgte
-dem Alten aus dem Bacchuskeller. Und war es denn auch der Schein der
-Kerzen, war es auch Täuschung, als ich mich umsah? Nickte er mir nicht
-mit dem runden Köpfchen, streckte er mir nicht das eine seiner Beinchen
-nach und schüttelte und krümmte sich vor heimlichem Lachen? Ich rannte
-unwillkürlich dem Alten nach und schloß mich dicht hinter ihm an.
-
-»Jetzt zu den zwölf Aposteln,« sprach ich zu ihm, »wie sollen uns dort
-die Proben munden!«
-
-Er antwortete nichts; kopfschüttelnd ging er weiter. Man steigt
-vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kellerlein, zum
-unterirdischen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit, wo die _Zwölfe_
-hausen. Was seid ihr, Trauergewölbe und Grüfte alter Königshäuser,
-gegen _diese_ Katakomben! Pflanzet Särge neben Särge, rühmet auf
-schwarzem Marmor die Verdienste des Mannes, der hier einer »fröhlichen
-Urständ« entgegenschläft, stellt einen schwatzhaften Cicerone an,
-in Trauermantel und florumhängtem Hute, laßt ihn die absonderliche
-Herrlichkeit dieses oder jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen von
-den trefflichen Tugenden eines Prinzen, der in der Bataille so und so
-gefallen, von der holden Schönheit einer Fürstin, auf deren Sarge die
-jungfräuliche Myrte sich um die kaum erblühte Rosenknospe schlingt --
-es wird euch an die Sterblichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine
-Träne kosten; aber kann es euch also rühren, wie der Anblick dieser
-Schlafkammer eines Jahrhunderts, dieser Ruhestätte eines herrlichen
-Geschlechtes? Da liegen sie in ihren dunkelbraunen Särgen, schmucklos,
-ohne Glanz und Flitter. Kein Marmor rühmt ihr stilles Verdienst, ihre
-anspruchlose Tugend, ihren vortrefflichen Charakter; aber welcher Mann
-von einigem Gefühl für Tugenden dieser Art fühlt sich nicht innig
-bewegt, wenn der alte Ratsdiener, dieser Aufwärter in den Katakomben,
-dieser Küster der unterirdischen Kirche, die Kerzen auf die Särge
-stellt, wenn dann das Licht auf die erhabenen Namen der großen Toten
-fällt! Wie regierende Häupter führen auch sie keine langen Titel und
-Zunamen; einfach und groß stehen die Namen auf ihren braunen Särgen
-geschrieben. Dort Andreas, hier Johannes, in jener Ecke Judas, in
-dieser Petrus. Wen rührt es nicht, wenn er dann hört: dort liegt der
-Edle von Nierenstein, geboren 1718, hier der von Rüdesheim, geboren
-1726. Rechts Paulus, links Jakob, der gute Jakob!
-
-Und ihre Verdienste? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht, wie er eingießt
-in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut des Apostels mir
-darreicht? Gleich dunkelrotem Golde blinkt es im Glase. Als ihn die
-Sonne aufzog auf den Hügeln von St. Johannes, da war er blond und
-helle; ein _Jahrhundert_ hat ihn gefärbt. Welche Würze des Geruches!
-Welche Namen leg' ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer
-aufsteigt? Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen in
-den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, besprengt mit Ambra diese
-kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen auf -- mischet
-aus ihnen alle die feinsten Düfte, wie die Biene ihren Honig aus den
-Blüten saugt, wie schlecht, wie gemein, wie unwürdig gegen die zarte
-Blume deines Kelches, mein Bingen und Laubenheim, gegen deine Düfte
-Johannes und Nierenstein von 1718!
-
-»Ihr schüttelt den Kopf, Alter? Tadelt Ihr meine Freude an Euren alten
-Gesellen? Da, nimm diesen Römer, alter Mensch, trink auf das Wohlsein
-dieser Zwölfe! Komm, stoß an, sie sollen leben!«
-
-»Gott soll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in _dieser_
-Nacht,« erwiderte er; »man soll mit dem Teufel kein Spiel treiben. Aber
-wenn Ihr sie alle durchgekostet, wollen wir weiter gehen. Mir graut in
-diesem Keller.«
-
-»Gute Nacht denn, ihr alten Herren vom Rheine, gute Nacht und
-herzlichen Dank für euer Labsal. Und wenn ich dir, mein ernster
-feuriger Judas, wenn ich dir, mein sanfter lieblicher Andreas, dir,
-mein Johannes, dienen kann, so kommt, kommt zu mir.«
-
-»Herr des Himmels!« unterbrach mich der Alte und schlug die Türe zu und
-drehte hastig die Schlüssel um, »seid Ihr von den paar Tropfen schon
-betrunken, daß Ihr den Teufel heraufschwört? Wißt Ihr denn nicht, daß
-die Weingeister aufstehen diese Nacht und einander besuchen, wie immer
-am ersten September? Und sollt' ich meinen Dienst verlieren, ich laufe
-davon, wenn Ihr noch solche Worte sprecht. Noch ist es nicht zwölf
-Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblick einer aus dem Faß kriechen
-mit greulichem Gesicht und uns zu Tode schrecken?«
-
-»Alter, du faselst! Doch sei ruhig, ich will kein Wort mehr sprechen,
-daß deine Weingespenster nicht wach werden. Doch jetzt führe mich
-zur Rose.« Wir gingen weiter, wir traten ein in das Gewölbe, in das
-Rosengärtlein von Bremen. Da lag sie, die alte Rose, groß, ungeheuer,
-mit einer Art von gebietender Hoheit. Welch ungeheures Faß! und
-jeder Römer ein Stück Goldes wert! Anno 1615! Wo sind die Hände, die
-dich pflanzten! Wo die Augen, die sich an deiner Blüte erfreuten,
-wo die fröhlichen Menschen alle, die dir zujauchzten, edle Traube,
-als man dich abschnitt auf den Höhen des Rheingaus, als man deine
-Hüllen abstreifte und du als goldener Born in die Kufe strömtest?
-Sie sind dahin, wie die Wellen des Stromes, der an deinem Rebenhügel
-hinabzog. Wo sind sie, jene alten Herren der Hansa, jene würdigen
-Senatoren dieser alten Stadt, die dich pflückten, duftende Rose, dich
-verpflanzten in diese kühlen Räume zum Labsal ihrer Enkel? Gehet hinaus
-auf Angarii Friedhof, gehet hinauf zur Kirche Unserer Lieben Frauen
-und gießet Wein auf ihre Grabsteine! Sie sind hinunter, und zwei
-Jahrhunderte mit ihnen!
-
-»Nun auf euer Wohlsein, alte Herren von Anno 1615, und auf das Wohl
-eurer würdigen Enkel, die so gastfreundlich dem Fremdling die Hand und
-dieses Labsal boten!«
-
-»So! Und jetzt gute Nacht, Frau Rose!« setzte der alte Diener
-freundlicher hinzu, indem er sein Körbchen zusammenräumte. »Jetzt gute
-Nacht und Gott befohlen; hier heraus, nicht dort um die Ecke, hier
-heraus geht der Weg aus dem Keller, wertgeschätzter Herr. Kommt, stoßet
-Euch nicht hier an die Fässer, ich will Euch leuchten.«
-
-»Mit nichten, Alter,« erwiderte ich, »jetzt geht das Leben erst
-recht an. Das alles war nur der Vorschmack. Gib mir Zweiundzwanz'ger
-Ausstich, so etwa zwei bis drei Flaschen in das große Gemach dort
-hinten. Ich hab' ihn grünen sehen diesen Wein und war dabei, als sie
-ihn kelterten; hab' ich das Alter bewundert, so muß ich _meiner_ Zeit
-nicht minder ihr Recht antun.«
-
-Er stand da mit weit geöffneten Augen, der Jammermensch; er schien
-seinen Ohren nicht zu trauen. »Herr,« sprach er dann feierlich,
-»sprechet nicht solch gottlosen Scherz. Heute nacht wird nun und
-nimmermehr was daraus; ich bleibe um keine Seligkeit.«
-
-»Und wer sagt denn, daß du bleiben sollst? Dort setze den Wein hinein
-und dann mache in Gottes Namen, daß du fortkommst; ich will nun
-einmal diese Gedächtnisnacht hier feiern und habe mir deinen Keller
-ausersehen; dich habe ich nicht vonnöten.«
-
-»Aber ich darf Euch nicht allein im Keller lassen,« entgegnete er; »ich
-weiß wohl, nehmt mir nicht ungütig, daß Ihr den Keller nicht bestehlet,
-aber es ist einmal gegen die Ordnung.«
-
-»Nun, so schließe mich ein in jenes Gemach; hänge ein Schloß davor, so
-schwer als du willst, daß ich nimmer heraus kann, und morgen früh um
-sechs Uhr kannst du mich aufwecken und dein Schlafgeld holen.«
-
-Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst;
-er setzte endlich drei Flaschen und neue Kerzen vor mich hin, wischte
-den Römer aus, schenkte mir den Zweiundwanziger Ausstich ein und
-wünschte mir, wie es schien, mit schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig
-schloß er auch die Türe zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr
-aus zärtlicher Angst für mich als aus Vorliebe für seinen Keller noch
-ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb zwölf. Ich hörte
-ihn ein Gebet sprechen und davoneilen. Seine Schritte hallten immer
-ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Außentor des Kellers
-zuschlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen.
-
-So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schoße der
-Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier
-unten, rings um mich her, schlummern sie in ihren Särgen, die Geister
-des Weines. Ob sie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen und
-der fernen Berge, der Heimat gedenken, wo sie groß wurden, und des
-Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein
-Wiegenlied murmelte?
-
-Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch
-aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeuglein
-öffnetet zum erstenmal und hinabschautet ins herrliche Rheingau? Und
-als der Mai einzog in sein deutsches Paradies, gedenket ihr noch, wie
-euch die Mutter antat mit grünen Kleidchen von Laubwerk und wie der
-alte Vater baß sich dessen freute, herauflugte aus seinem grünen Bette
-und euch zuwinkte und munter rauschte am _Lurlei_?
-
-Und gedenkst denn auch du der Rosentage deiner Jugend, o Seele, der
-sanften Rebenhügel der Heimat, des blauen Stromes und der blühenden
-Täler des Schwabenlandes? O Wonnezeit voll holder Träume! Wie reich
-bist du behängt mit Bilderbüchern, Christbäumen, Mutterliebe,
-Osterwochen und Ostereiern, mit Blumen und Vögeln, Armeen aus Blei und
-Papier und den ersten Höschen und Kollettchen, in welche sich deine
-kleine sterbliche Hülle, stolz auf ihre Größe, kleiden ließ. Und wie
-dich der selige Vater auf den Knieen schaukelte, und dir der Großvater
-gerne das lange Meerrohr mit dem goldenen Knopf abtrat, um es dir als
-Reitpferd zu leihen!
-
-Und rücke mit dem nächsten Glase um einige Jahre vorwärts! Erinnerst
-du dich des Morgens, als sie dich hineinführten zu einem wohlbekannten
-Mann, dessen Gesicht so blaß geworden war, dessen Hand du weinend
-küßtest, weinend, ohne zu wissen warum? Denn konntest du glauben, daß
-die harten Männer, die ihn in einen Schrank legten und mit schwarzen
-Tüchern zudeckten, konntest du glauben, daß sie ihn nicht mehr
-zurückbringen würden? Sei ruhig, auch er schlummert nur ein Weilchen.
--- Und gedenkst du des geheimnisvollen Freudenlebens in Großvaters
-Büchersaal? Ach, damals kanntest du noch keine Bücher als den schnöden
-kleinen Bröder, deinen ärgsten Feind, wußtest nicht, daß jene Folianten
-noch zu etwas anderem in Leder gebunden seien, als um Hütten und Ställe
-daraus zu erbauen für dich und dein Vieh!
-
-Gedenkst du noch des Frevels, wie roh du mit der deutschen Literatur in
-kleinerem Format umgingst? Hast du nicht deinem Bruder den Lessing an
-den Kopf geworfen, wofür er dich freilich mit Sophiens Reisen von Memel
-nach Sachsen erbärmlich zudeckte? Damals dachtest du freilich nicht
-daran, daß du einst selbst Bücher machen werdest!
-
-Tauchet auch ihr auf, aus dem Nebel verschwundener Jahre, ihr Mauern
-des alten Schlosses. Wie oft dienten deine halbverfallenen Gänge,
-deine Keller, deine Zwinger, deine Verließe der fröhlichen Schar
-zum Tummelplatz ihrer Spiele! Soldaten und Räuber, Nomaden und
-Karawanen! Wie wohl war uns oft in der untergeordneten Rolle eines
-Kosaken, während andere -- Generale, Platows, Blüchers, Napoleone
-und dergleichen vorstellten und sich prügelten? Ja, waren wir nicht
-zuzeiten sogar ein Pferd, dem Freunde zu Gefallen? O Himmel, wie schön
-ließ es sich dort spielen!
-
-Wo sind sie hin, die Gespielen deiner Kindheit, die Genossen jener
-goldenen Tage, wo kein Rang, kein Stand, kein Ansehen gilt. Grafen
-und Barone machen jetzt wohl die große Tour oder dienen an Höfen als
-Kammerherren. Arme Teufel pilgern als Handwerksbursche durchs Reich,
-den schweren Bündel auf dem Rücken, ohne Schuhe an den Füßen, haschen
-nach Pfennigen aus dem Kutschenschlag, die sie mit dem vom Regen
-gebräunten Hut künstlich aufzufassen wissen. Und die Liebe drückt sie
-oft noch schwerer als das Bündel auf dem Rücken. Andere Kameraden,
-Seelen, die sich in der Schule durch geordneten Fleiß in Humanioribus
-hervorgetan, sitzen jetzt schon auf einer Pfarre, im Schlaf- oder
-Chorrock bei der Frau Liebsten. Andere sind Amtleute, wieder andere
-Apotheker, einige Referendäre und dergleichen, und nur wir beide,
-ausschweifend aus dem gewöhnlichen Gang der Dinge, sitzen hier im
-Bremer Ratskeller und tun uns gütlich im Weine. Und was sind denn wir
-Absonderliches geworden? Doktor? Das kann jeder werden, der vernünftig
-genug ist, eine Dissertation zu schreiben.
-
-Doch ich trinke das vierte Glas, Seele. Das vierte! Fühlst du nicht
-einen gewissen Nexus zwischen dem Wein und der Zunge? Zwischen der
-Zunge und dem Gaumen? Hier, behaupte ich, ist ein Scheideweg und daran
-ein Wegezeiger aufgestellt. Nämlich auf der einen Seite steht: »_Weg
-nach dem Magen._« Eine breite fahrbare Straße. Es geht so schnell,
-so glitschend bergab! Daher auch der gemeinere Stoff gewöhnlich
-diesen Weg nimmt. Der andere Arm des Zeigers heißt: »_In den Kopf._«
-Dahin ziehen die Geister, die sich schon im Faß lange genug bei dem
-schnöden gemeineren Stoff gelangweilt haben, und jetzt, da sie freien
-Lauf nehmen können, schielen sie nach dem Wegezeiger rechts hinauf.
-Während die Masse links hinabströmt, steigen sie aufwärts und finden
-sich im Wirtshaus zur Zirbeldrüse wieder zusammen. Es sind friedliche,
-verständige Leute, diese Geister. Sie erhellen dein Haus, o Seele,
-solang ihrer vier oder fünf beisammen sind, nachher möchte ich wohl für
-nichts stehen, denn sie raufen sich dann und treiben allerhand Unfug im
-Gehirn.
-
-Wie schön ist die vierte Lebensperiode, die wir mit dem vierten Glase
-beginnen wollen! Du bist vierzehn Jahre alt, o Seele! Aber was ist
-mit dir vorgegangen in der kurzen Zeit? Du spielst keine Knabenspiele
-mehr, Soldaten und alles dieses Gezeuge liegt hinter dir, und du
-scheinst mir viel zu lesen. Du bist hinter Goethe und Schiller geraten
-und verschlingst sie, ohne alles zu verstehen. Oder wie? Du verstehst
-_jetzt schon_ alles? Du willst meinen, du könntest Liebe verstehen,
-weil du im letzten Sonntagsklub Elvire hinter der Kommode im Dunkeln
-geküßt und Emmas Zärtlichkeit zurückgewiesen hast? Barbar! Ahnest du
-nicht, daß dieses dreizehnjährige Herz auch den Werther und sogar etwas
-von Clauren gelesen haben kann und Liebe für dich fühlt? Aber die
-Szene ändert sich. Sei mir gegrüßt, du Felsental der Alb! Du blauer
-Strom, an welchem ich drei lange Jahre hauste, die Jahre lebte, die den
-Knaben zum Jüngling machen. Sei mir gegrüßt, du klösterliches Dach,
-du Kreuzgang mit den Bildern verstorbener Aebte, du Kirche mit dem
-wundervollen Hochaltar, ihr Bilder alle in schönes Gold des Morgenrotes
-getaucht! Seid mir gegrüßt, ihr Schlösser auf den Felsen, ihr Höhlen,
-ihr Täler, ihr grünen Wälder! Jene Täler, jene Klostermauern waren
-das enge Nest, das uns aufzog, bis wir flügge waren, und ihrer rauhen
-Albluft danken wir es, daß wir nicht verweichlichten.
-
-Ich komme ans fünfte Glas ins fünfte Säkulum unseres Lebens. Ich
-schlürfe euch ein, liebliche Erinnerungen, wie ich dies Glas edlen
-Rheinweins schlürfe. Ihr duftet auf in herrlicher Schöne, Jahre meiner
-Jugend, wie das Aroma aufsteigt aus dem Römer. Mein Auge wird wacker,
-o Seele, denn sie sind um mich, die Freunde meiner Jugend! Wie soll
-ich dich nennen, du hohes, edles, rohes, barbarisches, liebliches,
-unharmonisches, gesangvolles, zurückstoßendes und doch so mild
-erquickendes Leben der Burschenjahre? Wie soll ich euch beschreiben,
-ihr goldenen Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? Welche Töne
-soll ich euch geben, um mich verständlich zu machen? Welche Farben
-dir, du nie begriffenes Chaos! Ich soll dich beschreiben? Nie! Deine
-lächerliche Außenseite liegt offen, die sieht der Laie, die kann man
-ihm beschreiben, aber deinen innern, lieblichen Schmelz kennt nur
-der Bergmann, der singend mit seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen
-Schacht. Gold bringt er herauf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig,
-gilt gleich viel. Aber dies ist nicht seine ganze Ausbeute. Was er
-geschaut, mag er dem Laien nicht beschreiben, es wäre allzu sonderbar
-und doch zu köstlich für sein Ohr. Es leben Geister in der Tiefe, die
-sonst kein Ohr erfaßt, kein Auge schaut. Musik ertönt in jenen Hallen,
-die jedem nüchternen Ohr leer und bedeutungslos ertönt. Doch dem, der
-_mit_ gefühlt und _mit_ gesungen, gibt sie eine eigene Weihe, wenn
-er auch über das Loch in seiner Mütze lächelt, das er als Symbolum
-zurückgebracht. Alter Großvater! Jetzt weiß ich, was du vornahmst, wenn
-»der Herr seinen Schalttag feierte«. Auch du hattest deine trauten
-Gesellen seit den Tagen deiner Jugend, und das Wasser stand dir in den
-grauen Wimpern, wenn du einen beisetztest im Stammbuch. Sie leben!
-
-Wirf die Flasche weg, Mensch, stich eine neue an zu neuer Freude. Das
-sechste! Wer kann dich berechnen, o Liebe!
-
-Es ging uns, wie es so manchem Erdensohn ergeht. Wir lasen von Liebe
-und glaubten zu lieben. Das Wunderbarste und doch Natürlichste an
-der Sache war, daß die Perioden oder Grade dieser Art Liebe sich
-nach unserer Lektüre richteten. Haben wir nicht Vergißmeinnicht und
-Ranunkeln gebrochen und des Doktors Tochter in G. verschämt überreicht
-und uns einige Tränen ausgepreßt, weil wir lasen: »Das Schönste sucht
-er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt?« -- »Aus seinen Augen
-brechen Tränen?« Haben wir nicht ~à la~ Wilhelm Meister geliebt, das
-heißt, wir wußten nicht mehr, war es Emeline oder Camilla, die Zarte,
-oder gar Ottilie? Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen
-hinter den Jalousieen hervorgeschaut, wenn wir Ständchen brachten im
-Winter und die Gitarre weidlich schlugen, obgleich uns der Frost die
-Finger krumm bog? Und nachher, als es sich zeigte, wie sie alle nur
-schnöde Koketten seien, haben wir da nicht die Liebe törichterweise
-verschworen und uns vorgenommen, erst dann zu heiraten, wenn die
-Schwaben klug werden, das heißt im vierzigsten?
-
-Wer kann dich berechnen, verschwören, o Liebe? Du tauchst nieder aus
-dem Auge der Geliebten und schlüpfst durch unser Auge verstohlen in
-das Herz. Und dennoch so kalt konntest du bleiben, wenn ich meine
-Lieder sang, wolltest den Blick nicht erwidern, den ich so oft nach dir
-aussandte? Ich möchte ein General sein, nur daß sie meinen Namen in der
-Zeitung läse, daß es ihr bange würde, wenn sie läse: »Der General Hauff
-hat sich in der letzten Schlacht bedeutend hervorgetan und acht Kugeln
-ins Herz bekommen, -- woran er aber nicht gestorben.« Ich möchte ein
-Tambour sein, nur daß ich vor ihrem Haus meinen Schmerz auslassen und
-fürchterlich trommeln könnte, und fährt sie dann erschrocken mit dem
-Köpfchen durchs Fenster, so will ich gerade das Gegenteil russischer
-Fellraßler machen und vom Fortissimo abwärts trommeln und piano und im
-leisen Adagiowirbel ihr zuflüstern: »Ich liebe dich.« Ein berühmter
-Mensch möchte ich sein, nur daß sie von mir hörte und stolz zu sich
-sagte: »Der hat dich einst geliebt.« Aber leider reden die Leute nicht
-von mir, höchstens wird man ihr morgen sagen: »Gestern nacht ist er
-auch wieder bis Mitternacht im Weinkeller gelegen!« Und wenn ich
-vollends ein Schuster oder Schneider wäre! Doch dies ist ein gemeiner
-Gedanke und deiner unwürdig, Adelgunde! --
-
-Jetzt wacht wohl keiner mehr als der Höchste und Niedrigste dieser
-Stadt, nämlich der Turmwächter hoch oben auf der Domkirche und ich tief
-unten im Ratskeller. Wär' ich doch der auf dem Turme! in jeder Stunde
-wollte ich das Sprachrohr ansetzen und dir ein Lied hinabsingen ins
-Schlafkämmerlein; doch nein! das würde ja den süßen Engel aus seinem
-Schlummer wecken, aus seinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier
-unten hört mich niemand, da will ich eines singen! Seele! komme ich mir
-denn nicht gerade vor wie ein Soldat auf dem Posten, dem das Heimweh
-recht schwer und tief im Herzen liegt? Und hat nicht einer meiner
-Freunde dies Lied gedichtet?
-
- Steh' ich in finstrer Mitternacht
- So einsam auf der fernen Wacht,
- So denk' ich an mein fernes Lieb,
- Ob mir's auch treu und hold verblieb?
-
- Als ich zur Fahne fort gemüßt,
- Hat sie so herzlich mich geküßt,
- Mit Bändern meinen Hut geschmückt
- Und weinend mich ans Herz gedrückt!
-
- Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,
- Drum bin ich froh und wohlgemut,
- Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,
- Wenn es ans treue Lieb gedacht.
-
- Jetzt bei der Lampe mildem Schein
- Gehst du wohl in dein Kämmerlein,
- Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn
- Auch für den Liebsten in der Fern'!
-
- Doch, wenn du traurig bist und weinst,
- Mich von Gefahr umrungen meinst --
- Sei ruhig; bin in Gottes Hut,
- Er liebt ein treu Soldatenblut.
-
- Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'
- Und löst mich ab zu dieser Stund':
- Schlaf wohl im stillen Kämmerlein
- Und denk' in deinen Träumen mein!
-
-Und denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die Glocken summten
-dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen Gesang. Schon Mitternacht?
-Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen Schauer in sich; es ist,
-als zittere die Erde leise, wenn sich die schlummernden Menschen unter
-ihr auf die andere Seite legen, die schwere Decke schütteln und den
-Nachbar im Kämmerlein nebenan fragen: »Ist's noch nicht Morgen?« Wie so
-ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir hernieder,
-als wenn er am Mittag durch die hellen klaren Lüfte schallt. Horch!
-Ging da nicht im Keller eine Türe? Sonderbar; wenn ich nicht so ganz
-allein hier unten wäre, wenn ich nicht wüßte, daß die Menschen nur oben
-wandeln, ich würde glauben, es tönen Schritte durch diese Hallen. --
-Ha! es ist so; es kommt näher, es tastet an der Türe hin und her; es
-faßt und schüttelt die Klinke; doch die Türe ist verschlossen und mit
-Riegeln verhängt; mich stört heute nacht _kein Sterblicher_ mehr. --
-Ha, was ist das? die Türe springt auf! Entsetzen! --
-
- * * * * *
-
-Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig Komplimente
-über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug
-eine große, schwarze Lockenperücke, einen dunkelroten Rock
-nach altfränkischem Schnitt, überall mit goldenen Tressen und
-goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer langen und dünnen
-Beine staken in dünnen Beinkleidern von schwarzem Samt mit goldenen
-Schnallen am Knie; daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den
-Schuhen trug er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von
-Porzellan hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn
-er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen kleinen Hut von Seide,
-und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann wie Wasserfälle
-über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes
-Gesicht, tiefliegende Augen und eine große feuerrote Nase. Ganz anders
-war der kleinere Geselle anzuschauen, dem jener den Vortritt gönnen
-wollte. Seine Haare waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und
-nur an den Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalftern
-gewickelt, ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; er
-trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten in großen
-Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste, die über
-sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Kniee herabfiel, und hatte
-einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt. Er hatte etwas Gutmütiges in
-seinem feisten Gesicht, besonders in den Aeuglein, die ihm wie einem
-Hummer hervorstanden. Seine Manöver führte er mit einem ungeheuren
-Filzhut aus, der auf zwei Seiten aufgeklappt war.
-
-Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, Zeit
-genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden Herren machten
-wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle die zierlichsten Pas.
-Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Türe auf, nahm den
-Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre
-Hüte an die Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich
-zu beachten, stillschweigend an den Tisch. »Ist denn heute Fastnacht
-in Bremen?« sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren Gäste
-nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung so unheimlich vor,
-besonders wußte ich mich in ihre starren Blicke, in ihr Schweigen nicht
-zu finden; ich wollte mir eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein
-neues Geräusch im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging
-auf, und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die ersten
-gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, der wie ein
-Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und Jagdhorn und schaute
-ungemein fröhlich um sich.
-
-»Gott grüß euch, ihr Herren vom Rhein!« sprach der Lange im roten Rocke
-im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte. »Gott grüß euch,«
-quiekte der Kleine dazu, »haben uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!«
-
-»Frisch auf! Holla und guten Morgen, Herr Matthäus,« rief der Jäger dem
-Kleinen zu, »und auch Euch guten Morgen, Herr Judas! Aber was ist das?
-Wo sind die Römer, wo Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch
-nicht wach aus seinem Sündenschlaf?«
-
-»Die Schlafmütze!« erwiderte der Kleine. »Der schläfrige Bengel! Droben
-liegt er noch in Unser Lieben Frauen Kirchhof, aber das Donnerwetter,
-ich will ihn herausschellen!« Dabei ergriff er eine große Glocke, die
-auf dem Tische stand, und klingelte und lachte in grellen, schneidenden
-Tönen. Auch die drei anderen Herren hatten Hüte, Stock und Degen in
-die Ecken gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Tisch gesetzt.
-Zwischen dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas
-nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, auf seinen
-schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger Ernst, und um
-die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln; er trug eine blonde
-Perücke mit vielen Locken, was mit seinen großen, braunen Augen einen
-auffallenden, aber angenehmen Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber
-saß ein großer, wohl gemästeter Mann, mit rotausgeschlagenem Gesicht
-und einer Purpurnase. Er hatte die Unterlippe weit herabhängen und
-trommelte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen ihn
-Philippus.
-
-Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen, saß neben
-ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln Augen, ein kräftiges
-Rot schmückte seine Wangen, und ein dichter Bart umschattete den Mund.
-Er hieß Herr Petrus.
-
-Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen Gästen das
-Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien eine neue Gestalt
-in der Türe. Es war ein kleines, altes Männlein mit schlotternden
-Beinen und grauem Haar; sein Kopf sah aus wie ein Totenkopf, über den
-man eine dünne Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen
-Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei und grüßte die
-Gäste demütig.
-
-»Ha! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar,« riefen die Gäste ihm
-entgegen; »frisch heran, Alter, setz' die Römer auf und bring' uns
-Pfeifen! Wo steckst du nur so lang? Es ist längst zwölf vorüber.«
-
-Der alte Mann gähnte einigemal etwas unanständig und sah überhaupt
-aus wie einer, der zu lange geschlafen. »Hätte beinahe den ersten
-September verschlafen,« krächzte er, »ich schlief so hart, und seitdem
-sie den Kirchhof gepflastert haben, höre ich auch ziemlich schlecht. Wo
-sind denn aber die anderen Herren?« fuhr er fort, indem er Pokale von
-wunderlicher Form und ansehnlicher Größe aus dem Korbe nahm und auf den
-Tisch setzte; »wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und
-die alte Rose fehlt auch noch.«
-
-»Setze nur die Flaschen her,« rief Judas, »daß wir endlich was zu
-trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen noch im Faß, poch'
-an mit deinen dürren Knochen und heiße sie aufstehen, sage, wir sitzen
-schon alle hier.«
-
-Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein großes Geräusch
-und Gelächter vor der Türe entstand. »Jungfer Rose hoch, hussa, hoch!
-und ihr Schatz der Bacchus, hoch!« hörte man von mehreren Stimmen
-rufen; die Türe flog auf, die gespenstischen Gesellen am Tische
-sprangen in die Höhe und schrieen: »Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose
-und Bacchus und die anderen! Hallo! Jetzt geht das Freudenleben erst
-recht an!« und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der
-Dicke schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die
-Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und stimmte
-ein in das Juheisa, heisa, he! daß mir die Ohren gellten. Welch ein
-Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im Keller geritten, war
-herabgestiegen, nackt, wie er war; mit seinem breiten, freundlichen
-Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte er das Volk und trippelte auf
-kleinen Füßchen in das Zimmer; an seiner Hand führte er ganz ehrbarlich
-wie seine Braut eine alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher
-Dicke. Noch weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles
-so geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame
-niemand anders sei als die alte Rose, das ungeheure Faß im Rosenkeller.
-
-Und wie hatte sie sich köstlich aufgeputzt, die alte Rheinländerin!
-Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen sein, denn wenn
-auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und Mund gelegt hatte, wenn
-auch das frische Rot der Jugend von ihren Wangen verschwunden war,
-zwei Jahrhunderte konnten die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht
-völlig verwischen. Ihre Augenbrauen waren grau geworden, und einige
-unziemliche graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber die
-Haare, die um die Stirne schön geglättet lagen, waren nußbraun und nur
-etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf dem Kopfe trug sie eine
-schwarze Samtmütze, die sich enge an die Schläfe anschloß; dazu hatte
-sie ein Wams vom feinsten schwarzen Tuche an, und das Mieder vom roten
-Samt, das darunter hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten
-geschnürt. Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden
-Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein weiter,
-faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte Gestalt,
-und ein kleines weißes Schürzchen, mit feinen Spitzen besetzt, wollte
-sich recht schalkhaft ausnehmen. An der einen Seite hing ihr eine große
-Tasche von Leder, an der anderen ein Bündel gewaltiger Schlüssel --
-kurz, sie war eine so ehrbare Frau, als je eine Anno 1618 in Köln oder
-Mainz über die Straße ging.
-
-Aber hinter der Frau Rose kamen noch sechs jubelnde Gesellen, die
-Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf den Kopf gesetzt,
-mit weitschößigen Röcken und langen, reich gestickten Westen angetan.
-
-Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel Bacchus
-seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit großem Anstand
-gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder; an ihrer Seite nahm der
-hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, der Kellermeister, hatte ihm ein
-tüchtiges Polster untergeschoben, weil er sonst gar klein und niedrig
-dagesessen hätte. Auch die anderen sechs Gesellen nahmen Platz, und ich
-merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apostel vom Rheine seien, die hier
-um die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen.
-
-»Da wären wir ja,« sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nachgelassen,
-»da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von 1700, und alle
-wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, Jungfer Rose! Auch Sie
-hat gar nicht gealtert und ist noch so stattlich und hübsch wie vor
-fünfzig Jahren. Gutes Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr
-Bacchus, daneben!«
-
-»Soll leben, die alte Rose soll leben!« riefen sie und stießen an und
-tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen silbernen Humpen
-trank, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele Beschwerden hinunter,
-und er ward zusehends dicker davon und größer wie eine Schweinsblase,
-die man mit Luft füllt.
-
-»Mich gehorsamst zu bedanken, wertgeschätzte Herren Apostel und
-Vettern,« antwortete Frau Rosalia, indem sie sich freundlich verneigte.
-»Seid Ihr noch immer solch ein loser Schäker, Herr Petrus? Ich weiß
-von keinem Schatz nicht, und Ihr müßt ein sittsam Mägdlein nicht so in
-Verlegenheit setzen.« Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte,
-und trank ein mächtiges Paßglas aus.
-
-»Schatz,« erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus seinen Aeuglein
-zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, »Schatz, ziere dich doch nicht
-so; du weißt ja wohl, daß dir mein Herz zugetan schon seit zweihundert
-Herbsten; und daß ich dich noch heute vor allen anderen liebe, soll ein
-feuriger Kuß auf deine rosigen Lippen beweisen.«
-
-Er neigte sich zärtlich gegen die Rose. »Wenn nur das junge Volk hier
-nicht dabei wäre,« flüsterte sie verschämt, indem sie sich halb zu
-ihm neigte; aber unter dem Jubeln und Jauchzen der Zwölfe hatte der
-Weingott sein Schürzenstipendium nebst Zinsen eingenommen. Dann leerte
-er seinen Humpen wieder und ward um zwei Fäuste breiter und größer und
-hub an mit einer rauhen Weinstimme zu singen:
-
- Vor allen Schlössern dieser Zeit
- Lob' ich ein Schloß zu Bremen,
- An seinen Hallen hoch und weit
- Darf sich kein Kaiser schämen;
- Gar seltsam ist es ausstaffiert,
- Mit schmuckem Hausrat ausgeziert,
- Doch hat daselbst vor allen
- Eine Jungfrau mir gefallen.
-
- Ihr Auge blinkt wie klarer Wein,
- Ihre Wangen sind nicht bleiche,
- Wie prächtig ihre Kleider sein,
- Von lauter schwerem Zeuge;
- Von Eichenholz ist ihr Gewand,
- Von Birkenreifen ihre Band',
- Das Mieder das sie zieret,
- Mit Eisen ist geschnüret.
-
- Doch ach, man hat ihr Schlafklosett
- Mit Riegeln wohl versehen,
- Dort schlummert sie im Rosenbett,
- Und ich muß draußen stehen;
- Drum poch' ich an die Kammertür:
- Steh auf, mein Schatz, und komm herfür,
- Damit ich mit dir kose,
- Mach' auf, herzliebe Rose.
-
- So steig' ich jede Mitternacht
- Zu ihrer Kammer nieder;
- Nur einmal hat sie aufgemacht,
- Jetzt will sie nimmer wieder;
- Und seit ich einmal sie geküßt,
- Mein Herz von Sehnsucht trunken ist,
- Nur einmal, Rosamunde,
- Küß' mich, daß es gesunde.
-
-»Ihr seid ein Schäker, Herr Bacchus,« sagte Rosa, als er mit
-einem zärtlichen Triller geendet hatte. »Ihr wißt wohl, daß mich
-Bürgermeister und Rat unter gar strenger Klausur halten und nicht
-erlauben, daß ich mit jedwedem mich einlasse.«
-
-»Aber mir könntest du doch zuweilen das Kämmerlein öffnen, lieb
-Röschen!« flüsterte Bacchus; »mich gelüstet nach der süßen Speise
-deines Mundes.«
-
-»Ihr seid ein Schelm,« rief sie lachend, »Ihr seid ein Türke und habt
-es mit vielen zugleich; meint Ihr, ich wisse nicht, wie Ihr mit der
-leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein von Bordeaux, und
-mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin; geht, geht, Ihr habt einen
-schlechten Charakter und verstehet Euch nicht auf treue deutsche Minne.«
-
-»Ja, das sag' ich auch!« rief Judas, und fuhr mit der langen knöchernen
-Hand nach der Hand der Jungfer Rose. »Das sag' ich auch; drum nehmet
-mich zu Eurem Galan, liebwerteste Jungfer, und lasset den kleinen,
-nackten Kerl seiner Französin nachziehen.«
-
-»Was?« schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige Maß Wein. »Was?
-Mit dem jungen Fant von 1726 willst du dich abgeben, Röschen? Pfui,
-schäme dich; was mein nacktes Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann
-ich ebensogut wie er, eine Perücke aufsetzen, einen Rock umhängen und
-einen Degen an die Seite stecken; aber ich trage mich so, weil ich
-Feuer im Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da
-sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich erlogen.
-Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste erlustiert, aber
-weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster Schatz, und dir gehört
-mein Herz.«
-
-»Eine schöne Treue, Gott erbarm's!« erwiderte die Dame. »Was hört man
-nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem Frauenzimmer habt? Von der
-süßlichen Metze, der Xeres, will ich gar nichts sagen, das ist eine
-bekannte Geschichte, aber wie ist es denn mit der Jungfer Dentilla di
-Rota und mit der von San Lucas? Und dann mit der Sennora Ximenes?«
-
-»Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit,« rief er
-ärgerlich, »man kann doch alte Verbindungen nicht ganz aufgeben. Und
-was die Sennora Ximenes betrifft, so seid Ihr sehr ungerecht, ich
-besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch, weil sie Eure Verwandte
-ist.«
-
-»Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verwandte?« murmelten Rose und die
-Zwölfe untereinander. »Wie das?«
-
-»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr er fort, »daß diese Sennora eigentlich eine
-Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Ximenes hat sie heimgeführt als
-blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau nach seiner Heimat Spanien,
-und dort hat sie sich angesiedelt und seinen Familiennamen angenommen.
-Noch jetzt, obgleich sie den süßen, spanischen Charakter angenommen,
-noch jetzt hat sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzüge des
-Gesichtes sich in der Familie nicht ganz verlieren. Dieselbe Farbe und
-jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie zu Eurer
-würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose.«
-
-»Sie soll leben, soll leben!« riefen die Apostel und stießen an, »Base
-Ximenes in Hispanien soll leben!«
-
-Jungfer Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und stieß mit
-bittersüßer Miene an; doch schien sie nicht ferner mit ihm hadern zu
-wollen, sondern sprach weiter:
-
-»Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr alle hier?
-Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein mutiger Judas, mein
-feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, wische dir den Schlaf fein aus
-den Aeuglein, du siehst noch ganz trübselig aus; Bartholomäus, du bist
-unmäßig dick geworden und scheinst träge zu sein. Ha, mein munterer
-Paulus, und wie fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte.
-Aber wie, ihr seid ja zu dreizehn am Tische, wer ist denn _der_ dort in
-fremder Kleidung, wer hat ihn hieher gebracht?«
-
-Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf mich und
-schienen mit meiner Anwesenheit nicht ganz zufrieden. Aber ich faßte
-mir ein Herz und sagte: »Mich gehorsamst der werten Gesellschaft zu
-empfehlen. Ich bin eigentlich nichts weiter als ein zum Doktor der
-Philosophie graduierter Mensch und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts
-in dem Wirtshause zur Stadt Frankfurt auf.«
-
-»Wie wagst du es aber, hierher zu kommen in dieser Stunde, graduiertes
-Menschenkind?« sprach Petrus sehr ernst, indem er Blitze aus seinen
-Feueraugen auf mich sprühte. »Du hättest wohl denken können, daß du
-nicht in diese noble Sozietät gehörst.«
-
-»Herr Apostel,« antwortete ich und weiß noch heute nicht, woher ich den
-Mut bekam, wahrscheinlich aus dem Wein; »Herr Apostel, das Du verbitte
-ich mir fürs erste, bis wir weiter bekannt sind. Und was die noble
-Sozietät betrifft, in die ich gekommen sein soll, so kam sie zu mir,
-nicht ich zu ihr, denn ich sitze schon seit drei Stunden in diesem
-Gemach, Herr!«
-
-»Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor?« fragte
-Bacchus etwas sanfter als der Apostel. »Um diese Zeit pflegt sonst das
-Erdenvolk zu schlafen.«
-
-»Euer Exzellenz,« erwiderte ich, »das hat seinen guten Grund. Ich bin
-ein portierter Freund des edlen Getränkes, das man hier unten verzapft,
-habe auch durch die Vergünstigung eines wohledlen Senats die Permission
-erhalten, denen Herrn Aposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch
-abzustatten, was ich auch geziemendst getan.«
-
-»Also Ihr trinkt gerne Rheinwein?« fuhr Bacchus fort, »nun, das ist
-eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser Zeit, wo die Menschen
-so kalt geworden sind gegen diese goldene Quelle.«
-
-»Ja, der Teufel hole sie all!« rief Judas. »Keiner will mehr einige Maß
-Rheinwein trinken, außer hie und da solch ein fahrender Doktor oder
-vazierender Magister, und diese Hungerleider lassen sich ihn erst noch
-aufwichsen.«
-
-»Muß ganz gehorsamst deprezieren, Herr von Judas,« unterbrach ich den
-schrecklichen Rotrock. »Nur einige kleine Versuche habe ich getan mit
-Dero Rebenblut von 1700 und etlichen Jahren, und den hat mir allerdings
-der wackere Bürgermeister einschenken lassen; was Sie aber hier sehen,
-ist etwas neuer und in barer Münze von mir bezahlt.«
-
-»Doktor, ereifert Euch nicht,« sagte Frau Rose, »er meint's nicht so
-böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht, daß die Zeiten
-so lau geworden.«
-
-»Ja!« rief Andreas, der feine, schöne Andreas. »Ich glaube, dieses
-Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes mehr wert ist, drum
-sollen sie hier ein Gesöff von allerlei Schnaps und Sirup brauen,
-heißen es Chateau-Margaux, Sillery, St. Julien und sonst nach allerlei
-pompösen Namen, und kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es
-saufen, bekommen sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt
-war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie schnöden Schnaps getrunken.«
-
-»Ha, was war das für ein anderes Leben,« führte Johannes die Rede fort,
-»als wir noch junge, blutjunge Gesellen waren, Anno 19 und 26. Auch
-Anno 50 ging es noch hoch her in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es
-mochte die Sonne scheinen in hellem Frühling oder schneien und regnen
-im Winter, jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen
-Gästen. Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der _Senat
-von Bremen_, stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre an der Seite,
-Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich.«
-
-»Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus, hier die
-Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine berieten sie sich über
-das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn sie
-uneinig in der Meinung waren, so stritten sie sich nicht mit bösen
-Worten, sondern tranken einander wacker zu, und wenn der Wein ihre
-Herzen erwärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war
-der Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände,
-sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren des edlen
-Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie
-abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus.«
-
-»Schöne, alte Zeiten!« rief Paulus; »daher kommt es auch, daß noch
-heutzutage jeder vom Rat ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche
-Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier saßen und tranken,
-war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr
-Geldsäckelein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben,
-und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es gibt einige wackere
-Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren
-wenige.«
-
-»Ja, ja, Kinder,« sprach die alte Rose, »sonst war es anders, so vor
-fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie abends ihre
-Weiber und Mädchen mit in den Keller, und die schönen Bremerkinder
-tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler und waren weit und
-breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurroten
-Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie
-allerlei miserables Zeug als Tee und dergleichen, was weit von hier bei
-den Chinesen wachsen soll und was zu meiner Zeit die Frauen tranken,
-wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, echten
-gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch
-ums Himmels willen, sie gießen spanischen Süßen darunter, daß er ihnen
-munde, sie sagen, er sei zu sauer.«
-
-Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich unwillkürlich
-einstimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich, daß ihn der alte
-Balthasar halten mußte.
-
-»Ja, die guten alten Zeiten!« rief der dicke Bartholomäus; »sonst trank
-ein Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt' er Wasser getrunken,
-so nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein Römer um. Sie sind aus der
-Uebung gekommen.«
-
-»Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu,« sagte
-Fräulein Rose und lächelte vor sich hin.
-
-»Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!« baten alle; sie aber
-trank bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte Kehle bekam, und hub
-an:
-
-»Anno tausend sechshundert und einige zwanzig, dreißig Jahre war
-ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen des Glaubens; die
-einen wollten so und die anderen anders, und statt daß sie bei
-einem Glase Wein die Sache vernünftig besprochen hätten, schlugen
-sie sich die Schädel ein. Albrecht von Wallenstein, des Kaisers
-Generalfeldmarschall, hauste schrecklich in protestantischen Landen.
-Des erbarmte sich der Schwedenkönig, Gustav Adolf, und kam mit vieler
-Mannschaft zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert,
-sie hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber weiter
-nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit waren Bremen und die
-anderen Hansestädte neutral und wollten es mit keiner Partei verderben.
-Dem Schweden lag aber daran, durch ihr Gebiet zu ziehen und sich
-freundlich mit ihnen einzulassen, darum wollte er einen Gesandten an
-sie schicken. Weil aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles
-im Weinkeller verhandle und die Ratsherren und Bürgermeister einen
-guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schwedenkönig, sie möchten
-seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein, daß er endlich betrunken
-würde und schlechte Bedingungen einginge für die Schweden.
-
-»Nun befand sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann vom gelben
-Regiment, der ganz erschrecklich trinken konnte. Zwei, drei Maß zum
-Frühstück war ihm ein kleines, und oft hat er abends zum Zuspitzen
-ein halb Imi getrunken und nachher gut geschlafen. Als nun der König
-voll Besorgnis war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten
-allzusehr zusetzen, so erzählte ihm der Kanzler Oxenstierna von dem
-Hauptmann, Gutekunst hieß er, der so viel trinken könne. Des freute
-sich der König und ließ ihn vor sich kommen.
-
-»Da brachten sie einen kleinen, hageren Mann, der war ganz bleich im
-Gesicht, hatte aber eine große, kupferrote Nase und hellblaue Lippen,
-was ganz wunderlich anzusehen war. Der König fragte ihn, wieviel er
-sich wohl zu trinken getraue, wenn es recht ernstlich zuginge. ›O
-Herr und König,‹ antwortete er, ›so ernstlich bin ich noch nie daran
-gekommen, habe mich bis dato auch noch nicht geeicht; der Wein ist
-nicht wohlfeil, und man kann täglich nicht über sieben, acht Maß
-trinken, ohne in Schulden zu geraten.‹ -- ›Nun, wieviel meinst du
-denn führen zu können?‹ fragte der König weiter. Er aber antwortete
-unerschrocken: ›Wenn Euer Majestät bezahlen wollen, möchte ich wohl
-einmal zwölf Mäßchen trinken, mein Reitknecht, der Balthasar Ohnegrund,
-kann es aber noch besser.‹ Da schickte der König auch nach Balthasar
-Ohnegrund, dem Knecht des Hauptmann Gutekunst, und war der Herr schon
-blaß gewesen und mager, so war es der Diener noch mehr, der ganz
-aschenfarb aussah, als hätt' er sein Leben lang Wasser getrunken.
-
-»Da ließ nun der König den Hauptmann und Ohnegrund, den Reitknecht, in
-ein Zelt setzen und einige Fäßlein alten Hochheimer und Nierensteiner
-anfahren und wollte haben, die beiden sollten sich eichen lassen. Sie
-tranken von morgens elf Uhr bis abends vier Uhr ein Imi Hochheimer und
-anderthalb Imi Nierensteiner, und der König ging voll Verwunderung
-zu ihnen ins Zelt, um zu sehen, wie es mit ihnen stehe. Die beiden
-Gesellen waren aber wohlauf, und der Hauptmann sagte: ›So, jetzt will
-ich einmal die Degenkoppel abschnallen, dann geht's besser;‹ Ohnegrund
-aber machte drei Knöpfe an seinem Koller auf.
-
-»Da entsetzten sich alle, die dies sahen, der König aber sprach:
-›Kann ich bessere Gesandte finden nach der fröhlichen Stadt Bremen
-als diese?‹ Und alsobald ließ er dem Hauptmann prächtige Kleider
-und Waffen geben, wie auch Ohnegrund, dem Reitknecht, denn dieser
-sollte den Schreiber des Gesandten vorstellen. Der König und der
-Kanzler unterrichteten den Hauptmann, was er zu sagen hätte bei der
-Unterhandlung, und nahm beiden das Versprechen ab, daß sie auf der
-ganzen Reise nur Wasser trinken sollten, damit nachher das Treffen im
-Keller um so glorreicher würde! Gutekunst aber, der Hauptmann, mußte
-seine rote Nase mit einer künstlichen Salbe anstreichen, auf daß sie
-weiß aussah, damit man nicht merke, welch ein Kunde er sei.
-
-»Ganz elendiglich von vielem Wassertrinken kamen die beiden nach der
-Stadt Bremen, und nachdem sie bei dem Bürgermeister gewesen, sagte
-dieser zum Senat: ›O, was hat uns der Schwede für zwei bleiche, magere
-Gesellen geschickt; heute abend wollen wir sie in den Ratskeller
-führen und zudecken. Ich nehme den Gesandten auf mich ganz allein,
-und der Doktor Schnellpfeffer muß auf den Schreiber.‹ So wurden
-sie denn abends nach der Betglocke feierlichst in den Ratskeller
-geführt, der Bürgermeister führte Gutekunsten, den Hauptmann, der
-Doktor Schnellpfeffer, was auch ein guter Trinker war, führte den
-Reitknecht am Arm, der als Schreiber angetan sich recht züchtiglich
-gebärdete; hinter ihnen gingen viele Ratsherren, die zur Verhandlung
-geladen waren. Hier in diesem Gemach setzten sie sich um den Tisch
-und verspeisten zuerst Hasenbraten und Schinken und Heringe, um sich
-zum Trinken zu rüsten. Dann wollte der Gesandte ganz ehrbar mit der
-Verhandlung anfangen, und sein Schreiber zog Pergament und Feder
-aus der Tasche; aber der Bürgermeister sprach: ›Mit nichten also,
-Ihr edlen Herren; so ist es nicht Gebrauch in Bremen, daß man die
-Sache also trocken abmacht; wollen einander vorerst auch zutrinken
-nach Sitte unserer Väter und Großväter.‹ -- ›Kann eigentlich nicht
-viel vertragen,‹ antwortete der Hauptmann, ›dieweil es aber Seiner
-Magnifizenz also gefällig, will ich ein Schlücklein zu mir nehmen.‹ Nun
-tranken sie sich zu und hielten ein Gespräch über Krieg und Frieden und
-über die Schlachten, so geliefert worden; die Ratsherren aber, um den
-Fremden mit gutem Beispiel voranzugehen, tranken sich weidlich zu und
-bekamen rote Köpfe. Bei jeder neuen Flasche entschuldigten sich die
-Fremden, wie sie gar den Wein nicht gewohnt wären und er ihnen zu Kopfe
-steige; des freute sich der Bürgermeister, trank in seiner Herzenslust
-ein Paßglas um das andere, so daß er nicht mehr recht wußte, was zu
-beginnen. Aber, wie es zu gehen pflegt in diesem wunderbaren Zustand,
-er dachte: jetzt ist er betrunken, der Gesandte, und auch dem Schreiber
-hat der Doktor tüchtig zugesetzt; und sprach daher: ›Nun wollen wir
-anfangen mit unserem Geschäft.‹ Das waren die Fremden zufrieden, taten,
-wie wenn sie voll Weines wären und tranken auf ihrer Seite den Herren
-weidlich zu.
-
-»Da wurde nun gesprochen und getrunken, gehandelt und wieder
-getrunken, bis der Bürgermeister mitten im Satz einschlief und der
-Doktor Schnellpfeffer unter dem Tische lag. Da kamen denn die anderen
-Ratsherren und tranken den Fremden zu und führten die Verhandlung fort;
-aber trank der Hauptmann lästerlich, so machte es sein Reitknecht noch
-schlimmer; fünf Küper mußten immer hin und her laufen und einschenken,
-denn der Wein verschwand von dem Tisch, als wäre er in den Sand
-gegossen worden. So geschah es, daß die Gäste nacheinander den ganzen
-Rat unter den Tisch tranken bis auf einen.
-
-»Dieser eine aber war ein großer starker Mann, mit Namen Walther,
-von welchem man allerlei sprach in Bremen, und wäre er nicht im Rat
-gesessen, man hätte ihn längst böser Künste und Zauberei angeklagt.
-Herr Walther war seines Zeichens eigentlich ein Zirkelschmied gewesen,
-hatte sich aber hervorgetan in seiner Gilde, war unter die Aeltermänner
-gekommen und nachher in den Senat. Dieser hielt aus bei den Gästen,
-trank zweimal so viel als beide, so daß ihnen ganz unheimlich wurde,
-denn er war so verständig wie zuvor, während der Hauptmann schon trübe
-Augen bekam und glaubte, es gehe ihm ein Rad im Kopf herum. So oft der
-Senator Walther ein Paßglas getrunken, fuhr er mit der Hand unter den
-Hut, und dem Reitknecht kam es vor, als sähe er ein bläuliches Wölkchen
-ganz fein wie Nebel aus seinem rabenschwarzen Haar hervorsteigen. Er
-trank wacker drauf los, bis der Hauptmann Gutekunst selig einschlief
-und sein Haupt ganz weich auf des Bürgermeisters Bauch legte.
-
-»Da sprach der Senator Walther mit sonderbarem Lächeln zu dem Schreiber
-des Gesandten: ›Lieber Geselle, du führst einen mächtigen Zug, ich
-vermeine aber, daß du mit dem Roßstriegel besser fortkommst als mit der
-Feder.‹ Da erschrak der Schreiber und sprach: ›Wie meinet Ihr dies,
-Herr? Ich will nicht hoffen, daß Ihr mir hohnsprechen wollt; bedenket,
-daß ich Seiner Majestät Gesandtschaftsschreiber bin.‹
-
-»›Hoho!‹ rief der andere mit schrecklichem Lachen, ›seit wann haben
-denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel an und führen
-solche Federn bei der Sitzung?‹ Da sah der Reitknecht auf sein
-Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er seinen gewöhnlichen
-Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand, und siehe da, statt der
-Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste. Da entsetzte er sich und
-sah sich verraten und wußte nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber
-lächelte seltsam und höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb
-Maß zu auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und der
-Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus seinem Kopf kam.
-›Gott soll mich bewahren, Herr, daß ich fürder mit Euch trinke,‹ rief
-er; ›Ihr seid ein Schwarzkünstler, wie ich nun vermute, und könnt mehr
-als Brot essen.‹
-
-»›Darüber wäre noch vielerlei zu sagen,‹ antwortete Walther ganz
-ruhig und freundlich; ›aber es würde dir auch nicht viel helfen,
-wertgeschätzter Stallknecht und Roßkamm, wenn du mir fürder zusetztest
-mit Trinken, mich trinkst du nicht unter den Tisch, wasmaßen ich einen
-kleinen Hahnen in mein Gehirn geschraubt habe, durch welchen der
-Weindunst wieder herausfährt. Schau zu!‹ Dabei trank er ein großes
-Paßglas aus, wandte seinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund,
-strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein
-kleiner silberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den Zapfen um,
-und ein bläulicher Dunst strömte hervor, so daß ihm der Weingeist keine
-Beschwerden machte in der Hirnkammer.
-
-»Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände zusammen und rief:
-›Das ist einmal eine schöne Erfindung, Herr Zauberer! Könnet Ihr mir
-nicht auch so ein Ding an den Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?‹
--- ›Nein, das geht nicht,‹ antwortete jener bedächtig; ›da seid Ihr
-nicht erfahren genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch
-liebgewonnen wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum möchte
-ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es ist gegenwärtig
-die Stelle des Kellermeisters vakant allhier. Balthasar Ohnegrund,
-verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es doch mehr Wasser als Wein
-gibt, und diene dem wohledlen Rat dieser Stadt; wenn wir auch einige
-Lasten Wein mehr brauchen des Jahres, die du heimlich saufest, das
-tut nichts, ein solcher Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar
-Ohnegrund, ich mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst.
-Willst du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze
-Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber geschickt.‹
-Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler Wein; er tat einen
-Blick in dieses unermeßliche Weinreich, schlug sich auf den Magen und
-sagte: ›Ich will's tun.‹ Nachher machten sie noch allerhand Punkte aus,
-wie es gehalten werden soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit
-seiner armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gutekunst
-aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische Lager, und als
-nachher die Kaiserlichen in die Stadt kamen, war der Bürgermeister und
-Senat froh, daß sie sich mit dem Schweden nicht zu tief eingelassen,
-obgleich keiner recht wußte, wie es so gekommen war.«
-
-So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und lachten
-sehr über die beiden Gesandten; Paulus aber fragte: »Und Balthasar
-Ohnegrund, der wackere Kunde, was ist aus ihm geworden? Blieb er
-Kellermeister?« Die Rose aber wandte sich um mit Lächeln, deutete
-auf eine Ecke des Gemachs und sagte: »Dort sitzt er ja noch, wie vor
-zweihundert Jahren, der wackere Zecher.« Mir graute, als ich hinsah.
-Eine bleiche, abgehärmte Gestalt saß in der Ecke, schluchzte und weinte
-sehr und trank dazu sehr viel Rheinwein. Aber es war niemand anders als
-eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser Lieben Frauen Kirchhof
-herabgekommen war, nachdem ihn Matthäus aus dem Schlaf geschellt.
-
-»Nun, alter Balthasar,« rief ihm Jakobus zu. »Du hast also als
-Reitknecht gedient beim Hauptmann Gutekunst und warst sogar
-Gesandtschaftsschreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister wurdest?
-Was machte denn der Herr, so den Hahnen im Hirnkasten hatte, für
-Bedingnisse?«
-
-»O Herr!« stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele, und es war,
-als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, so greulich tönte
-es aus seiner Brust, »O Herr! fordert nicht von mir, daß ich es sage.«
-
-»Heraus damit!« schrieen die Apostel, was wollte der mit dem
-Spiritusableiter? Der Weingeistschröpfer, was wollte er?«
-
-»_Meine Seele._«
-
-»Armer Kerl,« sagte Petrus sehr ernst; »und um was wollte er deine arme
-Seele?«
-
-»Um Wein!« murmelte er dumpf, und mir war es, als ob eine Stimme ohne
-Hoffnung spräche.
-
-»Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner Seele?« Er
-schwieg lange; endlich sprach er: »Warum dies erzählen, ihr Herren?
-Es ist grausig, und ihr versteht doch nicht, was es heißt, eine Seele
-verlieren.«
-
-»Wohl wahr,« sprach Paulus. »Wir sind fröhliche Geister und schlummern
-im Weine und freuen uns ewiger ungetrübter Herrlichkeit und Freude;
-darum kann uns aber auch kein Grauen anwandeln, denn wer hat Macht über
-uns, daß er uns elend mache oder uns schrecke? Darum erzähle!«
-
-»Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen,«
-sprach der Tote; »vor ihm darf ich es nicht sagen.«
-
-»Nur zu, immer zu,« erwiderte ich, an allen Gliedern schauernd, »ich
-kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen, und was ist es am
-Ende, als daß Euch der Teufel geholt?«
-
-»Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet,« murmelte der Alte, »aber
-Ihr wollt es so haben, so höret: Der Mensch, der in jener Nacht in
-diesem Zimmer bei mir saß, -- es war ein böses Ding mit ihm -- der
-hatte seine Seele dem Bösen verhandelt, und es war dabei bedingt, daß
-er sich loskaufen könnte durch eine andere Seele. Schon viele hatte
-er auf dem Korn gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen.
-Mich faßte er besser. Ich war wild aufgewachsen, ohne Unterricht, und
-das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn ich so über
-ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab, und Freund und
-Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich: sie sind jetzt halt tot und
-leben nicht mehr; von der Seele hielt ich nicht viel und von Himmel und
-Hölle noch weniger. Aber weil man so kurz lebt, wollt' ich's Leben
-recht genießen, und Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der
-Höllenknecht abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ›So zwanzig,
-dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel zu
-trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das müßt' ein Leben
-sein?‹ -- ›Ja, Herr,‹ sprach ich, ›aber wie könnte ich dies verdienen?‹
--- ›An was liegt dir mehr,‹ fuhr er fort, ›hier recht zu leben nach
-Herzenslust auf der Erde, hier im Keller, oder an den Geschichten,
-die sich nachher begeben, wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt
-und Wein trinkt?‹ Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: ›Meine
-Gebeine werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen. Ist
-der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an manchem
-Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte, darum will
-ich leben und lustig sein.‹ Er sprach aber zu mir: ›Wenn du Verzicht
-leisten willst auf das, was nachher kommt, so ist es ein leichtes, dich
-hier zum Kellermeister zu machen; schreib nur deinen Namen in dies
-Büchlein und tue einen recht tüchtigen Schwur dazu.‹ -- ›Was nachher
-mit mir geschieht, das kümmert mich nicht,‹ sprach ich; ›Kellermeister
-will ich hier sein immerdar und ewiglich, solang ich bin, und der
-Teufel, oder wer will, kann das andere haben alles, wenn sie mich einst
-einscharren.‹
-
-»Als ich so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei, sondern
-ein dritter saß neben mir und hielt mir das Büchlein hin zum
-Unterschreiben. Der aber, der dies tat, war nicht der Zirkelschmied,
-sondern ein anderer.«
-
-»Wer war es denn? Sag' an!« riefen die Apostel ungeduldig.
-
-Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich und seine
-bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu sprechen, aber
-ein Krampf schien ihm die Kehle zuzuschnüren. Da blickte er auf einmal
-fest und mutig in eine dunkle Ecke, trank sein Glas aus und warf es
-an die Erde. »Was hilft alle Reue, alter Balthasar!« sprach er, indem
-große Tränen in seinen Wimpern hingen; »der bei mir saß -- war der
-Teufel.«
-
-Es war bei diesen Worten unheimlich, bis zur Verzweiflung unheimlich in
-dem Gemach. Die Apostel schauten ernst und schweigend in ihre Römer,
-Bacchus hatte das Gesicht in die Hände gedrückt, und die Rose war
-bleich und stille. Kein Atemzug rührte sich, man hörte nur, wie in dem
-Totenkopf des Alten die Zähne schaudernd aneinander klapperten.
-
-»Mein Vater hatte mich gelehrt, meinen Namen zu schreiben, als ich noch
-ein kleiner, frommer Knabe war; ich unterschrieb ihn ins Buch, das mir
-der andere mit seinen Krallen vorhielt. Von da an ging mir ein Leben
-auf in Saus und Braus. In ganz Bremen gab es keinen Mann so fröhlich
-als den Kellermeister Balthasar, und getrunken hab' ich, was der Keller
-Gutes und Köstliches hatte. Zur Kirche ging ich nie, sondern wenn sie
-zusammenläuteten, schritt ich hinab zum besten Faß und schenkte mir ein
-nach Herzenslust. Als ich alt wurde, kam oft ein Grauen über mich, und
-es fröstelte mir durch die Glieder, wenn ich ans Sterben dachte; hatte
-zwar kein Weib, das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich
-trösteten; da trank ich denn, wenn die Todesgedanken über mich kamen,
-bis ich von Sinnen war und schlief. So trieb ich's lange Jahre, mein
-Haar ward grau, meine Glieder schwach, und ich sehnte mich, zu schlafen
-im Grabe. Da war mir eines Tages, als sei ich erwacht und könne doch
-nicht recht erwachen. Die Augen wollten sich nicht auftun, die Finger
-waren steif, als ich mich aus dem Bette heben wollte, und die Beine
-lagen starr wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute,
-betasteten mich und sprachen: ›Der alte Balthasar ist tot.‹
-
-»Tot, dachte ich und erschrak, tot und nicht schlafen? Tot bin ich
-und _denke_? Mich erfaßte eine unnennbare Angst, ich fühlte, wie mein
-Herz stillestand, und wie sich doch etwas in mir regte und in sich
-zusammenzog und bange, bange war; das war mein _Körper_ nicht, denn der
-lag steif und tot, was war es denn?«
-
-»Deine Seele!« sprach Petrus dumpf. »_Deine Seele!_« flüsterten die
-andern ihm nach.
-
-»Da maßen sie meine Länge und Breite, um die sechs Brettlein fertig zu
-machen, und legten mich hinein, und ein hartes Kissen von Hobelspänen
-unter meinen Schädel und nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde
-immer ängstlicher, weil sie nicht schlafen konnte. Dann hörte ich die
-Totenglocke läuten auf der Domkirche, sie hoben mich auf, und kein Auge
-weinte um mich. Sie trugen mich auf Unser Lieben Frauen Kirchhof, dort
-hatten sie mein Grab gegraben, noch höre ich die Seile schwirren, die
-sie heraufgezogen, als ich unten lag; dann warfen sie Steine und Erde
-herab, und es ward stille um mich her.
-
-»Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde, als es zehn
-Uhr, elf Uhr schlug auf allen Glocken. Wie wird es dir gehen, wie
-wird es dir gehen? dachte ich bei mir. Ich wußte noch ein Gebetlein
-aus alter Zeit, das wollte ich sprechen, aber meine Lippen standen
-still. -- Da schlug es zwölf Uhr, und mit einem Ruck war die schwere
-Grabesdecke abgerissen, und auf meinen Sarg geschah ein schrecklicher
-Schlag.«
-
-Ein Schlag, daß die Hallen dröhnten, sprengte jetzt eben die Türe des
-Gemaches auf, und eine große weiße Gestalt erschien auf der Schwelle.
-Ich war durch Wein und die Schrecknisse dieser Nacht so exaltiert und
-außer mir selbst gebracht, daß ich nicht aufschrie, nicht aufsprang,
-wie wohl sonst geschehen wäre, sondern geduldig das Schreckliche
-anstarrte, das jetzt kommen sollte; mein erster Gedanke war nämlich:
-»Jetzt kommt der Teufel.«
-
-Habt ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geschaut, wo Tritte dumpf
-und immer näher tönen, wo Leporello schreiend zurückkommt und die
-Statue des Gouverneurs, ihrem Streitroß auf dem Monument entstiegen,
-zum Gastmahl kommt? Riesengroß mit abgemessenem, dröhnendem Schritt,
-ein ungeheures Schwert in der Hand, gepanzert, aber ohne Helm, trat die
-Gestalt ins Gemach. Sie war von Stein, das Gesicht steif und seelenlos;
-aber dennoch tat sich der steinerne Mund auf und sprach: »Gott grüß'
-euch, vielliebe Reben vom Rheine; muß doch das schöne Nachbarskind
-besuchen an ihrem Jahrestag. Gott grüß' Euch, Jungfrau Rose. Darf ich
-auch Platz nehmen in Eurem Gelaggaden?«
-
-Sie schauten alle verwundert nach der riesigen Statue, Frau Rose aber
-brach das Stillschweigen, schlug vor Freude die Hände zusammen und
-schrie: »Ei, du meine Güte! 's ist ja der steinerne Roland, so seit
-vielen hundert Jahren auf dem Domhofe in der lieben Stadt Bremen steht.
-Ei, das ist schön, daß Ihr uns die Ehre antut, Herr Ritter; leget doch
-Schild und Schwert ab und machet es Euch bequem; wollet Ihr Euch nicht
-obenan setzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!«
-
-Der hölzerne Weingott, so indessen wieder um ein Erkleckliches
-gewachsen, warf mürrische Blicke bald auf den steinernen Roland,
-bald auf die naive Dame seines Herzens, die ihre Freude so laut und
-unverhohlen ausgelassen. Er murmelte etwas von ungebetenen Gästen und
-strampelte ungeduldig mit den Beinen. Aber Rose drückte ihm unter dem
-Tische die Hand und beschwichtigte ihn durch süße Blicke. Die Apostel
-waren näher zusammengerückt und hatten dem steinernen Gast einen Stuhl
-neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte Schwert und Schild in
-die Ecke und setzte sich ziemlich ungelenk auf das Stühlchen, aber ach,
-dies war für ehrsame Bremer Stadtkinder und nicht für einen steinernen
-Riesen gemacht; es knackte, als er sich setzte, morsch zusammen, und so
-lang er war, lag er im Gemach.
-
-»Schnödes Geschlecht, das solche Hütschen zimmert, worauf zu meiner
-Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte sitzen können, ohne mit
-dem Sitz durchzubrechen!« sagte der Heros und stand langsam auf; der
-Kellermeister Balthasar aber rollte ein Halbeimerfaß herbei an den
-Tisch und lud den Ritter ein, Platz zu nehmen. Es knackten nur ein
-paar Dauben, als er sich setzte, aber das Faß hielt aus. Dann bot ihm
-der Kellermeister ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der
-breiten steinernen Faust, aber krach! war es entzwei, daß ihm der Wein
-über die Finger lief. »Ei, Ihr hättet auch die Handschuhe von Stein
-füglich ablegen können,« sprach Balthasar ärgerlich und kredenzte ihm
-einen silbernen Becher, so ein Maß hielt und in früherer Zeit Tummler
-genannt wurde. Der Ritter faßte ihn, drückte nur einige unbedeutende
-Buckeln in den Becher, sperrte das steinerne Maul auf und goß den Wein
-hinab.
-
-»Wie mundet Euch der Wein?« fragte Bacchus den Gast; »Ihr habt wohl
-lange keinen getrunken?«
-
-»Er ist gut, bei meinem Schwert! Sehr gut! Was ist es für Gewächs?«
-
-»Roter Ingelheimer, gestrenger Herr!« antwortete der Kellermeister.
-
-Das steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies
-hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes Lächeln, und
-vergnüglich schaute er in den Becher.
-
-»_Ingelheim!_ du süßer, trauter Name!« sprach er. »Du edle Burg meines
-ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen
-Namen, und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem
-Ingelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt und
-von dem großen Carolus, seinem Meister?«
-
-»Das müßt Ihr den Menschen dort fragen,« erwiderte Judas, »wir geben
-uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doktor und Magister und
-muß Euch Bescheid geben können über sein Geschlecht.«
-
-Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich, und ich antwortete:
-»Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und
-schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt
-und blickt nicht vor-, nicht rückwärts; aber so elend sind wir doch
-nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Gestalten
-gedächten, die einst über unsere Vatererde gingen und ihren Schatten
-werfen noch bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten
-in die Vergangenheit, wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die
-höher schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die
-Ruinen wandeln, wo einst der große Kaiser saß in seiner Zelle, wo seine
-Ritter um ihn standen, wo Eginhart bedeutungsvolle Worte sprach und
-die traute Emma dem treuesten seiner Paladine den Becher kredenzte.
-Wo man den Namen Eures großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland
-unvergessen, und wie Ihr ihm nahe standet im Leben, so enge seid Ihr
-mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung.
-Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus dem Tal von Ronceval
-durch die Welt und wird tönen, bis er sich in die Klänge der letzten
-Posaune mischt.«
-
-»So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach der Ritter,
-»die Nachwelt feiert unsere Namen.«
-
-»Ha!« rief Johannes feurigen Mutes; »diese Menschen wären auch wert,
-Wasser aus dem Rhein zu saufen statt des Rebenblutes seiner Hügel,
-wenn sie den Namen des Mannes vergessen hätten, der zuerst die Reben
-pflanzte im Rheingau. Auf, ihr trauten Gesellen und Apostel, stoßet an,
-unser herrlicher Stammvater lebe, es lebe _Kaiser Karl der Große_!«
-
-Die Römer klangen, aber Bacchus sprach: »Ja, es war eine schöne,
-herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tausend Jahren. Wo
-jetzt die wundervollen Weingärten stehen vom Ufer bis hinauf an die
-Rücken der Berge, und hinauf und hinab im Rheintal Traube an Traube
-sich schlingt, da lag sonst wüster, düsterer Wald. Da schaute einst
-Kaiser Karl aus seiner Burg in Ingelheim an den Bergen hin, er sah,
-wie die Sonne schon im März so warm diese Hügel begrüße und den Schnee
-hinabrolle in den Rhein, wie so frühe die Bäume dort sich belauben und
-das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde. Da erwachte in ihm
-der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo sonst der Wald stand.
-
-»Und ein geschäftiges Leben regte sich im Rheingau bei Ingelheim, der
-Wald verschwand, und die Erde war bereit, den Weinstock aufzunehmen. Da
-schickte er Männer nach Ungarn und Spanien, nach Italia und Burgund,
-nach der Champagne und nach Lothringen und ließ Reben herbeibringen
-und senkte die Reiser in der Erde Schoß.
-
-»Da freute sich mein Herz, daß er mein Reich ausbreite im deutschen
-Lande, und als dort die ersten Reben blühten, zog ich ein im Rheingau
-mit glänzendem Gefolge; wir lagerten auf den Hügeln und schafften in
-der Erde und schafften in den Lüften, und meine Diener breiteten die
-zarten Netze aus und fingen den Frühlingstau auf, daß er den Reben
-nicht schade; sie stiegen hinauf und brachten warme Sonnenstrahlen
-nieder, die sie sorgsam um die kleinen Beerlein gossen, schöpften
-Wasser im grünen Rhein und tränkten die zarten Wurzeln und Blätter.
-Und als im Herbst das erste zarte Kind des Rheingaues in der Wiege
-lag, da hielten wir ein großes Fest und luden alle Elemente zur Feier
-ein. Und sie brachten köstliche Geschenke und legten sie dem Kindlein
-als Angebinde in die Wiege. Das Feuer legte seine Hand auf des Kindes
-Augen und sprach: ›Du sollst mein Zeichen an dir tragen ewiglich; ein
-reines, mildes Feuer soll in dir wohnen und dich wert machen vor allen
-anderen.‹ Und die Luft in zartem, goldenem Gewande kam heran, legte
-ihre Hand auf des Kindes Haupt und sprach: ›Zart und licht sei deine
-Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln, wie das goldene
-Haar der schönen Frauen im Rheingau.‹ Und das Wasser rauschte heran
-in silbernen Kleidern, bückte sich auf das Kind und sprach: ›Ich will
-deinen Wurzeln immer nahe sein, daß dein Geschlecht ewig grüne und
-blühe und sich ausbreite, so weit mein Rheinstrom reicht.‹ Aber die
-Erde kam und küßte das Kindlein auf den Mund und wehte es an mit süßem
-Atem. ›Die Wohlgerüche meiner Kräuter,‹ sprach sie, ›die herrlichsten
-Düfte meiner Blumen habe ich für dich gesammelt zum Angebinde. Die
-köstlichsten Salben aus Ambra und Myrrhen werden gering sein gegen
-deine Düfte, und deine lieblichsten Töchter wird man nach der Königin
-der Blumen heißen -- die _Rosen_.‹
-
-»So sprachen die Elemente; wir aber jubelten über die herrlichen
-Gaben, schmückten das Kindlein mit frischem Weinlaub und schickten es
-dem Kaiser in die Burg. Und er erstaunte über die Herrlichkeit des
-Rebenkindes, hat es fortan gehegt und gepflegt und die Rebe am Rhein
-seinen herrlichsten Schätzen gleich geachtet.«
-
-»Andreas!« rief Jungfrau Rose. »Lieber Vetter, du hast solch eine
-schöne zarte Stimme, willst du nicht singen zum Ruhme des Rheingaues
-und seiner Weine?«
-
-»Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht Beschwerde
-macht, edler Bacchus, wie auch Euch nicht unangenehm ist, mein Herr und
-Ritter Roland, so will ich eines singen.« Und er sang eine schöne Weise
-voll zarter Töne und Worte, klangvoll und zierlich gefüget, so, daß
-man wohl merken konnte, es sei ein Lied eines alten Meisters von 1400
-oder 1500. Verflogen sind seine Worte aus meinem Gedächtnis, aber seine
-Weise möchte ich doch wohl finden, denn sie war einfach und schön, und
-Petrus begleitete ihn mit einem sonoren, herrlichen Sekund. Die Lust
-des Gesanges schien über alle herabzukommen, denn als Andreas geendet,
-sang Judas unaufgefordert ein Lied, und ihm folgten die übrigen. Selbst
-Rose, so sehr sie sich zierte, mußte ein Lied von 1615 singen, was sie
-mit angenehmer, etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem Baß
-sang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher ich nur einige
-Worte verstand, und endlich, als sie alle gesungen, schauten sie auf
-mich, und Rose nickte mir zu, etwas zu singen. Da hub ich denn an:
-
- »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,
- Gesegnet sei der Rhein,
- Da wachsen sie am Ufer hin und geben
- Uns diesen Labewein.«
-
-Sie lauschten, als sie diese Worte hörten, sie nickten sich zu und
-rückten näher zusammen; und die Entfernteren streckten die Köpfe vor,
-als wollten sie kein Wort verlieren. Mutiger erhob ich meine Stimme,
-lauter und immer lauter war mein Gesang, denn es wogte in mir wie
-Begeisterung, vor solchem Publikum zu singen. Die alte Rose nickte den
-Takt mit dem Kopfe und summte den Chorus leise, leise mit, und Freude
-und Stolz blickten aus den Augen der Apostel. Und als ich geendet,
-drängten sie sich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte einen
-Kuß auf meine Lippen.
-
-»Doktor!« rief Bacchus, »Doktor, welch ein Lied! Wie geht einem da das
-Herz auf! Herzensdoktor, hast du das Lied gedichtet in deinem eigenen
-graduierten Gehirn?«
-
-»Nein, Euer Exzellenz! solch ein Meister des Gesanges bin ich nicht.
-Aber den, der es gedichtet, haben sie längst begraben; er hieß Matthias
-Claudius!«
-
-»_Sie haben -- einen guten Mann begraben_,« sagte Paulus. »Wie klar und
-munter ist dies Lied, so klar und helle wie echter Wein, so mutig und
-munter wie der Geist, der im Weine wohnet und gewürzt mit Scherz und
-Laune, die wie ein würziger Duft aus dem Römer steigen; der Mann hat
-gewiß verstanden, welch gutes Ding es um ein Glas lautern Weines ist.«
-
-»Herr, er ist lange tot, das weiß ich nicht, aber ein anderer großer
-Sterblicher hat gesagt: ›Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding,
-und jeder Mensch kann sich wohl einmal von ihm begeistern lassen!‹ Und
-ich denke, der alte Matthias hat auch so gedacht unter guten Freunden,
-hätte ja sonst solch ein schönes Lied nicht machen können, das noch
-heute alle fröhlichen Menschen singen, die im Rheingau wandeln oder
-edeln Rheinwein trinken.«
-
-»Singen sie das?« rief Bacchus. »Nun seht, Doktor, das freut mich, und
-so gar miserabel muß Euer Geschlecht doch nicht geworden sein, wenn sie
-so klare, schöne Lieder haben und singen.«
-
-»Ach, Herr!« sprach ich bekümmert. »Es gibt der _Ueberschwenglichen_
-gar viele, das sind die Pietisten in der Poesie, und wollen solch Lied
-gar nicht für ein Gedicht gelten lassen, wie manchen Frömmlern das
-Vaterunser nicht mystisch genug zum Beten ist.«
-
-»Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!« erwiderte mir Petrus, »und
-jeder fegt am besten vor seiner eigenen Türe. Aber weil wir gerade bei
-seinem Geschlecht sind, erzähl' Er uns doch, wie es auf der Erde ging
-im letzten Jahr?«
-
-»Wenn es die Herren und Damen interessiert,« -- sprach ich zögernd.
-
-»Immerzu,« rief Roland, »wegen meiner könntet Ihr die letzten
-fünfhundert Jahre erzählen, denn auf meinem Domhof sehe ich nichts als
-Zigarrenmacher, Weinbrauer, Pfarrer und alte Weiber.« Auch die übrigen
-stimmten mit ein; ich hub also an:
-
-»Was zuerst die deutsche Literatur betrifft --«
-
-»Halt, ~manum de tabula~!« rief Paulus. »Was scheren wir uns um euer
-miserables Geschmier, um eure kleinlichen, ekelhaften Gassenstreite und
-Kneipenraufereien, um eure Poetaster, Afterpropheten und --«
-
-Ich erschrak; wenn diesen Leuten nicht einmal unsere wunderherrliche,
-magnifike Literatur interessant war, was konnte ich ihnen denn sagen?
-Ich besann mich und fuhr fort: »Offenbar hat Joco im letzten Jahre, was
-das Theater anbelangt --«
-
-»Theater? Geht mir weg!« unterbrach Andreas, »was sollen wir von
-euren Puppenspielen, Marionettenkomödien und sonstigen Torheiten
-hören! Meinet Ihr etwa, uns komme viel darauf an, ob einer eurer
-Lustspieldichter ausgepfiffen wurde oder nicht? Habt Ihr denn dermalen
-gar nichts Interessantes, nichts Welthistorisches, das Ihr etwa
-erzählen könntet?«
-
-»Ach, daß Gott erbarm',« erwiderte ich, »bei uns ist die Welthistorie
-ausgegangen, wir haben in diesem Fach nur noch den Bundestag in
-Frankfurt. Bei unsern Nachbarn höchstens gibt es noch hin und wieder
-etwas; zum Beispiel in Frankreich haben die Jesuiten wieder Macht
-gewonnen und das Zepter an sich gerissen, und in Rußland sollte es eine
-Revolution geben.«
-
-»Ihr verwechselt die Namen, Freund!« sagte Judas, »Ihr wolltet sagen,
-in Rußland sind die Jesuiten wieder eingezogen, und in Frankreich
-sollte es eine Revolution geben.«
-
-»Mit nichten, Herr Judas von Ischariot,« antwortete ich, »so ist es,
-wie ich gesagt.«
-
-»Ei der Tausend!« murmelten sie nachdenklich, »das ist ja ganz
-sonderbar und verkehrt!« -- »Und,« fragte Petrus, »Krieg gibt es nicht?«
-
-»Ein klein wenig, wird aber bald vollends zu Ende sein, in
-Griechenland, gegen die Türken.«
-
-»Ha! das ist schön,« rief der Paladin und schlug mit der steinernen
-Faust auf den Tisch. »Hat mich schon vor vielen Jahren geärgert, daß
-die Christenheit so schnöde zuschaute, wie der Muselmann dies herrliche
-Volk in Banden hielt; das ist schön, wahrlich! Ihr lebet in einer
-schönen Zeit, und Euer Geschlecht ist edler, als ich dachte. Also die
-Ritter von Deutschland und Frankreich, von Italien, Spanien und England
-sind ausgezogen wie einst unter Richard Löwenherz, die Ungläubigen zu
-bekämpfen? Die Genueser Flotte schifft im Archipel, die Tausende der
-Streiter überzusetzen, die Oriflamme naht sich Stambuls Küsten, und
-Oesterreichs Banner weht im ersten Reihen? Ha! zu solchem Kampfe möchte
-ich selbst noch einmal mein Roß besteigen, mein gutes Schwert Durande
-ziehen und in mein Hifthorn stoßen, daß alle Helden, die da schlafen,
-aufstünden aus den Gräbern und mit mir zögen in die Türkenschlacht.«
-
-»Edler Ritter,« antwortete ich und errötete vor meiner Zeit, »die
-Zeiten haben sich geändert. Ihr würdet wahrscheinlich als Demagoge
-verhaftet werden bei sotanen Umständen und Verhältnissen, denn weder
-Habsburgs Banner noch die Oriflamme, weder Englands Harfe noch
-Hispaniens Löwen sieht man in jenen Gefechten.«
-
-»Wer ist es denn, der gegen den Halbmond schlägt, wenn es nicht diese
-sind?«
-
-»Die Griechen selbst.«
-
-»Die Griechen? Ist es möglich?« rief Johannes; »und die andern Staaten,
-wo sind denn diese beschäftigt?«
-
-»Noch haben sie Gesandte bei der Pforte.«
-
-»Mensch, was sagst du?« sprach Roland, starr vor Staunen; »kann
-man es ignorieren, wenn ein Volk um seine Freiheit kämpft? Heilige
-Jungfrau, was ist dies für eine Welt! Wahrlich das möchte einen Stein
-erbarmen!« Er quetschte im Zorn, während er die letzten Worte sprach,
-den silbernen Becher wie dünnes Zinn zusammen, daß der Wein darin hoch
-an die Decke spritzte, fuhr rasselnd auf vom Tisch, nahm seine Tartsche
-und sein langes Schwert und schritt düster mit dröhnenden Schritten aus
-dem Gemach.
-
-»Ei, was ist der steinerne Roland für ein zorniger Kumpan!« murmelte
-Rose, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen, indem sie etliche
-Weintropfen, die sie benetzten, vom Busentuch abschüttelte. »Will der
-steinerne Narr auf seine alten Tage noch zu Felde ziehen! Wenn er sich
-sehen ließe, sie steckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann
-unter die Brandenburger Grenadiere, denn die Größe hat er.«
-
-»Jungfer Rose,« erwiderte ihr Petrus, »zornig ist er, das ist wahr,
-und er hätte können auf andere Weise davongehen; aber bedenket, daß
-er einst Furioso, wahnsinnig war und noch ganz andere Sachen getan,
-als silberne Becher zerquetscht und Frauenzimmer mit Wein besudelt.
-Und genau beim Lichte besehen, kann ich ihm seinen Unmut auch nicht
-verdenken; war er doch auch einmal ein Mensch und dazu ein herrlicher
-Paladin des großen Kaisers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl
-gewollt hätte, allein gegen tausend Muselmannen zu Felde gezogen wäre.
-Da hat er sich denn geschämt und ist unmutig geworden.«
-
-»Laßt ihn laufen, den steinernen Recken!« rief Bacchus, »hat mich
-geniert, der Bursche, hat mich geniert. Er paßt nicht unter uns, der
-Lümmel von zehn Schuh, er sah immer höhnisch auf mich herab. Die ganze
-Freudigkeit und mein Vergnügen hätt' er gestört. Wir wären nicht zum
-Tanzen gekommen, nur weil er mit seinen steifen, steinernen Beinen
-keinen tüchtigen Hopser hätte riskieren können, ohne elend umzustülpen.«
-
-»Ja tanzen, heisa, tanzen!« riefen die Apostel; »Balthasar spiel' auf,
-spiel' auf!«
-
-Judas stand auf, zog ungeheure Stülphandschuhe an, die ihm beinahe
-bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die Jungfrau heran und
-sagte: »Ehrenfeste und allerschönste Jungfer Rose, dürfte ich mir die
-absonderliche Ehre ausbitten, mit Ihr den ersten --«
-
-»~Manum de~ --« unterbrach ihn Bacchus pathetisch. »Ich bin es, der den
-Ball arrangiert hat, und ich muß ihn eröffnen. Tanze Er, mit wem Er
-will, Meister Judas, mein Röschen tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?«
-
-Sie machte errötend einen Knicks zur Bejahung, und die Apostel lachten
-den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber winkte der Weingott heroisch
-zu; »versteht Er Musik, Doktor?« fragte er.
-
-»Ein wenig.«
-
-»Taktfest?«
-
-»O ja, taktfest wohl.«
-
-»Nun so nehme Er dies Fäßlein da, setze Er sich neben Balthasar
-Ohnegrund, unseren Kellermeister und Zinkenisten, nehme Er diese
-hölzernen Küperhämmer zur Hand und begleite jenen mit der Trommel.«
-
-Ich staunte und bequemte mich. War aber schon meine Trommel etwas
-außergewöhnlich, so war Balthasars Instrument noch auffallender. Er
-hielt nämlich einen eisernen Hahnen von einem achtfuderigen Faß an den
-Mund wie ein Klarinett. Neben mich setzten sich noch Bartholomäus und
-Jakobus mit ungeheuern Weintrichtern, die sie als Trompeten handhabten,
-und warteten des Zeichens. Der Tisch wurde auf die Seite gerückt, Rose
-und Bacchus stellten sich zum Tanze. Er winkte, und eine schreckliche,
-quiekende, mißtönende Janitscharenmusik brach los, zu der ich im
-Sechsachteltakte auf mein Faß als Tambour aufschlegelte. Der Hahn,
-den Balthasar blies, tönte wie eine Nachtwächtertute und wechselte
-nur zwischen zwei Tönen, Grundton und abscheulich hohem Falsett, die
-beiden Trichtertrompeter bliesen die Backen auf und lockten aus ihren
-Instrumenten Angst- und Klagelaute so herzdurchschneidend wie die Töne
-der Tritonen, wenn sie die Meermuscheln blasen.
-
-Der Tanz, den die beiden aufführten, mochte wohl vor ein paar hundert
-Jahren üblich gewesen sein. Jungfer Rose hatte mit beiden Händen ihren
-Rock ergriffen und solchen an den Seiten weit ausgespannt, daß sie
-anzusehen war wie ein großes weites Faß. Sie bewegte sich nicht sehr
-weit von der Stelle, sondern trippelte hin und her, indem sie bald
-auf, bald nieder tauchte und knickste. Lebendiger war dagegen ihr
-Tänzer, der wie ein Kreisel um sie herfuhr, allerlei kühne Sprünge
-machte, mit den Fingern knallte und heisa, juhe! schrie. Wunderlich
-war es anzusehen, wie das kleine Schürzlein der Jungfer Rose, das
-ihm Balthasar umgetan, hin und her flatterte in der Luft, wie seine
-Beinchen umherbaumelten, wie sein dickes Gesicht lächelte vor inniger
-Herzenslust und Freude.
-
-Endlich schien er ermüdet, er winkte Judas und Paulus herbei und
-flüsterte ihnen etwas zu. Sie banden ihm die Schürze ab, faßten solche
-an beiden Enden und zogen und zogen, so daß sie plötzlich so groß wurde
-wie ein Bettuch. Dann riefen sie die andern herbei, stellten sie rings
-um das Tuch und ließen es anfassen. »Ha,« dachte ich, »jetzt wird
-wahrscheinlich der alte Balthasar ein wenig geprellt, zu allgemeiner
-Ergötzung; wenn nur das Gewölbe nicht so nieder wäre, da kann er leicht
-den Schädel einstoßen.« Da kam Judas und der starke Bartholomäus auf
-uns zu und faßten -- _mich_; Balthasar Ohnegrund lachte hämisch; ich
-bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas faßte mich fest an der
-Kehle und drohte mich zu erwürgen, wenn ich mich ferner sträube. Die
-Sinne wollten mir vergehen, als sie mich unter allgemeinem Jauchzen und
-Geschrei auf das Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zusammen;
-»nur nicht zu hoch, meine werten Gönner, ich renne mir sonst das Hirn
-ein am Gewölbe,« rief ich in der Angst des Herzens, aber sie lachten
-und überschrieen mich. Jetzt fingen sie an, das Tuch hin und her zu
-wiegen, Balthasar blies den Trichter dazu. Jetzt ging es auf- und
-abwärts, zuerst drei, vier, fünf Schuh hoch, auf einmal schnellten sie
-stärker, ich flog hinauf und -- wie eine Wolke tat sich die Decke des
-Gewölbes auseinander; ich flog immer aufwärts zum Rathausdach hinaus,
-höher, höher als der Turm der Domkirche. »Ha,« dachte ich im Fliegen,
-»jetzt ist es um dich geschehen! Wenn du jetzt wieder fällst, brichst
-du das Genick oder zum allerwenigsten ein Paar Arme oder Beine! O
-Himmel, und ich weiß ja, was _sie_ von einem Mann mit gebrochenen
-Gliedmaßen denkt! Ade, ade! Mein Leben, meine Liebe!«
-
-Jetzt hatte ich den höchsten Punkt meines Steigens erreicht, und ebenso
-pfeilschnell fiel ich abwärts. Krach! ging es durchs Rathausdach und
-hinab durch die Decke des Gewölbes, aber ich fiel nicht auf das Tuch
-zurück, sondern gerade auf einen Stuhl, mit dem ich rücklings über auf
-den Boden schlug.
-
-Ich lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am Kopfe und die
-Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich wußte anfangs nicht, war
-ich zu Hause aus dem Bette gefallen oder lag ich sonstwo. Endlich
-besann ich mich, daß ich irgendwo weit herabgestürzt sei. Ich
-untersuchte ängstlich meine Glieder, es war nichts gebrochen, nur das
-Haupt tat mir weh vom Fall. Ich raffte mich auf, sah um mich. Da war
-ich in einem gewölbten Zimmer, der Tag schien matt durch ein Kellerloch
-herab, auf dem Tische sprühte ein Licht in seinem letzten Leben, umher
-standen Gläser und Flaschen, und rings um die Tafel vor jedem Stuhl
-ein kleines Fläschchen mit langem Zettel am Halse. -- Ha, jetzt fiel
-mir nach und nach alles wieder ein. Ich war zu Bremen im Ratskeller;
-gestern nacht war ich hereingegangen, hatte getrunken, hatte mich
-einschließen lassen, da war --; voll Grauen schaute ich um mich, denn
-alle, alle Erinnerungen erwachten mit einemmal. Wenn der gespenstige
-Balthasar noch in der Ecke säße, wenn die Weingeister noch um mich
-schwebten! Ich wagte verstohlene Blicke in die Ecken des düsteren
-Zimmers, es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt?
-
-Sinnend ging ich um die lange Tafel; die Probefläschchen standen, wie
-jeder gesessen hatte. Obenan die Rose, dann Judas, Jakobus -- Johannes,
-sie alle an der Stelle, wo ich sie leiblich geschaut hatte diese Nacht.
-»Nein, so lebhaft träumt man nicht,« sprach ich zu mir; »dies alles,
-was ich gehört, geschaut, ist wirklich geschehen!« Doch nicht lange
-hatte ich Zeit zu diesen Reflexionen; ich hörte Schlüssel rasseln an
-der Tür, sie ging langsam auf, und der alte Ratsdiener trat grüßend ein.
-
-»Sechs Uhr hat es eben geschlagen,« sprach er, »und wie Sie befohlen,
-bin ich da, Sie herauszulassen. Nun,« fuhr er fort, als ich mich
-schweigend anschickte, ihm zu folgen, »nun, und wie haben Sie
-geschlafen diese Nacht?«
-
-»So gut es sich auf einem Stuhl tun läßt, ziemlich gut.«
-
-»Herr,« rief er ängstlich und betrachtete mich genauer, »Ihnen ist
-etwas Unheimliches passiert diese Nacht. Sie sehen so verstört und
-bleich aus, und Ihre Stimme zittert!«
-
-»Alter, was wird mir passiert sein!« erwiderte ich, mich zum Lachen
-zwingend. »Wenn ich bleich aussehe und verstört, so kommt es vom langen
-Wachen, und weil ich nicht im Bette geschlafen.« --
-
-»Ich sehe, was ich sehe,« sagte er kopfschüttelnd; »und der
-Nachtwächter war heute früh auch schon bei mir und erzählte, wie er
-am Kellerloch vorübergegangen zwischen zwölf und ein Uhr, habe er
-allerlei Gesang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen aus dem Keller.«
-
-»Einbildungen, Possen! Ich habe ein wenig für mich gesungen zur
-Unterhaltung und vielleicht im Schlaf gesprochen, das ist alles.«
-
-»Diesmal einen im Keller gelassen in solcher Nacht und von nun an nie
-wieder,« murmelte er, indem er mich die Treppe hinauf begleitete; »Gott
-weiß, was der Herr Greuliches hat hören und schauen müssen! Wünsche
-gehorsamst guten Morgen.«
-
- * * * * *
-
- »Doch hat daselbst vor allen
- Eine Jungfrau mir gefallen.«
-
-Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von Sehnsucht der Liebe
-getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden geschlummert, der
-Holden guten Morgen zu sagen. Aber kalt und zurückhaltend empfing sie
-mich, und als ich ihr einige innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir
-laut lachend den Rücken zu und sprach: »Gehen Sie und schlafen Sie erst
-fein aus, mein Herr.«
-
-Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie gewesen. Ein
-Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers am Klavier gesessen,
-ging mir nach und sagte, indem er wehmütig meine Hand ergriff:
-»Herzensbruder, mit deiner Liebe ist es rein aus auf immerdar, schlage
-dir nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne.«
-
-»Soviel ungefähr konnte ich selbst merken,« antwortete ich. »Der Teufel
-hole alle schönen Augen, jeden rosigen Mund und den törichten Glauben
-an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen aussprechen.«
-
-»Tobe nicht so arg, sie hören es oben,« flüsterte er; »aber sag' mir
-um Gottes willen, ist es denn wahr, daß du heute die ganze Nacht im
-Weinkeller gelegen und getrunken hast?«
-
-»Nun ja, und wen kümmert es denn?«
-
-»Weiß der Himmel, wie sie es gleich erfahren hat, sie hat den ganzen
-Morgen geweint und nachher gesagt, vor einem solchen Trunkenbold, der
-ganze Nächte beim Wein sitze und aus schnöder Trinklust ganz allein
-trinke, solle sie Gott behüten. Du seiest ein ganz gemeiner Mensch, von
-dem sie nichts mehr hören wolle.«
-
-»So?« erwiderte ich ganz gelassen und hatte einiges Mitleiden mit mir
-selbst. »Nun gut, geliebt hat sie mich nie, sonst würde sie auch mich
-darüber hören; ich lasse sie schön grüßen. Lebe wohl!«
-
-Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und fuhr noch
-denselben Abend von dannen. Als ich an der Rolandsäule vorüberkam,
-grüßte ich den alten Recken recht freundlich, und zum Entsetzen meines
-Postillons nickte er mir mit dem steinernen Haupt einen Abschiedsgruß.
-Dem alten Rathaus und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu,
-drückte mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasieen
-dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Weitere Korrekturen:
-
- S. 15: hinab → hinauf
- Rückweg ins Schloß {hinauf} ist
-
- S. 26: wilden → milden
- mit dem {milden} Schimmer des Mondes
-
- S. 30: verschlossen → verschossenen
- in einem {verschossenen} Hofkleid
-
- S. 128: die → wie
- treffend die Beschreibung, {wie} die Furcht vor
-
- S. 150: noch → nach
- nie {nach} vier Uhr abends ein Mann
-
- S. 200: Napoleine → Napoleone
- Generale, Platows, Blüchers, {Napoleone} und dergleichen
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
-***** This file should be named 60699-0.txt or 60699-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/0/6/9/60699/
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/60699-0.zip b/old/60699-0.zip
deleted file mode 100644
index a1aff45..0000000
--- a/old/60699-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60699-h.zip b/old/60699-h.zip
deleted file mode 100644
index 1f615f1..0000000
--- a/old/60699-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/60699-h/60699-h.htm b/old/60699-h/60699-h.htm
deleted file mode 100644
index d08b461..0000000
--- a/old/60699-h/60699-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,11620 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Zweiter Band, by Wilhelm Hauff.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.chapter {
- page-break-before: always;
-}
-
-h1, h2, h3 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-.h2 {
- text-indent: 0;
- text-align: center;
- font-size: x-large;
-}
-
-p {
- margin-top: 1ex;
- margin-bottom: 1ex;
- text-align: justify;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.noind {
- text-indent: 0;
-}
-
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; }
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; }
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
-}
-
-.tdr {text-align: right;}
-
-.pagenum {
- position: absolute;
- left: 90%;
- width: 8%;
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-size: small;
- text-align: right;
-} /* page numbers */
-
-.pagenum a {
- color: gray;
-}
-
-.blockquot {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 5%;
- font-size: smaller;
-}
-
-.chapintro {
- margin-left: 50%;
- font-size: smaller;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.right {text-align: right;}
-
-.small {
- font-size: small;
-}
-
-.smaller {
- font-size: smaller;
-}
-
-.antiqua {
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-size: 95%;
-}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-/* Footnotes */
-.footnotes {border: dashed 1px;}
-
-.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
-
-.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
-
-.footnote p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.fnanchor {
- vertical-align: top;
- font-size: 70%;
- text-decoration: none;
-}
-
-/* Poetry */
-.poem {
- margin-left:10%;
- margin-right:10%;
- text-align: left;
-}
-
-.poem br {display: none;}
-
-.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
-.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.transnote p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs
-Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden, Zweiter Band
-
-Author: Wilhelm Hauff
-
-Annotator: Alfred Weile
-
-Release Date: November 16, 2019 [EBook #60699]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Wilhelm Hauffs<br />
-<span class="smaller">sämtliche Werke in sechs Bänden</span></h1>
-
-<p class="h2">Mit einer biographischen Einleitung<br />
-von <em class="gesperrt">Alfred Weile</em></p>
-
-<p class="center">Neu durchgesehene Ausgabe</p>
-
-<p class="center smaller">:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::</p>
-
-<p class="center">Zweiter Band.</p>
-
-<p class="center p2">A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei<br />
-<em class="gesperrt">Berlin</em> NO.<sup>43</sup> Neue Königstr. 9
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Novellen.</p>
-
-<p class="center">Zweiter Teil.</p>
-
-<p class="h2">Phantasien im Bremer Ratskeller.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das Bild des Kaisers</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Bild_des_Kaisers">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die letzten Ritter von Marienburg</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_letzten_Ritter_von_Marienburg">88</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Sängerin</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Sangerin">145</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Phantasien im Bremer Ratskeller</td>
- <td class="tdr"><a href="#Phantasien_im_Bremer_Ratskeller">190</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span>
-
-<h2 id="Das_Bild_des_Kaisers">Das Bild des Kaisers.</h2>
-
-<h3>1.</h3>
-</div>
-
-<p>In dem Kabriolett des Eilwagens, der zweimal in der
-Woche von Frankfurt nach Stuttgart geht, reisten vor einigen
-Jahren an einem der schönsten Tage des Septembers zwei junge
-Männer. Der eine von ihnen war erst eine Station hinter
-Darmstadt eingestiegen und hatte dem früheren Passagier schon
-beim ersten Anblick durch sein schmuckes Aeußere und den freundlichen
-Gruß, womit er sich neben ihn setzte, die Furcht, der Zufall
-möchte ihm eine unangenehme Nachbarschaft geben, völlig
-benommen. Der Fortgang der Reise bewies, daß er nicht unrichtig
-geurteilt hatte, wenn er seinen Reisegefährten für einen
-wohlerzogenen, anständigen Mann hielt. Was er sprach, war,
-wenn nicht gerade heiter, doch offen und verständig; nicht selten
-sogar überraschten den Reisenden leicht hingeworfene Aeußerungen,
-Gedanken seines Nachbars, die von feiner Bildung, gesellschaftlicher
-Erfahrung und einer Belesenheit zeugten, die er
-denn doch hinter dem etwas groben Jagdrock und der unscheinbaren
-Ledermütze nicht gesucht hätte. Ueberhaupt deuchte es
-diesem Reisenden, er müsse, je weiter er im Süden vordrang,
-desto öfter und nicht ohne Beschämung dem Lande und den Bewohnern
-Vorurteile abbitten, die man in der Ferne vom Hörensagen,
-besonders in einem Alter von vierundzwanzig Jahren,
-so leicht annimmt.</p>
-
-<p>Wie anders war ihm dieses Land im Brandenburgischen
-geschildert worden! Manche Reisende hatten zwar diese Bergstraße,
-dieses Neckartal gelobt, doch erschien dann ihre Beschreibung
-matt und klein gegen die Wunder der Schweiz, zu
-welcher sie auf dieser Straße geeilt waren. Ueber die Bewohner
-war aber in seiner Heimat nur <em class="gesperrt">eine</em> Stimme. Hier, bald
-hinter Darmstadt, fangen die Schwaben an, erzählte man dem
-jungen Reisenden in Berlin, mit einem mitleidigen Blick auf
-die Karte, mit einem noch mitleidigeren auf ihn, der diese Länder
-besuchen wolle. Da geht alles gesellschaftliche Leben, alle Bildung<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span>
-aus; ein rohes, ungesittetes Volk, das nicht einmal gutes
-Deutsch sprechen kann. Und leider! nicht nur die untersten
-Klassen leiden an diesem Mangel, auch die besseren Stände
-haben einen Anstrich von eingeschränktem, ungalantem Wesen
-und reden so elendes Deutsch, daß sie vor Fremden, um nicht
-erröten zu müssen, Französisch sprechen. Das war der Reisepfennig,
-den man ihm nach Schwaben mitgab, und in dem
-jungen und romantischen Kopf des jungen Brandenburgers
-hatten diese Sagen sich endlich während der schönen Muße, die
-ihm die Sandkunststraßen und die schnapsenden Postillons seines
-Vaterlandes gönnten, so sonderbar gestaltet, daß er sich selbst
-wie einer jener wohlerzogenen, jungen Herrn in einem Scottischen
-Roman erschien, die von den wehmütigen Erinnerungen
-an die feinsten Zirkel, an Theater und alle Genüsse der großen
-Welt erfüllt, von London aus reisen, um das <em class="gesperrt">Hochland und
-seine barbarischen Bewohner</em> zu besuchen.</p>
-
-<p>Doch als die herrliche Welt jener Berge voll Obst und
-Wein und jene gesegneten Täler sich vor seinen Blicken auftaten,
-als die schönen Dörfer mit ihren roten Dächern, mit
-ihren reinlichen, fröhlichen Menschen seinem erstaunten Auge
-sich zeigten, als da und dort zwischen prachtvollen Buchenwäldern
-eine alte Burg und ein Schloß mit schimmernden Fenstern auftauchte,
-da fiel er beinahe in das andere Extrem; er strömte
-über von Lob und Bewunderung und bemitleidete die arme,
-flache Mark, ihren kahlen Sandboden, ihre mageren Tannen
-und ihre bleichen Bewohner, von welchen vielleicht Tausende aus
-dem Leben gingen, ohne nur eine jener üppigen Trauben gesehen
-zu haben, die hier in unendlicher Fülle durch das grüne Laub
-schimmerten, und ein schwacher Trost für seinen Patriotismus
-war, daß die Natur seine Landsleute durch höhere Einsicht, eine
-wohllautendere Sprache und feinere Bildung in etwas wenigstens
-entschädigt habe.</p>
-
-<p>Der junge Mann an seiner Seite schien übrigens, obgleich
-man seiner Sprache den südlichen Akzent anfühlte, die Gesetze
-des Anstandes nicht minder gut zu verstehen als der Brandenburger;
-zum mindesten verriet keine seiner Fragen Neugierde,
-über dessen Stand, Vaterland und Reisezweck etwas zu erfahren,
-er benahm sich zuvorkommend, aber würdig, schien geneigter zu
-antworten, als zu fragen, und übernahm es, ohne sich dadurch belästigt
-zu fühlen, den Fremden über Namen und Geschichte der
-Burgen und Städte, die ihm auffielen, zu unterrichten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>So ruhig und kalt übrigens der junge Mann im Jagdkleid
-über diese Dinge Aufschluß gab, so waren es doch zwei Punkte,
-über welche er wärmer und länger sprach. Einmal, als sein
-Nebensitzer über die gute Gesellschaft in Schwaben einige
-seiner sonderbaren Begriffe preisgab, sah ihn der Grüne mit
-Verwunderung an, fragte ihn auch, ob er vielleicht auf einem
-andern Wege schon früher in Schwaben gewesen sei, und als
-jener es verneinte, erwiderte er: »Ich weiß, man macht sich
-hin und wieder, besonders in Norddeutschland, sonderbare Begriffe
-von uns. Ob mit Recht, mögen Sie selbst entscheiden,
-wenn Sie einige Zeit in unserer Mitte verweilt haben. Doch
-möchte ich Ihnen raten, zuvor etwas unbefangener die mögliche
-Quelle solcher Urteile zu betrachten. Ich gebe zu, daß eine gewisse
-nachteilige Ansicht über mein Vaterland seit Jahrhunderten
-besteht; zum mindesten sind die Schwabenstreiche nicht erst
-in unseren Tagen bekannt geworden. Doch scheint ein großer
-Teil dieser aberwitzigen Dinge aus einer gewissen Eifersucht
-der Volksstämme hervorzugehen und aus der Kleinstädterei, die
-von jeher in unserem lieben Deutschland herrschte. In Schwaben
-zum Beispiel erzählt man alle jene Sonderbarkeiten, die andere
-uns aufbürden, von den Oesterreichern; daß aber dieses Vorurteil
-selbst in neueren Zeiten, selbst durch die Fortschritte der
-Kultur und das regere gesellige Leben nicht geschwächt wurde,
-hat zwei wichtige Gründe, die größere Schuld aber liegt nicht
-auf der Seite von Süddeutschland.«</p>
-
-<p>»Bitte!« rief der brandenburgische Reisende etwas ungläubig,
-»ich sollte doch nicht denken&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Man beurteilt unsere Sitten nach meinen Landsleuten,
-die man in Norddeutschland sieht. Wenn nun diese auch die
-vernünftigsten Menschen wären, es würden ihnen doch zwei
-Mängel anhängen, die sie in Ihren Augen in Nachteil setzen.
-Einmal die Sprache&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bitte!« erwiderte sein Gefährte verbindlich. »Nicht alle,
-Sie zum Beispiel drücken sich allerliebst aus.«</p>
-
-<p>»Ich drücke mich aus, wie ich denke, und so macht es ein
-guter Teil meiner Landsleute auch; weil wir aber die Diphthongen
-anders aussprechen als ihr, die Endsilben entweder
-nach unserer altertümlichen Form ändern oder im Sprechen
-übereilen, klingt euch unsere Sprache auffallend, hart, beinahe
-gemein. Die meisten Schwaben, die Sie bei sich sehen, sind
-junge Männer, die von der Universität kommen und die Anstalten
-in Norddeutschland besuchen, oder Kaufleute, die ihr<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-Handelsweg dahin führt. Diesen Menschen legen nun Ihre
-Landsleute durchaus ihren eigenen Maßstab an und tun sehr
-unrecht daran. In Ihrem Lande wird den äußeren Formen
-und dem Benehmen des Knaben und des Jünglings einige Aufmerksamkeit
-geschenkt, er wird sehr bald in die geselligen Kreise
-gezogen; bei uns findet dies vielleicht erst um acht oder zehn
-Jahre später statt.«</p>
-
-<p>»Nun das ist es ja gerade, was ich sagte,« entgegnete jener;
-»diese Formen gewinnt keiner durch sich selbst, und dies ist also
-ein Fehler Ihrer Erziehung&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Vorausgesetzt, daß jene Formen wirklich so trefflich, daß
-sie <em class="gesperrt">das</em> sind, was dem zukünftigen Bürger eines Staates vor
-allem als nützlich und notwendig einzuimpfen ist.«</p>
-
-<p>»Das soll es ja nicht; aber so auf dem Wege mitnehmen
-kann er sie doch wohl,« meinte der Fremde.</p>
-
-<p>»Wenn er sie nur so mitnimmt, verliert er sie auch gelegentlich,«
-erwiderte der Schwabe. »Doch das ist nicht der Punkt,
-wovon wir sprechen. Ich behaupte nur, man hat in Norddeutschland
-unrecht, unsere Sitten und unsere Gesellschaft nach
-Leuten zu beurteilen, die der Gesellschaft eigentlich noch nicht
-angehört hatten, die vielleicht in die Welt geschickt wurden, um
-ihre Sitten abzuschleifen. Oder wollen Sie nach einigen jungen
-Gelehrten, die gerade aus der Studierstube zu Ihnen kamen
-und sich vielleicht ungeschickt in Sprache und Manieren zeigten,
-die Landsleute dieser Menschen beurteilen?«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht, aber gestehen Sie selbst, man hört doch selbst
-von der guten Gesellschaft in Schwaben so sonderbare Gerüchte
-von ihren Sitten und Gebräuchen, von ihren Frauen und
-Mädchen.«</p>
-
-<p>»Vielleicht kaum so sonderbar,« versetzte der Jäger lächelnd,
-»als man bei uns von den Sitten Ihrer Damen hört; denn
-unsere Mädchen stellen sich die <em class="gesperrt">norddeutschen</em> Damen gewiß
-immer mit irgend einem gelehrten Buche in der Hand vor. Die
-zweite Quelle des Irrtums über mein Vaterland sind aber
-<em class="gesperrt">Ihre</em> reisenden Landsleute und die eigentümlichen Verhältnisse
-unseres Familienlebens. In Norddeutschland fällt es nicht
-schwer, in Familienkreisen Zutritt zu bekommen, durch <em class="gesperrt">einen</em>
-Bekannten zehn zu erwerben. In Schwaben ist es anders; man
-ist heiter, gesellig <em class="gesperrt">unter sich</em>, der Fremde wird als etwas
-Fremdes angestaunt, aber eher vermieden als eingeladen, doch
-werden <em class="gesperrt">Sie</em> für diese scheinbare Kälte immer eine Entschädigung
-finden. Ihre Landsleute öffnen die Tür, aber selten das<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
-Herz; meine Schwaben sind vorsichtiger, aber sie schließen sich
-an <em class="gesperrt">den</em>, welchen sie liebgewonnen, mit einer Herzlichkeit an,
-die Sie bei künstlich verfeinerten Sitten umsonst suchen.«</p>
-
-<p>»Und also liegt eine zweite Quelle unserer Vorurteile,«
-fragte der Fremde, »darin, daß meine Landsleute eigentlich gar
-nicht in Ihren Kreisen einheimisch wurden?«</p>
-
-<p>»Gewiß!« sagte der Nachbar. »Lernen Sie, wenn Ihnen
-das Glück wohlwill, in die Kreise unserer bessern Stände zu
-kommen, lernen Sie uns näher kennen, lassen Sie sich nicht
-durch Ihre eigenen Ansichten über Leben und Sitte durchaus
-leiten, und Sie werden ein gutes, herzliches Völkchen finden,
-gebildet genug, um, wenn man nur die rechte Saite anschlägt,
-sich mit den Gebildetsten zu messen, vernünftig genug, um die
-Grenzen guter Sitten festzuhalten und das Lächerliche der
-Unsitte zu belächeln.«</p>
-
-<p>Der Fremde aus der Mark lächelte. »Er liebt sein Land,«
-dachte er, »und er verteidigt es mit Wärme, weil er es nicht
-sinken lassen will oder Besseres nie gesehen hat.« Er entschuldigte
-bei sich die warme Verteidigung des Schwaben, aber dennoch
-konnte er es sich nicht versagen, einen kleinen Triumph
-über jenen zu feiern. Er machte ihn mit der Geläufigkeit der
-Zunge und jener Uebung, über ein <em class="gesperrt">Nichts</em> schnell und vieles
-zu sprechen, &ndash; die man im Norden unseres Vaterlandes häufiger
-als im Süden treffen soll &ndash; auf andere große Vorzüge aufmerksam,
-welche die nördlichen Provinzen Deutschlands vor
-den südlichen voraus haben. Er zählte immer zwanzig Schriftsteller
-und Dichter seiner Heimat gegen <em class="gesperrt">einen</em> im Süden, und
-der Schwabe konnte endlich dem Schwall seiner Beredsamkeit
-nur dadurch Einhalt tun, daß er, als sie um eine Ecke der Landstraße
-bogen, auf die erhabenen Ruinen von Heidelberg hinwies;
-der Fremde betrachtete sie staunend und mit Entzücken.
-Ihre rötlichen Steinmassen waren von der sinkenden Herbstsonne
-noch höher gerötet, und der Abend ließ die Bäume und
-Gesträuche, die in den verfallenen Mauern wachsen, im dunkelsten,
-wundervollsten Grün erscheinen. Durch die hohen, offenen
-Fensterbogen blickte der schwärzliche Wald hervor, den Gipfel
-des Berges umzog jener duftige Schleier, welcher allen Gegenständen
-so eigenen geheimnisvollen Reiz verleiht, und von oben
-herab spiegelten sich die rötlichen Abendwölkchen und der dunkelblaue
-Himmel in den Fluten des Neckars.</p>
-
-<p>»Und haben Sie solche Poesie in der Mark?« fragte der
-Jäger mit gutmütigem Lächeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span></p>
-
-<p>Der Fremde schien es nicht zu hören, unverwandt hingen
-seine Blicke an diesem reizenden Schauspiel; er mochte fühlen,
-daß es sich an solchen Stellen über Poesie nicht gut streiten lasse.</p>
-
-<p>Nach diesem Vorfall kehrte übrigens auf dem Gesicht des
-Jägers die vorige Ruhe und Unbefangenheit zurück; er stritt
-über keinen Gegenstand, schien sogar über manche Dinge sich
-behutsam auszudrücken.</p>
-
-<p>Als aber das Gespräch unter den beiden Reisenden, da die
-hereinbrechende Nacht ihre Aufmerksamkeit auf die Gegend
-hemmte, auf einige neuere Ereignisse und auf die Politik kam,
-schien es dem jungen Mann aus der Mark, obgleich er die Züge
-seines Nachbars nicht mehr gut unterscheiden konnte, sein Atem
-gehe schneller, seine Rede werde wärmer, kurz, man habe einen
-Punkt der Unterredung getroffen, welcher für den Schwaben
-von hohem Interesse sei. Man sprach von der Gestalt und der
-innern Kraft Deutschlands. Mit einer gewissen Erbitterung
-zog jener eine Parallele zwischen Jetzt und Sonst, die nicht
-gerade zum Vorteil der neuern Zeit ausfiel. Der Fremde,
-dessen Grundsätze im ganzen nicht mit diesen Ansichten übereinstimmen
-mochten, gab ihm dennoch, nicht ohne einiges Selbstgefühl,
-die letzten Sätze zu. Unglücklicherweise fing er seinen
-Satz »<em class="gesperrt">Ich bin ein Preuße</em>« an und reizte dadurch unwillkürlich
-den Unmut des jungen Mannes noch mehr auf. Denn
-dieser vergaß nun jede Rücksicht der Klugheit; mit einer Beredsamkeit,
-die an jedem andern Orte dienlich gewesen wäre, suchte
-er seine Meinung durchzuführen, und nichts war ihm zu hoch,
-das er nicht mit seinem eigenen Maßstab gemessen hätte. Der
-Preuße, der solche Leute nur vom Hörensagen und unter dem
-gefährlichen Namen »Köpenicker« kannte, erschrak über diese
-Aeußerungen. Konnte nicht der Postillon, konnte nicht ein
-Passagier im Bauche des Wagens diese Reden vernommen
-haben! Spandau, Köpenick, Jülich und alle möglichen <em class="gesperrt">festen
-Plätze</em> schwebten vor seiner aufgeregten Phantasie, und das
-beste Mittel, seinen Nachbar zum Stillschweigen zu bringen,
-schien ihm, wenn er sich in die Ecke drückte und sich schlafend
-stellte.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p>
-
-<h3>2.</h3>
-</div>
-
-<p>Als die beiden Reisenden am Morgen nach dieser gefährlichen
-Nacht erwachten, sahen sie in geringer Entfernung die
-Türme von Heilbronn aus dem Nebel tauchen. »Hier endet
-meine Fahrt,« sagte der Herr im grünen Rock, indem er auf
-die Stadt deutete, »und Ihnen danke ich es,« setzte er mit
-einem freundlichen Blick auf seinen Nachbar hinzu, »daß ich
-diesmal den Wagen ungern verlasse. Wie angenehm wäre mir
-noch ein Tag in Ihrer Gesellschaft vergangen!«</p>
-
-<p>»Dies ist mein Los schon seit vierzehn Tagen gewesen,«
-erwiderte der Brandenburger. »Der enge Raum macht nachbarlich;
-Menschen, welche vielleicht in einer größern Stadt, selbst
-wenn sie Zimmernachbarn gewesen wären, jahrelang unter sich
-kein Wort gewechselt hätten, treten sich nahe durch den so natürlichen
-Drang nach Mitteilung. Der Platz an meiner Seite
-wechselte öfter als in einer Schlacht, doch darf ich mir Glück
-wünschen, Sie wenigstens so lange zu meinem Nachbar gehabt
-zu haben, denn so bin ich auf die angenehmste Weise in Ihr
-Vaterland eingeführt worden.«</p>
-
-<p>»Werden Sie länger in Württemberg verweilen?«</p>
-
-<p>»Ich besuche Verwandte meiner Mutter,« erwiderte der
-Fremde; »je nachdem sie und die Residenz mir gefallen, werde
-ich länger oder kürzer verweilen.«</p>
-
-<p>»Wir werden uns schwerlich wiedersehen,« sagte der
-Grüne, »ich wüßte wenigstens nicht, was mich nach Stuttgart
-treiben sollte. Vergessen Sie aber nie, was ich Ihnen über
-den Charakter meiner Landsleute sagte. Können Sie nach
-ihrer Denkungsart, nach ihren Sitten sich ein wenig richten,
-so werden Sie überall gesucht und willkommen sein. Unsern
-Damen sind Sie dann als Fremder nur um so interessanter,
-und unsern Männern &ndash; nun da kommt es immer auf den
-Zirkel an, in welchem Sie leben; nur müssen Sie,« setzte er
-mit einem Lächeln hinzu, das zwischen Ironie und gutmütiger
-Freundlichkeit schwebte, »nie zu deutlich und fühlbar
-machen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun?« rief der Fremde erwartungsvoll, als jener innehielt.</p>
-
-<p>»Daß Sie kein Deutscher, sondern ein Preuße sind.«</p>
-
-<p>Das schmetternde Horn des Postillons und das Rasseln
-des schweren Wagens auf dem Steinweg übertönte die Antwort<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
-des Fremden. Den Passagieren ward in dieser Stadt
-eine kleine Rast vergönnt, und der Fremde wollte seinen Nachbar
-vom Eilwagen noch einmal zum Frühstück einladen. Doch
-schon unter der Tür des Posthauses überreichte diesem ein alter
-Reitknecht mehrere Briefe; er riß den einen hastig, errötend
-auf, und sein Reisegefährte bemerkte im Vorübergehen, daß es
-die Handschrift einer Dame sei. Der Fremde trat etwas verstimmt
-in dem Wirtshaus ans Fenster; er sah den Jäger angelegentlich
-mit seinem Diener sprechen, und bald darauf führte
-man zwei schöne Pferde vor. In demselben Augenblick trat der
-grüne Herr eilends in den Saal, seine Augen suchten und fanden
-den Reisegefährten, er trat zu ihm, doch nur, um schnell,
-aber herzlich von ihm Abschied zu nehmen; und so konnte ihn der
-Brandenburger zu seinem großen Verdruß nicht einmal nach
-dem Haus und der Familie <em class="gesperrt">Käthchens von Heilbronn</em>
-fragen, eine Frage, die er sich unter seinen Reisenotizen aufgezeichnet
-und doppelt unterstrichen hatte. Doch der Anblick
-des Jägers, wie er sich so leicht in den Sattel des schönen, stolzen
-Pferdes schwang, wie er so majestätisch über den Markt hinsprengte,
-söhnte ihn mit der beinahe unhöflichen Hast aus, womit
-jener von ihm Abschied genommen hatte. Er gestand sich,
-selten eine so wohlgebaute Gestalt mit einem so schönen, ausdrucksvollen
-Gesicht vereint gesehen zu haben.</p>
-
-<p>»Wer war dieser Herr im grünen Kleid?« fragte er den
-Kellner, der am andern Fenster dem Reiter nachblickte.</p>
-
-<p>»Mit dem Namen kann ich nicht dienen,« antwortete jener;
-»ich weiß nur, daß man ihn ›Herr Baron‹ nennt, daß sein
-Vater einige Stunden von hier am Neckar Güter hat, und daß
-sie sehr reich sein sollen; in die Stadt kommt er selten.«</p>
-
-<p>Nicht ganz zufrieden mit dieser Erklärung setzte sich der
-junge Mann wieder in den Wagen. Sein Vater, der früher
-einmal in diesem Lande gewesen war, hatte ihm so viel Sonderbares
-von schwäbischen Baronen erzählt, daß er in seinem
-liebenswürdigen und gewandten Reisegefährten keinen solchen
-vermutet hätte. Sein neuer Nachbar, der ihm gleich in der
-ersten Viertelstunde vertraute, daß er ein Hopfenhändler aus
-Bayern sei, machte ihm den Verlust, den er erlitten, nur um
-so fühlbarer, und da er am Hopfenbau wenig Unterhaltung
-fand, beschäftigte er sich damit, über den Charakter des jungen
-Mannes, der ihn verlassen hatte, nachzudenken und dann noch
-einmal alle Erwartungen und Hoffnungen zu durchlaufen, die
-er sich von seinen Verwandten, zu welchen er reiste, gemacht<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-hatte. Von dem Oheim versprach er sich für seine Unterhaltung
-wenig; er mußte nach seiner Berechnung ein vorgerückter Sechziger
-sein; mürrisch, ungesellig und eigensinnig hatte ihn sein
-Vater schon vor fünfundzwanzig Jahren gekannt, und solche
-Eigenschaften pflegen sich im Alter nicht zu verbessern. Desto
-mehr versprach sich der junge Mann von Fräulein Anna, seiner
-Cousine. Von einem seiner Freunde, der längere Zeit in
-Schwaben gelebt hatte, war sie ihm als eine Zierde dieses
-Landes genannt worden. Ein angenehmes, trauliches Verhältnis
-von fünf bis sechs Wochen schien ihm ganz wünschenswert,
-und so eifrig war seine Berechnung der Mittel, die ihm zu
-Gebote standen, sich liebenswürdig zu zeigen, so gewiß war er
-sich des Eindrucks bewußt, den seine Person, sein Wesen unfehlbar
-machen müsse, für so leicht zu erobern hielt er das Herz
-eines Fräuleins in Schwaben, daß ihm nicht einmal der Gedanke
-kam, die schöne Cousine Anna könne sich vielleicht schon
-versehen haben.</p>
-
-<p>Er ließ sich, in der Residenz angekommen, sogleich nach
-dem Hause führen, wo sein Oheim sonst gewohnt hatte,</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">aber mit dem Donnerworte<br /></span>
-<span class="i0">ward ihm aufgetan:<br /></span>
-<span class="i0">die du suchest&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">wohnen schon seit langer Zeit auf einem Landgut, sie werden
-auch im nächsten Winter nicht zurückkehren, und selbst dies
-Haus gehört ihnen nicht mehr eigen.</p>
-
-<p>Der Reisende aus Brandenburg war schnell entschlossen.
-Er benützte diesen Tag, um sich die freundliche Stadt zu betrachten,
-und eilte dann denselben Weg, welchen er hergekommen
-war, zurück, nach dem unteren Neckartal, wo der Landsitz seines
-Oheims lag.</p>
-
-<p>Je näher er dieser reizenden Gegend kam, desto angenehmer
-war es ihm, daß er einige Wochen auf dem Lande zubringen
-sollte. Er wußte aus eigener Erfahrung, daß man auf dem
-Lande, abgeschnitten von den Zerstreuungen der Stadt und jener
-Formen enthoben, die man dort für schön und notwendig, hier
-für überflüssig und lästig hält, schnell bekannt und befreundet
-wird, daß man sich, auf eine kleine Gesellschaft beschränkt,
-schneller nahe rückt. &ndash; Etwa eine Stunde von dem Gut bog der
-Weg von der Hauptstraße ab. Der Kutscher, den er gemietet
-hatte, deutete auf einen Fußpfad, der in den Wald lief; der<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span>
-Fahrweg wende sich um den ganzen Berg her, sagte er, doch
-auf diesem Pfad könne man zu Fuß in bei weitem kürzerer
-Zeit zum Schloß Thierberg hinauf gelangen. Der junge Mann
-stieg aus; er war bisher auf einem Bergrücken gefahren, sah
-nun eine mäßige, mit Wald bewachsene Anhöhe vor sich und
-schloß, weil er gehört hatte, das Schloß seines Oheims liege im
-Neckartal, man müsse von dieser Anhöhe eine weite Aussicht
-in das Tal genießen. Er ließ den Wagen weiterfahren und
-stieg den Seitenpfad hinan. Ein Wald von prachtvollen Buchen
-nahm ihn auf. Nie hatte er diesen Baum so kräftig, so majestätisch
-gesehen, zwischendurch erblickte er hie und da Eichen und
-schöne Eschen und zu seiner nicht geringen Verwunderung Waldkirschbäume
-von ungewöhnlicher Höhe. Nach und nach wurde
-ihm das Steigen schwerer; der Berg schien sich auf einmal steiler
-zu erheben, und er war oft versucht, die unbequeme Eleganz zu
-verwünschen, in welche ihn sein Berliner Schneider gekleidet
-hatte. Endlich hatte er den Gipfel erreicht, aber noch öffnete
-sich keine Aussicht. Die Bäume schienen dichter zu werden, je
-mehr sich der Pfad wieder senkte, und als sich, um seine Ungeduld
-zu vermehren, der kleine Pfad in zwei noch kleinere teilte,
-die nach verschiedenen Richtungen liefen, schmälte er auf den
-Kutscher und auf seine eigene Torheit, die ihn verleitet hatten,
-in einem fremden Wald sich zu verirren. Er schlug endlich
-den Weg rechts ein und sah, nachdem er einige hundert Schritte
-gegangen war, zu seiner großen Freude ein buntes Kleid durch
-das Laub schimmern.</p>
-
-<p>Er verdoppelte seine Schritte und war nicht wenig betroffen,
-als er plötzlich vor einer jungen Dame stand, die im Schatten
-einer alten Eiche auf einer Bank saß. Sie hatte ein Buch in
-der Hand, von welchem sie, als sein Schritt in den abgefallenen
-Blättern rauschte, langsam und ruhig ihre schönen Augen erhob;
-doch auch sie schien betroffen, als es ein junger, städtisch gekleideter
-Herr war, den sie in dieser Einsamkeit vor sich sah; sie
-errötete flüchtig, aber sie senkte ihren Blick nicht, der fragend
-an dem unerwarteten Besuch hing. Der junge Mann verbeugte
-sich einigemal, ehe er recht wußte, was er sagen sollte. »Ist wohl
-das schöne Mädchen Cousine Anna?« war alles, was er in
-diesem Augenblick zu denken und sich zu fragen vermochte, und
-erst, als er diese Frage schnell bejaht hatte, trat er näher zu der
-jungen Dame, die indessen ihr Buch schloß und von ihrem Bänkchen
-aufstand. »Bitte um Vergebung,« sagte er, »wenn ich Sie
-gestört haben sollte; ich fürchte, von dem Wege abgekommen zu<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span>
-sein. Kann ich hier nach dem Schloß des Herrn von Thierberg
-kommen?«</p>
-
-<p>»Auf diesem Fußpfad nicht wohl, wenn Sie hier nicht bekannt
-sind,« erwiderte sie mit einer klangvollen Stimme; »Sie
-haben oben einen Fußpfad links gelassen, der nach dem Schloß
-führt.« Sie verbeugte sich nach diesen Worten, und der junge
-Mann ging seinen Weg zurück; doch kaum hatte er einige Schritte
-gemacht, so zog ihn ein unwiderstehliches Gefühl zurück. Das
-schöne Mädchen stand noch einmal von ihrem Sitz auf, als sie
-ihn zurückkehren sah, doch diesmal schien Bestürzung ihre Wangen
-zu färben, und eine gewisse Aengstlichkeit blickte aus ihren
-großen Augen. Auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten,
-fragte der Reisende, ob er vielleicht die Ehre gehabt habe, mit
-Fräulein von Thierberg zu sprechen?</p>
-
-<p>»Ich heiße so,« antwortete sie etwas befangen.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Eh bien, ma chère cousine!</em>« sagte er lächelnd, indem er
-sich artig verbeugte; »so habe ich das Vergnügen, Ihnen Ihren
-Vetter Rantow vorzustellen.«</p>
-
-<p>»Wie, Vetter <em class="gesperrt">Albert</em>!« rief sie freudig. »So haben Sie
-endlich doch Wort gehalten? Wie wird sich der Vater freuen!
-Und was macht Onkel und die liebe Tante, und wie sind Sie
-gereist?« So drängte sich eine Frage nach der andern über die
-schönen Lippen, und Vetter Rantow fand, verloren in sein
-Glück, eine schöne Muhme zu besitzen, keine Worte, alle nach der
-Reihe zu beantworten. Wie reizend, wie naiv klang ihm die
-Sprache! Er konnte nicht sagen, daß sie gegen irgend eine Regel
-des Stils gesündigt hätte, und doch deuchte es ihn, es seien ganz
-andere Worte, ganz andere Töne, als die er in seinem Vaterland
-gehört hatte. Er fühlte, er sei zu schnell gereist, als daß
-er allmählich auf diesen Kontrast vorbereitet worden wäre.</p>
-
-<p>»Dies ist mein Lieblingsspaziergang,« sagte sie, indem sie
-langsam neben ihm herging. »Zwar ist der Weg im Tal noch
-angenehmer, der Neckar macht schöne Windungen, alte Burgen
-schmücken die Höhen &ndash; und die unsrige spielt dabei nicht die
-schlechteste Rolle, wenigstens was das Altertum betrifft &ndash;
-Dörfer und sogar ein Städtchen sieht man talauf und -ab; aber
-der Rückweg ins Schloß <span id="corr015">hinauf</span> ist dann so steil und mühsam, und
-auf der Straße gehen mir zu viele Leute. Der Wald hier liegt
-nicht höher als das Schloß, in einem halben Stündchen geht
-man herüber und ist dann so köstlich einsam, als säße man in
-seinem Boudoir bei verschlossenen Türen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>»Bis dann der Zufall einen Vetter aus Preußen hereinwehen
-muß, der die köstliche Einsamkeit stört,« unterbrach sie
-Rantow.</p>
-
-<p>»Im ganzen genommen,« fuhr sie fort, »ist es im Schloß
-gerade auch nicht geräuschvoll. Es ist so einsam als irgend ein
-bezaubertes Schloß in Tausend und eine Nacht. Außer der
-Dienerschaft und im hintern Flügel dem Amtmann, den man nie
-zu sehen bekommt, sind wir, der Vater und ich, die einzigen Bewohner;
-ja die Einsamkeit im Schloß ist oft so schrecklich und
-traurig, daß ich mich lieber in die Waldeinsamkeit flüchte, wo
-das Rauschen der Bäume und der Gesang der Vögel doch noch
-einiges Leben verkünden.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>3.</h3>
-</div>
-
-<p>Ueberrascht stand der junge Mann stille, als sie aus dem
-dichten Holz durch eine Wendung des Weges auf einmal dem
-Schloß gegenüberstanden. Die Bewohner des südlichen Deutschlands
-sind von Jugend auf an Anblicke dieser Art gewöhnt.
-Man trifft in Franken und Schwaben selten ein Tal von der
-Länge einiger Stunden, in welches nicht eine Burg oder zum
-mindesten ein gebrochener Turm und ein halbes Tor herabschauen.
-Die natürliche Beschaffenheit des Landes, die vielen
-Berge und kleinen Flüsse, überdies die eigentümliche Verfassung
-des zahlreichen Landadels begünstigten oder nötigten in früherer
-Zeit zu diesen befestigten Wohnungen. Aber der Norden unseres
-Vaterlandes trägt weniger Spuren dieser alten Zeit; die weiten
-Ebenen boten keine so natürliche Befestigung wie die Felsen
-und Gebirgsausläufer des Südens, und hatte auch hier und
-dort eine solche Feste im platten Lande gestanden, so war sie
-nur desto schneller dem Verfall und der Zerstörung preisgegeben.
-Die Nachbarn teilten sich brüderlich in die teuren Steine, und
-ihr Gedächtnis verwehte der Wind, der über die Ebene hinstrich.
-Darum war es dem jungen Manne aus der Mark ein so überraschender
-Anblick, sich in solcher Nähe einer dieser altertümlichen
-Burgen gegenüber zu sehen, um so überraschender, da er
-durch diese düsteren, tiefen Tore als Gast einziehen, in jenem
-altertümlichen Gemäuer wohnen sollte. Doch bald erfüllte kein
-anderer Gedanke mehr als der malerische Anblick, der sich ihm
-darbot, seine Seele. Der alte schwärzlichgraue Wartturm war
-auf der Mittagsseite von oben bis in den Graben hinab mit
-einem Mantel von Efeu umhängt. Aus den Ritzen der Mauer
-sproßten Zweige und grüne Ranken, und um das Tor zog sich<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-ein breites Rebengeländer, dessen zarte Blätter und Fasern
-sich mit sanfter Gewalt um die rostigen Angeln und Ketten der
-Zugbrücke geschlungen hatten. Zur rechten Seite des Schlosses
-hinderte der dunkle Wald die Aussicht, aber links, an den hohen
-Mauern vorüber, tauchte das Auge hinab in die Tiefe des
-schönen fruchtbaren Neckartals, schweifte hinauf, den Fluß entlang,
-zu Dörfern und Weilern und weit über die Weinberge hin
-nach fernen blauen Gebirgen.</p>
-
-<p>»Das ist unser Thierberg,« sagte das Fräulein; »es scheint,
-die Gegend habe einigen Reiz für Sie, Vetter, und ich möchte
-Ihnen wahrlich raten, recht oft aus dem Fenster zu sehen, um
-vor unserer Einsamkeit und diesem häßlichen alten Gemäuer
-nicht zu erschrecken!«</p>
-
-<p>»Ein häßliches Gemäuer nennen Sie diese alte Burg?«
-rief der Gast. »Kann man etwas Romantischeres sehen, als
-diese Türme mit Efeu bewachsen, diesen Torweg mit den alten
-Wappen, diese Zugbrücke, diese Wälle und Gräben? Glaubt
-man nicht das Schloß von Bradwardine oder irgend ein anderes
-aus Scottischen Romanen zu sehen? Erwartet man nicht, ein
-Sickingen, ein Götz werde uns jetzt eben aus dem Tore entgegentreten?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Für dieses Mal höchstens ein Thierberg,« erwiderte das
-Fräulein lachend, »und auch von diesen spukt nur noch einer
-in den fatalen Mauern. Dergleichen Türme und Zinnen liebe
-ich ungemein in einem Roman oder in Kupfer gestochen, aber
-zwischen diesen Mauern zu wohnen, so einsam, und winters,
-wenn der Wind um diese Türme heult und das Auge nichts
-Grünes mehr sieht als jenen Eppich dort am Turm &ndash; Vetter!
-mich friert schon jetzt wieder, wenn ich nur daran denke. Doch
-kommt, Herr Ritter, das Burgfräulein will Euch selbst einführen.«</p>
-
-<p>Der düstere, schattenreiche Hof, in welchen sie traten, kühlte
-etwas die warme Begeisterung des Gastes. Er sah sich flüchtig
-um, als sie hindurchgingen, und bemerkte, daß der Platz für ein
-Turnier denn doch nicht groß genug gewesen sein müsse, erschrak
-vor einem halbzerstörten Turm, dessen Rudera drohend
-über die Mauer hereinhingen, erstaunte über den scharfen Zahn
-der Zeit, der in die dicke Mauer mächtige Risse genagt und
-dem Auge eine freie Aussicht in das Tal hinab geöffnet hatte,
-und gab in seinem Herzen schon auf den ausgetretenen Stufen
-der Wendeltreppe, wo ein heftiger Zugwind durch schlecht verwahrte
-Fenster blies, der Bemerkung seiner Cousine über die<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span>
-Wohnlichkeit des Hauses vollkommen Beifall. Sechs bis acht
-Hunde begrüßten in einer großen, mit Backsteinen gepflasterten
-Halle das Fräulein mit freundlichem Kläffen und Wedeln, und
-ein gefesselter Raubvogel, der in einer Ecke auf der Stange saß,
-stieß ein unangenehmes Geschrei aus und schwenkte die Flügel.
-»Das ist nun unsere Antichambre, unser Hofgesinde,« sagte
-Anna, indem sie lächelnd auf die Tiere zeigte; »verwünschte
-Prinzen und Prinzessinnen, die Sie entzaubern können. Doch
-lassen Sie uns jetzt eintreten,« setzte sie nach einer Weile ernster
-hinzu, »in diesem Zimmer ist der Vater.«</p>
-
-<p>Sie öffnete eine hohe, schwere Flügeltüre, und durch das
-altfränkisch ausstaffierte Gemach fiel der Blick des Jünglings
-auf einen alten Mann, der in einer tiefen Fensterwölbung saß,
-wie es schien, in ein Zeitungsblatt vertieft. Bei dem Gruß
-seiner Tochter sah er sich um, und als er den Fremden erblickte
-und Anna seinen Namen nannte, stand er auf und ging ihm
-langsam, aber festen Schrittes entgegen. Mit Bewunderung
-sah sein Neffe die hohe, gebietende Gestalt, die ihn unwillkürlich
-an jenen Wartturm dieser Burg erinnerte, den so viele Jahre
-nicht einzustürzen vermochten, und dessen Alter nur der Efeu
-anzeigte, der sich an ihm emporgeschlungen hatte. Zwar hatte
-die Zeit in diese fünfundsechzigjährige Stirne Furchen gegraben,
-um die Schläfe fielen dünne graue Haare, und der Bart und
-die Augenbrauen waren silberweiß geworden, aber das Auge
-leuchtete noch ungetrübt, und der Nacken trug den Kopf noch so
-aufrecht wie in jugendlicher Kraft, und die Hand gab einen
-beinahe kräftigeren Druck, als der Neffe zu erwidern vermochte.</p>
-
-<p>»Bist willkommen in Schwaben,« sagte er mit tiefer, kräftiger
-Stimme; »'s war ein vernünftiger Einfall meiner Frau
-Schwester, daß sie dich herausschickte. Mach' dir's bequem; setz'
-dich zu mir ans Fenster, und du, Anna, bringe Wein.«</p>
-
-<p>So war der Empfang auf Thierberg. So herzlich und offen
-er aber auch sein mochte, so konnte doch der junge Mann mehrere
-Stunden lang ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht verdrängen.
-Er hatte sich den Oheim ganz anders gedacht. Er glaubte
-nach der Beschreibung, die ihm sein Vater gemacht hatte, einen
-rauhen, aber fröhlichen alten Landjunker zu finden, der seine
-Hasen hetzt, mit Laune die Händel seiner Bauern schlichtet, von
-seinen Kleppern gerne erzählt und zuweilen mit seinen Freunden
-und Nachbarn ein Glas über Durst trinkt. Er bedachte nicht,
-wie fünfundzwanzig Jahre und eine so verhängnisvolle Zeit
-wie die, welche dazwischen lag, auf diesen Mann gewirkt haben<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
-konnten. Das ruhige, ernste Auge des Oheims, das prüfend
-auf seinen Zügen zu ruhen schien, die ungesuchten, aber gründlichen
-Fragen, womit er den Neffen über sein bisheriges Leben
-und Treiben ins Gebet nahm, das ironische Lächeln, das hie
-und da bei einer Aeußerung des jungen Mannes um seinen
-Mund blitzte, dies alles und das ganze gewichtige Wesen des
-Alten imponierten ihm auf eine Weise, die ihm höchst unbequem
-war. Er konnte sich kein Herz fassen, den Oheim ebenso traulich
-zu behandeln wie jener ihn, er kam sich vor wie ein angehender
-Staatsdiener, dem ein Minister Audienz gibt, und es
-war dies zu seinem nicht geringen Verdruß das zweite Mal,
-daß er sich über die Landjunker in Schwaben getäuscht sah.</p>
-
-<p>Auch seine Base erschien ihm ganz anders, als er sie gedacht
-hatte. Er fand zwar alle jene liebenswürdige Natürlichkeit,
-jenes unbefangene, ungesuchte Wesen, was man ihm an
-den Töchtern dieses Landes gerühmt hatte, aber diese Unbefangenheit
-schien nicht aus Unwissenheit, sondern aus einem
-feinen, sichern Takt hervorzugehen, und was sie sprach, zeugte von
-einem so trefflich gebildeten Geist, daß ihre Natürlichkeit nur
-darin zu bestehen schien, daß sie alles Geistreiche, sei es witzig
-oder erhaben, wie etwas Natürliches, Angeborenes vorbrachte,
-daß es nie als etwas Erlerntes, als etwas Gesuchtes erschien.
-Am ärgerlichsten war es ihm, daß sie ihn schon nach den ersten
-Stunden zu durchschauen schien. Die ausgesuchten Artigkeiten,
-die er ihr sagte, zog sie ins Komische, den feineren Komplimenten
-wich sie auf unbegreifliche Art aus, wollte er ihr nur den
-zarten, in Berlin gebildeten jungen Mann zeigen, so nannte
-sie ihn gewiß immer Herrn von Rantow. Und dennoch mußte
-er sich gestehen, daß er nie soviel Harmonie der Bewegung, der
-Miene, der Gestalt und der Stimme gesehen habe. Ihr ganzes
-Wesen erschien ihm wie das Hauskleid, das sie jetzt eben trug.
-Es war einfach und von bescheidenen Farben, und dennoch kleidete
-es ihre feine, schlanke Gestalt mit jener geschmackvollen Eleganz,
-die auch dem anspruchlosesten Gewand einen geheimnisvollen Zauber
-verleiht; ein Toilettengeheimnis, worüber, soviel der junge
-Mann sich erinnerte, noch nie ein Modejournal Aufschluß gab,
-und das ihm mehr das Zeichen und Symbol einer harmonischen
-Seele als die Folge einer sorgfältigen Erziehung zu sein schien.</p>
-
-<p>Dieselbe Uebereinstimmung glaubte er zwischen dem alten
-Herrn und dem Gemach zu finden, in welches er zuerst geführt
-worden war. Es war der verblichene Glanz eines früheren
-Jahrhunderts, was ihm von den Wänden und Hausgeräten entgegenblickte.<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-Die schweren gewirkten Tapeten, mit Leisten befestigt,
-die einst vergoldet waren und deren Farbe jetzt ins
-Dunkelbraune spielte; die breiten Armstühle mit ausgeschweiften,
-zierlich geschnitzten Beinen, die Polster, mit grellen Farben
-künstlich ausgenäht, mit Papageien, Blumentöpfen und den
-Bildern längst begrabener Schoßhündchen geziert. Wie manchen
-Wintertag mochten seine Ahnfrauen über dieser mühsamen
-Arbeit gesessen sein, die ihnen vielleicht einst für das Vollendetste
-galt, was der menschliche Geschmack je ersonnen, und die jetzt
-ihrem Urenkel geschmacklos, schwerfällig, und hätten sich nicht
-so ehrwürdige Erinnerungen daran geknüpft, beinahe lächerlich
-erschien. Und doch kam ihm dies alles, der ehrwürdigen Gestalt
-seines Oheims gegenüber, wie durch Altertum und langjährige
-Gewohnheit geheiligt vor. Er sah, man sei in Thierberg erhaben
-über den Wechsel der Mode, und wenn er hinzufügte,
-was ihm sein Vater über die mancherlei Unglücksfälle und die
-mißlichen Umstände, worin sich der Oheim befand, gesagt hatte,
-so fühlte er sich beschämt, daß er diese Umgebungen nur einen
-Augenblick habe grotesk und sonderbar finden können; er fühlte,
-daß er unverschuldeter Armut, wenn sie sich in so ernstem und
-würdigem Gewande zeige, seine Achtung nicht versagen könne;
-ja, vor diesen Wänden, diesem Geräte, und vor dem unscheinbaren,
-groben Hausrock des Oheims erschien er sich selbst, wenn
-er seinen Blick auf seine modische und höchst unbequeme Tracht
-warf, wie ein Tor, beherrscht von einem Phantom, das ein
-Weiser lächelnd an sich vorübergleiten läßt.</p>
-
-<p>Dies waren die Eindrücke, welche der erste Abend in Thierberg
-auf die Seele des jungen Rantow machte. So ernst sie aber
-am Ende auch sein mochten, so konnte er doch ein Lächeln nicht
-unterdrücken, als mit dem Schlage acht Uhr, den die alte Schloßuhr
-zögernd und zitternd angab, eine Flügeltür am Ende des
-Zimmers aufsprang, ein kleiner Kerl in einem verschossenen,
-bordierten Rock, der ihm weit um den Leib hing, hereintrat, sich
-dreimal verbeugte und dann feierlich sagte: »<em class="antiqua">Le souper est servi!</em>«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">S'il vous plaît!</em>« sagte der Alte mit ernsthaftem Gesicht
-und einer Verbeugung zu seinem Neffen, reichte seinen Arm
-der schönen Anna und ging langsamen Schrittes dem Speisezimmer
-zu.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span></p>
-
-<h3>4.</h3>
-</div>
-
-<p>Mit den Flügeltüren des Speisesaals und dem ersten Blick,
-den er hineinwarf, hatte sich übrigens dem Gast aus Brandenburg
-ein weites Feld der Erinnerung geöffnet. Von diesem
-gemalten Plafond, der die Erschaffung der Welt vorstellte, von
-dem schweren Kronleuchter, den der Engel Gabriel als Sonne
-aus den Wolken herabhängen ließ, von den gelben Gardinen
-von schwerer Seide hatte ihm seine Mutter oft gesprochen, wenn
-sie von ihrem väterlichen Schloß in Schwaben und von dem ungemeinen
-Glanz erzählte, welcher einst durch ihre hochselige Frau
-Großmutter, die Tochter eines reichen Ministers, in die Familie
-und in die schöneren Appartements zu Thierberg gekommen sei.
-Schon seine Mutter hatte in ihrer Kindheit diese Prachtstücke
-mit großer Ehrfurcht vor ihrem Altertum betrachtet, und seit
-dieser Zeit hatten sie zum mindesten dreißig bis vierzig Jahre
-gesehen.</p>
-
-<p>»Das ist der Familiensaal,« sagte während der Tafel der
-alte Thierberg, als er die neugierigen Blicke sah, womit sein
-Neffe dieses Gemach musterte. »Vor Zeiten soll man es die
-<em class="gesperrt">Laube</em> genannt haben, und meine Ahnherren pflegten hier
-zu trinken. Mein Großvater selig ließ es aber also einrichten
-und schmücken. Er war ein Mann von vielem Geschmack und
-hatte in seiner Jugend mehrere Jahre am Hof Ludwigs XIV.
-zugebracht. Auch meine Frau Großmutter war eine prächtige
-Dame, und sie beide haben das Innere des Schlosses auf diese
-Art eingeteilt und dekoriert.«</p>
-
-<p>»Am Hofe Ludwigs XIV.!« rief der junge Mann mit
-Staunen. »Das ist eine schöne Zeit her; wie mancherlei Gäste
-mag dieser Saal seit jener Zeit gesehen haben!«</p>
-
-<p>»Viele Menschen und wunderbare Zeiten,« erwiderte der
-alte Herr. »Ja, es ging einst glänzend zu auf Thierberg, und
-unsere Gäste befanden sich bei uns nicht schlimmer als bei jedem
-Fürsten des Reichs. Man konnte kein fröhlicheres Leben finden
-als das auf diesen Schlössern, solange unsere Ritterschaft noch
-blühte. Da galt noch unser Ansehen, unsere Stimme. Man
-war ein Edelmann so gut als der König von Frankreich, und
-ein Freiherr war ein freier Mann, der nichts über sich kannte
-als seinen gnädigen Herrn, den Kaiser, und Gott; jetzt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Vater!« unterbrach ihn Anna, als sie sah, wie die Ader
-auf seiner Stirn anschwoll, und wie eine dunkle Röte, ein Vorbote<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-nahenden Sturmes, auf seinen Wangen aufzog. »Vater!«
-rief sie mit zärtlichen Tönen, indem sie seine Hand ergriff,
-»nichts mehr über dies Thema; Sie wissen, wie es Sie immer
-angreift!«</p>
-
-<p>»Törichtes Mädchen!« erwiderte der alte Herr, halb unwillig,
-halb gerührt von der bittenden Stimme seiner schönen
-Tochter; »warum sollte ein Mann nicht stark genug sein, nach
-Jahren von <em class="gesperrt">dem</em> zu sprechen, was er zu dulden und zu tragen
-stark genug war? Der Vetter kennt nur unsere Verhältnisse,
-wie sie jetzt sind. Er ist geboren zu einer Zeit, wo diese Stürme
-gerade am heftigsten wüteten, und aufgewachsen in einem Lande,
-wo die Ordnung der Dinge längst schon anders war; er kann
-sich also nicht so recht denken, was die Vorfahren seiner Mutter
-waren, und deshalb will ich ihn belehren.«</p>
-
-<p>Der Freiherr nahm nach diesen Worten sein großes Glas,
-auf dessen Deckel die Wappenschilde seines Hauses, aus Silber
-getrieben, angebracht waren, und trank, um Kraft zu seiner Belehrung
-zu sammeln, einen langen, tüchtigen Zug. Doch Fräulein
-Anna sah an ihm vorüber den Gast mit besorglichen, bittenden
-Blicken an. Er verstand diesen Wink und suchte den Oheim
-von dieser Materie abzubringen.</p>
-
-<p>»Es ist wahr,« fiel er ein, noch ehe jener das Glas wieder
-auf den Tisch gesetzt hatte, »in Preußen sind die Verhältnisse
-anders und seit langer Zeit anders gewesen. Aber sagen Sie
-selbst, kann man ein Land in Europa finden, das meinem Vaterlande
-gliche? Ich gebe zu, daß andere Länder an Flächeninhalt,
-an Seelenzahl uns bei weitem überwiegen, aber nirgends trifft
-man auf so kleinem Raum eine so kräftige, durch innere Tugend
-imponierende Macht; es ist das Sparta der neuen Zeit. Und
-nicht ein glücklicherer Boden oder ein milderer Himmel bewirkten
-so Großes; sondern der Genius großer Männer hat ein Preußen
-geschaffen, weil sie es verstanden, die schlummernden Kräfte zu
-wecken, und dem Volke selbst zeigten, welche Stellung es einnehmen
-müsse; weil sie <em class="gesperrt">Preußen</em> geworden sind, ist auch ein
-Preußen erstanden.«</p>
-
-<p>Der alte Herr hatte seinem Neffen ruhig zugehört, bei den
-letzten Worten aber zog sich sein Gesicht zu solcher Ironie zusammen,
-daß der Brandenburger errötete. »Der Sohn meines
-Nachbars, des Generals von Willi, würde sagen, wenn er dich
-hörte: ›O Deutschland, Deutschland, da sieht man, wie dein
-Elend aus deiner eigenen Zersplitterung hervorgeht! Sie wollen
-nicht mehr Griechen, sondern Platäer, Korinther, Athener, Thebaner<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span>
-und gar &ndash; Spartaner heißen!‹ Ich wünsche nur,« setzte
-er lächelnd hinzu, »daß die Spartaner nicht zum zweitenmal
-einen Epaminondas im Felde finden mögen. Die Schlacht bei
-Leuktra war kein Meisterstück der Kriegskunst unserer modernen
-Spartaner.«</p>
-
-<p>»Unser Unglück bei Jena,« sagte der junge Mann verdrießlich,
-»kann man weder dem Volk noch dem Könige zuschreiben,
-und ich glaube, wir haben uns an Napoleon hinlänglich
-gerächt; wir haben nicht nur Deutschland wieder frei
-gemacht, sondern ihn selbst entthront.«</p>
-
-<p>»So? Das seid <em class="gesperrt">ihr</em> gewesen?« fragte der Oheim; »Gott
-weiß, ich tat bis jetzt sehr unrecht, daß ich dieses Ereignis der
-halben Million Soldaten zuschrieb, die man aus ganz Europa
-gegen ihn zusammenhetzte. Warst du vielleicht selbst mit dabei,
-Neffe? Du kannst wahrscheinlich als Augenzeuge reden?«</p>
-
-<p>Der Neffe errötete und schickte einen ängstlichen Blick nach
-Anna, die ihr Lächeln kaum unterdrücken konnte. »Ich war
-damals noch auf der Schule,« antwortete er, »und es hat mich
-nachher oft geärgert, daß ich nicht dabei war. Ich gebe zu, daß
-die andern auch mitgeholfen haben, aber in allen Schlachten
-waren es nur die Preußen, die entschieden haben; denken Sie
-nur an Waterloo.«</p>
-
-<p>»Seid überzeugt, ich denke daran,« erwiderte der alte Herr
-mit großem Ernst, »und denke mit Vergnügen daran. Wenn
-<em class="gesperrt">einer</em> ein Feind jenes Mannes ist, so bin ich es; denn er hat
-uns und alles unglücklich gemacht und das alte schöne Reich umgekehrt
-wie einen Handschuh. Aber das mit deinen Landsleuten
-weißt du denn doch nicht recht. Ich glaube schwerlich, daß eure
-jungen Soldaten, wenn sie auch wirklich so begeistert waren, wie
-man sagte, so viele Stöße auf ihr Zentrum ausgehalten hätten
-als am achtzehnten Juni jene Engländer, die schon in allen Weltteilen
-gedient hatten.«</p>
-
-<p>»Nicht die Jahre sind es,« sagte jener, »die in solchen
-Augenblicken Kraft geben, sondern das Selbstbewußtsein, der
-Stolz einer Nation und die Begeisterung des Soldaten für seine
-Sache; und die hat der Preuße vollauf.«</p>
-
-<p>»Ich habe in meiner Jugend auch ein paar Jahre gedient,«
-entgegnete der Oheim; »Anno 85 bei den Kreistruppen. Damals
-waren die Soldaten noch nicht begeistert, darum kenne ich das
-Ding nicht. Nächstens wird mich aber mein Nachbar, der General,
-besuchen, mit diesem mußt du darüber sprechen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p>
-
-<p>»Wie dem auch sei,« fuhr der Gast fort, »es freut mich
-innig, daß Sie über den Hauptpunkt, über den Unwillen gegen
-die Franzosen und im Haß gegen diesen Korsen, mit mir übereinstimmen.
-Bei uns zu Hause behauptet man, daß er in Süddeutschland
-leider noch immer als eine Art Heros angesehen und,
-es ist lächerlich zu sagen, von vielen sogar als ein Beglücker der
-Menschheit verehrt werde.«</p>
-
-<p>»Sprich nicht zu laut, Freund,« erwiderte der alte Herr,
-»wenn du es nicht mit dieser jungen Dame hier gänzlich verderben
-willst. Sie ist gewaltig <em class="gesperrt">napoleonisch</em> gesinnt.«</p>
-
-<p>»Sie werden darum nicht schlechter von mir denken,« sagte
-Anna hocherrötend, »weil ich einen Mann nicht geradehin verdammen
-mag, dessen unverzeihlicher Fehler der ist, daß er ein
-großer Mensch war.«</p>
-
-<p>»Großer Mensch!« rief der Alte mit blitzenden Augen, »den
-Teufel auch, großer Mensch! Was heißt das? Daß er den
-rechten Augenblick erspähte, um wie ein Dieb eine Krone zu
-stehlen? Daß er mit seinen Bajonetten ein treffliches Reich
-über den Haufen warf, seine herrliche natürliche Form zertrümmerte,
-ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen! Großer
-Mensch!«</p>
-
-<p>»Sie sprechen so, weil&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Anna, Anna!« fiel er seiner Tochter in die Rede, »meinst
-du, ich spreche nur darum so, weil er uns elend machte? Weil
-er dieses Tal und den Wald mir entriß, weil er diese Menschen,
-die mir und meinen Ahnen als ihren Herren dienten, an einen
-andern verschenkte? Weil die ungebetenen Gäste, die er uns
-schickte, das bißchen aufzehrten oder einsteckten, was mir noch
-geblieben war? Es ist wahr, an jenem Tage, wo man ein
-fremdes Siegel über das alte Wappen der Thierberge klebte,
-wo man mein Vieh zählte und schätzte, meine Weinberge nach
-dem Schuh ausmaß, meine Wälder lichtete und die erste Steuer
-von mir eintrieb, an jenem Tage sah ich nur mich und den
-Fall meines Hauses; aber ging es der ganzen Reichsritterschaft
-besser, mußten wir nicht sogar erleben, daß ein Mann von der
-Insel Korsika erklärte, es gebe keinen deutschen Kaiser und
-kein Deutschland mehr?«</p>
-
-<p>»Gott sei es geklagt!« sagte der junge Rantow, »und uns
-wahrhaftig hat er es nicht besser gemacht.«</p>
-
-<p>»Ihr, gerade ihr seid selbst schuld daran,« fuhr der alte
-Herr immer heftiger fort. »Ihr hattet euch längst losgesagt
-vom Reich, hattet kein Herz mehr für das Allgemeine, wolltet<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span>
-einen eigenen Namen haben und tatet euch viel darauf zu gut.
-Ihr sahet es vielleicht sogar gern, daß man uns Schaft für
-Schaft entzweibrach, weil man uns fürchtete, solange die übrigen
-Speere <em class="gesperrt">ein</em> Band umschlang. Habt ihr nicht gesehen, wie weit
-es kam, als man in Sparta jeden Griechen einen Fremden
-nannte? Verdammt sei dieses Jahrhundert der Selbstsucht und
-Zwietracht, verdammt diese Welt von Toren, welche Eigenliebe
-und Herrschsucht Größe nennt!«</p>
-
-<p>»Aber lieber Vater&nbsp;&ndash;« wollte das Fräulein besänftigend
-einfallen, doch der alte Herr war bei seinen letzten Worten
-schnell aufgestanden, und der kleine Mensch in der Thierbergischen
-Livree eilte auf seinen Wink mit zwei Kerzen herbei.</p>
-
-<p>»Gute Nacht,« wandte er sich noch einmal zu seinem
-Neffen; »stoße dich nicht daran, wenn du mich zuweilen heftig
-siehst; 's ist so meine Natur. Schlafet wohl, Kinder!« setzte er
-ruhiger hinzu, »wenn die Gegenwart schlecht ist, muß man von
-besseren Zeiten träumen.« Anna küßte ihm gerührt die Hand,
-und die erhabene Gestalt des alten Herrn schritt langsam der
-Türe zu. Rantow war so betroffen von allem, was er gehört
-und gesehen, daß es ihm sogar entging, welche komische Figur
-der Diener machte, der seinem Herrn zu Bette leuchtete. Die
-weite Staatslivree, die er trug, hing beinahe bis zum Boden
-herab, und die langen bordierten Aufschläge bedeckten völlig die
-Hände, welche die silbernen Leuchter trugen. Er war anzusehen
-wie ein großer Pilgrim, der einen Kalvarienberg hinan auf
-den Knieen rutscht. Um so erhabener war der Kontrast des
-Mannes, der ihm folgte; er erschien, als er durch den altfränkischen
-Saal unter den Familiengemälden seiner Ahnen
-vorbeischritt, wie ein wandelndes Bild der guten alten Zeit.</p>
-
-<p>Als der alte Herr das Gemach verlassen hatte, stand das
-Fräulein mit einer Verbeugung gegen ihren Gast auf und trat
-in ein Fenster. Der junge Mann fühlte an ihrem Schweigen,
-daß er diesen Abend Saiten berührt haben müsse, die man anzutasten
-sonst vielleicht sorgfältig vermied. Sie blickte hinaus
-in die Nacht, und Rantow trat an ihre Seite; er hatte oft erprobt,
-wie sich Mißverständnisse leichter lösen, wenn man sie in
-einen Scherz kehrt, als wenn man mit Ernst oder Wehmut
-darüber spricht. Mit solch einem Scherz wollte er Anna versöhnen;
-doch als er zu ihr ans Fenster trat, war der Anblick,
-der sich ihm darbot, so überraschend, daß kein heiteres Wort
-über seine Lippen schlüpfen konnte. Das tiefe, schwärzliche und
-doch so reine Blau, das nur ein südlicher Himmel im Mondlicht<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-zeigt, hatte er noch nie gesehen. Ueber Wald und Weinberge
-herab goß der Mond seltsame Streiflichter, und im Tal schimmerten
-seinen Glanz nur die zitternden Wellen des Neckars und
-die Spitze des dunkeln Kirchturms zurück. Der falbe Schein
-dieses Lichtes der Nacht hatte Annas Züge gebleicht, und in ihren
-schönen Augen schwamm eine Träne. Jetzt erst, als alles so still
-und lautlos war, vernahm man aus der Ferne die gehaltenen
-Töne einer Flöte, und diese Klänge verbanden sich so sanft mit
-dem <span id="corr026">milden Schimmer</span> des Mondes, daß man zu glauben versucht
-war, es seien <em class="gesperrt">seine</em> Strahlen, die so melodisch sich auf die Erde
-niedersenkten. Ein seliges Lächeln zog über Annas Gesicht; ihr
-glänzender Blick hing an einer Waldspitze, die weit in das
-Tal vorsprang, und ihre tieferen Atemzüge schienen der Flöte
-zu antworten.</p>
-
-<p>»Wie prachtvoll ist selbst die Nacht in Ihrem Tal!« sprach
-nach einer Weile der Gast. »Wie schön wölbt sich der Himmel
-darüber hin, und der Mond scheint nur für diesen stillen Winkel
-der Erde geschaffen zu sein.«</p>
-
-<p>Anna öffnete das hohe Bogenfenster. »Wie warm und
-mild es noch draußen ist!« sagte sie, indem sie freundlich in das
-Tal hinabschaute. »Kein Lüftchen weht.«</p>
-
-<p>»Aber die Bäume neigen sich doch her und hin,« erwiderte
-er, »sie rauschen, gewiß vom Wind bewegt.«</p>
-
-<p>»Kein Lüftchen weht,« wiederholte sie und hielt ihr weißes
-Tuch hinaus. »Sehen Sie, nicht einmal dieses leichte Tuch bewegt
-sich. Und kennen Sie denn nicht die alte Sage von den
-Bäumen? Nicht der Nachtwind ist es, der ihre Blätter bewegt,
-sie flüstern jetzt und erzählen sich, und wer nur ihre Sprache
-verstünde, könnte manches Geheimnis erfahren.«</p>
-
-<p>»Vielleicht könnte man dann auch erfahren, wer der Flötenspieler
-ist,« sagte der Vetter, indem er Anna schärfer ansah; denn
-schon war er so eifersüchtig auf seine schöne Base geworden,
-daß ihm die süßen Töne vom Wald her und ihr Tuch, das
-sie noch immer aus dem Fenster hielt, in Wechselwirkung zu
-stehen schienen.</p>
-
-<p>»Das kann ich Ihnen auch ohne die Bäume verraten,« erwiderte
-sie lächelnd, indem sie das Tuch zurücknahm. »Das ist
-ein munterer Jägerbursche, der seinem Mädchen einen guten
-Abend spielt.«</p>
-
-<p>»Dazu ist aber die Entfernung doch beinahe zu groß,« fuhr
-er fort, »manche Töne werden nicht ganz deutlich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Im Dorf unten hört man es besser als hier oben«, sagte
-sie gleichgültig und schloß das Fenster; »überdies sagt ja das
-Sprichwort: ›Das Ohr der Liebe hört noch weiter als das des
-Argwohns.‹«</p>
-
-<p>»Schön gesagt,« rief der junge Mann, »doch das <em class="gesperrt">Auge</em>
-des Argwohns sieht weiter als das der Liebe.«</p>
-
-<p>»Sie haben recht,« entgegnete sie, »aber nur bei Tag, nicht
-bei Nacht.«</p>
-
-<p>Diese, wie es schien, ganz absichtslos gesagten Worte überraschten
-den jungen Mann so sehr, daß er beschämt die Augen
-niederschlug. Er warf sich seine Torheit vor, daß er nur einen
-Augenblick glauben konnte, es sei ein Liebhaber dieses arglosen
-Kindes, der dort im Walde musiziere.</p>
-
-<p>»Und nun gute Nacht, Vetter,« fuhr Anna fort, indem sie
-eine Kerze ergriff. »Träumen Sie etwas recht Schönes, man
-sagt ja, der erste Traum in einem Hause werde wahr; Hans!
-leuchte dem Herrn Baron ins rechte Turmzimmer! Und dies
-noch,« setzte sie auf französisch hinzu, als der Diener näher trat,
-»vermeiden Sie, mit meinem Vater über Dinge zu sprechen, die
-ihn so tief berühren. Er ist sehr heftig, doch gilt sein Zorn
-nie der Person, sondern der Meinung. Es war <em class="gesperrt">meine</em> Schuld,
-daß ich Sie nicht zuvor unterrichtet habe, morgen will ich nähere
-Instruktionen erteilen. &ndash; Gute Nacht!«</p>
-
-<p>Sinnend über dieses sonderbare und doch so liebenswürdige
-Wesen folgte der Gast dem Diener, und die dumpf hallenden
-Gänge und Wendeltreppen, das vieleckige, in wunderlichen Spitzbogen
-gewölbte Gemach, das altertümliche Gardinenbette, so
-manche Gegenstände, die er sonst so aufmerksam betrachtet
-hätte, blieben diesmal ohne Eindruck auf seine Seele, die
-nur eifrig beschäftigt war, den Charakter und das Benehmen
-Annas zu prüfen und zu mustern.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>5.</h3>
-</div>
-
-<p>Als der Gast am folgenden Morgen nach einer sorgfältigen
-Toilette hinabging, um mit seinen Verwandten zu frühstücken,
-konnte er sich anfänglich in dem alten Gemäuer nicht zurechtfinden.
-Ein Diener, auf welchen er stieß, führte ihn dem Saal
-zu, und an den Gängen und Treppen, die er durchwandern
-mußte, bemerkte er erst, was ihm gestern nicht aufgefallen war,
-daß er im entlegensten Teil dieser Burg geschlafen habe. Auf
-sein Befragen gestand ihm der Diener, daß sein Gemach das<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-einzige sei, das man auf jener Seite noch bewohnen könne, und
-außer dem Wohnzimmer mit den gewirkten Tapeten, dem Schlafzimmer
-des alten Herrn, dem Saal, dem kleinen Zimmerchen
-in einem andern Turm, wo Fräulein Anna wohne, sei nur
-noch das ungeheure Bedientenzimmer, das früher zu einer Küche
-gedient habe, und die Wohnung des Amtmanns einigermaßen
-bewohnbar; die übrigen Gemächer seien entweder schon halb
-eingestürzt oder würden zu Fruchtböden und dergleichen benützt.
-Der stolze Sinn des Oheims und die fröhliche Anmut
-seiner Tochter standen in sonderbarem Widerspruch mit diesen
-öden Mauern und verfallenen Treppen, mit diesen sprechenden
-Bildern einer vornehmen Dürftigkeit. Der junge Mann war,
-wenn nicht an Pracht, doch an eine gewisse reinliche Eleganz in
-seiner Umgebung selbst an den Treppen und Wänden gewöhnt,
-und er konnte daher nicht umhin, seine Verwandten, die in so
-großer, augenscheinlicher Entbehrung lebten, für sehr unglücklich
-zu halten. Das romantische Interesse, das der erste Anblick
-dieser Burg für ihn gehabt hatte, verschwand vor dieser traurigen
-Wirklichkeit, und wenn er sich dachte, wie die Mauerrisse
-und Spalten, durch welche jetzt nur die warme Morgensonne
-hereinfiel, den Stürmen des Winters freien Durchgang lassen
-mußten, war ihm Annas Furcht vor dieser Jahreszeit wohl
-erklärlich.</p>
-
-<p>»Und ein so zartes Wesen diesen rauhen Stürmen ausgesetzt,«
-sagte er zu sich, »ein so reicher und gebildeter Geist ohne
-Umgang, vielleicht ohne Lektüre, einen ganzen Winter lang in
-diesen Mauern vom Schnee und Wetter gefangen gehalten, einsam
-bei dem ernsten, feierlichen, alten Mann! Und dieser ehrwürdige
-Alte, der einst bessere Tage gesehen, durch die Ungunst
-der Zeit in unverschuldete Dürftigkeit und Entbehrung versetzt!«
-Von so gutmütiger Natur war das Herz des jungen Mannes,
-daß er vor der Türe des Saales halb und halb den Entschluß
-faßte, um die schöne Anna zu freien, sie in die Mark zu führen,
-oder wenn ihm das Leben in Schwaben besser gefallen sollte,
-mit ihr in die Residenz zu ziehen und für den Sommer Thierberg
-wieder instandsetzen zu lassen.</p>
-
-<p>Der Alte empfing ihn mit einem herzlichen Morgengruß
-und derben Händedruck, und Anna erschien ihm heute noch
-freundlicher und zutraulicher als gestern. Das Tagewerk der
-Knechte wurde in seiner Gegenwart angeordnet, und mit Wonne
-sah er Anna eine Geschäftigkeit im Hauswesen entfalten, die er
-der feingebildeten jungen Dame nicht zugetraut hätte. Auch<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-über ihre eigenen Geschäfte sprachen die Bewohner des Schlosses.
-Der Alte wollte vormittags mit seinem Verwalter rechnen,
-Anna den Gast unterhalten und einen Spaziergang mit ihm ins
-Tal hinab machen. Nach Tische wollte sie bei einigen Damen in
-der Nachbarschaft Besuche abstatten, der Alte das Stück Wald,
-das ihm noch eigen gehörte, mustern, und Albert sollte ihn begleiten.
-Der Abend sollte sie alle zum Spiel vereinigen. So
-angenehm dem jungen Manne die Aussicht war, einen ganzen
-Vormittag mit der schönen Cousine zu verleben, so erschreckte ihn
-doch ein so langer Waldspaziergang mit dem ernsten Onkel, der
-alle Augenblicke die sonderbarsten, vielseitigsten Kenntnisse verriet
-und in so hohem Alter noch ein Wortgedächtnis hatte, vor
-welchem jenem graute. »Wie, wenn er dich den ganzen Nachmittag
-ausfragte, was du gelernt hast!« sagte er zu sich. »Wie
-schnöde wird es dann an den Tag kommen, welche Lehrstühle
-und Säle in Berlin du <em class="gesperrt">nicht</em> besucht, und wie schnell wird er
-ahnen, <em class="gesperrt">welche</em> du besucht hast.« Einiger Trost für ihn war
-seine geläufige Zunge und ein wenig Disputierkunst, das einzige,
-was ihm von seinem Hofmeister übrig geblieben war. Doch
-wie einen zum Galgen Verdammten das Henkermahl noch erfreut,
-das ihm der Nachrichter zu- und anrichten muß, so richtete
-sich seine geängstigte Seele an der schönen Gegenwart auf. Und
-welcher Himmel ging ihm erst auf, als der Onkel, nachdem er
-schon Hut und Stock ergriffen hatte, sich noch einmal zu seinem
-Neffen wandte. »Noch etwas!« sagte er zu ihm. »So lange
-Thierberg steht, ist es Sitte, daß die nächsten Verwandten
-gleicher Linie mit Du unter sich reden; ich denke, du wirst mit
-Anna keine Ausnahme machen, weil du hundert Meilen nördlicher
-geboren bist.«</p>
-
-<p>Anna lächelte und schien es ganz in der Ordnung zu finden,
-aber mit freudeglühenden Wangen sagte der junge Mann
-zu; dankbar blickte er dem alten Oheim nach, der ihm in diesem
-Augenblick wie ein Bote der Liebe erschien. Leider vergaß er
-dabei, daß dieses Du nicht das süße, heimliche Du der Liebe sei,
-und daß ein so nahes Verhältnis zwar der Freundschaft förderlich,
-für die entstehende Liebe aber ein Hindernis sein könnte.</p>
-
-<p>»Und du wolltest mir gestern abend noch Instruktionen
-geben,« sagte er, indem er sich in das Fenster zu dem Fräulein
-setzte. »Es ist mir angenehm, wenn du mir recht viel vom Onkel
-sagst, ich habe ihn mir durchaus anders gedacht, und daher kam
-nun wohl gestern abend mein Mißgriff.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Wie hast du dir ihn denn gedacht?« fragte Anna.</p>
-
-<p>»Nun, ich setzte mir aus dem, was Mutter und Vater erzählten,
-ein Bild zusammen, das nun freilich nicht paßt. Seit
-mein Vater Kammerjunker an eurem Hofe war und nachher die
-Mutter nach Preußen heimführte, mögen es doch etwa dreißig
-Jahre sein. Damals war wohl Onkel etwa fünf- bis sechsunddreißig
-Jahre alt, und man nannte ihn noch immer den Junker,
-denn der Großvater Thierberg lebte noch. Mein Vater beschreibt
-ihn nun gar komisch, wenn er auf ihn zu sprechen kommt.
-Er war hier im Schloß aufgewachsen unter der Aufsicht seines
-Herrn Papa und seiner Frau Mama. Die guten Großeltern
-könnte ich malen. Sie müßten in den geblümten und ausgenähten
-Fauteuils sitzen, aufrecht und anständig frisiert; die
-Großmama in einem blauseidenen Reifrock, der Großpapa in
-einem <span id="corr030">verschossenen</span> Hofkleid. Sie sind die regierende Familie
-in ihrem Land, der Amtmann und der Pastor ihr Hofstaat. Der
-Erbprinz lernte hier nicht viel mehr, als sich anständig verbeugen,
-die Hand küssen, reiten und jagen, und die Prinzessinnen
-sollen ihn an Bildung weit übertroffen haben. Die zwei Jahre
-Garnisonleben bei den Reichstruppen hatten ihn nicht gerade
-verfeinert, und so soll er immer zur größten Lust der Verwandten
-gedient haben, wenn er um die Zeit, da man alljährlich
-die Remontepferde von Leipzig brachte, in die Residenz kam.
-Meine Mutter wurde damals bei Onkel Wernau erzogen, und
-mein Vater kam täglich in das Haus. Wenn dann dein Vater
-im Herbst zu Besuch kam, verhehlte er nicht, daß er nur gekommen
-sei, um die schönen Remontepferde zu betrachten, zog
-den ganzen Tag bei Bereitern und in den Ställen umher, freute
-sich, mit seiner großen Pferdekenntnis glänzen zu können, und
-unterhielt abends die glänzende Gesellschaft bei Wernaus durch
-sein sonderbares Wesen, das zwar nie linkisch oder unanständig,
-aber im höchsten Grade naiv, ungezwungen und komisch war.
-Mein Vater sagte oft ›Er war ein Bild der guten alten Zeit,
-nicht jener steifen Zeit, wo man den Hofton und die Reifröcke
-in jedem Winkel des Landes affektierte, sondern einer viel früheren.
-Er war das Muster eines schwäbischen Landjunkers.‹«</p>
-
-<p>Der junge Mann hielt inne in seiner Beschreibung, als er
-sah, daß seine Zuhörerin lächelte. »Du findest vielleicht diese
-Züge unwahr,« sagte er, »weil sie auf heute nicht mehr passen,
-und doch versichere ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mir fiel nur,« erwiderte sie, »als du dies das Bild eines
-schwäbischen Landjunkers nanntest, jenes Buch ein, das beinahe<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-mit denselben Zügen einen Landjunker in &ndash; Pommern schildert.
-Du versetzest nun dieses Bild in mein Vaterland, in dieses
-Schloß sogar; sonderbar ist übrigens, daß beinahe kein Zug mehr
-zutrifft. In dem gut gemalten Bilde eines Jünglings muß
-man sogar die Züge des Greises wiedererkennen, doch hier&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das wollte ich ja eben sagen; ich fand den Onkel so ganz
-und durchaus anders, daß ich selbst nicht begreifen konnte, wie
-er einst jener muntere, naive Junge habe sein können.«</p>
-
-<p>»Ich spreche ungern mit Männern über Männer, ich meine,
-es passe nicht für Mädchen,« nahm Anna das Wort; »über
-meinen Vater vollends habe ich nie &ndash; <em class="gesperrt">beinahe</em> nie gesprochen,«
-setzte sie errötend hinzu, »doch mit dir will ich eine
-Ausnahme machen. Ich kenne zwar den Vater nicht anders,
-als wie er jetzt ist; es ist möglich, daß er vor dreißig Jahren
-etwas anders war, aber bedenke, Vetter Albert, durch welche
-Schule er ging! Alles, alles, was ihm einst lieb und wert war,
-hat diese furchtbare Zeit niedergewühlt. Oder meinst du, jene
-Verhältnisse, so sonderbar und unnatürlich sie vielleicht erscheinen,
-seien ihm nicht teuer gewesen? Wie oft, wenn die
-alten Herren in der vormaligen Reichsritterschaft im Saal
-waren und sich besprachen über die gute alte Zeit, wie oft hätte
-ich da weinen mögen, aus Mitleid mit den Greisen, die sich nun
-so schwer in diese neuen Gestaltungen finden!«</p>
-
-<p>»Aber ging es ganz Europa besser? Denke an Spanien,
-Frankreich, Italien, Polen und das ganze Deutschland,« erwiderte
-der Gast.</p>
-
-<p>»Ich weiß, was du sagen willst,« fuhr sie eifrig fort; »man
-soll über dem Unglück und der Umwühlung eines Weltteils
-so kleine Schmerzen vergessen; aber wahrlich, so weit sind wir
-Menschen noch nicht. Auf diesen Standpunkt erhebe sich, wer
-kann, und ich meine, er wird auch in seiner Großherzigkeit wenig
-Trost, weder für sich noch für das Allgemeine finden. Und ich
-möchte überdies noch behaupten, daß unter allen, die überall gelitten
-haben, vielleicht gerade diese Ritterschaft nicht am wenigsten
-litt. Andere Wunden, die man nur dem Vermögen schlägt,
-heilen mit der Zeit, doch wo, nicht durch Revolution, sondern im
-Namen gesetzlicher Gewalt, so alte, lang gewöhnte Bande zersprengt,
-und Formen, die auf ewig gegründet schienen, zertrümmert
-werden, das eine Stück hierhin, das andere dorthin
-gerissen &ndash; werden die teuersten Interessen in innerster Seele
-verwundet. Wenn so die alten Hauptleute und Räte der Ritterschaft,
-einige Komture und deutsche Ritter um die Tafel sitzen,<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
-so glaubt man oft Gespenster, Schatten aus einer anderen Welt
-zu sehen. Doch wenn man bedenkt, daß dies alles, was sie einst
-erfreute, so lang vor ihnen zu Grabe ging, und diese Titel von
-der jungen Welt nicht mehr verstanden werden, so kann man mit
-ihnen recht traurig werden.«</p>
-
-<p>»Es ist wahr,« bemerkte der Gast, »und man muß gerecht
-sein; sie wurden von früher Jugend in der Achtung und im
-ritterlichen Eifer für jene alten Formen erzogen, glänzten vielleicht
-eben im ersten Schimmer einer neuen Amtswürde, als
-das Unglück hereinbrach und alles auflöste; und wie schwer ist
-es, alten Gewohnheiten zu entsagen, alte Vorurteile abzulegen!«</p>
-
-<p>»Um so schwerer,« setzte Anna hinzu, »wenn man ein
-Recht und gesetzliche Ansprüche darauf zu haben glaubt. Hätte
-man jene Bande sanft gelöst, man würde sich nach und nach gewöhnt
-haben; so aber war es das Werk eines Augenblicks. Vermögen,
-Ansehen und Würden gingen zugleich verloren, und
-mancher wurde geflissentlich gekränkt. So wurde der Unmut
-über die Veränderung zur Erbitterung. Der Vater hat oft erzählt,
-wie sie ihm an <em class="gesperrt">einem</em> Tage alle Familienwappen von
-den Wänden gerissen, das Vieh geschätzt, Pferde weggeführt, die
-Braupfannen versiegelt und für Staatseigentum erklärt haben;
-die Mutter war krank, der Vater außer sich gebracht durch
-höhnische Behandlung der neuen Beamten, und um das Unglück
-vollkommen zu machen, legten sie fünfundsiebzig Franzosen in
-dieses Schloß, die nicht plündern, aber ungestraft stehlen durften,
-und wenn sie weiter zogen, nur ebensoviel neuen Gästen Platz
-machten.«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig!« rief Albert, »ein solches Schicksal hätte wohl
-auch den fröhlichsten Junker ernst machen müssen!«</p>
-
-<p>»Wie es ging, weiß ich nicht; nur so viel nahm ich mir
-aus den Gesprächen ab, daß er seit jener Zeit ganz verändert
-sei. Er hielt sich meistens zu Hause, las viel und studierte
-manches. Er gilt jetzt in der Gegend für einen Mann, der
-viel weiß, und muß in manchen Fällen Rat geben. Doch um auf
-die Instruktionen zu kommen, die ich dir erteilen wollte, so
-kannst du sie aus dem, was ich dir erzählte, selbst abnehmen.
-Berühre nie die früheren politischen Verhältnisse, wenn du ihn
-nicht wehmütig machen willst, sprich nie von dem Kaiser&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Von welchem Kaiser?« unterbrach sie der Vetter.</p>
-
-<p>»Nun, von Napoleon, wollte ich sagen; er sieht ihn als den
-Urheber aller seiner Leiden an, und wenn etwa der General<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span>
-in diesen Tagen kommen sollte, laß dich in keinen politischen
-Diskurs ein; sie sind schon so heftig aneinander geraten.«</p>
-
-<p>»Wer ist denn der General?« fragte Albert. »Hat nicht
-dein Vater mich gestern aufgefordert, mit ihm über die neuere
-Kriegszucht zu sprechen?«</p>
-
-<p>»Der General Willi ist unser Nachbar,« erwiderte Anna,
-»und wohnt eine halbe Stunde von hier, den Neckar abwärts.
-Er gehört so sehr der neueren Zeit an, als der Vater der alten,
-und ich kann ihm seine Art zu denken ebensowenig verargen als
-meinem Vater. Er machte in den früheren Feldzügen eine sehr
-schnelle Karriere, und der Kaiser selbst soll ihn im Feldzuge von
-1809 beredet haben, unsern Dienst zu verlassen und in die Garde
-zu treten. Er war mit in Rußland, wurde bei Chalons gefangen
-und zog sich nachher gänzlich zurück. Hier hat er nun
-ein Gut gekauft, ist ein sehr vermögender Mann und lebt im
-stillen seinen Erinnerungen. Du kannst dir denken, daß ein
-Mann, der in solchen Verhältnissen seine schönsten Jahre lebte,
-wohl auch noch heute von der Sache, für welche er einst focht,
-eingenommen ist; er ist, was man so nennt, ein eigensinniger
-Napoleonist und hat wenigstens so gut als irgend einer Grund
-dazu.«</p>
-
-<p>»Wenn er ein Franzose wäre,« entgegnete Albert, »dann
-möchte es ihm hingehen. Aber für einen Deutschen schickt es
-sich doch wahrhaftig nicht. Es war keine <em class="gesperrt">Sache</em>, für welche er
-focht, sondern ein Phantom.«</p>
-
-<p>»Streiten wir nicht darüber,« fiel ihm Anna ins Wort.
-»Ich bin überzeugt, wenn du diesen liebenswürdigen, edlen
-Mann kennen lernst, wirst du ihm seinen Enthusiasmus vergeben.«</p>
-
-<p>»Wie alt ist er denn?« fragte jener befangen.</p>
-
-<p>»Ein guter Fünfziger,« erwiderte Anna lächelnd. »Mir
-aber scheint er, wie gesagt, für seine Gesinnungen ein so gutes
-Recht zu haben als der Vater. Wurde ja doch auch, was <em class="gesperrt">ihm</em>
-groß und erhaben deuchte, zerstört und verhöhnt, und du weißt,
-daß dies nicht der Weg ist, die Menschen mit dem Neueren
-auszusöhnen. Die beiden Herren haben große Zuneigung zueinander
-gefaßt, obgleich sie in ihren Meinungen so schroff
-einander gegenüberstehen. Oft kommt es unter ihnen zu so heftigem
-Streit, daß ich immer einmal einen wirklichen Bruch der
-nachbarlichen Verhältnisse voraussehe. Ich glaube, wenn mehr
-Damen zugegen wären, würde es nie so weit kommen, aber
-leider hat auch der General vor einigen Jahren seine Frau verloren.<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span>
-Sie war eine treffliche Frau, und meine Mutter schätzte
-sie sehr; der Vater konnte es ihr aber nie vergeben, daß sie eine
-Bürgerliche war, und seine Schwester, die jetzt eben bei ihm ist,
-pflegt immer nur auf kurze Zeit einzukehren.«</p>
-
-<p>Der alte Thierberg, der in diesem Augenblick von seinem
-Amtmann zurückkam, unterbrach dieses Gespräch, das der junge
-Mann noch lange hätte fortsetzen mögen; denn Base Anna erschien
-ihm, wenn sie lebhaft sprach, wenn ihre Augen während
-ihrer Rede immer heller glänzten, und ihre zarten Züge jede
-ihrer Empfindungen abspiegelten, immer reizender, liebenswürdiger
-zu werden, und er glaubte aus dem Vergnügen, das
-ihr die Unterhaltung mit ihm zu gewähren schien, nicht mit
-Unrecht einen günstigen Schluß für sich ziehen zu dürfen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>6.</h3>
-</div>
-
-<p>Von allen seinen früheren reichsfreiherrlichen Rechten war
-dem alten Thierberg nur die Ernennung oder, wie man es dort
-nannte, die Präsentation des Schulmeisters übrig geblieben, und
-er verwünschte auch diesen letzten Rest ehemaliger Größe und
-Gewalt, als er nachmittags zwei Schulamtskandidaten mit dem
-Thierberger Prediger ins Schloß treten sah. Er hieß seinen
-Neffen allein in den Wald vorausgehen und versprach, bald zu
-folgen. Der junge Mann wanderte langsam jenen Weg hinan,
-welchen ihn Anna zuerst geführt hatte. Oft stand er stille und
-sah zurück auf diese altertümliche Burg, und gerne verweilte
-sein Auge auf jenem Turm, in dessen Zimmerchen
-Anna wohnte. Wie liebte er dieses klare, ruhige,
-natürliche Wesen, gepaart mit so viel Anstand und mit so feiner
-Bildung! Er konnte sich auf nichts Aehnliches besinnen. Oft
-wollten zwar in seiner Erinnerung die Damen der Mark diesem
-Schwabenkind den Vorrang streitig machen. Es deuchte dem
-jungen Mann, er habe elegantere Formen gesehen, gewandter,
-zierlicher sprechen gehört, er rief sich jede einzelne Schönheit,
-die ihn sonst bezauberte, zurück, aber er bekannte, daß es gerade
-diese Unbefangenheit, diese Ruhe sei, was ihm so überraschend,
-so neu, so liebenswürdig erschien. »Sie ist zu verständig, zu
-ruhig, zu klar, um jemals recht lieben zu können,« fuhr er in
-seinen Gedanken fort, »aber schätzen wird sie mich, sie wird Interesse
-an mir finden. Und gerade diese Klarheit, diese Art,
-über das Leben zu denken, muß ihr andere, bessere Verhältnisse
-längst wünschenswert gemacht haben. Bequeme, elegante<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span>
-Wohnung, eine geschmackvolle Garderobe, Wagen, Pferde, Bediente,
-eine ausgesuchte Bibliothek, das sind die Dinge, welche in
-einem solchen kalten Herzen die Liebe ersetzen; so unbefangen
-sie ist, so weiß sie doch in ihrer Unbefangenheit die Dame recht
-wohl zu spielen, und wirklich &ndash; es muß ihr als Frau von
-Rantow allerliebst stehen!«</p>
-
-<p>Der junge Mann war unter diesen Träumen einer schönen
-Zukunft auf einer Höhe angelangt, wo er einen Teil des reizenden
-Neckartales überschauen konnte. Vorwärts zu seiner
-Linken gewahrte er eine Waldspitze, die weit vorsprang und ihm
-die Aussicht auf den andern Teil des Tales verdeckte. Er verglich
-sie mit der Lage des Schlosses und fand, es müsse dieselbe
-Bergspitze sein, von welcher gestern jene süßen Flötenklänge
-herübertönten. Von dort aus, hatte ihm Anna gesagt, könne
-man einen weiten, freien Blick über das ganze Tal genießen,
-und rasch beschloß er, nicht erst den Oheim abzuwarten, sondern
-im Genuß einer herrlichen Aussicht auf jener Waldecke seinen
-Gedanken nachzuhängen. Er hatte sich die Richtung gut gemerkt,
-und nicht lange, so trat er auf diesen reizenden Platz
-heraus. Das Tal schwenkte sich in einem schönen Bogen an
-Thierberg vorüber um diese Bergecke. Rechts und bei weitem
-näher, als Albert gedacht hatte, lag die Burg, durch eine breite
-Waldschlucht von dieser Stelle getrennt. Man konnte mit einem
-guten Fernglas deutlich in die Fenster von Thierberg sehen,
-und der junge Mann ergötzte sich eine Zeitlang an den Zügen
-des Pastors und seines Oheims, die in eifrigem Gespräch an
-der Fensterbrüstung standen. Auch Annas Turmfenster war
-geöffnet, aber statt ihrer holden Züge sah man nur einen kleinen
-Orangenbaum, den sie an die Sonne gestellt hatte. In der
-Mitte des Tales zog in kleineren Bogen der Neckar hin, viele
-freundliche Halbinseln bildend und in kleiner Entfernung entdeckte
-das Auge des jungen Mannes ein neues Schloß, in dessen
-Fenstern sich die Mittagssonne spiegelte. Es war in gefälligem,
-italienischem Stil aufgebaut, die Säulen und der Balkon, schlank
-und zierlich, machten einen sonderbaren Kontrast mit den
-dunkeln schweren Mauern des Thierbergs zu seiner Rechten,
-und wie diese Burg auf der Nordseite des Gebirges auf einem
-steilen Waldberg hing, so ruhte jenes schöne Lustschloß auf der
-Südseite gegenüber an einem sanften Rebhügel, dessen reinlich
-und nett angelegten Geländer und Spaliere sich bis an den
-Fluß herabzogen. Albert war in diesen reizenden Anblick versunken
-und dachte nach über diesen Gegensatz, welchen die beiden<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-Schlösser wie Bilder der alten und neuen Zeit hervorbrachten,
-als feste Männertritte hinter ihm durch das Gebüsch rauschten
-und ihn aus seinen Betrachtungen weckten. Er wandte sich um
-und war vielleicht nicht weniger erstaunt als der Mann, der jetzt
-durch die letzten Büsche brach und vor ihm stand. &ndash; Es war sein
-Gefährte vom Eilwagen. Er hatte eine Jagdtasche übergeworfen,
-trug eine Büchse unter dem Arm, und zwei große Windhunde
-stürzten hinter ihm aus dem Gebüsch.</p>
-
-<p>»Wie, ist es möglich?« rief der Jäger und blieb verwunderungsvoll
-stehen; »ich hätte mir noch eher einfallen lassen,
-hier auf einen Adler denn auf Sie zu stoßen!«</p>
-
-<p>»Sie sehen, ich benütze Ihren Rat,« erwiderte der junge
-Mann, »ich durchspüre jeden Winkel Ihres Landes nach schönen
-Aussichten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber wie kommen Sie <em class="gesperrt">hieher</em>?« fuhr jener fort, indem
-er ihn aufmerksamer betrachtete. »Und Sie sind auch nicht auf
-der Reise, wie ich sehe; haben Sie sich in der Nähe eingemietet?«</p>
-
-<p>Albert deutete lächelnd auf die alte Burg hinüber. »Dort
-&ndash; und gestehen Sie,« sagte er, »ich hätte keinen schöneren Punkt
-wählen können.«</p>
-
-<p>»In Thierberg?« rief der Jäger mit steigendem Erstaunen,
-indem er auf einen Augenblick leicht errötete; »wie, ist es möglich,
-in Thierberg? Oder sind vielleicht gar Thierbergs die
-Verwandten, die&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Die ich in der Stadt besuchen wollte und hier auf ihrem
-Landsitz traf. Ich segne übrigens diesen Geschmack meines
-Oheims,« setzte Albert mit einer Verbeugung hinzu, »da er mich
-aufs neue in die Nähe meines angenehmen Reisegesellschafters
-führte.«</p>
-
-<p>»So wären Sie vielleicht ein Rantow aus Preußen?«
-fragte der Jäger aufs neue.</p>
-
-<p>»Allerdings,« antwortete der Gefragte. »Aber wie folgern
-Sie dies? Sind Sie vielleicht mit meinem Oheim bekannt?«</p>
-
-<p>»Ich besuche ihn zuweilen,« sagte jener mit einem langen
-Seitenblick auf das alte Schloß, »ich bin gerne dort; doch beinahe
-hätte ich das Glück gehabt, Ihre Bekanntschaft noch früher
-zu machen; ich reiste vor einem Jahr in Ihre Heimat, und auf
-den Fall, daß mich meine Straße über Fehrbellin geführt hätte,
-war ich mit einem Brief an Ihre Eltern versehen, mit einem
-Brief von Ihrem Oheim selbst. &ndash; Aber habe ich zu viel gesagt,
-wenn ich von den Reizen unseres Neckartales sprach? Finden<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-Sie nicht alles hier vereinigt, was man immer für das Auge
-wünschen kann?«</p>
-
-<p>»Ich dachte schon vorhin darüber nach,« versetzte Rantow;
-»wie verschieden ist der Charakter dieser beiden Berge zur Seite
-des Tales! Hier dieser dunkle Wald, mit Schluchten und
-Felsenrissen, durch welche sich Bäche herabgießen, die alte Burg,
-halb Ruine, auf diese jäh abbrechende Wand hinausgerückt. Jenseits
-die sanften, wellenförmigen Rebhügel, mit bläulichroter
-Erde und dem sanften Grün des Weinstocks. Und diese Kontraste
-durch das liebliche Tal, durch den Fluß vereinigt, der
-bald hierhin, bald dorthin zu den Bergen sich wendet! Wahrhaftig,
-es müßte nichts Angenehmeres sein, als auf einer dieser
-grünen Halbinseln ein einsames Idyllenleben zu führen!«</p>
-
-<p>»Ja,« entgegnete der Jäger lächelnd, »wenn der Fluß nicht
-in jedem Frühjahre austräte und Damon, die Hütte und &ndash;
-seine Daphne zu entführen drohte! Aber waren Sie schon
-unten im Tal?«</p>
-
-<p>»Noch nicht, und wenn etwa Ihr Weg hinabführt, werde
-ich Sie gerne begleiten.«</p>
-
-<p>Der Jäger lockte seine Hunde und schlug dann einen
-Seitenpfad ein, der in die Tiefe führte. Rantow, der hinter
-ihm ging, bewunderte den schlanken Bau, den kräftigen Schritt
-und die gewandten Bewegungen des jungen Mannes. Er war
-einigemal versucht zu fragen, wer er sei, wo er wohne; aber es
-lag etwas so Bestimmtes, Ueberwiegendes in seinem ganzen
-Wesen, daß er diese Frage immer wieder auf eine bequemere
-Zeit verschob. Im Tal wandte sich der Jäger stromabwärts;
-Kinder und Alte, die ihnen begegneten, grüßten ihn überall
-freundlich und zutraulich; manche blieben wohl auch stehen und
-schauten ihm nach. Oft stand er stille und machte den Fremden
-auf jeden schönen Punkt aufmerksam, erzählte ihm von der
-Lebensart der Leute, von ihren Sitten und ländlichen Festen.</p>
-
-<p>Der Weg bog jetzt um den Berg, und plötzlich standen sie
-dem neuen Schloß gegenüber, das Albert von der Höhe herab
-gesehen hatte. »Welch herrliches Gebäude!« rief er, »wie
-malerisch liegt es in diesen Weinbergen! Wem gehört dieses
-Schloß?«</p>
-
-<p>»Meinem Vater,« erwiderte der Jäger freundlich. »Ich
-denke, Sie setzen mit mir über und versuchen den Wein, der auf
-diesen Hügeln wächst.«</p>
-
-<p>Gerne folgte der junge Mann dieser einfachen Einladung;
-sie gingen ans Ufer, wo der Jäger einen Kahn losband; er ließ<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span>
-seinen Gast einsteigen und ruderte ihn leicht und kräftig über
-den Fluß. Auf reinlichen, mit feinem Kies bestreuten Wegen,
-durch hohe Spaliere von Wein gingen sie dem Schloß zu, dessen
-einfach schöne Formen in der Nähe noch deutlicher und angenehmer
-hervortraten, als aus der Ferne betrachtet. Unter dem
-schattigen Portal, das vier Säulen bildeten, saß ein Mann, der
-aufmerksam in einem Buche las. Als die jungen Männer
-näher kamen, stand er auf und ging ihnen einige Schritte entgegen.
-Er war groß, aufrecht und hager, und etwa zwischen
-fünfzig und sechzig Jahre alt. Ein schwarzes, blitzendes Auge,
-eine kühn gebogene Nase, die dunkelbraune Gesichtsfarbe und
-eine hohe gebietende Stirne, wie seine ganze Haltung, gaben ihm
-etwas Auffallendes, Ueberraschendes. Er trug einen einfachen
-militärischen Oberrock, ein rotes Band im Knopfloch, und noch
-ehe er ihm vorgestellt wurde, wußte der junge Rantow aus
-diesem allem, daß es der General Willi sei, vor welchem er
-stand. Ihn selbst stellte der junge Willi als Vetter der Thierbergs
-und als seinen Reisegefährten vor.</p>
-
-<p>Der General hatte eine tiefe, aber angenehme Stimme;
-er antwortete: »Mein Sohn hat mir von Ihnen gesagt. Ihre
-Mutter kenne ich wohl, habe sie früher in der Residenz gesehen.
-Als wir nach Schlesien marschierten, wurde ich nach Berlin geschickt;
-ich blieb vier Wochen bei der Feldpost dort und ritt
-während dieser Zeit mehreremal nach Fehrbellin hinüber, Ihre
-Eltern zu besuchen.«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig!« rief der junge Mann; »ich erinnere mich,
-mehrere französische und deutsche Offiziere damals in unserem
-Haus gesehen zu haben; es müßte mich alles täuschen, Herr
-General, oder ich kann mich noch Ihrer erinnern. Ihre Uniform
-war grün und schwarz, und einen großen grünen Busch
-trugen Sie auf dem Hut. Sie ritten einen großen Rappen.«</p>
-
-<p>»Ach ja, die alte Leda!« sagte der General; »sie hat treu
-ausgehalten bis an die Beresina; dort liegt sie zwanzig Schritte
-von der Brücke im Sumpf. Es war ein gutes Tier, und in der
-Garde nannte man sie <em class="antiqua">le diable noir</em>. &ndash; Grüne Büsche, sagen
-Sie? &ndash; Richtig, ich diente damals unter den schwarzen Jägern
-von Württemberg. Ein braves Korps, bei Gott! Wie haben
-sich diese Leute bei Linz geschlagen!«</p>
-
-<p>»War es damals,« bemerkte Rantow, »als Marschall Vandamme,
-den Gott verdamme, äußerte: <em class="antiqua">Ces bougres là se
-battent comme nous?</em>«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>»Sie haben da eine sonderbare Uebersetzung des Namens
-Vandamme, doch &ndash; ach! Sie sind ein Preuße, gut! ich gebe zu,
-der General Vandamme war verhaßt, besonders in der süddeutschen
-Armee; er wußte es auch recht gut; seine Bewunderung
-über die Bravour jener Soldaten hätte er vielleicht
-artiger, aber nie mit mehr Wahrheit ausdrücken können.«</p>
-
-<p>Sie waren unter diesen Worten bis unter das Portal des
-Hauses getreten; ein Buch lag dort aufgeschlagen, der junge Willi
-sah es lächelnd an und sagte: »Zum sechstenmal, mein Vater?«</p>
-
-<p>»Zum sechstenmal,« erwiderte jener, indem auch durch seine
-ernsten Züge ein leichtes Lächeln ging. »Sie sehen, Herr von
-Rantow, man zieht oft die Kinder nur dazu auf, daß sie ihre
-Eltern nachher wieder aufziehen. So kann er es nicht recht
-leiden, daß ich gewisse Bücher oft lese; und doch ist es ein guter
-Grundsatz, nicht vielerlei Bücher, aber wenige gute öfter zu
-lesen.«</p>
-
-<p>»Sie haben recht,« erwiderte Rantow, »und darf ich wissen,
-<em class="gesperrt">welches</em> Buch Sie zum sechstenmal lesen?« Der General bot
-es ihm schweigend.</p>
-
-<p>»Ah! die schöne Fabel von 1812,« rief Albert, »der Feldzug
-des Grafen Segur! Nun, ein Gedicht wie dieses darf man
-immer wieder lesen, besonders wenn man, wie Sie, den Gegenstand
-kennen gelernt hat.«</p>
-
-<p>»Sie nennen es Gedicht?« fragte der General. »Da Sie
-nicht aus Erfahrung sprechen können, ist wohl General Gourgaud
-Ihr Gewährsmann. Aber ich kann Ihnen versichern, in
-diesem Buch ist so furchtbare Wahrheit, so traurige Gewißheit,
-daß man das wenige, was Dichtung ist, darüber vergessen kann.
-Die Figuren in diesem Gemälde leben, man sieht ihren schwankenden
-Marsch über die Eisfelder, man sieht brave Kameraden
-im Schnee verscheiden, man sieht ein Riesenwerk, jene große,
-kampfgeübte Armee, durch die Ungunst des Schicksals in viele
-tausend traurige Trümmer zerschlagen. Aber ich liebe es, unter
-diesen Trümmern zu wandeln, ich liebe es, an jene traurigen,
-über das Eis hinschwankenden Männer mich anzuschließen, denn
-ich habe ihr Glück und &ndash; ihr Unglück geteilt.«</p>
-
-<p>»Ich bewundere nur deine Geduld, Vater,« erwiderte der
-Sohn; »du kannst diese französischen Tiraden, die, wenn man
-sie in nüchternes Deutsch auflöst, beinahe lächerlich erscheinen,
-lesen und immer wieder lesen! Ich erinnere mich aus diesem
-berühmten Buch einer solchen Stelle, die im Augenblick das Gefühl
-besticht, nachher, mich wenigstens, lächeln machte. Die<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-Armee hat sich in größter Unordnung hinter Wilna zurückgezogen.
-Die Russen sind auf den Fersen. Eine Zeitlang imponiert ihnen
-noch die Nachhut des Heeres, aber bald löst sich auch diese auf,
-und die ersten der Russen, indem sie einen Hohlweg heraufdringen,
-mischen sich schon mit den letzten der Franzosen. Segur
-schließt seine Periode mit den Worten: ›Ach! Es gibt keine
-französische Armee mehr!‹ &ndash; ›Doch, es gibt noch eine,‹ fährt
-er fort; ›Ney lebt noch; er reißt dem Nächsten das Gewehr aus
-der Hand,‹ u. s. w. Kurz, der edle Marschall tut in übertriebenem
-Eifer noch einige Schüsse auf den Feind und repräsentiert
-gleichsam in sich selbst die halbe Million Soldaten, die Napoleon
-gegen Rußland ins Feld führte. Ist dies nicht mehr als dichterisch,
-ist dies nicht lächerlich überstiegen?«</p>
-
-<p>»Ich erinnere mich noch recht wohl jenes Moments, und
-so grausam unser Schicksal, so gedrängt unser Rückzug war, so
-ließ er uns doch einige Augenblicke frei, diesem Krieger und
-seiner wahrhaft antiken Größe unsere Bewunderung zu zollen.
-Wenn du bedenkst, wie es von großer Wichtigkeit war, daß er
-mit wenigen Tapfern jenes Defilee eine Zeitlang gegen den
-Feind behauptete, daß er und die Seinen allerdings in diesem
-Augenblick noch die einzigen wirklichen Kombattanten waren,
-die den Russen die Spitze boten, so wird dich jener Ausdruck
-weniger befremden; ich wenigstens danke es Segur, daß er auch
-jenem erhabenen Moment einen Denkstein setzte.«</p>
-
-<p>»Also ist jene Szene wahr?« fragte Rantow.</p>
-
-<p>»Gewiß! Und eine schöne großartige Idee liegt darin,
-daß man weiß, wer von der großen Armee zuletzt gegen die
-Russen schlug, daß es Ney war, welchen jener hohe Ruhm, der
-ihm sogar aus diesem Rückzug sproßte, die Handgriffe des gemeinen
-Soldaten nicht vergessen ließ. Er war, wie Hannibal,
-der letzte beim Rückzug.«</p>
-
-<p>»Was sagen Sie aber über jenen, welcher der erste in der
-Armee und der erste beim Rückzuge war?« bemerkte Rantow.
-»Ich glaube, zwanzig Jahre früher hätte er jeden Schritt mit
-seinen Garden verteidigt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und zwanzig Jahre später vielleicht auch,« fiel ihm der
-General ins Wort, »und wäre vielleicht als Greis eines schönen
-Todes mit seinen Garden gestorben. Anno 13, werden Sie aber
-wohl wissen, war er Kaiser eines Landes, von welchem er, ohne
-Nachricht, ohne Hilfe, auf so viele hundert Meilen getrennt war.
-Was hielt ihn bei der Armee, nachdem unser Unglück entschieden
-war? Glauben Sie nicht, daß er etwas Aehnliches, wie<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span>
-den Abfall Ihres York, geahnt hat! Mußte er nicht in Frankreich
-frische Mannschaft holen?«</p>
-
-<p>»Warum zog er gegen Asien zu Feld, der neue Alexander,«
-sagte Rantow spöttisch lächelnd, »wenn er ahnte, daß das
-Preußenvolk in seinem Rücken nur darauf laure, ihm den
-Todesstreich zu geben? War dies die gerühmte Klugheit des
-ersten Mannes des Jahrhunderts?«</p>
-
-<p>»Glauben Sie, junger Mann,« erwiderte der General,
-»der Kaiser war erhaben über einen solchen Verdacht. Er
-wußte, daß Ihr König ein Mann von Ehre sei, der ihn im
-Rücken nicht überfallen werde; er wußte auch, daß Preußen
-zu klug sei, um <em class="antiqua">à la</em> Don Quichotte die große Armee allein
-anzugreifen.«</p>
-
-<p>»Preußen war ihm nichts schuldig,« rief der junge Mann
-errötend; »man weiß, wie Bonaparte selbst seine Friedensbündnisse
-gehalten hat; man war nicht schuldig, zu warten, bis
-es dem großen Mann gefällig sei, die Kriegserklärung anzunehmen.
-Der Gefesselte hat das Recht, in jedem günstigen
-Augenblick seine Fesseln zu zerreißen, und sollte er auch <em class="gesperrt">den</em>
-damit zertrümmern müssen, der sie ihm anlegte.«</p>
-
-<p>»Nun, Vater,« setzte der junge Willi hinzu, »das ist es ja,
-was ich schon lange sagte, wenn ich den Aufstand des ganzen
-Deutschlands in Schutz nahm. Wer gab den Franzosen das
-Recht, uns in Ketten und Bande zu schlagen? Unsere Torheit
-und ihre Macht! Wer gab uns das Recht, ihnen das Schwert
-zu entwinden und die Spitze gegen sie selbst zu wenden? <em class="gesperrt">Ihre</em>
-Torheit und unsere <em class="gesperrt">Macht</em>.«</p>
-
-<p>»Ich gebe zu,« antwortete der General mit Ruhe, »daß
-man im Volk, vielleicht auch unter Politikern, also spricht und
-sprechen darf. Niemals aber darf der Soldat diese Sprache
-führen, um eine schlechte Tat zu beschönigen. Es gibt manche
-glänzende Verrätereien in der Geschichte; die Zeiten, wo sie begangen
-wurden, waren vielleicht mit der Gegenwart so sehr beschäftigt,
-daß man die Verräter gepriesen hat; aber die Nachwelt,
-welche die Gegenstände in hellerem Lichte sieht, hat immer
-gerecht gerichtet und manchen glänzenden Namen ins schwarze
-Register geschrieben. Auch die Sache des Kaisers wird die Nachwelt
-führen. So viel ist aber gewiß, daß zu allen Zeiten, wo
-es Soldaten gibt, einer, der seine Fahne verläßt, immer für
-einen Schurken gelten wird.«</p>
-
-<p>»Ich gebe dies zu,« erwiderte Rantow, »nur sehe ich nicht<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span>
-ein, wie dies den übereilten Zug nach Rußland entschuldigen
-könnte.«</p>
-
-<p>»Meinen Sie denn, der Zustand Preußens sei uns so unbekannt
-gewesen?« fragte der General; »man wußte so ziemlich,
-wie es dort aussah. Ich war von Mainz bis Smolensk im
-Gefolge des Kaisers und namentlich in deutschen Provinzen oft
-an seiner Seite, weil ich die Gegenden kannte, und manchmal
-in seinem Namen Fragen an die Einwohner tun mußte. In
-den preußischen Stammprovinzen fiel ihm und uns allen die
-Haltung und das Ansehen der jungen Leute auf. Das ganze
-Land schien von Beurlaubten angefüllt, und doch waren es
-immer nur die jungen Männer, die hier geboren und erzogen
-waren. Die Haare waren ihnen militärisch verschnitten, ihre
-Haltung war aufgerichtet, geregelt; sie standen selten wie faule,
-müßige Gaffer da, wenn der Kaiser und sein Gefolge vorüberzog.
-Nein, sie machten Front, wenn sie ihn sahen, die Füße
-standen eingewurzelt, der linke Arm straff angezogen und an
-die Seite gedrückt, das Auge hatte die regelrechte Richtung, und
-die rechte Hand machte ihren Soldatengruß. Es waren dies
-keine Bauernbursche mehr, sondern Soldaten, und der Kaiser
-wußte wenigstens, daß nicht die ganze preußische Armee mit ihm
-ziehe.«</p>
-
-<p>»Er ließ einen gefährlichen, beleidigten Feind in seinem
-Rücken,« bemerkte Rantow.</p>
-
-<p>»Ein gefährlicher Feind, Herr von Rantow, ist etwa eine
-beleidigte Schlange, aber nicht eine Armee, nicht Männer von
-Ehrgefühl. Das preußische Heer hatte sich mit der großen
-Armee vereinigt, und sobald dies geschehen war, stand sie unter
-dem Oberbefehl des ersten Kriegers dieser Armee; in dieser
-Eigenschaft hatten wir weder von ihnen noch von den Zurückgebliebenen
-etwas zu fürchten; die Untergebenen band ihr Eid
-an ihre Fahnen, und die Generale, die Repräsentanten dieser
-Fahnen, band ihre Ehre. Wenn Sie die Sache aus diesem
-natürlichen Gesichtspunkt betrachten wollen, so werden Sie am
-Betragen des Kaisers bei Beginn jenes unglücklichen Feldzuges
-nichts Uebereiltes oder Unkluges finden.«</p>
-
-<p>»Das preußische Heer, das gezwungen mit ausrückte,« erwiderte
-der junge Mann, »gehörte nicht diesem Kaiser der Franzosen,
-sondern seinem rechtmäßigen König, und in demselben
-Augenblick, als dieser sie ihrer Pflichten gegen jenen ersten
-Krieger entband&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Konnten sie gegen uns selbst die Waffen richten,« fiel der<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
-General ein; »da haben Sie vollkommen recht; sie konnten ihre
-Karrees bilden, uns den Gehorsam weigern und, im Fall des
-Zwanges, Feuer auf unsere Kolonnen geben, sie konnten sich im
-Angesicht der Armee mit den Russen vereinigen, sie durften
-dies alles tun&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun ja &ndash; das war es ja eben, was ich meinte.&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, Herr! Das war es <em class="gesperrt">nicht</em>,« fuhr jener eifrig fort.
-»Nur erst, verstehen Sie wohl, <em class="gesperrt">nur dann erst</em>, wann ihr
-König sie ihres Eides entband, konnten sie den Gehorsam verweigern,
-sie <em class="gesperrt">mußten</em> es sogar, auch auf die Gefahr hin, zu
-Grunde zu gehen. Solange dies nicht der Fall war, handelten
-sie, wenn sie feindlich auftraten, als Verräter an ihrer Ehre und
-sogar an ihrem König; denn die Ehre des Königs, der die Befehlshaber
-gewählt hatte, bürgte gleichsam für ihr Betragen.«</p>
-
-<p>»Nun, wenn ich auch dies von den Befehlshabern zugebe,«
-erwiderte Rantow, »so hat wenigstens die Armee immerhin ihre
-Pflicht getan.«</p>
-
-<p>»In diesem Fall nimmermehr!« rief der General; »wenn
-der Chef keinen Befehl seines Herrn vorweisen kann, um seine
-Schritte zu entschuldigen, und dennoch seine Schuldigkeit nicht
-tut oder sogar zum Verräter wird, und zum Verräter nicht für
-sich allein, sondern mit einem ganzen Korps, so hat jeder Offizier,
-jeder Soldat hat das Recht, ihn vor der Front vom Pferd
-zu schießen!«</p>
-
-<p>»Ei, Vater!« rief der junge Willi.</p>
-
-<p>»Mein Gott, dies denn doch nicht,« rief zugleich der
-Fremde; »einen General <em class="antiqua">en chef</em> vom Pferd zu schießen!«</p>
-
-<p>»Und wenn man es unterlassen hat,« fuhr jener mit blitzenden
-Augen fort, »so hat man seine Pflicht versäumt. Aber ich
-kenne noch recht wohl jene schändliche Zeit und die Motive, die
-damals die Handlungen der Menschen lenkten; Wölfe und Tiger
-waren sie geworden, die menschliche Natur hatte man ausgezogen,
-Treue, Ehre, Glauben, alles verloren, und für Heroismus
-galt damals, was sonst für eine Schandtat gegolten hätte!«</p>
-
-<p>»Nun, etwas Herrliches und Erhabenes, was sich damals
-offenbarte, werden Sie doch nicht leugnen können,« sprach der
-Märker; »der allgemeine Enthusiasmus, womit das ganze Volk
-aufstand, war doch wirklich erhaben, ergreifend!«</p>
-
-<p>»Das ganze Volk? &ndash; aufstand?« rief der General bitter
-lachend; »da müßte Deutschland erst auferstehen, ehe die Deutschen
-aufstünden. Es war bei manchem ein schöner, aber unkluger
-Eifer, bei einigen Haß, bei vielen Uebermut, bei den<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span>
-meisten war es Sache der Mode; und Sie vergessen, daß Oesterreich,
-Bayern, Württemberg, daß Schwaben und Franken nicht,
-was Sie sagen, aufstanden und denn doch auch zu Deutschland
-gehörten. Und Ihre Enthusiasten selbst! Vor diesen wären
-wir gewiß nie aus Sachsen gewichen!«</p>
-
-<p>»Wenn es ihnen auch an jenen gerühmten Eigenschaften
-eines alten, gedienten Soldaten gebrach, wahrhaftig, ihr Wille
-war schön, ihre Taten groß, und ihre Einheit, ihre Aufopferung
-ersetzte vieles&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Einheit? Aufopferung? Wir nahmen, es war schon auf
-französischem Boden, einmal ein solches Individuum gefangen.
-Es war ein junger, schön geputzter Mann. Der Kaiser hatte
-von diesen Volontärs sprechen gehört, man hatte ihm ihre Kleidung,
-ihre Haltung überaus komisch beschrieben; er ließ daher
-den Gefangenen vortreten. Als dieser den Kaiser erblickte, geriet
-er in augenscheinliche Verwirrung, dachte nicht mehr daran,
-daß er selbst Soldat geworden sei und gegen den größten Krieger
-zu Felde ziehe, sondern er nahm seinen Tschako am Schild, riß
-ihn nach gewöhnlicher, bürgerlicher Weise vom Kopf, daß der
-schöne Federbusch elendiglich in den Kot hing, und kratzte mit
-dem Fuß hintenaus. Der Kaiser ließ ihn durch mich fragen, ob
-er unter den deutschen Freiwilligen diene? Jener aber verbeugte
-sich noch einmal und sagte: ›Ich bin vom Frankfurter
-Korps der Rache.‹ Der Kaiser konnte ein Lächeln nicht unterdrücken,
-und als er weiter ritt, wandte er sich noch einmal um.
-Der Sohn der Rache stand noch immer ganz verblüfft unter
-einem Haufen von Franzosen, und jetzt erst schien er aus dem
-Traum zu erwachen, er mochte sich auf die schöne <em class="gesperrt">Zeil</em> zurückwünschen.
-Der arme Teufel sah aus, als wäre er ein Volontaire
-<em class="antiqua">malgré lui</em>, als hätte er nur seinem Schatz zu Gefallen sich
-in dem Korps der Rache einschreiben lassen. Und dieser Rächer
-kehrte nicht mehr hinter den Ladentisch seines Vaters heim.
-Ich sah ihn sechs Tage nachher ohne Beine, sterbend wieder,
-seine eigenen Landsleute hatten ihn in unseren Reihen getötet.
-Und von solchen Menschen verlangen Sie Einheit, Aufopferung?«</p>
-
-<p>Der Preuße hatte dem General unmutig zugehört; es kam
-ihm vor, als liege in den Zügen dieses Mannes Spott und Verachtung
-einer Sache, die er immer als etwas Ungeheures, Welthistorisches,
-Großartiges zu betrachten gewöhnt gewesen war.
-Der junge Willi sah diese unangenehmen Gefühle, die mit der
-Ehrfurcht vor dem General in Rantows Brust zu kämpfen
-schienen. Er nahm daher schnell das Wort und sagte: »Du warst<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span>
-damals auf feindlicher Partei, lieber Vater, du sahst alles in
-einem andern Lichte, und ich zweifle, ob nicht eure jungen
-Konskribierten sich auf ähnliche Weise benommen hätten. Aber
-wahr bleibt es immer und jedem unbefangenen Auge noch jetzt
-sichtbar, daß damals ein erhabener, ungewöhnlicher Geist unter
-dem Volke, hauptsächlich im Norden, wehte; die Mittelstände
-vorzüglich haben gezeigt, daß sie einer bewunderungswürdigen
-Kraftäußerung fähig seien, und darauf, so schlecht auch die
-Zeiten sind, kann man noch immer einige Hoffnung gründen.«</p>
-
-<p>Rantow sah den jungen Mann bei den letzten Worten befremdet
-an, als wüßte er sich diesen Satz nicht zu erklären; doch
-erfreut, seine eigenen Gesinnungen wiederholt zu hören, wandte
-er sich wieder an den General. »Er hat recht,« sagte er, »auf
-feindlicher Seite konnten Sie das rührende Bild dieser Aufopferung
-nicht so genau kennen lernen. Aber die großen Worte
-unserer Redner, die feurigen, aufrufenden Lieder unserer
-Sänger, die begeisternde Aufopferung unserer Frauen, sie gaben,
-verbunden mit dem Mut, der frommen Kraft und der gottgeweihten
-Hingebung unserer Jünglinge und Männer, Szenen,
-die ebenso erhaben als unvergeßlich sind.«</p>
-
-<p>»Und wofür denn dieses alles?« fragte der alte Soldat.
-»Wozu so große Aufopferungen, was hat man damit erreicht
-und errungen? Ließ sich dies alles nicht voraussehen?«</p>
-
-<p>»Und was haben denn Sie, Herr General, auf jener Seite
-erreicht und errungen? Das ist einmal das Schicksal alles
-menschlichen Lebens und Treibens, daß man kämpft, sich hingibt,
-aufopfert, um am Ende nichts oder wenig zu erreichen. Zwanzig
-Jahre haben Sie jenem Mann geweiht, jenem Eigensüchtigen,
-der nur sich und immer nur sich bedachte. Jetzt liegt er auf
-einem öden Felsen, seine Genossen sind zerstreut, aufgerieben &ndash;
-was, was haben denn Sie gewonnen?«</p>
-
-<p>»Ein Endchen rotes Band und die Erinnerung,« antwortete
-er lächelnd, indem er mit einer Träne im Auge auf seine Brust
-herabsah. Es lag etwas so Ergreifendes, Erhabenes in dem
-Wesen des Mannes, als er diese Worte sprach, daß Rantow, errötend,
-als hätte er eine Torheit gesagt, seine Augen von ihm
-abwandte und betreten den Sohn ansah. Doch dieser schien
-nicht auf das Gespräch zu merken, er blickte unverwandt und
-eifrig auf ein kleines Gebüsch am Fluß, von welchem man eben
-das Plätschern eines Ruders vernahm; jetzt teilten sich die
-Zweige der Weiden, und ein schöner Mädchenkopf bog sich
-lächelnd daraus hervor.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p>
-
-<h3>7.</h3>
-</div>
-
-<p>»Unsere schöne Nachbarin!« rief der General freundlich
-und eilte auf sie zu, ihr die Hand zu bieten; die jungen Männer
-folgten, und mittels seiner trefflichen Lorgnette entdeckte Rantow
-zu seinem nicht geringen Vergnügen, daß es Anna sei, die
-hier so plötzlich, gleich einer Najade, aus dem Fluß auftauchte.
-Der General küßte sie auf die Stirne und bot ihr dann den
-Arm, sie grüßte seinen Sohn kurz und freundlich, fragte flüchtig
-nach des Generals Schwester und verweilte dann mit einem
-Ausdruck der Verwunderung auf ihrem Gast. »Du hier, Vetter
-Albert?« rief sie, indem sie ihm die Hand bot. »Nun das muß
-ich gestehen, für so klug hätte ich dich nicht gehalten, deinen
-schönen Verstand in Ehren, daß du sogleich die angenehmste
-Gesellschaft in der ganzen Gegend auffinden würdest; welcher
-Zauberer hat dich denn hieher gebracht?«</p>
-
-<p>»Mein Sohn,« sagte der General, »hatte das Glück, Ihren
-Vetter auf seiner kleinen Reise kennen zu lernen, und fand ihn
-jenseits in Ihrem Forst&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und lud mich ein, ihn hieher zu begleiten,« fuhr Rantow
-fort, »wo ich schon wieder wie gestern das Unglück hatte, zu
-streiten und immer heftiger zu widersprechen. Du lächelst,
-Anna? Aber es ist, als brächte es hier das Klima so mit sich;
-zu Hause bin ich der friedfertigste Kerl von der Welt, habe vielleicht
-in zwei Jahren nicht so viel disputiert als hier in zwei
-Tagen, und wie käme ich vollends mit Herren, wie der Herr
-General oder mein Onkel, in Streit?«</p>
-
-<p>»Ist es möglich?« fragte der General, »mit Herrn von
-Thierberg, mit Ihrem Vater, Aennchen, kommt er in Streit?
-Ich dachte doch, da Sie mit mir in politischen Ansichten so gar
-nicht übereinstimmen, Sie müßten von Ihres Oheims Grundsätzen
-eingenommen sein.«</p>
-
-<p>»Nun, so ganz unmöglich ist eine dritte oder vierte Meinung
-doch nicht,« bemerkte der junge Willi lächelnd; »ich bin gewiß
-nicht von Ihrem politischen Glaubensbekenntnis und glaube,
-daß sich mit der Welt jetzt etwas machen ließe, wenn <em class="gesperrt">Ihr</em> nicht
-fünfzehn Jahre früher mit Feuer und Schwert reformiert und
-die Menschen eingeschüchtert hättet; aber mit Herrn von Thierberg
-lebe ich deswegen doch in ewigem Kampf, und wir beide
-haben unsere gegenseitige Bekehrung längst aufgegeben.«</p>
-
-<p>»Demagogen streiten gegen alle Welt,« erwiderte ihm Anna
-lächelnd und doch, wie es schien, ein wenig unmutig. »Sie sind<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-ein Inkurabel in diesem Spital der Menschheit; haben Sie je
-gehört, daß ein solcher politischer Ritter von la Mancha, solch
-ein irrender Weltverbesserer, von Grund aus kuriert worden
-wäre?«</p>
-
-<p>»Ich sehe, Sie wollen den Krieg auf <em class="gesperrt">mein</em> Land spielen,«
-sagte Robert, »Sie wollen, wie immer, meine Ansichten zur
-Zielscheibe Ihres liebenswürdigen Witzes machen, und doch soll
-es Ihnen nicht gelingen, mich aus der Fassung zu bringen, heute
-wenigstens gewiß nicht. Sie kennen wohl die schönen Eigenschaften
-Ihrer Fräulein Cousine noch nicht ganz, Rantow?
-Nehmen Sie sich um Gottes willen in acht, ihr zu trauen!«</p>
-
-<p>»Freund,« entgegnete Rantow, »in diesem Süddeutschland
-finde ich mich selbst nicht mehr; es ist alles ganz anders, man
-denkt, man spricht anders, als ich gewöhnt bin, und so mag ich
-mir selbst kein Urteil mehr zutrauen, am wenigsten über Anna.«</p>
-
-<p>»General!« rief Anna, »Sie führen nachher hoffentlich
-meine Verteidigung gegen Ihren Herrn Sohn?«</p>
-
-<p>»Nun merken Sie auf, Rantow!« sprach der junge Willi;
-»daß dieses Fräulein die schönste im ganzen Neckartal, von
-Heidelberg bis Tübingen, ist, behaupten nicht nur alle reisenden
-Studenten, sondern auch sie selbst weiß es nur allzugut und hat
-sich ganz danach eingerichtet; sie ist aber dabei so spröde wie
-Leandra im eben angeführten Don Quichotte. Nach ihren politischen
-Ansichten, denn sie ist gewaltig politisch, ist sie ein Amphibion.
-Sie hält es bald mit dem Alten, bald mit der neuen
-Zeit. Sie ist gewaltig stolz, daß sie vierundsechzig Ahnen hat,
-auf ihrem Stammschloß lebt, und daß schon Anno 950 ein
-Thierberg einen Acker gekauft hat. Auf der andern Seite ist
-sie durch und durch napoleonisch. Sie hat den ersten Lügner
-seiner Zeit, den Moniteur, öfter gelesen als die Bibel, trägt
-ein Stückchen Zeug, das Montholon meinem Vater schickte, und
-das angeblich von Napoleons letztem Lager stammt, in einem
-Ring, singt nichts als kaiserliche Lieder von Beranger und
-Delavigne, und kurz &ndash; sie liebt eben jenen Mann mit Enthusiasmus,
-der den Glanz ihrer vierundsechzig Ahnen in den
-Staub geworfen hat.«</p>
-
-<p>»Sind Sie nun zu Ende?« fragte Anna, ruhig lächelnd,
-indem sie ihren Ring an die Lippen zog. »Weißt du aber auch,
-Vetter, daß er den ärgsten Anklagepunkt, das schwärzeste Verbrechen
-in seinen Augen, aus Edelmut verschwiegen hat? Nämlich
-das, daß ich kein sogenanntes deutsches Mädchen bin, daß<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span>
-ich nicht jetzt schon in meinem Kämmerlein mich im Spinnen
-übe, wie es einer deutschen Maid frommt, und keine Lorbeerkränze
-für die Stirne der künftigen Sieger flechte. Weißt du
-denn auch, wer dieser Herr ist? Das ist ein Glied eines ungeheuren,
-unsichtbaren Bundes, der nächstens das Oberste zu
-unterst kehren wird; nun, bei euch soll es ja noch mehrere solcher
-Staatsmänner geben. Aber, Herr von Willi, wie ist mir doch,
-ist es denn wahr, was man mir letzthin erzählte, daß unter
-euren geheimen Gesetzen eines ausdrücklich gegen junge Damen
-von Adel gerichtet sei und also laute: ›Wenn ein biderber deutscher
-Ritter um eine Jungfrau freit, die ehemals der adeligen
-Kaste angehörte, und solche aus törichtem Hochmut ihre Hand
-versagt, soll ihr Name öffentlich bekannt gemacht und sie selbst
-für wahnsinnig erklärt werden.‹«</p>
-
-<p>Das Pathos, womit Anna diese Worte vorbrachte, war so
-komisch, daß der General und Rantow unwillkürlich in Lachen
-ausbrachen; der junge Willi aber errötete, und unmutig entgegnete
-er: »Wie mögen Sie sich nur immer über Dinge lustig
-machen, die Ihnen so ferne liegen, daß Sie auch nicht das
-geringste davon fühlen können? Ich gebe zu, daß es Ihnen
-in Ihrem Stande, in Ihren Verhältnissen recht angenehm und
-behaglich scheinen mag, weil Sie freiere Formen und natürlichere
-Sitten nicht kennen, keine Ahnung davon haben. Warum
-aber mit Spott Gefühle verfolgen, die wenigstens in Männerbrust
-mächtig und erhaben wirken und zu allem Schönen und
-Guten begeistern?«</p>
-
-<p>»Wie ungezogen!« erwiderte Anna. »Sie haben mit Spott
-begonnen und meine Ahnen und den Kaiser der Franzosen
-schlecht behandelt, und nehmen es nun empfindlich auf, wenn
-man über die Herren Demagogen und ihre Träume scherzt!
-Wahrlich, wenn nicht Ihr Vater ein so getreuer Mann und mein
-getreuester Anhänger wäre, Sie sollten es entgelten müssen.
-Doch zur Strafe will ich Sie über das Gedicht examinieren,
-das Sie mir für meinen Vater versprochen haben.« Sie nahm
-bei diesen Worten Roberts Arm und ging mit ihm den Baumgang
-hin, und Albert Rantow hätte in diesem Augenblick viel
-darum gegeben, an der Stelle des jungen Willi neben ihr gehen
-zu dürfen, denn nie hatte ihm ihr Auge so schön, ihre Stimme
-so klangvoll und rührend gedeucht als in diesem Augenblick.</p>
-
-<p>»Sie ist ein sonderbares, aber treffliches Kind,« sagte der
-General, indem er ihr lächelnd nachblickte. »Wenn sie ihm doch
-alle seine Schwärmereien aus dem Kopfe reden könnte! Aber<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span>
-so wird er nie glücklich werden; denken Sie, Rantow! er hat
-oft Stunden, wo es ihm lächerlich, ja töricht erscheint, daß er
-in meinem bequemen Schloß wohnt und Nachbar Görge und
-Michel, die doch auch ›deutsche Männer‹ sind, nur mit einer
-schlechten Hütte sich begnügen müssen. Das ist eine sonderbare
-Jugend, das nennen sie jetzt Freiheitssinn! Und doch ist er
-sonst ein so wackerer und vernünftiger Junge.«</p>
-
-<p>»Ein liebenswürdiger, trefflicher Mensch,« bemerkte Albert,
-indem er oft unruhige Blicke nach jenen Bäumen streifen ließ,
-unter welchen Willi und Anna wandelten; »ich darf Ihnen
-sagen, daß ich über seine Gewandtheit, über die feinen gesellschaftlichen
-Formen staunte, die er so unbefangen entwickelt, er
-muß viel und lange in guten Zirkeln gelebt haben; und dennoch
-so sonderbare, spießbürgerliche Pläne!«</p>
-
-<p>»Er war in London, Paris und Rom,« sagte der General
-gleichgültig, »und er lebte dort unter meinen Freunden. Ich
-glaube, Lafayette und Foy haben mir ihn verzogen.«</p>
-
-<p>»Wie! Lafayette, Foy, hat er diese gesehen?« fragte Rantow
-staunend.</p>
-
-<p>»Er war täglich in der Umgebung beider Männer, und sie
-fanden an dem Jungen mehr, als ich erwarten konnte. Da
-hörte er nun die Amerikaner und die Herren von der linken
-Seite; und weil er manche der exaltiertesten Schreier als meine
-alten Freunde kannte, glaubte er in seinem jugendlichen Eifer,
-es müsse alles wahr sein, was sie schwatzen, und fand sich am
-Ende geschickt, selbst mit zu reformieren. Da ist er nun mit
-allen unruhigen Köpfen in diesem ruhigen Deutschland bekannt.
-Keine Woche vergeht, ohne daß sie einen jener deutschen Radikalreformer
-mit langen Haaren, Stutzbärtchen, Beilstöcken und
-sonderbaren Röcken in meinen Hof bringt; sie nennen ihn Bruder
-und sind so wunderliche Leute, daß sie alle Briefe an meinen
-Robert mit einem ›Deutschen Gruß zuvor‹ anfangen.«</p>
-
-<p>»Ich kenne diese Leute,« bemerkte Albert mit wegwerfender
-Miene; »sie zeigen sich auch bei uns zu Hause. Aber wie
-kann nur ein Mann von so glänzenden Anlagen für ein anständigeres
-Leben und für die gute Gesellschaft wie Robert, mit so
-gemeinen Menschen umgehen, die im Bier ihr höchstes Glück
-finden, rauchend durch die Straßen gehen, in gemeinen Schenken
-umherliegen und alles Noble, Feine gering achten?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Gemein</em>, lieber Herr von Rantow, habe ich sie noch
-nie gefunden,« erwiderte der General lächelnd, »was ich unter
-gemein verstehe; daß sie rauchen, macht sie höchstens für einen<span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span>
-Nichtraucher unangenehm, daß sie Bier trinken, geschieht wohl
-aus Armut, denn meinen Wein haben sie nicht verachtet, und
-von der <em class="antiqua">bonne société</em> denken sie gerade wie ich; sie langweilen
-sich dort und finden das Steife gezwungen und das Gezierte
-lächerlich. Sonst fand ich sie unterrichtet, vernünftig, und nur
-in ihrer Kleidung und in ihren Träumereien dachte ich mit
-Anna an Don Quichotte und fand es komisch, daß sie sich berufen
-glauben, die Welt zu erlösen von allem Uebel.«</p>
-
-<p>Der junge Mann verbeugte sich stillschweigend gegen den
-General, als wolle er ihm dadurch seinen Beifall zu erkennen
-geben; bei sich selbst aber dachte er: Ich lasse mich aufknüpfen,
-wenn er nicht selbst raucht und lieber Stettiner und Josty als
-Franzwein trinkt; doch einem alten Soldaten kann man es verzeihen,
-wenn er roh und unhöflich ist. Er sah sich zugleich wieder
-nach Anna um; das Gespräch schien von beiden Seiten mit
-großem Interesse geführt zu werden, die Gegenwart des Generals
-verhinderte ihn, von seiner Lorgnette Gebrauch zu machen,
-und doch war sie ihm nie so nötig gewesen als in diesem Augenblick,
-denn er glaubte gesehen zu haben, wie der junge Willi
-Annas Hand ergriff und &ndash; an seine Lippen führte. Der
-General mochte die Unruhe und Zerstreuung des jungen Mannes
-bemerken; er ging mit Rantow dem Baumgang zu, und als
-Anna sie herankommen sah, ging sie ihnen mit Willi entgegen.
-Des Generals Schwester, eine würdige Dame, welcher Annas
-Besuch galt, kam in diesem Augenblick herzu, und da in ihrer
-Gegenwart nichts Politisches, das zum Streit führen konnte,
-abgehandelt werden durfte, so zog es die Gesellschaft vor, ihrer
-Einladung zu folgen und unter der Halle des Schlosses den
-Wein des Generals und die schönen Früchte seiner Gärten zu
-kosten. Man beschloß, daß der General und sein Sohn morgen
-den Besuch auf Thierberg erwidern sollten, und so schieden die
-beiden Willi, als ihre Gäste in den Kahn stiegen, mit Ehrfurcht
-von Anna, mit der Herzlichkeit alter Freunde von Rantow.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3>8.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Gast aus der Mark, obgleich er in jedem Damenkreis
-seiner Heimat mit jener Sicherheit aufgetreten war, welche man
-sich durch Erziehung und gehöriges Selbstvertrauen erwirbt,
-obgleich er sich in Berlin manches schwierigen Sieges hatte
-rühmen können, fühlte sich doch nie in seinem Leben so befangen
-als an jenem Abend, wo er mit Anna am Neckar hin<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-nach Thierberg zurückkehrte. Tausend Zweifel plagten und
-quälten ihn, und jetzt erst, als ihm der letzte Blick, den Anna
-dem jungen Willi zugeworfen hatte, zu feurig für bloße Achtung,
-zu zögernd für gute Nachbarschaft geschienen hatte, jetzt erst
-fühlte er, wie mächtig schon in ihm die Neigung zu seiner
-schönen Base geworden sei. Zwar, wenn er seine eigene Gestalt,
-sein ausdrucksvolles Gesicht, sein sprechendes Auge, seine
-gewählte und reiche Sprache, seine eleganten Formen, die Sicherheit
-und Gewandtheit seines Geistes, kurz, wenn er alle seine
-Vorzüge mit Robert Willis Eigenschaften maß, so glaubte er
-sich doch ohne Anmaßung trösten zu können; fehlte doch jenem
-wenn er sich auch gut auszudrücken vermochte, jener unnachahmliche
-Tonfall der Sprache, fehlte ihm, wenn man ihm auch
-Anstand und Würde nicht streitig machen konnte, jene letzte Vollendung
-und Feinheit eines modischen Wundervogels (<em class="antiqua">Incroyabilis,
-<em class="gesperrt">Linn</em></em>), jenes unnachahmliche Genie des Geschmackes,
-das angeboren sein muß; es fehlte ihm, so schloß der Berliner
-mit heimlichem Lächeln bei sich selbst, jenes <em class="antiqua">Je ne sais quoi</em>,
-das den Geschöpfen Gottes das Siegel der Veredlung und Vollendung
-aufdrückt und auch den gewöhnlichsten Menschen zu einem
-<em class="antiqua">homme comme il faut</em> macht! Aber Anna ist hier auf dem
-Lande, ist in Schwaben aufgewachsen, fuhr er fort, sie könnte,
-ehe sie mich sah, mit Robert Willi &ndash; »Anna, eine Frage,« sprach
-er ängstlich zu ihr, nachdem sie eine geraume Weile still fortgewandelt
-waren, »und nimm doch diese Frage nicht übel auf!
-Liebst du diesen jungen Willi? Stehst du mit ihm in einem
-Verhältnis?«</p>
-
-<p>Das Fräulein von Thierberg errötete leicht über diese
-Frage, und diese Röte konnte ebensogut der Frage als dem
-Gegenstand gelten, den er berührte. »Wie kommst du auf diesen
-Einfall, Vetter?« erwiderte sie. »Und meinst du denn, wenn
-ich auch das Unglück haben sollte, diesen Willi zu lieben, was
-mir übrigens noch nie in den Sinn kam, ich würde etwa dich
-zum Vertrauten in meinen Herzensangelegenheiten wählen, weil
-ich dich schon seit zwei Tagen kenne? Mein Gott, Vetter,«
-setzte sie schalkhaft lächelnd hinzu, »was seid ihr doch für närrische
-Leute in Preußen!«</p>
-
-<p>»Ich will mich durchaus nicht in dein Geheimnis drängen,
-hochedle und gestrenge Dame,« sagte er, »aber meinst du denn,
-dein langes und, wie es schien, interessantes Gespräch mit ihm
-sollte mir nicht aufgefallen sein? Meinst du, ich glaube, ihr
-habt nur von Versen gesprochen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p>
-
-<p>»Wenn ich nun sagte, wir <em class="gesperrt">haben</em> nur von Versen gesprochen,«
-entgegnete sie eifrig, »so <em class="gesperrt">müßtest</em> du es doch glauben.
-Leuten, die gerne Arges denken, fällt alles auf. Diesmal
-übrigens hat sich dein Scharfsinn nicht betrogen; das übrige
-Gespräch drehte sich auch noch um etwas anderes als Verse, um
-ein Geheimnis, ein gar wichtiges Geheimnis.«</p>
-
-<p>»Also doch?« rief der junge Mann, mit ungläubiger
-Miene. »Siehst du, also doch?«</p>
-
-<p>»Doch,« antwortete sie lächelnd, »und weil du so artig bist,
-will ich dich auch mit ins Geheimnis ziehen, vielleicht kannst du
-behilflich sein; er riet mir selbst, es dir zu entdecken.«</p>
-
-<p>»Wie?« entgegnete er bitter. »Meinst du, ich sei nur deshalb
-nach Schwaben gekommen, um Herrn von Willis Liebesboten
-an meine Base zu machen? Da kennst du mich wahrhaftig
-schlecht; eher sage ich deinem Vater die ganze Geschichte,
-und ich glaube nicht, daß er sich einen solchen Tugendbündler,
-einen solchen Weltverbesserer und Demagogen zum Schwiegersohn
-wählen wird.«</p>
-
-<p>Anna war verwundert stehen geblieben, als sie diesen heftigen
-Ausbruch seiner Leidenschaft vernahm. »Habe die Gnade
-und höre zuvor, um was man dich bitten wird,« sagte sie, und
-wie es schien, nicht ohne Empfindlichkeit; »soviel weiß ich aber,
-daß, wäre ich ein junger Herr und überdies ein Berliner, ich
-mich gegen Damen ganz anders betragen würde.« Bestürzt
-wollte Albert etwas zur Entschuldigung erwidern, aber mit
-freundlicherer Miene und gütigeren Blicken fuhr sie fort: »Du
-weißt und hast es heute selbst gehört, wie sehr der General
-seinen Napoleon liebt und verehrt. Nun ist nächstens sein
-Geburtstag, der zufällig auf einen berühmten Schlachttag des
-Kaisers fällt, und da will ihn sein Sohn mit etwas Napoleonischem
-erfreuen. Er hat sich durch einen Bekannten in Berlin
-eine Kopie jenes berühmten Bildes von David verschafft, das
-Bonaparte zu Pferde noch als Konsul vorstellt. Es ist kein
-übler Gedanke, denn so nimmt er sich am besten aus, er ist
-noch jung und mager, und das interessante, feurige Gesicht unter
-dem Hut mit der dreifarbigen Feder ist malerischer, eignet sich
-mehr für die Darstellung eines Helden, als wie er nachher abgebildet
-wird. Und dieses Bild des Kaisers ist unser Geheimnis.«</p>
-
-<p>»Aber was soll ich hierbei tun?« fragte Albert, der wieder
-freier atmete, da kein anderes gefürchtetes Geständnis ihn bedrohte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>»Höre weiter; dieses Bild wird in diesen Tagen ankommen,
-und zwar nicht bei Generals, sondern bei uns. In meinem
-eigenen Zimmer wird es bis am Vorabend des Geburtstages
-bleiben, und dann müssen wir beide dafür sorgen, daß der
-General, während das Bild herübergeschafft wird, nicht zu
-Hause oder wenigstens so beschäftigt sei, daß er nichts bemerkt.
-Während der Nacht wird dann das Bild im Salon aufgehängt
-und bekränzt, und wenn dann morgen der gute Willi zum Frühstück
-in den Salon tritt, ist es sein Held, der ihn an diesem
-feierlichen Tage zuerst begrüßt!«</p>
-
-<p>»Gut ausgedacht,« erwiderte Rantow lächelnd, »und wenn
-es nur nicht dieser Held wäre, wollte ich noch so gerne meine
-Hilfe anbieten, doch &ndash; auch so werde ich mitspielen; hast ja du
-mich darum gebeten!« Sein Ton war so zärtlich, als er dies
-sagte, daß ihn Anna überrascht ansah. Er bemerkte es und
-fuhr, indem er ihren Arm näher an seine Brust zog, fort: »Du
-kannst ja ganz über mich gebieten, Anna, ach! daß du immer
-über mich gebieten möchtest! Wie freut es mich, daß du nicht
-schon liebst, nicht schon versagt bist! Darf ich bei dem Onkel
-um dich werben?«</p>
-
-<p>In Anna schien es zu kämpfen, ob sie bei diesen Worten
-wie über eine Torheit lächeln oder erzürnt weinen solle, wenigstens
-wechselte auf sonderbare Weise die Farbe ihres schönen
-Gesichtes mit Röte und Blässe. Sie zog ihren Arm schnell aus
-seiner Hand und sagte: »Soviel kann ich dir sagen, Vetter, daß
-uns hier in Schwaben nichts unerträglicher ist als Empfindsamkeit
-und Koketterie, und daß wir diejenigen für Toren halten,
-die nach zwei Tagen schon Bündnisse für die Ewigkeit schließen
-wollen.«</p>
-
-<p>»Anna!« fiel ihr der junge Mann mit bittender Gebärde
-ins Wort, »glaubst du nicht an die Allgewalt der Liebe? Wenn
-auch ihre Dauer unsterblich ist, so ist doch ihr Anfang das Werk
-eines Augenblicks, und ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Kein Wort mehr, Albert,« rief sie unmutig, »wenn ich
-nicht alles dem Vater sagen und ihn um Schutz gegen deine
-Torheit anrufen soll! Das wäre dir wohl bequem,« fuhr sie
-gefaßter und lächelnd fort, »um deine Langeweile in Thierberg
-zu vertreiben, einen kleinen Roman zu spielen? Spiele ihn in
-Gottes Namen, wenn du nichts Besseres zu tun weißt, mich wirst
-du vielleicht trefflich damit unterhalten, nur verlange nicht, daß
-ich die zweite Rolle darin übernehme.«</p>
-
-<p>»O Anna!« sprach er seufzend, »verdiene ich diesen Spott?<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span>
-Ich meine es so redlich, so treu! Das Los, das ich dir bieten
-kann, ist nicht glänzend, aber es ist doch so, daß du vielleicht zufrieden,
-glücklich sein könntest.«</p>
-
-<p>»Werde nur nicht tragisch,« erwiderte sie; »alles höre ich
-lieber als solches Pathos. Spott verdienst du auf jeden Fall,
-und zum mindesten kann er dich heilen. Komm, sei vernünftig;
-begleite mich recht artig und wie es sich ziemt nach Hause. Aber
-sei überzeugt, wenn noch ein einziges Wort dieser Art über
-deine Lippen kommt, so beschäme ich dich vor dem nächsten
-besten Bauer und rufe ihn heran, und wenn du im Schloß
-oben diese Torheiten fortsetzest, so werde ich nie mehr mit dir
-allein sein.« Der Ton, womit sie dies aussprach, klang zwar bestimmt,
-mutig und befehlend, doch schien ihr schalkhaftes Auge
-und ihr lächelnder Mund dem strengen Befehl zu widersprechen,
-und Rantow, den diese widersprechenden Zeichen verwirrten, begnügte
-sich zu schweigen, zu seufzen, mit Blicken zu sprechen und
-einen erneuerten Kampf auf einen glücklicheren Moment zu
-verschieben. Mit großer Besonnenheit und Ruhe knüpfte sie
-ein Gespräch über den General an, und so gelangten sie, weniger
-verstimmt, als man hätte denken sollen, nach Thierberg. Der
-Alte ließ sich ihre Ausflüge erzählen und schien nicht unzufrieden,
-daß Albert diese neue Bekanntschaft gemacht habe. »Es
-sind wackere Leute, diese Willis, und das ganze Tal hat ihnen
-Wohltaten zu verdanken. Es soll wenige hohe Offiziere von
-der Bildung und den ausgezeichneten Kenntnissen des Generals
-geben, und den jungen habe ich selbst schon auf dem Korn gehabt
-und gefunden, daß er tiefe, gründliche Kenntnisse hat und
-mit Eifer Studien treibt, die man heutzutage unter der jüngeren
-Generation selten findet. Ein kluges, gewandtes, feuriges
-Bürschchen; aber, aber &ndash; diese verschrobenen, überspannten
-Ansichten. Ich glaube, er würde mich in meinem eigenen Hause
-anfallen, wollte ich sagen, daß das Bauernpack immer Bauernpack
-bleibe, und wenn man sie auch noch so frei von Lasten, noch
-so gelahrt machte, daß die Bürgerlichen bei ihrem Leist bleiben
-und nicht an der erhabenen Figur des Staates künsteln und
-pinseln und meißeln sollen. Aber das kommt nur daher, weil
-der alte Tor unter seinem Stand geheiratet hat, da will nun
-der junge den Fehler gut machen, indem er die Vettern und
-Basen und das ganze Verwandtschaftgesindel seiner hochseligen
-Frau Mutter, spießbürgerlichen Angedenkens, recht hoch stellt!«</p>
-
-<p>»Aber, Vater,« bemerkte Anna, »daß er es aus diesem
-Grunde tut, kannst du doch nicht behaupten. Ich gebe zu, er<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span>
-stellt uns alle insgesamt etwas tief und die andern an unsere
-Seite, aber er ist ein Enthusiast und hat von Freiheit und Volksleben
-Begriffe, die sich nie ausführen lassen.«</p>
-
-<p>»Lehre mich die Menschen nicht kennen, Kind!« sagte der
-Alte lächelnd. »Eitelkeit ist der Grundtext in jedem, die Variationen
-mögen heißen, wie sie wollen; aber was sagst du zu dem
-Vater, Neffe?«</p>
-
-<p>»Bei uns würde man ihn steinigen, wollte er öffentlich
-aussprechen, was ich heute habe hören müssen. Ja, in einer
-Gesellschaft von Preußen sollte er einmal solch ein Wort sagen,
-ich glaube, man würde weder sein Alter noch seinen Stand berücksichtigen.
-Sein ganzes Gespräch ist ein Triumphgesang der
-Vergangenheit und ein Fluch der Gegenwart. Ich glaube, er
-hält es für die größte Sünde, daß wir das schmähliche Joch abgeschüttelt
-und die übrigen, vielleicht gegen ihren Willen, mit
-befreit haben. Eine Schande, daß ein deutscher Mann etwas
-solches nur denken kann. Aber bei nächster Gelegenheit will ich
-ihm sagen, wie sehr ich von Grund des Herzens seinen Kaiser
-und alle Franzosen hasse.«</p>
-
-<p>»Das hat er von mir schon oft gehört,« erwiderte Herr
-von Thierberg; »mehr denn zwanzigmal, ich hasse sie alle, allesamt
-wie die Hölle!«</p>
-
-<p>»Alle, Vater, alle?« fragte Anna mit Bedeutung.</p>
-
-<p>»Nein, du hast recht, Kind! Einen nehme ich aus, den ich
-täglich loben und preisen möchte. Hätte er nicht so verzweifelt
-gut Französisch gesprochen, ich hätte geglaubt, es sei ein Engel
-vom Himmel. Leider war und blieb er nur ein Franzose.«</p>
-
-<p>»Und wer ist denn dieser <em class="gesperrt">eine</em>, den Sie so feierlich ausnehmen?«
-fragte Albert.</p>
-
-<p>»Siehe, das ist eine wunderliche Geschichte,« fuhr der
-Oheim fort; »doch will ich sie dir erzählen, es ist ein schönes
-Stück. Ich machte im Jahre 1800 eine Reise nach Italien mit
-meiner seligen Frau. Ehe wir uns dessen versahen, brach der
-Krieg aus, und da wir vernahmen, daß Moreau gegen Deutschland
-ziehe, beschloß ich, meine Frau bei einer befreundeten
-Familie in Rom zurückzulassen und allein, um desto schneller
-reisen zu können, nach Schwaben heimzukehren. Ich wählte,
-teils weil ich dort am wenigsten auf Franzosen zu stoßen hoffte,
-teils weil einer meiner Vettern die Besatzung in der kleinen
-Festung Bard kommandierte, teils der Neuheit der Gegend
-wegen die Straße über den großen Bernhard, der bald nachher
-durch den Uebergang des Konsuls Bonaparte so berühmt wurde.<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
-Dort am Fuße des Berges, auf der Schweizer Seite, überfielen
-mich fünf zerlumpte Kerls von der französischen Armee, die ich
-hier freilich nicht vermuten konnte. Ich zeigte ihnen meinen
-Paß, aber es half nichts, sie rissen mich und meinen Reitknecht,
-den alten Hans, den du noch hier siehst, vom Pferd, zogen uns
-Rock und Stiefeln aus, nahmen mir Uhr und Börse, und eben
-wollten sie auch meinen Mantelsack untersuchen, als eine schreckliche
-Stimme hinter uns <em class="gesperrt">Halt</em> gebot.</p>
-
-<p>Die Räuber sahen sich um und ließen, wie vom Donner
-gerührt, die Arme sinken, denn es war ein französischer Offizier,
-der hinter uns zu Pferde hielt, und sie hielten, man muß selbst
-dem Teufel Gerechtigkeit widerfahren lassen, strenge Mannszucht.
-›Wer sind Sie, mein Herr?‹ fragte er, nachdem er abgestiegen
-war. Ich erzählte ihm kurz meine Verhältnisse und
-den Zweck meiner Reise. Er nahm meinen Paß, sah ihn durch
-und fragte mich, ob ich solchen den Soldaten gezeigt habe. Als
-ich es bejahte, wandte er sich an die Burschen, die noch immer
-kerzengerade und verlegen dastanden: ›Seid ihr Soldaten? Seid
-ihr Franzosen?‹ rief er zürnend und sah, trotz seinem schlechten
-Oberrock, sehr vornehm aus; ›auf der Stelle kleidet ihr diesen
-Herrn und seinen Diener an, ordnet sein Gepäck und geht dann,
-wohin ihr beordert seid.‹ Noch nie bin ich so schnell bedient
-worden; ein junger Kerl wollte mir gegen meinen Willen die
-Stiefeln anziehen und bat mich mit Tränen im Auge, es zu erlauben.
-Solchen Gehorsam habe ich nie in der Reichsarmee
-gesehen. Ich sagte es auch dem Offizier, der sich, nachdem wir
-fertig waren, zu mir ins Gras setzte und für seine Landsleute
-Vergebung und Entschuldigung erbat. Ich sagte ihm, daß dieser
-ganze Vorfall durch jenen schönen Anblick von Disziplin aufgewogen
-werde. Ehe ich mich dessen versah, waren wir in ein
-tiefes Gespräch über die Zeitereignisse und namentlich über das
-Schicksal des Adels verwickelt. Ich stritt lebhaft für unsern
-alten Reichsadel, aber kurz und bestimmt, und so artig als möglich
-wußte er meine besten Gründe zu widerlegen. Ich merkte
-wohl aus allem, und er gestand es auch offen, daß er ein <em class="antiqua">Ci-devant</em>
-sei. Er gestand auch zu, daß eine Republik in neueren
-Zeiten etwas Schwieriges, beinahe Unnatürliches sei, daß Institute
-wie der Adel nützlich, ja gewissermaßen notwendig seien,
-behauptete aber, daß der Adel überall von neuem geboren werden
-und nur aus kriegerischem Verdienst und Ruhm hervorgehen
-müsse.«</p>
-
-<p>»Wie?« fiel ihm Rantow ins Wort, »so allgemein dachte<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span>
-man schon damals in jener Armee an <em class="gesperrt">das</em>, was nachher jener
-sogenannte Kaiser wirklich ausführte? Das ist wunderbar!«
-&ndash; »Auch mir sind nachmals,« erzählte der alte Thierberg, »da
-Napoleon die Ehrenlegion und Dotationen schuf, oft die Worte
-meines guten Kapitäns eingefallen. Diesen gewann ich in
-<em class="gesperrt">einer</em> Stunde, die wir zusammen sprachen, so lieb, als wäre er
-kein Franzose, als wären wir langjährige Freunde. Endlich
-mahnte ihn die Feldmusik eines ferne heranziehenden Regiments
-zum Aufbruch. Ich schenkte ihm meine silberne Feldflasche, die
-er erst nach langem Streit und endlich lachend annahm; mir gab
-er dafür eine kleine Ausgabe des Tacitus und eine von den
-bunten Federn auf seinem Hut, womit sich damals die republikanischen
-Offiziere schmückten. Die Bajonette des Regiments
-blitzten über den nächsten Hügel herab, und die Musiker begannen
-eben ihr ›<em class="antiqua">Allons enfants</em>‹, als er aufs Pferd stieg; er
-gab mir noch einige Verhaltungsregeln, drückte mir lächelnd die
-Hand und unter dem ›<em class="antiqua">Marchons, ça ira!</em>‹ setzte er den Berg hinan.
-Noch heute steht dieser liebenswürdige, interessante junge Mann
-vor meinen Augen, wie er den Fuß der Alpe hinanritt, der Wind
-in seinem Mantel, in seinen Federn wehte, und er grüßend noch
-einmal sein geistreiches Gesicht nach mir umwandte. Damals,
-aber nur einen Augenblick lang, und ich weiß heute noch nicht
-warum, schlug mein Herz für diese Franzosen, und solange ich die
-Musik hören konnte, sang ich das ›<em class="antiqua">Allons enfants</em>‹ und das
-›<em class="antiqua">Marchons, ça ira</em>‹ mit. Nachher freilich schämte ich mich meiner
-Schwäche, haßte dieses Volk nach wie vorher, und nur mein
-Retter in der Not, mein Kapitän, steht in meinem dankbaren
-Gedächtnis.«</p>
-
-<p>»Allerdings ein wunderbarer Fall,« sagte Rantow, als der
-Alte nicht ohne tiefe Rührung geendet hatte; »artige und honette
-Leute gab es zwar immer unter diesen Truppen, aber die gute
-Disziplin war ungleich seltener. Ich hätte mögen den Schrecken
-jener fünf Soldaten sehen.«</p>
-
-<p>»Nun Hans,« sagte Anna zu dem Diener, der aufmerksam
-und gespannt zuhorchte, »du hast sie ja gesehen.«</p>
-
-<p>»Ich sag' Ihnen, gnädiges Fräulein, wie aus Stein gemeißelt
-standen sie vor dem Kapitän und schämten sich, und
-Augen hat er auf sie dargemacht wie der Lindwurm auf den
-Ritter Sankt Georg. Als die Franzosen nachher zu uns herauskamen,
-bin ich oft halbe Tage lang an der Landstraße von
-Heidelberg gestanden und habe sie Regiment für Regiment defilieren<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
-lassen, aber der Kapitän war nie dabei; der ist wohl schon
-lange tot.«</p>
-
-<p>»Ehre und Segen mit seinem Andenken, wo er auch sein
-möge,« sprach der alte Thierberg. »Ist er gestorben, so hat
-er doch alles, was nachher in der Welt Ungerechtes und Frevelhaftes
-geschah, nicht mehr mitmachen müssen. Vielleicht hat er
-sich auch vom Dienst zurückgezogen, als der Diktator sich zum
-Kaiser machte, denn mein braver Kapitän, der so nobel dachte,
-kann kein Freund des übermütigen Korsen gewesen sein.«</p>
-
-<p>Anna lächelte, aber sie mochte das Lieblingsthema ihres
-alten Vaters, die Geschichte »vom besten Franzosen« nicht durch
-eine Apologie jenes großen Sohnes einer kleinen Insel stören.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3>9.</h3>
-</div>
-
-<p>Man hatte sich heute früher getrennt als gestern, und
-Albert, den der Schlaf noch nicht besuchen wollte, stand unter
-dem Bogenfenster seines altertümlichen Zimmers und schaute
-in das Tal hinab. Er dachte nach über alle Worte seiner schönen
-Cousine, er fand so viel Stoff, sie anzuklagen und sich zu bedauern,
-daß er das erste Mal in seinem Leben im Ernste sich
-selbst sehr schwermütig erschien.</p>
-
-<p>Dieses eine Mal, nach so vielen flatterhaften und flüchtigen
-Geschichten, war er sich recht klar und deutlich bewußt, ernstlich
-zu lieben; niemals zuvor hatte er einem Gedanken an ein häusliches
-Verhältnis, an das Glück der Ehe Raum gegeben, und
-nur erst diesem fröhlichen, unbefangenen Geschöpf war es gelungen,
-seine Ansichten über seine Zukunft ernster, seine Gefühle
-würdiger zu machen. Er wunderte sich, gerade da zurückgewiesen
-zu werden, wo er es wirklich redlich meinte, es befremdete
-ihn, gerade in jenen Augen als flüchtig und kokett zu
-erscheinen, die ihn so unwiderstehlich angezogen, gefesselt hatten;
-er schämte sich, daß bei diesem natürlichen Kind seine sonst
-überall anerkannten Vorzüge ohne Wirkung bleiben sollten; er
-sah darin ein böses Vorzeichen, denn seine bisherige Erfahrung
-hatte ihn gelehrt, daß die Ueberraschung, daß der erste Eindruck
-entscheiden müsse.</p>
-
-<p>Aus diesen Gedanken weckte ihn eine Flöte, die wie am
-gestrigen Abend süße Töne vom Wald herüberhauchte. Aufs
-neue erwachte in ihm der Gedanke, daß diese Serenade wohl
-Anna gelten könnte. Er sah schärfer nach dem Wald hinüber,
-und, er irrte sich nicht, es war jene Waldecke, die er heute besucht<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span>
-hatte, woher die Töne kamen. Schnell warf er seinen
-Mantel über; eilte hinab und bat den alten Hans, ihm das Tor
-zu öffnen; er gab vor, auf einem Platz im Wald, unweit des
-Schlosses, ein Taschenbuch zurückgelassen zu haben, dem der
-Nachttau schaden könnte. Die Flötenklänge, die immer weicher
-und schmelzender wurden, dienten ihm zu Führern nach jener
-Waldecke; immer eifriger drang er durch das Gebüsch, denn er
-hatte einen Blick nach der Burg hinübergeworfen und gesehen,
-daß ein weißes Tuch von Annas Fenster wehte. Schon sah er
-die Umrisse des Flötenspielers, schon rief er: »Halt, Freund
-Musikus, ich werde die zweite Stimme spielen,« da schlug dicht
-neben ihm ein Hund an, und als er erschreckt auf die Seite
-sprang, stürzte er über die Wurzeln einer alten Eiche unsanft
-zur Erde.</p>
-
-<p>Als er sich nach einer Weile wieder aufgerichtet hatte und
-auf den Platz zutrat, wo der Mann mit der Flöte gesessen hatte,
-fand er weder von ihm noch von dem Hund eine Spur, wohl aber
-hörte er tief unten am Berg die Büsche rauschen und das Gesträuch
-knacken. Beschämt wandte er sich ab und sah nach dem
-Schloß hinüber. Ein heller Schein war an Annas Fenster,
-aber es war kein Tuch, wie er geglaubt hatte, sondern der Mond,
-der in den Gläsern sich spiegelte. Er warf sich seine Unbesonnenheit,
-seine Hast und Eile, sein Mißtrauen, seine Eifersucht vor.
-Er suchte für das Entweichen des Flötenspielers die gewöhnlichen
-und prosaischen Gründe auf, er <em class="gesperrt">wollte</em> Anna unschuldig finden,
-und dennoch wurde er nicht ruhig.</p>
-
-<p>So stand er in dem Anblick der vom Mondlicht übergossenen
-Burg da, als er plötzlich mit einem Schrei des
-Schreckens auffuhr, denn eine kalte Hand rührte an die seinige;
-er sah sich um, und eine dunkle Gestalt stand vor ihm. Ehe er
-noch fragen, sich nur fassen konnte, fühlte er, daß man ein
-Papier in seine Hand gedrückt habe, und zugleich stürzte sich
-dieses geheimnisvolle Wesen in den Wald, doch war es nicht
-so ätherischer Natur, daß es nicht im Forteilen das Gesträuch
-zerknickt und Zweige abgestoßen hätte. Albert wurde es ganz
-unheimlich an diesem Ort. Sein aufgeregtes Blut, die tiefe
-Stille der Nacht, das schaurige Dunkel der Buchen, und gegenüber
-die altersgraue Burg, ihre Fenster vom Monde so sonderbar
-beleuchtet, daß er geheimnisvolle Schatten in den hohen
-Gemächern hin und her schleichen sah &ndash; es war ihm so bange,
-daß er schnell seinen Weg zurückeilte, daß er im Wald laut auftrat,
-nur um sich selbst in dieser unheimlichen Stille zu hören.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>Die Laterne des alten Hans warf ihm ein tröstliches Licht
-aus dem Tor entgegen. Eilends ließ er den Alten mit der
-Lampe voran nach seinem Zimmer gehen, er entrollte das Papier
-und erschrak vor einem fremden Unglück, denn die wenigen
-Zeilen lauteten:</p>
-
-<p>»Dein Brief traf mich erst heute, die Antwort ein andermal.
-S. Z. N. und noch drei andere wurden heute früh verhaftet
-und nach der Festung geführt. Ich weiß nicht, ob du
-dich schuldig fühlst, aber vernünftig wäre es, wenn du dich auf
-die Beine machtest. In <em class="gesperrt">deiner</em> Lage kann es nicht schaden.
-Ich schickte diese Zeilen an den gewöhnlichen Platz; Gott gebe,
-daß sie dich treffen. Was du auch tun wirst, Robert, sei diskret
-und nenne mich nie.«</p>
-
-<p>Wer der unglückliche Flötenspieler gewesen sei, sah jetzt
-Albert deutlich; doch zu großmütig, um aus dieser Verwechslung
-einen Vorteil ziehen zu wollen, faßte er rasch den Entschluß, den
-jungen Willi zu retten. Aber fremd und unbekannt in dieser
-Gegend deuchte es ihm unmöglich, dies allein auszuführen. Er
-schickte schnell den alten Hans nach dem Turm, wo Anna wohnte,
-er ließ sie dringend bitten, ihm nur auf zwei Minuten in einer
-sehr wichtigen Sache Gehör zu geben. Er folgte dem Alten bis
-an die Tür des Saales, und dort blieb er in dem großen weiten
-Gemach allein, um seine Cousine zu erwarten. Zu jeder andern
-Zeit hätte der Anblick, der sich ihm hier darbot, mächtig auf seine
-Seele wirken müssen. Ein ungewisses Licht schimmerte durch
-die Fenster und fiel auf die Gemälde seiner Ahnen. Ihre Gestalten
-schienen lebendiger hervorzutreten, ihre Gesichter waren
-bleicher als sonst, und die ausgestreckte Hand einer längst verstorbenen
-Frau von Thierberg schien sich zu bewegen. Dazu
-rauschten die Bäume und murmelte der Fluß auf so eigene
-Weise, daß man glauben konnte, dieses Geräusch gehe von den
-Gewändern der Verstorbenen aus.</p>
-
-<p>In diesen Augenblicken aber hatte er nur ein Ohr für die
-immer leiser schallenden Tritte des alten Dieners; sein Auge
-hing erwartungsvoll an der Türe, sein Herz pochte unruhig
-einer Gewißheit entgegen, die keine erfreuliche sein konnte.</p>
-
-<p>Bald tönten die Schritte wieder den Korridor herauf; er
-strengte sein Ohr an, ob er nicht auch den leichten Tritt seiner
-Base vernehme, die Türe öffnete sich, und sie erschien mit Hans
-und ihrem Mädchen, er sah ihrer Kleidung und ihren Augen an,
-daß sie noch nicht geschlummert hatte. Noch ehe sie ihn fragen
-konnte, reichte er ihr schnell das Billet und sagte französisch in<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span>
-wenigen Worten, wie er es erhalten habe. Eine hohe Röte
-flammte über das schöne Gesicht, solange er sprach, sie wagte
-es nicht, die zarten Augenlider aufzuschlagen; doch kaum hatte
-sie einen Blick auf die Zeilen geworfen, so erbleichte sie, sah ihn
-mit großen Augen erschrocken an und zitterte so heftig, daß sie
-sich an dem Tisch halten mußte.</p>
-
-<p>»Ich muß sogleich hinübereilen,« sagte er, näher tretend,
-»und nur darum habe ich dich rufen lassen, daß du mir ein
-Mittel angebest, wie ich durch den Fluß komme. Ich möchte
-bei den Domestiken nicht gerne Aufsehen erregen.«</p>
-
-<p>»Zu Pferd, schnell zu Pferd!« rief sie hastig, indem sie
-bebend seine Hand ergriff; »schwimm hinüber und dann schnell
-nach Neckareck.«</p>
-
-<p>»Aber bei Nacht?« erwiderte er zaudernd. »Ich kenne die
-Stellen nicht, wo man durchkommen kann, der Fluß ist tief
-und reißend.«</p>
-
-<p>»Führe <em class="gesperrt">mir</em> des Vaters Pferd heraus, Hans!« wandte
-sie sich an den erschrockenen Diener; »schnell, du begleitest mich,
-ich will selbst hinüber!«</p>
-
-<p>»Führe es heraus, Alter, aber für mich!« fiel Rantow unmutig
-ein. »Wie magst du mich so verkennen, Anna? Du wirst
-mir den Weg zu einer Stelle zeigen, wo ich durch den Neckar
-kommen kann.«</p>
-
-<p>»Nein, so geht es nicht!« sagte sie beinahe weinend und
-sank auf einen Stuhl nieder; »du wirst nicht hinüberkommen.
-Führe ihn durchs Dorf hinab, Hans, mach' unsern Kahn los
-und schiffe den Vetter hinüber, du mußt zu Fuß hinüber, Albert,
-in einer halben Stunde kannst du dort sein. O Gott! ich habe
-es ja schon lange geahnt, daß es so kommen würde! Sag' ihm,
-er soll nicht zögern, ich wolle ihn überall lieber wissen als in
-einem Kerker!«</p>
-
-<p>Der junge Mann drückte ihr schweigend die Hand und
-winkte dem Alten, zu gehen. Nie zuvor hätte er sich für fähig
-gehalten, so schönen Hoffnungen so schnell zu entsagen, aber der
-Gedanke an die schöne, kummervolle Anna, die er bis jetzt nur
-lächelnd gesehen hatte, spornte ihn zu immer schnelleren Schritten,
-und so mächtig ist in einem Herzen, das die Selbstsucht
-noch nicht ganz umsponnen hat, das Gefühl, in einem entscheidenden
-Moment Hilfe oder Rettung zu geben, daß er in
-diesem Augenblick in dem jungen Willi nur einen Unglücklichen
-und nicht Annas Geliebten sah.</p>
-
-<p>Am Ufer schloß der Alte schnell den Kahn los und bat<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-den Gast, sich ruhig niederzusetzen, aber dennoch konnte Albert
-diesem Gebote nicht völlig Folge leisten, denn als sie ungefähr
-die Mitte des Neckars erreicht hatten, hörte man deutlich den
-Hufschlag von Pferden und das Rollen eines Wagens von der
-Landstraße her, die sich jenseits dem Ufer näherte. Er richtete
-sich auf, trotz dem Schelten des Alten und dem unruhigen
-Schaukeln des Kahns, und sah im Schein einiger Laternen einen
-Wagen mit vier Pferden, von einigen, wie es schien, bewaffneten
-Reitern begleitet, vorüberfahren. »Ist dies eine Hauptstraße?«
-fragte er den alten Hans; »kann dies vielleicht ein
-Postwagen sein, der dort fährt?«</p>
-
-<p>»Hab' hier noch nie einen gesehen,« erwiderte jener mürrisch;
-»und um einen Postwagen zu sehen, möchte ich kein kaltes
-Bad im Neckar wagen.«</p>
-
-<p>»Schnell! wo geht man nach Neckareck, nach dem Gut des
-Generals?« fragte Albert, welcher besorgte, er möchte zu spät
-gekommen sein. »Spute dich, Alter!«</p>
-
-<p>»So lassen Sie mich doch den Kahn erst wieder anschließen!«
-sagte Hans; »doch wenn Sie Eile haben, nur hier links immer
-die Straße fort, sie führt gerade auf das Schloß zu; ich will
-schon nachkommen.«</p>
-
-<p>Der junge Rantow lief mehr, als er ging; der Alte keuchte
-mühsam hinter ihm her, aber so oft er ihn erreicht hatte, lief
-jener wieder schneller, als würde er verfolgt. Endlich sah er
-das Schloß mit seinen weißen Säulen durch die Nacht schimmern;
-es fiel ihm ängstlich auf, daß viele Fenster erleuchtet
-waren, und als er näher kam, sah er deutlich Menschen an den
-Fenstern hin und her laufen. Der Schrecken dieser Nacht und
-die ungewöhnlich schnelle Bewegung hatten seine Kräfte beinahe
-erschöpft, aber dieser beunruhigende Anblick trieb ihn zu noch
-rascherem Laufen; in wenigen Minuten langte er an dem Schloß
-an, aber er mußte sich an die Pforte lehnen und nach Atem
-suchen, ehe er eintrat.</p>
-
-<p>Der erste, dem er an der erleuchteten Treppe begegnete,
-war der Gardist, ein alter französischer Kriegsgefährte des
-Generals, der jetzt mehr den Haushofmeister als den Diener
-spielte. Er schien bleicher als sonst und schlich trübselig die
-Treppe herab. »Wo ist Euer junger Herr?« rief Albert hastig,
-»führt mich schnell zu ihm.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Sacre bleu!</em>« antwortete der Gardist erstaunt, als er
-den jungen Mann erkannte; »weiß es Fräulein Anna schon?
-<em class="antiqua">O la pauvre enfant!</em>«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>»Wo ist Robert?« rief Rantow drängender.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Il est prisonnier!</em>« erwiderte er traurig. »Auf die Festung
-gebracht <em class="antiqua">comme ennemi de la patrie, comme démocrate</em>; vier
-<em class="antiqua">Dragons de la gensdarmerie</em> haben ihn eskortiert, o, mein
-armer Monsieur Robert!«</p>
-
-<p>»Führe mich zum General!« sagte Rantow, als er diese
-Nachricht hörte.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Monsieur le general est sorti.</em>«</p>
-
-<p>»Wohin?« rief der junge Mann, unwillig darüber, daß er
-jedes Wort dem alten Soldaten abfragen mußte.</p>
-
-<p>»Mit seinem Sohn <em class="antiqua">à la capitale</em>, zu fragen, was Monsieur
-<em class="antiqua">de</em> Willi verschuldet.«</p>
-
-<p>Als Rantow sah, daß hier nichts mehr zu tun sei, suchte er
-einen andern Bedienten auf und ließ sich die näheren Umstände
-der Verhaftung erzählen. Er hörte, daß spät abends, in Roberts
-Abwesenheit, ein Kommissär angekommen sei, der nach einer
-kurzen Rücksprache mit dem General die Papiere des jungen
-Willi untersucht und teilweise versiegelt habe. Darauf sei
-Robert nach Hause gekommen und habe sich gutwillig darein ergeben,
-dem Kommissär zu folgen; er habe seinem Vater das
-Wort darauf gegeben, daß man ihn unschuldig finden werde; das
-letztere hatte der General einem Bedienten befohlen, am nächsten
-Morgen dem Herrn von Thierberg und seiner Familie zu
-sagen; er habe sich dann zu Pferd gesetzt und sei, nur von einem
-Bedienten begleitet, vom Schloß weggeritten. Der junge Willi
-selbst hatte weder nach Thierberg noch sonst wohin Aufträge
-zurückgelassen.</p>
-
-<p>Soviel erfuhr Albert, und diese Nachrichten waren nicht
-dazu geeignet, ihn auf dem Rückweg freudiger zu stimmen. Er
-konnte auf den Trost, welchen Robert seinem Vater gegeben,
-keine große Hoffnung bauen, und vor allem war ihm vor dem
-Augenblicke bange, wo er die schmerzliche Kunde der trauernden
-Anna bringen sollte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3>10.</h3>
-</div>
-
-<p>Es waren seit jener traurigen Nacht mehrere Wochen verstrichen,
-sie deuchten der armen Anna ebenso viele Monate.
-Das Laub der Bäume fing schon an, sich zu bräunen, der Herbst
-mit seinem fröhlichen Gefolge war in das Tal eingezogen,
-Gesang und Jubel schallte von den Rebhügeln, schallte antwortend
-aus dem Fluß herauf, welcher Kähne, mit Trauben
-schwer belastet, abwärts trug. Als würde einem verwegenen,<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-in diesen Bergen eingedrungenen Feind ein Gefecht geliefert,
-so krachten Büchsen- und Pistolenfeuer aus den Weinbergen,
-doch nicht das Wutgeschrei zurückgeworfener Kolonnen, sondern
-das Jauchzen einer freudeberauschten Menge stieg auf, wenn
-die Gewehre recht laut knallten, oder wenn die vorspringenden
-Ecken der Bergreihen die tiefere Stimme eines Pfundböllers
-zehnfach nachriefen.</p>
-
-<p>Mit verschiedenen Empfindungen sahen die Bewohner des
-Schlosses Thierberg diesem fröhlichen Treiben von einer altertümlichen
-Terrasse des Schlosses zu. Der junge Rantow blickte
-unverwandt und mit glänzenden Augen auf dieses Schauspiel,
-das ihm ebenso neu als anziehend erschien. Er hatte in seiner
-Heimat, im Kreise vertrauter Freunde, oft bemerkt, wie der
-Wein, diese Himmelsgabe, die Wangen freundlicher färbte, die
-Zungen löste und zu traulichem Gespräch, wohl auch zum Gesang,
-selbst die Ernsteren fortriß; doch nie hatte er gedacht, daß
-eine noch rauschendere Freude, ein höherer Jubel mit der Bereitung
-des fröhlichen Trankes sich verbinden könnte. Wie
-poetisch deuchte ihm dieses lebhafte Gemälde! Welch frische,
-natürliche Bilder zeigte ihm sein Opernglas! Diese Gruppen
-hatte der Zufall geordnet, und doch schienen sie ihm reizender,
-als was die Kunst je erfunden. »Siehe,« sagte er zu Anna,
-die, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, ihm gegenübersaß
-und zuweilen einen ernsten Blick über das Tal hingleiten ließ,
-»siehe, dort gegenüber jenen Alten mit den silbergrauen Haaren;
-wie viele solcher Herbste mag er schon gesehen haben! Wahrlich,
-ich könnte an der Gruppe um ihn her seine Lebensgeschichte
-studieren. Der blonde Knabe, der ihm eben die große Traube
-brachte, ist wohl sein Enkel; den jungen Burschen, der mit der
-Pritsche die Mädchen neckt und durch seine Scherze von der
-Arbeit abhält, indem er sie anzutreiben scheint, halte ich für
-seinen jüngeren Sohn; siehe, jenes Mädchen hat seinen Schlag
-derb erwidert, sie ist wohl das Liebchen des muntern Burschen,
-denn sie lachen alle und verspotten ihn. Dieser gebräunte, breite
-Mann von vierzig, der soeben den ungeheuren, mit Trauben
-gefüllten Korb auf seine Schultern hob, ist wohl der ältere
-Sohn und des blonden Knaben Vater. So hast du die vier
-Altersstufen, die sie wohl alle ohne viel Aenderung durchlaufen
-mögen.«</p>
-
-<p>»Gewiß, ohne viel Aenderung und ohne viel Vergnügen,«
-bemerkte der alte Herr von Thierberg, der gleichgültig hinblickte;
-»das ewige Einerlei seit vielen hundert Jahren. Der<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-Kleine dort wird jetzt bald in die Schule getrieben und von
-seinem Schulmeister täglich geprügelt, gerade wie vorzeiten
-sein Großvater. Der junge Bursche wird bald Soldat oder auf
-ein paar Jahre Knecht in der Stadt. Kommt er dann nach
-Hause und der Vater ist tot, so bekommt er sein kleines Stückchen
-Erbe und glaubt heiraten zu müssen; und hat er vier
-Kinder, so werden sie, wenn auch er einst stirbt, das armselige
-Erbe unter sich teilen und gerade viermal ärmer sein als er.
-So treibt es sich herauf und herab; zu dem Pulver, das sie heute
-verschießen, haben sie ein ganzes Jahr gespart, um doch auch
-<em class="gesperrt">einen</em> Tag zu haben, an welchem sie sich betäuben können; und
-das nennen sie lustig sein! Das nennen die Städter ein Fest,
-ein malerisches Volksvergnügen!«</p>
-
-<p>»Nein! Sie sehen es zu düster an, Oheim!« entgegnete
-der Gast. »Mir scheint, ich gestehe es, eine wundervolle Poesie
-in diesem Treiben zu liegen. Diese Menschen sind so behende,
-so lebendig, so regsam. Stellen Sie einmal meine Märker hierher,
-wie unbeholfen und ungeschickt sie sich benehmen würden!
-Ich schäme mich heute noch der Unerfahrenheit, die ich letzthin
-zeigte; ich nahm in einem Ihrer Weinberge einem hübschen
-Mädchen das gebogene Messer ab und versprach, sie zu unterstützen;
-als ich die erste Traube abgeschnitten hatte und sie in
-das Körbchen legte, betrachtete das Mädchen nur den Stiel der
-Traube und sagte lächelnd: ›Er hat wohl noch nicht oft Trauben
-geschnitten;‹ und siehe, ich hatte, statt schief zu schneiden, gerade
-geschnitten. Nein! mir scheint diese Weinlese ein fortdauernder
-Festtag der Natur, eine liebliche, verkörperte Poesie.«</p>
-
-<p>»Poesie?« erwiderte Anna, indem sie einen trüben, wehmütigen
-Blick auf die Berge gegenüber warf; »eine Poesie, die
-mir das Herz durchschneidet. Mir erscheint dieses fröhliche
-Treiben wie ein Bild des Lebens. Unter langem Jammer und
-Ungemach <em class="gesperrt">ein</em> Tag der Freude, der durch seine hellen, freundlichen
-Strahlen das öde Dunkel umher nur noch deutlicher zeigt,
-aber nicht aufhellt! O, kenntest du erst das Leben dieser Armen
-näher! Wenn du sie beim ersten Erwachen des Frühlings sehen
-könntest! Jeder Winter verwüstet ihre steilen Gärten; der
-Schnee löst sie auf und reißt ihre beste, fruchtbarste Erde mit
-sich hinab. Aber rastlos zieht jung und alt heraus. Die Erde,
-die ihnen das Wasser nahm, tragen sie wieder hinauf und
-legen sie sorglich um ihre Reben her. Vom frühesten Morgen,
-in der Glut des Mittags, bis am späten Abend steigen sie,
-schwer beladen, die steilen engen Treppen hinan. Welche Freude,<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-wenn dann der Weinstock schön steht, aber wie bitter ist zugleich
-ihre Sorge; denn der kleinste Frost kann ihre zarte Pflanze
-vernichten. Und fällt nun der böse Tau oder eine kalte Nacht,
-wie schauerlich ist dann ihr Geschäft anzusehen. Alle, selbst die
-kleinsten Kinder, strömen noch vor Tag in den Weinberg. Dort
-legen sie alte Stücke von Kleidern und Tüchern neben die Rebstöcke
-und brennen sie an, daß der qualmende Rauch die zarte
-Pflanze schützen möchte. Wie arme Seelen, ins Fegfeuer verbannt,
-schleichen sie um die kleinen, zuckenden Feuer und durch
-die Schleier, die der Rauch um sie zieht. Die Kleinen rennen
-umher, sie können noch nicht berechnen, welches Unglück sie
-sehen, aber die Männer und Weiber wissen es wohl; es ist
-<em class="gesperrt">eine</em> kühle Morgenstunde, die das Werk langer, mühsamer
-Wochen zerstört und sie ohne Rettung noch tiefer in die Armut
-senkt.«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig! Du bist krank, Anna!« sagte der alte Herr,
-indem er lächelnd zu ihr trat und, doch nicht ohne leise Besorglichkeit,
-seine Hand auf ihre schöne Stirne legte; »du warst ja
-doch einst so fröhlich im Herbst, gabst solchen bösen Gedanken
-niemals Raum und freutest dich mit den Fröhlichen. Bist du
-krank?«</p>
-
-<p>Anna errötete und suchte fröhlicher zu scheinen, als sie es
-war. »Krank bin ich nicht, lieber Vater,« erwiderte sie, »aber
-ich bin doch alt genug, um sogenannte Herbstgedanken haben zu
-dürfen. Man kann doch nicht immer fröhlich sein, und &ndash;
-mein Gott!« rief sie, indem sie errötend aufsprang &ndash; »ist er
-es nicht? &ndash; seht dort!&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Willi?« rief Rantow verwundert und wandte sich nach
-der Seite, wohin Anna deutete.</p>
-
-<p>»Wer denn?« sagte der Alte, indem er bald seine zitternde
-und verwirrte Tochter, bald seinen Gast ansah. »Wie kommst
-du nur auf Willi? Wer soll denn kommen? So sprechet doch!«</p>
-
-<p>Aber in diesem Augenblick trat auch schon der, dem Annas
-Ausruf gegolten hatte, herein, es war der alte Gardist. Er
-war noch nicht ganz auf die Terrasse getreten, als schon Anna,
-jede andere Rücksicht vergessend, zu ihm hinflog, seine Hand ergriff
-und eine Frage aussprechen wollte, zu welcher ihr der
-Atem fehlte. Der alte Soldat zog lächelnd seine Hand zurück,
-grüßte mit militärischem Anstand und berichtete, in Form eines
-militärischen Rapports, daß der General noch diesen Abend zu
-Hause eintreffen und&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ist er frei?« unterbrach ihn Anna.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;und seinen Sohn mitbringen werde, der auf sein Ehrenwort
-und die Kaution, die der Herr General gestellt habe, aus
-der Haft entlassen worden sei.«</p>
-
-<p>In Annas Augen drängten sich Tränen, sie zitterte heftig
-und setzte sich nieder; der alte Thierberg, durch diesen Anblick
-überrascht, preßte die Lippen zusammen und blickte seine Tochter
-unwillig an, und Albert, der in den Zügen seines Oheims las,
-daß jener ein Geheimnis ahne, dessen Teilnehmer er bis jetzt
-allein gewesen war, fühlte sich befangen; er fürchtete für Anna,
-und erst in diesem Augenblicke wurde es ihm deutlich, daß es
-für ihn selbst besser gewesen wäre, sich nie in diese Angelegenheit
-zu mischen. »Ich lasse dem Herrn General danken und Glück
-wünschen,« sagte nach einer peinlichen Pause Herr von Thierberg
-zu dem Grenadier und winkte ihm, zu gehen. »Wünsche
-nur,« fuhr er fort, indem er auf der Terrasse mit heftigen
-Schritten auf und ab ging, »wünsche nur, daß die paar Wochen
-Gefängnis eine gute Wirkung auf den Herrn Weltstürmer gehabt
-haben mögen! Ein paar Monate hätten nicht schaden
-können, wäre es auch nur gewesen, um das heiße Blut abzukühlen
-und die vorschnelle Zunge zu fesseln. Aber das alles ist
-das Erbteil seiner hochweisen Frau Mama! Ein junger Mann
-von unbeflecktem Adel hätte sich so weit nicht verirrt; aber das
-gewinnt man bei solchen Heiraten; weil sie sah, daß man in
-unserem Zirkel ihre Abkunft nicht vergessen habe, hat sie ihrem
-Sohn solche tollen, republikanischen Ideen eingeprägt und ihn zu
-einem Toren, wo nicht zu einem verderblichen Menschen gemacht.«
-Diese und andere Worte stieß er schnell und heftig aus,
-und plötzlich blieb er vor seiner Tochter stehen, sah sie mit grimmigen
-Blicken an und sagte dann: »Ich glaube jetzt in der Tat,
-daß du kränker bist, als ich dachte; geh auf dein Zimmer! &ndash; Ich
-werde mit dem Vetter diesen Abend allein speisen; geh!«</p>
-
-<p>Das arme Kind ging hinweg, ohne ein Wort zu sagen;
-sie mochte die Natur ihres Vaters kennen und wissen, daß jeder
-Widerspruch seinen Zorn steigere, sie mochte auch fühlen, was
-in diesem Augenblick in seiner Seele vorgehe, wo sie zu wenig
-Macht über sich besaß, um ihr Geheimnis zu verbergen.</p>
-
-<p>Als sie weggegangen war, schritt der Alte wieder eine Zeitlang
-schweigend hin und her; dann trat er zu seinem Neffen
-und fragte mit bewegter Stimme: »Was sagst du zu dem Auftritt,
-den wir da gesehen haben? Meinst du wirklich, es wäre
-möglich?«</p>
-
-<p>»Ich kann Sie nicht verstehen, lieber Oheim.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>»Nicht verstehen, Junge? So soll ich es denn selbst in
-den Mund nehmen? Wisse &ndash; ich habe entdeckt, daß Anna den
-&ndash; den von drüben &ndash; nun daß sie den Sohn des Generals
-liebt. Zum Teufel, Junge! Du erwiderst nichts? Wie magst
-du so &ndash; so gleichgültig aussehen, wenn von der Ehre deiner
-Familie die Rede ist? Rede!«</p>
-
-<p>»Ich kann nichts hierin sehen,« entgegnete der junge Mann
-trotzig, »was etwa der Thierbergschen Ehre zu nahe treten
-könnte. Der alte Willi ist von Adel, ist ein berühmter General,
-ist reich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Also abkaufen sollen wir uns unsere Ehre lassen, abhandeln?
-&ndash; Bursche, wenn du nicht mein Neffe wärest &ndash; Gott
-strafe mich, aber ich kenne mich selbst nicht, wenn ich in Wut
-bin. &ndash; Reich? Siehe, für so schlecht und niederträchtig halte
-ich mein Kind selbst nicht, daß es daran gedacht haben sollte.
-Sieh dich um &ndash; so weit du sehen kannst, war einst alles &ndash;
-alles mein; ich habe nichts mehr als diese verfallenen Türme
-und eine Hufe Landes wie der gemeinste Bauer, aber auch
-dieses soll diese Nacht noch hinfahren, in den Schuldturm soll
-man mich werfen, mich auspfänden, mein altes Wappen entzweischlagen,
-wenn ich je zugebe&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Oheim!« fiel ihm der Neffe erbleichend ins Wort, »bedenken
-Sie sich zuvor, ehe Sie einen solchen Frevel aussprechen!
-Was kann dieser junge Mann dafür, daß sein Vater reich ist?
-Beträgt er sich denn aufgeblasen? Macht er Ansprüche auf
-seinen Reichtum? Ich sagte es ja vorhin nur so in der Uebereilung.«</p>
-
-<p>»Nein, das tun sie nicht, die Willis,« antwortete nach
-einer Pause der Alte; »das ist noch ihre gute Seite. Aber das
-macht ihn nicht besser. Seine Grundsätze sind es, die ich hasse;
-er ist mein bitterster Feind!«</p>
-
-<p>»Wie wäre dies möglich?« erwiderte Rantow beruhigend.
-»Wie könnte er <em class="gesperrt">Ihr</em> persönlicher Feind sein!«</p>
-
-<p>»Was persönlicher Feind!« rief Thierberg heftiger. »Solche
-Feindschaft kenne ich nicht, und mein Feind müßte ein anderer
-sein als dieser Knabe; aber ein Todfeind bin ich all diesem
-Wesen, diesen Neuerungen, diesem Deutschtum, Bürgertum, Kosmopolitismus,
-und welchen Namen sie dem Unsinn geben mögen,
-und dessen treuester Anhänger eben dieser junge Mensch da ist.
-Das ganze erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts hatte
-den verdammten Geschmack dieses Unwesens, und man wird
-sehen, wohin es im jetzigen kommt, wenn diese Menschen und<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span>
-ihre Gesinnungen um sich greifen; aber, so wahr Gott lebt, man
-soll von dem letzten Thierberg nicht sagen können, daß er in
-seinen alten Tagen einem dieser Weltverbesserer die Hand zur
-Unterstützung gereicht hätte!«</p>
-
-<p>»Aber, Oheim!« fiel Albert ein, dem es in diesem entscheidenden
-Augenblicke keine Sünde deuchte, gegen seine eigene
-Ueberzeugung zu sprechen, »gibt es denn in diesem Jahrhundert
-auch nur <em class="gesperrt">eine</em> Familie, die nicht, wenn man sie einzeln durchginge,
-die verschiedensten Gesinnungen in sich schlösse? Wird
-denn der einzelne Mann dadurch schlechter, daß er eine andere
-Meinung hat als wir? Ist nicht Protestant und Katholik in
-den Augen des Vernünftigen gleich viel wert? Denkt nicht
-der General selbst ganz verschieden von seinem Sohn?«</p>
-
-<p>»Laß mir den Glauben aus dem Spiel, Neffe!« entgegnete
-jener. »Darüber zu richten, geht weder dich noch mich an. Aber
-dieser General vollends, der meinen Todfeind als Schutzpatron
-anbetet und diesen Bonaparte für den heiligen Georg hält, der
-den Lindwurm des veralteten Jahrhunderts tötete; <em class="gesperrt">diesen</em> in
-<em class="gesperrt">meiner</em> Familie! Es würde mich töten!«</p>
-
-<p>»Aber wissen Sie denn, ob auch der junge Willi Ihre
-Tochter liebt? Hat denn Anna irgend etwas gestanden?«</p>
-
-<p>Der Alte sah seinen Neffen bei dieser Frage lange und
-erschrocken an; dann fuhr er nach einigem Nachsinnen gefaßter
-fort. »Nein! Einer solchen Schmach halte ich sie nicht fähig;
-meinst du, <em class="gesperrt">meine</em> Tochter werde sich in einen solchen &ndash; Menschen
-verlieben, ohne daß er sie zuvor mit tausend Künsten dazu
-verlockte? Nein! Dazu ist sie mir noch immer zu gut; aber &ndash;
-ich will mir Gewißheit verschaffen!«</p>
-
-<p>Er sprach es, und noch ehe ihn Rantow aufhalten konnte,
-eilte der alte Mann hinweg, um seine Tochter zur Rede zu
-stellen. Düster schaute ihm der Gast aus der Mark nach.
-»Wahrlich, wenn die Aktien so stehen, werde ich weder Brautführer
-noch Hochzeitsgast in Thierberg sein,« sprach er, »der
-Alte müßte sich denn durch ein Wunder in einen Demagogen
-oder der Demagoge in einen rechtgläubigen Verehrer der alten
-Reichsritterschaft verwandeln.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h3>11.</h3>
-</div>
-
-<p>Es hatte dem General Willi nicht geringe Mühe gekostet,
-von seinem Sohn das Unglück einer längeren Gefangenschaft
-abzuwenden. Sein Ansehen war zwar in der Hauptstadt jenes
-Landes, welchem sein Gut angehörte, durch den Wechsel der<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-Verhältnisse und Meinungen nicht gesunken; man verehrte in
-ihm einen Mann von hohem Verdienst, militärischer Umsicht
-und Tapferkeit, und es gab manche, die ihn wegen seiner treuen
-und ausdauernden Anhänglichkeit an jenen Mann, der einst
-das Schicksal Europas in der Rechten getragen, bewunderten;
-es gab viele, die ihm, wenn sie auch diese Bewunderung nicht
-teilten, doch wegen der Beharrlichkeit und Charakterstärke, die
-er in den Tagen des Unglücks entfaltet hatte, wohlwollten.
-Dennoch mußte er sein ganzes Ansehen aufbieten, manche Türe
-öffnen, um seinem Sohn, auf dem <em class="gesperrt">der Verdacht, mit Verdächtigen
-in Verbindung zu stehen</em>, lastete, nutzen
-zu können.</p>
-
-<p>Der General war ein Mann von zu großem Rechtsgefühl,
-als daß er, wenn er seinen Sohn schuldig glaubte, diese
-Schritte für ihn getan hätte. Aber es genügte ihm an der einfachen
-Versicherung seines Sohnes. »Ich teile,« hatte er ihm
-gesagt, als er verhaftet wurde, »ich teile im allgemeinen die
-Gesinnungen jener Männer, die man jetzt zur Untersuchung
-zieht, aber &ndash; ich teile weder ihre Pläne noch die Ansichten,
-die sie über die Mittel zum Zweck haben. Ich habe nur <em class="gesperrt">gedacht</em>,
-nie <em class="gesperrt">gehandelt</em>, habe mir selbst gelebt, nicht mit
-andern, und Beschuldigungen, welche andere treffen mögen, werden
-nie auf mich kommen.« So war es denn gelungen, den
-jungen Willi auf so lange frei zu machen, als nicht stärkere Beweise,
-die gegen ihn vorgebracht würden, seine Anwesenheit vor
-den Gerichten notwendig machten, eine Schonung, die er nur
-der Fürsprache seines Vaters und dem Vertrauen verdankte,
-das man in die Bürgschaft des Generals Willi setzte.</p>
-
-<p>Sie konnten sich beide wohl denken, welches Aufsehen dieser
-Vorfall in der Umgegend von Neckareck gemacht haben mußte;
-hätten sie in einer Stadt gewohnt, so würden sie sich wohl
-damit begnügt haben, ihren Bekannten von ihrer Rückkunft
-Nachricht zu geben; aber die Sitte auf dem Lande fordert
-größere Aufmerksamkeit für gute Nachbarn; man mußte fünf
-oder sechs Familien im Umkreis von drei Stunden besuchen,
-mußte ihre Neugierde über diesen Vorfall umständlich befriedigen;
-kurz, man mußte sich zeigen, wie man sich etwa nach
-einer überstandenen Krankheit bei den Bekannten wieder zeigt
-und für ihre Teilnahme Dank sagt. Als aber der General mit
-seinem Sohn am dritten Tag nach ihrer Rückkehr nach Thierberg
-aufbrach, war es noch ein anderer Grund als Höflichkeit
-gegen gute Nachbarn, was sie dorthin zog. Der junge Willi<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-mochte in den einsamen Wochen seiner Gefangenschaft Zeit gefunden
-haben, über sein Leben und Treiben nachzudenken, er
-mochte gefunden haben, daß ihn jene politischen Träume, welchen
-er nachgehängt hatte, nicht befriedigen könnten, daß es ein
-höheres, reineres Interesse gebe, wodurch sein Leben Bedeutung
-und Gehalt, seine Seele Ruhe und Zufriedenheit gewänne.</p>
-
-<p>Der General lächelte, als ihm Robert sein Verhältnis zu
-Anna entdeckte und die Wünsche auszusprechen wagte, die sich
-mit dem Gedanken an die Geliebte verbanden. Er lächelte und
-gestand seinem Sohn, daß er längst dieses Verhältnis geahnt,
-daß er gewünscht habe, das unruhige Treiben des jungen Mannes
-möchte eine festere Richtung annehmen. »Ich kenne dich,«
-sagte er ihm, »wärest du zu jener Zeit jung gewesen, wo wir
-in Europa umherzogen, um Krieg zu führen, so hätte deine
-Phantasie mit aller Kraft die großartigen Bilder des Krieges
-ergriffen, ich hätte dir den ersten Raum geöffnet, du selbst
-hättest dann deine Laufbahn gemacht. Daß du in diesen stillen
-Feiertagen des Jahrhunderts nicht dienen willst, kann ich dir
-nicht übelnehmen. Des Umherschweifens in der Welt bist du
-satt, das Leben in den Salons genügt dir nicht, so bleibe bei
-mir; besorge an meiner Statt meine Güter, ich kann dabei nur
-gewinnen; ich gewinne Zeit für mich und meine Erinnerungen,
-gewinne dich, und« &ndash; setzte er mit einem freundlichen Händedruck
-hinzu &ndash; »wenn du anders deiner Sache gewiß bist, gewinne
-ich Anna.«</p>
-
-<p>Sie besprachen dieses Kapitel auch auf dem Weg nach Thierberg
-wieder, und Robert gab seinem Vater Vollmacht, bei
-dem Alten um Anna für ihn zu werben. Sie verhehlten sich
-nicht, daß eine nicht unbedeutende Schwierigkeit im Charakter
-des alten Thierberg liegen könne. Ihre Gesinnungen hatten so
-oft die seinigen beinahe feindlich durchkreuzt. Man hatte sich
-wegen Meinungen so oft gezankt, man war oft unzufrieden,
-beinahe verstimmt auseinander gegangen. Aber sie trösteten
-sich damit, daß er doch nie persönliche Abneigung gezeigt habe,
-und die Vorteile, die für Thierberg aus dieser Verbindung hervorgingen,
-erschienen so bedeutend, daß der General, als sie
-über die Zugbrücke ritten, sich schon im Geiste als Vater der
-schönen Anna zu sehen glaubte und vertrauensvoll auf das
-Thierbergische Wappen über dem alten Portal zeigte. »Mut
-gewinnt, führen sie als Symbol im Wappen,« flüsterte er
-seinem Sohn zu. »Das fügt sich trefflich, denn weißt du noch,
-was der Wahlspruch <em class="gesperrt">deiner</em> Ahnen war?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Der Will' ist stark!</em>« rief der junge Willi, freudig
-errötend. »<em class="gesperrt">Mut gewinnt</em> &ndash; und <em class="gesperrt">der Will' ist stark</em>!«</p>
-
-<p>Im Schloßhof empfing Rantow die Angekommenen. Er
-entschuldigte seinen Oheim mit einem kleinen gichtischen Anfall,
-der ihn verhindere, die steile Treppe herabzusteigen und seinen
-Gästen entgegenzugehen. Er sagte dies schnell und nicht ohne
-einige Verlegenheit, die er hinter einem Schwall von Glückwünschen
-für Robert Willi zu verbergen suchte. Nach den
-Verhältnissen, die gegenwärtig in den alten Mauern von Thierberg
-herrschten, konnte nicht leicht etwas störender wirken als
-dieser Besuch. Man hatte zwar den Vetter aus der Mark nicht
-mit in das Geheimnis gezogen. Der Vater schien es zu bereuen,
-daß er sich nur so weit gegen seinen Neffen ausgesprochen
-habe, und Anna hatte mit ihm seit einigen Tagen nie mehr
-über Willi gesprochen, sei es auf ein Verbot ihres Vaters, sei
-es aus Argwohn, er möchte dem Alten ihr Geheimnis verraten
-haben. Seit jenem Abend jedoch, wo die Rückkehr Roberts angekündigt
-worden war, herrschte eine Spannung, die um so
-drückender wurde, da die ganze Gesellschaft zwar aus dreierlei
-Parteien, aber &ndash; nur aus drei Personen bestand.</p>
-
-<p>Anna sprach wenig und hielt sich meist auf ihrem Zimmer
-auf, wohin Albert noch niemals eingeladen worden war; der
-Alte war mürrisch, aufbrausender als sonst gegen seine Diener,
-gegen seinen Gast herzlich wie zuvor, aber ernster und einsilbiger,
-gegen seine Tochter kalt und gleichgültig. Er trank,
-trotz der bittenden Blicke, die Anna zuweilen nach ihm hinzusenden
-wagte, mehr Wein als gewöhnlich, schimpfte dann auf die
-ganze Welt, verschlief den Nachmittag und ließ sich abends den
-Amtmann holen, um ein Spiel mit ihm zu machen. Dann
-setzte sich Anna mit ihrer Arbeit in ein Fenster, ließ sich von
-dem Vetter etwas vorlesen, aber Tränen, die hin und wieder
-auf ihre Hand herabfielen, zeigten dem jungen Mann, wie
-wenig ihr Geist mit dem beschäftigt sei, was er eben las. Der
-Anfall von Gicht, der über den Alten kam, machte die Sache
-womöglich noch schlimmer. Man sah, wie er alle Kraft aufbot,
-seine Schmerzen zu unterdrücken, nur um der natürlichen Hilfe
-seiner Tochter weniger zu bedürfen, und wenn Fälle eintraten,
-wo er diese Hilfe nicht abweisen konnte, wenn das schöne Kind
-bleich und mit Tränen im Auge vor ihm kniete, um seine Beine
-in warme Tücher zu hüllen, da wandte er sich ab, pfiff irgend
-ein altes Liedchen, nannte sich einen Mann, der bald in die
-Grube fahren müsse, und fand es schön, daß doch ein Enkel<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-der Thierberge zugegen sein werde, wenn man den letzten dieses
-Namens beisetze.</p>
-
-<p>Rantow wußte zwar, daß sein Oheim das Gastrecht gegen
-seine Nachbarn nicht verletzen werde, aber diese letzten Tage
-fielen ihm schwer auf die Seele, als er die Fremden die Treppe
-hinanführte, und er sah voraus, daß die beiden Willis gewiß
-nichts dazu beitragen würden, die Verstimmung aufzulösen.</p>
-
-<p>Der Empfang war übrigens herzlicher, als er sich gedacht
-hatte; es gibt eine gewisse höfliche Freundlichkeit, die man sich
-angewöhnen kann, ohne sich dessen bewußt zu werden. Besonders
-auffallend erscheint diese Eigenschaft, wenn sich Männer
-begrüßen, von welchen wir wissen, daß sie keiner Heuchelei fähig
-sind, und die dennoch, sei das durch Meinungen, sei es durch
-Verhältnisse, sich feindlich gegenüber stehen. So schien es auch
-der alte Thierberg nicht über sich vermögen zu können, sein
-gewohntes: »Ah! schön, schön! Freut mich, &ndash; Platz genommen!«
-diesmal mit einem kälteren und förmlicheren Gruß zu vertauschen,
-und die fünfhundertjährige Gastfreundschaft dieser
-Burg schien die unwillkommenen Gäste in ihre schützenden
-Arme zu schließen. <em class="gesperrt">Ein</em> Blick von Anna hatte dem jungen
-Willi gesagt, was hier vorgegangen sei. Er fand sie blaß, ihre
-Stimme nicht so fest wie sonst, es lag Kummer um den holden
-Mund, und ihre Augen schienen weicher geworden zu sein. Er
-pries im stillen ihren richtigen Takt, daß sie mehr zu dem
-General sprach als zu ihm, denn er hätte, von diesem Anblick
-ergriffen, nicht Fassung genug gehabt, Gleichgültiges mit ihr zu
-reden. Rantow, der einen ganz andern Auftritt erwartet hatte,
-wunderte sich, daß auch in diesem »ehrlichen Schwaben«, wo
-ihm sonst alles so offen und ehrlich deuchte, vier Menschen, die
-sich so nahe standen, ein so falsches Spiel unter sich spielen
-könnten, ihre Gedanken, ihre Leidenschaften unter einer so
-ruhigen Hülle zu verdecken wüßten. Er sah staunend bald den
-jungen Willi und den alten Thierberg an, die ganz ruhig und abgemessen
-sich über die Ereignisse der letzten Woche besprachen;
-bald hörte er auf das Gespräch zwischen dem General und der
-Geliebten seines Sohnes, die dasselbe Thema, nur mit Veränderungen
-abhandelten, wobei übrigens Anna eine solche Ruhe
-an den Tag legte, daß sie nie hastig fragte, von nichts mehr, als
-schicklich, ergriffen war. Der General wandte sich im Gespräch
-und ging mit ihr langsam im Saal auf und ab; er stellte sich
-endlich, wie zufällig, in einen tiefen Fensterbogen, und Albert
-entging es nicht, daß er sich dort schnell zu dem schönen Mädchen<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span>
-herabbückte, ihr etwas zuflüsterte, was eine tiefe Röte auf ihre
-Wangen jagte; sie schien erschrocken, sie faßte seine Hand, sie
-sprach leise heftig zu ihm, aber er lächelte, schien sie zu beruhigen,
-zu trösten, und so stolz und zuversichtlich war seine Stirne,
-waren seine Züge, als müßte er in diesem Augenblick seine
-Division ins Feuer führen, um den schwankenden Sieg zu entscheiden.</p>
-
-<p>Der Gast aus der Mark ahnte, daß dort in jenem Fensterbogen
-ein Entschluß gefaßt oder mitgeteilt worden sei, der auf
-Annas Schicksal sich beziehe, und das Herz pochte ihm, wenn er
-an den eisernen Trotz seines Oheims dachte. Die Diener
-hatten indessen Wein herbeigebracht, man setzte sich in eines der
-weiten Fenster, und wenn nur die Gemüter der fünf Menschen,
-die um den kleinen Tisch saßen, weniger befangen waren,
-der schöne Tag, der Anblick des herrlichen Tales, das vor
-ihnen lag, hätte sie zu immer höherer Freude stimmen müssen.</p>
-
-<p>Der General, dem es peinlich sein mochte, daß das Gespräch
-nach und nach zu stocken anfing, bat Anna um ein Lied,
-und ein Wink ihres Vaters bekräftigte diese Bitte. Man brachte
-ihre Gitarre herbei, der junge Willi stimmte die Saiten, aber
-waren es die Worte des Generals, war es der Anblick ihres
-Vaters, war es die lang ersehnte Nähe des Geliebten, was sie
-verwirrte, sie errötete und gestand, daß sie in diesem Augenblick
-kein passendes Lied zu singen wüßte. Man schlug vor, man
-verwarf, bis Rantow beifiel, wie man einst in Berlin eine
-berühmte schöne Sängerin von einer ähnlichen Verlegenheit befreite.
-Er schnitt kleine Zettel und ließ jeden ein Lied aufschreiben.
-Dann faltete er die Papiere geschickt und zierlich zusammen,
-schüttelte sie als Lose durcheinander und ließ die Sängerin
-eines wählen.</p>
-
-<p>Sie wählte, sie eröffnete das Los und errötete sichtbar,
-indem sie den General besorgt anblickte. »Das hat niemand
-anders als Sie geschrieben,« sagte sie. »Warum denn gerade
-dieses Lied? Es ist nicht immer politisch, ein politisches Lied
-zu singen!«</p>
-
-<p>»Wenn es nun aber mein Lieblingslied ist?« erwiderte
-Willi; »ich appelliere an Ihren Vater; stand nicht die Wahl
-durchaus frei?«</p>
-
-<p>»Gewiß!« antwortete der Alte, »du singst, Anna; und wenn
-das Lied Politik enthalten sollte &ndash; nun, erdichtete Politik kann
-man ja immer noch ertragen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p>
-
-<p>Sie nickte schweigend Gehorsam zu. Aber von jenem
-Augenblick an, wo sie mit einem kurzen, aber kräftigen Vorspiel
-den Gesang anhob, schien auf ihren lieblichen Zügen eine Art
-von Begeisterung aufzugehen; eine zarte Röte spielte auf ihren
-Wangen, ihre Augen glänzten, und um den schönen Mund, der
-die Töne so voll und rund hervorströmen ließ, spielte anfangs
-ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmut überging. Es war
-eine französische Ode, aus welcher sie einige Stellen vortrug;
-die Melodie, bald heiter, ermunternd, bald erhaben und triumphierend,
-bald ernst und getragen, schmiegte sich an das wechselnde
-Versmaß und den Gedankengang der Strophen, und so
-süß war ihre Stimme, so ausdrucksvoll ihr Vortrag, so hinreißend
-ihr ganzes Wesen, das mit dem Gesang sich zu verschmelzen
-schien, daß die Männer, wenn sie gleich über den
-Gegenstand die verschiedensten Gesinnungen hegten, doch von
-dem Strom der Töne mit fortgerissen wurden. Wie erhaben
-war ihr Vortrag, als sie sang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Cachez ce lambeau tricolore!</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">C'est sa voix; il aborde, et la France est à lui.</em><br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ernst, beinahe traurig, doch nicht ohne Triumph, fuhr
-sie fort:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0"><em class="antiqua">Il la joue, il la perd; l'Europe est satisfaite</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Et l'aigle, qui, tombant aux pieds du Léopard,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Change en grand capitaine un héros de hasard,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Illustre aussi vingt rois, dont la gloire muette</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">N'eût jamais retenti chez la postérité;</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Et d'une part dans sa défaite,</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Il fait à chacun d'eux une immortalité.</em><a id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">1</a><br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">1</span></a> <em class="antiqua">Sept Messéniennes nouvelles par C. Delavigne. 1re. Le départ.</em></p></div>
-</div>
-
-<p>Als sie geendet hatte, legte sie die Gitarre nieder und
-ging, während die Männer noch in verlegener Stille saßen,
-schnell hinweg.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Il la joue, il la perd</em>,« sprach der alte Thierberg
-lachend. »Eine große Wahrheit! Und dieser Dichter, wer er
-auch sein mag, konnte jenen Mann nicht besser schildern; seine
-ganze Größe bestand ja nur darin, daß er das <em class="antiqua">rouge et noir</em>
-so hoch als möglich spielte, und der alte Satz, daß der <em class="gesperrt">kaltblütigste</em>
-Spieler endlich gewinnt, bestätigte sich an ihm.
-Der Leopard hat doch die Bank gesprengt, und Wellington wird<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-es eben darum keinen Kummer machen, wenn man ihn <em class="antiqua">héros
-de hasard</em> nennt.«</p>
-
-<p>»Wie lächerlich sind solche Hyperbeln!« rief Rantow, »als
-ob zwanzig Könige ihren Nachruhm, ihre Unsterblichkeit diesem
-Sommerkönig zu verdanken hätten! Was uns betrifft wenigstens,
-so wird man eingestehen müssen, daß der Ruhm der
-preußischen Waffen älter ist als der des sogenannten Siegers
-von Italien, und nicht erst von der großen Nation geadelt werden
-mußte.«</p>
-
-<p>»Und dennoch,« erwiderte der General mit großer Ruhe,
-»dennoch wird man <em class="gesperrt">einst</em> nicht sagen, es war Bonaparte, der
-zur Zeit dieses oder jenes Königs lebte &ndash; man wird sagen,
-Herr von Rantow, sie waren Zeitgenossen Napoleons. Doch
-was den Obergeneral des englischen Heeres in der Bataille von
-Mont St. Jean betrifft, so möchte es die Frage sein, ob ihm
-der Titel <em class="antiqua">héros de hasard</em> sehr angenehm ist; soviel ist wenigstens
-gewiß, daß er jene Schlacht nicht gewonnen, sondern nur
-&ndash; <em class="gesperrt">nicht verloren hat</em>.«</p>
-
-<p>»Es ist ein Glück für die Welt,« bemerkte Thierberg
-lächelnd, »daß man Ihren Satz umkehren kann, und daß er dann
-noch höhere Wahrheit enthält; Ihr Herr und Meister hat jene
-Schlacht <em class="gesperrt">zwar nicht gewonnen</em>, aber desto gewisser <em class="gesperrt">verloren</em>.«</p>
-
-<p>»Er hat sie verloren,« antwortete der General; »was die
-Welt damit verlor, will ich nicht aussprechen, aber jene Strophe,
-womit Anna ihren Gesang schloß, drückt aus, wer noch am
-Abend jenes unglücklichen Tages, als Cäsar und sein Glück von
-der Uebermacht zerschmettert wurden, als meine braven Kameraden
-auf Mont St. Jean den letzten Atem aushauchten &ndash;
-der <em class="gesperrt">Größere war</em>.«</p>
-
-<p>»Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?«
-entgegnete heftig der junge Mann aus der Mark. »Als
-die Strahlen der Abendröte über jenes denkwürdige Feld
-streiften, beleuchtend die Schande Frankreichs und sein verwirrtes
-Heer, als blutend, aber unbesiegt, das englische Heer
-jene Hügel deckte und Deutschlands Völker stolzen Schrittes
-in die Ebene herabstiegen, um den Kampf siegend zu entscheiden
-&ndash; denken Sie sich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und
-sagen Sie mir, wer da der Größere war?«</p>
-
-<p>»Der Gott des Zufalls,« erwiderte der General. »Mächtiger
-war er wenigstens als jener alte Held, der auch noch an seinem
-letzten Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwischen dem<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span>
-Genie und roher, wohlgenährter, tierischer Kraft befestigt sei.
-Er ist gefallen, nicht weil ihm England oder Deutschland gewachsen
-waren, sondern weil er früher oder später fallen mußte,
-weil er einen Vertilgungskrieg gegen sich selbst führte, der seine
-Kräfte aufrieb; oder können Sie mir beweisen, daß an jenem
-Tage von Waterloo das Genie des englischen Feldherrn oder
-gar Ihres Blücher ihn besiegte?«</p>
-
-<p>»Seien wir gerecht,« nahm der junge Willi das Wort;
-»geben wir zu, daß ihm keiner seiner militärischen Gegner gewachsen
-war, so beweist dies noch immer nicht für jene innere
-Größe, für jene moralische Erhabenheit, welche die Mitwelt mit
-sich fortreißt, ihr Jahrhundert bildet und Segen noch auf die
-späte Nachwelt bringt. Napoleon war ein großer Soldat, &ndash;
-aber kein großer Mensch.«</p>
-
-<p>»Sohn!« erwiderte der General, »wie kannst du in irgend
-einem Fach des Wissens groß, größer als sonst ein Mann des
-Jahrhunderts werden, <em class="gesperrt">ohne ein großer Mensch</em> zu sein?
-Die Maschine ist es nicht, nicht dieser Körper ist es, was sie
-groß macht, es ist der Geist. Jene veralteten Formen Europas,
-von klugen Männern vor tausend Jahren ausgedacht, stürzten
-zusammen, weil es Formen waren, die der Geist verlassen
-hatte; sie brachen ein vor den Blitzen seines Genies, sie hatten
-das Schicksal jener Leichname, die in Grüften eingeschlossen, in
-ihren fürstlichen Leichenprunk gehüllt, Jahrhunderte überdauern,
-weil sie die Kerkerluft ihres Grabes nicht vermodern
-läßt. Berühre sie mit <em class="gesperrt">lebendiger</em> Hand, hauche sie an mit
-<em class="gesperrt">freiem</em> Odem, und &ndash; sie zerfallen in Asche!«</p>
-
-<p>»Dies beweist nicht gegen mich,« sagte Willi.</p>
-
-<p>»Und wo ist denn das große und feste Reich, das der
-große Mann gründete?« unterbrach ihn Thierberg; »Sie vergleichen
-unsere schönen, alten Institutionen, Gott möge es
-Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam, aber was war denn jener
-korsische Kaiserthron, was sein Staatsgebäude als ein Kartenhaus?«</p>
-
-<p>»Ich habe nie gesagt, daß Napoleon der Mann war, einen
-großen Staat zu gründen,« antwortete der alte Willi; »Frankreich
-war unter ihm ein Lager, dessen erste Posten die Rheinbundstaaten
-bildeten. Er hätte vielleicht ein Ende genommen,
-das seiner oder Frankreichs unwürdig gewesen wäre, wenn er
-einige Jahre in beständiger Ruhe und in Frieden regiert hätte.«</p>
-
-<p>»So war also das Ende, welches er nahm, seiner würdig?«
-fragte Rantow lächelnd.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>»Nicht der Platz, auf welchem wir stehen,« versetzte der
-General nicht ohne Wehmut, »nicht der Raum, sei er groß oder
-klein, gibt uns Würde oder Schmach. Wir sind es, die uns und
-unsern Posten adeln oder schänden. Die Welt hat gelacht und
-gehöhnt, als man den größten Geist des Jahrhunderts auf eine
-öde Insel verbannte. Dort, an der höchsten Felsenspitze, haben
-sie den alten Adler angeschlossen, wo er nur in die Sonne, auf
-den weiten Ozean und in einige treue Herzen sah. Aber man
-hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt
-gebe; es war nicht <em class="gesperrt">Strafe</em>, was ihn dorthin verbannte;
-wer in Europa konnte <em class="gesperrt">ihn strafen</em>? Es war &ndash; <em class="gesperrt">Furcht</em>.
-So mußte es kommen, daß man in ihm noch immer den <em class="gesperrt">Gefürchteten</em>
-sah; und manche Herzen, die sich von ihm abgewendet
-hatten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das
-Unglück die Menschen zu versöhnen, und &ndash; es war ja nichts an
-seine Stelle getreten, was ihn hätte vergessen machen können.«</p>
-
-<p>»Glauben Sie etwa, Herr Nachbar,« sagte Thierberg, »es
-hätte wieder ein solcher Attila auftreten müssen, nur um die
-Zeitungsschreiber zu unterhalten? Vergessen wird man wohl
-jenen Namen noch lange nicht, aber &ndash; man wird ihn verdammen.«</p>
-
-<p>»Mancher hat ein persönliches Recht dazu, und ich kann
-ihn darum nur beklagen, nicht entschuldigen, daß sein Gang
-über die Erde nicht die gebahnte Straße ging. Aber man wird
-auch mit andern Gefühlen sich seiner erinnern. Die Großen
-der Erde scheinen zwar nicht viel von ihm gelernt zu haben, desto
-mehr vielleicht die Kleinen. Er hat sich seine Bahn so erhaben
-aufgerissen als Alexander, er hat sie verfolgt wie Cäsar, man
-hat ihm gedankt wie dem Hannibal, auf jenem Felsen hat er
-gelebt wie Seneca, und seine letzten Tage waren eines Sokrates
-würdig.«</p>
-
-<p>»In diesem Punkt werden wir nimmer einig,« erwiderte
-der alte Thierberg; »was mich betrifft, so kömmt er mir vor,
-als habe er seine Laufbahn eröffnet wie ein Aventurier, habe
-sie verfolgt wie ein Räuber, habe mit seinem Raub verfahren
-wie ein verzweifelter Spieler, und habe geendet wie ein &ndash;
-<em class="gesperrt">Komödiant</em>!«</p>
-
-<p>»Wir sind noch nicht seine Nachwelt,« bemerkte Robert
-Willi. »Erst wenn alle Parteien, die persönliches Interesse
-aussprachen, von der Erde verschwunden sind, dann erst wird<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>
-man mit klaren Augen richten. Mein Held ist er nicht, aber in
-seinen italienischen Feldzügen erscheint er wie ein Wesen höherer
-Art, und dies wenigstens werden auch Sie zugeben, Herr von
-Thierberg.«</p>
-
-<p>»Es ist möglich,« versetzte der Alte, »er hat damals mein
-Staunen, meine Bewunderung erregt; aber wie schnell wurde
-ich von meiner Vorliebe geheilt! Wenn er damals den Bourbons
-den Thron zurückgegeben hätte &ndash; die Macht hatte er
-dazu&nbsp;&ndash;, so wäre er mir wie ein Engel erschienen.«</p>
-
-<p>»Dies war wegen seiner Armee, die anders dachte, unmöglich,«
-antwortete der General.</p>
-
-<p>»Sie erinnern sich,« fuhr der Alte fort, »daß ich Ihnen
-öfter von einem französischen Kapitän erzählte, der mich in der
-Schweiz aus großer Verlegenheit rettete; &ndash; der einzige Franzose,
-den ich achte, und für den ich noch jetzt alles tun könnte.
-Mit diesem sprach ich damals auch über <em class="gesperrt">diesen</em> Punkt. Ich
-sagte ihm, daß Frankreich ohne Rettung verloren gehe, wenn
-es in der ewigen, sich immer von neuem gebärenden Revolution
-fortfahre. Nur ein König an der Spitze könnte es retten. &ndash;
-Er gab es zu; er sagte mir, daß die Bourbons eine große Partei
-in Paris hätten, und daß mein Gedanke vielleicht erfüllt würde.
-Ich fragte ihn, wie der Konsul Bonaparte, der damals an der
-Spitze stand, darüber dächte. ›Er äußert sich nicht,‹ erwiderte
-mir der Kapitän, ›aber wenn ich ihn recht verstehe,‹ setzte er
-lächelnd hinzu, ›so wird Frankreich bald nur <em class="gesperrt">einen</em> Meister
-haben.‹ Ich deutete dies Wort meines neuen Freundes damals
-auf die Zurückkunft der Bourbons, leider ist es an Bonaparte
-selbst in Erfüllung gegangen.«</p>
-
-<p>Der junge Willi war schon zu Anfang dieser Rede aufgestanden;
-er hatte Annas Vater die Geschichte von seinem
-Kapitän schon einige Dutzendmal erzählen gehört, und sein Blut
-wallte in diesem Augenblick noch zu unruhig, als daß er sie
-von neuem anhören mochte; er ging mit zögernden Schritten im
-Saal auf und nieder; als aber der alte Thierberg im Gespräch
-mit dem General auf die jetzigen Verhältnisse Frankreichs einging,
-ein Punkt, über den sie niemals in Streit gerieten, gesellte
-sich auch Rantow zu dem jungen Willi. Er ließ sich von
-ihm die Geschichte der letzten Wochen noch einmal wiederholen,
-führte ihn unbemerkt in das nächste Zimmer und dann auf die
-breite Hausflur. Dort hielt er plötzlich inne und flüsterte dem<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-erstaunten jungen Mann ins Ohr: »Sie dürfen vor mir kein
-Geheimnis mehr haben; Anna hat mir alles entdeckt, und auf
-meinen Beistand können Sie sich verlassen.« Noch einen Augenblick
-zweifelte Robert, weil ihm diese Nachricht zu neu und
-unerwartet kam; als aber Rantow ins einzelne einging und
-ihm erzählte, was in jener Schreckensnacht vorgefallen sei, als
-er ihm entdeckte, wie ungünstig gegenwärtig die Verhältnisse
-seien, da stand jener nicht länger an, die Hilfe, die ihm geboten
-wurde, anzunehmen; er bat Albert, ihm, wenn es möglich wäre,
-Gelegenheit zu verschaffen, mit Anna zu sprechen.</p>
-
-<p>Der Gast aus der Mark dachte einige Augenblicke nach,
-ob er dies möglich machen könnte. Anna hatte ihn zwar selbst
-nie auf ihr Boudoir im Turm eingeladen, aber er hoffte, in
-solcher Begleitung nicht unwillkommen zu sein; das einzige, was
-ihn hätte abhalten können, war die Furcht vor dem Zorn seines
-Oheims, im Fall diese Zusammenkunft entdeckt wurde; aber die
-Lust, wo er nicht selbst die Rolle übernehmen konnte, wenigstens
-die Intrige zu unterstützen, siegte über jede Bedenklichkeit; er
-winkte dem jungen Willi, ihm zu folgen. Der Gang nach
-Annas Turm war ihm bekannt. Nach der Lage ihrer Fenster
-mußte ihr Gemach noch zwei Stockwerke höher liegen als der
-Saal. Sie stiegen eine enge, steile Treppe von Holz hinan, die
-unter jedem Tritte, so behutsam sie auch stiegen, ächzte. Zum
-nicht geringen Schrecken begegnete ihnen auf dem ersten Stock
-der alte Hans, der sie verwundert ansah. Albert winkte seinem
-Gefährten, nur immer voranzugehen, er selbst nahm, ohne in
-seiner Bestürzung zu bedenken, ob es klug sein möchte, den alten
-Diener auf die Seite. »Hans!« sagte er, »wenn du deinem
-Herrn ein Wort&nbsp;&ndash;« &ndash; »O,« erwiderte jener schlau lächelnd,
-»da hat es gute Wege, so wenig als in jener Nacht, da Sie mich
-beinahe in den Neckar warfen, ich bin so still wie ein toter
-Hund.« Beruhigt folgte Rantow dem Liebhaber; sie hatten bald
-das Ende der Treppe erreicht und standen nun auf einer Art
-von Vorsaal; die Reinlichkeit und Zierlichkeit, die hier herrschte,
-ließ ahnen, daß man sich nicht mehr weit von Annas Gemach
-befinde. Zwei Türen gingen auf diesen Vorplatz; sie wählten
-auf gutes Glück die nächste, pochten an &ndash; keine Antwort. Sie
-pochten wieder; jetzt tat sich die zweite Tür auf, und Anna erschien
-auf der Schwelle.</p>
-
-<p>Sie errötete, als sie die beiden jungen Männer sah, doch,
-als habe dieser Besuch nichts Auffallendes an sich, lud sie dieselben<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span>
-durch einen freundlichen Wink ein, näher zu treten. »Ihr
-kommt wohl, um die schöne Aussicht von meinem Turm zu betrachten?«
-sagte sie; »jetzt erst fällt mir bei, daß du nie hier
-warst, Albert, aber so ganz bin ich schon an diesen herrlichen
-Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal einfiel, dich hierher
-einzuladen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>12.</h3>
-</div>
-
-<p>Das Gemach war klein, die Geräte gehörten einer früheren
-Zeit an, aber dennoch war alles so freundlich und geschmackvoll
-geordnet, daß Rantow, nachdem er die Aussicht geprüft, die
-nächsten Umgebungen gemustert und alles recht genau angesehen
-hatte, dieses Zimmer für das schönste im Schloß erklärte. Nur
-eine breite Kiste, von schlechtem Holz zusammengezimmert, die
-auf einer Kommode stand, schien ihm nicht mit den übrigen Gerätschaften
-zu harmonieren. So ungerne er die beiden Liebenden,
-die, anscheinend in die Aussicht auf das Tal hinab vertieft,
-eifrig zusammen flüsterten, stören mochte, so war doch seine Neugierde,
-zu wissen, was der geheimnisvolle Schrank verberge, zu
-groß, als daß er nicht seine Base darüber befragt hätte.</p>
-
-<p>»Bald hätte ich das Beste vergessen!« rief sie aus; »das
-Bild für Ihren Vater ist heute angekommen, Robert; ich habe
-es hierhergestellt, weil mein Vater nie hierher kommt, und weil
-ich es doch auch betrachten wollte.« Sie rückte unter diesen
-Worten den Deckel des Schranks, Willi half ihn herabnehmen,
-und das Bild eines Reiters, der auf einem wilden Pferd eine
-Anhöhe hinansprengt, wurde sichtbar.</p>
-
-<p>»Bonaparte!« rief Rantow, als ihm die kühnen, geistvollen
-Züge aus der Leinwand entgegensprangen.</p>
-
-<p>»Erkennst du ihn?« fragte Anna lächelnd. »Das war der
-Sieger von Italien!«</p>
-
-<p>»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie so gut gelingen
-könnte,« bemerkte Willi; »aber wahrlich, David war ein großer
-Maler. Wie edel ist diese Gestalt gehalten, wie glücklich der
-Einfall, diesen hochstrebenden Mann nicht in der gebietenden
-Stellung eines Obergenerals, sondern in einer Kraftäußerung
-aufzufassen, die einen mächtigen Willen und doch eine so erhabene
-Ruhe in sich schließt.«</p>
-
-<p>»Ich kenne das Original,« sagte Rantow, »es ist in der
-Galerie zu Berlin aufgestellt, und ich finde diese Kopie trefflich;
-für Liebhaber des Gegenstandes, worunter ich nicht gehöre,
-gewinnt dieses Gemälde um so höheres Interesse, als die<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span>
-Idee dazu von Napoleon selbst ausging. Man sagt, David
-habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der Hand, auf
-dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merkwürdigen
-Worte: ›Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten;
-ich will <em class="gesperrt">ruhig</em> gemalt sein &ndash; auf einem wilden Pferde.‹«</p>
-
-<p>»Dank dir für diese Anekdote,« erwiderte Anna, »sie macht
-mir das Bild um so lieber, und nicht wahr, Robert,« setzte sie
-hinzu, »auch dein Vater soll durch seine Originalität nur noch
-mehr erfreut werden.«</p>
-
-<p>»Anna!« unterbrach die Beschauenden eine dumpfe, wohlbekannte
-Stimme. Sie sahen sich um, der alte Thierberg, auf
-seinen Diener gestützt, stand mit hochrotem, zürnendem Gesicht
-und zitternd vor ihnen; der General, welcher seitwärts stand,
-schien verlegen und ängstlich. Aber so schnell war dieser Schreck,
-so groß die Furcht Annas vor ihrem Vater und so furchtbar sein
-Anblick, daß sie zu schwanken anfing, und hätte der General
-sie nicht unterstützt, sie wäre in die Knie gesunken.</p>
-
-<p>»Sind das die gerühmten Sitten Ihres Herrn Sohnes?«
-wandte sich der Alte bitter lachend zu dem General, indem er
-bald den Sohn, bald den Vater ansah; »heißt das, wie Sie mir
-vorzumalen suchten, sich in den zartesten Grenzen des Anstandes
-halten? Herr! Wie kommen Sie dazu, mit meiner Tochter
-<em class="gesperrt">allein</em> auf ihrem Zimmer zu sein?«</p>
-
-<p>»Onkel&nbsp;&ndash;« rief Rantow, um ihn zu belehren.</p>
-
-<p>»Schweig, Bursche!« antwortete ihm der zürnende Alte,
-indem er immer den jungen Willi mit glühenden Blicken ansah.</p>
-
-<p>»Ich denke,« erwiderte dieser ruhig und mit stolzer Fassung,
-»die Erziehung Ihrer Tochter und Annas Sitten müßten Ihnen
-Bürge sein, daß ein Mann, selbst wenn er allein käme, sie besuchen
-dürfte, vorausgesetzt, sie will ihn empfangen, und über
-den letztern Punkt steht nach allen Gesetzen der guten Sitte der
-jungen Dame selbst, nicht aber Ihnen, Herr von Thierberg, die
-Entscheidung zu.«</p>
-
-<p>Diese Worte schienen seinen Eifer noch mehr zu entflammen,
-er atmete tief auf; aber in diesem Augenblick trat sein Neffe
-mutig dazwischen und redete ihn auf eine Weise an, die, wie
-ihn sein kurzer Aufenthalt bei den Thierbergs gelehrt hatte, die
-Wirkung nicht verfehlen konnte. »Herr von Thierberg,« rief
-er bestimmt und mit ernster Miene, »Sie haben mir vorhin
-zu schweigen geboten, ich werde aber nicht schweigen, wenn man
-meiner Ehre zu nahe tritt. Ich bin es gewesen, der Herrn von
-Willi hierher führte, ich bin es gewesen, der ihn hier unterhielt,<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-und er hat mich hierher begleitet, weil ich ihn darum gebeten
-habe.«</p>
-
-<p>»Du warst zugegen?« fragte der Oheim mit etwas gemilderter
-Stimme. »Aber was Teufel geht dich das Zimmer
-meiner Tochter an? Was hattest du hier zu suchen?«</p>
-
-<p>Mit einer theatralischen Wendung und sprechender Miene
-wandte sich der Neffe gegen die Hinterwand des Zimmers,
-deutete mit dem ausgestreckten Arm hin und sprach: »Hier steht,
-was ich suchte.«</p>
-
-<p>Der Alte trat mit schnelleren Schritten, als seine Krankheit
-erlaubte, näher. Er betrachtete das Bild und blieb mit
-einem Ausruf des Erstaunens stehen; seine trotzige Miene
-klärte sich auf, seine Stirn entfaltete sich, sein blitzendes Auge
-schimmerte nur noch von Rührung und Freude. »Gott im
-Himmel,« rief er aus, indem er das Mützchen abnahm, das er
-beständig trug. »Wer hat mir das getan, woher, woher habt
-ihr ihn? Wer hat ihn meinen Gedanken nachgebildet, wer hat
-mir diese Züge, diese Augen hier, hier aus meinem Herzen herausgestohlen?«</p>
-
-<p>Die Männer sahen sich staunend an, betreten richtete sich
-Anna auf und trat näher, denn sie besorgte, ihr alter Vater
-rede irre. »Wer hat dies Bild hierher gestellt?« fragte er nach
-einer Pause, indem er sich umwandte, und alle sahen Tränen in
-seinen Augen glänzen.</p>
-
-<p>»Ich, mein Vater,« sagte Anna zögernd.</p>
-
-<p>»O du gutes Kind,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme
-schloß, »wie unrecht habe ich dir vorhin getan! Als ich in
-dieses Zimmer trat, glaubte ich, du habest mich tief gekränkt,
-und doch hast du mich so unendlich erfreut! &ndash; Kennst du ihn,
-Hans?« wandte er sich an seinen Diener. »Kennst du ihn nicht
-wieder?«</p>
-
-<p>»Gott straf' mich, er ist's!« erwiderte der alte Reitknecht.
-»Solche schreckliche Augen machte er gegen die fünf Buschklepper,
-die uns auszogen, o das war ein braver Herr!«</p>
-
-<p>Die, welche den Herrn und seinen Diener so sprechen
-hörten, konnten sich von ihrem Staunen kaum erholen, sie sahen
-sich lächelnd an, als ahnten sie eine sonderbare Fügung des
-Geschicks, als sei ein schweres Gewitter segnend über ihnen hinweggezogen.
-Der General aber, der bald Anna, bald das Bild
-mit blitzenden Augen betrachtet hatte, trat näher heran und
-fragte den alten Thierberg, wen er denn in diesem Bilde wiedererkenne?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist derselbe treffliche Kapitän,« antwortete er, »der
-mich am Fuß des St. Bernhard aus der Gewalt ruchloser Soldaten
-errettete; wie? Er ist derselbe, von welchem ich Ihnen
-so oft erzählte; das Muster eines braven Mannes, eines gebildeten
-und klugen Soldaten.«</p>
-
-<p>»Nun, so bitte ich Sie,« fuhr der General mit inniger
-Rührung fort, indem auch ihm eine Träne im Auge schwamm,
-»ich bitte Sie im Namen dieses Mannes, den ich auch kannte,
-Sie mögen ihm vergeben, wenn er nachher anders handelte, als
-Sie damals dachten!«</p>
-
-<p>»Wie? Sie haben ihn gekannt?« rief der Alte dringend,
-indem er die Hand des Generals faßte, »wer war er, wie heißt
-er, lebt er noch?«</p>
-
-<p>»Er ist tot &ndash; seinen Namen kannte die Welt &ndash; dieser
-Mann hier ist&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun?« drängte der Alte den General, dem die Stimme
-zu brechen schien. »Wer? Doch nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dieser Mann,« rief der General mit einem feurigen
-Blick auf das Gemälde, »dieser Mann war &ndash; <em class="gesperrt">Napoleon
-Bonaparte</em>, der Kaiser der Franzosen.«</p>
-
-<p>Der Alte setzte seine Mütze auf; er drückte die Augen zu,
-und in seinem Gesicht kämpfte Unmut mit Rührung. Doch
-als er nach einer Weile das Bild wieder ansah, schien er es nicht
-über sich zu vermögen, dem stolzen Reiter gram zu werden; »du
-also?« sprach er zu ihm, »du warst dieser &ndash; kühne Mann?
-Das war also deine Meinung? Du hast mir mein Kleid,
-meinen Hut und meine Börse zurückgegeben, um mir nachher
-mein alles zu rauben?«</p>
-
-<p>»Vater,« sagte Anna schmeichelnd, »wie glücklich waren
-Sie aber dennoch! Der erste Mann des Jahrhunderts hat so
-traulich zu Ihnen gesprochen.«</p>
-
-<p>»Ja, das haben wir,« erwiderte der Alte lächelnd und nicht
-ohne Stolz, »recht freundlich haben wir uns unterhalten, ich
-und er, und er schien Gefallen an mir zu finden. Ich habe
-nicht gehört, daß der erste Konsul sich je gegen einen so offen
-ausgesprochen hätte, wie damals gegen mich. ›Frankreich wird
-nicht mehr lange ohne König sein‹, waren seine eigenen Worte;
-du hast es erfüllt, kleiner Schelm! &ndash; Ha! Und gerade so sah er
-aus, so warf er noch einmal den stolzen Kopf herüber, als er<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span>
-sein Roß den Berg hinantrieb und die Feldmusik des Regiments
-herüberklang. General Willi &ndash; es war doch ein großer Geist!«</p>
-
-<p>»Gewiß!« sagte der General freudig gerührt, indem er
-dem Alten die Hand drückte. »Aber, wie kam nur dies Bild
-hierher zu Ihnen, Anna?«</p>
-
-<p>»Darf ich es verschweigen, Robert?« antwortete sie; »nein,
-er hat es ja doch schon gesehen. Ihr Sohn wollte Sie an Ihrem
-Geburtstag damit überraschen, und ich erlaubte, daß das Bild
-einstweilen hier aufgestellt würde.«</p>
-
-<p>Der alte Thierberg hatte aufmerksam zugehört; er schien
-überrascht und ging auf den jungen Willi zu, dem er seine Hand
-bot. »Junger Mann,« sagte er, »ich habe Ihnen vorhin bitter
-unrecht getan, ich sehe jetzt, daß Sie ein schönerer Zweck auf
-dieses Zimmer führte, als ich anfangs dachte; werden Sie mir
-meine übereilten Worte, meine Hitze vergeben?«</p>
-
-<p>Robert errötete. »Gewiß, Herr von Thierberg,« antwortete
-er, »und wenn Sie noch zehnmal heftiger gewesen wären, so
-konnten Sie mich zwar kränken, aber niemals beleidigen; es ist
-hier nichts zu vergeben.«</p>
-
-<p>»Wirklich?« erwiderte der alte Herr sehr freundlich, »und
-wenn ich fragen darf &ndash; wo haben Sie das Bild gekauft?
-Könnte man nicht sich auch ein Exemplar verschaffen? Ich
-möchte doch den <em class="antiqua">grand capitaine</em>, <em class="gesperrt">meinen</em> Kapitän, in meinem
-Zimmer haben.«</p>
-
-<p>»Wie ich meinen Vater kenne,« sagte der junge Mann,
-»so wird er dieses Bild vielleicht noch lieber in Ihrem Hause
-als in dem seinigen sehen. Ich bitte, erlauben Sie, daß ich es
-dort aufhänge.«</p>
-
-<p>»Sie machen mir ein großes Geschenk, lieber Robert,« sagte
-Thierberg; »wohin ist es mit unseren Gesinnungen gekommen?
-Ich glaube, wir denken im Grunde gleich über diesen Bonaparte,
-und doch sind <em class="gesperrt">Sie</em> es, der mir ihn anbietet, und mir macht es
-Freude, ihn anzunehmen. Ich habe wenige Bilder, aber einige
-alte, gute; suchen Sie sich etwas aus, nehmen Sie dafür aus
-meinem Schloß, was Sie wollen.«</p>
-
-<p>»Halt!« rief der General, »bei diesem Handel bin ich auch
-beteiligt; ich kenne den unglücklichen Geschmack meines Sohnes
-und weiß, wie wenig er auf <em class="gesperrt">alte</em> Bilder hält; wollen Sie ihm
-nicht ein <em class="gesperrt">jüngeres</em> dafür geben? Thierberg, vor diesem
-Bilde, das nun auch für Sie von Bedeutung ist, wiederhole ich
-meine Werbung: Ihre Anna um diesen Napoleon.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>Der alte Herr war betreten, er warf verlegene Blicke auf
-die Umstehenden; endlich haftete sein Auge auf Davids Gemälde.
-»Du hast viel verschuldet,« sprach er, »Europas alte Ordnung
-hast du umgeworfen, und nun nach deinem Tode willst du dich
-in meine Haushaltung mischen?«</p>
-
-<p>»Herr Baron!« sagte der alte Hans mit gerührter Stimme,
-»nehmen Sie es einem alten Diener nicht ungnädig auf, aber
-wissen Sie noch, was Sie zu dem braven Kapitän sagten, und
-was Sie mir oft erzählt haben? Monsieur, haben Sie gesagt,
-wenn Sie einst durch Schwaben kommen und in unsere Gegend,
-so vergessen Sie nicht, auf Thierberg einzusprechen, daß Sie mich
-nicht zu Ihrem ewigen Schuldner machen.«</p>
-
-<p>Herr von Thierberg aber strich sich nachdenklich mit der
-Hand über die Stirne, warf noch einen zögernden Blick auf das
-Bild und führte dann Anna zu Robert Willi. »Nimm sie hin!«
-sagte er fest und ernst. »Ich habe es nicht tun wollen, aber
-vielleicht war es gut, daß <em class="gesperrt">dies</em> alles so kommen mußte; nimm
-sie hin!«</p>
-
-<p>Mit großer Rührung umarmte der General den alten
-Mann, und indem Robert überrascht und selig seine Braut, wir
-wissen nicht ob zum erstenmal, an seine Lippen drückte, schüttelte
-der Gast aus der Mark, um nicht ganz teilnahmlos zu erscheinen,
-dem alten Diener herzlich die Hand. Albert hat nachher erzählt,
-daß er in jenem feierlichen Augenblick, trotz seines inneren
-Widerstrebens, gut napoleonisch gesinnt gewesen sei und zum
-erstenmal in seinem Leben jene Macht und Ueberlegenheit gefühlt
-und anerkannt habe, die jener große Geist auf die Gemüter
-zu üben pflegte.</p>
-
-<p>Er erzählte auch, daß der alte Thierberg jenen sonderbaren
-Tausch niemals bereut habe; er fand in seinem Schwiegersohne
-Eigenschaften, die er ihm nie zugetraut hatte, und als er ihn
-bei der Verwaltung der Güter seines Vaters mit Rat und Tat
-unterstützte, lebte er im Glücke seiner Kinder die Tage seiner
-eigenen Jugend wieder.</p>
-
-<p>Von der Hochzeit des jungen Paares sprach der Gast aus
-der Mark nicht gerne, man sah ihm an, daß er lieber selbst mit
-der liebenswürdigen Anna vor den Altar getreten wäre. Einen
-Zug aber aus diesem glänzenden Tag pflegte er bei Wiederholung
-dieser Geschichte nie zu vergessen, vielleicht nur, um jene
-schwärmerischen Anhänger Napoleons und seinen neubekehrten<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span>
-Oheim ins Komische zu ziehen. Der alte Gardist des Generals,
-erzählte er, habe alle Domestiken und einige junge Burschen zum
-Vivatschreien abgerichtet und die schöne Braut mit ins Geheimnis
-gezogen; er habe seine Leute unter die Türen des großen
-Saales im Schlosse Thierberg gestellt, und als nun mancher
-Toast ausgebracht war, sei auch Anna mit dem Kelchglas aufgestanden
-und habe mit ihrer süßen Stimme »dem Bild des
-Kaisers« die Ehre eines Toasts gegeben. Da wurde der Jubel
-rauschend, die Gäste stießen an, Hans und der Gardist schwangen
-zum Zeichen ihre Mützen, und wohl aus fünfzig Kehlen schallte
-ein jauchzendes: »<em class="antiqua">Vive l'empereur!</em>«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_letzten_Ritter_von_Marienburg">Die letzten Ritter von Marienburg.</h2>
-
-<h3>1.</h3>
-</div>
-
-<p>»Guten Morgen, Neffe der Musen!« rief mit munterem
-Ton der junge Rempen einem Bekannten zu, dem er am Markt
-begegnete; »Ihre Augen leuchten, Ihre Mienen drücken eine
-gewisse Behaglichkeit aus, und ich wollte wetten, Sie haben
-heute schon gedichtet.«</p>
-
-<p>»Wie man will, bester Stallmeister,« entgegnete jener, »in
-Reimen zwar nicht, aber an meinem neuen Roman habe ich ein
-paar Kapitel geschrieben.«</p>
-
-<p>»Wie, an einem neuen Roman? Das ist göttlich, auf Ehre!
-Aber, bitte Sie, warum so geheim mit solchen Dingen, so verschlossen
-gegen die nächsten Bekannten und Freunde? Sonst
-ließen Sie doch hin und wieder ein Wörtchen fallen über Anordnung
-und Charaktere, lasen mir und anderen einige Strophen;
-wie kommt es denn, daß <em class="gesperrt">dies</em> alles nun vorüber ist?«</p>
-
-<p>»War es euch denn wirklich interessant?« fragte der Dichter
-nicht ohne wohlgefälliges Lächeln; »ich muß gestehen, mir selbst
-kommt, wenn ich etwas niedergeschrieben habe, alles so leer, so
-gemein, so langweilig vor, daß ich mich ennuyierte, wenn ich es
-nur in den Revisionsbogen wieder durchlas; da dachte ich denn,
-es könnte euch auch so gehen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Uns? Gewiß, es machte uns immer Vergnügen!«</p>
-
-<p>»Gut, lassen Sie uns dort bei dem Italiener eintreten und
-etwas trinken, dabei will ich Ihnen den Plan meines neuen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie!« rief der Freund des Dichters lachend. »So frühe
-schon am Tage in die Restauration? Sind wir denn Leute aus
-einer neumodischen Novelle, daß wir gleich anfangs, des Tages
-nämlich, in einem Wirtshaus sitzen müssen, als ob es außer der
-Kirche und der Weinstube kein öffentliches Leben mehr geben
-könnte?«</p>
-
-<p>»Wie kommen Sie nur auf diese Vergleichung!« entgegnete
-jener. »Wie oft waren wir morgens bei Primavesi!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>»Es ging mir nur so durch den Kopf,« sprach der Stallmeister;
-»gestehen Sie selbst, seit Tieck mit Marlow und Green
-im Wirtshaus zusammenkam, glauben sie alle, es könne keinen
-schicklicheren Ort geben, um eine Novelle anzufangen; erinnern
-Sie sich nur an die Almanache des letzten Jahres; doch Sie
-selbst sind ja solch ein Stück von einem Poeten, und wenn Sie
-durchaus heute mit dem Italiener anfangen wollen, so mögen
-Sie Ihren Willen haben.«</p>
-
-<p>»Sie werden erwartet, Herr Doktor Zundler,« sagte der
-Italiener, als die beiden Männer in den Keller traten, »der
-Buchhändler Kaper sitzt schon seit einer Viertelstunde im Eckstübchen
-und fragt oft nach Ihnen.«</p>
-
-<p>Der Stallmeister machte Miene, sich entfernen zu wollen;
-Doktor Zundler aber faßte heftig seine Hand. »Bleiben Sie
-immer,« rief er, »kommen Sie mit zu dem Buchhändler; er wird
-wohl von meinem neuen Roman gehört haben und mir Verlag
-anbieten; da können Sie einmal sehen, wie unsereiner Geschäfte
-macht; habe ich ja selbst schon oft Ihren Pferdeeinkäufen beigewohnt.«</p>
-
-<p>Der Stallmeister folgte; in einer Ecke sah er einen kleinen,
-bleichen Mann, der hastig an einem Rippchen zehrte, und so
-oft er einen Biß getan, Lippen und Finger ableckte; er erinnerte
-sich, diese Figur hie und da durch die Straßen schleichen
-gesehen zu haben, und hatte den Mann immer für einen Krämer
-gehalten; jetzt wurde ihm dieser als Buchhändler Kaper vorgestellt.
-Zur Verwunderung des Stallmeisters sprach er nicht
-zuerst den Dichter, sondern ihn selbst an: »Herr Stallmeister,«
-sprach er, »schon lange habe ich mich gesehnt, Ihre werte Bekanntschaft
-zu machen. Wenn Sie oft an meinem Gewölbe vorbeiritten,
-ritten, ich darf sagen, wie ein Gott, da sagte ich immer
-zu meinem Buchhalter, und auf Ehre, es ist wahr, Winkelmann,
-sagte ich (Sie kennen ihn ja, Herr Doktor), Winkelmann, es
-fehlt uns schon lange an einem tüchtigen Pferde- und Bereiterbuch.
-Der Pferdealmanach erscheint schon lange nicht mehr, und
-was letzthin der Herr Baptist bei den Kunstreitern geschrieben,
-ist auch mehr für Dilettanten, obgleich die Vignette schön ist, Sie
-haben ja den Menschen persönlich gesehen, Herr Doktor; nun,
-sagte ich, ein solches Buch zu schreiben, wäre der Herr Stallmeister
-von Rempen ganz der Mann. Etwa fürs erste achtzehn
-bis zwanzig Bogen, statt der Kupfer nehmen wir Lithographien&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p>
-
-<p>»Bemühen Sie sich nicht,« erwiderte der junge Rempen,
-mit Mühe das Lachen unterdrückend. »Ich bin zum Büchermachen
-verdorben; es geht mir nicht von der Hand, und überdies,
-Herr Kaper, bei unserem Metier, gerade bei unserem, muß
-der jüngere sich bescheiden. Da kommt es auf Erfahrung an.«</p>
-
-<p>»Und ich dächte, Sie hätten Verlag genug,« sagte der
-Doktor, wie es schien, etwas ärgerlich, von dem Buchhändler
-nicht gleich beachtet worden zu sein.</p>
-
-<p>»O ja, Herr Doktor, Verlag genug, was man so verlegene
-Bücher nennt; ich könnte Deutschland in allen Monaten, die
-ein R haben, mit Krebsen versehen, Sie wissen ja selbst.«</p>
-
-<p>»Ich will nicht hoffen,« rief der Dichter hoch errötend,
-»daß Sie damit etwa mein griechisches Epos meinen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mit nichten, gewiß nicht, wir haben doch hundert etwa
-abgesetzt und die Kosten so ziemlich gedeckt, und der Herr Doktor
-werden mir nicht übelnehmen, wenn ich sage, es war eine frühe
-Arbeit, eine Jugendarbeit; hat doch auch Schiller nicht gleich
-mit dem ›Tell‹ angefangen, sondern zuerst ›Die Räuber‹ geschrieben,
-und überdies noch die erste Ausgabe bei Schwan und
-Götz, wo Franz Moor noch in den Turm kommt, die gar nicht
-so gut ist als die zweite; aber seit man Ihre vortreffliche Novelle
-in der Amathusia für 1827, seit man Ihre Rezensionen und
-Kritiken und die Sonette vor vier Wochen gelesen hat, läßt sich
-Großes erwarten.«</p>
-
-<p>Der Dichter schien beruhigt. »Ich habe Sie immer für
-einen Mann von gesundem Urteil gehalten, Herr Kaper,« sprach
-er mit gütigem Lächeln; »haben Sie vielleicht schon von meinem
-neuen Roman gehört?«</p>
-
-<p>»Ich habe, ich habe,« erwiderte der Buchhändler mit
-schlauer Miene; »und wo, raten Sie, wo ich davon gehört habe?
-Sie erraten nicht? Warum kommen denn der Herr Doktor so
-gerne in mein Gewölbe? Etwa wegen meiner Leihbibliothek,
-auf welche Sie immer zu schimpfen belieben, oder wegen des
-Vis-à-vis?«</p>
-
-<p>»Wie!« rief der junge Mann und drückte die Hand des
-Buchhändlers, »hätte etwa Elise&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Elise Wicklow, meinen Sie?« fragte der Stallmeister,
-etwas näher rückend.</p>
-
-<p>»Ja, meine Herren! Fräulein Wicklow,« fuhr Herr Kaper,
-vertraulich flüsternd, fort, »doch nicht zu laut, wenn ich bitten
-darf; denn soeben hat sich der Oberjustizreferendar Palvi dorthin
-gepflanzt in seine tägliche Ecke&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p>
-
-<p>»Welcher ist es?« fragte der Stallmeister, sich umkehrend;
-»ich hörte mancherlei von diesem Menschen, sonderbares Gerede
-von den einen und hohes Lob von anderen; der junge Mann,
-der so düster in sein Glas sieht, ist Palvi?«</p>
-
-<p>»Es ist nicht viel an ihm,« bemerkte der Dichter. »Auf der
-Universität &ndash; ich war noch ein Jahr mit ihm in Göttingen &ndash;
-war er so eine Art von Poetaster; einmal las ich ein paar gute
-Gedanken von ihm, die er zu einem Fest gemacht hatte; hier
-treibt er ein elendes, wüstes Leben und kommt selten in gute
-Gesellschaft.«</p>
-
-<p>»Aber gerade wegen Fräulein Wicklow dürfen wir vor
-ihm nicht zu laut werden,« flüsterte der Buchhändler. »Ich
-weiß, er kam, als er noch auf Schulen war, zuweilen hinüber
-ins Haus, und wie mir meine Tochter sagte, soll einmal ein
-Verhältnis zwischen den beiden Leutchen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie?« rief der Stallmeister gespannt.</p>
-
-<p>»Possen!« entgegnete der Dichter, indem er auf seinen
-eleganten Anzug einen Blick herabwarf, »er sieht aus wie ein
-Landstreicher; bringen Sie mir Elise auch nicht in Gedanken
-mit diesem Menschen zusammen. Ich weiß, sie liebt die Poesie;
-alles Erhabene, Schöne gefällt ihr, und sagen Sie aufrichtig,
-hat sie von meinem Roman gesprochen?«</p>
-
-<p>»Sie hat, und wie! Sie ist ein belesenes Frauenzimmer,
-das muß man ihr lassen; keine in der ganzen Stadt ist so delikat
-in der Auswahl ihrer Lektüre. So kommt es, daß sie immer
-in einer Art von Verbindung mit mir steht, und wenn ich etwas
-Neues habe, bringe ich es gleich hinüber, denn ich selbst habe
-es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein so schönes Kind
-›lieber Herr Kaper‹ zu mir sagt und gütig und freundlich ist.
-Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, ›Die letzten
-Ritter von Marienburg‹, brachte, noch unaufgeschnitten, ich
-hatte ihn selbst noch nicht gelesen. Sie hatte eine kindische
-Freude und sprach recht freundlich und viel. Und wie wir so
-plaudern, komme ich auch auf Ihre Novelle, welche sie ungemein
-lobte und Stil und Erfindung pries. Und so sagte sie denn, ob ich
-auch schon gehört, daß Sie einen neuen Roman schreiben?«</p>
-
-<p>»Ja,« fiel der Dichter feurig ein, »und einen Roman
-schreibe, Kaper, wie Deutschland, Europa noch keinen besitzt!«</p>
-
-<p>»Historisch doch?« fragte der Buchhändler zweifelhaft.</p>
-
-<p>»Historisch, rein geschichtlich, aber dies unter uns!«</p>
-
-<p>»Historisch! das möchte ich auch raten!« sprach der Verleger,
-eine große Prise nehmend. »Das ist gegenwärtig die Hauptsache.<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span>
-Wenn man es so bedenkt, es ist doch eine sonderbare
-Sache um den deutschen Buchhandel. Ich war Commis in
-Leipzig, als ›Wilhelm Meister‹ zuerst erschien. ›Werther‹ und
-›Siegwart‹ waren Mode gewesen, hatten Nachahmung gefunden
-lange Zeit. Aber mein Prinzipal sagte: ›Er wird sehen, Kaper
-(damals sprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird
-sehen, über kurz oder lang geschieht eine Veränderung.‹ So
-war's auch; wir gaben anfänglich nicht viel um den ›Wilhelm
-Meister‹, es schien uns ein gar konfuses Buch; aber siehe da,
-man schrieb allenthalben nach diesem Muster, und mancher hat
-sich ein schönes Stück Geld damit gemacht. Wieder eine Weile,
-ich hatte meine eigene Handlung etabliert, lag mir oft das Wort
-meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im Buchhandel ist
-nur Mode. Wer eine neue angibt, ist Meister. Wie ich mich
-noch auf etwas Neues besinne und einen Menschen suche, der
-etwas Tüchtiges schreiben täte &ndash; da haben wir's, kommt Fouqué
-mit den Helden und Altdeutschen, und alles machte nach. Und
-jetzt hat der Walter Scott wieder eine neue Mode gemacht; ich
-möchte mir die Haare ausraufen, daß ich keine Taschenausgabe
-machte, und nichts bleibt übrig, als etwa deutsche historische
-Romane, die gehen noch.«</p>
-
-<p>»Fürwahr!« bemerkte der Stallmeister lächelnd, »so habe
-ich bisher ohne Brille gelesen, und der deutsche Parnaß ist in
-ganz andern Händen, als ich dachte. Nicht um das Interesse
-der Literatur scheint es sich zu handeln, sondern um das Interesse
-der Verkäufer?«</p>
-
-<p>»Ist alles so ganz genau verknüpft,« antwortete Herr Kaper
-mit großer Ruhe, »hängt alles so fest zusammen, daß es sich um
-den Namen nicht handelt! Deutsche Literatur! Was ist sie
-denn anders, als was man alljährlich zweimal in Leipzig kauft
-und verkauft? Je weniger Krebse, desto besser das Buch,
-pflegen wir zu sagen im Buchhandel.«</p>
-
-<p>»Aber der Ruhm?« fragte der junge Rempen.</p>
-
-<p>»Der Ruhm? Herr, was nützt mich Ruhm ohne Geld?
-Gebe ich eine Sammlung gelehrter Reisen mit Kupfern heraus,
-die mich schwer Geld kosteten, so hat zwar meine Firma den
-Ruhm, das Buch verlegt zu haben. Aber wer kauft's, wer
-nimmt's, wer liest das Ding? Sechs Bibliotheken und ein paar
-Büchersammler, das ist alles, und wer geprellt ist, bin ich. Nein,
-Herr von Rempen! Eine vergriffene Auflage von einem Roman,
-eine Messe von höchstens dreißig Krebsen, das ist Ruhm, der
-echte, nämlich Ruhm mit Geld.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist also ungefähr wie Tee mit Rum, es schmeckt
-besser,« erwiderte der Stallmeister, »aber ich meinte den schriftstellerischen
-Ruhm.«</p>
-
-<p>»I nun, das ist etwas anderes,« antwortete er, »den haben
-die Herren neben dem Honorar umsonst. Und den weiß man
-sich zu machen, sehen Sie&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>2.</h3>
-</div>
-
-<p>Doch die Forschungen des Herrn Kaper wurden hier auf
-eine unangenehme Weise durch einen Lärm unterbrochen, der
-im Laden des Italieners entstand. Neugierig sah man nach der
-Türe, welche durch ein Glasfenster einen Ueberblick über den
-unteren Teil des Gewölbes gewährte. Ein ältlicher und zwei
-jüngere Herren schienen in heftigem Streit begriffen; jeder
-sprach, jeder focht mit den Händen; der eine stürzte endlich mit
-hochgeröteten Wangen aus dem Laden, die beiden andern, noch
-keuchend vom Wortkampf, traten in das Gewölbe, wo die Freunde
-saßen.</p>
-
-<p>»Herr Rat! Was ist mit Ihnen vorgefallen!« rief Doktor
-Zundler beim Anblick des älteren Mannes, der, ein gedrucktes
-Blatt in der Hand zerknitternd, atemlos auf einen Stuhl sank.
-»Haben Sie denn nicht gelesen, Doktor Zundler?« antwortete
-für den älteren der jüngere Mann, der unmutig und dröhnenden
-Schrittes im Zimmer auf und ab ging, »nicht gelesen, wie
-wir blamiert sind, nicht gelesen, daß man uns alle zusammen
-hier eine poetische Badegesellschaft, eine Bänkelsängerbande
-nennt?«</p>
-
-<p>»Tod und Teufel!« fuhr der Doktor auf. »Wer wagt es,
-diese Sprache zu führen? Wer wagt, die ersten Geister der
-Nation auf diese Art zu benennen? Ich will nicht von mir
-sagen; was habe ich viel getan, um auf einigen Ruhm Anspruch
-machen zu können? Aber was für andere Männer finden sich
-hier! Sind es nicht &ndash; die schönsten Zierden der Nation? So
-jung Sie sind, Professor, sind denn nicht alle Blätter voll Ihres
-Lobes wegen Ihrer Trauerspiele, und unser Rat&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber büßen sollen sie es mir, büßen,« rief der letztere,
-»so wahr ich lebe, und Zundler, Sie müssen mithelfen und alle,
-die ins Freitagskränzchen kommen. Hab' ich es mir darum
-sauer werden lassen zwanzig Jahre lang, daß man jetzt über mich
-herfällt, und wegen nichts, als wegen der Rezensionen über den
-dummen Roman: ›Die letzten Ritter von Marienburg‹, sonst
-wegen nichts!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span></p>
-
-<p>»Die letzten Ritter von Marienburg,« fragte der Buchhändler,
-der als Mann vom Fach mitsprechen zu müssen glaubte;
-»mich gehorsamst zu empfehlen, Herr Rat, aber ist es nicht bei
-Wenz in Leipzig erschienen, 3 Bände Oktav, Preis 4 Taler
-netto?«</p>
-
-<p>»Und ich will nun einmal diese Schule nicht aufkommen
-lassen,« fuhr der Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören;
-»woher kommt es, daß man keine Verse mehr lesen will, daß man
-die Lyrik verachtet, sei sie auch noch so duftig und gefeilt, daß man
-über die tiefsinnigsten Sonette weggeht wie über Lückenbüßer,
-woher, als von diesen Neuerungen?«</p>
-
-<p>»Aber so zeigen Sie doch, ich bitte,« flüsterte der Doktor,
-das zerknitterte Papier fassend; »ist es denn wirklich so arg, so
-niederschlagend?«</p>
-
-<p>»Lesen Sie immer,« erwiderte der Rat gefaßter, »lesen
-Sie meinetwegen laut, es ist doch in jedermanns Händen; die
-Herren sind ja ohnedies Zeugen meines Schmerzens gewesen,
-und mögen auch Zeugen sein, wie man Redakteur und Mitarbeiter
-eines der gelesensten Blätter behandelt!«</p>
-
-<p>Der junge Mann entrollte das Blatt. »Wie? In den
-Blättern für literarische Unterhaltung? Nein, das hätte ich
-mir nicht träumen lassen; die waren ja sonst immer so nachbarlich,
-so freundlich mit uns! Ist es die Kritik, die anfängt: ›Ehe
-wir noch dieses Buch&nbsp;&ndash;‹«</p>
-
-<p>»Ebendiese, nur zu!«</p>
-
-<p>»Die letzten Ritter von Marienburg, historischer Roman
-von Hüon. 3 Bände. Leipzig. Fr. Wenz.«</p>
-
-<p>»Ehe wir noch dieses Buch in die Hände bekamen, lasen
-wir in den Blättern für belletristisches Vergnügen eine Kritik,
-welche uns beinahe den Mut benahm, diesen dreibändigen historischen
-Roman nur zu durchblättern. Man kann zwar gewöhnlich
-auf das Urteil dieser Blätter nicht viel halten. Es sind
-so wenige Männer von Gehalt dabei beschäftigt, daß der wissenschaftlich
-Gebildete von diesen Urteilen sich nie bestimmen lassen
-kann; doch machte diese Kritik eine Ausnahme. Es ist nämlich eine
-Seltenheit, daß die Blätter für belletristisches Vergnügen etwas
-durchaus tadeln; selten ist ihnen etwas schlecht genug; aber diesmal
-hieben sie so unbarmherzig und greulich ein, daß wir im ersten
-Augenblick, auf die kritische Ehrlichkeit solcher Leute trauend,
-glaubten, dieser Roman müsse die tiefste Saite der Schlechtigkeit
-berührt haben. Doch zu einer guten Stunde entschlossen wir
-uns, nachzusehen, wie tief man es in der deutschen Literatur<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span>
-dermalen gebracht habe. Wir lasen. Aber welch ein Geist
-wehte uns aus diesen Blättern an! Welch mächtiges, erhabenes
-Gebäude stieg vor unsern Blicken auf; ein Gebäude in so hohem,
-erhabenen Stil wie die Marienburg selbst; wir fühlten uns
-fortgerissen, versetzt in ihre Hallen; der letzte Großkomtur und
-seine Ritter traten uns lebend entgegen, und noch einmal ertönte
-jene alte Feste vom Waffenspiel und den kräftigen Stimmen
-ihrer tapfern Bewohner. Wir wollen den Dichter nicht
-tadeln, daß ein Hauch von Melancholie über seinem Gemälde
-schwebt, der keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen gestattet.
-Wo ein so großartiges Schicksal waltet, wo ein ganzes,
-großes Geschlecht untergeht, da muß ja wohl auch die zarte
-Liebe, die nur einen Frühling blühte, mit zu Grabe gehen. In
-diesem außerordentlichen Buche ist ein Geist unter uns getreten,
-so originell, so groß, so frei, daß er keine Vergleichung zuläßt.
-Er nennt sich Hüon, zwar ein angenommener Name, aber gut
-gewählt; denn der Verfasser scheint uns nicht minder würdig, von
-Oberon mit Horn und Becher beschenkt zu werden als jener
-tapfere Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müssen
-einen solchen Jünger Meister wie Goethe und Tieck willkommen
-heißen, und unsere Zeit darf sich glücklich preisen, einen Mann
-wie diesen geboren zu haben.</p>
-
-<p>»Aber mit tiefer Indignation müssen wir hierbei einer
-Clique von Menschen gedenken, die diese edle Blume schon in
-ihrem Keim in den Staub drücken wollten. Freilich ist er euch
-zu groß, zu erhaben, ihr kleinen belletristischen Seelen; möge
-immer diese poetische Badegesellschaft in ihrem lauen Versewasser
-auf und nieder tauchen, nur bespritze sie nicht mit
-ihrem Schlammwasser den Wanderer, der am Ufer geht und sich
-verachtend abwendet. Ein Glück ist es übrigens, daß man anfängt,
-in der guten Gesellschaft auf reinere Melodien zu horchen,
-daß man diese Bänkelsänger dem Straßenpöbel überläßt.«</p>
-
-<p class="right">
-»190.«
-</p>
-
-<p>Für den Stallmeister war es ein interessantes Schauspiel,
-die Gesichter der Zuhörer zu mustern, während der Dichter mit
-schnarrendem Tone diese Kritik ablas. Der Buchhändler, der
-ihm zunächst saß, versteckte schlecht seine Neugierde und eine
-gewisse Behaglichkeit hinter einer unmutigen Miene. Vielleicht
-hatte ihm der Hofrat einmal ein Verlagswerk schlecht rezensiert
-oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum Verlegen
-gegeben oder irgend einer der »Badegesellschaft« hatte ihn beleidigt.
-Er dachte wie so viele kleine Seelen im ähnlichen Falle:<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span>
-»Gottlob, es ist dafür gesorgt, daß die Rezensenten sich immer
-selbst wieder rezensieren.« Der Rat hatte den Mund auf seinen
-Stockknopf gepreßt, und seine Augen irrten auf dem Boden; der
-Theaterdichter zwang sich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die
-ihm vorhin völlig gefehlt hatte. Sein »Ohe!« oder »Ei!«, das
-er hin und wieder mit einem kurzen Lachen herauspreßte, klang
-unnatürlich. Am merkwürdigsten war dem jungen Rempen ein
-stiller Zuhörer, der scheinbar ohne Teilnahme in der Ecke saß,
-der Referendär Palvi. Als der Doktor zu lesen anhub, lauschte
-er mit niedergeschlagenen Augen, dann ergoß sich plötzlich eine
-brennende Röte über seine Stirn und Wangen; sie verschwand
-ebenso schnell als der glänzende Blick seiner großen Augen, den
-er auf den Lesenden warf, und wer diesen Blick, dieses flüchtige
-Erröten nicht gesehen, konnte vor- und nachher glauben, er
-schenke weder diesen Literatoren noch der Ursache ihres Aufbrausens
-einige Aufmerksamkeit.</p>
-
-<p>»Nun was sagen Sie dazu?« fragte der Theaterdichter,
-nachdem Doktor Zundler geendet hatte. »Sie sind ja auch mit
-gemeint, denn zahlreiche Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken
-finden sich von Ihrer Arbeit in den Blättern fürs belletristische
-Vergnügen.«</p>
-
-<p>»Schweigen kann man nicht!« rief der Doktor entrüstet.
-»Ja, wir stehen alle für <em class="gesperrt">einen</em>, und alle, die ins Freitagskränzchen
-kommen, müssen beleidigt sein, müssen sich rächen. Ich
-habe in Berlin einen Bekannten, in den Gesellschafter laß ich es
-rücken durch die dritte Hand, oder vielleicht nimmt es Doktor
-Saphir in die Schnellpost auf, ich kenn' ihn noch von Wien.«</p>
-
-<p>»In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,« fuhr der
-Theaterdichter fort; »ah! wenn nur Marienburg nicht preußisch
-wäre, ich wollte mich rächen, wollte, oh! aber so könnte man
-alles für Anzüglichkeit nehmen. Und gegen die Blätter für
-literarische Unterhaltung kann ich nicht schimpfen, ich habe noch
-drei Trauerspiele dort liegen, die noch nicht rezensiert sind.
-Aber wo ein Loch offen ist, will ich einen Ausfall machen!«</p>
-
-<p>»Ich will untergehen,« sagte der Rat pathetisch, indem er
-seinen Wein bezahlte und den Hut ergriff, »fallen will ich oder
-siegreich hervorschreiten aus diesem Kampf. Die ganze Lyrik
-ist in mir beleidigt, auch alle Romantiker, denn wir haben auch
-Romanzen gemacht, und diese Hermaphrodriten von Geschichte
-und Dichtung, diese Novellenprosaiker, diese Scott-Tieckianer,
-diese &ndash; genug, ich werde sie stürzen; und damit guten Morgen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>Als dieser Rat nach seinem <em class="antiqua">dixi</em> mit vorgeschobenen Knieen
-aus dem Zimmer ging, war er zwar nicht anzusehen wie ein
-Ritter, der zum Turnier schreitet, der Professor aber und der
-Doktor Zundler folgten ihm in schweigender Majestät; sie
-schienen als seine Knappen oder Pagen Schild und Lanze dem
-neuen Orlando furioso nachzutragen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>3.</h3>
-</div>
-
-<p>Bei dem Stallmeister hatte diese Szene, nachdem das
-Komische, was sie enthielt, bald verflogen war, einen störenden,
-unangenehmen Eindruck hinterlassen. Er hatte sich mit der
-schönen Literatur von jeher gerade nur so viel befaßt, als ihm
-nötig schien, um nicht für ungebildet zu gelten; und auch hier
-war er mehr seiner Neigung als dem herrschenden Geschmacke
-gefolgt. Er wußte wohl, daß man ihn bemitleiden würde, wollte
-er öffentlich gestehen, daß er Smollets Peregrine Pickle für den
-besten Roman und einige sangbare Lieder von Kleist für die angenehmsten
-Gedichte halte; er behielt dieses Geheimnis für sich,
-brummte, wenn er morgens ausritt, sein Liedchen, ohne zu
-wissen, welcher Klasse der Lyrik es angehöre, und las, wenn er
-sich einmal ein literarisches Fest bereiten wollte, ausgesuchte
-Szenen im Peregrine Pickle. Ein paar Almanache, ein paar
-schöngeistige Zeitschriften durchflog er, um, wenn er darüber
-gefragt würde, nicht erröten zu müssen. So kam es, daß er vor
-Schriftstellern oder Leuten, »die etwas drucken ließen«, große
-Ehrfurcht hatte; denn seine Seele war zu ehrlich, um ohne
-Gründe von Menschen schlecht zu denken, deren Beschäftigung
-ihm so fremd war als der Hippogryph seinen Ställen. Um so
-verletzender wirkte auf ihn der Anblick dieser erbosten Literatoren.
-»Man tadelt es an Schauspielern,« sprach er zu sich,
-»daß sie außerhalb des Theaters oft roh und ungebildet sich
-zeigen, daß sie Tadel, auch den gerechten, nicht ertragen wollen
-und öffentlich darüber schimpfen und schelten. Aber zeigten sich
-denn <em class="gesperrt">diese</em> Leute besser? Ist es nicht an sich schon fatal, seinen
-Unmut über eine Beschimpfung zu äußern? Muß man das
-Wirtshaus zum Schauplatz seiner Wut machen und sich so weit
-vergessen, daß man wie ein Betrunkener sich gebärdet? Und
-wie schön ließen diese Leute sich in die Karten sehen! Also weil
-sie beleidigt sind &ndash; vielleicht mit Recht&nbsp;&ndash;, wollen sie wieder
-beleidigen, wollen ihre Privatsache zu einer öffentlichen machen?
-Das also sind die Leiter der Bildung, das die feinfühlenden<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
-Dichter, die, wie Freund Zundler sagt, Instrumente sind, die nie
-einen Mißton von sich geben?«</p>
-
-<p>Nicht ohne Kummer dachte er dabei an ein Wesen, das
-ihm vor allen teuer war. Der Buchhändler hatte nicht mit
-Unrecht geäußert, daß Elise Wicklow ein sehr belesenes Frauenzimmer
-sei. Nach Rempens Ansichten über die Stellung und den
-Wert der Frauen schien sie ihm beinahe zu gelehrt, in Stunden
-des Unmuts nannte er es wohl gar überbildet. Er hatte es
-niemand, kaum sich selbst gestanden, daß sie seine stillen Huldigungen
-nicht unbemerkt ließ, daß sie ihm manchen gütigen Blick
-schenkte, aus dem er vieles deuten konnte. Er war zu bescheiden,
-um zu glauben, daß dieses liebenswürdige Geschöpf ihn lieben
-könnte, und dennoch verletzte ihn ihr ungleiches, zweifelhaftes
-Betragen. Es war eine gewisse Koketterie des Geistes, die das
-liebenswürdige Mädchen in seinen Augen entstellte. Wenn er
-zuweilen in freundlichem Geplauder mit ihr war, wenn sie so
-traulich, so natürlich ihm von ihrem Hauswesen, ihren Blumen,
-ihren Vergnügungen erzählte, wenn er sich ganz selig fühlte,
-daß sie so lange, so gerne zu ihm spreche, so führte gewiß ein
-feindlicher Dämon einen jener Literatoren oder Dichter herbei,
-deren diese gute Stadt zwei Dutzend zählte, und Elise war wie
-ausgetauscht. Ihre schönen Augen schimmerten dann vor Vergnügen,
-ihr schlanker Hals bog sich vor, und ohne auf eine Frage
-des guten Stallmeisters zu achten, ohne seine Antwort abzuwarten,
-befand man sich mit Blitzesschnelle in einem kritischen
-oder literarischen Geplänkel, wo Rempen zwar die ungemeine
-Belesenheit, das schnelle Urteil, den glänzenden Witz seiner Dame
-bewundern, sie selbst aber bedauern mußte, daß sie dieser Art
-von Gespräch, diesem gesuchten Vergnügen sichtbarer entgegenkam,
-als es sich für ein Mädchen von achtzehn Jahren schickte.</p>
-
-<p>»Und an dieses Volk, an diesen literarischen Pöbel wirft sie
-ihre glänzendsten Gedanken, ihre zartesten Empfindungen, wirft
-sie Blicke und Worte weg, die einen andern als diese gedruckten
-Seelen überglücklich machen würden. Und fühlen sie es denn?
-Sind sie dadurch geehrt, entzückt? Nur mit ihnen spricht sie
-über das, was sie gelesen, als ob sonst niemand lesen könnte,
-nur ihnen zeigt sie, was sie gefühlt, als ob gerade diese Versmacher
-und Rezensenten die gefühlvollsten Leute wären und ein
-so schönes, liebenswürdiges Wesen zu würdigen verständen.
-Nein, diese Toren sehen es überdies noch als einen schuldigen
-Tribut, als eine geringe Anerkennung ihrer eminenten Verdienste
-an, wenn die Krone aller Mädchen mit ihnen schwatzt<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span>
-wie mit ihresgleichen, während andere wackere Leute in der
-Ferne stehen. Und diese Menschen, die sich heute so niedrig gebärdeten,
-bilden ihren Hofstaat, dies sind die genialen Männer,
-mit welchen sie so gerne spricht!«</p>
-
-<p>Diese Gedanken beschäftigten ihn den ganzen Tag. Sein
-Stallpersonal konnte sich heute gar nicht in ihn finden. Der
-gutmütige, milde Herr war zu einem rauhen, mürrischen Gebieter
-geworden. Die Stallknechte klagten es sich beim Füttern;
-acht Pferde hatte er hinausgejagt durch dick und dünn, und jedes
-hatte einen andern Fehler gehabt. Die Bereiter hatte er zum
-erstenmal streng getadelt, und als es Abend wurde, war man im
-Stall darüber einig, dem Stallmeister von Rempen müsse etwas
-Außerordentliches begegnet sein, vielleicht sei er sogar in Ungnade
-gefallen. Man bedauerte ihn, denn sein leutseliges Wesen
-hatte ihn zum Liebling seiner Untergebenen gemacht.</p>
-
-<p>Und wahrlich, der Abend dieses Tages war nicht dazu gemacht,
-diese düsteren Gedanken zu zerstreuen. Der Geheimrat
-von Rempen, sein Oheim, gab alle vierzehn Tage einen großen
-Klub, in welchem er, das Unmögliche möglich zu machen, die getrenntesten
-Extreme zu vereinigen suchte. Dieser Klub hatte
-sich früher in drei verschiedene Abteilungen getrennt. Es war
-in jener Stadt eine literarische Sozietät, deren Mitglied der
-alte Rempen war; sie versammelte sich, um zu lesen, zu rezensieren,
-gelehrt zu sprechen; an einem andern Tage war großer,
-umwechselnder Singtee, an einem dritten Abend Tanzunterhaltung.
-<em class="antiqua">Tria juncta in uno</em>, drei Köpfe unter <em class="gesperrt">einem</em> Hut,
-sagte der alte Rempen und lud sie alle zusammen ein. Der
-bunteste Wechsel schien ihm die interessanteste Unterhaltung,
-und darum preßte er wie ein Seelenverkäufer Literatoren, Soldaten,
-Justizleute, lese-, gesang- und tanzlustige Damen und
-packte sie in seinen Salon zusammen, zu Tee und Butterbrot,
-in der festen Ueberzeugung, die wahre Springwurzel der Unterhaltung
-gefunden zu haben. Für seinen Neffen aber vereinigten
-sich Himmel und Fegfeuer in diesem Klub. Er hörte Elisen
-singen; seine nahe Verwandtschaft zu dem alten Rempen, der
-keinen Sohn hatte, machte es ihm möglich, wie ein Kind des
-Hauses, nicht wie ein Gast aufzutreten und mit Elisen ungestört
-zu tanzen und zu plaudern. Aber seine Höllenqualen begannen,
-wenn er den Oheim, umgeben von einem Kreise älterer
-und jüngerer Herren, mit wichtiger Miene etwas erklären sah,
-wenn er endlich ein Buch aus der Tasche zog, durchblätterte, es
-im Kreise umher zeigte und die Herren vor Freude stöhnten: &ndash;<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-»Ah &ndash; etwas Neues, schon gelesen? göttlich &ndash; vorlesen, bitte
-vorlesen &ndash; Professor am besten lesen &ndash; in den Saal und lesen.«
-&ndash; »Lesen, vorlesen!« tönte es dann von dem Munde älterer
-Damen und jener Herren, die nicht tanzen wollten, und Elise
-&ndash; nahm mit einer kurzen Verbeugung Abschied, drängte sich
-in den literarischen Kreis, wurde als Königin des guten Geschmacks
-begrüßt, hatte gewöhnlich das Buch schon gelesen,
-stimmte für die Vorlesung und war für den armen Stallmeister
-auf den ganzen Abend verloren.</p>
-
-<p>Mit diesen trüben Erinnerungen gelangte er an das Haus
-seines Oheims. Er war eben im Begriff einzutreten, als das
-Gespräch zweier Männer, die sich diesem Hause näherten, seine
-Aufmerksamkeit auf sich zog. Soviel der matte Schein einer
-fernen Laterne erraten ließ, war der eine ein ältlicher, dürftig
-gekleideter Mann, der andere jünger, höher und festlich gekleidet.</p>
-
-<p>»Brüderchen!« sprach der ältere mit einem Accent, der
-nicht dieser Gegend angehörte; »Brüderchen, bleibt mir aus
-dem fatalen Haus! So oft Ihr wieder herauskommt, seid Ihr
-zwei, drei Tage ein geschlagener Mann. Laßt die Bursche dort
-oben in Gottes Namen auf Stelzen gehen und Unsinn schwatzen,
-bleibt aber nur Ihr hinweg, 's ist noch Euer Tod!«</p>
-
-<p>»Ich muß sie sehen, Alter!« sprach der jüngere, »ich muß sie
-hören. Es gehört zu meinem Glück, sie gesehen zu haben.«</p>
-
-<p>»Ihr seid ein Narr!« erwiderte der andere, »sie mag Euch
-nicht, sie will Euch nicht. Ihr seid ein armer Teufel und gehört
-nicht in diese Sozietät. Aber fassen kann ich Euch nicht!
-'s gehört ein Wort dazu, nur ein Wörtchen, ein bißchen von
-einem Geständnis, und Ihr könnt vielleicht glücklich sein. Geh
-fort, geh fort; scherwenze in der nobeln Welt, werde ein Schuft
-wie alle und vergiß den alten, armen Bunker, lebe wohl, will
-nichts mehr von dir.«</p>
-
-<p>Er wollte unmutig weggehen, aber der junge Mann hielt
-ihn auf. »Sei vernünftig,« bat er; »willst auch du mich noch
-elend machen? Tu es immer, laß mich liegen wie einen Hund,
-wenn du es über dein Herz vermagst. Ich bin ja ohnedies unglücklich
-genug.«</p>
-
-<p>»Jammere nur nicht so!« sprach der Alte gerührt. »Geh
-hinauf, wenn du es nicht lassen kannst; aber bleibe nicht da,
-wenn sie vorlesen; du ärgerst dich! Komm zu mir!«</p>
-
-<p>»Ich komme,« erwiderte der jüngere nach einigem Nachsinnen.
-»Um zehn Uhr will ich kommen. Wohin?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span></p>
-
-<p>»Heute in den Entenzapfen, im Rosmarin ist heilloses
-Volk, Schneider und Schuster und die Affen und Bären aus
-den Druckereien, es ist heute Montag. Aber Brüderchen, im
-Entenzapfen ist Cerevis, man trinkt es in Augsburg nicht
-besser.«</p>
-
-<p>Ein Wagen mit hellglänzenden Laternen rollte in diesem
-Augenblick auf das Haus zu, der junge Mann sagte eilig zu,
-und der Alte schlich langsam die Straße hin. Der Stallmeister
-konnte sich kaum von seinem Erstaunen erholen. Wer konnte
-aus so sonderbarer Gesellschaft in den Tanzsaal seines Oheims
-kommen? Noch sonderbarer schien es ihm, daß man diesen
-glänzenden Klub, der alle geistreiche und noble Welt der Stadt
-vereinigte, verlassen wollte, um in dem Entenzapfen Bier zu
-trinken, in einer Winkelkneipe, die er kaum dreimal von seinen
-Stallknechten hatte rühmen gehört. Er setzte dem sonderbaren
-Gast, der flüchtig die Treppe hinaneilte, nach, er holte ihn im
-hell erleuchteten Korridor ein, er ging an ihm vorüber, sah sich
-um und erblickte das düstere Auge und die markierten Züge
-des Referendärs Palvi.</p>
-
-<p>Verworrene Gedanken flogen vor seiner Seele vorüber,
-als er ihn erkannte; seine Worte: »Ich muß sie sehen,« der
-Wink des Buchhändlers, Palvi sei früher in einem Verhältnis
-zu Elisen gestanden, Staunen über die sonderbaren Reden mit
-dem Alten, wunderliche Sagen, die er früher über diesen Palvi
-vernommen, alle diese Gedanken wollten auf einmal zur Klarheit
-dringen und machten, daß er sich vornahm, über <em class="gesperrt">eines</em>
-wenigstens sich diesen Abend Gewißheit zu verschaffen, über sein
-Verhältnis zu Elisen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>4.</h3>
-</div>
-
-<p>Der größte Teil der Gesellschaft hatte sich schon versammelt,
-als die jungen Männer eintraten. Des Stallmeisters scharfes
-Auge durchirrte den Damenkreis, der an den Wänden hin sich
-ausbreitete; er fand endlich Elisen an einem fernen Fenster im
-Gespräch mit seiner Tante; aber ihr schönes Gesicht hatte nicht
-den Ausdruck von Heiterkeit und Laune, die er sonst so gerne
-sah, sie lächelte nicht, sie schien verstimmt. Es kostete ihn
-einige künstlich angeknüpfte Gespräche, einige Neuigkeiten vom
-Hofe, im Vorübergehen erzählt, um sich an jenes Fenster durchzuwinden.</p>
-
-<p>Die Tante sprach so eifrig, Elise hörte so aufmerksam zu,
-daß er endlich die herabhängende Hand der Tante erfassen und<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span>
-ehrerbietig küssen mußte, um sich bemerklich zu machen. Elisens
-Wangen glühten, als sie ihn erblickte, und die Tante rief staunend:
-»Wie gerufen, Julius! Ich sprach soeben mit dem Fräulein
-von dir, du kannst dir etwas darauf einbilden, so gut wird
-es dir nicht alle Tage.«</p>
-
-<p>»Und was war der Inhalt Ihres Gespräches, wenn man
-fragen darf?«</p>
-
-<p>»Deine Klagen von letzthin,« erwiderte die Tante lachend.
-»Dein Kummer, daß dich das Fräulein mitten in der Rede
-stehen gelassen habe, um mit irgend einem eminenten Dichter zu
-verkehren. Doch am besten machst du dies mit Fräulein Elise
-selbst aus,« setzte sie hinzu und ging weiter.</p>
-
-<p>Elise schien sich wirklich einer kleinen Schuld bewußt, denn
-sie schlug die Augen nieder und zögerte zu sprechen; als aber
-Rempen bei seinem unmutigen Schweigen verharrte, sagte sie
-halb lächelnd, halb verlegen: »Ich gestehe, es war nicht artig,
-und sicher würde ich es mir gegen einen Fremden nicht erlaubt
-haben; aber daß <em class="gesperrt">Sie</em> mir dergleichen übelnehmen, da Sie
-meine Weise doch kennen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»So stünde ich Ihnen denn näher als jene gelehrten und
-berühmten Herren?« erwiderte er, freudig bewegt. »Darf es
-sogar als ein Zeichen Ihres Zutrauens nehmen, wenn Sie mich
-so plötzlich verlassen, um zu jenen zu sprechen?«</p>
-
-<p>»Sie sind zu schnell, Herr Stallmeister!« sagte sie. »Ich
-meinte nur, weil Sie meine Eltern kennen und ich viel zu
-Ihrer Tante komme, müsse man die Konvenienz nicht so genau
-berechnen. Und muß man denn im Leben alles so ängstlich
-berechnen?«</p>
-
-<p>Sie bemerkte dies halb zerstreut, und es entging Rempen
-nicht, daß ihr Auge eine andere Richtung genommen habe, als
-zu ihrer Rede passe, er verfolgte diesen Blick und traf auf Palvi,
-der mit einem ältlichen Herrn sprach und zugleich seine Blicke
-brennend und düster auf Elisen heftete. Ein tiefer Atemzug
-stahl sich aus ihrer Brust, als sie ihre Augen, die weder zärtlich
-noch freudig glänzten, von ihm abwandte. Sie errötete, als sie
-bemerkte, wie ihr Nachbar die Richtung ihrer Blicke bemerkt
-habe, und halb verlegen, halb zerstreut flüsterte sie: »Wie
-kommt doch er hieher zu Ihrem Onkel?«</p>
-
-<p>Der Stallmeister war so boshaft, sie zu fragen, wen sie
-denn meine.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>»Den Referendär Palvi,« antwortete sie leichthin, als wollte
-sie ihre vorige Frage verbessern, »er ist vielleicht mit Ihrem
-Hause bekannt?«</p>
-
-<p>»Ich kenn' ihn nicht,« erwiderte der Stallmeister etwas
-ernst; »doch warum sollte er nicht hier sein? Kennen Sie ihn
-vielleicht? Man sagt, es sei ein Mann von schönen Talenten,
-der&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie freut es mich, dich wieder gesund zu sehen, Klothilde!«
-rief seine Nachbarin und hüpfte auf ein Mädchen zu, das sechs
-Schritte von ihr entfernt stand; verblüfft, als hätte er einen
-dummen Streich begangen, stand der Stallmeister und sah ihr
-nach.</p>
-
-<p>Man hatte indessen um Ruhe und Stille gebeten; ein Fräulein
-von kleiner Gestalt, aber gewaltiger Stimme wollte sich
-hören lassen und stellte sich zu diesem Zweck auf ein gepolstertes
-Fußbänkchen hinter ein elegantes Notenpult. Die Männer setzten
-sich Stühle hinter die Frauen, die Frauen machten erwartungsvolle
-Mienen, und es war so tiefe Stille in dem großen
-Zimmer, daß man nur die Bedienten hin und wieder »Ist's gefällig«
-brummen hörte, wenn sie Tee anboten. Beim ersten
-Takt, den man zur Begleitung des kleinen Fräuleins auf dem
-Flügel anschlug, entwich der junge Rempen in ein Nebenzimmer,
-um ungestört seinen Gedanken nachzuhängen; er zog weiter,
-wandelte einigemal im Salon auf und ab, bog dann in die nächste
-Türe, dem Ende der Enfilade zu. Im letzten Zimmer saß ein
-Mann in einem Sofa, der die Stirne in die Hand gelegt hatte.
-Bei Rempens Nähertreten wendete er den Kopf, und den Stallmeister
-hatte seine schnelle Ahnung nicht betrogen, es war Palvi.</p>
-
-<p>»Auch Sie scheinen die Musik nicht in der Nähe zu lieben,«
-sagte Julius, indem er sich zu ihm auf das Ruhebett setzte;
-»kaum bis hieher dringen die zarteren Töne.«</p>
-
-<p>»Es geht mir damit wie mit dem Geruch stark duftender
-Blumen,« erwiderte Palvi mit angenehmer Stimme. »Mit
-diesen Düften in einem verschlossenen Zimmer zu sein, macht
-mich krank und traurig, aber im Freien, so aus der Ferne
-atme ich ihren Balsam mit Wollust ein, ich unterscheide und
-errate dann jede einzelne Nuance, ich möchte sagen, jede Schattierung,
-jeden Ton, jeden Uebergang des Geruches.«</p>
-
-<p>»Sie haben recht, jede Musik gewinnt durch Entfernung,«
-bemerkte Rempen; »aber das jammervollste ist mir, jemand
-singen sehen zu müssen. Besonders ängstigt mich die kleine
-Person, die jetzt eben etwas vorträgt. Sie ist nett, beinahe zierlich<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span>
-gebaut, aber alle Gliederchen <em class="antiqua">en miniature</em>. Nun stellt man
-sie immer auf ein Fußbänkchen, damit sie gesehen wird. Hinter
-ihr steht der Musikdirektor mit der Violine. Von Anfang macht
-es sich ganz gut. Der Direktor spielt <em class="antiqua">piano</em> und verzieht höchstens
-den Mund links und rechts nach dem Strich seines Fiedelbogens,
-nach und nach kommt er ins Feuer, ›<em class="antiqua">Forte, piu forte</em>‹,
-flüstert er und wackelt mit dem Kopf; jetzt fängt auch die Kleine
-an sich zu heben; anfänglich wiegt sie sich auf den Zehen und bewegt
-die Ellbogen, als nähme sie einen kleinen Anlauf zum
-Fliegen; doch <em class="antiqua">crescendo</em> mit des Musikers Perpendikularbewegungen
-schreiten ihre Gebärden vor, sie weht und rudert mit den
-Armen, sie hebt und senkt sich, bis sie im höchsten Ton auf den
-Zehenspitzen aushält und &ndash; wie leicht kann da die Fußbank umschlagen!«</p>
-
-<p>Der Referendär lächelte flüchtig: »Beinahe noch verschiedener
-als beim Lachen gebärden sich die Menschen, wenn sie
-singen,« sagte er. »Haben Sie nie in einer evangelischen Kirche
-die Mienen der Weiber unter dem Gesang betrachtet? Betrachten
-Sie ein zartes, schwärmerisches Kind von sechzehn
-Jahren, das mit rundgewölbten Lippen, Frieden und Andacht
-in den Zügen, die zarten Wimpern über die feuchten Augen
-herabsenkt, seinen Schöpfer lobt. Sie können aus den vielen
-Hunderten ihre Stimme nicht herausfinden, und doch sind Sie
-überzeugt, sie müsse weich, leise, melodisch sein. Setzen Sie
-neben das Kind zwei ältliche Frauen, die eine wohlbeleibt, mit
-gut genährten Wangen und Doppelkinn, die Augen gerade vor
-sich hinstarrend, die andere etwas vergelbt, mit runzligen,
-dürren Zügen und spitzigem Kinn, auf die gebogene Nase eine
-Brille geklemmt &ndash; und Sie werden erraten können, daß die
-Dicke einen hübschen Baßton murmelnd singt, die andere in die
-höchsten Nasentöne und Triller hinaufsteigt.«</p>
-
-<p>»Sie scheinen genau zu beobachten,« antwortete lachend der
-Stallmeister. »Es fehlt nur noch, daß Sie die dicke Frau mit
-dem murmelnden Baßton für die Mutter der Kleinen, die
-spitzige aber für ihre ledige Tante ausgeben, eine alte Jungfer,
-die nicht sowohl von unserem Herrgott als von den Nachbarinnen
-gehört sein will. Was sagen Sie aber zu der sonderbaren
-Gewohnheit der Primadonna unserer Oper? In den tiefen
-Tönen ist ihr hübsches Gesicht ernsthaft, beinahe melancholisch;
-wenn sie aber aufsteigt, klärt es sich auf, und hat sie nur erst
-die oberen Doppeltgestrichenen hinter sich, so schließt sie die
-Augen wie zu einem seligen Traum, sie lächelt freundlich und<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span>
-hold, und lächelt, bis sie wieder abwärts geht. Gleichgültig ist
-ihr dabei, was sie für Worte singt. Sie könnte in den tiefsten
-Tönen: ›Ich liebe dich, meines Herzens Wonne,‹ singen und
-ungemein ernsthaft dabei aussehen, und könnte ebenso leicht
-›Ich sterbe, Verräter!‹ in den höchsten Rouladen schreien und
-ganz hold und anmutig dazu lächeln. Wie erklären Sie dies?«</p>
-
-<p>»Es ist nicht schwer zu erklären,« entgegnete Palvi nach
-einigem Nachsinnen; »die tiefen Töne fallen ihr etwas schwer;
-sie muß drücken, etwa wie man einen großen Bissen hinabwürgt,
-und unmöglich kann sie das mit heiterem Gesicht; mit den hohen
-Tönen geht es aber wohl folgendermaßen zu: als sie noch jung
-war und die höheren Töne sich erst in ihrer echten Kraft bildeten,
-mochte sie einen Lehrmeister haben, der ihr unerbittlich
-alle Tage die Skala bis oben hinauf vorgeigte. Für einen
-klaren höchsten Ton bekam sie wohl ein Stück Kuchen, ein Tuch
-oder sonst dergleichen etwas; je höher sie es nun brachte, desto
-freudiger strahlte ihr Gesicht vor Vergnügen über ihre eigenen
-Töne, und so mochte sie sich angewöhnt haben, mit der freundlichsten
-Miene zu singen: ›Ich verzweifle!‹«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick ertönte eine reine, volle Frauenstimme
-in so schmelzenden, süßen Tönen, daß die beiden Männer
-unwillkürlich ihre Rede unterbrachen und lauschten. Eine
-leichte Röte flog über Rempens Gesicht, denn er erkannte diese
-Stimme. Sein Auge begegnete dem dunkeln Auge Palvis, das
-wohl eine Weile prüfend auf seinen Zügen verweilt haben
-mochte.</p>
-
-<p>»Kennen Sie die Stimme?« fragte Rempen etwas befangen.</p>
-
-<p>»Ich kenne sie,« erwiderte jener und stand auf.</p>
-
-<p>»Und wollen Sie sich den Genuß vermindern und näher
-treten?«</p>
-
-<p>»Ich möchte wohl auch die Worte des Textes hören,« entschuldigte
-sich jener nicht ohne Verlegenheit.</p>
-
-<p>Der Stallmeister folgte ihm; Palvi schwebte schnellen, aber
-leisen Schrittes über den Boden hin und setzte sich unweit des
-Zimmers nieder, wo Elise sang, auf ein Bankett, indem er
-Rempen durch einen stummen Wink einlud, sich neben ihn zu
-setzen. Sie lauschten; es war die bekannte Melodie einer jener
-alten französischen Romanzen, die, indem sie durch ihren ungekünstelten
-Wohllaut dem Ohre schmeicheln, in mutigen Tönen
-das Herz erheben; aber ein deutscher Text war untergelegt,
-Worte, von welchen die Sängerin selbst wunderbar ergriffen<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span>
-schien, denn sie trug sie mit einem Feuer vor, das ihre Zuhörer
-mit erfaßte.</p>
-
-<p>Der junge Rempen fühlte sein Herz von Liebe zu der
-Sängerin wie von dem hohen Schwung ihres Gesanges mächtiger
-gehoben; aber mit Verwunderung und Neugierde sah er
-die tiefe Bewegung, die sich auf den Zügen seines Nachbars
-ausdrückte. Seine Augen strahlten, sein Haupt hatte sich mutig
-und stolz aufgerichtet, und um Wangen und Stirne wogte eine
-dunkle Röte auf und ab, jene Röte, die ein erfülltes, von irgend
-einer mächtigen Freude überraschtes Herz verrät.</p>
-
-<p>Mit gekrümmtem Rücken, auf den Zehenspitzen schlich jetzt
-der Oheim Rempen heran. Schon von weitem drückte er seinem
-Neffen durch beredtes Mienenspiel seinen Beifall über den herrlichen
-Gesang aus, und als er nahe genug war, flüsterte er:
-»Heute singt sie wieder wie die Pasta, voll Glut, voll Glut; und
-der schöne Text, den sie untergelegt hat! &ndash; er ist aus einem
-neuen Roman, die letzten Ritter von Marienburg.«</p>
-
-<p>Der junge Mann winkte seinem Oheim ungeduldig, stille
-zu sein; der Alte schlich weiter zu einer anderen Gruppe, und
-die beiden lauschten wieder ungestört, bis der Gesang geendet
-war.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>5.</h3>
-</div>
-
-<p>Rauschender Beifall füllte nun das Gemach, man drängte
-sich um die Sängerin, und auch Rempen folgte seinem Herzen,
-das ihn zu Elisen zog. Aber schon war sie von einem halben
-Dutzend jener Literatoren umlagert, die ihn immer verdrängten.
-»Welch herrliches Lied!« hörte er den Doktor Zundler sagen,
-»welche Kraft, welche Fülle von Mut, und wie zart gehalten!«
-Doch dem Stallmeister entging nicht, daß der Hofrat, der ebenfalls
-bei der Gruppe stand, den jungen Doktor durch einen
-freundschaftlichen Rippenstoß aufmerksam darauf zu machen
-schien, daß er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Er erschrak, errötete
-und fragte in befangener Verlegenheit, woher das Fräulein
-das schöne Lied habe?</p>
-
-<p>»Es ist aus den letzten Rittern von Marienburg, von
-Hüon.« Ein Gemurmel des Staunens und Beifalls lief durch
-die dichten Massen, als man diesen Titel hörte. »Wie, ein
-neuer Roman? &ndash; Ah, derselbe, welchen die Blätter fürs
-belletristische Vergnügen so tüchtig ausg&ndash; Sie sind ja da, leise,
-leise. &ndash;&nbsp;&ndash; Wo kann man den Roman sehen?« &ndash; So wogte
-das Gespräch und Geflüster auf und ab, bis der Wirt des Hauses<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span>
-mit triumphierendem Lächeln ein Damenkörbchen an seidenen
-Bändern in die Höhe hielt, es öffnete und ein Buch hervorzog.
-Er schlug den Titel auf, er zeigte ihn der gespannten Gesellschaft,
-und mit freudigem Staunen las man in großen gotischen
-Lettern: »Die letzten Ritter von Marienburg.« &ndash; »Vorlesen,
-bitte, vorlesen,« tönte es jetzt von dreißig, vierzig schönen Lippen,
-und selbst die jungen Männer, die sonst diese Unterhaltung
-weniger liebten, stimmten für die Vorlesung. Aber eine
-nicht geringe Schwierigkeit fand sich jetzt in der Wahl des
-Vorlesers; denn jene Literatoren, die sonst in diesem Zirkel
-dieses Amt bekleidet hatten, stemmten sich heute bestimmt dagegen;
-der eine war erhitzt, der andere hatte Katarrh, der dritte
-war heiser, und allen war die Unlust anzusehen, daß nicht ihre
-eigenen Produkte, sondern fremde Geschichten vorgelesen werden
-sollten.</p>
-
-<p>»Ich wüßte keinen Besseren vorzuschlagen,« sagte endlich
-ein Kriminalpräsident von großem Gewicht, »als dort meinen
-Referendär Palvi; wenigstens zeugen seine Referate von sehr
-guter Lunge und geschmeidiger Kehle.« Indem der Kriminalpräsident
-seinen eigenen Witz belachte und im Chorus sechs
-Juristen pflichtgemäß mit einstimmten, verbeugte sich der junge
-Mann, an welchen die Rede ging, während eine flüchtige Röte
-über sein Gesicht zog, und zur Verwunderung der Gesellschaft,
-die ihn sehr wenig kannte, ergriff er das Buch und die Tasche
-und fragte bescheiden, welcher von den Damen beides gehöre?</p>
-
-<p>Dem Stallmeister, der hinter ihm stand, hatte dies längst
-sein scharfes Auge gesagt. Elise war flüchtig errötet, als der
-Onkel den Beutel emporgehoben und das Buch daraus hervorgeholt
-hatte. Als aber Palvi anfragte, als er mit seinem
-dunkeln Auge den Kreis der Damen überstreifte und bei ihr
-stillestand, da goß sich ein dunkler Karmin über Stirne, Wangen
-und den schönen Hals des Fräuleins; sie schien überrascht, verlegen,
-und als jene Röte ebenso schnell verflog, schien sie sogar
-ängstlich zu sein. »Das Buch gehört mir, Herr von Palvi,«
-sagte sie schnell und mit einem kurzen Blick auf ihn. »Und werden
-Sie erlauben, daß daraus vorgelesen wird? Daß <em class="gesperrt">ich</em>
-daraus vorlese?« fragte er weiter.</p>
-
-<p>»Ich habe hier nichts zu bestimmen,« erwiderte sie, ohne
-aufzusehen, »doch das Buch steht zu Diensten.«</p>
-
-<p>»Nun dann nicht gesäumt!« rief der Oheim. »Sessel in
-den Kreis und ruhig sich gesetzt und andächtig zugehört, denn ich
-denke, wir werden einen ganz angenehmen Genuß haben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>Man tat nach seinem Vorschlag; in bunten Kreis setzte sich
-die zahlreiche Gesellschaft, und sei es, daß man auch hier Fräulein
-Elise als literarische Königin ansah, oder war es eine sonderbare
-Fügung des Zufalls, der Vorleser kam so gerade ihr
-gegenüber zu sitzen, daß, so oft sie die Augen aufhob, diese
-schönen Augen auf ihn fallen mußten.</p>
-
-<p>»Aber, Freunde,« bemerkte die Dame vom Hause, »dieser
-Roman hat, soviel ich weiß, drei Bände; wollen wir sie alle anhören,
-so kommt unsere junge Welt heute nicht mehr zum Tanzen,
-und wir andern nicht zum Spiel; ich denke, man wählt die
-schönsten Stellen aus.«</p>
-
-<p>»Wer aber soll sie wählen?« fiel ihr Gatte ein. »Das Ding
-ist nagelneu, niemand hat es gelesen; doch Fräulein Wicklow
-wird uns helfen können. Können Sie nicht schöne Stellen andeuten
-und uns den Faden des übrigen geben?«</p>
-
-<p>Man bat so allgemein, so dringend, daß Elise nach einigem
-Zögern nachgab. »Der Roman,« sagte sie, »spielt, wenn ich mir
-die Jahreszahl richtig gemerkt habe, in den Jahren 1455 bis
-1456 in und um Marienburg in Ostpreußen. Der Deutsche
-Orden ist von seinen früheren einfachen und reinen Sitten abgekommen;
-dies und innerer Zwiespalt, wie Neid und Anfeindungen
-von allen Seiten her, drohen einen baldigen Umsturz
-der Dinge herbeizuführen, wie denn auch durch den Verrat
-böhmischer Ordenssoldaten, gegen Ende des dritten Teils,
-Marienburg für den Orden auf immer verloren geht. Auf
-diesem geschichtlichen Hintergrund ist aber die interessante Geschichte
-eines Verhältnisses zwischen einem jungen deutschen
-Ritter und einem Edelfräulein aufgetragen. Sie ist die Tochter
-des Kastellans von Marienburg, eines geheimen und furchtbaren
-Feindes des Ordens, der, anscheinend dem Deutschmeister
-befreundet, nur dazu in Marienburg lebt, um jede Blöße des
-Ordens den Polen zu verraten. Der Roman beginnt in der
-Ordenskirche, wo die Ritter und viele Bewohner von Marienburg
-und der Umgegend bei einem feierlichen Hochamt versammelt
-sind, um den Tag zu feiern, an welchem vor vielen
-Jahren der erste Komtur mit seinem Konvent in dieser Burg
-einzog. Der letzte Meister, Ulrich von Elrichshausen, ein
-Mann, der sich dem nahenden Verderben noch entgegenstemmen
-will, hält eine eindringliche Rede an die Ordensglieder. Der
-Gottesdienst endet mit einer feierlichen, lateinischen Hymne.
-Indem zwei der jüngsten Ritter, nach der Sitte bei solchen
-Gelegenheiten, den vornehmsten fremden Besuchern das Geleite<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span>
-bis in den Vorhof geben, bemerkt der eine von ihnen, daß der
-andere im Vorbeistreifen ein kleines Päckchen in die Hand einer
-verschleierten Dame gedrückt habe. Die Kirche ist leer, und im
-zweiten Kapitel fragt nun der erstere den zweiten um die Bedeutung
-dessen, was er gesehen. Er ist sein Waffenbruder, ein
-Bündnis, das nach der Sitte der Zeit fester als irgend ein
-Freundschaftsband galt, und Elrichshausen, der Neffe des Meisters,
-der Held des Romans, gesteht ihm endlich sein Verhältnis
-zu der Dame, erzählt ihm von seinem Leben, seinen trostlosen
-Aussichten.</p>
-
-<p>»Der Freund ratet ab, Kuno aber verschmäht jede Warnung
-und bittet jenen, er möchte ihn an diesem Abend zu einer
-Zusammenkunft mit der Geliebten begleiten. Diese Zusammenkunft
-in einem verfallenen Teil des älteren Schlosses ist so
-schauerlich schön, daß ich möchte, sie würde ganz gelesen.«</p>
-
-<p>Palvi las. Wer je ein Buch, das er sonst nicht kannte, in
-Gesellschaft vorgelesen, der weiß, daß etwas Beunruhigendes in
-dem Gedanken liegt, daß man mit gehaltener Sicherheit auf
-einem Felsenpfade gehen soll, den man noch nie betreten. Dieses
-beängstigende Gefühl wächst, wenn es ein Gespräch ist, das man
-vorträgt. Man kann den Atem, den Rhythmus, den Ausdruck
-der Empfindung nicht richtig abmessen und verteilen, man weiß
-nicht, ob jetzt die höchste Höhe der Lust ausgedrückt ist, ob jetzt
-der Dichter die tiefste Saite der Wehmut berührt habe, ob er
-nicht noch tiefere Akkorde anschlagen werde; und der Zuhörer
-pflegt diese Unsicherheit störend mitzuempfinden. Aber wunderbar
-las dieser junge Mann, den ein zufälliger Scherz seines
-Vorgesetzten zum Vorleser gestempelt hatte. Es war, als lese er
-nicht mit den Augen, sondern mit der Seele ohne dieses Organ,
-als spreche er etwas längst Gedachtes, eine Erinnerung aus,
-als kenne er den Inhalt, den Geist dieser Blätter, und sein
-Gedächtnis habe das Buch nur wegen der zufälligen Wortstellung
-von nöten. Wenn das, was er las, nicht durch Inhalt und
-Form so großartig, dieses Gespräch zweier Liebenden so neu, so
-bedeutungsvoll gewesen wäre, diese Art, etwas vorzutragen,
-hätte zur Bewunderung hinreißen müssen.</p>
-
-<p>Wir fürchten zu ermüden, wollten wir den Gang der Gefühle
-im Gespräch dieser Liebenden verfolgen. Wir bemerken
-nur, daß der jüngere Teil dieser Gesellschaft mächtig davon ergriffen
-wurde, daß Fräulein Elise, die anfangs den Vorleser mit
-scheuen, staunenden Blicken angesehen hatte, in tiefer Rührung<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span>
-die Augen senkte und kaum so viel Fassung fand, ihre Erzählung
-weiter fortzusetzen.</p>
-
-<p>»Die Liebenden,« sagte sie, »so wenig Trost im Schluß
-dieser Szene lag, sind zufrieden in dem Gedanken an die Gegenwart.
-Je dunkler aber die Zukunft vor ihnen liegt, desto angenehmer
-dünkt es ihnen, die Gegenwart mit schönen Träumen
-auszufüllen. Der Deutschmeister bekommt die Nachricht, daß
-der Kaiser, von den Einflüsterungen Polens halb besiegt, dem
-Orden zürne, ihm namentlich innere Zügellosigkeit vorwerfe.
-Der Meister versammelt daher ein Kapitel, wo er die Ritter
-anredet. Diese Stelle ist eine der trefflichsten im Buche, denn
-der Verfasser befriedigt hier auf wunderbare Weise zwei Interessen.
-Indem der Meister die Verhältnisse des Ordens bis
-auf die zartesten Nuancen aufdeckt und berechnet, bekommt der
-Leser nicht nur ein schönes Bild von dem einsichtsvollen, umsichtigen
-Ulrich von Elrichshausen, von der erhabenen Würde
-eines Nachfolgers so großer Meister, von der gebietenden Stellung
-eines Herrschers auf Marienburg, sondern er bekommt auch
-auf ungezwungene und natürliche Weise eine Uebersicht über die
-historische Basis des Romans. Der Meister schärft die Haus-
-und Sittengesetze und schließt mit einer furchtbaren Drohung
-für den Uebertreter.</p>
-
-<p>»Der Held des Romans, voll schönen Glaubens an alles
-Edle und Reine, sieht in seiner Freundschaft für Wanda, so
-heißt das Fräulein, kein Unrecht. Er setzt, begleitet von seinem
-Freunde, die nächtlichen Zusammenkünfte fort. In eine derselben
-ist ein wunderschönes Märchen eingewoben, eine Sage,
-die man auch mir in meiner Kindheit oft erzählt haben muß,
-denn sie klang mir wie alte Erinnerungen.«</p>
-
-<p>Sie hielt inne; mit einem Blick voll Liebe und Wehmut
-fragte Palvi, ob er das Märchen lesen solle? Sie nickte ein
-kurzes Ja, und er las. Der junge Rempen hatte während des
-Märchens sein Auge fest auf Elisen gerichtet. Er bemerkte, daß
-sie anfangs heiter zuhörte, mit einem Gesicht, wie man eine bekannte
-Lieblingsmelodie hört und die kommenden Wendungen
-zum voraus erratet; nach und nach wurde sie aufmerksamer; es
-kamen einige sonderbare Reime vor, die Palvi so rasch und mit
-so eigenem, singendem Tone vortrug, daß sie dadurch tief ergriffen
-schien; Erinnerungen schienen in ihr auf und nieder zu
-tauchen, sie preßte die Lippen zusammen, als unterdrücke sie
-einen inneren Schmerz; er sah, wie sie bleich und immer blässer
-wurde, er sah sie endlich ihrer Nachbarin etwas zuflüstern, sie<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span>
-standen beide auf, aber ebenso schnell sank Elise wieder kraftlos
-auf ihren Stuhl zurück.</p>
-
-<p>Die Bestürzung der Gesellschaft war allgemein. Die Damen
-sprangen herzu, um zu helfen, aber sei es, daß, wie es oft zu
-geschehen pflegt, gerade das unangenehme Gefühl dieser störenden,
-geräuschvollen Hilfe sie wieder emporraffte, oder war es
-wirklich nur etwas Vorübergehendes, ein kleiner Schwindel,
-der sie befiel, sie stand beinahe in demselben Moment wieder
-aufrecht, bleich, aber lächelnd, und konnte sich bei der Gesellschaft
-entschuldigen, diese Störung veranlaßt zu haben.</p>
-
-<p>An Erzählen und Vorlesen war übrigens nach diesem Vorfall
-heute abend nicht wohl wieder zu denken, und man nahm
-mit Vergnügen den Vorschlag an, sich am übernächsten Nachmittage
-in einem öffentlichen Gartensalon zu versammeln und
-die Ritter von Marienburg gemeinschaftlich zu genießen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>6.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Stallmeister fühlte sich von dieser Szene auf mehr
-als eine Weise ergriffen; er konnte zwar Palvi nichts vorwerfen,
-er hatte zwei Worte mit Elisen und diese öffentlich
-gesprochen; es war, wenn er selbst auch wirkliche Rechte auf das
-Fräulein gehabt hätte, kein Grund zur Eifersucht da, denn sie
-schien jenen sogar zu scheuen, zu fliehen; aber dennoch lag etwas
-so Rätselhaftes in Palvis Betragen, etwas so schmerzlich Rührendes
-in seinen Mienen, und doch wieder in seinem ganzen Wesen
-eine so gehaltene Würde, daß Rempen sich vornahm, was es
-ihn auch kosten möge, Aufschluß über ihn zu suchen. Der Oheim
-war bemüht, die frühere Ordnung und Freude herzustellen.
-Spieltische wurden herbeigetragen, und aus dem Salon lud eine
-Violine und die lockenden Akkorde einer Harfe die junge Welt
-zum Tanzen ein.</p>
-
-<p>Mit bewachenden Blicken folgte der Stallmeister Palvi,
-der, noch immer das Buch in der Hand haltend, gedankenvoll
-umherging. In einer Vertiefung des Fensters saß Elise. Eben
-ging eine Freundin von ihr weg, und Rempen nahm wahr, wie
-sich Palvi ihr zögernd nahte, wie er ihr mit einer tiefen Verbeugung
-das Buch überreichte. Schnell trat auch er hinzu, und
-nur die breite, dunkelrote Gardine trennte ihn von den beiden.</p>
-
-<p>»Elise,« hörte er den jungen Mann sagen, »seit zehn Monaten
-zum erstenmal wird es mir möglich, so nahe zu stehen,
-nur <em class="gesperrt">eine</em> Bitte habe ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p>
-
-<p>»Schweigen Sie,« sagte sie in leisen, aber leidenschaftlichen
-Tönen, »ich will nichts hören, nichts sprechen! ich habe Ihnen
-schon einmal gesagt: ich verachte Sie.«</p>
-
-<p>»Nur das <em class="gesperrt">Warum</em> möchte ich wissen,« bat er beinahe
-weinend; »nur <em class="gesperrt">ein</em> Wörtchen, vielleicht können Sie mich doch
-verkennen.«</p>
-
-<p>»Ich kenne Sie zu gut,« erwiderte sie unmutig, »einen so
-niedrigen, gemeinen Menschen kann ich nur verabscheuen.«</p>
-
-<p>»Gemein, niedrig?« rief er bitter, »und dennoch schwöre
-ich, daß ich Ihnen Achtung abzwingen will; diesen gemeinen
-niedrigen Mann sollen Sie schätzen müssen! Wissen Sie, ich
-bin&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Daß Sie ein recht elender Mensch sind, weiß ich lange;
-darum bitte ich, entfernen Sie sich; diesen Zirkel werde ich aber
-nie mehr besuchen, wenn es Ihnen noch einmal einfallen sollte,
-mich anzureden.«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten stand sie rasch auf und entfernte sich
-mit einer kurzen Verbeugung gegen den unglücklichen jungen
-Mann.</p>
-
-<p>So wichtig diese Worte, so bedeutungsvoll diese Szene
-war, konnte sie doch dem Stallmeister kein deutlicheres Licht
-geben. Palvi durfte wagen, sie mit »Elise« anzureden, sie
-behauptete, ihn ganz zu kennen, sie sprach so heftig ihre Gefühle
-aus, daß ihren Haß notwendig Liebe geboren haben
-mußte. &ndash; Er sah Palvi, nachdem er noch eine Weile in der Vertiefung
-des Fensters verweilt hatte, nach der Türe des Vorsaals
-gehen. Er folgte ihm dahin, wie zufällig nahm er zugleich
-mit jenem seinen Mantel um.</p>
-
-<p>»Auch Sie scheinen kein Freund des Tanzes zu sein,«
-redete er den Referendär an.</p>
-
-<p>»Ich habe es längst aufgegeben,« antwortete er, »aber Sie,
-Sie &ndash; ein Glücklicher, und nicht tanzen?«</p>
-
-<p>»Ein Glücklicher?« erwiderte der Stallmeister freundlich;
-»davon möchte ich mir doch noch eine nähere Definition erbitten.
-Ueberhaupt, hier wird mir so langweilig zu Mute, und zu
-Hause geht mir die Tanzmusik im Kopfe herum; gehen wir,
-wenn Sie nichts Besseres vorhaben, nicht irgend wohin zusammen?«</p>
-
-<p>Palvi schien in einiger Verlegenheit zu sein. »Ich weiß
-nicht, was mir Ihre Gesellschaft so wünschenswert macht,« antwortete
-er; »ich möchte die Hälfte der Nacht mit Ihnen verplaudern,
-und dennoch, werden Sie es glauben? &ndash; ich rechnete<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span>
-darauf, früh diese Gesellschaft zu verlassen, und habe einem
-Freunde den übrigen Teil des Abends zugesagt.«</p>
-
-<p>»Wohlan,« fuhr der Stallmeister fort, »wenn Sie nichts
-gar zu Wichtiges zu besprechen haben, so folge ich Ihnen dahin.«</p>
-
-<p>Der junge Mann errötete. »Das Haus ist abgelegen,«
-sagte er, »und für solche Gäste nicht ganz passend.«</p>
-
-<p>»Und wenn es der Entenzapfen wäre,« rief Rempen; »es
-soll ja vortreffliches Cerevis dort geben.«</p>
-
-<p>Mit einer Mischung von Staunen und Freude blickte ihn
-der Referendär an, doch ehe er noch fragen konnte, sprach Rempen
-weiter: »Verzeihen Sie meiner Neugierde, die diesmal die
-Diskretion überwog. Der Zufall machte mich zum Zeugen, als
-ein wunderlicher alter Herr Sie einlud, und schon damals
-wünschte ich, mit von der Partie zu sein, um so mehr,« setzte
-er verbindlich hinzu, »da ich diesen Abend so manchen <em class="antiqua">Point
-de réunion</em> zwischen uns fand.«</p>
-
-<p>»Gut, so folgen Sie mir. &ndash; Sie werden ein Original kennen
-lernen, das aber mehr unsere Aufmerksamkeit verdient als
-die schwachen Kopien dort oben, die doch immer für Originale
-gelten möchten, ja sich selbst dafür halten. Ich meine jene
-Poeten und Literatoren, die uns heute morgen ein so wunderbares
-Schauspiel gegeben haben.«</p>
-
-<p>»In seiner Art diesen Abend ein nicht minder sonderbares,«
-entgegnete Rempen; »oder sollte Ihnen entgangen sein,
-wie ungezogen sie sich benahmen, als man verlangte, dieser
-Roman solle vorgelesen werden; schien es nicht, als wollten sie
-durch stilles, höhnisches Lächeln, durch ihre kalte Entschuldigung,
-zum Vorlesen nicht bei Stimme zu sein, durch so manche
-Zeichen ihres Mißfallens der Gesellschaft die Ueberzeugung aufdringen,
-als sei das Buch schlecht und unwürdig? Man kann
-nicht verlangen, daß sie sich &ndash; wollen sie einmal ungesittet sein
-&ndash; im Keller eines Italieners Fesseln anlegen; sie bezahlen
-dort, und ihre Rede ist frei; aber in einer Gesellschaft wie diese
-mußten sie sich den Gesetzen des Anstandes fügen.«</p>
-
-<p>»Ich wollte vieles wetten,« bemerkte Palvi, »der Mann,
-zu dem ich Sie jetzt führe, ob er gleich in seinen Gewohnheiten
-und Sitten wenig gesellschaftliche Bildung verrät, würde sich
-weniger unschicklich benommen haben.«</p>
-
-<p>»Und wer ist er denn?« fragte der Stallmeister.</p>
-
-<p>»Er gehört einem Schlag von Leuten an, die man in unsern
-Ländern jetzt weniger oder nicht so auffallend und originell
-sieht als früher, ein sogenannter württembergischer Magister.<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span>
-Bitte zum voraus, glauben Sie nicht, daß in diesem Begriffe
-etwas Lächerliches liege, denn eine nicht geringe Zahl würdiger,
-gelehrter Männer unserer Zeit gehören diesem Stande an. Es
-gab in früherer Zeit, &ndash; ob jetzt noch, weiß ich nicht, &ndash; in
-jenem Lande eine Pflanzschule für tiefe Gelehrsamkeit. Es
-gingen Philologen, Philosophen, Astronomen, Mathematiker in
-Menge daraus hervor; zum Beispiel ein Keppler, ein Schelling,
-Hegel und dergleichen. Vor zwanzig Jahren soll man allenthalben
-in Deutschland Leute aus dieser Schule gesehen haben;
-den Titel Magister bekamen sie als Geleitsbrief mit. Sie waren
-gewöhnlich mit tiefen Kenntnissen ausgerüstet, aber vernachlässigt
-in äußeren Formen, in Sprache und Ausdruck sonderbar,
-und spielten eine um so auffallendere Figur, als sie gewöhnlich,
-ihrer Stellung nach, als Lehrer an Universitäten, als Erzieher
-in brillanten Häusern, in der Gesellschaft durch ihr Aeußeres
-den Rang nicht ausfüllten, den ihnen ihre Gelehrsamkeit gab.
-Eine solche Figur aus alter Zeit ist mein Freund. Er ging
-schon vor dreißig Jahren aus seinem Vaterlande, hat aber
-weder in Kurland noch in Sachsen seine Eigenheiten abgelegt.
-Er lebt hier, abgeschieden von der Welt, in einem Dachstübchen;
-ich halte ihn für einen der tiefsten Denker des Zeitalters, dabei
-ist er ein liebenswürdiger Dichter, und dennoch ist sein Name
-gänzlich unbekannt. Die gelehrtesten Rezensionen in den Leipziger
-und Haller Blättern sind von seiner Hand; manche Entdeckung,
-mancher tiefgedachte Satz, womit jetzt die neuen Philosophen
-ihre Werke aufputzen, sind von ihm; er hat sie spielend
-hingeworfen.«</p>
-
-<p>»Also ein literarischer Eremit,« rief Rempen aus, indem
-er, nicht ohne kleinen Schauder, an der Seite des Referendärs
-durch enge, schmutzige Gäßchen ging; »eine Nachteule der
-Minerva in bester Form?«</p>
-
-<p>»Wenn es heutzutage wieder einen Diogenes geben könnte,«
-erwiderte jener, »ich glaube, er müßte im Kostüm meines
-Magisters erscheinen. Dieses ehrliche, kluge, ein wenig ernste
-Gesicht, die kunstlos um den Kopf hängenden Haare, das verschossene
-Hütchen, der abgetragene Rock, den er mit keinem anderen
-vertauschen mag, die sonderbare, beinahe zärtliche Neigung
-zu einer alten, schwarz gerauchten Pfeife, dazu ein dunkelbraunes
-Meerrohr mit silbernem Knopfe, und diese ganze Gestalt
-in der düsteren, schwärzlichen Spelunke, in welche wir eben
-treten wollen &ndash; nehmen Sie dies alles zusammen, und Sie
-werden finden, das Urbild eines modernen zynischen Philosophen<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span>
-ist fertig, nur würde er einen Alexander nicht um ein
-wenig Sonne, sondern um ein bißchen Feuer für seine Pfeife
-bitten.«</p>
-
-<p>Durch einen Vorplatz, wo das trübe Licht einer schmutzigen
-Laterne einen zweifelhaften Schein auf Kornsäcke und umgestürzte
-Bierfäßchen warf, traten jetzt die beiden jungen Männer
-in das größere Schenkzimmer des Entenzapfen. Der Wirt,
-dick und angeschwollen von dem Kosten seines eigenen Getränkes,
-schlief in einem Lehnsessel hinter dem Ofen; einige abgerissene
-Gestalten spielten bei einem Stümpchen Licht mit schmutzigen
-Karten und sahen die Vorübergehenden mit matten, schläfrigen
-Augen an.</p>
-
-<p>Palvi ging vorüber in ein zweites kleineres Gemach, das
-für bessere Gäste eingerichtet schien. Derselbe Alte, den Rempen
-diesen Abend flüchtig gesehen, saß dort allein hinter einer
-Kanne Bier. Auf den Tisch hatte er mit Kreide einen mathematischen
-Satz gemalt. Er schaute, die Stirn in die Hand gestützt,
-aufmerksam auf seine Berechnung nieder, und nur große
-Tabakswolken, die er hin und wieder ausstieß, zeigten, daß er
-lebe und atme. Erst auf den Abendgruß seines jungen Freundes
-richtete er sich auf und zeigte ein ernstes, gleichgültiges Gesicht,
-dem nur das glänzende, ungemein interessante Auge einiges
-Leben verlieh.</p>
-
-<p>Die Gegenwart eines Fremden schien ihm unangenehm
-aufzufallen. Kurz abgebrochen, indem er hastig mit dem Rockärmel
-die Figuren von dem Tische abwischte, sagte er: »Seid
-lange ausgeblieben.«</p>
-
-<p>»Dafür bringe ich aber einen seltenen Gast mit,« erwiderte
-der junge Mann, »der das Entenbier versuchen will.«</p>
-
-<p>»Literator?« fragte der Alte etwas mürrisch.</p>
-
-<p>»Wo denkst du hin, Magister; ein hiesiger Literator und
-der Entenzapfen! Nein, er ist nicht von diesen, sondern heißt
-Herr von Rempen und ist Stallmeister.«</p>
-
-<p>»Da haben der Herr die echte Quelle gefunden,« sprach der
-Alte freundlich und mit einer Herzlichkeit, die ihn sogar angenehm
-machte. »Der Entenzapfen hat solid Getränke. Setzet
-euch, da bringt die Kellnerin schon die Kannen.«</p>
-
-<p>Der Stallmeister erschrak vor der großen Kanne, die ihm
-das niedliche Kellnermädchen mit den roten Lippen kredenzte;
-aber die Neugierde nach dem Magister, der Drang, von Palvi
-nähere Aufschlüsse über Elisens Betragen zu erhalten, milderten
-seinen Schauder vor dem Entenzapfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span></p>
-
-<p>»Es hat einen eigenen Reiz für mich,« sagte er, um die
-Anrede des Alten zu erwidern, »so aus einer glänzenden Gesellschaft,
-wo alles voll Glanz und Putz, voll Berechnung und
-eitlen Benehmens ist, mich in die Einsamkeit einer solchen
-Schenke zu begeben. Man wird so leicht verführt, jenes schimmernde
-Wesen für wahres Leben, für ein Ideal der Gesellschaft
-zu nehmen, und nur ein plötzlicher, recht greller Tausch kann
-von diesem Wahne retten, besonders wenn man das Glück hat,
-Männer zu finden, die zu vernünftigem Gespräch bereitwillig
-sind.«</p>
-
-<p>»Ich kann mir's denken aus früherer Zeit,« entgegnete der
-Alte mit ironischem Lächeln. »Nun hat man wieder anständig
-geschnattert und gezwitschert, Tee getrunken und göttlichem Gesange
-gelauscht, und als man gar ästhetisch zu werden, vorzulesen
-anfing, seid ihr aus Angst davongelaufen?«</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete Rempen, »so lange gelesen wurde,
-blieben wir.«</p>
-
-<p>»Wie?« rief der Magister. »Und Ihr habt es über Euch
-vermocht, Herr Referendär, allerlei rosenfarbene Poesie anzuhören?«</p>
-
-<p>»Man las die letzten Ritter von Marienburg,« belehrte
-ihn der Stallmeister.</p>
-
-<p>»Ei der Tausend!« sagte der Alte, mit einem sonderbaren
-Seitenblick auf Palvi, »konnte man doch solche Speise vertragen,
-ohne den ästhetischen Gaumen und Magen zu verderben?
-Hat sich denn die Welt gedreht, oder waren unsere hiesigen
-Schöngeister nicht zugegen?«</p>
-
-<p>»Doch, sie waren dabei,« erwiderte Rempen, »sie wagten
-es nicht, sich dagegen zu setzen, obgleich der Zorn aus ihren
-Augen sprühte, denn noch diesen Morgen hatten sie sich bündig
-und deutlich erklärt.« Und nun erzählte er den Auftritt im
-Keller des Italieners mit einer Geläufigkeit, über welche er
-sich selbst wundern mußte. Mehrmals wurde er von einem
-schnellen, kurzen Lachen des Alten unterbrochen, als er aber
-mit dem furchtbaren Bündnisse der literarischen Trias endete,
-brach der alte Mann in so herzliches Gelächter aus, daß der
-Wirt zum Entenzapfen mit einem tiefen Gestöhne erwachte und
-sich im Sessel umwälzte.</p>
-
-<p>»Der Herr Stallmeister erzählen gut,« sprach dann der
-Magister, indem er Tränen, die das Lachen hervorgelockt hatte,
-verwischte. »Ich kenne sie, diese Bursche, diesen Chorus von
-Halbwissern. Sie sind geachteter beim Stadtpublikum und auf<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span>
-dem Landsitze als der wahre Gelehrte, sie sind die Vornehmern
-unter den Musensöhnen und machen ungebeten die Honneurs
-auf dem Parnaß, als wären sie Prinzen des Hauses oder zum
-mindesten Kammerjunker; um so weniger können sie es verschmerzen,
-wenn ihre Blöße aufgedeckt und ihre Schande ans
-Licht gestellt wird. Sie fühlen ihr Nichts, sie sehen es einander
-ab, aber sie wollen es sich nicht merken lassen.«</p>
-
-<p>»Am sonderbarsten und unerklärlichsten scheint mir ihre
-Wut gegen <em class="gesperrt">das</em>, was man jetzt historischen Roman nennt,«
-bemerkte der Stallmeister. »Ich bin zu wenig im Getriebe der
-Literatur bewandert, um es mir erklären zu können.«</p>
-
-<p>»Danken Sie Gott,« erwiderte der Alte, »daß Sie ein
-heiteres, rüstiges Handwerk erlernt haben und von diesem unseligen,
-feindlichen Treiben nichts wissen. Kommt mir doch
-diese schöne Literatur jetzt vor wie scharfer Essig. Mit gehöriger
-Zutat vom Oel des Lebens, Philosophie, ist sie die Würze eurer
-Tage; aber kostet sie gesondert, so ist sie scharf, abstoßend; betrachtet
-sie genau, etwa durch ein tüchtiges Glas, so sehet ihr
-das Acidum aufgelöst in eine Welt von kleinen Würmern, die
-sich wälzen und einander anfallen, übereinander wegkriechen.«</p>
-
-<p>»Pfui! Aber ihr Verhältnis zum historischen Roman?«</p>
-
-<p>»Sie gebärden sich,« antwortete Bunker, »als ob sie gegen
-irgend eine Erscheinung des Zeitgeistes ankämpfen könnten, wie
-Pygmäen gegen einen Riesen. Als ob nicht schon die Ilias
-so gut historisch gewesen wäre als irgend ein Roman des Verfassers
-von Waverley. Und ist nicht Don Quichotte der erste
-aller historischen Romane? Doch nehmen Sie nähere Beispiele
-bei uns. Spricht sich nicht in Wilhelm Meister das Element
-eines historischen Romans geheimnisvoll aus? Müssen wir
-nicht den Begebenheiten, in die der Held verwickelt ist, eine gewisse
-Zeitgeschichte unwillkürlich unterlegen? Müssen wir nicht
-das Lager des Prinzen als eine notwendige historische Dekoration
-damaliger Zeit ansehen? Und die Unterhaltungen deutscher
-Ausgewanderten, sind sie nicht eine historische Novelle? Wir
-betraten also zum mindesten keinen neuen Boden, kein neues,
-zweifelhaftes Gebiet.«</p>
-
-<p>»Und welch kleiner Schritt,« bemerkte Palvi, »welch natürlicher
-Uebergang ist vom historischen Drama, wie wir es bei
-Goethe finden, zum modernen, geschichtlichen Roman. Sie sind
-ihm schon um vieles näher als die historischen Schauspiele<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span>
-Shakespeares. Wie im Romane sprechen dort die Helden nicht
-großartige Gefühle aus. Sie halten nicht gedehnte Reden,
-sondern ihre Reden erzählen von den schlummernden Entschlüssen
-ihrer Seele, und wir erblicken in einer einzelnen Wendung
-Motive, ahnen Handlungen, die sich nachher verwirklichen.</p>
-
-<p>»Die Völker scheinen sich in unseren Tagen zu scheiden und
-scharf abzugrenzen. Doch diese Scheidung ist nur scheinbar,
-denn die Menschheit ist durch so viele Erfindungen sich näher gerückt
-worden. Wir gehören mehr und mehr der Welt an. Wir
-sprechen von entfernten Polarländern oder von Amerika mit
-einer Bestimmtheit, einem Gefühl der Nähe, wie unsere Großväter
-von Frankreich sprachen. Wir sind jetzt erst Europäer geworden.
-Darum ist uns nichts mehr fremd, was in diesem
-alten Weltteile geschieht. Der Unterschied der Sprache hat aufgehört,
-denn Dank sei es unseren gewandten Uebersetzern, es
-ist, als ob Scott und Irving in Frankfurt oder Leipzig lebten.«</p>
-
-<p>»Gewiß!« fiel Rempen ein, »auch in der Gesellschaft sind
-sich die verschiedenartigsten Elemente näher getreten. Unsere
-jungen Männer erzählen jetzt von einer Reise nach London oder
-Rom mit mehr Bescheidenheit oder Gleichgültigkeit als sonst
-einer von einer Reise an einen zwanzig Meilen entfernten
-Hof erzählte. Aber ist uns durch alles <em class="gesperrt">dies</em>, da wir in einer
-so breiten Gegenwart leben, die Geschichte nicht vielmehr fern
-als nahe gerückt?«</p>
-
-<p>»Ich gebe zu,« sagte der Alte, »das ernste Studium der
-Historie, aber nicht das rein menschliche Interesse daran. Die
-Geschichte war sonst die Geschichte der Könige, und an ihre oft
-unbedeutende Person knüpfte sich das Leben unsterblicher
-Männer. Die neuere Zeit, so große Veränderungen um uns
-her, haben uns anders denken gelehrt. Es ist die Geschichte der
-Meinungen, es sind die Schicksale gewisser Prinzipien, die wir
-kennen lernen möchten. Ihr Kampf erscheint in jedem Zeitalter
-mehr oder minder und unter der verschiedensten Gestalt,
-und dieser Kampf der Meinung ist es, was jeder Periode ihr
-Interesse gibt, er ist es, der, dem Romane zum Grunde gelegt,
-unsere Teilnahme auf unbeschreibliche Weise anzieht.«</p>
-
-<p>»Ich ahne, daß Sie recht haben,« erwiderte der Stallmeister.
-»Gleichwohl kann ich diese Idee meinen bisherigen
-Ansichten noch nicht recht anpassen. Denn wie vertragen sich
-zum Beispiel mit dieser welthistorischen Ansicht jene sonderbaren
-Figuren Walter Scotts, die bald als rohe Hochländer,<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span>
-bald als Räuber, als Fischer in die Geschichte unmittelbar eingreifen
-und so anziehend erscheinen?«</p>
-
-<p>»Das ist es ja gerade, was ich sagte,« antwortete der
-Magister. »Wir ahnen in der Geschichte des Landes und des
-Volkes, die uns Professoren auf Kathedern vortragen, daß es
-nicht immer die Könige und ihre Minister waren, die Großes,
-Wunderbares, Unerwartetes herbeiführten. Da oder dort hat
-die Tradition den Schatten, den Namen eines Mannes aufbehalten,
-von dem die Sage geht, er habe großen und geheimnisvollen
-Anteil an wichtigen Ereignissen gehabt. Solche Schatten,
-solche fabelhaften Wesen schafft die Phantasie des Dichters zu
-etwas Wirklichem um; in den Mund eines solchen Menschen, in
-sein und seiner Verbündeten geheimnisvolles Treiben legt er
-die Idee, legt er den Keim zu Taten und Geschichten, die man
-im Handbuch nur als geschehen nachliest, vergebens nach ihren
-Ursachen forschend. Indem solche Figuren die Ideen persönlich
-vorstellen, bereiten sie dem Leser hohen Genuß und oft ein um
-so romantischeres Interesse, je unscheinbarer sie durch Bildung
-und die Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft anfänglich erscheinen.«</p>
-
-<p>»Und so hielten Sie es für möglich, daß auch die deutsche
-Geschichte interessante Stoffe für historische Romane bieten
-könnte?« fragte Rempen; »mir schien sie immer zu zerrissen,
-zu flach, zu wenig romantisch und großartig.«</p>
-
-<p>»Das letztere glaube ich nicht,« erwiderte Palvi; »und muß
-denn gerade der Hintergrund, das historische Faktum, das Erhabene
-sein? Ist es nicht der Zweck des Romans, Charaktere
-in ihren verschiedenen Nuancen, Menschen in ihren wechselseitigen
-Beziehungen zu schildern? Und kann sich nicht ein
-großartiger Charakter in einer Tat, einem Zwiste erproben, der
-für die allgemeine Geschichte von geringerer Bedeutung ist?
-Oder glauben Sie, weil Tieck in die Cevennen flüchtete, um
-einen historischen Hintergrund zu holen, er habe damit sagen
-wollen, unsere Geschichte biete keinen Stoff, der seines hohen
-Genius würdig wäre?«</p>
-
-<p>»Diese Ritter von Marienburg,« nahm der Alte das Wort,
-»beschäftigen sich mit keinem großartigen historischen Ereignisse.
-Schon fünfzig Jahre, ehe das Unglück des Ordens in Ostpreußen
-wirklich hereinbricht, gewahrt man, daß er sich nie mehr zu
-seinem alten Glanze erheben könne, daß früher oder später die
-Elemente selbst, die seine Größe beförderten, seinen Sturz bereiten
-werden. Er fällt, denn er hat seinen Beruf erfüllt. Aber<span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span>
-an die geschichtliche Figur des Großmeisters, an die Täler der
-Nogat, an die Mauern der erhabenen Burg weiß jener Hüon
-Fäden anzuknüpfen, woraus er ein erhabenes Gewebe schafft.
-Ich möchte sagen, er baut aus den Trümmern jenes gestrandeten
-Schiffes eine Hütte, worin sich bequem wohnen läßt.«</p>
-
-<p>»Nun verstehe ich Sie,« rief der Stallmeister, »und weil
-sie diesen Standpunkt nicht erreichten, weil sie diese höhere Ansicht
-nicht erfassen mögen, kämpfen jene Leutchen gegen diesen
-historischen Roman. Es ist Brotneid, sie wollen ihn nicht aufkommen
-lassen, weil er die Kunden an sich ziehen könnte.«</p>
-
-<p>»Hat er nicht recht, der Herr Stallmeister?« wandte sich
-der Magister lächelnd an seinen Nachbar. »Sie schimpfen alle
-aufeinander und zusammen auf jedes Größere, diese Kleinmeister.
-Mich freut es nur, daß mein Doktor Zundler auch bei
-der furchtbaren Freitags-Trias ist.«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ihr</em> Doktor Zundler?« fragte Rempen befremdet.
-»Kennen Sie ihn?«</p>
-
-<p>»Ob ich ihn kenne!« erwiderte der Alte lachend.</p>
-
-<p>»Der Herr Stallmeister macht keinen schlimmen Gebrauch
-davon,« sagte Palvi zu dem Magister, »und zu größerem Verständnis
-der Poesie ist es ihm nützlich, wenn er es weiß. Bist
-du es zufrieden, Alter?«</p>
-
-<p>»Es sei; aber der Herr Stallmeister wird diskret sein,«
-antwortete der Alte.</p>
-
-<p>»Was werde ich erfahren?« fragte Rempen. »Wie geheimnisvoll
-werden Sie auf einmal?«</p>
-
-<p>»Sie kennen den Doktor Zundler, einen der ersten Lyriker
-dieser Stadt,« sprach Palvi; »sein Ruhm war früher gerade nicht
-sehr groß, doch etwa seit einem halben Jahre regt er die Flügel
-mächtig. Hier sitzt der Dädalus, der sie ihm gemacht hat.«</p>
-
-<p>»Wie soll ich dies verstehen?« erwiderte der Stallmeister.</p>
-
-<p>»Unser Magister hier ist ein sonderbarer Kauz,« fuhr jener
-fort, »einer seiner bedeutendsten Fehler ist Aengstlichkeit, sonderbar
-verschwistert mit Gleichgültigkeit. Er hätte es weit bringen
-können auf dem deutschen Parnaß, aber er war zu ängstlich, um
-etwas drucken zu lassen. Doch wie vermöchte ein dichterischer
-Genius von diesem Hindernisse sich besiegen zu lassen; er dichtete
-fort, für sich.«</p>
-
-<p>»Ich machte Verse,« fiel der Alte gleichgültig ein.</p>
-
-<p>»Du hast gedichtet!« sagte Palvi. »Aber seine besten
-Arbeiten, seine gründlichsten Forschungen hat er um acht Groschen
-den Bogen in Journale verzettelt, weil er sich scheute,<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span>
-seinen Namen auf ein Titelblatt zu setzen; und von den glühendsten
-Poesien seiner Jugend fand ich die einzigen Spuren in
-halbverbrannten Fidibus. In meinen Augen bist du entschuldigt,
-guter Magister, durch deine Erziehung und die Art und
-Weise deines Vaterlandes. Wer hat sich dort zu deiner Zeit
-um einen Geist, wie der deine war, bekümmert? Was hat man
-für einen Mann getan, der nicht in die vier Kardinaltugenden,
-in die vier Himmelsgegenden der Brotwissenschaft, in die vier
-Fakultäten paßte? Haben sie ja sogar Schiller zwingen wollen,
-Pflaster zu streichen, und Wieland floh das Land der Abderiten,
-weil es dort keinen Raum für ihn gab als den Posten eines
-Stadtschreibers, den er freilich so schlecht als möglich ausgefüllt
-haben mochte.«</p>
-
-<p>»Mensch, nichts Bitteres gegen mein schönes Vaterland,«
-sagte der Alte mit sehr ernstem Blick; »es war die Wiege großer
-Männer.«</p>
-
-<p>»Du sagst es,« erwiderte Palvi, »die <em class="gesperrt">Wiege</em>, aber nicht
-das <em class="gesperrt">Grab</em>. Und dieser Umstand mag seine eigenen Ursachen
-haben. Zum mindesten findet man in Odessa wie am Mississippi,
-in Polen und in Rio-Janeiro, und überdies noch auf den Kathedern
-aller bekannten Universitäten deine Landsleute. Doktor
-Zundler nun, um von diesem zu reden, hatte das Glück, eines
-Tages eine Wohnung zu beziehen, in deren Giebel unser Magister
-ein Freilogis bewohnt, weil er den Knaben des Hausherrn
-zum Gelehrten bilden soll. Doktor Zundler hat, um sich zum
-Dichter zu bilden, viel gelesen und hat den großen Menschenkennern
-bald abgemerkt, daß sie auf Originale Jagd machen.
-Er stellt sich daher alle Tage zwei Stunden mit seinem Glas
-unter das Fenster und stellt Betrachtungen über die Menschen
-an wie der selige Hoffmann in Vetters Eckfenster, nur, behauptet
-man, mit verschiedenem Erfolg. Denn der selige Kammergerichtsrat
-guckte durch das Kaleidoskop, das ihm eine Fee geschenkt,
-der Doktor Zundler aber durch ein ganz gewöhnliches
-Opernglas. Da sah er einigemal den Magister und &ndash; nun,
-Bunkerchen, erzähle.«</p>
-
-<p>Ein behagliches Lächeln verbreitete sich über das Gesicht des
-Alten; er trank in längeren Zügen aus seinem Glas und erzählte
-dann: »Eines Tages sagte mir meine Aufwärterin, daß
-sich der wunderschöne reiche Herr in der Bel-Etage nach mir erkundigt
-habe, wer ich wäre, was ich treibe und dergleichen.
-Bald darauf kam ein schön geputzter Herr in mein Stübchen,
-beguckte mich von allen Seiten, fragte mich allerlei und wunderte<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span>
-sich ungemein, daß ich ein Gelehrter sei. Er hatte mich, meiner
-Physiognomie nach, für einen unglücklichen Musiker gehalten.
-Sein Staunen wuchs, als er einige poetische Versuche, die am
-Boden lagen, aufnahm und las. Er wollte nicht glauben, daß
-sie von mir herrühren, und nahm sie endlich aus reinem Interesse,
-wie er sagte, mit. Den folgenden Tag schickte er mir ein
-paar Flaschen Wein. Es freute mich, ich hatte gehört, daß er
-reich sei; ich bin arm und trank den Wein. Als ich die erste
-Flasche hinunter hatte und warm war, ging die Tür auf, und
-mein Doktorchen trat herein. Ein Wort gab das andere; man
-kam auf Poesie, ich machte wenig daraus, er viel; er schwatzte mir
-etwas vor von einer Erbschaft, die er gewinnen könne von seinem
-Oheim, einem portierten Verehrer der Musen. Seine bisherigen
-Versuche haben aber nur den Unwillen des Erblassers erregt.
-So machte es sich von selbst, daß ich ihm meinen ganzen Kram
-von Poesien anbot; mich selbst amüsierten diese Verse nur, solange
-ich sie entwarf und ausarbeitete; ob sie das Publikum lese,
-ob es mich dabei nenne, war ja so gleichgültig! Im Scherz
-ging ich einen Akkord ein, daß ich ihm auch eine Novelle und
-später einen Roman schriebe. Er gibt mir dafür Wein, Knaster,
-zuweilen Geld, und ich habe das Bequeme, daß niemand, weder
-in Lob noch Tadel, meinen Namen nennt, was mir unausstehlich
-ist, und daß ich mich mit keinem Journalredakteur, mit
-keinem Buchhändler, keinem Rezensenten herumbeißen muß.«</p>
-
-<p>»Ist dies nicht köstlich, Stallmeister?« fragte Palvi lachend.
-»Was halten Sie von diesem trefflichen Lyriker, von diesem
-Zunder, der ohne fremden Stahl und Stein kein Feuer gibt?«</p>
-
-<p>»Ist es möglich?« rief der junge Rempen staunend aus.
-»Ist eine solche lächerliche Niederträchtigkeit jemals erhört
-worden! Und diesen Menschen konnte auch ich für einen Dichter
-halten, konnte den Genius bewundern, der auf einmal über ihn
-gekommen? Und auch <em class="gesperrt">sie</em>, auch <em class="gesperrt">sie</em>,« fuhr er in Gedanken
-versunken fort, »auch <em class="gesperrt">sie</em> ehrt und achtet ihn um dieser Gaben
-willen, zeichnet ihn aus, spricht mit ihm über seine neuesten
-Werke. Es ist, um rasend zu werden!«</p>
-
-<p>Palvi sah den jungen Mann bei diesen Worten teilnehmend,
-beinahe gerührt an; er schien mit Mühe eine tiefe Wehmut zu
-bekämpfen, aber der Alte fuhr fort: »Solch belletristisches Ungeziefer,
-das sich vom Marke anderer mästet, hätte ich schon
-längst gern in der Nähe geschaut, und so studierte ich diesen
-Hohlkopf. Wenn allerlei Mittel von außen her einen Dichter
-machen könnten, er müßte es längst sein. Denken Sie nur, er<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span>
-trägt, wenn er sich zum Dichten niedersetzt, einen Schlafrock,
-dessen Unterfutter aus einem Schlafrock gefertigt ist, den einst
-Wieland trug. Hoffmanns Tintengefäß hat er in Berlin erstanden,
-von einem Sattler in Weimar aber den ledernen Ueberzug
-eines Fauteuils, in welchem Goethe oft gesessen. Mit diesem
-hat er seinen Stuhl beschlagen lassen, und so will er seine Phantasie
-gleichsam <em class="antiqua">a posteriori</em> erwärmen. Auch liegt auf seinem
-Tisch eine heilige Feder, Schiller soll damit geschrieben haben.
-Er hat gehört, daß große Dichter gern trinken, darum geht er
-morgens ins Weinhaus und zwingt sich zu einer Flasche Rheinwein;
-abends aber, wenn er schon ganz dumm und schläfrig ist,
-trinkt er schwarzen Kaffee mit Rum und liegt dann in schrecklichen
-Geburtsschmerzen und ist gewärtig, irgend eine neue
-Maria Stuart oder Jungfrau von Orleans hervorzubringen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>7.</h3>
-</div>
-
-<p>Während der Magister Bunker also sprach, schlug es elf
-Uhr, und nicht sobald hatte er den ersten dumpfen Ton der
-Glocke vernommen, als er hastig sein Glas austrank, einige
-Groschen auf den Tisch legte, dem erstaunten Stallmeister mit
-einer gewissen freundlichen Rührung die Hand bot und sie ihm
-und Palvi herzlich drückte. Dann aber rannte er so eilends
-aus dem Entenzapfen, daß Rempen nicht einmal sein freundliches
-»Gute Nacht!« erwidern konnte.</p>
-
-<p>»Sie staunen,« sprach der Referendär, »daß uns der sonderbare
-Mensch so plötzlich und verwirrt verläßt. Er wohnt bei
-einem strengen Mann, der immer fünf Minuten nach elf Uhr
-die Haustür schließt. Weil nun der arme Magister eigentlich
-als Almosen sein Freilogis genießt, darf er keinen Hausschlüssel
-führen wie Leute, die ordentlich bezahlen, und so jagt er wie
-ein Gespenst, das mit dem ersten Hahnenschrei in sein Grab
-entweicht.«</p>
-
-<p>»Ist dieser Mensch glücklich oder unglücklich zu nennen?«
-fragte Rempen nicht ohne Bewegung.</p>
-
-<p>»Ich denke glücklich,« erwiderte Palvi sehr ernst; »wer
-wenig hofft, hat nichts zu fürchten; er ist ruhig. Die Zeit mildert
-ja alles, und für die Erinnerung ist er kalt geworden.«</p>
-
-<p>»Hat er je geliebt?«</p>
-
-<p>»Er hat geliebt, die Tochter jenes Hauses in Kurland, wo
-er Erzieher war. Er muß sehr liebenswürdig gewesen sein,
-denn die junge Gräfin starb nachher aus Kummer. Er selbst<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span>
-aber brachte zwei Jahre tiefer Schwermut in einem Irrenhause
-zu.«</p>
-
-<p>»Gott, welch ein Schicksal!« rief der junge Mann gerührt.
-»Wer hätte dies ahnen können? Er hat uns eine so heitere
-Außenseite gezeigt.«</p>
-
-<p>»Wozu soll er seinen Schmerz zur Schau tragen?« entgegnete
-Palvi. »Er gehört nur sein, und er verschließt ihn mit
-den Trümmern besserer Tage in seiner Brust. Ich denke, es
-ist dies die einzige Art, wie Männer leiden müssen.«</p>
-
-<p>»Es müßte mich alles täuschen,« sagte Rempen nach einer
-Pause, »oder auch Sie lieben nicht glücklich. Nennen Sie mich
-nicht unbescheiden. Sie haben mir zu viel Interesse eingeflößt,
-und auch die Dame, die ich meine, steht mir nicht so fern, als
-daß nicht meine wärmste Teilnahme bei dieser Frage wäre.«</p>
-
-<p>Der Referendär sah ihn überrascht, doch nicht gerade verwundert
-an; sein ernstes, dunkles Auge schien die Züge des
-Fragenden noch einmal zu prüfen. »Es gibt wenige Menschen,«
-antwortete er, »die diese Frage an mich gerichtet hätten. Doch
-an Ihnen freut mich gerade diese Offenheit. Ich weiß, Sie
-meinen Elise Wicklow; ich liebe sie.«</p>
-
-<p>»Und werden wiedergeliebt?« fragte Rempen errötend.</p>
-
-<p>»Ich zweifle; doch möchte ich von Ihnen nicht verkannt
-werden, darum will ich Ihnen die kurze Geschichte dieser Liebe
-geben. Meine Eltern, sie sind beide tot, lebten in dieser Stadt.
-Unser Haus war mit den Wicklows sehr befreundet, denn mein
-und Elisens Großvater sind aus demselben Lande hier eingewandert.
-Ich bin um so viel älter denn Elise, daß uns unsere
-Kinderspiele nicht zusammenführten. Wohl aber durfte ich, als
-auch meine Mutter starb, das Haus hin und wieder besuchen,
-und ich faßte in einem noch sehr jungen Herzen eine glühende
-Neigung für das schöne Kind. Nach den ersten Jahren meines
-Universitätslebens kam ich hierher. Sie war herrlich herangeblüht
-und gestand mir, daß sie mir recht gut sei. Elise war
-damals fünfzehn Jahre alt. Ich kam in rohe Gesellschaften.
-Mein Vermögen und mein Stipendium reichten nur das erste
-Mal hin, meine Schulden zu decken. Das zweite Mal drückte
-mich eine bei weitem geringere Verlegenheit bei weitem unangenehmer,
-weil ich keinen Rat wußte. Sie hatte es erfahren,
-und durch fremde Hand wurden meine Schulden getilgt. Mädchen
-in guten Ständen, in einem soliden Hause aufgewachsen,
-wissen nicht, wie leicht ein armer Teufel in solche Verlegenheit
-kommt. Sie schmälte mich in den Ferien und hielt mich für<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span>
-einen schlechten Menschen. Ich versprach Fleiß und solides
-Leben. Das Unglück eines meiner Freunde, der einen andern
-erschoß, riß mich mit fort und wieder ins Elend. Auch da hat
-sie mir wieder geholfen und mich zu Ehren gebracht. Bei so
-vielen Wohltaten konnte mich vor mir selbst nur der Gedanke
-entschuldigen, daß es die Hand der Geliebten sei, die mich gerettet,
-daß ich diese Hand einst auf immer in die meinige legen
-werde.</p>
-
-<p>»Ich raffte mich zusammen, und bald darauf gelang es
-mir durch Fleiß und Eifer, hier angestellt zu werden. Meine
-Stellung zu Elisen war aber eine ganz andere geworden. Der
-alte Wicklow hatte erfahren, wie mich seine Tochter unterstützt
-hatte, und verbot mir schon beim ersten Besuch sein Haus, aus
-dem einfachen Grunde, weil ich <em class="gesperrt">arm</em> und <em class="gesperrt">leichtsinnig</em> sei.</p>
-
-<p>»Elise selbst lebte in großen, glänzenden Zirkeln, wo ich
-keinen Zutritt hatte, verkehrte mit allerlei schönen Geistern und
-galt für die Krone der jungen Damen. Ich konnte sie höchstens
-in öffentlichen Gärten, auf Bällen und Konzerten, im Theater
-sehen. Und nur ihr freundlicher Blick konnte mich für so viel
-Entsagung trösten, konnte mich von dem beinahe Unbegreiflichen
-überzeugen, daß dieses allgemein angebetete Geschöpf &ndash; mich
-liebe.«</p>
-
-<p>Der Stallmeister suchte vergebens seine Bewegung zu verbergen.
-Eine hohe Röte lag auf seinem Gesicht, und sein Auge
-hing voll Erwartung an den Lippen Palvis.</p>
-
-<p>»Beruhigen Sie sich,« sagte dieser, als er den unangenehmen
-Eindruck bemerkte, den seine Erzählung auf den jungen
-Mann machte. »Fürchten Sie nichts, ich werde bald zu Ende
-sein. Ich war glücklich und zufrieden; ich kannte ihre Vorliebe
-für Poesie, und die Liebe ermutigte mich, einen Versuch zu
-wagen, der mich ihr noch werter machen sollte. Ich strengte
-alle meine Kräfte an, um sie mit etwas Gelungenem zu überraschen.
-Da brachte man mir eines Tages einen Brief. Ich
-erkannte ihre Züge, ich riß ihn auf und &ndash; sie schrieb mir mit
-kurzen, aber heftigen Worten, daß sie sich auf ewig von mir lossage,
-daß sie mich in tiefster Seele verachte; warum? werde mir
-mein eigenes Gewissen sagen. Ich versuchte mancherlei Wege,
-um mich ihr zu nahen, mein Gewissen sprach mich von irgend
-einem Fehler gegen die Geliebte frei, darum wollte ich mir Gewißheit
-über das Warum verschaffen. Doch sie wich überall
-aus, und noch heute &ndash; heute abend in jenem Zirkel hat sie alle
-meine Hoffnungen zertrümmert.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span></p>
-
-<p>In dem edelmütigen Herzen des jungen Rempen siegte
-jetzt Mitleiden über jedes andere Gefühl. Er faßte die Hand
-des unglücklichen, ihm so interessanten Mannes; er gelobte ihm,
-bei Elisen für ihn zu sprechen, sie um die Ursache ihres Betragens
-zu befragen.</p>
-
-<p>Aber jener erwiderte mit dem Stolze, den unverdiente
-Kränkung gibt: »Vertrauen ist die erste Bedingung der Liebe.
-Wo Vertrauen fehlt, da war nie Liebe, oder sie ist jedem Zufall
-ausgesetzt. Ich habe Elisen auf immer verloren, selbst wenn
-sie mich wieder lieben würde.«</p>
-
-<p>»Und in diesem Zustand wollen Sie hier fortleben?« fragte
-Rempen, seine Hand ergreifend; »wollen Elisen sehen und dabei
-immer fühlen, daß Sie verachtet sind?«</p>
-
-<p>»Nein, gewiß nicht,« erwiderte jener mit düsterem Lächeln;
-»<em class="gesperrt">mein</em> Geschäft in dieser Stadt ist zu Ende. Es bleibt mir
-nur noch übrig, die Geliebte vor Menschen zu warnen, die ihrer
-nicht wert sind. Diesen literarischen Pöbel, der ihr so unendlich
-wert scheint, will ich noch vor ihren Augen entlarven; und
-ich glaube ihr damit nützlich zu sein, denn die Stellung, die
-Elise jetzt eingenommen, würde sie später nimmer glücklich
-machen. Sie selbst werden mir dazu helfen, mein Freund;
-schlagen Sie ein, wir wollen unsere Penelope von diesen Freiern
-erretten.«</p>
-
-<p>»Wohlan!« rief der Stallmeister, indem er aufbrach, »vielleicht
-findet sich morgen schon Gelegenheit, wenn uns die letzten
-Ritter von Marienburg versammeln; aber dann,« setzte er entschlossen
-hinzu, »noch <em class="gesperrt">einen</em> Versuch, um auch Sie glücklich zu
-machen!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>8.</h3>
-</div>
-
-<p>Der schöne Frühlingstag und die Furcht, für ungebildet zu
-gelten, wenigstens durch ihr Nichterscheinen geringes Interesse
-an der schönen Literatur zu verraten, vereinigte den größten
-Teil des Rempenschen Klubs in dem Gartensaal, den man zum
-Sammelplatz bestimmt hatte. Der junge Rempen war zu Pferd
-herausgekommen, geraume Zeit vor den übrigen Gästen; gedankenvoll
-setzte er sich auf den Altan des Hauses und schaute
-in den Fluß hinab. Wie so gern hätte er sich schon
-heute am frühen Morgen Gewißheit verschafft, warum Elise
-so plötzlich mit Palvi gebrochen, auf eine Weise gebrochen, die
-notwendig, er gestand es sich mit Schmerz, auf den Charakter
-des jungen Mannes einen düstern Schatten werfen mußte. Oft<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span>
-verwünschte er den gestrigen Tag und daß er diesen Menschen
-kennen gelernt habe, nur um ihn heute unaussprechlich zu achten
-und vielleicht morgen zu verlieren, zu &ndash; bedauern; denn verachten?
-nein, es konnte keinen Fall geben, der ihm diesen Mann
-hätte verächtlich machen können. War es denn möglich, daß
-eine so großartige Seele etwas Gemeinem, Niedrigem sich hingeben
-konnte? »Er ist arm,« sagte der gutmütige Rempen zu
-sich, »er muß dürftig sein, denn seine Stelle kann ihn nicht ernähren;
-vielleicht hat er wieder Schulden gemacht, sie hat es
-erfahren und deutet als Leichtsinn, was vielleicht Not ist? Aber
-kann, selbst wenn es Leichtsinn wäre, dieser den Geliebten in
-ihren Augen verächtlich, elend machen?« Wie ergrimmte er
-in seiner Gedankenfolge über jene Schranken, welche das Herkommen
-und die »gute Sitte« um vornehme Häuser und ihre
-Töchter gezogen, wie unnatürlich erschien es ihm, daß der Geliebte
-die Zürnende nicht in ihrem Hause, auf dem Wege, überall
-befragen, vielleicht versöhnen konnte, daß vielleicht ein kleines,
-aber sichtbares Ausweichen, eine scharfe und laut gesprochene
-Rede dazu gehörte, ihn, nach den Sitten der Gesellschaft, auf
-immer von sich zu entfernen! »Oder wie? Sollte sie ihn vielleicht
-nie geliebt haben?« setzte er getrösteter hinzu. »Es wäre
-möglich, daß ihm diese Gewißheit weniger schmerzlich wäre als
-ihr Haß; aber &ndash; darf sie ihn deswegen hassen?«</p>
-
-<p>Ein großer Zug von Damen und Herren hatte während
-dieser Gedanken des jungen Rempen den Berg erstiegen und
-war jetzt in den Gartensaal getreten.</p>
-
-<p>Noch fehlte Elise, aber man konnte nur um so ungezwungener
-ihren Geschmack und ihre Belesenheit bewundern. Auch
-Palvi wurde gebührendes Lob gespendet; man hatte selten mit
-dieser Gewandtheit, mit diesem Ausdruck etwas vorlesen gehört,
-und die Bewunderung stieg, als man sich sagte, daß er wahrscheinlich
-diesen Roman nicht zuvor gelesen habe. Elise kam
-mit Onkel und Tante Rempen angefahren, und Julius vergaß
-so ganz seine vorigen Gedanken, seine Vorsätze, daß er vor
-Freude errötend herbeisprang, sie aus dem Wagen zu heben,
-daß er halb unbewußt ihre Hand drückte und dies erst erkannte,
-als er diesen Druck erwidert fühlte. Alle jene düstern Bilder,
-die auf dem Altan vor seiner Seele vorübergezogen, verschwanden
-vor dem Glanz ihrer Schönheit. Er hatte sie nie so reizend,
-so wundervoll gesehen, wenigstens so huldreich war sie nie gegen
-ihn gewesen. Den Grund davon gestand ihm in einer Ecke des
-Saals die Tante. Er hatte den Zirkel gestern abend so bald<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span>
-verlassen, daß Elise glaubte, sie habe ihn gekränkt. Dieser Gedanke
-erfüllte ihn jetzt so ganz, daß er in ihre Nähe eilte, daß er
-mit ihr sprach und scherzte und erst durch die wiederholte Mahnung
-seines Onkels darauf aufmerksam gemacht werden konnte,
-daß die Gesellschaft sich bereits im Kreise gesetzt habe und die
-Erzählung des Fräulein Wicklow erwarte.</p>
-
-<p>»Mein Unfall,« sprach sie mit leichtem Erröten, »hat mich
-gestern, wenn ich nicht irre, gerade bei der Zusammenkunft der
-Ritter mit dem Fräulein getroffen. Des Fräuleins Vater, der
-nicht nur von außen, sondern auch im Innern dem Bund durch
-Zwischenträgerei und Uneinigkeit zu schaden sucht, hat überall
-Spione. Erwünscht ist ihm, daß ihm einer die Anzeige von
-jenem nächtlichen Rendezvous macht. Er denkt keinen Augenblick
-daran, daß es seine Tochter sein könnte, sondern schleicht
-sich mit Knechten in jene Ruinen und überfällt zuerst den
-Freund; die Dame und ihre Amme, die immer zugegen war,
-entfliehen; es kommt zum Gefecht, die Knechte werden in die
-Flucht geschlagen, und auch der Alte zieht sich zurück, doch nicht
-ohne sich vorher mit einem Zeichen von seinem Gegner versehen
-zu haben.</p>
-
-<p>»Den andern Tag versammelt der Großmeister ein Kapitel.
-Er entdeckt den Rittern diesen Vorfall und beschwört die Schuldigen,
-sich zu nennen. Sie schweigen. Noch einmal fordert er
-sie vergebens auf und zeigt dann der Versammlung eine goldne
-Kette, woran ein Siegelring befestigt ist. Das Wappen wird
-erkannt, und der Freund sieht sich genötigt, zu gestehen. Er
-übersieht mit klarem Blick seine Lage; die geschärften Gesetze
-müssen ihn schuldig sprechen, darum ist für ihn keine Rettung.
-Doch glaubt er, da er selbst verloren ist, seinen Freund retten
-zu können. Er gesteht, in den Ruinen mit einer Dame gesprochen
-zu haben. Der Meister ist tief ergriffen von diesem
-Geständnis; es ist ein tapferer, junger Mann, den das Urteil
-trifft, er wurde von vielen geliebt. Peinlich ist die Lage des
-Helden selbst, und treffend die Beschreibung, <span id="corr128">wie</span> die Furcht vor
-Entehrung, die Hoffnung, der Freund könne gerettet werden,
-ihn bald zur Entdeckung antreiben, bald davon zurückhalten.
-Das Urteil der Ritter wird gesammelt. Es lautet: ›Entehrender
-Ausschluß aus dem Orden.‹ Jetzt aber erzählt der Meister, daß
-noch ein zweiter Johanniter diesen Fehltritt geteilt habe; er
-verspricht, die Strafe in Entlassung zu mildern, wenn der
-Schuldige den Mitschuldigen entdecke. Jener schweigt und verratet
-ihn nicht. Da stürzt der Neffe des Meisters hervor und<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span>
-bekennt seine ganze Schuld. Diese Szene, der Schmerz des alten
-Ulrich von Elrichshausen und der Wettstreit der Freunde, von
-welchen jeder der Schuldige sein will, ist so treffend, daß man sie
-hören muß.«</p>
-
-<p>Jetzt erst sah man sich nach dem Vorleser um. Doktor
-Zundler sprang nach dem Buch, das auf dem Tische lag, um
-zu lesen, und hatte sich schon mit freundlichem, zuversichtlichem
-Lächeln Elisen genähert, als der alte Rempen plötzlich aus den
-dichten Reihen der Männer Palvi herbeiführte. »Nein, nein,«
-sagte er, »hier steht der Mann, der uns gestern gezeigt hat,
-wie gut er einen Roman vorlese; ich denke, bester Doktor, Ihre
-Stimme paßt mehr zum Leichten, Lyrischen.« Mit spöttischem,
-halb verlegenem Lächeln reichte der Doktor das Buch hin, und
-Palvi las, wenn es möglich war, noch schöner als am gestrigen
-Abend. Diese erhabene und so unglückliche Freundschaft, die
-Zeremonien ihrer Ausstoßung aus dem Orden, ihre letzten
-Worte, als sie das Schloß verlassen, lockten in manches Auge
-Tränen der Wehmut, und Elise selbst schien so gerührt, daß
-Palvi mehrere Kapitel weiter las, um ihr Fassung zu geben.
-Unsern Lesern ist dieser Roman zu bekannt, als daß wir nicht
-besorgen müßten, sie durch längere Auseinandersetzung zu ermüden.
-Jene interessanten Abteilungen, wo die beiden verstoßenen
-Ritter an den romantischen Ufern der Nogat umherstreifen,
-jene glücklichen Schilderungen eines schönen Landes,
-die Nachrichten über die alten Preußen, in deren Mitte der Orden
-zwei Jahrhunderte zuvor den Samen der Kultur getragen hatte,
-ihre altertümlichen Gebräuche, die unverkennbaren Spuren
-heidnischer Sitten, auf sonderbare Weise mit christlichem Ritus
-vermischt, dies alles, getragen und veredelt von der tiefen
-Melancholie Kunos, von seines Freundes Seelenstärke und
-heiterem, unverzagtem Mut, spannte die Zuhörer und riß sie hin.</p>
-
-<p>Elise hatte sich bald wieder so weit gefaßt, daß sie mit
-Ruhe weiter erzählen konnte. Sie erzählte, wie die beiden
-Vertriebenen die Verräterei des Ordenskastellans entdecken, der
-die Polen heimlich nach Marienburg rief; wie sie unter Gefahr
-und Beschwerden sich durch die aufrührerischen Preußen nach
-Marienburg durchschlagen, den Meister warnen und verborgen
-auf Gelegenheit harren, dem Orden zu nützen. Mit großer Begeisterung
-las Palvi jene Schlachtszenen, worin der Meister,
-bei einem Ausfall auf die Polen, von seinem Neffen gerettet
-wird, wo der Freund die heilige Fahne des Ordens, der ihn verstoßen,
-aus dem dichtesten Haufen der Feinde zurückbringt und<span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span>
-diese erhabene Tat mit einer tödlichen Wunde zahlt. Tiefe Rührung
-brachte jene Szene hervor, wo der Sterbende seinem
-Freund so manches Rätselhafte in seinem Betragen auflöst und
-ihm gesteht, daß auch er selbst Wanda aufs innigste geliebt habe.
-Der Schmerz um den Sterbenden bewegt Kuno zu dem romantischen
-Entschluß, seiner Liebe auf immer zu entsagen, besonders
-da ein Verdacht in ihm keimt, daß sie ihn weniger geliebt als
-den Freund. Die nächtliche Bestattung dieses edeln Menschen,
-die Wiederaufnahme Kunos in den Orden waren von ergreifender
-Wirkung, nicht minder rührend Wandas Versuche, den Geliebten
-noch einmal zu sprechen, und als sie sich vergessen glaubt,
-ihr schnelles Hinwelken.</p>
-
-<p>Der Kastellan ist von dem Czirwenka, dem Hauptmann der
-böhmischen Besatzung, der dessen Geständnis fürchtet, selbst getötet
-worden; verlassen, verwaist, auch von der Liebe verlassen,
-will sie nur so lange noch in der Nähe des Geliebten weilen,
-bis der Frühling heraufkommt; doch nicht nur diese zarte Blume,
-auch der Orden trägt den Tod im Herzen, und beide sollten den
-letzten Frühling in Marienburg sehen.</p>
-
-<p>Der Großmeister Ulrich von Elrichshausen kann sich mit
-seinen Rittern nicht mehr gegen den Aufstand der Preußen
-und gegen seine eigenen Söldner halten. Er will den Orden
-nach Deutschland führen und bedingt sich von den Verrätern
-freien Abzug. Schon sind die Pferde gerüstet, der Zug will aufbrechen,
-und die Ritter nehmen mit blutenden Herzen von den
-Hallen dieser Burg Abschied. Und als alle noch einmal ihr
-Teuerstes mustern, was sie verlassen sollen, kann Kuno dem
-letzten Ruf der Geliebten nicht widerstehen; er will zu ihr &ndash;
-und findet sie sterbend. Sie schien nur noch so viel Leben in
-sich zu tragen, um ihn von ihrer Treue, ihrer Liebe zu versichern.
-Indessen hat Czirwenka die Tore geöffnet. Sechshundert Polen
-ziehen ein, und, statt dem Orden freien Abzug zu gönnen, wird
-der Großmeister vom Pferde gerissen, verspottet und verhöhnt.
-Kuno verläßt die sterbende Geliebte, um ihm beizuspringen; ein
-heftiges Gefecht entspinnt sich in den Höfen; einem großen
-Teil der Ritter, den Meister in der Mitte, gelingt es, zu entkommen,
-aber Kuno mit sechs anderen tapferen Ordensbrüdern,
-welche die Fahnenwache bildeten, werden von den übrigen abgeschnitten;
-kämpfend ziehen sie sich über die breiten Stufen bis
-in den großen Rempter zurück, wo sonst die Ordensfahne stand.
-Der Entschluß, sie lebend nicht zu übergeben, beseelt sie, sie
-pflanzen das Panier an seinem alten Standpunkt auf und umgeben<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span>
-es. Lange gelingt es ihnen, das Siegeszeichen so vieler
-Schlachten zu verteidigen. Aber die Polen dringen immer heftiger
-ein; Uebermacht und Verrat siegen, und über ihre Fahne
-gebreitet, sterben <em class="gesperrt">die letzten Ritter von Marienburg</em>.</p>
-
-<p>Es entstand eine Pause, als Palvi geendet hatte; es schien
-niemand zuerst jene Stille stören zu wollen, die unter zwei oder
-drei heilig und rührend, in größeren Gesellschaften peinigend
-ist. Doch je erhabener das Gefühl ist, welches zu einer solchen
-Ruhe zwingt, desto ängstlicher sind die Menschen, mit etwas
-Gemeinem diese Nachklänge tieferer Empfindungen zu unterbrechen.
-Sie rennen dann auf allen vieren durch die Speisekammer
-ihrer Erinnerung, um etwas Feines, Eingemachtes,
-Kandiertes vorzusetzen, statt ihre frischen natürlichen Gefühle
-sprechen zu lassen.</p>
-
-<p>»Dieser ganze Roman,« lispelte endlich eine Dame, deren
-Blässe und feuchte Augen auf zarte Nerven schließen ließen,
-»kommt mir vor wie jener Ausspruch Jean Pauls: ›Wie manche
-stille Brust ist nichts als der gesunkene Sarg eines erblaßten
-geliebten Bildes.‹ Dieser Hüon liebt gewiß unglücklich, und
-darum gefällt er sich in diesem tragischen Geschick.«</p>
-
-<p>»Gerade dies kommt mir überaus komisch vor,« bemerkte
-der Hofrat, dem Neid und Verdruß um die Nasenflügel spielten;
-»dieser Mensch hat zu wenig Tiefe, zu wenig Empfindung, um
-die Wehmut, das Unglück zu zeichnen, doch ich habe mich an
-einem andern Ort hinlänglich darüber ausgesprochen. Gewiß,
-es ist so, wie ich sage. Es steht ja gedruckt, mein Urteil,« setzte
-er hinzu, indem er sich vornehm in den Stuhl zurücklehnte.</p>
-
-<p>»Doch glaube ich, auch gegen ein gedrucktes findet noch
-Appellation statt,« sagte der junge Rempen mit gleichgültiger
-Miene.</p>
-
-<p>»Wieso?« rief der Hofrat errötend.</p>
-
-<p>Rempen war etwas betroffen, aber die munteren Augen
-seines Oheims, der hinter dem Stuhl des Hofrats stand, winkten
-ihm, fortzufahren. »Ich meine, ich habe so etwas gelesen,
-das Ihr Urteil, bester Hofrat, völlig umstieß,« entgegnete er;
-ȟbrigens ist ein gedrucktes Urteil immer nur das Urteil eines
-einzelnen, und dem einzelnen muß erlaubt sein, dagegen zu
-streiten. Ich zum Beispiel finde diesen Roman besser, als Sie
-ihn gemacht haben. Auch glaube ich, Tiefe des Gefühls müsse
-dem abgehen, der dies in den letzten Rittern von Marienburg
-nicht findet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>Der Oheim hatte solches wohl nicht geahnt, denn er und
-die ganze Gesellschaft schienen erstaunt über die Kühnheit des
-Stallmeisters.</p>
-
-<p>»Solche historischen Romane,« nahm der Professor das
-Wort, »sind nur Fabrikarbeiten. Die Form ist gegeben, und
-wie leicht, wie sicher läßt sich diese Form von jedem handhaben!
-Nehmen Sie irgend einen Lappen der Welthistorie, zerreißen
-ihn in kleine Fetzen und kleiden die hergebrachten Personen von
-A bis Z darein, so haben Sie einen historischen Roman. Die
-weitere Entwicklung ist leicht, besonders wenn man es sich so
-leicht macht wie dieser Hüon, und nur genugsam Floskeln eingestreut
-sind; wenn das Tränentuch häufig als Panier aufgepflanzt
-wird, so kann der Eindruck nicht verfehlt werden.«</p>
-
-<p>»Und doch deucht mir,« erwiderte Palvi, »es ist bei weitem
-schwerer, einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer
-wahren, vernünftigen und billigen Kritik entspricht, als ein
-Drama zu schreiben.«</p>
-
-<p>»Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige
-Kritik, Herr Referendarius?« fragte Doktor Zundler mit ungemein
-klugem und spöttischem Gesicht.</p>
-
-<p>»Man muß ein Buch,« erwiderte Palvi mit großer Ruhe,
-»man muß besonders ein Gedicht zuerst nach den Empfindungen
-beurteilen, die es in uns hervorruft, denn auf Gefühl ist ja
-ein solches Werk berechnet; es soll angenehm unterhalten, durch
-den Wechsel freudiger und wehmütiger Szenen befriedigen. Und
-dann erst, wenn unser Herz darüber entschieden hat, daß das
-Buch ein solches sei, das unsere Gefühle erhoben, befriedigt hat,
-dann erst erlaube man dem Verstand, sein Urteil darüber zu
-fällen, und ihm bleibt es übrig, nachzuweisen, was in Anordnung
-oder Stil gefehlt ist.«</p>
-
-<p>»Da müßte man am Ende alle Herzen abstimmen lassen,«
-sagte der Hofrat mitleidig lächelnd, »müßte umherfragen: hat's
-gefallen oder nicht? ehe man ein öffentliches Urteil fällt. Aber
-dem ist nicht so; unsere Journale waren es von jeher, denen zu
-loben oder zu verdammen zustand, und der gebildete, geläuterte
-Geschmack ist es, der dort richtet.«</p>
-
-<p>»Ueberhaupt dächte ich,« setzte Doktor Zundler mit zärtlichem
-Seitenblick auf Elisen hinzu, »man kann über Dinge
-dieser Art in Gesellschaft eine gebildete Dame mit Vergnügen
-hören, wie schon Goethe im Tasso sagt, aber ein öffentliches
-Urteil müssen nur Leute vom Fach fällen, und nur Leute vom
-Fach können dagegen opponieren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>»Und halten Sie sich etwa für einen Mann vom Fach?«
-fragte Palvi mit großem Nachdruck.</p>
-
-<p>Der Doktor verbarg seinen Unmut über diese Frage nur
-mühsam hinter einem lächelnden Gesicht. »Ich denke, die Welt
-zählt mich zu Deutschlands Dichtern,« sagte er.</p>
-
-<p>»Die Welt,« antwortete der Referendar, »die betrogene
-Welt, aber nicht ich; so wenig als ich meinen Dekopisten für ein
-Genie halte.«</p>
-
-<p>Die Gesellschaft fiel aus ihrer Spannung in eine sonderbare
-Bewegung. Die Damen sahen unmutig auf Palvi, ein
-Teil der Männer lachte über des Doktors auffallenden Mangel
-an Fassung, ein anderer Teil mißbilligte laut solche Reden in
-einer guten Gesellschaft.</p>
-
-<p>»Herr von Palvi,« rief endlich Zundler bebend, man wußte
-nicht, ob vor Wut oder Schrecken, »wie soll ich Ihre sonderbaren
-Reden verstehen?«</p>
-
-<p>»Ja, ja, Doktor,« sagte der Stallmeister laut lachend, »auch
-mit meiner Bewunderung hat es ein Ende; man sagt, Sie haben
-sich Ihre Gedichte und sonstigen schönen Sachen machen lassen.«</p>
-
-<p>»Machen lassen?« fragte der Chorus der Literatoren mit
-Bestürzung.</p>
-
-<p>»Hat sie machen lassen?« rief die Gesellschaft.</p>
-
-<p>»Wer wagt dies zu sagen?« schrie der Doktor, indem er
-bleich und atemlos aufsprang.</p>
-
-<p>»Nun, leider derjenige selbst, der sie Ihnen verfertigt hat,«
-antwortete Rempen mit großer Ruhe, »der Magister Bunker;
-er logiert oben in Ihrem Hause.«</p>
-
-<p>Der entlarvte Dichter versuchte noch einige Worte zu
-sprechen; er war anzusehen wie der Kopf eines Enthaupteten;
-die Augen drehen sich noch, die Lippen scheinen Worte zu
-sprechen, aber der Geist ist entflohen, der diesen Organen Leben
-gab. Eilig drängte er sich dann durch den Kreis, stürzte nach
-seinem Hut und verließ den Saal und die vor Verwunderung
-verstummte Gesellschaft.</p>
-
-<p>»Ist es denn wahr?« sprach endlich die von Angst und
-Sorge erbleichte Elise, indem sie den Stallmeister sehr ernst
-ansah.</p>
-
-<p>»Gewiß, mein Fräulein!« erwiderte dieser lächelnd. »Ich
-würde der Gesellschaft diese Szene erspart haben, aber ich war
-zu tief über diese freche Stirn erbittert, womit dieser Mensch
-mich und Sie alle hinterging. Doch hören Sie von dem wunderlichen
-Mann, der ihm alles dichtete.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span></p>
-
-<p>Man setzte sich schweigend, und Rempen erzählte; während
-seiner Erzählung schlich sich der Redakteur der »Blätter für
-belletristisches Vergnügen« aus dem Saal, ihm folgten seine Genossen,
-beschämt und ergrimmt über sich, den Doktor und die
-ganze Welt. Der Gesellschaft aber gereichte die Erzählung des
-Stallmeisters zu nicht geringem Vergnügen. Die gute Stimmung
-war wiederhergestellt, der Punsch, den der alte Rempen
-als Nachsatz von gestern gab, löste die Zungen, man fühlte sich
-weniger beengt, seit die öffentlichen Schiedsrichter hinweggegangen
-waren, man sprach allgemein das Lob des vorgelesenen
-Romans aus. Auch die Toasts wurden nicht vergessen, und als
-Julius von Rempen die Gesundheit aller wahrhaften Dichter
-und ihrer gründlichen Kritiker ausgebracht hatte, wagte es
-Elise, mit glänzenden Augen, aber tief errötenden Wangen, die
-Gesellschaft aufzufordern, auf das Wohl des neuen Hüon und
-der letzten Ritter von Marienburg zu trinken.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>9.</h3>
-</div>
-
-<p>Elise hatte dem Stallmeister, als er beim Nachhausefahren
-neben dem Wagen ritt, erlaubt, sie den andern Tag zu besuchen;
-er kam, er fand sie allein und gütiger gegen ihn gesinnt als je.
-Sie neckte ihn über seine Eingriffe in die literarische Welt und
-riet ihm, nie etwas drucken zu lassen, denn er habe alle Rezensenten
-gegen sich aufgebracht.</p>
-
-<p>»Und sind denn nicht auch Sie mir einige Minuten gram
-gewesen,« fragte er lächelnd, »weil es einer Ihrer Freier war,
-den ich entlarvte?«</p>
-
-<p>»Einer meiner Freier?« fragte sie hocherrötend. »Zundler?
-Sie irren sich.«</p>
-
-<p>»O, Sie schenkten ihm oft ein geneigtes Ohr,« fuhr er fort,
-»verabschiedeten mich oft mitten im Gespräch, um auf die Worte
-dieses großen Dichters zu lauschen!«</p>
-
-<p>»Gewiß nicht, Rempen!« antwortete sie verlegen. »Und
-<em class="gesperrt">einer</em> meiner Freier, sagten Sie, als ob ich deren viele hätte!«</p>
-
-<p>»Ich kenne wenigstens einige,« erwiderte er mit lauerndem
-Blick.</p>
-
-<p>»Und wen?«</p>
-
-<p>»Zum Beispiel Palvi.«</p>
-
-<p>»Palvi!« rief sie erbleichend. »Was wollen Sie mit Palvi?
-Ich kenne ihn nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span></p>
-
-<p>»Elise,« erwiderte der Stallmeister sehr ernst, »Sie kennen
-ihn. Der Zufall ließ mich vorgestern hören, daß Sie ihm selbst
-sagten, wie gut Sie ihn kennen. Sie lieben ihn.«</p>
-
-<p>»Nimmermehr!« rief sie mit glühendem Gesicht. »Er ist
-ein Abscheulicher! Glauben Sie, ich werde einen Elenden lieben,
-der &ndash; mein Kammermädchen anbetet?«</p>
-
-<p>»Elise! Palvi?«</p>
-
-<p>»Ja, ich gestehe es,« flüsterte sie, in Tränen ausbrechend,
-»Ihnen gestehe ich es, es gab eine Zeit, wo ich für diesen Menschen
-alles hätte tun können. Ich kannte ihn noch aus meiner
-Kindheit und auch später, er war mir wert. Aber hören Sie:
-schon oft hatte mir mein eingebildetes Kammermädchen von
-einem schönen Herrn erzählt, der sie immer anrede, ihr von
-Liebe vorschwatze, und dem sie recht herzlich zugetan sei. Eines
-Tages stand sie dort am Fenster; auf einmal schlägt sie die
-Hände zusammen vor Freude, bittet mich, ans Fenster zu treten,
-und ruft: ›Sehen Sie, der dort in der Türe des Buchladens
-steht, der ist der schöne Herr.‹ Sie macht mir Platz, ich trete
-arglos hin, und aus dem Laden tritt in diesem Augenblick&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie, doch nicht Palvi?« rief der Stallmeister, ergrimmt
-über das schlechte Betragen eines Mannes, den er geachtet hatte.</p>
-
-<p>»Er selbst,« flüsterte Elise und drückte ihre weinenden
-Augen in ihr Tuch.</p>
-
-<p>Der Stallmeister überließ das unglückliche Mädchen einige
-Minuten der Erinnerung an einen tiefen Kummer, hatte er
-ja doch selbst diese Pause nötig, um sich zu sammeln. Liebe,
-Mitleiden, so viele andere Empfindungen stürmten auf ihn ein,
-rissen ihn hin, Elisens Hand zu ergreifen und sie an seine
-brennenden Lippen zu ziehen. Erschreckt, überrascht blickte sie
-ihn an; doch schien ein günstiges Gefühl für ihn ihren strafenden
-Blick zu mildern.</p>
-
-<p>»Und darf ein Mann,« sprach er bewegt, »zu Ihnen von
-Liebe reden, nachdem Sie so Bitteres von uns erfahren? Darf
-er sagen, er würde treu sein bis in den Tod, wenn Sie ihm
-nur einen Teil jener Liebe schenken könnten, die jener ganz besaß?«</p>
-
-<p>»Julius, was fällt Ihnen ein?« rief sie mit bebenden
-Lippen, doch ohne ihm ihre Hand zu entziehen. »Wozu&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Elise,« fuhr er fort, »ich kann einem so großen und schönen
-Herzen, wie das Ihrige ist, wenig Trost geben; aber die Zeit
-mildert, und kann nicht treue und aufmerksame Liebe selbst
-schönere Vorzüge ersetzen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>Sie wollte antworten, sie errötete und schwieg, aber ihren
-Blick voll Liebe und Wehmut durfte er günstig für sich deuten;
-er schloß sie in seine Arme und küßte ihren schönen Mund.</p>
-
-<p>»Aber, mein Gott, Rempen,« sagte sie, indem sie sich sanft
-von ihm loszumachen suchte, »was machen Sie doch?«</p>
-
-<p>»Ich habe dich ja längst geliebt,« fuhr er fort, »hatte nur
-<em class="gesperrt">einen</em> Wunsch, ich glaubte dein Herz nicht mehr frei und
-zögerte; jetzt, da ich weiß, daß nur Gram, aber keine fremde
-Liebe in diesem Herzen wohnt, jetzt muß ich dieses lästige Geheimnis
-von mir werfen. Aber wie? &ndash; zürnen Sie mir vielleicht
-über alles dieses?«</p>
-
-<p>»Julius!« rief sie erschreckt von dem wehmütigen Ton,
-womit er die letzten Worte sagte. Dieser Name, so sanft und
-wohlwollend ausgesprochen, ihr ängstlicher, zärtlicher Blick
-sagten ihm mehr als alle Worte. »Und darf ich mit dem Vater
-reden, Elise? Darf ich?« setzte er hinzu.</p>
-
-<p>Sie errötete und erbleichte ebenso schnell wieder, sie sah
-ihn eine kleine Weile prüfend an, eine Träne trat in ihre
-schönen Augen; aber um ihren Mund zog ein flüchtiges, feines
-Lächeln; sie drückte seine Hand; eine kleine Bewegung des Hauptes
-und die hohe Röte, die wieder über ihre Wangen ging,
-sagten ja, und schnell, wie vom Wind hinweggetragen, war sie
-in ein anderes Zimmer entschlüpft.</p>
-
-<p>Der Stallmeister war in jeder Hinsicht eine so gute und
-anständige Partie, daß der alte Wicklow, als der Geheimrat
-von Rempen für seinen Neffen warb, keinen Anstand nahm,
-seine Zusage zu geben. Der junge Mann selbst war so von
-seinem süßen Glück erfüllt, daß er lange nicht an die Begebenheiten
-dachte, die diesem wichtigen Schritt vorangegangen waren.
-Endlich erinnerte ihn ein Zufall an Palvi; so unangenehm diese
-Erinnerung war, so fühlte er doch als Mann und als künftiger
-Gatte Elisens, daß er diesem Menschen, mochte er sich auch wirklich
-schlecht gezeigt haben, Erklärung schuldig sei. Und wie
-bebte seine Hand, als er ihm in wenigen Zeilen sagte, daß
-Elisens Widerwille unüberwindlich sei, daß er ihn versichern
-könne, daß sie niemals einen Mann mehr lieben werde, welchen
-sie aufzugeben nicht unrecht gehabt, daß er selbst versuchen wolle,
-Palvis Stelle bei ihr zu ersetzen. Ja, seine Hand, sein Herz
-bebte, als er diese Buchstaben niederschrieb; es konnte ihn nicht
-beruhigen, daß er sich ins Gedächtnis recht lebhaft zurückrief,
-wie niedrig und elend dieser Mensch an einer so zarten, heiligen
-Liebe, wie sie Elise gab, gefrevelt habe. Die edeln Züge, das<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span>
-Auge dieses Mannes standen vor ihm; sein so hoher und liebenswürdiger
-Geist, so fein in Urteil und Benehmen, und dennoch
-so wenig sittliche Würde? Die Erinnerung an jenen Abend,
-wo sich ihm dieser Mensch so ernst und doch so herzlich genähert
-hatte, wo er ihm sein inneres Leben aufschloß und ein verarmtes
-Herz bei solchem Reichtum der Gedanken, eine tief verwundete
-Seele bei solcher Gesundheit des Geistes zeigte, machte
-ihn so wehmütig, daß er nahe daran war, die kaum geschriebenen
-Zeilen zu zerreißen; aber der Gedanke an Elise, die Vermutung,
-daß dieser Palvi so schöne Empfindung, so tiefe Rührung
-nur geheuchelt haben müsse, erkälteten schnell seine warme Teilnahme.
-Entschlossen schickte er den Brief ab, und doch deuchte
-es ihm, als er seinen Boten verschwinden sah, er habe einen
-Todespfeil auf ein edles Herz entsendet.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>10.</h3>
-</div>
-
-<p>Der alte Herr von Rempen erinnerte sich mehrerer Fälle,
-wo die feierliche Verlobung gräflicher, sogar fürstlicher Paare
-gleich den andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen
-worden, vor sich gegangen war. Er stand daher
-um so weniger an, seinen Neffen und Elisens Vater zu gleicher
-Eilfertigkeit zu treiben, als er selbst gleich nach dieser Szene,
-wobei, seiner Meinung nach, sein Segen notwendig war, auf
-mehrere Wochen auf das Land gehen wollte. So kam es, daß
-sich der Stallmeister durch den verhängnisvollen Zug der Umstände
-in die ruhige Bucht eines schönen, häuslichen Glückes
-versetzt sah, als er sich kaum noch auf hoher See glaubte oder
-wenigstens von Klippen träumte, an welchen seine Hoffnung
-auf immer scheitern könnte. Am Morgen jenes festlichen Tages,
-der zu seiner Verlobung angesetzt war, brachte ihm ein Knabe
-einen Brief; die Hand, die ihn geschrieben, war ihm unbekannt.
-Er öffnete und fand den Namen des Magisters Bunker
-unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen sein
-mochten, mit welchen dieser Name in Verbindung stand, so
-machte doch das Andenken an diesen alten Mann und die wenigen
-rührenden Worte des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er
-bat, der Stallmeister möchte dem Knaben zu ihm folgen; er
-habe ihm notwendig etwas zu eröffnen und sei selbst zu schwach
-und angegriffen, als daß er über die Straße gehen könnte.
-Rempen fürchtete anfangs ein Zusammentreffen mit Palvi.
-Als aber der Knabe auf seine Frage, ob Herr von Palvi bei<span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span>
-dem Alten sei, antwortete: »Ach nein! der ist ganz schnell weggereist
-und kommt nimmer wieder, und der alte Herr Magister
-hat geweint wie ein Kind,« nahm er eilends seinen Hut und
-folgte.</p>
-
-<p>Der Knabe führte ihn durch mehrere Seitenstraßen in
-einen abgelegenen Teil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker
-wohnten, bis vor ein kleines, aber reinliches Haus. Dort
-stieg er eine Treppe hinan und öffnete dem Stallmeister eine
-Türe. Es war ein Zimmer voll Verwirrung und Unordnung,
-in das sie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden zerstreut,
-und die Trümmer einer Gitarre mischten sich mit
-ausgeleerten Flaschen und alten Schuhen. Auf den Stühlen
-lagen Kleidungsstücke, auf dem schlechten Kanapee aber saß, den
-Kopf in die Hand gestützt, ein Mann, in welchem Rempen den
-Alten erkannte. Beim Geräusch, das ihr Eintritt verursachte,
-wandte er den Kopf um und hatte Tränen in den alten Augen.</p>
-
-<p>»Vergeben Sie mir!« sagte er, indem er mit Mühe sich
-aufraffte. »Meine Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen,
-und meine Hand zittert &ndash; ich mußte meine Botschaft mündlich
-geben.«</p>
-
-<p>»Was ist vorgegangen!« rief der junge Mann bestürzt.
-»Sie sind krank, Sie weinen, um wen? Und von wem eine
-so feierliche Botschaft?«</p>
-
-<p>Der Alte trocknete sich die Augen. »Er hat viel auf Sie
-gehalten,« sprach er, »noch gestern und vorgestern hat er immer
-von Ihnen gesprochen und innig bedauert, daß er Sie so spät
-erst kennen gelernt hat. Sie hätten können herzliche Freunde
-werden, denn Sie sind keiner von den schuftigen Gesellen, die
-er verabscheute.«</p>
-
-<p>»Mein Gott, Sie sprechen von Palvi? Wo ist er?«</p>
-
-<p>»Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Flusses
-bewahrt haben!« erwiderte der Alte sehr ernst; »doch nicht wahr,
-junger Mann, es gehört größere Kraft dazu, einen Kummer
-zu tragen, als sich von ihm zerbrechen zu lassen? Nicht wahr?
-Ich glaube es wenigstens, und er ist eine kräftige Seele, er
-kann nicht zum Selbstmörder werden.«</p>
-
-<p>Rempen verhüllte sein Gesicht, er konnte den tiefen Gram
-des Alten nicht länger sehen. Aber dieser zog ihm ängstlich die
-Hand von den Augen. »O lesen Sie doch,« sagte er; »lesen Sie
-genau, prüfen Sie jedes Wort, nicht wahr, es steht nichts darin,
-daß er sich töten wolle?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span></p>
-
-<p>Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Worten ein
-kurzer, aber ergreifender Abschied an den Alten. Er müsse ihn
-und diese Stadt verlassen, schrieb er. Als Grund gab er nur
-flüchtig sein unglückliches Verhältnis zu Elisen an, von welchem
-der Alte völlig unterrichtet schien.</p>
-
-<p>Rempen suchte den Alten zu trösten; »es sei so natürlich,«
-sagte er, »daß Palvi sich zerstreuen wolle, daß er vielleicht nur
-eine kleine Reise mache!«</p>
-
-<p>Aber der Alte schüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf.
-»Er kommt nicht wieder; und ach! ich habe keine Freude und
-keinen Freund mehr! Er hat alle seine kleinen Rechnungen
-bezahlt, und mir,« setzte er weinend hinzu, »mir hat er
-seine Bücher und alles hinterlassen. &ndash; Doch mein Auftrag. Sie
-sehen, wie sehr er Sie schätzte, hier ist ein Paket mit Büchern an
-Sie, die Adresse schrieb er noch heute morgen, und in einem
-kleinen Zettelchen, das er darauf gelegt hat, bittet er mich, Sie
-bei allem, was heilig sei, zu versichern, daß er kein schlechter
-Mensch gewesen sei, daß er Sie liebe und in Ihrem Glück sein
-eigenes finde.«</p>
-
-<p>Indem der Magister noch diese Worte sprach, hörte man
-ein Geräusch auf der Treppe, eilende Schritte nahten dem Zimmer,
-die Türe ging auf, und ein Zeitungsblatt in der Hand
-stürzte der Buchhändler Kaper in das Zimmer. »Wo ist er?«
-rief er erhitzt und atemlos; »wo ist der große und unvergleichliche
-Hüon, unser Scott, unser letzter Ritter! Wo ist Blüte und
-Kern unserer Literatur? Ich meine den Herrn Referendär
-von Palvi, der hier logiert, wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu,
-als er den Gesuchten nicht im Zimmer fand.</p>
-
-<p>»Er ist verreist,« antwortete der Alte.</p>
-
-<p>»Himmel! komme ich zu spät?« fuhr Kaper fort, »wissen
-Sie nicht, hat Hüon schon einen Verleger zum nächsten Historischen?
-Daß wir es erst heute erfahren müssen! &ndash; Ei! ei!
-gratuliere, Herr Stallmeister, zu meiner schönen Nachbarin &ndash;
-aber wer hätte das gedacht, daß wir den göttlichen Hüon in den
-eigenen Mauern hätten, daß es dieser Herr von Palvi wäre!«</p>
-
-<p>»Wie!« rief der Stallmeister, indem er den Alten staunend
-anblickte. »Er wäre Hüon?«</p>
-
-<p>»Da steht's, da steht's gedruckt im Konversationsblatt,«
-schrie der Buchhändler, seine Zeitung dem jungen Rempen überreichend.</p>
-
-<p>»Hüon,« sagte der Alte, »er war Hüon. Wohl hat er den
-Ungläubigen die Backenzähne ausgezogen, und vergebens kämpften<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span>
-sie gegen meinen edlen, jugendlichen Paladin, aber sein
-Geschick wollte, er sollte Hüon ohne Rezia sein.«</p>
-
-<p>Noch einmal öffnete sich die Türe und spie, wie das Tor
-im Löwengarten des Königs Franz, zwei Leoparden auf einmal
-aus. Es waren der Hofrat und der dramatische Professor,
-die hereinstürzten. »Wo ist er?« riefen sie. »Vergessen sei
-alle Fehde! Wir hatten ja einen ganz andern im Verdacht, der
-Autor dieses Romans zu sein; darum, gewiß nur darum haben
-wir ihn gehauen. Ins Freitagskränzchen soll er kommen, Mitarbeiter
-soll er werden am belletristischen Vergnügen! Den
-Zundler soll er uns ersetzen, der treffliche Hüon.« So schrieen
-sie durcheinander, aber mit Hohn und Verachtung blickte sie der
-Alte an. »Ihr findet ihn nicht mehr,« sagte er. »Er ist hinweg
-für immer.«</p>
-
-<p>»Hat er etwa einen Ruf bekommen?« rief der Professor.</p>
-
-<p>»Ha!« rief ihm der Hofrat nach, »das ist ja wohl Zundlers
-rätselhafter Magister. Herrlicher Fund! Wir zahlen zehn
-Taler pro Bogen, Wertgeschätzter; arbeiten Sie mit an unserm
-Blatt, was Sie wollen; Gedichte, Novellen, Rezensionen, Kunstgefühle,
-wir nehmen alles auf!«</p>
-
-<p>»Zurück!« entgegnete der alte Mann mit mehr Hoheit, als
-ihm Rempen zugetraut hatte; »ich habe einen Freund verloren,
-eine große, schöne Seele, und bin nicht gesonnen, ihn mit euch
-und euren Talern zu ersetzen. Dort am Boden liegen Palvis
-Papiere &ndash; teilt euch in seinen poetischen Nachlaß.«</p>
-
-<p>Er sprach es, nahm den Stallmeister unter den Arm und
-verließ mit ihm langsam das Zimmer. Kaper, der Hofrat und
-der Professor stürzten wie Drachen auf den Boden und über
-die Papiere her, und mitten in seinem Kummer mußte der
-Stallmeister lächeln, als ihm der Alte auf der Treppe entdeckte,
-jene werden nur Fragmente von juristischen Relationen und
-unbedeutende Kriminalakten finden. Als aber der Alte an der
-Türe des Hauses, mühsam und auf seinen Stab gestützt, an den
-Häusern hinschleichen wollte, ergriff Rempen seinen Arm von
-neuem und führte ihn trotz seiner Widerrede bis zu seiner Wohnung.
-Dort setzte sich der Magister auf einen Stein, um Kräfte
-zu gewinnen; denn sein Stübchen lag fünf Stockwerke hoch.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span></p>
-
-<h3>11.</h3>
-</div>
-
-<p>Elise saß zu derselben Stunde vor der Toilette. Gedankenvoll
-sah sie vor sich hin, indem das Kammermädchen ihre Haare
-ordnete. Vielleicht hatte der tägliche Anblick dieser Zofe den Stachel
-entheiligter Liebe nur immer noch tiefer in das Herz gedrückt; und
-dennoch vermochte sie es nicht über sich, dieses Mädchen wegzuschicken;
-es war der Stolz einer erhabenen Seele, was sie von
-diesem Schritt abhielt, der vielleicht auch von ihren Eltern getadelt
-worden wäre, denn das Mädchen diente treu und geschickt.
-Doch so tief diese Wunde sein mochte, Elise suchte in
-diesem Augenblick ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach
-den Gesetzen der Natur das Wesen in uns zu derselben Zeit
-verschiedentlich beschäftigt sein könnte, wenn es möglich wäre,
-in dem nämlichen Moment in dem Herzen so ganz anders zu
-fühlen, als man oben hinter den Augen denkt, so müßte Elisens
-Seele in dieser Stunde nach verschiedenen Richtungen sich geteilt
-haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüsterten tiefe,
-wehmütige Töne die Erinnerung einer schönen Zeit, sie sangen
-in klagenden Weisen jene Tage, wo Elise auf der ersten Stufe
-der Jugend das Auge des Geliebten verstand. In volleren
-Akkorden rauschten diese Erinnerungen, als sie von Stunden
-seliger Liebe, von Trennung und der Wonne des Wiederfindens
-sprachen. »Verloren, verloren durch seine eigene Schuld!«
-weinte dann ihre Seele. »Untergegangen ein so großer, schöner
-Geist in Leichtsinn und Niedrigkeit!« Doch diese Gefühle schlichen
-nur gleich Schatten vorbei; sie suchte mit aller Gewalt des
-Geistes den Blick von diesen Erinnerungen abzuwenden, sie
-dachte an das ruhige, klare Wesen ihres zukünftigen Gatten,
-sein bescheidenes und doch so würdiges Betragen, seine reine
-Herzensgüte. Sie rief sich alles dies hervor, ja, sie versuchte
-zu lächeln, um freundlichere Gefühle dadurch zu erringen, aber
-&ndash; es gelang ihr, ruhig, doch nicht, heiter zu werden.</p>
-
-<p>Der Putz war vollendet, sie richtete sich vor dem hohen
-Spiegel auf, und die Freude an ihrer eigenen hübschen Gestalt
-verdrängte auf Augenblicke jene düsteren, wehmütigen Bilder.
-»Nein, und wenn er noch so proper angetan wäre,« sagte in
-diesem Augenblick das Kammermädchen, »mich soll er nicht mehr
-anreden dürfen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span></p>
-
-<p>»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mehr von solchen Dingen
-reden,« rief Elise mit der Röte des Unmutes auf den
-Wangen.</p>
-
-<p>»Ach Gott! gnädiges Fräulein, ich will ja auch gar nichts
-mehr von dem schlechten Menschen wissen, aber ich sagte nur so,
-weil er wieder in Herrn Kapers Laden steht.«</p>
-
-<p>Elise zitterte, sie wollte von dem Spiegel hinwegeilen, aber
-unwiderstehlich zog es sie an das Fenster. Sie warf einen
-Blick hinüber, und unter jener Türe stand Zundler.</p>
-
-<p>»Wie!« rief sie, kaum ihrer Worte mächtig, der Zofe zu,
-»ist es denn dieser?«</p>
-
-<p>»I, freilich! aber werden Sie mir nur nicht böse!«</p>
-
-<p>»Und dieser ist derselbe, den du <em class="gesperrt">damals</em> meintest?« fuhr
-sie mit bebenden Lippen fort.</p>
-
-<p>»Wer denn anders?« entgegnete jene ruhig; »aber ich weiß
-jetzt, er ist ein schlechter Mensch, und jetzt weiß ich auch, wie er
-heißt, Doktor Zundler.«</p>
-
-<p>»Geh, geh, bringe die Kleider weg,« flüsterte Elise, indem
-sie ihr glühendes Gesicht halb bewußtlos in die Kissen des
-Sofas drückte; das Mädchen eilte erschrocken hinweg, und die
-unglückliche Braut war mit ihrem Gram allein. Welche Gefühle
-stürmten auf sie ein! Beschämung, Liebe, Unmut über
-sich selbst. Sie sprang auf; ein Gang durch das Zimmer machte
-sie mutiger. Sie wollte Rempen alles gestehen, sie war einen
-Augenblick überzeugt, er werde so edel sein, zurückzutreten, Palvi
-werde leicht zu versöhnen sein. Aber die Stadt wußte, daß heute
-ihre Verlobung sei. Ihr Vater hatte dem Geliebten sogar das
-Haus verboten, würde er jemals einwilligen, sie glücklich zu
-machen? Nein! &ndash; Scham vor der Welt, Reue, Angst warfen
-sie nieder. Bleich, erschöpft und zitternd fand sie der Stallmeister,
-als er bald darauf ernster, als zu diesem fröhlichen Tag
-sich schickte, in Elisens Zimmer trat.</p>
-
-<p>»Ich muß Ihnen eine sonderbare Nachricht geben,« sagte
-er bewegt, indem er sich zu ihr setzte und, beschäftigt mit seinen
-Gedanken, ihre Verwirrung nicht bemerkte. »Palvi ist weggereist,
-und zwar auf immer.«</p>
-
-<p>»Er ist tot!« rief sie. »Gewiß, schnell, sagen Sie es nur
-heraus, er hat sich getötet!«</p>
-
-<p>»Nein,« erwiderte Rempen, »er hat mir einen Brief zurückgelassen,
-worin er Sie und mich zum letztenmal begrüßt; er
-ist nach Frankreich gegangen. Dorthin lautet auch sein Paß,
-wie mir soeben mein Onkel erzählte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Elise schwieg; sie fühlte, daß sie ihn erst in diesem Augenblick
-ganz verloren habe; aber sie hatte Kraft genug, jeden Laut
-des Kummers zu unterdrücken.</p>
-
-<p>»Doch was Sie noch mehr befremden wird,« fuhr er fort,
-»jenen Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der
-Autor selbst vorgelesen.«</p>
-
-<p>»Palvi!« rief sie in so eigenem Ton, daß der Stallmeister
-erschrak. »Er wäre&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Hüon, der Autor der ›letzten Ritter von Marienburg‹. Es
-steht schon in öffentlichen Blättern, und hier schickt er mir und
-Ihnen dieses Werk.« Der Stallmeister öffnete ein Paket und
-gab Elisen die Bücher. Sie öffnete eines derselben; ihr Blick
-fiel auf das Märchen, woraus Palvi mit so sonderbarem Accent
-einige Reime gelesen, und jetzt erst stieg eine längst verbleichte
-Erinnerung in ihr auf. Es war ein Märchen, das Palvis
-Vater den Kindern so oft erzählt hatte. Eine große Träne
-schwamm in ihrem schönen Auge und fiel herab auf diese Zeilen.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Mit
-feierlichem Gesicht und überladen mit seinen Orden trat der
-Geheimrat von Rempen herein. Mit Anstand trat er vor das
-Fräulein, ihr den Arm zu bieten. »Die Familien sind im Salon
-versammelt,« sprach er; »ist es gefällig, die Ringe zu wechseln?
-Doch wie? Sind Sie so sehr in unsere Literatur verliebt, daß
-Sie sogar gerade vor der Verlobung Lesestunden mit meinem
-Neffen halten? Was lesen Sie denn, wenn man fragen darf?«</p>
-
-<p>Mit einem schmerzlichen Lächeln stand Elise auf und nahm
-seinen Arm. »Etwas Altes in neuer Form,« erwiderte sie, »ein
-Märchen von untergegangener Liebe!«</p>
-
-<p>»Ei! ei!« setzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger
-drohend hinzu. »Etwas solches vor der Verlobung? und wie
-heißt denn der Titel?« fragte er, indem er sie in den Saal
-führte.</p>
-
-<p>»Er heißt: <em class="gesperrt">Die letzten Ritter von Marienburg</em>.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span></p>
-
-<h3>Des Verfassers eigene Kritik über vorstehende Novelle.</h3>
-
-<p class="center smaller">(Litteraturblatt des Morgenblatts 1827 Nr. 92 u. ff.)</p>
-</div>
-<div class="blockquot">
-
-<p><em class="gesperrt">Die letzten Ritter von Marienburg</em>, Novelle von
-W. Hauff. Auch wieder einmal eine Novelle, doch gottlob keine
-historische, wie wir beim ersten Anblick geargwöhnt hatten; lieber
-wäre es uns gewesen wenn Herr Hauff seinen Stoff, wie es im
-ersten Kapitel geschieht, durchaus zu einer Satire der historischen
-Romane, nicht aber zu einer ziemlich unnötigen Belobung derselben
-benützt hätte. Auch ist es nicht sehr bescheiden, daß der Herr Verfasser
-den Roman »Die letzten Ritter von Marienburg« so oft als
-trefflich und unvergleichlich schildert, da er doch selbst es ist, der
-die Skizze davon entworfen hat.</p>
-
-<p>Die letzten Partien der Novelle sind abgerissener und eilender
-als die ersten und verfehlen dadurch den Charakter der besonnenen
-Ruhe und Rundung, den die Novelle haben soll. Herr Hauff scheint
-sich zwar diesmal in Hinsicht auf Sprache und Anordnung mehr
-Mühe gegeben zu haben als im vorjährigen Frauentaschenbuch;
-aber auch hier sind die Figuren nur skizziert, flüchtig angedeutet
-und gelangen somit nicht zu echterm, farbigem Leben. Das Motiv,
-aus welchem Fräulein Elise den Dichter Palvi aufgibt, ist, wenn
-ein natürliches, doch jedenfalls kein poetisches.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Sangerin">Die Sängerin.</h2>
-
-<h3>1.</h3>
-</div>
-
-<p>»Das ist ein sonderbarer Vorfall!« sagte der Kommerzienrat
-Bolnau zu einem Bekannten, den er auf der breiten Straße
-in B. traf; »gesteht selbst, wir leben in einer argen Zeit.«</p>
-
-<p>»Ihr meint die Geschichte im Norden?« entgegnete der
-Bekannte, »habt Ihr Handelsnachrichten, Kommerzienrat? Hat
-Euch der Minister des Auswärtigen aus alter Freundschaft
-etwas Näheres gesagt?«</p>
-
-<p>»Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen
-mag geschehen, was da will. Nein, ich meine die Geschichte
-mit der Bianetti.«</p>
-
-<p>»Mit der Sängerin? Wie? Ist sie noch einmal engagiert?
-Man sagte ja, der Kapellmeister habe sich mit ihr überworfen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber um Gottes willen,« rief der Kommerzienrat und
-blieb staunend stehen; »in welchen Spelunken treibet Ihr Euch
-umher, daß Ihr nicht wisset, was sich in der Stadt zuträgt?
-So wisset Ihr nicht, was der Bianetti arrivierte?«</p>
-
-<p>»Kein Wort, auf Ehre! was ist es denn mit ihr?«</p>
-
-<p>»Nun, es ist weiter nichts mit ihr, als daß sie heute nacht
-totgestochen worden ist.«</p>
-
-<p>Der Kommerzienrat galt unter seinen Bekannten für einen
-Spaßvogel, der, wenn er morgens von elf bis Mittag seine
-Promenaden in der breiten Straße machte, die Leute gerne
-aufhielt und ihnen irgend etwas aus dem Stegreife aufband.
-Der Bekannte war daher nicht sehr gerührt von dieser Schreckensnachricht,
-sondern antwortete: »Weiter wisset Ihr also heute
-nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nachgerade mit Eurem Witz
-zu Rande sein, weil Ihr die Farben so stark auftraget. Wenn
-Ihr mich übrigens ein andermal wieder stellet in der breiten
-Straße, so besinnt Euch auf etwas Vernünftigeres, sonst bin ich
-genötigt, einen Umweg zu machen, wenn ich von der Kanzlei
-nach Hause gehe.«</p>
-
-<p>»Er glaubt's wieder nicht!« rief der Spaziergänger; »seht
-nur, er glaubt's wieder nicht! Wenn ich gesagt hätte, der Kaiser<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span>
-von Marokko sei erstochen worden, so hättet Ihr die Nachricht
-mit Dank eingesteckt und weitergetragen, weil sich dort schon
-Aehnliches zugetragen hat. Aber wenn eine Sängerin hier in
-B. totgestochen wird, da will keiner glauben, bis man den Leichenzug
-sieht. Aber, Freundchen, diesmal ist's wahr, so wahr
-ich ein ehrlicher Mann bin.«</p>
-
-<p>»Mensch! Bedenket, was Ihr sagt!« rief der Freund mit
-Entsetzen. »Die Sängerin erstochen? Tot, sagtet Ihr? Die
-Bianetti totgestochen?«</p>
-
-<p>»Tot war sie vor einer Stunde noch nicht, aber sie liegt in
-den letzten Zügen, soviel ist gewiß.«</p>
-
-<p>»Aber sprechet doch ums Himmels willen! Wie kann man
-denn eine Sängerin totstechen? Leben wir denn in Italien?
-Für was ist denn eine wohllöbliche Polizei da? Wie ging es
-denn zu? Totgestochen!«</p>
-
-<p>»Schreiet doch nicht so mörderlich!« erwiderte Bolnau besänftigend;
-»die Leute fahren schon mit den Köpfen aus allen
-Fenstern und schauen nach dem Straßenlärm. Ihr könntet ja
-<em class="antiqua">sotta voce</em> jammern, so viel Ihr wollt. Wie es zuging? Ja
-sehet, da liegt es eben; das weiß bis jetzt kein Mensch. Gestern
-nacht war das schöne Kind noch auf der Redoute, so liebenswürdig,
-so bezaubernd wie immer, und heute nacht um zwölf
-Uhr wird der Medizinalrat Lange aus dem Bette geholt, Signora
-Bianetti liege am Sterben; sie habe eine Stichwunde im
-Herzen. Die ganze Stadt spricht schon davon, aber natürlich
-das tollste Zeug. Es sind allerdings fatale Umstände dabei,
-daß man nicht ins reine kommen kann; so darf z. B. niemand
-ins Haus als der Arzt und die Leute, die sie bedienen. Auch bei
-Hof weiß man es schon, und es kam ein Befehl, daß die Wache
-nicht am Haus vorbeiziehen dürfe; das ganze Bataillon mußte
-den Umweg über den Markt nehmen.«</p>
-
-<p>»Was Ihr sagt! Aber weiß man denn gar nicht, wie es
-zuging? Hat man denn gar keine Spur?«</p>
-
-<p>»Es ist schwer, sich aus den verschiedenen Gerüchten auf das
-Wahre durchzuarbeiten. Die Bianetti, das muß man ihr lassen,
-ist eine sehr anständige Person, der man auch nicht das geringste
-nachsagen kann. Nun, wie aber die Leute sind, besonders die
-Frauen, wenn man da von dem ordentlichen Lebenswandel des
-armen Mädchens spricht, zuckt man die Achsel und will von ihrem
-frühern Leben allerlei wissen. Von ihrem frühern Leben! Sie
-hat kaum siebzehn Jahre und ist schon anderthalb Jahre hier?
-Was ist das für ein früheres Leben!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span></p>
-
-<p>»Haltet Euch nicht so lange beim Eingang auf,« unterbrach
-ihn der Bekannte, »sondern kommt auf das Thema. Weiß
-man nicht, wer sie erstochen hat?«</p>
-
-<p>»Nun, das sage ich ja eben; da soll es nun wieder ein abgewiesener
-oder eifersüchtiger Liebhaber sein, der sie umbrachte.
-Sonderbar sind allerdings die Umstände. Sie soll gestern auf
-der Redoute mit einer Maske, die niemand kannte, ziemlich
-lange allein gesprochen haben. Sie ging bald nachher weg, und
-einige Leute wollten gesehen haben, daß dieselbe Maske zu ihr in
-den Wagen stieg. Weiter weiß niemand etwas Gewisses; aber
-ich werde es bald erfahren, was an der Sache ist.«</p>
-
-<p>»Ich weiß, Ihr habt so Eure eigenen Kanäle, und gewiß
-habt Ihr auch bei der Bianetti einen dienstbaren Geist. Es
-gibt Leute, die Euch die Stadtchronik nennen.«</p>
-
-<p>»Zu viel Ehre, zu viel Ehre,« lachte der Kommerzienrat
-und schien sich ein wenig geschmeichelt zu fühlen. »Diesmal
-habe ich aber keinen andern Spion als den Medizinalrat selbst.
-Ihr müßt bemerkt haben, daß ich, ganz gegen meine Gewohnheit,
-nicht die ganze Straße hinauf und hinab wandle, sondern mich
-immer zwischen der Karls- und Friedrichsstraße halte.«</p>
-
-<p>»Wohl habe ich dies bemerkt, aber ich dachte, Ihr macht
-Fensterparade vor der Staatsrätin Baruch.«</p>
-
-<p>»Geht mir mit der Baruch! Wir haben seit drei Tagen
-gebrochen, meine Frau sah das Verhältnis nicht gerne, weil jene
-so hoch spielt. Nein, der Medizinalrat Lange kommt alle Tage
-um zwölf Uhr durch die breite Straße, um ins Schloß zu gehen,
-und ich stehe hier auf dem Anstand, um ihn sogleich aufs Korn
-zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.«</p>
-
-<p>»Da bleibe ich bei Euch,« sprach der Freund, »die Geschichte
-der Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es
-doch, Bolnau?«</p>
-
-<p>»Wertester, geniert Euch ganz und gar nicht,« entgegnete
-jener; »ich weiß, Ihr speiset um zwölf Uhr, lasset doch die
-Suppe nicht kalt werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch
-nicht recht mit der Sprache heraus wollen; kommt lieber nach
-Tisch ins Kaffeehaus, dort sollet Ihr alles hören. &ndash; Machet
-übrigens, daß Ihr fortkommt, dort biegt er schon um die Ecke.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>2.</h3>
-</div>
-
-<p>»Ich halte die Wunde nicht für absolut tödlich,« sprach der
-Medizinalrat Lange nach den ersten Begrüßungen; »der Stoß
-scheint nicht sicher geführt worden zu sein. Sie ist schon wieder<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span>
-ganz bei Besinnung, und die Schwäche abgerechnet, die der
-große Blutverlust verursachte, ist in diesem Augenblick wenigstens
-keine Spur von Gefahr.«</p>
-
-<p>»Das freut mich,« erwiderte der Kommerzienrat und schob
-vertraulich seinen Arm in den des Doktors; »ich begleite Ihn
-noch die paar Straßen bis ans Schloß; aber sag' Er mir doch
-ums Himmels willen etwas Näheres über diese Geschichte; man
-kann ja gar nicht ins klare kommen, wie sich alles zugetragen.«</p>
-
-<p>»Ich kann Ihm schwören,« antwortete jener, »es liegt ein
-furchtbares Dunkel über der Sache. Ich war kaum eingeschlafen,
-so weckt mich mein Johann mit der Nachricht, man verlange
-mich zu einem sehr gefährlichen Kranken. Ich warf mich
-in die Kleider, renne hinaus, im Vorsaal steht ein Mädchen,
-bleich und zitternd, und flüstert so leise, daß ich es kaum hörte,
-ich soll mein Verbandzeug zu mir stecken. Schon das fällt mir
-auf; ich werfe mich in den Wagen, lasse die bleiche Mamsell auf
-den Bock zu Johann sitzen, daß sie den Weg zeige, und fort geht
-es bis in den Lindenhof. Ich steige vor einem kleinen Hause ab
-und frage die Mamsell, wer denn der Kranke sei?«</p>
-
-<p>»Ich kann mir denken, wie Er staunte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wie ich staunte, als ich hörte, es ist Signora Bianetti!
-Ich kannte sie zwar nur vom Theater, hatte sie sonst kaum zwei-,
-dreimal gesehen, aber die geheimnisvolle Art, wie ich zu ihr
-gerufen wurde, das Verbandzeug, das ich zu mir stecken sollte,
-ich gestehe Ihm, ich war sehr gespannt, was der Sängerin zugestoßen
-sein sollte. Es ging eine kurze Treppe hinan, eine
-schmale Hausflur entlang. Das Mädchen ging voran, ließ
-mich einige Augenblicke im Dunkeln warten und kam mir dann
-schluchzend und noch bleicher als zuvor entgegen. ›Treten Sie
-ein, Herr Doktor,‹ sagte sie, ›ach! Sie werden zu spät kommen,
-sie wird's nicht überleben.‹ Ich trat ein, es war ein schrecklicher
-Anblick.«</p>
-
-<p>Der Medizinalrat schwieg sinnend und düster, es schien sich
-ein Bild vor seine Seele zu drängen, das er umsonst abzuwehren
-suchte. »Nun, was sah Er?« rief sein Begleiter, ungeduldig
-über diese Unterbrechung. »Er wird mich doch nicht so zwischen
-Türe und Angel stehen lassen wollen?«</p>
-
-<p>»Es ist mir manches in meinem Leben begegnet,« fuhr der
-Doktor fort, nachdem er sich gesammelt hatte, »manches, wovor
-mir graute, manches, das mich erschreckte, aber nichts, was mir
-das Herz so in der Brust umdrehte wie dieser Anblick. In einem<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span>
-matt erleuchteten Zimmer lag ein bleiches, junges Weib auf dem
-Sofa, vor ihr kniete eine alte Magd und preßte ihr ein Tuch
-auf das Herz. Ich trat näher; weiß und starr wie eine Büste
-lag der Kopf der Sterbenden zurück, die schwarzen, herabfallenden
-Haare, die dunkeln Brauen und Wimpern der geschlossenen
-Augen bildeten einen schrecklichen Kontrast mit der glänzenden
-Blässe der Stirn, des Gesichtes, des schönen Halses. Die weißen
-faltenreichen Gewänder, die wohl zu ihrer Maske gehört hatten,
-waren von Blut überströmt, Blut auf dem Fußboden, und von
-dem Herzen schien der rote Strom auszugehen. &ndash; Dies alles
-stellte sich mir in einem Augenblick dar &ndash; es war Bianetti,
-die Sängerin.«</p>
-
-<p>»O Gott, wie mich das rührt!« sprach der Kommerzienrat
-bewegt und zog ein langes, seidenes Tuch hervor, um sich die
-Augen zu wischen; »gerade so lag sie noch letzten Sonntag vor
-acht Tagen in der Oper Othello da, als sie die Desdemona
-spielte. Schon damals war der Effekt so grausam wahr und
-wahrhaft greulich, daß man meinte, der Mohr habe sie in der
-Tat erdolcht; und jetzt ist es wirklich so weit mit ihr gekommen!
-Wie mich das rührt!«</p>
-
-<p>»Habe ich Ihm nicht jede übermäßige Rührung verboten?«
-unterbrach ihn der Arzt. »Will Er mit Gewalt wieder seine
-Zufälle bekommen?«</p>
-
-<p>»Er hat recht,« sagte der Kommerzienrat Bolnau und fuhr
-schnell mit dem Tuch in die Tasche; »Er hat recht; meine Konstitution
-ist nicht für den Affekt. Erzähl' Er nur weiter, ich
-werde die Tafelscheiben am Kriegsministerio im Vorbeigehen
-zählen, das hilft gegen solche Anfälle.«</p>
-
-<p>»Zähl' Er nur, und wenn es nicht hilft, so kann Er auch
-noch den oberen Stock des Palais mitnehmen. &ndash; Die alte
-Magd nahm das Tuch weg, und mit Erstaunen erblickte ich eine
-Wunde, wie von einem Messerstich, die dem Herzen sehr nahe
-war. Es war nicht Zeit, mich mit Fragen aufzuhalten, so viele
-derselben mir auch auf der Zunge schwebten, ich untersuchte die
-Wunde und legte den Verband um. Die Verwundete hatte
-während der ganzen Operation kein Zeichen von Leben gezeigt;
-nur, als ich die Wunde sondierte, hatte sie schmerzlich zusammengezuckt.
-Ich ließ sie ruhen und bewachte ihren Schlummer.«</p>
-
-<p>»Aber das Mädchen und die alte Magd, hat Er denn diese
-nicht gefragt, woher die Wunde rühre?«</p>
-
-<p>»Ich will es Ihm nur gestehen, Kommerzienrat, weil Er
-mein alter Freund ist; ja, als für die Kranke im Augenblicke<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span>
-nichts mehr zu tun war, habe ich ihnen rund genug erklärt, daß
-ich weiter keine Hand mehr an die Dame legen werde, wenn sie
-mir nicht alles beichten.«</p>
-
-<p>»Und was sagten sie? So sprech Er doch!«</p>
-
-<p>»Nach elf Uhr war die Sängerin zu Hause gekommen, und
-zwar von einer großen männlichen Maske begleitet. &ndash; Ich
-mochte bei dieser Nachricht die beiden Weiber etwas sehr zweideutig
-angesehen haben, denn sie fingen aufs neue an zu weinen
-und beteuerten mir mit den außerordentlichsten Schwüren, ich
-solle doch nichts Schlechtes von ihrer Herrschaft denken; es sei
-die lange Zeit, seit sie ihr dienen, nie <span id="corr150">nach</span> vier Uhr abends ein
-Mann über ihre Schwelle gekommen; das kleinere Mädchen,
-das wohl Romane mußte gelesen haben, wollte sogar behaupten,
-Signora sei ein Engel an Reinheit.«</p>
-
-<p>»Das behaupte ich auch,« sagte der Kommerzienrat, indem
-er gerührt die Scheiben des Palais, dem sie sich näherten, zu
-zählen anfing; »das sage ich auch; der Bianetti kann man nichts
-Böses nachsagen, sie ist ein liebes, frommes Kind, und was
-kann sie denn dafür, daß sie schön ist und ihr Leben durch Gesang
-fristen muß?«</p>
-
-<p>»Glaub' Er mir,« entgegnete Lange, »ein Arzt hat hierin
-einen untrüglichen psychologischen Maßstab. Ein Blick auf die
-engelreinen Züge des unglücklichen Mädchens überzeugte mich
-mehr von ihrer Tugend als die Schwüre ihrer Zofen. Doch
-höre Er weiter: Die Sängerin trat mit dem Fremden in dieses
-Zimmer und hieß ihr Mädchen hinausgehen. Diese war vielleicht
-aus Neugierde, was wohl dieser nächtliche Besuch zu bedeuten
-habe, der Türe nahe geblieben; sie hörte einen heftigen
-Wortwechsel, der zwischen ihrer Dame und einer tiefen, hohlen
-Männerstimme in französischer Sprache geführt wurde; Signora
-sei endlich in heftiges Weinen ausgebrochen, der Mann habe
-schrecklich geflucht; plötzlich hörte sie ihre Dame einen gellenden
-Schrei ausstoßen, sie kann sich vor Angst nicht mehr zurückhalten,
-reißt die Türe auf, und in demselben Augenblicke fährt
-die Maske an ihr vorbei und durch den Gang an die Treppe.
-Sie folgt ihr einige Schritte, vor der Treppe hört sie ein schreckliches
-Gepolter, er mußte hinuntergestürzt sein. Von unten
-dringt ein Aechzen und Stöhnen herauf wie das eines Sterbenden,
-aber es graut ihr, sie wagt keinen Schritt weiter vorzugehen.
-Sie geht zurück in die Türe &ndash; die Sängerin liegt in
-ihrem Blute und schließt nach wenigen Augenblicken die Augen.<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span>
-Das Mädchen weiß sich nicht zu raten, sie weckt die alte Magd,
-ihrer Herrschaft einstweilen beizustehen, und springt zu mir,
-um vielleicht Signora noch zu retten.«</p>
-
-<p>»Und die Bianetti hat noch nichts geäußert? Hat Er sie
-nicht befragt?«</p>
-
-<p>»Ich ging sogleich auf die Polizei und weckte den Direktor;
-er ließ noch um Mitternacht alle Gasthöfe, alle Gassenkneipen,
-alle Winkel der Stadt durchsuchen, aus dem Tore ist in jener
-Stunde niemand passiert, und von jetzt an wird jedermann
-strenge untersucht. Die Hausleute, die im oberen Stock wohnen,
-erfuhren die ganze Sache erst, als die Polizei das Haus durchsuchte;
-unbegreiflich war es, wie der Mörder entspringen
-konnte, da er durch seinen Fall hart beschädigt sein mußte, denn
-man fand viel Blut unten an der Treppe, und es ist mir nicht
-unwahrscheinlich, daß er sich im Falle durch seinen eigenen Dolch
-verwundet hat. Es ist um so unbegreiflicher, wie er entkam,
-da die Haustüre verschlossen war. Die Bianetti selbst erwachte
-um zehn Uhr und gab dem Polizeidirektor zu Protokoll, daß
-sie im strengsten Sinne nicht wisse, auch nicht einmal ahne, wer
-die Maske sein könne. Alle Aerzte und Chirurgen sind verpflichtet,
-wenn sie zu einem Patienten, der durch einen Fall
-oder eine Messerwunde lädiert ist, gerufen werden, solches anzuzeigen,
-weil man vielleicht auf diesem Wege dem Mörder auf
-die Spur kommen könnte. So stehen die Sachen. Ich bin aber
-überzeugt wie von meinem Leben, daß ein tiefes Geheimnis
-zu Grunde liegt, das die Sängerin nicht entdecken will; denn
-die Bianetti ist nicht die Person, die sich von einem ihr völlig
-unbekannten Mann nach Hause begleiten läßt. Das scheint auch
-ihr Mädchen, das beim Verhör zugegen war, zu ahnen. Denn
-als sie sah, daß Signora nichts wissen wolle, gab sie nichts von
-dem Wortwechsel an, den sie gehört hatte, mir aber warf sie
-einen bittenden Blick zu, sie nicht zu verraten. ›Es ist eine
-entsetzliche Geschichte,‹ sagte sie, als sie mich nachher zur Treppe
-begleitete, ›aber keine Welt brächte mich dazu, etwas zu verraten,
-was Signora nicht bekannt werden lassen will.‹ Sie gestand
-mir noch etwas, das vielleicht auf die ganze Sache Licht verbreiten
-würde.«</p>
-
-<p>»Nun, und darf ich diesen Umstand nicht auch wissen?«
-fragte der Kommerzienrat; »Er sieht, wie ich gespannt bin; spann'
-Er ab, spann' Er ab, um Gottes willen, ich könnte sonst leicht
-meine Zufälle bekommen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>»Höre Er, Bolnau, besinn Er sich, lebt noch ein Bolnau
-außer Ihm in dieser Stadt? Existiert noch irgend ein anderer
-in der Welt, und wo, sag' Er, wo?«</p>
-
-<p>»Außer mir keine Seele in dieser Stadt,« antwortete Bolnau;
-»als ich vor acht Jahren hieher zog, freute es mich, daß ich
-nicht Schwarz, Weiß oder Braun, nicht Meier, Müller oder
-Bauer heiße, weil damit allerlei unangenehme Verwechselungen
-geschehen. In Kassel war ich der einzige Mann in meiner
-Familie, und sonst gibt es auf Gottes Erdboden keinen Bolnau
-mehr als meinen Sohn, den unglücklichen Musiknarren, der
-ist verschollen, seit er nach Amerika segelte. Aber warum fragt
-Er nach meinem Namen, Doktor?«</p>
-
-<p>»Nun, <em class="gesperrt">Er</em> kann es nicht sein, Kommerzienrat, und Sein
-Sohn ist in Amerika. Aber es ist schon ein Viertel über zwölf
-Uhr, Prinzeß Sophie ist krank, ich habe mich nur zu lang mit
-Euch verschwatzt; lebt wohl, <em class="antiqua">à revoir</em>!«</p>
-
-<p>»Nicht von der Stelle,« rief Bolnau und hielt ihn fest am
-Arm, »sagt mir zuvor, was das Mädchen noch gesagt hat.«</p>
-
-<p>»Nun ja, aber reinen Mund gehalten, Bolnau! ihr letztes
-Wort, ehe sie in jene tiefe Ohnmacht sank, war <em class="gesperrt">Bolnau</em>.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>3.</h3>
-</div>
-
-<p>Man hatte den Kommerzienrat Bolnau noch nie so ernst
-und düster schleichen sehen wie damals, als ihn der Doktor Lange
-vor dem Palais verließ. Sonst war er munter und rüstig einhergeschritten,
-und wenn er mit dem freundlichsten Lächeln alle
-Mädchen und Frauen grüßte, mit den Männern viel lachte und
-ihnen allerlei Neues erzählte, so hätte man ihm noch keine
-sechzig Jahre zugetraut. Er schien auch alle Ursache zu haben,
-fröhlich und guter Dinge zu sein; er hatte ein hübsches Vermögen
-zusammenspekuliert, hatte sich, als es genug schien, mit
-seiner Frau in B. zur Ruhe gesetzt und lebte nun in Freude und
-Jubel jahraus, jahrein. Er hatte einen einzigen Sohn gehabt,
-dieser sollte die Laufbahn des alten Herrn auch durchlaufen und
-handeln und sich umtun im Kommerz, so wollte er es haben.</p>
-
-<p>Der Sohn aber lebte und webte nur im Reich der Töne,
-die Musik war ihm alles, der Handel und Kommerz des Vaters
-war ihm zu gemein und niedrig. Der Vater hatte einen harten
-Sinn, der Sohn auch, der Vater brauste leicht auf, der Sohn
-auch, der Vater stellte gleich alles auf die Spitze, der Sohn
-auch; kein Wunder, daß sie nicht miteinander leben konnten.<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span>
-Und als der Sohn sein zwanzigstes Jahr zurückgelegt hatte,
-war der Vater fünfzig, da brach er ab, sich zur Ruhe zu setzen,
-und wollte dem Sohn den Handel geben. Es war auch bald
-alles in Richtigkeit und Ruhe; denn in einer schönen Sommernacht
-war der Sohn nebst einigen Klavierauszügen verschwunden,
-kam auch richtig nach England und schrieb ganz freundschaftlich,
-daß er nach Amerika gehen werde. Der Kommerzienrat
-wünschte ihm Glück auf den Weg und begab sich nach B.</p>
-
-<p>Der Gedanke an den Musiknarren, wie er seinen Sohn
-nannte, trübte ihm zwar manche Stunde, denn er hatte ihn
-ersucht, sich nie mehr vor ihm sehen zu lassen, und es stand nicht
-zu erwarten, daß jener ungerufen wiederkehre; es wollte ihn
-zuweilen bedünken, als habe er doch töricht getan, als er ihn
-durchaus im Kommerz haben wollte; aber Zeit, Gesellschaft und
-heitere Laune ließen diese trüben Gedanken nicht lange aufkommen;
-er lebte in Jubel und Freude, und wer ihn recht heiter
-sehen wollte, durfte nur zwischen elf Uhr und Mittag durch
-die breite Straße wandeln. Sah er dort einen langen, hagern
-Mann, dessen sehr moderne Kleidung, dessen Lorgnette und Reitpeitsche,
-dessen bewegliche Manieren nicht mehr recht zu seinen
-grauen Haaren passen wollten, sah er diesen Mann nach allen
-Seiten grüßen, alle Augenblicke bei diesem oder jenem stille
-stehen und schwatzen und mit den Armen fechten, so konnte er
-sich darauf verlassen, es war der Kommerzienrat Bolnau.</p>
-
-<p>Aber heute war dies alles ganz anders. Hatte ihn schon
-zuvor die Ermordungsgeschichte der Sängerin fast zu sehr affiziert,
-so war ihm das letzte Wort des Doktors in die Glieder
-geschlagen. »Bolnau« hatte die Bianetti noch gesagt, ehe sie
-vom Bewußtsein kam. Seinen eigenen ehrlichen Namen hatte
-sie unter so verfänglichen Umständen ausgesprochen! Seine
-Kniee zitterten und wollten ihm die Dienste versagen, sein Haupt
-senkte sich auf die Brust sorgenvoll und gedankenschwer. »Bolnau!«
-dachte er, »königlicher Kommerzienrat! Wenn sie jetzt
-stürbe, die Sängerin, wenn das Mädchen dann ihr Geheimnis
-von sich gäbe und den Polizeidirektor mit den näheren Umständen
-des Mordes und mit dem verhängnisvollen Worte bekannt
-machte! Was kann nicht ein geschickter Jurist aus einem
-einzigen Wort argumentieren, besonders wenn ihn die Eitelkeit
-anfeuert, in einer solchen <em class="antiqua">cause célèbre</em> seinen Scharfsinn zu
-zeigen.« Er lorgnettierte mit verzweiflungsvoller Miene das
-Zuchthaus, dessen Giebel aus der Ferne ragte. »Dorthin, Bolnau,<span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span>
-aus ganz besonderer Gnade und Rücksicht auf mehrjährige
-Dienste!«</p>
-
-<p>Er atmete schwerer, er lüftete die Halsbinde, aber erschreckt
-fuhr er zurück; war dies nicht der Ort, wo man das hänfene
-Halsband umknüpfte, war nicht dies die Stelle, wo das kalte
-Schwert durchging?</p>
-
-<p>Begegnete ihm ein Bekannter und nickte ihm zu, so dachte
-er: Holla, der weiß schon um die Sache und will mir zu verstehen
-geben, daß er wohl unterrichtet sei. Ging ein anderer
-vorüber, ohne zu grüßen, so schien ihm nichts gewisser, als daß
-man ihn nicht kennen wolle, sich nicht mit dem Umgang eines
-Mörders beflecken wolle. Es fehlte wenig, so glaubte er selbst,
-er sei schuldig am Mord, und es war kein Wunder, daß er einen
-großen Bogen machte, um das Polizeibureau zu vermeiden;
-denn konnte nicht der Direktor am Fenster stehen, ihn erblicken
-und heraufrufen? »Wertester, beliebt es nicht, ein wenig heraufzuspazieren,
-ich habe ein Wort mit Ihnen zu sprechen!«
-Verspürte er nicht schon jetzt ein gewisses Zittern, fühlte er
-nicht jetzt schon seine Züge sich zu einem Armensündergesicht
-verziehen, nur weil man glauben könnte, er sei der, den die
-Sängerin mit ihrem letzten Worte angeklagt?</p>
-
-<p>Und dann fiel ihm wieder ein, wie schädlich eine solche Gemütsbewegung
-für seine Konstitution sei; ängstlich suchte er nach
-Fensterscheiben, um sich ruhig zu zählen, aber die Häuser und
-Straßen tanzten um ihn her, der Glockenturm schien sich höhnisch
-vor ihm zu neigen, ein wahnsinniges Grauen erfaßte ihn, er
-rannte durch die Straßen, bis er erschöpft in seiner Behausung
-niedersank, und seine erste Frage war, als er wieder ein wenig
-zu sich gekommen, ob nicht ein Polizeidiener nach ihm gefragt
-habe.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>4.</h3>
-</div>
-
-<p>Als gegen Abend der Medizinalrat Lange zu seiner Kranken
-kam, fand er sie um vieles besser, als er sich gedacht hatte. Er
-setzte sich an ihrem Bette nieder und besprach sich mit ihr über
-diesen unglücklichen Vorfall. Sie hatte ihren Arm auf die
-Kissen gestützt, in der zartgeformten Hand lag ihr schöner Kopf.
-Ihr Gesicht war noch sehr bleich, aber selbst die Erschöpfung
-ihrer Kräfte schien ihr einen eigentümlichen Reiz zu geben. Ihr
-dunkles Auge hatte nichts von jenem Feuer, jenem Ausdruck
-verloren, der den Doktor, obgleich er ein bedächtiger Mann und
-nicht mehr in den Jahren war, wo Phantasie der Schönheit zu<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span>
-Hilfe kommt, schon früher von der Bühne aus angezogen hatte.
-Er mußte sich gestehen, daß er selten einen so schönen Kopf, ein
-so liebliches Gesicht gesehen hatte; ihre Züge waren nichts weniger
-als regelmäßig, und dennoch übten sie durch ihre Verbindung
-und Harmonie einen Zauber aus, für welchen er lange
-keinen Grund wußte; doch dem psychologischen Blicke des Medizinalrates
-blieb dieser Grund nicht verborgen; es war jene Reinheit
-der Seele, jener Adel der Natur, was diese jungfräulichen
-Züge mit einem überraschenden Glanz von Schönheit übergoß.
-»Es scheint, Sie studieren meine Züge, Doktor,« sprach die
-Sängerin lächelnd; »Sie sitzen so stumm und sinnend da, starren
-mich an und scheinen ganz zu vergessen, was ich fragte. Oder
-ist es zu schrecklich, als daß ich es hören sollte? Darf ich nicht
-erfahren, was die Stadt über mein Unglück sagt?«</p>
-
-<p>»Was wollen Sie alle diese törichten Vermutungen hören,
-die müßige Menschen erfinden und weitersagen? Ich habe
-eben darüber nachgedacht, wie rein sich Ihre Seele auf Ihren
-Zügen spiegle; Sie haben Frieden in sich, was kümmert Sie
-das Urteil der Menschen?«</p>
-
-<p>»Sie weichen mir aus,« entgegnete sie, »Sie wollen mir
-entschlüpfen, indem Sie mir schöne Dinge sagen. Und mich
-sollte das Urteil der Menschen nicht kümmern? Welches rechtliche
-Mädchen darf sich so über die Gesellschaft, in welcher sie
-lebt, hinwegsetzen, daß es ihr gleich gilt, was man von ihr
-spricht? Oder glauben Sie etwa,« setzte sie ernster hinzu, »ich
-werde nichts danach fragen, weil ich einem Stand angehöre, dem
-man nicht viel Gutes zutraut? Gestehen Sie nur, Sie halten
-mich für recht leichtsinnig.«</p>
-
-<p>»Nein, gewiß nicht; ich habe immer nur Schönes von Ihnen
-gehört, Mademoiselle Bianetti, von Ihrem stillen, eingezogenen
-Leben, und daß Sie mit sicherer Haltung in der Welt stehen,
-obgleich Sie so einsam und mancher Kabale ausgesetzt sind.
-Aber warum wollen Sie gerade wissen, was die Menschen sagen?
-Wenn ich nun als Arzt solche Neuigkeiten nicht für zuträglich
-hielt?«</p>
-
-<p>»Bitte, Doktor, bitte, foltern Sie mich nicht so lange,«
-rief sie; »sehen Sie, ich lese in Ihren Augen, daß man nicht
-gut von mir spricht. Warum mich in Ungewißheit lassen, die
-gefährlicher für die Ruhe ist als die Wahrheit selbst?«</p>
-
-<p>Diesen letzten Grund fand der Medizinalrat sehr richtig;
-und konnte in seiner Abwesenheit nicht irgend eine geschwätzige
-Frau sich eindrängen und noch Aergeres berichten, als er sagen<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span>
-konnte? »Sie kennen die hiesigen Leute,« antwortete er, »B.
-ist zwar ziemlich groß, aber, du lieber Gott, bei einer Neuigkeit
-derart zeigt es sich, wie kleinstädtisch man ist. Es ist wahr, Sie
-sind das Gespräch der Stadt, dies kann Sie nicht wundern, und
-weil man nichts Bestimmtes weiß, so &ndash; nun so macht man sich
-allerhand seltsame Geschichten. So soll z. B. die männliche
-Maske, die man auf der Redoute mit Ihnen sprechen sah und
-die ohne Zweifel dieselbe ist, welche diese Tat beging, ein&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun, so reden Sie doch aus,« bat die Sängerin in großer
-Spannung, »vollenden Sie!«</p>
-
-<p>»Es soll ein früherer Liebhaber gewesen sein, der Sie in
-&ndash; in einer andern Stadt geliebt hat und aus Eifersucht umbringen
-wollte.«</p>
-
-<p>»Von <em class="gesperrt">mir</em> das! O, ich Unglückliche!« rief sie schmerzlich
-bewegt, und Tränen glänzten in ihren schönen Augen; »wie hart
-sind doch die Menschen gegen ein so armes, armes Mädchen,
-das ohne Schutz und Hilfe ist! Aber reden Sie aus, Doktor,
-ich beschwöre Sie! Es ist noch etwas anderes zurück, das Sie
-mir nicht sagten. In welcher Stadt, sagen die Leute, soll ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Signora, ich hätte Ihnen mehr Kraft zugetraut,« sprach
-Lange, besorgt über die Bewegung seiner Kranken. »Wahrlich,
-ich bereue es, nur so viel gesagt zu haben; ich hätte es nie getan,
-wenn ich nicht fürchtete, daß andere mir unberufen zuvorkämen.«</p>
-
-<p>Die Sängerin trocknete schnell ihre Tränen; »ich will
-ruhig sein,« sagte sie wehmütig lächelnd, »ruhig will ich sein
-wie ein Kind; ich will fröhlich sein, als hätten mir diese Menschen,
-die mich jetzt verdammen, ein tausendstimmiges Bravo
-zugerufen. Nur erzählen Sie weiter, lieber, guter Doktor!«</p>
-
-<p>»Nun, die Leute schwatzen dummes Zeug,« fuhr jener ärgerlich
-fort. »So soll, als Sie letzthin im Othello auftraten, in
-einer der ersten Ranglogen ein fremder Graf gewesen sein;
-dieser will Sie erkannt und vor etwa zwei Jahren in Paris in
-einem schlechten Hause gesehen haben. &ndash; Aber, mein Gott, Sie
-werden immer blässer&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Es ist nichts, der Schein der Lampe fiel nur etwas matter
-herüber, weiter, weiter!«</p>
-
-<p>»Nun, dieses Gerede blieb von Anfang nur in den ersten
-Zirkeln, nach und nach kam es aber ins Publikum, und da dieser
-Vorfall hinzukommt, verbindet man beides und versetzt das
-frühere Verhältnis zu Ihrem Mörder in jenes berüchtigte Haus
-in Paris.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>Auf den ausdrucksvollen Zügen der Kranken hatte während
-dieser Rede die tiefste Blässe mit flammender Röte gewechselt.
-Sie hatte sich höher aufgerichtet, als solle ihr kein Wort dieser
-schrecklichen Kunde entgehen, ihr Auge haftete starr und brennend
-auf dem Mund des Arztes, sie atmete kaum, ihr Herz schien
-stillzustehen. »Jetzt ist's aus,« rief sie mit einem schmerzlichen
-Blick zum Himmel, indem Tränen ihrem Auge entstürzten,
-»jetzt ist es aus, wenn <em class="gesperrt">er</em> dies hörte, so war es zuviel für seine
-Eifersucht. Warum bin ich nicht gestern gestorben, ach! da hätte
-ich meinen guten Vater gehabt, und meine süße Mutter hätte
-mich getröstet über den Hohn dieser grausamen Menschen!«</p>
-
-<p>Der Doktor staunte über diese rätselhaften Worte; er wollte
-eben ein tröstendes, besänftigendes Wort zu ihr sprechen, als die
-Türe mit Geräusch aufflog und ein großer, junger Mann hereinfuhr.
-Sein Gesicht war auffallend schön, aber ein wilder
-Trotz verfinsterte seine Züge, sein Auge rollte, sein Haar hing
-verwildert um die Stirne. Er hatte ein großes zusammengerolltes
-Notenblatt in der Faust, mit welchem er in der Luft
-herumfuhr und gleichsam agierte, ehe er Atem zum Sprechen
-fand. Bei seinem Anblick schrie die Sängerin laut auf, der
-Doktor glaubte anfangs, aus Angst, aber es war Freude, denn
-ein holdes Lächeln zog um ihren Mund, ihr Auge glänzte ihm
-durch Tränen entgegen. »Carlo!« rief sie, »Carlo! Endlich
-kommst du, nach mir zu sehen!«</p>
-
-<p>»Elende!« rief der junge Mann, indem er majestätisch den
-Arm mit der langen Notenrolle nach ihr ausstreckte. »Laß ab
-von deinem Sirenengesang, ich komme &ndash; dich zu richten!«</p>
-
-<p>»O Carlo!« unterbrach ihn die Sängerin, und ihre Töne
-klangen schmelzend und süß wie die Klänge der Flöte. »Wie
-kannst du so zu deiner Giuseppa sprechen!«</p>
-
-<p>Der junge Mann wollte mit tragischem Pathos antworten,
-aber der Doktor, dem dieser Auftritt für seine Kranke zu angreifend
-schien, warf sich dazwischen. »Wertester Herr Carlo,«
-sagte er, indem er ihm eine Prise bot, »belieben Sie zu bedenken,
-daß Mademoiselle in einem Zustand ist, wo solche Szenen
-allzusehr ihre schwachen Nerven affizieren!«</p>
-
-<p>Jener schaute ihn groß an und wandte die Notenrolle gegen
-ihn. »Wer bist du, Erdenwurm?« rief er mit tiefer, dröhnender
-Stimme. »Wer bist du, daß du dich zwischen mich stellst und
-meinen Zorn?«</p>
-
-<p>»Ich bin der Medizinalrat Lange,« entgegnete dieser und
-schlug die Dose zu, »und in meinen Titeln befindet sich nichts<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span>
-von einem Erdenwurme. Ich bin hier Herr und Meister, solange
-Signora krank ist, und ich sage Ihnen im guten, packen
-Sie sich hinaus, oder modulieren Sie Ihr <em class="antiqua">Presto assai</em> zu einem
-anständigen <em class="antiqua">Larghetto</em>.«</p>
-
-<p>»O, lassen Sie ihn doch, Doktor,« rief die Kranke ängstlich,
-»lassen Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er ist mein
-Freund, Carlo wird mir nichts Böses tun, was ihm auch die
-schlechten Menschen wieder von mir gesagt haben.«</p>
-
-<p>»Ha! Du wagst es noch zu spotten! Aber wisse, ein Blitzstrahl
-hat die Tore deines Geheimnisses gesprengt und hat die
-Nacht erhellt, in welcher ich wandelte. Also darum sollte ich
-nicht wissen, was du warst, woher du kamst? Darum verschlossest
-du mir den Mund mit deinen Küssen, wenn ich nach deinem
-Leben fragte? Ich Tor! Daß ich von einer Weiberstimme mich
-bezaubern ließ und nicht bedachte, daß sie nur Trug und Lug ist!
-Nur im Gesang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. <em class="antiqua">Ciel!</em>
-Wie konnte ich mich von den Rouladen einer Dirne betören
-lassen!«</p>
-
-<p>»O Carlo,« flüsterte die Kranke, »wenn du wüßtest, wie
-deine Worte mein Herz verwunden, wie dein schrecklicher Verdacht
-noch tiefer dringt als der Stahl des Mörders!«</p>
-
-<p>»Nicht wahr, Täubchen,« schrie jener mit schrecklichem
-Lachen, »deine Amorosi sollten blind sein, da wäre gut mit
-ihnen spielen? Der Pariser muß doch ein wackerer Kerl sein,
-daß er endlich doch noch das fromme Täubchen fand!«</p>
-
-<p>»Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,« rief der
-Doktor und packte den Rasenden am Rock; »auf der Stelle marschier'
-Er sich zu dem Zimmer hinaus, sonst werde ich die Hausleute
-rufen, daß sie Ihn expedieren!«</p>
-
-<p>»Ich gehe schon, Erdenwurm, ich gehe,« schrie jener und
-stieß den Medizinalrat zurück, daß er ganz bequem in einem
-Fauteuil niedersaß; »ja ich gehe, Giuseppa, um nimmer wiederzukehren.
-Lebe wohl oder stirb lieber, Unglückliche, verbirg
-deine Schmach unter der Erde. Aber jenseits verbirg deine
-Seele an einem Ort, wo ich dir nie begegnen möge; ich würde der
-Seligkeit fluchen, wenn ich sie mit dir teilte, weil du mich hier
-so schändlich um meine Liebe, um mein Leben betrogen.« Er
-rief es, indem er noch etwas weniges mit den Noten agierte,
-aber sein wildes, rollendes Auge schmolz in Tränen, als er den
-letzten Blick auf die Geliebte warf, und schluchzend rannte er
-aus dem Zimmer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span></p>
-
-<p>»Ihm nach, halten Sie ihn auf,« rief die Sängerin, »führen
-Sie ihn zurück, es gilt meine Seligkeit!«</p>
-
-<p>»Mit nichten, Wertgeschätzte,« entgegnete Doktor Lange,
-indem er sich aus seinem Lehnstuhl aufrichtete; »diese Szene
-darf nicht fortgespielt werden. Ich will Ihnen etwas Niederschlagendes
-aufschreiben, das Sie alle Stunden zwei Eßlöffel
-voll einnehmen werden.«</p>
-
-<p>Die Unglückliche war in ihre Kissen zurückgesunken, und
-ihre Kräfte waren erschöpft, sie verlor das Bewußtsein von
-neuem.</p>
-
-<p>Der Doktor rief das Mädchen und suchte mit ihrer Hilfe
-die Kranke wieder ins Leben zurückzubringen, doch konnte er
-sich nicht enthalten, während er die Essenzen einflößte, das
-Mädchen tüchtig auszuschmälen. »Habe ich nicht befohlen, man
-solle niemand, gar niemand hereinlassen, und jetzt läßt man
-diesen Wahnsinnigen zu, der Ihr braves Fräulein beinahe zum
-zweitenmal ums Leben brachte.«</p>
-
-<p>»Ich habe gewiß sonst niemand hereingelassen,« sprach die
-Zofe weinend; »aber <em class="gesperrt">ihn</em> konnte ich doch nicht abweisen; sie
-schickte mich ja heute schon dreimal in sein Haus, um ihn zu
-beschwören, nur auf einen kleinen Augenblick zu kommen; ich
-mußte ja sogar sagen, sie sterbe und wolle ihn vor ihrem Tode
-nur noch ein einziges Mal sehen!«</p>
-
-<p>»So? Und wer ist denn dieser&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Kranke schlug die Augen auf. Sie sah bald den
-Doktor, bald das Mädchen an, ihre Blicke irrten suchend durchs
-Zimmer. »Er ist fort, er ist auf ewig hin,« flüsterte sie; »ach,
-lieber Doktor, gehen Sie zu Bolnau!«</p>
-
-<p>»Aber, mein Gott, was wollen Sie nur von meinem unglücklichen
-Kommerzienrat, er hat sich über Ihre Geschichte schon
-genug alteriert, daß er zu Bette liegen muß; was kann denn er
-Ihnen helfen?«</p>
-
-<p>»Ach, ich habe mich versprochen,« erwiderte sie, »zu dem
-fremden Kapellmeister sollen Sie gehen, er heißt Boloni und
-logiert im Hotel de Portugal.«</p>
-
-<p>»Ich erinnere mich, von ihm gehört zu haben,« sprach der
-Doktor, »aber was soll ich bei diesem tun?«</p>
-
-<p>»Sagen Sie ihm, ich wolle ihm alles sagen, er soll nur
-noch einmal kommen &ndash; doch nein, ich kann es ihm nicht selbst
-sagen; Doktor, wenn Sie &ndash; ja ich habe Vertrauen zu Ihnen,
-ich will Ihnen alles sagen, und dann sagen Sie es wieder dem
-Unglücklichen, nicht wahr?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span></p>
-
-<p>»Ich stehe zu Befehl; was ich zu Ihrer Beruhigung tun
-kann, werde ich mit Freuden tun.«</p>
-
-<p>»Nun, so kommen Sie morgen frühe, ich kann heute nicht
-mehr so viel sprechen. Adieu, Herr Medizinalrat; doch noch
-ein Wort; Babette, gib dem Herrn Doktor sein Tuch!«</p>
-
-<p>Das Mädchen schloß einen Schrank auf und reichte dem
-Doktor ein Tuch von gelber Seide, das einen starken, angenehmen
-Geruch im Zimmer verbreitete.</p>
-
-<p>»Das Tuch gehört nicht mir,« sprach jener, »Sie irren sich,
-ich führe nur Schnupftücher von Leinwand.«</p>
-
-<p>»Unmöglich!« entgegnete das Mädchen; »wir fanden es
-heute nacht am Boden, ins Haus gehört es nicht, und sonst war
-noch niemand da als Sie.«</p>
-
-<p>Der Doktor begegnete den Blicken der Sängerin, die erwartungsvoll
-auf ihm ruhten. »Könnte nicht dieses Tuch jemand
-anderem entfallen sein?« fragte er mit einem festen Blick auf sie.</p>
-
-<p>»Zeigen Sie her,« erwiderte sie ängstlich, »daran hatte ich
-noch nicht gedacht.« Sie untersuchte das Tuch und fand in der
-Ecke einen verschlungenen Namenszug; sie erbleichte, sie fing
-an zu zittern.</p>
-
-<p>»Es scheint, Sie kennen dieses Tuch und die Person, die
-es verloren hat,« fragte Lange weiter; »es könnte zu etwas
-führen; darf ich es nicht mit mir nehmen? Darf ich Gebrauch
-davon machen?«</p>
-
-<p>Giuseppa schien mit sich zu kämpfen; bald reichte sie ihm
-das Tuch, bald zog sie es ängstlich und krampfhaft zurück. »Es
-sei,« sagte sie endlich; »und sollte der Schreckliche noch einmal
-kommen und mein wundes Herz diesmal besser treffen, ich
-wage es; nehmen Sie, Doktor. Ich will Ihnen morgen Erläuterungen
-zu diesem Tuche geben.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>5.</h3>
-</div>
-
-<p>Man kann sich denken, wie ausschließlich diese Vorfälle die
-Seele des Medizinalrats Lange beschäftigten. Seine sehr ausgebreitete
-Praxis war ihm jetzt ebensosehr zur Last, als sie ihm
-vorher Freude gemacht hatte, denn verhinderten ihn nicht die
-vielen Krankenbesuche, die er vorher zu machen hatte, die Sängerin
-am andern Morgen recht bald zu besuchen und jene Aufschlüsse
-und Erläuterungen zu vernehmen, denen sein Herz ungeduldig
-entgegenpochte? Doch zu etwas waren diese Besuche
-in dreißig bis vierzig Häusern gut, er konnte, wie er zu sagen<span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span>
-pflegte, hinhorchen, was man über die Bianetti sage, vielleicht
-konnte er auch über ihren sonderbaren Liebhaber, den Kapellmeister
-Boloni, eines oder das andere erfahren.</p>
-
-<p>Ueber die Sängerin zuckte man die Achseln. Man urteilte
-um so unfreundlicher über sie, je ärgerlicher man darüber war,
-daß so lange nichts Offizielles und Sicheres über ihre Geschichte
-ins Publikum kam. Ihre Neider &ndash; und welche ausgezeichnete
-Sängerin, wenn sie dazu schön und achtzehn alt ist,
-hat deren nicht genug? &ndash; ihre Neider gönnten ihr alles und
-machten hämische Bemerkungen; die Gemäßigten sagten: so ist
-es mit solchem Volke; einer Deutschen wäre dies auch nicht
-passiert. Ihre Freunde beklagten sie und fürchteten für ihren
-Ruf beinahe noch mehr als für ihre Gesundheit. Das arme
-Mädchen! dachte Lange und beschloß, um so eifriger ihr zu
-dienen.</p>
-
-<p>Vom Kapellmeister wußte man wenig, weder Schlechtes
-noch Gutes. Er war vor etwa drei Vierteljahren nach B. gekommen,
-hatte sich im Hotel de Portugal ein Dachstübchen gemietet
-und lebte sehr eingezogen und mäßig. Er schien sich
-von Gesangstunden und musikalischen Kompositionen zu nähren.
-Alle wollten übrigens etwas Ueberspanntes, Hochfahrendes an
-ihm bemerkt haben; die, welche ihn näher kennen gelernt hatten,
-fanden ihn sehr interessant, und schon mancher Musikfreund soll
-sich ein Couvert an der Abendtafel im Hotel de Portugal bestellt
-haben, nur um seine herrliche Unterhaltung über die
-Musik zu genießen. Aber auch diese kamen darin überein, daß
-es mit Boloni nicht ganz richtig sei, denn er vernachlässige,
-verachte sogar den weiblichen Gesang, während er mit Entzücken
-von Männerstimmen, besonders von Männerchören
-spreche Er hatte übrigens keine näheren Bekannten, keinen
-Freund; von seinem Verhältnis zur Sängerin Bianetti schien
-niemand etwas zu wissen.</p>
-
-<p>Den Kommerzienrat Bolnau fand er noch immer unwohl
-und im Bette; er schien sehr niedergeschlagen und sprach mit unsicherer,
-heiserer Stimme allerlei Unsinn über Dinge, die sonst
-gänzlich außer seinem Gesichtskreise lagen. Er hatte eine
-Sammlung berühmter Rechtsfälle um sich her, in welcher er
-eifrig studierte; die Frau Kommerzienrätin behauptete, er habe
-die ganze Nacht darin gelesen und hie und da schrecklich gewinselt
-und gejammert. Seine Lektüre betraf besonders die
-unschuldig Hingerichteten, und er äußerte gegen den Medizinalrat,
-es liege eigentlich für den Menschenfreund ein großer Trost<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span>
-in der Langsamkeit der deutschen Justiz; denn es lasse sich erwarten,
-daß, wenn ein Prozeß zehn und mehrere Jahre daure,
-die Unschuld doch leichter an den Tag komme, als wenn man
-heute gefangen und morgen gehangen werde.</p>
-
-<p>Die Sängerin Bianetti, für welche der Doktor endlich ein
-Stündchen erübrigt hatte, war düster und niedergeschlagen, als
-sei keine Hoffnung mehr für sie auf Erden. Ihr Auge war
-trübe, sie mußte viel geweint haben, die Wunde war über alle
-Erwartung gut; aber mit ihrem zunehmenden körperlichen
-Wohlbefinden schien die Ruhe und Gesundheit ihrer Seele zu
-schwinden. »Ich habe lange darüber nachgedacht,« sagte sie,
-»und fand, daß Sie, lieber Doktor, doch auf höchst sonderbare
-Weise in mein Schicksal verwebt werden. Ich kannte Sie
-vorher nicht; ich gestehe, ich wußte kaum, daß ein Medizinalrat
-Lange in B. existiere. Und jetzt, da ich mit einem Schlage so
-unglücklich geworden bin, sendet mir Gott einen so teilnehmenden,
-väterlichen Freund zu.«</p>
-
-<p>»Mademoiselle Bianetti,« erwiderte Lange, »der Arzt hat
-an manchem Bette mehr zu tun, als nur den Puls an der
-Linken zu fühlen, Wunden zu verbinden und Mixturen zu verschreiben.
-Glauben Sie mir, wenn man so allein bei einem
-Kranken sitzt, wenn man den innern Puls der Seele unruhig
-pochen hört, wenn man Wunden verbinden möchte, die niemand
-siehet, da wird auf wunderbare Weise der Arzt zum Freunde,
-und der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Körper und
-Seele scheint auch in diesem Verhältnis auffallend zu wirken.«</p>
-
-<p>»So ist es,« sprach Giuseppa, indem sie zutraulich seine
-Hand faßte; »so ist es, und auch meine Seele hat einen Arzt
-gefunden. Sie werden vielleicht viel für mich tun müssen. Es
-möchte sein, daß Sie sogar vor den Gerichten in meinem Namen
-handeln müssen. Wenn Sie einem armen Mädchen, das sonst
-gar keine Stütze hat, dieses große Opfer bringen wollen, so will
-ich mich Ihnen entdecken.«</p>
-
-<p>»Ich will es tun,« sprach der freundliche Alte, indem er
-ihre Hand drückte.</p>
-
-<p>»Aber bedenken Sie es wohl; die Welt hat meinen Ruf
-angegriffen, sie klagt mich an, sie richtet, sie verdammt mich.
-Wenn nun die Menschen auch auf Sie höhnisch deuten, daß Sie
-der verrufenen Sängerin, der schlechten Italienerin, ach!<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span>
-<em class="gesperrt">meiner</em> sich angenommen haben, werden Sie das ertragen
-können?«</p>
-
-<p>»Ich will es!« rief der Doktor mit Ernst und Heftigkeit.
-»Erzählen Sie!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>6.</h3>
-</div>
-
-<p>»Mein Vater,« erzählte die Sängerin, »war Antonio Bianetti,
-ein berühmter Violinspieler, der Ihnen aus jüngeren
-Jahren nicht unbekannt sein kann, denn sein Ruf hatte durch
-die Konzerte, die er an Höfen und in großen Städten gab, sich
-überall verbreitet. Ich kann mir ihn nur noch aus meiner frühesten
-Kindheit denken, wie er mir die Skala vorgeigte, die ich
-schon im dritten Jahre sehr richtig nachsang. Meine Mutter
-war zu ihrer Zeit eine vorzügliche Sängerin gewesen und pflegte
-in den Konzerten des Vaters einige Arien und Kanzonetten
-vorzutragen. Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der
-Reise starb und uns in Armut zurückließ. Meine Mutter mußte
-sich entschließen, durch Singen uns fortzubringen. Sie heiratete
-nach einem Jahr einen Musiker, der ihr von Anfang sehr geschmeichelt
-haben soll, nachher aber zeigte es sich, daß er sie nur
-geheiratet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde Musikdirektor
-in einer kleinen Stadt im Elsaß, und da fing erst
-unser Leiden recht an.</p>
-
-<p>»Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre
-Stimme so sehr, daß sie beinahe keinen Ton mehr singen konnte.
-Dadurch war die größte Geldquelle meines Stiefvaters versiegt,
-denn seine Konzerte waren nur durch meine Mutter glänzend
-und zahlreich gewesen. Er plagte sie von jetzt an schrecklich; mir
-wollte er gar nicht mehr zu essen geben, bis er endlich auf ein
-Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen. Er marterte mich
-ganze Tage lang und geigte mir die schwersten Sachen von
-Mozart, Gluck, Rossini und Spontini ein, die ich dann Sonntagsabend
-mit großem Applaus absang; das arme Schepperl, so
-hatte man meinen Namen Giuseppa verketzert, wurde eines
-jener unglücklichen Wunderkinder, denen die Natur ein schönes
-Talent zu ihrem größten Unglück gegeben hat; der Grausame
-ließ mich alle Tage singen, er peitschte mich, er gab mir tagelang
-nichts zu essen, wenn ich nicht richtig intoniert hatte; die Mutter
-aber konnte meine Qualen nicht mehr lange sehen, es war, als
-ob ihr Leben in ihren stillen Tränen dahinfließe; an einem
-schönen Frühlingsmorgen fanden wir sie tot. Was soll ich Sie
-von meinen Marterjahren unterhalten, die jetzt anfingen? Ich<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span>
-war elf Jahre alt und sollte die Haushaltung führen, die
-kleinen Geschwister erziehen, und dabei noch singen lernen für
-die Konzerte! O, es war eine Qual der Hölle!</p>
-
-<p>»Um diese Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater
-immer einen Sack voll Fünffrankstücke mitbrachte. Ich kann
-nicht ohne Grauen an ihn denken. Es war ein großer, hagerer
-Mann von mittlerem Alter; er hatte kleine blinzelnde, graue
-Augen, die ihn durch ihren unangenehmen, stechenden Ausdruck
-vor allen Menschen, die ich je gesehen, auszeichnete. Mich schien
-er besonders liebgewonnen zu haben. Er lobte, wenn er kam,
-meine Größe, meinen Anstand, mein Gesicht, meinen Gesang.
-Er setzte mich auf seine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches
-Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines
-Schreiens, er sagte wohlgefällig: ›Noch zwei &ndash; drei Jahr, dann
-bist du fertig, Schepperl!‹ Und er und mein Stiefvater brachen
-in ein wildes Lachen bei dieser Prophezeiung aus. An meinem
-fünfzehnten Geburtsfest sagte mein Stiefvater zu mir: ›Höre,
-Schepperl, du hast nichts, du bist nichts, ich geb' dir nichts, ich
-will nichts von dir, habe auch hinlänglich genug an meinen drei
-übrigen Rangen; die Christel (meine Schwester) wird jetzt statt
-deiner das Wunderkind. Was du hast, dein bißchen Gesang,
-hast du von mir, damit wirst du dich fortbringen. Der Onkel
-in Paris will dich übrigens aus Gnade in sein Haus aufnehmen.‹
-&ndash; ›Der Onkel in Paris?‹ rief ich staunend, denn bisher wußte
-ich nichts von einem solchen. ›Ja, der Onkel in Paris,‹ gab er
-zur Antwort, ›er kann alle Tage kommen.‹</p>
-
-<p>»Sie können sich denken, wie ich mich freute; es ist jetzt
-drei Jahre her, aber noch heute ist die Erinnerung an jene
-Stunden so lebhaft in mir, als wäre es gestern gewesen. Das
-Glück, aus dem Hause meines Vaters zu kommen, das Glück,
-meinen Onkel zu sehen, der sich meiner erbarme, das Glück, nach
-Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz des Putzes und der Seligkeit
-dachte, &ndash; ich war berauscht von so vielem Glück; so oft ein
-Wagen fuhr, sah ich hinaus, ob nicht der Onkel komme, mich in
-sein Reich abzuholen. Endlich fuhr eines Abends ein Wagen
-vor unserem Hause vor. ›Das ist dein Onkel,‹ rief der Vater;
-ich flog hinab, ich breitete meine Arme aus nach meinem Erretter
-&ndash; grausame Täuschung! Es war der Mann mit den
-Fünffrankenstücken.</p>
-
-<p>»Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber
-dennoch vergesse ich die teuflische Freude nie, die aus seinen
-grauen Augen blitzte, als er mich hoch aufgewachsen fand; noch<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span>
-immer klingt mir seine krächzende Stimme in den Ohren: ›Jetzt
-bist du recht, mein Täubchen, jetzt will ich dich einführen in die
-große Welt.‹ Er faßte mich mit der Hand, mit der andern warf
-er einen Geldsack auf den Tisch; der Sack fuhr auf, ein glänzender
-Regen von Silber- und Goldstücken rollte auf den Boden;
-meine drei kleinen Geschwister und der Vater jubelten, rutschten
-auf dem Boden umher und lasen die Stücke auf, &ndash; es war &ndash;
-mein Kaufpreis.</p>
-
-<p>»Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der hagere
-Mann (ich vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte
-mir beständig vor, welch glänzende Rolle ich in seinen Salons
-spielen werde. Ich konnte mich nicht freuen, eine Angst, eine
-unerklärliche Bangigkeit waren an die Stelle meiner Freude,
-meines Glückes getreten. Vor einem großen, erleuchteten Hause
-hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis zwölf schöne,
-allerliebste Mädchen hüpften die breiten Treppen herab uns entgegen.
-Sie herzten und küßten mich und nannten mich
-Schwester Giuseppa; ich fragte den Hagern: ›Sind dies Ihre
-Töchter, mein Herr?‹ &ndash; ›<em class="antiqua">Oui, mes bonnes enfants!</em>‹ rief er
-lachend, und die Mädchen und die zahlreiche Dienerschaft stimmten
-ein mit einem rohen, schallenden Gelächter.</p>
-
-<p>»Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerstreuten mich. Ich
-wurde am folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich
-in den Salon. Die zwölf Mädchen saßen im schönsten Putz
-an Spieltischen, auf Kanapees, am Flügel. Sie unterhielten
-sich mit jungen und ältern Herrn sehr lebhaft. Als ich eintrat,
-brachen alle auf, gingen mir entgegen und betrachteten
-mich. Der Herr des Hauses führte mich zum Flügel, ich mußte
-singen; allgemeiner Beifall wurde mir zu teil. Man zog mich
-ins Gespräch, meine ungebildeten, halb italienischen Ausdrücke
-galten für Naivität; man bewunderte mich, ich erröte heute
-noch, mit welchen Worten man mir dieses sagte. So ging es
-mehrere Tage herrlich und in Freuden. Ich lebte ungeniert,
-ich hätte zufrieden leben können, wenn ich mich nicht höchst unbehaglich,
-beinahe bänglich in diesem Hause, in dieser Gesellschaft
-gefühlt hätte; in meiner naiven Unschuld glaubte ich, so
-sei nun einmal die große Welt, und man müsse sich in ihre
-Sitten fügen. Eines fiel mir jedoch auf; als ich an einem
-Abende zufällig an der Treppe vorbeiging, sah ich, daß die
-Herren, die uns besuchten, dem Portier Geld gaben, dafür
-blaue oder rote Karten bekamen und solche einem Bedienten
-vor dem Salon wieder übergaben. Ein junger Stutzer, der<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span>
-an mir vorüberkam, wies mir mit zärtlichen Blicken eine dieser
-roten Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber
-errötete. Aber hören Sie weiter, was sich alsbald zutrug.</p>
-
-<p>»Sehen Sie, lieber Doktor, hier habe ich ein kleines, unscheinbares
-Papier. Diesem bin ich meine Rettung schuldig.
-Ich fand es eines Morgens unter dem Brötchen meines Frühstücks,
-ich weiß nicht, von welcher gütigen Hand es kam, aber
-möge der Himmel das Herz belohnen, das sich meiner erbarmte.
-Es lautet:</p>
-
-<p class="center">
-›Mademoiselle!
-</p>
-
-<p>Das Haus, welches Sie bewohnen, ist ein Freudenhaus;
-die Damen, die Sie um sich sehen, sind Freudenmädchen; sollten
-wir uns in Giuseppa geirrt haben? Wird sie einen kurzen
-Schimmer von Glück mit langer Reue erkaufen wollen?‹</p>
-
-<p>»Es war ein schreckliches Licht, es drohte mich völlig zu
-blenden, denn es zerriß beinahe zu plötzlich meinen unschuldigen
-Kindersinn und den Traum von einer unbesorgten glücklichen
-Lage. Was war zu tun? Ich hatte in meinem Leben noch
-nicht gelernt, Entschlüsse zu fassen. Der Mann, dem dieses
-Haus gehörte, war mir ein fürchterlicher Zauberer, der jeden
-meiner Gedanken lesen könne, der jetzt schon darum wissen
-müsse, was ich erfahren. Und dennoch wollte ich lieber sterben,
-als noch einen Augenblick hier verweilen. &ndash; Ich hatte ein Mädchen
-geradeüber von unserer Wohnung zuweilen Italienisch
-sprechen hören; ich kannte sie nicht &ndash; aber kannte ich denn
-sonst jemand in dieser ungeheuren Stadt? Diese vaterländischen
-Klänge erweckten Zutrauen in mir; zu ihr wollte ich flüchten,
-ich wollte sie auf den Knieen anflehen, mich zu retten.</p>
-
-<p>»Es war sieben Uhr frühe; ich war meiner ländlichen Gewohnheit
-treu geblieben, stand immer frühe auf und pflegte
-gleich nachher zu frühstücken, und dies rettete mich. Um diese
-Zeit schliefen noch alle, sogar ein großer Teil der Domestiken.
-Nur der Portier war zu fürchten. Doch konnte er denken, daß
-jemand aus diesem Tempel der Herrlichkeit entfliehen werde?
-Ich wagte es; ich warf mein schwarzes, unscheinbares Mäntelchen
-um mich, eilte die Treppe hinab; meine Kniee schwankten,
-als ich an der Loge des Portiers vorbeiging; er bemerkte mich
-nicht; drei Schritte, und ich war frei.</p>
-
-<p>»Rechts über die Straße hinüber wohnte das italienische
-Mädchen. Ich sprang über die breite Straße, ich pochte am
-Haus, ein Diener öffnete. Ich fragte nach der Signora mit
-dem schwarzen Lockenköpfchen, die Italienisch spreche. Der<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span>
-Diener lachte und sagte, ich meine wohl die kleine Exzellenza
-Seraphine; ›dieselbe, dieselbe,‹ antwortete ich, ›führen Sie mich
-geschwind zu ihr.‹ Er schien anfangs Bedenken zu tragen, weil
-es noch frühe am Tage sei, doch meine Bitten überredeten ihn.
-Er führte mich in dem zweiten Stock in ein Zimmer, hieß mich
-warten und rief dann eine Zofe, der Exzellenza mich zu melden.
-Ich hatte mir gedacht, das hübsche italienische Mädchen werde
-meines Standes sein; ich schämte mich, einer Höheren mich zu
-entdecken, aber man ließ mir keine Zeit, mich zu besinnen; die
-Zofe erschien, mich vor das Bett ihrer Gebieterin zu führen. Ja,
-sie war es, es war die schöne junge Dame, die ich hatte Italienisch
-sprechen hören. Ich stürzte vor ihr nieder und flehte sie um
-ihren Schutz an; ich mußte ihr meine ganze Geschichte erzählen.
-Sie schien gerührt und versprach, mich zu retten. Sie ließ den
-Diener, der mich heraufgeführt hatte, kommen und legte ihm
-das strengste Stillschweigen auf, dann wies sie mir ein kleines
-Stübchen an, dessen Fenster in den Hof gingen, gab mir zu
-arbeiten und zu essen, und so lebte ich mehrere Tage in Freude
-über meine Rettung, in Angst über meine Zukunft.</p>
-
-<p>»Es war das Haus des Gesandten eines kleinen deutschen
-Hofes, in welches ich aufgenommen war. Die Exzellenza war
-seine Nichte, eine geborene Italienerin, die bei ihm in Paris
-erzogen worden war. Sie war ein gütiges, liebenswürdiges
-Geschöpf, dessen Wohltaten ich nie vergessen werde. Sie kam
-alle Tage zu mir und tröstete mich; sie sagte mir, daß der Gesandte
-durch seine Bedienten in dem Hause des argen Mannes
-nachgeforscht habe. Man sei sehr in Bestürzung, suche es aber
-zu verbergen. Die Diener drüben flüstern geheimnisvoll, es
-habe sich eine Mamsell aus einem Fenster des zweiten Stocks in
-den Kanal der Seine gestürzt. Sonderbare Fügung! Mein
-Zimmer war ein Eckzimmer und sah mit der einen Seite nach
-der Straße, die andere ging schroff hinab in einen Kanal. Ich
-erinnerte mich, an jenem Morgen ein Fenster dieser Seite geöffnet
-zu haben; wahrscheinlich war es <em class="gesperrt">offen</em> geblieben, und
-so mochte man sich mein Verschwinden erklären. Signora Seraphine
-sollte um diese Zeit nach Italien zurückkehren, sie war so
-gütig, mich mitzunehmen. Ja, sie tat noch mehr für mich; sie
-bewog ihre Eltern in Piacenza, daß sie mich wie ihr Kind in
-ihr Haus aufnahmen; sie ließ mein Talent ausbilden, ihr habe
-ich Freiheit, Leben, Kunst, o! vielleicht mehr, als ich weiß, zu
-danken. In Piacenza lernte ich den Kapellmeister Boloni, der
-übrigens kein Italiener ist, kennen; er schien mich zu lieben,<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span>
-aber er sagte es mir nicht. Ich nahm bald nachher den Ruf an
-das hiesige Theater an. Man schätzte mich hier, man hat mir
-sonst wohlgewollt, mein Leben und mein Ruf waren unsträflich;
-ach, ich habe in dieser langen Zeit nie einen Mann bei mir gesehen,
-als &ndash; ich kann Ihnen dieses schöne Verhältnis ohne Erröten
-gestehen &ndash; als Boloni, der mir bald hierher nachgereist
-war. Sie haben mein Leben jetzt gehört; sagen Sie mir, habe
-ich etwas getan, um so bittere Strafe zu verdienen? Habe ich
-so Entsetzliches verschuldet?«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>7.</h3>
-</div>
-
-<p>Als die Sängerin geendet hatte, ergriff der Medizinalrat
-lebhaft ihre Hand. »Ich wünsche mir Glück,« sagte er, »den
-wenigen Menschen, die Sie auf Ihrem Lebensweg gefunden
-haben, beitreten zu können. Meine Kräfte sind zwar zu schwach,
-um für Sie tun zu können, was die treffliche kleine Exzellenza
-für Sie tat, aber ich will suchen, Ihr trauriges Geschick entwirren
-zu helfen; ich will den Brausewind, Ihren Freund, zu
-versöhnen suchen. Aber sagen Sie mir nur, was ist denn Herr
-Boloni eigentlich für ein Landsmann?« &ndash; »Da fragen Sie mich
-zu viel,« erwiderte sie ausweichend: »ich weiß nur, daß er ein
-Deutscher von Geburt ist und, wenn ich nicht irre, wegen
-Familienverhältnissen vor mehreren Jahren sein Vaterland verließ.
-Er hielt sich in England und Italien auf und kam vor
-etwa drei Vierteljahren hierher.«</p>
-
-<p>»So, so; aber warum haben Sie ihm <em class="gesperrt">das</em>, was Sie mir
-erzählen, nicht schon früher selbst gesagt?«</p>
-
-<p>Giuseppa errötete bei dieser Frage; sie schlug die Augen
-nieder und antwortete: »Sie sind mein Arzt, mein väterlicher
-Freund, es ist mir, wenn ich zu Ihnen spreche, als spräche ich
-als Kind zu meinem Vater. &ndash; Aber konnte ich denn dem jungen
-Mann von diesen Dingen erzählen? Und ich kenne ja seine
-schreckliche Eifersucht, seinen leicht gereizten Argwohn, ich habe
-es nie über mich vermocht, ihm zu sagen, welchen Schlingen ich
-entflohen war.«</p>
-
-<p>»Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie sind ein gutes
-Kind; glauben Sie mir, es tut einem alten Manne wohl, auf
-solche dezente Gefühle aus der alten Zeit zu stoßen; denn heutzutage
-gilt es für guten Ton, sich über dergleichen wegzusetzen.
-Aber noch haben Sie mir nicht alles erzählt; der Abend auf
-der Redoute, jene schreckliche Nacht?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist wahr, ich muß Ihnen noch weiter sagen. Ich habe,
-so oft ich im stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorsehung
-gepriesen, daß man in jenem Hause glaubte, ich habe
-mich selbst getötet, denn es war mir nur zu gewiß, daß, wenn
-jener Schreckliche nur die entfernteste Ahnung von meinem
-Leben habe, er kommen werde, sein Opfer zurückzuholen oder es
-zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankstück für mich
-bezahlt haben. Deswegen habe ich, solange ich in Piacenza war,
-manches schöne Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich
-mich scheute, öffentlich aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb
-Jahre dort war, brachte mir eines Morgens Seraphine ein
-Pariser Zeitungsblatt, worin der Tod des Chevalier de Planto
-angezeigt war.«</p>
-
-<p>»Chevalier de Planto?« unterbrach sie der Arzt: »hieß so
-jener Mann, der Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte?«</p>
-
-<p>»So hieß er; ich war voll Freude, meine letzte Furcht war
-verschwunden, und es stand nichts mehr im Wege, meinen Wohltätern
-nicht mehr beschwerlich zu fallen. Schon einige Wochen
-nachher kam ich nach B. Ich ging vorgestern abend auf die
-Redoute, und ich will Ihnen nur gestehen, daß ich recht freudig
-gestimmt war. Boloni durfte nicht wissen, in welchem Kostüm
-ich erscheinen würde, ich wollte ihn necken und dann überraschen.
-Auf einmal, wie ich allein durch den Saal gehe, flüstert eine
-Stimme in mein Ohr: ›Schepperl! was macht dein Onkel?‹ Ich
-war wie niedergedonnert; diesen Namen hatte ich nicht mehr
-gehört, seit ich den Händen jenes Fürchterlichen entgangen war.
-Mein Onkel! Ich hatte ja keinen, und nur <em class="gesperrt">einer</em> hatte gelebt,
-der sich vor der Welt dafür ausgab, der Chevalier de Planto.
-Ich hatte kaum so viel Fassung, zu erwidern: ›Du irrst dich,
-Maske!‹ Ich wollte hinwegeilen, mich unter dem Gewühl der
-Menge verbergen, aber die Maske schob ihren Arm in den
-meinigen und hielt mich fest. ›Schepperl!‹ sprach der Unbekannte,
-›ich rate dir, ruhig neben mir herzugehen, sonst werde ich
-den Leuten erzählen, in welcher Gesellschaft du dich früher umhergetrieben.‹
-Ich war vernichtet, es wurde Nacht in meiner
-Seele, nur <em class="gesperrt">ein</em> Gedanke war in mir lebhaft: die Furcht vor
-der Schande. Was konnte ich armes, hilfloses Mädchen machen,
-wenn dieser Mensch, wer er auch sein mochte, solche Dinge von
-mir aussagte? Die Welt würde ihm geglaubt haben, und Carlo!
-ach, Carlo wäre nicht der letzte gewesen, der mich verdammt hätte.
-Ich folgte dem Manne an meiner Seite willenlos. Er flüsterte
-mir die schrecklichsten Dinge zu; meinen Onkel, wie er den Chevalier<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span>
-nannte, habe ich unglücklich gemacht, meinen Vater, meine
-Familie ins Verderben gestürzt. &ndash; Ich konnte es nicht mehr
-aushalten, ich riß mich los und rief nach meinem Wagen. Als
-ich mich aber auf der Treppe umsah, war diese schreckliche Gestalt
-mir gefolgt. ›Ich fahre mit dir nach Hause, Schepperl,‹
-sprach er mit schrecklichem Lachen; ›ich habe noch ein paar Worte
-mit dir zu reden.‹ Die Sinne vergingen mir, ich fühlte, daß ich ohnmächtig
-werde, ich wachte erst wieder im Wagen auf, die Maske
-saß neben mir. Ich stieg aus und ging auf mein Zimmer, er
-folgte; er fing sogleich wieder an zu reden; in der Todesangst,
-ich möchte verraten werden, schickte ich Babette hinaus.</p>
-
-<p>»›Was willst du hier, Elender?‹ rief ich voll Wut, mich so
-beleidigt zu sehen. ›Was kannst du von mir Schlechtes sagen?
-Ohne meinen Willen kam ich in jenes Haus; ich verließ es, als
-ich sah, was dort meiner warte.‹</p>
-
-<p>»›Schepperl, mache keine Umstände; es gibt nur zwei Wege,
-dich zu retten. Entweder zahlst du auf der Stelle zehntausend
-Franken, sei es in Juwelen oder Gold, oder du folgst mir nach
-Paris; sonst weiß morgen die ganze Stadt mehr von dir, als
-dir lieb ist.‹ Ich war außer mir. ›Wer gibt dir dieses Recht,
-mir solche Zumutungen zu machen?‹ rief ich. ›Wohlan! sage
-der Stadt, was du willst; aber auf der Stelle verlasse dieses
-Haus! Ich rufe die Nachbarn.‹</p>
-
-<p>»Ich hatte einige Schritte gegen das Fenster getan, er lief
-mir nach, packte meinen Arm. ›Wer mir das Recht gibt?‹ sprach
-er, ›dein Vater, Täubchen, dein Vater.‹ Ein teuflisches Lachen
-tönte aus seinem Mund, der Schein der Kerze fiel auf ein
-Paar graue, stechende Augen, die mir nur zu bekannt waren.
-In demselben Moment war mir klar, wen ich vor mir hatte; ich
-wußte jetzt, daß sein Tod nur ein Blendwerk war, das er zu
-irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir
-übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm seine
-Maske abreißen. ›Ich kenne Euch, Chevalier de Planto,‹ rief ich,
-›aber Ihr sollt den Gerichten Rechenschaft über mich geben
-müssen.‹ &ndash; ›So weit sind wir noch nicht, Täubchen,‹ sagte er,
-und in demselben Augenblick fühlte ich sein Eisen in meiner
-Brust, ich glaubte zu sterben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Doktor schauderte; es war heller Tag, und doch graute
-ihm, wie wenn man im Dunkeln von Gespenstern spricht. Er
-glaubte, das heisere Lachen dieses Teufels zu hören, er glaubte,
-hinter den Gardinen des Bettes die grauen, stechenden Augen
-dieses Ungeheuers glänzen zu sehen. »Sie glauben also,« sagte<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span>
-er nach einer Weile, »daß der Chevalier nicht tot ist, daß es derselbe
-ist, der Sie ermorden wollte?«</p>
-
-<p>»Seine Stimme, sein Auge überzeugten mich; das Tuch, das
-ich Ihnen gestern gab, machte es mir zur Gewißheit. Die Anfangslettern
-seines Namens sind dort eingezeichnet.«</p>
-
-<p>»Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu handeln? Darf
-ich alles, was Sie mir sagten, selbst vor Gericht angeben?«</p>
-
-<p>»Ich habe keine Wahl, alles! Aber, nicht wahr, Doktor,
-Sie gehen zu Boloni und sagen ihm, was ich Ihnen sagte? Er
-wird Ihnen glauben, er kannte ja auch Seraphine.«</p>
-
-<p>»Und darf ich nicht auch wissen,« fuhr der Medizinalrat
-fort, »wie der Gesandte hieß, in dessen Haus Sie sich verbargen?«</p>
-
-<p>»Warum nicht? Es war ein Baron Martinow.«</p>
-
-<p>»Wie?« rief Lange in freudiger Bewegung. »Der Baron
-Martinow? Ist er nicht in …schen Diensten?«</p>
-
-<p>»Ja, kennen Sie ihn? Er war Gesandter des …schen
-Hofes in Paris und nachher in Petersburg.«</p>
-
-<p>»O, dann ist es gut, sehr gut,« sagte der Medizinalrat und
-rieb sich freudig die Hände. »Ich kenne ihn, er ist seit gestern
-hier; er hat mich rufen lassen; er wohnt im Hotel de Portugal.«</p>
-
-<p>Eine Träne blinkte in dem Auge der Sängerin, und von
-frommen Empfindungen schien ihr Herz bewegt. »So mußte
-ein Mann,« sagte sie, »den ich viele hundert Meilen entfernt
-glaubte, hierher kommen, um die Wahrheit meiner Erzählung
-zu bekräftigen! Gehen Sie zu ihm; ach, daß auch Carlo zuhören
-könnte, wenn er Ihnen versichert, daß ich die Wahrheit
-sprach!«</p>
-
-<p>»Er soll es, er soll mit mir, ich will es schon machen.
-Adieu, gutes Kind; seien Sie ganz ruhig, es muß Ihnen noch gut
-gehen auf Erden, und nehmen Sie die Mixtur recht fleißig, alle
-Stunden zwei Löffel voll!« So sprach der Doktor und ging.
-Die Sängerin aber dankte ihm durch ihre freundlichen Blicke.
-Sie war ruhiger und heiter; es war, als habe sie eine große
-Last mit ihrem Geheimnis hinweggewälzt; sie sah vertrauensvoller
-in die Zukunft, denn ein gütiges Geschick schien sich des
-armen Mädchens zu erbarmen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p>
-
-<h3>8.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Baron Martinow, dem Lange früher einmal einen
-wichtigen Dienst zu leisten Gelegenheit gehabt hatte, nahm ihn
-freundlich auf und gab ihm über die Sängerin Bianetti die
-genügendsten Aufschlüsse. Er bestätigte nicht nur beinahe wörtlich
-ihre Erzählung, sondern er brach auch in die lautesten
-Lobeserhebungen ihres Charakters aus; ja er versprach, wohin
-er in dieser Stadt kommen würde, überall zu ihren Gunsten
-zu sprechen und die Gerüchte zu widerlegen, die über sie im
-Umlauf waren. Er hat auch Wort gehalten, denn hauptsächlich
-seinem Ansehen und der edelmütigen Art, womit er sich der
-Italienerin annahm, schrieben es ihre Freunde zu, daß die Gesinnungen
-des Publikums über sie in wenigen Tagen wie durch
-einen Zauberschlag sich änderten. Der Medizinalrat Lange aber
-stieg an jenem Tage, als er vom Gesandten kam, aus der Bel-Etage
-des Hotels de Portugal noch einige Treppen höher, in
-die Mansarden; in Nr. 54 sollte der Kapellmeister wohnen. Er
-stand vor der Türe still, um Atem zu schöpfen, denn die steilen
-Treppen hatten ihn angegriffen. Sonderbare Töne drangen
-aus dieser Türe in sein Ohr. Es schien ein schwer Kranker darin
-zu sein, denn er vernahm ein tiefes Stöhnen und Seufzen, das
-aus der tiefsten Brust aufzusteigen schien. Dann klangen wieder
-schreckliche französische und italienische Flüche dazwischen, wie
-wenn Ungeduld dem Jammer Luft machen will, und ein heiseres
-Lachen der Verzweiflung bildete wieder den Uebergang zu jenen
-tiefen Seufzern. Der Medizinalrat schauderte. »Habe ich doch
-schon neulich etwas weniges Wahnsinn an dem Maestro verspürt,«
-dachte er, »sollte er vollends übergeschnappt sein, oder ist
-er krank geworden aus Schmerz?« Er hatte schon den Finger
-gekrümmt, um anzuklopfen, als sein Blick noch einmal auf die
-Nummer der Türe fiel; es war 53. Wie hatte er sich doch
-täuschen können; fast wäre er zu einem ganz fremden Menschen
-eingetreten. Unwillig über sich selbst ging er eine Türe weiter;
-hier war 54; hier lautete es auch ganz anders. Eine tiefe
-schöne Männerstimme sang ein Lied, begleitet von dem Pianoforte;
-der Medizinalrat trat ein, es war jener junge Mann, den
-er gestern bei der Sängerin gesehen.</p>
-
-<p>Im Zimmer lagen Notenblätter, Gitarre, Violinen,
-Saiten und anderer Musikbedarf umher, und mitten unter
-diesen Trümmern stand der Kapellmeister in einem weiten,<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span>
-schwarzen Schlafrock, eine rote Mütze auf dem Kopf und eine
-Notenrolle in der Hand; der Doktor hat nachher gestanden, es
-sei ihm bei seinem Anblick Marius auf den Trümmern von
-Karthago eingefallen.</p>
-
-<p>Der junge Mann schien sich seiner von gestern zu erinnern
-und empfing ihn beinahe finster; doch war er so artig,
-einen Stoß Notenblätter mit einem Ruck von einem Sessel auf
-den Boden zu werfen, um seinem Besuch Platz anzubieten; er
-selbst stieg mit großen Schritten im Zimmer umher, und sein
-fliegender Schlafrock nahm geschickt den Staub von Tischen und
-Büchern.</p>
-
-<p>Er ließ den Medizinalrat nicht zum Worte gelangen, er
-überschrie ihn. »Sie kommen von ihr?« rief er. »Schämen sich
-Ihre grauen Haare nicht, der Kuppler eines solchen Weibes zu
-werden? Ich will nichts mehr hören; ich habe mein Glück zu
-Grabe getragen, Sie sehen, ich traure um meine Seligkeit; ich
-habe meinen schwarzen Schlafrock an, schon dies sollte Ihnen,
-wenn Sie sich entfernt auf Psychologie verstehen, ein Zeichen
-sein, daß ich jene Person für mich als gestorben ansehe. O
-Giuseppa, Giuseppa!«</p>
-
-<p>»Wertester Herr Kapellmeister,« unterbrach ihn der Doktor,
-»so hören Sie mich nur an&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Hören? Was wissen Sie von Hören? Lauschen Sie,
-wenn Sie von Hören sprechen; ich will prüfen, ob du Gehör hast,
-Alter! Siehe, das ist das Weib,« fuhr er fort, indem er den
-Flügel aufriß und einiges spielte, das übrigens dem Doktor, der
-kein großer Musikkenner war, vorkam wie andere Musik auch;
-»hören Sie dieses Weiche, Schmelzende, Anschmiegende? Aber
-bemerken Sie nicht in diesen Uebergängen das unzuverlässige,
-flüchtige, charakterlose Wesen dieser Geschöpfe? Aber hören
-Sie weiter,« sprach er mit erhobener Stimme und glänzendem
-Auge, indem er die weiten Aermel des Trauerschlafrockes zurückschüttelte,
-»wo Männer wirken, ist Kraft und Wahrheit; hier
-kann nichts Unreines aufkommen, es sind heilige, göttliche
-Laute!« Er hämmerte mit großer Macht auf den Tasten umher,
-aber dem Doktor wollte es wieder bedünken, als sei dies nur
-ganz gewöhnliche Musik.</p>
-
-<p>»Sie haben da eine sonderbare Charakteristik der Menschen,«
-sagte er; »da wir doch einmal so weit sind, dürfte ich Sie
-nicht bitten, Verehrter, daß Sie mir doch einmal einen Medizinalrat
-auf dem Klavier vorstellten?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span></p>
-
-<p>Der Musiker sah ihn verächtlich an. »Wie magst du nur
-mit einem schlechten quiekenden Cis hereinfahren, Erdenwurm,
-wenn ich den herrlichen, strahlenwerfenden Akkord anschlage!«</p>
-
-<p>Die Antwort des Doktors wurde durch ein Klopfen an der
-Tür unterbrochen; eine kleine verwachsene Figur trat herein,
-machte eine Reverenz und sprach: »Der kranke Herr auf Nr. 53
-läßt den Herrn Kapellmeister höflichst ersuchen, doch nicht so gar
-erschrecklich zu hantieren und zu haselieren, wasmaßen derselbe
-von gar schwacher Konstitution und dem zeitlichen Hinscheiden
-nahe ist.«</p>
-
-<p>»Ich lasse dem Herrn meinen gehorsamsten Respekt vermelden,«
-erwiderte der junge Mann, »und meinetwegen könne
-er abfahren, wann es ihm gefällig. Es graut mir ohnedies
-alle Nacht vor seinem Jammern und Stöhnen, und das greulichste
-sind mir seine gottlosen Flüche und sein tolles Lachen.
-Meint vielleicht der Franzose, er sei allein Herr im Hotel de
-Portugal? Geniert er mich, so geniere ich ihn wieder.«</p>
-
-<p>»Aber verzeihen Euer Hochedelgeboren,« sagte der verwachsene
-Mensch, »er treibt's nicht mehr lange, wollten Sie ihm
-nicht die letzten Augenblicke&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ist er so gar krank, der Herr?« fragte der Medizinalrat
-teilnehmend, »was fehlt ihm? Wer behandelt ihn? Wer
-ist er?«</p>
-
-<p>»Wer er ist, weiß ich gerade nicht; ich bin der Lohnlakai;
-ich denke, er nennt sich Lorier und ist aus Frankreich; vorgestern
-war er noch wohlauf, aber etwas melancholisch, denn er ging
-gar nicht aus, hatte auch keine Lust, die Merkwürdigkeiten dieser
-Stadt zu sehen, aber am andern Morgen fand ich ihn schwerkrank
-im Bette; es scheint, er hat in der Nacht einen Schlaganfall
-bekommen. Aber um alle Welt will er keinen Arzt. Er
-flucht gräßlich, wenn ich frage, ob ich einen zu ihm führen solle.
-Er pflegt und verbindet sich selbst; ich glaube, er hat auch eine
-alte Schußwunde aus dem Krieg, die jetzt wieder aufgegangen
-ist.«</p>
-
-<p>Man hörte in diesem Augenblick den Kranken nebenan mit
-heiserer Stimme rufen und einige Verwünschungen ausstoßen.
-Der Lohnlakai schlug drei Kreuze und flog hinüber.</p>
-
-<p>Der Doktor versuchte noch einmal, ob seine Reden bei dem
-verstockten Liebhaber keinen Eingang fänden, und wirklich schien
-es diesmal zu gelingen. Er hatte eine Partitur in die Hand
-genommen, aus welcher er mit leiser Stimme vor sich hinsang;
-der Doktor benützte diese ruhigere Stimmung und fing an, ihm<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span>
-das Leben der Sängerin zu erzählen. Anfangs schien der Kapellmeister
-nicht darauf zu achten; er las emsig in seiner Partitur
-und tat, als sei außer ihm niemand im Zimmer; nach und nach
-aber wurde er aufmerksamer, er hörte auf zu singen; bald hob
-sich zuweilen sein Auge über die Partitur und streifte glühend
-über des Doktors Gesicht, dann ließ er das Notenheft sinken und
-sah den Erzähler fest an; sein Interesse schien mehr und mehr
-zu wachsen, seine Augen glänzten, er rückte näher, er faßte den
-Arm des Mediziners, und als dieser seine Erzählung schloß,
-sprang er in großer Bewegung auf und rannte im Zimmer auf
-und nieder. »Ja,« rief er, »es liegt Wahrheit darin, ein Schein
-von Wahrheit, eine Wahrscheinlichkeit; es ist möglich, es könnte
-etwa so gewesen sein; Teufel! könnte es nicht auch eine Lüge
-sein?«</p>
-
-<p>»Das heißt man, glaube ich, <em class="antiqua">decrescendo</em> in Ihrer werten
-Kunst, Herr Kapellmeister; aber warum denn bei dieser Sache
-so von der Wahrheit bis zur Lüge herabsteigen? Wenn ich
-Ihnen nun einen Bürgen für die Wahrheit stellte? Maestro,
-wie dann?«</p>
-
-<p>Boloni blieb sinnend vor ihm stehen: »Ha! wer dieses
-könnte, Medizinalrat, in Gold wollte ich dich fassen, schon dieser
-Gedanke verdient, groß und königlich belohnt zu werden. Ja!
-wer mir Bürge wäre! &ndash; Es ist alles so finster &ndash; verworrene
-Labyrinthe &ndash; kein Ausgang &ndash; kein leitendes Gestirn!«</p>
-
-<p>»Wertgeschätzter Freund,« unterbrach ihn der Doktor; »ich
-ertappe Sie hier auf einer Reminiszenz aus Schillers Räubern,
-so in der Cottaschen Taschenausgabe stehet, wenn ich mich recht
-erinnere. Demungeachtet weiß ich einen solchen Bürgen, ein
-solches leitendes Gestirn.«</p>
-
-<p>»Ha! Wer mir einen solchen gäbe!« rief jener. »Er sei
-mein Freund, mein Engel, mein Gott &ndash; ich will ihn anbeten!«</p>
-
-<p>»Es ist zwar in der angeführten Stelle von einem Schwert
-die Rede, womit man der Otternbrut eine brennende Wunde
-versetzen will; nichtsdestoweniger aber will ich Sie überzeugen;
-jener Gesandte, der die arme Giuseppa in seinem Hause aufnahm,
-logiert zufällig hier im Hause auf Nr. 6; belieben Sie
-einen Frack anzuziehen und ein Halstuch umzuknüpfen, so werde
-ich Sie zu ihm führen; er hat mir versprochen, Sie zu überzeugen.«</p>
-
-<p>Der junge Mann drückte gerührt die Hand des Arztes;
-doch auch jetzt noch konnte er ein gewisses erhabenes Pathos
-nicht verbergen. »Ihr wart mein guter Engel,« sagte er; »wie<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span>
-vielen Dank bin ich für diesen Wink Euch schuldig; ich fahre
-nur geschwind in meinen Frack, und sogleich folg' ich Euch zu
-dem Gesandten.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>9.</h3>
-</div>
-
-<p>Die Aussöhnung mit dem Geliebten schien beinahe noch
-von größerer Wirkung auf die Sängerin zu sein als die kunstreichsten
-Tränklein ihres Arztes. Ihre Gesundheit besserte sich
-in den nächsten Tagen zusehends, und bald war sie so weit hergestellt,
-daß sie die Besuche ihrer teilnehmenden Freunde außer
-dem Bette empfangen konnte. Diese Wendung ihres Zustandes
-mochte der Direktor der Polizei abgewartet haben, um die Sache
-weiter zu verfolgen. Er war ein umsichtiger Mann, und der
-Ruf sagte von ihm, daß ihm nicht leicht einer entgehe, auf den
-er einmal sein Auge geworfen, sollte er auch hundert und
-mehrere Meilen entfernt sein. Von dem Medizinalrat war ihm
-die Geschichte der Sängerin mitgeteilt worden, er hatte sodann
-mit dem Baron Martinow noch weitere Rücksprache genommen
-und einiges erfahren, was ihm von großem Interesse schien.
-Der Gesandte hatte ihm nämlich gestanden, daß er von dem
-Vorfall mit der jungen Bianetti Gelegenheit genommen, das
-ruchlose Leben des Chevalier de Planto höheren Orts zu berühren.
-Er hatte nicht versäumt, hauptsächlich den Umstand,
-daß jenes arme Kind eigentlich verkauft wurde, ins rechte Licht
-zu setzen. Jenes berüchtigte Haus wurde kurze Zeit darauf
-von der Polizei aufgehoben, und der Baron schien dies hauptsächlich
-den Schritten, die er in der Sache getan, zuzuschreiben.
-Auch er hatte von dem Tod des Chevaliers gehört, glaubte aber
-mit dem Polizeidirektor, daß dies nur ein Kunstgriff gewesen
-sei, um sein Gewerbe sicherer fortzusetzen; denn beide hegten
-keinen Zweifel, jener Mordversuch an der Sängerin könne nur
-von diesem schrecklichen Menschen herrühren. Wie schwer war
-es aber, der Spur dieses Mörders zu folgen; die Fremden, die
-sich damals in B. aufhielten, waren, wie der Direktor versicherte,
-alle unverdächtig; nur zwei Umstände konnten zu Gewisserem
-führen; das Schnupftuch, welches sich im Zimmer der
-Bianetti gefunden hatte, konnte, wenn man irgendwo ein ähnliches
-sah, zur Entdeckung leiten; es war daher die genaueste Beschreibung
-davon in den Händen aller jener Nähterinnen und
-Waschfrauen, welche die Garderobe der Fremden in B. zu besorgen
-pflegten. Sodann glaubte der Direktor aus psychologischen
-Gründen annehmen zu können, daß ein zweiter Versuch<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span>
-auf das Leben der Sängerin bald folgen würde, im Falle sich
-nämlich der Mörder noch in der Nähe aufhielte.</p>
-
-<p>Sobald daher die Sängerin wieder bei Kräften war, begleitete
-der Direktor der Polizei den Doktor Lange, so oft er sie
-besuchte; es wurden dort manche Maßregeln besprochen, manche
-schienen gut, aber nicht wohl auszuführen, manche wurden geradehin
-verworfen. Giuseppa selbst kam endlich auf einen Gedanken,
-der den beiden Männern sehr einleuchtete. »Der Doktor,«
-sagte sie, »hat mir erlaubt, in der nächsten Woche wieder
-auszugehen; wenn er nichts dagegen hat, würde ich auf der
-letzten Redoute des Karnevals zuerst wieder unter den Leuten
-erscheinen; es hat etwas Anziehendes für mich, mich dort, wo
-mein Unglück eigentlich anfing, zum erstenmal zu zeigen. Wenn
-wir dafür sorgen, daß dies in B. hinlänglich bekannt wird, und
-wenn der Chevalier noch hier ist, so bin ich wie von meinem
-Leben überzeugt, daß er unter irgend einer Maske sich wieder
-in meine Nähe drängt. Er wird sich zwar hüten zu sprechen, er
-wird durch nichts sich verraten, aber seine Anschläge auf mein
-Leben wird er nicht ruhen lassen, und ich will ihn aus Tausenden
-erkennen. Seine Größe, seine Gestalt, vor allem seine
-Augen werden mir ihn kenntlich machen. Was meinen Sie,
-meine Herren?«</p>
-
-<p>Der Plan war nicht übel. »Ich wollte wetten,« sagte der
-Direktor, »wenn er erfährt, Sie kommen auf diesen Ball, so
-bleibt er nicht aus; sei es auch nur, um den Gegenstand seiner
-Rache wiederzusehen und seiner Wut neue Nahrung zu geben.
-Ich denke übrigens, Sie sollten keine Larve vors Gesicht nehmen,
-er wird Sie dann um so leichter erkennen, um so eher in Ihrer
-Nähe in seine Falle gehen; ich werde ein paar tüchtige Bursche
-in Dominos stecken und sie Ihnen zur Eskorte geben; auf ein
-Zeichen von Ihnen soll der alte Fuchs gefangen sein.«</p>
-
-<p>Babette, das Kammermädchen der Sängerin, war während
-dieses Gespräches ab und zu gegangen; sie hatte gehört, wie
-ihre Dame entschlossen sei, den Mörder oder seine Gehilfen ausfindig
-zu machen, sie glaubte es sich selbst schuldig zu sein, nach
-Kräften zu dieser Entdeckung beizutragen. Sie paßte daher den
-Direktor ab, faßte sich ein Herz und sagte, sie habe schon neulich
-den Doktor auf einen Umstand aufmerksam gemacht, der zur
-Entdeckung führen könnte, er scheine aber nicht darauf zu achten.</p>
-
-<p>»Kein Umstand ist bei solchen Vorfällen gering, meine
-liebe Kleine,« antwortete der Mann der Polizei; »wenn Sie
-irgend etwas wissen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span></p>
-
-<p>»Ich glaube fast, Signora ist zu diskret und will nicht recht
-mit der Sprache heraus; als sie den Stich bekam und in meinen
-Armen ohnmächtig wurde, war ihr letzter Seufzer &ndash; Bolnau.«</p>
-
-<p>»Wie?« rief der Direktor entrüstet, »und das verschwieg
-man mir bis jetzt? Einen so wichtigen Umstand; haben Sie
-auch recht gehört, Bolnau?«</p>
-
-<p>»Auf meine Ehre,« sagte die Kleine und legte die Hand
-beteuernd auf das Herz. »Bolnau sagte sie und so schmerzlich,
-daß ich nicht anders glaube, als so heißt der Mörder; aber bitte,
-verraten Sie mich nicht!«</p>
-
-<p>Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er
-sehe so ehrlich aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen
-sei. Der Kommerzienrat Bolnau, und einen andern wußte er
-nicht in dieser Stadt, war ihm zwar als ein geordneter Mann
-bekannt, aber &ndash; hatte man nicht Beispiele, daß gerade solche
-Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte, der
-Justiz am meisten zu schaffen machten? Konnte er nicht mit
-diesem Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte
-unter diesen Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näherte
-sich der breiten Straße, es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der
-Kommerzienrat sich dort zu ergehen pflegte; er beschloß, ihm
-ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Richtig, dort kam er die
-Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte links, er sprach alle
-Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte, wenn er weiter
-ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu sein.
-Er mochte etwa noch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt
-sein, als er dessen ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um
-und wollte in eine Seitenstraße einbiegen. »Ein verdächtiger,
-sehr verdächtiger Umstand!« dachte der Direktor, lief ihm nach,
-rief seinen Namen und brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat
-war ein Bild des Jammers; er brachte in hohlen Tönen
-ein »<em class="antiqua">Bon jour, bon jour</em>« hervor, er schien lächeln zu wollen,
-aber die Augen gingen ihm über, und sein Gesicht verzog sich
-krampfhaft; seine Kniee zitterten, seine Zähne schlugen hörbar
-aneinander.</p>
-
-<p>»Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein
-paar Tage nicht an meinem Fenster vorbeigehen sehen; Sie
-scheinen nicht recht wohl zu sein?« setzte der Direktor mit einem
-stechenden Blick hinzu, »Sie sind so blaß, fehlt Ihnen etwas?«</p>
-
-<p>»Nein, &ndash; es ist nur so ein kleines Frösteln &ndash; ich war
-wirklich einige Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span></p>
-
-<p>»So? Sie waren nicht wohl?« fragte jener weiter; »das
-hätte ich kaum gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen
-Tagen auf der Redoute recht munter gesehen zu haben.«</p>
-
-<p>»Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich
-legen; ich bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz
-wiederhergestellt.«</p>
-
-<p>»Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute
-zu besuchen; es ist die letzte und soll sehr brillant werden;
-ich hoffe Sie dort zu sehen; bis dahin adieu! Herr Kommerzienrat.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>10.</h3>
-</div>
-
-<p>»Werde nicht mankieren!« rief ihm der Kommerzienrat
-Bolnau mit jammervollen Mienen nach. »Der hat Verdacht!«
-sprach er zu sich. »Der weiß etwas von dem Wort der Sängerin.
-Zwar sie soll wiederhergestellt sein; aber kann nicht der Verdacht
-im Herzen dieses Polizisten um sich fressen? Kann er mich
-nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime Polizei
-wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten
-sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden,
-so wird es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel,
-ich werde ein unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum;
-und doch lebte ich still und harmlos wie Wilhelm Tell im
-vierten Akt!«</p>
-
-<p>So sprach der unglückliche Bolnau bei sich; seine Angst
-vermehrte sich, als er über die verfängliche Frage wegen der
-nächsten Redoute nachdachte. »Er meint gewiß, ich werde mich
-nicht in die Nähe der Sängerin wagen, aus bösem Gewissen;
-aber ich muß hin, ich muß ihm diesen Verdacht benehmen! Und
-doch &ndash; wird mich nicht in ihrer Nähe ein Zittern und Beben
-überfallen, gerade weil er glauben kann, ich werde aus Gewissensbissen
-und Angst zittern?« Er quälte sich ab mit diesen
-Vorstellungen, sie beschäftigten ihn tagelang, er erinnerte sich,
-daß ein berühmter Schriftsteller in einer Schrift bewiesen habe,
-daß man Angst vor der Angst haben könne, und dies schien ihm
-ganz sein Fall zu sein. Aber er fühlte, daß er sich ein Herz
-fassen und der Gefahr entgegengehen müsse. Er ließ sich vom
-Maskenverleiher den prachtvollen Anzug des Pascha von Janina
-holen; er zog ihn alle Tage an und übte sich vor einem großen
-Spiegel, recht unbefangen aus seiner Maske hervorzuschauen.
-Er machte sich aus seinem Schlafrocke eine Puppe und setzte sie
-auf einen Sessel: sie stellte die Sängerin Bianetti vor. Er ging<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span>
-als Pascha um sie her, näherte sich ihr und sprach: »Es freuet
-mich unendlich, Sie in so erwünschtem Wohlbefinden zu sehen.«
-Am dritten Tage konnte er seine Lektion schon ganz ohne Zittern
-sagen, daher legte er sich noch Schwereres auf. Er wollte recht
-artig und unbefangen sein und ihr einen Teller mit Bonbons
-und Punsch offerieren. Er übte sich mit einem Glas Wasser,
-das er auf einen Teller setzte. Von Anfang klirrte es schrecklich
-in seiner zitternden Hand; aber auch diese Schwachheit überwand
-er, ja er konnte ganz lustig dazu sagen: »Verehrte, beliebt
-Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche Bonbons?« Es
-ging trefflich; kein Sterblicher sollte ihn beben sehen. Ali
-Pascha von Janina fühlte Mut in sich, trotz seiner Angst auf
-die Redoute zu gehen.</p>
-
-<p>Der Medizinalrat Lange hatte es sich nicht nehmen lassen,
-die Genesene zum erstenmal wieder unter die Leute zu führen.
-Sie hatte es ihm gerne zugesagt; hatte er doch durch seine treue
-Pflege, durch die väterliche Sorgfalt, womit er sich ihrer angenommen,
-ein Recht auf ihre wärmste Dankbarkeit gewonnen.
-So kam er mit ihr auf die Redoute, und er schien sich nicht wenig
-auf den Platz an der Seite des schönen, interessanten Mädchens
-zu gut zu tun. Die Leute in B. sind ein sonderbares Volk.
-In den ersten Tagen hatte man von den nobelsten Salons bis
-hinab in die Bierschenken von der Sängerin Uebles gesprochen;
-als aber Männer von Gewicht sich ihrer annahmen, als angesehene
-Damen sich öffentlich für sie erklärten, drehte sich die
-Fahne nach dem Wind, und die B…er liefen, gerührt über
-das Schicksal des armen Kindes, in den Straßen umher und
-starben bald vor Entzücken, daß sie genesen. Als sie in den
-Saal der Redoute trat, schien alles nur auf sie, als die Königin
-des Festes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man
-klatschte in die Hände und rief bravo! als hätte sie eben die
-schwersten Rouladen zustande gebracht. Auch dem Medizinalrat
-fiel sein Anteil am Beifall zu: »Sehet, der ist's,« riefen sie,
-»das ist ein geschickter Mann, der hat sie gerettet!«</p>
-
-<p>Die Sängerin fühlte sich freudig bewegt von diesem Beifall
-der Menge; ja sie hätte, berauscht von dem Gemurmel der Glückwünschenden,
-beinahe vergessen, daß sie noch ein ernsterer Zweck
-in diesen Saal geführt habe; aber die vier handfesten Dominos,
-die ihren Schritten folgten, die Fragen des Doktors, ob sie der
-grauen Augen des Chevaliers noch nicht ansichtig geworden, erinnerten
-sie immer wieder an ihr Vorhaben. Ihr selbst und
-dem Doktor war es nicht entgangen, daß ein langer, hagerer<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span>
-Türke (man hieß in B. sein Kostüm den Ali Bassa) sich immer
-in ihre Nähe dränge; und so oft der Strom der Masken ihn
-wegriß, immer war er ihnen wieder zur Seite. Die Sängerin
-stieß den Doktor an und winkte mit den Augen nach dem Pascha
-hin. Er erwiderte ihren Wink und sagte: »Ich habe ihn schon
-lange bemerkt.« Der Pascha näherte sich mit ungewissen Schritten;
-die Sängerin klammerte sich fester an Langes Arm; er war
-jetzt ganz nahe, starre, graue Aeuglein guckten aus der Maske,
-und eine hohle Stimme sprach zu ihr: »Es freut mich unendlich,
-wertgeschätzte Mamsell, Sie in so erwünschtem Wohlsein zu
-sehen.« Die Sängerin wandte sich erschreckt ab und schien zu
-zittern; auch die Maske fuhr bei diesem Anblick bebend zurück
-und verschwand unter der Menge. »Ist er es?« rief der Medizinalrat;
-»fassen Sie sich doch; es gilt hier, ruhig und mit Umsicht
-zu handeln; glauben Sie, er ist es?« &ndash; »Noch weiß ich
-es nicht gewiß,« entgegnete sie; »aber ich glaube, seine Augen
-zu erkennen.«</p>
-
-<p>Der Medizinalrat gab den vier Dominos die Weisung,
-recht genau auf diesen Pascha acht zu geben, und ging mit der
-Dame weiter. Aber kaum hatte er einige Gänge durch den Saal
-gemacht, so erschien der Türke wieder; doch hielt er sich mehr
-in der Entfernung, als beobachte er die Sängerin.</p>
-
-<p>Der Doktor trat mit seiner Dame an ein Büfett, um ihr
-auf den gehabten Schrecken eine Tasse Tee zu verordnen; er sah
-sich um &ndash; auch hier wieder der Türke. Und siehe da, jetzt
-hatte er auf einem Tellerlein ein Glas Punsch und einige Bonbons;
-er nähert sich der Sängerin, seine Augen funkeln, das
-Glas hüpft und klappert in seltsamen Klängen auf dem zitternden
-Teller; er ist an ihrer Seite, er bietet ihr den Teller und
-sagt: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und
-etliche Bonbons?« Die Sängerin sah ihn starr an, sie erbleichte,
-sie stieß den Teller zurück und rief: »Ha! der Schreckliche! Er
-ist's, er ist's, er will mich vergiften!«</p>
-
-<p>Der Pascha von Janina stand stumm und regungslos, er
-schien jeden Gedanken an Verteidigung aufzugeben; willenlos
-ließ er sich von den vier handfesten Dominos hinwegführen.</p>
-
-<p>Beinahe in demselben Augenblick wurde der Doktor heftig
-an seinem schwarzen Mantel gezogen; er sah sich um, jener
-kleine verwachsene Lohnlakai aus dem Hotel de Portugal stand
-vor ihm, bleich und von Schrecken entstellt: »Um Gottes Barmherzigkeit
-willen, Herr Medizinalrat, kommen Sie doch gefälligst<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span>
-mit mir auf Nr. 53, eben will der Teufel den französischen
-Herrn holen.«</p>
-
-<p>»Was schwatzt Er da?« sagte der Doktor unwillig und
-wollte ihn auf die Seite schieben, um dem Gefangenen auf die
-Polizeidirektion zu folgen; »was geht es mich an, wenn ihn der
-Satan zu sich nimmt?«</p>
-
-<p>»Aber ich bitte Sie,« rief der Kleine beinahe heulend, »er
-kann vielleicht doch gerettet werden; Hochdieselben sind ja Stadtphysikus
-allhier und verpflichtet, zu den Fremden in den Hotellern
-zu kommen.«</p>
-
-<p>Der Medizinalrat unterdrückte einen Fluch, der ihm auf
-der Zunge schwebte; er sah, daß er diesem unangenehmen Gang
-nicht ausweichen könne, er winkte den Kapellmeister Boloni
-herbei, übergab ihm die Sängerin und eilte mit dem kleinen
-Menschen nach dem Hotel de Portugal.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>11.</h3>
-</div>
-
-<p>Es war still und öde in diesem großen Gasthof, Mitternacht
-war beinahe schon vorüber, die Lampen in den Gängen
-und Treppen brannten düster und trübe; es war dem Medizinalrat
-unheimlich zu Mut, als er zu dem einsamen Kranken hinanstieg.
-Der Lakai schloß die Türe auf, der Doktor trat ein,
-wäre aber beinahe wieder zurückgesunken. Denn ein Wesen,
-das seit einigen Tagen unablässig seine Phantasie im Wachen
-und im Schlafe beschäftigt hatte, saß hier wirklich und verkörpert
-im Bette. Es war ein großer, hagerer, ältlicher Mann,
-er hatte eine spitzig aufstehende, wollene Schlafmütze tief in die
-Stirne gezogen, seine enge Brust, seine langen, dünnen Arme
-waren mit Flanell überkleidet, unter der Mütze ragte eine große,
-spitzige Nase aus einem mageren braungelben Gesicht hervor,
-das man schon tot und erstorben geglaubt hätte, wären es nicht
-ein Paar graue, stechende Augen gewesen, die ihm noch etwas
-Leben und einen schrecklichen, grauenerregenden Ausdruck gaben.
-Seine langen, dünnen Finger, die mit den hageren Gelenken
-weit aus den Aermeln hervorragten, hatte er zusammengekrümmt,
-er kratzte mit heiserem, wahnsinnigen Lachen auf der
-Bettdecke.</p>
-
-<p>»Schaut! er kratzt sich schon sein Grab!« flüsterte der kleine
-Mensch und weckte damit den Doktor aus seinem Hinstarren
-auf den Kranken. So, gerade so, hatte sich dieser den Chevalier
-de Planto gedacht, dieses tückische, graue Auge, diese unheilverkündenden<span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span>
-Züge, diese dürre, gespensterhafte Figur &ndash; es war
-hier alles, was die Sängerin von jenem schrecklichen Manne
-gesagt hatte. Doch er besann sich, kam er denn nicht jetzt eben
-von der Verhaftung jenes Chevaliers? Konnte nicht ein anderer
-Mann auch graue Augen haben? War es zu verwundern, daß
-ein Kranker abgefallen und bleich war? Der Doktor lachte sich
-selbst aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er
-diese Gedanken hinwegwischen, und trat an das Bett. &ndash; Doch
-noch nie hatte er in so langen Jahren am Bette eines Kranken
-Grauen und Furcht gefühlt &ndash; hier, es war ihm unerklärlich,
-hier befiel ihn eine Beengung, ein Schauer, den er umsonst
-abzuschütteln suchte, und er fuhr unwillkürlich zurück, als er die
-feuchte, kalte Hand in der seinigen fühlte, als er lange umsonst
-nach einem Puls suchte.</p>
-
-<p>»Der dumme Kerl,« rief der Kranke mit heiserer Stimme,
-indem er bald Französisch, bald schlechtes Italienisch und gebrochenes
-Deutsch untereinanderwarf, »der dumme kleine Kerl
-hat mir, glaube ich, einen Doktor gebracht. Sie werden mir
-verzeihen, ich habe nie viel von Ihrer Kunst gehalten. Das einzige,
-was mich heilen kann, sind die Bäder von Genua; ich habe
-der Bête schon befohlen, daß er mir Postpferde bestellt; ich
-werde heute nacht noch abfahren.«</p>
-
-<p>»Freilich wird er abfahren,« murmelte der kleine Mensch;
-»aber mit sechs kohlschwarzen Rappen, und nicht nach Genua,
-wo der selige Fiesco ertrunken, sondern dahin, wo Heulen und
-Zähneklappern.«</p>
-
-<p>Der Doktor sah, daß hier wenig zu machen sei; er glaubte
-die Vorzeichen des nahen Todes in den Augen, in den unruhigen
-Bewegungen des Kranken zu lesen, selbst jene Sehnsucht
-zu reisen und hinaus ins Weite zu kommen, war schon oft
-der Vorbote eines schnellen Endes gewesen. Er riet ihm daher,
-sich ruhig niederzulegen, und versprach ihm, einen kühlen Trank
-zu bereiten.</p>
-
-<p>Der Kranke lachte grimmig. »Liegen, ruhig liegen?« antwortete
-er. »Wenn ich liege, höre ich auf zu atmen; ich muß
-sitzen, im Wagen muß ich sitzen, fort, weit fort! &ndash; Was sagt
-der kleine Mensch? Hat er die Pferde bestellt? Kleiner Hund,
-hast du mein Gepäck in Ordnung?«</p>
-
-<p>»Ach, Herr und Vater!« krächzte der Kleine, »jetzt denkt er
-an sein Gepäck; ja einen schweren Pack Sünden nimmt er mit,
-der Unmensch. Es ist nicht an den Himmel zu malen, was er
-geflucht und gotteslästerliche Reden geführt hat.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span></p>
-
-<p>Der Medizinalrat faßte noch einmal die Hand des Kranken.
-»Fassen Sie Vertrauen zu mir,« sagte er, »vielleicht kann Ihnen
-die Kunst doch noch nützen; Ihr Diener sagt mir, es sei Ihnen
-eine Schußwunde wieder aufgegangen; lassen Sie mich untersuchen.«
-Murrend bequemte sich der Kranke dazu, er deutete
-auf seine Brust. Der Arzt nahm einen schlechtgemachten Verband
-weg, er fand &ndash; eine Stichwunde nahe am Herzen. &ndash;
-Sonderbar! es war dieselbe Größe, derselbe Ort, wie die Wunde
-der Sängerin.</p>
-
-<p>»Das ist eine frische Wunde, ein Stich!« rief der Doktor
-und sah den Kranken mißtrauisch an. »Woher haben Sie diese
-Wunde?«</p>
-
-<p>»Sie glauben wohl, ich habe mich geschlagen? Nein, beim
-Teufel! Ich hatte ein Messer in der Brusttasche, fiel eine
-Treppe herab und habe mich ein wenig geritzt.«</p>
-
-<p>»Ein wenig geritzt!« dachte Lange; »und doch wird er an
-dieser Wunde sterben.«</p>
-
-<p>Er hatte indessen Limonade bereitet und bot sie dem Kranken;
-dieser führte sie mit unsicherer Hand zum Munde, sie schien
-ihn zu erquicken; er war einige Momente still und ruhig; doch,
-als er sah, daß er einige Tropfen auf die Decke gegossen hatte,
-fing er an zu fluchen und verlangte ein Schnupftuch. Der Lakai
-flog zu einem Koffer, schloß auf und brachte ein Tuch heraus &ndash;
-der Doktor sah hin, eine schreckliche Ahnung stieg in ihm auf &ndash;
-er sah wieder hin, es war dieselbe Farbe, derselbe Stoff, es war
-das Tuch, das man bei der Sängerin gefunden. Der kleine
-Mensch wollte es dem Kranken überreichen; er stieß es zurück:
-»Gehe zu allen Teufeln, du Tier! Wie oft muß ich es sagen,
-<em class="antiqua">Eau d'héliotrope</em> darauf!« Der Diener holte eine kleine Flasche
-hervor und besprengte das Tuch; ein angenehmer Geruch verbreitete
-sich im Zimmer &ndash; es war dasselbe Parfüm, das jenes
-gefundene Tuch an sich getragen.</p>
-
-<p>Der Medizinalrat bebte an allen Gliedern; es war kein
-Zweifel mehr, er hatte hier den Mörder der Sängerin Bianetti,
-den Chevalier de Planto vor sich. Es war ein Hilfloser, ein
-Kranker, ein Sterbender, der hier im Bette saß, aber dem Doktor
-war es, als könne er alle Augenblicke aus dem Bette fahren und
-nach seiner Kehle greifen, er ergriff seinen Hut, es trieb ihn
-fort aus der Nähe des Schrecklichen.</p>
-
-<p>Der kleine Lakai packte ihn am Rock, als er ihn gehen sah.
-»Ach, Wohledler!« stöhnte er, »Sie werden mich doch nicht bei
-ihm allein lassen wollen? Ich halte es nicht aus, wenn er jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span>
-stürbe und dann sogleich als flanellenes Gespenst mit der Zipfelmütze
-auf dem Schädel im Zimmer auf und ab spazierte! Um
-Gottes Barmherzigkeit willen, verlassen Sie mich nicht!«</p>
-
-<p>Der Kranke grinste fürchterlich und lachte und fluchte
-untereinander, er schien dem Kleinen zu Hilfe kommen zu
-wollen, er streckte ein langes, dürres Bein aus dem Bette, er
-krallte die dünnen Finger nach dem Doktor. Doch dieser hielt
-es nicht mehr aus; der Wahnsinn schien ihn anzustecken, er
-warf den Kleinen zurück und floh aus dem Zimmer; noch auf
-den untersten Treppen hörte er das gräßliche Lachen des
-Mörders.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h3>12.</h3>
-</div>
-
-<p>Am Morgen nach dieser Nacht fuhr ein hübscher Stadtwagen
-vor dem Hotel de Portugal vor; es stiegen drei Personen, eine
-verschleierte Dame und zwei ältliche Herren, heraus und stiegen
-die Treppe hinan. »Ist der Herr Oberjustiz-Referendarius
-Pfälle schon oben?« fragte der eine dieser Herren den Kellner,
-der sie hinaufführte. Dieser bejahte, und der Herr fuhr fort:
-»Und doch ist es eine sonderbare Fügung des Schicksals, daß er
-die Treppe hinabstürzt und sich selbst den Dolch in die Brust
-stößt, daß er sich selbst verhindert, zu entfliehen, daß gerade Sie,
-Lange, zu ihm beschieden werden!«</p>
-
-<p>»Gewiß,« sagte die verschleierte Dame, »finden Sie aber
-nicht auch ein eigentümliches Verhängnis in diesen Schnupftüchern?
-Das eine mußte er bei mir liegen lassen, welcher
-Zufall! das andere muß er gerade in dem Augenblick verlangen,
-wo der Doktor noch bei ihm ist.«</p>
-
-<p>»Es mußte so gehen,« erwiderte der zweite Herr, »man
-kann nichts sagen, als es mußte so kommen. Aber in diesem
-Strudel hätte ich beinahe etwas vergessen; sagen Sie, was ist
-es denn mit dem Pascha von Janina? Signora mußte sich
-offenbar getäuscht haben. Sie haben ihn wieder auf freien
-Fuß gesetzt? Wer war der arme Teufel?«</p>
-
-<p>»Mit nichten und im Gegenteil,« sprach der erstere, »ich
-habe mich überzeugt, daß es ein Mitschuldiger des Chevaliers
-ist, dem ich schon lange auf der Spur bin. Ich habe ihn schon
-hieher bringen lassen, er wird mit dem Mörder konfrontiert
-werden.«</p>
-
-<p>»Nicht möglich!« rief die Dame; »ein Mitschuldiger?«</p>
-
-<p>»Ja! ja!« sagte der Herr mit schlauem Lächeln, »ich weiß
-allerlei, wenn man mir es auch nicht angibt. Aber gottlob, wir<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span>
-sind oben, hier ist ja gleich Nr. 53. Mademoiselle, haben Sie
-die Güte, einstweilen hier auf 54 einzutreten; der Kapellmeister
-hat es erlaubt und wird Sie nicht hinauswerfen; dafür wollte
-ich stehen. Wenn das Verhör an Sie kommt, werde ich Sie
-rufen.«</p>
-
-<p>Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß diese drei Personen
-die Sängerin, der Doktor und der Direktor waren; sie kamen,
-um den Chevalier de Planto eines Mordversuchs anzuklagen.
-Der Direktor und der Medizinalrat traten ein; der Kranke saß
-noch ebenso im Bette, wie ihn der Doktor in der Nacht gesehen;
-nur schienen beim Tageslicht seine Züge noch krasser, der Ausdruck
-seiner Augen, die schon zu erstarren anfingen, noch schauerlicher.
-Er sah bald den Doktor, bald den Direktor mit seelenlosen
-Blicken an, dann schien er nachzusinnen, was hier in
-seinem Zimmer vorgehe, denn der Referendarius Pfälle, ein
-kurzer, junger Mann mit roten Wangen und kleinen Aeuglein
-hatte sich einen Tisch zurecht gestellt, einen Stoß Papier vor sich
-hingelegt und hielt eine lange Schwanenfeder in der Rechten,
-um zu protokollieren.</p>
-
-<p>»Bête, was wollen diese Herren?« rief der Kranke mit
-schwacher Stimme dem kleinen Lakaien zu. »Du weißt ja, ich
-nehme keine Besuche an.«</p>
-
-<p>Der Direktor trat dicht vor ihn hin, sah ihn fest an und
-sagte mit Nachdruck: »Chevalier de Planto!«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Qui vive?</em>« schrie der Kranke und fuhr mit der Rechten
-an die Schlafmütze, als wolle er militärisch salutieren.</p>
-
-<p>»Mein Herr, Sie sind der Chevalier de Planto?« fuhr
-jener fort.</p>
-
-<p>Die grauen Augen fingen an zu glänzen, er warf stechende
-Blicke auf den Direktor und den Referendär, schüttelte mit
-höhnischer Miene den Kopf und antwortete: »Der Chevalier ist
-längst tot.«</p>
-
-<p>»So? Wer sind denn Sie? Antworten Sie; ich frage im
-Namen des Königs.«</p>
-
-<p>Der Kranke lachte: »Ich nenne mich Lorier; Bête, gib
-dem Herrn meine Pässe!«</p>
-
-<p>»Ist nicht nötig; kennen Sie dies Tuch, mein Herr?«</p>
-
-<p>»Was werde ich es nicht kennen, Sie haben es da von
-meinem Stuhl weggenommen; wozu diese Fragen, wozu diese
-Szenen? Sie genieren mich, mein Herr!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span></p>
-
-<p>»Belieben Sie auf Ihre linke Hand zu schauen,« sagte der
-Direktor; »dort halten Sie ja Ihr Tuch; dieses hier fand sich
-im Hause einer gewissen Giuseppa Bianetti.«</p>
-
-<p>Der Kranke warf einen wütenden Blick auf die Männer;
-er ballte seine Faust und knirschte mit den Zähnen; er schwieg
-hartnäckig, obgleich der Direktor seine Fragen wiederholte. Dieser
-gab jetzt dem Doktor einen Wink; er ging hinaus und erschien
-bald darauf mit der Sängerin, dem Kapellmeister Boloni und
-dem …schen Gesandten in dem Zimmer.</p>
-
-<p>»Herr Baron von Martinow,« wandte sich der Direktor
-zu diesem, »erkennen Sie diesen Mann für denselben, den Sie
-in Paris als Chevalier de Planto kannten?«</p>
-
-<p>»Ich erkenne ihn für denselben,« antwortete der Baron,
-»und wiederhole meine Aussage über ihn, die ich früher zu Prototoll
-gab.«</p>
-
-<p>»Giuseppa Bianetti! erkennen Sie ihn für denselben, der
-Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte, in sein Haus
-nach Paris brachte, für denselben, den Sie eines Mordversuches
-beschuldigen?«</p>
-
-<p>Die Sängerin bebte bei dem Anblick des fürchterlichen
-Mannes; sie wollte antworten, aber er selbst ersparte ihr jedes
-Geständnis. Er richtete sich höher auf, seine wollene Mütze
-schien spitziger aufzustehen, seine Arme waren steif, er schien sie
-mit Mühe zu bewegen, aber seine Finger krallten sich krampfhaft
-auf und zu; seine Stimme schlich sich nur noch leise und heiser
-aus der Brust herauf, selbst sein Lachen und seine Flüche wurden
-beinahe zum Geflüster. »Kommst du, mich zu besuchen,
-Schepperl?« sagte er; »das ist schön von dir; nicht wahr, du
-weidest dich recht an meinem Anblick? Es ist mir wahrhaftig
-leid, daß ich dich nicht besser getroffen, ich hätte dir dadurch den
-Schmerz erspart, deinen Oheim vor seiner Abreise von diesen
-deutschen Tieren verhöhnt zu sehen.«</p>
-
-<p>»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« unterbrach ihn der
-Direktor. »Herr Referendarius Pfälle, schreiben Sie einen
-Verhaftungsbefehl gegen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was tun Sie?« rief der Doktor, »sehen Sie denn nicht,
-daß ihm der Tod schon am Herzen ist? Er treibt es keine
-Viertelstunde mehr. Eilen Sie, wenn Sie noch etwas zu fragen
-haben.«</p>
-
-<p>Der Doktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdienern zu
-rufen, sie sollen den Gefangenen heraufbringen; der Kranke
-sank mehr und mehr zusammen, sein Auge schien stillzustehen,<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span>
-es hatte nur eine Richtung, nach der Sängerin, aber auch jetzt
-noch schien Wut und Ingrimm daraus hervorzublitzen. »Schepperl,«
-sprach er wieder, »du hast mich unglücklich gemacht, zu
-Grunde gerichtet, darum verdientest du den Tod; du hast deinen
-Vater zu Grunde gerichtet, sie haben ihn auf die Galeere geschickt,
-weil er dich mir um Geld verkauft hat; er hat mich beschworen,
-dich umzubringen; es tut mir leid, daß ich gezittert
-habe. Verflucht seien diese Hände, die nicht einmal mehr sicher
-stoßen konnten!« Seine greulichen Verwünschungen, die er über
-sich und Giuseppa ausstieß, wurden durch eine neue Erscheinung
-unterbrochen. Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in
-türkischer Kleidung; es war der unglückliche Ali Pascha von
-Janina &ndash; der Turban bedeckte das jammervolle Haupt des
-Kommerzienrats Bolnau. Alle erstaunten über diesen Anblick,
-besonders schien der Kapellmeister sehr betreten; er erblaßte
-und errötete und wandte sein Gesicht ab. »Monsieur de Planto,«
-sprach der Direktor, »kennen Sie diesen Mann?« Der Kranke
-hatte die Augen geschlossen; er riß sie mühsam auf und sagte:
-»Gehet zu allen Teufeln, ich kenne ihn nicht.«</p>
-
-<p>Der Türke sah die Umstehenden mit kummervoller Miene
-an; »ich wußte wohl, daß es so kommen werde,« sprach er mit
-weinerlichem Tone, »es hat mir schon lange geahnet. Aber,
-Mademoiselle Bianetti, wie konnten Sie doch einen unschuldigen
-Mann so ins Unglück bringen?«</p>
-
-<p>»Was ist es denn mit diesem Herrn?« fragte die Sängerin;
-»ich kenne ihn nicht. Herr Direktor, was hat denn dieser
-getan?«</p>
-
-<p>»Signora,« sprach der Direktor mit tiefem Ernst, »vor
-den Gerichten gilt keine Nachsicht oder irgend eine Schonung,
-Sie müssen diesen Herrn kennen; es ist der Kommerzienrat
-Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat eingestanden, daß
-Sie bei dem Mord seinen Namen ausgerufen haben.«</p>
-
-<p>»Freilich!« klagte der Pascha, »meinen Namen genannt,
-unter so verfänglichen Umständen!«</p>
-
-<p>Die Sängerin erstaunte, eine tiefe Röte flog über ihr
-schönes Gesicht, sie ergriff in großer Bewegung den Kapellmeister
-bei der Hand; »Carlo,« rief sie, »jetzt gilt es zu sprechen,
-ich kann es nicht verschweigen; ja, Herr Direktor, ich werde
-diesen teuren Namen genannt haben, aber ich meinte nicht jenen
-Herrn, sondern&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mich!« rief der Kapellmeister und trat hervor. »Ich
-heiße, wenn es mein lieber Vater dort erlaubt, Karl Bolnau!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span></p>
-
-<p>»Karl! Musikant! Amerikaner!« rief der Türke und umarmte
-ihn; »das ist das erste gescheite Wort in deinem Leben,
-du hast mich aus einem großen Jammer befreit.«</p>
-
-<p>»Wenn sich die Sache so verhält,« sagte der Direktor, »so
-sind Sie frei, und wir haben in dieser Sache nur mit gegenwärtigem
-Herrn Chevalier de Planto zu tun.« Er wandte sich
-um zu dem Bette; dort stand der Arzt und hielt die Hand des
-Mörders in der seinigen; er legte sie ernst und ruhig auf die
-Decke und drückte ihm die starren Augen zu. »Direktor,« sagte
-er, »der macht es jetzt mit einem höheren Richter aus.«</p>
-
-<p>Man verstand ihn; sie gingen aus dem Gemach des furchtbaren
-Toten und traten drüben bei dem Kapellmeister, dem
-glücklichen, wiedergefundenen Sohne des Pascha, ein; die
-Sängerin verbarg ihr Gesicht an der Brust des Geliebten, ihre
-Tränen strömten heftig, aber es waren die letzten, die sie ihrem
-unglücklichen Schicksal weinte; denn der Pascha ging lächelnd
-um das schöne Paar, er schien an einem großen Entschluß zu
-arbeiten; er besprach sich heimlich mit dem Medizinalrat und
-trat von diesem zu seinem Sohn und der Sängerin. »Liebste
-Mademoiselle,« sprach er, »ich habe Ihretwegen vieles ausgestanden,
-Sie haben meinen Namen so verfänglich genannt, daß
-ich Sie bitte, ihn mit dem Ihrigen zu vertauschen. Sie haben
-gestern meinen Teller mit Punsch verschmäht, werden Sie mich
-wieder zurückstoßen, wenn ich Ihnen gegenwärtigen Herrn Karl
-Bolnau, meinen musikalischen Sohn, präsentiere, mit der Bitte,
-ihn zu ehelichen?«</p>
-
-<p>Sie sagte nicht nein; sie küßte mit Freudentränen seine
-Hand, der Kapellmeister schloß sie mit Entzücken in seine Arme
-und schien diesmal sein erhabenes Pathos ganz vergessen zu
-haben. Der Kommerzienrat aber faßte des Doktors Hand:
-»Lange, sage Er, hätte ich denken können, daß es so kommen
-würde, als Er mir den Schrecken in alle Glieder jagte, als ich
-die Scheiben des Palais zählte und Er mir sagte: ›Ihr letztes
-Wort war Bolnau!‹«</p>
-
-<p>»Nun! was will Er weiter!« antwortete der Medizinalrat
-lächelnd; »es war doch gut, daß ich es Ihm damals sagte; wer
-weiß es, ob alles so gekommen wäre ohne das <em class="gesperrt">letzte Wort
-der Sängerin</em>.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span></p>
-
-<h2 id="Phantasien_im_Bremer_Ratskeller">Phantasien im Bremer Ratskeller,<br />
-<span class="small">ein Herbstgeschenk</span><br />
-<span class="smaller">für Freunde des Weines.</span></h2>
-
-<p class="h2">
-Den zwölf Aposteln</p>
-<p class="center">
-im Ratskeller zu Bremen</p>
-<p class="center smaller">
-in dankbarer Erinnerung</p>
-<p class="noind smaller">
-Im Herbst 1827.</p>
-<p class="right smaller">
-Der Verfasser.
-</p>
-<hr class="tb" />
-
-<div class="chapintro">
-
-<p>Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und jeder
-Mensch kann sich wohl einmal davon begeistern lassen.</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Shakespeare.</em>
-</p>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Mit dem Menschen ist nicht auszukommen,« sagten sie,
-als sie in meinem Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich
-konnte es noch deutlich hören. »Jetzt will er wieder schlafen
-von neun Uhr an und leben wie ein Murmeltier; wer hätte das
-gedacht vor vier Jahren!«</p>
-
-<p>Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut
-verließen. Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten
-musikalischen, tanzenden und deklamierenden Butterbrote in
-der Stadt, und hatten sie sich nicht alle mögliche Mühe gegeben,
-mir, dem Landfremden, einen angenehmen Abend dort zu verschaffen?
-Aber es war wahrhaftig unmöglich; ich konnte nicht
-gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Tee besuchen, wo <em class="gesperrt">sie</em>
-nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich wußte
-es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von <em class="gesperrt">ihr</em> gehört zu
-werden; warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn
-und finsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen
-konnte? O Gott! ich wollte ja lieber, daß sie mir auf
-der Treppe einige Sekunden fluchten, als daß sie sich von neun
-Uhr bis ein Uhr langweilten, wenn sie nur mit meinem Körper
-sich unterhielten und bei der Seele umsonst anfragten, die einige<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span>
-Straßen weiter auf Unserer Lieben Frauen Kirchhof nachtwandelte.</p>
-
-<p>Aber das tat mir wehe, daß mich die guten Gesellen für
-ein Murmeltier hielten und dem Drang nach Schlafe zuschrieben,
-was aus Freude am Wachen geschah. O nur du, ehrlicher Hermann,
-wußtest es mehr zu würdigen! Hörte ich denn nicht, wie
-du unten auf dem Domhof sagtest: »Schlaf ist es nicht, denn
-seine Augen leuchten. Aber entweder hat er wieder zu viel oder
-zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch welchen und
-&ndash; allein.«</p>
-
-<p>Wer verlieh dir denn diese prophetische Kraft? Oder konntest
-du ahnen, daß meine Augen wacker waren, weil sie heute
-nacht alten Rheinwein schauen sollten? Konntest du wissen,
-daß ich gerade heute von dem Patent und Erlaubnisschein, vom
-Rate auf meine Person ausgestellt, Gebrauch machen werde,
-um die Rose und eure zwölf Apostel zu begrüßen? Und überdies,
-war denn heute nicht mein Schalttag?</p>
-
-<p>Meines Erachtens ist es keine üble Gewohnheit, die ich von
-meinem Großvater angenommen, nämlich hie und da Einschnitte
-zu machen in den Baum des Jahres und sinnend dabei zu verweilen.
-Wenn der Mensch nur Neujahr und Ostern, nur Christfest
-oder Pfingsten feiert, so kommen ihm endlich diese Ruhepunkte
-in der Geschichte seines Lebens so alltäglich vor, daß er
-darüber hinweggleitet ohne Erinnerung. Und doch ist es gut,
-wenn die Seele, sonst immer nach außen gerichtet, auch einmal
-auf ein paar Stunden einkehrt im eigenen Gasthof ihrer Brust,
-sich bewirtet an der langen Table d'hôte der Erinnerung und
-nachher gewissenhaft die Rechnung <em class="antiqua">ad notam</em> schreibt wie Frau
-Hurtig dem Ritter. Der Großvater nannte solche Tage seine
-Schalttage; nicht daß er etwa ein Bankett veranstaltete mit
-seinen Freunden oder den Tag lustig und in Freuden lebte, in
-Saus und Braus; nein, er kehrte ein bei sich, und seine Seele
-schmauste in der Kammer, die sie seit fünfundsiebzig Jahren
-kannte. Noch jetzt, da er längst im kühlen Friedhof ruht, noch
-jetzt kann ich es seinem holländischen Horaz ansehen, welche
-Stellen er an solchen Tagen gelesen; noch jetzt, als wäre es
-gestern geschehen, sehe ich sein großes blaues Auge sinnend auf
-den vergelbten Blättern seines Stammbuchs weilen; und wie
-deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach und nach sich füllt, wie
-eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der gebietende
-Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und<span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span>
-zögernd die Feder ergreift und »einem seiner Brüder, der geschieden«,
-das schwarze Kreuz unter den Namen malt.</p>
-
-<p>»Der Herr hält seinen Schalttag,« pflegten die Diener uns
-zuzuwispern, wenn wir Enkel laut und fröhlich wie gewöhnlich
-die Treppe hinanstürmten; »der Großvater hält seinen Schalttag,«
-flüsterten wir uns zu und glaubten nicht anders, als er
-beschere sich selbst den heiligen Christ, weil er ja doch niemand
-habe, der ihm den Christbaum anzünde. Und war es nicht so,
-wie wir in kindlicher Einfalt glaubten? Zündete er nicht den
-Christbaum seiner Erinnerung an, flammten nicht tausend flimmernde
-Kerzen auf, die Lieblingsstunden eines langen Lebens,
-und schien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags still und
-ruhig im Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der
-Vergangenheit?</p>
-
-<p>Es war sein Schalttag wieder eingetreten, als sie ihn hinaustrugen.
-Ich mußte weinen, als ich dachte, daß der alte
-Mann seit langer Zeit zum erstenmal wieder in die freie Luft
-komme. Sie führten ihn den Weg, auf dem ich so oft an seiner
-Seite gegangen war. Aber nicht lange, so beugten sie über die
-schwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde. »Nun hält er
-seinen rechten Schalttag,« dachte ich, »aber wundern soll es mich
-doch, wie der alte Herr wieder da heraufkommen will, denn sie
-haben doch viele Steine und Rasen auf ihn hinabgeworfen.« Er
-kam nicht wieder. Aber sein Bild blieb in meinem Gedächtnis,
-und als ich herangewachsen war, gehörte es zu meinen liebsten
-Beschäftigungen, seine feine offene Stirne, das klare Auge, den
-gebietenden und doch so freundlichen Mund mir vorzumalen.
-Mit seinem Bilde stiegen tausend Erinnerungen auf, und seine
-Schalttage waren mir die Lieblingsstücke in der langen Bildergalerie.</p>
-
-<p>Und ist denn heute nicht der erste September, den auch ich
-mir zum Schalttag erwählte? Und ich sollte Butterbrot verzehren
-in einer Gesellschaft und allerlei Arien absingen hören
-mit beigefügtem Applaus und Gezwitscher? Nein! Heraus mit
-dir, köstliches Rezept, das kein Arzt der Erde so köstlich mischt!
-Hinab zu dir, alte, wahrhaftige Apotheke, um »nach Vorschrift
-jedesmal einen <em class="gesperrt">Römer</em> voll zu nehmen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<p>Es schlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Ratskellers
-hinabstieg; ich durfte hoffen, keinen Zecher mehr zu finden,
-denn es war Werktag bei andern Leuten, und draußen
-heulte der Sturm, die Windfahnen stimmten sonderbare Weisen
-an, und der Regen rauschte auf das Pflaster des Domhofs. Aber
-der Ratsdiener maß mich mit fragenden Blicken vom Kopf bis
-zum Fuß, als ich ihm die Anweisung auf einigen Wein darreichte.</p>
-
-<p>»So spät noch, und heute, in <em class="gesperrt">dieser</em> Nacht?« rief er.</p>
-
-<p>»Mir ist es vor zwölf Uhr nie zu spät,« entgegnete ich,
-»und nachher ist es wohl frühe genug am Tage.«</p>
-
-<p>»Aber muß es denn,« wollte er eben fragen, doch Siegel
-und Handschrift seiner Obern fiel ihm wieder ins Auge, und
-schweigend, aber nicht ohne Zögern, schritt er voraus durch die
-Hallen. Welch herzerquickender Anblick, wenn sein Windlicht
-über die lange Reihe der Fässer hinstreifte, welch sonderbare
-Formen und Schatten, wenn es an den Schwibbogen des Kellers
-zitterte und die Säulen im dunkeln Hintergrunde wie geschäftige
-Küper um die Fässer schwebten! Er wollte mir eines jener
-kleineren Gemächer aufschließen, wo höchstens sechs bis acht
-Freunde, eng zusammengerückt, den Becher kreisen lassen können.
-Doch, mit trauten Gesellen liebe ich ein solches heimliches Plätzchen;
-der enge Raum drängt Mann an Mann, und die Töne,
-die hier nicht verhallen können, klingen traulicher; aber allein
-und einsam liebe ich freiere Räume, wo der Gedanke, gleich
-den Atemzügen, sich freier ausdehnt. Ich wählte einen alten
-gewölbten Saal, den größten in diesen unterirdischen Räumen,
-zu meinem einsamen Gelage.</p>
-
-<p>»Erwarten Sie Gesellschaft?« fragte der Mann an meiner
-Seite.</p>
-
-<p>»Ich bin allein.«</p>
-
-<p>»Sie könnten ungebeten welche haben,« setzte er hinzu,
-indem er sich scheu nach den Schatten umsah, die seine Lampe
-warf.</p>
-
-<p>»Wie meint Ihr das?« fragte ich verwundert.</p>
-
-<p>»Ich meinte nur so,« antwortete er, indem er einige Kerzen
-anzündete und einen großen Römer vor mich hinsetzte. »Man
-spricht mancherlei vom ersten September &ndash; der Herr Senator D.
-waren übrigens schon vor zwei Stunden da, und ich erwartete
-Sie nicht mehr.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span></p>
-
-<p>»Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?«</p>
-
-<p>»Nein, er hieß mich nur die Proben herausnehmen.«</p>
-
-<p>»Welche Proben, mein Freund?«</p>
-
-<p>»Nun, die von den Zwölfen und der Rose;« erwiderte der
-alte Mann, indem er anfing, einige niedliche Fläschchen mit
-langen Papierstreifen an den Hälsen hervorzuziehen.</p>
-
-<p>»Wie!« rief ich, »man sagte mir ja, ich könnte den Wein
-von den Fässern selbst trinken!«</p>
-
-<p>»Ja, aber nur im Beisein eines Herrn vom Senat. Darum
-hieß mich der Herr Senator die Zungenpröbchen herausnehmen,
-und so will ich sie Ihnen einschenken, wenn's gefällig.«</p>
-
-<p>»Nicht einen Tropfen,« unterbrach ich ihn, »hier kein Glas
-voll; nein, das ist der echte Genuß, <em class="gesperrt">vom Fasse</em> zu trinken,
-und ist es mir nicht mehr möglich, so will ich doch am Fasse
-trinken. Kommt, Alter, nehmet die Proben mit, ich will das
-Licht tragen.«</p>
-
-<p>Ich stand schon einige Minuten und sah dem wunderlichen
-Treiben des alten Dieners zu. Bald stand er still, sah auf mich
-und räusperte sich, als wollt' er sprechen, bald nahm er die
-Proben vom Tisch und packte sie in seine weiten Taschen, bald
-nahm er sie zögernd wieder heraus, um sie auf den Tisch zu
-setzen. Es ermüdete mich; »nun, sollen wir bald gehen?« rief
-ich voll Sehnsucht nach dem Apostelkeller. »Wie lange wollt Ihr
-noch an Euren Gläschen hier aus- und einpacken?«</p>
-
-<p>Der ernste Ton, in welchem ich dies sagte, schien ihm Mut
-zu machen. Ziemlich bestimmt antwortete er: »Es geht nicht,
-&ndash; nein! Heute geht es nicht mehr, Herr!«</p>
-
-<p>Ich glaubte hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu sehen,
-womit Hausverwalter, Kastellane oder Kellermeister dem Fremden
-Geld abzuzwacken suchen, drückte ihm ein hinlängliches Geldstück
-in die Hand und nahm ihn beim Arm, ihn fortzuziehen.</p>
-
-<p>»Nein, so war es nicht gemeint,« entgegnete er, indem er
-das Geldstück zurückzuschieben suchte: »so nicht, fremder Herr!
-Ich will es nur gerade heraus sagen: mich bringt man nicht
-mehr in den Apostelkeller in dieser Nacht, denn wir schreiben
-heute den ersten September.«</p>
-
-<p>»Und welche Torheit wollt Ihr daraus folgern?«</p>
-
-<p>»Nun, in Gottes Namen, Sie können denken davon, was
-Sie wollen; es ist dort nicht geheuer in dieser Nacht, das macht,
-es ist der Jahrestag der Rose.«</p>
-
-<p>Ich lachte, daß die Halle dröhnte. »Nein! In meinem
-Leben habe ich doch so manchen Spuk erzählen gehört, aber einen<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span>
-Weinspuk nie! Schämt Ihr Euch nicht mit Euren weißen
-Haaren, noch solches Zeug zu schwatzen? Doch hier ist nicht
-lange zu spaßen. Hier ist die Vollmacht des Senats; im Keller
-darf ich trinken heute nacht, ohne nach Zeit und Raum zu fragen.
-Darum im Namen des Rates heiß' ich Euch folgen. Schließe
-den <em class="gesperrt">Keller des Bacchus</em> auf.«</p>
-
-<p>Dies wirkte; unwillig, aber ohne etwas zu entgegnen, nahm
-er die Kerzen und winkte mir, zu folgen. Es ging zuerst wieder
-durch den großen Keller, dann durch kleinere, bis der Weg in
-einen engern schmalen Gang zusammenlief. Dumpf dröhnten
-unsere Schritte in diesem Hohlweg, und unsere Atemzüge tönten,
-wenn sie an den Mauern sich brachen, wie fernes Geflüster.
-Endlich standen wir vor einer Türe, die Schlüssel rasselten, sie
-gähnte ächzend auf, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe,
-mir gegenüber saß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß.
-Erquickender Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und fein
-dargestellt, die alten Bremer Künstler, nicht zierlich als einen
-griechischen Jüngling; sie hatten ihn nicht alt und trunken sich
-gedacht, mit gräßlichem Bauch, verdrehten Augen und hängender
-Zunge, wie ihn die gemein gewordene Mythe hin und wieder
-gotteslästerlich abkonterfeit. Schmählicher Anthropomorphismus;
-blinde Torheit des Menschen! Weil einige seiner im
-Dienste ergrauten Priester also einhergehen, weil ihnen voll
-guten Mutes der Leib anschwoll, die Nase von dem brennenden
-Widerscheine der dunkelroten Flut sich färbte, das in stummer
-Wonne aufwärts gerichtete Auge stehen blieb, &ndash; so legten sie
-dem Gott bei, was seine Diener schmückt!</p>
-
-<p>Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter
-reitet der alte Knabe auf dem Faß! Das runde, blühende Gesicht,
-die kleinen muntern Weinäuglein, die so klug und neckend
-herabsehen, der breite, lächelnde Mund, der sich an mancher
-Kanne schon versuchte; der kurze kräftige Hals, das ganze
-Körperchen von behaglichem, gutem Leben strotzend! Ganz besondere
-Kunst hat aber der Meister, der dich geschaffen, auf
-Arme und Beinchen gelegt. Meint man nicht, dein kräftiges
-Aermlein werde sich bewegen, du werdest mit den runden
-Fingerchen ein Schnippchen schlagen, und der breite, lächelnde
-Mund werde sich auftun zu einem muntern Juheisa, heisa, he!
-Ist man nicht versucht zu glauben, du werdest im tollen Weinmut
-die runden Knie beugen, den Waden anlegen, mit dem
-Fersen stauchen und das alte Mutterfaß in Galopp setzen, daß<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span>
-alle Rosen, Apostel und andere gemeinere Fässer mit Hussa und
-Hallo dir nachjagen durch den Keller?</p>
-
-<p>»Herr des Himmels!« rief der Ratsdiener, indem er sich
-an mir festklammerte, »seht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht
-und mit dem Füßchen baumelt?«</p>
-
-<p>»Alter, Ihr seid verrückt!« sagte ich, einen scheuen Blick
-nach dem hölzernen Weingott werfend; »es ist der Schein der
-Kerzen, der an ihm hin und her flackert.« Dennoch war mir
-wunderlich zumute, ich folgte dem Alten aus dem Bacchuskeller.
-Und war es denn auch der Schein der Kerzen, war es auch Täuschung,
-als ich mich umsah? Nickte er mir nicht mit dem runden
-Köpfchen, streckte er mir nicht das eine seiner Beinchen nach
-und schüttelte und krümmte sich vor heimlichem Lachen? Ich
-rannte unwillkürlich dem Alten nach und schloß mich dicht hinter
-ihm an.</p>
-
-<p>»Jetzt zu den zwölf Aposteln,« sprach ich zu ihm, »wie
-sollen uns dort die Proben munden!«</p>
-
-<p>Er antwortete nichts; kopfschüttelnd ging er weiter. Man
-steigt vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kellerlein,
-zum unterirdischen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit,
-wo die <em class="gesperrt">Zwölfe</em> hausen. Was seid ihr, Trauergewölbe
-und Grüfte alter Königshäuser, gegen <em class="gesperrt">diese</em> Katakomben!
-Pflanzet Särge neben Särge, rühmet auf schwarzem Marmor
-die Verdienste des Mannes, der hier einer »fröhlichen Urständ«
-entgegenschläft, stellt einen schwatzhaften Cicerone an, in Trauermantel
-und florumhängtem Hute, laßt ihn die absonderliche
-Herrlichkeit dieses oder jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen
-von den trefflichen Tugenden eines Prinzen, der in der
-Bataille so und so gefallen, von der holden Schönheit einer
-Fürstin, auf deren Sarge die jungfräuliche Myrte sich um die
-kaum erblühte Rosenknospe schlingt &ndash; es wird euch an die
-Sterblichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine Träne kosten;
-aber kann es euch also rühren, wie der Anblick dieser Schlafkammer
-eines Jahrhunderts, dieser Ruhestätte eines herrlichen
-Geschlechtes? Da liegen sie in ihren dunkelbraunen Särgen,
-schmucklos, ohne Glanz und Flitter. Kein Marmor rühmt ihr
-stilles Verdienst, ihre anspruchlose Tugend, ihren vortrefflichen
-Charakter; aber welcher Mann von einigem Gefühl für Tugenden
-dieser Art fühlt sich nicht innig bewegt, wenn der alte Ratsdiener,
-dieser Aufwärter in den Katakomben, dieser Küster der
-unterirdischen Kirche, die Kerzen auf die Särge stellt, wenn
-dann das Licht auf die erhabenen Namen der großen Toten<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span>
-fällt! Wie regierende Häupter führen auch sie keine langen
-Titel und Zunamen; einfach und groß stehen die Namen auf
-ihren braunen Särgen geschrieben. Dort Andreas, hier Johannes,
-in jener Ecke Judas, in dieser Petrus. Wen rührt es
-nicht, wenn er dann hört: dort liegt der Edle von Nierenstein,
-geboren 1718, hier der von Rüdesheim, geboren 1726. Rechts
-Paulus, links Jakob, der gute Jakob!</p>
-
-<p>Und ihre Verdienste? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht,
-wie er eingießt in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut
-des Apostels mir darreicht? Gleich dunkelrotem Golde blinkt
-es im Glase. Als ihn die Sonne aufzog auf den Hügeln von
-St. Johannes, da war er blond und helle; ein <em class="gesperrt">Jahrhundert</em>
-hat ihn gefärbt. Welche Würze des Geruches! Welche Namen
-leg' ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer aufsteigt?
-Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen in
-den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, besprengt mit Ambra
-diese kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen
-auf &ndash; mischet aus ihnen alle die feinsten Düfte, wie die Biene
-ihren Honig aus den Blüten saugt, wie schlecht, wie gemein, wie
-unwürdig gegen die zarte Blume deines Kelches, mein Bingen
-und Laubenheim, gegen deine Düfte Johannes und Nierenstein
-von 1718!</p>
-
-<p>»Ihr schüttelt den Kopf, Alter? Tadelt Ihr meine Freude
-an Euren alten Gesellen? Da, nimm diesen Römer, alter
-Mensch, trink auf das Wohlsein dieser Zwölfe! Komm, stoß an,
-sie sollen leben!«</p>
-
-<p>»Gott soll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in
-<em class="gesperrt">dieser</em> Nacht,« erwiderte er; »man soll mit dem Teufel kein
-Spiel treiben. Aber wenn Ihr sie alle durchgekostet, wollen wir
-weiter gehen. Mir graut in diesem Keller.«</p>
-
-<p>»Gute Nacht denn, ihr alten Herren vom Rheine, gute
-Nacht und herzlichen Dank für euer Labsal. Und wenn ich dir,
-mein ernster feuriger Judas, wenn ich dir, mein sanfter lieblicher
-Andreas, dir, mein Johannes, dienen kann, so kommt,
-kommt zu mir.«</p>
-
-<p>»Herr des Himmels!« unterbrach mich der Alte und schlug
-die Türe zu und drehte hastig die Schlüssel um, »seid Ihr von
-den paar Tropfen schon betrunken, daß Ihr den Teufel heraufschwört?
-Wißt Ihr denn nicht, daß die Weingeister aufstehen
-diese Nacht und einander besuchen, wie immer am ersten September?
-Und sollt' ich meinen Dienst verlieren, ich laufe davon,
-wenn Ihr noch solche Worte sprecht. Noch ist es nicht zwölf<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span>
-Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblick einer aus dem Faß
-kriechen mit greulichem Gesicht und uns zu Tode schrecken?«</p>
-
-<p>»Alter, du faselst! Doch sei ruhig, ich will kein Wort mehr
-sprechen, daß deine Weingespenster nicht wach werden. Doch jetzt
-führe mich zur Rose.« Wir gingen weiter, wir traten ein in
-das Gewölbe, in das Rosengärtlein von Bremen. Da lag sie,
-die alte Rose, groß, ungeheuer, mit einer Art von gebietender
-Hoheit. Welch ungeheures Faß! und jeder Römer ein Stück
-Goldes wert! Anno 1615! Wo sind die Hände, die dich pflanzten!
-Wo die Augen, die sich an deiner Blüte erfreuten, wo die
-fröhlichen Menschen alle, die dir zujauchzten, edle Traube, als
-man dich abschnitt auf den Höhen des Rheingaus, als man
-deine Hüllen abstreifte und du als goldener Born in die Kufe
-strömtest? Sie sind dahin, wie die Wellen des Stromes, der
-an deinem Rebenhügel hinabzog. Wo sind sie, jene alten Herren
-der Hansa, jene würdigen Senatoren dieser alten Stadt, die dich
-pflückten, duftende Rose, dich verpflanzten in diese kühlen Räume
-zum Labsal ihrer Enkel? Gehet hinaus auf Angarii Friedhof,
-gehet hinauf zur Kirche Unserer Lieben Frauen und gießet
-Wein auf ihre Grabsteine! Sie sind hinunter, und zwei Jahrhunderte
-mit ihnen!</p>
-
-<p>»Nun auf euer Wohlsein, alte Herren von Anno 1615,
-und auf das Wohl eurer würdigen Enkel, die so gastfreundlich
-dem Fremdling die Hand und dieses Labsal boten!«</p>
-
-<p>»So! Und jetzt gute Nacht, Frau Rose!« setzte der alte
-Diener freundlicher hinzu, indem er sein Körbchen zusammenräumte.
-»Jetzt gute Nacht und Gott befohlen; hier heraus,
-nicht dort um die Ecke, hier heraus geht der Weg aus dem
-Keller, wertgeschätzter Herr. Kommt, stoßet Euch nicht hier an
-die Fässer, ich will Euch leuchten.«</p>
-
-<p>»Mit nichten, Alter,« erwiderte ich, »jetzt geht das Leben
-erst recht an. Das alles war nur der Vorschmack. Gib mir
-Zweiundzwanz'ger Ausstich, so etwa zwei bis drei Flaschen in
-das große Gemach dort hinten. Ich hab' ihn grünen sehen
-diesen Wein und war dabei, als sie ihn kelterten; hab' ich das
-Alter bewundert, so muß ich <em class="gesperrt">meiner</em> Zeit nicht minder ihr
-Recht antun.«</p>
-
-<p>Er stand da mit weit geöffneten Augen, der Jammermensch;
-er schien seinen Ohren nicht zu trauen. »Herr,« sprach er dann
-feierlich, »sprechet nicht solch gottlosen Scherz. Heute nacht wird
-nun und nimmermehr was daraus; ich bleibe um keine Seligkeit.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>»Und wer sagt denn, daß du bleiben sollst? Dort setze
-den Wein hinein und dann mache in Gottes Namen, daß du
-fortkommst; ich will nun einmal diese Gedächtnisnacht hier feiern
-und habe mir deinen Keller ausersehen; dich habe ich nicht vonnöten.«</p>
-
-<p>»Aber ich darf Euch nicht allein im Keller lassen,« entgegnete
-er; »ich weiß wohl, nehmt mir nicht ungütig, daß Ihr
-den Keller nicht bestehlet, aber es ist einmal gegen die Ordnung.«</p>
-
-<p>»Nun, so schließe mich ein in jenes Gemach; hänge ein
-Schloß davor, so schwer als du willst, daß ich nimmer heraus
-kann, und morgen früh um sechs Uhr kannst du mich aufwecken
-und dein Schlafgeld holen.«</p>
-
-<p>Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden,
-doch umsonst; er setzte endlich drei Flaschen und neue Kerzen
-vor mich hin, wischte den Römer aus, schenkte mir den Zweiundwanziger
-Ausstich ein und wünschte mir, wie es schien, mit
-schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig schloß er auch die Türe
-zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr aus zärtlicher
-Angst für mich als aus Vorliebe für seinen Keller noch ein
-Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb zwölf. Ich hörte
-ihn ein Gebet sprechen und davoneilen. Seine Schritte hallten
-immer ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das
-Außentor des Kellers zuschlug, hallte es wie Kanonendonner
-durch die Gänge und Hallen.</p>
-
-<p>So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten
-im Schoße der Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und
-träumen, und auch hier unten, rings um mich her, schlummern
-sie in ihren Särgen, die Geister des Weines. Ob sie wohl
-träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen und der fernen
-Berge, der Heimat gedenken, wo sie groß wurden, und des
-Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich
-ein Wiegenlied murmelte?</p>
-
-<p>Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die
-Sonne, euch aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft
-die Aeuglein öffnetet zum erstenmal und hinabschautet
-ins herrliche Rheingau? Und als der Mai einzog in sein
-deutsches Paradies, gedenket ihr noch, wie euch die Mutter antat
-mit grünen Kleidchen von Laubwerk und wie der alte Vater baß
-sich dessen freute, herauflugte aus seinem grünen Bette und euch
-zuwinkte und munter rauschte am <em class="gesperrt">Lurlei</em>?</p>
-
-<p>Und gedenkst denn auch du der Rosentage deiner Jugend,
-o Seele, der sanften Rebenhügel der Heimat, des blauen<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span>
-Stromes und der blühenden Täler des Schwabenlandes? O
-Wonnezeit voll holder Träume! Wie reich bist du behängt mit
-Bilderbüchern, Christbäumen, Mutterliebe, Osterwochen und
-Ostereiern, mit Blumen und Vögeln, Armeen aus Blei und
-Papier und den ersten Höschen und Kollettchen, in welche sich
-deine kleine sterbliche Hülle, stolz auf ihre Größe, kleiden ließ.
-Und wie dich der selige Vater auf den Knieen schaukelte, und
-dir der Großvater gerne das lange Meerrohr mit dem goldenen
-Knopf abtrat, um es dir als Reitpferd zu leihen!</p>
-
-<p>Und rücke mit dem nächsten Glase um einige Jahre vorwärts!
-Erinnerst du dich des Morgens, als sie dich hineinführten
-zu einem wohlbekannten Mann, dessen Gesicht so blaß
-geworden war, dessen Hand du weinend küßtest, weinend, ohne
-zu wissen warum? Denn konntest du glauben, daß die harten
-Männer, die ihn in einen Schrank legten und mit schwarzen
-Tüchern zudeckten, konntest du glauben, daß sie ihn nicht mehr
-zurückbringen würden? Sei ruhig, auch er schlummert nur ein
-Weilchen. &ndash; Und gedenkst du des geheimnisvollen Freudenlebens
-in Großvaters Büchersaal? Ach, damals kanntest du
-noch keine Bücher als den schnöden kleinen Bröder, deinen ärgsten
-Feind, wußtest nicht, daß jene Folianten noch zu etwas
-anderem in Leder gebunden seien, als um Hütten und Ställe
-daraus zu erbauen für dich und dein Vieh!</p>
-
-<p>Gedenkst du noch des Frevels, wie roh du mit der deutschen
-Literatur in kleinerem Format umgingst? Hast du nicht deinem
-Bruder den Lessing an den Kopf geworfen, wofür er dich freilich
-mit Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen erbärmlich zudeckte?
-Damals dachtest du freilich nicht daran, daß du einst
-selbst Bücher machen werdest!</p>
-
-<p>Tauchet auch ihr auf, aus dem Nebel verschwundener Jahre,
-ihr Mauern des alten Schlosses. Wie oft dienten deine halbverfallenen
-Gänge, deine Keller, deine Zwinger, deine Verließe
-der fröhlichen Schar zum Tummelplatz ihrer Spiele! Soldaten
-und Räuber, Nomaden und Karawanen! Wie wohl war uns
-oft in der untergeordneten Rolle eines Kosaken, während andere
-&ndash; Generale, Platows, Blüchers, <span id="corr200">Napoleone</span> und dergleichen
-vorstellten und sich prügelten? Ja, waren wir nicht zuzeiten
-sogar ein Pferd, dem Freunde zu Gefallen? O Himmel, wie
-schön ließ es sich dort spielen!</p>
-
-<p>Wo sind sie hin, die Gespielen deiner Kindheit, die Genossen
-jener goldenen Tage, wo kein Rang, kein Stand, kein Ansehen
-gilt. Grafen und Barone machen jetzt wohl die große Tour<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span>
-oder dienen an Höfen als Kammerherren. Arme Teufel pilgern
-als Handwerksbursche durchs Reich, den schweren Bündel
-auf dem Rücken, ohne Schuhe an den Füßen, haschen nach
-Pfennigen aus dem Kutschenschlag, die sie mit dem vom Regen
-gebräunten Hut künstlich aufzufassen wissen. Und die Liebe
-drückt sie oft noch schwerer als das Bündel auf dem Rücken.
-Andere Kameraden, Seelen, die sich in der Schule durch geordneten
-Fleiß in Humanioribus hervorgetan, sitzen jetzt schon
-auf einer Pfarre, im Schlaf- oder Chorrock bei der Frau Liebsten.
-Andere sind Amtleute, wieder andere Apotheker, einige
-Referendäre und dergleichen, und nur wir beide, ausschweifend
-aus dem gewöhnlichen Gang der Dinge, sitzen hier im Bremer
-Ratskeller und tun uns gütlich im Weine. Und was sind denn
-wir Absonderliches geworden? Doktor? Das kann jeder werden,
-der vernünftig genug ist, eine Dissertation zu schreiben.</p>
-
-<p>Doch ich trinke das vierte Glas, Seele. Das vierte! Fühlst
-du nicht einen gewissen Nexus zwischen dem Wein und der
-Zunge? Zwischen der Zunge und dem Gaumen? Hier, behaupte
-ich, ist ein Scheideweg und daran ein Wegezeiger aufgestellt.
-Nämlich auf der einen Seite steht: »<em class="gesperrt">Weg nach dem
-Magen.</em>« Eine breite fahrbare Straße. Es geht so schnell,
-so glitschend bergab! Daher auch der gemeinere Stoff gewöhnlich
-diesen Weg nimmt. Der andere Arm des Zeigers heißt:
-»<em class="gesperrt">In den Kopf.</em>« Dahin ziehen die Geister, die sich schon im
-Faß lange genug bei dem schnöden gemeineren Stoff gelangweilt
-haben, und jetzt, da sie freien Lauf nehmen können, schielen
-sie nach dem Wegezeiger rechts hinauf. Während die Masse
-links hinabströmt, steigen sie aufwärts und finden sich im
-Wirtshaus zur Zirbeldrüse wieder zusammen. Es sind friedliche,
-verständige Leute, diese Geister. Sie erhellen dein Haus,
-o Seele, solang ihrer vier oder fünf beisammen sind, nachher
-möchte ich wohl für nichts stehen, denn sie raufen sich dann und
-treiben allerhand Unfug im Gehirn.</p>
-
-<p>Wie schön ist die vierte Lebensperiode, die wir mit dem
-vierten Glase beginnen wollen! Du bist vierzehn Jahre alt,
-o Seele! Aber was ist mit dir vorgegangen in der kurzen Zeit?
-Du spielst keine Knabenspiele mehr, Soldaten und alles dieses
-Gezeuge liegt hinter dir, und du scheinst mir viel zu lesen. Du
-bist hinter Goethe und Schiller geraten und verschlingst sie, ohne
-alles zu verstehen. Oder wie? Du verstehst <em class="gesperrt">jetzt schon</em>
-alles? Du willst meinen, du könntest Liebe verstehen, weil du
-im letzten Sonntagsklub Elvire hinter der Kommode im Dunkeln<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span>
-geküßt und Emmas Zärtlichkeit zurückgewiesen hast? Barbar!
-Ahnest du nicht, daß dieses dreizehnjährige Herz auch
-den Werther und sogar etwas von Clauren gelesen haben kann
-und Liebe für dich fühlt? Aber die Szene ändert sich. Sei
-mir gegrüßt, du Felsental der Alb! Du blauer Strom, an
-welchem ich drei lange Jahre hauste, die Jahre lebte, die den
-Knaben zum Jüngling machen. Sei mir gegrüßt, du klösterliches
-Dach, du Kreuzgang mit den Bildern verstorbener Aebte,
-du Kirche mit dem wundervollen Hochaltar, ihr Bilder alle in
-schönes Gold des Morgenrotes getaucht! Seid mir gegrüßt,
-ihr Schlösser auf den Felsen, ihr Höhlen, ihr Täler, ihr grünen
-Wälder! Jene Täler, jene Klostermauern waren das enge Nest,
-das uns aufzog, bis wir flügge waren, und ihrer rauhen Albluft
-danken wir es, daß wir nicht verweichlichten.</p>
-
-<p>Ich komme ans fünfte Glas ins fünfte Säkulum unseres
-Lebens. Ich schlürfe euch ein, liebliche Erinnerungen, wie ich
-dies Glas edlen Rheinweins schlürfe. Ihr duftet auf in herrlicher
-Schöne, Jahre meiner Jugend, wie das Aroma aufsteigt
-aus dem Römer. Mein Auge wird wacker, o Seele, denn sie
-sind um mich, die Freunde meiner Jugend! Wie soll ich dich
-nennen, du hohes, edles, rohes, barbarisches, liebliches, unharmonisches,
-gesangvolles, zurückstoßendes und doch so mild erquickendes
-Leben der Burschenjahre? Wie soll ich euch beschreiben,
-ihr goldenen Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe?
-Welche Töne soll ich euch geben, um mich verständlich zu machen?
-Welche Farben dir, du nie begriffenes Chaos! Ich soll dich beschreiben?
-Nie! Deine lächerliche Außenseite liegt offen, die
-sieht der Laie, die kann man ihm beschreiben, aber deinen innern,
-lieblichen Schmelz kennt nur der Bergmann, der singend mit
-seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen Schacht. Gold bringt
-er herauf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig, gilt gleich
-viel. Aber dies ist nicht seine ganze Ausbeute. Was er geschaut,
-mag er dem Laien nicht beschreiben, es wäre allzu sonderbar
-und doch zu köstlich für sein Ohr. Es leben Geister in
-der Tiefe, die sonst kein Ohr erfaßt, kein Auge schaut. Musik
-ertönt in jenen Hallen, die jedem nüchternen Ohr leer und bedeutungslos
-ertönt. Doch dem, der <em class="gesperrt">mit</em> gefühlt und <em class="gesperrt">mit</em> gesungen,
-gibt sie eine eigene Weihe, wenn er auch über das Loch
-in seiner Mütze lächelt, das er als Symbolum zurückgebracht.
-Alter Großvater! Jetzt weiß ich, was du vornahmst, wenn »der
-Herr seinen Schalttag feierte«. Auch du hattest deine trauten
-Gesellen seit den Tagen deiner Jugend, und das Wasser stand<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span>
-dir in den grauen Wimpern, wenn du einen beisetztest im
-Stammbuch. Sie leben!</p>
-
-<p>Wirf die Flasche weg, Mensch, stich eine neue an zu neuer
-Freude. Das sechste! Wer kann dich berechnen, o Liebe!</p>
-
-<p>Es ging uns, wie es so manchem Erdensohn ergeht. Wir
-lasen von Liebe und glaubten zu lieben. Das Wunderbarste
-und doch Natürlichste an der Sache war, daß die Perioden oder
-Grade dieser Art Liebe sich nach unserer Lektüre richteten.
-Haben wir nicht Vergißmeinnicht und Ranunkeln gebrochen
-und des Doktors Tochter in G. verschämt überreicht und uns
-einige Tränen ausgepreßt, weil wir lasen: »Das Schönste sucht
-er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt?« &ndash; »Aus
-seinen Augen brechen Tränen?« Haben wir nicht <em class="antiqua">à la</em> Wilhelm
-Meister geliebt, das heißt, wir wußten nicht mehr,
-war es Emeline oder Camilla, die Zarte, oder gar Ottilie?
-Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen hinter den
-Jalousieen hervorgeschaut, wenn wir Ständchen brachten im
-Winter und die Gitarre weidlich schlugen, obgleich uns der Frost
-die Finger krumm bog? Und nachher, als es sich zeigte, wie sie
-alle nur schnöde Koketten seien, haben wir da nicht die Liebe
-törichterweise verschworen und uns vorgenommen, erst dann zu
-heiraten, wenn die Schwaben klug werden, das heißt im vierzigsten?</p>
-
-<p>Wer kann dich berechnen, verschwören, o Liebe? Du tauchst
-nieder aus dem Auge der Geliebten und schlüpfst durch unser
-Auge verstohlen in das Herz. Und dennoch so kalt konntest du
-bleiben, wenn ich meine Lieder sang, wolltest den Blick nicht
-erwidern, den ich so oft nach dir aussandte? Ich möchte ein
-General sein, nur daß sie meinen Namen in der Zeitung läse,
-daß es ihr bange würde, wenn sie läse: »Der General Hauff
-hat sich in der letzten Schlacht bedeutend hervorgetan und acht
-Kugeln ins Herz bekommen, &ndash; woran er aber nicht gestorben.«
-Ich möchte ein Tambour sein, nur daß ich vor ihrem Haus
-meinen Schmerz auslassen und fürchterlich trommeln könnte,
-und fährt sie dann erschrocken mit dem Köpfchen durchs Fenster,
-so will ich gerade das Gegenteil russischer Fellraßler machen
-und vom Fortissimo abwärts trommeln und piano und im
-leisen Adagiowirbel ihr zuflüstern: »Ich liebe dich.« Ein berühmter
-Mensch möchte ich sein, nur daß sie von mir hörte und
-stolz zu sich sagte: »Der hat dich einst geliebt.« Aber leider
-reden die Leute nicht von mir, höchstens wird man ihr morgen
-sagen: »Gestern nacht ist er auch wieder bis Mitternacht im<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span>
-Weinkeller gelegen!« Und wenn ich vollends ein Schuster oder
-Schneider wäre! Doch dies ist ein gemeiner Gedanke und
-deiner unwürdig, Adelgunde!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jetzt wacht wohl keiner mehr als der Höchste und Niedrigste
-dieser Stadt, nämlich der Turmwächter hoch oben auf der Domkirche
-und ich tief unten im Ratskeller. Wär' ich doch der auf
-dem Turme! in jeder Stunde wollte ich das Sprachrohr ansetzen
-und dir ein Lied hinabsingen ins Schlafkämmerlein; doch
-nein! das würde ja den süßen Engel aus seinem Schlummer
-wecken, aus seinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier
-unten hört mich niemand, da will ich eines singen! Seele!
-komme ich mir denn nicht gerade vor wie ein Soldat auf dem
-Posten, dem das Heimweh recht schwer und tief im Herzen
-liegt? Und hat nicht einer meiner Freunde dies Lied gedichtet?</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Steh' ich in finstrer Mitternacht<br /></span>
-<span class="i0">So einsam auf der fernen Wacht,<br /></span>
-<span class="i0">So denk' ich an mein fernes Lieb,<br /></span>
-<span class="i0">Ob mir's auch treu und hold verblieb?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Als ich zur Fahne fort gemüßt,<br /></span>
-<span class="i0">Hat sie so herzlich mich geküßt,<br /></span>
-<span class="i0">Mit Bändern meinen Hut geschmückt<br /></span>
-<span class="i0">Und weinend mich ans Herz gedrückt!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,<br /></span>
-<span class="i0">Drum bin ich froh und wohlgemut,<br /></span>
-<span class="i0">Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn es ans treue Lieb gedacht.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Jetzt bei der Lampe mildem Schein<br /></span>
-<span class="i0">Gehst du wohl in dein Kämmerlein,<br /></span>
-<span class="i0">Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn<br /></span>
-<span class="i0">Auch für den Liebsten in der Fern'!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Doch, wenn du traurig bist und weinst,<br /></span>
-<span class="i0">Mich von Gefahr umrungen meinst&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Sei ruhig; bin in Gottes Hut,<br /></span>
-<span class="i0">Er liebt ein treu Soldatenblut.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'<br /></span>
-<span class="i0">Und löst mich ab zu dieser Stund':<br /></span>
-<span class="i0">Schlaf wohl im stillen Kämmerlein<br /></span>
-<span class="i0">Und denk' in deinen Träumen mein!<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span></p>
-<p>Und denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die
-Glocken summten dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen
-Gesang. Schon Mitternacht? Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen
-Schauer in sich; es ist, als zittere die Erde leise,
-wenn sich die schlummernden Menschen unter ihr auf die andere
-Seite legen, die schwere Decke schütteln und den Nachbar im
-Kämmerlein nebenan fragen: »Ist's noch nicht Morgen?« Wie
-so ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir
-hernieder, als wenn er am Mittag durch die hellen klaren Lüfte
-schallt. Horch! Ging da nicht im Keller eine Türe? Sonderbar;
-wenn ich nicht so ganz allein hier unten wäre, wenn ich
-nicht wüßte, daß die Menschen nur oben wandeln, ich würde
-glauben, es tönen Schritte durch diese Hallen. &ndash; Ha! es ist so;
-es kommt näher, es tastet an der Türe hin und her; es faßt und
-schüttelt die Klinke; doch die Türe ist verschlossen und mit
-Riegeln verhängt; mich stört heute nacht <em class="gesperrt">kein Sterblicher</em>
-mehr. &ndash; Ha, was ist das? die Türe springt auf! Entsetzen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<p>Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig
-Komplimente über den Vortritt; der eine war ein langer,
-hagerer Mann, trug eine große, schwarze Lockenperücke, einen
-dunkelroten Rock nach altfränkischem Schnitt, überall mit goldenen
-Tressen und goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer
-langen und dünnen Beine staken in dünnen Beinkleidern
-von schwarzem Samt mit goldenen Schnallen am Knie;
-daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den Schuhen trug
-er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von Porzellan
-hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn
-er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen kleinen Hut von
-Seide, und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann
-wie Wasserfälle über die Schultern herab. Der Mann hatte ein
-bleiches, abgehärmtes Gesicht, tiefliegende Augen und eine große
-feuerrote Nase. Ganz anders war der kleinere Geselle anzuschauen,
-dem jener den Vortritt gönnen wollte. Seine Haare
-waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und nur an den
-Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalftern gewickelt,
-ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken;
-er trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten
-in großen Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste,
-die über sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Kniee<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span>
-herabfiel, und hatte einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt.
-Er hatte etwas Gutmütiges in seinem feisten Gesicht, besonders
-in den Aeuglein, die ihm wie einem Hummer hervorstanden.
-Seine Manöver führte er mit einem ungeheuren Filzhut aus,
-der auf zwei Seiten aufgeklappt war.</p>
-
-<p>Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt,
-Zeit genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden
-Herren machten wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle
-die zierlichsten Pas. Endlich riß der Lange auch den zweiten
-Flügel der Türe auf, nahm den Kleinen unter dem Arm und
-führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre Hüte an die
-Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich zu
-beachten, stillschweigend an den Tisch. »Ist denn heute Fastnacht
-in Bremen?« sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren
-Gäste nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung
-so unheimlich vor, besonders wußte ich mich in ihre
-starren Blicke, in ihr Schweigen nicht zu finden; ich wollte mir
-eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein neues Geräusch
-im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging auf,
-und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die
-ersten gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf,
-der wie ein Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und
-Jagdhorn und schaute ungemein fröhlich um sich.</p>
-
-<p>»Gott grüß euch, ihr Herren vom Rhein!« sprach der Lange
-im roten Rocke im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte.
-»Gott grüß euch,« quiekte der Kleine dazu, »haben
-uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!«</p>
-
-<p>»Frisch auf! Holla und guten Morgen, Herr Matthäus,«
-rief der Jäger dem Kleinen zu, »und auch Euch guten Morgen,
-Herr Judas! Aber was ist das? Wo sind die Römer, wo
-Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch nicht wach
-aus seinem Sündenschlaf?«</p>
-
-<p>»Die Schlafmütze!« erwiderte der Kleine. »Der schläfrige
-Bengel! Droben liegt er noch in Unser Lieben Frauen Kirchhof,
-aber das Donnerwetter, ich will ihn herausschellen!« Dabei
-ergriff er eine große Glocke, die auf dem Tische stand, und
-klingelte und lachte in grellen, schneidenden Tönen. Auch die
-drei anderen Herren hatten Hüte, Stock und Degen in die Ecken
-gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Tisch gesetzt. Zwischen
-dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas
-nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr,
-auf seinen schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span>
-Ernst, und um die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln;
-er trug eine blonde Perücke mit vielen Locken, was mit seinen
-großen, braunen Augen einen auffallenden, aber angenehmen
-Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber saß ein großer, wohl
-gemästeter Mann, mit rotausgeschlagenem Gesicht und einer
-Purpurnase. Er hatte die Unterlippe weit herabhängen und
-trommelte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen
-ihn Philippus.</p>
-
-<p>Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen,
-saß neben ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln
-Augen, ein kräftiges Rot schmückte seine Wangen, und ein
-dichter Bart umschattete den Mund. Er hieß Herr Petrus.</p>
-
-<p>Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen
-Gästen das Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien
-eine neue Gestalt in der Türe. Es war ein kleines,
-altes Männlein mit schlotternden Beinen und grauem Haar;
-sein Kopf sah aus wie ein Totenkopf, über den man eine dünne
-Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen
-Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei und
-grüßte die Gäste demütig.</p>
-
-<p>»Ha! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar,« riefen
-die Gäste ihm entgegen; »frisch heran, Alter, setz' die Römer
-auf und bring' uns Pfeifen! Wo steckst du nur so lang? Es
-ist längst zwölf vorüber.«</p>
-
-<p>Der alte Mann gähnte einigemal etwas unanständig und
-sah überhaupt aus wie einer, der zu lange geschlafen. »Hätte
-beinahe den ersten September verschlafen,« krächzte er, »ich
-schlief so hart, und seitdem sie den Kirchhof gepflastert haben,
-höre ich auch ziemlich schlecht. Wo sind denn aber die anderen
-Herren?« fuhr er fort, indem er Pokale von wunderlicher Form
-und ansehnlicher Größe aus dem Korbe nahm und auf den Tisch
-setzte; »wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und
-die alte Rose fehlt auch noch.«</p>
-
-<p>»Setze nur die Flaschen her,« rief Judas, »daß wir endlich
-was zu trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen
-noch im Faß, poch' an mit deinen dürren Knochen und heiße sie
-aufstehen, sage, wir sitzen schon alle hier.«</p>
-
-<p>Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein
-großes Geräusch und Gelächter vor der Türe entstand. »Jungfer
-Rose hoch, hussa, hoch! und ihr Schatz der Bacchus, hoch!«
-hörte man von mehreren Stimmen rufen; die Türe flog auf,<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span>
-die gespenstischen Gesellen am Tische sprangen in die Höhe und
-schrieen: »Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose und Bacchus und die
-anderen! Hallo! Jetzt geht das Freudenleben erst recht an!«
-und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der Dicke
-schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die
-Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und
-stimmte ein in das Juheisa, heisa, he! daß mir die Ohren gellten.
-Welch ein Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im
-Keller geritten, war herabgestiegen, nackt, wie er war; mit seinem
-breiten, freundlichen Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte
-er das Volk und trippelte auf kleinen Füßchen in das Zimmer;
-an seiner Hand führte er ganz ehrbarlich wie seine Braut eine
-alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher Dicke. Noch
-weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles so
-geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame
-niemand anders sei als die alte Rose, das ungeheure Faß im
-Rosenkeller.</p>
-
-<p>Und wie hatte sie sich köstlich aufgeputzt, die alte Rheinländerin!
-Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen
-sein, denn wenn auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und
-Mund gelegt hatte, wenn auch das frische Rot der Jugend von
-ihren Wangen verschwunden war, zwei Jahrhunderte konnten
-die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht völlig verwischen.
-Ihre Augenbrauen waren grau geworden, und einige unziemliche
-graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber
-die Haare, die um die Stirne schön geglättet lagen, waren nußbraun
-und nur etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf
-dem Kopfe trug sie eine schwarze Samtmütze, die sich enge an
-die Schläfe anschloß; dazu hatte sie ein Wams vom feinsten
-schwarzen Tuche an, und das Mieder vom roten Samt, das darunter
-hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten geschnürt.
-Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden
-Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein
-weiter, faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte
-Gestalt, und ein kleines weißes Schürzchen, mit feinen
-Spitzen besetzt, wollte sich recht schalkhaft ausnehmen. An der
-einen Seite hing ihr eine große Tasche von Leder, an der
-anderen ein Bündel gewaltiger Schlüssel &ndash; kurz, sie war eine
-so ehrbare Frau, als je eine Anno 1618 in Köln oder Mainz
-über die Straße ging.</p>
-
-<p>Aber hinter der Frau Rose kamen noch sechs jubelnde Gesellen,
-die Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf<span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span>
-den Kopf gesetzt, mit weitschößigen Röcken und langen, reich
-gestickten Westen angetan.</p>
-
-<p>Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel
-Bacchus seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit
-großem Anstand gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder; an
-ihrer Seite nahm der hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar,
-der Kellermeister, hatte ihm ein tüchtiges Polster untergeschoben,
-weil er sonst gar klein und niedrig dagesessen hätte. Auch
-die anderen sechs Gesellen nahmen Platz, und ich merkte jetzt,
-daß es wohl die zwölf Apostel vom Rheine seien, die hier um
-die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen.</p>
-
-<p>»Da wären wir ja,« sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas
-nachgelassen, »da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von
-1700, und alle wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein,
-Jungfer Rose! Auch Sie hat gar nicht gealtert und ist
-noch so stattlich und hübsch wie vor fünfzig Jahren. Gutes
-Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr Bacchus,
-daneben!«</p>
-
-<p>»Soll leben, die alte Rose soll leben!« riefen sie und stießen
-an und tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen
-silbernen Humpen trank, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele
-Beschwerden hinunter, und er ward zusehends dicker davon und
-größer wie eine Schweinsblase, die man mit Luft füllt.</p>
-
-<p>»Mich gehorsamst zu bedanken, wertgeschätzte Herren Apostel
-und Vettern,« antwortete Frau Rosalia, indem sie sich
-freundlich verneigte. »Seid Ihr noch immer solch ein loser
-Schäker, Herr Petrus? Ich weiß von keinem Schatz nicht, und
-Ihr müßt ein sittsam Mägdlein nicht so in Verlegenheit setzen.«
-Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte, und trank ein
-mächtiges Paßglas aus.</p>
-
-<p>»Schatz,« erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus seinen
-Aeuglein zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, »Schatz, ziere
-dich doch nicht so; du weißt ja wohl, daß dir mein Herz zugetan
-schon seit zweihundert Herbsten; und daß ich dich noch heute
-vor allen anderen liebe, soll ein feuriger Kuß auf deine rosigen
-Lippen beweisen.«</p>
-
-<p>Er neigte sich zärtlich gegen die Rose. »Wenn nur das
-junge Volk hier nicht dabei wäre,« flüsterte sie verschämt, indem
-sie sich halb zu ihm neigte; aber unter dem Jubeln und Jauchzen
-der Zwölfe hatte der Weingott sein Schürzenstipendium nebst
-Zinsen eingenommen. Dann leerte er seinen Humpen wieder<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span>
-und ward um zwei Fäuste breiter und größer und hub an mit
-einer rauhen Weinstimme zu singen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Vor allen Schlössern dieser Zeit<br /></span>
-<span class="i0">Lob' ich ein Schloß zu Bremen,<br /></span>
-<span class="i0">An seinen Hallen hoch und weit<br /></span>
-<span class="i0">Darf sich kein Kaiser schämen;<br /></span>
-<span class="i0">Gar seltsam ist es ausstaffiert,<br /></span>
-<span class="i0">Mit schmuckem Hausrat ausgeziert,<br /></span>
-<span class="i0">Doch hat daselbst vor allen<br /></span>
-<span class="i0">Eine Jungfrau mir gefallen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ihr Auge blinkt wie klarer Wein,<br /></span>
-<span class="i0">Ihre Wangen sind nicht bleiche,<br /></span>
-<span class="i0">Wie prächtig ihre Kleider sein,<br /></span>
-<span class="i0">Von lauter schwerem Zeuge;<br /></span>
-<span class="i0">Von Eichenholz ist ihr Gewand,<br /></span>
-<span class="i0">Von Birkenreifen ihre Band',<br /></span>
-<span class="i0">Das Mieder das sie zieret,<br /></span>
-<span class="i0">Mit Eisen ist geschnüret.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Doch ach, man hat ihr Schlafklosett<br /></span>
-<span class="i0">Mit Riegeln wohl versehen,<br /></span>
-<span class="i0">Dort schlummert sie im Rosenbett,<br /></span>
-<span class="i0">Und ich muß draußen stehen;<br /></span>
-<span class="i0">Drum poch' ich an die Kammertür:<br /></span>
-<span class="i0">Steh auf, mein Schatz, und komm herfür,<br /></span>
-<span class="i0">Damit ich mit dir kose,<br /></span>
-<span class="i0">Mach' auf, herzliebe Rose.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">So steig' ich jede Mitternacht<br /></span>
-<span class="i0">Zu ihrer Kammer nieder;<br /></span>
-<span class="i0">Nur einmal hat sie aufgemacht,<br /></span>
-<span class="i0">Jetzt will sie nimmer wieder;<br /></span>
-<span class="i0">Und seit ich einmal sie geküßt,<br /></span>
-<span class="i0">Mein Herz von Sehnsucht trunken ist,<br /></span>
-<span class="i0">Nur einmal, Rosamunde,<br /></span>
-<span class="i0">Küß' mich, daß es gesunde.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Ihr seid ein Schäker, Herr Bacchus,« sagte Rosa, als er
-mit einem zärtlichen Triller geendet hatte. »Ihr wißt wohl,
-daß mich Bürgermeister und Rat unter gar strenger Klausur
-halten und nicht erlauben, daß ich mit jedwedem mich einlasse.«</p>
-
-<p>»Aber mir könntest du doch zuweilen das Kämmerlein
-öffnen, lieb Röschen!« flüsterte Bacchus; »mich gelüstet nach
-der süßen Speise deines Mundes.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span></p>
-
-<p>»Ihr seid ein Schelm,« rief sie lachend, »Ihr seid ein Türke
-und habt es mit vielen zugleich; meint Ihr, ich wisse nicht, wie
-Ihr mit der leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein
-von Bordeaux, und mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin;
-geht, geht, Ihr habt einen schlechten Charakter und verstehet
-Euch nicht auf treue deutsche Minne.«</p>
-
-<p>»Ja, das sag' ich auch!« rief Judas, und fuhr mit der
-langen knöchernen Hand nach der Hand der Jungfer Rose. »Das
-sag' ich auch; drum nehmet mich zu Eurem Galan, liebwerteste
-Jungfer, und lasset den kleinen, nackten Kerl seiner Französin
-nachziehen.«</p>
-
-<p>»Was?« schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige
-Maß Wein. »Was? Mit dem jungen Fant von 1726 willst
-du dich abgeben, Röschen? Pfui, schäme dich; was mein nacktes
-Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann ich ebensogut wie er,
-eine Perücke aufsetzen, einen Rock umhängen und einen Degen
-an die Seite stecken; aber ich trage mich so, weil ich Feuer im
-Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da
-sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich
-erlogen. Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste
-erlustiert, aber weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster
-Schatz, und dir gehört mein Herz.«</p>
-
-<p>»Eine schöne Treue, Gott erbarm's!« erwiderte die Dame.
-»Was hört man nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem
-Frauenzimmer habt? Von der süßlichen Metze, der Xeres, will
-ich gar nichts sagen, das ist eine bekannte Geschichte, aber wie
-ist es denn mit der Jungfer Dentilla di Rota und mit der von
-San Lucas? Und dann mit der Sennora Ximenes?«</p>
-
-<p>»Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit,«
-rief er ärgerlich, »man kann doch alte Verbindungen nicht ganz
-aufgeben. Und was die Sennora Ximenes betrifft, so seid Ihr
-sehr ungerecht, ich besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch,
-weil sie Eure Verwandte ist.«</p>
-
-<p>»Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verwandte?«
-murmelten Rose und die Zwölfe untereinander. »Wie das?«</p>
-
-<p>»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr er fort, »daß diese Sennora
-eigentlich eine Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Ximenes
-hat sie heimgeführt als blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau
-nach seiner Heimat Spanien, und dort hat sie sich angesiedelt
-und seinen Familiennamen angenommen. Noch jetzt, obgleich
-sie den süßen, spanischen Charakter angenommen, noch jetzt hat
-sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzüge des Gesichtes<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span>
-sich in der Familie nicht ganz verlieren. Dieselbe Farbe und
-jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie
-zu Eurer würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose.«</p>
-
-<p>»Sie soll leben, soll leben!« riefen die Apostel und stießen
-an, »Base Ximenes in Hispanien soll leben!«</p>
-
-<p>Jungfer Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und
-stieß mit bittersüßer Miene an; doch schien sie nicht ferner mit
-ihm hadern zu wollen, sondern sprach weiter:</p>
-
-<p>»Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr
-alle hier? Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein
-mutiger Judas, mein feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes,
-wische dir den Schlaf fein aus den Aeuglein, du siehst noch
-ganz trübselig aus; Bartholomäus, du bist unmäßig dick geworden
-und scheinst träge zu sein. Ha, mein munterer Paulus,
-und wie fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte.
-Aber wie, ihr seid ja zu dreizehn am Tische, wer ist denn <em class="gesperrt">der</em>
-dort in fremder Kleidung, wer hat ihn hieher gebracht?«</p>
-
-<p>Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf
-mich und schienen mit meiner Anwesenheit nicht ganz zufrieden.
-Aber ich faßte mir ein Herz und sagte: »Mich gehorsamst der
-werten Gesellschaft zu empfehlen. Ich bin eigentlich nichts
-weiter als ein zum Doktor der Philosophie graduierter Mensch
-und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts in dem Wirtshause
-zur Stadt Frankfurt auf.«</p>
-
-<p>»Wie wagst du es aber, hierher zu kommen in dieser
-Stunde, graduiertes Menschenkind?« sprach Petrus sehr ernst,
-indem er Blitze aus seinen Feueraugen auf mich sprühte. »Du
-hättest wohl denken können, daß du nicht in diese noble Sozietät
-gehörst.«</p>
-
-<p>»Herr Apostel,« antwortete ich und weiß noch heute nicht,
-woher ich den Mut bekam, wahrscheinlich aus dem Wein; »Herr
-Apostel, das Du verbitte ich mir fürs erste, bis wir weiter
-bekannt sind. Und was die noble Sozietät betrifft, in die ich
-gekommen sein soll, so kam sie zu mir, nicht ich zu ihr, denn ich
-sitze schon seit drei Stunden in diesem Gemach, Herr!«</p>
-
-<p>»Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor?«
-fragte Bacchus etwas sanfter als der Apostel. »Um diese
-Zeit pflegt sonst das Erdenvolk zu schlafen.«</p>
-
-<p>»Euer Exzellenz,« erwiderte ich, »das hat seinen guten
-Grund. Ich bin ein portierter Freund des edlen Getränkes,
-das man hier unten verzapft, habe auch durch die Vergünstigung
-eines wohledlen Senats die Permission erhalten, denen Herrn<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span>
-Aposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch abzustatten,
-was ich auch geziemendst getan.«</p>
-
-<p>»Also Ihr trinkt gerne Rheinwein?« fuhr Bacchus fort,
-»nun, das ist eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser
-Zeit, wo die Menschen so kalt geworden sind gegen diese goldene
-Quelle.«</p>
-
-<p>»Ja, der Teufel hole sie all!« rief Judas. »Keiner will
-mehr einige Maß Rheinwein trinken, außer hie und da solch ein
-fahrender Doktor oder vazierender Magister, und diese Hungerleider
-lassen sich ihn erst noch aufwichsen.«</p>
-
-<p>»Muß ganz gehorsamst deprezieren, Herr von Judas,«
-unterbrach ich den schrecklichen Rotrock. »Nur einige kleine
-Versuche habe ich getan mit Dero Rebenblut von 1700 und
-etlichen Jahren, und den hat mir allerdings der wackere Bürgermeister
-einschenken lassen; was Sie aber hier sehen, ist etwas
-neuer und in barer Münze von mir bezahlt.«</p>
-
-<p>»Doktor, ereifert Euch nicht,« sagte Frau Rose, »er meint's
-nicht so böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht,
-daß die Zeiten so lau geworden.«</p>
-
-<p>»Ja!« rief Andreas, der feine, schöne Andreas. »Ich
-glaube, dieses Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes
-mehr wert ist, drum sollen sie hier ein Gesöff von allerlei
-Schnaps und Sirup brauen, heißen es Chateau-Margaux, Sillery,
-St. Julien und sonst nach allerlei pompösen Namen, und
-kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es saufen, bekommen
-sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt
-war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie schnöden
-Schnaps getrunken.«</p>
-
-<p>»Ha, was war das für ein anderes Leben,« führte Johannes
-die Rede fort, »als wir noch junge, blutjunge Gesellen
-waren, Anno 19 und 26. Auch Anno 50 ging es noch hoch her
-in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es mochte die Sonne
-scheinen in hellem Frühling oder schneien und regnen im Winter,
-jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen Gästen.
-Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der <em class="gesperrt">Senat
-von Bremen</em>, stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre
-an der Seite, Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich.«</p>
-
-<p>»Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus,
-hier die Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine
-berieten sie sich über das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn
-und dergleichen. Wenn sie uneinig in der Meinung waren, so
-stritten sie sich nicht mit bösen Worten, sondern tranken einander<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span>
-wacker zu, und wenn der Wein ihre Herzen erwärmt
-hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war der
-Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände,
-sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren
-des edlen Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr
-Wort heilig, und was sie abends ausgemacht im Keller, das
-führten sie oben im Gerichtssaal aus.«</p>
-
-<p>»Schöne, alte Zeiten!« rief Paulus; »daher kommt es auch,
-daß noch heutzutage jeder vom Rat ein eigenes Trinkbüchlein,
-eine jährliche Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende
-hier saßen und tranken, war es nicht genehm, allemal in die
-Tasche zu fahren und ihr Geldsäckelein heraus zu kriegen. Aufs
-Kerbholz ließen sie es schreiben, und am Neujahr ward Abrechnung
-gehalten, und es gibt einige wackere Herren, die noch
-jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren wenige.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, Kinder,« sprach die alte Rose, »sonst war es
-anders, so vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten
-sie abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Keller, und
-die schönen Bremerkinder tranken Rheinwein oder von unserem
-Nachbar Moseler und waren weit und breit berühmt durch ihre
-blühenden Wangen, durch ihre purpurroten Lippen, durch ihre
-herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie allerlei miserables
-Zeug als Tee und dergleichen, was weit von hier bei den
-Chinesen wachsen soll und was zu meiner Zeit die Frauen tranken,
-wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein,
-echten gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen;
-denkt euch ums Himmels willen, sie gießen spanischen
-Süßen darunter, daß er ihnen munde, sie sagen, er sei zu sauer.«</p>
-
-<p>Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich
-unwillkürlich einstimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich,
-daß ihn der alte Balthasar halten mußte.</p>
-
-<p>»Ja, die guten alten Zeiten!« rief der dicke Bartholomäus;
-»sonst trank ein Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt'
-er Wasser getrunken, so nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein
-Römer um. Sie sind aus der Uebung gekommen.«</p>
-
-<p>»Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu,«
-sagte Fräulein Rose und lächelte vor sich hin.</p>
-
-<p>»Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!« baten
-alle; sie aber trank bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte
-Kehle bekam, und hub an:</p>
-
-<p>»Anno tausend sechshundert und einige zwanzig, dreißig
-Jahre war ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span>
-des Glaubens; die einen wollten so und die anderen anders,
-und statt daß sie bei einem Glase Wein die Sache vernünftig
-besprochen hätten, schlugen sie sich die Schädel ein. Albrecht
-von Wallenstein, des Kaisers Generalfeldmarschall, hauste
-schrecklich in protestantischen Landen. Des erbarmte sich der
-Schwedenkönig, Gustav Adolf, und kam mit vieler Mannschaft
-zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert, sie
-hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber
-weiter nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit waren
-Bremen und die anderen Hansestädte neutral und wollten es
-mit keiner Partei verderben. Dem Schweden lag aber daran,
-durch ihr Gebiet zu ziehen und sich freundlich mit ihnen einzulassen,
-darum wollte er einen Gesandten an sie schicken. Weil
-aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles im
-Weinkeller verhandle und die Ratsherren und Bürgermeister
-einen guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schwedenkönig,
-sie möchten seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein, daß er
-endlich betrunken würde und schlechte Bedingungen einginge
-für die Schweden.</p>
-
-<p>»Nun befand sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann
-vom gelben Regiment, der ganz erschrecklich trinken
-konnte. Zwei, drei Maß zum Frühstück war ihm ein kleines,
-und oft hat er abends zum Zuspitzen ein halb Imi getrunken
-und nachher gut geschlafen. Als nun der König voll Besorgnis
-war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten
-allzusehr zusetzen, so erzählte ihm der Kanzler Oxenstierna
-von dem Hauptmann, Gutekunst hieß er, der so viel trinken
-könne. Des freute sich der König und ließ ihn vor sich kommen.</p>
-
-<p>»Da brachten sie einen kleinen, hageren Mann, der war
-ganz bleich im Gesicht, hatte aber eine große, kupferrote Nase
-und hellblaue Lippen, was ganz wunderlich anzusehen war. Der
-König fragte ihn, wieviel er sich wohl zu trinken getraue, wenn
-es recht ernstlich zuginge. ›O Herr und König,‹ antwortete er,
-›so ernstlich bin ich noch nie daran gekommen, habe mich bis dato
-auch noch nicht geeicht; der Wein ist nicht wohlfeil, und man
-kann täglich nicht über sieben, acht Maß trinken, ohne in Schulden
-zu geraten.‹ &ndash; ›Nun, wieviel meinst du denn führen zu
-können?‹ fragte der König weiter. Er aber antwortete unerschrocken:
-›Wenn Euer Majestät bezahlen wollen, möchte ich
-wohl einmal zwölf Mäßchen trinken, mein Reitknecht, der Balthasar
-Ohnegrund, kann es aber noch besser.‹ Da schickte der
-König auch nach Balthasar Ohnegrund, dem Knecht des Hauptmann<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span>
-Gutekunst, und war der Herr schon blaß gewesen und
-mager, so war es der Diener noch mehr, der ganz aschenfarb
-aussah, als hätt' er sein Leben lang Wasser getrunken.</p>
-
-<p>»Da ließ nun der König den Hauptmann und Ohnegrund,
-den Reitknecht, in ein Zelt setzen und einige Fäßlein alten
-Hochheimer und Nierensteiner anfahren und wollte haben, die
-beiden sollten sich eichen lassen. Sie tranken von morgens elf
-Uhr bis abends vier Uhr ein Imi Hochheimer und anderthalb
-Imi Nierensteiner, und der König ging voll Verwunderung zu
-ihnen ins Zelt, um zu sehen, wie es mit ihnen stehe. Die
-beiden Gesellen waren aber wohlauf, und der Hauptmann
-sagte: ›So, jetzt will ich einmal die Degenkoppel abschnallen,
-dann geht's besser;‹ Ohnegrund aber machte drei Knöpfe an
-seinem Koller auf.</p>
-
-<p>»Da entsetzten sich alle, die dies sahen, der König aber
-sprach: ›Kann ich bessere Gesandte finden nach der fröhlichen
-Stadt Bremen als diese?‹ Und alsobald ließ er dem Hauptmann
-prächtige Kleider und Waffen geben, wie auch Ohnegrund,
-dem Reitknecht, denn dieser sollte den Schreiber des Gesandten
-vorstellen. Der König und der Kanzler unterrichteten den
-Hauptmann, was er zu sagen hätte bei der Unterhandlung, und
-nahm beiden das Versprechen ab, daß sie auf der ganzen Reise
-nur Wasser trinken sollten, damit nachher das Treffen im Keller
-um so glorreicher würde! Gutekunst aber, der Hauptmann,
-mußte seine rote Nase mit einer künstlichen Salbe anstreichen,
-auf daß sie weiß aussah, damit man nicht merke, welch ein
-Kunde er sei.</p>
-
-<p>»Ganz elendiglich von vielem Wassertrinken kamen die
-beiden nach der Stadt Bremen, und nachdem sie bei dem Bürgermeister
-gewesen, sagte dieser zum Senat: ›O, was hat uns
-der Schwede für zwei bleiche, magere Gesellen geschickt; heute
-abend wollen wir sie in den Ratskeller führen und zudecken.
-Ich nehme den Gesandten auf mich ganz allein, und der Doktor
-Schnellpfeffer muß auf den Schreiber.‹ So wurden sie denn
-abends nach der Betglocke feierlichst in den Ratskeller geführt,
-der Bürgermeister führte Gutekunsten, den Hauptmann, der
-Doktor Schnellpfeffer, was auch ein guter Trinker war, führte
-den Reitknecht am Arm, der als Schreiber angetan sich recht
-züchtiglich gebärdete; hinter ihnen gingen viele Ratsherren, die
-zur Verhandlung geladen waren. Hier in diesem Gemach setzten
-sie sich um den Tisch und verspeisten zuerst Hasenbraten und
-Schinken und Heringe, um sich zum Trinken zu rüsten. Dann<span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span>
-wollte der Gesandte ganz ehrbar mit der Verhandlung anfangen,
-und sein Schreiber zog Pergament und Feder aus der
-Tasche; aber der Bürgermeister sprach: ›Mit nichten also, Ihr
-edlen Herren; so ist es nicht Gebrauch in Bremen, daß man
-die Sache also trocken abmacht; wollen einander vorerst auch
-zutrinken nach Sitte unserer Väter und Großväter.‹ &ndash; ›Kann
-eigentlich nicht viel vertragen,‹ antwortete der Hauptmann,
-›dieweil es aber Seiner Magnifizenz also gefällig, will ich ein
-Schlücklein zu mir nehmen.‹ Nun tranken sie sich zu und hielten
-ein Gespräch über Krieg und Frieden und über die Schlachten,
-so geliefert worden; die Ratsherren aber, um den Fremden
-mit gutem Beispiel voranzugehen, tranken sich weidlich zu und
-bekamen rote Köpfe. Bei jeder neuen Flasche entschuldigten
-sich die Fremden, wie sie gar den Wein nicht gewohnt wären
-und er ihnen zu Kopfe steige; des freute sich der Bürgermeister,
-trank in seiner Herzenslust ein Paßglas um das andere, so daß
-er nicht mehr recht wußte, was zu beginnen. Aber, wie es zu
-gehen pflegt in diesem wunderbaren Zustand, er dachte: jetzt
-ist er betrunken, der Gesandte, und auch dem Schreiber hat der
-Doktor tüchtig zugesetzt; und sprach daher: ›Nun wollen wir
-anfangen mit unserem Geschäft.‹ Das waren die Fremden zufrieden,
-taten, wie wenn sie voll Weines wären und tranken auf
-ihrer Seite den Herren weidlich zu.</p>
-
-<p>»Da wurde nun gesprochen und getrunken, gehandelt und
-wieder getrunken, bis der Bürgermeister mitten im Satz einschlief
-und der Doktor Schnellpfeffer unter dem Tische lag. Da
-kamen denn die anderen Ratsherren und tranken den Fremden
-zu und führten die Verhandlung fort; aber trank der Hauptmann
-lästerlich, so machte es sein Reitknecht noch schlimmer;
-fünf Küper mußten immer hin und her laufen und einschenken,
-denn der Wein verschwand von dem Tisch, als wäre er in den
-Sand gegossen worden. So geschah es, daß die Gäste nacheinander
-den ganzen Rat unter den Tisch tranken bis auf
-einen.</p>
-
-<p>»Dieser eine aber war ein großer starker Mann, mit
-Namen Walther, von welchem man allerlei sprach in Bremen,
-und wäre er nicht im Rat gesessen, man hätte ihn längst böser
-Künste und Zauberei angeklagt. Herr Walther war seines
-Zeichens eigentlich ein Zirkelschmied gewesen, hatte sich aber
-hervorgetan in seiner Gilde, war unter die Aeltermänner gekommen
-und nachher in den Senat. Dieser hielt aus bei den
-Gästen, trank zweimal so viel als beide, so daß ihnen ganz unheimlich<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span>
-wurde, denn er war so verständig wie zuvor, während
-der Hauptmann schon trübe Augen bekam und glaubte, es gehe
-ihm ein Rad im Kopf herum. So oft der Senator Walther
-ein Paßglas getrunken, fuhr er mit der Hand unter den Hut,
-und dem Reitknecht kam es vor, als sähe er ein bläuliches
-Wölkchen ganz fein wie Nebel aus seinem rabenschwarzen Haar
-hervorsteigen. Er trank wacker drauf los, bis der Hauptmann
-Gutekunst selig einschlief und sein Haupt ganz weich auf des
-Bürgermeisters Bauch legte.</p>
-
-<p>»Da sprach der Senator Walther mit sonderbarem Lächeln
-zu dem Schreiber des Gesandten: ›Lieber Geselle, du führst
-einen mächtigen Zug, ich vermeine aber, daß du mit dem Roßstriegel
-besser fortkommst als mit der Feder.‹ Da erschrak der
-Schreiber und sprach: ›Wie meinet Ihr dies, Herr? Ich will
-nicht hoffen, daß Ihr mir hohnsprechen wollt; bedenket, daß ich
-Seiner Majestät Gesandtschaftsschreiber bin.‹</p>
-
-<p>»›Hoho!‹ rief der andere mit schrecklichem Lachen, ›seit
-wann haben denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel
-an und führen solche Federn bei der Sitzung?‹ Da sah der Reitknecht
-auf sein Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er
-seinen gewöhnlichen Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand,
-und siehe da, statt der Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste.
-Da entsetzte er sich und sah sich verraten und wußte
-nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber lächelte seltsam und
-höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb Maß zu
-auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und
-der Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus
-seinem Kopf kam. ›Gott soll mich bewahren, Herr, daß ich
-fürder mit Euch trinke,‹ rief er; ›Ihr seid ein Schwarzkünstler,
-wie ich nun vermute, und könnt mehr als Brot essen.‹</p>
-
-<p>»›Darüber wäre noch vielerlei zu sagen,‹ antwortete
-Walther ganz ruhig und freundlich; ›aber es würde dir auch
-nicht viel helfen, wertgeschätzter Stallknecht und Roßkamm,
-wenn du mir fürder zusetztest mit Trinken, mich trinkst du nicht
-unter den Tisch, wasmaßen ich einen kleinen Hahnen in mein
-Gehirn geschraubt habe, durch welchen der Weindunst wieder
-herausfährt. Schau zu!‹ Dabei trank er ein großes Paßglas
-aus, wandte seinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund,
-strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein
-kleiner silberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den
-Zapfen um, und ein bläulicher Dunst strömte hervor, so daß
-ihm der Weingeist keine Beschwerden machte in der Hirnkammer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span></p>
-
-<p>»Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände
-zusammen und rief: ›Das ist einmal eine schöne Erfindung,
-Herr Zauberer! Könnet Ihr mir nicht auch so ein Ding an den
-Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?‹ &ndash; ›Nein, das geht
-nicht,‹ antwortete jener bedächtig; ›da seid Ihr nicht erfahren
-genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch liebgewonnen
-wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum
-möchte ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es
-ist gegenwärtig die Stelle des Kellermeisters vakant allhier.
-Balthasar Ohnegrund, verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es
-doch mehr Wasser als Wein gibt, und diene dem wohledlen Rat
-dieser Stadt; wenn wir auch einige Lasten Wein mehr brauchen
-des Jahres, die du heimlich saufest, das tut nichts, ein solcher
-Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar Ohnegrund, ich
-mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst. Willst
-du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze
-Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber
-geschickt.‹ Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler
-Wein; er tat einen Blick in dieses unermeßliche Weinreich,
-schlug sich auf den Magen und sagte: ›Ich will's tun.‹ Nachher
-machten sie noch allerhand Punkte aus, wie es gehalten werden
-soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit seiner
-armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gutekunst
-aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische
-Lager, und als nachher die Kaiserlichen in die Stadt kamen,
-war der Bürgermeister und Senat froh, daß sie sich mit dem
-Schweden nicht zu tief eingelassen, obgleich keiner recht wußte,
-wie es so gekommen war.«</p>
-
-<p>So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und
-lachten sehr über die beiden Gesandten; Paulus aber fragte:
-»Und Balthasar Ohnegrund, der wackere Kunde, was ist aus
-ihm geworden? Blieb er Kellermeister?« Die Rose aber
-wandte sich um mit Lächeln, deutete auf eine Ecke des Gemachs
-und sagte: »Dort sitzt er ja noch, wie vor zweihundert Jahren,
-der wackere Zecher.« Mir graute, als ich hinsah. Eine bleiche,
-abgehärmte Gestalt saß in der Ecke, schluchzte und weinte sehr
-und trank dazu sehr viel Rheinwein. Aber es war niemand
-anders als eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser
-Lieben Frauen Kirchhof herabgekommen war, nachdem ihn
-Matthäus aus dem Schlaf geschellt.</p>
-
-<p>»Nun, alter Balthasar,« rief ihm Jakobus zu. »Du hast
-also als Reitknecht gedient beim Hauptmann Gutekunst und<span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span>
-warst sogar Gesandtschaftsschreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister
-wurdest? Was machte denn der Herr, so den Hahnen
-im Hirnkasten hatte, für Bedingnisse?«</p>
-
-<p>»O Herr!« stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele,
-und es war, als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete,
-so greulich tönte es aus seiner Brust, »O Herr! fordert nicht
-von mir, daß ich es sage.«</p>
-
-<p>»Heraus damit!« schrieen die Apostel, was wollte der mit
-dem Spiritusableiter? Der Weingeistschröpfer, was wollte er?«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Meine Seele.</em>«</p>
-
-<p>»Armer Kerl,« sagte Petrus sehr ernst; »und um was
-wollte er deine arme Seele?«</p>
-
-<p>»Um Wein!« murmelte er dumpf, und mir war es, als ob
-eine Stimme ohne Hoffnung spräche.</p>
-
-<p>»Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner
-Seele?« Er schwieg lange; endlich sprach er: »Warum dies
-erzählen, ihr Herren? Es ist grausig, und ihr versteht doch
-nicht, was es heißt, eine Seele verlieren.«</p>
-
-<p>»Wohl wahr,« sprach Paulus. »Wir sind fröhliche Geister
-und schlummern im Weine und freuen uns ewiger ungetrübter
-Herrlichkeit und Freude; darum kann uns aber auch kein Grauen
-anwandeln, denn wer hat Macht über uns, daß er uns elend
-mache oder uns schrecke? Darum erzähle!«</p>
-
-<p>»Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen,«
-sprach der Tote; »vor ihm darf ich es nicht sagen.«</p>
-
-<p>»Nur zu, immer zu,« erwiderte ich, an allen Gliedern
-schauernd, »ich kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen,
-und was ist es am Ende, als daß Euch der Teufel
-geholt?«</p>
-
-<p>»Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet,« murmelte der
-Alte, »aber Ihr wollt es so haben, so höret: Der Mensch, der
-in jener Nacht in diesem Zimmer bei mir saß, &ndash; es war ein
-böses Ding mit ihm &ndash; der hatte seine Seele dem Bösen verhandelt,
-und es war dabei bedingt, daß er sich loskaufen könnte
-durch eine andere Seele. Schon viele hatte er auf dem Korn
-gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen. Mich
-faßte er besser. Ich war wild aufgewachsen, ohne Unterricht,
-und das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn
-ich so über ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab,
-und Freund und Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich:
-sie sind jetzt halt tot und leben nicht mehr; von der Seele hielt
-ich nicht viel und von Himmel und Hölle noch weniger. Aber<span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span>
-weil man so kurz lebt, wollt' ich's Leben recht genießen, und
-Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der Höllenknecht
-abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ›So zwanzig,
-dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel
-zu trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das
-müßt' ein Leben sein?‹ &ndash; ›Ja, Herr,‹ sprach ich, ›aber wie
-könnte ich dies verdienen?‹ &ndash; ›An was liegt dir mehr,‹ fuhr
-er fort, ›hier recht zu leben nach Herzenslust auf der Erde, hier
-im Keller, oder an den Geschichten, die sich nachher begeben,
-wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt und Wein trinkt?‹
-Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: ›Meine Gebeine
-werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen.
-Ist der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an
-manchem Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte,
-darum will ich leben und lustig sein.‹ Er sprach aber zu
-mir: ›Wenn du Verzicht leisten willst auf das, was nachher
-kommt, so ist es ein leichtes, dich hier zum Kellermeister zu
-machen; schreib nur deinen Namen in dies Büchlein und tue
-einen recht tüchtigen Schwur dazu.‹ &ndash; ›Was nachher mit mir
-geschieht, das kümmert mich nicht,‹ sprach ich; ›Kellermeister will
-ich hier sein immerdar und ewiglich, solang ich bin, und der
-Teufel, oder wer will, kann das andere haben alles, wenn sie
-mich einst einscharren.‹</p>
-
-<p>»Als ich so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei,
-sondern ein dritter saß neben mir und hielt mir das Büchlein
-hin zum Unterschreiben. Der aber, der dies tat, war nicht der
-Zirkelschmied, sondern ein anderer.«</p>
-
-<p>»Wer war es denn? Sag' an!« riefen die Apostel ungeduldig.</p>
-
-<p>Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich und
-seine bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu
-sprechen, aber ein Krampf schien ihm die Kehle zuzuschnüren.
-Da blickte er auf einmal fest und mutig in eine dunkle Ecke,
-trank sein Glas aus und warf es an die Erde. »Was hilft alle
-Reue, alter Balthasar!« sprach er, indem große Tränen in
-seinen Wimpern hingen; »der bei mir saß &ndash; war der Teufel.«</p>
-
-<p>Es war bei diesen Worten unheimlich, bis zur Verzweiflung
-unheimlich in dem Gemach. Die Apostel schauten ernst und
-schweigend in ihre Römer, Bacchus hatte das Gesicht in die
-Hände gedrückt, und die Rose war bleich und stille. Kein Atemzug
-rührte sich, man hörte nur, wie in dem Totenkopf des Alten
-die Zähne schaudernd aneinander klapperten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span></p>
-
-<p>»Mein Vater hatte mich gelehrt, meinen Namen zu schreiben,
-als ich noch ein kleiner, frommer Knabe war; ich unterschrieb
-ihn ins Buch, das mir der andere mit seinen Krallen
-vorhielt. Von da an ging mir ein Leben auf in Saus und
-Braus. In ganz Bremen gab es keinen Mann so fröhlich als
-den Kellermeister Balthasar, und getrunken hab' ich, was der
-Keller Gutes und Köstliches hatte. Zur Kirche ging ich nie,
-sondern wenn sie zusammenläuteten, schritt ich hinab zum besten
-Faß und schenkte mir ein nach Herzenslust. Als ich alt wurde,
-kam oft ein Grauen über mich, und es fröstelte mir durch die
-Glieder, wenn ich ans Sterben dachte; hatte zwar kein Weib,
-das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich trösteten;
-da trank ich denn, wenn die Todesgedanken über mich
-kamen, bis ich von Sinnen war und schlief. So trieb ich's
-lange Jahre, mein Haar ward grau, meine Glieder schwach, und
-ich sehnte mich, zu schlafen im Grabe. Da war mir eines Tages,
-als sei ich erwacht und könne doch nicht recht erwachen. Die
-Augen wollten sich nicht auftun, die Finger waren steif, als ich
-mich aus dem Bette heben wollte, und die Beine lagen starr
-wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute, betasteten
-mich und sprachen: ›Der alte Balthasar ist tot.‹</p>
-
-<p>»Tot, dachte ich und erschrak, tot und nicht schlafen? Tot
-bin ich und <em class="gesperrt">denke</em>? Mich erfaßte eine unnennbare Angst, ich
-fühlte, wie mein Herz stillestand, und wie sich doch etwas in
-mir regte und in sich zusammenzog und bange, bange war; das
-war mein <em class="gesperrt">Körper</em> nicht, denn der lag steif und tot, was war
-es denn?«</p>
-
-<p>»Deine Seele!« sprach Petrus dumpf. »<em class="gesperrt">Deine Seele!</em>«
-flüsterten die andern ihm nach.</p>
-
-<p>»Da maßen sie meine Länge und Breite, um die sechs
-Brettlein fertig zu machen, und legten mich hinein, und ein
-hartes Kissen von Hobelspänen unter meinen Schädel und
-nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde immer ängstlicher,
-weil sie nicht schlafen konnte. Dann hörte ich die Totenglocke
-läuten auf der Domkirche, sie hoben mich auf, und kein
-Auge weinte um mich. Sie trugen mich auf Unser Lieben
-Frauen Kirchhof, dort hatten sie mein Grab gegraben, noch höre
-ich die Seile schwirren, die sie heraufgezogen, als ich unten
-lag; dann warfen sie Steine und Erde herab, und es ward stille
-um mich her.</p>
-
-<p>»Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde,
-als es zehn Uhr, elf Uhr schlug auf allen Glocken. Wie wird<span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span>
-es dir gehen, wie wird es dir gehen? dachte ich bei mir. Ich
-wußte noch ein Gebetlein aus alter Zeit, das wollte ich sprechen,
-aber meine Lippen standen still. &ndash; Da schlug es zwölf Uhr, und
-mit einem Ruck war die schwere Grabesdecke abgerissen, und auf
-meinen Sarg geschah ein schrecklicher Schlag.«</p>
-
-<p>Ein Schlag, daß die Hallen dröhnten, sprengte jetzt eben
-die Türe des Gemaches auf, und eine große weiße Gestalt erschien
-auf der Schwelle. Ich war durch Wein und die Schrecknisse
-dieser Nacht so exaltiert und außer mir selbst gebracht,
-daß ich nicht aufschrie, nicht aufsprang, wie wohl sonst geschehen
-wäre, sondern geduldig das Schreckliche anstarrte, das jetzt kommen
-sollte; mein erster Gedanke war nämlich: »Jetzt kommt
-der Teufel.«</p>
-
-<p>Habt ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geschaut,
-wo Tritte dumpf und immer näher tönen, wo Leporello schreiend
-zurückkommt und die Statue des Gouverneurs, ihrem Streitroß
-auf dem Monument entstiegen, zum Gastmahl kommt? Riesengroß
-mit abgemessenem, dröhnendem Schritt, ein ungeheures
-Schwert in der Hand, gepanzert, aber ohne Helm, trat die Gestalt
-ins Gemach. Sie war von Stein, das Gesicht steif und
-seelenlos; aber dennoch tat sich der steinerne Mund auf und
-sprach: »Gott grüß' euch, vielliebe Reben vom Rheine; muß doch
-das schöne Nachbarskind besuchen an ihrem Jahrestag. Gott
-grüß' Euch, Jungfrau Rose. Darf ich auch Platz nehmen in
-Eurem Gelaggaden?«</p>
-
-<p>Sie schauten alle verwundert nach der riesigen Statue,
-Frau Rose aber brach das Stillschweigen, schlug vor Freude
-die Hände zusammen und schrie: »Ei, du meine Güte! 's ist ja
-der steinerne Roland, so seit vielen hundert Jahren auf dem
-Domhofe in der lieben Stadt Bremen steht. Ei, das ist schön,
-daß Ihr uns die Ehre antut, Herr Ritter; leget doch Schild und
-Schwert ab und machet es Euch bequem; wollet Ihr Euch nicht
-obenan setzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!«</p>
-
-<p>Der hölzerne Weingott, so indessen wieder um ein Erkleckliches
-gewachsen, warf mürrische Blicke bald auf den steinernen
-Roland, bald auf die naive Dame seines Herzens, die ihre
-Freude so laut und unverhohlen ausgelassen. Er murmelte
-etwas von ungebetenen Gästen und strampelte ungeduldig mit
-den Beinen. Aber Rose drückte ihm unter dem Tische die
-Hand und beschwichtigte ihn durch süße Blicke. Die Apostel
-waren näher zusammengerückt und hatten dem steinernen Gast
-einen Stuhl neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span>
-Schwert und Schild in die Ecke und setzte sich ziemlich ungelenk
-auf das Stühlchen, aber ach, dies war für ehrsame Bremer
-Stadtkinder und nicht für einen steinernen Riesen gemacht; es
-knackte, als er sich setzte, morsch zusammen, und so lang er war,
-lag er im Gemach.</p>
-
-<p>»Schnödes Geschlecht, das solche Hütschen zimmert, worauf
-zu meiner Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte sitzen
-können, ohne mit dem Sitz durchzubrechen!« sagte der Heros
-und stand langsam auf; der Kellermeister Balthasar aber rollte
-ein Halbeimerfaß herbei an den Tisch und lud den Ritter ein,
-Platz zu nehmen. Es knackten nur ein paar Dauben, als er
-sich setzte, aber das Faß hielt aus. Dann bot ihm der Kellermeister
-ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der
-breiten steinernen Faust, aber krach! war es entzwei, daß ihm
-der Wein über die Finger lief. »Ei, Ihr hättet auch die Handschuhe
-von Stein füglich ablegen können,« sprach Balthasar
-ärgerlich und kredenzte ihm einen silbernen Becher, so ein Maß
-hielt und in früherer Zeit Tummler genannt wurde. Der
-Ritter faßte ihn, drückte nur einige unbedeutende Buckeln in
-den Becher, sperrte das steinerne Maul auf und goß den Wein
-hinab.</p>
-
-<p>»Wie mundet Euch der Wein?« fragte Bacchus den Gast;
-»Ihr habt wohl lange keinen getrunken?«</p>
-
-<p>»Er ist gut, bei meinem Schwert! Sehr gut! Was ist es
-für Gewächs?«</p>
-
-<p>»Roter Ingelheimer, gestrenger Herr!« antwortete der
-Kellermeister.</p>
-
-<p>Das steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz,
-als er dies hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes
-Lächeln, und vergnüglich schaute er in den Becher.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ingelheim!</em> du süßer, trauter Name!« sprach er. »Du
-edle Burg meines ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch
-in dieser Zeit deinen Namen, und die Reben blühen noch, die
-Karl einst pflanzte in seinem Ingelheim? Weiß man denn
-auch von Roland noch etwas auf der Welt und von dem großen
-Carolus, seinem Meister?«</p>
-
-<p>»Das müßt Ihr den Menschen dort fragen,« erwiderte
-Judas, »wir geben uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt
-sich Doktor und Magister und muß Euch Bescheid geben können
-über sein Geschlecht.«</p>
-
-<p>Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich, und ich
-antwortete: »Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span>
-Zeit lau und schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an
-die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor-, nicht rückwärts;
-aber so elend sind wir doch nicht geworden, daß wir nicht der
-großen, herrlichen Gestalten gedächten, die einst über unsere
-Vatererde gingen und ihren Schatten werfen noch bis zu uns.
-Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten in die Vergangenheit,
-wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die höher
-schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch
-die Ruinen wandeln, wo einst der große Kaiser saß in seiner
-Zelle, wo seine Ritter um ihn standen, wo Eginhart bedeutungsvolle
-Worte sprach und die traute Emma dem treuesten seiner
-Paladine den Becher kredenzte. Wo man den Namen Eures
-großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland unvergessen, und
-wie Ihr ihm nahe standet im Leben, so enge seid Ihr mit ihm
-verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung.
-Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus
-dem Tal von Ronceval durch die Welt und wird tönen, bis er
-sich in die Klänge der letzten Posaune mischt.«</p>
-
-<p>»So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach
-der Ritter, »die Nachwelt feiert unsere Namen.«</p>
-
-<p>»Ha!« rief Johannes feurigen Mutes; »diese Menschen
-wären auch wert, Wasser aus dem Rhein zu saufen statt des
-Rebenblutes seiner Hügel, wenn sie den Namen des Mannes
-vergessen hätten, der zuerst die Reben pflanzte im Rheingau.
-Auf, ihr trauten Gesellen und Apostel, stoßet an, unser herrlicher
-Stammvater lebe, es lebe <em class="gesperrt">Kaiser Karl der Große</em>!«</p>
-
-<p>Die Römer klangen, aber Bacchus sprach: »Ja, es war eine
-schöne, herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tausend
-Jahren. Wo jetzt die wundervollen Weingärten stehen vom Ufer
-bis hinauf an die Rücken der Berge, und hinauf und hinab im
-Rheintal Traube an Traube sich schlingt, da lag sonst wüster,
-düsterer Wald. Da schaute einst Kaiser Karl aus seiner Burg
-in Ingelheim an den Bergen hin, er sah, wie die Sonne schon
-im März so warm diese Hügel begrüße und den Schnee hinabrolle
-in den Rhein, wie so frühe die Bäume dort sich belauben
-und das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde.
-Da erwachte in ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo sonst
-der Wald stand.</p>
-
-<p>»Und ein geschäftiges Leben regte sich im Rheingau bei
-Ingelheim, der Wald verschwand, und die Erde war bereit, den
-Weinstock aufzunehmen. Da schickte er Männer nach Ungarn
-und Spanien, nach Italia und Burgund, nach der Champagne<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span>
-und nach Lothringen und ließ Reben herbeibringen und senkte
-die Reiser in der Erde Schoß.</p>
-
-<p>»Da freute sich mein Herz, daß er mein Reich ausbreite im
-deutschen Lande, und als dort die ersten Reben blühten, zog ich
-ein im Rheingau mit glänzendem Gefolge; wir lagerten auf den
-Hügeln und schafften in der Erde und schafften in den Lüften,
-und meine Diener breiteten die zarten Netze aus und fingen
-den Frühlingstau auf, daß er den Reben nicht schade; sie stiegen
-hinauf und brachten warme Sonnenstrahlen nieder, die sie sorgsam
-um die kleinen Beerlein gossen, schöpften Wasser im grünen
-Rhein und tränkten die zarten Wurzeln und Blätter. Und als
-im Herbst das erste zarte Kind des Rheingaues in der Wiege lag,
-da hielten wir ein großes Fest und luden alle Elemente zur Feier
-ein. Und sie brachten köstliche Geschenke und legten sie dem
-Kindlein als Angebinde in die Wiege. Das Feuer legte seine
-Hand auf des Kindes Augen und sprach: ›Du sollst mein Zeichen
-an dir tragen ewiglich; ein reines, mildes Feuer soll in dir
-wohnen und dich wert machen vor allen anderen.‹ Und die
-Luft in zartem, goldenem Gewande kam heran, legte ihre Hand
-auf des Kindes Haupt und sprach: ›Zart und licht sei deine
-Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln,
-wie das goldene Haar der schönen Frauen im Rheingau.‹ Und
-das Wasser rauschte heran in silbernen Kleidern, bückte sich auf
-das Kind und sprach: ›Ich will deinen Wurzeln immer nahe
-sein, daß dein Geschlecht ewig grüne und blühe und sich ausbreite,
-so weit mein Rheinstrom reicht.‹ Aber die Erde kam und küßte
-das Kindlein auf den Mund und wehte es an mit süßem Atem.
-›Die Wohlgerüche meiner Kräuter,‹ sprach sie, ›die herrlichsten
-Düfte meiner Blumen habe ich für dich gesammelt zum Angebinde.
-Die köstlichsten Salben aus Ambra und Myrrhen werden
-gering sein gegen deine Düfte, und deine lieblichsten Töchter
-wird man nach der Königin der Blumen heißen &ndash; die <em class="gesperrt">Rosen</em>.‹</p>
-
-<p>»So sprachen die Elemente; wir aber jubelten über die
-herrlichen Gaben, schmückten das Kindlein mit frischem Weinlaub
-und schickten es dem Kaiser in die Burg. Und er erstaunte
-über die Herrlichkeit des Rebenkindes, hat es fortan gehegt
-und gepflegt und die Rebe am Rhein seinen herrlichsten
-Schätzen gleich geachtet.«</p>
-
-<p>»Andreas!« rief Jungfrau Rose. »Lieber Vetter, du hast
-solch eine schöne zarte Stimme, willst du nicht singen zum Ruhme
-des Rheingaues und seiner Weine?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>»Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht
-Beschwerde macht, edler Bacchus, wie auch Euch nicht unangenehm
-ist, mein Herr und Ritter Roland, so will ich eines singen.«
-Und er sang eine schöne Weise voll zarter Töne und Worte,
-klangvoll und zierlich gefüget, so, daß man wohl merken konnte,
-es sei ein Lied eines alten Meisters von 1400 oder 1500. Verflogen
-sind seine Worte aus meinem Gedächtnis, aber seine
-Weise möchte ich doch wohl finden, denn sie war einfach und
-schön, und Petrus begleitete ihn mit einem sonoren, herrlichen
-Sekund. Die Lust des Gesanges schien über alle herabzukommen,
-denn als Andreas geendet, sang Judas unaufgefordert
-ein Lied, und ihm folgten die übrigen. Selbst Rose, so sehr sie
-sich zierte, mußte ein Lied von 1615 singen, was sie mit angenehmer,
-etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem
-Baß sang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher
-ich nur einige Worte verstand, und endlich, als sie alle gesungen,
-schauten sie auf mich, und Rose nickte mir zu, etwas zu singen.
-Da hub ich denn an:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,<br /></span>
-<span class="i0">Gesegnet sei der Rhein,<br /></span>
-<span class="i0">Da wachsen sie am Ufer hin und geben<br /></span>
-<span class="i0">Uns diesen Labewein.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Sie lauschten, als sie diese Worte hörten, sie nickten sich
-zu und rückten näher zusammen; und die Entfernteren streckten
-die Köpfe vor, als wollten sie kein Wort verlieren. Mutiger
-erhob ich meine Stimme, lauter und immer lauter war mein
-Gesang, denn es wogte in mir wie Begeisterung, vor solchem
-Publikum zu singen. Die alte Rose nickte den Takt mit dem
-Kopfe und summte den Chorus leise, leise mit, und Freude und
-Stolz blickten aus den Augen der Apostel. Und als ich geendet,
-drängten sie sich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte
-einen Kuß auf meine Lippen.</p>
-
-<p>»Doktor!« rief Bacchus, »Doktor, welch ein Lied! Wie
-geht einem da das Herz auf! Herzensdoktor, hast du das Lied
-gedichtet in deinem eigenen graduierten Gehirn?«</p>
-
-<p>»Nein, Euer Exzellenz! solch ein Meister des Gesanges bin
-ich nicht. Aber den, der es gedichtet, haben sie längst begraben;
-er hieß Matthias Claudius!«</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Sie haben &ndash; einen guten Mann begraben</em>,«
-sagte Paulus. »Wie klar und munter ist dies Lied, so klar
-und helle wie echter Wein, so mutig und munter wie der Geist,<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span>
-der im Weine wohnet und gewürzt mit Scherz und Laune, die
-wie ein würziger Duft aus dem Römer steigen; der Mann hat
-gewiß verstanden, welch gutes Ding es um ein Glas lautern
-Weines ist.«</p>
-
-<p>»Herr, er ist lange tot, das weiß ich nicht, aber ein anderer
-großer Sterblicher hat gesagt: ›Guter Wein ist ein gutes, geselliges
-Ding, und jeder Mensch kann sich wohl einmal von ihm
-begeistern lassen!‹ Und ich denke, der alte Matthias hat auch
-so gedacht unter guten Freunden, hätte ja sonst solch ein schönes
-Lied nicht machen können, das noch heute alle fröhlichen Menschen
-singen, die im Rheingau wandeln oder edeln Rheinwein
-trinken.«</p>
-
-<p>»Singen sie das?« rief Bacchus. »Nun seht, Doktor, das
-freut mich, und so gar miserabel muß Euer Geschlecht doch nicht
-geworden sein, wenn sie so klare, schöne Lieder haben und singen.«</p>
-
-<p>»Ach, Herr!« sprach ich bekümmert. »Es gibt der <em class="gesperrt">Ueberschwenglichen</em>
-gar viele, das sind die Pietisten in der Poesie,
-und wollen solch Lied gar nicht für ein Gedicht gelten lassen,
-wie manchen Frömmlern das Vaterunser nicht mystisch genug
-zum Beten ist.«</p>
-
-<p>»Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!« erwiderte
-mir Petrus, »und jeder fegt am besten vor seiner eigenen Türe.
-Aber weil wir gerade bei seinem Geschlecht sind, erzähl' Er uns
-doch, wie es auf der Erde ging im letzten Jahr?«</p>
-
-<p>»Wenn es die Herren und Damen interessiert,« &ndash; sprach
-ich zögernd.</p>
-
-<p>»Immerzu,« rief Roland, »wegen meiner könntet Ihr die
-letzten fünfhundert Jahre erzählen, denn auf meinem Domhof sehe
-ich nichts als Zigarrenmacher, Weinbrauer, Pfarrer und alte
-Weiber.« Auch die übrigen stimmten mit ein; ich hub also an:</p>
-
-<p>»Was zuerst die deutsche Literatur betrifft&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Halt, <em class="antiqua">manum de tabula</em>!« rief Paulus. »Was scheren
-wir uns um euer miserables Geschmier, um eure kleinlichen,
-ekelhaften Gassenstreite und Kneipenraufereien, um eure Poetaster,
-Afterpropheten und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ich erschrak; wenn diesen Leuten nicht einmal unsere wunderherrliche,
-magnifike Literatur interessant war, was konnte
-ich ihnen denn sagen? Ich besann mich und fuhr fort: »Offenbar
-hat Joco im letzten Jahre, was das Theater anbelangt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Theater? Geht mir weg!« unterbrach Andreas, »was
-sollen wir von euren Puppenspielen, Marionettenkomödien und
-sonstigen Torheiten hören! Meinet Ihr etwa, uns komme viel<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span>
-darauf an, ob einer eurer Lustspieldichter ausgepfiffen wurde
-oder nicht? Habt Ihr denn dermalen gar nichts Interessantes,
-nichts Welthistorisches, das Ihr etwa erzählen könntet?«</p>
-
-<p>»Ach, daß Gott erbarm',« erwiderte ich, »bei uns ist die
-Welthistorie ausgegangen, wir haben in diesem Fach nur noch
-den Bundestag in Frankfurt. Bei unsern Nachbarn höchstens
-gibt es noch hin und wieder etwas; zum Beispiel in Frankreich
-haben die Jesuiten wieder Macht gewonnen und das Zepter an
-sich gerissen, und in Rußland sollte es eine Revolution geben.«</p>
-
-<p>»Ihr verwechselt die Namen, Freund!« sagte Judas, »Ihr
-wolltet sagen, in Rußland sind die Jesuiten wieder eingezogen,
-und in Frankreich sollte es eine Revolution geben.«</p>
-
-<p>»Mit nichten, Herr Judas von Ischariot,« antwortete ich,
-»so ist es, wie ich gesagt.«</p>
-
-<p>»Ei der Tausend!« murmelten sie nachdenklich, »das ist ja
-ganz sonderbar und verkehrt!« &ndash; »Und,« fragte Petrus, »Krieg
-gibt es nicht?«</p>
-
-<p>»Ein klein wenig, wird aber bald vollends zu Ende sein,
-in Griechenland, gegen die Türken.«</p>
-
-<p>»Ha! das ist schön,« rief der Paladin und schlug mit der
-steinernen Faust auf den Tisch. »Hat mich schon vor vielen
-Jahren geärgert, daß die Christenheit so schnöde zuschaute, wie
-der Muselmann dies herrliche Volk in Banden hielt; das ist
-schön, wahrlich! Ihr lebet in einer schönen Zeit, und Euer Geschlecht
-ist edler, als ich dachte. Also die Ritter von Deutschland
-und Frankreich, von Italien, Spanien und England sind
-ausgezogen wie einst unter Richard Löwenherz, die Ungläubigen
-zu bekämpfen? Die Genueser Flotte schifft im Archipel, die
-Tausende der Streiter überzusetzen, die Oriflamme naht sich
-Stambuls Küsten, und Oesterreichs Banner weht im ersten
-Reihen? Ha! zu solchem Kampfe möchte ich selbst noch einmal
-mein Roß besteigen, mein gutes Schwert Durande ziehen und
-in mein Hifthorn stoßen, daß alle Helden, die da schlafen, aufstünden
-aus den Gräbern und mit mir zögen in die Türkenschlacht.«</p>
-
-<p>»Edler Ritter,« antwortete ich und errötete vor meiner
-Zeit, »die Zeiten haben sich geändert. Ihr würdet wahrscheinlich
-als Demagoge verhaftet werden bei sotanen Umständen und
-Verhältnissen, denn weder Habsburgs Banner noch die Oriflamme,
-weder Englands Harfe noch Hispaniens Löwen sieht
-man in jenen Gefechten.«</p>
-
-<p>»Wer ist es denn, der gegen den Halbmond schlägt, wenn es
-nicht diese sind?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p>
-
-<p>»Die Griechen selbst.«</p>
-
-<p>»Die Griechen? Ist es möglich?« rief Johannes; »und
-die andern Staaten, wo sind denn diese beschäftigt?«</p>
-
-<p>»Noch haben sie Gesandte bei der Pforte.«</p>
-
-<p>»Mensch, was sagst du?« sprach Roland, starr vor Staunen;
-»kann man es ignorieren, wenn ein Volk um seine Freiheit
-kämpft? Heilige Jungfrau, was ist dies für eine Welt! Wahrlich
-das möchte einen Stein erbarmen!« Er quetschte im Zorn,
-während er die letzten Worte sprach, den silbernen Becher wie
-dünnes Zinn zusammen, daß der Wein darin hoch an die Decke
-spritzte, fuhr rasselnd auf vom Tisch, nahm seine Tartsche und
-sein langes Schwert und schritt düster mit dröhnenden Schritten
-aus dem Gemach.</p>
-
-<p>»Ei, was ist der steinerne Roland für ein zorniger Kumpan!«
-murmelte Rose, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen,
-indem sie etliche Weintropfen, die sie benetzten, vom
-Busentuch abschüttelte. »Will der steinerne Narr auf seine
-alten Tage noch zu Felde ziehen! Wenn er sich sehen ließe, sie
-steckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann unter
-die Brandenburger Grenadiere, denn die Größe hat er.«</p>
-
-<p>»Jungfer Rose,« erwiderte ihr Petrus, »zornig ist er, das
-ist wahr, und er hätte können auf andere Weise davongehen; aber
-bedenket, daß er einst Furioso, wahnsinnig war und noch ganz
-andere Sachen getan, als silberne Becher zerquetscht und Frauenzimmer
-mit Wein besudelt. Und genau beim Lichte besehen,
-kann ich ihm seinen Unmut auch nicht verdenken; war er doch
-auch einmal ein Mensch und dazu ein herrlicher Paladin des
-großen Kaisers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl gewollt
-hätte, allein gegen tausend Muselmannen zu Felde gezogen
-wäre. Da hat er sich denn geschämt und ist unmutig geworden.«</p>
-
-<p>»Laßt ihn laufen, den steinernen Recken!« rief Bacchus,
-»hat mich geniert, der Bursche, hat mich geniert. Er paßt nicht
-unter uns, der Lümmel von zehn Schuh, er sah immer höhnisch
-auf mich herab. Die ganze Freudigkeit und mein Vergnügen
-hätt' er gestört. Wir wären nicht zum Tanzen gekommen, nur
-weil er mit seinen steifen, steinernen Beinen keinen tüchtigen
-Hopser hätte riskieren können, ohne elend umzustülpen.«</p>
-
-<p>»Ja tanzen, heisa, tanzen!« riefen die Apostel; »Balthasar
-spiel' auf, spiel' auf!«</p>
-
-<p>Judas stand auf, zog ungeheure Stülphandschuhe an, die
-ihm beinahe bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die
-Jungfrau heran und sagte: »Ehrenfeste und allerschönste Jungfer<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span>
-Rose, dürfte ich mir die absonderliche Ehre ausbitten, mit
-Ihr den ersten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Manum de</em>&nbsp;&ndash;« unterbrach ihn Bacchus pathetisch. »Ich
-bin es, der den Ball arrangiert hat, und ich muß ihn eröffnen.
-Tanze Er, mit wem Er will, Meister Judas, mein Röschen
-tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?«</p>
-
-<p>Sie machte errötend einen Knicks zur Bejahung, und die
-Apostel lachten den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber
-winkte der Weingott heroisch zu; »versteht Er Musik, Doktor?«
-fragte er.</p>
-
-<p>»Ein wenig.«</p>
-
-<p>»Taktfest?«</p>
-
-<p>»O ja, taktfest wohl.«</p>
-
-<p>»Nun so nehme Er dies Fäßlein da, setze Er sich neben
-Balthasar Ohnegrund, unseren Kellermeister und Zinkenisten,
-nehme Er diese hölzernen Küperhämmer zur Hand und begleite
-jenen mit der Trommel.«</p>
-
-<p>Ich staunte und bequemte mich. War aber schon meine
-Trommel etwas außergewöhnlich, so war Balthasars Instrument
-noch auffallender. Er hielt nämlich einen eisernen Hahnen
-von einem achtfuderigen Faß an den Mund wie ein Klarinett.
-Neben mich setzten sich noch Bartholomäus und Jakobus mit
-ungeheuern Weintrichtern, die sie als Trompeten handhabten,
-und warteten des Zeichens. Der Tisch wurde auf die Seite
-gerückt, Rose und Bacchus stellten sich zum Tanze. Er winkte,
-und eine schreckliche, quiekende, mißtönende Janitscharenmusik
-brach los, zu der ich im Sechsachteltakte auf mein Faß als
-Tambour aufschlegelte. Der Hahn, den Balthasar blies, tönte
-wie eine Nachtwächtertute und wechselte nur zwischen zwei
-Tönen, Grundton und abscheulich hohem Falsett, die beiden
-Trichtertrompeter bliesen die Backen auf und lockten aus ihren
-Instrumenten Angst- und Klagelaute so herzdurchschneidend wie
-die Töne der Tritonen, wenn sie die Meermuscheln blasen.</p>
-
-<p>Der Tanz, den die beiden aufführten, mochte wohl vor ein
-paar hundert Jahren üblich gewesen sein. Jungfer Rose hatte
-mit beiden Händen ihren Rock ergriffen und solchen an den
-Seiten weit ausgespannt, daß sie anzusehen war wie ein großes
-weites Faß. Sie bewegte sich nicht sehr weit von der Stelle,
-sondern trippelte hin und her, indem sie bald auf, bald nieder
-tauchte und knickste. Lebendiger war dagegen ihr Tänzer, der<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span>
-wie ein Kreisel um sie herfuhr, allerlei kühne Sprünge machte,
-mit den Fingern knallte und heisa, juhe! schrie. Wunderlich
-war es anzusehen, wie das kleine Schürzlein der Jungfer Rose,
-das ihm Balthasar umgetan, hin und her flatterte in der Luft,
-wie seine Beinchen umherbaumelten, wie sein dickes Gesicht
-lächelte vor inniger Herzenslust und Freude.</p>
-
-<p>Endlich schien er ermüdet, er winkte Judas und Paulus
-herbei und flüsterte ihnen etwas zu. Sie banden ihm die
-Schürze ab, faßten solche an beiden Enden und zogen und zogen,
-so daß sie plötzlich so groß wurde wie ein Bettuch. Dann riefen
-sie die andern herbei, stellten sie rings um das Tuch und ließen
-es anfassen. »Ha,« dachte ich, »jetzt wird wahrscheinlich der
-alte Balthasar ein wenig geprellt, zu allgemeiner Ergötzung;
-wenn nur das Gewölbe nicht so nieder wäre, da kann er leicht
-den Schädel einstoßen.« Da kam Judas und der starke Bartholomäus
-auf uns zu und faßten &ndash; <em class="gesperrt">mich</em>; Balthasar Ohnegrund
-lachte hämisch; ich bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas
-faßte mich fest an der Kehle und drohte mich zu erwürgen,
-wenn ich mich ferner sträube. Die Sinne wollten mir vergehen,
-als sie mich unter allgemeinem Jauchzen und Geschrei auf das
-Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zusammen; »nur nicht
-zu hoch, meine werten Gönner, ich renne mir sonst das Hirn ein
-am Gewölbe,« rief ich in der Angst des Herzens, aber sie lachten
-und überschrieen mich. Jetzt fingen sie an, das Tuch hin und
-her zu wiegen, Balthasar blies den Trichter dazu. Jetzt ging
-es auf- und abwärts, zuerst drei, vier, fünf Schuh hoch, auf einmal
-schnellten sie stärker, ich flog hinauf und &ndash; wie eine Wolke
-tat sich die Decke des Gewölbes auseinander; ich flog immer
-aufwärts zum Rathausdach hinaus, höher, höher als der Turm
-der Domkirche. »Ha,« dachte ich im Fliegen, »jetzt ist es um
-dich geschehen! Wenn du jetzt wieder fällst, brichst du das Genick
-oder zum allerwenigsten ein Paar Arme oder Beine! O Himmel,
-und ich weiß ja, was <em class="gesperrt">sie</em> von einem Mann mit gebrochenen
-Gliedmaßen denkt! Ade, ade! Mein Leben, meine Liebe!«</p>
-
-<p>Jetzt hatte ich den höchsten Punkt meines Steigens erreicht,
-und ebenso pfeilschnell fiel ich abwärts. Krach! ging es durchs
-Rathausdach und hinab durch die Decke des Gewölbes, aber ich
-fiel nicht auf das Tuch zurück, sondern gerade auf einen Stuhl,
-mit dem ich rücklings über auf den Boden schlug.</p>
-
-<p>Ich lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am
-Kopfe und die Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich<span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span>
-wußte anfangs nicht, war ich zu Hause aus dem Bette gefallen
-oder lag ich sonstwo. Endlich besann ich mich, daß ich irgendwo
-weit herabgestürzt sei. Ich untersuchte ängstlich meine Glieder,
-es war nichts gebrochen, nur das Haupt tat mir weh vom Fall.
-Ich raffte mich auf, sah um mich. Da war ich in einem gewölbten
-Zimmer, der Tag schien matt durch ein Kellerloch herab,
-auf dem Tische sprühte ein Licht in seinem letzten Leben, umher
-standen Gläser und Flaschen, und rings um die Tafel vor jedem
-Stuhl ein kleines Fläschchen mit langem Zettel am Halse. &ndash;
-Ha, jetzt fiel mir nach und nach alles wieder ein. Ich war zu
-Bremen im Ratskeller; gestern nacht war ich hereingegangen,
-hatte getrunken, hatte mich einschließen lassen, da war&nbsp;&ndash;; voll
-Grauen schaute ich um mich, denn alle, alle Erinnerungen erwachten
-mit einemmal. Wenn der gespenstige Balthasar noch
-in der Ecke säße, wenn die Weingeister noch um mich schwebten!
-Ich wagte verstohlene Blicke in die Ecken des düsteren Zimmers,
-es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt?</p>
-
-<p>Sinnend ging ich um die lange Tafel; die Probefläschchen
-standen, wie jeder gesessen hatte. Obenan die Rose, dann Judas,
-Jakobus &ndash; Johannes, sie alle an der Stelle, wo ich sie leiblich
-geschaut hatte diese Nacht. »Nein, so lebhaft träumt man nicht,«
-sprach ich zu mir; »dies alles, was ich gehört, geschaut, ist wirklich
-geschehen!« Doch nicht lange hatte ich Zeit zu diesen Reflexionen;
-ich hörte Schlüssel rasseln an der Tür, sie ging langsam
-auf, und der alte Ratsdiener trat grüßend ein.</p>
-
-<p>»Sechs Uhr hat es eben geschlagen,« sprach er, »und wie
-Sie befohlen, bin ich da, Sie herauszulassen. Nun,« fuhr er
-fort, als ich mich schweigend anschickte, ihm zu folgen, »nun,
-und wie haben Sie geschlafen diese Nacht?«</p>
-
-<p>»So gut es sich auf einem Stuhl tun läßt, ziemlich gut.«</p>
-
-<p>»Herr,« rief er ängstlich und betrachtete mich genauer,
-»Ihnen ist etwas Unheimliches passiert diese Nacht. Sie sehen
-so verstört und bleich aus, und Ihre Stimme zittert!«</p>
-
-<p>»Alter, was wird mir passiert sein!« erwiderte ich, mich
-zum Lachen zwingend. »Wenn ich bleich aussehe und verstört,
-so kommt es vom langen Wachen, und weil ich nicht im Bette
-geschlafen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich sehe, was ich sehe,« sagte er kopfschüttelnd; »und der
-Nachtwächter war heute früh auch schon bei mir und erzählte, wie
-er am Kellerloch vorübergegangen zwischen zwölf und ein Uhr,<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span>
-habe er allerlei Gesang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen
-aus dem Keller.«</p>
-
-<p>»Einbildungen, Possen! Ich habe ein wenig für mich gesungen
-zur Unterhaltung und vielleicht im Schlaf gesprochen,
-das ist alles.«</p>
-
-<p>»Diesmal einen im Keller gelassen in solcher Nacht und
-von nun an nie wieder,« murmelte er, indem er mich die Treppe
-hinauf begleitete; »Gott weiß, was der Herr Greuliches hat
-hören und schauen müssen! Wünsche gehorsamst guten Morgen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<div class="chapter"></div>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Doch hat daselbst vor allen<br /></span>
-<span class="i0">Eine Jungfrau mir gefallen.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von
-Sehnsucht der Liebe getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden
-geschlummert, der Holden guten Morgen zu sagen. Aber
-kalt und zurückhaltend empfing sie mich, und als ich ihr einige
-innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir laut lachend den Rücken
-zu und sprach: »Gehen Sie und schlafen Sie erst fein aus, mein
-Herr.«</p>
-
-<p>Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie
-gewesen. Ein Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers
-am Klavier gesessen, ging mir nach und sagte, indem er wehmütig
-meine Hand ergriff: »Herzensbruder, mit deiner Liebe
-ist es rein aus auf immerdar, schlage dir nur gleich alle Gedanken
-aus dem Sinne.«</p>
-
-<p>»Soviel ungefähr konnte ich selbst merken,« antwortete ich.
-»Der Teufel hole alle schönen Augen, jeden rosigen Mund und
-den törichten Glauben an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen
-aussprechen.«</p>
-
-<p>»Tobe nicht so arg, sie hören es oben,« flüsterte er; »aber
-sag' mir um Gottes willen, ist es denn wahr, daß du heute die
-ganze Nacht im Weinkeller gelegen und getrunken hast?«</p>
-
-<p>»Nun ja, und wen kümmert es denn?«</p>
-
-<p>»Weiß der Himmel, wie sie es gleich erfahren hat, sie hat
-den ganzen Morgen geweint und nachher gesagt, vor einem solchen<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span>
-Trunkenbold, der ganze Nächte beim Wein sitze und aus
-schnöder Trinklust ganz allein trinke, solle sie Gott behüten. Du
-seiest ein ganz gemeiner Mensch, von dem sie nichts mehr hören
-wolle.«</p>
-
-<p>»So?« erwiderte ich ganz gelassen und hatte einiges Mitleiden
-mit mir selbst. »Nun gut, geliebt hat sie mich nie, sonst
-würde sie auch mich darüber hören; ich lasse sie schön grüßen.
-Lebe wohl!«</p>
-
-<p>Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und
-fuhr noch denselben Abend von dannen. Als ich an der Rolandsäule
-vorüberkam, grüßte ich den alten Recken recht freundlich,
-und zum Entsetzen meines Postillons nickte er mir mit dem
-steinernen Haupt einen Abschiedsgruß. Dem alten Rathaus
-und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu, drückte
-mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasieen
-dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Weitere Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 15: hinab → hinauf<br />
-Rückweg ins Schloß <a href="#corr015">hinauf</a> ist</p>
-<p>
-S. 26: wilden → milden<br />
-mit dem <a href="#corr026">milden</a> Schimmer des Mondes</p>
-<p>
-S. 30: verschlossen → verschossenen<br />
-in einem <a href="#corr030">verschossenen</a> Hofkleid</p>
-<p>
-S. 128: die → wie<br />
-treffend die Beschreibung, <a href="#corr128">wie</a> die Furcht vor</p>
-<p>
-S. 150: noch → nach<br />
-nie <a href="#corr150">nach</a> vier Uhr abends ein Mann</p>
-<p>
-S. 200: Napoleine → Napoleone<br />
-Generale, Platows, Blüchers, <a href="#corr200">Napoleone</a> und dergleichen</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i
- sechs Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE ***
-
-***** This file should be named 60699-h.htm or 60699-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/0/6/9/60699/
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/60699-h/images/cover.jpg b/old/60699-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index e3bf9db..0000000
--- a/old/60699-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ