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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden, Zweiter Band - -Author: Wilhelm Hauff - -Annotator: Alfred Weile - -Release Date: November 16, 2019 [EBook #60699] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Wilhelm Hauffs - - sämtliche Werke in sechs Bänden - - Mit einer biographischen Einleitung - von _Alfred Weile_ - - Neu durchgesehene Ausgabe - - :: :: in neuester Rechtschreibung :: :: - - Zweiter Band. - - A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei - _Berlin_ NO.⁴³ Neue Königstr. 9 - - - - -Novellen. - -Zweiter Teil. - - -Phantasien im Bremer Ratskeller. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - Das Bild des Kaisers 5 - - Die letzten Ritter von Marienburg 88 - - Die Sängerin 145 - - Phantasien im Bremer Ratskeller 190 - - - - -Das Bild des Kaisers. - - -1. - -In dem Kabriolett des Eilwagens, der zweimal in der Woche von Frankfurt -nach Stuttgart geht, reisten vor einigen Jahren an einem der schönsten -Tage des Septembers zwei junge Männer. Der eine von ihnen war erst -eine Station hinter Darmstadt eingestiegen und hatte dem früheren -Passagier schon beim ersten Anblick durch sein schmuckes Aeußere und -den freundlichen Gruß, womit er sich neben ihn setzte, die Furcht, -der Zufall möchte ihm eine unangenehme Nachbarschaft geben, völlig -benommen. Der Fortgang der Reise bewies, daß er nicht unrichtig -geurteilt hatte, wenn er seinen Reisegefährten für einen wohlerzogenen, -anständigen Mann hielt. Was er sprach, war, wenn nicht gerade heiter, -doch offen und verständig; nicht selten sogar überraschten den -Reisenden leicht hingeworfene Aeußerungen, Gedanken seines Nachbars, -die von feiner Bildung, gesellschaftlicher Erfahrung und einer -Belesenheit zeugten, die er denn doch hinter dem etwas groben Jagdrock -und der unscheinbaren Ledermütze nicht gesucht hätte. Ueberhaupt -deuchte es diesem Reisenden, er müsse, je weiter er im Süden vordrang, -desto öfter und nicht ohne Beschämung dem Lande und den Bewohnern -Vorurteile abbitten, die man in der Ferne vom Hörensagen, besonders in -einem Alter von vierundzwanzig Jahren, so leicht annimmt. - -Wie anders war ihm dieses Land im Brandenburgischen geschildert worden! -Manche Reisende hatten zwar diese Bergstraße, dieses Neckartal gelobt, -doch erschien dann ihre Beschreibung matt und klein gegen die Wunder -der Schweiz, zu welcher sie auf dieser Straße geeilt waren. Ueber die -Bewohner war aber in seiner Heimat nur _eine_ Stimme. Hier, bald hinter -Darmstadt, fangen die Schwaben an, erzählte man dem jungen Reisenden -in Berlin, mit einem mitleidigen Blick auf die Karte, mit einem noch -mitleidigeren auf ihn, der diese Länder besuchen wolle. Da geht alles -gesellschaftliche Leben, alle Bildung aus; ein rohes, ungesittetes -Volk, das nicht einmal gutes Deutsch sprechen kann. Und leider! nicht -nur die untersten Klassen leiden an diesem Mangel, auch die besseren -Stände haben einen Anstrich von eingeschränktem, ungalantem Wesen -und reden so elendes Deutsch, daß sie vor Fremden, um nicht erröten -zu müssen, Französisch sprechen. Das war der Reisepfennig, den man -ihm nach Schwaben mitgab, und in dem jungen und romantischen Kopf -des jungen Brandenburgers hatten diese Sagen sich endlich während -der schönen Muße, die ihm die Sandkunststraßen und die schnapsenden -Postillons seines Vaterlandes gönnten, so sonderbar gestaltet, daß -er sich selbst wie einer jener wohlerzogenen, jungen Herrn in einem -Scottischen Roman erschien, die von den wehmütigen Erinnerungen an -die feinsten Zirkel, an Theater und alle Genüsse der großen Welt -erfüllt, von London aus reisen, um das _Hochland und seine barbarischen -Bewohner_ zu besuchen. - -Doch als die herrliche Welt jener Berge voll Obst und Wein und jene -gesegneten Täler sich vor seinen Blicken auftaten, als die schönen -Dörfer mit ihren roten Dächern, mit ihren reinlichen, fröhlichen -Menschen seinem erstaunten Auge sich zeigten, als da und dort -zwischen prachtvollen Buchenwäldern eine alte Burg und ein Schloß mit -schimmernden Fenstern auftauchte, da fiel er beinahe in das andere -Extrem; er strömte über von Lob und Bewunderung und bemitleidete -die arme, flache Mark, ihren kahlen Sandboden, ihre mageren Tannen -und ihre bleichen Bewohner, von welchen vielleicht Tausende aus dem -Leben gingen, ohne nur eine jener üppigen Trauben gesehen zu haben, -die hier in unendlicher Fülle durch das grüne Laub schimmerten, und -ein schwacher Trost für seinen Patriotismus war, daß die Natur seine -Landsleute durch höhere Einsicht, eine wohllautendere Sprache und -feinere Bildung in etwas wenigstens entschädigt habe. - -Der junge Mann an seiner Seite schien übrigens, obgleich man seiner -Sprache den südlichen Akzent anfühlte, die Gesetze des Anstandes nicht -minder gut zu verstehen als der Brandenburger; zum mindesten verriet -keine seiner Fragen Neugierde, über dessen Stand, Vaterland und -Reisezweck etwas zu erfahren, er benahm sich zuvorkommend, aber würdig, -schien geneigter zu antworten, als zu fragen, und übernahm es, ohne -sich dadurch belästigt zu fühlen, den Fremden über Namen und Geschichte -der Burgen und Städte, die ihm auffielen, zu unterrichten. - -So ruhig und kalt übrigens der junge Mann im Jagdkleid über diese Dinge -Aufschluß gab, so waren es doch zwei Punkte, über welche er wärmer und -länger sprach. Einmal, als sein Nebensitzer über die gute Gesellschaft -in Schwaben einige seiner sonderbaren Begriffe preisgab, sah ihn -der Grüne mit Verwunderung an, fragte ihn auch, ob er vielleicht -auf einem andern Wege schon früher in Schwaben gewesen sei, und als -jener es verneinte, erwiderte er: »Ich weiß, man macht sich hin und -wieder, besonders in Norddeutschland, sonderbare Begriffe von uns. -Ob mit Recht, mögen Sie selbst entscheiden, wenn Sie einige Zeit in -unserer Mitte verweilt haben. Doch möchte ich Ihnen raten, zuvor etwas -unbefangener die mögliche Quelle solcher Urteile zu betrachten. Ich -gebe zu, daß eine gewisse nachteilige Ansicht über mein Vaterland seit -Jahrhunderten besteht; zum mindesten sind die Schwabenstreiche nicht -erst in unseren Tagen bekannt geworden. Doch scheint ein großer Teil -dieser aberwitzigen Dinge aus einer gewissen Eifersucht der Volksstämme -hervorzugehen und aus der Kleinstädterei, die von jeher in unserem -lieben Deutschland herrschte. In Schwaben zum Beispiel erzählt man alle -jene Sonderbarkeiten, die andere uns aufbürden, von den Oesterreichern; -daß aber dieses Vorurteil selbst in neueren Zeiten, selbst durch die -Fortschritte der Kultur und das regere gesellige Leben nicht geschwächt -wurde, hat zwei wichtige Gründe, die größere Schuld aber liegt nicht -auf der Seite von Süddeutschland.« - -»Bitte!« rief der brandenburgische Reisende etwas ungläubig, »ich -sollte doch nicht denken --« - -»Man beurteilt unsere Sitten nach meinen Landsleuten, die man in -Norddeutschland sieht. Wenn nun diese auch die vernünftigsten Menschen -wären, es würden ihnen doch zwei Mängel anhängen, die sie in Ihren -Augen in Nachteil setzen. Einmal die Sprache --« - -»Bitte!« erwiderte sein Gefährte verbindlich. »Nicht alle, Sie zum -Beispiel drücken sich allerliebst aus.« - -»Ich drücke mich aus, wie ich denke, und so macht es ein guter -Teil meiner Landsleute auch; weil wir aber die Diphthongen anders -aussprechen als ihr, die Endsilben entweder nach unserer altertümlichen -Form ändern oder im Sprechen übereilen, klingt euch unsere Sprache -auffallend, hart, beinahe gemein. Die meisten Schwaben, die Sie bei -sich sehen, sind junge Männer, die von der Universität kommen und -die Anstalten in Norddeutschland besuchen, oder Kaufleute, die ihr -Handelsweg dahin führt. Diesen Menschen legen nun Ihre Landsleute -durchaus ihren eigenen Maßstab an und tun sehr unrecht daran. In Ihrem -Lande wird den äußeren Formen und dem Benehmen des Knaben und des -Jünglings einige Aufmerksamkeit geschenkt, er wird sehr bald in die -geselligen Kreise gezogen; bei uns findet dies vielleicht erst um acht -oder zehn Jahre später statt.« - -»Nun das ist es ja gerade, was ich sagte,« entgegnete jener; »diese -Formen gewinnt keiner durch sich selbst, und dies ist also ein Fehler -Ihrer Erziehung --« - -»Vorausgesetzt, daß jene Formen wirklich so trefflich, daß sie _das_ -sind, was dem zukünftigen Bürger eines Staates vor allem als nützlich -und notwendig einzuimpfen ist.« - -»Das soll es ja nicht; aber so auf dem Wege mitnehmen kann er sie doch -wohl,« meinte der Fremde. - -»Wenn er sie nur so mitnimmt, verliert er sie auch gelegentlich,« -erwiderte der Schwabe. »Doch das ist nicht der Punkt, wovon wir -sprechen. Ich behaupte nur, man hat in Norddeutschland unrecht, unsere -Sitten und unsere Gesellschaft nach Leuten zu beurteilen, die der -Gesellschaft eigentlich noch nicht angehört hatten, die vielleicht in -die Welt geschickt wurden, um ihre Sitten abzuschleifen. Oder wollen -Sie nach einigen jungen Gelehrten, die gerade aus der Studierstube zu -Ihnen kamen und sich vielleicht ungeschickt in Sprache und Manieren -zeigten, die Landsleute dieser Menschen beurteilen?« - -»Gewiß nicht, aber gestehen Sie selbst, man hört doch selbst von der -guten Gesellschaft in Schwaben so sonderbare Gerüchte von ihren Sitten -und Gebräuchen, von ihren Frauen und Mädchen.« - -»Vielleicht kaum so sonderbar,« versetzte der Jäger lächelnd, »als man -bei uns von den Sitten Ihrer Damen hört; denn unsere Mädchen stellen -sich die _norddeutschen_ Damen gewiß immer mit irgend einem gelehrten -Buche in der Hand vor. Die zweite Quelle des Irrtums über mein -Vaterland sind aber _Ihre_ reisenden Landsleute und die eigentümlichen -Verhältnisse unseres Familienlebens. In Norddeutschland fällt es nicht -schwer, in Familienkreisen Zutritt zu bekommen, durch _einen_ Bekannten -zehn zu erwerben. In Schwaben ist es anders; man ist heiter, gesellig -_unter sich_, der Fremde wird als etwas Fremdes angestaunt, aber eher -vermieden als eingeladen, doch werden _Sie_ für diese scheinbare Kälte -immer eine Entschädigung finden. Ihre Landsleute öffnen die Tür, aber -selten das Herz; meine Schwaben sind vorsichtiger, aber sie schließen -sich an _den_, welchen sie liebgewonnen, mit einer Herzlichkeit an, die -Sie bei künstlich verfeinerten Sitten umsonst suchen.« - -»Und also liegt eine zweite Quelle unserer Vorurteile,« fragte der -Fremde, »darin, daß meine Landsleute eigentlich gar nicht in Ihren -Kreisen einheimisch wurden?« - -»Gewiß!« sagte der Nachbar. »Lernen Sie, wenn Ihnen das Glück wohlwill, -in die Kreise unserer bessern Stände zu kommen, lernen Sie uns näher -kennen, lassen Sie sich nicht durch Ihre eigenen Ansichten über Leben -und Sitte durchaus leiten, und Sie werden ein gutes, herzliches -Völkchen finden, gebildet genug, um, wenn man nur die rechte Saite -anschlägt, sich mit den Gebildetsten zu messen, vernünftig genug, um -die Grenzen guter Sitten festzuhalten und das Lächerliche der Unsitte -zu belächeln.« - -Der Fremde aus der Mark lächelte. »Er liebt sein Land,« dachte er, -»und er verteidigt es mit Wärme, weil er es nicht sinken lassen -will oder Besseres nie gesehen hat.« Er entschuldigte bei sich die -warme Verteidigung des Schwaben, aber dennoch konnte er es sich -nicht versagen, einen kleinen Triumph über jenen zu feiern. Er -machte ihn mit der Geläufigkeit der Zunge und jener Uebung, über ein -_Nichts_ schnell und vieles zu sprechen, -- die man im Norden unseres -Vaterlandes häufiger als im Süden treffen soll -- auf andere große -Vorzüge aufmerksam, welche die nördlichen Provinzen Deutschlands vor -den südlichen voraus haben. Er zählte immer zwanzig Schriftsteller -und Dichter seiner Heimat gegen _einen_ im Süden, und der Schwabe -konnte endlich dem Schwall seiner Beredsamkeit nur dadurch Einhalt -tun, daß er, als sie um eine Ecke der Landstraße bogen, auf die -erhabenen Ruinen von Heidelberg hinwies; der Fremde betrachtete sie -staunend und mit Entzücken. Ihre rötlichen Steinmassen waren von der -sinkenden Herbstsonne noch höher gerötet, und der Abend ließ die Bäume -und Gesträuche, die in den verfallenen Mauern wachsen, im dunkelsten, -wundervollsten Grün erscheinen. Durch die hohen, offenen Fensterbogen -blickte der schwärzliche Wald hervor, den Gipfel des Berges umzog jener -duftige Schleier, welcher allen Gegenständen so eigenen geheimnisvollen -Reiz verleiht, und von oben herab spiegelten sich die rötlichen -Abendwölkchen und der dunkelblaue Himmel in den Fluten des Neckars. - -»Und haben Sie solche Poesie in der Mark?« fragte der Jäger mit -gutmütigem Lächeln. - -Der Fremde schien es nicht zu hören, unverwandt hingen seine Blicke an -diesem reizenden Schauspiel; er mochte fühlen, daß es sich an solchen -Stellen über Poesie nicht gut streiten lasse. - -Nach diesem Vorfall kehrte übrigens auf dem Gesicht des Jägers -die vorige Ruhe und Unbefangenheit zurück; er stritt über keinen -Gegenstand, schien sogar über manche Dinge sich behutsam auszudrücken. - -Als aber das Gespräch unter den beiden Reisenden, da die -hereinbrechende Nacht ihre Aufmerksamkeit auf die Gegend hemmte, auf -einige neuere Ereignisse und auf die Politik kam, schien es dem jungen -Mann aus der Mark, obgleich er die Züge seines Nachbars nicht mehr -gut unterscheiden konnte, sein Atem gehe schneller, seine Rede werde -wärmer, kurz, man habe einen Punkt der Unterredung getroffen, welcher -für den Schwaben von hohem Interesse sei. Man sprach von der Gestalt -und der innern Kraft Deutschlands. Mit einer gewissen Erbitterung -zog jener eine Parallele zwischen Jetzt und Sonst, die nicht gerade -zum Vorteil der neuern Zeit ausfiel. Der Fremde, dessen Grundsätze -im ganzen nicht mit diesen Ansichten übereinstimmen mochten, gab -ihm dennoch, nicht ohne einiges Selbstgefühl, die letzten Sätze zu. -Unglücklicherweise fing er seinen Satz »_Ich bin ein Preuße_« an und -reizte dadurch unwillkürlich den Unmut des jungen Mannes noch mehr -auf. Denn dieser vergaß nun jede Rücksicht der Klugheit; mit einer -Beredsamkeit, die an jedem andern Orte dienlich gewesen wäre, suchte -er seine Meinung durchzuführen, und nichts war ihm zu hoch, das er -nicht mit seinem eigenen Maßstab gemessen hätte. Der Preuße, der solche -Leute nur vom Hörensagen und unter dem gefährlichen Namen »Köpenicker« -kannte, erschrak über diese Aeußerungen. Konnte nicht der Postillon, -konnte nicht ein Passagier im Bauche des Wagens diese Reden vernommen -haben! Spandau, Köpenick, Jülich und alle möglichen _festen Plätze_ -schwebten vor seiner aufgeregten Phantasie, und das beste Mittel, -seinen Nachbar zum Stillschweigen zu bringen, schien ihm, wenn er sich -in die Ecke drückte und sich schlafend stellte. - - -2. - -Als die beiden Reisenden am Morgen nach dieser gefährlichen Nacht -erwachten, sahen sie in geringer Entfernung die Türme von Heilbronn aus -dem Nebel tauchen. »Hier endet meine Fahrt,« sagte der Herr im grünen -Rock, indem er auf die Stadt deutete, »und Ihnen danke ich es,« setzte -er mit einem freundlichen Blick auf seinen Nachbar hinzu, »daß ich -diesmal den Wagen ungern verlasse. Wie angenehm wäre mir noch ein Tag -in Ihrer Gesellschaft vergangen!« - -»Dies ist mein Los schon seit vierzehn Tagen gewesen,« erwiderte der -Brandenburger. »Der enge Raum macht nachbarlich; Menschen, welche -vielleicht in einer größern Stadt, selbst wenn sie Zimmernachbarn -gewesen wären, jahrelang unter sich kein Wort gewechselt hätten, treten -sich nahe durch den so natürlichen Drang nach Mitteilung. Der Platz -an meiner Seite wechselte öfter als in einer Schlacht, doch darf ich -mir Glück wünschen, Sie wenigstens so lange zu meinem Nachbar gehabt -zu haben, denn so bin ich auf die angenehmste Weise in Ihr Vaterland -eingeführt worden.« - -»Werden Sie länger in Württemberg verweilen?« - -»Ich besuche Verwandte meiner Mutter,« erwiderte der Fremde; »je -nachdem sie und die Residenz mir gefallen, werde ich länger oder kürzer -verweilen.« - -»Wir werden uns schwerlich wiedersehen,« sagte der Grüne, »ich wüßte -wenigstens nicht, was mich nach Stuttgart treiben sollte. Vergessen Sie -aber nie, was ich Ihnen über den Charakter meiner Landsleute sagte. -Können Sie nach ihrer Denkungsart, nach ihren Sitten sich ein wenig -richten, so werden Sie überall gesucht und willkommen sein. Unsern -Damen sind Sie dann als Fremder nur um so interessanter, und unsern -Männern -- nun da kommt es immer auf den Zirkel an, in welchem Sie -leben; nur müssen Sie,« setzte er mit einem Lächeln hinzu, das zwischen -Ironie und gutmütiger Freundlichkeit schwebte, »nie zu deutlich und -fühlbar machen -- --« - -»Nun?« rief der Fremde erwartungsvoll, als jener innehielt. - -»Daß Sie kein Deutscher, sondern ein Preuße sind.« - -Das schmetternde Horn des Postillons und das Rasseln des schweren -Wagens auf dem Steinweg übertönte die Antwort des Fremden. Den -Passagieren ward in dieser Stadt eine kleine Rast vergönnt, und der -Fremde wollte seinen Nachbar vom Eilwagen noch einmal zum Frühstück -einladen. Doch schon unter der Tür des Posthauses überreichte diesem -ein alter Reitknecht mehrere Briefe; er riß den einen hastig, errötend -auf, und sein Reisegefährte bemerkte im Vorübergehen, daß es die -Handschrift einer Dame sei. Der Fremde trat etwas verstimmt in dem -Wirtshaus ans Fenster; er sah den Jäger angelegentlich mit seinem -Diener sprechen, und bald darauf führte man zwei schöne Pferde vor. In -demselben Augenblick trat der grüne Herr eilends in den Saal, seine -Augen suchten und fanden den Reisegefährten, er trat zu ihm, doch nur, -um schnell, aber herzlich von ihm Abschied zu nehmen; und so konnte ihn -der Brandenburger zu seinem großen Verdruß nicht einmal nach dem Haus -und der Familie _Käthchens von Heilbronn_ fragen, eine Frage, die er -sich unter seinen Reisenotizen aufgezeichnet und doppelt unterstrichen -hatte. Doch der Anblick des Jägers, wie er sich so leicht in den Sattel -des schönen, stolzen Pferdes schwang, wie er so majestätisch über den -Markt hinsprengte, söhnte ihn mit der beinahe unhöflichen Hast aus, -womit jener von ihm Abschied genommen hatte. Er gestand sich, selten -eine so wohlgebaute Gestalt mit einem so schönen, ausdrucksvollen -Gesicht vereint gesehen zu haben. - -»Wer war dieser Herr im grünen Kleid?« fragte er den Kellner, der am -andern Fenster dem Reiter nachblickte. - -»Mit dem Namen kann ich nicht dienen,« antwortete jener; »ich weiß nur, -daß man ihn ›Herr Baron‹ nennt, daß sein Vater einige Stunden von hier -am Neckar Güter hat, und daß sie sehr reich sein sollen; in die Stadt -kommt er selten.« - -Nicht ganz zufrieden mit dieser Erklärung setzte sich der junge Mann -wieder in den Wagen. Sein Vater, der früher einmal in diesem Lande -gewesen war, hatte ihm so viel Sonderbares von schwäbischen Baronen -erzählt, daß er in seinem liebenswürdigen und gewandten Reisegefährten -keinen solchen vermutet hätte. Sein neuer Nachbar, der ihm gleich in -der ersten Viertelstunde vertraute, daß er ein Hopfenhändler aus Bayern -sei, machte ihm den Verlust, den er erlitten, nur um so fühlbarer, -und da er am Hopfenbau wenig Unterhaltung fand, beschäftigte er sich -damit, über den Charakter des jungen Mannes, der ihn verlassen hatte, -nachzudenken und dann noch einmal alle Erwartungen und Hoffnungen zu -durchlaufen, die er sich von seinen Verwandten, zu welchen er reiste, -gemacht hatte. Von dem Oheim versprach er sich für seine Unterhaltung -wenig; er mußte nach seiner Berechnung ein vorgerückter Sechziger sein; -mürrisch, ungesellig und eigensinnig hatte ihn sein Vater schon vor -fünfundzwanzig Jahren gekannt, und solche Eigenschaften pflegen sich im -Alter nicht zu verbessern. Desto mehr versprach sich der junge Mann von -Fräulein Anna, seiner Cousine. Von einem seiner Freunde, der längere -Zeit in Schwaben gelebt hatte, war sie ihm als eine Zierde dieses -Landes genannt worden. Ein angenehmes, trauliches Verhältnis von fünf -bis sechs Wochen schien ihm ganz wünschenswert, und so eifrig war seine -Berechnung der Mittel, die ihm zu Gebote standen, sich liebenswürdig zu -zeigen, so gewiß war er sich des Eindrucks bewußt, den seine Person, -sein Wesen unfehlbar machen müsse, für so leicht zu erobern hielt er -das Herz eines Fräuleins in Schwaben, daß ihm nicht einmal der Gedanke -kam, die schöne Cousine Anna könne sich vielleicht schon versehen haben. - -Er ließ sich, in der Residenz angekommen, sogleich nach dem Hause -führen, wo sein Oheim sonst gewohnt hatte, - - aber mit dem Donnerworte - ward ihm aufgetan: - die du suchest -- - -wohnen schon seit langer Zeit auf einem Landgut, sie werden auch im -nächsten Winter nicht zurückkehren, und selbst dies Haus gehört ihnen -nicht mehr eigen. - -Der Reisende aus Brandenburg war schnell entschlossen. Er benützte -diesen Tag, um sich die freundliche Stadt zu betrachten, und eilte dann -denselben Weg, welchen er hergekommen war, zurück, nach dem unteren -Neckartal, wo der Landsitz seines Oheims lag. - -Je näher er dieser reizenden Gegend kam, desto angenehmer war es -ihm, daß er einige Wochen auf dem Lande zubringen sollte. Er wußte -aus eigener Erfahrung, daß man auf dem Lande, abgeschnitten von den -Zerstreuungen der Stadt und jener Formen enthoben, die man dort für -schön und notwendig, hier für überflüssig und lästig hält, schnell -bekannt und befreundet wird, daß man sich, auf eine kleine Gesellschaft -beschränkt, schneller nahe rückt. -- Etwa eine Stunde von dem Gut -bog der Weg von der Hauptstraße ab. Der Kutscher, den er gemietet -hatte, deutete auf einen Fußpfad, der in den Wald lief; der Fahrweg -wende sich um den ganzen Berg her, sagte er, doch auf diesem Pfad -könne man zu Fuß in bei weitem kürzerer Zeit zum Schloß Thierberg -hinauf gelangen. Der junge Mann stieg aus; er war bisher auf einem -Bergrücken gefahren, sah nun eine mäßige, mit Wald bewachsene Anhöhe -vor sich und schloß, weil er gehört hatte, das Schloß seines Oheims -liege im Neckartal, man müsse von dieser Anhöhe eine weite Aussicht -in das Tal genießen. Er ließ den Wagen weiterfahren und stieg den -Seitenpfad hinan. Ein Wald von prachtvollen Buchen nahm ihn auf. Nie -hatte er diesen Baum so kräftig, so majestätisch gesehen, zwischendurch -erblickte er hie und da Eichen und schöne Eschen und zu seiner nicht -geringen Verwunderung Waldkirschbäume von ungewöhnlicher Höhe. Nach und -nach wurde ihm das Steigen schwerer; der Berg schien sich auf einmal -steiler zu erheben, und er war oft versucht, die unbequeme Eleganz zu -verwünschen, in welche ihn sein Berliner Schneider gekleidet hatte. -Endlich hatte er den Gipfel erreicht, aber noch öffnete sich keine -Aussicht. Die Bäume schienen dichter zu werden, je mehr sich der Pfad -wieder senkte, und als sich, um seine Ungeduld zu vermehren, der kleine -Pfad in zwei noch kleinere teilte, die nach verschiedenen Richtungen -liefen, schmälte er auf den Kutscher und auf seine eigene Torheit, die -ihn verleitet hatten, in einem fremden Wald sich zu verirren. Er schlug -endlich den Weg rechts ein und sah, nachdem er einige hundert Schritte -gegangen war, zu seiner großen Freude ein buntes Kleid durch das Laub -schimmern. - -Er verdoppelte seine Schritte und war nicht wenig betroffen, als er -plötzlich vor einer jungen Dame stand, die im Schatten einer alten -Eiche auf einer Bank saß. Sie hatte ein Buch in der Hand, von welchem -sie, als sein Schritt in den abgefallenen Blättern rauschte, langsam -und ruhig ihre schönen Augen erhob; doch auch sie schien betroffen, -als es ein junger, städtisch gekleideter Herr war, den sie in dieser -Einsamkeit vor sich sah; sie errötete flüchtig, aber sie senkte ihren -Blick nicht, der fragend an dem unerwarteten Besuch hing. Der junge -Mann verbeugte sich einigemal, ehe er recht wußte, was er sagen sollte. -»Ist wohl das schöne Mädchen Cousine Anna?« war alles, was er in diesem -Augenblick zu denken und sich zu fragen vermochte, und erst, als er -diese Frage schnell bejaht hatte, trat er näher zu der jungen Dame, die -indessen ihr Buch schloß und von ihrem Bänkchen aufstand. »Bitte um -Vergebung,« sagte er, »wenn ich Sie gestört haben sollte; ich fürchte, -von dem Wege abgekommen zu sein. Kann ich hier nach dem Schloß des -Herrn von Thierberg kommen?« - -»Auf diesem Fußpfad nicht wohl, wenn Sie hier nicht bekannt sind,« -erwiderte sie mit einer klangvollen Stimme; »Sie haben oben einen -Fußpfad links gelassen, der nach dem Schloß führt.« Sie verbeugte sich -nach diesen Worten, und der junge Mann ging seinen Weg zurück; doch -kaum hatte er einige Schritte gemacht, so zog ihn ein unwiderstehliches -Gefühl zurück. Das schöne Mädchen stand noch einmal von ihrem Sitz -auf, als sie ihn zurückkehren sah, doch diesmal schien Bestürzung ihre -Wangen zu färben, und eine gewisse Aengstlichkeit blickte aus ihren -großen Augen. Auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten, fragte -der Reisende, ob er vielleicht die Ehre gehabt habe, mit Fräulein von -Thierberg zu sprechen? - -»Ich heiße so,« antwortete sie etwas befangen. - -»~Eh bien, ma chère cousine!~« sagte er lächelnd, indem er sich artig -verbeugte; »so habe ich das Vergnügen, Ihnen Ihren Vetter Rantow -vorzustellen.« - -»Wie, Vetter _Albert_!« rief sie freudig. »So haben Sie endlich doch -Wort gehalten? Wie wird sich der Vater freuen! Und was macht Onkel -und die liebe Tante, und wie sind Sie gereist?« So drängte sich eine -Frage nach der andern über die schönen Lippen, und Vetter Rantow fand, -verloren in sein Glück, eine schöne Muhme zu besitzen, keine Worte, -alle nach der Reihe zu beantworten. Wie reizend, wie naiv klang ihm die -Sprache! Er konnte nicht sagen, daß sie gegen irgend eine Regel des -Stils gesündigt hätte, und doch deuchte es ihn, es seien ganz andere -Worte, ganz andere Töne, als die er in seinem Vaterland gehört hatte. -Er fühlte, er sei zu schnell gereist, als daß er allmählich auf diesen -Kontrast vorbereitet worden wäre. - -»Dies ist mein Lieblingsspaziergang,« sagte sie, indem sie langsam -neben ihm herging. »Zwar ist der Weg im Tal noch angenehmer, der -Neckar macht schöne Windungen, alte Burgen schmücken die Höhen -- und -die unsrige spielt dabei nicht die schlechteste Rolle, wenigstens was -das Altertum betrifft -- Dörfer und sogar ein Städtchen sieht man -talauf und -ab; aber der Rückweg ins Schloß hinauf ist dann so steil -und mühsam, und auf der Straße gehen mir zu viele Leute. Der Wald hier -liegt nicht höher als das Schloß, in einem halben Stündchen geht man -herüber und ist dann so köstlich einsam, als säße man in seinem Boudoir -bei verschlossenen Türen.« - -»Bis dann der Zufall einen Vetter aus Preußen hereinwehen muß, der die -köstliche Einsamkeit stört,« unterbrach sie Rantow. - -»Im ganzen genommen,« fuhr sie fort, »ist es im Schloß gerade auch -nicht geräuschvoll. Es ist so einsam als irgend ein bezaubertes Schloß -in Tausend und eine Nacht. Außer der Dienerschaft und im hintern -Flügel dem Amtmann, den man nie zu sehen bekommt, sind wir, der Vater -und ich, die einzigen Bewohner; ja die Einsamkeit im Schloß ist oft -so schrecklich und traurig, daß ich mich lieber in die Waldeinsamkeit -flüchte, wo das Rauschen der Bäume und der Gesang der Vögel doch noch -einiges Leben verkünden.« - - -3. - -Ueberrascht stand der junge Mann stille, als sie aus dem dichten Holz -durch eine Wendung des Weges auf einmal dem Schloß gegenüberstanden. -Die Bewohner des südlichen Deutschlands sind von Jugend auf an Anblicke -dieser Art gewöhnt. Man trifft in Franken und Schwaben selten ein Tal -von der Länge einiger Stunden, in welches nicht eine Burg oder zum -mindesten ein gebrochener Turm und ein halbes Tor herabschauen. Die -natürliche Beschaffenheit des Landes, die vielen Berge und kleinen -Flüsse, überdies die eigentümliche Verfassung des zahlreichen Landadels -begünstigten oder nötigten in früherer Zeit zu diesen befestigten -Wohnungen. Aber der Norden unseres Vaterlandes trägt weniger Spuren -dieser alten Zeit; die weiten Ebenen boten keine so natürliche -Befestigung wie die Felsen und Gebirgsausläufer des Südens, und hatte -auch hier und dort eine solche Feste im platten Lande gestanden, so war -sie nur desto schneller dem Verfall und der Zerstörung preisgegeben. -Die Nachbarn teilten sich brüderlich in die teuren Steine, und ihr -Gedächtnis verwehte der Wind, der über die Ebene hinstrich. Darum war -es dem jungen Manne aus der Mark ein so überraschender Anblick, sich -in solcher Nähe einer dieser altertümlichen Burgen gegenüber zu sehen, -um so überraschender, da er durch diese düsteren, tiefen Tore als Gast -einziehen, in jenem altertümlichen Gemäuer wohnen sollte. Doch bald -erfüllte kein anderer Gedanke mehr als der malerische Anblick, der sich -ihm darbot, seine Seele. Der alte schwärzlichgraue Wartturm war auf der -Mittagsseite von oben bis in den Graben hinab mit einem Mantel von Efeu -umhängt. Aus den Ritzen der Mauer sproßten Zweige und grüne Ranken, und -um das Tor zog sich ein breites Rebengeländer, dessen zarte Blätter -und Fasern sich mit sanfter Gewalt um die rostigen Angeln und Ketten -der Zugbrücke geschlungen hatten. Zur rechten Seite des Schlosses -hinderte der dunkle Wald die Aussicht, aber links, an den hohen Mauern -vorüber, tauchte das Auge hinab in die Tiefe des schönen fruchtbaren -Neckartals, schweifte hinauf, den Fluß entlang, zu Dörfern und Weilern -und weit über die Weinberge hin nach fernen blauen Gebirgen. - -»Das ist unser Thierberg,« sagte das Fräulein; »es scheint, die Gegend -habe einigen Reiz für Sie, Vetter, und ich möchte Ihnen wahrlich raten, -recht oft aus dem Fenster zu sehen, um vor unserer Einsamkeit und -diesem häßlichen alten Gemäuer nicht zu erschrecken!« - -»Ein häßliches Gemäuer nennen Sie diese alte Burg?« rief der Gast. -»Kann man etwas Romantischeres sehen, als diese Türme mit Efeu -bewachsen, diesen Torweg mit den alten Wappen, diese Zugbrücke, diese -Wälle und Gräben? Glaubt man nicht das Schloß von Bradwardine oder -irgend ein anderes aus Scottischen Romanen zu sehen? Erwartet man -nicht, ein Sickingen, ein Götz werde uns jetzt eben aus dem Tore -entgegentreten? --« - -»Für dieses Mal höchstens ein Thierberg,« erwiderte das Fräulein -lachend, »und auch von diesen spukt nur noch einer in den fatalen -Mauern. Dergleichen Türme und Zinnen liebe ich ungemein in einem Roman -oder in Kupfer gestochen, aber zwischen diesen Mauern zu wohnen, so -einsam, und winters, wenn der Wind um diese Türme heult und das Auge -nichts Grünes mehr sieht als jenen Eppich dort am Turm -- Vetter! mich -friert schon jetzt wieder, wenn ich nur daran denke. Doch kommt, Herr -Ritter, das Burgfräulein will Euch selbst einführen.« - -Der düstere, schattenreiche Hof, in welchen sie traten, kühlte etwas -die warme Begeisterung des Gastes. Er sah sich flüchtig um, als sie -hindurchgingen, und bemerkte, daß der Platz für ein Turnier denn doch -nicht groß genug gewesen sein müsse, erschrak vor einem halbzerstörten -Turm, dessen Rudera drohend über die Mauer hereinhingen, erstaunte -über den scharfen Zahn der Zeit, der in die dicke Mauer mächtige Risse -genagt und dem Auge eine freie Aussicht in das Tal hinab geöffnet -hatte, und gab in seinem Herzen schon auf den ausgetretenen Stufen der -Wendeltreppe, wo ein heftiger Zugwind durch schlecht verwahrte Fenster -blies, der Bemerkung seiner Cousine über die Wohnlichkeit des Hauses -vollkommen Beifall. Sechs bis acht Hunde begrüßten in einer großen, -mit Backsteinen gepflasterten Halle das Fräulein mit freundlichem -Kläffen und Wedeln, und ein gefesselter Raubvogel, der in einer Ecke -auf der Stange saß, stieß ein unangenehmes Geschrei aus und schwenkte -die Flügel. »Das ist nun unsere Antichambre, unser Hofgesinde,« sagte -Anna, indem sie lächelnd auf die Tiere zeigte; »verwünschte Prinzen und -Prinzessinnen, die Sie entzaubern können. Doch lassen Sie uns jetzt -eintreten,« setzte sie nach einer Weile ernster hinzu, »in diesem -Zimmer ist der Vater.« - -Sie öffnete eine hohe, schwere Flügeltüre, und durch das altfränkisch -ausstaffierte Gemach fiel der Blick des Jünglings auf einen alten -Mann, der in einer tiefen Fensterwölbung saß, wie es schien, in ein -Zeitungsblatt vertieft. Bei dem Gruß seiner Tochter sah er sich um, und -als er den Fremden erblickte und Anna seinen Namen nannte, stand er auf -und ging ihm langsam, aber festen Schrittes entgegen. Mit Bewunderung -sah sein Neffe die hohe, gebietende Gestalt, die ihn unwillkürlich -an jenen Wartturm dieser Burg erinnerte, den so viele Jahre nicht -einzustürzen vermochten, und dessen Alter nur der Efeu anzeigte, der -sich an ihm emporgeschlungen hatte. Zwar hatte die Zeit in diese -fünfundsechzigjährige Stirne Furchen gegraben, um die Schläfe fielen -dünne graue Haare, und der Bart und die Augenbrauen waren silberweiß -geworden, aber das Auge leuchtete noch ungetrübt, und der Nacken trug -den Kopf noch so aufrecht wie in jugendlicher Kraft, und die Hand gab -einen beinahe kräftigeren Druck, als der Neffe zu erwidern vermochte. - -»Bist willkommen in Schwaben,« sagte er mit tiefer, kräftiger Stimme; -»'s war ein vernünftiger Einfall meiner Frau Schwester, daß sie dich -herausschickte. Mach' dir's bequem; setz' dich zu mir ans Fenster, und -du, Anna, bringe Wein.« - -So war der Empfang auf Thierberg. So herzlich und offen er aber auch -sein mochte, so konnte doch der junge Mann mehrere Stunden lang ein -gewisses unbehagliches Gefühl nicht verdrängen. Er hatte sich den Oheim -ganz anders gedacht. Er glaubte nach der Beschreibung, die ihm sein -Vater gemacht hatte, einen rauhen, aber fröhlichen alten Landjunker -zu finden, der seine Hasen hetzt, mit Laune die Händel seiner Bauern -schlichtet, von seinen Kleppern gerne erzählt und zuweilen mit seinen -Freunden und Nachbarn ein Glas über Durst trinkt. Er bedachte nicht, -wie fünfundzwanzig Jahre und eine so verhängnisvolle Zeit wie die, -welche dazwischen lag, auf diesen Mann gewirkt haben konnten. Das -ruhige, ernste Auge des Oheims, das prüfend auf seinen Zügen zu ruhen -schien, die ungesuchten, aber gründlichen Fragen, womit er den Neffen -über sein bisheriges Leben und Treiben ins Gebet nahm, das ironische -Lächeln, das hie und da bei einer Aeußerung des jungen Mannes um seinen -Mund blitzte, dies alles und das ganze gewichtige Wesen des Alten -imponierten ihm auf eine Weise, die ihm höchst unbequem war. Er konnte -sich kein Herz fassen, den Oheim ebenso traulich zu behandeln wie jener -ihn, er kam sich vor wie ein angehender Staatsdiener, dem ein Minister -Audienz gibt, und es war dies zu seinem nicht geringen Verdruß das -zweite Mal, daß er sich über die Landjunker in Schwaben getäuscht sah. - -Auch seine Base erschien ihm ganz anders, als er sie gedacht hatte. Er -fand zwar alle jene liebenswürdige Natürlichkeit, jenes unbefangene, -ungesuchte Wesen, was man ihm an den Töchtern dieses Landes gerühmt -hatte, aber diese Unbefangenheit schien nicht aus Unwissenheit, sondern -aus einem feinen, sichern Takt hervorzugehen, und was sie sprach, -zeugte von einem so trefflich gebildeten Geist, daß ihre Natürlichkeit -nur darin zu bestehen schien, daß sie alles Geistreiche, sei es witzig -oder erhaben, wie etwas Natürliches, Angeborenes vorbrachte, daß es nie -als etwas Erlerntes, als etwas Gesuchtes erschien. Am ärgerlichsten -war es ihm, daß sie ihn schon nach den ersten Stunden zu durchschauen -schien. Die ausgesuchten Artigkeiten, die er ihr sagte, zog sie ins -Komische, den feineren Komplimenten wich sie auf unbegreifliche Art -aus, wollte er ihr nur den zarten, in Berlin gebildeten jungen Mann -zeigen, so nannte sie ihn gewiß immer Herrn von Rantow. Und dennoch -mußte er sich gestehen, daß er nie soviel Harmonie der Bewegung, der -Miene, der Gestalt und der Stimme gesehen habe. Ihr ganzes Wesen -erschien ihm wie das Hauskleid, das sie jetzt eben trug. Es war -einfach und von bescheidenen Farben, und dennoch kleidete es ihre -feine, schlanke Gestalt mit jener geschmackvollen Eleganz, die auch -dem anspruchlosesten Gewand einen geheimnisvollen Zauber verleiht; ein -Toilettengeheimnis, worüber, soviel der junge Mann sich erinnerte, -noch nie ein Modejournal Aufschluß gab, und das ihm mehr das Zeichen -und Symbol einer harmonischen Seele als die Folge einer sorgfältigen -Erziehung zu sein schien. - -Dieselbe Uebereinstimmung glaubte er zwischen dem alten Herrn und -dem Gemach zu finden, in welches er zuerst geführt worden war. Es -war der verblichene Glanz eines früheren Jahrhunderts, was ihm von -den Wänden und Hausgeräten entgegenblickte. Die schweren gewirkten -Tapeten, mit Leisten befestigt, die einst vergoldet waren und deren -Farbe jetzt ins Dunkelbraune spielte; die breiten Armstühle mit -ausgeschweiften, zierlich geschnitzten Beinen, die Polster, mit grellen -Farben künstlich ausgenäht, mit Papageien, Blumentöpfen und den -Bildern längst begrabener Schoßhündchen geziert. Wie manchen Wintertag -mochten seine Ahnfrauen über dieser mühsamen Arbeit gesessen sein, die -ihnen vielleicht einst für das Vollendetste galt, was der menschliche -Geschmack je ersonnen, und die jetzt ihrem Urenkel geschmacklos, -schwerfällig, und hätten sich nicht so ehrwürdige Erinnerungen daran -geknüpft, beinahe lächerlich erschien. Und doch kam ihm dies alles, der -ehrwürdigen Gestalt seines Oheims gegenüber, wie durch Altertum und -langjährige Gewohnheit geheiligt vor. Er sah, man sei in Thierberg -erhaben über den Wechsel der Mode, und wenn er hinzufügte, was ihm sein -Vater über die mancherlei Unglücksfälle und die mißlichen Umstände, -worin sich der Oheim befand, gesagt hatte, so fühlte er sich beschämt, -daß er diese Umgebungen nur einen Augenblick habe grotesk und sonderbar -finden können; er fühlte, daß er unverschuldeter Armut, wenn sie sich -in so ernstem und würdigem Gewande zeige, seine Achtung nicht versagen -könne; ja, vor diesen Wänden, diesem Geräte, und vor dem unscheinbaren, -groben Hausrock des Oheims erschien er sich selbst, wenn er seinen -Blick auf seine modische und höchst unbequeme Tracht warf, wie ein -Tor, beherrscht von einem Phantom, das ein Weiser lächelnd an sich -vorübergleiten läßt. - -Dies waren die Eindrücke, welche der erste Abend in Thierberg auf die -Seele des jungen Rantow machte. So ernst sie aber am Ende auch sein -mochten, so konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken, als mit dem -Schlage acht Uhr, den die alte Schloßuhr zögernd und zitternd angab, -eine Flügeltür am Ende des Zimmers aufsprang, ein kleiner Kerl in -einem verschossenen, bordierten Rock, der ihm weit um den Leib hing, -hereintrat, sich dreimal verbeugte und dann feierlich sagte: »~Le -souper est servi!~« - -»~S'il vous plaît!~« sagte der Alte mit ernsthaftem Gesicht und einer -Verbeugung zu seinem Neffen, reichte seinen Arm der schönen Anna und -ging langsamen Schrittes dem Speisezimmer zu. - - -4. - -Mit den Flügeltüren des Speisesaals und dem ersten Blick, den er -hineinwarf, hatte sich übrigens dem Gast aus Brandenburg ein weites -Feld der Erinnerung geöffnet. Von diesem gemalten Plafond, der die -Erschaffung der Welt vorstellte, von dem schweren Kronleuchter, den -der Engel Gabriel als Sonne aus den Wolken herabhängen ließ, von -den gelben Gardinen von schwerer Seide hatte ihm seine Mutter oft -gesprochen, wenn sie von ihrem väterlichen Schloß in Schwaben und von -dem ungemeinen Glanz erzählte, welcher einst durch ihre hochselige Frau -Großmutter, die Tochter eines reichen Ministers, in die Familie und -in die schöneren Appartements zu Thierberg gekommen sei. Schon seine -Mutter hatte in ihrer Kindheit diese Prachtstücke mit großer Ehrfurcht -vor ihrem Altertum betrachtet, und seit dieser Zeit hatten sie zum -mindesten dreißig bis vierzig Jahre gesehen. - -»Das ist der Familiensaal,« sagte während der Tafel der alte Thierberg, -als er die neugierigen Blicke sah, womit sein Neffe dieses Gemach -musterte. »Vor Zeiten soll man es die _Laube_ genannt haben, und meine -Ahnherren pflegten hier zu trinken. Mein Großvater selig ließ es aber -also einrichten und schmücken. Er war ein Mann von vielem Geschmack und -hatte in seiner Jugend mehrere Jahre am Hof Ludwigs XIV. zugebracht. -Auch meine Frau Großmutter war eine prächtige Dame, und sie beide haben -das Innere des Schlosses auf diese Art eingeteilt und dekoriert.« - -»Am Hofe Ludwigs XIV.!« rief der junge Mann mit Staunen. »Das ist eine -schöne Zeit her; wie mancherlei Gäste mag dieser Saal seit jener Zeit -gesehen haben!« - -»Viele Menschen und wunderbare Zeiten,« erwiderte der alte Herr. »Ja, -es ging einst glänzend zu auf Thierberg, und unsere Gäste befanden sich -bei uns nicht schlimmer als bei jedem Fürsten des Reichs. Man konnte -kein fröhlicheres Leben finden als das auf diesen Schlössern, solange -unsere Ritterschaft noch blühte. Da galt noch unser Ansehen, unsere -Stimme. Man war ein Edelmann so gut als der König von Frankreich, und -ein Freiherr war ein freier Mann, der nichts über sich kannte als -seinen gnädigen Herrn, den Kaiser, und Gott; jetzt --« - -»Vater!« unterbrach ihn Anna, als sie sah, wie die Ader auf seiner -Stirn anschwoll, und wie eine dunkle Röte, ein Vorbote nahenden -Sturmes, auf seinen Wangen aufzog. »Vater!« rief sie mit zärtlichen -Tönen, indem sie seine Hand ergriff, »nichts mehr über dies Thema; Sie -wissen, wie es Sie immer angreift!« - -»Törichtes Mädchen!« erwiderte der alte Herr, halb unwillig, halb -gerührt von der bittenden Stimme seiner schönen Tochter; »warum sollte -ein Mann nicht stark genug sein, nach Jahren von _dem_ zu sprechen, -was er zu dulden und zu tragen stark genug war? Der Vetter kennt nur -unsere Verhältnisse, wie sie jetzt sind. Er ist geboren zu einer Zeit, -wo diese Stürme gerade am heftigsten wüteten, und aufgewachsen in einem -Lande, wo die Ordnung der Dinge längst schon anders war; er kann sich -also nicht so recht denken, was die Vorfahren seiner Mutter waren, und -deshalb will ich ihn belehren.« - -Der Freiherr nahm nach diesen Worten sein großes Glas, auf dessen -Deckel die Wappenschilde seines Hauses, aus Silber getrieben, -angebracht waren, und trank, um Kraft zu seiner Belehrung zu sammeln, -einen langen, tüchtigen Zug. Doch Fräulein Anna sah an ihm vorüber den -Gast mit besorglichen, bittenden Blicken an. Er verstand diesen Wink -und suchte den Oheim von dieser Materie abzubringen. - -»Es ist wahr,« fiel er ein, noch ehe jener das Glas wieder auf den -Tisch gesetzt hatte, »in Preußen sind die Verhältnisse anders und seit -langer Zeit anders gewesen. Aber sagen Sie selbst, kann man ein Land in -Europa finden, das meinem Vaterlande gliche? Ich gebe zu, daß andere -Länder an Flächeninhalt, an Seelenzahl uns bei weitem überwiegen, aber -nirgends trifft man auf so kleinem Raum eine so kräftige, durch innere -Tugend imponierende Macht; es ist das Sparta der neuen Zeit. Und nicht -ein glücklicherer Boden oder ein milderer Himmel bewirkten so Großes; -sondern der Genius großer Männer hat ein Preußen geschaffen, weil -sie es verstanden, die schlummernden Kräfte zu wecken, und dem Volke -selbst zeigten, welche Stellung es einnehmen müsse; weil sie _Preußen_ -geworden sind, ist auch ein Preußen erstanden.« - -Der alte Herr hatte seinem Neffen ruhig zugehört, bei den letzten -Worten aber zog sich sein Gesicht zu solcher Ironie zusammen, daß der -Brandenburger errötete. »Der Sohn meines Nachbars, des Generals von -Willi, würde sagen, wenn er dich hörte: ›O Deutschland, Deutschland, da -sieht man, wie dein Elend aus deiner eigenen Zersplitterung hervorgeht! -Sie wollen nicht mehr Griechen, sondern Platäer, Korinther, Athener, -Thebaner und gar -- Spartaner heißen!‹ Ich wünsche nur,« setzte -er lächelnd hinzu, »daß die Spartaner nicht zum zweitenmal einen -Epaminondas im Felde finden mögen. Die Schlacht bei Leuktra war kein -Meisterstück der Kriegskunst unserer modernen Spartaner.« - -»Unser Unglück bei Jena,« sagte der junge Mann verdrießlich, »kann man -weder dem Volk noch dem Könige zuschreiben, und ich glaube, wir haben -uns an Napoleon hinlänglich gerächt; wir haben nicht nur Deutschland -wieder frei gemacht, sondern ihn selbst entthront.« - -»So? Das seid _ihr_ gewesen?« fragte der Oheim; »Gott weiß, ich tat bis -jetzt sehr unrecht, daß ich dieses Ereignis der halben Million Soldaten -zuschrieb, die man aus ganz Europa gegen ihn zusammenhetzte. Warst -du vielleicht selbst mit dabei, Neffe? Du kannst wahrscheinlich als -Augenzeuge reden?« - -Der Neffe errötete und schickte einen ängstlichen Blick nach Anna, die -ihr Lächeln kaum unterdrücken konnte. »Ich war damals noch auf der -Schule,« antwortete er, »und es hat mich nachher oft geärgert, daß ich -nicht dabei war. Ich gebe zu, daß die andern auch mitgeholfen haben, -aber in allen Schlachten waren es nur die Preußen, die entschieden -haben; denken Sie nur an Waterloo.« - -»Seid überzeugt, ich denke daran,« erwiderte der alte Herr mit großem -Ernst, »und denke mit Vergnügen daran. Wenn _einer_ ein Feind jenes -Mannes ist, so bin ich es; denn er hat uns und alles unglücklich -gemacht und das alte schöne Reich umgekehrt wie einen Handschuh. -Aber das mit deinen Landsleuten weißt du denn doch nicht recht. Ich -glaube schwerlich, daß eure jungen Soldaten, wenn sie auch wirklich -so begeistert waren, wie man sagte, so viele Stöße auf ihr Zentrum -ausgehalten hätten als am achtzehnten Juni jene Engländer, die schon in -allen Weltteilen gedient hatten.« - -»Nicht die Jahre sind es,« sagte jener, »die in solchen Augenblicken -Kraft geben, sondern das Selbstbewußtsein, der Stolz einer Nation und -die Begeisterung des Soldaten für seine Sache; und die hat der Preuße -vollauf.« - -»Ich habe in meiner Jugend auch ein paar Jahre gedient,« entgegnete der -Oheim; »Anno 85 bei den Kreistruppen. Damals waren die Soldaten noch -nicht begeistert, darum kenne ich das Ding nicht. Nächstens wird mich -aber mein Nachbar, der General, besuchen, mit diesem mußt du darüber -sprechen.« - -»Wie dem auch sei,« fuhr der Gast fort, »es freut mich innig, daß Sie -über den Hauptpunkt, über den Unwillen gegen die Franzosen und im Haß -gegen diesen Korsen, mit mir übereinstimmen. Bei uns zu Hause behauptet -man, daß er in Süddeutschland leider noch immer als eine Art Heros -angesehen und, es ist lächerlich zu sagen, von vielen sogar als ein -Beglücker der Menschheit verehrt werde.« - -»Sprich nicht zu laut, Freund,« erwiderte der alte Herr, »wenn du es -nicht mit dieser jungen Dame hier gänzlich verderben willst. Sie ist -gewaltig _napoleonisch_ gesinnt.« - -»Sie werden darum nicht schlechter von mir denken,« sagte Anna -hocherrötend, »weil ich einen Mann nicht geradehin verdammen mag, -dessen unverzeihlicher Fehler der ist, daß er ein großer Mensch war.« - -»Großer Mensch!« rief der Alte mit blitzenden Augen, »den Teufel auch, -großer Mensch! Was heißt das? Daß er den rechten Augenblick erspähte, -um wie ein Dieb eine Krone zu stehlen? Daß er mit seinen Bajonetten -ein treffliches Reich über den Haufen warf, seine herrliche natürliche -Form zertrümmerte, ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen! Großer -Mensch!« - -»Sie sprechen so, weil --« - -»Anna, Anna!« fiel er seiner Tochter in die Rede, »meinst du, ich -spreche nur darum so, weil er uns elend machte? Weil er dieses Tal -und den Wald mir entriß, weil er diese Menschen, die mir und meinen -Ahnen als ihren Herren dienten, an einen andern verschenkte? Weil die -ungebetenen Gäste, die er uns schickte, das bißchen aufzehrten oder -einsteckten, was mir noch geblieben war? Es ist wahr, an jenem Tage, -wo man ein fremdes Siegel über das alte Wappen der Thierberge klebte, -wo man mein Vieh zählte und schätzte, meine Weinberge nach dem Schuh -ausmaß, meine Wälder lichtete und die erste Steuer von mir eintrieb, an -jenem Tage sah ich nur mich und den Fall meines Hauses; aber ging es -der ganzen Reichsritterschaft besser, mußten wir nicht sogar erleben, -daß ein Mann von der Insel Korsika erklärte, es gebe keinen deutschen -Kaiser und kein Deutschland mehr?« - -»Gott sei es geklagt!« sagte der junge Rantow, »und uns wahrhaftig hat -er es nicht besser gemacht.« - -»Ihr, gerade ihr seid selbst schuld daran,« fuhr der alte Herr immer -heftiger fort. »Ihr hattet euch längst losgesagt vom Reich, hattet kein -Herz mehr für das Allgemeine, wolltet einen eigenen Namen haben und -tatet euch viel darauf zu gut. Ihr sahet es vielleicht sogar gern, daß -man uns Schaft für Schaft entzweibrach, weil man uns fürchtete, solange -die übrigen Speere _ein_ Band umschlang. Habt ihr nicht gesehen, wie -weit es kam, als man in Sparta jeden Griechen einen Fremden nannte? -Verdammt sei dieses Jahrhundert der Selbstsucht und Zwietracht, -verdammt diese Welt von Toren, welche Eigenliebe und Herrschsucht Größe -nennt!« - -»Aber lieber Vater --« wollte das Fräulein besänftigend einfallen, doch -der alte Herr war bei seinen letzten Worten schnell aufgestanden, und -der kleine Mensch in der Thierbergischen Livree eilte auf seinen Wink -mit zwei Kerzen herbei. - -»Gute Nacht,« wandte er sich noch einmal zu seinem Neffen; »stoße dich -nicht daran, wenn du mich zuweilen heftig siehst; 's ist so meine -Natur. Schlafet wohl, Kinder!« setzte er ruhiger hinzu, »wenn die -Gegenwart schlecht ist, muß man von besseren Zeiten träumen.« Anna -küßte ihm gerührt die Hand, und die erhabene Gestalt des alten Herrn -schritt langsam der Türe zu. Rantow war so betroffen von allem, was er -gehört und gesehen, daß es ihm sogar entging, welche komische Figur -der Diener machte, der seinem Herrn zu Bette leuchtete. Die weite -Staatslivree, die er trug, hing beinahe bis zum Boden herab, und die -langen bordierten Aufschläge bedeckten völlig die Hände, welche die -silbernen Leuchter trugen. Er war anzusehen wie ein großer Pilgrim, -der einen Kalvarienberg hinan auf den Knieen rutscht. Um so erhabener -war der Kontrast des Mannes, der ihm folgte; er erschien, als er durch -den altfränkischen Saal unter den Familiengemälden seiner Ahnen -vorbeischritt, wie ein wandelndes Bild der guten alten Zeit. - -Als der alte Herr das Gemach verlassen hatte, stand das Fräulein mit -einer Verbeugung gegen ihren Gast auf und trat in ein Fenster. Der -junge Mann fühlte an ihrem Schweigen, daß er diesen Abend Saiten -berührt haben müsse, die man anzutasten sonst vielleicht sorgfältig -vermied. Sie blickte hinaus in die Nacht, und Rantow trat an ihre -Seite; er hatte oft erprobt, wie sich Mißverständnisse leichter lösen, -wenn man sie in einen Scherz kehrt, als wenn man mit Ernst oder Wehmut -darüber spricht. Mit solch einem Scherz wollte er Anna versöhnen; doch -als er zu ihr ans Fenster trat, war der Anblick, der sich ihm darbot, -so überraschend, daß kein heiteres Wort über seine Lippen schlüpfen -konnte. Das tiefe, schwärzliche und doch so reine Blau, das nur ein -südlicher Himmel im Mondlicht zeigt, hatte er noch nie gesehen. Ueber -Wald und Weinberge herab goß der Mond seltsame Streiflichter, und im -Tal schimmerten seinen Glanz nur die zitternden Wellen des Neckars -und die Spitze des dunkeln Kirchturms zurück. Der falbe Schein dieses -Lichtes der Nacht hatte Annas Züge gebleicht, und in ihren schönen -Augen schwamm eine Träne. Jetzt erst, als alles so still und lautlos -war, vernahm man aus der Ferne die gehaltenen Töne einer Flöte, und -diese Klänge verbanden sich so sanft mit dem milden Schimmer des -Mondes, daß man zu glauben versucht war, es seien _seine_ Strahlen, -die so melodisch sich auf die Erde niedersenkten. Ein seliges Lächeln -zog über Annas Gesicht; ihr glänzender Blick hing an einer Waldspitze, -die weit in das Tal vorsprang, und ihre tieferen Atemzüge schienen der -Flöte zu antworten. - -»Wie prachtvoll ist selbst die Nacht in Ihrem Tal!« sprach nach einer -Weile der Gast. »Wie schön wölbt sich der Himmel darüber hin, und der -Mond scheint nur für diesen stillen Winkel der Erde geschaffen zu sein.« - -Anna öffnete das hohe Bogenfenster. »Wie warm und mild es noch draußen -ist!« sagte sie, indem sie freundlich in das Tal hinabschaute. »Kein -Lüftchen weht.« - -»Aber die Bäume neigen sich doch her und hin,« erwiderte er, »sie -rauschen, gewiß vom Wind bewegt.« - -»Kein Lüftchen weht,« wiederholte sie und hielt ihr weißes Tuch hinaus. -»Sehen Sie, nicht einmal dieses leichte Tuch bewegt sich. Und kennen -Sie denn nicht die alte Sage von den Bäumen? Nicht der Nachtwind ist -es, der ihre Blätter bewegt, sie flüstern jetzt und erzählen sich, und -wer nur ihre Sprache verstünde, könnte manches Geheimnis erfahren.« - -»Vielleicht könnte man dann auch erfahren, wer der Flötenspieler ist,« -sagte der Vetter, indem er Anna schärfer ansah; denn schon war er so -eifersüchtig auf seine schöne Base geworden, daß ihm die süßen Töne vom -Wald her und ihr Tuch, das sie noch immer aus dem Fenster hielt, in -Wechselwirkung zu stehen schienen. - -»Das kann ich Ihnen auch ohne die Bäume verraten,« erwiderte sie -lächelnd, indem sie das Tuch zurücknahm. »Das ist ein munterer -Jägerbursche, der seinem Mädchen einen guten Abend spielt.« - -»Dazu ist aber die Entfernung doch beinahe zu groß,« fuhr er fort, -»manche Töne werden nicht ganz deutlich.« - -»Im Dorf unten hört man es besser als hier oben«, sagte sie -gleichgültig und schloß das Fenster; »überdies sagt ja das Sprichwort: -›Das Ohr der Liebe hört noch weiter als das des Argwohns.‹« - -»Schön gesagt,« rief der junge Mann, »doch das _Auge_ des Argwohns -sieht weiter als das der Liebe.« - -»Sie haben recht,« entgegnete sie, »aber nur bei Tag, nicht bei Nacht.« - -Diese, wie es schien, ganz absichtslos gesagten Worte überraschten den -jungen Mann so sehr, daß er beschämt die Augen niederschlug. Er warf -sich seine Torheit vor, daß er nur einen Augenblick glauben konnte, es -sei ein Liebhaber dieses arglosen Kindes, der dort im Walde musiziere. - -»Und nun gute Nacht, Vetter,« fuhr Anna fort, indem sie eine Kerze -ergriff. »Träumen Sie etwas recht Schönes, man sagt ja, der erste -Traum in einem Hause werde wahr; Hans! leuchte dem Herrn Baron ins -rechte Turmzimmer! Und dies noch,« setzte sie auf französisch hinzu, -als der Diener näher trat, »vermeiden Sie, mit meinem Vater über Dinge -zu sprechen, die ihn so tief berühren. Er ist sehr heftig, doch gilt -sein Zorn nie der Person, sondern der Meinung. Es war _meine_ Schuld, -daß ich Sie nicht zuvor unterrichtet habe, morgen will ich nähere -Instruktionen erteilen. -- Gute Nacht!« - -Sinnend über dieses sonderbare und doch so liebenswürdige Wesen folgte -der Gast dem Diener, und die dumpf hallenden Gänge und Wendeltreppen, -das vieleckige, in wunderlichen Spitzbogen gewölbte Gemach, das -altertümliche Gardinenbette, so manche Gegenstände, die er sonst so -aufmerksam betrachtet hätte, blieben diesmal ohne Eindruck auf seine -Seele, die nur eifrig beschäftigt war, den Charakter und das Benehmen -Annas zu prüfen und zu mustern. - - -5. - -Als der Gast am folgenden Morgen nach einer sorgfältigen Toilette -hinabging, um mit seinen Verwandten zu frühstücken, konnte er sich -anfänglich in dem alten Gemäuer nicht zurechtfinden. Ein Diener, -auf welchen er stieß, führte ihn dem Saal zu, und an den Gängen und -Treppen, die er durchwandern mußte, bemerkte er erst, was ihm gestern -nicht aufgefallen war, daß er im entlegensten Teil dieser Burg -geschlafen habe. Auf sein Befragen gestand ihm der Diener, daß sein -Gemach das einzige sei, das man auf jener Seite noch bewohnen könne, -und außer dem Wohnzimmer mit den gewirkten Tapeten, dem Schlafzimmer -des alten Herrn, dem Saal, dem kleinen Zimmerchen in einem andern Turm, -wo Fräulein Anna wohne, sei nur noch das ungeheure Bedientenzimmer, -das früher zu einer Küche gedient habe, und die Wohnung des Amtmanns -einigermaßen bewohnbar; die übrigen Gemächer seien entweder schon halb -eingestürzt oder würden zu Fruchtböden und dergleichen benützt. Der -stolze Sinn des Oheims und die fröhliche Anmut seiner Tochter standen -in sonderbarem Widerspruch mit diesen öden Mauern und verfallenen -Treppen, mit diesen sprechenden Bildern einer vornehmen Dürftigkeit. -Der junge Mann war, wenn nicht an Pracht, doch an eine gewisse -reinliche Eleganz in seiner Umgebung selbst an den Treppen und Wänden -gewöhnt, und er konnte daher nicht umhin, seine Verwandten, die in so -großer, augenscheinlicher Entbehrung lebten, für sehr unglücklich zu -halten. Das romantische Interesse, das der erste Anblick dieser Burg -für ihn gehabt hatte, verschwand vor dieser traurigen Wirklichkeit, und -wenn er sich dachte, wie die Mauerrisse und Spalten, durch welche jetzt -nur die warme Morgensonne hereinfiel, den Stürmen des Winters freien -Durchgang lassen mußten, war ihm Annas Furcht vor dieser Jahreszeit -wohl erklärlich. - -»Und ein so zartes Wesen diesen rauhen Stürmen ausgesetzt,« sagte er -zu sich, »ein so reicher und gebildeter Geist ohne Umgang, vielleicht -ohne Lektüre, einen ganzen Winter lang in diesen Mauern vom Schnee und -Wetter gefangen gehalten, einsam bei dem ernsten, feierlichen, alten -Mann! Und dieser ehrwürdige Alte, der einst bessere Tage gesehen, durch -die Ungunst der Zeit in unverschuldete Dürftigkeit und Entbehrung -versetzt!« Von so gutmütiger Natur war das Herz des jungen Mannes, daß -er vor der Türe des Saales halb und halb den Entschluß faßte, um die -schöne Anna zu freien, sie in die Mark zu führen, oder wenn ihm das -Leben in Schwaben besser gefallen sollte, mit ihr in die Residenz zu -ziehen und für den Sommer Thierberg wieder instandsetzen zu lassen. - -Der Alte empfing ihn mit einem herzlichen Morgengruß und derben -Händedruck, und Anna erschien ihm heute noch freundlicher und -zutraulicher als gestern. Das Tagewerk der Knechte wurde in seiner -Gegenwart angeordnet, und mit Wonne sah er Anna eine Geschäftigkeit -im Hauswesen entfalten, die er der feingebildeten jungen Dame nicht -zugetraut hätte. Auch über ihre eigenen Geschäfte sprachen die -Bewohner des Schlosses. Der Alte wollte vormittags mit seinem Verwalter -rechnen, Anna den Gast unterhalten und einen Spaziergang mit ihm ins -Tal hinab machen. Nach Tische wollte sie bei einigen Damen in der -Nachbarschaft Besuche abstatten, der Alte das Stück Wald, das ihm noch -eigen gehörte, mustern, und Albert sollte ihn begleiten. Der Abend -sollte sie alle zum Spiel vereinigen. So angenehm dem jungen Manne -die Aussicht war, einen ganzen Vormittag mit der schönen Cousine zu -verleben, so erschreckte ihn doch ein so langer Waldspaziergang mit dem -ernsten Onkel, der alle Augenblicke die sonderbarsten, vielseitigsten -Kenntnisse verriet und in so hohem Alter noch ein Wortgedächtnis hatte, -vor welchem jenem graute. »Wie, wenn er dich den ganzen Nachmittag -ausfragte, was du gelernt hast!« sagte er zu sich. »Wie schnöde wird -es dann an den Tag kommen, welche Lehrstühle und Säle in Berlin du -_nicht_ besucht, und wie schnell wird er ahnen, _welche_ du besucht -hast.« Einiger Trost für ihn war seine geläufige Zunge und ein wenig -Disputierkunst, das einzige, was ihm von seinem Hofmeister übrig -geblieben war. Doch wie einen zum Galgen Verdammten das Henkermahl noch -erfreut, das ihm der Nachrichter zu- und anrichten muß, so richtete -sich seine geängstigte Seele an der schönen Gegenwart auf. Und welcher -Himmel ging ihm erst auf, als der Onkel, nachdem er schon Hut und -Stock ergriffen hatte, sich noch einmal zu seinem Neffen wandte. »Noch -etwas!« sagte er zu ihm. »So lange Thierberg steht, ist es Sitte, daß -die nächsten Verwandten gleicher Linie mit Du unter sich reden; ich -denke, du wirst mit Anna keine Ausnahme machen, weil du hundert Meilen -nördlicher geboren bist.« - -Anna lächelte und schien es ganz in der Ordnung zu finden, aber mit -freudeglühenden Wangen sagte der junge Mann zu; dankbar blickte er -dem alten Oheim nach, der ihm in diesem Augenblick wie ein Bote der -Liebe erschien. Leider vergaß er dabei, daß dieses Du nicht das süße, -heimliche Du der Liebe sei, und daß ein so nahes Verhältnis zwar der -Freundschaft förderlich, für die entstehende Liebe aber ein Hindernis -sein könnte. - -»Und du wolltest mir gestern abend noch Instruktionen geben,« sagte -er, indem er sich in das Fenster zu dem Fräulein setzte. »Es ist mir -angenehm, wenn du mir recht viel vom Onkel sagst, ich habe ihn mir -durchaus anders gedacht, und daher kam nun wohl gestern abend mein -Mißgriff.« - -»Wie hast du dir ihn denn gedacht?« fragte Anna. - -»Nun, ich setzte mir aus dem, was Mutter und Vater erzählten, ein Bild -zusammen, das nun freilich nicht paßt. Seit mein Vater Kammerjunker an -eurem Hofe war und nachher die Mutter nach Preußen heimführte, mögen -es doch etwa dreißig Jahre sein. Damals war wohl Onkel etwa fünf- bis -sechsunddreißig Jahre alt, und man nannte ihn noch immer den Junker, -denn der Großvater Thierberg lebte noch. Mein Vater beschreibt ihn nun -gar komisch, wenn er auf ihn zu sprechen kommt. Er war hier im Schloß -aufgewachsen unter der Aufsicht seines Herrn Papa und seiner Frau Mama. -Die guten Großeltern könnte ich malen. Sie müßten in den geblümten -und ausgenähten Fauteuils sitzen, aufrecht und anständig frisiert; -die Großmama in einem blauseidenen Reifrock, der Großpapa in einem -verschossenen Hofkleid. Sie sind die regierende Familie in ihrem Land, -der Amtmann und der Pastor ihr Hofstaat. Der Erbprinz lernte hier nicht -viel mehr, als sich anständig verbeugen, die Hand küssen, reiten und -jagen, und die Prinzessinnen sollen ihn an Bildung weit übertroffen -haben. Die zwei Jahre Garnisonleben bei den Reichstruppen hatten ihn -nicht gerade verfeinert, und so soll er immer zur größten Lust der -Verwandten gedient haben, wenn er um die Zeit, da man alljährlich die -Remontepferde von Leipzig brachte, in die Residenz kam. Meine Mutter -wurde damals bei Onkel Wernau erzogen, und mein Vater kam täglich in -das Haus. Wenn dann dein Vater im Herbst zu Besuch kam, verhehlte -er nicht, daß er nur gekommen sei, um die schönen Remontepferde zu -betrachten, zog den ganzen Tag bei Bereitern und in den Ställen umher, -freute sich, mit seiner großen Pferdekenntnis glänzen zu können, und -unterhielt abends die glänzende Gesellschaft bei Wernaus durch sein -sonderbares Wesen, das zwar nie linkisch oder unanständig, aber im -höchsten Grade naiv, ungezwungen und komisch war. Mein Vater sagte oft -›Er war ein Bild der guten alten Zeit, nicht jener steifen Zeit, wo man -den Hofton und die Reifröcke in jedem Winkel des Landes affektierte, -sondern einer viel früheren. Er war das Muster eines schwäbischen -Landjunkers.‹« - -Der junge Mann hielt inne in seiner Beschreibung, als er sah, daß seine -Zuhörerin lächelte. »Du findest vielleicht diese Züge unwahr,« sagte -er, »weil sie auf heute nicht mehr passen, und doch versichere ich --« - -»Mir fiel nur,« erwiderte sie, »als du dies das Bild eines schwäbischen -Landjunkers nanntest, jenes Buch ein, das beinahe mit denselben Zügen -einen Landjunker in -- Pommern schildert. Du versetzest nun dieses Bild -in mein Vaterland, in dieses Schloß sogar; sonderbar ist übrigens, -daß beinahe kein Zug mehr zutrifft. In dem gut gemalten Bilde eines -Jünglings muß man sogar die Züge des Greises wiedererkennen, doch -hier --« - -»Das wollte ich ja eben sagen; ich fand den Onkel so ganz und durchaus -anders, daß ich selbst nicht begreifen konnte, wie er einst jener -muntere, naive Junge habe sein können.« - -»Ich spreche ungern mit Männern über Männer, ich meine, es passe -nicht für Mädchen,« nahm Anna das Wort; »über meinen Vater vollends -habe ich nie -- _beinahe_ nie gesprochen,« setzte sie errötend hinzu, -»doch mit dir will ich eine Ausnahme machen. Ich kenne zwar den Vater -nicht anders, als wie er jetzt ist; es ist möglich, daß er vor dreißig -Jahren etwas anders war, aber bedenke, Vetter Albert, durch welche -Schule er ging! Alles, alles, was ihm einst lieb und wert war, hat -diese furchtbare Zeit niedergewühlt. Oder meinst du, jene Verhältnisse, -so sonderbar und unnatürlich sie vielleicht erscheinen, seien ihm -nicht teuer gewesen? Wie oft, wenn die alten Herren in der vormaligen -Reichsritterschaft im Saal waren und sich besprachen über die gute alte -Zeit, wie oft hätte ich da weinen mögen, aus Mitleid mit den Greisen, -die sich nun so schwer in diese neuen Gestaltungen finden!« - -»Aber ging es ganz Europa besser? Denke an Spanien, Frankreich, -Italien, Polen und das ganze Deutschland,« erwiderte der Gast. - -»Ich weiß, was du sagen willst,« fuhr sie eifrig fort; »man soll über -dem Unglück und der Umwühlung eines Weltteils so kleine Schmerzen -vergessen; aber wahrlich, so weit sind wir Menschen noch nicht. Auf -diesen Standpunkt erhebe sich, wer kann, und ich meine, er wird auch -in seiner Großherzigkeit wenig Trost, weder für sich noch für das -Allgemeine finden. Und ich möchte überdies noch behaupten, daß unter -allen, die überall gelitten haben, vielleicht gerade diese Ritterschaft -nicht am wenigsten litt. Andere Wunden, die man nur dem Vermögen -schlägt, heilen mit der Zeit, doch wo, nicht durch Revolution, sondern -im Namen gesetzlicher Gewalt, so alte, lang gewöhnte Bande zersprengt, -und Formen, die auf ewig gegründet schienen, zertrümmert werden, das -eine Stück hierhin, das andere dorthin gerissen -- werden die teuersten -Interessen in innerster Seele verwundet. Wenn so die alten Hauptleute -und Räte der Ritterschaft, einige Komture und deutsche Ritter um die -Tafel sitzen, so glaubt man oft Gespenster, Schatten aus einer anderen -Welt zu sehen. Doch wenn man bedenkt, daß dies alles, was sie einst -erfreute, so lang vor ihnen zu Grabe ging, und diese Titel von der -jungen Welt nicht mehr verstanden werden, so kann man mit ihnen recht -traurig werden.« - -»Es ist wahr,« bemerkte der Gast, »und man muß gerecht sein; sie wurden -von früher Jugend in der Achtung und im ritterlichen Eifer für jene -alten Formen erzogen, glänzten vielleicht eben im ersten Schimmer einer -neuen Amtswürde, als das Unglück hereinbrach und alles auflöste; und -wie schwer ist es, alten Gewohnheiten zu entsagen, alte Vorurteile -abzulegen!« - -»Um so schwerer,« setzte Anna hinzu, »wenn man ein Recht und -gesetzliche Ansprüche darauf zu haben glaubt. Hätte man jene Bande -sanft gelöst, man würde sich nach und nach gewöhnt haben; so aber war -es das Werk eines Augenblicks. Vermögen, Ansehen und Würden gingen -zugleich verloren, und mancher wurde geflissentlich gekränkt. So -wurde der Unmut über die Veränderung zur Erbitterung. Der Vater hat -oft erzählt, wie sie ihm an _einem_ Tage alle Familienwappen von den -Wänden gerissen, das Vieh geschätzt, Pferde weggeführt, die Braupfannen -versiegelt und für Staatseigentum erklärt haben; die Mutter war -krank, der Vater außer sich gebracht durch höhnische Behandlung der -neuen Beamten, und um das Unglück vollkommen zu machen, legten sie -fünfundsiebzig Franzosen in dieses Schloß, die nicht plündern, aber -ungestraft stehlen durften, und wenn sie weiter zogen, nur ebensoviel -neuen Gästen Platz machten.« - -»Wahrhaftig!« rief Albert, »ein solches Schicksal hätte wohl auch den -fröhlichsten Junker ernst machen müssen!« - -»Wie es ging, weiß ich nicht; nur so viel nahm ich mir aus den -Gesprächen ab, daß er seit jener Zeit ganz verändert sei. Er hielt -sich meistens zu Hause, las viel und studierte manches. Er gilt jetzt -in der Gegend für einen Mann, der viel weiß, und muß in manchen Fällen -Rat geben. Doch um auf die Instruktionen zu kommen, die ich dir -erteilen wollte, so kannst du sie aus dem, was ich dir erzählte, selbst -abnehmen. Berühre nie die früheren politischen Verhältnisse, wenn du -ihn nicht wehmütig machen willst, sprich nie von dem Kaiser --« - -»Von welchem Kaiser?« unterbrach sie der Vetter. - -»Nun, von Napoleon, wollte ich sagen; er sieht ihn als den Urheber -aller seiner Leiden an, und wenn etwa der General in diesen Tagen -kommen sollte, laß dich in keinen politischen Diskurs ein; sie sind -schon so heftig aneinander geraten.« - -»Wer ist denn der General?« fragte Albert. »Hat nicht dein Vater mich -gestern aufgefordert, mit ihm über die neuere Kriegszucht zu sprechen?« - -»Der General Willi ist unser Nachbar,« erwiderte Anna, »und wohnt -eine halbe Stunde von hier, den Neckar abwärts. Er gehört so sehr der -neueren Zeit an, als der Vater der alten, und ich kann ihm seine Art zu -denken ebensowenig verargen als meinem Vater. Er machte in den früheren -Feldzügen eine sehr schnelle Karriere, und der Kaiser selbst soll ihn -im Feldzuge von 1809 beredet haben, unsern Dienst zu verlassen und in -die Garde zu treten. Er war mit in Rußland, wurde bei Chalons gefangen -und zog sich nachher gänzlich zurück. Hier hat er nun ein Gut gekauft, -ist ein sehr vermögender Mann und lebt im stillen seinen Erinnerungen. -Du kannst dir denken, daß ein Mann, der in solchen Verhältnissen -seine schönsten Jahre lebte, wohl auch noch heute von der Sache, für -welche er einst focht, eingenommen ist; er ist, was man so nennt, ein -eigensinniger Napoleonist und hat wenigstens so gut als irgend einer -Grund dazu.« - -»Wenn er ein Franzose wäre,« entgegnete Albert, »dann möchte es ihm -hingehen. Aber für einen Deutschen schickt es sich doch wahrhaftig -nicht. Es war keine _Sache_, für welche er focht, sondern ein Phantom.« - -»Streiten wir nicht darüber,« fiel ihm Anna ins Wort. »Ich bin -überzeugt, wenn du diesen liebenswürdigen, edlen Mann kennen lernst, -wirst du ihm seinen Enthusiasmus vergeben.« - -»Wie alt ist er denn?« fragte jener befangen. - -»Ein guter Fünfziger,« erwiderte Anna lächelnd. »Mir aber scheint er, -wie gesagt, für seine Gesinnungen ein so gutes Recht zu haben als der -Vater. Wurde ja doch auch, was _ihm_ groß und erhaben deuchte, zerstört -und verhöhnt, und du weißt, daß dies nicht der Weg ist, die Menschen -mit dem Neueren auszusöhnen. Die beiden Herren haben große Zuneigung -zueinander gefaßt, obgleich sie in ihren Meinungen so schroff einander -gegenüberstehen. Oft kommt es unter ihnen zu so heftigem Streit, daß -ich immer einmal einen wirklichen Bruch der nachbarlichen Verhältnisse -voraussehe. Ich glaube, wenn mehr Damen zugegen wären, würde es nie -so weit kommen, aber leider hat auch der General vor einigen Jahren -seine Frau verloren. Sie war eine treffliche Frau, und meine Mutter -schätzte sie sehr; der Vater konnte es ihr aber nie vergeben, daß sie -eine Bürgerliche war, und seine Schwester, die jetzt eben bei ihm ist, -pflegt immer nur auf kurze Zeit einzukehren.« - -Der alte Thierberg, der in diesem Augenblick von seinem Amtmann -zurückkam, unterbrach dieses Gespräch, das der junge Mann noch lange -hätte fortsetzen mögen; denn Base Anna erschien ihm, wenn sie lebhaft -sprach, wenn ihre Augen während ihrer Rede immer heller glänzten, und -ihre zarten Züge jede ihrer Empfindungen abspiegelten, immer reizender, -liebenswürdiger zu werden, und er glaubte aus dem Vergnügen, das ihr -die Unterhaltung mit ihm zu gewähren schien, nicht mit Unrecht einen -günstigen Schluß für sich ziehen zu dürfen. - - -6. - -Von allen seinen früheren reichsfreiherrlichen Rechten war dem -alten Thierberg nur die Ernennung oder, wie man es dort nannte, die -Präsentation des Schulmeisters übrig geblieben, und er verwünschte auch -diesen letzten Rest ehemaliger Größe und Gewalt, als er nachmittags -zwei Schulamtskandidaten mit dem Thierberger Prediger ins Schloß -treten sah. Er hieß seinen Neffen allein in den Wald vorausgehen und -versprach, bald zu folgen. Der junge Mann wanderte langsam jenen Weg -hinan, welchen ihn Anna zuerst geführt hatte. Oft stand er stille und -sah zurück auf diese altertümliche Burg, und gerne verweilte sein Auge -auf jenem Turm, in dessen Zimmerchen Anna wohnte. Wie liebte er dieses -klare, ruhige, natürliche Wesen, gepaart mit so viel Anstand und mit -so feiner Bildung! Er konnte sich auf nichts Aehnliches besinnen. -Oft wollten zwar in seiner Erinnerung die Damen der Mark diesem -Schwabenkind den Vorrang streitig machen. Es deuchte dem jungen Mann, -er habe elegantere Formen gesehen, gewandter, zierlicher sprechen -gehört, er rief sich jede einzelne Schönheit, die ihn sonst bezauberte, -zurück, aber er bekannte, daß es gerade diese Unbefangenheit, diese -Ruhe sei, was ihm so überraschend, so neu, so liebenswürdig erschien. -»Sie ist zu verständig, zu ruhig, zu klar, um jemals recht lieben zu -können,« fuhr er in seinen Gedanken fort, »aber schätzen wird sie mich, -sie wird Interesse an mir finden. Und gerade diese Klarheit, diese -Art, über das Leben zu denken, muß ihr andere, bessere Verhältnisse -längst wünschenswert gemacht haben. Bequeme, elegante Wohnung, eine -geschmackvolle Garderobe, Wagen, Pferde, Bediente, eine ausgesuchte -Bibliothek, das sind die Dinge, welche in einem solchen kalten Herzen -die Liebe ersetzen; so unbefangen sie ist, so weiß sie doch in ihrer -Unbefangenheit die Dame recht wohl zu spielen, und wirklich -- es muß -ihr als Frau von Rantow allerliebst stehen!« - -Der junge Mann war unter diesen Träumen einer schönen Zukunft auf einer -Höhe angelangt, wo er einen Teil des reizenden Neckartales überschauen -konnte. Vorwärts zu seiner Linken gewahrte er eine Waldspitze, die -weit vorsprang und ihm die Aussicht auf den andern Teil des Tales -verdeckte. Er verglich sie mit der Lage des Schlosses und fand, -es müsse dieselbe Bergspitze sein, von welcher gestern jene süßen -Flötenklänge herübertönten. Von dort aus, hatte ihm Anna gesagt, könne -man einen weiten, freien Blick über das ganze Tal genießen, und rasch -beschloß er, nicht erst den Oheim abzuwarten, sondern im Genuß einer -herrlichen Aussicht auf jener Waldecke seinen Gedanken nachzuhängen. -Er hatte sich die Richtung gut gemerkt, und nicht lange, so trat er -auf diesen reizenden Platz heraus. Das Tal schwenkte sich in einem -schönen Bogen an Thierberg vorüber um diese Bergecke. Rechts und bei -weitem näher, als Albert gedacht hatte, lag die Burg, durch eine breite -Waldschlucht von dieser Stelle getrennt. Man konnte mit einem guten -Fernglas deutlich in die Fenster von Thierberg sehen, und der junge -Mann ergötzte sich eine Zeitlang an den Zügen des Pastors und seines -Oheims, die in eifrigem Gespräch an der Fensterbrüstung standen. Auch -Annas Turmfenster war geöffnet, aber statt ihrer holden Züge sah man -nur einen kleinen Orangenbaum, den sie an die Sonne gestellt hatte. -In der Mitte des Tales zog in kleineren Bogen der Neckar hin, viele -freundliche Halbinseln bildend und in kleiner Entfernung entdeckte -das Auge des jungen Mannes ein neues Schloß, in dessen Fenstern sich -die Mittagssonne spiegelte. Es war in gefälligem, italienischem Stil -aufgebaut, die Säulen und der Balkon, schlank und zierlich, machten -einen sonderbaren Kontrast mit den dunkeln schweren Mauern des -Thierbergs zu seiner Rechten, und wie diese Burg auf der Nordseite -des Gebirges auf einem steilen Waldberg hing, so ruhte jenes schöne -Lustschloß auf der Südseite gegenüber an einem sanften Rebhügel, dessen -reinlich und nett angelegten Geländer und Spaliere sich bis an den -Fluß herabzogen. Albert war in diesen reizenden Anblick versunken und -dachte nach über diesen Gegensatz, welchen die beiden Schlösser wie -Bilder der alten und neuen Zeit hervorbrachten, als feste Männertritte -hinter ihm durch das Gebüsch rauschten und ihn aus seinen Betrachtungen -weckten. Er wandte sich um und war vielleicht nicht weniger erstaunt -als der Mann, der jetzt durch die letzten Büsche brach und vor ihm -stand. -- Es war sein Gefährte vom Eilwagen. Er hatte eine Jagdtasche -übergeworfen, trug eine Büchse unter dem Arm, und zwei große Windhunde -stürzten hinter ihm aus dem Gebüsch. - -»Wie, ist es möglich?« rief der Jäger und blieb verwunderungsvoll -stehen; »ich hätte mir noch eher einfallen lassen, hier auf einen Adler -denn auf Sie zu stoßen!« - -»Sie sehen, ich benütze Ihren Rat,« erwiderte der junge Mann, »ich -durchspüre jeden Winkel Ihres Landes nach schönen Aussichten --« - -»Aber wie kommen Sie _hieher_?« fuhr jener fort, indem er ihn -aufmerksamer betrachtete. »Und Sie sind auch nicht auf der Reise, wie -ich sehe; haben Sie sich in der Nähe eingemietet?« - -Albert deutete lächelnd auf die alte Burg hinüber. »Dort -- und -gestehen Sie,« sagte er, »ich hätte keinen schöneren Punkt wählen -können.« - -»In Thierberg?« rief der Jäger mit steigendem Erstaunen, indem er auf -einen Augenblick leicht errötete; »wie, ist es möglich, in Thierberg? -Oder sind vielleicht gar Thierbergs die Verwandten, die --« - -»Die ich in der Stadt besuchen wollte und hier auf ihrem Landsitz traf. -Ich segne übrigens diesen Geschmack meines Oheims,« setzte Albert -mit einer Verbeugung hinzu, »da er mich aufs neue in die Nähe meines -angenehmen Reisegesellschafters führte.« - -»So wären Sie vielleicht ein Rantow aus Preußen?« fragte der Jäger aufs -neue. - -»Allerdings,« antwortete der Gefragte. »Aber wie folgern Sie dies? Sind -Sie vielleicht mit meinem Oheim bekannt?« - -»Ich besuche ihn zuweilen,« sagte jener mit einem langen Seitenblick -auf das alte Schloß, »ich bin gerne dort; doch beinahe hätte ich das -Glück gehabt, Ihre Bekanntschaft noch früher zu machen; ich reiste vor -einem Jahr in Ihre Heimat, und auf den Fall, daß mich meine Straße -über Fehrbellin geführt hätte, war ich mit einem Brief an Ihre Eltern -versehen, mit einem Brief von Ihrem Oheim selbst. -- Aber habe ich -zu viel gesagt, wenn ich von den Reizen unseres Neckartales sprach? -Finden Sie nicht alles hier vereinigt, was man immer für das Auge -wünschen kann?« - -»Ich dachte schon vorhin darüber nach,« versetzte Rantow; »wie -verschieden ist der Charakter dieser beiden Berge zur Seite des Tales! -Hier dieser dunkle Wald, mit Schluchten und Felsenrissen, durch welche -sich Bäche herabgießen, die alte Burg, halb Ruine, auf diese jäh -abbrechende Wand hinausgerückt. Jenseits die sanften, wellenförmigen -Rebhügel, mit bläulichroter Erde und dem sanften Grün des Weinstocks. -Und diese Kontraste durch das liebliche Tal, durch den Fluß vereinigt, -der bald hierhin, bald dorthin zu den Bergen sich wendet! Wahrhaftig, -es müßte nichts Angenehmeres sein, als auf einer dieser grünen -Halbinseln ein einsames Idyllenleben zu führen!« - -»Ja,« entgegnete der Jäger lächelnd, »wenn der Fluß nicht in jedem -Frühjahre austräte und Damon, die Hütte und -- seine Daphne zu -entführen drohte! Aber waren Sie schon unten im Tal?« - -»Noch nicht, und wenn etwa Ihr Weg hinabführt, werde ich Sie gerne -begleiten.« - -Der Jäger lockte seine Hunde und schlug dann einen Seitenpfad ein, -der in die Tiefe führte. Rantow, der hinter ihm ging, bewunderte den -schlanken Bau, den kräftigen Schritt und die gewandten Bewegungen des -jungen Mannes. Er war einigemal versucht zu fragen, wer er sei, wo -er wohne; aber es lag etwas so Bestimmtes, Ueberwiegendes in seinem -ganzen Wesen, daß er diese Frage immer wieder auf eine bequemere Zeit -verschob. Im Tal wandte sich der Jäger stromabwärts; Kinder und Alte, -die ihnen begegneten, grüßten ihn überall freundlich und zutraulich; -manche blieben wohl auch stehen und schauten ihm nach. Oft stand er -stille und machte den Fremden auf jeden schönen Punkt aufmerksam, -erzählte ihm von der Lebensart der Leute, von ihren Sitten und -ländlichen Festen. - -Der Weg bog jetzt um den Berg, und plötzlich standen sie dem neuen -Schloß gegenüber, das Albert von der Höhe herab gesehen hatte. »Welch -herrliches Gebäude!« rief er, »wie malerisch liegt es in diesen -Weinbergen! Wem gehört dieses Schloß?« - -»Meinem Vater,« erwiderte der Jäger freundlich. »Ich denke, Sie setzen -mit mir über und versuchen den Wein, der auf diesen Hügeln wächst.« - -Gerne folgte der junge Mann dieser einfachen Einladung; sie gingen ans -Ufer, wo der Jäger einen Kahn losband; er ließ seinen Gast einsteigen -und ruderte ihn leicht und kräftig über den Fluß. Auf reinlichen, mit -feinem Kies bestreuten Wegen, durch hohe Spaliere von Wein gingen sie -dem Schloß zu, dessen einfach schöne Formen in der Nähe noch deutlicher -und angenehmer hervortraten, als aus der Ferne betrachtet. Unter -dem schattigen Portal, das vier Säulen bildeten, saß ein Mann, der -aufmerksam in einem Buche las. Als die jungen Männer näher kamen, stand -er auf und ging ihnen einige Schritte entgegen. Er war groß, aufrecht -und hager, und etwa zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Ein -schwarzes, blitzendes Auge, eine kühn gebogene Nase, die dunkelbraune -Gesichtsfarbe und eine hohe gebietende Stirne, wie seine ganze Haltung, -gaben ihm etwas Auffallendes, Ueberraschendes. Er trug einen einfachen -militärischen Oberrock, ein rotes Band im Knopfloch, und noch ehe er -ihm vorgestellt wurde, wußte der junge Rantow aus diesem allem, daß es -der General Willi sei, vor welchem er stand. Ihn selbst stellte der -junge Willi als Vetter der Thierbergs und als seinen Reisegefährten vor. - -Der General hatte eine tiefe, aber angenehme Stimme; er antwortete: -»Mein Sohn hat mir von Ihnen gesagt. Ihre Mutter kenne ich wohl, -habe sie früher in der Residenz gesehen. Als wir nach Schlesien -marschierten, wurde ich nach Berlin geschickt; ich blieb vier Wochen -bei der Feldpost dort und ritt während dieser Zeit mehreremal nach -Fehrbellin hinüber, Ihre Eltern zu besuchen.« - -»Wahrhaftig!« rief der junge Mann; »ich erinnere mich, mehrere -französische und deutsche Offiziere damals in unserem Haus gesehen -zu haben; es müßte mich alles täuschen, Herr General, oder ich kann -mich noch Ihrer erinnern. Ihre Uniform war grün und schwarz, und einen -großen grünen Busch trugen Sie auf dem Hut. Sie ritten einen großen -Rappen.« - -»Ach ja, die alte Leda!« sagte der General; »sie hat treu ausgehalten -bis an die Beresina; dort liegt sie zwanzig Schritte von der Brücke -im Sumpf. Es war ein gutes Tier, und in der Garde nannte man sie ~le -diable noir~. -- Grüne Büsche, sagen Sie? -- Richtig, ich diente damals -unter den schwarzen Jägern von Württemberg. Ein braves Korps, bei Gott! -Wie haben sich diese Leute bei Linz geschlagen!« - -»War es damals,« bemerkte Rantow, »als Marschall Vandamme, den Gott -verdamme, äußerte: ~Ces bougres là se battent comme nous?~« - -»Sie haben da eine sonderbare Uebersetzung des Namens Vandamme, doch --- ach! Sie sind ein Preuße, gut! ich gebe zu, der General Vandamme -war verhaßt, besonders in der süddeutschen Armee; er wußte es auch -recht gut; seine Bewunderung über die Bravour jener Soldaten hätte er -vielleicht artiger, aber nie mit mehr Wahrheit ausdrücken können.« - -Sie waren unter diesen Worten bis unter das Portal des Hauses getreten; -ein Buch lag dort aufgeschlagen, der junge Willi sah es lächelnd an und -sagte: »Zum sechstenmal, mein Vater?« - -»Zum sechstenmal,« erwiderte jener, indem auch durch seine ernsten Züge -ein leichtes Lächeln ging. »Sie sehen, Herr von Rantow, man zieht oft -die Kinder nur dazu auf, daß sie ihre Eltern nachher wieder aufziehen. -So kann er es nicht recht leiden, daß ich gewisse Bücher oft lese; und -doch ist es ein guter Grundsatz, nicht vielerlei Bücher, aber wenige -gute öfter zu lesen.« - -»Sie haben recht,« erwiderte Rantow, »und darf ich wissen, _welches_ -Buch Sie zum sechstenmal lesen?« Der General bot es ihm schweigend. - -»Ah! die schöne Fabel von 1812,« rief Albert, »der Feldzug des Grafen -Segur! Nun, ein Gedicht wie dieses darf man immer wieder lesen, -besonders wenn man, wie Sie, den Gegenstand kennen gelernt hat.« - -»Sie nennen es Gedicht?« fragte der General. »Da Sie nicht aus -Erfahrung sprechen können, ist wohl General Gourgaud Ihr Gewährsmann. -Aber ich kann Ihnen versichern, in diesem Buch ist so furchtbare -Wahrheit, so traurige Gewißheit, daß man das wenige, was Dichtung -ist, darüber vergessen kann. Die Figuren in diesem Gemälde leben, -man sieht ihren schwankenden Marsch über die Eisfelder, man sieht -brave Kameraden im Schnee verscheiden, man sieht ein Riesenwerk, jene -große, kampfgeübte Armee, durch die Ungunst des Schicksals in viele -tausend traurige Trümmer zerschlagen. Aber ich liebe es, unter diesen -Trümmern zu wandeln, ich liebe es, an jene traurigen, über das Eis -hinschwankenden Männer mich anzuschließen, denn ich habe ihr Glück und --- ihr Unglück geteilt.« - -»Ich bewundere nur deine Geduld, Vater,« erwiderte der Sohn; »du kannst -diese französischen Tiraden, die, wenn man sie in nüchternes Deutsch -auflöst, beinahe lächerlich erscheinen, lesen und immer wieder lesen! -Ich erinnere mich aus diesem berühmten Buch einer solchen Stelle, -die im Augenblick das Gefühl besticht, nachher, mich wenigstens, -lächeln machte. Die Armee hat sich in größter Unordnung hinter Wilna -zurückgezogen. Die Russen sind auf den Fersen. Eine Zeitlang imponiert -ihnen noch die Nachhut des Heeres, aber bald löst sich auch diese auf, -und die ersten der Russen, indem sie einen Hohlweg heraufdringen, -mischen sich schon mit den letzten der Franzosen. Segur schließt -seine Periode mit den Worten: ›Ach! Es gibt keine französische Armee -mehr!‹ -- ›Doch, es gibt noch eine,‹ fährt er fort; ›Ney lebt noch; er -reißt dem Nächsten das Gewehr aus der Hand,‹ u. s. w. Kurz, der edle -Marschall tut in übertriebenem Eifer noch einige Schüsse auf den Feind -und repräsentiert gleichsam in sich selbst die halbe Million Soldaten, -die Napoleon gegen Rußland ins Feld führte. Ist dies nicht mehr als -dichterisch, ist dies nicht lächerlich überstiegen?« - -»Ich erinnere mich noch recht wohl jenes Moments, und so grausam unser -Schicksal, so gedrängt unser Rückzug war, so ließ er uns doch einige -Augenblicke frei, diesem Krieger und seiner wahrhaft antiken Größe -unsere Bewunderung zu zollen. Wenn du bedenkst, wie es von großer -Wichtigkeit war, daß er mit wenigen Tapfern jenes Defilee eine Zeitlang -gegen den Feind behauptete, daß er und die Seinen allerdings in diesem -Augenblick noch die einzigen wirklichen Kombattanten waren, die den -Russen die Spitze boten, so wird dich jener Ausdruck weniger befremden; -ich wenigstens danke es Segur, daß er auch jenem erhabenen Moment einen -Denkstein setzte.« - -»Also ist jene Szene wahr?« fragte Rantow. - -»Gewiß! Und eine schöne großartige Idee liegt darin, daß man weiß, wer -von der großen Armee zuletzt gegen die Russen schlug, daß es Ney war, -welchen jener hohe Ruhm, der ihm sogar aus diesem Rückzug sproßte, die -Handgriffe des gemeinen Soldaten nicht vergessen ließ. Er war, wie -Hannibal, der letzte beim Rückzug.« - -»Was sagen Sie aber über jenen, welcher der erste in der Armee und der -erste beim Rückzuge war?« bemerkte Rantow. »Ich glaube, zwanzig Jahre -früher hätte er jeden Schritt mit seinen Garden verteidigt --« - -»Und zwanzig Jahre später vielleicht auch,« fiel ihm der General ins -Wort, »und wäre vielleicht als Greis eines schönen Todes mit seinen -Garden gestorben. Anno 13, werden Sie aber wohl wissen, war er Kaiser -eines Landes, von welchem er, ohne Nachricht, ohne Hilfe, auf so viele -hundert Meilen getrennt war. Was hielt ihn bei der Armee, nachdem unser -Unglück entschieden war? Glauben Sie nicht, daß er etwas Aehnliches, -wie den Abfall Ihres York, geahnt hat! Mußte er nicht in Frankreich -frische Mannschaft holen?« - -»Warum zog er gegen Asien zu Feld, der neue Alexander,« sagte Rantow -spöttisch lächelnd, »wenn er ahnte, daß das Preußenvolk in seinem -Rücken nur darauf laure, ihm den Todesstreich zu geben? War dies die -gerühmte Klugheit des ersten Mannes des Jahrhunderts?« - -»Glauben Sie, junger Mann,« erwiderte der General, »der Kaiser war -erhaben über einen solchen Verdacht. Er wußte, daß Ihr König ein Mann -von Ehre sei, der ihn im Rücken nicht überfallen werde; er wußte auch, -daß Preußen zu klug sei, um ~à la~ Don Quichotte die große Armee allein -anzugreifen.« - -»Preußen war ihm nichts schuldig,« rief der junge Mann errötend; »man -weiß, wie Bonaparte selbst seine Friedensbündnisse gehalten hat; man -war nicht schuldig, zu warten, bis es dem großen Mann gefällig sei, -die Kriegserklärung anzunehmen. Der Gefesselte hat das Recht, in jedem -günstigen Augenblick seine Fesseln zu zerreißen, und sollte er auch -_den_ damit zertrümmern müssen, der sie ihm anlegte.« - -»Nun, Vater,« setzte der junge Willi hinzu, »das ist es ja, was ich -schon lange sagte, wenn ich den Aufstand des ganzen Deutschlands in -Schutz nahm. Wer gab den Franzosen das Recht, uns in Ketten und Bande -zu schlagen? Unsere Torheit und ihre Macht! Wer gab uns das Recht, -ihnen das Schwert zu entwinden und die Spitze gegen sie selbst zu -wenden? _Ihre_ Torheit und unsere _Macht_.« - -»Ich gebe zu,« antwortete der General mit Ruhe, »daß man im Volk, -vielleicht auch unter Politikern, also spricht und sprechen darf. -Niemals aber darf der Soldat diese Sprache führen, um eine schlechte -Tat zu beschönigen. Es gibt manche glänzende Verrätereien in der -Geschichte; die Zeiten, wo sie begangen wurden, waren vielleicht mit -der Gegenwart so sehr beschäftigt, daß man die Verräter gepriesen hat; -aber die Nachwelt, welche die Gegenstände in hellerem Lichte sieht, -hat immer gerecht gerichtet und manchen glänzenden Namen ins schwarze -Register geschrieben. Auch die Sache des Kaisers wird die Nachwelt -führen. So viel ist aber gewiß, daß zu allen Zeiten, wo es Soldaten -gibt, einer, der seine Fahne verläßt, immer für einen Schurken gelten -wird.« - -»Ich gebe dies zu,« erwiderte Rantow, »nur sehe ich nicht ein, wie -dies den übereilten Zug nach Rußland entschuldigen könnte.« - -»Meinen Sie denn, der Zustand Preußens sei uns so unbekannt gewesen?« -fragte der General; »man wußte so ziemlich, wie es dort aussah. Ich -war von Mainz bis Smolensk im Gefolge des Kaisers und namentlich in -deutschen Provinzen oft an seiner Seite, weil ich die Gegenden kannte, -und manchmal in seinem Namen Fragen an die Einwohner tun mußte. In -den preußischen Stammprovinzen fiel ihm und uns allen die Haltung -und das Ansehen der jungen Leute auf. Das ganze Land schien von -Beurlaubten angefüllt, und doch waren es immer nur die jungen Männer, -die hier geboren und erzogen waren. Die Haare waren ihnen militärisch -verschnitten, ihre Haltung war aufgerichtet, geregelt; sie standen -selten wie faule, müßige Gaffer da, wenn der Kaiser und sein Gefolge -vorüberzog. Nein, sie machten Front, wenn sie ihn sahen, die Füße -standen eingewurzelt, der linke Arm straff angezogen und an die Seite -gedrückt, das Auge hatte die regelrechte Richtung, und die rechte Hand -machte ihren Soldatengruß. Es waren dies keine Bauernbursche mehr, -sondern Soldaten, und der Kaiser wußte wenigstens, daß nicht die ganze -preußische Armee mit ihm ziehe.« - -»Er ließ einen gefährlichen, beleidigten Feind in seinem Rücken,« -bemerkte Rantow. - -»Ein gefährlicher Feind, Herr von Rantow, ist etwa eine beleidigte -Schlange, aber nicht eine Armee, nicht Männer von Ehrgefühl. Das -preußische Heer hatte sich mit der großen Armee vereinigt, und sobald -dies geschehen war, stand sie unter dem Oberbefehl des ersten Kriegers -dieser Armee; in dieser Eigenschaft hatten wir weder von ihnen noch von -den Zurückgebliebenen etwas zu fürchten; die Untergebenen band ihr Eid -an ihre Fahnen, und die Generale, die Repräsentanten dieser Fahnen, -band ihre Ehre. Wenn Sie die Sache aus diesem natürlichen Gesichtspunkt -betrachten wollen, so werden Sie am Betragen des Kaisers bei Beginn -jenes unglücklichen Feldzuges nichts Uebereiltes oder Unkluges finden.« - -»Das preußische Heer, das gezwungen mit ausrückte,« erwiderte der -junge Mann, »gehörte nicht diesem Kaiser der Franzosen, sondern seinem -rechtmäßigen König, und in demselben Augenblick, als dieser sie ihrer -Pflichten gegen jenen ersten Krieger entband --« - -»Konnten sie gegen uns selbst die Waffen richten,« fiel der General -ein; »da haben Sie vollkommen recht; sie konnten ihre Karrees bilden, -uns den Gehorsam weigern und, im Fall des Zwanges, Feuer auf unsere -Kolonnen geben, sie konnten sich im Angesicht der Armee mit den Russen -vereinigen, sie durften dies alles tun --« - -»Nun ja -- das war es ja eben, was ich meinte. --« - -»Nein, Herr! Das war es _nicht_,« fuhr jener eifrig fort. »Nur erst, -verstehen Sie wohl, _nur dann erst_, wann ihr König sie ihres Eides -entband, konnten sie den Gehorsam verweigern, sie _mußten_ es sogar, -auch auf die Gefahr hin, zu Grunde zu gehen. Solange dies nicht der -Fall war, handelten sie, wenn sie feindlich auftraten, als Verräter an -ihrer Ehre und sogar an ihrem König; denn die Ehre des Königs, der die -Befehlshaber gewählt hatte, bürgte gleichsam für ihr Betragen.« - -»Nun, wenn ich auch dies von den Befehlshabern zugebe,« erwiderte -Rantow, »so hat wenigstens die Armee immerhin ihre Pflicht getan.« - -»In diesem Fall nimmermehr!« rief der General; »wenn der Chef keinen -Befehl seines Herrn vorweisen kann, um seine Schritte zu entschuldigen, -und dennoch seine Schuldigkeit nicht tut oder sogar zum Verräter wird, -und zum Verräter nicht für sich allein, sondern mit einem ganzen Korps, -so hat jeder Offizier, jeder Soldat hat das Recht, ihn vor der Front -vom Pferd zu schießen!« - -»Ei, Vater!« rief der junge Willi. - -»Mein Gott, dies denn doch nicht,« rief zugleich der Fremde; »einen -General ~en chef~ vom Pferd zu schießen!« - -»Und wenn man es unterlassen hat,« fuhr jener mit blitzenden Augen -fort, »so hat man seine Pflicht versäumt. Aber ich kenne noch recht -wohl jene schändliche Zeit und die Motive, die damals die Handlungen -der Menschen lenkten; Wölfe und Tiger waren sie geworden, die -menschliche Natur hatte man ausgezogen, Treue, Ehre, Glauben, alles -verloren, und für Heroismus galt damals, was sonst für eine Schandtat -gegolten hätte!« - -»Nun, etwas Herrliches und Erhabenes, was sich damals offenbarte, -werden Sie doch nicht leugnen können,« sprach der Märker; »der -allgemeine Enthusiasmus, womit das ganze Volk aufstand, war doch -wirklich erhaben, ergreifend!« - -»Das ganze Volk? -- aufstand?« rief der General bitter lachend; »da -müßte Deutschland erst auferstehen, ehe die Deutschen aufstünden. Es -war bei manchem ein schöner, aber unkluger Eifer, bei einigen Haß, -bei vielen Uebermut, bei den meisten war es Sache der Mode; und -Sie vergessen, daß Oesterreich, Bayern, Württemberg, daß Schwaben -und Franken nicht, was Sie sagen, aufstanden und denn doch auch zu -Deutschland gehörten. Und Ihre Enthusiasten selbst! Vor diesen wären -wir gewiß nie aus Sachsen gewichen!« - -»Wenn es ihnen auch an jenen gerühmten Eigenschaften eines alten, -gedienten Soldaten gebrach, wahrhaftig, ihr Wille war schön, ihre Taten -groß, und ihre Einheit, ihre Aufopferung ersetzte vieles --« - -»Einheit? Aufopferung? Wir nahmen, es war schon auf französischem -Boden, einmal ein solches Individuum gefangen. Es war ein junger, -schön geputzter Mann. Der Kaiser hatte von diesen Volontärs sprechen -gehört, man hatte ihm ihre Kleidung, ihre Haltung überaus komisch -beschrieben; er ließ daher den Gefangenen vortreten. Als dieser den -Kaiser erblickte, geriet er in augenscheinliche Verwirrung, dachte -nicht mehr daran, daß er selbst Soldat geworden sei und gegen den -größten Krieger zu Felde ziehe, sondern er nahm seinen Tschako am -Schild, riß ihn nach gewöhnlicher, bürgerlicher Weise vom Kopf, daß -der schöne Federbusch elendiglich in den Kot hing, und kratzte mit dem -Fuß hintenaus. Der Kaiser ließ ihn durch mich fragen, ob er unter den -deutschen Freiwilligen diene? Jener aber verbeugte sich noch einmal und -sagte: ›Ich bin vom Frankfurter Korps der Rache.‹ Der Kaiser konnte ein -Lächeln nicht unterdrücken, und als er weiter ritt, wandte er sich noch -einmal um. Der Sohn der Rache stand noch immer ganz verblüfft unter -einem Haufen von Franzosen, und jetzt erst schien er aus dem Traum zu -erwachen, er mochte sich auf die schöne _Zeil_ zurückwünschen. Der arme -Teufel sah aus, als wäre er ein Volontaire ~malgré lui~, als hätte er -nur seinem Schatz zu Gefallen sich in dem Korps der Rache einschreiben -lassen. Und dieser Rächer kehrte nicht mehr hinter den Ladentisch -seines Vaters heim. Ich sah ihn sechs Tage nachher ohne Beine, sterbend -wieder, seine eigenen Landsleute hatten ihn in unseren Reihen getötet. -Und von solchen Menschen verlangen Sie Einheit, Aufopferung?« - -Der Preuße hatte dem General unmutig zugehört; es kam ihm vor, als -liege in den Zügen dieses Mannes Spott und Verachtung einer Sache, -die er immer als etwas Ungeheures, Welthistorisches, Großartiges zu -betrachten gewöhnt gewesen war. Der junge Willi sah diese unangenehmen -Gefühle, die mit der Ehrfurcht vor dem General in Rantows Brust zu -kämpfen schienen. Er nahm daher schnell das Wort und sagte: »Du warst -damals auf feindlicher Partei, lieber Vater, du sahst alles in einem -andern Lichte, und ich zweifle, ob nicht eure jungen Konskribierten -sich auf ähnliche Weise benommen hätten. Aber wahr bleibt es immer -und jedem unbefangenen Auge noch jetzt sichtbar, daß damals ein -erhabener, ungewöhnlicher Geist unter dem Volke, hauptsächlich im -Norden, wehte; die Mittelstände vorzüglich haben gezeigt, daß sie einer -bewunderungswürdigen Kraftäußerung fähig seien, und darauf, so schlecht -auch die Zeiten sind, kann man noch immer einige Hoffnung gründen.« - -Rantow sah den jungen Mann bei den letzten Worten befremdet an, als -wüßte er sich diesen Satz nicht zu erklären; doch erfreut, seine -eigenen Gesinnungen wiederholt zu hören, wandte er sich wieder an den -General. »Er hat recht,« sagte er, »auf feindlicher Seite konnten Sie -das rührende Bild dieser Aufopferung nicht so genau kennen lernen. -Aber die großen Worte unserer Redner, die feurigen, aufrufenden Lieder -unserer Sänger, die begeisternde Aufopferung unserer Frauen, sie -gaben, verbunden mit dem Mut, der frommen Kraft und der gottgeweihten -Hingebung unserer Jünglinge und Männer, Szenen, die ebenso erhaben als -unvergeßlich sind.« - -»Und wofür denn dieses alles?« fragte der alte Soldat. »Wozu so große -Aufopferungen, was hat man damit erreicht und errungen? Ließ sich dies -alles nicht voraussehen?« - -»Und was haben denn Sie, Herr General, auf jener Seite erreicht und -errungen? Das ist einmal das Schicksal alles menschlichen Lebens und -Treibens, daß man kämpft, sich hingibt, aufopfert, um am Ende nichts -oder wenig zu erreichen. Zwanzig Jahre haben Sie jenem Mann geweiht, -jenem Eigensüchtigen, der nur sich und immer nur sich bedachte. -Jetzt liegt er auf einem öden Felsen, seine Genossen sind zerstreut, -aufgerieben -- was, was haben denn Sie gewonnen?« - -»Ein Endchen rotes Band und die Erinnerung,« antwortete er lächelnd, -indem er mit einer Träne im Auge auf seine Brust herabsah. Es lag etwas -so Ergreifendes, Erhabenes in dem Wesen des Mannes, als er diese Worte -sprach, daß Rantow, errötend, als hätte er eine Torheit gesagt, seine -Augen von ihm abwandte und betreten den Sohn ansah. Doch dieser schien -nicht auf das Gespräch zu merken, er blickte unverwandt und eifrig -auf ein kleines Gebüsch am Fluß, von welchem man eben das Plätschern -eines Ruders vernahm; jetzt teilten sich die Zweige der Weiden, und ein -schöner Mädchenkopf bog sich lächelnd daraus hervor. - - -7. - -»Unsere schöne Nachbarin!« rief der General freundlich und eilte auf -sie zu, ihr die Hand zu bieten; die jungen Männer folgten, und mittels -seiner trefflichen Lorgnette entdeckte Rantow zu seinem nicht geringen -Vergnügen, daß es Anna sei, die hier so plötzlich, gleich einer Najade, -aus dem Fluß auftauchte. Der General küßte sie auf die Stirne und bot -ihr dann den Arm, sie grüßte seinen Sohn kurz und freundlich, fragte -flüchtig nach des Generals Schwester und verweilte dann mit einem -Ausdruck der Verwunderung auf ihrem Gast. »Du hier, Vetter Albert?« -rief sie, indem sie ihm die Hand bot. »Nun das muß ich gestehen, für so -klug hätte ich dich nicht gehalten, deinen schönen Verstand in Ehren, -daß du sogleich die angenehmste Gesellschaft in der ganzen Gegend -auffinden würdest; welcher Zauberer hat dich denn hieher gebracht?« - -»Mein Sohn,« sagte der General, »hatte das Glück, Ihren Vetter auf -seiner kleinen Reise kennen zu lernen, und fand ihn jenseits in Ihrem -Forst --« - -»Und lud mich ein, ihn hieher zu begleiten,« fuhr Rantow fort, »wo -ich schon wieder wie gestern das Unglück hatte, zu streiten und immer -heftiger zu widersprechen. Du lächelst, Anna? Aber es ist, als brächte -es hier das Klima so mit sich; zu Hause bin ich der friedfertigste Kerl -von der Welt, habe vielleicht in zwei Jahren nicht so viel disputiert -als hier in zwei Tagen, und wie käme ich vollends mit Herren, wie der -Herr General oder mein Onkel, in Streit?« - -»Ist es möglich?« fragte der General, »mit Herrn von Thierberg, mit -Ihrem Vater, Aennchen, kommt er in Streit? Ich dachte doch, da Sie mit -mir in politischen Ansichten so gar nicht übereinstimmen, Sie müßten -von Ihres Oheims Grundsätzen eingenommen sein.« - -»Nun, so ganz unmöglich ist eine dritte oder vierte Meinung doch -nicht,« bemerkte der junge Willi lächelnd; »ich bin gewiß nicht von -Ihrem politischen Glaubensbekenntnis und glaube, daß sich mit der Welt -jetzt etwas machen ließe, wenn _Ihr_ nicht fünfzehn Jahre früher mit -Feuer und Schwert reformiert und die Menschen eingeschüchtert hättet; -aber mit Herrn von Thierberg lebe ich deswegen doch in ewigem Kampf, -und wir beide haben unsere gegenseitige Bekehrung längst aufgegeben.« - -»Demagogen streiten gegen alle Welt,« erwiderte ihm Anna lächelnd und -doch, wie es schien, ein wenig unmutig. »Sie sind ein Inkurabel in -diesem Spital der Menschheit; haben Sie je gehört, daß ein solcher -politischer Ritter von la Mancha, solch ein irrender Weltverbesserer, -von Grund aus kuriert worden wäre?« - -»Ich sehe, Sie wollen den Krieg auf _mein_ Land spielen,« sagte -Robert, »Sie wollen, wie immer, meine Ansichten zur Zielscheibe Ihres -liebenswürdigen Witzes machen, und doch soll es Ihnen nicht gelingen, -mich aus der Fassung zu bringen, heute wenigstens gewiß nicht. Sie -kennen wohl die schönen Eigenschaften Ihrer Fräulein Cousine noch nicht -ganz, Rantow? Nehmen Sie sich um Gottes willen in acht, ihr zu trauen!« - -»Freund,« entgegnete Rantow, »in diesem Süddeutschland finde ich mich -selbst nicht mehr; es ist alles ganz anders, man denkt, man spricht -anders, als ich gewöhnt bin, und so mag ich mir selbst kein Urteil mehr -zutrauen, am wenigsten über Anna.« - -»General!« rief Anna, »Sie führen nachher hoffentlich meine -Verteidigung gegen Ihren Herrn Sohn?« - -»Nun merken Sie auf, Rantow!« sprach der junge Willi; »daß dieses -Fräulein die schönste im ganzen Neckartal, von Heidelberg bis Tübingen, -ist, behaupten nicht nur alle reisenden Studenten, sondern auch sie -selbst weiß es nur allzugut und hat sich ganz danach eingerichtet; sie -ist aber dabei so spröde wie Leandra im eben angeführten Don Quichotte. -Nach ihren politischen Ansichten, denn sie ist gewaltig politisch, -ist sie ein Amphibion. Sie hält es bald mit dem Alten, bald mit der -neuen Zeit. Sie ist gewaltig stolz, daß sie vierundsechzig Ahnen hat, -auf ihrem Stammschloß lebt, und daß schon Anno 950 ein Thierberg -einen Acker gekauft hat. Auf der andern Seite ist sie durch und durch -napoleonisch. Sie hat den ersten Lügner seiner Zeit, den Moniteur, -öfter gelesen als die Bibel, trägt ein Stückchen Zeug, das Montholon -meinem Vater schickte, und das angeblich von Napoleons letztem Lager -stammt, in einem Ring, singt nichts als kaiserliche Lieder von Beranger -und Delavigne, und kurz -- sie liebt eben jenen Mann mit Enthusiasmus, -der den Glanz ihrer vierundsechzig Ahnen in den Staub geworfen hat.« - -»Sind Sie nun zu Ende?« fragte Anna, ruhig lächelnd, indem sie ihren -Ring an die Lippen zog. »Weißt du aber auch, Vetter, daß er den -ärgsten Anklagepunkt, das schwärzeste Verbrechen in seinen Augen, -aus Edelmut verschwiegen hat? Nämlich das, daß ich kein sogenanntes -deutsches Mädchen bin, daß ich nicht jetzt schon in meinem Kämmerlein -mich im Spinnen übe, wie es einer deutschen Maid frommt, und keine -Lorbeerkränze für die Stirne der künftigen Sieger flechte. Weißt du -denn auch, wer dieser Herr ist? Das ist ein Glied eines ungeheuren, -unsichtbaren Bundes, der nächstens das Oberste zu unterst kehren wird; -nun, bei euch soll es ja noch mehrere solcher Staatsmänner geben. -Aber, Herr von Willi, wie ist mir doch, ist es denn wahr, was man mir -letzthin erzählte, daß unter euren geheimen Gesetzen eines ausdrücklich -gegen junge Damen von Adel gerichtet sei und also laute: ›Wenn ein -biderber deutscher Ritter um eine Jungfrau freit, die ehemals der -adeligen Kaste angehörte, und solche aus törichtem Hochmut ihre Hand -versagt, soll ihr Name öffentlich bekannt gemacht und sie selbst für -wahnsinnig erklärt werden.‹« - -Das Pathos, womit Anna diese Worte vorbrachte, war so komisch, daß der -General und Rantow unwillkürlich in Lachen ausbrachen; der junge Willi -aber errötete, und unmutig entgegnete er: »Wie mögen Sie sich nur immer -über Dinge lustig machen, die Ihnen so ferne liegen, daß Sie auch nicht -das geringste davon fühlen können? Ich gebe zu, daß es Ihnen in Ihrem -Stande, in Ihren Verhältnissen recht angenehm und behaglich scheinen -mag, weil Sie freiere Formen und natürlichere Sitten nicht kennen, -keine Ahnung davon haben. Warum aber mit Spott Gefühle verfolgen, die -wenigstens in Männerbrust mächtig und erhaben wirken und zu allem -Schönen und Guten begeistern?« - -»Wie ungezogen!« erwiderte Anna. »Sie haben mit Spott begonnen und -meine Ahnen und den Kaiser der Franzosen schlecht behandelt, und nehmen -es nun empfindlich auf, wenn man über die Herren Demagogen und ihre -Träume scherzt! Wahrlich, wenn nicht Ihr Vater ein so getreuer Mann und -mein getreuester Anhänger wäre, Sie sollten es entgelten müssen. Doch -zur Strafe will ich Sie über das Gedicht examinieren, das Sie mir für -meinen Vater versprochen haben.« Sie nahm bei diesen Worten Roberts Arm -und ging mit ihm den Baumgang hin, und Albert Rantow hätte in diesem -Augenblick viel darum gegeben, an der Stelle des jungen Willi neben ihr -gehen zu dürfen, denn nie hatte ihm ihr Auge so schön, ihre Stimme so -klangvoll und rührend gedeucht als in diesem Augenblick. - -»Sie ist ein sonderbares, aber treffliches Kind,« sagte der General, -indem er ihr lächelnd nachblickte. »Wenn sie ihm doch alle seine -Schwärmereien aus dem Kopfe reden könnte! Aber so wird er nie -glücklich werden; denken Sie, Rantow! er hat oft Stunden, wo es ihm -lächerlich, ja töricht erscheint, daß er in meinem bequemen Schloß -wohnt und Nachbar Görge und Michel, die doch auch ›deutsche Männer‹ -sind, nur mit einer schlechten Hütte sich begnügen müssen. Das ist eine -sonderbare Jugend, das nennen sie jetzt Freiheitssinn! Und doch ist er -sonst ein so wackerer und vernünftiger Junge.« - -»Ein liebenswürdiger, trefflicher Mensch,« bemerkte Albert, indem er -oft unruhige Blicke nach jenen Bäumen streifen ließ, unter welchen -Willi und Anna wandelten; »ich darf Ihnen sagen, daß ich über seine -Gewandtheit, über die feinen gesellschaftlichen Formen staunte, die er -so unbefangen entwickelt, er muß viel und lange in guten Zirkeln gelebt -haben; und dennoch so sonderbare, spießbürgerliche Pläne!« - -»Er war in London, Paris und Rom,« sagte der General gleichgültig, »und -er lebte dort unter meinen Freunden. Ich glaube, Lafayette und Foy -haben mir ihn verzogen.« - -»Wie! Lafayette, Foy, hat er diese gesehen?« fragte Rantow staunend. - -»Er war täglich in der Umgebung beider Männer, und sie fanden an -dem Jungen mehr, als ich erwarten konnte. Da hörte er nun die -Amerikaner und die Herren von der linken Seite; und weil er manche der -exaltiertesten Schreier als meine alten Freunde kannte, glaubte er in -seinem jugendlichen Eifer, es müsse alles wahr sein, was sie schwatzen, -und fand sich am Ende geschickt, selbst mit zu reformieren. Da ist er -nun mit allen unruhigen Köpfen in diesem ruhigen Deutschland bekannt. -Keine Woche vergeht, ohne daß sie einen jener deutschen Radikalreformer -mit langen Haaren, Stutzbärtchen, Beilstöcken und sonderbaren Röcken in -meinen Hof bringt; sie nennen ihn Bruder und sind so wunderliche Leute, -daß sie alle Briefe an meinen Robert mit einem ›Deutschen Gruß zuvor‹ -anfangen.« - -»Ich kenne diese Leute,« bemerkte Albert mit wegwerfender Miene; »sie -zeigen sich auch bei uns zu Hause. Aber wie kann nur ein Mann von -so glänzenden Anlagen für ein anständigeres Leben und für die gute -Gesellschaft wie Robert, mit so gemeinen Menschen umgehen, die im -Bier ihr höchstes Glück finden, rauchend durch die Straßen gehen, in -gemeinen Schenken umherliegen und alles Noble, Feine gering achten?« - -»_Gemein_, lieber Herr von Rantow, habe ich sie noch nie gefunden,« -erwiderte der General lächelnd, »was ich unter gemein verstehe; daß -sie rauchen, macht sie höchstens für einen Nichtraucher unangenehm, -daß sie Bier trinken, geschieht wohl aus Armut, denn meinen Wein haben -sie nicht verachtet, und von der ~bonne société~ denken sie gerade wie -ich; sie langweilen sich dort und finden das Steife gezwungen und das -Gezierte lächerlich. Sonst fand ich sie unterrichtet, vernünftig, und -nur in ihrer Kleidung und in ihren Träumereien dachte ich mit Anna an -Don Quichotte und fand es komisch, daß sie sich berufen glauben, die -Welt zu erlösen von allem Uebel.« - -Der junge Mann verbeugte sich stillschweigend gegen den General, als -wolle er ihm dadurch seinen Beifall zu erkennen geben; bei sich selbst -aber dachte er: Ich lasse mich aufknüpfen, wenn er nicht selbst raucht -und lieber Stettiner und Josty als Franzwein trinkt; doch einem alten -Soldaten kann man es verzeihen, wenn er roh und unhöflich ist. Er sah -sich zugleich wieder nach Anna um; das Gespräch schien von beiden -Seiten mit großem Interesse geführt zu werden, die Gegenwart des -Generals verhinderte ihn, von seiner Lorgnette Gebrauch zu machen, und -doch war sie ihm nie so nötig gewesen als in diesem Augenblick, denn er -glaubte gesehen zu haben, wie der junge Willi Annas Hand ergriff und -- -an seine Lippen führte. Der General mochte die Unruhe und Zerstreuung -des jungen Mannes bemerken; er ging mit Rantow dem Baumgang zu, und -als Anna sie herankommen sah, ging sie ihnen mit Willi entgegen. Des -Generals Schwester, eine würdige Dame, welcher Annas Besuch galt, -kam in diesem Augenblick herzu, und da in ihrer Gegenwart nichts -Politisches, das zum Streit führen konnte, abgehandelt werden durfte, -so zog es die Gesellschaft vor, ihrer Einladung zu folgen und unter -der Halle des Schlosses den Wein des Generals und die schönen Früchte -seiner Gärten zu kosten. Man beschloß, daß der General und sein Sohn -morgen den Besuch auf Thierberg erwidern sollten, und so schieden die -beiden Willi, als ihre Gäste in den Kahn stiegen, mit Ehrfurcht von -Anna, mit der Herzlichkeit alter Freunde von Rantow. - - -8. - -Der Gast aus der Mark, obgleich er in jedem Damenkreis seiner Heimat -mit jener Sicherheit aufgetreten war, welche man sich durch Erziehung -und gehöriges Selbstvertrauen erwirbt, obgleich er sich in Berlin -manches schwierigen Sieges hatte rühmen können, fühlte sich doch nie -in seinem Leben so befangen als an jenem Abend, wo er mit Anna am -Neckar hin nach Thierberg zurückkehrte. Tausend Zweifel plagten und -quälten ihn, und jetzt erst, als ihm der letzte Blick, den Anna dem -jungen Willi zugeworfen hatte, zu feurig für bloße Achtung, zu zögernd -für gute Nachbarschaft geschienen hatte, jetzt erst fühlte er, wie -mächtig schon in ihm die Neigung zu seiner schönen Base geworden sei. -Zwar, wenn er seine eigene Gestalt, sein ausdrucksvolles Gesicht, sein -sprechendes Auge, seine gewählte und reiche Sprache, seine eleganten -Formen, die Sicherheit und Gewandtheit seines Geistes, kurz, wenn er -alle seine Vorzüge mit Robert Willis Eigenschaften maß, so glaubte er -sich doch ohne Anmaßung trösten zu können; fehlte doch jenem wenn er -sich auch gut auszudrücken vermochte, jener unnachahmliche Tonfall -der Sprache, fehlte ihm, wenn man ihm auch Anstand und Würde nicht -streitig machen konnte, jene letzte Vollendung und Feinheit eines -modischen Wundervogels (~Incroyabilis, _Linn_~), jenes unnachahmliche -Genie des Geschmackes, das angeboren sein muß; es fehlte ihm, so -schloß der Berliner mit heimlichem Lächeln bei sich selbst, jenes ~Je -ne sais quoi~, das den Geschöpfen Gottes das Siegel der Veredlung und -Vollendung aufdrückt und auch den gewöhnlichsten Menschen zu einem -~homme comme il faut~ macht! Aber Anna ist hier auf dem Lande, ist in -Schwaben aufgewachsen, fuhr er fort, sie könnte, ehe sie mich sah, mit -Robert Willi -- »Anna, eine Frage,« sprach er ängstlich zu ihr, nachdem -sie eine geraume Weile still fortgewandelt waren, »und nimm doch diese -Frage nicht übel auf! Liebst du diesen jungen Willi? Stehst du mit ihm -in einem Verhältnis?« - -Das Fräulein von Thierberg errötete leicht über diese Frage, und diese -Röte konnte ebensogut der Frage als dem Gegenstand gelten, den er -berührte. »Wie kommst du auf diesen Einfall, Vetter?« erwiderte sie. -»Und meinst du denn, wenn ich auch das Unglück haben sollte, diesen -Willi zu lieben, was mir übrigens noch nie in den Sinn kam, ich würde -etwa dich zum Vertrauten in meinen Herzensangelegenheiten wählen, weil -ich dich schon seit zwei Tagen kenne? Mein Gott, Vetter,« setzte sie -schalkhaft lächelnd hinzu, »was seid ihr doch für närrische Leute in -Preußen!« - -»Ich will mich durchaus nicht in dein Geheimnis drängen, hochedle und -gestrenge Dame,« sagte er, »aber meinst du denn, dein langes und, wie -es schien, interessantes Gespräch mit ihm sollte mir nicht aufgefallen -sein? Meinst du, ich glaube, ihr habt nur von Versen gesprochen?« - -»Wenn ich nun sagte, wir _haben_ nur von Versen gesprochen,« entgegnete -sie eifrig, »so _müßtest_ du es doch glauben. Leuten, die gerne Arges -denken, fällt alles auf. Diesmal übrigens hat sich dein Scharfsinn -nicht betrogen; das übrige Gespräch drehte sich auch noch um etwas -anderes als Verse, um ein Geheimnis, ein gar wichtiges Geheimnis.« - -»Also doch?« rief der junge Mann, mit ungläubiger Miene. »Siehst du, -also doch?« - -»Doch,« antwortete sie lächelnd, »und weil du so artig bist, will ich -dich auch mit ins Geheimnis ziehen, vielleicht kannst du behilflich -sein; er riet mir selbst, es dir zu entdecken.« - -»Wie?« entgegnete er bitter. »Meinst du, ich sei nur deshalb nach -Schwaben gekommen, um Herrn von Willis Liebesboten an meine Base zu -machen? Da kennst du mich wahrhaftig schlecht; eher sage ich deinem -Vater die ganze Geschichte, und ich glaube nicht, daß er sich einen -solchen Tugendbündler, einen solchen Weltverbesserer und Demagogen zum -Schwiegersohn wählen wird.« - -Anna war verwundert stehen geblieben, als sie diesen heftigen Ausbruch -seiner Leidenschaft vernahm. »Habe die Gnade und höre zuvor, um was -man dich bitten wird,« sagte sie, und wie es schien, nicht ohne -Empfindlichkeit; »soviel weiß ich aber, daß, wäre ich ein junger Herr -und überdies ein Berliner, ich mich gegen Damen ganz anders betragen -würde.« Bestürzt wollte Albert etwas zur Entschuldigung erwidern, aber -mit freundlicherer Miene und gütigeren Blicken fuhr sie fort: »Du -weißt und hast es heute selbst gehört, wie sehr der General seinen -Napoleon liebt und verehrt. Nun ist nächstens sein Geburtstag, der -zufällig auf einen berühmten Schlachttag des Kaisers fällt, und da -will ihn sein Sohn mit etwas Napoleonischem erfreuen. Er hat sich -durch einen Bekannten in Berlin eine Kopie jenes berühmten Bildes von -David verschafft, das Bonaparte zu Pferde noch als Konsul vorstellt. -Es ist kein übler Gedanke, denn so nimmt er sich am besten aus, er ist -noch jung und mager, und das interessante, feurige Gesicht unter dem -Hut mit der dreifarbigen Feder ist malerischer, eignet sich mehr für -die Darstellung eines Helden, als wie er nachher abgebildet wird. Und -dieses Bild des Kaisers ist unser Geheimnis.« - -»Aber was soll ich hierbei tun?« fragte Albert, der wieder freier -atmete, da kein anderes gefürchtetes Geständnis ihn bedrohte. - -»Höre weiter; dieses Bild wird in diesen Tagen ankommen, und zwar nicht -bei Generals, sondern bei uns. In meinem eigenen Zimmer wird es bis -am Vorabend des Geburtstages bleiben, und dann müssen wir beide dafür -sorgen, daß der General, während das Bild herübergeschafft wird, nicht -zu Hause oder wenigstens so beschäftigt sei, daß er nichts bemerkt. -Während der Nacht wird dann das Bild im Salon aufgehängt und bekränzt, -und wenn dann morgen der gute Willi zum Frühstück in den Salon tritt, -ist es sein Held, der ihn an diesem feierlichen Tage zuerst begrüßt!« - -»Gut ausgedacht,« erwiderte Rantow lächelnd, »und wenn es nur nicht -dieser Held wäre, wollte ich noch so gerne meine Hilfe anbieten, doch --- auch so werde ich mitspielen; hast ja du mich darum gebeten!« Sein -Ton war so zärtlich, als er dies sagte, daß ihn Anna überrascht ansah. -Er bemerkte es und fuhr, indem er ihren Arm näher an seine Brust zog, -fort: »Du kannst ja ganz über mich gebieten, Anna, ach! daß du immer -über mich gebieten möchtest! Wie freut es mich, daß du nicht schon -liebst, nicht schon versagt bist! Darf ich bei dem Onkel um dich -werben?« - -In Anna schien es zu kämpfen, ob sie bei diesen Worten wie über eine -Torheit lächeln oder erzürnt weinen solle, wenigstens wechselte auf -sonderbare Weise die Farbe ihres schönen Gesichtes mit Röte und Blässe. -Sie zog ihren Arm schnell aus seiner Hand und sagte: »Soviel kann ich -dir sagen, Vetter, daß uns hier in Schwaben nichts unerträglicher ist -als Empfindsamkeit und Koketterie, und daß wir diejenigen für Toren -halten, die nach zwei Tagen schon Bündnisse für die Ewigkeit schließen -wollen.« - -»Anna!« fiel ihr der junge Mann mit bittender Gebärde ins Wort, -»glaubst du nicht an die Allgewalt der Liebe? Wenn auch ihre Dauer -unsterblich ist, so ist doch ihr Anfang das Werk eines Augenblicks, und -ich --« - -»Kein Wort mehr, Albert,« rief sie unmutig, »wenn ich nicht alles dem -Vater sagen und ihn um Schutz gegen deine Torheit anrufen soll! Das -wäre dir wohl bequem,« fuhr sie gefaßter und lächelnd fort, »um deine -Langeweile in Thierberg zu vertreiben, einen kleinen Roman zu spielen? -Spiele ihn in Gottes Namen, wenn du nichts Besseres zu tun weißt, mich -wirst du vielleicht trefflich damit unterhalten, nur verlange nicht, -daß ich die zweite Rolle darin übernehme.« - -»O Anna!« sprach er seufzend, »verdiene ich diesen Spott? Ich meine -es so redlich, so treu! Das Los, das ich dir bieten kann, ist nicht -glänzend, aber es ist doch so, daß du vielleicht zufrieden, glücklich -sein könntest.« - -»Werde nur nicht tragisch,« erwiderte sie; »alles höre ich lieber als -solches Pathos. Spott verdienst du auf jeden Fall, und zum mindesten -kann er dich heilen. Komm, sei vernünftig; begleite mich recht artig -und wie es sich ziemt nach Hause. Aber sei überzeugt, wenn noch ein -einziges Wort dieser Art über deine Lippen kommt, so beschäme ich dich -vor dem nächsten besten Bauer und rufe ihn heran, und wenn du im Schloß -oben diese Torheiten fortsetzest, so werde ich nie mehr mit dir allein -sein.« Der Ton, womit sie dies aussprach, klang zwar bestimmt, mutig -und befehlend, doch schien ihr schalkhaftes Auge und ihr lächelnder -Mund dem strengen Befehl zu widersprechen, und Rantow, den diese -widersprechenden Zeichen verwirrten, begnügte sich zu schweigen, zu -seufzen, mit Blicken zu sprechen und einen erneuerten Kampf auf einen -glücklicheren Moment zu verschieben. Mit großer Besonnenheit und Ruhe -knüpfte sie ein Gespräch über den General an, und so gelangten sie, -weniger verstimmt, als man hätte denken sollen, nach Thierberg. Der -Alte ließ sich ihre Ausflüge erzählen und schien nicht unzufrieden, daß -Albert diese neue Bekanntschaft gemacht habe. »Es sind wackere Leute, -diese Willis, und das ganze Tal hat ihnen Wohltaten zu verdanken. Es -soll wenige hohe Offiziere von der Bildung und den ausgezeichneten -Kenntnissen des Generals geben, und den jungen habe ich selbst schon -auf dem Korn gehabt und gefunden, daß er tiefe, gründliche Kenntnisse -hat und mit Eifer Studien treibt, die man heutzutage unter der jüngeren -Generation selten findet. Ein kluges, gewandtes, feuriges Bürschchen; -aber, aber -- diese verschrobenen, überspannten Ansichten. Ich glaube, -er würde mich in meinem eigenen Hause anfallen, wollte ich sagen, -daß das Bauernpack immer Bauernpack bleibe, und wenn man sie auch -noch so frei von Lasten, noch so gelahrt machte, daß die Bürgerlichen -bei ihrem Leist bleiben und nicht an der erhabenen Figur des Staates -künsteln und pinseln und meißeln sollen. Aber das kommt nur daher, -weil der alte Tor unter seinem Stand geheiratet hat, da will nun -der junge den Fehler gut machen, indem er die Vettern und Basen und -das ganze Verwandtschaftgesindel seiner hochseligen Frau Mutter, -spießbürgerlichen Angedenkens, recht hoch stellt!« - -»Aber, Vater,« bemerkte Anna, »daß er es aus diesem Grunde tut, kannst -du doch nicht behaupten. Ich gebe zu, er stellt uns alle insgesamt -etwas tief und die andern an unsere Seite, aber er ist ein Enthusiast -und hat von Freiheit und Volksleben Begriffe, die sich nie ausführen -lassen.« - -»Lehre mich die Menschen nicht kennen, Kind!« sagte der Alte lächelnd. -»Eitelkeit ist der Grundtext in jedem, die Variationen mögen heißen, -wie sie wollen; aber was sagst du zu dem Vater, Neffe?« - -»Bei uns würde man ihn steinigen, wollte er öffentlich aussprechen, -was ich heute habe hören müssen. Ja, in einer Gesellschaft von Preußen -sollte er einmal solch ein Wort sagen, ich glaube, man würde weder -sein Alter noch seinen Stand berücksichtigen. Sein ganzes Gespräch ist -ein Triumphgesang der Vergangenheit und ein Fluch der Gegenwart. Ich -glaube, er hält es für die größte Sünde, daß wir das schmähliche Joch -abgeschüttelt und die übrigen, vielleicht gegen ihren Willen, mit -befreit haben. Eine Schande, daß ein deutscher Mann etwas solches nur -denken kann. Aber bei nächster Gelegenheit will ich ihm sagen, wie sehr -ich von Grund des Herzens seinen Kaiser und alle Franzosen hasse.« - -»Das hat er von mir schon oft gehört,« erwiderte Herr von Thierberg; -»mehr denn zwanzigmal, ich hasse sie alle, allesamt wie die Hölle!« - -»Alle, Vater, alle?« fragte Anna mit Bedeutung. - -»Nein, du hast recht, Kind! Einen nehme ich aus, den ich täglich loben -und preisen möchte. Hätte er nicht so verzweifelt gut Französisch -gesprochen, ich hätte geglaubt, es sei ein Engel vom Himmel. Leider war -und blieb er nur ein Franzose.« - -»Und wer ist denn dieser _eine_, den Sie so feierlich ausnehmen?« -fragte Albert. - -»Siehe, das ist eine wunderliche Geschichte,« fuhr der Oheim fort; -»doch will ich sie dir erzählen, es ist ein schönes Stück. Ich machte -im Jahre 1800 eine Reise nach Italien mit meiner seligen Frau. Ehe -wir uns dessen versahen, brach der Krieg aus, und da wir vernahmen, -daß Moreau gegen Deutschland ziehe, beschloß ich, meine Frau bei -einer befreundeten Familie in Rom zurückzulassen und allein, um desto -schneller reisen zu können, nach Schwaben heimzukehren. Ich wählte, -teils weil ich dort am wenigsten auf Franzosen zu stoßen hoffte, teils -weil einer meiner Vettern die Besatzung in der kleinen Festung Bard -kommandierte, teils der Neuheit der Gegend wegen die Straße über den -großen Bernhard, der bald nachher durch den Uebergang des Konsuls -Bonaparte so berühmt wurde. Dort am Fuße des Berges, auf der Schweizer -Seite, überfielen mich fünf zerlumpte Kerls von der französischen -Armee, die ich hier freilich nicht vermuten konnte. Ich zeigte ihnen -meinen Paß, aber es half nichts, sie rissen mich und meinen Reitknecht, -den alten Hans, den du noch hier siehst, vom Pferd, zogen uns Rock -und Stiefeln aus, nahmen mir Uhr und Börse, und eben wollten sie auch -meinen Mantelsack untersuchen, als eine schreckliche Stimme hinter uns -_Halt_ gebot. - -Die Räuber sahen sich um und ließen, wie vom Donner gerührt, die Arme -sinken, denn es war ein französischer Offizier, der hinter uns zu -Pferde hielt, und sie hielten, man muß selbst dem Teufel Gerechtigkeit -widerfahren lassen, strenge Mannszucht. ›Wer sind Sie, mein Herr?‹ -fragte er, nachdem er abgestiegen war. Ich erzählte ihm kurz meine -Verhältnisse und den Zweck meiner Reise. Er nahm meinen Paß, sah ihn -durch und fragte mich, ob ich solchen den Soldaten gezeigt habe. -Als ich es bejahte, wandte er sich an die Burschen, die noch immer -kerzengerade und verlegen dastanden: ›Seid ihr Soldaten? Seid ihr -Franzosen?‹ rief er zürnend und sah, trotz seinem schlechten Oberrock, -sehr vornehm aus; ›auf der Stelle kleidet ihr diesen Herrn und seinen -Diener an, ordnet sein Gepäck und geht dann, wohin ihr beordert -seid.‹ Noch nie bin ich so schnell bedient worden; ein junger Kerl -wollte mir gegen meinen Willen die Stiefeln anziehen und bat mich mit -Tränen im Auge, es zu erlauben. Solchen Gehorsam habe ich nie in der -Reichsarmee gesehen. Ich sagte es auch dem Offizier, der sich, nachdem -wir fertig waren, zu mir ins Gras setzte und für seine Landsleute -Vergebung und Entschuldigung erbat. Ich sagte ihm, daß dieser ganze -Vorfall durch jenen schönen Anblick von Disziplin aufgewogen werde. -Ehe ich mich dessen versah, waren wir in ein tiefes Gespräch über die -Zeitereignisse und namentlich über das Schicksal des Adels verwickelt. -Ich stritt lebhaft für unsern alten Reichsadel, aber kurz und bestimmt, -und so artig als möglich wußte er meine besten Gründe zu widerlegen. -Ich merkte wohl aus allem, und er gestand es auch offen, daß er ein -~Ci-devant~ sei. Er gestand auch zu, daß eine Republik in neueren -Zeiten etwas Schwieriges, beinahe Unnatürliches sei, daß Institute wie -der Adel nützlich, ja gewissermaßen notwendig seien, behauptete aber, -daß der Adel überall von neuem geboren werden und nur aus kriegerischem -Verdienst und Ruhm hervorgehen müsse.« - -»Wie?« fiel ihm Rantow ins Wort, »so allgemein dachte man schon damals -in jener Armee an _das_, was nachher jener sogenannte Kaiser wirklich -ausführte? Das ist wunderbar!« -- »Auch mir sind nachmals,« erzählte -der alte Thierberg, »da Napoleon die Ehrenlegion und Dotationen schuf, -oft die Worte meines guten Kapitäns eingefallen. Diesen gewann ich -in _einer_ Stunde, die wir zusammen sprachen, so lieb, als wäre er -kein Franzose, als wären wir langjährige Freunde. Endlich mahnte ihn -die Feldmusik eines ferne heranziehenden Regiments zum Aufbruch. Ich -schenkte ihm meine silberne Feldflasche, die er erst nach langem Streit -und endlich lachend annahm; mir gab er dafür eine kleine Ausgabe des -Tacitus und eine von den bunten Federn auf seinem Hut, womit sich -damals die republikanischen Offiziere schmückten. Die Bajonette des -Regiments blitzten über den nächsten Hügel herab, und die Musiker -begannen eben ihr ›~Allons enfants~‹, als er aufs Pferd stieg; er gab -mir noch einige Verhaltungsregeln, drückte mir lächelnd die Hand und -unter dem ›~Marchons, ça ira!~‹ setzte er den Berg hinan. Noch heute -steht dieser liebenswürdige, interessante junge Mann vor meinen Augen, -wie er den Fuß der Alpe hinanritt, der Wind in seinem Mantel, in seinen -Federn wehte, und er grüßend noch einmal sein geistreiches Gesicht -nach mir umwandte. Damals, aber nur einen Augenblick lang, und ich -weiß heute noch nicht warum, schlug mein Herz für diese Franzosen, und -solange ich die Musik hören konnte, sang ich das ›~Allons enfants~‹ und -das ›~Marchons, ça ira~‹ mit. Nachher freilich schämte ich mich meiner -Schwäche, haßte dieses Volk nach wie vorher, und nur mein Retter in der -Not, mein Kapitän, steht in meinem dankbaren Gedächtnis.« - -»Allerdings ein wunderbarer Fall,« sagte Rantow, als der Alte nicht -ohne tiefe Rührung geendet hatte; »artige und honette Leute gab es -zwar immer unter diesen Truppen, aber die gute Disziplin war ungleich -seltener. Ich hätte mögen den Schrecken jener fünf Soldaten sehen.« - -»Nun Hans,« sagte Anna zu dem Diener, der aufmerksam und gespannt -zuhorchte, »du hast sie ja gesehen.« - -»Ich sag' Ihnen, gnädiges Fräulein, wie aus Stein gemeißelt standen sie -vor dem Kapitän und schämten sich, und Augen hat er auf sie dargemacht -wie der Lindwurm auf den Ritter Sankt Georg. Als die Franzosen nachher -zu uns herauskamen, bin ich oft halbe Tage lang an der Landstraße von -Heidelberg gestanden und habe sie Regiment für Regiment defilieren -lassen, aber der Kapitän war nie dabei; der ist wohl schon lange tot.« - -»Ehre und Segen mit seinem Andenken, wo er auch sein möge,« sprach der -alte Thierberg. »Ist er gestorben, so hat er doch alles, was nachher -in der Welt Ungerechtes und Frevelhaftes geschah, nicht mehr mitmachen -müssen. Vielleicht hat er sich auch vom Dienst zurückgezogen, als der -Diktator sich zum Kaiser machte, denn mein braver Kapitän, der so nobel -dachte, kann kein Freund des übermütigen Korsen gewesen sein.« - -Anna lächelte, aber sie mochte das Lieblingsthema ihres alten Vaters, -die Geschichte »vom besten Franzosen« nicht durch eine Apologie jenes -großen Sohnes einer kleinen Insel stören. - - -9. - -Man hatte sich heute früher getrennt als gestern, und Albert, den der -Schlaf noch nicht besuchen wollte, stand unter dem Bogenfenster seines -altertümlichen Zimmers und schaute in das Tal hinab. Er dachte nach -über alle Worte seiner schönen Cousine, er fand so viel Stoff, sie -anzuklagen und sich zu bedauern, daß er das erste Mal in seinem Leben -im Ernste sich selbst sehr schwermütig erschien. - -Dieses eine Mal, nach so vielen flatterhaften und flüchtigen -Geschichten, war er sich recht klar und deutlich bewußt, ernstlich -zu lieben; niemals zuvor hatte er einem Gedanken an ein häusliches -Verhältnis, an das Glück der Ehe Raum gegeben, und nur erst diesem -fröhlichen, unbefangenen Geschöpf war es gelungen, seine Ansichten über -seine Zukunft ernster, seine Gefühle würdiger zu machen. Er wunderte -sich, gerade da zurückgewiesen zu werden, wo er es wirklich redlich -meinte, es befremdete ihn, gerade in jenen Augen als flüchtig und -kokett zu erscheinen, die ihn so unwiderstehlich angezogen, gefesselt -hatten; er schämte sich, daß bei diesem natürlichen Kind seine sonst -überall anerkannten Vorzüge ohne Wirkung bleiben sollten; er sah darin -ein böses Vorzeichen, denn seine bisherige Erfahrung hatte ihn gelehrt, -daß die Ueberraschung, daß der erste Eindruck entscheiden müsse. - -Aus diesen Gedanken weckte ihn eine Flöte, die wie am gestrigen Abend -süße Töne vom Wald herüberhauchte. Aufs neue erwachte in ihm der -Gedanke, daß diese Serenade wohl Anna gelten könnte. Er sah schärfer -nach dem Wald hinüber, und, er irrte sich nicht, es war jene Waldecke, -die er heute besucht hatte, woher die Töne kamen. Schnell warf er -seinen Mantel über; eilte hinab und bat den alten Hans, ihm das Tor zu -öffnen; er gab vor, auf einem Platz im Wald, unweit des Schlosses, ein -Taschenbuch zurückgelassen zu haben, dem der Nachttau schaden könnte. -Die Flötenklänge, die immer weicher und schmelzender wurden, dienten -ihm zu Führern nach jener Waldecke; immer eifriger drang er durch das -Gebüsch, denn er hatte einen Blick nach der Burg hinübergeworfen und -gesehen, daß ein weißes Tuch von Annas Fenster wehte. Schon sah er die -Umrisse des Flötenspielers, schon rief er: »Halt, Freund Musikus, ich -werde die zweite Stimme spielen,« da schlug dicht neben ihm ein Hund -an, und als er erschreckt auf die Seite sprang, stürzte er über die -Wurzeln einer alten Eiche unsanft zur Erde. - -Als er sich nach einer Weile wieder aufgerichtet hatte und auf den -Platz zutrat, wo der Mann mit der Flöte gesessen hatte, fand er weder -von ihm noch von dem Hund eine Spur, wohl aber hörte er tief unten am -Berg die Büsche rauschen und das Gesträuch knacken. Beschämt wandte -er sich ab und sah nach dem Schloß hinüber. Ein heller Schein war an -Annas Fenster, aber es war kein Tuch, wie er geglaubt hatte, sondern -der Mond, der in den Gläsern sich spiegelte. Er warf sich seine -Unbesonnenheit, seine Hast und Eile, sein Mißtrauen, seine Eifersucht -vor. Er suchte für das Entweichen des Flötenspielers die gewöhnlichen -und prosaischen Gründe auf, er _wollte_ Anna unschuldig finden, und -dennoch wurde er nicht ruhig. - -So stand er in dem Anblick der vom Mondlicht übergossenen Burg da, als -er plötzlich mit einem Schrei des Schreckens auffuhr, denn eine kalte -Hand rührte an die seinige; er sah sich um, und eine dunkle Gestalt -stand vor ihm. Ehe er noch fragen, sich nur fassen konnte, fühlte er, -daß man ein Papier in seine Hand gedrückt habe, und zugleich stürzte -sich dieses geheimnisvolle Wesen in den Wald, doch war es nicht so -ätherischer Natur, daß es nicht im Forteilen das Gesträuch zerknickt -und Zweige abgestoßen hätte. Albert wurde es ganz unheimlich an diesem -Ort. Sein aufgeregtes Blut, die tiefe Stille der Nacht, das schaurige -Dunkel der Buchen, und gegenüber die altersgraue Burg, ihre Fenster vom -Monde so sonderbar beleuchtet, daß er geheimnisvolle Schatten in den -hohen Gemächern hin und her schleichen sah -- es war ihm so bange, daß -er schnell seinen Weg zurückeilte, daß er im Wald laut auftrat, nur um -sich selbst in dieser unheimlichen Stille zu hören. - -Die Laterne des alten Hans warf ihm ein tröstliches Licht aus dem Tor -entgegen. Eilends ließ er den Alten mit der Lampe voran nach seinem -Zimmer gehen, er entrollte das Papier und erschrak vor einem fremden -Unglück, denn die wenigen Zeilen lauteten: - -»Dein Brief traf mich erst heute, die Antwort ein andermal. S. Z. N. -und noch drei andere wurden heute früh verhaftet und nach der Festung -geführt. Ich weiß nicht, ob du dich schuldig fühlst, aber vernünftig -wäre es, wenn du dich auf die Beine machtest. In _deiner_ Lage kann es -nicht schaden. Ich schickte diese Zeilen an den gewöhnlichen Platz; -Gott gebe, daß sie dich treffen. Was du auch tun wirst, Robert, sei -diskret und nenne mich nie.« - -Wer der unglückliche Flötenspieler gewesen sei, sah jetzt Albert -deutlich; doch zu großmütig, um aus dieser Verwechslung einen Vorteil -ziehen zu wollen, faßte er rasch den Entschluß, den jungen Willi zu -retten. Aber fremd und unbekannt in dieser Gegend deuchte es ihm -unmöglich, dies allein auszuführen. Er schickte schnell den alten -Hans nach dem Turm, wo Anna wohnte, er ließ sie dringend bitten, ihm -nur auf zwei Minuten in einer sehr wichtigen Sache Gehör zu geben. Er -folgte dem Alten bis an die Tür des Saales, und dort blieb er in dem -großen weiten Gemach allein, um seine Cousine zu erwarten. Zu jeder -andern Zeit hätte der Anblick, der sich ihm hier darbot, mächtig auf -seine Seele wirken müssen. Ein ungewisses Licht schimmerte durch die -Fenster und fiel auf die Gemälde seiner Ahnen. Ihre Gestalten schienen -lebendiger hervorzutreten, ihre Gesichter waren bleicher als sonst, und -die ausgestreckte Hand einer längst verstorbenen Frau von Thierberg -schien sich zu bewegen. Dazu rauschten die Bäume und murmelte der Fluß -auf so eigene Weise, daß man glauben konnte, dieses Geräusch gehe von -den Gewändern der Verstorbenen aus. - -In diesen Augenblicken aber hatte er nur ein Ohr für die immer leiser -schallenden Tritte des alten Dieners; sein Auge hing erwartungsvoll an -der Türe, sein Herz pochte unruhig einer Gewißheit entgegen, die keine -erfreuliche sein konnte. - -Bald tönten die Schritte wieder den Korridor herauf; er strengte sein -Ohr an, ob er nicht auch den leichten Tritt seiner Base vernehme, die -Türe öffnete sich, und sie erschien mit Hans und ihrem Mädchen, er sah -ihrer Kleidung und ihren Augen an, daß sie noch nicht geschlummert -hatte. Noch ehe sie ihn fragen konnte, reichte er ihr schnell das -Billet und sagte französisch in wenigen Worten, wie er es erhalten -habe. Eine hohe Röte flammte über das schöne Gesicht, solange er -sprach, sie wagte es nicht, die zarten Augenlider aufzuschlagen; doch -kaum hatte sie einen Blick auf die Zeilen geworfen, so erbleichte sie, -sah ihn mit großen Augen erschrocken an und zitterte so heftig, daß sie -sich an dem Tisch halten mußte. - -»Ich muß sogleich hinübereilen,« sagte er, näher tretend, »und nur -darum habe ich dich rufen lassen, daß du mir ein Mittel angebest, wie -ich durch den Fluß komme. Ich möchte bei den Domestiken nicht gerne -Aufsehen erregen.« - -»Zu Pferd, schnell zu Pferd!« rief sie hastig, indem sie bebend seine -Hand ergriff; »schwimm hinüber und dann schnell nach Neckareck.« - -»Aber bei Nacht?« erwiderte er zaudernd. »Ich kenne die Stellen nicht, -wo man durchkommen kann, der Fluß ist tief und reißend.« - -»Führe _mir_ des Vaters Pferd heraus, Hans!« wandte sie sich an den -erschrockenen Diener; »schnell, du begleitest mich, ich will selbst -hinüber!« - -»Führe es heraus, Alter, aber für mich!« fiel Rantow unmutig ein. »Wie -magst du mich so verkennen, Anna? Du wirst mir den Weg zu einer Stelle -zeigen, wo ich durch den Neckar kommen kann.« - -»Nein, so geht es nicht!« sagte sie beinahe weinend und sank auf einen -Stuhl nieder; »du wirst nicht hinüberkommen. Führe ihn durchs Dorf -hinab, Hans, mach' unsern Kahn los und schiffe den Vetter hinüber, du -mußt zu Fuß hinüber, Albert, in einer halben Stunde kannst du dort -sein. O Gott! ich habe es ja schon lange geahnt, daß es so kommen -würde! Sag' ihm, er soll nicht zögern, ich wolle ihn überall lieber -wissen als in einem Kerker!« - -Der junge Mann drückte ihr schweigend die Hand und winkte dem Alten, -zu gehen. Nie zuvor hätte er sich für fähig gehalten, so schönen -Hoffnungen so schnell zu entsagen, aber der Gedanke an die schöne, -kummervolle Anna, die er bis jetzt nur lächelnd gesehen hatte, spornte -ihn zu immer schnelleren Schritten, und so mächtig ist in einem Herzen, -das die Selbstsucht noch nicht ganz umsponnen hat, das Gefühl, in einem -entscheidenden Moment Hilfe oder Rettung zu geben, daß er in diesem -Augenblick in dem jungen Willi nur einen Unglücklichen und nicht Annas -Geliebten sah. - -Am Ufer schloß der Alte schnell den Kahn los und bat den Gast, sich -ruhig niederzusetzen, aber dennoch konnte Albert diesem Gebote nicht -völlig Folge leisten, denn als sie ungefähr die Mitte des Neckars -erreicht hatten, hörte man deutlich den Hufschlag von Pferden und das -Rollen eines Wagens von der Landstraße her, die sich jenseits dem Ufer -näherte. Er richtete sich auf, trotz dem Schelten des Alten und dem -unruhigen Schaukeln des Kahns, und sah im Schein einiger Laternen einen -Wagen mit vier Pferden, von einigen, wie es schien, bewaffneten Reitern -begleitet, vorüberfahren. »Ist dies eine Hauptstraße?« fragte er den -alten Hans; »kann dies vielleicht ein Postwagen sein, der dort fährt?« - -»Hab' hier noch nie einen gesehen,« erwiderte jener mürrisch; »und um -einen Postwagen zu sehen, möchte ich kein kaltes Bad im Neckar wagen.« - -»Schnell! wo geht man nach Neckareck, nach dem Gut des Generals?« -fragte Albert, welcher besorgte, er möchte zu spät gekommen sein. -»Spute dich, Alter!« - -»So lassen Sie mich doch den Kahn erst wieder anschließen!« sagte Hans; -»doch wenn Sie Eile haben, nur hier links immer die Straße fort, sie -führt gerade auf das Schloß zu; ich will schon nachkommen.« - -Der junge Rantow lief mehr, als er ging; der Alte keuchte mühsam -hinter ihm her, aber so oft er ihn erreicht hatte, lief jener wieder -schneller, als würde er verfolgt. Endlich sah er das Schloß mit seinen -weißen Säulen durch die Nacht schimmern; es fiel ihm ängstlich auf, -daß viele Fenster erleuchtet waren, und als er näher kam, sah er -deutlich Menschen an den Fenstern hin und her laufen. Der Schrecken -dieser Nacht und die ungewöhnlich schnelle Bewegung hatten seine Kräfte -beinahe erschöpft, aber dieser beunruhigende Anblick trieb ihn zu noch -rascherem Laufen; in wenigen Minuten langte er an dem Schloß an, aber -er mußte sich an die Pforte lehnen und nach Atem suchen, ehe er eintrat. - -Der erste, dem er an der erleuchteten Treppe begegnete, war der -Gardist, ein alter französischer Kriegsgefährte des Generals, der jetzt -mehr den Haushofmeister als den Diener spielte. Er schien bleicher -als sonst und schlich trübselig die Treppe herab. »Wo ist Euer junger -Herr?« rief Albert hastig, »führt mich schnell zu ihm.« - -»~Sacre bleu!~« antwortete der Gardist erstaunt, als er den jungen Mann -erkannte; »weiß es Fräulein Anna schon? ~O la pauvre enfant!~« - -»Wo ist Robert?« rief Rantow drängender. - -»~Il est prisonnier!~« erwiderte er traurig. »Auf die Festung gebracht -~comme ennemi de la patrie, comme démocrate~; vier ~Dragons de la -gensdarmerie~ haben ihn eskortiert, o, mein armer Monsieur Robert!« - -»Führe mich zum General!« sagte Rantow, als er diese Nachricht hörte. - -»~Monsieur le general est sorti.~« - -»Wohin?« rief der junge Mann, unwillig darüber, daß er jedes Wort dem -alten Soldaten abfragen mußte. - -»Mit seinem Sohn ~à la capitale~, zu fragen, was Monsieur ~de~ Willi -verschuldet.« - -Als Rantow sah, daß hier nichts mehr zu tun sei, suchte er einen -andern Bedienten auf und ließ sich die näheren Umstände der Verhaftung -erzählen. Er hörte, daß spät abends, in Roberts Abwesenheit, ein -Kommissär angekommen sei, der nach einer kurzen Rücksprache mit -dem General die Papiere des jungen Willi untersucht und teilweise -versiegelt habe. Darauf sei Robert nach Hause gekommen und habe sich -gutwillig darein ergeben, dem Kommissär zu folgen; er habe seinem Vater -das Wort darauf gegeben, daß man ihn unschuldig finden werde; das -letztere hatte der General einem Bedienten befohlen, am nächsten Morgen -dem Herrn von Thierberg und seiner Familie zu sagen; er habe sich dann -zu Pferd gesetzt und sei, nur von einem Bedienten begleitet, vom Schloß -weggeritten. Der junge Willi selbst hatte weder nach Thierberg noch -sonst wohin Aufträge zurückgelassen. - -Soviel erfuhr Albert, und diese Nachrichten waren nicht dazu geeignet, -ihn auf dem Rückweg freudiger zu stimmen. Er konnte auf den Trost, -welchen Robert seinem Vater gegeben, keine große Hoffnung bauen, und -vor allem war ihm vor dem Augenblicke bange, wo er die schmerzliche -Kunde der trauernden Anna bringen sollte. - - -10. - -Es waren seit jener traurigen Nacht mehrere Wochen verstrichen, sie -deuchten der armen Anna ebenso viele Monate. Das Laub der Bäume fing -schon an, sich zu bräunen, der Herbst mit seinem fröhlichen Gefolge war -in das Tal eingezogen, Gesang und Jubel schallte von den Rebhügeln, -schallte antwortend aus dem Fluß herauf, welcher Kähne, mit Trauben -schwer belastet, abwärts trug. Als würde einem verwegenen, in diesen -Bergen eingedrungenen Feind ein Gefecht geliefert, so krachten Büchsen- -und Pistolenfeuer aus den Weinbergen, doch nicht das Wutgeschrei -zurückgeworfener Kolonnen, sondern das Jauchzen einer freudeberauschten -Menge stieg auf, wenn die Gewehre recht laut knallten, oder wenn -die vorspringenden Ecken der Bergreihen die tiefere Stimme eines -Pfundböllers zehnfach nachriefen. - -Mit verschiedenen Empfindungen sahen die Bewohner des Schlosses -Thierberg diesem fröhlichen Treiben von einer altertümlichen -Terrasse des Schlosses zu. Der junge Rantow blickte unverwandt und -mit glänzenden Augen auf dieses Schauspiel, das ihm ebenso neu als -anziehend erschien. Er hatte in seiner Heimat, im Kreise vertrauter -Freunde, oft bemerkt, wie der Wein, diese Himmelsgabe, die Wangen -freundlicher färbte, die Zungen löste und zu traulichem Gespräch, -wohl auch zum Gesang, selbst die Ernsteren fortriß; doch nie hatte -er gedacht, daß eine noch rauschendere Freude, ein höherer Jubel -mit der Bereitung des fröhlichen Trankes sich verbinden könnte. -Wie poetisch deuchte ihm dieses lebhafte Gemälde! Welch frische, -natürliche Bilder zeigte ihm sein Opernglas! Diese Gruppen hatte der -Zufall geordnet, und doch schienen sie ihm reizender, als was die -Kunst je erfunden. »Siehe,« sagte er zu Anna, die, den schönen Kopf -auf den Arm gestützt, ihm gegenübersaß und zuweilen einen ernsten -Blick über das Tal hingleiten ließ, »siehe, dort gegenüber jenen Alten -mit den silbergrauen Haaren; wie viele solcher Herbste mag er schon -gesehen haben! Wahrlich, ich könnte an der Gruppe um ihn her seine -Lebensgeschichte studieren. Der blonde Knabe, der ihm eben die große -Traube brachte, ist wohl sein Enkel; den jungen Burschen, der mit der -Pritsche die Mädchen neckt und durch seine Scherze von der Arbeit -abhält, indem er sie anzutreiben scheint, halte ich für seinen jüngeren -Sohn; siehe, jenes Mädchen hat seinen Schlag derb erwidert, sie ist -wohl das Liebchen des muntern Burschen, denn sie lachen alle und -verspotten ihn. Dieser gebräunte, breite Mann von vierzig, der soeben -den ungeheuren, mit Trauben gefüllten Korb auf seine Schultern hob, ist -wohl der ältere Sohn und des blonden Knaben Vater. So hast du die vier -Altersstufen, die sie wohl alle ohne viel Aenderung durchlaufen mögen.« - -»Gewiß, ohne viel Aenderung und ohne viel Vergnügen,« bemerkte der alte -Herr von Thierberg, der gleichgültig hinblickte; »das ewige Einerlei -seit vielen hundert Jahren. Der Kleine dort wird jetzt bald in die -Schule getrieben und von seinem Schulmeister täglich geprügelt, gerade -wie vorzeiten sein Großvater. Der junge Bursche wird bald Soldat oder -auf ein paar Jahre Knecht in der Stadt. Kommt er dann nach Hause und -der Vater ist tot, so bekommt er sein kleines Stückchen Erbe und -glaubt heiraten zu müssen; und hat er vier Kinder, so werden sie, wenn -auch er einst stirbt, das armselige Erbe unter sich teilen und gerade -viermal ärmer sein als er. So treibt es sich herauf und herab; zu dem -Pulver, das sie heute verschießen, haben sie ein ganzes Jahr gespart, -um doch auch _einen_ Tag zu haben, an welchem sie sich betäuben können; -und das nennen sie lustig sein! Das nennen die Städter ein Fest, ein -malerisches Volksvergnügen!« - -»Nein! Sie sehen es zu düster an, Oheim!« entgegnete der Gast. »Mir -scheint, ich gestehe es, eine wundervolle Poesie in diesem Treiben zu -liegen. Diese Menschen sind so behende, so lebendig, so regsam. Stellen -Sie einmal meine Märker hierher, wie unbeholfen und ungeschickt sie -sich benehmen würden! Ich schäme mich heute noch der Unerfahrenheit, -die ich letzthin zeigte; ich nahm in einem Ihrer Weinberge einem -hübschen Mädchen das gebogene Messer ab und versprach, sie zu -unterstützen; als ich die erste Traube abgeschnitten hatte und sie in -das Körbchen legte, betrachtete das Mädchen nur den Stiel der Traube -und sagte lächelnd: ›Er hat wohl noch nicht oft Trauben geschnitten;‹ -und siehe, ich hatte, statt schief zu schneiden, gerade geschnitten. -Nein! mir scheint diese Weinlese ein fortdauernder Festtag der Natur, -eine liebliche, verkörperte Poesie.« - -»Poesie?« erwiderte Anna, indem sie einen trüben, wehmütigen Blick -auf die Berge gegenüber warf; »eine Poesie, die mir das Herz -durchschneidet. Mir erscheint dieses fröhliche Treiben wie ein Bild -des Lebens. Unter langem Jammer und Ungemach _ein_ Tag der Freude, -der durch seine hellen, freundlichen Strahlen das öde Dunkel umher -nur noch deutlicher zeigt, aber nicht aufhellt! O, kenntest du erst -das Leben dieser Armen näher! Wenn du sie beim ersten Erwachen des -Frühlings sehen könntest! Jeder Winter verwüstet ihre steilen Gärten; -der Schnee löst sie auf und reißt ihre beste, fruchtbarste Erde mit -sich hinab. Aber rastlos zieht jung und alt heraus. Die Erde, die ihnen -das Wasser nahm, tragen sie wieder hinauf und legen sie sorglich um -ihre Reben her. Vom frühesten Morgen, in der Glut des Mittags, bis am -späten Abend steigen sie, schwer beladen, die steilen engen Treppen -hinan. Welche Freude, wenn dann der Weinstock schön steht, aber wie -bitter ist zugleich ihre Sorge; denn der kleinste Frost kann ihre zarte -Pflanze vernichten. Und fällt nun der böse Tau oder eine kalte Nacht, -wie schauerlich ist dann ihr Geschäft anzusehen. Alle, selbst die -kleinsten Kinder, strömen noch vor Tag in den Weinberg. Dort legen sie -alte Stücke von Kleidern und Tüchern neben die Rebstöcke und brennen -sie an, daß der qualmende Rauch die zarte Pflanze schützen möchte. Wie -arme Seelen, ins Fegfeuer verbannt, schleichen sie um die kleinen, -zuckenden Feuer und durch die Schleier, die der Rauch um sie zieht. Die -Kleinen rennen umher, sie können noch nicht berechnen, welches Unglück -sie sehen, aber die Männer und Weiber wissen es wohl; es ist _eine_ -kühle Morgenstunde, die das Werk langer, mühsamer Wochen zerstört und -sie ohne Rettung noch tiefer in die Armut senkt.« - -»Wahrhaftig! Du bist krank, Anna!« sagte der alte Herr, indem er -lächelnd zu ihr trat und, doch nicht ohne leise Besorglichkeit, seine -Hand auf ihre schöne Stirne legte; »du warst ja doch einst so fröhlich -im Herbst, gabst solchen bösen Gedanken niemals Raum und freutest dich -mit den Fröhlichen. Bist du krank?« - -Anna errötete und suchte fröhlicher zu scheinen, als sie es war. »Krank -bin ich nicht, lieber Vater,« erwiderte sie, »aber ich bin doch alt -genug, um sogenannte Herbstgedanken haben zu dürfen. Man kann doch -nicht immer fröhlich sein, und -- mein Gott!« rief sie, indem sie -errötend aufsprang -- »ist er es nicht? -- seht dort! --« - -»Willi?« rief Rantow verwundert und wandte sich nach der Seite, wohin -Anna deutete. - -»Wer denn?« sagte der Alte, indem er bald seine zitternde und verwirrte -Tochter, bald seinen Gast ansah. »Wie kommst du nur auf Willi? Wer soll -denn kommen? So sprechet doch!« - -Aber in diesem Augenblick trat auch schon der, dem Annas Ausruf -gegolten hatte, herein, es war der alte Gardist. Er war noch nicht -ganz auf die Terrasse getreten, als schon Anna, jede andere Rücksicht -vergessend, zu ihm hinflog, seine Hand ergriff und eine Frage -aussprechen wollte, zu welcher ihr der Atem fehlte. Der alte Soldat -zog lächelnd seine Hand zurück, grüßte mit militärischem Anstand und -berichtete, in Form eines militärischen Rapports, daß der General noch -diesen Abend zu Hause eintreffen und -- - -»Ist er frei?« unterbrach ihn Anna. - -»-- und seinen Sohn mitbringen werde, der auf sein Ehrenwort und die -Kaution, die der Herr General gestellt habe, aus der Haft entlassen -worden sei.« - -In Annas Augen drängten sich Tränen, sie zitterte heftig und setzte -sich nieder; der alte Thierberg, durch diesen Anblick überrascht, -preßte die Lippen zusammen und blickte seine Tochter unwillig an, und -Albert, der in den Zügen seines Oheims las, daß jener ein Geheimnis -ahne, dessen Teilnehmer er bis jetzt allein gewesen war, fühlte sich -befangen; er fürchtete für Anna, und erst in diesem Augenblicke wurde -es ihm deutlich, daß es für ihn selbst besser gewesen wäre, sich -nie in diese Angelegenheit zu mischen. »Ich lasse dem Herrn General -danken und Glück wünschen,« sagte nach einer peinlichen Pause Herr -von Thierberg zu dem Grenadier und winkte ihm, zu gehen. »Wünsche -nur,« fuhr er fort, indem er auf der Terrasse mit heftigen Schritten -auf und ab ging, »wünsche nur, daß die paar Wochen Gefängnis eine -gute Wirkung auf den Herrn Weltstürmer gehabt haben mögen! Ein paar -Monate hätten nicht schaden können, wäre es auch nur gewesen, um das -heiße Blut abzukühlen und die vorschnelle Zunge zu fesseln. Aber das -alles ist das Erbteil seiner hochweisen Frau Mama! Ein junger Mann von -unbeflecktem Adel hätte sich so weit nicht verirrt; aber das gewinnt -man bei solchen Heiraten; weil sie sah, daß man in unserem Zirkel -ihre Abkunft nicht vergessen habe, hat sie ihrem Sohn solche tollen, -republikanischen Ideen eingeprägt und ihn zu einem Toren, wo nicht zu -einem verderblichen Menschen gemacht.« Diese und andere Worte stieß -er schnell und heftig aus, und plötzlich blieb er vor seiner Tochter -stehen, sah sie mit grimmigen Blicken an und sagte dann: »Ich glaube -jetzt in der Tat, daß du kränker bist, als ich dachte; geh auf dein -Zimmer! -- Ich werde mit dem Vetter diesen Abend allein speisen; geh!« - -Das arme Kind ging hinweg, ohne ein Wort zu sagen; sie mochte die Natur -ihres Vaters kennen und wissen, daß jeder Widerspruch seinen Zorn -steigere, sie mochte auch fühlen, was in diesem Augenblick in seiner -Seele vorgehe, wo sie zu wenig Macht über sich besaß, um ihr Geheimnis -zu verbergen. - -Als sie weggegangen war, schritt der Alte wieder eine Zeitlang -schweigend hin und her; dann trat er zu seinem Neffen und fragte mit -bewegter Stimme: »Was sagst du zu dem Auftritt, den wir da gesehen -haben? Meinst du wirklich, es wäre möglich?« - -»Ich kann Sie nicht verstehen, lieber Oheim.« - -»Nicht verstehen, Junge? So soll ich es denn selbst in den Mund nehmen? -Wisse -- ich habe entdeckt, daß Anna den -- den von drüben -- nun -daß sie den Sohn des Generals liebt. Zum Teufel, Junge! Du erwiderst -nichts? Wie magst du so -- so gleichgültig aussehen, wenn von der Ehre -deiner Familie die Rede ist? Rede!« - -»Ich kann nichts hierin sehen,« entgegnete der junge Mann trotzig, »was -etwa der Thierbergschen Ehre zu nahe treten könnte. Der alte Willi ist -von Adel, ist ein berühmter General, ist reich --« - -»Also abkaufen sollen wir uns unsere Ehre lassen, abhandeln? -- -Bursche, wenn du nicht mein Neffe wärest -- Gott strafe mich, aber -ich kenne mich selbst nicht, wenn ich in Wut bin. -- Reich? Siehe, -für so schlecht und niederträchtig halte ich mein Kind selbst nicht, -daß es daran gedacht haben sollte. Sieh dich um -- so weit du sehen -kannst, war einst alles -- alles mein; ich habe nichts mehr als diese -verfallenen Türme und eine Hufe Landes wie der gemeinste Bauer, aber -auch dieses soll diese Nacht noch hinfahren, in den Schuldturm soll man -mich werfen, mich auspfänden, mein altes Wappen entzweischlagen, wenn -ich je zugebe --« - -»Oheim!« fiel ihm der Neffe erbleichend ins Wort, »bedenken Sie sich -zuvor, ehe Sie einen solchen Frevel aussprechen! Was kann dieser junge -Mann dafür, daß sein Vater reich ist? Beträgt er sich denn aufgeblasen? -Macht er Ansprüche auf seinen Reichtum? Ich sagte es ja vorhin nur so -in der Uebereilung.« - -»Nein, das tun sie nicht, die Willis,« antwortete nach einer Pause der -Alte; »das ist noch ihre gute Seite. Aber das macht ihn nicht besser. -Seine Grundsätze sind es, die ich hasse; er ist mein bitterster Feind!« - -»Wie wäre dies möglich?« erwiderte Rantow beruhigend. »Wie könnte er -_Ihr_ persönlicher Feind sein!« - -»Was persönlicher Feind!« rief Thierberg heftiger. »Solche Feindschaft -kenne ich nicht, und mein Feind müßte ein anderer sein als dieser -Knabe; aber ein Todfeind bin ich all diesem Wesen, diesen Neuerungen, -diesem Deutschtum, Bürgertum, Kosmopolitismus, und welchen Namen sie -dem Unsinn geben mögen, und dessen treuester Anhänger eben dieser junge -Mensch da ist. Das ganze erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts -hatte den verdammten Geschmack dieses Unwesens, und man wird sehen, -wohin es im jetzigen kommt, wenn diese Menschen und ihre Gesinnungen -um sich greifen; aber, so wahr Gott lebt, man soll von dem letzten -Thierberg nicht sagen können, daß er in seinen alten Tagen einem dieser -Weltverbesserer die Hand zur Unterstützung gereicht hätte!« - -»Aber, Oheim!« fiel Albert ein, dem es in diesem entscheidenden -Augenblicke keine Sünde deuchte, gegen seine eigene Ueberzeugung zu -sprechen, »gibt es denn in diesem Jahrhundert auch nur _eine_ Familie, -die nicht, wenn man sie einzeln durchginge, die verschiedensten -Gesinnungen in sich schlösse? Wird denn der einzelne Mann dadurch -schlechter, daß er eine andere Meinung hat als wir? Ist nicht -Protestant und Katholik in den Augen des Vernünftigen gleich viel wert? -Denkt nicht der General selbst ganz verschieden von seinem Sohn?« - -»Laß mir den Glauben aus dem Spiel, Neffe!« entgegnete jener. »Darüber -zu richten, geht weder dich noch mich an. Aber dieser General vollends, -der meinen Todfeind als Schutzpatron anbetet und diesen Bonaparte für -den heiligen Georg hält, der den Lindwurm des veralteten Jahrhunderts -tötete; _diesen_ in _meiner_ Familie! Es würde mich töten!« - -»Aber wissen Sie denn, ob auch der junge Willi Ihre Tochter liebt? Hat -denn Anna irgend etwas gestanden?« - -Der Alte sah seinen Neffen bei dieser Frage lange und erschrocken -an; dann fuhr er nach einigem Nachsinnen gefaßter fort. »Nein! Einer -solchen Schmach halte ich sie nicht fähig; meinst du, _meine_ Tochter -werde sich in einen solchen -- Menschen verlieben, ohne daß er sie -zuvor mit tausend Künsten dazu verlockte? Nein! Dazu ist sie mir noch -immer zu gut; aber -- ich will mir Gewißheit verschaffen!« - -Er sprach es, und noch ehe ihn Rantow aufhalten konnte, eilte der alte -Mann hinweg, um seine Tochter zur Rede zu stellen. Düster schaute ihm -der Gast aus der Mark nach. »Wahrlich, wenn die Aktien so stehen, werde -ich weder Brautführer noch Hochzeitsgast in Thierberg sein,« sprach er, -»der Alte müßte sich denn durch ein Wunder in einen Demagogen oder der -Demagoge in einen rechtgläubigen Verehrer der alten Reichsritterschaft -verwandeln.« - - -11. - -Es hatte dem General Willi nicht geringe Mühe gekostet, von seinem Sohn -das Unglück einer längeren Gefangenschaft abzuwenden. Sein Ansehen -war zwar in der Hauptstadt jenes Landes, welchem sein Gut angehörte, -durch den Wechsel der Verhältnisse und Meinungen nicht gesunken; man -verehrte in ihm einen Mann von hohem Verdienst, militärischer Umsicht -und Tapferkeit, und es gab manche, die ihn wegen seiner treuen und -ausdauernden Anhänglichkeit an jenen Mann, der einst das Schicksal -Europas in der Rechten getragen, bewunderten; es gab viele, die -ihm, wenn sie auch diese Bewunderung nicht teilten, doch wegen der -Beharrlichkeit und Charakterstärke, die er in den Tagen des Unglücks -entfaltet hatte, wohlwollten. Dennoch mußte er sein ganzes Ansehen -aufbieten, manche Türe öffnen, um seinem Sohn, auf dem _der Verdacht, -mit Verdächtigen in Verbindung zu stehen_, lastete, nutzen zu können. - -Der General war ein Mann von zu großem Rechtsgefühl, als daß er, -wenn er seinen Sohn schuldig glaubte, diese Schritte für ihn getan -hätte. Aber es genügte ihm an der einfachen Versicherung seines -Sohnes. »Ich teile,« hatte er ihm gesagt, als er verhaftet wurde, -»ich teile im allgemeinen die Gesinnungen jener Männer, die man jetzt -zur Untersuchung zieht, aber -- ich teile weder ihre Pläne noch die -Ansichten, die sie über die Mittel zum Zweck haben. Ich habe nur -_gedacht_, nie _gehandelt_, habe mir selbst gelebt, nicht mit andern, -und Beschuldigungen, welche andere treffen mögen, werden nie auf mich -kommen.« So war es denn gelungen, den jungen Willi auf so lange frei zu -machen, als nicht stärkere Beweise, die gegen ihn vorgebracht würden, -seine Anwesenheit vor den Gerichten notwendig machten, eine Schonung, -die er nur der Fürsprache seines Vaters und dem Vertrauen verdankte, -das man in die Bürgschaft des Generals Willi setzte. - -Sie konnten sich beide wohl denken, welches Aufsehen dieser Vorfall in -der Umgegend von Neckareck gemacht haben mußte; hätten sie in einer -Stadt gewohnt, so würden sie sich wohl damit begnügt haben, ihren -Bekannten von ihrer Rückkunft Nachricht zu geben; aber die Sitte auf -dem Lande fordert größere Aufmerksamkeit für gute Nachbarn; man mußte -fünf oder sechs Familien im Umkreis von drei Stunden besuchen, mußte -ihre Neugierde über diesen Vorfall umständlich befriedigen; kurz, -man mußte sich zeigen, wie man sich etwa nach einer überstandenen -Krankheit bei den Bekannten wieder zeigt und für ihre Teilnahme Dank -sagt. Als aber der General mit seinem Sohn am dritten Tag nach ihrer -Rückkehr nach Thierberg aufbrach, war es noch ein anderer Grund als -Höflichkeit gegen gute Nachbarn, was sie dorthin zog. Der junge Willi -mochte in den einsamen Wochen seiner Gefangenschaft Zeit gefunden -haben, über sein Leben und Treiben nachzudenken, er mochte gefunden -haben, daß ihn jene politischen Träume, welchen er nachgehängt hatte, -nicht befriedigen könnten, daß es ein höheres, reineres Interesse -gebe, wodurch sein Leben Bedeutung und Gehalt, seine Seele Ruhe und -Zufriedenheit gewänne. - -Der General lächelte, als ihm Robert sein Verhältnis zu Anna entdeckte -und die Wünsche auszusprechen wagte, die sich mit dem Gedanken an die -Geliebte verbanden. Er lächelte und gestand seinem Sohn, daß er längst -dieses Verhältnis geahnt, daß er gewünscht habe, das unruhige Treiben -des jungen Mannes möchte eine festere Richtung annehmen. »Ich kenne -dich,« sagte er ihm, »wärest du zu jener Zeit jung gewesen, wo wir in -Europa umherzogen, um Krieg zu führen, so hätte deine Phantasie mit -aller Kraft die großartigen Bilder des Krieges ergriffen, ich hätte -dir den ersten Raum geöffnet, du selbst hättest dann deine Laufbahn -gemacht. Daß du in diesen stillen Feiertagen des Jahrhunderts nicht -dienen willst, kann ich dir nicht übelnehmen. Des Umherschweifens in -der Welt bist du satt, das Leben in den Salons genügt dir nicht, so -bleibe bei mir; besorge an meiner Statt meine Güter, ich kann dabei nur -gewinnen; ich gewinne Zeit für mich und meine Erinnerungen, gewinne -dich, und« -- setzte er mit einem freundlichen Händedruck hinzu -- -»wenn du anders deiner Sache gewiß bist, gewinne ich Anna.« - -Sie besprachen dieses Kapitel auch auf dem Weg nach Thierberg wieder, -und Robert gab seinem Vater Vollmacht, bei dem Alten um Anna für ihn -zu werben. Sie verhehlten sich nicht, daß eine nicht unbedeutende -Schwierigkeit im Charakter des alten Thierberg liegen könne. Ihre -Gesinnungen hatten so oft die seinigen beinahe feindlich durchkreuzt. -Man hatte sich wegen Meinungen so oft gezankt, man war oft unzufrieden, -beinahe verstimmt auseinander gegangen. Aber sie trösteten sich damit, -daß er doch nie persönliche Abneigung gezeigt habe, und die Vorteile, -die für Thierberg aus dieser Verbindung hervorgingen, erschienen -so bedeutend, daß der General, als sie über die Zugbrücke ritten, -sich schon im Geiste als Vater der schönen Anna zu sehen glaubte und -vertrauensvoll auf das Thierbergische Wappen über dem alten Portal -zeigte. »Mut gewinnt, führen sie als Symbol im Wappen,« flüsterte er -seinem Sohn zu. »Das fügt sich trefflich, denn weißt du noch, was der -Wahlspruch _deiner_ Ahnen war?« - -»_Der Will' ist stark!_« rief der junge Willi, freudig errötend. »_Mut -gewinnt_ -- und _der Will' ist stark_!« - -Im Schloßhof empfing Rantow die Angekommenen. Er entschuldigte seinen -Oheim mit einem kleinen gichtischen Anfall, der ihn verhindere, die -steile Treppe herabzusteigen und seinen Gästen entgegenzugehen. -Er sagte dies schnell und nicht ohne einige Verlegenheit, die er -hinter einem Schwall von Glückwünschen für Robert Willi zu verbergen -suchte. Nach den Verhältnissen, die gegenwärtig in den alten Mauern -von Thierberg herrschten, konnte nicht leicht etwas störender wirken -als dieser Besuch. Man hatte zwar den Vetter aus der Mark nicht mit -in das Geheimnis gezogen. Der Vater schien es zu bereuen, daß er -sich nur so weit gegen seinen Neffen ausgesprochen habe, und Anna -hatte mit ihm seit einigen Tagen nie mehr über Willi gesprochen, sei -es auf ein Verbot ihres Vaters, sei es aus Argwohn, er möchte dem -Alten ihr Geheimnis verraten haben. Seit jenem Abend jedoch, wo die -Rückkehr Roberts angekündigt worden war, herrschte eine Spannung, die -um so drückender wurde, da die ganze Gesellschaft zwar aus dreierlei -Parteien, aber -- nur aus drei Personen bestand. - -Anna sprach wenig und hielt sich meist auf ihrem Zimmer auf, wohin -Albert noch niemals eingeladen worden war; der Alte war mürrisch, -aufbrausender als sonst gegen seine Diener, gegen seinen Gast herzlich -wie zuvor, aber ernster und einsilbiger, gegen seine Tochter kalt und -gleichgültig. Er trank, trotz der bittenden Blicke, die Anna zuweilen -nach ihm hinzusenden wagte, mehr Wein als gewöhnlich, schimpfte dann -auf die ganze Welt, verschlief den Nachmittag und ließ sich abends -den Amtmann holen, um ein Spiel mit ihm zu machen. Dann setzte sich -Anna mit ihrer Arbeit in ein Fenster, ließ sich von dem Vetter etwas -vorlesen, aber Tränen, die hin und wieder auf ihre Hand herabfielen, -zeigten dem jungen Mann, wie wenig ihr Geist mit dem beschäftigt sei, -was er eben las. Der Anfall von Gicht, der über den Alten kam, machte -die Sache womöglich noch schlimmer. Man sah, wie er alle Kraft aufbot, -seine Schmerzen zu unterdrücken, nur um der natürlichen Hilfe seiner -Tochter weniger zu bedürfen, und wenn Fälle eintraten, wo er diese -Hilfe nicht abweisen konnte, wenn das schöne Kind bleich und mit Tränen -im Auge vor ihm kniete, um seine Beine in warme Tücher zu hüllen, da -wandte er sich ab, pfiff irgend ein altes Liedchen, nannte sich einen -Mann, der bald in die Grube fahren müsse, und fand es schön, daß doch -ein Enkel der Thierberge zugegen sein werde, wenn man den letzten -dieses Namens beisetze. - -Rantow wußte zwar, daß sein Oheim das Gastrecht gegen seine Nachbarn -nicht verletzen werde, aber diese letzten Tage fielen ihm schwer auf -die Seele, als er die Fremden die Treppe hinanführte, und er sah -voraus, daß die beiden Willis gewiß nichts dazu beitragen würden, die -Verstimmung aufzulösen. - -Der Empfang war übrigens herzlicher, als er sich gedacht hatte; es gibt -eine gewisse höfliche Freundlichkeit, die man sich angewöhnen kann, -ohne sich dessen bewußt zu werden. Besonders auffallend erscheint diese -Eigenschaft, wenn sich Männer begrüßen, von welchen wir wissen, daß sie -keiner Heuchelei fähig sind, und die dennoch, sei das durch Meinungen, -sei es durch Verhältnisse, sich feindlich gegenüber stehen. So schien -es auch der alte Thierberg nicht über sich vermögen zu können, -sein gewohntes: »Ah! schön, schön! Freut mich, -- Platz genommen!« -diesmal mit einem kälteren und förmlicheren Gruß zu vertauschen, -und die fünfhundertjährige Gastfreundschaft dieser Burg schien die -unwillkommenen Gäste in ihre schützenden Arme zu schließen. _Ein_ Blick -von Anna hatte dem jungen Willi gesagt, was hier vorgegangen sei. Er -fand sie blaß, ihre Stimme nicht so fest wie sonst, es lag Kummer um -den holden Mund, und ihre Augen schienen weicher geworden zu sein. Er -pries im stillen ihren richtigen Takt, daß sie mehr zu dem General -sprach als zu ihm, denn er hätte, von diesem Anblick ergriffen, nicht -Fassung genug gehabt, Gleichgültiges mit ihr zu reden. Rantow, der -einen ganz andern Auftritt erwartet hatte, wunderte sich, daß auch in -diesem »ehrlichen Schwaben«, wo ihm sonst alles so offen und ehrlich -deuchte, vier Menschen, die sich so nahe standen, ein so falsches Spiel -unter sich spielen könnten, ihre Gedanken, ihre Leidenschaften unter -einer so ruhigen Hülle zu verdecken wüßten. Er sah staunend bald den -jungen Willi und den alten Thierberg an, die ganz ruhig und abgemessen -sich über die Ereignisse der letzten Woche besprachen; bald hörte er -auf das Gespräch zwischen dem General und der Geliebten seines Sohnes, -die dasselbe Thema, nur mit Veränderungen abhandelten, wobei übrigens -Anna eine solche Ruhe an den Tag legte, daß sie nie hastig fragte, von -nichts mehr, als schicklich, ergriffen war. Der General wandte sich -im Gespräch und ging mit ihr langsam im Saal auf und ab; er stellte -sich endlich, wie zufällig, in einen tiefen Fensterbogen, und Albert -entging es nicht, daß er sich dort schnell zu dem schönen Mädchen -herabbückte, ihr etwas zuflüsterte, was eine tiefe Röte auf ihre Wangen -jagte; sie schien erschrocken, sie faßte seine Hand, sie sprach leise -heftig zu ihm, aber er lächelte, schien sie zu beruhigen, zu trösten, -und so stolz und zuversichtlich war seine Stirne, waren seine Züge, als -müßte er in diesem Augenblick seine Division ins Feuer führen, um den -schwankenden Sieg zu entscheiden. - -Der Gast aus der Mark ahnte, daß dort in jenem Fensterbogen ein -Entschluß gefaßt oder mitgeteilt worden sei, der auf Annas Schicksal -sich beziehe, und das Herz pochte ihm, wenn er an den eisernen Trotz -seines Oheims dachte. Die Diener hatten indessen Wein herbeigebracht, -man setzte sich in eines der weiten Fenster, und wenn nur die Gemüter -der fünf Menschen, die um den kleinen Tisch saßen, weniger befangen -waren, der schöne Tag, der Anblick des herrlichen Tales, das vor ihnen -lag, hätte sie zu immer höherer Freude stimmen müssen. - -Der General, dem es peinlich sein mochte, daß das Gespräch nach und -nach zu stocken anfing, bat Anna um ein Lied, und ein Wink ihres -Vaters bekräftigte diese Bitte. Man brachte ihre Gitarre herbei, der -junge Willi stimmte die Saiten, aber waren es die Worte des Generals, -war es der Anblick ihres Vaters, war es die lang ersehnte Nähe des -Geliebten, was sie verwirrte, sie errötete und gestand, daß sie in -diesem Augenblick kein passendes Lied zu singen wüßte. Man schlug vor, -man verwarf, bis Rantow beifiel, wie man einst in Berlin eine berühmte -schöne Sängerin von einer ähnlichen Verlegenheit befreite. Er schnitt -kleine Zettel und ließ jeden ein Lied aufschreiben. Dann faltete er -die Papiere geschickt und zierlich zusammen, schüttelte sie als Lose -durcheinander und ließ die Sängerin eines wählen. - -Sie wählte, sie eröffnete das Los und errötete sichtbar, indem sie -den General besorgt anblickte. »Das hat niemand anders als Sie -geschrieben,« sagte sie. »Warum denn gerade dieses Lied? Es ist nicht -immer politisch, ein politisches Lied zu singen!« - -»Wenn es nun aber mein Lieblingslied ist?« erwiderte Willi; »ich -appelliere an Ihren Vater; stand nicht die Wahl durchaus frei?« - -»Gewiß!« antwortete der Alte, »du singst, Anna; und wenn das Lied -Politik enthalten sollte -- nun, erdichtete Politik kann man ja immer -noch ertragen.« - -Sie nickte schweigend Gehorsam zu. Aber von jenem Augenblick an, wo -sie mit einem kurzen, aber kräftigen Vorspiel den Gesang anhob, schien -auf ihren lieblichen Zügen eine Art von Begeisterung aufzugehen; eine -zarte Röte spielte auf ihren Wangen, ihre Augen glänzten, und um den -schönen Mund, der die Töne so voll und rund hervorströmen ließ, spielte -anfangs ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmut überging. Es war eine -französische Ode, aus welcher sie einige Stellen vortrug; die Melodie, -bald heiter, ermunternd, bald erhaben und triumphierend, bald ernst und -getragen, schmiegte sich an das wechselnde Versmaß und den Gedankengang -der Strophen, und so süß war ihre Stimme, so ausdrucksvoll ihr Vortrag, -so hinreißend ihr ganzes Wesen, das mit dem Gesang sich zu verschmelzen -schien, daß die Männer, wenn sie gleich über den Gegenstand die -verschiedensten Gesinnungen hegten, doch von dem Strom der Töne mit -fortgerissen wurden. Wie erhaben war ihr Vortrag, als sie sang: - - ~Cachez ce lambeau tricolore! - C'est sa voix; il aborde, et la France est à lui.~ - -Ernst, beinahe traurig, doch nicht ohne Triumph, fuhr sie fort: - - ~Il la joue, il la perd; l'Europe est satisfaite - Et l'aigle, qui, tombant aux pieds du Léopard, - Change en grand capitaine un héros de hasard, - Illustre aussi vingt rois, dont la gloire muette - N'eût jamais retenti chez la postérité; - Et d'une part dans sa défaite, - Il fait à chacun d'eux une immortalité.~[1] - - [1] ~Sept Messéniennes nouvelles par C. Delavigne. 1re. Le départ.~ - -Als sie geendet hatte, legte sie die Gitarre nieder und ging, während -die Männer noch in verlegener Stille saßen, schnell hinweg. - -»~Il la joue, il la perd~,« sprach der alte Thierberg lachend. »Eine -große Wahrheit! Und dieser Dichter, wer er auch sein mag, konnte jenen -Mann nicht besser schildern; seine ganze Größe bestand ja nur darin, -daß er das ~rouge et noir~ so hoch als möglich spielte, und der alte -Satz, daß der _kaltblütigste_ Spieler endlich gewinnt, bestätigte sich -an ihm. Der Leopard hat doch die Bank gesprengt, und Wellington wird -es eben darum keinen Kummer machen, wenn man ihn ~héros de hasard~ -nennt.« - -»Wie lächerlich sind solche Hyperbeln!« rief Rantow, »als ob zwanzig -Könige ihren Nachruhm, ihre Unsterblichkeit diesem Sommerkönig zu -verdanken hätten! Was uns betrifft wenigstens, so wird man eingestehen -müssen, daß der Ruhm der preußischen Waffen älter ist als der des -sogenannten Siegers von Italien, und nicht erst von der großen Nation -geadelt werden mußte.« - -»Und dennoch,« erwiderte der General mit großer Ruhe, »dennoch wird -man _einst_ nicht sagen, es war Bonaparte, der zur Zeit dieses oder -jenes Königs lebte -- man wird sagen, Herr von Rantow, sie waren -Zeitgenossen Napoleons. Doch was den Obergeneral des englischen Heeres -in der Bataille von Mont St. Jean betrifft, so möchte es die Frage -sein, ob ihm der Titel ~héros de hasard~ sehr angenehm ist; soviel ist -wenigstens gewiß, daß er jene Schlacht nicht gewonnen, sondern nur -- -_nicht verloren hat_.« - -»Es ist ein Glück für die Welt,« bemerkte Thierberg lächelnd, »daß man -Ihren Satz umkehren kann, und daß er dann noch höhere Wahrheit enthält; -Ihr Herr und Meister hat jene Schlacht _zwar nicht gewonnen_, aber -desto gewisser _verloren_.« - -»Er hat sie verloren,« antwortete der General; »was die Welt damit -verlor, will ich nicht aussprechen, aber jene Strophe, womit Anna ihren -Gesang schloß, drückt aus, wer noch am Abend jenes unglücklichen Tages, -als Cäsar und sein Glück von der Uebermacht zerschmettert wurden, als -meine braven Kameraden auf Mont St. Jean den letzten Atem aushauchten --- der _Größere war_.« - -»Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?« entgegnete -heftig der junge Mann aus der Mark. »Als die Strahlen der Abendröte -über jenes denkwürdige Feld streiften, beleuchtend die Schande -Frankreichs und sein verwirrtes Heer, als blutend, aber unbesiegt, -das englische Heer jene Hügel deckte und Deutschlands Völker stolzen -Schrittes in die Ebene herabstiegen, um den Kampf siegend zu -entscheiden -- denken Sie sich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und -sagen Sie mir, wer da der Größere war?« - -»Der Gott des Zufalls,« erwiderte der General. »Mächtiger war er -wenigstens als jener alte Held, der auch noch an seinem letzten -Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwischen dem Genie und -roher, wohlgenährter, tierischer Kraft befestigt sei. Er ist gefallen, -nicht weil ihm England oder Deutschland gewachsen waren, sondern weil -er früher oder später fallen mußte, weil er einen Vertilgungskrieg -gegen sich selbst führte, der seine Kräfte aufrieb; oder können Sie -mir beweisen, daß an jenem Tage von Waterloo das Genie des englischen -Feldherrn oder gar Ihres Blücher ihn besiegte?« - -»Seien wir gerecht,« nahm der junge Willi das Wort; »geben wir zu, -daß ihm keiner seiner militärischen Gegner gewachsen war, so beweist -dies noch immer nicht für jene innere Größe, für jene moralische -Erhabenheit, welche die Mitwelt mit sich fortreißt, ihr Jahrhundert -bildet und Segen noch auf die späte Nachwelt bringt. Napoleon war ein -großer Soldat, -- aber kein großer Mensch.« - -»Sohn!« erwiderte der General, »wie kannst du in irgend einem Fach des -Wissens groß, größer als sonst ein Mann des Jahrhunderts werden, _ohne -ein großer Mensch_ zu sein? Die Maschine ist es nicht, nicht dieser -Körper ist es, was sie groß macht, es ist der Geist. Jene veralteten -Formen Europas, von klugen Männern vor tausend Jahren ausgedacht, -stürzten zusammen, weil es Formen waren, die der Geist verlassen hatte; -sie brachen ein vor den Blitzen seines Genies, sie hatten das Schicksal -jener Leichname, die in Grüften eingeschlossen, in ihren fürstlichen -Leichenprunk gehüllt, Jahrhunderte überdauern, weil sie die Kerkerluft -ihres Grabes nicht vermodern läßt. Berühre sie mit _lebendiger_ Hand, -hauche sie an mit _freiem_ Odem, und -- sie zerfallen in Asche!« - -»Dies beweist nicht gegen mich,« sagte Willi. - -»Und wo ist denn das große und feste Reich, das der große Mann -gründete?« unterbrach ihn Thierberg; »Sie vergleichen unsere schönen, -alten Institutionen, Gott möge es Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam, -aber was war denn jener korsische Kaiserthron, was sein Staatsgebäude -als ein Kartenhaus?« - -»Ich habe nie gesagt, daß Napoleon der Mann war, einen großen Staat -zu gründen,« antwortete der alte Willi; »Frankreich war unter ihm ein -Lager, dessen erste Posten die Rheinbundstaaten bildeten. Er hätte -vielleicht ein Ende genommen, das seiner oder Frankreichs unwürdig -gewesen wäre, wenn er einige Jahre in beständiger Ruhe und in Frieden -regiert hätte.« - -»So war also das Ende, welches er nahm, seiner würdig?« fragte Rantow -lächelnd. - -»Nicht der Platz, auf welchem wir stehen,« versetzte der General -nicht ohne Wehmut, »nicht der Raum, sei er groß oder klein, gibt uns -Würde oder Schmach. Wir sind es, die uns und unsern Posten adeln oder -schänden. Die Welt hat gelacht und gehöhnt, als man den größten Geist -des Jahrhunderts auf eine öde Insel verbannte. Dort, an der höchsten -Felsenspitze, haben sie den alten Adler angeschlossen, wo er nur in die -Sonne, auf den weiten Ozean und in einige treue Herzen sah. Aber man -hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt gebe; -es war nicht _Strafe_, was ihn dorthin verbannte; wer in Europa konnte -_ihn strafen_? Es war -- _Furcht_. So mußte es kommen, daß man in ihm -noch immer den _Gefürchteten_ sah; und manche Herzen, die sich von ihm -abgewendet hatten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das -Unglück die Menschen zu versöhnen, und -- es war ja nichts an seine -Stelle getreten, was ihn hätte vergessen machen können.« - -»Glauben Sie etwa, Herr Nachbar,« sagte Thierberg, »es hätte wieder -ein solcher Attila auftreten müssen, nur um die Zeitungsschreiber zu -unterhalten? Vergessen wird man wohl jenen Namen noch lange nicht, aber --- man wird ihn verdammen.« - -»Mancher hat ein persönliches Recht dazu, und ich kann ihn darum nur -beklagen, nicht entschuldigen, daß sein Gang über die Erde nicht die -gebahnte Straße ging. Aber man wird auch mit andern Gefühlen sich -seiner erinnern. Die Großen der Erde scheinen zwar nicht viel von ihm -gelernt zu haben, desto mehr vielleicht die Kleinen. Er hat sich seine -Bahn so erhaben aufgerissen als Alexander, er hat sie verfolgt wie -Cäsar, man hat ihm gedankt wie dem Hannibal, auf jenem Felsen hat er -gelebt wie Seneca, und seine letzten Tage waren eines Sokrates würdig.« - -»In diesem Punkt werden wir nimmer einig,« erwiderte der alte -Thierberg; »was mich betrifft, so kömmt er mir vor, als habe er seine -Laufbahn eröffnet wie ein Aventurier, habe sie verfolgt wie ein Räuber, -habe mit seinem Raub verfahren wie ein verzweifelter Spieler, und habe -geendet wie ein -- _Komödiant_!« - -»Wir sind noch nicht seine Nachwelt,« bemerkte Robert Willi. »Erst wenn -alle Parteien, die persönliches Interesse aussprachen, von der Erde -verschwunden sind, dann erst wird man mit klaren Augen richten. Mein -Held ist er nicht, aber in seinen italienischen Feldzügen erscheint er -wie ein Wesen höherer Art, und dies wenigstens werden auch Sie zugeben, -Herr von Thierberg.« - -»Es ist möglich,« versetzte der Alte, »er hat damals mein Staunen, -meine Bewunderung erregt; aber wie schnell wurde ich von meiner -Vorliebe geheilt! Wenn er damals den Bourbons den Thron zurückgegeben -hätte -- die Macht hatte er dazu --, so wäre er mir wie ein Engel -erschienen.« - -»Dies war wegen seiner Armee, die anders dachte, unmöglich,« antwortete -der General. - -»Sie erinnern sich,« fuhr der Alte fort, »daß ich Ihnen öfter von einem -französischen Kapitän erzählte, der mich in der Schweiz aus großer -Verlegenheit rettete; -- der einzige Franzose, den ich achte, und für -den ich noch jetzt alles tun könnte. Mit diesem sprach ich damals -auch über _diesen_ Punkt. Ich sagte ihm, daß Frankreich ohne Rettung -verloren gehe, wenn es in der ewigen, sich immer von neuem gebärenden -Revolution fortfahre. Nur ein König an der Spitze könnte es retten. --- Er gab es zu; er sagte mir, daß die Bourbons eine große Partei in -Paris hätten, und daß mein Gedanke vielleicht erfüllt würde. Ich fragte -ihn, wie der Konsul Bonaparte, der damals an der Spitze stand, darüber -dächte. ›Er äußert sich nicht,‹ erwiderte mir der Kapitän, ›aber wenn -ich ihn recht verstehe,‹ setzte er lächelnd hinzu, ›so wird Frankreich -bald nur _einen_ Meister haben.‹ Ich deutete dies Wort meines neuen -Freundes damals auf die Zurückkunft der Bourbons, leider ist es an -Bonaparte selbst in Erfüllung gegangen.« - -Der junge Willi war schon zu Anfang dieser Rede aufgestanden; er hatte -Annas Vater die Geschichte von seinem Kapitän schon einige Dutzendmal -erzählen gehört, und sein Blut wallte in diesem Augenblick noch zu -unruhig, als daß er sie von neuem anhören mochte; er ging mit zögernden -Schritten im Saal auf und nieder; als aber der alte Thierberg im -Gespräch mit dem General auf die jetzigen Verhältnisse Frankreichs -einging, ein Punkt, über den sie niemals in Streit gerieten, gesellte -sich auch Rantow zu dem jungen Willi. Er ließ sich von ihm die -Geschichte der letzten Wochen noch einmal wiederholen, führte ihn -unbemerkt in das nächste Zimmer und dann auf die breite Hausflur. Dort -hielt er plötzlich inne und flüsterte dem erstaunten jungen Mann ins -Ohr: »Sie dürfen vor mir kein Geheimnis mehr haben; Anna hat mir alles -entdeckt, und auf meinen Beistand können Sie sich verlassen.« Noch -einen Augenblick zweifelte Robert, weil ihm diese Nachricht zu neu und -unerwartet kam; als aber Rantow ins einzelne einging und ihm erzählte, -was in jener Schreckensnacht vorgefallen sei, als er ihm entdeckte, -wie ungünstig gegenwärtig die Verhältnisse seien, da stand jener nicht -länger an, die Hilfe, die ihm geboten wurde, anzunehmen; er bat Albert, -ihm, wenn es möglich wäre, Gelegenheit zu verschaffen, mit Anna zu -sprechen. - -Der Gast aus der Mark dachte einige Augenblicke nach, ob er dies -möglich machen könnte. Anna hatte ihn zwar selbst nie auf ihr Boudoir -im Turm eingeladen, aber er hoffte, in solcher Begleitung nicht -unwillkommen zu sein; das einzige, was ihn hätte abhalten können, war -die Furcht vor dem Zorn seines Oheims, im Fall diese Zusammenkunft -entdeckt wurde; aber die Lust, wo er nicht selbst die Rolle übernehmen -konnte, wenigstens die Intrige zu unterstützen, siegte über jede -Bedenklichkeit; er winkte dem jungen Willi, ihm zu folgen. Der Gang -nach Annas Turm war ihm bekannt. Nach der Lage ihrer Fenster mußte ihr -Gemach noch zwei Stockwerke höher liegen als der Saal. Sie stiegen eine -enge, steile Treppe von Holz hinan, die unter jedem Tritte, so behutsam -sie auch stiegen, ächzte. Zum nicht geringen Schrecken begegnete ihnen -auf dem ersten Stock der alte Hans, der sie verwundert ansah. Albert -winkte seinem Gefährten, nur immer voranzugehen, er selbst nahm, ohne -in seiner Bestürzung zu bedenken, ob es klug sein möchte, den alten -Diener auf die Seite. »Hans!« sagte er, »wenn du deinem Herrn ein -Wort --« -- »O,« erwiderte jener schlau lächelnd, »da hat es gute Wege, -so wenig als in jener Nacht, da Sie mich beinahe in den Neckar warfen, -ich bin so still wie ein toter Hund.« Beruhigt folgte Rantow dem -Liebhaber; sie hatten bald das Ende der Treppe erreicht und standen nun -auf einer Art von Vorsaal; die Reinlichkeit und Zierlichkeit, die hier -herrschte, ließ ahnen, daß man sich nicht mehr weit von Annas Gemach -befinde. Zwei Türen gingen auf diesen Vorplatz; sie wählten auf gutes -Glück die nächste, pochten an -- keine Antwort. Sie pochten wieder; -jetzt tat sich die zweite Tür auf, und Anna erschien auf der Schwelle. - -Sie errötete, als sie die beiden jungen Männer sah, doch, als habe -dieser Besuch nichts Auffallendes an sich, lud sie dieselben durch -einen freundlichen Wink ein, näher zu treten. »Ihr kommt wohl, um die -schöne Aussicht von meinem Turm zu betrachten?« sagte sie; »jetzt erst -fällt mir bei, daß du nie hier warst, Albert, aber so ganz bin ich -schon an diesen herrlichen Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal -einfiel, dich hierher einzuladen.« - - -12. - -Das Gemach war klein, die Geräte gehörten einer früheren Zeit an, -aber dennoch war alles so freundlich und geschmackvoll geordnet, daß -Rantow, nachdem er die Aussicht geprüft, die nächsten Umgebungen -gemustert und alles recht genau angesehen hatte, dieses Zimmer für das -schönste im Schloß erklärte. Nur eine breite Kiste, von schlechtem -Holz zusammengezimmert, die auf einer Kommode stand, schien ihm nicht -mit den übrigen Gerätschaften zu harmonieren. So ungerne er die beiden -Liebenden, die, anscheinend in die Aussicht auf das Tal hinab vertieft, -eifrig zusammen flüsterten, stören mochte, so war doch seine Neugierde, -zu wissen, was der geheimnisvolle Schrank verberge, zu groß, als daß er -nicht seine Base darüber befragt hätte. - -»Bald hätte ich das Beste vergessen!« rief sie aus; »das Bild für Ihren -Vater ist heute angekommen, Robert; ich habe es hierhergestellt, weil -mein Vater nie hierher kommt, und weil ich es doch auch betrachten -wollte.« Sie rückte unter diesen Worten den Deckel des Schranks, Willi -half ihn herabnehmen, und das Bild eines Reiters, der auf einem wilden -Pferd eine Anhöhe hinansprengt, wurde sichtbar. - -»Bonaparte!« rief Rantow, als ihm die kühnen, geistvollen Züge aus der -Leinwand entgegensprangen. - -»Erkennst du ihn?« fragte Anna lächelnd. »Das war der Sieger von -Italien!« - -»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie so gut gelingen könnte,« -bemerkte Willi; »aber wahrlich, David war ein großer Maler. Wie -edel ist diese Gestalt gehalten, wie glücklich der Einfall, diesen -hochstrebenden Mann nicht in der gebietenden Stellung eines -Obergenerals, sondern in einer Kraftäußerung aufzufassen, die einen -mächtigen Willen und doch eine so erhabene Ruhe in sich schließt.« - -»Ich kenne das Original,« sagte Rantow, »es ist in der Galerie zu -Berlin aufgestellt, und ich finde diese Kopie trefflich; für Liebhaber -des Gegenstandes, worunter ich nicht gehöre, gewinnt dieses Gemälde um -so höheres Interesse, als die Idee dazu von Napoleon selbst ausging. -Man sagt, David habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der -Hand, auf dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merkwürdigen -Worte: ›Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten; ich will -_ruhig_ gemalt sein -- auf einem wilden Pferde.‹« - -»Dank dir für diese Anekdote,« erwiderte Anna, »sie macht mir das Bild -um so lieber, und nicht wahr, Robert,« setzte sie hinzu, »auch dein -Vater soll durch seine Originalität nur noch mehr erfreut werden.« - -»Anna!« unterbrach die Beschauenden eine dumpfe, wohlbekannte Stimme. -Sie sahen sich um, der alte Thierberg, auf seinen Diener gestützt, -stand mit hochrotem, zürnendem Gesicht und zitternd vor ihnen; der -General, welcher seitwärts stand, schien verlegen und ängstlich. Aber -so schnell war dieser Schreck, so groß die Furcht Annas vor ihrem Vater -und so furchtbar sein Anblick, daß sie zu schwanken anfing, und hätte -der General sie nicht unterstützt, sie wäre in die Knie gesunken. - -»Sind das die gerühmten Sitten Ihres Herrn Sohnes?« wandte sich der -Alte bitter lachend zu dem General, indem er bald den Sohn, bald den -Vater ansah; »heißt das, wie Sie mir vorzumalen suchten, sich in den -zartesten Grenzen des Anstandes halten? Herr! Wie kommen Sie dazu, mit -meiner Tochter _allein_ auf ihrem Zimmer zu sein?« - -»Onkel --« rief Rantow, um ihn zu belehren. - -»Schweig, Bursche!« antwortete ihm der zürnende Alte, indem er immer -den jungen Willi mit glühenden Blicken ansah. - -»Ich denke,« erwiderte dieser ruhig und mit stolzer Fassung, »die -Erziehung Ihrer Tochter und Annas Sitten müßten Ihnen Bürge sein, -daß ein Mann, selbst wenn er allein käme, sie besuchen dürfte, -vorausgesetzt, sie will ihn empfangen, und über den letztern Punkt -steht nach allen Gesetzen der guten Sitte der jungen Dame selbst, nicht -aber Ihnen, Herr von Thierberg, die Entscheidung zu.« - -Diese Worte schienen seinen Eifer noch mehr zu entflammen, er atmete -tief auf; aber in diesem Augenblick trat sein Neffe mutig dazwischen -und redete ihn auf eine Weise an, die, wie ihn sein kurzer Aufenthalt -bei den Thierbergs gelehrt hatte, die Wirkung nicht verfehlen konnte. -»Herr von Thierberg,« rief er bestimmt und mit ernster Miene, »Sie -haben mir vorhin zu schweigen geboten, ich werde aber nicht schweigen, -wenn man meiner Ehre zu nahe tritt. Ich bin es gewesen, der Herrn von -Willi hierher führte, ich bin es gewesen, der ihn hier unterhielt, und -er hat mich hierher begleitet, weil ich ihn darum gebeten habe.« - -»Du warst zugegen?« fragte der Oheim mit etwas gemilderter Stimme. -»Aber was Teufel geht dich das Zimmer meiner Tochter an? Was hattest du -hier zu suchen?« - -Mit einer theatralischen Wendung und sprechender Miene wandte sich der -Neffe gegen die Hinterwand des Zimmers, deutete mit dem ausgestreckten -Arm hin und sprach: »Hier steht, was ich suchte.« - -Der Alte trat mit schnelleren Schritten, als seine Krankheit erlaubte, -näher. Er betrachtete das Bild und blieb mit einem Ausruf des -Erstaunens stehen; seine trotzige Miene klärte sich auf, seine Stirn -entfaltete sich, sein blitzendes Auge schimmerte nur noch von Rührung -und Freude. »Gott im Himmel,« rief er aus, indem er das Mützchen -abnahm, das er beständig trug. »Wer hat mir das getan, woher, woher -habt ihr ihn? Wer hat ihn meinen Gedanken nachgebildet, wer hat mir -diese Züge, diese Augen hier, hier aus meinem Herzen herausgestohlen?« - -Die Männer sahen sich staunend an, betreten richtete sich Anna auf und -trat näher, denn sie besorgte, ihr alter Vater rede irre. »Wer hat -dies Bild hierher gestellt?« fragte er nach einer Pause, indem er sich -umwandte, und alle sahen Tränen in seinen Augen glänzen. - -»Ich, mein Vater,« sagte Anna zögernd. - -»O du gutes Kind,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme schloß, -»wie unrecht habe ich dir vorhin getan! Als ich in dieses Zimmer trat, -glaubte ich, du habest mich tief gekränkt, und doch hast du mich so -unendlich erfreut! -- Kennst du ihn, Hans?« wandte er sich an seinen -Diener. »Kennst du ihn nicht wieder?« - -»Gott straf' mich, er ist's!« erwiderte der alte Reitknecht. »Solche -schreckliche Augen machte er gegen die fünf Buschklepper, die uns -auszogen, o das war ein braver Herr!« - -Die, welche den Herrn und seinen Diener so sprechen hörten, konnten -sich von ihrem Staunen kaum erholen, sie sahen sich lächelnd an, als -ahnten sie eine sonderbare Fügung des Geschicks, als sei ein schweres -Gewitter segnend über ihnen hinweggezogen. Der General aber, der bald -Anna, bald das Bild mit blitzenden Augen betrachtet hatte, trat näher -heran und fragte den alten Thierberg, wen er denn in diesem Bilde -wiedererkenne? - -»Das ist derselbe treffliche Kapitän,« antwortete er, »der mich am Fuß -des St. Bernhard aus der Gewalt ruchloser Soldaten errettete; wie? Er -ist derselbe, von welchem ich Ihnen so oft erzählte; das Muster eines -braven Mannes, eines gebildeten und klugen Soldaten.« - -»Nun, so bitte ich Sie,« fuhr der General mit inniger Rührung fort, -indem auch ihm eine Träne im Auge schwamm, »ich bitte Sie im Namen -dieses Mannes, den ich auch kannte, Sie mögen ihm vergeben, wenn er -nachher anders handelte, als Sie damals dachten!« - -»Wie? Sie haben ihn gekannt?« rief der Alte dringend, indem er die Hand -des Generals faßte, »wer war er, wie heißt er, lebt er noch?« - -»Er ist tot -- seinen Namen kannte die Welt -- dieser Mann hier ist --« - -»Nun?« drängte der Alte den General, dem die Stimme zu brechen schien. -»Wer? Doch nicht --« - -»Dieser Mann,« rief der General mit einem feurigen Blick auf das -Gemälde, »dieser Mann war -- _Napoleon Bonaparte_, der Kaiser der -Franzosen.« - -Der Alte setzte seine Mütze auf; er drückte die Augen zu, und in -seinem Gesicht kämpfte Unmut mit Rührung. Doch als er nach einer Weile -das Bild wieder ansah, schien er es nicht über sich zu vermögen, dem -stolzen Reiter gram zu werden; »du also?« sprach er zu ihm, »du warst -dieser -- kühne Mann? Das war also deine Meinung? Du hast mir mein -Kleid, meinen Hut und meine Börse zurückgegeben, um mir nachher mein -alles zu rauben?« - -»Vater,« sagte Anna schmeichelnd, »wie glücklich waren Sie aber -dennoch! Der erste Mann des Jahrhunderts hat so traulich zu Ihnen -gesprochen.« - -»Ja, das haben wir,« erwiderte der Alte lächelnd und nicht ohne Stolz, -»recht freundlich haben wir uns unterhalten, ich und er, und er schien -Gefallen an mir zu finden. Ich habe nicht gehört, daß der erste Konsul -sich je gegen einen so offen ausgesprochen hätte, wie damals gegen -mich. ›Frankreich wird nicht mehr lange ohne König sein‹, waren seine -eigenen Worte; du hast es erfüllt, kleiner Schelm! -- Ha! Und gerade -so sah er aus, so warf er noch einmal den stolzen Kopf herüber, als -er sein Roß den Berg hinantrieb und die Feldmusik des Regiments -herüberklang. General Willi -- es war doch ein großer Geist!« - -»Gewiß!« sagte der General freudig gerührt, indem er dem Alten die Hand -drückte. »Aber, wie kam nur dies Bild hierher zu Ihnen, Anna?« - -»Darf ich es verschweigen, Robert?« antwortete sie; »nein, er hat -es ja doch schon gesehen. Ihr Sohn wollte Sie an Ihrem Geburtstag -damit überraschen, und ich erlaubte, daß das Bild einstweilen hier -aufgestellt würde.« - -Der alte Thierberg hatte aufmerksam zugehört; er schien überrascht und -ging auf den jungen Willi zu, dem er seine Hand bot. »Junger Mann,« -sagte er, »ich habe Ihnen vorhin bitter unrecht getan, ich sehe jetzt, -daß Sie ein schönerer Zweck auf dieses Zimmer führte, als ich anfangs -dachte; werden Sie mir meine übereilten Worte, meine Hitze vergeben?« - -Robert errötete. »Gewiß, Herr von Thierberg,« antwortete er, »und wenn -Sie noch zehnmal heftiger gewesen wären, so konnten Sie mich zwar -kränken, aber niemals beleidigen; es ist hier nichts zu vergeben.« - -»Wirklich?« erwiderte der alte Herr sehr freundlich, »und wenn ich -fragen darf -- wo haben Sie das Bild gekauft? Könnte man nicht sich -auch ein Exemplar verschaffen? Ich möchte doch den ~grand capitaine~, -_meinen_ Kapitän, in meinem Zimmer haben.« - -»Wie ich meinen Vater kenne,« sagte der junge Mann, »so wird er dieses -Bild vielleicht noch lieber in Ihrem Hause als in dem seinigen sehen. -Ich bitte, erlauben Sie, daß ich es dort aufhänge.« - -»Sie machen mir ein großes Geschenk, lieber Robert,« sagte Thierberg; -»wohin ist es mit unseren Gesinnungen gekommen? Ich glaube, wir denken -im Grunde gleich über diesen Bonaparte, und doch sind _Sie_ es, der mir -ihn anbietet, und mir macht es Freude, ihn anzunehmen. Ich habe wenige -Bilder, aber einige alte, gute; suchen Sie sich etwas aus, nehmen Sie -dafür aus meinem Schloß, was Sie wollen.« - -»Halt!« rief der General, »bei diesem Handel bin ich auch beteiligt; -ich kenne den unglücklichen Geschmack meines Sohnes und weiß, wie wenig -er auf _alte_ Bilder hält; wollen Sie ihm nicht ein _jüngeres_ dafür -geben? Thierberg, vor diesem Bilde, das nun auch für Sie von Bedeutung -ist, wiederhole ich meine Werbung: Ihre Anna um diesen Napoleon.« - -Der alte Herr war betreten, er warf verlegene Blicke auf die -Umstehenden; endlich haftete sein Auge auf Davids Gemälde. »Du hast -viel verschuldet,« sprach er, »Europas alte Ordnung hast du umgeworfen, -und nun nach deinem Tode willst du dich in meine Haushaltung mischen?« - -»Herr Baron!« sagte der alte Hans mit gerührter Stimme, »nehmen Sie es -einem alten Diener nicht ungnädig auf, aber wissen Sie noch, was Sie zu -dem braven Kapitän sagten, und was Sie mir oft erzählt haben? Monsieur, -haben Sie gesagt, wenn Sie einst durch Schwaben kommen und in unsere -Gegend, so vergessen Sie nicht, auf Thierberg einzusprechen, daß Sie -mich nicht zu Ihrem ewigen Schuldner machen.« - -Herr von Thierberg aber strich sich nachdenklich mit der Hand über die -Stirne, warf noch einen zögernden Blick auf das Bild und führte dann -Anna zu Robert Willi. »Nimm sie hin!« sagte er fest und ernst. »Ich -habe es nicht tun wollen, aber vielleicht war es gut, daß _dies_ alles -so kommen mußte; nimm sie hin!« - -Mit großer Rührung umarmte der General den alten Mann, und indem Robert -überrascht und selig seine Braut, wir wissen nicht ob zum erstenmal, an -seine Lippen drückte, schüttelte der Gast aus der Mark, um nicht ganz -teilnahmlos zu erscheinen, dem alten Diener herzlich die Hand. Albert -hat nachher erzählt, daß er in jenem feierlichen Augenblick, trotz -seines inneren Widerstrebens, gut napoleonisch gesinnt gewesen sei und -zum erstenmal in seinem Leben jene Macht und Ueberlegenheit gefühlt und -anerkannt habe, die jener große Geist auf die Gemüter zu üben pflegte. - -Er erzählte auch, daß der alte Thierberg jenen sonderbaren Tausch -niemals bereut habe; er fand in seinem Schwiegersohne Eigenschaften, -die er ihm nie zugetraut hatte, und als er ihn bei der Verwaltung der -Güter seines Vaters mit Rat und Tat unterstützte, lebte er im Glücke -seiner Kinder die Tage seiner eigenen Jugend wieder. - -Von der Hochzeit des jungen Paares sprach der Gast aus der Mark nicht -gerne, man sah ihm an, daß er lieber selbst mit der liebenswürdigen -Anna vor den Altar getreten wäre. Einen Zug aber aus diesem glänzenden -Tag pflegte er bei Wiederholung dieser Geschichte nie zu vergessen, -vielleicht nur, um jene schwärmerischen Anhänger Napoleons und seinen -neubekehrten Oheim ins Komische zu ziehen. Der alte Gardist des -Generals, erzählte er, habe alle Domestiken und einige junge Burschen -zum Vivatschreien abgerichtet und die schöne Braut mit ins Geheimnis -gezogen; er habe seine Leute unter die Türen des großen Saales im -Schlosse Thierberg gestellt, und als nun mancher Toast ausgebracht -war, sei auch Anna mit dem Kelchglas aufgestanden und habe mit ihrer -süßen Stimme »dem Bild des Kaisers« die Ehre eines Toasts gegeben. Da -wurde der Jubel rauschend, die Gäste stießen an, Hans und der Gardist -schwangen zum Zeichen ihre Mützen, und wohl aus fünfzig Kehlen schallte -ein jauchzendes: »~Vive l'empereur!~« - - - - -Die letzten Ritter von Marienburg. - - -1. - -»Guten Morgen, Neffe der Musen!« rief mit munterem Ton der junge Rempen -einem Bekannten zu, dem er am Markt begegnete; »Ihre Augen leuchten, -Ihre Mienen drücken eine gewisse Behaglichkeit aus, und ich wollte -wetten, Sie haben heute schon gedichtet.« - -»Wie man will, bester Stallmeister,« entgegnete jener, »in Reimen -zwar nicht, aber an meinem neuen Roman habe ich ein paar Kapitel -geschrieben.« - -»Wie, an einem neuen Roman? Das ist göttlich, auf Ehre! Aber, bitte -Sie, warum so geheim mit solchen Dingen, so verschlossen gegen die -nächsten Bekannten und Freunde? Sonst ließen Sie doch hin und wieder -ein Wörtchen fallen über Anordnung und Charaktere, lasen mir und -anderen einige Strophen; wie kommt es denn, daß _dies_ alles nun -vorüber ist?« - -»War es euch denn wirklich interessant?« fragte der Dichter nicht ohne -wohlgefälliges Lächeln; »ich muß gestehen, mir selbst kommt, wenn ich -etwas niedergeschrieben habe, alles so leer, so gemein, so langweilig -vor, daß ich mich ennuyierte, wenn ich es nur in den Revisionsbogen -wieder durchlas; da dachte ich denn, es könnte euch auch so gehen.« -- - -»Uns? Gewiß, es machte uns immer Vergnügen!« - -»Gut, lassen Sie uns dort bei dem Italiener eintreten und etwas -trinken, dabei will ich Ihnen den Plan meines neuen --« - -»Wie!« rief der Freund des Dichters lachend. »So frühe schon am Tage in -die Restauration? Sind wir denn Leute aus einer neumodischen Novelle, -daß wir gleich anfangs, des Tages nämlich, in einem Wirtshaus sitzen -müssen, als ob es außer der Kirche und der Weinstube kein öffentliches -Leben mehr geben könnte?« - -»Wie kommen Sie nur auf diese Vergleichung!« entgegnete jener. »Wie oft -waren wir morgens bei Primavesi!« - -»Es ging mir nur so durch den Kopf,« sprach der Stallmeister; »gestehen -Sie selbst, seit Tieck mit Marlow und Green im Wirtshaus zusammenkam, -glauben sie alle, es könne keinen schicklicheren Ort geben, um eine -Novelle anzufangen; erinnern Sie sich nur an die Almanache des letzten -Jahres; doch Sie selbst sind ja solch ein Stück von einem Poeten, und -wenn Sie durchaus heute mit dem Italiener anfangen wollen, so mögen Sie -Ihren Willen haben.« - -»Sie werden erwartet, Herr Doktor Zundler,« sagte der Italiener, als -die beiden Männer in den Keller traten, »der Buchhändler Kaper sitzt -schon seit einer Viertelstunde im Eckstübchen und fragt oft nach Ihnen.« - -Der Stallmeister machte Miene, sich entfernen zu wollen; Doktor Zundler -aber faßte heftig seine Hand. »Bleiben Sie immer,« rief er, »kommen -Sie mit zu dem Buchhändler; er wird wohl von meinem neuen Roman -gehört haben und mir Verlag anbieten; da können Sie einmal sehen, -wie unsereiner Geschäfte macht; habe ich ja selbst schon oft Ihren -Pferdeeinkäufen beigewohnt.« - -Der Stallmeister folgte; in einer Ecke sah er einen kleinen, bleichen -Mann, der hastig an einem Rippchen zehrte, und so oft er einen Biß -getan, Lippen und Finger ableckte; er erinnerte sich, diese Figur -hie und da durch die Straßen schleichen gesehen zu haben, und hatte -den Mann immer für einen Krämer gehalten; jetzt wurde ihm dieser als -Buchhändler Kaper vorgestellt. Zur Verwunderung des Stallmeisters -sprach er nicht zuerst den Dichter, sondern ihn selbst an: »Herr -Stallmeister,« sprach er, »schon lange habe ich mich gesehnt, Ihre -werte Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie oft an meinem Gewölbe -vorbeiritten, ritten, ich darf sagen, wie ein Gott, da sagte ich immer -zu meinem Buchhalter, und auf Ehre, es ist wahr, Winkelmann, sagte -ich (Sie kennen ihn ja, Herr Doktor), Winkelmann, es fehlt uns schon -lange an einem tüchtigen Pferde- und Bereiterbuch. Der Pferdealmanach -erscheint schon lange nicht mehr, und was letzthin der Herr Baptist bei -den Kunstreitern geschrieben, ist auch mehr für Dilettanten, obgleich -die Vignette schön ist, Sie haben ja den Menschen persönlich gesehen, -Herr Doktor; nun, sagte ich, ein solches Buch zu schreiben, wäre der -Herr Stallmeister von Rempen ganz der Mann. Etwa fürs erste achtzehn -bis zwanzig Bogen, statt der Kupfer nehmen wir Lithographien --« - -»Bemühen Sie sich nicht,« erwiderte der junge Rempen, mit Mühe das -Lachen unterdrückend. »Ich bin zum Büchermachen verdorben; es geht -mir nicht von der Hand, und überdies, Herr Kaper, bei unserem Metier, -gerade bei unserem, muß der jüngere sich bescheiden. Da kommt es auf -Erfahrung an.« - -»Und ich dächte, Sie hätten Verlag genug,« sagte der Doktor, wie es -schien, etwas ärgerlich, von dem Buchhändler nicht gleich beachtet -worden zu sein. - -»O ja, Herr Doktor, Verlag genug, was man so verlegene Bücher nennt; -ich könnte Deutschland in allen Monaten, die ein R haben, mit Krebsen -versehen, Sie wissen ja selbst.« - -»Ich will nicht hoffen,« rief der Dichter hoch errötend, »daß Sie damit -etwa mein griechisches Epos meinen --« - -»Mit nichten, gewiß nicht, wir haben doch hundert etwa abgesetzt und -die Kosten so ziemlich gedeckt, und der Herr Doktor werden mir nicht -übelnehmen, wenn ich sage, es war eine frühe Arbeit, eine Jugendarbeit; -hat doch auch Schiller nicht gleich mit dem ›Tell‹ angefangen, sondern -zuerst ›Die Räuber‹ geschrieben, und überdies noch die erste Ausgabe -bei Schwan und Götz, wo Franz Moor noch in den Turm kommt, die gar -nicht so gut ist als die zweite; aber seit man Ihre vortreffliche -Novelle in der Amathusia für 1827, seit man Ihre Rezensionen und -Kritiken und die Sonette vor vier Wochen gelesen hat, läßt sich Großes -erwarten.« - -Der Dichter schien beruhigt. »Ich habe Sie immer für einen Mann von -gesundem Urteil gehalten, Herr Kaper,« sprach er mit gütigem Lächeln; -»haben Sie vielleicht schon von meinem neuen Roman gehört?« - -»Ich habe, ich habe,« erwiderte der Buchhändler mit schlauer Miene; -»und wo, raten Sie, wo ich davon gehört habe? Sie erraten nicht? Warum -kommen denn der Herr Doktor so gerne in mein Gewölbe? Etwa wegen meiner -Leihbibliothek, auf welche Sie immer zu schimpfen belieben, oder wegen -des Vis-à-vis?« - -»Wie!« rief der junge Mann und drückte die Hand des Buchhändlers, -»hätte etwa Elise --« - -»Elise Wicklow, meinen Sie?« fragte der Stallmeister, etwas näher -rückend. - -»Ja, meine Herren! Fräulein Wicklow,« fuhr Herr Kaper, vertraulich -flüsternd, fort, »doch nicht zu laut, wenn ich bitten darf; denn soeben -hat sich der Oberjustizreferendar Palvi dorthin gepflanzt in seine -tägliche Ecke --« - -»Welcher ist es?« fragte der Stallmeister, sich umkehrend; »ich hörte -mancherlei von diesem Menschen, sonderbares Gerede von den einen und -hohes Lob von anderen; der junge Mann, der so düster in sein Glas -sieht, ist Palvi?« - -»Es ist nicht viel an ihm,« bemerkte der Dichter. »Auf der Universität --- ich war noch ein Jahr mit ihm in Göttingen -- war er so eine Art von -Poetaster; einmal las ich ein paar gute Gedanken von ihm, die er zu -einem Fest gemacht hatte; hier treibt er ein elendes, wüstes Leben und -kommt selten in gute Gesellschaft.« - -»Aber gerade wegen Fräulein Wicklow dürfen wir vor ihm nicht zu laut -werden,« flüsterte der Buchhändler. »Ich weiß, er kam, als er noch -auf Schulen war, zuweilen hinüber ins Haus, und wie mir meine Tochter -sagte, soll einmal ein Verhältnis zwischen den beiden Leutchen --« - -»Wie?« rief der Stallmeister gespannt. - -»Possen!« entgegnete der Dichter, indem er auf seinen eleganten Anzug -einen Blick herabwarf, »er sieht aus wie ein Landstreicher; bringen -Sie mir Elise auch nicht in Gedanken mit diesem Menschen zusammen. Ich -weiß, sie liebt die Poesie; alles Erhabene, Schöne gefällt ihr, und -sagen Sie aufrichtig, hat sie von meinem Roman gesprochen?« - -»Sie hat, und wie! Sie ist ein belesenes Frauenzimmer, das muß man ihr -lassen; keine in der ganzen Stadt ist so delikat in der Auswahl ihrer -Lektüre. So kommt es, daß sie immer in einer Art von Verbindung mit mir -steht, und wenn ich etwas Neues habe, bringe ich es gleich hinüber, -denn ich selbst habe es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein so -schönes Kind ›lieber Herr Kaper‹ zu mir sagt und gütig und freundlich -ist. Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, ›Die letzten Ritter -von Marienburg‹, brachte, noch unaufgeschnitten, ich hatte ihn selbst -noch nicht gelesen. Sie hatte eine kindische Freude und sprach recht -freundlich und viel. Und wie wir so plaudern, komme ich auch auf Ihre -Novelle, welche sie ungemein lobte und Stil und Erfindung pries. Und -so sagte sie denn, ob ich auch schon gehört, daß Sie einen neuen Roman -schreiben?« - -»Ja,« fiel der Dichter feurig ein, »und einen Roman schreibe, Kaper, -wie Deutschland, Europa noch keinen besitzt!« - -»Historisch doch?« fragte der Buchhändler zweifelhaft. - -»Historisch, rein geschichtlich, aber dies unter uns!« - -»Historisch! das möchte ich auch raten!« sprach der Verleger, eine -große Prise nehmend. »Das ist gegenwärtig die Hauptsache. Wenn man -es so bedenkt, es ist doch eine sonderbare Sache um den deutschen -Buchhandel. Ich war Commis in Leipzig, als ›Wilhelm Meister‹ zuerst -erschien. ›Werther‹ und ›Siegwart‹ waren Mode gewesen, hatten -Nachahmung gefunden lange Zeit. Aber mein Prinzipal sagte: ›Er wird -sehen, Kaper (damals sprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird -sehen, über kurz oder lang geschieht eine Veränderung.‹ So war's auch; -wir gaben anfänglich nicht viel um den ›Wilhelm Meister‹, es schien -uns ein gar konfuses Buch; aber siehe da, man schrieb allenthalben -nach diesem Muster, und mancher hat sich ein schönes Stück Geld damit -gemacht. Wieder eine Weile, ich hatte meine eigene Handlung etabliert, -lag mir oft das Wort meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im -Buchhandel ist nur Mode. Wer eine neue angibt, ist Meister. Wie ich -mich noch auf etwas Neues besinne und einen Menschen suche, der etwas -Tüchtiges schreiben täte -- da haben wir's, kommt Fouqué mit den Helden -und Altdeutschen, und alles machte nach. Und jetzt hat der Walter Scott -wieder eine neue Mode gemacht; ich möchte mir die Haare ausraufen, daß -ich keine Taschenausgabe machte, und nichts bleibt übrig, als etwa -deutsche historische Romane, die gehen noch.« - -»Fürwahr!« bemerkte der Stallmeister lächelnd, »so habe ich bisher ohne -Brille gelesen, und der deutsche Parnaß ist in ganz andern Händen, als -ich dachte. Nicht um das Interesse der Literatur scheint es sich zu -handeln, sondern um das Interesse der Verkäufer?« - -»Ist alles so ganz genau verknüpft,« antwortete Herr Kaper mit großer -Ruhe, »hängt alles so fest zusammen, daß es sich um den Namen nicht -handelt! Deutsche Literatur! Was ist sie denn anders, als was man -alljährlich zweimal in Leipzig kauft und verkauft? Je weniger Krebse, -desto besser das Buch, pflegen wir zu sagen im Buchhandel.« - -»Aber der Ruhm?« fragte der junge Rempen. - -»Der Ruhm? Herr, was nützt mich Ruhm ohne Geld? Gebe ich eine Sammlung -gelehrter Reisen mit Kupfern heraus, die mich schwer Geld kosteten, -so hat zwar meine Firma den Ruhm, das Buch verlegt zu haben. Aber wer -kauft's, wer nimmt's, wer liest das Ding? Sechs Bibliotheken und ein -paar Büchersammler, das ist alles, und wer geprellt ist, bin ich. Nein, -Herr von Rempen! Eine vergriffene Auflage von einem Roman, eine Messe -von höchstens dreißig Krebsen, das ist Ruhm, der echte, nämlich Ruhm -mit Geld.« - -»Das ist also ungefähr wie Tee mit Rum, es schmeckt besser,« erwiderte -der Stallmeister, »aber ich meinte den schriftstellerischen Ruhm.« - -»I nun, das ist etwas anderes,« antwortete er, »den haben die Herren -neben dem Honorar umsonst. Und den weiß man sich zu machen, sehen -Sie --« - - -2. - -Doch die Forschungen des Herrn Kaper wurden hier auf eine unangenehme -Weise durch einen Lärm unterbrochen, der im Laden des Italieners -entstand. Neugierig sah man nach der Türe, welche durch ein Glasfenster -einen Ueberblick über den unteren Teil des Gewölbes gewährte. Ein -ältlicher und zwei jüngere Herren schienen in heftigem Streit -begriffen; jeder sprach, jeder focht mit den Händen; der eine stürzte -endlich mit hochgeröteten Wangen aus dem Laden, die beiden andern, noch -keuchend vom Wortkampf, traten in das Gewölbe, wo die Freunde saßen. - -»Herr Rat! Was ist mit Ihnen vorgefallen!« rief Doktor Zundler beim -Anblick des älteren Mannes, der, ein gedrucktes Blatt in der Hand -zerknitternd, atemlos auf einen Stuhl sank. »Haben Sie denn nicht -gelesen, Doktor Zundler?« antwortete für den älteren der jüngere -Mann, der unmutig und dröhnenden Schrittes im Zimmer auf und ab ging, -»nicht gelesen, wie wir blamiert sind, nicht gelesen, daß man uns alle -zusammen hier eine poetische Badegesellschaft, eine Bänkelsängerbande -nennt?« - -»Tod und Teufel!« fuhr der Doktor auf. »Wer wagt es, diese Sprache -zu führen? Wer wagt, die ersten Geister der Nation auf diese Art zu -benennen? Ich will nicht von mir sagen; was habe ich viel getan, um -auf einigen Ruhm Anspruch machen zu können? Aber was für andere Männer -finden sich hier! Sind es nicht -- die schönsten Zierden der Nation? So -jung Sie sind, Professor, sind denn nicht alle Blätter voll Ihres Lobes -wegen Ihrer Trauerspiele, und unser Rat --« - -»Aber büßen sollen sie es mir, büßen,« rief der letztere, »so wahr -ich lebe, und Zundler, Sie müssen mithelfen und alle, die ins -Freitagskränzchen kommen. Hab' ich es mir darum sauer werden lassen -zwanzig Jahre lang, daß man jetzt über mich herfällt, und wegen nichts, -als wegen der Rezensionen über den dummen Roman: ›Die letzten Ritter -von Marienburg‹, sonst wegen nichts!« - -»Die letzten Ritter von Marienburg,« fragte der Buchhändler, der als -Mann vom Fach mitsprechen zu müssen glaubte; »mich gehorsamst zu -empfehlen, Herr Rat, aber ist es nicht bei Wenz in Leipzig erschienen, -3 Bände Oktav, Preis 4 Taler netto?« - -»Und ich will nun einmal diese Schule nicht aufkommen lassen,« fuhr der -Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören; »woher kommt es, daß man -keine Verse mehr lesen will, daß man die Lyrik verachtet, sei sie auch -noch so duftig und gefeilt, daß man über die tiefsinnigsten Sonette -weggeht wie über Lückenbüßer, woher, als von diesen Neuerungen?« - -»Aber so zeigen Sie doch, ich bitte,« flüsterte der Doktor, das -zerknitterte Papier fassend; »ist es denn wirklich so arg, so -niederschlagend?« - -»Lesen Sie immer,« erwiderte der Rat gefaßter, »lesen Sie meinetwegen -laut, es ist doch in jedermanns Händen; die Herren sind ja ohnedies -Zeugen meines Schmerzens gewesen, und mögen auch Zeugen sein, wie man -Redakteur und Mitarbeiter eines der gelesensten Blätter behandelt!« - -Der junge Mann entrollte das Blatt. »Wie? In den Blättern für -literarische Unterhaltung? Nein, das hätte ich mir nicht träumen -lassen; die waren ja sonst immer so nachbarlich, so freundlich mit uns! -Ist es die Kritik, die anfängt: ›Ehe wir noch dieses Buch --‹« - -»Ebendiese, nur zu!« - -»Die letzten Ritter von Marienburg, historischer Roman von Hüon. 3 -Bände. Leipzig. Fr. Wenz.« - -»Ehe wir noch dieses Buch in die Hände bekamen, lasen wir in den -Blättern für belletristisches Vergnügen eine Kritik, welche uns -beinahe den Mut benahm, diesen dreibändigen historischen Roman nur -zu durchblättern. Man kann zwar gewöhnlich auf das Urteil dieser -Blätter nicht viel halten. Es sind so wenige Männer von Gehalt dabei -beschäftigt, daß der wissenschaftlich Gebildete von diesen Urteilen -sich nie bestimmen lassen kann; doch machte diese Kritik eine Ausnahme. -Es ist nämlich eine Seltenheit, daß die Blätter für belletristisches -Vergnügen etwas durchaus tadeln; selten ist ihnen etwas schlecht -genug; aber diesmal hieben sie so unbarmherzig und greulich ein, -daß wir im ersten Augenblick, auf die kritische Ehrlichkeit solcher -Leute trauend, glaubten, dieser Roman müsse die tiefste Saite der -Schlechtigkeit berührt haben. Doch zu einer guten Stunde entschlossen -wir uns, nachzusehen, wie tief man es in der deutschen Literatur -dermalen gebracht habe. Wir lasen. Aber welch ein Geist wehte uns aus -diesen Blättern an! Welch mächtiges, erhabenes Gebäude stieg vor unsern -Blicken auf; ein Gebäude in so hohem, erhabenen Stil wie die Marienburg -selbst; wir fühlten uns fortgerissen, versetzt in ihre Hallen; der -letzte Großkomtur und seine Ritter traten uns lebend entgegen, und -noch einmal ertönte jene alte Feste vom Waffenspiel und den kräftigen -Stimmen ihrer tapfern Bewohner. Wir wollen den Dichter nicht tadeln, -daß ein Hauch von Melancholie über seinem Gemälde schwebt, der -keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen gestattet. Wo ein -so großartiges Schicksal waltet, wo ein ganzes, großes Geschlecht -untergeht, da muß ja wohl auch die zarte Liebe, die nur einen Frühling -blühte, mit zu Grabe gehen. In diesem außerordentlichen Buche ist ein -Geist unter uns getreten, so originell, so groß, so frei, daß er keine -Vergleichung zuläßt. Er nennt sich Hüon, zwar ein angenommener Name, -aber gut gewählt; denn der Verfasser scheint uns nicht minder würdig, -von Oberon mit Horn und Becher beschenkt zu werden als jener tapfere -Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müssen einen solchen Jünger -Meister wie Goethe und Tieck willkommen heißen, und unsere Zeit darf -sich glücklich preisen, einen Mann wie diesen geboren zu haben. - -»Aber mit tiefer Indignation müssen wir hierbei einer Clique von -Menschen gedenken, die diese edle Blume schon in ihrem Keim in den -Staub drücken wollten. Freilich ist er euch zu groß, zu erhaben, -ihr kleinen belletristischen Seelen; möge immer diese poetische -Badegesellschaft in ihrem lauen Versewasser auf und nieder tauchen, nur -bespritze sie nicht mit ihrem Schlammwasser den Wanderer, der am Ufer -geht und sich verachtend abwendet. Ein Glück ist es übrigens, daß man -anfängt, in der guten Gesellschaft auf reinere Melodien zu horchen, daß -man diese Bänkelsänger dem Straßenpöbel überläßt.« - - »190.« - -Für den Stallmeister war es ein interessantes Schauspiel, die Gesichter -der Zuhörer zu mustern, während der Dichter mit schnarrendem Tone -diese Kritik ablas. Der Buchhändler, der ihm zunächst saß, versteckte -schlecht seine Neugierde und eine gewisse Behaglichkeit hinter einer -unmutigen Miene. Vielleicht hatte ihm der Hofrat einmal ein Verlagswerk -schlecht rezensiert oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum -Verlegen gegeben oder irgend einer der »Badegesellschaft« hatte ihn -beleidigt. Er dachte wie so viele kleine Seelen im ähnlichen Falle: -»Gottlob, es ist dafür gesorgt, daß die Rezensenten sich immer selbst -wieder rezensieren.« Der Rat hatte den Mund auf seinen Stockknopf -gepreßt, und seine Augen irrten auf dem Boden; der Theaterdichter -zwang sich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die ihm vorhin völlig -gefehlt hatte. Sein »Ohe!« oder »Ei!«, das er hin und wieder mit einem -kurzen Lachen herauspreßte, klang unnatürlich. Am merkwürdigsten war -dem jungen Rempen ein stiller Zuhörer, der scheinbar ohne Teilnahme -in der Ecke saß, der Referendär Palvi. Als der Doktor zu lesen anhub, -lauschte er mit niedergeschlagenen Augen, dann ergoß sich plötzlich -eine brennende Röte über seine Stirn und Wangen; sie verschwand ebenso -schnell als der glänzende Blick seiner großen Augen, den er auf den -Lesenden warf, und wer diesen Blick, dieses flüchtige Erröten nicht -gesehen, konnte vor- und nachher glauben, er schenke weder diesen -Literatoren noch der Ursache ihres Aufbrausens einige Aufmerksamkeit. - -»Nun was sagen Sie dazu?« fragte der Theaterdichter, nachdem Doktor -Zundler geendet hatte. »Sie sind ja auch mit gemeint, denn zahlreiche -Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken finden sich von Ihrer Arbeit -in den Blättern fürs belletristische Vergnügen.« - -»Schweigen kann man nicht!« rief der Doktor entrüstet. »Ja, wir stehen -alle für _einen_, und alle, die ins Freitagskränzchen kommen, müssen -beleidigt sein, müssen sich rächen. Ich habe in Berlin einen Bekannten, -in den Gesellschafter laß ich es rücken durch die dritte Hand, oder -vielleicht nimmt es Doktor Saphir in die Schnellpost auf, ich kenn' ihn -noch von Wien.« - -»In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,« fuhr der Theaterdichter -fort; »ah! wenn nur Marienburg nicht preußisch wäre, ich wollte mich -rächen, wollte, oh! aber so könnte man alles für Anzüglichkeit nehmen. -Und gegen die Blätter für literarische Unterhaltung kann ich nicht -schimpfen, ich habe noch drei Trauerspiele dort liegen, die noch nicht -rezensiert sind. Aber wo ein Loch offen ist, will ich einen Ausfall -machen!« - -»Ich will untergehen,« sagte der Rat pathetisch, indem er seinen -Wein bezahlte und den Hut ergriff, »fallen will ich oder siegreich -hervorschreiten aus diesem Kampf. Die ganze Lyrik ist in mir beleidigt, -auch alle Romantiker, denn wir haben auch Romanzen gemacht, und diese -Hermaphrodriten von Geschichte und Dichtung, diese Novellenprosaiker, -diese Scott-Tieckianer, diese -- genug, ich werde sie stürzen; und -damit guten Morgen!« - -Als dieser Rat nach seinem ~dixi~ mit vorgeschobenen Knieen aus dem -Zimmer ging, war er zwar nicht anzusehen wie ein Ritter, der zum -Turnier schreitet, der Professor aber und der Doktor Zundler folgten -ihm in schweigender Majestät; sie schienen als seine Knappen oder Pagen -Schild und Lanze dem neuen Orlando furioso nachzutragen. - - -3. - -Bei dem Stallmeister hatte diese Szene, nachdem das Komische, was sie -enthielt, bald verflogen war, einen störenden, unangenehmen Eindruck -hinterlassen. Er hatte sich mit der schönen Literatur von jeher gerade -nur so viel befaßt, als ihm nötig schien, um nicht für ungebildet zu -gelten; und auch hier war er mehr seiner Neigung als dem herrschenden -Geschmacke gefolgt. Er wußte wohl, daß man ihn bemitleiden würde, -wollte er öffentlich gestehen, daß er Smollets Peregrine Pickle für den -besten Roman und einige sangbare Lieder von Kleist für die angenehmsten -Gedichte halte; er behielt dieses Geheimnis für sich, brummte, wenn -er morgens ausritt, sein Liedchen, ohne zu wissen, welcher Klasse der -Lyrik es angehöre, und las, wenn er sich einmal ein literarisches Fest -bereiten wollte, ausgesuchte Szenen im Peregrine Pickle. Ein paar -Almanache, ein paar schöngeistige Zeitschriften durchflog er, um, -wenn er darüber gefragt würde, nicht erröten zu müssen. So kam es, -daß er vor Schriftstellern oder Leuten, »die etwas drucken ließen«, -große Ehrfurcht hatte; denn seine Seele war zu ehrlich, um ohne Gründe -von Menschen schlecht zu denken, deren Beschäftigung ihm so fremd -war als der Hippogryph seinen Ställen. Um so verletzender wirkte -auf ihn der Anblick dieser erbosten Literatoren. »Man tadelt es an -Schauspielern,« sprach er zu sich, »daß sie außerhalb des Theaters oft -roh und ungebildet sich zeigen, daß sie Tadel, auch den gerechten, -nicht ertragen wollen und öffentlich darüber schimpfen und schelten. -Aber zeigten sich denn _diese_ Leute besser? Ist es nicht an sich schon -fatal, seinen Unmut über eine Beschimpfung zu äußern? Muß man das -Wirtshaus zum Schauplatz seiner Wut machen und sich so weit vergessen, -daß man wie ein Betrunkener sich gebärdet? Und wie schön ließen diese -Leute sich in die Karten sehen! Also weil sie beleidigt sind -- -vielleicht mit Recht --, wollen sie wieder beleidigen, wollen ihre -Privatsache zu einer öffentlichen machen? Das also sind die Leiter der -Bildung, das die feinfühlenden Dichter, die, wie Freund Zundler sagt, -Instrumente sind, die nie einen Mißton von sich geben?« - -Nicht ohne Kummer dachte er dabei an ein Wesen, das ihm vor allen -teuer war. Der Buchhändler hatte nicht mit Unrecht geäußert, daß Elise -Wicklow ein sehr belesenes Frauenzimmer sei. Nach Rempens Ansichten -über die Stellung und den Wert der Frauen schien sie ihm beinahe zu -gelehrt, in Stunden des Unmuts nannte er es wohl gar überbildet. Er -hatte es niemand, kaum sich selbst gestanden, daß sie seine stillen -Huldigungen nicht unbemerkt ließ, daß sie ihm manchen gütigen Blick -schenkte, aus dem er vieles deuten konnte. Er war zu bescheiden, um -zu glauben, daß dieses liebenswürdige Geschöpf ihn lieben könnte, -und dennoch verletzte ihn ihr ungleiches, zweifelhaftes Betragen. -Es war eine gewisse Koketterie des Geistes, die das liebenswürdige -Mädchen in seinen Augen entstellte. Wenn er zuweilen in freundlichem -Geplauder mit ihr war, wenn sie so traulich, so natürlich ihm von -ihrem Hauswesen, ihren Blumen, ihren Vergnügungen erzählte, wenn er -sich ganz selig fühlte, daß sie so lange, so gerne zu ihm spreche, so -führte gewiß ein feindlicher Dämon einen jener Literatoren oder Dichter -herbei, deren diese gute Stadt zwei Dutzend zählte, und Elise war -wie ausgetauscht. Ihre schönen Augen schimmerten dann vor Vergnügen, -ihr schlanker Hals bog sich vor, und ohne auf eine Frage des guten -Stallmeisters zu achten, ohne seine Antwort abzuwarten, befand man sich -mit Blitzesschnelle in einem kritischen oder literarischen Geplänkel, -wo Rempen zwar die ungemeine Belesenheit, das schnelle Urteil, den -glänzenden Witz seiner Dame bewundern, sie selbst aber bedauern mußte, -daß sie dieser Art von Gespräch, diesem gesuchten Vergnügen sichtbarer -entgegenkam, als es sich für ein Mädchen von achtzehn Jahren schickte. - -»Und an dieses Volk, an diesen literarischen Pöbel wirft sie ihre -glänzendsten Gedanken, ihre zartesten Empfindungen, wirft sie -Blicke und Worte weg, die einen andern als diese gedruckten Seelen -überglücklich machen würden. Und fühlen sie es denn? Sind sie -dadurch geehrt, entzückt? Nur mit ihnen spricht sie über das, was -sie gelesen, als ob sonst niemand lesen könnte, nur ihnen zeigt sie, -was sie gefühlt, als ob gerade diese Versmacher und Rezensenten die -gefühlvollsten Leute wären und ein so schönes, liebenswürdiges Wesen -zu würdigen verständen. Nein, diese Toren sehen es überdies noch als -einen schuldigen Tribut, als eine geringe Anerkennung ihrer eminenten -Verdienste an, wenn die Krone aller Mädchen mit ihnen schwatzt wie -mit ihresgleichen, während andere wackere Leute in der Ferne stehen. -Und diese Menschen, die sich heute so niedrig gebärdeten, bilden ihren -Hofstaat, dies sind die genialen Männer, mit welchen sie so gerne -spricht!« - -Diese Gedanken beschäftigten ihn den ganzen Tag. Sein Stallpersonal -konnte sich heute gar nicht in ihn finden. Der gutmütige, milde Herr -war zu einem rauhen, mürrischen Gebieter geworden. Die Stallknechte -klagten es sich beim Füttern; acht Pferde hatte er hinausgejagt durch -dick und dünn, und jedes hatte einen andern Fehler gehabt. Die Bereiter -hatte er zum erstenmal streng getadelt, und als es Abend wurde, war -man im Stall darüber einig, dem Stallmeister von Rempen müsse etwas -Außerordentliches begegnet sein, vielleicht sei er sogar in Ungnade -gefallen. Man bedauerte ihn, denn sein leutseliges Wesen hatte ihn zum -Liebling seiner Untergebenen gemacht. - -Und wahrlich, der Abend dieses Tages war nicht dazu gemacht, diese -düsteren Gedanken zu zerstreuen. Der Geheimrat von Rempen, sein -Oheim, gab alle vierzehn Tage einen großen Klub, in welchem er, das -Unmögliche möglich zu machen, die getrenntesten Extreme zu vereinigen -suchte. Dieser Klub hatte sich früher in drei verschiedene Abteilungen -getrennt. Es war in jener Stadt eine literarische Sozietät, deren -Mitglied der alte Rempen war; sie versammelte sich, um zu lesen, zu -rezensieren, gelehrt zu sprechen; an einem andern Tage war großer, -umwechselnder Singtee, an einem dritten Abend Tanzunterhaltung. -~Tria juncta in uno~, drei Köpfe unter _einem_ Hut, sagte der alte -Rempen und lud sie alle zusammen ein. Der bunteste Wechsel schien -ihm die interessanteste Unterhaltung, und darum preßte er wie ein -Seelenverkäufer Literatoren, Soldaten, Justizleute, lese-, gesang- und -tanzlustige Damen und packte sie in seinen Salon zusammen, zu Tee und -Butterbrot, in der festen Ueberzeugung, die wahre Springwurzel der -Unterhaltung gefunden zu haben. Für seinen Neffen aber vereinigten -sich Himmel und Fegfeuer in diesem Klub. Er hörte Elisen singen; -seine nahe Verwandtschaft zu dem alten Rempen, der keinen Sohn hatte, -machte es ihm möglich, wie ein Kind des Hauses, nicht wie ein Gast -aufzutreten und mit Elisen ungestört zu tanzen und zu plaudern. Aber -seine Höllenqualen begannen, wenn er den Oheim, umgeben von einem -Kreise älterer und jüngerer Herren, mit wichtiger Miene etwas erklären -sah, wenn er endlich ein Buch aus der Tasche zog, durchblätterte, es -im Kreise umher zeigte und die Herren vor Freude stöhnten: -- »Ah --- etwas Neues, schon gelesen? göttlich -- vorlesen, bitte vorlesen --- Professor am besten lesen -- in den Saal und lesen.« -- »Lesen, -vorlesen!« tönte es dann von dem Munde älterer Damen und jener Herren, -die nicht tanzen wollten, und Elise -- nahm mit einer kurzen Verbeugung -Abschied, drängte sich in den literarischen Kreis, wurde als Königin -des guten Geschmacks begrüßt, hatte gewöhnlich das Buch schon gelesen, -stimmte für die Vorlesung und war für den armen Stallmeister auf den -ganzen Abend verloren. - -Mit diesen trüben Erinnerungen gelangte er an das Haus seines Oheims. -Er war eben im Begriff einzutreten, als das Gespräch zweier Männer, -die sich diesem Hause näherten, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. -Soviel der matte Schein einer fernen Laterne erraten ließ, war der eine -ein ältlicher, dürftig gekleideter Mann, der andere jünger, höher und -festlich gekleidet. - -»Brüderchen!« sprach der ältere mit einem Accent, der nicht dieser -Gegend angehörte; »Brüderchen, bleibt mir aus dem fatalen Haus! So oft -Ihr wieder herauskommt, seid Ihr zwei, drei Tage ein geschlagener Mann. -Laßt die Bursche dort oben in Gottes Namen auf Stelzen gehen und Unsinn -schwatzen, bleibt aber nur Ihr hinweg, 's ist noch Euer Tod!« - -»Ich muß sie sehen, Alter!« sprach der jüngere, »ich muß sie hören. Es -gehört zu meinem Glück, sie gesehen zu haben.« - -»Ihr seid ein Narr!« erwiderte der andere, »sie mag Euch nicht, sie -will Euch nicht. Ihr seid ein armer Teufel und gehört nicht in diese -Sozietät. Aber fassen kann ich Euch nicht! 's gehört ein Wort dazu, -nur ein Wörtchen, ein bißchen von einem Geständnis, und Ihr könnt -vielleicht glücklich sein. Geh fort, geh fort; scherwenze in der nobeln -Welt, werde ein Schuft wie alle und vergiß den alten, armen Bunker, -lebe wohl, will nichts mehr von dir.« - -Er wollte unmutig weggehen, aber der junge Mann hielt ihn auf. »Sei -vernünftig,« bat er; »willst auch du mich noch elend machen? Tu es -immer, laß mich liegen wie einen Hund, wenn du es über dein Herz -vermagst. Ich bin ja ohnedies unglücklich genug.« - -»Jammere nur nicht so!« sprach der Alte gerührt. »Geh hinauf, wenn du -es nicht lassen kannst; aber bleibe nicht da, wenn sie vorlesen; du -ärgerst dich! Komm zu mir!« - -»Ich komme,« erwiderte der jüngere nach einigem Nachsinnen. »Um zehn -Uhr will ich kommen. Wohin?« - -»Heute in den Entenzapfen, im Rosmarin ist heilloses Volk, Schneider -und Schuster und die Affen und Bären aus den Druckereien, es ist heute -Montag. Aber Brüderchen, im Entenzapfen ist Cerevis, man trinkt es in -Augsburg nicht besser.« - -Ein Wagen mit hellglänzenden Laternen rollte in diesem Augenblick -auf das Haus zu, der junge Mann sagte eilig zu, und der Alte schlich -langsam die Straße hin. Der Stallmeister konnte sich kaum von seinem -Erstaunen erholen. Wer konnte aus so sonderbarer Gesellschaft in den -Tanzsaal seines Oheims kommen? Noch sonderbarer schien es ihm, daß man -diesen glänzenden Klub, der alle geistreiche und noble Welt der Stadt -vereinigte, verlassen wollte, um in dem Entenzapfen Bier zu trinken, in -einer Winkelkneipe, die er kaum dreimal von seinen Stallknechten hatte -rühmen gehört. Er setzte dem sonderbaren Gast, der flüchtig die Treppe -hinaneilte, nach, er holte ihn im hell erleuchteten Korridor ein, er -ging an ihm vorüber, sah sich um und erblickte das düstere Auge und die -markierten Züge des Referendärs Palvi. - -Verworrene Gedanken flogen vor seiner Seele vorüber, als er ihn -erkannte; seine Worte: »Ich muß sie sehen,« der Wink des Buchhändlers, -Palvi sei früher in einem Verhältnis zu Elisen gestanden, Staunen über -die sonderbaren Reden mit dem Alten, wunderliche Sagen, die er früher -über diesen Palvi vernommen, alle diese Gedanken wollten auf einmal -zur Klarheit dringen und machten, daß er sich vornahm, über _eines_ -wenigstens sich diesen Abend Gewißheit zu verschaffen, über sein -Verhältnis zu Elisen. - - -4. - -Der größte Teil der Gesellschaft hatte sich schon versammelt, als die -jungen Männer eintraten. Des Stallmeisters scharfes Auge durchirrte den -Damenkreis, der an den Wänden hin sich ausbreitete; er fand endlich -Elisen an einem fernen Fenster im Gespräch mit seiner Tante; aber ihr -schönes Gesicht hatte nicht den Ausdruck von Heiterkeit und Laune, -die er sonst so gerne sah, sie lächelte nicht, sie schien verstimmt. -Es kostete ihn einige künstlich angeknüpfte Gespräche, einige -Neuigkeiten vom Hofe, im Vorübergehen erzählt, um sich an jenes Fenster -durchzuwinden. - -Die Tante sprach so eifrig, Elise hörte so aufmerksam zu, daß er -endlich die herabhängende Hand der Tante erfassen und ehrerbietig -küssen mußte, um sich bemerklich zu machen. Elisens Wangen glühten, als -sie ihn erblickte, und die Tante rief staunend: »Wie gerufen, Julius! -Ich sprach soeben mit dem Fräulein von dir, du kannst dir etwas darauf -einbilden, so gut wird es dir nicht alle Tage.« - -»Und was war der Inhalt Ihres Gespräches, wenn man fragen darf?« - -»Deine Klagen von letzthin,« erwiderte die Tante lachend. »Dein Kummer, -daß dich das Fräulein mitten in der Rede stehen gelassen habe, um mit -irgend einem eminenten Dichter zu verkehren. Doch am besten machst du -dies mit Fräulein Elise selbst aus,« setzte sie hinzu und ging weiter. - -Elise schien sich wirklich einer kleinen Schuld bewußt, denn sie schlug -die Augen nieder und zögerte zu sprechen; als aber Rempen bei seinem -unmutigen Schweigen verharrte, sagte sie halb lächelnd, halb verlegen: -»Ich gestehe, es war nicht artig, und sicher würde ich es mir gegen -einen Fremden nicht erlaubt haben; aber daß _Sie_ mir dergleichen -übelnehmen, da Sie meine Weise doch kennen --« - -»So stünde ich Ihnen denn näher als jene gelehrten und berühmten -Herren?« erwiderte er, freudig bewegt. »Darf es sogar als ein Zeichen -Ihres Zutrauens nehmen, wenn Sie mich so plötzlich verlassen, um zu -jenen zu sprechen?« - -»Sie sind zu schnell, Herr Stallmeister!« sagte sie. »Ich meinte nur, -weil Sie meine Eltern kennen und ich viel zu Ihrer Tante komme, müsse -man die Konvenienz nicht so genau berechnen. Und muß man denn im Leben -alles so ängstlich berechnen?« - -Sie bemerkte dies halb zerstreut, und es entging Rempen nicht, daß -ihr Auge eine andere Richtung genommen habe, als zu ihrer Rede passe, -er verfolgte diesen Blick und traf auf Palvi, der mit einem ältlichen -Herrn sprach und zugleich seine Blicke brennend und düster auf Elisen -heftete. Ein tiefer Atemzug stahl sich aus ihrer Brust, als sie ihre -Augen, die weder zärtlich noch freudig glänzten, von ihm abwandte. Sie -errötete, als sie bemerkte, wie ihr Nachbar die Richtung ihrer Blicke -bemerkt habe, und halb verlegen, halb zerstreut flüsterte sie: »Wie -kommt doch er hieher zu Ihrem Onkel?« - -Der Stallmeister war so boshaft, sie zu fragen, wen sie denn meine. - -»Den Referendär Palvi,« antwortete sie leichthin, als wollte sie ihre -vorige Frage verbessern, »er ist vielleicht mit Ihrem Hause bekannt?« - -»Ich kenn' ihn nicht,« erwiderte der Stallmeister etwas ernst; »doch -warum sollte er nicht hier sein? Kennen Sie ihn vielleicht? Man sagt, -es sei ein Mann von schönen Talenten, der --« - -»Wie freut es mich, dich wieder gesund zu sehen, Klothilde!« rief seine -Nachbarin und hüpfte auf ein Mädchen zu, das sechs Schritte von ihr -entfernt stand; verblüfft, als hätte er einen dummen Streich begangen, -stand der Stallmeister und sah ihr nach. - -Man hatte indessen um Ruhe und Stille gebeten; ein Fräulein von kleiner -Gestalt, aber gewaltiger Stimme wollte sich hören lassen und stellte -sich zu diesem Zweck auf ein gepolstertes Fußbänkchen hinter ein -elegantes Notenpult. Die Männer setzten sich Stühle hinter die Frauen, -die Frauen machten erwartungsvolle Mienen, und es war so tiefe Stille -in dem großen Zimmer, daß man nur die Bedienten hin und wieder »Ist's -gefällig« brummen hörte, wenn sie Tee anboten. Beim ersten Takt, den -man zur Begleitung des kleinen Fräuleins auf dem Flügel anschlug, -entwich der junge Rempen in ein Nebenzimmer, um ungestört seinen -Gedanken nachzuhängen; er zog weiter, wandelte einigemal im Salon auf -und ab, bog dann in die nächste Türe, dem Ende der Enfilade zu. Im -letzten Zimmer saß ein Mann in einem Sofa, der die Stirne in die Hand -gelegt hatte. Bei Rempens Nähertreten wendete er den Kopf, und den -Stallmeister hatte seine schnelle Ahnung nicht betrogen, es war Palvi. - -»Auch Sie scheinen die Musik nicht in der Nähe zu lieben,« sagte -Julius, indem er sich zu ihm auf das Ruhebett setzte; »kaum bis hieher -dringen die zarteren Töne.« - -»Es geht mir damit wie mit dem Geruch stark duftender Blumen,« -erwiderte Palvi mit angenehmer Stimme. »Mit diesen Düften in einem -verschlossenen Zimmer zu sein, macht mich krank und traurig, aber im -Freien, so aus der Ferne atme ich ihren Balsam mit Wollust ein, ich -unterscheide und errate dann jede einzelne Nuance, ich möchte sagen, -jede Schattierung, jeden Ton, jeden Uebergang des Geruches.« - -»Sie haben recht, jede Musik gewinnt durch Entfernung,« bemerkte -Rempen; »aber das jammervollste ist mir, jemand singen sehen zu müssen. -Besonders ängstigt mich die kleine Person, die jetzt eben etwas -vorträgt. Sie ist nett, beinahe zierlich gebaut, aber alle Gliederchen -~en miniature~. Nun stellt man sie immer auf ein Fußbänkchen, damit -sie gesehen wird. Hinter ihr steht der Musikdirektor mit der Violine. -Von Anfang macht es sich ganz gut. Der Direktor spielt ~piano~ und -verzieht höchstens den Mund links und rechts nach dem Strich seines -Fiedelbogens, nach und nach kommt er ins Feuer, ›~Forte, piu forte~‹, -flüstert er und wackelt mit dem Kopf; jetzt fängt auch die Kleine an -sich zu heben; anfänglich wiegt sie sich auf den Zehen und bewegt -die Ellbogen, als nähme sie einen kleinen Anlauf zum Fliegen; doch -~crescendo~ mit des Musikers Perpendikularbewegungen schreiten ihre -Gebärden vor, sie weht und rudert mit den Armen, sie hebt und senkt -sich, bis sie im höchsten Ton auf den Zehenspitzen aushält und -- wie -leicht kann da die Fußbank umschlagen!« - -Der Referendär lächelte flüchtig: »Beinahe noch verschiedener als beim -Lachen gebärden sich die Menschen, wenn sie singen,« sagte er. »Haben -Sie nie in einer evangelischen Kirche die Mienen der Weiber unter dem -Gesang betrachtet? Betrachten Sie ein zartes, schwärmerisches Kind von -sechzehn Jahren, das mit rundgewölbten Lippen, Frieden und Andacht -in den Zügen, die zarten Wimpern über die feuchten Augen herabsenkt, -seinen Schöpfer lobt. Sie können aus den vielen Hunderten ihre Stimme -nicht herausfinden, und doch sind Sie überzeugt, sie müsse weich, -leise, melodisch sein. Setzen Sie neben das Kind zwei ältliche Frauen, -die eine wohlbeleibt, mit gut genährten Wangen und Doppelkinn, die -Augen gerade vor sich hinstarrend, die andere etwas vergelbt, mit -runzligen, dürren Zügen und spitzigem Kinn, auf die gebogene Nase eine -Brille geklemmt -- und Sie werden erraten können, daß die Dicke einen -hübschen Baßton murmelnd singt, die andere in die höchsten Nasentöne -und Triller hinaufsteigt.« - -»Sie scheinen genau zu beobachten,« antwortete lachend der -Stallmeister. »Es fehlt nur noch, daß Sie die dicke Frau mit dem -murmelnden Baßton für die Mutter der Kleinen, die spitzige aber für -ihre ledige Tante ausgeben, eine alte Jungfer, die nicht sowohl von -unserem Herrgott als von den Nachbarinnen gehört sein will. Was sagen -Sie aber zu der sonderbaren Gewohnheit der Primadonna unserer Oper? -In den tiefen Tönen ist ihr hübsches Gesicht ernsthaft, beinahe -melancholisch; wenn sie aber aufsteigt, klärt es sich auf, und hat -sie nur erst die oberen Doppeltgestrichenen hinter sich, so schließt -sie die Augen wie zu einem seligen Traum, sie lächelt freundlich und -hold, und lächelt, bis sie wieder abwärts geht. Gleichgültig ist ihr -dabei, was sie für Worte singt. Sie könnte in den tiefsten Tönen: ›Ich -liebe dich, meines Herzens Wonne,‹ singen und ungemein ernsthaft dabei -aussehen, und könnte ebenso leicht ›Ich sterbe, Verräter!‹ in den -höchsten Rouladen schreien und ganz hold und anmutig dazu lächeln. Wie -erklären Sie dies?« - -»Es ist nicht schwer zu erklären,« entgegnete Palvi nach einigem -Nachsinnen; »die tiefen Töne fallen ihr etwas schwer; sie muß drücken, -etwa wie man einen großen Bissen hinabwürgt, und unmöglich kann sie -das mit heiterem Gesicht; mit den hohen Tönen geht es aber wohl -folgendermaßen zu: als sie noch jung war und die höheren Töne sich erst -in ihrer echten Kraft bildeten, mochte sie einen Lehrmeister haben, -der ihr unerbittlich alle Tage die Skala bis oben hinauf vorgeigte. -Für einen klaren höchsten Ton bekam sie wohl ein Stück Kuchen, ein -Tuch oder sonst dergleichen etwas; je höher sie es nun brachte, desto -freudiger strahlte ihr Gesicht vor Vergnügen über ihre eigenen Töne, -und so mochte sie sich angewöhnt haben, mit der freundlichsten Miene zu -singen: ›Ich verzweifle!‹« - -In diesem Augenblick ertönte eine reine, volle Frauenstimme in so -schmelzenden, süßen Tönen, daß die beiden Männer unwillkürlich ihre -Rede unterbrachen und lauschten. Eine leichte Röte flog über Rempens -Gesicht, denn er erkannte diese Stimme. Sein Auge begegnete dem dunkeln -Auge Palvis, das wohl eine Weile prüfend auf seinen Zügen verweilt -haben mochte. - -»Kennen Sie die Stimme?« fragte Rempen etwas befangen. - -»Ich kenne sie,« erwiderte jener und stand auf. - -»Und wollen Sie sich den Genuß vermindern und näher treten?« - -»Ich möchte wohl auch die Worte des Textes hören,« entschuldigte sich -jener nicht ohne Verlegenheit. - -Der Stallmeister folgte ihm; Palvi schwebte schnellen, aber leisen -Schrittes über den Boden hin und setzte sich unweit des Zimmers -nieder, wo Elise sang, auf ein Bankett, indem er Rempen durch einen -stummen Wink einlud, sich neben ihn zu setzen. Sie lauschten; es war -die bekannte Melodie einer jener alten französischen Romanzen, die, -indem sie durch ihren ungekünstelten Wohllaut dem Ohre schmeicheln, -in mutigen Tönen das Herz erheben; aber ein deutscher Text war -untergelegt, Worte, von welchen die Sängerin selbst wunderbar -ergriffen schien, denn sie trug sie mit einem Feuer vor, das ihre -Zuhörer mit erfaßte. - -Der junge Rempen fühlte sein Herz von Liebe zu der Sängerin wie von dem -hohen Schwung ihres Gesanges mächtiger gehoben; aber mit Verwunderung -und Neugierde sah er die tiefe Bewegung, die sich auf den Zügen seines -Nachbars ausdrückte. Seine Augen strahlten, sein Haupt hatte sich mutig -und stolz aufgerichtet, und um Wangen und Stirne wogte eine dunkle Röte -auf und ab, jene Röte, die ein erfülltes, von irgend einer mächtigen -Freude überraschtes Herz verrät. - -Mit gekrümmtem Rücken, auf den Zehenspitzen schlich jetzt der Oheim -Rempen heran. Schon von weitem drückte er seinem Neffen durch beredtes -Mienenspiel seinen Beifall über den herrlichen Gesang aus, und als er -nahe genug war, flüsterte er: »Heute singt sie wieder wie die Pasta, -voll Glut, voll Glut; und der schöne Text, den sie untergelegt hat! -- -er ist aus einem neuen Roman, die letzten Ritter von Marienburg.« - -Der junge Mann winkte seinem Oheim ungeduldig, stille zu sein; der Alte -schlich weiter zu einer anderen Gruppe, und die beiden lauschten wieder -ungestört, bis der Gesang geendet war. - - -5. - -Rauschender Beifall füllte nun das Gemach, man drängte sich um die -Sängerin, und auch Rempen folgte seinem Herzen, das ihn zu Elisen -zog. Aber schon war sie von einem halben Dutzend jener Literatoren -umlagert, die ihn immer verdrängten. »Welch herrliches Lied!« hörte er -den Doktor Zundler sagen, »welche Kraft, welche Fülle von Mut, und wie -zart gehalten!« Doch dem Stallmeister entging nicht, daß der Hofrat, -der ebenfalls bei der Gruppe stand, den jungen Doktor durch einen -freundschaftlichen Rippenstoß aufmerksam darauf zu machen schien, daß -er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Er erschrak, errötete und fragte in -befangener Verlegenheit, woher das Fräulein das schöne Lied habe? - -»Es ist aus den letzten Rittern von Marienburg, von Hüon.« Ein Gemurmel -des Staunens und Beifalls lief durch die dichten Massen, als man -diesen Titel hörte. »Wie, ein neuer Roman? -- Ah, derselbe, welchen -die Blätter fürs belletristische Vergnügen so tüchtig ausg-- Sie sind -ja da, leise, leise. -- -- Wo kann man den Roman sehen?« -- So wogte -das Gespräch und Geflüster auf und ab, bis der Wirt des Hauses mit -triumphierendem Lächeln ein Damenkörbchen an seidenen Bändern in die -Höhe hielt, es öffnete und ein Buch hervorzog. Er schlug den Titel -auf, er zeigte ihn der gespannten Gesellschaft, und mit freudigem -Staunen las man in großen gotischen Lettern: »Die letzten Ritter -von Marienburg.« -- »Vorlesen, bitte, vorlesen,« tönte es jetzt von -dreißig, vierzig schönen Lippen, und selbst die jungen Männer, die -sonst diese Unterhaltung weniger liebten, stimmten für die Vorlesung. -Aber eine nicht geringe Schwierigkeit fand sich jetzt in der Wahl des -Vorlesers; denn jene Literatoren, die sonst in diesem Zirkel dieses Amt -bekleidet hatten, stemmten sich heute bestimmt dagegen; der eine war -erhitzt, der andere hatte Katarrh, der dritte war heiser, und allen war -die Unlust anzusehen, daß nicht ihre eigenen Produkte, sondern fremde -Geschichten vorgelesen werden sollten. - -»Ich wüßte keinen Besseren vorzuschlagen,« sagte endlich ein -Kriminalpräsident von großem Gewicht, »als dort meinen Referendär -Palvi; wenigstens zeugen seine Referate von sehr guter Lunge und -geschmeidiger Kehle.« Indem der Kriminalpräsident seinen eigenen Witz -belachte und im Chorus sechs Juristen pflichtgemäß mit einstimmten, -verbeugte sich der junge Mann, an welchen die Rede ging, während -eine flüchtige Röte über sein Gesicht zog, und zur Verwunderung der -Gesellschaft, die ihn sehr wenig kannte, ergriff er das Buch und die -Tasche und fragte bescheiden, welcher von den Damen beides gehöre? - -Dem Stallmeister, der hinter ihm stand, hatte dies längst sein -scharfes Auge gesagt. Elise war flüchtig errötet, als der Onkel den -Beutel emporgehoben und das Buch daraus hervorgeholt hatte. Als aber -Palvi anfragte, als er mit seinem dunkeln Auge den Kreis der Damen -überstreifte und bei ihr stillestand, da goß sich ein dunkler Karmin -über Stirne, Wangen und den schönen Hals des Fräuleins; sie schien -überrascht, verlegen, und als jene Röte ebenso schnell verflog, schien -sie sogar ängstlich zu sein. »Das Buch gehört mir, Herr von Palvi,« -sagte sie schnell und mit einem kurzen Blick auf ihn. »Und werden Sie -erlauben, daß daraus vorgelesen wird? Daß _ich_ daraus vorlese?« fragte -er weiter. - -»Ich habe hier nichts zu bestimmen,« erwiderte sie, ohne aufzusehen, -»doch das Buch steht zu Diensten.« - -»Nun dann nicht gesäumt!« rief der Oheim. »Sessel in den Kreis und -ruhig sich gesetzt und andächtig zugehört, denn ich denke, wir werden -einen ganz angenehmen Genuß haben.« - -Man tat nach seinem Vorschlag; in bunten Kreis setzte sich die -zahlreiche Gesellschaft, und sei es, daß man auch hier Fräulein Elise -als literarische Königin ansah, oder war es eine sonderbare Fügung des -Zufalls, der Vorleser kam so gerade ihr gegenüber zu sitzen, daß, so -oft sie die Augen aufhob, diese schönen Augen auf ihn fallen mußten. - -»Aber, Freunde,« bemerkte die Dame vom Hause, »dieser Roman hat, soviel -ich weiß, drei Bände; wollen wir sie alle anhören, so kommt unsere -junge Welt heute nicht mehr zum Tanzen, und wir andern nicht zum Spiel; -ich denke, man wählt die schönsten Stellen aus.« - -»Wer aber soll sie wählen?« fiel ihr Gatte ein. »Das Ding ist nagelneu, -niemand hat es gelesen; doch Fräulein Wicklow wird uns helfen können. -Können Sie nicht schöne Stellen andeuten und uns den Faden des übrigen -geben?« - -Man bat so allgemein, so dringend, daß Elise nach einigem Zögern -nachgab. »Der Roman,« sagte sie, »spielt, wenn ich mir die Jahreszahl -richtig gemerkt habe, in den Jahren 1455 bis 1456 in und um Marienburg -in Ostpreußen. Der Deutsche Orden ist von seinen früheren einfachen -und reinen Sitten abgekommen; dies und innerer Zwiespalt, wie Neid -und Anfeindungen von allen Seiten her, drohen einen baldigen Umsturz -der Dinge herbeizuführen, wie denn auch durch den Verrat böhmischer -Ordenssoldaten, gegen Ende des dritten Teils, Marienburg für den -Orden auf immer verloren geht. Auf diesem geschichtlichen Hintergrund -ist aber die interessante Geschichte eines Verhältnisses zwischen -einem jungen deutschen Ritter und einem Edelfräulein aufgetragen. Sie -ist die Tochter des Kastellans von Marienburg, eines geheimen und -furchtbaren Feindes des Ordens, der, anscheinend dem Deutschmeister -befreundet, nur dazu in Marienburg lebt, um jede Blöße des Ordens -den Polen zu verraten. Der Roman beginnt in der Ordenskirche, wo die -Ritter und viele Bewohner von Marienburg und der Umgegend bei einem -feierlichen Hochamt versammelt sind, um den Tag zu feiern, an welchem -vor vielen Jahren der erste Komtur mit seinem Konvent in dieser Burg -einzog. Der letzte Meister, Ulrich von Elrichshausen, ein Mann, der -sich dem nahenden Verderben noch entgegenstemmen will, hält eine -eindringliche Rede an die Ordensglieder. Der Gottesdienst endet mit -einer feierlichen, lateinischen Hymne. Indem zwei der jüngsten Ritter, -nach der Sitte bei solchen Gelegenheiten, den vornehmsten fremden -Besuchern das Geleite bis in den Vorhof geben, bemerkt der eine von -ihnen, daß der andere im Vorbeistreifen ein kleines Päckchen in die -Hand einer verschleierten Dame gedrückt habe. Die Kirche ist leer, und -im zweiten Kapitel fragt nun der erstere den zweiten um die Bedeutung -dessen, was er gesehen. Er ist sein Waffenbruder, ein Bündnis, das nach -der Sitte der Zeit fester als irgend ein Freundschaftsband galt, und -Elrichshausen, der Neffe des Meisters, der Held des Romans, gesteht -ihm endlich sein Verhältnis zu der Dame, erzählt ihm von seinem Leben, -seinen trostlosen Aussichten. - -»Der Freund ratet ab, Kuno aber verschmäht jede Warnung und bittet -jenen, er möchte ihn an diesem Abend zu einer Zusammenkunft mit der -Geliebten begleiten. Diese Zusammenkunft in einem verfallenen Teil des -älteren Schlosses ist so schauerlich schön, daß ich möchte, sie würde -ganz gelesen.« - -Palvi las. Wer je ein Buch, das er sonst nicht kannte, in Gesellschaft -vorgelesen, der weiß, daß etwas Beunruhigendes in dem Gedanken liegt, -daß man mit gehaltener Sicherheit auf einem Felsenpfade gehen soll, -den man noch nie betreten. Dieses beängstigende Gefühl wächst, wenn es -ein Gespräch ist, das man vorträgt. Man kann den Atem, den Rhythmus, -den Ausdruck der Empfindung nicht richtig abmessen und verteilen, man -weiß nicht, ob jetzt die höchste Höhe der Lust ausgedrückt ist, ob -jetzt der Dichter die tiefste Saite der Wehmut berührt habe, ob er -nicht noch tiefere Akkorde anschlagen werde; und der Zuhörer pflegt -diese Unsicherheit störend mitzuempfinden. Aber wunderbar las dieser -junge Mann, den ein zufälliger Scherz seines Vorgesetzten zum Vorleser -gestempelt hatte. Es war, als lese er nicht mit den Augen, sondern mit -der Seele ohne dieses Organ, als spreche er etwas längst Gedachtes, -eine Erinnerung aus, als kenne er den Inhalt, den Geist dieser Blätter, -und sein Gedächtnis habe das Buch nur wegen der zufälligen Wortstellung -von nöten. Wenn das, was er las, nicht durch Inhalt und Form so -großartig, dieses Gespräch zweier Liebenden so neu, so bedeutungsvoll -gewesen wäre, diese Art, etwas vorzutragen, hätte zur Bewunderung -hinreißen müssen. - -Wir fürchten zu ermüden, wollten wir den Gang der Gefühle im Gespräch -dieser Liebenden verfolgen. Wir bemerken nur, daß der jüngere Teil -dieser Gesellschaft mächtig davon ergriffen wurde, daß Fräulein Elise, -die anfangs den Vorleser mit scheuen, staunenden Blicken angesehen -hatte, in tiefer Rührung die Augen senkte und kaum so viel Fassung -fand, ihre Erzählung weiter fortzusetzen. - -»Die Liebenden,« sagte sie, »so wenig Trost im Schluß dieser Szene -lag, sind zufrieden in dem Gedanken an die Gegenwart. Je dunkler -aber die Zukunft vor ihnen liegt, desto angenehmer dünkt es ihnen, -die Gegenwart mit schönen Träumen auszufüllen. Der Deutschmeister -bekommt die Nachricht, daß der Kaiser, von den Einflüsterungen Polens -halb besiegt, dem Orden zürne, ihm namentlich innere Zügellosigkeit -vorwerfe. Der Meister versammelt daher ein Kapitel, wo er die Ritter -anredet. Diese Stelle ist eine der trefflichsten im Buche, denn der -Verfasser befriedigt hier auf wunderbare Weise zwei Interessen. Indem -der Meister die Verhältnisse des Ordens bis auf die zartesten Nuancen -aufdeckt und berechnet, bekommt der Leser nicht nur ein schönes Bild -von dem einsichtsvollen, umsichtigen Ulrich von Elrichshausen, von -der erhabenen Würde eines Nachfolgers so großer Meister, von der -gebietenden Stellung eines Herrschers auf Marienburg, sondern er -bekommt auch auf ungezwungene und natürliche Weise eine Uebersicht -über die historische Basis des Romans. Der Meister schärft die Haus- -und Sittengesetze und schließt mit einer furchtbaren Drohung für den -Uebertreter. - -»Der Held des Romans, voll schönen Glaubens an alles Edle und Reine, -sieht in seiner Freundschaft für Wanda, so heißt das Fräulein, kein -Unrecht. Er setzt, begleitet von seinem Freunde, die nächtlichen -Zusammenkünfte fort. In eine derselben ist ein wunderschönes Märchen -eingewoben, eine Sage, die man auch mir in meiner Kindheit oft erzählt -haben muß, denn sie klang mir wie alte Erinnerungen.« - -Sie hielt inne; mit einem Blick voll Liebe und Wehmut fragte Palvi, -ob er das Märchen lesen solle? Sie nickte ein kurzes Ja, und er las. -Der junge Rempen hatte während des Märchens sein Auge fest auf Elisen -gerichtet. Er bemerkte, daß sie anfangs heiter zuhörte, mit einem -Gesicht, wie man eine bekannte Lieblingsmelodie hört und die kommenden -Wendungen zum voraus erratet; nach und nach wurde sie aufmerksamer; -es kamen einige sonderbare Reime vor, die Palvi so rasch und mit so -eigenem, singendem Tone vortrug, daß sie dadurch tief ergriffen schien; -Erinnerungen schienen in ihr auf und nieder zu tauchen, sie preßte die -Lippen zusammen, als unterdrücke sie einen inneren Schmerz; er sah, wie -sie bleich und immer blässer wurde, er sah sie endlich ihrer Nachbarin -etwas zuflüstern, sie standen beide auf, aber ebenso schnell sank -Elise wieder kraftlos auf ihren Stuhl zurück. - -Die Bestürzung der Gesellschaft war allgemein. Die Damen sprangen -herzu, um zu helfen, aber sei es, daß, wie es oft zu geschehen pflegt, -gerade das unangenehme Gefühl dieser störenden, geräuschvollen Hilfe -sie wieder emporraffte, oder war es wirklich nur etwas Vorübergehendes, -ein kleiner Schwindel, der sie befiel, sie stand beinahe in demselben -Moment wieder aufrecht, bleich, aber lächelnd, und konnte sich bei der -Gesellschaft entschuldigen, diese Störung veranlaßt zu haben. - -An Erzählen und Vorlesen war übrigens nach diesem Vorfall heute abend -nicht wohl wieder zu denken, und man nahm mit Vergnügen den Vorschlag -an, sich am übernächsten Nachmittage in einem öffentlichen Gartensalon -zu versammeln und die Ritter von Marienburg gemeinschaftlich zu -genießen. - - -6. - -Der Stallmeister fühlte sich von dieser Szene auf mehr als eine Weise -ergriffen; er konnte zwar Palvi nichts vorwerfen, er hatte zwei Worte -mit Elisen und diese öffentlich gesprochen; es war, wenn er selbst -auch wirkliche Rechte auf das Fräulein gehabt hätte, kein Grund zur -Eifersucht da, denn sie schien jenen sogar zu scheuen, zu fliehen; -aber dennoch lag etwas so Rätselhaftes in Palvis Betragen, etwas so -schmerzlich Rührendes in seinen Mienen, und doch wieder in seinem -ganzen Wesen eine so gehaltene Würde, daß Rempen sich vornahm, was -es ihn auch kosten möge, Aufschluß über ihn zu suchen. Der Oheim war -bemüht, die frühere Ordnung und Freude herzustellen. Spieltische wurden -herbeigetragen, und aus dem Salon lud eine Violine und die lockenden -Akkorde einer Harfe die junge Welt zum Tanzen ein. - -Mit bewachenden Blicken folgte der Stallmeister Palvi, der, noch -immer das Buch in der Hand haltend, gedankenvoll umherging. In einer -Vertiefung des Fensters saß Elise. Eben ging eine Freundin von ihr weg, -und Rempen nahm wahr, wie sich Palvi ihr zögernd nahte, wie er ihr -mit einer tiefen Verbeugung das Buch überreichte. Schnell trat auch -er hinzu, und nur die breite, dunkelrote Gardine trennte ihn von den -beiden. - -»Elise,« hörte er den jungen Mann sagen, »seit zehn Monaten zum -erstenmal wird es mir möglich, so nahe zu stehen, nur _eine_ Bitte habe -ich --« - -»Schweigen Sie,« sagte sie in leisen, aber leidenschaftlichen Tönen, -»ich will nichts hören, nichts sprechen! ich habe Ihnen schon einmal -gesagt: ich verachte Sie.« - -»Nur das _Warum_ möchte ich wissen,« bat er beinahe weinend; »nur _ein_ -Wörtchen, vielleicht können Sie mich doch verkennen.« - -»Ich kenne Sie zu gut,« erwiderte sie unmutig, »einen so niedrigen, -gemeinen Menschen kann ich nur verabscheuen.« - -»Gemein, niedrig?« rief er bitter, »und dennoch schwöre ich, daß ich -Ihnen Achtung abzwingen will; diesen gemeinen niedrigen Mann sollen Sie -schätzen müssen! Wissen Sie, ich bin --« - -»Daß Sie ein recht elender Mensch sind, weiß ich lange; darum bitte -ich, entfernen Sie sich; diesen Zirkel werde ich aber nie mehr -besuchen, wenn es Ihnen noch einmal einfallen sollte, mich anzureden.« - -Bei diesen Worten stand sie rasch auf und entfernte sich mit einer -kurzen Verbeugung gegen den unglücklichen jungen Mann. - -So wichtig diese Worte, so bedeutungsvoll diese Szene war, konnte sie -doch dem Stallmeister kein deutlicheres Licht geben. Palvi durfte -wagen, sie mit »Elise« anzureden, sie behauptete, ihn ganz zu kennen, -sie sprach so heftig ihre Gefühle aus, daß ihren Haß notwendig Liebe -geboren haben mußte. -- Er sah Palvi, nachdem er noch eine Weile in -der Vertiefung des Fensters verweilt hatte, nach der Türe des Vorsaals -gehen. Er folgte ihm dahin, wie zufällig nahm er zugleich mit jenem -seinen Mantel um. - -»Auch Sie scheinen kein Freund des Tanzes zu sein,« redete er den -Referendär an. - -»Ich habe es längst aufgegeben,« antwortete er, »aber Sie, Sie -- ein -Glücklicher, und nicht tanzen?« - -»Ein Glücklicher?« erwiderte der Stallmeister freundlich; »davon möchte -ich mir doch noch eine nähere Definition erbitten. Ueberhaupt, hier -wird mir so langweilig zu Mute, und zu Hause geht mir die Tanzmusik im -Kopfe herum; gehen wir, wenn Sie nichts Besseres vorhaben, nicht irgend -wohin zusammen?« - -Palvi schien in einiger Verlegenheit zu sein. »Ich weiß nicht, was mir -Ihre Gesellschaft so wünschenswert macht,« antwortete er; »ich möchte -die Hälfte der Nacht mit Ihnen verplaudern, und dennoch, werden Sie es -glauben? -- ich rechnete darauf, früh diese Gesellschaft zu verlassen, -und habe einem Freunde den übrigen Teil des Abends zugesagt.« - -»Wohlan,« fuhr der Stallmeister fort, »wenn Sie nichts gar zu Wichtiges -zu besprechen haben, so folge ich Ihnen dahin.« - -Der junge Mann errötete. »Das Haus ist abgelegen,« sagte er, »und für -solche Gäste nicht ganz passend.« - -»Und wenn es der Entenzapfen wäre,« rief Rempen; »es soll ja -vortreffliches Cerevis dort geben.« - -Mit einer Mischung von Staunen und Freude blickte ihn der Referendär -an, doch ehe er noch fragen konnte, sprach Rempen weiter: »Verzeihen -Sie meiner Neugierde, die diesmal die Diskretion überwog. Der Zufall -machte mich zum Zeugen, als ein wunderlicher alter Herr Sie einlud, und -schon damals wünschte ich, mit von der Partie zu sein, um so mehr,« -setzte er verbindlich hinzu, »da ich diesen Abend so manchen ~Point de -réunion~ zwischen uns fand.« - -»Gut, so folgen Sie mir. -- Sie werden ein Original kennen lernen, das -aber mehr unsere Aufmerksamkeit verdient als die schwachen Kopien dort -oben, die doch immer für Originale gelten möchten, ja sich selbst dafür -halten. Ich meine jene Poeten und Literatoren, die uns heute morgen ein -so wunderbares Schauspiel gegeben haben.« - -»In seiner Art diesen Abend ein nicht minder sonderbares,« entgegnete -Rempen; »oder sollte Ihnen entgangen sein, wie ungezogen sie sich -benahmen, als man verlangte, dieser Roman solle vorgelesen werden; -schien es nicht, als wollten sie durch stilles, höhnisches Lächeln, -durch ihre kalte Entschuldigung, zum Vorlesen nicht bei Stimme zu -sein, durch so manche Zeichen ihres Mißfallens der Gesellschaft die -Ueberzeugung aufdringen, als sei das Buch schlecht und unwürdig? Man -kann nicht verlangen, daß sie sich -- wollen sie einmal ungesittet sein --- im Keller eines Italieners Fesseln anlegen; sie bezahlen dort, und -ihre Rede ist frei; aber in einer Gesellschaft wie diese mußten sie -sich den Gesetzen des Anstandes fügen.« - -»Ich wollte vieles wetten,« bemerkte Palvi, »der Mann, zu dem ich Sie -jetzt führe, ob er gleich in seinen Gewohnheiten und Sitten wenig -gesellschaftliche Bildung verrät, würde sich weniger unschicklich -benommen haben.« - -»Und wer ist er denn?« fragte der Stallmeister. - -»Er gehört einem Schlag von Leuten an, die man in unsern Ländern jetzt -weniger oder nicht so auffallend und originell sieht als früher, ein -sogenannter württembergischer Magister. Bitte zum voraus, glauben -Sie nicht, daß in diesem Begriffe etwas Lächerliches liege, denn eine -nicht geringe Zahl würdiger, gelehrter Männer unserer Zeit gehören -diesem Stande an. Es gab in früherer Zeit, -- ob jetzt noch, weiß ich -nicht, -- in jenem Lande eine Pflanzschule für tiefe Gelehrsamkeit. -Es gingen Philologen, Philosophen, Astronomen, Mathematiker in Menge -daraus hervor; zum Beispiel ein Keppler, ein Schelling, Hegel und -dergleichen. Vor zwanzig Jahren soll man allenthalben in Deutschland -Leute aus dieser Schule gesehen haben; den Titel Magister bekamen sie -als Geleitsbrief mit. Sie waren gewöhnlich mit tiefen Kenntnissen -ausgerüstet, aber vernachlässigt in äußeren Formen, in Sprache und -Ausdruck sonderbar, und spielten eine um so auffallendere Figur, als -sie gewöhnlich, ihrer Stellung nach, als Lehrer an Universitäten, als -Erzieher in brillanten Häusern, in der Gesellschaft durch ihr Aeußeres -den Rang nicht ausfüllten, den ihnen ihre Gelehrsamkeit gab. Eine -solche Figur aus alter Zeit ist mein Freund. Er ging schon vor dreißig -Jahren aus seinem Vaterlande, hat aber weder in Kurland noch in Sachsen -seine Eigenheiten abgelegt. Er lebt hier, abgeschieden von der Welt, -in einem Dachstübchen; ich halte ihn für einen der tiefsten Denker -des Zeitalters, dabei ist er ein liebenswürdiger Dichter, und dennoch -ist sein Name gänzlich unbekannt. Die gelehrtesten Rezensionen in den -Leipziger und Haller Blättern sind von seiner Hand; manche Entdeckung, -mancher tiefgedachte Satz, womit jetzt die neuen Philosophen ihre Werke -aufputzen, sind von ihm; er hat sie spielend hingeworfen.« - -»Also ein literarischer Eremit,« rief Rempen aus, indem er, nicht ohne -kleinen Schauder, an der Seite des Referendärs durch enge, schmutzige -Gäßchen ging; »eine Nachteule der Minerva in bester Form?« - -»Wenn es heutzutage wieder einen Diogenes geben könnte,« erwiderte -jener, »ich glaube, er müßte im Kostüm meines Magisters erscheinen. -Dieses ehrliche, kluge, ein wenig ernste Gesicht, die kunstlos um den -Kopf hängenden Haare, das verschossene Hütchen, der abgetragene Rock, -den er mit keinem anderen vertauschen mag, die sonderbare, beinahe -zärtliche Neigung zu einer alten, schwarz gerauchten Pfeife, dazu ein -dunkelbraunes Meerrohr mit silbernem Knopfe, und diese ganze Gestalt in -der düsteren, schwärzlichen Spelunke, in welche wir eben treten wollen --- nehmen Sie dies alles zusammen, und Sie werden finden, das Urbild -eines modernen zynischen Philosophen ist fertig, nur würde er einen -Alexander nicht um ein wenig Sonne, sondern um ein bißchen Feuer für -seine Pfeife bitten.« - -Durch einen Vorplatz, wo das trübe Licht einer schmutzigen Laterne -einen zweifelhaften Schein auf Kornsäcke und umgestürzte Bierfäßchen -warf, traten jetzt die beiden jungen Männer in das größere Schenkzimmer -des Entenzapfen. Der Wirt, dick und angeschwollen von dem Kosten -seines eigenen Getränkes, schlief in einem Lehnsessel hinter dem -Ofen; einige abgerissene Gestalten spielten bei einem Stümpchen Licht -mit schmutzigen Karten und sahen die Vorübergehenden mit matten, -schläfrigen Augen an. - -Palvi ging vorüber in ein zweites kleineres Gemach, das für bessere -Gäste eingerichtet schien. Derselbe Alte, den Rempen diesen Abend -flüchtig gesehen, saß dort allein hinter einer Kanne Bier. Auf den -Tisch hatte er mit Kreide einen mathematischen Satz gemalt. Er schaute, -die Stirn in die Hand gestützt, aufmerksam auf seine Berechnung nieder, -und nur große Tabakswolken, die er hin und wieder ausstieß, zeigten, -daß er lebe und atme. Erst auf den Abendgruß seines jungen Freundes -richtete er sich auf und zeigte ein ernstes, gleichgültiges Gesicht, -dem nur das glänzende, ungemein interessante Auge einiges Leben verlieh. - -Die Gegenwart eines Fremden schien ihm unangenehm aufzufallen. Kurz -abgebrochen, indem er hastig mit dem Rockärmel die Figuren von dem -Tische abwischte, sagte er: »Seid lange ausgeblieben.« - -»Dafür bringe ich aber einen seltenen Gast mit,« erwiderte der junge -Mann, »der das Entenbier versuchen will.« - -»Literator?« fragte der Alte etwas mürrisch. - -»Wo denkst du hin, Magister; ein hiesiger Literator und der -Entenzapfen! Nein, er ist nicht von diesen, sondern heißt Herr von -Rempen und ist Stallmeister.« - -»Da haben der Herr die echte Quelle gefunden,« sprach der Alte -freundlich und mit einer Herzlichkeit, die ihn sogar angenehm machte. -»Der Entenzapfen hat solid Getränke. Setzet euch, da bringt die -Kellnerin schon die Kannen.« - -Der Stallmeister erschrak vor der großen Kanne, die ihm das niedliche -Kellnermädchen mit den roten Lippen kredenzte; aber die Neugierde nach -dem Magister, der Drang, von Palvi nähere Aufschlüsse über Elisens -Betragen zu erhalten, milderten seinen Schauder vor dem Entenzapfen. - -»Es hat einen eigenen Reiz für mich,« sagte er, um die Anrede des -Alten zu erwidern, »so aus einer glänzenden Gesellschaft, wo alles -voll Glanz und Putz, voll Berechnung und eitlen Benehmens ist, mich in -die Einsamkeit einer solchen Schenke zu begeben. Man wird so leicht -verführt, jenes schimmernde Wesen für wahres Leben, für ein Ideal der -Gesellschaft zu nehmen, und nur ein plötzlicher, recht greller Tausch -kann von diesem Wahne retten, besonders wenn man das Glück hat, Männer -zu finden, die zu vernünftigem Gespräch bereitwillig sind.« - -»Ich kann mir's denken aus früherer Zeit,« entgegnete der Alte mit -ironischem Lächeln. »Nun hat man wieder anständig geschnattert und -gezwitschert, Tee getrunken und göttlichem Gesange gelauscht, und als -man gar ästhetisch zu werden, vorzulesen anfing, seid ihr aus Angst -davongelaufen?« - -»Nein,« antwortete Rempen, »so lange gelesen wurde, blieben wir.« - -»Wie?« rief der Magister. »Und Ihr habt es über Euch vermocht, Herr -Referendär, allerlei rosenfarbene Poesie anzuhören?« - -»Man las die letzten Ritter von Marienburg,« belehrte ihn der -Stallmeister. - -»Ei der Tausend!« sagte der Alte, mit einem sonderbaren Seitenblick auf -Palvi, »konnte man doch solche Speise vertragen, ohne den ästhetischen -Gaumen und Magen zu verderben? Hat sich denn die Welt gedreht, oder -waren unsere hiesigen Schöngeister nicht zugegen?« - -»Doch, sie waren dabei,« erwiderte Rempen, »sie wagten es nicht, sich -dagegen zu setzen, obgleich der Zorn aus ihren Augen sprühte, denn -noch diesen Morgen hatten sie sich bündig und deutlich erklärt.« -Und nun erzählte er den Auftritt im Keller des Italieners mit einer -Geläufigkeit, über welche er sich selbst wundern mußte. Mehrmals wurde -er von einem schnellen, kurzen Lachen des Alten unterbrochen, als er -aber mit dem furchtbaren Bündnisse der literarischen Trias endete, -brach der alte Mann in so herzliches Gelächter aus, daß der Wirt zum -Entenzapfen mit einem tiefen Gestöhne erwachte und sich im Sessel -umwälzte. - -»Der Herr Stallmeister erzählen gut,« sprach dann der Magister, indem -er Tränen, die das Lachen hervorgelockt hatte, verwischte. »Ich kenne -sie, diese Bursche, diesen Chorus von Halbwissern. Sie sind geachteter -beim Stadtpublikum und auf dem Landsitze als der wahre Gelehrte, sie -sind die Vornehmern unter den Musensöhnen und machen ungebeten die -Honneurs auf dem Parnaß, als wären sie Prinzen des Hauses oder zum -mindesten Kammerjunker; um so weniger können sie es verschmerzen, wenn -ihre Blöße aufgedeckt und ihre Schande ans Licht gestellt wird. Sie -fühlen ihr Nichts, sie sehen es einander ab, aber sie wollen es sich -nicht merken lassen.« - -»Am sonderbarsten und unerklärlichsten scheint mir ihre Wut gegen -_das_, was man jetzt historischen Roman nennt,« bemerkte der -Stallmeister. »Ich bin zu wenig im Getriebe der Literatur bewandert, um -es mir erklären zu können.« - -»Danken Sie Gott,« erwiderte der Alte, »daß Sie ein heiteres, rüstiges -Handwerk erlernt haben und von diesem unseligen, feindlichen Treiben -nichts wissen. Kommt mir doch diese schöne Literatur jetzt vor wie -scharfer Essig. Mit gehöriger Zutat vom Oel des Lebens, Philosophie, -ist sie die Würze eurer Tage; aber kostet sie gesondert, so ist sie -scharf, abstoßend; betrachtet sie genau, etwa durch ein tüchtiges Glas, -so sehet ihr das Acidum aufgelöst in eine Welt von kleinen Würmern, die -sich wälzen und einander anfallen, übereinander wegkriechen.« - -»Pfui! Aber ihr Verhältnis zum historischen Roman?« - -»Sie gebärden sich,« antwortete Bunker, »als ob sie gegen irgend eine -Erscheinung des Zeitgeistes ankämpfen könnten, wie Pygmäen gegen -einen Riesen. Als ob nicht schon die Ilias so gut historisch gewesen -wäre als irgend ein Roman des Verfassers von Waverley. Und ist nicht -Don Quichotte der erste aller historischen Romane? Doch nehmen Sie -nähere Beispiele bei uns. Spricht sich nicht in Wilhelm Meister das -Element eines historischen Romans geheimnisvoll aus? Müssen wir nicht -den Begebenheiten, in die der Held verwickelt ist, eine gewisse -Zeitgeschichte unwillkürlich unterlegen? Müssen wir nicht das Lager -des Prinzen als eine notwendige historische Dekoration damaliger Zeit -ansehen? Und die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, sind sie -nicht eine historische Novelle? Wir betraten also zum mindesten keinen -neuen Boden, kein neues, zweifelhaftes Gebiet.« - -»Und welch kleiner Schritt,« bemerkte Palvi, »welch natürlicher -Uebergang ist vom historischen Drama, wie wir es bei Goethe finden, zum -modernen, geschichtlichen Roman. Sie sind ihm schon um vieles näher -als die historischen Schauspiele Shakespeares. Wie im Romane sprechen -dort die Helden nicht großartige Gefühle aus. Sie halten nicht gedehnte -Reden, sondern ihre Reden erzählen von den schlummernden Entschlüssen -ihrer Seele, und wir erblicken in einer einzelnen Wendung Motive, ahnen -Handlungen, die sich nachher verwirklichen. - -»Die Völker scheinen sich in unseren Tagen zu scheiden und scharf -abzugrenzen. Doch diese Scheidung ist nur scheinbar, denn die -Menschheit ist durch so viele Erfindungen sich näher gerückt worden. -Wir gehören mehr und mehr der Welt an. Wir sprechen von entfernten -Polarländern oder von Amerika mit einer Bestimmtheit, einem Gefühl der -Nähe, wie unsere Großväter von Frankreich sprachen. Wir sind jetzt erst -Europäer geworden. Darum ist uns nichts mehr fremd, was in diesem alten -Weltteile geschieht. Der Unterschied der Sprache hat aufgehört, denn -Dank sei es unseren gewandten Uebersetzern, es ist, als ob Scott und -Irving in Frankfurt oder Leipzig lebten.« - -»Gewiß!« fiel Rempen ein, »auch in der Gesellschaft sind sich -die verschiedenartigsten Elemente näher getreten. Unsere jungen -Männer erzählen jetzt von einer Reise nach London oder Rom mit mehr -Bescheidenheit oder Gleichgültigkeit als sonst einer von einer Reise an -einen zwanzig Meilen entfernten Hof erzählte. Aber ist uns durch alles -_dies_, da wir in einer so breiten Gegenwart leben, die Geschichte -nicht vielmehr fern als nahe gerückt?« - -»Ich gebe zu,« sagte der Alte, »das ernste Studium der Historie, -aber nicht das rein menschliche Interesse daran. Die Geschichte war -sonst die Geschichte der Könige, und an ihre oft unbedeutende Person -knüpfte sich das Leben unsterblicher Männer. Die neuere Zeit, so große -Veränderungen um uns her, haben uns anders denken gelehrt. Es ist die -Geschichte der Meinungen, es sind die Schicksale gewisser Prinzipien, -die wir kennen lernen möchten. Ihr Kampf erscheint in jedem Zeitalter -mehr oder minder und unter der verschiedensten Gestalt, und dieser -Kampf der Meinung ist es, was jeder Periode ihr Interesse gibt, er -ist es, der, dem Romane zum Grunde gelegt, unsere Teilnahme auf -unbeschreibliche Weise anzieht.« - -»Ich ahne, daß Sie recht haben,« erwiderte der Stallmeister. -»Gleichwohl kann ich diese Idee meinen bisherigen Ansichten noch -nicht recht anpassen. Denn wie vertragen sich zum Beispiel mit dieser -welthistorischen Ansicht jene sonderbaren Figuren Walter Scotts, -die bald als rohe Hochländer, bald als Räuber, als Fischer in die -Geschichte unmittelbar eingreifen und so anziehend erscheinen?« - -»Das ist es ja gerade, was ich sagte,« antwortete der Magister. »Wir -ahnen in der Geschichte des Landes und des Volkes, die uns Professoren -auf Kathedern vortragen, daß es nicht immer die Könige und ihre -Minister waren, die Großes, Wunderbares, Unerwartetes herbeiführten. -Da oder dort hat die Tradition den Schatten, den Namen eines Mannes -aufbehalten, von dem die Sage geht, er habe großen und geheimnisvollen -Anteil an wichtigen Ereignissen gehabt. Solche Schatten, solche -fabelhaften Wesen schafft die Phantasie des Dichters zu etwas -Wirklichem um; in den Mund eines solchen Menschen, in sein und seiner -Verbündeten geheimnisvolles Treiben legt er die Idee, legt er den -Keim zu Taten und Geschichten, die man im Handbuch nur als geschehen -nachliest, vergebens nach ihren Ursachen forschend. Indem solche -Figuren die Ideen persönlich vorstellen, bereiten sie dem Leser hohen -Genuß und oft ein um so romantischeres Interesse, je unscheinbarer -sie durch Bildung und die Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft -anfänglich erscheinen.« - -»Und so hielten Sie es für möglich, daß auch die deutsche Geschichte -interessante Stoffe für historische Romane bieten könnte?« fragte -Rempen; »mir schien sie immer zu zerrissen, zu flach, zu wenig -romantisch und großartig.« - -»Das letztere glaube ich nicht,« erwiderte Palvi; »und muß denn gerade -der Hintergrund, das historische Faktum, das Erhabene sein? Ist es -nicht der Zweck des Romans, Charaktere in ihren verschiedenen Nuancen, -Menschen in ihren wechselseitigen Beziehungen zu schildern? Und kann -sich nicht ein großartiger Charakter in einer Tat, einem Zwiste -erproben, der für die allgemeine Geschichte von geringerer Bedeutung -ist? Oder glauben Sie, weil Tieck in die Cevennen flüchtete, um einen -historischen Hintergrund zu holen, er habe damit sagen wollen, unsere -Geschichte biete keinen Stoff, der seines hohen Genius würdig wäre?« - -»Diese Ritter von Marienburg,« nahm der Alte das Wort, »beschäftigen -sich mit keinem großartigen historischen Ereignisse. Schon fünfzig -Jahre, ehe das Unglück des Ordens in Ostpreußen wirklich hereinbricht, -gewahrt man, daß er sich nie mehr zu seinem alten Glanze erheben -könne, daß früher oder später die Elemente selbst, die seine Größe -beförderten, seinen Sturz bereiten werden. Er fällt, denn er hat seinen -Beruf erfüllt. Aber an die geschichtliche Figur des Großmeisters, an -die Täler der Nogat, an die Mauern der erhabenen Burg weiß jener Hüon -Fäden anzuknüpfen, woraus er ein erhabenes Gewebe schafft. Ich möchte -sagen, er baut aus den Trümmern jenes gestrandeten Schiffes eine Hütte, -worin sich bequem wohnen läßt.« - -»Nun verstehe ich Sie,« rief der Stallmeister, »und weil sie diesen -Standpunkt nicht erreichten, weil sie diese höhere Ansicht nicht -erfassen mögen, kämpfen jene Leutchen gegen diesen historischen Roman. -Es ist Brotneid, sie wollen ihn nicht aufkommen lassen, weil er die -Kunden an sich ziehen könnte.« - -»Hat er nicht recht, der Herr Stallmeister?« wandte sich der Magister -lächelnd an seinen Nachbar. »Sie schimpfen alle aufeinander und -zusammen auf jedes Größere, diese Kleinmeister. Mich freut es nur, daß -mein Doktor Zundler auch bei der furchtbaren Freitags-Trias ist.« - -»_Ihr_ Doktor Zundler?« fragte Rempen befremdet. »Kennen Sie ihn?« - -»Ob ich ihn kenne!« erwiderte der Alte lachend. - -»Der Herr Stallmeister macht keinen schlimmen Gebrauch davon,« sagte -Palvi zu dem Magister, »und zu größerem Verständnis der Poesie ist es -ihm nützlich, wenn er es weiß. Bist du es zufrieden, Alter?« - -»Es sei; aber der Herr Stallmeister wird diskret sein,« antwortete der -Alte. - -»Was werde ich erfahren?« fragte Rempen. »Wie geheimnisvoll werden Sie -auf einmal?« - -»Sie kennen den Doktor Zundler, einen der ersten Lyriker dieser Stadt,« -sprach Palvi; »sein Ruhm war früher gerade nicht sehr groß, doch etwa -seit einem halben Jahre regt er die Flügel mächtig. Hier sitzt der -Dädalus, der sie ihm gemacht hat.« - -»Wie soll ich dies verstehen?« erwiderte der Stallmeister. - -»Unser Magister hier ist ein sonderbarer Kauz,« fuhr jener fort, »einer -seiner bedeutendsten Fehler ist Aengstlichkeit, sonderbar verschwistert -mit Gleichgültigkeit. Er hätte es weit bringen können auf dem deutschen -Parnaß, aber er war zu ängstlich, um etwas drucken zu lassen. Doch wie -vermöchte ein dichterischer Genius von diesem Hindernisse sich besiegen -zu lassen; er dichtete fort, für sich.« - -»Ich machte Verse,« fiel der Alte gleichgültig ein. - -»Du hast gedichtet!« sagte Palvi. »Aber seine besten Arbeiten, seine -gründlichsten Forschungen hat er um acht Groschen den Bogen in Journale -verzettelt, weil er sich scheute, seinen Namen auf ein Titelblatt zu -setzen; und von den glühendsten Poesien seiner Jugend fand ich die -einzigen Spuren in halbverbrannten Fidibus. In meinen Augen bist du -entschuldigt, guter Magister, durch deine Erziehung und die Art und -Weise deines Vaterlandes. Wer hat sich dort zu deiner Zeit um einen -Geist, wie der deine war, bekümmert? Was hat man für einen Mann getan, -der nicht in die vier Kardinaltugenden, in die vier Himmelsgegenden -der Brotwissenschaft, in die vier Fakultäten paßte? Haben sie ja sogar -Schiller zwingen wollen, Pflaster zu streichen, und Wieland floh das -Land der Abderiten, weil es dort keinen Raum für ihn gab als den -Posten eines Stadtschreibers, den er freilich so schlecht als möglich -ausgefüllt haben mochte.« - -»Mensch, nichts Bitteres gegen mein schönes Vaterland,« sagte der Alte -mit sehr ernstem Blick; »es war die Wiege großer Männer.« - -»Du sagst es,« erwiderte Palvi, »die _Wiege_, aber nicht das _Grab_. -Und dieser Umstand mag seine eigenen Ursachen haben. Zum mindesten -findet man in Odessa wie am Mississippi, in Polen und in Rio-Janeiro, -und überdies noch auf den Kathedern aller bekannten Universitäten -deine Landsleute. Doktor Zundler nun, um von diesem zu reden, hatte -das Glück, eines Tages eine Wohnung zu beziehen, in deren Giebel unser -Magister ein Freilogis bewohnt, weil er den Knaben des Hausherrn -zum Gelehrten bilden soll. Doktor Zundler hat, um sich zum Dichter -zu bilden, viel gelesen und hat den großen Menschenkennern bald -abgemerkt, daß sie auf Originale Jagd machen. Er stellt sich daher -alle Tage zwei Stunden mit seinem Glas unter das Fenster und stellt -Betrachtungen über die Menschen an wie der selige Hoffmann in Vetters -Eckfenster, nur, behauptet man, mit verschiedenem Erfolg. Denn der -selige Kammergerichtsrat guckte durch das Kaleidoskop, das ihm eine -Fee geschenkt, der Doktor Zundler aber durch ein ganz gewöhnliches -Opernglas. Da sah er einigemal den Magister und -- nun, Bunkerchen, -erzähle.« - -Ein behagliches Lächeln verbreitete sich über das Gesicht des Alten; er -trank in längeren Zügen aus seinem Glas und erzählte dann: »Eines Tages -sagte mir meine Aufwärterin, daß sich der wunderschöne reiche Herr in -der Bel-Etage nach mir erkundigt habe, wer ich wäre, was ich treibe und -dergleichen. Bald darauf kam ein schön geputzter Herr in mein Stübchen, -beguckte mich von allen Seiten, fragte mich allerlei und wunderte sich -ungemein, daß ich ein Gelehrter sei. Er hatte mich, meiner Physiognomie -nach, für einen unglücklichen Musiker gehalten. Sein Staunen wuchs, als -er einige poetische Versuche, die am Boden lagen, aufnahm und las. Er -wollte nicht glauben, daß sie von mir herrühren, und nahm sie endlich -aus reinem Interesse, wie er sagte, mit. Den folgenden Tag schickte er -mir ein paar Flaschen Wein. Es freute mich, ich hatte gehört, daß er -reich sei; ich bin arm und trank den Wein. Als ich die erste Flasche -hinunter hatte und warm war, ging die Tür auf, und mein Doktorchen trat -herein. Ein Wort gab das andere; man kam auf Poesie, ich machte wenig -daraus, er viel; er schwatzte mir etwas vor von einer Erbschaft, die er -gewinnen könne von seinem Oheim, einem portierten Verehrer der Musen. -Seine bisherigen Versuche haben aber nur den Unwillen des Erblassers -erregt. So machte es sich von selbst, daß ich ihm meinen ganzen Kram -von Poesien anbot; mich selbst amüsierten diese Verse nur, solange ich -sie entwarf und ausarbeitete; ob sie das Publikum lese, ob es mich -dabei nenne, war ja so gleichgültig! Im Scherz ging ich einen Akkord -ein, daß ich ihm auch eine Novelle und später einen Roman schriebe. Er -gibt mir dafür Wein, Knaster, zuweilen Geld, und ich habe das Bequeme, -daß niemand, weder in Lob noch Tadel, meinen Namen nennt, was mir -unausstehlich ist, und daß ich mich mit keinem Journalredakteur, mit -keinem Buchhändler, keinem Rezensenten herumbeißen muß.« - -»Ist dies nicht köstlich, Stallmeister?« fragte Palvi lachend. »Was -halten Sie von diesem trefflichen Lyriker, von diesem Zunder, der ohne -fremden Stahl und Stein kein Feuer gibt?« - -»Ist es möglich?« rief der junge Rempen staunend aus. »Ist eine solche -lächerliche Niederträchtigkeit jemals erhört worden! Und diesen -Menschen konnte auch ich für einen Dichter halten, konnte den Genius -bewundern, der auf einmal über ihn gekommen? Und auch _sie_, auch -_sie_,« fuhr er in Gedanken versunken fort, »auch _sie_ ehrt und achtet -ihn um dieser Gaben willen, zeichnet ihn aus, spricht mit ihm über -seine neuesten Werke. Es ist, um rasend zu werden!« - -Palvi sah den jungen Mann bei diesen Worten teilnehmend, beinahe -gerührt an; er schien mit Mühe eine tiefe Wehmut zu bekämpfen, aber -der Alte fuhr fort: »Solch belletristisches Ungeziefer, das sich vom -Marke anderer mästet, hätte ich schon längst gern in der Nähe geschaut, -und so studierte ich diesen Hohlkopf. Wenn allerlei Mittel von außen -her einen Dichter machen könnten, er müßte es längst sein. Denken Sie -nur, er trägt, wenn er sich zum Dichten niedersetzt, einen Schlafrock, -dessen Unterfutter aus einem Schlafrock gefertigt ist, den einst -Wieland trug. Hoffmanns Tintengefäß hat er in Berlin erstanden, von -einem Sattler in Weimar aber den ledernen Ueberzug eines Fauteuils, in -welchem Goethe oft gesessen. Mit diesem hat er seinen Stuhl beschlagen -lassen, und so will er seine Phantasie gleichsam ~a posteriori~ -erwärmen. Auch liegt auf seinem Tisch eine heilige Feder, Schiller -soll damit geschrieben haben. Er hat gehört, daß große Dichter gern -trinken, darum geht er morgens ins Weinhaus und zwingt sich zu einer -Flasche Rheinwein; abends aber, wenn er schon ganz dumm und schläfrig -ist, trinkt er schwarzen Kaffee mit Rum und liegt dann in schrecklichen -Geburtsschmerzen und ist gewärtig, irgend eine neue Maria Stuart oder -Jungfrau von Orleans hervorzubringen.« - - -7. - -Während der Magister Bunker also sprach, schlug es elf Uhr, und nicht -sobald hatte er den ersten dumpfen Ton der Glocke vernommen, als er -hastig sein Glas austrank, einige Groschen auf den Tisch legte, dem -erstaunten Stallmeister mit einer gewissen freundlichen Rührung die -Hand bot und sie ihm und Palvi herzlich drückte. Dann aber rannte er so -eilends aus dem Entenzapfen, daß Rempen nicht einmal sein freundliches -»Gute Nacht!« erwidern konnte. - -»Sie staunen,« sprach der Referendär, »daß uns der sonderbare Mensch -so plötzlich und verwirrt verläßt. Er wohnt bei einem strengen Mann, -der immer fünf Minuten nach elf Uhr die Haustür schließt. Weil nun der -arme Magister eigentlich als Almosen sein Freilogis genießt, darf er -keinen Hausschlüssel führen wie Leute, die ordentlich bezahlen, und so -jagt er wie ein Gespenst, das mit dem ersten Hahnenschrei in sein Grab -entweicht.« - -»Ist dieser Mensch glücklich oder unglücklich zu nennen?« fragte Rempen -nicht ohne Bewegung. - -»Ich denke glücklich,« erwiderte Palvi sehr ernst; »wer wenig hofft, -hat nichts zu fürchten; er ist ruhig. Die Zeit mildert ja alles, und -für die Erinnerung ist er kalt geworden.« - -»Hat er je geliebt?« - -»Er hat geliebt, die Tochter jenes Hauses in Kurland, wo er Erzieher -war. Er muß sehr liebenswürdig gewesen sein, denn die junge Gräfin -starb nachher aus Kummer. Er selbst aber brachte zwei Jahre tiefer -Schwermut in einem Irrenhause zu.« - -»Gott, welch ein Schicksal!« rief der junge Mann gerührt. »Wer hätte -dies ahnen können? Er hat uns eine so heitere Außenseite gezeigt.« - -»Wozu soll er seinen Schmerz zur Schau tragen?« entgegnete Palvi. »Er -gehört nur sein, und er verschließt ihn mit den Trümmern besserer Tage -in seiner Brust. Ich denke, es ist dies die einzige Art, wie Männer -leiden müssen.« - -»Es müßte mich alles täuschen,« sagte Rempen nach einer Pause, »oder -auch Sie lieben nicht glücklich. Nennen Sie mich nicht unbescheiden. -Sie haben mir zu viel Interesse eingeflößt, und auch die Dame, die ich -meine, steht mir nicht so fern, als daß nicht meine wärmste Teilnahme -bei dieser Frage wäre.« - -Der Referendär sah ihn überrascht, doch nicht gerade verwundert an; -sein ernstes, dunkles Auge schien die Züge des Fragenden noch einmal zu -prüfen. »Es gibt wenige Menschen,« antwortete er, »die diese Frage an -mich gerichtet hätten. Doch an Ihnen freut mich gerade diese Offenheit. -Ich weiß, Sie meinen Elise Wicklow; ich liebe sie.« - -»Und werden wiedergeliebt?« fragte Rempen errötend. - -»Ich zweifle; doch möchte ich von Ihnen nicht verkannt werden, darum -will ich Ihnen die kurze Geschichte dieser Liebe geben. Meine Eltern, -sie sind beide tot, lebten in dieser Stadt. Unser Haus war mit den -Wicklows sehr befreundet, denn mein und Elisens Großvater sind aus -demselben Lande hier eingewandert. Ich bin um so viel älter denn Elise, -daß uns unsere Kinderspiele nicht zusammenführten. Wohl aber durfte -ich, als auch meine Mutter starb, das Haus hin und wieder besuchen, -und ich faßte in einem noch sehr jungen Herzen eine glühende Neigung -für das schöne Kind. Nach den ersten Jahren meines Universitätslebens -kam ich hierher. Sie war herrlich herangeblüht und gestand mir, daß -sie mir recht gut sei. Elise war damals fünfzehn Jahre alt. Ich kam in -rohe Gesellschaften. Mein Vermögen und mein Stipendium reichten nur -das erste Mal hin, meine Schulden zu decken. Das zweite Mal drückte -mich eine bei weitem geringere Verlegenheit bei weitem unangenehmer, -weil ich keinen Rat wußte. Sie hatte es erfahren, und durch fremde -Hand wurden meine Schulden getilgt. Mädchen in guten Ständen, in einem -soliden Hause aufgewachsen, wissen nicht, wie leicht ein armer Teufel -in solche Verlegenheit kommt. Sie schmälte mich in den Ferien und hielt -mich für einen schlechten Menschen. Ich versprach Fleiß und solides -Leben. Das Unglück eines meiner Freunde, der einen andern erschoß, riß -mich mit fort und wieder ins Elend. Auch da hat sie mir wieder geholfen -und mich zu Ehren gebracht. Bei so vielen Wohltaten konnte mich vor mir -selbst nur der Gedanke entschuldigen, daß es die Hand der Geliebten -sei, die mich gerettet, daß ich diese Hand einst auf immer in die -meinige legen werde. - -»Ich raffte mich zusammen, und bald darauf gelang es mir durch Fleiß -und Eifer, hier angestellt zu werden. Meine Stellung zu Elisen war -aber eine ganz andere geworden. Der alte Wicklow hatte erfahren, -wie mich seine Tochter unterstützt hatte, und verbot mir schon beim -ersten Besuch sein Haus, aus dem einfachen Grunde, weil ich _arm_ und -_leichtsinnig_ sei. - -»Elise selbst lebte in großen, glänzenden Zirkeln, wo ich keinen -Zutritt hatte, verkehrte mit allerlei schönen Geistern und galt für -die Krone der jungen Damen. Ich konnte sie höchstens in öffentlichen -Gärten, auf Bällen und Konzerten, im Theater sehen. Und nur ihr -freundlicher Blick konnte mich für so viel Entsagung trösten, konnte -mich von dem beinahe Unbegreiflichen überzeugen, daß dieses allgemein -angebetete Geschöpf -- mich liebe.« - -Der Stallmeister suchte vergebens seine Bewegung zu verbergen. Eine -hohe Röte lag auf seinem Gesicht, und sein Auge hing voll Erwartung an -den Lippen Palvis. - -»Beruhigen Sie sich,« sagte dieser, als er den unangenehmen Eindruck -bemerkte, den seine Erzählung auf den jungen Mann machte. »Fürchten Sie -nichts, ich werde bald zu Ende sein. Ich war glücklich und zufrieden; -ich kannte ihre Vorliebe für Poesie, und die Liebe ermutigte mich, -einen Versuch zu wagen, der mich ihr noch werter machen sollte. -Ich strengte alle meine Kräfte an, um sie mit etwas Gelungenem zu -überraschen. Da brachte man mir eines Tages einen Brief. Ich erkannte -ihre Züge, ich riß ihn auf und -- sie schrieb mir mit kurzen, aber -heftigen Worten, daß sie sich auf ewig von mir lossage, daß sie mich in -tiefster Seele verachte; warum? werde mir mein eigenes Gewissen sagen. -Ich versuchte mancherlei Wege, um mich ihr zu nahen, mein Gewissen -sprach mich von irgend einem Fehler gegen die Geliebte frei, darum -wollte ich mir Gewißheit über das Warum verschaffen. Doch sie wich -überall aus, und noch heute -- heute abend in jenem Zirkel hat sie alle -meine Hoffnungen zertrümmert.« - -In dem edelmütigen Herzen des jungen Rempen siegte jetzt Mitleiden -über jedes andere Gefühl. Er faßte die Hand des unglücklichen, ihm so -interessanten Mannes; er gelobte ihm, bei Elisen für ihn zu sprechen, -sie um die Ursache ihres Betragens zu befragen. - -Aber jener erwiderte mit dem Stolze, den unverdiente Kränkung gibt: -»Vertrauen ist die erste Bedingung der Liebe. Wo Vertrauen fehlt, da -war nie Liebe, oder sie ist jedem Zufall ausgesetzt. Ich habe Elisen -auf immer verloren, selbst wenn sie mich wieder lieben würde.« - -»Und in diesem Zustand wollen Sie hier fortleben?« fragte Rempen, seine -Hand ergreifend; »wollen Elisen sehen und dabei immer fühlen, daß Sie -verachtet sind?« - -»Nein, gewiß nicht,« erwiderte jener mit düsterem Lächeln; »_mein_ -Geschäft in dieser Stadt ist zu Ende. Es bleibt mir nur noch übrig, -die Geliebte vor Menschen zu warnen, die ihrer nicht wert sind. Diesen -literarischen Pöbel, der ihr so unendlich wert scheint, will ich noch -vor ihren Augen entlarven; und ich glaube ihr damit nützlich zu sein, -denn die Stellung, die Elise jetzt eingenommen, würde sie später -nimmer glücklich machen. Sie selbst werden mir dazu helfen, mein -Freund; schlagen Sie ein, wir wollen unsere Penelope von diesen Freiern -erretten.« - -»Wohlan!« rief der Stallmeister, indem er aufbrach, »vielleicht -findet sich morgen schon Gelegenheit, wenn uns die letzten Ritter von -Marienburg versammeln; aber dann,« setzte er entschlossen hinzu, »noch -_einen_ Versuch, um auch Sie glücklich zu machen!« - - -8. - -Der schöne Frühlingstag und die Furcht, für ungebildet zu gelten, -wenigstens durch ihr Nichterscheinen geringes Interesse an der schönen -Literatur zu verraten, vereinigte den größten Teil des Rempenschen -Klubs in dem Gartensaal, den man zum Sammelplatz bestimmt hatte. -Der junge Rempen war zu Pferd herausgekommen, geraume Zeit vor den -übrigen Gästen; gedankenvoll setzte er sich auf den Altan des Hauses -und schaute in den Fluß hinab. Wie so gern hätte er sich schon heute -am frühen Morgen Gewißheit verschafft, warum Elise so plötzlich mit -Palvi gebrochen, auf eine Weise gebrochen, die notwendig, er gestand -es sich mit Schmerz, auf den Charakter des jungen Mannes einen düstern -Schatten werfen mußte. Oft verwünschte er den gestrigen Tag und daß er -diesen Menschen kennen gelernt habe, nur um ihn heute unaussprechlich -zu achten und vielleicht morgen zu verlieren, zu -- bedauern; denn -verachten? nein, es konnte keinen Fall geben, der ihm diesen Mann -hätte verächtlich machen können. War es denn möglich, daß eine so -großartige Seele etwas Gemeinem, Niedrigem sich hingeben konnte? »Er -ist arm,« sagte der gutmütige Rempen zu sich, »er muß dürftig sein, -denn seine Stelle kann ihn nicht ernähren; vielleicht hat er wieder -Schulden gemacht, sie hat es erfahren und deutet als Leichtsinn, was -vielleicht Not ist? Aber kann, selbst wenn es Leichtsinn wäre, dieser -den Geliebten in ihren Augen verächtlich, elend machen?« Wie ergrimmte -er in seiner Gedankenfolge über jene Schranken, welche das Herkommen -und die »gute Sitte« um vornehme Häuser und ihre Töchter gezogen, -wie unnatürlich erschien es ihm, daß der Geliebte die Zürnende nicht -in ihrem Hause, auf dem Wege, überall befragen, vielleicht versöhnen -konnte, daß vielleicht ein kleines, aber sichtbares Ausweichen, eine -scharfe und laut gesprochene Rede dazu gehörte, ihn, nach den Sitten -der Gesellschaft, auf immer von sich zu entfernen! »Oder wie? Sollte -sie ihn vielleicht nie geliebt haben?« setzte er getrösteter hinzu. »Es -wäre möglich, daß ihm diese Gewißheit weniger schmerzlich wäre als ihr -Haß; aber -- darf sie ihn deswegen hassen?« - -Ein großer Zug von Damen und Herren hatte während dieser Gedanken -des jungen Rempen den Berg erstiegen und war jetzt in den Gartensaal -getreten. - -Noch fehlte Elise, aber man konnte nur um so ungezwungener ihren -Geschmack und ihre Belesenheit bewundern. Auch Palvi wurde gebührendes -Lob gespendet; man hatte selten mit dieser Gewandtheit, mit diesem -Ausdruck etwas vorlesen gehört, und die Bewunderung stieg, als man sich -sagte, daß er wahrscheinlich diesen Roman nicht zuvor gelesen habe. -Elise kam mit Onkel und Tante Rempen angefahren, und Julius vergaß so -ganz seine vorigen Gedanken, seine Vorsätze, daß er vor Freude errötend -herbeisprang, sie aus dem Wagen zu heben, daß er halb unbewußt ihre -Hand drückte und dies erst erkannte, als er diesen Druck erwidert -fühlte. Alle jene düstern Bilder, die auf dem Altan vor seiner Seele -vorübergezogen, verschwanden vor dem Glanz ihrer Schönheit. Er hatte -sie nie so reizend, so wundervoll gesehen, wenigstens so huldreich -war sie nie gegen ihn gewesen. Den Grund davon gestand ihm in einer -Ecke des Saals die Tante. Er hatte den Zirkel gestern abend so bald -verlassen, daß Elise glaubte, sie habe ihn gekränkt. Dieser Gedanke -erfüllte ihn jetzt so ganz, daß er in ihre Nähe eilte, daß er mit ihr -sprach und scherzte und erst durch die wiederholte Mahnung seines -Onkels darauf aufmerksam gemacht werden konnte, daß die Gesellschaft -sich bereits im Kreise gesetzt habe und die Erzählung des Fräulein -Wicklow erwarte. - -»Mein Unfall,« sprach sie mit leichtem Erröten, »hat mich gestern, -wenn ich nicht irre, gerade bei der Zusammenkunft der Ritter mit dem -Fräulein getroffen. Des Fräuleins Vater, der nicht nur von außen, -sondern auch im Innern dem Bund durch Zwischenträgerei und Uneinigkeit -zu schaden sucht, hat überall Spione. Erwünscht ist ihm, daß ihm einer -die Anzeige von jenem nächtlichen Rendezvous macht. Er denkt keinen -Augenblick daran, daß es seine Tochter sein könnte, sondern schleicht -sich mit Knechten in jene Ruinen und überfällt zuerst den Freund; die -Dame und ihre Amme, die immer zugegen war, entfliehen; es kommt zum -Gefecht, die Knechte werden in die Flucht geschlagen, und auch der Alte -zieht sich zurück, doch nicht ohne sich vorher mit einem Zeichen von -seinem Gegner versehen zu haben. - -»Den andern Tag versammelt der Großmeister ein Kapitel. Er entdeckt -den Rittern diesen Vorfall und beschwört die Schuldigen, sich zu -nennen. Sie schweigen. Noch einmal fordert er sie vergebens auf und -zeigt dann der Versammlung eine goldne Kette, woran ein Siegelring -befestigt ist. Das Wappen wird erkannt, und der Freund sieht sich -genötigt, zu gestehen. Er übersieht mit klarem Blick seine Lage; die -geschärften Gesetze müssen ihn schuldig sprechen, darum ist für ihn -keine Rettung. Doch glaubt er, da er selbst verloren ist, seinen Freund -retten zu können. Er gesteht, in den Ruinen mit einer Dame gesprochen -zu haben. Der Meister ist tief ergriffen von diesem Geständnis; es -ist ein tapferer, junger Mann, den das Urteil trifft, er wurde von -vielen geliebt. Peinlich ist die Lage des Helden selbst, und treffend -die Beschreibung, wie die Furcht vor Entehrung, die Hoffnung, der -Freund könne gerettet werden, ihn bald zur Entdeckung antreiben, bald -davon zurückhalten. Das Urteil der Ritter wird gesammelt. Es lautet: -›Entehrender Ausschluß aus dem Orden.‹ Jetzt aber erzählt der Meister, -daß noch ein zweiter Johanniter diesen Fehltritt geteilt habe; er -verspricht, die Strafe in Entlassung zu mildern, wenn der Schuldige -den Mitschuldigen entdecke. Jener schweigt und verratet ihn nicht. Da -stürzt der Neffe des Meisters hervor und bekennt seine ganze Schuld. -Diese Szene, der Schmerz des alten Ulrich von Elrichshausen und der -Wettstreit der Freunde, von welchen jeder der Schuldige sein will, ist -so treffend, daß man sie hören muß.« - -Jetzt erst sah man sich nach dem Vorleser um. Doktor Zundler sprang -nach dem Buch, das auf dem Tische lag, um zu lesen, und hatte sich -schon mit freundlichem, zuversichtlichem Lächeln Elisen genähert, als -der alte Rempen plötzlich aus den dichten Reihen der Männer Palvi -herbeiführte. »Nein, nein,« sagte er, »hier steht der Mann, der uns -gestern gezeigt hat, wie gut er einen Roman vorlese; ich denke, -bester Doktor, Ihre Stimme paßt mehr zum Leichten, Lyrischen.« Mit -spöttischem, halb verlegenem Lächeln reichte der Doktor das Buch hin, -und Palvi las, wenn es möglich war, noch schöner als am gestrigen -Abend. Diese erhabene und so unglückliche Freundschaft, die Zeremonien -ihrer Ausstoßung aus dem Orden, ihre letzten Worte, als sie das Schloß -verlassen, lockten in manches Auge Tränen der Wehmut, und Elise -selbst schien so gerührt, daß Palvi mehrere Kapitel weiter las, um -ihr Fassung zu geben. Unsern Lesern ist dieser Roman zu bekannt, als -daß wir nicht besorgen müßten, sie durch längere Auseinandersetzung -zu ermüden. Jene interessanten Abteilungen, wo die beiden verstoßenen -Ritter an den romantischen Ufern der Nogat umherstreifen, jene -glücklichen Schilderungen eines schönen Landes, die Nachrichten über -die alten Preußen, in deren Mitte der Orden zwei Jahrhunderte zuvor -den Samen der Kultur getragen hatte, ihre altertümlichen Gebräuche, -die unverkennbaren Spuren heidnischer Sitten, auf sonderbare Weise mit -christlichem Ritus vermischt, dies alles, getragen und veredelt von -der tiefen Melancholie Kunos, von seines Freundes Seelenstärke und -heiterem, unverzagtem Mut, spannte die Zuhörer und riß sie hin. - -Elise hatte sich bald wieder so weit gefaßt, daß sie mit Ruhe weiter -erzählen konnte. Sie erzählte, wie die beiden Vertriebenen die -Verräterei des Ordenskastellans entdecken, der die Polen heimlich nach -Marienburg rief; wie sie unter Gefahr und Beschwerden sich durch die -aufrührerischen Preußen nach Marienburg durchschlagen, den Meister -warnen und verborgen auf Gelegenheit harren, dem Orden zu nützen. Mit -großer Begeisterung las Palvi jene Schlachtszenen, worin der Meister, -bei einem Ausfall auf die Polen, von seinem Neffen gerettet wird, wo -der Freund die heilige Fahne des Ordens, der ihn verstoßen, aus dem -dichtesten Haufen der Feinde zurückbringt und diese erhabene Tat -mit einer tödlichen Wunde zahlt. Tiefe Rührung brachte jene Szene -hervor, wo der Sterbende seinem Freund so manches Rätselhafte in -seinem Betragen auflöst und ihm gesteht, daß auch er selbst Wanda -aufs innigste geliebt habe. Der Schmerz um den Sterbenden bewegt Kuno -zu dem romantischen Entschluß, seiner Liebe auf immer zu entsagen, -besonders da ein Verdacht in ihm keimt, daß sie ihn weniger geliebt -als den Freund. Die nächtliche Bestattung dieses edeln Menschen, die -Wiederaufnahme Kunos in den Orden waren von ergreifender Wirkung, nicht -minder rührend Wandas Versuche, den Geliebten noch einmal zu sprechen, -und als sie sich vergessen glaubt, ihr schnelles Hinwelken. - -Der Kastellan ist von dem Czirwenka, dem Hauptmann der böhmischen -Besatzung, der dessen Geständnis fürchtet, selbst getötet worden; -verlassen, verwaist, auch von der Liebe verlassen, will sie nur -so lange noch in der Nähe des Geliebten weilen, bis der Frühling -heraufkommt; doch nicht nur diese zarte Blume, auch der Orden trägt den -Tod im Herzen, und beide sollten den letzten Frühling in Marienburg -sehen. - -Der Großmeister Ulrich von Elrichshausen kann sich mit seinen Rittern -nicht mehr gegen den Aufstand der Preußen und gegen seine eigenen -Söldner halten. Er will den Orden nach Deutschland führen und bedingt -sich von den Verrätern freien Abzug. Schon sind die Pferde gerüstet, -der Zug will aufbrechen, und die Ritter nehmen mit blutenden Herzen -von den Hallen dieser Burg Abschied. Und als alle noch einmal ihr -Teuerstes mustern, was sie verlassen sollen, kann Kuno dem letzten -Ruf der Geliebten nicht widerstehen; er will zu ihr -- und findet sie -sterbend. Sie schien nur noch so viel Leben in sich zu tragen, um ihn -von ihrer Treue, ihrer Liebe zu versichern. Indessen hat Czirwenka die -Tore geöffnet. Sechshundert Polen ziehen ein, und, statt dem Orden -freien Abzug zu gönnen, wird der Großmeister vom Pferde gerissen, -verspottet und verhöhnt. Kuno verläßt die sterbende Geliebte, um ihm -beizuspringen; ein heftiges Gefecht entspinnt sich in den Höfen; -einem großen Teil der Ritter, den Meister in der Mitte, gelingt es, -zu entkommen, aber Kuno mit sechs anderen tapferen Ordensbrüdern, -welche die Fahnenwache bildeten, werden von den übrigen abgeschnitten; -kämpfend ziehen sie sich über die breiten Stufen bis in den großen -Rempter zurück, wo sonst die Ordensfahne stand. Der Entschluß, sie -lebend nicht zu übergeben, beseelt sie, sie pflanzen das Panier an -seinem alten Standpunkt auf und umgeben es. Lange gelingt es ihnen, -das Siegeszeichen so vieler Schlachten zu verteidigen. Aber die Polen -dringen immer heftiger ein; Uebermacht und Verrat siegen, und über ihre -Fahne gebreitet, sterben _die letzten Ritter von Marienburg_. - -Es entstand eine Pause, als Palvi geendet hatte; es schien niemand -zuerst jene Stille stören zu wollen, die unter zwei oder drei heilig -und rührend, in größeren Gesellschaften peinigend ist. Doch je -erhabener das Gefühl ist, welches zu einer solchen Ruhe zwingt, desto -ängstlicher sind die Menschen, mit etwas Gemeinem diese Nachklänge -tieferer Empfindungen zu unterbrechen. Sie rennen dann auf allen vieren -durch die Speisekammer ihrer Erinnerung, um etwas Feines, Eingemachtes, -Kandiertes vorzusetzen, statt ihre frischen natürlichen Gefühle -sprechen zu lassen. - -»Dieser ganze Roman,« lispelte endlich eine Dame, deren Blässe und -feuchte Augen auf zarte Nerven schließen ließen, »kommt mir vor wie -jener Ausspruch Jean Pauls: ›Wie manche stille Brust ist nichts als der -gesunkene Sarg eines erblaßten geliebten Bildes.‹ Dieser Hüon liebt -gewiß unglücklich, und darum gefällt er sich in diesem tragischen -Geschick.« - -»Gerade dies kommt mir überaus komisch vor,« bemerkte der Hofrat, -dem Neid und Verdruß um die Nasenflügel spielten; »dieser Mensch hat -zu wenig Tiefe, zu wenig Empfindung, um die Wehmut, das Unglück zu -zeichnen, doch ich habe mich an einem andern Ort hinlänglich darüber -ausgesprochen. Gewiß, es ist so, wie ich sage. Es steht ja gedruckt, -mein Urteil,« setzte er hinzu, indem er sich vornehm in den Stuhl -zurücklehnte. - -»Doch glaube ich, auch gegen ein gedrucktes findet noch Appellation -statt,« sagte der junge Rempen mit gleichgültiger Miene. - -»Wieso?« rief der Hofrat errötend. - -Rempen war etwas betroffen, aber die munteren Augen seines Oheims, der -hinter dem Stuhl des Hofrats stand, winkten ihm, fortzufahren. »Ich -meine, ich habe so etwas gelesen, das Ihr Urteil, bester Hofrat, völlig -umstieß,« entgegnete er; »übrigens ist ein gedrucktes Urteil immer nur -das Urteil eines einzelnen, und dem einzelnen muß erlaubt sein, dagegen -zu streiten. Ich zum Beispiel finde diesen Roman besser, als Sie ihn -gemacht haben. Auch glaube ich, Tiefe des Gefühls müsse dem abgehen, -der dies in den letzten Rittern von Marienburg nicht findet.« - -Der Oheim hatte solches wohl nicht geahnt, denn er und die ganze -Gesellschaft schienen erstaunt über die Kühnheit des Stallmeisters. - -»Solche historischen Romane,« nahm der Professor das Wort, »sind nur -Fabrikarbeiten. Die Form ist gegeben, und wie leicht, wie sicher -läßt sich diese Form von jedem handhaben! Nehmen Sie irgend einen -Lappen der Welthistorie, zerreißen ihn in kleine Fetzen und kleiden -die hergebrachten Personen von A bis Z darein, so haben Sie einen -historischen Roman. Die weitere Entwicklung ist leicht, besonders wenn -man es sich so leicht macht wie dieser Hüon, und nur genugsam Floskeln -eingestreut sind; wenn das Tränentuch häufig als Panier aufgepflanzt -wird, so kann der Eindruck nicht verfehlt werden.« - -»Und doch deucht mir,« erwiderte Palvi, »es ist bei weitem schwerer, -einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer wahren, vernünftigen -und billigen Kritik entspricht, als ein Drama zu schreiben.« - -»Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige Kritik, Herr -Referendarius?« fragte Doktor Zundler mit ungemein klugem und -spöttischem Gesicht. - -»Man muß ein Buch,« erwiderte Palvi mit großer Ruhe, »man muß besonders -ein Gedicht zuerst nach den Empfindungen beurteilen, die es in uns -hervorruft, denn auf Gefühl ist ja ein solches Werk berechnet; es soll -angenehm unterhalten, durch den Wechsel freudiger und wehmütiger Szenen -befriedigen. Und dann erst, wenn unser Herz darüber entschieden hat, -daß das Buch ein solches sei, das unsere Gefühle erhoben, befriedigt -hat, dann erst erlaube man dem Verstand, sein Urteil darüber zu fällen, -und ihm bleibt es übrig, nachzuweisen, was in Anordnung oder Stil -gefehlt ist.« - -»Da müßte man am Ende alle Herzen abstimmen lassen,« sagte der Hofrat -mitleidig lächelnd, »müßte umherfragen: hat's gefallen oder nicht? -ehe man ein öffentliches Urteil fällt. Aber dem ist nicht so; unsere -Journale waren es von jeher, denen zu loben oder zu verdammen zustand, -und der gebildete, geläuterte Geschmack ist es, der dort richtet.« - -»Ueberhaupt dächte ich,« setzte Doktor Zundler mit zärtlichem -Seitenblick auf Elisen hinzu, »man kann über Dinge dieser Art in -Gesellschaft eine gebildete Dame mit Vergnügen hören, wie schon Goethe -im Tasso sagt, aber ein öffentliches Urteil müssen nur Leute vom Fach -fällen, und nur Leute vom Fach können dagegen opponieren.« - -»Und halten Sie sich etwa für einen Mann vom Fach?« fragte Palvi mit -großem Nachdruck. - -Der Doktor verbarg seinen Unmut über diese Frage nur mühsam hinter -einem lächelnden Gesicht. »Ich denke, die Welt zählt mich zu -Deutschlands Dichtern,« sagte er. - -»Die Welt,« antwortete der Referendar, »die betrogene Welt, aber nicht -ich; so wenig als ich meinen Dekopisten für ein Genie halte.« - -Die Gesellschaft fiel aus ihrer Spannung in eine sonderbare Bewegung. -Die Damen sahen unmutig auf Palvi, ein Teil der Männer lachte über des -Doktors auffallenden Mangel an Fassung, ein anderer Teil mißbilligte -laut solche Reden in einer guten Gesellschaft. - -»Herr von Palvi,« rief endlich Zundler bebend, man wußte nicht, ob vor -Wut oder Schrecken, »wie soll ich Ihre sonderbaren Reden verstehen?« - -»Ja, ja, Doktor,« sagte der Stallmeister laut lachend, »auch mit meiner -Bewunderung hat es ein Ende; man sagt, Sie haben sich Ihre Gedichte und -sonstigen schönen Sachen machen lassen.« - -»Machen lassen?« fragte der Chorus der Literatoren mit Bestürzung. - -»Hat sie machen lassen?« rief die Gesellschaft. - -»Wer wagt dies zu sagen?« schrie der Doktor, indem er bleich und -atemlos aufsprang. - -»Nun, leider derjenige selbst, der sie Ihnen verfertigt hat,« -antwortete Rempen mit großer Ruhe, »der Magister Bunker; er logiert -oben in Ihrem Hause.« - -Der entlarvte Dichter versuchte noch einige Worte zu sprechen; er war -anzusehen wie der Kopf eines Enthaupteten; die Augen drehen sich noch, -die Lippen scheinen Worte zu sprechen, aber der Geist ist entflohen, -der diesen Organen Leben gab. Eilig drängte er sich dann durch den -Kreis, stürzte nach seinem Hut und verließ den Saal und die vor -Verwunderung verstummte Gesellschaft. - -»Ist es denn wahr?« sprach endlich die von Angst und Sorge erbleichte -Elise, indem sie den Stallmeister sehr ernst ansah. - -»Gewiß, mein Fräulein!« erwiderte dieser lächelnd. »Ich würde der -Gesellschaft diese Szene erspart haben, aber ich war zu tief über -diese freche Stirn erbittert, womit dieser Mensch mich und Sie alle -hinterging. Doch hören Sie von dem wunderlichen Mann, der ihm alles -dichtete.« - -Man setzte sich schweigend, und Rempen erzählte; während seiner -Erzählung schlich sich der Redakteur der »Blätter für belletristisches -Vergnügen« aus dem Saal, ihm folgten seine Genossen, beschämt und -ergrimmt über sich, den Doktor und die ganze Welt. Der Gesellschaft -aber gereichte die Erzählung des Stallmeisters zu nicht geringem -Vergnügen. Die gute Stimmung war wiederhergestellt, der Punsch, den -der alte Rempen als Nachsatz von gestern gab, löste die Zungen, man -fühlte sich weniger beengt, seit die öffentlichen Schiedsrichter -hinweggegangen waren, man sprach allgemein das Lob des vorgelesenen -Romans aus. Auch die Toasts wurden nicht vergessen, und als Julius von -Rempen die Gesundheit aller wahrhaften Dichter und ihrer gründlichen -Kritiker ausgebracht hatte, wagte es Elise, mit glänzenden Augen, aber -tief errötenden Wangen, die Gesellschaft aufzufordern, auf das Wohl des -neuen Hüon und der letzten Ritter von Marienburg zu trinken. - - -9. - -Elise hatte dem Stallmeister, als er beim Nachhausefahren neben dem -Wagen ritt, erlaubt, sie den andern Tag zu besuchen; er kam, er fand -sie allein und gütiger gegen ihn gesinnt als je. Sie neckte ihn über -seine Eingriffe in die literarische Welt und riet ihm, nie etwas -drucken zu lassen, denn er habe alle Rezensenten gegen sich aufgebracht. - -»Und sind denn nicht auch Sie mir einige Minuten gram gewesen,« fragte -er lächelnd, »weil es einer Ihrer Freier war, den ich entlarvte?« - -»Einer meiner Freier?« fragte sie hocherrötend. »Zundler? Sie irren -sich.« - -»O, Sie schenkten ihm oft ein geneigtes Ohr,« fuhr er fort, -»verabschiedeten mich oft mitten im Gespräch, um auf die Worte dieses -großen Dichters zu lauschen!« - -»Gewiß nicht, Rempen!« antwortete sie verlegen. »Und _einer_ meiner -Freier, sagten Sie, als ob ich deren viele hätte!« - -»Ich kenne wenigstens einige,« erwiderte er mit lauerndem Blick. - -»Und wen?« - -»Zum Beispiel Palvi.« - -»Palvi!« rief sie erbleichend. »Was wollen Sie mit Palvi? Ich kenne ihn -nicht.« - -»Elise,« erwiderte der Stallmeister sehr ernst, »Sie kennen ihn. Der -Zufall ließ mich vorgestern hören, daß Sie ihm selbst sagten, wie gut -Sie ihn kennen. Sie lieben ihn.« - -»Nimmermehr!« rief sie mit glühendem Gesicht. »Er ist ein -Abscheulicher! Glauben Sie, ich werde einen Elenden lieben, der -- mein -Kammermädchen anbetet?« - -»Elise! Palvi?« - -»Ja, ich gestehe es,« flüsterte sie, in Tränen ausbrechend, »Ihnen -gestehe ich es, es gab eine Zeit, wo ich für diesen Menschen alles -hätte tun können. Ich kannte ihn noch aus meiner Kindheit und auch -später, er war mir wert. Aber hören Sie: schon oft hatte mir mein -eingebildetes Kammermädchen von einem schönen Herrn erzählt, der sie -immer anrede, ihr von Liebe vorschwatze, und dem sie recht herzlich -zugetan sei. Eines Tages stand sie dort am Fenster; auf einmal schlägt -sie die Hände zusammen vor Freude, bittet mich, ans Fenster zu treten, -und ruft: ›Sehen Sie, der dort in der Türe des Buchladens steht, der -ist der schöne Herr.‹ Sie macht mir Platz, ich trete arglos hin, und -aus dem Laden tritt in diesem Augenblick --« - -»Wie, doch nicht Palvi?« rief der Stallmeister, ergrimmt über das -schlechte Betragen eines Mannes, den er geachtet hatte. - -»Er selbst,« flüsterte Elise und drückte ihre weinenden Augen in ihr -Tuch. - -Der Stallmeister überließ das unglückliche Mädchen einige Minuten -der Erinnerung an einen tiefen Kummer, hatte er ja doch selbst diese -Pause nötig, um sich zu sammeln. Liebe, Mitleiden, so viele andere -Empfindungen stürmten auf ihn ein, rissen ihn hin, Elisens Hand zu -ergreifen und sie an seine brennenden Lippen zu ziehen. Erschreckt, -überrascht blickte sie ihn an; doch schien ein günstiges Gefühl für ihn -ihren strafenden Blick zu mildern. - -»Und darf ein Mann,« sprach er bewegt, »zu Ihnen von Liebe reden, -nachdem Sie so Bitteres von uns erfahren? Darf er sagen, er würde treu -sein bis in den Tod, wenn Sie ihm nur einen Teil jener Liebe schenken -könnten, die jener ganz besaß?« - -»Julius, was fällt Ihnen ein?« rief sie mit bebenden Lippen, doch ohne -ihm ihre Hand zu entziehen. »Wozu --« - -»Elise,« fuhr er fort, »ich kann einem so großen und schönen Herzen, -wie das Ihrige ist, wenig Trost geben; aber die Zeit mildert, und kann -nicht treue und aufmerksame Liebe selbst schönere Vorzüge ersetzen?« - -Sie wollte antworten, sie errötete und schwieg, aber ihren Blick voll -Liebe und Wehmut durfte er günstig für sich deuten; er schloß sie in -seine Arme und küßte ihren schönen Mund. - -»Aber, mein Gott, Rempen,« sagte sie, indem sie sich sanft von ihm -loszumachen suchte, »was machen Sie doch?« - -»Ich habe dich ja längst geliebt,« fuhr er fort, »hatte nur _einen_ -Wunsch, ich glaubte dein Herz nicht mehr frei und zögerte; jetzt, da -ich weiß, daß nur Gram, aber keine fremde Liebe in diesem Herzen wohnt, -jetzt muß ich dieses lästige Geheimnis von mir werfen. Aber wie? -- -zürnen Sie mir vielleicht über alles dieses?« - -»Julius!« rief sie erschreckt von dem wehmütigen Ton, womit er -die letzten Worte sagte. Dieser Name, so sanft und wohlwollend -ausgesprochen, ihr ängstlicher, zärtlicher Blick sagten ihm mehr als -alle Worte. »Und darf ich mit dem Vater reden, Elise? Darf ich?« setzte -er hinzu. - -Sie errötete und erbleichte ebenso schnell wieder, sie sah ihn eine -kleine Weile prüfend an, eine Träne trat in ihre schönen Augen; aber um -ihren Mund zog ein flüchtiges, feines Lächeln; sie drückte seine Hand; -eine kleine Bewegung des Hauptes und die hohe Röte, die wieder über -ihre Wangen ging, sagten ja, und schnell, wie vom Wind hinweggetragen, -war sie in ein anderes Zimmer entschlüpft. - -Der Stallmeister war in jeder Hinsicht eine so gute und anständige -Partie, daß der alte Wicklow, als der Geheimrat von Rempen für seinen -Neffen warb, keinen Anstand nahm, seine Zusage zu geben. Der junge Mann -selbst war so von seinem süßen Glück erfüllt, daß er lange nicht an -die Begebenheiten dachte, die diesem wichtigen Schritt vorangegangen -waren. Endlich erinnerte ihn ein Zufall an Palvi; so unangenehm diese -Erinnerung war, so fühlte er doch als Mann und als künftiger Gatte -Elisens, daß er diesem Menschen, mochte er sich auch wirklich schlecht -gezeigt haben, Erklärung schuldig sei. Und wie bebte seine Hand, als er -ihm in wenigen Zeilen sagte, daß Elisens Widerwille unüberwindlich sei, -daß er ihn versichern könne, daß sie niemals einen Mann mehr lieben -werde, welchen sie aufzugeben nicht unrecht gehabt, daß er selbst -versuchen wolle, Palvis Stelle bei ihr zu ersetzen. Ja, seine Hand, -sein Herz bebte, als er diese Buchstaben niederschrieb; es konnte ihn -nicht beruhigen, daß er sich ins Gedächtnis recht lebhaft zurückrief, -wie niedrig und elend dieser Mensch an einer so zarten, heiligen Liebe, -wie sie Elise gab, gefrevelt habe. Die edeln Züge, das Auge dieses -Mannes standen vor ihm; sein so hoher und liebenswürdiger Geist, so -fein in Urteil und Benehmen, und dennoch so wenig sittliche Würde? Die -Erinnerung an jenen Abend, wo sich ihm dieser Mensch so ernst und doch -so herzlich genähert hatte, wo er ihm sein inneres Leben aufschloß -und ein verarmtes Herz bei solchem Reichtum der Gedanken, eine tief -verwundete Seele bei solcher Gesundheit des Geistes zeigte, machte ihn -so wehmütig, daß er nahe daran war, die kaum geschriebenen Zeilen zu -zerreißen; aber der Gedanke an Elise, die Vermutung, daß dieser Palvi -so schöne Empfindung, so tiefe Rührung nur geheuchelt haben müsse, -erkälteten schnell seine warme Teilnahme. Entschlossen schickte er den -Brief ab, und doch deuchte es ihm, als er seinen Boten verschwinden -sah, er habe einen Todespfeil auf ein edles Herz entsendet. - - -10. - -Der alte Herr von Rempen erinnerte sich mehrerer Fälle, wo die -feierliche Verlobung gräflicher, sogar fürstlicher Paare gleich den -andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen worden, vor -sich gegangen war. Er stand daher um so weniger an, seinen Neffen und -Elisens Vater zu gleicher Eilfertigkeit zu treiben, als er selbst -gleich nach dieser Szene, wobei, seiner Meinung nach, sein Segen -notwendig war, auf mehrere Wochen auf das Land gehen wollte. So kam -es, daß sich der Stallmeister durch den verhängnisvollen Zug der -Umstände in die ruhige Bucht eines schönen, häuslichen Glückes versetzt -sah, als er sich kaum noch auf hoher See glaubte oder wenigstens -von Klippen träumte, an welchen seine Hoffnung auf immer scheitern -könnte. Am Morgen jenes festlichen Tages, der zu seiner Verlobung -angesetzt war, brachte ihm ein Knabe einen Brief; die Hand, die ihn -geschrieben, war ihm unbekannt. Er öffnete und fand den Namen des -Magisters Bunker unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen -sein mochten, mit welchen dieser Name in Verbindung stand, so machte -doch das Andenken an diesen alten Mann und die wenigen rührenden Worte -des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er bat, der Stallmeister möchte -dem Knaben zu ihm folgen; er habe ihm notwendig etwas zu eröffnen und -sei selbst zu schwach und angegriffen, als daß er über die Straße gehen -könnte. Rempen fürchtete anfangs ein Zusammentreffen mit Palvi. Als -aber der Knabe auf seine Frage, ob Herr von Palvi bei dem Alten sei, -antwortete: »Ach nein! der ist ganz schnell weggereist und kommt nimmer -wieder, und der alte Herr Magister hat geweint wie ein Kind,« nahm er -eilends seinen Hut und folgte. - -Der Knabe führte ihn durch mehrere Seitenstraßen in einen abgelegenen -Teil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker wohnten, bis vor ein -kleines, aber reinliches Haus. Dort stieg er eine Treppe hinan und -öffnete dem Stallmeister eine Türe. Es war ein Zimmer voll Verwirrung -und Unordnung, in das sie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden -zerstreut, und die Trümmer einer Gitarre mischten sich mit ausgeleerten -Flaschen und alten Schuhen. Auf den Stühlen lagen Kleidungsstücke, auf -dem schlechten Kanapee aber saß, den Kopf in die Hand gestützt, ein -Mann, in welchem Rempen den Alten erkannte. Beim Geräusch, das ihr -Eintritt verursachte, wandte er den Kopf um und hatte Tränen in den -alten Augen. - -»Vergeben Sie mir!« sagte er, indem er mit Mühe sich aufraffte. »Meine -Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen, und meine Hand zittert -- ich -mußte meine Botschaft mündlich geben.« - -»Was ist vorgegangen!« rief der junge Mann bestürzt. »Sie sind krank, -Sie weinen, um wen? Und von wem eine so feierliche Botschaft?« - -Der Alte trocknete sich die Augen. »Er hat viel auf Sie gehalten,« -sprach er, »noch gestern und vorgestern hat er immer von Ihnen -gesprochen und innig bedauert, daß er Sie so spät erst kennen gelernt -hat. Sie hätten können herzliche Freunde werden, denn Sie sind keiner -von den schuftigen Gesellen, die er verabscheute.« - -»Mein Gott, Sie sprechen von Palvi? Wo ist er?« - -»Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Flusses bewahrt haben!« -erwiderte der Alte sehr ernst; »doch nicht wahr, junger Mann, es gehört -größere Kraft dazu, einen Kummer zu tragen, als sich von ihm zerbrechen -zu lassen? Nicht wahr? Ich glaube es wenigstens, und er ist eine -kräftige Seele, er kann nicht zum Selbstmörder werden.« - -Rempen verhüllte sein Gesicht, er konnte den tiefen Gram des Alten -nicht länger sehen. Aber dieser zog ihm ängstlich die Hand von den -Augen. »O lesen Sie doch,« sagte er; »lesen Sie genau, prüfen Sie jedes -Wort, nicht wahr, es steht nichts darin, daß er sich töten wolle?« - -Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Worten ein kurzer, aber -ergreifender Abschied an den Alten. Er müsse ihn und diese Stadt -verlassen, schrieb er. Als Grund gab er nur flüchtig sein unglückliches -Verhältnis zu Elisen an, von welchem der Alte völlig unterrichtet -schien. - -Rempen suchte den Alten zu trösten; »es sei so natürlich,« sagte er, -»daß Palvi sich zerstreuen wolle, daß er vielleicht nur eine kleine -Reise mache!« - -Aber der Alte schüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf. »Er kommt nicht -wieder; und ach! ich habe keine Freude und keinen Freund mehr! Er hat -alle seine kleinen Rechnungen bezahlt, und mir,« setzte er weinend -hinzu, »mir hat er seine Bücher und alles hinterlassen. -- Doch mein -Auftrag. Sie sehen, wie sehr er Sie schätzte, hier ist ein Paket mit -Büchern an Sie, die Adresse schrieb er noch heute morgen, und in einem -kleinen Zettelchen, das er darauf gelegt hat, bittet er mich, Sie bei -allem, was heilig sei, zu versichern, daß er kein schlechter Mensch -gewesen sei, daß er Sie liebe und in Ihrem Glück sein eigenes finde.« - -Indem der Magister noch diese Worte sprach, hörte man ein Geräusch auf -der Treppe, eilende Schritte nahten dem Zimmer, die Türe ging auf, und -ein Zeitungsblatt in der Hand stürzte der Buchhändler Kaper in das -Zimmer. »Wo ist er?« rief er erhitzt und atemlos; »wo ist der große und -unvergleichliche Hüon, unser Scott, unser letzter Ritter! Wo ist Blüte -und Kern unserer Literatur? Ich meine den Herrn Referendär von Palvi, -der hier logiert, wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, als er den -Gesuchten nicht im Zimmer fand. - -»Er ist verreist,« antwortete der Alte. - -»Himmel! komme ich zu spät?« fuhr Kaper fort, »wissen Sie nicht, hat -Hüon schon einen Verleger zum nächsten Historischen? Daß wir es erst -heute erfahren müssen! -- Ei! ei! gratuliere, Herr Stallmeister, zu -meiner schönen Nachbarin -- aber wer hätte das gedacht, daß wir den -göttlichen Hüon in den eigenen Mauern hätten, daß es dieser Herr von -Palvi wäre!« - -»Wie!« rief der Stallmeister, indem er den Alten staunend anblickte. -»Er wäre Hüon?« - -»Da steht's, da steht's gedruckt im Konversationsblatt,« schrie der -Buchhändler, seine Zeitung dem jungen Rempen überreichend. - -»Hüon,« sagte der Alte, »er war Hüon. Wohl hat er den Ungläubigen die -Backenzähne ausgezogen, und vergebens kämpften sie gegen meinen edlen, -jugendlichen Paladin, aber sein Geschick wollte, er sollte Hüon ohne -Rezia sein.« - -Noch einmal öffnete sich die Türe und spie, wie das Tor im Löwengarten -des Königs Franz, zwei Leoparden auf einmal aus. Es waren der Hofrat -und der dramatische Professor, die hereinstürzten. »Wo ist er?« riefen -sie. »Vergessen sei alle Fehde! Wir hatten ja einen ganz andern im -Verdacht, der Autor dieses Romans zu sein; darum, gewiß nur darum haben -wir ihn gehauen. Ins Freitagskränzchen soll er kommen, Mitarbeiter -soll er werden am belletristischen Vergnügen! Den Zundler soll er uns -ersetzen, der treffliche Hüon.« So schrieen sie durcheinander, aber -mit Hohn und Verachtung blickte sie der Alte an. »Ihr findet ihn nicht -mehr,« sagte er. »Er ist hinweg für immer.« - -»Hat er etwa einen Ruf bekommen?« rief der Professor. - -»Ha!« rief ihm der Hofrat nach, »das ist ja wohl Zundlers rätselhafter -Magister. Herrlicher Fund! Wir zahlen zehn Taler pro Bogen, -Wertgeschätzter; arbeiten Sie mit an unserm Blatt, was Sie wollen; -Gedichte, Novellen, Rezensionen, Kunstgefühle, wir nehmen alles auf!« - -»Zurück!« entgegnete der alte Mann mit mehr Hoheit, als ihm Rempen -zugetraut hatte; »ich habe einen Freund verloren, eine große, schöne -Seele, und bin nicht gesonnen, ihn mit euch und euren Talern zu -ersetzen. Dort am Boden liegen Palvis Papiere -- teilt euch in seinen -poetischen Nachlaß.« - -Er sprach es, nahm den Stallmeister unter den Arm und verließ mit ihm -langsam das Zimmer. Kaper, der Hofrat und der Professor stürzten wie -Drachen auf den Boden und über die Papiere her, und mitten in seinem -Kummer mußte der Stallmeister lächeln, als ihm der Alte auf der Treppe -entdeckte, jene werden nur Fragmente von juristischen Relationen und -unbedeutende Kriminalakten finden. Als aber der Alte an der Türe -des Hauses, mühsam und auf seinen Stab gestützt, an den Häusern -hinschleichen wollte, ergriff Rempen seinen Arm von neuem und führte -ihn trotz seiner Widerrede bis zu seiner Wohnung. Dort setzte sich der -Magister auf einen Stein, um Kräfte zu gewinnen; denn sein Stübchen lag -fünf Stockwerke hoch. - - -11. - -Elise saß zu derselben Stunde vor der Toilette. Gedankenvoll sah sie -vor sich hin, indem das Kammermädchen ihre Haare ordnete. Vielleicht -hatte der tägliche Anblick dieser Zofe den Stachel entheiligter Liebe -nur immer noch tiefer in das Herz gedrückt; und dennoch vermochte -sie es nicht über sich, dieses Mädchen wegzuschicken; es war der -Stolz einer erhabenen Seele, was sie von diesem Schritt abhielt, der -vielleicht auch von ihren Eltern getadelt worden wäre, denn das Mädchen -diente treu und geschickt. Doch so tief diese Wunde sein mochte, Elise -suchte in diesem Augenblick ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach den -Gesetzen der Natur das Wesen in uns zu derselben Zeit verschiedentlich -beschäftigt sein könnte, wenn es möglich wäre, in dem nämlichen Moment -in dem Herzen so ganz anders zu fühlen, als man oben hinter den Augen -denkt, so müßte Elisens Seele in dieser Stunde nach verschiedenen -Richtungen sich geteilt haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüsterten -tiefe, wehmütige Töne die Erinnerung einer schönen Zeit, sie sangen in -klagenden Weisen jene Tage, wo Elise auf der ersten Stufe der Jugend -das Auge des Geliebten verstand. In volleren Akkorden rauschten diese -Erinnerungen, als sie von Stunden seliger Liebe, von Trennung und der -Wonne des Wiederfindens sprachen. »Verloren, verloren durch seine -eigene Schuld!« weinte dann ihre Seele. »Untergegangen ein so großer, -schöner Geist in Leichtsinn und Niedrigkeit!« Doch diese Gefühle -schlichen nur gleich Schatten vorbei; sie suchte mit aller Gewalt des -Geistes den Blick von diesen Erinnerungen abzuwenden, sie dachte an das -ruhige, klare Wesen ihres zukünftigen Gatten, sein bescheidenes und -doch so würdiges Betragen, seine reine Herzensgüte. Sie rief sich alles -dies hervor, ja, sie versuchte zu lächeln, um freundlichere Gefühle -dadurch zu erringen, aber -- es gelang ihr, ruhig, doch nicht, heiter -zu werden. - -Der Putz war vollendet, sie richtete sich vor dem hohen Spiegel auf, -und die Freude an ihrer eigenen hübschen Gestalt verdrängte auf -Augenblicke jene düsteren, wehmütigen Bilder. »Nein, und wenn er noch -so proper angetan wäre,« sagte in diesem Augenblick das Kammermädchen, -»mich soll er nicht mehr anreden dürfen!« - -»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mehr von solchen Dingen reden,« -rief Elise mit der Röte des Unmutes auf den Wangen. - -»Ach Gott! gnädiges Fräulein, ich will ja auch gar nichts mehr von dem -schlechten Menschen wissen, aber ich sagte nur so, weil er wieder in -Herrn Kapers Laden steht.« - -Elise zitterte, sie wollte von dem Spiegel hinwegeilen, aber -unwiderstehlich zog es sie an das Fenster. Sie warf einen Blick -hinüber, und unter jener Türe stand Zundler. - -»Wie!« rief sie, kaum ihrer Worte mächtig, der Zofe zu, »ist es denn -dieser?« - -»I, freilich! aber werden Sie mir nur nicht böse!« - -»Und dieser ist derselbe, den du _damals_ meintest?« fuhr sie mit -bebenden Lippen fort. - -»Wer denn anders?« entgegnete jene ruhig; »aber ich weiß jetzt, er ist -ein schlechter Mensch, und jetzt weiß ich auch, wie er heißt, Doktor -Zundler.« - -»Geh, geh, bringe die Kleider weg,« flüsterte Elise, indem sie ihr -glühendes Gesicht halb bewußtlos in die Kissen des Sofas drückte; das -Mädchen eilte erschrocken hinweg, und die unglückliche Braut war mit -ihrem Gram allein. Welche Gefühle stürmten auf sie ein! Beschämung, -Liebe, Unmut über sich selbst. Sie sprang auf; ein Gang durch das -Zimmer machte sie mutiger. Sie wollte Rempen alles gestehen, sie war -einen Augenblick überzeugt, er werde so edel sein, zurückzutreten, -Palvi werde leicht zu versöhnen sein. Aber die Stadt wußte, daß heute -ihre Verlobung sei. Ihr Vater hatte dem Geliebten sogar das Haus -verboten, würde er jemals einwilligen, sie glücklich zu machen? Nein! --- Scham vor der Welt, Reue, Angst warfen sie nieder. Bleich, erschöpft -und zitternd fand sie der Stallmeister, als er bald darauf ernster, als -zu diesem fröhlichen Tag sich schickte, in Elisens Zimmer trat. - -»Ich muß Ihnen eine sonderbare Nachricht geben,« sagte er bewegt, -indem er sich zu ihr setzte und, beschäftigt mit seinen Gedanken, ihre -Verwirrung nicht bemerkte. »Palvi ist weggereist, und zwar auf immer.« - -»Er ist tot!« rief sie. »Gewiß, schnell, sagen Sie es nur heraus, er -hat sich getötet!« - -»Nein,« erwiderte Rempen, »er hat mir einen Brief zurückgelassen, -worin er Sie und mich zum letztenmal begrüßt; er ist nach Frankreich -gegangen. Dorthin lautet auch sein Paß, wie mir soeben mein Onkel -erzählte.« - -Elise schwieg; sie fühlte, daß sie ihn erst in diesem Augenblick ganz -verloren habe; aber sie hatte Kraft genug, jeden Laut des Kummers zu -unterdrücken. - -»Doch was Sie noch mehr befremden wird,« fuhr er fort, »jenen -Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der Autor selbst -vorgelesen.« - -»Palvi!« rief sie in so eigenem Ton, daß der Stallmeister erschrak. »Er -wäre --« - -»Hüon, der Autor der ›letzten Ritter von Marienburg‹. Es steht schon in -öffentlichen Blättern, und hier schickt er mir und Ihnen dieses Werk.« -Der Stallmeister öffnete ein Paket und gab Elisen die Bücher. Sie -öffnete eines derselben; ihr Blick fiel auf das Märchen, woraus Palvi -mit so sonderbarem Accent einige Reime gelesen, und jetzt erst stieg -eine längst verbleichte Erinnerung in ihr auf. Es war ein Märchen, das -Palvis Vater den Kindern so oft erzählt hatte. Eine große Träne schwamm -in ihrem schönen Auge und fiel herab auf diese Zeilen. - -In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Mit feierlichem -Gesicht und überladen mit seinen Orden trat der Geheimrat von Rempen -herein. Mit Anstand trat er vor das Fräulein, ihr den Arm zu bieten. -»Die Familien sind im Salon versammelt,« sprach er; »ist es gefällig, -die Ringe zu wechseln? Doch wie? Sind Sie so sehr in unsere Literatur -verliebt, daß Sie sogar gerade vor der Verlobung Lesestunden mit meinem -Neffen halten? Was lesen Sie denn, wenn man fragen darf?« - -Mit einem schmerzlichen Lächeln stand Elise auf und nahm seinen -Arm. »Etwas Altes in neuer Form,« erwiderte sie, »ein Märchen von -untergegangener Liebe!« - -»Ei! ei!« setzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu. -»Etwas solches vor der Verlobung? und wie heißt denn der Titel?« fragte -er, indem er sie in den Saal führte. - -»Er heißt: _Die letzten Ritter von Marienburg_.« - - -Des Verfassers eigene Kritik über vorstehende Novelle. - -(Litteraturblatt des Morgenblatts 1827 Nr. 92 u. ff.) - - _Die letzten Ritter von Marienburg_, Novelle von W. Hauff. Auch - wieder einmal eine Novelle, doch gottlob keine historische, wie wir - beim ersten Anblick geargwöhnt hatten; lieber wäre es uns gewesen - wenn Herr Hauff seinen Stoff, wie es im ersten Kapitel geschieht, - durchaus zu einer Satire der historischen Romane, nicht aber zu - einer ziemlich unnötigen Belobung derselben benützt hätte. Auch - ist es nicht sehr bescheiden, daß der Herr Verfasser den Roman - »Die letzten Ritter von Marienburg« so oft als trefflich und - unvergleichlich schildert, da er doch selbst es ist, der die Skizze - davon entworfen hat. - - Die letzten Partien der Novelle sind abgerissener und eilender - als die ersten und verfehlen dadurch den Charakter der besonnenen - Ruhe und Rundung, den die Novelle haben soll. Herr Hauff scheint - sich zwar diesmal in Hinsicht auf Sprache und Anordnung mehr Mühe - gegeben zu haben als im vorjährigen Frauentaschenbuch; aber auch - hier sind die Figuren nur skizziert, flüchtig angedeutet und - gelangen somit nicht zu echterm, farbigem Leben. Das Motiv, aus - welchem Fräulein Elise den Dichter Palvi aufgibt, ist, wenn ein - natürliches, doch jedenfalls kein poetisches. - - - - -Die Sängerin. - - -1. - -»Das ist ein sonderbarer Vorfall!« sagte der Kommerzienrat Bolnau zu -einem Bekannten, den er auf der breiten Straße in B. traf; »gesteht -selbst, wir leben in einer argen Zeit.« - -»Ihr meint die Geschichte im Norden?« entgegnete der Bekannte, »habt -Ihr Handelsnachrichten, Kommerzienrat? Hat Euch der Minister des -Auswärtigen aus alter Freundschaft etwas Näheres gesagt?« - -»Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen mag -geschehen, was da will. Nein, ich meine die Geschichte mit der -Bianetti.« - -»Mit der Sängerin? Wie? Ist sie noch einmal engagiert? Man sagte ja, -der Kapellmeister habe sich mit ihr überworfen --« - -»Aber um Gottes willen,« rief der Kommerzienrat und blieb staunend -stehen; »in welchen Spelunken treibet Ihr Euch umher, daß Ihr nicht -wisset, was sich in der Stadt zuträgt? So wisset Ihr nicht, was der -Bianetti arrivierte?« - -»Kein Wort, auf Ehre! was ist es denn mit ihr?« - -»Nun, es ist weiter nichts mit ihr, als daß sie heute nacht -totgestochen worden ist.« - -Der Kommerzienrat galt unter seinen Bekannten für einen Spaßvogel, der, -wenn er morgens von elf bis Mittag seine Promenaden in der breiten -Straße machte, die Leute gerne aufhielt und ihnen irgend etwas aus -dem Stegreife aufband. Der Bekannte war daher nicht sehr gerührt von -dieser Schreckensnachricht, sondern antwortete: »Weiter wisset Ihr also -heute nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nachgerade mit Eurem Witz zu Rande -sein, weil Ihr die Farben so stark auftraget. Wenn Ihr mich übrigens -ein andermal wieder stellet in der breiten Straße, so besinnt Euch auf -etwas Vernünftigeres, sonst bin ich genötigt, einen Umweg zu machen, -wenn ich von der Kanzlei nach Hause gehe.« - -»Er glaubt's wieder nicht!« rief der Spaziergänger; »seht nur, er -glaubt's wieder nicht! Wenn ich gesagt hätte, der Kaiser von Marokko -sei erstochen worden, so hättet Ihr die Nachricht mit Dank eingesteckt -und weitergetragen, weil sich dort schon Aehnliches zugetragen hat. -Aber wenn eine Sängerin hier in B. totgestochen wird, da will keiner -glauben, bis man den Leichenzug sieht. Aber, Freundchen, diesmal ist's -wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.« - -»Mensch! Bedenket, was Ihr sagt!« rief der Freund mit Entsetzen. »Die -Sängerin erstochen? Tot, sagtet Ihr? Die Bianetti totgestochen?« - -»Tot war sie vor einer Stunde noch nicht, aber sie liegt in den letzten -Zügen, soviel ist gewiß.« - -»Aber sprechet doch ums Himmels willen! Wie kann man denn eine -Sängerin totstechen? Leben wir denn in Italien? Für was ist denn eine -wohllöbliche Polizei da? Wie ging es denn zu? Totgestochen!« - -»Schreiet doch nicht so mörderlich!« erwiderte Bolnau besänftigend; -»die Leute fahren schon mit den Köpfen aus allen Fenstern und schauen -nach dem Straßenlärm. Ihr könntet ja ~sotta voce~ jammern, so viel Ihr -wollt. Wie es zuging? Ja sehet, da liegt es eben; das weiß bis jetzt -kein Mensch. Gestern nacht war das schöne Kind noch auf der Redoute, -so liebenswürdig, so bezaubernd wie immer, und heute nacht um zwölf -Uhr wird der Medizinalrat Lange aus dem Bette geholt, Signora Bianetti -liege am Sterben; sie habe eine Stichwunde im Herzen. Die ganze -Stadt spricht schon davon, aber natürlich das tollste Zeug. Es sind -allerdings fatale Umstände dabei, daß man nicht ins reine kommen kann; -so darf z. B. niemand ins Haus als der Arzt und die Leute, die sie -bedienen. Auch bei Hof weiß man es schon, und es kam ein Befehl, daß -die Wache nicht am Haus vorbeiziehen dürfe; das ganze Bataillon mußte -den Umweg über den Markt nehmen.« - -»Was Ihr sagt! Aber weiß man denn gar nicht, wie es zuging? Hat man -denn gar keine Spur?« - -»Es ist schwer, sich aus den verschiedenen Gerüchten auf das Wahre -durchzuarbeiten. Die Bianetti, das muß man ihr lassen, ist eine sehr -anständige Person, der man auch nicht das geringste nachsagen kann. -Nun, wie aber die Leute sind, besonders die Frauen, wenn man da von -dem ordentlichen Lebenswandel des armen Mädchens spricht, zuckt man -die Achsel und will von ihrem frühern Leben allerlei wissen. Von ihrem -frühern Leben! Sie hat kaum siebzehn Jahre und ist schon anderthalb -Jahre hier? Was ist das für ein früheres Leben!« - -»Haltet Euch nicht so lange beim Eingang auf,« unterbrach ihn der -Bekannte, »sondern kommt auf das Thema. Weiß man nicht, wer sie -erstochen hat?« - -»Nun, das sage ich ja eben; da soll es nun wieder ein abgewiesener -oder eifersüchtiger Liebhaber sein, der sie umbrachte. Sonderbar sind -allerdings die Umstände. Sie soll gestern auf der Redoute mit einer -Maske, die niemand kannte, ziemlich lange allein gesprochen haben. Sie -ging bald nachher weg, und einige Leute wollten gesehen haben, daß -dieselbe Maske zu ihr in den Wagen stieg. Weiter weiß niemand etwas -Gewisses; aber ich werde es bald erfahren, was an der Sache ist.« - -»Ich weiß, Ihr habt so Eure eigenen Kanäle, und gewiß habt Ihr auch -bei der Bianetti einen dienstbaren Geist. Es gibt Leute, die Euch die -Stadtchronik nennen.« - -»Zu viel Ehre, zu viel Ehre,« lachte der Kommerzienrat und schien sich -ein wenig geschmeichelt zu fühlen. »Diesmal habe ich aber keinen andern -Spion als den Medizinalrat selbst. Ihr müßt bemerkt haben, daß ich, -ganz gegen meine Gewohnheit, nicht die ganze Straße hinauf und hinab -wandle, sondern mich immer zwischen der Karls- und Friedrichsstraße -halte.« - -»Wohl habe ich dies bemerkt, aber ich dachte, Ihr macht Fensterparade -vor der Staatsrätin Baruch.« - -»Geht mir mit der Baruch! Wir haben seit drei Tagen gebrochen, meine -Frau sah das Verhältnis nicht gerne, weil jene so hoch spielt. Nein, -der Medizinalrat Lange kommt alle Tage um zwölf Uhr durch die breite -Straße, um ins Schloß zu gehen, und ich stehe hier auf dem Anstand, um -ihn sogleich aufs Korn zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.« - -»Da bleibe ich bei Euch,« sprach der Freund, »die Geschichte der -Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es doch, Bolnau?« - -»Wertester, geniert Euch ganz und gar nicht,« entgegnete jener; »ich -weiß, Ihr speiset um zwölf Uhr, lasset doch die Suppe nicht kalt -werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch nicht recht mit der Sprache -heraus wollen; kommt lieber nach Tisch ins Kaffeehaus, dort sollet Ihr -alles hören. -- Machet übrigens, daß Ihr fortkommt, dort biegt er schon -um die Ecke.« - - -2. - -»Ich halte die Wunde nicht für absolut tödlich,« sprach der -Medizinalrat Lange nach den ersten Begrüßungen; »der Stoß scheint -nicht sicher geführt worden zu sein. Sie ist schon wieder ganz bei -Besinnung, und die Schwäche abgerechnet, die der große Blutverlust -verursachte, ist in diesem Augenblick wenigstens keine Spur von Gefahr.« - -»Das freut mich,« erwiderte der Kommerzienrat und schob vertraulich -seinen Arm in den des Doktors; »ich begleite Ihn noch die paar Straßen -bis ans Schloß; aber sag' Er mir doch ums Himmels willen etwas Näheres -über diese Geschichte; man kann ja gar nicht ins klare kommen, wie sich -alles zugetragen.« - -»Ich kann Ihm schwören,« antwortete jener, »es liegt ein furchtbares -Dunkel über der Sache. Ich war kaum eingeschlafen, so weckt mich mein -Johann mit der Nachricht, man verlange mich zu einem sehr gefährlichen -Kranken. Ich warf mich in die Kleider, renne hinaus, im Vorsaal steht -ein Mädchen, bleich und zitternd, und flüstert so leise, daß ich es -kaum hörte, ich soll mein Verbandzeug zu mir stecken. Schon das fällt -mir auf; ich werfe mich in den Wagen, lasse die bleiche Mamsell auf -den Bock zu Johann sitzen, daß sie den Weg zeige, und fort geht es bis -in den Lindenhof. Ich steige vor einem kleinen Hause ab und frage die -Mamsell, wer denn der Kranke sei?« - -»Ich kann mir denken, wie Er staunte --« - -»Wie ich staunte, als ich hörte, es ist Signora Bianetti! Ich kannte -sie zwar nur vom Theater, hatte sie sonst kaum zwei-, dreimal gesehen, -aber die geheimnisvolle Art, wie ich zu ihr gerufen wurde, das -Verbandzeug, das ich zu mir stecken sollte, ich gestehe Ihm, ich war -sehr gespannt, was der Sängerin zugestoßen sein sollte. Es ging eine -kurze Treppe hinan, eine schmale Hausflur entlang. Das Mädchen ging -voran, ließ mich einige Augenblicke im Dunkeln warten und kam mir dann -schluchzend und noch bleicher als zuvor entgegen. ›Treten Sie ein, Herr -Doktor,‹ sagte sie, ›ach! Sie werden zu spät kommen, sie wird's nicht -überleben.‹ Ich trat ein, es war ein schrecklicher Anblick.« - -Der Medizinalrat schwieg sinnend und düster, es schien sich ein Bild -vor seine Seele zu drängen, das er umsonst abzuwehren suchte. »Nun, was -sah Er?« rief sein Begleiter, ungeduldig über diese Unterbrechung. »Er -wird mich doch nicht so zwischen Türe und Angel stehen lassen wollen?« - -»Es ist mir manches in meinem Leben begegnet,« fuhr der Doktor fort, -nachdem er sich gesammelt hatte, »manches, wovor mir graute, manches, -das mich erschreckte, aber nichts, was mir das Herz so in der Brust -umdrehte wie dieser Anblick. In einem matt erleuchteten Zimmer lag -ein bleiches, junges Weib auf dem Sofa, vor ihr kniete eine alte Magd -und preßte ihr ein Tuch auf das Herz. Ich trat näher; weiß und starr -wie eine Büste lag der Kopf der Sterbenden zurück, die schwarzen, -herabfallenden Haare, die dunkeln Brauen und Wimpern der geschlossenen -Augen bildeten einen schrecklichen Kontrast mit der glänzenden Blässe -der Stirn, des Gesichtes, des schönen Halses. Die weißen faltenreichen -Gewänder, die wohl zu ihrer Maske gehört hatten, waren von Blut -überströmt, Blut auf dem Fußboden, und von dem Herzen schien der rote -Strom auszugehen. -- Dies alles stellte sich mir in einem Augenblick -dar -- es war Bianetti, die Sängerin.« - -»O Gott, wie mich das rührt!« sprach der Kommerzienrat bewegt und zog -ein langes, seidenes Tuch hervor, um sich die Augen zu wischen; »gerade -so lag sie noch letzten Sonntag vor acht Tagen in der Oper Othello da, -als sie die Desdemona spielte. Schon damals war der Effekt so grausam -wahr und wahrhaft greulich, daß man meinte, der Mohr habe sie in der -Tat erdolcht; und jetzt ist es wirklich so weit mit ihr gekommen! Wie -mich das rührt!« - -»Habe ich Ihm nicht jede übermäßige Rührung verboten?« unterbrach ihn -der Arzt. »Will Er mit Gewalt wieder seine Zufälle bekommen?« - -»Er hat recht,« sagte der Kommerzienrat Bolnau und fuhr schnell mit -dem Tuch in die Tasche; »Er hat recht; meine Konstitution ist nicht -für den Affekt. Erzähl' Er nur weiter, ich werde die Tafelscheiben am -Kriegsministerio im Vorbeigehen zählen, das hilft gegen solche Anfälle.« - -»Zähl' Er nur, und wenn es nicht hilft, so kann Er auch noch den oberen -Stock des Palais mitnehmen. -- Die alte Magd nahm das Tuch weg, und mit -Erstaunen erblickte ich eine Wunde, wie von einem Messerstich, die dem -Herzen sehr nahe war. Es war nicht Zeit, mich mit Fragen aufzuhalten, -so viele derselben mir auch auf der Zunge schwebten, ich untersuchte -die Wunde und legte den Verband um. Die Verwundete hatte während der -ganzen Operation kein Zeichen von Leben gezeigt; nur, als ich die Wunde -sondierte, hatte sie schmerzlich zusammengezuckt. Ich ließ sie ruhen -und bewachte ihren Schlummer.« - -»Aber das Mädchen und die alte Magd, hat Er denn diese nicht gefragt, -woher die Wunde rühre?« - -»Ich will es Ihm nur gestehen, Kommerzienrat, weil Er mein alter Freund -ist; ja, als für die Kranke im Augenblicke nichts mehr zu tun war, -habe ich ihnen rund genug erklärt, daß ich weiter keine Hand mehr an -die Dame legen werde, wenn sie mir nicht alles beichten.« - -»Und was sagten sie? So sprech Er doch!« - -»Nach elf Uhr war die Sängerin zu Hause gekommen, und zwar von -einer großen männlichen Maske begleitet. -- Ich mochte bei dieser -Nachricht die beiden Weiber etwas sehr zweideutig angesehen haben, -denn sie fingen aufs neue an zu weinen und beteuerten mir mit den -außerordentlichsten Schwüren, ich solle doch nichts Schlechtes von -ihrer Herrschaft denken; es sei die lange Zeit, seit sie ihr dienen, -nie nach vier Uhr abends ein Mann über ihre Schwelle gekommen; das -kleinere Mädchen, das wohl Romane mußte gelesen haben, wollte sogar -behaupten, Signora sei ein Engel an Reinheit.« - -»Das behaupte ich auch,« sagte der Kommerzienrat, indem er gerührt die -Scheiben des Palais, dem sie sich näherten, zu zählen anfing; »das sage -ich auch; der Bianetti kann man nichts Böses nachsagen, sie ist ein -liebes, frommes Kind, und was kann sie denn dafür, daß sie schön ist -und ihr Leben durch Gesang fristen muß?« - -»Glaub' Er mir,« entgegnete Lange, »ein Arzt hat hierin einen -untrüglichen psychologischen Maßstab. Ein Blick auf die engelreinen -Züge des unglücklichen Mädchens überzeugte mich mehr von ihrer -Tugend als die Schwüre ihrer Zofen. Doch höre Er weiter: Die -Sängerin trat mit dem Fremden in dieses Zimmer und hieß ihr Mädchen -hinausgehen. Diese war vielleicht aus Neugierde, was wohl dieser -nächtliche Besuch zu bedeuten habe, der Türe nahe geblieben; sie -hörte einen heftigen Wortwechsel, der zwischen ihrer Dame und einer -tiefen, hohlen Männerstimme in französischer Sprache geführt wurde; -Signora sei endlich in heftiges Weinen ausgebrochen, der Mann habe -schrecklich geflucht; plötzlich hörte sie ihre Dame einen gellenden -Schrei ausstoßen, sie kann sich vor Angst nicht mehr zurückhalten, -reißt die Türe auf, und in demselben Augenblicke fährt die Maske an -ihr vorbei und durch den Gang an die Treppe. Sie folgt ihr einige -Schritte, vor der Treppe hört sie ein schreckliches Gepolter, er mußte -hinuntergestürzt sein. Von unten dringt ein Aechzen und Stöhnen herauf -wie das eines Sterbenden, aber es graut ihr, sie wagt keinen Schritt -weiter vorzugehen. Sie geht zurück in die Türe -- die Sängerin liegt -in ihrem Blute und schließt nach wenigen Augenblicken die Augen. -Das Mädchen weiß sich nicht zu raten, sie weckt die alte Magd, ihrer -Herrschaft einstweilen beizustehen, und springt zu mir, um vielleicht -Signora noch zu retten.« - -»Und die Bianetti hat noch nichts geäußert? Hat Er sie nicht befragt?« - -»Ich ging sogleich auf die Polizei und weckte den Direktor; er ließ -noch um Mitternacht alle Gasthöfe, alle Gassenkneipen, alle Winkel der -Stadt durchsuchen, aus dem Tore ist in jener Stunde niemand passiert, -und von jetzt an wird jedermann strenge untersucht. Die Hausleute, -die im oberen Stock wohnen, erfuhren die ganze Sache erst, als die -Polizei das Haus durchsuchte; unbegreiflich war es, wie der Mörder -entspringen konnte, da er durch seinen Fall hart beschädigt sein mußte, -denn man fand viel Blut unten an der Treppe, und es ist mir nicht -unwahrscheinlich, daß er sich im Falle durch seinen eigenen Dolch -verwundet hat. Es ist um so unbegreiflicher, wie er entkam, da die -Haustüre verschlossen war. Die Bianetti selbst erwachte um zehn Uhr -und gab dem Polizeidirektor zu Protokoll, daß sie im strengsten Sinne -nicht wisse, auch nicht einmal ahne, wer die Maske sein könne. Alle -Aerzte und Chirurgen sind verpflichtet, wenn sie zu einem Patienten, -der durch einen Fall oder eine Messerwunde lädiert ist, gerufen werden, -solches anzuzeigen, weil man vielleicht auf diesem Wege dem Mörder auf -die Spur kommen könnte. So stehen die Sachen. Ich bin aber überzeugt -wie von meinem Leben, daß ein tiefes Geheimnis zu Grunde liegt, das -die Sängerin nicht entdecken will; denn die Bianetti ist nicht die -Person, die sich von einem ihr völlig unbekannten Mann nach Hause -begleiten läßt. Das scheint auch ihr Mädchen, das beim Verhör zugegen -war, zu ahnen. Denn als sie sah, daß Signora nichts wissen wolle, gab -sie nichts von dem Wortwechsel an, den sie gehört hatte, mir aber warf -sie einen bittenden Blick zu, sie nicht zu verraten. ›Es ist eine -entsetzliche Geschichte,‹ sagte sie, als sie mich nachher zur Treppe -begleitete, ›aber keine Welt brächte mich dazu, etwas zu verraten, was -Signora nicht bekannt werden lassen will.‹ Sie gestand mir noch etwas, -das vielleicht auf die ganze Sache Licht verbreiten würde.« - -»Nun, und darf ich diesen Umstand nicht auch wissen?« fragte der -Kommerzienrat; »Er sieht, wie ich gespannt bin; spann' Er ab, spann' Er -ab, um Gottes willen, ich könnte sonst leicht meine Zufälle bekommen!« - -»Höre Er, Bolnau, besinn Er sich, lebt noch ein Bolnau außer Ihm in -dieser Stadt? Existiert noch irgend ein anderer in der Welt, und wo, -sag' Er, wo?« - -»Außer mir keine Seele in dieser Stadt,« antwortete Bolnau; »als ich -vor acht Jahren hieher zog, freute es mich, daß ich nicht Schwarz, Weiß -oder Braun, nicht Meier, Müller oder Bauer heiße, weil damit allerlei -unangenehme Verwechselungen geschehen. In Kassel war ich der einzige -Mann in meiner Familie, und sonst gibt es auf Gottes Erdboden keinen -Bolnau mehr als meinen Sohn, den unglücklichen Musiknarren, der ist -verschollen, seit er nach Amerika segelte. Aber warum fragt Er nach -meinem Namen, Doktor?« - -»Nun, _Er_ kann es nicht sein, Kommerzienrat, und Sein Sohn ist in -Amerika. Aber es ist schon ein Viertel über zwölf Uhr, Prinzeß Sophie -ist krank, ich habe mich nur zu lang mit Euch verschwatzt; lebt wohl, -~à revoir~!« - -»Nicht von der Stelle,« rief Bolnau und hielt ihn fest am Arm, »sagt -mir zuvor, was das Mädchen noch gesagt hat.« - -»Nun ja, aber reinen Mund gehalten, Bolnau! ihr letztes Wort, ehe sie -in jene tiefe Ohnmacht sank, war _Bolnau_.« - - -3. - -Man hatte den Kommerzienrat Bolnau noch nie so ernst und düster -schleichen sehen wie damals, als ihn der Doktor Lange vor dem Palais -verließ. Sonst war er munter und rüstig einhergeschritten, und wenn er -mit dem freundlichsten Lächeln alle Mädchen und Frauen grüßte, mit den -Männern viel lachte und ihnen allerlei Neues erzählte, so hätte man -ihm noch keine sechzig Jahre zugetraut. Er schien auch alle Ursache zu -haben, fröhlich und guter Dinge zu sein; er hatte ein hübsches Vermögen -zusammenspekuliert, hatte sich, als es genug schien, mit seiner Frau in -B. zur Ruhe gesetzt und lebte nun in Freude und Jubel jahraus, jahrein. -Er hatte einen einzigen Sohn gehabt, dieser sollte die Laufbahn des -alten Herrn auch durchlaufen und handeln und sich umtun im Kommerz, so -wollte er es haben. - -Der Sohn aber lebte und webte nur im Reich der Töne, die Musik war -ihm alles, der Handel und Kommerz des Vaters war ihm zu gemein und -niedrig. Der Vater hatte einen harten Sinn, der Sohn auch, der Vater -brauste leicht auf, der Sohn auch, der Vater stellte gleich alles auf -die Spitze, der Sohn auch; kein Wunder, daß sie nicht miteinander leben -konnten. Und als der Sohn sein zwanzigstes Jahr zurückgelegt hatte, -war der Vater fünfzig, da brach er ab, sich zur Ruhe zu setzen, und -wollte dem Sohn den Handel geben. Es war auch bald alles in Richtigkeit -und Ruhe; denn in einer schönen Sommernacht war der Sohn nebst einigen -Klavierauszügen verschwunden, kam auch richtig nach England und -schrieb ganz freundschaftlich, daß er nach Amerika gehen werde. Der -Kommerzienrat wünschte ihm Glück auf den Weg und begab sich nach B. - -Der Gedanke an den Musiknarren, wie er seinen Sohn nannte, trübte ihm -zwar manche Stunde, denn er hatte ihn ersucht, sich nie mehr vor ihm -sehen zu lassen, und es stand nicht zu erwarten, daß jener ungerufen -wiederkehre; es wollte ihn zuweilen bedünken, als habe er doch töricht -getan, als er ihn durchaus im Kommerz haben wollte; aber Zeit, -Gesellschaft und heitere Laune ließen diese trüben Gedanken nicht lange -aufkommen; er lebte in Jubel und Freude, und wer ihn recht heiter sehen -wollte, durfte nur zwischen elf Uhr und Mittag durch die breite Straße -wandeln. Sah er dort einen langen, hagern Mann, dessen sehr moderne -Kleidung, dessen Lorgnette und Reitpeitsche, dessen bewegliche Manieren -nicht mehr recht zu seinen grauen Haaren passen wollten, sah er diesen -Mann nach allen Seiten grüßen, alle Augenblicke bei diesem oder jenem -stille stehen und schwatzen und mit den Armen fechten, so konnte er -sich darauf verlassen, es war der Kommerzienrat Bolnau. - -Aber heute war dies alles ganz anders. Hatte ihn schon zuvor die -Ermordungsgeschichte der Sängerin fast zu sehr affiziert, so war -ihm das letzte Wort des Doktors in die Glieder geschlagen. »Bolnau« -hatte die Bianetti noch gesagt, ehe sie vom Bewußtsein kam. Seinen -eigenen ehrlichen Namen hatte sie unter so verfänglichen Umständen -ausgesprochen! Seine Kniee zitterten und wollten ihm die Dienste -versagen, sein Haupt senkte sich auf die Brust sorgenvoll und -gedankenschwer. »Bolnau!« dachte er, »königlicher Kommerzienrat! Wenn -sie jetzt stürbe, die Sängerin, wenn das Mädchen dann ihr Geheimnis von -sich gäbe und den Polizeidirektor mit den näheren Umständen des Mordes -und mit dem verhängnisvollen Worte bekannt machte! Was kann nicht ein -geschickter Jurist aus einem einzigen Wort argumentieren, besonders -wenn ihn die Eitelkeit anfeuert, in einer solchen ~cause célèbre~ -seinen Scharfsinn zu zeigen.« Er lorgnettierte mit verzweiflungsvoller -Miene das Zuchthaus, dessen Giebel aus der Ferne ragte. »Dorthin, -Bolnau, aus ganz besonderer Gnade und Rücksicht auf mehrjährige -Dienste!« - -Er atmete schwerer, er lüftete die Halsbinde, aber erschreckt fuhr er -zurück; war dies nicht der Ort, wo man das hänfene Halsband umknüpfte, -war nicht dies die Stelle, wo das kalte Schwert durchging? - -Begegnete ihm ein Bekannter und nickte ihm zu, so dachte er: Holla, -der weiß schon um die Sache und will mir zu verstehen geben, daß er -wohl unterrichtet sei. Ging ein anderer vorüber, ohne zu grüßen, so -schien ihm nichts gewisser, als daß man ihn nicht kennen wolle, sich -nicht mit dem Umgang eines Mörders beflecken wolle. Es fehlte wenig, -so glaubte er selbst, er sei schuldig am Mord, und es war kein Wunder, -daß er einen großen Bogen machte, um das Polizeibureau zu vermeiden; -denn konnte nicht der Direktor am Fenster stehen, ihn erblicken und -heraufrufen? »Wertester, beliebt es nicht, ein wenig heraufzuspazieren, -ich habe ein Wort mit Ihnen zu sprechen!« Verspürte er nicht schon -jetzt ein gewisses Zittern, fühlte er nicht jetzt schon seine Züge sich -zu einem Armensündergesicht verziehen, nur weil man glauben könnte, er -sei der, den die Sängerin mit ihrem letzten Worte angeklagt? - -Und dann fiel ihm wieder ein, wie schädlich eine solche Gemütsbewegung -für seine Konstitution sei; ängstlich suchte er nach Fensterscheiben, -um sich ruhig zu zählen, aber die Häuser und Straßen tanzten um ihn -her, der Glockenturm schien sich höhnisch vor ihm zu neigen, ein -wahnsinniges Grauen erfaßte ihn, er rannte durch die Straßen, bis er -erschöpft in seiner Behausung niedersank, und seine erste Frage war, -als er wieder ein wenig zu sich gekommen, ob nicht ein Polizeidiener -nach ihm gefragt habe. - - -4. - -Als gegen Abend der Medizinalrat Lange zu seiner Kranken kam, fand -er sie um vieles besser, als er sich gedacht hatte. Er setzte -sich an ihrem Bette nieder und besprach sich mit ihr über diesen -unglücklichen Vorfall. Sie hatte ihren Arm auf die Kissen gestützt, -in der zartgeformten Hand lag ihr schöner Kopf. Ihr Gesicht war noch -sehr bleich, aber selbst die Erschöpfung ihrer Kräfte schien ihr -einen eigentümlichen Reiz zu geben. Ihr dunkles Auge hatte nichts von -jenem Feuer, jenem Ausdruck verloren, der den Doktor, obgleich er ein -bedächtiger Mann und nicht mehr in den Jahren war, wo Phantasie der -Schönheit zu Hilfe kommt, schon früher von der Bühne aus angezogen -hatte. Er mußte sich gestehen, daß er selten einen so schönen Kopf, ein -so liebliches Gesicht gesehen hatte; ihre Züge waren nichts weniger als -regelmäßig, und dennoch übten sie durch ihre Verbindung und Harmonie -einen Zauber aus, für welchen er lange keinen Grund wußte; doch dem -psychologischen Blicke des Medizinalrates blieb dieser Grund nicht -verborgen; es war jene Reinheit der Seele, jener Adel der Natur, was -diese jungfräulichen Züge mit einem überraschenden Glanz von Schönheit -übergoß. »Es scheint, Sie studieren meine Züge, Doktor,« sprach die -Sängerin lächelnd; »Sie sitzen so stumm und sinnend da, starren mich -an und scheinen ganz zu vergessen, was ich fragte. Oder ist es zu -schrecklich, als daß ich es hören sollte? Darf ich nicht erfahren, was -die Stadt über mein Unglück sagt?« - -»Was wollen Sie alle diese törichten Vermutungen hören, die müßige -Menschen erfinden und weitersagen? Ich habe eben darüber nachgedacht, -wie rein sich Ihre Seele auf Ihren Zügen spiegle; Sie haben Frieden in -sich, was kümmert Sie das Urteil der Menschen?« - -»Sie weichen mir aus,« entgegnete sie, »Sie wollen mir entschlüpfen, -indem Sie mir schöne Dinge sagen. Und mich sollte das Urteil der -Menschen nicht kümmern? Welches rechtliche Mädchen darf sich so über -die Gesellschaft, in welcher sie lebt, hinwegsetzen, daß es ihr gleich -gilt, was man von ihr spricht? Oder glauben Sie etwa,« setzte sie -ernster hinzu, »ich werde nichts danach fragen, weil ich einem Stand -angehöre, dem man nicht viel Gutes zutraut? Gestehen Sie nur, Sie -halten mich für recht leichtsinnig.« - -»Nein, gewiß nicht; ich habe immer nur Schönes von Ihnen gehört, -Mademoiselle Bianetti, von Ihrem stillen, eingezogenen Leben, und daß -Sie mit sicherer Haltung in der Welt stehen, obgleich Sie so einsam und -mancher Kabale ausgesetzt sind. Aber warum wollen Sie gerade wissen, -was die Menschen sagen? Wenn ich nun als Arzt solche Neuigkeiten nicht -für zuträglich hielt?« - -»Bitte, Doktor, bitte, foltern Sie mich nicht so lange,« rief sie; -»sehen Sie, ich lese in Ihren Augen, daß man nicht gut von mir spricht. -Warum mich in Ungewißheit lassen, die gefährlicher für die Ruhe ist als -die Wahrheit selbst?« - -Diesen letzten Grund fand der Medizinalrat sehr richtig; und konnte -in seiner Abwesenheit nicht irgend eine geschwätzige Frau sich -eindrängen und noch Aergeres berichten, als er sagen konnte? »Sie -kennen die hiesigen Leute,« antwortete er, »B. ist zwar ziemlich groß, -aber, du lieber Gott, bei einer Neuigkeit derart zeigt es sich, wie -kleinstädtisch man ist. Es ist wahr, Sie sind das Gespräch der Stadt, -dies kann Sie nicht wundern, und weil man nichts Bestimmtes weiß, so -- -nun so macht man sich allerhand seltsame Geschichten. So soll z. B. die -männliche Maske, die man auf der Redoute mit Ihnen sprechen sah und die -ohne Zweifel dieselbe ist, welche diese Tat beging, ein --« - -»Nun, so reden Sie doch aus,« bat die Sängerin in großer Spannung, -»vollenden Sie!« - -»Es soll ein früherer Liebhaber gewesen sein, der Sie in -- in einer -andern Stadt geliebt hat und aus Eifersucht umbringen wollte.« - -»Von _mir_ das! O, ich Unglückliche!« rief sie schmerzlich bewegt, -und Tränen glänzten in ihren schönen Augen; »wie hart sind doch die -Menschen gegen ein so armes, armes Mädchen, das ohne Schutz und Hilfe -ist! Aber reden Sie aus, Doktor, ich beschwöre Sie! Es ist noch etwas -anderes zurück, das Sie mir nicht sagten. In welcher Stadt, sagen die -Leute, soll ich --« - -»Signora, ich hätte Ihnen mehr Kraft zugetraut,« sprach Lange, besorgt -über die Bewegung seiner Kranken. »Wahrlich, ich bereue es, nur so viel -gesagt zu haben; ich hätte es nie getan, wenn ich nicht fürchtete, daß -andere mir unberufen zuvorkämen.« - -Die Sängerin trocknete schnell ihre Tränen; »ich will ruhig sein,« -sagte sie wehmütig lächelnd, »ruhig will ich sein wie ein Kind; ich -will fröhlich sein, als hätten mir diese Menschen, die mich jetzt -verdammen, ein tausendstimmiges Bravo zugerufen. Nur erzählen Sie -weiter, lieber, guter Doktor!« - -»Nun, die Leute schwatzen dummes Zeug,« fuhr jener ärgerlich fort. -»So soll, als Sie letzthin im Othello auftraten, in einer der ersten -Ranglogen ein fremder Graf gewesen sein; dieser will Sie erkannt und -vor etwa zwei Jahren in Paris in einem schlechten Hause gesehen haben. --- Aber, mein Gott, Sie werden immer blässer --« - -»Es ist nichts, der Schein der Lampe fiel nur etwas matter herüber, -weiter, weiter!« - -»Nun, dieses Gerede blieb von Anfang nur in den ersten Zirkeln, nach -und nach kam es aber ins Publikum, und da dieser Vorfall hinzukommt, -verbindet man beides und versetzt das frühere Verhältnis zu Ihrem -Mörder in jenes berüchtigte Haus in Paris.« - -Auf den ausdrucksvollen Zügen der Kranken hatte während dieser Rede -die tiefste Blässe mit flammender Röte gewechselt. Sie hatte sich -höher aufgerichtet, als solle ihr kein Wort dieser schrecklichen Kunde -entgehen, ihr Auge haftete starr und brennend auf dem Mund des Arztes, -sie atmete kaum, ihr Herz schien stillzustehen. »Jetzt ist's aus,« rief -sie mit einem schmerzlichen Blick zum Himmel, indem Tränen ihrem Auge -entstürzten, »jetzt ist es aus, wenn _er_ dies hörte, so war es zuviel -für seine Eifersucht. Warum bin ich nicht gestern gestorben, ach! da -hätte ich meinen guten Vater gehabt, und meine süße Mutter hätte mich -getröstet über den Hohn dieser grausamen Menschen!« - -Der Doktor staunte über diese rätselhaften Worte; er wollte eben ein -tröstendes, besänftigendes Wort zu ihr sprechen, als die Türe mit -Geräusch aufflog und ein großer, junger Mann hereinfuhr. Sein Gesicht -war auffallend schön, aber ein wilder Trotz verfinsterte seine Züge, -sein Auge rollte, sein Haar hing verwildert um die Stirne. Er hatte ein -großes zusammengerolltes Notenblatt in der Faust, mit welchem er in der -Luft herumfuhr und gleichsam agierte, ehe er Atem zum Sprechen fand. -Bei seinem Anblick schrie die Sängerin laut auf, der Doktor glaubte -anfangs, aus Angst, aber es war Freude, denn ein holdes Lächeln zog um -ihren Mund, ihr Auge glänzte ihm durch Tränen entgegen. »Carlo!« rief -sie, »Carlo! Endlich kommst du, nach mir zu sehen!« - -»Elende!« rief der junge Mann, indem er majestätisch den Arm mit -der langen Notenrolle nach ihr ausstreckte. »Laß ab von deinem -Sirenengesang, ich komme -- dich zu richten!« - -»O Carlo!« unterbrach ihn die Sängerin, und ihre Töne klangen -schmelzend und süß wie die Klänge der Flöte. »Wie kannst du so zu -deiner Giuseppa sprechen!« - -Der junge Mann wollte mit tragischem Pathos antworten, aber der Doktor, -dem dieser Auftritt für seine Kranke zu angreifend schien, warf sich -dazwischen. »Wertester Herr Carlo,« sagte er, indem er ihm eine Prise -bot, »belieben Sie zu bedenken, daß Mademoiselle in einem Zustand ist, -wo solche Szenen allzusehr ihre schwachen Nerven affizieren!« - -Jener schaute ihn groß an und wandte die Notenrolle gegen ihn. »Wer -bist du, Erdenwurm?« rief er mit tiefer, dröhnender Stimme. »Wer bist -du, daß du dich zwischen mich stellst und meinen Zorn?« - -»Ich bin der Medizinalrat Lange,« entgegnete dieser und schlug die Dose -zu, »und in meinen Titeln befindet sich nichts von einem Erdenwurme. -Ich bin hier Herr und Meister, solange Signora krank ist, und ich sage -Ihnen im guten, packen Sie sich hinaus, oder modulieren Sie Ihr ~Presto -assai~ zu einem anständigen ~Larghetto~.« - -»O, lassen Sie ihn doch, Doktor,« rief die Kranke ängstlich, »lassen -Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er ist mein Freund, Carlo wird -mir nichts Böses tun, was ihm auch die schlechten Menschen wieder von -mir gesagt haben.« - -»Ha! Du wagst es noch zu spotten! Aber wisse, ein Blitzstrahl hat -die Tore deines Geheimnisses gesprengt und hat die Nacht erhellt, -in welcher ich wandelte. Also darum sollte ich nicht wissen, was du -warst, woher du kamst? Darum verschlossest du mir den Mund mit deinen -Küssen, wenn ich nach deinem Leben fragte? Ich Tor! Daß ich von einer -Weiberstimme mich bezaubern ließ und nicht bedachte, daß sie nur Trug -und Lug ist! Nur im Gesang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. ~Ciel!~ -Wie konnte ich mich von den Rouladen einer Dirne betören lassen!« - -»O Carlo,« flüsterte die Kranke, »wenn du wüßtest, wie deine Worte mein -Herz verwunden, wie dein schrecklicher Verdacht noch tiefer dringt als -der Stahl des Mörders!« - -»Nicht wahr, Täubchen,« schrie jener mit schrecklichem Lachen, »deine -Amorosi sollten blind sein, da wäre gut mit ihnen spielen? Der Pariser -muß doch ein wackerer Kerl sein, daß er endlich doch noch das fromme -Täubchen fand!« - -»Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,« rief der Doktor und packte -den Rasenden am Rock; »auf der Stelle marschier' Er sich zu dem Zimmer -hinaus, sonst werde ich die Hausleute rufen, daß sie Ihn expedieren!« - -»Ich gehe schon, Erdenwurm, ich gehe,« schrie jener und stieß den -Medizinalrat zurück, daß er ganz bequem in einem Fauteuil niedersaß; -»ja ich gehe, Giuseppa, um nimmer wiederzukehren. Lebe wohl oder -stirb lieber, Unglückliche, verbirg deine Schmach unter der Erde. -Aber jenseits verbirg deine Seele an einem Ort, wo ich dir nie -begegnen möge; ich würde der Seligkeit fluchen, wenn ich sie mit dir -teilte, weil du mich hier so schändlich um meine Liebe, um mein Leben -betrogen.« Er rief es, indem er noch etwas weniges mit den Noten -agierte, aber sein wildes, rollendes Auge schmolz in Tränen, als er den -letzten Blick auf die Geliebte warf, und schluchzend rannte er aus dem -Zimmer. - -»Ihm nach, halten Sie ihn auf,« rief die Sängerin, »führen Sie ihn -zurück, es gilt meine Seligkeit!« - -»Mit nichten, Wertgeschätzte,« entgegnete Doktor Lange, indem er sich -aus seinem Lehnstuhl aufrichtete; »diese Szene darf nicht fortgespielt -werden. Ich will Ihnen etwas Niederschlagendes aufschreiben, das Sie -alle Stunden zwei Eßlöffel voll einnehmen werden.« - -Die Unglückliche war in ihre Kissen zurückgesunken, und ihre Kräfte -waren erschöpft, sie verlor das Bewußtsein von neuem. - -Der Doktor rief das Mädchen und suchte mit ihrer Hilfe die Kranke -wieder ins Leben zurückzubringen, doch konnte er sich nicht enthalten, -während er die Essenzen einflößte, das Mädchen tüchtig auszuschmälen. -»Habe ich nicht befohlen, man solle niemand, gar niemand hereinlassen, -und jetzt läßt man diesen Wahnsinnigen zu, der Ihr braves Fräulein -beinahe zum zweitenmal ums Leben brachte.« - -»Ich habe gewiß sonst niemand hereingelassen,« sprach die Zofe weinend; -»aber _ihn_ konnte ich doch nicht abweisen; sie schickte mich ja heute -schon dreimal in sein Haus, um ihn zu beschwören, nur auf einen kleinen -Augenblick zu kommen; ich mußte ja sogar sagen, sie sterbe und wolle -ihn vor ihrem Tode nur noch ein einziges Mal sehen!« - -»So? Und wer ist denn dieser --« - -Die Kranke schlug die Augen auf. Sie sah bald den Doktor, bald das -Mädchen an, ihre Blicke irrten suchend durchs Zimmer. »Er ist fort, er -ist auf ewig hin,« flüsterte sie; »ach, lieber Doktor, gehen Sie zu -Bolnau!« - -»Aber, mein Gott, was wollen Sie nur von meinem unglücklichen -Kommerzienrat, er hat sich über Ihre Geschichte schon genug alteriert, -daß er zu Bette liegen muß; was kann denn er Ihnen helfen?« - -»Ach, ich habe mich versprochen,« erwiderte sie, »zu dem fremden -Kapellmeister sollen Sie gehen, er heißt Boloni und logiert im Hotel de -Portugal.« - -»Ich erinnere mich, von ihm gehört zu haben,« sprach der Doktor, »aber -was soll ich bei diesem tun?« - -»Sagen Sie ihm, ich wolle ihm alles sagen, er soll nur noch einmal -kommen -- doch nein, ich kann es ihm nicht selbst sagen; Doktor, wenn -Sie -- ja ich habe Vertrauen zu Ihnen, ich will Ihnen alles sagen, und -dann sagen Sie es wieder dem Unglücklichen, nicht wahr?« - -»Ich stehe zu Befehl; was ich zu Ihrer Beruhigung tun kann, werde ich -mit Freuden tun.« - -»Nun, so kommen Sie morgen frühe, ich kann heute nicht mehr so viel -sprechen. Adieu, Herr Medizinalrat; doch noch ein Wort; Babette, gib -dem Herrn Doktor sein Tuch!« - -Das Mädchen schloß einen Schrank auf und reichte dem Doktor ein Tuch -von gelber Seide, das einen starken, angenehmen Geruch im Zimmer -verbreitete. - -»Das Tuch gehört nicht mir,« sprach jener, »Sie irren sich, ich führe -nur Schnupftücher von Leinwand.« - -»Unmöglich!« entgegnete das Mädchen; »wir fanden es heute nacht am -Boden, ins Haus gehört es nicht, und sonst war noch niemand da als Sie.« - -Der Doktor begegnete den Blicken der Sängerin, die erwartungsvoll auf -ihm ruhten. »Könnte nicht dieses Tuch jemand anderem entfallen sein?« -fragte er mit einem festen Blick auf sie. - -»Zeigen Sie her,« erwiderte sie ängstlich, »daran hatte ich noch -nicht gedacht.« Sie untersuchte das Tuch und fand in der Ecke einen -verschlungenen Namenszug; sie erbleichte, sie fing an zu zittern. - -»Es scheint, Sie kennen dieses Tuch und die Person, die es verloren -hat,« fragte Lange weiter; »es könnte zu etwas führen; darf ich es -nicht mit mir nehmen? Darf ich Gebrauch davon machen?« - -Giuseppa schien mit sich zu kämpfen; bald reichte sie ihm das Tuch, -bald zog sie es ängstlich und krampfhaft zurück. »Es sei,« sagte sie -endlich; »und sollte der Schreckliche noch einmal kommen und mein -wundes Herz diesmal besser treffen, ich wage es; nehmen Sie, Doktor. -Ich will Ihnen morgen Erläuterungen zu diesem Tuche geben.« - - -5. - -Man kann sich denken, wie ausschließlich diese Vorfälle die Seele des -Medizinalrats Lange beschäftigten. Seine sehr ausgebreitete Praxis war -ihm jetzt ebensosehr zur Last, als sie ihm vorher Freude gemacht hatte, -denn verhinderten ihn nicht die vielen Krankenbesuche, die er vorher -zu machen hatte, die Sängerin am andern Morgen recht bald zu besuchen -und jene Aufschlüsse und Erläuterungen zu vernehmen, denen sein Herz -ungeduldig entgegenpochte? Doch zu etwas waren diese Besuche in -dreißig bis vierzig Häusern gut, er konnte, wie er zu sagen pflegte, -hinhorchen, was man über die Bianetti sage, vielleicht konnte er auch -über ihren sonderbaren Liebhaber, den Kapellmeister Boloni, eines oder -das andere erfahren. - -Ueber die Sängerin zuckte man die Achseln. Man urteilte um so -unfreundlicher über sie, je ärgerlicher man darüber war, daß so lange -nichts Offizielles und Sicheres über ihre Geschichte ins Publikum kam. -Ihre Neider -- und welche ausgezeichnete Sängerin, wenn sie dazu schön -und achtzehn alt ist, hat deren nicht genug? -- ihre Neider gönnten ihr -alles und machten hämische Bemerkungen; die Gemäßigten sagten: so ist -es mit solchem Volke; einer Deutschen wäre dies auch nicht passiert. -Ihre Freunde beklagten sie und fürchteten für ihren Ruf beinahe noch -mehr als für ihre Gesundheit. Das arme Mädchen! dachte Lange und -beschloß, um so eifriger ihr zu dienen. - -Vom Kapellmeister wußte man wenig, weder Schlechtes noch Gutes. Er -war vor etwa drei Vierteljahren nach B. gekommen, hatte sich im Hotel -de Portugal ein Dachstübchen gemietet und lebte sehr eingezogen und -mäßig. Er schien sich von Gesangstunden und musikalischen Kompositionen -zu nähren. Alle wollten übrigens etwas Ueberspanntes, Hochfahrendes -an ihm bemerkt haben; die, welche ihn näher kennen gelernt hatten, -fanden ihn sehr interessant, und schon mancher Musikfreund soll sich -ein Couvert an der Abendtafel im Hotel de Portugal bestellt haben, nur -um seine herrliche Unterhaltung über die Musik zu genießen. Aber auch -diese kamen darin überein, daß es mit Boloni nicht ganz richtig sei, -denn er vernachlässige, verachte sogar den weiblichen Gesang, während -er mit Entzücken von Männerstimmen, besonders von Männerchören spreche -Er hatte übrigens keine näheren Bekannten, keinen Freund; von seinem -Verhältnis zur Sängerin Bianetti schien niemand etwas zu wissen. - -Den Kommerzienrat Bolnau fand er noch immer unwohl und im Bette; er -schien sehr niedergeschlagen und sprach mit unsicherer, heiserer -Stimme allerlei Unsinn über Dinge, die sonst gänzlich außer seinem -Gesichtskreise lagen. Er hatte eine Sammlung berühmter Rechtsfälle um -sich her, in welcher er eifrig studierte; die Frau Kommerzienrätin -behauptete, er habe die ganze Nacht darin gelesen und hie und da -schrecklich gewinselt und gejammert. Seine Lektüre betraf besonders -die unschuldig Hingerichteten, und er äußerte gegen den Medizinalrat, -es liege eigentlich für den Menschenfreund ein großer Trost in der -Langsamkeit der deutschen Justiz; denn es lasse sich erwarten, daß, -wenn ein Prozeß zehn und mehrere Jahre daure, die Unschuld doch -leichter an den Tag komme, als wenn man heute gefangen und morgen -gehangen werde. - -Die Sängerin Bianetti, für welche der Doktor endlich ein Stündchen -erübrigt hatte, war düster und niedergeschlagen, als sei keine -Hoffnung mehr für sie auf Erden. Ihr Auge war trübe, sie mußte viel -geweint haben, die Wunde war über alle Erwartung gut; aber mit ihrem -zunehmenden körperlichen Wohlbefinden schien die Ruhe und Gesundheit -ihrer Seele zu schwinden. »Ich habe lange darüber nachgedacht,« sagte -sie, »und fand, daß Sie, lieber Doktor, doch auf höchst sonderbare -Weise in mein Schicksal verwebt werden. Ich kannte Sie vorher nicht; -ich gestehe, ich wußte kaum, daß ein Medizinalrat Lange in B. -existiere. Und jetzt, da ich mit einem Schlage so unglücklich geworden -bin, sendet mir Gott einen so teilnehmenden, väterlichen Freund zu.« - -»Mademoiselle Bianetti,« erwiderte Lange, »der Arzt hat an manchem -Bette mehr zu tun, als nur den Puls an der Linken zu fühlen, Wunden -zu verbinden und Mixturen zu verschreiben. Glauben Sie mir, wenn man -so allein bei einem Kranken sitzt, wenn man den innern Puls der Seele -unruhig pochen hört, wenn man Wunden verbinden möchte, die niemand -siehet, da wird auf wunderbare Weise der Arzt zum Freunde, und der -geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Körper und Seele scheint auch in -diesem Verhältnis auffallend zu wirken.« - -»So ist es,« sprach Giuseppa, indem sie zutraulich seine Hand faßte; -»so ist es, und auch meine Seele hat einen Arzt gefunden. Sie werden -vielleicht viel für mich tun müssen. Es möchte sein, daß Sie sogar vor -den Gerichten in meinem Namen handeln müssen. Wenn Sie einem armen -Mädchen, das sonst gar keine Stütze hat, dieses große Opfer bringen -wollen, so will ich mich Ihnen entdecken.« - -»Ich will es tun,« sprach der freundliche Alte, indem er ihre Hand -drückte. - -»Aber bedenken Sie es wohl; die Welt hat meinen Ruf angegriffen, sie -klagt mich an, sie richtet, sie verdammt mich. Wenn nun die Menschen -auch auf Sie höhnisch deuten, daß Sie der verrufenen Sängerin, der -schlechten Italienerin, ach! _meiner_ sich angenommen haben, werden -Sie das ertragen können?« - -»Ich will es!« rief der Doktor mit Ernst und Heftigkeit. »Erzählen Sie!« - - -6. - -»Mein Vater,« erzählte die Sängerin, »war Antonio Bianetti, ein -berühmter Violinspieler, der Ihnen aus jüngeren Jahren nicht unbekannt -sein kann, denn sein Ruf hatte durch die Konzerte, die er an Höfen -und in großen Städten gab, sich überall verbreitet. Ich kann mir ihn -nur noch aus meiner frühesten Kindheit denken, wie er mir die Skala -vorgeigte, die ich schon im dritten Jahre sehr richtig nachsang. Meine -Mutter war zu ihrer Zeit eine vorzügliche Sängerin gewesen und pflegte -in den Konzerten des Vaters einige Arien und Kanzonetten vorzutragen. -Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der Reise starb und uns in -Armut zurückließ. Meine Mutter mußte sich entschließen, durch Singen -uns fortzubringen. Sie heiratete nach einem Jahr einen Musiker, der -ihr von Anfang sehr geschmeichelt haben soll, nachher aber zeigte es -sich, daß er sie nur geheiratet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde -Musikdirektor in einer kleinen Stadt im Elsaß, und da fing erst unser -Leiden recht an. - -»Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre Stimme so sehr, -daß sie beinahe keinen Ton mehr singen konnte. Dadurch war die größte -Geldquelle meines Stiefvaters versiegt, denn seine Konzerte waren nur -durch meine Mutter glänzend und zahlreich gewesen. Er plagte sie von -jetzt an schrecklich; mir wollte er gar nicht mehr zu essen geben, -bis er endlich auf ein Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen. Er -marterte mich ganze Tage lang und geigte mir die schwersten Sachen von -Mozart, Gluck, Rossini und Spontini ein, die ich dann Sonntagsabend mit -großem Applaus absang; das arme Schepperl, so hatte man meinen Namen -Giuseppa verketzert, wurde eines jener unglücklichen Wunderkinder, -denen die Natur ein schönes Talent zu ihrem größten Unglück gegeben -hat; der Grausame ließ mich alle Tage singen, er peitschte mich, er -gab mir tagelang nichts zu essen, wenn ich nicht richtig intoniert -hatte; die Mutter aber konnte meine Qualen nicht mehr lange sehen, es -war, als ob ihr Leben in ihren stillen Tränen dahinfließe; an einem -schönen Frühlingsmorgen fanden wir sie tot. Was soll ich Sie von meinen -Marterjahren unterhalten, die jetzt anfingen? Ich war elf Jahre alt -und sollte die Haushaltung führen, die kleinen Geschwister erziehen, -und dabei noch singen lernen für die Konzerte! O, es war eine Qual der -Hölle! - -»Um diese Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater immer einen Sack -voll Fünffrankstücke mitbrachte. Ich kann nicht ohne Grauen an ihn -denken. Es war ein großer, hagerer Mann von mittlerem Alter; er hatte -kleine blinzelnde, graue Augen, die ihn durch ihren unangenehmen, -stechenden Ausdruck vor allen Menschen, die ich je gesehen, -auszeichnete. Mich schien er besonders liebgewonnen zu haben. Er lobte, -wenn er kam, meine Größe, meinen Anstand, mein Gesicht, meinen Gesang. -Er setzte mich auf seine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches -Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines Schreiens, er -sagte wohlgefällig: ›Noch zwei -- drei Jahr, dann bist du fertig, -Schepperl!‹ Und er und mein Stiefvater brachen in ein wildes Lachen bei -dieser Prophezeiung aus. An meinem fünfzehnten Geburtsfest sagte mein -Stiefvater zu mir: ›Höre, Schepperl, du hast nichts, du bist nichts, -ich geb' dir nichts, ich will nichts von dir, habe auch hinlänglich -genug an meinen drei übrigen Rangen; die Christel (meine Schwester) -wird jetzt statt deiner das Wunderkind. Was du hast, dein bißchen -Gesang, hast du von mir, damit wirst du dich fortbringen. Der Onkel in -Paris will dich übrigens aus Gnade in sein Haus aufnehmen.‹ -- ›Der -Onkel in Paris?‹ rief ich staunend, denn bisher wußte ich nichts von -einem solchen. ›Ja, der Onkel in Paris,‹ gab er zur Antwort, ›er kann -alle Tage kommen.‹ - -»Sie können sich denken, wie ich mich freute; es ist jetzt drei Jahre -her, aber noch heute ist die Erinnerung an jene Stunden so lebhaft -in mir, als wäre es gestern gewesen. Das Glück, aus dem Hause meines -Vaters zu kommen, das Glück, meinen Onkel zu sehen, der sich meiner -erbarme, das Glück, nach Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz des -Putzes und der Seligkeit dachte, -- ich war berauscht von so vielem -Glück; so oft ein Wagen fuhr, sah ich hinaus, ob nicht der Onkel komme, -mich in sein Reich abzuholen. Endlich fuhr eines Abends ein Wagen vor -unserem Hause vor. ›Das ist dein Onkel,‹ rief der Vater; ich flog -hinab, ich breitete meine Arme aus nach meinem Erretter -- grausame -Täuschung! Es war der Mann mit den Fünffrankenstücken. - -»Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber dennoch vergesse -ich die teuflische Freude nie, die aus seinen grauen Augen blitzte, als -er mich hoch aufgewachsen fand; noch immer klingt mir seine krächzende -Stimme in den Ohren: ›Jetzt bist du recht, mein Täubchen, jetzt will -ich dich einführen in die große Welt.‹ Er faßte mich mit der Hand, mit -der andern warf er einen Geldsack auf den Tisch; der Sack fuhr auf, -ein glänzender Regen von Silber- und Goldstücken rollte auf den Boden; -meine drei kleinen Geschwister und der Vater jubelten, rutschten auf -dem Boden umher und lasen die Stücke auf, -- es war -- mein Kaufpreis. - -»Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der hagere Mann (ich -vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte mir beständig vor, -welch glänzende Rolle ich in seinen Salons spielen werde. Ich konnte -mich nicht freuen, eine Angst, eine unerklärliche Bangigkeit waren an -die Stelle meiner Freude, meines Glückes getreten. Vor einem großen, -erleuchteten Hause hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis -zwölf schöne, allerliebste Mädchen hüpften die breiten Treppen herab -uns entgegen. Sie herzten und küßten mich und nannten mich Schwester -Giuseppa; ich fragte den Hagern: ›Sind dies Ihre Töchter, mein Herr?‹ --- ›~Oui, mes bonnes enfants!~‹ rief er lachend, und die Mädchen und -die zahlreiche Dienerschaft stimmten ein mit einem rohen, schallenden -Gelächter. - -»Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerstreuten mich. Ich wurde am -folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich in den Salon. Die -zwölf Mädchen saßen im schönsten Putz an Spieltischen, auf Kanapees, am -Flügel. Sie unterhielten sich mit jungen und ältern Herrn sehr lebhaft. -Als ich eintrat, brachen alle auf, gingen mir entgegen und betrachteten -mich. Der Herr des Hauses führte mich zum Flügel, ich mußte singen; -allgemeiner Beifall wurde mir zu teil. Man zog mich ins Gespräch, -meine ungebildeten, halb italienischen Ausdrücke galten für Naivität; -man bewunderte mich, ich erröte heute noch, mit welchen Worten man -mir dieses sagte. So ging es mehrere Tage herrlich und in Freuden. -Ich lebte ungeniert, ich hätte zufrieden leben können, wenn ich mich -nicht höchst unbehaglich, beinahe bänglich in diesem Hause, in dieser -Gesellschaft gefühlt hätte; in meiner naiven Unschuld glaubte ich, -so sei nun einmal die große Welt, und man müsse sich in ihre Sitten -fügen. Eines fiel mir jedoch auf; als ich an einem Abende zufällig an -der Treppe vorbeiging, sah ich, daß die Herren, die uns besuchten, dem -Portier Geld gaben, dafür blaue oder rote Karten bekamen und solche -einem Bedienten vor dem Salon wieder übergaben. Ein junger Stutzer, -der an mir vorüberkam, wies mir mit zärtlichen Blicken eine dieser -roten Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber errötete. -Aber hören Sie weiter, was sich alsbald zutrug. - -»Sehen Sie, lieber Doktor, hier habe ich ein kleines, unscheinbares -Papier. Diesem bin ich meine Rettung schuldig. Ich fand es eines -Morgens unter dem Brötchen meines Frühstücks, ich weiß nicht, von -welcher gütigen Hand es kam, aber möge der Himmel das Herz belohnen, -das sich meiner erbarmte. Es lautet: - - ›Mademoiselle! - -Das Haus, welches Sie bewohnen, ist ein Freudenhaus; die Damen, die -Sie um sich sehen, sind Freudenmädchen; sollten wir uns in Giuseppa -geirrt haben? Wird sie einen kurzen Schimmer von Glück mit langer Reue -erkaufen wollen?‹ - -»Es war ein schreckliches Licht, es drohte mich völlig zu blenden, denn -es zerriß beinahe zu plötzlich meinen unschuldigen Kindersinn und den -Traum von einer unbesorgten glücklichen Lage. Was war zu tun? Ich hatte -in meinem Leben noch nicht gelernt, Entschlüsse zu fassen. Der Mann, -dem dieses Haus gehörte, war mir ein fürchterlicher Zauberer, der jeden -meiner Gedanken lesen könne, der jetzt schon darum wissen müsse, was -ich erfahren. Und dennoch wollte ich lieber sterben, als noch einen -Augenblick hier verweilen. -- Ich hatte ein Mädchen geradeüber von -unserer Wohnung zuweilen Italienisch sprechen hören; ich kannte sie -nicht -- aber kannte ich denn sonst jemand in dieser ungeheuren Stadt? -Diese vaterländischen Klänge erweckten Zutrauen in mir; zu ihr wollte -ich flüchten, ich wollte sie auf den Knieen anflehen, mich zu retten. - -»Es war sieben Uhr frühe; ich war meiner ländlichen Gewohnheit treu -geblieben, stand immer frühe auf und pflegte gleich nachher zu -frühstücken, und dies rettete mich. Um diese Zeit schliefen noch alle, -sogar ein großer Teil der Domestiken. Nur der Portier war zu fürchten. -Doch konnte er denken, daß jemand aus diesem Tempel der Herrlichkeit -entfliehen werde? Ich wagte es; ich warf mein schwarzes, unscheinbares -Mäntelchen um mich, eilte die Treppe hinab; meine Kniee schwankten, als -ich an der Loge des Portiers vorbeiging; er bemerkte mich nicht; drei -Schritte, und ich war frei. - -»Rechts über die Straße hinüber wohnte das italienische Mädchen. Ich -sprang über die breite Straße, ich pochte am Haus, ein Diener öffnete. -Ich fragte nach der Signora mit dem schwarzen Lockenköpfchen, die -Italienisch spreche. Der Diener lachte und sagte, ich meine wohl die -kleine Exzellenza Seraphine; ›dieselbe, dieselbe,‹ antwortete ich, -›führen Sie mich geschwind zu ihr.‹ Er schien anfangs Bedenken zu -tragen, weil es noch frühe am Tage sei, doch meine Bitten überredeten -ihn. Er führte mich in dem zweiten Stock in ein Zimmer, hieß mich -warten und rief dann eine Zofe, der Exzellenza mich zu melden. Ich -hatte mir gedacht, das hübsche italienische Mädchen werde meines -Standes sein; ich schämte mich, einer Höheren mich zu entdecken, aber -man ließ mir keine Zeit, mich zu besinnen; die Zofe erschien, mich vor -das Bett ihrer Gebieterin zu führen. Ja, sie war es, es war die schöne -junge Dame, die ich hatte Italienisch sprechen hören. Ich stürzte vor -ihr nieder und flehte sie um ihren Schutz an; ich mußte ihr meine ganze -Geschichte erzählen. Sie schien gerührt und versprach, mich zu retten. -Sie ließ den Diener, der mich heraufgeführt hatte, kommen und legte -ihm das strengste Stillschweigen auf, dann wies sie mir ein kleines -Stübchen an, dessen Fenster in den Hof gingen, gab mir zu arbeiten und -zu essen, und so lebte ich mehrere Tage in Freude über meine Rettung, -in Angst über meine Zukunft. - -»Es war das Haus des Gesandten eines kleinen deutschen Hofes, in -welches ich aufgenommen war. Die Exzellenza war seine Nichte, eine -geborene Italienerin, die bei ihm in Paris erzogen worden war. Sie -war ein gütiges, liebenswürdiges Geschöpf, dessen Wohltaten ich nie -vergessen werde. Sie kam alle Tage zu mir und tröstete mich; sie sagte -mir, daß der Gesandte durch seine Bedienten in dem Hause des argen -Mannes nachgeforscht habe. Man sei sehr in Bestürzung, suche es aber -zu verbergen. Die Diener drüben flüstern geheimnisvoll, es habe sich -eine Mamsell aus einem Fenster des zweiten Stocks in den Kanal der -Seine gestürzt. Sonderbare Fügung! Mein Zimmer war ein Eckzimmer und -sah mit der einen Seite nach der Straße, die andere ging schroff hinab -in einen Kanal. Ich erinnerte mich, an jenem Morgen ein Fenster dieser -Seite geöffnet zu haben; wahrscheinlich war es _offen_ geblieben, -und so mochte man sich mein Verschwinden erklären. Signora Seraphine -sollte um diese Zeit nach Italien zurückkehren, sie war so gütig, -mich mitzunehmen. Ja, sie tat noch mehr für mich; sie bewog ihre -Eltern in Piacenza, daß sie mich wie ihr Kind in ihr Haus aufnahmen; -sie ließ mein Talent ausbilden, ihr habe ich Freiheit, Leben, Kunst, -o! vielleicht mehr, als ich weiß, zu danken. In Piacenza lernte ich -den Kapellmeister Boloni, der übrigens kein Italiener ist, kennen; -er schien mich zu lieben, aber er sagte es mir nicht. Ich nahm bald -nachher den Ruf an das hiesige Theater an. Man schätzte mich hier, man -hat mir sonst wohlgewollt, mein Leben und mein Ruf waren unsträflich; -ach, ich habe in dieser langen Zeit nie einen Mann bei mir gesehen, als --- ich kann Ihnen dieses schöne Verhältnis ohne Erröten gestehen -- -als Boloni, der mir bald hierher nachgereist war. Sie haben mein Leben -jetzt gehört; sagen Sie mir, habe ich etwas getan, um so bittere Strafe -zu verdienen? Habe ich so Entsetzliches verschuldet?« - - -7. - -Als die Sängerin geendet hatte, ergriff der Medizinalrat lebhaft ihre -Hand. »Ich wünsche mir Glück,« sagte er, »den wenigen Menschen, die Sie -auf Ihrem Lebensweg gefunden haben, beitreten zu können. Meine Kräfte -sind zwar zu schwach, um für Sie tun zu können, was die treffliche -kleine Exzellenza für Sie tat, aber ich will suchen, Ihr trauriges -Geschick entwirren zu helfen; ich will den Brausewind, Ihren Freund, -zu versöhnen suchen. Aber sagen Sie mir nur, was ist denn Herr Boloni -eigentlich für ein Landsmann?« -- »Da fragen Sie mich zu viel,« -erwiderte sie ausweichend: »ich weiß nur, daß er ein Deutscher von -Geburt ist und, wenn ich nicht irre, wegen Familienverhältnissen vor -mehreren Jahren sein Vaterland verließ. Er hielt sich in England und -Italien auf und kam vor etwa drei Vierteljahren hierher.« - -»So, so; aber warum haben Sie ihm _das_, was Sie mir erzählen, nicht -schon früher selbst gesagt?« - -Giuseppa errötete bei dieser Frage; sie schlug die Augen nieder und -antwortete: »Sie sind mein Arzt, mein väterlicher Freund, es ist mir, -wenn ich zu Ihnen spreche, als spräche ich als Kind zu meinem Vater. -- -Aber konnte ich denn dem jungen Mann von diesen Dingen erzählen? Und -ich kenne ja seine schreckliche Eifersucht, seinen leicht gereizten -Argwohn, ich habe es nie über mich vermocht, ihm zu sagen, welchen -Schlingen ich entflohen war.« - -»Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie sind ein gutes Kind; glauben -Sie mir, es tut einem alten Manne wohl, auf solche dezente Gefühle -aus der alten Zeit zu stoßen; denn heutzutage gilt es für guten Ton, -sich über dergleichen wegzusetzen. Aber noch haben Sie mir nicht alles -erzählt; der Abend auf der Redoute, jene schreckliche Nacht? --« - -»Es ist wahr, ich muß Ihnen noch weiter sagen. Ich habe, so oft ich im -stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorsehung gepriesen, daß man -in jenem Hause glaubte, ich habe mich selbst getötet, denn es war mir -nur zu gewiß, daß, wenn jener Schreckliche nur die entfernteste Ahnung -von meinem Leben habe, er kommen werde, sein Opfer zurückzuholen oder -es zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankstück für mich bezahlt -haben. Deswegen habe ich, solange ich in Piacenza war, manches schöne -Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich mich scheute, öffentlich -aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb Jahre dort war, brachte mir -eines Morgens Seraphine ein Pariser Zeitungsblatt, worin der Tod des -Chevalier de Planto angezeigt war.« - -»Chevalier de Planto?« unterbrach sie der Arzt: »hieß so jener Mann, -der Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte?« - -»So hieß er; ich war voll Freude, meine letzte Furcht war verschwunden, -und es stand nichts mehr im Wege, meinen Wohltätern nicht mehr -beschwerlich zu fallen. Schon einige Wochen nachher kam ich nach B. Ich -ging vorgestern abend auf die Redoute, und ich will Ihnen nur gestehen, -daß ich recht freudig gestimmt war. Boloni durfte nicht wissen, in -welchem Kostüm ich erscheinen würde, ich wollte ihn necken und dann -überraschen. Auf einmal, wie ich allein durch den Saal gehe, flüstert -eine Stimme in mein Ohr: ›Schepperl! was macht dein Onkel?‹ Ich war wie -niedergedonnert; diesen Namen hatte ich nicht mehr gehört, seit ich -den Händen jenes Fürchterlichen entgangen war. Mein Onkel! Ich hatte -ja keinen, und nur _einer_ hatte gelebt, der sich vor der Welt dafür -ausgab, der Chevalier de Planto. Ich hatte kaum so viel Fassung, zu -erwidern: ›Du irrst dich, Maske!‹ Ich wollte hinwegeilen, mich unter -dem Gewühl der Menge verbergen, aber die Maske schob ihren Arm in den -meinigen und hielt mich fest. ›Schepperl!‹ sprach der Unbekannte, -›ich rate dir, ruhig neben mir herzugehen, sonst werde ich den Leuten -erzählen, in welcher Gesellschaft du dich früher umhergetrieben.‹ Ich -war vernichtet, es wurde Nacht in meiner Seele, nur _ein_ Gedanke war -in mir lebhaft: die Furcht vor der Schande. Was konnte ich armes, -hilfloses Mädchen machen, wenn dieser Mensch, wer er auch sein mochte, -solche Dinge von mir aussagte? Die Welt würde ihm geglaubt haben, und -Carlo! ach, Carlo wäre nicht der letzte gewesen, der mich verdammt -hätte. Ich folgte dem Manne an meiner Seite willenlos. Er flüsterte -mir die schrecklichsten Dinge zu; meinen Onkel, wie er den Chevalier -nannte, habe ich unglücklich gemacht, meinen Vater, meine Familie ins -Verderben gestürzt. -- Ich konnte es nicht mehr aushalten, ich riß mich -los und rief nach meinem Wagen. Als ich mich aber auf der Treppe umsah, -war diese schreckliche Gestalt mir gefolgt. ›Ich fahre mit dir nach -Hause, Schepperl,‹ sprach er mit schrecklichem Lachen; ›ich habe noch -ein paar Worte mit dir zu reden.‹ Die Sinne vergingen mir, ich fühlte, -daß ich ohnmächtig werde, ich wachte erst wieder im Wagen auf, die -Maske saß neben mir. Ich stieg aus und ging auf mein Zimmer, er folgte; -er fing sogleich wieder an zu reden; in der Todesangst, ich möchte -verraten werden, schickte ich Babette hinaus. - -»›Was willst du hier, Elender?‹ rief ich voll Wut, mich so beleidigt zu -sehen. ›Was kannst du von mir Schlechtes sagen? Ohne meinen Willen kam -ich in jenes Haus; ich verließ es, als ich sah, was dort meiner warte.‹ - -»›Schepperl, mache keine Umstände; es gibt nur zwei Wege, dich zu -retten. Entweder zahlst du auf der Stelle zehntausend Franken, sei es -in Juwelen oder Gold, oder du folgst mir nach Paris; sonst weiß morgen -die ganze Stadt mehr von dir, als dir lieb ist.‹ Ich war außer mir. -›Wer gibt dir dieses Recht, mir solche Zumutungen zu machen?‹ rief ich. -›Wohlan! sage der Stadt, was du willst; aber auf der Stelle verlasse -dieses Haus! Ich rufe die Nachbarn.‹ - -»Ich hatte einige Schritte gegen das Fenster getan, er lief mir nach, -packte meinen Arm. ›Wer mir das Recht gibt?‹ sprach er, ›dein Vater, -Täubchen, dein Vater.‹ Ein teuflisches Lachen tönte aus seinem Mund, -der Schein der Kerze fiel auf ein Paar graue, stechende Augen, die -mir nur zu bekannt waren. In demselben Moment war mir klar, wen ich -vor mir hatte; ich wußte jetzt, daß sein Tod nur ein Blendwerk war, -das er zu irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir -übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm seine Maske -abreißen. ›Ich kenne Euch, Chevalier de Planto,‹ rief ich, ›aber Ihr -sollt den Gerichten Rechenschaft über mich geben müssen.‹ -- ›So weit -sind wir noch nicht, Täubchen,‹ sagte er, und in demselben Augenblick -fühlte ich sein Eisen in meiner Brust, ich glaubte zu sterben --« - -Der Doktor schauderte; es war heller Tag, und doch graute ihm, wie wenn -man im Dunkeln von Gespenstern spricht. Er glaubte, das heisere Lachen -dieses Teufels zu hören, er glaubte, hinter den Gardinen des Bettes -die grauen, stechenden Augen dieses Ungeheuers glänzen zu sehen. »Sie -glauben also,« sagte er nach einer Weile, »daß der Chevalier nicht tot -ist, daß es derselbe ist, der Sie ermorden wollte?« - -»Seine Stimme, sein Auge überzeugten mich; das Tuch, das ich Ihnen -gestern gab, machte es mir zur Gewißheit. Die Anfangslettern seines -Namens sind dort eingezeichnet.« - -»Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu handeln? Darf ich alles, was -Sie mir sagten, selbst vor Gericht angeben?« - -»Ich habe keine Wahl, alles! Aber, nicht wahr, Doktor, Sie gehen zu -Boloni und sagen ihm, was ich Ihnen sagte? Er wird Ihnen glauben, er -kannte ja auch Seraphine.« - -»Und darf ich nicht auch wissen,« fuhr der Medizinalrat fort, »wie der -Gesandte hieß, in dessen Haus Sie sich verbargen?« - -»Warum nicht? Es war ein Baron Martinow.« - -»Wie?« rief Lange in freudiger Bewegung. »Der Baron Martinow? Ist er -nicht in ...schen Diensten?« - -»Ja, kennen Sie ihn? Er war Gesandter des ...schen Hofes in Paris und -nachher in Petersburg.« - -»O, dann ist es gut, sehr gut,« sagte der Medizinalrat und rieb sich -freudig die Hände. »Ich kenne ihn, er ist seit gestern hier; er hat -mich rufen lassen; er wohnt im Hotel de Portugal.« - -Eine Träne blinkte in dem Auge der Sängerin, und von frommen -Empfindungen schien ihr Herz bewegt. »So mußte ein Mann,« sagte sie, -»den ich viele hundert Meilen entfernt glaubte, hierher kommen, um -die Wahrheit meiner Erzählung zu bekräftigen! Gehen Sie zu ihm; ach, -daß auch Carlo zuhören könnte, wenn er Ihnen versichert, daß ich die -Wahrheit sprach!« - -»Er soll es, er soll mit mir, ich will es schon machen. Adieu, gutes -Kind; seien Sie ganz ruhig, es muß Ihnen noch gut gehen auf Erden, und -nehmen Sie die Mixtur recht fleißig, alle Stunden zwei Löffel voll!« -So sprach der Doktor und ging. Die Sängerin aber dankte ihm durch -ihre freundlichen Blicke. Sie war ruhiger und heiter; es war, als -habe sie eine große Last mit ihrem Geheimnis hinweggewälzt; sie sah -vertrauensvoller in die Zukunft, denn ein gütiges Geschick schien sich -des armen Mädchens zu erbarmen. - - -8. - -Der Baron Martinow, dem Lange früher einmal einen wichtigen Dienst zu -leisten Gelegenheit gehabt hatte, nahm ihn freundlich auf und gab ihm -über die Sängerin Bianetti die genügendsten Aufschlüsse. Er bestätigte -nicht nur beinahe wörtlich ihre Erzählung, sondern er brach auch in -die lautesten Lobeserhebungen ihres Charakters aus; ja er versprach, -wohin er in dieser Stadt kommen würde, überall zu ihren Gunsten zu -sprechen und die Gerüchte zu widerlegen, die über sie im Umlauf waren. -Er hat auch Wort gehalten, denn hauptsächlich seinem Ansehen und der -edelmütigen Art, womit er sich der Italienerin annahm, schrieben es -ihre Freunde zu, daß die Gesinnungen des Publikums über sie in wenigen -Tagen wie durch einen Zauberschlag sich änderten. Der Medizinalrat -Lange aber stieg an jenem Tage, als er vom Gesandten kam, aus der -Bel-Etage des Hotels de Portugal noch einige Treppen höher, in die -Mansarden; in Nr. 54 sollte der Kapellmeister wohnen. Er stand vor der -Türe still, um Atem zu schöpfen, denn die steilen Treppen hatten ihn -angegriffen. Sonderbare Töne drangen aus dieser Türe in sein Ohr. Es -schien ein schwer Kranker darin zu sein, denn er vernahm ein tiefes -Stöhnen und Seufzen, das aus der tiefsten Brust aufzusteigen schien. -Dann klangen wieder schreckliche französische und italienische Flüche -dazwischen, wie wenn Ungeduld dem Jammer Luft machen will, und ein -heiseres Lachen der Verzweiflung bildete wieder den Uebergang zu jenen -tiefen Seufzern. Der Medizinalrat schauderte. »Habe ich doch schon -neulich etwas weniges Wahnsinn an dem Maestro verspürt,« dachte er, -»sollte er vollends übergeschnappt sein, oder ist er krank geworden -aus Schmerz?« Er hatte schon den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, -als sein Blick noch einmal auf die Nummer der Türe fiel; es war 53. -Wie hatte er sich doch täuschen können; fast wäre er zu einem ganz -fremden Menschen eingetreten. Unwillig über sich selbst ging er eine -Türe weiter; hier war 54; hier lautete es auch ganz anders. Eine tiefe -schöne Männerstimme sang ein Lied, begleitet von dem Pianoforte; der -Medizinalrat trat ein, es war jener junge Mann, den er gestern bei der -Sängerin gesehen. - -Im Zimmer lagen Notenblätter, Gitarre, Violinen, Saiten und anderer -Musikbedarf umher, und mitten unter diesen Trümmern stand der -Kapellmeister in einem weiten, schwarzen Schlafrock, eine rote Mütze -auf dem Kopf und eine Notenrolle in der Hand; der Doktor hat nachher -gestanden, es sei ihm bei seinem Anblick Marius auf den Trümmern von -Karthago eingefallen. - -Der junge Mann schien sich seiner von gestern zu erinnern und empfing -ihn beinahe finster; doch war er so artig, einen Stoß Notenblätter mit -einem Ruck von einem Sessel auf den Boden zu werfen, um seinem Besuch -Platz anzubieten; er selbst stieg mit großen Schritten im Zimmer umher, -und sein fliegender Schlafrock nahm geschickt den Staub von Tischen und -Büchern. - -Er ließ den Medizinalrat nicht zum Worte gelangen, er überschrie ihn. -»Sie kommen von ihr?« rief er. »Schämen sich Ihre grauen Haare nicht, -der Kuppler eines solchen Weibes zu werden? Ich will nichts mehr hören; -ich habe mein Glück zu Grabe getragen, Sie sehen, ich traure um meine -Seligkeit; ich habe meinen schwarzen Schlafrock an, schon dies sollte -Ihnen, wenn Sie sich entfernt auf Psychologie verstehen, ein Zeichen -sein, daß ich jene Person für mich als gestorben ansehe. O Giuseppa, -Giuseppa!« - -»Wertester Herr Kapellmeister,« unterbrach ihn der Doktor, »so hören -Sie mich nur an --« - -»Hören? Was wissen Sie von Hören? Lauschen Sie, wenn Sie von Hören -sprechen; ich will prüfen, ob du Gehör hast, Alter! Siehe, das ist -das Weib,« fuhr er fort, indem er den Flügel aufriß und einiges -spielte, das übrigens dem Doktor, der kein großer Musikkenner war, -vorkam wie andere Musik auch; »hören Sie dieses Weiche, Schmelzende, -Anschmiegende? Aber bemerken Sie nicht in diesen Uebergängen das -unzuverlässige, flüchtige, charakterlose Wesen dieser Geschöpfe? Aber -hören Sie weiter,« sprach er mit erhobener Stimme und glänzendem Auge, -indem er die weiten Aermel des Trauerschlafrockes zurückschüttelte, -»wo Männer wirken, ist Kraft und Wahrheit; hier kann nichts Unreines -aufkommen, es sind heilige, göttliche Laute!« Er hämmerte mit großer -Macht auf den Tasten umher, aber dem Doktor wollte es wieder bedünken, -als sei dies nur ganz gewöhnliche Musik. - -»Sie haben da eine sonderbare Charakteristik der Menschen,« sagte -er; »da wir doch einmal so weit sind, dürfte ich Sie nicht bitten, -Verehrter, daß Sie mir doch einmal einen Medizinalrat auf dem Klavier -vorstellten?« - -Der Musiker sah ihn verächtlich an. »Wie magst du nur mit einem -schlechten quiekenden Cis hereinfahren, Erdenwurm, wenn ich den -herrlichen, strahlenwerfenden Akkord anschlage!« - -Die Antwort des Doktors wurde durch ein Klopfen an der Tür -unterbrochen; eine kleine verwachsene Figur trat herein, machte eine -Reverenz und sprach: »Der kranke Herr auf Nr. 53 läßt den Herrn -Kapellmeister höflichst ersuchen, doch nicht so gar erschrecklich -zu hantieren und zu haselieren, wasmaßen derselbe von gar schwacher -Konstitution und dem zeitlichen Hinscheiden nahe ist.« - -»Ich lasse dem Herrn meinen gehorsamsten Respekt vermelden,« erwiderte -der junge Mann, »und meinetwegen könne er abfahren, wann es ihm -gefällig. Es graut mir ohnedies alle Nacht vor seinem Jammern und -Stöhnen, und das greulichste sind mir seine gottlosen Flüche und sein -tolles Lachen. Meint vielleicht der Franzose, er sei allein Herr im -Hotel de Portugal? Geniert er mich, so geniere ich ihn wieder.« - -»Aber verzeihen Euer Hochedelgeboren,« sagte der verwachsene Mensch, -»er treibt's nicht mehr lange, wollten Sie ihm nicht die letzten -Augenblicke --« - -»Ist er so gar krank, der Herr?« fragte der Medizinalrat teilnehmend, -»was fehlt ihm? Wer behandelt ihn? Wer ist er?« - -»Wer er ist, weiß ich gerade nicht; ich bin der Lohnlakai; ich denke, -er nennt sich Lorier und ist aus Frankreich; vorgestern war er noch -wohlauf, aber etwas melancholisch, denn er ging gar nicht aus, hatte -auch keine Lust, die Merkwürdigkeiten dieser Stadt zu sehen, aber am -andern Morgen fand ich ihn schwerkrank im Bette; es scheint, er hat in -der Nacht einen Schlaganfall bekommen. Aber um alle Welt will er keinen -Arzt. Er flucht gräßlich, wenn ich frage, ob ich einen zu ihm führen -solle. Er pflegt und verbindet sich selbst; ich glaube, er hat auch -eine alte Schußwunde aus dem Krieg, die jetzt wieder aufgegangen ist.« - -Man hörte in diesem Augenblick den Kranken nebenan mit heiserer Stimme -rufen und einige Verwünschungen ausstoßen. Der Lohnlakai schlug drei -Kreuze und flog hinüber. - -Der Doktor versuchte noch einmal, ob seine Reden bei dem verstockten -Liebhaber keinen Eingang fänden, und wirklich schien es diesmal zu -gelingen. Er hatte eine Partitur in die Hand genommen, aus welcher er -mit leiser Stimme vor sich hinsang; der Doktor benützte diese ruhigere -Stimmung und fing an, ihm das Leben der Sängerin zu erzählen. Anfangs -schien der Kapellmeister nicht darauf zu achten; er las emsig in seiner -Partitur und tat, als sei außer ihm niemand im Zimmer; nach und nach -aber wurde er aufmerksamer, er hörte auf zu singen; bald hob sich -zuweilen sein Auge über die Partitur und streifte glühend über des -Doktors Gesicht, dann ließ er das Notenheft sinken und sah den Erzähler -fest an; sein Interesse schien mehr und mehr zu wachsen, seine Augen -glänzten, er rückte näher, er faßte den Arm des Mediziners, und als -dieser seine Erzählung schloß, sprang er in großer Bewegung auf und -rannte im Zimmer auf und nieder. »Ja,« rief er, »es liegt Wahrheit -darin, ein Schein von Wahrheit, eine Wahrscheinlichkeit; es ist -möglich, es könnte etwa so gewesen sein; Teufel! könnte es nicht auch -eine Lüge sein?« - -»Das heißt man, glaube ich, ~decrescendo~ in Ihrer werten Kunst, Herr -Kapellmeister; aber warum denn bei dieser Sache so von der Wahrheit bis -zur Lüge herabsteigen? Wenn ich Ihnen nun einen Bürgen für die Wahrheit -stellte? Maestro, wie dann?« - -Boloni blieb sinnend vor ihm stehen: »Ha! wer dieses könnte, -Medizinalrat, in Gold wollte ich dich fassen, schon dieser Gedanke -verdient, groß und königlich belohnt zu werden. Ja! wer mir Bürge wäre! --- Es ist alles so finster -- verworrene Labyrinthe -- kein Ausgang -- -kein leitendes Gestirn!« - -»Wertgeschätzter Freund,« unterbrach ihn der Doktor; »ich ertappe Sie -hier auf einer Reminiszenz aus Schillers Räubern, so in der Cottaschen -Taschenausgabe stehet, wenn ich mich recht erinnere. Demungeachtet weiß -ich einen solchen Bürgen, ein solches leitendes Gestirn.« - -»Ha! Wer mir einen solchen gäbe!« rief jener. »Er sei mein Freund, mein -Engel, mein Gott -- ich will ihn anbeten!« - -»Es ist zwar in der angeführten Stelle von einem Schwert die Rede, -womit man der Otternbrut eine brennende Wunde versetzen will; -nichtsdestoweniger aber will ich Sie überzeugen; jener Gesandte, der -die arme Giuseppa in seinem Hause aufnahm, logiert zufällig hier im -Hause auf Nr. 6; belieben Sie einen Frack anzuziehen und ein Halstuch -umzuknüpfen, so werde ich Sie zu ihm führen; er hat mir versprochen, -Sie zu überzeugen.« - -Der junge Mann drückte gerührt die Hand des Arztes; doch auch jetzt -noch konnte er ein gewisses erhabenes Pathos nicht verbergen. »Ihr wart -mein guter Engel,« sagte er; »wie vielen Dank bin ich für diesen Wink -Euch schuldig; ich fahre nur geschwind in meinen Frack, und sogleich -folg' ich Euch zu dem Gesandten.« - - -9. - -Die Aussöhnung mit dem Geliebten schien beinahe noch von größerer -Wirkung auf die Sängerin zu sein als die kunstreichsten Tränklein -ihres Arztes. Ihre Gesundheit besserte sich in den nächsten Tagen -zusehends, und bald war sie so weit hergestellt, daß sie die Besuche -ihrer teilnehmenden Freunde außer dem Bette empfangen konnte. Diese -Wendung ihres Zustandes mochte der Direktor der Polizei abgewartet -haben, um die Sache weiter zu verfolgen. Er war ein umsichtiger Mann, -und der Ruf sagte von ihm, daß ihm nicht leicht einer entgehe, auf -den er einmal sein Auge geworfen, sollte er auch hundert und mehrere -Meilen entfernt sein. Von dem Medizinalrat war ihm die Geschichte der -Sängerin mitgeteilt worden, er hatte sodann mit dem Baron Martinow noch -weitere Rücksprache genommen und einiges erfahren, was ihm von großem -Interesse schien. Der Gesandte hatte ihm nämlich gestanden, daß er von -dem Vorfall mit der jungen Bianetti Gelegenheit genommen, das ruchlose -Leben des Chevalier de Planto höheren Orts zu berühren. Er hatte nicht -versäumt, hauptsächlich den Umstand, daß jenes arme Kind eigentlich -verkauft wurde, ins rechte Licht zu setzen. Jenes berüchtigte Haus -wurde kurze Zeit darauf von der Polizei aufgehoben, und der Baron -schien dies hauptsächlich den Schritten, die er in der Sache getan, -zuzuschreiben. Auch er hatte von dem Tod des Chevaliers gehört, -glaubte aber mit dem Polizeidirektor, daß dies nur ein Kunstgriff -gewesen sei, um sein Gewerbe sicherer fortzusetzen; denn beide hegten -keinen Zweifel, jener Mordversuch an der Sängerin könne nur von -diesem schrecklichen Menschen herrühren. Wie schwer war es aber, der -Spur dieses Mörders zu folgen; die Fremden, die sich damals in B. -aufhielten, waren, wie der Direktor versicherte, alle unverdächtig; -nur zwei Umstände konnten zu Gewisserem führen; das Schnupftuch, -welches sich im Zimmer der Bianetti gefunden hatte, konnte, wenn man -irgendwo ein ähnliches sah, zur Entdeckung leiten; es war daher die -genaueste Beschreibung davon in den Händen aller jener Nähterinnen -und Waschfrauen, welche die Garderobe der Fremden in B. zu besorgen -pflegten. Sodann glaubte der Direktor aus psychologischen Gründen -annehmen zu können, daß ein zweiter Versuch auf das Leben der Sängerin -bald folgen würde, im Falle sich nämlich der Mörder noch in der Nähe -aufhielte. - -Sobald daher die Sängerin wieder bei Kräften war, begleitete der -Direktor der Polizei den Doktor Lange, so oft er sie besuchte; es -wurden dort manche Maßregeln besprochen, manche schienen gut, aber -nicht wohl auszuführen, manche wurden geradehin verworfen. Giuseppa -selbst kam endlich auf einen Gedanken, der den beiden Männern sehr -einleuchtete. »Der Doktor,« sagte sie, »hat mir erlaubt, in der -nächsten Woche wieder auszugehen; wenn er nichts dagegen hat, würde -ich auf der letzten Redoute des Karnevals zuerst wieder unter den -Leuten erscheinen; es hat etwas Anziehendes für mich, mich dort, wo -mein Unglück eigentlich anfing, zum erstenmal zu zeigen. Wenn wir dafür -sorgen, daß dies in B. hinlänglich bekannt wird, und wenn der Chevalier -noch hier ist, so bin ich wie von meinem Leben überzeugt, daß er unter -irgend einer Maske sich wieder in meine Nähe drängt. Er wird sich zwar -hüten zu sprechen, er wird durch nichts sich verraten, aber seine -Anschläge auf mein Leben wird er nicht ruhen lassen, und ich will ihn -aus Tausenden erkennen. Seine Größe, seine Gestalt, vor allem seine -Augen werden mir ihn kenntlich machen. Was meinen Sie, meine Herren?« - -Der Plan war nicht übel. »Ich wollte wetten,« sagte der Direktor, »wenn -er erfährt, Sie kommen auf diesen Ball, so bleibt er nicht aus; sei es -auch nur, um den Gegenstand seiner Rache wiederzusehen und seiner Wut -neue Nahrung zu geben. Ich denke übrigens, Sie sollten keine Larve vors -Gesicht nehmen, er wird Sie dann um so leichter erkennen, um so eher in -Ihrer Nähe in seine Falle gehen; ich werde ein paar tüchtige Bursche in -Dominos stecken und sie Ihnen zur Eskorte geben; auf ein Zeichen von -Ihnen soll der alte Fuchs gefangen sein.« - -Babette, das Kammermädchen der Sängerin, war während dieses Gespräches -ab und zu gegangen; sie hatte gehört, wie ihre Dame entschlossen sei, -den Mörder oder seine Gehilfen ausfindig zu machen, sie glaubte es sich -selbst schuldig zu sein, nach Kräften zu dieser Entdeckung beizutragen. -Sie paßte daher den Direktor ab, faßte sich ein Herz und sagte, sie -habe schon neulich den Doktor auf einen Umstand aufmerksam gemacht, der -zur Entdeckung führen könnte, er scheine aber nicht darauf zu achten. - -»Kein Umstand ist bei solchen Vorfällen gering, meine liebe Kleine,« -antwortete der Mann der Polizei; »wenn Sie irgend etwas wissen --« - -»Ich glaube fast, Signora ist zu diskret und will nicht recht mit der -Sprache heraus; als sie den Stich bekam und in meinen Armen ohnmächtig -wurde, war ihr letzter Seufzer -- Bolnau.« - -»Wie?« rief der Direktor entrüstet, »und das verschwieg man mir bis -jetzt? Einen so wichtigen Umstand; haben Sie auch recht gehört, Bolnau?« - -»Auf meine Ehre,« sagte die Kleine und legte die Hand beteuernd auf -das Herz. »Bolnau sagte sie und so schmerzlich, daß ich nicht anders -glaube, als so heißt der Mörder; aber bitte, verraten Sie mich nicht!« - -Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er sehe so ehrlich -aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen sei. Der Kommerzienrat -Bolnau, und einen andern wußte er nicht in dieser Stadt, war ihm zwar -als ein geordneter Mann bekannt, aber -- hatte man nicht Beispiele, daß -gerade solche Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte, -der Justiz am meisten zu schaffen machten? Konnte er nicht mit diesem -Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte unter diesen -Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näherte sich der breiten -Straße, es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der Kommerzienrat sich dort -zu ergehen pflegte; er beschloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. -Richtig, dort kam er die Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte -links, er sprach alle Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte, -wenn er weiter ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu -sein. Er mochte etwa noch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt sein, -als er dessen ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um und wollte -in eine Seitenstraße einbiegen. »Ein verdächtiger, sehr verdächtiger -Umstand!« dachte der Direktor, lief ihm nach, rief seinen Namen und -brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat war ein Bild des Jammers; er -brachte in hohlen Tönen ein »~Bon jour, bon jour~« hervor, er schien -lächeln zu wollen, aber die Augen gingen ihm über, und sein Gesicht -verzog sich krampfhaft; seine Kniee zitterten, seine Zähne schlugen -hörbar aneinander. - -»Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein paar Tage nicht -an meinem Fenster vorbeigehen sehen; Sie scheinen nicht recht wohl zu -sein?« setzte der Direktor mit einem stechenden Blick hinzu, »Sie sind -so blaß, fehlt Ihnen etwas?« - -»Nein, -- es ist nur so ein kleines Frösteln -- ich war wirklich einige -Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.« - -»So? Sie waren nicht wohl?« fragte jener weiter; »das hätte ich kaum -gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen Tagen auf der Redoute -recht munter gesehen zu haben.« - -»Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich legen; ich -bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz wiederhergestellt.« - -»Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute zu besuchen; -es ist die letzte und soll sehr brillant werden; ich hoffe Sie dort zu -sehen; bis dahin adieu! Herr Kommerzienrat.« - - -10. - -»Werde nicht mankieren!« rief ihm der Kommerzienrat Bolnau mit -jammervollen Mienen nach. »Der hat Verdacht!« sprach er zu sich. »Der -weiß etwas von dem Wort der Sängerin. Zwar sie soll wiederhergestellt -sein; aber kann nicht der Verdacht im Herzen dieses Polizisten um sich -fressen? Kann er mich nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime -Polizei wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten -sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden, so wird -es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, ich werde ein -unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum; und doch lebte ich still -und harmlos wie Wilhelm Tell im vierten Akt!« - -So sprach der unglückliche Bolnau bei sich; seine Angst vermehrte -sich, als er über die verfängliche Frage wegen der nächsten Redoute -nachdachte. »Er meint gewiß, ich werde mich nicht in die Nähe der -Sängerin wagen, aus bösem Gewissen; aber ich muß hin, ich muß ihm -diesen Verdacht benehmen! Und doch -- wird mich nicht in ihrer Nähe -ein Zittern und Beben überfallen, gerade weil er glauben kann, ich -werde aus Gewissensbissen und Angst zittern?« Er quälte sich ab mit -diesen Vorstellungen, sie beschäftigten ihn tagelang, er erinnerte -sich, daß ein berühmter Schriftsteller in einer Schrift bewiesen -habe, daß man Angst vor der Angst haben könne, und dies schien ihm -ganz sein Fall zu sein. Aber er fühlte, daß er sich ein Herz fassen -und der Gefahr entgegengehen müsse. Er ließ sich vom Maskenverleiher -den prachtvollen Anzug des Pascha von Janina holen; er zog ihn alle -Tage an und übte sich vor einem großen Spiegel, recht unbefangen aus -seiner Maske hervorzuschauen. Er machte sich aus seinem Schlafrocke -eine Puppe und setzte sie auf einen Sessel: sie stellte die Sängerin -Bianetti vor. Er ging als Pascha um sie her, näherte sich ihr und -sprach: »Es freuet mich unendlich, Sie in so erwünschtem Wohlbefinden -zu sehen.« Am dritten Tage konnte er seine Lektion schon ganz ohne -Zittern sagen, daher legte er sich noch Schwereres auf. Er wollte recht -artig und unbefangen sein und ihr einen Teller mit Bonbons und Punsch -offerieren. Er übte sich mit einem Glas Wasser, das er auf einen Teller -setzte. Von Anfang klirrte es schrecklich in seiner zitternden Hand; -aber auch diese Schwachheit überwand er, ja er konnte ganz lustig dazu -sagen: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche -Bonbons?« Es ging trefflich; kein Sterblicher sollte ihn beben sehen. -Ali Pascha von Janina fühlte Mut in sich, trotz seiner Angst auf die -Redoute zu gehen. - -Der Medizinalrat Lange hatte es sich nicht nehmen lassen, die Genesene -zum erstenmal wieder unter die Leute zu führen. Sie hatte es ihm gerne -zugesagt; hatte er doch durch seine treue Pflege, durch die väterliche -Sorgfalt, womit er sich ihrer angenommen, ein Recht auf ihre wärmste -Dankbarkeit gewonnen. So kam er mit ihr auf die Redoute, und er schien -sich nicht wenig auf den Platz an der Seite des schönen, interessanten -Mädchens zu gut zu tun. Die Leute in B. sind ein sonderbares Volk. In -den ersten Tagen hatte man von den nobelsten Salons bis hinab in die -Bierschenken von der Sängerin Uebles gesprochen; als aber Männer von -Gewicht sich ihrer annahmen, als angesehene Damen sich öffentlich für -sie erklärten, drehte sich die Fahne nach dem Wind, und die B...er -liefen, gerührt über das Schicksal des armen Kindes, in den Straßen -umher und starben bald vor Entzücken, daß sie genesen. Als sie in den -Saal der Redoute trat, schien alles nur auf sie, als die Königin des -Festes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man klatschte in -die Hände und rief bravo! als hätte sie eben die schwersten Rouladen -zustande gebracht. Auch dem Medizinalrat fiel sein Anteil am Beifall -zu: »Sehet, der ist's,« riefen sie, »das ist ein geschickter Mann, der -hat sie gerettet!« - -Die Sängerin fühlte sich freudig bewegt von diesem Beifall der Menge; -ja sie hätte, berauscht von dem Gemurmel der Glückwünschenden, beinahe -vergessen, daß sie noch ein ernsterer Zweck in diesen Saal geführt -habe; aber die vier handfesten Dominos, die ihren Schritten folgten, -die Fragen des Doktors, ob sie der grauen Augen des Chevaliers noch -nicht ansichtig geworden, erinnerten sie immer wieder an ihr Vorhaben. -Ihr selbst und dem Doktor war es nicht entgangen, daß ein langer, -hagerer Türke (man hieß in B. sein Kostüm den Ali Bassa) sich immer -in ihre Nähe dränge; und so oft der Strom der Masken ihn wegriß, immer -war er ihnen wieder zur Seite. Die Sängerin stieß den Doktor an und -winkte mit den Augen nach dem Pascha hin. Er erwiderte ihren Wink und -sagte: »Ich habe ihn schon lange bemerkt.« Der Pascha näherte sich mit -ungewissen Schritten; die Sängerin klammerte sich fester an Langes -Arm; er war jetzt ganz nahe, starre, graue Aeuglein guckten aus der -Maske, und eine hohle Stimme sprach zu ihr: »Es freut mich unendlich, -wertgeschätzte Mamsell, Sie in so erwünschtem Wohlsein zu sehen.« Die -Sängerin wandte sich erschreckt ab und schien zu zittern; auch die -Maske fuhr bei diesem Anblick bebend zurück und verschwand unter der -Menge. »Ist er es?« rief der Medizinalrat; »fassen Sie sich doch; es -gilt hier, ruhig und mit Umsicht zu handeln; glauben Sie, er ist es?« --- »Noch weiß ich es nicht gewiß,« entgegnete sie; »aber ich glaube, -seine Augen zu erkennen.« - -Der Medizinalrat gab den vier Dominos die Weisung, recht genau auf -diesen Pascha acht zu geben, und ging mit der Dame weiter. Aber kaum -hatte er einige Gänge durch den Saal gemacht, so erschien der Türke -wieder; doch hielt er sich mehr in der Entfernung, als beobachte er die -Sängerin. - -Der Doktor trat mit seiner Dame an ein Büfett, um ihr auf den gehabten -Schrecken eine Tasse Tee zu verordnen; er sah sich um -- auch hier -wieder der Türke. Und siehe da, jetzt hatte er auf einem Tellerlein -ein Glas Punsch und einige Bonbons; er nähert sich der Sängerin, seine -Augen funkeln, das Glas hüpft und klappert in seltsamen Klängen auf dem -zitternden Teller; er ist an ihrer Seite, er bietet ihr den Teller und -sagt: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche -Bonbons?« Die Sängerin sah ihn starr an, sie erbleichte, sie stieß den -Teller zurück und rief: »Ha! der Schreckliche! Er ist's, er ist's, er -will mich vergiften!« - -Der Pascha von Janina stand stumm und regungslos, er schien jeden -Gedanken an Verteidigung aufzugeben; willenlos ließ er sich von den -vier handfesten Dominos hinwegführen. - -Beinahe in demselben Augenblick wurde der Doktor heftig an seinem -schwarzen Mantel gezogen; er sah sich um, jener kleine verwachsene -Lohnlakai aus dem Hotel de Portugal stand vor ihm, bleich und -von Schrecken entstellt: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr -Medizinalrat, kommen Sie doch gefälligst mit mir auf Nr. 53, eben will -der Teufel den französischen Herrn holen.« - -»Was schwatzt Er da?« sagte der Doktor unwillig und wollte ihn auf die -Seite schieben, um dem Gefangenen auf die Polizeidirektion zu folgen; -»was geht es mich an, wenn ihn der Satan zu sich nimmt?« - -»Aber ich bitte Sie,« rief der Kleine beinahe heulend, »er kann -vielleicht doch gerettet werden; Hochdieselben sind ja Stadtphysikus -allhier und verpflichtet, zu den Fremden in den Hotellern zu kommen.« - -Der Medizinalrat unterdrückte einen Fluch, der ihm auf der Zunge -schwebte; er sah, daß er diesem unangenehmen Gang nicht ausweichen -könne, er winkte den Kapellmeister Boloni herbei, übergab ihm die -Sängerin und eilte mit dem kleinen Menschen nach dem Hotel de Portugal. - - -11. - -Es war still und öde in diesem großen Gasthof, Mitternacht war beinahe -schon vorüber, die Lampen in den Gängen und Treppen brannten düster -und trübe; es war dem Medizinalrat unheimlich zu Mut, als er zu dem -einsamen Kranken hinanstieg. Der Lakai schloß die Türe auf, der Doktor -trat ein, wäre aber beinahe wieder zurückgesunken. Denn ein Wesen, das -seit einigen Tagen unablässig seine Phantasie im Wachen und im Schlafe -beschäftigt hatte, saß hier wirklich und verkörpert im Bette. Es war -ein großer, hagerer, ältlicher Mann, er hatte eine spitzig aufstehende, -wollene Schlafmütze tief in die Stirne gezogen, seine enge Brust, seine -langen, dünnen Arme waren mit Flanell überkleidet, unter der Mütze -ragte eine große, spitzige Nase aus einem mageren braungelben Gesicht -hervor, das man schon tot und erstorben geglaubt hätte, wären es nicht -ein Paar graue, stechende Augen gewesen, die ihm noch etwas Leben und -einen schrecklichen, grauenerregenden Ausdruck gaben. Seine langen, -dünnen Finger, die mit den hageren Gelenken weit aus den Aermeln -hervorragten, hatte er zusammengekrümmt, er kratzte mit heiserem, -wahnsinnigen Lachen auf der Bettdecke. - -»Schaut! er kratzt sich schon sein Grab!« flüsterte der kleine Mensch -und weckte damit den Doktor aus seinem Hinstarren auf den Kranken. So, -gerade so, hatte sich dieser den Chevalier de Planto gedacht, dieses -tückische, graue Auge, diese unheilverkündenden Züge, diese dürre, -gespensterhafte Figur -- es war hier alles, was die Sängerin von jenem -schrecklichen Manne gesagt hatte. Doch er besann sich, kam er denn -nicht jetzt eben von der Verhaftung jenes Chevaliers? Konnte nicht -ein anderer Mann auch graue Augen haben? War es zu verwundern, daß -ein Kranker abgefallen und bleich war? Der Doktor lachte sich selbst -aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er diese Gedanken -hinwegwischen, und trat an das Bett. -- Doch noch nie hatte er in so -langen Jahren am Bette eines Kranken Grauen und Furcht gefühlt -- hier, -es war ihm unerklärlich, hier befiel ihn eine Beengung, ein Schauer, -den er umsonst abzuschütteln suchte, und er fuhr unwillkürlich zurück, -als er die feuchte, kalte Hand in der seinigen fühlte, als er lange -umsonst nach einem Puls suchte. - -»Der dumme Kerl,« rief der Kranke mit heiserer Stimme, indem er bald -Französisch, bald schlechtes Italienisch und gebrochenes Deutsch -untereinanderwarf, »der dumme kleine Kerl hat mir, glaube ich, einen -Doktor gebracht. Sie werden mir verzeihen, ich habe nie viel von Ihrer -Kunst gehalten. Das einzige, was mich heilen kann, sind die Bäder -von Genua; ich habe der Bête schon befohlen, daß er mir Postpferde -bestellt; ich werde heute nacht noch abfahren.« - -»Freilich wird er abfahren,« murmelte der kleine Mensch; »aber mit -sechs kohlschwarzen Rappen, und nicht nach Genua, wo der selige Fiesco -ertrunken, sondern dahin, wo Heulen und Zähneklappern.« - -Der Doktor sah, daß hier wenig zu machen sei; er glaubte die Vorzeichen -des nahen Todes in den Augen, in den unruhigen Bewegungen des Kranken -zu lesen, selbst jene Sehnsucht zu reisen und hinaus ins Weite zu -kommen, war schon oft der Vorbote eines schnellen Endes gewesen. Er -riet ihm daher, sich ruhig niederzulegen, und versprach ihm, einen -kühlen Trank zu bereiten. - -Der Kranke lachte grimmig. »Liegen, ruhig liegen?« antwortete er. -»Wenn ich liege, höre ich auf zu atmen; ich muß sitzen, im Wagen muß -ich sitzen, fort, weit fort! -- Was sagt der kleine Mensch? Hat er die -Pferde bestellt? Kleiner Hund, hast du mein Gepäck in Ordnung?« - -»Ach, Herr und Vater!« krächzte der Kleine, »jetzt denkt er an sein -Gepäck; ja einen schweren Pack Sünden nimmt er mit, der Unmensch. Es -ist nicht an den Himmel zu malen, was er geflucht und gotteslästerliche -Reden geführt hat.« - -Der Medizinalrat faßte noch einmal die Hand des Kranken. »Fassen -Sie Vertrauen zu mir,« sagte er, »vielleicht kann Ihnen die Kunst -doch noch nützen; Ihr Diener sagt mir, es sei Ihnen eine Schußwunde -wieder aufgegangen; lassen Sie mich untersuchen.« Murrend bequemte -sich der Kranke dazu, er deutete auf seine Brust. Der Arzt nahm einen -schlechtgemachten Verband weg, er fand -- eine Stichwunde nahe am -Herzen. -- Sonderbar! es war dieselbe Größe, derselbe Ort, wie die -Wunde der Sängerin. - -»Das ist eine frische Wunde, ein Stich!« rief der Doktor und sah den -Kranken mißtrauisch an. »Woher haben Sie diese Wunde?« - -»Sie glauben wohl, ich habe mich geschlagen? Nein, beim Teufel! Ich -hatte ein Messer in der Brusttasche, fiel eine Treppe herab und habe -mich ein wenig geritzt.« - -»Ein wenig geritzt!« dachte Lange; »und doch wird er an dieser Wunde -sterben.« - -Er hatte indessen Limonade bereitet und bot sie dem Kranken; dieser -führte sie mit unsicherer Hand zum Munde, sie schien ihn zu erquicken; -er war einige Momente still und ruhig; doch, als er sah, daß er einige -Tropfen auf die Decke gegossen hatte, fing er an zu fluchen und -verlangte ein Schnupftuch. Der Lakai flog zu einem Koffer, schloß auf -und brachte ein Tuch heraus -- der Doktor sah hin, eine schreckliche -Ahnung stieg in ihm auf -- er sah wieder hin, es war dieselbe Farbe, -derselbe Stoff, es war das Tuch, das man bei der Sängerin gefunden. -Der kleine Mensch wollte es dem Kranken überreichen; er stieß es -zurück: »Gehe zu allen Teufeln, du Tier! Wie oft muß ich es sagen, ~Eau -d'héliotrope~ darauf!« Der Diener holte eine kleine Flasche hervor und -besprengte das Tuch; ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer --- es war dasselbe Parfüm, das jenes gefundene Tuch an sich getragen. - -Der Medizinalrat bebte an allen Gliedern; es war kein Zweifel mehr, er -hatte hier den Mörder der Sängerin Bianetti, den Chevalier de Planto -vor sich. Es war ein Hilfloser, ein Kranker, ein Sterbender, der hier -im Bette saß, aber dem Doktor war es, als könne er alle Augenblicke aus -dem Bette fahren und nach seiner Kehle greifen, er ergriff seinen Hut, -es trieb ihn fort aus der Nähe des Schrecklichen. - -Der kleine Lakai packte ihn am Rock, als er ihn gehen sah. »Ach, -Wohledler!« stöhnte er, »Sie werden mich doch nicht bei ihm allein -lassen wollen? Ich halte es nicht aus, wenn er jetzt stürbe und dann -sogleich als flanellenes Gespenst mit der Zipfelmütze auf dem Schädel -im Zimmer auf und ab spazierte! Um Gottes Barmherzigkeit willen, -verlassen Sie mich nicht!« - -Der Kranke grinste fürchterlich und lachte und fluchte untereinander, -er schien dem Kleinen zu Hilfe kommen zu wollen, er streckte ein -langes, dürres Bein aus dem Bette, er krallte die dünnen Finger nach -dem Doktor. Doch dieser hielt es nicht mehr aus; der Wahnsinn schien -ihn anzustecken, er warf den Kleinen zurück und floh aus dem Zimmer; -noch auf den untersten Treppen hörte er das gräßliche Lachen des -Mörders. - - -12. - -Am Morgen nach dieser Nacht fuhr ein hübscher Stadtwagen vor dem -Hotel de Portugal vor; es stiegen drei Personen, eine verschleierte -Dame und zwei ältliche Herren, heraus und stiegen die Treppe hinan. -»Ist der Herr Oberjustiz-Referendarius Pfälle schon oben?« fragte der -eine dieser Herren den Kellner, der sie hinaufführte. Dieser bejahte, -und der Herr fuhr fort: »Und doch ist es eine sonderbare Fügung des -Schicksals, daß er die Treppe hinabstürzt und sich selbst den Dolch -in die Brust stößt, daß er sich selbst verhindert, zu entfliehen, daß -gerade Sie, Lange, zu ihm beschieden werden!« - -»Gewiß,« sagte die verschleierte Dame, »finden Sie aber nicht auch ein -eigentümliches Verhängnis in diesen Schnupftüchern? Das eine mußte er -bei mir liegen lassen, welcher Zufall! das andere muß er gerade in dem -Augenblick verlangen, wo der Doktor noch bei ihm ist.« - -»Es mußte so gehen,« erwiderte der zweite Herr, »man kann nichts sagen, -als es mußte so kommen. Aber in diesem Strudel hätte ich beinahe etwas -vergessen; sagen Sie, was ist es denn mit dem Pascha von Janina? -Signora mußte sich offenbar getäuscht haben. Sie haben ihn wieder auf -freien Fuß gesetzt? Wer war der arme Teufel?« - -»Mit nichten und im Gegenteil,« sprach der erstere, »ich habe mich -überzeugt, daß es ein Mitschuldiger des Chevaliers ist, dem ich schon -lange auf der Spur bin. Ich habe ihn schon hieher bringen lassen, er -wird mit dem Mörder konfrontiert werden.« - -»Nicht möglich!« rief die Dame; »ein Mitschuldiger?« - -»Ja! ja!« sagte der Herr mit schlauem Lächeln, »ich weiß allerlei, wenn -man mir es auch nicht angibt. Aber gottlob, wir sind oben, hier ist -ja gleich Nr. 53. Mademoiselle, haben Sie die Güte, einstweilen hier -auf 54 einzutreten; der Kapellmeister hat es erlaubt und wird Sie nicht -hinauswerfen; dafür wollte ich stehen. Wenn das Verhör an Sie kommt, -werde ich Sie rufen.« - -Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß diese drei Personen die Sängerin, -der Doktor und der Direktor waren; sie kamen, um den Chevalier de -Planto eines Mordversuchs anzuklagen. Der Direktor und der Medizinalrat -traten ein; der Kranke saß noch ebenso im Bette, wie ihn der Doktor -in der Nacht gesehen; nur schienen beim Tageslicht seine Züge noch -krasser, der Ausdruck seiner Augen, die schon zu erstarren anfingen, -noch schauerlicher. Er sah bald den Doktor, bald den Direktor mit -seelenlosen Blicken an, dann schien er nachzusinnen, was hier in seinem -Zimmer vorgehe, denn der Referendarius Pfälle, ein kurzer, junger Mann -mit roten Wangen und kleinen Aeuglein hatte sich einen Tisch zurecht -gestellt, einen Stoß Papier vor sich hingelegt und hielt eine lange -Schwanenfeder in der Rechten, um zu protokollieren. - -»Bête, was wollen diese Herren?« rief der Kranke mit schwacher Stimme -dem kleinen Lakaien zu. »Du weißt ja, ich nehme keine Besuche an.« - -Der Direktor trat dicht vor ihn hin, sah ihn fest an und sagte mit -Nachdruck: »Chevalier de Planto!« - -»~Qui vive?~« schrie der Kranke und fuhr mit der Rechten an die -Schlafmütze, als wolle er militärisch salutieren. - -»Mein Herr, Sie sind der Chevalier de Planto?« fuhr jener fort. - -Die grauen Augen fingen an zu glänzen, er warf stechende Blicke auf den -Direktor und den Referendär, schüttelte mit höhnischer Miene den Kopf -und antwortete: »Der Chevalier ist längst tot.« - -»So? Wer sind denn Sie? Antworten Sie; ich frage im Namen des Königs.« - -Der Kranke lachte: »Ich nenne mich Lorier; Bête, gib dem Herrn meine -Pässe!« - -»Ist nicht nötig; kennen Sie dies Tuch, mein Herr?« - -»Was werde ich es nicht kennen, Sie haben es da von meinem Stuhl -weggenommen; wozu diese Fragen, wozu diese Szenen? Sie genieren mich, -mein Herr!« - -»Belieben Sie auf Ihre linke Hand zu schauen,« sagte der Direktor; -»dort halten Sie ja Ihr Tuch; dieses hier fand sich im Hause einer -gewissen Giuseppa Bianetti.« - -Der Kranke warf einen wütenden Blick auf die Männer; er ballte seine -Faust und knirschte mit den Zähnen; er schwieg hartnäckig, obgleich der -Direktor seine Fragen wiederholte. Dieser gab jetzt dem Doktor einen -Wink; er ging hinaus und erschien bald darauf mit der Sängerin, dem -Kapellmeister Boloni und dem ...schen Gesandten in dem Zimmer. - -»Herr Baron von Martinow,« wandte sich der Direktor zu diesem, -»erkennen Sie diesen Mann für denselben, den Sie in Paris als Chevalier -de Planto kannten?« - -»Ich erkenne ihn für denselben,« antwortete der Baron, »und wiederhole -meine Aussage über ihn, die ich früher zu Prototoll gab.« - -»Giuseppa Bianetti! erkennen Sie ihn für denselben, der Sie aus dem -Hause Ihres Stiefvaters führte, in sein Haus nach Paris brachte, für -denselben, den Sie eines Mordversuches beschuldigen?« - -Die Sängerin bebte bei dem Anblick des fürchterlichen Mannes; sie -wollte antworten, aber er selbst ersparte ihr jedes Geständnis. -Er richtete sich höher auf, seine wollene Mütze schien spitziger -aufzustehen, seine Arme waren steif, er schien sie mit Mühe zu bewegen, -aber seine Finger krallten sich krampfhaft auf und zu; seine Stimme -schlich sich nur noch leise und heiser aus der Brust herauf, selbst -sein Lachen und seine Flüche wurden beinahe zum Geflüster. »Kommst du, -mich zu besuchen, Schepperl?« sagte er; »das ist schön von dir; nicht -wahr, du weidest dich recht an meinem Anblick? Es ist mir wahrhaftig -leid, daß ich dich nicht besser getroffen, ich hätte dir dadurch den -Schmerz erspart, deinen Oheim vor seiner Abreise von diesen deutschen -Tieren verhöhnt zu sehen.« - -»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« unterbrach ihn der Direktor. »Herr -Referendarius Pfälle, schreiben Sie einen Verhaftungsbefehl gegen --« - -»Was tun Sie?« rief der Doktor, »sehen Sie denn nicht, daß ihm der Tod -schon am Herzen ist? Er treibt es keine Viertelstunde mehr. Eilen Sie, -wenn Sie noch etwas zu fragen haben.« - -Der Doktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdienern zu rufen, sie sollen -den Gefangenen heraufbringen; der Kranke sank mehr und mehr zusammen, -sein Auge schien stillzustehen, es hatte nur eine Richtung, nach -der Sängerin, aber auch jetzt noch schien Wut und Ingrimm daraus -hervorzublitzen. »Schepperl,« sprach er wieder, »du hast mich -unglücklich gemacht, zu Grunde gerichtet, darum verdientest du den -Tod; du hast deinen Vater zu Grunde gerichtet, sie haben ihn auf die -Galeere geschickt, weil er dich mir um Geld verkauft hat; er hat mich -beschworen, dich umzubringen; es tut mir leid, daß ich gezittert habe. -Verflucht seien diese Hände, die nicht einmal mehr sicher stoßen -konnten!« Seine greulichen Verwünschungen, die er über sich und -Giuseppa ausstieß, wurden durch eine neue Erscheinung unterbrochen. -Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in türkischer Kleidung; es -war der unglückliche Ali Pascha von Janina -- der Turban bedeckte das -jammervolle Haupt des Kommerzienrats Bolnau. Alle erstaunten über -diesen Anblick, besonders schien der Kapellmeister sehr betreten; er -erblaßte und errötete und wandte sein Gesicht ab. »Monsieur de Planto,« -sprach der Direktor, »kennen Sie diesen Mann?« Der Kranke hatte die -Augen geschlossen; er riß sie mühsam auf und sagte: »Gehet zu allen -Teufeln, ich kenne ihn nicht.« - -Der Türke sah die Umstehenden mit kummervoller Miene an; »ich wußte -wohl, daß es so kommen werde,« sprach er mit weinerlichem Tone, »es hat -mir schon lange geahnet. Aber, Mademoiselle Bianetti, wie konnten Sie -doch einen unschuldigen Mann so ins Unglück bringen?« - -»Was ist es denn mit diesem Herrn?« fragte die Sängerin; »ich kenne ihn -nicht. Herr Direktor, was hat denn dieser getan?« - -»Signora,« sprach der Direktor mit tiefem Ernst, »vor den Gerichten -gilt keine Nachsicht oder irgend eine Schonung, Sie müssen diesen Herrn -kennen; es ist der Kommerzienrat Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat -eingestanden, daß Sie bei dem Mord seinen Namen ausgerufen haben.« - -»Freilich!« klagte der Pascha, »meinen Namen genannt, unter so -verfänglichen Umständen!« - -Die Sängerin erstaunte, eine tiefe Röte flog über ihr schönes Gesicht, -sie ergriff in großer Bewegung den Kapellmeister bei der Hand; »Carlo,« -rief sie, »jetzt gilt es zu sprechen, ich kann es nicht verschweigen; -ja, Herr Direktor, ich werde diesen teuren Namen genannt haben, aber -ich meinte nicht jenen Herrn, sondern --« - -»Mich!« rief der Kapellmeister und trat hervor. »Ich heiße, wenn es -mein lieber Vater dort erlaubt, Karl Bolnau!« - -»Karl! Musikant! Amerikaner!« rief der Türke und umarmte ihn; »das ist -das erste gescheite Wort in deinem Leben, du hast mich aus einem großen -Jammer befreit.« - -»Wenn sich die Sache so verhält,« sagte der Direktor, »so sind Sie -frei, und wir haben in dieser Sache nur mit gegenwärtigem Herrn -Chevalier de Planto zu tun.« Er wandte sich um zu dem Bette; dort stand -der Arzt und hielt die Hand des Mörders in der seinigen; er legte sie -ernst und ruhig auf die Decke und drückte ihm die starren Augen zu. -»Direktor,« sagte er, »der macht es jetzt mit einem höheren Richter -aus.« - -Man verstand ihn; sie gingen aus dem Gemach des furchtbaren Toten und -traten drüben bei dem Kapellmeister, dem glücklichen, wiedergefundenen -Sohne des Pascha, ein; die Sängerin verbarg ihr Gesicht an der Brust -des Geliebten, ihre Tränen strömten heftig, aber es waren die letzten, -die sie ihrem unglücklichen Schicksal weinte; denn der Pascha ging -lächelnd um das schöne Paar, er schien an einem großen Entschluß zu -arbeiten; er besprach sich heimlich mit dem Medizinalrat und trat von -diesem zu seinem Sohn und der Sängerin. »Liebste Mademoiselle,« sprach -er, »ich habe Ihretwegen vieles ausgestanden, Sie haben meinen Namen -so verfänglich genannt, daß ich Sie bitte, ihn mit dem Ihrigen zu -vertauschen. Sie haben gestern meinen Teller mit Punsch verschmäht, -werden Sie mich wieder zurückstoßen, wenn ich Ihnen gegenwärtigen Herrn -Karl Bolnau, meinen musikalischen Sohn, präsentiere, mit der Bitte, ihn -zu ehelichen?« - -Sie sagte nicht nein; sie küßte mit Freudentränen seine Hand, der -Kapellmeister schloß sie mit Entzücken in seine Arme und schien diesmal -sein erhabenes Pathos ganz vergessen zu haben. Der Kommerzienrat aber -faßte des Doktors Hand: »Lange, sage Er, hätte ich denken können, daß -es so kommen würde, als Er mir den Schrecken in alle Glieder jagte, als -ich die Scheiben des Palais zählte und Er mir sagte: ›Ihr letztes Wort -war Bolnau!‹« - -»Nun! was will Er weiter!« antwortete der Medizinalrat lächelnd; »es -war doch gut, daß ich es Ihm damals sagte; wer weiß es, ob alles so -gekommen wäre ohne das _letzte Wort der Sängerin_.« - - - - -Phantasien im Bremer Ratskeller, - -ein Herbstgeschenk - -für Freunde des Weines. - - Den zwölf Aposteln - - im Ratskeller zu Bremen - - in dankbarer Erinnerung - - Im Herbst 1827. Der Verfasser. - - Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und jeder Mensch - kann sich wohl einmal davon begeistern lassen. - - _Shakespeare._ - - -»Mit dem Menschen ist nicht auszukommen,« sagten sie, als sie in meinem -Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich konnte es noch deutlich hören. -»Jetzt will er wieder schlafen von neun Uhr an und leben wie ein -Murmeltier; wer hätte das gedacht vor vier Jahren!« - -Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut verließen. -Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten musikalischen, -tanzenden und deklamierenden Butterbrote in der Stadt, und hatten sie -sich nicht alle mögliche Mühe gegeben, mir, dem Landfremden, einen -angenehmen Abend dort zu verschaffen? Aber es war wahrhaftig unmöglich; -ich konnte nicht gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Tee besuchen, -wo _sie_ nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich -wußte es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von _ihr_ gehört zu -werden; warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn und -finsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen konnte? O -Gott! ich wollte ja lieber, daß sie mir auf der Treppe einige Sekunden -fluchten, als daß sie sich von neun Uhr bis ein Uhr langweilten, wenn -sie nur mit meinem Körper sich unterhielten und bei der Seele umsonst -anfragten, die einige Straßen weiter auf Unserer Lieben Frauen -Kirchhof nachtwandelte. - -Aber das tat mir wehe, daß mich die guten Gesellen für ein Murmeltier -hielten und dem Drang nach Schlafe zuschrieben, was aus Freude am -Wachen geschah. O nur du, ehrlicher Hermann, wußtest es mehr zu -würdigen! Hörte ich denn nicht, wie du unten auf dem Domhof sagtest: -»Schlaf ist es nicht, denn seine Augen leuchten. Aber entweder hat er -wieder zu viel oder zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch -welchen und -- allein.« - -Wer verlieh dir denn diese prophetische Kraft? Oder konntest du ahnen, -daß meine Augen wacker waren, weil sie heute nacht alten Rheinwein -schauen sollten? Konntest du wissen, daß ich gerade heute von dem -Patent und Erlaubnisschein, vom Rate auf meine Person ausgestellt, -Gebrauch machen werde, um die Rose und eure zwölf Apostel zu begrüßen? -Und überdies, war denn heute nicht mein Schalttag? - -Meines Erachtens ist es keine üble Gewohnheit, die ich von meinem -Großvater angenommen, nämlich hie und da Einschnitte zu machen in den -Baum des Jahres und sinnend dabei zu verweilen. Wenn der Mensch nur -Neujahr und Ostern, nur Christfest oder Pfingsten feiert, so kommen ihm -endlich diese Ruhepunkte in der Geschichte seines Lebens so alltäglich -vor, daß er darüber hinweggleitet ohne Erinnerung. Und doch ist es gut, -wenn die Seele, sonst immer nach außen gerichtet, auch einmal auf ein -paar Stunden einkehrt im eigenen Gasthof ihrer Brust, sich bewirtet an -der langen Table d'hôte der Erinnerung und nachher gewissenhaft die -Rechnung ~ad notam~ schreibt wie Frau Hurtig dem Ritter. Der Großvater -nannte solche Tage seine Schalttage; nicht daß er etwa ein Bankett -veranstaltete mit seinen Freunden oder den Tag lustig und in Freuden -lebte, in Saus und Braus; nein, er kehrte ein bei sich, und seine Seele -schmauste in der Kammer, die sie seit fünfundsiebzig Jahren kannte. -Noch jetzt, da er längst im kühlen Friedhof ruht, noch jetzt kann ich -es seinem holländischen Horaz ansehen, welche Stellen er an solchen -Tagen gelesen; noch jetzt, als wäre es gestern geschehen, sehe ich -sein großes blaues Auge sinnend auf den vergelbten Blättern seines -Stammbuchs weilen; und wie deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach und -nach sich füllt, wie eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der -gebietende Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und -zögernd die Feder ergreift und »einem seiner Brüder, der geschieden«, -das schwarze Kreuz unter den Namen malt. - -»Der Herr hält seinen Schalttag,« pflegten die Diener uns zuzuwispern, -wenn wir Enkel laut und fröhlich wie gewöhnlich die Treppe -hinanstürmten; »der Großvater hält seinen Schalttag,« flüsterten wir -uns zu und glaubten nicht anders, als er beschere sich selbst den -heiligen Christ, weil er ja doch niemand habe, der ihm den Christbaum -anzünde. Und war es nicht so, wie wir in kindlicher Einfalt glaubten? -Zündete er nicht den Christbaum seiner Erinnerung an, flammten nicht -tausend flimmernde Kerzen auf, die Lieblingsstunden eines langen -Lebens, und schien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags still -und ruhig im Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der -Vergangenheit? - -Es war sein Schalttag wieder eingetreten, als sie ihn hinaustrugen. -Ich mußte weinen, als ich dachte, daß der alte Mann seit langer Zeit -zum erstenmal wieder in die freie Luft komme. Sie führten ihn den Weg, -auf dem ich so oft an seiner Seite gegangen war. Aber nicht lange, so -beugten sie über die schwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde. -»Nun hält er seinen rechten Schalttag,« dachte ich, »aber wundern soll -es mich doch, wie der alte Herr wieder da heraufkommen will, denn -sie haben doch viele Steine und Rasen auf ihn hinabgeworfen.« Er kam -nicht wieder. Aber sein Bild blieb in meinem Gedächtnis, und als ich -herangewachsen war, gehörte es zu meinen liebsten Beschäftigungen, -seine feine offene Stirne, das klare Auge, den gebietenden und doch -so freundlichen Mund mir vorzumalen. Mit seinem Bilde stiegen tausend -Erinnerungen auf, und seine Schalttage waren mir die Lieblingsstücke in -der langen Bildergalerie. - -Und ist denn heute nicht der erste September, den auch ich mir zum -Schalttag erwählte? Und ich sollte Butterbrot verzehren in einer -Gesellschaft und allerlei Arien absingen hören mit beigefügtem Applaus -und Gezwitscher? Nein! Heraus mit dir, köstliches Rezept, das kein Arzt -der Erde so köstlich mischt! Hinab zu dir, alte, wahrhaftige Apotheke, -um »nach Vorschrift jedesmal einen _Römer_ voll zu nehmen.« - - * * * * * - -Es schlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Ratskellers -hinabstieg; ich durfte hoffen, keinen Zecher mehr zu finden, denn -es war Werktag bei andern Leuten, und draußen heulte der Sturm, die -Windfahnen stimmten sonderbare Weisen an, und der Regen rauschte auf -das Pflaster des Domhofs. Aber der Ratsdiener maß mich mit fragenden -Blicken vom Kopf bis zum Fuß, als ich ihm die Anweisung auf einigen -Wein darreichte. - -»So spät noch, und heute, in _dieser_ Nacht?« rief er. - -»Mir ist es vor zwölf Uhr nie zu spät,« entgegnete ich, »und nachher -ist es wohl frühe genug am Tage.« - -»Aber muß es denn,« wollte er eben fragen, doch Siegel und Handschrift -seiner Obern fiel ihm wieder ins Auge, und schweigend, aber nicht ohne -Zögern, schritt er voraus durch die Hallen. Welch herzerquickender -Anblick, wenn sein Windlicht über die lange Reihe der Fässer -hinstreifte, welch sonderbare Formen und Schatten, wenn es an den -Schwibbogen des Kellers zitterte und die Säulen im dunkeln Hintergrunde -wie geschäftige Küper um die Fässer schwebten! Er wollte mir eines -jener kleineren Gemächer aufschließen, wo höchstens sechs bis acht -Freunde, eng zusammengerückt, den Becher kreisen lassen können. Doch, -mit trauten Gesellen liebe ich ein solches heimliches Plätzchen; der -enge Raum drängt Mann an Mann, und die Töne, die hier nicht verhallen -können, klingen traulicher; aber allein und einsam liebe ich freiere -Räume, wo der Gedanke, gleich den Atemzügen, sich freier ausdehnt. Ich -wählte einen alten gewölbten Saal, den größten in diesen unterirdischen -Räumen, zu meinem einsamen Gelage. - -»Erwarten Sie Gesellschaft?« fragte der Mann an meiner Seite. - -»Ich bin allein.« - -»Sie könnten ungebeten welche haben,« setzte er hinzu, indem er sich -scheu nach den Schatten umsah, die seine Lampe warf. - -»Wie meint Ihr das?« fragte ich verwundert. - -»Ich meinte nur so,« antwortete er, indem er einige Kerzen anzündete -und einen großen Römer vor mich hinsetzte. »Man spricht mancherlei vom -ersten September -- der Herr Senator D. waren übrigens schon vor zwei -Stunden da, und ich erwartete Sie nicht mehr.« - -»Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?« - -»Nein, er hieß mich nur die Proben herausnehmen.« - -»Welche Proben, mein Freund?« - -»Nun, die von den Zwölfen und der Rose;« erwiderte der alte Mann, indem -er anfing, einige niedliche Fläschchen mit langen Papierstreifen an den -Hälsen hervorzuziehen. - -»Wie!« rief ich, »man sagte mir ja, ich könnte den Wein von den Fässern -selbst trinken!« - -»Ja, aber nur im Beisein eines Herrn vom Senat. Darum hieß mich der -Herr Senator die Zungenpröbchen herausnehmen, und so will ich sie Ihnen -einschenken, wenn's gefällig.« - -»Nicht einen Tropfen,« unterbrach ich ihn, »hier kein Glas voll; nein, -das ist der echte Genuß, _vom Fasse_ zu trinken, und ist es mir nicht -mehr möglich, so will ich doch am Fasse trinken. Kommt, Alter, nehmet -die Proben mit, ich will das Licht tragen.« - -Ich stand schon einige Minuten und sah dem wunderlichen Treiben des -alten Dieners zu. Bald stand er still, sah auf mich und räusperte sich, -als wollt' er sprechen, bald nahm er die Proben vom Tisch und packte -sie in seine weiten Taschen, bald nahm er sie zögernd wieder heraus, um -sie auf den Tisch zu setzen. Es ermüdete mich; »nun, sollen wir bald -gehen?« rief ich voll Sehnsucht nach dem Apostelkeller. »Wie lange -wollt Ihr noch an Euren Gläschen hier aus- und einpacken?« - -Der ernste Ton, in welchem ich dies sagte, schien ihm Mut zu machen. -Ziemlich bestimmt antwortete er: »Es geht nicht, -- nein! Heute geht es -nicht mehr, Herr!« - -Ich glaubte hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu sehen, womit -Hausverwalter, Kastellane oder Kellermeister dem Fremden Geld -abzuzwacken suchen, drückte ihm ein hinlängliches Geldstück in die Hand -und nahm ihn beim Arm, ihn fortzuziehen. - -»Nein, so war es nicht gemeint,« entgegnete er, indem er das Geldstück -zurückzuschieben suchte: »so nicht, fremder Herr! Ich will es nur -gerade heraus sagen: mich bringt man nicht mehr in den Apostelkeller in -dieser Nacht, denn wir schreiben heute den ersten September.« - -»Und welche Torheit wollt Ihr daraus folgern?« - -»Nun, in Gottes Namen, Sie können denken davon, was Sie wollen; es ist -dort nicht geheuer in dieser Nacht, das macht, es ist der Jahrestag der -Rose.« - -Ich lachte, daß die Halle dröhnte. »Nein! In meinem Leben habe ich doch -so manchen Spuk erzählen gehört, aber einen Weinspuk nie! Schämt Ihr -Euch nicht mit Euren weißen Haaren, noch solches Zeug zu schwatzen? -Doch hier ist nicht lange zu spaßen. Hier ist die Vollmacht des Senats; -im Keller darf ich trinken heute nacht, ohne nach Zeit und Raum zu -fragen. Darum im Namen des Rates heiß' ich Euch folgen. Schließe den -_Keller des Bacchus_ auf.« - -Dies wirkte; unwillig, aber ohne etwas zu entgegnen, nahm er die Kerzen -und winkte mir, zu folgen. Es ging zuerst wieder durch den großen -Keller, dann durch kleinere, bis der Weg in einen engern schmalen Gang -zusammenlief. Dumpf dröhnten unsere Schritte in diesem Hohlweg, und -unsere Atemzüge tönten, wenn sie an den Mauern sich brachen, wie fernes -Geflüster. Endlich standen wir vor einer Türe, die Schlüssel rasselten, -sie gähnte ächzend auf, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe, mir -gegenüber saß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß. Erquickender -Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und fein dargestellt, die alten -Bremer Künstler, nicht zierlich als einen griechischen Jüngling; sie -hatten ihn nicht alt und trunken sich gedacht, mit gräßlichem Bauch, -verdrehten Augen und hängender Zunge, wie ihn die gemein gewordene -Mythe hin und wieder gotteslästerlich abkonterfeit. Schmählicher -Anthropomorphismus; blinde Torheit des Menschen! Weil einige seiner -im Dienste ergrauten Priester also einhergehen, weil ihnen voll guten -Mutes der Leib anschwoll, die Nase von dem brennenden Widerscheine der -dunkelroten Flut sich färbte, das in stummer Wonne aufwärts gerichtete -Auge stehen blieb, -- so legten sie dem Gott bei, was seine Diener -schmückt! - -Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter reitet der alte -Knabe auf dem Faß! Das runde, blühende Gesicht, die kleinen muntern -Weinäuglein, die so klug und neckend herabsehen, der breite, lächelnde -Mund, der sich an mancher Kanne schon versuchte; der kurze kräftige -Hals, das ganze Körperchen von behaglichem, gutem Leben strotzend! Ganz -besondere Kunst hat aber der Meister, der dich geschaffen, auf Arme -und Beinchen gelegt. Meint man nicht, dein kräftiges Aermlein werde -sich bewegen, du werdest mit den runden Fingerchen ein Schnippchen -schlagen, und der breite, lächelnde Mund werde sich auftun zu einem -muntern Juheisa, heisa, he! Ist man nicht versucht zu glauben, du -werdest im tollen Weinmut die runden Knie beugen, den Waden anlegen, -mit dem Fersen stauchen und das alte Mutterfaß in Galopp setzen, daß -alle Rosen, Apostel und andere gemeinere Fässer mit Hussa und Hallo dir -nachjagen durch den Keller? - -»Herr des Himmels!« rief der Ratsdiener, indem er sich an mir -festklammerte, »seht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht und mit dem -Füßchen baumelt?« - -»Alter, Ihr seid verrückt!« sagte ich, einen scheuen Blick nach dem -hölzernen Weingott werfend; »es ist der Schein der Kerzen, der an ihm -hin und her flackert.« Dennoch war mir wunderlich zumute, ich folgte -dem Alten aus dem Bacchuskeller. Und war es denn auch der Schein der -Kerzen, war es auch Täuschung, als ich mich umsah? Nickte er mir nicht -mit dem runden Köpfchen, streckte er mir nicht das eine seiner Beinchen -nach und schüttelte und krümmte sich vor heimlichem Lachen? Ich rannte -unwillkürlich dem Alten nach und schloß mich dicht hinter ihm an. - -»Jetzt zu den zwölf Aposteln,« sprach ich zu ihm, »wie sollen uns dort -die Proben munden!« - -Er antwortete nichts; kopfschüttelnd ging er weiter. Man steigt -vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kellerlein, zum -unterirdischen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit, wo die _Zwölfe_ -hausen. Was seid ihr, Trauergewölbe und Grüfte alter Königshäuser, -gegen _diese_ Katakomben! Pflanzet Särge neben Särge, rühmet auf -schwarzem Marmor die Verdienste des Mannes, der hier einer »fröhlichen -Urständ« entgegenschläft, stellt einen schwatzhaften Cicerone an, -in Trauermantel und florumhängtem Hute, laßt ihn die absonderliche -Herrlichkeit dieses oder jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen von -den trefflichen Tugenden eines Prinzen, der in der Bataille so und so -gefallen, von der holden Schönheit einer Fürstin, auf deren Sarge die -jungfräuliche Myrte sich um die kaum erblühte Rosenknospe schlingt -- -es wird euch an die Sterblichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine -Träne kosten; aber kann es euch also rühren, wie der Anblick dieser -Schlafkammer eines Jahrhunderts, dieser Ruhestätte eines herrlichen -Geschlechtes? Da liegen sie in ihren dunkelbraunen Särgen, schmucklos, -ohne Glanz und Flitter. Kein Marmor rühmt ihr stilles Verdienst, ihre -anspruchlose Tugend, ihren vortrefflichen Charakter; aber welcher Mann -von einigem Gefühl für Tugenden dieser Art fühlt sich nicht innig -bewegt, wenn der alte Ratsdiener, dieser Aufwärter in den Katakomben, -dieser Küster der unterirdischen Kirche, die Kerzen auf die Särge -stellt, wenn dann das Licht auf die erhabenen Namen der großen Toten -fällt! Wie regierende Häupter führen auch sie keine langen Titel und -Zunamen; einfach und groß stehen die Namen auf ihren braunen Särgen -geschrieben. Dort Andreas, hier Johannes, in jener Ecke Judas, in -dieser Petrus. Wen rührt es nicht, wenn er dann hört: dort liegt der -Edle von Nierenstein, geboren 1718, hier der von Rüdesheim, geboren -1726. Rechts Paulus, links Jakob, der gute Jakob! - -Und ihre Verdienste? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht, wie er eingießt -in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut des Apostels mir -darreicht? Gleich dunkelrotem Golde blinkt es im Glase. Als ihn die -Sonne aufzog auf den Hügeln von St. Johannes, da war er blond und -helle; ein _Jahrhundert_ hat ihn gefärbt. Welche Würze des Geruches! -Welche Namen leg' ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer -aufsteigt? Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen in -den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, besprengt mit Ambra diese -kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen auf -- mischet -aus ihnen alle die feinsten Düfte, wie die Biene ihren Honig aus den -Blüten saugt, wie schlecht, wie gemein, wie unwürdig gegen die zarte -Blume deines Kelches, mein Bingen und Laubenheim, gegen deine Düfte -Johannes und Nierenstein von 1718! - -»Ihr schüttelt den Kopf, Alter? Tadelt Ihr meine Freude an Euren alten -Gesellen? Da, nimm diesen Römer, alter Mensch, trink auf das Wohlsein -dieser Zwölfe! Komm, stoß an, sie sollen leben!« - -»Gott soll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in _dieser_ -Nacht,« erwiderte er; »man soll mit dem Teufel kein Spiel treiben. Aber -wenn Ihr sie alle durchgekostet, wollen wir weiter gehen. Mir graut in -diesem Keller.« - -»Gute Nacht denn, ihr alten Herren vom Rheine, gute Nacht und -herzlichen Dank für euer Labsal. Und wenn ich dir, mein ernster -feuriger Judas, wenn ich dir, mein sanfter lieblicher Andreas, dir, -mein Johannes, dienen kann, so kommt, kommt zu mir.« - -»Herr des Himmels!« unterbrach mich der Alte und schlug die Türe zu und -drehte hastig die Schlüssel um, »seid Ihr von den paar Tropfen schon -betrunken, daß Ihr den Teufel heraufschwört? Wißt Ihr denn nicht, daß -die Weingeister aufstehen diese Nacht und einander besuchen, wie immer -am ersten September? Und sollt' ich meinen Dienst verlieren, ich laufe -davon, wenn Ihr noch solche Worte sprecht. Noch ist es nicht zwölf -Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblick einer aus dem Faß kriechen -mit greulichem Gesicht und uns zu Tode schrecken?« - -»Alter, du faselst! Doch sei ruhig, ich will kein Wort mehr sprechen, -daß deine Weingespenster nicht wach werden. Doch jetzt führe mich -zur Rose.« Wir gingen weiter, wir traten ein in das Gewölbe, in das -Rosengärtlein von Bremen. Da lag sie, die alte Rose, groß, ungeheuer, -mit einer Art von gebietender Hoheit. Welch ungeheures Faß! und -jeder Römer ein Stück Goldes wert! Anno 1615! Wo sind die Hände, die -dich pflanzten! Wo die Augen, die sich an deiner Blüte erfreuten, -wo die fröhlichen Menschen alle, die dir zujauchzten, edle Traube, -als man dich abschnitt auf den Höhen des Rheingaus, als man deine -Hüllen abstreifte und du als goldener Born in die Kufe strömtest? -Sie sind dahin, wie die Wellen des Stromes, der an deinem Rebenhügel -hinabzog. Wo sind sie, jene alten Herren der Hansa, jene würdigen -Senatoren dieser alten Stadt, die dich pflückten, duftende Rose, dich -verpflanzten in diese kühlen Räume zum Labsal ihrer Enkel? Gehet hinaus -auf Angarii Friedhof, gehet hinauf zur Kirche Unserer Lieben Frauen -und gießet Wein auf ihre Grabsteine! Sie sind hinunter, und zwei -Jahrhunderte mit ihnen! - -»Nun auf euer Wohlsein, alte Herren von Anno 1615, und auf das Wohl -eurer würdigen Enkel, die so gastfreundlich dem Fremdling die Hand und -dieses Labsal boten!« - -»So! Und jetzt gute Nacht, Frau Rose!« setzte der alte Diener -freundlicher hinzu, indem er sein Körbchen zusammenräumte. »Jetzt gute -Nacht und Gott befohlen; hier heraus, nicht dort um die Ecke, hier -heraus geht der Weg aus dem Keller, wertgeschätzter Herr. Kommt, stoßet -Euch nicht hier an die Fässer, ich will Euch leuchten.« - -»Mit nichten, Alter,« erwiderte ich, »jetzt geht das Leben erst -recht an. Das alles war nur der Vorschmack. Gib mir Zweiundzwanz'ger -Ausstich, so etwa zwei bis drei Flaschen in das große Gemach dort -hinten. Ich hab' ihn grünen sehen diesen Wein und war dabei, als sie -ihn kelterten; hab' ich das Alter bewundert, so muß ich _meiner_ Zeit -nicht minder ihr Recht antun.« - -Er stand da mit weit geöffneten Augen, der Jammermensch; er schien -seinen Ohren nicht zu trauen. »Herr,« sprach er dann feierlich, -»sprechet nicht solch gottlosen Scherz. Heute nacht wird nun und -nimmermehr was daraus; ich bleibe um keine Seligkeit.« - -»Und wer sagt denn, daß du bleiben sollst? Dort setze den Wein hinein -und dann mache in Gottes Namen, daß du fortkommst; ich will nun -einmal diese Gedächtnisnacht hier feiern und habe mir deinen Keller -ausersehen; dich habe ich nicht vonnöten.« - -»Aber ich darf Euch nicht allein im Keller lassen,« entgegnete er; »ich -weiß wohl, nehmt mir nicht ungütig, daß Ihr den Keller nicht bestehlet, -aber es ist einmal gegen die Ordnung.« - -»Nun, so schließe mich ein in jenes Gemach; hänge ein Schloß davor, so -schwer als du willst, daß ich nimmer heraus kann, und morgen früh um -sechs Uhr kannst du mich aufwecken und dein Schlafgeld holen.« - -Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst; -er setzte endlich drei Flaschen und neue Kerzen vor mich hin, wischte -den Römer aus, schenkte mir den Zweiundwanziger Ausstich ein und -wünschte mir, wie es schien, mit schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig -schloß er auch die Türe zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr -aus zärtlicher Angst für mich als aus Vorliebe für seinen Keller noch -ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb zwölf. Ich hörte -ihn ein Gebet sprechen und davoneilen. Seine Schritte hallten immer -ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Außentor des Kellers -zuschlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen. - -So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schoße der -Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier -unten, rings um mich her, schlummern sie in ihren Särgen, die Geister -des Weines. Ob sie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen und -der fernen Berge, der Heimat gedenken, wo sie groß wurden, und des -Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein -Wiegenlied murmelte? - -Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch -aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeuglein -öffnetet zum erstenmal und hinabschautet ins herrliche Rheingau? Und -als der Mai einzog in sein deutsches Paradies, gedenket ihr noch, wie -euch die Mutter antat mit grünen Kleidchen von Laubwerk und wie der -alte Vater baß sich dessen freute, herauflugte aus seinem grünen Bette -und euch zuwinkte und munter rauschte am _Lurlei_? - -Und gedenkst denn auch du der Rosentage deiner Jugend, o Seele, der -sanften Rebenhügel der Heimat, des blauen Stromes und der blühenden -Täler des Schwabenlandes? O Wonnezeit voll holder Träume! Wie reich -bist du behängt mit Bilderbüchern, Christbäumen, Mutterliebe, -Osterwochen und Ostereiern, mit Blumen und Vögeln, Armeen aus Blei und -Papier und den ersten Höschen und Kollettchen, in welche sich deine -kleine sterbliche Hülle, stolz auf ihre Größe, kleiden ließ. Und wie -dich der selige Vater auf den Knieen schaukelte, und dir der Großvater -gerne das lange Meerrohr mit dem goldenen Knopf abtrat, um es dir als -Reitpferd zu leihen! - -Und rücke mit dem nächsten Glase um einige Jahre vorwärts! Erinnerst -du dich des Morgens, als sie dich hineinführten zu einem wohlbekannten -Mann, dessen Gesicht so blaß geworden war, dessen Hand du weinend -küßtest, weinend, ohne zu wissen warum? Denn konntest du glauben, daß -die harten Männer, die ihn in einen Schrank legten und mit schwarzen -Tüchern zudeckten, konntest du glauben, daß sie ihn nicht mehr -zurückbringen würden? Sei ruhig, auch er schlummert nur ein Weilchen. --- Und gedenkst du des geheimnisvollen Freudenlebens in Großvaters -Büchersaal? Ach, damals kanntest du noch keine Bücher als den schnöden -kleinen Bröder, deinen ärgsten Feind, wußtest nicht, daß jene Folianten -noch zu etwas anderem in Leder gebunden seien, als um Hütten und Ställe -daraus zu erbauen für dich und dein Vieh! - -Gedenkst du noch des Frevels, wie roh du mit der deutschen Literatur in -kleinerem Format umgingst? Hast du nicht deinem Bruder den Lessing an -den Kopf geworfen, wofür er dich freilich mit Sophiens Reisen von Memel -nach Sachsen erbärmlich zudeckte? Damals dachtest du freilich nicht -daran, daß du einst selbst Bücher machen werdest! - -Tauchet auch ihr auf, aus dem Nebel verschwundener Jahre, ihr Mauern -des alten Schlosses. Wie oft dienten deine halbverfallenen Gänge, -deine Keller, deine Zwinger, deine Verließe der fröhlichen Schar -zum Tummelplatz ihrer Spiele! Soldaten und Räuber, Nomaden und -Karawanen! Wie wohl war uns oft in der untergeordneten Rolle eines -Kosaken, während andere -- Generale, Platows, Blüchers, Napoleone -und dergleichen vorstellten und sich prügelten? Ja, waren wir nicht -zuzeiten sogar ein Pferd, dem Freunde zu Gefallen? O Himmel, wie schön -ließ es sich dort spielen! - -Wo sind sie hin, die Gespielen deiner Kindheit, die Genossen jener -goldenen Tage, wo kein Rang, kein Stand, kein Ansehen gilt. Grafen -und Barone machen jetzt wohl die große Tour oder dienen an Höfen als -Kammerherren. Arme Teufel pilgern als Handwerksbursche durchs Reich, -den schweren Bündel auf dem Rücken, ohne Schuhe an den Füßen, haschen -nach Pfennigen aus dem Kutschenschlag, die sie mit dem vom Regen -gebräunten Hut künstlich aufzufassen wissen. Und die Liebe drückt sie -oft noch schwerer als das Bündel auf dem Rücken. Andere Kameraden, -Seelen, die sich in der Schule durch geordneten Fleiß in Humanioribus -hervorgetan, sitzen jetzt schon auf einer Pfarre, im Schlaf- oder -Chorrock bei der Frau Liebsten. Andere sind Amtleute, wieder andere -Apotheker, einige Referendäre und dergleichen, und nur wir beide, -ausschweifend aus dem gewöhnlichen Gang der Dinge, sitzen hier im -Bremer Ratskeller und tun uns gütlich im Weine. Und was sind denn wir -Absonderliches geworden? Doktor? Das kann jeder werden, der vernünftig -genug ist, eine Dissertation zu schreiben. - -Doch ich trinke das vierte Glas, Seele. Das vierte! Fühlst du nicht -einen gewissen Nexus zwischen dem Wein und der Zunge? Zwischen der -Zunge und dem Gaumen? Hier, behaupte ich, ist ein Scheideweg und daran -ein Wegezeiger aufgestellt. Nämlich auf der einen Seite steht: »_Weg -nach dem Magen._« Eine breite fahrbare Straße. Es geht so schnell, -so glitschend bergab! Daher auch der gemeinere Stoff gewöhnlich -diesen Weg nimmt. Der andere Arm des Zeigers heißt: »_In den Kopf._« -Dahin ziehen die Geister, die sich schon im Faß lange genug bei dem -schnöden gemeineren Stoff gelangweilt haben, und jetzt, da sie freien -Lauf nehmen können, schielen sie nach dem Wegezeiger rechts hinauf. -Während die Masse links hinabströmt, steigen sie aufwärts und finden -sich im Wirtshaus zur Zirbeldrüse wieder zusammen. Es sind friedliche, -verständige Leute, diese Geister. Sie erhellen dein Haus, o Seele, -solang ihrer vier oder fünf beisammen sind, nachher möchte ich wohl für -nichts stehen, denn sie raufen sich dann und treiben allerhand Unfug im -Gehirn. - -Wie schön ist die vierte Lebensperiode, die wir mit dem vierten Glase -beginnen wollen! Du bist vierzehn Jahre alt, o Seele! Aber was ist -mit dir vorgegangen in der kurzen Zeit? Du spielst keine Knabenspiele -mehr, Soldaten und alles dieses Gezeuge liegt hinter dir, und du -scheinst mir viel zu lesen. Du bist hinter Goethe und Schiller geraten -und verschlingst sie, ohne alles zu verstehen. Oder wie? Du verstehst -_jetzt schon_ alles? Du willst meinen, du könntest Liebe verstehen, -weil du im letzten Sonntagsklub Elvire hinter der Kommode im Dunkeln -geküßt und Emmas Zärtlichkeit zurückgewiesen hast? Barbar! Ahnest du -nicht, daß dieses dreizehnjährige Herz auch den Werther und sogar etwas -von Clauren gelesen haben kann und Liebe für dich fühlt? Aber die -Szene ändert sich. Sei mir gegrüßt, du Felsental der Alb! Du blauer -Strom, an welchem ich drei lange Jahre hauste, die Jahre lebte, die den -Knaben zum Jüngling machen. Sei mir gegrüßt, du klösterliches Dach, -du Kreuzgang mit den Bildern verstorbener Aebte, du Kirche mit dem -wundervollen Hochaltar, ihr Bilder alle in schönes Gold des Morgenrotes -getaucht! Seid mir gegrüßt, ihr Schlösser auf den Felsen, ihr Höhlen, -ihr Täler, ihr grünen Wälder! Jene Täler, jene Klostermauern waren -das enge Nest, das uns aufzog, bis wir flügge waren, und ihrer rauhen -Albluft danken wir es, daß wir nicht verweichlichten. - -Ich komme ans fünfte Glas ins fünfte Säkulum unseres Lebens. Ich -schlürfe euch ein, liebliche Erinnerungen, wie ich dies Glas edlen -Rheinweins schlürfe. Ihr duftet auf in herrlicher Schöne, Jahre meiner -Jugend, wie das Aroma aufsteigt aus dem Römer. Mein Auge wird wacker, -o Seele, denn sie sind um mich, die Freunde meiner Jugend! Wie soll -ich dich nennen, du hohes, edles, rohes, barbarisches, liebliches, -unharmonisches, gesangvolles, zurückstoßendes und doch so mild -erquickendes Leben der Burschenjahre? Wie soll ich euch beschreiben, -ihr goldenen Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? Welche Töne -soll ich euch geben, um mich verständlich zu machen? Welche Farben -dir, du nie begriffenes Chaos! Ich soll dich beschreiben? Nie! Deine -lächerliche Außenseite liegt offen, die sieht der Laie, die kann man -ihm beschreiben, aber deinen innern, lieblichen Schmelz kennt nur -der Bergmann, der singend mit seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen -Schacht. Gold bringt er herauf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig, -gilt gleich viel. Aber dies ist nicht seine ganze Ausbeute. Was er -geschaut, mag er dem Laien nicht beschreiben, es wäre allzu sonderbar -und doch zu köstlich für sein Ohr. Es leben Geister in der Tiefe, die -sonst kein Ohr erfaßt, kein Auge schaut. Musik ertönt in jenen Hallen, -die jedem nüchternen Ohr leer und bedeutungslos ertönt. Doch dem, der -_mit_ gefühlt und _mit_ gesungen, gibt sie eine eigene Weihe, wenn -er auch über das Loch in seiner Mütze lächelt, das er als Symbolum -zurückgebracht. Alter Großvater! Jetzt weiß ich, was du vornahmst, wenn -»der Herr seinen Schalttag feierte«. Auch du hattest deine trauten -Gesellen seit den Tagen deiner Jugend, und das Wasser stand dir in den -grauen Wimpern, wenn du einen beisetztest im Stammbuch. Sie leben! - -Wirf die Flasche weg, Mensch, stich eine neue an zu neuer Freude. Das -sechste! Wer kann dich berechnen, o Liebe! - -Es ging uns, wie es so manchem Erdensohn ergeht. Wir lasen von Liebe -und glaubten zu lieben. Das Wunderbarste und doch Natürlichste an -der Sache war, daß die Perioden oder Grade dieser Art Liebe sich -nach unserer Lektüre richteten. Haben wir nicht Vergißmeinnicht und -Ranunkeln gebrochen und des Doktors Tochter in G. verschämt überreicht -und uns einige Tränen ausgepreßt, weil wir lasen: »Das Schönste sucht -er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt?« -- »Aus seinen Augen -brechen Tränen?« Haben wir nicht ~à la~ Wilhelm Meister geliebt, das -heißt, wir wußten nicht mehr, war es Emeline oder Camilla, die Zarte, -oder gar Ottilie? Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen -hinter den Jalousieen hervorgeschaut, wenn wir Ständchen brachten im -Winter und die Gitarre weidlich schlugen, obgleich uns der Frost die -Finger krumm bog? Und nachher, als es sich zeigte, wie sie alle nur -schnöde Koketten seien, haben wir da nicht die Liebe törichterweise -verschworen und uns vorgenommen, erst dann zu heiraten, wenn die -Schwaben klug werden, das heißt im vierzigsten? - -Wer kann dich berechnen, verschwören, o Liebe? Du tauchst nieder aus -dem Auge der Geliebten und schlüpfst durch unser Auge verstohlen in -das Herz. Und dennoch so kalt konntest du bleiben, wenn ich meine -Lieder sang, wolltest den Blick nicht erwidern, den ich so oft nach dir -aussandte? Ich möchte ein General sein, nur daß sie meinen Namen in der -Zeitung läse, daß es ihr bange würde, wenn sie läse: »Der General Hauff -hat sich in der letzten Schlacht bedeutend hervorgetan und acht Kugeln -ins Herz bekommen, -- woran er aber nicht gestorben.« Ich möchte ein -Tambour sein, nur daß ich vor ihrem Haus meinen Schmerz auslassen und -fürchterlich trommeln könnte, und fährt sie dann erschrocken mit dem -Köpfchen durchs Fenster, so will ich gerade das Gegenteil russischer -Fellraßler machen und vom Fortissimo abwärts trommeln und piano und im -leisen Adagiowirbel ihr zuflüstern: »Ich liebe dich.« Ein berühmter -Mensch möchte ich sein, nur daß sie von mir hörte und stolz zu sich -sagte: »Der hat dich einst geliebt.« Aber leider reden die Leute nicht -von mir, höchstens wird man ihr morgen sagen: »Gestern nacht ist er -auch wieder bis Mitternacht im Weinkeller gelegen!« Und wenn ich -vollends ein Schuster oder Schneider wäre! Doch dies ist ein gemeiner -Gedanke und deiner unwürdig, Adelgunde! -- - -Jetzt wacht wohl keiner mehr als der Höchste und Niedrigste dieser -Stadt, nämlich der Turmwächter hoch oben auf der Domkirche und ich tief -unten im Ratskeller. Wär' ich doch der auf dem Turme! in jeder Stunde -wollte ich das Sprachrohr ansetzen und dir ein Lied hinabsingen ins -Schlafkämmerlein; doch nein! das würde ja den süßen Engel aus seinem -Schlummer wecken, aus seinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier -unten hört mich niemand, da will ich eines singen! Seele! komme ich mir -denn nicht gerade vor wie ein Soldat auf dem Posten, dem das Heimweh -recht schwer und tief im Herzen liegt? Und hat nicht einer meiner -Freunde dies Lied gedichtet? - - Steh' ich in finstrer Mitternacht - So einsam auf der fernen Wacht, - So denk' ich an mein fernes Lieb, - Ob mir's auch treu und hold verblieb? - - Als ich zur Fahne fort gemüßt, - Hat sie so herzlich mich geküßt, - Mit Bändern meinen Hut geschmückt - Und weinend mich ans Herz gedrückt! - - Sie liebt mich noch, sie ist mir gut, - Drum bin ich froh und wohlgemut, - Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht, - Wenn es ans treue Lieb gedacht. - - Jetzt bei der Lampe mildem Schein - Gehst du wohl in dein Kämmerlein, - Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn - Auch für den Liebsten in der Fern'! - - Doch, wenn du traurig bist und weinst, - Mich von Gefahr umrungen meinst -- - Sei ruhig; bin in Gottes Hut, - Er liebt ein treu Soldatenblut. - - Die Glocke schlägt, bald naht die Rund' - Und löst mich ab zu dieser Stund': - Schlaf wohl im stillen Kämmerlein - Und denk' in deinen Träumen mein! - -Und denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die Glocken summten -dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen Gesang. Schon Mitternacht? -Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen Schauer in sich; es ist, -als zittere die Erde leise, wenn sich die schlummernden Menschen unter -ihr auf die andere Seite legen, die schwere Decke schütteln und den -Nachbar im Kämmerlein nebenan fragen: »Ist's noch nicht Morgen?« Wie so -ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir hernieder, -als wenn er am Mittag durch die hellen klaren Lüfte schallt. Horch! -Ging da nicht im Keller eine Türe? Sonderbar; wenn ich nicht so ganz -allein hier unten wäre, wenn ich nicht wüßte, daß die Menschen nur oben -wandeln, ich würde glauben, es tönen Schritte durch diese Hallen. -- -Ha! es ist so; es kommt näher, es tastet an der Türe hin und her; es -faßt und schüttelt die Klinke; doch die Türe ist verschlossen und mit -Riegeln verhängt; mich stört heute nacht _kein Sterblicher_ mehr. -- -Ha, was ist das? die Türe springt auf! Entsetzen! -- - - * * * * * - -Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig Komplimente -über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug -eine große, schwarze Lockenperücke, einen dunkelroten Rock -nach altfränkischem Schnitt, überall mit goldenen Tressen und -goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer langen und dünnen -Beine staken in dünnen Beinkleidern von schwarzem Samt mit goldenen -Schnallen am Knie; daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den -Schuhen trug er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von -Porzellan hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn -er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen kleinen Hut von Seide, -und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann wie Wasserfälle -über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes -Gesicht, tiefliegende Augen und eine große feuerrote Nase. Ganz anders -war der kleinere Geselle anzuschauen, dem jener den Vortritt gönnen -wollte. Seine Haare waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und -nur an den Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalftern -gewickelt, ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; er -trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten in großen -Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste, die über -sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Kniee herabfiel, und hatte -einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt. Er hatte etwas Gutmütiges in -seinem feisten Gesicht, besonders in den Aeuglein, die ihm wie einem -Hummer hervorstanden. Seine Manöver führte er mit einem ungeheuren -Filzhut aus, der auf zwei Seiten aufgeklappt war. - -Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, Zeit -genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden Herren machten -wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle die zierlichsten Pas. -Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Türe auf, nahm den -Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre -Hüte an die Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich -zu beachten, stillschweigend an den Tisch. »Ist denn heute Fastnacht -in Bremen?« sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren Gäste -nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung so unheimlich vor, -besonders wußte ich mich in ihre starren Blicke, in ihr Schweigen nicht -zu finden; ich wollte mir eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein -neues Geräusch im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging -auf, und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die ersten -gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, der wie ein -Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und Jagdhorn und schaute -ungemein fröhlich um sich. - -»Gott grüß euch, ihr Herren vom Rhein!« sprach der Lange im roten Rocke -im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte. »Gott grüß euch,« -quiekte der Kleine dazu, »haben uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!« - -»Frisch auf! Holla und guten Morgen, Herr Matthäus,« rief der Jäger dem -Kleinen zu, »und auch Euch guten Morgen, Herr Judas! Aber was ist das? -Wo sind die Römer, wo Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch -nicht wach aus seinem Sündenschlaf?« - -»Die Schlafmütze!« erwiderte der Kleine. »Der schläfrige Bengel! Droben -liegt er noch in Unser Lieben Frauen Kirchhof, aber das Donnerwetter, -ich will ihn herausschellen!« Dabei ergriff er eine große Glocke, die -auf dem Tische stand, und klingelte und lachte in grellen, schneidenden -Tönen. Auch die drei anderen Herren hatten Hüte, Stock und Degen in -die Ecken gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Tisch gesetzt. -Zwischen dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas -nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, auf seinen -schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger Ernst, und um -die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln; er trug eine blonde -Perücke mit vielen Locken, was mit seinen großen, braunen Augen einen -auffallenden, aber angenehmen Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber -saß ein großer, wohl gemästeter Mann, mit rotausgeschlagenem Gesicht -und einer Purpurnase. Er hatte die Unterlippe weit herabhängen und -trommelte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen ihn -Philippus. - -Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen, saß neben -ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln Augen, ein kräftiges -Rot schmückte seine Wangen, und ein dichter Bart umschattete den Mund. -Er hieß Herr Petrus. - -Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen Gästen das -Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien eine neue Gestalt -in der Türe. Es war ein kleines, altes Männlein mit schlotternden -Beinen und grauem Haar; sein Kopf sah aus wie ein Totenkopf, über den -man eine dünne Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen -Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei und grüßte die -Gäste demütig. - -»Ha! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar,« riefen die Gäste ihm -entgegen; »frisch heran, Alter, setz' die Römer auf und bring' uns -Pfeifen! Wo steckst du nur so lang? Es ist längst zwölf vorüber.« - -Der alte Mann gähnte einigemal etwas unanständig und sah überhaupt -aus wie einer, der zu lange geschlafen. »Hätte beinahe den ersten -September verschlafen,« krächzte er, »ich schlief so hart, und seitdem -sie den Kirchhof gepflastert haben, höre ich auch ziemlich schlecht. Wo -sind denn aber die anderen Herren?« fuhr er fort, indem er Pokale von -wunderlicher Form und ansehnlicher Größe aus dem Korbe nahm und auf den -Tisch setzte; »wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und -die alte Rose fehlt auch noch.« - -»Setze nur die Flaschen her,« rief Judas, »daß wir endlich was zu -trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen noch im Faß, poch' -an mit deinen dürren Knochen und heiße sie aufstehen, sage, wir sitzen -schon alle hier.« - -Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein großes Geräusch -und Gelächter vor der Türe entstand. »Jungfer Rose hoch, hussa, hoch! -und ihr Schatz der Bacchus, hoch!« hörte man von mehreren Stimmen -rufen; die Türe flog auf, die gespenstischen Gesellen am Tische -sprangen in die Höhe und schrieen: »Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose -und Bacchus und die anderen! Hallo! Jetzt geht das Freudenleben erst -recht an!« und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der -Dicke schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die -Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und stimmte -ein in das Juheisa, heisa, he! daß mir die Ohren gellten. Welch ein -Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im Keller geritten, war -herabgestiegen, nackt, wie er war; mit seinem breiten, freundlichen -Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte er das Volk und trippelte auf -kleinen Füßchen in das Zimmer; an seiner Hand führte er ganz ehrbarlich -wie seine Braut eine alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher -Dicke. Noch weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles -so geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame -niemand anders sei als die alte Rose, das ungeheure Faß im Rosenkeller. - -Und wie hatte sie sich köstlich aufgeputzt, die alte Rheinländerin! -Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen sein, denn wenn -auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und Mund gelegt hatte, wenn -auch das frische Rot der Jugend von ihren Wangen verschwunden war, -zwei Jahrhunderte konnten die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht -völlig verwischen. Ihre Augenbrauen waren grau geworden, und einige -unziemliche graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber die -Haare, die um die Stirne schön geglättet lagen, waren nußbraun und nur -etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf dem Kopfe trug sie eine -schwarze Samtmütze, die sich enge an die Schläfe anschloß; dazu hatte -sie ein Wams vom feinsten schwarzen Tuche an, und das Mieder vom roten -Samt, das darunter hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten -geschnürt. Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden -Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein weiter, -faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte Gestalt, -und ein kleines weißes Schürzchen, mit feinen Spitzen besetzt, wollte -sich recht schalkhaft ausnehmen. An der einen Seite hing ihr eine große -Tasche von Leder, an der anderen ein Bündel gewaltiger Schlüssel -- -kurz, sie war eine so ehrbare Frau, als je eine Anno 1618 in Köln oder -Mainz über die Straße ging. - -Aber hinter der Frau Rose kamen noch sechs jubelnde Gesellen, die -Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf den Kopf gesetzt, -mit weitschößigen Röcken und langen, reich gestickten Westen angetan. - -Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel Bacchus -seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit großem Anstand -gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder; an ihrer Seite nahm der -hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, der Kellermeister, hatte ihm ein -tüchtiges Polster untergeschoben, weil er sonst gar klein und niedrig -dagesessen hätte. Auch die anderen sechs Gesellen nahmen Platz, und ich -merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apostel vom Rheine seien, die hier -um die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen. - -»Da wären wir ja,« sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nachgelassen, -»da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von 1700, und alle -wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, Jungfer Rose! Auch Sie -hat gar nicht gealtert und ist noch so stattlich und hübsch wie vor -fünfzig Jahren. Gutes Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr -Bacchus, daneben!« - -»Soll leben, die alte Rose soll leben!« riefen sie und stießen an und -tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen silbernen Humpen -trank, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele Beschwerden hinunter, -und er ward zusehends dicker davon und größer wie eine Schweinsblase, -die man mit Luft füllt. - -»Mich gehorsamst zu bedanken, wertgeschätzte Herren Apostel und -Vettern,« antwortete Frau Rosalia, indem sie sich freundlich verneigte. -»Seid Ihr noch immer solch ein loser Schäker, Herr Petrus? Ich weiß -von keinem Schatz nicht, und Ihr müßt ein sittsam Mägdlein nicht so in -Verlegenheit setzen.« Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte, -und trank ein mächtiges Paßglas aus. - -»Schatz,« erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus seinen Aeuglein -zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, »Schatz, ziere dich doch nicht -so; du weißt ja wohl, daß dir mein Herz zugetan schon seit zweihundert -Herbsten; und daß ich dich noch heute vor allen anderen liebe, soll ein -feuriger Kuß auf deine rosigen Lippen beweisen.« - -Er neigte sich zärtlich gegen die Rose. »Wenn nur das junge Volk hier -nicht dabei wäre,« flüsterte sie verschämt, indem sie sich halb zu -ihm neigte; aber unter dem Jubeln und Jauchzen der Zwölfe hatte der -Weingott sein Schürzenstipendium nebst Zinsen eingenommen. Dann leerte -er seinen Humpen wieder und ward um zwei Fäuste breiter und größer und -hub an mit einer rauhen Weinstimme zu singen: - - Vor allen Schlössern dieser Zeit - Lob' ich ein Schloß zu Bremen, - An seinen Hallen hoch und weit - Darf sich kein Kaiser schämen; - Gar seltsam ist es ausstaffiert, - Mit schmuckem Hausrat ausgeziert, - Doch hat daselbst vor allen - Eine Jungfrau mir gefallen. - - Ihr Auge blinkt wie klarer Wein, - Ihre Wangen sind nicht bleiche, - Wie prächtig ihre Kleider sein, - Von lauter schwerem Zeuge; - Von Eichenholz ist ihr Gewand, - Von Birkenreifen ihre Band', - Das Mieder das sie zieret, - Mit Eisen ist geschnüret. - - Doch ach, man hat ihr Schlafklosett - Mit Riegeln wohl versehen, - Dort schlummert sie im Rosenbett, - Und ich muß draußen stehen; - Drum poch' ich an die Kammertür: - Steh auf, mein Schatz, und komm herfür, - Damit ich mit dir kose, - Mach' auf, herzliebe Rose. - - So steig' ich jede Mitternacht - Zu ihrer Kammer nieder; - Nur einmal hat sie aufgemacht, - Jetzt will sie nimmer wieder; - Und seit ich einmal sie geküßt, - Mein Herz von Sehnsucht trunken ist, - Nur einmal, Rosamunde, - Küß' mich, daß es gesunde. - -»Ihr seid ein Schäker, Herr Bacchus,« sagte Rosa, als er mit -einem zärtlichen Triller geendet hatte. »Ihr wißt wohl, daß mich -Bürgermeister und Rat unter gar strenger Klausur halten und nicht -erlauben, daß ich mit jedwedem mich einlasse.« - -»Aber mir könntest du doch zuweilen das Kämmerlein öffnen, lieb -Röschen!« flüsterte Bacchus; »mich gelüstet nach der süßen Speise -deines Mundes.« - -»Ihr seid ein Schelm,« rief sie lachend, »Ihr seid ein Türke und habt -es mit vielen zugleich; meint Ihr, ich wisse nicht, wie Ihr mit der -leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein von Bordeaux, und -mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin; geht, geht, Ihr habt einen -schlechten Charakter und verstehet Euch nicht auf treue deutsche Minne.« - -»Ja, das sag' ich auch!« rief Judas, und fuhr mit der langen knöchernen -Hand nach der Hand der Jungfer Rose. »Das sag' ich auch; drum nehmet -mich zu Eurem Galan, liebwerteste Jungfer, und lasset den kleinen, -nackten Kerl seiner Französin nachziehen.« - -»Was?« schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige Maß Wein. »Was? -Mit dem jungen Fant von 1726 willst du dich abgeben, Röschen? Pfui, -schäme dich; was mein nacktes Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann -ich ebensogut wie er, eine Perücke aufsetzen, einen Rock umhängen und -einen Degen an die Seite stecken; aber ich trage mich so, weil ich -Feuer im Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da -sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich erlogen. -Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste erlustiert, aber -weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster Schatz, und dir gehört -mein Herz.« - -»Eine schöne Treue, Gott erbarm's!« erwiderte die Dame. »Was hört man -nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem Frauenzimmer habt? Von der -süßlichen Metze, der Xeres, will ich gar nichts sagen, das ist eine -bekannte Geschichte, aber wie ist es denn mit der Jungfer Dentilla di -Rota und mit der von San Lucas? Und dann mit der Sennora Ximenes?« - -»Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit,« rief er -ärgerlich, »man kann doch alte Verbindungen nicht ganz aufgeben. Und -was die Sennora Ximenes betrifft, so seid Ihr sehr ungerecht, ich -besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch, weil sie Eure Verwandte -ist.« - -»Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verwandte?« murmelten Rose und die -Zwölfe untereinander. »Wie das?« - -»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr er fort, »daß diese Sennora eigentlich eine -Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Ximenes hat sie heimgeführt als -blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau nach seiner Heimat Spanien, -und dort hat sie sich angesiedelt und seinen Familiennamen angenommen. -Noch jetzt, obgleich sie den süßen, spanischen Charakter angenommen, -noch jetzt hat sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzüge des -Gesichtes sich in der Familie nicht ganz verlieren. Dieselbe Farbe und -jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie zu Eurer -würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose.« - -»Sie soll leben, soll leben!« riefen die Apostel und stießen an, »Base -Ximenes in Hispanien soll leben!« - -Jungfer Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und stieß mit -bittersüßer Miene an; doch schien sie nicht ferner mit ihm hadern zu -wollen, sondern sprach weiter: - -»Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr alle hier? -Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein mutiger Judas, mein -feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, wische dir den Schlaf fein aus -den Aeuglein, du siehst noch ganz trübselig aus; Bartholomäus, du bist -unmäßig dick geworden und scheinst träge zu sein. Ha, mein munterer -Paulus, und wie fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte. -Aber wie, ihr seid ja zu dreizehn am Tische, wer ist denn _der_ dort in -fremder Kleidung, wer hat ihn hieher gebracht?« - -Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf mich und -schienen mit meiner Anwesenheit nicht ganz zufrieden. Aber ich faßte -mir ein Herz und sagte: »Mich gehorsamst der werten Gesellschaft zu -empfehlen. Ich bin eigentlich nichts weiter als ein zum Doktor der -Philosophie graduierter Mensch und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts -in dem Wirtshause zur Stadt Frankfurt auf.« - -»Wie wagst du es aber, hierher zu kommen in dieser Stunde, graduiertes -Menschenkind?« sprach Petrus sehr ernst, indem er Blitze aus seinen -Feueraugen auf mich sprühte. »Du hättest wohl denken können, daß du -nicht in diese noble Sozietät gehörst.« - -»Herr Apostel,« antwortete ich und weiß noch heute nicht, woher ich den -Mut bekam, wahrscheinlich aus dem Wein; »Herr Apostel, das Du verbitte -ich mir fürs erste, bis wir weiter bekannt sind. Und was die noble -Sozietät betrifft, in die ich gekommen sein soll, so kam sie zu mir, -nicht ich zu ihr, denn ich sitze schon seit drei Stunden in diesem -Gemach, Herr!« - -»Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor?« fragte -Bacchus etwas sanfter als der Apostel. »Um diese Zeit pflegt sonst das -Erdenvolk zu schlafen.« - -»Euer Exzellenz,« erwiderte ich, »das hat seinen guten Grund. Ich bin -ein portierter Freund des edlen Getränkes, das man hier unten verzapft, -habe auch durch die Vergünstigung eines wohledlen Senats die Permission -erhalten, denen Herrn Aposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch -abzustatten, was ich auch geziemendst getan.« - -»Also Ihr trinkt gerne Rheinwein?« fuhr Bacchus fort, »nun, das ist -eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser Zeit, wo die Menschen -so kalt geworden sind gegen diese goldene Quelle.« - -»Ja, der Teufel hole sie all!« rief Judas. »Keiner will mehr einige Maß -Rheinwein trinken, außer hie und da solch ein fahrender Doktor oder -vazierender Magister, und diese Hungerleider lassen sich ihn erst noch -aufwichsen.« - -»Muß ganz gehorsamst deprezieren, Herr von Judas,« unterbrach ich den -schrecklichen Rotrock. »Nur einige kleine Versuche habe ich getan mit -Dero Rebenblut von 1700 und etlichen Jahren, und den hat mir allerdings -der wackere Bürgermeister einschenken lassen; was Sie aber hier sehen, -ist etwas neuer und in barer Münze von mir bezahlt.« - -»Doktor, ereifert Euch nicht,« sagte Frau Rose, »er meint's nicht so -böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht, daß die Zeiten -so lau geworden.« - -»Ja!« rief Andreas, der feine, schöne Andreas. »Ich glaube, dieses -Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes mehr wert ist, drum -sollen sie hier ein Gesöff von allerlei Schnaps und Sirup brauen, -heißen es Chateau-Margaux, Sillery, St. Julien und sonst nach allerlei -pompösen Namen, und kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es -saufen, bekommen sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt -war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie schnöden Schnaps getrunken.« - -»Ha, was war das für ein anderes Leben,« führte Johannes die Rede fort, -»als wir noch junge, blutjunge Gesellen waren, Anno 19 und 26. Auch -Anno 50 ging es noch hoch her in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es -mochte die Sonne scheinen in hellem Frühling oder schneien und regnen -im Winter, jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen -Gästen. Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der _Senat -von Bremen_, stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre an der Seite, -Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich.« - -»Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus, hier die -Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine berieten sie sich über -das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn sie -uneinig in der Meinung waren, so stritten sie sich nicht mit bösen -Worten, sondern tranken einander wacker zu, und wenn der Wein ihre -Herzen erwärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war -der Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände, -sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren des edlen -Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie -abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus.« - -»Schöne, alte Zeiten!« rief Paulus; »daher kommt es auch, daß noch -heutzutage jeder vom Rat ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche -Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier saßen und tranken, -war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr -Geldsäckelein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben, -und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es gibt einige wackere -Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren -wenige.« - -»Ja, ja, Kinder,« sprach die alte Rose, »sonst war es anders, so vor -fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie abends ihre -Weiber und Mädchen mit in den Keller, und die schönen Bremerkinder -tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler und waren weit und -breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurroten -Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie -allerlei miserables Zeug als Tee und dergleichen, was weit von hier bei -den Chinesen wachsen soll und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, -wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, echten -gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch -ums Himmels willen, sie gießen spanischen Süßen darunter, daß er ihnen -munde, sie sagen, er sei zu sauer.« - -Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich unwillkürlich -einstimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich, daß ihn der alte -Balthasar halten mußte. - -»Ja, die guten alten Zeiten!« rief der dicke Bartholomäus; »sonst trank -ein Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt' er Wasser getrunken, -so nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein Römer um. Sie sind aus der -Uebung gekommen.« - -»Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu,« sagte -Fräulein Rose und lächelte vor sich hin. - -»Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!« baten alle; sie aber -trank bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte Kehle bekam, und hub -an: - -»Anno tausend sechshundert und einige zwanzig, dreißig Jahre war -ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen des Glaubens; die -einen wollten so und die anderen anders, und statt daß sie bei -einem Glase Wein die Sache vernünftig besprochen hätten, schlugen -sie sich die Schädel ein. Albrecht von Wallenstein, des Kaisers -Generalfeldmarschall, hauste schrecklich in protestantischen Landen. -Des erbarmte sich der Schwedenkönig, Gustav Adolf, und kam mit vieler -Mannschaft zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert, -sie hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber weiter -nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit waren Bremen und die -anderen Hansestädte neutral und wollten es mit keiner Partei verderben. -Dem Schweden lag aber daran, durch ihr Gebiet zu ziehen und sich -freundlich mit ihnen einzulassen, darum wollte er einen Gesandten an -sie schicken. Weil aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles -im Weinkeller verhandle und die Ratsherren und Bürgermeister einen -guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schwedenkönig, sie möchten -seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein, daß er endlich betrunken -würde und schlechte Bedingungen einginge für die Schweden. - -»Nun befand sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann vom gelben -Regiment, der ganz erschrecklich trinken konnte. Zwei, drei Maß zum -Frühstück war ihm ein kleines, und oft hat er abends zum Zuspitzen -ein halb Imi getrunken und nachher gut geschlafen. Als nun der König -voll Besorgnis war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten -allzusehr zusetzen, so erzählte ihm der Kanzler Oxenstierna von dem -Hauptmann, Gutekunst hieß er, der so viel trinken könne. Des freute -sich der König und ließ ihn vor sich kommen. - -»Da brachten sie einen kleinen, hageren Mann, der war ganz bleich im -Gesicht, hatte aber eine große, kupferrote Nase und hellblaue Lippen, -was ganz wunderlich anzusehen war. Der König fragte ihn, wieviel er -sich wohl zu trinken getraue, wenn es recht ernstlich zuginge. ›O -Herr und König,‹ antwortete er, ›so ernstlich bin ich noch nie daran -gekommen, habe mich bis dato auch noch nicht geeicht; der Wein ist -nicht wohlfeil, und man kann täglich nicht über sieben, acht Maß -trinken, ohne in Schulden zu geraten.‹ -- ›Nun, wieviel meinst du -denn führen zu können?‹ fragte der König weiter. Er aber antwortete -unerschrocken: ›Wenn Euer Majestät bezahlen wollen, möchte ich wohl -einmal zwölf Mäßchen trinken, mein Reitknecht, der Balthasar Ohnegrund, -kann es aber noch besser.‹ Da schickte der König auch nach Balthasar -Ohnegrund, dem Knecht des Hauptmann Gutekunst, und war der Herr schon -blaß gewesen und mager, so war es der Diener noch mehr, der ganz -aschenfarb aussah, als hätt' er sein Leben lang Wasser getrunken. - -»Da ließ nun der König den Hauptmann und Ohnegrund, den Reitknecht, in -ein Zelt setzen und einige Fäßlein alten Hochheimer und Nierensteiner -anfahren und wollte haben, die beiden sollten sich eichen lassen. Sie -tranken von morgens elf Uhr bis abends vier Uhr ein Imi Hochheimer und -anderthalb Imi Nierensteiner, und der König ging voll Verwunderung -zu ihnen ins Zelt, um zu sehen, wie es mit ihnen stehe. Die beiden -Gesellen waren aber wohlauf, und der Hauptmann sagte: ›So, jetzt will -ich einmal die Degenkoppel abschnallen, dann geht's besser;‹ Ohnegrund -aber machte drei Knöpfe an seinem Koller auf. - -»Da entsetzten sich alle, die dies sahen, der König aber sprach: -›Kann ich bessere Gesandte finden nach der fröhlichen Stadt Bremen -als diese?‹ Und alsobald ließ er dem Hauptmann prächtige Kleider -und Waffen geben, wie auch Ohnegrund, dem Reitknecht, denn dieser -sollte den Schreiber des Gesandten vorstellen. Der König und der -Kanzler unterrichteten den Hauptmann, was er zu sagen hätte bei der -Unterhandlung, und nahm beiden das Versprechen ab, daß sie auf der -ganzen Reise nur Wasser trinken sollten, damit nachher das Treffen im -Keller um so glorreicher würde! Gutekunst aber, der Hauptmann, mußte -seine rote Nase mit einer künstlichen Salbe anstreichen, auf daß sie -weiß aussah, damit man nicht merke, welch ein Kunde er sei. - -»Ganz elendiglich von vielem Wassertrinken kamen die beiden nach der -Stadt Bremen, und nachdem sie bei dem Bürgermeister gewesen, sagte -dieser zum Senat: ›O, was hat uns der Schwede für zwei bleiche, magere -Gesellen geschickt; heute abend wollen wir sie in den Ratskeller -führen und zudecken. Ich nehme den Gesandten auf mich ganz allein, -und der Doktor Schnellpfeffer muß auf den Schreiber.‹ So wurden -sie denn abends nach der Betglocke feierlichst in den Ratskeller -geführt, der Bürgermeister führte Gutekunsten, den Hauptmann, der -Doktor Schnellpfeffer, was auch ein guter Trinker war, führte den -Reitknecht am Arm, der als Schreiber angetan sich recht züchtiglich -gebärdete; hinter ihnen gingen viele Ratsherren, die zur Verhandlung -geladen waren. Hier in diesem Gemach setzten sie sich um den Tisch -und verspeisten zuerst Hasenbraten und Schinken und Heringe, um sich -zum Trinken zu rüsten. Dann wollte der Gesandte ganz ehrbar mit der -Verhandlung anfangen, und sein Schreiber zog Pergament und Feder -aus der Tasche; aber der Bürgermeister sprach: ›Mit nichten also, -Ihr edlen Herren; so ist es nicht Gebrauch in Bremen, daß man die -Sache also trocken abmacht; wollen einander vorerst auch zutrinken -nach Sitte unserer Väter und Großväter.‹ -- ›Kann eigentlich nicht -viel vertragen,‹ antwortete der Hauptmann, ›dieweil es aber Seiner -Magnifizenz also gefällig, will ich ein Schlücklein zu mir nehmen.‹ Nun -tranken sie sich zu und hielten ein Gespräch über Krieg und Frieden und -über die Schlachten, so geliefert worden; die Ratsherren aber, um den -Fremden mit gutem Beispiel voranzugehen, tranken sich weidlich zu und -bekamen rote Köpfe. Bei jeder neuen Flasche entschuldigten sich die -Fremden, wie sie gar den Wein nicht gewohnt wären und er ihnen zu Kopfe -steige; des freute sich der Bürgermeister, trank in seiner Herzenslust -ein Paßglas um das andere, so daß er nicht mehr recht wußte, was zu -beginnen. Aber, wie es zu gehen pflegt in diesem wunderbaren Zustand, -er dachte: jetzt ist er betrunken, der Gesandte, und auch dem Schreiber -hat der Doktor tüchtig zugesetzt; und sprach daher: ›Nun wollen wir -anfangen mit unserem Geschäft.‹ Das waren die Fremden zufrieden, taten, -wie wenn sie voll Weines wären und tranken auf ihrer Seite den Herren -weidlich zu. - -»Da wurde nun gesprochen und getrunken, gehandelt und wieder -getrunken, bis der Bürgermeister mitten im Satz einschlief und der -Doktor Schnellpfeffer unter dem Tische lag. Da kamen denn die anderen -Ratsherren und tranken den Fremden zu und führten die Verhandlung fort; -aber trank der Hauptmann lästerlich, so machte es sein Reitknecht noch -schlimmer; fünf Küper mußten immer hin und her laufen und einschenken, -denn der Wein verschwand von dem Tisch, als wäre er in den Sand -gegossen worden. So geschah es, daß die Gäste nacheinander den ganzen -Rat unter den Tisch tranken bis auf einen. - -»Dieser eine aber war ein großer starker Mann, mit Namen Walther, -von welchem man allerlei sprach in Bremen, und wäre er nicht im Rat -gesessen, man hätte ihn längst böser Künste und Zauberei angeklagt. -Herr Walther war seines Zeichens eigentlich ein Zirkelschmied gewesen, -hatte sich aber hervorgetan in seiner Gilde, war unter die Aeltermänner -gekommen und nachher in den Senat. Dieser hielt aus bei den Gästen, -trank zweimal so viel als beide, so daß ihnen ganz unheimlich wurde, -denn er war so verständig wie zuvor, während der Hauptmann schon trübe -Augen bekam und glaubte, es gehe ihm ein Rad im Kopf herum. So oft der -Senator Walther ein Paßglas getrunken, fuhr er mit der Hand unter den -Hut, und dem Reitknecht kam es vor, als sähe er ein bläuliches Wölkchen -ganz fein wie Nebel aus seinem rabenschwarzen Haar hervorsteigen. Er -trank wacker drauf los, bis der Hauptmann Gutekunst selig einschlief -und sein Haupt ganz weich auf des Bürgermeisters Bauch legte. - -»Da sprach der Senator Walther mit sonderbarem Lächeln zu dem Schreiber -des Gesandten: ›Lieber Geselle, du führst einen mächtigen Zug, ich -vermeine aber, daß du mit dem Roßstriegel besser fortkommst als mit der -Feder.‹ Da erschrak der Schreiber und sprach: ›Wie meinet Ihr dies, -Herr? Ich will nicht hoffen, daß Ihr mir hohnsprechen wollt; bedenket, -daß ich Seiner Majestät Gesandtschaftsschreiber bin.‹ - -»›Hoho!‹ rief der andere mit schrecklichem Lachen, ›seit wann haben -denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel an und führen -solche Federn bei der Sitzung?‹ Da sah der Reitknecht auf sein -Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er seinen gewöhnlichen -Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand, und siehe da, statt der -Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste. Da entsetzte er sich und -sah sich verraten und wußte nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber -lächelte seltsam und höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb -Maß zu auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und der -Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus seinem Kopf kam. -›Gott soll mich bewahren, Herr, daß ich fürder mit Euch trinke,‹ rief -er; ›Ihr seid ein Schwarzkünstler, wie ich nun vermute, und könnt mehr -als Brot essen.‹ - -»›Darüber wäre noch vielerlei zu sagen,‹ antwortete Walther ganz -ruhig und freundlich; ›aber es würde dir auch nicht viel helfen, -wertgeschätzter Stallknecht und Roßkamm, wenn du mir fürder zusetztest -mit Trinken, mich trinkst du nicht unter den Tisch, wasmaßen ich einen -kleinen Hahnen in mein Gehirn geschraubt habe, durch welchen der -Weindunst wieder herausfährt. Schau zu!‹ Dabei trank er ein großes -Paßglas aus, wandte seinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund, -strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein -kleiner silberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den Zapfen um, -und ein bläulicher Dunst strömte hervor, so daß ihm der Weingeist keine -Beschwerden machte in der Hirnkammer. - -»Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände zusammen und rief: -›Das ist einmal eine schöne Erfindung, Herr Zauberer! Könnet Ihr mir -nicht auch so ein Ding an den Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?‹ --- ›Nein, das geht nicht,‹ antwortete jener bedächtig; ›da seid Ihr -nicht erfahren genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch -liebgewonnen wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum möchte -ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es ist gegenwärtig -die Stelle des Kellermeisters vakant allhier. Balthasar Ohnegrund, -verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es doch mehr Wasser als Wein -gibt, und diene dem wohledlen Rat dieser Stadt; wenn wir auch einige -Lasten Wein mehr brauchen des Jahres, die du heimlich saufest, das -tut nichts, ein solcher Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar -Ohnegrund, ich mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst. -Willst du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze -Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber geschickt.‹ -Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler Wein; er tat einen -Blick in dieses unermeßliche Weinreich, schlug sich auf den Magen und -sagte: ›Ich will's tun.‹ Nachher machten sie noch allerhand Punkte aus, -wie es gehalten werden soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit -seiner armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gutekunst -aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische Lager, und als -nachher die Kaiserlichen in die Stadt kamen, war der Bürgermeister und -Senat froh, daß sie sich mit dem Schweden nicht zu tief eingelassen, -obgleich keiner recht wußte, wie es so gekommen war.« - -So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und lachten -sehr über die beiden Gesandten; Paulus aber fragte: »Und Balthasar -Ohnegrund, der wackere Kunde, was ist aus ihm geworden? Blieb er -Kellermeister?« Die Rose aber wandte sich um mit Lächeln, deutete -auf eine Ecke des Gemachs und sagte: »Dort sitzt er ja noch, wie vor -zweihundert Jahren, der wackere Zecher.« Mir graute, als ich hinsah. -Eine bleiche, abgehärmte Gestalt saß in der Ecke, schluchzte und weinte -sehr und trank dazu sehr viel Rheinwein. Aber es war niemand anders als -eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser Lieben Frauen Kirchhof -herabgekommen war, nachdem ihn Matthäus aus dem Schlaf geschellt. - -»Nun, alter Balthasar,« rief ihm Jakobus zu. »Du hast also als -Reitknecht gedient beim Hauptmann Gutekunst und warst sogar -Gesandtschaftsschreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister wurdest? -Was machte denn der Herr, so den Hahnen im Hirnkasten hatte, für -Bedingnisse?« - -»O Herr!« stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele, und es war, -als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, so greulich tönte -es aus seiner Brust, »O Herr! fordert nicht von mir, daß ich es sage.« - -»Heraus damit!« schrieen die Apostel, was wollte der mit dem -Spiritusableiter? Der Weingeistschröpfer, was wollte er?« - -»_Meine Seele._« - -»Armer Kerl,« sagte Petrus sehr ernst; »und um was wollte er deine arme -Seele?« - -»Um Wein!« murmelte er dumpf, und mir war es, als ob eine Stimme ohne -Hoffnung spräche. - -»Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner Seele?« Er -schwieg lange; endlich sprach er: »Warum dies erzählen, ihr Herren? -Es ist grausig, und ihr versteht doch nicht, was es heißt, eine Seele -verlieren.« - -»Wohl wahr,« sprach Paulus. »Wir sind fröhliche Geister und schlummern -im Weine und freuen uns ewiger ungetrübter Herrlichkeit und Freude; -darum kann uns aber auch kein Grauen anwandeln, denn wer hat Macht über -uns, daß er uns elend mache oder uns schrecke? Darum erzähle!« - -»Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen,« -sprach der Tote; »vor ihm darf ich es nicht sagen.« - -»Nur zu, immer zu,« erwiderte ich, an allen Gliedern schauernd, »ich -kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen, und was ist es am -Ende, als daß Euch der Teufel geholt?« - -»Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet,« murmelte der Alte, »aber -Ihr wollt es so haben, so höret: Der Mensch, der in jener Nacht in -diesem Zimmer bei mir saß, -- es war ein böses Ding mit ihm -- der -hatte seine Seele dem Bösen verhandelt, und es war dabei bedingt, daß -er sich loskaufen könnte durch eine andere Seele. Schon viele hatte -er auf dem Korn gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen. -Mich faßte er besser. Ich war wild aufgewachsen, ohne Unterricht, und -das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn ich so über -ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab, und Freund und -Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich: sie sind jetzt halt tot und -leben nicht mehr; von der Seele hielt ich nicht viel und von Himmel und -Hölle noch weniger. Aber weil man so kurz lebt, wollt' ich's Leben -recht genießen, und Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der -Höllenknecht abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ›So zwanzig, -dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel zu -trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das müßt' ein Leben -sein?‹ -- ›Ja, Herr,‹ sprach ich, ›aber wie könnte ich dies verdienen?‹ --- ›An was liegt dir mehr,‹ fuhr er fort, ›hier recht zu leben nach -Herzenslust auf der Erde, hier im Keller, oder an den Geschichten, -die sich nachher begeben, wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt -und Wein trinkt?‹ Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: ›Meine -Gebeine werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen. Ist -der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an manchem -Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte, darum will -ich leben und lustig sein.‹ Er sprach aber zu mir: ›Wenn du Verzicht -leisten willst auf das, was nachher kommt, so ist es ein leichtes, dich -hier zum Kellermeister zu machen; schreib nur deinen Namen in dies -Büchlein und tue einen recht tüchtigen Schwur dazu.‹ -- ›Was nachher -mit mir geschieht, das kümmert mich nicht,‹ sprach ich; ›Kellermeister -will ich hier sein immerdar und ewiglich, solang ich bin, und der -Teufel, oder wer will, kann das andere haben alles, wenn sie mich einst -einscharren.‹ - -»Als ich so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei, sondern -ein dritter saß neben mir und hielt mir das Büchlein hin zum -Unterschreiben. Der aber, der dies tat, war nicht der Zirkelschmied, -sondern ein anderer.« - -»Wer war es denn? Sag' an!« riefen die Apostel ungeduldig. - -Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich und seine -bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu sprechen, aber -ein Krampf schien ihm die Kehle zuzuschnüren. Da blickte er auf einmal -fest und mutig in eine dunkle Ecke, trank sein Glas aus und warf es -an die Erde. »Was hilft alle Reue, alter Balthasar!« sprach er, indem -große Tränen in seinen Wimpern hingen; »der bei mir saß -- war der -Teufel.« - -Es war bei diesen Worten unheimlich, bis zur Verzweiflung unheimlich in -dem Gemach. Die Apostel schauten ernst und schweigend in ihre Römer, -Bacchus hatte das Gesicht in die Hände gedrückt, und die Rose war -bleich und stille. Kein Atemzug rührte sich, man hörte nur, wie in dem -Totenkopf des Alten die Zähne schaudernd aneinander klapperten. - -»Mein Vater hatte mich gelehrt, meinen Namen zu schreiben, als ich noch -ein kleiner, frommer Knabe war; ich unterschrieb ihn ins Buch, das mir -der andere mit seinen Krallen vorhielt. Von da an ging mir ein Leben -auf in Saus und Braus. In ganz Bremen gab es keinen Mann so fröhlich -als den Kellermeister Balthasar, und getrunken hab' ich, was der Keller -Gutes und Köstliches hatte. Zur Kirche ging ich nie, sondern wenn sie -zusammenläuteten, schritt ich hinab zum besten Faß und schenkte mir ein -nach Herzenslust. Als ich alt wurde, kam oft ein Grauen über mich, und -es fröstelte mir durch die Glieder, wenn ich ans Sterben dachte; hatte -zwar kein Weib, das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich -trösteten; da trank ich denn, wenn die Todesgedanken über mich kamen, -bis ich von Sinnen war und schlief. So trieb ich's lange Jahre, mein -Haar ward grau, meine Glieder schwach, und ich sehnte mich, zu schlafen -im Grabe. Da war mir eines Tages, als sei ich erwacht und könne doch -nicht recht erwachen. Die Augen wollten sich nicht auftun, die Finger -waren steif, als ich mich aus dem Bette heben wollte, und die Beine -lagen starr wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute, -betasteten mich und sprachen: ›Der alte Balthasar ist tot.‹ - -»Tot, dachte ich und erschrak, tot und nicht schlafen? Tot bin ich -und _denke_? Mich erfaßte eine unnennbare Angst, ich fühlte, wie mein -Herz stillestand, und wie sich doch etwas in mir regte und in sich -zusammenzog und bange, bange war; das war mein _Körper_ nicht, denn der -lag steif und tot, was war es denn?« - -»Deine Seele!« sprach Petrus dumpf. »_Deine Seele!_« flüsterten die -andern ihm nach. - -»Da maßen sie meine Länge und Breite, um die sechs Brettlein fertig zu -machen, und legten mich hinein, und ein hartes Kissen von Hobelspänen -unter meinen Schädel und nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde -immer ängstlicher, weil sie nicht schlafen konnte. Dann hörte ich die -Totenglocke läuten auf der Domkirche, sie hoben mich auf, und kein Auge -weinte um mich. Sie trugen mich auf Unser Lieben Frauen Kirchhof, dort -hatten sie mein Grab gegraben, noch höre ich die Seile schwirren, die -sie heraufgezogen, als ich unten lag; dann warfen sie Steine und Erde -herab, und es ward stille um mich her. - -»Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde, als es zehn -Uhr, elf Uhr schlug auf allen Glocken. Wie wird es dir gehen, wie -wird es dir gehen? dachte ich bei mir. Ich wußte noch ein Gebetlein -aus alter Zeit, das wollte ich sprechen, aber meine Lippen standen -still. -- Da schlug es zwölf Uhr, und mit einem Ruck war die schwere -Grabesdecke abgerissen, und auf meinen Sarg geschah ein schrecklicher -Schlag.« - -Ein Schlag, daß die Hallen dröhnten, sprengte jetzt eben die Türe des -Gemaches auf, und eine große weiße Gestalt erschien auf der Schwelle. -Ich war durch Wein und die Schrecknisse dieser Nacht so exaltiert und -außer mir selbst gebracht, daß ich nicht aufschrie, nicht aufsprang, -wie wohl sonst geschehen wäre, sondern geduldig das Schreckliche -anstarrte, das jetzt kommen sollte; mein erster Gedanke war nämlich: -»Jetzt kommt der Teufel.« - -Habt ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geschaut, wo Tritte dumpf -und immer näher tönen, wo Leporello schreiend zurückkommt und die -Statue des Gouverneurs, ihrem Streitroß auf dem Monument entstiegen, -zum Gastmahl kommt? Riesengroß mit abgemessenem, dröhnendem Schritt, -ein ungeheures Schwert in der Hand, gepanzert, aber ohne Helm, trat die -Gestalt ins Gemach. Sie war von Stein, das Gesicht steif und seelenlos; -aber dennoch tat sich der steinerne Mund auf und sprach: »Gott grüß' -euch, vielliebe Reben vom Rheine; muß doch das schöne Nachbarskind -besuchen an ihrem Jahrestag. Gott grüß' Euch, Jungfrau Rose. Darf ich -auch Platz nehmen in Eurem Gelaggaden?« - -Sie schauten alle verwundert nach der riesigen Statue, Frau Rose aber -brach das Stillschweigen, schlug vor Freude die Hände zusammen und -schrie: »Ei, du meine Güte! 's ist ja der steinerne Roland, so seit -vielen hundert Jahren auf dem Domhofe in der lieben Stadt Bremen steht. -Ei, das ist schön, daß Ihr uns die Ehre antut, Herr Ritter; leget doch -Schild und Schwert ab und machet es Euch bequem; wollet Ihr Euch nicht -obenan setzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!« - -Der hölzerne Weingott, so indessen wieder um ein Erkleckliches -gewachsen, warf mürrische Blicke bald auf den steinernen Roland, -bald auf die naive Dame seines Herzens, die ihre Freude so laut und -unverhohlen ausgelassen. Er murmelte etwas von ungebetenen Gästen und -strampelte ungeduldig mit den Beinen. Aber Rose drückte ihm unter dem -Tische die Hand und beschwichtigte ihn durch süße Blicke. Die Apostel -waren näher zusammengerückt und hatten dem steinernen Gast einen Stuhl -neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte Schwert und Schild in -die Ecke und setzte sich ziemlich ungelenk auf das Stühlchen, aber ach, -dies war für ehrsame Bremer Stadtkinder und nicht für einen steinernen -Riesen gemacht; es knackte, als er sich setzte, morsch zusammen, und so -lang er war, lag er im Gemach. - -»Schnödes Geschlecht, das solche Hütschen zimmert, worauf zu meiner -Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte sitzen können, ohne mit -dem Sitz durchzubrechen!« sagte der Heros und stand langsam auf; der -Kellermeister Balthasar aber rollte ein Halbeimerfaß herbei an den -Tisch und lud den Ritter ein, Platz zu nehmen. Es knackten nur ein -paar Dauben, als er sich setzte, aber das Faß hielt aus. Dann bot ihm -der Kellermeister ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der -breiten steinernen Faust, aber krach! war es entzwei, daß ihm der Wein -über die Finger lief. »Ei, Ihr hättet auch die Handschuhe von Stein -füglich ablegen können,« sprach Balthasar ärgerlich und kredenzte ihm -einen silbernen Becher, so ein Maß hielt und in früherer Zeit Tummler -genannt wurde. Der Ritter faßte ihn, drückte nur einige unbedeutende -Buckeln in den Becher, sperrte das steinerne Maul auf und goß den Wein -hinab. - -»Wie mundet Euch der Wein?« fragte Bacchus den Gast; »Ihr habt wohl -lange keinen getrunken?« - -»Er ist gut, bei meinem Schwert! Sehr gut! Was ist es für Gewächs?« - -»Roter Ingelheimer, gestrenger Herr!« antwortete der Kellermeister. - -Das steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies -hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes Lächeln, und -vergnüglich schaute er in den Becher. - -»_Ingelheim!_ du süßer, trauter Name!« sprach er. »Du edle Burg meines -ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen -Namen, und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem -Ingelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt und -von dem großen Carolus, seinem Meister?« - -»Das müßt Ihr den Menschen dort fragen,« erwiderte Judas, »wir geben -uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doktor und Magister und -muß Euch Bescheid geben können über sein Geschlecht.« - -Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich, und ich antwortete: -»Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und -schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt -und blickt nicht vor-, nicht rückwärts; aber so elend sind wir doch -nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Gestalten -gedächten, die einst über unsere Vatererde gingen und ihren Schatten -werfen noch bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten -in die Vergangenheit, wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die -höher schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die -Ruinen wandeln, wo einst der große Kaiser saß in seiner Zelle, wo seine -Ritter um ihn standen, wo Eginhart bedeutungsvolle Worte sprach und -die traute Emma dem treuesten seiner Paladine den Becher kredenzte. -Wo man den Namen Eures großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland -unvergessen, und wie Ihr ihm nahe standet im Leben, so enge seid Ihr -mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung. -Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus dem Tal von Ronceval -durch die Welt und wird tönen, bis er sich in die Klänge der letzten -Posaune mischt.« - -»So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach der Ritter, -»die Nachwelt feiert unsere Namen.« - -»Ha!« rief Johannes feurigen Mutes; »diese Menschen wären auch wert, -Wasser aus dem Rhein zu saufen statt des Rebenblutes seiner Hügel, -wenn sie den Namen des Mannes vergessen hätten, der zuerst die Reben -pflanzte im Rheingau. Auf, ihr trauten Gesellen und Apostel, stoßet an, -unser herrlicher Stammvater lebe, es lebe _Kaiser Karl der Große_!« - -Die Römer klangen, aber Bacchus sprach: »Ja, es war eine schöne, -herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tausend Jahren. Wo -jetzt die wundervollen Weingärten stehen vom Ufer bis hinauf an die -Rücken der Berge, und hinauf und hinab im Rheintal Traube an Traube -sich schlingt, da lag sonst wüster, düsterer Wald. Da schaute einst -Kaiser Karl aus seiner Burg in Ingelheim an den Bergen hin, er sah, -wie die Sonne schon im März so warm diese Hügel begrüße und den Schnee -hinabrolle in den Rhein, wie so frühe die Bäume dort sich belauben und -das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde. Da erwachte in ihm -der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo sonst der Wald stand. - -»Und ein geschäftiges Leben regte sich im Rheingau bei Ingelheim, der -Wald verschwand, und die Erde war bereit, den Weinstock aufzunehmen. Da -schickte er Männer nach Ungarn und Spanien, nach Italia und Burgund, -nach der Champagne und nach Lothringen und ließ Reben herbeibringen -und senkte die Reiser in der Erde Schoß. - -»Da freute sich mein Herz, daß er mein Reich ausbreite im deutschen -Lande, und als dort die ersten Reben blühten, zog ich ein im Rheingau -mit glänzendem Gefolge; wir lagerten auf den Hügeln und schafften in -der Erde und schafften in den Lüften, und meine Diener breiteten die -zarten Netze aus und fingen den Frühlingstau auf, daß er den Reben -nicht schade; sie stiegen hinauf und brachten warme Sonnenstrahlen -nieder, die sie sorgsam um die kleinen Beerlein gossen, schöpften -Wasser im grünen Rhein und tränkten die zarten Wurzeln und Blätter. -Und als im Herbst das erste zarte Kind des Rheingaues in der Wiege -lag, da hielten wir ein großes Fest und luden alle Elemente zur Feier -ein. Und sie brachten köstliche Geschenke und legten sie dem Kindlein -als Angebinde in die Wiege. Das Feuer legte seine Hand auf des Kindes -Augen und sprach: ›Du sollst mein Zeichen an dir tragen ewiglich; ein -reines, mildes Feuer soll in dir wohnen und dich wert machen vor allen -anderen.‹ Und die Luft in zartem, goldenem Gewande kam heran, legte -ihre Hand auf des Kindes Haupt und sprach: ›Zart und licht sei deine -Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln, wie das goldene -Haar der schönen Frauen im Rheingau.‹ Und das Wasser rauschte heran -in silbernen Kleidern, bückte sich auf das Kind und sprach: ›Ich will -deinen Wurzeln immer nahe sein, daß dein Geschlecht ewig grüne und -blühe und sich ausbreite, so weit mein Rheinstrom reicht.‹ Aber die -Erde kam und küßte das Kindlein auf den Mund und wehte es an mit süßem -Atem. ›Die Wohlgerüche meiner Kräuter,‹ sprach sie, ›die herrlichsten -Düfte meiner Blumen habe ich für dich gesammelt zum Angebinde. Die -köstlichsten Salben aus Ambra und Myrrhen werden gering sein gegen -deine Düfte, und deine lieblichsten Töchter wird man nach der Königin -der Blumen heißen -- die _Rosen_.‹ - -»So sprachen die Elemente; wir aber jubelten über die herrlichen -Gaben, schmückten das Kindlein mit frischem Weinlaub und schickten es -dem Kaiser in die Burg. Und er erstaunte über die Herrlichkeit des -Rebenkindes, hat es fortan gehegt und gepflegt und die Rebe am Rhein -seinen herrlichsten Schätzen gleich geachtet.« - -»Andreas!« rief Jungfrau Rose. »Lieber Vetter, du hast solch eine -schöne zarte Stimme, willst du nicht singen zum Ruhme des Rheingaues -und seiner Weine?« - -»Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht Beschwerde -macht, edler Bacchus, wie auch Euch nicht unangenehm ist, mein Herr und -Ritter Roland, so will ich eines singen.« Und er sang eine schöne Weise -voll zarter Töne und Worte, klangvoll und zierlich gefüget, so, daß -man wohl merken konnte, es sei ein Lied eines alten Meisters von 1400 -oder 1500. Verflogen sind seine Worte aus meinem Gedächtnis, aber seine -Weise möchte ich doch wohl finden, denn sie war einfach und schön, und -Petrus begleitete ihn mit einem sonoren, herrlichen Sekund. Die Lust -des Gesanges schien über alle herabzukommen, denn als Andreas geendet, -sang Judas unaufgefordert ein Lied, und ihm folgten die übrigen. Selbst -Rose, so sehr sie sich zierte, mußte ein Lied von 1615 singen, was sie -mit angenehmer, etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem Baß -sang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher ich nur einige -Worte verstand, und endlich, als sie alle gesungen, schauten sie auf -mich, und Rose nickte mir zu, etwas zu singen. Da hub ich denn an: - - »Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben, - Gesegnet sei der Rhein, - Da wachsen sie am Ufer hin und geben - Uns diesen Labewein.« - -Sie lauschten, als sie diese Worte hörten, sie nickten sich zu und -rückten näher zusammen; und die Entfernteren streckten die Köpfe vor, -als wollten sie kein Wort verlieren. Mutiger erhob ich meine Stimme, -lauter und immer lauter war mein Gesang, denn es wogte in mir wie -Begeisterung, vor solchem Publikum zu singen. Die alte Rose nickte den -Takt mit dem Kopfe und summte den Chorus leise, leise mit, und Freude -und Stolz blickten aus den Augen der Apostel. Und als ich geendet, -drängten sie sich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte einen -Kuß auf meine Lippen. - -»Doktor!« rief Bacchus, »Doktor, welch ein Lied! Wie geht einem da das -Herz auf! Herzensdoktor, hast du das Lied gedichtet in deinem eigenen -graduierten Gehirn?« - -»Nein, Euer Exzellenz! solch ein Meister des Gesanges bin ich nicht. -Aber den, der es gedichtet, haben sie längst begraben; er hieß Matthias -Claudius!« - -»_Sie haben -- einen guten Mann begraben_,« sagte Paulus. »Wie klar und -munter ist dies Lied, so klar und helle wie echter Wein, so mutig und -munter wie der Geist, der im Weine wohnet und gewürzt mit Scherz und -Laune, die wie ein würziger Duft aus dem Römer steigen; der Mann hat -gewiß verstanden, welch gutes Ding es um ein Glas lautern Weines ist.« - -»Herr, er ist lange tot, das weiß ich nicht, aber ein anderer großer -Sterblicher hat gesagt: ›Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, -und jeder Mensch kann sich wohl einmal von ihm begeistern lassen!‹ Und -ich denke, der alte Matthias hat auch so gedacht unter guten Freunden, -hätte ja sonst solch ein schönes Lied nicht machen können, das noch -heute alle fröhlichen Menschen singen, die im Rheingau wandeln oder -edeln Rheinwein trinken.« - -»Singen sie das?« rief Bacchus. »Nun seht, Doktor, das freut mich, und -so gar miserabel muß Euer Geschlecht doch nicht geworden sein, wenn sie -so klare, schöne Lieder haben und singen.« - -»Ach, Herr!« sprach ich bekümmert. »Es gibt der _Ueberschwenglichen_ -gar viele, das sind die Pietisten in der Poesie, und wollen solch Lied -gar nicht für ein Gedicht gelten lassen, wie manchen Frömmlern das -Vaterunser nicht mystisch genug zum Beten ist.« - -»Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!« erwiderte mir Petrus, »und -jeder fegt am besten vor seiner eigenen Türe. Aber weil wir gerade bei -seinem Geschlecht sind, erzähl' Er uns doch, wie es auf der Erde ging -im letzten Jahr?« - -»Wenn es die Herren und Damen interessiert,« -- sprach ich zögernd. - -»Immerzu,« rief Roland, »wegen meiner könntet Ihr die letzten -fünfhundert Jahre erzählen, denn auf meinem Domhof sehe ich nichts als -Zigarrenmacher, Weinbrauer, Pfarrer und alte Weiber.« Auch die übrigen -stimmten mit ein; ich hub also an: - -»Was zuerst die deutsche Literatur betrifft --« - -»Halt, ~manum de tabula~!« rief Paulus. »Was scheren wir uns um euer -miserables Geschmier, um eure kleinlichen, ekelhaften Gassenstreite und -Kneipenraufereien, um eure Poetaster, Afterpropheten und --« - -Ich erschrak; wenn diesen Leuten nicht einmal unsere wunderherrliche, -magnifike Literatur interessant war, was konnte ich ihnen denn sagen? -Ich besann mich und fuhr fort: »Offenbar hat Joco im letzten Jahre, was -das Theater anbelangt --« - -»Theater? Geht mir weg!« unterbrach Andreas, »was sollen wir von -euren Puppenspielen, Marionettenkomödien und sonstigen Torheiten -hören! Meinet Ihr etwa, uns komme viel darauf an, ob einer eurer -Lustspieldichter ausgepfiffen wurde oder nicht? Habt Ihr denn dermalen -gar nichts Interessantes, nichts Welthistorisches, das Ihr etwa -erzählen könntet?« - -»Ach, daß Gott erbarm',« erwiderte ich, »bei uns ist die Welthistorie -ausgegangen, wir haben in diesem Fach nur noch den Bundestag in -Frankfurt. Bei unsern Nachbarn höchstens gibt es noch hin und wieder -etwas; zum Beispiel in Frankreich haben die Jesuiten wieder Macht -gewonnen und das Zepter an sich gerissen, und in Rußland sollte es eine -Revolution geben.« - -»Ihr verwechselt die Namen, Freund!« sagte Judas, »Ihr wolltet sagen, -in Rußland sind die Jesuiten wieder eingezogen, und in Frankreich -sollte es eine Revolution geben.« - -»Mit nichten, Herr Judas von Ischariot,« antwortete ich, »so ist es, -wie ich gesagt.« - -»Ei der Tausend!« murmelten sie nachdenklich, »das ist ja ganz -sonderbar und verkehrt!« -- »Und,« fragte Petrus, »Krieg gibt es nicht?« - -»Ein klein wenig, wird aber bald vollends zu Ende sein, in -Griechenland, gegen die Türken.« - -»Ha! das ist schön,« rief der Paladin und schlug mit der steinernen -Faust auf den Tisch. »Hat mich schon vor vielen Jahren geärgert, daß -die Christenheit so schnöde zuschaute, wie der Muselmann dies herrliche -Volk in Banden hielt; das ist schön, wahrlich! Ihr lebet in einer -schönen Zeit, und Euer Geschlecht ist edler, als ich dachte. Also die -Ritter von Deutschland und Frankreich, von Italien, Spanien und England -sind ausgezogen wie einst unter Richard Löwenherz, die Ungläubigen zu -bekämpfen? Die Genueser Flotte schifft im Archipel, die Tausende der -Streiter überzusetzen, die Oriflamme naht sich Stambuls Küsten, und -Oesterreichs Banner weht im ersten Reihen? Ha! zu solchem Kampfe möchte -ich selbst noch einmal mein Roß besteigen, mein gutes Schwert Durande -ziehen und in mein Hifthorn stoßen, daß alle Helden, die da schlafen, -aufstünden aus den Gräbern und mit mir zögen in die Türkenschlacht.« - -»Edler Ritter,« antwortete ich und errötete vor meiner Zeit, »die -Zeiten haben sich geändert. Ihr würdet wahrscheinlich als Demagoge -verhaftet werden bei sotanen Umständen und Verhältnissen, denn weder -Habsburgs Banner noch die Oriflamme, weder Englands Harfe noch -Hispaniens Löwen sieht man in jenen Gefechten.« - -»Wer ist es denn, der gegen den Halbmond schlägt, wenn es nicht diese -sind?« - -»Die Griechen selbst.« - -»Die Griechen? Ist es möglich?« rief Johannes; »und die andern Staaten, -wo sind denn diese beschäftigt?« - -»Noch haben sie Gesandte bei der Pforte.« - -»Mensch, was sagst du?« sprach Roland, starr vor Staunen; »kann -man es ignorieren, wenn ein Volk um seine Freiheit kämpft? Heilige -Jungfrau, was ist dies für eine Welt! Wahrlich das möchte einen Stein -erbarmen!« Er quetschte im Zorn, während er die letzten Worte sprach, -den silbernen Becher wie dünnes Zinn zusammen, daß der Wein darin hoch -an die Decke spritzte, fuhr rasselnd auf vom Tisch, nahm seine Tartsche -und sein langes Schwert und schritt düster mit dröhnenden Schritten aus -dem Gemach. - -»Ei, was ist der steinerne Roland für ein zorniger Kumpan!« murmelte -Rose, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen, indem sie etliche -Weintropfen, die sie benetzten, vom Busentuch abschüttelte. »Will der -steinerne Narr auf seine alten Tage noch zu Felde ziehen! Wenn er sich -sehen ließe, sie steckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann -unter die Brandenburger Grenadiere, denn die Größe hat er.« - -»Jungfer Rose,« erwiderte ihr Petrus, »zornig ist er, das ist wahr, -und er hätte können auf andere Weise davongehen; aber bedenket, daß -er einst Furioso, wahnsinnig war und noch ganz andere Sachen getan, -als silberne Becher zerquetscht und Frauenzimmer mit Wein besudelt. -Und genau beim Lichte besehen, kann ich ihm seinen Unmut auch nicht -verdenken; war er doch auch einmal ein Mensch und dazu ein herrlicher -Paladin des großen Kaisers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl -gewollt hätte, allein gegen tausend Muselmannen zu Felde gezogen wäre. -Da hat er sich denn geschämt und ist unmutig geworden.« - -»Laßt ihn laufen, den steinernen Recken!« rief Bacchus, »hat mich -geniert, der Bursche, hat mich geniert. Er paßt nicht unter uns, der -Lümmel von zehn Schuh, er sah immer höhnisch auf mich herab. Die ganze -Freudigkeit und mein Vergnügen hätt' er gestört. Wir wären nicht zum -Tanzen gekommen, nur weil er mit seinen steifen, steinernen Beinen -keinen tüchtigen Hopser hätte riskieren können, ohne elend umzustülpen.« - -»Ja tanzen, heisa, tanzen!« riefen die Apostel; »Balthasar spiel' auf, -spiel' auf!« - -Judas stand auf, zog ungeheure Stülphandschuhe an, die ihm beinahe -bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die Jungfrau heran und -sagte: »Ehrenfeste und allerschönste Jungfer Rose, dürfte ich mir die -absonderliche Ehre ausbitten, mit Ihr den ersten --« - -»~Manum de~ --« unterbrach ihn Bacchus pathetisch. »Ich bin es, der den -Ball arrangiert hat, und ich muß ihn eröffnen. Tanze Er, mit wem Er -will, Meister Judas, mein Röschen tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?« - -Sie machte errötend einen Knicks zur Bejahung, und die Apostel lachten -den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber winkte der Weingott heroisch -zu; »versteht Er Musik, Doktor?« fragte er. - -»Ein wenig.« - -»Taktfest?« - -»O ja, taktfest wohl.« - -»Nun so nehme Er dies Fäßlein da, setze Er sich neben Balthasar -Ohnegrund, unseren Kellermeister und Zinkenisten, nehme Er diese -hölzernen Küperhämmer zur Hand und begleite jenen mit der Trommel.« - -Ich staunte und bequemte mich. War aber schon meine Trommel etwas -außergewöhnlich, so war Balthasars Instrument noch auffallender. Er -hielt nämlich einen eisernen Hahnen von einem achtfuderigen Faß an den -Mund wie ein Klarinett. Neben mich setzten sich noch Bartholomäus und -Jakobus mit ungeheuern Weintrichtern, die sie als Trompeten handhabten, -und warteten des Zeichens. Der Tisch wurde auf die Seite gerückt, Rose -und Bacchus stellten sich zum Tanze. Er winkte, und eine schreckliche, -quiekende, mißtönende Janitscharenmusik brach los, zu der ich im -Sechsachteltakte auf mein Faß als Tambour aufschlegelte. Der Hahn, -den Balthasar blies, tönte wie eine Nachtwächtertute und wechselte -nur zwischen zwei Tönen, Grundton und abscheulich hohem Falsett, die -beiden Trichtertrompeter bliesen die Backen auf und lockten aus ihren -Instrumenten Angst- und Klagelaute so herzdurchschneidend wie die Töne -der Tritonen, wenn sie die Meermuscheln blasen. - -Der Tanz, den die beiden aufführten, mochte wohl vor ein paar hundert -Jahren üblich gewesen sein. Jungfer Rose hatte mit beiden Händen ihren -Rock ergriffen und solchen an den Seiten weit ausgespannt, daß sie -anzusehen war wie ein großes weites Faß. Sie bewegte sich nicht sehr -weit von der Stelle, sondern trippelte hin und her, indem sie bald -auf, bald nieder tauchte und knickste. Lebendiger war dagegen ihr -Tänzer, der wie ein Kreisel um sie herfuhr, allerlei kühne Sprünge -machte, mit den Fingern knallte und heisa, juhe! schrie. Wunderlich -war es anzusehen, wie das kleine Schürzlein der Jungfer Rose, das -ihm Balthasar umgetan, hin und her flatterte in der Luft, wie seine -Beinchen umherbaumelten, wie sein dickes Gesicht lächelte vor inniger -Herzenslust und Freude. - -Endlich schien er ermüdet, er winkte Judas und Paulus herbei und -flüsterte ihnen etwas zu. Sie banden ihm die Schürze ab, faßten solche -an beiden Enden und zogen und zogen, so daß sie plötzlich so groß wurde -wie ein Bettuch. Dann riefen sie die andern herbei, stellten sie rings -um das Tuch und ließen es anfassen. »Ha,« dachte ich, »jetzt wird -wahrscheinlich der alte Balthasar ein wenig geprellt, zu allgemeiner -Ergötzung; wenn nur das Gewölbe nicht so nieder wäre, da kann er leicht -den Schädel einstoßen.« Da kam Judas und der starke Bartholomäus auf -uns zu und faßten -- _mich_; Balthasar Ohnegrund lachte hämisch; ich -bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas faßte mich fest an der -Kehle und drohte mich zu erwürgen, wenn ich mich ferner sträube. Die -Sinne wollten mir vergehen, als sie mich unter allgemeinem Jauchzen und -Geschrei auf das Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zusammen; -»nur nicht zu hoch, meine werten Gönner, ich renne mir sonst das Hirn -ein am Gewölbe,« rief ich in der Angst des Herzens, aber sie lachten -und überschrieen mich. Jetzt fingen sie an, das Tuch hin und her zu -wiegen, Balthasar blies den Trichter dazu. Jetzt ging es auf- und -abwärts, zuerst drei, vier, fünf Schuh hoch, auf einmal schnellten sie -stärker, ich flog hinauf und -- wie eine Wolke tat sich die Decke des -Gewölbes auseinander; ich flog immer aufwärts zum Rathausdach hinaus, -höher, höher als der Turm der Domkirche. »Ha,« dachte ich im Fliegen, -»jetzt ist es um dich geschehen! Wenn du jetzt wieder fällst, brichst -du das Genick oder zum allerwenigsten ein Paar Arme oder Beine! O -Himmel, und ich weiß ja, was _sie_ von einem Mann mit gebrochenen -Gliedmaßen denkt! Ade, ade! Mein Leben, meine Liebe!« - -Jetzt hatte ich den höchsten Punkt meines Steigens erreicht, und ebenso -pfeilschnell fiel ich abwärts. Krach! ging es durchs Rathausdach und -hinab durch die Decke des Gewölbes, aber ich fiel nicht auf das Tuch -zurück, sondern gerade auf einen Stuhl, mit dem ich rücklings über auf -den Boden schlug. - -Ich lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am Kopfe und die -Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich wußte anfangs nicht, war -ich zu Hause aus dem Bette gefallen oder lag ich sonstwo. Endlich -besann ich mich, daß ich irgendwo weit herabgestürzt sei. Ich -untersuchte ängstlich meine Glieder, es war nichts gebrochen, nur das -Haupt tat mir weh vom Fall. Ich raffte mich auf, sah um mich. Da war -ich in einem gewölbten Zimmer, der Tag schien matt durch ein Kellerloch -herab, auf dem Tische sprühte ein Licht in seinem letzten Leben, umher -standen Gläser und Flaschen, und rings um die Tafel vor jedem Stuhl -ein kleines Fläschchen mit langem Zettel am Halse. -- Ha, jetzt fiel -mir nach und nach alles wieder ein. Ich war zu Bremen im Ratskeller; -gestern nacht war ich hereingegangen, hatte getrunken, hatte mich -einschließen lassen, da war --; voll Grauen schaute ich um mich, denn -alle, alle Erinnerungen erwachten mit einemmal. Wenn der gespenstige -Balthasar noch in der Ecke säße, wenn die Weingeister noch um mich -schwebten! Ich wagte verstohlene Blicke in die Ecken des düsteren -Zimmers, es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt? - -Sinnend ging ich um die lange Tafel; die Probefläschchen standen, wie -jeder gesessen hatte. Obenan die Rose, dann Judas, Jakobus -- Johannes, -sie alle an der Stelle, wo ich sie leiblich geschaut hatte diese Nacht. -»Nein, so lebhaft träumt man nicht,« sprach ich zu mir; »dies alles, -was ich gehört, geschaut, ist wirklich geschehen!« Doch nicht lange -hatte ich Zeit zu diesen Reflexionen; ich hörte Schlüssel rasseln an -der Tür, sie ging langsam auf, und der alte Ratsdiener trat grüßend ein. - -»Sechs Uhr hat es eben geschlagen,« sprach er, »und wie Sie befohlen, -bin ich da, Sie herauszulassen. Nun,« fuhr er fort, als ich mich -schweigend anschickte, ihm zu folgen, »nun, und wie haben Sie -geschlafen diese Nacht?« - -»So gut es sich auf einem Stuhl tun läßt, ziemlich gut.« - -»Herr,« rief er ängstlich und betrachtete mich genauer, »Ihnen ist -etwas Unheimliches passiert diese Nacht. Sie sehen so verstört und -bleich aus, und Ihre Stimme zittert!« - -»Alter, was wird mir passiert sein!« erwiderte ich, mich zum Lachen -zwingend. »Wenn ich bleich aussehe und verstört, so kommt es vom langen -Wachen, und weil ich nicht im Bette geschlafen.« -- - -»Ich sehe, was ich sehe,« sagte er kopfschüttelnd; »und der -Nachtwächter war heute früh auch schon bei mir und erzählte, wie er -am Kellerloch vorübergegangen zwischen zwölf und ein Uhr, habe er -allerlei Gesang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen aus dem Keller.« - -»Einbildungen, Possen! Ich habe ein wenig für mich gesungen zur -Unterhaltung und vielleicht im Schlaf gesprochen, das ist alles.« - -»Diesmal einen im Keller gelassen in solcher Nacht und von nun an nie -wieder,« murmelte er, indem er mich die Treppe hinauf begleitete; »Gott -weiß, was der Herr Greuliches hat hören und schauen müssen! Wünsche -gehorsamst guten Morgen.« - - * * * * * - - »Doch hat daselbst vor allen - Eine Jungfrau mir gefallen.« - -Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von Sehnsucht der Liebe -getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden geschlummert, der -Holden guten Morgen zu sagen. Aber kalt und zurückhaltend empfing sie -mich, und als ich ihr einige innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir -laut lachend den Rücken zu und sprach: »Gehen Sie und schlafen Sie erst -fein aus, mein Herr.« - -Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie gewesen. Ein -Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers am Klavier gesessen, -ging mir nach und sagte, indem er wehmütig meine Hand ergriff: -»Herzensbruder, mit deiner Liebe ist es rein aus auf immerdar, schlage -dir nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne.« - -»Soviel ungefähr konnte ich selbst merken,« antwortete ich. »Der Teufel -hole alle schönen Augen, jeden rosigen Mund und den törichten Glauben -an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen aussprechen.« - -»Tobe nicht so arg, sie hören es oben,« flüsterte er; »aber sag' mir -um Gottes willen, ist es denn wahr, daß du heute die ganze Nacht im -Weinkeller gelegen und getrunken hast?« - -»Nun ja, und wen kümmert es denn?« - -»Weiß der Himmel, wie sie es gleich erfahren hat, sie hat den ganzen -Morgen geweint und nachher gesagt, vor einem solchen Trunkenbold, der -ganze Nächte beim Wein sitze und aus schnöder Trinklust ganz allein -trinke, solle sie Gott behüten. Du seiest ein ganz gemeiner Mensch, von -dem sie nichts mehr hören wolle.« - -»So?« erwiderte ich ganz gelassen und hatte einiges Mitleiden mit mir -selbst. »Nun gut, geliebt hat sie mich nie, sonst würde sie auch mich -darüber hören; ich lasse sie schön grüßen. Lebe wohl!« - -Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und fuhr noch -denselben Abend von dannen. Als ich an der Rolandsäule vorüberkam, -grüßte ich den alten Recken recht freundlich, und zum Entsetzen meines -Postillons nickte er mir mit dem steinernen Haupt einen Abschiedsgruß. -Dem alten Rathaus und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu, -drückte mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasieen -dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Weitere Korrekturen: - - S. 15: hinab → hinauf - Rückweg ins Schloß {hinauf} ist - - S. 26: wilden → milden - mit dem {milden} Schimmer des Mondes - - S. 30: verschlossen → verschossenen - in einem {verschossenen} Hofkleid - - S. 128: die → wie - treffend die Beschreibung, {wie} die Furcht vor - - S. 150: noch → nach - nie {nach} vier Uhr abends ein Mann - - S. 200: Napoleine → Napoleone - Generale, Platows, Blüchers, {Napoleone} und dergleichen - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i - sechs Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - -***** This file should be named 60699-0.txt or 60699-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/9/60699/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Zweiter Band, by Wilhelm Hauff. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2, h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr {text-align: right;} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.blockquot { - margin-left: 5%; - margin-right: 5%; - font-size: smaller; -} - -.chapintro { - margin-left: 50%; - font-size: smaller; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right {text-align: right;} - -.small { - font-size: small; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: dashed 1px;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} - -.footnote p { - text-indent: 0; -} - -.fnanchor { - vertical-align: top; - font-size: 70%; - text-decoration: none; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} -.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs -Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden, Zweiter Band - -Author: Wilhelm Hauff - -Annotator: Alfred Weile - -Release Date: November 16, 2019 [EBook #60699] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="chapter"> -<h1>Wilhelm Hauffs<br /> -<span class="smaller">sämtliche Werke in sechs Bänden</span></h1> - -<p class="h2">Mit einer biographischen Einleitung<br /> -von <em class="gesperrt">Alfred Weile</em></p> - -<p class="center">Neu durchgesehene Ausgabe</p> - -<p class="center smaller">:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::</p> - -<p class="center">Zweiter Band.</p> - -<p class="center p2">A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei<br /> -<em class="gesperrt">Berlin</em> NO.<sup>43</sup> Neue Königstr. 9 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Novellen.</p> - -<p class="center">Zweiter Teil.</p> - -<p class="h2">Phantasien im Bremer Ratskeller.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Das Bild des Kaisers</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Bild_des_Kaisers">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die letzten Ritter von Marienburg</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_letzten_Ritter_von_Marienburg">88</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Sängerin</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Sangerin">145</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Phantasien im Bremer Ratskeller</td> - <td class="tdr"><a href="#Phantasien_im_Bremer_Ratskeller">190</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span> - -<h2 id="Das_Bild_des_Kaisers">Das Bild des Kaisers.</h2> - -<h3>1.</h3> -</div> - -<p>In dem Kabriolett des Eilwagens, der zweimal in der -Woche von Frankfurt nach Stuttgart geht, reisten vor einigen -Jahren an einem der schönsten Tage des Septembers zwei junge -Männer. Der eine von ihnen war erst eine Station hinter -Darmstadt eingestiegen und hatte dem früheren Passagier schon -beim ersten Anblick durch sein schmuckes Aeußere und den freundlichen -Gruß, womit er sich neben ihn setzte, die Furcht, der Zufall -möchte ihm eine unangenehme Nachbarschaft geben, völlig -benommen. Der Fortgang der Reise bewies, daß er nicht unrichtig -geurteilt hatte, wenn er seinen Reisegefährten für einen -wohlerzogenen, anständigen Mann hielt. Was er sprach, war, -wenn nicht gerade heiter, doch offen und verständig; nicht selten -sogar überraschten den Reisenden leicht hingeworfene Aeußerungen, -Gedanken seines Nachbars, die von feiner Bildung, gesellschaftlicher -Erfahrung und einer Belesenheit zeugten, die er -denn doch hinter dem etwas groben Jagdrock und der unscheinbaren -Ledermütze nicht gesucht hätte. Ueberhaupt deuchte es -diesem Reisenden, er müsse, je weiter er im Süden vordrang, -desto öfter und nicht ohne Beschämung dem Lande und den Bewohnern -Vorurteile abbitten, die man in der Ferne vom Hörensagen, -besonders in einem Alter von vierundzwanzig Jahren, -so leicht annimmt.</p> - -<p>Wie anders war ihm dieses Land im Brandenburgischen -geschildert worden! Manche Reisende hatten zwar diese Bergstraße, -dieses Neckartal gelobt, doch erschien dann ihre Beschreibung -matt und klein gegen die Wunder der Schweiz, zu -welcher sie auf dieser Straße geeilt waren. Ueber die Bewohner -war aber in seiner Heimat nur <em class="gesperrt">eine</em> Stimme. Hier, bald -hinter Darmstadt, fangen die Schwaben an, erzählte man dem -jungen Reisenden in Berlin, mit einem mitleidigen Blick auf -die Karte, mit einem noch mitleidigeren auf ihn, der diese Länder -besuchen wolle. Da geht alles gesellschaftliche Leben, alle Bildung<span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span> -aus; ein rohes, ungesittetes Volk, das nicht einmal gutes -Deutsch sprechen kann. Und leider! nicht nur die untersten -Klassen leiden an diesem Mangel, auch die besseren Stände -haben einen Anstrich von eingeschränktem, ungalantem Wesen -und reden so elendes Deutsch, daß sie vor Fremden, um nicht -erröten zu müssen, Französisch sprechen. Das war der Reisepfennig, -den man ihm nach Schwaben mitgab, und in dem -jungen und romantischen Kopf des jungen Brandenburgers -hatten diese Sagen sich endlich während der schönen Muße, die -ihm die Sandkunststraßen und die schnapsenden Postillons seines -Vaterlandes gönnten, so sonderbar gestaltet, daß er sich selbst -wie einer jener wohlerzogenen, jungen Herrn in einem Scottischen -Roman erschien, die von den wehmütigen Erinnerungen -an die feinsten Zirkel, an Theater und alle Genüsse der großen -Welt erfüllt, von London aus reisen, um das <em class="gesperrt">Hochland und -seine barbarischen Bewohner</em> zu besuchen.</p> - -<p>Doch als die herrliche Welt jener Berge voll Obst und -Wein und jene gesegneten Täler sich vor seinen Blicken auftaten, -als die schönen Dörfer mit ihren roten Dächern, mit -ihren reinlichen, fröhlichen Menschen seinem erstaunten Auge -sich zeigten, als da und dort zwischen prachtvollen Buchenwäldern -eine alte Burg und ein Schloß mit schimmernden Fenstern auftauchte, -da fiel er beinahe in das andere Extrem; er strömte -über von Lob und Bewunderung und bemitleidete die arme, -flache Mark, ihren kahlen Sandboden, ihre mageren Tannen -und ihre bleichen Bewohner, von welchen vielleicht Tausende aus -dem Leben gingen, ohne nur eine jener üppigen Trauben gesehen -zu haben, die hier in unendlicher Fülle durch das grüne Laub -schimmerten, und ein schwacher Trost für seinen Patriotismus -war, daß die Natur seine Landsleute durch höhere Einsicht, eine -wohllautendere Sprache und feinere Bildung in etwas wenigstens -entschädigt habe.</p> - -<p>Der junge Mann an seiner Seite schien übrigens, obgleich -man seiner Sprache den südlichen Akzent anfühlte, die Gesetze -des Anstandes nicht minder gut zu verstehen als der Brandenburger; -zum mindesten verriet keine seiner Fragen Neugierde, -über dessen Stand, Vaterland und Reisezweck etwas zu erfahren, -er benahm sich zuvorkommend, aber würdig, schien geneigter zu -antworten, als zu fragen, und übernahm es, ohne sich dadurch belästigt -zu fühlen, den Fremden über Namen und Geschichte der -Burgen und Städte, die ihm auffielen, zu unterrichten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p> - -<p>So ruhig und kalt übrigens der junge Mann im Jagdkleid -über diese Dinge Aufschluß gab, so waren es doch zwei Punkte, -über welche er wärmer und länger sprach. Einmal, als sein -Nebensitzer über die gute Gesellschaft in Schwaben einige -seiner sonderbaren Begriffe preisgab, sah ihn der Grüne mit -Verwunderung an, fragte ihn auch, ob er vielleicht auf einem -andern Wege schon früher in Schwaben gewesen sei, und als -jener es verneinte, erwiderte er: »Ich weiß, man macht sich -hin und wieder, besonders in Norddeutschland, sonderbare Begriffe -von uns. Ob mit Recht, mögen Sie selbst entscheiden, -wenn Sie einige Zeit in unserer Mitte verweilt haben. Doch -möchte ich Ihnen raten, zuvor etwas unbefangener die mögliche -Quelle solcher Urteile zu betrachten. Ich gebe zu, daß eine gewisse -nachteilige Ansicht über mein Vaterland seit Jahrhunderten -besteht; zum mindesten sind die Schwabenstreiche nicht erst -in unseren Tagen bekannt geworden. Doch scheint ein großer -Teil dieser aberwitzigen Dinge aus einer gewissen Eifersucht -der Volksstämme hervorzugehen und aus der Kleinstädterei, die -von jeher in unserem lieben Deutschland herrschte. In Schwaben -zum Beispiel erzählt man alle jene Sonderbarkeiten, die andere -uns aufbürden, von den Oesterreichern; daß aber dieses Vorurteil -selbst in neueren Zeiten, selbst durch die Fortschritte der -Kultur und das regere gesellige Leben nicht geschwächt wurde, -hat zwei wichtige Gründe, die größere Schuld aber liegt nicht -auf der Seite von Süddeutschland.«</p> - -<p>»Bitte!« rief der brandenburgische Reisende etwas ungläubig, -»ich sollte doch nicht denken –«</p> - -<p>»Man beurteilt unsere Sitten nach meinen Landsleuten, -die man in Norddeutschland sieht. Wenn nun diese auch die -vernünftigsten Menschen wären, es würden ihnen doch zwei -Mängel anhängen, die sie in Ihren Augen in Nachteil setzen. -Einmal die Sprache –«</p> - -<p>»Bitte!« erwiderte sein Gefährte verbindlich. »Nicht alle, -Sie zum Beispiel drücken sich allerliebst aus.«</p> - -<p>»Ich drücke mich aus, wie ich denke, und so macht es ein -guter Teil meiner Landsleute auch; weil wir aber die Diphthongen -anders aussprechen als ihr, die Endsilben entweder -nach unserer altertümlichen Form ändern oder im Sprechen -übereilen, klingt euch unsere Sprache auffallend, hart, beinahe -gemein. Die meisten Schwaben, die Sie bei sich sehen, sind -junge Männer, die von der Universität kommen und die Anstalten -in Norddeutschland besuchen, oder Kaufleute, die ihr<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -Handelsweg dahin führt. Diesen Menschen legen nun Ihre -Landsleute durchaus ihren eigenen Maßstab an und tun sehr -unrecht daran. In Ihrem Lande wird den äußeren Formen -und dem Benehmen des Knaben und des Jünglings einige Aufmerksamkeit -geschenkt, er wird sehr bald in die geselligen Kreise -gezogen; bei uns findet dies vielleicht erst um acht oder zehn -Jahre später statt.«</p> - -<p>»Nun das ist es ja gerade, was ich sagte,« entgegnete jener; -»diese Formen gewinnt keiner durch sich selbst, und dies ist also -ein Fehler Ihrer Erziehung –«</p> - -<p>»Vorausgesetzt, daß jene Formen wirklich so trefflich, daß -sie <em class="gesperrt">das</em> sind, was dem zukünftigen Bürger eines Staates vor -allem als nützlich und notwendig einzuimpfen ist.«</p> - -<p>»Das soll es ja nicht; aber so auf dem Wege mitnehmen -kann er sie doch wohl,« meinte der Fremde.</p> - -<p>»Wenn er sie nur so mitnimmt, verliert er sie auch gelegentlich,« -erwiderte der Schwabe. »Doch das ist nicht der Punkt, -wovon wir sprechen. Ich behaupte nur, man hat in Norddeutschland -unrecht, unsere Sitten und unsere Gesellschaft nach -Leuten zu beurteilen, die der Gesellschaft eigentlich noch nicht -angehört hatten, die vielleicht in die Welt geschickt wurden, um -ihre Sitten abzuschleifen. Oder wollen Sie nach einigen jungen -Gelehrten, die gerade aus der Studierstube zu Ihnen kamen -und sich vielleicht ungeschickt in Sprache und Manieren zeigten, -die Landsleute dieser Menschen beurteilen?«</p> - -<p>»Gewiß nicht, aber gestehen Sie selbst, man hört doch selbst -von der guten Gesellschaft in Schwaben so sonderbare Gerüchte -von ihren Sitten und Gebräuchen, von ihren Frauen und -Mädchen.«</p> - -<p>»Vielleicht kaum so sonderbar,« versetzte der Jäger lächelnd, -»als man bei uns von den Sitten Ihrer Damen hört; denn -unsere Mädchen stellen sich die <em class="gesperrt">norddeutschen</em> Damen gewiß -immer mit irgend einem gelehrten Buche in der Hand vor. Die -zweite Quelle des Irrtums über mein Vaterland sind aber -<em class="gesperrt">Ihre</em> reisenden Landsleute und die eigentümlichen Verhältnisse -unseres Familienlebens. In Norddeutschland fällt es nicht -schwer, in Familienkreisen Zutritt zu bekommen, durch <em class="gesperrt">einen</em> -Bekannten zehn zu erwerben. In Schwaben ist es anders; man -ist heiter, gesellig <em class="gesperrt">unter sich</em>, der Fremde wird als etwas -Fremdes angestaunt, aber eher vermieden als eingeladen, doch -werden <em class="gesperrt">Sie</em> für diese scheinbare Kälte immer eine Entschädigung -finden. Ihre Landsleute öffnen die Tür, aber selten das<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -Herz; meine Schwaben sind vorsichtiger, aber sie schließen sich -an <em class="gesperrt">den</em>, welchen sie liebgewonnen, mit einer Herzlichkeit an, -die Sie bei künstlich verfeinerten Sitten umsonst suchen.«</p> - -<p>»Und also liegt eine zweite Quelle unserer Vorurteile,« -fragte der Fremde, »darin, daß meine Landsleute eigentlich gar -nicht in Ihren Kreisen einheimisch wurden?«</p> - -<p>»Gewiß!« sagte der Nachbar. »Lernen Sie, wenn Ihnen -das Glück wohlwill, in die Kreise unserer bessern Stände zu -kommen, lernen Sie uns näher kennen, lassen Sie sich nicht -durch Ihre eigenen Ansichten über Leben und Sitte durchaus -leiten, und Sie werden ein gutes, herzliches Völkchen finden, -gebildet genug, um, wenn man nur die rechte Saite anschlägt, -sich mit den Gebildetsten zu messen, vernünftig genug, um die -Grenzen guter Sitten festzuhalten und das Lächerliche der -Unsitte zu belächeln.«</p> - -<p>Der Fremde aus der Mark lächelte. »Er liebt sein Land,« -dachte er, »und er verteidigt es mit Wärme, weil er es nicht -sinken lassen will oder Besseres nie gesehen hat.« Er entschuldigte -bei sich die warme Verteidigung des Schwaben, aber dennoch -konnte er es sich nicht versagen, einen kleinen Triumph -über jenen zu feiern. Er machte ihn mit der Geläufigkeit der -Zunge und jener Uebung, über ein <em class="gesperrt">Nichts</em> schnell und vieles -zu sprechen, – die man im Norden unseres Vaterlandes häufiger -als im Süden treffen soll – auf andere große Vorzüge aufmerksam, -welche die nördlichen Provinzen Deutschlands vor -den südlichen voraus haben. Er zählte immer zwanzig Schriftsteller -und Dichter seiner Heimat gegen <em class="gesperrt">einen</em> im Süden, und -der Schwabe konnte endlich dem Schwall seiner Beredsamkeit -nur dadurch Einhalt tun, daß er, als sie um eine Ecke der Landstraße -bogen, auf die erhabenen Ruinen von Heidelberg hinwies; -der Fremde betrachtete sie staunend und mit Entzücken. -Ihre rötlichen Steinmassen waren von der sinkenden Herbstsonne -noch höher gerötet, und der Abend ließ die Bäume und -Gesträuche, die in den verfallenen Mauern wachsen, im dunkelsten, -wundervollsten Grün erscheinen. Durch die hohen, offenen -Fensterbogen blickte der schwärzliche Wald hervor, den Gipfel -des Berges umzog jener duftige Schleier, welcher allen Gegenständen -so eigenen geheimnisvollen Reiz verleiht, und von oben -herab spiegelten sich die rötlichen Abendwölkchen und der dunkelblaue -Himmel in den Fluten des Neckars.</p> - -<p>»Und haben Sie solche Poesie in der Mark?« fragte der -Jäger mit gutmütigem Lächeln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span></p> - -<p>Der Fremde schien es nicht zu hören, unverwandt hingen -seine Blicke an diesem reizenden Schauspiel; er mochte fühlen, -daß es sich an solchen Stellen über Poesie nicht gut streiten lasse.</p> - -<p>Nach diesem Vorfall kehrte übrigens auf dem Gesicht des -Jägers die vorige Ruhe und Unbefangenheit zurück; er stritt -über keinen Gegenstand, schien sogar über manche Dinge sich -behutsam auszudrücken.</p> - -<p>Als aber das Gespräch unter den beiden Reisenden, da die -hereinbrechende Nacht ihre Aufmerksamkeit auf die Gegend -hemmte, auf einige neuere Ereignisse und auf die Politik kam, -schien es dem jungen Mann aus der Mark, obgleich er die Züge -seines Nachbars nicht mehr gut unterscheiden konnte, sein Atem -gehe schneller, seine Rede werde wärmer, kurz, man habe einen -Punkt der Unterredung getroffen, welcher für den Schwaben -von hohem Interesse sei. Man sprach von der Gestalt und der -innern Kraft Deutschlands. Mit einer gewissen Erbitterung -zog jener eine Parallele zwischen Jetzt und Sonst, die nicht -gerade zum Vorteil der neuern Zeit ausfiel. Der Fremde, -dessen Grundsätze im ganzen nicht mit diesen Ansichten übereinstimmen -mochten, gab ihm dennoch, nicht ohne einiges Selbstgefühl, -die letzten Sätze zu. Unglücklicherweise fing er seinen -Satz »<em class="gesperrt">Ich bin ein Preuße</em>« an und reizte dadurch unwillkürlich -den Unmut des jungen Mannes noch mehr auf. Denn -dieser vergaß nun jede Rücksicht der Klugheit; mit einer Beredsamkeit, -die an jedem andern Orte dienlich gewesen wäre, suchte -er seine Meinung durchzuführen, und nichts war ihm zu hoch, -das er nicht mit seinem eigenen Maßstab gemessen hätte. Der -Preuße, der solche Leute nur vom Hörensagen und unter dem -gefährlichen Namen »Köpenicker« kannte, erschrak über diese -Aeußerungen. Konnte nicht der Postillon, konnte nicht ein -Passagier im Bauche des Wagens diese Reden vernommen -haben! Spandau, Köpenick, Jülich und alle möglichen <em class="gesperrt">festen -Plätze</em> schwebten vor seiner aufgeregten Phantasie, und das -beste Mittel, seinen Nachbar zum Stillschweigen zu bringen, -schien ihm, wenn er sich in die Ecke drückte und sich schlafend -stellte.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p> - -<h3>2.</h3> -</div> - -<p>Als die beiden Reisenden am Morgen nach dieser gefährlichen -Nacht erwachten, sahen sie in geringer Entfernung die -Türme von Heilbronn aus dem Nebel tauchen. »Hier endet -meine Fahrt,« sagte der Herr im grünen Rock, indem er auf -die Stadt deutete, »und Ihnen danke ich es,« setzte er mit -einem freundlichen Blick auf seinen Nachbar hinzu, »daß ich -diesmal den Wagen ungern verlasse. Wie angenehm wäre mir -noch ein Tag in Ihrer Gesellschaft vergangen!«</p> - -<p>»Dies ist mein Los schon seit vierzehn Tagen gewesen,« -erwiderte der Brandenburger. »Der enge Raum macht nachbarlich; -Menschen, welche vielleicht in einer größern Stadt, selbst -wenn sie Zimmernachbarn gewesen wären, jahrelang unter sich -kein Wort gewechselt hätten, treten sich nahe durch den so natürlichen -Drang nach Mitteilung. Der Platz an meiner Seite -wechselte öfter als in einer Schlacht, doch darf ich mir Glück -wünschen, Sie wenigstens so lange zu meinem Nachbar gehabt -zu haben, denn so bin ich auf die angenehmste Weise in Ihr -Vaterland eingeführt worden.«</p> - -<p>»Werden Sie länger in Württemberg verweilen?«</p> - -<p>»Ich besuche Verwandte meiner Mutter,« erwiderte der -Fremde; »je nachdem sie und die Residenz mir gefallen, werde -ich länger oder kürzer verweilen.«</p> - -<p>»Wir werden uns schwerlich wiedersehen,« sagte der -Grüne, »ich wüßte wenigstens nicht, was mich nach Stuttgart -treiben sollte. Vergessen Sie aber nie, was ich Ihnen über -den Charakter meiner Landsleute sagte. Können Sie nach -ihrer Denkungsart, nach ihren Sitten sich ein wenig richten, -so werden Sie überall gesucht und willkommen sein. Unsern -Damen sind Sie dann als Fremder nur um so interessanter, -und unsern Männern – nun da kommt es immer auf den -Zirkel an, in welchem Sie leben; nur müssen Sie,« setzte er -mit einem Lächeln hinzu, das zwischen Ironie und gutmütiger -Freundlichkeit schwebte, »nie zu deutlich und fühlbar -machen – –«</p> - -<p>»Nun?« rief der Fremde erwartungsvoll, als jener innehielt.</p> - -<p>»Daß Sie kein Deutscher, sondern ein Preuße sind.«</p> - -<p>Das schmetternde Horn des Postillons und das Rasseln -des schweren Wagens auf dem Steinweg übertönte die Antwort<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -des Fremden. Den Passagieren ward in dieser Stadt -eine kleine Rast vergönnt, und der Fremde wollte seinen Nachbar -vom Eilwagen noch einmal zum Frühstück einladen. Doch -schon unter der Tür des Posthauses überreichte diesem ein alter -Reitknecht mehrere Briefe; er riß den einen hastig, errötend -auf, und sein Reisegefährte bemerkte im Vorübergehen, daß es -die Handschrift einer Dame sei. Der Fremde trat etwas verstimmt -in dem Wirtshaus ans Fenster; er sah den Jäger angelegentlich -mit seinem Diener sprechen, und bald darauf führte -man zwei schöne Pferde vor. In demselben Augenblick trat der -grüne Herr eilends in den Saal, seine Augen suchten und fanden -den Reisegefährten, er trat zu ihm, doch nur, um schnell, -aber herzlich von ihm Abschied zu nehmen; und so konnte ihn der -Brandenburger zu seinem großen Verdruß nicht einmal nach -dem Haus und der Familie <em class="gesperrt">Käthchens von Heilbronn</em> -fragen, eine Frage, die er sich unter seinen Reisenotizen aufgezeichnet -und doppelt unterstrichen hatte. Doch der Anblick -des Jägers, wie er sich so leicht in den Sattel des schönen, stolzen -Pferdes schwang, wie er so majestätisch über den Markt hinsprengte, -söhnte ihn mit der beinahe unhöflichen Hast aus, womit -jener von ihm Abschied genommen hatte. Er gestand sich, -selten eine so wohlgebaute Gestalt mit einem so schönen, ausdrucksvollen -Gesicht vereint gesehen zu haben.</p> - -<p>»Wer war dieser Herr im grünen Kleid?« fragte er den -Kellner, der am andern Fenster dem Reiter nachblickte.</p> - -<p>»Mit dem Namen kann ich nicht dienen,« antwortete jener; -»ich weiß nur, daß man ihn ›Herr Baron‹ nennt, daß sein -Vater einige Stunden von hier am Neckar Güter hat, und daß -sie sehr reich sein sollen; in die Stadt kommt er selten.«</p> - -<p>Nicht ganz zufrieden mit dieser Erklärung setzte sich der -junge Mann wieder in den Wagen. Sein Vater, der früher -einmal in diesem Lande gewesen war, hatte ihm so viel Sonderbares -von schwäbischen Baronen erzählt, daß er in seinem -liebenswürdigen und gewandten Reisegefährten keinen solchen -vermutet hätte. Sein neuer Nachbar, der ihm gleich in der -ersten Viertelstunde vertraute, daß er ein Hopfenhändler aus -Bayern sei, machte ihm den Verlust, den er erlitten, nur um -so fühlbarer, und da er am Hopfenbau wenig Unterhaltung -fand, beschäftigte er sich damit, über den Charakter des jungen -Mannes, der ihn verlassen hatte, nachzudenken und dann noch -einmal alle Erwartungen und Hoffnungen zu durchlaufen, die -er sich von seinen Verwandten, zu welchen er reiste, gemacht<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -hatte. Von dem Oheim versprach er sich für seine Unterhaltung -wenig; er mußte nach seiner Berechnung ein vorgerückter Sechziger -sein; mürrisch, ungesellig und eigensinnig hatte ihn sein -Vater schon vor fünfundzwanzig Jahren gekannt, und solche -Eigenschaften pflegen sich im Alter nicht zu verbessern. Desto -mehr versprach sich der junge Mann von Fräulein Anna, seiner -Cousine. Von einem seiner Freunde, der längere Zeit in -Schwaben gelebt hatte, war sie ihm als eine Zierde dieses -Landes genannt worden. Ein angenehmes, trauliches Verhältnis -von fünf bis sechs Wochen schien ihm ganz wünschenswert, -und so eifrig war seine Berechnung der Mittel, die ihm zu -Gebote standen, sich liebenswürdig zu zeigen, so gewiß war er -sich des Eindrucks bewußt, den seine Person, sein Wesen unfehlbar -machen müsse, für so leicht zu erobern hielt er das Herz -eines Fräuleins in Schwaben, daß ihm nicht einmal der Gedanke -kam, die schöne Cousine Anna könne sich vielleicht schon -versehen haben.</p> - -<p>Er ließ sich, in der Residenz angekommen, sogleich nach -dem Hause führen, wo sein Oheim sonst gewohnt hatte,</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">aber mit dem Donnerworte<br /></span> -<span class="i0">ward ihm aufgetan:<br /></span> -<span class="i0">die du suchest –<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">wohnen schon seit langer Zeit auf einem Landgut, sie werden -auch im nächsten Winter nicht zurückkehren, und selbst dies -Haus gehört ihnen nicht mehr eigen.</p> - -<p>Der Reisende aus Brandenburg war schnell entschlossen. -Er benützte diesen Tag, um sich die freundliche Stadt zu betrachten, -und eilte dann denselben Weg, welchen er hergekommen -war, zurück, nach dem unteren Neckartal, wo der Landsitz seines -Oheims lag.</p> - -<p>Je näher er dieser reizenden Gegend kam, desto angenehmer -war es ihm, daß er einige Wochen auf dem Lande zubringen -sollte. Er wußte aus eigener Erfahrung, daß man auf dem -Lande, abgeschnitten von den Zerstreuungen der Stadt und jener -Formen enthoben, die man dort für schön und notwendig, hier -für überflüssig und lästig hält, schnell bekannt und befreundet -wird, daß man sich, auf eine kleine Gesellschaft beschränkt, -schneller nahe rückt. – Etwa eine Stunde von dem Gut bog der -Weg von der Hauptstraße ab. Der Kutscher, den er gemietet -hatte, deutete auf einen Fußpfad, der in den Wald lief; der<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span> -Fahrweg wende sich um den ganzen Berg her, sagte er, doch -auf diesem Pfad könne man zu Fuß in bei weitem kürzerer -Zeit zum Schloß Thierberg hinauf gelangen. Der junge Mann -stieg aus; er war bisher auf einem Bergrücken gefahren, sah -nun eine mäßige, mit Wald bewachsene Anhöhe vor sich und -schloß, weil er gehört hatte, das Schloß seines Oheims liege im -Neckartal, man müsse von dieser Anhöhe eine weite Aussicht -in das Tal genießen. Er ließ den Wagen weiterfahren und -stieg den Seitenpfad hinan. Ein Wald von prachtvollen Buchen -nahm ihn auf. Nie hatte er diesen Baum so kräftig, so majestätisch -gesehen, zwischendurch erblickte er hie und da Eichen und -schöne Eschen und zu seiner nicht geringen Verwunderung Waldkirschbäume -von ungewöhnlicher Höhe. Nach und nach wurde -ihm das Steigen schwerer; der Berg schien sich auf einmal steiler -zu erheben, und er war oft versucht, die unbequeme Eleganz zu -verwünschen, in welche ihn sein Berliner Schneider gekleidet -hatte. Endlich hatte er den Gipfel erreicht, aber noch öffnete -sich keine Aussicht. Die Bäume schienen dichter zu werden, je -mehr sich der Pfad wieder senkte, und als sich, um seine Ungeduld -zu vermehren, der kleine Pfad in zwei noch kleinere teilte, -die nach verschiedenen Richtungen liefen, schmälte er auf den -Kutscher und auf seine eigene Torheit, die ihn verleitet hatten, -in einem fremden Wald sich zu verirren. Er schlug endlich -den Weg rechts ein und sah, nachdem er einige hundert Schritte -gegangen war, zu seiner großen Freude ein buntes Kleid durch -das Laub schimmern.</p> - -<p>Er verdoppelte seine Schritte und war nicht wenig betroffen, -als er plötzlich vor einer jungen Dame stand, die im Schatten -einer alten Eiche auf einer Bank saß. Sie hatte ein Buch in -der Hand, von welchem sie, als sein Schritt in den abgefallenen -Blättern rauschte, langsam und ruhig ihre schönen Augen erhob; -doch auch sie schien betroffen, als es ein junger, städtisch gekleideter -Herr war, den sie in dieser Einsamkeit vor sich sah; sie -errötete flüchtig, aber sie senkte ihren Blick nicht, der fragend -an dem unerwarteten Besuch hing. Der junge Mann verbeugte -sich einigemal, ehe er recht wußte, was er sagen sollte. »Ist wohl -das schöne Mädchen Cousine Anna?« war alles, was er in -diesem Augenblick zu denken und sich zu fragen vermochte, und -erst, als er diese Frage schnell bejaht hatte, trat er näher zu der -jungen Dame, die indessen ihr Buch schloß und von ihrem Bänkchen -aufstand. »Bitte um Vergebung,« sagte er, »wenn ich Sie -gestört haben sollte; ich fürchte, von dem Wege abgekommen zu<span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span> -sein. Kann ich hier nach dem Schloß des Herrn von Thierberg -kommen?«</p> - -<p>»Auf diesem Fußpfad nicht wohl, wenn Sie hier nicht bekannt -sind,« erwiderte sie mit einer klangvollen Stimme; »Sie -haben oben einen Fußpfad links gelassen, der nach dem Schloß -führt.« Sie verbeugte sich nach diesen Worten, und der junge -Mann ging seinen Weg zurück; doch kaum hatte er einige Schritte -gemacht, so zog ihn ein unwiderstehliches Gefühl zurück. Das -schöne Mädchen stand noch einmal von ihrem Sitz auf, als sie -ihn zurückkehren sah, doch diesmal schien Bestürzung ihre Wangen -zu färben, und eine gewisse Aengstlichkeit blickte aus ihren -großen Augen. Auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten, -fragte der Reisende, ob er vielleicht die Ehre gehabt habe, mit -Fräulein von Thierberg zu sprechen?</p> - -<p>»Ich heiße so,« antwortete sie etwas befangen.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Eh bien, ma chère cousine!</em>« sagte er lächelnd, indem er -sich artig verbeugte; »so habe ich das Vergnügen, Ihnen Ihren -Vetter Rantow vorzustellen.«</p> - -<p>»Wie, Vetter <em class="gesperrt">Albert</em>!« rief sie freudig. »So haben Sie -endlich doch Wort gehalten? Wie wird sich der Vater freuen! -Und was macht Onkel und die liebe Tante, und wie sind Sie -gereist?« So drängte sich eine Frage nach der andern über die -schönen Lippen, und Vetter Rantow fand, verloren in sein -Glück, eine schöne Muhme zu besitzen, keine Worte, alle nach der -Reihe zu beantworten. Wie reizend, wie naiv klang ihm die -Sprache! Er konnte nicht sagen, daß sie gegen irgend eine Regel -des Stils gesündigt hätte, und doch deuchte es ihn, es seien ganz -andere Worte, ganz andere Töne, als die er in seinem Vaterland -gehört hatte. Er fühlte, er sei zu schnell gereist, als daß -er allmählich auf diesen Kontrast vorbereitet worden wäre.</p> - -<p>»Dies ist mein Lieblingsspaziergang,« sagte sie, indem sie -langsam neben ihm herging. »Zwar ist der Weg im Tal noch -angenehmer, der Neckar macht schöne Windungen, alte Burgen -schmücken die Höhen – und die unsrige spielt dabei nicht die -schlechteste Rolle, wenigstens was das Altertum betrifft – -Dörfer und sogar ein Städtchen sieht man talauf und -ab; aber -der Rückweg ins Schloß <span id="corr015">hinauf</span> ist dann so steil und mühsam, und -auf der Straße gehen mir zu viele Leute. Der Wald hier liegt -nicht höher als das Schloß, in einem halben Stündchen geht -man herüber und ist dann so köstlich einsam, als säße man in -seinem Boudoir bei verschlossenen Türen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></p> - -<p>»Bis dann der Zufall einen Vetter aus Preußen hereinwehen -muß, der die köstliche Einsamkeit stört,« unterbrach sie -Rantow.</p> - -<p>»Im ganzen genommen,« fuhr sie fort, »ist es im Schloß -gerade auch nicht geräuschvoll. Es ist so einsam als irgend ein -bezaubertes Schloß in Tausend und eine Nacht. Außer der -Dienerschaft und im hintern Flügel dem Amtmann, den man nie -zu sehen bekommt, sind wir, der Vater und ich, die einzigen Bewohner; -ja die Einsamkeit im Schloß ist oft so schrecklich und -traurig, daß ich mich lieber in die Waldeinsamkeit flüchte, wo -das Rauschen der Bäume und der Gesang der Vögel doch noch -einiges Leben verkünden.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>3.</h3> -</div> - -<p>Ueberrascht stand der junge Mann stille, als sie aus dem -dichten Holz durch eine Wendung des Weges auf einmal dem -Schloß gegenüberstanden. Die Bewohner des südlichen Deutschlands -sind von Jugend auf an Anblicke dieser Art gewöhnt. -Man trifft in Franken und Schwaben selten ein Tal von der -Länge einiger Stunden, in welches nicht eine Burg oder zum -mindesten ein gebrochener Turm und ein halbes Tor herabschauen. -Die natürliche Beschaffenheit des Landes, die vielen -Berge und kleinen Flüsse, überdies die eigentümliche Verfassung -des zahlreichen Landadels begünstigten oder nötigten in früherer -Zeit zu diesen befestigten Wohnungen. Aber der Norden unseres -Vaterlandes trägt weniger Spuren dieser alten Zeit; die weiten -Ebenen boten keine so natürliche Befestigung wie die Felsen -und Gebirgsausläufer des Südens, und hatte auch hier und -dort eine solche Feste im platten Lande gestanden, so war sie -nur desto schneller dem Verfall und der Zerstörung preisgegeben. -Die Nachbarn teilten sich brüderlich in die teuren Steine, und -ihr Gedächtnis verwehte der Wind, der über die Ebene hinstrich. -Darum war es dem jungen Manne aus der Mark ein so überraschender -Anblick, sich in solcher Nähe einer dieser altertümlichen -Burgen gegenüber zu sehen, um so überraschender, da er -durch diese düsteren, tiefen Tore als Gast einziehen, in jenem -altertümlichen Gemäuer wohnen sollte. Doch bald erfüllte kein -anderer Gedanke mehr als der malerische Anblick, der sich ihm -darbot, seine Seele. Der alte schwärzlichgraue Wartturm war -auf der Mittagsseite von oben bis in den Graben hinab mit -einem Mantel von Efeu umhängt. Aus den Ritzen der Mauer -sproßten Zweige und grüne Ranken, und um das Tor zog sich<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> -ein breites Rebengeländer, dessen zarte Blätter und Fasern -sich mit sanfter Gewalt um die rostigen Angeln und Ketten der -Zugbrücke geschlungen hatten. Zur rechten Seite des Schlosses -hinderte der dunkle Wald die Aussicht, aber links, an den hohen -Mauern vorüber, tauchte das Auge hinab in die Tiefe des -schönen fruchtbaren Neckartals, schweifte hinauf, den Fluß entlang, -zu Dörfern und Weilern und weit über die Weinberge hin -nach fernen blauen Gebirgen.</p> - -<p>»Das ist unser Thierberg,« sagte das Fräulein; »es scheint, -die Gegend habe einigen Reiz für Sie, Vetter, und ich möchte -Ihnen wahrlich raten, recht oft aus dem Fenster zu sehen, um -vor unserer Einsamkeit und diesem häßlichen alten Gemäuer -nicht zu erschrecken!«</p> - -<p>»Ein häßliches Gemäuer nennen Sie diese alte Burg?« -rief der Gast. »Kann man etwas Romantischeres sehen, als -diese Türme mit Efeu bewachsen, diesen Torweg mit den alten -Wappen, diese Zugbrücke, diese Wälle und Gräben? Glaubt -man nicht das Schloß von Bradwardine oder irgend ein anderes -aus Scottischen Romanen zu sehen? Erwartet man nicht, ein -Sickingen, ein Götz werde uns jetzt eben aus dem Tore entgegentreten? –«</p> - -<p>»Für dieses Mal höchstens ein Thierberg,« erwiderte das -Fräulein lachend, »und auch von diesen spukt nur noch einer -in den fatalen Mauern. Dergleichen Türme und Zinnen liebe -ich ungemein in einem Roman oder in Kupfer gestochen, aber -zwischen diesen Mauern zu wohnen, so einsam, und winters, -wenn der Wind um diese Türme heult und das Auge nichts -Grünes mehr sieht als jenen Eppich dort am Turm – Vetter! -mich friert schon jetzt wieder, wenn ich nur daran denke. Doch -kommt, Herr Ritter, das Burgfräulein will Euch selbst einführen.«</p> - -<p>Der düstere, schattenreiche Hof, in welchen sie traten, kühlte -etwas die warme Begeisterung des Gastes. Er sah sich flüchtig -um, als sie hindurchgingen, und bemerkte, daß der Platz für ein -Turnier denn doch nicht groß genug gewesen sein müsse, erschrak -vor einem halbzerstörten Turm, dessen Rudera drohend -über die Mauer hereinhingen, erstaunte über den scharfen Zahn -der Zeit, der in die dicke Mauer mächtige Risse genagt und -dem Auge eine freie Aussicht in das Tal hinab geöffnet hatte, -und gab in seinem Herzen schon auf den ausgetretenen Stufen -der Wendeltreppe, wo ein heftiger Zugwind durch schlecht verwahrte -Fenster blies, der Bemerkung seiner Cousine über die<span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span> -Wohnlichkeit des Hauses vollkommen Beifall. Sechs bis acht -Hunde begrüßten in einer großen, mit Backsteinen gepflasterten -Halle das Fräulein mit freundlichem Kläffen und Wedeln, und -ein gefesselter Raubvogel, der in einer Ecke auf der Stange saß, -stieß ein unangenehmes Geschrei aus und schwenkte die Flügel. -»Das ist nun unsere Antichambre, unser Hofgesinde,« sagte -Anna, indem sie lächelnd auf die Tiere zeigte; »verwünschte -Prinzen und Prinzessinnen, die Sie entzaubern können. Doch -lassen Sie uns jetzt eintreten,« setzte sie nach einer Weile ernster -hinzu, »in diesem Zimmer ist der Vater.«</p> - -<p>Sie öffnete eine hohe, schwere Flügeltüre, und durch das -altfränkisch ausstaffierte Gemach fiel der Blick des Jünglings -auf einen alten Mann, der in einer tiefen Fensterwölbung saß, -wie es schien, in ein Zeitungsblatt vertieft. Bei dem Gruß -seiner Tochter sah er sich um, und als er den Fremden erblickte -und Anna seinen Namen nannte, stand er auf und ging ihm -langsam, aber festen Schrittes entgegen. Mit Bewunderung -sah sein Neffe die hohe, gebietende Gestalt, die ihn unwillkürlich -an jenen Wartturm dieser Burg erinnerte, den so viele Jahre -nicht einzustürzen vermochten, und dessen Alter nur der Efeu -anzeigte, der sich an ihm emporgeschlungen hatte. Zwar hatte -die Zeit in diese fünfundsechzigjährige Stirne Furchen gegraben, -um die Schläfe fielen dünne graue Haare, und der Bart und -die Augenbrauen waren silberweiß geworden, aber das Auge -leuchtete noch ungetrübt, und der Nacken trug den Kopf noch so -aufrecht wie in jugendlicher Kraft, und die Hand gab einen -beinahe kräftigeren Druck, als der Neffe zu erwidern vermochte.</p> - -<p>»Bist willkommen in Schwaben,« sagte er mit tiefer, kräftiger -Stimme; »'s war ein vernünftiger Einfall meiner Frau -Schwester, daß sie dich herausschickte. Mach' dir's bequem; setz' -dich zu mir ans Fenster, und du, Anna, bringe Wein.«</p> - -<p>So war der Empfang auf Thierberg. So herzlich und offen -er aber auch sein mochte, so konnte doch der junge Mann mehrere -Stunden lang ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht verdrängen. -Er hatte sich den Oheim ganz anders gedacht. Er glaubte -nach der Beschreibung, die ihm sein Vater gemacht hatte, einen -rauhen, aber fröhlichen alten Landjunker zu finden, der seine -Hasen hetzt, mit Laune die Händel seiner Bauern schlichtet, von -seinen Kleppern gerne erzählt und zuweilen mit seinen Freunden -und Nachbarn ein Glas über Durst trinkt. Er bedachte nicht, -wie fünfundzwanzig Jahre und eine so verhängnisvolle Zeit -wie die, welche dazwischen lag, auf diesen Mann gewirkt haben<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span> -konnten. Das ruhige, ernste Auge des Oheims, das prüfend -auf seinen Zügen zu ruhen schien, die ungesuchten, aber gründlichen -Fragen, womit er den Neffen über sein bisheriges Leben -und Treiben ins Gebet nahm, das ironische Lächeln, das hie -und da bei einer Aeußerung des jungen Mannes um seinen -Mund blitzte, dies alles und das ganze gewichtige Wesen des -Alten imponierten ihm auf eine Weise, die ihm höchst unbequem -war. Er konnte sich kein Herz fassen, den Oheim ebenso traulich -zu behandeln wie jener ihn, er kam sich vor wie ein angehender -Staatsdiener, dem ein Minister Audienz gibt, und es -war dies zu seinem nicht geringen Verdruß das zweite Mal, -daß er sich über die Landjunker in Schwaben getäuscht sah.</p> - -<p>Auch seine Base erschien ihm ganz anders, als er sie gedacht -hatte. Er fand zwar alle jene liebenswürdige Natürlichkeit, -jenes unbefangene, ungesuchte Wesen, was man ihm an -den Töchtern dieses Landes gerühmt hatte, aber diese Unbefangenheit -schien nicht aus Unwissenheit, sondern aus einem -feinen, sichern Takt hervorzugehen, und was sie sprach, zeugte von -einem so trefflich gebildeten Geist, daß ihre Natürlichkeit nur -darin zu bestehen schien, daß sie alles Geistreiche, sei es witzig -oder erhaben, wie etwas Natürliches, Angeborenes vorbrachte, -daß es nie als etwas Erlerntes, als etwas Gesuchtes erschien. -Am ärgerlichsten war es ihm, daß sie ihn schon nach den ersten -Stunden zu durchschauen schien. Die ausgesuchten Artigkeiten, -die er ihr sagte, zog sie ins Komische, den feineren Komplimenten -wich sie auf unbegreifliche Art aus, wollte er ihr nur den -zarten, in Berlin gebildeten jungen Mann zeigen, so nannte -sie ihn gewiß immer Herrn von Rantow. Und dennoch mußte -er sich gestehen, daß er nie soviel Harmonie der Bewegung, der -Miene, der Gestalt und der Stimme gesehen habe. Ihr ganzes -Wesen erschien ihm wie das Hauskleid, das sie jetzt eben trug. -Es war einfach und von bescheidenen Farben, und dennoch kleidete -es ihre feine, schlanke Gestalt mit jener geschmackvollen Eleganz, -die auch dem anspruchlosesten Gewand einen geheimnisvollen Zauber -verleiht; ein Toilettengeheimnis, worüber, soviel der junge -Mann sich erinnerte, noch nie ein Modejournal Aufschluß gab, -und das ihm mehr das Zeichen und Symbol einer harmonischen -Seele als die Folge einer sorgfältigen Erziehung zu sein schien.</p> - -<p>Dieselbe Uebereinstimmung glaubte er zwischen dem alten -Herrn und dem Gemach zu finden, in welches er zuerst geführt -worden war. Es war der verblichene Glanz eines früheren -Jahrhunderts, was ihm von den Wänden und Hausgeräten entgegenblickte.<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -Die schweren gewirkten Tapeten, mit Leisten befestigt, -die einst vergoldet waren und deren Farbe jetzt ins -Dunkelbraune spielte; die breiten Armstühle mit ausgeschweiften, -zierlich geschnitzten Beinen, die Polster, mit grellen Farben -künstlich ausgenäht, mit Papageien, Blumentöpfen und den -Bildern längst begrabener Schoßhündchen geziert. Wie manchen -Wintertag mochten seine Ahnfrauen über dieser mühsamen -Arbeit gesessen sein, die ihnen vielleicht einst für das Vollendetste -galt, was der menschliche Geschmack je ersonnen, und die jetzt -ihrem Urenkel geschmacklos, schwerfällig, und hätten sich nicht -so ehrwürdige Erinnerungen daran geknüpft, beinahe lächerlich -erschien. Und doch kam ihm dies alles, der ehrwürdigen Gestalt -seines Oheims gegenüber, wie durch Altertum und langjährige -Gewohnheit geheiligt vor. Er sah, man sei in Thierberg erhaben -über den Wechsel der Mode, und wenn er hinzufügte, -was ihm sein Vater über die mancherlei Unglücksfälle und die -mißlichen Umstände, worin sich der Oheim befand, gesagt hatte, -so fühlte er sich beschämt, daß er diese Umgebungen nur einen -Augenblick habe grotesk und sonderbar finden können; er fühlte, -daß er unverschuldeter Armut, wenn sie sich in so ernstem und -würdigem Gewande zeige, seine Achtung nicht versagen könne; -ja, vor diesen Wänden, diesem Geräte, und vor dem unscheinbaren, -groben Hausrock des Oheims erschien er sich selbst, wenn -er seinen Blick auf seine modische und höchst unbequeme Tracht -warf, wie ein Tor, beherrscht von einem Phantom, das ein -Weiser lächelnd an sich vorübergleiten läßt.</p> - -<p>Dies waren die Eindrücke, welche der erste Abend in Thierberg -auf die Seele des jungen Rantow machte. So ernst sie aber -am Ende auch sein mochten, so konnte er doch ein Lächeln nicht -unterdrücken, als mit dem Schlage acht Uhr, den die alte Schloßuhr -zögernd und zitternd angab, eine Flügeltür am Ende des -Zimmers aufsprang, ein kleiner Kerl in einem verschossenen, -bordierten Rock, der ihm weit um den Leib hing, hereintrat, sich -dreimal verbeugte und dann feierlich sagte: »<em class="antiqua">Le souper est servi!</em>«</p> - -<p>»<em class="antiqua">S'il vous plaît!</em>« sagte der Alte mit ernsthaftem Gesicht -und einer Verbeugung zu seinem Neffen, reichte seinen Arm -der schönen Anna und ging langsamen Schrittes dem Speisezimmer -zu.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span></p> - -<h3>4.</h3> -</div> - -<p>Mit den Flügeltüren des Speisesaals und dem ersten Blick, -den er hineinwarf, hatte sich übrigens dem Gast aus Brandenburg -ein weites Feld der Erinnerung geöffnet. Von diesem -gemalten Plafond, der die Erschaffung der Welt vorstellte, von -dem schweren Kronleuchter, den der Engel Gabriel als Sonne -aus den Wolken herabhängen ließ, von den gelben Gardinen -von schwerer Seide hatte ihm seine Mutter oft gesprochen, wenn -sie von ihrem väterlichen Schloß in Schwaben und von dem ungemeinen -Glanz erzählte, welcher einst durch ihre hochselige Frau -Großmutter, die Tochter eines reichen Ministers, in die Familie -und in die schöneren Appartements zu Thierberg gekommen sei. -Schon seine Mutter hatte in ihrer Kindheit diese Prachtstücke -mit großer Ehrfurcht vor ihrem Altertum betrachtet, und seit -dieser Zeit hatten sie zum mindesten dreißig bis vierzig Jahre -gesehen.</p> - -<p>»Das ist der Familiensaal,« sagte während der Tafel der -alte Thierberg, als er die neugierigen Blicke sah, womit sein -Neffe dieses Gemach musterte. »Vor Zeiten soll man es die -<em class="gesperrt">Laube</em> genannt haben, und meine Ahnherren pflegten hier -zu trinken. Mein Großvater selig ließ es aber also einrichten -und schmücken. Er war ein Mann von vielem Geschmack und -hatte in seiner Jugend mehrere Jahre am Hof Ludwigs XIV. -zugebracht. Auch meine Frau Großmutter war eine prächtige -Dame, und sie beide haben das Innere des Schlosses auf diese -Art eingeteilt und dekoriert.«</p> - -<p>»Am Hofe Ludwigs XIV.!« rief der junge Mann mit -Staunen. »Das ist eine schöne Zeit her; wie mancherlei Gäste -mag dieser Saal seit jener Zeit gesehen haben!«</p> - -<p>»Viele Menschen und wunderbare Zeiten,« erwiderte der -alte Herr. »Ja, es ging einst glänzend zu auf Thierberg, und -unsere Gäste befanden sich bei uns nicht schlimmer als bei jedem -Fürsten des Reichs. Man konnte kein fröhlicheres Leben finden -als das auf diesen Schlössern, solange unsere Ritterschaft noch -blühte. Da galt noch unser Ansehen, unsere Stimme. Man -war ein Edelmann so gut als der König von Frankreich, und -ein Freiherr war ein freier Mann, der nichts über sich kannte -als seinen gnädigen Herrn, den Kaiser, und Gott; jetzt –«</p> - -<p>»Vater!« unterbrach ihn Anna, als sie sah, wie die Ader -auf seiner Stirn anschwoll, und wie eine dunkle Röte, ein Vorbote<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -nahenden Sturmes, auf seinen Wangen aufzog. »Vater!« -rief sie mit zärtlichen Tönen, indem sie seine Hand ergriff, -»nichts mehr über dies Thema; Sie wissen, wie es Sie immer -angreift!«</p> - -<p>»Törichtes Mädchen!« erwiderte der alte Herr, halb unwillig, -halb gerührt von der bittenden Stimme seiner schönen -Tochter; »warum sollte ein Mann nicht stark genug sein, nach -Jahren von <em class="gesperrt">dem</em> zu sprechen, was er zu dulden und zu tragen -stark genug war? Der Vetter kennt nur unsere Verhältnisse, -wie sie jetzt sind. Er ist geboren zu einer Zeit, wo diese Stürme -gerade am heftigsten wüteten, und aufgewachsen in einem Lande, -wo die Ordnung der Dinge längst schon anders war; er kann -sich also nicht so recht denken, was die Vorfahren seiner Mutter -waren, und deshalb will ich ihn belehren.«</p> - -<p>Der Freiherr nahm nach diesen Worten sein großes Glas, -auf dessen Deckel die Wappenschilde seines Hauses, aus Silber -getrieben, angebracht waren, und trank, um Kraft zu seiner Belehrung -zu sammeln, einen langen, tüchtigen Zug. Doch Fräulein -Anna sah an ihm vorüber den Gast mit besorglichen, bittenden -Blicken an. Er verstand diesen Wink und suchte den Oheim -von dieser Materie abzubringen.</p> - -<p>»Es ist wahr,« fiel er ein, noch ehe jener das Glas wieder -auf den Tisch gesetzt hatte, »in Preußen sind die Verhältnisse -anders und seit langer Zeit anders gewesen. Aber sagen Sie -selbst, kann man ein Land in Europa finden, das meinem Vaterlande -gliche? Ich gebe zu, daß andere Länder an Flächeninhalt, -an Seelenzahl uns bei weitem überwiegen, aber nirgends trifft -man auf so kleinem Raum eine so kräftige, durch innere Tugend -imponierende Macht; es ist das Sparta der neuen Zeit. Und -nicht ein glücklicherer Boden oder ein milderer Himmel bewirkten -so Großes; sondern der Genius großer Männer hat ein Preußen -geschaffen, weil sie es verstanden, die schlummernden Kräfte zu -wecken, und dem Volke selbst zeigten, welche Stellung es einnehmen -müsse; weil sie <em class="gesperrt">Preußen</em> geworden sind, ist auch ein -Preußen erstanden.«</p> - -<p>Der alte Herr hatte seinem Neffen ruhig zugehört, bei den -letzten Worten aber zog sich sein Gesicht zu solcher Ironie zusammen, -daß der Brandenburger errötete. »Der Sohn meines -Nachbars, des Generals von Willi, würde sagen, wenn er dich -hörte: ›O Deutschland, Deutschland, da sieht man, wie dein -Elend aus deiner eigenen Zersplitterung hervorgeht! Sie wollen -nicht mehr Griechen, sondern Platäer, Korinther, Athener, Thebaner<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> -und gar – Spartaner heißen!‹ Ich wünsche nur,« setzte -er lächelnd hinzu, »daß die Spartaner nicht zum zweitenmal -einen Epaminondas im Felde finden mögen. Die Schlacht bei -Leuktra war kein Meisterstück der Kriegskunst unserer modernen -Spartaner.«</p> - -<p>»Unser Unglück bei Jena,« sagte der junge Mann verdrießlich, -»kann man weder dem Volk noch dem Könige zuschreiben, -und ich glaube, wir haben uns an Napoleon hinlänglich -gerächt; wir haben nicht nur Deutschland wieder frei -gemacht, sondern ihn selbst entthront.«</p> - -<p>»So? Das seid <em class="gesperrt">ihr</em> gewesen?« fragte der Oheim; »Gott -weiß, ich tat bis jetzt sehr unrecht, daß ich dieses Ereignis der -halben Million Soldaten zuschrieb, die man aus ganz Europa -gegen ihn zusammenhetzte. Warst du vielleicht selbst mit dabei, -Neffe? Du kannst wahrscheinlich als Augenzeuge reden?«</p> - -<p>Der Neffe errötete und schickte einen ängstlichen Blick nach -Anna, die ihr Lächeln kaum unterdrücken konnte. »Ich war -damals noch auf der Schule,« antwortete er, »und es hat mich -nachher oft geärgert, daß ich nicht dabei war. Ich gebe zu, daß -die andern auch mitgeholfen haben, aber in allen Schlachten -waren es nur die Preußen, die entschieden haben; denken Sie -nur an Waterloo.«</p> - -<p>»Seid überzeugt, ich denke daran,« erwiderte der alte Herr -mit großem Ernst, »und denke mit Vergnügen daran. Wenn -<em class="gesperrt">einer</em> ein Feind jenes Mannes ist, so bin ich es; denn er hat -uns und alles unglücklich gemacht und das alte schöne Reich umgekehrt -wie einen Handschuh. Aber das mit deinen Landsleuten -weißt du denn doch nicht recht. Ich glaube schwerlich, daß eure -jungen Soldaten, wenn sie auch wirklich so begeistert waren, wie -man sagte, so viele Stöße auf ihr Zentrum ausgehalten hätten -als am achtzehnten Juni jene Engländer, die schon in allen Weltteilen -gedient hatten.«</p> - -<p>»Nicht die Jahre sind es,« sagte jener, »die in solchen -Augenblicken Kraft geben, sondern das Selbstbewußtsein, der -Stolz einer Nation und die Begeisterung des Soldaten für seine -Sache; und die hat der Preuße vollauf.«</p> - -<p>»Ich habe in meiner Jugend auch ein paar Jahre gedient,« -entgegnete der Oheim; »Anno 85 bei den Kreistruppen. Damals -waren die Soldaten noch nicht begeistert, darum kenne ich das -Ding nicht. Nächstens wird mich aber mein Nachbar, der General, -besuchen, mit diesem mußt du darüber sprechen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span></p> - -<p>»Wie dem auch sei,« fuhr der Gast fort, »es freut mich -innig, daß Sie über den Hauptpunkt, über den Unwillen gegen -die Franzosen und im Haß gegen diesen Korsen, mit mir übereinstimmen. -Bei uns zu Hause behauptet man, daß er in Süddeutschland -leider noch immer als eine Art Heros angesehen und, -es ist lächerlich zu sagen, von vielen sogar als ein Beglücker der -Menschheit verehrt werde.«</p> - -<p>»Sprich nicht zu laut, Freund,« erwiderte der alte Herr, -»wenn du es nicht mit dieser jungen Dame hier gänzlich verderben -willst. Sie ist gewaltig <em class="gesperrt">napoleonisch</em> gesinnt.«</p> - -<p>»Sie werden darum nicht schlechter von mir denken,« sagte -Anna hocherrötend, »weil ich einen Mann nicht geradehin verdammen -mag, dessen unverzeihlicher Fehler der ist, daß er ein -großer Mensch war.«</p> - -<p>»Großer Mensch!« rief der Alte mit blitzenden Augen, »den -Teufel auch, großer Mensch! Was heißt das? Daß er den -rechten Augenblick erspähte, um wie ein Dieb eine Krone zu -stehlen? Daß er mit seinen Bajonetten ein treffliches Reich -über den Haufen warf, seine herrliche natürliche Form zertrümmerte, -ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen! Großer -Mensch!«</p> - -<p>»Sie sprechen so, weil –«</p> - -<p>»Anna, Anna!« fiel er seiner Tochter in die Rede, »meinst -du, ich spreche nur darum so, weil er uns elend machte? Weil -er dieses Tal und den Wald mir entriß, weil er diese Menschen, -die mir und meinen Ahnen als ihren Herren dienten, an einen -andern verschenkte? Weil die ungebetenen Gäste, die er uns -schickte, das bißchen aufzehrten oder einsteckten, was mir noch -geblieben war? Es ist wahr, an jenem Tage, wo man ein -fremdes Siegel über das alte Wappen der Thierberge klebte, -wo man mein Vieh zählte und schätzte, meine Weinberge nach -dem Schuh ausmaß, meine Wälder lichtete und die erste Steuer -von mir eintrieb, an jenem Tage sah ich nur mich und den -Fall meines Hauses; aber ging es der ganzen Reichsritterschaft -besser, mußten wir nicht sogar erleben, daß ein Mann von der -Insel Korsika erklärte, es gebe keinen deutschen Kaiser und -kein Deutschland mehr?«</p> - -<p>»Gott sei es geklagt!« sagte der junge Rantow, »und uns -wahrhaftig hat er es nicht besser gemacht.«</p> - -<p>»Ihr, gerade ihr seid selbst schuld daran,« fuhr der alte -Herr immer heftiger fort. »Ihr hattet euch längst losgesagt -vom Reich, hattet kein Herz mehr für das Allgemeine, wolltet<span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span> -einen eigenen Namen haben und tatet euch viel darauf zu gut. -Ihr sahet es vielleicht sogar gern, daß man uns Schaft für -Schaft entzweibrach, weil man uns fürchtete, solange die übrigen -Speere <em class="gesperrt">ein</em> Band umschlang. Habt ihr nicht gesehen, wie weit -es kam, als man in Sparta jeden Griechen einen Fremden -nannte? Verdammt sei dieses Jahrhundert der Selbstsucht und -Zwietracht, verdammt diese Welt von Toren, welche Eigenliebe -und Herrschsucht Größe nennt!«</p> - -<p>»Aber lieber Vater –« wollte das Fräulein besänftigend -einfallen, doch der alte Herr war bei seinen letzten Worten -schnell aufgestanden, und der kleine Mensch in der Thierbergischen -Livree eilte auf seinen Wink mit zwei Kerzen herbei.</p> - -<p>»Gute Nacht,« wandte er sich noch einmal zu seinem -Neffen; »stoße dich nicht daran, wenn du mich zuweilen heftig -siehst; 's ist so meine Natur. Schlafet wohl, Kinder!« setzte er -ruhiger hinzu, »wenn die Gegenwart schlecht ist, muß man von -besseren Zeiten träumen.« Anna küßte ihm gerührt die Hand, -und die erhabene Gestalt des alten Herrn schritt langsam der -Türe zu. Rantow war so betroffen von allem, was er gehört -und gesehen, daß es ihm sogar entging, welche komische Figur -der Diener machte, der seinem Herrn zu Bette leuchtete. Die -weite Staatslivree, die er trug, hing beinahe bis zum Boden -herab, und die langen bordierten Aufschläge bedeckten völlig die -Hände, welche die silbernen Leuchter trugen. Er war anzusehen -wie ein großer Pilgrim, der einen Kalvarienberg hinan auf -den Knieen rutscht. Um so erhabener war der Kontrast des -Mannes, der ihm folgte; er erschien, als er durch den altfränkischen -Saal unter den Familiengemälden seiner Ahnen -vorbeischritt, wie ein wandelndes Bild der guten alten Zeit.</p> - -<p>Als der alte Herr das Gemach verlassen hatte, stand das -Fräulein mit einer Verbeugung gegen ihren Gast auf und trat -in ein Fenster. Der junge Mann fühlte an ihrem Schweigen, -daß er diesen Abend Saiten berührt haben müsse, die man anzutasten -sonst vielleicht sorgfältig vermied. Sie blickte hinaus -in die Nacht, und Rantow trat an ihre Seite; er hatte oft erprobt, -wie sich Mißverständnisse leichter lösen, wenn man sie in -einen Scherz kehrt, als wenn man mit Ernst oder Wehmut -darüber spricht. Mit solch einem Scherz wollte er Anna versöhnen; -doch als er zu ihr ans Fenster trat, war der Anblick, -der sich ihm darbot, so überraschend, daß kein heiteres Wort -über seine Lippen schlüpfen konnte. Das tiefe, schwärzliche und -doch so reine Blau, das nur ein südlicher Himmel im Mondlicht<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -zeigt, hatte er noch nie gesehen. Ueber Wald und Weinberge -herab goß der Mond seltsame Streiflichter, und im Tal schimmerten -seinen Glanz nur die zitternden Wellen des Neckars und -die Spitze des dunkeln Kirchturms zurück. Der falbe Schein -dieses Lichtes der Nacht hatte Annas Züge gebleicht, und in ihren -schönen Augen schwamm eine Träne. Jetzt erst, als alles so still -und lautlos war, vernahm man aus der Ferne die gehaltenen -Töne einer Flöte, und diese Klänge verbanden sich so sanft mit -dem <span id="corr026">milden Schimmer</span> des Mondes, daß man zu glauben versucht -war, es seien <em class="gesperrt">seine</em> Strahlen, die so melodisch sich auf die Erde -niedersenkten. Ein seliges Lächeln zog über Annas Gesicht; ihr -glänzender Blick hing an einer Waldspitze, die weit in das -Tal vorsprang, und ihre tieferen Atemzüge schienen der Flöte -zu antworten.</p> - -<p>»Wie prachtvoll ist selbst die Nacht in Ihrem Tal!« sprach -nach einer Weile der Gast. »Wie schön wölbt sich der Himmel -darüber hin, und der Mond scheint nur für diesen stillen Winkel -der Erde geschaffen zu sein.«</p> - -<p>Anna öffnete das hohe Bogenfenster. »Wie warm und -mild es noch draußen ist!« sagte sie, indem sie freundlich in das -Tal hinabschaute. »Kein Lüftchen weht.«</p> - -<p>»Aber die Bäume neigen sich doch her und hin,« erwiderte -er, »sie rauschen, gewiß vom Wind bewegt.«</p> - -<p>»Kein Lüftchen weht,« wiederholte sie und hielt ihr weißes -Tuch hinaus. »Sehen Sie, nicht einmal dieses leichte Tuch bewegt -sich. Und kennen Sie denn nicht die alte Sage von den -Bäumen? Nicht der Nachtwind ist es, der ihre Blätter bewegt, -sie flüstern jetzt und erzählen sich, und wer nur ihre Sprache -verstünde, könnte manches Geheimnis erfahren.«</p> - -<p>»Vielleicht könnte man dann auch erfahren, wer der Flötenspieler -ist,« sagte der Vetter, indem er Anna schärfer ansah; denn -schon war er so eifersüchtig auf seine schöne Base geworden, -daß ihm die süßen Töne vom Wald her und ihr Tuch, das -sie noch immer aus dem Fenster hielt, in Wechselwirkung zu -stehen schienen.</p> - -<p>»Das kann ich Ihnen auch ohne die Bäume verraten,« erwiderte -sie lächelnd, indem sie das Tuch zurücknahm. »Das ist -ein munterer Jägerbursche, der seinem Mädchen einen guten -Abend spielt.«</p> - -<p>»Dazu ist aber die Entfernung doch beinahe zu groß,« fuhr -er fort, »manche Töne werden nicht ganz deutlich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Im Dorf unten hört man es besser als hier oben«, sagte -sie gleichgültig und schloß das Fenster; »überdies sagt ja das -Sprichwort: ›Das Ohr der Liebe hört noch weiter als das des -Argwohns.‹«</p> - -<p>»Schön gesagt,« rief der junge Mann, »doch das <em class="gesperrt">Auge</em> -des Argwohns sieht weiter als das der Liebe.«</p> - -<p>»Sie haben recht,« entgegnete sie, »aber nur bei Tag, nicht -bei Nacht.«</p> - -<p>Diese, wie es schien, ganz absichtslos gesagten Worte überraschten -den jungen Mann so sehr, daß er beschämt die Augen -niederschlug. Er warf sich seine Torheit vor, daß er nur einen -Augenblick glauben konnte, es sei ein Liebhaber dieses arglosen -Kindes, der dort im Walde musiziere.</p> - -<p>»Und nun gute Nacht, Vetter,« fuhr Anna fort, indem sie -eine Kerze ergriff. »Träumen Sie etwas recht Schönes, man -sagt ja, der erste Traum in einem Hause werde wahr; Hans! -leuchte dem Herrn Baron ins rechte Turmzimmer! Und dies -noch,« setzte sie auf französisch hinzu, als der Diener näher trat, -»vermeiden Sie, mit meinem Vater über Dinge zu sprechen, die -ihn so tief berühren. Er ist sehr heftig, doch gilt sein Zorn -nie der Person, sondern der Meinung. Es war <em class="gesperrt">meine</em> Schuld, -daß ich Sie nicht zuvor unterrichtet habe, morgen will ich nähere -Instruktionen erteilen. – Gute Nacht!«</p> - -<p>Sinnend über dieses sonderbare und doch so liebenswürdige -Wesen folgte der Gast dem Diener, und die dumpf hallenden -Gänge und Wendeltreppen, das vieleckige, in wunderlichen Spitzbogen -gewölbte Gemach, das altertümliche Gardinenbette, so -manche Gegenstände, die er sonst so aufmerksam betrachtet -hätte, blieben diesmal ohne Eindruck auf seine Seele, die -nur eifrig beschäftigt war, den Charakter und das Benehmen -Annas zu prüfen und zu mustern.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>5.</h3> -</div> - -<p>Als der Gast am folgenden Morgen nach einer sorgfältigen -Toilette hinabging, um mit seinen Verwandten zu frühstücken, -konnte er sich anfänglich in dem alten Gemäuer nicht zurechtfinden. -Ein Diener, auf welchen er stieß, führte ihn dem Saal -zu, und an den Gängen und Treppen, die er durchwandern -mußte, bemerkte er erst, was ihm gestern nicht aufgefallen war, -daß er im entlegensten Teil dieser Burg geschlafen habe. Auf -sein Befragen gestand ihm der Diener, daß sein Gemach das<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -einzige sei, das man auf jener Seite noch bewohnen könne, und -außer dem Wohnzimmer mit den gewirkten Tapeten, dem Schlafzimmer -des alten Herrn, dem Saal, dem kleinen Zimmerchen -in einem andern Turm, wo Fräulein Anna wohne, sei nur -noch das ungeheure Bedientenzimmer, das früher zu einer Küche -gedient habe, und die Wohnung des Amtmanns einigermaßen -bewohnbar; die übrigen Gemächer seien entweder schon halb -eingestürzt oder würden zu Fruchtböden und dergleichen benützt. -Der stolze Sinn des Oheims und die fröhliche Anmut -seiner Tochter standen in sonderbarem Widerspruch mit diesen -öden Mauern und verfallenen Treppen, mit diesen sprechenden -Bildern einer vornehmen Dürftigkeit. Der junge Mann war, -wenn nicht an Pracht, doch an eine gewisse reinliche Eleganz in -seiner Umgebung selbst an den Treppen und Wänden gewöhnt, -und er konnte daher nicht umhin, seine Verwandten, die in so -großer, augenscheinlicher Entbehrung lebten, für sehr unglücklich -zu halten. Das romantische Interesse, das der erste Anblick -dieser Burg für ihn gehabt hatte, verschwand vor dieser traurigen -Wirklichkeit, und wenn er sich dachte, wie die Mauerrisse -und Spalten, durch welche jetzt nur die warme Morgensonne -hereinfiel, den Stürmen des Winters freien Durchgang lassen -mußten, war ihm Annas Furcht vor dieser Jahreszeit wohl -erklärlich.</p> - -<p>»Und ein so zartes Wesen diesen rauhen Stürmen ausgesetzt,« -sagte er zu sich, »ein so reicher und gebildeter Geist ohne -Umgang, vielleicht ohne Lektüre, einen ganzen Winter lang in -diesen Mauern vom Schnee und Wetter gefangen gehalten, einsam -bei dem ernsten, feierlichen, alten Mann! Und dieser ehrwürdige -Alte, der einst bessere Tage gesehen, durch die Ungunst -der Zeit in unverschuldete Dürftigkeit und Entbehrung versetzt!« -Von so gutmütiger Natur war das Herz des jungen Mannes, -daß er vor der Türe des Saales halb und halb den Entschluß -faßte, um die schöne Anna zu freien, sie in die Mark zu führen, -oder wenn ihm das Leben in Schwaben besser gefallen sollte, -mit ihr in die Residenz zu ziehen und für den Sommer Thierberg -wieder instandsetzen zu lassen.</p> - -<p>Der Alte empfing ihn mit einem herzlichen Morgengruß -und derben Händedruck, und Anna erschien ihm heute noch -freundlicher und zutraulicher als gestern. Das Tagewerk der -Knechte wurde in seiner Gegenwart angeordnet, und mit Wonne -sah er Anna eine Geschäftigkeit im Hauswesen entfalten, die er -der feingebildeten jungen Dame nicht zugetraut hätte. Auch<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -über ihre eigenen Geschäfte sprachen die Bewohner des Schlosses. -Der Alte wollte vormittags mit seinem Verwalter rechnen, -Anna den Gast unterhalten und einen Spaziergang mit ihm ins -Tal hinab machen. Nach Tische wollte sie bei einigen Damen in -der Nachbarschaft Besuche abstatten, der Alte das Stück Wald, -das ihm noch eigen gehörte, mustern, und Albert sollte ihn begleiten. -Der Abend sollte sie alle zum Spiel vereinigen. So -angenehm dem jungen Manne die Aussicht war, einen ganzen -Vormittag mit der schönen Cousine zu verleben, so erschreckte ihn -doch ein so langer Waldspaziergang mit dem ernsten Onkel, der -alle Augenblicke die sonderbarsten, vielseitigsten Kenntnisse verriet -und in so hohem Alter noch ein Wortgedächtnis hatte, vor -welchem jenem graute. »Wie, wenn er dich den ganzen Nachmittag -ausfragte, was du gelernt hast!« sagte er zu sich. »Wie -schnöde wird es dann an den Tag kommen, welche Lehrstühle -und Säle in Berlin du <em class="gesperrt">nicht</em> besucht, und wie schnell wird er -ahnen, <em class="gesperrt">welche</em> du besucht hast.« Einiger Trost für ihn war -seine geläufige Zunge und ein wenig Disputierkunst, das einzige, -was ihm von seinem Hofmeister übrig geblieben war. Doch -wie einen zum Galgen Verdammten das Henkermahl noch erfreut, -das ihm der Nachrichter zu- und anrichten muß, so richtete -sich seine geängstigte Seele an der schönen Gegenwart auf. Und -welcher Himmel ging ihm erst auf, als der Onkel, nachdem er -schon Hut und Stock ergriffen hatte, sich noch einmal zu seinem -Neffen wandte. »Noch etwas!« sagte er zu ihm. »So lange -Thierberg steht, ist es Sitte, daß die nächsten Verwandten -gleicher Linie mit Du unter sich reden; ich denke, du wirst mit -Anna keine Ausnahme machen, weil du hundert Meilen nördlicher -geboren bist.«</p> - -<p>Anna lächelte und schien es ganz in der Ordnung zu finden, -aber mit freudeglühenden Wangen sagte der junge Mann -zu; dankbar blickte er dem alten Oheim nach, der ihm in diesem -Augenblick wie ein Bote der Liebe erschien. Leider vergaß er -dabei, daß dieses Du nicht das süße, heimliche Du der Liebe sei, -und daß ein so nahes Verhältnis zwar der Freundschaft förderlich, -für die entstehende Liebe aber ein Hindernis sein könnte.</p> - -<p>»Und du wolltest mir gestern abend noch Instruktionen -geben,« sagte er, indem er sich in das Fenster zu dem Fräulein -setzte. »Es ist mir angenehm, wenn du mir recht viel vom Onkel -sagst, ich habe ihn mir durchaus anders gedacht, und daher kam -nun wohl gestern abend mein Mißgriff.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Wie hast du dir ihn denn gedacht?« fragte Anna.</p> - -<p>»Nun, ich setzte mir aus dem, was Mutter und Vater erzählten, -ein Bild zusammen, das nun freilich nicht paßt. Seit -mein Vater Kammerjunker an eurem Hofe war und nachher die -Mutter nach Preußen heimführte, mögen es doch etwa dreißig -Jahre sein. Damals war wohl Onkel etwa fünf- bis sechsunddreißig -Jahre alt, und man nannte ihn noch immer den Junker, -denn der Großvater Thierberg lebte noch. Mein Vater beschreibt -ihn nun gar komisch, wenn er auf ihn zu sprechen kommt. -Er war hier im Schloß aufgewachsen unter der Aufsicht seines -Herrn Papa und seiner Frau Mama. Die guten Großeltern -könnte ich malen. Sie müßten in den geblümten und ausgenähten -Fauteuils sitzen, aufrecht und anständig frisiert; die -Großmama in einem blauseidenen Reifrock, der Großpapa in -einem <span id="corr030">verschossenen</span> Hofkleid. Sie sind die regierende Familie -in ihrem Land, der Amtmann und der Pastor ihr Hofstaat. Der -Erbprinz lernte hier nicht viel mehr, als sich anständig verbeugen, -die Hand küssen, reiten und jagen, und die Prinzessinnen -sollen ihn an Bildung weit übertroffen haben. Die zwei Jahre -Garnisonleben bei den Reichstruppen hatten ihn nicht gerade -verfeinert, und so soll er immer zur größten Lust der Verwandten -gedient haben, wenn er um die Zeit, da man alljährlich -die Remontepferde von Leipzig brachte, in die Residenz kam. -Meine Mutter wurde damals bei Onkel Wernau erzogen, und -mein Vater kam täglich in das Haus. Wenn dann dein Vater -im Herbst zu Besuch kam, verhehlte er nicht, daß er nur gekommen -sei, um die schönen Remontepferde zu betrachten, zog -den ganzen Tag bei Bereitern und in den Ställen umher, freute -sich, mit seiner großen Pferdekenntnis glänzen zu können, und -unterhielt abends die glänzende Gesellschaft bei Wernaus durch -sein sonderbares Wesen, das zwar nie linkisch oder unanständig, -aber im höchsten Grade naiv, ungezwungen und komisch war. -Mein Vater sagte oft ›Er war ein Bild der guten alten Zeit, -nicht jener steifen Zeit, wo man den Hofton und die Reifröcke -in jedem Winkel des Landes affektierte, sondern einer viel früheren. -Er war das Muster eines schwäbischen Landjunkers.‹«</p> - -<p>Der junge Mann hielt inne in seiner Beschreibung, als er -sah, daß seine Zuhörerin lächelte. »Du findest vielleicht diese -Züge unwahr,« sagte er, »weil sie auf heute nicht mehr passen, -und doch versichere ich –«</p> - -<p>»Mir fiel nur,« erwiderte sie, »als du dies das Bild eines -schwäbischen Landjunkers nanntest, jenes Buch ein, das beinahe<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -mit denselben Zügen einen Landjunker in – Pommern schildert. -Du versetzest nun dieses Bild in mein Vaterland, in dieses -Schloß sogar; sonderbar ist übrigens, daß beinahe kein Zug mehr -zutrifft. In dem gut gemalten Bilde eines Jünglings muß -man sogar die Züge des Greises wiedererkennen, doch hier –«</p> - -<p>»Das wollte ich ja eben sagen; ich fand den Onkel so ganz -und durchaus anders, daß ich selbst nicht begreifen konnte, wie -er einst jener muntere, naive Junge habe sein können.«</p> - -<p>»Ich spreche ungern mit Männern über Männer, ich meine, -es passe nicht für Mädchen,« nahm Anna das Wort; »über -meinen Vater vollends habe ich nie – <em class="gesperrt">beinahe</em> nie gesprochen,« -setzte sie errötend hinzu, »doch mit dir will ich eine -Ausnahme machen. Ich kenne zwar den Vater nicht anders, -als wie er jetzt ist; es ist möglich, daß er vor dreißig Jahren -etwas anders war, aber bedenke, Vetter Albert, durch welche -Schule er ging! Alles, alles, was ihm einst lieb und wert war, -hat diese furchtbare Zeit niedergewühlt. Oder meinst du, jene -Verhältnisse, so sonderbar und unnatürlich sie vielleicht erscheinen, -seien ihm nicht teuer gewesen? Wie oft, wenn die -alten Herren in der vormaligen Reichsritterschaft im Saal -waren und sich besprachen über die gute alte Zeit, wie oft hätte -ich da weinen mögen, aus Mitleid mit den Greisen, die sich nun -so schwer in diese neuen Gestaltungen finden!«</p> - -<p>»Aber ging es ganz Europa besser? Denke an Spanien, -Frankreich, Italien, Polen und das ganze Deutschland,« erwiderte -der Gast.</p> - -<p>»Ich weiß, was du sagen willst,« fuhr sie eifrig fort; »man -soll über dem Unglück und der Umwühlung eines Weltteils -so kleine Schmerzen vergessen; aber wahrlich, so weit sind wir -Menschen noch nicht. Auf diesen Standpunkt erhebe sich, wer -kann, und ich meine, er wird auch in seiner Großherzigkeit wenig -Trost, weder für sich noch für das Allgemeine finden. Und ich -möchte überdies noch behaupten, daß unter allen, die überall gelitten -haben, vielleicht gerade diese Ritterschaft nicht am wenigsten -litt. Andere Wunden, die man nur dem Vermögen schlägt, -heilen mit der Zeit, doch wo, nicht durch Revolution, sondern im -Namen gesetzlicher Gewalt, so alte, lang gewöhnte Bande zersprengt, -und Formen, die auf ewig gegründet schienen, zertrümmert -werden, das eine Stück hierhin, das andere dorthin -gerissen – werden die teuersten Interessen in innerster Seele -verwundet. Wenn so die alten Hauptleute und Räte der Ritterschaft, -einige Komture und deutsche Ritter um die Tafel sitzen,<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> -so glaubt man oft Gespenster, Schatten aus einer anderen Welt -zu sehen. Doch wenn man bedenkt, daß dies alles, was sie einst -erfreute, so lang vor ihnen zu Grabe ging, und diese Titel von -der jungen Welt nicht mehr verstanden werden, so kann man mit -ihnen recht traurig werden.«</p> - -<p>»Es ist wahr,« bemerkte der Gast, »und man muß gerecht -sein; sie wurden von früher Jugend in der Achtung und im -ritterlichen Eifer für jene alten Formen erzogen, glänzten vielleicht -eben im ersten Schimmer einer neuen Amtswürde, als -das Unglück hereinbrach und alles auflöste; und wie schwer ist -es, alten Gewohnheiten zu entsagen, alte Vorurteile abzulegen!«</p> - -<p>»Um so schwerer,« setzte Anna hinzu, »wenn man ein -Recht und gesetzliche Ansprüche darauf zu haben glaubt. Hätte -man jene Bande sanft gelöst, man würde sich nach und nach gewöhnt -haben; so aber war es das Werk eines Augenblicks. Vermögen, -Ansehen und Würden gingen zugleich verloren, und -mancher wurde geflissentlich gekränkt. So wurde der Unmut -über die Veränderung zur Erbitterung. Der Vater hat oft erzählt, -wie sie ihm an <em class="gesperrt">einem</em> Tage alle Familienwappen von -den Wänden gerissen, das Vieh geschätzt, Pferde weggeführt, die -Braupfannen versiegelt und für Staatseigentum erklärt haben; -die Mutter war krank, der Vater außer sich gebracht durch -höhnische Behandlung der neuen Beamten, und um das Unglück -vollkommen zu machen, legten sie fünfundsiebzig Franzosen in -dieses Schloß, die nicht plündern, aber ungestraft stehlen durften, -und wenn sie weiter zogen, nur ebensoviel neuen Gästen Platz -machten.«</p> - -<p>»Wahrhaftig!« rief Albert, »ein solches Schicksal hätte wohl -auch den fröhlichsten Junker ernst machen müssen!«</p> - -<p>»Wie es ging, weiß ich nicht; nur so viel nahm ich mir -aus den Gesprächen ab, daß er seit jener Zeit ganz verändert -sei. Er hielt sich meistens zu Hause, las viel und studierte -manches. Er gilt jetzt in der Gegend für einen Mann, der -viel weiß, und muß in manchen Fällen Rat geben. Doch um auf -die Instruktionen zu kommen, die ich dir erteilen wollte, so -kannst du sie aus dem, was ich dir erzählte, selbst abnehmen. -Berühre nie die früheren politischen Verhältnisse, wenn du ihn -nicht wehmütig machen willst, sprich nie von dem Kaiser –«</p> - -<p>»Von welchem Kaiser?« unterbrach sie der Vetter.</p> - -<p>»Nun, von Napoleon, wollte ich sagen; er sieht ihn als den -Urheber aller seiner Leiden an, und wenn etwa der General<span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span> -in diesen Tagen kommen sollte, laß dich in keinen politischen -Diskurs ein; sie sind schon so heftig aneinander geraten.«</p> - -<p>»Wer ist denn der General?« fragte Albert. »Hat nicht -dein Vater mich gestern aufgefordert, mit ihm über die neuere -Kriegszucht zu sprechen?«</p> - -<p>»Der General Willi ist unser Nachbar,« erwiderte Anna, -»und wohnt eine halbe Stunde von hier, den Neckar abwärts. -Er gehört so sehr der neueren Zeit an, als der Vater der alten, -und ich kann ihm seine Art zu denken ebensowenig verargen als -meinem Vater. Er machte in den früheren Feldzügen eine sehr -schnelle Karriere, und der Kaiser selbst soll ihn im Feldzuge von -1809 beredet haben, unsern Dienst zu verlassen und in die Garde -zu treten. Er war mit in Rußland, wurde bei Chalons gefangen -und zog sich nachher gänzlich zurück. Hier hat er nun -ein Gut gekauft, ist ein sehr vermögender Mann und lebt im -stillen seinen Erinnerungen. Du kannst dir denken, daß ein -Mann, der in solchen Verhältnissen seine schönsten Jahre lebte, -wohl auch noch heute von der Sache, für welche er einst focht, -eingenommen ist; er ist, was man so nennt, ein eigensinniger -Napoleonist und hat wenigstens so gut als irgend einer Grund -dazu.«</p> - -<p>»Wenn er ein Franzose wäre,« entgegnete Albert, »dann -möchte es ihm hingehen. Aber für einen Deutschen schickt es -sich doch wahrhaftig nicht. Es war keine <em class="gesperrt">Sache</em>, für welche er -focht, sondern ein Phantom.«</p> - -<p>»Streiten wir nicht darüber,« fiel ihm Anna ins Wort. -»Ich bin überzeugt, wenn du diesen liebenswürdigen, edlen -Mann kennen lernst, wirst du ihm seinen Enthusiasmus vergeben.«</p> - -<p>»Wie alt ist er denn?« fragte jener befangen.</p> - -<p>»Ein guter Fünfziger,« erwiderte Anna lächelnd. »Mir -aber scheint er, wie gesagt, für seine Gesinnungen ein so gutes -Recht zu haben als der Vater. Wurde ja doch auch, was <em class="gesperrt">ihm</em> -groß und erhaben deuchte, zerstört und verhöhnt, und du weißt, -daß dies nicht der Weg ist, die Menschen mit dem Neueren -auszusöhnen. Die beiden Herren haben große Zuneigung zueinander -gefaßt, obgleich sie in ihren Meinungen so schroff -einander gegenüberstehen. Oft kommt es unter ihnen zu so heftigem -Streit, daß ich immer einmal einen wirklichen Bruch der -nachbarlichen Verhältnisse voraussehe. Ich glaube, wenn mehr -Damen zugegen wären, würde es nie so weit kommen, aber -leider hat auch der General vor einigen Jahren seine Frau verloren.<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span> -Sie war eine treffliche Frau, und meine Mutter schätzte -sie sehr; der Vater konnte es ihr aber nie vergeben, daß sie eine -Bürgerliche war, und seine Schwester, die jetzt eben bei ihm ist, -pflegt immer nur auf kurze Zeit einzukehren.«</p> - -<p>Der alte Thierberg, der in diesem Augenblick von seinem -Amtmann zurückkam, unterbrach dieses Gespräch, das der junge -Mann noch lange hätte fortsetzen mögen; denn Base Anna erschien -ihm, wenn sie lebhaft sprach, wenn ihre Augen während -ihrer Rede immer heller glänzten, und ihre zarten Züge jede -ihrer Empfindungen abspiegelten, immer reizender, liebenswürdiger -zu werden, und er glaubte aus dem Vergnügen, das -ihr die Unterhaltung mit ihm zu gewähren schien, nicht mit -Unrecht einen günstigen Schluß für sich ziehen zu dürfen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>6.</h3> -</div> - -<p>Von allen seinen früheren reichsfreiherrlichen Rechten war -dem alten Thierberg nur die Ernennung oder, wie man es dort -nannte, die Präsentation des Schulmeisters übrig geblieben, und -er verwünschte auch diesen letzten Rest ehemaliger Größe und -Gewalt, als er nachmittags zwei Schulamtskandidaten mit dem -Thierberger Prediger ins Schloß treten sah. Er hieß seinen -Neffen allein in den Wald vorausgehen und versprach, bald zu -folgen. Der junge Mann wanderte langsam jenen Weg hinan, -welchen ihn Anna zuerst geführt hatte. Oft stand er stille und -sah zurück auf diese altertümliche Burg, und gerne verweilte -sein Auge auf jenem Turm, in dessen Zimmerchen -Anna wohnte. Wie liebte er dieses klare, ruhige, -natürliche Wesen, gepaart mit so viel Anstand und mit so feiner -Bildung! Er konnte sich auf nichts Aehnliches besinnen. Oft -wollten zwar in seiner Erinnerung die Damen der Mark diesem -Schwabenkind den Vorrang streitig machen. Es deuchte dem -jungen Mann, er habe elegantere Formen gesehen, gewandter, -zierlicher sprechen gehört, er rief sich jede einzelne Schönheit, -die ihn sonst bezauberte, zurück, aber er bekannte, daß es gerade -diese Unbefangenheit, diese Ruhe sei, was ihm so überraschend, -so neu, so liebenswürdig erschien. »Sie ist zu verständig, zu -ruhig, zu klar, um jemals recht lieben zu können,« fuhr er in -seinen Gedanken fort, »aber schätzen wird sie mich, sie wird Interesse -an mir finden. Und gerade diese Klarheit, diese Art, -über das Leben zu denken, muß ihr andere, bessere Verhältnisse -längst wünschenswert gemacht haben. Bequeme, elegante<span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span> -Wohnung, eine geschmackvolle Garderobe, Wagen, Pferde, Bediente, -eine ausgesuchte Bibliothek, das sind die Dinge, welche in -einem solchen kalten Herzen die Liebe ersetzen; so unbefangen -sie ist, so weiß sie doch in ihrer Unbefangenheit die Dame recht -wohl zu spielen, und wirklich – es muß ihr als Frau von -Rantow allerliebst stehen!«</p> - -<p>Der junge Mann war unter diesen Träumen einer schönen -Zukunft auf einer Höhe angelangt, wo er einen Teil des reizenden -Neckartales überschauen konnte. Vorwärts zu seiner -Linken gewahrte er eine Waldspitze, die weit vorsprang und ihm -die Aussicht auf den andern Teil des Tales verdeckte. Er verglich -sie mit der Lage des Schlosses und fand, es müsse dieselbe -Bergspitze sein, von welcher gestern jene süßen Flötenklänge -herübertönten. Von dort aus, hatte ihm Anna gesagt, könne -man einen weiten, freien Blick über das ganze Tal genießen, -und rasch beschloß er, nicht erst den Oheim abzuwarten, sondern -im Genuß einer herrlichen Aussicht auf jener Waldecke seinen -Gedanken nachzuhängen. Er hatte sich die Richtung gut gemerkt, -und nicht lange, so trat er auf diesen reizenden Platz -heraus. Das Tal schwenkte sich in einem schönen Bogen an -Thierberg vorüber um diese Bergecke. Rechts und bei weitem -näher, als Albert gedacht hatte, lag die Burg, durch eine breite -Waldschlucht von dieser Stelle getrennt. Man konnte mit einem -guten Fernglas deutlich in die Fenster von Thierberg sehen, -und der junge Mann ergötzte sich eine Zeitlang an den Zügen -des Pastors und seines Oheims, die in eifrigem Gespräch an -der Fensterbrüstung standen. Auch Annas Turmfenster war -geöffnet, aber statt ihrer holden Züge sah man nur einen kleinen -Orangenbaum, den sie an die Sonne gestellt hatte. In der -Mitte des Tales zog in kleineren Bogen der Neckar hin, viele -freundliche Halbinseln bildend und in kleiner Entfernung entdeckte -das Auge des jungen Mannes ein neues Schloß, in dessen -Fenstern sich die Mittagssonne spiegelte. Es war in gefälligem, -italienischem Stil aufgebaut, die Säulen und der Balkon, schlank -und zierlich, machten einen sonderbaren Kontrast mit den -dunkeln schweren Mauern des Thierbergs zu seiner Rechten, -und wie diese Burg auf der Nordseite des Gebirges auf einem -steilen Waldberg hing, so ruhte jenes schöne Lustschloß auf der -Südseite gegenüber an einem sanften Rebhügel, dessen reinlich -und nett angelegten Geländer und Spaliere sich bis an den -Fluß herabzogen. Albert war in diesen reizenden Anblick versunken -und dachte nach über diesen Gegensatz, welchen die beiden<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -Schlösser wie Bilder der alten und neuen Zeit hervorbrachten, -als feste Männertritte hinter ihm durch das Gebüsch rauschten -und ihn aus seinen Betrachtungen weckten. Er wandte sich um -und war vielleicht nicht weniger erstaunt als der Mann, der jetzt -durch die letzten Büsche brach und vor ihm stand. – Es war sein -Gefährte vom Eilwagen. Er hatte eine Jagdtasche übergeworfen, -trug eine Büchse unter dem Arm, und zwei große Windhunde -stürzten hinter ihm aus dem Gebüsch.</p> - -<p>»Wie, ist es möglich?« rief der Jäger und blieb verwunderungsvoll -stehen; »ich hätte mir noch eher einfallen lassen, -hier auf einen Adler denn auf Sie zu stoßen!«</p> - -<p>»Sie sehen, ich benütze Ihren Rat,« erwiderte der junge -Mann, »ich durchspüre jeden Winkel Ihres Landes nach schönen -Aussichten –«</p> - -<p>»Aber wie kommen Sie <em class="gesperrt">hieher</em>?« fuhr jener fort, indem -er ihn aufmerksamer betrachtete. »Und Sie sind auch nicht auf -der Reise, wie ich sehe; haben Sie sich in der Nähe eingemietet?«</p> - -<p>Albert deutete lächelnd auf die alte Burg hinüber. »Dort -– und gestehen Sie,« sagte er, »ich hätte keinen schöneren Punkt -wählen können.«</p> - -<p>»In Thierberg?« rief der Jäger mit steigendem Erstaunen, -indem er auf einen Augenblick leicht errötete; »wie, ist es möglich, -in Thierberg? Oder sind vielleicht gar Thierbergs die -Verwandten, die –«</p> - -<p>»Die ich in der Stadt besuchen wollte und hier auf ihrem -Landsitz traf. Ich segne übrigens diesen Geschmack meines -Oheims,« setzte Albert mit einer Verbeugung hinzu, »da er mich -aufs neue in die Nähe meines angenehmen Reisegesellschafters -führte.«</p> - -<p>»So wären Sie vielleicht ein Rantow aus Preußen?« -fragte der Jäger aufs neue.</p> - -<p>»Allerdings,« antwortete der Gefragte. »Aber wie folgern -Sie dies? Sind Sie vielleicht mit meinem Oheim bekannt?«</p> - -<p>»Ich besuche ihn zuweilen,« sagte jener mit einem langen -Seitenblick auf das alte Schloß, »ich bin gerne dort; doch beinahe -hätte ich das Glück gehabt, Ihre Bekanntschaft noch früher -zu machen; ich reiste vor einem Jahr in Ihre Heimat, und auf -den Fall, daß mich meine Straße über Fehrbellin geführt hätte, -war ich mit einem Brief an Ihre Eltern versehen, mit einem -Brief von Ihrem Oheim selbst. – Aber habe ich zu viel gesagt, -wenn ich von den Reizen unseres Neckartales sprach? Finden<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -Sie nicht alles hier vereinigt, was man immer für das Auge -wünschen kann?«</p> - -<p>»Ich dachte schon vorhin darüber nach,« versetzte Rantow; -»wie verschieden ist der Charakter dieser beiden Berge zur Seite -des Tales! Hier dieser dunkle Wald, mit Schluchten und -Felsenrissen, durch welche sich Bäche herabgießen, die alte Burg, -halb Ruine, auf diese jäh abbrechende Wand hinausgerückt. Jenseits -die sanften, wellenförmigen Rebhügel, mit bläulichroter -Erde und dem sanften Grün des Weinstocks. Und diese Kontraste -durch das liebliche Tal, durch den Fluß vereinigt, der -bald hierhin, bald dorthin zu den Bergen sich wendet! Wahrhaftig, -es müßte nichts Angenehmeres sein, als auf einer dieser -grünen Halbinseln ein einsames Idyllenleben zu führen!«</p> - -<p>»Ja,« entgegnete der Jäger lächelnd, »wenn der Fluß nicht -in jedem Frühjahre austräte und Damon, die Hütte und – -seine Daphne zu entführen drohte! Aber waren Sie schon -unten im Tal?«</p> - -<p>»Noch nicht, und wenn etwa Ihr Weg hinabführt, werde -ich Sie gerne begleiten.«</p> - -<p>Der Jäger lockte seine Hunde und schlug dann einen -Seitenpfad ein, der in die Tiefe führte. Rantow, der hinter -ihm ging, bewunderte den schlanken Bau, den kräftigen Schritt -und die gewandten Bewegungen des jungen Mannes. Er war -einigemal versucht zu fragen, wer er sei, wo er wohne; aber es -lag etwas so Bestimmtes, Ueberwiegendes in seinem ganzen -Wesen, daß er diese Frage immer wieder auf eine bequemere -Zeit verschob. Im Tal wandte sich der Jäger stromabwärts; -Kinder und Alte, die ihnen begegneten, grüßten ihn überall -freundlich und zutraulich; manche blieben wohl auch stehen und -schauten ihm nach. Oft stand er stille und machte den Fremden -auf jeden schönen Punkt aufmerksam, erzählte ihm von der -Lebensart der Leute, von ihren Sitten und ländlichen Festen.</p> - -<p>Der Weg bog jetzt um den Berg, und plötzlich standen sie -dem neuen Schloß gegenüber, das Albert von der Höhe herab -gesehen hatte. »Welch herrliches Gebäude!« rief er, »wie -malerisch liegt es in diesen Weinbergen! Wem gehört dieses -Schloß?«</p> - -<p>»Meinem Vater,« erwiderte der Jäger freundlich. »Ich -denke, Sie setzen mit mir über und versuchen den Wein, der auf -diesen Hügeln wächst.«</p> - -<p>Gerne folgte der junge Mann dieser einfachen Einladung; -sie gingen ans Ufer, wo der Jäger einen Kahn losband; er ließ<span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span> -seinen Gast einsteigen und ruderte ihn leicht und kräftig über -den Fluß. Auf reinlichen, mit feinem Kies bestreuten Wegen, -durch hohe Spaliere von Wein gingen sie dem Schloß zu, dessen -einfach schöne Formen in der Nähe noch deutlicher und angenehmer -hervortraten, als aus der Ferne betrachtet. Unter dem -schattigen Portal, das vier Säulen bildeten, saß ein Mann, der -aufmerksam in einem Buche las. Als die jungen Männer -näher kamen, stand er auf und ging ihnen einige Schritte entgegen. -Er war groß, aufrecht und hager, und etwa zwischen -fünfzig und sechzig Jahre alt. Ein schwarzes, blitzendes Auge, -eine kühn gebogene Nase, die dunkelbraune Gesichtsfarbe und -eine hohe gebietende Stirne, wie seine ganze Haltung, gaben ihm -etwas Auffallendes, Ueberraschendes. Er trug einen einfachen -militärischen Oberrock, ein rotes Band im Knopfloch, und noch -ehe er ihm vorgestellt wurde, wußte der junge Rantow aus -diesem allem, daß es der General Willi sei, vor welchem er -stand. Ihn selbst stellte der junge Willi als Vetter der Thierbergs -und als seinen Reisegefährten vor.</p> - -<p>Der General hatte eine tiefe, aber angenehme Stimme; -er antwortete: »Mein Sohn hat mir von Ihnen gesagt. Ihre -Mutter kenne ich wohl, habe sie früher in der Residenz gesehen. -Als wir nach Schlesien marschierten, wurde ich nach Berlin geschickt; -ich blieb vier Wochen bei der Feldpost dort und ritt -während dieser Zeit mehreremal nach Fehrbellin hinüber, Ihre -Eltern zu besuchen.«</p> - -<p>»Wahrhaftig!« rief der junge Mann; »ich erinnere mich, -mehrere französische und deutsche Offiziere damals in unserem -Haus gesehen zu haben; es müßte mich alles täuschen, Herr -General, oder ich kann mich noch Ihrer erinnern. Ihre Uniform -war grün und schwarz, und einen großen grünen Busch -trugen Sie auf dem Hut. Sie ritten einen großen Rappen.«</p> - -<p>»Ach ja, die alte Leda!« sagte der General; »sie hat treu -ausgehalten bis an die Beresina; dort liegt sie zwanzig Schritte -von der Brücke im Sumpf. Es war ein gutes Tier, und in der -Garde nannte man sie <em class="antiqua">le diable noir</em>. – Grüne Büsche, sagen -Sie? – Richtig, ich diente damals unter den schwarzen Jägern -von Württemberg. Ein braves Korps, bei Gott! Wie haben -sich diese Leute bei Linz geschlagen!«</p> - -<p>»War es damals,« bemerkte Rantow, »als Marschall Vandamme, -den Gott verdamme, äußerte: <em class="antiqua">Ces bougres là se -battent comme nous?</em>«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span></p> - -<p>»Sie haben da eine sonderbare Uebersetzung des Namens -Vandamme, doch – ach! Sie sind ein Preuße, gut! ich gebe zu, -der General Vandamme war verhaßt, besonders in der süddeutschen -Armee; er wußte es auch recht gut; seine Bewunderung -über die Bravour jener Soldaten hätte er vielleicht -artiger, aber nie mit mehr Wahrheit ausdrücken können.«</p> - -<p>Sie waren unter diesen Worten bis unter das Portal des -Hauses getreten; ein Buch lag dort aufgeschlagen, der junge Willi -sah es lächelnd an und sagte: »Zum sechstenmal, mein Vater?«</p> - -<p>»Zum sechstenmal,« erwiderte jener, indem auch durch seine -ernsten Züge ein leichtes Lächeln ging. »Sie sehen, Herr von -Rantow, man zieht oft die Kinder nur dazu auf, daß sie ihre -Eltern nachher wieder aufziehen. So kann er es nicht recht -leiden, daß ich gewisse Bücher oft lese; und doch ist es ein guter -Grundsatz, nicht vielerlei Bücher, aber wenige gute öfter zu -lesen.«</p> - -<p>»Sie haben recht,« erwiderte Rantow, »und darf ich wissen, -<em class="gesperrt">welches</em> Buch Sie zum sechstenmal lesen?« Der General bot -es ihm schweigend.</p> - -<p>»Ah! die schöne Fabel von 1812,« rief Albert, »der Feldzug -des Grafen Segur! Nun, ein Gedicht wie dieses darf man -immer wieder lesen, besonders wenn man, wie Sie, den Gegenstand -kennen gelernt hat.«</p> - -<p>»Sie nennen es Gedicht?« fragte der General. »Da Sie -nicht aus Erfahrung sprechen können, ist wohl General Gourgaud -Ihr Gewährsmann. Aber ich kann Ihnen versichern, in -diesem Buch ist so furchtbare Wahrheit, so traurige Gewißheit, -daß man das wenige, was Dichtung ist, darüber vergessen kann. -Die Figuren in diesem Gemälde leben, man sieht ihren schwankenden -Marsch über die Eisfelder, man sieht brave Kameraden -im Schnee verscheiden, man sieht ein Riesenwerk, jene große, -kampfgeübte Armee, durch die Ungunst des Schicksals in viele -tausend traurige Trümmer zerschlagen. Aber ich liebe es, unter -diesen Trümmern zu wandeln, ich liebe es, an jene traurigen, -über das Eis hinschwankenden Männer mich anzuschließen, denn -ich habe ihr Glück und – ihr Unglück geteilt.«</p> - -<p>»Ich bewundere nur deine Geduld, Vater,« erwiderte der -Sohn; »du kannst diese französischen Tiraden, die, wenn man -sie in nüchternes Deutsch auflöst, beinahe lächerlich erscheinen, -lesen und immer wieder lesen! Ich erinnere mich aus diesem -berühmten Buch einer solchen Stelle, die im Augenblick das Gefühl -besticht, nachher, mich wenigstens, lächeln machte. Die<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -Armee hat sich in größter Unordnung hinter Wilna zurückgezogen. -Die Russen sind auf den Fersen. Eine Zeitlang imponiert ihnen -noch die Nachhut des Heeres, aber bald löst sich auch diese auf, -und die ersten der Russen, indem sie einen Hohlweg heraufdringen, -mischen sich schon mit den letzten der Franzosen. Segur -schließt seine Periode mit den Worten: ›Ach! Es gibt keine -französische Armee mehr!‹ – ›Doch, es gibt noch eine,‹ fährt -er fort; ›Ney lebt noch; er reißt dem Nächsten das Gewehr aus -der Hand,‹ u. s. w. Kurz, der edle Marschall tut in übertriebenem -Eifer noch einige Schüsse auf den Feind und repräsentiert -gleichsam in sich selbst die halbe Million Soldaten, die Napoleon -gegen Rußland ins Feld führte. Ist dies nicht mehr als dichterisch, -ist dies nicht lächerlich überstiegen?«</p> - -<p>»Ich erinnere mich noch recht wohl jenes Moments, und -so grausam unser Schicksal, so gedrängt unser Rückzug war, so -ließ er uns doch einige Augenblicke frei, diesem Krieger und -seiner wahrhaft antiken Größe unsere Bewunderung zu zollen. -Wenn du bedenkst, wie es von großer Wichtigkeit war, daß er -mit wenigen Tapfern jenes Defilee eine Zeitlang gegen den -Feind behauptete, daß er und die Seinen allerdings in diesem -Augenblick noch die einzigen wirklichen Kombattanten waren, -die den Russen die Spitze boten, so wird dich jener Ausdruck -weniger befremden; ich wenigstens danke es Segur, daß er auch -jenem erhabenen Moment einen Denkstein setzte.«</p> - -<p>»Also ist jene Szene wahr?« fragte Rantow.</p> - -<p>»Gewiß! Und eine schöne großartige Idee liegt darin, -daß man weiß, wer von der großen Armee zuletzt gegen die -Russen schlug, daß es Ney war, welchen jener hohe Ruhm, der -ihm sogar aus diesem Rückzug sproßte, die Handgriffe des gemeinen -Soldaten nicht vergessen ließ. Er war, wie Hannibal, -der letzte beim Rückzug.«</p> - -<p>»Was sagen Sie aber über jenen, welcher der erste in der -Armee und der erste beim Rückzuge war?« bemerkte Rantow. -»Ich glaube, zwanzig Jahre früher hätte er jeden Schritt mit -seinen Garden verteidigt –«</p> - -<p>»Und zwanzig Jahre später vielleicht auch,« fiel ihm der -General ins Wort, »und wäre vielleicht als Greis eines schönen -Todes mit seinen Garden gestorben. Anno 13, werden Sie aber -wohl wissen, war er Kaiser eines Landes, von welchem er, ohne -Nachricht, ohne Hilfe, auf so viele hundert Meilen getrennt war. -Was hielt ihn bei der Armee, nachdem unser Unglück entschieden -war? Glauben Sie nicht, daß er etwas Aehnliches, wie<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -den Abfall Ihres York, geahnt hat! Mußte er nicht in Frankreich -frische Mannschaft holen?«</p> - -<p>»Warum zog er gegen Asien zu Feld, der neue Alexander,« -sagte Rantow spöttisch lächelnd, »wenn er ahnte, daß das -Preußenvolk in seinem Rücken nur darauf laure, ihm den -Todesstreich zu geben? War dies die gerühmte Klugheit des -ersten Mannes des Jahrhunderts?«</p> - -<p>»Glauben Sie, junger Mann,« erwiderte der General, -»der Kaiser war erhaben über einen solchen Verdacht. Er -wußte, daß Ihr König ein Mann von Ehre sei, der ihn im -Rücken nicht überfallen werde; er wußte auch, daß Preußen -zu klug sei, um <em class="antiqua">à la</em> Don Quichotte die große Armee allein -anzugreifen.«</p> - -<p>»Preußen war ihm nichts schuldig,« rief der junge Mann -errötend; »man weiß, wie Bonaparte selbst seine Friedensbündnisse -gehalten hat; man war nicht schuldig, zu warten, bis -es dem großen Mann gefällig sei, die Kriegserklärung anzunehmen. -Der Gefesselte hat das Recht, in jedem günstigen -Augenblick seine Fesseln zu zerreißen, und sollte er auch <em class="gesperrt">den</em> -damit zertrümmern müssen, der sie ihm anlegte.«</p> - -<p>»Nun, Vater,« setzte der junge Willi hinzu, »das ist es ja, -was ich schon lange sagte, wenn ich den Aufstand des ganzen -Deutschlands in Schutz nahm. Wer gab den Franzosen das -Recht, uns in Ketten und Bande zu schlagen? Unsere Torheit -und ihre Macht! Wer gab uns das Recht, ihnen das Schwert -zu entwinden und die Spitze gegen sie selbst zu wenden? <em class="gesperrt">Ihre</em> -Torheit und unsere <em class="gesperrt">Macht</em>.«</p> - -<p>»Ich gebe zu,« antwortete der General mit Ruhe, »daß -man im Volk, vielleicht auch unter Politikern, also spricht und -sprechen darf. Niemals aber darf der Soldat diese Sprache -führen, um eine schlechte Tat zu beschönigen. Es gibt manche -glänzende Verrätereien in der Geschichte; die Zeiten, wo sie begangen -wurden, waren vielleicht mit der Gegenwart so sehr beschäftigt, -daß man die Verräter gepriesen hat; aber die Nachwelt, -welche die Gegenstände in hellerem Lichte sieht, hat immer -gerecht gerichtet und manchen glänzenden Namen ins schwarze -Register geschrieben. Auch die Sache des Kaisers wird die Nachwelt -führen. So viel ist aber gewiß, daß zu allen Zeiten, wo -es Soldaten gibt, einer, der seine Fahne verläßt, immer für -einen Schurken gelten wird.«</p> - -<p>»Ich gebe dies zu,« erwiderte Rantow, »nur sehe ich nicht<span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span> -ein, wie dies den übereilten Zug nach Rußland entschuldigen -könnte.«</p> - -<p>»Meinen Sie denn, der Zustand Preußens sei uns so unbekannt -gewesen?« fragte der General; »man wußte so ziemlich, -wie es dort aussah. Ich war von Mainz bis Smolensk im -Gefolge des Kaisers und namentlich in deutschen Provinzen oft -an seiner Seite, weil ich die Gegenden kannte, und manchmal -in seinem Namen Fragen an die Einwohner tun mußte. In -den preußischen Stammprovinzen fiel ihm und uns allen die -Haltung und das Ansehen der jungen Leute auf. Das ganze -Land schien von Beurlaubten angefüllt, und doch waren es -immer nur die jungen Männer, die hier geboren und erzogen -waren. Die Haare waren ihnen militärisch verschnitten, ihre -Haltung war aufgerichtet, geregelt; sie standen selten wie faule, -müßige Gaffer da, wenn der Kaiser und sein Gefolge vorüberzog. -Nein, sie machten Front, wenn sie ihn sahen, die Füße -standen eingewurzelt, der linke Arm straff angezogen und an -die Seite gedrückt, das Auge hatte die regelrechte Richtung, und -die rechte Hand machte ihren Soldatengruß. Es waren dies -keine Bauernbursche mehr, sondern Soldaten, und der Kaiser -wußte wenigstens, daß nicht die ganze preußische Armee mit ihm -ziehe.«</p> - -<p>»Er ließ einen gefährlichen, beleidigten Feind in seinem -Rücken,« bemerkte Rantow.</p> - -<p>»Ein gefährlicher Feind, Herr von Rantow, ist etwa eine -beleidigte Schlange, aber nicht eine Armee, nicht Männer von -Ehrgefühl. Das preußische Heer hatte sich mit der großen -Armee vereinigt, und sobald dies geschehen war, stand sie unter -dem Oberbefehl des ersten Kriegers dieser Armee; in dieser -Eigenschaft hatten wir weder von ihnen noch von den Zurückgebliebenen -etwas zu fürchten; die Untergebenen band ihr Eid -an ihre Fahnen, und die Generale, die Repräsentanten dieser -Fahnen, band ihre Ehre. Wenn Sie die Sache aus diesem -natürlichen Gesichtspunkt betrachten wollen, so werden Sie am -Betragen des Kaisers bei Beginn jenes unglücklichen Feldzuges -nichts Uebereiltes oder Unkluges finden.«</p> - -<p>»Das preußische Heer, das gezwungen mit ausrückte,« erwiderte -der junge Mann, »gehörte nicht diesem Kaiser der Franzosen, -sondern seinem rechtmäßigen König, und in demselben -Augenblick, als dieser sie ihrer Pflichten gegen jenen ersten -Krieger entband –«</p> - -<p>»Konnten sie gegen uns selbst die Waffen richten,« fiel der<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -General ein; »da haben Sie vollkommen recht; sie konnten ihre -Karrees bilden, uns den Gehorsam weigern und, im Fall des -Zwanges, Feuer auf unsere Kolonnen geben, sie konnten sich im -Angesicht der Armee mit den Russen vereinigen, sie durften -dies alles tun –«</p> - -<p>»Nun ja – das war es ja eben, was ich meinte. –«</p> - -<p>»Nein, Herr! Das war es <em class="gesperrt">nicht</em>,« fuhr jener eifrig fort. -»Nur erst, verstehen Sie wohl, <em class="gesperrt">nur dann erst</em>, wann ihr -König sie ihres Eides entband, konnten sie den Gehorsam verweigern, -sie <em class="gesperrt">mußten</em> es sogar, auch auf die Gefahr hin, zu -Grunde zu gehen. Solange dies nicht der Fall war, handelten -sie, wenn sie feindlich auftraten, als Verräter an ihrer Ehre und -sogar an ihrem König; denn die Ehre des Königs, der die Befehlshaber -gewählt hatte, bürgte gleichsam für ihr Betragen.«</p> - -<p>»Nun, wenn ich auch dies von den Befehlshabern zugebe,« -erwiderte Rantow, »so hat wenigstens die Armee immerhin ihre -Pflicht getan.«</p> - -<p>»In diesem Fall nimmermehr!« rief der General; »wenn -der Chef keinen Befehl seines Herrn vorweisen kann, um seine -Schritte zu entschuldigen, und dennoch seine Schuldigkeit nicht -tut oder sogar zum Verräter wird, und zum Verräter nicht für -sich allein, sondern mit einem ganzen Korps, so hat jeder Offizier, -jeder Soldat hat das Recht, ihn vor der Front vom Pferd -zu schießen!«</p> - -<p>»Ei, Vater!« rief der junge Willi.</p> - -<p>»Mein Gott, dies denn doch nicht,« rief zugleich der -Fremde; »einen General <em class="antiqua">en chef</em> vom Pferd zu schießen!«</p> - -<p>»Und wenn man es unterlassen hat,« fuhr jener mit blitzenden -Augen fort, »so hat man seine Pflicht versäumt. Aber ich -kenne noch recht wohl jene schändliche Zeit und die Motive, die -damals die Handlungen der Menschen lenkten; Wölfe und Tiger -waren sie geworden, die menschliche Natur hatte man ausgezogen, -Treue, Ehre, Glauben, alles verloren, und für Heroismus -galt damals, was sonst für eine Schandtat gegolten hätte!«</p> - -<p>»Nun, etwas Herrliches und Erhabenes, was sich damals -offenbarte, werden Sie doch nicht leugnen können,« sprach der -Märker; »der allgemeine Enthusiasmus, womit das ganze Volk -aufstand, war doch wirklich erhaben, ergreifend!«</p> - -<p>»Das ganze Volk? – aufstand?« rief der General bitter -lachend; »da müßte Deutschland erst auferstehen, ehe die Deutschen -aufstünden. Es war bei manchem ein schöner, aber unkluger -Eifer, bei einigen Haß, bei vielen Uebermut, bei den<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span> -meisten war es Sache der Mode; und Sie vergessen, daß Oesterreich, -Bayern, Württemberg, daß Schwaben und Franken nicht, -was Sie sagen, aufstanden und denn doch auch zu Deutschland -gehörten. Und Ihre Enthusiasten selbst! Vor diesen wären -wir gewiß nie aus Sachsen gewichen!«</p> - -<p>»Wenn es ihnen auch an jenen gerühmten Eigenschaften -eines alten, gedienten Soldaten gebrach, wahrhaftig, ihr Wille -war schön, ihre Taten groß, und ihre Einheit, ihre Aufopferung -ersetzte vieles –«</p> - -<p>»Einheit? Aufopferung? Wir nahmen, es war schon auf -französischem Boden, einmal ein solches Individuum gefangen. -Es war ein junger, schön geputzter Mann. Der Kaiser hatte -von diesen Volontärs sprechen gehört, man hatte ihm ihre Kleidung, -ihre Haltung überaus komisch beschrieben; er ließ daher -den Gefangenen vortreten. Als dieser den Kaiser erblickte, geriet -er in augenscheinliche Verwirrung, dachte nicht mehr daran, -daß er selbst Soldat geworden sei und gegen den größten Krieger -zu Felde ziehe, sondern er nahm seinen Tschako am Schild, riß -ihn nach gewöhnlicher, bürgerlicher Weise vom Kopf, daß der -schöne Federbusch elendiglich in den Kot hing, und kratzte mit -dem Fuß hintenaus. Der Kaiser ließ ihn durch mich fragen, ob -er unter den deutschen Freiwilligen diene? Jener aber verbeugte -sich noch einmal und sagte: ›Ich bin vom Frankfurter -Korps der Rache.‹ Der Kaiser konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, -und als er weiter ritt, wandte er sich noch einmal um. -Der Sohn der Rache stand noch immer ganz verblüfft unter -einem Haufen von Franzosen, und jetzt erst schien er aus dem -Traum zu erwachen, er mochte sich auf die schöne <em class="gesperrt">Zeil</em> zurückwünschen. -Der arme Teufel sah aus, als wäre er ein Volontaire -<em class="antiqua">malgré lui</em>, als hätte er nur seinem Schatz zu Gefallen sich -in dem Korps der Rache einschreiben lassen. Und dieser Rächer -kehrte nicht mehr hinter den Ladentisch seines Vaters heim. -Ich sah ihn sechs Tage nachher ohne Beine, sterbend wieder, -seine eigenen Landsleute hatten ihn in unseren Reihen getötet. -Und von solchen Menschen verlangen Sie Einheit, Aufopferung?«</p> - -<p>Der Preuße hatte dem General unmutig zugehört; es kam -ihm vor, als liege in den Zügen dieses Mannes Spott und Verachtung -einer Sache, die er immer als etwas Ungeheures, Welthistorisches, -Großartiges zu betrachten gewöhnt gewesen war. -Der junge Willi sah diese unangenehmen Gefühle, die mit der -Ehrfurcht vor dem General in Rantows Brust zu kämpfen -schienen. Er nahm daher schnell das Wort und sagte: »Du warst<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span> -damals auf feindlicher Partei, lieber Vater, du sahst alles in -einem andern Lichte, und ich zweifle, ob nicht eure jungen -Konskribierten sich auf ähnliche Weise benommen hätten. Aber -wahr bleibt es immer und jedem unbefangenen Auge noch jetzt -sichtbar, daß damals ein erhabener, ungewöhnlicher Geist unter -dem Volke, hauptsächlich im Norden, wehte; die Mittelstände -vorzüglich haben gezeigt, daß sie einer bewunderungswürdigen -Kraftäußerung fähig seien, und darauf, so schlecht auch die -Zeiten sind, kann man noch immer einige Hoffnung gründen.«</p> - -<p>Rantow sah den jungen Mann bei den letzten Worten befremdet -an, als wüßte er sich diesen Satz nicht zu erklären; doch -erfreut, seine eigenen Gesinnungen wiederholt zu hören, wandte -er sich wieder an den General. »Er hat recht,« sagte er, »auf -feindlicher Seite konnten Sie das rührende Bild dieser Aufopferung -nicht so genau kennen lernen. Aber die großen Worte -unserer Redner, die feurigen, aufrufenden Lieder unserer -Sänger, die begeisternde Aufopferung unserer Frauen, sie gaben, -verbunden mit dem Mut, der frommen Kraft und der gottgeweihten -Hingebung unserer Jünglinge und Männer, Szenen, -die ebenso erhaben als unvergeßlich sind.«</p> - -<p>»Und wofür denn dieses alles?« fragte der alte Soldat. -»Wozu so große Aufopferungen, was hat man damit erreicht -und errungen? Ließ sich dies alles nicht voraussehen?«</p> - -<p>»Und was haben denn Sie, Herr General, auf jener Seite -erreicht und errungen? Das ist einmal das Schicksal alles -menschlichen Lebens und Treibens, daß man kämpft, sich hingibt, -aufopfert, um am Ende nichts oder wenig zu erreichen. Zwanzig -Jahre haben Sie jenem Mann geweiht, jenem Eigensüchtigen, -der nur sich und immer nur sich bedachte. Jetzt liegt er auf -einem öden Felsen, seine Genossen sind zerstreut, aufgerieben – -was, was haben denn Sie gewonnen?«</p> - -<p>»Ein Endchen rotes Band und die Erinnerung,« antwortete -er lächelnd, indem er mit einer Träne im Auge auf seine Brust -herabsah. Es lag etwas so Ergreifendes, Erhabenes in dem -Wesen des Mannes, als er diese Worte sprach, daß Rantow, errötend, -als hätte er eine Torheit gesagt, seine Augen von ihm -abwandte und betreten den Sohn ansah. Doch dieser schien -nicht auf das Gespräch zu merken, er blickte unverwandt und -eifrig auf ein kleines Gebüsch am Fluß, von welchem man eben -das Plätschern eines Ruders vernahm; jetzt teilten sich die -Zweige der Weiden, und ein schöner Mädchenkopf bog sich -lächelnd daraus hervor.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span></p> - -<h3>7.</h3> -</div> - -<p>»Unsere schöne Nachbarin!« rief der General freundlich -und eilte auf sie zu, ihr die Hand zu bieten; die jungen Männer -folgten, und mittels seiner trefflichen Lorgnette entdeckte Rantow -zu seinem nicht geringen Vergnügen, daß es Anna sei, die -hier so plötzlich, gleich einer Najade, aus dem Fluß auftauchte. -Der General küßte sie auf die Stirne und bot ihr dann den -Arm, sie grüßte seinen Sohn kurz und freundlich, fragte flüchtig -nach des Generals Schwester und verweilte dann mit einem -Ausdruck der Verwunderung auf ihrem Gast. »Du hier, Vetter -Albert?« rief sie, indem sie ihm die Hand bot. »Nun das muß -ich gestehen, für so klug hätte ich dich nicht gehalten, deinen -schönen Verstand in Ehren, daß du sogleich die angenehmste -Gesellschaft in der ganzen Gegend auffinden würdest; welcher -Zauberer hat dich denn hieher gebracht?«</p> - -<p>»Mein Sohn,« sagte der General, »hatte das Glück, Ihren -Vetter auf seiner kleinen Reise kennen zu lernen, und fand ihn -jenseits in Ihrem Forst –«</p> - -<p>»Und lud mich ein, ihn hieher zu begleiten,« fuhr Rantow -fort, »wo ich schon wieder wie gestern das Unglück hatte, zu -streiten und immer heftiger zu widersprechen. Du lächelst, -Anna? Aber es ist, als brächte es hier das Klima so mit sich; -zu Hause bin ich der friedfertigste Kerl von der Welt, habe vielleicht -in zwei Jahren nicht so viel disputiert als hier in zwei -Tagen, und wie käme ich vollends mit Herren, wie der Herr -General oder mein Onkel, in Streit?«</p> - -<p>»Ist es möglich?« fragte der General, »mit Herrn von -Thierberg, mit Ihrem Vater, Aennchen, kommt er in Streit? -Ich dachte doch, da Sie mit mir in politischen Ansichten so gar -nicht übereinstimmen, Sie müßten von Ihres Oheims Grundsätzen -eingenommen sein.«</p> - -<p>»Nun, so ganz unmöglich ist eine dritte oder vierte Meinung -doch nicht,« bemerkte der junge Willi lächelnd; »ich bin gewiß -nicht von Ihrem politischen Glaubensbekenntnis und glaube, -daß sich mit der Welt jetzt etwas machen ließe, wenn <em class="gesperrt">Ihr</em> nicht -fünfzehn Jahre früher mit Feuer und Schwert reformiert und -die Menschen eingeschüchtert hättet; aber mit Herrn von Thierberg -lebe ich deswegen doch in ewigem Kampf, und wir beide -haben unsere gegenseitige Bekehrung längst aufgegeben.«</p> - -<p>»Demagogen streiten gegen alle Welt,« erwiderte ihm Anna -lächelnd und doch, wie es schien, ein wenig unmutig. »Sie sind<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -ein Inkurabel in diesem Spital der Menschheit; haben Sie je -gehört, daß ein solcher politischer Ritter von la Mancha, solch -ein irrender Weltverbesserer, von Grund aus kuriert worden -wäre?«</p> - -<p>»Ich sehe, Sie wollen den Krieg auf <em class="gesperrt">mein</em> Land spielen,« -sagte Robert, »Sie wollen, wie immer, meine Ansichten zur -Zielscheibe Ihres liebenswürdigen Witzes machen, und doch soll -es Ihnen nicht gelingen, mich aus der Fassung zu bringen, heute -wenigstens gewiß nicht. Sie kennen wohl die schönen Eigenschaften -Ihrer Fräulein Cousine noch nicht ganz, Rantow? -Nehmen Sie sich um Gottes willen in acht, ihr zu trauen!«</p> - -<p>»Freund,« entgegnete Rantow, »in diesem Süddeutschland -finde ich mich selbst nicht mehr; es ist alles ganz anders, man -denkt, man spricht anders, als ich gewöhnt bin, und so mag ich -mir selbst kein Urteil mehr zutrauen, am wenigsten über Anna.«</p> - -<p>»General!« rief Anna, »Sie führen nachher hoffentlich -meine Verteidigung gegen Ihren Herrn Sohn?«</p> - -<p>»Nun merken Sie auf, Rantow!« sprach der junge Willi; -»daß dieses Fräulein die schönste im ganzen Neckartal, von -Heidelberg bis Tübingen, ist, behaupten nicht nur alle reisenden -Studenten, sondern auch sie selbst weiß es nur allzugut und hat -sich ganz danach eingerichtet; sie ist aber dabei so spröde wie -Leandra im eben angeführten Don Quichotte. Nach ihren politischen -Ansichten, denn sie ist gewaltig politisch, ist sie ein Amphibion. -Sie hält es bald mit dem Alten, bald mit der neuen -Zeit. Sie ist gewaltig stolz, daß sie vierundsechzig Ahnen hat, -auf ihrem Stammschloß lebt, und daß schon Anno 950 ein -Thierberg einen Acker gekauft hat. Auf der andern Seite ist -sie durch und durch napoleonisch. Sie hat den ersten Lügner -seiner Zeit, den Moniteur, öfter gelesen als die Bibel, trägt -ein Stückchen Zeug, das Montholon meinem Vater schickte, und -das angeblich von Napoleons letztem Lager stammt, in einem -Ring, singt nichts als kaiserliche Lieder von Beranger und -Delavigne, und kurz – sie liebt eben jenen Mann mit Enthusiasmus, -der den Glanz ihrer vierundsechzig Ahnen in den -Staub geworfen hat.«</p> - -<p>»Sind Sie nun zu Ende?« fragte Anna, ruhig lächelnd, -indem sie ihren Ring an die Lippen zog. »Weißt du aber auch, -Vetter, daß er den ärgsten Anklagepunkt, das schwärzeste Verbrechen -in seinen Augen, aus Edelmut verschwiegen hat? Nämlich -das, daß ich kein sogenanntes deutsches Mädchen bin, daß<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span> -ich nicht jetzt schon in meinem Kämmerlein mich im Spinnen -übe, wie es einer deutschen Maid frommt, und keine Lorbeerkränze -für die Stirne der künftigen Sieger flechte. Weißt du -denn auch, wer dieser Herr ist? Das ist ein Glied eines ungeheuren, -unsichtbaren Bundes, der nächstens das Oberste zu -unterst kehren wird; nun, bei euch soll es ja noch mehrere solcher -Staatsmänner geben. Aber, Herr von Willi, wie ist mir doch, -ist es denn wahr, was man mir letzthin erzählte, daß unter -euren geheimen Gesetzen eines ausdrücklich gegen junge Damen -von Adel gerichtet sei und also laute: ›Wenn ein biderber deutscher -Ritter um eine Jungfrau freit, die ehemals der adeligen -Kaste angehörte, und solche aus törichtem Hochmut ihre Hand -versagt, soll ihr Name öffentlich bekannt gemacht und sie selbst -für wahnsinnig erklärt werden.‹«</p> - -<p>Das Pathos, womit Anna diese Worte vorbrachte, war so -komisch, daß der General und Rantow unwillkürlich in Lachen -ausbrachen; der junge Willi aber errötete, und unmutig entgegnete -er: »Wie mögen Sie sich nur immer über Dinge lustig -machen, die Ihnen so ferne liegen, daß Sie auch nicht das -geringste davon fühlen können? Ich gebe zu, daß es Ihnen -in Ihrem Stande, in Ihren Verhältnissen recht angenehm und -behaglich scheinen mag, weil Sie freiere Formen und natürlichere -Sitten nicht kennen, keine Ahnung davon haben. Warum -aber mit Spott Gefühle verfolgen, die wenigstens in Männerbrust -mächtig und erhaben wirken und zu allem Schönen und -Guten begeistern?«</p> - -<p>»Wie ungezogen!« erwiderte Anna. »Sie haben mit Spott -begonnen und meine Ahnen und den Kaiser der Franzosen -schlecht behandelt, und nehmen es nun empfindlich auf, wenn -man über die Herren Demagogen und ihre Träume scherzt! -Wahrlich, wenn nicht Ihr Vater ein so getreuer Mann und mein -getreuester Anhänger wäre, Sie sollten es entgelten müssen. -Doch zur Strafe will ich Sie über das Gedicht examinieren, -das Sie mir für meinen Vater versprochen haben.« Sie nahm -bei diesen Worten Roberts Arm und ging mit ihm den Baumgang -hin, und Albert Rantow hätte in diesem Augenblick viel -darum gegeben, an der Stelle des jungen Willi neben ihr gehen -zu dürfen, denn nie hatte ihm ihr Auge so schön, ihre Stimme -so klangvoll und rührend gedeucht als in diesem Augenblick.</p> - -<p>»Sie ist ein sonderbares, aber treffliches Kind,« sagte der -General, indem er ihr lächelnd nachblickte. »Wenn sie ihm doch -alle seine Schwärmereien aus dem Kopfe reden könnte! Aber<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> -so wird er nie glücklich werden; denken Sie, Rantow! er hat -oft Stunden, wo es ihm lächerlich, ja töricht erscheint, daß er -in meinem bequemen Schloß wohnt und Nachbar Görge und -Michel, die doch auch ›deutsche Männer‹ sind, nur mit einer -schlechten Hütte sich begnügen müssen. Das ist eine sonderbare -Jugend, das nennen sie jetzt Freiheitssinn! Und doch ist er -sonst ein so wackerer und vernünftiger Junge.«</p> - -<p>»Ein liebenswürdiger, trefflicher Mensch,« bemerkte Albert, -indem er oft unruhige Blicke nach jenen Bäumen streifen ließ, -unter welchen Willi und Anna wandelten; »ich darf Ihnen -sagen, daß ich über seine Gewandtheit, über die feinen gesellschaftlichen -Formen staunte, die er so unbefangen entwickelt, er -muß viel und lange in guten Zirkeln gelebt haben; und dennoch -so sonderbare, spießbürgerliche Pläne!«</p> - -<p>»Er war in London, Paris und Rom,« sagte der General -gleichgültig, »und er lebte dort unter meinen Freunden. Ich -glaube, Lafayette und Foy haben mir ihn verzogen.«</p> - -<p>»Wie! Lafayette, Foy, hat er diese gesehen?« fragte Rantow -staunend.</p> - -<p>»Er war täglich in der Umgebung beider Männer, und sie -fanden an dem Jungen mehr, als ich erwarten konnte. Da -hörte er nun die Amerikaner und die Herren von der linken -Seite; und weil er manche der exaltiertesten Schreier als meine -alten Freunde kannte, glaubte er in seinem jugendlichen Eifer, -es müsse alles wahr sein, was sie schwatzen, und fand sich am -Ende geschickt, selbst mit zu reformieren. Da ist er nun mit -allen unruhigen Köpfen in diesem ruhigen Deutschland bekannt. -Keine Woche vergeht, ohne daß sie einen jener deutschen Radikalreformer -mit langen Haaren, Stutzbärtchen, Beilstöcken und -sonderbaren Röcken in meinen Hof bringt; sie nennen ihn Bruder -und sind so wunderliche Leute, daß sie alle Briefe an meinen -Robert mit einem ›Deutschen Gruß zuvor‹ anfangen.«</p> - -<p>»Ich kenne diese Leute,« bemerkte Albert mit wegwerfender -Miene; »sie zeigen sich auch bei uns zu Hause. Aber wie -kann nur ein Mann von so glänzenden Anlagen für ein anständigeres -Leben und für die gute Gesellschaft wie Robert, mit so -gemeinen Menschen umgehen, die im Bier ihr höchstes Glück -finden, rauchend durch die Straßen gehen, in gemeinen Schenken -umherliegen und alles Noble, Feine gering achten?«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Gemein</em>, lieber Herr von Rantow, habe ich sie noch -nie gefunden,« erwiderte der General lächelnd, »was ich unter -gemein verstehe; daß sie rauchen, macht sie höchstens für einen<span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span> -Nichtraucher unangenehm, daß sie Bier trinken, geschieht wohl -aus Armut, denn meinen Wein haben sie nicht verachtet, und -von der <em class="antiqua">bonne société</em> denken sie gerade wie ich; sie langweilen -sich dort und finden das Steife gezwungen und das Gezierte -lächerlich. Sonst fand ich sie unterrichtet, vernünftig, und nur -in ihrer Kleidung und in ihren Träumereien dachte ich mit -Anna an Don Quichotte und fand es komisch, daß sie sich berufen -glauben, die Welt zu erlösen von allem Uebel.«</p> - -<p>Der junge Mann verbeugte sich stillschweigend gegen den -General, als wolle er ihm dadurch seinen Beifall zu erkennen -geben; bei sich selbst aber dachte er: Ich lasse mich aufknüpfen, -wenn er nicht selbst raucht und lieber Stettiner und Josty als -Franzwein trinkt; doch einem alten Soldaten kann man es verzeihen, -wenn er roh und unhöflich ist. Er sah sich zugleich wieder -nach Anna um; das Gespräch schien von beiden Seiten mit -großem Interesse geführt zu werden, die Gegenwart des Generals -verhinderte ihn, von seiner Lorgnette Gebrauch zu machen, -und doch war sie ihm nie so nötig gewesen als in diesem Augenblick, -denn er glaubte gesehen zu haben, wie der junge Willi -Annas Hand ergriff und – an seine Lippen führte. Der -General mochte die Unruhe und Zerstreuung des jungen Mannes -bemerken; er ging mit Rantow dem Baumgang zu, und als -Anna sie herankommen sah, ging sie ihnen mit Willi entgegen. -Des Generals Schwester, eine würdige Dame, welcher Annas -Besuch galt, kam in diesem Augenblick herzu, und da in ihrer -Gegenwart nichts Politisches, das zum Streit führen konnte, -abgehandelt werden durfte, so zog es die Gesellschaft vor, ihrer -Einladung zu folgen und unter der Halle des Schlosses den -Wein des Generals und die schönen Früchte seiner Gärten zu -kosten. Man beschloß, daß der General und sein Sohn morgen -den Besuch auf Thierberg erwidern sollten, und so schieden die -beiden Willi, als ihre Gäste in den Kahn stiegen, mit Ehrfurcht -von Anna, mit der Herzlichkeit alter Freunde von Rantow.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3>8.</h3> -</div> - -<p>Der Gast aus der Mark, obgleich er in jedem Damenkreis -seiner Heimat mit jener Sicherheit aufgetreten war, welche man -sich durch Erziehung und gehöriges Selbstvertrauen erwirbt, -obgleich er sich in Berlin manches schwierigen Sieges hatte -rühmen können, fühlte sich doch nie in seinem Leben so befangen -als an jenem Abend, wo er mit Anna am Neckar hin<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -nach Thierberg zurückkehrte. Tausend Zweifel plagten und -quälten ihn, und jetzt erst, als ihm der letzte Blick, den Anna -dem jungen Willi zugeworfen hatte, zu feurig für bloße Achtung, -zu zögernd für gute Nachbarschaft geschienen hatte, jetzt erst -fühlte er, wie mächtig schon in ihm die Neigung zu seiner -schönen Base geworden sei. Zwar, wenn er seine eigene Gestalt, -sein ausdrucksvolles Gesicht, sein sprechendes Auge, seine -gewählte und reiche Sprache, seine eleganten Formen, die Sicherheit -und Gewandtheit seines Geistes, kurz, wenn er alle seine -Vorzüge mit Robert Willis Eigenschaften maß, so glaubte er -sich doch ohne Anmaßung trösten zu können; fehlte doch jenem -wenn er sich auch gut auszudrücken vermochte, jener unnachahmliche -Tonfall der Sprache, fehlte ihm, wenn man ihm auch -Anstand und Würde nicht streitig machen konnte, jene letzte Vollendung -und Feinheit eines modischen Wundervogels (<em class="antiqua">Incroyabilis, -<em class="gesperrt">Linn</em></em>), jenes unnachahmliche Genie des Geschmackes, -das angeboren sein muß; es fehlte ihm, so schloß der Berliner -mit heimlichem Lächeln bei sich selbst, jenes <em class="antiqua">Je ne sais quoi</em>, -das den Geschöpfen Gottes das Siegel der Veredlung und Vollendung -aufdrückt und auch den gewöhnlichsten Menschen zu einem -<em class="antiqua">homme comme il faut</em> macht! Aber Anna ist hier auf dem -Lande, ist in Schwaben aufgewachsen, fuhr er fort, sie könnte, -ehe sie mich sah, mit Robert Willi – »Anna, eine Frage,« sprach -er ängstlich zu ihr, nachdem sie eine geraume Weile still fortgewandelt -waren, »und nimm doch diese Frage nicht übel auf! -Liebst du diesen jungen Willi? Stehst du mit ihm in einem -Verhältnis?«</p> - -<p>Das Fräulein von Thierberg errötete leicht über diese -Frage, und diese Röte konnte ebensogut der Frage als dem -Gegenstand gelten, den er berührte. »Wie kommst du auf diesen -Einfall, Vetter?« erwiderte sie. »Und meinst du denn, wenn -ich auch das Unglück haben sollte, diesen Willi zu lieben, was -mir übrigens noch nie in den Sinn kam, ich würde etwa dich -zum Vertrauten in meinen Herzensangelegenheiten wählen, weil -ich dich schon seit zwei Tagen kenne? Mein Gott, Vetter,« -setzte sie schalkhaft lächelnd hinzu, »was seid ihr doch für närrische -Leute in Preußen!«</p> - -<p>»Ich will mich durchaus nicht in dein Geheimnis drängen, -hochedle und gestrenge Dame,« sagte er, »aber meinst du denn, -dein langes und, wie es schien, interessantes Gespräch mit ihm -sollte mir nicht aufgefallen sein? Meinst du, ich glaube, ihr -habt nur von Versen gesprochen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span></p> - -<p>»Wenn ich nun sagte, wir <em class="gesperrt">haben</em> nur von Versen gesprochen,« -entgegnete sie eifrig, »so <em class="gesperrt">müßtest</em> du es doch glauben. -Leuten, die gerne Arges denken, fällt alles auf. Diesmal -übrigens hat sich dein Scharfsinn nicht betrogen; das übrige -Gespräch drehte sich auch noch um etwas anderes als Verse, um -ein Geheimnis, ein gar wichtiges Geheimnis.«</p> - -<p>»Also doch?« rief der junge Mann, mit ungläubiger -Miene. »Siehst du, also doch?«</p> - -<p>»Doch,« antwortete sie lächelnd, »und weil du so artig bist, -will ich dich auch mit ins Geheimnis ziehen, vielleicht kannst du -behilflich sein; er riet mir selbst, es dir zu entdecken.«</p> - -<p>»Wie?« entgegnete er bitter. »Meinst du, ich sei nur deshalb -nach Schwaben gekommen, um Herrn von Willis Liebesboten -an meine Base zu machen? Da kennst du mich wahrhaftig -schlecht; eher sage ich deinem Vater die ganze Geschichte, -und ich glaube nicht, daß er sich einen solchen Tugendbündler, -einen solchen Weltverbesserer und Demagogen zum Schwiegersohn -wählen wird.«</p> - -<p>Anna war verwundert stehen geblieben, als sie diesen heftigen -Ausbruch seiner Leidenschaft vernahm. »Habe die Gnade -und höre zuvor, um was man dich bitten wird,« sagte sie, und -wie es schien, nicht ohne Empfindlichkeit; »soviel weiß ich aber, -daß, wäre ich ein junger Herr und überdies ein Berliner, ich -mich gegen Damen ganz anders betragen würde.« Bestürzt -wollte Albert etwas zur Entschuldigung erwidern, aber mit -freundlicherer Miene und gütigeren Blicken fuhr sie fort: »Du -weißt und hast es heute selbst gehört, wie sehr der General -seinen Napoleon liebt und verehrt. Nun ist nächstens sein -Geburtstag, der zufällig auf einen berühmten Schlachttag des -Kaisers fällt, und da will ihn sein Sohn mit etwas Napoleonischem -erfreuen. Er hat sich durch einen Bekannten in Berlin -eine Kopie jenes berühmten Bildes von David verschafft, das -Bonaparte zu Pferde noch als Konsul vorstellt. Es ist kein -übler Gedanke, denn so nimmt er sich am besten aus, er ist -noch jung und mager, und das interessante, feurige Gesicht unter -dem Hut mit der dreifarbigen Feder ist malerischer, eignet sich -mehr für die Darstellung eines Helden, als wie er nachher abgebildet -wird. Und dieses Bild des Kaisers ist unser Geheimnis.«</p> - -<p>»Aber was soll ich hierbei tun?« fragte Albert, der wieder -freier atmete, da kein anderes gefürchtetes Geständnis ihn bedrohte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span></p> - -<p>»Höre weiter; dieses Bild wird in diesen Tagen ankommen, -und zwar nicht bei Generals, sondern bei uns. In meinem -eigenen Zimmer wird es bis am Vorabend des Geburtstages -bleiben, und dann müssen wir beide dafür sorgen, daß der -General, während das Bild herübergeschafft wird, nicht zu -Hause oder wenigstens so beschäftigt sei, daß er nichts bemerkt. -Während der Nacht wird dann das Bild im Salon aufgehängt -und bekränzt, und wenn dann morgen der gute Willi zum Frühstück -in den Salon tritt, ist es sein Held, der ihn an diesem -feierlichen Tage zuerst begrüßt!«</p> - -<p>»Gut ausgedacht,« erwiderte Rantow lächelnd, »und wenn -es nur nicht dieser Held wäre, wollte ich noch so gerne meine -Hilfe anbieten, doch – auch so werde ich mitspielen; hast ja du -mich darum gebeten!« Sein Ton war so zärtlich, als er dies -sagte, daß ihn Anna überrascht ansah. Er bemerkte es und -fuhr, indem er ihren Arm näher an seine Brust zog, fort: »Du -kannst ja ganz über mich gebieten, Anna, ach! daß du immer -über mich gebieten möchtest! Wie freut es mich, daß du nicht -schon liebst, nicht schon versagt bist! Darf ich bei dem Onkel -um dich werben?«</p> - -<p>In Anna schien es zu kämpfen, ob sie bei diesen Worten -wie über eine Torheit lächeln oder erzürnt weinen solle, wenigstens -wechselte auf sonderbare Weise die Farbe ihres schönen -Gesichtes mit Röte und Blässe. Sie zog ihren Arm schnell aus -seiner Hand und sagte: »Soviel kann ich dir sagen, Vetter, daß -uns hier in Schwaben nichts unerträglicher ist als Empfindsamkeit -und Koketterie, und daß wir diejenigen für Toren halten, -die nach zwei Tagen schon Bündnisse für die Ewigkeit schließen -wollen.«</p> - -<p>»Anna!« fiel ihr der junge Mann mit bittender Gebärde -ins Wort, »glaubst du nicht an die Allgewalt der Liebe? Wenn -auch ihre Dauer unsterblich ist, so ist doch ihr Anfang das Werk -eines Augenblicks, und ich –«</p> - -<p>»Kein Wort mehr, Albert,« rief sie unmutig, »wenn ich -nicht alles dem Vater sagen und ihn um Schutz gegen deine -Torheit anrufen soll! Das wäre dir wohl bequem,« fuhr sie -gefaßter und lächelnd fort, »um deine Langeweile in Thierberg -zu vertreiben, einen kleinen Roman zu spielen? Spiele ihn in -Gottes Namen, wenn du nichts Besseres zu tun weißt, mich wirst -du vielleicht trefflich damit unterhalten, nur verlange nicht, daß -ich die zweite Rolle darin übernehme.«</p> - -<p>»O Anna!« sprach er seufzend, »verdiene ich diesen Spott?<span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span> -Ich meine es so redlich, so treu! Das Los, das ich dir bieten -kann, ist nicht glänzend, aber es ist doch so, daß du vielleicht zufrieden, -glücklich sein könntest.«</p> - -<p>»Werde nur nicht tragisch,« erwiderte sie; »alles höre ich -lieber als solches Pathos. Spott verdienst du auf jeden Fall, -und zum mindesten kann er dich heilen. Komm, sei vernünftig; -begleite mich recht artig und wie es sich ziemt nach Hause. Aber -sei überzeugt, wenn noch ein einziges Wort dieser Art über -deine Lippen kommt, so beschäme ich dich vor dem nächsten -besten Bauer und rufe ihn heran, und wenn du im Schloß -oben diese Torheiten fortsetzest, so werde ich nie mehr mit dir -allein sein.« Der Ton, womit sie dies aussprach, klang zwar bestimmt, -mutig und befehlend, doch schien ihr schalkhaftes Auge -und ihr lächelnder Mund dem strengen Befehl zu widersprechen, -und Rantow, den diese widersprechenden Zeichen verwirrten, begnügte -sich zu schweigen, zu seufzen, mit Blicken zu sprechen und -einen erneuerten Kampf auf einen glücklicheren Moment zu -verschieben. Mit großer Besonnenheit und Ruhe knüpfte sie -ein Gespräch über den General an, und so gelangten sie, weniger -verstimmt, als man hätte denken sollen, nach Thierberg. Der -Alte ließ sich ihre Ausflüge erzählen und schien nicht unzufrieden, -daß Albert diese neue Bekanntschaft gemacht habe. »Es -sind wackere Leute, diese Willis, und das ganze Tal hat ihnen -Wohltaten zu verdanken. Es soll wenige hohe Offiziere von -der Bildung und den ausgezeichneten Kenntnissen des Generals -geben, und den jungen habe ich selbst schon auf dem Korn gehabt -und gefunden, daß er tiefe, gründliche Kenntnisse hat und -mit Eifer Studien treibt, die man heutzutage unter der jüngeren -Generation selten findet. Ein kluges, gewandtes, feuriges -Bürschchen; aber, aber – diese verschrobenen, überspannten -Ansichten. Ich glaube, er würde mich in meinem eigenen Hause -anfallen, wollte ich sagen, daß das Bauernpack immer Bauernpack -bleibe, und wenn man sie auch noch so frei von Lasten, noch -so gelahrt machte, daß die Bürgerlichen bei ihrem Leist bleiben -und nicht an der erhabenen Figur des Staates künsteln und -pinseln und meißeln sollen. Aber das kommt nur daher, weil -der alte Tor unter seinem Stand geheiratet hat, da will nun -der junge den Fehler gut machen, indem er die Vettern und -Basen und das ganze Verwandtschaftgesindel seiner hochseligen -Frau Mutter, spießbürgerlichen Angedenkens, recht hoch stellt!«</p> - -<p>»Aber, Vater,« bemerkte Anna, »daß er es aus diesem -Grunde tut, kannst du doch nicht behaupten. Ich gebe zu, er<span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span> -stellt uns alle insgesamt etwas tief und die andern an unsere -Seite, aber er ist ein Enthusiast und hat von Freiheit und Volksleben -Begriffe, die sich nie ausführen lassen.«</p> - -<p>»Lehre mich die Menschen nicht kennen, Kind!« sagte der -Alte lächelnd. »Eitelkeit ist der Grundtext in jedem, die Variationen -mögen heißen, wie sie wollen; aber was sagst du zu dem -Vater, Neffe?«</p> - -<p>»Bei uns würde man ihn steinigen, wollte er öffentlich -aussprechen, was ich heute habe hören müssen. Ja, in einer -Gesellschaft von Preußen sollte er einmal solch ein Wort sagen, -ich glaube, man würde weder sein Alter noch seinen Stand berücksichtigen. -Sein ganzes Gespräch ist ein Triumphgesang der -Vergangenheit und ein Fluch der Gegenwart. Ich glaube, er -hält es für die größte Sünde, daß wir das schmähliche Joch abgeschüttelt -und die übrigen, vielleicht gegen ihren Willen, mit -befreit haben. Eine Schande, daß ein deutscher Mann etwas -solches nur denken kann. Aber bei nächster Gelegenheit will ich -ihm sagen, wie sehr ich von Grund des Herzens seinen Kaiser -und alle Franzosen hasse.«</p> - -<p>»Das hat er von mir schon oft gehört,« erwiderte Herr -von Thierberg; »mehr denn zwanzigmal, ich hasse sie alle, allesamt -wie die Hölle!«</p> - -<p>»Alle, Vater, alle?« fragte Anna mit Bedeutung.</p> - -<p>»Nein, du hast recht, Kind! Einen nehme ich aus, den ich -täglich loben und preisen möchte. Hätte er nicht so verzweifelt -gut Französisch gesprochen, ich hätte geglaubt, es sei ein Engel -vom Himmel. Leider war und blieb er nur ein Franzose.«</p> - -<p>»Und wer ist denn dieser <em class="gesperrt">eine</em>, den Sie so feierlich ausnehmen?« -fragte Albert.</p> - -<p>»Siehe, das ist eine wunderliche Geschichte,« fuhr der -Oheim fort; »doch will ich sie dir erzählen, es ist ein schönes -Stück. Ich machte im Jahre 1800 eine Reise nach Italien mit -meiner seligen Frau. Ehe wir uns dessen versahen, brach der -Krieg aus, und da wir vernahmen, daß Moreau gegen Deutschland -ziehe, beschloß ich, meine Frau bei einer befreundeten -Familie in Rom zurückzulassen und allein, um desto schneller -reisen zu können, nach Schwaben heimzukehren. Ich wählte, -teils weil ich dort am wenigsten auf Franzosen zu stoßen hoffte, -teils weil einer meiner Vettern die Besatzung in der kleinen -Festung Bard kommandierte, teils der Neuheit der Gegend -wegen die Straße über den großen Bernhard, der bald nachher -durch den Uebergang des Konsuls Bonaparte so berühmt wurde.<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span> -Dort am Fuße des Berges, auf der Schweizer Seite, überfielen -mich fünf zerlumpte Kerls von der französischen Armee, die ich -hier freilich nicht vermuten konnte. Ich zeigte ihnen meinen -Paß, aber es half nichts, sie rissen mich und meinen Reitknecht, -den alten Hans, den du noch hier siehst, vom Pferd, zogen uns -Rock und Stiefeln aus, nahmen mir Uhr und Börse, und eben -wollten sie auch meinen Mantelsack untersuchen, als eine schreckliche -Stimme hinter uns <em class="gesperrt">Halt</em> gebot.</p> - -<p>Die Räuber sahen sich um und ließen, wie vom Donner -gerührt, die Arme sinken, denn es war ein französischer Offizier, -der hinter uns zu Pferde hielt, und sie hielten, man muß selbst -dem Teufel Gerechtigkeit widerfahren lassen, strenge Mannszucht. -›Wer sind Sie, mein Herr?‹ fragte er, nachdem er abgestiegen -war. Ich erzählte ihm kurz meine Verhältnisse und -den Zweck meiner Reise. Er nahm meinen Paß, sah ihn durch -und fragte mich, ob ich solchen den Soldaten gezeigt habe. Als -ich es bejahte, wandte er sich an die Burschen, die noch immer -kerzengerade und verlegen dastanden: ›Seid ihr Soldaten? Seid -ihr Franzosen?‹ rief er zürnend und sah, trotz seinem schlechten -Oberrock, sehr vornehm aus; ›auf der Stelle kleidet ihr diesen -Herrn und seinen Diener an, ordnet sein Gepäck und geht dann, -wohin ihr beordert seid.‹ Noch nie bin ich so schnell bedient -worden; ein junger Kerl wollte mir gegen meinen Willen die -Stiefeln anziehen und bat mich mit Tränen im Auge, es zu erlauben. -Solchen Gehorsam habe ich nie in der Reichsarmee -gesehen. Ich sagte es auch dem Offizier, der sich, nachdem wir -fertig waren, zu mir ins Gras setzte und für seine Landsleute -Vergebung und Entschuldigung erbat. Ich sagte ihm, daß dieser -ganze Vorfall durch jenen schönen Anblick von Disziplin aufgewogen -werde. Ehe ich mich dessen versah, waren wir in ein -tiefes Gespräch über die Zeitereignisse und namentlich über das -Schicksal des Adels verwickelt. Ich stritt lebhaft für unsern -alten Reichsadel, aber kurz und bestimmt, und so artig als möglich -wußte er meine besten Gründe zu widerlegen. Ich merkte -wohl aus allem, und er gestand es auch offen, daß er ein <em class="antiqua">Ci-devant</em> -sei. Er gestand auch zu, daß eine Republik in neueren -Zeiten etwas Schwieriges, beinahe Unnatürliches sei, daß Institute -wie der Adel nützlich, ja gewissermaßen notwendig seien, -behauptete aber, daß der Adel überall von neuem geboren werden -und nur aus kriegerischem Verdienst und Ruhm hervorgehen -müsse.«</p> - -<p>»Wie?« fiel ihm Rantow ins Wort, »so allgemein dachte<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span> -man schon damals in jener Armee an <em class="gesperrt">das</em>, was nachher jener -sogenannte Kaiser wirklich ausführte? Das ist wunderbar!« -– »Auch mir sind nachmals,« erzählte der alte Thierberg, »da -Napoleon die Ehrenlegion und Dotationen schuf, oft die Worte -meines guten Kapitäns eingefallen. Diesen gewann ich in -<em class="gesperrt">einer</em> Stunde, die wir zusammen sprachen, so lieb, als wäre er -kein Franzose, als wären wir langjährige Freunde. Endlich -mahnte ihn die Feldmusik eines ferne heranziehenden Regiments -zum Aufbruch. Ich schenkte ihm meine silberne Feldflasche, die -er erst nach langem Streit und endlich lachend annahm; mir gab -er dafür eine kleine Ausgabe des Tacitus und eine von den -bunten Federn auf seinem Hut, womit sich damals die republikanischen -Offiziere schmückten. Die Bajonette des Regiments -blitzten über den nächsten Hügel herab, und die Musiker begannen -eben ihr ›<em class="antiqua">Allons enfants</em>‹, als er aufs Pferd stieg; er -gab mir noch einige Verhaltungsregeln, drückte mir lächelnd die -Hand und unter dem ›<em class="antiqua">Marchons, ça ira!</em>‹ setzte er den Berg hinan. -Noch heute steht dieser liebenswürdige, interessante junge Mann -vor meinen Augen, wie er den Fuß der Alpe hinanritt, der Wind -in seinem Mantel, in seinen Federn wehte, und er grüßend noch -einmal sein geistreiches Gesicht nach mir umwandte. Damals, -aber nur einen Augenblick lang, und ich weiß heute noch nicht -warum, schlug mein Herz für diese Franzosen, und solange ich die -Musik hören konnte, sang ich das ›<em class="antiqua">Allons enfants</em>‹ und das -›<em class="antiqua">Marchons, ça ira</em>‹ mit. Nachher freilich schämte ich mich meiner -Schwäche, haßte dieses Volk nach wie vorher, und nur mein -Retter in der Not, mein Kapitän, steht in meinem dankbaren -Gedächtnis.«</p> - -<p>»Allerdings ein wunderbarer Fall,« sagte Rantow, als der -Alte nicht ohne tiefe Rührung geendet hatte; »artige und honette -Leute gab es zwar immer unter diesen Truppen, aber die gute -Disziplin war ungleich seltener. Ich hätte mögen den Schrecken -jener fünf Soldaten sehen.«</p> - -<p>»Nun Hans,« sagte Anna zu dem Diener, der aufmerksam -und gespannt zuhorchte, »du hast sie ja gesehen.«</p> - -<p>»Ich sag' Ihnen, gnädiges Fräulein, wie aus Stein gemeißelt -standen sie vor dem Kapitän und schämten sich, und -Augen hat er auf sie dargemacht wie der Lindwurm auf den -Ritter Sankt Georg. Als die Franzosen nachher zu uns herauskamen, -bin ich oft halbe Tage lang an der Landstraße von -Heidelberg gestanden und habe sie Regiment für Regiment defilieren<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -lassen, aber der Kapitän war nie dabei; der ist wohl schon -lange tot.«</p> - -<p>»Ehre und Segen mit seinem Andenken, wo er auch sein -möge,« sprach der alte Thierberg. »Ist er gestorben, so hat -er doch alles, was nachher in der Welt Ungerechtes und Frevelhaftes -geschah, nicht mehr mitmachen müssen. Vielleicht hat er -sich auch vom Dienst zurückgezogen, als der Diktator sich zum -Kaiser machte, denn mein braver Kapitän, der so nobel dachte, -kann kein Freund des übermütigen Korsen gewesen sein.«</p> - -<p>Anna lächelte, aber sie mochte das Lieblingsthema ihres -alten Vaters, die Geschichte »vom besten Franzosen« nicht durch -eine Apologie jenes großen Sohnes einer kleinen Insel stören.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3>9.</h3> -</div> - -<p>Man hatte sich heute früher getrennt als gestern, und -Albert, den der Schlaf noch nicht besuchen wollte, stand unter -dem Bogenfenster seines altertümlichen Zimmers und schaute -in das Tal hinab. Er dachte nach über alle Worte seiner schönen -Cousine, er fand so viel Stoff, sie anzuklagen und sich zu bedauern, -daß er das erste Mal in seinem Leben im Ernste sich -selbst sehr schwermütig erschien.</p> - -<p>Dieses eine Mal, nach so vielen flatterhaften und flüchtigen -Geschichten, war er sich recht klar und deutlich bewußt, ernstlich -zu lieben; niemals zuvor hatte er einem Gedanken an ein häusliches -Verhältnis, an das Glück der Ehe Raum gegeben, und -nur erst diesem fröhlichen, unbefangenen Geschöpf war es gelungen, -seine Ansichten über seine Zukunft ernster, seine Gefühle -würdiger zu machen. Er wunderte sich, gerade da zurückgewiesen -zu werden, wo er es wirklich redlich meinte, es befremdete -ihn, gerade in jenen Augen als flüchtig und kokett zu -erscheinen, die ihn so unwiderstehlich angezogen, gefesselt hatten; -er schämte sich, daß bei diesem natürlichen Kind seine sonst -überall anerkannten Vorzüge ohne Wirkung bleiben sollten; er -sah darin ein böses Vorzeichen, denn seine bisherige Erfahrung -hatte ihn gelehrt, daß die Ueberraschung, daß der erste Eindruck -entscheiden müsse.</p> - -<p>Aus diesen Gedanken weckte ihn eine Flöte, die wie am -gestrigen Abend süße Töne vom Wald herüberhauchte. Aufs -neue erwachte in ihm der Gedanke, daß diese Serenade wohl -Anna gelten könnte. Er sah schärfer nach dem Wald hinüber, -und, er irrte sich nicht, es war jene Waldecke, die er heute besucht<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span> -hatte, woher die Töne kamen. Schnell warf er seinen -Mantel über; eilte hinab und bat den alten Hans, ihm das Tor -zu öffnen; er gab vor, auf einem Platz im Wald, unweit des -Schlosses, ein Taschenbuch zurückgelassen zu haben, dem der -Nachttau schaden könnte. Die Flötenklänge, die immer weicher -und schmelzender wurden, dienten ihm zu Führern nach jener -Waldecke; immer eifriger drang er durch das Gebüsch, denn er -hatte einen Blick nach der Burg hinübergeworfen und gesehen, -daß ein weißes Tuch von Annas Fenster wehte. Schon sah er -die Umrisse des Flötenspielers, schon rief er: »Halt, Freund -Musikus, ich werde die zweite Stimme spielen,« da schlug dicht -neben ihm ein Hund an, und als er erschreckt auf die Seite -sprang, stürzte er über die Wurzeln einer alten Eiche unsanft -zur Erde.</p> - -<p>Als er sich nach einer Weile wieder aufgerichtet hatte und -auf den Platz zutrat, wo der Mann mit der Flöte gesessen hatte, -fand er weder von ihm noch von dem Hund eine Spur, wohl aber -hörte er tief unten am Berg die Büsche rauschen und das Gesträuch -knacken. Beschämt wandte er sich ab und sah nach dem -Schloß hinüber. Ein heller Schein war an Annas Fenster, -aber es war kein Tuch, wie er geglaubt hatte, sondern der Mond, -der in den Gläsern sich spiegelte. Er warf sich seine Unbesonnenheit, -seine Hast und Eile, sein Mißtrauen, seine Eifersucht vor. -Er suchte für das Entweichen des Flötenspielers die gewöhnlichen -und prosaischen Gründe auf, er <em class="gesperrt">wollte</em> Anna unschuldig finden, -und dennoch wurde er nicht ruhig.</p> - -<p>So stand er in dem Anblick der vom Mondlicht übergossenen -Burg da, als er plötzlich mit einem Schrei des -Schreckens auffuhr, denn eine kalte Hand rührte an die seinige; -er sah sich um, und eine dunkle Gestalt stand vor ihm. Ehe er -noch fragen, sich nur fassen konnte, fühlte er, daß man ein -Papier in seine Hand gedrückt habe, und zugleich stürzte sich -dieses geheimnisvolle Wesen in den Wald, doch war es nicht -so ätherischer Natur, daß es nicht im Forteilen das Gesträuch -zerknickt und Zweige abgestoßen hätte. Albert wurde es ganz -unheimlich an diesem Ort. Sein aufgeregtes Blut, die tiefe -Stille der Nacht, das schaurige Dunkel der Buchen, und gegenüber -die altersgraue Burg, ihre Fenster vom Monde so sonderbar -beleuchtet, daß er geheimnisvolle Schatten in den hohen -Gemächern hin und her schleichen sah – es war ihm so bange, -daß er schnell seinen Weg zurückeilte, daß er im Wald laut auftrat, -nur um sich selbst in dieser unheimlichen Stille zu hören.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span></p> - -<p>Die Laterne des alten Hans warf ihm ein tröstliches Licht -aus dem Tor entgegen. Eilends ließ er den Alten mit der -Lampe voran nach seinem Zimmer gehen, er entrollte das Papier -und erschrak vor einem fremden Unglück, denn die wenigen -Zeilen lauteten:</p> - -<p>»Dein Brief traf mich erst heute, die Antwort ein andermal. -S. Z. N. und noch drei andere wurden heute früh verhaftet -und nach der Festung geführt. Ich weiß nicht, ob du -dich schuldig fühlst, aber vernünftig wäre es, wenn du dich auf -die Beine machtest. In <em class="gesperrt">deiner</em> Lage kann es nicht schaden. -Ich schickte diese Zeilen an den gewöhnlichen Platz; Gott gebe, -daß sie dich treffen. Was du auch tun wirst, Robert, sei diskret -und nenne mich nie.«</p> - -<p>Wer der unglückliche Flötenspieler gewesen sei, sah jetzt -Albert deutlich; doch zu großmütig, um aus dieser Verwechslung -einen Vorteil ziehen zu wollen, faßte er rasch den Entschluß, den -jungen Willi zu retten. Aber fremd und unbekannt in dieser -Gegend deuchte es ihm unmöglich, dies allein auszuführen. Er -schickte schnell den alten Hans nach dem Turm, wo Anna wohnte, -er ließ sie dringend bitten, ihm nur auf zwei Minuten in einer -sehr wichtigen Sache Gehör zu geben. Er folgte dem Alten bis -an die Tür des Saales, und dort blieb er in dem großen weiten -Gemach allein, um seine Cousine zu erwarten. Zu jeder andern -Zeit hätte der Anblick, der sich ihm hier darbot, mächtig auf seine -Seele wirken müssen. Ein ungewisses Licht schimmerte durch -die Fenster und fiel auf die Gemälde seiner Ahnen. Ihre Gestalten -schienen lebendiger hervorzutreten, ihre Gesichter waren -bleicher als sonst, und die ausgestreckte Hand einer längst verstorbenen -Frau von Thierberg schien sich zu bewegen. Dazu -rauschten die Bäume und murmelte der Fluß auf so eigene -Weise, daß man glauben konnte, dieses Geräusch gehe von den -Gewändern der Verstorbenen aus.</p> - -<p>In diesen Augenblicken aber hatte er nur ein Ohr für die -immer leiser schallenden Tritte des alten Dieners; sein Auge -hing erwartungsvoll an der Türe, sein Herz pochte unruhig -einer Gewißheit entgegen, die keine erfreuliche sein konnte.</p> - -<p>Bald tönten die Schritte wieder den Korridor herauf; er -strengte sein Ohr an, ob er nicht auch den leichten Tritt seiner -Base vernehme, die Türe öffnete sich, und sie erschien mit Hans -und ihrem Mädchen, er sah ihrer Kleidung und ihren Augen an, -daß sie noch nicht geschlummert hatte. Noch ehe sie ihn fragen -konnte, reichte er ihr schnell das Billet und sagte französisch in<span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span> -wenigen Worten, wie er es erhalten habe. Eine hohe Röte -flammte über das schöne Gesicht, solange er sprach, sie wagte -es nicht, die zarten Augenlider aufzuschlagen; doch kaum hatte -sie einen Blick auf die Zeilen geworfen, so erbleichte sie, sah ihn -mit großen Augen erschrocken an und zitterte so heftig, daß sie -sich an dem Tisch halten mußte.</p> - -<p>»Ich muß sogleich hinübereilen,« sagte er, näher tretend, -»und nur darum habe ich dich rufen lassen, daß du mir ein -Mittel angebest, wie ich durch den Fluß komme. Ich möchte -bei den Domestiken nicht gerne Aufsehen erregen.«</p> - -<p>»Zu Pferd, schnell zu Pferd!« rief sie hastig, indem sie -bebend seine Hand ergriff; »schwimm hinüber und dann schnell -nach Neckareck.«</p> - -<p>»Aber bei Nacht?« erwiderte er zaudernd. »Ich kenne die -Stellen nicht, wo man durchkommen kann, der Fluß ist tief -und reißend.«</p> - -<p>»Führe <em class="gesperrt">mir</em> des Vaters Pferd heraus, Hans!« wandte -sie sich an den erschrockenen Diener; »schnell, du begleitest mich, -ich will selbst hinüber!«</p> - -<p>»Führe es heraus, Alter, aber für mich!« fiel Rantow unmutig -ein. »Wie magst du mich so verkennen, Anna? Du wirst -mir den Weg zu einer Stelle zeigen, wo ich durch den Neckar -kommen kann.«</p> - -<p>»Nein, so geht es nicht!« sagte sie beinahe weinend und -sank auf einen Stuhl nieder; »du wirst nicht hinüberkommen. -Führe ihn durchs Dorf hinab, Hans, mach' unsern Kahn los -und schiffe den Vetter hinüber, du mußt zu Fuß hinüber, Albert, -in einer halben Stunde kannst du dort sein. O Gott! ich habe -es ja schon lange geahnt, daß es so kommen würde! Sag' ihm, -er soll nicht zögern, ich wolle ihn überall lieber wissen als in -einem Kerker!«</p> - -<p>Der junge Mann drückte ihr schweigend die Hand und -winkte dem Alten, zu gehen. Nie zuvor hätte er sich für fähig -gehalten, so schönen Hoffnungen so schnell zu entsagen, aber der -Gedanke an die schöne, kummervolle Anna, die er bis jetzt nur -lächelnd gesehen hatte, spornte ihn zu immer schnelleren Schritten, -und so mächtig ist in einem Herzen, das die Selbstsucht -noch nicht ganz umsponnen hat, das Gefühl, in einem entscheidenden -Moment Hilfe oder Rettung zu geben, daß er in -diesem Augenblick in dem jungen Willi nur einen Unglücklichen -und nicht Annas Geliebten sah.</p> - -<p>Am Ufer schloß der Alte schnell den Kahn los und bat<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -den Gast, sich ruhig niederzusetzen, aber dennoch konnte Albert -diesem Gebote nicht völlig Folge leisten, denn als sie ungefähr -die Mitte des Neckars erreicht hatten, hörte man deutlich den -Hufschlag von Pferden und das Rollen eines Wagens von der -Landstraße her, die sich jenseits dem Ufer näherte. Er richtete -sich auf, trotz dem Schelten des Alten und dem unruhigen -Schaukeln des Kahns, und sah im Schein einiger Laternen einen -Wagen mit vier Pferden, von einigen, wie es schien, bewaffneten -Reitern begleitet, vorüberfahren. »Ist dies eine Hauptstraße?« -fragte er den alten Hans; »kann dies vielleicht ein -Postwagen sein, der dort fährt?«</p> - -<p>»Hab' hier noch nie einen gesehen,« erwiderte jener mürrisch; -»und um einen Postwagen zu sehen, möchte ich kein kaltes -Bad im Neckar wagen.«</p> - -<p>»Schnell! wo geht man nach Neckareck, nach dem Gut des -Generals?« fragte Albert, welcher besorgte, er möchte zu spät -gekommen sein. »Spute dich, Alter!«</p> - -<p>»So lassen Sie mich doch den Kahn erst wieder anschließen!« -sagte Hans; »doch wenn Sie Eile haben, nur hier links immer -die Straße fort, sie führt gerade auf das Schloß zu; ich will -schon nachkommen.«</p> - -<p>Der junge Rantow lief mehr, als er ging; der Alte keuchte -mühsam hinter ihm her, aber so oft er ihn erreicht hatte, lief -jener wieder schneller, als würde er verfolgt. Endlich sah er -das Schloß mit seinen weißen Säulen durch die Nacht schimmern; -es fiel ihm ängstlich auf, daß viele Fenster erleuchtet -waren, und als er näher kam, sah er deutlich Menschen an den -Fenstern hin und her laufen. Der Schrecken dieser Nacht und -die ungewöhnlich schnelle Bewegung hatten seine Kräfte beinahe -erschöpft, aber dieser beunruhigende Anblick trieb ihn zu noch -rascherem Laufen; in wenigen Minuten langte er an dem Schloß -an, aber er mußte sich an die Pforte lehnen und nach Atem -suchen, ehe er eintrat.</p> - -<p>Der erste, dem er an der erleuchteten Treppe begegnete, -war der Gardist, ein alter französischer Kriegsgefährte des -Generals, der jetzt mehr den Haushofmeister als den Diener -spielte. Er schien bleicher als sonst und schlich trübselig die -Treppe herab. »Wo ist Euer junger Herr?« rief Albert hastig, -»führt mich schnell zu ihm.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Sacre bleu!</em>« antwortete der Gardist erstaunt, als er -den jungen Mann erkannte; »weiß es Fräulein Anna schon? -<em class="antiqua">O la pauvre enfant!</em>«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span></p> - -<p>»Wo ist Robert?« rief Rantow drängender.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Il est prisonnier!</em>« erwiderte er traurig. »Auf die Festung -gebracht <em class="antiqua">comme ennemi de la patrie, comme démocrate</em>; vier -<em class="antiqua">Dragons de la gensdarmerie</em> haben ihn eskortiert, o, mein -armer Monsieur Robert!«</p> - -<p>»Führe mich zum General!« sagte Rantow, als er diese -Nachricht hörte.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Monsieur le general est sorti.</em>«</p> - -<p>»Wohin?« rief der junge Mann, unwillig darüber, daß er -jedes Wort dem alten Soldaten abfragen mußte.</p> - -<p>»Mit seinem Sohn <em class="antiqua">à la capitale</em>, zu fragen, was Monsieur -<em class="antiqua">de</em> Willi verschuldet.«</p> - -<p>Als Rantow sah, daß hier nichts mehr zu tun sei, suchte er -einen andern Bedienten auf und ließ sich die näheren Umstände -der Verhaftung erzählen. Er hörte, daß spät abends, in Roberts -Abwesenheit, ein Kommissär angekommen sei, der nach einer -kurzen Rücksprache mit dem General die Papiere des jungen -Willi untersucht und teilweise versiegelt habe. Darauf sei -Robert nach Hause gekommen und habe sich gutwillig darein ergeben, -dem Kommissär zu folgen; er habe seinem Vater das -Wort darauf gegeben, daß man ihn unschuldig finden werde; das -letztere hatte der General einem Bedienten befohlen, am nächsten -Morgen dem Herrn von Thierberg und seiner Familie zu -sagen; er habe sich dann zu Pferd gesetzt und sei, nur von einem -Bedienten begleitet, vom Schloß weggeritten. Der junge Willi -selbst hatte weder nach Thierberg noch sonst wohin Aufträge -zurückgelassen.</p> - -<p>Soviel erfuhr Albert, und diese Nachrichten waren nicht -dazu geeignet, ihn auf dem Rückweg freudiger zu stimmen. Er -konnte auf den Trost, welchen Robert seinem Vater gegeben, -keine große Hoffnung bauen, und vor allem war ihm vor dem -Augenblicke bange, wo er die schmerzliche Kunde der trauernden -Anna bringen sollte.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3>10.</h3> -</div> - -<p>Es waren seit jener traurigen Nacht mehrere Wochen verstrichen, -sie deuchten der armen Anna ebenso viele Monate. -Das Laub der Bäume fing schon an, sich zu bräunen, der Herbst -mit seinem fröhlichen Gefolge war in das Tal eingezogen, -Gesang und Jubel schallte von den Rebhügeln, schallte antwortend -aus dem Fluß herauf, welcher Kähne, mit Trauben -schwer belastet, abwärts trug. Als würde einem verwegenen,<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -in diesen Bergen eingedrungenen Feind ein Gefecht geliefert, -so krachten Büchsen- und Pistolenfeuer aus den Weinbergen, -doch nicht das Wutgeschrei zurückgeworfener Kolonnen, sondern -das Jauchzen einer freudeberauschten Menge stieg auf, wenn -die Gewehre recht laut knallten, oder wenn die vorspringenden -Ecken der Bergreihen die tiefere Stimme eines Pfundböllers -zehnfach nachriefen.</p> - -<p>Mit verschiedenen Empfindungen sahen die Bewohner des -Schlosses Thierberg diesem fröhlichen Treiben von einer altertümlichen -Terrasse des Schlosses zu. Der junge Rantow blickte -unverwandt und mit glänzenden Augen auf dieses Schauspiel, -das ihm ebenso neu als anziehend erschien. Er hatte in seiner -Heimat, im Kreise vertrauter Freunde, oft bemerkt, wie der -Wein, diese Himmelsgabe, die Wangen freundlicher färbte, die -Zungen löste und zu traulichem Gespräch, wohl auch zum Gesang, -selbst die Ernsteren fortriß; doch nie hatte er gedacht, daß -eine noch rauschendere Freude, ein höherer Jubel mit der Bereitung -des fröhlichen Trankes sich verbinden könnte. Wie -poetisch deuchte ihm dieses lebhafte Gemälde! Welch frische, -natürliche Bilder zeigte ihm sein Opernglas! Diese Gruppen -hatte der Zufall geordnet, und doch schienen sie ihm reizender, -als was die Kunst je erfunden. »Siehe,« sagte er zu Anna, -die, den schönen Kopf auf den Arm gestützt, ihm gegenübersaß -und zuweilen einen ernsten Blick über das Tal hingleiten ließ, -»siehe, dort gegenüber jenen Alten mit den silbergrauen Haaren; -wie viele solcher Herbste mag er schon gesehen haben! Wahrlich, -ich könnte an der Gruppe um ihn her seine Lebensgeschichte -studieren. Der blonde Knabe, der ihm eben die große Traube -brachte, ist wohl sein Enkel; den jungen Burschen, der mit der -Pritsche die Mädchen neckt und durch seine Scherze von der -Arbeit abhält, indem er sie anzutreiben scheint, halte ich für -seinen jüngeren Sohn; siehe, jenes Mädchen hat seinen Schlag -derb erwidert, sie ist wohl das Liebchen des muntern Burschen, -denn sie lachen alle und verspotten ihn. Dieser gebräunte, breite -Mann von vierzig, der soeben den ungeheuren, mit Trauben -gefüllten Korb auf seine Schultern hob, ist wohl der ältere -Sohn und des blonden Knaben Vater. So hast du die vier -Altersstufen, die sie wohl alle ohne viel Aenderung durchlaufen -mögen.«</p> - -<p>»Gewiß, ohne viel Aenderung und ohne viel Vergnügen,« -bemerkte der alte Herr von Thierberg, der gleichgültig hinblickte; -»das ewige Einerlei seit vielen hundert Jahren. Der<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -Kleine dort wird jetzt bald in die Schule getrieben und von -seinem Schulmeister täglich geprügelt, gerade wie vorzeiten -sein Großvater. Der junge Bursche wird bald Soldat oder auf -ein paar Jahre Knecht in der Stadt. Kommt er dann nach -Hause und der Vater ist tot, so bekommt er sein kleines Stückchen -Erbe und glaubt heiraten zu müssen; und hat er vier -Kinder, so werden sie, wenn auch er einst stirbt, das armselige -Erbe unter sich teilen und gerade viermal ärmer sein als er. -So treibt es sich herauf und herab; zu dem Pulver, das sie heute -verschießen, haben sie ein ganzes Jahr gespart, um doch auch -<em class="gesperrt">einen</em> Tag zu haben, an welchem sie sich betäuben können; und -das nennen sie lustig sein! Das nennen die Städter ein Fest, -ein malerisches Volksvergnügen!«</p> - -<p>»Nein! Sie sehen es zu düster an, Oheim!« entgegnete -der Gast. »Mir scheint, ich gestehe es, eine wundervolle Poesie -in diesem Treiben zu liegen. Diese Menschen sind so behende, -so lebendig, so regsam. Stellen Sie einmal meine Märker hierher, -wie unbeholfen und ungeschickt sie sich benehmen würden! -Ich schäme mich heute noch der Unerfahrenheit, die ich letzthin -zeigte; ich nahm in einem Ihrer Weinberge einem hübschen -Mädchen das gebogene Messer ab und versprach, sie zu unterstützen; -als ich die erste Traube abgeschnitten hatte und sie in -das Körbchen legte, betrachtete das Mädchen nur den Stiel der -Traube und sagte lächelnd: ›Er hat wohl noch nicht oft Trauben -geschnitten;‹ und siehe, ich hatte, statt schief zu schneiden, gerade -geschnitten. Nein! mir scheint diese Weinlese ein fortdauernder -Festtag der Natur, eine liebliche, verkörperte Poesie.«</p> - -<p>»Poesie?« erwiderte Anna, indem sie einen trüben, wehmütigen -Blick auf die Berge gegenüber warf; »eine Poesie, die -mir das Herz durchschneidet. Mir erscheint dieses fröhliche -Treiben wie ein Bild des Lebens. Unter langem Jammer und -Ungemach <em class="gesperrt">ein</em> Tag der Freude, der durch seine hellen, freundlichen -Strahlen das öde Dunkel umher nur noch deutlicher zeigt, -aber nicht aufhellt! O, kenntest du erst das Leben dieser Armen -näher! Wenn du sie beim ersten Erwachen des Frühlings sehen -könntest! Jeder Winter verwüstet ihre steilen Gärten; der -Schnee löst sie auf und reißt ihre beste, fruchtbarste Erde mit -sich hinab. Aber rastlos zieht jung und alt heraus. Die Erde, -die ihnen das Wasser nahm, tragen sie wieder hinauf und -legen sie sorglich um ihre Reben her. Vom frühesten Morgen, -in der Glut des Mittags, bis am späten Abend steigen sie, -schwer beladen, die steilen engen Treppen hinan. Welche Freude,<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -wenn dann der Weinstock schön steht, aber wie bitter ist zugleich -ihre Sorge; denn der kleinste Frost kann ihre zarte Pflanze -vernichten. Und fällt nun der böse Tau oder eine kalte Nacht, -wie schauerlich ist dann ihr Geschäft anzusehen. Alle, selbst die -kleinsten Kinder, strömen noch vor Tag in den Weinberg. Dort -legen sie alte Stücke von Kleidern und Tüchern neben die Rebstöcke -und brennen sie an, daß der qualmende Rauch die zarte -Pflanze schützen möchte. Wie arme Seelen, ins Fegfeuer verbannt, -schleichen sie um die kleinen, zuckenden Feuer und durch -die Schleier, die der Rauch um sie zieht. Die Kleinen rennen -umher, sie können noch nicht berechnen, welches Unglück sie -sehen, aber die Männer und Weiber wissen es wohl; es ist -<em class="gesperrt">eine</em> kühle Morgenstunde, die das Werk langer, mühsamer -Wochen zerstört und sie ohne Rettung noch tiefer in die Armut -senkt.«</p> - -<p>»Wahrhaftig! Du bist krank, Anna!« sagte der alte Herr, -indem er lächelnd zu ihr trat und, doch nicht ohne leise Besorglichkeit, -seine Hand auf ihre schöne Stirne legte; »du warst ja -doch einst so fröhlich im Herbst, gabst solchen bösen Gedanken -niemals Raum und freutest dich mit den Fröhlichen. Bist du -krank?«</p> - -<p>Anna errötete und suchte fröhlicher zu scheinen, als sie es -war. »Krank bin ich nicht, lieber Vater,« erwiderte sie, »aber -ich bin doch alt genug, um sogenannte Herbstgedanken haben zu -dürfen. Man kann doch nicht immer fröhlich sein, und – -mein Gott!« rief sie, indem sie errötend aufsprang – »ist er -es nicht? – seht dort! –«</p> - -<p>»Willi?« rief Rantow verwundert und wandte sich nach -der Seite, wohin Anna deutete.</p> - -<p>»Wer denn?« sagte der Alte, indem er bald seine zitternde -und verwirrte Tochter, bald seinen Gast ansah. »Wie kommst -du nur auf Willi? Wer soll denn kommen? So sprechet doch!«</p> - -<p>Aber in diesem Augenblick trat auch schon der, dem Annas -Ausruf gegolten hatte, herein, es war der alte Gardist. Er -war noch nicht ganz auf die Terrasse getreten, als schon Anna, -jede andere Rücksicht vergessend, zu ihm hinflog, seine Hand ergriff -und eine Frage aussprechen wollte, zu welcher ihr der -Atem fehlte. Der alte Soldat zog lächelnd seine Hand zurück, -grüßte mit militärischem Anstand und berichtete, in Form eines -militärischen Rapports, daß der General noch diesen Abend zu -Hause eintreffen und –</p> - -<p>»Ist er frei?« unterbrach ihn Anna.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span></p> - -<p>»– und seinen Sohn mitbringen werde, der auf sein Ehrenwort -und die Kaution, die der Herr General gestellt habe, aus -der Haft entlassen worden sei.«</p> - -<p>In Annas Augen drängten sich Tränen, sie zitterte heftig -und setzte sich nieder; der alte Thierberg, durch diesen Anblick -überrascht, preßte die Lippen zusammen und blickte seine Tochter -unwillig an, und Albert, der in den Zügen seines Oheims las, -daß jener ein Geheimnis ahne, dessen Teilnehmer er bis jetzt -allein gewesen war, fühlte sich befangen; er fürchtete für Anna, -und erst in diesem Augenblicke wurde es ihm deutlich, daß es -für ihn selbst besser gewesen wäre, sich nie in diese Angelegenheit -zu mischen. »Ich lasse dem Herrn General danken und Glück -wünschen,« sagte nach einer peinlichen Pause Herr von Thierberg -zu dem Grenadier und winkte ihm, zu gehen. »Wünsche -nur,« fuhr er fort, indem er auf der Terrasse mit heftigen -Schritten auf und ab ging, »wünsche nur, daß die paar Wochen -Gefängnis eine gute Wirkung auf den Herrn Weltstürmer gehabt -haben mögen! Ein paar Monate hätten nicht schaden -können, wäre es auch nur gewesen, um das heiße Blut abzukühlen -und die vorschnelle Zunge zu fesseln. Aber das alles ist -das Erbteil seiner hochweisen Frau Mama! Ein junger Mann -von unbeflecktem Adel hätte sich so weit nicht verirrt; aber das -gewinnt man bei solchen Heiraten; weil sie sah, daß man in -unserem Zirkel ihre Abkunft nicht vergessen habe, hat sie ihrem -Sohn solche tollen, republikanischen Ideen eingeprägt und ihn zu -einem Toren, wo nicht zu einem verderblichen Menschen gemacht.« -Diese und andere Worte stieß er schnell und heftig aus, -und plötzlich blieb er vor seiner Tochter stehen, sah sie mit grimmigen -Blicken an und sagte dann: »Ich glaube jetzt in der Tat, -daß du kränker bist, als ich dachte; geh auf dein Zimmer! – Ich -werde mit dem Vetter diesen Abend allein speisen; geh!«</p> - -<p>Das arme Kind ging hinweg, ohne ein Wort zu sagen; -sie mochte die Natur ihres Vaters kennen und wissen, daß jeder -Widerspruch seinen Zorn steigere, sie mochte auch fühlen, was -in diesem Augenblick in seiner Seele vorgehe, wo sie zu wenig -Macht über sich besaß, um ihr Geheimnis zu verbergen.</p> - -<p>Als sie weggegangen war, schritt der Alte wieder eine Zeitlang -schweigend hin und her; dann trat er zu seinem Neffen -und fragte mit bewegter Stimme: »Was sagst du zu dem Auftritt, -den wir da gesehen haben? Meinst du wirklich, es wäre -möglich?«</p> - -<p>»Ich kann Sie nicht verstehen, lieber Oheim.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span></p> - -<p>»Nicht verstehen, Junge? So soll ich es denn selbst in -den Mund nehmen? Wisse – ich habe entdeckt, daß Anna den -– den von drüben – nun daß sie den Sohn des Generals -liebt. Zum Teufel, Junge! Du erwiderst nichts? Wie magst -du so – so gleichgültig aussehen, wenn von der Ehre deiner -Familie die Rede ist? Rede!«</p> - -<p>»Ich kann nichts hierin sehen,« entgegnete der junge Mann -trotzig, »was etwa der Thierbergschen Ehre zu nahe treten -könnte. Der alte Willi ist von Adel, ist ein berühmter General, -ist reich –«</p> - -<p>»Also abkaufen sollen wir uns unsere Ehre lassen, abhandeln? -– Bursche, wenn du nicht mein Neffe wärest – Gott -strafe mich, aber ich kenne mich selbst nicht, wenn ich in Wut -bin. – Reich? Siehe, für so schlecht und niederträchtig halte -ich mein Kind selbst nicht, daß es daran gedacht haben sollte. -Sieh dich um – so weit du sehen kannst, war einst alles – -alles mein; ich habe nichts mehr als diese verfallenen Türme -und eine Hufe Landes wie der gemeinste Bauer, aber auch -dieses soll diese Nacht noch hinfahren, in den Schuldturm soll -man mich werfen, mich auspfänden, mein altes Wappen entzweischlagen, -wenn ich je zugebe –«</p> - -<p>»Oheim!« fiel ihm der Neffe erbleichend ins Wort, »bedenken -Sie sich zuvor, ehe Sie einen solchen Frevel aussprechen! -Was kann dieser junge Mann dafür, daß sein Vater reich ist? -Beträgt er sich denn aufgeblasen? Macht er Ansprüche auf -seinen Reichtum? Ich sagte es ja vorhin nur so in der Uebereilung.«</p> - -<p>»Nein, das tun sie nicht, die Willis,« antwortete nach -einer Pause der Alte; »das ist noch ihre gute Seite. Aber das -macht ihn nicht besser. Seine Grundsätze sind es, die ich hasse; -er ist mein bitterster Feind!«</p> - -<p>»Wie wäre dies möglich?« erwiderte Rantow beruhigend. -»Wie könnte er <em class="gesperrt">Ihr</em> persönlicher Feind sein!«</p> - -<p>»Was persönlicher Feind!« rief Thierberg heftiger. »Solche -Feindschaft kenne ich nicht, und mein Feind müßte ein anderer -sein als dieser Knabe; aber ein Todfeind bin ich all diesem -Wesen, diesen Neuerungen, diesem Deutschtum, Bürgertum, Kosmopolitismus, -und welchen Namen sie dem Unsinn geben mögen, -und dessen treuester Anhänger eben dieser junge Mensch da ist. -Das ganze erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts hatte -den verdammten Geschmack dieses Unwesens, und man wird -sehen, wohin es im jetzigen kommt, wenn diese Menschen und<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span> -ihre Gesinnungen um sich greifen; aber, so wahr Gott lebt, man -soll von dem letzten Thierberg nicht sagen können, daß er in -seinen alten Tagen einem dieser Weltverbesserer die Hand zur -Unterstützung gereicht hätte!«</p> - -<p>»Aber, Oheim!« fiel Albert ein, dem es in diesem entscheidenden -Augenblicke keine Sünde deuchte, gegen seine eigene -Ueberzeugung zu sprechen, »gibt es denn in diesem Jahrhundert -auch nur <em class="gesperrt">eine</em> Familie, die nicht, wenn man sie einzeln durchginge, -die verschiedensten Gesinnungen in sich schlösse? Wird -denn der einzelne Mann dadurch schlechter, daß er eine andere -Meinung hat als wir? Ist nicht Protestant und Katholik in -den Augen des Vernünftigen gleich viel wert? Denkt nicht -der General selbst ganz verschieden von seinem Sohn?«</p> - -<p>»Laß mir den Glauben aus dem Spiel, Neffe!« entgegnete -jener. »Darüber zu richten, geht weder dich noch mich an. Aber -dieser General vollends, der meinen Todfeind als Schutzpatron -anbetet und diesen Bonaparte für den heiligen Georg hält, der -den Lindwurm des veralteten Jahrhunderts tötete; <em class="gesperrt">diesen</em> in -<em class="gesperrt">meiner</em> Familie! Es würde mich töten!«</p> - -<p>»Aber wissen Sie denn, ob auch der junge Willi Ihre -Tochter liebt? Hat denn Anna irgend etwas gestanden?«</p> - -<p>Der Alte sah seinen Neffen bei dieser Frage lange und -erschrocken an; dann fuhr er nach einigem Nachsinnen gefaßter -fort. »Nein! Einer solchen Schmach halte ich sie nicht fähig; -meinst du, <em class="gesperrt">meine</em> Tochter werde sich in einen solchen – Menschen -verlieben, ohne daß er sie zuvor mit tausend Künsten dazu -verlockte? Nein! Dazu ist sie mir noch immer zu gut; aber – -ich will mir Gewißheit verschaffen!«</p> - -<p>Er sprach es, und noch ehe ihn Rantow aufhalten konnte, -eilte der alte Mann hinweg, um seine Tochter zur Rede zu -stellen. Düster schaute ihm der Gast aus der Mark nach. -»Wahrlich, wenn die Aktien so stehen, werde ich weder Brautführer -noch Hochzeitsgast in Thierberg sein,« sprach er, »der -Alte müßte sich denn durch ein Wunder in einen Demagogen -oder der Demagoge in einen rechtgläubigen Verehrer der alten -Reichsritterschaft verwandeln.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h3>11.</h3> -</div> - -<p>Es hatte dem General Willi nicht geringe Mühe gekostet, -von seinem Sohn das Unglück einer längeren Gefangenschaft -abzuwenden. Sein Ansehen war zwar in der Hauptstadt jenes -Landes, welchem sein Gut angehörte, durch den Wechsel der<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -Verhältnisse und Meinungen nicht gesunken; man verehrte in -ihm einen Mann von hohem Verdienst, militärischer Umsicht -und Tapferkeit, und es gab manche, die ihn wegen seiner treuen -und ausdauernden Anhänglichkeit an jenen Mann, der einst -das Schicksal Europas in der Rechten getragen, bewunderten; -es gab viele, die ihm, wenn sie auch diese Bewunderung nicht -teilten, doch wegen der Beharrlichkeit und Charakterstärke, die -er in den Tagen des Unglücks entfaltet hatte, wohlwollten. -Dennoch mußte er sein ganzes Ansehen aufbieten, manche Türe -öffnen, um seinem Sohn, auf dem <em class="gesperrt">der Verdacht, mit Verdächtigen -in Verbindung zu stehen</em>, lastete, nutzen -zu können.</p> - -<p>Der General war ein Mann von zu großem Rechtsgefühl, -als daß er, wenn er seinen Sohn schuldig glaubte, diese -Schritte für ihn getan hätte. Aber es genügte ihm an der einfachen -Versicherung seines Sohnes. »Ich teile,« hatte er ihm -gesagt, als er verhaftet wurde, »ich teile im allgemeinen die -Gesinnungen jener Männer, die man jetzt zur Untersuchung -zieht, aber – ich teile weder ihre Pläne noch die Ansichten, -die sie über die Mittel zum Zweck haben. Ich habe nur <em class="gesperrt">gedacht</em>, -nie <em class="gesperrt">gehandelt</em>, habe mir selbst gelebt, nicht mit -andern, und Beschuldigungen, welche andere treffen mögen, werden -nie auf mich kommen.« So war es denn gelungen, den -jungen Willi auf so lange frei zu machen, als nicht stärkere Beweise, -die gegen ihn vorgebracht würden, seine Anwesenheit vor -den Gerichten notwendig machten, eine Schonung, die er nur -der Fürsprache seines Vaters und dem Vertrauen verdankte, -das man in die Bürgschaft des Generals Willi setzte.</p> - -<p>Sie konnten sich beide wohl denken, welches Aufsehen dieser -Vorfall in der Umgegend von Neckareck gemacht haben mußte; -hätten sie in einer Stadt gewohnt, so würden sie sich wohl -damit begnügt haben, ihren Bekannten von ihrer Rückkunft -Nachricht zu geben; aber die Sitte auf dem Lande fordert -größere Aufmerksamkeit für gute Nachbarn; man mußte fünf -oder sechs Familien im Umkreis von drei Stunden besuchen, -mußte ihre Neugierde über diesen Vorfall umständlich befriedigen; -kurz, man mußte sich zeigen, wie man sich etwa nach -einer überstandenen Krankheit bei den Bekannten wieder zeigt -und für ihre Teilnahme Dank sagt. Als aber der General mit -seinem Sohn am dritten Tag nach ihrer Rückkehr nach Thierberg -aufbrach, war es noch ein anderer Grund als Höflichkeit -gegen gute Nachbarn, was sie dorthin zog. Der junge Willi<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -mochte in den einsamen Wochen seiner Gefangenschaft Zeit gefunden -haben, über sein Leben und Treiben nachzudenken, er -mochte gefunden haben, daß ihn jene politischen Träume, welchen -er nachgehängt hatte, nicht befriedigen könnten, daß es ein -höheres, reineres Interesse gebe, wodurch sein Leben Bedeutung -und Gehalt, seine Seele Ruhe und Zufriedenheit gewänne.</p> - -<p>Der General lächelte, als ihm Robert sein Verhältnis zu -Anna entdeckte und die Wünsche auszusprechen wagte, die sich -mit dem Gedanken an die Geliebte verbanden. Er lächelte und -gestand seinem Sohn, daß er längst dieses Verhältnis geahnt, -daß er gewünscht habe, das unruhige Treiben des jungen Mannes -möchte eine festere Richtung annehmen. »Ich kenne dich,« -sagte er ihm, »wärest du zu jener Zeit jung gewesen, wo wir -in Europa umherzogen, um Krieg zu führen, so hätte deine -Phantasie mit aller Kraft die großartigen Bilder des Krieges -ergriffen, ich hätte dir den ersten Raum geöffnet, du selbst -hättest dann deine Laufbahn gemacht. Daß du in diesen stillen -Feiertagen des Jahrhunderts nicht dienen willst, kann ich dir -nicht übelnehmen. Des Umherschweifens in der Welt bist du -satt, das Leben in den Salons genügt dir nicht, so bleibe bei -mir; besorge an meiner Statt meine Güter, ich kann dabei nur -gewinnen; ich gewinne Zeit für mich und meine Erinnerungen, -gewinne dich, und« – setzte er mit einem freundlichen Händedruck -hinzu – »wenn du anders deiner Sache gewiß bist, gewinne -ich Anna.«</p> - -<p>Sie besprachen dieses Kapitel auch auf dem Weg nach Thierberg -wieder, und Robert gab seinem Vater Vollmacht, bei -dem Alten um Anna für ihn zu werben. Sie verhehlten sich -nicht, daß eine nicht unbedeutende Schwierigkeit im Charakter -des alten Thierberg liegen könne. Ihre Gesinnungen hatten so -oft die seinigen beinahe feindlich durchkreuzt. Man hatte sich -wegen Meinungen so oft gezankt, man war oft unzufrieden, -beinahe verstimmt auseinander gegangen. Aber sie trösteten -sich damit, daß er doch nie persönliche Abneigung gezeigt habe, -und die Vorteile, die für Thierberg aus dieser Verbindung hervorgingen, -erschienen so bedeutend, daß der General, als sie -über die Zugbrücke ritten, sich schon im Geiste als Vater der -schönen Anna zu sehen glaubte und vertrauensvoll auf das -Thierbergische Wappen über dem alten Portal zeigte. »Mut -gewinnt, führen sie als Symbol im Wappen,« flüsterte er -seinem Sohn zu. »Das fügt sich trefflich, denn weißt du noch, -was der Wahlspruch <em class="gesperrt">deiner</em> Ahnen war?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span></p> - -<p>»<em class="gesperrt">Der Will' ist stark!</em>« rief der junge Willi, freudig -errötend. »<em class="gesperrt">Mut gewinnt</em> – und <em class="gesperrt">der Will' ist stark</em>!«</p> - -<p>Im Schloßhof empfing Rantow die Angekommenen. Er -entschuldigte seinen Oheim mit einem kleinen gichtischen Anfall, -der ihn verhindere, die steile Treppe herabzusteigen und seinen -Gästen entgegenzugehen. Er sagte dies schnell und nicht ohne -einige Verlegenheit, die er hinter einem Schwall von Glückwünschen -für Robert Willi zu verbergen suchte. Nach den -Verhältnissen, die gegenwärtig in den alten Mauern von Thierberg -herrschten, konnte nicht leicht etwas störender wirken als -dieser Besuch. Man hatte zwar den Vetter aus der Mark nicht -mit in das Geheimnis gezogen. Der Vater schien es zu bereuen, -daß er sich nur so weit gegen seinen Neffen ausgesprochen -habe, und Anna hatte mit ihm seit einigen Tagen nie mehr -über Willi gesprochen, sei es auf ein Verbot ihres Vaters, sei -es aus Argwohn, er möchte dem Alten ihr Geheimnis verraten -haben. Seit jenem Abend jedoch, wo die Rückkehr Roberts angekündigt -worden war, herrschte eine Spannung, die um so -drückender wurde, da die ganze Gesellschaft zwar aus dreierlei -Parteien, aber – nur aus drei Personen bestand.</p> - -<p>Anna sprach wenig und hielt sich meist auf ihrem Zimmer -auf, wohin Albert noch niemals eingeladen worden war; der -Alte war mürrisch, aufbrausender als sonst gegen seine Diener, -gegen seinen Gast herzlich wie zuvor, aber ernster und einsilbiger, -gegen seine Tochter kalt und gleichgültig. Er trank, -trotz der bittenden Blicke, die Anna zuweilen nach ihm hinzusenden -wagte, mehr Wein als gewöhnlich, schimpfte dann auf die -ganze Welt, verschlief den Nachmittag und ließ sich abends den -Amtmann holen, um ein Spiel mit ihm zu machen. Dann -setzte sich Anna mit ihrer Arbeit in ein Fenster, ließ sich von -dem Vetter etwas vorlesen, aber Tränen, die hin und wieder -auf ihre Hand herabfielen, zeigten dem jungen Mann, wie -wenig ihr Geist mit dem beschäftigt sei, was er eben las. Der -Anfall von Gicht, der über den Alten kam, machte die Sache -womöglich noch schlimmer. Man sah, wie er alle Kraft aufbot, -seine Schmerzen zu unterdrücken, nur um der natürlichen Hilfe -seiner Tochter weniger zu bedürfen, und wenn Fälle eintraten, -wo er diese Hilfe nicht abweisen konnte, wenn das schöne Kind -bleich und mit Tränen im Auge vor ihm kniete, um seine Beine -in warme Tücher zu hüllen, da wandte er sich ab, pfiff irgend -ein altes Liedchen, nannte sich einen Mann, der bald in die -Grube fahren müsse, und fand es schön, daß doch ein Enkel<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -der Thierberge zugegen sein werde, wenn man den letzten dieses -Namens beisetze.</p> - -<p>Rantow wußte zwar, daß sein Oheim das Gastrecht gegen -seine Nachbarn nicht verletzen werde, aber diese letzten Tage -fielen ihm schwer auf die Seele, als er die Fremden die Treppe -hinanführte, und er sah voraus, daß die beiden Willis gewiß -nichts dazu beitragen würden, die Verstimmung aufzulösen.</p> - -<p>Der Empfang war übrigens herzlicher, als er sich gedacht -hatte; es gibt eine gewisse höfliche Freundlichkeit, die man sich -angewöhnen kann, ohne sich dessen bewußt zu werden. Besonders -auffallend erscheint diese Eigenschaft, wenn sich Männer -begrüßen, von welchen wir wissen, daß sie keiner Heuchelei fähig -sind, und die dennoch, sei das durch Meinungen, sei es durch -Verhältnisse, sich feindlich gegenüber stehen. So schien es auch -der alte Thierberg nicht über sich vermögen zu können, sein -gewohntes: »Ah! schön, schön! Freut mich, – Platz genommen!« -diesmal mit einem kälteren und förmlicheren Gruß zu vertauschen, -und die fünfhundertjährige Gastfreundschaft dieser -Burg schien die unwillkommenen Gäste in ihre schützenden -Arme zu schließen. <em class="gesperrt">Ein</em> Blick von Anna hatte dem jungen -Willi gesagt, was hier vorgegangen sei. Er fand sie blaß, ihre -Stimme nicht so fest wie sonst, es lag Kummer um den holden -Mund, und ihre Augen schienen weicher geworden zu sein. Er -pries im stillen ihren richtigen Takt, daß sie mehr zu dem -General sprach als zu ihm, denn er hätte, von diesem Anblick -ergriffen, nicht Fassung genug gehabt, Gleichgültiges mit ihr zu -reden. Rantow, der einen ganz andern Auftritt erwartet hatte, -wunderte sich, daß auch in diesem »ehrlichen Schwaben«, wo -ihm sonst alles so offen und ehrlich deuchte, vier Menschen, die -sich so nahe standen, ein so falsches Spiel unter sich spielen -könnten, ihre Gedanken, ihre Leidenschaften unter einer so -ruhigen Hülle zu verdecken wüßten. Er sah staunend bald den -jungen Willi und den alten Thierberg an, die ganz ruhig und abgemessen -sich über die Ereignisse der letzten Woche besprachen; -bald hörte er auf das Gespräch zwischen dem General und der -Geliebten seines Sohnes, die dasselbe Thema, nur mit Veränderungen -abhandelten, wobei übrigens Anna eine solche Ruhe -an den Tag legte, daß sie nie hastig fragte, von nichts mehr, als -schicklich, ergriffen war. Der General wandte sich im Gespräch -und ging mit ihr langsam im Saal auf und ab; er stellte sich -endlich, wie zufällig, in einen tiefen Fensterbogen, und Albert -entging es nicht, daß er sich dort schnell zu dem schönen Mädchen<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span> -herabbückte, ihr etwas zuflüsterte, was eine tiefe Röte auf ihre -Wangen jagte; sie schien erschrocken, sie faßte seine Hand, sie -sprach leise heftig zu ihm, aber er lächelte, schien sie zu beruhigen, -zu trösten, und so stolz und zuversichtlich war seine Stirne, -waren seine Züge, als müßte er in diesem Augenblick seine -Division ins Feuer führen, um den schwankenden Sieg zu entscheiden.</p> - -<p>Der Gast aus der Mark ahnte, daß dort in jenem Fensterbogen -ein Entschluß gefaßt oder mitgeteilt worden sei, der auf -Annas Schicksal sich beziehe, und das Herz pochte ihm, wenn er -an den eisernen Trotz seines Oheims dachte. Die Diener -hatten indessen Wein herbeigebracht, man setzte sich in eines der -weiten Fenster, und wenn nur die Gemüter der fünf Menschen, -die um den kleinen Tisch saßen, weniger befangen waren, -der schöne Tag, der Anblick des herrlichen Tales, das vor -ihnen lag, hätte sie zu immer höherer Freude stimmen müssen.</p> - -<p>Der General, dem es peinlich sein mochte, daß das Gespräch -nach und nach zu stocken anfing, bat Anna um ein Lied, -und ein Wink ihres Vaters bekräftigte diese Bitte. Man brachte -ihre Gitarre herbei, der junge Willi stimmte die Saiten, aber -waren es die Worte des Generals, war es der Anblick ihres -Vaters, war es die lang ersehnte Nähe des Geliebten, was sie -verwirrte, sie errötete und gestand, daß sie in diesem Augenblick -kein passendes Lied zu singen wüßte. Man schlug vor, man -verwarf, bis Rantow beifiel, wie man einst in Berlin eine -berühmte schöne Sängerin von einer ähnlichen Verlegenheit befreite. -Er schnitt kleine Zettel und ließ jeden ein Lied aufschreiben. -Dann faltete er die Papiere geschickt und zierlich zusammen, -schüttelte sie als Lose durcheinander und ließ die Sängerin -eines wählen.</p> - -<p>Sie wählte, sie eröffnete das Los und errötete sichtbar, -indem sie den General besorgt anblickte. »Das hat niemand -anders als Sie geschrieben,« sagte sie. »Warum denn gerade -dieses Lied? Es ist nicht immer politisch, ein politisches Lied -zu singen!«</p> - -<p>»Wenn es nun aber mein Lieblingslied ist?« erwiderte -Willi; »ich appelliere an Ihren Vater; stand nicht die Wahl -durchaus frei?«</p> - -<p>»Gewiß!« antwortete der Alte, »du singst, Anna; und wenn -das Lied Politik enthalten sollte – nun, erdichtete Politik kann -man ja immer noch ertragen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span></p> - -<p>Sie nickte schweigend Gehorsam zu. Aber von jenem -Augenblick an, wo sie mit einem kurzen, aber kräftigen Vorspiel -den Gesang anhob, schien auf ihren lieblichen Zügen eine Art -von Begeisterung aufzugehen; eine zarte Röte spielte auf ihren -Wangen, ihre Augen glänzten, und um den schönen Mund, der -die Töne so voll und rund hervorströmen ließ, spielte anfangs -ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmut überging. Es war -eine französische Ode, aus welcher sie einige Stellen vortrug; -die Melodie, bald heiter, ermunternd, bald erhaben und triumphierend, -bald ernst und getragen, schmiegte sich an das wechselnde -Versmaß und den Gedankengang der Strophen, und so -süß war ihre Stimme, so ausdrucksvoll ihr Vortrag, so hinreißend -ihr ganzes Wesen, das mit dem Gesang sich zu verschmelzen -schien, daß die Männer, wenn sie gleich über den -Gegenstand die verschiedensten Gesinnungen hegten, doch von -dem Strom der Töne mit fortgerissen wurden. Wie erhaben -war ihr Vortrag, als sie sang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Cachez ce lambeau tricolore!</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">C'est sa voix; il aborde, et la France est à lui.</em><br /></span> -</div></div> - -<p>Ernst, beinahe traurig, doch nicht ohne Triumph, fuhr -sie fort:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0"><em class="antiqua">Il la joue, il la perd; l'Europe est satisfaite</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Et l'aigle, qui, tombant aux pieds du Léopard,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Change en grand capitaine un héros de hasard,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Illustre aussi vingt rois, dont la gloire muette</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">N'eût jamais retenti chez la postérité;</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Et d'une part dans sa défaite,</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Il fait à chacun d'eux une immortalité.</em><a id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">1</a><br /></span> -</div></div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> - -<p><a id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">1</span></a> <em class="antiqua">Sept Messéniennes nouvelles par C. Delavigne. 1re. Le départ.</em></p></div> -</div> - -<p>Als sie geendet hatte, legte sie die Gitarre nieder und -ging, während die Männer noch in verlegener Stille saßen, -schnell hinweg.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Il la joue, il la perd</em>,« sprach der alte Thierberg -lachend. »Eine große Wahrheit! Und dieser Dichter, wer er -auch sein mag, konnte jenen Mann nicht besser schildern; seine -ganze Größe bestand ja nur darin, daß er das <em class="antiqua">rouge et noir</em> -so hoch als möglich spielte, und der alte Satz, daß der <em class="gesperrt">kaltblütigste</em> -Spieler endlich gewinnt, bestätigte sich an ihm. -Der Leopard hat doch die Bank gesprengt, und Wellington wird<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -es eben darum keinen Kummer machen, wenn man ihn <em class="antiqua">héros -de hasard</em> nennt.«</p> - -<p>»Wie lächerlich sind solche Hyperbeln!« rief Rantow, »als -ob zwanzig Könige ihren Nachruhm, ihre Unsterblichkeit diesem -Sommerkönig zu verdanken hätten! Was uns betrifft wenigstens, -so wird man eingestehen müssen, daß der Ruhm der -preußischen Waffen älter ist als der des sogenannten Siegers -von Italien, und nicht erst von der großen Nation geadelt werden -mußte.«</p> - -<p>»Und dennoch,« erwiderte der General mit großer Ruhe, -»dennoch wird man <em class="gesperrt">einst</em> nicht sagen, es war Bonaparte, der -zur Zeit dieses oder jenes Königs lebte – man wird sagen, -Herr von Rantow, sie waren Zeitgenossen Napoleons. Doch -was den Obergeneral des englischen Heeres in der Bataille von -Mont St. Jean betrifft, so möchte es die Frage sein, ob ihm -der Titel <em class="antiqua">héros de hasard</em> sehr angenehm ist; soviel ist wenigstens -gewiß, daß er jene Schlacht nicht gewonnen, sondern nur -– <em class="gesperrt">nicht verloren hat</em>.«</p> - -<p>»Es ist ein Glück für die Welt,« bemerkte Thierberg -lächelnd, »daß man Ihren Satz umkehren kann, und daß er dann -noch höhere Wahrheit enthält; Ihr Herr und Meister hat jene -Schlacht <em class="gesperrt">zwar nicht gewonnen</em>, aber desto gewisser <em class="gesperrt">verloren</em>.«</p> - -<p>»Er hat sie verloren,« antwortete der General; »was die -Welt damit verlor, will ich nicht aussprechen, aber jene Strophe, -womit Anna ihren Gesang schloß, drückt aus, wer noch am -Abend jenes unglücklichen Tages, als Cäsar und sein Glück von -der Uebermacht zerschmettert wurden, als meine braven Kameraden -auf Mont St. Jean den letzten Atem aushauchten – -der <em class="gesperrt">Größere war</em>.«</p> - -<p>»Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?« -entgegnete heftig der junge Mann aus der Mark. »Als -die Strahlen der Abendröte über jenes denkwürdige Feld -streiften, beleuchtend die Schande Frankreichs und sein verwirrtes -Heer, als blutend, aber unbesiegt, das englische Heer -jene Hügel deckte und Deutschlands Völker stolzen Schrittes -in die Ebene herabstiegen, um den Kampf siegend zu entscheiden -– denken Sie sich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und -sagen Sie mir, wer da der Größere war?«</p> - -<p>»Der Gott des Zufalls,« erwiderte der General. »Mächtiger -war er wenigstens als jener alte Held, der auch noch an seinem -letzten Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwischen dem<span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span> -Genie und roher, wohlgenährter, tierischer Kraft befestigt sei. -Er ist gefallen, nicht weil ihm England oder Deutschland gewachsen -waren, sondern weil er früher oder später fallen mußte, -weil er einen Vertilgungskrieg gegen sich selbst führte, der seine -Kräfte aufrieb; oder können Sie mir beweisen, daß an jenem -Tage von Waterloo das Genie des englischen Feldherrn oder -gar Ihres Blücher ihn besiegte?«</p> - -<p>»Seien wir gerecht,« nahm der junge Willi das Wort; -»geben wir zu, daß ihm keiner seiner militärischen Gegner gewachsen -war, so beweist dies noch immer nicht für jene innere -Größe, für jene moralische Erhabenheit, welche die Mitwelt mit -sich fortreißt, ihr Jahrhundert bildet und Segen noch auf die -späte Nachwelt bringt. Napoleon war ein großer Soldat, – -aber kein großer Mensch.«</p> - -<p>»Sohn!« erwiderte der General, »wie kannst du in irgend -einem Fach des Wissens groß, größer als sonst ein Mann des -Jahrhunderts werden, <em class="gesperrt">ohne ein großer Mensch</em> zu sein? -Die Maschine ist es nicht, nicht dieser Körper ist es, was sie -groß macht, es ist der Geist. Jene veralteten Formen Europas, -von klugen Männern vor tausend Jahren ausgedacht, stürzten -zusammen, weil es Formen waren, die der Geist verlassen -hatte; sie brachen ein vor den Blitzen seines Genies, sie hatten -das Schicksal jener Leichname, die in Grüften eingeschlossen, in -ihren fürstlichen Leichenprunk gehüllt, Jahrhunderte überdauern, -weil sie die Kerkerluft ihres Grabes nicht vermodern -läßt. Berühre sie mit <em class="gesperrt">lebendiger</em> Hand, hauche sie an mit -<em class="gesperrt">freiem</em> Odem, und – sie zerfallen in Asche!«</p> - -<p>»Dies beweist nicht gegen mich,« sagte Willi.</p> - -<p>»Und wo ist denn das große und feste Reich, das der -große Mann gründete?« unterbrach ihn Thierberg; »Sie vergleichen -unsere schönen, alten Institutionen, Gott möge es -Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam, aber was war denn jener -korsische Kaiserthron, was sein Staatsgebäude als ein Kartenhaus?«</p> - -<p>»Ich habe nie gesagt, daß Napoleon der Mann war, einen -großen Staat zu gründen,« antwortete der alte Willi; »Frankreich -war unter ihm ein Lager, dessen erste Posten die Rheinbundstaaten -bildeten. Er hätte vielleicht ein Ende genommen, -das seiner oder Frankreichs unwürdig gewesen wäre, wenn er -einige Jahre in beständiger Ruhe und in Frieden regiert hätte.«</p> - -<p>»So war also das Ende, welches er nahm, seiner würdig?« -fragte Rantow lächelnd.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span></p> - -<p>»Nicht der Platz, auf welchem wir stehen,« versetzte der -General nicht ohne Wehmut, »nicht der Raum, sei er groß oder -klein, gibt uns Würde oder Schmach. Wir sind es, die uns und -unsern Posten adeln oder schänden. Die Welt hat gelacht und -gehöhnt, als man den größten Geist des Jahrhunderts auf eine -öde Insel verbannte. Dort, an der höchsten Felsenspitze, haben -sie den alten Adler angeschlossen, wo er nur in die Sonne, auf -den weiten Ozean und in einige treue Herzen sah. Aber man -hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt -gebe; es war nicht <em class="gesperrt">Strafe</em>, was ihn dorthin verbannte; -wer in Europa konnte <em class="gesperrt">ihn strafen</em>? Es war – <em class="gesperrt">Furcht</em>. -So mußte es kommen, daß man in ihm noch immer den <em class="gesperrt">Gefürchteten</em> -sah; und manche Herzen, die sich von ihm abgewendet -hatten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das -Unglück die Menschen zu versöhnen, und – es war ja nichts an -seine Stelle getreten, was ihn hätte vergessen machen können.«</p> - -<p>»Glauben Sie etwa, Herr Nachbar,« sagte Thierberg, »es -hätte wieder ein solcher Attila auftreten müssen, nur um die -Zeitungsschreiber zu unterhalten? Vergessen wird man wohl -jenen Namen noch lange nicht, aber – man wird ihn verdammen.«</p> - -<p>»Mancher hat ein persönliches Recht dazu, und ich kann -ihn darum nur beklagen, nicht entschuldigen, daß sein Gang -über die Erde nicht die gebahnte Straße ging. Aber man wird -auch mit andern Gefühlen sich seiner erinnern. Die Großen -der Erde scheinen zwar nicht viel von ihm gelernt zu haben, desto -mehr vielleicht die Kleinen. Er hat sich seine Bahn so erhaben -aufgerissen als Alexander, er hat sie verfolgt wie Cäsar, man -hat ihm gedankt wie dem Hannibal, auf jenem Felsen hat er -gelebt wie Seneca, und seine letzten Tage waren eines Sokrates -würdig.«</p> - -<p>»In diesem Punkt werden wir nimmer einig,« erwiderte -der alte Thierberg; »was mich betrifft, so kömmt er mir vor, -als habe er seine Laufbahn eröffnet wie ein Aventurier, habe -sie verfolgt wie ein Räuber, habe mit seinem Raub verfahren -wie ein verzweifelter Spieler, und habe geendet wie ein – -<em class="gesperrt">Komödiant</em>!«</p> - -<p>»Wir sind noch nicht seine Nachwelt,« bemerkte Robert -Willi. »Erst wenn alle Parteien, die persönliches Interesse -aussprachen, von der Erde verschwunden sind, dann erst wird<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -man mit klaren Augen richten. Mein Held ist er nicht, aber in -seinen italienischen Feldzügen erscheint er wie ein Wesen höherer -Art, und dies wenigstens werden auch Sie zugeben, Herr von -Thierberg.«</p> - -<p>»Es ist möglich,« versetzte der Alte, »er hat damals mein -Staunen, meine Bewunderung erregt; aber wie schnell wurde -ich von meiner Vorliebe geheilt! Wenn er damals den Bourbons -den Thron zurückgegeben hätte – die Macht hatte er -dazu –, so wäre er mir wie ein Engel erschienen.«</p> - -<p>»Dies war wegen seiner Armee, die anders dachte, unmöglich,« -antwortete der General.</p> - -<p>»Sie erinnern sich,« fuhr der Alte fort, »daß ich Ihnen -öfter von einem französischen Kapitän erzählte, der mich in der -Schweiz aus großer Verlegenheit rettete; – der einzige Franzose, -den ich achte, und für den ich noch jetzt alles tun könnte. -Mit diesem sprach ich damals auch über <em class="gesperrt">diesen</em> Punkt. Ich -sagte ihm, daß Frankreich ohne Rettung verloren gehe, wenn -es in der ewigen, sich immer von neuem gebärenden Revolution -fortfahre. Nur ein König an der Spitze könnte es retten. – -Er gab es zu; er sagte mir, daß die Bourbons eine große Partei -in Paris hätten, und daß mein Gedanke vielleicht erfüllt würde. -Ich fragte ihn, wie der Konsul Bonaparte, der damals an der -Spitze stand, darüber dächte. ›Er äußert sich nicht,‹ erwiderte -mir der Kapitän, ›aber wenn ich ihn recht verstehe,‹ setzte er -lächelnd hinzu, ›so wird Frankreich bald nur <em class="gesperrt">einen</em> Meister -haben.‹ Ich deutete dies Wort meines neuen Freundes damals -auf die Zurückkunft der Bourbons, leider ist es an Bonaparte -selbst in Erfüllung gegangen.«</p> - -<p>Der junge Willi war schon zu Anfang dieser Rede aufgestanden; -er hatte Annas Vater die Geschichte von seinem -Kapitän schon einige Dutzendmal erzählen gehört, und sein Blut -wallte in diesem Augenblick noch zu unruhig, als daß er sie -von neuem anhören mochte; er ging mit zögernden Schritten im -Saal auf und nieder; als aber der alte Thierberg im Gespräch -mit dem General auf die jetzigen Verhältnisse Frankreichs einging, -ein Punkt, über den sie niemals in Streit gerieten, gesellte -sich auch Rantow zu dem jungen Willi. Er ließ sich von -ihm die Geschichte der letzten Wochen noch einmal wiederholen, -führte ihn unbemerkt in das nächste Zimmer und dann auf die -breite Hausflur. Dort hielt er plötzlich inne und flüsterte dem<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -erstaunten jungen Mann ins Ohr: »Sie dürfen vor mir kein -Geheimnis mehr haben; Anna hat mir alles entdeckt, und auf -meinen Beistand können Sie sich verlassen.« Noch einen Augenblick -zweifelte Robert, weil ihm diese Nachricht zu neu und -unerwartet kam; als aber Rantow ins einzelne einging und -ihm erzählte, was in jener Schreckensnacht vorgefallen sei, als -er ihm entdeckte, wie ungünstig gegenwärtig die Verhältnisse -seien, da stand jener nicht länger an, die Hilfe, die ihm geboten -wurde, anzunehmen; er bat Albert, ihm, wenn es möglich wäre, -Gelegenheit zu verschaffen, mit Anna zu sprechen.</p> - -<p>Der Gast aus der Mark dachte einige Augenblicke nach, -ob er dies möglich machen könnte. Anna hatte ihn zwar selbst -nie auf ihr Boudoir im Turm eingeladen, aber er hoffte, in -solcher Begleitung nicht unwillkommen zu sein; das einzige, was -ihn hätte abhalten können, war die Furcht vor dem Zorn seines -Oheims, im Fall diese Zusammenkunft entdeckt wurde; aber die -Lust, wo er nicht selbst die Rolle übernehmen konnte, wenigstens -die Intrige zu unterstützen, siegte über jede Bedenklichkeit; er -winkte dem jungen Willi, ihm zu folgen. Der Gang nach -Annas Turm war ihm bekannt. Nach der Lage ihrer Fenster -mußte ihr Gemach noch zwei Stockwerke höher liegen als der -Saal. Sie stiegen eine enge, steile Treppe von Holz hinan, die -unter jedem Tritte, so behutsam sie auch stiegen, ächzte. Zum -nicht geringen Schrecken begegnete ihnen auf dem ersten Stock -der alte Hans, der sie verwundert ansah. Albert winkte seinem -Gefährten, nur immer voranzugehen, er selbst nahm, ohne in -seiner Bestürzung zu bedenken, ob es klug sein möchte, den alten -Diener auf die Seite. »Hans!« sagte er, »wenn du deinem -Herrn ein Wort –« – »O,« erwiderte jener schlau lächelnd, -»da hat es gute Wege, so wenig als in jener Nacht, da Sie mich -beinahe in den Neckar warfen, ich bin so still wie ein toter -Hund.« Beruhigt folgte Rantow dem Liebhaber; sie hatten bald -das Ende der Treppe erreicht und standen nun auf einer Art -von Vorsaal; die Reinlichkeit und Zierlichkeit, die hier herrschte, -ließ ahnen, daß man sich nicht mehr weit von Annas Gemach -befinde. Zwei Türen gingen auf diesen Vorplatz; sie wählten -auf gutes Glück die nächste, pochten an – keine Antwort. Sie -pochten wieder; jetzt tat sich die zweite Tür auf, und Anna erschien -auf der Schwelle.</p> - -<p>Sie errötete, als sie die beiden jungen Männer sah, doch, -als habe dieser Besuch nichts Auffallendes an sich, lud sie dieselben<span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span> -durch einen freundlichen Wink ein, näher zu treten. »Ihr -kommt wohl, um die schöne Aussicht von meinem Turm zu betrachten?« -sagte sie; »jetzt erst fällt mir bei, daß du nie hier -warst, Albert, aber so ganz bin ich schon an diesen herrlichen -Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal einfiel, dich hierher -einzuladen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>12.</h3> -</div> - -<p>Das Gemach war klein, die Geräte gehörten einer früheren -Zeit an, aber dennoch war alles so freundlich und geschmackvoll -geordnet, daß Rantow, nachdem er die Aussicht geprüft, die -nächsten Umgebungen gemustert und alles recht genau angesehen -hatte, dieses Zimmer für das schönste im Schloß erklärte. Nur -eine breite Kiste, von schlechtem Holz zusammengezimmert, die -auf einer Kommode stand, schien ihm nicht mit den übrigen Gerätschaften -zu harmonieren. So ungerne er die beiden Liebenden, -die, anscheinend in die Aussicht auf das Tal hinab vertieft, -eifrig zusammen flüsterten, stören mochte, so war doch seine Neugierde, -zu wissen, was der geheimnisvolle Schrank verberge, zu -groß, als daß er nicht seine Base darüber befragt hätte.</p> - -<p>»Bald hätte ich das Beste vergessen!« rief sie aus; »das -Bild für Ihren Vater ist heute angekommen, Robert; ich habe -es hierhergestellt, weil mein Vater nie hierher kommt, und weil -ich es doch auch betrachten wollte.« Sie rückte unter diesen -Worten den Deckel des Schranks, Willi half ihn herabnehmen, -und das Bild eines Reiters, der auf einem wilden Pferd eine -Anhöhe hinansprengt, wurde sichtbar.</p> - -<p>»Bonaparte!« rief Rantow, als ihm die kühnen, geistvollen -Züge aus der Leinwand entgegensprangen.</p> - -<p>»Erkennst du ihn?« fragte Anna lächelnd. »Das war der -Sieger von Italien!«</p> - -<p>»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie so gut gelingen -könnte,« bemerkte Willi; »aber wahrlich, David war ein großer -Maler. Wie edel ist diese Gestalt gehalten, wie glücklich der -Einfall, diesen hochstrebenden Mann nicht in der gebietenden -Stellung eines Obergenerals, sondern in einer Kraftäußerung -aufzufassen, die einen mächtigen Willen und doch eine so erhabene -Ruhe in sich schließt.«</p> - -<p>»Ich kenne das Original,« sagte Rantow, »es ist in der -Galerie zu Berlin aufgestellt, und ich finde diese Kopie trefflich; -für Liebhaber des Gegenstandes, worunter ich nicht gehöre, -gewinnt dieses Gemälde um so höheres Interesse, als die<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span> -Idee dazu von Napoleon selbst ausging. Man sagt, David -habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der Hand, auf -dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merkwürdigen -Worte: ›Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten; -ich will <em class="gesperrt">ruhig</em> gemalt sein – auf einem wilden Pferde.‹«</p> - -<p>»Dank dir für diese Anekdote,« erwiderte Anna, »sie macht -mir das Bild um so lieber, und nicht wahr, Robert,« setzte sie -hinzu, »auch dein Vater soll durch seine Originalität nur noch -mehr erfreut werden.«</p> - -<p>»Anna!« unterbrach die Beschauenden eine dumpfe, wohlbekannte -Stimme. Sie sahen sich um, der alte Thierberg, auf -seinen Diener gestützt, stand mit hochrotem, zürnendem Gesicht -und zitternd vor ihnen; der General, welcher seitwärts stand, -schien verlegen und ängstlich. Aber so schnell war dieser Schreck, -so groß die Furcht Annas vor ihrem Vater und so furchtbar sein -Anblick, daß sie zu schwanken anfing, und hätte der General -sie nicht unterstützt, sie wäre in die Knie gesunken.</p> - -<p>»Sind das die gerühmten Sitten Ihres Herrn Sohnes?« -wandte sich der Alte bitter lachend zu dem General, indem er -bald den Sohn, bald den Vater ansah; »heißt das, wie Sie mir -vorzumalen suchten, sich in den zartesten Grenzen des Anstandes -halten? Herr! Wie kommen Sie dazu, mit meiner Tochter -<em class="gesperrt">allein</em> auf ihrem Zimmer zu sein?«</p> - -<p>»Onkel –« rief Rantow, um ihn zu belehren.</p> - -<p>»Schweig, Bursche!« antwortete ihm der zürnende Alte, -indem er immer den jungen Willi mit glühenden Blicken ansah.</p> - -<p>»Ich denke,« erwiderte dieser ruhig und mit stolzer Fassung, -»die Erziehung Ihrer Tochter und Annas Sitten müßten Ihnen -Bürge sein, daß ein Mann, selbst wenn er allein käme, sie besuchen -dürfte, vorausgesetzt, sie will ihn empfangen, und über -den letztern Punkt steht nach allen Gesetzen der guten Sitte der -jungen Dame selbst, nicht aber Ihnen, Herr von Thierberg, die -Entscheidung zu.«</p> - -<p>Diese Worte schienen seinen Eifer noch mehr zu entflammen, -er atmete tief auf; aber in diesem Augenblick trat sein Neffe -mutig dazwischen und redete ihn auf eine Weise an, die, wie -ihn sein kurzer Aufenthalt bei den Thierbergs gelehrt hatte, die -Wirkung nicht verfehlen konnte. »Herr von Thierberg,« rief -er bestimmt und mit ernster Miene, »Sie haben mir vorhin -zu schweigen geboten, ich werde aber nicht schweigen, wenn man -meiner Ehre zu nahe tritt. Ich bin es gewesen, der Herrn von -Willi hierher führte, ich bin es gewesen, der ihn hier unterhielt,<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -und er hat mich hierher begleitet, weil ich ihn darum gebeten -habe.«</p> - -<p>»Du warst zugegen?« fragte der Oheim mit etwas gemilderter -Stimme. »Aber was Teufel geht dich das Zimmer -meiner Tochter an? Was hattest du hier zu suchen?«</p> - -<p>Mit einer theatralischen Wendung und sprechender Miene -wandte sich der Neffe gegen die Hinterwand des Zimmers, -deutete mit dem ausgestreckten Arm hin und sprach: »Hier steht, -was ich suchte.«</p> - -<p>Der Alte trat mit schnelleren Schritten, als seine Krankheit -erlaubte, näher. Er betrachtete das Bild und blieb mit -einem Ausruf des Erstaunens stehen; seine trotzige Miene -klärte sich auf, seine Stirn entfaltete sich, sein blitzendes Auge -schimmerte nur noch von Rührung und Freude. »Gott im -Himmel,« rief er aus, indem er das Mützchen abnahm, das er -beständig trug. »Wer hat mir das getan, woher, woher habt -ihr ihn? Wer hat ihn meinen Gedanken nachgebildet, wer hat -mir diese Züge, diese Augen hier, hier aus meinem Herzen herausgestohlen?«</p> - -<p>Die Männer sahen sich staunend an, betreten richtete sich -Anna auf und trat näher, denn sie besorgte, ihr alter Vater -rede irre. »Wer hat dies Bild hierher gestellt?« fragte er nach -einer Pause, indem er sich umwandte, und alle sahen Tränen in -seinen Augen glänzen.</p> - -<p>»Ich, mein Vater,« sagte Anna zögernd.</p> - -<p>»O du gutes Kind,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme -schloß, »wie unrecht habe ich dir vorhin getan! Als ich in -dieses Zimmer trat, glaubte ich, du habest mich tief gekränkt, -und doch hast du mich so unendlich erfreut! – Kennst du ihn, -Hans?« wandte er sich an seinen Diener. »Kennst du ihn nicht -wieder?«</p> - -<p>»Gott straf' mich, er ist's!« erwiderte der alte Reitknecht. -»Solche schreckliche Augen machte er gegen die fünf Buschklepper, -die uns auszogen, o das war ein braver Herr!«</p> - -<p>Die, welche den Herrn und seinen Diener so sprechen -hörten, konnten sich von ihrem Staunen kaum erholen, sie sahen -sich lächelnd an, als ahnten sie eine sonderbare Fügung des -Geschicks, als sei ein schweres Gewitter segnend über ihnen hinweggezogen. -Der General aber, der bald Anna, bald das Bild -mit blitzenden Augen betrachtet hatte, trat näher heran und -fragte den alten Thierberg, wen er denn in diesem Bilde wiedererkenne?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span></p> - -<p>»Das ist derselbe treffliche Kapitän,« antwortete er, »der -mich am Fuß des St. Bernhard aus der Gewalt ruchloser Soldaten -errettete; wie? Er ist derselbe, von welchem ich Ihnen -so oft erzählte; das Muster eines braven Mannes, eines gebildeten -und klugen Soldaten.«</p> - -<p>»Nun, so bitte ich Sie,« fuhr der General mit inniger -Rührung fort, indem auch ihm eine Träne im Auge schwamm, -»ich bitte Sie im Namen dieses Mannes, den ich auch kannte, -Sie mögen ihm vergeben, wenn er nachher anders handelte, als -Sie damals dachten!«</p> - -<p>»Wie? Sie haben ihn gekannt?« rief der Alte dringend, -indem er die Hand des Generals faßte, »wer war er, wie heißt -er, lebt er noch?«</p> - -<p>»Er ist tot – seinen Namen kannte die Welt – dieser -Mann hier ist –«</p> - -<p>»Nun?« drängte der Alte den General, dem die Stimme -zu brechen schien. »Wer? Doch nicht –«</p> - -<p>»Dieser Mann,« rief der General mit einem feurigen -Blick auf das Gemälde, »dieser Mann war – <em class="gesperrt">Napoleon -Bonaparte</em>, der Kaiser der Franzosen.«</p> - -<p>Der Alte setzte seine Mütze auf; er drückte die Augen zu, -und in seinem Gesicht kämpfte Unmut mit Rührung. Doch -als er nach einer Weile das Bild wieder ansah, schien er es nicht -über sich zu vermögen, dem stolzen Reiter gram zu werden; »du -also?« sprach er zu ihm, »du warst dieser – kühne Mann? -Das war also deine Meinung? Du hast mir mein Kleid, -meinen Hut und meine Börse zurückgegeben, um mir nachher -mein alles zu rauben?«</p> - -<p>»Vater,« sagte Anna schmeichelnd, »wie glücklich waren -Sie aber dennoch! Der erste Mann des Jahrhunderts hat so -traulich zu Ihnen gesprochen.«</p> - -<p>»Ja, das haben wir,« erwiderte der Alte lächelnd und nicht -ohne Stolz, »recht freundlich haben wir uns unterhalten, ich -und er, und er schien Gefallen an mir zu finden. Ich habe -nicht gehört, daß der erste Konsul sich je gegen einen so offen -ausgesprochen hätte, wie damals gegen mich. ›Frankreich wird -nicht mehr lange ohne König sein‹, waren seine eigenen Worte; -du hast es erfüllt, kleiner Schelm! – Ha! Und gerade so sah er -aus, so warf er noch einmal den stolzen Kopf herüber, als er<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span> -sein Roß den Berg hinantrieb und die Feldmusik des Regiments -herüberklang. General Willi – es war doch ein großer Geist!«</p> - -<p>»Gewiß!« sagte der General freudig gerührt, indem er -dem Alten die Hand drückte. »Aber, wie kam nur dies Bild -hierher zu Ihnen, Anna?«</p> - -<p>»Darf ich es verschweigen, Robert?« antwortete sie; »nein, -er hat es ja doch schon gesehen. Ihr Sohn wollte Sie an Ihrem -Geburtstag damit überraschen, und ich erlaubte, daß das Bild -einstweilen hier aufgestellt würde.«</p> - -<p>Der alte Thierberg hatte aufmerksam zugehört; er schien -überrascht und ging auf den jungen Willi zu, dem er seine Hand -bot. »Junger Mann,« sagte er, »ich habe Ihnen vorhin bitter -unrecht getan, ich sehe jetzt, daß Sie ein schönerer Zweck auf -dieses Zimmer führte, als ich anfangs dachte; werden Sie mir -meine übereilten Worte, meine Hitze vergeben?«</p> - -<p>Robert errötete. »Gewiß, Herr von Thierberg,« antwortete -er, »und wenn Sie noch zehnmal heftiger gewesen wären, so -konnten Sie mich zwar kränken, aber niemals beleidigen; es ist -hier nichts zu vergeben.«</p> - -<p>»Wirklich?« erwiderte der alte Herr sehr freundlich, »und -wenn ich fragen darf – wo haben Sie das Bild gekauft? -Könnte man nicht sich auch ein Exemplar verschaffen? Ich -möchte doch den <em class="antiqua">grand capitaine</em>, <em class="gesperrt">meinen</em> Kapitän, in meinem -Zimmer haben.«</p> - -<p>»Wie ich meinen Vater kenne,« sagte der junge Mann, -»so wird er dieses Bild vielleicht noch lieber in Ihrem Hause -als in dem seinigen sehen. Ich bitte, erlauben Sie, daß ich es -dort aufhänge.«</p> - -<p>»Sie machen mir ein großes Geschenk, lieber Robert,« sagte -Thierberg; »wohin ist es mit unseren Gesinnungen gekommen? -Ich glaube, wir denken im Grunde gleich über diesen Bonaparte, -und doch sind <em class="gesperrt">Sie</em> es, der mir ihn anbietet, und mir macht es -Freude, ihn anzunehmen. Ich habe wenige Bilder, aber einige -alte, gute; suchen Sie sich etwas aus, nehmen Sie dafür aus -meinem Schloß, was Sie wollen.«</p> - -<p>»Halt!« rief der General, »bei diesem Handel bin ich auch -beteiligt; ich kenne den unglücklichen Geschmack meines Sohnes -und weiß, wie wenig er auf <em class="gesperrt">alte</em> Bilder hält; wollen Sie ihm -nicht ein <em class="gesperrt">jüngeres</em> dafür geben? Thierberg, vor diesem -Bilde, das nun auch für Sie von Bedeutung ist, wiederhole ich -meine Werbung: Ihre Anna um diesen Napoleon.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> - -<p>Der alte Herr war betreten, er warf verlegene Blicke auf -die Umstehenden; endlich haftete sein Auge auf Davids Gemälde. -»Du hast viel verschuldet,« sprach er, »Europas alte Ordnung -hast du umgeworfen, und nun nach deinem Tode willst du dich -in meine Haushaltung mischen?«</p> - -<p>»Herr Baron!« sagte der alte Hans mit gerührter Stimme, -»nehmen Sie es einem alten Diener nicht ungnädig auf, aber -wissen Sie noch, was Sie zu dem braven Kapitän sagten, und -was Sie mir oft erzählt haben? Monsieur, haben Sie gesagt, -wenn Sie einst durch Schwaben kommen und in unsere Gegend, -so vergessen Sie nicht, auf Thierberg einzusprechen, daß Sie mich -nicht zu Ihrem ewigen Schuldner machen.«</p> - -<p>Herr von Thierberg aber strich sich nachdenklich mit der -Hand über die Stirne, warf noch einen zögernden Blick auf das -Bild und führte dann Anna zu Robert Willi. »Nimm sie hin!« -sagte er fest und ernst. »Ich habe es nicht tun wollen, aber -vielleicht war es gut, daß <em class="gesperrt">dies</em> alles so kommen mußte; nimm -sie hin!«</p> - -<p>Mit großer Rührung umarmte der General den alten -Mann, und indem Robert überrascht und selig seine Braut, wir -wissen nicht ob zum erstenmal, an seine Lippen drückte, schüttelte -der Gast aus der Mark, um nicht ganz teilnahmlos zu erscheinen, -dem alten Diener herzlich die Hand. Albert hat nachher erzählt, -daß er in jenem feierlichen Augenblick, trotz seines inneren -Widerstrebens, gut napoleonisch gesinnt gewesen sei und zum -erstenmal in seinem Leben jene Macht und Ueberlegenheit gefühlt -und anerkannt habe, die jener große Geist auf die Gemüter -zu üben pflegte.</p> - -<p>Er erzählte auch, daß der alte Thierberg jenen sonderbaren -Tausch niemals bereut habe; er fand in seinem Schwiegersohne -Eigenschaften, die er ihm nie zugetraut hatte, und als er ihn -bei der Verwaltung der Güter seines Vaters mit Rat und Tat -unterstützte, lebte er im Glücke seiner Kinder die Tage seiner -eigenen Jugend wieder.</p> - -<p>Von der Hochzeit des jungen Paares sprach der Gast aus -der Mark nicht gerne, man sah ihm an, daß er lieber selbst mit -der liebenswürdigen Anna vor den Altar getreten wäre. Einen -Zug aber aus diesem glänzenden Tag pflegte er bei Wiederholung -dieser Geschichte nie zu vergessen, vielleicht nur, um jene -schwärmerischen Anhänger Napoleons und seinen neubekehrten<span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span> -Oheim ins Komische zu ziehen. Der alte Gardist des Generals, -erzählte er, habe alle Domestiken und einige junge Burschen zum -Vivatschreien abgerichtet und die schöne Braut mit ins Geheimnis -gezogen; er habe seine Leute unter die Türen des großen -Saales im Schlosse Thierberg gestellt, und als nun mancher -Toast ausgebracht war, sei auch Anna mit dem Kelchglas aufgestanden -und habe mit ihrer süßen Stimme »dem Bild des -Kaisers« die Ehre eines Toasts gegeben. Da wurde der Jubel -rauschend, die Gäste stießen an, Hans und der Gardist schwangen -zum Zeichen ihre Mützen, und wohl aus fünfzig Kehlen schallte -ein jauchzendes: »<em class="antiqua">Vive l'empereur!</em>«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span></p> - -<h2 id="Die_letzten_Ritter_von_Marienburg">Die letzten Ritter von Marienburg.</h2> - -<h3>1.</h3> -</div> - -<p>»Guten Morgen, Neffe der Musen!« rief mit munterem -Ton der junge Rempen einem Bekannten zu, dem er am Markt -begegnete; »Ihre Augen leuchten, Ihre Mienen drücken eine -gewisse Behaglichkeit aus, und ich wollte wetten, Sie haben -heute schon gedichtet.«</p> - -<p>»Wie man will, bester Stallmeister,« entgegnete jener, »in -Reimen zwar nicht, aber an meinem neuen Roman habe ich ein -paar Kapitel geschrieben.«</p> - -<p>»Wie, an einem neuen Roman? Das ist göttlich, auf Ehre! -Aber, bitte Sie, warum so geheim mit solchen Dingen, so verschlossen -gegen die nächsten Bekannten und Freunde? Sonst -ließen Sie doch hin und wieder ein Wörtchen fallen über Anordnung -und Charaktere, lasen mir und anderen einige Strophen; -wie kommt es denn, daß <em class="gesperrt">dies</em> alles nun vorüber ist?«</p> - -<p>»War es euch denn wirklich interessant?« fragte der Dichter -nicht ohne wohlgefälliges Lächeln; »ich muß gestehen, mir selbst -kommt, wenn ich etwas niedergeschrieben habe, alles so leer, so -gemein, so langweilig vor, daß ich mich ennuyierte, wenn ich es -nur in den Revisionsbogen wieder durchlas; da dachte ich denn, -es könnte euch auch so gehen.« –</p> - -<p>»Uns? Gewiß, es machte uns immer Vergnügen!«</p> - -<p>»Gut, lassen Sie uns dort bei dem Italiener eintreten und -etwas trinken, dabei will ich Ihnen den Plan meines neuen –«</p> - -<p>»Wie!« rief der Freund des Dichters lachend. »So frühe -schon am Tage in die Restauration? Sind wir denn Leute aus -einer neumodischen Novelle, daß wir gleich anfangs, des Tages -nämlich, in einem Wirtshaus sitzen müssen, als ob es außer der -Kirche und der Weinstube kein öffentliches Leben mehr geben -könnte?«</p> - -<p>»Wie kommen Sie nur auf diese Vergleichung!« entgegnete -jener. »Wie oft waren wir morgens bei Primavesi!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span></p> - -<p>»Es ging mir nur so durch den Kopf,« sprach der Stallmeister; -»gestehen Sie selbst, seit Tieck mit Marlow und Green -im Wirtshaus zusammenkam, glauben sie alle, es könne keinen -schicklicheren Ort geben, um eine Novelle anzufangen; erinnern -Sie sich nur an die Almanache des letzten Jahres; doch Sie -selbst sind ja solch ein Stück von einem Poeten, und wenn Sie -durchaus heute mit dem Italiener anfangen wollen, so mögen -Sie Ihren Willen haben.«</p> - -<p>»Sie werden erwartet, Herr Doktor Zundler,« sagte der -Italiener, als die beiden Männer in den Keller traten, »der -Buchhändler Kaper sitzt schon seit einer Viertelstunde im Eckstübchen -und fragt oft nach Ihnen.«</p> - -<p>Der Stallmeister machte Miene, sich entfernen zu wollen; -Doktor Zundler aber faßte heftig seine Hand. »Bleiben Sie -immer,« rief er, »kommen Sie mit zu dem Buchhändler; er wird -wohl von meinem neuen Roman gehört haben und mir Verlag -anbieten; da können Sie einmal sehen, wie unsereiner Geschäfte -macht; habe ich ja selbst schon oft Ihren Pferdeeinkäufen beigewohnt.«</p> - -<p>Der Stallmeister folgte; in einer Ecke sah er einen kleinen, -bleichen Mann, der hastig an einem Rippchen zehrte, und so -oft er einen Biß getan, Lippen und Finger ableckte; er erinnerte -sich, diese Figur hie und da durch die Straßen schleichen -gesehen zu haben, und hatte den Mann immer für einen Krämer -gehalten; jetzt wurde ihm dieser als Buchhändler Kaper vorgestellt. -Zur Verwunderung des Stallmeisters sprach er nicht -zuerst den Dichter, sondern ihn selbst an: »Herr Stallmeister,« -sprach er, »schon lange habe ich mich gesehnt, Ihre werte Bekanntschaft -zu machen. Wenn Sie oft an meinem Gewölbe vorbeiritten, -ritten, ich darf sagen, wie ein Gott, da sagte ich immer -zu meinem Buchhalter, und auf Ehre, es ist wahr, Winkelmann, -sagte ich (Sie kennen ihn ja, Herr Doktor), Winkelmann, es -fehlt uns schon lange an einem tüchtigen Pferde- und Bereiterbuch. -Der Pferdealmanach erscheint schon lange nicht mehr, und -was letzthin der Herr Baptist bei den Kunstreitern geschrieben, -ist auch mehr für Dilettanten, obgleich die Vignette schön ist, Sie -haben ja den Menschen persönlich gesehen, Herr Doktor; nun, -sagte ich, ein solches Buch zu schreiben, wäre der Herr Stallmeister -von Rempen ganz der Mann. Etwa fürs erste achtzehn -bis zwanzig Bogen, statt der Kupfer nehmen wir Lithographien –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span></p> - -<p>»Bemühen Sie sich nicht,« erwiderte der junge Rempen, -mit Mühe das Lachen unterdrückend. »Ich bin zum Büchermachen -verdorben; es geht mir nicht von der Hand, und überdies, -Herr Kaper, bei unserem Metier, gerade bei unserem, muß -der jüngere sich bescheiden. Da kommt es auf Erfahrung an.«</p> - -<p>»Und ich dächte, Sie hätten Verlag genug,« sagte der -Doktor, wie es schien, etwas ärgerlich, von dem Buchhändler -nicht gleich beachtet worden zu sein.</p> - -<p>»O ja, Herr Doktor, Verlag genug, was man so verlegene -Bücher nennt; ich könnte Deutschland in allen Monaten, die -ein R haben, mit Krebsen versehen, Sie wissen ja selbst.«</p> - -<p>»Ich will nicht hoffen,« rief der Dichter hoch errötend, -»daß Sie damit etwa mein griechisches Epos meinen –«</p> - -<p>»Mit nichten, gewiß nicht, wir haben doch hundert etwa -abgesetzt und die Kosten so ziemlich gedeckt, und der Herr Doktor -werden mir nicht übelnehmen, wenn ich sage, es war eine frühe -Arbeit, eine Jugendarbeit; hat doch auch Schiller nicht gleich -mit dem ›Tell‹ angefangen, sondern zuerst ›Die Räuber‹ geschrieben, -und überdies noch die erste Ausgabe bei Schwan und -Götz, wo Franz Moor noch in den Turm kommt, die gar nicht -so gut ist als die zweite; aber seit man Ihre vortreffliche Novelle -in der Amathusia für 1827, seit man Ihre Rezensionen und -Kritiken und die Sonette vor vier Wochen gelesen hat, läßt sich -Großes erwarten.«</p> - -<p>Der Dichter schien beruhigt. »Ich habe Sie immer für -einen Mann von gesundem Urteil gehalten, Herr Kaper,« sprach -er mit gütigem Lächeln; »haben Sie vielleicht schon von meinem -neuen Roman gehört?«</p> - -<p>»Ich habe, ich habe,« erwiderte der Buchhändler mit -schlauer Miene; »und wo, raten Sie, wo ich davon gehört habe? -Sie erraten nicht? Warum kommen denn der Herr Doktor so -gerne in mein Gewölbe? Etwa wegen meiner Leihbibliothek, -auf welche Sie immer zu schimpfen belieben, oder wegen des -Vis-à-vis?«</p> - -<p>»Wie!« rief der junge Mann und drückte die Hand des -Buchhändlers, »hätte etwa Elise –«</p> - -<p>»Elise Wicklow, meinen Sie?« fragte der Stallmeister, -etwas näher rückend.</p> - -<p>»Ja, meine Herren! Fräulein Wicklow,« fuhr Herr Kaper, -vertraulich flüsternd, fort, »doch nicht zu laut, wenn ich bitten -darf; denn soeben hat sich der Oberjustizreferendar Palvi dorthin -gepflanzt in seine tägliche Ecke –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span></p> - -<p>»Welcher ist es?« fragte der Stallmeister, sich umkehrend; -»ich hörte mancherlei von diesem Menschen, sonderbares Gerede -von den einen und hohes Lob von anderen; der junge Mann, -der so düster in sein Glas sieht, ist Palvi?«</p> - -<p>»Es ist nicht viel an ihm,« bemerkte der Dichter. »Auf der -Universität – ich war noch ein Jahr mit ihm in Göttingen – -war er so eine Art von Poetaster; einmal las ich ein paar gute -Gedanken von ihm, die er zu einem Fest gemacht hatte; hier -treibt er ein elendes, wüstes Leben und kommt selten in gute -Gesellschaft.«</p> - -<p>»Aber gerade wegen Fräulein Wicklow dürfen wir vor -ihm nicht zu laut werden,« flüsterte der Buchhändler. »Ich -weiß, er kam, als er noch auf Schulen war, zuweilen hinüber -ins Haus, und wie mir meine Tochter sagte, soll einmal ein -Verhältnis zwischen den beiden Leutchen –«</p> - -<p>»Wie?« rief der Stallmeister gespannt.</p> - -<p>»Possen!« entgegnete der Dichter, indem er auf seinen -eleganten Anzug einen Blick herabwarf, »er sieht aus wie ein -Landstreicher; bringen Sie mir Elise auch nicht in Gedanken -mit diesem Menschen zusammen. Ich weiß, sie liebt die Poesie; -alles Erhabene, Schöne gefällt ihr, und sagen Sie aufrichtig, -hat sie von meinem Roman gesprochen?«</p> - -<p>»Sie hat, und wie! Sie ist ein belesenes Frauenzimmer, -das muß man ihr lassen; keine in der ganzen Stadt ist so delikat -in der Auswahl ihrer Lektüre. So kommt es, daß sie immer -in einer Art von Verbindung mit mir steht, und wenn ich etwas -Neues habe, bringe ich es gleich hinüber, denn ich selbst habe -es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein so schönes Kind -›lieber Herr Kaper‹ zu mir sagt und gütig und freundlich ist. -Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, ›Die letzten -Ritter von Marienburg‹, brachte, noch unaufgeschnitten, ich -hatte ihn selbst noch nicht gelesen. Sie hatte eine kindische -Freude und sprach recht freundlich und viel. Und wie wir so -plaudern, komme ich auch auf Ihre Novelle, welche sie ungemein -lobte und Stil und Erfindung pries. Und so sagte sie denn, ob ich -auch schon gehört, daß Sie einen neuen Roman schreiben?«</p> - -<p>»Ja,« fiel der Dichter feurig ein, »und einen Roman -schreibe, Kaper, wie Deutschland, Europa noch keinen besitzt!«</p> - -<p>»Historisch doch?« fragte der Buchhändler zweifelhaft.</p> - -<p>»Historisch, rein geschichtlich, aber dies unter uns!«</p> - -<p>»Historisch! das möchte ich auch raten!« sprach der Verleger, -eine große Prise nehmend. »Das ist gegenwärtig die Hauptsache.<span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span> -Wenn man es so bedenkt, es ist doch eine sonderbare -Sache um den deutschen Buchhandel. Ich war Commis in -Leipzig, als ›Wilhelm Meister‹ zuerst erschien. ›Werther‹ und -›Siegwart‹ waren Mode gewesen, hatten Nachahmung gefunden -lange Zeit. Aber mein Prinzipal sagte: ›Er wird sehen, Kaper -(damals sprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird -sehen, über kurz oder lang geschieht eine Veränderung.‹ So -war's auch; wir gaben anfänglich nicht viel um den ›Wilhelm -Meister‹, es schien uns ein gar konfuses Buch; aber siehe da, -man schrieb allenthalben nach diesem Muster, und mancher hat -sich ein schönes Stück Geld damit gemacht. Wieder eine Weile, -ich hatte meine eigene Handlung etabliert, lag mir oft das Wort -meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im Buchhandel ist -nur Mode. Wer eine neue angibt, ist Meister. Wie ich mich -noch auf etwas Neues besinne und einen Menschen suche, der -etwas Tüchtiges schreiben täte – da haben wir's, kommt Fouqué -mit den Helden und Altdeutschen, und alles machte nach. Und -jetzt hat der Walter Scott wieder eine neue Mode gemacht; ich -möchte mir die Haare ausraufen, daß ich keine Taschenausgabe -machte, und nichts bleibt übrig, als etwa deutsche historische -Romane, die gehen noch.«</p> - -<p>»Fürwahr!« bemerkte der Stallmeister lächelnd, »so habe -ich bisher ohne Brille gelesen, und der deutsche Parnaß ist in -ganz andern Händen, als ich dachte. Nicht um das Interesse -der Literatur scheint es sich zu handeln, sondern um das Interesse -der Verkäufer?«</p> - -<p>»Ist alles so ganz genau verknüpft,« antwortete Herr Kaper -mit großer Ruhe, »hängt alles so fest zusammen, daß es sich um -den Namen nicht handelt! Deutsche Literatur! Was ist sie -denn anders, als was man alljährlich zweimal in Leipzig kauft -und verkauft? Je weniger Krebse, desto besser das Buch, -pflegen wir zu sagen im Buchhandel.«</p> - -<p>»Aber der Ruhm?« fragte der junge Rempen.</p> - -<p>»Der Ruhm? Herr, was nützt mich Ruhm ohne Geld? -Gebe ich eine Sammlung gelehrter Reisen mit Kupfern heraus, -die mich schwer Geld kosteten, so hat zwar meine Firma den -Ruhm, das Buch verlegt zu haben. Aber wer kauft's, wer -nimmt's, wer liest das Ding? Sechs Bibliotheken und ein paar -Büchersammler, das ist alles, und wer geprellt ist, bin ich. Nein, -Herr von Rempen! Eine vergriffene Auflage von einem Roman, -eine Messe von höchstens dreißig Krebsen, das ist Ruhm, der -echte, nämlich Ruhm mit Geld.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span></p> - -<p>»Das ist also ungefähr wie Tee mit Rum, es schmeckt -besser,« erwiderte der Stallmeister, »aber ich meinte den schriftstellerischen -Ruhm.«</p> - -<p>»I nun, das ist etwas anderes,« antwortete er, »den haben -die Herren neben dem Honorar umsonst. Und den weiß man -sich zu machen, sehen Sie –«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>2.</h3> -</div> - -<p>Doch die Forschungen des Herrn Kaper wurden hier auf -eine unangenehme Weise durch einen Lärm unterbrochen, der -im Laden des Italieners entstand. Neugierig sah man nach der -Türe, welche durch ein Glasfenster einen Ueberblick über den -unteren Teil des Gewölbes gewährte. Ein ältlicher und zwei -jüngere Herren schienen in heftigem Streit begriffen; jeder -sprach, jeder focht mit den Händen; der eine stürzte endlich mit -hochgeröteten Wangen aus dem Laden, die beiden andern, noch -keuchend vom Wortkampf, traten in das Gewölbe, wo die Freunde -saßen.</p> - -<p>»Herr Rat! Was ist mit Ihnen vorgefallen!« rief Doktor -Zundler beim Anblick des älteren Mannes, der, ein gedrucktes -Blatt in der Hand zerknitternd, atemlos auf einen Stuhl sank. -»Haben Sie denn nicht gelesen, Doktor Zundler?« antwortete -für den älteren der jüngere Mann, der unmutig und dröhnenden -Schrittes im Zimmer auf und ab ging, »nicht gelesen, wie -wir blamiert sind, nicht gelesen, daß man uns alle zusammen -hier eine poetische Badegesellschaft, eine Bänkelsängerbande -nennt?«</p> - -<p>»Tod und Teufel!« fuhr der Doktor auf. »Wer wagt es, -diese Sprache zu führen? Wer wagt, die ersten Geister der -Nation auf diese Art zu benennen? Ich will nicht von mir -sagen; was habe ich viel getan, um auf einigen Ruhm Anspruch -machen zu können? Aber was für andere Männer finden sich -hier! Sind es nicht – die schönsten Zierden der Nation? So -jung Sie sind, Professor, sind denn nicht alle Blätter voll Ihres -Lobes wegen Ihrer Trauerspiele, und unser Rat –«</p> - -<p>»Aber büßen sollen sie es mir, büßen,« rief der letztere, -»so wahr ich lebe, und Zundler, Sie müssen mithelfen und alle, -die ins Freitagskränzchen kommen. Hab' ich es mir darum -sauer werden lassen zwanzig Jahre lang, daß man jetzt über mich -herfällt, und wegen nichts, als wegen der Rezensionen über den -dummen Roman: ›Die letzten Ritter von Marienburg‹, sonst -wegen nichts!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span></p> - -<p>»Die letzten Ritter von Marienburg,« fragte der Buchhändler, -der als Mann vom Fach mitsprechen zu müssen glaubte; -»mich gehorsamst zu empfehlen, Herr Rat, aber ist es nicht bei -Wenz in Leipzig erschienen, 3 Bände Oktav, Preis 4 Taler -netto?«</p> - -<p>»Und ich will nun einmal diese Schule nicht aufkommen -lassen,« fuhr der Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören; -»woher kommt es, daß man keine Verse mehr lesen will, daß man -die Lyrik verachtet, sei sie auch noch so duftig und gefeilt, daß man -über die tiefsinnigsten Sonette weggeht wie über Lückenbüßer, -woher, als von diesen Neuerungen?«</p> - -<p>»Aber so zeigen Sie doch, ich bitte,« flüsterte der Doktor, -das zerknitterte Papier fassend; »ist es denn wirklich so arg, so -niederschlagend?«</p> - -<p>»Lesen Sie immer,« erwiderte der Rat gefaßter, »lesen -Sie meinetwegen laut, es ist doch in jedermanns Händen; die -Herren sind ja ohnedies Zeugen meines Schmerzens gewesen, -und mögen auch Zeugen sein, wie man Redakteur und Mitarbeiter -eines der gelesensten Blätter behandelt!«</p> - -<p>Der junge Mann entrollte das Blatt. »Wie? In den -Blättern für literarische Unterhaltung? Nein, das hätte ich -mir nicht träumen lassen; die waren ja sonst immer so nachbarlich, -so freundlich mit uns! Ist es die Kritik, die anfängt: ›Ehe -wir noch dieses Buch –‹«</p> - -<p>»Ebendiese, nur zu!«</p> - -<p>»Die letzten Ritter von Marienburg, historischer Roman -von Hüon. 3 Bände. Leipzig. Fr. Wenz.«</p> - -<p>»Ehe wir noch dieses Buch in die Hände bekamen, lasen -wir in den Blättern für belletristisches Vergnügen eine Kritik, -welche uns beinahe den Mut benahm, diesen dreibändigen historischen -Roman nur zu durchblättern. Man kann zwar gewöhnlich -auf das Urteil dieser Blätter nicht viel halten. Es sind -so wenige Männer von Gehalt dabei beschäftigt, daß der wissenschaftlich -Gebildete von diesen Urteilen sich nie bestimmen lassen -kann; doch machte diese Kritik eine Ausnahme. Es ist nämlich eine -Seltenheit, daß die Blätter für belletristisches Vergnügen etwas -durchaus tadeln; selten ist ihnen etwas schlecht genug; aber diesmal -hieben sie so unbarmherzig und greulich ein, daß wir im ersten -Augenblick, auf die kritische Ehrlichkeit solcher Leute trauend, -glaubten, dieser Roman müsse die tiefste Saite der Schlechtigkeit -berührt haben. Doch zu einer guten Stunde entschlossen wir -uns, nachzusehen, wie tief man es in der deutschen Literatur<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> -dermalen gebracht habe. Wir lasen. Aber welch ein Geist -wehte uns aus diesen Blättern an! Welch mächtiges, erhabenes -Gebäude stieg vor unsern Blicken auf; ein Gebäude in so hohem, -erhabenen Stil wie die Marienburg selbst; wir fühlten uns -fortgerissen, versetzt in ihre Hallen; der letzte Großkomtur und -seine Ritter traten uns lebend entgegen, und noch einmal ertönte -jene alte Feste vom Waffenspiel und den kräftigen Stimmen -ihrer tapfern Bewohner. Wir wollen den Dichter nicht -tadeln, daß ein Hauch von Melancholie über seinem Gemälde -schwebt, der keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen gestattet. -Wo ein so großartiges Schicksal waltet, wo ein ganzes, -großes Geschlecht untergeht, da muß ja wohl auch die zarte -Liebe, die nur einen Frühling blühte, mit zu Grabe gehen. In -diesem außerordentlichen Buche ist ein Geist unter uns getreten, -so originell, so groß, so frei, daß er keine Vergleichung zuläßt. -Er nennt sich Hüon, zwar ein angenommener Name, aber gut -gewählt; denn der Verfasser scheint uns nicht minder würdig, von -Oberon mit Horn und Becher beschenkt zu werden als jener -tapfere Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müssen -einen solchen Jünger Meister wie Goethe und Tieck willkommen -heißen, und unsere Zeit darf sich glücklich preisen, einen Mann -wie diesen geboren zu haben.</p> - -<p>»Aber mit tiefer Indignation müssen wir hierbei einer -Clique von Menschen gedenken, die diese edle Blume schon in -ihrem Keim in den Staub drücken wollten. Freilich ist er euch -zu groß, zu erhaben, ihr kleinen belletristischen Seelen; möge -immer diese poetische Badegesellschaft in ihrem lauen Versewasser -auf und nieder tauchen, nur bespritze sie nicht mit -ihrem Schlammwasser den Wanderer, der am Ufer geht und sich -verachtend abwendet. Ein Glück ist es übrigens, daß man anfängt, -in der guten Gesellschaft auf reinere Melodien zu horchen, -daß man diese Bänkelsänger dem Straßenpöbel überläßt.«</p> - -<p class="right"> -»190.« -</p> - -<p>Für den Stallmeister war es ein interessantes Schauspiel, -die Gesichter der Zuhörer zu mustern, während der Dichter mit -schnarrendem Tone diese Kritik ablas. Der Buchhändler, der -ihm zunächst saß, versteckte schlecht seine Neugierde und eine -gewisse Behaglichkeit hinter einer unmutigen Miene. Vielleicht -hatte ihm der Hofrat einmal ein Verlagswerk schlecht rezensiert -oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum Verlegen -gegeben oder irgend einer der »Badegesellschaft« hatte ihn beleidigt. -Er dachte wie so viele kleine Seelen im ähnlichen Falle:<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> -»Gottlob, es ist dafür gesorgt, daß die Rezensenten sich immer -selbst wieder rezensieren.« Der Rat hatte den Mund auf seinen -Stockknopf gepreßt, und seine Augen irrten auf dem Boden; der -Theaterdichter zwang sich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die -ihm vorhin völlig gefehlt hatte. Sein »Ohe!« oder »Ei!«, das -er hin und wieder mit einem kurzen Lachen herauspreßte, klang -unnatürlich. Am merkwürdigsten war dem jungen Rempen ein -stiller Zuhörer, der scheinbar ohne Teilnahme in der Ecke saß, -der Referendär Palvi. Als der Doktor zu lesen anhub, lauschte -er mit niedergeschlagenen Augen, dann ergoß sich plötzlich eine -brennende Röte über seine Stirn und Wangen; sie verschwand -ebenso schnell als der glänzende Blick seiner großen Augen, den -er auf den Lesenden warf, und wer diesen Blick, dieses flüchtige -Erröten nicht gesehen, konnte vor- und nachher glauben, er -schenke weder diesen Literatoren noch der Ursache ihres Aufbrausens -einige Aufmerksamkeit.</p> - -<p>»Nun was sagen Sie dazu?« fragte der Theaterdichter, -nachdem Doktor Zundler geendet hatte. »Sie sind ja auch mit -gemeint, denn zahlreiche Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken -finden sich von Ihrer Arbeit in den Blättern fürs belletristische -Vergnügen.«</p> - -<p>»Schweigen kann man nicht!« rief der Doktor entrüstet. -»Ja, wir stehen alle für <em class="gesperrt">einen</em>, und alle, die ins Freitagskränzchen -kommen, müssen beleidigt sein, müssen sich rächen. Ich -habe in Berlin einen Bekannten, in den Gesellschafter laß ich es -rücken durch die dritte Hand, oder vielleicht nimmt es Doktor -Saphir in die Schnellpost auf, ich kenn' ihn noch von Wien.«</p> - -<p>»In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,« fuhr der -Theaterdichter fort; »ah! wenn nur Marienburg nicht preußisch -wäre, ich wollte mich rächen, wollte, oh! aber so könnte man -alles für Anzüglichkeit nehmen. Und gegen die Blätter für -literarische Unterhaltung kann ich nicht schimpfen, ich habe noch -drei Trauerspiele dort liegen, die noch nicht rezensiert sind. -Aber wo ein Loch offen ist, will ich einen Ausfall machen!«</p> - -<p>»Ich will untergehen,« sagte der Rat pathetisch, indem er -seinen Wein bezahlte und den Hut ergriff, »fallen will ich oder -siegreich hervorschreiten aus diesem Kampf. Die ganze Lyrik -ist in mir beleidigt, auch alle Romantiker, denn wir haben auch -Romanzen gemacht, und diese Hermaphrodriten von Geschichte -und Dichtung, diese Novellenprosaiker, diese Scott-Tieckianer, -diese – genug, ich werde sie stürzen; und damit guten Morgen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p> - -<p>Als dieser Rat nach seinem <em class="antiqua">dixi</em> mit vorgeschobenen Knieen -aus dem Zimmer ging, war er zwar nicht anzusehen wie ein -Ritter, der zum Turnier schreitet, der Professor aber und der -Doktor Zundler folgten ihm in schweigender Majestät; sie -schienen als seine Knappen oder Pagen Schild und Lanze dem -neuen Orlando furioso nachzutragen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>3.</h3> -</div> - -<p>Bei dem Stallmeister hatte diese Szene, nachdem das -Komische, was sie enthielt, bald verflogen war, einen störenden, -unangenehmen Eindruck hinterlassen. Er hatte sich mit der -schönen Literatur von jeher gerade nur so viel befaßt, als ihm -nötig schien, um nicht für ungebildet zu gelten; und auch hier -war er mehr seiner Neigung als dem herrschenden Geschmacke -gefolgt. Er wußte wohl, daß man ihn bemitleiden würde, wollte -er öffentlich gestehen, daß er Smollets Peregrine Pickle für den -besten Roman und einige sangbare Lieder von Kleist für die angenehmsten -Gedichte halte; er behielt dieses Geheimnis für sich, -brummte, wenn er morgens ausritt, sein Liedchen, ohne zu -wissen, welcher Klasse der Lyrik es angehöre, und las, wenn er -sich einmal ein literarisches Fest bereiten wollte, ausgesuchte -Szenen im Peregrine Pickle. Ein paar Almanache, ein paar -schöngeistige Zeitschriften durchflog er, um, wenn er darüber -gefragt würde, nicht erröten zu müssen. So kam es, daß er vor -Schriftstellern oder Leuten, »die etwas drucken ließen«, große -Ehrfurcht hatte; denn seine Seele war zu ehrlich, um ohne -Gründe von Menschen schlecht zu denken, deren Beschäftigung -ihm so fremd war als der Hippogryph seinen Ställen. Um so -verletzender wirkte auf ihn der Anblick dieser erbosten Literatoren. -»Man tadelt es an Schauspielern,« sprach er zu sich, -»daß sie außerhalb des Theaters oft roh und ungebildet sich -zeigen, daß sie Tadel, auch den gerechten, nicht ertragen wollen -und öffentlich darüber schimpfen und schelten. Aber zeigten sich -denn <em class="gesperrt">diese</em> Leute besser? Ist es nicht an sich schon fatal, seinen -Unmut über eine Beschimpfung zu äußern? Muß man das -Wirtshaus zum Schauplatz seiner Wut machen und sich so weit -vergessen, daß man wie ein Betrunkener sich gebärdet? Und -wie schön ließen diese Leute sich in die Karten sehen! Also weil -sie beleidigt sind – vielleicht mit Recht –, wollen sie wieder -beleidigen, wollen ihre Privatsache zu einer öffentlichen machen? -Das also sind die Leiter der Bildung, das die feinfühlenden<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -Dichter, die, wie Freund Zundler sagt, Instrumente sind, die nie -einen Mißton von sich geben?«</p> - -<p>Nicht ohne Kummer dachte er dabei an ein Wesen, das -ihm vor allen teuer war. Der Buchhändler hatte nicht mit -Unrecht geäußert, daß Elise Wicklow ein sehr belesenes Frauenzimmer -sei. Nach Rempens Ansichten über die Stellung und den -Wert der Frauen schien sie ihm beinahe zu gelehrt, in Stunden -des Unmuts nannte er es wohl gar überbildet. Er hatte es -niemand, kaum sich selbst gestanden, daß sie seine stillen Huldigungen -nicht unbemerkt ließ, daß sie ihm manchen gütigen Blick -schenkte, aus dem er vieles deuten konnte. Er war zu bescheiden, -um zu glauben, daß dieses liebenswürdige Geschöpf ihn lieben -könnte, und dennoch verletzte ihn ihr ungleiches, zweifelhaftes -Betragen. Es war eine gewisse Koketterie des Geistes, die das -liebenswürdige Mädchen in seinen Augen entstellte. Wenn er -zuweilen in freundlichem Geplauder mit ihr war, wenn sie so -traulich, so natürlich ihm von ihrem Hauswesen, ihren Blumen, -ihren Vergnügungen erzählte, wenn er sich ganz selig fühlte, -daß sie so lange, so gerne zu ihm spreche, so führte gewiß ein -feindlicher Dämon einen jener Literatoren oder Dichter herbei, -deren diese gute Stadt zwei Dutzend zählte, und Elise war wie -ausgetauscht. Ihre schönen Augen schimmerten dann vor Vergnügen, -ihr schlanker Hals bog sich vor, und ohne auf eine Frage -des guten Stallmeisters zu achten, ohne seine Antwort abzuwarten, -befand man sich mit Blitzesschnelle in einem kritischen -oder literarischen Geplänkel, wo Rempen zwar die ungemeine -Belesenheit, das schnelle Urteil, den glänzenden Witz seiner Dame -bewundern, sie selbst aber bedauern mußte, daß sie dieser Art -von Gespräch, diesem gesuchten Vergnügen sichtbarer entgegenkam, -als es sich für ein Mädchen von achtzehn Jahren schickte.</p> - -<p>»Und an dieses Volk, an diesen literarischen Pöbel wirft sie -ihre glänzendsten Gedanken, ihre zartesten Empfindungen, wirft -sie Blicke und Worte weg, die einen andern als diese gedruckten -Seelen überglücklich machen würden. Und fühlen sie es denn? -Sind sie dadurch geehrt, entzückt? Nur mit ihnen spricht sie -über das, was sie gelesen, als ob sonst niemand lesen könnte, -nur ihnen zeigt sie, was sie gefühlt, als ob gerade diese Versmacher -und Rezensenten die gefühlvollsten Leute wären und ein -so schönes, liebenswürdiges Wesen zu würdigen verständen. -Nein, diese Toren sehen es überdies noch als einen schuldigen -Tribut, als eine geringe Anerkennung ihrer eminenten Verdienste -an, wenn die Krone aller Mädchen mit ihnen schwatzt<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -wie mit ihresgleichen, während andere wackere Leute in der -Ferne stehen. Und diese Menschen, die sich heute so niedrig gebärdeten, -bilden ihren Hofstaat, dies sind die genialen Männer, -mit welchen sie so gerne spricht!«</p> - -<p>Diese Gedanken beschäftigten ihn den ganzen Tag. Sein -Stallpersonal konnte sich heute gar nicht in ihn finden. Der -gutmütige, milde Herr war zu einem rauhen, mürrischen Gebieter -geworden. Die Stallknechte klagten es sich beim Füttern; -acht Pferde hatte er hinausgejagt durch dick und dünn, und jedes -hatte einen andern Fehler gehabt. Die Bereiter hatte er zum -erstenmal streng getadelt, und als es Abend wurde, war man im -Stall darüber einig, dem Stallmeister von Rempen müsse etwas -Außerordentliches begegnet sein, vielleicht sei er sogar in Ungnade -gefallen. Man bedauerte ihn, denn sein leutseliges Wesen -hatte ihn zum Liebling seiner Untergebenen gemacht.</p> - -<p>Und wahrlich, der Abend dieses Tages war nicht dazu gemacht, -diese düsteren Gedanken zu zerstreuen. Der Geheimrat -von Rempen, sein Oheim, gab alle vierzehn Tage einen großen -Klub, in welchem er, das Unmögliche möglich zu machen, die getrenntesten -Extreme zu vereinigen suchte. Dieser Klub hatte -sich früher in drei verschiedene Abteilungen getrennt. Es war -in jener Stadt eine literarische Sozietät, deren Mitglied der -alte Rempen war; sie versammelte sich, um zu lesen, zu rezensieren, -gelehrt zu sprechen; an einem andern Tage war großer, -umwechselnder Singtee, an einem dritten Abend Tanzunterhaltung. -<em class="antiqua">Tria juncta in uno</em>, drei Köpfe unter <em class="gesperrt">einem</em> Hut, -sagte der alte Rempen und lud sie alle zusammen ein. Der -bunteste Wechsel schien ihm die interessanteste Unterhaltung, -und darum preßte er wie ein Seelenverkäufer Literatoren, Soldaten, -Justizleute, lese-, gesang- und tanzlustige Damen und -packte sie in seinen Salon zusammen, zu Tee und Butterbrot, -in der festen Ueberzeugung, die wahre Springwurzel der Unterhaltung -gefunden zu haben. Für seinen Neffen aber vereinigten -sich Himmel und Fegfeuer in diesem Klub. Er hörte Elisen -singen; seine nahe Verwandtschaft zu dem alten Rempen, der -keinen Sohn hatte, machte es ihm möglich, wie ein Kind des -Hauses, nicht wie ein Gast aufzutreten und mit Elisen ungestört -zu tanzen und zu plaudern. Aber seine Höllenqualen begannen, -wenn er den Oheim, umgeben von einem Kreise älterer -und jüngerer Herren, mit wichtiger Miene etwas erklären sah, -wenn er endlich ein Buch aus der Tasche zog, durchblätterte, es -im Kreise umher zeigte und die Herren vor Freude stöhnten: –<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -»Ah – etwas Neues, schon gelesen? göttlich – vorlesen, bitte -vorlesen – Professor am besten lesen – in den Saal und lesen.« -– »Lesen, vorlesen!« tönte es dann von dem Munde älterer -Damen und jener Herren, die nicht tanzen wollten, und Elise -– nahm mit einer kurzen Verbeugung Abschied, drängte sich -in den literarischen Kreis, wurde als Königin des guten Geschmacks -begrüßt, hatte gewöhnlich das Buch schon gelesen, -stimmte für die Vorlesung und war für den armen Stallmeister -auf den ganzen Abend verloren.</p> - -<p>Mit diesen trüben Erinnerungen gelangte er an das Haus -seines Oheims. Er war eben im Begriff einzutreten, als das -Gespräch zweier Männer, die sich diesem Hause näherten, seine -Aufmerksamkeit auf sich zog. Soviel der matte Schein einer -fernen Laterne erraten ließ, war der eine ein ältlicher, dürftig -gekleideter Mann, der andere jünger, höher und festlich gekleidet.</p> - -<p>»Brüderchen!« sprach der ältere mit einem Accent, der -nicht dieser Gegend angehörte; »Brüderchen, bleibt mir aus -dem fatalen Haus! So oft Ihr wieder herauskommt, seid Ihr -zwei, drei Tage ein geschlagener Mann. Laßt die Bursche dort -oben in Gottes Namen auf Stelzen gehen und Unsinn schwatzen, -bleibt aber nur Ihr hinweg, 's ist noch Euer Tod!«</p> - -<p>»Ich muß sie sehen, Alter!« sprach der jüngere, »ich muß sie -hören. Es gehört zu meinem Glück, sie gesehen zu haben.«</p> - -<p>»Ihr seid ein Narr!« erwiderte der andere, »sie mag Euch -nicht, sie will Euch nicht. Ihr seid ein armer Teufel und gehört -nicht in diese Sozietät. Aber fassen kann ich Euch nicht! -'s gehört ein Wort dazu, nur ein Wörtchen, ein bißchen von -einem Geständnis, und Ihr könnt vielleicht glücklich sein. Geh -fort, geh fort; scherwenze in der nobeln Welt, werde ein Schuft -wie alle und vergiß den alten, armen Bunker, lebe wohl, will -nichts mehr von dir.«</p> - -<p>Er wollte unmutig weggehen, aber der junge Mann hielt -ihn auf. »Sei vernünftig,« bat er; »willst auch du mich noch -elend machen? Tu es immer, laß mich liegen wie einen Hund, -wenn du es über dein Herz vermagst. Ich bin ja ohnedies unglücklich -genug.«</p> - -<p>»Jammere nur nicht so!« sprach der Alte gerührt. »Geh -hinauf, wenn du es nicht lassen kannst; aber bleibe nicht da, -wenn sie vorlesen; du ärgerst dich! Komm zu mir!«</p> - -<p>»Ich komme,« erwiderte der jüngere nach einigem Nachsinnen. -»Um zehn Uhr will ich kommen. Wohin?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span></p> - -<p>»Heute in den Entenzapfen, im Rosmarin ist heilloses -Volk, Schneider und Schuster und die Affen und Bären aus -den Druckereien, es ist heute Montag. Aber Brüderchen, im -Entenzapfen ist Cerevis, man trinkt es in Augsburg nicht -besser.«</p> - -<p>Ein Wagen mit hellglänzenden Laternen rollte in diesem -Augenblick auf das Haus zu, der junge Mann sagte eilig zu, -und der Alte schlich langsam die Straße hin. Der Stallmeister -konnte sich kaum von seinem Erstaunen erholen. Wer konnte -aus so sonderbarer Gesellschaft in den Tanzsaal seines Oheims -kommen? Noch sonderbarer schien es ihm, daß man diesen -glänzenden Klub, der alle geistreiche und noble Welt der Stadt -vereinigte, verlassen wollte, um in dem Entenzapfen Bier zu -trinken, in einer Winkelkneipe, die er kaum dreimal von seinen -Stallknechten hatte rühmen gehört. Er setzte dem sonderbaren -Gast, der flüchtig die Treppe hinaneilte, nach, er holte ihn im -hell erleuchteten Korridor ein, er ging an ihm vorüber, sah sich -um und erblickte das düstere Auge und die markierten Züge -des Referendärs Palvi.</p> - -<p>Verworrene Gedanken flogen vor seiner Seele vorüber, -als er ihn erkannte; seine Worte: »Ich muß sie sehen,« der -Wink des Buchhändlers, Palvi sei früher in einem Verhältnis -zu Elisen gestanden, Staunen über die sonderbaren Reden mit -dem Alten, wunderliche Sagen, die er früher über diesen Palvi -vernommen, alle diese Gedanken wollten auf einmal zur Klarheit -dringen und machten, daß er sich vornahm, über <em class="gesperrt">eines</em> -wenigstens sich diesen Abend Gewißheit zu verschaffen, über sein -Verhältnis zu Elisen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>4.</h3> -</div> - -<p>Der größte Teil der Gesellschaft hatte sich schon versammelt, -als die jungen Männer eintraten. Des Stallmeisters scharfes -Auge durchirrte den Damenkreis, der an den Wänden hin sich -ausbreitete; er fand endlich Elisen an einem fernen Fenster im -Gespräch mit seiner Tante; aber ihr schönes Gesicht hatte nicht -den Ausdruck von Heiterkeit und Laune, die er sonst so gerne -sah, sie lächelte nicht, sie schien verstimmt. Es kostete ihn -einige künstlich angeknüpfte Gespräche, einige Neuigkeiten vom -Hofe, im Vorübergehen erzählt, um sich an jenes Fenster durchzuwinden.</p> - -<p>Die Tante sprach so eifrig, Elise hörte so aufmerksam zu, -daß er endlich die herabhängende Hand der Tante erfassen und<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -ehrerbietig küssen mußte, um sich bemerklich zu machen. Elisens -Wangen glühten, als sie ihn erblickte, und die Tante rief staunend: -»Wie gerufen, Julius! Ich sprach soeben mit dem Fräulein -von dir, du kannst dir etwas darauf einbilden, so gut wird -es dir nicht alle Tage.«</p> - -<p>»Und was war der Inhalt Ihres Gespräches, wenn man -fragen darf?«</p> - -<p>»Deine Klagen von letzthin,« erwiderte die Tante lachend. -»Dein Kummer, daß dich das Fräulein mitten in der Rede -stehen gelassen habe, um mit irgend einem eminenten Dichter zu -verkehren. Doch am besten machst du dies mit Fräulein Elise -selbst aus,« setzte sie hinzu und ging weiter.</p> - -<p>Elise schien sich wirklich einer kleinen Schuld bewußt, denn -sie schlug die Augen nieder und zögerte zu sprechen; als aber -Rempen bei seinem unmutigen Schweigen verharrte, sagte sie -halb lächelnd, halb verlegen: »Ich gestehe, es war nicht artig, -und sicher würde ich es mir gegen einen Fremden nicht erlaubt -haben; aber daß <em class="gesperrt">Sie</em> mir dergleichen übelnehmen, da Sie -meine Weise doch kennen –«</p> - -<p>»So stünde ich Ihnen denn näher als jene gelehrten und -berühmten Herren?« erwiderte er, freudig bewegt. »Darf es -sogar als ein Zeichen Ihres Zutrauens nehmen, wenn Sie mich -so plötzlich verlassen, um zu jenen zu sprechen?«</p> - -<p>»Sie sind zu schnell, Herr Stallmeister!« sagte sie. »Ich -meinte nur, weil Sie meine Eltern kennen und ich viel zu -Ihrer Tante komme, müsse man die Konvenienz nicht so genau -berechnen. Und muß man denn im Leben alles so ängstlich -berechnen?«</p> - -<p>Sie bemerkte dies halb zerstreut, und es entging Rempen -nicht, daß ihr Auge eine andere Richtung genommen habe, als -zu ihrer Rede passe, er verfolgte diesen Blick und traf auf Palvi, -der mit einem ältlichen Herrn sprach und zugleich seine Blicke -brennend und düster auf Elisen heftete. Ein tiefer Atemzug -stahl sich aus ihrer Brust, als sie ihre Augen, die weder zärtlich -noch freudig glänzten, von ihm abwandte. Sie errötete, als sie -bemerkte, wie ihr Nachbar die Richtung ihrer Blicke bemerkt -habe, und halb verlegen, halb zerstreut flüsterte sie: »Wie -kommt doch er hieher zu Ihrem Onkel?«</p> - -<p>Der Stallmeister war so boshaft, sie zu fragen, wen sie -denn meine.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p> - -<p>»Den Referendär Palvi,« antwortete sie leichthin, als wollte -sie ihre vorige Frage verbessern, »er ist vielleicht mit Ihrem -Hause bekannt?«</p> - -<p>»Ich kenn' ihn nicht,« erwiderte der Stallmeister etwas -ernst; »doch warum sollte er nicht hier sein? Kennen Sie ihn -vielleicht? Man sagt, es sei ein Mann von schönen Talenten, -der –«</p> - -<p>»Wie freut es mich, dich wieder gesund zu sehen, Klothilde!« -rief seine Nachbarin und hüpfte auf ein Mädchen zu, das sechs -Schritte von ihr entfernt stand; verblüfft, als hätte er einen -dummen Streich begangen, stand der Stallmeister und sah ihr -nach.</p> - -<p>Man hatte indessen um Ruhe und Stille gebeten; ein Fräulein -von kleiner Gestalt, aber gewaltiger Stimme wollte sich -hören lassen und stellte sich zu diesem Zweck auf ein gepolstertes -Fußbänkchen hinter ein elegantes Notenpult. Die Männer setzten -sich Stühle hinter die Frauen, die Frauen machten erwartungsvolle -Mienen, und es war so tiefe Stille in dem großen -Zimmer, daß man nur die Bedienten hin und wieder »Ist's gefällig« -brummen hörte, wenn sie Tee anboten. Beim ersten -Takt, den man zur Begleitung des kleinen Fräuleins auf dem -Flügel anschlug, entwich der junge Rempen in ein Nebenzimmer, -um ungestört seinen Gedanken nachzuhängen; er zog weiter, -wandelte einigemal im Salon auf und ab, bog dann in die nächste -Türe, dem Ende der Enfilade zu. Im letzten Zimmer saß ein -Mann in einem Sofa, der die Stirne in die Hand gelegt hatte. -Bei Rempens Nähertreten wendete er den Kopf, und den Stallmeister -hatte seine schnelle Ahnung nicht betrogen, es war Palvi.</p> - -<p>»Auch Sie scheinen die Musik nicht in der Nähe zu lieben,« -sagte Julius, indem er sich zu ihm auf das Ruhebett setzte; -»kaum bis hieher dringen die zarteren Töne.«</p> - -<p>»Es geht mir damit wie mit dem Geruch stark duftender -Blumen,« erwiderte Palvi mit angenehmer Stimme. »Mit -diesen Düften in einem verschlossenen Zimmer zu sein, macht -mich krank und traurig, aber im Freien, so aus der Ferne -atme ich ihren Balsam mit Wollust ein, ich unterscheide und -errate dann jede einzelne Nuance, ich möchte sagen, jede Schattierung, -jeden Ton, jeden Uebergang des Geruches.«</p> - -<p>»Sie haben recht, jede Musik gewinnt durch Entfernung,« -bemerkte Rempen; »aber das jammervollste ist mir, jemand -singen sehen zu müssen. Besonders ängstigt mich die kleine -Person, die jetzt eben etwas vorträgt. Sie ist nett, beinahe zierlich<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span> -gebaut, aber alle Gliederchen <em class="antiqua">en miniature</em>. Nun stellt man -sie immer auf ein Fußbänkchen, damit sie gesehen wird. Hinter -ihr steht der Musikdirektor mit der Violine. Von Anfang macht -es sich ganz gut. Der Direktor spielt <em class="antiqua">piano</em> und verzieht höchstens -den Mund links und rechts nach dem Strich seines Fiedelbogens, -nach und nach kommt er ins Feuer, ›<em class="antiqua">Forte, piu forte</em>‹, -flüstert er und wackelt mit dem Kopf; jetzt fängt auch die Kleine -an sich zu heben; anfänglich wiegt sie sich auf den Zehen und bewegt -die Ellbogen, als nähme sie einen kleinen Anlauf zum -Fliegen; doch <em class="antiqua">crescendo</em> mit des Musikers Perpendikularbewegungen -schreiten ihre Gebärden vor, sie weht und rudert mit den -Armen, sie hebt und senkt sich, bis sie im höchsten Ton auf den -Zehenspitzen aushält und – wie leicht kann da die Fußbank umschlagen!«</p> - -<p>Der Referendär lächelte flüchtig: »Beinahe noch verschiedener -als beim Lachen gebärden sich die Menschen, wenn sie -singen,« sagte er. »Haben Sie nie in einer evangelischen Kirche -die Mienen der Weiber unter dem Gesang betrachtet? Betrachten -Sie ein zartes, schwärmerisches Kind von sechzehn -Jahren, das mit rundgewölbten Lippen, Frieden und Andacht -in den Zügen, die zarten Wimpern über die feuchten Augen -herabsenkt, seinen Schöpfer lobt. Sie können aus den vielen -Hunderten ihre Stimme nicht herausfinden, und doch sind Sie -überzeugt, sie müsse weich, leise, melodisch sein. Setzen Sie -neben das Kind zwei ältliche Frauen, die eine wohlbeleibt, mit -gut genährten Wangen und Doppelkinn, die Augen gerade vor -sich hinstarrend, die andere etwas vergelbt, mit runzligen, -dürren Zügen und spitzigem Kinn, auf die gebogene Nase eine -Brille geklemmt – und Sie werden erraten können, daß die -Dicke einen hübschen Baßton murmelnd singt, die andere in die -höchsten Nasentöne und Triller hinaufsteigt.«</p> - -<p>»Sie scheinen genau zu beobachten,« antwortete lachend der -Stallmeister. »Es fehlt nur noch, daß Sie die dicke Frau mit -dem murmelnden Baßton für die Mutter der Kleinen, die -spitzige aber für ihre ledige Tante ausgeben, eine alte Jungfer, -die nicht sowohl von unserem Herrgott als von den Nachbarinnen -gehört sein will. Was sagen Sie aber zu der sonderbaren -Gewohnheit der Primadonna unserer Oper? In den tiefen -Tönen ist ihr hübsches Gesicht ernsthaft, beinahe melancholisch; -wenn sie aber aufsteigt, klärt es sich auf, und hat sie nur erst -die oberen Doppeltgestrichenen hinter sich, so schließt sie die -Augen wie zu einem seligen Traum, sie lächelt freundlich und<span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span> -hold, und lächelt, bis sie wieder abwärts geht. Gleichgültig ist -ihr dabei, was sie für Worte singt. Sie könnte in den tiefsten -Tönen: ›Ich liebe dich, meines Herzens Wonne,‹ singen und -ungemein ernsthaft dabei aussehen, und könnte ebenso leicht -›Ich sterbe, Verräter!‹ in den höchsten Rouladen schreien und -ganz hold und anmutig dazu lächeln. Wie erklären Sie dies?«</p> - -<p>»Es ist nicht schwer zu erklären,« entgegnete Palvi nach -einigem Nachsinnen; »die tiefen Töne fallen ihr etwas schwer; -sie muß drücken, etwa wie man einen großen Bissen hinabwürgt, -und unmöglich kann sie das mit heiterem Gesicht; mit den hohen -Tönen geht es aber wohl folgendermaßen zu: als sie noch jung -war und die höheren Töne sich erst in ihrer echten Kraft bildeten, -mochte sie einen Lehrmeister haben, der ihr unerbittlich -alle Tage die Skala bis oben hinauf vorgeigte. Für einen -klaren höchsten Ton bekam sie wohl ein Stück Kuchen, ein Tuch -oder sonst dergleichen etwas; je höher sie es nun brachte, desto -freudiger strahlte ihr Gesicht vor Vergnügen über ihre eigenen -Töne, und so mochte sie sich angewöhnt haben, mit der freundlichsten -Miene zu singen: ›Ich verzweifle!‹«</p> - -<p>In diesem Augenblick ertönte eine reine, volle Frauenstimme -in so schmelzenden, süßen Tönen, daß die beiden Männer -unwillkürlich ihre Rede unterbrachen und lauschten. Eine -leichte Röte flog über Rempens Gesicht, denn er erkannte diese -Stimme. Sein Auge begegnete dem dunkeln Auge Palvis, das -wohl eine Weile prüfend auf seinen Zügen verweilt haben -mochte.</p> - -<p>»Kennen Sie die Stimme?« fragte Rempen etwas befangen.</p> - -<p>»Ich kenne sie,« erwiderte jener und stand auf.</p> - -<p>»Und wollen Sie sich den Genuß vermindern und näher -treten?«</p> - -<p>»Ich möchte wohl auch die Worte des Textes hören,« entschuldigte -sich jener nicht ohne Verlegenheit.</p> - -<p>Der Stallmeister folgte ihm; Palvi schwebte schnellen, aber -leisen Schrittes über den Boden hin und setzte sich unweit des -Zimmers nieder, wo Elise sang, auf ein Bankett, indem er -Rempen durch einen stummen Wink einlud, sich neben ihn zu -setzen. Sie lauschten; es war die bekannte Melodie einer jener -alten französischen Romanzen, die, indem sie durch ihren ungekünstelten -Wohllaut dem Ohre schmeicheln, in mutigen Tönen -das Herz erheben; aber ein deutscher Text war untergelegt, -Worte, von welchen die Sängerin selbst wunderbar ergriffen<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -schien, denn sie trug sie mit einem Feuer vor, das ihre Zuhörer -mit erfaßte.</p> - -<p>Der junge Rempen fühlte sein Herz von Liebe zu der -Sängerin wie von dem hohen Schwung ihres Gesanges mächtiger -gehoben; aber mit Verwunderung und Neugierde sah er -die tiefe Bewegung, die sich auf den Zügen seines Nachbars -ausdrückte. Seine Augen strahlten, sein Haupt hatte sich mutig -und stolz aufgerichtet, und um Wangen und Stirne wogte eine -dunkle Röte auf und ab, jene Röte, die ein erfülltes, von irgend -einer mächtigen Freude überraschtes Herz verrät.</p> - -<p>Mit gekrümmtem Rücken, auf den Zehenspitzen schlich jetzt -der Oheim Rempen heran. Schon von weitem drückte er seinem -Neffen durch beredtes Mienenspiel seinen Beifall über den herrlichen -Gesang aus, und als er nahe genug war, flüsterte er: -»Heute singt sie wieder wie die Pasta, voll Glut, voll Glut; und -der schöne Text, den sie untergelegt hat! – er ist aus einem -neuen Roman, die letzten Ritter von Marienburg.«</p> - -<p>Der junge Mann winkte seinem Oheim ungeduldig, stille -zu sein; der Alte schlich weiter zu einer anderen Gruppe, und -die beiden lauschten wieder ungestört, bis der Gesang geendet -war.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>5.</h3> -</div> - -<p>Rauschender Beifall füllte nun das Gemach, man drängte -sich um die Sängerin, und auch Rempen folgte seinem Herzen, -das ihn zu Elisen zog. Aber schon war sie von einem halben -Dutzend jener Literatoren umlagert, die ihn immer verdrängten. -»Welch herrliches Lied!« hörte er den Doktor Zundler sagen, -»welche Kraft, welche Fülle von Mut, und wie zart gehalten!« -Doch dem Stallmeister entging nicht, daß der Hofrat, der ebenfalls -bei der Gruppe stand, den jungen Doktor durch einen -freundschaftlichen Rippenstoß aufmerksam darauf zu machen -schien, daß er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Er erschrak, errötete -und fragte in befangener Verlegenheit, woher das Fräulein -das schöne Lied habe?</p> - -<p>»Es ist aus den letzten Rittern von Marienburg, von -Hüon.« Ein Gemurmel des Staunens und Beifalls lief durch -die dichten Massen, als man diesen Titel hörte. »Wie, ein -neuer Roman? – Ah, derselbe, welchen die Blätter fürs -belletristische Vergnügen so tüchtig ausg– Sie sind ja da, leise, -leise. – – Wo kann man den Roman sehen?« – So wogte -das Gespräch und Geflüster auf und ab, bis der Wirt des Hauses<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span> -mit triumphierendem Lächeln ein Damenkörbchen an seidenen -Bändern in die Höhe hielt, es öffnete und ein Buch hervorzog. -Er schlug den Titel auf, er zeigte ihn der gespannten Gesellschaft, -und mit freudigem Staunen las man in großen gotischen -Lettern: »Die letzten Ritter von Marienburg.« – »Vorlesen, -bitte, vorlesen,« tönte es jetzt von dreißig, vierzig schönen Lippen, -und selbst die jungen Männer, die sonst diese Unterhaltung -weniger liebten, stimmten für die Vorlesung. Aber eine -nicht geringe Schwierigkeit fand sich jetzt in der Wahl des -Vorlesers; denn jene Literatoren, die sonst in diesem Zirkel -dieses Amt bekleidet hatten, stemmten sich heute bestimmt dagegen; -der eine war erhitzt, der andere hatte Katarrh, der dritte -war heiser, und allen war die Unlust anzusehen, daß nicht ihre -eigenen Produkte, sondern fremde Geschichten vorgelesen werden -sollten.</p> - -<p>»Ich wüßte keinen Besseren vorzuschlagen,« sagte endlich -ein Kriminalpräsident von großem Gewicht, »als dort meinen -Referendär Palvi; wenigstens zeugen seine Referate von sehr -guter Lunge und geschmeidiger Kehle.« Indem der Kriminalpräsident -seinen eigenen Witz belachte und im Chorus sechs -Juristen pflichtgemäß mit einstimmten, verbeugte sich der junge -Mann, an welchen die Rede ging, während eine flüchtige Röte -über sein Gesicht zog, und zur Verwunderung der Gesellschaft, -die ihn sehr wenig kannte, ergriff er das Buch und die Tasche -und fragte bescheiden, welcher von den Damen beides gehöre?</p> - -<p>Dem Stallmeister, der hinter ihm stand, hatte dies längst -sein scharfes Auge gesagt. Elise war flüchtig errötet, als der -Onkel den Beutel emporgehoben und das Buch daraus hervorgeholt -hatte. Als aber Palvi anfragte, als er mit seinem -dunkeln Auge den Kreis der Damen überstreifte und bei ihr -stillestand, da goß sich ein dunkler Karmin über Stirne, Wangen -und den schönen Hals des Fräuleins; sie schien überrascht, verlegen, -und als jene Röte ebenso schnell verflog, schien sie sogar -ängstlich zu sein. »Das Buch gehört mir, Herr von Palvi,« -sagte sie schnell und mit einem kurzen Blick auf ihn. »Und werden -Sie erlauben, daß daraus vorgelesen wird? Daß <em class="gesperrt">ich</em> -daraus vorlese?« fragte er weiter.</p> - -<p>»Ich habe hier nichts zu bestimmen,« erwiderte sie, ohne -aufzusehen, »doch das Buch steht zu Diensten.«</p> - -<p>»Nun dann nicht gesäumt!« rief der Oheim. »Sessel in -den Kreis und ruhig sich gesetzt und andächtig zugehört, denn ich -denke, wir werden einen ganz angenehmen Genuß haben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span></p> - -<p>Man tat nach seinem Vorschlag; in bunten Kreis setzte sich -die zahlreiche Gesellschaft, und sei es, daß man auch hier Fräulein -Elise als literarische Königin ansah, oder war es eine sonderbare -Fügung des Zufalls, der Vorleser kam so gerade ihr -gegenüber zu sitzen, daß, so oft sie die Augen aufhob, diese -schönen Augen auf ihn fallen mußten.</p> - -<p>»Aber, Freunde,« bemerkte die Dame vom Hause, »dieser -Roman hat, soviel ich weiß, drei Bände; wollen wir sie alle anhören, -so kommt unsere junge Welt heute nicht mehr zum Tanzen, -und wir andern nicht zum Spiel; ich denke, man wählt die -schönsten Stellen aus.«</p> - -<p>»Wer aber soll sie wählen?« fiel ihr Gatte ein. »Das Ding -ist nagelneu, niemand hat es gelesen; doch Fräulein Wicklow -wird uns helfen können. Können Sie nicht schöne Stellen andeuten -und uns den Faden des übrigen geben?«</p> - -<p>Man bat so allgemein, so dringend, daß Elise nach einigem -Zögern nachgab. »Der Roman,« sagte sie, »spielt, wenn ich mir -die Jahreszahl richtig gemerkt habe, in den Jahren 1455 bis -1456 in und um Marienburg in Ostpreußen. Der Deutsche -Orden ist von seinen früheren einfachen und reinen Sitten abgekommen; -dies und innerer Zwiespalt, wie Neid und Anfeindungen -von allen Seiten her, drohen einen baldigen Umsturz -der Dinge herbeizuführen, wie denn auch durch den Verrat -böhmischer Ordenssoldaten, gegen Ende des dritten Teils, -Marienburg für den Orden auf immer verloren geht. Auf -diesem geschichtlichen Hintergrund ist aber die interessante Geschichte -eines Verhältnisses zwischen einem jungen deutschen -Ritter und einem Edelfräulein aufgetragen. Sie ist die Tochter -des Kastellans von Marienburg, eines geheimen und furchtbaren -Feindes des Ordens, der, anscheinend dem Deutschmeister -befreundet, nur dazu in Marienburg lebt, um jede Blöße des -Ordens den Polen zu verraten. Der Roman beginnt in der -Ordenskirche, wo die Ritter und viele Bewohner von Marienburg -und der Umgegend bei einem feierlichen Hochamt versammelt -sind, um den Tag zu feiern, an welchem vor vielen -Jahren der erste Komtur mit seinem Konvent in dieser Burg -einzog. Der letzte Meister, Ulrich von Elrichshausen, ein -Mann, der sich dem nahenden Verderben noch entgegenstemmen -will, hält eine eindringliche Rede an die Ordensglieder. Der -Gottesdienst endet mit einer feierlichen, lateinischen Hymne. -Indem zwei der jüngsten Ritter, nach der Sitte bei solchen -Gelegenheiten, den vornehmsten fremden Besuchern das Geleite<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -bis in den Vorhof geben, bemerkt der eine von ihnen, daß der -andere im Vorbeistreifen ein kleines Päckchen in die Hand einer -verschleierten Dame gedrückt habe. Die Kirche ist leer, und im -zweiten Kapitel fragt nun der erstere den zweiten um die Bedeutung -dessen, was er gesehen. Er ist sein Waffenbruder, ein -Bündnis, das nach der Sitte der Zeit fester als irgend ein -Freundschaftsband galt, und Elrichshausen, der Neffe des Meisters, -der Held des Romans, gesteht ihm endlich sein Verhältnis -zu der Dame, erzählt ihm von seinem Leben, seinen trostlosen -Aussichten.</p> - -<p>»Der Freund ratet ab, Kuno aber verschmäht jede Warnung -und bittet jenen, er möchte ihn an diesem Abend zu einer -Zusammenkunft mit der Geliebten begleiten. Diese Zusammenkunft -in einem verfallenen Teil des älteren Schlosses ist so -schauerlich schön, daß ich möchte, sie würde ganz gelesen.«</p> - -<p>Palvi las. Wer je ein Buch, das er sonst nicht kannte, in -Gesellschaft vorgelesen, der weiß, daß etwas Beunruhigendes in -dem Gedanken liegt, daß man mit gehaltener Sicherheit auf -einem Felsenpfade gehen soll, den man noch nie betreten. Dieses -beängstigende Gefühl wächst, wenn es ein Gespräch ist, das man -vorträgt. Man kann den Atem, den Rhythmus, den Ausdruck -der Empfindung nicht richtig abmessen und verteilen, man weiß -nicht, ob jetzt die höchste Höhe der Lust ausgedrückt ist, ob jetzt -der Dichter die tiefste Saite der Wehmut berührt habe, ob er -nicht noch tiefere Akkorde anschlagen werde; und der Zuhörer -pflegt diese Unsicherheit störend mitzuempfinden. Aber wunderbar -las dieser junge Mann, den ein zufälliger Scherz seines -Vorgesetzten zum Vorleser gestempelt hatte. Es war, als lese er -nicht mit den Augen, sondern mit der Seele ohne dieses Organ, -als spreche er etwas längst Gedachtes, eine Erinnerung aus, -als kenne er den Inhalt, den Geist dieser Blätter, und sein -Gedächtnis habe das Buch nur wegen der zufälligen Wortstellung -von nöten. Wenn das, was er las, nicht durch Inhalt und -Form so großartig, dieses Gespräch zweier Liebenden so neu, so -bedeutungsvoll gewesen wäre, diese Art, etwas vorzutragen, -hätte zur Bewunderung hinreißen müssen.</p> - -<p>Wir fürchten zu ermüden, wollten wir den Gang der Gefühle -im Gespräch dieser Liebenden verfolgen. Wir bemerken -nur, daß der jüngere Teil dieser Gesellschaft mächtig davon ergriffen -wurde, daß Fräulein Elise, die anfangs den Vorleser mit -scheuen, staunenden Blicken angesehen hatte, in tiefer Rührung<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span> -die Augen senkte und kaum so viel Fassung fand, ihre Erzählung -weiter fortzusetzen.</p> - -<p>»Die Liebenden,« sagte sie, »so wenig Trost im Schluß -dieser Szene lag, sind zufrieden in dem Gedanken an die Gegenwart. -Je dunkler aber die Zukunft vor ihnen liegt, desto angenehmer -dünkt es ihnen, die Gegenwart mit schönen Träumen -auszufüllen. Der Deutschmeister bekommt die Nachricht, daß -der Kaiser, von den Einflüsterungen Polens halb besiegt, dem -Orden zürne, ihm namentlich innere Zügellosigkeit vorwerfe. -Der Meister versammelt daher ein Kapitel, wo er die Ritter -anredet. Diese Stelle ist eine der trefflichsten im Buche, denn -der Verfasser befriedigt hier auf wunderbare Weise zwei Interessen. -Indem der Meister die Verhältnisse des Ordens bis -auf die zartesten Nuancen aufdeckt und berechnet, bekommt der -Leser nicht nur ein schönes Bild von dem einsichtsvollen, umsichtigen -Ulrich von Elrichshausen, von der erhabenen Würde -eines Nachfolgers so großer Meister, von der gebietenden Stellung -eines Herrschers auf Marienburg, sondern er bekommt auch -auf ungezwungene und natürliche Weise eine Uebersicht über die -historische Basis des Romans. Der Meister schärft die Haus- -und Sittengesetze und schließt mit einer furchtbaren Drohung -für den Uebertreter.</p> - -<p>»Der Held des Romans, voll schönen Glaubens an alles -Edle und Reine, sieht in seiner Freundschaft für Wanda, so -heißt das Fräulein, kein Unrecht. Er setzt, begleitet von seinem -Freunde, die nächtlichen Zusammenkünfte fort. In eine derselben -ist ein wunderschönes Märchen eingewoben, eine Sage, -die man auch mir in meiner Kindheit oft erzählt haben muß, -denn sie klang mir wie alte Erinnerungen.«</p> - -<p>Sie hielt inne; mit einem Blick voll Liebe und Wehmut -fragte Palvi, ob er das Märchen lesen solle? Sie nickte ein -kurzes Ja, und er las. Der junge Rempen hatte während des -Märchens sein Auge fest auf Elisen gerichtet. Er bemerkte, daß -sie anfangs heiter zuhörte, mit einem Gesicht, wie man eine bekannte -Lieblingsmelodie hört und die kommenden Wendungen -zum voraus erratet; nach und nach wurde sie aufmerksamer; es -kamen einige sonderbare Reime vor, die Palvi so rasch und mit -so eigenem, singendem Tone vortrug, daß sie dadurch tief ergriffen -schien; Erinnerungen schienen in ihr auf und nieder zu -tauchen, sie preßte die Lippen zusammen, als unterdrücke sie -einen inneren Schmerz; er sah, wie sie bleich und immer blässer -wurde, er sah sie endlich ihrer Nachbarin etwas zuflüstern, sie<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -standen beide auf, aber ebenso schnell sank Elise wieder kraftlos -auf ihren Stuhl zurück.</p> - -<p>Die Bestürzung der Gesellschaft war allgemein. Die Damen -sprangen herzu, um zu helfen, aber sei es, daß, wie es oft zu -geschehen pflegt, gerade das unangenehme Gefühl dieser störenden, -geräuschvollen Hilfe sie wieder emporraffte, oder war es -wirklich nur etwas Vorübergehendes, ein kleiner Schwindel, -der sie befiel, sie stand beinahe in demselben Moment wieder -aufrecht, bleich, aber lächelnd, und konnte sich bei der Gesellschaft -entschuldigen, diese Störung veranlaßt zu haben.</p> - -<p>An Erzählen und Vorlesen war übrigens nach diesem Vorfall -heute abend nicht wohl wieder zu denken, und man nahm -mit Vergnügen den Vorschlag an, sich am übernächsten Nachmittage -in einem öffentlichen Gartensalon zu versammeln und -die Ritter von Marienburg gemeinschaftlich zu genießen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>6.</h3> -</div> - -<p>Der Stallmeister fühlte sich von dieser Szene auf mehr -als eine Weise ergriffen; er konnte zwar Palvi nichts vorwerfen, -er hatte zwei Worte mit Elisen und diese öffentlich -gesprochen; es war, wenn er selbst auch wirkliche Rechte auf das -Fräulein gehabt hätte, kein Grund zur Eifersucht da, denn sie -schien jenen sogar zu scheuen, zu fliehen; aber dennoch lag etwas -so Rätselhaftes in Palvis Betragen, etwas so schmerzlich Rührendes -in seinen Mienen, und doch wieder in seinem ganzen Wesen -eine so gehaltene Würde, daß Rempen sich vornahm, was es -ihn auch kosten möge, Aufschluß über ihn zu suchen. Der Oheim -war bemüht, die frühere Ordnung und Freude herzustellen. -Spieltische wurden herbeigetragen, und aus dem Salon lud eine -Violine und die lockenden Akkorde einer Harfe die junge Welt -zum Tanzen ein.</p> - -<p>Mit bewachenden Blicken folgte der Stallmeister Palvi, -der, noch immer das Buch in der Hand haltend, gedankenvoll -umherging. In einer Vertiefung des Fensters saß Elise. Eben -ging eine Freundin von ihr weg, und Rempen nahm wahr, wie -sich Palvi ihr zögernd nahte, wie er ihr mit einer tiefen Verbeugung -das Buch überreichte. Schnell trat auch er hinzu, und -nur die breite, dunkelrote Gardine trennte ihn von den beiden.</p> - -<p>»Elise,« hörte er den jungen Mann sagen, »seit zehn Monaten -zum erstenmal wird es mir möglich, so nahe zu stehen, -nur <em class="gesperrt">eine</em> Bitte habe ich –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p> - -<p>»Schweigen Sie,« sagte sie in leisen, aber leidenschaftlichen -Tönen, »ich will nichts hören, nichts sprechen! ich habe Ihnen -schon einmal gesagt: ich verachte Sie.«</p> - -<p>»Nur das <em class="gesperrt">Warum</em> möchte ich wissen,« bat er beinahe -weinend; »nur <em class="gesperrt">ein</em> Wörtchen, vielleicht können Sie mich doch -verkennen.«</p> - -<p>»Ich kenne Sie zu gut,« erwiderte sie unmutig, »einen so -niedrigen, gemeinen Menschen kann ich nur verabscheuen.«</p> - -<p>»Gemein, niedrig?« rief er bitter, »und dennoch schwöre -ich, daß ich Ihnen Achtung abzwingen will; diesen gemeinen -niedrigen Mann sollen Sie schätzen müssen! Wissen Sie, ich -bin –«</p> - -<p>»Daß Sie ein recht elender Mensch sind, weiß ich lange; -darum bitte ich, entfernen Sie sich; diesen Zirkel werde ich aber -nie mehr besuchen, wenn es Ihnen noch einmal einfallen sollte, -mich anzureden.«</p> - -<p>Bei diesen Worten stand sie rasch auf und entfernte sich -mit einer kurzen Verbeugung gegen den unglücklichen jungen -Mann.</p> - -<p>So wichtig diese Worte, so bedeutungsvoll diese Szene -war, konnte sie doch dem Stallmeister kein deutlicheres Licht -geben. Palvi durfte wagen, sie mit »Elise« anzureden, sie -behauptete, ihn ganz zu kennen, sie sprach so heftig ihre Gefühle -aus, daß ihren Haß notwendig Liebe geboren haben -mußte. – Er sah Palvi, nachdem er noch eine Weile in der Vertiefung -des Fensters verweilt hatte, nach der Türe des Vorsaals -gehen. Er folgte ihm dahin, wie zufällig nahm er zugleich -mit jenem seinen Mantel um.</p> - -<p>»Auch Sie scheinen kein Freund des Tanzes zu sein,« -redete er den Referendär an.</p> - -<p>»Ich habe es längst aufgegeben,« antwortete er, »aber Sie, -Sie – ein Glücklicher, und nicht tanzen?«</p> - -<p>»Ein Glücklicher?« erwiderte der Stallmeister freundlich; -»davon möchte ich mir doch noch eine nähere Definition erbitten. -Ueberhaupt, hier wird mir so langweilig zu Mute, und zu -Hause geht mir die Tanzmusik im Kopfe herum; gehen wir, -wenn Sie nichts Besseres vorhaben, nicht irgend wohin zusammen?«</p> - -<p>Palvi schien in einiger Verlegenheit zu sein. »Ich weiß -nicht, was mir Ihre Gesellschaft so wünschenswert macht,« antwortete -er; »ich möchte die Hälfte der Nacht mit Ihnen verplaudern, -und dennoch, werden Sie es glauben? – ich rechnete<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span> -darauf, früh diese Gesellschaft zu verlassen, und habe einem -Freunde den übrigen Teil des Abends zugesagt.«</p> - -<p>»Wohlan,« fuhr der Stallmeister fort, »wenn Sie nichts -gar zu Wichtiges zu besprechen haben, so folge ich Ihnen dahin.«</p> - -<p>Der junge Mann errötete. »Das Haus ist abgelegen,« -sagte er, »und für solche Gäste nicht ganz passend.«</p> - -<p>»Und wenn es der Entenzapfen wäre,« rief Rempen; »es -soll ja vortreffliches Cerevis dort geben.«</p> - -<p>Mit einer Mischung von Staunen und Freude blickte ihn -der Referendär an, doch ehe er noch fragen konnte, sprach Rempen -weiter: »Verzeihen Sie meiner Neugierde, die diesmal die -Diskretion überwog. Der Zufall machte mich zum Zeugen, als -ein wunderlicher alter Herr Sie einlud, und schon damals -wünschte ich, mit von der Partie zu sein, um so mehr,« setzte -er verbindlich hinzu, »da ich diesen Abend so manchen <em class="antiqua">Point -de réunion</em> zwischen uns fand.«</p> - -<p>»Gut, so folgen Sie mir. – Sie werden ein Original kennen -lernen, das aber mehr unsere Aufmerksamkeit verdient als -die schwachen Kopien dort oben, die doch immer für Originale -gelten möchten, ja sich selbst dafür halten. Ich meine jene -Poeten und Literatoren, die uns heute morgen ein so wunderbares -Schauspiel gegeben haben.«</p> - -<p>»In seiner Art diesen Abend ein nicht minder sonderbares,« -entgegnete Rempen; »oder sollte Ihnen entgangen sein, -wie ungezogen sie sich benahmen, als man verlangte, dieser -Roman solle vorgelesen werden; schien es nicht, als wollten sie -durch stilles, höhnisches Lächeln, durch ihre kalte Entschuldigung, -zum Vorlesen nicht bei Stimme zu sein, durch so manche -Zeichen ihres Mißfallens der Gesellschaft die Ueberzeugung aufdringen, -als sei das Buch schlecht und unwürdig? Man kann -nicht verlangen, daß sie sich – wollen sie einmal ungesittet sein -– im Keller eines Italieners Fesseln anlegen; sie bezahlen -dort, und ihre Rede ist frei; aber in einer Gesellschaft wie diese -mußten sie sich den Gesetzen des Anstandes fügen.«</p> - -<p>»Ich wollte vieles wetten,« bemerkte Palvi, »der Mann, -zu dem ich Sie jetzt führe, ob er gleich in seinen Gewohnheiten -und Sitten wenig gesellschaftliche Bildung verrät, würde sich -weniger unschicklich benommen haben.«</p> - -<p>»Und wer ist er denn?« fragte der Stallmeister.</p> - -<p>»Er gehört einem Schlag von Leuten an, die man in unsern -Ländern jetzt weniger oder nicht so auffallend und originell -sieht als früher, ein sogenannter württembergischer Magister.<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -Bitte zum voraus, glauben Sie nicht, daß in diesem Begriffe -etwas Lächerliches liege, denn eine nicht geringe Zahl würdiger, -gelehrter Männer unserer Zeit gehören diesem Stande an. Es -gab in früherer Zeit, – ob jetzt noch, weiß ich nicht, – in -jenem Lande eine Pflanzschule für tiefe Gelehrsamkeit. Es -gingen Philologen, Philosophen, Astronomen, Mathematiker in -Menge daraus hervor; zum Beispiel ein Keppler, ein Schelling, -Hegel und dergleichen. Vor zwanzig Jahren soll man allenthalben -in Deutschland Leute aus dieser Schule gesehen haben; -den Titel Magister bekamen sie als Geleitsbrief mit. Sie waren -gewöhnlich mit tiefen Kenntnissen ausgerüstet, aber vernachlässigt -in äußeren Formen, in Sprache und Ausdruck sonderbar, -und spielten eine um so auffallendere Figur, als sie gewöhnlich, -ihrer Stellung nach, als Lehrer an Universitäten, als Erzieher -in brillanten Häusern, in der Gesellschaft durch ihr Aeußeres -den Rang nicht ausfüllten, den ihnen ihre Gelehrsamkeit gab. -Eine solche Figur aus alter Zeit ist mein Freund. Er ging -schon vor dreißig Jahren aus seinem Vaterlande, hat aber -weder in Kurland noch in Sachsen seine Eigenheiten abgelegt. -Er lebt hier, abgeschieden von der Welt, in einem Dachstübchen; -ich halte ihn für einen der tiefsten Denker des Zeitalters, dabei -ist er ein liebenswürdiger Dichter, und dennoch ist sein Name -gänzlich unbekannt. Die gelehrtesten Rezensionen in den Leipziger -und Haller Blättern sind von seiner Hand; manche Entdeckung, -mancher tiefgedachte Satz, womit jetzt die neuen Philosophen -ihre Werke aufputzen, sind von ihm; er hat sie spielend -hingeworfen.«</p> - -<p>»Also ein literarischer Eremit,« rief Rempen aus, indem -er, nicht ohne kleinen Schauder, an der Seite des Referendärs -durch enge, schmutzige Gäßchen ging; »eine Nachteule der -Minerva in bester Form?«</p> - -<p>»Wenn es heutzutage wieder einen Diogenes geben könnte,« -erwiderte jener, »ich glaube, er müßte im Kostüm meines -Magisters erscheinen. Dieses ehrliche, kluge, ein wenig ernste -Gesicht, die kunstlos um den Kopf hängenden Haare, das verschossene -Hütchen, der abgetragene Rock, den er mit keinem anderen -vertauschen mag, die sonderbare, beinahe zärtliche Neigung -zu einer alten, schwarz gerauchten Pfeife, dazu ein dunkelbraunes -Meerrohr mit silbernem Knopfe, und diese ganze Gestalt -in der düsteren, schwärzlichen Spelunke, in welche wir eben -treten wollen – nehmen Sie dies alles zusammen, und Sie -werden finden, das Urbild eines modernen zynischen Philosophen<span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span> -ist fertig, nur würde er einen Alexander nicht um ein -wenig Sonne, sondern um ein bißchen Feuer für seine Pfeife -bitten.«</p> - -<p>Durch einen Vorplatz, wo das trübe Licht einer schmutzigen -Laterne einen zweifelhaften Schein auf Kornsäcke und umgestürzte -Bierfäßchen warf, traten jetzt die beiden jungen Männer -in das größere Schenkzimmer des Entenzapfen. Der Wirt, -dick und angeschwollen von dem Kosten seines eigenen Getränkes, -schlief in einem Lehnsessel hinter dem Ofen; einige abgerissene -Gestalten spielten bei einem Stümpchen Licht mit schmutzigen -Karten und sahen die Vorübergehenden mit matten, schläfrigen -Augen an.</p> - -<p>Palvi ging vorüber in ein zweites kleineres Gemach, das -für bessere Gäste eingerichtet schien. Derselbe Alte, den Rempen -diesen Abend flüchtig gesehen, saß dort allein hinter einer -Kanne Bier. Auf den Tisch hatte er mit Kreide einen mathematischen -Satz gemalt. Er schaute, die Stirn in die Hand gestützt, -aufmerksam auf seine Berechnung nieder, und nur große -Tabakswolken, die er hin und wieder ausstieß, zeigten, daß er -lebe und atme. Erst auf den Abendgruß seines jungen Freundes -richtete er sich auf und zeigte ein ernstes, gleichgültiges Gesicht, -dem nur das glänzende, ungemein interessante Auge einiges -Leben verlieh.</p> - -<p>Die Gegenwart eines Fremden schien ihm unangenehm -aufzufallen. Kurz abgebrochen, indem er hastig mit dem Rockärmel -die Figuren von dem Tische abwischte, sagte er: »Seid -lange ausgeblieben.«</p> - -<p>»Dafür bringe ich aber einen seltenen Gast mit,« erwiderte -der junge Mann, »der das Entenbier versuchen will.«</p> - -<p>»Literator?« fragte der Alte etwas mürrisch.</p> - -<p>»Wo denkst du hin, Magister; ein hiesiger Literator und -der Entenzapfen! Nein, er ist nicht von diesen, sondern heißt -Herr von Rempen und ist Stallmeister.«</p> - -<p>»Da haben der Herr die echte Quelle gefunden,« sprach der -Alte freundlich und mit einer Herzlichkeit, die ihn sogar angenehm -machte. »Der Entenzapfen hat solid Getränke. Setzet -euch, da bringt die Kellnerin schon die Kannen.«</p> - -<p>Der Stallmeister erschrak vor der großen Kanne, die ihm -das niedliche Kellnermädchen mit den roten Lippen kredenzte; -aber die Neugierde nach dem Magister, der Drang, von Palvi -nähere Aufschlüsse über Elisens Betragen zu erhalten, milderten -seinen Schauder vor dem Entenzapfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span></p> - -<p>»Es hat einen eigenen Reiz für mich,« sagte er, um die -Anrede des Alten zu erwidern, »so aus einer glänzenden Gesellschaft, -wo alles voll Glanz und Putz, voll Berechnung und -eitlen Benehmens ist, mich in die Einsamkeit einer solchen -Schenke zu begeben. Man wird so leicht verführt, jenes schimmernde -Wesen für wahres Leben, für ein Ideal der Gesellschaft -zu nehmen, und nur ein plötzlicher, recht greller Tausch kann -von diesem Wahne retten, besonders wenn man das Glück hat, -Männer zu finden, die zu vernünftigem Gespräch bereitwillig -sind.«</p> - -<p>»Ich kann mir's denken aus früherer Zeit,« entgegnete der -Alte mit ironischem Lächeln. »Nun hat man wieder anständig -geschnattert und gezwitschert, Tee getrunken und göttlichem Gesange -gelauscht, und als man gar ästhetisch zu werden, vorzulesen -anfing, seid ihr aus Angst davongelaufen?«</p> - -<p>»Nein,« antwortete Rempen, »so lange gelesen wurde, -blieben wir.«</p> - -<p>»Wie?« rief der Magister. »Und Ihr habt es über Euch -vermocht, Herr Referendär, allerlei rosenfarbene Poesie anzuhören?«</p> - -<p>»Man las die letzten Ritter von Marienburg,« belehrte -ihn der Stallmeister.</p> - -<p>»Ei der Tausend!« sagte der Alte, mit einem sonderbaren -Seitenblick auf Palvi, »konnte man doch solche Speise vertragen, -ohne den ästhetischen Gaumen und Magen zu verderben? -Hat sich denn die Welt gedreht, oder waren unsere hiesigen -Schöngeister nicht zugegen?«</p> - -<p>»Doch, sie waren dabei,« erwiderte Rempen, »sie wagten -es nicht, sich dagegen zu setzen, obgleich der Zorn aus ihren -Augen sprühte, denn noch diesen Morgen hatten sie sich bündig -und deutlich erklärt.« Und nun erzählte er den Auftritt im -Keller des Italieners mit einer Geläufigkeit, über welche er -sich selbst wundern mußte. Mehrmals wurde er von einem -schnellen, kurzen Lachen des Alten unterbrochen, als er aber -mit dem furchtbaren Bündnisse der literarischen Trias endete, -brach der alte Mann in so herzliches Gelächter aus, daß der -Wirt zum Entenzapfen mit einem tiefen Gestöhne erwachte und -sich im Sessel umwälzte.</p> - -<p>»Der Herr Stallmeister erzählen gut,« sprach dann der -Magister, indem er Tränen, die das Lachen hervorgelockt hatte, -verwischte. »Ich kenne sie, diese Bursche, diesen Chorus von -Halbwissern. Sie sind geachteter beim Stadtpublikum und auf<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span> -dem Landsitze als der wahre Gelehrte, sie sind die Vornehmern -unter den Musensöhnen und machen ungebeten die Honneurs -auf dem Parnaß, als wären sie Prinzen des Hauses oder zum -mindesten Kammerjunker; um so weniger können sie es verschmerzen, -wenn ihre Blöße aufgedeckt und ihre Schande ans -Licht gestellt wird. Sie fühlen ihr Nichts, sie sehen es einander -ab, aber sie wollen es sich nicht merken lassen.«</p> - -<p>»Am sonderbarsten und unerklärlichsten scheint mir ihre -Wut gegen <em class="gesperrt">das</em>, was man jetzt historischen Roman nennt,« -bemerkte der Stallmeister. »Ich bin zu wenig im Getriebe der -Literatur bewandert, um es mir erklären zu können.«</p> - -<p>»Danken Sie Gott,« erwiderte der Alte, »daß Sie ein -heiteres, rüstiges Handwerk erlernt haben und von diesem unseligen, -feindlichen Treiben nichts wissen. Kommt mir doch -diese schöne Literatur jetzt vor wie scharfer Essig. Mit gehöriger -Zutat vom Oel des Lebens, Philosophie, ist sie die Würze eurer -Tage; aber kostet sie gesondert, so ist sie scharf, abstoßend; betrachtet -sie genau, etwa durch ein tüchtiges Glas, so sehet ihr -das Acidum aufgelöst in eine Welt von kleinen Würmern, die -sich wälzen und einander anfallen, übereinander wegkriechen.«</p> - -<p>»Pfui! Aber ihr Verhältnis zum historischen Roman?«</p> - -<p>»Sie gebärden sich,« antwortete Bunker, »als ob sie gegen -irgend eine Erscheinung des Zeitgeistes ankämpfen könnten, wie -Pygmäen gegen einen Riesen. Als ob nicht schon die Ilias -so gut historisch gewesen wäre als irgend ein Roman des Verfassers -von Waverley. Und ist nicht Don Quichotte der erste -aller historischen Romane? Doch nehmen Sie nähere Beispiele -bei uns. Spricht sich nicht in Wilhelm Meister das Element -eines historischen Romans geheimnisvoll aus? Müssen wir -nicht den Begebenheiten, in die der Held verwickelt ist, eine gewisse -Zeitgeschichte unwillkürlich unterlegen? Müssen wir nicht -das Lager des Prinzen als eine notwendige historische Dekoration -damaliger Zeit ansehen? Und die Unterhaltungen deutscher -Ausgewanderten, sind sie nicht eine historische Novelle? Wir -betraten also zum mindesten keinen neuen Boden, kein neues, -zweifelhaftes Gebiet.«</p> - -<p>»Und welch kleiner Schritt,« bemerkte Palvi, »welch natürlicher -Uebergang ist vom historischen Drama, wie wir es bei -Goethe finden, zum modernen, geschichtlichen Roman. Sie sind -ihm schon um vieles näher als die historischen Schauspiele<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span> -Shakespeares. Wie im Romane sprechen dort die Helden nicht -großartige Gefühle aus. Sie halten nicht gedehnte Reden, -sondern ihre Reden erzählen von den schlummernden Entschlüssen -ihrer Seele, und wir erblicken in einer einzelnen Wendung -Motive, ahnen Handlungen, die sich nachher verwirklichen.</p> - -<p>»Die Völker scheinen sich in unseren Tagen zu scheiden und -scharf abzugrenzen. Doch diese Scheidung ist nur scheinbar, -denn die Menschheit ist durch so viele Erfindungen sich näher gerückt -worden. Wir gehören mehr und mehr der Welt an. Wir -sprechen von entfernten Polarländern oder von Amerika mit -einer Bestimmtheit, einem Gefühl der Nähe, wie unsere Großväter -von Frankreich sprachen. Wir sind jetzt erst Europäer geworden. -Darum ist uns nichts mehr fremd, was in diesem -alten Weltteile geschieht. Der Unterschied der Sprache hat aufgehört, -denn Dank sei es unseren gewandten Uebersetzern, es -ist, als ob Scott und Irving in Frankfurt oder Leipzig lebten.«</p> - -<p>»Gewiß!« fiel Rempen ein, »auch in der Gesellschaft sind -sich die verschiedenartigsten Elemente näher getreten. Unsere -jungen Männer erzählen jetzt von einer Reise nach London oder -Rom mit mehr Bescheidenheit oder Gleichgültigkeit als sonst -einer von einer Reise an einen zwanzig Meilen entfernten -Hof erzählte. Aber ist uns durch alles <em class="gesperrt">dies</em>, da wir in einer -so breiten Gegenwart leben, die Geschichte nicht vielmehr fern -als nahe gerückt?«</p> - -<p>»Ich gebe zu,« sagte der Alte, »das ernste Studium der -Historie, aber nicht das rein menschliche Interesse daran. Die -Geschichte war sonst die Geschichte der Könige, und an ihre oft -unbedeutende Person knüpfte sich das Leben unsterblicher -Männer. Die neuere Zeit, so große Veränderungen um uns -her, haben uns anders denken gelehrt. Es ist die Geschichte der -Meinungen, es sind die Schicksale gewisser Prinzipien, die wir -kennen lernen möchten. Ihr Kampf erscheint in jedem Zeitalter -mehr oder minder und unter der verschiedensten Gestalt, -und dieser Kampf der Meinung ist es, was jeder Periode ihr -Interesse gibt, er ist es, der, dem Romane zum Grunde gelegt, -unsere Teilnahme auf unbeschreibliche Weise anzieht.«</p> - -<p>»Ich ahne, daß Sie recht haben,« erwiderte der Stallmeister. -»Gleichwohl kann ich diese Idee meinen bisherigen -Ansichten noch nicht recht anpassen. Denn wie vertragen sich -zum Beispiel mit dieser welthistorischen Ansicht jene sonderbaren -Figuren Walter Scotts, die bald als rohe Hochländer,<span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span> -bald als Räuber, als Fischer in die Geschichte unmittelbar eingreifen -und so anziehend erscheinen?«</p> - -<p>»Das ist es ja gerade, was ich sagte,« antwortete der -Magister. »Wir ahnen in der Geschichte des Landes und des -Volkes, die uns Professoren auf Kathedern vortragen, daß es -nicht immer die Könige und ihre Minister waren, die Großes, -Wunderbares, Unerwartetes herbeiführten. Da oder dort hat -die Tradition den Schatten, den Namen eines Mannes aufbehalten, -von dem die Sage geht, er habe großen und geheimnisvollen -Anteil an wichtigen Ereignissen gehabt. Solche Schatten, -solche fabelhaften Wesen schafft die Phantasie des Dichters zu -etwas Wirklichem um; in den Mund eines solchen Menschen, in -sein und seiner Verbündeten geheimnisvolles Treiben legt er -die Idee, legt er den Keim zu Taten und Geschichten, die man -im Handbuch nur als geschehen nachliest, vergebens nach ihren -Ursachen forschend. Indem solche Figuren die Ideen persönlich -vorstellen, bereiten sie dem Leser hohen Genuß und oft ein um -so romantischeres Interesse, je unscheinbarer sie durch Bildung -und die Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft anfänglich erscheinen.«</p> - -<p>»Und so hielten Sie es für möglich, daß auch die deutsche -Geschichte interessante Stoffe für historische Romane bieten -könnte?« fragte Rempen; »mir schien sie immer zu zerrissen, -zu flach, zu wenig romantisch und großartig.«</p> - -<p>»Das letztere glaube ich nicht,« erwiderte Palvi; »und muß -denn gerade der Hintergrund, das historische Faktum, das Erhabene -sein? Ist es nicht der Zweck des Romans, Charaktere -in ihren verschiedenen Nuancen, Menschen in ihren wechselseitigen -Beziehungen zu schildern? Und kann sich nicht ein -großartiger Charakter in einer Tat, einem Zwiste erproben, der -für die allgemeine Geschichte von geringerer Bedeutung ist? -Oder glauben Sie, weil Tieck in die Cevennen flüchtete, um -einen historischen Hintergrund zu holen, er habe damit sagen -wollen, unsere Geschichte biete keinen Stoff, der seines hohen -Genius würdig wäre?«</p> - -<p>»Diese Ritter von Marienburg,« nahm der Alte das Wort, -»beschäftigen sich mit keinem großartigen historischen Ereignisse. -Schon fünfzig Jahre, ehe das Unglück des Ordens in Ostpreußen -wirklich hereinbricht, gewahrt man, daß er sich nie mehr zu -seinem alten Glanze erheben könne, daß früher oder später die -Elemente selbst, die seine Größe beförderten, seinen Sturz bereiten -werden. Er fällt, denn er hat seinen Beruf erfüllt. Aber<span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span> -an die geschichtliche Figur des Großmeisters, an die Täler der -Nogat, an die Mauern der erhabenen Burg weiß jener Hüon -Fäden anzuknüpfen, woraus er ein erhabenes Gewebe schafft. -Ich möchte sagen, er baut aus den Trümmern jenes gestrandeten -Schiffes eine Hütte, worin sich bequem wohnen läßt.«</p> - -<p>»Nun verstehe ich Sie,« rief der Stallmeister, »und weil -sie diesen Standpunkt nicht erreichten, weil sie diese höhere Ansicht -nicht erfassen mögen, kämpfen jene Leutchen gegen diesen -historischen Roman. Es ist Brotneid, sie wollen ihn nicht aufkommen -lassen, weil er die Kunden an sich ziehen könnte.«</p> - -<p>»Hat er nicht recht, der Herr Stallmeister?« wandte sich -der Magister lächelnd an seinen Nachbar. »Sie schimpfen alle -aufeinander und zusammen auf jedes Größere, diese Kleinmeister. -Mich freut es nur, daß mein Doktor Zundler auch bei -der furchtbaren Freitags-Trias ist.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ihr</em> Doktor Zundler?« fragte Rempen befremdet. -»Kennen Sie ihn?«</p> - -<p>»Ob ich ihn kenne!« erwiderte der Alte lachend.</p> - -<p>»Der Herr Stallmeister macht keinen schlimmen Gebrauch -davon,« sagte Palvi zu dem Magister, »und zu größerem Verständnis -der Poesie ist es ihm nützlich, wenn er es weiß. Bist -du es zufrieden, Alter?«</p> - -<p>»Es sei; aber der Herr Stallmeister wird diskret sein,« -antwortete der Alte.</p> - -<p>»Was werde ich erfahren?« fragte Rempen. »Wie geheimnisvoll -werden Sie auf einmal?«</p> - -<p>»Sie kennen den Doktor Zundler, einen der ersten Lyriker -dieser Stadt,« sprach Palvi; »sein Ruhm war früher gerade nicht -sehr groß, doch etwa seit einem halben Jahre regt er die Flügel -mächtig. Hier sitzt der Dädalus, der sie ihm gemacht hat.«</p> - -<p>»Wie soll ich dies verstehen?« erwiderte der Stallmeister.</p> - -<p>»Unser Magister hier ist ein sonderbarer Kauz,« fuhr jener -fort, »einer seiner bedeutendsten Fehler ist Aengstlichkeit, sonderbar -verschwistert mit Gleichgültigkeit. Er hätte es weit bringen -können auf dem deutschen Parnaß, aber er war zu ängstlich, um -etwas drucken zu lassen. Doch wie vermöchte ein dichterischer -Genius von diesem Hindernisse sich besiegen zu lassen; er dichtete -fort, für sich.«</p> - -<p>»Ich machte Verse,« fiel der Alte gleichgültig ein.</p> - -<p>»Du hast gedichtet!« sagte Palvi. »Aber seine besten -Arbeiten, seine gründlichsten Forschungen hat er um acht Groschen -den Bogen in Journale verzettelt, weil er sich scheute,<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span> -seinen Namen auf ein Titelblatt zu setzen; und von den glühendsten -Poesien seiner Jugend fand ich die einzigen Spuren in -halbverbrannten Fidibus. In meinen Augen bist du entschuldigt, -guter Magister, durch deine Erziehung und die Art und -Weise deines Vaterlandes. Wer hat sich dort zu deiner Zeit -um einen Geist, wie der deine war, bekümmert? Was hat man -für einen Mann getan, der nicht in die vier Kardinaltugenden, -in die vier Himmelsgegenden der Brotwissenschaft, in die vier -Fakultäten paßte? Haben sie ja sogar Schiller zwingen wollen, -Pflaster zu streichen, und Wieland floh das Land der Abderiten, -weil es dort keinen Raum für ihn gab als den Posten eines -Stadtschreibers, den er freilich so schlecht als möglich ausgefüllt -haben mochte.«</p> - -<p>»Mensch, nichts Bitteres gegen mein schönes Vaterland,« -sagte der Alte mit sehr ernstem Blick; »es war die Wiege großer -Männer.«</p> - -<p>»Du sagst es,« erwiderte Palvi, »die <em class="gesperrt">Wiege</em>, aber nicht -das <em class="gesperrt">Grab</em>. Und dieser Umstand mag seine eigenen Ursachen -haben. Zum mindesten findet man in Odessa wie am Mississippi, -in Polen und in Rio-Janeiro, und überdies noch auf den Kathedern -aller bekannten Universitäten deine Landsleute. Doktor -Zundler nun, um von diesem zu reden, hatte das Glück, eines -Tages eine Wohnung zu beziehen, in deren Giebel unser Magister -ein Freilogis bewohnt, weil er den Knaben des Hausherrn -zum Gelehrten bilden soll. Doktor Zundler hat, um sich zum -Dichter zu bilden, viel gelesen und hat den großen Menschenkennern -bald abgemerkt, daß sie auf Originale Jagd machen. -Er stellt sich daher alle Tage zwei Stunden mit seinem Glas -unter das Fenster und stellt Betrachtungen über die Menschen -an wie der selige Hoffmann in Vetters Eckfenster, nur, behauptet -man, mit verschiedenem Erfolg. Denn der selige Kammergerichtsrat -guckte durch das Kaleidoskop, das ihm eine Fee geschenkt, -der Doktor Zundler aber durch ein ganz gewöhnliches -Opernglas. Da sah er einigemal den Magister und – nun, -Bunkerchen, erzähle.«</p> - -<p>Ein behagliches Lächeln verbreitete sich über das Gesicht des -Alten; er trank in längeren Zügen aus seinem Glas und erzählte -dann: »Eines Tages sagte mir meine Aufwärterin, daß -sich der wunderschöne reiche Herr in der Bel-Etage nach mir erkundigt -habe, wer ich wäre, was ich treibe und dergleichen. -Bald darauf kam ein schön geputzter Herr in mein Stübchen, -beguckte mich von allen Seiten, fragte mich allerlei und wunderte<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -sich ungemein, daß ich ein Gelehrter sei. Er hatte mich, meiner -Physiognomie nach, für einen unglücklichen Musiker gehalten. -Sein Staunen wuchs, als er einige poetische Versuche, die am -Boden lagen, aufnahm und las. Er wollte nicht glauben, daß -sie von mir herrühren, und nahm sie endlich aus reinem Interesse, -wie er sagte, mit. Den folgenden Tag schickte er mir ein -paar Flaschen Wein. Es freute mich, ich hatte gehört, daß er -reich sei; ich bin arm und trank den Wein. Als ich die erste -Flasche hinunter hatte und warm war, ging die Tür auf, und -mein Doktorchen trat herein. Ein Wort gab das andere; man -kam auf Poesie, ich machte wenig daraus, er viel; er schwatzte mir -etwas vor von einer Erbschaft, die er gewinnen könne von seinem -Oheim, einem portierten Verehrer der Musen. Seine bisherigen -Versuche haben aber nur den Unwillen des Erblassers erregt. -So machte es sich von selbst, daß ich ihm meinen ganzen Kram -von Poesien anbot; mich selbst amüsierten diese Verse nur, solange -ich sie entwarf und ausarbeitete; ob sie das Publikum lese, -ob es mich dabei nenne, war ja so gleichgültig! Im Scherz -ging ich einen Akkord ein, daß ich ihm auch eine Novelle und -später einen Roman schriebe. Er gibt mir dafür Wein, Knaster, -zuweilen Geld, und ich habe das Bequeme, daß niemand, weder -in Lob noch Tadel, meinen Namen nennt, was mir unausstehlich -ist, und daß ich mich mit keinem Journalredakteur, mit -keinem Buchhändler, keinem Rezensenten herumbeißen muß.«</p> - -<p>»Ist dies nicht köstlich, Stallmeister?« fragte Palvi lachend. -»Was halten Sie von diesem trefflichen Lyriker, von diesem -Zunder, der ohne fremden Stahl und Stein kein Feuer gibt?«</p> - -<p>»Ist es möglich?« rief der junge Rempen staunend aus. -»Ist eine solche lächerliche Niederträchtigkeit jemals erhört -worden! Und diesen Menschen konnte auch ich für einen Dichter -halten, konnte den Genius bewundern, der auf einmal über ihn -gekommen? Und auch <em class="gesperrt">sie</em>, auch <em class="gesperrt">sie</em>,« fuhr er in Gedanken -versunken fort, »auch <em class="gesperrt">sie</em> ehrt und achtet ihn um dieser Gaben -willen, zeichnet ihn aus, spricht mit ihm über seine neuesten -Werke. Es ist, um rasend zu werden!«</p> - -<p>Palvi sah den jungen Mann bei diesen Worten teilnehmend, -beinahe gerührt an; er schien mit Mühe eine tiefe Wehmut zu -bekämpfen, aber der Alte fuhr fort: »Solch belletristisches Ungeziefer, -das sich vom Marke anderer mästet, hätte ich schon -längst gern in der Nähe geschaut, und so studierte ich diesen -Hohlkopf. Wenn allerlei Mittel von außen her einen Dichter -machen könnten, er müßte es längst sein. Denken Sie nur, er<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -trägt, wenn er sich zum Dichten niedersetzt, einen Schlafrock, -dessen Unterfutter aus einem Schlafrock gefertigt ist, den einst -Wieland trug. Hoffmanns Tintengefäß hat er in Berlin erstanden, -von einem Sattler in Weimar aber den ledernen Ueberzug -eines Fauteuils, in welchem Goethe oft gesessen. Mit diesem -hat er seinen Stuhl beschlagen lassen, und so will er seine Phantasie -gleichsam <em class="antiqua">a posteriori</em> erwärmen. Auch liegt auf seinem -Tisch eine heilige Feder, Schiller soll damit geschrieben haben. -Er hat gehört, daß große Dichter gern trinken, darum geht er -morgens ins Weinhaus und zwingt sich zu einer Flasche Rheinwein; -abends aber, wenn er schon ganz dumm und schläfrig ist, -trinkt er schwarzen Kaffee mit Rum und liegt dann in schrecklichen -Geburtsschmerzen und ist gewärtig, irgend eine neue -Maria Stuart oder Jungfrau von Orleans hervorzubringen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>7.</h3> -</div> - -<p>Während der Magister Bunker also sprach, schlug es elf -Uhr, und nicht sobald hatte er den ersten dumpfen Ton der -Glocke vernommen, als er hastig sein Glas austrank, einige -Groschen auf den Tisch legte, dem erstaunten Stallmeister mit -einer gewissen freundlichen Rührung die Hand bot und sie ihm -und Palvi herzlich drückte. Dann aber rannte er so eilends -aus dem Entenzapfen, daß Rempen nicht einmal sein freundliches -»Gute Nacht!« erwidern konnte.</p> - -<p>»Sie staunen,« sprach der Referendär, »daß uns der sonderbare -Mensch so plötzlich und verwirrt verläßt. Er wohnt bei -einem strengen Mann, der immer fünf Minuten nach elf Uhr -die Haustür schließt. Weil nun der arme Magister eigentlich -als Almosen sein Freilogis genießt, darf er keinen Hausschlüssel -führen wie Leute, die ordentlich bezahlen, und so jagt er wie -ein Gespenst, das mit dem ersten Hahnenschrei in sein Grab -entweicht.«</p> - -<p>»Ist dieser Mensch glücklich oder unglücklich zu nennen?« -fragte Rempen nicht ohne Bewegung.</p> - -<p>»Ich denke glücklich,« erwiderte Palvi sehr ernst; »wer -wenig hofft, hat nichts zu fürchten; er ist ruhig. Die Zeit mildert -ja alles, und für die Erinnerung ist er kalt geworden.«</p> - -<p>»Hat er je geliebt?«</p> - -<p>»Er hat geliebt, die Tochter jenes Hauses in Kurland, wo -er Erzieher war. Er muß sehr liebenswürdig gewesen sein, -denn die junge Gräfin starb nachher aus Kummer. Er selbst<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -aber brachte zwei Jahre tiefer Schwermut in einem Irrenhause -zu.«</p> - -<p>»Gott, welch ein Schicksal!« rief der junge Mann gerührt. -»Wer hätte dies ahnen können? Er hat uns eine so heitere -Außenseite gezeigt.«</p> - -<p>»Wozu soll er seinen Schmerz zur Schau tragen?« entgegnete -Palvi. »Er gehört nur sein, und er verschließt ihn mit -den Trümmern besserer Tage in seiner Brust. Ich denke, es -ist dies die einzige Art, wie Männer leiden müssen.«</p> - -<p>»Es müßte mich alles täuschen,« sagte Rempen nach einer -Pause, »oder auch Sie lieben nicht glücklich. Nennen Sie mich -nicht unbescheiden. Sie haben mir zu viel Interesse eingeflößt, -und auch die Dame, die ich meine, steht mir nicht so fern, als -daß nicht meine wärmste Teilnahme bei dieser Frage wäre.«</p> - -<p>Der Referendär sah ihn überrascht, doch nicht gerade verwundert -an; sein ernstes, dunkles Auge schien die Züge des -Fragenden noch einmal zu prüfen. »Es gibt wenige Menschen,« -antwortete er, »die diese Frage an mich gerichtet hätten. Doch -an Ihnen freut mich gerade diese Offenheit. Ich weiß, Sie -meinen Elise Wicklow; ich liebe sie.«</p> - -<p>»Und werden wiedergeliebt?« fragte Rempen errötend.</p> - -<p>»Ich zweifle; doch möchte ich von Ihnen nicht verkannt -werden, darum will ich Ihnen die kurze Geschichte dieser Liebe -geben. Meine Eltern, sie sind beide tot, lebten in dieser Stadt. -Unser Haus war mit den Wicklows sehr befreundet, denn mein -und Elisens Großvater sind aus demselben Lande hier eingewandert. -Ich bin um so viel älter denn Elise, daß uns unsere -Kinderspiele nicht zusammenführten. Wohl aber durfte ich, als -auch meine Mutter starb, das Haus hin und wieder besuchen, -und ich faßte in einem noch sehr jungen Herzen eine glühende -Neigung für das schöne Kind. Nach den ersten Jahren meines -Universitätslebens kam ich hierher. Sie war herrlich herangeblüht -und gestand mir, daß sie mir recht gut sei. Elise war -damals fünfzehn Jahre alt. Ich kam in rohe Gesellschaften. -Mein Vermögen und mein Stipendium reichten nur das erste -Mal hin, meine Schulden zu decken. Das zweite Mal drückte -mich eine bei weitem geringere Verlegenheit bei weitem unangenehmer, -weil ich keinen Rat wußte. Sie hatte es erfahren, -und durch fremde Hand wurden meine Schulden getilgt. Mädchen -in guten Ständen, in einem soliden Hause aufgewachsen, -wissen nicht, wie leicht ein armer Teufel in solche Verlegenheit -kommt. Sie schmälte mich in den Ferien und hielt mich für<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -einen schlechten Menschen. Ich versprach Fleiß und solides -Leben. Das Unglück eines meiner Freunde, der einen andern -erschoß, riß mich mit fort und wieder ins Elend. Auch da hat -sie mir wieder geholfen und mich zu Ehren gebracht. Bei so -vielen Wohltaten konnte mich vor mir selbst nur der Gedanke -entschuldigen, daß es die Hand der Geliebten sei, die mich gerettet, -daß ich diese Hand einst auf immer in die meinige legen -werde.</p> - -<p>»Ich raffte mich zusammen, und bald darauf gelang es -mir durch Fleiß und Eifer, hier angestellt zu werden. Meine -Stellung zu Elisen war aber eine ganz andere geworden. Der -alte Wicklow hatte erfahren, wie mich seine Tochter unterstützt -hatte, und verbot mir schon beim ersten Besuch sein Haus, aus -dem einfachen Grunde, weil ich <em class="gesperrt">arm</em> und <em class="gesperrt">leichtsinnig</em> sei.</p> - -<p>»Elise selbst lebte in großen, glänzenden Zirkeln, wo ich -keinen Zutritt hatte, verkehrte mit allerlei schönen Geistern und -galt für die Krone der jungen Damen. Ich konnte sie höchstens -in öffentlichen Gärten, auf Bällen und Konzerten, im Theater -sehen. Und nur ihr freundlicher Blick konnte mich für so viel -Entsagung trösten, konnte mich von dem beinahe Unbegreiflichen -überzeugen, daß dieses allgemein angebetete Geschöpf – mich -liebe.«</p> - -<p>Der Stallmeister suchte vergebens seine Bewegung zu verbergen. -Eine hohe Röte lag auf seinem Gesicht, und sein Auge -hing voll Erwartung an den Lippen Palvis.</p> - -<p>»Beruhigen Sie sich,« sagte dieser, als er den unangenehmen -Eindruck bemerkte, den seine Erzählung auf den jungen -Mann machte. »Fürchten Sie nichts, ich werde bald zu Ende -sein. Ich war glücklich und zufrieden; ich kannte ihre Vorliebe -für Poesie, und die Liebe ermutigte mich, einen Versuch zu -wagen, der mich ihr noch werter machen sollte. Ich strengte -alle meine Kräfte an, um sie mit etwas Gelungenem zu überraschen. -Da brachte man mir eines Tages einen Brief. Ich -erkannte ihre Züge, ich riß ihn auf und – sie schrieb mir mit -kurzen, aber heftigen Worten, daß sie sich auf ewig von mir lossage, -daß sie mich in tiefster Seele verachte; warum? werde mir -mein eigenes Gewissen sagen. Ich versuchte mancherlei Wege, -um mich ihr zu nahen, mein Gewissen sprach mich von irgend -einem Fehler gegen die Geliebte frei, darum wollte ich mir Gewißheit -über das Warum verschaffen. Doch sie wich überall -aus, und noch heute – heute abend in jenem Zirkel hat sie alle -meine Hoffnungen zertrümmert.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span></p> - -<p>In dem edelmütigen Herzen des jungen Rempen siegte -jetzt Mitleiden über jedes andere Gefühl. Er faßte die Hand -des unglücklichen, ihm so interessanten Mannes; er gelobte ihm, -bei Elisen für ihn zu sprechen, sie um die Ursache ihres Betragens -zu befragen.</p> - -<p>Aber jener erwiderte mit dem Stolze, den unverdiente -Kränkung gibt: »Vertrauen ist die erste Bedingung der Liebe. -Wo Vertrauen fehlt, da war nie Liebe, oder sie ist jedem Zufall -ausgesetzt. Ich habe Elisen auf immer verloren, selbst wenn -sie mich wieder lieben würde.«</p> - -<p>»Und in diesem Zustand wollen Sie hier fortleben?« fragte -Rempen, seine Hand ergreifend; »wollen Elisen sehen und dabei -immer fühlen, daß Sie verachtet sind?«</p> - -<p>»Nein, gewiß nicht,« erwiderte jener mit düsterem Lächeln; -»<em class="gesperrt">mein</em> Geschäft in dieser Stadt ist zu Ende. Es bleibt mir -nur noch übrig, die Geliebte vor Menschen zu warnen, die ihrer -nicht wert sind. Diesen literarischen Pöbel, der ihr so unendlich -wert scheint, will ich noch vor ihren Augen entlarven; und -ich glaube ihr damit nützlich zu sein, denn die Stellung, die -Elise jetzt eingenommen, würde sie später nimmer glücklich -machen. Sie selbst werden mir dazu helfen, mein Freund; -schlagen Sie ein, wir wollen unsere Penelope von diesen Freiern -erretten.«</p> - -<p>»Wohlan!« rief der Stallmeister, indem er aufbrach, »vielleicht -findet sich morgen schon Gelegenheit, wenn uns die letzten -Ritter von Marienburg versammeln; aber dann,« setzte er entschlossen -hinzu, »noch <em class="gesperrt">einen</em> Versuch, um auch Sie glücklich zu -machen!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>8.</h3> -</div> - -<p>Der schöne Frühlingstag und die Furcht, für ungebildet zu -gelten, wenigstens durch ihr Nichterscheinen geringes Interesse -an der schönen Literatur zu verraten, vereinigte den größten -Teil des Rempenschen Klubs in dem Gartensaal, den man zum -Sammelplatz bestimmt hatte. Der junge Rempen war zu Pferd -herausgekommen, geraume Zeit vor den übrigen Gästen; gedankenvoll -setzte er sich auf den Altan des Hauses und schaute -in den Fluß hinab. Wie so gern hätte er sich schon -heute am frühen Morgen Gewißheit verschafft, warum Elise -so plötzlich mit Palvi gebrochen, auf eine Weise gebrochen, die -notwendig, er gestand es sich mit Schmerz, auf den Charakter -des jungen Mannes einen düstern Schatten werfen mußte. Oft<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span> -verwünschte er den gestrigen Tag und daß er diesen Menschen -kennen gelernt habe, nur um ihn heute unaussprechlich zu achten -und vielleicht morgen zu verlieren, zu – bedauern; denn verachten? -nein, es konnte keinen Fall geben, der ihm diesen Mann -hätte verächtlich machen können. War es denn möglich, daß -eine so großartige Seele etwas Gemeinem, Niedrigem sich hingeben -konnte? »Er ist arm,« sagte der gutmütige Rempen zu -sich, »er muß dürftig sein, denn seine Stelle kann ihn nicht ernähren; -vielleicht hat er wieder Schulden gemacht, sie hat es -erfahren und deutet als Leichtsinn, was vielleicht Not ist? Aber -kann, selbst wenn es Leichtsinn wäre, dieser den Geliebten in -ihren Augen verächtlich, elend machen?« Wie ergrimmte er -in seiner Gedankenfolge über jene Schranken, welche das Herkommen -und die »gute Sitte« um vornehme Häuser und ihre -Töchter gezogen, wie unnatürlich erschien es ihm, daß der Geliebte -die Zürnende nicht in ihrem Hause, auf dem Wege, überall -befragen, vielleicht versöhnen konnte, daß vielleicht ein kleines, -aber sichtbares Ausweichen, eine scharfe und laut gesprochene -Rede dazu gehörte, ihn, nach den Sitten der Gesellschaft, auf -immer von sich zu entfernen! »Oder wie? Sollte sie ihn vielleicht -nie geliebt haben?« setzte er getrösteter hinzu. »Es wäre -möglich, daß ihm diese Gewißheit weniger schmerzlich wäre als -ihr Haß; aber – darf sie ihn deswegen hassen?«</p> - -<p>Ein großer Zug von Damen und Herren hatte während -dieser Gedanken des jungen Rempen den Berg erstiegen und -war jetzt in den Gartensaal getreten.</p> - -<p>Noch fehlte Elise, aber man konnte nur um so ungezwungener -ihren Geschmack und ihre Belesenheit bewundern. Auch -Palvi wurde gebührendes Lob gespendet; man hatte selten mit -dieser Gewandtheit, mit diesem Ausdruck etwas vorlesen gehört, -und die Bewunderung stieg, als man sich sagte, daß er wahrscheinlich -diesen Roman nicht zuvor gelesen habe. Elise kam -mit Onkel und Tante Rempen angefahren, und Julius vergaß -so ganz seine vorigen Gedanken, seine Vorsätze, daß er vor -Freude errötend herbeisprang, sie aus dem Wagen zu heben, -daß er halb unbewußt ihre Hand drückte und dies erst erkannte, -als er diesen Druck erwidert fühlte. Alle jene düstern Bilder, -die auf dem Altan vor seiner Seele vorübergezogen, verschwanden -vor dem Glanz ihrer Schönheit. Er hatte sie nie so reizend, -so wundervoll gesehen, wenigstens so huldreich war sie nie gegen -ihn gewesen. Den Grund davon gestand ihm in einer Ecke des -Saals die Tante. Er hatte den Zirkel gestern abend so bald<span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span> -verlassen, daß Elise glaubte, sie habe ihn gekränkt. Dieser Gedanke -erfüllte ihn jetzt so ganz, daß er in ihre Nähe eilte, daß er -mit ihr sprach und scherzte und erst durch die wiederholte Mahnung -seines Onkels darauf aufmerksam gemacht werden konnte, -daß die Gesellschaft sich bereits im Kreise gesetzt habe und die -Erzählung des Fräulein Wicklow erwarte.</p> - -<p>»Mein Unfall,« sprach sie mit leichtem Erröten, »hat mich -gestern, wenn ich nicht irre, gerade bei der Zusammenkunft der -Ritter mit dem Fräulein getroffen. Des Fräuleins Vater, der -nicht nur von außen, sondern auch im Innern dem Bund durch -Zwischenträgerei und Uneinigkeit zu schaden sucht, hat überall -Spione. Erwünscht ist ihm, daß ihm einer die Anzeige von -jenem nächtlichen Rendezvous macht. Er denkt keinen Augenblick -daran, daß es seine Tochter sein könnte, sondern schleicht -sich mit Knechten in jene Ruinen und überfällt zuerst den -Freund; die Dame und ihre Amme, die immer zugegen war, -entfliehen; es kommt zum Gefecht, die Knechte werden in die -Flucht geschlagen, und auch der Alte zieht sich zurück, doch nicht -ohne sich vorher mit einem Zeichen von seinem Gegner versehen -zu haben.</p> - -<p>»Den andern Tag versammelt der Großmeister ein Kapitel. -Er entdeckt den Rittern diesen Vorfall und beschwört die Schuldigen, -sich zu nennen. Sie schweigen. Noch einmal fordert er -sie vergebens auf und zeigt dann der Versammlung eine goldne -Kette, woran ein Siegelring befestigt ist. Das Wappen wird -erkannt, und der Freund sieht sich genötigt, zu gestehen. Er -übersieht mit klarem Blick seine Lage; die geschärften Gesetze -müssen ihn schuldig sprechen, darum ist für ihn keine Rettung. -Doch glaubt er, da er selbst verloren ist, seinen Freund retten -zu können. Er gesteht, in den Ruinen mit einer Dame gesprochen -zu haben. Der Meister ist tief ergriffen von diesem -Geständnis; es ist ein tapferer, junger Mann, den das Urteil -trifft, er wurde von vielen geliebt. Peinlich ist die Lage des -Helden selbst, und treffend die Beschreibung, <span id="corr128">wie</span> die Furcht vor -Entehrung, die Hoffnung, der Freund könne gerettet werden, -ihn bald zur Entdeckung antreiben, bald davon zurückhalten. -Das Urteil der Ritter wird gesammelt. Es lautet: ›Entehrender -Ausschluß aus dem Orden.‹ Jetzt aber erzählt der Meister, daß -noch ein zweiter Johanniter diesen Fehltritt geteilt habe; er -verspricht, die Strafe in Entlassung zu mildern, wenn der -Schuldige den Mitschuldigen entdecke. Jener schweigt und verratet -ihn nicht. Da stürzt der Neffe des Meisters hervor und<span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span> -bekennt seine ganze Schuld. Diese Szene, der Schmerz des alten -Ulrich von Elrichshausen und der Wettstreit der Freunde, von -welchen jeder der Schuldige sein will, ist so treffend, daß man sie -hören muß.«</p> - -<p>Jetzt erst sah man sich nach dem Vorleser um. Doktor -Zundler sprang nach dem Buch, das auf dem Tische lag, um -zu lesen, und hatte sich schon mit freundlichem, zuversichtlichem -Lächeln Elisen genähert, als der alte Rempen plötzlich aus den -dichten Reihen der Männer Palvi herbeiführte. »Nein, nein,« -sagte er, »hier steht der Mann, der uns gestern gezeigt hat, -wie gut er einen Roman vorlese; ich denke, bester Doktor, Ihre -Stimme paßt mehr zum Leichten, Lyrischen.« Mit spöttischem, -halb verlegenem Lächeln reichte der Doktor das Buch hin, und -Palvi las, wenn es möglich war, noch schöner als am gestrigen -Abend. Diese erhabene und so unglückliche Freundschaft, die -Zeremonien ihrer Ausstoßung aus dem Orden, ihre letzten -Worte, als sie das Schloß verlassen, lockten in manches Auge -Tränen der Wehmut, und Elise selbst schien so gerührt, daß -Palvi mehrere Kapitel weiter las, um ihr Fassung zu geben. -Unsern Lesern ist dieser Roman zu bekannt, als daß wir nicht -besorgen müßten, sie durch längere Auseinandersetzung zu ermüden. -Jene interessanten Abteilungen, wo die beiden verstoßenen -Ritter an den romantischen Ufern der Nogat umherstreifen, -jene glücklichen Schilderungen eines schönen Landes, -die Nachrichten über die alten Preußen, in deren Mitte der Orden -zwei Jahrhunderte zuvor den Samen der Kultur getragen hatte, -ihre altertümlichen Gebräuche, die unverkennbaren Spuren -heidnischer Sitten, auf sonderbare Weise mit christlichem Ritus -vermischt, dies alles, getragen und veredelt von der tiefen -Melancholie Kunos, von seines Freundes Seelenstärke und -heiterem, unverzagtem Mut, spannte die Zuhörer und riß sie hin.</p> - -<p>Elise hatte sich bald wieder so weit gefaßt, daß sie mit -Ruhe weiter erzählen konnte. Sie erzählte, wie die beiden -Vertriebenen die Verräterei des Ordenskastellans entdecken, der -die Polen heimlich nach Marienburg rief; wie sie unter Gefahr -und Beschwerden sich durch die aufrührerischen Preußen nach -Marienburg durchschlagen, den Meister warnen und verborgen -auf Gelegenheit harren, dem Orden zu nützen. Mit großer Begeisterung -las Palvi jene Schlachtszenen, worin der Meister, -bei einem Ausfall auf die Polen, von seinem Neffen gerettet -wird, wo der Freund die heilige Fahne des Ordens, der ihn verstoßen, -aus dem dichtesten Haufen der Feinde zurückbringt und<span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span> -diese erhabene Tat mit einer tödlichen Wunde zahlt. Tiefe Rührung -brachte jene Szene hervor, wo der Sterbende seinem -Freund so manches Rätselhafte in seinem Betragen auflöst und -ihm gesteht, daß auch er selbst Wanda aufs innigste geliebt habe. -Der Schmerz um den Sterbenden bewegt Kuno zu dem romantischen -Entschluß, seiner Liebe auf immer zu entsagen, besonders -da ein Verdacht in ihm keimt, daß sie ihn weniger geliebt als -den Freund. Die nächtliche Bestattung dieses edeln Menschen, -die Wiederaufnahme Kunos in den Orden waren von ergreifender -Wirkung, nicht minder rührend Wandas Versuche, den Geliebten -noch einmal zu sprechen, und als sie sich vergessen glaubt, -ihr schnelles Hinwelken.</p> - -<p>Der Kastellan ist von dem Czirwenka, dem Hauptmann der -böhmischen Besatzung, der dessen Geständnis fürchtet, selbst getötet -worden; verlassen, verwaist, auch von der Liebe verlassen, -will sie nur so lange noch in der Nähe des Geliebten weilen, -bis der Frühling heraufkommt; doch nicht nur diese zarte Blume, -auch der Orden trägt den Tod im Herzen, und beide sollten den -letzten Frühling in Marienburg sehen.</p> - -<p>Der Großmeister Ulrich von Elrichshausen kann sich mit -seinen Rittern nicht mehr gegen den Aufstand der Preußen -und gegen seine eigenen Söldner halten. Er will den Orden -nach Deutschland führen und bedingt sich von den Verrätern -freien Abzug. Schon sind die Pferde gerüstet, der Zug will aufbrechen, -und die Ritter nehmen mit blutenden Herzen von den -Hallen dieser Burg Abschied. Und als alle noch einmal ihr -Teuerstes mustern, was sie verlassen sollen, kann Kuno dem -letzten Ruf der Geliebten nicht widerstehen; er will zu ihr – -und findet sie sterbend. Sie schien nur noch so viel Leben in -sich zu tragen, um ihn von ihrer Treue, ihrer Liebe zu versichern. -Indessen hat Czirwenka die Tore geöffnet. Sechshundert Polen -ziehen ein, und, statt dem Orden freien Abzug zu gönnen, wird -der Großmeister vom Pferde gerissen, verspottet und verhöhnt. -Kuno verläßt die sterbende Geliebte, um ihm beizuspringen; ein -heftiges Gefecht entspinnt sich in den Höfen; einem großen -Teil der Ritter, den Meister in der Mitte, gelingt es, zu entkommen, -aber Kuno mit sechs anderen tapferen Ordensbrüdern, -welche die Fahnenwache bildeten, werden von den übrigen abgeschnitten; -kämpfend ziehen sie sich über die breiten Stufen bis -in den großen Rempter zurück, wo sonst die Ordensfahne stand. -Der Entschluß, sie lebend nicht zu übergeben, beseelt sie, sie -pflanzen das Panier an seinem alten Standpunkt auf und umgeben<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span> -es. Lange gelingt es ihnen, das Siegeszeichen so vieler -Schlachten zu verteidigen. Aber die Polen dringen immer heftiger -ein; Uebermacht und Verrat siegen, und über ihre Fahne -gebreitet, sterben <em class="gesperrt">die letzten Ritter von Marienburg</em>.</p> - -<p>Es entstand eine Pause, als Palvi geendet hatte; es schien -niemand zuerst jene Stille stören zu wollen, die unter zwei oder -drei heilig und rührend, in größeren Gesellschaften peinigend -ist. Doch je erhabener das Gefühl ist, welches zu einer solchen -Ruhe zwingt, desto ängstlicher sind die Menschen, mit etwas -Gemeinem diese Nachklänge tieferer Empfindungen zu unterbrechen. -Sie rennen dann auf allen vieren durch die Speisekammer -ihrer Erinnerung, um etwas Feines, Eingemachtes, -Kandiertes vorzusetzen, statt ihre frischen natürlichen Gefühle -sprechen zu lassen.</p> - -<p>»Dieser ganze Roman,« lispelte endlich eine Dame, deren -Blässe und feuchte Augen auf zarte Nerven schließen ließen, -»kommt mir vor wie jener Ausspruch Jean Pauls: ›Wie manche -stille Brust ist nichts als der gesunkene Sarg eines erblaßten -geliebten Bildes.‹ Dieser Hüon liebt gewiß unglücklich, und -darum gefällt er sich in diesem tragischen Geschick.«</p> - -<p>»Gerade dies kommt mir überaus komisch vor,« bemerkte -der Hofrat, dem Neid und Verdruß um die Nasenflügel spielten; -»dieser Mensch hat zu wenig Tiefe, zu wenig Empfindung, um -die Wehmut, das Unglück zu zeichnen, doch ich habe mich an -einem andern Ort hinlänglich darüber ausgesprochen. Gewiß, -es ist so, wie ich sage. Es steht ja gedruckt, mein Urteil,« setzte -er hinzu, indem er sich vornehm in den Stuhl zurücklehnte.</p> - -<p>»Doch glaube ich, auch gegen ein gedrucktes findet noch -Appellation statt,« sagte der junge Rempen mit gleichgültiger -Miene.</p> - -<p>»Wieso?« rief der Hofrat errötend.</p> - -<p>Rempen war etwas betroffen, aber die munteren Augen -seines Oheims, der hinter dem Stuhl des Hofrats stand, winkten -ihm, fortzufahren. »Ich meine, ich habe so etwas gelesen, -das Ihr Urteil, bester Hofrat, völlig umstieß,« entgegnete er; -»übrigens ist ein gedrucktes Urteil immer nur das Urteil eines -einzelnen, und dem einzelnen muß erlaubt sein, dagegen zu -streiten. Ich zum Beispiel finde diesen Roman besser, als Sie -ihn gemacht haben. Auch glaube ich, Tiefe des Gefühls müsse -dem abgehen, der dies in den letzten Rittern von Marienburg -nicht findet.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p> - -<p>Der Oheim hatte solches wohl nicht geahnt, denn er und -die ganze Gesellschaft schienen erstaunt über die Kühnheit des -Stallmeisters.</p> - -<p>»Solche historischen Romane,« nahm der Professor das -Wort, »sind nur Fabrikarbeiten. Die Form ist gegeben, und -wie leicht, wie sicher läßt sich diese Form von jedem handhaben! -Nehmen Sie irgend einen Lappen der Welthistorie, zerreißen -ihn in kleine Fetzen und kleiden die hergebrachten Personen von -A bis Z darein, so haben Sie einen historischen Roman. Die -weitere Entwicklung ist leicht, besonders wenn man es sich so -leicht macht wie dieser Hüon, und nur genugsam Floskeln eingestreut -sind; wenn das Tränentuch häufig als Panier aufgepflanzt -wird, so kann der Eindruck nicht verfehlt werden.«</p> - -<p>»Und doch deucht mir,« erwiderte Palvi, »es ist bei weitem -schwerer, einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer -wahren, vernünftigen und billigen Kritik entspricht, als ein -Drama zu schreiben.«</p> - -<p>»Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige -Kritik, Herr Referendarius?« fragte Doktor Zundler mit ungemein -klugem und spöttischem Gesicht.</p> - -<p>»Man muß ein Buch,« erwiderte Palvi mit großer Ruhe, -»man muß besonders ein Gedicht zuerst nach den Empfindungen -beurteilen, die es in uns hervorruft, denn auf Gefühl ist ja -ein solches Werk berechnet; es soll angenehm unterhalten, durch -den Wechsel freudiger und wehmütiger Szenen befriedigen. Und -dann erst, wenn unser Herz darüber entschieden hat, daß das -Buch ein solches sei, das unsere Gefühle erhoben, befriedigt hat, -dann erst erlaube man dem Verstand, sein Urteil darüber zu -fällen, und ihm bleibt es übrig, nachzuweisen, was in Anordnung -oder Stil gefehlt ist.«</p> - -<p>»Da müßte man am Ende alle Herzen abstimmen lassen,« -sagte der Hofrat mitleidig lächelnd, »müßte umherfragen: hat's -gefallen oder nicht? ehe man ein öffentliches Urteil fällt. Aber -dem ist nicht so; unsere Journale waren es von jeher, denen zu -loben oder zu verdammen zustand, und der gebildete, geläuterte -Geschmack ist es, der dort richtet.«</p> - -<p>»Ueberhaupt dächte ich,« setzte Doktor Zundler mit zärtlichem -Seitenblick auf Elisen hinzu, »man kann über Dinge -dieser Art in Gesellschaft eine gebildete Dame mit Vergnügen -hören, wie schon Goethe im Tasso sagt, aber ein öffentliches -Urteil müssen nur Leute vom Fach fällen, und nur Leute vom -Fach können dagegen opponieren.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span></p> - -<p>»Und halten Sie sich etwa für einen Mann vom Fach?« -fragte Palvi mit großem Nachdruck.</p> - -<p>Der Doktor verbarg seinen Unmut über diese Frage nur -mühsam hinter einem lächelnden Gesicht. »Ich denke, die Welt -zählt mich zu Deutschlands Dichtern,« sagte er.</p> - -<p>»Die Welt,« antwortete der Referendar, »die betrogene -Welt, aber nicht ich; so wenig als ich meinen Dekopisten für ein -Genie halte.«</p> - -<p>Die Gesellschaft fiel aus ihrer Spannung in eine sonderbare -Bewegung. Die Damen sahen unmutig auf Palvi, ein -Teil der Männer lachte über des Doktors auffallenden Mangel -an Fassung, ein anderer Teil mißbilligte laut solche Reden in -einer guten Gesellschaft.</p> - -<p>»Herr von Palvi,« rief endlich Zundler bebend, man wußte -nicht, ob vor Wut oder Schrecken, »wie soll ich Ihre sonderbaren -Reden verstehen?«</p> - -<p>»Ja, ja, Doktor,« sagte der Stallmeister laut lachend, »auch -mit meiner Bewunderung hat es ein Ende; man sagt, Sie haben -sich Ihre Gedichte und sonstigen schönen Sachen machen lassen.«</p> - -<p>»Machen lassen?« fragte der Chorus der Literatoren mit -Bestürzung.</p> - -<p>»Hat sie machen lassen?« rief die Gesellschaft.</p> - -<p>»Wer wagt dies zu sagen?« schrie der Doktor, indem er -bleich und atemlos aufsprang.</p> - -<p>»Nun, leider derjenige selbst, der sie Ihnen verfertigt hat,« -antwortete Rempen mit großer Ruhe, »der Magister Bunker; -er logiert oben in Ihrem Hause.«</p> - -<p>Der entlarvte Dichter versuchte noch einige Worte zu -sprechen; er war anzusehen wie der Kopf eines Enthaupteten; -die Augen drehen sich noch, die Lippen scheinen Worte zu -sprechen, aber der Geist ist entflohen, der diesen Organen Leben -gab. Eilig drängte er sich dann durch den Kreis, stürzte nach -seinem Hut und verließ den Saal und die vor Verwunderung -verstummte Gesellschaft.</p> - -<p>»Ist es denn wahr?« sprach endlich die von Angst und -Sorge erbleichte Elise, indem sie den Stallmeister sehr ernst -ansah.</p> - -<p>»Gewiß, mein Fräulein!« erwiderte dieser lächelnd. »Ich -würde der Gesellschaft diese Szene erspart haben, aber ich war -zu tief über diese freche Stirn erbittert, womit dieser Mensch -mich und Sie alle hinterging. Doch hören Sie von dem wunderlichen -Mann, der ihm alles dichtete.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span></p> - -<p>Man setzte sich schweigend, und Rempen erzählte; während -seiner Erzählung schlich sich der Redakteur der »Blätter für -belletristisches Vergnügen« aus dem Saal, ihm folgten seine Genossen, -beschämt und ergrimmt über sich, den Doktor und die -ganze Welt. Der Gesellschaft aber gereichte die Erzählung des -Stallmeisters zu nicht geringem Vergnügen. Die gute Stimmung -war wiederhergestellt, der Punsch, den der alte Rempen -als Nachsatz von gestern gab, löste die Zungen, man fühlte sich -weniger beengt, seit die öffentlichen Schiedsrichter hinweggegangen -waren, man sprach allgemein das Lob des vorgelesenen -Romans aus. Auch die Toasts wurden nicht vergessen, und als -Julius von Rempen die Gesundheit aller wahrhaften Dichter -und ihrer gründlichen Kritiker ausgebracht hatte, wagte es -Elise, mit glänzenden Augen, aber tief errötenden Wangen, die -Gesellschaft aufzufordern, auf das Wohl des neuen Hüon und -der letzten Ritter von Marienburg zu trinken.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>9.</h3> -</div> - -<p>Elise hatte dem Stallmeister, als er beim Nachhausefahren -neben dem Wagen ritt, erlaubt, sie den andern Tag zu besuchen; -er kam, er fand sie allein und gütiger gegen ihn gesinnt als je. -Sie neckte ihn über seine Eingriffe in die literarische Welt und -riet ihm, nie etwas drucken zu lassen, denn er habe alle Rezensenten -gegen sich aufgebracht.</p> - -<p>»Und sind denn nicht auch Sie mir einige Minuten gram -gewesen,« fragte er lächelnd, »weil es einer Ihrer Freier war, -den ich entlarvte?«</p> - -<p>»Einer meiner Freier?« fragte sie hocherrötend. »Zundler? -Sie irren sich.«</p> - -<p>»O, Sie schenkten ihm oft ein geneigtes Ohr,« fuhr er fort, -»verabschiedeten mich oft mitten im Gespräch, um auf die Worte -dieses großen Dichters zu lauschen!«</p> - -<p>»Gewiß nicht, Rempen!« antwortete sie verlegen. »Und -<em class="gesperrt">einer</em> meiner Freier, sagten Sie, als ob ich deren viele hätte!«</p> - -<p>»Ich kenne wenigstens einige,« erwiderte er mit lauerndem -Blick.</p> - -<p>»Und wen?«</p> - -<p>»Zum Beispiel Palvi.«</p> - -<p>»Palvi!« rief sie erbleichend. »Was wollen Sie mit Palvi? -Ich kenne ihn nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span></p> - -<p>»Elise,« erwiderte der Stallmeister sehr ernst, »Sie kennen -ihn. Der Zufall ließ mich vorgestern hören, daß Sie ihm selbst -sagten, wie gut Sie ihn kennen. Sie lieben ihn.«</p> - -<p>»Nimmermehr!« rief sie mit glühendem Gesicht. »Er ist -ein Abscheulicher! Glauben Sie, ich werde einen Elenden lieben, -der – mein Kammermädchen anbetet?«</p> - -<p>»Elise! Palvi?«</p> - -<p>»Ja, ich gestehe es,« flüsterte sie, in Tränen ausbrechend, -»Ihnen gestehe ich es, es gab eine Zeit, wo ich für diesen Menschen -alles hätte tun können. Ich kannte ihn noch aus meiner -Kindheit und auch später, er war mir wert. Aber hören Sie: -schon oft hatte mir mein eingebildetes Kammermädchen von -einem schönen Herrn erzählt, der sie immer anrede, ihr von -Liebe vorschwatze, und dem sie recht herzlich zugetan sei. Eines -Tages stand sie dort am Fenster; auf einmal schlägt sie die -Hände zusammen vor Freude, bittet mich, ans Fenster zu treten, -und ruft: ›Sehen Sie, der dort in der Türe des Buchladens -steht, der ist der schöne Herr.‹ Sie macht mir Platz, ich trete -arglos hin, und aus dem Laden tritt in diesem Augenblick –«</p> - -<p>»Wie, doch nicht Palvi?« rief der Stallmeister, ergrimmt -über das schlechte Betragen eines Mannes, den er geachtet hatte.</p> - -<p>»Er selbst,« flüsterte Elise und drückte ihre weinenden -Augen in ihr Tuch.</p> - -<p>Der Stallmeister überließ das unglückliche Mädchen einige -Minuten der Erinnerung an einen tiefen Kummer, hatte er -ja doch selbst diese Pause nötig, um sich zu sammeln. Liebe, -Mitleiden, so viele andere Empfindungen stürmten auf ihn ein, -rissen ihn hin, Elisens Hand zu ergreifen und sie an seine -brennenden Lippen zu ziehen. Erschreckt, überrascht blickte sie -ihn an; doch schien ein günstiges Gefühl für ihn ihren strafenden -Blick zu mildern.</p> - -<p>»Und darf ein Mann,« sprach er bewegt, »zu Ihnen von -Liebe reden, nachdem Sie so Bitteres von uns erfahren? Darf -er sagen, er würde treu sein bis in den Tod, wenn Sie ihm -nur einen Teil jener Liebe schenken könnten, die jener ganz besaß?«</p> - -<p>»Julius, was fällt Ihnen ein?« rief sie mit bebenden -Lippen, doch ohne ihm ihre Hand zu entziehen. »Wozu –«</p> - -<p>»Elise,« fuhr er fort, »ich kann einem so großen und schönen -Herzen, wie das Ihrige ist, wenig Trost geben; aber die Zeit -mildert, und kann nicht treue und aufmerksame Liebe selbst -schönere Vorzüge ersetzen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_136">[136]</a></span></p> - -<p>Sie wollte antworten, sie errötete und schwieg, aber ihren -Blick voll Liebe und Wehmut durfte er günstig für sich deuten; -er schloß sie in seine Arme und küßte ihren schönen Mund.</p> - -<p>»Aber, mein Gott, Rempen,« sagte sie, indem sie sich sanft -von ihm loszumachen suchte, »was machen Sie doch?«</p> - -<p>»Ich habe dich ja längst geliebt,« fuhr er fort, »hatte nur -<em class="gesperrt">einen</em> Wunsch, ich glaubte dein Herz nicht mehr frei und -zögerte; jetzt, da ich weiß, daß nur Gram, aber keine fremde -Liebe in diesem Herzen wohnt, jetzt muß ich dieses lästige Geheimnis -von mir werfen. Aber wie? – zürnen Sie mir vielleicht -über alles dieses?«</p> - -<p>»Julius!« rief sie erschreckt von dem wehmütigen Ton, -womit er die letzten Worte sagte. Dieser Name, so sanft und -wohlwollend ausgesprochen, ihr ängstlicher, zärtlicher Blick -sagten ihm mehr als alle Worte. »Und darf ich mit dem Vater -reden, Elise? Darf ich?« setzte er hinzu.</p> - -<p>Sie errötete und erbleichte ebenso schnell wieder, sie sah -ihn eine kleine Weile prüfend an, eine Träne trat in ihre -schönen Augen; aber um ihren Mund zog ein flüchtiges, feines -Lächeln; sie drückte seine Hand; eine kleine Bewegung des Hauptes -und die hohe Röte, die wieder über ihre Wangen ging, -sagten ja, und schnell, wie vom Wind hinweggetragen, war sie -in ein anderes Zimmer entschlüpft.</p> - -<p>Der Stallmeister war in jeder Hinsicht eine so gute und -anständige Partie, daß der alte Wicklow, als der Geheimrat -von Rempen für seinen Neffen warb, keinen Anstand nahm, -seine Zusage zu geben. Der junge Mann selbst war so von -seinem süßen Glück erfüllt, daß er lange nicht an die Begebenheiten -dachte, die diesem wichtigen Schritt vorangegangen waren. -Endlich erinnerte ihn ein Zufall an Palvi; so unangenehm diese -Erinnerung war, so fühlte er doch als Mann und als künftiger -Gatte Elisens, daß er diesem Menschen, mochte er sich auch wirklich -schlecht gezeigt haben, Erklärung schuldig sei. Und wie -bebte seine Hand, als er ihm in wenigen Zeilen sagte, daß -Elisens Widerwille unüberwindlich sei, daß er ihn versichern -könne, daß sie niemals einen Mann mehr lieben werde, welchen -sie aufzugeben nicht unrecht gehabt, daß er selbst versuchen wolle, -Palvis Stelle bei ihr zu ersetzen. Ja, seine Hand, sein Herz -bebte, als er diese Buchstaben niederschrieb; es konnte ihn nicht -beruhigen, daß er sich ins Gedächtnis recht lebhaft zurückrief, -wie niedrig und elend dieser Mensch an einer so zarten, heiligen -Liebe, wie sie Elise gab, gefrevelt habe. Die edeln Züge, das<span class="pagenum"><a id="Page_137">[137]</a></span> -Auge dieses Mannes standen vor ihm; sein so hoher und liebenswürdiger -Geist, so fein in Urteil und Benehmen, und dennoch -so wenig sittliche Würde? Die Erinnerung an jenen Abend, -wo sich ihm dieser Mensch so ernst und doch so herzlich genähert -hatte, wo er ihm sein inneres Leben aufschloß und ein verarmtes -Herz bei solchem Reichtum der Gedanken, eine tief verwundete -Seele bei solcher Gesundheit des Geistes zeigte, machte -ihn so wehmütig, daß er nahe daran war, die kaum geschriebenen -Zeilen zu zerreißen; aber der Gedanke an Elise, die Vermutung, -daß dieser Palvi so schöne Empfindung, so tiefe Rührung -nur geheuchelt haben müsse, erkälteten schnell seine warme Teilnahme. -Entschlossen schickte er den Brief ab, und doch deuchte -es ihm, als er seinen Boten verschwinden sah, er habe einen -Todespfeil auf ein edles Herz entsendet.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>10.</h3> -</div> - -<p>Der alte Herr von Rempen erinnerte sich mehrerer Fälle, -wo die feierliche Verlobung gräflicher, sogar fürstlicher Paare -gleich den andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen -worden, vor sich gegangen war. Er stand daher -um so weniger an, seinen Neffen und Elisens Vater zu gleicher -Eilfertigkeit zu treiben, als er selbst gleich nach dieser Szene, -wobei, seiner Meinung nach, sein Segen notwendig war, auf -mehrere Wochen auf das Land gehen wollte. So kam es, daß -sich der Stallmeister durch den verhängnisvollen Zug der Umstände -in die ruhige Bucht eines schönen, häuslichen Glückes -versetzt sah, als er sich kaum noch auf hoher See glaubte oder -wenigstens von Klippen träumte, an welchen seine Hoffnung -auf immer scheitern könnte. Am Morgen jenes festlichen Tages, -der zu seiner Verlobung angesetzt war, brachte ihm ein Knabe -einen Brief; die Hand, die ihn geschrieben, war ihm unbekannt. -Er öffnete und fand den Namen des Magisters Bunker -unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen sein -mochten, mit welchen dieser Name in Verbindung stand, so -machte doch das Andenken an diesen alten Mann und die wenigen -rührenden Worte des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er -bat, der Stallmeister möchte dem Knaben zu ihm folgen; er -habe ihm notwendig etwas zu eröffnen und sei selbst zu schwach -und angegriffen, als daß er über die Straße gehen könnte. -Rempen fürchtete anfangs ein Zusammentreffen mit Palvi. -Als aber der Knabe auf seine Frage, ob Herr von Palvi bei<span class="pagenum"><a id="Page_138">[138]</a></span> -dem Alten sei, antwortete: »Ach nein! der ist ganz schnell weggereist -und kommt nimmer wieder, und der alte Herr Magister -hat geweint wie ein Kind,« nahm er eilends seinen Hut und -folgte.</p> - -<p>Der Knabe führte ihn durch mehrere Seitenstraßen in -einen abgelegenen Teil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker -wohnten, bis vor ein kleines, aber reinliches Haus. Dort -stieg er eine Treppe hinan und öffnete dem Stallmeister eine -Türe. Es war ein Zimmer voll Verwirrung und Unordnung, -in das sie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden zerstreut, -und die Trümmer einer Gitarre mischten sich mit -ausgeleerten Flaschen und alten Schuhen. Auf den Stühlen -lagen Kleidungsstücke, auf dem schlechten Kanapee aber saß, den -Kopf in die Hand gestützt, ein Mann, in welchem Rempen den -Alten erkannte. Beim Geräusch, das ihr Eintritt verursachte, -wandte er den Kopf um und hatte Tränen in den alten Augen.</p> - -<p>»Vergeben Sie mir!« sagte er, indem er mit Mühe sich -aufraffte. »Meine Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen, -und meine Hand zittert – ich mußte meine Botschaft mündlich -geben.«</p> - -<p>»Was ist vorgegangen!« rief der junge Mann bestürzt. -»Sie sind krank, Sie weinen, um wen? Und von wem eine -so feierliche Botschaft?«</p> - -<p>Der Alte trocknete sich die Augen. »Er hat viel auf Sie -gehalten,« sprach er, »noch gestern und vorgestern hat er immer -von Ihnen gesprochen und innig bedauert, daß er Sie so spät -erst kennen gelernt hat. Sie hätten können herzliche Freunde -werden, denn Sie sind keiner von den schuftigen Gesellen, die -er verabscheute.«</p> - -<p>»Mein Gott, Sie sprechen von Palvi? Wo ist er?«</p> - -<p>»Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Flusses -bewahrt haben!« erwiderte der Alte sehr ernst; »doch nicht wahr, -junger Mann, es gehört größere Kraft dazu, einen Kummer -zu tragen, als sich von ihm zerbrechen zu lassen? Nicht wahr? -Ich glaube es wenigstens, und er ist eine kräftige Seele, er -kann nicht zum Selbstmörder werden.«</p> - -<p>Rempen verhüllte sein Gesicht, er konnte den tiefen Gram -des Alten nicht länger sehen. Aber dieser zog ihm ängstlich die -Hand von den Augen. »O lesen Sie doch,« sagte er; »lesen Sie -genau, prüfen Sie jedes Wort, nicht wahr, es steht nichts darin, -daß er sich töten wolle?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_139">[139]</a></span></p> - -<p>Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Worten ein -kurzer, aber ergreifender Abschied an den Alten. Er müsse ihn -und diese Stadt verlassen, schrieb er. Als Grund gab er nur -flüchtig sein unglückliches Verhältnis zu Elisen an, von welchem -der Alte völlig unterrichtet schien.</p> - -<p>Rempen suchte den Alten zu trösten; »es sei so natürlich,« -sagte er, »daß Palvi sich zerstreuen wolle, daß er vielleicht nur -eine kleine Reise mache!«</p> - -<p>Aber der Alte schüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf. -»Er kommt nicht wieder; und ach! ich habe keine Freude und -keinen Freund mehr! Er hat alle seine kleinen Rechnungen -bezahlt, und mir,« setzte er weinend hinzu, »mir hat er -seine Bücher und alles hinterlassen. – Doch mein Auftrag. Sie -sehen, wie sehr er Sie schätzte, hier ist ein Paket mit Büchern an -Sie, die Adresse schrieb er noch heute morgen, und in einem -kleinen Zettelchen, das er darauf gelegt hat, bittet er mich, Sie -bei allem, was heilig sei, zu versichern, daß er kein schlechter -Mensch gewesen sei, daß er Sie liebe und in Ihrem Glück sein -eigenes finde.«</p> - -<p>Indem der Magister noch diese Worte sprach, hörte man -ein Geräusch auf der Treppe, eilende Schritte nahten dem Zimmer, -die Türe ging auf, und ein Zeitungsblatt in der Hand -stürzte der Buchhändler Kaper in das Zimmer. »Wo ist er?« -rief er erhitzt und atemlos; »wo ist der große und unvergleichliche -Hüon, unser Scott, unser letzter Ritter! Wo ist Blüte und -Kern unserer Literatur? Ich meine den Herrn Referendär -von Palvi, der hier logiert, wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, -als er den Gesuchten nicht im Zimmer fand.</p> - -<p>»Er ist verreist,« antwortete der Alte.</p> - -<p>»Himmel! komme ich zu spät?« fuhr Kaper fort, »wissen -Sie nicht, hat Hüon schon einen Verleger zum nächsten Historischen? -Daß wir es erst heute erfahren müssen! – Ei! ei! -gratuliere, Herr Stallmeister, zu meiner schönen Nachbarin – -aber wer hätte das gedacht, daß wir den göttlichen Hüon in den -eigenen Mauern hätten, daß es dieser Herr von Palvi wäre!«</p> - -<p>»Wie!« rief der Stallmeister, indem er den Alten staunend -anblickte. »Er wäre Hüon?«</p> - -<p>»Da steht's, da steht's gedruckt im Konversationsblatt,« -schrie der Buchhändler, seine Zeitung dem jungen Rempen überreichend.</p> - -<p>»Hüon,« sagte der Alte, »er war Hüon. Wohl hat er den -Ungläubigen die Backenzähne ausgezogen, und vergebens kämpften<span class="pagenum"><a id="Page_140">[140]</a></span> -sie gegen meinen edlen, jugendlichen Paladin, aber sein -Geschick wollte, er sollte Hüon ohne Rezia sein.«</p> - -<p>Noch einmal öffnete sich die Türe und spie, wie das Tor -im Löwengarten des Königs Franz, zwei Leoparden auf einmal -aus. Es waren der Hofrat und der dramatische Professor, -die hereinstürzten. »Wo ist er?« riefen sie. »Vergessen sei -alle Fehde! Wir hatten ja einen ganz andern im Verdacht, der -Autor dieses Romans zu sein; darum, gewiß nur darum haben -wir ihn gehauen. Ins Freitagskränzchen soll er kommen, Mitarbeiter -soll er werden am belletristischen Vergnügen! Den -Zundler soll er uns ersetzen, der treffliche Hüon.« So schrieen -sie durcheinander, aber mit Hohn und Verachtung blickte sie der -Alte an. »Ihr findet ihn nicht mehr,« sagte er. »Er ist hinweg -für immer.«</p> - -<p>»Hat er etwa einen Ruf bekommen?« rief der Professor.</p> - -<p>»Ha!« rief ihm der Hofrat nach, »das ist ja wohl Zundlers -rätselhafter Magister. Herrlicher Fund! Wir zahlen zehn -Taler pro Bogen, Wertgeschätzter; arbeiten Sie mit an unserm -Blatt, was Sie wollen; Gedichte, Novellen, Rezensionen, Kunstgefühle, -wir nehmen alles auf!«</p> - -<p>»Zurück!« entgegnete der alte Mann mit mehr Hoheit, als -ihm Rempen zugetraut hatte; »ich habe einen Freund verloren, -eine große, schöne Seele, und bin nicht gesonnen, ihn mit euch -und euren Talern zu ersetzen. Dort am Boden liegen Palvis -Papiere – teilt euch in seinen poetischen Nachlaß.«</p> - -<p>Er sprach es, nahm den Stallmeister unter den Arm und -verließ mit ihm langsam das Zimmer. Kaper, der Hofrat und -der Professor stürzten wie Drachen auf den Boden und über -die Papiere her, und mitten in seinem Kummer mußte der -Stallmeister lächeln, als ihm der Alte auf der Treppe entdeckte, -jene werden nur Fragmente von juristischen Relationen und -unbedeutende Kriminalakten finden. Als aber der Alte an der -Türe des Hauses, mühsam und auf seinen Stab gestützt, an den -Häusern hinschleichen wollte, ergriff Rempen seinen Arm von -neuem und führte ihn trotz seiner Widerrede bis zu seiner Wohnung. -Dort setzte sich der Magister auf einen Stein, um Kräfte -zu gewinnen; denn sein Stübchen lag fünf Stockwerke hoch.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[141]</a></span></p> - -<h3>11.</h3> -</div> - -<p>Elise saß zu derselben Stunde vor der Toilette. Gedankenvoll -sah sie vor sich hin, indem das Kammermädchen ihre Haare -ordnete. Vielleicht hatte der tägliche Anblick dieser Zofe den Stachel -entheiligter Liebe nur immer noch tiefer in das Herz gedrückt; und -dennoch vermochte sie es nicht über sich, dieses Mädchen wegzuschicken; -es war der Stolz einer erhabenen Seele, was sie von -diesem Schritt abhielt, der vielleicht auch von ihren Eltern getadelt -worden wäre, denn das Mädchen diente treu und geschickt. -Doch so tief diese Wunde sein mochte, Elise suchte in -diesem Augenblick ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach -den Gesetzen der Natur das Wesen in uns zu derselben Zeit -verschiedentlich beschäftigt sein könnte, wenn es möglich wäre, -in dem nämlichen Moment in dem Herzen so ganz anders zu -fühlen, als man oben hinter den Augen denkt, so müßte Elisens -Seele in dieser Stunde nach verschiedenen Richtungen sich geteilt -haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüsterten tiefe, -wehmütige Töne die Erinnerung einer schönen Zeit, sie sangen -in klagenden Weisen jene Tage, wo Elise auf der ersten Stufe -der Jugend das Auge des Geliebten verstand. In volleren -Akkorden rauschten diese Erinnerungen, als sie von Stunden -seliger Liebe, von Trennung und der Wonne des Wiederfindens -sprachen. »Verloren, verloren durch seine eigene Schuld!« -weinte dann ihre Seele. »Untergegangen ein so großer, schöner -Geist in Leichtsinn und Niedrigkeit!« Doch diese Gefühle schlichen -nur gleich Schatten vorbei; sie suchte mit aller Gewalt des -Geistes den Blick von diesen Erinnerungen abzuwenden, sie -dachte an das ruhige, klare Wesen ihres zukünftigen Gatten, -sein bescheidenes und doch so würdiges Betragen, seine reine -Herzensgüte. Sie rief sich alles dies hervor, ja, sie versuchte -zu lächeln, um freundlichere Gefühle dadurch zu erringen, aber -– es gelang ihr, ruhig, doch nicht, heiter zu werden.</p> - -<p>Der Putz war vollendet, sie richtete sich vor dem hohen -Spiegel auf, und die Freude an ihrer eigenen hübschen Gestalt -verdrängte auf Augenblicke jene düsteren, wehmütigen Bilder. -»Nein, und wenn er noch so proper angetan wäre,« sagte in -diesem Augenblick das Kammermädchen, »mich soll er nicht mehr -anreden dürfen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_142">[142]</a></span></p> - -<p>»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mehr von solchen Dingen -reden,« rief Elise mit der Röte des Unmutes auf den -Wangen.</p> - -<p>»Ach Gott! gnädiges Fräulein, ich will ja auch gar nichts -mehr von dem schlechten Menschen wissen, aber ich sagte nur so, -weil er wieder in Herrn Kapers Laden steht.«</p> - -<p>Elise zitterte, sie wollte von dem Spiegel hinwegeilen, aber -unwiderstehlich zog es sie an das Fenster. Sie warf einen -Blick hinüber, und unter jener Türe stand Zundler.</p> - -<p>»Wie!« rief sie, kaum ihrer Worte mächtig, der Zofe zu, -»ist es denn dieser?«</p> - -<p>»I, freilich! aber werden Sie mir nur nicht böse!«</p> - -<p>»Und dieser ist derselbe, den du <em class="gesperrt">damals</em> meintest?« fuhr -sie mit bebenden Lippen fort.</p> - -<p>»Wer denn anders?« entgegnete jene ruhig; »aber ich weiß -jetzt, er ist ein schlechter Mensch, und jetzt weiß ich auch, wie er -heißt, Doktor Zundler.«</p> - -<p>»Geh, geh, bringe die Kleider weg,« flüsterte Elise, indem -sie ihr glühendes Gesicht halb bewußtlos in die Kissen des -Sofas drückte; das Mädchen eilte erschrocken hinweg, und die -unglückliche Braut war mit ihrem Gram allein. Welche Gefühle -stürmten auf sie ein! Beschämung, Liebe, Unmut über -sich selbst. Sie sprang auf; ein Gang durch das Zimmer machte -sie mutiger. Sie wollte Rempen alles gestehen, sie war einen -Augenblick überzeugt, er werde so edel sein, zurückzutreten, Palvi -werde leicht zu versöhnen sein. Aber die Stadt wußte, daß heute -ihre Verlobung sei. Ihr Vater hatte dem Geliebten sogar das -Haus verboten, würde er jemals einwilligen, sie glücklich zu -machen? Nein! – Scham vor der Welt, Reue, Angst warfen -sie nieder. Bleich, erschöpft und zitternd fand sie der Stallmeister, -als er bald darauf ernster, als zu diesem fröhlichen Tag -sich schickte, in Elisens Zimmer trat.</p> - -<p>»Ich muß Ihnen eine sonderbare Nachricht geben,« sagte -er bewegt, indem er sich zu ihr setzte und, beschäftigt mit seinen -Gedanken, ihre Verwirrung nicht bemerkte. »Palvi ist weggereist, -und zwar auf immer.«</p> - -<p>»Er ist tot!« rief sie. »Gewiß, schnell, sagen Sie es nur -heraus, er hat sich getötet!«</p> - -<p>»Nein,« erwiderte Rempen, »er hat mir einen Brief zurückgelassen, -worin er Sie und mich zum letztenmal begrüßt; er -ist nach Frankreich gegangen. Dorthin lautet auch sein Paß, -wie mir soeben mein Onkel erzählte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[143]</a></span></p> - -<p>Elise schwieg; sie fühlte, daß sie ihn erst in diesem Augenblick -ganz verloren habe; aber sie hatte Kraft genug, jeden Laut -des Kummers zu unterdrücken.</p> - -<p>»Doch was Sie noch mehr befremden wird,« fuhr er fort, -»jenen Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der -Autor selbst vorgelesen.«</p> - -<p>»Palvi!« rief sie in so eigenem Ton, daß der Stallmeister -erschrak. »Er wäre –«</p> - -<p>»Hüon, der Autor der ›letzten Ritter von Marienburg‹. Es -steht schon in öffentlichen Blättern, und hier schickt er mir und -Ihnen dieses Werk.« Der Stallmeister öffnete ein Paket und -gab Elisen die Bücher. Sie öffnete eines derselben; ihr Blick -fiel auf das Märchen, woraus Palvi mit so sonderbarem Accent -einige Reime gelesen, und jetzt erst stieg eine längst verbleichte -Erinnerung in ihr auf. Es war ein Märchen, das Palvis -Vater den Kindern so oft erzählt hatte. Eine große Träne -schwamm in ihrem schönen Auge und fiel herab auf diese Zeilen.</p> - -<p>In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Mit -feierlichem Gesicht und überladen mit seinen Orden trat der -Geheimrat von Rempen herein. Mit Anstand trat er vor das -Fräulein, ihr den Arm zu bieten. »Die Familien sind im Salon -versammelt,« sprach er; »ist es gefällig, die Ringe zu wechseln? -Doch wie? Sind Sie so sehr in unsere Literatur verliebt, daß -Sie sogar gerade vor der Verlobung Lesestunden mit meinem -Neffen halten? Was lesen Sie denn, wenn man fragen darf?«</p> - -<p>Mit einem schmerzlichen Lächeln stand Elise auf und nahm -seinen Arm. »Etwas Altes in neuer Form,« erwiderte sie, »ein -Märchen von untergegangener Liebe!«</p> - -<p>»Ei! ei!« setzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger -drohend hinzu. »Etwas solches vor der Verlobung? und wie -heißt denn der Titel?« fragte er, indem er sie in den Saal -führte.</p> - -<p>»Er heißt: <em class="gesperrt">Die letzten Ritter von Marienburg</em>.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[144]</a></span></p> - -<h3>Des Verfassers eigene Kritik über vorstehende Novelle.</h3> - -<p class="center smaller">(Litteraturblatt des Morgenblatts 1827 Nr. 92 u. ff.)</p> -</div> -<div class="blockquot"> - -<p><em class="gesperrt">Die letzten Ritter von Marienburg</em>, Novelle von -W. Hauff. Auch wieder einmal eine Novelle, doch gottlob keine -historische, wie wir beim ersten Anblick geargwöhnt hatten; lieber -wäre es uns gewesen wenn Herr Hauff seinen Stoff, wie es im -ersten Kapitel geschieht, durchaus zu einer Satire der historischen -Romane, nicht aber zu einer ziemlich unnötigen Belobung derselben -benützt hätte. Auch ist es nicht sehr bescheiden, daß der Herr Verfasser -den Roman »Die letzten Ritter von Marienburg« so oft als -trefflich und unvergleichlich schildert, da er doch selbst es ist, der -die Skizze davon entworfen hat.</p> - -<p>Die letzten Partien der Novelle sind abgerissener und eilender -als die ersten und verfehlen dadurch den Charakter der besonnenen -Ruhe und Rundung, den die Novelle haben soll. Herr Hauff scheint -sich zwar diesmal in Hinsicht auf Sprache und Anordnung mehr -Mühe gegeben zu haben als im vorjährigen Frauentaschenbuch; -aber auch hier sind die Figuren nur skizziert, flüchtig angedeutet -und gelangen somit nicht zu echterm, farbigem Leben. Das Motiv, -aus welchem Fräulein Elise den Dichter Palvi aufgibt, ist, wenn -ein natürliches, doch jedenfalls kein poetisches.</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_145">[145]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Sangerin">Die Sängerin.</h2> - -<h3>1.</h3> -</div> - -<p>»Das ist ein sonderbarer Vorfall!« sagte der Kommerzienrat -Bolnau zu einem Bekannten, den er auf der breiten Straße -in B. traf; »gesteht selbst, wir leben in einer argen Zeit.«</p> - -<p>»Ihr meint die Geschichte im Norden?« entgegnete der -Bekannte, »habt Ihr Handelsnachrichten, Kommerzienrat? Hat -Euch der Minister des Auswärtigen aus alter Freundschaft -etwas Näheres gesagt?«</p> - -<p>»Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen -mag geschehen, was da will. Nein, ich meine die Geschichte -mit der Bianetti.«</p> - -<p>»Mit der Sängerin? Wie? Ist sie noch einmal engagiert? -Man sagte ja, der Kapellmeister habe sich mit ihr überworfen –«</p> - -<p>»Aber um Gottes willen,« rief der Kommerzienrat und -blieb staunend stehen; »in welchen Spelunken treibet Ihr Euch -umher, daß Ihr nicht wisset, was sich in der Stadt zuträgt? -So wisset Ihr nicht, was der Bianetti arrivierte?«</p> - -<p>»Kein Wort, auf Ehre! was ist es denn mit ihr?«</p> - -<p>»Nun, es ist weiter nichts mit ihr, als daß sie heute nacht -totgestochen worden ist.«</p> - -<p>Der Kommerzienrat galt unter seinen Bekannten für einen -Spaßvogel, der, wenn er morgens von elf bis Mittag seine -Promenaden in der breiten Straße machte, die Leute gerne -aufhielt und ihnen irgend etwas aus dem Stegreife aufband. -Der Bekannte war daher nicht sehr gerührt von dieser Schreckensnachricht, -sondern antwortete: »Weiter wisset Ihr also heute -nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nachgerade mit Eurem Witz -zu Rande sein, weil Ihr die Farben so stark auftraget. Wenn -Ihr mich übrigens ein andermal wieder stellet in der breiten -Straße, so besinnt Euch auf etwas Vernünftigeres, sonst bin ich -genötigt, einen Umweg zu machen, wenn ich von der Kanzlei -nach Hause gehe.«</p> - -<p>»Er glaubt's wieder nicht!« rief der Spaziergänger; »seht -nur, er glaubt's wieder nicht! Wenn ich gesagt hätte, der Kaiser<span class="pagenum"><a id="Page_146">[146]</a></span> -von Marokko sei erstochen worden, so hättet Ihr die Nachricht -mit Dank eingesteckt und weitergetragen, weil sich dort schon -Aehnliches zugetragen hat. Aber wenn eine Sängerin hier in -B. totgestochen wird, da will keiner glauben, bis man den Leichenzug -sieht. Aber, Freundchen, diesmal ist's wahr, so wahr -ich ein ehrlicher Mann bin.«</p> - -<p>»Mensch! Bedenket, was Ihr sagt!« rief der Freund mit -Entsetzen. »Die Sängerin erstochen? Tot, sagtet Ihr? Die -Bianetti totgestochen?«</p> - -<p>»Tot war sie vor einer Stunde noch nicht, aber sie liegt in -den letzten Zügen, soviel ist gewiß.«</p> - -<p>»Aber sprechet doch ums Himmels willen! Wie kann man -denn eine Sängerin totstechen? Leben wir denn in Italien? -Für was ist denn eine wohllöbliche Polizei da? Wie ging es -denn zu? Totgestochen!«</p> - -<p>»Schreiet doch nicht so mörderlich!« erwiderte Bolnau besänftigend; -»die Leute fahren schon mit den Köpfen aus allen -Fenstern und schauen nach dem Straßenlärm. Ihr könntet ja -<em class="antiqua">sotta voce</em> jammern, so viel Ihr wollt. Wie es zuging? Ja -sehet, da liegt es eben; das weiß bis jetzt kein Mensch. Gestern -nacht war das schöne Kind noch auf der Redoute, so liebenswürdig, -so bezaubernd wie immer, und heute nacht um zwölf -Uhr wird der Medizinalrat Lange aus dem Bette geholt, Signora -Bianetti liege am Sterben; sie habe eine Stichwunde im -Herzen. Die ganze Stadt spricht schon davon, aber natürlich -das tollste Zeug. Es sind allerdings fatale Umstände dabei, -daß man nicht ins reine kommen kann; so darf z. B. niemand -ins Haus als der Arzt und die Leute, die sie bedienen. Auch bei -Hof weiß man es schon, und es kam ein Befehl, daß die Wache -nicht am Haus vorbeiziehen dürfe; das ganze Bataillon mußte -den Umweg über den Markt nehmen.«</p> - -<p>»Was Ihr sagt! Aber weiß man denn gar nicht, wie es -zuging? Hat man denn gar keine Spur?«</p> - -<p>»Es ist schwer, sich aus den verschiedenen Gerüchten auf das -Wahre durchzuarbeiten. Die Bianetti, das muß man ihr lassen, -ist eine sehr anständige Person, der man auch nicht das geringste -nachsagen kann. Nun, wie aber die Leute sind, besonders die -Frauen, wenn man da von dem ordentlichen Lebenswandel des -armen Mädchens spricht, zuckt man die Achsel und will von ihrem -frühern Leben allerlei wissen. Von ihrem frühern Leben! Sie -hat kaum siebzehn Jahre und ist schon anderthalb Jahre hier? -Was ist das für ein früheres Leben!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_147">[147]</a></span></p> - -<p>»Haltet Euch nicht so lange beim Eingang auf,« unterbrach -ihn der Bekannte, »sondern kommt auf das Thema. Weiß -man nicht, wer sie erstochen hat?«</p> - -<p>»Nun, das sage ich ja eben; da soll es nun wieder ein abgewiesener -oder eifersüchtiger Liebhaber sein, der sie umbrachte. -Sonderbar sind allerdings die Umstände. Sie soll gestern auf -der Redoute mit einer Maske, die niemand kannte, ziemlich -lange allein gesprochen haben. Sie ging bald nachher weg, und -einige Leute wollten gesehen haben, daß dieselbe Maske zu ihr in -den Wagen stieg. Weiter weiß niemand etwas Gewisses; aber -ich werde es bald erfahren, was an der Sache ist.«</p> - -<p>»Ich weiß, Ihr habt so Eure eigenen Kanäle, und gewiß -habt Ihr auch bei der Bianetti einen dienstbaren Geist. Es -gibt Leute, die Euch die Stadtchronik nennen.«</p> - -<p>»Zu viel Ehre, zu viel Ehre,« lachte der Kommerzienrat -und schien sich ein wenig geschmeichelt zu fühlen. »Diesmal -habe ich aber keinen andern Spion als den Medizinalrat selbst. -Ihr müßt bemerkt haben, daß ich, ganz gegen meine Gewohnheit, -nicht die ganze Straße hinauf und hinab wandle, sondern mich -immer zwischen der Karls- und Friedrichsstraße halte.«</p> - -<p>»Wohl habe ich dies bemerkt, aber ich dachte, Ihr macht -Fensterparade vor der Staatsrätin Baruch.«</p> - -<p>»Geht mir mit der Baruch! Wir haben seit drei Tagen -gebrochen, meine Frau sah das Verhältnis nicht gerne, weil jene -so hoch spielt. Nein, der Medizinalrat Lange kommt alle Tage -um zwölf Uhr durch die breite Straße, um ins Schloß zu gehen, -und ich stehe hier auf dem Anstand, um ihn sogleich aufs Korn -zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.«</p> - -<p>»Da bleibe ich bei Euch,« sprach der Freund, »die Geschichte -der Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es -doch, Bolnau?«</p> - -<p>»Wertester, geniert Euch ganz und gar nicht,« entgegnete -jener; »ich weiß, Ihr speiset um zwölf Uhr, lasset doch die -Suppe nicht kalt werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch -nicht recht mit der Sprache heraus wollen; kommt lieber nach -Tisch ins Kaffeehaus, dort sollet Ihr alles hören. – Machet -übrigens, daß Ihr fortkommt, dort biegt er schon um die Ecke.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>2.</h3> -</div> - -<p>»Ich halte die Wunde nicht für absolut tödlich,« sprach der -Medizinalrat Lange nach den ersten Begrüßungen; »der Stoß -scheint nicht sicher geführt worden zu sein. Sie ist schon wieder<span class="pagenum"><a id="Page_148">[148]</a></span> -ganz bei Besinnung, und die Schwäche abgerechnet, die der -große Blutverlust verursachte, ist in diesem Augenblick wenigstens -keine Spur von Gefahr.«</p> - -<p>»Das freut mich,« erwiderte der Kommerzienrat und schob -vertraulich seinen Arm in den des Doktors; »ich begleite Ihn -noch die paar Straßen bis ans Schloß; aber sag' Er mir doch -ums Himmels willen etwas Näheres über diese Geschichte; man -kann ja gar nicht ins klare kommen, wie sich alles zugetragen.«</p> - -<p>»Ich kann Ihm schwören,« antwortete jener, »es liegt ein -furchtbares Dunkel über der Sache. Ich war kaum eingeschlafen, -so weckt mich mein Johann mit der Nachricht, man verlange -mich zu einem sehr gefährlichen Kranken. Ich warf mich -in die Kleider, renne hinaus, im Vorsaal steht ein Mädchen, -bleich und zitternd, und flüstert so leise, daß ich es kaum hörte, -ich soll mein Verbandzeug zu mir stecken. Schon das fällt mir -auf; ich werfe mich in den Wagen, lasse die bleiche Mamsell auf -den Bock zu Johann sitzen, daß sie den Weg zeige, und fort geht -es bis in den Lindenhof. Ich steige vor einem kleinen Hause ab -und frage die Mamsell, wer denn der Kranke sei?«</p> - -<p>»Ich kann mir denken, wie Er staunte –«</p> - -<p>»Wie ich staunte, als ich hörte, es ist Signora Bianetti! -Ich kannte sie zwar nur vom Theater, hatte sie sonst kaum zwei-, -dreimal gesehen, aber die geheimnisvolle Art, wie ich zu ihr -gerufen wurde, das Verbandzeug, das ich zu mir stecken sollte, -ich gestehe Ihm, ich war sehr gespannt, was der Sängerin zugestoßen -sein sollte. Es ging eine kurze Treppe hinan, eine -schmale Hausflur entlang. Das Mädchen ging voran, ließ -mich einige Augenblicke im Dunkeln warten und kam mir dann -schluchzend und noch bleicher als zuvor entgegen. ›Treten Sie -ein, Herr Doktor,‹ sagte sie, ›ach! Sie werden zu spät kommen, -sie wird's nicht überleben.‹ Ich trat ein, es war ein schrecklicher -Anblick.«</p> - -<p>Der Medizinalrat schwieg sinnend und düster, es schien sich -ein Bild vor seine Seele zu drängen, das er umsonst abzuwehren -suchte. »Nun, was sah Er?« rief sein Begleiter, ungeduldig -über diese Unterbrechung. »Er wird mich doch nicht so zwischen -Türe und Angel stehen lassen wollen?«</p> - -<p>»Es ist mir manches in meinem Leben begegnet,« fuhr der -Doktor fort, nachdem er sich gesammelt hatte, »manches, wovor -mir graute, manches, das mich erschreckte, aber nichts, was mir -das Herz so in der Brust umdrehte wie dieser Anblick. In einem<span class="pagenum"><a id="Page_149">[149]</a></span> -matt erleuchteten Zimmer lag ein bleiches, junges Weib auf dem -Sofa, vor ihr kniete eine alte Magd und preßte ihr ein Tuch -auf das Herz. Ich trat näher; weiß und starr wie eine Büste -lag der Kopf der Sterbenden zurück, die schwarzen, herabfallenden -Haare, die dunkeln Brauen und Wimpern der geschlossenen -Augen bildeten einen schrecklichen Kontrast mit der glänzenden -Blässe der Stirn, des Gesichtes, des schönen Halses. Die weißen -faltenreichen Gewänder, die wohl zu ihrer Maske gehört hatten, -waren von Blut überströmt, Blut auf dem Fußboden, und von -dem Herzen schien der rote Strom auszugehen. – Dies alles -stellte sich mir in einem Augenblick dar – es war Bianetti, -die Sängerin.«</p> - -<p>»O Gott, wie mich das rührt!« sprach der Kommerzienrat -bewegt und zog ein langes, seidenes Tuch hervor, um sich die -Augen zu wischen; »gerade so lag sie noch letzten Sonntag vor -acht Tagen in der Oper Othello da, als sie die Desdemona -spielte. Schon damals war der Effekt so grausam wahr und -wahrhaft greulich, daß man meinte, der Mohr habe sie in der -Tat erdolcht; und jetzt ist es wirklich so weit mit ihr gekommen! -Wie mich das rührt!«</p> - -<p>»Habe ich Ihm nicht jede übermäßige Rührung verboten?« -unterbrach ihn der Arzt. »Will Er mit Gewalt wieder seine -Zufälle bekommen?«</p> - -<p>»Er hat recht,« sagte der Kommerzienrat Bolnau und fuhr -schnell mit dem Tuch in die Tasche; »Er hat recht; meine Konstitution -ist nicht für den Affekt. Erzähl' Er nur weiter, ich -werde die Tafelscheiben am Kriegsministerio im Vorbeigehen -zählen, das hilft gegen solche Anfälle.«</p> - -<p>»Zähl' Er nur, und wenn es nicht hilft, so kann Er auch -noch den oberen Stock des Palais mitnehmen. – Die alte -Magd nahm das Tuch weg, und mit Erstaunen erblickte ich eine -Wunde, wie von einem Messerstich, die dem Herzen sehr nahe -war. Es war nicht Zeit, mich mit Fragen aufzuhalten, so viele -derselben mir auch auf der Zunge schwebten, ich untersuchte die -Wunde und legte den Verband um. Die Verwundete hatte -während der ganzen Operation kein Zeichen von Leben gezeigt; -nur, als ich die Wunde sondierte, hatte sie schmerzlich zusammengezuckt. -Ich ließ sie ruhen und bewachte ihren Schlummer.«</p> - -<p>»Aber das Mädchen und die alte Magd, hat Er denn diese -nicht gefragt, woher die Wunde rühre?«</p> - -<p>»Ich will es Ihm nur gestehen, Kommerzienrat, weil Er -mein alter Freund ist; ja, als für die Kranke im Augenblicke<span class="pagenum"><a id="Page_150">[150]</a></span> -nichts mehr zu tun war, habe ich ihnen rund genug erklärt, daß -ich weiter keine Hand mehr an die Dame legen werde, wenn sie -mir nicht alles beichten.«</p> - -<p>»Und was sagten sie? So sprech Er doch!«</p> - -<p>»Nach elf Uhr war die Sängerin zu Hause gekommen, und -zwar von einer großen männlichen Maske begleitet. – Ich -mochte bei dieser Nachricht die beiden Weiber etwas sehr zweideutig -angesehen haben, denn sie fingen aufs neue an zu weinen -und beteuerten mir mit den außerordentlichsten Schwüren, ich -solle doch nichts Schlechtes von ihrer Herrschaft denken; es sei -die lange Zeit, seit sie ihr dienen, nie <span id="corr150">nach</span> vier Uhr abends ein -Mann über ihre Schwelle gekommen; das kleinere Mädchen, -das wohl Romane mußte gelesen haben, wollte sogar behaupten, -Signora sei ein Engel an Reinheit.«</p> - -<p>»Das behaupte ich auch,« sagte der Kommerzienrat, indem -er gerührt die Scheiben des Palais, dem sie sich näherten, zu -zählen anfing; »das sage ich auch; der Bianetti kann man nichts -Böses nachsagen, sie ist ein liebes, frommes Kind, und was -kann sie denn dafür, daß sie schön ist und ihr Leben durch Gesang -fristen muß?«</p> - -<p>»Glaub' Er mir,« entgegnete Lange, »ein Arzt hat hierin -einen untrüglichen psychologischen Maßstab. Ein Blick auf die -engelreinen Züge des unglücklichen Mädchens überzeugte mich -mehr von ihrer Tugend als die Schwüre ihrer Zofen. Doch -höre Er weiter: Die Sängerin trat mit dem Fremden in dieses -Zimmer und hieß ihr Mädchen hinausgehen. Diese war vielleicht -aus Neugierde, was wohl dieser nächtliche Besuch zu bedeuten -habe, der Türe nahe geblieben; sie hörte einen heftigen -Wortwechsel, der zwischen ihrer Dame und einer tiefen, hohlen -Männerstimme in französischer Sprache geführt wurde; Signora -sei endlich in heftiges Weinen ausgebrochen, der Mann habe -schrecklich geflucht; plötzlich hörte sie ihre Dame einen gellenden -Schrei ausstoßen, sie kann sich vor Angst nicht mehr zurückhalten, -reißt die Türe auf, und in demselben Augenblicke fährt -die Maske an ihr vorbei und durch den Gang an die Treppe. -Sie folgt ihr einige Schritte, vor der Treppe hört sie ein schreckliches -Gepolter, er mußte hinuntergestürzt sein. Von unten -dringt ein Aechzen und Stöhnen herauf wie das eines Sterbenden, -aber es graut ihr, sie wagt keinen Schritt weiter vorzugehen. -Sie geht zurück in die Türe – die Sängerin liegt in -ihrem Blute und schließt nach wenigen Augenblicken die Augen.<span class="pagenum"><a id="Page_151">[151]</a></span> -Das Mädchen weiß sich nicht zu raten, sie weckt die alte Magd, -ihrer Herrschaft einstweilen beizustehen, und springt zu mir, -um vielleicht Signora noch zu retten.«</p> - -<p>»Und die Bianetti hat noch nichts geäußert? Hat Er sie -nicht befragt?«</p> - -<p>»Ich ging sogleich auf die Polizei und weckte den Direktor; -er ließ noch um Mitternacht alle Gasthöfe, alle Gassenkneipen, -alle Winkel der Stadt durchsuchen, aus dem Tore ist in jener -Stunde niemand passiert, und von jetzt an wird jedermann -strenge untersucht. Die Hausleute, die im oberen Stock wohnen, -erfuhren die ganze Sache erst, als die Polizei das Haus durchsuchte; -unbegreiflich war es, wie der Mörder entspringen -konnte, da er durch seinen Fall hart beschädigt sein mußte, denn -man fand viel Blut unten an der Treppe, und es ist mir nicht -unwahrscheinlich, daß er sich im Falle durch seinen eigenen Dolch -verwundet hat. Es ist um so unbegreiflicher, wie er entkam, -da die Haustüre verschlossen war. Die Bianetti selbst erwachte -um zehn Uhr und gab dem Polizeidirektor zu Protokoll, daß -sie im strengsten Sinne nicht wisse, auch nicht einmal ahne, wer -die Maske sein könne. Alle Aerzte und Chirurgen sind verpflichtet, -wenn sie zu einem Patienten, der durch einen Fall -oder eine Messerwunde lädiert ist, gerufen werden, solches anzuzeigen, -weil man vielleicht auf diesem Wege dem Mörder auf -die Spur kommen könnte. So stehen die Sachen. Ich bin aber -überzeugt wie von meinem Leben, daß ein tiefes Geheimnis -zu Grunde liegt, das die Sängerin nicht entdecken will; denn -die Bianetti ist nicht die Person, die sich von einem ihr völlig -unbekannten Mann nach Hause begleiten läßt. Das scheint auch -ihr Mädchen, das beim Verhör zugegen war, zu ahnen. Denn -als sie sah, daß Signora nichts wissen wolle, gab sie nichts von -dem Wortwechsel an, den sie gehört hatte, mir aber warf sie -einen bittenden Blick zu, sie nicht zu verraten. ›Es ist eine -entsetzliche Geschichte,‹ sagte sie, als sie mich nachher zur Treppe -begleitete, ›aber keine Welt brächte mich dazu, etwas zu verraten, -was Signora nicht bekannt werden lassen will.‹ Sie gestand -mir noch etwas, das vielleicht auf die ganze Sache Licht verbreiten -würde.«</p> - -<p>»Nun, und darf ich diesen Umstand nicht auch wissen?« -fragte der Kommerzienrat; »Er sieht, wie ich gespannt bin; spann' -Er ab, spann' Er ab, um Gottes willen, ich könnte sonst leicht -meine Zufälle bekommen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[152]</a></span></p> - -<p>»Höre Er, Bolnau, besinn Er sich, lebt noch ein Bolnau -außer Ihm in dieser Stadt? Existiert noch irgend ein anderer -in der Welt, und wo, sag' Er, wo?«</p> - -<p>»Außer mir keine Seele in dieser Stadt,« antwortete Bolnau; -»als ich vor acht Jahren hieher zog, freute es mich, daß ich -nicht Schwarz, Weiß oder Braun, nicht Meier, Müller oder -Bauer heiße, weil damit allerlei unangenehme Verwechselungen -geschehen. In Kassel war ich der einzige Mann in meiner -Familie, und sonst gibt es auf Gottes Erdboden keinen Bolnau -mehr als meinen Sohn, den unglücklichen Musiknarren, der -ist verschollen, seit er nach Amerika segelte. Aber warum fragt -Er nach meinem Namen, Doktor?«</p> - -<p>»Nun, <em class="gesperrt">Er</em> kann es nicht sein, Kommerzienrat, und Sein -Sohn ist in Amerika. Aber es ist schon ein Viertel über zwölf -Uhr, Prinzeß Sophie ist krank, ich habe mich nur zu lang mit -Euch verschwatzt; lebt wohl, <em class="antiqua">à revoir</em>!«</p> - -<p>»Nicht von der Stelle,« rief Bolnau und hielt ihn fest am -Arm, »sagt mir zuvor, was das Mädchen noch gesagt hat.«</p> - -<p>»Nun ja, aber reinen Mund gehalten, Bolnau! ihr letztes -Wort, ehe sie in jene tiefe Ohnmacht sank, war <em class="gesperrt">Bolnau</em>.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>3.</h3> -</div> - -<p>Man hatte den Kommerzienrat Bolnau noch nie so ernst -und düster schleichen sehen wie damals, als ihn der Doktor Lange -vor dem Palais verließ. Sonst war er munter und rüstig einhergeschritten, -und wenn er mit dem freundlichsten Lächeln alle -Mädchen und Frauen grüßte, mit den Männern viel lachte und -ihnen allerlei Neues erzählte, so hätte man ihm noch keine -sechzig Jahre zugetraut. Er schien auch alle Ursache zu haben, -fröhlich und guter Dinge zu sein; er hatte ein hübsches Vermögen -zusammenspekuliert, hatte sich, als es genug schien, mit -seiner Frau in B. zur Ruhe gesetzt und lebte nun in Freude und -Jubel jahraus, jahrein. Er hatte einen einzigen Sohn gehabt, -dieser sollte die Laufbahn des alten Herrn auch durchlaufen und -handeln und sich umtun im Kommerz, so wollte er es haben.</p> - -<p>Der Sohn aber lebte und webte nur im Reich der Töne, -die Musik war ihm alles, der Handel und Kommerz des Vaters -war ihm zu gemein und niedrig. Der Vater hatte einen harten -Sinn, der Sohn auch, der Vater brauste leicht auf, der Sohn -auch, der Vater stellte gleich alles auf die Spitze, der Sohn -auch; kein Wunder, daß sie nicht miteinander leben konnten.<span class="pagenum"><a id="Page_153">[153]</a></span> -Und als der Sohn sein zwanzigstes Jahr zurückgelegt hatte, -war der Vater fünfzig, da brach er ab, sich zur Ruhe zu setzen, -und wollte dem Sohn den Handel geben. Es war auch bald -alles in Richtigkeit und Ruhe; denn in einer schönen Sommernacht -war der Sohn nebst einigen Klavierauszügen verschwunden, -kam auch richtig nach England und schrieb ganz freundschaftlich, -daß er nach Amerika gehen werde. Der Kommerzienrat -wünschte ihm Glück auf den Weg und begab sich nach B.</p> - -<p>Der Gedanke an den Musiknarren, wie er seinen Sohn -nannte, trübte ihm zwar manche Stunde, denn er hatte ihn -ersucht, sich nie mehr vor ihm sehen zu lassen, und es stand nicht -zu erwarten, daß jener ungerufen wiederkehre; es wollte ihn -zuweilen bedünken, als habe er doch töricht getan, als er ihn -durchaus im Kommerz haben wollte; aber Zeit, Gesellschaft und -heitere Laune ließen diese trüben Gedanken nicht lange aufkommen; -er lebte in Jubel und Freude, und wer ihn recht heiter -sehen wollte, durfte nur zwischen elf Uhr und Mittag durch -die breite Straße wandeln. Sah er dort einen langen, hagern -Mann, dessen sehr moderne Kleidung, dessen Lorgnette und Reitpeitsche, -dessen bewegliche Manieren nicht mehr recht zu seinen -grauen Haaren passen wollten, sah er diesen Mann nach allen -Seiten grüßen, alle Augenblicke bei diesem oder jenem stille -stehen und schwatzen und mit den Armen fechten, so konnte er -sich darauf verlassen, es war der Kommerzienrat Bolnau.</p> - -<p>Aber heute war dies alles ganz anders. Hatte ihn schon -zuvor die Ermordungsgeschichte der Sängerin fast zu sehr affiziert, -so war ihm das letzte Wort des Doktors in die Glieder -geschlagen. »Bolnau« hatte die Bianetti noch gesagt, ehe sie -vom Bewußtsein kam. Seinen eigenen ehrlichen Namen hatte -sie unter so verfänglichen Umständen ausgesprochen! Seine -Kniee zitterten und wollten ihm die Dienste versagen, sein Haupt -senkte sich auf die Brust sorgenvoll und gedankenschwer. »Bolnau!« -dachte er, »königlicher Kommerzienrat! Wenn sie jetzt -stürbe, die Sängerin, wenn das Mädchen dann ihr Geheimnis -von sich gäbe und den Polizeidirektor mit den näheren Umständen -des Mordes und mit dem verhängnisvollen Worte bekannt -machte! Was kann nicht ein geschickter Jurist aus einem -einzigen Wort argumentieren, besonders wenn ihn die Eitelkeit -anfeuert, in einer solchen <em class="antiqua">cause célèbre</em> seinen Scharfsinn zu -zeigen.« Er lorgnettierte mit verzweiflungsvoller Miene das -Zuchthaus, dessen Giebel aus der Ferne ragte. »Dorthin, Bolnau,<span class="pagenum"><a id="Page_154">[154]</a></span> -aus ganz besonderer Gnade und Rücksicht auf mehrjährige -Dienste!«</p> - -<p>Er atmete schwerer, er lüftete die Halsbinde, aber erschreckt -fuhr er zurück; war dies nicht der Ort, wo man das hänfene -Halsband umknüpfte, war nicht dies die Stelle, wo das kalte -Schwert durchging?</p> - -<p>Begegnete ihm ein Bekannter und nickte ihm zu, so dachte -er: Holla, der weiß schon um die Sache und will mir zu verstehen -geben, daß er wohl unterrichtet sei. Ging ein anderer -vorüber, ohne zu grüßen, so schien ihm nichts gewisser, als daß -man ihn nicht kennen wolle, sich nicht mit dem Umgang eines -Mörders beflecken wolle. Es fehlte wenig, so glaubte er selbst, -er sei schuldig am Mord, und es war kein Wunder, daß er einen -großen Bogen machte, um das Polizeibureau zu vermeiden; -denn konnte nicht der Direktor am Fenster stehen, ihn erblicken -und heraufrufen? »Wertester, beliebt es nicht, ein wenig heraufzuspazieren, -ich habe ein Wort mit Ihnen zu sprechen!« -Verspürte er nicht schon jetzt ein gewisses Zittern, fühlte er -nicht jetzt schon seine Züge sich zu einem Armensündergesicht -verziehen, nur weil man glauben könnte, er sei der, den die -Sängerin mit ihrem letzten Worte angeklagt?</p> - -<p>Und dann fiel ihm wieder ein, wie schädlich eine solche Gemütsbewegung -für seine Konstitution sei; ängstlich suchte er nach -Fensterscheiben, um sich ruhig zu zählen, aber die Häuser und -Straßen tanzten um ihn her, der Glockenturm schien sich höhnisch -vor ihm zu neigen, ein wahnsinniges Grauen erfaßte ihn, er -rannte durch die Straßen, bis er erschöpft in seiner Behausung -niedersank, und seine erste Frage war, als er wieder ein wenig -zu sich gekommen, ob nicht ein Polizeidiener nach ihm gefragt -habe.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>4.</h3> -</div> - -<p>Als gegen Abend der Medizinalrat Lange zu seiner Kranken -kam, fand er sie um vieles besser, als er sich gedacht hatte. Er -setzte sich an ihrem Bette nieder und besprach sich mit ihr über -diesen unglücklichen Vorfall. Sie hatte ihren Arm auf die -Kissen gestützt, in der zartgeformten Hand lag ihr schöner Kopf. -Ihr Gesicht war noch sehr bleich, aber selbst die Erschöpfung -ihrer Kräfte schien ihr einen eigentümlichen Reiz zu geben. Ihr -dunkles Auge hatte nichts von jenem Feuer, jenem Ausdruck -verloren, der den Doktor, obgleich er ein bedächtiger Mann und -nicht mehr in den Jahren war, wo Phantasie der Schönheit zu<span class="pagenum"><a id="Page_155">[155]</a></span> -Hilfe kommt, schon früher von der Bühne aus angezogen hatte. -Er mußte sich gestehen, daß er selten einen so schönen Kopf, ein -so liebliches Gesicht gesehen hatte; ihre Züge waren nichts weniger -als regelmäßig, und dennoch übten sie durch ihre Verbindung -und Harmonie einen Zauber aus, für welchen er lange -keinen Grund wußte; doch dem psychologischen Blicke des Medizinalrates -blieb dieser Grund nicht verborgen; es war jene Reinheit -der Seele, jener Adel der Natur, was diese jungfräulichen -Züge mit einem überraschenden Glanz von Schönheit übergoß. -»Es scheint, Sie studieren meine Züge, Doktor,« sprach die -Sängerin lächelnd; »Sie sitzen so stumm und sinnend da, starren -mich an und scheinen ganz zu vergessen, was ich fragte. Oder -ist es zu schrecklich, als daß ich es hören sollte? Darf ich nicht -erfahren, was die Stadt über mein Unglück sagt?«</p> - -<p>»Was wollen Sie alle diese törichten Vermutungen hören, -die müßige Menschen erfinden und weitersagen? Ich habe -eben darüber nachgedacht, wie rein sich Ihre Seele auf Ihren -Zügen spiegle; Sie haben Frieden in sich, was kümmert Sie -das Urteil der Menschen?«</p> - -<p>»Sie weichen mir aus,« entgegnete sie, »Sie wollen mir -entschlüpfen, indem Sie mir schöne Dinge sagen. Und mich -sollte das Urteil der Menschen nicht kümmern? Welches rechtliche -Mädchen darf sich so über die Gesellschaft, in welcher sie -lebt, hinwegsetzen, daß es ihr gleich gilt, was man von ihr -spricht? Oder glauben Sie etwa,« setzte sie ernster hinzu, »ich -werde nichts danach fragen, weil ich einem Stand angehöre, dem -man nicht viel Gutes zutraut? Gestehen Sie nur, Sie halten -mich für recht leichtsinnig.«</p> - -<p>»Nein, gewiß nicht; ich habe immer nur Schönes von Ihnen -gehört, Mademoiselle Bianetti, von Ihrem stillen, eingezogenen -Leben, und daß Sie mit sicherer Haltung in der Welt stehen, -obgleich Sie so einsam und mancher Kabale ausgesetzt sind. -Aber warum wollen Sie gerade wissen, was die Menschen sagen? -Wenn ich nun als Arzt solche Neuigkeiten nicht für zuträglich -hielt?«</p> - -<p>»Bitte, Doktor, bitte, foltern Sie mich nicht so lange,« -rief sie; »sehen Sie, ich lese in Ihren Augen, daß man nicht -gut von mir spricht. Warum mich in Ungewißheit lassen, die -gefährlicher für die Ruhe ist als die Wahrheit selbst?«</p> - -<p>Diesen letzten Grund fand der Medizinalrat sehr richtig; -und konnte in seiner Abwesenheit nicht irgend eine geschwätzige -Frau sich eindrängen und noch Aergeres berichten, als er sagen<span class="pagenum"><a id="Page_156">[156]</a></span> -konnte? »Sie kennen die hiesigen Leute,« antwortete er, »B. -ist zwar ziemlich groß, aber, du lieber Gott, bei einer Neuigkeit -derart zeigt es sich, wie kleinstädtisch man ist. Es ist wahr, Sie -sind das Gespräch der Stadt, dies kann Sie nicht wundern, und -weil man nichts Bestimmtes weiß, so – nun so macht man sich -allerhand seltsame Geschichten. So soll z. B. die männliche -Maske, die man auf der Redoute mit Ihnen sprechen sah und -die ohne Zweifel dieselbe ist, welche diese Tat beging, ein –«</p> - -<p>»Nun, so reden Sie doch aus,« bat die Sängerin in großer -Spannung, »vollenden Sie!«</p> - -<p>»Es soll ein früherer Liebhaber gewesen sein, der Sie in -– in einer andern Stadt geliebt hat und aus Eifersucht umbringen -wollte.«</p> - -<p>»Von <em class="gesperrt">mir</em> das! O, ich Unglückliche!« rief sie schmerzlich -bewegt, und Tränen glänzten in ihren schönen Augen; »wie hart -sind doch die Menschen gegen ein so armes, armes Mädchen, -das ohne Schutz und Hilfe ist! Aber reden Sie aus, Doktor, -ich beschwöre Sie! Es ist noch etwas anderes zurück, das Sie -mir nicht sagten. In welcher Stadt, sagen die Leute, soll ich –«</p> - -<p>»Signora, ich hätte Ihnen mehr Kraft zugetraut,« sprach -Lange, besorgt über die Bewegung seiner Kranken. »Wahrlich, -ich bereue es, nur so viel gesagt zu haben; ich hätte es nie getan, -wenn ich nicht fürchtete, daß andere mir unberufen zuvorkämen.«</p> - -<p>Die Sängerin trocknete schnell ihre Tränen; »ich will -ruhig sein,« sagte sie wehmütig lächelnd, »ruhig will ich sein -wie ein Kind; ich will fröhlich sein, als hätten mir diese Menschen, -die mich jetzt verdammen, ein tausendstimmiges Bravo -zugerufen. Nur erzählen Sie weiter, lieber, guter Doktor!«</p> - -<p>»Nun, die Leute schwatzen dummes Zeug,« fuhr jener ärgerlich -fort. »So soll, als Sie letzthin im Othello auftraten, in -einer der ersten Ranglogen ein fremder Graf gewesen sein; -dieser will Sie erkannt und vor etwa zwei Jahren in Paris in -einem schlechten Hause gesehen haben. – Aber, mein Gott, Sie -werden immer blässer –«</p> - -<p>»Es ist nichts, der Schein der Lampe fiel nur etwas matter -herüber, weiter, weiter!«</p> - -<p>»Nun, dieses Gerede blieb von Anfang nur in den ersten -Zirkeln, nach und nach kam es aber ins Publikum, und da dieser -Vorfall hinzukommt, verbindet man beides und versetzt das -frühere Verhältnis zu Ihrem Mörder in jenes berüchtigte Haus -in Paris.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_157">[157]</a></span></p> - -<p>Auf den ausdrucksvollen Zügen der Kranken hatte während -dieser Rede die tiefste Blässe mit flammender Röte gewechselt. -Sie hatte sich höher aufgerichtet, als solle ihr kein Wort dieser -schrecklichen Kunde entgehen, ihr Auge haftete starr und brennend -auf dem Mund des Arztes, sie atmete kaum, ihr Herz schien -stillzustehen. »Jetzt ist's aus,« rief sie mit einem schmerzlichen -Blick zum Himmel, indem Tränen ihrem Auge entstürzten, -»jetzt ist es aus, wenn <em class="gesperrt">er</em> dies hörte, so war es zuviel für seine -Eifersucht. Warum bin ich nicht gestern gestorben, ach! da hätte -ich meinen guten Vater gehabt, und meine süße Mutter hätte -mich getröstet über den Hohn dieser grausamen Menschen!«</p> - -<p>Der Doktor staunte über diese rätselhaften Worte; er wollte -eben ein tröstendes, besänftigendes Wort zu ihr sprechen, als die -Türe mit Geräusch aufflog und ein großer, junger Mann hereinfuhr. -Sein Gesicht war auffallend schön, aber ein wilder -Trotz verfinsterte seine Züge, sein Auge rollte, sein Haar hing -verwildert um die Stirne. Er hatte ein großes zusammengerolltes -Notenblatt in der Faust, mit welchem er in der Luft -herumfuhr und gleichsam agierte, ehe er Atem zum Sprechen -fand. Bei seinem Anblick schrie die Sängerin laut auf, der -Doktor glaubte anfangs, aus Angst, aber es war Freude, denn -ein holdes Lächeln zog um ihren Mund, ihr Auge glänzte ihm -durch Tränen entgegen. »Carlo!« rief sie, »Carlo! Endlich -kommst du, nach mir zu sehen!«</p> - -<p>»Elende!« rief der junge Mann, indem er majestätisch den -Arm mit der langen Notenrolle nach ihr ausstreckte. »Laß ab -von deinem Sirenengesang, ich komme – dich zu richten!«</p> - -<p>»O Carlo!« unterbrach ihn die Sängerin, und ihre Töne -klangen schmelzend und süß wie die Klänge der Flöte. »Wie -kannst du so zu deiner Giuseppa sprechen!«</p> - -<p>Der junge Mann wollte mit tragischem Pathos antworten, -aber der Doktor, dem dieser Auftritt für seine Kranke zu angreifend -schien, warf sich dazwischen. »Wertester Herr Carlo,« -sagte er, indem er ihm eine Prise bot, »belieben Sie zu bedenken, -daß Mademoiselle in einem Zustand ist, wo solche Szenen -allzusehr ihre schwachen Nerven affizieren!«</p> - -<p>Jener schaute ihn groß an und wandte die Notenrolle gegen -ihn. »Wer bist du, Erdenwurm?« rief er mit tiefer, dröhnender -Stimme. »Wer bist du, daß du dich zwischen mich stellst und -meinen Zorn?«</p> - -<p>»Ich bin der Medizinalrat Lange,« entgegnete dieser und -schlug die Dose zu, »und in meinen Titeln befindet sich nichts<span class="pagenum"><a id="Page_158">[158]</a></span> -von einem Erdenwurme. Ich bin hier Herr und Meister, solange -Signora krank ist, und ich sage Ihnen im guten, packen -Sie sich hinaus, oder modulieren Sie Ihr <em class="antiqua">Presto assai</em> zu einem -anständigen <em class="antiqua">Larghetto</em>.«</p> - -<p>»O, lassen Sie ihn doch, Doktor,« rief die Kranke ängstlich, -»lassen Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er ist mein -Freund, Carlo wird mir nichts Böses tun, was ihm auch die -schlechten Menschen wieder von mir gesagt haben.«</p> - -<p>»Ha! Du wagst es noch zu spotten! Aber wisse, ein Blitzstrahl -hat die Tore deines Geheimnisses gesprengt und hat die -Nacht erhellt, in welcher ich wandelte. Also darum sollte ich -nicht wissen, was du warst, woher du kamst? Darum verschlossest -du mir den Mund mit deinen Küssen, wenn ich nach deinem -Leben fragte? Ich Tor! Daß ich von einer Weiberstimme mich -bezaubern ließ und nicht bedachte, daß sie nur Trug und Lug ist! -Nur im Gesang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. <em class="antiqua">Ciel!</em> -Wie konnte ich mich von den Rouladen einer Dirne betören -lassen!«</p> - -<p>»O Carlo,« flüsterte die Kranke, »wenn du wüßtest, wie -deine Worte mein Herz verwunden, wie dein schrecklicher Verdacht -noch tiefer dringt als der Stahl des Mörders!«</p> - -<p>»Nicht wahr, Täubchen,« schrie jener mit schrecklichem -Lachen, »deine Amorosi sollten blind sein, da wäre gut mit -ihnen spielen? Der Pariser muß doch ein wackerer Kerl sein, -daß er endlich doch noch das fromme Täubchen fand!«</p> - -<p>»Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,« rief der -Doktor und packte den Rasenden am Rock; »auf der Stelle marschier' -Er sich zu dem Zimmer hinaus, sonst werde ich die Hausleute -rufen, daß sie Ihn expedieren!«</p> - -<p>»Ich gehe schon, Erdenwurm, ich gehe,« schrie jener und -stieß den Medizinalrat zurück, daß er ganz bequem in einem -Fauteuil niedersaß; »ja ich gehe, Giuseppa, um nimmer wiederzukehren. -Lebe wohl oder stirb lieber, Unglückliche, verbirg -deine Schmach unter der Erde. Aber jenseits verbirg deine -Seele an einem Ort, wo ich dir nie begegnen möge; ich würde der -Seligkeit fluchen, wenn ich sie mit dir teilte, weil du mich hier -so schändlich um meine Liebe, um mein Leben betrogen.« Er -rief es, indem er noch etwas weniges mit den Noten agierte, -aber sein wildes, rollendes Auge schmolz in Tränen, als er den -letzten Blick auf die Geliebte warf, und schluchzend rannte er -aus dem Zimmer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_159">[159]</a></span></p> - -<p>»Ihm nach, halten Sie ihn auf,« rief die Sängerin, »führen -Sie ihn zurück, es gilt meine Seligkeit!«</p> - -<p>»Mit nichten, Wertgeschätzte,« entgegnete Doktor Lange, -indem er sich aus seinem Lehnstuhl aufrichtete; »diese Szene -darf nicht fortgespielt werden. Ich will Ihnen etwas Niederschlagendes -aufschreiben, das Sie alle Stunden zwei Eßlöffel -voll einnehmen werden.«</p> - -<p>Die Unglückliche war in ihre Kissen zurückgesunken, und -ihre Kräfte waren erschöpft, sie verlor das Bewußtsein von -neuem.</p> - -<p>Der Doktor rief das Mädchen und suchte mit ihrer Hilfe -die Kranke wieder ins Leben zurückzubringen, doch konnte er -sich nicht enthalten, während er die Essenzen einflößte, das -Mädchen tüchtig auszuschmälen. »Habe ich nicht befohlen, man -solle niemand, gar niemand hereinlassen, und jetzt läßt man -diesen Wahnsinnigen zu, der Ihr braves Fräulein beinahe zum -zweitenmal ums Leben brachte.«</p> - -<p>»Ich habe gewiß sonst niemand hereingelassen,« sprach die -Zofe weinend; »aber <em class="gesperrt">ihn</em> konnte ich doch nicht abweisen; sie -schickte mich ja heute schon dreimal in sein Haus, um ihn zu -beschwören, nur auf einen kleinen Augenblick zu kommen; ich -mußte ja sogar sagen, sie sterbe und wolle ihn vor ihrem Tode -nur noch ein einziges Mal sehen!«</p> - -<p>»So? Und wer ist denn dieser –«</p> - -<p>Die Kranke schlug die Augen auf. Sie sah bald den -Doktor, bald das Mädchen an, ihre Blicke irrten suchend durchs -Zimmer. »Er ist fort, er ist auf ewig hin,« flüsterte sie; »ach, -lieber Doktor, gehen Sie zu Bolnau!«</p> - -<p>»Aber, mein Gott, was wollen Sie nur von meinem unglücklichen -Kommerzienrat, er hat sich über Ihre Geschichte schon -genug alteriert, daß er zu Bette liegen muß; was kann denn er -Ihnen helfen?«</p> - -<p>»Ach, ich habe mich versprochen,« erwiderte sie, »zu dem -fremden Kapellmeister sollen Sie gehen, er heißt Boloni und -logiert im Hotel de Portugal.«</p> - -<p>»Ich erinnere mich, von ihm gehört zu haben,« sprach der -Doktor, »aber was soll ich bei diesem tun?«</p> - -<p>»Sagen Sie ihm, ich wolle ihm alles sagen, er soll nur -noch einmal kommen – doch nein, ich kann es ihm nicht selbst -sagen; Doktor, wenn Sie – ja ich habe Vertrauen zu Ihnen, -ich will Ihnen alles sagen, und dann sagen Sie es wieder dem -Unglücklichen, nicht wahr?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_160">[160]</a></span></p> - -<p>»Ich stehe zu Befehl; was ich zu Ihrer Beruhigung tun -kann, werde ich mit Freuden tun.«</p> - -<p>»Nun, so kommen Sie morgen frühe, ich kann heute nicht -mehr so viel sprechen. Adieu, Herr Medizinalrat; doch noch -ein Wort; Babette, gib dem Herrn Doktor sein Tuch!«</p> - -<p>Das Mädchen schloß einen Schrank auf und reichte dem -Doktor ein Tuch von gelber Seide, das einen starken, angenehmen -Geruch im Zimmer verbreitete.</p> - -<p>»Das Tuch gehört nicht mir,« sprach jener, »Sie irren sich, -ich führe nur Schnupftücher von Leinwand.«</p> - -<p>»Unmöglich!« entgegnete das Mädchen; »wir fanden es -heute nacht am Boden, ins Haus gehört es nicht, und sonst war -noch niemand da als Sie.«</p> - -<p>Der Doktor begegnete den Blicken der Sängerin, die erwartungsvoll -auf ihm ruhten. »Könnte nicht dieses Tuch jemand -anderem entfallen sein?« fragte er mit einem festen Blick auf sie.</p> - -<p>»Zeigen Sie her,« erwiderte sie ängstlich, »daran hatte ich -noch nicht gedacht.« Sie untersuchte das Tuch und fand in der -Ecke einen verschlungenen Namenszug; sie erbleichte, sie fing -an zu zittern.</p> - -<p>»Es scheint, Sie kennen dieses Tuch und die Person, die -es verloren hat,« fragte Lange weiter; »es könnte zu etwas -führen; darf ich es nicht mit mir nehmen? Darf ich Gebrauch -davon machen?«</p> - -<p>Giuseppa schien mit sich zu kämpfen; bald reichte sie ihm -das Tuch, bald zog sie es ängstlich und krampfhaft zurück. »Es -sei,« sagte sie endlich; »und sollte der Schreckliche noch einmal -kommen und mein wundes Herz diesmal besser treffen, ich -wage es; nehmen Sie, Doktor. Ich will Ihnen morgen Erläuterungen -zu diesem Tuche geben.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>5.</h3> -</div> - -<p>Man kann sich denken, wie ausschließlich diese Vorfälle die -Seele des Medizinalrats Lange beschäftigten. Seine sehr ausgebreitete -Praxis war ihm jetzt ebensosehr zur Last, als sie ihm -vorher Freude gemacht hatte, denn verhinderten ihn nicht die -vielen Krankenbesuche, die er vorher zu machen hatte, die Sängerin -am andern Morgen recht bald zu besuchen und jene Aufschlüsse -und Erläuterungen zu vernehmen, denen sein Herz ungeduldig -entgegenpochte? Doch zu etwas waren diese Besuche -in dreißig bis vierzig Häusern gut, er konnte, wie er zu sagen<span class="pagenum"><a id="Page_161">[161]</a></span> -pflegte, hinhorchen, was man über die Bianetti sage, vielleicht -konnte er auch über ihren sonderbaren Liebhaber, den Kapellmeister -Boloni, eines oder das andere erfahren.</p> - -<p>Ueber die Sängerin zuckte man die Achseln. Man urteilte -um so unfreundlicher über sie, je ärgerlicher man darüber war, -daß so lange nichts Offizielles und Sicheres über ihre Geschichte -ins Publikum kam. Ihre Neider – und welche ausgezeichnete -Sängerin, wenn sie dazu schön und achtzehn alt ist, -hat deren nicht genug? – ihre Neider gönnten ihr alles und -machten hämische Bemerkungen; die Gemäßigten sagten: so ist -es mit solchem Volke; einer Deutschen wäre dies auch nicht -passiert. Ihre Freunde beklagten sie und fürchteten für ihren -Ruf beinahe noch mehr als für ihre Gesundheit. Das arme -Mädchen! dachte Lange und beschloß, um so eifriger ihr zu -dienen.</p> - -<p>Vom Kapellmeister wußte man wenig, weder Schlechtes -noch Gutes. Er war vor etwa drei Vierteljahren nach B. gekommen, -hatte sich im Hotel de Portugal ein Dachstübchen gemietet -und lebte sehr eingezogen und mäßig. Er schien sich -von Gesangstunden und musikalischen Kompositionen zu nähren. -Alle wollten übrigens etwas Ueberspanntes, Hochfahrendes an -ihm bemerkt haben; die, welche ihn näher kennen gelernt hatten, -fanden ihn sehr interessant, und schon mancher Musikfreund soll -sich ein Couvert an der Abendtafel im Hotel de Portugal bestellt -haben, nur um seine herrliche Unterhaltung über die -Musik zu genießen. Aber auch diese kamen darin überein, daß -es mit Boloni nicht ganz richtig sei, denn er vernachlässige, -verachte sogar den weiblichen Gesang, während er mit Entzücken -von Männerstimmen, besonders von Männerchören -spreche Er hatte übrigens keine näheren Bekannten, keinen -Freund; von seinem Verhältnis zur Sängerin Bianetti schien -niemand etwas zu wissen.</p> - -<p>Den Kommerzienrat Bolnau fand er noch immer unwohl -und im Bette; er schien sehr niedergeschlagen und sprach mit unsicherer, -heiserer Stimme allerlei Unsinn über Dinge, die sonst -gänzlich außer seinem Gesichtskreise lagen. Er hatte eine -Sammlung berühmter Rechtsfälle um sich her, in welcher er -eifrig studierte; die Frau Kommerzienrätin behauptete, er habe -die ganze Nacht darin gelesen und hie und da schrecklich gewinselt -und gejammert. Seine Lektüre betraf besonders die -unschuldig Hingerichteten, und er äußerte gegen den Medizinalrat, -es liege eigentlich für den Menschenfreund ein großer Trost<span class="pagenum"><a id="Page_162">[162]</a></span> -in der Langsamkeit der deutschen Justiz; denn es lasse sich erwarten, -daß, wenn ein Prozeß zehn und mehrere Jahre daure, -die Unschuld doch leichter an den Tag komme, als wenn man -heute gefangen und morgen gehangen werde.</p> - -<p>Die Sängerin Bianetti, für welche der Doktor endlich ein -Stündchen erübrigt hatte, war düster und niedergeschlagen, als -sei keine Hoffnung mehr für sie auf Erden. Ihr Auge war -trübe, sie mußte viel geweint haben, die Wunde war über alle -Erwartung gut; aber mit ihrem zunehmenden körperlichen -Wohlbefinden schien die Ruhe und Gesundheit ihrer Seele zu -schwinden. »Ich habe lange darüber nachgedacht,« sagte sie, -»und fand, daß Sie, lieber Doktor, doch auf höchst sonderbare -Weise in mein Schicksal verwebt werden. Ich kannte Sie -vorher nicht; ich gestehe, ich wußte kaum, daß ein Medizinalrat -Lange in B. existiere. Und jetzt, da ich mit einem Schlage so -unglücklich geworden bin, sendet mir Gott einen so teilnehmenden, -väterlichen Freund zu.«</p> - -<p>»Mademoiselle Bianetti,« erwiderte Lange, »der Arzt hat -an manchem Bette mehr zu tun, als nur den Puls an der -Linken zu fühlen, Wunden zu verbinden und Mixturen zu verschreiben. -Glauben Sie mir, wenn man so allein bei einem -Kranken sitzt, wenn man den innern Puls der Seele unruhig -pochen hört, wenn man Wunden verbinden möchte, die niemand -siehet, da wird auf wunderbare Weise der Arzt zum Freunde, -und der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Körper und -Seele scheint auch in diesem Verhältnis auffallend zu wirken.«</p> - -<p>»So ist es,« sprach Giuseppa, indem sie zutraulich seine -Hand faßte; »so ist es, und auch meine Seele hat einen Arzt -gefunden. Sie werden vielleicht viel für mich tun müssen. Es -möchte sein, daß Sie sogar vor den Gerichten in meinem Namen -handeln müssen. Wenn Sie einem armen Mädchen, das sonst -gar keine Stütze hat, dieses große Opfer bringen wollen, so will -ich mich Ihnen entdecken.«</p> - -<p>»Ich will es tun,« sprach der freundliche Alte, indem er -ihre Hand drückte.</p> - -<p>»Aber bedenken Sie es wohl; die Welt hat meinen Ruf -angegriffen, sie klagt mich an, sie richtet, sie verdammt mich. -Wenn nun die Menschen auch auf Sie höhnisch deuten, daß Sie -der verrufenen Sängerin, der schlechten Italienerin, ach!<span class="pagenum"><a id="Page_163">[163]</a></span> -<em class="gesperrt">meiner</em> sich angenommen haben, werden Sie das ertragen -können?«</p> - -<p>»Ich will es!« rief der Doktor mit Ernst und Heftigkeit. -»Erzählen Sie!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>6.</h3> -</div> - -<p>»Mein Vater,« erzählte die Sängerin, »war Antonio Bianetti, -ein berühmter Violinspieler, der Ihnen aus jüngeren -Jahren nicht unbekannt sein kann, denn sein Ruf hatte durch -die Konzerte, die er an Höfen und in großen Städten gab, sich -überall verbreitet. Ich kann mir ihn nur noch aus meiner frühesten -Kindheit denken, wie er mir die Skala vorgeigte, die ich -schon im dritten Jahre sehr richtig nachsang. Meine Mutter -war zu ihrer Zeit eine vorzügliche Sängerin gewesen und pflegte -in den Konzerten des Vaters einige Arien und Kanzonetten -vorzutragen. Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der -Reise starb und uns in Armut zurückließ. Meine Mutter mußte -sich entschließen, durch Singen uns fortzubringen. Sie heiratete -nach einem Jahr einen Musiker, der ihr von Anfang sehr geschmeichelt -haben soll, nachher aber zeigte es sich, daß er sie nur -geheiratet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde Musikdirektor -in einer kleinen Stadt im Elsaß, und da fing erst -unser Leiden recht an.</p> - -<p>»Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre -Stimme so sehr, daß sie beinahe keinen Ton mehr singen konnte. -Dadurch war die größte Geldquelle meines Stiefvaters versiegt, -denn seine Konzerte waren nur durch meine Mutter glänzend -und zahlreich gewesen. Er plagte sie von jetzt an schrecklich; mir -wollte er gar nicht mehr zu essen geben, bis er endlich auf ein -Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen. Er marterte mich -ganze Tage lang und geigte mir die schwersten Sachen von -Mozart, Gluck, Rossini und Spontini ein, die ich dann Sonntagsabend -mit großem Applaus absang; das arme Schepperl, so -hatte man meinen Namen Giuseppa verketzert, wurde eines -jener unglücklichen Wunderkinder, denen die Natur ein schönes -Talent zu ihrem größten Unglück gegeben hat; der Grausame -ließ mich alle Tage singen, er peitschte mich, er gab mir tagelang -nichts zu essen, wenn ich nicht richtig intoniert hatte; die Mutter -aber konnte meine Qualen nicht mehr lange sehen, es war, als -ob ihr Leben in ihren stillen Tränen dahinfließe; an einem -schönen Frühlingsmorgen fanden wir sie tot. Was soll ich Sie -von meinen Marterjahren unterhalten, die jetzt anfingen? Ich<span class="pagenum"><a id="Page_164">[164]</a></span> -war elf Jahre alt und sollte die Haushaltung führen, die -kleinen Geschwister erziehen, und dabei noch singen lernen für -die Konzerte! O, es war eine Qual der Hölle!</p> - -<p>»Um diese Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater -immer einen Sack voll Fünffrankstücke mitbrachte. Ich kann -nicht ohne Grauen an ihn denken. Es war ein großer, hagerer -Mann von mittlerem Alter; er hatte kleine blinzelnde, graue -Augen, die ihn durch ihren unangenehmen, stechenden Ausdruck -vor allen Menschen, die ich je gesehen, auszeichnete. Mich schien -er besonders liebgewonnen zu haben. Er lobte, wenn er kam, -meine Größe, meinen Anstand, mein Gesicht, meinen Gesang. -Er setzte mich auf seine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches -Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines -Schreiens, er sagte wohlgefällig: ›Noch zwei – drei Jahr, dann -bist du fertig, Schepperl!‹ Und er und mein Stiefvater brachen -in ein wildes Lachen bei dieser Prophezeiung aus. An meinem -fünfzehnten Geburtsfest sagte mein Stiefvater zu mir: ›Höre, -Schepperl, du hast nichts, du bist nichts, ich geb' dir nichts, ich -will nichts von dir, habe auch hinlänglich genug an meinen drei -übrigen Rangen; die Christel (meine Schwester) wird jetzt statt -deiner das Wunderkind. Was du hast, dein bißchen Gesang, -hast du von mir, damit wirst du dich fortbringen. Der Onkel -in Paris will dich übrigens aus Gnade in sein Haus aufnehmen.‹ -– ›Der Onkel in Paris?‹ rief ich staunend, denn bisher wußte -ich nichts von einem solchen. ›Ja, der Onkel in Paris,‹ gab er -zur Antwort, ›er kann alle Tage kommen.‹</p> - -<p>»Sie können sich denken, wie ich mich freute; es ist jetzt -drei Jahre her, aber noch heute ist die Erinnerung an jene -Stunden so lebhaft in mir, als wäre es gestern gewesen. Das -Glück, aus dem Hause meines Vaters zu kommen, das Glück, -meinen Onkel zu sehen, der sich meiner erbarme, das Glück, nach -Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz des Putzes und der Seligkeit -dachte, – ich war berauscht von so vielem Glück; so oft ein -Wagen fuhr, sah ich hinaus, ob nicht der Onkel komme, mich in -sein Reich abzuholen. Endlich fuhr eines Abends ein Wagen -vor unserem Hause vor. ›Das ist dein Onkel,‹ rief der Vater; -ich flog hinab, ich breitete meine Arme aus nach meinem Erretter -– grausame Täuschung! Es war der Mann mit den -Fünffrankenstücken.</p> - -<p>»Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber -dennoch vergesse ich die teuflische Freude nie, die aus seinen -grauen Augen blitzte, als er mich hoch aufgewachsen fand; noch<span class="pagenum"><a id="Page_165">[165]</a></span> -immer klingt mir seine krächzende Stimme in den Ohren: ›Jetzt -bist du recht, mein Täubchen, jetzt will ich dich einführen in die -große Welt.‹ Er faßte mich mit der Hand, mit der andern warf -er einen Geldsack auf den Tisch; der Sack fuhr auf, ein glänzender -Regen von Silber- und Goldstücken rollte auf den Boden; -meine drei kleinen Geschwister und der Vater jubelten, rutschten -auf dem Boden umher und lasen die Stücke auf, – es war – -mein Kaufpreis.</p> - -<p>»Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der hagere -Mann (ich vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte -mir beständig vor, welch glänzende Rolle ich in seinen Salons -spielen werde. Ich konnte mich nicht freuen, eine Angst, eine -unerklärliche Bangigkeit waren an die Stelle meiner Freude, -meines Glückes getreten. Vor einem großen, erleuchteten Hause -hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis zwölf schöne, -allerliebste Mädchen hüpften die breiten Treppen herab uns entgegen. -Sie herzten und küßten mich und nannten mich -Schwester Giuseppa; ich fragte den Hagern: ›Sind dies Ihre -Töchter, mein Herr?‹ – ›<em class="antiqua">Oui, mes bonnes enfants!</em>‹ rief er -lachend, und die Mädchen und die zahlreiche Dienerschaft stimmten -ein mit einem rohen, schallenden Gelächter.</p> - -<p>»Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerstreuten mich. Ich -wurde am folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich -in den Salon. Die zwölf Mädchen saßen im schönsten Putz -an Spieltischen, auf Kanapees, am Flügel. Sie unterhielten -sich mit jungen und ältern Herrn sehr lebhaft. Als ich eintrat, -brachen alle auf, gingen mir entgegen und betrachteten -mich. Der Herr des Hauses führte mich zum Flügel, ich mußte -singen; allgemeiner Beifall wurde mir zu teil. Man zog mich -ins Gespräch, meine ungebildeten, halb italienischen Ausdrücke -galten für Naivität; man bewunderte mich, ich erröte heute -noch, mit welchen Worten man mir dieses sagte. So ging es -mehrere Tage herrlich und in Freuden. Ich lebte ungeniert, -ich hätte zufrieden leben können, wenn ich mich nicht höchst unbehaglich, -beinahe bänglich in diesem Hause, in dieser Gesellschaft -gefühlt hätte; in meiner naiven Unschuld glaubte ich, so -sei nun einmal die große Welt, und man müsse sich in ihre -Sitten fügen. Eines fiel mir jedoch auf; als ich an einem -Abende zufällig an der Treppe vorbeiging, sah ich, daß die -Herren, die uns besuchten, dem Portier Geld gaben, dafür -blaue oder rote Karten bekamen und solche einem Bedienten -vor dem Salon wieder übergaben. Ein junger Stutzer, der<span class="pagenum"><a id="Page_166">[166]</a></span> -an mir vorüberkam, wies mir mit zärtlichen Blicken eine dieser -roten Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber -errötete. Aber hören Sie weiter, was sich alsbald zutrug.</p> - -<p>»Sehen Sie, lieber Doktor, hier habe ich ein kleines, unscheinbares -Papier. Diesem bin ich meine Rettung schuldig. -Ich fand es eines Morgens unter dem Brötchen meines Frühstücks, -ich weiß nicht, von welcher gütigen Hand es kam, aber -möge der Himmel das Herz belohnen, das sich meiner erbarmte. -Es lautet:</p> - -<p class="center"> -›Mademoiselle! -</p> - -<p>Das Haus, welches Sie bewohnen, ist ein Freudenhaus; -die Damen, die Sie um sich sehen, sind Freudenmädchen; sollten -wir uns in Giuseppa geirrt haben? Wird sie einen kurzen -Schimmer von Glück mit langer Reue erkaufen wollen?‹</p> - -<p>»Es war ein schreckliches Licht, es drohte mich völlig zu -blenden, denn es zerriß beinahe zu plötzlich meinen unschuldigen -Kindersinn und den Traum von einer unbesorgten glücklichen -Lage. Was war zu tun? Ich hatte in meinem Leben noch -nicht gelernt, Entschlüsse zu fassen. Der Mann, dem dieses -Haus gehörte, war mir ein fürchterlicher Zauberer, der jeden -meiner Gedanken lesen könne, der jetzt schon darum wissen -müsse, was ich erfahren. Und dennoch wollte ich lieber sterben, -als noch einen Augenblick hier verweilen. – Ich hatte ein Mädchen -geradeüber von unserer Wohnung zuweilen Italienisch -sprechen hören; ich kannte sie nicht – aber kannte ich denn -sonst jemand in dieser ungeheuren Stadt? Diese vaterländischen -Klänge erweckten Zutrauen in mir; zu ihr wollte ich flüchten, -ich wollte sie auf den Knieen anflehen, mich zu retten.</p> - -<p>»Es war sieben Uhr frühe; ich war meiner ländlichen Gewohnheit -treu geblieben, stand immer frühe auf und pflegte -gleich nachher zu frühstücken, und dies rettete mich. Um diese -Zeit schliefen noch alle, sogar ein großer Teil der Domestiken. -Nur der Portier war zu fürchten. Doch konnte er denken, daß -jemand aus diesem Tempel der Herrlichkeit entfliehen werde? -Ich wagte es; ich warf mein schwarzes, unscheinbares Mäntelchen -um mich, eilte die Treppe hinab; meine Kniee schwankten, -als ich an der Loge des Portiers vorbeiging; er bemerkte mich -nicht; drei Schritte, und ich war frei.</p> - -<p>»Rechts über die Straße hinüber wohnte das italienische -Mädchen. Ich sprang über die breite Straße, ich pochte am -Haus, ein Diener öffnete. Ich fragte nach der Signora mit -dem schwarzen Lockenköpfchen, die Italienisch spreche. Der<span class="pagenum"><a id="Page_167">[167]</a></span> -Diener lachte und sagte, ich meine wohl die kleine Exzellenza -Seraphine; ›dieselbe, dieselbe,‹ antwortete ich, ›führen Sie mich -geschwind zu ihr.‹ Er schien anfangs Bedenken zu tragen, weil -es noch frühe am Tage sei, doch meine Bitten überredeten ihn. -Er führte mich in dem zweiten Stock in ein Zimmer, hieß mich -warten und rief dann eine Zofe, der Exzellenza mich zu melden. -Ich hatte mir gedacht, das hübsche italienische Mädchen werde -meines Standes sein; ich schämte mich, einer Höheren mich zu -entdecken, aber man ließ mir keine Zeit, mich zu besinnen; die -Zofe erschien, mich vor das Bett ihrer Gebieterin zu führen. Ja, -sie war es, es war die schöne junge Dame, die ich hatte Italienisch -sprechen hören. Ich stürzte vor ihr nieder und flehte sie um -ihren Schutz an; ich mußte ihr meine ganze Geschichte erzählen. -Sie schien gerührt und versprach, mich zu retten. Sie ließ den -Diener, der mich heraufgeführt hatte, kommen und legte ihm -das strengste Stillschweigen auf, dann wies sie mir ein kleines -Stübchen an, dessen Fenster in den Hof gingen, gab mir zu -arbeiten und zu essen, und so lebte ich mehrere Tage in Freude -über meine Rettung, in Angst über meine Zukunft.</p> - -<p>»Es war das Haus des Gesandten eines kleinen deutschen -Hofes, in welches ich aufgenommen war. Die Exzellenza war -seine Nichte, eine geborene Italienerin, die bei ihm in Paris -erzogen worden war. Sie war ein gütiges, liebenswürdiges -Geschöpf, dessen Wohltaten ich nie vergessen werde. Sie kam -alle Tage zu mir und tröstete mich; sie sagte mir, daß der Gesandte -durch seine Bedienten in dem Hause des argen Mannes -nachgeforscht habe. Man sei sehr in Bestürzung, suche es aber -zu verbergen. Die Diener drüben flüstern geheimnisvoll, es -habe sich eine Mamsell aus einem Fenster des zweiten Stocks in -den Kanal der Seine gestürzt. Sonderbare Fügung! Mein -Zimmer war ein Eckzimmer und sah mit der einen Seite nach -der Straße, die andere ging schroff hinab in einen Kanal. Ich -erinnerte mich, an jenem Morgen ein Fenster dieser Seite geöffnet -zu haben; wahrscheinlich war es <em class="gesperrt">offen</em> geblieben, und -so mochte man sich mein Verschwinden erklären. Signora Seraphine -sollte um diese Zeit nach Italien zurückkehren, sie war so -gütig, mich mitzunehmen. Ja, sie tat noch mehr für mich; sie -bewog ihre Eltern in Piacenza, daß sie mich wie ihr Kind in -ihr Haus aufnahmen; sie ließ mein Talent ausbilden, ihr habe -ich Freiheit, Leben, Kunst, o! vielleicht mehr, als ich weiß, zu -danken. In Piacenza lernte ich den Kapellmeister Boloni, der -übrigens kein Italiener ist, kennen; er schien mich zu lieben,<span class="pagenum"><a id="Page_168">[168]</a></span> -aber er sagte es mir nicht. Ich nahm bald nachher den Ruf an -das hiesige Theater an. Man schätzte mich hier, man hat mir -sonst wohlgewollt, mein Leben und mein Ruf waren unsträflich; -ach, ich habe in dieser langen Zeit nie einen Mann bei mir gesehen, -als – ich kann Ihnen dieses schöne Verhältnis ohne Erröten -gestehen – als Boloni, der mir bald hierher nachgereist -war. Sie haben mein Leben jetzt gehört; sagen Sie mir, habe -ich etwas getan, um so bittere Strafe zu verdienen? Habe ich -so Entsetzliches verschuldet?«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>7.</h3> -</div> - -<p>Als die Sängerin geendet hatte, ergriff der Medizinalrat -lebhaft ihre Hand. »Ich wünsche mir Glück,« sagte er, »den -wenigen Menschen, die Sie auf Ihrem Lebensweg gefunden -haben, beitreten zu können. Meine Kräfte sind zwar zu schwach, -um für Sie tun zu können, was die treffliche kleine Exzellenza -für Sie tat, aber ich will suchen, Ihr trauriges Geschick entwirren -zu helfen; ich will den Brausewind, Ihren Freund, zu -versöhnen suchen. Aber sagen Sie mir nur, was ist denn Herr -Boloni eigentlich für ein Landsmann?« – »Da fragen Sie mich -zu viel,« erwiderte sie ausweichend: »ich weiß nur, daß er ein -Deutscher von Geburt ist und, wenn ich nicht irre, wegen -Familienverhältnissen vor mehreren Jahren sein Vaterland verließ. -Er hielt sich in England und Italien auf und kam vor -etwa drei Vierteljahren hierher.«</p> - -<p>»So, so; aber warum haben Sie ihm <em class="gesperrt">das</em>, was Sie mir -erzählen, nicht schon früher selbst gesagt?«</p> - -<p>Giuseppa errötete bei dieser Frage; sie schlug die Augen -nieder und antwortete: »Sie sind mein Arzt, mein väterlicher -Freund, es ist mir, wenn ich zu Ihnen spreche, als spräche ich -als Kind zu meinem Vater. – Aber konnte ich denn dem jungen -Mann von diesen Dingen erzählen? Und ich kenne ja seine -schreckliche Eifersucht, seinen leicht gereizten Argwohn, ich habe -es nie über mich vermocht, ihm zu sagen, welchen Schlingen ich -entflohen war.«</p> - -<p>»Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie sind ein gutes -Kind; glauben Sie mir, es tut einem alten Manne wohl, auf -solche dezente Gefühle aus der alten Zeit zu stoßen; denn heutzutage -gilt es für guten Ton, sich über dergleichen wegzusetzen. -Aber noch haben Sie mir nicht alles erzählt; der Abend auf -der Redoute, jene schreckliche Nacht? –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_169">[169]</a></span></p> - -<p>»Es ist wahr, ich muß Ihnen noch weiter sagen. Ich habe, -so oft ich im stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorsehung -gepriesen, daß man in jenem Hause glaubte, ich habe -mich selbst getötet, denn es war mir nur zu gewiß, daß, wenn -jener Schreckliche nur die entfernteste Ahnung von meinem -Leben habe, er kommen werde, sein Opfer zurückzuholen oder es -zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankstück für mich -bezahlt haben. Deswegen habe ich, solange ich in Piacenza war, -manches schöne Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich -mich scheute, öffentlich aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb -Jahre dort war, brachte mir eines Morgens Seraphine ein -Pariser Zeitungsblatt, worin der Tod des Chevalier de Planto -angezeigt war.«</p> - -<p>»Chevalier de Planto?« unterbrach sie der Arzt: »hieß so -jener Mann, der Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte?«</p> - -<p>»So hieß er; ich war voll Freude, meine letzte Furcht war -verschwunden, und es stand nichts mehr im Wege, meinen Wohltätern -nicht mehr beschwerlich zu fallen. Schon einige Wochen -nachher kam ich nach B. Ich ging vorgestern abend auf die -Redoute, und ich will Ihnen nur gestehen, daß ich recht freudig -gestimmt war. Boloni durfte nicht wissen, in welchem Kostüm -ich erscheinen würde, ich wollte ihn necken und dann überraschen. -Auf einmal, wie ich allein durch den Saal gehe, flüstert eine -Stimme in mein Ohr: ›Schepperl! was macht dein Onkel?‹ Ich -war wie niedergedonnert; diesen Namen hatte ich nicht mehr -gehört, seit ich den Händen jenes Fürchterlichen entgangen war. -Mein Onkel! Ich hatte ja keinen, und nur <em class="gesperrt">einer</em> hatte gelebt, -der sich vor der Welt dafür ausgab, der Chevalier de Planto. -Ich hatte kaum so viel Fassung, zu erwidern: ›Du irrst dich, -Maske!‹ Ich wollte hinwegeilen, mich unter dem Gewühl der -Menge verbergen, aber die Maske schob ihren Arm in den -meinigen und hielt mich fest. ›Schepperl!‹ sprach der Unbekannte, -›ich rate dir, ruhig neben mir herzugehen, sonst werde ich -den Leuten erzählen, in welcher Gesellschaft du dich früher umhergetrieben.‹ -Ich war vernichtet, es wurde Nacht in meiner -Seele, nur <em class="gesperrt">ein</em> Gedanke war in mir lebhaft: die Furcht vor -der Schande. Was konnte ich armes, hilfloses Mädchen machen, -wenn dieser Mensch, wer er auch sein mochte, solche Dinge von -mir aussagte? Die Welt würde ihm geglaubt haben, und Carlo! -ach, Carlo wäre nicht der letzte gewesen, der mich verdammt hätte. -Ich folgte dem Manne an meiner Seite willenlos. Er flüsterte -mir die schrecklichsten Dinge zu; meinen Onkel, wie er den Chevalier<span class="pagenum"><a id="Page_170">[170]</a></span> -nannte, habe ich unglücklich gemacht, meinen Vater, meine -Familie ins Verderben gestürzt. – Ich konnte es nicht mehr -aushalten, ich riß mich los und rief nach meinem Wagen. Als -ich mich aber auf der Treppe umsah, war diese schreckliche Gestalt -mir gefolgt. ›Ich fahre mit dir nach Hause, Schepperl,‹ -sprach er mit schrecklichem Lachen; ›ich habe noch ein paar Worte -mit dir zu reden.‹ Die Sinne vergingen mir, ich fühlte, daß ich ohnmächtig -werde, ich wachte erst wieder im Wagen auf, die Maske -saß neben mir. Ich stieg aus und ging auf mein Zimmer, er -folgte; er fing sogleich wieder an zu reden; in der Todesangst, -ich möchte verraten werden, schickte ich Babette hinaus.</p> - -<p>»›Was willst du hier, Elender?‹ rief ich voll Wut, mich so -beleidigt zu sehen. ›Was kannst du von mir Schlechtes sagen? -Ohne meinen Willen kam ich in jenes Haus; ich verließ es, als -ich sah, was dort meiner warte.‹</p> - -<p>»›Schepperl, mache keine Umstände; es gibt nur zwei Wege, -dich zu retten. Entweder zahlst du auf der Stelle zehntausend -Franken, sei es in Juwelen oder Gold, oder du folgst mir nach -Paris; sonst weiß morgen die ganze Stadt mehr von dir, als -dir lieb ist.‹ Ich war außer mir. ›Wer gibt dir dieses Recht, -mir solche Zumutungen zu machen?‹ rief ich. ›Wohlan! sage -der Stadt, was du willst; aber auf der Stelle verlasse dieses -Haus! Ich rufe die Nachbarn.‹</p> - -<p>»Ich hatte einige Schritte gegen das Fenster getan, er lief -mir nach, packte meinen Arm. ›Wer mir das Recht gibt?‹ sprach -er, ›dein Vater, Täubchen, dein Vater.‹ Ein teuflisches Lachen -tönte aus seinem Mund, der Schein der Kerze fiel auf ein -Paar graue, stechende Augen, die mir nur zu bekannt waren. -In demselben Moment war mir klar, wen ich vor mir hatte; ich -wußte jetzt, daß sein Tod nur ein Blendwerk war, das er zu -irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir -übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm seine -Maske abreißen. ›Ich kenne Euch, Chevalier de Planto,‹ rief ich, -›aber Ihr sollt den Gerichten Rechenschaft über mich geben -müssen.‹ – ›So weit sind wir noch nicht, Täubchen,‹ sagte er, -und in demselben Augenblick fühlte ich sein Eisen in meiner -Brust, ich glaubte zu sterben –«</p> - -<p>Der Doktor schauderte; es war heller Tag, und doch graute -ihm, wie wenn man im Dunkeln von Gespenstern spricht. Er -glaubte, das heisere Lachen dieses Teufels zu hören, er glaubte, -hinter den Gardinen des Bettes die grauen, stechenden Augen -dieses Ungeheuers glänzen zu sehen. »Sie glauben also,« sagte<span class="pagenum"><a id="Page_171">[171]</a></span> -er nach einer Weile, »daß der Chevalier nicht tot ist, daß es derselbe -ist, der Sie ermorden wollte?«</p> - -<p>»Seine Stimme, sein Auge überzeugten mich; das Tuch, das -ich Ihnen gestern gab, machte es mir zur Gewißheit. Die Anfangslettern -seines Namens sind dort eingezeichnet.«</p> - -<p>»Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu handeln? Darf -ich alles, was Sie mir sagten, selbst vor Gericht angeben?«</p> - -<p>»Ich habe keine Wahl, alles! Aber, nicht wahr, Doktor, -Sie gehen zu Boloni und sagen ihm, was ich Ihnen sagte? Er -wird Ihnen glauben, er kannte ja auch Seraphine.«</p> - -<p>»Und darf ich nicht auch wissen,« fuhr der Medizinalrat -fort, »wie der Gesandte hieß, in dessen Haus Sie sich verbargen?«</p> - -<p>»Warum nicht? Es war ein Baron Martinow.«</p> - -<p>»Wie?« rief Lange in freudiger Bewegung. »Der Baron -Martinow? Ist er nicht in …schen Diensten?«</p> - -<p>»Ja, kennen Sie ihn? Er war Gesandter des …schen -Hofes in Paris und nachher in Petersburg.«</p> - -<p>»O, dann ist es gut, sehr gut,« sagte der Medizinalrat und -rieb sich freudig die Hände. »Ich kenne ihn, er ist seit gestern -hier; er hat mich rufen lassen; er wohnt im Hotel de Portugal.«</p> - -<p>Eine Träne blinkte in dem Auge der Sängerin, und von -frommen Empfindungen schien ihr Herz bewegt. »So mußte -ein Mann,« sagte sie, »den ich viele hundert Meilen entfernt -glaubte, hierher kommen, um die Wahrheit meiner Erzählung -zu bekräftigen! Gehen Sie zu ihm; ach, daß auch Carlo zuhören -könnte, wenn er Ihnen versichert, daß ich die Wahrheit -sprach!«</p> - -<p>»Er soll es, er soll mit mir, ich will es schon machen. -Adieu, gutes Kind; seien Sie ganz ruhig, es muß Ihnen noch gut -gehen auf Erden, und nehmen Sie die Mixtur recht fleißig, alle -Stunden zwei Löffel voll!« So sprach der Doktor und ging. -Die Sängerin aber dankte ihm durch ihre freundlichen Blicke. -Sie war ruhiger und heiter; es war, als habe sie eine große -Last mit ihrem Geheimnis hinweggewälzt; sie sah vertrauensvoller -in die Zukunft, denn ein gütiges Geschick schien sich des -armen Mädchens zu erbarmen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_172">[172]</a></span></p> - -<h3>8.</h3> -</div> - -<p>Der Baron Martinow, dem Lange früher einmal einen -wichtigen Dienst zu leisten Gelegenheit gehabt hatte, nahm ihn -freundlich auf und gab ihm über die Sängerin Bianetti die -genügendsten Aufschlüsse. Er bestätigte nicht nur beinahe wörtlich -ihre Erzählung, sondern er brach auch in die lautesten -Lobeserhebungen ihres Charakters aus; ja er versprach, wohin -er in dieser Stadt kommen würde, überall zu ihren Gunsten -zu sprechen und die Gerüchte zu widerlegen, die über sie im -Umlauf waren. Er hat auch Wort gehalten, denn hauptsächlich -seinem Ansehen und der edelmütigen Art, womit er sich der -Italienerin annahm, schrieben es ihre Freunde zu, daß die Gesinnungen -des Publikums über sie in wenigen Tagen wie durch -einen Zauberschlag sich änderten. Der Medizinalrat Lange aber -stieg an jenem Tage, als er vom Gesandten kam, aus der Bel-Etage -des Hotels de Portugal noch einige Treppen höher, in -die Mansarden; in Nr. 54 sollte der Kapellmeister wohnen. Er -stand vor der Türe still, um Atem zu schöpfen, denn die steilen -Treppen hatten ihn angegriffen. Sonderbare Töne drangen -aus dieser Türe in sein Ohr. Es schien ein schwer Kranker darin -zu sein, denn er vernahm ein tiefes Stöhnen und Seufzen, das -aus der tiefsten Brust aufzusteigen schien. Dann klangen wieder -schreckliche französische und italienische Flüche dazwischen, wie -wenn Ungeduld dem Jammer Luft machen will, und ein heiseres -Lachen der Verzweiflung bildete wieder den Uebergang zu jenen -tiefen Seufzern. Der Medizinalrat schauderte. »Habe ich doch -schon neulich etwas weniges Wahnsinn an dem Maestro verspürt,« -dachte er, »sollte er vollends übergeschnappt sein, oder ist -er krank geworden aus Schmerz?« Er hatte schon den Finger -gekrümmt, um anzuklopfen, als sein Blick noch einmal auf die -Nummer der Türe fiel; es war 53. Wie hatte er sich doch -täuschen können; fast wäre er zu einem ganz fremden Menschen -eingetreten. Unwillig über sich selbst ging er eine Türe weiter; -hier war 54; hier lautete es auch ganz anders. Eine tiefe -schöne Männerstimme sang ein Lied, begleitet von dem Pianoforte; -der Medizinalrat trat ein, es war jener junge Mann, den -er gestern bei der Sängerin gesehen.</p> - -<p>Im Zimmer lagen Notenblätter, Gitarre, Violinen, -Saiten und anderer Musikbedarf umher, und mitten unter -diesen Trümmern stand der Kapellmeister in einem weiten,<span class="pagenum"><a id="Page_173">[173]</a></span> -schwarzen Schlafrock, eine rote Mütze auf dem Kopf und eine -Notenrolle in der Hand; der Doktor hat nachher gestanden, es -sei ihm bei seinem Anblick Marius auf den Trümmern von -Karthago eingefallen.</p> - -<p>Der junge Mann schien sich seiner von gestern zu erinnern -und empfing ihn beinahe finster; doch war er so artig, -einen Stoß Notenblätter mit einem Ruck von einem Sessel auf -den Boden zu werfen, um seinem Besuch Platz anzubieten; er -selbst stieg mit großen Schritten im Zimmer umher, und sein -fliegender Schlafrock nahm geschickt den Staub von Tischen und -Büchern.</p> - -<p>Er ließ den Medizinalrat nicht zum Worte gelangen, er -überschrie ihn. »Sie kommen von ihr?« rief er. »Schämen sich -Ihre grauen Haare nicht, der Kuppler eines solchen Weibes zu -werden? Ich will nichts mehr hören; ich habe mein Glück zu -Grabe getragen, Sie sehen, ich traure um meine Seligkeit; ich -habe meinen schwarzen Schlafrock an, schon dies sollte Ihnen, -wenn Sie sich entfernt auf Psychologie verstehen, ein Zeichen -sein, daß ich jene Person für mich als gestorben ansehe. O -Giuseppa, Giuseppa!«</p> - -<p>»Wertester Herr Kapellmeister,« unterbrach ihn der Doktor, -»so hören Sie mich nur an –«</p> - -<p>»Hören? Was wissen Sie von Hören? Lauschen Sie, -wenn Sie von Hören sprechen; ich will prüfen, ob du Gehör hast, -Alter! Siehe, das ist das Weib,« fuhr er fort, indem er den -Flügel aufriß und einiges spielte, das übrigens dem Doktor, der -kein großer Musikkenner war, vorkam wie andere Musik auch; -»hören Sie dieses Weiche, Schmelzende, Anschmiegende? Aber -bemerken Sie nicht in diesen Uebergängen das unzuverlässige, -flüchtige, charakterlose Wesen dieser Geschöpfe? Aber hören -Sie weiter,« sprach er mit erhobener Stimme und glänzendem -Auge, indem er die weiten Aermel des Trauerschlafrockes zurückschüttelte, -»wo Männer wirken, ist Kraft und Wahrheit; hier -kann nichts Unreines aufkommen, es sind heilige, göttliche -Laute!« Er hämmerte mit großer Macht auf den Tasten umher, -aber dem Doktor wollte es wieder bedünken, als sei dies nur -ganz gewöhnliche Musik.</p> - -<p>»Sie haben da eine sonderbare Charakteristik der Menschen,« -sagte er; »da wir doch einmal so weit sind, dürfte ich Sie -nicht bitten, Verehrter, daß Sie mir doch einmal einen Medizinalrat -auf dem Klavier vorstellten?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_174">[174]</a></span></p> - -<p>Der Musiker sah ihn verächtlich an. »Wie magst du nur -mit einem schlechten quiekenden Cis hereinfahren, Erdenwurm, -wenn ich den herrlichen, strahlenwerfenden Akkord anschlage!«</p> - -<p>Die Antwort des Doktors wurde durch ein Klopfen an der -Tür unterbrochen; eine kleine verwachsene Figur trat herein, -machte eine Reverenz und sprach: »Der kranke Herr auf Nr. 53 -läßt den Herrn Kapellmeister höflichst ersuchen, doch nicht so gar -erschrecklich zu hantieren und zu haselieren, wasmaßen derselbe -von gar schwacher Konstitution und dem zeitlichen Hinscheiden -nahe ist.«</p> - -<p>»Ich lasse dem Herrn meinen gehorsamsten Respekt vermelden,« -erwiderte der junge Mann, »und meinetwegen könne -er abfahren, wann es ihm gefällig. Es graut mir ohnedies -alle Nacht vor seinem Jammern und Stöhnen, und das greulichste -sind mir seine gottlosen Flüche und sein tolles Lachen. -Meint vielleicht der Franzose, er sei allein Herr im Hotel de -Portugal? Geniert er mich, so geniere ich ihn wieder.«</p> - -<p>»Aber verzeihen Euer Hochedelgeboren,« sagte der verwachsene -Mensch, »er treibt's nicht mehr lange, wollten Sie ihm -nicht die letzten Augenblicke –«</p> - -<p>»Ist er so gar krank, der Herr?« fragte der Medizinalrat -teilnehmend, »was fehlt ihm? Wer behandelt ihn? Wer -ist er?«</p> - -<p>»Wer er ist, weiß ich gerade nicht; ich bin der Lohnlakai; -ich denke, er nennt sich Lorier und ist aus Frankreich; vorgestern -war er noch wohlauf, aber etwas melancholisch, denn er ging -gar nicht aus, hatte auch keine Lust, die Merkwürdigkeiten dieser -Stadt zu sehen, aber am andern Morgen fand ich ihn schwerkrank -im Bette; es scheint, er hat in der Nacht einen Schlaganfall -bekommen. Aber um alle Welt will er keinen Arzt. Er -flucht gräßlich, wenn ich frage, ob ich einen zu ihm führen solle. -Er pflegt und verbindet sich selbst; ich glaube, er hat auch eine -alte Schußwunde aus dem Krieg, die jetzt wieder aufgegangen -ist.«</p> - -<p>Man hörte in diesem Augenblick den Kranken nebenan mit -heiserer Stimme rufen und einige Verwünschungen ausstoßen. -Der Lohnlakai schlug drei Kreuze und flog hinüber.</p> - -<p>Der Doktor versuchte noch einmal, ob seine Reden bei dem -verstockten Liebhaber keinen Eingang fänden, und wirklich schien -es diesmal zu gelingen. Er hatte eine Partitur in die Hand -genommen, aus welcher er mit leiser Stimme vor sich hinsang; -der Doktor benützte diese ruhigere Stimmung und fing an, ihm<span class="pagenum"><a id="Page_175">[175]</a></span> -das Leben der Sängerin zu erzählen. Anfangs schien der Kapellmeister -nicht darauf zu achten; er las emsig in seiner Partitur -und tat, als sei außer ihm niemand im Zimmer; nach und nach -aber wurde er aufmerksamer, er hörte auf zu singen; bald hob -sich zuweilen sein Auge über die Partitur und streifte glühend -über des Doktors Gesicht, dann ließ er das Notenheft sinken und -sah den Erzähler fest an; sein Interesse schien mehr und mehr -zu wachsen, seine Augen glänzten, er rückte näher, er faßte den -Arm des Mediziners, und als dieser seine Erzählung schloß, -sprang er in großer Bewegung auf und rannte im Zimmer auf -und nieder. »Ja,« rief er, »es liegt Wahrheit darin, ein Schein -von Wahrheit, eine Wahrscheinlichkeit; es ist möglich, es könnte -etwa so gewesen sein; Teufel! könnte es nicht auch eine Lüge -sein?«</p> - -<p>»Das heißt man, glaube ich, <em class="antiqua">decrescendo</em> in Ihrer werten -Kunst, Herr Kapellmeister; aber warum denn bei dieser Sache -so von der Wahrheit bis zur Lüge herabsteigen? Wenn ich -Ihnen nun einen Bürgen für die Wahrheit stellte? Maestro, -wie dann?«</p> - -<p>Boloni blieb sinnend vor ihm stehen: »Ha! wer dieses -könnte, Medizinalrat, in Gold wollte ich dich fassen, schon dieser -Gedanke verdient, groß und königlich belohnt zu werden. Ja! -wer mir Bürge wäre! – Es ist alles so finster – verworrene -Labyrinthe – kein Ausgang – kein leitendes Gestirn!«</p> - -<p>»Wertgeschätzter Freund,« unterbrach ihn der Doktor; »ich -ertappe Sie hier auf einer Reminiszenz aus Schillers Räubern, -so in der Cottaschen Taschenausgabe stehet, wenn ich mich recht -erinnere. Demungeachtet weiß ich einen solchen Bürgen, ein -solches leitendes Gestirn.«</p> - -<p>»Ha! Wer mir einen solchen gäbe!« rief jener. »Er sei -mein Freund, mein Engel, mein Gott – ich will ihn anbeten!«</p> - -<p>»Es ist zwar in der angeführten Stelle von einem Schwert -die Rede, womit man der Otternbrut eine brennende Wunde -versetzen will; nichtsdestoweniger aber will ich Sie überzeugen; -jener Gesandte, der die arme Giuseppa in seinem Hause aufnahm, -logiert zufällig hier im Hause auf Nr. 6; belieben Sie -einen Frack anzuziehen und ein Halstuch umzuknüpfen, so werde -ich Sie zu ihm führen; er hat mir versprochen, Sie zu überzeugen.«</p> - -<p>Der junge Mann drückte gerührt die Hand des Arztes; -doch auch jetzt noch konnte er ein gewisses erhabenes Pathos -nicht verbergen. »Ihr wart mein guter Engel,« sagte er; »wie<span class="pagenum"><a id="Page_176">[176]</a></span> -vielen Dank bin ich für diesen Wink Euch schuldig; ich fahre -nur geschwind in meinen Frack, und sogleich folg' ich Euch zu -dem Gesandten.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>9.</h3> -</div> - -<p>Die Aussöhnung mit dem Geliebten schien beinahe noch -von größerer Wirkung auf die Sängerin zu sein als die kunstreichsten -Tränklein ihres Arztes. Ihre Gesundheit besserte sich -in den nächsten Tagen zusehends, und bald war sie so weit hergestellt, -daß sie die Besuche ihrer teilnehmenden Freunde außer -dem Bette empfangen konnte. Diese Wendung ihres Zustandes -mochte der Direktor der Polizei abgewartet haben, um die Sache -weiter zu verfolgen. Er war ein umsichtiger Mann, und der -Ruf sagte von ihm, daß ihm nicht leicht einer entgehe, auf den -er einmal sein Auge geworfen, sollte er auch hundert und -mehrere Meilen entfernt sein. Von dem Medizinalrat war ihm -die Geschichte der Sängerin mitgeteilt worden, er hatte sodann -mit dem Baron Martinow noch weitere Rücksprache genommen -und einiges erfahren, was ihm von großem Interesse schien. -Der Gesandte hatte ihm nämlich gestanden, daß er von dem -Vorfall mit der jungen Bianetti Gelegenheit genommen, das -ruchlose Leben des Chevalier de Planto höheren Orts zu berühren. -Er hatte nicht versäumt, hauptsächlich den Umstand, -daß jenes arme Kind eigentlich verkauft wurde, ins rechte Licht -zu setzen. Jenes berüchtigte Haus wurde kurze Zeit darauf -von der Polizei aufgehoben, und der Baron schien dies hauptsächlich -den Schritten, die er in der Sache getan, zuzuschreiben. -Auch er hatte von dem Tod des Chevaliers gehört, glaubte aber -mit dem Polizeidirektor, daß dies nur ein Kunstgriff gewesen -sei, um sein Gewerbe sicherer fortzusetzen; denn beide hegten -keinen Zweifel, jener Mordversuch an der Sängerin könne nur -von diesem schrecklichen Menschen herrühren. Wie schwer war -es aber, der Spur dieses Mörders zu folgen; die Fremden, die -sich damals in B. aufhielten, waren, wie der Direktor versicherte, -alle unverdächtig; nur zwei Umstände konnten zu Gewisserem -führen; das Schnupftuch, welches sich im Zimmer der -Bianetti gefunden hatte, konnte, wenn man irgendwo ein ähnliches -sah, zur Entdeckung leiten; es war daher die genaueste Beschreibung -davon in den Händen aller jener Nähterinnen und -Waschfrauen, welche die Garderobe der Fremden in B. zu besorgen -pflegten. Sodann glaubte der Direktor aus psychologischen -Gründen annehmen zu können, daß ein zweiter Versuch<span class="pagenum"><a id="Page_177">[177]</a></span> -auf das Leben der Sängerin bald folgen würde, im Falle sich -nämlich der Mörder noch in der Nähe aufhielte.</p> - -<p>Sobald daher die Sängerin wieder bei Kräften war, begleitete -der Direktor der Polizei den Doktor Lange, so oft er sie -besuchte; es wurden dort manche Maßregeln besprochen, manche -schienen gut, aber nicht wohl auszuführen, manche wurden geradehin -verworfen. Giuseppa selbst kam endlich auf einen Gedanken, -der den beiden Männern sehr einleuchtete. »Der Doktor,« -sagte sie, »hat mir erlaubt, in der nächsten Woche wieder -auszugehen; wenn er nichts dagegen hat, würde ich auf der -letzten Redoute des Karnevals zuerst wieder unter den Leuten -erscheinen; es hat etwas Anziehendes für mich, mich dort, wo -mein Unglück eigentlich anfing, zum erstenmal zu zeigen. Wenn -wir dafür sorgen, daß dies in B. hinlänglich bekannt wird, und -wenn der Chevalier noch hier ist, so bin ich wie von meinem -Leben überzeugt, daß er unter irgend einer Maske sich wieder -in meine Nähe drängt. Er wird sich zwar hüten zu sprechen, er -wird durch nichts sich verraten, aber seine Anschläge auf mein -Leben wird er nicht ruhen lassen, und ich will ihn aus Tausenden -erkennen. Seine Größe, seine Gestalt, vor allem seine -Augen werden mir ihn kenntlich machen. Was meinen Sie, -meine Herren?«</p> - -<p>Der Plan war nicht übel. »Ich wollte wetten,« sagte der -Direktor, »wenn er erfährt, Sie kommen auf diesen Ball, so -bleibt er nicht aus; sei es auch nur, um den Gegenstand seiner -Rache wiederzusehen und seiner Wut neue Nahrung zu geben. -Ich denke übrigens, Sie sollten keine Larve vors Gesicht nehmen, -er wird Sie dann um so leichter erkennen, um so eher in Ihrer -Nähe in seine Falle gehen; ich werde ein paar tüchtige Bursche -in Dominos stecken und sie Ihnen zur Eskorte geben; auf ein -Zeichen von Ihnen soll der alte Fuchs gefangen sein.«</p> - -<p>Babette, das Kammermädchen der Sängerin, war während -dieses Gespräches ab und zu gegangen; sie hatte gehört, wie -ihre Dame entschlossen sei, den Mörder oder seine Gehilfen ausfindig -zu machen, sie glaubte es sich selbst schuldig zu sein, nach -Kräften zu dieser Entdeckung beizutragen. Sie paßte daher den -Direktor ab, faßte sich ein Herz und sagte, sie habe schon neulich -den Doktor auf einen Umstand aufmerksam gemacht, der zur -Entdeckung führen könnte, er scheine aber nicht darauf zu achten.</p> - -<p>»Kein Umstand ist bei solchen Vorfällen gering, meine -liebe Kleine,« antwortete der Mann der Polizei; »wenn Sie -irgend etwas wissen –«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_178">[178]</a></span></p> - -<p>»Ich glaube fast, Signora ist zu diskret und will nicht recht -mit der Sprache heraus; als sie den Stich bekam und in meinen -Armen ohnmächtig wurde, war ihr letzter Seufzer – Bolnau.«</p> - -<p>»Wie?« rief der Direktor entrüstet, »und das verschwieg -man mir bis jetzt? Einen so wichtigen Umstand; haben Sie -auch recht gehört, Bolnau?«</p> - -<p>»Auf meine Ehre,« sagte die Kleine und legte die Hand -beteuernd auf das Herz. »Bolnau sagte sie und so schmerzlich, -daß ich nicht anders glaube, als so heißt der Mörder; aber bitte, -verraten Sie mich nicht!«</p> - -<p>Der Direktor hatte den Grundsatz, daß kein Mensch, er -sehe so ehrlich aus, als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen -sei. Der Kommerzienrat Bolnau, und einen andern wußte er -nicht in dieser Stadt, war ihm zwar als ein geordneter Mann -bekannt, aber – hatte man nicht Beispiele, daß gerade solche -Leute, denen man vor der Welt nichts nachsagen konnte, der -Justiz am meisten zu schaffen machten? Konnte er nicht mit -diesem Chevalier de Planto unter einer Decke spielen? Er setzte -unter diesen Betrachtungen seinen Weg weiter fort, er näherte -sich der breiten Straße, es fiel ihm bei, daß um diese Zeit der -Kommerzienrat sich dort zu ergehen pflegte; er beschloß, ihm -ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Richtig, dort kam er die -Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte links, er sprach alle -Augenblicke mit einem Bekannten, er lächelte, wenn er weiter -ging, vor sich hin, er schien munter und guter Dinge zu sein. -Er mochte etwa noch fünfzig Schritte vom Direktor entfernt -sein, als er dessen ansichtig wurde; er erbleichte, er wandte um -und wollte in eine Seitenstraße einbiegen. »Ein verdächtiger, -sehr verdächtiger Umstand!« dachte der Direktor, lief ihm nach, -rief seinen Namen und brachte ihn zum Stehen. Der Kommerzienrat -war ein Bild des Jammers; er brachte in hohlen Tönen -ein »<em class="antiqua">Bon jour, bon jour</em>« hervor, er schien lächeln zu wollen, -aber die Augen gingen ihm über, und sein Gesicht verzog sich -krampfhaft; seine Kniee zitterten, seine Zähne schlugen hörbar -aneinander.</p> - -<p>»Ei, ei, Sie machen sich recht rar. Habe Sie schon ein -paar Tage nicht an meinem Fenster vorbeigehen sehen; Sie -scheinen nicht recht wohl zu sein?« setzte der Direktor mit einem -stechenden Blick hinzu, »Sie sind so blaß, fehlt Ihnen etwas?«</p> - -<p>»Nein, – es ist nur so ein kleines Frösteln – ich war -wirklich einige Tage nicht wohl, aber gottlob, es geht mir besser.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_179">[179]</a></span></p> - -<p>»So? Sie waren nicht wohl?« fragte jener weiter; »das -hätte ich kaum gedacht; ich glaubte Sie doch noch vor wenigen -Tagen auf der Redoute recht munter gesehen zu haben.«</p> - -<p>»Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich -legen; ich bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz -wiederhergestellt.«</p> - -<p>»Nun, da werden Sie nicht versäumen, die nächste Redoute -zu besuchen; es ist die letzte und soll sehr brillant werden; -ich hoffe Sie dort zu sehen; bis dahin adieu! Herr Kommerzienrat.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>10.</h3> -</div> - -<p>»Werde nicht mankieren!« rief ihm der Kommerzienrat -Bolnau mit jammervollen Mienen nach. »Der hat Verdacht!« -sprach er zu sich. »Der weiß etwas von dem Wort der Sängerin. -Zwar sie soll wiederhergestellt sein; aber kann nicht der Verdacht -im Herzen dieses Polizisten um sich fressen? Kann er mich -nicht aus Argwohn beobachten lassen? Die geheime Polizei -wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten -sehe ich schlaue, fremde Gesichter. Ich darf nichts mehr reden, -so wird es rapportiert, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, -ich werde ein unruhiger Kopf, ein gefährliches Individuum; -und doch lebte ich still und harmlos wie Wilhelm Tell im -vierten Akt!«</p> - -<p>So sprach der unglückliche Bolnau bei sich; seine Angst -vermehrte sich, als er über die verfängliche Frage wegen der -nächsten Redoute nachdachte. »Er meint gewiß, ich werde mich -nicht in die Nähe der Sängerin wagen, aus bösem Gewissen; -aber ich muß hin, ich muß ihm diesen Verdacht benehmen! Und -doch – wird mich nicht in ihrer Nähe ein Zittern und Beben -überfallen, gerade weil er glauben kann, ich werde aus Gewissensbissen -und Angst zittern?« Er quälte sich ab mit diesen -Vorstellungen, sie beschäftigten ihn tagelang, er erinnerte sich, -daß ein berühmter Schriftsteller in einer Schrift bewiesen habe, -daß man Angst vor der Angst haben könne, und dies schien ihm -ganz sein Fall zu sein. Aber er fühlte, daß er sich ein Herz -fassen und der Gefahr entgegengehen müsse. Er ließ sich vom -Maskenverleiher den prachtvollen Anzug des Pascha von Janina -holen; er zog ihn alle Tage an und übte sich vor einem großen -Spiegel, recht unbefangen aus seiner Maske hervorzuschauen. -Er machte sich aus seinem Schlafrocke eine Puppe und setzte sie -auf einen Sessel: sie stellte die Sängerin Bianetti vor. Er ging<span class="pagenum"><a id="Page_180">[180]</a></span> -als Pascha um sie her, näherte sich ihr und sprach: »Es freuet -mich unendlich, Sie in so erwünschtem Wohlbefinden zu sehen.« -Am dritten Tage konnte er seine Lektion schon ganz ohne Zittern -sagen, daher legte er sich noch Schwereres auf. Er wollte recht -artig und unbefangen sein und ihr einen Teller mit Bonbons -und Punsch offerieren. Er übte sich mit einem Glas Wasser, -das er auf einen Teller setzte. Von Anfang klirrte es schrecklich -in seiner zitternden Hand; aber auch diese Schwachheit überwand -er, ja er konnte ganz lustig dazu sagen: »Verehrte, beliebt -Ihnen nicht etwas weniges Punsch und etliche Bonbons?« Es -ging trefflich; kein Sterblicher sollte ihn beben sehen. Ali -Pascha von Janina fühlte Mut in sich, trotz seiner Angst auf -die Redoute zu gehen.</p> - -<p>Der Medizinalrat Lange hatte es sich nicht nehmen lassen, -die Genesene zum erstenmal wieder unter die Leute zu führen. -Sie hatte es ihm gerne zugesagt; hatte er doch durch seine treue -Pflege, durch die väterliche Sorgfalt, womit er sich ihrer angenommen, -ein Recht auf ihre wärmste Dankbarkeit gewonnen. -So kam er mit ihr auf die Redoute, und er schien sich nicht wenig -auf den Platz an der Seite des schönen, interessanten Mädchens -zu gut zu tun. Die Leute in B. sind ein sonderbares Volk. -In den ersten Tagen hatte man von den nobelsten Salons bis -hinab in die Bierschenken von der Sängerin Uebles gesprochen; -als aber Männer von Gewicht sich ihrer annahmen, als angesehene -Damen sich öffentlich für sie erklärten, drehte sich die -Fahne nach dem Wind, und die B…er liefen, gerührt über -das Schicksal des armen Kindes, in den Straßen umher und -starben bald vor Entzücken, daß sie genesen. Als sie in den -Saal der Redoute trat, schien alles nur auf sie, als die Königin -des Festes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man -klatschte in die Hände und rief bravo! als hätte sie eben die -schwersten Rouladen zustande gebracht. Auch dem Medizinalrat -fiel sein Anteil am Beifall zu: »Sehet, der ist's,« riefen sie, -»das ist ein geschickter Mann, der hat sie gerettet!«</p> - -<p>Die Sängerin fühlte sich freudig bewegt von diesem Beifall -der Menge; ja sie hätte, berauscht von dem Gemurmel der Glückwünschenden, -beinahe vergessen, daß sie noch ein ernsterer Zweck -in diesen Saal geführt habe; aber die vier handfesten Dominos, -die ihren Schritten folgten, die Fragen des Doktors, ob sie der -grauen Augen des Chevaliers noch nicht ansichtig geworden, erinnerten -sie immer wieder an ihr Vorhaben. Ihr selbst und -dem Doktor war es nicht entgangen, daß ein langer, hagerer<span class="pagenum"><a id="Page_181">[181]</a></span> -Türke (man hieß in B. sein Kostüm den Ali Bassa) sich immer -in ihre Nähe dränge; und so oft der Strom der Masken ihn -wegriß, immer war er ihnen wieder zur Seite. Die Sängerin -stieß den Doktor an und winkte mit den Augen nach dem Pascha -hin. Er erwiderte ihren Wink und sagte: »Ich habe ihn schon -lange bemerkt.« Der Pascha näherte sich mit ungewissen Schritten; -die Sängerin klammerte sich fester an Langes Arm; er war -jetzt ganz nahe, starre, graue Aeuglein guckten aus der Maske, -und eine hohle Stimme sprach zu ihr: »Es freut mich unendlich, -wertgeschätzte Mamsell, Sie in so erwünschtem Wohlsein zu -sehen.« Die Sängerin wandte sich erschreckt ab und schien zu -zittern; auch die Maske fuhr bei diesem Anblick bebend zurück -und verschwand unter der Menge. »Ist er es?« rief der Medizinalrat; -»fassen Sie sich doch; es gilt hier, ruhig und mit Umsicht -zu handeln; glauben Sie, er ist es?« – »Noch weiß ich -es nicht gewiß,« entgegnete sie; »aber ich glaube, seine Augen -zu erkennen.«</p> - -<p>Der Medizinalrat gab den vier Dominos die Weisung, -recht genau auf diesen Pascha acht zu geben, und ging mit der -Dame weiter. Aber kaum hatte er einige Gänge durch den Saal -gemacht, so erschien der Türke wieder; doch hielt er sich mehr -in der Entfernung, als beobachte er die Sängerin.</p> - -<p>Der Doktor trat mit seiner Dame an ein Büfett, um ihr -auf den gehabten Schrecken eine Tasse Tee zu verordnen; er sah -sich um – auch hier wieder der Türke. Und siehe da, jetzt -hatte er auf einem Tellerlein ein Glas Punsch und einige Bonbons; -er nähert sich der Sängerin, seine Augen funkeln, das -Glas hüpft und klappert in seltsamen Klängen auf dem zitternden -Teller; er ist an ihrer Seite, er bietet ihr den Teller und -sagt: »Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas weniges Punsch und -etliche Bonbons?« Die Sängerin sah ihn starr an, sie erbleichte, -sie stieß den Teller zurück und rief: »Ha! der Schreckliche! Er -ist's, er ist's, er will mich vergiften!«</p> - -<p>Der Pascha von Janina stand stumm und regungslos, er -schien jeden Gedanken an Verteidigung aufzugeben; willenlos -ließ er sich von den vier handfesten Dominos hinwegführen.</p> - -<p>Beinahe in demselben Augenblick wurde der Doktor heftig -an seinem schwarzen Mantel gezogen; er sah sich um, jener -kleine verwachsene Lohnlakai aus dem Hotel de Portugal stand -vor ihm, bleich und von Schrecken entstellt: »Um Gottes Barmherzigkeit -willen, Herr Medizinalrat, kommen Sie doch gefälligst<span class="pagenum"><a id="Page_182">[182]</a></span> -mit mir auf Nr. 53, eben will der Teufel den französischen -Herrn holen.«</p> - -<p>»Was schwatzt Er da?« sagte der Doktor unwillig und -wollte ihn auf die Seite schieben, um dem Gefangenen auf die -Polizeidirektion zu folgen; »was geht es mich an, wenn ihn der -Satan zu sich nimmt?«</p> - -<p>»Aber ich bitte Sie,« rief der Kleine beinahe heulend, »er -kann vielleicht doch gerettet werden; Hochdieselben sind ja Stadtphysikus -allhier und verpflichtet, zu den Fremden in den Hotellern -zu kommen.«</p> - -<p>Der Medizinalrat unterdrückte einen Fluch, der ihm auf -der Zunge schwebte; er sah, daß er diesem unangenehmen Gang -nicht ausweichen könne, er winkte den Kapellmeister Boloni -herbei, übergab ihm die Sängerin und eilte mit dem kleinen -Menschen nach dem Hotel de Portugal.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>11.</h3> -</div> - -<p>Es war still und öde in diesem großen Gasthof, Mitternacht -war beinahe schon vorüber, die Lampen in den Gängen -und Treppen brannten düster und trübe; es war dem Medizinalrat -unheimlich zu Mut, als er zu dem einsamen Kranken hinanstieg. -Der Lakai schloß die Türe auf, der Doktor trat ein, -wäre aber beinahe wieder zurückgesunken. Denn ein Wesen, -das seit einigen Tagen unablässig seine Phantasie im Wachen -und im Schlafe beschäftigt hatte, saß hier wirklich und verkörpert -im Bette. Es war ein großer, hagerer, ältlicher Mann, -er hatte eine spitzig aufstehende, wollene Schlafmütze tief in die -Stirne gezogen, seine enge Brust, seine langen, dünnen Arme -waren mit Flanell überkleidet, unter der Mütze ragte eine große, -spitzige Nase aus einem mageren braungelben Gesicht hervor, -das man schon tot und erstorben geglaubt hätte, wären es nicht -ein Paar graue, stechende Augen gewesen, die ihm noch etwas -Leben und einen schrecklichen, grauenerregenden Ausdruck gaben. -Seine langen, dünnen Finger, die mit den hageren Gelenken -weit aus den Aermeln hervorragten, hatte er zusammengekrümmt, -er kratzte mit heiserem, wahnsinnigen Lachen auf der -Bettdecke.</p> - -<p>»Schaut! er kratzt sich schon sein Grab!« flüsterte der kleine -Mensch und weckte damit den Doktor aus seinem Hinstarren -auf den Kranken. So, gerade so, hatte sich dieser den Chevalier -de Planto gedacht, dieses tückische, graue Auge, diese unheilverkündenden<span class="pagenum"><a id="Page_183">[183]</a></span> -Züge, diese dürre, gespensterhafte Figur – es war -hier alles, was die Sängerin von jenem schrecklichen Manne -gesagt hatte. Doch er besann sich, kam er denn nicht jetzt eben -von der Verhaftung jenes Chevaliers? Konnte nicht ein anderer -Mann auch graue Augen haben? War es zu verwundern, daß -ein Kranker abgefallen und bleich war? Der Doktor lachte sich -selbst aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er -diese Gedanken hinwegwischen, und trat an das Bett. – Doch -noch nie hatte er in so langen Jahren am Bette eines Kranken -Grauen und Furcht gefühlt – hier, es war ihm unerklärlich, -hier befiel ihn eine Beengung, ein Schauer, den er umsonst -abzuschütteln suchte, und er fuhr unwillkürlich zurück, als er die -feuchte, kalte Hand in der seinigen fühlte, als er lange umsonst -nach einem Puls suchte.</p> - -<p>»Der dumme Kerl,« rief der Kranke mit heiserer Stimme, -indem er bald Französisch, bald schlechtes Italienisch und gebrochenes -Deutsch untereinanderwarf, »der dumme kleine Kerl -hat mir, glaube ich, einen Doktor gebracht. Sie werden mir -verzeihen, ich habe nie viel von Ihrer Kunst gehalten. Das einzige, -was mich heilen kann, sind die Bäder von Genua; ich habe -der Bête schon befohlen, daß er mir Postpferde bestellt; ich -werde heute nacht noch abfahren.«</p> - -<p>»Freilich wird er abfahren,« murmelte der kleine Mensch; -»aber mit sechs kohlschwarzen Rappen, und nicht nach Genua, -wo der selige Fiesco ertrunken, sondern dahin, wo Heulen und -Zähneklappern.«</p> - -<p>Der Doktor sah, daß hier wenig zu machen sei; er glaubte -die Vorzeichen des nahen Todes in den Augen, in den unruhigen -Bewegungen des Kranken zu lesen, selbst jene Sehnsucht -zu reisen und hinaus ins Weite zu kommen, war schon oft -der Vorbote eines schnellen Endes gewesen. Er riet ihm daher, -sich ruhig niederzulegen, und versprach ihm, einen kühlen Trank -zu bereiten.</p> - -<p>Der Kranke lachte grimmig. »Liegen, ruhig liegen?« antwortete -er. »Wenn ich liege, höre ich auf zu atmen; ich muß -sitzen, im Wagen muß ich sitzen, fort, weit fort! – Was sagt -der kleine Mensch? Hat er die Pferde bestellt? Kleiner Hund, -hast du mein Gepäck in Ordnung?«</p> - -<p>»Ach, Herr und Vater!« krächzte der Kleine, »jetzt denkt er -an sein Gepäck; ja einen schweren Pack Sünden nimmt er mit, -der Unmensch. Es ist nicht an den Himmel zu malen, was er -geflucht und gotteslästerliche Reden geführt hat.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_184">[184]</a></span></p> - -<p>Der Medizinalrat faßte noch einmal die Hand des Kranken. -»Fassen Sie Vertrauen zu mir,« sagte er, »vielleicht kann Ihnen -die Kunst doch noch nützen; Ihr Diener sagt mir, es sei Ihnen -eine Schußwunde wieder aufgegangen; lassen Sie mich untersuchen.« -Murrend bequemte sich der Kranke dazu, er deutete -auf seine Brust. Der Arzt nahm einen schlechtgemachten Verband -weg, er fand – eine Stichwunde nahe am Herzen. – -Sonderbar! es war dieselbe Größe, derselbe Ort, wie die Wunde -der Sängerin.</p> - -<p>»Das ist eine frische Wunde, ein Stich!« rief der Doktor -und sah den Kranken mißtrauisch an. »Woher haben Sie diese -Wunde?«</p> - -<p>»Sie glauben wohl, ich habe mich geschlagen? Nein, beim -Teufel! Ich hatte ein Messer in der Brusttasche, fiel eine -Treppe herab und habe mich ein wenig geritzt.«</p> - -<p>»Ein wenig geritzt!« dachte Lange; »und doch wird er an -dieser Wunde sterben.«</p> - -<p>Er hatte indessen Limonade bereitet und bot sie dem Kranken; -dieser führte sie mit unsicherer Hand zum Munde, sie schien -ihn zu erquicken; er war einige Momente still und ruhig; doch, -als er sah, daß er einige Tropfen auf die Decke gegossen hatte, -fing er an zu fluchen und verlangte ein Schnupftuch. Der Lakai -flog zu einem Koffer, schloß auf und brachte ein Tuch heraus – -der Doktor sah hin, eine schreckliche Ahnung stieg in ihm auf – -er sah wieder hin, es war dieselbe Farbe, derselbe Stoff, es war -das Tuch, das man bei der Sängerin gefunden. Der kleine -Mensch wollte es dem Kranken überreichen; er stieß es zurück: -»Gehe zu allen Teufeln, du Tier! Wie oft muß ich es sagen, -<em class="antiqua">Eau d'héliotrope</em> darauf!« Der Diener holte eine kleine Flasche -hervor und besprengte das Tuch; ein angenehmer Geruch verbreitete -sich im Zimmer – es war dasselbe Parfüm, das jenes -gefundene Tuch an sich getragen.</p> - -<p>Der Medizinalrat bebte an allen Gliedern; es war kein -Zweifel mehr, er hatte hier den Mörder der Sängerin Bianetti, -den Chevalier de Planto vor sich. Es war ein Hilfloser, ein -Kranker, ein Sterbender, der hier im Bette saß, aber dem Doktor -war es, als könne er alle Augenblicke aus dem Bette fahren und -nach seiner Kehle greifen, er ergriff seinen Hut, es trieb ihn -fort aus der Nähe des Schrecklichen.</p> - -<p>Der kleine Lakai packte ihn am Rock, als er ihn gehen sah. -»Ach, Wohledler!« stöhnte er, »Sie werden mich doch nicht bei -ihm allein lassen wollen? Ich halte es nicht aus, wenn er jetzt<span class="pagenum"><a id="Page_185">[185]</a></span> -stürbe und dann sogleich als flanellenes Gespenst mit der Zipfelmütze -auf dem Schädel im Zimmer auf und ab spazierte! Um -Gottes Barmherzigkeit willen, verlassen Sie mich nicht!«</p> - -<p>Der Kranke grinste fürchterlich und lachte und fluchte -untereinander, er schien dem Kleinen zu Hilfe kommen zu -wollen, er streckte ein langes, dürres Bein aus dem Bette, er -krallte die dünnen Finger nach dem Doktor. Doch dieser hielt -es nicht mehr aus; der Wahnsinn schien ihn anzustecken, er -warf den Kleinen zurück und floh aus dem Zimmer; noch auf -den untersten Treppen hörte er das gräßliche Lachen des -Mörders.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h3>12.</h3> -</div> - -<p>Am Morgen nach dieser Nacht fuhr ein hübscher Stadtwagen -vor dem Hotel de Portugal vor; es stiegen drei Personen, eine -verschleierte Dame und zwei ältliche Herren, heraus und stiegen -die Treppe hinan. »Ist der Herr Oberjustiz-Referendarius -Pfälle schon oben?« fragte der eine dieser Herren den Kellner, -der sie hinaufführte. Dieser bejahte, und der Herr fuhr fort: -»Und doch ist es eine sonderbare Fügung des Schicksals, daß er -die Treppe hinabstürzt und sich selbst den Dolch in die Brust -stößt, daß er sich selbst verhindert, zu entfliehen, daß gerade Sie, -Lange, zu ihm beschieden werden!«</p> - -<p>»Gewiß,« sagte die verschleierte Dame, »finden Sie aber -nicht auch ein eigentümliches Verhängnis in diesen Schnupftüchern? -Das eine mußte er bei mir liegen lassen, welcher -Zufall! das andere muß er gerade in dem Augenblick verlangen, -wo der Doktor noch bei ihm ist.«</p> - -<p>»Es mußte so gehen,« erwiderte der zweite Herr, »man -kann nichts sagen, als es mußte so kommen. Aber in diesem -Strudel hätte ich beinahe etwas vergessen; sagen Sie, was ist -es denn mit dem Pascha von Janina? Signora mußte sich -offenbar getäuscht haben. Sie haben ihn wieder auf freien -Fuß gesetzt? Wer war der arme Teufel?«</p> - -<p>»Mit nichten und im Gegenteil,« sprach der erstere, »ich -habe mich überzeugt, daß es ein Mitschuldiger des Chevaliers -ist, dem ich schon lange auf der Spur bin. Ich habe ihn schon -hieher bringen lassen, er wird mit dem Mörder konfrontiert -werden.«</p> - -<p>»Nicht möglich!« rief die Dame; »ein Mitschuldiger?«</p> - -<p>»Ja! ja!« sagte der Herr mit schlauem Lächeln, »ich weiß -allerlei, wenn man mir es auch nicht angibt. Aber gottlob, wir<span class="pagenum"><a id="Page_186">[186]</a></span> -sind oben, hier ist ja gleich Nr. 53. Mademoiselle, haben Sie -die Güte, einstweilen hier auf 54 einzutreten; der Kapellmeister -hat es erlaubt und wird Sie nicht hinauswerfen; dafür wollte -ich stehen. Wenn das Verhör an Sie kommt, werde ich Sie -rufen.«</p> - -<p>Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß diese drei Personen -die Sängerin, der Doktor und der Direktor waren; sie kamen, -um den Chevalier de Planto eines Mordversuchs anzuklagen. -Der Direktor und der Medizinalrat traten ein; der Kranke saß -noch ebenso im Bette, wie ihn der Doktor in der Nacht gesehen; -nur schienen beim Tageslicht seine Züge noch krasser, der Ausdruck -seiner Augen, die schon zu erstarren anfingen, noch schauerlicher. -Er sah bald den Doktor, bald den Direktor mit seelenlosen -Blicken an, dann schien er nachzusinnen, was hier in -seinem Zimmer vorgehe, denn der Referendarius Pfälle, ein -kurzer, junger Mann mit roten Wangen und kleinen Aeuglein -hatte sich einen Tisch zurecht gestellt, einen Stoß Papier vor sich -hingelegt und hielt eine lange Schwanenfeder in der Rechten, -um zu protokollieren.</p> - -<p>»Bête, was wollen diese Herren?« rief der Kranke mit -schwacher Stimme dem kleinen Lakaien zu. »Du weißt ja, ich -nehme keine Besuche an.«</p> - -<p>Der Direktor trat dicht vor ihn hin, sah ihn fest an und -sagte mit Nachdruck: »Chevalier de Planto!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Qui vive?</em>« schrie der Kranke und fuhr mit der Rechten -an die Schlafmütze, als wolle er militärisch salutieren.</p> - -<p>»Mein Herr, Sie sind der Chevalier de Planto?« fuhr -jener fort.</p> - -<p>Die grauen Augen fingen an zu glänzen, er warf stechende -Blicke auf den Direktor und den Referendär, schüttelte mit -höhnischer Miene den Kopf und antwortete: »Der Chevalier ist -längst tot.«</p> - -<p>»So? Wer sind denn Sie? Antworten Sie; ich frage im -Namen des Königs.«</p> - -<p>Der Kranke lachte: »Ich nenne mich Lorier; Bête, gib -dem Herrn meine Pässe!«</p> - -<p>»Ist nicht nötig; kennen Sie dies Tuch, mein Herr?«</p> - -<p>»Was werde ich es nicht kennen, Sie haben es da von -meinem Stuhl weggenommen; wozu diese Fragen, wozu diese -Szenen? Sie genieren mich, mein Herr!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_187">[187]</a></span></p> - -<p>»Belieben Sie auf Ihre linke Hand zu schauen,« sagte der -Direktor; »dort halten Sie ja Ihr Tuch; dieses hier fand sich -im Hause einer gewissen Giuseppa Bianetti.«</p> - -<p>Der Kranke warf einen wütenden Blick auf die Männer; -er ballte seine Faust und knirschte mit den Zähnen; er schwieg -hartnäckig, obgleich der Direktor seine Fragen wiederholte. Dieser -gab jetzt dem Doktor einen Wink; er ging hinaus und erschien -bald darauf mit der Sängerin, dem Kapellmeister Boloni und -dem …schen Gesandten in dem Zimmer.</p> - -<p>»Herr Baron von Martinow,« wandte sich der Direktor -zu diesem, »erkennen Sie diesen Mann für denselben, den Sie -in Paris als Chevalier de Planto kannten?«</p> - -<p>»Ich erkenne ihn für denselben,« antwortete der Baron, -»und wiederhole meine Aussage über ihn, die ich früher zu Prototoll -gab.«</p> - -<p>»Giuseppa Bianetti! erkennen Sie ihn für denselben, der -Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte, in sein Haus -nach Paris brachte, für denselben, den Sie eines Mordversuches -beschuldigen?«</p> - -<p>Die Sängerin bebte bei dem Anblick des fürchterlichen -Mannes; sie wollte antworten, aber er selbst ersparte ihr jedes -Geständnis. Er richtete sich höher auf, seine wollene Mütze -schien spitziger aufzustehen, seine Arme waren steif, er schien sie -mit Mühe zu bewegen, aber seine Finger krallten sich krampfhaft -auf und zu; seine Stimme schlich sich nur noch leise und heiser -aus der Brust herauf, selbst sein Lachen und seine Flüche wurden -beinahe zum Geflüster. »Kommst du, mich zu besuchen, -Schepperl?« sagte er; »das ist schön von dir; nicht wahr, du -weidest dich recht an meinem Anblick? Es ist mir wahrhaftig -leid, daß ich dich nicht besser getroffen, ich hätte dir dadurch den -Schmerz erspart, deinen Oheim vor seiner Abreise von diesen -deutschen Tieren verhöhnt zu sehen.«</p> - -<p>»Was brauchen wir weiter Zeugnis?« unterbrach ihn der -Direktor. »Herr Referendarius Pfälle, schreiben Sie einen -Verhaftungsbefehl gegen –«</p> - -<p>»Was tun Sie?« rief der Doktor, »sehen Sie denn nicht, -daß ihm der Tod schon am Herzen ist? Er treibt es keine -Viertelstunde mehr. Eilen Sie, wenn Sie noch etwas zu fragen -haben.«</p> - -<p>Der Doktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdienern zu -rufen, sie sollen den Gefangenen heraufbringen; der Kranke -sank mehr und mehr zusammen, sein Auge schien stillzustehen,<span class="pagenum"><a id="Page_188">[188]</a></span> -es hatte nur eine Richtung, nach der Sängerin, aber auch jetzt -noch schien Wut und Ingrimm daraus hervorzublitzen. »Schepperl,« -sprach er wieder, »du hast mich unglücklich gemacht, zu -Grunde gerichtet, darum verdientest du den Tod; du hast deinen -Vater zu Grunde gerichtet, sie haben ihn auf die Galeere geschickt, -weil er dich mir um Geld verkauft hat; er hat mich beschworen, -dich umzubringen; es tut mir leid, daß ich gezittert -habe. Verflucht seien diese Hände, die nicht einmal mehr sicher -stoßen konnten!« Seine greulichen Verwünschungen, die er über -sich und Giuseppa ausstieß, wurden durch eine neue Erscheinung -unterbrochen. Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in -türkischer Kleidung; es war der unglückliche Ali Pascha von -Janina – der Turban bedeckte das jammervolle Haupt des -Kommerzienrats Bolnau. Alle erstaunten über diesen Anblick, -besonders schien der Kapellmeister sehr betreten; er erblaßte -und errötete und wandte sein Gesicht ab. »Monsieur de Planto,« -sprach der Direktor, »kennen Sie diesen Mann?« Der Kranke -hatte die Augen geschlossen; er riß sie mühsam auf und sagte: -»Gehet zu allen Teufeln, ich kenne ihn nicht.«</p> - -<p>Der Türke sah die Umstehenden mit kummervoller Miene -an; »ich wußte wohl, daß es so kommen werde,« sprach er mit -weinerlichem Tone, »es hat mir schon lange geahnet. Aber, -Mademoiselle Bianetti, wie konnten Sie doch einen unschuldigen -Mann so ins Unglück bringen?«</p> - -<p>»Was ist es denn mit diesem Herrn?« fragte die Sängerin; -»ich kenne ihn nicht. Herr Direktor, was hat denn dieser -getan?«</p> - -<p>»Signora,« sprach der Direktor mit tiefem Ernst, »vor -den Gerichten gilt keine Nachsicht oder irgend eine Schonung, -Sie müssen diesen Herrn kennen; es ist der Kommerzienrat -Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat eingestanden, daß -Sie bei dem Mord seinen Namen ausgerufen haben.«</p> - -<p>»Freilich!« klagte der Pascha, »meinen Namen genannt, -unter so verfänglichen Umständen!«</p> - -<p>Die Sängerin erstaunte, eine tiefe Röte flog über ihr -schönes Gesicht, sie ergriff in großer Bewegung den Kapellmeister -bei der Hand; »Carlo,« rief sie, »jetzt gilt es zu sprechen, -ich kann es nicht verschweigen; ja, Herr Direktor, ich werde -diesen teuren Namen genannt haben, aber ich meinte nicht jenen -Herrn, sondern –«</p> - -<p>»Mich!« rief der Kapellmeister und trat hervor. »Ich -heiße, wenn es mein lieber Vater dort erlaubt, Karl Bolnau!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_189">[189]</a></span></p> - -<p>»Karl! Musikant! Amerikaner!« rief der Türke und umarmte -ihn; »das ist das erste gescheite Wort in deinem Leben, -du hast mich aus einem großen Jammer befreit.«</p> - -<p>»Wenn sich die Sache so verhält,« sagte der Direktor, »so -sind Sie frei, und wir haben in dieser Sache nur mit gegenwärtigem -Herrn Chevalier de Planto zu tun.« Er wandte sich -um zu dem Bette; dort stand der Arzt und hielt die Hand des -Mörders in der seinigen; er legte sie ernst und ruhig auf die -Decke und drückte ihm die starren Augen zu. »Direktor,« sagte -er, »der macht es jetzt mit einem höheren Richter aus.«</p> - -<p>Man verstand ihn; sie gingen aus dem Gemach des furchtbaren -Toten und traten drüben bei dem Kapellmeister, dem -glücklichen, wiedergefundenen Sohne des Pascha, ein; die -Sängerin verbarg ihr Gesicht an der Brust des Geliebten, ihre -Tränen strömten heftig, aber es waren die letzten, die sie ihrem -unglücklichen Schicksal weinte; denn der Pascha ging lächelnd -um das schöne Paar, er schien an einem großen Entschluß zu -arbeiten; er besprach sich heimlich mit dem Medizinalrat und -trat von diesem zu seinem Sohn und der Sängerin. »Liebste -Mademoiselle,« sprach er, »ich habe Ihretwegen vieles ausgestanden, -Sie haben meinen Namen so verfänglich genannt, daß -ich Sie bitte, ihn mit dem Ihrigen zu vertauschen. Sie haben -gestern meinen Teller mit Punsch verschmäht, werden Sie mich -wieder zurückstoßen, wenn ich Ihnen gegenwärtigen Herrn Karl -Bolnau, meinen musikalischen Sohn, präsentiere, mit der Bitte, -ihn zu ehelichen?«</p> - -<p>Sie sagte nicht nein; sie küßte mit Freudentränen seine -Hand, der Kapellmeister schloß sie mit Entzücken in seine Arme -und schien diesmal sein erhabenes Pathos ganz vergessen zu -haben. Der Kommerzienrat aber faßte des Doktors Hand: -»Lange, sage Er, hätte ich denken können, daß es so kommen -würde, als Er mir den Schrecken in alle Glieder jagte, als ich -die Scheiben des Palais zählte und Er mir sagte: ›Ihr letztes -Wort war Bolnau!‹«</p> - -<p>»Nun! was will Er weiter!« antwortete der Medizinalrat -lächelnd; »es war doch gut, daß ich es Ihm damals sagte; wer -weiß es, ob alles so gekommen wäre ohne das <em class="gesperrt">letzte Wort -der Sängerin</em>.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_190">[190]</a></span></p> - -<h2 id="Phantasien_im_Bremer_Ratskeller">Phantasien im Bremer Ratskeller,<br /> -<span class="small">ein Herbstgeschenk</span><br /> -<span class="smaller">für Freunde des Weines.</span></h2> - -<p class="h2"> -Den zwölf Aposteln</p> -<p class="center"> -im Ratskeller zu Bremen</p> -<p class="center smaller"> -in dankbarer Erinnerung</p> -<p class="noind smaller"> -Im Herbst 1827.</p> -<p class="right smaller"> -Der Verfasser. -</p> -<hr class="tb" /> - -<div class="chapintro"> - -<p>Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und jeder -Mensch kann sich wohl einmal davon begeistern lassen.</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Shakespeare.</em> -</p> -</div> -</div> - -<p>»Mit dem Menschen ist nicht auszukommen,« sagten sie, -als sie in meinem Gasthof die Treppe hinabstiegen, und ich -konnte es noch deutlich hören. »Jetzt will er wieder schlafen -von neun Uhr an und leben wie ein Murmeltier; wer hätte das -gedacht vor vier Jahren!«</p> - -<p>Sie hatten nicht unrecht, die Freunde, daß sie mich in Unmut -verließen. Gab es ja doch heute abend eines der glänzendsten -musikalischen, tanzenden und deklamierenden Butterbrote in -der Stadt, und hatten sie sich nicht alle mögliche Mühe gegeben, -mir, dem Landfremden, einen angenehmen Abend dort zu verschaffen? -Aber es war wahrhaftig unmöglich; ich konnte nicht -gehen. Warum sollte ich einen tanzenden Tee besuchen, wo <em class="gesperrt">sie</em> -nicht tanzte, warum ein singendes Butterbrot, wo ich (ich wußte -es zum voraus) hätte singen müssen, ohne von <em class="gesperrt">ihr</em> gehört zu -werden; warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübsinn -und finsteres Wesen stören, das ich nun heute nicht verbannen -konnte? O Gott! ich wollte ja lieber, daß sie mir auf -der Treppe einige Sekunden fluchten, als daß sie sich von neun -Uhr bis ein Uhr langweilten, wenn sie nur mit meinem Körper -sich unterhielten und bei der Seele umsonst anfragten, die einige<span class="pagenum"><a id="Page_191">[191]</a></span> -Straßen weiter auf Unserer Lieben Frauen Kirchhof nachtwandelte.</p> - -<p>Aber das tat mir wehe, daß mich die guten Gesellen für -ein Murmeltier hielten und dem Drang nach Schlafe zuschrieben, -was aus Freude am Wachen geschah. O nur du, ehrlicher Hermann, -wußtest es mehr zu würdigen! Hörte ich denn nicht, wie -du unten auf dem Domhof sagtest: »Schlaf ist es nicht, denn -seine Augen leuchten. Aber entweder hat er wieder zu viel oder -zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch welchen und -– allein.«</p> - -<p>Wer verlieh dir denn diese prophetische Kraft? Oder konntest -du ahnen, daß meine Augen wacker waren, weil sie heute -nacht alten Rheinwein schauen sollten? Konntest du wissen, -daß ich gerade heute von dem Patent und Erlaubnisschein, vom -Rate auf meine Person ausgestellt, Gebrauch machen werde, -um die Rose und eure zwölf Apostel zu begrüßen? Und überdies, -war denn heute nicht mein Schalttag?</p> - -<p>Meines Erachtens ist es keine üble Gewohnheit, die ich von -meinem Großvater angenommen, nämlich hie und da Einschnitte -zu machen in den Baum des Jahres und sinnend dabei zu verweilen. -Wenn der Mensch nur Neujahr und Ostern, nur Christfest -oder Pfingsten feiert, so kommen ihm endlich diese Ruhepunkte -in der Geschichte seines Lebens so alltäglich vor, daß er -darüber hinweggleitet ohne Erinnerung. Und doch ist es gut, -wenn die Seele, sonst immer nach außen gerichtet, auch einmal -auf ein paar Stunden einkehrt im eigenen Gasthof ihrer Brust, -sich bewirtet an der langen Table d'hôte der Erinnerung und -nachher gewissenhaft die Rechnung <em class="antiqua">ad notam</em> schreibt wie Frau -Hurtig dem Ritter. Der Großvater nannte solche Tage seine -Schalttage; nicht daß er etwa ein Bankett veranstaltete mit -seinen Freunden oder den Tag lustig und in Freuden lebte, in -Saus und Braus; nein, er kehrte ein bei sich, und seine Seele -schmauste in der Kammer, die sie seit fünfundsiebzig Jahren -kannte. Noch jetzt, da er längst im kühlen Friedhof ruht, noch -jetzt kann ich es seinem holländischen Horaz ansehen, welche -Stellen er an solchen Tagen gelesen; noch jetzt, als wäre es -gestern geschehen, sehe ich sein großes blaues Auge sinnend auf -den vergelbten Blättern seines Stammbuchs weilen; und wie -deutlich sehe ich, wie dieses Auge nach und nach sich füllt, wie -eine Träne in den grauen Wimpern zittert, wie der gebietende -Mund sich zusammenpreßt, wie der alte Herr langsam und<span class="pagenum"><a id="Page_192">[192]</a></span> -zögernd die Feder ergreift und »einem seiner Brüder, der geschieden«, -das schwarze Kreuz unter den Namen malt.</p> - -<p>»Der Herr hält seinen Schalttag,« pflegten die Diener uns -zuzuwispern, wenn wir Enkel laut und fröhlich wie gewöhnlich -die Treppe hinanstürmten; »der Großvater hält seinen Schalttag,« -flüsterten wir uns zu und glaubten nicht anders, als er -beschere sich selbst den heiligen Christ, weil er ja doch niemand -habe, der ihm den Christbaum anzünde. Und war es nicht so, -wie wir in kindlicher Einfalt glaubten? Zündete er nicht den -Christbaum seiner Erinnerung an, flammten nicht tausend flimmernde -Kerzen auf, die Lieblingsstunden eines langen Lebens, -und schien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags still und -ruhig im Sessel saß, sich kindlich zu freuen an den Gaben der -Vergangenheit?</p> - -<p>Es war sein Schalttag wieder eingetreten, als sie ihn hinaustrugen. -Ich mußte weinen, als ich dachte, daß der alte -Mann seit langer Zeit zum erstenmal wieder in die freie Luft -komme. Sie führten ihn den Weg, auf dem ich so oft an seiner -Seite gegangen war. Aber nicht lange, so beugten sie über die -schwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde. »Nun hält er -seinen rechten Schalttag,« dachte ich, »aber wundern soll es mich -doch, wie der alte Herr wieder da heraufkommen will, denn sie -haben doch viele Steine und Rasen auf ihn hinabgeworfen.« Er -kam nicht wieder. Aber sein Bild blieb in meinem Gedächtnis, -und als ich herangewachsen war, gehörte es zu meinen liebsten -Beschäftigungen, seine feine offene Stirne, das klare Auge, den -gebietenden und doch so freundlichen Mund mir vorzumalen. -Mit seinem Bilde stiegen tausend Erinnerungen auf, und seine -Schalttage waren mir die Lieblingsstücke in der langen Bildergalerie.</p> - -<p>Und ist denn heute nicht der erste September, den auch ich -mir zum Schalttag erwählte? Und ich sollte Butterbrot verzehren -in einer Gesellschaft und allerlei Arien absingen hören -mit beigefügtem Applaus und Gezwitscher? Nein! Heraus mit -dir, köstliches Rezept, das kein Arzt der Erde so köstlich mischt! -Hinab zu dir, alte, wahrhaftige Apotheke, um »nach Vorschrift -jedesmal einen <em class="gesperrt">Römer</em> voll zu nehmen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_193">[193]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"></div> -<p>Es schlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Ratskellers -hinabstieg; ich durfte hoffen, keinen Zecher mehr zu finden, -denn es war Werktag bei andern Leuten, und draußen -heulte der Sturm, die Windfahnen stimmten sonderbare Weisen -an, und der Regen rauschte auf das Pflaster des Domhofs. Aber -der Ratsdiener maß mich mit fragenden Blicken vom Kopf bis -zum Fuß, als ich ihm die Anweisung auf einigen Wein darreichte.</p> - -<p>»So spät noch, und heute, in <em class="gesperrt">dieser</em> Nacht?« rief er.</p> - -<p>»Mir ist es vor zwölf Uhr nie zu spät,« entgegnete ich, -»und nachher ist es wohl frühe genug am Tage.«</p> - -<p>»Aber muß es denn,« wollte er eben fragen, doch Siegel -und Handschrift seiner Obern fiel ihm wieder ins Auge, und -schweigend, aber nicht ohne Zögern, schritt er voraus durch die -Hallen. Welch herzerquickender Anblick, wenn sein Windlicht -über die lange Reihe der Fässer hinstreifte, welch sonderbare -Formen und Schatten, wenn es an den Schwibbogen des Kellers -zitterte und die Säulen im dunkeln Hintergrunde wie geschäftige -Küper um die Fässer schwebten! Er wollte mir eines jener -kleineren Gemächer aufschließen, wo höchstens sechs bis acht -Freunde, eng zusammengerückt, den Becher kreisen lassen können. -Doch, mit trauten Gesellen liebe ich ein solches heimliches Plätzchen; -der enge Raum drängt Mann an Mann, und die Töne, -die hier nicht verhallen können, klingen traulicher; aber allein -und einsam liebe ich freiere Räume, wo der Gedanke, gleich -den Atemzügen, sich freier ausdehnt. Ich wählte einen alten -gewölbten Saal, den größten in diesen unterirdischen Räumen, -zu meinem einsamen Gelage.</p> - -<p>»Erwarten Sie Gesellschaft?« fragte der Mann an meiner -Seite.</p> - -<p>»Ich bin allein.«</p> - -<p>»Sie könnten ungebeten welche haben,« setzte er hinzu, -indem er sich scheu nach den Schatten umsah, die seine Lampe -warf.</p> - -<p>»Wie meint Ihr das?« fragte ich verwundert.</p> - -<p>»Ich meinte nur so,« antwortete er, indem er einige Kerzen -anzündete und einen großen Römer vor mich hinsetzte. »Man -spricht mancherlei vom ersten September – der Herr Senator D. -waren übrigens schon vor zwei Stunden da, und ich erwartete -Sie nicht mehr.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[194]</a></span></p> - -<p>»Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?«</p> - -<p>»Nein, er hieß mich nur die Proben herausnehmen.«</p> - -<p>»Welche Proben, mein Freund?«</p> - -<p>»Nun, die von den Zwölfen und der Rose;« erwiderte der -alte Mann, indem er anfing, einige niedliche Fläschchen mit -langen Papierstreifen an den Hälsen hervorzuziehen.</p> - -<p>»Wie!« rief ich, »man sagte mir ja, ich könnte den Wein -von den Fässern selbst trinken!«</p> - -<p>»Ja, aber nur im Beisein eines Herrn vom Senat. Darum -hieß mich der Herr Senator die Zungenpröbchen herausnehmen, -und so will ich sie Ihnen einschenken, wenn's gefällig.«</p> - -<p>»Nicht einen Tropfen,« unterbrach ich ihn, »hier kein Glas -voll; nein, das ist der echte Genuß, <em class="gesperrt">vom Fasse</em> zu trinken, -und ist es mir nicht mehr möglich, so will ich doch am Fasse -trinken. Kommt, Alter, nehmet die Proben mit, ich will das -Licht tragen.«</p> - -<p>Ich stand schon einige Minuten und sah dem wunderlichen -Treiben des alten Dieners zu. Bald stand er still, sah auf mich -und räusperte sich, als wollt' er sprechen, bald nahm er die -Proben vom Tisch und packte sie in seine weiten Taschen, bald -nahm er sie zögernd wieder heraus, um sie auf den Tisch zu -setzen. Es ermüdete mich; »nun, sollen wir bald gehen?« rief -ich voll Sehnsucht nach dem Apostelkeller. »Wie lange wollt Ihr -noch an Euren Gläschen hier aus- und einpacken?«</p> - -<p>Der ernste Ton, in welchem ich dies sagte, schien ihm Mut -zu machen. Ziemlich bestimmt antwortete er: »Es geht nicht, -– nein! Heute geht es nicht mehr, Herr!«</p> - -<p>Ich glaubte hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu sehen, -womit Hausverwalter, Kastellane oder Kellermeister dem Fremden -Geld abzuzwacken suchen, drückte ihm ein hinlängliches Geldstück -in die Hand und nahm ihn beim Arm, ihn fortzuziehen.</p> - -<p>»Nein, so war es nicht gemeint,« entgegnete er, indem er -das Geldstück zurückzuschieben suchte: »so nicht, fremder Herr! -Ich will es nur gerade heraus sagen: mich bringt man nicht -mehr in den Apostelkeller in dieser Nacht, denn wir schreiben -heute den ersten September.«</p> - -<p>»Und welche Torheit wollt Ihr daraus folgern?«</p> - -<p>»Nun, in Gottes Namen, Sie können denken davon, was -Sie wollen; es ist dort nicht geheuer in dieser Nacht, das macht, -es ist der Jahrestag der Rose.«</p> - -<p>Ich lachte, daß die Halle dröhnte. »Nein! In meinem -Leben habe ich doch so manchen Spuk erzählen gehört, aber einen<span class="pagenum"><a id="Page_195">[195]</a></span> -Weinspuk nie! Schämt Ihr Euch nicht mit Euren weißen -Haaren, noch solches Zeug zu schwatzen? Doch hier ist nicht -lange zu spaßen. Hier ist die Vollmacht des Senats; im Keller -darf ich trinken heute nacht, ohne nach Zeit und Raum zu fragen. -Darum im Namen des Rates heiß' ich Euch folgen. Schließe -den <em class="gesperrt">Keller des Bacchus</em> auf.«</p> - -<p>Dies wirkte; unwillig, aber ohne etwas zu entgegnen, nahm -er die Kerzen und winkte mir, zu folgen. Es ging zuerst wieder -durch den großen Keller, dann durch kleinere, bis der Weg in -einen engern schmalen Gang zusammenlief. Dumpf dröhnten -unsere Schritte in diesem Hohlweg, und unsere Atemzüge tönten, -wenn sie an den Mauern sich brachen, wie fernes Geflüster. -Endlich standen wir vor einer Türe, die Schlüssel rasselten, sie -gähnte ächzend auf, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe, -mir gegenüber saß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß. -Erquickender Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und fein -dargestellt, die alten Bremer Künstler, nicht zierlich als einen -griechischen Jüngling; sie hatten ihn nicht alt und trunken sich -gedacht, mit gräßlichem Bauch, verdrehten Augen und hängender -Zunge, wie ihn die gemein gewordene Mythe hin und wieder -gotteslästerlich abkonterfeit. Schmählicher Anthropomorphismus; -blinde Torheit des Menschen! Weil einige seiner im -Dienste ergrauten Priester also einhergehen, weil ihnen voll -guten Mutes der Leib anschwoll, die Nase von dem brennenden -Widerscheine der dunkelroten Flut sich färbte, das in stummer -Wonne aufwärts gerichtete Auge stehen blieb, – so legten sie -dem Gott bei, was seine Diener schmückt!</p> - -<p>Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter -reitet der alte Knabe auf dem Faß! Das runde, blühende Gesicht, -die kleinen muntern Weinäuglein, die so klug und neckend -herabsehen, der breite, lächelnde Mund, der sich an mancher -Kanne schon versuchte; der kurze kräftige Hals, das ganze -Körperchen von behaglichem, gutem Leben strotzend! Ganz besondere -Kunst hat aber der Meister, der dich geschaffen, auf -Arme und Beinchen gelegt. Meint man nicht, dein kräftiges -Aermlein werde sich bewegen, du werdest mit den runden -Fingerchen ein Schnippchen schlagen, und der breite, lächelnde -Mund werde sich auftun zu einem muntern Juheisa, heisa, he! -Ist man nicht versucht zu glauben, du werdest im tollen Weinmut -die runden Knie beugen, den Waden anlegen, mit dem -Fersen stauchen und das alte Mutterfaß in Galopp setzen, daß<span class="pagenum"><a id="Page_196">[196]</a></span> -alle Rosen, Apostel und andere gemeinere Fässer mit Hussa und -Hallo dir nachjagen durch den Keller?</p> - -<p>»Herr des Himmels!« rief der Ratsdiener, indem er sich -an mir festklammerte, »seht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht -und mit dem Füßchen baumelt?«</p> - -<p>»Alter, Ihr seid verrückt!« sagte ich, einen scheuen Blick -nach dem hölzernen Weingott werfend; »es ist der Schein der -Kerzen, der an ihm hin und her flackert.« Dennoch war mir -wunderlich zumute, ich folgte dem Alten aus dem Bacchuskeller. -Und war es denn auch der Schein der Kerzen, war es auch Täuschung, -als ich mich umsah? Nickte er mir nicht mit dem runden -Köpfchen, streckte er mir nicht das eine seiner Beinchen nach -und schüttelte und krümmte sich vor heimlichem Lachen? Ich -rannte unwillkürlich dem Alten nach und schloß mich dicht hinter -ihm an.</p> - -<p>»Jetzt zu den zwölf Aposteln,« sprach ich zu ihm, »wie -sollen uns dort die Proben munden!«</p> - -<p>Er antwortete nichts; kopfschüttelnd ging er weiter. Man -steigt vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kellerlein, -zum unterirdischen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit, -wo die <em class="gesperrt">Zwölfe</em> hausen. Was seid ihr, Trauergewölbe -und Grüfte alter Königshäuser, gegen <em class="gesperrt">diese</em> Katakomben! -Pflanzet Särge neben Särge, rühmet auf schwarzem Marmor -die Verdienste des Mannes, der hier einer »fröhlichen Urständ« -entgegenschläft, stellt einen schwatzhaften Cicerone an, in Trauermantel -und florumhängtem Hute, laßt ihn die absonderliche -Herrlichkeit dieses oder jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen -von den trefflichen Tugenden eines Prinzen, der in der -Bataille so und so gefallen, von der holden Schönheit einer -Fürstin, auf deren Sarge die jungfräuliche Myrte sich um die -kaum erblühte Rosenknospe schlingt – es wird euch an die -Sterblichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine Träne kosten; -aber kann es euch also rühren, wie der Anblick dieser Schlafkammer -eines Jahrhunderts, dieser Ruhestätte eines herrlichen -Geschlechtes? Da liegen sie in ihren dunkelbraunen Särgen, -schmucklos, ohne Glanz und Flitter. Kein Marmor rühmt ihr -stilles Verdienst, ihre anspruchlose Tugend, ihren vortrefflichen -Charakter; aber welcher Mann von einigem Gefühl für Tugenden -dieser Art fühlt sich nicht innig bewegt, wenn der alte Ratsdiener, -dieser Aufwärter in den Katakomben, dieser Küster der -unterirdischen Kirche, die Kerzen auf die Särge stellt, wenn -dann das Licht auf die erhabenen Namen der großen Toten<span class="pagenum"><a id="Page_197">[197]</a></span> -fällt! Wie regierende Häupter führen auch sie keine langen -Titel und Zunamen; einfach und groß stehen die Namen auf -ihren braunen Särgen geschrieben. Dort Andreas, hier Johannes, -in jener Ecke Judas, in dieser Petrus. Wen rührt es -nicht, wenn er dann hört: dort liegt der Edle von Nierenstein, -geboren 1718, hier der von Rüdesheim, geboren 1726. Rechts -Paulus, links Jakob, der gute Jakob!</p> - -<p>Und ihre Verdienste? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht, -wie er eingießt in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut -des Apostels mir darreicht? Gleich dunkelrotem Golde blinkt -es im Glase. Als ihn die Sonne aufzog auf den Hügeln von -St. Johannes, da war er blond und helle; ein <em class="gesperrt">Jahrhundert</em> -hat ihn gefärbt. Welche Würze des Geruches! Welche Namen -leg' ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer aufsteigt? -Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen in -den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, besprengt mit Ambra -diese kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen -auf – mischet aus ihnen alle die feinsten Düfte, wie die Biene -ihren Honig aus den Blüten saugt, wie schlecht, wie gemein, wie -unwürdig gegen die zarte Blume deines Kelches, mein Bingen -und Laubenheim, gegen deine Düfte Johannes und Nierenstein -von 1718!</p> - -<p>»Ihr schüttelt den Kopf, Alter? Tadelt Ihr meine Freude -an Euren alten Gesellen? Da, nimm diesen Römer, alter -Mensch, trink auf das Wohlsein dieser Zwölfe! Komm, stoß an, -sie sollen leben!«</p> - -<p>»Gott soll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in -<em class="gesperrt">dieser</em> Nacht,« erwiderte er; »man soll mit dem Teufel kein -Spiel treiben. Aber wenn Ihr sie alle durchgekostet, wollen wir -weiter gehen. Mir graut in diesem Keller.«</p> - -<p>»Gute Nacht denn, ihr alten Herren vom Rheine, gute -Nacht und herzlichen Dank für euer Labsal. Und wenn ich dir, -mein ernster feuriger Judas, wenn ich dir, mein sanfter lieblicher -Andreas, dir, mein Johannes, dienen kann, so kommt, -kommt zu mir.«</p> - -<p>»Herr des Himmels!« unterbrach mich der Alte und schlug -die Türe zu und drehte hastig die Schlüssel um, »seid Ihr von -den paar Tropfen schon betrunken, daß Ihr den Teufel heraufschwört? -Wißt Ihr denn nicht, daß die Weingeister aufstehen -diese Nacht und einander besuchen, wie immer am ersten September? -Und sollt' ich meinen Dienst verlieren, ich laufe davon, -wenn Ihr noch solche Worte sprecht. Noch ist es nicht zwölf<span class="pagenum"><a id="Page_198">[198]</a></span> -Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblick einer aus dem Faß -kriechen mit greulichem Gesicht und uns zu Tode schrecken?«</p> - -<p>»Alter, du faselst! Doch sei ruhig, ich will kein Wort mehr -sprechen, daß deine Weingespenster nicht wach werden. Doch jetzt -führe mich zur Rose.« Wir gingen weiter, wir traten ein in -das Gewölbe, in das Rosengärtlein von Bremen. Da lag sie, -die alte Rose, groß, ungeheuer, mit einer Art von gebietender -Hoheit. Welch ungeheures Faß! und jeder Römer ein Stück -Goldes wert! Anno 1615! Wo sind die Hände, die dich pflanzten! -Wo die Augen, die sich an deiner Blüte erfreuten, wo die -fröhlichen Menschen alle, die dir zujauchzten, edle Traube, als -man dich abschnitt auf den Höhen des Rheingaus, als man -deine Hüllen abstreifte und du als goldener Born in die Kufe -strömtest? Sie sind dahin, wie die Wellen des Stromes, der -an deinem Rebenhügel hinabzog. Wo sind sie, jene alten Herren -der Hansa, jene würdigen Senatoren dieser alten Stadt, die dich -pflückten, duftende Rose, dich verpflanzten in diese kühlen Räume -zum Labsal ihrer Enkel? Gehet hinaus auf Angarii Friedhof, -gehet hinauf zur Kirche Unserer Lieben Frauen und gießet -Wein auf ihre Grabsteine! Sie sind hinunter, und zwei Jahrhunderte -mit ihnen!</p> - -<p>»Nun auf euer Wohlsein, alte Herren von Anno 1615, -und auf das Wohl eurer würdigen Enkel, die so gastfreundlich -dem Fremdling die Hand und dieses Labsal boten!«</p> - -<p>»So! Und jetzt gute Nacht, Frau Rose!« setzte der alte -Diener freundlicher hinzu, indem er sein Körbchen zusammenräumte. -»Jetzt gute Nacht und Gott befohlen; hier heraus, -nicht dort um die Ecke, hier heraus geht der Weg aus dem -Keller, wertgeschätzter Herr. Kommt, stoßet Euch nicht hier an -die Fässer, ich will Euch leuchten.«</p> - -<p>»Mit nichten, Alter,« erwiderte ich, »jetzt geht das Leben -erst recht an. Das alles war nur der Vorschmack. Gib mir -Zweiundzwanz'ger Ausstich, so etwa zwei bis drei Flaschen in -das große Gemach dort hinten. Ich hab' ihn grünen sehen -diesen Wein und war dabei, als sie ihn kelterten; hab' ich das -Alter bewundert, so muß ich <em class="gesperrt">meiner</em> Zeit nicht minder ihr -Recht antun.«</p> - -<p>Er stand da mit weit geöffneten Augen, der Jammermensch; -er schien seinen Ohren nicht zu trauen. »Herr,« sprach er dann -feierlich, »sprechet nicht solch gottlosen Scherz. Heute nacht wird -nun und nimmermehr was daraus; ich bleibe um keine Seligkeit.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_199">[199]</a></span></p> - -<p>»Und wer sagt denn, daß du bleiben sollst? Dort setze -den Wein hinein und dann mache in Gottes Namen, daß du -fortkommst; ich will nun einmal diese Gedächtnisnacht hier feiern -und habe mir deinen Keller ausersehen; dich habe ich nicht vonnöten.«</p> - -<p>»Aber ich darf Euch nicht allein im Keller lassen,« entgegnete -er; »ich weiß wohl, nehmt mir nicht ungütig, daß Ihr -den Keller nicht bestehlet, aber es ist einmal gegen die Ordnung.«</p> - -<p>»Nun, so schließe mich ein in jenes Gemach; hänge ein -Schloß davor, so schwer als du willst, daß ich nimmer heraus -kann, und morgen früh um sechs Uhr kannst du mich aufwecken -und dein Schlafgeld holen.«</p> - -<p>Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, -doch umsonst; er setzte endlich drei Flaschen und neue Kerzen -vor mich hin, wischte den Römer aus, schenkte mir den Zweiundwanziger -Ausstich ein und wünschte mir, wie es schien, mit -schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig schloß er auch die Türe -zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr aus zärtlicher -Angst für mich als aus Vorliebe für seinen Keller noch ein -Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb zwölf. Ich hörte -ihn ein Gebet sprechen und davoneilen. Seine Schritte hallten -immer ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das -Außentor des Kellers zuschlug, hallte es wie Kanonendonner -durch die Gänge und Hallen.</p> - -<p>So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten -im Schoße der Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und -träumen, und auch hier unten, rings um mich her, schlummern -sie in ihren Särgen, die Geister des Weines. Ob sie wohl -träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen und der fernen -Berge, der Heimat gedenken, wo sie groß wurden, und des -Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich -ein Wiegenlied murmelte?</p> - -<p>Gedenket ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die -Sonne, euch aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft -die Aeuglein öffnetet zum erstenmal und hinabschautet -ins herrliche Rheingau? Und als der Mai einzog in sein -deutsches Paradies, gedenket ihr noch, wie euch die Mutter antat -mit grünen Kleidchen von Laubwerk und wie der alte Vater baß -sich dessen freute, herauflugte aus seinem grünen Bette und euch -zuwinkte und munter rauschte am <em class="gesperrt">Lurlei</em>?</p> - -<p>Und gedenkst denn auch du der Rosentage deiner Jugend, -o Seele, der sanften Rebenhügel der Heimat, des blauen<span class="pagenum"><a id="Page_200">[200]</a></span> -Stromes und der blühenden Täler des Schwabenlandes? O -Wonnezeit voll holder Träume! Wie reich bist du behängt mit -Bilderbüchern, Christbäumen, Mutterliebe, Osterwochen und -Ostereiern, mit Blumen und Vögeln, Armeen aus Blei und -Papier und den ersten Höschen und Kollettchen, in welche sich -deine kleine sterbliche Hülle, stolz auf ihre Größe, kleiden ließ. -Und wie dich der selige Vater auf den Knieen schaukelte, und -dir der Großvater gerne das lange Meerrohr mit dem goldenen -Knopf abtrat, um es dir als Reitpferd zu leihen!</p> - -<p>Und rücke mit dem nächsten Glase um einige Jahre vorwärts! -Erinnerst du dich des Morgens, als sie dich hineinführten -zu einem wohlbekannten Mann, dessen Gesicht so blaß -geworden war, dessen Hand du weinend küßtest, weinend, ohne -zu wissen warum? Denn konntest du glauben, daß die harten -Männer, die ihn in einen Schrank legten und mit schwarzen -Tüchern zudeckten, konntest du glauben, daß sie ihn nicht mehr -zurückbringen würden? Sei ruhig, auch er schlummert nur ein -Weilchen. – Und gedenkst du des geheimnisvollen Freudenlebens -in Großvaters Büchersaal? Ach, damals kanntest du -noch keine Bücher als den schnöden kleinen Bröder, deinen ärgsten -Feind, wußtest nicht, daß jene Folianten noch zu etwas -anderem in Leder gebunden seien, als um Hütten und Ställe -daraus zu erbauen für dich und dein Vieh!</p> - -<p>Gedenkst du noch des Frevels, wie roh du mit der deutschen -Literatur in kleinerem Format umgingst? Hast du nicht deinem -Bruder den Lessing an den Kopf geworfen, wofür er dich freilich -mit Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen erbärmlich zudeckte? -Damals dachtest du freilich nicht daran, daß du einst -selbst Bücher machen werdest!</p> - -<p>Tauchet auch ihr auf, aus dem Nebel verschwundener Jahre, -ihr Mauern des alten Schlosses. Wie oft dienten deine halbverfallenen -Gänge, deine Keller, deine Zwinger, deine Verließe -der fröhlichen Schar zum Tummelplatz ihrer Spiele! Soldaten -und Räuber, Nomaden und Karawanen! Wie wohl war uns -oft in der untergeordneten Rolle eines Kosaken, während andere -– Generale, Platows, Blüchers, <span id="corr200">Napoleone</span> und dergleichen -vorstellten und sich prügelten? Ja, waren wir nicht zuzeiten -sogar ein Pferd, dem Freunde zu Gefallen? O Himmel, wie -schön ließ es sich dort spielen!</p> - -<p>Wo sind sie hin, die Gespielen deiner Kindheit, die Genossen -jener goldenen Tage, wo kein Rang, kein Stand, kein Ansehen -gilt. Grafen und Barone machen jetzt wohl die große Tour<span class="pagenum"><a id="Page_201">[201]</a></span> -oder dienen an Höfen als Kammerherren. Arme Teufel pilgern -als Handwerksbursche durchs Reich, den schweren Bündel -auf dem Rücken, ohne Schuhe an den Füßen, haschen nach -Pfennigen aus dem Kutschenschlag, die sie mit dem vom Regen -gebräunten Hut künstlich aufzufassen wissen. Und die Liebe -drückt sie oft noch schwerer als das Bündel auf dem Rücken. -Andere Kameraden, Seelen, die sich in der Schule durch geordneten -Fleiß in Humanioribus hervorgetan, sitzen jetzt schon -auf einer Pfarre, im Schlaf- oder Chorrock bei der Frau Liebsten. -Andere sind Amtleute, wieder andere Apotheker, einige -Referendäre und dergleichen, und nur wir beide, ausschweifend -aus dem gewöhnlichen Gang der Dinge, sitzen hier im Bremer -Ratskeller und tun uns gütlich im Weine. Und was sind denn -wir Absonderliches geworden? Doktor? Das kann jeder werden, -der vernünftig genug ist, eine Dissertation zu schreiben.</p> - -<p>Doch ich trinke das vierte Glas, Seele. Das vierte! Fühlst -du nicht einen gewissen Nexus zwischen dem Wein und der -Zunge? Zwischen der Zunge und dem Gaumen? Hier, behaupte -ich, ist ein Scheideweg und daran ein Wegezeiger aufgestellt. -Nämlich auf der einen Seite steht: »<em class="gesperrt">Weg nach dem -Magen.</em>« Eine breite fahrbare Straße. Es geht so schnell, -so glitschend bergab! Daher auch der gemeinere Stoff gewöhnlich -diesen Weg nimmt. Der andere Arm des Zeigers heißt: -»<em class="gesperrt">In den Kopf.</em>« Dahin ziehen die Geister, die sich schon im -Faß lange genug bei dem schnöden gemeineren Stoff gelangweilt -haben, und jetzt, da sie freien Lauf nehmen können, schielen -sie nach dem Wegezeiger rechts hinauf. Während die Masse -links hinabströmt, steigen sie aufwärts und finden sich im -Wirtshaus zur Zirbeldrüse wieder zusammen. Es sind friedliche, -verständige Leute, diese Geister. Sie erhellen dein Haus, -o Seele, solang ihrer vier oder fünf beisammen sind, nachher -möchte ich wohl für nichts stehen, denn sie raufen sich dann und -treiben allerhand Unfug im Gehirn.</p> - -<p>Wie schön ist die vierte Lebensperiode, die wir mit dem -vierten Glase beginnen wollen! Du bist vierzehn Jahre alt, -o Seele! Aber was ist mit dir vorgegangen in der kurzen Zeit? -Du spielst keine Knabenspiele mehr, Soldaten und alles dieses -Gezeuge liegt hinter dir, und du scheinst mir viel zu lesen. Du -bist hinter Goethe und Schiller geraten und verschlingst sie, ohne -alles zu verstehen. Oder wie? Du verstehst <em class="gesperrt">jetzt schon</em> -alles? Du willst meinen, du könntest Liebe verstehen, weil du -im letzten Sonntagsklub Elvire hinter der Kommode im Dunkeln<span class="pagenum"><a id="Page_202">[202]</a></span> -geküßt und Emmas Zärtlichkeit zurückgewiesen hast? Barbar! -Ahnest du nicht, daß dieses dreizehnjährige Herz auch -den Werther und sogar etwas von Clauren gelesen haben kann -und Liebe für dich fühlt? Aber die Szene ändert sich. Sei -mir gegrüßt, du Felsental der Alb! Du blauer Strom, an -welchem ich drei lange Jahre hauste, die Jahre lebte, die den -Knaben zum Jüngling machen. Sei mir gegrüßt, du klösterliches -Dach, du Kreuzgang mit den Bildern verstorbener Aebte, -du Kirche mit dem wundervollen Hochaltar, ihr Bilder alle in -schönes Gold des Morgenrotes getaucht! Seid mir gegrüßt, -ihr Schlösser auf den Felsen, ihr Höhlen, ihr Täler, ihr grünen -Wälder! Jene Täler, jene Klostermauern waren das enge Nest, -das uns aufzog, bis wir flügge waren, und ihrer rauhen Albluft -danken wir es, daß wir nicht verweichlichten.</p> - -<p>Ich komme ans fünfte Glas ins fünfte Säkulum unseres -Lebens. Ich schlürfe euch ein, liebliche Erinnerungen, wie ich -dies Glas edlen Rheinweins schlürfe. Ihr duftet auf in herrlicher -Schöne, Jahre meiner Jugend, wie das Aroma aufsteigt -aus dem Römer. Mein Auge wird wacker, o Seele, denn sie -sind um mich, die Freunde meiner Jugend! Wie soll ich dich -nennen, du hohes, edles, rohes, barbarisches, liebliches, unharmonisches, -gesangvolles, zurückstoßendes und doch so mild erquickendes -Leben der Burschenjahre? Wie soll ich euch beschreiben, -ihr goldenen Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? -Welche Töne soll ich euch geben, um mich verständlich zu machen? -Welche Farben dir, du nie begriffenes Chaos! Ich soll dich beschreiben? -Nie! Deine lächerliche Außenseite liegt offen, die -sieht der Laie, die kann man ihm beschreiben, aber deinen innern, -lieblichen Schmelz kennt nur der Bergmann, der singend mit -seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen Schacht. Gold bringt -er herauf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig, gilt gleich -viel. Aber dies ist nicht seine ganze Ausbeute. Was er geschaut, -mag er dem Laien nicht beschreiben, es wäre allzu sonderbar -und doch zu köstlich für sein Ohr. Es leben Geister in -der Tiefe, die sonst kein Ohr erfaßt, kein Auge schaut. Musik -ertönt in jenen Hallen, die jedem nüchternen Ohr leer und bedeutungslos -ertönt. Doch dem, der <em class="gesperrt">mit</em> gefühlt und <em class="gesperrt">mit</em> gesungen, -gibt sie eine eigene Weihe, wenn er auch über das Loch -in seiner Mütze lächelt, das er als Symbolum zurückgebracht. -Alter Großvater! Jetzt weiß ich, was du vornahmst, wenn »der -Herr seinen Schalttag feierte«. Auch du hattest deine trauten -Gesellen seit den Tagen deiner Jugend, und das Wasser stand<span class="pagenum"><a id="Page_203">[203]</a></span> -dir in den grauen Wimpern, wenn du einen beisetztest im -Stammbuch. Sie leben!</p> - -<p>Wirf die Flasche weg, Mensch, stich eine neue an zu neuer -Freude. Das sechste! Wer kann dich berechnen, o Liebe!</p> - -<p>Es ging uns, wie es so manchem Erdensohn ergeht. Wir -lasen von Liebe und glaubten zu lieben. Das Wunderbarste -und doch Natürlichste an der Sache war, daß die Perioden oder -Grade dieser Art Liebe sich nach unserer Lektüre richteten. -Haben wir nicht Vergißmeinnicht und Ranunkeln gebrochen -und des Doktors Tochter in G. verschämt überreicht und uns -einige Tränen ausgepreßt, weil wir lasen: »Das Schönste sucht -er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt?« – »Aus -seinen Augen brechen Tränen?« Haben wir nicht <em class="antiqua">à la</em> Wilhelm -Meister geliebt, das heißt, wir wußten nicht mehr, -war es Emeline oder Camilla, die Zarte, oder gar Ottilie? -Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen hinter den -Jalousieen hervorgeschaut, wenn wir Ständchen brachten im -Winter und die Gitarre weidlich schlugen, obgleich uns der Frost -die Finger krumm bog? Und nachher, als es sich zeigte, wie sie -alle nur schnöde Koketten seien, haben wir da nicht die Liebe -törichterweise verschworen und uns vorgenommen, erst dann zu -heiraten, wenn die Schwaben klug werden, das heißt im vierzigsten?</p> - -<p>Wer kann dich berechnen, verschwören, o Liebe? Du tauchst -nieder aus dem Auge der Geliebten und schlüpfst durch unser -Auge verstohlen in das Herz. Und dennoch so kalt konntest du -bleiben, wenn ich meine Lieder sang, wolltest den Blick nicht -erwidern, den ich so oft nach dir aussandte? Ich möchte ein -General sein, nur daß sie meinen Namen in der Zeitung läse, -daß es ihr bange würde, wenn sie läse: »Der General Hauff -hat sich in der letzten Schlacht bedeutend hervorgetan und acht -Kugeln ins Herz bekommen, – woran er aber nicht gestorben.« -Ich möchte ein Tambour sein, nur daß ich vor ihrem Haus -meinen Schmerz auslassen und fürchterlich trommeln könnte, -und fährt sie dann erschrocken mit dem Köpfchen durchs Fenster, -so will ich gerade das Gegenteil russischer Fellraßler machen -und vom Fortissimo abwärts trommeln und piano und im -leisen Adagiowirbel ihr zuflüstern: »Ich liebe dich.« Ein berühmter -Mensch möchte ich sein, nur daß sie von mir hörte und -stolz zu sich sagte: »Der hat dich einst geliebt.« Aber leider -reden die Leute nicht von mir, höchstens wird man ihr morgen -sagen: »Gestern nacht ist er auch wieder bis Mitternacht im<span class="pagenum"><a id="Page_204">[204]</a></span> -Weinkeller gelegen!« Und wenn ich vollends ein Schuster oder -Schneider wäre! Doch dies ist ein gemeiner Gedanke und -deiner unwürdig, Adelgunde! –</p> - -<p>Jetzt wacht wohl keiner mehr als der Höchste und Niedrigste -dieser Stadt, nämlich der Turmwächter hoch oben auf der Domkirche -und ich tief unten im Ratskeller. Wär' ich doch der auf -dem Turme! in jeder Stunde wollte ich das Sprachrohr ansetzen -und dir ein Lied hinabsingen ins Schlafkämmerlein; doch -nein! das würde ja den süßen Engel aus seinem Schlummer -wecken, aus seinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier -unten hört mich niemand, da will ich eines singen! Seele! -komme ich mir denn nicht gerade vor wie ein Soldat auf dem -Posten, dem das Heimweh recht schwer und tief im Herzen -liegt? Und hat nicht einer meiner Freunde dies Lied gedichtet?</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Steh' ich in finstrer Mitternacht<br /></span> -<span class="i0">So einsam auf der fernen Wacht,<br /></span> -<span class="i0">So denk' ich an mein fernes Lieb,<br /></span> -<span class="i0">Ob mir's auch treu und hold verblieb?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Als ich zur Fahne fort gemüßt,<br /></span> -<span class="i0">Hat sie so herzlich mich geküßt,<br /></span> -<span class="i0">Mit Bändern meinen Hut geschmückt<br /></span> -<span class="i0">Und weinend mich ans Herz gedrückt!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,<br /></span> -<span class="i0">Drum bin ich froh und wohlgemut,<br /></span> -<span class="i0">Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,<br /></span> -<span class="i0">Wenn es ans treue Lieb gedacht.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Jetzt bei der Lampe mildem Schein<br /></span> -<span class="i0">Gehst du wohl in dein Kämmerlein,<br /></span> -<span class="i0">Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn<br /></span> -<span class="i0">Auch für den Liebsten in der Fern'!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch, wenn du traurig bist und weinst,<br /></span> -<span class="i0">Mich von Gefahr umrungen meinst –<br /></span> -<span class="i0">Sei ruhig; bin in Gottes Hut,<br /></span> -<span class="i0">Er liebt ein treu Soldatenblut.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'<br /></span> -<span class="i0">Und löst mich ab zu dieser Stund':<br /></span> -<span class="i0">Schlaf wohl im stillen Kämmerlein<br /></span> -<span class="i0">Und denk' in deinen Träumen mein!<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_205">[205]</a></span></p> -<p>Und denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die -Glocken summten dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen -Gesang. Schon Mitternacht? Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen -Schauer in sich; es ist, als zittere die Erde leise, -wenn sich die schlummernden Menschen unter ihr auf die andere -Seite legen, die schwere Decke schütteln und den Nachbar im -Kämmerlein nebenan fragen: »Ist's noch nicht Morgen?« Wie -so ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir -hernieder, als wenn er am Mittag durch die hellen klaren Lüfte -schallt. Horch! Ging da nicht im Keller eine Türe? Sonderbar; -wenn ich nicht so ganz allein hier unten wäre, wenn ich -nicht wüßte, daß die Menschen nur oben wandeln, ich würde -glauben, es tönen Schritte durch diese Hallen. – Ha! es ist so; -es kommt näher, es tastet an der Türe hin und her; es faßt und -schüttelt die Klinke; doch die Türe ist verschlossen und mit -Riegeln verhängt; mich stört heute nacht <em class="gesperrt">kein Sterblicher</em> -mehr. – Ha, was ist das? die Türe springt auf! Entsetzen! –</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"></div> -<p>Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig -Komplimente über den Vortritt; der eine war ein langer, -hagerer Mann, trug eine große, schwarze Lockenperücke, einen -dunkelroten Rock nach altfränkischem Schnitt, überall mit goldenen -Tressen und goldgesponnenen Knöpfen besetzt; seine ungeheuer -langen und dünnen Beine staken in dünnen Beinkleidern -von schwarzem Samt mit goldenen Schnallen am Knie; -daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den Schuhen trug -er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von Porzellan -hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn -er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen kleinen Hut von -Seide, und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann -wie Wasserfälle über die Schultern herab. Der Mann hatte ein -bleiches, abgehärmtes Gesicht, tiefliegende Augen und eine große -feuerrote Nase. Ganz anders war der kleinere Geselle anzuschauen, -dem jener den Vortritt gönnen wollte. Seine Haare -waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und nur an den -Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalftern gewickelt, -ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; -er trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten -in großen Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Bratenweste, -die über sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Kniee<span class="pagenum"><a id="Page_206">[206]</a></span> -herabfiel, und hatte einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt. -Er hatte etwas Gutmütiges in seinem feisten Gesicht, besonders -in den Aeuglein, die ihm wie einem Hummer hervorstanden. -Seine Manöver führte er mit einem ungeheuren Filzhut aus, -der auf zwei Seiten aufgeklappt war.</p> - -<p>Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, -Zeit genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden -Herren machten wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle -die zierlichsten Pas. Endlich riß der Lange auch den zweiten -Flügel der Türe auf, nahm den Kleinen unter dem Arm und -führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre Hüte an die -Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich zu -beachten, stillschweigend an den Tisch. »Ist denn heute Fastnacht -in Bremen?« sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren -Gäste nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung -so unheimlich vor, besonders wußte ich mich in ihre -starren Blicke, in ihr Schweigen nicht zu finden; ich wollte mir -eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein neues Geräusch -im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging auf, -und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die -ersten gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, -der wie ein Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und -Jagdhorn und schaute ungemein fröhlich um sich.</p> - -<p>»Gott grüß euch, ihr Herren vom Rhein!« sprach der Lange -im roten Rocke im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte. -»Gott grüß euch,« quiekte der Kleine dazu, »haben -uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!«</p> - -<p>»Frisch auf! Holla und guten Morgen, Herr Matthäus,« -rief der Jäger dem Kleinen zu, »und auch Euch guten Morgen, -Herr Judas! Aber was ist das? Wo sind die Römer, wo -Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch nicht wach -aus seinem Sündenschlaf?«</p> - -<p>»Die Schlafmütze!« erwiderte der Kleine. »Der schläfrige -Bengel! Droben liegt er noch in Unser Lieben Frauen Kirchhof, -aber das Donnerwetter, ich will ihn herausschellen!« Dabei -ergriff er eine große Glocke, die auf dem Tische stand, und -klingelte und lachte in grellen, schneidenden Tönen. Auch die -drei anderen Herren hatten Hüte, Stock und Degen in die Ecken -gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Tisch gesetzt. Zwischen -dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas -nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, -auf seinen schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger<span class="pagenum"><a id="Page_207">[207]</a></span> -Ernst, und um die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln; -er trug eine blonde Perücke mit vielen Locken, was mit seinen -großen, braunen Augen einen auffallenden, aber angenehmen -Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber saß ein großer, wohl -gemästeter Mann, mit rotausgeschlagenem Gesicht und einer -Purpurnase. Er hatte die Unterlippe weit herabhängen und -trommelte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen -ihn Philippus.</p> - -<p>Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen, -saß neben ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln -Augen, ein kräftiges Rot schmückte seine Wangen, und ein -dichter Bart umschattete den Mund. Er hieß Herr Petrus.</p> - -<p>Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen -Gästen das Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien -eine neue Gestalt in der Türe. Es war ein kleines, -altes Männlein mit schlotternden Beinen und grauem Haar; -sein Kopf sah aus wie ein Totenkopf, über den man eine dünne -Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen -Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei und -grüßte die Gäste demütig.</p> - -<p>»Ha! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar,« riefen -die Gäste ihm entgegen; »frisch heran, Alter, setz' die Römer -auf und bring' uns Pfeifen! Wo steckst du nur so lang? Es -ist längst zwölf vorüber.«</p> - -<p>Der alte Mann gähnte einigemal etwas unanständig und -sah überhaupt aus wie einer, der zu lange geschlafen. »Hätte -beinahe den ersten September verschlafen,« krächzte er, »ich -schlief so hart, und seitdem sie den Kirchhof gepflastert haben, -höre ich auch ziemlich schlecht. Wo sind denn aber die anderen -Herren?« fuhr er fort, indem er Pokale von wunderlicher Form -und ansehnlicher Größe aus dem Korbe nahm und auf den Tisch -setzte; »wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und -die alte Rose fehlt auch noch.«</p> - -<p>»Setze nur die Flaschen her,« rief Judas, »daß wir endlich -was zu trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen -noch im Faß, poch' an mit deinen dürren Knochen und heiße sie -aufstehen, sage, wir sitzen schon alle hier.«</p> - -<p>Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein -großes Geräusch und Gelächter vor der Türe entstand. »Jungfer -Rose hoch, hussa, hoch! und ihr Schatz der Bacchus, hoch!« -hörte man von mehreren Stimmen rufen; die Türe flog auf,<span class="pagenum"><a id="Page_208">[208]</a></span> -die gespenstischen Gesellen am Tische sprangen in die Höhe und -schrieen: »Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose und Bacchus und die -anderen! Hallo! Jetzt geht das Freudenleben erst recht an!« -und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der Dicke -schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die -Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und -stimmte ein in das Juheisa, heisa, he! daß mir die Ohren gellten. -Welch ein Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im -Keller geritten, war herabgestiegen, nackt, wie er war; mit seinem -breiten, freundlichen Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte -er das Volk und trippelte auf kleinen Füßchen in das Zimmer; -an seiner Hand führte er ganz ehrbarlich wie seine Braut eine -alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher Dicke. Noch -weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles so -geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame -niemand anders sei als die alte Rose, das ungeheure Faß im -Rosenkeller.</p> - -<p>Und wie hatte sie sich köstlich aufgeputzt, die alte Rheinländerin! -Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen -sein, denn wenn auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und -Mund gelegt hatte, wenn auch das frische Rot der Jugend von -ihren Wangen verschwunden war, zwei Jahrhunderte konnten -die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht völlig verwischen. -Ihre Augenbrauen waren grau geworden, und einige unziemliche -graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber -die Haare, die um die Stirne schön geglättet lagen, waren nußbraun -und nur etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf -dem Kopfe trug sie eine schwarze Samtmütze, die sich enge an -die Schläfe anschloß; dazu hatte sie ein Wams vom feinsten -schwarzen Tuche an, und das Mieder vom roten Samt, das darunter -hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten geschnürt. -Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden -Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein -weiter, faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte -Gestalt, und ein kleines weißes Schürzchen, mit feinen -Spitzen besetzt, wollte sich recht schalkhaft ausnehmen. An der -einen Seite hing ihr eine große Tasche von Leder, an der -anderen ein Bündel gewaltiger Schlüssel – kurz, sie war eine -so ehrbare Frau, als je eine Anno 1618 in Köln oder Mainz -über die Straße ging.</p> - -<p>Aber hinter der Frau Rose kamen noch sechs jubelnde Gesellen, -die Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf<span class="pagenum"><a id="Page_209">[209]</a></span> -den Kopf gesetzt, mit weitschößigen Röcken und langen, reich -gestickten Westen angetan.</p> - -<p>Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel -Bacchus seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit -großem Anstand gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder; an -ihrer Seite nahm der hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, -der Kellermeister, hatte ihm ein tüchtiges Polster untergeschoben, -weil er sonst gar klein und niedrig dagesessen hätte. Auch -die anderen sechs Gesellen nahmen Platz, und ich merkte jetzt, -daß es wohl die zwölf Apostel vom Rheine seien, die hier um -die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen.</p> - -<p>»Da wären wir ja,« sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas -nachgelassen, »da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von -1700, und alle wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, -Jungfer Rose! Auch Sie hat gar nicht gealtert und ist -noch so stattlich und hübsch wie vor fünfzig Jahren. Gutes -Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr Bacchus, -daneben!«</p> - -<p>»Soll leben, die alte Rose soll leben!« riefen sie und stießen -an und tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen -silbernen Humpen trank, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele -Beschwerden hinunter, und er ward zusehends dicker davon und -größer wie eine Schweinsblase, die man mit Luft füllt.</p> - -<p>»Mich gehorsamst zu bedanken, wertgeschätzte Herren Apostel -und Vettern,« antwortete Frau Rosalia, indem sie sich -freundlich verneigte. »Seid Ihr noch immer solch ein loser -Schäker, Herr Petrus? Ich weiß von keinem Schatz nicht, und -Ihr müßt ein sittsam Mägdlein nicht so in Verlegenheit setzen.« -Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte, und trank ein -mächtiges Paßglas aus.</p> - -<p>»Schatz,« erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus seinen -Aeuglein zärtlich anblickte und ihre Hand faßte, »Schatz, ziere -dich doch nicht so; du weißt ja wohl, daß dir mein Herz zugetan -schon seit zweihundert Herbsten; und daß ich dich noch heute -vor allen anderen liebe, soll ein feuriger Kuß auf deine rosigen -Lippen beweisen.«</p> - -<p>Er neigte sich zärtlich gegen die Rose. »Wenn nur das -junge Volk hier nicht dabei wäre,« flüsterte sie verschämt, indem -sie sich halb zu ihm neigte; aber unter dem Jubeln und Jauchzen -der Zwölfe hatte der Weingott sein Schürzenstipendium nebst -Zinsen eingenommen. Dann leerte er seinen Humpen wieder<span class="pagenum"><a id="Page_210">[210]</a></span> -und ward um zwei Fäuste breiter und größer und hub an mit -einer rauhen Weinstimme zu singen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Vor allen Schlössern dieser Zeit<br /></span> -<span class="i0">Lob' ich ein Schloß zu Bremen,<br /></span> -<span class="i0">An seinen Hallen hoch und weit<br /></span> -<span class="i0">Darf sich kein Kaiser schämen;<br /></span> -<span class="i0">Gar seltsam ist es ausstaffiert,<br /></span> -<span class="i0">Mit schmuckem Hausrat ausgeziert,<br /></span> -<span class="i0">Doch hat daselbst vor allen<br /></span> -<span class="i0">Eine Jungfrau mir gefallen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ihr Auge blinkt wie klarer Wein,<br /></span> -<span class="i0">Ihre Wangen sind nicht bleiche,<br /></span> -<span class="i0">Wie prächtig ihre Kleider sein,<br /></span> -<span class="i0">Von lauter schwerem Zeuge;<br /></span> -<span class="i0">Von Eichenholz ist ihr Gewand,<br /></span> -<span class="i0">Von Birkenreifen ihre Band',<br /></span> -<span class="i0">Das Mieder das sie zieret,<br /></span> -<span class="i0">Mit Eisen ist geschnüret.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch ach, man hat ihr Schlafklosett<br /></span> -<span class="i0">Mit Riegeln wohl versehen,<br /></span> -<span class="i0">Dort schlummert sie im Rosenbett,<br /></span> -<span class="i0">Und ich muß draußen stehen;<br /></span> -<span class="i0">Drum poch' ich an die Kammertür:<br /></span> -<span class="i0">Steh auf, mein Schatz, und komm herfür,<br /></span> -<span class="i0">Damit ich mit dir kose,<br /></span> -<span class="i0">Mach' auf, herzliebe Rose.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">So steig' ich jede Mitternacht<br /></span> -<span class="i0">Zu ihrer Kammer nieder;<br /></span> -<span class="i0">Nur einmal hat sie aufgemacht,<br /></span> -<span class="i0">Jetzt will sie nimmer wieder;<br /></span> -<span class="i0">Und seit ich einmal sie geküßt,<br /></span> -<span class="i0">Mein Herz von Sehnsucht trunken ist,<br /></span> -<span class="i0">Nur einmal, Rosamunde,<br /></span> -<span class="i0">Küß' mich, daß es gesunde.<br /></span> -</div></div> - -<p>»Ihr seid ein Schäker, Herr Bacchus,« sagte Rosa, als er -mit einem zärtlichen Triller geendet hatte. »Ihr wißt wohl, -daß mich Bürgermeister und Rat unter gar strenger Klausur -halten und nicht erlauben, daß ich mit jedwedem mich einlasse.«</p> - -<p>»Aber mir könntest du doch zuweilen das Kämmerlein -öffnen, lieb Röschen!« flüsterte Bacchus; »mich gelüstet nach -der süßen Speise deines Mundes.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[211]</a></span></p> - -<p>»Ihr seid ein Schelm,« rief sie lachend, »Ihr seid ein Türke -und habt es mit vielen zugleich; meint Ihr, ich wisse nicht, wie -Ihr mit der leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein -von Bordeaux, und mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin; -geht, geht, Ihr habt einen schlechten Charakter und verstehet -Euch nicht auf treue deutsche Minne.«</p> - -<p>»Ja, das sag' ich auch!« rief Judas, und fuhr mit der -langen knöchernen Hand nach der Hand der Jungfer Rose. »Das -sag' ich auch; drum nehmet mich zu Eurem Galan, liebwerteste -Jungfer, und lasset den kleinen, nackten Kerl seiner Französin -nachziehen.«</p> - -<p>»Was?« schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige -Maß Wein. »Was? Mit dem jungen Fant von 1726 willst -du dich abgeben, Röschen? Pfui, schäme dich; was mein nacktes -Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann ich ebensogut wie er, -eine Perücke aufsetzen, einen Rock umhängen und einen Degen -an die Seite stecken; aber ich trage mich so, weil ich Feuer im -Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da -sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich -erlogen. Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste -erlustiert, aber weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster -Schatz, und dir gehört mein Herz.«</p> - -<p>»Eine schöne Treue, Gott erbarm's!« erwiderte die Dame. -»Was hört man nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem -Frauenzimmer habt? Von der süßlichen Metze, der Xeres, will -ich gar nichts sagen, das ist eine bekannte Geschichte, aber wie -ist es denn mit der Jungfer Dentilla di Rota und mit der von -San Lucas? Und dann mit der Sennora Ximenes?«</p> - -<p>»Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit,« -rief er ärgerlich, »man kann doch alte Verbindungen nicht ganz -aufgeben. Und was die Sennora Ximenes betrifft, so seid Ihr -sehr ungerecht, ich besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch, -weil sie Eure Verwandte ist.«</p> - -<p>»Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verwandte?« -murmelten Rose und die Zwölfe untereinander. »Wie das?«</p> - -<p>»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr er fort, »daß diese Sennora -eigentlich eine Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Ximenes -hat sie heimgeführt als blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau -nach seiner Heimat Spanien, und dort hat sie sich angesiedelt -und seinen Familiennamen angenommen. Noch jetzt, obgleich -sie den süßen, spanischen Charakter angenommen, noch jetzt hat -sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzüge des Gesichtes<span class="pagenum"><a id="Page_212">[212]</a></span> -sich in der Familie nicht ganz verlieren. Dieselbe Farbe und -jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie -zu Eurer würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose.«</p> - -<p>»Sie soll leben, soll leben!« riefen die Apostel und stießen -an, »Base Ximenes in Hispanien soll leben!«</p> - -<p>Jungfer Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und -stieß mit bittersüßer Miene an; doch schien sie nicht ferner mit -ihm hadern zu wollen, sondern sprach weiter:</p> - -<p>»Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr -alle hier? Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein -mutiger Judas, mein feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, -wische dir den Schlaf fein aus den Aeuglein, du siehst noch -ganz trübselig aus; Bartholomäus, du bist unmäßig dick geworden -und scheinst träge zu sein. Ha, mein munterer Paulus, -und wie fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte. -Aber wie, ihr seid ja zu dreizehn am Tische, wer ist denn <em class="gesperrt">der</em> -dort in fremder Kleidung, wer hat ihn hieher gebracht?«</p> - -<p>Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf -mich und schienen mit meiner Anwesenheit nicht ganz zufrieden. -Aber ich faßte mir ein Herz und sagte: »Mich gehorsamst der -werten Gesellschaft zu empfehlen. Ich bin eigentlich nichts -weiter als ein zum Doktor der Philosophie graduierter Mensch -und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts in dem Wirtshause -zur Stadt Frankfurt auf.«</p> - -<p>»Wie wagst du es aber, hierher zu kommen in dieser -Stunde, graduiertes Menschenkind?« sprach Petrus sehr ernst, -indem er Blitze aus seinen Feueraugen auf mich sprühte. »Du -hättest wohl denken können, daß du nicht in diese noble Sozietät -gehörst.«</p> - -<p>»Herr Apostel,« antwortete ich und weiß noch heute nicht, -woher ich den Mut bekam, wahrscheinlich aus dem Wein; »Herr -Apostel, das Du verbitte ich mir fürs erste, bis wir weiter -bekannt sind. Und was die noble Sozietät betrifft, in die ich -gekommen sein soll, so kam sie zu mir, nicht ich zu ihr, denn ich -sitze schon seit drei Stunden in diesem Gemach, Herr!«</p> - -<p>»Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor?« -fragte Bacchus etwas sanfter als der Apostel. »Um diese -Zeit pflegt sonst das Erdenvolk zu schlafen.«</p> - -<p>»Euer Exzellenz,« erwiderte ich, »das hat seinen guten -Grund. Ich bin ein portierter Freund des edlen Getränkes, -das man hier unten verzapft, habe auch durch die Vergünstigung -eines wohledlen Senats die Permission erhalten, denen Herrn<span class="pagenum"><a id="Page_213">[213]</a></span> -Aposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch abzustatten, -was ich auch geziemendst getan.«</p> - -<p>»Also Ihr trinkt gerne Rheinwein?« fuhr Bacchus fort, -»nun, das ist eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser -Zeit, wo die Menschen so kalt geworden sind gegen diese goldene -Quelle.«</p> - -<p>»Ja, der Teufel hole sie all!« rief Judas. »Keiner will -mehr einige Maß Rheinwein trinken, außer hie und da solch ein -fahrender Doktor oder vazierender Magister, und diese Hungerleider -lassen sich ihn erst noch aufwichsen.«</p> - -<p>»Muß ganz gehorsamst deprezieren, Herr von Judas,« -unterbrach ich den schrecklichen Rotrock. »Nur einige kleine -Versuche habe ich getan mit Dero Rebenblut von 1700 und -etlichen Jahren, und den hat mir allerdings der wackere Bürgermeister -einschenken lassen; was Sie aber hier sehen, ist etwas -neuer und in barer Münze von mir bezahlt.«</p> - -<p>»Doktor, ereifert Euch nicht,« sagte Frau Rose, »er meint's -nicht so böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht, -daß die Zeiten so lau geworden.«</p> - -<p>»Ja!« rief Andreas, der feine, schöne Andreas. »Ich -glaube, dieses Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes -mehr wert ist, drum sollen sie hier ein Gesöff von allerlei -Schnaps und Sirup brauen, heißen es Chateau-Margaux, Sillery, -St. Julien und sonst nach allerlei pompösen Namen, und -kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es saufen, bekommen -sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt -war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie schnöden -Schnaps getrunken.«</p> - -<p>»Ha, was war das für ein anderes Leben,« führte Johannes -die Rede fort, »als wir noch junge, blutjunge Gesellen -waren, Anno 19 und 26. Auch Anno 50 ging es noch hoch her -in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es mochte die Sonne -scheinen in hellem Frühling oder schneien und regnen im Winter, -jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen Gästen. -Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der <em class="gesperrt">Senat -von Bremen</em>, stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre -an der Seite, Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich.«</p> - -<p>»Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus, -hier die Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine -berieten sie sich über das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn -und dergleichen. Wenn sie uneinig in der Meinung waren, so -stritten sie sich nicht mit bösen Worten, sondern tranken einander<span class="pagenum"><a id="Page_214">[214]</a></span> -wacker zu, und wenn der Wein ihre Herzen erwärmt -hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war der -Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände, -sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren -des edlen Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr -Wort heilig, und was sie abends ausgemacht im Keller, das -führten sie oben im Gerichtssaal aus.«</p> - -<p>»Schöne, alte Zeiten!« rief Paulus; »daher kommt es auch, -daß noch heutzutage jeder vom Rat ein eigenes Trinkbüchlein, -eine jährliche Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende -hier saßen und tranken, war es nicht genehm, allemal in die -Tasche zu fahren und ihr Geldsäckelein heraus zu kriegen. Aufs -Kerbholz ließen sie es schreiben, und am Neujahr ward Abrechnung -gehalten, und es gibt einige wackere Herren, die noch -jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren wenige.«</p> - -<p>»Ja, ja, Kinder,« sprach die alte Rose, »sonst war es -anders, so vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten -sie abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Keller, und -die schönen Bremerkinder tranken Rheinwein oder von unserem -Nachbar Moseler und waren weit und breit berühmt durch ihre -blühenden Wangen, durch ihre purpurroten Lippen, durch ihre -herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken sie allerlei miserables -Zeug als Tee und dergleichen, was weit von hier bei den -Chinesen wachsen soll und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, -wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, -echten gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; -denkt euch ums Himmels willen, sie gießen spanischen -Süßen darunter, daß er ihnen munde, sie sagen, er sei zu sauer.«</p> - -<p>Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich -unwillkürlich einstimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich, -daß ihn der alte Balthasar halten mußte.</p> - -<p>»Ja, die guten alten Zeiten!« rief der dicke Bartholomäus; -»sonst trank ein Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt' -er Wasser getrunken, so nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein -Römer um. Sie sind aus der Uebung gekommen.«</p> - -<p>»Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu,« -sagte Fräulein Rose und lächelte vor sich hin.</p> - -<p>»Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!« baten -alle; sie aber trank bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte -Kehle bekam, und hub an:</p> - -<p>»Anno tausend sechshundert und einige zwanzig, dreißig -Jahre war ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen<span class="pagenum"><a id="Page_215">[215]</a></span> -des Glaubens; die einen wollten so und die anderen anders, -und statt daß sie bei einem Glase Wein die Sache vernünftig -besprochen hätten, schlugen sie sich die Schädel ein. Albrecht -von Wallenstein, des Kaisers Generalfeldmarschall, hauste -schrecklich in protestantischen Landen. Des erbarmte sich der -Schwedenkönig, Gustav Adolf, und kam mit vieler Mannschaft -zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert, sie -hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber -weiter nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit waren -Bremen und die anderen Hansestädte neutral und wollten es -mit keiner Partei verderben. Dem Schweden lag aber daran, -durch ihr Gebiet zu ziehen und sich freundlich mit ihnen einzulassen, -darum wollte er einen Gesandten an sie schicken. Weil -aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles im -Weinkeller verhandle und die Ratsherren und Bürgermeister -einen guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schwedenkönig, -sie möchten seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein, daß er -endlich betrunken würde und schlechte Bedingungen einginge -für die Schweden.</p> - -<p>»Nun befand sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann -vom gelben Regiment, der ganz erschrecklich trinken -konnte. Zwei, drei Maß zum Frühstück war ihm ein kleines, -und oft hat er abends zum Zuspitzen ein halb Imi getrunken -und nachher gut geschlafen. Als nun der König voll Besorgnis -war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten -allzusehr zusetzen, so erzählte ihm der Kanzler Oxenstierna -von dem Hauptmann, Gutekunst hieß er, der so viel trinken -könne. Des freute sich der König und ließ ihn vor sich kommen.</p> - -<p>»Da brachten sie einen kleinen, hageren Mann, der war -ganz bleich im Gesicht, hatte aber eine große, kupferrote Nase -und hellblaue Lippen, was ganz wunderlich anzusehen war. Der -König fragte ihn, wieviel er sich wohl zu trinken getraue, wenn -es recht ernstlich zuginge. ›O Herr und König,‹ antwortete er, -›so ernstlich bin ich noch nie daran gekommen, habe mich bis dato -auch noch nicht geeicht; der Wein ist nicht wohlfeil, und man -kann täglich nicht über sieben, acht Maß trinken, ohne in Schulden -zu geraten.‹ – ›Nun, wieviel meinst du denn führen zu -können?‹ fragte der König weiter. Er aber antwortete unerschrocken: -›Wenn Euer Majestät bezahlen wollen, möchte ich -wohl einmal zwölf Mäßchen trinken, mein Reitknecht, der Balthasar -Ohnegrund, kann es aber noch besser.‹ Da schickte der -König auch nach Balthasar Ohnegrund, dem Knecht des Hauptmann<span class="pagenum"><a id="Page_216">[216]</a></span> -Gutekunst, und war der Herr schon blaß gewesen und -mager, so war es der Diener noch mehr, der ganz aschenfarb -aussah, als hätt' er sein Leben lang Wasser getrunken.</p> - -<p>»Da ließ nun der König den Hauptmann und Ohnegrund, -den Reitknecht, in ein Zelt setzen und einige Fäßlein alten -Hochheimer und Nierensteiner anfahren und wollte haben, die -beiden sollten sich eichen lassen. Sie tranken von morgens elf -Uhr bis abends vier Uhr ein Imi Hochheimer und anderthalb -Imi Nierensteiner, und der König ging voll Verwunderung zu -ihnen ins Zelt, um zu sehen, wie es mit ihnen stehe. Die -beiden Gesellen waren aber wohlauf, und der Hauptmann -sagte: ›So, jetzt will ich einmal die Degenkoppel abschnallen, -dann geht's besser;‹ Ohnegrund aber machte drei Knöpfe an -seinem Koller auf.</p> - -<p>»Da entsetzten sich alle, die dies sahen, der König aber -sprach: ›Kann ich bessere Gesandte finden nach der fröhlichen -Stadt Bremen als diese?‹ Und alsobald ließ er dem Hauptmann -prächtige Kleider und Waffen geben, wie auch Ohnegrund, -dem Reitknecht, denn dieser sollte den Schreiber des Gesandten -vorstellen. Der König und der Kanzler unterrichteten den -Hauptmann, was er zu sagen hätte bei der Unterhandlung, und -nahm beiden das Versprechen ab, daß sie auf der ganzen Reise -nur Wasser trinken sollten, damit nachher das Treffen im Keller -um so glorreicher würde! Gutekunst aber, der Hauptmann, -mußte seine rote Nase mit einer künstlichen Salbe anstreichen, -auf daß sie weiß aussah, damit man nicht merke, welch ein -Kunde er sei.</p> - -<p>»Ganz elendiglich von vielem Wassertrinken kamen die -beiden nach der Stadt Bremen, und nachdem sie bei dem Bürgermeister -gewesen, sagte dieser zum Senat: ›O, was hat uns -der Schwede für zwei bleiche, magere Gesellen geschickt; heute -abend wollen wir sie in den Ratskeller führen und zudecken. -Ich nehme den Gesandten auf mich ganz allein, und der Doktor -Schnellpfeffer muß auf den Schreiber.‹ So wurden sie denn -abends nach der Betglocke feierlichst in den Ratskeller geführt, -der Bürgermeister führte Gutekunsten, den Hauptmann, der -Doktor Schnellpfeffer, was auch ein guter Trinker war, führte -den Reitknecht am Arm, der als Schreiber angetan sich recht -züchtiglich gebärdete; hinter ihnen gingen viele Ratsherren, die -zur Verhandlung geladen waren. Hier in diesem Gemach setzten -sie sich um den Tisch und verspeisten zuerst Hasenbraten und -Schinken und Heringe, um sich zum Trinken zu rüsten. Dann<span class="pagenum"><a id="Page_217">[217]</a></span> -wollte der Gesandte ganz ehrbar mit der Verhandlung anfangen, -und sein Schreiber zog Pergament und Feder aus der -Tasche; aber der Bürgermeister sprach: ›Mit nichten also, Ihr -edlen Herren; so ist es nicht Gebrauch in Bremen, daß man -die Sache also trocken abmacht; wollen einander vorerst auch -zutrinken nach Sitte unserer Väter und Großväter.‹ – ›Kann -eigentlich nicht viel vertragen,‹ antwortete der Hauptmann, -›dieweil es aber Seiner Magnifizenz also gefällig, will ich ein -Schlücklein zu mir nehmen.‹ Nun tranken sie sich zu und hielten -ein Gespräch über Krieg und Frieden und über die Schlachten, -so geliefert worden; die Ratsherren aber, um den Fremden -mit gutem Beispiel voranzugehen, tranken sich weidlich zu und -bekamen rote Köpfe. Bei jeder neuen Flasche entschuldigten -sich die Fremden, wie sie gar den Wein nicht gewohnt wären -und er ihnen zu Kopfe steige; des freute sich der Bürgermeister, -trank in seiner Herzenslust ein Paßglas um das andere, so daß -er nicht mehr recht wußte, was zu beginnen. Aber, wie es zu -gehen pflegt in diesem wunderbaren Zustand, er dachte: jetzt -ist er betrunken, der Gesandte, und auch dem Schreiber hat der -Doktor tüchtig zugesetzt; und sprach daher: ›Nun wollen wir -anfangen mit unserem Geschäft.‹ Das waren die Fremden zufrieden, -taten, wie wenn sie voll Weines wären und tranken auf -ihrer Seite den Herren weidlich zu.</p> - -<p>»Da wurde nun gesprochen und getrunken, gehandelt und -wieder getrunken, bis der Bürgermeister mitten im Satz einschlief -und der Doktor Schnellpfeffer unter dem Tische lag. Da -kamen denn die anderen Ratsherren und tranken den Fremden -zu und führten die Verhandlung fort; aber trank der Hauptmann -lästerlich, so machte es sein Reitknecht noch schlimmer; -fünf Küper mußten immer hin und her laufen und einschenken, -denn der Wein verschwand von dem Tisch, als wäre er in den -Sand gegossen worden. So geschah es, daß die Gäste nacheinander -den ganzen Rat unter den Tisch tranken bis auf -einen.</p> - -<p>»Dieser eine aber war ein großer starker Mann, mit -Namen Walther, von welchem man allerlei sprach in Bremen, -und wäre er nicht im Rat gesessen, man hätte ihn längst böser -Künste und Zauberei angeklagt. Herr Walther war seines -Zeichens eigentlich ein Zirkelschmied gewesen, hatte sich aber -hervorgetan in seiner Gilde, war unter die Aeltermänner gekommen -und nachher in den Senat. Dieser hielt aus bei den -Gästen, trank zweimal so viel als beide, so daß ihnen ganz unheimlich<span class="pagenum"><a id="Page_218">[218]</a></span> -wurde, denn er war so verständig wie zuvor, während -der Hauptmann schon trübe Augen bekam und glaubte, es gehe -ihm ein Rad im Kopf herum. So oft der Senator Walther -ein Paßglas getrunken, fuhr er mit der Hand unter den Hut, -und dem Reitknecht kam es vor, als sähe er ein bläuliches -Wölkchen ganz fein wie Nebel aus seinem rabenschwarzen Haar -hervorsteigen. Er trank wacker drauf los, bis der Hauptmann -Gutekunst selig einschlief und sein Haupt ganz weich auf des -Bürgermeisters Bauch legte.</p> - -<p>»Da sprach der Senator Walther mit sonderbarem Lächeln -zu dem Schreiber des Gesandten: ›Lieber Geselle, du führst -einen mächtigen Zug, ich vermeine aber, daß du mit dem Roßstriegel -besser fortkommst als mit der Feder.‹ Da erschrak der -Schreiber und sprach: ›Wie meinet Ihr dies, Herr? Ich will -nicht hoffen, daß Ihr mir hohnsprechen wollt; bedenket, daß ich -Seiner Majestät Gesandtschaftsschreiber bin.‹</p> - -<p>»›Hoho!‹ rief der andere mit schrecklichem Lachen, ›seit -wann haben denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel -an und führen solche Federn bei der Sitzung?‹ Da sah der Reitknecht -auf sein Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er -seinen gewöhnlichen Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand, -und siehe da, statt der Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste. -Da entsetzte er sich und sah sich verraten und wußte -nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber lächelte seltsam und -höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb Maß zu -auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und -der Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus -seinem Kopf kam. ›Gott soll mich bewahren, Herr, daß ich -fürder mit Euch trinke,‹ rief er; ›Ihr seid ein Schwarzkünstler, -wie ich nun vermute, und könnt mehr als Brot essen.‹</p> - -<p>»›Darüber wäre noch vielerlei zu sagen,‹ antwortete -Walther ganz ruhig und freundlich; ›aber es würde dir auch -nicht viel helfen, wertgeschätzter Stallknecht und Roßkamm, -wenn du mir fürder zusetztest mit Trinken, mich trinkst du nicht -unter den Tisch, wasmaßen ich einen kleinen Hahnen in mein -Gehirn geschraubt habe, durch welchen der Weindunst wieder -herausfährt. Schau zu!‹ Dabei trank er ein großes Paßglas -aus, wandte seinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund, -strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein -kleiner silberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den -Zapfen um, und ein bläulicher Dunst strömte hervor, so daß -ihm der Weingeist keine Beschwerden machte in der Hirnkammer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_219">[219]</a></span></p> - -<p>»Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände -zusammen und rief: ›Das ist einmal eine schöne Erfindung, -Herr Zauberer! Könnet Ihr mir nicht auch so ein Ding an den -Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?‹ – ›Nein, das geht -nicht,‹ antwortete jener bedächtig; ›da seid Ihr nicht erfahren -genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch liebgewonnen -wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum -möchte ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es -ist gegenwärtig die Stelle des Kellermeisters vakant allhier. -Balthasar Ohnegrund, verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es -doch mehr Wasser als Wein gibt, und diene dem wohledlen Rat -dieser Stadt; wenn wir auch einige Lasten Wein mehr brauchen -des Jahres, die du heimlich saufest, das tut nichts, ein solcher -Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar Ohnegrund, ich -mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst. Willst -du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze -Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber -geschickt.‹ Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler -Wein; er tat einen Blick in dieses unermeßliche Weinreich, -schlug sich auf den Magen und sagte: ›Ich will's tun.‹ Nachher -machten sie noch allerhand Punkte aus, wie es gehalten werden -soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit seiner -armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gutekunst -aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische -Lager, und als nachher die Kaiserlichen in die Stadt kamen, -war der Bürgermeister und Senat froh, daß sie sich mit dem -Schweden nicht zu tief eingelassen, obgleich keiner recht wußte, -wie es so gekommen war.«</p> - -<p>So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und -lachten sehr über die beiden Gesandten; Paulus aber fragte: -»Und Balthasar Ohnegrund, der wackere Kunde, was ist aus -ihm geworden? Blieb er Kellermeister?« Die Rose aber -wandte sich um mit Lächeln, deutete auf eine Ecke des Gemachs -und sagte: »Dort sitzt er ja noch, wie vor zweihundert Jahren, -der wackere Zecher.« Mir graute, als ich hinsah. Eine bleiche, -abgehärmte Gestalt saß in der Ecke, schluchzte und weinte sehr -und trank dazu sehr viel Rheinwein. Aber es war niemand -anders als eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser -Lieben Frauen Kirchhof herabgekommen war, nachdem ihn -Matthäus aus dem Schlaf geschellt.</p> - -<p>»Nun, alter Balthasar,« rief ihm Jakobus zu. »Du hast -also als Reitknecht gedient beim Hauptmann Gutekunst und<span class="pagenum"><a id="Page_220">[220]</a></span> -warst sogar Gesandtschaftsschreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister -wurdest? Was machte denn der Herr, so den Hahnen -im Hirnkasten hatte, für Bedingnisse?«</p> - -<p>»O Herr!« stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele, -und es war, als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, -so greulich tönte es aus seiner Brust, »O Herr! fordert nicht -von mir, daß ich es sage.«</p> - -<p>»Heraus damit!« schrieen die Apostel, was wollte der mit -dem Spiritusableiter? Der Weingeistschröpfer, was wollte er?«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Meine Seele.</em>«</p> - -<p>»Armer Kerl,« sagte Petrus sehr ernst; »und um was -wollte er deine arme Seele?«</p> - -<p>»Um Wein!« murmelte er dumpf, und mir war es, als ob -eine Stimme ohne Hoffnung spräche.</p> - -<p>»Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner -Seele?« Er schwieg lange; endlich sprach er: »Warum dies -erzählen, ihr Herren? Es ist grausig, und ihr versteht doch -nicht, was es heißt, eine Seele verlieren.«</p> - -<p>»Wohl wahr,« sprach Paulus. »Wir sind fröhliche Geister -und schlummern im Weine und freuen uns ewiger ungetrübter -Herrlichkeit und Freude; darum kann uns aber auch kein Grauen -anwandeln, denn wer hat Macht über uns, daß er uns elend -mache oder uns schrecke? Darum erzähle!«</p> - -<p>»Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen,« -sprach der Tote; »vor ihm darf ich es nicht sagen.«</p> - -<p>»Nur zu, immer zu,« erwiderte ich, an allen Gliedern -schauernd, »ich kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen, -und was ist es am Ende, als daß Euch der Teufel -geholt?«</p> - -<p>»Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet,« murmelte der -Alte, »aber Ihr wollt es so haben, so höret: Der Mensch, der -in jener Nacht in diesem Zimmer bei mir saß, – es war ein -böses Ding mit ihm – der hatte seine Seele dem Bösen verhandelt, -und es war dabei bedingt, daß er sich loskaufen könnte -durch eine andere Seele. Schon viele hatte er auf dem Korn -gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen. Mich -faßte er besser. Ich war wild aufgewachsen, ohne Unterricht, -und das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn -ich so über ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab, -und Freund und Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich: -sie sind jetzt halt tot und leben nicht mehr; von der Seele hielt -ich nicht viel und von Himmel und Hölle noch weniger. Aber<span class="pagenum"><a id="Page_221">[221]</a></span> -weil man so kurz lebt, wollt' ich's Leben recht genießen, und -Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der Höllenknecht -abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ›So zwanzig, -dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel -zu trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das -müßt' ein Leben sein?‹ – ›Ja, Herr,‹ sprach ich, ›aber wie -könnte ich dies verdienen?‹ – ›An was liegt dir mehr,‹ fuhr -er fort, ›hier recht zu leben nach Herzenslust auf der Erde, hier -im Keller, oder an den Geschichten, die sich nachher begeben, -wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt und Wein trinkt?‹ -Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: ›Meine Gebeine -werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen. -Ist der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an -manchem Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte, -darum will ich leben und lustig sein.‹ Er sprach aber zu -mir: ›Wenn du Verzicht leisten willst auf das, was nachher -kommt, so ist es ein leichtes, dich hier zum Kellermeister zu -machen; schreib nur deinen Namen in dies Büchlein und tue -einen recht tüchtigen Schwur dazu.‹ – ›Was nachher mit mir -geschieht, das kümmert mich nicht,‹ sprach ich; ›Kellermeister will -ich hier sein immerdar und ewiglich, solang ich bin, und der -Teufel, oder wer will, kann das andere haben alles, wenn sie -mich einst einscharren.‹</p> - -<p>»Als ich so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei, -sondern ein dritter saß neben mir und hielt mir das Büchlein -hin zum Unterschreiben. Der aber, der dies tat, war nicht der -Zirkelschmied, sondern ein anderer.«</p> - -<p>»Wer war es denn? Sag' an!« riefen die Apostel ungeduldig.</p> - -<p>Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich und -seine bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu -sprechen, aber ein Krampf schien ihm die Kehle zuzuschnüren. -Da blickte er auf einmal fest und mutig in eine dunkle Ecke, -trank sein Glas aus und warf es an die Erde. »Was hilft alle -Reue, alter Balthasar!« sprach er, indem große Tränen in -seinen Wimpern hingen; »der bei mir saß – war der Teufel.«</p> - -<p>Es war bei diesen Worten unheimlich, bis zur Verzweiflung -unheimlich in dem Gemach. Die Apostel schauten ernst und -schweigend in ihre Römer, Bacchus hatte das Gesicht in die -Hände gedrückt, und die Rose war bleich und stille. Kein Atemzug -rührte sich, man hörte nur, wie in dem Totenkopf des Alten -die Zähne schaudernd aneinander klapperten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_222">[222]</a></span></p> - -<p>»Mein Vater hatte mich gelehrt, meinen Namen zu schreiben, -als ich noch ein kleiner, frommer Knabe war; ich unterschrieb -ihn ins Buch, das mir der andere mit seinen Krallen -vorhielt. Von da an ging mir ein Leben auf in Saus und -Braus. In ganz Bremen gab es keinen Mann so fröhlich als -den Kellermeister Balthasar, und getrunken hab' ich, was der -Keller Gutes und Köstliches hatte. Zur Kirche ging ich nie, -sondern wenn sie zusammenläuteten, schritt ich hinab zum besten -Faß und schenkte mir ein nach Herzenslust. Als ich alt wurde, -kam oft ein Grauen über mich, und es fröstelte mir durch die -Glieder, wenn ich ans Sterben dachte; hatte zwar kein Weib, -das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich trösteten; -da trank ich denn, wenn die Todesgedanken über mich -kamen, bis ich von Sinnen war und schlief. So trieb ich's -lange Jahre, mein Haar ward grau, meine Glieder schwach, und -ich sehnte mich, zu schlafen im Grabe. Da war mir eines Tages, -als sei ich erwacht und könne doch nicht recht erwachen. Die -Augen wollten sich nicht auftun, die Finger waren steif, als ich -mich aus dem Bette heben wollte, und die Beine lagen starr -wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute, betasteten -mich und sprachen: ›Der alte Balthasar ist tot.‹</p> - -<p>»Tot, dachte ich und erschrak, tot und nicht schlafen? Tot -bin ich und <em class="gesperrt">denke</em>? Mich erfaßte eine unnennbare Angst, ich -fühlte, wie mein Herz stillestand, und wie sich doch etwas in -mir regte und in sich zusammenzog und bange, bange war; das -war mein <em class="gesperrt">Körper</em> nicht, denn der lag steif und tot, was war -es denn?«</p> - -<p>»Deine Seele!« sprach Petrus dumpf. »<em class="gesperrt">Deine Seele!</em>« -flüsterten die andern ihm nach.</p> - -<p>»Da maßen sie meine Länge und Breite, um die sechs -Brettlein fertig zu machen, und legten mich hinein, und ein -hartes Kissen von Hobelspänen unter meinen Schädel und -nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde immer ängstlicher, -weil sie nicht schlafen konnte. Dann hörte ich die Totenglocke -läuten auf der Domkirche, sie hoben mich auf, und kein -Auge weinte um mich. Sie trugen mich auf Unser Lieben -Frauen Kirchhof, dort hatten sie mein Grab gegraben, noch höre -ich die Seile schwirren, die sie heraufgezogen, als ich unten -lag; dann warfen sie Steine und Erde herab, und es ward stille -um mich her.</p> - -<p>»Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde, -als es zehn Uhr, elf Uhr schlug auf allen Glocken. Wie wird<span class="pagenum"><a id="Page_223">[223]</a></span> -es dir gehen, wie wird es dir gehen? dachte ich bei mir. Ich -wußte noch ein Gebetlein aus alter Zeit, das wollte ich sprechen, -aber meine Lippen standen still. – Da schlug es zwölf Uhr, und -mit einem Ruck war die schwere Grabesdecke abgerissen, und auf -meinen Sarg geschah ein schrecklicher Schlag.«</p> - -<p>Ein Schlag, daß die Hallen dröhnten, sprengte jetzt eben -die Türe des Gemaches auf, und eine große weiße Gestalt erschien -auf der Schwelle. Ich war durch Wein und die Schrecknisse -dieser Nacht so exaltiert und außer mir selbst gebracht, -daß ich nicht aufschrie, nicht aufsprang, wie wohl sonst geschehen -wäre, sondern geduldig das Schreckliche anstarrte, das jetzt kommen -sollte; mein erster Gedanke war nämlich: »Jetzt kommt -der Teufel.«</p> - -<p>Habt ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geschaut, -wo Tritte dumpf und immer näher tönen, wo Leporello schreiend -zurückkommt und die Statue des Gouverneurs, ihrem Streitroß -auf dem Monument entstiegen, zum Gastmahl kommt? Riesengroß -mit abgemessenem, dröhnendem Schritt, ein ungeheures -Schwert in der Hand, gepanzert, aber ohne Helm, trat die Gestalt -ins Gemach. Sie war von Stein, das Gesicht steif und -seelenlos; aber dennoch tat sich der steinerne Mund auf und -sprach: »Gott grüß' euch, vielliebe Reben vom Rheine; muß doch -das schöne Nachbarskind besuchen an ihrem Jahrestag. Gott -grüß' Euch, Jungfrau Rose. Darf ich auch Platz nehmen in -Eurem Gelaggaden?«</p> - -<p>Sie schauten alle verwundert nach der riesigen Statue, -Frau Rose aber brach das Stillschweigen, schlug vor Freude -die Hände zusammen und schrie: »Ei, du meine Güte! 's ist ja -der steinerne Roland, so seit vielen hundert Jahren auf dem -Domhofe in der lieben Stadt Bremen steht. Ei, das ist schön, -daß Ihr uns die Ehre antut, Herr Ritter; leget doch Schild und -Schwert ab und machet es Euch bequem; wollet Ihr Euch nicht -obenan setzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!«</p> - -<p>Der hölzerne Weingott, so indessen wieder um ein Erkleckliches -gewachsen, warf mürrische Blicke bald auf den steinernen -Roland, bald auf die naive Dame seines Herzens, die ihre -Freude so laut und unverhohlen ausgelassen. Er murmelte -etwas von ungebetenen Gästen und strampelte ungeduldig mit -den Beinen. Aber Rose drückte ihm unter dem Tische die -Hand und beschwichtigte ihn durch süße Blicke. Die Apostel -waren näher zusammengerückt und hatten dem steinernen Gast -einen Stuhl neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte<span class="pagenum"><a id="Page_224">[224]</a></span> -Schwert und Schild in die Ecke und setzte sich ziemlich ungelenk -auf das Stühlchen, aber ach, dies war für ehrsame Bremer -Stadtkinder und nicht für einen steinernen Riesen gemacht; es -knackte, als er sich setzte, morsch zusammen, und so lang er war, -lag er im Gemach.</p> - -<p>»Schnödes Geschlecht, das solche Hütschen zimmert, worauf -zu meiner Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte sitzen -können, ohne mit dem Sitz durchzubrechen!« sagte der Heros -und stand langsam auf; der Kellermeister Balthasar aber rollte -ein Halbeimerfaß herbei an den Tisch und lud den Ritter ein, -Platz zu nehmen. Es knackten nur ein paar Dauben, als er -sich setzte, aber das Faß hielt aus. Dann bot ihm der Kellermeister -ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der -breiten steinernen Faust, aber krach! war es entzwei, daß ihm -der Wein über die Finger lief. »Ei, Ihr hättet auch die Handschuhe -von Stein füglich ablegen können,« sprach Balthasar -ärgerlich und kredenzte ihm einen silbernen Becher, so ein Maß -hielt und in früherer Zeit Tummler genannt wurde. Der -Ritter faßte ihn, drückte nur einige unbedeutende Buckeln in -den Becher, sperrte das steinerne Maul auf und goß den Wein -hinab.</p> - -<p>»Wie mundet Euch der Wein?« fragte Bacchus den Gast; -»Ihr habt wohl lange keinen getrunken?«</p> - -<p>»Er ist gut, bei meinem Schwert! Sehr gut! Was ist es -für Gewächs?«</p> - -<p>»Roter Ingelheimer, gestrenger Herr!« antwortete der -Kellermeister.</p> - -<p>Das steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, -als er dies hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes -Lächeln, und vergnüglich schaute er in den Becher.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Ingelheim!</em> du süßer, trauter Name!« sprach er. »Du -edle Burg meines ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch -in dieser Zeit deinen Namen, und die Reben blühen noch, die -Karl einst pflanzte in seinem Ingelheim? Weiß man denn -auch von Roland noch etwas auf der Welt und von dem großen -Carolus, seinem Meister?«</p> - -<p>»Das müßt Ihr den Menschen dort fragen,« erwiderte -Judas, »wir geben uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt -sich Doktor und Magister und muß Euch Bescheid geben können -über sein Geschlecht.«</p> - -<p>Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich, und ich -antwortete: »Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser<span class="pagenum"><a id="Page_225">[225]</a></span> -Zeit lau und schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an -die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor-, nicht rückwärts; -aber so elend sind wir doch nicht geworden, daß wir nicht der -großen, herrlichen Gestalten gedächten, die einst über unsere -Vatererde gingen und ihren Schatten werfen noch bis zu uns. -Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten in die Vergangenheit, -wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die höher -schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch -die Ruinen wandeln, wo einst der große Kaiser saß in seiner -Zelle, wo seine Ritter um ihn standen, wo Eginhart bedeutungsvolle -Worte sprach und die traute Emma dem treuesten seiner -Paladine den Becher kredenzte. Wo man den Namen Eures -großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland unvergessen, und -wie Ihr ihm nahe standet im Leben, so enge seid Ihr mit ihm -verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung. -Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus -dem Tal von Ronceval durch die Welt und wird tönen, bis er -sich in die Klänge der letzten Posaune mischt.«</p> - -<p>»So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach -der Ritter, »die Nachwelt feiert unsere Namen.«</p> - -<p>»Ha!« rief Johannes feurigen Mutes; »diese Menschen -wären auch wert, Wasser aus dem Rhein zu saufen statt des -Rebenblutes seiner Hügel, wenn sie den Namen des Mannes -vergessen hätten, der zuerst die Reben pflanzte im Rheingau. -Auf, ihr trauten Gesellen und Apostel, stoßet an, unser herrlicher -Stammvater lebe, es lebe <em class="gesperrt">Kaiser Karl der Große</em>!«</p> - -<p>Die Römer klangen, aber Bacchus sprach: »Ja, es war eine -schöne, herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tausend -Jahren. Wo jetzt die wundervollen Weingärten stehen vom Ufer -bis hinauf an die Rücken der Berge, und hinauf und hinab im -Rheintal Traube an Traube sich schlingt, da lag sonst wüster, -düsterer Wald. Da schaute einst Kaiser Karl aus seiner Burg -in Ingelheim an den Bergen hin, er sah, wie die Sonne schon -im März so warm diese Hügel begrüße und den Schnee hinabrolle -in den Rhein, wie so frühe die Bäume dort sich belauben -und das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde. -Da erwachte in ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo sonst -der Wald stand.</p> - -<p>»Und ein geschäftiges Leben regte sich im Rheingau bei -Ingelheim, der Wald verschwand, und die Erde war bereit, den -Weinstock aufzunehmen. Da schickte er Männer nach Ungarn -und Spanien, nach Italia und Burgund, nach der Champagne<span class="pagenum"><a id="Page_226">[226]</a></span> -und nach Lothringen und ließ Reben herbeibringen und senkte -die Reiser in der Erde Schoß.</p> - -<p>»Da freute sich mein Herz, daß er mein Reich ausbreite im -deutschen Lande, und als dort die ersten Reben blühten, zog ich -ein im Rheingau mit glänzendem Gefolge; wir lagerten auf den -Hügeln und schafften in der Erde und schafften in den Lüften, -und meine Diener breiteten die zarten Netze aus und fingen -den Frühlingstau auf, daß er den Reben nicht schade; sie stiegen -hinauf und brachten warme Sonnenstrahlen nieder, die sie sorgsam -um die kleinen Beerlein gossen, schöpften Wasser im grünen -Rhein und tränkten die zarten Wurzeln und Blätter. Und als -im Herbst das erste zarte Kind des Rheingaues in der Wiege lag, -da hielten wir ein großes Fest und luden alle Elemente zur Feier -ein. Und sie brachten köstliche Geschenke und legten sie dem -Kindlein als Angebinde in die Wiege. Das Feuer legte seine -Hand auf des Kindes Augen und sprach: ›Du sollst mein Zeichen -an dir tragen ewiglich; ein reines, mildes Feuer soll in dir -wohnen und dich wert machen vor allen anderen.‹ Und die -Luft in zartem, goldenem Gewande kam heran, legte ihre Hand -auf des Kindes Haupt und sprach: ›Zart und licht sei deine -Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln, -wie das goldene Haar der schönen Frauen im Rheingau.‹ Und -das Wasser rauschte heran in silbernen Kleidern, bückte sich auf -das Kind und sprach: ›Ich will deinen Wurzeln immer nahe -sein, daß dein Geschlecht ewig grüne und blühe und sich ausbreite, -so weit mein Rheinstrom reicht.‹ Aber die Erde kam und küßte -das Kindlein auf den Mund und wehte es an mit süßem Atem. -›Die Wohlgerüche meiner Kräuter,‹ sprach sie, ›die herrlichsten -Düfte meiner Blumen habe ich für dich gesammelt zum Angebinde. -Die köstlichsten Salben aus Ambra und Myrrhen werden -gering sein gegen deine Düfte, und deine lieblichsten Töchter -wird man nach der Königin der Blumen heißen – die <em class="gesperrt">Rosen</em>.‹</p> - -<p>»So sprachen die Elemente; wir aber jubelten über die -herrlichen Gaben, schmückten das Kindlein mit frischem Weinlaub -und schickten es dem Kaiser in die Burg. Und er erstaunte -über die Herrlichkeit des Rebenkindes, hat es fortan gehegt -und gepflegt und die Rebe am Rhein seinen herrlichsten -Schätzen gleich geachtet.«</p> - -<p>»Andreas!« rief Jungfrau Rose. »Lieber Vetter, du hast -solch eine schöne zarte Stimme, willst du nicht singen zum Ruhme -des Rheingaues und seiner Weine?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[227]</a></span></p> - -<p>»Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht -Beschwerde macht, edler Bacchus, wie auch Euch nicht unangenehm -ist, mein Herr und Ritter Roland, so will ich eines singen.« -Und er sang eine schöne Weise voll zarter Töne und Worte, -klangvoll und zierlich gefüget, so, daß man wohl merken konnte, -es sei ein Lied eines alten Meisters von 1400 oder 1500. Verflogen -sind seine Worte aus meinem Gedächtnis, aber seine -Weise möchte ich doch wohl finden, denn sie war einfach und -schön, und Petrus begleitete ihn mit einem sonoren, herrlichen -Sekund. Die Lust des Gesanges schien über alle herabzukommen, -denn als Andreas geendet, sang Judas unaufgefordert -ein Lied, und ihm folgten die übrigen. Selbst Rose, so sehr sie -sich zierte, mußte ein Lied von 1615 singen, was sie mit angenehmer, -etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem -Baß sang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher -ich nur einige Worte verstand, und endlich, als sie alle gesungen, -schauten sie auf mich, und Rose nickte mir zu, etwas zu singen. -Da hub ich denn an:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,<br /></span> -<span class="i0">Gesegnet sei der Rhein,<br /></span> -<span class="i0">Da wachsen sie am Ufer hin und geben<br /></span> -<span class="i0">Uns diesen Labewein.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Sie lauschten, als sie diese Worte hörten, sie nickten sich -zu und rückten näher zusammen; und die Entfernteren streckten -die Köpfe vor, als wollten sie kein Wort verlieren. Mutiger -erhob ich meine Stimme, lauter und immer lauter war mein -Gesang, denn es wogte in mir wie Begeisterung, vor solchem -Publikum zu singen. Die alte Rose nickte den Takt mit dem -Kopfe und summte den Chorus leise, leise mit, und Freude und -Stolz blickten aus den Augen der Apostel. Und als ich geendet, -drängten sie sich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte -einen Kuß auf meine Lippen.</p> - -<p>»Doktor!« rief Bacchus, »Doktor, welch ein Lied! Wie -geht einem da das Herz auf! Herzensdoktor, hast du das Lied -gedichtet in deinem eigenen graduierten Gehirn?«</p> - -<p>»Nein, Euer Exzellenz! solch ein Meister des Gesanges bin -ich nicht. Aber den, der es gedichtet, haben sie längst begraben; -er hieß Matthias Claudius!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Sie haben – einen guten Mann begraben</em>,« -sagte Paulus. »Wie klar und munter ist dies Lied, so klar -und helle wie echter Wein, so mutig und munter wie der Geist,<span class="pagenum"><a id="Page_228">[228]</a></span> -der im Weine wohnet und gewürzt mit Scherz und Laune, die -wie ein würziger Duft aus dem Römer steigen; der Mann hat -gewiß verstanden, welch gutes Ding es um ein Glas lautern -Weines ist.«</p> - -<p>»Herr, er ist lange tot, das weiß ich nicht, aber ein anderer -großer Sterblicher hat gesagt: ›Guter Wein ist ein gutes, geselliges -Ding, und jeder Mensch kann sich wohl einmal von ihm -begeistern lassen!‹ Und ich denke, der alte Matthias hat auch -so gedacht unter guten Freunden, hätte ja sonst solch ein schönes -Lied nicht machen können, das noch heute alle fröhlichen Menschen -singen, die im Rheingau wandeln oder edeln Rheinwein -trinken.«</p> - -<p>»Singen sie das?« rief Bacchus. »Nun seht, Doktor, das -freut mich, und so gar miserabel muß Euer Geschlecht doch nicht -geworden sein, wenn sie so klare, schöne Lieder haben und singen.«</p> - -<p>»Ach, Herr!« sprach ich bekümmert. »Es gibt der <em class="gesperrt">Ueberschwenglichen</em> -gar viele, das sind die Pietisten in der Poesie, -und wollen solch Lied gar nicht für ein Gedicht gelten lassen, -wie manchen Frömmlern das Vaterunser nicht mystisch genug -zum Beten ist.«</p> - -<p>»Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!« erwiderte -mir Petrus, »und jeder fegt am besten vor seiner eigenen Türe. -Aber weil wir gerade bei seinem Geschlecht sind, erzähl' Er uns -doch, wie es auf der Erde ging im letzten Jahr?«</p> - -<p>»Wenn es die Herren und Damen interessiert,« – sprach -ich zögernd.</p> - -<p>»Immerzu,« rief Roland, »wegen meiner könntet Ihr die -letzten fünfhundert Jahre erzählen, denn auf meinem Domhof sehe -ich nichts als Zigarrenmacher, Weinbrauer, Pfarrer und alte -Weiber.« Auch die übrigen stimmten mit ein; ich hub also an:</p> - -<p>»Was zuerst die deutsche Literatur betrifft –«</p> - -<p>»Halt, <em class="antiqua">manum de tabula</em>!« rief Paulus. »Was scheren -wir uns um euer miserables Geschmier, um eure kleinlichen, -ekelhaften Gassenstreite und Kneipenraufereien, um eure Poetaster, -Afterpropheten und –«</p> - -<p>Ich erschrak; wenn diesen Leuten nicht einmal unsere wunderherrliche, -magnifike Literatur interessant war, was konnte -ich ihnen denn sagen? Ich besann mich und fuhr fort: »Offenbar -hat Joco im letzten Jahre, was das Theater anbelangt –«</p> - -<p>»Theater? Geht mir weg!« unterbrach Andreas, »was -sollen wir von euren Puppenspielen, Marionettenkomödien und -sonstigen Torheiten hören! Meinet Ihr etwa, uns komme viel<span class="pagenum"><a id="Page_229">[229]</a></span> -darauf an, ob einer eurer Lustspieldichter ausgepfiffen wurde -oder nicht? Habt Ihr denn dermalen gar nichts Interessantes, -nichts Welthistorisches, das Ihr etwa erzählen könntet?«</p> - -<p>»Ach, daß Gott erbarm',« erwiderte ich, »bei uns ist die -Welthistorie ausgegangen, wir haben in diesem Fach nur noch -den Bundestag in Frankfurt. Bei unsern Nachbarn höchstens -gibt es noch hin und wieder etwas; zum Beispiel in Frankreich -haben die Jesuiten wieder Macht gewonnen und das Zepter an -sich gerissen, und in Rußland sollte es eine Revolution geben.«</p> - -<p>»Ihr verwechselt die Namen, Freund!« sagte Judas, »Ihr -wolltet sagen, in Rußland sind die Jesuiten wieder eingezogen, -und in Frankreich sollte es eine Revolution geben.«</p> - -<p>»Mit nichten, Herr Judas von Ischariot,« antwortete ich, -»so ist es, wie ich gesagt.«</p> - -<p>»Ei der Tausend!« murmelten sie nachdenklich, »das ist ja -ganz sonderbar und verkehrt!« – »Und,« fragte Petrus, »Krieg -gibt es nicht?«</p> - -<p>»Ein klein wenig, wird aber bald vollends zu Ende sein, -in Griechenland, gegen die Türken.«</p> - -<p>»Ha! das ist schön,« rief der Paladin und schlug mit der -steinernen Faust auf den Tisch. »Hat mich schon vor vielen -Jahren geärgert, daß die Christenheit so schnöde zuschaute, wie -der Muselmann dies herrliche Volk in Banden hielt; das ist -schön, wahrlich! Ihr lebet in einer schönen Zeit, und Euer Geschlecht -ist edler, als ich dachte. Also die Ritter von Deutschland -und Frankreich, von Italien, Spanien und England sind -ausgezogen wie einst unter Richard Löwenherz, die Ungläubigen -zu bekämpfen? Die Genueser Flotte schifft im Archipel, die -Tausende der Streiter überzusetzen, die Oriflamme naht sich -Stambuls Küsten, und Oesterreichs Banner weht im ersten -Reihen? Ha! zu solchem Kampfe möchte ich selbst noch einmal -mein Roß besteigen, mein gutes Schwert Durande ziehen und -in mein Hifthorn stoßen, daß alle Helden, die da schlafen, aufstünden -aus den Gräbern und mit mir zögen in die Türkenschlacht.«</p> - -<p>»Edler Ritter,« antwortete ich und errötete vor meiner -Zeit, »die Zeiten haben sich geändert. Ihr würdet wahrscheinlich -als Demagoge verhaftet werden bei sotanen Umständen und -Verhältnissen, denn weder Habsburgs Banner noch die Oriflamme, -weder Englands Harfe noch Hispaniens Löwen sieht -man in jenen Gefechten.«</p> - -<p>»Wer ist es denn, der gegen den Halbmond schlägt, wenn es -nicht diese sind?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[230]</a></span></p> - -<p>»Die Griechen selbst.«</p> - -<p>»Die Griechen? Ist es möglich?« rief Johannes; »und -die andern Staaten, wo sind denn diese beschäftigt?«</p> - -<p>»Noch haben sie Gesandte bei der Pforte.«</p> - -<p>»Mensch, was sagst du?« sprach Roland, starr vor Staunen; -»kann man es ignorieren, wenn ein Volk um seine Freiheit -kämpft? Heilige Jungfrau, was ist dies für eine Welt! Wahrlich -das möchte einen Stein erbarmen!« Er quetschte im Zorn, -während er die letzten Worte sprach, den silbernen Becher wie -dünnes Zinn zusammen, daß der Wein darin hoch an die Decke -spritzte, fuhr rasselnd auf vom Tisch, nahm seine Tartsche und -sein langes Schwert und schritt düster mit dröhnenden Schritten -aus dem Gemach.</p> - -<p>»Ei, was ist der steinerne Roland für ein zorniger Kumpan!« -murmelte Rose, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen, -indem sie etliche Weintropfen, die sie benetzten, vom -Busentuch abschüttelte. »Will der steinerne Narr auf seine -alten Tage noch zu Felde ziehen! Wenn er sich sehen ließe, sie -steckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann unter -die Brandenburger Grenadiere, denn die Größe hat er.«</p> - -<p>»Jungfer Rose,« erwiderte ihr Petrus, »zornig ist er, das -ist wahr, und er hätte können auf andere Weise davongehen; aber -bedenket, daß er einst Furioso, wahnsinnig war und noch ganz -andere Sachen getan, als silberne Becher zerquetscht und Frauenzimmer -mit Wein besudelt. Und genau beim Lichte besehen, -kann ich ihm seinen Unmut auch nicht verdenken; war er doch -auch einmal ein Mensch und dazu ein herrlicher Paladin des -großen Kaisers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl gewollt -hätte, allein gegen tausend Muselmannen zu Felde gezogen -wäre. Da hat er sich denn geschämt und ist unmutig geworden.«</p> - -<p>»Laßt ihn laufen, den steinernen Recken!« rief Bacchus, -»hat mich geniert, der Bursche, hat mich geniert. Er paßt nicht -unter uns, der Lümmel von zehn Schuh, er sah immer höhnisch -auf mich herab. Die ganze Freudigkeit und mein Vergnügen -hätt' er gestört. Wir wären nicht zum Tanzen gekommen, nur -weil er mit seinen steifen, steinernen Beinen keinen tüchtigen -Hopser hätte riskieren können, ohne elend umzustülpen.«</p> - -<p>»Ja tanzen, heisa, tanzen!« riefen die Apostel; »Balthasar -spiel' auf, spiel' auf!«</p> - -<p>Judas stand auf, zog ungeheure Stülphandschuhe an, die -ihm beinahe bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die -Jungfrau heran und sagte: »Ehrenfeste und allerschönste Jungfer<span class="pagenum"><a id="Page_231">[231]</a></span> -Rose, dürfte ich mir die absonderliche Ehre ausbitten, mit -Ihr den ersten –«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Manum de</em> –« unterbrach ihn Bacchus pathetisch. »Ich -bin es, der den Ball arrangiert hat, und ich muß ihn eröffnen. -Tanze Er, mit wem Er will, Meister Judas, mein Röschen -tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?«</p> - -<p>Sie machte errötend einen Knicks zur Bejahung, und die -Apostel lachten den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber -winkte der Weingott heroisch zu; »versteht Er Musik, Doktor?« -fragte er.</p> - -<p>»Ein wenig.«</p> - -<p>»Taktfest?«</p> - -<p>»O ja, taktfest wohl.«</p> - -<p>»Nun so nehme Er dies Fäßlein da, setze Er sich neben -Balthasar Ohnegrund, unseren Kellermeister und Zinkenisten, -nehme Er diese hölzernen Küperhämmer zur Hand und begleite -jenen mit der Trommel.«</p> - -<p>Ich staunte und bequemte mich. War aber schon meine -Trommel etwas außergewöhnlich, so war Balthasars Instrument -noch auffallender. Er hielt nämlich einen eisernen Hahnen -von einem achtfuderigen Faß an den Mund wie ein Klarinett. -Neben mich setzten sich noch Bartholomäus und Jakobus mit -ungeheuern Weintrichtern, die sie als Trompeten handhabten, -und warteten des Zeichens. Der Tisch wurde auf die Seite -gerückt, Rose und Bacchus stellten sich zum Tanze. Er winkte, -und eine schreckliche, quiekende, mißtönende Janitscharenmusik -brach los, zu der ich im Sechsachteltakte auf mein Faß als -Tambour aufschlegelte. Der Hahn, den Balthasar blies, tönte -wie eine Nachtwächtertute und wechselte nur zwischen zwei -Tönen, Grundton und abscheulich hohem Falsett, die beiden -Trichtertrompeter bliesen die Backen auf und lockten aus ihren -Instrumenten Angst- und Klagelaute so herzdurchschneidend wie -die Töne der Tritonen, wenn sie die Meermuscheln blasen.</p> - -<p>Der Tanz, den die beiden aufführten, mochte wohl vor ein -paar hundert Jahren üblich gewesen sein. Jungfer Rose hatte -mit beiden Händen ihren Rock ergriffen und solchen an den -Seiten weit ausgespannt, daß sie anzusehen war wie ein großes -weites Faß. Sie bewegte sich nicht sehr weit von der Stelle, -sondern trippelte hin und her, indem sie bald auf, bald nieder -tauchte und knickste. Lebendiger war dagegen ihr Tänzer, der<span class="pagenum"><a id="Page_232">[232]</a></span> -wie ein Kreisel um sie herfuhr, allerlei kühne Sprünge machte, -mit den Fingern knallte und heisa, juhe! schrie. Wunderlich -war es anzusehen, wie das kleine Schürzlein der Jungfer Rose, -das ihm Balthasar umgetan, hin und her flatterte in der Luft, -wie seine Beinchen umherbaumelten, wie sein dickes Gesicht -lächelte vor inniger Herzenslust und Freude.</p> - -<p>Endlich schien er ermüdet, er winkte Judas und Paulus -herbei und flüsterte ihnen etwas zu. Sie banden ihm die -Schürze ab, faßten solche an beiden Enden und zogen und zogen, -so daß sie plötzlich so groß wurde wie ein Bettuch. Dann riefen -sie die andern herbei, stellten sie rings um das Tuch und ließen -es anfassen. »Ha,« dachte ich, »jetzt wird wahrscheinlich der -alte Balthasar ein wenig geprellt, zu allgemeiner Ergötzung; -wenn nur das Gewölbe nicht so nieder wäre, da kann er leicht -den Schädel einstoßen.« Da kam Judas und der starke Bartholomäus -auf uns zu und faßten – <em class="gesperrt">mich</em>; Balthasar Ohnegrund -lachte hämisch; ich bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas -faßte mich fest an der Kehle und drohte mich zu erwürgen, -wenn ich mich ferner sträube. Die Sinne wollten mir vergehen, -als sie mich unter allgemeinem Jauchzen und Geschrei auf das -Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zusammen; »nur nicht -zu hoch, meine werten Gönner, ich renne mir sonst das Hirn ein -am Gewölbe,« rief ich in der Angst des Herzens, aber sie lachten -und überschrieen mich. Jetzt fingen sie an, das Tuch hin und -her zu wiegen, Balthasar blies den Trichter dazu. Jetzt ging -es auf- und abwärts, zuerst drei, vier, fünf Schuh hoch, auf einmal -schnellten sie stärker, ich flog hinauf und – wie eine Wolke -tat sich die Decke des Gewölbes auseinander; ich flog immer -aufwärts zum Rathausdach hinaus, höher, höher als der Turm -der Domkirche. »Ha,« dachte ich im Fliegen, »jetzt ist es um -dich geschehen! Wenn du jetzt wieder fällst, brichst du das Genick -oder zum allerwenigsten ein Paar Arme oder Beine! O Himmel, -und ich weiß ja, was <em class="gesperrt">sie</em> von einem Mann mit gebrochenen -Gliedmaßen denkt! Ade, ade! Mein Leben, meine Liebe!«</p> - -<p>Jetzt hatte ich den höchsten Punkt meines Steigens erreicht, -und ebenso pfeilschnell fiel ich abwärts. Krach! ging es durchs -Rathausdach und hinab durch die Decke des Gewölbes, aber ich -fiel nicht auf das Tuch zurück, sondern gerade auf einen Stuhl, -mit dem ich rücklings über auf den Boden schlug.</p> - -<p>Ich lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am -Kopfe und die Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich<span class="pagenum"><a id="Page_233">[233]</a></span> -wußte anfangs nicht, war ich zu Hause aus dem Bette gefallen -oder lag ich sonstwo. Endlich besann ich mich, daß ich irgendwo -weit herabgestürzt sei. Ich untersuchte ängstlich meine Glieder, -es war nichts gebrochen, nur das Haupt tat mir weh vom Fall. -Ich raffte mich auf, sah um mich. Da war ich in einem gewölbten -Zimmer, der Tag schien matt durch ein Kellerloch herab, -auf dem Tische sprühte ein Licht in seinem letzten Leben, umher -standen Gläser und Flaschen, und rings um die Tafel vor jedem -Stuhl ein kleines Fläschchen mit langem Zettel am Halse. – -Ha, jetzt fiel mir nach und nach alles wieder ein. Ich war zu -Bremen im Ratskeller; gestern nacht war ich hereingegangen, -hatte getrunken, hatte mich einschließen lassen, da war –; voll -Grauen schaute ich um mich, denn alle, alle Erinnerungen erwachten -mit einemmal. Wenn der gespenstige Balthasar noch -in der Ecke säße, wenn die Weingeister noch um mich schwebten! -Ich wagte verstohlene Blicke in die Ecken des düsteren Zimmers, -es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt?</p> - -<p>Sinnend ging ich um die lange Tafel; die Probefläschchen -standen, wie jeder gesessen hatte. Obenan die Rose, dann Judas, -Jakobus – Johannes, sie alle an der Stelle, wo ich sie leiblich -geschaut hatte diese Nacht. »Nein, so lebhaft träumt man nicht,« -sprach ich zu mir; »dies alles, was ich gehört, geschaut, ist wirklich -geschehen!« Doch nicht lange hatte ich Zeit zu diesen Reflexionen; -ich hörte Schlüssel rasseln an der Tür, sie ging langsam -auf, und der alte Ratsdiener trat grüßend ein.</p> - -<p>»Sechs Uhr hat es eben geschlagen,« sprach er, »und wie -Sie befohlen, bin ich da, Sie herauszulassen. Nun,« fuhr er -fort, als ich mich schweigend anschickte, ihm zu folgen, »nun, -und wie haben Sie geschlafen diese Nacht?«</p> - -<p>»So gut es sich auf einem Stuhl tun läßt, ziemlich gut.«</p> - -<p>»Herr,« rief er ängstlich und betrachtete mich genauer, -»Ihnen ist etwas Unheimliches passiert diese Nacht. Sie sehen -so verstört und bleich aus, und Ihre Stimme zittert!«</p> - -<p>»Alter, was wird mir passiert sein!« erwiderte ich, mich -zum Lachen zwingend. »Wenn ich bleich aussehe und verstört, -so kommt es vom langen Wachen, und weil ich nicht im Bette -geschlafen.« –</p> - -<p>»Ich sehe, was ich sehe,« sagte er kopfschüttelnd; »und der -Nachtwächter war heute früh auch schon bei mir und erzählte, wie -er am Kellerloch vorübergegangen zwischen zwölf und ein Uhr,<span class="pagenum"><a id="Page_234">[234]</a></span> -habe er allerlei Gesang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen -aus dem Keller.«</p> - -<p>»Einbildungen, Possen! Ich habe ein wenig für mich gesungen -zur Unterhaltung und vielleicht im Schlaf gesprochen, -das ist alles.«</p> - -<p>»Diesmal einen im Keller gelassen in solcher Nacht und -von nun an nie wieder,« murmelte er, indem er mich die Treppe -hinauf begleitete; »Gott weiß, was der Herr Greuliches hat -hören und schauen müssen! Wünsche gehorsamst guten Morgen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<div class="chapter"></div> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Doch hat daselbst vor allen<br /></span> -<span class="i0">Eine Jungfrau mir gefallen.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von -Sehnsucht der Liebe getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden -geschlummert, der Holden guten Morgen zu sagen. Aber -kalt und zurückhaltend empfing sie mich, und als ich ihr einige -innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir laut lachend den Rücken -zu und sprach: »Gehen Sie und schlafen Sie erst fein aus, mein -Herr.«</p> - -<p>Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie -gewesen. Ein Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers -am Klavier gesessen, ging mir nach und sagte, indem er wehmütig -meine Hand ergriff: »Herzensbruder, mit deiner Liebe -ist es rein aus auf immerdar, schlage dir nur gleich alle Gedanken -aus dem Sinne.«</p> - -<p>»Soviel ungefähr konnte ich selbst merken,« antwortete ich. -»Der Teufel hole alle schönen Augen, jeden rosigen Mund und -den törichten Glauben an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen -aussprechen.«</p> - -<p>»Tobe nicht so arg, sie hören es oben,« flüsterte er; »aber -sag' mir um Gottes willen, ist es denn wahr, daß du heute die -ganze Nacht im Weinkeller gelegen und getrunken hast?«</p> - -<p>»Nun ja, und wen kümmert es denn?«</p> - -<p>»Weiß der Himmel, wie sie es gleich erfahren hat, sie hat -den ganzen Morgen geweint und nachher gesagt, vor einem solchen<span class="pagenum"><a id="Page_235">[235]</a></span> -Trunkenbold, der ganze Nächte beim Wein sitze und aus -schnöder Trinklust ganz allein trinke, solle sie Gott behüten. Du -seiest ein ganz gemeiner Mensch, von dem sie nichts mehr hören -wolle.«</p> - -<p>»So?« erwiderte ich ganz gelassen und hatte einiges Mitleiden -mit mir selbst. »Nun gut, geliebt hat sie mich nie, sonst -würde sie auch mich darüber hören; ich lasse sie schön grüßen. -Lebe wohl!«</p> - -<p>Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und -fuhr noch denselben Abend von dannen. Als ich an der Rolandsäule -vorüberkam, grüßte ich den alten Recken recht freundlich, -und zum Entsetzen meines Postillons nickte er mir mit dem -steinernen Haupt einen Abschiedsgruß. Dem alten Rathaus -und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu, drückte -mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasieen -dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Weitere Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 15: hinab → hinauf<br /> -Rückweg ins Schloß <a href="#corr015">hinauf</a> ist</p> -<p> -S. 26: wilden → milden<br /> -mit dem <a href="#corr026">milden</a> Schimmer des Mondes</p> -<p> -S. 30: verschlossen → verschossenen<br /> -in einem <a href="#corr030">verschossenen</a> Hofkleid</p> -<p> -S. 128: die → wie<br /> -treffend die Beschreibung, <a href="#corr128">wie</a> die Furcht vor</p> -<p> -S. 150: noch → nach<br /> -nie <a href="#corr150">nach</a> vier Uhr abends ein Mann</p> -<p> -S. 200: Napoleine → Napoleone<br /> -Generale, Platows, Blüchers, <a href="#corr200">Napoleone</a> und dergleichen</p> -</div> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wilhelm Hauffs sämtliche Werke i - sechs Bänden, Zweiter Band, by Wilhelm Hauff - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM HAUFFS SÄMTLICHE *** - -***** This file should be named 60699-h.htm or 60699-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/9/60699/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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