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-Project Gutenberg's Die Bären von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Bären von Hohen-Esp
-
-Author: Nataly von Eschstruth
-
-Release Date: November 13, 2019 [EBook #60684]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BÄREN VON HOHEN-ESP ***
-
-
-
-
-Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
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-
-
-
-
-
- Die
- Bären von Hohen-Esp
-
-
- Roman
-
- von
-
- Nataly von Eschstruth
-
-
- [Illustration]
-
-
- Leipzig
-
- Paul List Verlag
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
-Das Meer
-
-
- Es war in meinem Leben
- Das Meer mein treuster Freund,
- Drum bleib' ich mit ihm ewig
- In Leid und Freud' vereint!
-
- Wenn einst mein Herz geschlagen
- In tiefster Traurigkeit,
- Dann hat sein lindes Rauschen
- Gestillt mein Herzeleid.
-
- Und wenn in Not und Schmerzen
- Mein Herz sich wild gebäumt,
- Dann grollte es und tobte
- Und hat vor Wut geschäumt! --
-
- Und zog dann Glück und Wonne
- In meine Seele ein,
- Dann glänzten seine Wogen
- Wie heller Edelstein!
-
- Es kräuselte ein Lächeln
- Sein leuchtend Angesicht
- Am Auge blitzten Tropfen
- Wie eitel Sonnenlicht! --
-
- So ist das Meer gewesen
- Mein Freund in Glück und Leid,
- Drum bleib' ich ihm ergeben
- in Liebe allezeit!
-
- Aus »Schiffslieder« von Gabriele von Rochow
- geb. v. Pachelbl-Gehag
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
- Kapitel I. 7
- Kapitel II. 22
- Kapitel III. 37
- Kapitel IV. 50
- Kapitel V. 64
- Kapitel VI. 79
- Kapitel VII 92
- Kapitel VIII. 105
- Kapitel IX. 118
- Kapitel X. 135
- Kapitel XI. 144
- Kapitel XII. 158
- Kapitel XIII. 171
- Kapitel XIV. 184
- Kapitel XV. 200
- Kapitel XVI. 215
- Kapitel XVII. 224
- Kapitel XVIII. 239
- Kapitel XIX. 251
- Kapitel XX. 264
- Kapitel XXI. 277
- Kapitel XXII. 291
- Kapitel XXIII. 303
- Kapitel XXIV. 317
- Kapitel XXV. 330
- Kapitel XXVI. 342
- Kapitel XXVII. 357
- Kapitel XXVIII. 367
-
-
-
-
-I.
-
-
-»Wenn ein Mädchen einen reichen Mann bekommt, ist es immer glücklich
-verheiratet!« hatte der alte Kammerherr von Wahnfried gesagt und dabei
-die weißbuschigen Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst.
-»Gundula kann Gott danken, daß der Bär von Hohen-Esp sie zum Weibe
-begehrt! Ist wohl kein Nest so weich gepolstert wie das seine, und
-wenn man den Grafen ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir
-das Herz im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die sich ihr
-Männerideal nach Romanbüchern gebildet hat! Na, und in den Büchern sind
-die gräflichen Freier meist jung, schön, reich und ritterlich, just so
-wie Friedrich Karl von Hohen-Esp!« --
-
-Die alte Dame, welche dem Sprecher gegenübersaß, richtete sich noch
-straffer empor und legte die großen, kräftigen, schneeweißen und
-ungeschmückten Hände im Schoß zusammen.
-
-Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich ruhig auf die
-hünenhafte Gestalt des Bruders, welcher auf seinen Krückstock gestützt
-vor ihr stand und sie schier herausfordernd anblickte.
-
-»Jung, schön, reich und ritterlich!« wiederholte sie langsam, »ja, das
-ist er, -- aber er ist noch mehr, und dieses >mehr< will mir nicht
-behagen.«
-
-»Und das wäre, meine Allergnädigste?« Der Kammerherr mußte sich des
-gichtgeschwollenen Fußes wegen auf den Stock stützen, er konnte nicht
-den grauen Schnauzbart seiner Angewohnheit gemäß mit ungestümem Ruck
-emporstreichen, aber seine Muskeln arbeiteten desto kräftiger in dem
-scharfgeschnittenen Gesicht, so daß sich die starren Haare auf der
-Oberlippe sträubten wie in zornigem Aufbegehren.
-
-Alle fürchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn, nur Fräulein
-Agathe von Wahnfried nicht. Sie glättete mit der Hand die rauschenden
-Seitenfalten ihres Kleides und antwortete voll unerschütterlicher Ruhe:
-»Graf Friedrich Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann,
--- die große Welt, in welcher er, der Frühwaise, so jung schon,
-selbständig ward, droht sein Verderben zu werden.«
-
-»So! -- Inwiefern, wenn man fragen darf?«
-
-»Weil er sich ruiniert, -- weil er über seine Verhältnisse lebt!«
-
-Der Kammerherr lachte hart auf.
-
-»Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp über seine Verhältnisse
-leben! -- Ahnst du, wie reich der Mann ist?«
-
-»Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende verspielen!«
-
-»Tut er aber nicht!«
-
-»Tut er doch! -- Der Graf ist ein leidenschaftlicher Spieler.
-Möglicherweise hat er bis jetzt Glück am grünen Tisch gehabt, -- wenn
-das aber einmal aufhört, wird er sich und die Seinen rücksichtslos an
-den Bettelstab bringen!«
-
-»Lächerlich! -- Es gibt keinen vernünftigeren Mann wie Hohen-Esp! Bei
-Whist und Ekarté macht man sich nicht bankrott! Ich als Mann dürfte
-wohl mit den Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie
-eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht wird,
-kümmert mich nicht!«
-
-»Ich habe nie mit einer Dame über den Freier deiner Tochter
-gesprochen!« Fräulein Agathe von Wahnfried sah weder gereizt noch
-beleidigt aus, ihr großes, gradliniges Gesicht blieb so ruhig
-und energisch wie stets. »Hast du dich bei seinem ehemaligen
-Regimentskommandeur erkundigt?«
-
-»Nein!«
-
-»Weil du es leider für überflüssig hieltest. Daß der Graf Hohen-Esp ein
-Spieler ist, pfeifen die Spatzen auf dem Dache.«
-
-Der alte Herr stieß seinen Krückstock ingrimmig auf das Parkett. »So;
-gut; -- ein Spieler. Und was noch weiter? Vielleicht ein Säufer? Ein
-Weiberheld ... ein Totschläger ...? He? -- Nur hübsch weiter im Text!«
-
-»Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts bekannt, --
-im Gegenteil, man lobt den jungen Mann als einen sonst sehr
-liebenswürdigen und ehrenhaften ...«
-
-»Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst du etwa, daß ich ihm
-einen Korb geben soll, lediglich, weil er mal in fideler Gesellschaft
-ein Spielchen macht?!« -- und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade
-durch den Salon wieder auf, daß der Krückstock auf dem Parkett dröhnte.
-
-»Das wäre mir freilich das liebste, denn das ganze Lebensglück unseres
-Lieblings einem Spieler anvertrauen ...«
-
-»Blödsinn! Infamer Blödsinn! Du bist eifersüchtig, du willst das Mädel
-überhaupt nicht fortgeben ...«
-
-»Einem Mann, der mir eine glückselige, sorgenfreie Zukunft garantiert
--- sofort! Aber dem Grafen von Hohen-Esp ...?! Nein; wenn _du_
-mich fragst, sage ich tausendmal nein, denn ich weiß, daß sie einem
-namenlosen Elend entgegengeht!« --
-
-»Sieh mal an! -- Namenloses Elend! -- Nette Zukunftsmusik! Haha!... Na,
-und was sagt Gundula selber zu dem riesengroßen Waschkorb, welchen du
-für ihren Freier bereitstellst?«
-
-Da seufzte die große resolute Frau zum erstenmal schwer auf, und über
-das ernste Gesicht zog es wie tiefe Schatten.
-
-»Gundula ist verblendet!« sagte sie leise, »sie ist ebenso wie alle
-anderen von der Schönheit und Liebenswürdigkeit dieses glänzendsten
-aller Kavaliere eingenommen! Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur
-für Schimäre zu halten. Was fragt sie danach, ob er die Dukaten auf
-den grünen Tisch wirft ... wenn _er_ selber nur ihr zu eigen bleibt
-... man kennt ja die schwärmerische Genügsamkeit verliebter Menschen,
-welche sich mit einem Herz und einer Hütte überreich wähnen!«
-
-»Gut! -- Warum also diesen schönen Wahn zerreißen?«
-
-»Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe bleibt! Wenn sie ihr
-Unglück erst einsieht und begreifen lernt, ist es zu spät!«
-
-»Hast du dich von all dem Unglück, welches dich im Leben getroffen, zu
-Boden schlagen lassen?«
-
-»Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...«
-
-»Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried reinster Rasse; ist
-genau dasselbe eisenfeste energische Weib, wie es alle gewesen sind,
-welche unser kraftvolles Geschlecht hervorgebracht!«
-
-»Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, gäbe es wohl auf der ganzen
-Welt eine bessere Bärin von Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften
-Pranken um ihr Glück kämpfen wird?«
-
-Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem Griff den
-schweren Fenstervorhang zur Seite: »He! Ist das Mädel da unten ein
-Mondscheinprinzeßchen, welches ein Wettersturm über den Haufen bläst --
-eine Wachspuppe, welche unter ihren eigenen heißen Tränen zerschmilzt?
-Ich dächte, nein! Und Graf Friedrich Karl hat wohl genau gewußt, daß
-er keine bessere Schirmherrin in seine Bärenburg einführen kann, als
-unsere Gundula!«
-
-Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem Schritt hinter
-den Bruder getreten; ihr Blick flog hinab in den großen Hof, in dessen
-Mitte sich ihren Augen ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr
-besorgtes Herz zu beruhigen.
-
-Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie hatte ihrem kleinen
-Groom die Zügel zugeworfen und verabschiedete sich eben noch von dem
-Rittmeister von Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten,
-als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausflügel lehnte, ins
-Wanken geriet und mit lautem Krach neben dem Pferde niederschmetterte.
-
-Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in jähem Schreck wild
-aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos hing der Groom am Zügel und ließ
-sich schleifen, dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher
-schrie.
-
-Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt.
-
-Mit kraftvoller Hand griff sie zu und drängte den schnaufenden Fuchs
-zurück.
-
-Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen Reitkleid eng
-umschlossen, schien aus Stahl und Eisen, energisch, sicher, und doch
-bei aller Kraft voll schmiegsamer Grazie stand Gundula neben dem
-Durchgänger und zwang ihn zum Gehorsam.
-
-Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die großen, stahlgrauen
-Augen blitzten einen stummen Befehl, und das Pferd schäumte ins Gebiß
-und fügte sich gehorsam der Gebieterin.
-
-»Bravo, mein gnädiges Fräulein!« applaudierte der Rittmeister, und
-Gundula lachte ihm heiter zu und rief ein paar siegesfrohe Worte.
-
-Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte es sich besonders
-auffallend, wie ähnlich sie in Gestalt und Wesen ihrem Vater und Tante
-Agathe war, von welchem die Welt sagte, daß sie energisch bis zur
-Starrköpfigkeit, klug und zielbewußt bis zur Rücksichtslosigkeit seien.
-
-»Und _die_ sollte nicht ihren Weg gehen und sich von ein paar
-Kartenblättern um Glück und Existenz bringen lassen?«
-
-Wieder lachte der Kammerherr sein dröhnend tiefes Lachen.
-
-»Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das Mädel, und will sie ihn -- so
-bekommt sie ihn!«
-
-»Ein wildes Pferd zu bändigen, ist wohl leichter, als wie einen
-leichtsinnigen Menschen im Zügel zu behalten! Wenn ein Weib liebt, so
-ist es schwach und ohnmächtig -- und Gundula wird ihren Gatten lieben!
-Sie wird auch an seiner Seite so selbstlos und uneigennützig sein, wie
-sie es jetzt ist, und das öffnet dem Bankrott Tür und Tor!« --
-
-Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem Lächeln grad aus. »Sie wird
-ihren Gatten lieben -- ja ... Aber nur so lange voll blinder Nachsicht,
-bis ein anderer kommt, den sie noch mehr liebt!«
-
-Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. »Wie soll ich das verstehen? Wen
-könnte sie je mehr lieben wie den Mann ihrer Wahl?«
-
-»Ihren Sohn!« -- antwortete der Kammerherr langsam, voll schweren
-Nachdrucks und in seinen tiefliegenden Augen glimmte es wieder so
-seltsam wie zuvor: »Eine Bärin ist das gutmütigste Geschöpf der Welt,
-welches sich geduldig den Pelz zausen läßt, solange sie nichts anderes
-hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber erst junge Brut in der Höhle
-liegt, dann wird aus dem sanftmütigen und indolenten Weibchen eine gar
-wilde, leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken hebt und
-zerbeißt und zerreißt, was das sichere Nest ihrer Jungen gefährdet! --
-Je nun! Auch Gundula wird eine Bärin von Hohen-Esp sein, und wenn sie
-zuvor nicht für sich selber kämpfte, für ihre Söhne tut sie es so wahr
-und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren Adern kreist! -- --
-=Dixi=, Agathe; -- ich habe geredet.« --
-
-»Ja, du hast geredet!« nickte die alte Dame und reckte ihre markige
-Gestalt noch entschlossener empor, denn zuvor, »ich aber werde
-handeln.« --
-
-Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und harrte ihres Verlobten,
-welcher sie in seiner glänzenden Equipage, mit dem elegantesten
-Viererzug, welchen die Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte.
-
-Jungfer und Modistin hatten noch geschäftig an Schleppe, Kranz und
-Schleier geordnet, als Tante Agathe einen Blick auf die Uhr warf und
-den Diensteifrigen in ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das
-Zimmer zu verlassen.
-
-Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit ihrer geliebten
-Pflegemutter, welche sie voll strenger, aber zärtlicher Sorge
-großgezogen, zu ersehnen.
-
-Sie schlang die blühenden Arme um den Nacken der alternden Frau und
-blickte ihr mit leuchtenden Augen in das ernste Antlitz.
-
-»Tante Agathe!« flüsterte sie, »ich weiß, daß du meine Verlobung
-mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben hast! Du liebe, treue
-Seele hast so schwarz gesehen und die kleine, harmlose Passion meines
-Herzliebsten zu einer wüsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach
-deiner Ansicht ruinieren muß! -- Hast du auch jetzt noch keine bessere
-Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er es doch auf meinen Wunsch
-über sich vermocht hat, während unserer ganzen Verlobungszeit keine
-Karte anzurühren?«
-
--- -- -- Fräulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem Ausdruck in
-die verklärten Augen der reizenden Braut, welche so gar nicht stolz,
-stark und energisch, sondern weich, lieblich und hold erglühend wie das
-verliebteste und schwächste aller Weiber vor ihr stand. --
-
-Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen Mund.
-
-»Ich sehe, daß du glücklich bist, mein Liebling,« sagte sie, ihre
-Lippen auf das wunderschöne Antlitz der Braut drückend, »und es sei
-fern von mir, dir diesen sonnigen Tag durch meine Angst vor dräuenden
-Wolken zu verdunkeln. Du hast Zeit gehabt, um zu überlegen, was du
-tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche das Leben an dich
-stellt, gewachsen sein.« --
-
-»Ich bin es, Tante! Ich fühle die hohe, heilige Kraft der Liebe in mir,
-um meines Gatten willen alles zu ertragen, was da kommt, alles!«
-
-»So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die Herrin von
-Hohen-Esp!«
-
-Ein süßes, reizendes Lächeln verklärte das Antlitz der jungen Braut.
-
-»Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je! -- Welch eine
-Herrschaft möchte ich wohl erstreben, außer jener einzigen -- über
-sein Herz! -- Du fürchtest, Tante, daß ich einst Mangel an Geld und
-Gut leiden werde! -- Was frage ich danach? -- Wäre Friedrich Karl
-der ärmste aller Männer gewesen, ich würde ihn ebenso geliebt haben,
-ihm ebenso überglücklich meine Hand gereicht haben, wie jetzt! Was
-verlange ich noch vom Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte?
-Nichts! Tausendmal nichts! -- Du weißt, daß ich niemals viel Sinn für
-Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe. Dazu hast du mich zu ernst
-und solide erzogen, hast mich eine bessere und höhere Werte des Lebens
-kennen gelehrt. Die bunte, große Welt mit all ihrer Lust und ihren
-Zerstreuungen war mir gleichgültig, ich habe in ihr gelebt, weil ich
-von dem Schicksal auf ihren glänzenden Boden gestellt wurde, aber im
-Gegenteil, ich würde meiner Liebe und meines Glückes froher sein, wenn
-ich es nicht mit andern teilen müßte. -- Dies ist ja der einzige Punkt,
-in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten harmoniere!«
-
-»Das glaube ich!«
-
-»Wie bitter das klingt, Tantchen! -- Ist es denn ein Unrecht, wenn
-Friedrich Karl sich seines Lebens freut, es gern in möglichst
-glänzendem Rahmen genießt? Gewiß nicht, das ist nur Geschmackssache;
-und da er die Mittel besitzt, um in der großen Welt zu leben,
-und gewissermaßen auch die Verpflichtung hat, seinen Namen zu
-repräsentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob seine
-Geschmacksrichtung nicht viel natürlicher und richtiger ist, als die
-meine!«
-
-»So wirst du dich bekehren lassen?«
-
-Gundula neigte das schöne Antlitz so tief, daß die duftigen Wogen des
-Brautschleiers darüber hinflossen.
-
-»Das dürfte schwierig, aber nicht unmöglich sein! Ich werde mich gern
-dem Geschmack meines Mannes anpassen ...«
-
-»Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu deinen Pflichten
-setzt?«
-
-Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verständnislos empor. »Wie
-könnte das möglich sein?«
-
-»Wirst du blindlings _alles_ gut heißen, was dein Gatte tut? Als Frau
-lernt man oft sehr viel schärfer und weitsichtiger urteilen, wie als
-Mädchen!«
-
-Das rosige Antlitz war jählings erbleicht, Gundula hob ihr Haupt und
-schaute der Sprecherin starr in die prüfenden Augen. Ein seltsam
-fremder Zug schlich sich plötzlich um die lächelnden Lippen, fest und
-energisch, ein Gemisch von Stolz und Unwillen.
-
-»Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch handelt -- was Gott
-verhüten möge --, werde ich _nicht_ derselben Meinung sein wie er,
-sondern so handeln, wie _ich_ es für recht und gut erachte!«
-
-Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt über ihre
-eigenen Worte, das Köpfchen.
-
-»Aber wie sollte das geschehen? -- Wenn er sein Hab und Gut verspielt,
-schädigt er ja nicht Fremde, sondern höchstens sich selber -- --«
-
-»Und dich!« --
-
-Da lächelt sie wieder. »Ich sagte dir, Tante, daß ich für meine Person
-gern auf alles verzichte!«
-
-Wie weich, wie innig und rührend klang das, wie leuchteten die blauen
-Augen so demütig und ergebungsvoll sanft und treu!
-
-Agathe preßte die Lippen zusammen und kämpfte sekundenlang einen
-schweren Kampf.
-
-Dann schüttelte sie seufzend den grauen Kopf und strich liebkosend
-über das blonde Haupt ihres Lieblings, um welches die blühenden Myrten
-rankten.
-
-»Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein Vertrauen nicht
-nehmen, -- ich will in dieser Stunde nicht mit Möglichkeiten rechnen,
-welche vorläufig noch in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte möchte ich
-dir noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...«
-
-»Tante! Meine liebe -- liebe Tante!« --
-
-»Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament gemacht und dich nach
-seinem Tode zur Erbin eingesetzt, welche unumschränkte Vollmacht über
-ihr Vermögen hat, -- er hat dies entgegen meinen inständigen Bitten
-getan, er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt, obwohl er weiß,
-daß du mit deinem Gatten in Gütergemeinschaft leben wirst. -- Je nun,
-er ist ein Starrkopf und sein eigener Herr, ich bin überzeugt, daß er
-nach bester Überzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula, bist in
-Geldangelegenheiten und Geschäftssachen leider Gottes unerfahren wie
-ein Kind, darum kann ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses
-Testament für deine Zukunft birgt! -- Um so berechtigter ist aber meine
-Bitte, welche du hoffentlich nicht abschlägst, auch wenn du dieselbe in
-diesem Augenblick noch nicht verstehst!«
-
-»Sprich, Herzliebe ...«
-
-»Du weißt, daß Tante Margarete dir ihr ganzes Vermögen vermachte,
-allerdings mit der Klausel, daß ich, solange ich lebe, den Nießbrauch
-des Kapitals habe?«
-
-»Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch viele lange Jahre
-dieser Renten freuen!«
-
-Agathe überhörte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller Stirn
-geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig fort:
-
-»Von diesem Erbe, welches dir zusteht, weiß niemand etwas, -- dein
-Vater hat es selbst mir gegenüber nie erwähnt, er wird auch ganz
-bestimmt bei Friedrich Karl nichts davon gesagt haben, wie ja
-seltsamerweise der Geldpunkt bei den Herren nie erwähnt worden ist!
-Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz etwas ahnen, wenn du
-ihm nicht selber Mitteilungen davon machst!«
-
-»Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld gehört ja noch gar nicht
-mir!«
-
-Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame. »Es gibt Fälle,
-wo Menschen mit aller und jeder Möglichkeit rechnen, wenn sie ...«
-Die Sprecherin brach kurz ab und fuhr in dringlichem Tone fort: »Auf
-dieses Kapital bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe es
-mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, _nie_ und _nimmer_ deinem
-Gatten gegenüber von diesem Erbe zu sprechen! Gelobe es mir! Schwöre
-es mir, wenn dir die Ruhe meiner Seele wert ist! -- Sieh mich nicht so
-fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht die Gründe sagen,
-welche mich zu dieser Forderung bewegen, -- ich beschwöre dich nur mit
-all der innigen Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich
-flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten Mutter:
-Schwöre mir, Gundula, nie und nimmer zu Friedrich Karl von diesem Geld
-zu sprechen!«
-
-In den Augen der jungen Braut glänzten Tränen. Sie warf sich an die
-Brust der Sprecherin und schluchzte leise auf: »Obwohl ich nicht
-den Grund für diese seltsame Bitte einsehe, Herzenstante, und das
-Empfinden habe, als ob es nur ein unbegreifliches Mißtrauen gegen
-meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen drängt, will
-ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben, -- dir zur Beruhigung! --
-Soll ich auf das Bildchen meiner lieben Mutter schwören? Ach, warum so
-feierlich, -- es ängstigt mich! Aber wie du willst, Liebste! Ich bin
-überzeugt, daß du es gut mit mir meinst!«
-
-Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild ihrer toten Mutter
-und flüsterte tief erbleichend den Schwur, welcher ihr ein so
-unerklärliches Schweigen auferlegte.
-
-»Amen!« sagte Agathe mit fester Stimme, umschloß die Rechte ihres
-Pflegekindes mit den gefalteten Händen und sank neben ihr nieder auf
-die Knie.
-
-Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula hörte nicht die Worte,
-welche sie sprach.
-
-Unten auf der Straße klang ein jubelndes Hurra! -- brausende Hochrufe
-aus unzähligen Kinderkehlen.
-
-Der Bräutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern banger
-Glückseligkeit rann wie erlösend durch die Glieder des jungen Mädchens.
-Sie trat jählings einen Schritt in den Erker vor und schaute hinab.
-
-Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender Uniform aus
-dem Wagen springen, sie sah das strahlende Lachen in seinem schönen
-Antlitz, wie er nach allen Seiten grüßte, wie sein Blick voll
-ungeduldiger Sehnsucht zu den Fenstern emporflog. --
-
-Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz schlug heiß und zärtlich
-in ihrer Brust, und im Übermaß des Empfindens schwang sie die Arme um
-Tante Agathe.
-
-»Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen Schwur halten,
-wenngleich ich überzeugt bin, daß Friedrich Karl mich nie nach diesem
-Gelde fragen wird, daß wir dieses Erbes nie bedürfen! O, liebe, liebe
-Tante -- ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem Himmel, und im
-ganzen Lande ist kein zweites Weib, welches so beneidet sein wird wie
-ich in meinem übergroßen Glück!«
-
-»Das gebe Gott!« flüsterte die alte Dame und küßte ihr Herzenskind
-feierlich auf die Stirn. In demselben Augenblick aber ward die Tür
-stürmisch geöffnet, und voll jubelnden Entzückens, schön und strahlend
-wie ein junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp seine Arme
-nach der Geliebten aus. --
-
-Diese Augenblicke gehörten dem jungen Paar; Tante Agathe trat
-schweigend in den Erker und blickte auf die Straße hinab.
-
-Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als diese beiden
-jugendschönen Menschen, welche sich so glückverklärt in die Augen
-schauten, als sei die ganze Welt ein Zauberland trunkener Wonne
-geworden, -- aber sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu
-grell und blendend, als tue es den Augen weh.
-
-Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ...
-
-Drunten drängte sich eine neugierig erregte Menge um die prunkende
-Galakutsche der Bären von Hohen-Esp.
-
-Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der schreitende Bär im goldenen
-Feld. --
-
-Wird Gundula eine echte, kampfesmutige Bärin werden, welche zur rechten
-Zeit die Zähne weisen kann?
-
-Agathe seufzte tief auf.
-
-Jenes kraftvoll schöne Mädchen, welches wie eine Walküre das scheuende
-Pferd bändigt, ist doch nur ein schwaches, liebendes, demütiges und
-unendlich sanftes Weib, welches sich von dem heißgeliebten Mann ohne
-Vorwurf und Groll zugrunde richten läßt. -- Ihr Vater war blind, wenn
-er von der stolzen Festigkeit ihres Charakters sprach!
-
-Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in den samtweichen
-Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der Möglichkeit dachte, daß der Mann,
-welcher für sie der Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal
-eine gewissenlose und schlechte Tat begehen könne!
-
-Versteckt sich unter den weißen Taubenschwingen dennoch der trotzige
-Nacken der Bärin? -- Je nun, ob sie einst selber für sich und ihre
-Existenz kämpfen wird, die reiche, reiche Gräfin von Hohen-Esp, oder ob
-sie es nicht tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt des
-Verhängnisses ereilt wird -- Tante Agathe hat in dieser Stunde für die
-arme Verblendete gesorgt -- für sie und ihre Kinder.
-
-Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten Herzens auf
-all die gleißende Pracht, welche ihre grellen Funken über Kranz und
-Schleier der jungen Frau wirft. --
-
- * * * * *
-
-Der Kammerherr war eingetreten.
-
-Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner markigen Gestalt
-so besonders kleidsam gewesen. Auch gerne ging er trotz des Krückstocks
-hoch und stolz aufgerichtet, und ein Ausdruck großer Genugtuung lag
-auf den eisernen Zügen; dennoch erschienen dieselben farblos und
-greisenhaft, und das nervöse Zucken der graubuschigen Augenbrauen fiel
-mehr noch auf denn sonst.
-
-»Ich bin froh, daß ich diesen Tag noch erlebe!« hatte er am Morgen
-gesagt, »er gibt meinem Leben einen guten Abschluß.«
-
-Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar, ein
-schmunzelndes Nicken -- und dann bot er seiner Schwester Agathe den Arm
--- es schien wenigstens so -- in Wahrheit führte sie ihn.
-
-»Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.«
-
-Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang den Arm noch
-inniger um die reizende Braut, welche in der Residenz als gefeiertste
-Schönheit galt.
-
-Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche ihm wie
-verklärt in Glückseligkeit entgegenstrahlten.
-
-»Nun bist du mein, Gundula!« flüsterte er, und sein frisches, hübsches,
-so lebenslustig lachendes Antlitz färbte sich höher.
-
-»Für Zeit und Ewigkeit!«
-
-»Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich?« --
-
-»O, daß du fragen kannst!«
-
-Er lachte beinahe übermütig: »Und wirst nie ein Geheimnis vor mir
-haben, kleine Frau?« Er dachte sich wohl selber nicht viel bei dieser
-Frage, denn er blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog
-ihr Köpfchen noch fester an die Brust und drückte die Lippen kosend
-auf die blühende Myrte in ihrem Haar. Er bemerkte es nicht, wie sie
-zusammenzuckte, er sah nicht, wie sie erbleichte, er wartete auch
-kaum auf eine Antwort, sondern fuhr nach kleiner Pause fort: »Deine
-süßen Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen laß mich täglich
-lesen, daß du glücklich bist! Wahrlich, Gundula, kein Mensch kann eine
-festere, redlichere Absicht haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben
-sonnig und schön zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur Hölle sei
-mit guten Vorsätzen gepflastert, aber das ist Torheit, denn unser
-gemeinsamer führt direkt in den offenen Himmel hinein! Gundula -- hast
-du mich lieb?«
-
-Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie antwortete nicht,
-sondern küßte ihn. -- Sonnengold flutete über sie hin, in ihr Herz aber
-war ein Schatten gefallen, der lastete dunkel und schwer, und in all
-ihrem traumesschönen Glück zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei
-durch ihre Seele: »Tante Agathe, warum hast du mir das getan!«
-
- * * * * *
-
-
-
-
-II.
-
-
-Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende Frau galten für
-das glücklichste Paar im Lande!
-
-Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben, weil Sorge und Kummer
-unbekannte Gäste in ihrem Hause waren, weil sie alles besaßen, was dem
-Herzen Freude -- und dem Leben Reiz verleiht, -- sondern, weil sie
-einander aus heißer, inniger Liebe geheiratet hatten. Auf Gundulas
-Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen auf Burg Hohen-Esp
-verlebt, und ein paar Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf
-weiterer Fahrt durch das Land begriffen, für etliche Stunden in dem
-wunderlichen alten Strandschloß Rast gehalten, konnten gar nicht genug
-erzählen, wie wahrhaft verklärt in unaussprechlicher Glückseligkeit die
-junge Gräfin dreingeblickt.
-
-Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts ersichtlich sehr
-sympathisch, während der lebenslustige Gatte wohl nur aus Galanterie
-und im Rausch des Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte!
-
-Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn der großen Rennen
-»auf der Bildfläche« erscheinen und den Winter in der Residenz
-verleben. Graf Friedrich Karl habe das heilig gelobt und sehr vergnügt
-dabei ausgesehen, auch Gundula habe sehr liebenswürdig gelächelt, aber
-doch heimlich geseufzt!
-
-Ob sie eifersüchtig ist und den Gatten am liebsten in die
-Klostereinsamkeit der alten Bärenburg einsperrte? -- Wohl möglich! Aber
-dann wehe der jungen Frau!
-
-Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen und hat auch
-gar keine Anlage dazu, sein Leben in Sack und Asche zu vertrauern! --
-Gundula sei ja sehr hübsch, und daß sie den jungen Lebemann durch ihre
-äußeren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich; ob sie aber
-das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd zu fesseln?
-
-Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das, was man amüsant
-nennt.
-
-Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit gefallener
-Engel nie auffällig gehuldigt und sich beim Bakkarat besser unterhalten
-wie in den schwülen Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein
-Charakter wie der des jungen Millionärs ganz unberechenbar, und
-die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche früher ganz
-ferngelegen. Eine eifersüchtige Frau aber ist immer ein Unglück sowohl
-für sich wie für andere. Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme
-Gedanken -- eine eifersüchtige Frau bringt ihn darauf! Ihre ewigen
-Anschuldigungen, ihr Mißtrauen weisen ihm erst den Weg. --
-
-Zwar hat man an Gundula stets eine große Sanftmut und Nachgiebigkeit
-gerühmt, und selbst ihre Jungfer hat nach vier Jahren noch versichert,
-ihr gnädiges Fräulein sei die verkörperte Herzensgüte --! -- Ob
-aber diese Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine Bärin von
-Hohen-Esp geworden?
-
-=Femme varie!= und die Eifersucht ist eine Krankheit, welche so
-urplötzlich aufkeimt und in Saat schießt wie das Unkraut auf dem Felde.
-
-Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der Residenz das
-unerschöpfliche Thema, welches am Teetisch und im Rauchsalon mit
-gleichem Interesse in allen Tonarten variiert wurde!
-
-Währenddessen träumte das junge Paar eine zauberhafte Spätsommeridylle
-auf Hohen-Esp, der einsamen, uralten Burg, welche sich auf bewaldeter
-Bergkuppe am Ufer der Ostsee erhebt und weithin über die blauwogende
-Unendlichkeit schaut.
-
-Sie gehört zu dem ältesten Grundbesitz der Familie, ein düsteres altes
-Gemäuer, ein Krähenhorst, welchen die kokette Laune ehemaliger Bewohner
-gar eigenartig ausstaffiert. Die Bärenburg gleicht in Wahrheit der
-Höhle eines Bären, denn die plumpen, massigen Mauern der graue, stumpfe
-Turm sind im Innern und Äußern mit lauter Dingen ausgestattet, welche
-an den Bär und seine wehrhaften Pranken erinnern.
-
-Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als die beiden
-riesenhaften Bären, welche am Eingang des Burgtors Wache halten,
-aus grimmig offenen Rachen die Zähne ihr entgegenfletschten, als
-ihr überall auf Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur
-blickte, Bären in allen Größen und Arten entgegenschauten, als jedes
-Möbel oder jedes Gewebe ihr in Schnitzerei oder Muster das nämliche
-Motiv zeigten -- Bären! Bären überall! Bald aber gefiel ihr diese
-absonderliche Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen der
-Familie und den Gedanken hineinlebte, daß sie nun selber eine Bärin
-von Hohen-Esp geworden, eine jener seelen- und nervenstarken, stolzen,
-gewaltigen Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust,
-wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da schlug ihr Herz
-hoch auf im stolzen Selbstbewußtsein, und beinahe zärtlich haftete ihr
-Blick auf den braunzottigen Gesellen, welche in dieser verzauberten
-alten Herrlichkeit die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrüßten.
-
-Ja, verzaubert!
-
-Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die mächtigen
-Buchenwipfel im Parke raunte es und um die verwitterten Steinbilder
-der wappentragenden Bären ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und
-Murmeln, wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches seine Zauber
-um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen Zauber, eine sanfte
-Taube in eine gar wilde und trotzige Bärin zu verwandeln! --
-
-»Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!« lachte
-Friedrich Karl, als sie eines Abends auf der Zinne des Turmes standen,
-weit hinab über die Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer
-zu schauen, in welches der glühende Sonnenball langsam, durch violette
-Dunstschleier tauchend, herniedersank. »Ich begreife dich nicht, daß
-es dir hier in der entsetzlichsten aller vermoderten und verräucherten
-Bärenhöhlen so gut gefällt! So schön, wie Hohen-Esp seinerzeit als Sitz
-der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, so völlig überlebt
-hat sich sein mystischer Zauber in unserer heutigen Zeit voll Komfort,
-Eleganz und Leichtlebigkeit! Ich hatte im stillen eigentlich gehofft,
-Gundula, du würdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche
-schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, schleunigst
-Reißaus nehmen! >Alle Tage Feldhühner< ist kaum so greulich, wie
->alle Tage Bären!< -- Bären, wo man sie sich nur denken kann, -- man
-kann keinen Löffel in die Hand nehmen, ohne den Bär darin graviert
-zu finden, kein Glas, kein Sessel -- kein Teppich ... keine Wand ...
-brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere Altvorderen sind mit diesem
-Bärenkultus schließlich langweilig geworden!«
-
-Beinahe erschrocken sah die Gräfin den Sprecher an. »Langweilig?
-und das sagst du, Friedrich Karl, der Nachkomme dieses herrlichen
-Geschlechts, für den jeder Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein
-sollte? -- Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen Hohen-Esp
--- und doch ist es mir, als sei mein Herz und Sinn schon ganz und gar
-verwoben mit ihm, als wüchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten
-Größe, als neige sich jedes dieser Bärenhäupter mir zu mit trautem Gruß
-und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, durch Räume zu schreiten,
-wo ringsum die Andenken von Vätern und Ahnherren sprechen, wo alles
-davon zeugt, was sie einst waren und was wir Glückseligen jetzt sind,
--- wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns sprechen! O du lieber
-Mann, -- ich habe zuvor nie darüber nachgedacht, wie schön es wohl sein
-müsse, die Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg deiner
-Väter, da überkommt es mich wie eine heiße, ehrfurchtsvolle Sehnsucht,
-wie eine jauchzende Begeisterung bei dem Gedanken, daß ich berufen
-sein möchte, diesem alten, trotzigen Bärengeschlecht einen Erben zu
-schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst so edel, so
-ritterlich und herrlich sein wird, wie alle jene heldenhaften Männer,
-welche ehemals in diesen Räumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die
-grauen Quadersteine gemeißelt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben und
-in seinem Sinne lebten und starben --
-
- Christe Kyrie ...
- Zu Land und See,
- Schirmherr der Not --
- Das walt' Herre Gott!«
-
-Mit entzücktem, schier staunendem Blick sah Graf Hohen-Esp auf die
-Sprecherin.
-
-Wuchs sie tatsächlich neben ihm empor, oder täuschte ihn sein Auge, daß
-er ihre schlanke Gestalt plötzlich so hoch und stolz, so bärenhaft
-markig neben sich sah?
-
-Und dieses schöne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden Augen ...
-gehörten sie wahrlich seiner ernsten, träumerisch stillen Gundula? --
-
-Fester schlang er den Arm um sie, heißer noch küßte er ihre Lippen.
-
-»Schade, daß mein guter Vater dich nicht sprechen hören kann, du wärest
-wahrlich eine Schwiegertochter nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war
-in der Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, wie ihn der
-alte Wappenspruch verlangt; er hat viel Gutes getan, und wenn auch nicht
-mit gewappnetem Arm gegen die Seeräuber hier von dem Bärenhorst aus, so
-doch als moderner Mann im Reichstag und von der Ministerkanzel aus; du
-weißt, wie man sein Andenken in Ehren hält! -- Ja, ein moderner Mann! --
-Hohen-Esp bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, zu
-weltfern und unbequem, die Telegraphendrähte hatten ihr Netz allzu
-gebieterisch um ihn gesponnen. -- Da hatte er sich Schloß Walsleben für
-den Sommeraufenthalt zurechtmachen lassen, -- auch ein von den Vätern
-ererbter >heiliger< Boden, aber doch etwas behaglicher und komfortabler
-wie hier die alte Bärenhöhle! Garnison in der Nähe, flotte Kavallerie
--- elegante und distinguierte Gutsnachbarschaft -- kurzum ... man kann
-da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, diesem hübschen
-Besitz möchte ich mein wonniges Weib auch einmal zuführen! Wir waren nun
-drei Wochen hier, -- die Walslebener dürfen doch nicht eifersüchtig
-werden?!«
-
-Wie innig er sie an sein Herz drückte, wie schmeichelnd seine Stimme
-klang, wie unwiderstehlich war der strahlende und heitere Blick seiner
-Augen, welche in letzter Zeit doch oftmals recht müde und gelangweilt in
-die Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten!
-
-Ein Gefühl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, wenn sie an Scheiden
-dachte, -- wie unaussprechlich glücklich war sie hier gewesen! -- wie
-redete jedes Zimmer, jedes Plätzchen im Park von einer Zeit berauschend
-seliger, junger Liebe! -- Nie und nimmer würde sie sich in Hohen-Esp
-langweilen, und müßte sie ihr ganzes Leben hier zubringen! --
-
-An seiner Seite ... im Verein mit ihm -- wäre es nicht Paradieseswonne
-gewesen?
-
-Aber was galten ihr die eigenen Wünsche, wenn Friedrich Karl andere
-Pläne hegte?
-
-Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Kuß von seinem Munde,
-und die Bärin war wieder die willenlose Taube, welche mit demütigem
-Lächeln nickt: »So bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja
-überall schön, wo du bist!« --
-
-»Gut, -- sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! Das genügt, daß
-du dein neues Heim, die Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ...
-dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!« --
-
-»Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon letzt!«
-
-»Hierher nach Hohen-Esp?« er lachte beinahe übermütig: »Nein, meine
-kleine Schirmvogtin, diese Extratour war nur ein Beweis meines
-unbedingten Gehorsams! Du wünschtest, die Bärenburg kennenzulernen, --
-und ich war Wachs in deinen Händchen, wie ich stets im Leben sein werde!
--- Nun aber kommt die Belohnung für diesen Separatarrest, obwohl
-derselbe so süß und wonnig war, daß er seinen Lohn schon reichlich in
-sich selber trug! -- Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden und
-nimmersatte Kreaturen! Auf das schöne Exil in Hohen-Esp folgt ein noch
-schöneres in Walsleben, und wie man nach der süßen Speise noch Konfekt
-und Früchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine Spritztour gen
-Nizza, San Remo -- Monte Carlo -- -- usw. -- servieren!«
-
-»Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem Herzliebsten gegenüber
-Sklavin!«
-
-»Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen wir! -- Hurra ...
-laß uns sogleich hinab und die Befehle zum Kofferpacken geben --!«
-
-Sie hielt seine Hände fest. »Und der schöne Sonnenuntergang?« flüsterte
-sie bittend, mit einem langen, sehnsüchtigen Blick nach dem fernen Meer.
-
-»Scheint die Sonne noch so schön -- einmal muß sie untergehn!«
-rezitierte er scherzend. »Du weißt, daß ich für Naturschönheiten leider
-Gottes sehr wenig Verständnis habe, aber wenn es dir Freude macht ...
-selbstverständlich, Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schluß der
-Vorstellung hier ... Du weißt ja, die dienstbaren Geister sind gewandt
-genug im Packen, um uns morgen früh noch den Schnellzug erreichen zu
-lassen!« --
-
-»Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir! Jene graue
-Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen, ehe sie den Horizont
-erreicht ...«
-
-»Wie nett von der Wolkenwand!« --
-
-»Schäm' dich, du lieber Spötter!«
-
-»_Meine_ Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste -- dein Auge strahlt
-mir Tag und Nacht!«
-
-Sie gingen Arm in Arm -- hinter ihnen aber erlosch das leuchtende
-Tagesgestirn, -- es ward Nacht.
-
- * * * * *
-
-In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst jedes Frauenherz
-entzückt und hoch befriedigt hätte. --
-
-Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erfüllung eines jeden, selbst
-des anspruchvollsten Wunsches. Es würde die junge Frau auch beglückt
-haben, wenn sie mehr Wert auf äußeren Glanz gelegt, und Sinn für all die
-vielen, hübschen Nichtigkeiten gehabt hätte, mit welchen das moderne
-Wohlleben sich ausstattet und welche einer Reihe von müßigen Tagen einen
-scheinbaren Inhalt verleihen.
-
-Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion für Geselligkeit und alles,
-was mit derselben zusammenhing.
-
-Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett, und die reinste
-Freude, welche sie empfinden konnte, war diejenige an einer schönen
-Natur, mit all dem stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern,
-welche ihrem Schöpfer Preis und Ehre geben.
-
-Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten ein übergroßes
-Glück gefunden, war ihre Neigung für die Einsamkeit eher größer, denn
-geringer geworden, und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles
-gefunden, was sie schön und wonnig deuchte, um so weniger entsprach das
-Walslebener Schloß mit seinem eleganten Leben und Treiben ihrem
-Geschmack. Dennoch verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste
-Seufzer, wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem glücklichen
-Gesicht ihres Mannes an, daß er sich außerordentlich wohl fühlte, und
-was hätte der selbstlosen und anspruchslosen Seele Gundulas mehr
-Befriedigung geben können, als den Geliebten froh und zufrieden zu
-sehen?
-
-Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin kaum den eigenen,
-fürstlichen Besitz in Augenschein genommen, in die Nachbarschaft, um
-Besuche abzustatten.
-
-Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben weilte, drängten sich die
-Einladungen; man besuchte Feste und sah wiederum Gäste bei sich, und
-Gundula empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige
-Vergnügungshetze doch mit unendlicher Wonne, daß Friedrich Karl eine
-stolze Genugtuung darin fand, der Welt sein junges Weib zu zeigen, daß
-er sich beneidenswert und glücklich in ihrem Besitze fühlte. --
-
-Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch schöne, stille Stunden, wo
-der Geliebte ihr allein gehörte, wo er sich ihr voll zärtlicher
-Ritterlichkeit auch ausschließlich widmete!
-
-Dafür dankte sie ihm durch eine stets liebenswürdige Bereitwilligkeit,
-ihm hinaus in das laute, bunte Leben zu folgen, und als die für
-Walsleben festgesetzte Zeit abgelaufen war und der junge Graf voll
-ungeduldiger Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab sie
-gern Befehl, die Koffer zu packen.
-
-Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer durch die Welt!
-
-Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die Krankheit des Vaters
-führte sie alljährlich in dasselbe Bad, und Tante Agathe liebte es
-nicht, sich in einem »rollenden Sarge« durchschütteln zu lassen.
-
-So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genußreiche Stunden, denn
-Friedrich Karl unternahm ihr zu Liebe jede Partie und jede Promenade
-über Berg und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl er
-selbst in freimütiger Ehrlichkeit bekannte, daß er jedweder Kunst
-gegenüber Barbar sei. Dafür speiste Gundula ihm zu Liebe mit an der
-amüsanten =table d'hôte=, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte,
-machte große Toilette, wenn er es verlangte, und opferte Ruhe und
-Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas länger an dem grünen Tisch zu
-sitzen.
-
-Monte Carlo!
-
-Anfänglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch ein Höllenabgrund in
-diesem Paradiese gähnte. Sie sah voll naiver Verständnislosigkeit dem
-Spiel zu, bis es ihr allmählich klar ward, was dasselbe eigentlich
-bedeuten wollte.
-
-Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz hinein.
-
-Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut fieberischer
-Erregung immer dunkler und heißer in sein schönes Antlitz stieg, wie die
-Banknoten in seiner Brieftasche mehr und mehr zusammenschmolzen.
-
-»Herzliebster« -- flüsterte sie in sein Ohr --: »laß uns gehen -- ich
-sterbe vor Müdigkeit!«
-
-Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldstücke zusammen und bot
-ihr den Arm.
-
-»Vergib mir, =darling=! es ist in der Tat sehr spät geworden ... aber im
-Eifer des Spiels ... ich habe gar nicht daran gedacht, daß du in letzter
-Zeit immer so spät zu Bett gekommen bist.«
-
-Sie fürchtete, daß er sie heimbegleiten und noch einmal an den grünen
-Tisch zurückkehren werde, aber er tat es nicht, er sagte nur lachend:
-»Heute habe ich infames Pech gehabt! Das kommt von allem Glück in der
-Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle wieder zurück.«
-
-Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit größere Summe.
-
-»Ich muß an meinen Bankier telegraphieren,« sagte er, »unser Reisegeld
-ist auch schon futsch!«
-
-Da faßte sie flehend seine Hände, und ihre blauen Augen schauten voll
-Angst in sein schönes, sorgloses Antlitz. --
-
-»Friedrich Karl ...« flüsterte sie, »ach, laß uns fort von hier!«
-
-Er lachte hell auf und küßte sie: »Ich glaube, du hast Angst, daß ich
-uns hier bankrott spiele!« scherzte er. »Unbesorgt, du liebes Närrchen!
-Die paar tausend Franken reißen noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und
-einmal muß ich doch auch wieder gewinnen!«
-
-Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die nächsten Tage
-unaufhörlich. -- Die namhafte Summe, welche sein Bankier ihm angewiesen,
-schmolz dahin wie der Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch
-immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nervöses Lachen.
-
-»Friedrich Karl ... laß uns fort von hier!« flehte Gundula abermals, und
-diesmal rollten ein paar große Tränen über ihre Wangen und netzten seine
-Hand.
-
-Er zuckte zusammen.
-
-»Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du glaubst doch nicht
-etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt über mich, als dieser süße Engel,
-welchen ich mir selbst zum Wächter meines Glückes gesetzt habe?«
-
-Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm mit, daß mit dem
-Kurierzug am nächsten Vormittag weitergereist werden solle. So
-unbeschreiblich glücklich, wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder.
-
-Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten kein verblendeter
-und leidenschaftlicher Spieler, welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte
-mehr zugänglich war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen -- und
-diese Gewißheit beseligte sie.
-
-Die nächstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar in Saus und Braus in
-der heimatlichen Residenz. Graf Hohen-Esp machte ein glänzendes Haus,
-und da er nie im Leben gefragt hatte: »_kann_ ich mir dies oder jenes
-gestatten«, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern war sehr
-erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages eröffnete, er sei nicht
-in der Lage, noch mehr Gelder zu zahlen, da die zuständigen Revenuen
-bereits an die Adresse des Herrn Grafen abgeführt seien.
-
-»Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal kaum angefangen?« --
-staunte Friedrich Karl, die Zigarette im Mund, die Hände in den Taschen
-seines Jacketts versenkt. »Sonst war das doch sehr viel mehr?«
-
-»Herr Graf vergessen, daß das Kapital sehr abgenommen hat; die Summen,
-welche nach Monte Carlo geschickt wurden, die Ehrenschuld, welche an
-Herrn von X. -- und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde
-...«
-
-»Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen?« wunderte sich der junge
-Mann sehr gelassen, »das ist ja fatal. Aber ich muß doch momentan was
-haben! -- Vom nächsten Quartal an können wir ja manches sparsamer
-einrichten. Aber gerade jetzt muß ich so mancherlei berappen ... was
-fangen wir da an, Alterchen?« --
-
-Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln.
-
-»Sehr schwierig, Herr Graf ...«
-
-»Schnacken! -- Können Sie nicht die Schafe mal wieder scheren lassen? --
-Wir heizen ein bißchen ein im Stall!«
-
-Der Administrator lachte. -- »Dann müßten wir ihnen das Fell abziehen!«
---
-
-»Oder können Sie keinen Wald schlagen lassen?«
-
-»Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert, Herr Graf, daß da
-nichts mehr weg darf! Höchstens die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ...
-da sind starke Stämme ... die würden einen guten Ertrag geben ...«
-
-Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in sein lockiges Haar.
-»Meine Frau hat eine Leidenschaft für das alte Bärennest und den schönen
-Hochwald ... sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ... also
-ganz herunter darf das Holz nicht ...«
-
-»Würde der Förster auch gar nicht zugeben, Herr Graf!«
-
-»Was _der_ zugeben kann und will, ist mir ganz gleichgültig! Lassen
-Sie die Sache _so_ machen, daß die stärksten und schönsten Bäume
-ausgeforstet werden. Verstanden? -- um den Wald etwas zu lichten!«
-
-»Befehl, Herr Graf!«
-
-Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von Hohen-Esp klangen nach wie
-vor die Flöten und Geigen, klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn
-die Goldstücke auf dem Spieltisch, Friedrich Karl amüsierte sich,
-reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer und
-ritterlicher Gatte, wenngleich die immer blasser werdenden Wangen und
-der müde, resignierte Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher
-hervortraten.
-
-Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag gestorben, und
-während des Trauerjahres, wo man doch nicht gut die Saison mitmachen
-konnte, unternahm Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin eine
-Reise um die Welt.
-
-»Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen!« sagte
-Friedrich Karl in seiner leichten, fröhlichen Art, »da könntest du mir
-eigentlich einen Gefallen tun! Es ist momentan schwer für mich, Geld
-flüssig zu machen, -- du weißt, daß das bei Grundbesitz immer seinen
-Haken hat! Darum wäre es mir sehr lieb, du rücktest ein bißchen von
-deinem Mammon heraus, um die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du?
-Wärest auch die beste Frau der Welt!«
-
-Er küßte ihre Wangen und Hände, und sie lächelte ihr stilles, müdes
-Lächeln, schmiegte sich an ihn und nickte: »Nimm soviel du willst! Was
-soll ich mit dem Geld? Ich freue mich ja so, daß wir während der Reise
-endlich einmal uns wieder selbst angehören können!«
-
-Und er nahm Geld, -- soviel er wollte, denn die Reisekosten waren nicht
-gering.
-
-Ach, wie hatte Gundula gehofft, daß sie das Trauerjahr still und
-behaglich in der schönen Einsamkeit von Hohen-Esp verleben würden,
-endlich, endlich einmal wieder glücklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer
-Ehe!
-
-Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an, ein stetes
-Zusammenleben mit fremden Menschen, deren Mittelpunkt der schöne,
-liebenswürdige Graf ja ständig war!
-
-Reiche Engländer und Amerikaner schlugen ein Spielchen vor ... und um
-die Langeweile der endlosen Seefahrten zu lindern, spielte Friedrich
-Karl; -- manchmal mit Glück, -- meist mit recht erheblichen Verlusten.
-
-Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte er seiner blassen Frau
-so =en passant= einmal mit, daß die Reiserei doch infam teuer
-gewesen sei und ein Heidengeld verschlungen habe! Das ererbte Kapital
-sei beinahe draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ...
-und da keine Kinder da sind, für die man zu sorgen hat, ist es ja
-gleichgültig, wo es bleibt! -- Gundula hatte ohne ein Wort still vor
-sich hingenickt.
-
-Nein, es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen
-müssen!
-
-Der Graf setzte sich an den Flügel und spielte den feschen Walzer,
-welchen er jüngst zum erstenmal wieder in einem Ballsaal gehört hatte,
-und Gundula erhob sich lautlos, schritt über die weichen Teppiche nach
-ihrem kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche Antlitz
-in die Atlaskissen.
-
-Nein -- es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen
-müssen!
-
-Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde als eine ja wohl
-fatale, aber doch nicht zu ändernde Tatsache aussprach, das fraß ihr
-seit Jahren schon wie nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr
-wie ein grausames Schicksal, wie eine Bürde, unter welcher sie freud-
-und trostlos daherschlich. --
-
-Ein Sohn! -- ach, daß sie einen Sohn hätte! Wenn sie zurückdenkt an
-jene ersten, traumseligen Wochen in Hohen-Esp, mit welch einer stolzen
-Glückseligkeit sie zu den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut
-und ihnen zugeflüstert hatte: »Einen Sohn will ich euch einst zuführen,
-einen jungen Bären, furchtlos, brav und rechtschaffen, ein Schirmvogt
-der Schwachen, ein Retter der Gefährdeten, ein Edelmann in Tat und
-Wort, -- so wie ihr es gewesen seid!« --
-
-Wie glühte ihr damals das Herz in der Brust voll stolzer Begeisterung,
--- wie träumte sie mit offenen Augen einen herrlichen, goldenen Traum!
--- Wehe ihr! es ist nur ein Traum gewesen und geblieben!
-
-Kein Kind im Hause! --
-
-Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das klimpert mit
-Geldstücken und schlägt klatschend die Karten auf! --
-
-Anfänglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten Händen
-dagegen gerungen, dann aber sind diese Hände müde und matt geworden,
-ihr Herz schwer und starr, es hat nicht mehr in törichten Hoffnungen
-geglüht und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, daß das Vermögen,
-das große, gewaltige Vermögen des Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz!
-
-Für wen sollte es erhalten bleiben?
-
-Sie selber bedarf weder Glanz noch Üppigkeit, sie wird die Stunde
-segnen, wo die goldene Brücke, welche ihren Gatten in die falsche,
-bunte, treulose Welt führte, zusammenbricht.
-
-Dann muß er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts mehr zwischen
-sie drängen, dann wird sie vielleicht noch einmal in einem stillen,
-weltfernen Winkelchen glücklich sein!
-
-Glücklich?!
-
-Sie schluchzt laut auf.
-
-Wofür also sparen? -- Es ist ja kein Kind im Haus! --
-
-
-
-
-III.
-
-
-Die Zeit verging, -- für Gundula schleichend, mit bleiernen Flügeln,
-für ihren Gatten in wirbelndem Tanz.
-
-Da es der Gräfin in das Herz schnitt, unter so gänzlich veränderten
-Verhältnissen auf Hohen-Esp zu weilen, so hatte sie eigentlich darauf
-verzichten wollen, in diesem Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort
-zu reisen, da trat jählings ein Ereignis ein, welches das bleiche
-Antlitz der müden jungen Frau in schier blendende Sonnenhelle tauchte.
-
-Anfänglich wagte sie es kaum, an ihr verspätetes Glück zu glauben, ihr
-Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre Seele jauchzte in Hoffnung,
-und auf ihren Wangen blühten wieder Rosen auf, ihre Lippen lächelten
-wie im Traum. Friedrich Karl beobachtete überrascht und erfreut die
-sichtliche Veränderung seiner sonst so resignierten Frau, und als er
-sich eines Tages sogleich nach dem Diner mit scherzenden Worten und
-einer kleinen Galanterie über ihre leuchtenden Augen und blühenden
-Wangen zurückziehen wollte, -- da hielt sie sanft seine Hände fest,
-führte ihn nach ihrem dämmrig stillen Salon und warf sich voll bebender
-Erregung an seine Brust.
-
-»Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und frägst doch
-nicht nach der Ursache, welche mich neu aufleben läßt in übergroßer
-Seligkeit?«
-
-Überrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf dem Diwan Platz
-und murmelte betroffen: »Ich verstehe dich nicht, Gundula ... hast du
-etwa das große Los gewonnen?«
-
-Sie lachte unter Tränen. »Nur das große Los? Ach, was bedeutet alles
-Geld und Gut der Welt gegen unser Glück?!«
-
-Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schönen Haupt. »Sprich, Liebling
-... foltere mich nicht!«
-
-Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm und flüsterte ihm
-ein paar Worte in das Ohr.
-
-»Gundula!« -- schrie er beinahe auf: »Gundula -- ist das Wahrheit? --
-Uns sollte ein Erbe geboren werden -- ich sollte noch ein Kind auf den
-Armen wiegen?«
-
-Er sprang empor, er stürmte im Zimmer auf und nieder, und dann bedeckte
-er ihre Hände, ihr verklärtes Gesicht mit brennenden Küssen.
-
-»Ja, das ist ein unerwartetes Glück, Gundula!« jubelte er, »nun ist ja
-dein heißester und sehnlichster Wunsch erfüllt!« --
-
-»Und der deine nicht auch?«
-
-Wie ein Erbleichen ging es über sein erhitztes Gesicht, er sah sie
-nicht an, sondern preßte die Wange gegen ihre Hand.
-
-»Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir gleichgültig sei, ob
-die Hohen-Esps aussterben oder nicht! Neun Jahre lang hatte ich
-mich freilich an diesen Gedanken gewöhnt ... ich rechnete mit jeder
-Möglichkeit, nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!«
-
-Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch über die perlende
-Stirn, dann lachte er abermals hell, beinahe übermütig auf und fuhr
-fort: »Ja, nun müssen wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp
-fahren, damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und
-Allongeperücke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze Glück erzählen
-kannst, daß ihnen ein Urenkel geboren werden soll, daß Gräfin Gundula
-der alten Bärenburg für einen jungen Bären sorgen will!« --
-
-»Und wenn es eine Bärin ist?«
-
-»Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hüten«, lächelte er galant,
-und dann küßte er die Lippen seiner Frau und setzte die elektrische
-Klingel in Bewegung, um dem Diener zu sagen, daß er heute abend zu
-Hause bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden mit der
-Meldung, daß der Herr Graf heute verhindert sei zu kommen. --
-
-Gundula aber faltete die bebenden Hände und schloß lächelnd die Augen
-... kam es noch einmal zurück, das Glück, das große, märchenhafte Glück
-von ehemals? -- --
-
--- -- -- Als der Gräfin lächelndes Antlitz sich zum Schlaf in die
-Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl ruhe- und rastlos in seinem
-Zimmer auf und nieder.
-
-Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen Brief, welcher den
-Administrator anwies, sofort dem Abholzen der Hohen-Esper Waldungen
-Einhalt zu tun.
-
-Er hatte sich in sehr mißlicher Lage befunden und nach kurzem Kampf
-den Befehl gegeben, die herrlichen Buchenwaldungen um die Burg herum
-schlagen zu lassen, -- hatte doch Gundula geäußert, daß sie keinen
-Aufenthalt wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schämte sich vor all
-den Ahnherren im Saal, daß sie ihnen noch immer keinen Stammhalter
-zuführen könne!
-
-Das war nun anders geworden!
-
-Jetzt, nach neunjähriger Ehe! Wer hätte das gedacht!
-
-Nun war Gundulas Liebe für den alten Ahnensitz neu entflammt, und auf
-keinen Fall durfte sie die Verwüstungen in ihren geliebten Wäldern
-erblicken!
-
-Das war ein recht fataler Zwischenfall!
-
-Was sollte er nun beginnen?
-
-Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden, ach, Gundula ahnte
-es nicht, _wie_ schlecht!
-
-Er mußte absolut eine bedeutende Summe flüssig machen, um eine
-Spielschuld zu bezahlen!
-
-Infam! er hatte während der letzten Zeit so viel Pech gehabt, und wenn
-er einmal gewann, so rannen die Dukaten wie Wassertropfen durch die
-Finger! Es ist seltsam, daß in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt!
-
-Es wäre auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene Geld angelegt
-hätte, anstatt es jedesmal zu verjubeln, ... aber du liebe Zeit! Für
-wen hätte er sparen sollen! Wie konnte er ahnen, daß noch einmal Kinder
-kommen würden!
-
-Je nun, das muß jetzt alles anders werden. Er wird diese eine
-Spielschuld noch bezahlen und dann mit allem Ernst danach trachten,
-seine Verhältnisse wieder zu arrangieren! Er muß noch eine Hypothek
-auf Hohen-Esp aufnehmen!
-
-Walsleben, Mönchhagen und Gottern sind bereits derart belastet, daß er
-mit diesen Gütern kaum noch rechnen kann, und das Kapital ist lange
-verbraucht, ebenso das Erbe seiner Frau!
-
-Friedrich Karl stöhnt leise auf, schlägt die Hände vor das Antlitz und
-sinkt in einen Sessel nieder.
-
-Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist wie verklärt --
-ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Glückseligkeit!
-
-Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im ersten Rausch der
-Überraschung tat auch er es! -- gewiß! -- welch eines Mannes Herz
-schwellt nicht Stolz und Genugtuung, wenn er Vater werden soll!
-
-Ja, er freute sich wie ein Trunkener, -- ohne jede Überlegung, -- die
-rührende Ergriffenheit seiner guten Frau steckte auch ihn an!
-
-Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei nüchterner Überlegung,
-da schleicht sich in dieses Glücksgefühl eine beklemmende Angst, die
-sorgende Frage: was soll aus dem Kind werden?
-
-Wie willst du es ernähren? Von was einst standesgemäß unterhalten?
-
-Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater fragt: »Wo blieb das
-Erbe meiner Väter?« Welch ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf
-Friedrich Karl will ihn nie hören, -- nie! -- Er will, er muß es wieder
-einbringen, was er vergeudet hat! --
-
-Aber wie? --
-
-Je nun, das Glück kann ihm nicht immer den Rücken kehren, einmal muß er
-doch wieder mit Erfolg spielen, und dann wird er jeden Gewinn anlegen
-und sein Vermögen ersetzen. All die Herren, welche durch ihn reich
-geworden sind, müssen ihm Revanche geben, sie müssen es, wenn sie
-Ehrenmänner sind!
-
--- Der Graf sprang ungestüm auf und sah nach der Uhr.
-
-Sind sie noch im Klub versammelt?
-
-Nein, -- es ist zu spät.
-
-Aber morgen! -- morgen! --
-
-Und am nächsten Tage spielte er voll nervöser Leidenschaft, hitziger,
-aufgeregter, wie je.
-
-Und er gewann!
-
-Sein Kopf brannte! Wie unsinnig vor Freude stürmte er zu dem Bankier
-und legte das Geld an! -- Und dann hatte er noch eine Chance!
-
-Der Herzog war entzückt von seinem Viererzug schönster Rappen, welchen
-er gern seiner jungen Schwiegertochter, der Prinzessin Margarete, zum
-Geschenk machen wollte.
-
-Prinz Georg, welcher mit Hohen-Esp unterhandelte, bot eine enorme
-Summe, aber die Eitelkeit des Grafen litt es nicht, daß er sich von
-seinen berühmten Pferden trennte. Das war jetzt anders geworden.
-
-Er mußte für seinen Sohn Kapital machen! Noch an demselben Tage
-verkaufte er die Rappen, und das Geld brachte er abermals auf die Bank!
-
-Welch ein Vergnügen ihm das bereitete! Es war etwas so Neues für ihn,
-zu sparen!
-
-Vorläufig schaffte er auch keine anderen Pferde wieder an. Er kündigte
-dem zweiten Kutscher, und freute sich, wieviel er dadurch ersparte, --
-den Unterricht für den anspruchsvollen Engländer und vier Rationen! --
-
-Er muß weiter überlegen, wie und wo er sparen kann, ohne daß Gundula es
-merkt, denn ein Gefühl der Scham hält ihn plötzlich davon ab, seiner
-Frau einzugestehen, wie gewissenlos er bisher gewirtschaftet hat. --
-
-Und er spart und legt an ... und dann schlägt das Glück einmal wieder
-um und er muß alles wieder von der Bank abholen, um die Spielschulden
-abzutragen!
-
-Es ist ein qualvoller Kampf, ein Auf und Nieder, ein Wasserschöpfen mit
-dem Sieb!
-
-Aber Graf Friedrich Karl kämpft voll zäher Beharrlichkeit, er denkt
-an seinen Sohn! Und er sorgt und müht sich immer leidenschaftlicher
-und nervöser, je mehr er es beobachtet, wie in Gundulas Wesen eine
-wunderbare und auffällige Veränderung vor sich geht. --
-
-Wie in langem Staunen haftet sein Blick oft verstohlen auf der Gräfin.
-
-Ist dies dieselbe resignierte, müde, sanfte und gleichgültige Frau
-von ehedem, welche auf all seine Wünsche nur ein selbstloses: »wie
-du willst!« hatte, welche mit gesenktem Haupte einherschritt,
-interessenlos, und so matt und scheu, wie eine weiße Taube, welcher ein
-Sturm die Schwingen brach?
-
-Ist dies dieselbe Gundula, welche zu ihrem eigenen Schatten geworden
-war? --
-
-Jetzt ist es, als ob ein Steinbild endlich zum Leben erwacht sei!
-
-Ihre Gestalt wächst hoch und kraftvoll empor, ihr Haupt hebt sich stolz
-und selbstbewußt auf den Schultern, und all ihre Bewegungen haben etwas
-Festes, Sicheres, wie er es nie zuvor an ihr gekannt!
-
-Die sanften Taubenaugen blitzen in sieghafter Freude, die Lippen
-lächeln und sprachen doch nie energischere Worte wie jetzt!
-
-Tante Agathe kommt zum ersten Male zu kurzem Besuch und weinte Tränen
-der Freude über das Glück ihres Lieblings.
-
-Als sie Gundula so gänzlich verändert schalten und walten sieht,
-nickt sie leise vor sich hin. Wie ein Echo ziehen die Worte ihres
-verstorbenen Bruders durch ihren Sinn --: »wenn aber erst die junge
-Brut in der Höhle liegt, dann wird aus dem sanften, indolenten Weibchen
-eine gar trotzige, wehrhafte Bärin!« --
-
-Ja wahrlich! -- auch Gundula wird eine solche Bärin sein! --
-
-Auf dringenden Wunsch der Gräfin siedelte die Haushaltung nach
-Hohen-Esp über und verblieb den ganzen Sommer daselbst, denn wie
-Gundula scherzend sagte: »sollte der junge Bär in seiner angestammten
-Höhle geboren werden!« --
-
-Graf Friedrich Karl leistete seiner Gemahlin tagelang Gesellschaft,
-dann trieb es ihn wieder voll rastloser Ungeduld in die Residenz
-zurück; er kam und ging -- er schweifte ruhelos zwischen dort und hier,
-und dabei ward er immer nervöser, immer blasser und elender, und sah
-schließlich so ernstlich krank aus, daß es Gundula auffiel und sie
-besorgt nach der Ursache fragte.
-
-Er lachte und versuchte voll unsicherer Heiterkeit zu scherzen. »Ich
-werde noch die Ankunft des neuen Herrn und Gebieters abwarten, und
-alsdann ein paar Wochen in ein Bad reisen; der Doktor meint, es sei
-eine verschleppte Erkältung, dafür ist Luftwechsel gut!«
-
-Früher hatte die Gräfin nie an einem Wort ihres Mannes gezweifelt,
-jetzt plötzlich hatte ihr Auge etwas so seltsam Forschendes und
-Durchdringendes, daß Friedrich Karl ihrem Blicke auswich.
-
- * * * * *
-
-Und die Wochen vergingen ... und auf der Burg Hohen-Esp wurde ein Sohn
-geboren. Ein Sohn! -- wie ein zitternder Jubelschrei rang es sich von
-den Lippen der jungen Mutter. Nun lag der heißersehnte kleine Bär in
-ihrem Arm, und die alten Bilder von der Wand schauten mit wundersam
-lebendigem Blick auf sie nieder und lächelten ihr zu.
-
-Hub nicht ein freudiges Brummen und Raunen in allen Ecken an? --
-
-Trappten nicht die mächtigen steinernen Bären vom Burgtor herauf, die
-Wappenschilde in ihren Pranken vor dem jungen Bärlein in den weißen
-Kissen zu neigen?
-
-Stampfte und schlurrte es nicht aus allen Winkeln und über alle
-Stiegen heran, der lange Zug aller jener zottigen Gestalten, welche
-seit Jahrhunderten hier in der Burg ihre stille Wacht gehalten und auf
-den jungen Sprossen gewartet haben, welcher künftighin ihr Herr und
-Gebieter sein soll, der Bär von Hohen-Esp? --
-
-Welch ein Jubel und Glück im ganzen Hause! Nur der Vater des jungen
-Erben hält seinen Sohn mit zitternden Händen, und die Fieberglut auf
-seiner Stirn wechselt mit fahler Blässe. --
-
-Sind es Tränen oder ist es perlender Schweiß, was langsam über seine
-fahlen Wangen rinnt? Alles schläft in der Burg -- mit lächelnden Lippen
-und wohligem Behagen, -- nur Graf Friedrich Karl wandelt ruhelos,
-selber einem Gespenst gleich, durch die weiten, hallenden Räume. Er
-findet keinen Schlaf.
-
-Vor ihm schweben zwei große blaue Kinderaugen, die schauen ihn ernst
-und vorwurfsvoll an, als ob sie ihn richten wollten, und ein kleiner
-Mund fragt wieder und immer wieder: »Wo blieb das Erbe meiner Väter,
-welches sie dir zu Lehn hinterließen, auf daß du es für deinen Sohn
-treu und rechtschaffen verwalten solltest?« --
-
-Wie Donnerhall brausen die Worte in seinen Ohren, ob er auch qualvoll
-die Hände dagegenpreßt und laut aufstöhnt: »Wie konnte ich noch auf
-einen Sohn rechnen! Ich war mir keiner Verpflichtung bewußt, weil mir
-kein Erbe geboren wurde!«
-
-Diese leise Stimme aber fährt erbarmungslos fort: »Rechne nach! Noch
-ehe du ein Weib genommen, noch in den ersten, hoffnungsreichen Jahren
-deiner Ehe schwand das Kapital dahin, ward das Fundament gelockert, auf
-welchem jetzt der morsche Bau zusammenbricht! Rechne nach! wo blieb das
-Erbe meiner Väter?!« --
-
-Graf Friedrich Karl sank schwer in einen Lehnstuhl nieder.
-
-Er brauchte nicht nachzurechnen, -- er wußte, wo das Geld geblieben
-war, -- ach, er wußte es nur zu genau.
-
-Vor seinen Augen schimmert grünes Tuch, blinken rollende Goldstücke. --
-
-O furchtbare Antwort, welche er einst seinem Kinde geben muß! --
-
-Wie Folterqualen peinigt sie schon jetzt sein Herz. --
-
-Er erträgt diese Qual bitterster Selbstanklage nicht! -- Er muß
-wiedergewinnen, was er vergeudete, er muß den drohenden Ruin abwenden,
-er _muß_ es, wenn er noch den Mut haben soll, Weib und Kind in die
-Augen zu schauen! -- --
-
-Seine Hände wühlen aufgeregt in den Papieren auf dem Schreibtisch.
-
-Der Administrator hat ihm die Abrechnungen geschickt, ... es gibt
-nichts mehr abzurechnen, und die Gläubiger drängen ... und die Termine
-laufen ab. --
-
-Was tun? --
-
-Die Herren, mit denen er den Winter über spielte, welche ihm
-außerordentliche Summen abgenommen und durch sein Vermögen reich
-geworden, haben sich zurückgezogen. Sie leben auf Reisen, -- sie haben
-sich auf ihre Besitzungen begeben.
-
-Es bleibt keine andere Möglichkeit, keine andere Hoffnung, als wie
-Monte Carlo. Er will noch das Letzte zusammenraffen, was er besitzt,
-und will =va banque= sagen!
-
-Nur warten muß er, bis sein Weib genesen ist, bis sie ... jede
-Nachricht aus dem Höllenpfuhl jenes Spielernestes ertragen kann!
-
-Er hat seinen Sohn zum Bettler gemacht, aber _alles_ kann und darf er
-ihm nicht nehmen, die _Mutter_ muß er ihm lassen!
-
-Also warten, ... warten! --
-
-O, welch martervolle Wochen werden das sein!
-
-Wenn es ein Fegefeuer gibt, so wird er es in diesen Wochen kennenlernen.
-
-Und er lernte es kennen! --
-
-Er saß mit hämmernden Pulsen und eiskalten Händen an Gundulas Lager,
-er sah in ihr Antlitz, welches alle Himmelswonnen junger Mutterschaft
-spiegelte, er hörte mit krampfhaftem Lächeln all die seligen
-Zukunftspläne an, welche sie für des Kindes und ihr eigenes Geschick
-schmiedete. Ja, sie wollten glücklich sein! --
-
-Nun waren ja ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt, nun lag der Sohn in
-ihren Armen, welcher das alte Geschlecht zu jungem Glanz und junger
-Herrlichkeit aufblühen wird! --
-
-Und die Gräfin drückte seine Hände voll unaussprechlicher Liebe
-zwischen den ihren und blickte ihm wieder in die Augen wie damals
-... vor Jahren ... als er sie im Arme hielt und dem bräutlichen
-Weib gelobte, »ich will alles tun, dich glücklich zu machen!« -- O
-meineidiger, wortbrüchiger Gesell, der er ward!
-
-Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgenschöne Glück
-zertrümmert!
-
-Wahrlich, hat er es?
-
-Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort mit dem Schicksal
-sprechen, noch kann alles wieder gut werden ... ach, so gut! -- Und
-er flüstert ihr mit heiserer Stimme zärtliche Worte ins Ohr und wiegt
-seinen Knaben auf den Armen.
-
-Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht!
-
-Wahrlich niemand?
-
-Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte gekommen,
-blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich prüfend in das
-fahle Angesicht.
-
-Ahnt sie, wie es um ihn steht?
-
-Warum nicht?
-
-Daß seine Verhältnisse zerrüttet sind, pfeifen in der Residenz die
-Spatzen vom Dache. Wie _trostlos_ sie sind, weiß man freilich noch
-nicht. --
-
-Der Tag kommt, an welchem der junge Bär von Hohen-Esp getauft werden
-soll.
-
-Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen Entzücken der Gräfin
-hat man von jeder Festlichkeit Abstand genommen.
-
-Im allerkleinsten Kreise, -- nur von den Eltern, Tante Agathe und dem
-jungen Pastor aus dem nächsten Dorfe, bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt
-ist, wird das Kind über die heilige Taufe gehalten.
-
-Wie schön sieht Gundula aus!
-
-Ihre Figur ist voll, kräftig, schier königlich geworden.
-
-Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich einher, wie
-noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit auf ihrem Angesicht, ein
-Ausdruck in ihren Augen, welcher beweist, daß Gräfin Hohen-Esp in all
-ihrem strahlenden Glück ein demütiges und frommes Weib geblieben. --
--- --
-
-»Guntram Krafft« hat man den Knaben getauft, und der Prediger hat
-über ihm die Hände gefaltet und gebetet, daß dieses Kind dereinst in
-Wahrheit ein Schirmherr und Schutzvogt für alle sein möge, welche
-unter seine starke Hand gestellt sind, daß er, ebenfalls furchtlos und
-treu wie seine Ahnherren, die »Kraft«, welche ihm den Namen gibt, in
-den Dienst seines Gottes und seiner Nächsten, für Fürst und Vaterland
-stellen möge, daß auch er über den Inhalt seines Lebensbuches die
-Devise schreiben möchte, unter welcher seine Väter Taten getan:
-
- »Christe Kyrie --
- Zu Lande und See --
- Ein Schirmherr der Not --
- Das walt' Herregott!«
-
-Nie hatte Gundula geglaubt, daß ihr so sehr lebensfroher,
-oberflächlicher Gatte von einer heiligen Handlung derart ergriffen sein
-könne!
-
-Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme auf den Grafen,
-welcher kaum imstande war, seine Erregung zu meistern. Und wie bleich,
-wie leidend, wie nervös sah er aus! Kaum, daß er den Knaben halten
-konnte, so bebten ihm die Hände.
-
-»Du bist krank, Friedrich Karl,« flüsterte ihm Gundula besorgt zu, als
-sie sich an seine Brust lehnte: »jetzt sehe ich erst, wie schlecht du
-aussiehst! Fühlst du Schmerzen -- hustest du etwa?«
-
-Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. »Die Geburt eines Sohnes ist
-ja für den Vater jedesmal sehr angreifend, doch geht es mir, den
-Umständen nach, immer noch sehr gut! Eine kleine Luftveränderung, -- die
-wird alles wieder gutmachen!«
-
-»O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir geht es so
-ausgezeichnet, daß du nun um unsertwillen nicht mehr zu zögern
-brauchst!«
-
-»Ich gedachte übermorgen nach San Remo zu fahren! Möchtest du mich
-nicht begleiten? Fühlst du dich wohl genug? -- Unserm Jungen macht Tante
-Agathe derweil die Kur!«
-
-Sie schüttelte das Haupt und errötete. »Undenkbar! Du vergißt, daß ich
-selber die Amme unseres Lieblings bin! Auch bist du ungenierter, wenn du
-auf niemand Rücksicht nehmen mußt! Also übermorgen! -- und wie lange
-bleibst du?«
-
-»Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein braves Weib, daß ich bald
-frisch genug sein werde, um heimkehren zu können! Ach, Gundula, -- du
-glaubst nicht, wie gern ich wieder bei euch sein möchte!«
-
-Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das Haupt schwer auf
-die Schulter.
-
- * * * * *
-
-Er reiste, -- und Gundula stand droben auf dem Söller des Turmes und
-blickte dem entschwindenden Wagen nach.
-
-Sein weißes Taschentuch flatterte noch lange zurück, so lange, bis die
-mächtigen Waldungen den Weg deckten.
-
-»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!« zog es voll wehmütiger
-Sehnsucht durch den Sinn der Gräfin, als sie hinaus in die herbstlich
-stille Gegend blickte, über welcher ein kühler Seewind brauste und die
-dunklen Schatten eilenden Gewölks strichen. Regentropfen fielen kalt und
-schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter ihrem kühlen Kuß.
-
-Mit weißen Schaumkämmen grüßten die fernen Meereswogen herüber, und
-welke Blätter wirbelten von den drei Linden, welche den Burghof
-beschatteten, zu ihr empor.
-
-Ein niegekanntes Gefühl unbeschreiblicher Trauer überkam Gundula, es war
-ihr plötzlich zu Sinn, als könne es nie wieder licht und hell auf dieser
-Welt werden, als sei die Sonne für ewige Zeiten für sie untergegangen.
-Wie in jäher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, in welcher
-der Wagen verschwunden war, aus.
-
-»Friedrich Karl!« -- rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen --
-»Friedrich Karl!«
-
-Der Wind verwehte den Klang, -- das bunte Laub rauschte auf und fegte
-raschelnd über die Fliesen.
-
-Keine Antwort. -- Sie preßte die Hand gegen das zitternde Herz und
-schüttelte jählings den Kopf.
-
-»Was ficht mich plötzlich an? Ich bin noch nervös und schwach, da nimmt
-man alles so schwer! -- Wie oft ist Friedrich Karl in den letzten Jahren
-verreist, kaum daß ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir sein
-Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht übermannen? -- Das
-ziemt sich nicht für eine Bärin, die ihr Junges säugt, auf daß sie es
-zum Helden mache!« -- und mit schnellem Lächeln um die erblaßten Lippen
-wandte sich die junge Mutter, um hastig das Zimmer ihres Kindes zu
-erreichen. Da lag der kleine Guntram Krafft in seiner wunderlichen,
-uralten Wiege, in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter
-der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. Aus dunkelgebräuntem,
-wurmstichigem Holz lag sie plump und ungefüge auf den breiten Kufen.
-
-Zwei kleine geschnitzte Bären ruhten auf denselben und stützten die
-Bettstatt, dieweil ein großer, hölzerner Bär hinter derselben stand und
-mit erhobenen Pranken die grünen Vorhänge hielt.
-
-Blühend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft in den Kissen, und voll
-aufquellender Zärtlichkeit neigte sich Gundula und blickte in das
-Antlitz des Kindes, welches sich in leisem Weinen verzog.
-
-Die kleinen Hände griffen unruhig in die weißen Linnen, und in jähem
-Aufschluchzen öffnete er die Augen mit angstvollem Blick. Da legte sich
-die kühle, ruhige Hand der Mutter auf sein Köpfchen.
-
-»Schlaf, kleiner Bär! schlaf ein!« lächelte sie. »Fürchtest du dich,
-weil dein Vater von uns ging? -- Bist drum noch nicht verlassen! Deine
-Mutter hält treue Wacht bei dir!«
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Acht Tage waren vergangen.
-
-Aus San Remo hatte ein Brief die glückliche Ankunft des Grafen gemeldet.
-
-Gundula hatte die Zeilen verschiedentlich durchgelesen und jedesmal das
-Empfinden gehabt, daß dieselben sehr wirr und unklar waren.
-
-So schrieb wohl ein Fieberkranker!
-
-Besorgt gab sie Tante Agathe den Brief zu lesen. Diese saß lange und
-blickte schweigend auf das Schriftstück nieder.
-
-Bedächtig nickte sie vor sich hin, und ihr gutes altes Gesicht trug
-einen wundersamen Ausdruck.
-
-»Ich glaube nicht, daß er krank ist, -- wenigstens nicht körperlich
-krank!«
-
-»O, ein seelisches Leiden wäre noch schlimmer!«
-
-»Gott sei es geklagt!«
-
-»Was glaubst du, was ihm fehlt?« forschte die Gräfin beunruhigt.
-
-»Geld!« antwortete die alte Dame lakonisch.
-
-Gundula lachte leise, wie von jäher Angst erlöst.
-
-»Nun, solch ein Manko ließe sich am ersten verschmerzen!«
-
-»Du glaubst?«
-
-Die junge Mutter blickte heiter in das bekümmerte Gesicht der
-Sprecherin, beinahe übermütig dehnte sie die blühenden Arme.
-
-»Ja, Tantchen! Du weißt, daß ich das kostspielige Leben in der großen
-Welt nie geliebt habe! Wenn Friedrich Karl die Mittel fehlen, seine
-Unkosten zu bestreiten, ist er gezwungen, mit uns in dieser wonnigen
-Einsamkeit zu bleiben! Wir werden endlich für uns leben und glücklich
-sein!«
-
-»Ahnst du, daß die Verhältnisse deines Mannes sehr derangiert sind?«
-
-Gundula zuckte gleichgültig die Achseln: »Das müßte ich mir eigentlich
-an den fünf Fingern abzählen können! Nach den ungeheuren Ausgaben,
-welche er seit Jahren hatte, muß auch das größte Kapital
-zusammenschmelzen! Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem
-seinen besagen? Die Güter sind ja wundervoll, ein paar Jahre solide
-gelebt und gespart -- und das Defizit ist bald ersetzt!«
-
-»Die Güter sind leider kein Majorat! Nicht einmal der Besitz von
-Hohen-Esp ist der Familie dauernd gesichert!«
-
-Erstaunt blickte Gundula auf.
-
-»Du irrst, Tante!«
-
-»Doch nicht! -- Als das Majorat seit drei Generationen nur noch auf zwei
-Augen stand, wurde es leider Gottes durch den Großvater deines Mannes
-abgelöst, um die Güter eventuell auch auf Töchter vererben zu können.
-Wie dies möglich war, ist uns heutzutage ein Rätsel, in den schweren
-Jahren der Befreiungskriege war jedoch nichts unmöglich, und der alte
-Hohen-Esp nahm eine sehr einflußreiche Stellung bei Hofe ein. Sein
-einziger Sohn, welcher bereits in der Mitte der dreißiger Jahre stand,
-blieb nach der Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte
-voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich immer mehr
-Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen Feuer tödlich getroffen
-vom Pferd stürzen sahen, so war man schließlich von seinem Ableben
-überzeugt, und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen und
-für seine beiden Töchter den ungeheuren Grundbesitz zu sichern, da kein
-männlicher Erbe mehr in der Familie vorhanden war. -- Es gelang ihm, das
-Majorat abzulösen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht, sehr
-plötzlich während einer Cholera-Epidemie. Dieselbe raffte auch die
-jüngste seiner noch unvermählten Töchter dahin. -- Ganz plötzlich, als
-schon die älteste, verheiratete Tochter den Besitz angetreten hatte,
-erschien der totgeglaubte Bruder wieder daheim. Er war durch einen
-Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang in einem
-englischen Barackenlager verpflegt und dann mit einem Transport nach
-London geschafft.
-
-Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine Zunge gelähmt hatte
-und sein Geist während langer Zeit getrübt blieb, ahnte man weder Namen
-noch Heimat des Unglücklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten,
-daß er in jenen überfüllten Baracken überhaupt noch am Leben blieb und
-endlich -- wenn auch nach Jahren erst -- völlig geheilt ward.
-
-Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils große
-Bestürzung hervor.
-
-Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte im Krieg den Gatten
-verloren, -- ihr Vermögen war aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder groß.
-Mußte sie dem Bruder das große, väterliche Erbe zurückgeben, so war sie
-eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Prozeß, falls man ihr den Besitz
-streitig machen wolle. --
-
-Der Bruder schlug eine gütliche Einigung vor, und man kam überein, den
-immerhin ungeheuren Besitz zu teilen.
-
-So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an den Bruder zurück.
-
-Dieser vermählte sich mit einer ebenfalls reichen Erbin, und da er nur
-einen einzigen Sohn besaß, unterließ er es in unbegreiflichem
-Leichtsinn, das Majorat wiederherzustellen. Auch dem Vater deines Mannes
-wurde nur der eine Sohn geboren, und abermals unterblieb es, die
-Erbfolge zu sichern.«
-
-»Wie genau du Bescheid weißt, Tante Agathe!« murmelte Gundula, welche
-aufmerksam gelauscht hatte --, »nun ... fürerst ist ja Guntram Krafft
-auch der einzige, und ich denke, seine Güter werden ihm nie streitig
-gemacht!«
-
-Die alte Dame machte eine beinahe ungeduldige Bewegung.
-
-»Die Güter sind durch Friedrich Karl bis auf das Äußerste verschuldet!«
-sagte sie herb, »und ich fürchte, du wirst dein väterliches Vermögen
-völlig zusetzen müssen, um wenigstens das eine oder andere zu
-entlasten.«
-
-Alles Blut wich aus dem Antlitz der Gräfin.
-
-»Davon hat mir mein Mann nie ein Wort gesagt --!«
-
-»Unverantwortlich!« --
-
-»Herr mein Gott!... und mein Vermögen ...«
-
-»Vollende!« --
-
-»O, Tante Agathe!« --
-
-»Es ist bereits verbraucht?«
-
-Gundula krampfte die Hände ineinander und nickte stumm mit dem Kopf.
-
-»Ich erwartete es kaum anders!« murmelte die alte Dame mit bitterem
-Lächeln.
-
-Da hob die Herrin von Hohen-Esp jäh das Haupt und starrte sie in
-atemlosem Entsetzen an. --
-
-»Wenn dem wahrlich so ist -- wenn die Güter verschuldet -- das Kapital
-verbraucht und Friedrich Karl nicht fähig ist, sich zu arrangieren, --
--- was wird dann aus meinem Sohn?«
-
-Das klang wie ein Aufschrei.
-
-Das alte Fräulein von Wahnfried preßte herb die Lippen zusammen.
-
-»Das Opfer väterlichen Leichtsinns, eine verlorene Existenz, welcher vom
-Spielteufel das Schicksal diktiert ward!«
-
-»Tante Agathe!« --
-
-Gräfin Hohen-Esp faßte den Arm der Sprecherin, ihr Antlitz ward bleich
-wie der Tod.
-
-»Das wäre ... das wäre ein Verbrechen von Friedrich Karl!« ... stöhnte
-sie auf und schlug wie in jähem Entsetzen die Hände vor das Antlitz.
-»War ich denn mit Blindheit geschlagen, daß ich nicht mehr sah, was
-um mich her vorging? Habe ich die ganze furchtbare Zeit verträumt und
-verschlafen, daß ich nicht ahnte, zu welch einem Dasein ich mein Kind
-geboren? Aber nein! nein! -- tausendfach nein! Es kann, es darf ja
-nicht so sein! -- Du bist falsch unterrichtet, Tante Agathe, man hat
-meinen Mann verleumdet! Es ist nicht so schlimm, es _kann_ nicht so
-schlecht mit ihm stehen, sonst wäre er nun und nimmermehr nach San Remo
-gefahren -- -- --«
-
-»Er ist nach Monte Carlo gefahren!«
-
-»Monte Carlo?« -- Gundulas Augen flammten.
-
-»Undenkbar! -- woher weißt du das?« --
-
-»Ich sehe es aus diesem Brief ... und ich habe Menschenkenntnis genug,
-um einen Mann wie Friedrich Karl richtig zu beurteilen!«
-
-»Tante!« --
-
-Gundula taumelte einen Schritt zurück und preßte die Hand gegen das
-stürmende Herz -- »Du hast stets so hart und unbarmherzig über meinen
-Mann geurteilt ...« -- sie unterbrach sich und horchte auf.
-
-Drunten, auf dem holperigen Pflaster des Burghofs klang Hufschlag.
-
-»Kommt er zurück?«
-
-Agathe war an das Fenster getreten, ihre hohe, kraftvolle Gestalt schien
-zusammenzuzucken.
-
-»Der Administrator!« --
-
-»Der Administrator? -- Was will der hier in Hohen-Esp ... bei mir ... zu
-solch ungewohnter Zeit?« --
-
-»Ich werde ihn sprechen ...«
-
-»Nein! bleib! er soll hierherkommen!« und schon hatte Gundula das
-bleigefaßte Fenster hastig geöffnet und rief durch den Herbststurm in
-den Hof hinab:
-
-»Ich bitte Sie, sogleich heraufzukommen, Herr Werner!«
-
-Der alte Mann schrak zusammen, starrte mit verstörtem Blick empor und
-stotterte »Zu Befehl, gnädige Frau!«
-
-Dann gab er noch kurzen Befehl, das dampfende Pferd genügend abzureiben,
-und wuchtete auf seinen schweren Reitstiefeln über die Steinfliesen nach
-der Treppe.
-
-Wenige Minuten später stand er auf der Schwelle, und Gundulas Blick
-starrte ihm forschend entgegen.
-
-Wie blaß und hohläugig der alte Getreue aussah, wie seine Gestalt
-zusammensank, und wie kummervoll und mitleidig sein Blick die Gebieterin
-traf.
-
-»Verzeihen Frau Gräfin ...« stammelte er, »wäre es wohl vergönnt, daß
-ich mit dem gnädigen Fräulein von Wahnfried ein paar Worte allein
-sprechen kann?« --
-
-Wie ein eisiger Schauer kroch es nach Gundulas Herzen, aber sie richtete
-sich auf und schüttelte den Kopf. --
-
-»Es gibt keine Geheimnisse vor mir! sprechen Sie ... was gibt es?!«
-
-»Frau Gräfin sind noch leidend ...«
-
-»Nein, nein! ich bin kräftig und gesund! -- Haben Sie so schlechte
-Nachrichten zu bringen, daß Sie fürchten, mir schaden zu können?« --
-
-Die Sprecherin nahm sich zusammen, so ruhig und fest wie sonst zu reden,
-aber auf ihre Wangen traten zwei brennend rote Flecke, und die Hände
-krampften sich fester um die Stuhllehne: »Sie haben über mißliche
-Geldverhältnisse zu berichten?«
-
-Der alte Mann senkte den Blick.
-
-»Auch das, Frau Gräfin!« --
-
-»Es steht sehr schlecht um die Güter meines Mannes?«
-
-»Sehr, sehr schlecht, Frau Gräfin!«
-
-»Hoffnungslos und trostlos?«
-
-Werner zögerte. -- »Das wäre noch nicht das Allerschlimmste, Frau
-Gräfin!«
-
-Da schrak ihre schlanke Gestalt empor.
-
-»Nicht das Allerschlimmste?! Was heißt das?!«
-
-Agathe trat an ihre Seite und legte liebevoll den Arm um sie.
-
-»Geh zu deinem Sohn, Gundula! Mich deucht, er weint! Ich spreche mit
-Herrn Werner und teile dir nachher alles mit!«
-
-Die Gräfin wehrte die Sprecherin mit bebenden Händen ab, -- ihre Augen
-glänzten wie im Fieber.
-
-»Sie bringen mir eine Nachricht von meinem Mann?« fragte sie hastig, --
-flüsternd.
-
-Der Administrator senkte den grauhaarigen Kopf tief zur Brust, ein
-schwerer Seufzer rang sich über seine Lippen.
-
-»Es ist so, Frau Gräfin!«
-
-»Er braucht Geld?«
-
-Werners Blick trifft wie Hilfe flehend Tante Agathe.
-
-»Und Sie haben keins?« fährt Gundula schnell fort.
-
-Der alte Mann schüttelte trostlos den Kopf.
-
-»Ach, schlimmer, Frau Gräfin, viel schlimmer!«
-
-»Herrgott des Himmels ... foltern Sie mich nicht! Ist er etwa krank?
-schwer krank?«
-
-Da zieht der Administrator mit jähem Griff einen Brief und eine Depesche
-aus der Tasche und reicht beides Tante Agathe zu.
-
-»Lesen Sie! lesen Sie!« murmelt er. »Ach, du Herr mein Gott, ich kann es
-nicht aussprechen, -- es will mir nicht über die Lippen!« --
-
-Gundula hat die Papiere mit heftigem Griff erfaßt, -- sie wankt nach dem
-Fenster, sie öffnet und liest.
-
-Der Administrator macht eine kurze, händeringende Bewegung gegen Tante
-Agathe, -- -- sie versteht ihn nicht, und so tritt er selber hinter die
-Gräfin, als wolle er bereit sein, eine Zusammenbrechende zu stützen.
-
-Aber Gundula sinkt nicht unter dem furchtbaren Schlag, welcher sie
-trifft, nieder. Nur das Papier der Depesche knistert und wankt zwischen
-ihren Fingern, und ein leiser, halberstickter Schrei ringt sich von
-ihren Lippen. --
-
-»Tot! -- er ist tot!« --
-
-Eine sekundenlange, furchtbare Stille.
-
-Agathe ist mit fahlem Antlitz näher geeilt und schlingt die Arme um die
-junge Witwe.
-
-»Tot!« murmelte sie. »Allbarmherziger Gott, wie das?!«
-
-Werner hatte einen der großen, eichengeschnitzten Sessel näher
-geschoben.
-
-Die Bärenköpfe, welche seine Knaufe bilden, verschwimmen vor Gundulas
-Blick.
-
-Sie sinkt schwer auf das Lederpolster nieder und starrt auf die
-Depesche.
-
-Ihre Augen sind weit offen, stier und tränenlos. »Es steht wohl alles in
-dem Brief an die unglückliche Frau Gräfin!« murmelte Werner auf den
-fragenden Blick Agathes, und er legte die Hand über die Augen und wendet
-sich ab, als könne er den Anblick des schmerzversteinerten Antlitzes
-nicht ertragen. Da hebt Gundula das Haupt, ein jäher Blick flammt aus
-ihren Augen.
-
-»Der Graf hat sich erschossen? in Monte Carlo erschossen?« fragt sie
-langsam, und ihre Stimme klingt fremd und heiser.
-
-»Wohl in einem Anfall von Geistesstörung!« stöhnte der alte Beamte; »es
-ist zu viel Schweres in letzter Zeit gekommen, die Gläubiger haben so
-gewissenlos gedrängt ...«
-
-»Dieser Brief ist an mich gerichtet?« sie will das Schreiben heben, um
-die Adresse zu lesen, aber ihre Hand sinkt schwer zurück.
-
-»Sehr wohl, Frau Gräfin! ich erhielt ihn vorgestern von dem gnädigen
-Herrn mit der Weisung, ihn nur dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine
-Depesche des Kammerdieners schlimme Nachricht über den Herrn Grafen
-brächte!«
-
-»Und diese Nachrichten kamen!« -- Wie der leise, grelle Schmerzensschrei
-zerspringender Saiten klingt es über die wachsbleichen Lippen Gundulas,
-dann sinkt ihr Haupt wieder schwer vornüber, ein herzzerreißendes Weh
-zuckt über das Antlitz, sie krampft die Hände zusammen und ringt nach
-Atem wie eine Erstickende.
-
-Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem Nebenzimmer geholt und
-will Stirn und Schläfen der beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula
-aber wehrt sie jäh ab und richtet sich gewaltsam auf.
-
-Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. »Ich danke Ihnen, daß
-Sie selber kamen, -- ich danke Ihnen, daß Sie meinen Schmerz teilen.
-Bleiben Sie in meiner Nähe, -- es gibt wohl viel schwere, traurige
-Arbeit für uns. -- Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen, -- selbst
-den einen, furchtbarsten noch nicht, daß er freiwillig von mir ging,
-daß er ein so namenloses Weh über mich gebracht! -- -- Lassen Sie mich
-jetzt allein, -- auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal
-mit mir reden!«
-
-Ihre zitternde Hand faßt den Brief, -- sie winkt damit --: »Geht! --
-geht!«
-
-»Frau Gräfin!« schluchzt der alte Mann auf, -- »meine arme, arme Frau
-Gräfin!« und er faßt ihre Hand und drückt sie an die Lippen. Tränen
-fallen darauf nieder.
-
-»Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! -- Gott gebe Ihnen Trost und Kraft
-... Gott erhalte Sie für Ihren Sohn!«
-
-Sie nickt wie geistesabwesend und drückt stumm seine Rechte, -- kalt wie
-Eis liegen ihre schlanken Finger in derselben.
-
-Er geht, langsam, zögernd, den Blick sorgenvoll zurückgewandt.
-
-Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgefühls die Arme um die
-Unglückliche, küßt ihr Wangen und Stirn und flüstert treue, milde Worte;
-dann schreitet auch sie über die Schwelle und folgt dem alten Beamten in
-das Nebenzimmer. --
-
-Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos, preßt die Hand gegen
-die Stirn, als müßte sie gewaltsam ihre Gedanken zusammenfassen, und
-erbricht alsdann das Schreiben.
-
-Ihre tränenlosen Augen starren wie geistesabwesend darauf nieder.
-
-Die ersten Zeilen verschwimmen, sie faßt kaum ihren Sinn, dann schärft
-sich ihr Blick, sie liest, liest immer hastiger und schneller, das Blut
-stürmt wieder siedendheiß durch ihren Körper, eine fieberische Aufregung
-erfaßt sie nach der todesstarren Ruhe!
-
-Ja, nun wird ihr alles klar!
-
-Er schreibt: »Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir und dem Kind in die
-Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn hat nicht nur mich, sondern auch
-Euch zu Bettlern gemacht! Ich habe nicht nur _mein_ Eigentum, sondern
-auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden, einem Mann,
-welcher in dem letzten halben Jahr unaussprechlich gebüßt hat, welcher
-im Höllenbrand wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und reinste
-Glück verspielte, -- das Glück: Vater zu sein! -- Ich habe einen Kampf
-der Verzweiflung gekämpft, um das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen
-wage ich es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne ich,
-bin ich gerettet -- für euch und für ein besseres, glückliches Leben, --
-verliere ich abermals, gibt es kein Wiedersehn mit Euch, -- ich habe
-gesühnt, wenn Du diesen Brief in Händen hältst, geliebtes Weib! Wirst Du
-meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula? Ich war nicht schlecht, --
-aber eine Schlechte, treulose und gewissenlose Welt hat mich
-leichtsinnig gemacht! -- Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch!
-Erziehe einen bessern Mann aus ihm, als wie sein unglücklicher Vater es
-war, -- mache ihn zu einem echten und wahren Hohen-Esp!«
-
--- Die Leserin ließ den Brief sinken, sie krampfte aufstöhnend die Hände
-zusammen, ein Ausdruck bitteren, leidenschaftlichen Hasses lag auf dem
-erst so steinernen Angesicht.
-
-Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt! Sie allein hat
-all das Unglück ihres Lebens verschuldet, sie hat ihr das Glück
-gestohlen und das Dasein vergiftet! -- Die Welt mit ihren
-leichtsinnigen, schlechten Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden
-Irrlichtsgeflimmer über mordendem Sumpf!
-
-Wie glücklich hätte sie an Friedrich Karls Seite sein können, -- die
-Welt hat es nicht geduldet! Wie hätte sie ihn und sein Herz besitzen
-können -- wenn die Welt ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den
-grünen Tisch gebannt hätte!
-
-Wie arm -- ach, wie bettelarm an allem hat die Welt sie gemacht, -- sie,
-die einst die reichste und glückseligste der Frauen gewesen!
-
-Und doch ... wie wenig nahm sie ihr noch im Gegensatz zu jenem Mann,
-welcher mit durchschossener Stirn seinem verfehlten Dasein selber ein
-Ziel gesetzt!
-
-Sie nahm ihm nicht nur Geld und Gut, sondern auch die stolze, ehrenhafte
-Festigkeit des Mannes, seinen Willen -- seinen Halt -- ja selbst den
-letzten Rest eines klaren Überlegens und den Mut, den Kampf mit dem
-Leben aufzunehmen!
-
-Die Welt, die verführerische Welt mit ihren Spielsälen und Hasardkarten
-hat aus dem Grafen von Hohen-Esp einen erbärmlichen Schwächling gemacht,
-der den Ruin über seine Familie heraufbeschworen und dann feige zu dem
-Revolver greift, um den Folgen seiner Schuld zu entgehen!
-
-Das tat Friedrich Karl -- der Mann, zu dem sie einst emporgesehen hatte,
-wie zu einem Gott! --
-
-Das tat er ihr, seinem hilf- und schutzlosen Weibe an, welchem er einst
-geschworen: »Ich will dein Halt und deine Stütze sein, ich will dich
-glücklich machen!« --
-
-O, wie leicht ist die Waffe gehoben, jene eine, flüchtige Sekunde
-überwunden, welche durch einen Druck des Fingers allem Elend ein Ziel
-setzt -- und wie schwer, wie bitter schwer ist es, durch lange,
-mühselige Jahre die Last der Armut zu schleppen, sich und ein Kind
-ernähren zu müssen!
-
-Hat Friedrich Karl denn gar nicht daran gedacht, was aus seinem Weib und
-Kind werden soll, wenn er sie verläßt wie ein Feigling? Und wenn er sein
-Geld und Gut vertan -- blieben ihm nicht noch seine kraftvollen Hände,
-durch deren Arbeit -- und sei es der geringsten eine -- er die Seinen
-ernähren konnte?
-
-O nein! was hätte die Welt dazu gesagt, wenn ein Graf von Hohen-Esp
-gearbeitet hätte!
-
-Hat nicht die Welt selber ihm den falschen Begriff von Ehre eingeimpft,
-einer Ehre, welche befleckt wird durch Schwielen in der Hand? --
-
-Friedrich Karl ist in der großen Welt aufgewachsen, er ist gesäugt mit
-ihren Ansichten über Stand und standesgemäßes Leben, über all die
-haltlosen Verschrobenheiten, welche dem vornehmen Mann zum Gesetz
-gemacht sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen und ihre
-Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! --
-
-Eine unsägliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der verlassenen Frau
-auf, und gleichzeitig bäumt ein wilder, ungestümer Trotz in ihr empor,
-den Posten, welchen der pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen,
-nun selber einzunehmen und den Kampf für die Existenz ihres Kindes zu
-wagen. --
-
-Der Bär hat seine Brut feige im Stich gelassen, die Bärin aber wird
-einstehen für ihr Junges und wird nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie
-ihm die sichere Höhle gebaut!
-
-Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen, erhebt sich und
-tritt festen Schrittes an ihren Schreibtisch, den Brief zu verschließen.
-
-Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter Ruhe, ihre
-glanzlosen Augen sind so starr, wie jene steinernen der Bärenköpfe im
-Burghof drunten.
-
-Es ist alles zu furchtbar jäh, zu unvermittelt gekommen.
-
-Gundula kann fürerst nur die krasse Tatsache fassen und hat noch kein
-Verständnis für die Seelenqualen eines Mannes, dessen Geist die
-Verzweiflung getrübt hat.
-
-Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer Schnitt, welcher die
-Vergangenheit von ihr losgelöst hat.
-
-Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgefühl bluten fürerst aus tiefern
-Wunden noch wie ihr Herz. Das leise Wehklagen, Schluchzen, Flüstern und
-Raunen verstummt in der Burg, als die Gräfin von Hohen-Esp ihr Zimmer
-verläßt, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild durch die
-hohen Hallen schreitet. --
-
-Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange, lange in das lächelnde,
-rosige Gesicht hernieder.
-
-Der Zug herber Erbitterung tritt noch schärfer um ihre Lippen, und auf
-ihrer Stirn und um die finstern Augen liegt eine Entschlossenheit,
-welche voll eisernen Willens ein Gelübde ablegt und der verhaßten Welt
-eine grimme Fehde ansagt auf Leben und Sterben. --
-
-Die Bärin von Hohen-Esp.
-
-Die Jungfer hat die Trauerkleider zurechtgelegt, und Gundula hat sie
-schweigend angezogen.
-
-Sie spricht mit niemand ein überflüssiges Wort, nur mit dem
-Administrator sitzt sie während des langen Abends und ordnet voll
-geschäftsmäßiger Ruhe alles, was in solch schwerer Zeit zu besorgen und
-zu bedenken ist. »Wenn der Graf beerdigt ist, wollen wir unsere
-Verhältnisse arrangieren, Herr Werner! Ich bitte Sie, mir als Freund und
-Berater beizustehen, ich habe niemand auf der Welt wie Sie!« --
-
-»Gott helfe mir, daß ich Sie gut berate, Frau Gräfin!« -- antwortete der
-alte Mann mit festem Händedruck. -- »Ach, hätte doch der Herr Graf auf
-meinen Rat gehört, wir hätten diesen furchtbaren Tag nie erlebt!« --
-
--- Tante Agathe sitzt neben der Herrin von Hohen-Esp und hält ihre Hand
-zwischen den ihren: »Die Güter können nicht gehalten werden, -- du mußt
-alles verkaufen?«
-
-Gundula beißt die Zähne zusammen. »Von Walsleben und Gottern trenne ich
-mich nicht schwer, -- aber Hohen-Esp ist ein Stück von meinem Herzen,
-das _kann_ ich nicht opfern, ich werde und muß es halten! Ich habe mir
-gelobt, meine volle Kraft einzusetzen, um den ältesten Familienbesitz
-für meinen Sohn zu retten!«
-
-»Das ist selbstverständlich. Du zahlst die Schulden mit deinem Vermögen
-ab und versuchst das Gut neu emporzuwirtschaften!«
-
-»Meinem Vermögen?«
-
-»Ja, dein Erbe von Tante Margarete. -- Weißt du nun, warum du mir einst
-geloben mußtest, dasselbe vor Friedrich Karl nie zu erwähnen?«
-
-Gundula schrickt beinahe empor: »Jenes Erbe? Du hast den Nießbrauch
-davon!«
-
-Agathe lächelt seltsam. »Ich habe es für dich verwaltet und erhalten, --
-sonst nichts!«
-
-Rote Flecken treten auf die blassen Wangen Gundulas. »Tante Agathe,« --
-sagt sie mit zitternder Stimme, »wolltest du mir wahrlich dies Kapital
-vorstrecken, damit ich keine Hilfe bei dem Herzog oder einem
-Geldvermittler zu suchen brauche?«
-
-»Dazu -- lediglich dazu hielt ich das Geld für dich bereit!«
-
-Ein tiefer Atemzug hebt Gundulas Brust. »Ich habe nie an dieses Geld
-mehr gedacht, oder gar damit gerechnet, weil ich es bis zu deinem Tode
-als _dein_ Eigentum betrachtete, -- aber jetzt -- o, wenn du es mir
-nicht geben, sondern nur leihen wolltest, Tante Agathe ... alles wäre
-gut! Ich könnte die Saat säen -- und Gott der Herr wird mir eine Ernte
-bescheren!« --
-
--- -- -- Schloß Walsleben und die Herrschaft Gottern wurden verkauft,
-die Burg Hohen-Esp mit dem kleinen Landbesitz und den Waldungen blieb
-nach Abtrag aller Schulden im Besitz der Gräfin. Herr Werner hatte voll
-treuen Eifers die Interessen der verwitweten Frau gewahrt, die
-zerrütteten Verhältnisse geordnet und mit Hilfe des von Tante Agathe so
-sicher gehüteten Kapitals dem jungen Bären von Hohen-Esp eine
-bescheidene und weltferne Heimat erhalten. Er sorgte noch für einen sehr
-zuverlässigen und intelligenten Inspektor, welcher unter dem Oberbefehl
-der Gräfin das Gut bewirtschaften sollte, dieweil er selber voll
-unermüdlichen Fleißes tätig war, Gundula in finanziellen und
-wirtschaftlichen Angelegenheiten zu ihrem eigenen Sachwalter
-auszubilden.
-
-Die Gräfin faßte mit scharfem Verstand schnell auf, zeigte eine große
-Ausdauer und einen schier männlichen Schaffensdrang, und es währte nicht
-lange, so leiteten ihre energischen Hände die Verwaltung des Besitzes,
-so war sie selber voll eiserner Ausdauer bei Tag und Nacht, Wind und
-Wetter zur Stelle, um durch rastlosen Eifer und voll sauern Fleißes in
-Jahren wiedereinzubringen, was Friedrich Karl während ein paar
-flüchtiger Nachtstunden vergeudet.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-V.
-
-
-Hatte seinerzeit der jähe Tod des Grafen von Hohen-Esp in der Residenz
-viel Staub aufgewirbelt, so nahm seine Witwe das lebhafte Interesse der
-Gesellschaft beinahe noch mehr in Anspruch wie die Katastrophe selbst,
-welche so viele schon lange vorher in ihrer ganzen Tragik prophezeit
-hatten. Was wird aus der unglücklichen Frau? Was wird aus dem armen
-Kinde?
-
-Die Antwort auf diese Frage war wiederum eine Überraschung.
-
-Mit Hilfe der Tante Agathe von Wanfried hatte die Gräfin ihre
-zerrütteten Vermögensverhältnisse arrangiert und dabei eine Energie und
-Umsicht bewiesen, welche die Welt in Staunen setzte.
-
-Obwohl es ihr möglich gewesen wäre, das so bedeutend bequemer gelegene
-und hochherrschaftliche Walsleben für ihren Sohn zu erhalten, hatte sie
-seltsamerweise darauf verzichtet und statt dessen die alte Bärenhöhle
-Hohen-Esp aus dem Konkurs gerettet!
-
-Wunderlich! Will sie denn immer in dieser Weltabgeschiedenheit, in dem
-unheimlichen, halbverfallenen Burggemäuer hausen, welches so fern von
-jedem Verkehr, so weit ab von der Residenz und all den guten Freunden
-liegt?
-
-Die schöne Gräfin Gundula war stets sehr beliebt und gefeiert gewesen,
-es öffnete sich ihr sicher jeder Salon, selbst dann, wenn die
-beklagenswerte Witwe nichts erwidern kann, -- sie wird auch fraglos
-Gelegenheit finden, sich noch einmal gut zu verheiraten, denn unter
-ihren Verehrern befinden sich »Toggenburge«, welche jahrelang der
-schönen Frau die Treue bewahrt haben.
-
-Was fesselt die Gräfin an jene wunderliche Bärenburg, von welcher schier
-unheimliche Beschreibungen in dem ganzen Lande umlaufen?
-
-Der Herzog war der einzige, welcher die Wahl der Gräfin durchaus
-billigte.
-
-»Hohen-Esp ist der älteste Besitz der Familie, von dem sie den Namen
-trägt und der einst für den Sohn das größte Interesse haben muß!« --
-sagte er, »und daß die Gräfin dieses kleine Gut dem größeren und bei
-weitem kostspieliger zu erhaltenden vorgezogen, zeugt von ihrer Umsicht
-und ihrem praktischen Sinn. Es wird ihr in ihrer bedrängten Lage sehr
-viel leichter fallen, den kleinen Grundbesitz heraufzuwirtschaften, als
-wie sich auf dem eleganten Walsleben zu halten! Gebe Gott, daß sie nach
-dieser tränenreichen Aussaat eine desto lohnendere Ernte hält! -- Ich
-hoffe, daß die >Bärin von Hohen-Esp< sich nicht dauernd in ihrer Höhle
-vergräbt, sondern bald einmal in die Residenz zurückkehrt, damit wir
-Gelegenheit haben, ihr unsere vollsten Sympathien zu beweisen!«
-
-Aber die Gräfin kam nicht.
-
-Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm, und man hätte in der
-schnellebigen Zeit gewiß die einsame Frau längst vergessen, wenn nicht
-gerade die »Toggenburge« ein besseres Gedächtnis gehabt und das Andenken
-der schönen Gundula treuer gepflegt hätten als wie ihre Mitmenschen.
-
-Man hatte versucht, sich der Gräfin zu nähern, aber bald erzählte man
-sich staunend in der Residenz, daß Gräfin Hohen-Esp keinerlei Besuch in
-ihrer verzauberten Burg empfange und jedwede Annäherung schroff
-zurückweise!
-
-Wie interessant war das!
-
-Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten Freund, welcher zu
-Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen?
-
-O nein! -- Man hatte geforscht und erfahren, daß die Gräfin
-außerordentlich viel Glück mit der Selbstbewirtschaftung der Ländereien
-habe.
-
-Die Ernten seien großartig ausgefallen, der abgeholzte Forst sei neu
-angepflanzt, und die Gräfin beabsichtige sogar, in diesem Jahr schon
-größere bauliche Veränderungen vornehmen. Ställe und Scheunen seien in
-kläglichem Zustande gewesen, -- dem solle zuerst abgeholfen werden.
-
-»Die Gräfin selber bestimmt das?« hatte man kopfschüttelnd gefragt, und
-darauf ganz Unglaubliches zu hören bekommen!
-
-Die schöne Witwe sei der beste, tatkräftigste Inspektor, den man sich
-denken könne, -- kein Mensch werde die ehemalige sanfte, stille,
-resignierte Gräfin Hohen-Esp wiedererkennen. In den langwallenden
-Trauergewändern schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof, Wald
-und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren, jede Arbeit zu
-beaufsichtigen, jede Leistung selber zu loben oder zu tadeln.
-
-Keine Männerhand könne die Zügel einer Regierung eiserner führen, als
-die schlanke, marmorweiße Rechte der seltsamen Burgfrau!
-
-Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das schöne Haupt, dessen Augen
-so streng und finster blicken, daß es dem Gesinde graust. Man sieht sie
-niemals lächeln; selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen
-spielt, verwandelt sich der düstere Ernst nur in eine schmerzliche
-Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche Erbitterung gegen Welt und
-Leben erfüllt sie, ein wahrer Menschenhaß vergiftet ihr Herz.
-
-Der einzige Gast, welchen sie empfängt, ist der Pastor des nahen Dorfes,
-doch auch diesem ist es noch nicht geglückt, versöhnlich und erlösend
-auf den starren Bann zu wirken, welcher die schwergeprüfte Frau umfangen
-hält.
-
-Die Bärenburg sei von jeher ein unheimliches altes Nest gewesen, in
-welchem die zottigen Ungeheuer wie die Gespenster hausen; seit die
-schwarze Gestalt der Gräfin aber gleich spukhaftem Schatten durch die
-dämmerigen Gemächer schreite, da sei es vollends nicht mehr zu ertragen,
-und wenn die Fischerdirnen, welche sie als Mägde gedingt, nicht gar so
-gute Nerven hätten, so hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! --
-
-Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem Traum, und wenn
-sonst niemand nach der fernen Burg im Walde und nach der Witwe des
-Grafen Friedrich Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse
-angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Großstädter wob einen
-Märchenzauber um die »Bärin von Hohen-Esp«, von welchem es sich bei
-flackerndem Kaminfeuer ebenso gruselig erzählen ließ, wie von dem
-Dornröschen und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund.
-
-Aber der Sohn? -- Das Kind? -- Bringt der kleine Guntram Krafft denn
-nicht lichtes, warmblütiges Leben in diesen Spuk? --
-
-Darüber wußte man nicht viel.
-
-Der Inspektor hatte erzählt, der junge Graf wüchse zu einem prächtigen,
-überaus kraftvollen und blühenden Knaben heran.
-
-Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er mit seinem langen
-blonden Haar und den leuchtenden blauen Augen umher!
-
-So klein er noch sei, er müsse schon jetzt tüchtig an die Arbeit, --
-selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderhände schaffen könnten,
-hielte ihn die Gräfin an.
-
-Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er grabe im Garten, jäte
-Unkraut und begieße die Beete.
-
-Winters über sitze er neben dem Spinnrad der Mutter und schnitze
-Holzlöffel und Quirle für die Küche.
-
-Müßiggang sei ihm ebenso unbekannt, wie allen andern in der Burg
-Hohen-Esp. --
-
-Seit seinem sechsten Jahre müsse er auch schon fleißig bei dem Herrn
-Pastor lernen, auch auf das Pferd sei er schon gesetzt worden, aber
-dafür zeige er weniger Passion wie für das Segeln auf dem Meere.
-
-Das komme wohl daher, weil er an Sonn- und Festtagen mit den Knaben aus
-dem nahen Fischerdorf spielen dürfe, sie hätten natürlich schon einen
-halben Seemann aus ihm gemacht. Die Knaben wagten sich in ihrem Boot oft
-tollkühn auf die See hinaus, und als der Pastor der Gräfin einmal
-vorgestellt habe, wie gefährlich das doch für den einzigen Erben des
-alten Geschlechts sei, da habe die »Bärin« nur in ihrer herben, ernsten
-Weise nach einem Wappenschild emporgewiesen, auf welchem der Wahlspruch
-der Hohen-Esp's gestanden:
-
- »Christe Kyrie --
- Zu Land und zu See --
- Ein Schirmherr der Not!«
-
-»Zu Land und _See_, Herr Pastor! Ein Mann, welcher sich vor dem Wasser
-fürchtet, kann keine Taten auf demselben tun! -- Zwar gibt es jetzt
-keine Piraten mehr, vor welchen die Hohen-Esps ihre friedliche Küste
-schützen müßten, aber möglicherweise fordert man doch einst auch ihre
-Dienste zur See. -- Machen Sie mir meinen Sohn nicht furchtsam! Je
-kühner und heldenhafter ich ihn einst in das Leben stellen kann, desto
-ehrenvoller für ihn. Wir stehen alle in Gottes Hand, Herr Pastor, -- Sie
-wissen es doch am besten, daß die Haare auf unserm Haupt gezählt sind!«
---
-
-»Eine eigenartige, wackere Frau!« nickte der Herzog voll warmer
-Anerkennung, als man ihm erzählte, wie die Erziehung des jungen Grafen
-gehandhabt werde, und nach kurzer Pause fragte er unvermittelt: »Wer ist
-eigentlich zum Vormund des Kindes gesetzt?«
-
-»Laut Testament die Mutter; sie ist ganz allein mit allen Rechten und
-Pflichten betraut.«
-
-»So wäre es doppelt notwendig, der Vereinsamten ein Zeichen unseres
-Interesses und guten Willens zu geben! Ich werde ihr für den Sohn eine
-Freistelle auf unserer Ritterakademie anbieten lassen!«
-
-Das geschah, und man harrte voll großer Spannung der Antwort.
-
-Diese ließ nicht lange auf sich warten.
-
-Gundula stand just in der Wäschekammer und beaufsichtigte selber das
-Strecken und Legen der Linnen, als ihr das Schreiben des diensttuenden
-Kammerherrn, welches das huldvolle Anerbieten Seiner Hoheit
-übermittelte, gebracht wurde.
-
-Befremdet sah die Gräfin darauf nieder.
-
-»Herzogliche Angelegenheit!?«
-
-Der finster abweisende Zug in ihrem Antlitz verschärfte sich.
-
-Sie öffnete den Brief und las.
-
-Schwere Atemzüge hoben ihre Brust, in ihrem Auge lag plötzlich ein
-Ausdruck wie bei der in das Damastmuster der Tafeltücher gewirkten
-Bärin, welche sich mit brüllendem Nacken aufrichtet, ihre Jungen gegen
-einen Feind zu schützen.
-
-»Mein Sohn auf die Ritterakademie, auf dieselbe vielleicht, wo einst
-sein Vater seine erste Weltweisheit eingesogen?«
-
-»Wie liebenswürdig von dem Herzog! Wie gnädig und gut gemeint!« -- sagte
-Tante Agathe, welche neben die Lesende getreten war und mit in das
-Schreiben blickte.
-
-Gundula nickte mit herb geschlossenen Lippen.
-
-»Ja, er meint es gut, der Herzog, -- er _weiß_ es ja nicht, was er
-mir mit dieser Gnade antut!«
-
-»Nein, das ahnt er nicht!« -- seufzte Agathe leise, »und was antwortest
-du?« --
-
-Beide Frauen waren hinausgetreten auf den Flur und stiegen die steinerne
-Wendeltreppe zu dem Zimmer der Gräfin empor.
-
-»Solange meine Augen offen stehen und meine Hände Kraft haben, das
-Schicksal meines Kindes zu lenken, wird er nie die Welt kennenlernen!«
-
-»Gundula! Hältst du es für möglich, einen jungen Mann im neunzehnten
-Jahrhundert noch zu erziehen wie einen Parsifal?«
-
-Sie lächelte wunderlich vor sich hin, -- der schwarze Schleier lag wie
-eine dunkle Wolke um ihr Haupt.
-
-»Das halte ich nicht nur für möglich, sondern das will ich beweisen!« --
-
-»Bedenke die Zukunft, das Glück deines Kindes!«
-
-»Just dies will ich sichern, denn ich gedenke an die Vergangenheit
-seines Vaters.«
-
-»Gundula! Dieser Wahn ist krankhaft!«
-
-»So scheint's, und doch soll er meinen Sohn an Leib und Seele gesund
-erhalten!«
-
-»Was soll aus Guntram Krafft werden?!«
-
-»Das, was mit seinem Vater verlorenging, ein echter Hohen-Esp, -- ein
-Herr auf seinem Gebiet, ein Schirmvogt der Not! -- Ein Mann, welcher
-zurückerwirbt, was der Leichtsinn ihm vergeudet und die Welt ihm
-genommen!«
-
-»Überlege es dir noch reiflich, ehe du das gnädige Anerbieten des
-Herzogs ablehnst!«
-
-»Ich habe überlegt, -- ich überlegte es in jener Stunde, da man
-Friedrich Karl, den ehemaligen Zögling jener Ritterakademie, als feigen
-Selbstmörder mit durchschossener Stirn zur Ruhe legte!«
-
-Fräulein von Wahnfried kannte den Klang in der Stimme der Gräfin, sie
-kannte auch ihre grenzenlose Erbitterung gegen alles, was ihrer Ansicht
-nach den Leichtsinn Friedrich Karls gefördert!
-
-Und das war alles und jedes in der verderbten, nichtsnutzigen Welt!
-
-Dagegen war nicht mehr anzukämpfen, man konnte nur hoffen, daß die
-lindernde Zeit die Wunden heilen, und Gundula vernünftiger über manche
-Notwendigkeit denken würde!
-
-Aber Tante Agathe hoffte kaum noch -- die Zeit hatte sich während all
-der vergangenen Jahre machtlos erwiesen, und Guntram Krafft wuchs in der
-Einsamkeit als ein moderner Parsival auf!
-
-Die alte Dame kehrte seufzend in die Wäschekammer zurück, während ihre
-Nichte sich an den Schreibtisch setzte und mit festen, großen
-Schriftzügen ihre Antwort an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb.
-Sie dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise für das so überaus
-huldvolle und gnädige Anerbieten des hohen Herrn, welches sie jedoch
-voll dankbarster Erkenntlichkeit ablehnen müsse, da sie nicht imstande
-sei, sich schon jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei das
-einzige Glück, welches ihr das grausame Schicksal gelassen; dasselbe
-noch so lange wie möglich ihr eigen zu nennen, sei der letzte Wunsch,
-den sie noch an das Leben habe.
-
-Die Erziehung des Knaben zu leiten, für seine wissenschaftliche
-Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes gnädiger Hilfe auch in
-Hohen-Esp gelingen; sie hoffe zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen
-vollwertigen, braven und tugendhaften Mann zu machen.
-
-Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen Eigenwilligkeit
-etwas Rührendes, »man hört aus jeder Zeile das leidenschaftliche Herz
-einer unglücklichen Mutter schlagen!« -- sagte der Herzog, und er nahm
-die Weigerung der Gräfin nicht ungnädig auf, sondern erhielt dem
-wunderlichen Bärennest im Walde sein vollstes Interesse.
-
-Und abermals verging die Zeit.
-
-Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den Pastor eine
-vortreffliche Erziehung, wenngleich seine praktischen Fähigkeiten nicht
-darüber vernachlässigt wurden.
-
-»Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an Schulweisheit
-gebraucht!« sagte die Gräfin, »vor allen Dingen aber soll er ein
-tüchtiger Landwirt werden, welcher auf eigenen Füßen steht und seine
-Scholle selber bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig im
-Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste nimmt er niemals
-ein, aber der praktischen Kenntnisse bedarf es vor allen Dingen, denn er
-soll das Werk, welches ich begonnen, zu Ende führen und den verlorenen
-Besitz seiner Väter zurückerwerben!«
-
-Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische Frau wenig Arbeit
-übriglassen.
-
-In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen, Hohen-Esp zu einem
-hochkultivierten Gut emporzubringen; vortreffliche Ernten hatten sie
-Jahr um Jahr unterstützt, Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen
-und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden und hatte
-überraschenden Ertrag geliefert, ebenso hatte sich eine Milchwirtschaft
-aufs beste rentiert, und Herr Werner sah seine stolze, besondere
-Genugtuung darin, der verlassenen Frau mit größtem Eifer und all seinen
-Fähigkeiten zu dienen.
-
-Von Jahr zu Jahr konnte die Gräfin von dem angrenzenden Besitz Gottern
-Areal zurückkaufen, was ihr um so leichter ward, als der Besitzer der
-Herrschaft selber in recht mißliche Lage gekommen und froh war, das Land
-wieder in Kapital verwandeln zu können.
-
-So kam der Tag, an welchem die überraschende Nachricht die Runde durch
-die Residenz machte, daß es der Bärin von Hohen-Esp in ganz
-unglaublicher Weise gelungen sei, die Herrschaft Gottern zu Hohen-Esp
-zurückzukaufen, daß es ihr auch durch ihre enorme Willenskraft, ihren
-Fleiß und äußerste Sparsamkeit gelungen sei, ihren Sohn schon jetzt
-wieder zu einem sehr wohlhabenden Mann zu machen.
-
-Die alte Tante Agathe sei schon längere Zeit krank und liege nunmehr im
-Sterben.
-
-Viel habe sie ja wohl nicht zu vererben, aber doch genug, um es der
-Gräfin vorläufig sehr leicht zu machen, auch mit dem nunmehr so
-bedeutend vergrößerten Besitz erfolgreich und dauernd zu wirtschaften.
-
-Der Wohnsitz solle aber nach wie vor Hohen-Esp bleiben, und Graf Guntram
-Krafft, welcher nunmehr neunzehn Jahre zähle und seiner Militärpflicht
-genügen müsse, werde wohl zum erstenmal allein in die große, unbekannte
-Welt hinaustreten!
-
-Man erwartete voll Spannung das Erscheinen des schier sagenhaft
-gewordenen jungen Mannes, bis die enttäuschende Nachricht kam, daß der
-Graf wegen eines ganz unbedeutenden kleinen Fehlers, -- man sagte, daß
-ihm bei einer stürmischen Seefahrt im Boot, beim Überholen einer
-Teertonne, dieselbe zwei Zehen vom Fuß geschlagen -- vom Militär
-freigekommen sei.
-
-Es sei ein Jammer darum!
-
-Der junge Mann verkörperte das Urbild aller blühenden Kraft und
-Lebensfrische, er sei in der Tat ein wahrer »Bär« von Hohen-Esp, so
-groß, so stark, so reckenhaft schön und ritterlich, -- ihm selber habe
-die Lust, Soldat zu werden, aus den Augen geblitzt, und er habe sofort
-gebeten, ihn der Marine zuzuweisen, da er so gut Bescheid mit dem
-Seefahren wisse, -- aber die Gräfin habe voll leidenschaftlicher Energie
-alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Sohn freizubekommen.
-
-Da sie die Bestimmungen für sich gehabt habe, und Graf Guntram Krafft
-ein durchaus gehorsamer Sohn sei, so sei leider nichts zu machen
-gewesen.
-
-Die »Bärin« habe ihr Junges in die Höhle zurückgeschleppt. --
-
-Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf, die interessanten
-Einwohner von Hohen-Esp jemals von Angesicht zu schauen, und weil die
-Mütter und Töchter sehr enttäuscht waren, so ärgerten sie sich darüber.
-
-Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den kürzer werdenden Tagen
-aus ihrem »Sommerschlaf« erwachten und so zahlreich plötzlich
-aufwirbelten, wie draußen das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte,
-boten den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pflänzchen dieser
-Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft recht phantastischen
-Blüten aufschoß.
-
-In einer der vornehmen Villenstraßen lag das reizende Rokokoschlößchen
-»Monrepos«, in welchem der Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments,
-Freiherr von Sprendlingen, Wohnung genommen.
-
-Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein großes Haus zu
-machen, eine Passion, welcher sie ohne Bedenken huldigen konnte, da die
-Vermögensverhältnisse des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur
-ein einziges Töchterchen besaß, für welches man zu sorgen hatte.
-
-Der Freiherr verwöhnte seine bezaubernde Frau in nur denkbarer Weise,
-Frau von Sprendlingen verzog und verhätschelte ihr Töchterchen
-dementsprechend, und so herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen,
-welches keinen, auch den größten Wunsch, nicht unerfüllt läßt.
-
-In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne verschleierte Lampen,
-da die Herrschaften zum Diner gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir
-des fünfzehnjährigen Töchterchens aber strahlte die Gaskrone festlich
-und hell, denn dort saßen die Backfischchen, welche zu Fräulein von
-Sprendlingen eingeladen waren, bei heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel
-Kaffee und noch mehr Süßigkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die
-Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte man sich
-für junge Herren noch mehr wie für junge Damen, und da man schon
-mancherlei über den Hohen-Esper gehört und sich ebenfalls über den
-»Strich durch die Rechnung« ärgerte, so begannen sie über den doch allzu
-gutmütigen Zottelbär, welcher derart unselbständig an den Rock der
-Mutter hänge, zu glossieren.
-
-»Ein forscher, echter Mann hätte bei dieser Gelegenheit doch wohl etwas
-mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen und das Gängelband abgestreift!«
-spottete Gabriele, die Tochter des Hauses, und ließ ihre Stickerei
-sinken, -- »anstatt artig hinter die Schürze der Mama zu kriechen und
-sich zu ducken, wenn die gestrenge Vormünderin befiehlt! Ob er zwei
-Zehen mehr oder weniger hat, geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein
-recht erbärmlicher Vorwand von der Gräfin, ein Zufall, welchen sie sich
-zunutze macht, um das Bübchen unter den Fingern zu behalten!«
-
-»Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz und Selbstbewußtsein
-hätte, würde er sich das nicht habe bieten lassen!«
-
-»Vielleicht ist er zu feige und freut sich, daß er daheimbleiben kann!«
--- rief Gabriele von Sprendlingen, das reizendste Backfischchen, welches
-die Residenz aufweisen konnte, abermals: »Hätte er Courage, würde er
-sich das idealste Glück eines Mannes, Soldat zu werden, unter allen
-Umständen erzwungen haben!«
-
-»Feige? Nein, das ist er wohl nicht!« schüttelte ihre Freundin Trautchen
-gutmütig den hellblonden Kopf, »denk doch, er wagt sich bei Sturm und
-Wetter auf die See hinaus!«
-
-Gabriele lachte spöttisch und rümpfte die entzückende kleine Nase: »Die
-See schießt nicht mit Kugeln! Bah! Was will es heißen, sich auf die See
-zu wagen?! Gar nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie weit
-fährt denn der Herr Graf? -- Sicher nicht zehn Schritt entfernt vom Ufer
-weg! Auf den Ozean hinaus ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und
-Bootfahrt an der Küste stellt überhaupt keine Anforderungen an den Mut
-eines Mannes!« --
-
-»Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken -- --«
-
-»So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweißes Lämmchen, was hat denn
-das Wasser für eine Gefahr, wenn es nicht tief ist?« -- und die
-Sprecherin schüttelte die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der
-Stirn und machte ein geradezu verächtliches Gesichtchen: »Ein Mann, der
-nicht Soldat ist, nicht für Fürst und Vaterland kämpft, kann mir niemals
-imponieren; und Graf Guntram Krafft ist kein kühner, stolzer Bär, wie
-seine Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbär! -- Er sollte nur
-einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte es ihm schon zeigen, wie ich über
-ihn denke!«
-
-Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden Nixenaugen,
-blitzten gar trotzig in dem süßen Gesicht, und sie wiederholte
-nachdrücklich: »Glaub' mir's! Ich würde es ihm zeigen!« --
-
-»Das würde ihn aber doch sehr kränken?« warf Trautchen schüchtern ein,
-und das Mitleid glänzte in ihrem Blick.
-
-»Um so besser, wenn es ihn kränkt!« brauste Gabriele ungestüm auf und
-kehrte alle Würde ihrer fünfzehn Jahre heraus. »Wie soll denn so ein
-verwöhnter Mamajunge anders merken, daß er ein Waschlappen ist, wenn wir
-Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser noch Helden in
-seine Armee bekommen, wenn wir nicht die Männer zu Heldentaten
-begeisterten und anspornten? -- Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute
-Soldatentochter und ein famoses deutsches Mädel, welches genau weiß, was
-es Fürst und Vaterland schuldet! Einen Helden zum Vater! Einen Helden
-zum Gatten, und mehrere Helden als Söhne!«
-
-»Bravo! Die Steigerung war gut!« lachte die schwarzlockige kleine Gräfin
-Sevarille und verzog dabei das Mündchen etwas ironisch, »solche Dinge
-klingen in der Theorie ganz poetisch und schön, aber in der Praxis kommt
-die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel der geschmähte Waschbär
-hier auftauchte, als schöner Mann und reicher Erbe, und er machte dir
-eine Liebeserklärung, Gabriele, du pustetest auf alle
-Heldenherrlichkeiten in deines angebeteten Kaisers großer Armee und
-heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!«
-
-Heiße Röte stieg in das Gesichtchen der Genannten, die Nixenaugen
-schillerten wie die See, ehe sie in hohen, verderbenden Wogen aufbraust.
-
-»Das würde ich tun, sagst du?« -- stieß sie atemlos hervor, »das ist
-eine perfide Behauptung, Thekla, und ich wünsche nun wahrlich nichts
-sehnlicher, als daß der Hohen-Esper mir einen Antrag machen würde!« --
-
-»Haha! Hört ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!«
-
-Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf den Tisch und sprang
-auf.
-
-»Laß mich ausreden, ehe du mich beschimpfst!« trotzte sie in der vollen
-Heftigkeit, welche ihrem Charakter eigen war, »ich wünsche mir einen
-Heiratsantrag von ihm, lediglich um dir zu beweisen, daß ich keine
-leeren Phrasen geredet, sondern Wort halten würde, so wahr ich Gabriele
-von Sprendlingen bin! Und wäre er schön wie ein Gott und reich wie
-Krösus, wenn er nichts für Fürst und Vaterland leistet, wenn er kein
-Held ist und Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und mit
-dem Kreuz der Ehre lohnt, -- ich würde _nie_ sein Weib! Nie! -- Das
-schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« --
-
-»Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein!« -- entsetzte
-sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser zu einem tiefen
-Kerbschnitt an und sagte mit einem wunderlich scharfen Lächeln --:
-»Gut, wir haben deinen Schwur gehört und werden nicht verfehlen, dich
-zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den Ausspruch des
-Dichters: >Ach, Worte sind ein leerer Schall --< denn sie verfliegen
-und werden so schnell vergessen, wie man sie hört! _Mündlich_
-ist schon mancher Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden!
-Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den Lippen, aber
-_schriftlich_? Haha! _Schriftlich_ verzichtest du nicht auf den
-Grafen von Hohen-Esp!«
-
-Gabriele griff mit nervös bebender Hand nach den Zetteln und
-Bleistiften, welche, für ein Schreibspiel zurechtgelegt, bereits auf
-einer Marmorschale seitwärts des Tisches standen.
-
-»Und warum nicht?« spottete sie mit gefurchter Stirn: »Wenn dir ein
-geschriebenes Wort sicherer ist wie ein gesprochenes, sollst du es gern
-haben!« --
-
-Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne Überlegen mit
-festen, schwungvollen Schriftzügen auf einen der Zettel nieder:
-
-»Da meine Freundin Thekla meine Ansicht über den Grafen von Hohen-Esp
-schriftlich wünscht, so erkläre ich hiermit noch einmal, daß ich
-denselben nie und nimmermehr heiraten werde, weil er kein Held ist und
-mir nicht imponiert!«
-
--- Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den inhaltschweren
-Zettel zusammen und warf ihn Komtesse Sevarille zu, -- die andern jungen
-Mädchen belohnten diese »fesche« Tat mit stürmischem Beifall, und Thea
-griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren Pompadour. Sie
-lächelte und nickte Gabriele zu: »Du hast doch mehr Charakter, als wie
-ich glaubte!« sagte sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und
-übellauniges Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefällig aus. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Von der See herüber brauste der eisige Novembersturm und fegte die
-letzten welken Blätter um die Zinnen von Hohen-Esp.
-
-Der Buchwald, welchen Gräfin Gundula vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren
-an all den Stellen, welche Friedrich Karl so schonungslos hatte abholzen
-lassen, nachgepflanzt hatte, war emporgewachsen und füllte schon wieder
-die Lücken aus, welche ehemals das Auge der Burgherrin so schmerzlich
-verletzt hatten.
-
-Noch waren sie den wundervoll hochstämmigen Riesen, welche rings um den
-Hügel, der die Mauern von Hohen-Esp trug, Wache hielten, lange nicht
-gleichgekommen, aber sie waren ebenso gediehen und frisch und kräftig
-aufgewachsen, wie der junge Sproß des alten Grafenstammes, welcher als
-blondlockiger Knabe unter ihnen gespielt, als Jüngling mit markigen
-Armen geschafft und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte.
-
-Guntram Krafft war mündig geworden, ohne besondere Zeremonie und
-Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen in neuen Rechten anerkannt zu
-werden; denn das ehemalige Vermögen seines Vaters war in den Besitz
-seiner Mutter übergegangen, und nur von dem freien Willen der Gräfin
-hing es ab, ob der Sohn Herr sein sollte auf dem Besitz der Väter. In
-dem Willen Gundulas aber lag es, den jungen Mann selbständig zu machen.
-
-Voll stolzer Genugtuung sah sie, daß er zu einem Charakter ausgereift
-war, fest und zuverlässig, stark in allem Guten und Edeln, und dennoch
-so rein an Herz und Sinn wie ein Kind.
-
-Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen, nur wie ferne,
-sagenhafte Klänge und Bilder zogen die Erzählungen seiner Erzieher von
-Menschen und Leben an seinem geistigen Auge vorüber.
-
-Als er groß genug geworden, um eine berechtigte Frage nach seinem Vater
-und dessen Leben zu stellen, hatte Gundula zum erstenmal seit langen
-Jahren von ihrem Gatten gesprochen.
-
-Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen Mutter und Sohn.
-
-Da entrollte die Gräfin vor den weitoffenen Augen ihres Sohnes die
-traurigen Bilder der Vergangenheit, und waren dieselben schon an und für
-sich dunkel genug, so färbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch
-düsterer, so daß Guntram Krafft die Welt nur als einen Sündenpfuhl voll
-dräuender Gefahren, und die flotte, leichtlebige Gesellschaft der
-Großstadt als eine Wildnis kennenlernte, in welcher aller Ecken und
-Enden die Abgründe gähnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen und
-verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich jemals ein Urteil
-aus eigener Anschauung gebildet zu haben, und doch machte diese fremde,
-unnatürliche Beeinflussung keinen weltschmerzlichen Sonderling und
-Einsiedler aus ihm.
-
-Er verlangte nicht nach jenen Verhältnissen, welche die Mutter ihm so
-unerquicklich geschildert, und von welchen die jungen Fischer im Dorf
-nichts Gegenteiliges zu erzählen wußten!
-
-Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen eingezogen, hatten
-ihre Jahre abgedient und Reisen in weite, ferne Wunderländer gemacht,
-von denen sie wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erzählten, aber nach
-welchen sie doch nie zurückverlangten.
-
- »Nord, Süd, Ost -- West --
- Daheim ist's am best'!«
-
-lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste
-und meerumspülte Heimat mit der zähen Treue nordischen Bluts, sie
-kehrten heim, freiten und machten sich seßhaft; selten nur, daß der eine
-oder andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn besseres
-Verdienst lockte.
-
-Das waren jedoch die »Verschollenen«, von denen kaum noch Angehörige im
-Dorf lebten und welche selten, fast nie eine Nachricht in die Heimat
-gelangen ließen.
-
-Kam jemals eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht über Guntram Krafft,
-die herkulische Stärke seiner Arme zu prüfen, auch hinauszuziehen mit
-flinken, weißen Segeln, um jene heimlichen Wunder fremder Länder
-kennenzulernen, wollte sie ihn packen, die Wanderlust des Jünglings und
-der Tatendrang des Mannes, so genügte nur ein einziger Blick auf die
-schwarze Trauergestalt der Mutter, in ihr bleiches, gramgefurchtes
-Antlitz unter dem frühergrauten Scheitel, und er schüttelte voll stolzer
-Entsagung das Haupt und war es sich voll bewußt, daß er die einsame Frau
-nicht verlassen durfte, deren einziges Glück er geblieben.
-
-Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges Studium edler
-Wissenschaften gaben seinem Leben reichen Inhalt, und wenn er Freude und
-Zerstreuung suchte, so streifte er das grobe Fischerzeug über seine
-markige Brust und fuhr voll jauchzenden Ungestüms hinaus in See, mit
-Sturm und Wogen einen tollkühnen Kampf zu kämpfen, furchtlos sich in
-brandende Flut zu wagen, der geschickteste der Segler, der furchtloseste
-der Schwimmer, ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer voll
-staunender Bewunderung aufblickten und ihn den »Besten der Ihren«
-nannten.
-
-Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt, wenn es galt,
-bedrohten Freunden Hilfe zu bringen, strandenden Schiffen in Nebel und
-Sturm ein tollkühner Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser
-Küste, welche durch widrige Gegenströmungen und Untiefen schon manchem
-Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod und Verderben gedroht hatte!
---
-
-Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie erfahren, wer ihr
-kühner Retter in der groben Teerjacke gewesen; flossen ihm Geldgeschenke
-von den Dankbaren zu, so lachte der junge Graf gar frisch und fröhlich
-auf, überwies sie seinen Genossen und sprach: »Holla, Kinnings! Dor
-hätten wie wat inbrächt!« und die schwieligen Hände legten die Taler
-zurück in die gemeinsame Kasse, aus welcher bedürftige Fischer
-unterstützt und das Rettungsboot, welches anfangs ein recht dürftiges
-Fahrzeug gewesen, immer zweckmäßiger ausgestattet wurde. Guntram Krafft
-fühlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit unendlich glücklich
-und verlangte nicht hinaus in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und
-Lustbarkeit, eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern Welten,
-welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne im endlosen Himmelsraume
-kreisen.
-
-Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der Gräfin auf, daß es
-oft wie ein melancholischer Schatten auf dem freien, männlich schönen
-Antlitz lag, daß sein Blick oft sinnend und träumerisch in das Weite
-streifte, daß er oft ganz unvermittelt sagte:
-
-»Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning, die er seit
-Kind auf so liebgehabt hat!« -- oder --: »Weißt du's, Mutter, daß dem
-Göschen Wulff in dieser Nacht ein Bub geboren ist? Ein prächtiger,
-pausbackiger Kerl ... kann schreien für zehn, und der Göschen ist so
-stolz, als sei er ein Kaiser geworden!« ... und nach kurzer Pause --:
-»Wie ist es doch so still und leer hier in Hohen-Esp! Wäre wohl nicht
-übel, Mutter, wenn auch hier mal ein wenig junges Leben einzöge und ein
-paar kleine Bärlein herumpurzelten!« Er lachte dazu, und dennoch
-blickten seine blauen Augen seltsam ernst! --
-
-Da war's, als ob Frau Gundula urplötzlich aus einem langen, langen Traum
-erwache, und sie nickte wie erschrocken vor sich hin und sprach leise:
-»Ja, es ist Zeit geworden!« --
-
-Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den kleinen, bleigefaßten
-Scheiben, und blickte starren Auges hinab auf die laublosen
-Buchenwipfel, welche der Sturm wie brandende Flut gegen das graue
-Turmgemäuer peitschte. --
-
-Tage und Nächte lang hatte sie in schwerem Kampf gerungen, hatte
-gesonnen und überlegt, um das rechte zu finden.
-
-Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war ein Mann geworden,
-dessen Herz sich nach Liebe sehnte, dessen Wunsch es war, gleich seinen
-Gespielen ein Weib zu freien und glücklich zu sein!
-
-Die Gräfin, deren scharfer Geist alles so wohl überlegt und bedacht
-hatte, was zum Glück ihres Kindes nötig schien, hatte seltsamerweise
-diese Notwendigkeit noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz
-der lang vorbereitenden Jahre doch überraschend an sie herantrat, da
-kostete es ihrem Herzen schwere Kämpfe, bis sie sich entschlossen hatte,
-sich in das Unvermeidliche zu fügen.
-
-Guntram Krafft mußte die Brautfahrt unternehmen, er mußte Ausschau
-halten unter den Töchtern des Landes, welche von ihnen das Ideal
-verkörpern möchte, das sich der weltfremde Mann von seinem Weib
-gebildet!
-
-Ihr Sohn mußte den Winter in der Residenz verleben und die Feste
-mitmachen, er _mußte_ es! Es half da kein Weigern mehr! Kein anderer
-Ausweg wollte sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr grübelte.
-
-Seit Tante Agathe gestorben war, besaß sie gar keine näheren Verwandten
-mehr, wenigstens keine, welche heiratsfähige Töchter hatten und zu
-welchen sie den jungen Bären von Hohen-Esp hätte senden können, wie
-einst Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei seiner Sippe um
-ein Weib zu dienen.
-
-Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem Dorfe heimführen,
-dagegen sträubte sich der Stolz einer Frau, welche ihr ganzes Leben lang
-nur für das eine Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den
-Besitz und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zurückzuerwerben. --
-
-Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen und Krone mitbringen, sie
-soll eine ebenbürtige Gemahlin für ihren Sohn sein, deren Ansichten die
-ihren sind, deren edler Sinn eine Bürgschaft für die Tugend künftiger
-Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die rechte Wahl treffen? --
-
-Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden, der
-Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft!
-
-Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen um seine Füße
-legen?
-
-Wird sie ihn blenden und bestricken, daß er nicht wieder zurückverlangt
-in sein stilles Heim? --
-
-Wird er ihr Gift schlürfen und es so süß und berauschend finden, daß ihm
-das klare Quellwasser der Heimat nicht mehr mundet? --
-
-O nein! Nun und nimmermehr!
-
-Gundula ist ihres Sohnes gewiß. Die mühsame Aussaat von so viel langen,
-bangen Jahren kann nicht in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer
-Eindrücke, in der sengenden Glut froher Feste, in den Stürmen eines
-Karnevals zugrunde gehen!
-
-Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen und fremd bleiben, --
-er wird sich aus der hohen Flut eine Perle heben und sein Kleinod so
-bald wie möglich in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten.
-
-Außerdem schickt sie ihn nicht völlig allein und haltlos in das bunte
-Leben hinaus. Der alte Kammerdiener ihres Mannes, welcher schon Gundula
-als Braut gekannt und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen
-ist, der goldgetreue, zuverlässige Anton wird seinen jungen Gebieter in
-die Residenz begleiten.
-
-Er weiß ja so gut Bescheid auf dem heißen Boden der Großstadt, er ist
-über so manches Parkett geglitten und hat den Kammerherrn ehemals in so
-manch schwieriger Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge über
-dem jungen Bären walten lassen, welcher zum ersten Male die sichere
-Höhle verläßt! Anton wird angewiesen sein, ganz genau über den Grafen zu
-berichten, und wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die
-Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte, dann wird die
-Mutter zu rechter Zeit die energischen Hände heben, diese Fäden
-unbarmherzig zu zerreißen.
-
-Gräfin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet auf den Sohn, und
-als sie endlich seinen schweren, stampfenden Schritt auf der gewundenen
-Stiege hört, da hebt sie wie mit letzter Selbstüberwindung das Haupt und
-schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen, spitzgewölbten Tür,
-den hochgewachsenen Nacken im Eintreten beugend, steht Guntram Krafft.
-
-Mächtige Wasserstiefel reichen bis über die Knie, eine Düffeljoppe läßt
-die breite Brust noch hünenhafter erscheinen, und ein ausgeschlagener
-Südwester sitzt fest auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das
-frische, männlich schöne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen.
-
-»Dag ok, Mutting!« lacht er mit strahlendem Blick, reißt den Hut ab und
-hebt ihn in seemännischem Gruß hoch über das Haupt.
-
-»Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet? -- Aber bei
-diesem Wetter muß man auf dem Posten sein, damit kein Unglück am
-Hamelwaat passiert! Weiß der Kuckuck, daß solch eine gefährliche Stelle,
-wo schon so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner
-Strandkommission schärfer ins Auge gefaßt ist! -- Vorhin wieder eine
-Brigg! -- Schnurgrad drauflosgehalten! Noch ein paar Nasenlängen, und
-sie saß fest! -- Wir hatten sie glücklicherweise beobachtet, und ich
-konnte noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber eine
-Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise, und kalt genug hat's
-uns um die Ohren gepfiffen! Da hat dir dein Bär einen regelrechten
-Bärenhunger heimgebracht, und für ein Warmbier verkaufe ich heute auch
-das Recht der Erstgeburt!«
-
-Er lachte, daß die weißen Zähne unter dem blonden Schnurrbart blitzten,
-schlang zärtlich den Arm um die düstere Frauengestalt und küßte Frau
-Gundula herzhaft auf den Mund.
-
-»Das steht bereit, du Wasserratte!« lachte diese, mit einem Blick
-unendlichen Wohlgefallens die blühende Schönheit ihres Sohnes umfassend,
-»willst du dich erst umkleiden oder erst durch einen Imbiß erwärmen? Du
-weißt, ich liebe es nicht allzusehr, dich in dieser Ausrüstung am Tisch
-zu sehen!«
-
-»Weiß ich, Mamachen, -- und werde nie dein Eßzimmer durch Teerjacke und
-Ölzeug entweihen. -- Auch ist's mir, ehrlich gestanden, selber zu
-unbequem! Aber bitte, befiehl einstweilen alle Bierkannen und
-Schinkenbrote auf Deck, damit ich in zehn Minuten an ihnen zum
-Massenmörder werden kann!«
-
-»=Vae victis!=« --
-
-»Ja, wehe ihnen! Heut wird kein Pardon gegeben!« -- Und Guntram Krafft
-schritt über die Schwelle zurück, daß die morschen Parkettplatten
-krachten.
-
-Draußen hörte die Gräfin ihn fröhlich pfeifen: »Auf, Matrosen, die Anker
-gelichtet!« -- Dann hub ein gewaltig Poltern und Rumoren in der
-Turmstube des jungen Grafen an, und in sehr kurzer Zeit saßen Mutter und
-Sohn beim lodernden Kaminbrand in der Speisehalle zusammen, wo Guntram
-Krafft das Frühstück serviert war.
-
-Der Hausanzug des jungen Hohen-Esp war weder sehr elegant noch sehr
-modern, er war solide und zeugte von der Sparsamkeit, welche in allen
-Dingen noch im Hause herrschte, obwohl die Gräfin mit einem tiefen
-Ausatmen der Befriedigung noch vor wenig Tagen zu dem Inspektor gesagt
-hatte: »Noch ein paar solcher Rübsenernten, und wir können, so Gott
-will, schon das zweite Vorwerk von Walsleben zurückkaufen!«
-
-Aber trotz seiner nicht allzu vorteilhaften Kleidung sah der junge Graf
-ganz vortrefflich aus, just so, wie es zu seiner bärenhaften und
-urwüchsigen Schönheit paßte.
-
-Man konnte es sich bei seinem Anblick kaum denken, daß diese
-Reckengestalt in Frack und Lackschuhe hineinpassen würde, daß sie sich
-zum Träger all der weichlichen, geschniegelten Eleganz der modernen
-Salonhelden machen könne!
-
-Ein Zylinderhut auf diesem wildlockigen Haupt mußte ganz wunderlich
-aussehen, und wie die wetterharten Hände, wohl schön und edel in der
-Form, aber ohne Schonung verarbeitet wie bei dem geringsten Fischer,
-sich mir Glacéhandschuhen befreunden würden, schien selbst Frau Gundula
-in diesem Augenblick eine berechtigte Frage.
-
-Sie musterte das Äußere des jungen Bären interessierter wie je zuvor,
-und dieweil er frisch und fröhlich dem kräftigen Mahle zusprach und
-dabei voll lebhaften Eifers über seine stürmische Seefahrt sprach,
-flogen ihre Gedanken weit voraus ... und sie sah diesen unerschrockenen
-Seehelden auf dem höfischen Parkett stehen, umrauscht von schmeichelnden
-Musikklängen, umweht von süßem Amberduft, umglänzt von ungezählten
-Lichtflammen und umringt von koketten, lachenden, anmutig reizenden
-Mädchengestalten.
-
-»Unser Rettungsboot taugt nichts, Mutting,« fuhr Guntram Krafft
-währenddessen etwas unwillig fort, »es ist ganz unzweckmäßig gebaut, --
-ein Kahn wie alle andern auch, der bei gutem Wetter zum Heringfangen
-noch zu brauchen ist, aber wenn's mal kräftig weht, doch ein ganz
-unzuverlässiges Ding ist! Grad' bei der drei- und vierfachen starken
-Brandung am Hamelwaat! -- Über die äußerste Brandungslinie, wo sich die
-Wellen auf drei bis vier Faden brechen, kriegen wir's kaum noch hinaus.
-Hab' heute versucht, den Bug dem Lande zuzuwenden -- hab' den Lenzsack
-nachbugsiert -- damit ich das Boot zurück und zu gleicher Zeit recht vor
-der See halten konnte -- wollte so das Beidrehen hindern -- aber viel
-nützen tat's auch nicht! Ja, so ein gutes Peakeboot, welches sich
-aufrichtet wie ein Holundermännchen, mit einem schweren, eisernen Kiel,
-und vorn und hinten hohe, gewölbte Luftkästen ... ja, das könnten wir
-gebrauchen, damit ließe sich etwas ausrichten ...«
-
-»Sicherlich!« -- nickte Gundula zerstreut und überlegte, daß sich der
-junge Graf am besten in der Residenz neu ausrüsten müsse, -- Anton
-verstand sich vorzüglich darauf ... der muß ihn einkleiden ...
-
-»Ich finde, es ist eine Schande, daß gerade hier für unsere
-Küstenstrecke so gar nichts geschieht! Die nächste Rettungsstation
-hat gar keinen Wert für uns, denn wir können sie einfach nicht
-erreichen, wenn plötzlich Not an den Mann geht! -- Es _muß_ etwas
-hier geschehen, das Hamelwaat ist auch solch ein Brunnen, welcher erst
-zugeschüttet wird, wenn das Kind ertrunken ist! -- Mir geht es schon
-so lange im Kopf herum, mich an eine zuständige Behörde zu wenden, daß
-sie uns eine regelrechte Rettungsstation bauen läßt -- was meinst du,
-Mutter, was ich dazu tun könnte?«
-
-Die Gräfin blickte auf, legte entschlossen die Hand auf den Tisch und
-sagte: »Du wirst in der Residenz am besten Gelegenheit haben, maßgebende
-Persönlichkeiten für deine Pläne und Absichten zu interessieren!«
-
-»In der Residenz?!«
-
-»Ich möchte dir heute eine Eröffnung machen, Guntram Krafft, dir einen
-Wunsch mitteilen, welchen du mir hoffentlich erfüllst?«
-
-Er blickte erstaunt auf, nahm ihre Hand und küßte sie als stumme
-Antwort.
-
-»Es ist Zeit, daß du, als jetzt großjähriger Mann, deinem Herzog
-vorgestellt wirst, daß du hochdemselben, als angestammter Vasall und
-Sproß eines seiner ältesten Grafengeschlechter, deine stete Treue und
-Dienstwilligkeit versicherst. Ich habe mich diesbezüglich mit einer
-Anfrage an das Hofmarschallamt gewandt und eine sehr huldvolle und
-gnädige Antwort Seiner Hoheit erhalten.
-
-Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebenswürdigstem Interesse
-entgegen und ist bereit, dich bei Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt
-wird sich über die Saison erstrecken, du wirst die Feste im
-herzoglichen Schloß und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen der
-Hofgesellschaft mitmachen!«
-
-Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt bei dieser Eröffnung
-aus; er blickte die Sprecherin nur erstaunt an und sagte beinahe
-bedauernd: »Gerade im Winter bin ich am wenigsten abkömmlich hier! Denk
-an die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres! Wie gut war es,
-daß ich da auf dem Posten war! Aber so Gott will, haben wir gut Wetter
-in diesem Winter, und wenn du sagst, daß ich die Verpflichtung habe,
-mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so gehe ich.« --
-
-»Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge der hübschesten,
-liebenswürdigsten und vornehmsten jungen Damen kennen zu lernen -- --«
-
-Der junge Graf richtete sich höher auf, sein Blick haftete wie in
-starrem Forschen auf dem Antlitz der Sprecherin, über welches ein müdes,
-flüchtiges Lächeln glitt, ein Lächeln, wie er es noch nie darauf
-gesehen.
-
-Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck von Verlegenheit,
-wie bei einem jungen Mädchen, lag plötzlich auf dem schönen Antlitz, und
-langsam nach dem Bierglas greifend, fragte er zögernd: »Was meinst du
-damit, Mutter?«
-
-»Ich meine und hoffe, daß mein Sohn mir vielleicht eine schöne,
-liebenswürdige Tochter aus der Residenz mitbringt, eine junge Bärin für
-das alte Nest, welche all das frohe, frische Leben in Hohen-Esp
-aufblühen läßt, welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermißt hast!«
-
-Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief über Guntram Kraffts
-Augen, dann schlug er sie voll auf und lachte die Gräfin mit strahlendem
-Blicke an.
-
-»Das würdest du gut heißen?!«
-
-»Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender Wunsch, daß du
-heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle Lage ist durch Gottes gnädige
-Hilfe eine derartige geworden, daß du auch ein armes Mädchen heimführen
-kannst, vorausgesetzt, daß sie solide und anspruchslos genug ist, jetzt
-und für die Zukunft mit dir in unsrer lieben Waldeinsamkeit hier zu
-leben! Ein genußsüchtiges, eitles und oberflächliches Weib paßt nicht in
-die Bärenhöhle von Hohen-Esp, sie würde dein Unglück sein! Ich hoffe,
-daß du selbst an derartig veranlagten Damen keinen Geschmack findest,
-und werde dich noch, ehe du gehst, auf manches aufmerksam machen, was du
-zu beobachten hast. Es gibt auch in der großen, lebenslustigen Residenz
-genug sinnige, holde Mädchenblüten, welche ihr volles Genüge und ihr
-schönstes Glück in einem stillen Liebesleben, fernab von der lärmenden
-Landstraße, finden! -- Ich habe dich durch fünfundzwanzig Jahre hindurch
-gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, -- gebe der barmherzige Gott, daß du
-in dem wichtigsten und entscheidendsten Augenblick deines Lebens nicht
-mit Blindheit geschlagen sein mögest!«
-
-Die Gräfin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus und zog ihren
-Sohn an die Brust, und als sie in seine großen, klaren Augen sah, welche
-aus dem kühnen, wettergebräunten Männerantlitz noch so offen, ehrlich,
-treu und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie ein qualvolles
-Aufseufzen durch ihre Seele. -- »In Sturm und brandende Meereswogen habe
-ich dich ohne Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein
-Lebensschifflein auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche gleißt
-und glänzt und lockt wie ein Märchensee, -- welche ihre Klippen unter
-schaukelnden Rosen versteckt und über deren Untiefen sich schneeweiße
-Nixenarme breiten, -- jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld,
-und flehe zu Gott, daß dieses Lebensmeer dir den Frieden schenken möge,
-den es _meiner_ Seele geraubt hat!«
-
- * * * * *
-
-Alle Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen, und es kam der Tag, an
-welchem Gundula im dunkel flatternden Mantel abermals auf dem Söller
-stand, um dem Wagen nachzublicken, welcher ihr Liebstes von dannen
-führte. --
-
-Sorgenvoll schaute sie auf, ob die Sonne abermals für sie untergehen
-werde für ewige Zeit! -- Aber nein, wohl peitschte der Sturm das schwere
-Schneegewölk gegen sie und verdunkelte sie für kurze Zeit, dann aber
-brach ihr Licht kraftvoll und siegreich hervor, wie endliches, segnendes
-Glück!
-
- * * * * *
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Schneegestöber!
-
-Wie weiße Watte lag's auf der Erde, und darunter blankes Glatteis, so
-daß die Scharen der Straßenjungen mit lärmendem Hallo die breiten
-Trottoirplatten entlangschlidderten!
-
-Die eleganten Villen hatten Hermelinmäntel umgeworfen und standen in
-ihrer fürstlichen Pracht noch stolzer und unnahbarer wie sonst inmitten
-der wohlgepflegten Gärten, aus denen die Tannen, Lebensbäume und Taxus
-wie grüne Butzemänner schauen, welche unter weißen Laken Versteck
-spielen! Schlitten flogen mit klingenden Schellen und prächtig
-geschmückten Rossen vorüber wie Märchenbilder, schöne Frauen in
-flockigen Pelzen saßen darin und neigten grüßend die Köpfchen, Damen und
-Herren in eleganten Eiskostümen eilten dem spiegelblanken See im Parke
-zu, und zwischendurch drängte und schwatzte und lachte der breite Strom
-der Passanten, welche Dienst, Geschäft oder Vergnügen hinaus in das
-lustige Winterwetter trieb!
-
-Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend die Parkstraße
-hinab.
-
-Es war zum erstenmal, daß eine größere Stadt ihre reizbaren Bilder vor
-ihm entrollte und den Neuling durch ihren rastlosen Wechsel in die
-seltsamsten Gefühle versetzte.
-
-Anfänglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die Menschenmenge
-belästigt, die Masse der hohen Häuser in unangenehmer Weise bedrückt; er
-empfand nur das Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand es
-noch nicht, das Einzelne, Schöne und Interessante daraus zu erfassen.
-Aber er lernte es bald.
-
-Anton war ein verständiger und guter Lehrmeister, ein Mensch, der, als
-ehemals so verwöhnter und welterfahrener Mann, es nun nach der langen
-Zeit tiefer Einsamkeit geradezu mit Entzücken genoß, noch einmal in das
-verlorene Paradies seiner Jugendträume zurückzukehren.
-
-Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter bald an, und dieweil
-Graf Hohen-Esp während der ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und
-Mißtrauen jeglichem Neuen gegenüber empfand und seiner Mutter nur mit
-einem rechten »Stoßseufzer« über die schreckliche Rundreise durch alle
-Magazine und Läden berichtete, -- so gewöhnte er sich doch bald an das
-so gänzlich veränderte Bild seiner Umgebung.
-
-Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem Eigenartigen, immer
-zufriedener musterte er seine so ganz verwandelte äußere Erscheinung im
-Spiegel, -- er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd
-versicherte: »So, Herr Graf, nun können wir uns schon vor den
-Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen schmuckeren Junker können sie
-im ganzen Land nicht finden!«
-
-Ja, er war eine imposante, auffallend schöne Erscheinung, der Bär von
-Hohen-Esp, aber trotz der modernen Kleider lag es doch wie ein
-undefinierbares, gewisses Etwas über ihm, was ihn fremd und ungeschickt
-zwischen den anderen Herren erscheinen ließ.
-
-Eine unüberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte der neuen Kleidung
-beeinflußten ihn, er tappte daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens
-blind gewesen und nun mit einemmal sehen lernt.
-
-Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, kühn und
-trotzig in Sturm und wildes Wetter schaute, bekam etwas kindlich Naives,
-beinahe Verlegenes, wenn er durch die Menschenmenge schritt oder im
-Hotel an der Table d'hôte Platz nahm.
-
-Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine Manieren waren
-vorzüglich, formell und ritterlich, er war weit entfernt davon, sich
-wie ein Hinterwäldler zu benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise
-seltsam, weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und linkisch
-machte.
-
-Der junge Bär hatte wohl alles, was eine gute Erziehung fordert,
-gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie unter fremden Menschen
-verwertet, und weil hier in der Stadt _alles_ so völlig anders war wie
-daheim, so verlor er auch den Glauben an sich selber und seine Art, und
-diese Unsicherheit gab dem hünenhaften Recken etwas Linkisches und
-Unvorteilhaftes.
-
-Die Gräfin hatte bestimmt, daß ihr Sohn sich erst zehn bis vierzehn Tage
-in der Residenz aufhalten solle, ehe er seine Besuche bei Hof und in der
-Gesellschaft abstattete. --
-
-Sie fand es wohl selber notwendig, daß die weltfremden Augen des jungen
-Mannes sich zuvor an elektrisches Licht und den bunten Wirbel der
-Großstadt gewöhnten, daß er erst ein wenig auf dem Parkett gehen lerne,
-ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte.
-
-Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag besser, so daß Anton
-schon recht zufrieden war und sagte: »In zehn Tagen wird im Schloß
-getanzt, Herr Graf, da müssen zuvor die Karten abgeworfen werden!«
-
-»Aber ich kann nicht tanzen, Anton! -- das, was wir daheim im
-Fischerdorf mal >Tanzen< nannten, das paßt wohl schwerlich hierher in
-das Palais!«
-
-»Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern mit den schönen
-jungen Damen!«
-
-Guntram Krafft wurde dunkelrot.
-
-»Ich fürchte, daß ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, Alter, ich habe
-mich nie darin geübt, mit Damen zu plaudern! Von was soll ich sprechen?
--- Von Hohen-Esp? Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die ich aus
-den Büchern gelernt habe? Die werden den jungen Mädchen nicht gefallen!
--- Ich begreife nicht, woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken
-Bär hierher unter die Menschen zu schicken!«
-
-»So etwas müssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr Graf! Das findet
-sich schon alles, und Sie wären der erste junge Mann, welcher bei einem
-hübschen Fräulein nichts zu reden wüßte! Da fragen Sie nur: >Lieben
-Sie das Meer, mein gnädiges Fräulein?< und wenn sie sagt: >ja, gar
-sehr!< -- dann erzählen Sie ihr von unserm blauen Wasser daheim und den
-Fahrten durch Nebel und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hört eine
-jede gern!« --
-
-Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war eine gute Idee! Wenn
-er von seiner geliebten See sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz
-unwillkürlich das Herz auf die Zunge!
-
-Eine freudige Zuversicht überkam ihn, der naive Glauben eines redlichen
-Herzens, welches noch davon überzeugt ist, daß man auf jede freundliche
-Frage auch eine freundliche Antwort erhält!
-
-Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen beschäftigten, als er
-die Parkstraße entlang promenierte und mit hellem Blick auf das muntere
-Leben im Schneegestöber blickte. --
-
-Er lachte über ein paar Jungens, welche sich schneeballten, und als er
-»unversehens mit Willen!« auch einen der weißen Grüße gegen die Schulter
-klatschen fühlte, da blieb er stehen und amüsierte sich noch mehr.
-
-Helles Schlittengeläute erklang hinter ihm, doch wandte er in seinem
-lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, bis ein lautes Aufschnaufen,
-Klirren und Hufschlagen, sowie die schrillen Angstrufe etlicher
-Passanten ihn jählings zurückschauen ließen.
-
-Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen von zwei
-Vollblütern unter langwehenden Schneedecken.
-
-Da plötzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, von dem der Wind
-momentan den Schnee hinweggeweht hat, aus, es stürzt wie gemäht
-zusammen, schlägt wild um sich, reißt auch das andere Roß nieder, und
-der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knäuel anfährt, schlägt
-gegen den hochgeschaufelten Schneewall zur Seite.
-
-Der Kutscher ist von seinem kleinen Rücksitz herabgeschleudert, und die
-Dame, welche in dem Schlitten sitzt, scheint momentan unter demselben
-begraben.
-
-Von allen Seiten springen Männer heran und wenden sich in der ersten
-Bestürzung den Pferden zu, sie zu fassen, abzusträngen und weiteren
-Schaden zu verhüten -- Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten
-neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Händen und richtet ihn
-ohne jede weitere Unterstützung auf, als sei er ein Puppenspielzeug!
-Dann greift er abermals zu und richtet die Dame, welche halb vergraben
-in dem Schnee liegt, in seinen Armen empor.
-
-Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten prüfend ihre
-Bewegungen, ob sie sich verletzt habe.
-
-Sie steht auf den Füßen und tritt zur Seite, sie hebt die Arme und
-schüttelt die weißen Flockenballen aus dem Pelz und von dem Köpfchen.
-
-»Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!« -- atmet der Graf
-auf, -- er sagt es mehr zu sich, wie zu der Fremden; diese aber hat es
-doch gehört, sie reißt den schneebedeckten Schleier von dem Hut und
-drückt den Muff trocknend gegen das Antlitz.
-
-»Nein, Gottlob, -- ich bin mit heiler Haut davongekommen!« sagte sie mit
-überraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich
-oder nervös zu sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen
-hinzunehmen. »Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige
-Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft höflich den Hut zieht,
-blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick
-wird groß und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das Blut
-steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat
-er nie zuvor gesehen.
-
-Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Träume zu
-verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und
-in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt
-mit nachdenklichen Blicken betrachtete.
-
-Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend geformt das
-Näschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen
-Löckchen, welche unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten
-Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche zu schmelzen
-beginnen und in blinkenden Tropfen über der Stirn zittern, wie bei einer
-Nixe, welche der Flut entsteigt!
-
-Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen in langem,
-forschendem Blick, Augen, so hell, so groß, so flimmernd in einer
-undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grünes Seewasser unter den
-dunklen Wimpern zum Stern geformt!
-
-Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weißen Arme nach
-den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam
-schillernden Blick, daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle
-Tiefe, auf Leben und Sterben.
-
-Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit
-aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und
-Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben
-fortgetönt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie
-alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden
-Ring, welcher seine Heimat umschloß.
-
-Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem Boot lag, dann
-stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es
-in poetischer Schönheit in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den
-Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der
-weißen Brust, -- die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd über die
-Stirn, und die Augen, die großen, hellen, farblosen Augen, die
-schimmerten wie durchsichtiger Kristall! --
-
-So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut!
-
-Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll
-Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen.
-
-Er reißt abermals den eleganten, spiegelblanken Filz von dem lockigen
-Haar und stottert ein paar unverständliche Worte, -- aber sein Blick
-hängt wie gebannt an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem
-staunenden Entzücken, daß die junge Dame sich lächelnd abwendet und
-neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen Decken
-wieder auf die Füße gebracht sind.
-
-Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee von seinem Mantel
-und untersucht das Geschirr.
-
-»Na, das hat man alles noch gut gegangen, gnädiges Fräulein! Nicht mal
-ein Strang oder Riemen ist gerissen, und die Pferde sind auch mit dem
-Schreck davongekommen! Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist doch
-noch eine ganze Strecke bis nach Haus!«
-
-Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es erst an dem
-erstaunten Blick eines Dienstmannes, daß er den Hut noch immer in der
-Hand hält.
-
-Hastig setzt er ihn auf, -- seltsam, daß er das ganz vergessen hatte,
-daß er in dem eisigen Wind nicht fror! --
-
-Sein Blick hängt noch immer wie gebannt an der schlanken, schmiegsamen
-Gestalt der jungen Dame, welche den gelbflockigen Pelz wieder um die
-Schultern wirft. Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht.
--- Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, und abermals tritt
-der junge Graf herzu, ihr beinahe schüchtern die Hand zu bieten, um ihr
-behilflich zu sein.
-
-Wieder trifft ihn ihr Blick, -- sie lächelt.
-
-Aus Höflichkeit, gleichsam, um für seine Hilfe dankend zu quittieren,
-legt sie für eine Sekunde die zierliche Hand in die seine und schwingt
-sich voll sicherer Grazie in den Schlitten.
-
-Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, er sieht sie an
-wie ein Kind, welches voll ehrlicher Unschuld sagt: »Wie bist du so
-schön! wie gefällst du mir so gut!«
-
-Und die junge Dame, welche so viel Welt- und Menschenkenntnis besitzt,
-liest das auch sehr klar und deutlich von seinem hübschen Gesicht. Sie
-sieht ein wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne
-Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven Wesen des blonden Riesen
-paßt, sie lächelt abermals freundlich und anmutig, neigt das Köpfchen
-dankend und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit einen
-kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche in den Schnee gefallen,
-in den Schlitten zurücklegt. --
-
-»Ich habe kein Geld bei mir, -- kommen Sie und holen Sie sich nachher
-bei Papa ein Trinkgeld!« sagt sie freundlich.
-
-»O bitte, gnädiges Fräulein, -- hat nichts auf sich! Ist man gut, daß
-alles so abgegangen ist!«
-
-Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die Pferde bäumen ein wenig
-aufgeregt, ziehen an und sausen mit dem Schlitten davon.
-
-Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch einen Augenblick
-und schauen dem schellenklingenden Spuk nach, dann zerstreuen sie sich
-schnell -- und auch der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter.
-
-Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet wie verklärt.
-
-Er möchte die Augen schließen, um nur noch ihr Lächeln zu sehen!
-
-Er hat keinen andern Gedanken fürerst wie nur das Lächeln -- diesen
-sanften, weichen Druck ihrer kleinen Hand.
-
-Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, den ihre
-Gestalt ausströmte, als er sie im Arm hielt, zu ihm auf.
-
-Veilchen! Veilchen im Winter!
-
-Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht war es auch nur
-solch ein herrliches, duftendes Wasser, welches Anton ihm auf den
-Toilettentisch gestellt.
-
-Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten Parfüms, diese waren
-unerlaubter Luxus in der Bärenhöhle gewesen, seit Gräfin Gundula jeden
-Heller sparte, um Goldstücke zu erwerben.
-
-Anfänglich hatte Guntram Krafft »das Zeug« verächtlich zurückgewiesen.
-
-Es deuchte ihm zu weichlich für einen Mann, wenn er sich mit dem Duft
-einer Blume schmücken wollte; -- aber für eine Dame ... ja, das ist
-etwas anderes!
-
-Wie hatte er es an seiner Tante, -- an seiner Bonne geliebt, wenn sie im
-Frühling Veilchen und im Sommer eine Rose an der Brust trugen! Seine
-Mutter stellte die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine
-Farbe an ihrer düsteren Witwentracht, aber selbst in dem stillen,
-freudlosen Gemach der Gräfin hatte ihn der Blumenduft angeheimelt und
-erfreut.
-
-Und nun zog es wie eine süße, zauberhaft süße Woge um das reizendste
-junge Weib, welches er je mit Augen geschaut, um eine menschgewordene
-Melusine, welche ihm aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit
-er nicht allein sei in der großen, unverstandenen Welt. --
-
-Erst viel später kam ihm der Gedanke: »Wer mag sie gewesen sein?«
-
-Der Dienstmann schien sie zu kennen, es war töricht, daß er ihn nicht
-nachträglich um den Namen der Unbekannten befragt hatte! Er ist noch gar
-zu ungewandt in solchen Sachen, und er würde gewiß sehr verlegen
-geworden sein, sich als derart neugierig zu zeigen.
-
-Ob er sie wohl einmal wiedersieht?
-
-Gewiß! --
-
-Warum hätte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die Residenz ist ja nicht
-allzu groß, man begegnet sich wohl auf den Hofbällen, bei Gesellschaften
-oder in dem Theater, welches der Graf gestern besuchte, ohne daß die
-Oper einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird aber doch noch
-einmal hingehen, in der Hoffnung, seine reizende Nixe wiederzusehen.
-
-Sie war sein einziger Gedanke während des ganzen Tages, und sie folgte
-ihm auch bis in den Traum hinein.
-
-Daheim träumte der Bär von Hohen-Esp fast nie.
-
-Die schwere körperliche Arbeit, die kräftige Seeluft schaffen eine
-gesunde Müdigkeit, einen tiefen, traumlosen Schlaf.
-
-Hier kämpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier schafft er nicht voll
-eisernen Fleißes in Wald und Feld, -- hier schaut er nur wirre, bunte,
-flüchtige Bilder, hier führt er nur in trägem Nichtstun ein
-Schlaraffenleben, hier blickt er nur -- wie der verzauberte Fischer im
-Märchen -- in wasserklare, flimmernde Rätsel.
-
-Und als er schläft, rauschen die weißschaumigen Wogen um ihn her, und
-sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien, steigt empor aus der Tiefe
-und schüttelt lächelnd die blinkenden Tropfen von der Stirn.
-
-Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm, und als er regungslos,
-wie verzaubert steht und sie anstarrt, da greift sie in das Wasser und
-hebt eine köstliche Perlenschnur, die glänzt wie der weiße Wellenschaum,
-und ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die grünschillernde
-See, auf welche man auch hinabblickt, ohne den Grund zu schauen. Sein
-Herz erzittert in heißem, sehnendem Verlangen, -- er neigt sich voll
-Leidenschaft und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken in
-den grundlosen Nixenaugen. -- -- --
-
-»Töv min Söhn«, hört er plötzlich eine rauhe Stimme hinter sich, -- eine
-schwielige Hand packt seinen Arm und reißt ihn zurück.
-
-»Dat lat man sin, min Jong,« sagt der alte Krischan Klaaden, »Perlens
-bedüten all Tränen!«
-
-Da erwacht Guntram Krafft, reißt halb zornig, halb erschrocken die Augen
-auf und starrt in das fremde Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein
-halbes Frühdämmern bricht, und er atmet tief auf und denkt: »Wie
-seltsam! Ich habe geträumt, wie ich es ehemals als Kind getan! Das
-kommt von dem müßigen Leben und dem närrischen Zeug, welches man hier zu
-sehen bekommt!« --
-
-Es schlägt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp den jungen
-Gebieter noch nie in den Federn angetroffen, -- warum soll er aber schon
-hier aufstehen? --
-
-Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu tun hat.
-
-Der Graf verschlingt die Hände unter dem Haupt und schließt die Augen,
--- er will weiterträumen von der wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn
-mit dem Lächeln und den Augen der fremden Dame angeschaut.
-
--- -- An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr denn sonst
-spazieren.
-
-Es ist rauhe Schneeluft, und die verwöhnten Leute der Residenz sitzen
-hinter dem Ofen und ahnen gar nicht, wie anders der Nord-Nordost über
-die See heult, wie er seine Eiskörner gegen die Burgfenster von
-Hohen-Esp jagt und dem jungen Bären zuruft: »Komm heraus aus deiner
-Höhle und wage ein lustig Tänzlein mit mir!«
-
-In dicke Pelze gehüllt, schreiten hier in den geschützten Straßen die
-Herren so eilig aus, als fürchteten sie, in Eiszapfen verwandelt zu
-werden, und Damen sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park,
-wo der Graf während längerer Zeit Schlittschuh gelaufen, zeigte sich
-kaum eine der graziösen Gestalten in flottem Eiskostüm.
-
-Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er wandert ruhelos einher
-und sucht jemand, ohne es sich selber einzugestehen, und wenn ein
-Schlitten klingelt, so bleibt er unwillkürlich stehen und schärft den
-Blick.
-
-Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren, und Anton versichert,
-daß durch die alsdann erfolgenden Einladungen reiche Abwechslung in
-dieses langweilige Leben kommen werde.
-
-Bisher hat sich der Bär von Hohen-Esp vor diesen Einladungen gegrault,
-wie vor einer schweren unangenehmen Pflicht, welche er erfüllen muß,
-weil sie von ihm gefordert wird; jetzt plötzlich denkt er mit mehr
-Interesse daran, ja, er sieht in ihnen die einzige Möglichkeit, jener
-entzückenden Fremden noch einmal begegnen zu können.
-
-An der Straßenecke hängt in dem vergitterten Kasten der Theaterzettel
-aus.
-
-Zwar hat sich der Graf nach »Aïda« vorgenommen, nicht wieder dieser für
-ihn so unverständlichen Kunst zu huldigen, jetzt aber bleibt er
-plötzlich stehen und blickt nach dem weißen Papier hinüber.
-
-»Der fliegende Holländer!« liest er, und mit wenigen Schotten
-überschreitet er den schneeverwehten Damm und studiert überrascht das
-Personenverzeichnis.
-
-Der fliegende Holländer!
-
-Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden drunten im Dorf in
-»der blauen Woge« mit den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner
-seiner Jugendgespielen oder ein Anverwandter der Dörfler nach langen
-Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem Pfeifchen und einem Glase
-Grog sein »Garn spann!«
-
-Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern erzählt, von manch
-tollkühner Fahrt durch Wetter und Sturm, wenn die Segel verloren und der
-Mast gebrochen war, -- und die Erlebnisse der Jungen machten die Alten
-beredt, so daß sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern vom Klabautermann
-und dem »fliegenden Dutschman« berichteten!
-
-Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle Spuk, welcher
-schon sein Kinderherz höher schlagen und seine Augen so oft in Nebel und
-jagendes Gewölk spähen ließ -- hier auf der Bühne lebendig werden?
-
-Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten Wogenschwall
-wohl ein Schiff von Pappe und Leinewand schauen, und den bleichen Mann
-vom Tatenschiff bei elektrischem Licht an sich vorüberziehen sehen? --
-
-Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen blitzen.
-
-Nein, beim »fliegenden Holländer« darf er nicht fehlen!
-
-Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein für einen Mann, welcher so
-oft in Todesnot auf rollenden Seen die Segel gesetzt hat und
-hocherhobenen Hauptes auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen
-Anblick das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel!
-
-Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich nach seinem
-heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen glänzen, und aus dessen kühler
-Flut die Nixen steigen, ihn mit kristallenen Augen anzulächeln, so wie
-sie ... jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute und
-Bekannte hier in der Fremde deuchte!
-
-Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll weiter durch die
-menschenleeren Straßen, nach dem Theater, um sich einen Platz zu
-sichern.
-
-Der Wind fegt den Schnee von den Dächern, und ein rostiger Torflügel
-kreischt in den Angeln, das klingt wie Möwenschrei vom fernen Strand ...
-und Krischan Klaaden steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand
-auf seinen Arm.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Schon geraume Zeit vor Beginn der Vorstellung hatte sich Graf Hohen-Esp
-in dem Theater eingefunden.
-
-Er war der erste Gast im Haus, fast allein in der Loge, und betrachtete
-voll nachdenklichen Interesses das Gemälde des Vorhangs, die
-geschmackvolle Pracht des Goldstucks ringsum. Als Anton ihm zum
-erstenmal ein Billett in die Fremdenloge besorgt hatte, war der so
-sparsam gewöhnte Einsiedler entsetzt über den hohen Preis und fragte:
-»ob denn nicht noch billigere Plätze vorhanden seien?«
-
-Anton aber schüttelte ebenso respektvoll wie energisch den grauen Kopf
-und antwortete: »Nein, Herr Graf! Es ist Befehl der gnädigsten Frau
-Gräfin daheim, daß Euer Gnaden hier in allen Dingen standesgemäß
-auftreten. Wir haben es ja jetzt wieder dazu, an Geld ist kein Mangel
-mehr, seit die Güter in dero Besitz sind, und wenn in der Burg so
-sparsam gewirtschaftet wird, so ist das um des Prinzips willen, -- wenn
-es gilt, den Namen zu repräsentieren, soll es mit dem altgewohnten Glanz
-geschehen, -- so haben es die Frau Gräfin-Mutter bestimmt.«
-
-Guntram Krafft war es seit Kindesbeinen gewöhnt, einen Befehl der Mutter
-blindlings zu erfüllen, und so saß er auch jetzt wieder in der Loge, und
-wenn er diesen Platz auch noch viel zu prunkvoll für seine schlichten
-Ansprüche fand, so freute er sich doch, daß er ihm ein so unauffälliges
-Ausschauen nach allen Seiten gestattete.
-
-Sobald eine Tür klappte, richtete sich sein Blick wie in ungeduldigem
-Forschen den neu Eintretenden zu, und so viel anmutige junge Mädchen und
-selbstbewußte schöne Frauen auch erschienen, Guntram Krafft sah
-jedesmal enttäuscht aus. --
-
-Mehr und mehr Menschen drängten sich nach ihren Plätzen, immer bunter,
-immer farbenprächtiger ward das Bild ringsum, -- auch die Loge füllte
-sich mit Gästen.
-
-Ein paar höhere Offiziere mit ihren Damen nahmen neben dem Grafen Platz,
-die Erscheinung des fremden Herrn mit schnellen Blicken musternd und
-alsdann hinter dem Fächer in unauffälliger Weise nur das eine Wort
-flüsternd: »Der Parzival!«
-
-Ein Lächeln, Raunen, Flüstern -- --
-
-Ja, der moderne Parzival, welchen die besorgte Mutter so ängstlich
-gehütet, welchen sie in tiefer Waldeinsamkeit erzog und nun doch hinaus
-in die gehaßte Welt schicken muß, weil das Herz des jungen Recken voll
-glühender, tatendurstiger Ungeduld nach Aventure verlangt.
-
-Die ganze Residenz wußte es bereits, daß der Graf von Hohen-Esp im Hotel
-Quartier genommen und gekommen war, die Feste der Saison zu besuchen, um
-sich eine Burgherrin für die ferne Bärenhöhle zu erwählen.
-
-Voll lebhaften Interesses sahen Mütter und Töchter der guten Partie
-entgegen, und manch neugierig forschender, oder zärtlich lächelnder
-Blick streifte den jungen Mann, wenn er seine Spaziergänge durch die
-Straßen machte und sich so völlig fremd und unbekannt in der Stadt
-wähnte.
-
-Auch jetzt waren fast alle Blicke auf den Bären von Hohen-Esp gerichtet,
-welcher ahnungslos über die Menge hinwegblickte und nur eine einzige
-unter allen suchte.
-
-Er bemerkte es auch nicht, wie eine junge Dame in der Nebenloge, welche
-sich lebhaft mit den Insassen seiner Loge begrüßt hatte, die Blicke
-immer wieder auf ihn heftete und sichtlich bemüht war, seine
-Aufmerksamkeit zu erregen.
-
-Wie schwer aber war das bei einem derart naiven und harmlosen Menschen
-wie diesem modernen Parzival!
-
-Er hörte mit halbem Ohr der Begrüßung und Unterhaltung zu, vernahm, daß
-der eine der Offiziere sie »gnädigste Komtesse« -- eine der Damen als
-»liebste Thea« anredeten, daß man über einen Ball bei dem Kammerherrn
-von Stach sprach und fragte, warum eigentlich Fräulein von Sprendlingen
-nicht zugegen gewesen sei ...
-
-Dann aber setzte die Musik ein, und ihre wundervolle Eigenart
-interessierte den Grafen mehr, wie das verstummende Geplauder neben ihm.
-
-Soeben wollte sich seiner eine gewisse Mißstimmung über die
-Enttäuschung, welche er erfahren, bemächtigen, aber der eigenartige
-Seemannsruf, das so faszinierende: »Ho -- Hoho johe!« -- riß ihn empor
-aus seinen Gedanken, atemlos hinabzulauschen, wo aus Flöten und Geigen
-schier spukhaft der ganze Zauber des Seemannslebens emporrauschte.
-
-Und als sich der Vorhang hob -- da erhob sich ganz unwillkürlich auch
-Guntram Krafft und schaute starren Blickes, tief aufatmend, voll
-unendlichen Staunens auf das mächtig wogende Meer, auf welchem das
-Schiff des fliegenden Holländers heranfliegt!
-
-Und nun er selber, der verwünschte, ruhelose Mann, just so, wie sein
-altes, verräuchertes Bild in der »blauen Woge« daheim hängt, so bleich,
-wie Krischan Klaaden ihn deutlich gesehen hat, als er in wilder
-Sturmnacht am Kap Horn an ihnen vorüberraste!
-
-»Blutrot die Segel -- schwarz der Mast! --« Und alle Segel vollgesetzt,
-so wie das bei einem Schiff aus Holz und Eisen unmöglich gewesen, kein
-Licht an Bord -- keine Mannschaft auf Deck -- kein Pfeifen und Schrillen
-um Rahen und Wanten -- still und geisterhaft wie ein Schatten flog's
-vorbei, -- Elmsfeuer blitzen, und nur auf dem Vorderschiff eine düstere
-Gestalt mit schneeweißem Gesicht ... so ... just so, wie sie jetzt
-drunten auf der Bühne steht!
-
-Ho -- hoho johe! --
-
-Ist dies wahrlich nur eine Komödie?
-
-Ihm ist's, als wehe die kalte, scharfe Seeluft in die Loge empor, -- ihm
-ist's, als woge das Meer vor seinen Blicken ... ihm ist's, als stehe er
-selber am Strand und schaue aus nach jenem Schiff, von welchem die
-sehnsüchtigen Klänge über die Wasser ziehn ... »Blas lieber Südwind!...«
-
-Guntram Krafft richtet sich höher auf, wie wildes Heimweh überkommt es
-ihn, voll sehnsüchtigen Entzückens leuchten seine Augen! -- Er möchte
-die nervigen Arme recken und dehnen, möchte aus rauher Seemannskehle den
-Fremden auf der Bühne zujauchzen: »Ho ho johe! ich hol' euch über!! --«
-
-Vergessen hat er, wo er ist, er weiß es nicht, daß ein Lichtstrahl aus
-den Kulissen hervor just sein weit vorgeneigtes, begeistertes Antlitz
-trifft, er ahnt es nicht, wie schön ihn die Erregung macht, wie
-auffällig er sich in diesem Augenblick benimmt.
-
-Er weiß es auch nicht, daß zwei Mädchenaugen in langem Schauen auf ihm
-haften, daß es in ihnen aufleuchtet wie geheime Leidenschaft und
-brennendes Interesse, -- seine Nachbarin, Komtesse Thea, welche keinen
-Blick von ihm wendet.
-
-In die gegenüberliegende Loge sind leise zwei Damen getreten und haben
-unbemerkt Platz genommen.
-
-Die Jüngere ist es, die mit langem Blick den Grafen von Hohen-Esp
-mustert und ihrer Nachbarin zuflüstert: »Sieh, Mama, da drüben steht der
-fremde Herr, welcher mich gestern unter dem Schlitten hervorgeholt hat!«
-
-Frau von Sprendlingen, die noch immer auffallend schöne und elegante
-Frau des seit etlichen Jahren pensionierten Generals, hob die Lorgnette.
-
-»Ah! Das interessiert mich! Eine auffallend schöne und stattliche
-Erscheinung! Er scheint ja überaus begeistert von der Aufführung --
-sogar von diesem ersten langweiligen Akt! -- Sonst bekommen die Herren
-in der Regel erst Augen und Ohren, wenn die Senta erscheint! -- Sieh nur
-diesen Ausdruck in dem Gesicht deines Retters! Nächstens fällt er auf
-die Bühne herunter! Seine Augen _leuchten_ ja förmlich! Wer mag es sein,
-hörtest du es nicht, Gabriele?«
-
-Die junge Dame zuckte die Achseln. »Nie sollst du mich befragen ...«
-
-»Je nun, man wird es erfahren!«
-
-»Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!«
-
-»Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos --«
-
-»Aber nicht schick!« --
-
-»Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam, der blonde Riese
-scheint etwas derb in seinen Bewegungen --«
-
-»Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen er gestern
-wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge errötet mehr so intensiv wie
-er!«
-
-»Das ist kein Fehler!«
-
-»Aber auch kein Vorzug!«
-
-»Männertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht seltener!«
-
-»Geschmackssache! Es ist leider eine unumstößliche Tatsache, daß die
-amüsantesten und nettsten Herren meist diejenigen sind, welche schon mit
-einem Fuße in Amerika stehen!«
-
-»Amüsant mögen sie sein, -- aber nicht heiratsfähig!«
-
-»Was liegt daran?«
-
-»Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden will!«
-
-Gabriele zuckte mit stolzem Lächeln die schönen Schultern. »Als ob man
-nur heiratete, um versorgt zu sein und unter die Haube zu kommen! Arme
-Mädchen sind wohl darauf angewiesen! -- Gott sei Dank, daß ich in der
-Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ... einen recht amüsanten
-Mann zu wählen!«
-
-Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf und zupfte nervös an
-den echten Spitzen ihres Kleides.
-
-»Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verwöhnt ist und so
-ungeheure Ansprüche an das Leben stellt, mußt eine sehr brillante Partie
-machen. Du machst dir total falsche Vorstellungen von unserm Vermögen
-...«
-
-»O nein! Daß ich keine Millionärin bin, weiß ich, aber daß ich genug
-habe, um auch einen armen Mann heiraten zu können, davon bin ich
-überzeugt!«
-
-»Und wenn du dich irrst?«
-
-»Dann bleibe ich lieber frei und unabhängig, ehe ich einen Mann freie,
-der mir nicht sympathisch ist!«
-
-»Ist dir jener Fremde drüben sympathisch?«
-
-Gabriele lehnte das Köpfchen gelangweilt zurück. »Vorläufig ist er mir
-unendlich gleichgültig! Zwar sieht der >blonde Riese<, wie du ihn zu
-nennen beliebst, aus, als könne und müsse er ganz Hervorragendes
-leisten, und du weißt, daß ich die Menschen nur nach Verdienst schätze!«
-
-»Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche sich nur für
-Helden begeistern kann! Schade, daß es deren heutzutage zu wenig gibt!«
-
-»Es gibt deren!«
-
-»Etwa Herr von Heidler?«
-
-»Wenn einer -- dann er!«
-
-»Welche Illusionen!!« Frau von Sprendlingen lachte etwas nervös: »Ich
-hörte bisher nur, daß er recht flott und leichtsinnig sei!«
-
-»Und daß er der beste, kühnste und unerschrockenste Reiter, der
-tüchtigste Offizier im ganzen Regiment ist, hörtest du noch nicht,
-Mama?«
-
-»Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es noch nicht genug!«
-
-»Also bist du es, die so hohe Anforderungen an das moderne Heldentum
-stellt!« Gabriele hielt den Fächer ein wenig tiefer, und ihr Blick flog
-zu der ersten Reihe des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere
-der Garnison mit Vorliebe ihre Plätze wählten.
-
-»Mir genügt es vollkommen, wenn ein junger Mann seinen guten Willen
-beweist, sein Bestes für Fürst und Vaterland zu geben. Ich bin eine
-begeisterte Patriotin, ich taxiere den Mann nur nach dem, was er für
-Reich und Volk leistet, -- das bestimmt seinen Wert!«
-
-»Aber was leistet Heidler?« zuckte Frau von Sprendlingen ein wenig
-ironisch die Achseln.
-
-»Fürerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine Bravour
-auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt! Daß er eine vorzügliche
-Karriere macht, es zu den höchsten Ehren bringt, ist selbstredend.
-Sollte aber ein Krieg kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem
-Kaiser mit Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!«
-
-Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle Konduite,
-welche ihm der schöne Mund droben ausstellte, wandte Herr von Heidler,
-der elegante Dragoner, das Haupt und blickte mit einem mehr kühnen und
-siegesgewissen, wie verbindlichen Lächeln zu der Loge empor.
-
-Gabriele errötete ein klein wenig und nickte ihm wie einem guten
-Bekannten zu, war es doch stadtbekannt, daß Herr von Heidler ihr
-eifriger Courmacher war, welcher schon während der beiden letzten Winter
-die Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der Saison getragen.
-Der junge Dragoner war eine auffallende Erscheinung, nicht hübsch und --
-wie viele behaupteten -- auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden
-Fall recht interessant.
-
-Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit, mit einem
-sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht, glatt rasiert bis auf den
-englischen kleinen Bart an den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende,
-scharfe, lebhaft blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte Winkel
-ihm etwas Arrogantes gaben -- das war Herr von Heidler.
-
-Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten, sondern lockte
-sich in zwei kleinen Tollen über der Stirn, und das Monokel schaukelte
-sich meist nur auf der Brust, ohne benutzt zu werden.
-
-Die Damen schwärmten für den außerordentlich amüsanten Spötter, welcher
-rücksichtslos die Cour machte, seinen scharfen Witz auf Kosten anderer
-spielen ließ und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, -- die
-kleinen Skandalgeschichten, welche man sich über seinen Leichtsinn und
-sein Glück bei den Frauen erzählte, verliehen ihm seltsamerweise in den
-Augen der Großstädterinnen noch einen Reiz mehr!
-
-Die Herren urteilten weniger günstig über ihn, nannten ihn einen
-frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten höchstens den
-außerordentlichen Schneid und die beinahe brutale Kühnheit, mit welcher
-er sich auf der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht
-hatte.
-
-Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge war sehr leise geführt
-worden, -- sie waren ungeniert, da sie sich allein befanden, auch
-übertönte die Musik das Flüstern hinter dem Fächer.
-
-Mutter und Tochter kannten den fliegenden Holländer zur Genüge,
-betrachteten die Oper nur als angenehme Zerstreuung und wären heute
-abend überhaupt nicht hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der
-Prinzeß Amalie am Nachmittag vorgefahren wäre, mit der Nachricht, daß
-Hoheit Fräulein Gabriele heute abend gern in der Teepause im Opernhause
-sprechen möchte, um direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten.
-Man wisse, daß Fräulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin daselbst
-zu Gast gewesen und gestern zurückgekehrt sei.
-
-Der erste Akt war vorüber, langsam sank der Vorhang nieder, und die
-Klänge der Musik verhallten.
-
-Guntram Krafft stand noch so völlig unter dem Eindruck des Gehörten, daß
-er regungslos verharrte und zur Bühne hinabstarrte, als könne sein
-scharfes Auge die neidische Hülle durchdringen.
-
-Erst der tosende Beifall des Hauses ließ ihn betroffen aufschauen, und
-als er das Haupt wandte und sein Blick mechanisch die gegenüberliegende
-Loge streifte, zuckte er plötzlich zusammen, und auf sein erst so frei
-und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe scheuen
-Entzückens, mit welchem er schon einmal in die Augen seiner Unbekannten
-gestarrt!
-
-War es Spuk und Zauber?
-
-Da glänzten ihm plötzlich die klaren Nixenaugen wieder entgegen, da
-schimmerte das lockige Haar unverhüllt über der Stirn, und weiße,
-flaumige Spitzen rieselten wie Wasserschaum um den schlanken Hals.
-
-Der Graf hatte das Empfinden, als müsse er mit jubelnder Bewegung zu ihr
-hinübergrüßen, aber er wagt es nicht, er sieht aus wie aus Stein
-gemeißelt, und nur sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzücken
-über dies unverhoffte Wiedersehen.
-
-Die ältere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert zu ihm herüber,
-und um die Lippen seiner Meerfei spielt ein schnelles Lächeln.
-
-Sie sieht ihn an, groß und gelassen, und dann schaut sie an ihm vorüber
-und nickt Komtesse Thea an seiner Seite zu, -- die Offiziere in der Loge
-und deren Damen tauschen ebenfalls Grüße herüber und hinüber, und einer
-der Herren sagt laut und lebhaft: »Ah scharmant! Da ist ja Fräulein von
-Sprendlingen wieder zur Stelle! Es ging auch wahrlich nicht länger ohne
-sie, man ist so sehr an ihre reizende Erscheinung gewöhnt, daß der
-Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!«
-
-»War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?«
-
-»Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflüchtig! Hat ihre Tante Grüdner, die
-Hofmarschallin am Hofe zu X., anläßlich deren Silberhochzeit besucht!«
-
-»Sie kann noch nicht lange zurückgekehrt sein?«
-
-»Seit gestern mittag, gnädigste Frau! Hatte sogar noch ein
-Eisenbahnunglück hier in der Parkstraße zu überstehen --«
-
-»Eisenbahnunglück? Parkstraße? =bless me=! Sie sprechen in Rätseln,
-bester Baron!!«
-
-»Na, einigen wir uns auf ein Schlittenunglück, Exzellenz! Der >Schwan<
-kippte um, und Schön-Gabrielchen lag weich und warm ...«
-
-»Im Schnee?!«
-
-»O nein, an der Brust eines kühnen Retters, glaube, der alte Dienstmann
-Saul stürzte sich ihr nach auf Leben und Sterben!«
-
-»Pfui, wie unpoetisch! Glücklicherweise scheint alles sehr gut
-abgelaufen?«
-
-»Tadellos!«
-
-»Wer weiß, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen hat! Wenn der
-alte Saul sie im Arme hielt ...!!«
-
-»Ungefährlich, Exzellenz! Da es noch früh am Tage war, hatten seine
-Augen noch nicht den unheilvollen denaturierten Spiritusglanz!« --
-
-»Welch ein Glück!« --
-
-»Aha -- der Kammerherr erscheint drüben an ihrer Seite ... sie erhebt
-sich ...«
-
-»Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das Teezimmer befohlen?«
---
-
-»=Allright=, -- sie geht!«
-
-»Wie schade, -- es war ein so schöner =point de vue= für uns!« --
-
-»Ein Glück für Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, daß die Kleine in festen
-Händen ist!«
-
-»Hört, hört!« --
-
-»Festen Händen?«
-
-»Nun ja! Der alte Saul?!« --
-
-Leises, übermütiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp steht schwer
-atmend und lächelt nicht einmal.
-
-Er hat Wort für Wort von der Unterhaltung gehört, obwohl er keinen Blick
-von dem reizenden Mädchenhaupt drüben gewandt.
-
-Fräulein von Sprendlingen, -- Gabriele heißt sie! -- Nun hat er ihre
-Spur gefunden, nun weiß er, daß er sie wiedersehen, ihr sicher in den
-Salons begegnen wird.
-
-Sein Herz schlägt aufgeregt in der Brust, das Blut brennt ihm in den
-Wangen.
-
-Gabriele!
-
-Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie die Nixen aus der
-Flut tauchen und den Seemann mit kristallenen Augen anlächeln, dann ist
-es um ihn geschehen. --
-
-Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt, dieser küßt die
-schmale Hand der Mutter und bietet der Tochter galant den Arm, sie
-hinauszuführen.
-
-In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der Hof hat die große
-Mittelloge, wie fast immer nach den Aktschlüssen, verlassen. Der Bär von
-Hohen-Esp setzt sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen
-tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um ihn her wieder
-laut und lebhaft wird, da sieht er direkt in das blasse, schmale
-Gesichtchen der Komtesse Thea, deren tiefumschattete dunkle Augen mit
-dem Ausdruck einer Madonna auf ihn gerichtet sind.
-
-Er erschrickt beinah und hat das Gefühl, als müßte er ein Kompliment vor
-ihr machen, doch entsinnt er sich noch rechtzeitig, daß er ihr noch gar
-nicht vorgestellt ist.
-
-»Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste Freundin!«
-sagte die junge Dame just, -- wie es ihm scheint, mit ganz besonderem
-Nachdruck, und bei Guntram Krafft wecken die Worte: »Ich habe Gabriele
-sehr lieb!« einen warmen Widerhall im Herzen.
-
-Interessierter wie zuvor blickte er die Sprecherin an. --
-
-»Nun, dann muß man sich also mit Ihnen recht gut stellen, Komtesse
-Sevarille, wenn man einen Verbündeten sucht, um das Herz der spröden
-Freundin zu erobern?«
-
-Und abermals nickte die Genannte voll besonderen Nachdrucks und sagt,
-den Blick auf den Hohen-Esper gerichtet: »Das will ich meinen! Der Weg
-zu Gabrieles Herzen führt hart an mir vorüber! Wer zu ihr gelangen will,
-kann und darf mich nicht umgehen!«
-
-Sie scherzt anscheinend, und dennoch haben ihre Worte einen seltsam
-ernsten Klang in Guntram Kraffts Ohr.
-
-Er blickt sie in seiner naiven Weise an, als habe sie nur zu ihm
-gesprochen, -- hocherfreut und dankbar zugleich.
-
-Die dunklen, sanften Augen haben etwas sehr Vertrauenerweckendes für
-ihn, es muß herrlich sein, mit diesem anscheinend sehr liebenswürdigen
-und gütigen Mädchen über Gabriele zu sprechen.
-
-Sagte sie nicht selbst: »Ich habe meine Freundin sehr lieb?«
-
-Je nun, so muß ihr doch das Glück derselben ganz besonders am Herzen
-liegen!
-
-Die Musik intoniert von neuem, und unruhig schaut der Graf nach seinem
-reizenden Gegenüber aus, -- umsonst, der Platz an der Seite der Frau von
-Sprendlingen bleibt leer. Jetzt treten die hohen Herrschaften wieder
-ein, und hinter ihnen -- richtig -- da erscheint Gabriele und nimmt
-neben einer der Hofdamen Platz.
-
-Erst nach der nächsten Pause kehrt sie an die Seite der Mutter zurück.
-
-Mit strahlenden Augen begrüßt sie Guntram Krafft -- doch seltsam ...
-sie, die ihm noch vorhin ein so anmutiges Lächeln spendete, blickt jetzt
-plötzlich über ihn hinweg, als existiere er nicht mehr für sie.
-
-Die großen, hellen Nixenaugen blicken so kalt -- so unheimlich kalt, und
-die feinen Lippen wölben sich so stolz und hochmütig, als habe sie der
-blonde Fremdling hier drüben nie und nimmer im Arm gehalten.
-
-Was mag ihr plötzlich in den Sinn gekommen sein?
-
-Der Bär von Hohen-Esp ist so in Schauen und Sinnen versunken, daß er für
-nichts anders mehr Augen und Ohren hat, -- er bemerkt es nicht, wie
-Komtesse Thea keinen Blick von ihm wendet und ihn scharf beobachtet, wie
-das sanfte Madonnengesicht plötzlich einen sehr scharfen, ironischen
-Ausdruck bekommt, wie es in den schwärmerischen Augen aufglimmt. Er
-sieht nur das kühle, stolze Nixengesicht in der Loge drüben -- und als
-die Senta auf der Bühne drunten mit weicher Stimme klagt: »Doch nie ein
-treues Weib er fand!« da geht es plötzlich wie ein Erschrecken durch das
-Herz des weltfremden Mannes.
-
-Ein treues Weib! --
-
-Wie oft hat er daheim im Ernst und Scherz aus den rauhen Seemannskehlen
-gehört:
-
- »Da ist eine Nixe an's Ufer geschwommen,
- Die hat sich ein Schiffer zum Liebchen genommen,
- Ihr Aug' war wie Wasser, ihr Leib war wie Schnee,
- Und falsch und treulos das Weib aus der See --
- Hojohe! Hojohe!
- Das treulose Weib aus der See!«
-
-Sein Blick schweift wieder hinüber wie in angstvollem Forschen, und ihm
-ist's, als ob sich im Dämmerlicht des verdunkelten Hauses ihr
-schneeweißes Antlitz ihm zuwende.
-
-Lächelt sie?
-
-Ja, sie lächelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche Hand liegt wieder
-mit sanftem Druck in der seinen, er atmet den süßen Veilchenduft,
-welcher aus ihrem Haar emporweht.
-
-Wie erlöst von bangem Zweifel atmet er auf.
-
-Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur um der wundersamen,
-lichtklaren Augen willen? --
-
-Das war eine sonderbare Idee von ihm.
-
-Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch und Blut, und in
-ihrer Brust schlägt ein warmes, treues Herz, für den, welcher es zu
-eigen gewinnen wird!
-
-Warum ist er hier?
-
-Wie der fliegende Holländer, der einsame, weltfremde und verlassene, kam
-auch er an Land, um ein Weib zu freien, -- und so wie jener auf der
-Bühne drunten eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein
-zaubrisch Lieb sich heimholen. --
-
-Ho -- hohojohe! --
-
-Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See und den tosenden
-Sturm!
-
-Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft, sein Herz wird weit
-und groß in heißem Sehnen nach dem Meer und all seinem herben Zauber!
-
-Soll er heimkehren zu ihm? --
-
-Lächelnd schließt er die Augen.
-
-Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden hält es ihn in der
-Fremde fest!
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Während Guntram Krafft mit sehnsüchtigem Blick nach dem Logenplatz,
-welchen Gabriele am Arm des Kammerherrn verlassen, hinüberschaute, war
-Fräulein von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter der großen
-Hofloge lag, eingetreten.
-
-Prinzeß Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen.
-
-Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens wegen nur mit
-großer Anstrengung zu gehen vermochte und meist in ihrem kleinen,
-eleganten und leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem
-jungen Mädchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu und fesselte sie
-sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele von den anwesenden
-Fürstlichkeiten durch ein paar huldvolle Worte der Begrüßung
-ausgezeichnet war.
-
-Fräulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse Tee in der Hand,
-neben der Prinzessin und erzählte in ihrer frischen, anmutigen Art von
-den erlauchten Anverwandten der hohen Frau, welche sie während ihres
-Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch vor wenigen Tagen
-gesehen und gesprochen hatte.
-
-Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden Hoheit,
-welche diesen Winter zum erstenmal tanzt und auf einem Kostümfest im
-Ministerhotel als »Rautendelein« ganz besonders herzgewinnend aussah;
-von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits über den Kopf
-wachsen, sehr liebenswürdig und begabt sind, auch auf künstlerischem
-Gebiet, namentlich in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von
-diesen und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit der Prinzeß
-Amalie ihre Stellung innehatten und der hohen Frau ein ganz besonders
-treues und verehrungsvolles Andenken bewahren.
-
-Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt verändert!
-
-Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glück ist zerschellt,
-manch Unglück hat sich noch in letzter Stunde gewendet, -- die Jungen
-wachsen heran, und »neues Leben blüht aus den Ruinen!«
-
-Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen Erinnerungen neu
-aufleben zu lassen. Gabriele bleibt auf Wunsch der Frau Prinzessin in
-der großen Loge.
-
-Und als sich die Herrschaften während der nächsten Pause abermals
-zurückziehen, wendet sich der Herzog mit einer Ansprache an Fräulein von
-Sprendlingen und verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung.
-
-Als er sich just voll liebenswürdigen Interesses nach dem Unfall
-erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten gehabt, klingt das leise,
-beinahe übermütige Lachen des Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit
-einer der Hofdamen plaudert.
-
-»Ich glaube, Gräfin, wir alle sind gespannt, den >weisen Toren<
-kennenzulernen!« sagt er gerade mit vernehmlicher Stimme, »denn solch
-eine Bekanntschaft macht man nicht alle Tage, höchstens in Bayreuth!«
-
-Der Herzog wendet den Kopf: »Von welchem >weisen Toren< sprichst du?«
-
-»Von dem modernen Parzival!« lacht der Prinz, »welcher heute abend dem
-fliegenden Holländer eine gewaltige Konkurrenz macht und das Publikum
-mehr interessiert wie der bleiche Kapitän auf der Bühne drunten!«
-
-»So, so! -- Der Graf von Hohen-Esp! -- Der dürfte freilich die
-Attraktion der diesjährigen Saison sein! -- Und >Parzival< nennt Ihr
-ihn? -- So übel nicht, wenngleich der Hof des Königs Amfortas recht
-wenig Ähnlichkeit mit dem unsern hat!«
-
-»Parzival kam auch in Klingsors Zauberschloß und sah dort Blumenmädchen,
-die beinahe so schön waren wie unsere Balldamen!« neckte der Prinz mit
-einem Seitenblick auf Gabriele.
-
-»Dürfen wir ... oder müssen wir jetzt erröten, Hoheit?« --
-
-»Beides, mein gnädiges Fräulein, es steht Ihnen eins so gut wie das
-andere!«
-
-»Laßt sehen, ob es den modernen Parzival von Burg >Hohen-Esp< fesselt!«
-scherzte der Herzog und fuhr, direkt zu Fräulein von Sprendlingen
-gewandt, fort: »Was sagen Sie dazu, Gnädigste, daß die eifersüchtige
-Mutter Herzeleide, alias Gräfin Gundula, endlich den so lang versteckten
-Sohn freigibt?« --
-
-»Ich höre es soeben mit Staunen, königliche Hoheit, daß Graf Hohen-Esp
-hier in der Residenz anwesend ist!«
-
-»Sogar in nächster Nähe zu schauen! Bemerkten Sie noch nicht in der
-Loge, Ihnen gegenüber, einen blonden Mann, welcher nicht im mindesten
-nach einem Hinterwäldler ausschaut?!«
-
-Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen an. --
-
-»Jener Fremde ... _jener_ ist es, königliche Hoheit?«
-
-»Gewiß! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung in dem
-Einsiedler aus der Bärenhöhle?«
-
-»Findest du wirklich, Vater, daß er so völlig von Europens Kultur
-beleckt ist?« lachte Prinz Karl Emil mit zwinkerndem Blick: »Der
-tadellos zugeschnittene Rock und die Krawatte =à la fin de siècle=
-machen es nicht allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des
-Goldschnitts, mit dem man ihn >neu eingebunden< hat, doch aus, wie ein
-etwas verstaubter Foliant, welchen man aus wurmstichigem Archiv holt!«
-
-Leises Gelächter, die Herzogin und einer der Flügeladjutanten sind
-herzugetreten und beteiligen sich voll Interesse an dem Gespräch, sie
-lachen ebenfalls über den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der
-Herzog zuckt etwas ungeduldig die Schultern.
-
-»Motiviere deine Ansicht!« sagt er kurz, »was mutet dich >verstaubt< an
-der blühenden, reckenhaften Gestalt des jungen Mannes an?«
-
-»Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert!« fährt der
-Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, »ich bin sogar überzeugt, daß
-Parzival das modernste Parfüm ins Schnupftuch goß, welches jemals
-Blumenmädchen fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik
-macht -- und die Art und Weise, _wie_ ein Mensch seine Kleider trägt,
-ist maßgebend für seine Persönlichkeit!«
-
-»Ganz recht, -- _wie_ aber trägt Graf Guntram Krafft seinen Rock?«
-
-»Wie ein Mann, der sich höchst fremd und höchst unbehaglich in der neuen
-Fasson vorkommt!«
-
-»So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!«
-
-»Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert, ungeschickt, -- in
-Wahrheit >bärenhaft<! Man sieht, daß der junge Einsiedler es gewohnt
-ist, mehr mit Keulen dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu
-hantieren!« --
-
-»Mich überrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes!« schaltete
-die Herzogin ein, »fraglos ist der Graf ein schöner Mann! Seine Züge
-haben etwas Edles, ich möchte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr
-Ausdruck nimmt ihnen vollständig diesen Charakter!«
-
-»Er ist von all dem Neuen befangen!...«
-
-»Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben einen schier kindlichen
-Blick, so naiv wie er schaut kaum noch ein Backfischchen drein! -- Was
-er denkt und fühlt, spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete
-ich während der Vorstellung. Wenn er bemerkt, daß sich aller Augen aus
-dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen wie ein schämiges
-Jüngferchen, -- ich möchte darauf wetten, daß er sogar errötet!« --
-
-»Dies alles deucht mir kein Fehler!«
-
-»Gewiß nicht, -- aber auch kein Vorzug für einen Mann!« --
-
-»Wir müssen bedenken, wie groß der Umschwung der Verhältnisse für den
-Ärmsten ist! In tiefster Einsamkeit aufgewachsen, steht er urplötzlich
-in dem bunten hochflutenden Strom großstädtischen Lebens, -- sonst
-gewöhnt, stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben, welche
-alles für ihn bedenkt und leitet ... ist er plötzlich ganz allein auf
-sich selbst angewiesen und muß sich ohne Kompaß und Steuer durch die
-Flut völlig fremder Verhältnisse lavieren ...«
-
-»Er steht daheim vollständig unter dem Einfluß der Mutter?«
-
-»Selbstverständlich! Er wird der Gräfin jetzt wohl mit Ausübung aller
-praktischen Arbeit zur Hand gehen, aber sicherlich Frau Herzeleide
-ebenso als >hohe Obrigkeit< ansehen, wie Parzival der Ältere, ehe ihn
-sein Tatendrang hinaus in die Welt führte!«
-
-»Die Verhältnisse sollen ja geradezu glänzende geworden sein! Man sagt,
-die Gräfin habe sich vollkommen arrangiert und das verlorene Vermögen
-sozusagen zurückgewonnen!«
-
-»Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche jedermann die höchste
-Achtung abnötigt! Was diese Bärin für ihr Junges getan, macht ihr so
-leicht kein Mann nach!«
-
-»Sie muß eine geradezu geniale Landwirtin, eine geborene Agrarierin
-sein! Allerdings hat sie auch viel Glück bei der Sache gehabt! Schon der
-Umstand, daß der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht mehr
-viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein verdankt sie es doch, daß
-sie Walsleben so >portionsweise< zurückkaufen kann!«
-
-»Nächstens geht das Gut wohl wieder völlig in ihren Besitz über! Der
-alte Inspektor hat mal kürzlich unserem Domänenrat erzählt, die Gräfin
-hätte es schon vor zwei Jahren kaufen können, die Barsumme läge bereit;
-aber sie ist so sehr vorsichtig, daß sie sich nie völlig verausgabt,
-sondern stets mit allen möglichen Eventualitäten rechnet, Mißernten
-usw., wo es gilt, die Löcher mit Kapital stopfen!«
-
-»Sehr klug und vernünftig gedacht! -- Ich bin sehr gespannt, den Sohn
-kennenzulernen, ob er von den großen Anlagen der Mutter geerbt hat!«
-
-»Vorläufig machen Mutter und Sohn ja zusammen noch eine >Zehne< aus!«
-zuckte Prinz Karl Emil voll Humor die Achseln.
-
-»Was heißt das?«
-
-»Nun -- sie ist die eins -- und er ... die Null!« --
-
-Abermals ein leises Gelächter, nur der Herzog klappte mit verräterischem
-Zucken um die Lippen den Sohn mit dem Handschuh gegen den Arm und
-schalt: »Unverbesserlicher Spötter! Bei dir und deiner beklagenswerten
-Mama ist es freilich umgekehrt!«
-
-In den Korridoren ertönte das Klingelzeichen, die hohen Herrschaften
-traten nach sehr huldvoller Verabschiedung in die Loge zurück, und
-Gabriele eilte, die Begleitung des Kammerherrn dankend ablehnend, zu
-Frau von Sprendlingen zurück.
-
-Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug aufgeregt in der
-Brust.
-
-Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und ein finsterer,
-beinahe verächtlicher Blick streifte den Grafen von Hohen-Esp, welcher
-sich mit aufleuchtenden Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von
-seinem Entzücken machte, sie wiederzusehen. Also das Muttersöhnchen aus
-der Bärenhöhle war der mutige Retter, welcher mit so gewaltigen Fäusten
-ihren Schlitten ausgerichtet hatte, daß der Kutscher gar nicht genug
-davon schwärmen konnte, war der höfliche Mann, welcher sie emporgehoben
-und mit solch unverhohlener Bewunderung in ihr Antlitz geblickt hatte,
-daß sie lächeln mußte!
-
-Der Bär von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen einer kaum
-beachtenswerten Verletzung am Fuß nicht Soldat ward, welcher sich feige
-und schlapp hinter der Mutter Schürze verkroch, anstatt voll kühnen
-Wagemuts hinaus in die Welt zu stürmen, um Gut und Blut zu Kaisers Ehren
-zu wagen!
-
-Und den nennen sie einen Parzival? Sie möchte schallend auflachen, und
-beißt doch wie unter physischem Schmerz die Zähne zusammen.
-
-Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster Einsamkeit,
-welches die Mutter gegängelt hatte, solange sein Arm noch schwach und
-sein Schwert noch kurz war, -- als aber dem jungen Löwen das Haus zu eng
-ward, als er die königliche Kraft in Herz und Faust verspürte, da riß er
-sich los von dem unwürdigen Gängelband, von Weiberrock und Schürze,
-sattelte hochgemut sein Roß und zog aus, in seines Königs Landen Frau
-Aventure die Fehde anzusagen!
-
-Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen markiger Hand der
-Speer, der heilige, leuchtete; was aber ist Graf Guntram Krafft?
-Wahrlich ein Bär, welcher kampfmutig hervorbricht aus der Höhle, Sieg
-und Beute zu suchen? --
-
-Nein, wahrlich nicht!
-
-Er sitzt hinter dem Ofen und läßt Weiberhände für sich arbeiten, er
-erntet nur die Saat, welche die fleißige Mutter für ihn ausgestreut.
-
-Und was tut er für Kaiser und Reich?
-
-Nichts!
-
-Für wen setzt er seine Bärenkräfte ein?
-
-Nur für sich selbst!
-
-Sagt er es sich nicht selbst, daß er als Mann, -- als Edelmann heilige
-Pflichten zu erfüllen hat?
-
-Nein!
-
-In behaglicher Ruhe genießt er sein inhaltloses Leben, läßt das Schwert
-an der Wand rosten und stellt das Schild der Ahnen in die Rumpelkammer!
-
-Was will er hier?
-
-Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben mit ihm teilt?
-
-Ein verächtliches Zucken um Gabrieles Lippen.
-
-Auch eine solche wird sich wohl für ihn finden; es gibt Mädchen, welche
-wenig, sehr wenig von einem Mann verlangen, lediglich einen Trauring.
-
-Gehört Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen Seelen?
-
-Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust glüht ein Feuer heiliger
-Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung, vor dessen Flammenschein
-selbst die reckenhafte Bärengestalt des reichen Grafen von Hohen-Esp wie
-ein Schatten kläglich zusammenschrumpft!
-
-Ja, kläglich!
-
-Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich neben dem Riesen
-Guntram Krafft, und doch deucht es ihr, als blicke sie tief auf ihn
-herab, so tief, daß er gar nicht mehr für sie existiert!
-
-Als die letzten Musikklänge verrauscht sind und der tosende Beifall sich
-gelegt hat, erhebt sich das junge Mädchen und schreitet hastig dem
-Ausgang zu; für den Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer zögernd in
-der Loge steht und zu ihr hinüberschaut, hat sie keinen Blick mehr.
-
-In der großen Halle drunten stehen die jungen Offiziere und plaudern mit
-den Damen, welche hier das Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant
-von Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, küßt Frau von
-Sprendlingen die Hand und erkundigt sich nach dem Befinden der Damen.
-
-Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begrüßt -- daß seine Anwesenheit
-daselbst ein Zufall gewesen, hat er weder behauptet, noch hat es die
-junge Dame angenommen; auch jetzt blickt er ihr mit den kühnen,
-siegesgewissen Augen, wie in selbstverständlicher Vertraulichkeit in das
-reizende Antlitz und versichert ihr, daß die Residenz schauderhaft öde
-ohne sie gewesen sei und daß es eine ganze Menge zu erzählen gäbe!
-Gestern habe er mit etlichen Kameraden eine -- =soit dit= Schnitzeljagd
-auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit der Gäule
-auszuprobieren, die guten Resultate habe man selbstredend mit etwas
-Alkohol gefeiert, und zwar sei die Sitzung so ausgedehnt worden, daß er
-nicht mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten Besuch in
-Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben jetzt noch nachholen und eine
-Tasse Tee bei den Damen trinken dürfe?
-
-Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen, obwohl ihr Lächeln
-ein wenig kühler scheint, wie sonst; Gabriele aber errötet unter dem
-zarten Spitzenschleier, welcher ihr Köpfchen verhüllt, und die
-Nixenaugen blitzen voll Interesse auf.
-
-»Einen Übungsritt =à la= Heidler?« ruft sie lebhaft, »davon müssen Sie
-erzählen! Wie geht es Ihrer >Gudrun< -- hat sie das Glatteis mit
-bekannter Verve genommen?« --
-
-»>Gudrun< hat brillant durchgehalten, aber Massenbach hat Pech mit
-seinem >Slusohr< gehabt, -- nahm einen Graben ... gegen die Sonne ...
-war natürlich geblendet und sprang zu kurz ...«
-
-»O weh! Und >Slusohr<?« --
-
-»Kocht bereits im Wurstkessel!«
-
-»=Pour condoler!=« --
-
-»Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es verspeisen müssen?!«
-
-Sie lachen und bemerken kaum die hohe Männergestalt, welche dicht neben
-ihnen an einer Säule steht und keinen Blick von Gabriele verwendet. Nur
-Frau von Sprendlingen sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm ein
-ganz besonders freundliches Gesicht.
-
-Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der Baronin den Arm,
-und Gabriele folgt.
-
-Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, daß der lichtblaue,
-mit weißem Tibet besetzte Samt ihres Theatermantels ihn streift.
-
-Die junge Dame bemerkte es nicht.
-
-Wieder weht der süße Veilchenduft zu ihm empor und benimmt ihm schier
-den Atem, -- der Einsiedler aus der Bärenhöhle hat nur Augen und Sinn
-für die schlanke Mädchengestalt neben ihm, -- aber das stolze Antlitz
-wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu.
-
-Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den Wagen hebt und
-dann selber einsteigt, -- die Pferde ziehen an, und neue Wagen und Rosse
-drängen vor das Portal.
-
-Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte Winternacht hinaus.
-
-In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen Eindrücken.
-
-Sein Herz schlägt heiß und ungestüm in seiner Brust; wie eine
-leidenschaftliche Glückseligkeit, eine jauchzende Lebensfreude kommt es
-über ihn. Morgen wird er seine Besuche fahren, er wird all die vielen,
-heiteren, freundlich lachenden Menschen kennenlernen, -- auch Gabriele
-von Sprendlingen, -- und dann ist er ihr kein Fremder mehr, er darf sie
-grüßen, darf mit ihr plaudern ... und sie wird ihn mit den süßen,
-rätselhaften Augen ebenso anblicken, wie vorhin den Dragoner ...
-
-Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen Herzens zum Schlafe
-niedergelegt, wie an diesem Abend, -- vor seinen Ohren rauschen die
-Wogen des Meeres, klingen die Zauberweisen des »Fliegenden Holländers«
--- Sentas Antlitz trägt Gabrieles Züge, und sie breitet die Arme nach
-ihm aus und singt leise wie ein Hauch: »Ach, wann wirst du, bleicher
-Seemann, sie finden? Betet zum Himmel, daß bald ein Weib -- die Treue
-ihm hält!« -- Hohojohe! --
-
- * * * * *
-
-Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General von Sprendlingen
-bewohnte, lag in einer jener stillen Vorstadtstraßen, in welchen nur
-Equipagen und elegante Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter
-die prächtig gepflegten Gärten einhegen und weiße Steinbilder aus Taxus
-und Lebensbäumen ragen.
-
-Über den verschneiten Gartenweg eilte eine junge Dame in fußfreiem
-Tuchkostüm, welches die sehr kleinen Juchtenstiefelchen genügend sehen
-ließ, ein weiches Pelzkäppchen auf dem lose gepufften Haar, und die
-dicke lange Boa von rötlich-hellem Pelz um den zierlichen Hals
-geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum merklichem Gruß an
-dem Portier vorüber, um die teppichbelegte Treppe emporzuhasten.
-
-Sie schien kein seltener Gast bei Fräulein von Sprendlingen zu sein,
-denn der Diener öffnete sogleich wie ganz selbstverständlich die
-weißlackierten Flügeltüren und sagte mit kurzer Verbeugung: »Darf ich
-bitten, in das Musikzimmer, Komtesse, -- das gnädige Fräulein spielen
-soeben!«
-
-»Hm!« sagte Gräfin Thea von Sevarille, den Gruß ebenso unhöflich
-erwidernd wie zuvor denjenigen des Portiers, staubte die letzten
-Schneesternchen von dem Muff und schritt durch eine Flucht beinahe
-übereleganter Salons nach dem kleinen, turmähnlichen Anbau, in welchem
-Gabriele ihren Flügel aufgestellt hatte.
-
-Fräulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und erhob sich.
-
-»Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, daß du noch nicht hier
-warst! Während meiner Abwesenheit hat sich doch gewiß mancherlei hier
-ereignet, was wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm mit
-hinüber, ich finde es heute kalt hier!«
-
-»Dein eisiges Herz kühlt die Temperatur zu schnell ab!« lachte Thea und
-legte den Arm um die Schultern der Freundin. »Mir ist es recht, warm zu
-sitzen, ich bin bis zum Eiszapfen gefroren!« --
-
-Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie ehemals schon als
-Backfische so oft beisammen gesessen; Komtesse Sevarille warf die
-Pelzjacke und Boa ab, zog den weißen Schleier über das spitze,
-scharfmarkierte Näschen empor und ließ sich wohlig vor dem Kamin in eins
-der hellseidenen Sesselchen sinken.
-
-»Neuigkeiten!« lachte sie; »wenn du gehst, Liebste, steht die Zeit bei
-uns still, -- und sowie du wieder auf der Bildfläche erscheinst, häufen
-sich die Ereignisse! Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt?« --
-
-»=En passant=, -- es war nicht der Rede wert!«
-
-»Es genügte, um dich einem höchst gefährlichen Retter in die Arme zu
-führen!!« --
-
-Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem man im Theater
-gesprochen, und belachte ihren harmlosen Witz sehr vergnüglich; um so
-mehr überraschte sie der plötzlich so ganz veränderte Ausdruck in dem
-schönen Antlitz ihres Gegenübers.
-
-»Ein gefährlicher Retter?« spottete Gabriele, und ihre Augen wurden so
-groß und durchsichtig, als wollten sie einen Blick bis in ihr tiefstes
-Herz gestatten. »Wenn mir alle Menschen so ungefährlich wären wie der
-Bär von Hohen-Esp, so wäre es gut um mich bestellt!«
-
-Schier atemlos starrte Thea sie an. »Der Bär von Hohen-Esp?« wiederholte
-sie gedehnt.
-
-»Verlangst du, daß ich ihn voll ersterbenden Respekts Herr Graf nenne?!«
---
-
-»Der Hohen-Esper rettete dich?«
-
-Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln.
-
-»Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter, und da muß ich dir
-doch begreiflich machen, daß nichts an der ganzen Sache gefährlich war,
-weder er noch der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde!
-Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!«
-
-Einen Augenblick starrte Gräfin Sevarille, noch aufs höchste betroffen,
-in das lodernde Kaminfeuer, dann faßte sie sich schnell und nickte sehr
-lebhaft: »Du sollst mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen
-einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also bereits kennen?«
-
-»Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt, der zuspringt,
-wenn einem der Schirm hinfällt!«
-
-Thea lachte gedämpft. »So stellte er sich nicht vor?« --
-
-»Nein! Ich glaube nicht, daß der Einsiedler aus dem Hinterwald schon
-Knigges Umgang mit Menschen studiert hat!«
-
-»Vorzüglich! Du bist fabelhaft amüsant, Gabriele! Und sehr gut warst du
-nie auf diesen Bär zu sprechen! Weißt du noch, wie du damals -- hier an
-derselben Stelle -- einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und
-ruhmlosen Grafen nie zu erhören, und wenn er zehnmal dir zu Füßen liegen
-sollte?«
-
-»Nein, diesen Schwur vergaß ich nicht und gedenke ihn auch unter allen
-Umständen zu halten!« spottete Fräulein von Sprendlingen mit demselben
-verächtlichen Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. --
-
-»Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das erste Kapitel zu
-einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!«
-
-Theas Augen schillerten, sie rückte eifrig näher und verschlang die
-Hände um das Knie.
-
-»Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt nicht die
-Ansichten wie die Handschuhe, -- das wäre erbärmlich! Es wäre nur recht
-bedauerlich, wenn der arme Parzival sein Herz ernstlich an dich
-verlöre!«
-
-»Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und Zylinder >Parzival<?
-Verzeih' die Offenheit, aber ich finde es als eine grobe
-Geschmacksverirrung!«
-
-»Warum das? -- Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp nicht genau mit dem
-von König Gamurets Sohn überein?«
-
-»Das ich nicht wüßte!«
-
-»Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret fiel im Kampf,
-hinterließ seine Gemahlin Herzeleide, welche an allem Glück ebenso
-verzweifelte, wie die Gräfin Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er
-ebensowenig heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich Karl seinen
-Erben in der Bärenburg! Und so steht es nun wörtlich bei Gustav Schalk
-zu lesen: >O<, schluchzte Herzeleide und drückte den schönen Knaben
-Parzival voll Zärtlichkeit an das Herz, >O, sähen dich, du liebes Kind,
-die Augen deines Vaters, wie würden sie so innig lachen ob deiner
-Schönheit! Wehe, wehe uns beiden, daß er dahinfahren mußte! Dich aber
-will ich behüten vor solchen Fährlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter
-werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und später als
-friedlicher Landmann den Acker bauen!<
-
-... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gräfin Gundula sprach gewiß
-ebenso, mit etlichen kleinen Veränderungen nur! >Wehe, daß er
-dahinfahren mußte nach Monte Carlo! -- Dich aber will ich vor solchen
-Versuchungen und Fährlichkeiten wahren, mein Guntram Krafft! Du sollst
-kein Leutnant werden, sondern fern in den Wäldern von Hohen-Esp
-aufwachsen und als friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!<«
-
-»Vortrefflich! Du weißt ja großartig Bescheid!«
-
-»Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, mein Ideal, meine
-Leidenschaft!«
-
-»Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist auch aller
-mütterlichen Schlappheit zum Trotz _doch_ ein Ritter geworden, hat
-Heldentaten getan und die Welt mit seines Namens Ruhm erfüllt, --
-dahingegen Graf Guntram Krafft? Was tat er?«
-
-»Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter zu sehr, um ihr
-durch trotziges Scheiden das Herz zu brechen, wie der >ritterliche<
-Parzival es tat!«
-
-Gabriele zuckte die Achseln.
-
-»Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von Hohen-Esp nur kein
-Taschenmesser mitgegeben hat, daß er sich hier in die Finger schneidet!«
-
-»Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen gegen Männer,
-welche sich nicht aus Patriotismus spießen und hängen lassen! Mag Graf
-Guntram Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen
-Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, -- _eins_ mußt du
-ihm dennoch zugestehen, daß er hübsch ist! Bildhübsch! Reichlich so
-schön wie jener Parzival, welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter
-Schminke und Lampenlicht alle Welt bezauberte!«
-
-Thea hatte mit beinahe schwärmerischer Ekstase gesprochen, sie preßte
-die Hände gegen die Brust und schaute träumerisch in das Schneetreiben
-hinaus, Gabriele aber lachte ein wenig erstaunt und schüttelte den Kopf.
-
-»Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu haben wie ich!
-Fürerst finde ich es nur schade, daß so männlich edle Züge einen solch
-weichlich naiven Ausdruck tragen! Das kommt bei der Erziehung in
-Waldeinsamkeit heraus! Aber gleichviel, -- er gefällt dir! Und das ist
-viel Glück für den Bärenhäuter ...«
-
-»Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, und ich mag es nicht
-hören!«
-
-»Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? So ganz =prima vista=
-dich erobern lassen?!«
-
-Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm um die Sprecherin
-und drückte ihr Gesichtchen mit den nervös bebenden Lippen an die
-Schulter der Freundin.
-
-»Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich über einen neuauftauchenden
-Heiratskandidaten lustig machen!« sagte sie leise, sehr innig und sehr
-aufrichtig, »du Glückliche hast dein Teil erwählt, du wirst geliebt und
-liebst wieder! Wenn du es auch noch ableugnest, -- wir wissen es doch,
-daß du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn man so reich ist
-wie du, kann man sich den Luxus gestatten, den Löwen der Saison an die
-Rosenkette zu legen -- ich armes Wurm muß bescheidener sein und Gott
-danken, wenn es nur ein Bär ist, dessen Herz ich bändige! -- Und er
-gefällt mir schon jetzt so gut, dieser Bär! -- Gabriele! Du hast stets
-gesagt, daß du meine treue, aufrichtige Freundin bist, betätige es! Hilf
-mir, daß ich auch so glücklich werden möchte, wie du!« Ein seltsamer
-Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen Nixenaugen.
-
-Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: »Wie schnell hat sich schon eine
-gefunden, die dem Freier aus der Bärenhöhle mit offenen Armen
-entgegenläuft!« -- -- aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kämpfte
-auch den Widerwillen, welcher sie überkam, nieder, und antwortete so
-freundlich, wie es ihr möglich war: »Wenn ich jemals etwas dazu tun
-kann, dir das Herz des Grafen zuzuwenden, so soll es gewiß geschehen,
-obwohl ich glaube und hoffe, daß er ohne fremdes Zutun solch einen guten
-Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler anbelangt« -- -- die
-Sprecherin erglühte bis auf den weißen Hals hinab, -- »so bist du
-gewaltig im Irrtum, wenn du glaubst, daß ein einziges Wort zwischen uns
-gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches Interesse. Wir
-sind gute Kameraden, -- weiter nichts.« --
-
-»Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! -- Apropos ...
-der Hohen-Esper fährt heute Besuche. -- War er schon hier, und habt Ihr
-ihn angenommen?«
-
-Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen Augen hervor und
-forschte in dem Antlitz des Fräulein von Sprendlingen, Gabriele aber
-griff gelassen nach ein paar Karten, welche zwischen den Büchern des
-Nebentischchens lagen und reichte sie dar.
-
-»Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama die Karten herüber,
-soviel ich weiß, hat sie den hohen Besuch empfangen, -- ich selber ließ
-mich entschuldigen, ich sei noch bei der Toilette!«
-
-»Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! So etwas
-brächte keine andere fertig!« --
-
-Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der Komtesse auf der
-Karte, sie war plötzlich sehr guter Laune, strahlend heiter und
-vergnügt. »Guntram Krafft, -- Graf Bär von Hohen-Esp«, las sie mit viel
-Pathos. »Wie entzückend das klingt! Das mußt du selbst eingestehen,
-Liebste!«
-
-»Der kleinste Titel darunter würde mir mehr imponieren wie der ganze
-Namen!« klang es trocken zurück.
-
-»Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amüsant, ich bewundere dich!
-Doch nun =addio, cara mia=, ich muß heim!« -- und Thea schob die
-Visitenkarte in ihren Muff und griff hastig nach der Jacke.
-
-»Bleib' doch noch! es gibt gewiß noch mancherlei zu berichten?!« --
-
-Aber Komtesse Sevarille hatte es plötzlich sehr eilig.
-
-»War der Graf denn schon bei euch?« fragte Gabriele noch zum Abschied.
-
-Sie nickte flüchtig. »Die Tournee fängt ja meistens in unserer Straße
-an! -- Empfiehl mich bitte deiner lieben Mutter ... und nochmals --
-=addio!=« --
-
-Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die Treppe hinab.
-
-Auf der Straße überlegte sie einen Augenblick. Sie wußte genau, nach
-welcher Liste die Visiten zumeist abgefahren wurden, ihrer Berechnung
-nach mußte Graf Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjägermeisters
-gekommen sein. Hastig schritt sie aus.
-
-Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus wie selten zuvor.
-
-Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram Krafft saß, in eine
-Nebenstraße einbiegen.
-
-Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der Oberjägermeisterin
-machen und noch einmal mit dem Grafen zusammentreffen, -- »doppelt
-genäht reißt nicht!« sagt ein altes Sprichwort, und außerdem möchte sie
-es dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, daß sie heute nachmittag auf dem
-Eis zu treffen ist. Auch Gabriele wird sie nennen, -- als Lockvogel. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-X.
-
-
-Der erste Hofball!
-
-Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme.
-
-Alter Tradition gemäß muß es an Hofballtagen besonders kalt sein, ein
-frisches, fröhliches Schneegestöber muß die Luft erfüllen, und die
-Parkbäume und Bosketts rings um das herzogliche Schloß herum haben die
-Verpflichtung, weiß bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, das Auge zu
-erfreuen, denn niemals sieht der malerische Rokokobau schöner und
-märchenhafter aus, als wie mit strahlend erleuchteten Fenstern inmitten
-der verschneiten Winterlandschaft.
-
-Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden Streifen über die
-weißen Samtdecken der Rasenflächen, werfen flimmernde Reflexe auf dem
-gefrorenen Teich und glühen wie starre Augen durch die immergrünen
-Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten in den fleckenlosen
-Hermelin des Winters zeichnen. --
-
-Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, wo ein mächtiges,
-eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit den inneren Schloßhof
-abschließt. Da staut sich die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick
-in das glänzend erleuchtete Vestibül zu werfen, wo mächtige
-Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die verträumten Blattwedel
-über Marmorfiguren breiten.
-
-Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen und
-Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden
-Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden
-Gästen und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher
-Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie
-ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern über die Purpurteppiche
-rauschen.
-
-Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem Sockel einer Karyatide
-und umfaßte mit staunendem Blick das üppige Bild, welches sich seinen
-Augen bot.
-
-Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und
-Gemächern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser
-strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert
-war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen
-vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim
-brannte höchstens das Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder
-schaukelte sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem Fünkchen
-gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl
-junges, schmuckes Blut, solch eine Blütenlese reizender,
-vornehm-schlanker Mädchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor
-geschaut, und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette deuchte
-ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, nüchterner Verstand nicht
-zu lösen vermochte! --
-
-Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen
-einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf
-Euer Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! Das darf aber
-nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn der Herr Graf diesen ersten
-Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie
-stellen sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst mal
-genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bißchen über die
-einzelnen orientieren. Auf diesen großen Bällen ist es nicht nötig, daß
-man sich jeder einzelnen Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren
-und Adjutanten müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann
-den Staats- und Hofdamen, den Marschällen und dem Zeremonienmeister vor,
-und die sorgen dafür, daß der Herr Graf den hohen Herrschaften
-präsentiert werden! -- Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man wird
-alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und Treiben in Fürstenschlössern,
-und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst
-ein bißchen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rücken hat,
-ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom stürzt, kann
-man nicht darin ertrinken! -- Das nächste Mal mischen Sie sich dann
-schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen
-kennen und amüsieren sich herrlich!«
-
-Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich
-und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem
-Gefühl der Verzauberung um sich zu schauen.
-
-Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschäftigung
-und ein schöner Vorwand, länger verweilen zu können.
-
-Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend und die guten
-Bekannten begrüßend, all die wunderholden Frauen und Mädchen, mit
-schimmernd-weißen Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten
-Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben.
-
-Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, und fürnehmlich,
-wenn es so sinnbetörend und hübsch ist, wie eine junge Dame in großer
-Toilette.
-
-Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, welche daheim
-der Mutter majestätische Gestalt umwallen, nicht die schweren Düffel-,
-Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes
-kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und
-silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war
-ein Traum!
-
-Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, Seide und Samt, -- wie
-die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider
-wehen! -- Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen,
-welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!
-
-Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt in die Kreppwogen
-und in die reizend frisierten Haare, keine frischen, lebenden Blumen,
-wie Guntram Krafft zuerst geglaubt, sondern wunderbar täuschend
-nachgeahmt, mit Blättern und Knospen, Blüten, wie man sie in gleicher
-Schönheit kaum im Lenz beisammensieht! --
-
-Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen!
-
-Über Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie ein versteinerter
-Funkenregen, in allen Farben der Iris leuchtend, -- Diademe über der
-Stirn, goldene Spangen um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen
-besonders tief und schwärmerisch blicken, da glänzen die zauberschönen
-Schätze des Meeres, die Tränen der Nixen und Meerfrauen, welche die
-Menschen Perlen nennen!
-
-Gar mancher Blick hat den Bär von Hohen-Esp gestreift, gar manch leises
-Wort ist über ihn gewechselt und manch rote Lippe hat seinen Namen
-genannt, -- auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen
-Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit sein fremdes
-Bild gemustert.
-
-Er trägt zum erstenmal einen Frack -- die weiße Binde und Weste -- zum
-erstenmal die spiegelnden Lackschuhe an den Füßen.
-
-In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und weil sich der Einsiedler
-aus der Bärenhöhle so ungewohnt darin vorkommt, fühlt er sich beklommen
-und geniert.
-
-Die Zahl der Gäste lichtet sich, es scheint nun die höchste Zeit zu
-sein, die Säle zu betreten, und langsam steigt Guntram Krafft die Treppe
-empor.
-
-Er mustert die überlebensgroßen Gemälde fürstlicher Ahnherrn an den
-Wänden, er atmet schwer und tief den berauschenden Duft, welcher ihn
-geheimnisvoll umweht. Sind es die Veilchen, welche Gabriele jüngst im
-Schlitten getragen? --
-
-Wie haben seine Blicke Fräulein von Sprendlingen gesucht, -- wie zuckte
-sein Herz empor, als er sie noch im letzten Moment droben an der
-Treppenbiegung erblickte. Sie wandte just das Köpfchen und schaute
-zurück, ein paar jungen Damen drunten zuzunicken.
-
-Ihr Blick streift auch ihn, -- aber so fremd, so kühl, als habe sie ihn
-nie im Leben gesehen.
-
-Wieder überkommt ihn ein Gefühl banger Ungeduld.
-
-Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit sie auch mit ihm
-plaudert und ihn abermals anlächelt wie damals auf der Straße, als er
-ihre schlanke Gestalt in den Armen emporhob und sie sekundenlang an
-seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie steht ein
-diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden zu begrüßen.
-
-Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswürdig entgegen, nennt
-seinen Namen und spricht seine Freude aus, wieder einen Vertreter der
-Familie von Hohen-Esp hier begrüßen zu dürfen.
-
-Er spricht mit leiser Stimme, sehr höflich und verbindlich, dennoch
-liegt etwas Zeremonielles in seinem Wesen, und sein Händedruck ist mehr
-förmlich wie herzlich.
-
-Er geleitet den Neuling auf höfischem Parkett bis zu dem nächsten Saal,
-welcher seinen Namen von den kostbaren alten Gobelins, die seine Wände
-schmücken, erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis zu
-dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. Zwei Adjutanten in
-großer Uniform halten sich in der Nähe der Tür auf, treten eilig herzu,
-und der Kammerherr stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn bei
-den jungen Damen bekannt zu machen.
-
-Ein paar sehr liebenswürdige Worte der vielbeschäftigten Herren, welche
-Guntram Krafft mit der ehrlichen Versicherung, daß er sich freue, diesem
-Feste beiwohnen zu können, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger
-Leutnant hinter ihm einen unverständlichen Namen und offeriert die
-silberne Schale mit den Tanzkarten.
-
-Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins der eleganten
-Kartonblätter, auf welchem unter dem farbigen Fürstenwappen eine Anzahl
-Tänze notiert ist, von welchen er kaum die Namen kennt.
-
-»=The lancers=« -- »Menuett der Königin« -- »Ouadrille =à la cour=«
--- nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp fremd geblieben.
-
-Polka und Walzer, -- ja, die hat er voll fröhlichen Übermuts bei dem
-Hauslehrer gelernt und zeitweise in der »blauen Woge« praktisch
-angewandt, wenn irgendein besonderes Fest die Anwesenheit des gräflichen
-Schirmvogts erforderte, -- er hat da unwillkürlich ebenso mitgetanzt wie
-die wetterharten Fischer, Matrosen und Seeleute es vorgemacht; und daß
-man in Lackschuhen, auf höfischem Parkett doch ein bißchen anders walzt
-wie in dem weltfremden Fischerdorf -- das sieht der Bär von Hohen-Esp
-nur allzugut ein. Er verzichtet darum darauf, zu engagieren, obwohl
-einer der Adjutanten sich mit ihm durch die Menge drängt und den Versuch
-macht, ihn den Damen vorzustellen.
-
-Lauter fremde Gesichter, -- wie rosige Nebel wallt es vor den Augen des
-Grafen, er verneigt sich stumm und vermag kaum, die einzelnen jungen
-Mädchen mit dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu merken,
-welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren schwirren.
-
-Wozu auch? -- Er sucht nur ein einziges Antlitz, er lauscht nur auf
-einen einzigen Namen, und just darauf vergeblich.
-
-Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, hartes Klopfen auf
-dem Parkett ertönt, die lachenden, schwatzenden Stimmen wie mit
-Zauberschlag verstummen und die Damen hastig nach der einen Seite des
-Saales, die Herren nach der andern zurückweichen.
-
-Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschäftig »die Fronten« auf und
-ab, herüber und hinüber werden noch ein paar Scherzworte und Grüße
-getauscht, dann klopft es abermals, die vergoldeten Flügeltüren schlagen
-auf, und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten die hohen
-Gastgeber, von den Privatgemächern kommend, den Saal. --
-
-Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links.
-
-Die Herrschaften grüßen voll gewinnendster Leutseligkeit, lächeln und
-schreiten langsam durch die spalierbildende Jugend.
-
-»Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?« fragt Guntram Krafft
-den jungen Leutnant, an dessen Seite er zufällig steht, ein wenig
-betroffen, als der Hof in der gegenüberliegenden Tür verschwindet, und
-der Angeredete klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem bartlosen
-Gesicht die Hacken zusammen.
-
-»Herrschaften treten fürerst in den Thronsaal, um die älteren Damen und
-Herren zu begrüßen! Findet in der Regel kleiner Cercle statt, aber dann
-geht es sofort los! -- Werden uns gleich hier durch die Galerie in den
-Tanzsaal begeben. -- Haben der Herr Graf schon alle Tänze besetzt?«
-
-»Nein! Noch nicht einen einzigen.«
-
-»Ah ... fatal ... sind ein wenig spät gekommen, ist aber kein Mangel an
-Tänzerinnen! Im großen Saal läßt sich das erst richtig übersehen.«
-
-»Ich möchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur als Schauspiel auf
-mich wirken lassen!«
-
-»Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergnügen, auf einem wie ein
-Präsentierteller großen Raum zu tanzen! Furchtbare Fülle heut! Man
-findet sich kaum durch! Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit
-den Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle Stars sind
-vollzählig vertreten.«
-
-»Wer gilt für die schönste der Damen?«
-
-Der junge Offizier lacht: »=Mon Dieu=, Verehrtester, das ist schwer zu
-sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! Da ist die Hofdame der
-verwitweten Prinzeß Amalie, -- Gräfin Dollen, eine vielgerühmte
-Schönheit, aber kühl ... kühl bis ans Herz hinan ... dann Fräulein von
-Lochau, pikant ... amüsant ... kapriziös.., Baronesse Sprendlingen,
-bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll ... Fräulein
-Karola von Erlau-Föhrbach, Tochter des Ministers ... ein
-Tanagra-Figürchen voll größten Charmes ... aber pardon ... wir wollen
-uns in den Tanzsaal begeben, damit die höchsten Herrschaften allzugleich
-das Zeichen zum Beginn des Tanzes geben können ... Sie gestatten, Herr
-Graf ...« und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander
-und schießt davon, um einer zierlichen kleinen Blondine den Arm zu
-bieten und sich dem »Zug nach dem Westen« anzuschließen.
-
-Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm vorüber, und Guntram
-Krafft steht -- um eines Hauptes länger denn alles übrige Volk -- ruhig
-beiseite und überfliegt mit suchendem Blick die bunte Menge.
-
-»Fräulein von Sprendlingen, -- bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt
-und anspruchsvoll!« klingt es noch wie ein Echo vor seinen Ohren, und
-dann denkt er wie in jubelnder Freude daran, daß er nicht zu tanzen
-braucht, sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann.
-
-Und wie er mechanisch über die Menge hinblickt, -- da zuckt er plötzlich
-empor und ahnt es nicht, daß ihm alles Blut in die Wangen steigt.
-
-Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Köpfchen auf. Sie scheint es
-nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu erreichen.
-
-Sie hat einen großen, zartduftigen Marabu-Fächer entfaltet und bewegt
-ihn mechanisch vor dem Busen auf und nieder.
-
-Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz zarter, maigrüner
-Hauch, durch welchen sich ein Silbergekräusel zieht, und die
-wunderschönen Arme gleißen im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo
-sah er sie schon?
-
-Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche ihm die Perlenschnur
-entgegenreichten. Perlen!
-
-Nein, diesmal träumt er nicht!
-
-An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem Glanz, eine Kette mit
-einem Brillantschloß ... und sie neigt den Nacken graziös zurück und
-lächelt zu einem Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schöne Worte zu
-sagen scheint.
-
-Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die letzten im Saal, und
-Guntram Krafft begreift es in dem Augenblick selber nicht, woher er den
-Mut nimmt, aber er steht in dem nächsten Augenblick vor den beiden,
-verneigte sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen.
-
-»Darf ich um einen Tanz bitten, mein gnädiges Fräulein?«
-
-Sie schaut ihn mit den großen hellen Augen einen Moment sprachlos an,
-das Lächeln schwindet, ihre Lippen zucken ein Gemisch von Stolz und
-schroffer Abweisung.
-
-»Bedaure, meine Tänze sind vergeben!« sagt sie kurz, klappt den Fächer
-zu und legt ihre Hand auf den Arm des Offiziers, um hastig
-weiterzuschreiten. Herr von Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit
-kurzer Verneigung genannt und den Bär von Hohen-Esp mit etwas ironischem
-Blick gemustert, dann flüstert er seiner Tänzerin ein paar Worte zu, und
-beide entschwinden in die Galerie.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos und starrte der
-entzückenden Erscheinung des jungen Mädchens nach.
-
-Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gestürmt war, schoß ihm in
-die Wangen, und ein Gefühl tiefster Mutlosigkeit überkam ihn.
-
-Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem Benehmen der beiden eine
-Zurücksetzung oder Unhöflichkeit zu sehen; es erfüllte ihn nur mit
-tiefer Betrübnis, daß er zu spät gekommen war, und sein erster Gedanke
-war der, daß Gabriele wohl erwartet hatte, er werde früher den Weg zu
-ihr finden, um sie zu engagieren.
-
-Fraglos war sie über sein langes Zögern ungehalten, denn zuvor hatte sie
-ihn doch nicht mit diesen stolz und kühl schimmernden Augen angesehen!
-
-Sie lächelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem Schnee emporhob, und
-als sie zuerst in das Theater trat und seiner ansichtig wurde, da
-spiegelte es sich in ihrem Gesicht, daß sie ihn wiedererkannte, und
-abermals flog das süße, bezaubernde Lächeln um ihre Lippen. Nun zürnt
-sie ihm!
-
-Wie soll er sich ihr wieder nähern, um sie zu versöhnen?
-
-Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen doch so allein.
-
-Und sehr freundlich ist niemand zu ihm, keiner scheint Zeit und Lust zu
-haben, mit ihm zu plaudern.
-
-Dieses Empfinden macht ihn noch befangener wie zuvor, und er, der noch
-nie ein Gefühl der Furcht gekannt, der sich todesmutig auf die brüllende
-See hinauswagte, voll kühnen Trotzes dem Tode sein Opfer abzuringen, er
-wagte es kaum noch, die Schwelle des Tanzsaals zu überschreiten, er
-steht zaudernd und verzagt beiseite und fühlt es plötzlich, wie heißes,
-ungestümes Heimweh sein Herz erfaßt.
-
-Jubelnde Tanzweisen erbrausen durch die weitgeöffneten Saaltüren, -- er
-hört nur noch den Klang von Gabrieles herben Worten, -- eine bunte,
-glitzernde, farbenprächtige Menschenflut wogt vor ihm und lockt mit
-tausend Wundern, -- er aber sieht nur noch zwei kalte, helle,
-kristallfarbene Mädchenaugen, welche ihn ansehen, daß er bis in das
-tiefste Herz hinein friert. --
-
-Wie einsam, wie verlassen ist er auch hier! -- Wie empfindet er es noch
-so viel schmerzlicher, als daheim in seiner Mutter Haus!
-
-Da klingen leise, schnelle Schritte neben ihm, und eine milde,
-freundliche Stimme spricht ihn an. --
-
-»Dachte ich es mir doch, Graf, daß Sie nach der ersten Niete, welche Sie
-gezogen, kaum noch Lust verspüren, in das volle Menschenleben
-hineinzugreifen! -- Schade, daß ich Sie vorhin erst im Vorübergehen
-entdeckte und erst pflichtschuldigst meine Tour abtanzen mußte, ehe ich
-Sie holen konnte! Ich hätte Ihnen gern Gabrieles Abweisung erspart!«
-
-Guntram Krafft hatte überrascht den Kopf gewandt.
-
-Er blickte in die sehr sanften, liebenswürdigen Augen der Komtesse
-Sevarille.
-
-Wie ein Aufatmen nach banger Spannung ging es durch seine Seele.
-
-»O, Komtesse ... Sie gedenken meiner ... Sie nehmen meiner so freundlich
-wahr?!« stotterte er mit aufleuchtendem Blick und kämpfte gewaltsam
-seine Verlegenheit nieder.
-
-»Selbstverständlich, Graf! >Wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich
-zum Berg!< sagt Mohammed, und nach diesem praktischen Beispiel möchte
-auch ich handeln. -- Ich kann mich so lebhaft in Ihre Situation hinein
-versetzen! Sie sind fremd hier, alles mutet Sie ungewohnt an, und
-niemand von diesen hastigen, vielbeschäftigten Menschen hat Zeit, Sie
-ein wenig in die Sitten und Gebräuche der großen Welt einzuführen!«
-
-»Nur Sie allein, Komtesse, wollen diese große Freundlichkeit haben?«
-
-»Wenn Sie sich meiner Fürsorge anvertrauen wollen, Graf?« lächelt sie
-herzgewinnend zu ihm auf: »Es sollte mich aufrichtig freuen, wenn ich
-recht viel zu Ihrem Amüsement beitragen könnte!«
-
-»Ich danke Ihnen von Herzen!« Er sagt es sehr warm und herzlich und
-blickt ihr so ehrlich in die Augen wie ein Kind: »Wie schade, daß ich
-diesen freundlichen Schutzengel nicht früher fand! Sie hätten mich gewiß
-beizeiten zu Fräulein von Sprendlingen geführt, damit ich noch einen
-Tanz und nicht einen Korb von ihr erhalten hätte!«
-
-Thea lächelt und zuckt die nicht allzu runden Schultern.
-
-»Auf jeden Fall hätte ich Ihre Bitte um den Tanz zu gelegenerer Zeit
-angebracht wie Sie!«
-
-»Gelegenere Zeit?«
-
-»Sahen Sie nicht, wie sehr vertieft Gabriele und Herr von Heidler in
-ihre Unterhaltung waren?«
-
-Der Bär von Hohen-Esp wurde abermals rot, als wäre er auf einer Sünde
-ertappt.
-
-»Nein ... das sah ich nicht!« --
-
-»Herr von Heidler macht ihr sehr die Cour! Wer weiß, was er ihr gerade
-sagen wollte, als Sie so störend dazwischentraten!«
-
-Der Graf blickte sie starr, wie verständnislos an. »Ah!« sagte er nur.
-
-»Und weil Sie fraglos einen sehr lyrischen Augenblick abkürzten, sah
-Gabriele Sie nicht sonderlich freundlich an!«
-
-»Sie liebt ihn?«
-
-»Ich glaube es wohl, -- die ganze Stadt wenigstens erzählt es sich als
-Tatsache!«
-
-Wie groß und geisterhaft seine Augen sie anstarrten!
-
-»Sie sind schon verlobt, die beiden?«
-
-»Das weiß man nicht genau, aber man vermutet es! -- Nun aber kommen Sie,
-lieber Graf! es gibt noch so viele reizende Damen im Saal, welche alle
-sehr gern mit Ihnen tanzen möchten! Sehen Sie hier, meine Tanzkarte! Ihr
-Name fehlt auch noch darauf, und den Kotillon habe ich speziell für Sie
-aufgehoben!«
-
-»Ich kenne diesen Tanz nicht, Komtesse ... außer Polka und Walzer lernte
-ich keine Reigen.«
-
-»Gut! So setzen wir uns während dieser Zeit und sehen zu! Ich erkläre
-Ihnen die einzelnen Touren, und das nächste Mal wirbeln sie flott mit
-mir herum!«
-
-»Das wäre sehr gütig, Komtesse!« er spricht wie einer, dem die Kehle
-zugeschnürt ist.
-
-»Kommen Sie mit! Führen Sie mich in den Saal zurück! Wir haben eine sehr
-lustige, kleine Ecke gebildet, und wenn ich Sie all den jungen Damen und
-Herren bekannt mache, werden Sie sich vortrefflich amüsieren!«
-
-Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und blickt zu ihm auf.
-
-So gütig und freundlich wie sie sah ihn noch niemand hier in der
-Residenz an.
-
-Das fällt wie Sonnenschein in sein Herz.
-
-»Ich danke Ihnen, Komtesse!« sagt er noch einmal; er möchte so gern mehr
-sprechen, aber er weiß nicht was. Er hat es nicht gelernt, das leichte,
-amüsante Geplauder, er vermochte auch nicht in diesem Augenblick von
-gleichgültigen Dingen zu reden, jetzt, wo sein Herz zum erstenmal im
-Leben schmerzt, als sei ihm ein grenzenloses Leid widerfahren.
-
-Aber Gräfin Sevarille scheint keine Unterhaltungskünste von ihm zu
-verlangen, ihre dunklen Augen lachen fröhlich zu ihm auf, und sie
-spricht statt seiner, während sie nach dem Tanzsaal schreiten.
-
-»Wissen Sie, Graf, was ich glaube? Sie finden unsere große Stadt, unsere
-lebhaften Feste, all die modernen Sitten und Gebräuche fürerst ganz
-greulich und sehnen sich heim in den köstlichen Frieden Ihres stillen
-Strandschlosses! O wie sehr begreife ich das! Auch für mich gibt es
-kein besseres Glück als eine Landidylle! Warum sehen Sie mich so
-erstaunt an? Scheint Ihnen das so unbegreiflich?«
-
-Sein Blick haftet noch immer überrascht auf ihrem blassen Gesichtchen.
-Er muß sich beinahe herabbeugen, wenn er in ihre Augen schauen will, die
-sehr kleine, puppenhafte Gestalt hängt wie ein verwehtes Sommerwölkchen
-an seinem Arm.
-
-»Ja, das finde ich sehr unbegreiflich, aber es freut mich um so mehr, es
-zu hören. Ich glaubte, die Leute der großen Welt hätten gar keinen Sinn
-und kein Verständnis mehr für die kleinen Genien des Friedens, welche
-sich aus dem Häuserlabyrinth heraus zu uns in die Stille der Wälder
-geflüchtet haben. -- Lebten Sie längere Zeit auf dem Lande, Gräfin, daß
-Sie es liebgewannen?«
-
-»Längere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur ganz kurz und flüchtig
-lernte ich seinen Zauber kennen, und darum glüht die Sehnsucht desto
-heißer in meinem Herzen! -- Sie müssen mir viel von Ihrer Heimat, von
-Ihrem Leben und Treiben dort, erzählen, Graf! Nachher setzen wir uns
-abseits auf einen Diwan in der Galerie, und dann wollen wir beide mit
-allen Gedanken so sehr in Hohen-Esp sein, daß Ihr Heimweh bald schwinden
-soll! Fürerst aber möchte ich Sie recht vielen Damen vorstellen, damit
-Sie ...«
-
-Er blieb zögernd stehen und blickte in die offene Saaltür ein, vor
-welcher Kopf an Kopf die Herren in glänzenden Uniformen standen und mit
-mehr oder minder harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten.
-
-»Ein Plaudern in der Galerie dürfte also viel lohnender sein wie ein
-solches im Saal!« sagte er leise, und die Lichter flirrten vor seinem
-Blick, und die schmetternden Musikklänge taten ihm weh. »Lassen Sie uns
-also doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich diesen Tanz
-für mich opfern wollen!«
-
-»Opfern?« -- sie neigte das Köpfchen mit den leuchtend roten
-Granatblüten zurück und lächelte: »Nicht im mindesten, -- der Tanzsaal
-lockt mich ebensowenig wie Sie! Darin bin ich so grundverschieden von
-meiner Freundin Gabriele, daß sie sich einzig inmitten des amüsantesten
-Getriebes wohlfühlt, während mein Sinn sich seit jeher nach der
-beschaulichen Ruhe sehnte.« -- Sie setzte sich auf den weißen,
-golddurchwirkten Brokat des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres
-Kleides leuchtete unter den duftigen Tüllwogen, und hinter ihr baute
-sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederbäumen auf, welche die
-blühenden Zweige über ihr Köpfchen neigten.
-
-Es war ein hübsches, anmutiges Bild, aber Guntram Krafft sah es nicht.
-
-Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen Augen, und aus allen
-Worten seiner Partnerin hörte er nur das eine heraus, daß Gabriele sich
-einzig bei Spiel und Tanz wohlfühle.
-
-Mechanisch setzte er sich an die Seite der Gräfin nieder.
-
-»So würde Fräulein von Sprendlingen nie auf dem Lande glücklich sein?«
-
-»Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist ja auch gut, denn
-aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie in eine Großstadt heiraten, da
-bleibt ihr ja alles zur Verfügung, woran ihr Herz hängt! -- Nun aber
-sagen Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten Frau
-Mutter? Ich hörte durch einen Freund meines Vaters so viel von ihr
-erzählen, daß ich die seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne
-sie zu kennen! Sie muß ja in ihrer Jugend bildschön gewesen sein, und so
-fabelhaft liebenswürdig ... nicht wahr? Sie sehen ihr sehr ähnlich?«
-
-Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte Eloge aus
-diesen Worten herauszuhören, er schaute sie nur abermals voll
-aufrichtigen Dankes an.
-
-»O, wenn Sie sehen würden, was meine Mutter leistet, Komtesse, welch
-eiserne Energie, welch unermüdlichen Fleiß sie besitzt, Sie würden sie
-nicht nur lieben, sondern auch bewundern und verehren! Wenn die Bären
-von Hohen-Esp in alter Zeit die Schirmvögte des Landes gewesen sind,
-welche ihre starke Hand über die Schwachen und Notleidenden breiteten,
-so hat meine Mutter diese Zeit in ihrer Person wieder aufleben lassen!
-Wenn mancher Schiffbrüchige ahnte, wessen milde Hand ihn ins Leben
-zurückgerufen, der Name der Gräfin Gundula würde bekannter sein, als wie
-er es ist!«
-
-»Was für ein guter Sohn sind Sie! -- O, es ist ein Genuß, wenn man so
-von einer Mutter sprechen hört! Warum wirkt die herrliche Frau so ganz
-inkognito? Legt sie denn gar keinen Wert darauf, auch von der Welt
-anerkannt zu werden?«
-
-»Von der Welt? Die ist ihr sehr gleichgültig!«
-
-»Und wie denken _Sie_ darüber?«
-
-»Genau ebenso!«
-
-»Sie streben nicht nach äußeren Ehren, nach Rang und Würden?«
-
-Seine großen blauen Augen blickten sie verständnislos an.
-
-»Nein! Was sollten die mir nützen?«
-
-Sie schlang die kleinen Hände staunend ineinander.
-
-»O, Sie Kinderherz! Wissen Sie nicht, daß der Ehrgeiz die Triebfeder
-jedweden modernen Schaffens und Handelns ist?« --
-
-»Ich weiß es wohl, aber ich verstehe es nicht. Mir genügt der Beifall
-von zweien vollkommen.«
-
-»Von welchen zweien?«
-
-»Von Gott dem Herrn und meiner Mutter!«
-
-»Ihre Mutter kann Ihnen wohl ein Lob sprechen und Sie dadurch beglücken,
--- der Beifall Gottes dürfte aber nur eine Illusion sein, denn er ist
-durch nichts zu beweisen!«
-
-Wieder traf sie sein klarer, ernster Blick.
-
-»Durch nichts im Sinne der Welt, -- und doch ist er so fühlbar. Haben
-Sie es nach einer guten Tat noch nie im innersten Herzen bestimmt
-gefühlt und gewußt, daß Gott mit Ihnen zufrieden war? -- Der Beifall
-der Menge mag schön sein, aber solch ein Gefühl glückseliger Erhebung
-und frommer Zufriedenheit, wie ich es als Gottes Segen empfinde, wenn
-ich meine Schuldigkeit und vielleicht noch ein wenig darüber ... getan,
-das kann aller Lorbeer der Welt nicht geben!«
-
-Thea blickte vor sich nieder.
-
-Hatte sie je eine gute Tat getan, hatte sie jemals derartiges empfunden?
---
-
-Sie zupfte ein wenig ungeduldig an den roten Blüten ihres Kleides; nur
-mit Mühe unterdrückte sie ein ironisches Lächeln, aber sie bewegte
-zustimmend den Kopf und sagte beinahe träumerisch: »Und ob ich dies
-Gefühl kenne! Sie glauben gar nicht, Graf, _wie_ sehr Sie mir aus der
-Seele sprechen! Darüber müssen wir noch viel eingehender plaudern ...
-ah, Herr von Stetten! Holen Sie mich etwa schon zu unserer Française?«
-
-Der Vortänzer stand vor ihnen und verneigte sich hastig mit sehr
-scharmantem Lächeln.
-
-»Leider darf ich mich noch nicht so glücklich preisen, Komtesse, während
-eines ganzen Galopps bin ich noch verurteilt, auf diesen Vorzug zu
-warten! Jetzt gilt mein störendes Eingreifen lediglich dem Herrn
-Grafen!« -- Abermals eine sehr höfliche Verneigung vor Guntram Krafft,
-welcher sich erhoben hatte und den Gruß erwiderte. »Der Kammerherr von
-Rheinsberg sucht Sie aller Ecken und Enden, Graf! -- Seine Hoheit der
-Herzog haben den Wunsch geäußert, Sie zu sprechen! -- Auch dürfte es
-alsdann gelegene Zeit sein, daß Sie den fürstlichen Damen präsentiert
-werden!«
-
-»Ich stehe zur Verfügung, wollen Sie die Güte haben, mich dem Herrn
-Kammerherrn zuzuführen. Ich bitte um Verzeihung, Komtesse, und stehe
-bald wieder zu Diensten.«
-
-Wie altmodisch und wohlerzogen das klang! So recht nach Gräfin Gundulas
-vergilbter Schule; Thea wollte es eigentlich nicht, aber sie wechselte
-doch einen schnellen Blick mit Herrn von Stetten, um dessen Lippen ein
-recht scharfes Zucken ging.
-
-Dann schritten die beiden Herren eilig davon, und Komtesse Sevarille
-erhob sich ein wenig gelangweilt und wandte sich dem Saale zu.
-
-»Thea!« --
-
-Beinahe erschrocken schaute sich die Gerufene um. Hinter dem Boskett
-hervor traten Frau und Fräulein von Sprendlingen, sie hatten auf einem
-zweiten Wandpolster, welches ganz versteckt hinter der grünen Kulisse
-stand, gesessen und waren weder von der Komtesse noch von dem Grafen
-Hohen-Esp bemerkt worden.
-
-»Gabriele ... gnädigste Frau ... um alles in der Welt -- was tun Sie
-hier?«
-
-Baronin Sprendlingen schritt mit einem merklich kühlen Gruß und ganz
-seltsam scharfem Blick an der jungen Dame vorüber, Gabriele aber blieb
-stehen und lachte.
-
-»Solch indiskrete Lauscher hattest du nicht vermutet? Je nun, wenn man
-Pech hat! Als ich ein einziges Mal herumgetanzt hatte, riß mir plötzlich
-die Perlenschnur am Hals -- zum Glück konnte ich sie gleich in der Hand
-zusammen fassen! Mama stand in meiner Nähe, wir flüchteten uns hierher
-in dieses lauschige Versteck, nahmen ein paar Perlen heraus, und Mutter
-knüpfte den Faden so gut es ging zusammen. Ich denke, jetzt wird sie
-halten. Du weißt, ich liebe einen völlig nackten Hals nicht.« --
-
-»Und diese Prozedur dauerte so lange?«
-
-Thea sah ein wenig verlegen aus und bemühte sich, desto harmloser zu
-erscheinen.
-
-»Gerade als wir uns erheben wollten, kamst du mit dem Bären und setztest
-dich Posten, -- da wollten wir nicht stören.«
-
-Das war lachend gesagt und klang doch wie feiner Spott.
-
-Auch Thea lachte. »Hast du dich an den Bekenntnissen seiner schönen
-Seele recht delektiert? Wie gefiel dir die Ansicht dieses prächtigen
-Menschen über eitle Ruhmsucht? O Gabriele, du glaubst gar nicht,
-_wie_ gut er mir gefällt!« --
-
-Die Komtesse flüsterte es sehr schwärmerisch, und doch hing ihr Blick in
-scharfem Forschen an dem reizenden Antlitz der Freundin, einer sehr
-abfälligen Kritik gewärtig.
-
-Aber Gabriele sah an ihr vorüber und sagte nur kurz: »Er ist ein Kind!«
-
-»Ja, ein goldenes Kinderherz!«
-
-»Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man nicht! Wem nie der
-Gedanke kam, daß man nicht nur für sich, sondern in erster Linie für
-andere leben muß, dem genügt ein Seelenfrieden, welchen das Bewußtsein,
->nichts Böses begangen zu haben<, verleiht.«
-
-»Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf dem Lande Gelegenheit
-finden, sich um ein großes Ganzes, um Fürst und Vaterland, verdient zu
-machen!«
-
-»Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll er sich von seiner
-Bärenhaut aufraffen, in die Welt hinausziehen und Taten tun! -- Aber wir
-streiten da um Kaisers Bart; ich glaube kaum, daß der Graf uns jemals um
-unsere Ansicht befragen wird, -- die seiner Mutter genügt ihm!«
-
-Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz so spöttisch mehr
-wie früher.
-
-Fräulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren zu, welche
-augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet hatten und die junge Dame um
-eine Extratour bestürmten.
-
-Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte, -- und sie tat es,
-wie eine Königin, welche einem Vasallen eine herablassende Huld erweist,
--- so war auch Gräfin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware und
-flog ebenfalls im Arm eines Tänzers auf feurigen Galoppklängen dahin.
-
--- -- Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt und wurde von dem
-hohen Herrn durch eine ganz besonders gnädige und lange Unterhaltung
-ausgezeichnet, und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so
-zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat plötzlich fest und
-sicher auf, wie ein Mann, welcher über schwankendes Moorland geschritten
-ist und nun wieder festen Boden unter den Füßen fühlt.
-
-Er wuchs unter dem Blick seines Fürsten empor zu dem alten, frischen
-Selbstbewußtsein, welches ihm die heimatliche Scholle gab, er redete
-frank und frei, in seiner schlichten, treuherzigen Weise, welche klug,
-verständig und liebenswürdig klang, -- wenig von sich selber und seinem
-Tun und Handeln, aber dafür desto mehr von seiner Mutter. -- Die
-begeisterte Verehrung für die Gräfin leuchtete ihm aus den Augen, und
-durch die Seele des Fürsten zog wie stille Wehmut der Gedanke: »Um
-wieviel reines und schönes Glück hat sich sein Vater selbst betrogen!«
-
--- Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen Grafen war ein ganz
-ersichtliches, er führte ihn persönlich der Herzogin und Prinzessin
-Amalie zu, und auch diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse.
-
-Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses wechselten ebenfalls ein
-paar liebenswürdige Worte mit ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas
-neugieriges Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen
-Sonderling als der Person des Grafen galt.
-
-Den Damen gegenüber stellte sich sogleich wieder eine gewisse
-Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinfühligkeit empfand er es
-selber sehr peinlich, wie wenig gewandt er im Verkehr mit denselben war.
-
-Gabriele hatte während des Tanzes zufällig in der Nähe des Herzogs
-gestanden, als hochderselbe den Bären von Hohen-Esp durch seine
-Ansprache auszeichnete.
-
-Ihr Blick streifte die Sprechenden und schärfte sich plötzlich, als er
-das Antlitz Guntram Kraffts traf.
-
-Die Veränderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, -- sie war sehr
-vorteilhaft.
-
-»Sehen Sie doch, mein gnädiges Fräulein« -- lachte auch ihr Tänzer, »vor
-Serenissimus wandelt sich der tolpatschige Bär zum Löwen! Er sieht
-wirklich ausgezeichnet aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn scherzend
-den modernen Parzival nennt, so hat man nicht so unrecht, denn Frau
-Herzeleides Sohn zeichnete sich ja auch durch besondere Schönheit aus!«
-
-»Durch die Schönheit eines ritterlichen Kämpen.« --
-
-»Denken Sie sich jenen Mann in die Rüstung eines Gralsritters, und er
-würde schön sein wie ein Gott!« --
-
-»Er >würde< -- freilich! -- aber er wird es nie werden!« --
-
-»Leider, jene Zeiten sind vorüber!« --
-
-»Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher Säbel oder Degen führt,
-welcher kühn bereit ist, in den Kampf für Fürst und Vaterland zu
-ziehen!«
-
-Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt.
-
-»Sehr verbunden, mein gnädiges Fräulein, diese Anerkennung tut einem
-Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar nur Reserveoffizier, aber zähle mich
-dennoch zum Ganzen!«
-
-»Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande mit Feder und Schwert
-zugleich!«
-
-»Der Bär von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!« Sie sah ihn groß und
-erstaunt an. »Indem er sich selber zum reichen Mann macht?«
-
-»Auch dadurch. -- Wenn sich ein Landwirt bemüht, seine Güter auf eine
-stets höhere Kulturstufe zu bringen, sie stets ertragsfähiger und besser
-zu machen, so dient er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Außerdem
-ist anzunehmen, daß ein Mann, dessen persönliche Lage sich ständig hebt,
-darauf bedacht ist, für seine Arbeiter und deren Wohlergehen, für seine
-Bediensteten und deren günstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet
-dadurch am besten an der Lösung der großen sozialen Lage mit und schafft
-in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als manch ein Held der Feder und
-des Säbels Zeit seines Lebens! -- Ganz abgesehen von dem erziehlichen
-und fördernden Einfluß, den gerade der Gutsbesitzer in seinem kleinen
-Reiche ausüben kann!«
-
-»Das mag alles sehr logisch sein,« zuckte die junge Dame etwas
-ungeduldig die Achseln, »aber es bezieht sich leider nur auf die Gräfin
-und nicht auf ihren Sohn! Außerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um
-solch ein Wirken in der Stille genügend anzuerkennen. Für die Mutter
-genügt es mir, für den Sohn nicht!«
-
-»Und warum nicht für diesen?«
-
-»Weil ich bei einem Manne _Taten_ sehen will! Es steckt in jedem
-Mädchenkopf ein gutes Stück Romantik, welches den Wert eines Mannes nur
-nach der Qualität von Mut und persönlicher Kühnheit bemißt, welche er
-zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn der Betreffende,
-welcher sie ausübt, sich nicht dabei exponiert und sein Leben aufs Spiel
-setzt! -- Wenn heute ein reicher Mann Hunderttausende hingibt für den
-Bau eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr lobenswert und
-schön, aber mein Herz wird für den hochherzigen Spender nicht um einen
-Hauch schneller schlagen wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit kühnem
-Hurra im Kugelregen vorwärts stürmt, um für seinen Kaiser einen Sieg zu
-erkämpfen ... wenn ein Mensch sich mutig in ein brennendes Haus wagt, um
-ein Kind zu retten ... wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft,
-einen Greis zu schützen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich stets zu
-heißem Entzücken, zu flammender Bewunderung begeistern wird!« --
-
-»Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein gnädiges Fräulein,
-und freue mich dessen, wenngleich Sie bei all Ihrer edlen
-Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig urteilen. Jeder leistet gewiß
-so viel, wie in seinen Kräften steht, aber jeder muß sich auch den
-Verhältnissen anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. --
-Wenn die Völker nicht aufeinander schlagen, wird es schwer sein, sich
-blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld zu pflücken, und wenn kein Haus
-brennt, hält es schwer, Gefährdete zu retten! -- In unsern, gottlob so
-stillen Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen sieht, am
-wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, -- wenn sich die Gelegenheit
-bietet, wird auch Graf Hohen-Esp seinen Mann stehen!«
-
-Ein sarkastisches Lächeln zuckte um Gabrieles Mund, mit ungläubigem
-Blick streifte sie die Reckengestalt des Genannten, welcher soeben vor
-den jungen Prinzessinnen stand und so befangen in sich zusammensank, als
-fehle Mark und Kraft in seinen Knochen, -- dann wandte sie mit
-aufleuchtenden Augen das Köpfchen und sah Herrn von Heidler entgegen,
-welcher sich hastig zu ihr Bahn brach und um eine Extratour bat.
-
-Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot von dem erhitzten
-Gesicht ab, die Narbe, welche stets von dem schweren Sturz erzählen
-wird, welchen der schneidige Kavallerist sich bei tollkühnem Ritt
-geholt! -- Gabrieles Herz schlägt hoch auf, sie legt die bebende Hand
-auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das scharfgeschnittene,
-trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden Augen empor. --
-
-Hart, eisern -- fest ist es -- wie aus Bronze gegossen; der Griff, mit
-welchem er ihre schlanke Gestalt beinahe an sich reißt, hat nichts so
-Zartes, Rücksichtsvolles, wie die Hände des Bären von Hohen-Esp, als er
-sie, behutsam, wie ein zartes Vögelchen, aus dem Schnee hob.
-
-Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick brennt auf dem
-roten Streifen, welcher seine Stirn zeichnet, und durch ihren Sinn zieht
-es wie jubelnde Weise: »Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der
-Stirn -- und das eiserne Kreuz auf der Brust!« --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XII.
-
-
-Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem Gespräch mit einer
-alten Exzellenz nahe der Empore, auf welcher die höchsten Herrschaften
-Platz genommen, dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten.
-
-Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit Graf Guntram Krafft
-gesprochen, wie auch die fürstlichen Damen ihn auszeichneten, und wie
-der Erbe von Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer
-Verneigung zurückzog, um einen Augenblick an der blütenduftigen
-Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das farbenglänzende Bild im
-Saal herabzuschauen.
-
-Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar liebenswürdigen
-Worten und schritt -- anscheinend nur in den Anblick der hohen
-Herrschaften vertieft, langsam an dem Wanddiwan entlang.
-
-Ein feines, nervöses Zucken spielte um ihre Augen, ein Zeichen, daß sie
-geärgert oder nervös war, und wenn ihr Blick zufällig Komtesse Thea
-streifte, so bekam er beinahe etwas Feindseliges.
-
-Frau von Sprendlingen besaß viel Scharfblick und Menschenkenntnis, und
-das Gespräch zwischen Thea und dem Grafen, welches sie unfreiwillig
-belauscht, hatte ihr die Überzeugung gegeben, daß die Komtesse bemüht
-war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele zu intrigieren.
-
-Die Komtesse war bereits zu der Überzeugung gekommen, daß sie, als sehr
-wenig bemittelte junge Dame, kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige
-eine glänzende Partie zu tun.
-
-Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge Dame schien klug
-genug, das Eisen allsogleich zu schmieden, solange es noch heiß und der
-Graf unbekannt in der Gesellschaft war.
-
-Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte über den Einsiedler von
-Hohen-Esp und ihn mehr neugierig wie begehrlich betrachtete, so wußte
-Frau von Sprendlingen doch, daß er sich gar bald hier eingelebt und der
-Gegenstand brennenden Interesses für Mütter und Töchter sein werde.
-
-Schon jetzt hörte man überwiegend mehr Anerkennendes aus dem Mund der
-Damen wie Spöttisches, und die Schönheit des jungen Mannes schien der
-Punkt zu sein, an welchem eine allgemeine Begeisterung für den reichen
-Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte.
-
-Ganz wie von ungefähr näherte sich die Baronin dem Sohne Gundulas und
-bemerkte es voll äußerster Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig
-verdüstert, aber sehr beharrlich ihrer Tochter folgte.
-
-Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette an der goldenen
-Kette von dem Fächer los und hob sie an die Augen, und als der Graf
-mechanisch auf die elegante, noch immer sehr schöne und jugendliche Frau
-herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst zu bemerken und
-zu erkennen.
-
-Sie wandte sich ihm sichtlich überrascht und erfreut zu und bot ihm die
-kleine Hand, über welcher die kostbaren Armspangen funkelten, entgegen.
-
-»Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie hier bei Spiel und Tanz
-begrüßen zu können! Hoffentlich sind Sie schon bei der Jugend bekannt
-geworden und amüsieren sich vortrefflich?« --
-
-Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu wissen, wen er vor
-sich hatte.
-
-Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen Weise und
-stammelte eine Antwort, von welcher Frau von Sprendlingen wenig
-verstand.
-
-»Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen Tanz aufgehoben?«
-fuhr die schöne Frau mit anmutigem Lächeln fort. »Es ist heute einer
-jener seltenen Tage, an welchen die Herren in der großen Überzahl sind
-und die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!« --
-
-Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen Mannes und war sehr
-befriedigt, als sie das jähe Aufleuchten seiner Augen sah, das
-plötzliche, lebhafte Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles
-nannte.
-
-»Oh, Frau von Sprendlingen!« rief Guntram Krafft mit jäher Röte in den
-Wangen, in seiner so ehrlich-naiven Art: »Jetzt erst erkenne ich Sie,
-gnädigste Frau! Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so märchenhaft
-verändert aus, daß man sich selbst mit dem besten Gedächtnis in dieser
-neuen Welt schlecht zurechtfindet!«
-
-»Wie begreiflich ist das! -- So fanden Sie auch meine Tochter noch nicht
-unter den vielen unbekannten Tänzerinnen heraus?«
-
-»Fräulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen würde ich sie
-erkennen!«
-
-Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin lächelte
-abermals.
-
-»Wie liebenswürdig Sie das sagen! -- Ich hoffe, daß Sie zum mindesten
-den Kotillon mit ihr tanzen?«
-
-Ein Schatten flog über das strahlende Gesicht des jungen Bären.
-
-»Ich kam zu spät, gnädigste Frau!« sagte er leiste.
-
-»Oh! in der Tat? Darüber müssen Sie mich genau unterrichten! Sind Sie
-für diesen Tanz verpflichtet oder haben Sie Zeit, mir ein wenig
-Gesellschaft zu leisten? Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es
-sich sehr nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.«
-
-»Sehr gnädig -- ich bin überaus dankbar!« stammelte Guntram Krafft, und
-abermals leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Die schlanke, elegante
-Frau mit dem zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden
-Ausdruck in den schönen Zügen hätte nicht Gabrieles Mutter zu sein
-brauchen, um es ihm anzutun, er hatte schon bei seinem ersten Besuch
-lebhafte Sympathie für sie empfunden, und dieses Gefühl steigerte sich
-in diesem Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch
-heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden Menschen,
-jedes freundliche Wort doppelt dankbar.
-
-Nun war es Gräfin Thea nicht mehr allein, welche ihm wie ein rettender
-Engel in seiner Verlassenheit erschien, Gabrieles Mutter ließ sein Herz
-noch schneller und erregter in diesem Augenblick schlagen, und er
-empfand es schon als großes Glück, mit ihr von der Wunderlieblichen zu
-plaudern, welche es seinem Herzen wie durch Spuk und Zauber angetan. --
--- -- Er setzte sich neben Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder,
-und die weichen, glänzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe
-legten sich wie ein Traumgefilde um seine Füße.
-
-»Also Sie kamen zu spät zu Gabriele?« fragte die Baronin abermals mit
-ihrer weichen, angenehmen Stimme und entfaltete den duftigen
-Marabufächer vor der Brust. -- »Wie kam das? Wir waren heute sehr
-präzise zur Stelle!«
-
-»Dessen kann ich mich kaum rühmen, gnädigste Frau! Ich habe das fremde
-Terrain Schritt um Schritt erobert und bedurfte der Zeit, um mich in
-diesem Zauberreich zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie völlig neu es
-mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen auf dem höfischen
-Parkett lernen muß!«
-
-»Davon merke ich nichts -- oder besser gesagt, Sie lernen zum Erstaunen
-schnell! Gleichwohl begreife ich, daß Sie heute nicht Herr der Zeit
-gewesen! So fanden Sie Gabriele erst jetzt während des Tanzes!«
-
-Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden Atlasfalten,
-auf das wirre, feine Spitzengeriesel, welches sie umsäumte, nieder.
-
-»Doch nicht, gnädigste Frau ... ich konnte mich Ihrer Fräulein Tochter
-noch in der Galerie bekannt machen ... aber ... ich kam zu einer sehr
-ungelegenen Zeit ...«
-
-Die letzten Worte klangen so leise, daß Frau von Sprendlingen sie kaum
-verstand. Sie hob jäh den Kopf.
-
-»Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber Graf?«
-
-Da schauten sie seine großen, ehrlichen, blauen Kinderaugen unendlich
-traurig an.
-
-»Ihr Fräulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben«, sagte er
-treuherzig.
-
-Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. »Gabriele sich
-verloben? -- Herr des Himmels, mit wem denn?«
-
-»Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher eine breite Narbe
-auf der Stirn trägt; der Name ist mir wieder entfallen, gnädigste Frau!«
-
-»Mit Heidler?« Frau von Sprendlingen klappte bewegt den Fächer zu: »O
-welch eine lächerliche, absurde Idee! -- Wer hat Ihnen solch einen
-Unsinn vorgeredet, Graf?«
-
-Schier atemlos starrt der Bär von Hohen-Esp die schöne Frau an seiner
-Seite an. _Wieder_ stieg es heiß und rot in seinem Antlitz auf.
-
-»Es ist nicht wahr? -- Es ist ein Irrtum?« klang es wie leiser Jubel von
-seinen Lippen --: »O, das wäre ja ...« und er unterbrach sich plötzlich
-voll tödlicher Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige
-Atlasschleppe nieder. --
-
-»Solches Märchen hat Ihnen gewiß Gräfin Thea Sevarille vorerzählt!«
-lachte die Generalin, und doch flimmerte es in ihrem Blick wie geheimer
-Triumph, das Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu haben
---: »Die jungen Mädchen wittern ja sofort eine Verlobung, wenn ein Herr
-etwas den Hof macht, und bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht,
-daß zum Verloben doch immer zweie gehören!«
-
-»Herr von Heidler liebt Fräulein Gabriele wohl sehr?« fragte Guntram
-Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen Aufrichtigkeit, und abermals
-klang es wie geheime Sorge durch seine Stimme.
-
-»Je nun -- er schwärmt meine Tochter an und zeigt das sehr aufrichtig!«
-lächelte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch --: »aber das tun
-doch sehr viele der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt
-und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus nicht -- und
-wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht etwas liebenswürdiger ist wie
-zu andern Herren, so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit
-einer langen Reihe von Jahren kennt!«
-
-Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an den Lippen der
-Sprecherin.
-
-Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht und frischen
-Lebensmut schöpfte; seine Augen strahlten wie verklärt, und er bemühte
-sich auch gar nicht, seine Freude zu verbergen.
-
-»So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?« fragte er leise und sah die
-Baronin an, als habe er auch nicht das kleinste Geheimnis mehr vor ihr.
-
-Frau von Sprendlingen lachte abermals.
-
-»Es ist meine feste Überzeugung, und ich hoffe, daß ich mich nicht irre!
-Die Welt, und namentlich die lieben Freundinnen meiner Tochter, sagen
-Gabriele -- ebenso wie jedes andere vielumschwärmte Mädchen -- gern
-verlobt, in der Hoffnung, sie dadurch unschädlich zu machen; daran muß
-man sich hier in der Residenz gewöhnen, bester Graf, und durchaus nicht
-alles glauben, was die Leute sagen! Nun aber erzählen Sie mir weiter!
-Gabriele hatte keinen Tanz mehr frei?«
-
-»Keinen, gnädigste Frau.«
-
-»Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?«
-
-Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen an.
-
-»Das wage ich nicht. Ich wollte überhaupt nicht mit Ihrer Fräulein
-Tochter tanzen, sondern nur plaudern.«
-
-»Ah! Sie überraschen mich!«
-
-»Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte es nie in der Art, wie
-man hier tanzt.«
-
-»Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schönen Strandburg ist dazu
-wohl kaum Gelegenheit! -- Aber in einer Pause könnten Sie das Versäumte
-doch nachholen?«
-
-»Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen und weiß nicht, was ich
-mit jungen Damen reden soll. Meine einseitigen Interessen sind wohl
-nicht die ihren, und die große Welt ist mir fremd.«
-
-»Sie waren so sehr liebenswürdig, meiner Tochter als Retter zu Hilfe zu
-kommen, als sie jüngst ein kleines Unglück mit dem Schlitten hatte?«
-
-Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr lebhaft und freute
-sich des Zufalls, welcher ihn just in jenem Augenblick des Wegs daher
-geführt.
-
-»Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene unfreiwillige
-Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen ist!« scherzte die Generalin.
-»Wenn der Anfang zu einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das
-Schwerste überstanden!«
-
-»Fräulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... und ... sie
-möchte es wieder ungnädig aufnehmen, wenn ich störe!«
-
-»Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?«
-
-»Nein, gnädigste Frau, daran dachte ich noch nicht. Muß man das?«
-
-»Man muß nichts, was man nicht will! Aber ich möchte Ihnen einen guten
-Rat geben. Wie ich höre, ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und
-Gabriele sagte mir, daß Herr von Heidler in der Bildergalerie an Tafel
-III Plätze belegt habe. -- Nun kommen Sie einmal mit -- ich führe Sie
-bis zu der Galerietür, -- dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und
-belegen sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!« --
-
-»O, vortrefflich! In der Nähe Ihres Fräulein Tochter?«
-
-»Wenn Sie das wünschen!«
-
-»Über alles wünsche ich es mir!«
-
-Der junge Bär von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, er lachte und sprach
-lebhafter wie je zuvor.
-
-»Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen diese Quadrille
-benutzen, um uns den Weg zu bahnen!«
-
-Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die Augen.
-
-»Ich danke Ihnen!« sagte er wie aus tiefstem Herzen heraus.
-
-Frau von Sprendlingen lächelte: »Glauben Sie in Zukunft nichts, was die
-Leute faseln! Sie sehen, wie falsch man Sie unterrichtet hatte!« --
-
-Sie schritten an dem Diwan entlang, den großen, goldenen Saaltüren zu,
-und Frau von Sprendlingen hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der
-hohen Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit einem
-einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen Hand lenkt und
-dirigiert, wohin es ihr beliebt.
-
-Ihr Blick flog hinüber zu Gräfin Thea, welche, sichtlich zerstreut, ihre
-Quadrille tanzte, -- sie sah weder den Graf von Hohen-Esp noch seine
-Begleiterin -- und ein feines Lächeln des Triumphes zuckte um ihre
-Lippen.
-
- * * * * *
-
-Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und übersah die Visitenkarten,
-welche auf den Gläsern lagen.
-
-Ein jeder Platz war besetzt.
-
-Unschlüssig und tief enttäuscht schaute er über die Tafel.
-
-»Wünschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch zu sitzen?« fragte es
-hinter ihm.
-
-Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder neuen Erscheinung am
-Hofe vertraut schien, trat diensteifrig näher und verbeugte sich ebenso
-höflich wie respektvoll.
-
-»Es wäre mir allerdings sehr lieb gewesen!« versicherte der Hohen-Esper,
-sehr angenehm durch das Interesse des alten Hofbeamten berührt.
-
-»Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es müssen sowieso noch
-Plätze eingeschoben werden, da der Herr Hofmarschall noch in dem letzten
-Augenblick Ansagen von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fügen wir
-noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht hier?« -- und er
-neigte den wohlfrisierten Kopf und las: »von Heidler ... ah ... unser
-Vortänzer ... dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen
-der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der Ecke ...«
-
-»Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... welchen Sie zuerst
-bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...« und der Sprecher zog seine
-Visitenkarte aus der Brusttasche und reichte sie dar.
-
-Wieder stieg die heiße Glut in seine Wangen, und voll verlegener Hast
-wandte er sich und schritt nach dem Saal zurück.
-
-Ihm war's, als müßte man ihm all seine jubelnden Gedanken von der Stirn
-ablesen! Vor wenig Minuten hatte er gewähnt, all die hellen Kerzen
-ringsum seien erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit er
-gehört, Gabriele sei die Braut eines andern, und nun plötzlich, als er
-vernimmt, daß dies Gerede eitel Lug und Trug ist, da schlägt sein Herz
-auf in ungestümer Glückseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum
-blenden ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie!
-
-Warum das? --
-
-Er vermag sich selber kaum Rechenschaft darüber zu geben, er überläßt
-sich willenlos dem fremden, eigenartigen Zauber, welcher ihn
-gefangenhält.
-
-In der mit Blumen dekorierten Vorhalle des Saales treten ihm ein paar
-ältere Herren mit Band und Stern entgegen und reden ihn in
-liebenswürdiger Weise an.
-
-Sie sind Tänzer und Jugendbekannte seiner Mutter gewesen und erkundigen
-sich voll aufrichtigen Interesses nach Gräfin Gundulas Ergehen.
-
-Guntram Krafft freut sich, von ihr sprechen zu können, er empfindet es
-voll stolzer Genugtuung, daß man seine Mutter so hoch schätzt und
-verehrt, und als der eine der Herren die Hand auf seinen Arm legt und
-sagt: »Kommen Sie, Graf, ich muß Sie zu meiner Frau bringen! Sie ist
-ebenfalls eine gute Bekannte Ihrer Frau Mutter von früherer Zeit und
-wird sich sehr freuen, von ihr zu hören und ihren Sohn kennenzulernen!«
--- da folgt der junge Mann so heiter und unbefangen, als ob ihn die
-letzte halbe Stunde heimisch auf dem Parkett gemacht habe.
-
-Er sieht im Vorüberschreiten Gräfin Thea, welche ihm lebhaft zuwinkt.
-
-»Wo um alles in der Welt stecken Sie denn, Graf? Ich möchte Sie gern den
-jungen Damen vorstellen! -- Halten Sie ihn bitte nicht allzu fest,
-Exzellenz -- zum nächsten Walzer ist er urkundlich verpflichtet!«
-
-Sie hält lachend die Tanzkarte empor, und der Begleiter Hohen-Esps zuckt
-scherzend die Achseln. »Wenn Sie den Grafen allerdings an solch holde
-Pflicht gemahnen, Komtesse, wird er mir fahnenflüchtig, noch ehe er der
-alten Garde den Eid geleistet hat! -- Aber unbesorgt -- ich war
-zeitlebens ein unbescholtener Mann und begehre nicht meines Nächsten
-Weib, Knecht oder Walzertänzer!! -- =Au revoir!=« --
-
-Und als der nächste Tanz mit den weichen, lockenden Klängen der »Rosen
-aus dem Süden« einsetzt, stockt Guntram Krafft plötzlich in der
-Unterhaltung mit der Frau Minister und schaut abermals in Gräfin
-Sevarilles erhitztes Gesichtchen, welches ihm aus nächster Nähe
-zulächelt.
-
-»Sie haben engagiert, lieber Graf?« fragte die alte Dame in schnellem
-Verstehen: »Das ist recht! Ich werde mich freuen, Sie tanzen zu sehen!
-Und den achtundzwanzigsten dieses Monats reservieren Sie uns also ...
-wir werden uns freuen, Sie zum Diner bei uns begrüßen zu können.«
-
-Der Bär von Hohen-Esp dankt sehr erfreut, verneigt sich und steht im
-nächsten Augenblick an der Seite der Komtesse.
-
-Er hat es so eilig, ihr zu erzählen, daß es mit der Verlobung Gabrieles
-ein großer Irrtum ist, aber er kommt fürerst nicht dazu, denn Thea
-spricht lebhaft auf ihn ein, wendet sich zu den nächststehenden jungen
-Mädchen und stellt ihnen den Graf vor.
-
-Man lächelt ihm sehr liebenswürdig zu, beginnt ein allgemeines Gespräch
-und macht dem »modernen Parzival« klar, daß er unter allen Umständen
-tanzen müsse!
-
-»Sie sehen, Graf, man tanzt hier keinen Walzer, sondern nur Galopp! Je
-nun, und das ist doch kein Kunststück! Wer so wie Sie eines Hauptes
-länger ist, wie alles übrige Volk, steuert doch ohne jedwede Gefahr
-durch all diese Wirbel und hohe Flut!«
-
-Das ist ein Wort!
-
-Guntram Kraffts Auge blitzt auf, -- er lacht und verneigt sich vor Thea.
-
-»Mut hat auch der Mameluck, Komtesse -- riskieren Sie es mit mir
-Seebären?«
-
-Einen Augenblick neigt sie das Köpfchen zurück und sieht zu ihm auf.
-
-Welch ein Blick!
-
-Wenn der Einsiedler von Hohen-Esp nicht arg zu naiv wäre, würde er viel,
-sehr viel darin lesen!
-
-Aber der Graf denkt gar nicht darüber nach, was sich wohl in den Augen
-einer Komtesse Sevarille spiegeln möchte, er hat nur einen einzigen
-Wunsch, den -- es zu versuchen, ob er sich wahrlich unter die Reihen der
-Tänzer wagen kann, ob er die Probe bestehen wird, um alsdann auch den
-Arm um jene andere, Einzigste legen zu können, welche all sein Sinnen
-und Denken gefangennimmt.
-
-Und er tanzt, -- wohl nicht ganz so gewandt und elegant wie die andern
-Herren im Saal, aber doch sicher und gut, ohne im mindesten unliebsam
-aufzufallen.
-
-»Bei einem Galopp kommt es nur auf die sichere Führung an!« hat eine der
-Damen soeben noch ermutigend gesagt, nun, und sicher hat der bärenstarke
-Arm des Hohen-Esper seine Dame gehalten!
-
-Mit heißgerötetem Antlitz führt er Thea an ihren Platz zurück, und die
-andern Damen und Herren, welche gewartet haben, voll neugierigen
-Interesses das »erste Debut des Parzival« zu beobachten, begrüßen ihn
-mit lebhaftem Beifall.
-
-Guntram Krafft hat es gar nicht bemerkt, wie aller Blicke ihm während
-des Tanzes gefolgt sind, er hat es nicht gehört, daß der Herzog sich
-erfreut und anerkennend darüber äußert, -- er schaut nur suchend über
-die bunte, wirbelnde Menge, ob er nicht Gabrieles Köpfchen erspähen
-kann.
-
-Und er sieht sie plötzlich in nächster Nähe, sieht direkt in die
-wundersam hellen, großen Nixenaugen hinein, welche wie staunend auf ihn
-gerichtet sind.
-
-Und Guntram Krafft lacht noch glückseliger wie zuvor, sagt Komtesse Thea
-ein herzliches Dankeswort und richtet sich hoch und kühn auf -- in
-Wahrheit wie ein junger Bär, welcher sich plötzlich seiner Kraft bewußt
-wird, wendet sich und steht im nächsten Augenblick vor Fräulein von
-Sprendlingen. »Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein?«
-
-Da starren ihn die meerfarbenen Augen abermals an wie aufs höchste
-überrascht ob einer solchen Zumutung, und dann wendet sie das Köpfchen
-und wechselt einen sekundenlangen, unendlich vielsagenden Blick mit dem
-schlanken, jungen Garde-Grenadier-Offizier, welcher neben ihr steht.
-
-Der lächelt sehr verständnisinnig --: »Ich begreife, Baronesse!« dreht
-sich kurz auf dem Hacken um und eilt als vielbeschäftigter Vortänzer
-davon, -- Gabriele aber legt langsam, beinahe zögernd den Arm auf den
-des Grafen und sagt: »Wir werden noch einen Augenblick warten müssen, es
-ist sehr wenig Raum zum Tanzen!«
-
-»Wie Sie befehlen, Fräulein von Sprendlingen!« antwortet Guntram Krafft
-und umschließt mit bebender Hand ihre weiche, schmiegsame Gestalt.
-
-Wie rote Nebel wallt es vor seinen Augen, die Aufregung schnürt ihm die
-Kehle zusammen, er hat das Gefühl, als wanke der Boden plötzlich unter
-seinen Füßen, und doch möchte er aufjauchzen vor Glückseligkeit, wie
-daheim, wenn er dem wilden, feindlichen Meer eine Beute abgetrotzt!
-
-Einen Augenblick harrt er so ... noch einen ... und da ... gerade als
-er lostanzen will, bricht die Musik mit kurzem Schlusse ab.
-
-Der Garde-Grenadier ist in die Mitte der Tanzenden getreten und hat die
-Hand mit kurzer Geste nach dem Orchester hinter dem Goldgitter der
-Galerie gehoben.
-
-Guntram Krafft, der Neuling, bemerkte es nicht, er blickt nur
-erschrocken zu Gabriele nieder und sagt bedauernd: »O wie schade!« --
-und Fräulein von Sprendlingen lächelt ganz wunderlich, löst die Hand von
-seinem Arm und tritt von ihm zurück.
-
-»Bedaure sehr!« sagt sie kühl, wendet das Köpfchen und begrüßt eine
-junge Hauptmannsfrau, welche jetzt am Arm ihres Tänzers vorüberschreitet
-und ihr zunickt.
-
-
-
-
-XIII.
-
-
-Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig höflich von Guntram
-Krafft abgewandt hatte, trat Frau von Sprendlingen zu ihrer Tochter
-heran und flüsterte ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr.
-
-Der breitgehaltene Fächer dämpfte den Klang derselben und verdeckte das
-Gesicht der Generalin, aber man bemerkte trotzdem, daß sie erregt und
-sehr energisch sprach.
-
-Über Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten.
-
-»Es war ja ein Glück, daß die Musik just schwieg.«
-
-»Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat gar keinen Zweck!
-Begeistern werde ich mich nie für das Muttersöhnchen -- warum also seine
-lächerliche Sympathie für mich durch irgend welche Höflichkeit nähren?«
-
-»Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten; ich befehle dir
-jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu behandeln, wenn er sich dir
-noch einmal nähern sollte! Hörst du, Gabriele? Ich verlange und fordere
-es von dir als ein Zeichen deiner Liebe für mich!«
-
-Die junge Dame seufzte leicht auf.
-
-»Ach, hätte Frau Gundula doch etwas Besseres getan, als ihrem Baby die
-verlorenen Taler wieder zusammengespart! Je nun ... ich werde versuchen,
-mich dem Reigen um diesen modernsten Götzen anzuschließen!«
-
-»Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie für ihren Sohn sorgte,
-aber der alte Herr von Heidler, der die Güter verpraßte, anstatt sie
-seinem Erben zu erhalten ... wie handelte der?«
-
-Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen der Mutter, sie
-zuckte beinahe wehmütig die schönen Schultern: »Geld macht ja doch nicht
-glücklich, Mama, -- und es ist doch tausendmal besser und moralischer,
-einen armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung zu
-heiraten!«
-
-»Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest, daß gerade der >arme<
-Mann viel zu klug und kaltherzig ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes
-Mädchen zu freien!«
-
-»Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!«
-
-Frau von Sprendlingen biß momentan wie in großer Nervosität die Zähne
-zusammen. »Gleichviel, du tust, wie ich dir befehle!« sagte sie kurz,
-voll ganz ungewohnter Strenge, klappte den Fächer zu und wandte sich mit
-liebenswürdigstem Lächeln wieder ein paar Damen und Herren zu, welche
-sie schon seit Beginn des Festes wie den Stein der Weisen gesucht
-hatten! --
-
- * * * * *
-
-Man hatte sich zu Tisch gesetzt.
-
-Gräfin Thea bemerkte es zu ihrem großen Verdruß, daß Graf Hohen-Esp sie
-nicht engagierte, so nahe sie es ihm auch gelegt hatte, daß sie das
-Souper »vorsichtigerweise« noch freigehalten habe.
-
-Guntram Krafft reagierte nicht darauf. -- Als er direkt nach seiner
-Extratour mit ihr zu Gabriele schritt und »beinahe« mit ihr getanzt
-hätte, grub Gräfin Sevarille die Zähnchen recht ärgerlich in die Lippen.
-
-War denn der naive Schwärmer unverbesserlich, daß er so schnell den
-fatalen Eindruck, den die »Verlobung« des Fräulein von Sprendlingen auf
-ihn gemacht, abschüttelte und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer
-Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die Saison zu tragen?
-
-Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien der strahlendsten
-Laune Platz gemacht zu haben, welche selbst der »entgleiste« Walzer mit
-der Angebeteten nicht zu trüben vermochte.
-
-Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu ihr zurück, als wie er
-von ihr gegangen, schien absolut kein Verständnis für die kleinen
-Bosheiten zu haben, welche Thea so geschickt auf Fräulein von
-Sprendlingen in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar
-verblühte Präsidententöchter und ein sehr dicker Jagdjunker eifrigst
-sekundierten. Er stand während der nachfolgenden Française vor dem
-erhöhten Wandpolster und folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann
-sprach er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als Gräfin
-Thea für etliche Minuten durch eine sehr amüsante Konfusion in Anspruch
-genommen ward und danach wieder verstohlen nach dem Bär von Hohen-Esp
-ausschaute, war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos
-verschwunden!
-
-Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich schon einen
-scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte, um sich den bis jetzt so
-unhöflich verweigerten Arm des Grafen zu erzwingen.
-
-Wohin war er verschwunden?
-
-Voll nervöser Unruhe schaute die junge Dame zuerst nach Gabriele aus und
-sah es zu ihrer großen Genugtuung, daß dieselbe am Arme Heidlers den
-Saal verließ.
-
-Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan doch, daß sie
-über keinen Tischherrn verfügte.
-
-Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und trat hastig
-näher.
-
-»Sind Komtesse etwa nicht engagiert?«
-
-»Selbstredend, -- aber man scheint mal wieder Konfusion gemacht zu haben
---«
-
-»Darf ich gehorsamst bitten?« --
-
-Etwas übellaunig und zögernd legte Thea die Hand auf den Arm dieses so
-sehr nichtssagenden und unbedeutenden Tischherrn. Seit zwei Jahren
-Leutnant! Gräßlich! So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen
-Hintergrund rechnete bei ihr überhaupt nicht mit.
-
-»Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp für denselben Tisch verabredet, Herr
-von Stark!« sagte sie schnell. »Der Graf ist fremd hier und wird gewiß
-hilflos umherirren und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen
-Sie uns dem Ärmsten zu Hilfe kommen ...«
-
-»Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ... wird wohl schon
-seinen Platz an König Artus Tafelrunde gefunden haben! Müßte mich sehr
-irren, wenn er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal
-beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist ja Landstand! Trotz
-seiner Hinterwäldlerart! -- Die Güter verschaffen ihm Sitz und Stimme!
--- und wir ... haha ... in die Ecke, alter Besen! -- Aber darum wollen
-wir in unserem Turmstübchen doppelt fidel sein! -- Darf ich bitten,
-Gnädigste ... wir bekommen sonst überhaupt keinen Platz mehr!« --
-
-Thea zog die Brauen sehr ungnädig zusammen und folgte in denkbar
-schlechtester Laune. Welch ein Pech, daß der naive Neuling nicht
-rechtzeitig daran gedacht, sie zu engagieren -- im Thronsaal sitzen ist
-just das, was Gräfin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen
-würde.
-
-Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie je, daß Graf Guntram
-Krafft es sein soll und muß, welcher sie das nächste Mal nicht nur an
-die Tafel der höchsten Herrschaften, sondern baldmöglichst auch als
-Herrin und Gebieterin in die Burg seiner Väter führen soll.
-
-Daß die alte Bärin in derselben noch ihre despotische Herrschaft führt,
-beunruhigt Thea durchaus nicht, denn wenn sie erst an der Seite des
-gutmütigen und willenlosen Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches
-ändern!
-
-Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig ausgearbeitet, und
-der moderne Parzival und Frau Herzeleide spielen eine verschwindend
-kleine Rolle darin.
-
-Graf Guntram Krafft gefällt ihr ja ganz gut, ja, sie müßte lügen, wenn
-sie ihn nicht hübsch fände, aber Thea Sevarille ist viel zu modern
-erzogen, ist viel zu sehr ein Kind ihrer übervernünftigen Zeit, um dem
-Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben einzuräumen.
-
-Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vernünftig, und wenn
-zufälligerweise das Herz mit der Klugheit Hand in Hand geht, so ist es
-ein Vorteil mehr, mit welchem sie rechnen kann!
-
-Aber zu der »ungeheuren Fröhlichkeit«, welche Herr von Stark für ihre
-»unterste Ecke« prophezeit hatte, steuerte sie an diesem Abend wenig
-bei.
-
- * * * * *
-
-Währenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem Herzen hinter
-seinem Stuhl gestanden und Fräulein von Sprendlingen entgegengeschaut.
-
-Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst so kühle und spröde
-Antlitz rosig überhaucht und seltsam belebt, die herrlichen, wundersamen
-Nixenaugen zu ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd, daß
-dem Bär von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als sie ihre Plätze erreicht
-haben, mustert der Dragoner den unvermuteten Nachbar mit einem seiner
-finster blitzenden, beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt laut:
-»Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte doch Hardenstein belegt,
-mein gnädiges Fräulein?« --
-
-Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher und verneigt sich sehr
-devot.
-
-»Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir mußten auf Befehl noch Plätze
-einschieben!«
-
-»Hätten Sie auch mehr an der Ecke besorgen können!« zuckt Heidler in
-seiner rücksichtslosen Art die Schultern und fügt brüsk hinzu: »Na -- es
-hilft nichts, Fräulein Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schließlich
-auch gleichgültig.«
-
-Die junge Dame nickt und lächelt, wirft den Fächer auf den Tisch und
-läßt sich müde auf den Stuhl nieder, daß die starren Seidenfalten unter
-dem duftigen Goldflor leise aufrauschen.
-
-Ihr Blick trifft den Bär von Hohen-Esp, und die Augen blicken wieder so
-kalt -- so unsagbar kalt und abweisend drein, daß all die frohe, heitere
-Zuversicht des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber sie
-erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung des reizenden
-Köpfchens seinen stummen Gruß.
-
-Während der ersten Zeit hat Fräulein von Sprendlingen kein Wort und
-keinen Blick für ihren Nachbar, sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn
-von Heidler, wie Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des
-jungen Offiziers entnehmen kann über Reiten und Sport.
-
-Erst als das Gespräch allgemein wird und sich um die letzten Rennen
-dreht, welche der Dragoner mit viel Erfolg mitgeritten hat, wendet sich
-Gabriele recht gezwungen, ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und
-fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei?
-
-Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so kühl und gleichgültig,
-daß den Gefragten dasselbe Gefühl der Befangenheit überkommt, welches
-ihn in Gabrieles Nähe kaum noch verläßt.
-
-Das Blut steigt ihm in die Schläfen.
-
-»Reiten?« wiederholt er zögernd, »gewiß reite ich täglich auf die Felder
-oder in den Wald hinaus, je nachdem es meine Tätigkeit als Landwirt
-bedingt! Wir verfügen jedoch nur über Pferde, welche mehr dauerhaft wie
-elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie Arbeitspferde, aber
-keine Vollblüter!«
-
-»Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport noch ein Vergnügen!«
-zuckt Fräulein von Sprendlingen die Achseln, und ihre Augen sehen aus
-wie die klare See, wenn jähe Wolkenschatten sie dunkel färben, -- Herr
-von Heidler aber lacht mit gedämpfter Stimme auf und fügt hinzu:
-»Donnerwetter, nein! ein Hürdenrennen auf einem Ackergaul gibt es
-nicht!« --
-
-Gabriele sieht den Graf scharf an.
-
-Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze, energisch abweisende
-Antwort haben? Nein, das Muttersöhnchen lacht mutig mit und findet es
-entschieden viel zu gefährlich, mit dem schneidigen Dragoner Händel zu
-bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: »Ich möchte es wenigstens nicht
-versuchen! Selbst auf einem Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von
-Heidler! Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel geübt sein
-will, -- beides habe ich bisher versäumt!«
-
-»Es gehört auch recht viel Courage und Schneid dazu, um auf der Rennbahn
-etwas zu leisten!« lächelt Gabriele beinahe verächtlich und mustert noch
-widerwilliger wie zuvor ihren Nachbar, welcher so hünenhaft groß und
-gewaltig neben ihr sitzt und doch so kläglich vor ihrem kritischen Blick
-zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor der Sonne. --
-
-Auch diese Ironie scheint der zahme Bär entweder nicht zu verstehen,
-oder er hält es für praktischer, den Harmlosen zu spielen.
-
-»Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Es gehört viel persönlicher Mut dazu, um
-flott über alle Hindernisse hinwegzugehen, denn leider gibt es jährlich
-wohl traurige Beweise genug, daß auch der Turf seine Opfer fordert.«
-
-»_Traurige_ Beweise?« Heidler klemmt das Monokel ein und zieht die
-narbige Stirn in Falten: »Es ist meiner Ansicht nach nie traurig, wenn
-ein Mann sich in seinem Beruf aufopfert und einen frischen, schönen
-Reitertod stirbt! Gäbe es keine Gefahr bei Mauern und Gräben, würden
-sie jedweden Reiz für mich verlieren!«
-
-Gabrieles Blick leuchtete wie verklärt zu dem Sprecher auf, und Guntram
-Krafft nickt zustimmend vor sich hin und sagt leise: »Ja, es ist
-seltsam, daß gerade die Gefahr einen so seltsamen Reiz ausübt!« und
-er denkt dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das gebrechliche
-Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben in die Brandung hinaustreibt.
-
-Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem geneigten Antlitz
-ablesen, sie glaubt nur ein gewisses zaghaftes Gruseln aus seinen
-Worten herauszuhören, und ihr Blick flammt beinahe verächtlich zu ihm
-auf.
-
-»Wenn Sie nicht reiten -- was tun Sie sonst den ganzen Tag auf
-Hohen-Esp?« --
-
-Er lacht, als ob ihn diese Frage amüsiere: »Ich bin der erste Arbeiter
-meiner Mutter und schaffe das Meine; wissen Sie nicht, daß es auf dem
-Lande unendlich viel zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der
-faulen Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es auch
-sei?« --
-
-Sie verzieht den Mund noch ironischer. »Ich kenne das Landleben nur vom
-Hörensagen und halte das Säen, Pflügen und Dreschen für recht harmlose
-Beschäftigungen. Irgendeinen Sport üben Sie gar nicht aus?«
-
-Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen aus, und dieser
-Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht.
-
-»Ich weiß nicht recht, was Sie unter Sport verstehen, mein gnädiges
-Fräulein! Wenn meine Arbeit getan ist, gewährt es mir viel Freude und
-Genugtuung, auf der See zu rudern oder zu segeln!«
-
-»Also -- also doch eine Art Wassersport! Das ist ja jetzt auch modern!«
-
-»Lieben Sie das Meer?«
-
-Sie schüttelt unendlich gleichgültig den Kopf.
-
-»Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse dafür. So eine ewig
-gleiche, endlose Wasserfläche ist für mich unaussprechlich öde und
-reizlos!«
-
-Mit weit offenen Augen starrte er sie an.
-
-»Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal längere Zeit am Strande
-gelebt?«
-
-»Nein! Gott sei Dank, wir mußten ja nach acht Tagen schon wieder von
-Heringsdorf abreisen, weil meiner Mutter die Luft nicht bekam. Ich
-denke mit großer Gleichgültigkeit an diese acht Tage voll blendender
-Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser Wasserfläche zurück.
--- Später suchten wir im Sommer nur noch Quellenbäder auf, und ich habe
-mich nie nach Heringsdorf zurückgesehnt!«
-
-Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. »Sind Sie im Boot
-gefahren?«
-
-»Gewiß! Abends ruderten uns meine beiden Vettern in die >blaue
-Unendlichkeit< hinaus, und wir schaukelten eine Zeitlang auf dem
-Wasser, sangen: >Das Meer erglänzte weit hinaus!< und sahen die Sonne
-am Horizont verschwinden, -- einen Tag wie den andern ...«
-
-»Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine auf
-Gummischuhen!!« -- warf Herr von Heidler mit übermütiger Grimasse ein,
-und ein schallendes Gelächter erhob sich im Kreise.
-
-Nur Guntram Krafft lachte nicht mit.
-
-Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie ein Mensch, welcher
-vor einem großen, unlösbaren Rätsel steht.
-
-»Und einen Sturm, einen großen, gewaltigen Sturm sahen und erlebten Sie
-nie?« fragte er.
-
-»Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß das Wasser, welches
-immer so glatt dalag wie ein Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann!
-All die Seegeschichten, welche man hört oder liest, kann ich nie recht
-glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!«
-
-Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich mit einem
-seiner zündenden Blicke in Gabrieles Auge.
-
-»Soll ich den Sattel an den Nagel hängen? Soll ich ein Seemann werden,
-und kommen Sie mit auf die weiten Meere hinaus, den fliegenden
-Holländer zu suchen?« --
-
-Heiße Glut flammt über ihr Antlitz, die rosigen Lippen beben, und in
-ihren Augen steht die Antwort geschrieben, -- aber sie beherrscht sich,
-schüttelt mit leisem Lachen das Köpfchen und antwortet: »Wenn Sie
-aufhören wollten zu reiten, würden Sie ein Verbrechen an dem modernen
-Heldentum begehen, und das würde ich Ihnen am allerletzten verzeihen!
--- Was wollen Sie auf dem Wasser? Da gibt es keine Lorbeeren zu holen
-...«
-
-»Erlauben Sie, meine Gnädigste! Die jüngsten, welche auf Chinas Boden
-sproßten, holte sich unsere Marine!«
-
-»Die Marine! ja die!!« zuckte Gabriele die Schultern.
-
-»Die besteht auch aus Soldaten und mutigen Männern, welche den Feind
-zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu Lande nicht erreichen können!
-Die Marine imponiert mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei
-hellem Sonnenschein ein wenig die Ruder führen und in idyllischen
-Sommernächten eine Segelpartie machen, die können doch unmöglich mit
-unseren verdienstvollsten Männern rangieren!«
-
-Der Blick der Sprecherin traf wie eine kühne Herausforderung den Bären
-von Hohen-Esp, welcher schweigend an ihrer Seite saß und vor sich
-nieder auf das Fürstenwappen inmitten seines Tellers sah, -- er sah
-nicht den Ausdruck ihres Auges, er hörte nur ihre Worte, und sein erst
-so heiß gerötetes Antlitz ward um einen Schein blasser.
-
-Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt, Heidler
-murmelte sehr amüsiert: »Alle Wetter, mein gnädiges Fräulein, das war
-deutlich!« Dann lenkte ein gegenübersitzender Kammerjunker das Gespräch
-voll nervöser Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram Krafft
-voll besonderer Liebenswürdigkeit in ein Gespräch.
-
-Gabriele aber warf triumphierend das reizende Köpfchen zurück und
-wandte sich wieder ausschließlich zu Heidler.
-
-»Er _mußte_ einmal meine aufrichtige Meinung hören!« flüsterte sie
-erregt, »es ist ja eine Schande, wenn ein Mensch, welcher wahrlich
-gewachsen ist wie ein Parzival, gar nicht zum Bewußtsein seiner
-Bärenkräfte kommt und >das Eisen in der Halle rosten< läßt, anstatt es
-zu Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!«
-
-Herr von Heidler gehörte zu den Menschen, welche ihr Licht mit Vorliebe
-auf Kosten anderer leuchten lassen, und da es seiner Eitelkeit
-schmeichelte, von dem reizendsten aller jungen Mädchen als Held
-gefeiert zu werden, so löschte sein scharfer Witz noch das letzte
-Fünkchen Sympathie, welches in Gabrieles Herzen für den Bären von
-Hohen-Esp geleuchtet hatte.
-
-Das Souper näherte sich seinem Ende, und als man sich erhob, wieder
-nach dem Tanzsaal zurückzuschreiten, wandte sich Fräulein von
-Sprendlingen zum erstenmal wieder an ihren Nachbar zur Rechten und
-erwiderte seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, flüchtiges
-Nicken.
-
-Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zufällig streifte ihr Blick
-dennoch sein schönes Antlitz und traf sein Auge.
-
-Welch ein Ausdruck darin!
-
-Nicht mehr das strahlende Entzücken, wie es ihr sonst daraus
-entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle Trauer, wie
-ein herb getadelter Knabe dreinschaut, ehe er anfängt zu weinen!
-
-Mit jäher Bewegung wandte sich Gabriele ab.
-
-Laut auflachen hätte sie mögen!
-
-Jung-Parzival, welcher hinter Frau Herzeleides Schürze hervorschaut! --
-
-Jung-Parzival, welcher noch nicht den Weg zu Frau Aventure gefunden
-hat, welcher auch nie und nimmer einen Platz unter den Rittern des
-Amfortas einnehmen und zeitlebens der beklagenswerte Tor bleiben wird,
-als welcher er auf seinem Ackergaul aus der heimatlichen Burg trabte!
-
-Ja, Gabriele möchte lachen, wenn es ihr nicht gar zu traurig deuchte!
-
-Die Zähne beißt sie zusammen und furcht die Stirn.
-
-Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! -- --
-
- * * * * *
-
-Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem Tanzsaal und
-schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, welcher wie ein wüster
-Fiebertraum vor seinen Augen kreist. --
-
-Die Musik schmeichelt mit süßen Walzerklängen, -- er hört sie nicht.
-
-Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene unfaßlich grausamen
-Worte, daß sie das Meer nicht liebt!
-
-_Sein_ Meer! Das herrliche, majestätische, unbeschreiblich schöne
-Meer, welches keines Dichters Zunge genug rühmen, an welchem sich
-keines Menschen Auge jemals satt sehen kann!
-
-_Sein_ Meer! -- Und sie liebt es nicht. -- Sie schilt es langweilig,
-träge, reizlos. --
-
-Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses Meeres spiegeln,
-grünlich ... graublau ... schillernd wie Perlmutter ... dunkel und
-licht zu gleicher Zeit ... verkörperte Wassertropfen.
-
-Wie ist es möglich, daß sie das, was er als Liebstes und Herrlichstes
-voll Leidenschaft preist, an welchem sein Herz voll unstillbarer
-Sehnsucht hängt, daß sie das verachtet und von sich stößt?
-
-Die See! -- Die blauwogende, unendliche See, deren brandende Wogen
-Pulsschläge der Ewigkeit sind, deren Sonnenlächeln wie bräutliche
-Wonne, deren zorniges Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? --
-
-Ach, daß sie ihm solches angetan!
-
-Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als »armseligen
-Ruderer« so weit ab von allem Heldentum wiesen, welche in ihm nichts
-anderes als einen verdienstlosen Menschen sahen, welcher sein Vergnügen
-an ruhmlosen Spielereien findet -- die Worte hatte er kaum gehört und
-beachtet.
-
-Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen zu achten.
-
-Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein geschmähtes Meer.
-
-Aus jedem anderen Munde würde ihm ein solches Urteil zu zornigem
-Widerspruch gereizt haben. -- Gabriele von Sprendlingen gegenüber
-verstummte er in jener unerklärlichen Befangenheit, in welche ihn ihr
-Anblick vom ersten Moment an versetzt hatte.
-
-Wie gleichgültig würde es ihm sein, ob fremde Menschen die See lieben
-oder nicht, -- nur von einer einzigen würde es ihn namenlos beglücken,
-und gerade sie wendet das reizende Haupt gleichgültig ab und urteilt so
-hart, so grausam, so verständnislos ...
-
-Ja, verständnislos!
-
-Sie kennt ja das Meer gar nicht!
-
-Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges,
-unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschöpflich reichen,
-ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des
-Modebades getrübt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!
-
-Guntram Krafft atmet tief auf.
-
-Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen!
-
-Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige Wochen
-im Jahr an den Strand eilen, die müden Lebensgeister an Gottes Odem
-aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur
-kennenzulernen.
-
-Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese sitzen in den
-eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend
-bizarren kleinen Überraschungen, welche Göttin Mode und der Geschmack
-des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, -- die blicken
-kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in
-die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, welche auf den Wassern des
-Meeres wohnt. --
-
-Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind
-mit der keuschen, unberührten Wunderwelt des Strandes, -- wenn er der
-holden Spötterin Gabriele dieses Paradies erschließen könnte!
-
-Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die Musik schweigt,
-und neben ihm erklingt die Stimme Gräfin Theas, welche ihn aus seinen
-Träumen aufschrecken läßt. --
-
-
-
-
-XIV.
-
-
-»Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenflüchtiger!« drohte ihm die
-Gräfin lächelnd mit dem Fächer: »Wie von dem Erdboden verschwunden
-waren Sie, als wir unsere unendlich vergnügte und amüsante Ecke
-bildeten! Wie sehr schade, daß Sie in unserm kleinen Kreise fehlten,
-Sie würden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!«
-
-»Ich bezweifle es nicht, Gräfin!«
-
-Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert.
-
-»Wie ist es Ihnen ergangen?« --
-
-»Je weniger man erwartet, desto weniger kann man enttäuscht werden!«
-
-Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte einem Seufzer.
-
-Thea trat einen Schritt näher und sah mit ihren großen, dunklen Augen
-beinahe wehmütig zu ihm auf.
-
-»Ich habe bereits davon gehört, wie unliebenswürdig Gabriele einmal
-wieder gewesen ist! -- Es ist wirklich ewig schade darum, daß in diesem
-bildhübschen Körper eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese
-Tatsache muß selbst ich, als beste Freundin, bestätigen!«
-
-»Fräulein von Sprendlingen unliebenswürdig?« wiederholte Guntram Krafft
-beinahe erschrocken.
-
-»Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man sagt mir, daß sie gerade
-gegen Sie recht beleidigend gewesen sei, und das hat mich ernstlich
-böse gemacht!«
-
-Der Bär von Hohen-Esp hörte nicht den weichen, schmollenden Klang in
-Theas Stimme, welche sich so ostensibel zu seiner Anwaltin machte, er
-schüttelte nur betroffen den Kopf und strich mit der Hand die schweren
-Blondhaare aus der Stirn.
-
-»Fräulein von Sprendlingen sprach sehr abfällig über das Meer, über das
-Rudern und Segeln -- und das kann unmöglich _mich_ beleidigen, so
-sehr ich ihre Abneigung auch bedauerte!«
-
-Ein seltsamer Blick der Gräfin streifte ihn. »Wie freundlich und
-harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis
-doch ist! Es freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht
-kränkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so genau nachrechnen,
-wie anderen Sterblichen!«
-
-»Verliebten Menschen?«
-
-Thea lachte. »Aber Graf! Haben Sie es denn noch immer nicht bemerkt,
-daß Fräulein von Sprendlingen keinen andern Gedanken mehr hat, wie
-ihren schneidigen Dragoner?« --
-
-»Das wohl ... aber ...«
-
-»Nun?...«
-
-»Verlobt sind sie noch nicht!«
-
-»Noch nicht öffentlich!« --
-
-»Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch nicht aus ...«
-murmelte er mit tiefem Atemzug.
-
-Sie standen neben der Saaltür, ein lautes Lachen und Sprechen ließ sie
-momentan verstummen.
-
-Ein paar junge Herren umringten eine sehr große, schlankgewachsene,
-junge Frau, von der man dem Grafen schon zuvor erzählt hatte, daß sie
-einen bedeutend kleineren Mann geheiratet habe. --
-
-»Gnädigste Frau, ich habe eine Bitte!« rief einer der Herren mit
-übermütig blitzenden Augen. »Eine Frage hat man frei an das Schicksal
--- eine Bitte nicht!«
-
-»Na -- schießen Sie los, Karlchen, ich bewillige sie im Namen von Frau
-von Stark!«
-
-»Oho!« --
-
-»Also!« Der Kürassier legte beide Hände bittend auf die Brust:
-»Gnädigste Frau -- pumpen Sie mir mal für vierzehn Tage Ihren Herrn
-Gemahl!«
-
-»Wie? -- Meinen Mann?!«
-
-»Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach der Hochzeitsreise??«
-
-»Was wollen Sie mit ihm?« --
-
-»Ich möchte ihn so gern auf _meinen Kaminsims stellen.... da fehlt mir
-nämlich eine Nippesfigur_!«
-
-Schallendes Gelächter!
-
-Die junge Frau ist zuerst entrüstet, aber schließlich lacht sie doch
-mit und tanzt mit dem Spötter eine Extratour. --
-
-Ein paar junge Mädchen treten in den Saal. Sie sehen den Grafen
-Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter ihnen an der Tür.
-
-»Nein, nein, Kläre! Wir müssen erst mal sehen, ob Parzival wieder
-tanzt! --«
-
-»Reizender Anblick! -- Erinnert an die graziösen Matrosen im fliegenden
-Holländer!«
-
-»Pfui! Schäm' dich! Parzival ist ein vortrefflicher Mensch! Lotte sagte
-ja vorhin: >Der einzige Diamant unter viel Simili!<« --
-
-»Hahaha! -- Ein Diamant!... Aber ein noch völlig ungeschliffener!«
-
-»Ich fürchtete schon,« -- lachte eine der jungen Damen, »er würde à la
-Jürgen Wansbeck hier auftreten!«
-
-»Jürgen Wansbeck? Wer war das?«
-
-»Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an den Hof kam und bei
-einem Ball die Handschuhe sparte. Der Herzog sah ihn scharf an und
-fragte gedehnt: >Sie tragen keine Handschuhe, Baron?<«
-
-Da schüttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und antwortete: »Nee,
-Hoheit, _ich frier' ja nich' an die Fingers_!« --
-
-Jubelndes Gelächter. --
-
-»Großartig! Brillante Geschichte!«
-
-Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram Krafft hastig beiseite.
-
-»Hier ist ein solches Gedränge, Graf! Wir wollen uns dort auf den Diwan
-setzen.«
-
-»Wie Sie befehlen!« nickte Guntram Krafft und sah dabei völlig harmlos
-aus: »Die Menschen hier scheinen viel zu spotten, -- ich machte schon
-die Bemerkung, daß die meisten Scherze auf Kosten der lieben Nächsten
-gemacht werden!«
-
-»Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze am meisten
-belacht!«
-
-Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder und blickte ihr
-plötzlich mit seinen klaren, grundehrlichen Augen voll beinahe
-kindlichen Vertrauens in das blasse Gesichtchen.
-
-»Gräfin ... Sie sind eine Freundin von Fräulein von Sprendlingen?« --
-
-»Sogar eine ihrer vertrautesten!«
-
-»Und Sie meinen es auch mit mir gut?«
-
-»Von ganzem Herzen gut!«
-
-»Würden Sie mir einen großen Liebesdienst erweisen, es mir gestatten,
-Ihnen rückhaltlos zu vertrauen?«
-
-Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete bezaubernd zu
-ihm auf. --
-
-Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von älteren Herren
-bildete vor ihnen Spalier, um einem »Menuett der Königin« zuzusehen,
-welches von den Prinzessinnen und Prinzen nebst einer kleinen Schar von
-Auserwählten soeben vor dem Herzog getanzt wurde.
-
-»Sprechen Sie, Graf!« flüsterte sie, »kein Mensch hier meint es
-ehrlicher mit Ihnen, wie ich!«
-
-Er drückte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine Rechte und nickte
-erregt: »Das bemerkte ich bereits, Gräfin! Sie waren von Anfang an so
-sehr liebenswürdig zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders gütig
-an, und wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde genoß, so verdanke
-ich sie Ihnen!«
-
-»Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster Wunsch --!«
-
-»Wundern Sie sich nicht über mich, ich bin fremd in der Welt und es
-gewohnt, seit jeher nur nach meinen momentanen Eingebungen zu handeln.
-Auch jetzt weiß ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden.
---« Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden Kindes in
-den ihren: »Sie meinen es ja so gut mit mir ...«
-
-»Seien Sie dessen versichert!« In Theas Wangen stieg es immer heißer
-und röter, ihre Augen flimmerten vor Spannung, und ihre Lippen bebten
-wie bei einem Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel
-entgegendrängt.
-
-»Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin glücklich, Ihnen
-irgendwie behilflich sein zu können!«
-
-Er zögerte und blickte momentan starr vor sich nieder.
-
-»Ich möchte es so gern wissen, ob Fräulein von Sprendlingen den
-Dragoner wahrlich so sehr liebt!«
-
-»Soll ich es auskundschaften bei ihr?«
-
-»Sie sind doch ihre Freundin ...«
-
-»Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube ich aber, daß es
-Sie noch mehr interessieren wird, ob sie tatsächlich mit ihm verlobt
-ist?«
-
-Er schüttelt nachdenklich den Kopf. »Ich las in Romanbüchern, daß
-heutzutage die Mädchen auch ohne Liebe heiraten. Schon manch eine
-Verlobung wurde aufgelöst, weil die Braut schließlich noch einen Mann
-kennenlernte, welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig
-gewählten Bräutigam!«
-
-»Seien wir ganz ehrlich, Graf!« Thea entfaltete den Fächer und
-flüsterte zu ihm auf: »Sie möchten wissen, ob Sie Aussichten haben,
-Gabrieles Herz zu gewinnen?«
-
-Er ward dunkelrot. -- »Ich glaube ... Sie treffen das Richtige, Gräfin!
-Es würde mir von großem Wert sein, zu wissen, wie ich es anfangen muß,
-um mir die Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was ich Sie
-fragen wollte!«
-
-»Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Schönheit bezaubert, und es würde
-keine liebere Mission für mich geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten
-zuzuwenden!«
-
-»Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten, Gräfin, von
-was ich Fräulein von Sprendlingen unterhalten soll, was ich tun muß,
-daß sie mir ihr Interesse zuwendet! -- Wenn sie es wüßte, daß sie mir
-so sehr, sehr gut gefällt ...« er unterbrach sich und strich abermals
-mit der Hand über die Stirn: »Das Reiten scheint ihr viel Freude zu
-bereiten ... und wenn sie Wert darauf legt, will ich gern ...«
-
-»Dragoner werden?!« Thea hob beinahe entsetzt die Hand und sah
-plötzlich ganz blaß aus. »Wäre das Ihr Ernst, Graf?« --
-
-Er lächelt. »Nein, daran ist gar kein Gedanke, Gräfin. Wozu das? Ich
-habe daheim ernstere Pflichten zu erfüllen, als wie hier in behaglicher
-Friedenszeit eine Uniform spazierenzutragen --.«
-
-»Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das nicht einsieht, verdient
-es nicht, Ihre Gemahlin zu werden!«
-
-»Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein Leben genau nach ihren
-Wünschen regeln, denn ich weiß, wieviel ich ihr zu verdanken habe, und
-erachte den Gehorsam gegen sie als meine Schuldigkeit.«
-
-»Wie edel, wie schön von Ihnen gedacht, Graf!« rief Thea mit
-begeistertem Aufblick in sein Auge: »Wie sprechen Sie mir aus der
-Seele! Wie billige ich Ihre Denkweise so völlig! Ich kenne zwar Ihre
-Frau Mutter nicht, aber nach allem, was ich von ihr hörte, verehre ich
-sie höher wie alle andern Frauen und denke es mir als höchstes Glück,
-ihr zu Diensten leben zu können! Welch ein sündliches Begehren wäre es,
-der einsamen Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entreißen, um
-einer nichtigen Eitelkeit willen!«
-
-Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entzückens zu der Sprecherin
-nieder. Die Verehrung für seine Mutter gewann ihr vollends seine
-Sympathien, und seine große Harmlosigkeit war weit davon entfernt,
-irgendeine Verstellung hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen.
-
-»O, wenn Fräulein Gabriele doch ebenso denken möchte, wie Sie! --
-Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen nie werden, denn trotz aller
-Bravour und aller Reiterstücklein reizt mich der Militärdienst in
-Friedenszeiten nicht sonderlich, -- aber ein guter Reiter könnte ich
-ihr zuliebe trotzdem werden ...«
-
-»Es wäre lächerlich, wenn sie es verlangen wollte! -- Reiten lernt ein
-jeder Rekrut -- aber ein Segelboot durch Sturm und hohe Flut steuern,
-das ist ein Wagnis, ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht
-kennt!«
-
-Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine Augen
-strahlten wie verklärt.
-
-»Also Sie haben Interesse für den Seemann, Gräfin? Sie lieben das Meer
-und alle seine Herrlichkeit?...«
-
-Sie preßte voll Leidenschaft die Hände gegen die Brust, -- die roten
-Blüten des Kleiderausschnitts rieselten wie Funken über die nervös
-bebenden Finger.
-
-»Und _ob_ ich sie liebe! -- Noch nie lernte ich das Meer kennen,
-Graf, und doch sehne ich mich voll glühenden Verlangens seit Jahren
-schon nach seinem Anblick! -- Nicht >Neapel sehen und sterben< --
-seufzt meine Seele, sondern >die See sehen und in ihrem Zauberbann
-leben bis zum Ende meiner Tage!< Das ist das Gebet, welches in meinem
-Herzen zittert! -- Noch ist es nicht erhört worden, aber ich lasse
-nicht nach, zu hoffen und zu harren, -- _einmal_ muß auch mir das
-Glück zu Willen sein!«
-
-Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich so weich, so innig
-und aus tiefstem Herzen quellend, in sein Ohr schmeichelten, als höre
-er nach wirrem Lärm und Mißgetön wieder traute Klänge aus der Heimat.
-
-Ganz unwillkürlich rückte er näher an ihre Seite und legte die Hand auf
-ihren Arm. »Sie sollen ... Sie werden das Meer sehen, Gräfin ... Sie
-müssen zu uns nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in dem
-alten Bärennest gefallen, und welch eine Freude für mich, Ihnen das
-Meer zeigen zu können!«
-
-Ja, eine Freude!
-
-Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, und das Blut stieg
-ihm abermals so rot und warm in die Schläfen, wie stets, wenn ein
-glückseliger Gedanke ihm das Herz bewegte!
-
-Und in diesem Moment gaukelte es plötzlich wie ein süßes Traumbild vor
-seinen Augen; wenn Gabriele die Hausfrau von Hohen-Esp war, mußte dann
-nicht ihre Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen
-Glück des jungen Paares zu erfreuen?
-
-Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen, Thea aber hörte
-nur seine Worte und paßte seine Erregung einzig ihnen an.
-
-Ihr Blick war noch weicher und sehnsüchtiger, ihre Stimme klang noch
-jubelnder wie zuvor: »Und ob es mir in der Stille Ihres trauten
-Heims gefallen würde?« flüsterte sie. »O, Graf, ich liebe die bunte
-Welt mit all ihrem Lärm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine Seele
-dürstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher Waldeinsamkeit! O, und
-Ihre Frau Mutter! Wie wollte ich bemüht sein, ihr die Tage kurz und
-lieb zu machen! Wie würde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches,
-hochbeglücktes sein! -- Und dann der Gedanke, von Ihnen, Graf, in die
-Wunderwelt des Strandes eingeführt zu werden, mit _Ihren_ Augen die
-unendliche Schönheit des Meeres schauen zu lernen, -- mit zitternder
-Seele die dräuende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!«
-
-Sie sprach voll schöner Leidenschaftlichkeit, mit dem einschmeichelnden
-Organ, welches sich wie Silberfäden um das Herz strickt, und Guntram
-Krafft blickte ihr wie verklärt in die Augen und empfand die Nähe der
-kleinen Gräfin noch mehr wie zuvor als Wohltat! --
-
-Er wollte antworten, in demselben Augenblick drängte sich jedoch ein
-junger Infanterieoffizier durch die Spalier bildenden Damen und Herren
-und verneigte sich hastig.
-
-»Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so gütig waren, mir
-zu schenken.«
-
-Thea erhob sich zögernd.
-
-»Ah, die Polka! -- Eigentlich dürfte ich nicht mehr tanzen, ich bin
-todmüde ...«
-
-»Das wäre grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka schadet Ihnen
-sicher nicht!«
-
-Die junge Dame lächelte, -- ein wahres Märtyrerlächeln, blickte
-zu Guntram Krafft auf und sagte: »So will ich es machen wie die
-Schwalben, welche zwar scheiden, aber doch jedesmal versichern: Wir
-kehren wieder!«
-
-»Scharmant gesagt!« applaudierte der kleine Leutnant und bot der
-Sprecherin den Arm.
-
-Gräfin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand den Erbherrn von
-Hohen-Esp in sehr eifrigem Gespräch mit einem Ministerialrat, welchem
-Guntram Krafft seine Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft für
-Schiffbrüchige hier zu wirken, ausgesprochen.
-
-Der alte Herr hörte voll liebenswürdigen Interesses zu und nannte die
-Bemühungen des Grafen sehr anerkennenswert und hochherzig, versicherte
-aber, daß er selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun könne
-und verwies ihn an eine andere Adresse.
-
-Das Gespräch drehte sich zu Theas großem Mißvergnügen noch längere
-Zeit um lauter sachgemäße Auseinandersetzungen und wollte absolut
-nicht wieder in jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der
-Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat für die Seefahrer
-berge, er sprach mit bewegten Worten von seinen kühnen, zuverlässigen
-Schiffern und von ihren redlichen Bemühungen, Hilfe in der Not zu
-bringen -- und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuhörte und
-begeisterte Bemerkungen einflocht, -- die Spitze ihres zierlichen
-Füßchens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig unter dem Kleidersaum,
-und das nervöse Spiel mit dem Fächer zeigte es, wie höchst langweilig
-ihr diese Unterhaltung war!
-
-Zu ihrem Ärger kamen auch wieder neue Tänzer, welche sie nicht gut
-abweisen konnte, und entführten sie, und der Ball näherte sich seinem
-Ende, ohne daß sie die so mühsam errungenen Vorteile bei dem Bären noch
-weiter ausnutzen konnte!
-
-Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange aber die törichte
-Schwärmerei für Gabriele noch anhielt, waren ernsthafte Aussichten für
-sie ausgeschlossen.
-
-Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz so unerfahren und
-weltfremd, wie sie angenommen!
-
-Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, daß Menschen von der Liebe
-allein nicht leben können, und »daß die Summe immer klein bleibt, wenn
-sich nichts mit nichts verbindet!«
-
-Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden Herrn von Heidler
-richtiger wie sie alle und rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß
-derselbe durchaus keine Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich
-darin gefalle, von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft
-angeschwärmt zu werden.
-
-Daß aber ein Mann mit reellen Absichten stets den Sieg über einen
-Courmacher davonträgt, ist eine so alte Tatsache, daß sie selbst in dem
-weltfernen Hohen-Esp bekannt sein dürfte. --
-
-Thea hatte es längst durchschaut, daß Herr von Heidler viel zu hohe
-Ansprüche an die Mitgift seiner Zukünftigen stellte, um sich mit
-Gabrieles Vermögen, so ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden
-zu erklären; daß dies dem Grafen Hohen-Esp aber möglichst unbekannt
-blieb, ja, daß er so radikal wie möglich von seiner Schwärmerei geheilt
-werde, das mußte fürerst die größte Sorge der Gräfin sein.
-
-»Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger Hof, wo wir zu
-Ehren der auswärtigen jungen Damen und Herren noch einmal tanzen?«
-flüsterte sie zum Abschied zu Guntram Krafft empor. Der folgte just
-mit einem seltsam verschleierten Blick dem Fräulein von Sprendlingen,
-welche, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, lachend und plaudernd
-vorüberschritt.
-
-»Ich weiß es nicht, Gräfin! Was soll ich da? Es liegen auch so viele
-Dinereinladungen für mich im Hotel -- --«
-
-Was fragte Thea nach denen!
-
-Junge Mädchen wurden selten, fast nie zu Diners eingeladen, -- außer
-auf den Bällen und der Eisbahn hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen
-wiederzusehen.
-
-Sie entfaltete den glitzernden Fächer und winkte ihn näher herzu.
-
-»Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche sie aus!« flüsterte
-sie. »Und abends, während des Balles, teile ich Ihnen mit, was
-geschehen muß, um Gabriele für Sie zu interessieren! Ich werde bei
-meinem Besuch schon alles tun, um das spröde Herzchen möglichst für Sie
-zu erwärmen, -- hoffentlich gelingt es mir, daß sie Ihnen einen Tanz
-aufhebt!«
-
-»O, Gräfin ... wie sollte ich Ihnen das danken?« stammelte er und sah
-abermals aus, wie ein Kind, welchem man lockende Märchen erzählt.
-»Unter diesen Umständen komme ich natürlich!«
-
-Sie nickte ihm lächelnd und vertraulich zu und freute sich, daß
-ein paar andere junge Damen, darunter auch Lotte, welche den
-modernen Parzival für einen Brillant unter Simili erklärt hatte, ihr
-Einverständnis mit dem Hohen-Esper sahen. --
-
-»Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp. >absitzen<, Graf?« --
-fuhr sie flüsternd fort; »lassen Sie uns besser allsogleich etwas
-Bestimmtes verabreden, sonst wandere ich wieder von einem Arm in den
-andern und kann Ihnen nichts erzählen!«
-
-»O, gewiß ... alles, was Gräfin befehlen ...«
-
-»Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das Souper! Bei Tisch ist
-man oft am ungestörtesten! Vergessen Sie es aber nicht! Das Souper
-und den ersten Walzer! -- Selbstverständlich trete ich die Tänze an
-Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, -- aber _nur_
-an Gabriele, an niemand anders! O, Sie ahnen es nicht, Graf, _wie_
-gut ich es mit Ihnen meine!«
-
-»Doch, Gräfin! Ich überzeuge mich ja ununterbrochen davon!« antwortete
-er mit warmem Dankesblick und erglühte abermals bei dem glückseligen
-Gedanken, daß Gabriele mit ihm tanzen könne, bis unter die lockigen
-Haare. »Ich vergesse Ihre gütige Zusage gewiß nicht! Wenn Sie derselben
-nur eingedenk bleiben möchten!«
-
-Thea nickte ihm mit reizendem Lächeln zu und drückte seine Hand zum
-Abschied, und als Guntram Krafft in dem Wagen saß und nach dem Hotel
-fuhr, sah er im Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Gräfin
-beinahe deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende Antlitz
-Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten bis in den kurzen,
-unruhigen Schlaf hinein. -- --
-
-Am nächsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp für jene
-Angelegenheit zu wirken, welche ihn ursprünglich hierher in die
-Residenz geführt.
-
-Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie der Ministerialrat
-gestern abend geraten, für die Anlage einer neuen Rettungsstation zu
-interessieren.
-
-Er mußte lange warten, bis Seine Exzellenz einen Augenblick Zeit
-erübrigen konnte, und kaum, daß er ein paar einleitende Worte
-gesprochen, lächelt der alte Herr sehr verbindlich und reicht ihm die
-Hand.
-
-»Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber Graf!« sagte
-er, »und möchte Ihre und meine Zeit nicht unnötig in Anspruch nehmen.
-All diese Angelegenheiten, welche Sie da berühren, sind nicht meine
-Sache, -- Sie dürften in erster Linie das zuständige See- oder
-Hafenamt interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich werde mich
-informieren und Sie allsogleich vor die rechte Schmiede schicken.«
-
-Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn weiter von Pontius
-zu Pilatus, und überall begegnete er viel Liebenswürdigkeit und viel
-höflichen Worten, -- nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe.
-Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu nehmen und mehr
-an eine müßige Spielerei oder ungerechtfertigte Ansprüche zu glauben.
-
-Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem Grafen saßen,
-und welchem er sein Leid betreffs all seiner vergeblichen Bemühungen
-klagte, schüttelte lächelnd den Kopf. »Das Hamelwaat ist den Schiffen
-so gefährlich? Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer ernsten
-Havarie gehört, welche ein Fahrzeug dort erlitten.«
-
-»Weil wir glücklicherweise stets noch rechtzeitig zur Stelle waren, um
-eine solche verhüten zu können!«
-
-»Wer vollführte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?«
-
-»Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!«
-
-»O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung oder
-Belohnung vorgeschlagen? Bitte, versäumen Sie das ja nicht,
-verehrtester Graf, und zeigen Sie eventuelle Verdienste der Leute bei
-dem zuständigen Landratsamt an. Im übrigen aber rate ich Ihnen, die
-wackeren Fischer ruhig weiter für ihre Kameraden sorgen zu lassen!
-Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und beste. -- Die Gründung
-einer neuen Station ist mit sehr vielen Kosten und Umständen verknüpft,
-und wo es nicht absolut nötig ist, unterläßt man sie!« --
-
-»Aber sie ist absolut nötig!«
-
-»Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewiß liegt es in dem
-Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden Mannes, der Hilflosigkeit
-überall, -- nicht nur auf eng bemessenen Strecken, beistehen zu können,
-und ich glaube, daß Menschen, die viel oder gar stets an der See
-kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, daß noch gar viel geschehen
-muß, um all den großen und schwerwiegenden Anforderungen gerecht zu
-werden.«
-
-»Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns!« --
-
-»Wie weit ist die nächste Station von Ihnen entfernt?« --
-
-»Den Kilometern nach nicht direkt außer der Welt, und dennoch absolut
-nutzlos für uns, da sie in dringenden Fällen -- und die sind es zumeist
--- nicht erreichbar ist!«
-
-»Wie dürfte das zu verstehen sein, Herr Graf?«
-
-»Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten Dünen und
-Sandbänken, welche ihre Beschaffenheit beinahe mit jedem hohen
-Seegang wechseln, die sehr zuwidern Strömungen, mit welchen gerade in
-seiner nächsten Umgebung zu kämpfen ist, machen diese meine kleine
-Küstenstrecke besonders gefährlich. Wenn ein Schiff aufläuft, so
-geschieht das meist sehr unerwartet und so gewaltig, daß wir, die
-beinahe ständig auf der Lauer liegen, um uns nicht überraschen zu
-lassen, kaum schnell genug zur Stelle sein können, um das Schlimmste
-abzuwenden. Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis von fernher
-ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft von keuchenden Rossen durch
-Sand und Schlick herangeschleppt wird, ist eine Unmöglichkeit! --
-Wenn ein Schiff tatsächlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum noch
-in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft zu bergen,
-geschweige das Fahrzeug selber zu retten! Unsere hauptsächliche
-Aufmerksamkeit wendet sich daher einer vorbeugenden Hilfeleistung zu.
--- Wir leisteten mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir
-suchten stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos segelnden
-Schiff, welches sich in den Molochsrachen des Hamelwaats treiben ließ,
-Warnung und einen Lotsen an Bord zu bringen, welcher ihm half, in
-sicherem Fahrwasser seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen
-Unfall noch rechtzeitig verhüten konnten, ist die Aufmerksamkeit
-der Strandbehörden noch nicht genügend auf die Gefährlichkeit
-jener Küstenstrecke gelenkt. Habe ich mich klar und verständlich
-ausgesprochen, sehr geehrter Herr? -- Ich bemühte mich, mit
-Hintansetzung aller >technischen< Ausdrücke nur möglichst anschaulich
-zu reden!«
-
-»Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen, was Sie bezwecken
-und wünschen, und würde mit Freuden der erste sein, welcher Ihre so
-uneigennützigen Wünsche möglichst fördert. Aber, aber!!...« und der
-Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg.
-
-»Welch ein >Aber<? -- läßt sich dasselbe nicht durch den guten Willen
-überwinden?«
-
-Immer röter und röter stieg es in Guntram Kraffts Stirn, immer
-ungeduldiger blitzte sein Auge.
-
-»Nein, Herr Graf! Gerade dieses >Aber<, welches man wohl Ihren
-Bemühungen als Schranke gegenüberstellen muß, ist das einzigste,
-welches sich selbst mit dem besten Willen nicht überwinden läßt --«
-
-»Ah!?«
-
-»Ich meine das Geld!«
-
-Der Bär von Hohen-Esp neigte jäh das erst so stolz und fragend
-blickende Antlitz.
-
-»Das Geld?« wiederholte er mit etwas unsicherer Stimme. »Ich nehme an,
-daß die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger über genügende Mittel
-verfügt?«
-
-Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem Versuch zum
-Scherzen: »Wollte Gott, dem wäre so! Nein, Herr Graf, da befinden Sie
-sich leider in großem Irrtum. Die Ansprüche, welche von Jahr zu Jahr
-an diese unvergleichliche, so bienenfleißig arbeitende und schaffende
-Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und ständig
-wachsenden Not bis ins Ungeheure an, -- während sich doch keine Quelle
-erschließt, dementsprechende Mittel neu zuzuführen!«
-
-»Aber die Sammlungen im Lande?!«
-
-»Deren Erträge sind so unbedeutend, daß man sich ihrer schämen möchte!«
-
-»Mein Gott, wie ist das möglich?«
-
-Abermals ein resigniertes Achselzucken.
-
-»Man interessiert sich nicht dafür! -- Die paar wenigen Menschen,
-welche im Sommer in die Seebäder reisen, der kräftigen Salzluft neue
-Kraft und Stärkung verdanken und die wundervolle Poesie des Meeres und
-des Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr Scherflein
-dazu bei, an dem großen, wichtigen, herrlichen Werk edler Nächstenliebe
-zu helfen; aber was will dieser verschwindend kleine Bruchteil im
-Gegensatz zu den enormen Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen
-erfordern? Die große Menge kennt und liebt die See kaum.« --
-
-»Undenkbar! -- Schon aus Patriotismus ist es doch die Pflicht eines
-jeden, gerade für die Küste eines Meeres einzustehen, auf welchem
-Deutschlands ganze Zukunft ruht!« --
-
-»So denken Sie, mein lieber Graf!«
-
-»Und andere nicht?« --
-
-»_Vorläufig_ noch nicht! Wenn unserm deutschen Volk die Augen
-aufgehen, wird es auch die Hand öffnen und der heiligsten seiner
-Missionen nicht mehr kalt und fremd gegenüberstehen!«
-
-»Und bis dahin?!« --
-
-»Bis dahin müssen wir uns gedulden, hoffen und mutig ausharren, lieber
-Graf, und vor allen Dingen bemüht sein, uns nach Kräften selber zu
-helfen! -- Haben Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und
-opferfreudigster Weise gefördert? -- Lassen Sie es sich auch ferner in
-gleicher Weise angelegen sein, das Ihre zu tun. Man wird es Ihnen Dank
-wissen!« --
-
-»Auf diesen möchte ich lieber verzichten, wie auf das kleinste Zeichen
-tatkräftigsten Interesses!«
-
-»Das läßt sich nicht erzwingen.«
-
-»Gott sei es geklagt.«
-
-Das Gesicht des jungen Mannes sah blaß und finster aus, und da die
-Tafel just beendet war, erhob er sich, um sich zu verabschieden.
-
-Noch ein paar sehr höfliche Redensarten, Worte der Anerkennung und
-des Dankes für die warme Teilnahme, welche der Graf dem Rettungswesen
-entgegenbringe -- und dann schloß sich die Tür hinter ihm.
-
-In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft nach seinem Zimmer
-empor.
-
-Ein Gefühl großer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit wollte ihn
-überkommen.
-
-Seine liebsten, schönsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen, und sein
-Herz, welches voll so heißer, wahrer Begeisterung für die gute Sache
-schlug, blutete aus der Wunde, welche Gleichgültigkeit und der Mangel
-an echter Nächstenliebe ihm geschlagen.
-
-Man interessiert sich im Binnenland nicht für die See? -- Gott verhüte
-es, du deutsches Volk, daß nicht ein eisenklirrender Sturmwind
-daherrast und dich mit eherner Faust aus dem Schlafe rüttelt! --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XV.
-
-
-Gräfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht gehabt.
-
-Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den Kissen gelegen und
-überlegt, auf welche Weise sie mit einem einzigen geschickten Schachzug
-die Königin Gabriele matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel
-hervorgehen könne.
-
-Daß Guntram Krafft ein Mann war, welcher überlegte, hatte sie bereits
-bemerkt.
-
-Seine aufflammende Liebe für Gabriele war bereits so stark, daß er auf
-Einflüsterungen nichts mehr gab -- das hatte sie erfahren, als die ihm
-so geschickt beigebrachte Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine
-Folge hatte, daß der Graf sich bei dem Souper an ihre Seite setzte und
-sich doppelt zu bemühen schien, den Nebenbuhler rechtzeitig aus dem
-Sattel zu heben.
-
-Der »weltfremde« Parzival war gar nicht so unerfahren, wie sie annahm,
-er hatte zu viel Bücher gelesen und wußte ganz genau, wie schwer ein
-reicher Freier gegen einen mittellosen Courmacher in die Wagschale
-fällt.
-
-Er mußte durch ein drastischeres Mittel überzeugt werden, um sein
-Rennen aufzugeben.
-
-Gabriele selber war eine Närrin und fanatisch genug, den Erben
-von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu opfern, -- bis jetzt sah
-es tatsächlich aus, als ob sie nicht gewillt sei, Theas Pläne zu
-durchkreuzen, wenn dieses abstoßende Wesen nicht doch die berechnendste
-Koketterie war, um den naiven Parzival auf das äußerste zu reizen und
-desto sicherer zu gewinnen.
-
-Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele als wahrheitliebend
-und aufrichtig kennengelernt.
-
-Sie war ein spröder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, viel zu
-aufbrausend und heftig, um berechnend handeln zu können, viel zu ideal
-beanlagt und in ihre törichten Schwärmereien verrannt, um aus schnöder
-Gewinnsucht ihre Überzeugung aufgeben zu können!
-
-Thea lacht ironisch auf.
-
-»Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und eine Hütte!« das genügt
-dem Fräulein von Sprendlingen, aber die Mutter! -- die müßte eben keine
-Mutter sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen über der Tochter
-wachte und die Torheiten derselben mit allen Mitteln korrigierte!
-
-Mit welch auffallender Liebenswürdigkeit begegnete sie dem Bären von
-Hohen-Esp!
-
-Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu verwischen,
-welchen die rücksichtslose Tochter gemacht!
-
-Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama gar nicht mit, denn sie
-sucht eine gute Partie für die Tochter.
-
-Man sagt zwar, daß Sprendlingens recht vermögend seien, -- freilich
-tauchen auch oft Gerüchte auf, daß sie sehr über ihre Verhältnisse
-gelebt und bei einem jüngst erfolgten Börsenkrach ganz bedeutend
-verloren haben sollen.
-
-Dieses Gerücht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, aus seiner
-Courmacherei Ernst zu machen und sich zu erklären, denn der
-schneidige Dragoner ist das verkörperte Rechenexempel und wird seine
-begehrenswerte Hand nur zum höchsten Angebot losschlagen.
-
-Aber selbst in dem Falle, daß die bösen Gerüchte nur auf Verleumdung
-beruhen, sind wenig Aussichten bei den Eltern seiner Angebeteten.
-
-Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hübsch, zu jung und
-lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf ein Vermögen und mit
-demselben auf die gesellschaftliche Rolle zu verzichten, welche sie
-trotz der erwachsenen Gabriele noch immer spielt.
-
-Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das weiß auch der
-pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau so gut, wie seine
-gefeierte Gattin.
-
-Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine vorzügliche
-Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und hat nie Anlage zur
-Selbstkasteiung und niemals Sinn für eine strenge Pönitenz gehabt! Auch
-er zieht den reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor.
-
-Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mißzuverstehender Weise
-abgewinkt wird, wenn die Mutter das Ohr und Herz des Töchterleins
-dauernd und wirksam bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer
-der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend gegenüberstehen wie
-jetzt? --
-
-Thea beißt die scharfen, weißen Zähnchen in die Lippe und atmet schwer
-auf.
-
-Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umständen ankommen lassen!
-
-Sie muß die Fäden endgültig zerschneiden, ehe ein Netz daraus
-geflochten werden kann!
-
-Aber wie? --
-
-Nur etwas ganz Überzeugendes, Augenscheinliches wird bei dem verliebten
-Bären von entscheidender Wirkung sein.
-
-Und wie Thea die ungeduldig zuckenden Hände gegen die Schläfen preßt
-und über das »was« und »wie« grübelt, da durchfährt sie plötzlich ein
-Gedanke und jagt ihr heiße Glut in die Schläfen.
-
-Gabrieles Zettel!
-
-Jener Zettel, welchen das törichte, selbstbewußte Backfischchen vor
-Jahren geschrieben, der Zettel, auf welchem sie erklärt, nun und nimmer
-den Grafen von Hohen-Esp heiraten zu wollen!
-
-In fliegender Hast entzündet Thea das Licht, wirft ihr Morgenkleid über
-und eilt an den Schreibtisch im Nebenzimmer.
-
-Wie war es möglich, daß sie diesen kostbaren, unersetzlichen Zettel
-vergessen konnte! --
-
-Nein -- vergessen hatte sie ihn nicht ... sie hatte ihn ja schon damals
-sorgsam aufbewahrt in dem Gedanken, daß er ihr einmal nützen könne
-... Aber jetzt ... sie dachte nicht, daß sie ihn schon jetzt, so bald
-als schwerwiegendste Waffe gegen die Nebenbuhlerin ins Treffen führen
-werde! --
-
-Besitzt sie ihn überhaupt noch?
-
-Hat vielleicht ein tückischer Zufall ihn durch ihre Finger geblasen? --
-
-Mit bebenden Händen durchwühlt Thea den Inhalt der Schublade, das
-Licht flackert und wirft rötlich zuckenden Schein über ihr blasses,
-aufgeregtes Gesicht.
-
-Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle Raritäten aus
-ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw. enthält.
-
-In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles verwahrt!
-
-Die dünnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen Nägeln streuen
-achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen und Tanzkarten, die
-Haarlocken und Stammbuchverse auseinander.
-
-Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Blättern einer
-ausgeschriebenen Rolle, »Die Gouvernante«, von Körner, liegt das
-Gesuchte! Theas Augen leuchten auf, sie faßt den Zettel fest, so
-krampfhaft fest, als fürchte sie, er könne ihr noch jetzt entrissen
-werden, wirft den vergilbten Kram hastig in die Schublade zurück und
-eilt auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe fröstelnd in das
-Schlafzimmer zurück.
-
-Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit brennendem Blick auf
-die noch sehr deutliche Bleistiftschrift hernieder.
-
-Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie hat die Zeilen
-gewissermaßen an Thea gerichtet.
-
-Der Inhalt ist überraschend gut.
-
-Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim besten Willen nicht
-gedacht werden.
-
-O, er wird Eindruck machen!
-
-Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen, schwärmerischen
-Augen blitzen Triumph und hämische Freude.
-
-Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschnörkeln hat Gabriele das große
-Los durchgestrichen, welches ein gütiges Schicksal ihr so verführerisch
-präsentierte.
-
-Die Herrschaft Walsleben, -- Hohen-Esp, -- eine Grafenkrone und ein
-bildschöner, ritterlicher Mann -- dies alles zerrinnt wie Rauch und
-Nebel vor diesem winzigen Blättchen Papier, welches ein arrogantes
-kleines Fräulein sich selber zum Urteil schrieb.
-
-Nun liegt es wie ein unüberwindliches Hindernis vor ihr auf dem Weg zu
-Glück, Reichtum und Rang, und eine andere kommt und nimmt Besitz davon.
-
-Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas Stirn, dann ist sie
-einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift.
-
-Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht er den
-Erfolg.
-
-Gräfin Sevarille dehnt die Arme und schließt mit wohligem Lächeln die
-Augen.
-
-Sie spielt ein Hazard um den Coeur-König, und schon morgen abend wird
-sie »=va banque=« sagen! --
-
- * * * * *
-
-Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes Haus.
-
-Man nennt es scherzweise »den russischen Krug« oder »die Petersburger
-Ausspanne«, weil es noch an die Zeit erinnert, wo die altehrwürdigen
-Kaleschen vor dem Dorfkrug Station machten, um die Pferde zu wechseln!
-
-Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist andererseits
-auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, welche ihre
-Marmorsäulen und Palmengruppen in elektrischem Licht spiegeln, -- es
-hat schöne, einfache Räume, solide Preise, eine vorzügliche Küche
-und die beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor die
-Sitte, daß nach jedem Hofball eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg
-stattfindet, eine Art Kavalierball, welcher sehr beliebt und viel
-besucht ist.
-
-Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag noch in die
-ausliegende Liste für die auswärtigen Herrschaften eingetragen,
-und er war auch schon als einer der ersten zur Stelle, als die
-Wagen heranrollten und all jene zauberhaft holden Frauen- und
-Mädchengestalten des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in den
-Empfangsräumen zusammenströmten. Fräulein von Sprendlingen ließ, wie
-stets, sehr lange auf sich warten.
-
-»Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefüllt mitgenommen!«
-sagte einer der Herren zu einer jungen Dame, welche nach ihr fragte:
-»Warum soll sie sich da die Füße hier wund stehen? Auch Ballköniginnen
-pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzählig
-versammelte.«
-
-Thea schwebte in einer rosa Tüllwoge in den Saal und winkte dem
-Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem Lächeln zu. Sie ward
-von Tänzern umringt, mußte die älteren Damen begrüßen und mit den
-jüngeren ein wenig plaudern, so daß schon die ersten Walzerklänge durch
-den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten Abend sagen und sie daran
-erinnern konnte, daß sie die Güte gehabt, ihm schon gestern zwei Tänze
-zuzusichern.
-
-Sie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte leise:
-
-»Wie sollte ich diese Tänze vergessen! gerade auf Sie freue ich mich ja
-am meisten!«
-
-Guntram Krafft ward dunkelrot und drückte die schlanken Fingerchen
-aufgeregt zwischen den seinen.
-
-Thea freute sich auf die Tänze? Nun, dann hat sie ihm sicher etwas
-recht Angenehmes mitzuteilen!
-
-Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen Diwan mit ihr
-niedersetzen, wie dies auf dem Hofball der Fall gewesen; da aber am
-heutigen Abend sehr viel flotter getanzt zu werden schien, war es der
-vielen Extratouren wegen nicht möglich. Das sagten ihm schon etliche
-junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben auch begrüßt
-hatte.
-
-Gestern war der Tanz Nebensache.
-
-Ein Hofball ist mehr eine glänzende Schaustellung, eine Parade, bei
-welcher nicht die Pickelhauben und Säbel, sondern die schönen Augen der
-Frauen blitzen, ein großes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung,
-Prunk und Schönheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und seinem
-erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden.
-
-Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der Tanz nur ganz
-verschwindend seine goldenen Linien zieht; eine Nachfeier im Hotel
-St. Petersburg jedoch ist das schöne Recht der Jugend, wo sie alles
-nachholen will, was ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkümmert
-hatte.
-
-Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram Krafft wandte kaum
-einen Blick von der Tür.
-
-Er stand, in Wahrheit eines Hauptes länger denn alles übrige Volk,
-nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger Sehnsucht jener Einzigen
-entgegen, welche trotz ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine
-Gedanken wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt.
-
-Er hatte einmal in dem Bücherschrank seiner Mutter ein Gedichtbuch
-gefunden, welches er heimlich mit an den Strand nahm und, in dem
-knisternden Riedgras liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche
-ihn ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten von einer Rose
-»an Dornen ach nur allzu reich!« von der hieß es:
-
- »Viel andre Blumen sah ich blühen
- Und sie zu pflücken hab ich Wahl --
- Doch immer treibt mich inneres Glühen
- Zur Rose, zur geliebten Qual!
- Ich schlürf' aus ihres Kelches Bronnen
- Den Wonnentau, den süßen Schmerz
- Und drücke sie samt allen Dornen
- Vor Wollust an mein leidend Herz!«
-
-Dieses Gedicht kam ihm plötzlich in die Erinnerung, und was ihm ehemals
-so unverständlich schien, das begriff er jetzt.
-
-Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die dornenreichste aller
-Rosen, welcher er im Leben begegnet war?
-
-Warum gefiel ihm Gräfin Thea in all ihrer anmutigen Liebenswürdigkeit
-nicht tausendmal besser?
-
-Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld jener Schönsten
-entgegen, welche die einzige im Saal war, die für ihn kaum einen Blick,
-kaum einen Gruß hatte? Und je länger sie zögert, zu erscheinen, desto
-unruhiger hämmert das Herz in seiner Brust.
-
-Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint sich nicht viel Sorge
-um das Zögern seiner Herzenskönigin zu machen. Er tanzt bereits sehr
-flott mit der Tochter des Divisionärs, seines Obersten, mit der Nichte
-des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof präsentierten Enkelin
-des Ministers.
-
-Ein überschlankes Püppchen, mit trotz ihrer Jugend schon recht
-blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man erzählte sich aber heute
-morgen im Hotel, wo verschiedene Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts
-frühstückten, daß Fräulein Henny ein goldenes Kälbchen sei, um welches
-wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen werde, -- ein Tanz, welcher
-in diesem Fall wohl nur dem Götzen Gold huldige. --
-
-Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmäht es nicht, in
-Abwesenheit seiner angebeteten Gabriele mit recht zündenden Blicken in
-das spitze, sommersprossige Gesichtchen zu sehen.
-
-Schon der zweite Tanz näherte sich dem Ende, und noch immer ist Fräulein
-von Sprendlingen nicht erschienen.
-
-Auch Thea fällt es auf.
-
-»Wo steckt denn Gabriele?« fragte sie einen der Vortänzer: »Hat sie etwa
-abgesagt?«
-
-»Leider! leider!« dienert der Vielbeschäftigte, »noch in letzter Stunde
-...«
-
-»Undenkbar, aus welchem Grunde?« ...
-
-Der Gefragte zuckte die Achseln.
-
-»_Nur_ mündliche Bestellung!... Durch plötzliche Krankheit verhindert!
-Möglicherweise hat das gnädige Fräulein gestern doch zu viel getanzt!
-Einige zwanzig Kotillonsträuße! Das ist eine Anforderung, welche kaum
-große Füße leisten können, geschweige eine solche Miniaturausgabe, wie
-die des Fräulein von Sprendlingen!«
-
-Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugehört.
-
-Gabriele krank?
-
-Günstiger konnte es sich für ihre Pläne ja kaum treffen!
-
-Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an, dann schreibt man mit
-Bleistift auf kleine Zettel, -- das muß doch selbst dem Argwöhnischsten
-einleuchten!
-
-Gräfin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der Triumph, die Genugtuung
-blitzen aus ihren Augen.
-
-Ein französisches Sprichwort sagt: »Der Abwesende hat immer Unrecht!«
-Auch Gabriele, die Rivalin, wird geschlagen werden, während sie fernab
-von dem Schlachtfeld weilt!
-
-Ist es nicht ganz auffällig, wie sich das Interesse des Grafen schon
-jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin zuwendet?
-
-Wie innig drückte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst errötete er
-bei ihren Worten -- wahrlich ein moderner Parzival, ein Kinderherz ohne
-Arg und Falsch, ebenso leicht durch ein paar Zuckerplätzchen gewonnen,
-wie ein solches!
-
-Und hoffentlich auch ebenso leicht getröstet, wenn ein hübsches, buntes
-Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen trug, aus seinen Händen
-gewunden wird. Man gibt ihm dafür ein anderes ... und es wird sich
-zufrieden geben und sich artig dem Willen derjenigen fügen, welche so
-sehr, sehr viel klüger und weltgewandter ist wie das große Kind aus dem
-Strandschloß.
-
-Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen, ehe sie den großen
-Trumpf ausspielte; nachdem sie aber die köstliche Nachricht erhalten,
-daß Gabriele krank sei, hielt sie nicht länger zurück, sie brannte
-darauf, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß war. Geschmeidig wie
-ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch die Plaudernden und
-stand im nächsten Augenblick vor dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr
-bereits voll fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen
-Posten an der Tür verließ, um Gräfin Sevarille den Arm zu bieten.
-
-»Jetzt kommt unser Tanz, Gräfin, nicht wahr?« fragte er hastig.
-
-Sie lachte und legte das Händchen mit allen Zeichen großer Erschöpfung
-auf seinen Arm. »Nein, Gott sei Dank, noch kommt er _nicht_, Graf! --
-Ich bin halb tot! Ich muß mich erst eine Weile ausruhen, und darum will
-ich vor dem nächsten Galopp flüchten und biete ein Königreich für einen
-Sessel!«
-
-»In des Waldes tiefste Gründe flüchtete die Seherin!« rezitierte ein
-ganz junger Offizier und trat lachend zur Seite, während Guntram Krafft
-sehr ernst und eifrig nickte.
-
-»Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Gräfin, es wird Ihnen
-schaden!« sagte er und wandte sich nach einem Nebenzimmer, an dessen
-Spiegelwänden nur eine Reihe von Wiener Stühlen stand: »Kommen Sie
-bitte hier herein! -- Es ist kühl und menschenleer!«
-
-Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren zu einem L'hombre
-zusammengesetzt; sie blickten flüchtig auf, ließen sich aber nicht
-stören, als die jungen Leute entfernt von ihnen, in der Fensterecke,
-Platz nahmen.
-
-Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr graziös und so matt wie
-ein rosa Wölkchen in der Sommerhitze auf einen der Stühle niedersank.
-
-»Wo bleibt Fräulein von Sprendlingen?« fragte er ohne jedwede
-Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungestüm auf die Lippen drängten.
-
-»Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!«
-
-»Krank?! -- Mein Gott, was fehlt ihr?«
-
-Thea zuckte mit umwölkter Stirn die Achseln. »Vielleicht erkältet ...
-vielleicht auch nicht. Herzlose Mädchen kokettieren ja oft nur eine
-Indisposition, um sich rar und interessant zu machen!«
-
-»Herzlose Mädchen ... kokettieren ...?«.., stammelte Guntram Krafft
-beinahe erschrocken. »Urteilen Sie _so_ über Ihre Freundin?«
-
-Thea blickte ihn seltsam an, -- so warm, so innig und traurig, daß ihm
-abermals das Blut in die Wangen schoß.
-
-»Setzen Sie sich zu mir, Graf!« hauchte sie weich, entfaltete den Fächer
-und blickte tief aufatmend auf seine gemalten Narzissen nieder.
-
-»Graf ...!«
-
-Er starrte sie momentan an. »Warum sprechen Sie nicht weiter, Gräfin?«
-
-»Wollen Sie es durchaus, daß ich von Gabriele spreche?«
-
-»Und wollen Sie es durchaus _nicht_?«
-
-Sie seufzte: »Ich möchte Ihnen so gern alles Unangenehme ersparen! Ich
-meine es gut mit Ihnen, Graf, und bin auf Gabriele so sehr ... so
-ernstlich böse!«
-
-Er hatte nur die ersten Worte gehört und zuckte unmerklich zusammen.
-
-»Ich höre lieber Unangenehmes, wie gar nichts!« sagte er leise. »Und Sie
-sind so gut und rücksichtsvoll zu mir, Gräfin, daß aus Ihrem Munde
-sicherlich auch das Schlimmste noch erträglich klingt!«
-
-Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher Trauer, daß es
-ihm ganz wundersam zumute ward.
-
-»Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerhört Beleidigendes sagte, eher
-bisse ich mir die Zunge ab!« sagte sie erregt. »Ich finde meine Mission
-sowieso trostlos genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie
-wahrlich glücklich sein! Hätte es mir Gabriele nicht _schriftlich_
-gegeben, ich würde nie ...«
-
-Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen, jetzt hob er jäh das
-Haupt und unterbrach sie.
-
-»_Schriftlich_ gegeben?« wiederholte er erstaunt.
-
-Sie zog ein Notizbüchlein aus dem Kleid und entnahm ihm einen Zettel,
-zog denselben jedoch hastig zurück, als Guntram Krafft mit allen Zeichen
-großer Erregung danach greifen wollte.
-
-»Halt, Graf! Wenn ich Ihnen _diesen_ Zettel zeige, begehe ich eine große
-Indiskretion an Gabriele, und ich tue es nur, weil Sie mich gestern zu
-einer gewissen Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich
-nicht, ich leide unsäglich unter der Rolle einer Vertrauten, welche Sie
-mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal nicht so außerordentlich
-interessierte, und wenn ich es nicht für meine heilige Pflicht hielte,
-Ihnen als guter Engel rechtzeitig die Augen zu öffnen, so würde dieser
-Zettel längst ein Raub der Flammen sein!« --
-
-»Gräfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich lesen ...«
-
-»Nur unter einer Bedingung ...«
-
-»Ich gelobe alles, was Sie verlangen!«
-
-»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwören Sie es mir bei allem, was Ihnen
-heilig ist, daß _nie_ ein Mensch, Gabriele selber am allerwenigsten --
-jemals es erfährt, wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu
-zeigen! Sie geloben mir strengste Diskretion?«
-
-»Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!« Er bot ihr mit seinem
-offenen, grundehrlichen Blick die Hand entgegen, und Thea schlug ein.
-
-»Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rückhaltloses Vertrauen zu Ihnen, Graf!
-Und nun lassen Sie mich erst erzählen, wie ich zu diesem Zettel kam!«
-
-»Ich bitte darum!«
-
-»Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fräulein von
-Sprendlingen über Sie hege, und was Sie eventuell tun könnten, um sich
-ihre Sympathien zu erwerben!« Thea sprach schnell und leise, ihre
-schlanken Finger hielten den Zettel zwischen den rosa Tüllwogen auf
-ihrem Schoß. -- »Ich wollte ihr demzufolge gestern morgen einen Besuch
-machen, um sie ein wenig auszuforschen, wurde aber nicht angenommen,
-weil das gnädige Fräulein um zwölf Uhr noch nicht aufgestanden war!! --
-Um zwölf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich scheinen wie mir! Aber
-Gabriele ist ja das verkörperte Großstadtleben: die Nächte durchwachen,
-die Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, welche nun
-einmal nicht für ländliche Verhältnisse geboren sind!«
-
-»O, wie schade, daß Sie die Freundin nicht sehen konnten!« -- Er strich
-mit der Hand über die Stirn, seine Stimme bebte vor Ungeduld.
-
-»Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich. -- Wahrlich,
-Graf, ich habe es sehr diskret angefangen und begreife nicht, wie
-Gabriele sogleich an Heiraten denken konnte, aber derart verwöhnte
-Mädchen wie sie wittern ja überall einen Heiratsantrag; selbst aus
-meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele einen neuen Sturm auf
-ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen heraus. Hier, lesen Sie selber,
-in welch unerhört beleidigender Weise sie mir antwortet!«
-
-Die Sprecherin reichte brüsk den Zettel dar, und Guntram Krafft nahm ihn
-und neigte das Haupt tief darauf hernieder.
-
-Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie sah, wie es
-erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos auf den Zeilen ruhte.
-Regungslos saß Graf Hohen-Esp, -- sein Atem ging schwer, und der Zettel
-schwankte momentan in seiner Hand. --
-
-Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise und zart ihre Hand
-auf seinen Arm.
-
-»O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie verletzten! O, wie
-beklage ich es, wie sehr bereue ich es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!«
-
-Er schüttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die
-Brusttasche.
-
-Thea griff hastig danach.
-
-»O, geben Sie zurück, Graf ...«
-
-»Unbesorgt, Gräfin, das Papier ist gut aufgehoben, -- ich habe Ihnen ja
-Diskretion gelobt. Aber ich bitte Sie, mir den Zettel zu eigen zu
-lassen.«
-
-Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und Thea verschlang mit
-leiser Klage die Hände.
-
-»Graf ... zürnen Sie auch _mir_?«
-
-Er blickte sie fragend an. »Zürnen? Ich zürne weder der Schreiberin noch
-Ihnen. Daß Fräulein von Sprendlingen sich nur für einen Helden
-begeistern kann und mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht
-imponiere, ist Geschmackssache, -- dagegen läßt sich nicht streiten.«
-
-»Aber daß sie es so beleidigend ausdrückt, das verzeihe ich ihr nie!«
-
-»Sie ahnte ja nicht, daß ich diese Worte lesen würde, und warum sollte
-sie Ihnen gegenüber in meinem Interesse rücksichtsvoll sein? Je klarer
-und deutlicher sie sich ausdrückte, desto sicherer war sie, richtig
-verstanden zu werden!«
-
-Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt sank noch tiefer
-zur Brust.
-
-»Graf!«
-
-Er schrak empor. »Ich danke Ihnen, Gräfin, daß Sie mir jetzt schon
-erfahren ließen, was mir später wohl noch schwerer angekommen wäre. Ich
-weiß, daß Sie mir gewiß lieber einen freundlichen Gruß überbracht
-hätten. Sie haben sich meiner so gütig angenommen, obwohl Ihnen mein
-Benehmen gewiß äußerst eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier,
--- ich kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie es mir just
-in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie diese traurige kleine Episode.«
-
-»Ich soll sie vergessen?« -- Thea neigte sich vor und sah ihm voll
-rührender Innigkeit in die Augen: »Nein, Graf, _Sie_ sollen
-vergessen, und zwar so schnell und so gründlich wie möglich! Blühen
-nicht so viele andere holde Blumen um Sie her? Warum muß es gerade
-die Königin Rose sein, welche an Ihrer Brust blühen soll? Glauben Sie
-mir, Graf, es ist eine traurige Tatsache, daß die schönsten Mädchen
-nicht immer die besten sind! Sie werden verwöhnt, eitel, egoistisch und
-tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen und urteilen
-herzlos und oberflächlich ...«
-
-Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben Sie mir nicht
-den Glauben an die Schönheit, Gräfin!« sagte er weich. »Wer sein
-Leben lang im Banne eines holden Märchens gestanden, findet sich so
-schwer mit der herben Wahrheit ab! -- Schön und gut war bislang ein
-unzertrennlicher Begriff für mich, -- -- und warum soll ein Weib,
-welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein?
--- Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint
-angekündigt zu sein, -- die alten Herren verlassen den Spieltisch!«
-
-Thea erhob sich, -- das ironische Lächeln, welches um ihre Lippen
-spielte und welches der beinahe lächerlichen Sanftmut ihres
-schwärmerischen Partners galt, verlor sich.
-
-»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken
-bringen, und wenn die Flöten und Geigen wieder erklingen, wollen wir
-jedwedem Mißgeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und
-dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten
-übertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges
-Herz zu trösten und zu erheitern! =Carpe diem=!«
-
-Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür trat und winkte, zu,
-hing sich wie ein rosiges Flöckchen an den Arm ihres bärenhaften
-Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum
-Souper.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XVI.
-
-
-So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und
-amüsant war seine Nachbarin.
-
-Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea
-beobachtete es voll Genugtuung, daß Guntram Krafft energisch seine
-Mißstimmung bezwang und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas
-gesprächiger wurde.
-
-Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und
-die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwärmerisches Entzücken
-einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie
-heiße Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische Dinge
-zu befragen und seinen Bemühungen, die Damen und Herren für das
-Rettungswesen Schiffbrüchiger zu interessieren, ein lebhaftes
-Verständnis entgegenbrachte, da bemächtigte sich seiner sogar eine
-gewisse freudige Erregung, welche für den Augenblick die Schatten von
-seiner Stirn scheuchte.
-
-Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu
-übermütig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer
-Geste: »Es ist seltsam, daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und
-Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all ihren drohenden
-Gefahren, ihrem >Seemann in Not< und ihrer schauerlich-schönen
-Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine
-Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für
-sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie
-eine Schiffskatastrophe. Für die Waisenkinder, das Blindenasyl und
-Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber
-eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen
-entreißen und manch unglücklichen Schiffer von seinem Wrack einholen
-möchte, für die findet sich kaum eine offene Hand!« --
-
-»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am
-Strand!« nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen
-Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm
-mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis zurück:
-»Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte
-bemüht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in
-vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den
-Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe
-not! Hier trägt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich
-die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit zu ehren, gründen
-Schiller- und Bismarckvereine -- und denken so wenig an die Zukunft
-ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben
-sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, haben das Schiff
->Frauenlob< von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß
-selbst die kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht und
-Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist -- mit wenigen Ausnahmen --
-so gut wie gar kein Interesse für die dringende Not an der Küste
-vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen
-Füßen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über das tragische
-Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger Hilfeschrei durch das Land
-hallte!«
-
-Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in
-seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den
-ungewandten, tolpatschigen Bären von Hohen-Esp erinnerte!
-
-Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum Schluß die etwas
-ängstliche Frage laut werden: »Wer soll aber so etwas in die Hand
-nehmen?«
-
-Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: »Das ist
-ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die
-Sache nicht von maßgebender Seite angeregt wird!«
-
-Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts.
-
-»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« sagte er beinahe
-verächtlich, »und ich fürchte, ich werde sie noch mehrfach hören müssen.
-Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil
-keiner den Anfang machen will. Warum >von maßgebender Seite?< Dies ist
-die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn
-jeder einzelne und jede einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« --
-
-Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, welchen das
-Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch
-der Tafel verursachten -- der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte
-sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen.
-
-Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie
-versicherte, daß sie noch mehr über dieses Thema hören müsse, welches
-ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, -- der
-Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam
-verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem ehedem so
-linkischen, bei jedem Wort errötenden Jüngling, welchen die Spottlust
-der Großstädter den modernen Parzival genannt.
-
-Er neigte flüchtig den Kopf.
-
-»Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, daß ich Ihnen einen
-zuverlässigeren Tänzer besorge!«
-
-»O nicht doch -- ich möchte tausendmal lieber mit Ihnen plaudern, Graf!
-Jener Platz am Fenster dort ist so gemütlich ...«
-
-Er schien ihre Worte zu überhören, wandte sich zu einem seiner
-Tischnachbarn, welcher keine Dame geführt hatte, und bat ihn, bei
-Komtesse Sevarille zum Tischwalzer für ihn einzutreten, da er nicht
-tanze.
-
-»Selbstverständlich, mit größtem Vergnügen!« versicherte der Angeredete,
-nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt gemustert hatte, verneigte sich
-vor der jungen Dame und flog auf wiegenden Klängen mit Thea davon.
-
-Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt dem Ausgang zu.
-
-Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden müsse oder nicht; es
-gingen verschiedene Damen und Herren schon jetzt nach dem Souper. So
-ging auch er, nahm hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, stürmische
-Winternacht hinaus.
-
-Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfüllt, nun hielt ihn nichts
-mehr. Wie ein Verdürstender atmete er die klare, kalte Luft, -- sein
-gequältes Herz hämmerte in der Brust, und seine Augen brannten so heiß,
-als glühten ungeweinte Tränen darin. Welch eine Beherrschung hatte die
-letzte Stunde von ihm verlangt!
-
-Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute wie einem Menschen,
-welchem das Glück jählings aus den Händen gleitet und in Scherben
-zerbricht.
-
-Es war der erste große, leidenschaftliche Schmerz, welcher sein Herz
-traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich wehe Wunde, welche ihm
-geschlagen ward.
-
-Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte als den stillen
-Frieden der Heimat, als die Treue, Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen,
-sie lernte zum erstenmal alle Bitterkeit einer Enttäuschung, alle Qual
-einer hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen.
-
-Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, wie verzehrendes
-Feuer glühte ihm das Leid im Herzen.
-
-Jetzt erst, nachdem er Gabriele für immer verloren, begriff er es, wie
-voll, wie ganz und innig er sein Herz an sie gehängt hatte. So auf den
-ersten Blick! --
-
-So gläubig und vertrauend wie ein Kind, welches die Schönheit in seinem
-Märchenbuch liebgewonnen und voll sehnenden Entzückens die Arme nach ihr
-ausbreitet, wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein
-schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all dem friedlichen
-Glück vergangener Jahre! --
-
-Dazu kam die herbe Enttäuschung, welche er in der Angelegenheit seiner
-ersehnten Rettungsstation erfahren.
-
-Dieser Mißerfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrückendes für ihn
-und trug auch noch dazu bei, seine Stimmung zu verdüstern.
-
-Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und Leben, wie er ihn
-zuvor kaum geahnt, überkam ihn plötzlich.
-
-Die Luft in dem Ballsaal war so schwül, so heiß gewesen, die Menschen so
-ungewohnt, die Musik so schrill und laut.
-
-Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, und der
-Wind sauste ihm so frisch und gewaltig entgegen, wie ein alter, treuer
-Freund, welcher in toller Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn
-reißt und schüttelt und ungestüm ruft: »Wo bleibst du so lange? Komm
-heim! Komm heim!«
-
-Und über ihm das kahle Gezweig knarrt und greint wie Rahe und Segel ...
-und die fernen Wipfel rauschen wie brandende See ...
-
-Da überkommt ihn ein wildes, unbändiges Heimweh! Ein übermächtiges
-Sehnen nach der stillen Heimat, nach allem, was er liebt und was auch
-ihm in treuer, schlichter Liebe ergeben ist!
-
-Guntram Krafft breitet jählings die Arme aus und stöhnt aus tief
-verwundetem Herzen: »Heim! -- ja, ich will heim! -- Was soll ich noch
-hier? Meines Schicksals Würfel sind gefallen. Ich bin kein Held! -- Nie
-und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken ... was hält mich
-noch hier?«
-
-Und er stürmt mit hämmernden Pulsen in das Hotel und kündet dem äußerst
-betroffenen Anton an, daß er die Koffer packen solle, -- am nächsten
-Tage kehre er nach Hohen-Esp zurück.
-
-»Herr Graf!« stottert der alte Mann mit sorgenvoll prüfendem Blick in
-das verstörte Gesicht seines Herrn: »Was wird Ihre Gnaden, die Frau
-Gräfin sagen?«
-
-»Gleichviel. -- Ich reise heim.«
-
-Anton hört es dem halberstickten Klang der Stimme an, hier gibt es kein
-Widersprechen. Was mag geschehen sein?
-
-Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, -- es ist allein der Ärger über die
-Mißerfolge bei dem Minister und Geheimen Rat, -- der Graf sprach ihm ja
-selber davon, wie wenig Verständnis und Teilnahme er für sein Projekt
-finde.
-
-Man nimmt den Bären von Hohen-Esp nicht ernst, man legt den Worten und
-Wünschen des verbauerten Krautjunkers keinen Wert bei!
-
-»Haben der Herr Graf daran gedacht, daß wir zuvor Abschiedsbesuche
-machen müssen?«
-
-»Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. Wir werfen nur
-Karten ab; einzig bei der Gräfin Sevarille wünsche ich gemeldet zu sein.
-Ich werde jetzt noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.«
-
-Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und tritt mit umwölkter
-Stirn in das Nebenzimmer.
-
-Dort sitzt er und erledigt voll nervöser Hast die Einladungen.
-
-Es ist schon spät in der Nacht, -- Anton lugt besorgt durch die Tür.
-
-Da sieht er Guntram Krafft über einen kleinen zerknitterten Zettel
-geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, wie bei einem Kranken.
-»Wollen Herr Graf nicht zur Ruhe gehen?«
-
-Er schrickt empor, streicht langsam über die Stirn und nickt.
-
-»Du hast recht, -- ich gehe.«
-
-Er ging -- aber den Zettel nahm er mit sich. -- -- --
-
-Am nächsten Morgen wurden in großer Eile die Besuche abgefahren.
-
-Da es eine ungewöhnlich frühe Stunde war, nahm Gräfin Sevarille noch
-keine Besuche an.
-
-»Frau Gräfin sind bei der Toilette, und Komtesse schlafen noch.«
-
-Guntram Krafft nickte. »Weiter!« befahl er kurz. --
-
-In seiner großen Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen Augenblick auf,
-daß Gräfin Thea ebenso großstädtisch lange schlief, wie ihre Freundin
-Gabriele, -- und sie hatte das doch gestern abend noch so scharf
-verurteilt. Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! -- Er stirbt vor Sehnsucht
-nach der Heimat.
-
-Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und fährt in den kalten, nebligen
-Wintermorgen hinein, und als die Häuser und Türme der Stadt hinter dem
-modernen Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erlöst von einer
-unseligen Last. --
-
-Da wird es allmählich wieder still und ruhig in seinem Herzen, -- und
-als er endlich im Schlitten sitzt und durch die heimatlichen Wälder
-dahinjagt, als er mit aufleuchtendem Blick und weitgeöffneten Armen das
-bleigrau rollende Meer begrüßt ... da schaut er plötzlich um sich, wie
-ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht, wie ein Mensch, welchen
-ein böser, quälender Traum befangen hielt.
-
- * * * * *
-
-Gräfin Thea war nie so aufgeregt, so übellaunig und nervös von einem
-Balle heimgekehrt, wie von dem Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg.
-
-Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren Händen riß sie den
-Kranz aus ihrem Haar. --
-
-Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig, ohne ein Wort des
-Abschieds verlassen? --
-
-Wohin ging er? --
-
-Wird er tatsächlich verschwiegen sein?
-
-Hat sie vielleicht zu kühn gehandelt? Sprach sie zu unbedacht die
-Unwahrheit und grub sich selber eine Grube? --
-
-Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der Hohen-Esper vielleicht
-schon nähere Beziehungen zu Gabriele hatte, als sie ahnte? -- Wenn Frau
-von Sprendlingen des Grafen Bewerbung unterstützt hatte? --
-
-Theas Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen.
-
-Er war so seltsam verändert, als er den Zettel gelesen, -- auch gegen
-sie verändert, kühl, zerstreut ... zum Schluß, als er ohne Abschied
-ging, sogar unhöflich.
-
-Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er der Wahrheit
-nachforschen? War der junge Bär doch nicht so naiv und harmlos, wie sie
-angenommen? Was soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag kommt?
-
-O, welch entsetzliche Blamage!
-
-Thea wühlt das Gesicht in die Kissen und beißt vor Aufregung die Lippen
-blutig.
-
-Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Pläne durch ihr Hirn.
-
-Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schließt, so erleidet sie Gräfin
-Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht.
-
-Sie schläft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. --
-
-Erst spät am Morgen, als das Mädchen schon im Ofen das Feuer anzündet,
-schläft sie ein.
-
-Und als sie erwacht, erhält sie die Nachricht, daß Graf Hohen-Esp
-bereits dagewesen sei. -- Sie starrt die Sprecherin an wie eine Vision.
-
-»Er war hier?« -- Das klingt wie ein heiserer, jubelnder Aufschrei.
-
-Sie preßt die Hände gegen die Schläfen, sie lacht jählings auf, wie aus
-Todesängsten erlöst. Dann macht sie in rasender Eile Toilette,
-frühstückt und geht in sehr gehobener Stimmung auf das Eis.
-
-Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der Kälte blaß und verstört aus.
-
-Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund zeigt die Linien,
-welche man im ganzen Hause fürchtet, -- sie zeigen an, daß die Komtesse
-sich in höchst gereizter und schwer geärgerter Stimmung befindet.
-
-Dann wirft und schleudert sie alles.
-
-So auch jetzt.
-
-Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause.
-
-Die erste ist die, daß Fräulein von Sprendlingen persönlich sehr wohl
-und gesund ist, daß aber ihr Vater, gerade, als er im Begriff stand, für
-das Tanzfest im Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem
-Schlaganfall getroffen wurde.
-
-Er liegt seit gestern abend bewußtlos, und die Ärzte fürchten das
-Schlimmste.
-
-Das würde Komtesse Sevarille ziemlich gleichgültig sein, im Gegenteil,
-wenn »die Königin der Feste«, Fräulein Gabriele, Trauer bekäme und keine
-Bälle besuchen könnte, würde es für die Freundin Thea nur vorteilhaft
-sein.
-
-Aber die zweite Neuigkeit!
-
-Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein Mensch weiß warum. --
-Man vermutet, daß er Nachrichten von zu Hause erhielt.
-
-Ob er wiederkommen wird?
-
-Viele behaupten »ja«, manche »nein«. -- Gräfin Thea weiß es genau, --
-nein, er kommt nicht wieder. Und diese Überzeugung kann sie wütend
-machen -- wütend! -- Sie schließt sich in ihr Zimmer ein und tobt.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XVII.
-
-
-General von Sprendlingen war begraben, und in der Residenz wurde nur ein
-einziges Thema besprochen, die finanzielle Lage seiner Gattin und
-Tochter.
-
-Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, daß der alte Herr
-infolge einer ungeheuren Aufregung den Schlaganfall erlitten hatte.
-
-Viele behaupteten, es sei längst kein Geheimnis mehr gewesen, daß der
-pensionierte Offizier spekuliert hatte, um den Ausfall des hohen
-Gehaltes durch reichere Zinsen auszugleichen.
-
-Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwöhnt, ein Bankkrach
-hatte ihm vor kurzem schwere Verluste gebracht -- was Wunder, wenn der
-alte Herr dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld für sich
-arbeiten ließen, nachdem sie selber als verabschiedete Offiziere die
-Hände in den Schoß legen mußten?
-
-Das Glück ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische und
-launische Weib, welches es stets gewesen, und so wandte es Herrn von
-Sprendlingen treulos den Rücken, um seinen Goldregen über andere zu
-streuen, welche für den Augenblick seine Günstlinge waren.
-
-Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, daß alles verloren sei,
-just in dem Augenblick, als er sich anschickte, mit Frau und Tochter den
-Kavalierball im Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn
-derart, daß er als ein zu Tode getroffener Mann unter ihr zusammenbrach.
-
-Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet gewesen, wie
-man anfänglich angenommen; sie war gefaßter, als man glaubte, und
-Gabriele blickte so ruhig und zuversichtlich aus den tränenglänzenden
-Augen, daß man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch eine nahe
-bevorstehende Heirat gesichert.
-
-In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast und Nüchternheit die
-traurige Wandlung, welche derartigen Ereignissen zu folgen pflegt. Die
-notwendige Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten sich
-zur Abreise vor; denn da sie über keine weiteren Mittel als die karge
-Witwenpension verfügten, schien es fraglich, ob sie ein eigenes Heim in
-der Residenz gründen konnten. Vorläufig folgten sie der Einladung einer
-kinderlosen Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und Gabriele für
-die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten hatte.
-
-Zum letztenmal saßen Mutter und Tochter in den liebgewordenen Räumen, in
-welchen sie so viele, glückliche Jahre verlebt, beisammen. Von allen
-Seiten waren ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme
-geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen die Visiten, --
-lauter gute Freunde, welche den so allgemein beliebten Damen vor dem
-Abschied noch die Hand drücken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten
-wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und ihr erst so
-ruhiges, bleiches Antlitz sah plötzlich so verstört, so verzweifelt und
-verfallen aus, als sei eine letzte Hoffnung, welche sie im Herzen
-gehegt, für immer vernichtet worden.
-
-In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung hatte sie an den
-Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an einen Retter in der Not, welcher
-sicher kommen muß, das bitterste Elend von ihnen abzuwenden.
-
-Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, -- er blieb aus.
---
-
-Sie brachte es nicht über sich, nach ihm zu fragen, und so erfuhr sie
-erst heute zufällig durch eine befreundete Dame, daß Guntram Krafft am
-Morgen nach dem Hotelball Knall und Fall abgereist sei, ohne daß jemand
-einen Grund für diesen fluchtartigen Abschied wußte. Den Tod des Herrn
-von Sprendlingen habe er wohl gar nicht erfahren.
-
-Tränen tiefster Hoffnungslosigkeit glänzten in den Augen der verwitweten
-Frau, und als Gabriele an ihre Seite trat, zärtlich den Arm um die
-Weinende zu legen, da schluchzte sie laut auf und flüsterte: »Ach, meine
-arme, arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?«
-
-Das junge Mädchen hob das Antlitz wie in seligem Vertrauen zum Himmel,
--- es sah in all dem Leid so verklärt und ruhig aus, als sei ihr nie ein
-Zweifel an dem Glück der Zukunft gekommen.
-
-»Er liebt mich, Mama!«
-
-»Wer?« --
-
-Da senkte Gabriele das Köpfchen.
-
-»Hans Heidler! -- O, Mütterchen, du ahnst es ja nicht, wieviel liebe
-Worte er mir noch auf dem letzten Hofball sagte, wie er mir die Hand
-drückte, wie unaussprechlich viel sein Auge mir gestand --«
-
-»Sein Auge, aber nicht seine Zunge!« murmelte Frau von Sprendlingen
-bitter. -- »Gabriele, glaubst du wahrlich, daß Heidler je an Heiraten
-gedacht -- und daß er sogar _jetzt_ noch daran denkt?«
-
-Das junge Mädchen atmete hoch auf, preßte wie in begeisterter
-Versicherung die Hände gegen die Brust und nickte.
-
-»Ja, ich glaube es, ich weiß es bestimmt! Ein Mann, der so ritterlich,
-so heldenhaft, so edel ist wie Hans, betrügt kein Mädchenherz.«
-
-»Sprachst du ihn nach Papas Tode?« --
-
-»Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, wie er mir die Hand
-küßte ... wie er mich ansah ...«
-
-Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung.
-
-»O Kind! Kind!!«
-
-»Er sagte mir, daß er in den nächsten Tagen kommen werde --«
-
-»Aber er kam nicht!«
-
-»Er wird kommen!«
-
-»Morgen reisen wir ab!«
-
-»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm so sehr, Mama? Warum
-zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« --
-
-Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände ineinander. »Weil ich
-die Menschen besser kenne wie du, Kind!« sagte sie gepreßt.
-
-»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie
-unrecht du ihm tust!«
-
-Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, -- Gabriele
-zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in
-jäher Hoffnung nach der Tür. --
-
-Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen
-köstlichen Strauß von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in
-der Hand.
-
-»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er ließe
-den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glückliche Reise wünschen!
-Der Herr Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu
-seinem großen Bedauern verhindert!« --
-
-Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsäulen vor ihm
-standen und keine Hand sich hob, den Strauß in Empfang zu nehmen, legte
-ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch.
-
-»Es ist nämlich die Schlittenpartie heute, die der Herr Oberleutnant
-arrangierte!« fuhr er fort, mehr aus momentaner Verlegenheit wie aus
-Geschwätzigkeit. »Der Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine
-Frau sagt, die hilft ja manchmal in der Küche bei Exzellenz aus, wie die
-Damen wissen! Na, da hört sie so mancherlei. -- Der Herr Oberleutnant
-ist jetzt beinahe alle Tage da im Hause! Die Fräulein Enkelin soll ja
-wohl steinreich sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, und was
-ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer werden morgen früh schon
-um sechs Uhr abgeholt ... die Dienstmänner können es nicht gut anders
-machen ... und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie für die
-Damen bestellen? -- Ich gehe nachher doch noch mal aus ...«
-
-»Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fuß. Die Koffer stehen auf dem
-Flur bereit. Guten Abend!«
-
-Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So geisterhaft hatte er
-die Damen noch nie zuvor gesehen, und die Stimme der Gnädigen klang wie
-aus dem Grabe.
-
-Er verbeugte sich und ging.
-
-Wie schwer wurde den Ärmsten der Abschied! Du lieber Gott, ja, -- wenn
-in solch feine Häuser mal das Unglück hereinbricht, dann liegt es immer
-doppelt so schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen auf
-mit sich herumzuschleppen.
-
-Als sich die Tür geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen schweigend
-die Arme nach ihrer Tochter aus, und Gabrieles Köpfchen sank wie eine
-sturmgebrochene Blüte an die Brust der Mutter nieder.
-
-Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch den weichen,
-schmiegsamen, jungen Körper.
-
-Und dann hob sie jählings das Haupt und blickte mit herzzerreißendem
-Lächeln empor.
-
-»Ich kann es nicht glauben, daß er nicht mehr kommen _wollte_,
-Mama! Er _muß_ ja all diese Vergnügungen arrangieren, er verkehrt
-viel im Hause des Ministers, weil man ihn viel einladet! -- Sein Herz
-weilt sicher bei mir, Mama! Es ist ja ganz unmöglich, daß diese meine
-herrlichste Idealgestalt so kläglich in Dunst und Nebel zerrinne!«
-
-Frau von Sprendlingen küßte die Stirn ihrer Tochter und wiederholte
-nur leise: »O, du armes, armes Kind!« -- Dann wandte sie sich zur Tür,
-in welcher das Stubenmädchen erschien und mit betrübtem Gesicht die
-gnädige Frau um ihr Abgangszeugnis bat. --
-
-Gabriele blieb allein.
-
-Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem Blick auf die
-stille, winterliche Straße hinab, wo die Sonne auf Eis und Schnee
-glitzerte und fröhlich plaudernde Menschen mit den Schlittschuhen
-vorübereilten.
-
-Schlittengeklingel ertönte von fern und näherte sich in flottem Tempo.
-
-Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit weitoffenen
-Augen hinab.
-
-Die Schlittenpartie! --
-
-Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig flatternden
-Schneedecken, da klingelten und rasselten die Schellen durch die
-schmetternden Musikklänge, und die ersten Schlitten mit den Trompetern
-jagten vorüber.
-
-Dann mehrere »Familienschlitten« mit den Müttern, Tanten und Papas, und
-dann, als Erster an der Tete der Jugend, Hans von Heidler neben Fräulein
-Henny von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem mächtigen, gelben
-Löwenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner zugekehrt, und
-dieser neigte sich so vertraut und keck, wie es seine siegesbewußte Art
-ist, und lächelt der Kleinen just »tief in die Seele!«
-
-O, Gabriele kennt dieses Lächeln -- diese Augen, diese betörende und
-bestrickende Art! --
-
-Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor und starrt hinab
-... ihre Lippen öffnen sich, als wollten sie voll herben Wehes
-aufschreien: »Hans! -- Hans! Hast du keinen einzigen Blick mehr für
-mich?« --
-
-Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr für die öde, verlassene
-Villa, in welche über Nacht die Armut eingezogen ist.
-
-Der Schlitten fliegt vorüber, ohne daß Herr von Heidler Zeit gefunden,
-einen einzigen Blick nach dem Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das
-bleiche, liebliche Mädchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine
-leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt zurück und
-sinkt auf einen Stuhl, -- sie schlägt die kalten, zitternden Hände vor
-das Antlitz und möchte weinen -- weinen -- daß ihre ganze Seele in den
-Tränen dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken und starr, und
-ihr Herz blutet still verborgen aus der Wunde, welche falsche Liebe ihr
-so grausam geschlagen. --
-
- * * * * *
-
-Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen lebte mit ihrer Tochter
-fernab der Residenz in dem einsamen Landhaus der Tante, welche viel zu
-schrullenhaft, unliebenswürdig und schroff war, um den beiden
-verlassenen Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim bieten zu können.
-
-Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, sich zu trennen.
-
-Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer Witwenpension leben, wenn
-Gabriele ein anderes Unterkommen fand.
-
-Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemühungen nicht. -- Die Stelle
-einer Hofdame, welche die Herzogin für sie an befreundetem Hofe erhofft,
-war gegen alles Erwarten anderweitig besetzt, -- andere Aussichten
-zerschlugen sich ebenfalls.
-
-Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, -- doch stets ohne
-Erfolg.
-
-Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer Frauenzeitung eine
-sehr annehmbar erscheinende Offerte.
-
-Eine ältere Dame auf dem Lande suchte ein junges, liebenswürdiges und
-heiteres Mädchen aus vornehmer Familie zur Gesellschafterin. Die
-Einsendung einer Photographie war zur Bedingung gemacht.
-
-Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide blickten sich in
-stummem, wehmütigem Einverständnis in die Augen. Zur selben Stunde noch
-schickte Frau von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene Chiffre
-ab. --
-
-Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden Frühlingsmorgen
-hinaus. -- Wird eine Antwort kommen? Wird sie die Stelle erhalten?
-
-Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichgültig geworden.
-
-Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus der Residenz, Herrn
-von Heidlers Verlobung mit Henny, der reichen Erbin, las, und sehr bald
-danach durch den Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, daß die
-Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der großen Jugend der Braut
-schon in den ersten Tagen des Mai stattfinden solle, -- war die Welt
-leer und tot für sie geworden.
-
-Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, vergöttert hatte, trat ihr
-Herz voll egoistischer Rücksichtslosigkeit unter die Füße. --
-
-Er, der kühne, mutige und unerschrockene Held, war zu feige gewesen, den
-Kampf um die Existenz an der Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen.
--- Und _diese_ Entäuschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres
-eigenen Glückes.
-
- * * * * *
-
-Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp zurückgekehrt
-war, ruhten die Augen der Gräfin voll bangen Forschens auf dem ernsten
-Antlitz des Sohnes, als könne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen
-und die Gründe erforschen, welche ihn so plötzlich heimgetrieben.
-
-»Warum kommst du schon jetzt zurück, Guntram Krafft? Ist dir etwas
-Unangenehmes begegnet?«
-
-Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in die Augen.
-
-»Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer eigenen
-Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich ist mir viel
-Ärgerliches begegnet!«
-
-»Und nur darum bist du Hals über Kopf abgereist?«
-
-Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er strich sich
-langsam die blonden Haare aus der Stirn.
-
-»Ich bekam Heimweh, Mutter!« sagte er leise, mit einem beinahe
-schwermütigen Klang in der Stimme, »es gefiel mir nicht zwischen all den
-fremden Menschen. Ich kam mir so überflüssig, so vereinsamt dort vor.
-Ihre Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten sind
-neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen und Plaudern gar nicht,
-oder doch sehr schlecht im Vergleich zu den andern Herren. Die Leute
-waren nicht unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, daß ich mich
-tatsächlich unter ihnen wohlgefühlt hätte. -- Dazu wehte der Sturm so
-vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da es gerade jetzt viel ernste
-Arbeit daheim gäbe. -- Da hielt es mich nicht länger. Ich sehnte mich
-heim zu dir, Mutter, -- hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ...
-gleichviel wie ich bin!« --
-
-Die letzten Worte klangen noch leiser und wehmütiger wie zuvor, und
-Gundula trat neben seinen Sessel und drückte voll weicher Innigkeit das
-Haupt des Sohnes an die Brust.
-
-Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine bange Sorge kam
-es plötzlich über sie.
-
-Waren dies die Früchte, welche sie von ihrer starren und eigenwilligen
-Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind der Welt und dem Leben so völlig
-entfremdet, daß es nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang?
-Wiederum durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz.
-
-Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft, die
-verlorenen Güter zurückzuerwerben, um ihren Sohn als trübseligen alten
-Junggesellen darauf zurückzulassen? Oder war es eine heimliche
-Kinderliebe, welche Guntram Krafft so fest und treu im Herzen saß?
-
-Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen Fischerdirne
-gespielt, -- er hatte als Jüngling im Dorfkrug mit ihr getanzt ... wäre
-es möglich, daß er sein Herz an sie verloren, trotzdem die Gräfin ihn so
-sorgsam in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes erzogen
-hat? --
-
-Gundula seufzte tief auf.
-
-Je nun, mußte sie das Glück für ihr Kind auch tief, tief von unten
-heraufholen ... es soll ihm werden, -- besser er freit ein
-Fischermädchen, als keine.
-
-Die anfänglich so schwermütige Stimmung des jungen Grafen schwand von
-Tag zu Tag. Der Sturm heulte daher und schien nur auf die Rückkehr
-Guntram Kraffts gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des
-Bären zu messen!
-
-Da gab es keine müßige Zeit mehr, da war es vorbei mit dem wehmütigen
-Sinnen und Grübeln!
-
-Täglich fast gab es schwere Arbeit!
-
-Schiff in Not! -- -- Und der Bär von Hohen-Esp reckte voll kühnen Muts
-die Pranken, scharte seine Getreuen um sich und warf sich in tollem
-Wagemut gegen die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entreißen.
-
-Die Kälte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat knirschte das Eis
-... das war die böseste Zeit.
-
-Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein Brett vor der See;
-als ihn ein neu einsetzender Sturm auseinanderriß, stürzte ein Schiffer
-zur Burg und meldete, daß aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen
-Schoners rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen. Das war
-ein fürchterlicher Tag und eine grauenvolle Fahrt! --
-
-Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und Guntram Krafft und seine
-freiwilligen Lotsen konnten selber kaum geborgen werden; doch kaum, daß
-sich die Erschöpften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot, welches
-er in aller Eile zweckmäßig eingerichtet hatte.
-
-Er ließ den fehlenden Luftkasten durch leere Fässer, welche möglichst
-gut verspundet und unter die Duchten gelascht wurden, ersetzen, ließ
-Ballast einlegen und einen Lenzsack nachbugsieren, um das Boot möglichst
-vor See zu halten und ein Beidrehen zu verhindern.
-
-Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus, und nach zweistündiger
-schwerer Arbeit brauste das jubelnde Hurra der Heimkehrenden durch das
-Heulen der Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. --
-
-Kaum, daß man die Schiffbrüchigen noch zu den Lebenden zählen konnte.
-
-Zwei Tage und Nächte lang waren sie ohne Nahrung gewesen, ihre Lage in
-der Takelage bei Sturm und bitterer Kälte bedeutete eine geradezu
-unbeschreibliche Qual.
-
-Gräfin Gundula ließ die Geretteten nach Hohen-Esp schaffen und nahm
-ihre erfrorenen Glieder in Pflege, bis ein Arzt zur Stelle war.
-
-Diese heldenmütige Rettung wurde bekannt. Guntram Krafft und seine
-Lotsen erhielten die Rettungsmedaille und ein ansehnliches Geldgeschenk,
-und mit leuchtenden Augen stürmte der Graf in das Zimmer seiner Mutter:
-»Nun können sie heiraten! Ich habe meinen Anteil an Jöschen abgetreten,
-dann reicht's zur Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe ich
-ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in Gottes Namen zur
-Wohnung einrichten!«
-
-»Jöschen will heiraten?« fragte die Gräfin überrascht; »davon ahne ich
-nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?«
-
-»Nun, die Mike! -- Die beiden sind doch schon seit Kindesbeinen an
-Brautleute!« lachte der Bär von Hohen-Esp. »Wie manch liebes Mal hat der
-Jöschen ihr seinen Apfel geschenkt, und als er von der Marine zurückkam,
-brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht laut werden, bis
-sie Aussicht hatten zu freien, -- sind ja beide so blutarm! Aber nun ist
-das Geld beisammen, und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!«
-
-Gundula blickte starr in das frisch gerötete Antlitz des Sohnes.
-
-Mike heiratet den Jöschen! Und Guntram Krafft erzählt es ihr mit
-lachendem Munde. Nein, so sieht keiner aus, der selber in das Mädel
-verliebt ist.
-
-Nachdenklich senkt die Gräfin das Haupt, ihr Sohn aber setzt sich nahe
-an ihre Seite und nimmt zärtlich ihre Hand zwischen die seinen.
-
-Er sieht sie an, -- so kindlich bittend wie stets, wenn er etwas auf dem
-Herzen hat.
-
-»Mutter!« --
-
-»Was willst du?« --
-
-»Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?«
-
-»Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!«
-
-»Sie hat aber einen schweren Verlust für uns bedeutet!«
-
-»Wieso das?«
-
-»Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so vieler Mühe als ein
-Peake-Boot zurechtgemacht hatten, ist von der See zerschlagen!«
-
-»Oh! -- Es wird sich Ersatz finden!«
-
-»Mutter!« flüsterte Guntram Krafft und legte den Arm um die Gräfin:
-»Möchtest du mich wohl einmal recht glücklich sehen?«
-
-»Welche Frage!«
-
-»Du botest mir jüngst an, -- ich solle auf Reisen gehen, -- fremde
-Länder und Völker sehen ...«
-
-»Ganz recht! Hast du dich entschlossen?«
-
-»Nein, Mutter. Ich möchte dich aber recht inständig bitten, mir das
-Geld, welches solch eine Reise kostet, zu geben!«
-
-»Wozu das?«
-
-Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung das Haupt.
-
-»Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine regelrechte
-Rettungsstation hier zu errichten. Mit der nötigen Ausrüstung und
-Unterstützung brauche ich meine braven Jungens nicht annähernd so zu
-exponieren wie jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Unterstützung
-zu erwarten, -- _wollte_ man uns helfen, so hätte man es jetzt
-getan, nachdem die Rettung der Schiffbrüchigen die Aufmerksamkeit auf
-uns gelenkt. -- Da heißt es also -- hilf dir selber! Ich habe keine
-andere Passion, keine anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das
-Rettungswesen, ich kenne keinen höheren Wunsch, als aus eigenen Mitteln
-einen Schuppen mit Ausrüstung, Boot und Apparaten hier aufzustellen.«
-
-Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen.
-
-»Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der Ausführung deines
-Planes gewiß nichts im Wege!«
-
-»Mutter!« -- Der Graf war dunkelrot geworden, »und das Geld dazu?« --
-
-»Du bist majorenn und kannst über dein Vermögen verfügen!«
-
-Er umkrampfte die schlanke Hand der Gräfin: »Mein Vermögen? Alles, was
-wir besitzen, hast du verdient, es ist dein Eigentum, Mutter ... und
-zehntausend Mark ist wohl das mindeste, was ich benötige!«
-
-Gundula lächelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz beinahe heiter
-aus in dem Gefühl, dem Sohn, welchen sie über alles liebte, einen Wunsch
-erfüllen zu können.
-
-»Du weißt, daß ich für _dich_ arbeitete, und du hast mir seit Jahren
-redlich dabei geholfen. Die zehntausend Mark hast du dir selber
-reichlich verdient. Wie du sie anwenden willst, ist deine Sache -- sie
-liegen bereit!«
-
-Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche Freude, welche er
-empfand. Er schlang die Arme um die Sprecherin und dankte ihr so
-strahlend glücklich, als sei das Geld ihm zu Genuß und Vergnügen, nicht
-aber für fremde Not gespendet.
-
-Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so heiter und lebhaft
-mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll ungeduldigen Eifers sogleich den Bau
-des Rettungsschuppens in Angriff nehmen und seine notwendige Ausrüstung
-herstellen ließ.
-
-Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen Beschäftigung
-blieb ihm keine Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen.
-
-Die Gräfin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf.
-
-Sie glaubte nun überzeugt zu sein, daß keine unglückliche Liebe das Herz
-des Sohnes erkranken ließ und seine zeitweise, unerklärliche Schwermut
-in der Tat nur dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission
-in der Residenz ihm verursacht.
-
-Gundula grübelte und sann, wie sie ihren Liebling zu einem glücklichen
-Mann und Gatten machen könne.
-
-Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn der Graf war zu
-ungewandt und fremd in der Gesellschaft, um den Mut zu haben, als Freier
-aufzutreten.
-
-Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen in dieser
-wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen. So verging Monat um Monat.
-Da kam ihr ein guter Gedanke.
-
-Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine junge
-Gesellschafterin aus bester Familie und wählte aus den eingesandten
-Photographien diejenige heraus, welche ihrem scharfen Auge am
-passendsten für ihren Plan erschien.
-
-Zu dicken Stößen kamen die Briefe an.
-
-Die Gräfin saß in ihrem stillen Turmzimmer, in welches die
-Frühlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, und erbrach voll lebhaften
-Interesses ein Schreiben nach dem andern.
-
-Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! Gundula sah ein
-jedes derselben lange scharf und prüfend an, doch da war keines, welches
-ihr so recht von Herzen sympathisch war.
-
-Die nächsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, und die Bärin
-von Hohen-Esp las und überlegte und prüfte, bis sie plötzlich das Haupt
-jählings vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes
-Mädchenantlitz schaute, welches mit wundersam ernsten, großen, klaren
-Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute.
-
-Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, einfach und
-anspruchslos.
-
-Die Gräfin überflog den Brief, welcher nur sehr kurz im Verhältnis zu
-den meisten anderen war. Sie sah nach der Unterschrift: »Marie
-Antoinette, Freifrau von Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.«
-
-Ein guter Name. -- Und sie schrieb, daß sie für ihre Tochter Gabriele,
-23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im Englischen und Französischen,
-geschickt in Handarbeiten, aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle
-als Gesellschafterin suche. Ihre Verhältnisse, welche seit dem Tode
-ihres Mannes sehr traurige seien, zwängen sie leider, sich von ihrem
-Kinde zu trennen.
-
-Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe, welche ein
-Unterkommen für die Tochter sucht ... Arme Frau!
-
-Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand, auch dann noch, als
-sie alle anderen Schreiben geöffnet und die Photographien recht
-gleichgültig beiseitegelegt hatte.
-
-Wie eine geheime, unerklärliche Gewalt zog es sie zu dem entzückenden
-Antlitz mit den rätselhaften Augen.
-
-Ein Bild täuscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in Wirklichkeit
-nicht annähernd so sympathisch; aber gleichviel, darauf mußte man es
-eben ankommen lassen und es abwarten, ob Fräulein von Sprendlingen dem
-Geschmack Guntram Kraffts entsprechen wird.
-
-Kurz entschlossen griff die Gräfin zu Feder und Papier und schrieb an
-Frau von Sprendlingen, daß sie gewillt sei, ihre Tochter voll herzlicher
-Freundlichkeit in ihrem Hause aufzunehmen.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XVIII.
-
-
-Ein paar Tage waren vergangen.
-
-Es dämmerte. -- Guntram Krafft war soeben von dem beinahe vollendeten
-Rettungsschuppen heimgekehrt, hatte die Kleider gewechselt und trat
-hastig in das große, uraltmodische Wohngemach der Gräfin, um ihr voll
-lebhafter Begeisterung von dem vorzüglichen Boot eigener Konstruktion --
-einem zweckmäßigen Gemisch von Françis- und Peake-System, welches man
-soeben geprobt hatte -- zu berichten.
-
-Gundula trat ihm entgegen, -- lebhafter, elastischer schreitend wie
-sonst.
-
-Sie hielt einen Brief in der Hand und hub bereits von weitem an zu
-sprechen:
-
-»Endlich kommst du heim, Guntram Krafft; ich wartete mit Sehnsucht auf
-dich, um eine Angelegenheit mit dir zu bereden, für welche du bisher
-noch niemals recht Zeit hattest. Nun ist sie vollendete Tatsache -- und
-die höchste Zeit, daß du davon erfährst!«
-
-Der Graf blickte die Sprecherin erstaunt an, schob ihr voll ritterlicher
-Höflichkeit einen Sessel herzu und lehnte sich erwartungsvoll ihr
-gegenüber an den Tisch.
-
-Die Gräfin setzte sich nieder und schien gewaltsam gegen eine gewisse
-Befangenheit anzukämpfen. »Ich bin seit langen Jahren so allein,
-entbehre jeden Verkehr mit Damen und werde nun auch so alt und
-abständig, daß ich kaum noch allein dem großen Hauswesen vorstehen kann
-...«
-
-Guntram Krafft lachte beinahe übermütig auf, schwieg aber und blickte
-die Sprecherin aufmerksam an. --
-
-»Ich habe mir daher eine Gesellschafterin engagiert und hoffe, daß du
-aus Rücksicht für mich mit diesem Zuwachs einverstanden bist!«
-
-»Ah! Das nenne ich vernünftig!« rief der Bär von Hohen-Esp sehr erfreut
-und durchaus harmlos: »Diese Idee ist einen Dukaten wert und hätte dir
-bereits zehn Jahre früher kommen sollen! Hast du schon jemand gefunden?«
-
-Die Gräfin öffnete mit geheimnisvollem Lächeln den Brief, entnahm ihm
-eine Photographie und reichte sie dem Sohn dar.
-
-»Wie gefällt dir meine künftige kleine Genossin, welche, so Gott will,
-frisches Leben und recht viel Sonnenschein mit in das Haus bringt?«
-
-Guntram Krafft nahm lächelnd das Bild und trat damit in die
-Fensternische, um besser sehen zu können.
-
-»Wenn sie nur _deinen_ Beifall findet, Mama, dann bin ich gern mit einer
-jeden zufrieden!«
-
-Er neigte sich vor und blickte auf das Bild. Einen Augenblick starrte er
-es an, -- seine Hand zuckte, und sein Antlitz überzog eine tiefe Blässe.
-
-Regungslos stand er und schaute in das süße, ernste, sinnende
-Gesichtchen.
-
-Ein Zittern flog durch seinen Körper, wie feurige Nebel wogte und wallte
-es plötzlich um ihn her, und sein Herz lag regungslos, um plötzlich in
-desto wilderen Schlägen atemraubend loszustürmen.
-
-Er stand abgewandt von der Gräfin, und diese sah nicht die auffallende
-Veränderung, welche mit dem jungen Manne vor sich ging.
-
-»Nun?« fragte sie endlich, »äußere dich doch! Ist das Gesicht nicht
-entzückend? Wenn die Augen alles das halten, was sie hier versprechen,
-so muß die Kleine ein sehr liebenswertes Mädchen sein!«
-
-»Wie heißt sie?« stieß Guntram Krafft kurz und beinahe rauh hervor.
-
-»Ach so! Ich vergaß, dir Fräulein Gabriele von Sprendlingen im Bilde
-vorzustellen --«
-
-»Gabriele von Sprendlingen!« Das klang wie ein leises, kaum
-verständliches Aufstöhnen.
-
-Die Gräfin beachtete es nicht, sie sah nur voll großer Genugtuung, daß
-der junge Weiberfeind das Bild noch immer in der Hand hielt, daß sein
-Anblick ihn fraglos ebenso fesselte, wie zuvor die Mutter.
-
-»Der Vater war General, starb vor einem Jahr ungefähr, ganz plötzlich,
-und da er durch das Fallissement einer bedeutenden Firma sein ganzes
-Vermögen verlor, hinterließ er Frau und Tochter in den drückendsten
-Verhältnissen. So entschloß sich Frau von Sprendlingen nun, die Tochter
-fortzugeben --«
-
-»Bot sie dir dieselbe an?« -- Guntram Krafft stieß die Worte kurz
-hervor.
-
-»Auf meine Annonce in der Zeitung hin --«
-
-»Inseriertest du unter deinem vollen Namen?«
-
-»Aber Guntram: -- Hier ist der Zeitungsausschnitt, ich erbat die
-Antworten unter Chiffre G. H. 1000.« --
-
-»Und darauf antwortete sie?«
-
-»Wie fragst du so wunderlich! Gewiß!« --
-
-»Wo lebt Frau von Sprendlingen?«
-
-Die Gräfin blickte auf den Brief nieder und nannte eine kleine Stadt des
-Herzogtums -- der Bär von Hohen-Esp aber blickte starr zu dem Fenster
-hinaus und schwieg.
-
-»Du meinst doch auch, daß ich den Versuch mit Gabriele wage?« fuhr die
-Gräfin ein wenig ungeduldig fort.
-
-Er strich langsam mit der Hand über die Stirn, sein fahles Antlitz sah
-so gequält aus, wie bei einem Menschen, welcher die Folter erduldet.
-»Darüber hast du allein zu bestimmen --«
-
-»Ich bin völlig einig mit mir und habe der Baronin bereits geschrieben!«
-
-Wieder zuckte der Graf zusammen: »Nun, so ist es ja entschieden!« sagte
-er tonlos.
-
-»Willst du das Bild noch behalten?«
-
-Er machte eine jähe Bewegung. Sein Blick traf wieder das süße Antlitz,
-welches ihn mit den wundersamen Nixenaugen so groß und ruhig ansah. --
-Dann schob er die Photographie jäh von sich -- seiner Mutter zu.
-
-»Nein; -- ich danke.« --
-
-»Je nun, ich hoffe, du lernst bald das Original kennen.« --
-
-»Wann ... wann trifft die junge Dame hier ein?« --
-
-»Anfang nächsten Monats. Es gibt zuvor wohl noch verschiedene
-Angelegenheiten zu erledigen.«
-
-»Sagtest du nicht, daß sie verlobt sei?«
-
-Die Gräfin hob erstaunt ihr Haupt: »Durchaus nicht! Die Damen stehen
-ganz allein und ohne Schutz in der Welt! Wie kommst du darauf?«
-
-Guntram Krafft neigte finster das Haupt. »Ich irrte mich wohl. -- Mir
-geht heute so viel im Kopfe herum. Heute nachmittag haben wir eine
-kleine Probefahrt mit dem neuen Boot gemacht, darüber wollte ich dir
-berichten.«
-
-Die Gräfin schob das Bildchen in den Brief zurück, erhob sich hastig und
-legte den Arm in den des Sohnes.
-
-»Ja, -- erzähle mir! Du hast soeben meinen Angelegenheiten dein
-Interesse geschenkt, nun wollen wir von dem plaudern, was dir am Herzen
-liegt!« -- Sie trat in das hellere Fensterlicht und sah betroffen in das
-Antlitz des jungen Bären empor: »Hast du Ärger und Verdruß gehabt,
-Guntram Krafft?« fragte sie besorgt, »du siehst ganz verstört aus ...
-oder fühlst du dich etwa krank?«
-
-Er zwang sich gewaltsam zu einem heitern Ton. »Seinen gesunden
-Hofjungenärger hat man ja öfters, Mutter, und daß die Eiche nicht auf
-den ersten Streich fällt, und hie und da noch kleine Mängel zutage
-treten, ist selbstverständlich. Im großen ganzen bin ich sehr zufrieden
-mit den Schuppen und voll Glück und Dank gegen Gott und dich! -- Daß in
-Walsleben das neue Arbeitshaus schon im Rohbau aufgeführt ist, weißt
-du?«
-
-»Selbstverständlich.«
-
-»Wer beaufsichtigt die Sache eigentlich?« --
-
-»Nun, der Inspektor, -- du warst doch damit einverstanden!«
-
-Der Graf wandte sich zur Seite und schob den schweren Damastvorhang
-noch mehr von den Butzenscheiben des Erkerfensters zurück.
-
-»Ich habe viel darüber nachgedacht, Mama! Es ist eigentlich recht
-vertrauensselig und leichtsinnig von uns, daß wir uns nicht selber um
-den Bau kümmern!«
-
-»Wir wissen, daß diese Angelegenheiten seit fünfzehn Jahren in den
-besten Händen liegen, Inspektor Braun ist doch wohl als durchaus
-zuverlässig erprobt.«
-
-»Es würde mich interessieren, das Haus einmal in Augenschein zu nehmen,
-man kann doch so manches noch ändern und bessern ...«
-
-»Selbstverständlich! Ich würde sehr glücklich sein, wenn du einmal
-hinführst! -- Möchtest du gleich morgen ...«
-
-»Morgen? nein!« Der Graf unterbrach die Sprecherin mit einer gewissen
-Hast: »Momentan kann ich nicht gut hier abkommen -- ich muß die Zeit
-wahrnehmen, wo die Änderungen an dem Boot vorgenommen werden -- die
-Takel hakt zu leicht aus ... und die Riemen müssen oben auf den Duchten
-festzulegen sein ...«
-
-»Nun, wann denkst du zu fahren?« --
-
-Guntram Krafft wandte sich noch mehr zur Seite.
-
-»So bald wie möglich! Vielleicht Anfang nächsten Monats --« sagte er
-leichthin, wandte sich plötzlich und bot der Mutter den Arm: »Und nun
-begleite mich noch einmal in den Garten, Mamachen! Es ist ein
-wundervoller Abend, und ich möchte sehen, wie weit der Gärtner mit den
-neuen Anpflanzungen gekommen ist!«
-
- * * * * *
-
-Gabriele von Sprendlingen war im Reisekleid und legte noch die letzten
-Gegenstände in den kleinen Handkoffer, um pünktlich bereit zu sein, wenn
-der alte Kutscher vorfuhr, sie zur Bahnstation abzuholen. Sie sah so
-still und ernst und ruhig aus, als ob all der Wechsel und Wandel,
-welcher sich nun mit ihr begeben solle, nicht die mindeste Erregung wert
-sei. --
-
-Sie sollte die Gesellschafterin einer alten einsamen Frau werden, einer
-Frau, welche man in der Welt als verbittert, hart und menschenfeindlich
-schilderte.
-
-Es war selbstverständlich, daß ein junges Mädchen in ihrer Umgebung mit
-dem Leben abgeschlossen haben mußte, und weil Gabriele dies getan, weil
-es in ihrem Herzen kalt und dunkel geworden war, seitdem die strahlende
-Sonne ihres Ideals, ihres Schwärmens und ihrer Begeisterung aus ihrer
-stolzen Höhe herabgesunken war, zertrümmert und vernichtet für ewige
-Zeiten, weil seit dieser Stunde das Dasein doch allen Wert und Reiz für
-sie verloren, deuchte es ihr kein Opfer, sich jetzt schon lebendig in
-Hohen-Esp zu begraben. --
-
-Als ihre Mutter mit aufgeregt heißen Wangen zuerst die Nachricht
-brachte, daß es die Gräfin Hohen-Esp sei, welche die Gesellschafterin
-suche, und daß sie Gabriele vor allen andern Bewerberinnen den Vorzug
-gegeben und sie engagiert habe, blickte das junge Mädchen so
-gleichgültig auf den Brief Gundulas nieder, als gehe sie derselbe kaum
-etwas an.
-
-Und als Frau von Sprendlingen in ihrer Erregung eine Andeutung machte,
-daß nun das Glück vielleicht doch noch einmal bei ihnen anklopfe, wenn
-Guntram Krafft seiner ehemals so schnell entflammten Neigung treu
-geblieben, -- da wuchs die schlanke Mädchengestalt hoch und stolz empor,
-und die klaren Augen blitzten so abweisend wie ehemals, als sie die
-Bewerbungen des Grafen voll ehrlicher Gleichgültigkeit zurückwies.
-
-»Wenn du dich solch trügerischen Hoffnungen hingibst, Mama, ist es
-besser, ich nehme die Stelle überhaupt nicht an! -- Glaubst du, die
-Armut und Verlassenheit hätten mich derart entnervt und erbärmlich
-gemacht, daß ich einen ungeliebten Mann heirate? -- So unmoralisch werde
-ich niemals denken und niemals handeln!« --
-
-»Wer sagt, daß du ihn nicht liebgewinnen wirst?!«
-
-Ein herbes Lächeln spielte um Gabrieles Lippen. »Die Liebe ist ein so
-sehr verschiedener Begriff, dem einen ist sie nur Mittel zum Zweck --
-nur Zeitvertreib -- ein Rechenexempel -- oder Geschmackssache. -- Für
-mich wird sie stets der Höhepunkt leidenschaftlicher Bewunderung und
-Verehrung sein ... Du hast oft über die schwärmerische und
-schrullenhafte Ansicht gelacht, Mama, -- geändert habe ich sie trotzdem
-nicht. Ich will in dem Mann, welchen ich liebe und welchem ich angehöre,
-_mehr_ sehen, wie einen Durchschnittsmenschen -- er soll das Ideal
-verkörpern, welches mein Patriotismus, mein stolzer, begeisterter Sinn
-sich geschaffen. -- Das kann der Graf von Hohen-Esp nicht, denn es ist
-nichts in seinem Wesen und Handeln, was mein Herz höher schlagen, was es
-in scheuem Staunen erzittern und in jauchzender Bewunderung erglühen
-läßt! -- Sein Name, sein Geld, sein hübsches Gesicht existieren für mich
-nicht, denn sie machen mir nicht den mindesten Eindruck. Darum bitte ich
-dich von Herzen, Mama, nähre keine falschen Hoffnungen, die Enttäuschung
-würde zu bitter sein.« --
-
-Seufzend neigte die Baronin das Haupt und schwieg; jetzt aber, als sie
-von der Tochter Abschied nahm und die schlanke, graziöse Mädchengestalt
-in die Arme schloß, da blickte sie noch einmal mit flehendem Blick in
-ihre Augen und sagte nur leise: »Wie würde ich so glücklich sein,
-Gabriele!«
-
-»Das glaube ich nicht, Herzens-Mama! Eine Mutter, die ihr Kind wahrhaft
-lieb hat, ist niemals glücklich, wenn sie dasselbe unglücklich sieht!«
-
--- Das war leider Gottes eine Wahrheit, gegen welche sich nicht streiten
-ließ, und so sah Frau von Sprendlingen ihre Tochter in der Überzeugung
-scheiden, daß Gabriele tatsächlich entschlossen war, eine glänzende
-Zukunft ihrer Gefühlsseligkeit und Phantasterei zu opfern.
-
- * * * * *
-
-Es war ein regnerischer Frühlingstag.
-
-Der Himmel verschwamm in grauen Dunstmassen, müdes Dämmerlicht lag über
-den knospenden Wäldern, durch welche Gabriele der Burg Hohen-Esp
-entgegenfuhr, und nur hie und da strich ein seufzender Windhauch daher,
-die schweren Regentropfen gegen die Wagenfenster zu werfen.
-
-Von der See sah man nichts, der Nebel hatte sie verschlungen, und als
-Hohen-Esp mit seinen dunklen, uralten, epheuumsponnenen Gemäuern aus
-den Wipfeln auftauchte, machte es einen noch melancholischeren und
-öderen Eindruck als sonst.
-
-Der stumpfe Turm, der eckige Quaderbau mit den kleinen, unregelmäßigen
-Fenstern, der schilfbewachsene Wallgraben und die wunderliche Zugbrücke,
-welche immer noch zu dem grauen, mit Türmchen flankierten Tor aufgezogen
-werden konnte, machten den Eindruck eines verräucherten Spuknestes,
-einer echten, rechten Bärenhöhle, bei deren Anblick man sich eines
-leichten Grauens nicht erwehren kann.
-
-Sehr günstig war der erste Eindruck, welchen Gabriele von dem Stammsitz
-der Hohen-Esp erhielt, nicht, aber das junge Mädchen war so weit
-entfernt von aller kindischen Furcht und Voreingenommenheit, daß sie,
-interessiert und von der Eigenartigkeit dieses Schlosses gefesselt, um
-sich blickte, als der Wagen langsam in den engen Burghof einfuhr. Da
-standen wie zwei gewaltige, unheimliche Wächter, gleich rechts und links
-vor dem Tor, die steinernen Bären, welche mit der einen Pranke das
-Wappenschild, mit der anderen eine Fackel emporhielten, in welcher
-abends eine rotleuchtende Laterne brannte.
-
-Die alten Gesellen sind von grünlicher Moosschicht überzogen, ebenso
-verwittert und alt, wie die anderen Bären, welche auf den Sockeln der
-Freitreppe stehen.
-
-Eine gewölbte, ziemlich niedere Pforte mit schweren Eisenbeschlägen
-führt in das Innere der Burg; über ihr prangt, abermals zwischen zwei
-liegenden Bären, das Wappen.
-
-Die steingemeißelten Verzierungen, welche sich in schmalen Feldern unter
-den Fenstern hinziehen, zeigen ebenfalls Bärenköpfe, und wohin Gabriele
-im ersten Augenblick schaut, blickt sie auf grimmig geöffnete Rachen,
-drohend erhobene Pranken oder in zornmutige Bärenaugen, welche trotz
-Alter und Verstaubtheit wunderbar lebendig auf sie herabstarren. Und im
-ersten Augenblick erscheint ihr auch die hohe, markige Frauengestalt,
-welche ihr in der Pforte entgegentritt, mehr bärenhaft wie menschlich.
-
-Das dunkle Trauergewand, welches an der imponierenden Figur in vollen
-Falten herniederfällt, der breite, schwarze Pelzkragen um die Schultern,
-welchen Gundula des kalten Wetters wegen umgelegt, lassen die Gräfin von
-Hohen-Esp noch gewaltiger erscheinen wie sonst.
-
-Sie tritt der Ankommenden entgegen und bietet ihr mit herzlichem
-Willkommen die schlanke, weiße Hand zum Gruß, und unter den silbernen
-Scheiteln und der klaren, hohen Stirn leuchten Gabrielen ein paar so
-schöne, edelblickende Augen entgegen, daß sie das Empfinden hat, als
-ströme es unter diesem Blick ganz seltsam warm zu ihrem Herzen.
-
-Sie küßt die Hand der Gräfin, sie dankt für das gütige Wohlwollen,
-welches sie hierherkommen hieß, -- und Gundula schaut einen Augenblick
-tief und ernst in das Antlitz des jungen Mädchens, nickt freundlich und
-drückt die kleine Hand kräftig in der ihren.
-
-»Gebe Gott, daß wir einander liebgewinnen und daß Sie gerne bei uns
-weilen!« sagt sie schlicht, wendet sich an den alten Diener und gibt
-Befehl, das Gepäck in das Zimmer des gnädigen Fräuleins zu schaffen.
-
-»Ich führe Sie, liebe Gabriele! Wenn es Ihnen recht ist, schlafen Sie in
-meiner Nähe, denn anfänglich wird es Ihnen ungewohnt und unheimlich
-genug bei uns sein!« Sie schreitet nach der eng gewundenen, tief
-dunkelgebräunten Holztreppe und legt die Hand auf einen der Bärenköpfe,
-welche die Schnitzerei zeigt ... »Fürchten Sie sich nicht vor diesen
-zottigen Burschen, welche Ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnen! Sie
-sind unsere lieben Freunde, sie gehören zu uns und in dieses Haus wie
-gute Schutzgeister, welche man nicht vertreiben darf. Fürchten Sie sich
-vor Bären?«
-
-Gabriele lächelt.
-
-»Nicht im mindesten, Frau Gräfin! Ich bin überzeugt, daß dieselben auch
-mich bald als Freundin dieses Hauses erkennen und beschützen werden.«
-
-»Hier ist Ihr Zimmer, ein Turmstübchen, so klein und niedrig, wie es
-unsere Altvordern gemütlich fanden. Der Blick ist schön, -- Sie sehen
-aus dem Fenster Wald und See, und wenn Ihr Herzchen nicht allzusehr an
-der bunten Welt und ihrem Leben und Treiben hängt, wird Ihnen diese
-stille Poesie sicher gefallen.«
-
-»Ich wußte, daß Sie mich erwartet, Frau Gräfin, und bin gern gekommen.
-Wenn man die Welt durch Tränen ansieht, tun ihre grellen Farben dem Auge
-weh.«
-
-Wieder blickt Gundula in das ernste, sinnende Antlitz der Sprecherin,
-sie legt die Hand auf ihre Schulter.
-
-»Weh und Leid haben Ihr junges Herz krank gemacht, -- gebe Gott, daß es
-hier gesunde! -- -- Bescheiden Sie die Leute, wo Ihre Koffer aufgestellt
-werden sollen, -- rechts zur Seite hier befindet sich ein geräumiger
-Wandschrank. Packen Sie allein aus oder wünschen Sie Hilfe? Hanne steht
-zu Ihrer Verfügung.«
-
-»Ich danke, Frau Gräfin; ich bin gewohnt, mich allein zu bedienen.«
-
-Gundula nickt sehr befriedigt. »Das ist recht. Mir gefällt es gut, wenn
-ein Mädchen selbständig ist. In erster Zeit werden Sie allerdings noch
-manches erfragen müssen, bis Sie auf Hohen-Esp Bescheid wissen, -- am
-liebsten ist es mir, Gabriele, Sie wenden sich an mich, ich habe stets
-Zeit für Sie.«
-
-»Ich danke von Herzen, Frau Gräfin.«
-
-»Und jetzt lasse ich Sie allein, -- Sie werden eine kurze Zeit der Ruhe
-bedürfen. In zwei Stunden erwarte ich Sie zum Essen. Wir sind vorläufig
-allein im Hause, mein Sohn mußte für kurze Zeit nach Walsleben fahren.
-Also auf Wiedersehn, liebe Gabriele, -- Gott der Herr segne Ihren
-Eingang in dies Haus.«
-
-Die Sprecherin zieht das junge Mädchen an sich und berührt mit ernstem
-Kuß seine Stirn, dann geht sie.
-
-Wie im Traum schaut Gabriele der hohen Frauengestalt nach.
-
-Sie sieht aus wie ein schönes, ehrwürdiges Bild, welches aus dem Rahmen
-gestiegen, durch diese dämmrig stillen Räume zu schreiten. Wie paßt sie
-in dieses Haus!
-
-Fürwahr eine Bärin von Hohen-Esp.
-
-So hatte sich Gabriele sie nicht vorgestellt.
-
-Sie glaubte eine finstere, strenge, kalte Matrone vorzufinden, eine
-Herrin, welche mit weltfeindlichem Sinne hier gebietet, -- nicht aber
-diese friedliche, milde, schlichte und einfache Frau, welche bei all
-ihrer vornehmen Würde so viel herzgewinnende Güte hat.
-
-Schon auf den ersten Blick gefiel ihr »Frau Herzeleide«, und Gabriele
-empfindet es wie eine glückselige Vorahnung, daß sie diese Frau
-liebgewinnen wird wie eine Mutter.
-
-Der Sohn ist verreist!
-
-Unwillkürlich atmet sie auf.
-
-So warm es ihr bei dem Anblick der Gräfin um das Herz geworden, so
-unbehaglich wird es ihr zumute, wenn sie an den Sohn denkt. --
-
-Sie kann sich diesen schüchternen, linkischen Menschen so gar nicht in
-diesem Bärennest vergegenwärtigen!
-
-Hier in diesen Mauern weht ein Odem alter versunkener
-Ritterherrlichkeit.
-
-Hier atmet alles trotzige, kernige, stolze Urwüchsigkeit.
-
-Hier kann man sich die Bären von Hohen-Esp nur vorstellen als
-kriegerisch rauhe, kühne und wehrhafte Männer, -- nicht als verlegen
-errötende Jünglinge, welche über ihre Lackschuhe stolpern.
-
-Gabriele blickt sich sinnend um.
-
-Welch ein Stück uralter, langvergangener Zeiten umgab sie!
-
-Wie unverändert die Gesimse, Möbel und Geräte.
-
-Einfach und anspruchslos, aber traut und gemütlich.
-
-So wie Gräfin Gundulas Anblick anheimelt.
-
-Auf der dunklen Holzkonsole neben dem Bett liegt eine Bibel.
-
-Darin las wohl schon die Urahne.
-
-Die Grafen von Hohen-Esp waren seit jeher fromme, gottesfürchtige
-Leute, darum ruhte der Segen des Herrn auf ihrem Hause.
-
-Nur der Vater Guntram Kraffts, der hatte sein stilles Ahnenschloß
-verlassen und war in die verführerische, sündige Welt hinausgezogen. Da
-hatte er in dunkler, trostloser Stunde seinen Gott vergessen.
-
-Schwere, seidendurchwirkte Gardinen hängen in steifen Falten zu beiden
-Seiten des Bettes hernieder, ein geschnitzter Sessel steht an dem
-spitzen Bogenfenster; unter altmodischem Spiegel, dessen verblaßter
-Goldrahmen in seinem Mittelstück eine Bärenjagd zeigt, steht der
-Waschtisch mit der eingelassenen Zinnschüssel von seltsamer
-Reliefarbeit. Gabriele tritt an das Fenster und blickt hinaus.
-
-Der Regen rieselt an den kleinen, bleigefaßten Scheiben herab und
-trommelt einförmig auf dem Sims.
-
-Man sieht nicht viel -- nur den Eindruck hat man, daß man tief
-hinabblickt auf flaches Land und endlos gedehnte Waldungen. Fern im
-Hintergrund liegt wohl die See, die eintönige und einförmige See, welche
-sich so träge dehnt, sei es in blendender Sonnenhitze oder grau in grau,
-wie ein Nebelbild an regnerischem Frühlingstage.
-
-Gleichgültig wendet sich Gabriele von ihrem Anblick ab und kniet vor dem
-Koffer nieder, um das Auspacken zu beginnen. Sie ist stets im Leben
-pünktlich gewesen und will bis zur Essensstunde fertig sein, um alsdann
-ihre Dienste der Gräfin widmen zu können.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XIX.
-
-
-Das schlechte Wetter hielt an und zwang die Damen, im Zimmer zu
-verweilen.
-
-Gabriele war eifrig bemüht, sich mit den Räumlichkeiten der Burg bekannt
-zu machen und der Gräfin möglichst zur Hand zu gehen. Zu ihrer
-Überraschung bemerkte sie, daß es so gut wie gar keine Arbeit für sie
-gab, denn Gundula verrichtete nach wie vor alle Obliegenheiten der
-Hausfrau und beaufsichtigte, schaltete und waltete wie sonst in Haus und
-Hof.
-
-Gabriele begleitete sie zwar auf Schritt und Tritt und bemühte sich,
-hier und da kleine Handreichungen zu leisten, doch schien ihr diese
-Beschäftigung schließlich so unbedeutend, daß sie die Gräfin um Arbeit
-bat.
-
-Diese lächelte.
-
-»Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele!« sagte sie ruhig.
-»Fürerst sehen Sie sich alles an, wie ich gewohnt bin, den Tag
-einzuteilen, und falls es einmal nottut, vertreten Sie mich. -- Am
-Nachmittag ist es oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer
-Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer der Burg, welche
-wir für gewöhnlich nicht bewohnen.«
-
-Das geschah. --
-
-Den riesengroßen Schlüsselbund an der Gürteltasche, schritt Gundula mit
-ihrem jungen Gast durch die wunderlichen Gemächer, in welchen eine
-längst vergangene Zeit gleich einem Dornröschen in tiefem Zauberschlafe
-lag.
-
-Wie düster, wie still ringsum.
-
-Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, hier und da huschte
-der graue Schatten einer Maus unter altgeschnitztem Schrank oder
-silberbeschlagener Truhe hervor.
-
-Am meisten interessierten Gabriele die Ölgemälde in dem Ahnensaal, einem
-viereckigen Gemach mit niedriger, getäfelter Decke und Parkettplatten,
-welche schreitende Bären als Muster aufwiesen.
-
-Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las ernsten Blickes die
-Namen auf den kleinen Schildern, während Gundula wie in tiefen,
-schwermütigen Gedanken langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken
-zurückschaute in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des Geliebten
-diesen Saal betreten, ein überglückliches, leidenschaftlich empfindendes
-Weib, welches sich bei dem Anblick dieser alten Bilder zu all dem
-begeisterte, was sie später für ihren Sohn geschaffen, erstrebt und
-erreicht.
-
-Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen Gemälden dieselbe
-Anmerkung.
-
-Hier eine stolze, markige Männergestalt in schlichtem Wams und hohen
-Wasserstiefeln.
-
-»Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini 1522, ertrunken den
-14. März 1570.«
-
-Und hier eine schlanke, blühende Jünglingsgestalt, blondlockig, mit
-lachend hellem Blick -- eine entschiedene Ähnlichkeit mit Guntram
-Krafft.
-
-»Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um 1503.«
-
-Und dort --! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast alle Bären von
-Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste Stirn, die kühn blickenden
-Augen und die energische Hand, welche hier ein breites Schwert über ein
-Segelschiff neigt.
-
-»Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und See, geb. 1361,
-ertrunken im Kampf gegen seeräuberisch Gesindel um 1433.«
-
-Und hier noch eins -- zwei andere Bilder, mit lateinischen Inschriften,
-dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung des Spruches: »Und das Meer
-wird seine Toten wiedergeben.«
-
-Gabriele wandte sich zu der Gräfin.
-
-»Wie kommt es, daß so viele Grafen ertrunken sind?« fragte sie leise,
-»mir deucht es seltsam, daß ein derart seltener Unglücksfall sich so
-merkwürdig oft in einer Familie wiederholt!«
-
-Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und nickte ihm wehmütig
-zu: »Das wundert Sie bei Männern, Gabriele, welche Schirmvögte einer
-Küste waren, die sowohl wegen ihrer gefährlichen Strömungen als auch
-wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen Wäldern hier hausten,
-allgemein gefürchtet und verrufen war? Die Bären von Hohen-Esp haben
-aufgeräumt mit dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser und
-zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem schiffbrüchigen
-Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe gekommen! Und wie gar mancher brave
-Soldat seine Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp
-ihr Leben im Dienst für Fürst und Vaterland, für Recht und Pflicht
-gelassen! -- Sehen Sie dort ... und dort ... und da drüben ... und an
-jener Seite dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere
-gestorben, Väter und Söhne, von den ältesten Tagen -- bis in die heutige
-Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht, dessen schönster Ehrenschmuck
-jenes schwarze Kreuz über dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der
-Spruch des Herrn war: >Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!<« --
-
-Gundula schwieg, es war still und dämmerig, und Wulffhardts lachende
-Augen hafteten in beinahe unheimlicher Lebendigkeit auf Gabrieles
-Antlitz.
-
-Dem jungen Mädchen war es plötzlich so feierlich, als stünde es in der
-Kirche.
-
-Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen färbten sich höher, und
-ihr Herz, welches seit jeher so begeistert für Mannesmut und Heldentum
-geschlagen, hämmerte in ihrer Brust.
-
-Und während Gundula an das Fenster trat, um es für kurze Zeit zu öffnen,
-stand sie und blickte wie im Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz
-empor.
-
-Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein! da war dennoch keine
-Ähnlichkeit!
-
-Hier der kühne, mutige Blick mit den blitzenden Augen und der stolzen
-Haltung -- er hatte nichts gemein mit dem schüchternen, errötenden
-Nachkommen, welcher nichts ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich
-hinter dem Ofen sitzt und erntet, was die Mutter gesät!
-
-Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn, wendet sich
-hastig und folgt der Gräfin, welche ihr zu der Waffenhalle
-vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen Tür zwei wirkliche, echte
-Bären, ausgestopft, staubig und mottenzerfressen, aber dennoch durch
-ihren Anblick Grausen erregend, die Wache halten.
-
- * * * * *
-
-Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Gräfin lieber, und auch Gundulas Herz
-schlug immer wärmer und zärtlicher für das anmutige Mädchen, an welches
-sich ihre liebsten und geheimsten Zukunftspläne knüpften.
-
-Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause führte die Menschen
-schneller zusammen und gestaltete auch das Verhältnis zwischen Gundula
-und ihrem jungen Gast von Stunde zu Stunde inniger.
-
-Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswürdige Wesen des Fräulein von
-Sprendlingen war der alternden Frau sehr sympathisch, die große
-Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Bestreben, sich nützlich zu machen und
-fleißig zu sein, sowie ihre anmutige Schönheit gewannen ihr vollends ihr
-Herz.
-
-Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an welchem Guntram Krafft
-heimkehren wollte, und nun verschob er diesen Zeitpunkt bereits zum
-drittenmal und deutete an, daß er fürerst überhaupt noch nicht an die
-Heimreise denke.
-
-Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem Frühlingswetter das
-Feld geräumt, und Gabriele schritt zum erstenmal an der Seite der Gräfin
-in den Park hinab.
-
-Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gruß entgegen, starrte
-einen Augenblick wie gebannt in das reizende Mädchengesicht, dessen
-Anblick ihm so überraschend wurde und in dieser kalten Welt doppelt
-wohltat, und meldete der Gräfin mit etwas unsicherer Stimme, daß das
-neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft habe, nach Walsleben
-nachgeschickt werden solle.
-
-»Das ist ein Unsinn, lieber Möller! Ich hoffe, daß mein Sohn dieser Tage
-zurückkommt, und will auf alle Fälle erst noch einmal schreiben, ehe dem
-Tier der unbequeme Transport zugemutet wird!«
-
-»Befehl, Frau Gräfin!«
-
-Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll harmlosen Staunens
-zu der Burgherrin auf.
-
-»Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, daß er sich sogar das Pferd
-nachkommen lassen will! Er sagte mir doch in der Residenz, daß der
-einzige Sport, welchen er eventuell gern ausübe, das Rudern sei?«
-
-Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als höre und
-verstehe sie nicht recht.
-
-»Mein Sohn _sagte_ Ihnen ...« wiederholte sie langsam, »ja, um alles in
-der Welt, _kennen_ Sie ihn denn, Gabriele?«
-
-Gabrieles große Augen blickten ebenso erstaunt wie die der Gräfin.
-
-»Ja, gewiß! Ich lernte den Grafen in der Residenz auf einem Hofball
-kennen und nahm an, daß ich es seiner gütigen Fürsprache verdankte, hier
-im Hause aufgenommen zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen nicht
-erfahren?« --
-
-Gundula schüttelte langsam den Kopf. »Kein Wort hat er mir davon gesagt
-... und er sah doch sogar Ihr Bild, Gabriele!«
-
-Das junge Mädchen schritt ruhig an der Seite der Sprecherin weiter. »O,
-so hat er mich wohl gar nicht wiedererkannt! Er hat so unendlich viele
-fremde Gesichter zu sehen bekommen und so viele Namen gehört, daß es nur
-ganz natürlich ist, wenn er die einzelnen nicht im Gedächtnis behielt!«
-
-Gundulas Augen bekamen plötzlich einen auffallenden Glanz.
-
-»Aber er tanzte mit Ihnen?«
-
-»Doch nicht, Frau Gräfin. Der Graf kam sehr spät zu mir, da waren meine
-Tänze vergeben!«
-
-»So bat er wenigstens um einen?«
-
-»Er war so höflich!«
-
-Ruhig und gleichmütig wie stets klang ihre Stimme.
-
-»Und holte sich keine Extratour?«
-
-»Auch dabei waltete ein Mißgeschick. Gerade als wir tanzen wollten,
-schwieg die Musik.«
-
-»Ach, das hat er gewiß sehr bedauert. Plauderten Sie nicht zur
-Entschädigung zusammen?«
-
-»Bei Tisch, gnädigste Gräfin. Ihr Herr Sohn saß neben mir. Sehr viel
-sprachen wir aber nicht, und was wir sprachen, weiß ich nur noch dem
-Sinne nach. Wir waren verschiedener Ansicht, -- der Graf liebte das
-Meer, ich nicht. Sehr liebenswürdig erschien ich ihm sicherlich nicht,
-wenn er überhaupt meinen Worten Wert beilegte, was ich bezweifle.«
-
-»Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?«
-
-»Nein, nur die verheirateten Herrschaften!«
-
-»So wählte Guntram Krafft selber den Platz an Ihrer Seite?«
-
-Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um die Unterhaltung
-fortzuführen.
-
-»Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, und da ich ihm
-zufällig schon bekannt war, so dachte er wohl ...«
-
-»Sie waren ihm schon bekannt?«
-
-»Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem Schlitten auf der
-Straße der Residenz erlitt. Der Graf kam mir zu Hilfe, richtete den
-Schlitten auf und sammelte mich aus dem Schnee empor!« -- Gabriele
-lächelte.
-
-»Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er sich in der Eile
-nicht vor und erfuhr auch meinen Namen nicht!«
-
-»Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?«
-
-»Einmal saß mir der Graf noch im Theater gegenüber, doch lernten wir uns
-dort nicht kennen.«
-
-Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, und Gabriele
-erzählte von dem Leben und Treiben in der Residenz. Sie kannte so viele
-Menschen, für welche sich die Gräfin noch lebhaft interessierte, und so
-legten die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung zurück.
-
-In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen Augen schlaflos
-in den Kissen. Ihre Wangen brannten in heißem Rot, und ihre Lippen
-lächelten.
-
-Eine außerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen Frau bemächtigt,
-seit sie durch Gabriele erfahren, daß Guntram Krafft sie bereits kannte.
-
-Da war es, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren Augen zerrissen sei.
-
-Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, welche mit dem
-jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, -- sie rief sich
-sein Benehmen in das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür
-gefunden.
-
-Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mädchen
-verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung
-bei dem Anblick ihres Bildes.
-
-Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich
-liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene
-Mann für eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser
-Verwirrung die Flucht.
-
-Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mädchens willen verließ,
-so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um
-ein Wiedersehen zu vermeiden.
-
-Die Gräfin lächelte.
-
-Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchführen
-ließe!
-
-Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen -- er flieht
-aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verändertes Wesen seit
-der Heimkehr, bestätigten diese Ansicht.
-
-Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, daß die Mutter selber
-die Geliebte des Sohnes unter sein Dach führt!
-
-Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre tatsächlich von
-Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wäre
-das junge Mädchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp
-gekommen. Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram Krafft
-gesprochen.
-
-Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind
-echt.
-
-Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und
-sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen knüpfen, hat sie dasselbe mit
-dem argwöhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das
-Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die große
-Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff
-erscheinen ließ, schätzte die Gräfin als eine Garantie dafür, daß sie
-nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird.
-
-Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu
-beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, daß sie ihm wohl nicht
-liebenswürdig erschien, weil sie absprechend über Meer und Strand
-geurteilt, so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt vor
-dieser Offenheit.
-
-Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern
-zu bleiben, und mit Vernunftsgründen richtet man bei verliebten Leuten
-nichts aus; also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den
-Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.
-
-Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffällig
-beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens
-heimlichste Gedanken zu erforschen.
-
-Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre Gabriele nicht für ihren
-Liebling bestimmt, so würde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer
-Weise hierher in die Einsamkeit geführt haben.
-
-Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin ein, und als sie
-früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an
-Guntram Krafft.
-
-Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß sie die Nacht
-meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden
-Augenblick etwas zustoßen könne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes
-sei ihr ungewöhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke
-nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen
-Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den
-Sohn nicht ersetzen könne. Außerdem sei der alte Klaaden einige Male
-dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei
-seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. -- Und zum
-Schluß bat sie den Sohn, unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er
-sie nicht noch kränker machen wolle!
-
-Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas sonst so herbe und
-ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch
-einen reitenden Boten sogleich besorgen ließ.
-
-Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch an demselben Tage
-eintreffen werde. --
-
-Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, und darum klagte sie
-auch Gabriele, daß sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend
-fühle.
-
-Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemühte
-sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula,
-welch ein weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten
-Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von
-Herzen.
-
-Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verständnis und
-Umsicht Fräulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer
-Hausfrau übernahm und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte.
-
-Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, bleichen Antlitz
-der »Frau Herzeleide«, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren
-brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück,
-welches sicher kommen mußte, -- sicher und bald, das fühlte sie.
-
- * * * * *
-
-Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah sie eine dunkel
-gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen
-empfing und mit bescheidenem Dank und Gruß davonschritt.
-
-»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele die Mamsell.
-
-»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher
-bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen von dem Wrack der >Sophie
-Johanne< ertrunken ist.«
-
-Ertrunken!
-
-Gabriele sah plötzlich die Bilder aus dem Ahnensaal vor sich, unter
-denen neben schwarzem Kreuz dieses Wort geschrieben stand.
-
-»Es ertrinken wohl viele Männer hier?« fragte sie nachdenklich.
-
-Die Alte nickte laut seufzend. »Daß Gott erbarm! Ach, gnädiges Fräulein,
-es ist ein gar saures Stückchen Brot, welches die Fischer und Seeleute
-essen, und trägt wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.«
-
-»Ich habe gar nicht gedacht, daß es so sehr gefährlich ist, auf dem
-Wasser zu fahren!«
-
-»Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht recht vorstellen!
-Wenn man die See aber einmal recht bös und grob gesehen und den Sturm
-aus Nordost pfeifen hörte, dann begreift man's.« --
-
-»Kommt das oft vor?«
-
-»Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, daß es gerade jetzt, wo der Graf
-abwesend war, nicht arg geweht hat!«
-
-»Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da ist doch keine
-Gefahr für ihn!«
-
-Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, aber die
-Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte eifrig die Kartoffeln für den
-Schweinetrog.
-
-»Für ihn nicht, bewahre! Aber für die Seefahrer! Und wenn was passiert
-wäre -- meinte noch gestern der alte Klaaden -- so hätten sie mit den
-neuen Apparaten doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen können!«
-
-»Ah -- der Graf unterweist sie darin?«
-
-»Wer anders denn er! -- Ja, wenn der junge Herr nicht wäre, gnädiges
-Fräulein!«
-
-Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und kein so gewaltiges
-Verdienst darin, die Fischer ein wenig anzuleiten, aber sie nickte
-zustimmend und schritt weiter nach dem kleinen Küchengarten, welcher im
-hellen Sonnenschein seine jungen Kräutlein und frischerschlossenen
-Kirschblüten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen See glänzen,
-so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf vier Wochen lang
-gelegen, und sie schüttelte gedankenvoll den Kopf und begriff es nicht,
-daß dies glatte Wasser so gefährlich und unheimlich sein sollte.
-
- * * * * *
-
-Da es in dem großen, hallenartigen Speisezimmer noch kalt war, brannte
-ein loderndes Kaminfeuer, und Gräfin Gundula hatte ihren Sessel nahe
-hinzurücken lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad.
-
-»Ich kann es nicht ertragen, die Hände so müßig zu falten!« antwortete
-sie auf Gabrieles besorgte Bitte, heute ruhig zu bleiben, und als das
-Rad fröhlich schnurrte und der Faden lief, ließ das junge Mädchen die
-feine Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu.
-
-»Wie schön! Wie poetisch das ist! O, das möchte ich auch lernen, Frau
-Gräfin!«
-
-»Gewiß, liebe Gabriele, meine Mägde spinnen alle und können Ihnen
-sogleich ein Rad leihen! Ich bin so sehr für das eigengesponnene Leinen!
-Es ist derb und hält bedeutend länger als gekauftes Gewebe, namentlich
-in der Küche und für das Gesinde ist es durchaus praktisch!«
-
-»So darf ich mir ein Rad holen?«
-
-»Selbstverständlich; ich unterweise Sie gern!«
-
-Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit ein Spinnrad herzu.
-
-»Dieses >Radeln< ist mir lieber, wie das moderne,« scherzte die Gräfin;
-»wir sind hier gut hundert Jahre zurück gegen die neumodische Welt!«
-
-»Das ist schön, darum wohnt hier noch die Poesie in all ihrer
-unverfälschten Schönheit!«
-
-»Sie lieben dieselbe?«
-
-»Über alles. Mama neckte mich oft, daß es für mich besser gewesen wäre,
-zu eines König Artus' Zeiten zu leben. Ich begeistere mich so sehr für
-alles Ritterliche, Edle, Kühne und Herrliche -- und gerade daran ist
-unsere prosaische Zeit so arm.«
-
-»Nicht arm, Gabriele, -- es tritt nur nicht so auffällig hervor wie
-ehemals.«
-
-»Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?«
-
-»Gewiß! Sie ziehen nur nicht mehr in glänzender Rüstung durch das Land
-und suchen Frau Aventure im Busch.«
-
-»Unsere Männer und Jünglinge ziehen in den Krieg und werden
-totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins Gesicht schauen konnten; das
-ist kein heldenhafter Kampf, sondern nur Disziplin und müde Resignation,
-welche auf Kommando stirbt!«
-
-»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue
-Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die
-höchste und heiligste Tugend des Soldaten!«
-
-»Das wohl, -- aber mir deucht, dieses kühne Aug' in Auge mit dem Feind,
-dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das
-findet sich im kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche
-eine schneidige Attacke reitet!« --
-
-»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler Schanze -- die
-Spichererhöhe im Sturme genommen?« --
-
-»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schöne und glänzende
-Soldatentat an, aber man hat als Mädchen keine rechte Vorstellung
-von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des
-Heldentums aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in
-der großen Menge mitgekämpft, man hätte nicht die kühne, heldenhafte
-Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe
-bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich tue unseren
-modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber
-einem Mädchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas
-eigenwillig bildet. Ich möchte einen Helden _sehen_, seine tollkühne
-Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem
-waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor
-unsern Blicken herausfordert und überwindet!«
-
-Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über dieses Thema
-vielleicht auch mit meinem Sohn?«
-
-»Ich glaube ja. -- Möglicherweise verargte er es mir.«
-
-Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und hob lauschend das
-Haupt.
-
-Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte.
-
-Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe
-und Spannung erlöst, auf und sagte leise:
-
-»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!«
-
-Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, um hinauszublicken.
-
-»Ja, es ist der Graf!« -- rief sie der Burgfrau zu, und ihre Stimme
-klang nicht um einen Hauch erregter wie sonst.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XX.
-
-
-Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter und Sohn nicht
-stören, und da bereits der schwere, spornklirrende Schritt Guntram
-Kraffts auf den Steinstufen der Vortreppe ertönte und sie die Tür der
-Halle nicht mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen zu
-werden, blieb sie an dem Fenster stehen und blickte mit nicht gerade
-sympathischen Empfindungen dem jungen Mann entgegen.
-
-Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier gelebt!
-
-Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten und das gemütliche
-Zusammensein beeinträchtigen.
-
-Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fügen, welchen der Verkehr mit
-einem jungen Herrn mit sich bringt, wenn ihr der Bär von Hohen-Esp nur
-nicht mit dem anbetenden Entzücken begegnet, wie in der Residenz!
-
-Das würde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt hier unmöglich machen,
-und doch tät es ihr leid, von der Gräfin und der Burg hier zu scheiden.
-
-Die Gräfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das alte Bärennest ist
-just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes Gemüt einen hohen Reiz
-ausübt!
-
-Guntram Krafft als Freund -- wie schön wäre das! -- Als Bewerber um ihre
-Gunst und Liebe -- wie unerträglich! --
-
-Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander und blickt der
-hohen Männergestalt entgegen, welche voll ungestümer Hast über die
-Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt.
-
-Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas
-wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem
-heißgeröteten Antlitz liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher
-bei dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe
-leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht.
-
-»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?«
-
-Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über den Sessel und
-schlingt die Arme um die Gräfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr
-Zerbrechliches anfaßt.
-
-Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine Lippen, streicht über
-sein Haar und sagt innig: »Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg
-dahergejagt? Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!«
-
-Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die
-seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf.
-
-»Was fehlt dir, Mutter? -- Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es
-etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?«
-
-Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr
-allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen
-die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die
-Sprecherin wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... wo stecken
-Sie? -- Sind Sie noch im Zimmer?«
-
-Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne Bild vor dem
-lodernden Kaminfeuer geschaut. -- Ja, ein schönes Bild, und eine
-gerechtfertigte Angst und Sorge -- und doch schien sie Gabriele nicht
-männlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie in
-Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttersöhnchen,
-welches nach wie vor an der Schürze der Mutter hängt?
-
-Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, aber welch anderer
-Charakter und Mut trotzt auf dem lachenden Gesicht jenes Vorfahren!
-
-Jetzt, als die Gräfin ihren Namen ruft, schrickt er empor, erhebt sich
-und weicht jäh zurück. Nun wird er sie wieder anstarren, verlegen
-lächeln und erröten, wie damals in der Residenz.
-
-Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht dem Grafen sehr
-gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, aber doch sehr förmlich und
-kühl: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie
-gönnen mir ein Plätzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!«
-
-Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig überrascht, daß Guntram
-Krafft nicht mit entzücktem Lächeln quittiert. Der aber berührt kaum
-ihre Hand in flüchtigem Gruß, verneigt sich sehr tief, ohne sie
-anzusehen und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch nie
-vernommen: »Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie den
-Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit zu kommen und meiner teuren
-Mutter Gesellschaft zu leisten. Möchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu
-eintönig erscheinen!«
-
-Und dann küßt er die Hand der Gräfin und bittet: »Gestatte, Mama, daß
-ich mich umkleide, der Ritt war eilig und der Weg grundlos! In kürzester
-Zeit stehe ich wieder zu deiner Verfügung!«
-
-»Selbstverständlich, Guntram! Wir warten mit dem Abendbrot auf dich!«
-
-Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend vor den Damen und
-schreitet durch die Halle zurück.
-
-Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine Veränderung ist in der
-äußeren Erscheinung des Grafen vor sich gegangen! Wie stattlich und
-markig sah er in diesem etwas verwilderten Reitkostüm aus, so ganz
-anders, wie in dem hocheleganten, gräßlichen Frack und den Lackschuhen,
-welche so geborgt und ungehörig an ihm aussahen. Gewiß wird er sich
-jetzt wieder als Dandy zurechtmachen und als sehr schicker, moderner
-Jüngling wiederkehren. --
-
-Schade darum! --
-
-Währenddessen stürmte Guntram Krafft die gewundene Holzstiege empor,
-nach seinen Zimmern.
-
-Er stieß ungestüm ein Fenster auf und atmete wie ein Erstickender die
-kühle Abendluft.
-
-Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, gefürchtete
-Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele war überwunden, aber ihm deuchte
-es, als müßte dasselbe sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben.
-Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ihre Hand halten, mit
-höflichen Worten zu ihr sprechen könne.
-
-Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwäche, oder der wilden,
-leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen dieselbe revoltierte.
-
-Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu können, und hatte doch ruhig
-und ernst vor ihr gestanden und zu ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu
-zucken.
-
-Wie war das möglich gewesen?
-
-Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so freundlich gelassen
-entgegenkam.
-
-Da zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn: »Du Narr! Warum erregst du
-dich? Warum fürchtest du es, ihr in die Augen zu sehen? Hast du es nicht
-auch in der Residenz getan? Und was ist seit jener Zeit anders
-geworden?«
-
-Nichts!
-
-Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche Thea an ihr
-begangen!
-
-Sie läßt es sich nicht träumen, daß der kleine Zettel, auf welchem sie
-sich so grausam für ewige Zeit von dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper
-lossagt, wie fressend Gift auf seiner Brust liegt!
-
-Sie weiß es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen erduldet, wie
-es tropfenweise verblutet ist an dem ersten, großen, namenlos bitteren
-Leid, welches es erfahren.
-
-Nein, davon ahnt und weiß sie nichts!
-
-Guntram Krafft reckt sich plötzlich empor und drückt die Hände gegen die
-Brust, als sei ein eiserner Panzer, welcher sie eingepreßt, jählings
-zersprungen.
-
-Er atmet hoch auf, -- er wirft das Haupt in den Nacken und schließt
-momentan die Augen.
-
-Daß er sich darüber nicht schon früher klar geworden ist!
-
-Gabriele kam völlig ahnungslos und harmlos hierher, er braucht weder ihr
-Mitleid noch ihren Spott zu fürchten.
-
-Weiß sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie geliebt?
-
-Nein! --
-
-Weiß sie, daß er um ihretwillen die Residenz verließ, wie in wilder
-Flucht?
-
-Nein! --
-
-Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines Menschen Seele
-wird es je erfahren. Was fürchtet er?
-
-Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, fliehen?
-
-Das Vergangene ist überwunden.
-
-Daß Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, weiß er, und daß er
-viel zu stolz ist, um die Liebe als Almosen zu erbetteln, das weiß er
-auch.
-
-»Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz --«
-
-Heißt es nicht so im Gedicht?
-
-Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm hergehen, warum soll er
-künftighin noch mehr in ihr sehen, denn solch eine stille, freundliche,
-gleichmütige Schwester?
-
-Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert und gewonnen
-hat, -- um der armen, einsamen Mutter willen, muß er sich in das
-Unvermeidliche fügen.
-
-Der Bär von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem Fenster und blickt über
-die blühenden Obstbaumzweige hinweg, über die dunklen, schweigenden
-Wälder hinaus. Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glänzt ein Streifen
-der See im silbernen Mondlicht! --
-
-Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen Tagen von Walsleben
-nach ihrem Anblick gesehnt!
-
-Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme nach dem
-funkelnden Silberstreif aus.
-
-»Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergründliche See! Dir
-habe ich Treue gelobt, und dir halte ich sie! Auf deinem geheimnisvollen
-Grunde wohnen Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen,
-wundersamen Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit liebeskranken
-Menschenherzen und nehmen sie in die weißen Arme und betten sie drunten
-zu ewiger Ruhe, wenn ihnen das Leben zu schwer und unerträglich wird! --
-Dich will ich lieben, du blaue See -- und du wirst den ruhm- und
-tatenlosen Mann von dir weisen!«
-
--- Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem Blick das Haupt,
-entzündete eine Kerze und warf bei ihrem Flackerlicht die bespritzten
-Kleider von sich.
-
-Sein Blick streifte die eleganten Anzüge, welche er aus der Welt draußen
-mit heimbrachte. Soll er sie jetzt wieder zu Ehren kommen lassen?
-
-Ein beinahe rauhes Lachen.
-
-Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn mehr daran erinnern.
-
-Kam das Fräulein von Sprendlingen in die Bärenhöhle, je nun, so mag sie
-sich auch mit dem bärenhaften Anblick ihres Bewohners abfinden!
-
-Und er nimmt die schlichte Düffeljoppe und wirft sie über.
-
-Der Bär von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet sein zottiger Pelz den
-Tand nicht mehr, welchen man ihm in der Fremde um die Schultern gehängt!
---
-
- * * * * *
-
-Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm möglich ist, so
-ruhig und gleichmütig mit Gabriele zu verkehren.
-
-Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur während der
-Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie anzusehen, und antwortet
-ernst und zurückhaltend auf all das, was sie ihn freundlich und
-unbefangen fragt.
-
-Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll staunender
-Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche in der derben und
-praktischen Kleidung so ganz anders aussieht, so viel sicherer und
-selbstbewußter einherschreitet, wie dermalen auf dem Parkett.
-
-Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge Mädchen aufatmet,
-als sie seine Ruhe und Gelassenheit, die große Gleichgültigkeit im
-Verkehr mit ihr wahrnimmt.
-
-Diese Veränderung deucht ihr eine Wohltat und macht sie fröhlicher und
-zutraulicher gegen ihn.
-
-Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespräch zu ziehen, sie spricht
-selber lebhafter und heiterer wie zuvor, und wenn sein Blick sie hier
-und da flüchtig streift, so sieht er ihr sonniges Lächeln und die
-strahlenden Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf ihm
-ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, aber doch lange nicht
-mehr so kalt und abweisend blicken wie damals.
-
-Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert es ihm doppelt, seine
-unnatürliche Ruhe an ihrer Seite zu wahren.
-
-Er hält sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf und weilt nur so kurze
-Zeit wie möglich bei den Damen.
-
-Gottlob hat sich die Gräfin schnell erholt, und es deucht Guntram
-Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes Antlitz habe
-das Lächeln gelernt, und in ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm,
-wie nie zuvor.
-
-Gabriele kehrt aus dem Garten zurück und schreitet über den Hof.
-
-Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen und eifrig an ganz
-seltsamen und lederartigen Kleidern hantieren.
-
-Der Alte lächelte sie beinahe zärtlich an, denn die anmutige Schönheit
-der jungen Dame hat auch sein Herz im Sturm genommen, so wie alle in der
-Burg voll Entzücken den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen
-ausgeht.
-
-Fräulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener freundlich zu
-und tritt mit forschendem Blick näher.
-
-»Ei, was haben Sie denn da für einen wunderlichen Anzug vor, Anton?«
-lacht sie. »Bei diesem schönen Wetter wollen Sie doch nicht Ihren
-Regenrock hervorholen?«
-
-Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein wenig plaudern zu
-können.
-
-»Mein Regenrock? I bewahre, gnädiges Fräulein! Das ist ja das Ölzeug vom
-Herrn Grafen, welches ich mal wieder nachsehen und in den
-Rettungsschuppen hinabbringen soll!«
-
-»Ölzeug des Herrn Grafen?« -- Gabriele mustert überrascht den seltsamen
-Rock, die mächtigen Stiefel und den ganz eigenartigen Hut: »Zu was
-gebraucht der Graf diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?«
-
-Anton reißt die Augen weit auf: »Nun, das versteht sich! Herr Graf muß
-doch Ölzeug tragen, wenn er in Sturm und Wogenschwall hinausfährt! Bei
-den Spritzern, die es da setzt, würde er ohne diese Schutzkleidung bald
-bis auf die Haut durchnäßt sein!«
-
-»Er fährt mit hinaus? -- Auch bei schlechtem Wetter?«
-
-Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er starrt die Fragerin ebenso
-überrascht an, wie sie ihn. --
-
-»Wissen denn das gnädige Fräulein nicht, daß unser Herr Graf alle
-Rettungen und Ausfahrten immer persönlich leitet? Daß er unser kühnster
-und unerschrockenster Seefahrer ist? -- Seine Lotsen hat er sich alle
-allein herangebildet -- ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen aus
-eigenen Mitteln erbaut und ausgerüstet hat! Nun ist er sein eigener
-Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, wie man noch einen
-zweiten finden soll! Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken für die
-Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in der Not die
-Riemen führt! Wußten das gnädige Fräulein das wirklich noch nicht?«
-
-Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons Händen nieder.
-
-»Nein, -- das wußte ich nicht!« sagte sie mit leiser Stimme. »Ist solch
-eine Rettung eigentlich gefährlich? Ich kann mir das gar nicht
-vorstellen!«
-
-»Gefährlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme Riek ist das
-letztemal dabei geblieben, und seine Leiche ist bis zum heutigen Tage
-noch nicht geborgen! Haben das gnädige Fräulein denn nicht von der
-kühnen Tat des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im
-vergangenen Winter ... gehört? Wie sie die Unglückskerle von dem Wrack
-der >Sophie Johanne< geholt haben? Nein? Na, die Rettungsmedaille haben
-sie sich alle dabei verdient -- --«
-
-»Die Rettungsmedaille? -- Auch der Graf?«
-
-»Nun, _der_ doch in erster Linie!«
-
-Gabriele strich langsam mit der Hand über die Stirn: »Nein -- das wußte
-ich nicht!« murmelte sie, »aber ... ich möchte doch wohl einmal an den
-Strand gehen und das Meer wiedersehen!«
-
-»Und ob, gnädiges Fräulein! Etwas Schöneres gibt es ja auf der ganzen
-Welt nicht!«
-
- * * * * *
-
-Bei Tisch war Fräulein von Sprendlingen stiller wie sonst, -- ihr Blick
-haftete oft sinnend und forschend auf Guntram Krafft, als schaue sie ihn
-heut zum erstenmal.
-
-Die Gräfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats beschäftigt.
-
-»Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?« sagte sie plötzlich
-leichthin, »so habe, bitte, die Güte und nimm Fräulein Gabriele einmal
-mit! Denk dir, sie hat, seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal
-die See in der Nähe gesehen.«
-
-Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des Grafen.
-
-»Damit würde ich Fräulein von Sprendlingen kaum einen Dienst erweisen,
--- sie liebt das Meer nicht!«
-
-»Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie man es so schön
-finden kann!« bestätigte Gabriele harmlos. »Aber gerade darum möchte ich
-einmal wieder an den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso
-langweilig ist wie in Heringsdorf!«
-
-Gundula lachte: »Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit so gern, Gabriele!
-Wenn Sie sich nun doch einmal zu ein paar anerkennenden Worten über
-unser liebes Bernsteinmeer hinreißen lassen, so weiß ich wenigstens
-bestimmt, daß es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine höfliche
-Redensart ist!«
-
-»Ich kann Fräulein von Sprendlingen unmöglich zumuten, so lange drunten
-zu bleiben, wie ich am Schuppen zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu
-begleiten, Mutter, damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren könnt.«
---
-
-»Gut! Ich bin gern bereit!« Gundulas Blick streifte das geneigte Antlitz
-des Sohnes, und sie lächelte abermals.
-
-Es war ein außergewöhnlich milder, sonniger Frühlingstag.
-
-Kein Lüftchen regte sich.
-
-Blau -- weit ... unendlich lag die See.
-
-Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel darüber aus und
-verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, daß man kaum die zarte Linie
-unterscheiden konnte, welche Himmel und Erde trennt.
-
-Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte und schimmerte,
-und die weißen Segel der Fischerboote zogen traumhaft still durch die
-Ferne.
-
-Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten der Nahenden und über
-ihnen stiegen zwei Lerchen mit hellem Jubel in den offenen Himmel
-hinein.
-
-Die Gräfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand saß und Steine und
-Tang aus den Netzen las, angesprochen und blieb momentan neben ihr
-stehen, sich nach diesem und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram
-Krafft schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen
-Sand, über welchen in graziösen Linien der silberschaumige Saum einer
-kaum merklichen Brandung spült.
-
-Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und blickte wie verklärt in
-die sonnige Pracht hinaus, -- es lag ein weicher, beinahe kindlich
-milder Zug auf dem schönen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu
-ihm auf und fand es zum erstenmal, daß dieser Ausdruck doch nicht so
-unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal geschienen.
-
-»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach kurzem
-Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und träge, wie damals in
-Heringsdorf, und was Sie daran so schön finden, erklären Sie mir, bitte,
-Graf!«
-
-Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein Auge spiegelte,
-vertiefte sich.
-
-»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten nennen!« sagte er
-leise, »die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! -- Mir deucht,
-Sie haben sonst so viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein,
-und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und
-vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen Sie es nicht mit
-allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stücklein Gottesfrieden sich rein
-und unverfälscht hier an der See erhalten hat? -- Bekommen Sie nicht
-eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese weite -- weite
-Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu
-Häupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher
-Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von
-keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig
-weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre
-sind wie ein Tag -- -- schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefühl
-unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzückens: >Jede
-dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?<«
-
--- Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend erhoben, den Blick
-wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet.
-
-»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In
-Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.«
-
-»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, hier spricht
-nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemüt, aber gerade die --
-ich glaube es wohl -- kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten
-Welt sein Recht behauptet!«
-
--- Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu
-bieten.
-
-»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die
-Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschützt,
-ausruhen können. Darf ich dich hinführen, Mutter?«
-
-»Macht es Ihnen Freude, die >Rettungsstation< meines Sohnes zu sehen,
-Gabriele?«
-
-»Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafür.«
-
-»Dann laß uns getrost gehen, Guntram Krafft, und genaue Musterung
-halten, wir wissen ja, daß Gabriele keine Phrasen sagt!«
-
-In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, lebhafter wie zuvor
-unterhielt er die Gräfin, und schweigsamer wie sonst schritt Gabriele an
-Gundulas Seite.
-
-Der Rettungsschuppen trug äußerlich die Form einer großen, massiv
-gebauten Scheune.
-
-Zwei breite Tore gewährten den Eintritt, und unter dem spitzen Dach war
-das Wappen der Hohen-Esp unter dem roten Kreuz im weißen Felde
-eingefügt.
-
-Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des Rettungswesens waren
-der inneren Einrichtung zugute gekommen.
-
-Das Rettungsboot, eine Mischart der gebräuchlichsten Systeme, war aus
-Stahlblech gebaut und trug den Namen »Guntram Krafft« in goldenen
-Lettern.
-
-Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfähig gebauter Wagen trug es
-und diente zu dem Zweck, das Boot bequem zum Strand zu transportieren
-und es unmittelbar in das Meer zu lassen.
-
-Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch auf dem Wagen
-montiert.
-
-Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren alle erforderlichen
-Apparate und Gegenstände aufgestellt oder an Gestellen aufgehängt.
-
-Die volle Ausrüstung der bedienenden Mannschaft, welche sich aus den
-wackeren, unerschrockenen Fischern rekrutierte, und von ihrem
-selbstgewählten Kommandeur, dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die
-Rettungsgeschosse verschiedener Art, Raketen, Mörser und Handgewehre,
-Seelenretter, Korkjacken, Gürtel, Schläuche, Riemen, Schlepper, Segel
-und Loggleinen, Kompaß, Fernrohr und Handlot, Ölfaß, Eimer, Pfropfe und
-Reservedollen, Beil, Anker und Signalflaggen.
-
-Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der junge
-Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden Augen erklärte und
-beschrieb, und während sie seinen Worten lauschte, streifte ihr Blick
-sein lebhaft erregtes Antlitz, und sie begriff es nicht, daß es dasselbe
-war, welches vor wenig Augenblicken noch in träumerischem Schwärmen
-hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, welches im Ballsaal so
-weibisch schüchtern errötete und mit beinahe blöden Augen um sich
-schaute. Hier reckte und dehnte der Bär von Hohen-Esp die kraftvollen
-Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin und her, hier
-schritt er fest und selbstbewußt in den schweren Fischerstiefeln über
-einen Grund und Boden, welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe
-Bedeutung gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch zuvor gesagt, daß
-sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille verdient? Warum heftete er sie
-nicht voll Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? -- Und
-der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein königlicher Gast des Herzogs,
-bei dem er als Ordonanzoffizier Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte!
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXI.
-
-
-Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug gehalten, und wenn
-auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine
-noch recht empfindlich kühle Luft von der See herüber und machte den
-Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.
-
-Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem Abendessen
-empfohlen.
-
-Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem stillen Zimmer,
-stützte das Haupt träumend in die Hand und las nicht.
-
-Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in
-den Wald oder hinab an den Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand
-er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und kühl auf
-den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte,
-Gabriele! --
-
-Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine
-Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachließ und ihr
-heiteres, gleichmütiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.
-
-Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken
-ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches
-sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und
-Handeln, -- und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die
-Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!«
-
-Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und
-unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl
-freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe
-hernieder an sein Herz zu sinken. --
-
-Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner
-Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles
-betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer
-aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese
-Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen
-Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der
-Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens
-geworden.
-
-Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um
-seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne
-Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht
-wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das
-Kaminfeuer und sagte:
-
-»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den
-warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...«
-
-»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt
-wird.«
-
-Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete
-angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten.
-
-»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich
-dann mehr wie die Kälte. -- Am liebsten bliebe ich hier. -- Was
-unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?«
-
-Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der
-Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig
-gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält.
-
-»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in
-ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft.
-Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele
-den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.«
-
-»Spinnen? Sie lernen spinnen?«
-
-Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden,
-Gabriele aber räumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor
-ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Küche
-zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich
-umzusehen:
-
- »Ich kann stricken,
- Ich kann flicken,
- Feines Leinen
- Kann ich spinnen ...
-
-So fein, Graf, daß man fürerst noch Kettenhemden daraus schmieden kann!«
-
-Guntrams Augen leuchteten.
-
-»Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so können Sie dieselbe
-neidlos in meiner Gegenwart ausüben!« scherzte er, rückte sich einen
-kleinen Tisch herzu, breitete die Zeitungen aus und nahm in einem der
-Rittersessel davor Platz.
-
-Gabriele aber entzündete selber eine kleine Stehlampe, welche neben ihr
-auf dem Serviertisch stand, hielt sie, einen Augenblick sie stumm
-betrachtend, in der Hand und stellte sie dann vor dem Grafen nieder.
-
-Dieser dankte durch eine höfliche Verbeugung, griff schweigend nach den
-Zeitungen und schien schon im nächsten Augenblick völlig in ihre Lektüre
-vertieft.
-
-Aber er las nicht.
-
-Er starrte wie ein Träumender gedankenlos auf das Papier und gab sich
-voll und ganz dem süßen Zauber, in Gabrieles Nähe zu weilen, hin.
-
-So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen Wohllaut ihrer
-Stimme hören und voll und ganz das süße Behagen empfinden, welches ihre
-Anwesenheit dem ganzen Hause verlieh.
-
-Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequältes Herz, und ein beinahe
-wunschloses Genügen, welches nicht mehr von dem Schicksal fordert, als
-wie es freiwillig gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden
-Damen am Spinnrad zu sehen! Über Gabrieles geneigtes Köpfchen zuckte
-das rötliche Flackerlicht des Kaminbrandes, das Antlitz trug den
-Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, und die weißen Händchen
-arbeiteten, wenn auch noch unsicher und zaghaft, so doch graziös und
-anmutig, wie alle ihre Bewegungen es waren.
-
-Neigte sich Gräfin Gundula helfend und erklärend näher, so traf sie der
-Blick der hellen Nixenaugen so warm und herzlich, daß das Herz des
-Beobachters schneller schlug in dem entzückten Empfinden: »sie liebt
-deine Mutter!« -- und stand sie ihm selber auch ewig fremd und fern,
-diese Liebe zu Gräfin Gundula schlug dennoch eine Brücke zu seinem
-Herzen, welches ihn mit der Geliebten in gleichem Denken und Fühlen
-verband.
-
-Die Bärin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, dessen Flachsgewinde
-unter den Fingerchen Gabrieles etwas in Unordnung geraten war, und
-derweil flog der Blick des jungen Mädchens durch die mattbeleuchtete
-stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe vor Guntram
-Kraffts Platz, deren Fuß durch einen schreitenden Bronzebär gebildet
-wurde.
-
-Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen Kronleuchter, welcher
-von der gewölbten Decke herabhing und in Art der alten Leuchterweibchen
-gearbeitet war, nur schwebte anstatt des Frauenkörpers der Oberleib
-eines Bären in den schmiedeeisernen Ketten, und von ihm aus gingen acht
-mächtige Pranken, welche die Lichter hielten.
-
-Die Sessel, auf welchen man saß, ruhten auf geschnitzten, behaglich
-ausgestreckten Bären, welche die Füße ersetzten, -- braunzottige
-Bärenfelle lagen als weicher Teppich über den Estrich, Bären flankierten
-rechts und links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, zeigte die
-Täfelung der Wände das Bärenwappen, blickten von Schränken, Truhen und
-Geräten die Bärenköpfe mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der
-Burg herab.
-
-»Wie kommt es eigentlich, gnädigste Gräfin, daß alles und jedes in
-Hohen-Esp das Bild eines Bären zeigt?« fragte Gabriele leise und neigte
-das Köpfchen näher an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu
-stören. »Man findet in andern Schlössern auch die häufige Wiederholung
-des Familienwappens, aber so, bis auf die kleinsten Gegenstände herab,
-sah ich es noch nie angebracht, und kam mir schon früher der Gedanke,
-daß dies einen besonderen Zweck haben müßte?«
-
-Gundula schüttelte lächelnd das Haupt.
-
-»Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bären von Hohen-Esp
-gefielen sich darin, ihre Höhle zu einem wirklich originellen, echten
-Bärennest zu gestalten. Der Urahne begann damit, und Kind und
-Kindeskinder führten es weiter und schufen halb im Ernst und halb im
-Scherz diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes ersten
-Bären von Hohen-Esp stets daran erinnert sein sollten, wem sie das
-Bestehen ihres Geschlechts verdanken!«
-
-»Das Bestehen ihres Geschlechts? -- Was haben die Bären mit Ihrer
-Familie zu tun, gnädigste Gräfin, und woher kommt es, daß die Hohen-Esp
-den seltsamen Namenszusatz: die >Bären< von Hohen-Esp erhielten?«
-
-»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern unsere alte
-Familiensage, liebe Gabriele!«
-
-Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr
-eigenes Rädlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ
-mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu
-dem jungen Mädchen hinüber.
-
-»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« nickte Gabriele
-eifrig; »was könnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche
-mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! --
-Zu einem Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht die
-gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, daß die Bärensage
-dieser Burg ein Stücklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist,
-in welcher meine Gedanken so gern noch leben!« --
-
-»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch für die
-brave Bärin erwärmen kann, welche unserm Stammvater einst so große
-Dienste erwies, so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone
-dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses
-Hauses, übertragen werden.«
-
-Mit großen, forschenden Augen schaute das junge Mädchen auf, -- ihr
-Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in
-dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll
-durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:
-
-»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes
-phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken
-glaubt, -- also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen
-Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, daß die Mär
-von Romulus und Remus ihr noch völlig fremd gewesen. Ein Beweis dafür,
-wie launig der Götterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und
-Süd Flammen zündet, welche -- durch eine halbe Welt getrennt -- doch in
-geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild
-spiegeln, nur mit dem Unterschied, daß die rauhe, markige Wildheit der
-Deutschen sich die kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen
-Geschlechts wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer
-die schlanke Wölfin dazu ausersah! -- --
-
-Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in
-die dämmernde Vergangenheit zurück und setzt da ein, wo die Grafen von
-Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und
-als Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren.
-Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche
-allerorts die Lande verödete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme
-vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die
-Pest mit knöchernem Finger geklopft.
-
-Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und zwei Töchter starben
-in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte
-sein Leben aus, und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, eine
-alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am
-Leben.
-
-Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und Sorge, daß die Amme mit
-dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe
-Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten
-sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in diesem Lande.
-
-Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein ein sicher Geleit zu
-geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren,
-kam den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und starb elendiglich
-am Wege.
-
-Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren
-Tann hinein, und kaum, daß sie das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr
-eine mächtige Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken
-und brüllte aus blutigem Rachen.
-
-Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, -- sie warf das
-Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack
-gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht.
-
-Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Hütte und wagte es
-nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und
-eines Tages kam plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das
-Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.
-
-Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des
-Knappen und dem Überfall des Bären, und daß sie bei der Flucht das
-Knäblein habe aus dem Fellsack verloren.
-
-Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein rief die Fischer und
-sprach: »Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine
-Gebete für das Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen,
-erretteten sie es aus dem Rachen des Bären!«
-
-Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, das sei vor eines
-Mondes Länge geschehen und wohl kein Knöchelchen von dem jungen
-Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den
-Wald.
-
-Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hörten sie
-ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bären, und als sie durch das
-Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die
-Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte
-Knäblein, welches sie säugte.
-
-Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang
-herzu und ergriff das Kind. -- Das war lebend und gesund, stark und
-bärenkräftig, und solche Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes.
-
-Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein vor sich bringen,
-wiegte es auf den Armen und lobte Gott:
-
->Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut gesäuget hat, so wirst
-du stark und kühn werden, und man wird dich hinfort »den Bären von
-Hohen-Esp« heißen.<
-
-So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bären in das
-Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem
-Kind begeben.« --
-
-Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die fleißigen Hände
-ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zärtlichkeit nach dem Sohn
-hinüber und umfaßte seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals
-den feinen Faden aus dem Flachs und lächelte. -- »Und nun gehen Sie
-hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das
-Bärengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffällig, wie die Bärenamme
-ihm ihren Stempel aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so
-bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. -- Die eckige Stirn und die
-große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bären geerbt, vor
-allen Dingen aber das mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf
-und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen,
-die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus
-Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod
-herausfordert!«
-
-Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die Sprecherin gehabt, den
-schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie
-völlig vergessen zu haben.
-
-Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft.
-
-Auge ruhte in Auge.
-
-Wie wunderlich sah sie ihn an.
-
-So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein
-geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestümer
-Widerspruch, welcher verächtlich sagt --: »nein! du irrst, Frau Gundula!
-Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit aus der
-Bärenmilch! -- Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz
-und gar! -- Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde
-ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien!« -- Sprach
-es nicht so aus ihrem Blick? aus den großen, wundersam ernsten Augen?
-
-Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen
-Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... sein Blick ist verschleiert, er
-glaubt nicht mehr an das Glück und vermutet es nirgends.
-
-Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, er senkt finster den
-Blick und begreift es nicht, daß er soeben noch sich ihres Interesses an
-seiner Familie gefreut.
-
-Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche in Kriegszeiten sich
-den Lorbeer aus feindlichem Feuer holen, -- und nur solche Heldentaten
-imponieren dem stolzen Sinn einer Sprendlingen!
-
-Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen zusammen, steht
-auf und empfiehlt sich kurz.
-
-Die Nacht ist so schön und mondhell, -- er will mit den Fischern
-hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen.
-
-Gabriele sieht ihn erstaunt an.
-
-»Das tut man in der Nacht? -- Warum das? Ist solche Arbeit am Tage nicht
-müheloser und bequemer?«
-
-Ein herber, beinahe etwas spöttischer Zug liegt plötzlich um seine
-Lippen.
-
-»Mühelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenländer stets,
-gnädiges Fräulein, man rudert ein wenig hin und her und schöpft das
-Schiff voll Heringe und Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein -- das
-ist höchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen Einerlei!«
-
-Gräfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lächeln den Faden, welcher ihr
-gerissen, wieder zusammen, Fräulein von Sprendlingen aber sieht so
-harmlos aus, als ob sie von den Worten des Sprechers ganz überzeugt sei,
-und sagt nur nachdenklich: »Und doch ertrinken so oft die Menschen
-dabei! Ihre Fischer werden doch vorsichtig sein?«
-
-Da lacht er laut und hart auf. »Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, die
-See ist wie ein Tischtuch, sie ist so, wie Sie's nicht lieben, träge,
-ruhig und langweilig, und dann fordert sie keine Opfer!«
-
-»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte so gern eine
-bessere Meinung von ihr bekommen!«
-
-Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft
-sie.
-
-»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen
-Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt
-sie tatsächlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!«
-
-Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, -- Gundula aber
-schüttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: »Sie wissen und
-verstehen es noch nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen Sohn
-bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, und für seine braven
-Fischer ebenso! -- Warum wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe
-kürzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören?
-Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? -- Gehen
-Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, -- er
-ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches unser lieber
-Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!«
-
-Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich Guntram
-Kraffts Worte am Strand drunten ein.
-
-Wenn er sie abermals lehren möchte, mit seinen Augen zu schauen! --
-
-Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob sich. Sie war müde und
-wollte zur Ruhe gehen, man machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp.
-
- * * * * *
-
-Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und
-blickte hinaus in die stille, blütenduftige Pracht des kleinen Gartens,
-über welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie
-konnte nicht schlafen.
-
-Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe.
-
-Sie dachte zurück an jene Stunde, wo sie neben Guntram Krafft am Strande
-stand und seinen so eigenartig poetischen Worten lauschte.
-
-Gerade aus seinem Munde berührten dieselben so seltsam, weil Gabriele
-sie nicht erwartet hatte, und wenn ihr die Zartheit seines Empfindens
-zuerst auch etwas unmännlich erscheinen wollte, so ward doch dieser
-Eindruck schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens.
-
-Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll männlich erschienen als wie
-hier in seiner energischen Art des Erklärens und Zufassens, in seiner so
-schönen und frischen Begeisterung für die Sache.
-
-Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, aber sie fühlte
-instinktiv, daß es sich hier um mehr handelte, wie um einen harmlosen
-Sport.
-
-Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug des Grafen, welches
-denselben schon während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp
-so verändert erscheinen ließ.
-
-Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung paßte so gut zu ihm, sie
-machte seine Erscheinung ernst und eigenartig, sie gehörte zu dieser
-Umgebung.
-
-Ein Bär von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er muß in die Höhle passen,
-welche er bewohnt. Deucht es ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen
-verändert?
-
-Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lächeln, die linkische
-Unbeholfenheit und Unsicherheit! --
-
-Hier ist er Herr und Gebieter, -- wohl ein gütiger, freundlicher
-Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort einen festen, stolzen Klang
-hat!
-
-Das Anschmachten und entzückte Anstaunen hat er vollends verlernt.
-
-Kaum, daß er sie beachtet, ihr die notwendigste Höflichkeit erweist! --
-
-Er sucht ihre Gesellschaft nicht, -- er meidet sie eher.
-
-Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, -- es ist seine ehrliche,
-schlichte Meinung.
-
-Warum gefällt sie ihm nicht mehr?
-
-Gabriele blickt gedankenvoll in die weißglänzende Pracht der Kirschbäume
-hinab.
-
-Anfänglich war es ihr so angenehm, von ihm übersehen zu werden, -- jetzt
-grübelte sie, aus welchem Grunde es geschehen mag.
-
-Daß es so geschieht, ist gut, -- es steht ihm wohl an, er gefällt ihr in
-dieser kühlen Gelassenheit.
-
-Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als Frau Gundula von dem
-Mut und der Kühnheit der Hohen-Esp sprach?
-
-Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken?
-
-Was dachte sie doch?
-
-Sie sah ihn an -- die große, eckige Stirn unter den blonden Haarlocken,
-die herrliche, »bärenhafte« Gestalt ... und sie dachte ... warum fehlt
-gerade ihm der Mut und die wilde Kühnheit, welche die verblendete Mutter
-an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu einem Helden! --
-Warum ist er's nicht? --
-
-Er schaut drein wie Parzival, der Schildträger -- warum sitzt er ruhmlos
-daheim bei Frau Herzeleide? Verstand er diese Gedanken?
-
-Las er sie von ihrem Antlitz ab?
-
-Sein Blick ward so finster, so aufsprühend zornig, wie sie ihn noch nie
-zuvor gesehen -- und er stand auf und antwortete ihr voll spöttischen
-Trotzes auf ihre Frage ... und ging mit hallenden Schritten davon.
-
-Das war schön! -- da war Jung Parzival ein Mann! -- und sein Bild
-schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame Stunde der Nacht.
-
-Warum ging er? Warum zürnte er?
-
-Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens?
-
-Er _kann_ sie nicht wissen, -- es war ein Zufall. Horch ... drunten auf
-dem schmalen Kiesweg, welcher durch den Garten nach dem Wald führt,
-erschallen Schritte.
-
-Das junge Mädchen neigt sich unwillkürlich vor und schaut hinab.
-
-Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm am Wege, und jene
-Gestalt, welche naht ... wer ist das?
-
-So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so stolz und elastisch
-schreitet nur ein Herr unter Knechten!
-
-Es ist Guntram Krafft!
-
-Aber wie seltsam sieht er aus?
-
-Ist's ein Scherz, daß er sich so kostümiert hat, wie man es an den
-Fischern und Lotsen auf Seebildern so malerisch dargestellt sieht? Nein,
-dem Grafen Hohen-Esp war es heute gewiß nicht nach Scherzen zu Sinn! Der
-breite Südwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt seinem Antlitz einen
-eigenartig verwegenen Ausdruck, die Fischerjacke steht über der Brust
-offen, das weiße Hemd leuchtet breit hervor und fällt in weichem
-Streifen über den Halskragen hinaus.
-
-Die hohen Wasserstiefel reichen bis über die Knie empor, aber sie sehen
-nicht plump und häßlich aus, sondern geben der schlanken Gestalt etwas
-Keckes und Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint.
-
-Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab.
-
-Ja, so schaut ein Seemann aus! --
-
-Sie hat früher die Gemälde kaum beachtet, welche ein Stück Seemannsleben
-vorstellten, sie las keine Romane über Schiffervolk und Matrosen ... was
-interessierte sie, die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt!
-
-Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel, sehr viel
-versäumt.
-
-Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Gebüsches decken die
-hohe Männergestalt. Graf Guntram Krafft will mit seinen Fischern hinaus
-zum Fang fahren, er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen,
-so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz und Trutz der
-Gefährdeten.
-
-Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen können, jetzt aber ist es
-ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen in ihrem Herzen aufdämmere.
-
-Kreist vielleicht jener Tropfen wilden Bärenbluts dennoch in seinen
-Adern?
-
-Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das Haupt und blickte
-nicht empor zu ihr, und doch wußte er, daß diese Fenster ihrem Zimmer
-angehörten.
-
-Langsam wich Gabriele zurück.
-
-Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im Hauch der Nacht, und
-fernher glänzte die See wie ein silbernes Märchenland. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXII.
-
-
-»Nun wird es mit dem schönen, stillen Wetter vorbei sein!« sagte die
-Gräfin an dem Nachmittag des andern Tages: »der Wind hat aufgefrischt,
-und die See setzt kleine Kämme auf! Ich denke mir, mein Sohn wird dies
-Wetter benutzen, um mit dem neuen Segelboot hinauszugehen, er wartete
-auf eine frische Brise, um es ausprobieren zu können.«
-
-»Gehen Sie heute an den Strand, gnädigste Gräfin?«
-
-»Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit den Abrechnungen
-angemeldet, und ich werde wohl den ganzen Abend mit ihm zu tun haben! --
-Wenn Sie aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele, so können
-Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer Einsamkeit droht
-keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf ist kurz und nicht zu
-verfehlen, und wenn mein Sohn noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern
-bis an den Schuppen geleiten!«
-
-»Ich danke, Frau Gräfin, und werde mir wohl einmal das Meer mit seiner
-grausen Stirn ansehen! Ich kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist.
-Der Graf ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird wohl längst
-auf hoher See schaukeln; ich fürchte mich aber durchaus nicht, allein zu
-gehen, und freue mich auf den Sonnenuntergang, von welchem Sie mir
-gestern so Rühmliches sagten, Frau Gräfin!«
-
-»Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu verstehen und
-liebzugewinnen! Sie können uns allen durch nichts eine größere Freude
-bereiten, als durch ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!«
-
--- Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen Waldpfade hinab nach
-dem Strand. Als sie das schützende Laubdach verlassen, brauste ihr der
-Wind entgegen.
-
-Er riß an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom Kopf -- und in lustiger
-Jagd eilte sie dem Flüchtling nach, ihn wieder einzufangen.
-
-Welch ein Sturm war das!
-
-Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und die Seemannstreu
-bog er tief hinab zum gelben Sande!
-
-Aber es war schön, wunderschön! Solch ein freies, ungestümes Wettlaufen
-mit dem Wind, das konnte sie in den engen, eleganten Straßen der
-Residenz freilich nicht! Und jetzt, als sie über die schützenden Dünen
-emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau gefärbt, im
-vollen Strahlenglanz der sinkenden Sonne -- und es dehnt sich nicht mehr
-so träge und glatt wie ein Präsentierteller, sondern wogt und wallt und
-wirft hier und dort weiße Schaumköpfchen auf.
-
-Ja, das ist wahrlich ein schöneres Bild denn sonst! Namentlich die
-Brandung gefällt ihr, welche sich wie duftige, schmale Tüllrüschen
-an dem Strand entlangschlängelt, spitz auslaufend wie ein zierliches
-Valenciennemuster, oder breit emporspülend um die Haufen von Seetang
-und angeschwemmten Gehölz! Ein zarter, silberduftiger Schaum, hier
-und da von der Sonne mit rosa Dufthauch gefärbt. Ja, die See ist im
-Sturm schön, fraglos schöner wie in ihrem bleiernen Schlaf, aber etwas
-sehr Gewaltiges und Imponierendes hat sie auch jetzt noch nicht nach
-Gabrieles Geschmack, und wenn die Gräfin in dem Sonnenuntergang ein
-verkörpertes Gedicht erblicken will, so begreift sie das auch jetzt
-noch nicht. Die rote Glut des Sonnenballs, die buntgefärbten Wolken ...
-ja, das ist fraglos ein schöner Anblick -- aber _mehr_ darin sehen,
-wie Sonne, Wolken und Wasser, nein, das kann sie nicht! --
-
-Wie lustig dort ein Boot auf den Wellen schaukelt! Am liebsten möchte
-sich Gabriele hineinsetzen und auf- und niedergleiten durch die blauen
-Wogen!
-
-Käme doch eine Menschenseele, welche sie darum bitten könnte!
-
-Und Gabriele wendet sich zurück und blickt nach dem Rettungsschuppen und
-stößt einen leisen Laut der Überraschung aus.
-
-Dort auf der Düne steht Graf Guntram Krafft! Ebenso gekleidet wie heute
-Nacht ... und er spricht mit zwei Fischern und scheint ihnen
-irgendwelche Anweisungen zu geben.
-
-Jetzt sieht er sie, und Gabriele hebt freudig die Hand und winkt ihm zu.
-
-Er scheint einen Augenblick zu zögern, dann verabschiedet er die Männer
-und schreitet ihr langsam entgegen.
-
-Ein neuer Windstoß läßt den kleinen Filzhut auf Gabrieles Köpfchen
-abermals flüchtig werden, aber sie fängt ihn noch rechtzeitig auf und
-behält ihn in der Hand.
-
-Immer langsamer schreitet Guntram Krafft. Sein Herz schlägt wieder heiß
-und ungestüm bei ihrem Anblick, der ihm reizender dünkt wie je.
-
-Das dunkle Tuchkleid weht in weichen, graziösen Falten um die zierlichen
-Füßchen, die entzückend zarten Formen ihrer Gestalt zeichnen sich scharf
-gegen den schimmernden Hintergrund ab, und auf den lockigen Haaren,
-welche der Wind ihr um die weiße Stirn zaust, flimmert das rotgoldene
-Sonnenlicht und läßt tausend geheimnisvolle Fünkchen darauf brennen. Wie
-frisch und rosig ist das süße Gesicht, -- wie lacht sie ihm mit weißen
-Zähnchen entgegen, wie leuchten die Nixenaugen hinter den langen,
-dunklen Wimpern hervor!
-
-»Wie gut, daß Sie kommen, Graf!« ruft sie ihm heiter entgegen. »Ich
-hatte Sehnsucht nach Ihnen, große Sehnsucht! Und wissen Sie auch,
-warum?«
-
-Er begrüßt sie von weitem, ohne ihr die Hand zu reichen.
-
-»Warum?« wiederholt er beinahe mechanisch und drückt den Südwester
-fester auf den Kopf. -- »Nein, das weiß ich nicht, mein gnädiges
-Fräulein!«
-
-»O, Sie kennen meinen Egoismus noch nicht!« fährt sie harmlos fort; »ich
-möchte gern einmal in einem Boot hinausfahren in die See, weil es sich
-gewiß herrlich auf dem Wasser schaukelt!«
-
-Seine Augen leuchten unwillkürlich auf, er tritt einen Schritt näher.
-
-»Boot fahren, Fräulein Gabriele? -- Solch ein langweiliges Vergnügen?!«
-
-»So fand ich es ehemals in Heringsdorf, wo sich kein Lüftchen regte!
-Aber heute, wo solch hohe Wellen sind, wo wir solch argen Sturm haben
-...«
-
-Sein lautes Auflachen unterbricht sie.
-
-»Sturm?!«
-
-»Nun ja! Oder wollen Sie ihn ableugnen, wo ich nicht mal den Hut auf dem
-Kopfe haben kann?«
-
-»Sie kennen noch keinen Sturm, heute weht es nur ein wenig, kaum daß man
-es eine frische Brise nennen kann!«
-
-Er sieht heiterer aus, während er spricht, und Gabriele blickt
-überrascht empor.
-
-»Ich wollte Ihnen durch meinen Mut, heute auf dem Wasser zu fahren,
-imponieren!«
-
-»Sie imponieren mir jederzeit durch solch ein Verlangen!«
-
-»Und werden Sie es erfüllen?«
-
-»Wenn es Ihr Ernst ist, mit großer Freude. Wir sind eben von einer
-kleinen Probefahrt zurückgekommen, das Boot liegt noch dort an der Buhne
---« er deutete mit der Hand strandab -- »wollen Sie mir folgen, so fahre
-ich Sie gern!«
-
-Er spricht so ruhig wie sonst, und Gabriele sieht nicht, wie seine
-Lippen beben.
-
-Sie dankt ihm mit der freudigen Hast eines Kindes.
-
-Ihr Wesen deucht ihm überhaupt verändert, sie ist so fröhlich und
-gesprächig wie noch nie zuvor, und ihre Augen leuchten zu ihm auf ...
-täuscht er sich? oder ist es wahrlich so?... Aber so warm und innig
-blickte sie ihn noch niemals an.
-
-»Wissen Sie auch, daß ich das Meer heute wirklich schön finde? Und den
-Wind auch? -- Nun lebt erst die Welt ringsum! Nun atmet sie
-Abwechslung, nun wird sie mir verständlicher! Ehrlich gestanden -- habe
-ich mir das Meer im Sturm noch gewaltiger gedacht, weil ich darüber las,
-daß seine Wogen Schiffe zertrümmerten und ganze Landstriche
-wegschwemmten, aber wie Sie sagen, ist es heute noch kein richtiger
-Sturm --«
-
-»Was nicht ist, kann bald werden --« er wich ein wenig zur Seite, da
-ihre Kleiderfalten weich und schmeichelnd um seine Füße wehten, und fuhr
-voll beinahe trockener Geschäftlichkeit fort: »Die Wetterberichte lauten
-ungünstig, wir erwarten stündlich eine Sturmwarnung. Vielleicht lernen
-Sie die träge See noch von recht ungemütlicher Seite kennen!«
-
-»Ich liebe alles Gewaltige, Wilde, Trotzige! Am Menschen sowohl wie an
-der Natur -- daher gefielen mir bislang die Alpen so gut, diese Titanen,
-welche den Himmel stürmen! Wie gern möchte ich auch hier solche Riesen
-finden, wilde, brausende Wogen, welche das Herz erzittern lassen ...«
-
-»Und heldenhafte Menschen ... welche mir imponieren!« fügte er leise,
-mit wunderlichem Zucken der dichten Augenbrauen hinzu, -- »das Meer wird
-Ihre Wünsche sicher erfüllen, in die Macht der Menschen aber ist es
-nicht gegeben, gewaltsam einen Himmel zu stürmen, vor dessen Tür das
-Schicksal sieben Siegel gelegt!«
-
-Sie waren hastig ausgeschritten und standen jetzt vor dem Boot, welches
-zwei Fischer just an den Strand schieben wollten.
-
-Zur Seite saß ein alter Mann auf einem Holzstamm und war damit
-beschäftigt, Reservedollen und Ruderklampen zu schnitzen.
-
-Guntram Krafft rief die Männer in plattdeutscher Sprache an, -- sie
-unterbrachen sich, wateten heran und schienen kurz mit dem Grafen zu
-beraten.
-
-Ein prüfender Blick nach dem Horizont, eine ruhig zustimmende
-Handbewegung.
-
-»Wenn dat nich länger wiehrt, a's 'ne half Stunn', dann geiht dat wull
-noch an'!« -- und sie warfen die Riemen zurecht und bereiteten
-schweigend das Boot zur Fahrt.
-
-Der alte Mann stand auf, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund und fragte:
-»Sall ik Se beglieten, Herr Graf?«
-
-»Nee, Klaaden, da sull keener mit mi gahn, -- dat düert hüt nich lang.«
---
-
-Und dann flüsterte er noch ein paar Worte mit den Schiffern und wandte
-sich abermals zu Gabriele.
-
-»Es hält sehr lange auf, das Boot an das Land zu ziehen, gnädiges
-Fräulein; Sie gestatten wohl, daß einer der Leute Sie in das Fahrzeug
-trägt!«
-
-»Ja, so gehört sich das!« lachte Gabriele ein klein wenig verlegen.
-»Meine Freundin ward in Helgoland bei dem Landen auch in das Boot
-getragen.«
-
-Der Bär von Hohen-Esp wandte sich ab und schien sehr interessiert eine
-zerbrochene Spiere, welche im Sande lag, zu besichtigen, der Fischer
-aber trat ruhig herzu, nahm Gabriele auf den Arm und watete mit ihr in
-das Wasser.
-
-»Hollen Se' sick fast!« sagte er -- und nach einem Augenblick mehr zu
-sich selber im Kommandoton: »Laß sack' --!« und gleichzeitig hob er die
-junge Dame und ließ sie in das schwankende Boot nieder.
-
-Guntram Krafft kam nun mit schnellen Schritten durch das seichte Wasser,
-sprang in das Fahrzeug und griff nach den Riemen.
-
-»Ich möchte heute nicht segeln, sondern mich in nächster Nähe des Ufers
-halten, um erst einmal zu sehen, ob Sie seefest sind, mein gnädiges
-Fräulein!« sagte er mit schnellem Lächeln. »Für meine Begriffe ist die
-See sehr ruhig, für die Ihren vielleicht nicht.«
-
-Die starken Fäuste der Fischer machten das Boot frei, der Graf half mit
-den Riemen und stieß kräftig ab, -- hochauf bäumte das leichte Fahrzeug
-und glitt über die erste Brandung hinaus.
-
-»Und das nennen Sie ruhige See?« fragte Gabriele leise und blickte mit
-großen Augen in den Gischt, welcher um das Heck spritzte. »Sehen Sie
-doch, wie das schäumt und wogt!«
-
-»Ich hoffe, Sie lernen es von sicherem Lande aus noch besser kennen!
-Heute scherzt und spielt das Wasser nur, wenn es aber ernstlich böse
-wird, fahre ich Sie nicht hinaus.«
-
-»Dann ist es gefährlich?«
-
-»Sehr gefährlich! Nicht für mich, sondern für Sie!« --
-
-Wieder zuckte ihr Blick zu ihm hinüber.
-
-»Als Sie die Leute der >Sophie Johanne< retteten, war es da solch ein
-Wetter wie heute?«
-
-Guntram Krafft wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Boote zu, da er
-gern jede gebrochene Welle, so gut es anging, meiden und das Fahrzeug in
-die Lage bringen wollte, daß die See vor demselben brach.
-
-»Die größte Macht des Sturmes war wohl vorüber,« sagte er lächelnd, »und
-das war ein Glück für die Mannschaft, sonst wäre es unmöglich gewesen,
-bei derart schwerer See an dem Wrack anzulegen. Es hängt da so viel von
-der Geschicklichkeit, dem gesunden Urteil und der Geistesgegenwart des
-Lotsen ab, daß ein günstiger Erfolg nie mit Sicherheit vorausgesehen
-werden kann.«
-
-Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Guntram Krafft fort --:
-»Würden Sie die Güte haben, sich mir gegenüberzusetzen, gnädiges
-Fräulein, -- Sie haben alsdann den vollen Anblick der sinkenden Sonne.«
-
-Das Boot hatte die Brandung passiert und glitt nun in großen, ruhigen
-Bewegungen über die Wogen; der Graf, welcher erst mit voller Kraft und
-Aufmerksamkeit gerudert hatte, hielt die Riemen ruhiger und schaute mit
-sinnendem Blick nach dem Horizont, welchem der feurigrote Sonnenball
-langsam entgegensank und einen breiten, funkelnden Goldstreifen auf das
-Wasser malte, in den das Boot just hineintrieb.
-
-Gabrieles reizende Gestalt war von hellem Purpurlicht übergossen, und
-ganz verstohlen streifte sie der Blick des Grafen. -- Sein Atem ging
-schwer, seine Hände umkrampften die Riemen.
-
-War's ein Traum?
-
-Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht gewünscht, so
-allein -- so weltfern und einsam mit der Heißgeliebten auf der wogenden
-Unendlichkeit des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun saß
-sie ihm nahe -- ganz nahe gegenüber, die zauberischen Nixenaugen so oft
-mit langem Blick auf ihn gerichtet, das lockige Haar vom Wind verweht,
-das reizende Antlitz so träumerisch und ernst ihm zugekehrt. --
-
-Damals, als er die Mannschaft der »Sophie Johanne« rettete, donnerte die
-See und heulte der Sturm, aber in seiner Brust war es still wie im Grab;
-und heute saust es nur linde und sacht in den Lüften, aber in seinem
-Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender wie jene, welche
-er damals so heldenhaft bezwungen!
-
-Und dieser soll er erliegen?
-
-Er atmet schwer auf, streicht langsam über die Stirn und lauscht ihrer
-Stimme wie im Traum.
-
-»Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang sei ein verkörpertes,
-oder besser gesagt, ein gemaltes Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich
-sehe sehr viel Schönes, Glänzendes, Farbenprächtiges vor mir, aber
-seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie ist wohl noch
-nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht, in welchem sie inmitten alles
-Großstadtstaubes gelegen! Sie haben jüngst am Strande das schlafende
-Dornröschen schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute! Lehren
-Sie mich mit Ihren Augen sehen! -- Was bedeutet für Sie solch ein
-Sonnenuntergang?« --
-
-Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zurück, seine großen Blauaugen
-bekommen einen weichen, träumerischen Glanz, sein Blick schweift weit
-hinaus.
-
-»Er bedeutet für mich einen Traum -- er bezwingt mich wie das Opium
-seinen Raucher, alles logische Denken, alle Wirklichkeit versinkt in
-wallenden Nebeln -- und alles Unorganische beginnt zu leben. -- Wir
-Seeleute berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene Ruhe um
-uns her wirkt wie eine Narkose -- die leise Musik des Windes, das
-Rauschen der Wogen, das Flüstern des Riedgrases, melancholischer
-Möwenschrei und das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch ein
-Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt des Realen vor unsern
-Blicken verwischt. -- Hier und da der grelle Blitz einer Welle, welchen
-die Sonne trifft -- ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn kühlt ...
-und man träumt -- träumt wie ein Fiebernder, um dessen Lager giftige
-Blüten welken ...«
-
-»Vom Sonnenuntergang?«
-
-»Den sehe ich nicht. -- Ich habe eine Vision. Vor mir wachsen die
-geheimnisvollen, glutroten Korallen aus der Tiefe des Wassers, sie
-breiten ihr mystisches Geäste aus über den Himmel, sie flechten ein Netz
-durch Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen, an welchem
-weiße Perlen schimmern. Über sie hin weht es wie lichte Schemen ...
-duftig ... wesenlos ... grau verhauchend, sie breiten violette Schwingen
-aus ... die reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern ...
-sehen Sie dort? -- da tauchten sie hinab in die grelle Feuerbrunst, die
-wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen lodert und ihre
-Blitzfunken weit empor gegen das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die
-Farben kommen und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb,
-welches dem Lächeln eines unbarmherzigen Weibes gleicht ... und das
-kranke Grün, das irisierende Weiß des Opals ... das süße, schmeichelnde
-Rosa ... einen Kuß, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel
-hauchten! -- Dort schießen mächtige Lilien empor ... wie Phantome ...
-ein Glorienschein umgibt sie ... riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln
-sie ... und darüber wölbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle
-Rubine wie zornige Augen sprühen! -- Sie stürzt zusammen, und nun
-schlägt eine ungeheure Flamme empor ... Sie wähnen, daß es die Sonne
-ist? Nein! Es ist das Stück eines Weltenbrandes, der entscheidende
-Augenblick im wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem Wasser
-sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe der
-Midgardschlange, welche sich schillernd windet und auf- und niederrollt,
-welche in zitternden Windungen durch das Weltmeer schießt und mit
-breitem, scharfgezähntem Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenbäumt!
-Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball verschlingt? -- Mehr und
-mehr verschwindet er -- und die roten Korallen erbleichen und sinken
-zusammen ... die weißen Lilien brechen wie stumme Klagen nieder ... die
-Schmetterlinge zerstieben und treiben wie müde, kleine Wolkenflocken in
-der Unendlichkeit ... aus dem Meere aber steigt ein wunderholdes Weib
-mit kristallenen Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, -- die hebt
-mit müdem, strengem Lächeln einen grauen Schleier und breitet ihn über
-Himmel und Erde, über die Augen des fiebernden Mannes, der solch
-wunderliche Träume hat, und sie sagt: >Wach auf! Es ist Zeit,
-heimzukehren, die Sonne ging unter!<«
-
-Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte plötzlich leise
-auf:
-
-»Und solch närrisches Zeug denkt ein großer, vernünftiger Mensch bei dem
-Anblick eines Abendhimmels!«
-
-Sie saß ihm gegenüber, die Blicke groß und sinnend auf ihn gerichtet.
-Unverwandt, wie in staunender Frage.
-
-»Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!«
-
-»Wohl möglich, -- ich weiß es nur nicht.«
-
-Der Wind erhob sich stärker, das Boot stieg hoch auf und schoß tief
-hinab in grünglasigem Wassergebirge.
-
-»Sie sehen so blaß aus, Fräulein Gabriele, frieren Sie?« --
-
-Sie nickt. »Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.«
-
-Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher auf der Bank lag,
-und reichte ihn zu ihr hinüber.
-
-»Ich bitte, legen Sie ihn um. -- In wenig Minuten sind wir am Strande.«
---
-
-Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach der See hin und strich dem
-Lande zu, jeder heranlaufenden See einige Schläge entgegenrudernd,
-damit sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte, wie
-energisch und sicher seine starken Arme das Fahrzeug regierten!
-
-Und wie schön er aussah!
-
-Nie hatte Gabriele die glänzendste Galauniform eines Mannes besser
-gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar kleidsame Fischeranzug.
-
-Wie kernig, wie wetterfest und männlich sah der Bär von Hohen-Esp darin
-aus, wie edel und kühn sein Antlitz, welches sich soeben noch der
-sinkenden Sonne zugewandt und ein Märchen voll schwärmerischer Weichheit
-geträumt hatte! --
-
-Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren.
-
-Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes gefahrvoll und
-beängstigend, sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihre Hände
-leise erbebten, wenn ein Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, über das
-Schifflein hinwegzubranden.
-
-Mit keinem andern Fährmann hätte sie in diesem gebrechlichen Fahrzeug
-sitzen mögen, als mit dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und
-unbesorgt gegenübersaß, als habe er nur seine herzliche Freude an dem
-scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer stärker sauste der Wind, und
-immer schneller schoß das Boot der Küste zu. Guntram Krafft wandte sich
-um und blickte nach dem Strand.
-
-Eine jähe Betroffenheit malte sich auf seinen Zügen.
-
-»Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten!« sagte er, griff mit
-der einen Hand hastig in die Tasche und führte eine Torpedopfeife an die
-Lippen.
-
-Niemand zeigte sich in den Dünen.
-
-»Wir müssen landen, -- es wird immer kühler, und der Wind kommt auf!«
-
-»Sind wir noch nicht zur Stelle?«
-
-Das Boot schoß auf den Sand und saß mit hartem Rucke fest; eine kräftige
-Welle schoß über und übergoß es mit einem Spritzer.
-
-Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer hilfesuchend nach
-dem Strand. Dann warf er die Riemen hin und sagte zu Gabriele, indem er
-sich aus dem Boot schwang: »Wir haben leider keinen Landungssteg hier.
-Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt aber noch halb im Wasser.
-Sie müssen gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich Sie diese paar Schritte
-an Land trage!«
-
-Gabriele fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß, aber sie erhob
-sich und trat sehr ruhig an den Rand des Kahnes.
-
-»Das wäre sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind nicht auf Waten
-eingerichtet.«
-
-Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne sie anzusehen, und
-hob sie an seine Brust.
-
-Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen Strand und ließ
-die junge Dame sanft hinabgleiten. Droben in den Dünen erschienen im
-Laufschritt die Fischer.
-
-»Wollen Sie die Güte haben, vorauszugehen, wir müssen das Boot erst
-bergen!« -- Seine Stimme klang rauh, atemlos.
-
-»Ich habe Ihnen so viele Mühe gemacht, Graf, ich danke Ihnen von
-Herzen!« Sie reichte ihm die Hand hin, und er umschloß sie mit kurzem,
-krampfhaftem Druck. Er murmelte ein paar Worte -- sie verstand sie
-nicht, der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten Hauptes zur
-Burg.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXIII.
-
-
-Die Bäume des Waldes rauschten im Wind und neigten sich, und blickten in
-das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles, welches ihnen so seltsam
-verändert deuchte. --
-
-Wo war die kühle, gleichgültige Ruhe geblieben, welche sonst aus ihren
-Augen geschaut?
-
-Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig, wie Gedanken,
-welche aufzucken und schwinden, welche dem Frührot gleichen, dessen
-Strahlen gegen die Schatten der Nacht kämpfen müssen, ehe sie
-leuchtenden Sieg erringen.
-
-War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben durch
-schäumende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem Arm gehoben und an
-der Brust gehalten hatte, -- war es derselbe schüchtern verlegene
-Jüngling, welcher im Ballsaal der Residenz so unsicher über das Parkett
-schritt, als vermisse er das Gängelband der Mutter? --
-
-War diese poetisch schöne Erscheinung des wetterharten Seemanns
-dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen so ungeschickt
-einherschritt, wie ein täppischer Bär, welchen man zur Kurzweil in
-Maskentand gekleidet?
-
-Nein, es war _nicht_ derselbe! Es war nicht möglich, nicht denkbar, daß
-binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel und Wandel mit einem Menschen vor
-sich gehen kann!
-
-Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen dem vorjährigen
-Herbstlaub nach, welches der Wind raschelnd vor ihr her, den Burgberg
-hinantrieb.
-
-Ein Wandel?
-
-Nein, es ist kein Wandel.
-
-Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen, wie er jetzt vor
-ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle aber, welche er in der Residenz
-gegeben, hatte ein Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Züge in
-nichts der Wahrheit glichen.
-
-Ist es nur das Neue, Überraschende, was Gabriele so fesselt, so
-ungewöhnlich erregt? Ist es Zauberspuk, daß sein schönes, eigenartiges
-Bild ihr vorschwebt, ob sie es sehen mag oder nicht?
-
-Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er prüfend See und Himmel
-beobachtete, sichere Fahrt zu nehmen, und wie mild und träumerisch ward
-es, als der Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm
-spiegelte, als er ihr leis und schwärmerisch seinen Zauber mit den
-Worten eines Dichters malte!
-
-Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur wie das linde
-Säuseln eines Windes, welcher stark genug ist, in nächster Stunde zum
-Orkan anzuwachsen.
-
-Dieses Sinnen und Träumen paßt zu dem einsamen Mann, in dessen Herzen
-noch die Wunder der Natur leben, welche ihn rein und unverfälscht
-umgibt.
-
-Herr von Heidler konnte auch flüstern in Worten des Dichters, aber das
-war eine schwüle, betäubende Poesie, der Gifthauch des Modernen, welches
-nur die Sinne berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen
-Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles Schönen und Edlen
-über den Wogen des Weltmeers schwebt!
-
-Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel eines Dichters, um
-Erfolge zu erringen, um die Augen zu blenden und in frivolem Spiel
-Triumphe über Mädchenherzen zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur
-Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte, welche nicht um
-Beifall buhlten und keine selbstsüchtigen Zwecke verfolgten.
-
-Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind verwehte den Klang seiner
-Stimme, und als er erwachend das Haupt hob, war der Traum vergessen.
-
-Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft, -- da machten sie
-sich die Elemente untertan und besiegten sie wie in harmlosem Spiel. --
-
-Und dann ...
-
-Gabriele atmete plötzlich schwer auf und schritt beinahe ungestüm
-weiter, -- dann umfing sie dieser kraftvolle Arm und trug sie durch den
-kräuselnden Wellenschaum, und sie umschlang seinen Nacken und war seinem
-Antlitz so nahe -- wenngleich er das seine auch abwandte in
-respektvoller Ritterlichkeit.
-
-Warum schlug ihr Herz so heiß und leidenschaftlich auf in diesem
-Augenblick?
-
-Warum gefiel es ihr so gut, daß er sein Gesicht weit wegkehrte von ihr,
-daß er so schnell und hastig ausschritt, daß er sie nicht ansah, als er
-sie sanft zur Erde gleiten ließ?
-
-Gibt es dennoch jene stolze Männertugend, welche nicht das Ihre sucht?
-
-O, wie anders hätte Herr von Heidler diesen Augenblick ausgenutzt!!
-
-Wie würde er sie in wild begehrlicher Weise an sich gedrückt -- wie süß
-und berückend, wie zwingend und lohnheischend würde er ihr in das Auge
-geschaut haben!
-
-Langsam -- ganz langsam wäre er wohl ausgeschritten, und die Worte,
-welche er in ihr Ohr geflüstert hätte, wären wohl auch Dichterworte
-gewesen, aber solche, welche wie sengende Höllenfunken in das Herz
-fallen! --
-
-Im Spott und Übermut hat man den Bären von Hohen-Esp in der Residenz den
-modernen Parzival genannt! Und doch ... kein Name paßt schöner und
-besser für ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, -- Weltunklugheit,
-welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen Händen ein Heiligtum zum
-Schutze anvertraut wird! --
-
-Parzival, der Held! --
-
-Ist auch Guntram Krafft ein solcher?
-
-Da zieht es wie ein Schatten über das verklärte Antlitz des jungen
-Mädchens.
-
-Ach, daß er es wäre!
-
-Daß sie eine einzige Tat der Kühnheit, des wagemutigen Heldensinnes bei
-ihm schauen könnte!
-
-Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust, wie spöttisches,
-grimmiges Gelächter! Noch wenige Schritte, und die grauen,
-efeuumsponnenen Mauern von Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. --
-
-Die steinernen Bären sehen sie mit den bemoosten Augen an, als ob auch
-sie lachten, und sie heben die Pranken und kehrten ihr das alte
-Wappenschild zu.
-
- »Christie Kyrie --
- Zu Land und zu See --
- Schirmherr der Not.
- Das walt' Herre Gott!« --
-
-Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen, -- heute deucht es
-ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal.
-
-Schirmherr der Not! --
-
-Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher hochherzig und
-selbstlos sein Leben einsetzt, der Not des Nächsten zu Hilfe zu kommen?
---
-
-Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen Jahrhunderten ihr
-Schwert und ihren starken Arm in den Dienst der Not gestellt.
-
-Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp!
-
- * * * * *
-
-Gräfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits erwartet zu
-haben.
-
-Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter und zufrieden
-aus.
-
-»Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fräulein noch ein warmes Tuch
-an den Strand nachtragen!« scherzte sie, »denn eine Stadtdame, wie
-Baronesse Gabriele, muß sich erst an unsere frischen Brisen gewöhnen!
-Statt dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurück und meldet, daß
-das gnädige Fräulein mit dem Herrn Grafen hinausgerudert sei! -- Das
-nenne ich Courage, liebe Gabriele, denn soviel ich von hier aus
-beurteilen kann, ist die See bewegt!«
-
-»Und wie bewegt, Frau Gräfin! Für meine Begriffe war es Sturm!«
-
-Gundula lacht und kehrt das junge Mädchen dem Fenster zu.
-
-»Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen ist! Nun ja ...
-blaß, wie eine weiße Rose! Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife
-meinen Sohn nicht, daß er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren hat!
-Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit Sie wieder Farbe bekommen!«
-
-Jähe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemühte sich, so harmlos und
-heiter zu plaudern, wie sonst, und empfand es doch, daß es ihr heute
-nicht so leicht wurde, wie zuvor.
-
-»Ihr Herr Sohn war völlig unschuldig, gnädigste Gräfin, und nur ein
-Opfer seiner großen Liebenswürdigkeit, welche ich hart auf die Probe
-stellte.« --
-
-»Ah -- so war es _Ihr_ Wunsch, zu fahren?« unterbrach die Herrin von
-Hohen-Esp und sah noch erfreuter aus, wie erst: »Hat es unser schönes
-Meer Ihnen nun doch angetan?« --
-
-»Es war in seiner Erregung entschieden viel berückender, wie in seinem
-=dolce far niente=!« lachte das junge Mädchen und trat noch weiter
-aus dem Fensterlicht zurück in die dämmrige Halle: »Ja, es war so
-herrlich anzusehen, daß mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, mich
-einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam mir just in den Weg, und da er
-die Gutmütigkeit der Hohen-Esp mit dem Bärenblut geerbt, so erfüllte er
-stehenden Fußes meinen unbescheidenen Wunsch!«
-
-»Er wird sich gewiß sehr gefreut haben! Man kann ihm ja nichts Lieberes
-antun, als Interesse für die See und alles, was ihr angehört, zu
-zeigen!«
-
-»Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das Unvermeidliche zu
-fügen!«
-
-»Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurück?«
-
-»Nein, liebe Burgfrau --« Gabriele neigte das Köpfchen und küßte beinahe
-zärtlich die Hand der alten Dame, welche sich auf ihre Schulter legte
--- »er muß nun erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein Übermut
-unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! Ich glaube, der
-edle Renner soll erst für die Nacht in den Stall geschafft werden!«
-
-Gundula nickte heiter. »Der Wind scheint tüchtig aufzufrischen, da
-werden sie zur Nacht wohl alles am Strande bergen wollen, falls eine
-stärkere Boe einsetzt! Wie war Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich
-seetüchtig?«
-
-»Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, Frau Gräfin, ich
-habe mich schrecklich gefürchtet! Wollte mich nur nicht allzusehr vor
-dem Grafen blamieren, sonst wäre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als
-ich merkte, wie hoch die Wellen gingen!«
-
-»Fürchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder führt?« -- Wie ruhig, wie stolz
-und zuversichtlich klangen diese Worte. --
-
-Gabriele neigte das Köpfchen: »Der Graf ist gewiß sehr stark und
-kräftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, vermag schließlich
-niemand, und ich glaube, Ihr Herr Sohn wußte es anfangs selber nicht,
-wie arg der Wind war, sonst hätte er vielleicht die Fahrt gar nicht
-unternommen!«
-
-Nun lachte die Gräfin ebenso laut auf, wie zuvor Guntram Krafft, als sie
-von dem Sturm gesprochen.
-
-»Ich wünschte nur, Sie erlebten bald einmal das, was wir hier >grobe
-See< nennen!« sagte sie dann mit seltsam leuchtendem Blick. »Ich glaube,
-Sie kennen bisher weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer,
-wenn es zornig wird, noch den Bären von Hohen-Esp, wenn er beiden die
-Zähne weist. -- Was bringen Sie, Anton? -- Wollen Sie Licht anstecken?
-Wir warten mit dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.«
-
-Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, ein kleines Spitzglas
-voll Tokayer für Gabriele zu füllen, der alte Kammerdiener aber
-verneigte sich respektvoll und nahm eilig ein Tablett, dem gnädigen
-Fräulein den Wein zu servieren.
-
-»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin. Soeben bringt einer aus dem Dorfe die
-Nachricht, daß der Herr Graf nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen
-könne. Man wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei
-Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen die Damen bitten, allein
-den Tee zu trinken, da es spät bis zu seiner Rückkehr werden könne.«
-
-»Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar noch keine
-telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn eingetroffen, aber der
-Seemann versteht sich schon auf die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten.
-So stecken Sie die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, daß für uns
-angerichtet werde.«
-
-Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, daß Guntram Krafft
-heute fernbleiben werde. Sie wußte es selber nicht, warum sie ein
-gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch
-schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er
-sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre
-törichte Verlegenheit zu überwinden.
-
-»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie bekommt gewiß einen
-stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar
-für eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir
-leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bös
-Wetter hinausschicken müßte!«
-
-»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht das blonde, hübsche
-Mädel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?«
-
-»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines
-Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prächtigen Bursch,
-der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter
-bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen!
-Ich habe zugesagt, auch für Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie
-teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und
-unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und Leid zusammen! Wir
-sind in der langen Reihe der Jahre wie eine große Familie geworden, und
-gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande
-waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefügt hat. -- Da ist
-es undenkbar, daß sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben
-könne, ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewiß noch
-keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr
-primitiven Verhältnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch
-hoffe ich, daß Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß
-sehr wenig >Hoffähige< finden wird, und daß Sie mir zuliebe nicht das
-Näschen rümpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen
-Menschen sind!« --
-
-Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf
-das reizende Antlitz des jungen Mädchens geheftet, und als sie das
-freudige Aufleuchten in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen
-Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen und sagte
-so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden
-uns gern begleiten! Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich
-danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!«
-
-Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken
-Finger Gundulas.
-
-»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nähe, Frau Gräfin,
-gleichviel, wohin Sie mich führen! So neu wie mir diese Welt auch noch
-ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar
-getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?«
-
-»O nein!«
-
-»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!«
-
-»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drüben?«
-
-»Eine Kapelle? Hier in der Burg?«
-
-»Wir benutzen sie für gewöhnlich nicht, um dem Pfarrer den sehr
-unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, auch müßte er zweimal an
-jedem Sonntag predigen, in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu
-ihm! Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aber kommt er hierher, und
-Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.«
-
-»O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm für die
-Hochzeitsgesellschaft!«
-
-»Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem Wagen holen, die
-Kirche wird geschmückt ...«
-
-»O, herrlich! Wer besorgt das?« --
-
-»Immer der, der fragt!« neckte die Bärin von Hohen-Esp. »Die Guirlande
-nagelt freilich einer der Knechte über die Tür, und die Tannenbäumchen
-stellt wohl die Mamsell mit den Mägden um den Altar herum auf, aber wenn
-sich sonst noch ein paar geschickte Händchen finden wollten, den Altar
-selber recht schön und poetisch zu schmücken, so wäre mir das sehr lieb,
-denn für gewöhnlich war das meine Sorge, welche ich jetzt aber gern
-jüngeren Kräften überlassen möchte!«
-
-Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. »O, wie danke ich Ihnen für
-diese reizende Pflicht, Frau Gräfin, und wie freue ich mich darauf, die
-Kapelle zu sehen!«
-
-»Wenn die Mägde morgen früh mit Fegen und Scheuern fertig sind, soll man
-Sie rufen, liebe Gabriele! Sie sorgen wohl selber im Garten für die
-Blumen! Kaiserkronen, Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch noch
-Krokus und Fürwitzchen, -- nehmen Sie alles, was Sie brauchen, die
-Sträuße können dann später noch auf den Hochzeitstisch gebracht werden.«
---
-
-Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen.
-
-Spät erst kehrte Guntram Krafft heim.
-
-Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin vor, sondern schritt
-sogleich nach seinem Zimmer hinauf.
-
-Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr
-»Gute Nacht«.
-
-Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen erst nach seinem
-Erkerstübchen.
-
-Ganz erschrocken wich Gabriele zurück.
-
-»Was ist das?« fragte sie betroffen.
-
-Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der brennenden Kerze auf
-dem Toilettentisch. »Das ist der Wind! -- Hörten Sie ihn noch nie um
-alten Gemäuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust
-es in allen Tonarten von der See herüber. Ich fürchte, die Nacht wird
-schlimm, -- aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten draußen. Die
-Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! Vergessen
-Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte
-auf Hohen-Esp!« --
-
-Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen
-Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte.
-
-»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich den Arm um die
-weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: »O, nicht doch! Sie
-sind hier sicher wie in Abrahams Schoß, und es ist heute nur das
-Ungewohnte, was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein
-behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne
-Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! -- Wenn freilich
-der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem der Gedanke an die
-Schiffe, welche draußen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob
-Guntram Krafft nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute
-keine Rede, -- diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner
-kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tür
-nach meinem Zimmer öffnen, -- Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!«
---
-
-»Nein, nein, liebe Frau Gräfin, das wäre noch schöner, wenn ich ein
-solcher Hasenfuß sein wollte! Nun, wo ich weiß, was für Stimmen da
-draußen lärmen, lachen und rufen, fürchte ich mich nicht mehr vor
-ihnen!«
-
-Und als sich nach herzlichem »Gute Nacht« die Gräfin zurückgezogen, trat
-Gabriele an das Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus.
-
-Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen über den Himmel -- die Bäume
-drunten bogen sich und ächzten, und die Fensterriegel klappten und
-greinten wie mit leisem, wehmütigem Klagelaut.
-
-Gabriele schloß die Vorhänge und begab sich zur Ruhe.
-
-Aber sie fand lange keinen Schlaf.
-
-Ihr war's, als säße sie noch in dem Boot, das auf und ab geschleudert
-ward von tosenden Wellen.
-
-Guntram Krafft saß ihr gegenüber und führte das Ruder -- und er sah sie
-nicht an, sondern blickte starr geradeaus in die gähnend finstere Nacht
--- und sein Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, der
-ertrunken war um 1503! --
-
-Ertrunken! --
-
-Gabriele schauerte zusammen und preßte das Antlitz in die Kissen.
-
-Wie kam ihr plötzlich das Verstehen für dies grausige, entsetzliche
-Wort! --
-
-Ertrunken!
-
-Sie schlingt die Hände ineinander und betet mit zuckenden Lippen für
-alle die, welche mit Sturm und Wogen ringen -- so wie Frau Gundula es
-ihr geheißen, aber ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor
-ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, -- -- und auch unter
-diesem starrt das furchtbare Wort: »ertrunken« ...
-
-Sie schrickt empor ... sie lauscht ...
-
-Droben, über Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer des Grafen.
-
-Er schläft nicht, sie hört ihn auf und ab schreiten ... es schallt so
-sehr in dem grabesstillen Haus. --
-
-Horch ... hin und her ... hin und her ...
-
-Ruhelos wie sie! --
-
- * * * * *
-
-Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut.
-
-Die Sonne leuchtet am Himmel, -- hinter dem Wald blitzen die weißen
-Wellenkämme der See auf. --
-
-Gabriele ist frühzeitig aufgestanden.
-
-Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbäumchen gesehen, das stand in
-voller Blüte.
-
-Welch sinnigeren Altarschmuck könnte sie finden, als diese duftigen,
-schneeigen Zweige?
-
-Als sie in den Hof tritt, hört sie noch jenseits der Zugbrücke Hufschlag
-verklingen. Ein Knecht steht, die Arme behaglich in die Seiten gestemmt,
-und schaut dem Reiter nach.
-
-»Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? Die erwartete
-Sturmwarnung von der Seewarte?«
-
-Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen Augen vergnüglich an.
-
-»Nee, gnä Frölen! Dat wi nähstens doch 'n ollen düchtigen Bö kreegen,
-dat weiten wi ganz alleen!«
-
-»Wer ritt soeben fort?«
-
-»Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n Feldern nach'n Rechten
-kieken!«
-
-»Auf den Feldern!«
-
-»Wie hei seggt! -- Du leiwe Tid! Wat het de Graf nich allens to
-bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un Nacht. Un hätt dat doch so goar nich
-nötig! Aber dat rackert sich af! Keen Dagelöhner duht sich so schinn'n
-as uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jeßt däht hei Frühstück
-eten, un nu heidi wedder up't Pierd!«
-
-Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter.
-
-Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, darum kehrte er neulich
-so staubig und erhitzt zurück und hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter
-zu verhandeln! Daß er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze zu
-werfen, daß er am Tage oft segelte und ruderte und anstrengende Übungen
-mit seinen freiwilligen Lotsen machte, das war nur Erholung, nur
-Vergnügen nach der Arbeit!
-
-Und diesen Mann hatte sie oft einen Bärenhäuter genannt, ihn als müßigen
-Tagedieb bespöttelt und verachtet?
-
-Wieder schießt Gabriele das Blut heiß in die Wangen.
-
-Wie traurig ist es doch, wenn ein Mädchen so gar keinen Begriff von
-Landarbeit und Seewesen hat. Was für falsche, irrige Ansichten bildet
-man sich in der Stadt davon, wie bitter unrecht tut man oft den
-Fleißigsten und Verdienstvollsten!
-
-Gabriele ist es plötzlich zu Sinn, als habe sie ein schweres Unrecht an
-Guntram Krafft gutzumachen.
-
-Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der Hand zu Felde zieht,
-für Kaiser und Reich zu kämpfen, erwirbt sich Verdienste um sein
-Vaterland, sondern auch der, welcher in stillem Fleiß seinen Grund und
-Boden kultiviert, für seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher gute
-Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen pflegt, welcher in treuer
-Selbstlosigkeit an der Küste Wacht hält, ein »Schirmvogt der Not« zu
-sein! --
-
-Mit bebenden Händen pflückt Gabriele die blühenden Zweige im Wald.
-
-Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut bräutlich-weiße
-Blättchen in ihr lockiges Haar, -- in ihrem Herzen aber wächst aus
-kleinem Funken eine helle Flamme empor, noch flackernd und unsicher,
-aber dennoch stark genug, daß sie kein Aschenregen wieder ersticken
-kann.
-
-Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was ehemals in diesem Herzen
-als falsche Götzen gethront, -- sie macht es so hell, wo es früher
-dunkel war, sie läßt es so warm, ach so warm werden, wo früher Schnee
-und Eis gestarrt ...
-
-Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger Blütenzweige geladen,
-kehrt Gabriele heim, und von der niedern, rund gewölbten Turmtür, welche
-zu der Kapelle führt, tönt das helle Gelächter und der Gesang der
-Mägde.
-
-Sie sind noch fleißig bei der Arbeit, und die Mamsell tritt Gabriele
-entgegen und bittet: »Wollen das gnädige Fräulein nicht noch ein halbes
-Stündchen warten! Dann ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkästchen,
-und Baronesse haben einen so viel schöneren Eindruck davon!«
-
-»Es ist aber schon recht spät geworden, liebe Mamsell, und die Hochzeit
-soll sehr präzise stattfinden! -- Man heiratet hier schon zu recht
-früher Stunde!« --
-
-»Ja, du liebe Zeit, gnädiges Fräulein, so verliebte Leutchen haben es
-immer eilig, und Mike und Jöschen vollends! Ist _das_ ein Glück! Man
-braucht die beiden nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander
-sind! -- Aber vielleicht machen das gnädige Fräulein erst Toilette? So
-ein bißchen was Weißes oder Rosiges gehört sich doch für den heutigen
-Tag!... Und die Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je kürzere
-Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie aus!«
-
-»Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! So will ich mir
-denn ein hochzeitlich Gewand anziehen und bin in einer halben Stunde
-wieder hier!« --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXIV.
-
-
-Da der Wind ganz plötzlich wieder bedeutend aufgefrischt hatte und
-merklich kühl durch die blühende Frühlingspracht brauste, hatte Gabriele
-ein wollenes Kleid zu ihrem Anzug gewählt, welches nun in zart weißen
-Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederfloß.
-
-Es war noch eins ihrer »Fünfuhr-Tee«-Kleider, welche sie ehemals in der
-Residenz getragen, schick und elegant gearbeitet und doch einfach und
-anspruchslos wirkend, einzig geschmückt durch ein duftiges
-Spitzengeriesel, welches über die Brust fiel und den Saum des Rockes wie
-kräuselnden Wellengischt zierte. Die weiße Perlenschnur, welche sie
-damals auf dem Hofball getragen, glänzte auch jetzt auf ihrem graziösen
-Nacken, und in dem Gürtel duftete ein kleiner Strauß weißer Narzissen.
-
-Hastig schritt sie über den Hof nach der Kapelle, und die Mamsell trat
-ihr entgegen, faltete behaglich die fetten Hände über dem Magen und
-betrachtete das junge Mädchen mit unverhohlenem Entzücken.
-
-»Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!« nickte sie wohlgefällig. »Wenn
-jetzt ein Fremder hier einschaute, der gehört hätte: >Auf der Burg
-gibt's eine Trauung<, dann würde er Stein und Bein darauf schwören, daß
-das gnädige Fräulein selber die Braut sei, auf welche die Gespielinnen
-mit dem Kränzchen und Schleier warten! -- Na, ich denke, den Tag erleben
-wir auch noch, und dann will ich aber den Backofen für den
-Hochzeitskuchen heizen, daß die Flammen oben zum Schornstein
-hinausschlagen!«
-
-»Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schöne Kuchen am Ende an!« lachte
-Gabriele, aber sie fühlte es doch, wie ihr das Blut unter dem schelmisch
-zwinkernden Blick der Alten in die Wangen schoß. »Der Mike steht das
-Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht viele Blumen auf
-den Weg streuen!«
-
-»Erst ihr, dann Ihnen, gnädiges Fräulein! Die Blütenzweige stehen in dem
-Wasserkübel neben dem Altar!«
-
-Noch ein neckendes Nicken und Grüßen, und die Mamsell faßte Besen und
-Staubtuch und schritt über den Hof zurück, Gabriele aber trat in die
-Kapelle ein, welche leer und still im Schimmer der bunten, kleinen
-Glasfenster vor ihr lag.
-
-Voll andächtigen Entzückens schaute Gabriele um sich.
-
-Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebräunten,
-hochgeschnitzten Kirchenstühle, geradeaus der erhöhte Altar in seinem
-verblichenen lila Samtschmuck, auf welchem die Silberstickerei längst
-schwarz geworden war. Hocharmige Silberleuchter, ein
-elfenbeingeschnitztes Kruzifix, an welchem noch die Rosenkränze der
-gräflichen Beter aus der katholischen Zeit hingen.
-
-Rechts und links von dem Altar die Familienbilder frommer Hohen-Esp,
-hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen Nonnengewändern und weißen
-Kopftüchern, mit betend zusammengelegten, wachsgelben Händen und
-starren, hohläugigen Gesichtern.
-
-Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches Gemälde: »Die
-Auferstehung des Herrn.« --
-
-An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter des Bildes, ein Graf
-von Hohen-Esp, mit seiner Familie; die Burgfrau gleicht in der Tracht
-und Aussehen der Katharina von Bora, und ähnlich wie Luthers Kinder sind
-auch ihre acht kleinen Grafen und Gräfinnen gekleidet. -- Der Vater
-trägt ritterliche Rüste, der älteste Sohn ein kleines Schiff in der
-Hand. Alle heben voll inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden
-Heiland.
-
-Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, wie sie damals wohl
-ausgeschaut, im Hintergrund wogt ein grellblaues, zackenwelliges Meer,
-aus welchem drei geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh.
-20. 13. --
-
-Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei halb vermoderte
-Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes Ruder aufgestellt.
-
-Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor ist um das Ruder
-gewunden.
-
-Gabriele schaudert zusammen.
-
-Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem Boot eines ertrunkenen
-Hohen-Esp an das Land zurückgespült wurde. --
-
-Ihr Blick irrte weiter, über die mächtigen Bärenwappen, über die
-steinernen Grabplatten, welche die Familiengruft schließen und steife,
-liegende Rittergestalten zeigen, hinauf zu der niederen, gewölbten
-Decke, von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von kleinen
-Schiffen herabhängen.
-
-Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten.
-
-Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form und Bau ihr hohes Alter
-zeigend, kleine Boote und schwerfällige Kuffs, allerliebst und kunstvoll
-getakelte, kleine Dreimaster, an welchen fleißige Hände wohl ein
-Menschenalter gearbeitet haben.
-
-»Modell der >Anne Marie Karsten<, Kapitän Jochen Ulrich Grot« --
-gestrandet bei Kap Horn im Jahre des Herrn 1760. -- »Dein Wille
-geschehe.« -- -- steht auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen.
-
-Leiser Schritt erklingt auf den Steinfließen, und Gabriele schrickt aus
-tiefen Gedanken empor und blickt sich um.
-
-Ein schmächtiges, altes Männchen steht hinter ihr und dreht respektvoll
-den schäbigen Filzhut in der Hand.
-
-»Ach, verzeihen die gnädige Herrschaft« -- flüstert er mit devotem
-Kratzfuß, die lichte Gestalt der jungen Dame wie eine Vision anstarrend
--- »ich bin der Küster aus Karstein und soll bei der Trauung das
-Harmonium spielen! Die Frau Gräfin schickte mich, daß ich die Lieder
-erst einmal durchspiele!«
-
-»O, das ist ja schön, Herr Küster!« nickte ihm Gabriele mit
-herzgewinnendem Lächeln zu, »da habe ich den Genuß schöner Musik während
-meiner Beschäftigung!«
-
-Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert die schmale
-Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, Gabriele aber tritt an den Altar,
-nimmt sinnend die weißen Blütenzweige und schmückt die teuern
-Heiligtümer.
-
-Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten,
-verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben,
-zwischen dem sonnigen, bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen
-Ehemals! --
-
-Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter
-um die schlanke Mädchengestalt, welche mit graziös erhobenen Händen die
-Blüten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme
-der Leuchter flicht, -- dann niederkniet vor der Altardecke und auch an
-ihr empor den holden Schmuck ranken läßt, sinnig und schön, so festlich,
-wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr
-ausgeschaut hat. --
-
-Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges Weib anzuschauen,
-ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen über ihr die jubelnden Klänge:
-»Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan
-hat!«
-
-Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter
-Gabrieles Händen, sie streut auch noch die weißen Blüten über die
-Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grünen
-Tannenzweige, welche das Geländer um den Altar verhüllten ... und dann
-steht sie plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das
-zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.
-
-Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch einen ... bis sie
-davor steht und ihre Hände wie in scheuer, banger Innigkeit über das
-wurmstichige Holz gleiten.
-
-Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an
-dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehängt ist.
-
-Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal droben. --
-Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. --
-
-Armer, armer Jüngling!
-
-Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, sie hallen und
-klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise
-Engelsstimme, welche um die Toten klagt.
-
-Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen
-Blütenzweige zum Kranz und schmückt das Bild des Wulffhardt von
-Hohen-Esp -- und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick
-senkt sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem bräutlichen
-Schmuck ...
-
-Wie gleicht er Guntram Krafft! --
-
-Wird auch sein Bild einst hier hängen, wird auch unter ihm das grausige
-Wort »ertrunken« stehen ... wird ...
-
-Gabriele macht eine jähe Bewegung und preßt schweratmend die Hand gegen
-das Herz -- und als sie sich hastig zurückwendet, ringt sich ein leiser
-Schreckenslaut von ihren Lippen.
-
-Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit gekreuzten Armen,
-still und regungslos, und starrt sie aus weitoffenen Augen an.
-
-Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklänge flüstern, schwellen wieder
-an und klingen so voll und feierlich, als trügen sie schon jetzt das
-Dankgebet vereinter Herzen zum Himmel.
-
-Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit beiden Händen schwer
-auf die Lehne des Kirchenstuhles stützen, dann schreitet er langsam
-näher, tritt neben sie und schaut auf das geschmückte Bild Wulffhardts
-nieder.
-
-»Warum taten Sie das?« fragt er mit leiser, fremder Stimme.
-
-Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und ordnet mit bebenden
-Händen unter den Blüten auf dem Altar, welche bereits so wohlgeordnet
-liegen.
-
-»Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie früh er sterben mußte!«
-
-»Ja, er starb früh, -- an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glück
-noch Liebe -- und doch wäre er wohl auch so gern glücklich gewesen!«
-
-_Auch_ glücklich gewesen! --
-
-Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der
-Sehnsucht?
-
-Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer.
-
-»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen --«, fährt der Graf
-sehr ruhig fort, »dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als
-müßte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun
-versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.«
-
-»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab für die
-Brüder?«
-
-»Er tat seine Pflicht!«
-
-»Er tat _mehr_ denn sie!«
-
-Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen.
-
-»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; er zog weder in den
-Krieg, noch konnte er große Taten für sein Vaterland tun! Der liebe
-Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer
-Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm,
-die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch
-anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken
-wird weder durch Wort noch Lied geehrt, -- jene Stelle, wo die tosende
-Flut einen Jüngling verschlang, welcher einem gefährdeten Schiff Rettung
-bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen
-darüber hin und der Wind verweht die Kunde. -- Das Schicksal der
-Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine mitleidige Mädchenhand
-nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, -- mit Lorbeerzweigen
-nicht.« --
-
-Er brach kurz ab und trat zurück.
-
-»Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, daß ich meinen
-wackeren jungen Freund im Burghof begrüße!« --
-
-Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks aus das Bild, --
-war es nur Einbildung, oder sahen die lachenden Augen Wulffhardts
-plötzlich ernst, beinahe wehmütig unter dem weißen Blütenschmuck auf sie
-nieder?
-
-... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, welcher dem
-Helden geziemt!
-
-Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, als er das gesagt,
-etwas Vorwurfsvolles, was sie nicht verstand.
-
-Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur _den_ Mann einen Helden
-genannt, welcher auf dem Schlachtfeld sein Leben für Reich und Kaiser
-läßt?
-
-Wohl möglich; -- so war es ja ehedem auch ihre Ansicht.
-
-Und jetzt?
-
-Nachdenklich streicht sie die krausen Löckchen aus der Stirn; jetzt ist
-es ihr wie eine Ahnung gekommen, als ob ein Mann, welcher sich kühn in
-Sturm und hohe Flut hinaus wagt, auch ein Held sein könne! --
-
-Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von
-Guntram Kraffts mutigen Taten gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung
-davon machen zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben.
-
-Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte!
-
-Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt es sie, gerade von
-ihm, von Guntram Krafft überzeugt zu werden, daß sie ihm ehemals in der
-Residenz bitteres Unrecht getan!
-
-Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier in Hohen-Esp
-entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklärt sie, -- der Bär
-von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs
-lebhafteste geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie sie für
-diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt paßt -- und das
-Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe,
--- Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! --
-
-Wehe ihr, wenn es geschähe!
-
-Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzückens
-entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgültig über sie hinweg.
-
-Warum das? --
-
-Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches
-ehemals seine Annäherung so schroff und beleidigend zurückgewiesen hat,
-wie sie. --
-
-Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hände
-ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Gräfin
-entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen
-Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten.
-
-Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mädchens in die ihre,
-streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende
-Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten
-Sitz, -- die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch die Tür
-hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle.
-
-Guntram Krafft führt es zum Altar.
-
-Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine blühende, kraftvoll
-schöne Braut. Sie tragt das goldblonde Haar schlicht gescheitelt und in
-Zöpfen herabhängend, ein dicker grüner Myrtenkranz legt sich um den
-ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche lang über den
-Rücken herabflattert.
-
-Eine dunkelgrüne Tuchjacke, mit Ärmeln, welche oben sehr weit, unten
-sehr eng sind, ein buntes, mit breiten Fransen besetztes Halstuch, ein
-schwarzer Warprock, welchen eine mächtig breite, geblümte Schürze
-beinahe verhüllt, bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch
-gegen das Herz preßt und mit niedergeschlagenen Augen und hochroten
-Wangen daherschreitet, wie die Verkörperung eines echten, rechten
-Glückes!
-
-Und Jöschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend aus, wenngleich
-sein frisches Gesicht mit den hellblauen, lustigen Augen und dem
-weißblonden Flaum auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre,
-welche ihm geschieht, dreinschaut.
-
-Sein dunkler, großer Filzhut ist mit rotem Band und Blumenstrauß
-geschmückt, ein ebensolcher ziert die offenstehende Fischerjoppe, unter
-welcher eine schwarze Manchesterweste mit rotem und grünem
-Sternchenmuster sichtbar wird.
-
-Der Hemdkragen fällt blendenweiß über und wird von einem sehr
-grellfarbigen Schlips geschlossen.
-
-Da Jöschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln hat machen lassen,
-trägt er sie selbstredend an seinem Ehrentag und stampft so kräftig
-durch die Kapelle, daß es auf den Steinplatten hallt.
-
-Dem Brautpaar folgt die Schar der Gäste, Fischer und Fischerfrauen, wohl
-die gesamten Einwohner des kleinen Dörfchens.
-
-Alle ernst und feierlich, in ehrwürdig, altväterischem Staat, einem
-Gemisch von bäurischer Tracht und einem ersten Anfang städtischer
-Kleidung, wenngleich das bäurische in diesem weltfernen Dörfchen bei
-weitem überwiegt.
-
-Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen in der Hand, drängen
-sich scheu an die Mütter, -- alte, wetterharte Seeleute mit dem
-Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der
-Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde
-von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als
-gehe Mike und Jöschens Glück sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr
-aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz
-fällt. --
-
-Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte
-verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso
-wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch
-sehr stattlichen Brautmutter.
-
-Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der andern Seite von
-dem jungen Paar gegenüberstand, sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe
-unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise,
-kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich.
-
-Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel
-schöne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike,
-sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie
-treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das brave Weib eines Fischers
-sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glück denken, wie tapfer
-und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es
-gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen!
-Gerade in solchen Stunden höchster Angst und Gefahr müßte sich die wahre
-Liebe eines treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«,
-nicht allein durch Handreichungen und kräftige Hilfe, sondern vor allen
-Dingen durch Gebet und Fürbitte, welche den Geliebten auf seiner
-schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten.
-
-Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte zu Gott dem
-Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden
-Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt
-nicht! -- Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der
-Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in höchster
-Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen
-zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum leget eure
-Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im
-Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes
-Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker
-frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege
-führt, als wie wir gehen wollen!«
-
-Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen Augen aufmerksam
-in das gütige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von
-Herzen überzeugt zu, und Jöschen machte auch hier und da eine
-unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, Herr Pastur,
-dat wollen wi allens so maken!«
-
-Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm
-die Ringe und steckte sie ihnen an.
-
-Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig löste sich
-von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder.
-
-Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf -- und
-ihr Blick traf sich plötzlich, -- sie sahen einander in die Augen. Da
-zog eine heiße Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie
-blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen noch tiefer wie zuvor.
-
- * * * * *
-
-In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen Raum verfügte, in
-welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf
-von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten
-lassen.
-
-Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen Deckbalken das
-Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe anstieß, feierten die Fischer
-»Kaisers Geburtstag«, »Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie
-Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten
-sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein
-Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von
-viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte.
-
-Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen
-Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Großen an der Wand, darum
-her vergilbte Stiche und gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit
-welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, und über der
-Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Holländer mit
-käseweißem Gesicht, schwarzem Bart und großem Fischerhut, welcher
-starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch
-steht --: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer -- geht ihm der
-flyende Dutschman die Quer!«
-
-Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große Korallen und
-fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel
-fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor
-welchen sich die Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! --
-
-In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem Südmeer, Schildkröten
-und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige
-Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr
-herüber bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten Seesternen
-und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehöriger des Schankwirts aus
-fernen Zonen heimgebracht.
-
-Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte die Gäste durch sein
-erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht
-verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand.
-
-Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit
-groben weißen Tüchern belegt und durch Tannengrün und Blumensträuße ganz
-besonders feierlich geschmückt.
-
-Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon
-jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwärts
-lagert ein großes Faß Bier, auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben
-ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken
-zuerst besichtigt wird.
-
-Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgäste nahen, fürerst noch so
-schweigsam und ernst, wie es in der Art dieser wortkargen Menschen
-liegt, welche es mehr gewohnt sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um
-das Dasein zu führen, als heitere Feste zu feiern.
-
-Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und manch altem,
-wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches Kopfschütteln und »Hm-Hm!«
-abgenötigt hat, spielte in den rosa Kranzbändern der jungen Frau und
-färbte ihre Wangen noch röter, und wenn auch Mike mit festem Händedruck
-ringsum die schwieligen Hände faßt, und Jöschen manch lieben Freund
-innig auf den Rücken klopft, so herrscht dennoch fürerst noch die
-feierliche, erwartungsvolle Stille, welche dem Nahen des Pastors und der
-gräflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXV.
-
-
-Über die hohe Düne, welche das Fischerdorf von der See trennt, stieg
-Gräfin Gundula an der Seite des alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele
-und Guntram Krafft.
-
-Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, das Meer bei dem
-immer stärker werdenden Wind in seiner wogenden Schönheit zu sehen, und
-darum hatte man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf nicht von
-dem Burgberg, sondern vom Strande aus.
-
-Die Gräfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und Gabriele, welche ebenso
-schweigsam wie der Bär von Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte
-der Worte des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram Krafft
-gesprochen. »Welch eine auffallende und sehr erfreuliche Veränderung ist
-mit Ihrer Frau Mutter vor sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich
-die Gräfin seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, der
-finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt von ihr gewichen,
-und dafür sei Gott gelobt!« -- Er hatte dann Gabriele herzlich beide
-Hände entgegengestreckt, und fuhr fort: »Das haben wir ganz entschieden
-Ihrem so günstigen Einfluß zu verdanken, mein gnädiges Fräulein! Sie
-haben den Sonnenschein wieder in das Haus der so tief gebeugten Frau
-getragen!«
-
-Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, als er sich stumm und
-höflich, wie in schweigender Zustimmung vor ihr verbeugte, und es hatte
-warm aufgeleuchtet in den ernsten, traurigen Augen.
-
-Ein paar gleichgültige Worte hatten sie später auf dem Weg zum Strande
-gewechselt, und als sie über die waldige Höhe schritten und zuerst den
-Blick auf das Meer genossen, war Gabriele unwillkürlich stehengeblieben
-und hatte mit leisem Ausruf des Entzückens auf die weißschäumende,
-hochgehende See hinausgeblickt.
-
-»Nicht wahr, so gefällt sie selbst Ihnen?« hatte der Graf gelächelt, und
-das junge Mädchen nickte mit seltsam leuchtendem Blick und wiederholte:
-»Selbst mir!«
-
-Dann brauste der Sturm daher und riß die weißen Narzissen aus ihrem
-Gürtel und verstreute sie durch das Riedgras, und während Gabriele mit
-beiden Händen den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen nach
-und sammelte sie.
-
-Sein Blick überflog ihre schlanke, schneeweiße Gestalt, um welche die
-weichen Kleiderfalten in graziösem Spiele flatterten, und er behielt den
-Strauß in der Hand und sagte: »Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe
-tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid zu halten!«
-
-Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der Dünen gelangten und
-das Wirtshaus »Zur blauen Woge« vor ihren Blicken lag.
-
-Da reichte er die Blüten zurück.
-
-»Wir alle haben uns festlich geschmückt, Graf, nur Sie allein tragen
-kein einziges Abzeichen, welches auf die frohe Bedeutung dieses Tages
-schließen läßt!«
-
-Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lächeln.
-
-»Ich selber vergaß es, und andere dachten nicht an mich!«
-
-Da wählte sie die schönsten Blumen aus ihrem Strauß und bemühte sich,
-sehr unbefangen zu lachen: »Welch eine grobe Unterlassungssünde!
-Erlauben Sie, Graf, daß ich das Versäumte nachhole und Ihr Knopfloch
-schmücke!«
-
-Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust.
-
-»Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!« sagte er sehr
-ruhig. »Den Ahnherrn Wulffhardt und mich bedenken Sie in gütiger Weise
-mit solch lieblichem Schmuck.«
-
-Alles Blut stieg ihr in die Wangen, -- vor ihren Ohren schwirrten
-plötzlich wieder die Worte --: »Mit weißen Totenblumen ... doch nicht
-mit einem Lorbeerkranz ...«
-
-Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich verfüge ja über keinen
-besseren Schmuck, Graf!«
-
-»Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren tragen!«
-
-Das Gespräch ward unterbrochen, aus dem Saal des Wirtshauses erschallten
-die lustigen Weisen der Harmonika, und das junge Ehepaar trat den
-vornehmen Gästen entgegen, sie mit herzlichem Händedruck zu begrüßen und
-zum Hochzeitstisch zu geleiten.
-
-Gräfin Gundula saß zwischen dem jungen Ehegatten und dem Pastor, --
-Guntram Krafft an der Seite des bräutlichen Weibes, zu seiner Rechten
-war Gabriele der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saßen die beiden
-Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schöne Seemannslieder und
-lustige Stücklein für Unterhaltung, dieweil es bei Tisch selber sehr
-ruhig zuging.
-
-»Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fröhlichkeit zu stören!«
-flüsterte Gabriele zu dem Grafen auf.
-
-Dieser lächelte: »O, durchaus nicht! Es würde eine Nichtachtung gegen
-die vergötterte Weinsuppe und den obligaten Schweinebraten sein, wollte
-man während dieser Genüsse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und
-die >Stimmung< kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann werden Sie sehen,
-daß wir unsere Getreuen nicht stören. Ich bin überzeugt, daß wir hier
-von allen noch sehr viel mehr geliebt wie respektiert werden!«
-
-Und so war es auch.
-
-Als das, nach Ansicht der so wenig verwöhnten Leute, glänzende
-Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische beiseite gerückt wurden und
-der Kaffeeduft so lieblich durch den Saal zog, daß allen Frauen das Herz
-im Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter
-durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen Jauchzer hervor,
-und als die Harmonikas mit schallendem Ton den »Großvatertanz« anhuben,
-da umfaßte Jöschen seine strahlende junge Frau und begann sich mit ihr
-sehr langsam und würdevoll im Kreise zu drehen.
-
-Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht mit dem wunderschönen
-jungen Fräulein solchem Beispiel folgen werde, aber der stand und sprach
-so eifrig mit ein paar alten Fischern, daß er gar nicht an den Tanz zu
-denken schien.
-
-Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, machte seinen Kratzfuß vor
-Gabriele und tanzte mit ihr, schwer und wuchtig, als gelte es, eine
-holländische Kuff bei konträrem Wind zu lavieren, -- und als er zum
-Schluß die junge Dame mit freundlichem Lob auf den Arm gepatscht, stand
-schon ein junger Lotse bereit und sah sie treuherzig bittend an.
-
-Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, und ihre schlanke
-weiße Gestalt tauchte wie ein Traum zwischen dem derben Schiffervolk
-auf, so daß der Pastor ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte:
-»Wissen Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des wunderholden
-Fräulein von Sprendlingen einfiel? Ein Gedicht von Heinrich Heine: >Wohl
-unter der Linde, da tönt die Musik, da tanzen die Burschen und Mädel ...
-da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen so schlank und so
-edel!< -- Sagen Sie selbst, ist es nicht, als ob die weiße Wassernixe
-aus der Flut gestiegen sei, sich unter das lustige Fischervolk zu
-mischen? -- Wie ein Märchen deucht mir die lilienhafte Mädchengestalt,
-und wen Fräulein Gabriele mit den großen, klaren, wundersam glänzenden
-Augen anlächelt, der lernt an die Macht der Meerfrau glauben!«
-
-»Man sagt, die Meerfei bringt Unglück dem, der sie schaut! Hören Sie,
-wie der Sturm um das Dach heult? Vielleicht wählt sich die Undine
-bereits ihre Opfer für die kommende Nacht aus!«
-
-»Das verhüte Gott! Fürchten Sie bös Wetter?«
-
-»In wenig Stunden haben wir es.«
-
-»Arme junge Frau! Das wäre eine üble Hochzeitsmusik!«
-
-Jöschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen.
-
-»Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!«
-
-Guntram Krafft richtete sich jäh auf. »Ich warte nur, daß du Mike einmal
-freigeben sollst!«
-
-»Dor steiht se!« lachte der junge Ehemann, wieder in sein gemütliches
-Plattdeutsch verfallend, und der Bär von Hohen-Esp nickte, drückte dem
-Glücklichen die Hand und holte sich die Braut mit den rotglühenden
-Wangen zum Ehrentanz.
-
-»Nu leggt he los!« flüsterte es im Kreis, und man wartete, daß der
-Burgherr nach der Mike das »gnä Frölen« zum Tanze holen werde; aber er
-trat mit umwölkter Stirn zur Tür zurück und hatte mit Krischan Klaaden
-ersichtlich viel ernste Dinge zu reden.
-
-Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer stärker und stärker
-herübertönte und der Sturm immer schriller durch die Taue des vor dem
-Hause aufgepflanzten Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer
-fröhlicher und ausgelassener, und schließlich stand die Mamsell vom
-Schloß und tuschelte unter listigem Augenzwinkern mit Mike und Jöschen.
-
-Die Weiber, Mädchen und Burschen drängten drum herum, es gab ein leises,
-jubelndes Gelächter, und dann lichtete sich plötzlich der Kreis, einer
-der Fischer trat vor und rief mit kraftvoller Stimme:
-
-»Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern söken!« --
-
-Großer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem Lächeln zu
-Gräfin Gundula und bot ihr eine Schere dar, mit welcher die Burgfrau die
-beiden rosa Bänder der Kranzschleife abschnitt.
-
-Die alte Dame lächelte dabei sehr amüsiert, und in ihren Augen leuchtete
-es auf, wie ein sehr wohlgefälliges Verstehen.
-
-»Möchtest du die Rechte treffen, Mike!« sagte sie und händigte der
-jungen Frau die Bänder aus. -- Diese wandte sich, reichte Jöschen flink
-eines der Rosenbänder, und schnell wie der Gedanke stürmte das junge
-Paar unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgäste.
-
-Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als sie ihren Arm auch
-schon von Mike gefaßt und mit dem Band umschlungen sah, gleicherzeit
-zerrten und drängten die Männer Guntram Krafft heran, an dessen Arm
-Jöschen das andere Band geknüpft hatte, und ehe die beiden aufs höchste
-betroffenen jungen Leute recht wußten, wie ihnen geschah, waren ihre
-Arme durch die Bänder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei
-erhob sich: »Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!« --
-
-Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine Lippen bebten, und
-die breite Brust hob und senkte sich unter stürmischen Atemzügen, dann
-neigte er sich zu Gabriele herab und stieß kurz hervor: »Befehlen Sie zu
-tanzen, mein gnädiges Fräulein?« --
-
-Sie blickte zu ihm auf, -- ihm deuchte es, ebenso kühl und ruhig wie
-sonst -- und die kristallenen Nixenaugen leuchteten ganz nahe den
-seinen, und ihr roter Mund antwortete: »Ich füge mich der Sitte, Herr
-Graf!«
-
-Da umschloß sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung mit der freien
-Hand, daß man Raum gebe, und dann tanzten sie.
-
-Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend heiß brauste das
-Blut durch seine Adern, wie befangen von einem wilden,
-leidenschaftlichen Rausch flog er dahin, und die weiche, schmiegsame
-Gestalt ruhte wieder an seiner Brust, und ihre krausen Löckchen
-flimmerten vor seinem Blick.
-
-Freiwillig wäre er nie zu ihr gekommen -- nun trieb sie das Schicksal
-selber in seine Arme, und er hielt die bleiche Meerfrau ... und drückte
-sie fest -- immer fester und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er
-sie nie wieder freigeben.
-
-Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heiße, unaussprechlich
-innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam bekämpft hatte, loderte
-in verzehrenden Flammen in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare
-Denken und Handeln.
-
-Er tanzte -- tanzte ohne Aufhören ... und er hatte nur einen tollen,
-wahnwitzigen Gedanken -- so hinab mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu
-den schäumenden Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die kühle,
-geheimnisvolle Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, wo die Perlen
-auf weißen Wasserlilien glänzen und rote Korallen bis an das Abendrot
-des Himmels emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lächelnd zu
-ihm heben, wird mit ihren kühlen, meerfarbenen Augen sein Leben trinken
-und ihn küssen in traumhaft süßem Glück ...
-
-Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster schrillt der Sturm ...
-und die Brandung donnert lauter und lauter empor ...
-
-Gabrieles Köpfchen aber sinkt plötzlich tiefer und tiefer, und ihr
-Körper ruht schwer in seinem Arm.
-
-Da erwacht er plötzlich wie aus tiefem Traum und starrt sie an.
-
-Wie blaß sie ist! --
-
-Erschrocken hält er inne: »Verzeihen Sie, Gabriele,« -- murmelte er, --
-»ich war unbescheiden ... ich tanzte zu lange -- --«
-
-Sie lächelt und ringt nach Atem -- und um sie her erhebt sich abermals
-ein tosender Jubel. »Dat wier äwerst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n
-Dutzend Dänz'!« -- schallt es lachend im Kreise, und dann plötzlich jähe
-Stille.
-
-Ein Schuß? --
-
-Ertönte nicht draußen auf hoher See ein Schuß? -- ein Notsignal? --
-
-Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram Krafft reißt das
-rosa Band, welches ihn an Gabrieles Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch
-und stürmt nach der Tür, Jöschen, Krischan Klaaden und die andern
-Fischer folgen in jäher Hast.
-
-Die lachenden geröteten Gesichter sind plötzlich blaß und ernst
-geworden, die Klänge der Harmonika sind verstummt.
-
-Gabriele ist an die Seite der Gräfin geeilt und hat mit angstvollem
-Aufblick ihre Hand gefaßt.
-
-»Was bedeutet das, Frau Gräfin?«
-
-Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem kleinen Fenster,
-einen Blick hinauszutun.
-
-»Gott der Herr verhüte es, daß ein Schiff in Not ist!« sagte sie mit
-schwerem Atemzug.
-
-»O, welch ein Wetter plötzlich!« schaudert Gabriele, »wie schwarz die
-Nacht, und welch furchtbares Brausen und Donnern! Man hat es zuvor bei
-der Musik nicht gehört, -- jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden
-ist!«
-
-Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen Hände. »Das
-ist eine grobe See geworden«, sagt sie leise. »Arme Mike ... muß den
-Jöschen heute nacht wohl hergeben!«
-
-»Heute nacht?« wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen Augen,
-»was sollte denn Jöschen bei dieser Dunkelheit für ein Schiff draußen
-tun?«
-
-Die Alte schüttelt mit wehmütigem Lächeln den Kopf: »Hinaus muß er und
-Hilfe bringen, falls es not tut!«
-
-»Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?« Gabriele hebt wie
-beschwörend die Hände. »Das ist ja gar nicht möglich ... das wäre ja ein
-tollkühnes, nutzloses Aufopfern!«
-
-»Es wäre seine heilige Pflicht!« unterbricht die Gräfin ernst und ruhig,
-»und wahrlich nicht das erstemal, daß Guntram Krafft seine wackeren
-Lotsen in ein Unwetter hinausführt!« --
-
-»Der Graf?« stammelte Gabriele ..., »er selber ... er fährt auch mit
-hinaus?« --
-
-»Wenn es nottut, jedesmal!«
-
-Da ist es plötzlich, als wüchse die schlanke Mädchengestalt empor, als
-lausche sie atemlos diesen Worten wie einer Offenbarung.
-
-»Wo ist er? Wo sind die Fischer?« stößt sie hervor.
-
-»Wohl auf der Düne draußen, nach dem Schiff zu spähen!«
-
-»Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gräfin! Ich bitte, ich
-beschwöre Sie!«
-
-»Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, und Sie ahnen nicht, wie
-der Sturm draußen pfeift! Das Haus hier liegt ja noch hinter der Düne
-geschützt ... wenn Sie sich auf der Höhe hinauswagen, können Sie kaum
-atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, Gabriele!«
-
-Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. »Gleichviel ... ich
-hülle mich warm ein ... ach, ich flehe Sie an, Gräfin, lassen Sie mich
-sehen, was da draußen vorgeht!«
-
-Einen Augenblick noch zögert Gundula, dann sagt sie kurz entschlossen:
-»Gut; dort auf der Bank liegen die warmen Sachen, welche Anton für den
-Heimweg brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen Mantel um,
-ich werde mit Ihnen gehen.«
-
-Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig und still bleiben
-kann, wo möglicherweise ihr einziges Kind sich im nächsten Augenblick
-auf Tod und Leben hinaus in den Sturm wagen wird! --
-
-Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch nimmt, es sehr
-sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie
-prüft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge
-Mädchen wie um den Sohn besorgt.
-
-Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe
-Frauengestalt und hastet nach der Tür.
-
-Hu, welch ein Sturm!
-
-Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in
-das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen kreischt die kleine
-Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes;
-Fräulein von Sprendlingen preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust
-und ringt nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die Kraft,
-gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt Gräfin Gundula die schlanke
-Gestalt mit ihrem kräftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse
-durch das Brausen und Heulen.
-
-Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche
-Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet.
-Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so
-rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen,
-schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über den Himmel und
-verhüllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor,
-wenn der Sturm die Massen zerreißt.
-
-Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man hört nur die Brandung in
-nächster Nähe -- wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen
-schallt sie empor.
-
-Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vögelchen an
-die Gräfin geschmiegt, aber sie überwindet das Grauen, sie fühlt, wie
-eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm
-vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite.
-
-Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß der Sturm sein
-lockiges Haar zerwühlt. Seine breite Brust trotzt dem wüsten Gesellen,
-hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben
-und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp,
-welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende
-Gesell, der Sturmwind!
-
-Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden Ellenbogen auf
-und späht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus.
-
-Die beiden Frauen kämpfen sich vorwärts, Fischerfrauen und Kinder folgen
-ihnen, fest aneinandergedrängt, starren sie stumm und ernst hinaus auf
-die wild empörten Wasser. Der Schutz der Düne hört auf, mit voller Wucht
-wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen Augenblick hat
-Gabriele das Empfinden, sie müsse ersticken, -- die Gräfin faßt sie
-fester in den Arm und kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, -- da braust es
-über sie hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu Kräfte
-kommen.
-
-Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, und Gabriele gewöhnt
-sich nach den kurzen Anweisungen Gundulas an das Atmen im Sturm, sie
-überwindet ihre Bangigkeit und Schwäche, sie will stark sein! Sie will
-vorwärts ... sie will sehen und hören!
-
-Guntram Krafft wendet sich flüchtig und blickt zurück, aber all sein
-Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu stehen.
-
-»Ist es tatsächlich ein Notsignal?« fragt die Gräfin.
-
-Er nickt. »Vorläufig läßt sich noch nichts erkennen, wir müssen warten,
-bis die Wolken vorüber sind, -- minutenlang muß der Mond hervortreten!«
-
-Dann trifft sein Blick Gabriele.
-
-Sie steht neben ihm, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Antlitz von
-dem weißen Spitzentuch umflattern, mit einem leisen Schrei die Augen
-starr, weitoffen auf die See gerichtet.
-
-»Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von gestern und ehedem?!« --
-
-Schwarz und furchtbar gähnt es in weiter Unendlichkeit vor ihr, -- der
-hohe Wogenschwall wälzt sich donnernd heran, in zwei-, drei- und
-vierfacher Brandung kocht der weiße Gischt am Strande auf, gespenstisch
-rollen die aufbäumenden Seen heran wie Ungeheuer, welche in wütender
-Gier Strand und Land verschlingen wollen.
-
-Da teilt sich die dräuende Finsternis.
-
-Der Mond bricht durch die Wolken, sein weißgelbes Licht fließt
-minutenlang wie ein magischer Schein über die Wasser.
-
-»Dort ... dort ... dat Schipp!!«
-
-Wie ein Schrei gellt es von Jöschens Lippen.
-
-»Richtig -- dort is't!« --
-
-»A's'n Turpedo sieht's ut!!« --
-
-»Nee! Nee! Is 'ne lüttje Brigg ...«
-
-»Ich seh' keen Mast nich --«
-
-»De warn ja woll verlurn sin!« --
-
-»Un keen Licht nich ...«
-
-»Doch -- achterlich de gröne Lantern!« --
-
-»Äwerst keen Signal nich ...«
-
-»Doch! -- Obacht!«
-
-»Dat Blulicht!!«
-
-Ein scharfes, bläuliches Licht blitzte auf See auf ... hielt
-sekundenlang an und verschwand wieder, -- gleichzeitig ein Kanonenschuß
-...
-
-»Das Schiff treibt auf --! Brandung voraus!« schrie Guntram Krafft.
-»Vorwärts, meine Braven, da ist keine Zeit zu verlieren! Zum Schuppen!
--- Gebt Signal! -- Boot klar zum Auslaufen!« --
-
-Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast durcheinander, -- die
-Männer stürmten die Dünen hinab nach dem Rettungsschuppen. Wie in jähem
-Entsetzen hob Gabriele die Arme. »Jetzt hinaus in See? -- Gräfin ... auf
-_diese_ See hinaus?!« --
-
-Gundula nickte. »Gebe Gott, daß sie noch zur rechten Zeit kommen. --
-Kehren Sie jetzt zurück in das Zimmer, Gabriele ... ich muß in den
-Schuppen hinab und alles vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglückten
-Hilfe zu bringen!«
-
-Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schönes Antlitz sah
-in dem Mondlicht wie versteinert aus.
-
-Das junge Mädchen schüttelte aufgeregt den Kopf, in ihren Augen
-leuchtete es plötzlich auf wie heiße, leidenschaftliche Begeisterung.
-
-»Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gräfin -- schnell ... ach, lassen Sie
-uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche schauen!«
-
-Und sie wartete nicht mehr auf den schützenden Arm Gundulas, sondern
-flog wie von den Sturmesschwingen getragen, dem Rettungsschuppen zu.
-
-Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln herrührend,
-flammte wieder auf dem gefährdeten Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete
-am Strand drunten, dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere
-Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXVI.
-
-
-Ein aufgeregtes, überhastiges Leben entwickelte sich am Strand.
-
-Die Leute hatten in größter Eile ihre hochzeitlichen Kleider mit dem in
-dem Schuppen bereithängenden Ölzeug vertauscht und waren soeben, voll
-ausgerüstet, bereit, den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den
-tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, unsagbar
-mühselige Arbeit bei solchem Sturm!
-
-Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebäudes gegen die Mauer gedrückt
-und starrte mit hochklopfendem Herzen das fremdartige Treiben an.
-
-Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem derben Lotsenanzug, --
-welcher ihr schöner und kleidsamer deuchte wie die reichste Galauniform,
--- grell beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen
-Fäusten geschwungen wurden, -- sah, wie er mit Bärenkräften zufaßte und
-half und schaffte, der erste seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener,
-gewaltiger Kommandeur, ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern
-selber arbeitet und Hand anlegt!
-
-Eine leise Stimme klang neben Gabriele.
-
-»Dat wir sneller kamen, as wie dachten!« seufzte Mike und knüpfte das
-wollene Tüchelchen fester um den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar,
-ihre hartgearbeiteten Hände griffen ein wenig unsicher zu, und ihr erst
-so blühend frisches Gesicht war blaß geworden.
-
-»Ach, gnä' Frölen -- un dat ok grad an min Hochtid!«
-
-Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen Augen der
-Sprecherin.
-
-»Arme Mike!« sagte sie weich; »ja, das ist eine traurige Hochzeit! Aber
-so Gott will, kehrt dein Schatz bald gesund und heil zurück, und dann
-kannst du doppelt stolz auf ihn sein!« -- Sie atmete tief auf und
-wiederholte mit glänzendem Blick: »Ja, stolz! sehr stolz mußt du doch
-auf einen solchen Mann sein!« --
-
-Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hände in die geblümte
-Schürze und sagte resigniert: »Wenn he man wedder kümmt!« Und dann
-entsann sie sich, daß ja das gnädige Fräulein nicht gut plattdeutsch
-versteht und fuhr -- nicht ganz ohne Mühe -- fort: »Vielleicht kriegen
-sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herüber und brauchen nicht
-selber hinaus. Sehen Sie dort? Da schaffen sie an dem Mörser! Der Graf
-schießt bannig gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein übles Ding
-damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die Windrichtung und Stärke
-desselben kommt gar sehr in Betracht dabei!«
-
-»Man schießt nach dem Schiff?« wiederholte Gabriele überrascht. »Um
-alles in der Welt, warum das?«
-
-Mike war zu traurig, sonst hätte sie wohl gelächelt. Sie strich wieder
-seufzend mit der verarbeiteten Hand über ihren Brautkranz und fuhr
-erklärend fort: »Das tut ja keinen Schaden nicht, gnädiges Fräulein, im
-Gegenteil! An der Kugel ist man eine dünne Leine befestigt, -- sie wird
-über das Schiff hinübergeschossen, und die Leute müssen die Leine so
-rasch wie möglich auffangen und festhalten. Wenn das geglückt ist, muß
-als Zeichen dafür ein Blaufeuer angesteckt werden, oder man schwenkt
-auch nur eine Laterne -- wie sie's aus so 'nen wracken Schiff noch grad
-möglich machen können ... dann wissen die Unsern hier Bescheid ...«
-
-»Was für Bescheid? Was nützt die Leine?«
-
-»O, man alles nützt die! Die Schiffsmannschaft muß die Leine dann vom
-Lande her anholen, bis sie den Steertblock daran finden, durch welchen
-ein Jölltau geschoren ist!«
-
-»Und was soll damit?« -- Gabriele blickte die wortkarge Mike beinahe
-ungeduldig an, und das junge Weib fuhr monoton fort --: »Ja, so, -- das
-kennen Sie man alles noch nicht! Dieser Steertblock muß am Mast unter
-der Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten schon über Bord
-geschlagen sind, an einem andern hohen Gegenstand ... und dann geben sie
-vom Wrack wieder ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau an
-dem Läufer befestigen, das ziehen sie dann vom Strand 'rauf aufs Schiff
-...«
-
-»Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?«
-
-Nun ging doch ein schnelles, breites Lächeln über das Gericht der jungen
-Fischerfrau.
-
-»Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!« schüttelte sie den Kopf und fuhr,
-sich verbessernd fort: »Daran wird man bloß die Hosenboje nach den
-Gestrandeten hinübergeschickt, da setzt sich die Mannschaft nacheinander
-ein und wird übergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schießen losgehen
-... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!«
-
-Eine immer größere Aufregung hatte Gabriele erfaßt. Die wundersame
-schaurige Poesie dieser nächtlichen Rettung wirkte wie berauschend aus
-ihr so leicht empfängliches Gemüt!
-
-All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende Gefahr, die
-Angst und Sorge um eigenes und fremdes Leben, die unbeschreiblich
-großartige Schönheit der wild entfesselten Elemente übten einen nie
-geahnten Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in tiefem Schlaf
-gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, welche es erwecken soll zu
-einem neuen, köstlichen Leben, zu der jauchzenden Erkenntnis alles
-dessen, was ihre Seele voll schwärmerischer Begeisterung seit jeher
-erhofft und ersehnt. Und voll ungestümer Leidenschaft wandte sie sich
-und kämpfte sich durch den Sturm näher und näher zu Guntram Krafft
-heran, bis sie beinahe an seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz
-schauen -- seine Worte hören -- jede seiner kraftvollen Bewegungen
-beobachten konnte.
-
-Ihr Auge glänzte wie im Fieber -- ihre Lippen lächelten wie im Traum.
-
-Die Stimmen der Männer hallten wirr und zumeist unverstanden zu ihr her,
--- mit gewaltigem Krach entlud sich das Rettungsgeschoß, -- die Rakete
-zischte wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung nach dem
-gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel der Nacht.
-
-Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, das die Leine getroffen
-habe.
-
-Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den adlerscharfen Blick
-seeein gerichtet, als könne und müsse sein Blick die gähnende Finsternis
-durchdringen.
-
-Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm heult über sie hinweg,
-und die See donnert und braust immer gewaltiger gegen den Strand.
-
-Krischan Klaaden schüttelt den Kopf.
-
-»Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de Brandungen gahn all
-öwer dat Schipp weg!«
-
-»Denn man tau! -- wi möten klor maken!« Der Bär von Hohen-Esp wandte
-sich in hoher Erregung zu seinen Lotsen.
-
-»Vorwärts, Kinder! -- es ist keine Minute mehr zu verlieren, -- wir
-müssen hinaus!«
-
-Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft sich an den Hals
-ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang mit den Armen. »Nee! -- nee!«
-schluchzt sie auf -- »an dissen Dage nich!!« --
-
-Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, er wendet hastig das
-Haupt, ein Schein tiefer Wehmut geht über sein schönes Antlitz.
-
-»Bliev torück, Jöschen!« -- flüstert er, »dat geiht ok ahn di'!« --
-
-Der junge Fischer richtet sich jäh auf, küßt sein bräutliches Weib noch
-einmal hastig auf die blassen Lippen und faßt sie derb an den Schultern.
-»Denk' doran, was de Pastur hüt seggt hätt'!« ruft er, springt hastig
-seinem jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges Lachen.
-
-»Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!«
-
-Gabriele hat keinen Blick für die schluchzende Mike, sie folgt atemlos
-nach dem Boot, sie preßt die bebenden Hände gegen das Herz, sie starrt
-mit weitoffenen Augen auf Guntram Krafft.
-
-Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger die Düne hinabeilen,
-wie die Gräfin die gefalteten Hände zum Himmel hebt, wie ihr farbloses
-Antlitz die Qualen spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick
-durchbeben, -- sie sieht nur, wie der Bär von Hohen-Esp in das Boot
-springt, wie er ein paar kurze, begeisternde Worte an seine Getreuen
-richtet, sie zu vollster, heiligster Pflichterfüllung ermahnt, und sie
-der starken Hilfe dessen versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! --
-Und dann entblößen sie alle das Haupt --
-
- »Chryste Kyrie
- Sei mit uns auf der See!« --
-
-»Amen! -- Amen!« klingt die Stimme des Predigers durch den Sturm, -- und
-dann ein frisches, kraftvolles -- »Hohojohe! -- Rennen los!!« -- --
-
-Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt.
-
-Sein Blick sucht Gabriele.
-
-Er hebt die Hand -- er winkt ihr zu ... und dann steigt das Boot hoch
-auf, -- weiße Gischtwogen scheinen es zu verschlingen ... es sinkt tief
-... tief ... hebt sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz
-und grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... gähnende Finsternis
-... und der Sturm heult, und die Brandung kocht wild auf ...
-
-»Laßt uns beten, meine Freunde!« ruft der Pastor, er entblößt sein Haupt
-... die weißen Haare wehen um seine Stirn, -- um ihn her sinken die
-Weiber und Kinder auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt
-durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch Gabriele will
-niedersinken und die bebenden Hände zum Himmel heben -- sie kann es
-nicht. --
-
-Sie muß stehen ... hochaufgerichtet ... sie muß hinausstarren auf das
-Meer, als könne sie dem kleinen Boot mit den Blicken folgen. Der Mond
-tritt hell aus den Wolken -- mit Jubel und Dank gegen Gott begrüßt. --
-
-Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete Schiff ...
-
-Gabriele atmet fast keuchend.
-
-Ihre ganze Gestalt bebt und schüttert wie unter heißen Fieberschauern.
-
-Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder?
-
-Gabriele möchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, möchte wie
-berauscht von leidenschaftlicher Glückseligkeit in den Sturm
-hinausjubeln -- möchte vergehen in der namenlosen Wonne und
-Begeisterung, welche ihre ganze Seele erfüllt und in blendende Helle
-taucht. Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche sie schaut?
-
-Ist jener heldenhafte, tollkühne Mann in jenem gebrechlichen Fahrzeug
-wirklich der Bär von Hohen-Esp, derselbe, welcher einst so linkisch und
-mädchenhaft errötend auf höfischem Parkett gestanden? --
-
-Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich Guntram Krafft?
-
-O, wie gräbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, wie mit
-feurigen Linien gezeichnet, so unauslöschlich in Gabrieles Herz!
-
-Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden Erkenntnis hat
-es schon all die Tage vorher in ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich
-gewehrt gegen diesen Gedanken, wie gegen eine Unmöglichkeit!
-
-Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie in nimmer endendem
-Tanz heiß und heißer an die Brust gedrückt, da ging es wie ein
-Morgendämmern der Liebe durch ihre Seele, da war es ihr, als müsse sie
-das Antlitz auf seine starken, kraftvollen Hände drücken und sagen: »ich
-weiß, was sie Gutes tun und Edles schaffen -- und ich bitte dir all das
-schwere Unrecht ab, du wackerer Mann, welches ich dir ehemals so
-verblendet zugefügt!«
-
-Und in jener Stunde hatte sie nur seine Größe geahnt und noch nicht mit
-Augen geschaut, wie jetzt!
-
-Flammende Begeisterung durchglüht sie! Der Traum von edlem Heldentum,
-von sieghaftem Mannesmut ist zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf
-Tod und Leben!
-
-Welch ein trotzigkühner Kampf gegen die furchtbarsten Gegner, gegen
-Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig wie die anstürmenden Heere des
-Feindes, verderblich wie die brüllenden Geschütze auf dem Schlachtfeld,
-welche Tod und Verderben speien! -- Auch hier grinst der Tod aus jeder
-Woge, auch hier lauert Untergang und Vernichtung in der Tiefe, hier tost
-der Feind auch in den Lüften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft
-gegen ein paar armselige Menschenfäuste ein! --
-
-Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, wenn sie
-hinaus in die Nacht, auf die finsteren, tosenden Wasser blickt!
-
-Drüben liegt das Schiff!
-
-Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darüber hin. --
-
-Man sieht, wie schwere Seen über sein Deck schlagen, wie es immer tiefer
-auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot sich gegen die furchtbare
-Strömung näher und näher herankämpft.
-
-Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden und zerschellen?
-
-Wird es durch das Zurückprallen der See vollschlagen und kentern?
-
-Gabriele hört wie im Traum die Worte der Umstehenden.
-
-»Man jo nich' von de Luvsit' angehn!« jammerte eine Alte. »Dat Schipp
-sitt' jo fest un' die See brandet öwer weg!«
-
-»Äwerst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo Bischeid!«
-
-»Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stücke von der Takelung treiben!«
-nickt die Mamsell und trocknet die Augen; »ich denke, der Graf nimmt
-die Schiffbrüchigen wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!«
-
-»Wenn sie nur erst rankommen!«
-
-Der Mond versteckt sich wieder, -- eine bange, lange Stille, -- leis
-gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen.
-
-Gräfin Gundula ist nach dem Schuppen zurückgegangen.
-
-Sie hat dort einen Spiritusapparat entzündet, um starken, heißen Tee für
-die Heimkehrenden bereitzuhalten.
-
-Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglückten die erste
-Hilfe angedeihen lassen muß.
-
-Wie oft hat sie schon diese Frottiertücher, die Bürsten und belebenden
-Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit demselben angstbebenden Herzen,
-aber auch jedesmal mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht
-wie heute.
-
-Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr Sohn, ihr Liebling, ihr
-einziges Glück auf der Welt, wird auch heute von Gottes Vaterhand
-heimgeleitet werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, wo sie
-ihn dahingeben mußte als einen Schirmherrn der Not, als einen treuen,
-opfermutigen Mann, welcher für fremdes Leben sein eigenes wagt!
-
-Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber durchkreuzen, nachdem er
-sie so herrlich und unfaßlich bis hierher geführt? O, Gräfin Gundula hat
-in den letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, und sie hat
-Gabrieles erglühende Wangen geschaut, sie weiß, welch ein Kampf in
-diesen beiden jungen Menschenherzen tobt, und weiß, wie herrlich der
-Sieg sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen
-vorauswirft.
-
-Wie ein Wunder deucht es ihr, daß sie Gabriele, just diese, zu sich in
-die stille Strandburg rief, wie ein Wunder, daß das so reiche, gefeierte
-Mädchen eine arme Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend
-werden sollten!
-
-Wie ein Wunder muß sie es ansehen, daß die Einzige, für welche Guntram
-Kraffts Herz in heißer Liebe erglühte, ihm hierher folgen mußte, nachdem
-er den Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben.
-
-Warum das? --
-
-Gräfin Gundula weiß es nicht und fragt auch nicht danach.
-
-Sie wartet, und sie ist gewiß, daß das, was Gott der Herr so wundersam
-begonnen, auch von ihm zu gutem Ende geführt wird!
-
-Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen ertönt wie ein
-verworrenes Echo von dem Strand empor.
-
-Das Rettungsboot kehrt zurück!
-
-Die Bärin von Hohen-Esp hebt inbrünstig die gefalteten Hände zum Himmel,
-ihre Lippen zittern und flüstern leise, ihre Augen glänzen feucht.
-
-Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet sie abermals
-über den losen, wehenden Sand hinab, den Sohn zu erwarten.
-
-Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern flattern im
-Sturm, wie verklärt leuchtet das bleiche Angesicht in dem Flackerschein
-der hochgeschwungenen Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich
-durch die letzte Brandung kämpft, sie hört die aufgeregten Menschen
-lachen und jauchzen -- »sie bringen die Schiffbrüchigen! -- sie sind
-gerettet!« -- dann sucht ihr Blick Gabriele.
-
-Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie vorhin, die Hände wie
-in Verzückung nach dem Boot ausgestreckt, das schöne Antlitz in Gluten
-der Begeisterung getaucht.
-
-Ach, daß Guntram Krafft sie so erblicken möchte! Alles drängt den
-Nahenden entgegen, die Männer springen in das schäumende Wasser, das
-Fahrzeug mit hilfsbereiten Händen zu fassen, um es auf den Strand zu
-ziehen, aber die Stimme des Grafen klingt kräftig durch Wind und
-Wogengebraus -- »Halt! -- laßt ab! Wir müssen noch einmal zurück! --
-Landet die Mannschaft ... es sind Norweger! -- Versorgt sie!«
-
-Noch einmal zurück?
-
-Der Jubel verstummt -- jähes Entsetzen malt sich auf allen Gesichtern.
-
-Gott erbarm sich! noch einmal zurück! Noch sind nicht alle Gestrandeten
-geborgen!
-
-Die fremden Seeleute springen über, bleich und ermattet, aber alle
-gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen, welcher bewußtlos scheint,
-hebt Guntram Krafft mit starken Armen und trägt ihn selber an Land. --
-
-»Es ist nichts, Mutter!« ruft er leuchtenden Auges, »als er über die
-Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen, -- das betäubte ihn! den Kopf
-kühlen ... und einen Kognak! -- Sonst =allright=!«
-
-Gundula schlingt die Arme um den Sohn und drückt ihn sekundenlang an das
-Herz.
-
-»Noch einmal zurück willst du?« seufzt sie tief auf --; »_muß_ es sein,
-mein Sohn?«
-
-Er küßt hastig ihre Hände.
-
-»Ja, es _muß_ sein, Mutter! Drei Männer warten noch auf unsere Hilfe,
-unter ihnen der Kapitän. Das Schiff hat bereits an sieben Fuß Wasser im
-Raum! Das Ruder ist weggestoßen, und der Fockmast schwankt derart, daß
-er jeden Augenblick über Bord gehen kann! Das einzige Boot, welches noch
-vorhanden war, ist völlig leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu
-verlieren, -- gebe Gott, daß wir nicht schon zu spät kommen! Nur einen
-Schluck zur Stärkung für meine Leute, und dann wird uns der barmherzige
-Gott auch zum zweiten Male helfen!« --
-
-Der Pastor hat die Hände des Sprechers ergriffen und drückt sie mit
-warmen Segensworten, die Frauen reichen den Schiffbrüchigen und Lotsen
-die Becher mit dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen ihre
-Männer, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen und klagen nicht, sie
-erschweren ihnen ihre saure Pflicht nicht noch mehr, -- auch sie sind
-stark und heldenhaft, -- wie sich's gebührt.
-
-Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren Neuvermählten und
-blickt ihm wieder und wieder in die Augen, bis Jöschen die Zähne
-zusammenbeißt, sich losreißt und nach dem Boote zurückwatet.
-
-Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal drückt er seiner
-Mutter die Hände -- dann trifft sein Blick Gabriele. Sie hat bisher
-stumm zur Seite gestanden, jetzt plötzlich ist es, als ob ein Beben und
-Schüttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht -- sie _muß_
-ihm entgegenwanken, ihm die Hände reichen -- zu ihm aufblicken ...
-
-Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck in dem
-wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen, -- er starrt sie an ...
-
-So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an, als sie den kühnen
-Reiter um seiner Heldentaten willen bewunderte!
-
-»Gabriele!« -- murmelte er. -- --
-
-Ihre Lippen zittern, -- sie drückt seine Hände fester, krampfhafter
-zwischen den ihren.
-
-»Sie sind jetzt erschöpft, Graf -- Sie _können_, Sie dürfen das
-Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!«
-
-Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Heiße Röte steigt in sein
-Antlitz, dieselbe, welche ehemals im Ballsaal seine Stirn färbte und
-ihr so weibisch und verächtlich deuchte, -- jetzt sieht sein edles,
-kühnes Angesicht noch schöner darunter aus wie zuvor.
-
-»Ich weiß nicht, was ich kann und tun darf, ich weiß nur, was ich
-_muß_!« klingt es wie ein Aufjauchzen von seinen Lippen, -- sein
-strahlender Blick trifft noch einmal den ihren, dann gibt er ihre
-bebenden Hände jählings frei und springt in das Boot zurück.
-
- »Chryste Kyrie --
- Sei bei uns auf der See!«
-
-Und abermals bäumt sich das Boot hoch auf und schießt hinaus in die
-grauenvolle, schäumende Wildnis der Wasser ... in die gähnende
-Finsternis hinein. --
-
-Die Gräfin legt die Arme um Gabriele und neigt sekundenlang das Antlitz
-auf die Schulter des jungen Mädchens.
-
-»Beten Sie für ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite Fahrt ist
-schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!«
-
-Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp energisch auf und
-folgt festen Schritts den Männern, welche den bewußtlosen Schiffsjungen
-nach dem Rettungsschuppen tragen.
-
-Nun gilt es auch für sie, treu und umsichtig ihres Amtes zu walten.
-
-Sie muß dem Kranken die erste Pflege angedeihen lassen, für seine
-Überführung nach Hohen-Esp sorgen und das Unterkommen der gestrandeten
-Mannschaft bedenken.
-
-Noch einmal zögert sie und blickt zurück, sie will Gabriele zu Hilfe an
-ihre Seite rufen, da sieht sie im dämmernden Mondlicht, wie die
-schlanke, weiße Mädchengestalt auf die Knie herniederbricht, wie sie die
-Hände in heißem, inbrünstigem Gebet verschlingt.
-
-Ein seliges Lächeln geht über ihr ernstes Antlitz. Nein, sie darf nicht
-rufen.
-
-Dieser lichte Engel muß am Strande treue Wacht halten!
-
- * * * * *
-
-Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, -- die Männer bergen die
-Rettungsgeschosse, welche überflüssig geworden sind, die Weiber und
-Kinder üben Samariterdienste an den Schiffbrüchigen.
-
-Boten müssen nach der Burg gesandt werden, das Ingesinde hat Frau
-Gundula heimgeschickt, alles für die Ankunft des Kranken und der
-Mannschaft, welche in der »blauen Woge« kein Unterkommen mehr findet,
-vorzubereiten. Nun beginnt das Hasten und Treiben nach Dorf und Burg
-zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten stehen wie dunkle Schatten
-am Strand bereit, die Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu künden.
-
-Still und einsam ist es um Gabriele.
-
-Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer zuvor
-bemächtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher empfunden, war eine
-glühende Begeisterung gewesen, das namenlose Entzücken, endlich das Bild
-ihrer Träume verkörpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen,
-welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schwärmerischen Sehnens
-geworden war! --
-
-Mit stürmendem Herzen hatte sie gestanden und das herrliche Bild Guntram
-Kraffts mit den Blicken umfaßt, als könne sie sich nicht satt schauen an
-einem solchen Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den höchsten
-Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im Fieber, und nur _ein_ Gefühl
-hatte sie beherrscht, die unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts,
-dessen Größe sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte!
-
-Er war zurückgekehrt von seiner verwegenen Fahrt, und ihr war es zu
-Sinnen gewesen, als müsse sie vor ihm niederknien, seine Hände an die
-Lippen drücken und stammeln: »Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib
-einer Blinden, daß sie dich ehemals so bitter und so ungerecht gekränkt!
--- Jetzt erst sind meine Augen geöffnet, und ich habe gesehen, _wer_ du
-bist!« --
-
-Jetzt erst? --
-
-Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden, als ob nach
-langer, dunkler Winternacht der goldene Lenz erwachen solle!
-
-Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der kühne, sieghafte Held,
-als er sich stolz von ihr losriß und nichts Höheres und Heiligeres
-kannte, als seine Pflicht, -- da fluteten die ersten, heißen
-Sonnenstrahlen durch ihr Herz, -- da jauchzte es nicht mehr -- »fahr'
-hinaus, und sei ein Held, auf daß ich dich bewundern kann!« -- nein, da
-schrie es auf in zitternder Angst --: »bleibe hier, damit ich dich
-_liebe_!« --
-
-Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung, mit welcher sie
-ihn das erstemal das Wagnis vollbringen sah, -- da konnte sie nicht
-beten für ihn, sondern nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit
-blitzenden Augen und wogender Brust!
-
-Jetzt plötzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, zitternde
-Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die bleichen Lippen möchten
-aufschreien in bitterer Not um den Geliebten.
-
-Wie ein Gespenst taucht plötzlich das Bildnis Wulffhardts vor ihr auf
-... das entsetzliche Wort »ertrunken!« starrt sie mit grellen Buchstaben
-aus der schwarzwogenden See an -- »ertrunken! -- ertrunken ...!« --
-
-Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hände, sie bricht nieder auf die
-Knie ... der Sturm weht über sie dahin und reißt das Spitzentuch von
-ihrem lockigen Haar.
-
-Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand gegen ihr Antlitz und
-trinkt gierig die Tränen, welche haltlos über ihre Wangen tauen.
-
-Wie aus dem geöffneten Rachen eines Ungeheuers brüllte die See, -- die
-ehemals bespöttelte, so verächtlich belächelte See, und Gabriele fühlt,
-wie das Grauen sie schüttelt angesichts dieser zürnenden, furchtbar
-Gewaltigen! --
-
-Ertrunken! --
-
-Herr des Himmels, erbarme dich! --
-
-Die Worte des Predigers klingen ihr plötzlich im Herzen, hell und
-zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, welches alle Totenglocken
-übertönt! -- »Das Gebet seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster
-Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das Segel, welches
-in Sturm und Wetter nicht verloren geht! Das Gebet der gläubigen Liebe
-ist die Engelsschwinge, welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut
-sicher in den Heimatshafen zurückführt.«
-
-Das Gebet der gläubigen Liebe! --
-
-Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von Hohen-Esp, sie hat nicht
-das Recht wie Mike, die junge, bräutliche Frau, den Geliebten mit
-Engelsschwingen sorgender Fürbitte zu umgeben, -- aber Liebe! gläubige
-Liebe! Ja, die flammt ihr heiß und todgetreu im Herzen, eine Liebe,
-welche die Angst und Qual dieser finsteren Nachtstunde geboren! --
-
-Wo bleibt er? --
-
-Die Minuten schleichen dahin, -- wie lang, wie entsetzlich lang währt
-diesmal die Fahrt!
-
-Dort drüben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche Nacht umgibt
-es! --
-
-Werden es die kühnen Retter sehen und finden? Wird die tosende Flut ihr
-Boot gegen die Schiffswand schleudern, daß es zerschellt ... daß alles
-junge Leben -- alle süße, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf dem
-Meeresgrunde finde?
-
-Herrgott, erbarme dich! --
-
-Immer inbrünstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele die Hände im
-Gebet -- und durch den Sturm klingt es wie goldene Harfen, und fernher
-vom Strand gellt ein Jubelschrei: »Sie kommen! -- sie kommen!« --
-
-Ein Lächeln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen haften an dem Himmel,
-sie regt sich nicht.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXVII.
-
-
-Voll jubelnder Hast stürmte es abermals die Düne von dem
-Rettungsschuppen herab.
-
-Neue Fackeln glühten auf, und der Sturm griff in die knisternden Flammen
-hinein und jagte die funkensprühenden Stückchen des Teerbrandes über den
-Sand davon.
-
-Allen voran drängte Mike nach dem Strand. Sie strebte dem nahenden Boot
-so ungestüm entgegen, daß die Spritzer der Brandung helle Tropfen in
-ihren Brautkranz warfen und die Frauen und Mädchen sie lachend und so
-lebhaft, wie während der ganzen Hochzeitsfeier nicht, zurückrissen und
-den guten Feststaat vor weiterem Verderben retteten.
-
-Das Einlaufen des Bootes an Land erwies sich diesmal noch schwieriger
-als zuvor, da die Brandung von Minute zu Minute furchtbarer ward und das
-nicht allzu schwere Fahrzeug jeden Augenblick beizudrehen drohte.
-
-Jede Welle, welche es überholte, warf den Heck empor und drückte den Bug
-nieder, und der erst so ungestüme Jubel der Harrenden verwandelte sich
-wieder in angstvolle Stille, als man den schweren Kampf beobachtete, in
-welchem die kühnen Retter rangen.
-
-Das Sturmgewölk war beinahe völlig hinweggefegt, der Mond stand an dem
-bleifarbenen Himmel und beleuchtete hell den letzten Akt des aufregenden
-Schauspiels, welches sich in stiller Nacht an dem einsamen, weltfernen
-Strande abspielte.
-
-Die Brandung rollte unter dem Kiel des Bootes fort, die Kämme der See
-hüllten es in wahre Schaumwolken, und das ganze Fahrzeug mit den kühn
-verwegenen Gestalten der so überaus angestrengt arbeitenden Männer
-erschien wie ein Schattenbild, welches sich in wildem Tanze nähert.
-
-Und es kam näher und näher, und endlich konnten die zurückgebliebenen
-Fischer ihm mit rauhkehligem »Hojohe!« entgegenspringen, es kraftvoll zu
-packen und an Land zu schieben.
-
-Im letzten Augenblick erst hatte sich Guntram Krafft von seinem Sitz
-erhoben, sein edles, leidenschaftlich erregtes Antlitz spiegelte noch
-die Anstrengungen, mit welchen man in dieser schweren Stunde gerungen,
-aber seine Lippen lachten, daß die festen, weißen Zähne durch den
-Schnurrbart blinkten, und die großen Blauaugen blitzten so siegesfreudig
-und glückselig, wie bei einem Menschen, für welchen die gute Tat schon
-allein ihren vollen Lohn in sich trägt! --
-
-Wie schön war er! wie unbeschreiblich schön! -- Gabriele ist Schritt für
-Schritt herzugewankt, mit glückzitterndem Herzen und brennendem Blick
-schaut sie ihm entgegen, und dann schlägt dieses Herz plötzlich so wild
-auf, daß sie vor seinem Ungestüm selber erschrickt und angstvoll
-zurückweicht, weiter und weiter ... dahin, wo die roten Lichter der
-Fackeln sie nicht mehr erreichen, wo keines Menschen Blick erspähen
-kann, welche Gefühle sich in ihrem Auge verraten! --
-
-Voll toller, ausgelassener Freude springt Jöschen als erster über den
-Bootsrand, watet die letzten Schritte durch das weit ausrollende Wasser
-und umfängt sein junges Weib, um all das Glück dieses Wiedersehens in
-schallenden Küssen auszudrücken.
-
-»Nu hev' ik mir min leif lüttj Fru erst ganz un gor verdeint!« lacht er
-mit weithin tönender Stimme: »Mike min Küking, bist ok tofreeden mit
-mi?« --
-
-Da gibt's einen hallenden Jubel ringsum, und der sturmzerzauste
-Brautkranz fliegt vollends auf die blonden Zöpfe zurück, und Mike sieht
-wieder so glühend rot aus wie zuvor, als noch kein bös Wetter ihr das
-Glück streitig machte!
-
-Der Bär von Hohen-Esp eilt in die ausgebreiteten Arme seiner Mutter und
-küßt ihr strahlend stolzes Gesicht voll inniger Zärtlichkeit, dann
-wendet er sich und führt den barhäuptigen, bis auf die Haut durchnäßten
-Kapitän des »Bror Thyrssen«, welcher mit Pitchpine Holz nach Pillau
-unterwegs ist, der Gräfin zu und empfiehlt ihn deren Gastfreundschaft
-und Sorge.
-
-Kapitän Björnson spricht deutsch, er dankt der Gräfin mit warmen, aus
-dem Herzen quellenden Worten für die edle, opfermutige Tat ihres Sohnes,
-welcher just zur rechten Zeit gekommen, sie alle aus sehr übler Lage zu
-befreien. Der »Bror Thyrssen« hält zwar noch zusammen, aber er liegt
-schwer auf der Seite, und die See schlägt hoch über Deck und wäscht
-alles herunter, -- -- da handelt es sich wohl kaum noch um eine Stunde,
-daß sich eine Menschenseele an Bord halten kann. --
-
-Dann fragt er nach dem Schiffsjungen und seinem Ergehen, und Gundula
-kann gute Nachricht geben, sie schreitet dem Kapitän nach dem
-Rettungsschuppen voran, bleibt aber noch einmal stehen und wendet sich
-zu dem Grafen. Sie hat gesehen, wie sein Blick umherirrt und unruhig
-unter den Anwesenden forscht -- sie weiß, wen er sucht.
-
-Lächelnd deutet sie seitlich nach dem Strand, wo ein weißes Kleid aus
-dem Dunkel schimmert.
-
-»Willst du so gut sein, Guntram Krafft, und Gabriele nach dem Wagen
-führen? Der Kutscher hält am Tannenweg! Das arme Kind scheint von all
-der ungewohnten Aufregung todesmatt! Sage ihr, daß ich sie bitten lasse,
-mit dem Herrn Kapitän und Steuermann einstweilen nach der Burg zu fahren
-und den Wagen sogleich zurückzuschicken, wir folgen augenblicklich mit
-dem Kranken, sowie er sich noch ein wenig mehr erholt hat! -- Mamsell
-weiß Bescheid und hat alles vorbereitet. Begleitest du uns, oder bringst
-du, gewohnterweise, erst das Boot und alles andere unter Dach und Fach?«
-
-»Fürerst bin ich hier noch nicht abkömmlich, Mama!« antwortete er sehr
-schnell und lacht abermals über das ganze Gesicht; »ich hab' Jöschen
-heimgejagt und muß seine Faust noch beim Bergen der Sachen ersetzen.
-Aber Fräulein von Sprendlingen werde ich deine Bestellung ausrichten!«
-und schon stampfte er auf den schweren Wasserstiefeln davon, und das
-zerzauste Blondhaar hängt ihm wirr und feucht in die Stirn.
-
-Da sieht er ihre schlanke, lichte Gestalt im Mondesglanz vor sich, und
-sein Herz, welches soeben noch ruhig und furchtlos dem Tode getrotzt,
-bebt plötzlich in seiner Brust.
-
-Langsam tritt er näher.
-
-Er denkt an den Blick, mit welchem sie ihm vorhin in die Augen geschaut,
-an den Ausdruck ihres süßen Gesichts, welches während seiner Todesfahrt
-durch Sturm und brandende Flut wie eine glückselige Vision ihn
-begleitete. Der weiße Spitzenschleier weht lang von dem Haupt herab, --
-der Sturm faßt ihn und wirbelt ihn dem Nahenden wie ungestümen Gruß
-entgegen.
-
-Da steht er vor ihr, und sie hat die gefalteten Hände gegen die Brust
-gedrückt und sieht mit unaussprechlichem Blick zu ihm auf.
-
-Was soll er bestellen?
-
-Er weiß es nicht, -- alles Blut braust ihm schwindelnd zum Herzen, er
-weiß selber nicht, was er tut, er reicht ihr nur im Übermaß seines
-Empfindens die Hand entgegen und sagt leise, wie in banger, sehnender
-Bitte um ein freundliches Wort -- »Gabriele!« --
-
-Da geschieht etwas Unfaßliches, Unbegreifliches. Sie nimmt seine Hand
-mit jäher Bewegung zwischen die ihren, neigt ihr Antlitz und drückt sie
-an die weichen, zitternden Lippen. Wieder und wieder ... und an ihren
-Wimpern glänzt es feucht und perlt herab über seine Rechte.
-
-»Gabriele!« schreit er entsetzt auf. -- »Um alles in der Welt, was tun
-Sie?«
-
-Sie hebt das erst so demütig geneigte Köpfchen und reckt ihre schlanke
-Gestalt hoch und stolz empor und schaut ihn an mit den süßen Nixenaugen,
-aus welchen jubelnde Begeisterung und Bewunderung leuchten.
-
-»Ich grüße einen Helden!« stößt sie mit halb erstickter Stimme hervor,
-»und danke ihm für all jene Menschenleben dort, welche diese kühne,
-gewaltige Hand gerettet!«
-
-Er hat seine Rechte gewaltsam befreit und preßt sie gegen die Stirn, als
-könne er den Sinn ihrer Worte gar nicht fassen.
-
-»Einen Helden!« wiederholt er leise; -- »und das sagen _Sie_ mir,
-Gabriele -- _Sie_?!« --
-
-»Wem anders wie Ihnen, Graf! -- Sie haben mich gelehrt, was es
-bedeuten will, ein Schirmvogt der Not zu sein, Sie haben es mir
-bewiesen, daß auch hier in tiefster, weltferner Einsamkeit ein
-kühner, unerschrockener Mann leuchtende Taten zu Ruhm und Ehre seines
-Vaterlandes tut! Sie haben es jenen Norwegern gezeigt, wie ein
-deutscher Mann im Sinne seines Kaisers handelt, -- und ... Sie haben
-mich erkennen lassen, wieviel ... ach, wieviel ich Ihnen abzubitten
-habe!« --
-
-Sie hatte hastig, aufgeregt, voll fieberischer Leidenschaft gesprochen;
-bei den letzten Worten sank ihre Stimme zu leisem Flüstern herab, und
-ehe sich Guntram Krafft aus seiner Betäubung aufraffen konnte, hatte
-sich die Sprecherin bereits dem eilig herzulaufenden Anton zugewandt.
-
-»Gnädiges Fräulein ... der fremde Herr Kapitän sitzt bereits in dem
-Wagen!« meldete er atemlos. »Darf ich bitten, sogleich einzusteigen,
-die Frau Gräfin erwartet die Pferde umgehend zurück.«
-
-»Ich komme!« nickte Gabriele hastig, der Bär von Hohen-Esp aber schrak
-empor wie aus einem Traum.
-
-»Krischan Klaaden läßt den Herrn Grafen bitten, bei dem Boot mit Hand
-anzulegen! Sie quälen sich ab und wollen es auf den Wagen kriegen, aber
-ohne den Herrn Grafen wird's nichts damit! Und Krischan Klaaden meint,
-geborgen müsse es auf alle Fälle werden, denn die Flut steigt immer
-noch, und man könne nicht wissen, wie hoch sie in der Nacht noch käme!«
-
-»Gut, gut, ich komme!«
-
-Einen Augenblick noch rang er mit sich, ob er Gabriele nicht folgen und
-in den Wagen bringen solle, aber schon entschwand ihre lichte Gestalt
-wie ein Schemen, sie floh dahin über das knisternde Riedgras und mußte
-den Wagen bald erreicht haben. Wie war es auch möglich, mit diesem Sturm
-im Herzen ihr vor fremden Menschen gleichgültige Dinge zu sagen.
-
-Guntram Krafft preßt die wetterharten Fäuste gegen die Schläfen, und
-seine Brust hebt und senkt sich unter keuchenden Atemzügen.
-
-Wie ein Chaos von Licht und Schatten wallt es durch das finstere Gewölk
-der langen Leidensnacht in seinem Herzen, funkelnde Strahlengarben
-brechen hervor, und eine grelle, blendende, zauberhafte Sonne des Glücks
-steigt sieghaft über seinem Leben auf!
-
-Gabriele hatte das Antlitz weinend auf seine Hand geneigt, -- sie selber
-hatte ihn einen tapferen, heldenhaften Mann genannt, -- ihn, der doch
-nichts anderes getan, als wie seine Pflicht!
-
-Das war ein Wunder, ein Gnadenwunder Gottes des Herrn, welches ihm so
-jäh und wonnesam das Herz der Geliebten zugewandt! --
-
-Wie ein Jubelschrei will es über Guntram Kraffts Lippen brechen, aber er
-schweigt, er blickt nur mit glänzenden Augen zum Himmel empor.
-
-Und dann preßt er die Hand gegen die Brust, auf welcher noch immer der
-Zettel Gabrieles ruht, und atmet tief, tief auf.
-
-Seine Zeit ist um.
-
-Ein wüster, grausamer Schicksalssturm hat ihn ehemals auf seinen
-Lebensweg geweht, daß er sich zur himmelhohen Scheidewand zwischen ihn
-und all sein Glück baue, -- und nun kam ein anderer, frischer,
-köstlicher Seesturm dahergebraust, der blies die trennende Schranke
-hinweg, der räumte alles aus dem Weg, was als Dorn und Nessel die roten
-Rosen seiner Liebe überwuchern wollte! --
-
-Gabriele von Sprendlingen will Herz und Hand nur einem Helden zu eigen
-geben, und sie selber hat den Bären von Hohen-Esp einen Helden genannt!
---
-
-Drunten am Strand winken die Männer, ungeduldig harrend, mit den
-Fackeln, und Guntram Krafft schwenkt ihnen mit jauchzendem »Hojohe!« den
-Südwester zu und eilt heran, ihnen zu helfen, als flute neues Leben und
-neue Riesenkraft durch seine Adern! --
-
- * * * * *
-
-Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bemühte sie sich, der Gräfin in
-jeder Weise hilfreich zur Seite zu stehen; Gundula aber tat nur einen
-schnellen Blick in ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Blässe
-wechselten, auf die kleinen, eiskalten Hände, welche es kaum vermochten,
-mit festem Griff zuzufassen, und sie schloß das junge Mädchen mit gar
-wundersamem Lächeln in die Arme und neigte die Lippen küssend auf den
-lockigen Scheitel.
-
-»Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, -- ich wünsche es! -- Sie sind
-von all der Aufregung nervös und ermattet und müssen schlafen, damit Sie
-morgen wieder bei frischen Kräften sind! Ich kenne diese Sturmnächte und
-lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu wahren! -- Was wollen
-Sie noch hier? Der Kranke ist gebettet und schläft bereits den
-köstlichen festen Schlaf der Jugend, -- den gebrochenen Arm habe ich ihm
-schon in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, -- auch darin
-habe ich Übung! und der Schlag gegen den Kopf scheint durchaus nicht
-bedenklich, denn der Junge sprach nach seiner kurzen Betäubung völlig
-klar mit seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen, und, so Gott
-will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der Kapitän und Steuermann haben
-ihre nassen Kleider gewechselt und sich mit Guntram Kraffts längst
-verwachsener Garderobe sehr spaßhaft kostümiert, sie sitzen bei einem
-steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn warten, um noch so
-mancherlei mit ihm zu besprechen, ehe sie sich zur Ruhe legen, -- ich
-glaube nicht, daß ihnen Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand
-sehr angenehm ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und auch ich
-gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram Krafft noch einmal die Hand
-gedrückt habe. Das ist so Brauch bei uns.« --
-
-Gabriele atmete sehr schnell und machte eine jähe Bewegung mit dem
-Köpfchen, ihre Augen blickten so leuchtend und verklärt an der Gräfin
-vorüber, als sähen sie voll schwärmerischen Entzückens in nächtiger
-Ferne ein liebes, liebes Bild.
-
-Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen, wieder und wieder
-... wollte sprechen und schwieg dennoch.
-
-»Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es gewiß ein ganz
-besonders sonniger, wonniger Maientag werden!« fuhr Gundula weich und
-leise fort, und sie strich mit der Hand über das rosa Brautband, welches
-noch immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles Arm glänzte, --
-sie lächelte: »Heben Sie diese Schleife auf, -- sie bringt Glück! -- Und
-ehe Sie die Augen schließen, danken auch Sie Gott dem Herrn, daß er in
-dieser Nacht mit uns war!« --
-
-Gabriele war heiß errötet, sie nickte erregt, ihre Lippen zitterten.
-Noch einmal neigte sie sich tief, tief über die Hand der Gräfin, und
-dann trat sie hastig über die Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu
-erreichen. Sie preßte die Hände gegen die Schläfen und stand zögernd auf
-der Treppe still.
-
-War es recht, daß sie ging? Gab es doch vielleicht noch Pflichten für
-sie zu erfüllen?
-
-Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute nicht!
-
-Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt, handelt und spricht
-wie im Traum, ihre Gedanken sind weit entfernt von dem, was sie tut. --
-
-Ihr ganzes Sinnen und Denken weilt bei ihm! Sie sieht nur noch ein
-Einziges, -- Guntram Kraffts kühnes, heldenhaftes Angesicht, -- sie
-fragt sich tausendmal immer wieder dasselbe: Ist es denn kein Traum,
-kein Fieberwahn gewesen? Hat er wahrlich das Unfaßliche, Herrliche
-vollbracht?
-
-Wo weilt er noch?
-
-Fühlt, empfindet er es nicht, daß ihr Herz seinen Namen jubelt in
-heißem, leidenschaftlichem Sehnen und Entzücken?
-
-Wo bleibt er?
-
-Horch ... eine Regenboe braust nieder, die Tropfen werden prasselnd
-gegen das Fenster gepeitscht ... nach wenig Minuten ist es wieder still,
-und die Mondstrahlen huschen durch das zerfetzte Gewölk. --
-
-Das Heulen in den Lüften läßt nach, die Riegel und Wetterfahnen
-kreischen nicht mehr so unaufhörlich wie zuvor.
-
-Gabriele tritt an die kleinen, bleigefaßten Scheiben und neigt das
-fieberheiße Gesichtchen dagegen.
-
-Wo bleibt er? --
-
-Wird er wieder drunten auf dem Weg vorüberschreiten, ohne einen einzigen
-Blick empor nach ihrem Fenster zu tun? --
-
-Wie in zitternder, qualvoller Angst preßt sie die Hände gegen das Herz.
-
-Sie sieht es plötzlich wieder vor sich, sein ernstes, gleichgültiges, so
-ganz verändertes Gesicht, mit welchem er ihr begegnete, so lange sie
-hier weilt. Lebt kein Fünkchen jenes zärtlichen Interesses, welches er
-in der Residenz für sie empfand, mehr in seinem Herzen?
-
-Gabriele schlingt wie in bebender Verzweiflung die Hände ineinander.
-
-Wehe ihr, -- und ihrem armen, armen, törichten Herzen!
-
-Und doch ... jener Blick, als er von ihr schied, als er zum letzten Male
-noch ihre Hände faßte, ehe er zu jener furchtbaren Fahrt in das Boot
-sprang ... jener Blick war nicht mehr kühl und fremd, er war so
-liebesinnig -- so heiß und weh ...
-
- * * * * *
-
-Gabriele schlägt plötzlich die Hände vor das Antlitz und schauert
-zusammen, -- als ob er Abschied nahm für ewige Zeit! --
-
-O, diese Qual der letzten Stunden!
-
-Wo bleibt er, -- wo bleibt er? --
-
-Wie fände Gabriele Schlaf und Ruhe, ehe sie sein teures Haupt geborgen
-und unter diesem Dache weiß? --
-
-Horch ... Stimmen ... Schritte drunten ...
-
-Mit zitternder Hand löscht sie das Licht und öffnet lautlos das Fenster
-...
-
-Mondschein glänzt auf dem Weg ... das Gezweig rauscht und sprüht
-silbernen Funkenregen.
-
-Die Bediensteten des Schlosses und zwei der fremden Matrosen nahen in
-lebhaftem Gespräch -- und in ihrer Mitte ... diese hohe, königliche
-Gestalt ... so schreitet nur einer! -- nur er! --
-
-Und er zögert plötzlich und geht langsamer, er bleibt zurück und steht
-still.
-
-Sein mondbeglänztes Antlitz wendet sich ihrem Fenster zu, wie mit jäher,
-leidenschaftlicher Bewegung hebt er die Arme und breitet sie nach ihr
-aus! --
-
-Sieht er sie?
-
-Nein, -- es ist dunkel und still hier droben. Mit einem leisen
-Aufschluchzen des Entzückens sinkt Gabriele auf die Knie -- und das rosa
-Band von Mikes Brautkranz glänzt wie holde, glückselige Verheißung an
-ihrem Arm. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXVIII.
-
-
-Gräfin Gundula hatte recht behalten.
-
-Der Sturm flaute über Nacht und gegen Morgen mehr und mehr ab und wehte
-schließlich nur noch als kräftig frische Brise von der See herüber,
-dieweil die klare leuchtende Frühlingssonne an dem Himmel stand und die
-blühende Welt in goldenem Licht badete. Alle Wolken, alle Dunst- und
-Nebelschleier hatte der Sturmwind hinweggefegt, und nun wölbte sich das
-Firmament so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder
-Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und endlos und wogte
-unter Tausenden von schneeigen Schaumkämmen so majestätisch, wie
-Gabriele seinen Anblick selbst im Traume nicht in gleicher Schöne
-geschaut!
-
-Und weil Guntram Krafft jüngst einmal gesagt, daß die Farbe des Himmels
-und der See diejenige sei, welche er am meisten liebe, so hatte Gabriele
-zum erstenmal ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem ihre
-Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen.
-
-Sie errötet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und lächelt ihm doch voll
-süßer, inniger Träumerei zu und atmet so tief und blickt mit so großen,
-glänzenden Augen umher, als schaue sie die sonnige Gotteswelt zum
-erstenmal, als sei in ihr und um sie her alles ganz und gar verändert
-seit der gestrigen Nacht. --
-
-Guntram Krafft war mit den fremden Männern schon zu früher Stunde nach
-dem Strand hinabgegangen, um zu näherer Besichtigung des Wracks mit
-ihnen hinauszufahren; wie die Gräfin mit feinem Lächeln sagte: »So
-strahlend glücklich, wie noch nie zuvor im Leben!« --
-
-Und dann, als sie verstohlen die entzückende Erscheinung des jungen
-Mädchens mit dem Blick umfaßt, legt sie lächelnd die Hand auf die
-fleißigen Fingerchen, welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen
-wollen, und sagt: »Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in Ordnung
-gebracht, ich habe egoistischere Wünsche für Sie, liebe Gabriele! -- Ist
-es ein Wunder, wenn nach all der Angst und Sorge des gestrigen Abends
-mein Herz heute desto glückseliger in den hellen Sonnenschein
-hineinlacht? Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste Gabriele?
-Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem Schreibtisch Ordnung zu
-schaffen habe, singen Sie mir etwas vor! Und dann gehen Sie in den
-Garten und holen ganz besonders schöne Blumen zum Schmuck der Tafel! Der
-Kapitän und Pastor sind heute unsere Gäste, da kann der alte Jürgen Haas
-sein Gewächshaus aufschließen und uns einen Strauß seiner gehegten und
-gepflegten Lieblinge opfern, hören Sie, Gabriele? Holen Sie aus dem
-Gewächshaus heraus, was Ihnen hold und schön deucht! So; und nun?
-Bekomme ich ein Lied?«
-
-Gabrieles Augen leuchteten auf.
-
-»O, gern, wenn Frau Gräfin fürlieb nehmen wollen ... ich sang lange
-nicht!« --
-
-»Und ich hörte gar lange, lange Zeit keinen Ton Musik in diesen Räumen!«
-nickte Gundula voll leiser Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich
-stille Lächeln über ihr Antlitz, und sie fügte kaum verständlich hinzu:
-»Nun bricht aber eine neue Zeit für die Bärenburg an, und das Alte soll
-vergessen sein!« --
-
-Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, über das geöffnete
-Schubfach, aber ihre Hände ruhten still im Schoß, und ihre Augen
-blickten voll lebhafter Spannung nach dem Flügel, auf welchem Gabriele
-zögernd ein Notenheft aufstellte.
-
-Was wird sie singen?
-
-Die Bärin von Hohen-Esp war eine gar gründliche Menschenkennerin, und
-was Gabriele im tiefsten Herzensgrund für Guntram Krafft empfand, das
-mußte jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strömen.
-
-»Soll ich die Arie aus dem >Fliegenden Holländer< probieren?« fragte sie
-zögernd, mit jähem Erröten; »ich studierte sie vor Jahren bei meiner
-Lehrerin, sang sie aber nicht oft.«
-
-»Und warum nicht?« --
-
-»Sie war mir damals so unverständlich, -- ich kannte weder See noch
-Sturm ...«
-
-»Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue ich mich gerade auf
-diese Arie!«
-
-Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann immer voller,
-erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz durch die Töne zitterte in dem
-leidenschaftlichen Empfinden: »-- betet zum Himmel! --«
-
-Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, immer glänzender ward
-ihr Blick, immer freudiger das geheimnisvolle Lächeln um ihre Lippen ...
-
-Und Gabriele durchblätterte mit glühenden Wangen die Noten --
-
-»Der Lenz ist da!« von Hildach.
-
-Welch ein Jauchzen und Jubeln -- welch ein Frohlocken dem Lenz entgegen!
-Und die Glocken läuteten so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so
-ganz absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken!
-
-Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach, -- und über die
-Lippen des jungen Mädchens flutet es weiter wie ein alles vergessendes,
-glückseliges Geständnis.
-
-»Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen mein Herz so
-verwegen!«
-
-Und dann ward es still.
-
-Als aber die Gräfin mit bebender Hand den Türvorhang zurückschiebt und
-leise in das Zimmer schaut, da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die
-Hände gedrückt und verharrt wie im Traum. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Der alte Jürgen Haas hat seine blühenden Lieblinge im Gewächshaus stets
-mit Argusaugen gehütet; wie er aber in das wunderholde Antlitz des
-Fräulein von Sprendlingen schaut, welche ihn lächelnd um einen Strauß
-bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen, und er nickt
-mit beinahe zärtlichem Blick --: »So veel, als Jug dat leev is!« -- und
-er schließt das geräumige Glashaus auf und sieht es ohne jedwedes
-Herzeleid, wie die kleinen weißen Hände nach seinen schönsten Blüten
-greifen.
-
-Plötzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus in die Ecke des
-Treibhauses, woselbst die Oleander und großen Laurostinosbäume nebst
-etlichen Palmen aufgebaut sind.
-
-»Ist das nicht ein Lorbeerbaum, Jürgen Haas?« fragt sie, und alles Blut
-steigt ihr in das ehedem so rosig zarte Gesichtchen.
-
-»Ganz recht, een Lorbeer! Der is man torück bleeven von uns' Herrn
-Grafen sin Konfirmaschon! -- Die Blätters sin ganz ampart un' nüdlich,
-äwerst Blaumens dreiht he nich!«
-
-Gabriele war hastig herzugeschritten.
-
-»Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen, lieber Haas? -- Und
-haben Sie ein wenig Bast zur Hand, daß ich ihn gleich winden kann?«
-
-Der Alte murmelte: »Allens, wat Se wollen!« kramte aus den grundlosen
-Tiefen seiner Jacke einen Flausch Bast, und derweil sich Gabriele auf
-eine leere Blumentreppe setzte und die graziösen Zweige mit bebenden
-Händen zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den weißen Kopf und
-sprach in seiner kurzen, schlichten Weise von der vergangenen
-Sturmnacht, wo der liebe Herr Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient
-habe. --
-
-Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und schüttelte die
-Blätter von ihrem Kleid. Zwei kleine Kränze hatte sie gewunden, die hing
-sie an ihren Arm, faßte den großen Strauß der blühenden Blumen zusammen
-und sagte dem beglückten Alten freundliche und herzliche Dankesworte,
--- dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren durch die warme,
-lenzesduftige Luft nach der Burg zurück.
-
-Über ihr jubelten die Vögel im blühenden Gezweig, und in ihrem Herzen
-klangen die Frühlingsglocken noch immer wie ein holdes, traumhaftes
-Echo!
-
-In der Speisehalle ordnete sie still und geschäftig die Blumen in
-Schalen und Vasen auf der Tafel, dann stand sie einen Augenblick und
-schlang zögernd die kleinen Hände ineinander.
-
-Alles war still im Hause.
-
-Die Gräfin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zurückgezogen, Anton
-hantierte an den Büfetts, und die Herren weilten noch am Strande.
-
-Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem Wohnzimmer der Gräfin.
-
-Ein Sonnenstrahl flimmerte über einen der braungeschnitzten Bären zu
-ihrer Seite -- da sah es aus, als ob seine Augen sich bewegten, als ob
-das grimmige Gesicht ihr plötzlich entgegenlache.
-
-Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das große Brustbild Guntram
-Kraffts, in der Seemannsjacke, mit dem verwegenen Südwester auf dem
-lockigen Haar.
-
-Gabriele neigt sich und blickt heiß errötend in das edle, kühne,
-wunderschöne Männergesicht, welches ihr mit den großen Blauaugen so
-ganz, ganz anders wie sonst entgegenschaut. Ihr Herz stürmt in der
-Brust, all die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter
-Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und legt ihn um das Bild
-des heldenhaften Mannes.
-
-Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glühen ihre Wangen und ihr
-Blick flammt auf in jauchzender Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch
-ihre Adern, ein kurzer, glückzitternder Kampf zwischen banger Scheu und
-allesvergessender Liebe, und sie drückt das Bild an die Lippen, es wie
-in einem süßen Wonnerausch zu küssen.
-
-»Gabriele!« --
-
-Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzücken, in
-namenloser Erregung, klingt es neben ihr.
-
-Auf der Türschwelle des Nebengemachs steht Guntram Krafft, die Hände
-gegen die Brust gedrückt, das Haupt vorgeneigt, als könne er das Wunder,
-welches seine Augen schauen, nicht fassen und begreifen.
-
-»Gabriele!!« -- --
-
-Sie schrickt zusammen, Leichenblässe bedeckt ihr erst so holderglühtes
-Antlitz, -- das Bild sinkt aus ihren zitternden Händen auf die
-Schreibtischplatte nieder.
-
-Sie will, -- halb vergehend vor Scham und Entsetzen, entfliehen, aber
-sie macht nur eine unsichere, wankende Bewegung -- und schon steht er
-neben ihr, faßt sie mit festen, starken, kraftvollen Armen und drückt
-sie an sein Herz, wild, ungestüm, wie der Bär, welcher sieghaft seine
-Beute nimmt! --
-
-Nein, das ist nicht mehr der scheue Jüngling, welcher sie ehemals mit
-zarter Hand aus dem Schnee emporhob, dies ist ein trotzigkühner Mann,
-welcher sich seiner Heldenkraft bewußt geworden ist!
-
-»Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein Bild mit Lorbeer
-geschmückt und es geküßt, Gabriele, -- damit hast du jenes Todesurteil
-zerrissen, welches du mir und meinem Glück geschrieben. Jener taten- und
-ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend von dir stießest,
-würde nie und nimmer mehr gewagt haben, die Hände begehrend nach dir
-auszustrecken, aber hier der Mann, welchen du selber durch Kuß und
-Lorbeer zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll kühnen Wagemuts
-um deine Liebe, der fordert diese Hand nun als sein heilig Recht! --
-Gabriele, hast du's gehört? _Mein_ bist du, mein!«
-
-Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende Angesicht, welches
-mit den großen, zauberischen Nixenaugen zu ihm aufschaut, welches in
-holder Verwirrung nur leise, leise seinen Namen flüstert -- --: »O, du
-Herrlichster!« -- --
-
-Wie ist es urplötzlich so warm -- so duftig -- so sonnenhell in dem
-sonst so kühlen und düsteren Gemach der Frau Gundula geworden!
-
-Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram Krafft, hält sein Lieb
-im Arm und bedeckt ihr lächelndes, überseliges Antlitz mit heißen,
-unersättlichen Küssen!
-
-Goldener Sonnenglanz flutet über sie dahin, und fernher, durch die
-geöffneten Butzenscheiben, grüßt das weißschäumende Meer mit donnerndem
-Jubelruf.
-
-Die Augen der Bärin von Hohen-Esp haben feucht geglänzt, als sie ihre
-Kinder mit leisem Segenswort an das Herz gedrückt, und während das
-Brautpaar auf Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das Bild
-des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kränzen, ist Frau Gundula vor ihrem
-Schreibtisch niedergesunken, hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder
-die versiegelten Briefe und Photographien ihres Gatten zur Hand genommen
-und heiße, bittere Tränen darauf niedergeweint.
-
-Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und friedlich wie an
-einem lichten Sommerabend, wenn alle Wetterschwüle und alles
-Donnergrollen des Tages mit seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller
-Traum versunken ist. --
-
-Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glück der Gegenwart sein herbes
-Düster, und was für die einsame, schwergeprüfte Frau blieb, das war das
-stolze Bewußtsein, täglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener
-Kraft und mit Gottes gnädiger Hilfe so wunderbar vollbracht und
-vollendet. -- Welch ein Jubel hallte und schallte durch die alte
-Bärenburg, als Graf Guntram Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen
-seine Braut zuführte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen und
-Summen durch die verschlafenen Hallen und Gemächer, und die steinernen
-Bären schüttelten Staub und Moos von den Schilden, die braunzottigen
-Gesellen rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben frohgemut
-die Pranken! Eine neue Zeit blühte heran, ein neues Glück hatte seinen
-Einzug gehalten, und in dem himmelaufjubelnden Klang der
-Hochzeitsglocken erstarben die letzten Seufzer, welche so lange
-gespenstisch um Turm und Söller geweht.
-
-Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum Strand hinabgewandert,
-und Gabriele hat voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme nach der
-blauwogenden Unendlichkeit ausgebreitet! --
-
-»Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all eurer Größe und
-Herrlichkeit kennengelernt!« flüstert sie voll weicher Innigkeit zu
-Guntram Krafft empor, -- »und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei
-uns Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein Herz --
-tatsächlich im Sturm! -- Wenn ich jetzt hinaus in dieses Brausen und
-Schäumen, in dieses Sonnengefunkel und Geglitzer schaue, mit welchem ich
-gestern in verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes -- um
-dich! -- gerungen, so kommt es mir ganz unfaßlich vor, -- daß ich solche
-Allgewalt und Götterherrlichkeit jemals eintönig und langweilig nennen
-konnte! -- O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende Schönheit
-sehe ich jetzt!«
-
-Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen glühen heiß auf diesen
-blinden Nixenaugen.
-
-»Geschlafen und geträumt hast du, verzauberte Meerfei, im fernen,
-fremden Binnenland, bis du heimkehrtest zu uns, bis dich der Sturmwind
-in die Arme nahm und dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und
-Wellgunde sang, bis dich mein Kuß aufweckte zu glückseligem Begreifen
-und Verstehen!«
-
-Ein jubelndes »Hojohe!« ertönt von der Düne herab, Jöschen und Mike
-stürmen Hand in Hand über den wehenden Sand, und der junge Ehemann
-schwenkt schon von weitem den Hut und lacht, daß seine kerngesunden
-Zähne im Sonnenschein blinken.
-
-Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glückwunsch ist so ehrlich,
-so überströmend herzlich und aufrichtig, daß Guntram Krafft den
-wackeren Burschen in die Arme schließt und ihn beinahe übermütig
-schüttelt.
-
-»Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll nich drömen laten, wat?«
---
-
-Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, und Mike hält
-Gabriele bei beiden Händen und flüstert ganz schämig: »Dat hevven wi
-längst mierkt, dat dor wat im Spöle was!« -- Und sie gehen noch ein
-Stückchen plaudernd zusammen, und dann fällt Mike ein, daß sie ja einen
-Topf auf dem Feuer hat -- »grad so weggestürzt sei sie bei der
-Nachricht!!« -- und sie schütteln abermals die Hände und hasten davon
-durch Disteln und Riedgras.
-
-Wie still ist's wieder, wie still! --
-
-Eine Möwe flattert mit leisem Schrei über der Brandung, ihre Schwingen
-blitzen im Sonnenlicht grell auf wie silberne Schwertklingen -- langsam
-sinkt sie der blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende
-Gefieder im perlenden Schaum.
-
-Voll träumerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick.
-
-»Wie hätte ich mir jemals zuvor träumen lassen, daß gerade die See, um
-deren Gunst ich nie geworben, mir so verschwenderisch alles Glück
-schenken würde! Jetzt, in ihrer lichten, majestätischen Pracht, hat sie
-alle Schrecken verloren, welche in der vergangenen Nacht mein Herz
-erzittern ließen, und doch werde ich sie stets in ihrem tobenden Zorn am
-liebsten haben, weil gerade Sturm und wilde Flut es waren, welche mir
-dein heldenhaftes, unvergeßlich schönes Bild geboren!« --
-
-Wieder umfaßt sie voll bebenden Entzückens seine Hand und schaut empor
-zu ihm mit demselben Blick heiß bewundernder Liebe, welcher sein Herz in
-unbegreiflichem Entzücken stillstehen ließ, -- gestern in dunkler Nacht,
-als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt.
-
-Er schüttelt langsam, schwer atmend den Kopf. »Schon einmal hast du mich
-einen Helden genannt, Gabriele, und hast mein Bild mit Lorbeer
-geschmückt, und doch leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie
-seit langen Jahren! Nur das verdiente Glück ist mir geworden, daß du
-mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, daß du mir durch deine
-Anerkennung den Mut gabst, die Hände voll liebeheißen Verlangens nach
-dir auszustrecken ...«
-
-»Das hättest du sonst nicht getan?«
-
-»O, nie und nimmermehr, -- und hätte ich sterben müssen an den Qualen,
-welche mein Herz zerrissen!«
-
-Beinahe demütig blickt sie empor. »So sehr zürntest du mir, weil ich in
-der Residenz deine Neigung so kühl und schroff abwies? Weil ich dein
-Meer nicht liebenswert fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit
-offenen Armen entgegenkam?« --
-
-Ein schnelles, beinahe heiteres Lächeln zuckte um seine Lippen, Gabriele
-aber fuhr mit weicher Stimme, halb ernst, halb scherzend fort: »Glaubst
-du, Liebster, ich hätte es nicht empfunden, wie sehr verändert du mir in
-Hohen-Esp begegnetest? -- Anfänglich war ich nicht böse darüber, im
-Gegenteil, es berührte mich sympathisch, weil mein Herz noch so weit ab
-von dem rechten Wege irrte und viel zu sehr von seinem törichten Wahn
-befangen war, um allsogleich seine Heimat zu finden! -- Aber später, wie
-es immer wärmer und lichter in mir ward, wie dein Wesen mir immer
-unbegreiflicher schien, da habe ich oft darüber nachgedacht, warum du
-mir so sehr zürntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich
-eine so schwere Schuld, wenn ein Mädchen nur dem Mann angehören will,
-welchen es liebt?« --
-
-Er lächelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll.
-
-»Nein, du Wonnige! Im Gegenteil, keine größere Tugend vermag es zu
-geben, als diesen Stolz, welcher sich nur einem Helden zum Preise
-setzt!«
-
-»Und doch verargtest du ihn mir?« --
-
-»O, wahrlich nicht! -- Meine ganze Seele -- all mein Sein und Wesen
-gehörten dir, Gabriele, und habe ich dich je geliebt, so war es in
-diesen bittersüßen Tagen, wo ich gegen diese Liebe kämpfen mußte, wie
-gegen eine Unmöglichkeit!«
-
-»Du _wolltest_ mir nicht gut sein?« --
-
-»Ich durfte es nicht!«
-
-»O, wunderlicher Mann -- und wer verbot es dir?« --
-
-Er nahm langsam eine schmale rotjuchtene Brieftasche von der Brust,
-öffnete sie und entnahm ihr einen kleinen, zerknitterten Zettel, dessen
-verwischte Bleistiftlinien kaum noch zu entziffern waren.
-
-»Du selber, mein grausamer Schatz!« sagte er leise, und es war, als
-durchriesele ihn noch einmal wie ein banger Nachhall all das Weh,
-welches ihn so oft beim Anblick dieses kleinen Papierstreifens gequält.
-Federleicht war er und hatte doch schwer wie eine unerträgliche
-Zentnerlast auf seiner Brust geruht.
-
-Mit staunenden Augen neigte sich Gabriele und blickte auf seine Finger,
-welche den Zettel entfalteten.
-
-»Das sieht ja aus wie meine Schrift!« sagte sie überrascht.
-
-»O, wie hätte ich ehemals so gern mein Leben gegeben, wenn sie es nicht
-gewesen wäre!«
-
-Nicht ohne Mühe buchstabierte Gabriele die einzelnen Worte heraus.
-
-Voll äußersten Befremdens blickte sie empor.
-
-»Ja, dieses Bekenntnis einer schönen Seele habe ich geschrieben,« --
-nickte sie sinnend, -- »vor langen Jahren schon -- kaum weiß ich noch,
-wie und bei welchen Vorkommnis ...«
-
-»Vor langen Jahren?« --
-
-»Ah! Ganz recht, jetzt entsinne ich mich! In der Weihnachtszeit war es,
-als wir Backfischchen eines Abends zusammensaßen und heimlich die
-Überraschungen für den Christtisch häkelten und stickten. -- Die ganze
-Residenz sprach damals von dir -- selbstredend behandelten auch wir
-dieses interessante Thema!« --
-
-»Von mir?... als Backfische?« wiederholte Guntram Krafft mit fragendem
-Blick.
-
-»Ganz recht! Man erwartete dich als Freiwilligen bei Papas Regiment, wo
-du deiner Militärpflicht genügen solltest, aber statt deiner kam die
-Kunde, daß du wegen einer ganz unbedeutenden Kleinigkeit freigekommen
-seist und nicht dienen wolltest!«
-
-»_Damals_? Zu jener Zeit schriebst du diesen Zettel?«
-
-»Gewiß! In allerübelster Laune sogar! Du kennst ja meine Ansichten über
-Tapferkeit und Heldentum! Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den
-Schneid hatte, Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, --
-der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille verspottete
-mich um dieser heiligen Entrüstung willen -- o ja! Nun entsinne ich mich
-plötzlich wieder ganz genau! -- Sie behauptete, >der geschmähte
-Hohen-Esp brauche nur auf der Bildfläche zu erscheinen, um all meine
-stolzen Grundsätze wie die Kartenhäuser über den Haufen zu blasen!< Das
-reizte mich zu noch lebhafterem Widerspruch. >Gibst du es vielleicht
-schriftlich?< spottete Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon
-für ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb im Übermut
-diese geharnischte Kriegserklärung gegen den Bär von Hohen-Esp, welcher
-damals in meinen Augen nichts weniger war wie ein Held! -- Hier siehst
-du auf der Rückseite des Zettels, welcher zuvor ein Briefbogen gewesen,
--- noch das vorgedruckte Datum -- S ..., Villa Monrepos ... und hier von
-mir vollendet: den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben und
-noch deutlich zu erkennen!« --
-
-Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier, neigte sich und starrte
-die Zahlen an wie ein Träumender; dann strich er langsam mit der Hand
-über die Stirn und murmelte beinahe atemlos --: »Dieses Datum hatte ich
-nicht bemerkt ... wie war das möglich ... es muß mir in all der
-Aufregung, mit welcher ich je und je diese Zeilen gelesen, entgangen
-sein! -- Ich war ja arglos wie ein Kind ...«
-
-Gabriele blickte plötzlich ernst und forschend in sein tief erbleichtes
-Antlitz empor.
-
-»Ich entsinne mich genau, daß ich ehemals diesen Zettel schrieb; wo
-derselbe aber an jenem Abend geblieben ist, weiß ich nicht. Geradezu
-unbegreiflich und unfaßlich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach
-all den langen Jahren in deine Hände gelangen konnte! -- Sag' es mir,
-Guntram Krafft, ich bitte dich darum!«
-
-Heiße Glut stieg plötzlich in seine erst so farblosen Wangen, er knäulte
-den Zettel voll leidenschaftlichen Zornes in der Hand zusammen.
-
-»Wohl wäre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch schnöden Verrat
-gegenüber das gelobte Schweigen zu wahren, -- aber ich will nicht ebenso
-verächtlich sein wie sie, ich will das Wort halten, welches ich
-gegeben!«
-
-Und er drückte Gabrieles Hände an die Lippen und sagte: »Ich habe
-Diskretion zugesagt, -- und ich bitte dich, sie halten zu dürfen,
-Herzlieb! Ich habe die große Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft
-voll geheimer Sehnsucht, daß sie mir so fremd und verschlossen
-geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht nach der Weg zu
-deinem Herzen nur durch sie führte! Jetzt danke ich es Gott auf Knien,
-daß sie mir mit all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures,
-heiliges Meer hat mir das Glück gebracht, welches ich Tor so
-unerreichbar wähnte, Gott der Herr hat gewußt, Gabriele, daß du reine
-Perle nicht in den Staub der Großstadt, sondern hierher in deine
-sturmumbrauste Heimat gehörst!« --
-
--- Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. -- »Nein -- sag'
-nicht den Namen derer, welche ein so gewissenloses und egoistisches
-Spiel getrieben, ich kenne ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen
-getrieben und dadurch wieder bewiesen, daß jede Schuld ihre Strafe in
-sich selber trägt. -- So groß aber -- ganz so groß, wie du wähnst, war
-ihr Vergehen jedoch nicht!«
-
-Gabriele hob freimütig das schöne Haupt, ihr Auge leuchtete auf: »Hätte
-mich Thea an jenem Hofballabend noch einmal um diese meine
-Backfischansicht befragt, ich würde fraglos dieselben Worte noch einmal
-niedergeschrieben haben. Der Bär von Hohen-Esp war auch in jenen Tagen
-noch derselbe tatenlose und ruhmlose Schwächling für mich, welcher er
-gewesen, seit sein Name zuerst vor mir erklang! -- Erst hier in
-Hohen-Esp lernte ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm
-getan! Erst hier erkämpfte der herrlichste und kühnste Mann seinen
-großen Sieg über mein stolzes Herz, welches er nun zu eigen genommen hat
-für alle Ewigkeit!« --
-
-Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie sich momentan
-niedergesetzt, und strich die wehenden Haarlöckchen von den Wangen
-zurück, auf welchen heiß und ungestüm seine Küsse brannten.
-
-»Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!« -- lächelte sie,
-»damit nichts mehr an die böse, vergangene Zeit gemahnen soll! -- Das
-Meer soll jene Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen
-sein in dem jauchzenden Glück, welches seine stürmende Flut uns
-geschenkt!«
-
-Sie traten näher herzu an die schäumende Brandung, und Guntram Krafft
-zerriß das Papier und zerstreute seine kleinen weißen Flocken in den
-sprühenden Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurück auf den
-Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten sie und betteten sie
-tief unter Muscheln und wogendem Tang.
-
-Frisch und köstlich rein streicht der Wind um die Stirn, und sie stehen
-Arm in Arm in wortloser Glückseligkeit und sehen zu, wie das letzte
-Streifchen im Wellenschnee verschwindet.
-
-»Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!« lächelte Gabriele und
-schmiegt sich fester an die Brust des geliebten Mannes.
-
-»Damals! -- und heute?« fragte er neckend. Da schlingt sie die Arme um
-ihn und flüstert voll strahlenden Stolzes: »Heute lautete der Zettel,
-welchen ich schrieb, freilich anders! Lasest du nicht die Depesche,
-welche ich meinem Mütterchen schickte? -- O, Guntram Krafft, -- wie
-wird sie sich unseres Glückes freuen!« --
-
- * * * * *
-
-Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren aus vollstem Herzen
-getan.
-
-Sie ist ein häufiger, voll wärmster Freude begrüßter Gast auf Hohen-Esp
-geworden, eine scharmante Schwiegermama, der Guntram Krafft stets die
-warmherzigen Sympathien erhalten hat, welche er der so gütigen Mutter
-seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. -- Auch eine liebe,
-vertraute Freundin Gundulas ward sie, deren Interessen so ganz und gar
-mit denen der Generalin verschmolzen.
-
-Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg emporblüht, und
-die kleinen Bären in Halle und Hof herumpurzeln, hat Großmutter Gundula
-alle Hände voll zu tun, und es ist ein wahrer Segen, daß sie nach wie
-vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn auf Frau Gabrieles
-Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen.
-
-Zum händeringenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen hat ihre Tochter
-viel mehr Interesse für den Rettungsschuppen, wie für Haus und Hof, und
-nie zuvor hätte sie geglaubt, daß Gabriele sich so leidenschaftlich für
-die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen zusammenhängt,
-begeistern könne. Aber gerade das bildet das jauchzende,
-unbeschreibliche Entzücken des Grafen, den Höhepunkt all seines Glückes.
-
-Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit dem seines
-heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet auf die See, in
-Sonnenglanz und Mondenschein, bei Sturm und bösem Wetter.
-
-Dann sitzt auch auf dem lockigen Köpfchen der Gräfin der Südwester gar
-bildhübsch und verwegen, auch sie trägt »Ölzeug« und weiß mit Ruder und
-Segel Bescheid wie der beste Lotse!
-
-Einst hatte ein jäh einsetzender Sturm sie weit draußen auf dem Meere
-überrascht. Es gab eine grobe See und schweres Wetter.
-
-Gabriele aber war fest und seetüchtig wie ein bewährter Matrose, -- mit
-blitzendem Auge schaute sie kühn und unerschrocken in das Wetter hinaus,
-und als es immer gewaltiger stürmte, und das Schifflein von hohen Wogen
-geschleudert ward, da faßte sie die Hand ihres Mannes, schmiegte sich
-fest an ihn und blickte ihm in die Augen.
-
-Er umschloß sie treu und innig: »Fürchtest du dich, Herzlieb?« --
-
-Da lächelte sie, faßte seine Hand noch fester und sagte schlicht:
-»Wovor? _Wir sind ja beisammen_!« --
-
-O, in diesem Augenblick hätte der Graf von Hohen-Esp sein schwankes
-Schifflein mit keinem Kaiserthron vertauscht!
-
-Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die Nachricht mitbrachte, daß
-Herr von Heidler schon seit Jahr und Tag den Abschied genommen und in
-süßem Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, -- dies sei
-behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben im bunten Rock --
-da starrte Gabriele die Sprecherin mit weitoffenen Augen schweigend an,
-Guntram Krafft aber fragte überrascht: »Er war doch passionierter
-Sportsman, und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er nicht mehr
-privatim die Rennen mit?« Da lächelte die Generalin: »O, nein!
-Anfänglich hatte er wohl den Wunsch, es zu tun, aber seine sehr
-verwöhnte, kindische und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten,
-da es zu gefährlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter dem
-Pantoffel steht, fügt er sich willenlos den Wünschen seiner reichen
-Gattin.« --
-
-Gabriele machte eine jähe, brüske Bewegung, mit beinahe verächtlichem
-Lächeln wandte sie sich ab.
-
-»Und Gräfin Thea?« --
-
-»Sie tanzte Winter für Winter vergeblich. Jetzt hat sie sich der
-Frauenbewegung angeschlossen und schreibt sehr zornmutige
->grünspanische< Artikel gegen die Männer. Wenn es ihr glückt, ist das
-starke Geschlecht binnen Jahresfrist vernichtet!« --
-
-»Gottlob, daß Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt,« lachte Guntram
-Krafft, »hier erreicht mich ihre Feder hoffentlich nicht im Todesstoß!«
---
-
- * * * * *
-
-Die Rettungsstation des Bären von Hohen-Esp hat viel bewundernde
-Anerkennung gefunden, und sein edles Beispiel gab oft Veranlassung, auf
-diesem Gebiete nachzueifern und das Rettungswesen zur See zu fördern.
-Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des großen Publikums
-auf die bittere Not gelenkt, mit welcher der Seemann an unserer
-heimatlichen Küste zu kämpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich
-auf, die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger durch
-ein Scherflein zu unterstützen.
-
-Da hatte der Bär von Hohen-Esp auch in weiterem Sinn für das Vaterland
-gewirkt und zu sein und seines Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das
-Schwert, wohl aber das Ruder mit kühner, tatenfroher Hand geführt.
-
-Neben der Rettungsmedaille schmückt ein hoher Verdienstorden seine
-Brust, und es war einer der schönsten Tage in Gabrieles Leben, als sie
-denselben dem geliebten Mann voll stolzer Anerkennung auf sein
-schlichtes Fischerkleid heften konnte.
-
-Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der Hohen-Esp, weithin
-sichtbar nach dem blauen Meer, und um die Mauern und Zinnen des alten
-Bärenschlosses weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, --
-ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem unvergänglich großen
-Liebesglück, welches darinnen wohnt.
-
- * * * * *
-
-Unverändert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den gelben Dünensand,
-wirft Muscheln und Bernsteinbrocken aus und überschüttet die Kinder,
-welche jubelnd von der Burg zum Strand stürmen, mit blinkenden Tropfen,
--- ihre weißen Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden
-Heldengeschlecht aus, und der junge Bär von Hohen-Esp setzt vorsichtig
-sein erstes, selbstgeschnitztes Schifflein auf das Salzwasser, schlingt
-den Arm um den Nacken von »Jöschen dem Jüngern« und sagt: »Auch ich
-werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn du und ich so groß
-sind wie der Vater, fahren wir beide als Matrosen zur See!«
-
-Guntram Krafft hat's gehört, er zieht sein holdes Weib an die Brust, und
-sein glückstrahlender Blick schweift hinaus über die schimmernde Flut;
-wie ein Psalter heißen Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend
-blaue Wogen rauschen: »Halleluja! Amen!«
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters
-
-Inhaltsverzeichnis am Anfang eingefügt.
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-Gesperrter Text markiert durch: _..._
-
-Antiqua-Text markiert durch: =...=
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-Project Gutenberg's Die Bären von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth
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-
-Title: Die Bären von Hohen-Esp
-
-Author: Nataly von Eschstruth
-
-Release Date: November 13, 2019 [EBook #60684]
-
-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-
-Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-<div class="figcenter" style="width: 453px;">
- <img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
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-<p class="pmb3" />
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-<hr class="chap" />
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-<p><span class="pagenum"><a id="Page_4">[S. 4]</a></span></p>
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-<p class="pmb3" />
-<h1>Die<br />
-B&auml;ren von Hohen-Esp</h1>
-<p class="pmb3" />
-
-<p class="center font13 pmb1">Roman</p>
-
-<p class="center font09 pmb1">von</p>
-
-<p class="center font15 pmb3 pmb2">Nataly von Eschstruth</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 60px;">
- <img src="images/illu_004b.jpg" alt="decoration" />
-</div>
-
-<p class="p3 center font12">Leipzig</p>
-
-<p class="center font11 pmb3">Paul List Verlag</p>
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-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
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-<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span></p>
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-<p class="p3 p3 center font09 pmb3">Alle Rechte vorbehalten</p>
-
-<p class="p3 center font08 pmb3">Spamersche Buchdruckerei in Leipzig</p>
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-<div class="chapter">
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-
-<h2 class="no-break" id="Inhalt_1">Inhaltsverzeichnis</h2>
-</div>
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-<div class="block1">
-<table border="0" cellspacing="2" cellpadding="0" class="tdr" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <colgroup>
- <col width="20%" /> <col width="9%" /> <col width="10%" />
- </colgroup>
- <tr>
- <td colspan="3" align="right"><span class="font08">Seite</span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#I">I.</a></td>
- <td><a href="#Page_7">7</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#II">II.</a></td>
- <td><a href="#Page_22">22</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#III">III.</a></td>
- <td><a href="#Page_37">37</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#IV">IV.</a></td>
- <td><a href="#Page_50">50</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#V">V.</a></td>
- <td><a href="#Page_64">64</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#VI">VI.</a></td>
- <td><a href="#Page_79">79</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#VII">VII.</a></td>
- <td><a href="#Page_92">92</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#VIII">VIII.</a></td>
- <td><a href="#Page_105">105</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#IX">IX.</a></td>
- <td><a href="#Page_118">118</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#X">X.</a></td>
- <td><a href="#Page_135">135</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XI">XI.</a></td>
- <td><a href="#Page_144">144</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XII">XII.</a></td>
- <td><a href="#Page_158">158</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XIII">XIII.</a></td>
- <td><a href="#Page_171">171</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XIV">XIV.</a></td>
- <td><a href="#Page_184">184</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XV">XV.</a></td>
- <td><a href="#Page_200">200</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XVI">XVI.</a></td>
- <td><a href="#Page_215">215</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XVII">XVII.</a></td>
- <td><a href="#Page_224">224</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XVIII">XVIII.</a></td>
- <td><a href="#Page_239">239</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XIX">XIX.</a></td>
- <td><a href="#Page_251">251</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XX">XX.</a></td>
- <td><a href="#Page_264">264</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XXI">XXI.</a></td>
- <td><a href="#Page_277">277</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XXII">XXII.</a></td>
- <td><a href="#Page_291">291</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XXIII">XXIII.</a></td>
- <td><a href="#Page_303">303</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XXIV">XXIV.</a></td>
- <td><a href="#Page_317">317</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XXV">XXV.</a></td>
- <td><a href="#Page_330">330</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XXVI">XXVI.</a></td>
- <td><a href="#Page_342">342</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XXVII">XXVII.</a></td>
- <td><a href="#Page_357">357</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td><span class="font09">Kapitel</span></td>
- <td><a href="#XXVIII">XXVIII.</a></td>
- <td><a href="#Page_367">367</a></td>
- </tr>
-</table>
-</div>
-<p class="pmb3" />
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="Das_Meer">Das Meer</h2>
-</div>
-
-
-<div class="block2">
-
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <span class="i4 font09">Es war in meinem Leben</span>
- <span class="i4 font09">Das Meer mein treuster Freund,</span>
- <span class="i4 font09">Drum bleib' ich mit ihm ewig</span>
- <span class="i4 font09">In Leid und Freud' vereint!</span>
- </div> <div class="stanza">
- <span class="i4 font09">Wenn einst mein Herz geschlagen<br /></span>
- <span class="i4 font09">In tiefster Traurigkeit,<br /></span>
- <span class="i4 font09">Dann hat sein lindes Rauschen<br /></span>
- <span class="i4 font09">Gestillt mein Herzeleid.<br /></span>
- </div> <div class="stanza">
- <span class="i4 font09">Und wenn in Not und Schmerzen<br /></span>
- <span class="i4 font09">Mein Herz sich wild geb&auml;umt,<br /></span>
- <span class="i4 font09">Dann grollte es und tobte<br /></span>
- <span class="i4 font09">Und hat vor Wut gesch&auml;umt! &mdash;<br /></span>
- </div> <div class="stanza">
- <span class="i4 font09">Und zog dann Gl&uuml;ck und Wonne<br /></span>
- <span class="i4 font09">In meine Seele ein,<br /></span>
- <span class="i4 font09">Dann gl&auml;nzten seine Wogen<br /></span>
- <span class="i4 font09">Wie heller Edelstein!<br /></span>
- </div> <div class="stanza">
- <span class="i4 font09">Es kr&auml;uselte ein L&auml;cheln<br /></span>
- <span class="i4 font09">Sein leuchtend Angesicht<br /></span>
- <span class="i4 font09">Am Auge blitzten Tropfen<br /></span>
- <span class="i4 font09">Wie eitel Sonnenlicht! &mdash;<br /></span>
- </div> <div class="stanza">
- <span class="i4 font09">So ist das Meer gewesen<br /></span>
- <span class="i4 font09">Mein Freund in Gl&uuml;ck und Leid,<br /></span>
- <span class="i4 font09">Drum bleib' ich ihm ergeben<br /></span>
- <span class="i4 font09">in Liebe allezeit!<br /></span>
- </div> <div class="stanza">
- <span class="i5 font08">Aus &raquo;Schiffslieder&laquo; von Gabriele von Rochow<br /></span>
- <span class="i6 font08">geb. v. Pachelbl-Gehag<br /></span>
- </div>
- </div>
-</div>
-<p class="pmb3" />
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="I">I.</h2>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Wenn ein M&auml;dchen einen reichen Mann bekommt,
-ist es immer gl&uuml;cklich verheiratet!&laquo; hatte der alte Kammerherr
-von Wahnfried gesagt und dabei die wei&szlig;buschigen
-Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst.
-&raquo;Gundula kann Gott danken, da&szlig; der B&auml;r von Hohen-Esp
-sie zum Weibe begehrt! Ist wohl kein Nest so weich
-gepolstert wie das seine, und wenn man den Grafen
-ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir das Herz
-im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die
-sich ihr M&auml;nnerideal nach Romanb&uuml;chern gebildet hat!
-Na, und in den B&uuml;chern sind die gr&auml;flichen Freier meist
-jung, sch&ouml;n, reich und ritterlich, just so wie Friedrich Karl
-von Hohen-Esp!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die alte Dame, welche dem Sprecher gegen&uuml;bersa&szlig;,
-richtete sich noch straffer empor und legte die gro&szlig;en,
-kr&auml;ftigen, schneewei&szlig;en und ungeschm&uuml;ckten H&auml;nde im
-Scho&szlig; zusammen.</p>
-
-<p>Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich
-ruhig auf die h&uuml;nenhafte Gestalt des Bruders, welcher
-auf seinen Kr&uuml;ckstock gest&uuml;tzt vor ihr stand und sie schier
-herausfordernd anblickte.</p>
-
-<p>&raquo;Jung, sch&ouml;n, reich und ritterlich!&laquo; wiederholte sie
-langsam, &raquo;ja, das ist er, &mdash; aber er ist noch mehr, und
-dieses &rsaquo;mehr&lsaquo; will mir nicht behagen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und das w&auml;re, meine Allergn&auml;digste?&laquo; Der Kammerherr
-mu&szlig;te sich des gichtgeschwollenen Fu&szlig;es wegen auf
-den Stock st&uuml;tzen, er konnte nicht den grauen Schnauzbart
-seiner Angewohnheit gem&auml;&szlig; mit ungest&uuml;mem Ruck emporstreichen,
-aber seine Muskeln arbeiteten desto kr&auml;ftiger
-in dem scharfgeschnittenen Gesicht, so da&szlig; sich die starren<span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span>
-Haare auf der Oberlippe str&auml;ubten wie in zornigem Aufbegehren.</p>
-
-<p>Alle f&uuml;rchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn,
-nur Fr&auml;ulein Agathe von Wahnfried nicht. Sie gl&auml;ttete
-mit der Hand die rauschenden Seitenfalten ihres Kleides
-und antwortete voll unersch&uuml;tterlicher Ruhe: &raquo;Graf Friedrich
-Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann,
-&mdash; die gro&szlig;e Welt, in welcher er, der Fr&uuml;hwaise,
-so jung schon, selbst&auml;ndig ward, droht sein Verderben
-zu werden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So! &mdash; Inwiefern, wenn man fragen darf?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Weil er sich ruiniert, &mdash; weil er &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse
-lebt!&laquo;</p>
-
-<p>Der Kammerherr lachte hart auf.</p>
-
-<p>&raquo;Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp &uuml;ber
-seine Verh&auml;ltnisse leben! &mdash; Ahnst du, wie reich der
-Mann ist?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende
-verspielen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Tut er aber nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Tut er doch! &mdash; Der Graf ist ein leidenschaftlicher
-Spieler. M&ouml;glicherweise hat er bis jetzt Gl&uuml;ck am gr&uuml;nen
-Tisch gehabt, &mdash; wenn das aber einmal aufh&ouml;rt,
-wird er sich und die Seinen r&uuml;cksichtslos an den Bettelstab
-bringen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;L&auml;cherlich! &mdash; Es gibt keinen vern&uuml;nftigeren Mann
-wie Hohen-Esp! Bei Whist und Ekarté macht man
-sich nicht bankrott! Ich als Mann d&uuml;rfte wohl mit den
-Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie
-eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht
-wird, k&uuml;mmert mich nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe nie mit einer Dame &uuml;ber den Freier deiner
-Tochter gesprochen!&laquo; Fr&auml;ulein Agathe von Wahnfried
-sah weder gereizt noch beleidigt aus, ihr gro&szlig;es, gradliniges
-Gesicht blieb so ruhig und energisch wie stets.
-&raquo;Hast du dich bei seinem ehemaligen Regimentskommandeur
-erkundigt?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Weil du es leider f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig hieltest. Da&szlig; der
-Graf Hohen-Esp ein Spieler ist, pfeifen die Spatzen
-auf dem Dache.&laquo;</p>
-
-<p>Der alte Herr stie&szlig; seinen Kr&uuml;ckstock ingrimmig auf
-das Parkett. &raquo;So; gut; &mdash; ein Spieler. Und was noch
-weiter? Vielleicht ein S&auml;ufer? Ein Weiberheld ... ein
-Totschl&auml;ger ...? He? &mdash; Nur h&uuml;bsch weiter im Text!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts
-bekannt, &mdash; im Gegenteil, man lobt den jungen Mann
-als einen sonst sehr liebensw&uuml;rdigen und ehrenhaften ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst
-du etwa, da&szlig; ich ihm einen Korb geben soll, lediglich,
-weil er mal in fideler Gesellschaft ein Spielchen macht?!&laquo;
-&mdash; und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade durch
-den Salon wieder auf, da&szlig; der Kr&uuml;ckstock auf dem Parkett
-dr&ouml;hnte.</p>
-
-<p>&raquo;Das w&auml;re mir freilich das liebste, denn das ganze
-Lebensgl&uuml;ck unseres Lieblings einem Spieler anvertrauen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Bl&ouml;dsinn! Infamer Bl&ouml;dsinn! Du bist eifers&uuml;chtig,
-du willst das M&auml;del &uuml;berhaupt nicht fortgeben ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Einem Mann, der mir eine gl&uuml;ckselige, sorgenfreie
-Zukunft garantiert &mdash; sofort! Aber dem Grafen von
-Hohen-Esp ...?! Nein; wenn <em class="gesperrt">du</em> mich fragst, sage ich
-tausendmal nein, denn ich wei&szlig;, da&szlig; sie einem namenlosen
-Elend entgegengeht!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Sieh mal an! &mdash; Namenloses Elend! &mdash; Nette Zukunftsmusik!
-Haha!... Na, und was sagt Gundula selber
-zu dem riesengro&szlig;en Waschkorb, welchen du f&uuml;r ihren
-Freier bereitstellst?&laquo;</p>
-
-<p>Da seufzte die gro&szlig;e resolute Frau zum erstenmal
-schwer auf, und &uuml;ber das ernste Gesicht zog es wie tiefe
-Schatten.</p>
-
-<p>&raquo;Gundula ist verblendet!&laquo; sagte sie leise, &raquo;sie ist ebenso
-wie alle anderen von der Sch&ouml;nheit und Liebensw&uuml;rdigkeit
-dieses gl&auml;nzendsten aller Kavaliere eingenommen!
-Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur f&uuml;r
-Schim&auml;re zu halten. Was fragt sie danach, ob er die<span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span>
-Dukaten auf den gr&uuml;nen Tisch wirft ... wenn <em class="gesperrt">er</em> selber
-nur ihr zu eigen bleibt ... man kennt ja die schw&auml;rmerische
-Gen&uuml;gsamkeit verliebter Menschen, welche sich mit
-einem Herz und einer H&uuml;tte &uuml;berreich w&auml;hnen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gut! &mdash; Warum also diesen sch&ouml;nen Wahn zerrei&szlig;en?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe
-bleibt! Wenn sie ihr Ungl&uuml;ck erst einsieht und begreifen
-lernt, ist es zu sp&auml;t!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hast du dich von all dem Ungl&uuml;ck, welches dich im
-Leben getroffen, zu Boden schlagen lassen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried
-reinster Rasse; ist genau dasselbe eisenfeste energische
-Weib, wie es alle gewesen sind, welche unser kraftvolles
-Geschlecht hervorgebracht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, g&auml;be
-es wohl auf der ganzen Welt eine bessere B&auml;rin von
-Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften Pranken um
-ihr Gl&uuml;ck k&auml;mpfen wird?&laquo;</p>
-
-<p>Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem
-Griff den schweren Fenstervorhang zur Seite: &raquo;He!
-Ist das M&auml;del da unten ein Mondscheinprinze&szlig;chen,
-welches ein Wettersturm &uuml;ber den Haufen bl&auml;st &mdash; eine
-Wachspuppe, welche unter ihren eigenen hei&szlig;en Tr&auml;nen
-zerschmilzt? Ich d&auml;chte, nein! Und Graf Friedrich Karl
-hat wohl genau gewu&szlig;t, da&szlig; er keine bessere Schirmherrin
-in seine B&auml;renburg einf&uuml;hren kann, als unsere Gundula!&laquo;</p>
-
-<p>Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem
-Schritt hinter den Bruder getreten; ihr Blick flog
-hinab in den gro&szlig;en Hof, in dessen Mitte sich ihren Augen
-ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr besorgtes
-Herz zu beruhigen.</p>
-
-<p>Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie
-hatte ihrem kleinen Groom die Z&uuml;gel zugeworfen und
-verabschiedete sich eben noch von dem Rittmeister von
-Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten,<span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span>
-als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausfl&uuml;gel
-lehnte, ins Wanken geriet und mit lautem Krach neben
-dem Pferde niederschmetterte.</p>
-
-<p>Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in
-j&auml;hem Schreck wild aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos
-hing der Groom am Z&uuml;gel und lie&szlig; sich schleifen,
-dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher
-schrie.</p>
-
-<p>Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt.</p>
-
-<p>Mit kraftvoller Hand griff sie zu und dr&auml;ngte den
-schnaufenden Fuchs zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen
-Reitkleid eng umschlossen, schien aus Stahl und Eisen,
-energisch, sicher, und doch bei aller Kraft voll schmiegsamer
-Grazie stand Gundula neben dem Durchg&auml;nger und zwang
-ihn zum Gehorsam.</p>
-
-<p>Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die
-gro&szlig;en, stahlgrauen Augen blitzten einen stummen Befehl,
-und das Pferd sch&auml;umte ins Gebi&szlig; und f&uuml;gte sich
-gehorsam der Gebieterin.</p>
-
-<p>&raquo;Bravo, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein!&laquo; applaudierte der
-Rittmeister, und Gundula lachte ihm heiter zu und rief
-ein paar siegesfrohe Worte.</p>
-
-<p>Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte
-es sich besonders auffallend, wie &auml;hnlich sie in Gestalt
-und Wesen ihrem Vater und Tante Agathe war, von
-welchem die Welt sagte, da&szlig; sie energisch bis zur Starrk&ouml;pfigkeit,
-klug und zielbewu&szlig;t bis zur R&uuml;cksichtslosigkeit
-seien.</p>
-
-<p>&raquo;Und <em class="gesperrt">die</em> sollte nicht ihren Weg gehen und sich von
-ein paar Kartenbl&auml;ttern um Gl&uuml;ck und Existenz bringen
-lassen?&laquo;</p>
-
-<p>Wieder lachte der Kammerherr sein dr&ouml;hnend tiefes
-Lachen.</p>
-
-<p>&raquo;Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das M&auml;del, und
-will sie ihn &mdash; so bekommt sie ihn!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ein wildes Pferd zu b&auml;ndigen, ist wohl leichter, als
-wie einen leichtsinnigen Menschen im Z&uuml;gel zu behalten!
-Wenn ein Weib liebt, so ist es schwach und ohnm&auml;chtig
-&mdash; und Gundula wird ihren Gatten lieben! Sie wird
-auch an seiner Seite so selbstlos und uneigenn&uuml;tzig sein,
-wie sie es jetzt ist, und das &ouml;ffnet dem Bankrott T&uuml;r
-und Tor!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem L&auml;cheln
-grad aus. &raquo;Sie wird ihren Gatten lieben &mdash; ja ... Aber
-nur so lange voll blinder Nachsicht, bis ein anderer
-kommt, den sie noch mehr liebt!&laquo;</p>
-
-<p>Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. &raquo;Wie soll ich das
-verstehen? Wen k&ouml;nnte sie je mehr lieben wie den
-Mann ihrer Wahl?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ihren Sohn!&laquo; &mdash; antwortete der Kammerherr langsam,
-voll schweren Nachdrucks und in seinen tiefliegenden
-Augen glimmte es wieder so seltsam wie zuvor:
-&raquo;Eine B&auml;rin ist das gutm&uuml;tigste Gesch&ouml;pf der Welt,
-welches sich geduldig den Pelz zausen l&auml;&szlig;t, solange sie
-nichts anderes hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber
-erst junge Brut in der H&ouml;hle liegt, dann wird aus dem
-sanftm&uuml;tigen und indolenten Weibchen eine gar wilde,
-leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken
-hebt und zerbei&szlig;t und zerrei&szlig;t, was das sichere Nest
-ihrer Jungen gef&auml;hrdet! &mdash; Je nun! Auch Gundula wird
-eine B&auml;rin von Hohen-Esp sein, und wenn sie zuvor nicht
-f&uuml;r sich selber k&auml;mpfte, f&uuml;r ihre S&ouml;hne tut sie es so
-wahr und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren
-Adern kreist! &mdash; &mdash; <em class="antiqua">Dixi</em>, Agathe; &mdash; ich habe geredet.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, du hast geredet!&laquo; nickte die alte Dame und
-reckte ihre markige Gestalt noch entschlossener empor,
-denn zuvor, &raquo;ich aber werde handeln.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und
-harrte ihres Verlobten, welcher sie in seiner gl&auml;nzenden
-Equipage, mit dem elegantesten Viererzug, welchen die
-Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte.</p>
-
-<p>Jungfer und Modistin hatten noch gesch&auml;ftig an
-Schleppe, Kranz und Schleier geordnet, als Tante Agathe<span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span>
-einen Blick auf die Uhr warf und den Diensteifrigen in
-ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das Zimmer zu
-verlassen.</p>
-
-<p>Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit
-ihrer geliebten Pflegemutter, welche sie voll strenger,
-aber z&auml;rtlicher Sorge gro&szlig;gezogen, zu ersehnen.</p>
-
-<p>Sie schlang die bl&uuml;henden Arme um den Nacken der
-alternden Frau und blickte ihr mit leuchtenden Augen
-in das ernste Antlitz.</p>
-
-<p>&raquo;Tante Agathe!&laquo; fl&uuml;sterte sie, &raquo;ich wei&szlig;, da&szlig; du meine
-Verlobung mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben
-hast! Du liebe, treue Seele hast so schwarz gesehen und
-die kleine, harmlose Passion meines Herzliebsten zu einer
-w&uuml;sten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach deiner
-Ansicht ruinieren mu&szlig;! &mdash; Hast du auch jetzt noch keine
-bessere Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er
-es doch auf meinen Wunsch &uuml;ber sich vermocht hat,
-w&auml;hrend unserer ganzen Verlobungszeit keine Karte anzur&uuml;hren?&laquo;</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Fr&auml;ulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem
-Ausdruck in die verkl&auml;rten Augen der reizenden
-Braut, welche so gar nicht stolz, stark und energisch,
-sondern weich, lieblich und hold ergl&uuml;hend wie das verliebteste
-und schw&auml;chste aller Weiber vor ihr stand. &mdash;</p>
-
-<p>Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen
-Mund.</p>
-
-<p>&raquo;Ich sehe, da&szlig; du gl&uuml;cklich bist, mein Liebling,&laquo; sagte
-sie, ihre Lippen auf das wundersch&ouml;ne Antlitz der Braut
-dr&uuml;ckend, &raquo;und es sei fern von mir, dir diesen sonnigen
-Tag durch meine Angst vor dr&auml;uenden Wolken zu verdunkeln.
-Du hast Zeit gehabt, um zu &uuml;berlegen, was
-du tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche
-das Leben an dich stellt, gewachsen sein.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich bin es, Tante! Ich f&uuml;hle die hohe, heilige Kraft
-der Liebe in mir, um meines Gatten willen alles zu
-ertragen, was da kommt, alles!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die
-Herrin von Hohen-Esp!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p>Ein s&uuml;&szlig;es, reizendes L&auml;cheln verkl&auml;rte das Antlitz
-der jungen Braut.</p>
-
-<p>&raquo;Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je!
-&mdash; Welch eine Herrschaft m&ouml;chte ich wohl erstreben, au&szlig;er
-jener einzigen &mdash; &uuml;ber sein Herz! &mdash; Du f&uuml;rchtest, Tante,
-da&szlig; ich einst Mangel an Geld und Gut leiden werde! &mdash;
-Was frage ich danach? &mdash; W&auml;re Friedrich Karl der
-&auml;rmste aller M&auml;nner gewesen, ich w&uuml;rde ihn ebenso
-geliebt haben, ihm ebenso &uuml;bergl&uuml;cklich meine Hand gereicht
-haben, wie jetzt! Was verlange ich noch vom
-Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte? Nichts!
-Tausendmal nichts! &mdash; Du wei&szlig;t, da&szlig; ich niemals viel
-Sinn f&uuml;r Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe.
-Dazu hast du mich zu ernst und solide erzogen, hast mich
-eine bessere und h&ouml;here Werte des Lebens kennen gelehrt.
-Die bunte, gro&szlig;e Welt mit all ihrer Lust und ihren
-Zerstreuungen war mir gleichg&uuml;ltig, ich habe in ihr gelebt,
-weil ich von dem Schicksal auf ihren gl&auml;nzenden
-Boden gestellt wurde, aber im Gegenteil, ich w&uuml;rde
-meiner Liebe und meines Gl&uuml;ckes froher sein, wenn
-ich es nicht mit andern teilen m&uuml;&szlig;te. &mdash; Dies ist ja der
-einzige Punkt, in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten
-harmoniere!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das glaube ich!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie bitter das klingt, Tantchen! &mdash; Ist es denn
-ein Unrecht, wenn Friedrich Karl sich seines Lebens
-freut, es gern in m&ouml;glichst gl&auml;nzendem Rahmen genie&szlig;t?
-Gewi&szlig; nicht, das ist nur Geschmackssache; und da er
-die Mittel besitzt, um in der gro&szlig;en Welt zu leben, und
-gewisserma&szlig;en auch die Verpflichtung hat, seinen Namen
-zu repr&auml;sentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob
-seine Geschmacksrichtung nicht viel nat&uuml;rlicher und richtiger
-ist, als die meine!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So wirst du dich bekehren lassen?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula neigte das sch&ouml;ne Antlitz so tief, da&szlig; die
-duftigen Wogen des Brautschleiers dar&uuml;ber hinflossen.</p>
-
-<p>&raquo;Das d&uuml;rfte schwierig, aber nicht unm&ouml;glich sein! Ich<span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span>
-werde mich gern dem Geschmack meines Mannes anpassen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu
-deinen Pflichten setzt?&laquo;</p>
-
-<p>Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verst&auml;ndnislos
-empor. &raquo;Wie k&ouml;nnte das m&ouml;glich sein?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wirst du blindlings <em class="gesperrt">alles</em> gut hei&szlig;en, was dein
-Gatte tut? Als Frau lernt man oft sehr viel sch&auml;rfer
-und weitsichtiger urteilen, wie als M&auml;dchen!&laquo;</p>
-
-<p>Das rosige Antlitz war j&auml;hlings erbleicht, Gundula
-hob ihr Haupt und schaute der Sprecherin starr in die
-pr&uuml;fenden Augen. Ein seltsam fremder Zug schlich sich
-pl&ouml;tzlich um die l&auml;chelnden Lippen, fest und energisch,
-ein Gemisch von Stolz und Unwillen.</p>
-
-<p>&raquo;Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch
-handelt &mdash; was Gott verh&uuml;ten m&ouml;ge &mdash;, werde ich <em class="gesperrt">nicht</em>
-derselben Meinung sein wie er, sondern so handeln, wie
-<em class="gesperrt">ich</em> es f&uuml;r recht und gut erachte!&laquo;</p>
-
-<p>Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt
-&uuml;ber ihre eigenen Worte, das K&ouml;pfchen.</p>
-
-<p>&raquo;Aber wie sollte das geschehen? &mdash; Wenn er sein
-Hab und Gut verspielt, sch&auml;digt er ja nicht Fremde, sondern
-h&ouml;chstens sich selber &mdash; &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und dich!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Da l&auml;chelt sie wieder. &raquo;Ich sagte dir, Tante, da&szlig; ich
-f&uuml;r meine Person gern auf alles verzichte!&laquo;</p>
-
-<p>Wie weich, wie innig und r&uuml;hrend klang das, wie
-leuchteten die blauen Augen so dem&uuml;tig und ergebungsvoll
-sanft und treu!</p>
-
-<p>Agathe pre&szlig;te die Lippen zusammen und k&auml;mpfte
-sekundenlang einen schweren Kampf.</p>
-
-<p>Dann sch&uuml;ttelte sie seufzend den grauen Kopf und
-strich liebkosend &uuml;ber das blonde Haupt ihres Lieblings,
-um welches die bl&uuml;henden Myrten rankten.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein
-Vertrauen nicht nehmen, &mdash; ich will in dieser Stunde<span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span>
-nicht mit M&ouml;glichkeiten rechnen, welche vorl&auml;ufig noch
-in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte m&ouml;chte ich dir
-noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Tante! Meine liebe &mdash; liebe Tante!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament
-gemacht und dich nach seinem Tode zur Erbin eingesetzt,
-welche unumschr&auml;nkte Vollmacht &uuml;ber ihr Verm&ouml;gen hat,
-&mdash; er hat dies entgegen meinen inst&auml;ndigen Bitten getan,
-er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt,
-obwohl er wei&szlig;, da&szlig; du mit deinem Gatten in G&uuml;tergemeinschaft
-leben wirst. &mdash; Je nun, er ist ein Starrkopf
-und sein eigener Herr, ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; er
-nach bester &Uuml;berzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula,
-bist in Geldangelegenheiten und Gesch&auml;ftssachen
-leider Gottes unerfahren wie ein Kind, darum kann
-ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses Testament
-f&uuml;r deine Zukunft birgt! &mdash; Um so berechtigter ist
-aber meine Bitte, welche du hoffentlich nicht abschl&auml;gst,
-auch wenn du dieselbe in diesem Augenblick noch nicht
-verstehst!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sprich, Herzliebe ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Du wei&szlig;t, da&szlig; Tante Margarete dir ihr ganzes
-Verm&ouml;gen vermachte, allerdings mit der Klausel, da&szlig;
-ich, solange ich lebe, den Nie&szlig;brauch des Kapitals habe?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch
-viele lange Jahre dieser Renten freuen!&laquo;</p>
-
-<p>Agathe &uuml;berh&ouml;rte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller
-Stirn geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig
-fort:</p>
-
-<p>&raquo;Von diesem Erbe, welches dir zusteht, wei&szlig; niemand
-etwas, &mdash; dein Vater hat es selbst mir gegen&uuml;ber
-nie erw&auml;hnt, er wird auch ganz bestimmt bei Friedrich
-Karl nichts davon gesagt haben, wie ja seltsamerweise
-der Geldpunkt bei den Herren nie erw&auml;hnt worden ist!
-Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz
-etwas ahnen, wenn du ihm nicht selber Mitteilungen
-davon machst!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld geh&ouml;rt
-ja noch gar nicht mir!&laquo;</p>
-
-<p>Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame.
-&raquo;Es gibt F&auml;lle, wo Menschen mit aller und jeder M&ouml;glichkeit
-rechnen, wenn sie ...&laquo; Die Sprecherin brach kurz
-ab und fuhr in dringlichem Tone fort: &raquo;Auf dieses Kapital
-bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe
-es mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, <em class="gesperrt">nie</em> und
-<em class="gesperrt">nimmer</em> deinem Gatten gegen&uuml;ber von diesem Erbe
-zu sprechen! Gelobe es mir! Schw&ouml;re es mir, wenn
-dir die Ruhe meiner Seele wert ist! &mdash; Sieh mich nicht
-so fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht
-die Gr&uuml;nde sagen, welche mich zu dieser Forderung bewegen,
-&mdash; ich beschw&ouml;re dich nur mit all der innigen
-Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich
-flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten
-Mutter: Schw&ouml;re mir, Gundula, nie und nimmer
-zu Friedrich Karl von diesem Geld zu sprechen!&laquo;</p>
-
-<p>In den Augen der jungen Braut gl&auml;nzten Tr&auml;nen.
-Sie warf sich an die Brust der Sprecherin und schluchzte
-leise auf: &raquo;Obwohl ich nicht den Grund f&uuml;r diese seltsame
-Bitte einsehe, Herzenstante, und das Empfinden habe,
-als ob es nur ein unbegreifliches Mi&szlig;trauen gegen
-meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen
-dr&auml;ngt, will ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben,
-&mdash; dir zur Beruhigung! &mdash; Soll ich auf das Bildchen
-meiner lieben Mutter schw&ouml;ren? Ach, warum so feierlich,
-&mdash; es &auml;ngstigt mich! Aber wie du willst, Liebste!
-Ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; du es gut mit mir meinst!&laquo;</p>
-
-<p>Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild
-ihrer toten Mutter und fl&uuml;sterte tief erbleichend den
-Schwur, welcher ihr ein so unerkl&auml;rliches Schweigen auferlegte.</p>
-
-<p>&raquo;Amen!&laquo; sagte Agathe mit fester Stimme, umschlo&szlig;
-die Rechte ihres Pflegekindes mit den gefalteten H&auml;nden
-und sank neben ihr nieder auf die Knie.</p>
-
-<p>Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula
-h&ouml;rte nicht die Worte, welche sie sprach.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span></p>
-
-<p>Unten auf der Stra&szlig;e klang ein jubelndes Hurra!
-&mdash; brausende Hochrufe aus unz&auml;hligen Kinderkehlen.</p>
-
-<p>Der Br&auml;utigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern
-banger Gl&uuml;ckseligkeit rann wie erl&ouml;send durch die
-Glieder des jungen M&auml;dchens. Sie trat j&auml;hlings einen
-Schritt in den Erker vor und schaute hinab.</p>
-
-<p>Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender
-Uniform aus dem Wagen springen, sie sah das strahlende
-Lachen in seinem sch&ouml;nen Antlitz, wie er nach allen Seiten
-gr&uuml;&szlig;te, wie sein Blick voll ungeduldiger Sehnsucht zu
-den Fenstern emporflog. &mdash;</p>
-
-<p>Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz
-schlug hei&szlig; und z&auml;rtlich in ihrer Brust, und im &Uuml;berma&szlig;
-des Empfindens schwang sie die Arme um Tante Agathe.</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen
-Schwur halten, wenngleich ich &uuml;berzeugt bin, da&szlig;
-Friedrich Karl mich nie nach diesem Gelde fragen wird,
-da&szlig; wir dieses Erbes nie bed&uuml;rfen! O, liebe, liebe
-Tante &mdash; ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem
-Himmel, und im ganzen Lande ist kein zweites Weib,
-welches so beneidet sein wird wie ich in meinem &uuml;bergro&szlig;en
-Gl&uuml;ck!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das gebe Gott!&laquo; fl&uuml;sterte die alte Dame und k&uuml;&szlig;te
-ihr Herzenskind feierlich auf die Stirn. In demselben
-Augenblick aber ward die T&uuml;r st&uuml;rmisch ge&ouml;ffnet, und
-voll jubelnden Entz&uuml;ckens, sch&ouml;n und strahlend wie ein
-junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp
-seine Arme nach der Geliebten aus. &mdash;</p>
-
-<p>Diese Augenblicke geh&ouml;rten dem jungen Paar; Tante
-Agathe trat schweigend in den Erker und blickte auf
-die Stra&szlig;e hinab.</p>
-
-<p>Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als
-diese beiden jugendsch&ouml;nen Menschen, welche sich so gl&uuml;ckverkl&auml;rt
-in die Augen schauten, als sei die ganze Welt
-ein Zauberland trunkener Wonne geworden, &mdash; aber
-sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu grell
-und blendend, als tue es den Augen weh.</p>
-
-<p>Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<p>Drunten dr&auml;ngte sich eine neugierig erregte Menge
-um die prunkende Galakutsche der B&auml;ren von Hohen-Esp.</p>
-
-<p>Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der
-schreitende B&auml;r im goldenen Feld. &mdash;</p>
-
-<p>Wird Gundula eine echte, kampfesmutige B&auml;rin werden,
-welche zur rechten Zeit die Z&auml;hne weisen kann?</p>
-
-<p>Agathe seufzte tief auf.</p>
-
-<p>Jenes kraftvoll sch&ouml;ne M&auml;dchen, welches wie eine
-Walk&uuml;re das scheuende Pferd b&auml;ndigt, ist doch nur ein
-schwaches, liebendes, dem&uuml;tiges und unendlich sanftes
-Weib, welches sich von dem hei&szlig;geliebten Mann ohne
-Vorwurf und Groll zugrunde richten l&auml;&szlig;t. &mdash; Ihr Vater
-war blind, wenn er von der stolzen Festigkeit ihres
-Charakters sprach!</p>
-
-<p>Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in
-den samtweichen Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der
-M&ouml;glichkeit dachte, da&szlig; der Mann, welcher f&uuml;r sie der
-Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal eine
-gewissenlose und schlechte Tat begehen k&ouml;nne!</p>
-
-<p>Versteckt sich unter den wei&szlig;en Taubenschwingen dennoch
-der trotzige Nacken der B&auml;rin? &mdash; Je nun, ob sie
-einst selber f&uuml;r sich und ihre Existenz k&auml;mpfen wird, die
-reiche, reiche Gr&auml;fin von Hohen-Esp, oder ob sie es nicht
-tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt
-des Verh&auml;ngnisses ereilt wird &mdash; Tante Agathe hat
-in dieser Stunde f&uuml;r die arme Verblendete gesorgt &mdash;
-f&uuml;r sie und ihre Kinder.</p>
-
-<p>Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten
-Herzens auf all die glei&szlig;ende Pracht, welche ihre grellen
-Funken &uuml;ber Kranz und Schleier der jungen Frau wirft. &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Kammerherr war eingetreten.</p>
-
-<p>Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner
-markigen Gestalt so besonders kleidsam gewesen. Auch
-gerne ging er trotz des Kr&uuml;ckstocks hoch und stolz aufgerichtet,
-und ein Ausdruck gro&szlig;er Genugtuung lag auf<span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span>
-den eisernen Z&uuml;gen; dennoch erschienen dieselben farblos
-und greisenhaft, und das nerv&ouml;se Zucken der graubuschigen
-Augenbrauen fiel mehr noch auf denn sonst.</p>
-
-<p>&raquo;Ich bin froh, da&szlig; ich diesen Tag noch erlebe!&laquo; hatte
-er am Morgen gesagt, &raquo;er gibt meinem Leben einen
-guten Abschlu&szlig;.&laquo;</p>
-
-<p>Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar,
-ein schmunzelndes Nicken &mdash; und dann bot er seiner
-Schwester Agathe den Arm &mdash; es schien wenigstens so
-&mdash; in Wahrheit f&uuml;hrte sie ihn.</p>
-
-<p>&raquo;Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.&laquo;</p>
-
-<p>Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang
-den Arm noch inniger um die reizende Braut, welche in
-der Residenz als gefeiertste Sch&ouml;nheit galt.</p>
-
-<p>Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche
-ihm wie verkl&auml;rt in Gl&uuml;ckseligkeit entgegenstrahlten.</p>
-
-<p>&raquo;Nun bist du mein, Gundula!&laquo; fl&uuml;sterte er, und sein
-frisches, h&uuml;bsches, so lebenslustig lachendes Antlitz f&auml;rbte
-sich h&ouml;her.</p>
-
-<p>&raquo;F&uuml;r Zeit und Ewigkeit!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;O, da&szlig; du fragen kannst!&laquo;</p>
-
-<p>Er lachte beinahe &uuml;berm&uuml;tig: &raquo;Und wirst nie ein
-Geheimnis vor mir haben, kleine Frau?&laquo; Er dachte
-sich wohl selber nicht viel bei dieser Frage, denn er
-blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog ihr
-K&ouml;pfchen noch fester an die Brust und dr&uuml;ckte die Lippen
-kosend auf die bl&uuml;hende Myrte in ihrem Haar. Er
-bemerkte es nicht, wie sie zusammenzuckte, er sah nicht,
-wie sie erbleichte, er wartete auch kaum auf eine Antwort,
-sondern fuhr nach kleiner Pause fort: &raquo;Deine s&uuml;&szlig;en
-Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen la&szlig;
-mich t&auml;glich lesen, da&szlig; du gl&uuml;cklich bist! Wahrlich, Gundula,
-kein Mensch kann eine festere, redlichere Absicht
-haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben sonnig
-und sch&ouml;n zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur
-H&ouml;lle sei mit guten Vors&auml;tzen gepflastert, aber das ist<span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span>
-Torheit, denn unser gemeinsamer f&uuml;hrt direkt in den
-offenen Himmel hinein! Gundula &mdash; hast du mich lieb?&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie
-antwortete nicht, sondern k&uuml;&szlig;te ihn. &mdash; Sonnengold flutete
-&uuml;ber sie hin, in ihr Herz aber war ein Schatten gefallen,
-der lastete dunkel und schwer, und in all ihrem
-traumessch&ouml;nen Gl&uuml;ck zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei
-durch ihre Seele: &raquo;Tante Agathe, warum
-hast du mir das getan!&laquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="II">II.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende
-Frau galten f&uuml;r das gl&uuml;cklichste Paar im Lande!</p>
-
-<p>Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben,
-weil Sorge und Kummer unbekannte G&auml;ste in ihrem
-Hause waren, weil sie alles besa&szlig;en, was dem Herzen
-Freude &mdash; und dem Leben Reiz verleiht, &mdash; sondern, weil
-sie einander aus hei&szlig;er, inniger Liebe geheiratet hatten.
-Auf Gundulas Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen
-auf Burg Hohen-Esp verlebt, und ein paar
-Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf weiterer
-Fahrt durch das Land begriffen, f&uuml;r etliche Stunden in
-dem wunderlichen alten Strandschlo&szlig; Rast gehalten, konnten
-gar nicht genug erz&auml;hlen, wie wahrhaft verkl&auml;rt in
-unaussprechlicher Gl&uuml;ckseligkeit die junge Gr&auml;fin dreingeblickt.</p>
-
-<p>Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts
-ersichtlich sehr sympathisch, w&auml;hrend der lebenslustige
-Gatte wohl nur aus Galanterie und im Rausch des
-Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte!</p>
-
-<p>Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn
-der gro&szlig;en Rennen &raquo;auf der Bildfl&auml;che&laquo; erscheinen und
-den Winter in der Residenz verleben. Graf Friedrich
-Karl habe das heilig gelobt und sehr vergn&uuml;gt dabei ausgesehen,
-auch Gundula habe sehr liebensw&uuml;rdig gel&auml;chelt,
-aber doch heimlich geseufzt!</p>
-
-<p>Ob sie eifers&uuml;chtig ist und den Gatten am liebsten
-in die Klostereinsamkeit der alten B&auml;renburg einsperrte?
-&mdash; Wohl m&ouml;glich! Aber dann wehe der jungen Frau!</p>
-
-<p>Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen
-und hat auch gar keine Anlage dazu, sein Leben
-in Sack und Asche zu vertrauern! &mdash; Gundula sei ja
-sehr h&uuml;bsch, und da&szlig; sie den jungen Lebemann durch ihre<span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span>
-&auml;u&szlig;eren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich;
-ob sie aber das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd
-zu fesseln?</p>
-
-<p>Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das,
-was man am&uuml;sant nennt.</p>
-
-<p>Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit
-gefallener Engel nie auff&auml;llig gehuldigt und sich
-beim Bakkarat besser unterhalten wie in den schw&uuml;len
-Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein Charakter
-wie der des jungen Million&auml;rs ganz unberechenbar, und
-die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche
-fr&uuml;her ganz ferngelegen. Eine eifers&uuml;chtige Frau aber
-ist immer ein Ungl&uuml;ck sowohl f&uuml;r sich wie f&uuml;r andere.
-Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme Gedanken
-&mdash; eine eifers&uuml;chtige Frau bringt ihn darauf! Ihre
-ewigen Anschuldigungen, ihr Mi&szlig;trauen weisen ihm erst
-den Weg. &mdash;</p>
-
-<p>Zwar hat man an Gundula stets eine gro&szlig;e Sanftmut
-und Nachgiebigkeit ger&uuml;hmt, und selbst ihre Jungfer
-hat nach vier Jahren noch versichert, ihr gn&auml;diges Fr&auml;ulein
-sei die verk&ouml;rperte Herzensg&uuml;te &mdash;! &mdash; Ob aber diese
-Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine B&auml;rin
-von Hohen-Esp geworden?</p>
-
-<p><em class="antiqua">Femme varie!</em> und die Eifersucht ist eine Krankheit,
-welche so urpl&ouml;tzlich aufkeimt und in Saat schie&szlig;t wie
-das Unkraut auf dem Felde.</p>
-
-<p>Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der
-Residenz das unersch&ouml;pfliche Thema, welches am Teetisch
-und im Rauchsalon mit gleichem Interesse in allen
-Tonarten variiert wurde!</p>
-
-<p>W&auml;hrenddessen tr&auml;umte das junge Paar eine zauberhafte
-Sp&auml;tsommeridylle auf Hohen-Esp, der einsamen,
-uralten Burg, welche sich auf bewaldeter Bergkuppe
-am Ufer der Ostsee erhebt und weithin &uuml;ber die blauwogende
-Unendlichkeit schaut.</p>
-
-<p>Sie geh&ouml;rt zu dem &auml;ltesten Grundbesitz der Familie,
-ein d&uuml;steres altes Gem&auml;uer, ein Kr&auml;henhorst, welchen
-die kokette Laune ehemaliger Bewohner gar eigenartig<span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span>
-ausstaffiert. Die B&auml;renburg gleicht in Wahrheit der
-H&ouml;hle eines B&auml;ren, denn die plumpen, massigen Mauern
-der graue, stumpfe Turm sind im Innern und &Auml;u&szlig;ern
-mit lauter Dingen ausgestattet, welche an den B&auml;r und
-seine wehrhaften Pranken erinnern.</p>
-
-<p>Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als
-die beiden riesenhaften B&auml;ren, welche am Eingang des
-Burgtors Wache halten, aus grimmig offenen Rachen
-die Z&auml;hne ihr entgegenfletschten, als ihr &uuml;berall auf
-Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur
-blickte, B&auml;ren in allen Gr&ouml;&szlig;en und Arten entgegenschauten,
-als jedes M&ouml;bel oder jedes Gewebe ihr in
-Schnitzerei oder Muster das n&auml;mliche Motiv zeigten &mdash;
-B&auml;ren! B&auml;ren &uuml;berall! Bald aber gefiel ihr diese absonderliche
-Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen
-der Familie und den Gedanken hineinlebte, da&szlig;
-sie nun selber eine B&auml;rin von Hohen-Esp geworden, eine
-jener seelen- und nervenstarken, stolzen, gewaltigen
-Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust,
-wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da
-schlug ihr Herz hoch auf im stolzen Selbstbewu&szlig;tsein, und
-beinahe z&auml;rtlich haftete ihr Blick auf den braunzottigen
-Gesellen, welche in dieser verzauberten alten Herrlichkeit
-die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begr&uuml;&szlig;ten.</p>
-
-<p>Ja, verzaubert!</p>
-
-<p>Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die
-m&auml;chtigen Buchenwipfel im Parke raunte es und um
-die verwitterten Steinbilder der wappentragenden B&auml;ren
-ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und Murmeln,
-wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches
-seine Zauber um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen
-Zauber, eine sanfte Taube in eine gar wilde
-und trotzige B&auml;rin zu verwandeln! &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!&laquo;
-lachte Friedrich Karl, als sie eines Abends auf
-der Zinne des Turmes standen, weit hinab &uuml;ber die
-Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer
-zu schauen, in welches der gl&uuml;hende Sonnenball langsam,<span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span>
-durch violette Dunstschleier tauchend, herniedersank.
-&raquo;Ich begreife dich nicht, da&szlig; es dir hier in der entsetzlichsten
-aller vermoderten und verr&auml;ucherten B&auml;renh&ouml;hlen
-so gut gef&auml;llt! So sch&ouml;n, wie Hohen-Esp seinerzeit als
-Sitz der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag,
-so v&ouml;llig &uuml;berlebt hat sich sein mystischer Zauber in
-unserer heutigen Zeit voll Komfort, Eleganz und Leichtlebigkeit!
-Ich hatte im stillen eigentlich gehofft, Gundula,
-du w&uuml;rdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche
-schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen,
-schleunigst Rei&szlig;aus nehmen! &rsaquo;Alle Tage Feldh&uuml;hner&lsaquo;
-ist kaum so greulich, wie &rsaquo;alle Tage B&auml;ren!&lsaquo; &mdash; B&auml;ren,
-wo man sie sich nur denken kann, &mdash; man kann keinen
-L&ouml;ffel in die Hand nehmen, ohne den B&auml;r darin graviert
-zu finden, kein Glas, kein Sessel &mdash; kein Teppich ...
-keine Wand ... brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere
-Altvorderen sind mit diesem B&auml;renkultus schlie&szlig;lich langweilig
-geworden!&laquo;</p>
-
-<p>Beinahe erschrocken sah die Gr&auml;fin den Sprecher an.
-&raquo;Langweilig? und das sagst du, Friedrich Karl, der
-Nachkomme dieses herrlichen Geschlechts, f&uuml;r den jeder
-Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein sollte? &mdash;
-Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen
-Hohen-Esp &mdash; und doch ist es mir, als sei mein Herz
-und Sinn schon ganz und gar verwoben mit ihm, als
-w&uuml;chse ich empor zu einer neuen, ungeahnten Gr&ouml;&szlig;e, als
-neige sich jedes dieser B&auml;renh&auml;upter mir zu mit trautem
-Gru&szlig; und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden,
-durch R&auml;ume zu schreiten, wo ringsum die Andenken von
-V&auml;tern und Ahnherren sprechen, wo alles davon zeugt,
-was sie einst waren und was wir Gl&uuml;ckseligen jetzt sind,
-&mdash; wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns
-sprechen! O du lieber Mann, &mdash; ich habe zuvor nie
-dar&uuml;ber nachgedacht, wie sch&ouml;n es wohl sein m&uuml;sse, die
-Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg
-deiner V&auml;ter, da &uuml;berkommt es mich wie eine hei&szlig;e,
-ehrfurchtsvolle Sehnsucht, wie eine jauchzende Begeisterung
-bei dem Gedanken, da&szlig; ich berufen sein m&ouml;chte,
- <span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span>
-diesem alten, trotzigen B&auml;rengeschlecht einen Erben zu
-schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst
-so edel, so ritterlich und herrlich sein wird, wie
-alle jene heldenhaften M&auml;nner, welche ehemals in diesen
-R&auml;umen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die grauen
-Quadersteine gemei&szlig;elt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben
-und in seinem Sinne lebten und starben &mdash;</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Christe Kyrie ...<br /></span>
-<span class="i0">Zu Land und See,<br /></span>
-<span class="i0">Schirmherr der Not &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Das walt' Herre Gott!&laquo;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Mit entz&uuml;cktem, schier staunendem Blick sah Graf
-Hohen-Esp auf die Sprecherin.</p>
-
-<p>Wuchs sie tats&auml;chlich neben ihm empor, oder t&auml;uschte
-ihn sein Auge, da&szlig; er ihre schlanke Gestalt pl&ouml;tzlich
-so hoch und stolz, so b&auml;renhaft markig neben sich sah?</p>
-
-<p>Und dieses sch&ouml;ne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden
-Augen ... geh&ouml;rten sie wahrlich seiner ernsten,
-tr&auml;umerisch stillen Gundula? &mdash;</p>
-
-<p>Fester schlang er den Arm um sie, hei&szlig;er noch k&uuml;&szlig;te
-er ihre Lippen.</p>
-
-<p>&raquo;Schade, da&szlig; mein guter Vater dich nicht sprechen
-h&ouml;ren kann, du w&auml;rest wahrlich eine Schwiegertochter
-nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war in der
-Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit,
-wie ihn der alte Wappenspruch verlangt; er hat viel
-Gutes getan, und wenn auch nicht mit gewappnetem Arm
-gegen die Seer&auml;uber hier von dem B&auml;renhorst aus, so
-doch als moderner Mann im Reichstag und von der
-Ministerkanzel aus; du wei&szlig;t, wie man sein Andenken in
-Ehren h&auml;lt! &mdash; Ja, ein moderner Mann! &mdash; Hohen-Esp
-bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen,
-zu weltfern und unbequem, die Telegraphendr&auml;hte hatten
-ihr Netz allzu gebieterisch um ihn gesponnen. &mdash; Da
-hatte er sich Schlo&szlig; Walsleben f&uuml;r den Sommeraufenthalt
-zurechtmachen lassen, &mdash; auch ein von den V&auml;tern
-ererbter &rsaquo;heiliger&lsaquo; Boden, aber doch etwas behaglicher
-und komfortabler wie hier die alte B&auml;renh&ouml;hle! Garnison
- <span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span>
-in der N&auml;he, flotte Kavallerie &mdash; elegante und
-distinguierte Gutsnachbarschaft &mdash; kurzum ... man kann
-da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb,
-diesem h&uuml;bschen Besitz m&ouml;chte ich mein wonniges Weib
-auch einmal zuf&uuml;hren! Wir waren nun drei Wochen hier,
-&mdash; die Walslebener d&uuml;rfen doch nicht eifers&uuml;chtig werden?!&laquo;</p>
-
-<p>Wie innig er sie an sein Herz dr&uuml;ckte, wie schmeichelnd
-seine Stimme klang, wie unwiderstehlich war der strahlende
-und heitere Blick seiner Augen, welche in letzter
-Zeit doch oftmals recht m&uuml;de und gelangweilt in die
-Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten!</p>
-
-<p>Ein Gef&uuml;hl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz,
-wenn sie an Scheiden dachte, &mdash; wie unaussprechlich
-gl&uuml;cklich war sie hier gewesen! &mdash; wie redete jedes Zimmer,
-jedes Pl&auml;tzchen im Park von einer Zeit berauschend
-seliger, junger Liebe! &mdash; Nie und nimmer w&uuml;rde sie
-sich in Hohen-Esp langweilen, und m&uuml;&szlig;te sie ihr ganzes
-Leben hier zubringen! &mdash;</p>
-
-<p>An seiner Seite ... im Verein mit ihm &mdash; w&auml;re es
-nicht Paradieseswonne gewesen?</p>
-
-<p>Aber was galten ihr die eigenen W&uuml;nsche, wenn Friedrich
-Karl andere Pl&auml;ne hegte?</p>
-
-<p>Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Ku&szlig;
-von seinem Munde, und die B&auml;rin war wieder die willenlose
-Taube, welche mit dem&uuml;tigem L&auml;cheln nickt: &raquo;So
-bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja
-&uuml;berall sch&ouml;n, wo du bist!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Gut, &mdash; sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben!
-Das gen&uuml;gt, da&szlig; du dein neues Heim, die
-Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ...
-dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon
-letzt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hierher nach Hohen-Esp?&laquo; er lachte beinahe &uuml;berm&uuml;tig:
-&raquo;Nein, meine kleine Schirmvogtin, diese Extratour
-war nur ein Beweis meines unbedingten Gehorsams!
- <span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span>
-Du w&uuml;nschtest, die B&auml;renburg kennenzulernen,
-&mdash; und ich war Wachs in deinen H&auml;ndchen, wie ich stets
-im Leben sein werde! &mdash; Nun aber kommt die Belohnung
-f&uuml;r diesen Separatarrest, obwohl derselbe so s&uuml;&szlig; und
-wonnig war, da&szlig; er seinen Lohn schon reichlich in sich
-selber trug! &mdash; Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden
-und nimmersatte Kreaturen! Auf das sch&ouml;ne
-Exil in Hohen-Esp folgt ein noch sch&ouml;neres in Walsleben,
-und wie man nach der s&uuml;&szlig;en Speise noch Konfekt
-und Fr&uuml;chte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine
-Spritztour gen Nizza, San Remo &mdash; Monte Carlo &mdash; &mdash;
-usw. &mdash; servieren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem
-Herzliebsten gegen&uuml;ber Sklavin!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen
-wir! &mdash; Hurra ... la&szlig; uns sogleich hinab und die Befehle
-zum Kofferpacken geben &mdash;!&laquo;</p>
-
-<p>Sie hielt seine H&auml;nde fest. &raquo;Und der sch&ouml;ne Sonnenuntergang?&laquo;
-fl&uuml;sterte sie bittend, mit einem langen, sehns&uuml;chtigen
-Blick nach dem fernen Meer.</p>
-
-<p>&raquo;Scheint die Sonne noch so sch&ouml;n &mdash; einmal mu&szlig; sie
-untergehn!&laquo; rezitierte er scherzend. &raquo;Du wei&szlig;t, da&szlig; ich
-f&uuml;r Natursch&ouml;nheiten leider Gottes sehr wenig Verst&auml;ndnis
-habe, aber wenn es dir Freude macht ... selbstverst&auml;ndlich,
-Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schlu&szlig; der
-Vorstellung hier ... Du wei&szlig;t ja, die dienstbaren Geister
-sind gewandt genug im Packen, um uns morgen fr&uuml;h
-noch den Schnellzug erreichen zu lassen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir!
-Jene graue Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen,
-ehe sie den Horizont erreicht ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie nett von der Wolkenwand!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Sch&auml;m' dich, du lieber Sp&ouml;tter!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;<em class="gesperrt">Meine</em> Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste
-&mdash; dein Auge strahlt mir Tag und Nacht!&laquo;</p>
-
-<p>Sie gingen Arm in Arm &mdash; hinter ihnen aber erlosch
-das leuchtende Tagesgestirn, &mdash; es ward Nacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst
-jedes Frauenherz entz&uuml;ckt und hoch befriedigt h&auml;tte. &mdash;</p>
-
-<p>Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erf&uuml;llung
-eines jeden, selbst des anspruchvollsten Wunsches. Es
-w&uuml;rde die junge Frau auch begl&uuml;ckt haben, wenn sie
-mehr Wert auf &auml;u&szlig;eren Glanz gelegt, und Sinn f&uuml;r
-all die vielen, h&uuml;bschen Nichtigkeiten gehabt h&auml;tte, mit
-welchen das moderne Wohlleben sich ausstattet und
-welche einer Reihe von m&uuml;&szlig;igen Tagen einen scheinbaren
-Inhalt verleihen.</p>
-
-<p>Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion f&uuml;r
-Geselligkeit und alles, was mit derselben zusammenhing.</p>
-
-<p>Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett,
-und die reinste Freude, welche sie empfinden konnte,
-war diejenige an einer sch&ouml;nen Natur, mit all dem
-stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern, welche
-ihrem Sch&ouml;pfer Preis und Ehre geben.</p>
-
-<p>Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten
-ein &uuml;bergro&szlig;es Gl&uuml;ck gefunden, war ihre Neigung f&uuml;r
-die Einsamkeit eher gr&ouml;&szlig;er, denn geringer geworden,
-und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles
-gefunden, was sie sch&ouml;n und wonnig deuchte, um so weniger
-entsprach das Walslebener Schlo&szlig; mit seinem eleganten
-Leben und Treiben ihrem Geschmack. Dennoch
-verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste Seufzer,
-wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem gl&uuml;cklichen
-Gesicht ihres Mannes an, da&szlig; er sich au&szlig;erordentlich
-wohl f&uuml;hlte, und was h&auml;tte der selbstlosen und anspruchslosen
-Seele Gundulas mehr Befriedigung geben
-k&ouml;nnen, als den Geliebten froh und zufrieden zu sehen?</p>
-
-<p>Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin
-kaum den eigenen, f&uuml;rstlichen Besitz in Augenschein genommen,
-in die Nachbarschaft, um Besuche abzustatten.</p>
-
-<p>Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben
-weilte, dr&auml;ngten sich die Einladungen; man besuchte
-Feste und sah wiederum G&auml;ste bei sich, und Gundula
-empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige
-Vergn&uuml;gungshetze doch mit unendlicher Wonne,
- <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span>
-da&szlig; Friedrich Karl eine stolze Genugtuung darin fand,
-der Welt sein junges Weib zu zeigen, da&szlig; er sich beneidenswert
-und gl&uuml;cklich in ihrem Besitze f&uuml;hlte. &mdash;</p>
-
-<p>Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch sch&ouml;ne,
-stille Stunden, wo der Geliebte ihr allein geh&ouml;rte, wo
-er sich ihr voll z&auml;rtlicher Ritterlichkeit auch ausschlie&szlig;lich
-widmete!</p>
-
-<p>Daf&uuml;r dankte sie ihm durch eine stets liebensw&uuml;rdige
-Bereitwilligkeit, ihm hinaus in das laute, bunte Leben
-zu folgen, und als die f&uuml;r Walsleben festgesetzte Zeit
-abgelaufen war und der junge Graf voll ungeduldiger
-Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab
-sie gern Befehl, die Koffer zu packen.</p>
-
-<p>Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer
-durch die Welt!</p>
-
-<p>Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die
-Krankheit des Vaters f&uuml;hrte sie allj&auml;hrlich in dasselbe
-Bad, und Tante Agathe liebte es nicht, sich in einem
-&raquo;rollenden Sarge&laquo; durchsch&uuml;tteln zu lassen.</p>
-
-<p>So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genu&szlig;reiche
-Stunden, denn Friedrich Karl unternahm ihr
-zu Liebe jede Partie und jede Promenade &uuml;ber Berg
-und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl
-er selbst in freim&uuml;tiger Ehrlichkeit bekannte, da&szlig; er
-jedweder Kunst gegen&uuml;ber Barbar sei. Daf&uuml;r speiste
-Gundula ihm zu Liebe mit an der am&uuml;santen <em class="antiqua">table
-d'hôte</em>, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte,
-machte gro&szlig;e Toilette, wenn er es verlangte, und opferte
-Ruhe und Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas
-l&auml;nger an dem gr&uuml;nen Tisch zu sitzen.</p>
-
-<p>Monte Carlo!</p>
-
-<p>Anf&auml;nglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch
-ein H&ouml;llenabgrund in diesem Paradiese g&auml;hnte. Sie sah
-voll naiver Verst&auml;ndnislosigkeit dem Spiel zu, bis es
-ihr allm&auml;hlich klar ward, was dasselbe eigentlich bedeuten
-wollte.</p>
-
-<p>Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz
-hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p>Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut
-fieberischer Erregung immer dunkler und hei&szlig;er in sein
-sch&ouml;nes Antlitz stieg, wie die Banknoten in seiner Brieftasche
-mehr und mehr zusammenschmolzen.</p>
-
-<p>&raquo;Herzliebster&laquo; &mdash; fl&uuml;sterte sie in sein Ohr &mdash;: &raquo;la&szlig;
-uns gehen &mdash; ich sterbe vor M&uuml;digkeit!&laquo;</p>
-
-<p>Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldst&uuml;cke
-zusammen und bot ihr den Arm.</p>
-
-<p>&raquo;Vergib mir, <em class="antiqua">darling</em>! es ist in der Tat sehr sp&auml;t
-geworden ... aber im Eifer des Spiels ... ich habe gar
-nicht daran gedacht, da&szlig; du in letzter Zeit immer so
-sp&auml;t zu Bett gekommen bist.&laquo;</p>
-
-<p>Sie f&uuml;rchtete, da&szlig; er sie heimbegleiten und noch einmal
-an den gr&uuml;nen Tisch zur&uuml;ckkehren werde, aber er
-tat es nicht, er sagte nur lachend: &raquo;Heute habe ich infames
-Pech gehabt! Das kommt von allem Gl&uuml;ck in der
-Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle
-wieder zur&uuml;ck.&laquo;</p>
-
-<p>Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit gr&ouml;&szlig;ere
-Summe.</p>
-
-<p>&raquo;Ich mu&szlig; an meinen Bankier telegraphieren,&laquo; sagte
-er, &raquo;unser Reisegeld ist auch schon futsch!&laquo;</p>
-
-<p>Da fa&szlig;te sie flehend seine H&auml;nde, und ihre blauen
-Augen schauten voll Angst in sein sch&ouml;nes, sorgloses
-Antlitz. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Friedrich Karl ...&laquo; fl&uuml;sterte sie, &raquo;ach, la&szlig; uns fort
-von hier!&laquo;</p>
-
-<p>Er lachte hell auf und k&uuml;&szlig;te sie: &raquo;Ich glaube, du
-hast Angst, da&szlig; ich uns hier bankrott spiele!&laquo; scherzte
-er. &raquo;Unbesorgt, du liebes N&auml;rrchen! Die paar tausend
-Franken rei&szlig;en noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und
-einmal mu&szlig; ich doch auch wieder gewinnen!&laquo;</p>
-
-<p>Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die n&auml;chsten
-Tage unaufh&ouml;rlich. &mdash; Die namhafte Summe, welche
-sein Bankier ihm angewiesen, schmolz dahin wie der
-Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch
-immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nerv&ouml;ses
-Lachen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Friedrich Karl ... la&szlig; uns fort von hier!&laquo; flehte
-Gundula abermals, und diesmal rollten ein paar gro&szlig;e
-Tr&auml;nen &uuml;ber ihre Wangen und netzten seine Hand.</p>
-
-<p>Er zuckte zusammen.</p>
-
-<p>&raquo;Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du
-glaubst doch nicht etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt
-&uuml;ber mich, als dieser s&uuml;&szlig;e Engel, welchen ich mir
-selbst zum W&auml;chter meines Gl&uuml;ckes gesetzt habe?&laquo;</p>
-
-<p>Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm
-mit, da&szlig; mit dem Kurierzug am n&auml;chsten Vormittag
-weitergereist werden solle. So unbeschreiblich gl&uuml;cklich,
-wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder.</p>
-
-<p>Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten
-kein verblendeter und leidenschaftlicher Spieler,
-welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte mehr zug&auml;nglich
-war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen
-&mdash; und diese Gewi&szlig;heit beseligte sie.</p>
-
-<p>Die n&auml;chstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar
-in Saus und Braus in der heimatlichen Residenz. Graf
-Hohen-Esp machte ein gl&auml;nzendes Haus, und da er nie
-im Leben gefragt hatte: &raquo;<em class="gesperrt">kann</em> ich mir dies oder jenes
-gestatten&laquo;, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern
-war sehr erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages
-er&ouml;ffnete, er sei nicht in der Lage, noch mehr Gelder zu
-zahlen, da die zust&auml;ndigen Revenuen bereits an die
-Adresse des Herrn Grafen abgef&uuml;hrt seien.</p>
-
-<p>&raquo;Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal
-kaum angefangen?&laquo; &mdash; staunte Friedrich Karl, die Zigarette
-im Mund, die H&auml;nde in den Taschen seines Jacketts
-versenkt. &raquo;Sonst war das doch sehr viel mehr?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Herr Graf vergessen, da&szlig; das Kapital sehr abgenommen
-hat; die Summen, welche nach Monte Carlo geschickt
-wurden, die Ehrenschuld, welche an Herrn von X. &mdash;
-und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen?&laquo; wunderte
-sich der junge Mann sehr gelassen, &raquo;das ist ja
-fatal. Aber ich mu&szlig; doch momentan was haben! &mdash;
- <span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span>
-Vom n&auml;chsten Quartal an k&ouml;nnen wir ja manches sparsamer
-einrichten. Aber gerade jetzt mu&szlig; ich so mancherlei
-berappen ... was fangen wir da an, Alterchen?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln.</p>
-
-<p>&raquo;Sehr schwierig, Herr Graf ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Schnacken! &mdash; K&ouml;nnen Sie nicht die Schafe mal
-wieder scheren lassen? &mdash; Wir heizen ein bi&szlig;chen ein
-im Stall!&laquo;</p>
-
-<p>Der Administrator lachte. &mdash; &raquo;Dann m&uuml;&szlig;ten wir ihnen
-das Fell abziehen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Oder k&ouml;nnen Sie keinen Wald schlagen lassen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert,
-Herr Graf, da&szlig; da nichts mehr weg darf! H&ouml;chstens
-die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ... da sind
-starke St&auml;mme ... die w&uuml;rden einen guten Ertrag geben ...&laquo;</p>
-
-<p>Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in
-sein lockiges Haar. &raquo;Meine Frau hat eine Leidenschaft
-f&uuml;r das alte B&auml;rennest und den sch&ouml;nen Hochwald ...
-sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ...
-also ganz herunter darf das Holz nicht ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;W&uuml;rde der F&ouml;rster auch gar nicht zugeben, Herr
-Graf!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was <em class="gesperrt">der</em> zugeben kann und will, ist mir ganz gleichg&uuml;ltig!
-Lassen Sie die Sache <em class="gesperrt">so</em> machen, da&szlig; die st&auml;rksten
-und sch&ouml;nsten B&auml;ume ausgeforstet werden. Verstanden?
-&mdash; um den Wald etwas zu lichten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Befehl, Herr Graf!&laquo;</p>
-
-<p>Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von
-Hohen-Esp klangen nach wie vor die Fl&ouml;ten und Geigen,
-klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn die Goldst&uuml;cke
-auf dem Spieltisch, Friedrich Karl am&uuml;sierte sich,
-reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer
-und ritterlicher Gatte, wenngleich die immer
-blasser werdenden Wangen und der m&uuml;de, resignierte
-Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher hervortraten.</p>
-
-<p>Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag
- <span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span>
-gestorben, und w&auml;hrend des Trauerjahres, wo
-man doch nicht gut die Saison mitmachen konnte, unternahm
-Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin
-eine Reise um die Welt.</p>
-
-<p>&raquo;Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen!&laquo;
-sagte Friedrich Karl in seiner leichten, fr&ouml;hlichen
-Art, &raquo;da k&ouml;nntest du mir eigentlich einen Gefallen
-tun! Es ist momentan schwer f&uuml;r mich, Geld fl&uuml;ssig zu
-machen, &mdash; du wei&szlig;t, da&szlig; das bei Grundbesitz immer
-seinen Haken hat! Darum w&auml;re es mir sehr lieb, du
-r&uuml;cktest ein bi&szlig;chen von deinem Mammon heraus, um
-die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du? W&auml;rest auch
-die beste Frau der Welt!&laquo;</p>
-
-<p>Er k&uuml;&szlig;te ihre Wangen und H&auml;nde, und sie l&auml;chelte
-ihr stilles, m&uuml;des L&auml;cheln, schmiegte sich an ihn und
-nickte: &raquo;Nimm soviel du willst! Was soll ich mit dem
-Geld? Ich freue mich ja so, da&szlig; wir w&auml;hrend der
-Reise endlich einmal uns wieder selbst angeh&ouml;ren k&ouml;nnen!&laquo;</p>
-
-<p>Und er nahm Geld, &mdash; soviel er wollte, denn die
-Reisekosten waren nicht gering.</p>
-
-<p>Ach, wie hatte Gundula gehofft, da&szlig; sie das Trauerjahr
-still und behaglich in der sch&ouml;nen Einsamkeit von
-Hohen-Esp verleben w&uuml;rden, endlich, endlich einmal wieder
-gl&uuml;cklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer Ehe!</p>
-
-<p>Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an,
-ein stetes Zusammenleben mit fremden Menschen, deren
-Mittelpunkt der sch&ouml;ne, liebensw&uuml;rdige Graf ja st&auml;ndig
-war!</p>
-
-<p>Reiche Engl&auml;nder und Amerikaner schlugen ein Spielchen
-vor ... und um die Langeweile der endlosen Seefahrten
-zu lindern, spielte Friedrich Karl; &mdash; manchmal
-mit Gl&uuml;ck, &mdash; meist mit recht erheblichen Verlusten.</p>
-
-<p>Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte
-er seiner blassen Frau so <em class="antiqua">en passant</em> einmal mit, da&szlig; die
-Reiserei doch infam teuer gewesen sei und ein Heidengeld
-verschlungen habe! Das ererbte Kapital sei beinahe
-draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ...
-und da keine Kinder da sind, f&uuml;r die man zu sorgen hat,
- <span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span>
-ist es ja gleichg&uuml;ltig, wo es bleibt! &mdash; Gundula hatte
-ohne ein Wort still vor sich hingenickt.</p>
-
-<p>Nein, es waren keine Kinder da, f&uuml;r die man h&auml;tte
-sparen und sorgen m&uuml;ssen!</p>
-
-<p>Der Graf setzte sich an den Fl&uuml;gel und spielte den
-feschen Walzer, welchen er j&uuml;ngst zum erstenmal wieder
-in einem Ballsaal geh&ouml;rt hatte, und Gundula erhob sich
-lautlos, schritt &uuml;ber die weichen Teppiche nach ihrem
-kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche
-Antlitz in die Atlaskissen.</p>
-
-<p>Nein &mdash; es waren keine Kinder da, f&uuml;r die man h&auml;tte
-sparen und sorgen m&uuml;ssen!</p>
-
-<p>Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde
-als eine ja wohl fatale, aber doch nicht zu &auml;ndernde Tatsache
-aussprach, das fra&szlig; ihr seit Jahren schon wie
-nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr wie
-ein grausames Schicksal, wie eine B&uuml;rde, unter welcher
-sie freud- und trostlos daherschlich. &mdash;</p>
-
-<p>Ein Sohn! &mdash; ach, da&szlig; sie einen Sohn h&auml;tte! Wenn
-sie zur&uuml;ckdenkt an jene ersten, traumseligen Wochen in
-Hohen-Esp, mit welch einer stolzen Gl&uuml;ckseligkeit sie zu
-den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut und
-ihnen zugefl&uuml;stert hatte: &raquo;Einen Sohn will ich euch
-einst zuf&uuml;hren, einen jungen B&auml;ren, furchtlos, brav und
-rechtschaffen, ein Schirmvogt der Schwachen, ein Retter
-der Gef&auml;hrdeten, ein Edelmann in Tat und Wort, &mdash;
-so wie ihr es gewesen seid!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Wie gl&uuml;hte ihr damals das Herz in der Brust voll
-stolzer Begeisterung, &mdash; wie tr&auml;umte sie mit offenen
-Augen einen herrlichen, goldenen Traum! &mdash; Wehe ihr!
-es ist nur ein Traum gewesen und geblieben!</p>
-
-<p>Kein Kind im Hause! &mdash;</p>
-
-<p>Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das
-klimpert mit Geldst&uuml;cken und schl&auml;gt klatschend die Karten
-auf! &mdash;</p>
-
-<p>Anf&auml;nglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten
-H&auml;nden dagegen gerungen, dann aber sind diese
-H&auml;nde m&uuml;de und matt geworden, ihr Herz schwer und
- <span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span>
-starr, es hat nicht mehr in t&ouml;richten Hoffnungen gegl&uuml;ht
-und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, da&szlig;
-das Verm&ouml;gen, das gro&szlig;e, gewaltige Verm&ouml;gen des
-Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz!</p>
-
-<p>F&uuml;r wen sollte es erhalten bleiben?</p>
-
-<p>Sie selber bedarf weder Glanz noch &Uuml;ppigkeit, sie
-wird die Stunde segnen, wo die goldene Br&uuml;cke, welche
-ihren Gatten in die falsche, bunte, treulose Welt f&uuml;hrte,
-zusammenbricht.</p>
-
-<p>Dann mu&szlig; er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts
-mehr zwischen sie dr&auml;ngen, dann wird sie vielleicht noch
-einmal in einem stillen, weltfernen Winkelchen gl&uuml;cklich
-sein!</p>
-
-<p>Gl&uuml;cklich?!</p>
-
-<p>Sie schluchzt laut auf.</p>
-
-<p class="pmb3">Wof&uuml;r also sparen? &mdash; Es ist ja kein Kind im Haus!</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="III">III.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Die Zeit verging, &mdash; f&uuml;r Gundula schleichend, mit
-bleiernen Fl&uuml;geln, f&uuml;r ihren Gatten in wirbelndem Tanz.</p>
-
-<p>Da es der Gr&auml;fin in das Herz schnitt, unter so g&auml;nzlich
-ver&auml;nderten Verh&auml;ltnissen auf Hohen-Esp zu weilen,
-so hatte sie eigentlich darauf verzichten wollen, in diesem
-Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort zu reisen,
-da trat j&auml;hlings ein Ereignis ein, welches das bleiche
-Antlitz der m&uuml;den jungen Frau in schier blendende
-Sonnenhelle tauchte.</p>
-
-<p>Anf&auml;nglich wagte sie es kaum, an ihr versp&auml;tetes Gl&uuml;ck
-zu glauben, ihr Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre
-Seele jauchzte in Hoffnung, und auf ihren Wangen
-bl&uuml;hten wieder Rosen auf, ihre Lippen l&auml;chelten wie
-im Traum. Friedrich Karl beobachtete &uuml;berrascht und
-erfreut die sichtliche Ver&auml;nderung seiner sonst so resignierten
-Frau, und als er sich eines Tages sogleich nach
-dem Diner mit scherzenden Worten und einer kleinen
-Galanterie &uuml;ber ihre leuchtenden Augen und bl&uuml;henden
-Wangen zur&uuml;ckziehen wollte, &mdash; da hielt sie sanft seine
-H&auml;nde fest, f&uuml;hrte ihn nach ihrem d&auml;mmrig stillen Salon
-und warf sich voll bebender Erregung an seine Brust.</p>
-
-<p>&raquo;Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und
-fr&auml;gst doch nicht nach der Ursache, welche mich neu
-aufleben l&auml;&szlig;t in &uuml;bergro&szlig;er Seligkeit?&laquo;</p>
-
-<p>&Uuml;berrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf
-dem Diwan Platz und murmelte betroffen: &raquo;Ich verstehe
-dich nicht, Gundula ... hast du etwa das gro&szlig;e Los
-gewonnen?&laquo;</p>
-
-<p>Sie lachte unter Tr&auml;nen. &raquo;Nur das gro&szlig;e Los? Ach,
-was bedeutet alles Geld und Gut der Welt gegen unser
-Gl&uuml;ck?!&laquo;</p>
-
-<p>Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem sch&ouml;nen Haupt.
-&raquo;Sprich, Liebling ... foltere mich nicht!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p>Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm
-und fl&uuml;sterte ihm ein paar Worte in das Ohr.</p>
-
-<p>&raquo;Gundula!&laquo; &mdash; schrie er beinahe auf: &raquo;Gundula &mdash;
-ist das Wahrheit? &mdash; Uns sollte ein Erbe geboren werden
-&mdash; ich sollte noch ein Kind auf den Armen wiegen?&laquo;</p>
-
-<p>Er sprang empor, er st&uuml;rmte im Zimmer auf und
-nieder, und dann bedeckte er ihre H&auml;nde, ihr verkl&auml;rtes
-Gesicht mit brennenden K&uuml;ssen.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, das ist ein unerwartetes Gl&uuml;ck, Gundula!&laquo; jubelte
-er, &raquo;nun ist ja dein hei&szlig;ester und sehnlichster Wunsch
-erf&uuml;llt!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Und der deine nicht auch?&laquo;</p>
-
-<p>Wie ein Erbleichen ging es &uuml;ber sein erhitztes Gesicht,
-er sah sie nicht an, sondern pre&szlig;te die Wange gegen
-ihre Hand.</p>
-
-<p>&raquo;Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir
-gleichg&uuml;ltig sei, ob die Hohen-Esps aussterben oder nicht!
-Neun Jahre lang hatte ich mich freilich an diesen Gedanken
-gew&ouml;hnt ... ich rechnete mit jeder M&ouml;glichkeit,
-nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!&laquo;</p>
-
-<p>Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch
-&uuml;ber die perlende Stirn, dann lachte er abermals hell,
-beinahe &uuml;berm&uuml;tig auf und fuhr fort: &raquo;Ja, nun m&uuml;ssen
-wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp fahren,
-damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und
-Allongeper&uuml;cke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze
-Gl&uuml;ck erz&auml;hlen kannst, da&szlig; ihnen ein Urenkel geboren
-werden soll, da&szlig; Gr&auml;fin Gundula der alten B&auml;renburg
-f&uuml;r einen jungen B&auml;ren sorgen will!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Und wenn es eine B&auml;rin ist?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu h&uuml;ten&laquo;,
-l&auml;chelte er galant, und dann k&uuml;&szlig;te er die Lippen seiner
-Frau und setzte die elektrische Klingel in Bewegung, um
-dem Diener zu sagen, da&szlig; er heute abend zu Hause
-bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden
-mit der Meldung, da&szlig; der Herr Graf heute verhindert
-sei zu kommen. &mdash;</p>
-
-<p>Gundula aber faltete die bebenden H&auml;nde und schlo&szlig;
- <span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span>
-l&auml;chelnd die Augen ... kam es noch einmal zur&uuml;ck, das
-Gl&uuml;ck, das gro&szlig;e, m&auml;rchenhafte Gl&uuml;ck von ehemals? &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Als der Gr&auml;fin l&auml;chelndes Antlitz sich zum
-Schlaf in die Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl
-ruhe- und rastlos in seinem Zimmer auf und nieder.</p>
-
-<p>Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen
-Brief, welcher den Administrator anwies, sofort dem
-Abholzen der Hohen-Esper Waldungen Einhalt zu tun.</p>
-
-<p>Er hatte sich in sehr mi&szlig;licher Lage befunden und
-nach kurzem Kampf den Befehl gegeben, die herrlichen
-Buchenwaldungen um die Burg herum schlagen zu lassen,
-&mdash; hatte doch Gundula ge&auml;u&szlig;ert, da&szlig; sie keinen Aufenthalt
-wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie sch&auml;mte
-sich vor all den Ahnherren im Saal, da&szlig; sie ihnen noch
-immer keinen Stammhalter zuf&uuml;hren k&ouml;nne!</p>
-
-<p>Das war nun anders geworden!</p>
-
-<p>Jetzt, nach neunj&auml;hriger Ehe! Wer h&auml;tte das gedacht!</p>
-
-<p>Nun war Gundulas Liebe f&uuml;r den alten Ahnensitz
-neu entflammt, und auf keinen Fall durfte sie die Verw&uuml;stungen
-in ihren geliebten W&auml;ldern erblicken!</p>
-
-<p>Das war ein recht fataler Zwischenfall!</p>
-
-<p>Was sollte er nun beginnen?</p>
-
-<p>Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden,
-ach, Gundula ahnte es nicht, <em class="gesperrt">wie</em> schlecht!</p>
-
-<p>Er mu&szlig;te absolut eine bedeutende Summe fl&uuml;ssig
-machen, um eine Spielschuld zu bezahlen!</p>
-
-<p>Infam! er hatte w&auml;hrend der letzten Zeit so viel Pech
-gehabt, und wenn er einmal gewann, so rannen die Dukaten
-wie Wassertropfen durch die Finger! Es ist seltsam,
-da&szlig; in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt!</p>
-
-<p>Es w&auml;re auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene
-Geld angelegt h&auml;tte, anstatt es jedesmal zu
-verjubeln, ... aber du liebe Zeit! F&uuml;r wen h&auml;tte er
-sparen sollen! Wie konnte er ahnen, da&szlig; noch einmal
-Kinder kommen w&uuml;rden!</p>
-
-<p>Je nun, das mu&szlig; jetzt alles anders werden. Er
-wird diese eine Spielschuld noch bezahlen und dann mit
-allem Ernst danach trachten, seine Verh&auml;ltnisse wieder
- <span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span>
-zu arrangieren! Er mu&szlig; noch eine Hypothek auf Hohen-Esp
-aufnehmen!</p>
-
-<p>Walsleben, M&ouml;nchhagen und Gottern sind bereits derart
-belastet, da&szlig; er mit diesen G&uuml;tern kaum noch rechnen
-kann, und das Kapital ist lange verbraucht, ebenso das
-Erbe seiner Frau!</p>
-
-<p>Friedrich Karl st&ouml;hnt leise auf, schl&auml;gt die H&auml;nde
-vor das Antlitz und sinkt in einen Sessel nieder.</p>
-
-<p>Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist
-wie verkl&auml;rt &mdash; ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Gl&uuml;ckseligkeit!</p>
-
-<p>Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im
-ersten Rausch der &Uuml;berraschung tat auch er es! &mdash; gewi&szlig;!
-&mdash; welch eines Mannes Herz schwellt nicht Stolz und
-Genugtuung, wenn er Vater werden soll!</p>
-
-<p>Ja, er freute sich wie ein Trunkener, &mdash; ohne jede &Uuml;berlegung,
-&mdash; die r&uuml;hrende Ergriffenheit seiner guten Frau
-steckte auch ihn an!</p>
-
-<p>Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei n&uuml;chterner
-&Uuml;berlegung, da schleicht sich in dieses Gl&uuml;cksgef&uuml;hl
-eine beklemmende Angst, die sorgende Frage: was soll
-aus dem Kind werden?</p>
-
-<p>Wie willst du es ern&auml;hren? Von was einst standesgem&auml;&szlig;
-unterhalten?</p>
-
-<p>Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater
-fragt: &raquo;Wo blieb das Erbe meiner V&auml;ter?&laquo; Welch
-ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf Friedrich Karl
-will ihn nie h&ouml;ren, &mdash; nie! &mdash; Er will, er mu&szlig; es
-wieder einbringen, was er vergeudet hat! &mdash;</p>
-
-<p>Aber wie? &mdash;</p>
-
-<p>Je nun, das Gl&uuml;ck kann ihm nicht immer den R&uuml;cken
-kehren, einmal mu&szlig; er doch wieder mit Erfolg spielen, und
-dann wird er jeden Gewinn anlegen und sein Verm&ouml;gen
-ersetzen. All die Herren, welche durch ihn reich
-geworden sind, m&uuml;ssen ihm Revanche geben, sie m&uuml;ssen
-es, wenn sie Ehrenm&auml;nner sind!</p>
-
-<p>&mdash; Der Graf sprang ungest&uuml;m auf und sah nach der
-Uhr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span></p>
-
-<p>Sind sie noch im Klub versammelt?</p>
-
-<p>Nein, &mdash; es ist zu sp&auml;t.</p>
-
-<p>Aber morgen! &mdash; morgen! &mdash;</p>
-
-<p>Und am n&auml;chsten Tage spielte er voll nerv&ouml;ser Leidenschaft,
-hitziger, aufgeregter, wie je.</p>
-
-<p>Und er gewann!</p>
-
-<p>Sein Kopf brannte! Wie unsinnig vor Freude st&uuml;rmte
-er zu dem Bankier und legte das Geld an! &mdash; Und
-dann hatte er noch eine Chance!</p>
-
-<p>Der Herzog war entz&uuml;ckt von seinem Viererzug sch&ouml;nster
-Rappen, welchen er gern seiner jungen Schwiegertochter,
-der Prinzessin Margarete, zum Geschenk machen wollte.</p>
-
-<p>Prinz Georg, welcher mit Hohen-Esp unterhandelte,
-bot eine enorme Summe, aber die Eitelkeit des Grafen
-litt es nicht, da&szlig; er sich von seinen ber&uuml;hmten Pferden
-trennte. Das war jetzt anders geworden.</p>
-
-<p>Er mu&szlig;te f&uuml;r seinen Sohn Kapital machen! Noch
-an demselben Tage verkaufte er die Rappen, und das
-Geld brachte er abermals auf die Bank!</p>
-
-<p>Welch ein Vergn&uuml;gen ihm das bereitete! Es war etwas
-so Neues f&uuml;r ihn, zu sparen!</p>
-
-<p>Vorl&auml;ufig schaffte er auch keine anderen Pferde wieder
-an. Er k&uuml;ndigte dem zweiten Kutscher, und freute sich,
-wieviel er dadurch ersparte, &mdash; den Unterricht f&uuml;r den
-anspruchsvollen Engl&auml;nder und vier Rationen! &mdash;</p>
-
-<p>Er mu&szlig; weiter &uuml;berlegen, wie und wo er sparen kann,
-ohne da&szlig; Gundula es merkt, denn ein Gef&uuml;hl der Scham
-h&auml;lt ihn pl&ouml;tzlich davon ab, seiner Frau einzugestehen, wie
-gewissenlos er bisher gewirtschaftet hat. &mdash;</p>
-
-<p>Und er spart und legt an ... und dann schl&auml;gt das
-Gl&uuml;ck einmal wieder um und er mu&szlig; alles wieder von
-der Bank abholen, um die Spielschulden abzutragen!</p>
-
-<p>Es ist ein qualvoller Kampf, ein Auf und Nieder,
-ein Wassersch&ouml;pfen mit dem Sieb!</p>
-
-<p>Aber Graf Friedrich Karl k&auml;mpft voll z&auml;her Beharrlichkeit,
-er denkt an seinen Sohn! Und er sorgt und m&uuml;ht
-sich immer leidenschaftlicher und nerv&ouml;ser, je mehr er
- <span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span>
-es beobachtet, wie in Gundulas Wesen eine wunderbare
-und auff&auml;llige Ver&auml;nderung vor sich geht. &mdash;</p>
-
-<p>Wie in langem Staunen haftet sein Blick oft verstohlen
-auf der Gr&auml;fin.</p>
-
-<p>Ist dies dieselbe resignierte, m&uuml;de, sanfte und gleichg&uuml;ltige
-Frau von ehedem, welche auf all seine W&uuml;nsche
-nur ein selbstloses: &raquo;wie du willst!&laquo; hatte, welche mit
-gesenktem Haupte einherschritt, interessenlos, und so matt
-und scheu, wie eine wei&szlig;e Taube, welcher ein Sturm die
-Schwingen brach?</p>
-
-<p>Ist dies dieselbe Gundula, welche zu ihrem eigenen
-Schatten geworden war? &mdash;</p>
-
-<p>Jetzt ist es, als ob ein Steinbild endlich zum Leben
-erwacht sei!</p>
-
-<p>Ihre Gestalt w&auml;chst hoch und kraftvoll empor, ihr Haupt
-hebt sich stolz und selbstbewu&szlig;t auf den Schultern, und all
-ihre Bewegungen haben etwas Festes, Sicheres, wie er
-es nie zuvor an ihr gekannt!</p>
-
-<p>Die sanften Taubenaugen blitzen in sieghafter Freude,
-die Lippen l&auml;cheln und sprachen doch nie energischere
-Worte wie jetzt!</p>
-
-<p>Tante Agathe kommt zum ersten Male zu kurzem Besuch
-und weinte Tr&auml;nen der Freude &uuml;ber das Gl&uuml;ck ihres
-Lieblings.</p>
-
-<p>Als sie Gundula so g&auml;nzlich ver&auml;ndert schalten und
-walten sieht, nickt sie leise vor sich hin. Wie ein Echo
-ziehen die Worte ihres verstorbenen Bruders durch ihren
-Sinn &mdash;: &raquo;wenn aber erst die junge Brut in der H&ouml;hle
-liegt, dann wird aus dem sanften, indolenten Weibchen
-eine gar trotzige, wehrhafte B&auml;rin!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Ja wahrlich! &mdash; auch Gundula wird eine solche B&auml;rin
-sein! &mdash;</p>
-
-<p>Auf dringenden Wunsch der Gr&auml;fin siedelte die Haushaltung
-nach Hohen-Esp &uuml;ber und verblieb den ganzen
-Sommer daselbst, denn wie Gundula scherzend sagte:
-&raquo;sollte der junge B&auml;r in seiner angestammten H&ouml;hle
-geboren werden!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Graf Friedrich Karl leistete seiner Gemahlin tagelang
- <span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span>
-Gesellschaft, dann trieb es ihn wieder voll rastloser
-Ungeduld in die Residenz zur&uuml;ck; er kam und ging &mdash;
-er schweifte ruhelos zwischen dort und hier, und dabei
-ward er immer nerv&ouml;ser, immer blasser und elender, und
-sah schlie&szlig;lich so ernstlich krank aus, da&szlig; es Gundula
-auffiel und sie besorgt nach der Ursache fragte.</p>
-
-<p>Er lachte und versuchte voll unsicherer Heiterkeit zu
-scherzen. &raquo;Ich werde noch die Ankunft des neuen Herrn
-und Gebieters abwarten, und alsdann ein paar Wochen
-in ein Bad reisen; der Doktor meint, es sei eine verschleppte
-Erk&auml;ltung, daf&uuml;r ist Luftwechsel gut!&laquo;</p>
-
-<p>Fr&uuml;her hatte die Gr&auml;fin nie an einem Wort ihres
-Mannes gezweifelt, jetzt pl&ouml;tzlich hatte ihr Auge etwas
-so seltsam Forschendes und Durchdringendes, da&szlig; Friedrich
-Karl ihrem Blicke auswich.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Und die Wochen vergingen ... und auf der Burg
-Hohen-Esp wurde ein Sohn geboren. Ein Sohn! &mdash;
-wie ein zitternder Jubelschrei rang es sich von den Lippen
-der jungen Mutter. Nun lag der hei&szlig;ersehnte kleine
-B&auml;r in ihrem Arm, und die alten Bilder von der Wand
-schauten mit wundersam lebendigem Blick auf sie nieder
-und l&auml;chelten ihr zu.</p>
-
-<p>Hub nicht ein freudiges Brummen und Raunen in
-allen Ecken an? &mdash;</p>
-
-<p>Trappten nicht die m&auml;chtigen steinernen B&auml;ren vom
-Burgtor herauf, die Wappenschilde in ihren Pranken
-vor dem jungen B&auml;rlein in den wei&szlig;en Kissen zu neigen?</p>
-
-<p>Stampfte und schlurrte es nicht aus allen Winkeln und
-&uuml;ber alle Stiegen heran, der lange Zug aller jener
-zottigen Gestalten, welche seit Jahrhunderten hier in
-der Burg ihre stille Wacht gehalten und auf den jungen
-Sprossen gewartet haben, welcher k&uuml;nftighin ihr Herr
-und Gebieter sein soll, der B&auml;r von Hohen-Esp? &mdash;</p>
-
-<p>Welch ein Jubel und Gl&uuml;ck im ganzen Hause! Nur
-der Vater des jungen Erben h&auml;lt seinen Sohn mit zitternden
-H&auml;nden, und die Fieberglut auf seiner Stirn wechselt
-mit fahler Bl&auml;sse. &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<p>Sind es Tr&auml;nen oder ist es perlender Schwei&szlig;, was
-langsam &uuml;ber seine fahlen Wangen rinnt? Alles schl&auml;ft
-in der Burg &mdash; mit l&auml;chelnden Lippen und wohligem
-Behagen, &mdash; nur Graf Friedrich Karl wandelt ruhelos,
-selber einem Gespenst gleich, durch die weiten, hallenden
-R&auml;ume. Er findet keinen Schlaf.</p>
-
-<p>Vor ihm schweben zwei gro&szlig;e blaue Kinderaugen, die
-schauen ihn ernst und vorwurfsvoll an, als ob sie ihn
-richten wollten, und ein kleiner Mund fragt wieder und
-immer wieder: &raquo;Wo blieb das Erbe meiner V&auml;ter,
-welches sie dir zu Lehn hinterlie&szlig;en, auf da&szlig; du es f&uuml;r
-deinen Sohn treu und rechtschaffen verwalten solltest?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Wie Donnerhall brausen die Worte in seinen Ohren,
-ob er auch qualvoll die H&auml;nde dagegenpre&szlig;t und laut
-aufst&ouml;hnt: &raquo;Wie konnte ich noch auf einen Sohn rechnen!
-Ich war mir keiner Verpflichtung bewu&szlig;t, weil mir kein
-Erbe geboren wurde!&laquo;</p>
-
-<p>Diese leise Stimme aber f&auml;hrt erbarmungslos fort:
-&raquo;Rechne nach! Noch ehe du ein Weib genommen, noch
-in den ersten, hoffnungsreichen Jahren deiner Ehe schwand
-das Kapital dahin, ward das Fundament gelockert, auf
-welchem jetzt der morsche Bau zusammenbricht! Rechne
-nach! wo blieb das Erbe meiner V&auml;ter?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Graf Friedrich Karl sank schwer in einen Lehnstuhl
-nieder.</p>
-
-<p>Er brauchte nicht nachzurechnen, &mdash; er wu&szlig;te, wo das
-Geld geblieben war, &mdash; ach, er wu&szlig;te es nur zu genau.</p>
-
-<p>Vor seinen Augen schimmert gr&uuml;nes Tuch, blinken
-rollende Goldst&uuml;cke. &mdash;</p>
-
-<p>O furchtbare Antwort, welche er einst seinem Kinde
-geben mu&szlig;! &mdash;</p>
-
-<p>Wie Folterqualen peinigt sie schon jetzt sein Herz. &mdash;</p>
-
-<p>Er ertr&auml;gt diese Qual bitterster Selbstanklage nicht!
-&mdash; Er mu&szlig; wiedergewinnen, was er vergeudete, er
-mu&szlig; den drohenden Ruin abwenden, er <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> es, wenn
-er noch den Mut haben soll, Weib und Kind in die Augen
-zu schauen! &mdash; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span></p>
-
-<p>Seine H&auml;nde w&uuml;hlen aufgeregt in den Papieren auf
-dem Schreibtisch.</p>
-
-<p>Der Administrator hat ihm die Abrechnungen geschickt, ...
-es gibt nichts mehr abzurechnen, und die Gl&auml;ubiger
-dr&auml;ngen ... und die Termine laufen ab. &mdash;</p>
-
-<p>Was tun? &mdash;</p>
-
-<p>Die Herren, mit denen er den Winter &uuml;ber spielte,
-welche ihm au&szlig;erordentliche Summen abgenommen und
-durch sein Verm&ouml;gen reich geworden, haben sich zur&uuml;ckgezogen.
-Sie leben auf Reisen, &mdash; sie haben sich auf
-ihre Besitzungen begeben.</p>
-
-<p>Es bleibt keine andere M&ouml;glichkeit, keine andere Hoffnung,
-als wie Monte Carlo. Er will noch das Letzte
-zusammenraffen, was er besitzt, und will <em class="antiqua">va banque</em>
-sagen!</p>
-
-<p>Nur warten mu&szlig; er, bis sein Weib genesen ist, bis
-sie ... jede Nachricht aus dem H&ouml;llenpfuhl jenes Spielernestes
-ertragen kann!</p>
-
-<p>Er hat seinen Sohn zum Bettler gemacht, aber <em class="gesperrt">alles</em>
-kann und darf er ihm nicht nehmen, die <em class="gesperrt">Mutter</em>
-mu&szlig; er ihm lassen!</p>
-
-<p>Also warten, ... warten! &mdash;</p>
-
-<p>O, welch martervolle Wochen werden das sein!</p>
-
-<p>Wenn es ein Fegefeuer gibt, so wird er es in diesen
-Wochen kennenlernen.</p>
-
-<p>Und er lernte es kennen! &mdash;</p>
-
-<p>Er sa&szlig; mit h&auml;mmernden Pulsen und eiskalten H&auml;nden
-an Gundulas Lager, er sah in ihr Antlitz, welches alle
-Himmelswonnen junger Mutterschaft spiegelte, er h&ouml;rte
-mit krampfhaftem L&auml;cheln all die seligen Zukunftspl&auml;ne
-an, welche sie f&uuml;r des Kindes und ihr eigenes Geschick
-schmiedete. Ja, sie wollten gl&uuml;cklich sein! &mdash;</p>
-
-<p>Nun waren ja ihre k&uuml;hnsten Hoffnungen erf&uuml;llt, nun
-lag der Sohn in ihren Armen, welcher das alte Geschlecht
-zu jungem Glanz und junger Herrlichkeit aufbl&uuml;hen
-wird! &mdash;</p>
-
-<p>Und die Gr&auml;fin dr&uuml;ckte seine H&auml;nde voll unaussprechlicher
-Liebe zwischen den ihren und blickte ihm wieder
- <span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span>
-in die Augen wie damals ... vor Jahren ... als er sie
-im Arme hielt und dem br&auml;utlichen Weib gelobte, &raquo;ich
-will alles tun, dich gl&uuml;cklich zu machen!&laquo; &mdash; O meineidiger,
-wortbr&uuml;chiger Gesell, der er ward!</p>
-
-<p>Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgensch&ouml;ne
-Gl&uuml;ck zertr&uuml;mmert!</p>
-
-<p>Wahrlich, hat er es?</p>
-
-<p>Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort
-mit dem Schicksal sprechen, noch kann alles wieder gut
-werden ... ach, so gut! &mdash; Und er fl&uuml;stert ihr mit heiserer
-Stimme z&auml;rtliche Worte ins Ohr und wiegt seinen Knaben
-auf den Armen.</p>
-
-<p>Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht!</p>
-
-<p>Wahrlich niemand?</p>
-
-<p>Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte
-gekommen, blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich
-pr&uuml;fend in das fahle Angesicht.</p>
-
-<p>Ahnt sie, wie es um ihn steht?</p>
-
-<p>Warum nicht?</p>
-
-<p>Da&szlig; seine Verh&auml;ltnisse zerr&uuml;ttet sind, pfeifen in der
-Residenz die Spatzen vom Dache. Wie <em class="gesperrt">trostlos</em> sie
-sind, wei&szlig; man freilich noch nicht. &mdash;</p>
-
-<p>Der Tag kommt, an welchem der junge B&auml;r von
-Hohen-Esp getauft werden soll.</p>
-
-<p>Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen
-Entz&uuml;cken der Gr&auml;fin hat man von jeder Festlichkeit
-Abstand genommen.</p>
-
-<p>Im allerkleinsten Kreise, &mdash; nur von den Eltern, Tante
-Agathe und dem jungen Pastor aus dem n&auml;chsten Dorfe,
-bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt ist, wird das Kind
-&uuml;ber die heilige Taufe gehalten.</p>
-
-<p>Wie sch&ouml;n sieht Gundula aus!</p>
-
-<p>Ihre Figur ist voll, kr&auml;ftig, schier k&ouml;niglich geworden.</p>
-
-<p>Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich
-einher, wie noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit
-auf ihrem Angesicht, ein Ausdruck in ihren Augen,
-welcher beweist, da&szlig; Gr&auml;fin Hohen-Esp in all ihrem
- <span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span>
-strahlenden Gl&uuml;ck ein dem&uuml;tiges und frommes Weib
-geblieben. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Guntram Krafft&laquo; hat man den Knaben getauft, und
-der Prediger hat &uuml;ber ihm die H&auml;nde gefaltet und
-gebetet, da&szlig; dieses Kind dereinst in Wahrheit ein Schirmherr
-und Schutzvogt f&uuml;r alle sein m&ouml;ge, welche unter
-seine starke Hand gestellt sind, da&szlig; er, ebenfalls furchtlos
-und treu wie seine Ahnherren, die &raquo;Kraft&laquo;, welche
-ihm den Namen gibt, in den Dienst seines Gottes und
-seiner N&auml;chsten, f&uuml;r F&uuml;rst und Vaterland stellen m&ouml;ge,
-da&szlig; auch er &uuml;ber den Inhalt seines Lebensbuches die
-Devise schreiben m&ouml;chte, unter welcher seine V&auml;ter Taten
-getan:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Christe Kyrie &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Zu Lande und See &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Ein Schirmherr der Not &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Das walt' Herregott!&laquo;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Nie hatte Gundula geglaubt, da&szlig; ihr so sehr lebensfroher,
-oberfl&auml;chlicher Gatte von einer heiligen Handlung
-derart ergriffen sein k&ouml;nne!</p>
-
-<p>Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme
-auf den Grafen, welcher kaum imstande war,
-seine Erregung zu meistern. Und wie bleich, wie leidend,
-wie nerv&ouml;s sah er aus! Kaum, da&szlig; er den Knaben
-halten konnte, so bebten ihm die H&auml;nde.</p>
-
-<p>&raquo;Du bist krank, Friedrich Karl,&laquo; fl&uuml;sterte ihm Gundula
-besorgt zu, als sie sich an seine Brust lehnte: &raquo;jetzt
-sehe ich erst, wie schlecht du aussiehst! F&uuml;hlst du Schmerzen
-&mdash; hustest du etwa?&laquo;</p>
-
-<p>Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. &raquo;Die Geburt
-eines Sohnes ist ja f&uuml;r den Vater jedesmal sehr
-angreifend, doch geht es mir, den Umst&auml;nden nach, immer
-noch sehr gut! Eine kleine Luftver&auml;nderung, &mdash; die wird
-alles wieder gutmachen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir
-geht es so ausgezeichnet, da&szlig; du nun um unsertwillen
-nicht mehr zu z&ouml;gern brauchst!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich gedachte &uuml;bermorgen nach San Remo zu fahren!
- <span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span>
-M&ouml;chtest du mich nicht begleiten? F&uuml;hlst du dich wohl
-genug? &mdash; Unserm Jungen macht Tante Agathe derweil
-die Kur!&laquo;</p>
-
-<p>Sie sch&uuml;ttelte das Haupt und err&ouml;tete. &raquo;Undenkbar!
-Du vergi&szlig;t, da&szlig; ich selber die Amme unseres Lieblings
-bin! Auch bist du ungenierter, wenn du auf niemand
-R&uuml;cksicht nehmen mu&szlig;t! Also &uuml;bermorgen! &mdash; und
-wie lange bleibst du?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein
-braves Weib, da&szlig; ich bald frisch genug sein werde, um
-heimkehren zu k&ouml;nnen! Ach, Gundula, &mdash; du glaubst nicht,
-wie gern ich wieder bei euch sein m&ouml;chte!&laquo;</p>
-
-<p>Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das
-Haupt schwer auf die Schulter.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Er reiste, &mdash; und Gundula stand droben auf dem
-S&ouml;ller des Turmes und blickte dem entschwindenden
-Wagen nach.</p>
-
-<p>Sein wei&szlig;es Taschentuch flatterte noch lange zur&uuml;ck, so
-lange, bis die m&auml;chtigen Waldungen den Weg deckten.</p>
-
-<p>&raquo;Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!&laquo; zog
-es voll wehm&uuml;tiger Sehnsucht durch den Sinn der Gr&auml;fin,
-als sie hinaus in die herbstlich stille Gegend blickte,
-&uuml;ber welcher ein k&uuml;hler Seewind brauste und die dunklen
-Schatten eilenden Gew&ouml;lks strichen. Regentropfen fielen
-kalt und schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter
-ihrem k&uuml;hlen Ku&szlig;.</p>
-
-<p>Mit wei&szlig;en Schaumk&auml;mmen gr&uuml;&szlig;ten die fernen Meereswogen
-her&uuml;ber, und welke Bl&auml;tter wirbelten von den
-drei Linden, welche den Burghof beschatteten, zu ihr
-empor.</p>
-
-<p>Ein niegekanntes Gef&uuml;hl unbeschreiblicher Trauer &uuml;berkam
-Gundula, es war ihr pl&ouml;tzlich zu Sinn, als k&ouml;nne es
-nie wieder licht und hell auf dieser Welt werden, als
-sei die Sonne f&uuml;r ewige Zeiten f&uuml;r sie untergegangen.
-Wie in j&auml;her Angst streckte sie die Arme nach der Richtung,
-in welcher der Wagen verschwunden war, aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Friedrich Karl!&laquo; &mdash; rang es sich wie ein Schrei von
-ihren Lippen &mdash; &raquo;Friedrich Karl!&laquo;</p>
-
-<p>Der Wind verwehte den Klang, &mdash; das bunte Laub
-rauschte auf und fegte raschelnd &uuml;ber die Fliesen.</p>
-
-<p>Keine Antwort. &mdash; Sie pre&szlig;te die Hand gegen das
-zitternde Herz und sch&uuml;ttelte j&auml;hlings den Kopf.</p>
-
-<p>&raquo;Was ficht mich pl&ouml;tzlich an? Ich bin noch nerv&ouml;s und
-schwach, da nimmt man alles so schwer! &mdash; Wie oft
-ist Friedrich Karl in den letzten Jahren verreist, kaum
-da&szlig; ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir
-sein Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht
-&uuml;bermannen? &mdash; Das ziemt sich nicht f&uuml;r eine
-B&auml;rin, die ihr Junges s&auml;ugt, auf da&szlig; sie es zum Helden
-mache!&laquo; &mdash; und mit schnellem L&auml;cheln um die erbla&szlig;ten
-Lippen wandte sich die junge Mutter, um hastig das
-Zimmer ihres Kindes zu erreichen. Da lag der kleine
-Guntram Krafft in seiner wunderlichen, uralten Wiege,
-in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter
-der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten.
-Aus dunkelgebr&auml;untem, wurmstichigem Holz lag sie plump
-und ungef&uuml;ge auf den breiten Kufen.</p>
-
-<p>Zwei kleine geschnitzte B&auml;ren ruhten auf denselben
-und st&uuml;tzten die Bettstatt, dieweil ein gro&szlig;er, h&ouml;lzerner
-B&auml;r hinter derselben stand und mit erhobenen Pranken
-die gr&uuml;nen Vorh&auml;nge hielt.</p>
-
-<p>Bl&uuml;hend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft
-in den Kissen, und voll aufquellender Z&auml;rtlichkeit neigte
-sich Gundula und blickte in das Antlitz des Kindes,
-welches sich in leisem Weinen verzog.</p>
-
-<p>Die kleinen H&auml;nde griffen unruhig in die wei&szlig;en
-Linnen, und in j&auml;hem Aufschluchzen &ouml;ffnete er die Augen
-mit angstvollem Blick. Da legte sich die k&uuml;hle, ruhige
-Hand der Mutter auf sein K&ouml;pfchen.</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Schlaf, kleiner B&auml;r! schlaf ein!&laquo; l&auml;chelte sie. &raquo;F&uuml;rchtest
-du dich, weil dein Vater von uns ging? &mdash; Bist
-drum noch nicht verlassen! Deine Mutter h&auml;lt treue
-Wacht bei dir!&laquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="IV">IV.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Acht Tage waren vergangen.</p>
-
-<p>Aus San Remo hatte ein Brief die gl&uuml;ckliche Ankunft
-des Grafen gemeldet.</p>
-
-<p>Gundula hatte die Zeilen verschiedentlich durchgelesen
-und jedesmal das Empfinden gehabt, da&szlig; dieselben
-sehr wirr und unklar waren.</p>
-
-<p>So schrieb wohl ein Fieberkranker!</p>
-
-<p>Besorgt gab sie Tante Agathe den Brief zu lesen.
-Diese sa&szlig; lange und blickte schweigend auf das Schriftst&uuml;ck
-nieder.</p>
-
-<p>Bed&auml;chtig nickte sie vor sich hin, und ihr gutes altes
-Gesicht trug einen wundersamen Ausdruck.</p>
-
-<p>&raquo;Ich glaube nicht, da&szlig; er krank ist, &mdash; wenigstens
-nicht k&ouml;rperlich krank!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, ein seelisches Leiden w&auml;re noch schlimmer!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gott sei es geklagt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was glaubst du, was ihm fehlt?&laquo; forschte die Gr&auml;fin
-beunruhigt.</p>
-
-<p>&raquo;Geld!&laquo; antwortete die alte Dame lakonisch.</p>
-
-<p>Gundula lachte leise, wie von j&auml;her Angst erl&ouml;st.</p>
-
-<p>&raquo;Nun, solch ein Manko lie&szlig;e sich am ersten verschmerzen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Du glaubst?&laquo;</p>
-
-<p>Die junge Mutter blickte heiter in das bek&uuml;mmerte Gesicht
-der Sprecherin, beinahe &uuml;berm&uuml;tig dehnte sie die
-bl&uuml;henden Arme.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, Tantchen! Du wei&szlig;t, da&szlig; ich das kostspielige
-Leben in der gro&szlig;en Welt nie geliebt habe! Wenn
-Friedrich Karl die Mittel fehlen, seine Unkosten zu bestreiten,
-ist er gezwungen, mit uns in dieser wonnigen
-Einsamkeit zu bleiben! Wir werden endlich f&uuml;r uns
-leben und gl&uuml;cklich sein!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ahnst du, da&szlig; die Verh&auml;ltnisse deines Mannes sehr
-derangiert sind?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-<p>Gundula zuckte gleichg&uuml;ltig die Achseln: &raquo;Das m&uuml;&szlig;te
-ich mir eigentlich an den f&uuml;nf Fingern abz&auml;hlen k&ouml;nnen!
-Nach den ungeheuren Ausgaben, welche er seit Jahren
-hatte, mu&szlig; auch das gr&ouml;&szlig;te Kapital zusammenschmelzen!
-Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem seinen
-besagen? Die G&uuml;ter sind ja wundervoll, ein paar Jahre
-solide gelebt und gespart &mdash; und das Defizit ist bald
-ersetzt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Die G&uuml;ter sind leider kein Majorat! Nicht einmal
-der Besitz von Hohen-Esp ist der Familie dauernd
-gesichert!&laquo;</p>
-
-<p>Erstaunt blickte Gundula auf.</p>
-
-<p>&raquo;Du irrst, Tante!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Doch nicht! &mdash; Als das Majorat seit drei Generationen
-nur noch auf zwei Augen stand, wurde es
-leider Gottes durch den Gro&szlig;vater deines Mannes abgel&ouml;st,
-um die G&uuml;ter eventuell auch auf T&ouml;chter vererben
-zu k&ouml;nnen. Wie dies m&ouml;glich war, ist uns heutzutage
-ein R&auml;tsel, in den schweren Jahren der Befreiungskriege
-war jedoch nichts unm&ouml;glich, und der
-alte Hohen-Esp nahm eine sehr einflu&szlig;reiche Stellung
-bei Hofe ein. Sein einziger Sohn, welcher bereits in
-der Mitte der drei&szlig;iger Jahre stand, blieb nach der
-Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte
-voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich
-immer mehr Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen
-Feuer t&ouml;dlich getroffen vom Pferd st&uuml;rzen sahen,
-so war man schlie&szlig;lich von seinem Ableben &uuml;berzeugt,
-und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen
-und f&uuml;r seine beiden T&ouml;chter den ungeheuren Grundbesitz
-zu sichern, da kein m&auml;nnlicher Erbe mehr in der
-Familie vorhanden war. &mdash; Es gelang ihm, das Majorat
-abzul&ouml;sen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht,
-sehr pl&ouml;tzlich w&auml;hrend einer Cholera-Epidemie. Dieselbe
-raffte auch die j&uuml;ngste seiner noch unverm&auml;hlten T&ouml;chter
-dahin. &mdash; Ganz pl&ouml;tzlich, als schon die &auml;lteste, verheiratete
-Tochter den Besitz angetreten hatte, erschien der totgeglaubte
-Bruder wieder daheim. Er war durch einen
- <span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span>
-Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang
-in einem englischen Barackenlager verpflegt und
-dann mit einem Transport nach London geschafft.</p>
-
-<p>Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine
-Zunge gel&auml;hmt hatte und sein Geist w&auml;hrend langer
-Zeit getr&uuml;bt blieb, ahnte man weder Namen noch Heimat
-des Ungl&uuml;cklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten,
-da&szlig; er in jenen &uuml;berf&uuml;llten Baracken &uuml;berhaupt
-noch am Leben blieb und endlich &mdash; wenn auch
-nach Jahren erst &mdash; v&ouml;llig geheilt ward.</p>
-
-<p>Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils
-gro&szlig;e Best&uuml;rzung hervor.</p>
-
-<p>Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte
-im Krieg den Gatten verloren, &mdash; ihr Verm&ouml;gen war
-aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder gro&szlig;. Mu&szlig;te sie
-dem Bruder das gro&szlig;e, v&auml;terliche Erbe zur&uuml;ckgeben, so
-war sie eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Proze&szlig;,
-falls man ihr den Besitz streitig machen wolle. &mdash;</p>
-
-<p>Der Bruder schlug eine g&uuml;tliche Einigung vor, und
-man kam &uuml;berein, den immerhin ungeheuren Besitz zu
-teilen.</p>
-
-<p>So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an
-den Bruder zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Dieser verm&auml;hlte sich mit einer ebenfalls reichen Erbin,
-und da er nur einen einzigen Sohn besa&szlig;, unterlie&szlig; er
-es in unbegreiflichem Leichtsinn, das Majorat wiederherzustellen.
-Auch dem Vater deines Mannes wurde
-nur der eine Sohn geboren, und abermals unterblieb
-es, die Erbfolge zu sichern.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie genau du Bescheid wei&szlig;t, Tante Agathe!&laquo; murmelte
-Gundula, welche aufmerksam gelauscht hatte &mdash;,
-&raquo;nun ... f&uuml;rerst ist ja Guntram Krafft auch der einzige,
-und ich denke, seine G&uuml;ter werden ihm nie streitig gemacht!&laquo;</p>
-
-<p>Die alte Dame machte eine beinahe ungeduldige Bewegung.</p>
-
-<p>&raquo;Die G&uuml;ter sind durch Friedrich Karl bis auf das
- <span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span>
-&Auml;u&szlig;erste verschuldet!&laquo; sagte sie herb, &raquo;und ich f&uuml;rchte,
-du wirst dein v&auml;terliches Verm&ouml;gen v&ouml;llig zusetzen m&uuml;ssen,
-um wenigstens das eine oder andere zu entlasten.&laquo;</p>
-
-<p>Alles Blut wich aus dem Antlitz der Gr&auml;fin.</p>
-
-<p>&raquo;Davon hat mir mein Mann nie ein Wort gesagt &mdash;!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Unverantwortlich!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Herr mein Gott!... und mein Verm&ouml;gen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Vollende!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;O, Tante Agathe!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Es ist bereits verbraucht?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula krampfte die H&auml;nde ineinander und nickte
-stumm mit dem Kopf.</p>
-
-<p>&raquo;Ich erwartete es kaum anders!&laquo; murmelte die alte
-Dame mit bitterem L&auml;cheln.</p>
-
-<p>Da hob die Herrin von Hohen-Esp j&auml;h das Haupt
-und starrte sie in atemlosem Entsetzen an. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn dem wahrlich so ist &mdash; wenn die G&uuml;ter verschuldet
-&mdash; das Kapital verbraucht und Friedrich Karl
-nicht f&auml;hig ist, sich zu arrangieren, &mdash; &mdash; was wird dann
-aus meinem Sohn?&laquo;</p>
-
-<p>Das klang wie ein Aufschrei.</p>
-
-<p>Das alte Fr&auml;ulein von Wahnfried pre&szlig;te herb die
-Lippen zusammen.</p>
-
-<p>&raquo;Das Opfer v&auml;terlichen Leichtsinns, eine verlorene
-Existenz, welcher vom Spielteufel das Schicksal diktiert
-ward!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Tante Agathe!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Hohen-Esp fa&szlig;te den Arm der Sprecherin, ihr
-Antlitz ward bleich wie der Tod.</p>
-
-<p>&raquo;Das w&auml;re ... das w&auml;re ein Verbrechen von Friedrich
-Karl!&laquo; ... st&ouml;hnte sie auf und schlug wie in j&auml;hem
-Entsetzen die H&auml;nde vor das Antlitz. &raquo;War ich denn
-mit Blindheit geschlagen, da&szlig; ich nicht mehr sah, was
-um mich her vorging? Habe ich die ganze furchtbare
-Zeit vertr&auml;umt und verschlafen, da&szlig; ich nicht ahnte, zu
-welch einem Dasein ich mein Kind geboren? Aber nein!
-nein! &mdash; tausendfach nein! Es kann, es darf ja nicht
-so sein! &mdash; Du bist falsch unterrichtet, Tante Agathe,
- <span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span>
-man hat meinen Mann verleumdet! Es ist nicht so
-schlimm, es <em class="gesperrt">kann</em> nicht so schlecht mit ihm stehen,
-sonst w&auml;re er nun und nimmermehr nach San Remo
-gefahren &mdash; &mdash; &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er ist nach Monte Carlo gefahren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Monte Carlo?&laquo; &mdash; Gundulas Augen flammten.</p>
-
-<p>&raquo;Undenkbar! &mdash; woher wei&szlig;t du das?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich sehe es aus diesem Brief ... und ich habe Menschenkenntnis
-genug, um einen Mann wie Friedrich Karl
-richtig zu beurteilen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Tante!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gundula taumelte einen Schritt zur&uuml;ck und pre&szlig;te
-die Hand gegen das st&uuml;rmende Herz &mdash; &raquo;Du hast stets
-so hart und unbarmherzig &uuml;ber meinen Mann geurteilt
-...&laquo; &mdash; sie unterbrach sich und horchte auf.</p>
-
-<p>Drunten, auf dem holperigen Pflaster des Burghofs
-klang Hufschlag.</p>
-
-<p>&raquo;Kommt er zur&uuml;ck?&laquo;</p>
-
-<p>Agathe war an das Fenster getreten, ihre hohe, kraftvolle
-Gestalt schien zusammenzuzucken.</p>
-
-<p>&raquo;Der Administrator!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Der Administrator? &mdash; Was will der hier in Hohen-Esp
-... bei mir ... zu solch ungewohnter Zeit?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich werde ihn sprechen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein! bleib! er soll hierherkommen!&laquo; und schon hatte
-Gundula das bleigefa&szlig;te Fenster hastig ge&ouml;ffnet und
-rief durch den Herbststurm in den Hof hinab:</p>
-
-<p>&raquo;Ich bitte Sie, sogleich heraufzukommen, Herr Werner!&laquo;</p>
-
-<p>Der alte Mann schrak zusammen, starrte mit verst&ouml;rtem
-Blick empor und stotterte &raquo;Zu Befehl, gn&auml;dige
-Frau!&laquo;</p>
-
-<p>Dann gab er noch kurzen Befehl, das dampfende Pferd
-gen&uuml;gend abzureiben, und wuchtete auf seinen schweren
-Reitstiefeln &uuml;ber die Steinfliesen nach der Treppe.</p>
-
-<p>Wenige Minuten sp&auml;ter stand er auf der Schwelle,
-und Gundulas Blick starrte ihm forschend entgegen.</p>
-
-<p>Wie bla&szlig; und hohl&auml;ugig der alte Getreue aussah, wie
- <span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span>
-seine Gestalt zusammensank, und wie kummervoll und
-mitleidig sein Blick die Gebieterin traf.</p>
-
-<p>&raquo;Verzeihen Frau Gr&auml;fin ...&laquo; stammelte er, &raquo;w&auml;re
-es wohl verg&ouml;nnt, da&szlig; ich mit dem gn&auml;digen Fr&auml;ulein
-von Wahnfried ein paar Worte allein sprechen kann?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Wie ein eisiger Schauer kroch es nach Gundulas
-Herzen, aber sie richtete sich auf und sch&uuml;ttelte den
-Kopf. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Es gibt keine Geheimnisse vor mir! sprechen Sie ...
-was gibt es?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Frau Gr&auml;fin sind noch leidend ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, nein! ich bin kr&auml;ftig und gesund! &mdash; Haben
-Sie so schlechte Nachrichten zu bringen, da&szlig; Sie f&uuml;rchten,
-mir schaden zu k&ouml;nnen?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die Sprecherin nahm sich zusammen, so ruhig und
-fest wie sonst zu reden, aber auf ihre Wangen traten
-zwei brennend rote Flecke, und die H&auml;nde krampften
-sich fester um die Stuhllehne: &raquo;Sie haben &uuml;ber mi&szlig;liche
-Geldverh&auml;ltnisse zu berichten?&laquo;</p>
-
-<p>Der alte Mann senkte den Blick.</p>
-
-<p>&raquo;Auch das, Frau Gr&auml;fin!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Es steht sehr schlecht um die G&uuml;ter meines Mannes?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sehr, sehr schlecht, Frau Gr&auml;fin!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hoffnungslos und trostlos?&laquo;</p>
-
-<p>Werner z&ouml;gerte. &mdash; &raquo;Das w&auml;re noch nicht das Allerschlimmste,
-Frau Gr&auml;fin!&laquo;</p>
-
-<p>Da schrak ihre schlanke Gestalt empor.</p>
-
-<p>&raquo;Nicht das Allerschlimmste?! Was hei&szlig;t das?!&laquo;</p>
-
-<p>Agathe trat an ihre Seite und legte liebevoll den
-Arm um sie.</p>
-
-<p>&raquo;Geh zu deinem Sohn, Gundula! Mich deucht, er
-weint! Ich spreche mit Herrn Werner und teile dir nachher
-alles mit!&laquo;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin wehrte die Sprecherin mit bebenden H&auml;nden
-ab, &mdash; ihre Augen gl&auml;nzten wie im Fieber.</p>
-
-<p>&raquo;Sie bringen mir eine Nachricht von meinem Mann?&laquo;
-fragte sie hastig, &mdash; fl&uuml;sternd.</p>
-
-<p>Der Administrator senkte den grauhaarigen Kopf tief
- <span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span>
-zur Brust, ein schwerer Seufzer rang sich &uuml;ber seine
-Lippen.</p>
-
-<p>&raquo;Es ist so, Frau Gr&auml;fin!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er braucht Geld?&laquo;</p>
-
-<p>Werners Blick trifft wie Hilfe flehend Tante Agathe.</p>
-
-<p>&raquo;Und Sie haben keins?&laquo; f&auml;hrt Gundula schnell fort.</p>
-
-<p>Der alte Mann sch&uuml;ttelte trostlos den Kopf.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, schlimmer, Frau Gr&auml;fin, viel schlimmer!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Herrgott des Himmels ... foltern Sie mich nicht!
-Ist er etwa krank? schwer krank?&laquo;</p>
-
-<p>Da zieht der Administrator mit j&auml;hem Griff einen
-Brief und eine Depesche aus der Tasche und reicht
-beides Tante Agathe zu.</p>
-
-<p>&raquo;Lesen Sie! lesen Sie!&laquo; murmelt er. &raquo;Ach, du Herr
-mein Gott, ich kann es nicht aussprechen, &mdash; es will mir
-nicht &uuml;ber die Lippen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gundula hat die Papiere mit heftigem Griff erfa&szlig;t,
-&mdash; sie wankt nach dem Fenster, sie &ouml;ffnet und liest.</p>
-
-<p>Der Administrator macht eine kurze, h&auml;nderingende
-Bewegung gegen Tante Agathe, &mdash; &mdash; sie versteht ihn
-nicht, und so tritt er selber hinter die Gr&auml;fin, als wolle
-er bereit sein, eine Zusammenbrechende zu st&uuml;tzen.</p>
-
-<p>Aber Gundula sinkt nicht unter dem furchtbaren Schlag,
-welcher sie trifft, nieder. Nur das Papier der Depesche
-knistert und wankt zwischen ihren Fingern, und ein leiser,
-halberstickter Schrei ringt sich von ihren Lippen. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Tot! &mdash; er ist tot!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Eine sekundenlange, furchtbare Stille.</p>
-
-<p>Agathe ist mit fahlem Antlitz n&auml;her geeilt und schlingt
-die Arme um die junge Witwe.</p>
-
-<p>&raquo;Tot!&laquo; murmelte sie. &raquo;Allbarmherziger Gott, wie
-das?!&laquo;</p>
-
-<p>Werner hatte einen der gro&szlig;en, eichengeschnitzten Sessel
-n&auml;her geschoben.</p>
-
-<p>Die B&auml;renk&ouml;pfe, welche seine Knaufe bilden, verschwimmen
-vor Gundulas Blick.</p>
-
-<p>Sie sinkt schwer auf das Lederpolster nieder und
-starrt auf die Depesche.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span></p>
-
-<p>Ihre Augen sind weit offen, stier und tr&auml;nenlos.
-&raquo;Es steht wohl alles in dem Brief an die ungl&uuml;ckliche
-Frau Gr&auml;fin!&laquo; murmelte Werner auf den fragenden
-Blick Agathes, und er legte die Hand &uuml;ber die Augen
-und wendet sich ab, als k&ouml;nne er den Anblick des schmerzversteinerten
-Antlitzes nicht ertragen. Da hebt Gundula
-das Haupt, ein j&auml;her Blick flammt aus ihren Augen.</p>
-
-<p>&raquo;Der Graf hat sich erschossen? in Monte Carlo erschossen?&laquo;
-fragt sie langsam, und ihre Stimme klingt
-fremd und heiser.</p>
-
-<p>&raquo;Wohl in einem Anfall von Geistesst&ouml;rung!&laquo; st&ouml;hnte
-der alte Beamte; &raquo;es ist zu viel Schweres in letzter
-Zeit gekommen, die Gl&auml;ubiger haben so gewissenlos gedr&auml;ngt ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dieser Brief ist an mich gerichtet?&laquo; sie will das
-Schreiben heben, um die Adresse zu lesen, aber ihre Hand
-sinkt schwer zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>&raquo;Sehr wohl, Frau Gr&auml;fin! ich erhielt ihn vorgestern
-von dem gn&auml;digen Herrn mit der Weisung, ihn nur
-dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine Depesche
-des Kammerdieners schlimme Nachricht &uuml;ber den Herrn
-Grafen br&auml;chte!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und diese Nachrichten kamen!&laquo; &mdash; Wie der leise,
-grelle Schmerzensschrei zerspringender Saiten klingt es
-&uuml;ber die wachsbleichen Lippen Gundulas, dann sinkt ihr
-Haupt wieder schwer vorn&uuml;ber, ein herzzerrei&szlig;endes Weh
-zuckt &uuml;ber das Antlitz, sie krampft die H&auml;nde zusammen
-und ringt nach Atem wie eine Erstickende.</p>
-
-<p>Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem
-Nebenzimmer geholt und will Stirn und Schl&auml;fen der
-beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula aber wehrt
-sie j&auml;h ab und richtet sich gewaltsam auf.</p>
-
-<p>Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. &raquo;Ich
-danke Ihnen, da&szlig; Sie selber kamen, &mdash; ich danke Ihnen,
-da&szlig; Sie meinen Schmerz teilen. Bleiben Sie in meiner
-N&auml;he, &mdash; es gibt wohl viel schwere, traurige Arbeit
-f&uuml;r uns. &mdash; Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen,
-&mdash; selbst den einen, furchtbarsten noch nicht, da&szlig; er
- <span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span>
-freiwillig von mir ging, da&szlig; er ein so namenloses Weh
-&uuml;ber mich gebracht! &mdash; &mdash; Lassen Sie mich jetzt allein,
-&mdash; auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal
-mit mir reden!&laquo;</p>
-
-<p>Ihre zitternde Hand fa&szlig;t den Brief, &mdash; sie winkt damit
-&mdash;: &raquo;Geht! &mdash; geht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Frau Gr&auml;fin!&laquo; schluchzt der alte Mann auf, &mdash; &raquo;meine
-arme, arme Frau Gr&auml;fin!&laquo; und er fa&szlig;t ihre Hand und
-dr&uuml;ckt sie an die Lippen. Tr&auml;nen fallen darauf nieder.</p>
-
-<p>&raquo;Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! &mdash; Gott gebe
-Ihnen Trost und Kraft ... Gott erhalte Sie f&uuml;r Ihren
-Sohn!&laquo;</p>
-
-<p>Sie nickt wie geistesabwesend und dr&uuml;ckt stumm seine
-Rechte, &mdash; kalt wie Eis liegen ihre schlanken Finger in
-derselben.</p>
-
-<p>Er geht, langsam, z&ouml;gernd, den Blick sorgenvoll zur&uuml;ckgewandt.</p>
-
-<p>Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgef&uuml;hls die
-Arme um die Ungl&uuml;ckliche, k&uuml;&szlig;t ihr Wangen und Stirn
-und fl&uuml;stert treue, milde Worte; dann schreitet auch sie
-&uuml;ber die Schwelle und folgt dem alten Beamten in das
-Nebenzimmer. &mdash;</p>
-
-<p>Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos,
-pre&szlig;t die Hand gegen die Stirn, als m&uuml;&szlig;te sie gewaltsam
-ihre Gedanken zusammenfassen, und erbricht
-alsdann das Schreiben.</p>
-
-<p>Ihre tr&auml;nenlosen Augen starren wie geistesabwesend
-darauf nieder.</p>
-
-<p>Die ersten Zeilen verschwimmen, sie fa&szlig;t kaum ihren
-Sinn, dann sch&auml;rft sich ihr Blick, sie liest, liest immer
-hastiger und schneller, das Blut st&uuml;rmt wieder siedendhei&szlig;
-durch ihren K&ouml;rper, eine fieberische Aufregung
-erfa&szlig;t sie nach der todesstarren Ruhe!</p>
-
-<p>Ja, nun wird ihr alles klar!</p>
-
-<p>Er schreibt: &raquo;Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir
-und dem Kind in die Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn
-hat nicht nur mich, sondern auch Euch zu Bettlern
- <span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span>
-gemacht! Ich habe nicht nur <em class="gesperrt">mein</em> Eigentum, sondern
-auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden,
-einem Mann, welcher in dem letzten halben
-Jahr unaussprechlich geb&uuml;&szlig;t hat, welcher im H&ouml;llenbrand
-wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und
-reinste Gl&uuml;ck verspielte, &mdash; das Gl&uuml;ck: Vater zu sein!
-&mdash; Ich habe einen Kampf der Verzweiflung gek&auml;mpft, um
-das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen wage ich
-es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne
-ich, bin ich gerettet &mdash; f&uuml;r euch und f&uuml;r ein besseres,
-gl&uuml;ckliches Leben, &mdash; verliere ich abermals, gibt es kein
-Wiedersehn mit Euch, &mdash; ich habe ges&uuml;hnt, wenn Du
-diesen Brief in H&auml;nden h&auml;ltst, geliebtes Weib! Wirst
-Du meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula?
-Ich war nicht schlecht, &mdash; aber eine Schlechte, treulose
-und gewissenlose Welt hat mich leichtsinnig gemacht!
-&mdash; Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch! Erziehe
-einen bessern Mann aus ihm, als wie sein ungl&uuml;cklicher
-Vater es war, &mdash; mache ihn zu einem echten
-und wahren Hohen-Esp!&laquo;</p>
-
-<p>&mdash; Die Leserin lie&szlig; den Brief sinken, sie krampfte
-aufst&ouml;hnend die H&auml;nde zusammen, ein Ausdruck bitteren,
-leidenschaftlichen Hasses lag auf dem erst so steinernen
-Angesicht.</p>
-
-<p>Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt!
-Sie allein hat all das Ungl&uuml;ck ihres Lebens verschuldet,
-sie hat ihr das Gl&uuml;ck gestohlen und das Dasein vergiftet!
-&mdash; Die Welt mit ihren leichtsinnigen, schlechten
-Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden Irrlichtsgeflimmer
-&uuml;ber mordendem Sumpf!</p>
-
-<p>Wie gl&uuml;cklich h&auml;tte sie an Friedrich Karls Seite sein
-k&ouml;nnen, &mdash; die Welt hat es nicht geduldet! Wie h&auml;tte
-sie ihn und sein Herz besitzen k&ouml;nnen &mdash; wenn die Welt
-ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den gr&uuml;nen Tisch
-gebannt h&auml;tte!</p>
-
-<p>Wie arm &mdash; ach, wie bettelarm an allem hat die
-Welt sie gemacht, &mdash; sie, die einst die reichste und gl&uuml;ckseligste
-der Frauen gewesen!</p>
-
-<p>Und doch ... wie wenig nahm sie ihr noch im Gegensatz
- <span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span>
-zu jenem Mann, welcher mit durchschossener Stirn
-seinem verfehlten Dasein selber ein Ziel gesetzt!</p>
-
-<p>Sie nahm ihm nicht nur Geld und Gut, sondern auch
-die stolze, ehrenhafte Festigkeit des Mannes, seinen
-Willen &mdash; seinen Halt &mdash; ja selbst den letzten Rest
-eines klaren &Uuml;berlegens und den Mut, den Kampf
-mit dem Leben aufzunehmen!</p>
-
-<p>Die Welt, die verf&uuml;hrerische Welt mit ihren Spiels&auml;len
-und Hasardkarten hat aus dem Grafen von Hohen-Esp
-einen erb&auml;rmlichen Schw&auml;chling gemacht, der den
-Ruin &uuml;ber seine Familie heraufbeschworen und dann
-feige zu dem Revolver greift, um den Folgen seiner
-Schuld zu entgehen!</p>
-
-<p>Das tat Friedrich Karl &mdash; der Mann, zu dem sie einst
-emporgesehen hatte, wie zu einem Gott! &mdash;</p>
-
-<p>Das tat er ihr, seinem hilf- und schutzlosen Weibe
-an, welchem er einst geschworen: &raquo;Ich will dein Halt
-und deine St&uuml;tze sein, ich will dich gl&uuml;cklich machen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>O, wie leicht ist die Waffe gehoben, jene eine, fl&uuml;chtige
-Sekunde &uuml;berwunden, welche durch einen Druck des Fingers
-allem Elend ein Ziel setzt &mdash; und wie schwer, wie
-bitter schwer ist es, durch lange, m&uuml;hselige Jahre die
-Last der Armut zu schleppen, sich und ein Kind ern&auml;hren
-zu m&uuml;ssen!</p>
-
-<p>Hat Friedrich Karl denn gar nicht daran gedacht,
-was aus seinem Weib und Kind werden soll, wenn er
-sie verl&auml;&szlig;t wie ein Feigling? Und wenn er sein Geld
-und Gut vertan &mdash; blieben ihm nicht noch seine kraftvollen
-H&auml;nde, durch deren Arbeit &mdash; und sei es der
-geringsten eine &mdash; er die Seinen ern&auml;hren konnte?</p>
-
-<p>O nein! was h&auml;tte die Welt dazu gesagt, wenn ein
-Graf von Hohen-Esp gearbeitet h&auml;tte!</p>
-
-<p>Hat nicht die Welt selber ihm den falschen Begriff von
-Ehre eingeimpft, einer Ehre, welche befleckt wird durch
-Schwielen in der Hand? &mdash;</p>
-
-<p>Friedrich Karl ist in der gro&szlig;en Welt aufgewachsen,
-er ist ges&auml;ugt mit ihren Ansichten &uuml;ber Stand und
-standesgem&auml;&szlig;es Leben, &uuml;ber all die haltlosen Verschrobenheiten,
- <span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span>
-welche dem vornehmen Mann zum Gesetz gemacht
-sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen
-und ihre Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! &mdash;</p>
-
-<p>Eine uns&auml;gliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der
-verlassenen Frau auf, und gleichzeitig b&auml;umt ein wilder,
-ungest&uuml;mer Trotz in ihr empor, den Posten, welchen der
-pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen, nun selber
-einzunehmen und den Kampf f&uuml;r die Existenz ihres Kindes
-zu wagen. &mdash;</p>
-
-<p>Der B&auml;r hat seine Brut feige im Stich gelassen,
-die B&auml;rin aber wird einstehen f&uuml;r ihr Junges und wird
-nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie ihm die sichere
-H&ouml;hle gebaut!</p>
-
-<p>Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen,
-erhebt sich und tritt festen Schrittes an ihren
-Schreibtisch, den Brief zu verschlie&szlig;en.</p>
-
-<p>Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter
-Ruhe, ihre glanzlosen Augen sind so starr, wie jene
-steinernen der B&auml;renk&ouml;pfe im Burghof drunten.</p>
-
-<p>Es ist alles zu furchtbar j&auml;h, zu unvermittelt gekommen.</p>
-
-<p>Gundula kann f&uuml;rerst nur die krasse Tatsache fassen
-und hat noch kein Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Seelenqualen
-eines Mannes, dessen Geist die Verzweiflung getr&uuml;bt hat.</p>
-
-<p>Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer
-Schnitt, welcher die Vergangenheit von ihr losgel&ouml;st hat.</p>
-
-<p>Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgef&uuml;hl bluten f&uuml;rerst
-aus tiefern Wunden noch wie ihr Herz. Das leise
-Wehklagen, Schluchzen, Fl&uuml;stern und Raunen verstummt
-in der Burg, als die Gr&auml;fin von Hohen-Esp ihr Zimmer
-verl&auml;&szlig;t, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild
-durch die hohen Hallen schreitet. &mdash;</p>
-
-<p>Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange,
-lange in das l&auml;chelnde, rosige Gesicht hernieder.</p>
-
-<p>Der Zug herber Erbitterung tritt noch sch&auml;rfer um
-ihre Lippen, und auf ihrer Stirn und um die finstern
-Augen liegt eine Entschlossenheit, welche voll eisernen
- <span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span>
-Willens ein Gel&uuml;bde ablegt und der verha&szlig;ten Welt
-eine grimme Fehde ansagt auf Leben und Sterben. &mdash;</p>
-
-<p>Die B&auml;rin von Hohen-Esp.</p>
-
-<p>Die Jungfer hat die Trauerkleider zurechtgelegt, und
-Gundula hat sie schweigend angezogen.</p>
-
-<p>Sie spricht mit niemand ein &uuml;berfl&uuml;ssiges Wort, nur
-mit dem Administrator sitzt sie w&auml;hrend des langen
-Abends und ordnet voll gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;iger Ruhe alles,
-was in solch schwerer Zeit zu besorgen und zu bedenken
-ist. &raquo;Wenn der Graf beerdigt ist, wollen wir
-unsere Verh&auml;ltnisse arrangieren, Herr Werner! Ich bitte
-Sie, mir als Freund und Berater beizustehen, ich habe
-niemand auf der Welt wie Sie!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Gott helfe mir, da&szlig; ich Sie gut berate, Frau Gr&auml;fin!&laquo;
-&mdash; antwortete der alte Mann mit festem H&auml;ndedruck. &mdash;
-&raquo;Ach, h&auml;tte doch der Herr Graf auf meinen Rat geh&ouml;rt,
-wir h&auml;tten diesen furchtbaren Tag nie erlebt!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&mdash; Tante Agathe sitzt neben der Herrin von Hohen-Esp
-und h&auml;lt ihre Hand zwischen den ihren: &raquo;Die G&uuml;ter
-k&ouml;nnen nicht gehalten werden, &mdash; du mu&szlig;t alles verkaufen?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula bei&szlig;t die Z&auml;hne zusammen. &raquo;Von Walsleben
-und Gottern trenne ich mich nicht schwer, &mdash; aber
-Hohen-Esp ist ein St&uuml;ck von meinem Herzen, das <em class="gesperrt">kann</em>
-ich nicht opfern, ich werde und mu&szlig; es halten! Ich
-habe mir gelobt, meine volle Kraft einzusetzen, um den
-&auml;ltesten Familienbesitz f&uuml;r meinen Sohn zu retten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das ist selbstverst&auml;ndlich. Du zahlst die Schulden
-mit deinem Verm&ouml;gen ab und versuchst das Gut neu
-emporzuwirtschaften!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Meinem Verm&ouml;gen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, dein Erbe von Tante Margarete. &mdash; Wei&szlig;t du
-nun, warum du mir einst geloben mu&szlig;test, dasselbe vor
-Friedrich Karl nie zu erw&auml;hnen?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula schrickt beinahe empor: &raquo;Jenes Erbe? Du hast
-den Nie&szlig;brauch davon!&laquo;</p>
-
-<p>Agathe l&auml;chelt seltsam. &raquo;Ich habe es f&uuml;r dich verwaltet
-und erhalten, &mdash; sonst nichts!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p>Rote Flecken treten auf die blassen Wangen Gundulas.
-&raquo;Tante Agathe,&laquo; &mdash; sagt sie mit zitternder Stimme,
-&raquo;wolltest du mir wahrlich dies Kapital vorstrecken, damit
-ich keine Hilfe bei dem Herzog oder einem Geldvermittler
-zu suchen brauche?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dazu &mdash; lediglich dazu hielt ich das Geld f&uuml;r dich
-bereit!&laquo;</p>
-
-<p>Ein tiefer Atemzug hebt Gundulas Brust. &raquo;Ich habe
-nie an dieses Geld mehr gedacht, oder gar damit gerechnet,
-weil ich es bis zu deinem Tode als <em class="gesperrt">dein</em> Eigentum
-betrachtete, &mdash; aber jetzt &mdash; o, wenn du es mir
-nicht geben, sondern nur leihen wolltest, Tante Agathe ...
-alles w&auml;re gut! Ich k&ouml;nnte die Saat s&auml;en &mdash; und Gott
-der Herr wird mir eine Ernte bescheren!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Schlo&szlig; Walsleben und die Herrschaft Gottern
-wurden verkauft, die Burg Hohen-Esp mit dem kleinen
-Landbesitz und den Waldungen blieb nach Abtrag aller
-Schulden im Besitz der Gr&auml;fin. Herr Werner hatte voll
-treuen Eifers die Interessen der verwitweten Frau gewahrt,
-die zerr&uuml;tteten Verh&auml;ltnisse geordnet und mit Hilfe
-des von Tante Agathe so sicher geh&uuml;teten Kapitals dem
-jungen B&auml;ren von Hohen-Esp eine bescheidene und weltferne
-Heimat erhalten. Er sorgte noch f&uuml;r einen sehr
-zuverl&auml;ssigen und intelligenten Inspektor, welcher unter
-dem Oberbefehl der Gr&auml;fin das Gut bewirtschaften sollte,
-dieweil er selber voll unerm&uuml;dlichen Flei&szlig;es t&auml;tig war,
-Gundula in finanziellen und wirtschaftlichen Angelegenheiten
-zu ihrem eigenen Sachwalter auszubilden.</p>
-
-<p class="pmb3">Die Gr&auml;fin fa&szlig;te mit scharfem Verstand schnell auf,
-zeigte eine gro&szlig;e Ausdauer und einen schier m&auml;nnlichen
-Schaffensdrang, und es w&auml;hrte nicht lange, so leiteten
-ihre energischen H&auml;nde die Verwaltung des Besitzes, so
-war sie selber voll eiserner Ausdauer bei Tag und
-Nacht, Wind und Wetter zur Stelle, um durch rastlosen
-Eifer und voll sauern Flei&szlig;es in Jahren wiedereinzubringen,
-was Friedrich Karl w&auml;hrend ein paar
-fl&uuml;chtiger Nachtstunden vergeudet.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="V">V.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Hatte seinerzeit der j&auml;he Tod des Grafen von Hohen-Esp
-in der Residenz viel Staub aufgewirbelt, so nahm
-seine Witwe das lebhafte Interesse der Gesellschaft beinahe
-noch mehr in Anspruch wie die Katastrophe selbst,
-welche so viele schon lange vorher in ihrer ganzen
-Tragik prophezeit hatten. Was wird aus der ungl&uuml;cklichen
-Frau? Was wird aus dem armen Kinde?</p>
-
-<p>Die Antwort auf diese Frage war wiederum eine
-&Uuml;berraschung.</p>
-
-<p>Mit Hilfe der Tante Agathe von Wanfried hatte
-die Gr&auml;fin ihre zerr&uuml;tteten Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse arrangiert
-und dabei eine Energie und Umsicht bewiesen,
-welche die Welt in Staunen setzte.</p>
-
-<p>Obwohl es ihr m&ouml;glich gewesen w&auml;re, das so bedeutend
-bequemer gelegene und hochherrschaftliche Walsleben
-f&uuml;r ihren Sohn zu erhalten, hatte sie seltsamerweise
-darauf verzichtet und statt dessen die alte B&auml;renh&ouml;hle
-Hohen-Esp aus dem Konkurs gerettet!</p>
-
-<p>Wunderlich! Will sie denn immer in dieser Weltabgeschiedenheit,
-in dem unheimlichen, halbverfallenen
-Burggem&auml;uer hausen, welches so fern von jedem Verkehr,
-so weit ab von der Residenz und all den guten
-Freunden liegt?</p>
-
-<p>Die sch&ouml;ne Gr&auml;fin Gundula war stets sehr beliebt
-und gefeiert gewesen, es &ouml;ffnete sich ihr sicher jeder
-Salon, selbst dann, wenn die beklagenswerte Witwe
-nichts erwidern kann, &mdash; sie wird auch fraglos Gelegenheit
-finden, sich noch einmal gut zu verheiraten, denn
-unter ihren Verehrern befinden sich &raquo;Toggenburge&laquo;,
-welche jahrelang der sch&ouml;nen Frau die Treue bewahrt
-haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Was fesselt die Gr&auml;fin an jene wunderliche B&auml;renburg,
-von welcher schier unheimliche Beschreibungen in
-dem ganzen Lande umlaufen?</p>
-
-<p>Der Herzog war der einzige, welcher die Wahl der
-Gr&auml;fin durchaus billigte.</p>
-
-<p>&raquo;Hohen-Esp ist der &auml;lteste Besitz der Familie, von
-dem sie den Namen tr&auml;gt und der einst f&uuml;r den Sohn
-das gr&ouml;&szlig;te Interesse haben mu&szlig;!&laquo; &mdash; sagte er, &raquo;und
-da&szlig; die Gr&auml;fin dieses kleine Gut dem gr&ouml;&szlig;eren und
-bei weitem kostspieliger zu erhaltenden vorgezogen, zeugt
-von ihrer Umsicht und ihrem praktischen Sinn. Es wird
-ihr in ihrer bedr&auml;ngten Lage sehr viel leichter fallen,
-den kleinen Grundbesitz heraufzuwirtschaften, als wie
-sich auf dem eleganten Walsleben zu halten! Gebe
-Gott, da&szlig; sie nach dieser tr&auml;nenreichen Aussaat eine
-desto lohnendere Ernte h&auml;lt! &mdash; Ich hoffe, da&szlig; die
-&rsaquo;B&auml;rin von Hohen-Esp&lsaquo; sich nicht dauernd in ihrer H&ouml;hle
-vergr&auml;bt, sondern bald einmal in die Residenz zur&uuml;ckkehrt,
-damit wir Gelegenheit haben, ihr unsere vollsten
-Sympathien zu beweisen!&laquo;</p>
-
-<p>Aber die Gr&auml;fin kam nicht.</p>
-
-<p>Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm,
-und man h&auml;tte in der schnellebigen Zeit gewi&szlig; die einsame
-Frau l&auml;ngst vergessen, wenn nicht gerade die
-&raquo;Toggenburge&laquo; ein besseres Ged&auml;chtnis gehabt und das
-Andenken der sch&ouml;nen Gundula treuer gepflegt h&auml;tten
-als wie ihre Mitmenschen.</p>
-
-<p>Man hatte versucht, sich der Gr&auml;fin zu n&auml;hern, aber
-bald erz&auml;hlte man sich staunend in der Residenz, da&szlig;
-Gr&auml;fin Hohen-Esp keinerlei Besuch in ihrer verzauberten
-Burg empfange und jedwede Ann&auml;herung schroff zur&uuml;ckweise!</p>
-
-<p>Wie interessant war das!</p>
-
-<p>Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten
-Freund, welcher zu Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen?</p>
-
-<p>O nein! &mdash; Man hatte geforscht und erfahren, da&szlig;
- <span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span>
-die Gr&auml;fin au&szlig;erordentlich viel Gl&uuml;ck mit der Selbstbewirtschaftung
-der L&auml;ndereien habe.</p>
-
-<p>Die Ernten seien gro&szlig;artig ausgefallen, der abgeholzte
-Forst sei neu angepflanzt, und die Gr&auml;fin beabsichtige
-sogar, in diesem Jahr schon gr&ouml;&szlig;ere bauliche
-Ver&auml;nderungen vornehmen. St&auml;lle und Scheunen seien
-in kl&auml;glichem Zustande gewesen, &mdash; dem solle zuerst abgeholfen
-werden.</p>
-
-<p>&raquo;Die Gr&auml;fin selber bestimmt das?&laquo; hatte man kopfsch&uuml;ttelnd
-gefragt, und darauf ganz Unglaubliches zu
-h&ouml;ren bekommen!</p>
-
-<p>Die sch&ouml;ne Witwe sei der beste, tatkr&auml;ftigste Inspektor,
-den man sich denken k&ouml;nne, &mdash; kein Mensch werde die
-ehemalige sanfte, stille, resignierte Gr&auml;fin Hohen-Esp
-wiedererkennen. In den langwallenden Trauergew&auml;ndern
-schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof,
-Wald und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren,
-jede Arbeit zu beaufsichtigen, jede Leistung selber zu
-loben oder zu tadeln.</p>
-
-<p>Keine M&auml;nnerhand k&ouml;nne die Z&uuml;gel einer Regierung
-eiserner f&uuml;hren, als die schlanke, marmorwei&szlig;e Rechte
-der seltsamen Burgfrau!</p>
-
-<p>Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das sch&ouml;ne
-Haupt, dessen Augen so streng und finster blicken, da&szlig;
-es dem Gesinde graust. Man sieht sie niemals l&auml;cheln;
-selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen
-spielt, verwandelt sich der d&uuml;stere Ernst nur in eine
-schmerzliche Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche
-Erbitterung gegen Welt und Leben erf&uuml;llt sie, ein wahrer
-Menschenha&szlig; vergiftet ihr Herz.</p>
-
-<p>Der einzige Gast, welchen sie empf&auml;ngt, ist der Pastor
-des nahen Dorfes, doch auch diesem ist es noch nicht gegl&uuml;ckt,
-vers&ouml;hnlich und erl&ouml;send auf den starren Bann
-zu wirken, welcher die schwergepr&uuml;fte Frau umfangen
-h&auml;lt.</p>
-
-<p>Die B&auml;renburg sei von jeher ein unheimliches altes
-Nest gewesen, in welchem die zottigen Ungeheuer wie
- <span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span>
-die Gespenster hausen; seit die schwarze Gestalt der
-Gr&auml;fin aber gleich spukhaftem Schatten durch die d&auml;mmerigen
-Gem&auml;cher schreite, da sei es vollends nicht mehr zu
-ertragen, und wenn die Fischerdirnen, welche sie als
-M&auml;gde gedingt, nicht gar so gute Nerven h&auml;tten, so
-hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! &mdash;</p>
-
-<p>Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem
-Traum, und wenn sonst niemand nach der fernen Burg
-im Walde und nach der Witwe des Grafen Friedrich
-Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse
-angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Gro&szlig;st&auml;dter
-wob einen M&auml;rchenzauber um die &raquo;B&auml;rin von Hohen-Esp&laquo;,
-von welchem es sich bei flackerndem Kaminfeuer
-ebenso gruselig erz&auml;hlen lie&szlig;, wie von dem Dornr&ouml;schen
-und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund.</p>
-
-<p>Aber der Sohn? &mdash; Das Kind? &mdash; Bringt der kleine
-Guntram Krafft denn nicht lichtes, warmbl&uuml;tiges Leben
-in diesen Spuk? &mdash;</p>
-
-<p>Dar&uuml;ber wu&szlig;te man nicht viel.</p>
-
-<p>Der Inspektor hatte erz&auml;hlt, der junge Graf w&uuml;chse
-zu einem pr&auml;chtigen, &uuml;beraus kraftvollen und bl&uuml;henden
-Knaben heran.</p>
-
-<p>Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er
-mit seinem langen blonden Haar und den leuchtenden
-blauen Augen umher!</p>
-
-<p>So klein er noch sei, er m&uuml;sse schon jetzt t&uuml;chtig an die
-Arbeit, &mdash; selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderh&auml;nde
-schaffen k&ouml;nnten, hielte ihn die Gr&auml;fin an.</p>
-
-<p>Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er
-grabe im Garten, j&auml;te Unkraut und begie&szlig;e die Beete.</p>
-
-<p>Winters &uuml;ber sitze er neben dem Spinnrad der Mutter
-und schnitze Holzl&ouml;ffel und Quirle f&uuml;r die K&uuml;che.</p>
-
-<p>M&uuml;&szlig;iggang sei ihm ebenso unbekannt, wie allen andern
-in der Burg Hohen-Esp. &mdash;</p>
-
-<p>Seit seinem sechsten Jahre m&uuml;sse er auch schon flei&szlig;ig
-bei dem Herrn Pastor lernen, auch auf das Pferd sei er
-schon gesetzt worden, aber daf&uuml;r zeige er weniger Passion
-wie f&uuml;r das Segeln auf dem Meere.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span></p>
-
-<p>Das komme wohl daher, weil er an Sonn- und Festtagen
-mit den Knaben aus dem nahen Fischerdorf spielen
-d&uuml;rfe, sie h&auml;tten nat&uuml;rlich schon einen halben Seemann
-aus ihm gemacht. Die Knaben wagten sich in
-ihrem Boot oft tollk&uuml;hn auf die See hinaus, und als
-der Pastor der Gr&auml;fin einmal vorgestellt habe, wie
-gef&auml;hrlich das doch f&uuml;r den einzigen Erben des alten
-Geschlechts sei, da habe die &raquo;B&auml;rin&laquo; nur in ihrer herben,
-ernsten Weise nach einem Wappenschild emporgewiesen,
-auf welchem der Wahlspruch der Hohen-Esp's
-gestanden:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Christe Kyrie &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Zu Land und zu See &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Ein Schirmherr der Not!&laquo;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>&raquo;Zu Land und <em class="gesperrt">See</em>, Herr Pastor! Ein Mann, welcher
-sich vor dem Wasser f&uuml;rchtet, kann keine Taten auf
-demselben tun! &mdash; Zwar gibt es jetzt keine Piraten
-mehr, vor welchen die Hohen-Esps ihre friedliche K&uuml;ste
-sch&uuml;tzen m&uuml;&szlig;ten, aber m&ouml;glicherweise fordert man doch
-einst auch ihre Dienste zur See. &mdash; Machen Sie mir
-meinen Sohn nicht furchtsam! Je k&uuml;hner und heldenhafter
-ich ihn einst in das Leben stellen kann, desto ehrenvoller
-f&uuml;r ihn. Wir stehen alle in Gottes Hand, Herr Pastor,
-&mdash; Sie wissen es doch am besten, da&szlig; die Haare auf
-unserm Haupt gez&auml;hlt sind!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Eine eigenartige, wackere Frau!&laquo; nickte der Herzog
-voll warmer Anerkennung, als man ihm erz&auml;hlte, wie
-die Erziehung des jungen Grafen gehandhabt werde,
-und nach kurzer Pause fragte er unvermittelt: &raquo;Wer ist
-eigentlich zum Vormund des Kindes gesetzt?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Laut Testament die Mutter; sie ist ganz allein mit
-allen Rechten und Pflichten betraut.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So w&auml;re es doppelt notwendig, der Vereinsamten
-ein Zeichen unseres Interesses und guten Willens zu
-geben! Ich werde ihr f&uuml;r den Sohn eine Freistelle auf
-unserer Ritterakademie anbieten lassen!&laquo;</p>
-
-<p>Das geschah, und man harrte voll gro&szlig;er Spannung
-der Antwort.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span></p>
-
-<p>Diese lie&szlig; nicht lange auf sich warten.</p>
-
-<p>Gundula stand just in der W&auml;schekammer und beaufsichtigte
-selber das Strecken und Legen der Linnen, als
-ihr das Schreiben des diensttuenden Kammerherrn, welches
-das huldvolle Anerbieten Seiner Hoheit &uuml;bermittelte,
-gebracht wurde.</p>
-
-<p>Befremdet sah die Gr&auml;fin darauf nieder.</p>
-
-<p>&raquo;Herzogliche Angelegenheit!?&laquo;</p>
-
-<p>Der finster abweisende Zug in ihrem Antlitz versch&auml;rfte
-sich.</p>
-
-<p>Sie &ouml;ffnete den Brief und las.</p>
-
-<p>Schwere Atemz&uuml;ge hoben ihre Brust, in ihrem Auge
-lag pl&ouml;tzlich ein Ausdruck wie bei der in das Damastmuster
-der Tafelt&uuml;cher gewirkten B&auml;rin, welche sich mit
-br&uuml;llendem Nacken aufrichtet, ihre Jungen gegen einen
-Feind zu sch&uuml;tzen.</p>
-
-<p>&raquo;Mein Sohn auf die Ritterakademie, auf dieselbe vielleicht,
-wo einst sein Vater seine erste Weltweisheit
-eingesogen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie liebensw&uuml;rdig von dem Herzog! Wie gn&auml;dig
-und gut gemeint!&laquo; &mdash; sagte Tante Agathe, welche neben
-die Lesende getreten war und mit in das Schreiben blickte.</p>
-
-<p>Gundula nickte mit herb geschlossenen Lippen.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, er meint es gut, der Herzog, &mdash; er <em class="gesperrt">wei&szlig;</em> es ja
-nicht, was er mir mit dieser Gnade antut!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, das ahnt er nicht!&laquo; &mdash; seufzte Agathe leise,
-&raquo;und was antwortest du?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Beide Frauen waren hinausgetreten auf den Flur
-und stiegen die steinerne Wendeltreppe zu dem Zimmer
-der Gr&auml;fin empor.</p>
-
-<p>&raquo;Solange meine Augen offen stehen und meine H&auml;nde
-Kraft haben, das Schicksal meines Kindes zu lenken,
-wird er nie die Welt kennenlernen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gundula! H&auml;ltst du es f&uuml;r m&ouml;glich, einen jungen
-Mann im neunzehnten Jahrhundert noch zu erziehen wie
-einen Parsifal?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p>Sie l&auml;chelte wunderlich vor sich hin, &mdash; der schwarze
-Schleier lag wie eine dunkle Wolke um ihr Haupt.</p>
-
-<p>&raquo;Das halte ich nicht nur f&uuml;r m&ouml;glich, sondern das will
-ich beweisen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Bedenke die Zukunft, das Gl&uuml;ck deines Kindes!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Just dies will ich sichern, denn ich gedenke an die
-Vergangenheit seines Vaters.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gundula! Dieser Wahn ist krankhaft!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So scheint's, und doch soll er meinen Sohn an Leib
-und Seele gesund erhalten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was soll aus Guntram Krafft werden?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das, was mit seinem Vater verlorenging, ein echter
-Hohen-Esp, &mdash; ein Herr auf seinem Gebiet, ein Schirmvogt
-der Not! &mdash; Ein Mann, welcher zur&uuml;ckerwirbt, was
-der Leichtsinn ihm vergeudet und die Welt ihm genommen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&Uuml;berlege es dir noch reiflich, ehe du das gn&auml;dige Anerbieten
-des Herzogs ablehnst!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe &uuml;berlegt, &mdash; ich &uuml;berlegte es in jener Stunde,
-da man Friedrich Karl, den ehemaligen Z&ouml;gling jener
-Ritterakademie, als feigen Selbstm&ouml;rder mit durchschossener
-Stirn zur Ruhe legte!&laquo;</p>
-
-<p>Fr&auml;ulein von Wahnfried kannte den Klang in der
-Stimme der Gr&auml;fin, sie kannte auch ihre grenzenlose
-Erbitterung gegen alles, was ihrer Ansicht nach den
-Leichtsinn Friedrich Karls gef&ouml;rdert!</p>
-
-<p>Und das war alles und jedes in der verderbten, nichtsnutzigen
-Welt!</p>
-
-<p>Dagegen war nicht mehr anzuk&auml;mpfen, man konnte
-nur hoffen, da&szlig; die lindernde Zeit die Wunden heilen,
-und Gundula vern&uuml;nftiger &uuml;ber manche Notwendigkeit
-denken w&uuml;rde!</p>
-
-<p>Aber Tante Agathe hoffte kaum noch &mdash; die Zeit hatte
-sich w&auml;hrend all der vergangenen Jahre machtlos erwiesen,
-und Guntram Krafft wuchs in der Einsamkeit als ein
-moderner Parsival auf!</p>
-
-<p>Die alte Dame kehrte seufzend in die W&auml;schekammer
- <span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span>
-zur&uuml;ck, w&auml;hrend ihre Nichte sich an den Schreibtisch
-setzte und mit festen, gro&szlig;en Schriftz&uuml;gen ihre Antwort
-an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb. Sie
-dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise f&uuml;r das
-so &uuml;beraus huldvolle und gn&auml;dige Anerbieten des hohen
-Herrn, welches sie jedoch voll dankbarster Erkenntlichkeit
-ablehnen m&uuml;sse, da sie nicht imstande sei, sich schon
-jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei
-das einzige Gl&uuml;ck, welches ihr das grausame Schicksal
-gelassen; dasselbe noch so lange wie m&ouml;glich ihr eigen
-zu nennen, sei der letzte Wunsch, den sie noch an das
-Leben habe.</p>
-
-<p>Die Erziehung des Knaben zu leiten, f&uuml;r seine wissenschaftliche
-Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes
-gn&auml;diger Hilfe auch in Hohen-Esp gelingen; sie hoffe
-zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen vollwertigen, braven
-und tugendhaften Mann zu machen.</p>
-
-<p>Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen
-Eigenwilligkeit etwas R&uuml;hrendes, &raquo;man h&ouml;rt aus jeder
-Zeile das leidenschaftliche Herz einer ungl&uuml;cklichen Mutter
-schlagen!&laquo; &mdash; sagte der Herzog, und er nahm die Weigerung
-der Gr&auml;fin nicht ungn&auml;dig auf, sondern erhielt
-dem wunderlichen B&auml;rennest im Walde sein vollstes
-Interesse.</p>
-
-<p>Und abermals verging die Zeit.</p>
-
-<p>Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den
-Pastor eine vortreffliche Erziehung, wenngleich seine
-praktischen F&auml;higkeiten nicht dar&uuml;ber vernachl&auml;ssigt wurden.</p>
-
-<p>&raquo;Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an
-Schulweisheit gebraucht!&laquo; sagte die Gr&auml;fin, &raquo;vor allen
-Dingen aber soll er ein t&uuml;chtiger Landwirt werden, welcher
-auf eigenen F&uuml;&szlig;en steht und seine Scholle selber
-bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig
-im Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste
-nimmt er niemals ein, aber der praktischen Kenntnisse
-bedarf es vor allen Dingen, denn er soll das
- <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span>
-Werk, welches ich begonnen, zu Ende f&uuml;hren und den
-verlorenen Besitz seiner V&auml;ter zur&uuml;ckerwerben!&laquo;</p>
-
-<p>Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische
-Frau wenig Arbeit &uuml;briglassen.</p>
-
-<p>In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen,
-Hohen-Esp zu einem hochkultivierten Gut emporzubringen;
-vortreffliche Ernten hatten sie Jahr um Jahr unterst&uuml;tzt,
-Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen
-und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden
-und hatte &uuml;berraschenden Ertrag geliefert, ebenso
-hatte sich eine Milchwirtschaft aufs beste rentiert, und
-Herr Werner sah seine stolze, besondere Genugtuung
-darin, der verlassenen Frau mit gr&ouml;&szlig;tem Eifer und
-all seinen F&auml;higkeiten zu dienen.</p>
-
-<p>Von Jahr zu Jahr konnte die Gr&auml;fin von dem angrenzenden
-Besitz Gottern Areal zur&uuml;ckkaufen, was ihr
-um so leichter ward, als der Besitzer der Herrschaft selber
-in recht mi&szlig;liche Lage gekommen und froh war, das
-Land wieder in Kapital verwandeln zu k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>So kam der Tag, an welchem die &uuml;berraschende Nachricht
-die Runde durch die Residenz machte, da&szlig; es der
-B&auml;rin von Hohen-Esp in ganz unglaublicher Weise gelungen
-sei, die Herrschaft Gottern zu Hohen-Esp zur&uuml;ckzukaufen,
-da&szlig; es ihr auch durch ihre enorme Willenskraft,
-ihren Flei&szlig; und &auml;u&szlig;erste Sparsamkeit gelungen
-sei, ihren Sohn schon jetzt wieder zu einem sehr wohlhabenden
-Mann zu machen.</p>
-
-<p>Die alte Tante Agathe sei schon l&auml;ngere Zeit krank
-und liege nunmehr im Sterben.</p>
-
-<p>Viel habe sie ja wohl nicht zu vererben, aber doch
-genug, um es der Gr&auml;fin vorl&auml;ufig sehr leicht zu machen,
-auch mit dem nunmehr so bedeutend vergr&ouml;&szlig;erten Besitz
-erfolgreich und dauernd zu wirtschaften.</p>
-
-<p>Der Wohnsitz solle aber nach wie vor Hohen-Esp bleiben,
-und Graf Guntram Krafft, welcher nunmehr neunzehn
-Jahre z&auml;hle und seiner Milit&auml;rpflicht gen&uuml;gen m&uuml;sse,
-werde wohl zum erstenmal allein in die gro&szlig;e, unbekannte
-Welt hinaustreten!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span></p>
-
-<p>Man erwartete voll Spannung das Erscheinen des
-schier sagenhaft gewordenen jungen Mannes, bis die
-entt&auml;uschende Nachricht kam, da&szlig; der Graf wegen eines
-ganz unbedeutenden kleinen Fehlers, &mdash; man sagte, da&szlig;
-ihm bei einer st&uuml;rmischen Seefahrt im Boot, beim &Uuml;berholen
-einer Teertonne, dieselbe zwei Zehen vom Fu&szlig;
-geschlagen &mdash; vom Milit&auml;r freigekommen sei.</p>
-
-<p>Es sei ein Jammer darum!</p>
-
-<p>Der junge Mann verk&ouml;rperte das Urbild aller bl&uuml;henden
-Kraft und Lebensfrische, er sei in der Tat ein
-wahrer &raquo;B&auml;r&laquo; von Hohen-Esp, so gro&szlig;, so stark, so
-reckenhaft sch&ouml;n und ritterlich, &mdash; ihm selber habe die
-Lust, Soldat zu werden, aus den Augen geblitzt, und er
-habe sofort gebeten, ihn der Marine zuzuweisen, da er
-so gut Bescheid mit dem Seefahren wisse, &mdash; aber die
-Gr&auml;fin habe voll leidenschaftlicher Energie alle Hebel
-in Bewegung gesetzt, den Sohn freizubekommen.</p>
-
-<p>Da sie die Bestimmungen f&uuml;r sich gehabt habe, und
-Graf Guntram Krafft ein durchaus gehorsamer Sohn
-sei, so sei leider nichts zu machen gewesen.</p>
-
-<p>Die &raquo;B&auml;rin&laquo; habe ihr Junges in die H&ouml;hle zur&uuml;ckgeschleppt. &mdash;</p>
-
-<p>Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf,
-die interessanten Einwohner von Hohen-Esp jemals von
-Angesicht zu schauen, und weil die M&uuml;tter und T&ouml;chter
-sehr entt&auml;uscht waren, so &auml;rgerten sie sich dar&uuml;ber.</p>
-
-<p>Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den
-k&uuml;rzer werdenden Tagen aus ihrem &raquo;Sommerschlaf&laquo; erwachten
-und so zahlreich pl&ouml;tzlich aufwirbelten, wie drau&szlig;en
-das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte, boten
-den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pfl&auml;nzchen
-dieser Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft
-recht phantastischen Bl&uuml;ten aufscho&szlig;.</p>
-
-<p>In einer der vornehmen Villenstra&szlig;en lag das reizende
-Rokokoschl&ouml;&szlig;chen &raquo;Monrepos&laquo;, in welchem der
-Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments, Freiherr
-von Sprendlingen, Wohnung genommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span></p>
-
-<p>Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein
-gro&szlig;es Haus zu machen, eine Passion, welcher sie ohne
-Bedenken huldigen konnte, da die Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse
-des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur
-ein einziges T&ouml;chterchen besa&szlig;, f&uuml;r welches man zu
-sorgen hatte.</p>
-
-<p>Der Freiherr verw&ouml;hnte seine bezaubernde Frau in
-nur denkbarer Weise, Frau von Sprendlingen verzog und
-verh&auml;tschelte ihr T&ouml;chterchen dementsprechend, und so
-herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen, welches
-keinen, auch den gr&ouml;&szlig;ten Wunsch, nicht unerf&uuml;llt l&auml;&szlig;t.</p>
-
-<p>In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne
-verschleierte Lampen, da die Herrschaften zum Diner
-gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir des f&uuml;nfzehnj&auml;hrigen
-T&ouml;chterchens aber strahlte die Gaskrone
-festlich und hell, denn dort sa&szlig;en die Backfischchen, welche
-zu Fr&auml;ulein von Sprendlingen eingeladen waren, bei
-heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel Kaffee und noch
-mehr S&uuml;&szlig;igkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die
-Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte
-man sich f&uuml;r junge Herren noch mehr wie f&uuml;r junge
-Damen, und da man schon mancherlei &uuml;ber den Hohen-Esper
-geh&ouml;rt und sich ebenfalls &uuml;ber den &raquo;Strich durch
-die Rechnung&laquo; &auml;rgerte, so begannen sie &uuml;ber den doch
-allzu gutm&uuml;tigen Zottelb&auml;r, welcher derart unselbst&auml;ndig
-an den Rock der Mutter h&auml;nge, zu glossieren.</p>
-
-<p>&raquo;Ein forscher, echter Mann h&auml;tte bei dieser Gelegenheit
-doch wohl etwas mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen
-und das G&auml;ngelband abgestreift!&laquo; spottete Gabriele, die
-Tochter des Hauses, und lie&szlig; ihre Stickerei sinken, &mdash;
-&raquo;anstatt artig hinter die Sch&uuml;rze der Mama zu kriechen
-und sich zu ducken, wenn die gestrenge Vorm&uuml;nderin befiehlt!
-Ob er zwei Zehen mehr oder weniger hat,
-geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein recht erb&auml;rmlicher
-Vorwand von der Gr&auml;fin, ein Zufall, welchen sie sich
-zunutze macht, um das B&uuml;bchen unter den Fingern
-zu behalten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz
- <span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span>
-und Selbstbewu&szlig;tsein h&auml;tte, w&uuml;rde er sich das nicht habe
-bieten lassen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Vielleicht ist er zu feige und freut sich, da&szlig; er daheimbleiben
-kann!&laquo; &mdash; rief Gabriele von Sprendlingen,
-das reizendste Backfischchen, welches die Residenz aufweisen
-konnte, abermals: &raquo;H&auml;tte er Courage, w&uuml;rde er
-sich das idealste Gl&uuml;ck eines Mannes, Soldat zu werden,
-unter allen Umst&auml;nden erzwungen haben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Feige? Nein, das ist er wohl nicht!&laquo; sch&uuml;ttelte ihre
-Freundin Trautchen gutm&uuml;tig den hellblonden Kopf,
-&raquo;denk doch, er wagt sich bei Sturm und Wetter auf die
-See hinaus!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele lachte sp&ouml;ttisch und r&uuml;mpfte die entz&uuml;ckende
-kleine Nase: &raquo;Die See schie&szlig;t nicht mit Kugeln! Bah!
-Was will es hei&szlig;en, sich auf die See zu wagen?! Gar
-nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie
-weit f&auml;hrt denn der Herr Graf? &mdash; Sicher nicht zehn
-Schritt entfernt vom Ufer weg! Auf den Ozean hinaus
-ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und Bootfahrt an
-der K&uuml;ste stellt &uuml;berhaupt keine Anforderungen an den
-Mut eines Mannes!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken &mdash; &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneewei&szlig;es
-L&auml;mmchen, was hat denn das Wasser f&uuml;r eine Gefahr,
-wenn es nicht tief ist?&laquo; &mdash; und die Sprecherin sch&uuml;ttelte
-die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der Stirn
-und machte ein geradezu ver&auml;chtliches Gesichtchen: &raquo;Ein
-Mann, der nicht Soldat ist, nicht f&uuml;r F&uuml;rst und Vaterland
-k&auml;mpft, kann mir niemals imponieren; und Graf
-Guntram Krafft ist kein k&uuml;hner, stolzer B&auml;r, wie seine
-Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschb&auml;r! &mdash;
-Er sollte nur einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte
-es ihm schon zeigen, wie ich &uuml;ber ihn denke!&laquo;</p>
-
-<p>Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden
-Nixenaugen, blitzten gar trotzig in dem s&uuml;&szlig;en Gesicht,
-und sie wiederholte nachdr&uuml;cklich: &raquo;Glaub' mir's! Ich
-w&uuml;rde es ihm zeigen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Das w&uuml;rde ihn aber doch sehr kr&auml;nken?&laquo; warf Trautchen
-sch&uuml;chtern ein, und das Mitleid gl&auml;nzte in ihrem
-Blick.</p>
-
-<p>&raquo;Um so besser, wenn es ihn kr&auml;nkt!&laquo; brauste Gabriele
-ungest&uuml;m auf und kehrte alle W&uuml;rde ihrer f&uuml;nfzehn Jahre
-heraus. &raquo;Wie soll denn so ein verw&ouml;hnter Mamajunge
-anders merken, da&szlig; er ein Waschlappen ist, wenn wir
-Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser
-noch Helden in seine Armee bekommen, wenn wir nicht
-die M&auml;nner zu Heldentaten begeisterten und anspornten?
-&mdash; Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute Soldatentochter
-und ein famoses deutsches M&auml;del, welches genau
-wei&szlig;, was es F&uuml;rst und Vaterland schuldet! Einen
-Helden zum Vater! Einen Helden zum Gatten, und
-mehrere Helden als S&ouml;hne!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Bravo! Die Steigerung war gut!&laquo; lachte die schwarzlockige
-kleine Gr&auml;fin Sevarille und verzog dabei das
-M&uuml;ndchen etwas ironisch, &raquo;solche Dinge klingen in der
-Theorie ganz poetisch und sch&ouml;n, aber in der Praxis
-kommt die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel
-der geschm&auml;hte Waschb&auml;r hier auftauchte, als sch&ouml;ner
-Mann und reicher Erbe, und er machte dir eine Liebeserkl&auml;rung,
-Gabriele, du pustetest auf alle Heldenherrlichkeiten
-in deines angebeteten Kaisers gro&szlig;er Armee und
-heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!&laquo;</p>
-
-<p>Hei&szlig;e R&ouml;te stieg in das Gesichtchen der Genannten,
-die Nixenaugen schillerten wie die See, ehe sie in hohen,
-verderbenden Wogen aufbraust.</p>
-
-<p>&raquo;Das w&uuml;rde ich tun, sagst du?&laquo; &mdash; stie&szlig; sie atemlos
-hervor, &raquo;das ist eine perfide Behauptung, Thekla, und
-ich w&uuml;nsche nun wahrlich nichts sehnlicher, als da&szlig; der
-Hohen-Esper mir einen Antrag machen w&uuml;rde!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Haha! H&ouml;rt ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf
-den Tisch und sprang auf.</p>
-
-<p>&raquo;La&szlig; mich ausreden, ehe du mich beschimpfst!&laquo; trotzte
-sie in der vollen Heftigkeit, welche ihrem Charakter
- <span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span>
-eigen war, &raquo;ich w&uuml;nsche mir einen Heiratsantrag von
-ihm, lediglich um dir zu beweisen, da&szlig; ich keine leeren
-Phrasen geredet, sondern Wort halten w&uuml;rde, so wahr
-ich Gabriele von Sprendlingen bin! Und w&auml;re er sch&ouml;n
-wie ein Gott und reich wie Kr&ouml;sus, wenn er nichts f&uuml;r
-F&uuml;rst und Vaterland leistet, wenn er kein Held ist und
-Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und
-mit dem Kreuz der Ehre lohnt, &mdash; ich w&uuml;rde <em class="gesperrt">nie</em> sein
-Weib! Nie! &mdash; Das schw&ouml;re ich bei allem, was mir
-heilig ist!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein!&laquo;
-&mdash; entsetzte sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser
-zu einem tiefen Kerbschnitt an und sagte mit
-einem wunderlich scharfen L&auml;cheln &mdash;: &raquo;Gut, wir haben
-deinen Schwur geh&ouml;rt und werden nicht verfehlen, dich
-zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den
-Ausspruch des Dichters: &rsaquo;Ach, Worte sind ein leerer
-Schall &mdash;&lsaquo; denn sie verfliegen und werden so schnell vergessen,
-wie man sie h&ouml;rt! <em class="gesperrt">M&uuml;ndlich</em> ist schon mancher
-Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden!
-Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den
-Lippen, aber <em class="gesperrt">schriftlich</em>? Haha! <em class="gesperrt">Schriftlich</em> verzichtest
-du nicht auf den Grafen von Hohen-Esp!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele griff mit nerv&ouml;s bebender Hand nach den
-Zetteln und Bleistiften, welche, f&uuml;r ein Schreibspiel zurechtgelegt,
-bereits auf einer Marmorschale seitw&auml;rts des
-Tisches standen.</p>
-
-<p>&raquo;Und warum nicht?&laquo; spottete sie mit gefurchter Stirn:
-&raquo;Wenn dir ein geschriebenes Wort sicherer ist wie ein
-gesprochenes, sollst du es gern haben!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne
-&Uuml;berlegen mit festen, schwungvollen Schriftz&uuml;gen auf
-einen der Zettel nieder:</p>
-
-<p>&raquo;Da meine Freundin Thekla meine Ansicht &uuml;ber den
-Grafen von Hohen-Esp schriftlich w&uuml;nscht, so erkl&auml;re ich
-hiermit noch einmal, da&szlig; ich denselben nie und nimmermehr
-heiraten werde, weil er kein Held ist und mir nicht
-imponiert!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">&mdash; Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den
-inhaltschweren Zettel zusammen und warf ihn Komtesse
-Sevarille zu, &mdash; die andern jungen M&auml;dchen belohnten
-diese &raquo;fesche&laquo; Tat mit st&uuml;rmischem Beifall, und Thea
-griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren
-Pompadour. Sie l&auml;chelte und nickte Gabriele zu: &raquo;Du
-hast doch mehr Charakter, als wie ich glaubte!&laquo; sagte
-sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und &uuml;bellauniges
-Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgef&auml;llig
-aus. &mdash;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="VI">VI.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Von der See her&uuml;ber brauste der eisige Novembersturm
-und fegte die letzten welken Bl&auml;tter um die Zinnen von
-Hohen-Esp.</p>
-
-<p>Der Buchwald, welchen Gr&auml;fin Gundula vor nunmehr
-f&uuml;nfundzwanzig Jahren an all den Stellen, welche Friedrich
-Karl so schonungslos hatte abholzen lassen, nachgepflanzt
-hatte, war emporgewachsen und f&uuml;llte schon
-wieder die L&uuml;cken aus, welche ehemals das Auge der
-Burgherrin so schmerzlich verletzt hatten.</p>
-
-<p>Noch waren sie den wundervoll hochst&auml;mmigen Riesen,
-welche rings um den H&uuml;gel, der die Mauern von Hohen-Esp
-trug, Wache hielten, lange nicht gleichgekommen,
-aber sie waren ebenso gediehen und frisch und kr&auml;ftig
-aufgewachsen, wie der junge Spro&szlig; des alten Grafenstammes,
-welcher als blondlockiger Knabe unter ihnen
-gespielt, als J&uuml;ngling mit markigen Armen geschafft
-und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte.</p>
-
-<p>Guntram Krafft war m&uuml;ndig geworden, ohne besondere
-Zeremonie und Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen
-in neuen Rechten anerkannt zu werden; denn das ehemalige
-Verm&ouml;gen seines Vaters war in den Besitz
-seiner Mutter &uuml;bergegangen, und nur von dem freien
-Willen der Gr&auml;fin hing es ab, ob der Sohn Herr sein
-sollte auf dem Besitz der V&auml;ter. In dem Willen Gundulas
-aber lag es, den jungen Mann selbst&auml;ndig zu
-machen.</p>
-
-<p>Voll stolzer Genugtuung sah sie, da&szlig; er zu einem
-Charakter ausgereift war, fest und zuverl&auml;ssig, stark in
-allem Guten und Edeln, und dennoch so rein an Herz
-und Sinn wie ein Kind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p>
-
-<p>Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen,
-nur wie ferne, sagenhafte Kl&auml;nge und Bilder
-zogen die Erz&auml;hlungen seiner Erzieher von Menschen
-und Leben an seinem geistigen Auge vor&uuml;ber.</p>
-
-<p>Als er gro&szlig; genug geworden, um eine berechtigte Frage
-nach seinem Vater und dessen Leben zu stellen, hatte
-Gundula zum erstenmal seit langen Jahren von ihrem
-Gatten gesprochen.</p>
-
-<p>Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen
-Mutter und Sohn.</p>
-
-<p>Da entrollte die Gr&auml;fin vor den weitoffenen Augen
-ihres Sohnes die traurigen Bilder der Vergangenheit,
-und waren dieselben schon an und f&uuml;r sich dunkel genug,
-so f&auml;rbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch
-d&uuml;sterer, so da&szlig; Guntram Krafft die Welt nur als einen
-S&uuml;ndenpfuhl voll dr&auml;uender Gefahren, und die flotte,
-leichtlebige Gesellschaft der Gro&szlig;stadt als eine Wildnis
-kennenlernte, in welcher aller Ecken und Enden die Abgr&uuml;nde
-g&auml;hnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen
-und verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich
-jemals ein Urteil aus eigener Anschauung gebildet zu
-haben, und doch machte diese fremde, unnat&uuml;rliche Beeinflussung
-keinen weltschmerzlichen Sonderling und Einsiedler
-aus ihm.</p>
-
-<p>Er verlangte nicht nach jenen Verh&auml;ltnissen, welche
-die Mutter ihm so unerquicklich geschildert, und von welchen
-die jungen Fischer im Dorf nichts Gegenteiliges
-zu erz&auml;hlen wu&szlig;ten!</p>
-
-<p>Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen
-eingezogen, hatten ihre Jahre abgedient und Reisen
-in weite, ferne Wunderl&auml;nder gemacht, von denen sie
-wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erz&auml;hlten, aber
-nach welchen sie doch nie zur&uuml;ckverlangten.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Nord, S&uuml;d, Ost &mdash; West &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Daheim ist's am best'!&laquo;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste
-und meerumsp&uuml;lte Heimat mit der z&auml;hen
- <span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span>
-Treue nordischen Bluts, sie kehrten heim, freiten und
-machten sich se&szlig;haft; selten nur, da&szlig; der eine oder
-andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn
-besseres Verdienst lockte.</p>
-
-<p>Das waren jedoch die &raquo;Verschollenen&laquo;, von denen kaum
-noch Angeh&ouml;rige im Dorf lebten und welche selten, fast
-nie eine Nachricht in die Heimat gelangen lie&szlig;en.</p>
-
-<p>Kam jemals eine hei&szlig;e, leidenschaftliche Sehnsucht
-&uuml;ber Guntram Krafft, die herkulische St&auml;rke seiner Arme
-zu pr&uuml;fen, auch hinauszuziehen mit flinken, wei&szlig;en Segeln,
-um jene heimlichen Wunder fremder L&auml;nder kennenzulernen,
-wollte sie ihn packen, die Wanderlust des J&uuml;nglings
-und der Tatendrang des Mannes, so gen&uuml;gte nur ein
-einziger Blick auf die schwarze Trauergestalt der Mutter,
-in ihr bleiches, gramgefurchtes Antlitz unter dem fr&uuml;hergrauten
-Scheitel, und er sch&uuml;ttelte voll stolzer Entsagung
-das Haupt und war es sich voll bewu&szlig;t, da&szlig; er die einsame
-Frau nicht verlassen durfte, deren einziges Gl&uuml;ck
-er geblieben.</p>
-
-<p>Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges
-Studium edler Wissenschaften gaben seinem Leben reichen
-Inhalt, und wenn er Freude und Zerstreuung suchte,
-so streifte er das grobe Fischerzeug &uuml;ber seine markige
-Brust und fuhr voll jauchzenden Ungest&uuml;ms hinaus in
-See, mit Sturm und Wogen einen tollk&uuml;hnen Kampf zu
-k&auml;mpfen, furchtlos sich in brandende Flut zu wagen,
-der geschickteste der Segler, der furchtloseste der Schwimmer,
-ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer
-voll staunender Bewunderung aufblickten und ihn den
-&raquo;Besten der Ihren&laquo; nannten.</p>
-
-<p>Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt,
-wenn es galt, bedrohten Freunden Hilfe zu bringen,
-strandenden Schiffen in Nebel und Sturm ein tollk&uuml;hner
-Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser K&uuml;ste, welche
-durch widrige Gegenstr&ouml;mungen und Untiefen schon manchem
-Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod
-und Verderben gedroht hatte! &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span></p>
-
-<p>Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie
-erfahren, wer ihr k&uuml;hner Retter in der groben Teerjacke
-gewesen; flossen ihm Geldgeschenke von den Dankbaren
-zu, so lachte der junge Graf gar frisch und fr&ouml;hlich auf,
-&uuml;berwies sie seinen Genossen und sprach: &raquo;Holla, Kinnings!
-Dor h&auml;tten wie wat inbr&auml;cht!&laquo; und die schwieligen
-H&auml;nde legten die Taler zur&uuml;ck in die gemeinsame Kasse,
-aus welcher bed&uuml;rftige Fischer unterst&uuml;tzt und das Rettungsboot,
-welches anfangs ein recht d&uuml;rftiges Fahrzeug
-gewesen, immer zweckm&auml;&szlig;iger ausgestattet wurde. Guntram
-Krafft f&uuml;hlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit
-unendlich gl&uuml;cklich und verlangte nicht hinaus
-in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und Lustbarkeit,
-eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern
-Welten, welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne
-im endlosen Himmelsraume kreisen.</p>
-
-<p>Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der
-Gr&auml;fin auf, da&szlig; es oft wie ein melancholischer Schatten
-auf dem freien, m&auml;nnlich sch&ouml;nen Antlitz lag, da&szlig; sein
-Blick oft sinnend und tr&auml;umerisch in das Weite streifte,
-da&szlig; er oft ganz unvermittelt sagte:</p>
-
-<p>&raquo;Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning,
-die er seit Kind auf so liebgehabt hat!&laquo; &mdash; oder &mdash;:
-&raquo;Wei&szlig;t du's, Mutter, da&szlig; dem G&ouml;schen Wulff in dieser
-Nacht ein Bub geboren ist? Ein pr&auml;chtiger, pausbackiger
-Kerl ... kann schreien f&uuml;r zehn, und der G&ouml;schen ist
-so stolz, als sei er ein Kaiser geworden!&laquo; ... und nach
-kurzer Pause &mdash;: &raquo;Wie ist es doch so still und leer hier
-in Hohen-Esp! W&auml;re wohl nicht &uuml;bel, Mutter, wenn
-auch hier mal ein wenig junges Leben einz&ouml;ge und
-ein paar kleine B&auml;rlein herumpurzelten!&laquo; Er lachte dazu,
-und dennoch blickten seine blauen Augen seltsam ernst! &mdash;</p>
-
-<p>Da war's, als ob Frau Gundula urpl&ouml;tzlich aus einem
-langen, langen Traum erwache, und sie nickte wie erschrocken
-vor sich hin und sprach leise: &raquo;Ja, es ist Zeit
-geworden!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den
-kleinen, bleigefa&szlig;ten Scheiben, und blickte starren Auges
- <span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span>
-hinab auf die laublosen Buchenwipfel, welche der Sturm
-wie brandende Flut gegen das graue Turmgem&auml;uer
-peitschte. &mdash;</p>
-
-<p>Tage und N&auml;chte lang hatte sie in schwerem Kampf
-gerungen, hatte gesonnen und &uuml;berlegt, um das rechte
-zu finden.</p>
-
-<p>Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war
-ein Mann geworden, dessen Herz sich nach Liebe sehnte,
-dessen Wunsch es war, gleich seinen Gespielen ein Weib
-zu freien und gl&uuml;cklich zu sein!</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin, deren scharfer Geist alles so wohl &uuml;berlegt
-und bedacht hatte, was zum Gl&uuml;ck ihres Kindes
-n&ouml;tig schien, hatte seltsamerweise diese Notwendigkeit
-noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz der
-lang vorbereitenden Jahre doch &uuml;berraschend an sie herantrat,
-da kostete es ihrem Herzen schwere K&auml;mpfe, bis
-sie sich entschlossen hatte, sich in das Unvermeidliche
-zu f&uuml;gen.</p>
-
-<p>Guntram Krafft mu&szlig;te die Brautfahrt unternehmen,
-er mu&szlig;te Ausschau halten unter den T&ouml;chtern des Landes,
-welche von ihnen das Ideal verk&ouml;rpern m&ouml;chte, das sich
-der weltfremde Mann von seinem Weib gebildet!</p>
-
-<p>Ihr Sohn mu&szlig;te den Winter in der Residenz verleben
-und die Feste mitmachen, er <em class="gesperrt">mu&szlig;te</em> es! Es half
-da kein Weigern mehr! Kein anderer Ausweg wollte
-sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr gr&uuml;belte.</p>
-
-<p>Seit Tante Agathe gestorben war, besa&szlig; sie gar keine
-n&auml;heren Verwandten mehr, wenigstens keine, welche heiratsf&auml;hige
-T&ouml;chter hatten und zu welchen sie den jungen
-B&auml;ren von Hohen-Esp h&auml;tte senden k&ouml;nnen, wie einst
-Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei
-seiner Sippe um ein Weib zu dienen.</p>
-
-<p>Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem
-Dorfe heimf&uuml;hren, dagegen str&auml;ubte sich der Stolz einer
-Frau, welche ihr ganzes Leben lang nur f&uuml;r das eine
-Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den Besitz
-und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zur&uuml;ckzuerwerben. <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen
-und Krone mitbringen, sie soll eine ebenb&uuml;rtige Gemahlin
-f&uuml;r ihren Sohn sein, deren Ansichten die ihren
-sind, deren edler Sinn eine B&uuml;rgschaft f&uuml;r die Tugend
-k&uuml;nftiger Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die
-rechte Wahl treffen? &mdash;</p>
-
-<p>Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden,
-der Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft!</p>
-
-<p>Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen
-um seine F&uuml;&szlig;e legen?</p>
-
-<p>Wird sie ihn blenden und bestricken, da&szlig; er nicht wieder
-zur&uuml;ckverlangt in sein stilles Heim? &mdash;</p>
-
-<p>Wird er ihr Gift schl&uuml;rfen und es so s&uuml;&szlig; und berauschend
-finden, da&szlig; ihm das klare Quellwasser der Heimat
-nicht mehr mundet? &mdash;</p>
-
-<p>O nein! Nun und nimmermehr!</p>
-
-<p>Gundula ist ihres Sohnes gewi&szlig;. Die m&uuml;hsame Aussaat
-von so viel langen, bangen Jahren kann nicht
-in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer Eindr&uuml;cke,
-in der sengenden Glut froher Feste, in den St&uuml;rmen
-eines Karnevals zugrunde gehen!</p>
-
-<p>Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen
-und fremd bleiben, &mdash; er wird sich aus der hohen Flut
-eine Perle heben und sein Kleinod so bald wie m&ouml;glich
-in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten.</p>
-
-<p>Au&szlig;erdem schickt sie ihn nicht v&ouml;llig allein und haltlos
-in das bunte Leben hinaus. Der alte Kammerdiener
-ihres Mannes, welcher schon Gundula als Braut gekannt
-und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen
-ist, der goldgetreue, zuverl&auml;ssige Anton wird seinen jungen
-Gebieter in die Residenz begleiten.</p>
-
-<p>Er wei&szlig; ja so gut Bescheid auf dem hei&szlig;en Boden
-der Gro&szlig;stadt, er ist &uuml;ber so manches Parkett geglitten
-und hat den Kammerherrn ehemals in so manch schwieriger
-Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge &uuml;ber
-dem jungen B&auml;ren walten lassen, welcher zum ersten<span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span>
-Male die sichere H&ouml;hle verl&auml;&szlig;t! Anton wird angewiesen
-sein, ganz genau &uuml;ber den Grafen zu berichten, und
-wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die
-Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte,
-dann wird die Mutter zu rechter Zeit die energischen
-H&auml;nde heben, diese F&auml;den unbarmherzig zu zerrei&szlig;en.</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet
-auf den Sohn, und als sie endlich seinen schweren, stampfenden
-Schritt auf der gewundenen Stiege h&ouml;rt, da hebt
-sie wie mit letzter Selbst&uuml;berwindung das Haupt und
-schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen,
-spitzgew&ouml;lbten T&uuml;r, den hochgewachsenen Nacken im Eintreten
-beugend, steht Guntram Krafft.</p>
-
-<p>M&auml;chtige Wasserstiefel reichen bis &uuml;ber die Knie,
-eine D&uuml;ffeljoppe l&auml;&szlig;t die breite Brust noch h&uuml;nenhafter
-erscheinen, und ein ausgeschlagener S&uuml;dwester sitzt fest
-auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das
-frische, m&auml;nnlich sch&ouml;ne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen.</p>
-
-<p>&raquo;Dag ok, Mutting!&laquo; lacht er mit strahlendem Blick,
-rei&szlig;t den Hut ab und hebt ihn in seem&auml;nnischem Gru&szlig;
-hoch &uuml;ber das Haupt.</p>
-
-<p>&raquo;Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet?
-&mdash; Aber bei diesem Wetter mu&szlig; man auf dem Posten
-sein, damit kein Ungl&uuml;ck am Hamelwaat passiert! Wei&szlig;
-der Kuckuck, da&szlig; solch eine gef&auml;hrliche Stelle, wo schon
-so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner
-Strandkommission sch&auml;rfer ins Auge gefa&szlig;t ist! &mdash; Vorhin
-wieder eine Brigg! &mdash; Schnurgrad drauflosgehalten!
-Noch ein paar Nasenl&auml;ngen, und sie sa&szlig; fest! &mdash; Wir
-hatten sie gl&uuml;cklicherweise beobachtet, und ich konnte
-noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber
-eine Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise,
-und kalt genug hat's uns um die Ohren gepfiffen! Da
-hat dir dein B&auml;r einen regelrechten B&auml;renhunger heimgebracht,
-und f&uuml;r ein Warmbier verkaufe ich heute auch
-das Recht der Erstgeburt!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p>Er lachte, da&szlig; die wei&szlig;en Z&auml;hne unter dem blonden
-Schnurrbart blitzten, schlang z&auml;rtlich den Arm um die
-d&uuml;stere Frauengestalt und k&uuml;&szlig;te Frau Gundula herzhaft
-auf den Mund.</p>
-
-<p>&raquo;Das steht bereit, du Wasserratte!&laquo; lachte diese, mit
-einem Blick unendlichen Wohlgefallens die bl&uuml;hende
-Sch&ouml;nheit ihres Sohnes umfassend, &raquo;willst du dich erst umkleiden
-oder erst durch einen Imbi&szlig; erw&auml;rmen? Du
-wei&szlig;t, ich liebe es nicht allzusehr, dich in dieser Ausr&uuml;stung
-am Tisch zu sehen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wei&szlig; ich, Mamachen, &mdash; und werde nie dein E&szlig;zimmer
-durch Teerjacke und &Ouml;lzeug entweihen. &mdash; Auch
-ist's mir, ehrlich gestanden, selber zu unbequem! Aber
-bitte, befiehl einstweilen alle Bierkannen und Schinkenbrote
-auf Deck, damit ich in zehn Minuten an ihnen
-zum Massenm&ouml;rder werden kann!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;<em class="antiqua">Vae victis!</em>&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, wehe ihnen! Heut wird kein Pardon gegeben!&laquo;
-&mdash; Und Guntram Krafft schritt &uuml;ber die Schwelle zur&uuml;ck,
-da&szlig; die morschen Parkettplatten krachten.</p>
-
-<p>Drau&szlig;en h&ouml;rte die Gr&auml;fin ihn fr&ouml;hlich pfeifen: &raquo;Auf,
-Matrosen, die Anker gelichtet!&laquo; &mdash; Dann hub ein gewaltig
-Poltern und Rumoren in der Turmstube des jungen
-Grafen an, und in sehr kurzer Zeit sa&szlig;en Mutter und
-Sohn beim lodernden Kaminbrand in der Speisehalle
-zusammen, wo Guntram Krafft das Fr&uuml;hst&uuml;ck serviert war.</p>
-
-<p>Der Hausanzug des jungen Hohen-Esp war weder sehr
-elegant noch sehr modern, er war solide und zeugte von
-der Sparsamkeit, welche in allen Dingen noch im Hause
-herrschte, obwohl die Gr&auml;fin mit einem tiefen Ausatmen
-der Befriedigung noch vor wenig Tagen zu dem Inspektor
-gesagt hatte: &raquo;Noch ein paar solcher R&uuml;bsenernten,
-und wir k&ouml;nnen, so Gott will, schon das zweite
-Vorwerk von Walsleben zur&uuml;ckkaufen!&laquo;</p>
-
-<p>Aber trotz seiner nicht allzu vorteilhaften Kleidung
-sah der junge Graf ganz vortrefflich aus, just so, wie es
-zu seiner b&auml;renhaften und urw&uuml;chsigen Sch&ouml;nheit pa&szlig;te.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span></p>
-
-<p>Man konnte es sich bei seinem Anblick kaum denken, da&szlig;
-diese Reckengestalt in Frack und Lackschuhe hineinpassen
-w&uuml;rde, da&szlig; sie sich zum Tr&auml;ger all der weichlichen, geschniegelten
-Eleganz der modernen Salonhelden machen
-k&ouml;nne!</p>
-
-<p>Ein Zylinderhut auf diesem wildlockigen Haupt mu&szlig;te
-ganz wunderlich aussehen, und wie die wetterharten
-H&auml;nde, wohl sch&ouml;n und edel in der Form, aber ohne
-Schonung verarbeitet wie bei dem geringsten Fischer,
-sich mir Glacéhandschuhen befreunden w&uuml;rden, schien
-selbst Frau Gundula in diesem Augenblick eine berechtigte
-Frage.</p>
-
-<p>Sie musterte das &Auml;u&szlig;ere des jungen B&auml;ren interessierter
-wie je zuvor, und dieweil er frisch und fr&ouml;hlich
-dem kr&auml;ftigen Mahle zusprach und dabei voll lebhaften
-Eifers &uuml;ber seine st&uuml;rmische Seefahrt sprach, flogen ihre
-Gedanken weit voraus ... und sie sah diesen unerschrockenen
-Seehelden auf dem h&ouml;fischen Parkett stehen, umrauscht
-von schmeichelnden Musikkl&auml;ngen, umweht von s&uuml;&szlig;em
-Amberduft, umgl&auml;nzt von ungez&auml;hlten Lichtflammen und
-umringt von koketten, lachenden, anmutig reizenden M&auml;dchengestalten.</p>
-
-<p>&raquo;Unser Rettungsboot taugt nichts, Mutting,&laquo; fuhr Guntram
-Krafft w&auml;hrenddessen etwas unwillig fort, &raquo;es
-ist ganz unzweckm&auml;&szlig;ig gebaut, &mdash; ein Kahn wie alle
-andern auch, der bei gutem Wetter zum Heringfangen
-noch zu brauchen ist, aber wenn's mal kr&auml;ftig weht,
-doch ein ganz unzuverl&auml;ssiges Ding ist! Grad' bei der
-drei- und vierfachen starken Brandung am Hamelwaat!
-&mdash; &Uuml;ber die &auml;u&szlig;erste Brandungslinie, wo sich die Wellen
-auf drei bis vier Faden brechen, kriegen wir's kaum
-noch hinaus. Hab' heute versucht, den Bug dem Lande
-zuzuwenden &mdash; hab' den Lenzsack nachbugsiert &mdash; damit
-ich das Boot zur&uuml;ck und zu gleicher Zeit recht vor der
-See halten konnte &mdash; wollte so das Beidrehen hindern &mdash;
-aber viel n&uuml;tzen tat's auch nicht! Ja, so ein gutes Peakeboot,
-welches sich aufrichtet wie ein Holunderm&auml;nnchen,
-mit einem schweren, eisernen Kiel, und vorn und hinten<span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span>
-hohe, gew&ouml;lbte Luftk&auml;sten ... ja, das k&ouml;nnten wir gebrauchen,
-damit lie&szlig;e sich etwas ausrichten ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sicherlich!&laquo; &mdash; nickte Gundula zerstreut und &uuml;berlegte,
-da&szlig; sich der junge Graf am besten in der Residenz neu
-ausr&uuml;sten m&uuml;sse, &mdash; Anton verstand sich vorz&uuml;glich darauf
-... der mu&szlig; ihn einkleiden ...</p>
-
-<p>&raquo;Ich finde, es ist eine Schande, da&szlig; gerade hier f&uuml;r
-unsere K&uuml;stenstrecke so gar nichts geschieht! Die n&auml;chste
-Rettungsstation hat gar keinen Wert f&uuml;r uns, denn
-wir k&ouml;nnen sie einfach nicht erreichen, wenn pl&ouml;tzlich Not
-an den Mann geht! &mdash; Es <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> etwas hier geschehen,
-das Hamelwaat ist auch solch ein Brunnen, welcher
-erst zugesch&uuml;ttet wird, wenn das Kind ertrunken ist! &mdash;
-Mir geht es schon so lange im Kopf herum, mich an eine
-zust&auml;ndige Beh&ouml;rde zu wenden, da&szlig; sie uns eine regelrechte
-Rettungsstation bauen l&auml;&szlig;t &mdash; was meinst du,
-Mutter, was ich dazu tun k&ouml;nnte?&laquo;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin blickte auf, legte entschlossen die Hand auf
-den Tisch und sagte: &raquo;Du wirst in der Residenz am besten
-Gelegenheit haben, ma&szlig;gebende Pers&ouml;nlichkeiten f&uuml;r deine
-Pl&auml;ne und Absichten zu interessieren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;In der Residenz?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich m&ouml;chte dir heute eine Er&ouml;ffnung machen, Guntram
-Krafft, dir einen Wunsch mitteilen, welchen du
-mir hoffentlich erf&uuml;llst?&laquo;</p>
-
-<p>Er blickte erstaunt auf, nahm ihre Hand und k&uuml;&szlig;te
-sie als stumme Antwort.</p>
-
-<p>&raquo;Es ist Zeit, da&szlig; du, als jetzt gro&szlig;j&auml;hriger Mann, deinem
-Herzog vorgestellt wirst, da&szlig; du hochdemselben, als
-angestammter Vasall und Spro&szlig; eines seiner &auml;ltesten
-Grafengeschlechter, deine stete Treue und Dienstwilligkeit
-versicherst. Ich habe mich diesbez&uuml;glich mit einer
-Anfrage an das Hofmarschallamt gewandt und eine sehr
-huldvolle und gn&auml;dige Antwort Seiner Hoheit erhalten.</p>
-
-<p>Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebensw&uuml;rdigstem
-Interesse entgegen und ist bereit, dich bei
-Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt wird sich &uuml;ber<span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span>
-die Saison erstrecken, du wirst die Feste im herzoglichen
-Schlo&szlig; und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen
-der Hofgesellschaft mitmachen!&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt
-bei dieser Er&ouml;ffnung aus; er blickte die Sprecherin nur
-erstaunt an und sagte beinahe bedauernd: &raquo;Gerade im
-Winter bin ich am wenigsten abk&ouml;mmlich hier! Denk an
-die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres!
-Wie gut war es, da&szlig; ich da auf dem Posten war!
-Aber so Gott will, haben wir gut Wetter in diesem
-Winter, und wenn du sagst, da&szlig; ich die Verpflichtung
-habe, mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so
-gehe ich.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge
-der h&uuml;bschesten, liebensw&uuml;rdigsten und vornehmsten
-jungen Damen kennen zu lernen &mdash; &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>Der junge Graf richtete sich h&ouml;her auf, sein Blick
-haftete wie in starrem Forschen auf dem Antlitz der
-Sprecherin, &uuml;ber welches ein m&uuml;des, fl&uuml;chtiges L&auml;cheln
-glitt, ein L&auml;cheln, wie er es noch nie darauf gesehen.</p>
-
-<p>Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck
-von Verlegenheit, wie bei einem jungen M&auml;dchen,
-lag pl&ouml;tzlich auf dem sch&ouml;nen Antlitz, und langsam nach
-dem Bierglas greifend, fragte er z&ouml;gernd: &raquo;Was meinst
-du damit, Mutter?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich meine und hoffe, da&szlig; mein Sohn mir vielleicht
-eine sch&ouml;ne, liebensw&uuml;rdige Tochter aus der Residenz mitbringt,
-eine junge B&auml;rin f&uuml;r das alte Nest, welche all
-das frohe, frische Leben in Hohen-Esp aufbl&uuml;hen l&auml;&szlig;t,
-welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermi&szlig;t hast!&laquo;</p>
-
-<p>Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief
-&uuml;ber Guntram Kraffts Augen, dann schlug er sie voll
-auf und lachte die Gr&auml;fin mit strahlendem Blicke an.</p>
-
-<p>&raquo;Das w&uuml;rdest du gut hei&szlig;en?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender
-Wunsch, da&szlig; du heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle
-Lage ist durch Gottes gn&auml;dige Hilfe eine derartige<span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span>
-geworden, da&szlig; du auch ein armes M&auml;dchen heimf&uuml;hren
-kannst, vorausgesetzt, da&szlig; sie solide und anspruchslos
-genug ist, jetzt und f&uuml;r die Zukunft mit dir in unsrer
-lieben Waldeinsamkeit hier zu leben! Ein genu&szlig;s&uuml;chtiges,
-eitles und oberfl&auml;chliches Weib pa&szlig;t nicht in die B&auml;renh&ouml;hle
-von Hohen-Esp, sie w&uuml;rde dein Ungl&uuml;ck sein!
-Ich hoffe, da&szlig; du selbst an derartig veranlagten Damen
-keinen Geschmack findest, und werde dich noch, ehe du
-gehst, auf manches aufmerksam machen, was du zu beobachten
-hast. Es gibt auch in der gro&szlig;en, lebenslustigen
-Residenz genug sinnige, holde M&auml;dchenbl&uuml;ten, welche ihr
-volles Gen&uuml;ge und ihr sch&ouml;nstes Gl&uuml;ck in einem stillen
-Liebesleben, fernab von der l&auml;rmenden Landstra&szlig;e, finden!
-&mdash; Ich habe dich durch f&uuml;nfundzwanzig Jahre hindurch
-gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, &mdash; gebe der barmherzige
-Gott, da&szlig; du in dem wichtigsten und entscheidendsten
-Augenblick deines Lebens nicht mit Blindheit
-geschlagen sein m&ouml;gest!&laquo;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus
-und zog ihren Sohn an die Brust, und als sie in seine
-gro&szlig;en, klaren Augen sah, welche aus dem k&uuml;hnen, wettergebr&auml;unten
-M&auml;nnerantlitz noch so offen, ehrlich, treu
-und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie
-ein qualvolles Aufseufzen durch ihre Seele. &mdash; &raquo;In
-Sturm und brandende Meereswogen habe ich dich ohne
-Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein Lebensschifflein
-auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche
-glei&szlig;t und gl&auml;nzt und lockt wie ein M&auml;rchensee, &mdash;
-welche ihre Klippen unter schaukelnden Rosen versteckt
-und &uuml;ber deren Untiefen sich schneewei&szlig;e Nixenarme
-breiten, &mdash; jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld,
-und flehe zu Gott, da&szlig; dieses Lebensmeer dir den Frieden
-schenken m&ouml;ge, den es <em class="gesperrt">meiner</em> Seele geraubt hat!&laquo;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Alle Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen, und
-es kam der Tag, an welchem Gundula im dunkel flatternden
-Mantel abermals auf dem S&ouml;ller stand, um dem
- <span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span>
-Wagen nachzublicken, welcher ihr Liebstes von dannen
-f&uuml;hrte. &mdash;</p>
-
-<p class="pmb3">Sorgenvoll schaute sie auf, ob die Sonne abermals f&uuml;r
-sie untergehen werde f&uuml;r ewige Zeit! &mdash; Aber nein, wohl
-peitschte der Sturm das schwere Schneegew&ouml;lk gegen
-sie und verdunkelte sie f&uuml;r kurze Zeit, dann aber brach
-ihr Licht kraftvoll und siegreich hervor, wie endliches,
-segnendes Gl&uuml;ck!</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="VII">VII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Schneegest&ouml;ber!</p>
-
-<p>Wie wei&szlig;e Watte lag's auf der Erde, und darunter
-blankes Glatteis, so da&szlig; die Scharen der Stra&szlig;enjungen
-mit l&auml;rmendem Hallo die breiten Trottoirplatten entlangschlidderten!</p>
-
-<p>Die eleganten Villen hatten Hermelinm&auml;ntel umgeworfen
-und standen in ihrer f&uuml;rstlichen Pracht noch stolzer
-und unnahbarer wie sonst inmitten der wohlgepflegten
-G&auml;rten, aus denen die Tannen, Lebensb&auml;ume und Taxus
-wie gr&uuml;ne Butzem&auml;nner schauen, welche unter wei&szlig;en
-Laken Versteck spielen! Schlitten flogen mit klingenden
-Schellen und pr&auml;chtig geschm&uuml;ckten Rossen vor&uuml;ber
-wie M&auml;rchenbilder, sch&ouml;ne Frauen in flockigen Pelzen
-sa&szlig;en darin und neigten gr&uuml;&szlig;end die K&ouml;pfchen, Damen
-und Herren in eleganten Eiskost&uuml;men eilten dem spiegelblanken
-See im Parke zu, und zwischendurch dr&auml;ngte und
-schwatzte und lachte der breite Strom der Passanten,
-welche Dienst, Gesch&auml;ft oder Vergn&uuml;gen hinaus in das
-lustige Winterwetter trieb!</p>
-
-<p>Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend
-die Parkstra&szlig;e hinab.</p>
-
-<p>Es war zum erstenmal, da&szlig; eine gr&ouml;&szlig;ere Stadt ihre
-reizbaren Bilder vor ihm entrollte und den Neuling
-durch ihren rastlosen Wechsel in die seltsamsten Gef&uuml;hle
-versetzte.</p>
-
-<p>Anf&auml;nglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die
-Menschenmenge bel&auml;stigt, die Masse der hohen H&auml;user
-in unangenehmer Weise bedr&uuml;ckt; er empfand nur das
-Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand
-es noch nicht, das Einzelne, Sch&ouml;ne und Interessante
-daraus zu erfassen. Aber er lernte es bald.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span></p>
-
-<p>Anton war ein verst&auml;ndiger und guter Lehrmeister,
-ein Mensch, der, als ehemals so verw&ouml;hnter und welterfahrener
-Mann, es nun nach der langen Zeit tiefer
-Einsamkeit geradezu mit Entz&uuml;cken geno&szlig;, noch einmal
-in das verlorene Paradies seiner Jugendtr&auml;ume zur&uuml;ckzukehren.</p>
-
-<p>Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter
-bald an, und dieweil Graf Hohen-Esp w&auml;hrend der
-ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und Mi&szlig;trauen
-jeglichem Neuen gegen&uuml;ber empfand und seiner
-Mutter nur mit einem rechten &raquo;Sto&szlig;seufzer&laquo; &uuml;ber die
-schreckliche Rundreise durch alle Magazine und L&auml;den
-berichtete, &mdash; so gew&ouml;hnte er sich doch bald an das so
-g&auml;nzlich ver&auml;nderte Bild seiner Umgebung.</p>
-
-<p>Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem
-Eigenartigen, immer zufriedener musterte er seine so
-ganz verwandelte &auml;u&szlig;ere Erscheinung im Spiegel, &mdash;
-er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd
-versicherte: &raquo;So, Herr Graf, nun k&ouml;nnen wir uns
-schon vor den Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen
-schmuckeren Junker k&ouml;nnen sie im ganzen Land nicht
-finden!&laquo;</p>
-
-<p>Ja, er war eine imposante, auffallend sch&ouml;ne Erscheinung,
-der B&auml;r von Hohen-Esp, aber trotz der modernen
-Kleider lag es doch wie ein undefinierbares, gewisses
-Etwas &uuml;ber ihm, was ihn fremd und ungeschickt
-zwischen den anderen Herren erscheinen lie&szlig;.</p>
-
-<p>Eine un&uuml;berwindliche Befangenheit und das Ungewohnte
-der neuen Kleidung beeinflu&szlig;ten ihn, er tappte
-daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens blind gewesen
-und nun mit einemmal sehen lernt.</p>
-
-<p>Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen,
-k&uuml;hn und trotzig in Sturm und wildes Wetter
-schaute, bekam etwas kindlich Naives, beinahe Verlegenes,
-wenn er durch die Menschenmenge schritt oder
-im Hotel an der Table d'hôte Platz nahm.</p>
-
-<p>Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine
-Manieren waren vorz&uuml;glich, formell und ritterlich, er<span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span>
-war weit entfernt davon, sich wie ein Hinterw&auml;ldler zu
-benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise seltsam,
-weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und
-linkisch machte.</p>
-
-<p>Der junge B&auml;r hatte wohl alles, was eine gute Erziehung
-fordert, gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie
-unter fremden Menschen verwertet, und weil hier in
-der Stadt <em class="gesperrt">alles</em> so v&ouml;llig anders war wie daheim, so
-verlor er auch den Glauben an sich selber und seine
-Art, und diese Unsicherheit gab dem h&uuml;nenhaften Recken
-etwas Linkisches und Unvorteilhaftes.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin hatte bestimmt, da&szlig; ihr Sohn sich erst
-zehn bis vierzehn Tage in der Residenz aufhalten solle,
-ehe er seine Besuche bei Hof und in der Gesellschaft
-abstattete. &mdash;</p>
-
-<p>Sie fand es wohl selber notwendig, da&szlig; die weltfremden
-Augen des jungen Mannes sich zuvor an elektrisches
-Licht und den bunten Wirbel der Gro&szlig;stadt gew&ouml;hnten,
-da&szlig; er erst ein wenig auf dem Parkett gehen
-lerne, ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte.</p>
-
-<p>Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag
-besser, so da&szlig; Anton schon recht zufrieden war und
-sagte: &raquo;In zehn Tagen wird im Schlo&szlig; getanzt, Herr
-Graf, da m&uuml;ssen zuvor die Karten abgeworfen werden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber ich kann nicht tanzen, Anton! &mdash; das, was
-wir daheim im Fischerdorf mal &rsaquo;Tanzen&lsaquo; nannten, das
-pa&szlig;t wohl schwerlich hierher in das Palais!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern
-mit den sch&ouml;nen jungen Damen!&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft wurde dunkelrot.</p>
-
-<p>&raquo;Ich f&uuml;rchte, da&szlig; ich auch damit Fiasko mache! Bedenk,
-Alter, ich habe mich nie darin ge&uuml;bt, mit Damen
-zu plaudern! Von was soll ich sprechen? &mdash; Von Hohen-Esp?
-Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die
-ich aus den B&uuml;chern gelernt habe? Die werden den
-jungen M&auml;dchen nicht gefallen! &mdash; Ich begreife nicht,<span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span>
-woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken
-B&auml;r hierher unter die Menschen zu schicken!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So etwas m&uuml;ssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr
-Graf! Das findet sich schon alles, und Sie w&auml;ren der
-erste junge Mann, welcher bei einem h&uuml;bschen Fr&auml;ulein
-nichts zu reden w&uuml;&szlig;te! Da fragen Sie nur: &rsaquo;Lieben Sie
-das Meer, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein?&lsaquo; und wenn sie
-sagt: &rsaquo;ja, gar sehr!&lsaquo; &mdash; dann erz&auml;hlen Sie ihr von unserm
-blauen Wasser daheim und den Fahrten durch Nebel
-und Sturm, welche Sie darauf machten! Das h&ouml;rt eine
-jede gern!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war
-eine gute Idee! Wenn er von seiner geliebten See
-sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz unwillk&uuml;rlich
-das Herz auf die Zunge!</p>
-
-<p>Eine freudige Zuversicht &uuml;berkam ihn, der naive Glauben
-eines redlichen Herzens, welches noch davon &uuml;berzeugt
-ist, da&szlig; man auf jede freundliche Frage auch eine
-freundliche Antwort erh&auml;lt!</p>
-
-<p>Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen
-besch&auml;ftigten, als er die Parkstra&szlig;e entlang promenierte
-und mit hellem Blick auf das muntere Leben im Schneegest&ouml;ber
-blickte. &mdash;</p>
-
-<p>Er lachte &uuml;ber ein paar Jungens, welche sich schneeballten,
-und als er &raquo;unversehens mit Willen!&laquo; auch
-einen der wei&szlig;en Gr&uuml;&szlig;e gegen die Schulter klatschen
-f&uuml;hlte, da blieb er stehen und am&uuml;sierte sich noch mehr.</p>
-
-<p>Helles Schlittengel&auml;ute erklang hinter ihm, doch wandte
-er in seinem lebhaften Schauen kaum den Kopf danach,
-bis ein lautes Aufschnaufen, Klirren und Hufschlagen,
-sowie die schrillen Angstrufe etlicher Passanten ihn j&auml;hlings
-zur&uuml;ckschauen lie&szlig;en.</p>
-
-<p>Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen
-von zwei Vollbl&uuml;tern unter langwehenden Schneedecken.</p>
-
-<p>Da pl&ouml;tzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis,
-von dem der Wind momentan den Schnee hinweggeweht
-hat, aus, es st&uuml;rzt wie gem&auml;ht zusammen, schl&auml;gt<span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span>
-wild um sich, rei&szlig;t auch das andere Ro&szlig; nieder, und
-der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Kn&auml;uel
-anf&auml;hrt, schl&auml;gt gegen den hochgeschaufelten Schneewall
-zur Seite.</p>
-
-<p>Der Kutscher ist von seinem kleinen R&uuml;cksitz herabgeschleudert,
-und die Dame, welche in dem Schlitten
-sitzt, scheint momentan unter demselben begraben.</p>
-
-<p>Von allen Seiten springen M&auml;nner heran und wenden
-sich in der ersten Best&uuml;rzung den Pferden zu, sie zu
-fassen, abzustr&auml;ngen und weiteren Schaden zu verh&uuml;ten
-&mdash; Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten
-neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen H&auml;nden
-und richtet ihn ohne jede weitere Unterst&uuml;tzung auf, als
-sei er ein Puppenspielzeug! Dann greift er abermals
-zu und richtet die Dame, welche halb vergraben in dem
-Schnee liegt, in seinen Armen empor.</p>
-
-<p>Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten
-pr&uuml;fend ihre Bewegungen, ob sie sich verletzt
-habe.</p>
-
-<p>Sie steht auf den F&uuml;&szlig;en und tritt zur Seite, sie hebt
-die Arme und sch&uuml;ttelt die wei&szlig;en Flockenballen aus
-dem Pelz und von dem K&ouml;pfchen.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!&laquo;
-&mdash; atmet der Graf auf, &mdash; er sagt es mehr zu sich, wie
-zu der Fremden; diese aber hat es doch geh&ouml;rt, sie rei&szlig;t
-den schneebedeckten Schleier von dem Hut und dr&uuml;ckt den
-Muff trocknend gegen das Antlitz.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, Gottlob, &mdash; ich bin mit heiler Haut davongekommen!&laquo;
-sagte sie mit &uuml;berraschend ruhiger und fester
-Stimme; sie scheint nicht sehr &auml;ngstlich oder nerv&ouml;s zu
-sein, sondern den kleinen Unfall h&ouml;chst gelassen hinzunehmen.
-&raquo;Ich danke Ihnen, mein Herr, f&uuml;r Ihre liebensw&uuml;rdige
-Hilfe!&laquo; f&uuml;gt sie hinzu, und als Guntram Krafft
-h&ouml;flich den Hut zieht, blickt er zum erstenmal in das
-Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick wird gro&szlig;
-und starr im Schauen, sein Atem stockt pl&ouml;tzlich und das
-Blut steigt hei&szlig; in seine Wangen empor. Solch ein
-reizendes Gesichtchen hat er nie zuvor gesehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span></p>
-
-<p>Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und
-all die Tr&auml;ume zu verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt
-haben, wenn er in Journalen und in illustrierten Werken
-daheim solch ein anmutig-sch&ouml;nes M&auml;dchenhaupt mit
-nachdenklichen Blicken betrachtete.</p>
-
-<p>Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entz&uuml;ckend
-geformt das N&auml;schen und der stolze, schwellendrote
-Mund, wie kraus die lichtbraunen L&ouml;ckchen, welche
-unter der zur&uuml;ckgeschlagenen Kr&auml;mpe des federumwallten
-Hutes hervorquellen, &uuml;bers&auml;t von Schneesternchen, welche
-zu schmelzen beginnen und in blinkenden Tropfen &uuml;ber
-der Stirn zittern, wie bei einer Nixe, welche der Flut
-entsteigt!</p>
-
-<p>Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporgl&auml;nzen
-in langem, forschendem Blick, Augen, so hell, so
-gro&szlig;, so flimmernd in einer undefinierbaren Farbe, als
-habe sich blau-gr&uuml;nes Seewasser unter den dunklen Wimpern
-zum Stern geformt!</p>
-
-<p>Ja, so m&uuml;ssen wahrlich die Nixen aussehen, welche
-die wei&szlig;en Arme nach den jungen Fischern heben, welche
-es ihnen antun mit dem wundersam schillernden Blick,
-da&szlig; sie sich ihnen nachst&uuml;rzen in die geheimnisvolle
-Tiefe, auf Leben und Sterben.</p>
-
-<p>Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder
-Einsamkeit aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau,
-die Sagen von den Nixen und Wasserfeien hatten schon
-seine Wiege umklungen und durch sein Leben fortget&ouml;nt
-in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut
-wie alles, was teilhatte an dem gro&szlig;en, wogenden Weltmeer,
-dem leuchtenden Ring, welcher seine Heimat umschlo&szlig;.</p>
-
-<p>Wenn er auf stiller, sonnenbegl&auml;nzter Flut in seinem
-Boot lag, dann stieg pl&ouml;tzlich ein reizendes M&auml;dchenhaupt
-aus dem Wasser, so, wie er es in poetischer Sch&ouml;nheit
-in seinen B&uuml;chern daheim geschaut, das trug den
-Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und
-Bernstein auf der wei&szlig;en Brust, &mdash; die Wassertropfen
-rieselten ihm funkelnd &uuml;ber die Stirn, und die Augen,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span>
-die gro&szlig;en, hellen, farblosen Augen, die schimmerten
-wie durchsichtiger Kristall! &mdash;</p>
-
-<p>So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche
-er soeben schaut!</p>
-
-<p>Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn,
-den erst so kraftvoll Unerschrockenen, wieder linkisch und
-befangen.</p>
-
-<p>Er rei&szlig;t abermals den eleganten, spiegelblanken Filz
-von dem lockigen Haar und stottert ein paar unverst&auml;ndliche
-Worte, &mdash; aber sein Blick h&auml;ngt wie gebannt
-an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem staunenden
-Entz&uuml;cken, da&szlig; die junge Dame sich l&auml;chelnd abwendet
-und neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen
-Decken wieder auf die F&uuml;&szlig;e gebracht sind.</p>
-
-<p>Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee
-von seinem Mantel und untersucht das Geschirr.</p>
-
-<p>&raquo;Na, das hat man alles noch gut gegangen, gn&auml;diges
-Fr&auml;ulein! Nicht mal ein Strang oder Riemen ist gerissen,
-und die Pferde sind auch mit dem Schreck davongekommen!
-Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist
-doch noch eine ganze Strecke bis nach Haus!&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es
-erst an dem erstaunten Blick eines Dienstmannes, da&szlig;
-er den Hut noch immer in der Hand h&auml;lt.</p>
-
-<p>Hastig setzt er ihn auf, &mdash; seltsam, da&szlig; er das ganz
-vergessen hatte, da&szlig; er in dem eisigen Wind nicht fror! &mdash;</p>
-
-<p>Sein Blick h&auml;ngt noch immer wie gebannt an der
-schlanken, schmiegsamen Gestalt der jungen Dame, welche
-den gelbflockigen Pelz wieder um die Schultern wirft.
-Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht.
-&mdash; Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen,
-und abermals tritt der junge Graf herzu,
-ihr beinahe sch&uuml;chtern die Hand zu bieten, um ihr behilflich
-zu sein.</p>
-
-<p>Wieder trifft ihn ihr Blick, &mdash; sie l&auml;chelt.</p>
-
-<p>Aus H&ouml;flichkeit, gleichsam, um f&uuml;r seine Hilfe dankend
-zu quittieren, legt sie f&uuml;r eine Sekunde die zierliche Hand<span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span>
-in die seine und schwingt sich voll sicherer Grazie in
-den Schlitten.</p>
-
-<p>Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren,
-er sieht sie an wie ein Kind, welches voll ehrlicher
-Unschuld sagt: &raquo;Wie bist du so sch&ouml;n! wie gef&auml;llst du
-mir so gut!&laquo;</p>
-
-<p>Und die junge Dame, welche so viel Welt- und
-Menschenkenntnis besitzt, liest das auch sehr klar und
-deutlich von seinem h&uuml;bschen Gesicht. Sie sieht ein
-wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne
-Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven
-Wesen des blonden Riesen pa&szlig;t, sie l&auml;chelt abermals
-freundlich und anmutig, neigt das K&ouml;pfchen dankend
-und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit
-einen kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche
-in den Schnee gefallen, in den Schlitten zur&uuml;cklegt. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe kein Geld bei mir, &mdash; kommen Sie und
-holen Sie sich nachher bei Papa ein Trinkgeld!&laquo; sagt
-sie freundlich.</p>
-
-<p>&raquo;O bitte, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, &mdash; hat nichts auf sich!
-Ist man gut, da&szlig; alles so abgegangen ist!&laquo;</p>
-
-<p>Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die
-Pferde b&auml;umen ein wenig aufgeregt, ziehen an und sausen
-mit dem Schlitten davon.</p>
-
-<p>Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch
-einen Augenblick und schauen dem schellenklingenden
-Spuk nach, dann zerstreuen sie sich schnell &mdash; und auch
-der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter.</p>
-
-<p>Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet
-wie verkl&auml;rt.</p>
-
-<p>Er m&ouml;chte die Augen schlie&szlig;en, um nur noch ihr
-L&auml;cheln zu sehen!</p>
-
-<p>Er hat keinen andern Gedanken f&uuml;rerst wie nur das
-L&auml;cheln &mdash; diesen sanften, weichen Druck ihrer kleinen
-Hand.</p>
-
-<p>Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft,
-den ihre Gestalt ausstr&ouml;mte, als er sie im Arm
-hielt, zu ihm auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span></p>
-
-<p>Veilchen! Veilchen im Winter!</p>
-
-<p>Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht
-war es auch nur solch ein herrliches, duftendes
-Wasser, welches Anton ihm auf den Toilettentisch gestellt.</p>
-
-<p>Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten
-Parf&uuml;ms, diese waren unerlaubter Luxus in der B&auml;renh&ouml;hle
-gewesen, seit Gr&auml;fin Gundula jeden Heller sparte,
-um Goldst&uuml;cke zu erwerben.</p>
-
-<p>Anf&auml;nglich hatte Guntram Krafft &raquo;das Zeug&laquo; ver&auml;chtlich
-zur&uuml;ckgewiesen.</p>
-
-<p>Es deuchte ihm zu weichlich f&uuml;r einen Mann, wenn
-er sich mit dem Duft einer Blume schm&uuml;cken wollte; &mdash;
-aber f&uuml;r eine Dame ... ja, das ist etwas anderes!</p>
-
-<p>Wie hatte er es an seiner Tante, &mdash; an seiner Bonne
-geliebt, wenn sie im Fr&uuml;hling Veilchen und im Sommer
-eine Rose an der Brust trugen! Seine Mutter stellte
-die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine
-Farbe an ihrer d&uuml;steren Witwentracht, aber selbst in
-dem stillen, freudlosen Gemach der Gr&auml;fin hatte ihn der
-Blumenduft angeheimelt und erfreut.</p>
-
-<p>Und nun zog es wie eine s&uuml;&szlig;e, zauberhaft s&uuml;&szlig;e Woge
-um das reizendste junge Weib, welches er je mit Augen
-geschaut, um eine menschgewordene Melusine, welche ihm
-aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit er
-nicht allein sei in der gro&szlig;en, unverstandenen Welt. &mdash;</p>
-
-<p>Erst viel sp&auml;ter kam ihm der Gedanke: &raquo;Wer mag sie
-gewesen sein?&laquo;</p>
-
-<p>Der Dienstmann schien sie zu kennen, es war t&ouml;richt,
-da&szlig; er ihn nicht nachtr&auml;glich um den Namen der Unbekannten
-befragt hatte! Er ist noch gar zu ungewandt
-in solchen Sachen, und er w&uuml;rde gewi&szlig; sehr verlegen
-geworden sein, sich als derart neugierig zu zeigen.</p>
-
-<p>Ob er sie wohl einmal wiedersieht?</p>
-
-<p>Gewi&szlig;! &mdash;</p>
-
-<p>Warum h&auml;tte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die
-Residenz ist ja nicht allzu gro&szlig;, man begegnet sich wohl
-auf den Hofb&auml;llen, bei Gesellschaften oder in dem Theater,
-welches der Graf gestern besuchte, ohne da&szlig; die Oper<span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span>
-einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird
-aber doch noch einmal hingehen, in der Hoffnung, seine
-reizende Nixe wiederzusehen.</p>
-
-<p>Sie war sein einziger Gedanke w&auml;hrend des ganzen
-Tages, und sie folgte ihm auch bis in den Traum hinein.</p>
-
-<p>Daheim tr&auml;umte der B&auml;r von Hohen-Esp fast nie.</p>
-
-<p>Die schwere k&ouml;rperliche Arbeit, die kr&auml;ftige Seeluft
-schaffen eine gesunde M&uuml;digkeit, einen tiefen, traumlosen
-Schlaf.</p>
-
-<p>Hier k&auml;mpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier
-schafft er nicht voll eisernen Flei&szlig;es in Wald und
-Feld, &mdash; hier schaut er nur wirre, bunte, fl&uuml;chtige Bilder,
-hier f&uuml;hrt er nur in tr&auml;gem Nichtstun ein Schlaraffenleben,
-hier blickt er nur &mdash; wie der verzauberte Fischer
-im M&auml;rchen &mdash; in wasserklare, flimmernde R&auml;tsel.</p>
-
-<p>Und als er schl&auml;ft, rauschen die wei&szlig;schaumigen Wogen
-um ihn her, und sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien,
-steigt empor aus der Tiefe und sch&uuml;ttelt l&auml;chelnd
-die blinkenden Tropfen von der Stirn.</p>
-
-<p>Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm,
-und als er regungslos, wie verzaubert steht und sie anstarrt,
-da greift sie in das Wasser und hebt eine k&ouml;stliche
-Perlenschnur, die gl&auml;nzt wie der wei&szlig;e Wellenschaum, und
-ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die gr&uuml;nschillernde
-See, auf welche man auch hinabblickt, ohne
-den Grund zu schauen. Sein Herz erzittert in hei&szlig;em,
-sehnendem Verlangen, &mdash; er neigt sich voll Leidenschaft
-und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken
-in den grundlosen Nixenaugen. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;T&ouml;v min S&ouml;hn&laquo;, h&ouml;rt er pl&ouml;tzlich eine rauhe Stimme
-hinter sich, &mdash; eine schwielige Hand packt seinen Arm
-und rei&szlig;t ihn zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>&raquo;Dat lat man sin, min Jong,&laquo; sagt der alte Krischan
-Klaaden, &raquo;Perlens bed&uuml;ten all Tr&auml;nen!&laquo;</p>
-
-<p>Da erwacht Guntram Krafft, rei&szlig;t halb zornig, halb
-erschrocken die Augen auf und starrt in das fremde
-Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein halbes Fr&uuml;hd&auml;mmern
-bricht, und er atmet tief auf und denkt: &raquo;Wie seltsam!<span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span>
-Ich habe getr&auml;umt, wie ich es ehemals als Kind
-getan! Das kommt von dem m&uuml;&szlig;igen Leben und dem
-n&auml;rrischen Zeug, welches man hier zu sehen bekommt!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Es schl&auml;gt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp
-den jungen Gebieter noch nie in den Federn angetroffen,
-&mdash; warum soll er aber schon hier aufstehen? &mdash;</p>
-
-<p>Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu
-tun hat.</p>
-
-<p>Der Graf verschlingt die H&auml;nde unter dem Haupt und
-schlie&szlig;t die Augen, &mdash; er will weitertr&auml;umen von der
-wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn mit dem L&auml;cheln
-und den Augen der fremden Dame angeschaut.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr
-denn sonst spazieren.</p>
-
-<p>Es ist rauhe Schneeluft, und die verw&ouml;hnten Leute
-der Residenz sitzen hinter dem Ofen und ahnen gar
-nicht, wie anders der Nord-Nordost &uuml;ber die See heult,
-wie er seine Eisk&ouml;rner gegen die Burgfenster von Hohen-Esp
-jagt und dem jungen B&auml;ren zuruft: &raquo;Komm heraus
-aus deiner H&ouml;hle und wage ein lustig T&auml;nzlein mit mir!&laquo;</p>
-
-<p>In dicke Pelze geh&uuml;llt, schreiten hier in den gesch&uuml;tzten
-Stra&szlig;en die Herren so eilig aus, als f&uuml;rchteten
-sie, in Eiszapfen verwandelt zu werden, und Damen
-sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park,
-wo der Graf w&auml;hrend l&auml;ngerer Zeit Schlittschuh gelaufen,
-zeigte sich kaum eine der grazi&ouml;sen Gestalten in
-flottem Eiskost&uuml;m.</p>
-
-<p>Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er
-wandert ruhelos einher und sucht jemand, ohne es sich
-selber einzugestehen, und wenn ein Schlitten klingelt,
-so bleibt er unwillk&uuml;rlich stehen und sch&auml;rft den Blick.</p>
-
-<p>Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren,
-und Anton versichert, da&szlig; durch die alsdann erfolgenden
-Einladungen reiche Abwechslung in dieses langweilige
-Leben kommen werde.</p>
-
-<p>Bisher hat sich der B&auml;r von Hohen-Esp vor diesen
-Einladungen gegrault, wie vor einer schweren unangenehmen
-Pflicht, welche er erf&uuml;llen mu&szlig;, weil sie von<span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span>
-ihm gefordert wird; jetzt pl&ouml;tzlich denkt er mit mehr Interesse
-daran, ja, er sieht in ihnen die einzige M&ouml;glichkeit,
-jener entz&uuml;ckenden Fremden noch einmal begegnen
-zu k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>An der Stra&szlig;enecke h&auml;ngt in dem vergitterten Kasten
-der Theaterzettel aus.</p>
-
-<p>Zwar hat sich der Graf nach &raquo;Aïda&laquo; vorgenommen,
-nicht wieder dieser f&uuml;r ihn so unverst&auml;ndlichen Kunst
-zu huldigen, jetzt aber bleibt er pl&ouml;tzlich stehen und
-blickt nach dem wei&szlig;en Papier hin&uuml;ber.</p>
-
-<p>&raquo;Der fliegende Holl&auml;nder!&laquo; liest er, und mit wenigen
-Schotten &uuml;berschreitet er den schneeverwehten Damm
-und studiert &uuml;berrascht das Personenverzeichnis.</p>
-
-<p>Der fliegende Holl&auml;nder!</p>
-
-<p>Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden
-drunten im Dorf in &raquo;der blauen Woge&laquo; mit
-den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner seiner
-Jugendgespielen oder ein Anverwandter der D&ouml;rfler
-nach langen Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem
-Pfeifchen und einem Glase Grog sein &raquo;Garn spann!&laquo;</p>
-
-<p>Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern
-erz&auml;hlt, von manch tollk&uuml;hner Fahrt durch Wetter und
-Sturm, wenn die Segel verloren und der Mast gebrochen
-war, &mdash; und die Erlebnisse der Jungen machten
-die Alten beredt, so da&szlig; sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern
-vom Klabautermann und dem &raquo;fliegenden Dutschman&laquo;
-berichteten!</p>
-
-<p>Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle
-Spuk, welcher schon sein Kinderherz h&ouml;her schlagen und
-seine Augen so oft in Nebel und jagendes Gew&ouml;lk sp&auml;hen
-lie&szlig; &mdash; hier auf der B&uuml;hne lebendig werden?</p>
-
-<p>Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten
-Wogenschwall wohl ein Schiff von Pappe und
-Leinewand schauen, und den bleichen Mann vom Tatenschiff
-bei elektrischem Licht an sich vor&uuml;berziehen sehen? &mdash;</p>
-
-<p>Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen
-blitzen.</p>
-
-<p>Nein, beim &raquo;fliegenden Holl&auml;nder&laquo; darf er nicht fehlen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span></p>
-
-<p>Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein f&uuml;r
-einen Mann, welcher so oft in Todesnot auf rollenden
-Seen die Segel gesetzt hat und hocherhobenen Hauptes
-auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen Anblick
-das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel!</p>
-
-<p>Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich
-nach seinem heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen
-gl&auml;nzen, und aus dessen k&uuml;hler Flut die Nixen steigen,
-ihn mit kristallenen Augen anzul&auml;cheln, so wie sie ...
-jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute
-und Bekannte hier in der Fremde deuchte!</p>
-
-<p>Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll
-weiter durch die menschenleeren Stra&szlig;en, nach dem Theater,
-um sich einen Platz zu sichern.</p>
-
-<p class="pmb3">Der Wind fegt den Schnee von den D&auml;chern, und ein
-rostiger Torfl&uuml;gel kreischt in den Angeln, das klingt wie
-M&ouml;wenschrei vom fernen Strand ... und Krischan Klaaden
-steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand auf
-seinen Arm.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="VIII">VIII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Schon geraume Zeit vor Beginn der Vorstellung hatte
-sich Graf Hohen-Esp in dem Theater eingefunden.</p>
-
-<p>Er war der erste Gast im Haus, fast allein in der Loge,
-und betrachtete voll nachdenklichen Interesses das Gem&auml;lde
-des Vorhangs, die geschmackvolle Pracht des Goldstucks
-ringsum. Als Anton ihm zum erstenmal ein Billett
-in die Fremdenloge besorgt hatte, war der so sparsam
-gew&ouml;hnte Einsiedler entsetzt &uuml;ber den hohen Preis und
-fragte: &raquo;ob denn nicht noch billigere Pl&auml;tze vorhanden
-seien?&laquo;</p>
-
-<p>Anton aber sch&uuml;ttelte ebenso respektvoll wie energisch
-den grauen Kopf und antwortete: &raquo;Nein, Herr Graf!
-Es ist Befehl der gn&auml;digsten Frau Gr&auml;fin daheim, da&szlig;
-Euer Gnaden hier in allen Dingen standesgem&auml;&szlig; auftreten.
-Wir haben es ja jetzt wieder dazu, an Geld ist
-kein Mangel mehr, seit die G&uuml;ter in dero Besitz sind,
-und wenn in der Burg so sparsam gewirtschaftet wird,
-so ist das um des Prinzips willen, &mdash; wenn es gilt, den
-Namen zu repr&auml;sentieren, soll es mit dem altgewohnten
-Glanz geschehen, &mdash; so haben es die Frau Gr&auml;fin-Mutter
-bestimmt.&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft war es seit Kindesbeinen gew&ouml;hnt,
-einen Befehl der Mutter blindlings zu erf&uuml;llen, und
-so sa&szlig; er auch jetzt wieder in der Loge, und wenn er
-diesen Platz auch noch viel zu prunkvoll f&uuml;r seine schlichten
-Anspr&uuml;che fand, so freute er sich doch, da&szlig; er ihm
-ein so unauff&auml;lliges Ausschauen nach allen Seiten gestattete.</p>
-
-<p>Sobald eine T&uuml;r klappte, richtete sich sein Blick wie
-in ungeduldigem Forschen den neu Eintretenden zu,
-und so viel anmutige junge M&auml;dchen und selbstbewu&szlig;te<span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span>
-sch&ouml;ne Frauen auch erschienen, Guntram Krafft sah jedesmal
-entt&auml;uscht aus. &mdash;</p>
-
-<p>Mehr und mehr Menschen dr&auml;ngten sich nach ihren
-Pl&auml;tzen, immer bunter, immer farbenpr&auml;chtiger ward das
-Bild ringsum, &mdash; auch die Loge f&uuml;llte sich mit G&auml;sten.</p>
-
-<p>Ein paar h&ouml;here Offiziere mit ihren Damen nahmen
-neben dem Grafen Platz, die Erscheinung des fremden
-Herrn mit schnellen Blicken musternd und alsdann hinter
-dem F&auml;cher in unauff&auml;lliger Weise nur das eine Wort
-fl&uuml;sternd: &raquo;Der Parzival!&laquo;</p>
-
-<p>Ein L&auml;cheln, Raunen, Fl&uuml;stern &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Ja, der moderne Parzival, welchen die besorgte Mutter
-so &auml;ngstlich geh&uuml;tet, welchen sie in tiefer Waldeinsamkeit
-erzog und nun doch hinaus in die geha&szlig;te Welt schicken
-mu&szlig;, weil das Herz des jungen Recken voll gl&uuml;hender,
-tatendurstiger Ungeduld nach Aventure verlangt.</p>
-
-<p>Die ganze Residenz wu&szlig;te es bereits, da&szlig; der Graf
-von Hohen-Esp im Hotel Quartier genommen und gekommen
-war, die Feste der Saison zu besuchen, um sich
-eine Burgherrin f&uuml;r die ferne B&auml;renh&ouml;hle zu erw&auml;hlen.</p>
-
-<p>Voll lebhaften Interesses sahen M&uuml;tter und T&ouml;chter
-der guten Partie entgegen, und manch neugierig forschender,
-oder z&auml;rtlich l&auml;chelnder Blick streifte den jungen
-Mann, wenn er seine Spazierg&auml;nge durch die Stra&szlig;en
-machte und sich so v&ouml;llig fremd und unbekannt in der
-Stadt w&auml;hnte.</p>
-
-<p>Auch jetzt waren fast alle Blicke auf den B&auml;ren von
-Hohen-Esp gerichtet, welcher ahnungslos &uuml;ber die Menge
-hinwegblickte und nur eine einzige unter allen suchte.</p>
-
-<p>Er bemerkte es auch nicht, wie eine junge Dame in
-der Nebenloge, welche sich lebhaft mit den Insassen seiner
-Loge begr&uuml;&szlig;t hatte, die Blicke immer wieder auf ihn
-heftete und sichtlich bem&uuml;ht war, seine Aufmerksamkeit
-zu erregen.</p>
-
-<p>Wie schwer aber war das bei einem derart naiven
-und harmlosen Menschen wie diesem modernen Parzival!</p>
-
-<p>Er h&ouml;rte mit halbem Ohr der Begr&uuml;&szlig;ung und Unterhaltung
-zu, vernahm, da&szlig; der eine der Offiziere sie<span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span>
-&raquo;gn&auml;digste Komtesse&laquo; &mdash; eine der Damen als &raquo;liebste
-Thea&laquo; anredeten, da&szlig; man &uuml;ber einen Ball bei dem
-Kammerherrn von Stach sprach und fragte, warum eigentlich
-Fr&auml;ulein von Sprendlingen nicht zugegen gewesen
-sei ...</p>
-
-<p>Dann aber setzte die Musik ein, und ihre wundervolle
-Eigenart interessierte den Grafen mehr, wie das verstummende
-Geplauder neben ihm.</p>
-
-<p>Soeben wollte sich seiner eine gewisse Mi&szlig;stimmung
-&uuml;ber die Entt&auml;uschung, welche er erfahren, bem&auml;chtigen,
-aber der eigenartige Seemannsruf, das so faszinierende:
-&raquo;Ho &mdash; Hoho johe!&laquo; &mdash; ri&szlig; ihn empor aus seinen
-Gedanken, atemlos hinabzulauschen, wo aus Fl&ouml;ten und
-Geigen schier spukhaft der ganze Zauber des Seemannslebens
-emporrauschte.</p>
-
-<p>Und als sich der Vorhang hob &mdash; da erhob sich ganz
-unwillk&uuml;rlich auch Guntram Krafft und schaute starren
-Blickes, tief aufatmend, voll unendlichen Staunens auf
-das m&auml;chtig wogende Meer, auf welchem das Schiff
-des fliegenden Holl&auml;nders heranfliegt!</p>
-
-<p>Und nun er selber, der verw&uuml;nschte, ruhelose Mann,
-just so, wie sein altes, verr&auml;uchertes Bild in der &raquo;blauen
-Woge&laquo; daheim h&auml;ngt, so bleich, wie Krischan Klaaden
-ihn deutlich gesehen hat, als er in wilder Sturmnacht
-am Kap Horn an ihnen vor&uuml;berraste!</p>
-
-<p>&raquo;Blutrot die Segel &mdash; schwarz der Mast! &mdash;&laquo; Und
-alle Segel vollgesetzt, so wie das bei einem Schiff aus
-Holz und Eisen unm&ouml;glich gewesen, kein Licht an Bord
-&mdash; keine Mannschaft auf Deck &mdash; kein Pfeifen und
-Schrillen um Rahen und Wanten &mdash; still und geisterhaft
-wie ein Schatten flog's vorbei, &mdash; Elmsfeuer blitzen,
-und nur auf dem Vorderschiff eine d&uuml;stere Gestalt mit
-schneewei&szlig;em Gesicht ... so ... just so, wie sie jetzt drunten
-auf der B&uuml;hne steht!</p>
-
-<p>Ho &mdash; hoho johe! &mdash;</p>
-
-<p>Ist dies wahrlich nur eine Kom&ouml;die?</p>
-
-<p>Ihm ist's, als wehe die kalte, scharfe Seeluft in
-die Loge empor, &mdash; ihm ist's, als woge das Meer vor<span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span>
-seinen Blicken ... ihm ist's, als stehe er selber am Strand
-und schaue aus nach jenem Schiff, von welchem die
-sehns&uuml;chtigen Kl&auml;nge &uuml;ber die Wasser ziehn ... &raquo;Blas
-lieber S&uuml;dwind!...&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft richtet sich h&ouml;her auf, wie wildes
-Heimweh &uuml;berkommt es ihn, voll sehns&uuml;chtigen Entz&uuml;ckens
-leuchten seine Augen! &mdash; Er m&ouml;chte die nervigen Arme
-recken und dehnen, m&ouml;chte aus rauher Seemannskehle
-den Fremden auf der B&uuml;hne zujauchzen: &raquo;Ho ho johe!
-ich hol' euch &uuml;ber!! &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>Vergessen hat er, wo er ist, er wei&szlig; es nicht, da&szlig;
-ein Lichtstrahl aus den Kulissen hervor just sein weit
-vorgeneigtes, begeistertes Antlitz trifft, er ahnt es nicht,
-wie sch&ouml;n ihn die Erregung macht, wie auff&auml;llig er sich
-in diesem Augenblick benimmt.</p>
-
-<p>Er wei&szlig; es auch nicht, da&szlig; zwei M&auml;dchenaugen in
-langem Schauen auf ihm haften, da&szlig; es in ihnen aufleuchtet
-wie geheime Leidenschaft und brennendes Interesse,
-&mdash; seine Nachbarin, Komtesse Thea, welche keinen
-Blick von ihm wendet.</p>
-
-<p>In die gegen&uuml;berliegende Loge sind leise zwei Damen
-getreten und haben unbemerkt Platz genommen.</p>
-
-<p>Die J&uuml;ngere ist es, die mit langem Blick den Grafen
-von Hohen-Esp mustert und ihrer Nachbarin zufl&uuml;stert:
-&raquo;Sieh, Mama, da dr&uuml;ben steht der fremde Herr, welcher
-mich gestern unter dem Schlitten hervorgeholt hat!&laquo;</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen, die noch immer auffallend
-sch&ouml;ne und elegante Frau des seit etlichen Jahren pensionierten
-Generals, hob die Lorgnette.</p>
-
-<p>&raquo;Ah! Das interessiert mich! Eine auffallend sch&ouml;ne
-und stattliche Erscheinung! Er scheint ja &uuml;beraus begeistert
-von der Auff&uuml;hrung &mdash; sogar von diesem ersten
-langweiligen Akt! &mdash; Sonst bekommen die Herren in
-der Regel erst Augen und Ohren, wenn die Senta erscheint!
-&mdash; Sieh nur diesen Ausdruck in dem Gesicht
-deines Retters! N&auml;chstens f&auml;llt er auf die B&uuml;hne herunter!
-Seine Augen <em class="gesperrt">leuchten</em> ja f&ouml;rmlich! Wer mag
-es sein, h&ouml;rtest du es nicht, Gabriele?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span></p>
-
-<p>Die junge Dame zuckte die Achseln. &raquo;Nie sollst du
-mich befragen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Je nun, man wird es erfahren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber nicht schick!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam,
-der blonde Riese scheint etwas derb in seinen Bewegungen &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen
-er gestern wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge
-err&ouml;tet mehr so intensiv wie er!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das ist kein Fehler!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber auch kein Vorzug!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;M&auml;nnertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht
-seltener!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Geschmackssache! Es ist leider eine unumst&ouml;&szlig;liche
-Tatsache, da&szlig; die am&uuml;santesten und nettsten Herren meist
-diejenigen sind, welche schon mit einem Fu&szlig;e in Amerika
-stehen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Am&uuml;sant m&ouml;gen sie sein, &mdash; aber nicht heiratsf&auml;hig!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was liegt daran?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden
-will!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele zuckte mit stolzem L&auml;cheln die sch&ouml;nen Schultern.
-&raquo;Als ob man nur heiratete, um versorgt zu sein
-und unter die Haube zu kommen! Arme M&auml;dchen sind
-wohl darauf angewiesen! &mdash; Gott sei Dank, da&szlig; ich
-in der Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ...
-einen recht am&uuml;santen Mann zu w&auml;hlen!&laquo;</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf
-und zupfte nerv&ouml;s an den echten Spitzen ihres Kleides.</p>
-
-<p>&raquo;Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verw&ouml;hnt
-ist und so ungeheure Anspr&uuml;che an das Leben stellt,
-mu&szlig;t eine sehr brillante Partie machen. Du machst dir
-total falsche Vorstellungen von unserm Verm&ouml;gen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O nein! Da&szlig; ich keine Million&auml;rin bin, wei&szlig; ich,<span class="pagenum"><a id="Page_110">[S. 110]</a></span>
-aber da&szlig; ich genug habe, um auch einen armen Mann
-heiraten zu k&ouml;nnen, davon bin ich &uuml;berzeugt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und wenn du dich irrst?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dann bleibe ich lieber frei und unabh&auml;ngig, ehe ich
-einen Mann freie, der mir nicht sympathisch ist!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ist dir jener Fremde dr&uuml;ben sympathisch?&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele lehnte das K&ouml;pfchen gelangweilt zur&uuml;ck. &raquo;Vorl&auml;ufig
-ist er mir unendlich gleichg&uuml;ltig! Zwar sieht der
-&rsaquo;blonde Riese&lsaquo;, wie du ihn zu nennen beliebst, aus, als
-k&ouml;nne und m&uuml;sse er ganz Hervorragendes leisten, und
-du wei&szlig;t, da&szlig; ich die Menschen nur nach Verdienst
-sch&auml;tze!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche
-sich nur f&uuml;r Helden begeistern kann! Schade, da&szlig; es
-deren heutzutage zu wenig gibt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es gibt deren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Etwa Herr von Heidler?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn einer &mdash; dann er!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Welche Illusionen!!&laquo; Frau von Sprendlingen lachte
-etwas nerv&ouml;s: &raquo;Ich h&ouml;rte bisher nur, da&szlig; er recht flott
-und leichtsinnig sei!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und da&szlig; er der beste, k&uuml;hnste und unerschrockenste
-Reiter, der t&uuml;chtigste Offizier im ganzen Regiment ist,
-h&ouml;rtest du noch nicht, Mama?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es
-noch nicht genug!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Also bist du es, die so hohe Anforderungen an
-das moderne Heldentum stellt!&laquo; Gabriele hielt den F&auml;cher
-ein wenig tiefer, und ihr Blick flog zu der ersten Reihe
-des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere der
-Garnison mit Vorliebe ihre Pl&auml;tze w&auml;hlten.</p>
-
-<p>&raquo;Mir gen&uuml;gt es vollkommen, wenn ein junger Mann
-seinen guten Willen beweist, sein Bestes f&uuml;r F&uuml;rst und
-Vaterland zu geben. Ich bin eine begeisterte Patriotin,
-ich taxiere den Mann nur nach dem, was er f&uuml;r Reich
-und Volk leistet, &mdash; das bestimmt seinen Wert!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber was leistet Heidler?&laquo; zuckte Frau von Sprendlingen
-ein wenig ironisch die Achseln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;F&uuml;rerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine
-Bravour auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt!
-Da&szlig; er eine vorz&uuml;gliche Karriere macht, es zu den h&ouml;chsten
-Ehren bringt, ist selbstredend. Sollte aber ein Krieg
-kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem Kaiser mit
-Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!&laquo;</p>
-
-<p>Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle
-Konduite, welche ihm der sch&ouml;ne Mund droben
-ausstellte, wandte Herr von Heidler, der elegante Dragoner,
-das Haupt und blickte mit einem mehr k&uuml;hnen und
-siegesgewissen, wie verbindlichen L&auml;cheln zu der Loge
-empor.</p>
-
-<p>Gabriele err&ouml;tete ein klein wenig und nickte ihm wie
-einem guten Bekannten zu, war es doch stadtbekannt,
-da&szlig; Herr von Heidler ihr eifriger Courmacher war,
-welcher schon w&auml;hrend der beiden letzten Winter die
-Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der
-Saison getragen. Der junge Dragoner war eine auffallende
-Erscheinung, nicht h&uuml;bsch und &mdash; wie viele behaupteten
-&mdash; auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden
-Fall recht interessant.</p>
-
-<p>Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit,
-mit einem sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht,
-glatt rasiert bis auf den englischen kleinen Bart an
-den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende, scharfe, lebhaft
-blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte
-Winkel ihm etwas Arrogantes gaben &mdash; das war Herr
-von Heidler.</p>
-
-<p>Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten,
-sondern lockte sich in zwei kleinen Tollen &uuml;ber der Stirn,
-und das Monokel schaukelte sich meist nur auf der Brust,
-ohne benutzt zu werden.</p>
-
-<p>Die Damen schw&auml;rmten f&uuml;r den au&szlig;erordentlich am&uuml;santen
-Sp&ouml;tter, welcher r&uuml;cksichtslos die Cour machte,
-seinen scharfen Witz auf Kosten anderer spielen lie&szlig;
-und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, &mdash;
-die kleinen Skandalgeschichten, welche man sich &uuml;ber<span class="pagenum"><a id="Page_112">[S. 112]</a></span>
-seinen Leichtsinn und sein Gl&uuml;ck bei den Frauen erz&auml;hlte,
-verliehen ihm seltsamerweise in den Augen der Gro&szlig;st&auml;dterinnen
-noch einen Reiz mehr!</p>
-
-<p>Die Herren urteilten weniger g&uuml;nstig &uuml;ber ihn, nannten
-ihn einen frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten
-h&ouml;chstens den au&szlig;erordentlichen Schneid und
-die beinahe brutale K&uuml;hnheit, mit welcher er sich auf
-der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht
-hatte.</p>
-
-<p>Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge
-war sehr leise gef&uuml;hrt worden, &mdash; sie waren ungeniert,
-da sie sich allein befanden, auch &uuml;bert&ouml;nte die Musik
-das Fl&uuml;stern hinter dem F&auml;cher.</p>
-
-<p>Mutter und Tochter kannten den fliegenden Holl&auml;nder
-zur Gen&uuml;ge, betrachteten die Oper nur als angenehme
-Zerstreuung und w&auml;ren heute abend &uuml;berhaupt nicht
-hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der Prinze&szlig;
-Amalie am Nachmittag vorgefahren w&auml;re, mit der Nachricht,
-da&szlig; Hoheit Fr&auml;ulein Gabriele heute abend gern
-in der Teepause im Opernhause sprechen m&ouml;chte, um
-direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten.
-Man wisse, da&szlig; Fr&auml;ulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin
-daselbst zu Gast gewesen und gestern zur&uuml;ckgekehrt
-sei.</p>
-
-<p>Der erste Akt war vor&uuml;ber, langsam sank der Vorhang
-nieder, und die Kl&auml;nge der Musik verhallten.</p>
-
-<p>Guntram Krafft stand noch so v&ouml;llig unter dem Eindruck
-des Geh&ouml;rten, da&szlig; er regungslos verharrte und zur
-B&uuml;hne hinabstarrte, als k&ouml;nne sein scharfes Auge die
-neidische H&uuml;lle durchdringen.</p>
-
-<p>Erst der tosende Beifall des Hauses lie&szlig; ihn betroffen
-aufschauen, und als er das Haupt wandte und sein
-Blick mechanisch die gegen&uuml;berliegende Loge streifte,
-zuckte er pl&ouml;tzlich zusammen, und auf sein erst so frei
-und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe
-scheuen Entz&uuml;ckens, mit welchem er schon einmal in die
-Augen seiner Unbekannten gestarrt!</p>
-
-<p>War es Spuk und Zauber?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[S. 113]</a></span></p>
-
-<p>Da gl&auml;nzten ihm pl&ouml;tzlich die klaren Nixenaugen wieder
-entgegen, da schimmerte das lockige Haar unverh&uuml;llt
-&uuml;ber der Stirn, und wei&szlig;e, flaumige Spitzen rieselten
-wie Wasserschaum um den schlanken Hals.</p>
-
-<p>Der Graf hatte das Empfinden, als m&uuml;sse er mit
-jubelnder Bewegung zu ihr hin&uuml;bergr&uuml;&szlig;en, aber er wagt
-es nicht, er sieht aus wie aus Stein gemei&szlig;elt, und nur
-sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entz&uuml;cken
-&uuml;ber dies unverhoffte Wiedersehen.</p>
-
-<p>Die &auml;ltere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert
-zu ihm her&uuml;ber, und um die Lippen seiner Meerfei
-spielt ein schnelles L&auml;cheln.</p>
-
-<p>Sie sieht ihn an, gro&szlig; und gelassen, und dann schaut
-sie an ihm vor&uuml;ber und nickt Komtesse Thea an seiner
-Seite zu, &mdash; die Offiziere in der Loge und deren Damen
-tauschen ebenfalls Gr&uuml;&szlig;e her&uuml;ber und hin&uuml;ber, und einer
-der Herren sagt laut und lebhaft: &raquo;Ah scharmant! Da
-ist ja Fr&auml;ulein von Sprendlingen wieder zur Stelle!
-Es ging auch wahrlich nicht l&auml;nger ohne sie, man ist
-so sehr an ihre reizende Erscheinung gew&ouml;hnt, da&szlig; der
-Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, Exzellenz! Sie war fahnenfl&uuml;chtig! Hat ihre
-Tante Gr&uuml;dner, die Hofmarschallin am Hofe zu X., anl&auml;&szlig;lich
-deren Silberhochzeit besucht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie kann noch nicht lange zur&uuml;ckgekehrt sein?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Seit gestern mittag, gn&auml;digste Frau! Hatte sogar noch
-ein Eisenbahnungl&uuml;ck hier in der Parkstra&szlig;e zu &uuml;berstehen &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Eisenbahnungl&uuml;ck? Parkstra&szlig;e? <em class="antiqua">bless me</em>! Sie sprechen
-in R&auml;tseln, bester Baron!!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Na, einigen wir uns auf ein Schlittenungl&uuml;ck, Exzellenz!
-Der &rsaquo;Schwan&lsaquo; kippte um, und Sch&ouml;n-Gabrielchen
-lag weich und warm ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Im Schnee?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O nein, an der Brust eines k&uuml;hnen Retters, glaube,
-der alte Dienstmann Saul st&uuml;rzte sich ihr nach auf Leben
-und Sterben!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[S. 114]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Pfui, wie unpoetisch! Gl&uuml;cklicherweise scheint alles
-sehr gut abgelaufen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Tadellos!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wer wei&szlig;, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen
-hat! Wenn der alte Saul sie im Arme hielt ...!!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ungef&auml;hrlich, Exzellenz! Da es noch fr&uuml;h am Tage
-war, hatten seine Augen noch nicht den unheilvollen
-denaturierten Spiritusglanz!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Welch ein Gl&uuml;ck!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Aha &mdash; der Kammerherr erscheint dr&uuml;ben an ihrer
-Seite ... sie erhebt sich ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das
-Teezimmer befohlen?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;<em class="antiqua">Allright</em>, &mdash; sie geht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie schade, &mdash; es war ein so sch&ouml;ner <em class="antiqua">point de vue</em> f&uuml;r
-uns!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ein Gl&uuml;ck f&uuml;r Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, da&szlig;
-die Kleine in festen H&auml;nden ist!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;H&ouml;rt, h&ouml;rt!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Festen H&auml;nden?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nun ja! Der alte Saul?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Leises, &uuml;berm&uuml;tiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp
-steht schwer atmend und l&auml;chelt nicht einmal.</p>
-
-<p>Er hat Wort f&uuml;r Wort von der Unterhaltung geh&ouml;rt,
-obwohl er keinen Blick von dem reizenden M&auml;dchenhaupt
-dr&uuml;ben gewandt.</p>
-
-<p>Fr&auml;ulein von Sprendlingen, &mdash; Gabriele hei&szlig;t sie!
-&mdash; Nun hat er ihre Spur gefunden, nun wei&szlig; er, da&szlig;
-er sie wiedersehen, ihr sicher in den Salons begegnen
-wird.</p>
-
-<p>Sein Herz schl&auml;gt aufgeregt in der Brust, das Blut
-brennt ihm in den Wangen.</p>
-
-<p>Gabriele!</p>
-
-<p>Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie
-die Nixen aus der Flut tauchen und den Seemann mit
-kristallenen Augen anl&auml;cheln, dann ist es um ihn geschehen. <span class="pagenum"><a id="Page_115">[S. 115]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt,
-dieser k&uuml;&szlig;t die schmale Hand der Mutter und
-bietet der Tochter galant den Arm, sie hinauszuf&uuml;hren.</p>
-
-<p>In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der
-Hof hat die gro&szlig;e Mittelloge, wie fast immer nach den
-Aktschl&uuml;ssen, verlassen. Der B&auml;r von Hohen-Esp setzt
-sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen
-tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um
-ihn her wieder laut und lebhaft wird, da sieht er direkt
-in das blasse, schmale Gesichtchen der Komtesse Thea,
-deren tiefumschattete dunkle Augen mit dem Ausdruck
-einer Madonna auf ihn gerichtet sind.</p>
-
-<p>Er erschrickt beinah und hat das Gef&uuml;hl, als m&uuml;&szlig;te
-er ein Kompliment vor ihr machen, doch entsinnt er sich
-noch rechtzeitig, da&szlig; er ihr noch gar nicht vorgestellt ist.</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste
-Freundin!&laquo; sagte die junge Dame just, &mdash; wie
-es ihm scheint, mit ganz besonderem Nachdruck, und bei
-Guntram Krafft wecken die Worte: &raquo;Ich habe Gabriele
-sehr lieb!&laquo; einen warmen Widerhall im Herzen.</p>
-
-<p>Interessierter wie zuvor blickte er die Sprecherin an. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Nun, dann mu&szlig; man sich also mit Ihnen recht gut
-stellen, Komtesse Sevarille, wenn man einen Verb&uuml;ndeten
-sucht, um das Herz der spr&ouml;den Freundin zu erobern?&laquo;</p>
-
-<p>Und abermals nickte die Genannte voll besonderen
-Nachdrucks und sagt, den Blick auf den Hohen-Esper gerichtet:
-&raquo;Das will ich meinen! Der Weg zu Gabrieles Herzen
-f&uuml;hrt hart an mir vor&uuml;ber! Wer zu ihr gelangen
-will, kann und darf mich nicht umgehen!&laquo;</p>
-
-<p>Sie scherzt anscheinend, und dennoch haben ihre Worte
-einen seltsam ernsten Klang in Guntram Kraffts Ohr.</p>
-
-<p>Er blickt sie in seiner naiven Weise an, als habe sie
-nur zu ihm gesprochen, &mdash; hocherfreut und dankbar zugleich.</p>
-
-<p>Die dunklen, sanften Augen haben etwas sehr Vertrauenerweckendes
-f&uuml;r ihn, es mu&szlig; herrlich sein, mit<span class="pagenum"><a id="Page_116">[S. 116]</a></span>
-diesem anscheinend sehr liebensw&uuml;rdigen und g&uuml;tigen
-M&auml;dchen &uuml;ber Gabriele zu sprechen.</p>
-
-<p>Sagte sie nicht selbst: &raquo;Ich habe meine Freundin sehr
-lieb?&laquo;</p>
-
-<p>Je nun, so mu&szlig; ihr doch das Gl&uuml;ck derselben ganz besonders
-am Herzen liegen!</p>
-
-<p>Die Musik intoniert von neuem, und unruhig schaut der
-Graf nach seinem reizenden Gegen&uuml;ber aus, &mdash; umsonst,
-der Platz an der Seite der Frau von Sprendlingen bleibt
-leer. Jetzt treten die hohen Herrschaften wieder ein,
-und hinter ihnen &mdash; richtig &mdash; da erscheint Gabriele
-und nimmt neben einer der Hofdamen Platz.</p>
-
-<p>Erst nach der n&auml;chsten Pause kehrt sie an die Seite
-der Mutter zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Mit strahlenden Augen begr&uuml;&szlig;t sie Guntram Krafft
-&mdash; doch seltsam ... sie, die ihm noch vorhin ein so anmutiges
-L&auml;cheln spendete, blickt jetzt pl&ouml;tzlich &uuml;ber ihn
-hinweg, als existiere er nicht mehr f&uuml;r sie.</p>
-
-<p>Die gro&szlig;en, hellen Nixenaugen blicken so kalt &mdash; so
-unheimlich kalt, und die feinen Lippen w&ouml;lben sich so
-stolz und hochm&uuml;tig, als habe sie der blonde Fremdling
-hier dr&uuml;ben nie und nimmer im Arm gehalten.</p>
-
-<p>Was mag ihr pl&ouml;tzlich in den Sinn gekommen sein?</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp ist so in Schauen und Sinnen
-versunken, da&szlig; er f&uuml;r nichts anders mehr Augen
-und Ohren hat, &mdash; er bemerkt es nicht, wie Komtesse
-Thea keinen Blick von ihm wendet und ihn scharf beobachtet,
-wie das sanfte Madonnengesicht pl&ouml;tzlich einen
-sehr scharfen, ironischen Ausdruck bekommt, wie es in
-den schw&auml;rmerischen Augen aufglimmt. Er sieht nur
-das k&uuml;hle, stolze Nixengesicht in der Loge dr&uuml;ben &mdash; und
-als die Senta auf der B&uuml;hne drunten mit weicher
-Stimme klagt: &raquo;Doch nie ein treues Weib er fand!&laquo; da
-geht es pl&ouml;tzlich wie ein Erschrecken durch das Herz des
-weltfremden Mannes.</p>
-
-<p>Ein treues Weib! &mdash;</p>
-
-<p>Wie oft hat er daheim im Ernst und Scherz aus den
-rauhen Seemannskehlen geh&ouml;rt:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[S. 117]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Da ist eine Nixe an's Ufer geschwommen,<br /></span>
-<span class="i0">Die hat sich ein Schiffer zum Liebchen genommen,<br /></span>
-<span class="i0">Ihr Aug' war wie Wasser, ihr Leib war wie Schnee,<br /></span>
-<span class="i0">Und falsch und treulos das Weib aus der See &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Hojohe! Hojohe!<br /></span>
-<span class="i0">Das treulose Weib aus der See!&laquo;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Sein Blick schweift wieder hin&uuml;ber wie in angstvollem
-Forschen, und ihm ist's, als ob sich im D&auml;mmerlicht des
-verdunkelten Hauses ihr schneewei&szlig;es Antlitz ihm zuwende.</p>
-
-<p>L&auml;chelt sie?</p>
-
-<p>Ja, sie l&auml;chelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche
-Hand liegt wieder mit sanftem Druck in der seinen, er
-atmet den s&uuml;&szlig;en Veilchenduft, welcher aus ihrem Haar
-emporweht.</p>
-
-<p>Wie erl&ouml;st von bangem Zweifel atmet er auf.</p>
-
-<p>Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur
-um der wundersamen, lichtklaren Augen willen? &mdash;</p>
-
-<p>Das war eine sonderbare Idee von ihm.</p>
-
-<p>Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch
-und Blut, und in ihrer Brust schl&auml;gt ein warmes, treues
-Herz, f&uuml;r den, welcher es zu eigen gewinnen wird!</p>
-
-<p>Warum ist er hier?</p>
-
-<p>Wie der fliegende Holl&auml;nder, der einsame, weltfremde
-und verlassene, kam auch er an Land, um ein Weib
-zu freien, &mdash; und so wie jener auf der B&uuml;hne drunten
-eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein zaubrisch
-Lieb sich heimholen. &mdash;</p>
-
-<p>Ho &mdash; hohojohe! &mdash;</p>
-
-<p>Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See
-und den tosenden Sturm!</p>
-
-<p>Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft,
-sein Herz wird weit und gro&szlig; in hei&szlig;em Sehnen nach dem
-Meer und all seinem herben Zauber!</p>
-
-<p>Soll er heimkehren zu ihm? &mdash;</p>
-
-<p>L&auml;chelnd schlie&szlig;t er die Augen.</p>
-
-<p class="pmb3">Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden
-h&auml;lt es ihn in der Fremde fest!</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[S. 118]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="IX">IX.</h2>
-</div>
-
-
-<p>W&auml;hrend Guntram Krafft mit sehns&uuml;chtigem Blick
-nach dem Logenplatz, welchen Gabriele am Arm des
-Kammerherrn verlassen, hin&uuml;berschaute, war Fr&auml;ulein
-von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter
-der gro&szlig;en Hofloge lag, eingetreten.</p>
-
-<p>Prinze&szlig; Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen.</p>
-
-<p>Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens
-wegen nur mit gro&szlig;er Anstrengung zu gehen
-vermochte und meist in ihrem kleinen, eleganten und
-leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem
-jungen M&auml;dchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu
-und fesselte sie sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele
-von den anwesenden F&uuml;rstlichkeiten durch ein paar huldvolle
-Worte der Begr&uuml;&szlig;ung ausgezeichnet war.</p>
-
-<p>Fr&auml;ulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse
-Tee in der Hand, neben der Prinzessin und erz&auml;hlte in
-ihrer frischen, anmutigen Art von den erlauchten Anverwandten
-der hohen Frau, welche sie w&auml;hrend ihres
-Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch
-vor wenigen Tagen gesehen und gesprochen hatte.</p>
-
-<p>Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden
-Hoheit, welche diesen Winter zum erstenmal
-tanzt und auf einem Kost&uuml;mfest im Ministerhotel als
-&raquo;Rautendelein&laquo; ganz besonders herzgewinnend aussah;
-von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits
-&uuml;ber den Kopf wachsen, sehr liebensw&uuml;rdig und
-begabt sind, auch auf k&uuml;nstlerischem Gebiet, namentlich
-in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von diesen
-und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit
-der Prinze&szlig; Amalie ihre Stellung innehatten und der<span class="pagenum"><a id="Page_119">[S. 119]</a></span>
-hohen Frau ein ganz besonders treues und verehrungsvolles
-Andenken bewahren.</p>
-
-<p>Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt
-ver&auml;ndert!</p>
-
-<p>Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Gl&uuml;ck
-ist zerschellt, manch Ungl&uuml;ck hat sich noch in letzter
-Stunde gewendet, &mdash; die Jungen wachsen heran, und
-&raquo;neues Leben bl&uuml;ht aus den Ruinen!&laquo;</p>
-
-<p>Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen
-Erinnerungen neu aufleben zu lassen. Gabriele bleibt
-auf Wunsch der Frau Prinzessin in der gro&szlig;en Loge.</p>
-
-<p>Und als sich die Herrschaften w&auml;hrend der n&auml;chsten
-Pause abermals zur&uuml;ckziehen, wendet sich der Herzog
-mit einer Ansprache an Fr&auml;ulein von Sprendlingen und
-verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung.</p>
-
-<p>Als er sich just voll liebensw&uuml;rdigen Interesses nach
-dem Unfall erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten
-gehabt, klingt das leise, beinahe &uuml;berm&uuml;tige Lachen des
-Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit einer der
-Hofdamen plaudert.</p>
-
-<p>&raquo;Ich glaube, Gr&auml;fin, wir alle sind gespannt, den &rsaquo;weisen
-Toren&lsaquo; kennenzulernen!&laquo; sagt er gerade mit vernehmlicher
-Stimme, &raquo;denn solch eine Bekanntschaft macht man
-nicht alle Tage, h&ouml;chstens in Bayreuth!&laquo;</p>
-
-<p>Der Herzog wendet den Kopf: &raquo;Von welchem &rsaquo;weisen
-Toren&lsaquo; sprichst du?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Von dem modernen Parzival!&laquo; lacht der Prinz, &raquo;welcher
-heute abend dem fliegenden Holl&auml;nder eine gewaltige
-Konkurrenz macht und das Publikum mehr interessiert
-wie der bleiche Kapit&auml;n auf der B&uuml;hne drunten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So, so! &mdash; Der Graf von Hohen-Esp! &mdash; Der d&uuml;rfte
-freilich die Attraktion der diesj&auml;hrigen Saison sein! &mdash;
-Und &rsaquo;Parzival&lsaquo; nennt Ihr ihn? &mdash; So &uuml;bel nicht, wenngleich
-der Hof des K&ouml;nigs Amfortas recht wenig &Auml;hnlichkeit
-mit dem unsern hat!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Parzival kam auch in Klingsors Zauberschlo&szlig; und
-sah dort Blumenm&auml;dchen, die beinahe so sch&ouml;n waren<span class="pagenum"><a id="Page_120">[S. 120]</a></span>
-wie unsere Balldamen!&laquo; neckte der Prinz mit einem
-Seitenblick auf Gabriele.</p>
-
-<p>&raquo;D&uuml;rfen wir ... oder m&uuml;ssen wir jetzt err&ouml;ten, Hoheit?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Beides, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein, es steht Ihnen
-eins so gut wie das andere!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;La&szlig;t sehen, ob es den modernen Parzival von Burg
-&rsaquo;Hohen-Esp&lsaquo; fesselt!&laquo; scherzte der Herzog und fuhr, direkt
-zu Fr&auml;ulein von Sprendlingen gewandt, fort: &raquo;Was
-sagen Sie dazu, Gn&auml;digste, da&szlig; die eifers&uuml;chtige Mutter
-Herzeleide, alias Gr&auml;fin Gundula, endlich den so lang
-versteckten Sohn freigibt?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich h&ouml;re es soeben mit Staunen, k&ouml;nigliche Hoheit,
-da&szlig; Graf Hohen-Esp hier in der Residenz anwesend ist!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sogar in n&auml;chster N&auml;he zu schauen! Bemerkten Sie
-noch nicht in der Loge, Ihnen gegen&uuml;ber, einen blonden
-Mann, welcher nicht im mindesten nach einem Hinterw&auml;ldler
-ausschaut?!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen
-an. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Jener Fremde ... <em class="gesperrt">jener</em> ist es, k&ouml;nigliche Hoheit?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gewi&szlig;! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung
-in dem Einsiedler aus der B&auml;renh&ouml;hle?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Findest du wirklich, Vater, da&szlig; er so v&ouml;llig von
-Europens Kultur beleckt ist?&laquo; lachte Prinz Karl Emil
-mit zwinkerndem Blick: &raquo;Der tadellos zugeschnittene Rock
-und die Krawatte <em class="antiqua">à la fin de siècle</em> machen es nicht
-allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des Goldschnitts,
-mit dem man ihn &rsaquo;neu eingebunden&lsaquo; hat, doch
-aus, wie ein etwas verstaubter Foliant, welchen man
-aus wurmstichigem Archiv holt!&laquo;</p>
-
-<p>Leises Gel&auml;chter, die Herzogin und einer der Fl&uuml;geladjutanten
-sind herzugetreten und beteiligen sich voll
-Interesse an dem Gespr&auml;ch, sie lachen ebenfalls &uuml;ber
-den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der Herzog
-zuckt etwas ungeduldig die Schultern.</p>
-
-<p>&raquo;Motiviere deine Ansicht!&laquo; sagt er kurz, &raquo;was mutet<span class="pagenum"><a id="Page_121">[S. 121]</a></span>
-dich &rsaquo;verstaubt&lsaquo; an der bl&uuml;henden, reckenhaften Gestalt
-des jungen Mannes an?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert!&laquo;
-f&auml;hrt der Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, &raquo;ich
-bin sogar &uuml;berzeugt, da&szlig; Parzival das modernste Parf&uuml;m
-ins Schnupftuch go&szlig;, welches jemals Blumenm&auml;dchen
-fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik
-macht &mdash; und die Art und Weise, <em class="gesperrt">wie</em> ein Mensch
-seine Kleider tr&auml;gt, ist ma&szlig;gebend f&uuml;r seine Pers&ouml;nlichkeit!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ganz recht, &mdash; <em class="gesperrt">wie</em> aber tr&auml;gt Graf Guntram Krafft
-seinen Rock?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie ein Mann, der sich h&ouml;chst fremd und h&ouml;chst
-unbehaglich in der neuen Fasson vorkommt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert,
-ungeschickt, &mdash; in Wahrheit &rsaquo;b&auml;renhaft&lsaquo;! Man sieht,
-da&szlig; der junge Einsiedler es gewohnt ist, mehr mit Keulen
-dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu hantieren!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Mich &uuml;berrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes!&laquo;
-schaltete die Herzogin ein, &raquo;fraglos ist der
-Graf ein sch&ouml;ner Mann! Seine Z&uuml;ge haben etwas Edles,
-ich m&ouml;chte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr Ausdruck
-nimmt ihnen vollst&auml;ndig diesen Charakter!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er ist von all dem Neuen befangen!...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben
-einen schier kindlichen Blick, so naiv wie er schaut kaum
-noch ein Backfischchen drein! &mdash; Was er denkt und f&uuml;hlt,
-spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete ich w&auml;hrend
-der Vorstellung. Wenn er bemerkt, da&szlig; sich aller
-Augen aus dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen
-wie ein sch&auml;miges J&uuml;ngferchen, &mdash; ich m&ouml;chte
-darauf wetten, da&szlig; er sogar err&ouml;tet!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Dies alles deucht mir kein Fehler!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gewi&szlig; nicht, &mdash; aber auch kein Vorzug f&uuml;r einen
-Mann!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen bedenken, wie gro&szlig; der Umschwung der<span class="pagenum"><a id="Page_122">[S. 122]</a></span>
-Verh&auml;ltnisse f&uuml;r den &Auml;rmsten ist! In tiefster Einsamkeit
-aufgewachsen, steht er urpl&ouml;tzlich in dem bunten hochflutenden
-Strom gro&szlig;st&auml;dtischen Lebens, &mdash; sonst gew&ouml;hnt,
-stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben,
-welche alles f&uuml;r ihn bedenkt und leitet ... ist er pl&ouml;tzlich
-ganz allein auf sich selbst angewiesen und mu&szlig; sich
-ohne Kompa&szlig; und Steuer durch die Flut v&ouml;llig fremder
-Verh&auml;ltnisse lavieren ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er steht daheim vollst&auml;ndig unter dem Einflu&szlig; der
-Mutter?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich! Er wird der Gr&auml;fin jetzt wohl
-mit Aus&uuml;bung aller praktischen Arbeit zur Hand gehen,
-aber sicherlich Frau Herzeleide ebenso als &rsaquo;hohe Obrigkeit&lsaquo;
-ansehen, wie Parzival der &Auml;ltere, ehe ihn sein Tatendrang
-hinaus in die Welt f&uuml;hrte!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Die Verh&auml;ltnisse sollen ja geradezu gl&auml;nzende geworden
-sein! Man sagt, die Gr&auml;fin habe sich vollkommen
-arrangiert und das verlorene Verm&ouml;gen sozusagen
-zur&uuml;ckgewonnen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche
-jedermann die h&ouml;chste Achtung abn&ouml;tigt! Was diese
-B&auml;rin f&uuml;r ihr Junges getan, macht ihr so leicht kein
-Mann nach!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie mu&szlig; eine geradezu geniale Landwirtin, eine
-geborene Agrarierin sein! Allerdings hat sie auch viel
-Gl&uuml;ck bei der Sache gehabt! Schon der Umstand, da&szlig;
-der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht
-mehr viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein
-verdankt sie es doch, da&szlig; sie Walsleben so &rsaquo;portionsweise&lsaquo;
-zur&uuml;ckkaufen kann!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;N&auml;chstens geht das Gut wohl wieder v&ouml;llig in ihren
-Besitz &uuml;ber! Der alte Inspektor hat mal k&uuml;rzlich unserem
-Dom&auml;nenrat erz&auml;hlt, die Gr&auml;fin h&auml;tte es schon vor zwei
-Jahren kaufen k&ouml;nnen, die Barsumme l&auml;ge bereit; aber
-sie ist so sehr vorsichtig, da&szlig; sie sich nie v&ouml;llig verausgabt,
-sondern stets mit allen m&ouml;glichen Eventualit&auml;ten
-rechnet, Mi&szlig;ernten usw., wo es gilt, die L&ouml;cher mit
-Kapital stopfen!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Sehr klug und vern&uuml;nftig gedacht! &mdash; Ich bin sehr
-gespannt, den Sohn kennenzulernen, ob er von den
-gro&szlig;en Anlagen der Mutter geerbt hat!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Vorl&auml;ufig machen Mutter und Sohn ja zusammen
-noch eine &rsaquo;Zehne&lsaquo; aus!&laquo; zuckte Prinz Karl Emil voll
-Humor die Achseln.</p>
-
-<p>&raquo;Was hei&szlig;t das?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nun &mdash; sie ist die eins &mdash; und er ... die Null!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Abermals ein leises Gel&auml;chter, nur der Herzog klappte
-mit verr&auml;terischem Zucken um die Lippen den Sohn
-mit dem Handschuh gegen den Arm und schalt: &raquo;Unverbesserlicher
-Sp&ouml;tter! Bei dir und deiner beklagenswerten
-Mama ist es freilich umgekehrt!&laquo;</p>
-
-<p>In den Korridoren ert&ouml;nte das Klingelzeichen, die
-hohen Herrschaften traten nach sehr huldvoller Verabschiedung
-in die Loge zur&uuml;ck, und Gabriele eilte, die Begleitung
-des Kammerherrn dankend ablehnend, zu Frau
-von Sprendlingen zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug
-aufgeregt in der Brust.</p>
-
-<p>Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und
-ein finsterer, beinahe ver&auml;chtlicher Blick streifte den
-Grafen von Hohen-Esp, welcher sich mit aufleuchtenden
-Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von seinem Entz&uuml;cken
-machte, sie wiederzusehen. Also das Mutters&ouml;hnchen
-aus der B&auml;renh&ouml;hle war der mutige Retter, welcher
-mit so gewaltigen F&auml;usten ihren Schlitten ausgerichtet
-hatte, da&szlig; der Kutscher gar nicht genug davon schw&auml;rmen
-konnte, war der h&ouml;fliche Mann, welcher sie emporgehoben
-und mit solch unverhohlener Bewunderung in
-ihr Antlitz geblickt hatte, da&szlig; sie l&auml;cheln mu&szlig;te!</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen
-einer kaum beachtenswerten Verletzung am Fu&szlig; nicht
-Soldat ward, welcher sich feige und schlapp hinter der
-Mutter Sch&uuml;rze verkroch, anstatt voll k&uuml;hnen Wagemuts
-hinaus in die Welt zu st&uuml;rmen, um Gut und Blut
-zu Kaisers Ehren zu wagen!</p>
-
-<p>Und den nennen sie einen Parzival? Sie m&ouml;chte schallend<span class="pagenum"><a id="Page_124">[S. 124]</a></span>
-auflachen, und bei&szlig;t doch wie unter physischem
-Schmerz die Z&auml;hne zusammen.</p>
-
-<p>Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster
-Einsamkeit, welches die Mutter geg&auml;ngelt hatte,
-solange sein Arm noch schwach und sein Schwert noch
-kurz war, &mdash; als aber dem jungen L&ouml;wen das Haus zu
-eng ward, als er die k&ouml;nigliche Kraft in Herz und
-Faust versp&uuml;rte, da ri&szlig; er sich los von dem unw&uuml;rdigen
-G&auml;ngelband, von Weiberrock und Sch&uuml;rze, sattelte hochgemut
-sein Ro&szlig; und zog aus, in seines K&ouml;nigs Landen
-Frau Aventure die Fehde anzusagen!</p>
-
-<p>Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen
-markiger Hand der Speer, der heilige, leuchtete; was
-aber ist Graf Guntram Krafft? Wahrlich ein B&auml;r, welcher
-kampfmutig hervorbricht aus der H&ouml;hle, Sieg und Beute
-zu suchen? &mdash;</p>
-
-<p>Nein, wahrlich nicht!</p>
-
-<p>Er sitzt hinter dem Ofen und l&auml;&szlig;t Weiberh&auml;nde f&uuml;r
-sich arbeiten, er erntet nur die Saat, welche die flei&szlig;ige
-Mutter f&uuml;r ihn ausgestreut.</p>
-
-<p>Und was tut er f&uuml;r Kaiser und Reich?</p>
-
-<p>Nichts!</p>
-
-<p>F&uuml;r wen setzt er seine B&auml;renkr&auml;fte ein?</p>
-
-<p>Nur f&uuml;r sich selbst!</p>
-
-<p>Sagt er es sich nicht selbst, da&szlig; er als Mann, &mdash; als
-Edelmann heilige Pflichten zu erf&uuml;llen hat?</p>
-
-<p>Nein!</p>
-
-<p>In behaglicher Ruhe genie&szlig;t er sein inhaltloses Leben,
-l&auml;&szlig;t das Schwert an der Wand rosten und stellt das
-Schild der Ahnen in die Rumpelkammer!</p>
-
-<p>Was will er hier?</p>
-
-<p>Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben
-mit ihm teilt?</p>
-
-<p>Ein ver&auml;chtliches Zucken um Gabrieles Lippen.</p>
-
-<p>Auch eine solche wird sich wohl f&uuml;r ihn finden; es gibt
-M&auml;dchen, welche wenig, sehr wenig von einem Mann
-verlangen, lediglich einen Trauring.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<p>Geh&ouml;rt Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen
-Seelen?</p>
-
-<p>Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust gl&uuml;ht ein
-Feuer heiliger Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung,
-vor dessen Flammenschein selbst die reckenhafte B&auml;rengestalt
-des reichen Grafen von Hohen-Esp wie ein Schatten
-kl&auml;glich zusammenschrumpft!</p>
-
-<p>Ja, kl&auml;glich!</p>
-
-<p>Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich
-neben dem Riesen Guntram Krafft, und doch deucht
-es ihr, als blicke sie tief auf ihn herab, so tief, da&szlig;
-er gar nicht mehr f&uuml;r sie existiert!</p>
-
-<p>Als die letzten Musikkl&auml;nge verrauscht sind und der
-tosende Beifall sich gelegt hat, erhebt sich das junge
-M&auml;dchen und schreitet hastig dem Ausgang zu; f&uuml;r den
-Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer z&ouml;gernd in
-der Loge steht und zu ihr hin&uuml;berschaut, hat sie keinen
-Blick mehr.</p>
-
-<p>In der gro&szlig;en Halle drunten stehen die jungen Offiziere
-und plaudern mit den Damen, welche hier das
-Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant von
-Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, k&uuml;&szlig;t
-Frau von Sprendlingen die Hand und erkundigt sich
-nach dem Befinden der Damen.</p>
-
-<p>Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begr&uuml;&szlig;t &mdash;
-da&szlig; seine Anwesenheit daselbst ein Zufall gewesen, hat
-er weder behauptet, noch hat es die junge Dame angenommen;
-auch jetzt blickt er ihr mit den k&uuml;hnen, siegesgewissen
-Augen, wie in selbstverst&auml;ndlicher Vertraulichkeit
-in das reizende Antlitz und versichert ihr, da&szlig; die
-Residenz schauderhaft &ouml;de ohne sie gewesen sei und da&szlig;
-es eine ganze Menge zu erz&auml;hlen g&auml;be! Gestern habe
-er mit etlichen Kameraden eine &mdash; <em class="antiqua">soit dit</em> Schnitzeljagd
-auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit
-der G&auml;ule auszuprobieren, die guten Resultate habe
-man selbstredend mit etwas Alkohol gefeiert, und zwar
-sei die Sitzung so ausgedehnt worden, da&szlig; er nicht
-mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten<span class="pagenum"><a id="Page_126">[S. 126]</a></span>
-Besuch in Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben
-jetzt noch nachholen und eine Tasse Tee bei den Damen
-trinken d&uuml;rfe?</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen,
-obwohl ihr L&auml;cheln ein wenig k&uuml;hler scheint, wie sonst;
-Gabriele aber err&ouml;tet unter dem zarten Spitzenschleier,
-welcher ihr K&ouml;pfchen verh&uuml;llt, und die Nixenaugen blitzen
-voll Interesse auf.</p>
-
-<p>&raquo;Einen &Uuml;bungsritt <em class="antiqua">à la</em> Heidler?&laquo; ruft sie lebhaft,
-&raquo;davon m&uuml;ssen Sie erz&auml;hlen! Wie geht es Ihrer &rsaquo;Gudrun&lsaquo;
-&mdash; hat sie das Glatteis mit bekannter Verve genommen?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;&rsaquo;Gudrun&lsaquo; hat brillant durchgehalten, aber Massenbach
-hat Pech mit seinem &rsaquo;Slusohr&lsaquo; gehabt, &mdash; nahm einen
-Graben ... gegen die Sonne ... war nat&uuml;rlich geblendet
-und sprang zu kurz ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O weh! Und &rsaquo;Slusohr&lsaquo;?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Kocht bereits im Wurstkessel!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;<em class="antiqua">Pour condoler!</em>&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es
-verspeisen m&uuml;ssen?!&laquo;</p>
-
-<p>Sie lachen und bemerken kaum die hohe M&auml;nnergestalt,
-welche dicht neben ihnen an einer S&auml;ule steht und keinen
-Blick von Gabriele verwendet. Nur Frau von Sprendlingen
-sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm
-ein ganz besonders freundliches Gesicht.</p>
-
-<p>Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der
-Baronin den Arm, und Gabriele folgt.</p>
-
-<p>Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, da&szlig;
-der lichtblaue, mit wei&szlig;em Tibet besetzte Samt ihres
-Theatermantels ihn streift.</p>
-
-<p>Die junge Dame bemerkte es nicht.</p>
-
-<p>Wieder weht der s&uuml;&szlig;e Veilchenduft zu ihm empor und
-benimmt ihm schier den Atem, &mdash; der Einsiedler aus
-der B&auml;renh&ouml;hle hat nur Augen und Sinn f&uuml;r die schlanke
-M&auml;dchengestalt neben ihm, &mdash; aber das stolze Antlitz
-wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu.</p>
-
-<p>Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den<span class="pagenum"><a id="Page_127">[S. 127]</a></span>
-Wagen hebt und dann selber einsteigt, &mdash; die Pferde
-ziehen an, und neue Wagen und Rosse dr&auml;ngen vor das
-Portal.</p>
-
-<p>Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte
-Winternacht hinaus.</p>
-
-<p>In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen
-Eindr&uuml;cken.</p>
-
-<p>Sein Herz schl&auml;gt hei&szlig; und ungest&uuml;m in seiner Brust;
-wie eine leidenschaftliche Gl&uuml;ckseligkeit, eine jauchzende
-Lebensfreude kommt es &uuml;ber ihn. Morgen wird er seine
-Besuche fahren, er wird all die vielen, heiteren, freundlich
-lachenden Menschen kennenlernen, &mdash; auch Gabriele
-von Sprendlingen, &mdash; und dann ist er ihr kein Fremder
-mehr, er darf sie gr&uuml;&szlig;en, darf mit ihr plaudern ...
-und sie wird ihn mit den s&uuml;&szlig;en, r&auml;tselhaften Augen ebenso
-anblicken, wie vorhin den Dragoner ...</p>
-
-<p>Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen
-Herzens zum Schlafe niedergelegt, wie an diesem Abend,
-&mdash; vor seinen Ohren rauschen die Wogen des Meeres,
-klingen die Zauberweisen des &raquo;Fliegenden Holl&auml;nders&laquo; &mdash;
-Sentas Antlitz tr&auml;gt Gabrieles Z&uuml;ge, und sie breitet
-die Arme nach ihm aus und singt leise wie ein Hauch:
-&raquo;Ach, wann wirst du, bleicher Seemann, sie finden?
-Betet zum Himmel, da&szlig; bald ein Weib &mdash; die Treue
-ihm h&auml;lt!&laquo; &mdash; Hohojohe! &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General
-von Sprendlingen bewohnte, lag in einer jener stillen
-Vorstadtstra&szlig;en, in welchen nur Equipagen und elegante
-Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter die pr&auml;chtig
-gepflegten G&auml;rten einhegen und wei&szlig;e Steinbilder
-aus Taxus und Lebensb&auml;umen ragen.</p>
-
-<p>&Uuml;ber den verschneiten Gartenweg eilte eine junge
-Dame in fu&szlig;freiem Tuchkost&uuml;m, welches die sehr kleinen
-Juchtenstiefelchen gen&uuml;gend sehen lie&szlig;, ein weiches Pelzk&auml;ppchen
-auf dem lose gepufften Haar, und die dicke
-lange Boa von r&ouml;tlich-hellem Pelz um den zierlichen
-Hals geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum<span class="pagenum"><a id="Page_128">[S. 128]</a></span>
-merklichem Gru&szlig; an dem Portier vor&uuml;ber, um die teppichbelegte
-Treppe emporzuhasten.</p>
-
-<p>Sie schien kein seltener Gast bei Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-zu sein, denn der Diener &ouml;ffnete sogleich wie
-ganz selbstverst&auml;ndlich die wei&szlig;lackierten Fl&uuml;gelt&uuml;ren und
-sagte mit kurzer Verbeugung: &raquo;Darf ich bitten, in das
-Musikzimmer, Komtesse, &mdash; das gn&auml;dige Fr&auml;ulein spielen
-soeben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hm!&laquo; sagte Gr&auml;fin Thea von Sevarille, den Gru&szlig;
-ebenso unh&ouml;flich erwidernd wie zuvor denjenigen des
-Portiers, staubte die letzten Schneesternchen von dem
-Muff und schritt durch eine Flucht beinahe &uuml;bereleganter
-Salons nach dem kleinen, turm&auml;hnlichen Anbau, in welchem
-Gabriele ihren Fl&uuml;gel aufgestellt hatte.</p>
-
-<p>Fr&auml;ulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und
-erhob sich.</p>
-
-<p>&raquo;Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, da&szlig;
-du noch nicht hier warst! W&auml;hrend meiner Abwesenheit
-hat sich doch gewi&szlig; mancherlei hier ereignet, was
-wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm
-mit hin&uuml;ber, ich finde es heute kalt hier!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dein eisiges Herz k&uuml;hlt die Temperatur zu schnell
-ab!&laquo; lachte Thea und legte den Arm um die Schultern
-der Freundin. &raquo;Mir ist es recht, warm zu sitzen, ich
-bin bis zum Eiszapfen gefroren!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie
-ehemals schon als Backfische so oft beisammen gesessen;
-Komtesse Sevarille warf die Pelzjacke und Boa ab,
-zog den wei&szlig;en Schleier &uuml;ber das spitze, scharfmarkierte
-N&auml;schen empor und lie&szlig; sich wohlig vor dem Kamin
-in eins der hellseidenen Sesselchen sinken.</p>
-
-<p>&raquo;Neuigkeiten!&laquo; lachte sie; &raquo;wenn du gehst, Liebste,
-steht die Zeit bei uns still, &mdash; und sowie du wieder auf
-der Bildfl&auml;che erscheinst, h&auml;ufen sich die Ereignisse!
-Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;<em class="antiqua">En passant</em>, &mdash; es war nicht der Rede wert!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es gen&uuml;gte, um dich einem h&ouml;chst gef&auml;hrlichen Retter
-in die Arme zu f&uuml;hren!!&laquo; <span class="pagenum"><a id="Page_129">[S. 129]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem
-man im Theater gesprochen, und belachte ihren harmlosen
-Witz sehr vergn&uuml;glich; um so mehr &uuml;berraschte sie
-der pl&ouml;tzlich so ganz ver&auml;nderte Ausdruck in dem sch&ouml;nen
-Antlitz ihres Gegen&uuml;bers.</p>
-
-<p>&raquo;Ein gef&auml;hrlicher Retter?&laquo; spottete Gabriele, und ihre
-Augen wurden so gro&szlig; und durchsichtig, als wollten sie
-einen Blick bis in ihr tiefstes Herz gestatten. &raquo;Wenn
-mir alle Menschen so ungef&auml;hrlich w&auml;ren wie der B&auml;r
-von Hohen-Esp, so w&auml;re es gut um mich bestellt!&laquo;</p>
-
-<p>Schier atemlos starrte Thea sie an. &raquo;Der B&auml;r von
-Hohen-Esp?&laquo; wiederholte sie gedehnt.</p>
-
-<p>&raquo;Verlangst du, da&szlig; ich ihn voll ersterbenden Respekts
-Herr Graf nenne?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Der Hohen-Esper rettete dich?&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln.</p>
-
-<p>&raquo;Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter,
-und da mu&szlig; ich dir doch begreiflich machen, da&szlig; nichts
-an der ganzen Sache gef&auml;hrlich war, weder er noch
-der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde!
-Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!&laquo;</p>
-
-<p>Einen Augenblick starrte Gr&auml;fin Sevarille, noch aufs
-h&ouml;chste betroffen, in das lodernde Kaminfeuer, dann
-fa&szlig;te sie sich schnell und nickte sehr lebhaft: &raquo;Du sollst
-mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen
-einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also
-bereits kennen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt,
-der zuspringt, wenn einem der Schirm hinf&auml;llt!&laquo;</p>
-
-<p>Thea lachte ged&auml;mpft. &raquo;So stellte er sich nicht vor?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Nein! Ich glaube nicht, da&szlig; der Einsiedler aus dem
-Hinterwald schon Knigges Umgang mit Menschen studiert
-hat!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Vorz&uuml;glich! Du bist fabelhaft am&uuml;sant, Gabriele!
-Und sehr gut warst du nie auf diesen B&auml;r zu sprechen!
-Wei&szlig;t du noch, wie du damals &mdash; hier an derselben
-Stelle &mdash; einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und<span class="pagenum"><a id="Page_130">[S. 130]</a></span>
-ruhmlosen Grafen nie zu erh&ouml;ren, und wenn er zehnmal
-dir zu F&uuml;&szlig;en liegen sollte?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, diesen Schwur verga&szlig; ich nicht und gedenke
-ihn auch unter allen Umst&auml;nden zu halten!&laquo; spottete
-Fr&auml;ulein von Sprendlingen mit demselben ver&auml;chtlichen
-Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das
-erste Kapitel zu einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!&laquo;</p>
-
-<p>Theas Augen schillerten, sie r&uuml;ckte eifrig n&auml;her und
-verschlang die H&auml;nde um das Knie.</p>
-
-<p>&raquo;Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt
-nicht die Ansichten wie die Handschuhe, &mdash; das w&auml;re
-erb&auml;rmlich! Es w&auml;re nur recht bedauerlich, wenn der
-arme Parzival sein Herz ernstlich an dich verl&ouml;re!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und
-Zylinder &rsaquo;Parzival&lsaquo;? Verzeih' die Offenheit, aber ich
-finde es als eine grobe Geschmacksverirrung!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Warum das? &mdash; Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp
-nicht genau mit dem von K&ouml;nig Gamurets Sohn &uuml;berein?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das ich nicht w&uuml;&szlig;te!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret
-fiel im Kampf, hinterlie&szlig; seine Gemahlin Herzeleide,
-welche an allem Gl&uuml;ck ebenso verzweifelte, wie die Gr&auml;fin
-Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er ebensowenig
-heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich
-Karl seinen Erben in der B&auml;renburg! Und so steht es
-nun w&ouml;rtlich bei Gustav Schalk zu lesen: &rsaquo;O&lsaquo;, schluchzte
-Herzeleide und dr&uuml;ckte den sch&ouml;nen Knaben Parzival voll
-Z&auml;rtlichkeit an das Herz, &rsaquo;O, s&auml;hen dich, du liebes Kind,
-die Augen deines Vaters, wie w&uuml;rden sie so innig
-lachen ob deiner Sch&ouml;nheit! Wehe, wehe uns beiden,
-da&szlig; er dahinfahren mu&szlig;te! Dich aber will ich beh&uuml;ten
-vor solchen F&auml;hrlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter
-werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und
-sp&auml;ter als friedlicher Landmann den Acker bauen!&lsaquo;</p>
-
-<p>... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gr&auml;fin
-Gundula sprach gewi&szlig; ebenso, mit etlichen kleinen
- <span class="pagenum"><a id="Page_131">[S. 131]</a></span>
-Ver&auml;nderungen nur! &rsaquo;Wehe, da&szlig; er dahinfahren mu&szlig;te nach
-Monte Carlo! &mdash; Dich aber will ich vor solchen Versuchungen
-und F&auml;hrlichkeiten wahren, mein Guntram
-Krafft! Du sollst kein Leutnant werden, sondern fern
-in den W&auml;ldern von Hohen-Esp aufwachsen und als
-friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Vortrefflich! Du wei&szlig;t ja gro&szlig;artig Bescheid!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling,
-mein Ideal, meine Leidenschaft!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist
-auch aller m&uuml;tterlichen Schlappheit zum Trotz <em class="gesperrt">doch</em> ein
-Ritter geworden, hat Heldentaten getan und die Welt
-mit seines Namens Ruhm erf&uuml;llt, &mdash; dahingegen Graf
-Guntram Krafft? Was tat er?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter
-zu sehr, um ihr durch trotziges Scheiden das Herz zu
-brechen, wie der &rsaquo;ritterliche&lsaquo; Parzival es tat!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>&raquo;Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von
-Hohen-Esp nur kein Taschenmesser mitgegeben hat, da&szlig;
-er sich hier in die Finger schneidet!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen
-gegen M&auml;nner, welche sich nicht aus Patriotismus
-spie&szlig;en und h&auml;ngen lassen! Mag Graf Guntram
-Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen
-Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, &mdash;
-<em class="gesperrt">eins</em> mu&szlig;t du ihm dennoch zugestehen, da&szlig; er h&uuml;bsch
-ist! Bildh&uuml;bsch! Reichlich so sch&ouml;n wie jener Parzival,
-welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter Schminke
-und Lampenlicht alle Welt bezauberte!&laquo;</p>
-
-<p>Thea hatte mit beinahe schw&auml;rmerischer Ekstase gesprochen,
-sie pre&szlig;te die H&auml;nde gegen die Brust und
-schaute tr&auml;umerisch in das Schneetreiben hinaus, Gabriele
-aber lachte ein wenig erstaunt und sch&uuml;ttelte den
-Kopf.</p>
-
-<p>&raquo;Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu
-haben wie ich! F&uuml;rerst finde ich es nur schade, da&szlig;
-so m&auml;nnlich edle Z&uuml;ge einen solch weichlich naiven Ausdruck
- <span class="pagenum"><a id="Page_132">[S. 132]</a></span>
-tragen! Das kommt bei der Erziehung in Waldeinsamkeit
-heraus! Aber gleichviel, &mdash; er gef&auml;llt dir! Und
-das ist viel Gl&uuml;ck f&uuml;r den B&auml;renh&auml;uter ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht,
-und ich mag es nicht h&ouml;ren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen?
-So ganz <em class="antiqua">prima vista</em> dich erobern lassen?!&laquo;</p>
-
-<p>Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm
-um die Sprecherin und dr&uuml;ckte ihr Gesichtchen mit den
-nerv&ouml;s bebenden Lippen an die Schulter der Freundin.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich &uuml;ber einen
-neuauftauchenden Heiratskandidaten lustig machen!&laquo; sagte
-sie leise, sehr innig und sehr aufrichtig, &raquo;du Gl&uuml;ckliche
-hast dein Teil erw&auml;hlt, du wirst geliebt und liebst wieder!
-Wenn du es auch noch ableugnest, &mdash; wir wissen es doch,
-da&szlig; du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn
-man so reich ist wie du, kann man sich den Luxus gestatten,
-den L&ouml;wen der Saison an die Rosenkette zu legen
-&mdash; ich armes Wurm mu&szlig; bescheidener sein und Gott
-danken, wenn es nur ein B&auml;r ist, dessen Herz ich b&auml;ndige!
-&mdash; Und er gef&auml;llt mir schon jetzt so gut, dieser B&auml;r! &mdash;
-Gabriele! Du hast stets gesagt, da&szlig; du meine treue, aufrichtige
-Freundin bist, bet&auml;tige es! Hilf mir, da&szlig; ich auch
-so gl&uuml;cklich werden m&ouml;chte, wie du!&laquo; Ein seltsamer
-Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen
-Nixenaugen.</p>
-
-<p>Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: &raquo;Wie schnell
-hat sich schon eine gefunden, die dem Freier aus der
-B&auml;renh&ouml;hle mit offenen Armen entgegenl&auml;uft!&laquo; &mdash; &mdash;
-aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, k&auml;mpfte auch
-den Widerwillen, welcher sie &uuml;berkam, nieder, und antwortete
-so freundlich, wie es ihr m&ouml;glich war: &raquo;Wenn
-ich jemals etwas dazu tun kann, dir das Herz des
-Grafen zuzuwenden, so soll es gewi&szlig; geschehen, obwohl
-ich glaube und hoffe, da&szlig; er ohne fremdes Zutun solch
-einen guten Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler
-anbelangt&laquo; &mdash; &mdash; die Sprecherin ergl&uuml;hte bis auf den
-wei&szlig;en Hals hinab, &mdash; &raquo;so bist du gewaltig im Irrtum,
- <span class="pagenum"><a id="Page_133">[S. 133]</a></span>
-wenn du glaubst, da&szlig; ein einziges Wort zwischen uns
-gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches
-Interesse. Wir sind gute Kameraden, &mdash; weiter nichts.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden!
-&mdash; Apropos ... der Hohen-Esper f&auml;hrt heute Besuche.
-&mdash; War er schon hier, und habt Ihr ihn angenommen?&laquo;</p>
-
-<p>Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen
-Augen hervor und forschte in dem Antlitz des Fr&auml;ulein
-von Sprendlingen, Gabriele aber griff gelassen nach
-ein paar Karten, welche zwischen den B&uuml;chern des
-Nebentischchens lagen und reichte sie dar.</p>
-
-<p>&raquo;Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama
-die Karten her&uuml;ber, soviel ich wei&szlig;, hat sie den hohen
-Besuch empfangen, &mdash; ich selber lie&szlig; mich entschuldigen,
-ich sei noch bei der Toilette!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele!
-So etwas br&auml;chte keine andere fertig!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der
-Komtesse auf der Karte, sie war pl&ouml;tzlich sehr guter
-Laune, strahlend heiter und vergn&uuml;gt. &raquo;Guntram Krafft,
-&mdash; Graf B&auml;r von Hohen-Esp&laquo;, las sie mit viel Pathos.
-&raquo;Wie entz&uuml;ckend das klingt! Das mu&szlig;t du selbst eingestehen,
-Liebste!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Der kleinste Titel darunter w&uuml;rde mir mehr imponieren
-wie der ganze Namen!&laquo; klang es trocken zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>&raquo;Du bist unverbesserlich, aber himmlisch am&uuml;sant, ich
-bewundere dich! Doch nun <em class="antiqua">addio, cara mia</em>, ich mu&szlig; heim!&laquo;
-&mdash; und Thea schob die Visitenkarte in ihren Muff und
-griff hastig nach der Jacke.</p>
-
-<p>&raquo;Bleib' doch noch! es gibt gewi&szlig; noch mancherlei zu
-berichten?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Aber Komtesse Sevarille hatte es pl&ouml;tzlich sehr eilig.</p>
-
-<p>&raquo;War der Graf denn schon bei euch?&laquo; fragte Gabriele
-noch zum Abschied.</p>
-
-<p>Sie nickte fl&uuml;chtig. &raquo;Die Tournee f&auml;ngt ja meistens
-in unserer Stra&szlig;e an! &mdash; Empfiehl mich bitte deiner
-lieben Mutter ... und nochmals &mdash; <em class="antiqua">addio!</em>&laquo; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[S. 134]</a></span></p>
-
-<p>Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die
-Treppe hinab.</p>
-
-<p>Auf der Stra&szlig;e &uuml;berlegte sie einen Augenblick. Sie
-wu&szlig;te genau, nach welcher Liste die Visiten zumeist
-abgefahren wurden, ihrer Berechnung nach mu&szlig;te Graf
-Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberj&auml;germeisters
-gekommen sein. Hastig schritt sie aus.</p>
-
-<p>Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus
-wie selten zuvor.</p>
-
-<p>Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram
-Krafft sa&szlig;, in eine Nebenstra&szlig;e einbiegen.</p>
-
-<p class="pmb3">Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der
-Oberj&auml;germeisterin machen und noch einmal mit dem
-Grafen zusammentreffen, &mdash; &raquo;doppelt gen&auml;ht rei&szlig;t nicht!&laquo;
-sagt ein altes Sprichwort, und au&szlig;erdem m&ouml;chte sie es
-dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, da&szlig; sie heute
-nachmittag auf dem Eis zu treffen ist. Auch Gabriele
-wird sie nennen, &mdash; als Lockvogel. &mdash;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_135">[S. 135]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="X">X.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Der erste Hofball!</p>
-
-<p>Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme.</p>
-
-<p>Alter Tradition gem&auml;&szlig; mu&szlig; es an Hofballtagen besonders
-kalt sein, ein frisches, fr&ouml;hliches Schneegest&ouml;ber
-mu&szlig; die Luft erf&uuml;llen, und die Parkb&auml;ume und Bosketts
-rings um das herzogliche Schlo&szlig; herum haben die Verpflichtung,
-wei&szlig; bereift, wie ein glitzernder Zauberwald,
-das Auge zu erfreuen, denn niemals sieht der malerische
-Rokokobau sch&ouml;ner und m&auml;rchenhafter aus, als wie mit
-strahlend erleuchteten Fenstern inmitten der verschneiten
-Winterlandschaft.</p>
-
-<p>Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden
-Streifen &uuml;ber die wei&szlig;en Samtdecken der Rasenfl&auml;chen,
-werfen flimmernde Reflexe auf dem gefrorenen
-Teich und gl&uuml;hen wie starre Augen durch die immergr&uuml;nen
-Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten
-in den fleckenlosen Hermelin des Winters zeichnen. &mdash;</p>
-
-<p>Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt,
-wo ein m&auml;chtiges, eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit
-den inneren Schlo&szlig;hof abschlie&szlig;t. Da staut sich
-die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick in das
-gl&auml;nzend erleuchtete Vestib&uuml;l zu werfen, wo m&auml;chtige
-Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die vertr&auml;umten
-Blattwedel &uuml;ber Marmorfiguren breiten.</p>
-
-<p>Lakaien in roten Galar&ouml;cken, wei&szlig;seidenen Str&uuml;mpfen
-und Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden
-Bewegungen huschen her und hin,
-neigen sich tief vor den eintreffenden G&auml;sten und stehen
-an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher
-Andacht auf all die k&ouml;stlichen Schleppen herniederstarrend,<span class="pagenum"><a id="Page_136">[S. 136]</a></span>
-welche wie ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern
-&uuml;ber die Purpurteppiche rauschen.</p>
-
-<p>Guntram Krafft stand noch immer z&ouml;gernd neben dem
-Sockel einer Karyatide und umfa&szlig;te mit staunendem Blick
-das &uuml;ppige Bild, welches sich seinen Augen bot.</p>
-
-<p>Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten
-Hallen und Gem&auml;chern von Hohen-Esp gesehen,
-glich so ganz und gar nicht dieser strahlenden
-Pracht, wie sie wohl in seinen M&auml;rchenb&uuml;chern geschildert
-war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer
-vorzustellen vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch
-ein Meer von Kerzen! Daheim brannte h&ouml;chstens das
-B&auml;renweibchen von der get&auml;felt-dunkeln Decke, oder schaukelte
-sich ein &Ouml;ll&auml;mpchen in schwerem Kettengeh&auml;ng, einem
-F&uuml;nkchen gleich, &uuml;ber den gewundenen Stiegen. Unter
-den Fischerdirnen gab es wohl junges, schmuckes Blut,
-solch eine Bl&uuml;tenlese reizender, vornehm-schlanker M&auml;dchengestalten
-wie hier aber hatte er nie zuvor geschaut,
-und die s&uuml;&szlig;e, herzbet&ouml;rende Poesie einer Balltoilette
-deuchte ihm vollends ein R&auml;tsel, welches sein armer,
-n&uuml;chterner Verstand nicht zu l&ouml;sen vermochte! &mdash;</p>
-
-<p>Anton hatte ihm gesagt: &raquo;Nun m&ouml;chte ich mir erlauben,
-dem Herrn Grafen einen guten Rat zu geben.
-Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf Euer
-Gnaden einst&uuml;rmen, da&szlig; es den Kopf verwirren mu&szlig;!!
-Das darf aber nicht geschehen. Am besten w&auml;re es, wenn
-der Herr Graf diesen ersten Ball nur mehr wie eine
-Schaustellung an sich vor&uuml;bergehen lie&szlig;en! Sie stellen
-sich auf irgendeinen h&uuml;bschen Platz, sehen sich alles erst
-mal genau an, mustern die Damen und lassen sich ein
-bi&szlig;chen &uuml;ber die einzelnen orientieren. Auf diesen gro&szlig;en
-B&auml;llen ist es nicht n&ouml;tig, da&szlig; man sich jeder einzelnen
-Person vorstellen l&auml;&szlig;t, nur den Kammerherren und Adjutanten
-m&uuml;ssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen
-Sie dann den Staats- und Hofdamen, den Marsch&auml;llen
-und dem Zeremonienmeister vor, und die sorgen daf&uuml;r,
-da&szlig; der Herr Graf den hohen Herrschaften pr&auml;sentiert
-werden! &mdash; Alles h&uuml;bsch in Ruhe und gem&auml;chlich! Man<span class="pagenum"><a id="Page_137">[S. 137]</a></span>
-wird alles im Leben gew&ouml;hnt, auch das Leben und
-Treiben in F&uuml;rstenschl&ouml;ssern, und da Euer Gnaden noch
-nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst ein bi&szlig;chen
-durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im
-R&uuml;cken hat, ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht
-in den Strom st&uuml;rzt, kann man nicht darin ertrinken!
-&mdash; Das n&auml;chste Mal mischen Sie sich dann schon mit
-viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die
-Damen kennen und am&uuml;sieren sich herrlich!&laquo;</p>
-
-<p>Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte
-ihn allsogleich und stand f&uuml;rerst schon hier in der Treppenhalle
-still, um mit einem Gef&uuml;hl der Verzauberung um
-sich zu schauen.</p>
-
-<p>Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine
-gute Besch&auml;ftigung und ein sch&ouml;ner Vorwand, l&auml;nger
-verweilen zu k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Da schwebten sie an ihm vor&uuml;ber, lachend und scherzend
-und die guten Bekannten begr&uuml;&szlig;end, all die wunderholden
-Frauen und M&auml;dchen, mit schimmernd-wei&szlig;en
-Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten Nacktheit
-zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen
-getrieben.</p>
-
-<p>Aber das Auge gew&ouml;hnt sich auch an das Ungewohnteste,
-und f&uuml;rnehmlich, wenn es so sinnbet&ouml;rend und
-h&uuml;bsch ist, wie eine junge Dame in gro&szlig;er Toilette.</p>
-
-<p>Nein, das waren nicht die schweren, d&uuml;stern Wollfalten,
-welche daheim der Mutter majest&auml;tische Gestalt
-umwallen, nicht die schweren D&uuml;ffel-, Fries- und Warpstoffe,
-in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes kleiden,
-das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum
-und silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch
-Wirklichkeit, das war ein Traum!</p>
-
-<p>Wie das gl&auml;nzt und glei&szlig;t und rieselt von Atlas,
-Seide und Samt, &mdash; wie die flaumigen Spitzen wogen,
-wie die T&uuml;ll-, die Gaze- und Florkleider wehen! &mdash;
-Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen,
-welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[S. 138]</a></span></p>
-
-<p>Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt
-in die Kreppwogen und in die reizend frisierten Haare,
-keine frischen, lebenden Blumen, wie Guntram Krafft
-zuerst geglaubt, sondern wunderbar t&auml;uschend nachgeahmt,
-mit Bl&auml;ttern und Knospen, Bl&uuml;ten, wie man sie
-in gleicher Sch&ouml;nheit kaum im Lenz beisammensieht! &mdash;</p>
-
-<p>Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen!</p>
-
-<p>&Uuml;ber Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie
-ein versteinerter Funkenregen, in allen Farben der Iris
-leuchtend, &mdash; Diademe &uuml;ber der Stirn, goldene Spangen
-um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen
-besonders tief und schw&auml;rmerisch blicken, da gl&auml;nzen die
-zaubersch&ouml;nen Sch&auml;tze des Meeres, die Tr&auml;nen der Nixen
-und Meerfrauen, welche die Menschen Perlen nennen!</p>
-
-<p>Gar mancher Blick hat den B&auml;r von Hohen-Esp gestreift,
-gar manch leises Wort ist &uuml;ber ihn gewechselt
-und manch rote Lippe hat seinen Namen genannt, &mdash;
-auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen
-Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit
-sein fremdes Bild gemustert.</p>
-
-<p>Er tr&auml;gt zum erstenmal einen Frack &mdash; die wei&szlig;e Binde
-und Weste &mdash; zum erstenmal die spiegelnden Lackschuhe
-an den F&uuml;&szlig;en.</p>
-
-<p>In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und
-weil sich der Einsiedler aus der B&auml;renh&ouml;hle so ungewohnt
-darin vorkommt, f&uuml;hlt er sich beklommen und
-geniert.</p>
-
-<p>Die Zahl der G&auml;ste lichtet sich, es scheint nun die
-h&ouml;chste Zeit zu sein, die S&auml;le zu betreten, und langsam
-steigt Guntram Krafft die Treppe empor.</p>
-
-<p>Er mustert die &uuml;berlebensgro&szlig;en Gem&auml;lde f&uuml;rstlicher
-Ahnherrn an den W&auml;nden, er atmet schwer und tief
-den berauschenden Duft, welcher ihn geheimnisvoll umweht.
-Sind es die Veilchen, welche Gabriele j&uuml;ngst im
-Schlitten getragen? &mdash;</p>
-
-<p>Wie haben seine Blicke Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-gesucht, &mdash; wie zuckte sein Herz empor, als er sie noch
-im letzten Moment droben an der Treppenbiegung erblickte.<span class="pagenum"><a id="Page_139">[S. 139]</a></span>
-Sie wandte just das K&ouml;pfchen und schaute zur&uuml;ck,
-ein paar jungen Damen drunten zuzunicken.</p>
-
-<p>Ihr Blick streift auch ihn, &mdash; aber so fremd, so k&uuml;hl,
-als habe sie ihn nie im Leben gesehen.</p>
-
-<p>Wieder &uuml;berkommt ihn ein Gef&uuml;hl banger Ungeduld.</p>
-
-<p>Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit
-sie auch mit ihm plaudert und ihn abermals anl&auml;chelt
-wie damals auf der Stra&szlig;e, als er ihre schlanke Gestalt
-in den Armen emporhob und sie sekundenlang an
-seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie
-steht ein diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden
-zu begr&uuml;&szlig;en.</p>
-
-<p>Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebensw&uuml;rdig
-entgegen, nennt seinen Namen und spricht seine Freude
-aus, wieder einen Vertreter der Familie von Hohen-Esp
-hier begr&uuml;&szlig;en zu d&uuml;rfen.</p>
-
-<p>Er spricht mit leiser Stimme, sehr h&ouml;flich und verbindlich,
-dennoch liegt etwas Zeremonielles in seinem
-Wesen, und sein H&auml;ndedruck ist mehr f&ouml;rmlich wie herzlich.</p>
-
-<p>Er geleitet den Neuling auf h&ouml;fischem Parkett bis
-zu dem n&auml;chsten Saal, welcher seinen Namen von den
-kostbaren alten Gobelins, die seine W&auml;nde schm&uuml;cken,
-erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis
-zu dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt.
-Zwei Adjutanten in gro&szlig;er Uniform halten sich in der
-N&auml;he der T&uuml;r auf, treten eilig herzu, und der Kammerherr
-stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn
-bei den jungen Damen bekannt zu machen.</p>
-
-<p>Ein paar sehr liebensw&uuml;rdige Worte der vielbesch&auml;ftigten
-Herren, welche Guntram Krafft mit der ehrlichen
-Versicherung, da&szlig; er sich freue, diesem Feste beiwohnen
-zu k&ouml;nnen, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger
-Leutnant hinter ihm einen unverst&auml;ndlichen Namen und
-offeriert die silberne Schale mit den Tanzkarten.</p>
-
-<p>Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins
-der eleganten Kartonbl&auml;tter, auf welchem unter dem
-farbigen F&uuml;rstenwappen eine Anzahl T&auml;nze notiert ist,
-von welchen er kaum die Namen kennt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_140">[S. 140]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;<em class="antiqua">The lancers</em>&laquo; &mdash; &raquo;Menuett der K&ouml;nigin&laquo; &mdash; &raquo;Ouadrille
-<em class="antiqua">à la cour</em>&laquo; &mdash; nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp
-fremd geblieben.</p>
-
-<p>Polka und Walzer, &mdash; ja, die hat er voll fr&ouml;hlichen
-&Uuml;bermuts bei dem Hauslehrer gelernt und zeitweise in
-der &raquo;blauen Woge&laquo; praktisch angewandt, wenn irgendein
-besonderes Fest die Anwesenheit des gr&auml;flichen Schirmvogts
-erforderte, &mdash; er hat da unwillk&uuml;rlich ebenso
-mitgetanzt wie die wetterharten Fischer, Matrosen und
-Seeleute es vorgemacht; und da&szlig; man in Lackschuhen,
-auf h&ouml;fischem Parkett doch ein bi&szlig;chen anders walzt
-wie in dem weltfremden Fischerdorf &mdash; das sieht der
-B&auml;r von Hohen-Esp nur allzugut ein. Er verzichtet darum
-darauf, zu engagieren, obwohl einer der Adjutanten
-sich mit ihm durch die Menge dr&auml;ngt und den Versuch
-macht, ihn den Damen vorzustellen.</p>
-
-<p>Lauter fremde Gesichter, &mdash; wie rosige Nebel wallt
-es vor den Augen des Grafen, er verneigt sich stumm
-und vermag kaum, die einzelnen jungen M&auml;dchen mit
-dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu
-merken, welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren
-schwirren.</p>
-
-<p>Wozu auch? &mdash; Er sucht nur ein einziges Antlitz,
-er lauscht nur auf einen einzigen Namen, und just darauf
-vergeblich.</p>
-
-<p>Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes,
-hartes Klopfen auf dem Parkett ert&ouml;nt, die lachenden,
-schwatzenden Stimmen wie mit Zauberschlag verstummen
-und die Damen hastig nach der einen Seite des Saales,
-die Herren nach der andern zur&uuml;ckweichen.</p>
-
-<p>Adjutanten und Kammerherrn schreiten gesch&auml;ftig &raquo;die
-Fronten&laquo; auf und ab, her&uuml;ber und hin&uuml;ber werden noch
-ein paar Scherzworte und Gr&uuml;&szlig;e getauscht, dann klopft
-es abermals, die vergoldeten Fl&uuml;gelt&uuml;ren schlagen auf,
-und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten
-die hohen Gastgeber, von den Privatgem&auml;chern kommend,
-den Saal. &mdash;</p>
-
-<p>Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[S. 141]</a></span></p>
-
-<p>Die Herrschaften gr&uuml;&szlig;en voll gewinnendster Leutseligkeit,
-l&auml;cheln und schreiten langsam durch die spalierbildende
-Jugend.</p>
-
-<p>&raquo;Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?&laquo; fragt
-Guntram Krafft den jungen Leutnant, an dessen Seite
-er zuf&auml;llig steht, ein wenig betroffen, als der Hof in der
-gegen&uuml;berliegenden T&uuml;r verschwindet, und der Angeredete
-klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem
-bartlosen Gesicht die Hacken zusammen.</p>
-
-<p>&raquo;Herrschaften treten f&uuml;rerst in den Thronsaal, um die
-&auml;lteren Damen und Herren zu begr&uuml;&szlig;en! Findet in der
-Regel kleiner Cercle statt, aber dann geht es sofort los!
-&mdash; Werden uns gleich hier durch die Galerie in den
-Tanzsaal begeben. &mdash; Haben der Herr Graf schon alle
-T&auml;nze besetzt?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein! Noch nicht einen einzigen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ah ... fatal ... sind ein wenig sp&auml;t gekommen, ist
-aber kein Mangel an T&auml;nzerinnen! Im gro&szlig;en Saal
-l&auml;&szlig;t sich das erst richtig &uuml;bersehen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich m&ouml;chte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur
-als Schauspiel auf mich wirken lassen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergn&uuml;gen, auf
-einem wie ein Pr&auml;sentierteller gro&szlig;en Raum zu tanzen!
-Furchtbare F&uuml;lle heut! Man findet sich kaum durch!
-Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit den
-Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle
-Stars sind vollz&auml;hlig vertreten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wer gilt f&uuml;r die sch&ouml;nste der Damen?&laquo;</p>
-
-<p>Der junge Offizier lacht: &raquo;<em class="antiqua">Mon Dieu</em>, Verehrtester,
-das ist schwer zu sagen! Der Geschmack ist unberechenbar!
-Da ist die Hofdame der verwitweten Prinze&szlig;
-Amalie, &mdash; Gr&auml;fin Dollen, eine vielger&uuml;hmte Sch&ouml;nheit,
-aber k&uuml;hl ... k&uuml;hl bis ans Herz hinan ... dann
-Fr&auml;ulein von Lochau, pikant ... am&uuml;sant ... kaprizi&ouml;s..,
-Baronesse Sprendlingen, bezaubernd h&uuml;bsch, aber rasend
-verw&ouml;hnt und anspruchsvoll ... Fr&auml;ulein Karola von
-Erlau-F&ouml;hrbach, Tochter des Ministers ... ein Tanagra-Fig&uuml;rchen
-voll gr&ouml;&szlig;ten Charmes ... aber pardon ... wir<span class="pagenum"><a id="Page_142">[S. 142]</a></span>
-wollen uns in den Tanzsaal begeben, damit die h&ouml;chsten
-Herrschaften allzugleich das Zeichen zum Beginn des
-Tanzes geben k&ouml;nnen ... Sie gestatten, Herr Graf ...&laquo;
-und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander
-und schie&szlig;t davon, um einer zierlichen kleinen
-Blondine den Arm zu bieten und sich dem &raquo;Zug nach
-dem Westen&laquo; anzuschlie&szlig;en.</p>
-
-<p>Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm
-vor&uuml;ber, und Guntram Krafft steht &mdash; um eines Hauptes
-l&auml;nger denn alles &uuml;brige Volk &mdash; ruhig beiseite und &uuml;berfliegt
-mit suchendem Blick die bunte Menge.</p>
-
-<p>&raquo;Fr&auml;ulein von Sprendlingen, &mdash; bezaubernd h&uuml;bsch,
-aber rasend verw&ouml;hnt und anspruchsvoll!&laquo; klingt es noch
-wie ein Echo vor seinen Ohren, und dann denkt er wie
-in jubelnder Freude daran, da&szlig; er nicht zu tanzen braucht,
-sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann.</p>
-
-<p>Und wie er mechanisch &uuml;ber die Menge hinblickt, &mdash;
-da zuckt er pl&ouml;tzlich empor und ahnt es nicht, da&szlig; ihm
-alles Blut in die Wangen steigt.</p>
-
-<p>Dort taucht endlich, endlich Gabrieles K&ouml;pfchen auf.
-Sie scheint es nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu
-erreichen.</p>
-
-<p>Sie hat einen gro&szlig;en, zartduftigen Marabu-F&auml;cher
-entfaltet und bewegt ihn mechanisch vor dem Busen auf
-und nieder.</p>
-
-<p>Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz
-zarter, maigr&uuml;ner Hauch, durch welchen sich ein Silbergekr&auml;usel
-zieht, und die wundersch&ouml;nen Arme glei&szlig;en
-im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo sah er
-sie schon?</p>
-
-<p>Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche
-ihm die Perlenschnur entgegenreichten. Perlen!</p>
-
-<p>Nein, diesmal tr&auml;umt er nicht!</p>
-
-<p>An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem
-Glanz, eine Kette mit einem Brillantschlo&szlig; ... und sie
-neigt den Nacken grazi&ouml;s zur&uuml;ck und l&auml;chelt zu einem
-Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar sch&ouml;ne Worte
-zu sagen scheint.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[S. 143]</a></span></p>
-
-<p>Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die
-letzten im Saal, und Guntram Krafft begreift es in dem
-Augenblick selber nicht, woher er den Mut nimmt, aber
-er steht in dem n&auml;chsten Augenblick vor den beiden, verneigte
-sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen.</p>
-
-<p>&raquo;Darf ich um einen Tanz bitten, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein?&laquo;</p>
-
-<p>Sie schaut ihn mit den gro&szlig;en hellen Augen einen
-Moment sprachlos an, das L&auml;cheln schwindet, ihre Lippen
-zucken ein Gemisch von Stolz und schroffer Abweisung.</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Bedaure, meine T&auml;nze sind vergeben!&laquo; sagt sie kurz,
-klappt den F&auml;cher zu und legt ihre Hand auf den Arm
-des Offiziers, um hastig weiterzuschreiten. Herr von
-Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit kurzer Verneigung
-genannt und den B&auml;r von Hohen-Esp mit etwas ironischem
-Blick gemustert, dann fl&uuml;stert er seiner T&auml;nzerin
-ein paar Worte zu, und beide entschwinden in die
-Galerie.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[S. 144]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XI">XI.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos
-und starrte der entz&uuml;ckenden Erscheinung des jungen
-M&auml;dchens nach.</p>
-
-<p>Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gest&uuml;rmt
-war, scho&szlig; ihm in die Wangen, und ein Gef&uuml;hl
-tiefster Mutlosigkeit &uuml;berkam ihn.</p>
-
-<p>Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem
-Benehmen der beiden eine Zur&uuml;cksetzung oder Unh&ouml;flichkeit
-zu sehen; es erf&uuml;llte ihn nur mit tiefer Betr&uuml;bnis,
-da&szlig; er zu sp&auml;t gekommen war, und sein erster Gedanke
-war der, da&szlig; Gabriele wohl erwartet hatte, er werde
-fr&uuml;her den Weg zu ihr finden, um sie zu engagieren.</p>
-
-<p>Fraglos war sie &uuml;ber sein langes Z&ouml;gern ungehalten,
-denn zuvor hatte sie ihn doch nicht mit diesen stolz und
-k&uuml;hl schimmernden Augen angesehen!</p>
-
-<p>Sie l&auml;chelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem
-Schnee emporhob, und als sie zuerst in das Theater
-trat und seiner ansichtig wurde, da spiegelte es sich in
-ihrem Gesicht, da&szlig; sie ihn wiedererkannte, und abermals
-flog das s&uuml;&szlig;e, bezaubernde L&auml;cheln um ihre Lippen.
-Nun z&uuml;rnt sie ihm!</p>
-
-<p>Wie soll er sich ihr wieder n&auml;hern, um sie zu vers&ouml;hnen?</p>
-
-<p>Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen
-doch so allein.</p>
-
-<p>Und sehr freundlich ist niemand zu ihm, keiner scheint
-Zeit und Lust zu haben, mit ihm zu plaudern.</p>
-
-<p>Dieses Empfinden macht ihn noch befangener wie
-zuvor, und er, der noch nie ein Gef&uuml;hl der Furcht gekannt,
-der sich todesmutig auf die br&uuml;llende See hinauswagte,
-voll k&uuml;hnen Trotzes dem Tode sein Opfer abzuringen,<span class="pagenum"><a id="Page_145">[S. 145]</a></span>
-er wagte es kaum noch, die Schwelle des Tanzsaals
-zu &uuml;berschreiten, er steht zaudernd und verzagt
-beiseite und f&uuml;hlt es pl&ouml;tzlich, wie hei&szlig;es, ungest&uuml;mes
-Heimweh sein Herz erfa&szlig;t.</p>
-
-<p>Jubelnde Tanzweisen erbrausen durch die weitge&ouml;ffneten
-Saalt&uuml;ren, &mdash; er h&ouml;rt nur noch den Klang von
-Gabrieles herben Worten, &mdash; eine bunte, glitzernde,
-farbenpr&auml;chtige Menschenflut wogt vor ihm und lockt
-mit tausend Wundern, &mdash; er aber sieht nur noch zwei
-kalte, helle, kristallfarbene M&auml;dchenaugen, welche ihn
-ansehen, da&szlig; er bis in das tiefste Herz hinein friert. &mdash;</p>
-
-<p>Wie einsam, wie verlassen ist er auch hier! &mdash; Wie
-empfindet er es noch so viel schmerzlicher, als daheim
-in seiner Mutter Haus!</p>
-
-<p>Da klingen leise, schnelle Schritte neben ihm, und eine
-milde, freundliche Stimme spricht ihn an. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Dachte ich es mir doch, Graf, da&szlig; Sie nach der
-ersten Niete, welche Sie gezogen, kaum noch Lust versp&uuml;ren,
-in das volle Menschenleben hineinzugreifen! &mdash;
-Schade, da&szlig; ich Sie vorhin erst im Vor&uuml;bergehen entdeckte
-und erst pflichtschuldigst meine Tour abtanzen
-mu&szlig;te, ehe ich Sie holen konnte! Ich h&auml;tte Ihnen gern
-Gabrieles Abweisung erspart!&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft hatte &uuml;berrascht den Kopf gewandt.</p>
-
-<p>Er blickte in die sehr sanften, liebensw&uuml;rdigen Augen
-der Komtesse Sevarille.</p>
-
-<p>Wie ein Aufatmen nach banger Spannung ging es
-durch seine Seele.</p>
-
-<p>&raquo;O, Komtesse ... Sie gedenken meiner ... Sie nehmen
-meiner so freundlich wahr?!&laquo; stotterte er mit aufleuchtendem
-Blick und k&auml;mpfte gewaltsam seine Verlegenheit
-nieder.</p>
-
-<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich, Graf! &rsaquo;Wenn der Berg nicht zu
-mir kommt, gehe ich zum Berg!&lsaquo; sagt Mohammed, und
-nach diesem praktischen Beispiel m&ouml;chte auch ich handeln.
-&mdash; Ich kann mich so lebhaft in Ihre Situation hinein
-versetzen! Sie sind fremd hier, alles mutet Sie ungewohnt
-an, und niemand von diesen hastigen, vielbesch&auml;ftigten<span class="pagenum"><a id="Page_146">[S. 146]</a></span>
-Menschen hat Zeit, Sie ein wenig in die
-Sitten und Gebr&auml;uche der gro&szlig;en Welt einzuf&uuml;hren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nur Sie allein, Komtesse, wollen diese gro&szlig;e Freundlichkeit
-haben?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn Sie sich meiner F&uuml;rsorge anvertrauen wollen,
-Graf?&laquo; l&auml;chelt sie herzgewinnend zu ihm auf: &raquo;Es sollte
-mich aufrichtig freuen, wenn ich recht viel zu Ihrem
-Am&uuml;sement beitragen k&ouml;nnte!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich danke Ihnen von Herzen!&laquo; Er sagt es sehr warm
-und herzlich und blickt ihr so ehrlich in die Augen wie
-ein Kind: &raquo;Wie schade, da&szlig; ich diesen freundlichen Schutzengel
-nicht fr&uuml;her fand! Sie h&auml;tten mich gewi&szlig; beizeiten
-zu Fr&auml;ulein von Sprendlingen gef&uuml;hrt, damit
-ich noch einen Tanz und nicht einen Korb von ihr erhalten
-h&auml;tte!&laquo;</p>
-
-<p>Thea l&auml;chelt und zuckt die nicht allzu runden Schultern.</p>
-
-<p>&raquo;Auf jeden Fall h&auml;tte ich Ihre Bitte um den Tanz
-zu gelegenerer Zeit angebracht wie Sie!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gelegenere Zeit?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sahen Sie nicht, wie sehr vertieft Gabriele und
-Herr von Heidler in ihre Unterhaltung waren?&laquo;</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp wurde abermals rot, als
-w&auml;re er auf einer S&uuml;nde ertappt.</p>
-
-<p>&raquo;Nein ... das sah ich nicht!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Herr von Heidler macht ihr sehr die Cour! Wer wei&szlig;,
-was er ihr gerade sagen wollte, als Sie so st&ouml;rend dazwischentraten!&laquo;</p>
-
-<p>Der Graf blickte sie starr, wie verst&auml;ndnislos an.
-&raquo;Ah!&laquo; sagte er nur.</p>
-
-<p>&raquo;Und weil Sie fraglos einen sehr lyrischen Augenblick
-abk&uuml;rzten, sah Gabriele Sie nicht sonderlich freundlich
-an!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie liebt ihn?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich glaube es wohl, &mdash; die ganze Stadt wenigstens
-erz&auml;hlt es sich als Tatsache!&laquo;</p>
-
-<p>Wie gro&szlig; und geisterhaft seine Augen sie anstarrten!</p>
-
-<p>&raquo;Sie sind schon verlobt, die beiden?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Das wei&szlig; man nicht genau, aber man vermutet es!
-&mdash; Nun aber kommen Sie, lieber Graf! es gibt noch
-so viele reizende Damen im Saal, welche alle sehr gern
-mit Ihnen tanzen m&ouml;chten! Sehen Sie hier, meine Tanzkarte!
-Ihr Name fehlt auch noch darauf, und den
-Kotillon habe ich speziell f&uuml;r Sie aufgehoben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich kenne diesen Tanz nicht, Komtesse ... au&szlig;er Polka
-und Walzer lernte ich keine Reigen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gut! So setzen wir uns w&auml;hrend dieser Zeit und
-sehen zu! Ich erkl&auml;re Ihnen die einzelnen Touren, und
-das n&auml;chste Mal wirbeln sie flott mit mir herum!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das w&auml;re sehr g&uuml;tig, Komtesse!&laquo; er spricht wie einer,
-dem die Kehle zugeschn&uuml;rt ist.</p>
-
-<p>&raquo;Kommen Sie mit! F&uuml;hren Sie mich in den Saal
-zur&uuml;ck! Wir haben eine sehr lustige, kleine Ecke gebildet,
-und wenn ich Sie all den jungen Damen und Herren
-bekannt mache, werden Sie sich vortrefflich am&uuml;sieren!&laquo;</p>
-
-<p>Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und blickt zu
-ihm auf.</p>
-
-<p>So g&uuml;tig und freundlich wie sie sah ihn noch niemand
-hier in der Residenz an.</p>
-
-<p>Das f&auml;llt wie Sonnenschein in sein Herz.</p>
-
-<p>&raquo;Ich danke Ihnen, Komtesse!&laquo; sagt er noch einmal;
-er m&ouml;chte so gern mehr sprechen, aber er wei&szlig; nicht was.
-Er hat es nicht gelernt, das leichte, am&uuml;sante Geplauder,
-er vermochte auch nicht in diesem Augenblick von gleichg&uuml;ltigen
-Dingen zu reden, jetzt, wo sein Herz zum erstenmal
-im Leben schmerzt, als sei ihm ein grenzenloses
-Leid widerfahren.</p>
-
-<p>Aber Gr&auml;fin Sevarille scheint keine Unterhaltungsk&uuml;nste
-von ihm zu verlangen, ihre dunklen Augen lachen
-fr&ouml;hlich zu ihm auf, und sie spricht statt seiner, w&auml;hrend
-sie nach dem Tanzsaal schreiten.</p>
-
-<p>&raquo;Wissen Sie, Graf, was ich glaube? Sie finden unsere
-gro&szlig;e Stadt, unsere lebhaften Feste, all die modernen
-Sitten und Gebr&auml;uche f&uuml;rerst ganz greulich und sehnen
-sich heim in den k&ouml;stlichen Frieden Ihres stillen Strandschlosses!
-O wie sehr begreife ich das! Auch f&uuml;r mich<span class="pagenum"><a id="Page_148">[S. 148]</a></span>
-gibt es kein besseres Gl&uuml;ck als eine Landidylle! Warum
-sehen Sie mich so erstaunt an? Scheint Ihnen das so
-unbegreiflich?&laquo;</p>
-
-<p>Sein Blick haftet noch immer &uuml;berrascht auf ihrem
-blassen Gesichtchen. Er mu&szlig; sich beinahe herabbeugen,
-wenn er in ihre Augen schauen will, die sehr kleine,
-puppenhafte Gestalt h&auml;ngt wie ein verwehtes Sommerw&ouml;lkchen
-an seinem Arm.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, das finde ich sehr unbegreiflich, aber es freut
-mich um so mehr, es zu h&ouml;ren. Ich glaubte, die Leute
-der gro&szlig;en Welt h&auml;tten gar keinen Sinn und kein Verst&auml;ndnis
-mehr f&uuml;r die kleinen Genien des Friedens,
-welche sich aus dem H&auml;userlabyrinth heraus zu uns in
-die Stille der W&auml;lder gefl&uuml;chtet haben. &mdash; Lebten Sie
-l&auml;ngere Zeit auf dem Lande, Gr&auml;fin, da&szlig; Sie es liebgewannen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;L&auml;ngere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur
-ganz kurz und fl&uuml;chtig lernte ich seinen Zauber kennen,
-und darum gl&uuml;ht die Sehnsucht desto hei&szlig;er in meinem
-Herzen! &mdash; Sie m&uuml;ssen mir viel von Ihrer Heimat, von
-Ihrem Leben und Treiben dort, erz&auml;hlen, Graf! Nachher
-setzen wir uns abseits auf einen Diwan in der
-Galerie, und dann wollen wir beide mit allen Gedanken
-so sehr in Hohen-Esp sein, da&szlig; Ihr Heimweh bald
-schwinden soll! F&uuml;rerst aber m&ouml;chte ich Sie recht vielen
-Damen vorstellen, damit Sie ...&laquo;</p>
-
-<p>Er blieb z&ouml;gernd stehen und blickte in die offene
-Saalt&uuml;r ein, vor welcher Kopf an Kopf die Herren in
-gl&auml;nzenden Uniformen standen und mit mehr oder minder
-harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten.</p>
-
-<p>&raquo;Ein Plaudern in der Galerie d&uuml;rfte also viel lohnender
-sein wie ein solches im Saal!&laquo; sagte er leise, und
-die Lichter flirrten vor seinem Blick, und die schmetternden
-Musikkl&auml;nge taten ihm weh. &raquo;Lassen Sie uns also
-doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich
-diesen Tanz f&uuml;r mich opfern wollen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Opfern?&laquo; &mdash; sie neigte das K&ouml;pfchen mit den leuchtend
-roten Granatbl&uuml;ten zur&uuml;ck und l&auml;chelte: &raquo;Nicht im<span class="pagenum"><a id="Page_149">[S. 149]</a></span>
-mindesten, &mdash; der Tanzsaal lockt mich ebensowenig wie
-Sie! Darin bin ich so grundverschieden von meiner
-Freundin Gabriele, da&szlig; sie sich einzig inmitten des
-am&uuml;santesten Getriebes wohlf&uuml;hlt, w&auml;hrend mein Sinn
-sich seit jeher nach der beschaulichen Ruhe sehnte.&laquo; &mdash;
-Sie setzte sich auf den wei&szlig;en, golddurchwirkten Brokat
-des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres Kleides
-leuchtete unter den duftigen T&uuml;llwogen, und hinter ihr
-baute sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederb&auml;umen
-auf, welche die bl&uuml;henden Zweige &uuml;ber ihr K&ouml;pfchen
-neigten.</p>
-
-<p>Es war ein h&uuml;bsches, anmutiges Bild, aber Guntram
-Krafft sah es nicht.</p>
-
-<p>Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen
-Augen, und aus allen Worten seiner Partnerin h&ouml;rte
-er nur das eine heraus, da&szlig; Gabriele sich einzig bei
-Spiel und Tanz wohlf&uuml;hle.</p>
-
-<p>Mechanisch setzte er sich an die Seite der Gr&auml;fin
-nieder.</p>
-
-<p>&raquo;So w&uuml;rde Fr&auml;ulein von Sprendlingen nie auf dem
-Lande gl&uuml;cklich sein?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist
-ja auch gut, denn aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie
-in eine Gro&szlig;stadt heiraten, da bleibt ihr ja alles zur
-Verf&uuml;gung, woran ihr Herz h&auml;ngt! &mdash; Nun aber sagen
-Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten
-Frau Mutter? Ich h&ouml;rte durch einen Freund
-meines Vaters so viel von ihr erz&auml;hlen, da&szlig; ich die
-seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne sie zu
-kennen! Sie mu&szlig; ja in ihrer Jugend bildsch&ouml;n gewesen
-sein, und so fabelhaft liebensw&uuml;rdig ... nicht wahr?
-Sie sehen ihr sehr &auml;hnlich?&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte
-Eloge aus diesen Worten herauszuh&ouml;ren, er schaute
-sie nur abermals voll aufrichtigen Dankes an.</p>
-
-<p>&raquo;O, wenn Sie sehen w&uuml;rden, was meine Mutter leistet,
-Komtesse, welch eiserne Energie, welch unerm&uuml;dlichen
-Flei&szlig; sie besitzt, Sie w&uuml;rden sie nicht nur lieben, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_150">[S. 150]</a></span>
-auch bewundern und verehren! Wenn die B&auml;ren von
-Hohen-Esp in alter Zeit die Schirmv&ouml;gte des Landes
-gewesen sind, welche ihre starke Hand &uuml;ber die Schwachen
-und Notleidenden breiteten, so hat meine Mutter diese
-Zeit in ihrer Person wieder aufleben lassen! Wenn
-mancher Schiffbr&uuml;chige ahnte, wessen milde Hand ihn
-ins Leben zur&uuml;ckgerufen, der Name der Gr&auml;fin Gundula
-w&uuml;rde bekannter sein, als wie er es ist!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was f&uuml;r ein guter Sohn sind Sie! &mdash; O, es ist ein
-Genu&szlig;, wenn man so von einer Mutter sprechen h&ouml;rt!
-Warum wirkt die herrliche Frau so ganz inkognito? Legt
-sie denn gar keinen Wert darauf, auch von der Welt
-anerkannt zu werden?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Von der Welt? Die ist ihr sehr gleichg&uuml;ltig!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und wie denken <em class="gesperrt">Sie</em> dar&uuml;ber?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Genau ebenso!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie streben nicht nach &auml;u&szlig;eren Ehren, nach Rang
-und W&uuml;rden?&laquo;</p>
-
-<p>Seine gro&szlig;en blauen Augen blickten sie verst&auml;ndnislos
-an.</p>
-
-<p>&raquo;Nein! Was sollten die mir n&uuml;tzen?&laquo;</p>
-
-<p>Sie schlang die kleinen H&auml;nde staunend ineinander.</p>
-
-<p>&raquo;O, Sie Kinderherz! Wissen Sie nicht, da&szlig; der Ehrgeiz
-die Triebfeder jedweden modernen Schaffens und
-Handelns ist?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich wei&szlig; es wohl, aber ich verstehe es nicht. Mir
-gen&uuml;gt der Beifall von zweien vollkommen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Von welchen zweien?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Von Gott dem Herrn und meiner Mutter!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ihre Mutter kann Ihnen wohl ein Lob sprechen
-und Sie dadurch begl&uuml;cken, &mdash; der Beifall Gottes d&uuml;rfte
-aber nur eine Illusion sein, denn er ist durch nichts zu
-beweisen!&laquo;</p>
-
-<p>Wieder traf sie sein klarer, ernster Blick.</p>
-
-<p>&raquo;Durch nichts im Sinne der Welt, &mdash; und doch ist
-er so f&uuml;hlbar. Haben Sie es nach einer guten Tat noch
-nie im innersten Herzen bestimmt gef&uuml;hlt und gewu&szlig;t,
-da&szlig; Gott mit Ihnen zufrieden war? &mdash; Der Beifall<span class="pagenum"><a id="Page_151">[S. 151]</a></span>
-der Menge mag sch&ouml;n sein, aber solch ein Gef&uuml;hl gl&uuml;ckseliger
-Erhebung und frommer Zufriedenheit, wie ich
-es als Gottes Segen empfinde, wenn ich meine Schuldigkeit
-und vielleicht noch ein wenig dar&uuml;ber ... getan,
-das kann aller Lorbeer der Welt nicht geben!&laquo;</p>
-
-<p>Thea blickte vor sich nieder.</p>
-
-<p>Hatte sie je eine gute Tat getan, hatte sie jemals derartiges
-empfunden? &mdash;</p>
-
-<p>Sie zupfte ein wenig ungeduldig an den roten Bl&uuml;ten
-ihres Kleides; nur mit M&uuml;he unterdr&uuml;ckte sie ein ironisches
-L&auml;cheln, aber sie bewegte zustimmend den Kopf
-und sagte beinahe tr&auml;umerisch: &raquo;Und ob ich dies Gef&uuml;hl
-kenne! Sie glauben gar nicht, Graf, <em class="gesperrt">wie</em> sehr Sie mir
-aus der Seele sprechen! Dar&uuml;ber m&uuml;ssen wir noch viel
-eingehender plaudern ... ah, Herr von Stetten! Holen
-Sie mich etwa schon zu unserer Française?&laquo;</p>
-
-<p>Der Vort&auml;nzer stand vor ihnen und verneigte sich hastig
-mit sehr scharmantem L&auml;cheln.</p>
-
-<p>&raquo;Leider darf ich mich noch nicht so gl&uuml;cklich preisen,
-Komtesse, w&auml;hrend eines ganzen Galopps bin ich noch
-verurteilt, auf diesen Vorzug zu warten! Jetzt gilt mein
-st&ouml;rendes Eingreifen lediglich dem Herrn Grafen!&laquo; &mdash;
-Abermals eine sehr h&ouml;fliche Verneigung vor Guntram
-Krafft, welcher sich erhoben hatte und den Gru&szlig; erwiderte.
-&raquo;Der Kammerherr von Rheinsberg sucht Sie
-aller Ecken und Enden, Graf! &mdash; Seine Hoheit der
-Herzog haben den Wunsch ge&auml;u&szlig;ert, Sie zu sprechen! &mdash;
-Auch d&uuml;rfte es alsdann gelegene Zeit sein, da&szlig; Sie
-den f&uuml;rstlichen Damen pr&auml;sentiert werden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich stehe zur Verf&uuml;gung, wollen Sie die G&uuml;te haben,
-mich dem Herrn Kammerherrn zuzuf&uuml;hren. Ich bitte
-um Verzeihung, Komtesse, und stehe bald wieder zu
-Diensten.&laquo;</p>
-
-<p>Wie altmodisch und wohlerzogen das klang! So recht
-nach Gr&auml;fin Gundulas vergilbter Schule; Thea wollte
-es eigentlich nicht, aber sie wechselte doch einen schnellen
-Blick mit Herrn von Stetten, um dessen Lippen ein recht
-scharfes Zucken ging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[S. 152]</a></span></p>
-
-<p>Dann schritten die beiden Herren eilig davon, und
-Komtesse Sevarille erhob sich ein wenig gelangweilt und
-wandte sich dem Saale zu.</p>
-
-<p>&raquo;Thea!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Beinahe erschrocken schaute sich die Gerufene um.
-Hinter dem Boskett hervor traten Frau und Fr&auml;ulein von
-Sprendlingen, sie hatten auf einem zweiten Wandpolster,
-welches ganz versteckt hinter der gr&uuml;nen Kulisse stand,
-gesessen und waren weder von der Komtesse noch von
-dem Grafen Hohen-Esp bemerkt worden.</p>
-
-<p>&raquo;Gabriele ... gn&auml;digste Frau ... um alles in der Welt
-&mdash; was tun Sie hier?&laquo;</p>
-
-<p>Baronin Sprendlingen schritt mit einem merklich k&uuml;hlen
-Gru&szlig; und ganz seltsam scharfem Blick an der jungen
-Dame vor&uuml;ber, Gabriele aber blieb stehen und lachte.</p>
-
-<p>&raquo;Solch indiskrete Lauscher hattest du nicht vermutet?
-Je nun, wenn man Pech hat! Als ich ein einziges
-Mal herumgetanzt hatte, ri&szlig; mir pl&ouml;tzlich die Perlenschnur
-am Hals &mdash; zum Gl&uuml;ck konnte ich sie gleich in
-der Hand zusammen fassen! Mama stand in meiner N&auml;he,
-wir fl&uuml;chteten uns hierher in dieses lauschige Versteck,
-nahmen ein paar Perlen heraus, und Mutter kn&uuml;pfte
-den Faden so gut es ging zusammen. Ich denke, jetzt
-wird sie halten. Du wei&szlig;t, ich liebe einen v&ouml;llig nackten
-Hals nicht.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Und diese Prozedur dauerte so lange?&laquo;</p>
-
-<p>Thea sah ein wenig verlegen aus und bem&uuml;hte sich,
-desto harmloser zu erscheinen.</p>
-
-<p>&raquo;Gerade als wir uns erheben wollten, kamst du mit
-dem B&auml;ren und setztest dich Posten, &mdash; da wollten wir
-nicht st&ouml;ren.&laquo;</p>
-
-<p>Das war lachend gesagt und klang doch wie feiner
-Spott.</p>
-
-<p>Auch Thea lachte. &raquo;Hast du dich an den Bekenntnissen
-seiner sch&ouml;nen Seele recht delektiert? Wie gefiel dir die
-Ansicht dieses pr&auml;chtigen Menschen &uuml;ber eitle Ruhmsucht?
- <span class="pagenum"><a id="Page_153">[S. 153]</a></span>
-O Gabriele, du glaubst gar nicht, <em class="gesperrt">wie</em> gut er mir gef&auml;llt!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die Komtesse fl&uuml;sterte es sehr schw&auml;rmerisch, und doch
-hing ihr Blick in scharfem Forschen an dem reizenden
-Antlitz der Freundin, einer sehr abf&auml;lligen Kritik gew&auml;rtig.</p>
-
-<p>Aber Gabriele sah an ihr vor&uuml;ber und sagte nur kurz:
-&raquo;Er ist ein Kind!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, ein goldenes Kinderherz!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man
-nicht! Wem nie der Gedanke kam, da&szlig; man nicht nur
-f&uuml;r sich, sondern in erster Linie f&uuml;r andere leben mu&szlig;,
-dem gen&uuml;gt ein Seelenfrieden, welchen das Bewu&szlig;tsein,
-&rsaquo;nichts B&ouml;ses begangen zu haben&lsaquo;, verleiht.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf
-dem Lande Gelegenheit finden, sich um ein gro&szlig;es Ganzes,
-um F&uuml;rst und Vaterland, verdient zu machen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll
-er sich von seiner B&auml;renhaut aufraffen, in die Welt
-hinausziehen und Taten tun! &mdash; Aber wir streiten da um
-Kaisers Bart; ich glaube kaum, da&szlig; der Graf uns jemals
-um unsere Ansicht befragen wird, &mdash; die seiner Mutter
-gen&uuml;gt ihm!&laquo;</p>
-
-<p>Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz
-so sp&ouml;ttisch mehr wie fr&uuml;her.</p>
-
-<p>Fr&auml;ulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren
-zu, welche augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet
-hatten und die junge Dame um eine Extratour
-best&uuml;rmten.</p>
-
-<p>Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte,
-&mdash; und sie tat es, wie eine K&ouml;nigin, welche einem
-Vasallen eine herablassende Huld erweist, &mdash; so war auch
-Gr&auml;fin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware
-und flog ebenfalls im Arm eines T&auml;nzers auf feurigen
-Galoppkl&auml;ngen dahin.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt
-und wurde von dem hohen Herrn durch eine ganz
-besonders gn&auml;dige und lange Unterhaltung ausgezeichnet,
-und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so
-zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat<span class="pagenum"><a id="Page_154">[S. 154]</a></span>
-pl&ouml;tzlich fest und sicher auf, wie ein Mann, welcher &uuml;ber
-schwankendes Moorland geschritten ist und nun wieder
-festen Boden unter den F&uuml;&szlig;en f&uuml;hlt.</p>
-
-<p>Er wuchs unter dem Blick seines F&uuml;rsten empor zu
-dem alten, frischen Selbstbewu&szlig;tsein, welches ihm die
-heimatliche Scholle gab, er redete frank und frei, in seiner
-schlichten, treuherzigen Weise, welche klug, verst&auml;ndig
-und liebensw&uuml;rdig klang, &mdash; wenig von sich selber und
-seinem Tun und Handeln, aber daf&uuml;r desto mehr von
-seiner Mutter. &mdash; Die begeisterte Verehrung f&uuml;r die
-Gr&auml;fin leuchtete ihm aus den Augen, und durch die
-Seele des F&uuml;rsten zog wie stille Wehmut der Gedanke:
-&raquo;Um wieviel reines und sch&ouml;nes Gl&uuml;ck hat sich sein Vater
-selbst betrogen!&laquo;</p>
-
-<p>&mdash; Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen
-Grafen war ein ganz ersichtliches, er f&uuml;hrte ihn pers&ouml;nlich
-der Herzogin und Prinzessin Amalie zu, und auch
-diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse.</p>
-
-<p>Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses
-wechselten ebenfalls ein paar liebensw&uuml;rdige Worte mit
-ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas neugieriges
-Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen Sonderling
-als der Person des Grafen galt.</p>
-
-<p>Den Damen gegen&uuml;ber stellte sich sogleich wieder eine
-gewisse Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinf&uuml;hligkeit
-empfand er es selber sehr peinlich, wie wenig
-gewandt er im Verkehr mit denselben war.</p>
-
-<p>Gabriele hatte w&auml;hrend des Tanzes zuf&auml;llig in der
-N&auml;he des Herzogs gestanden, als hochderselbe den B&auml;ren
-von Hohen-Esp durch seine Ansprache auszeichnete.</p>
-
-<p>Ihr Blick streifte die Sprechenden und sch&auml;rfte sich
-pl&ouml;tzlich, als er das Antlitz Guntram Kraffts traf.</p>
-
-<p>Die Ver&auml;nderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, &mdash;
-sie war sehr vorteilhaft.</p>
-
-<p>&raquo;Sehen Sie doch, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein&laquo; &mdash; lachte
-auch ihr T&auml;nzer, &raquo;vor Serenissimus wandelt sich der
-tolpatschige B&auml;r zum L&ouml;wen! Er sieht wirklich ausgezeichnet
-aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn<span class="pagenum"><a id="Page_155">[S. 155]</a></span>
-scherzend den modernen Parzival nennt, so hat man
-nicht so unrecht, denn Frau Herzeleides Sohn zeichnete
-sich ja auch durch besondere Sch&ouml;nheit aus!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Durch die Sch&ouml;nheit eines ritterlichen K&auml;mpen.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Denken Sie sich jenen Mann in die R&uuml;stung eines
-Gralsritters, und er w&uuml;rde sch&ouml;n sein wie ein Gott!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Er &rsaquo;w&uuml;rde&lsaquo; &mdash; freilich! &mdash; aber er wird es nie werden!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Leider, jene Zeiten sind vor&uuml;ber!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher S&auml;bel
-oder Degen f&uuml;hrt, welcher k&uuml;hn bereit ist, in den Kampf
-f&uuml;r F&uuml;rst und Vaterland zu ziehen!&laquo;</p>
-
-<p>Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt.</p>
-
-<p>&raquo;Sehr verbunden, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein, diese Anerkennung
-tut einem Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar
-nur Reserveoffizier, aber z&auml;hle mich dennoch zum Ganzen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande
-mit Feder und Schwert zugleich!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Der B&auml;r von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!&laquo;
-Sie sah ihn gro&szlig; und erstaunt an. &raquo;Indem er sich selber
-zum reichen Mann macht?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Auch dadurch. &mdash; Wenn sich ein Landwirt bem&uuml;ht,
-seine G&uuml;ter auf eine stets h&ouml;here Kulturstufe zu bringen,
-sie stets ertragsf&auml;higer und besser zu machen, so dient
-er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Au&szlig;erdem ist
-anzunehmen, da&szlig; ein Mann, dessen pers&ouml;nliche Lage
-sich st&auml;ndig hebt, darauf bedacht ist, f&uuml;r seine Arbeiter
-und deren Wohlergehen, f&uuml;r seine Bediensteten und deren
-g&uuml;nstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet dadurch
-am besten an der L&ouml;sung der gro&szlig;en sozialen Lage mit
-und schafft in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als
-manch ein Held der Feder und des S&auml;bels Zeit seines
-Lebens! &mdash; Ganz abgesehen von dem erziehlichen und
-f&ouml;rdernden Einflu&szlig;, den gerade der Gutsbesitzer in seinem
-kleinen Reiche aus&uuml;ben kann!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das mag alles sehr logisch sein,&laquo; zuckte die junge
-Dame etwas ungeduldig die Achseln, &raquo;aber es bezieht
-sich leider nur auf die Gr&auml;fin und nicht auf ihren Sohn!<span class="pagenum"><a id="Page_156">[S. 156]</a></span>
-Au&szlig;erdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um solch ein
-Wirken in der Stille gen&uuml;gend anzuerkennen. F&uuml;r die
-Mutter gen&uuml;gt es mir, f&uuml;r den Sohn nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und warum nicht f&uuml;r diesen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Weil ich bei einem Manne <em class="gesperrt">Taten</em> sehen will! Es
-steckt in jedem M&auml;dchenkopf ein gutes St&uuml;ck Romantik,
-welches den Wert eines Mannes nur nach der Qualit&auml;t
-von Mut und pers&ouml;nlicher K&uuml;hnheit bemi&szlig;t, welche er
-zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn
-der Betreffende, welcher sie aus&uuml;bt, sich nicht dabei exponiert
-und sein Leben aufs Spiel setzt! &mdash; Wenn heute
-ein reicher Mann Hunderttausende hingibt f&uuml;r den Bau
-eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr
-lobenswert und sch&ouml;n, aber mein Herz wird f&uuml;r den hochherzigen
-Spender nicht um einen Hauch schneller schlagen
-wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit k&uuml;hnem Hurra
-im Kugelregen vorw&auml;rts st&uuml;rmt, um f&uuml;r seinen Kaiser
-einen Sieg zu erk&auml;mpfen ... wenn ein Mensch sich mutig
-in ein brennendes Haus wagt, um ein Kind zu retten ...
-wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft, einen
-Greis zu sch&uuml;tzen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich
-stets zu hei&szlig;em Entz&uuml;cken, zu flammender Bewunderung
-begeistern wird!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein
-gn&auml;diges Fr&auml;ulein, und freue mich dessen, wenngleich Sie
-bei all Ihrer edlen Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig
-urteilen. Jeder leistet gewi&szlig; so viel, wie in seinen
-Kr&auml;ften steht, aber jeder mu&szlig; sich auch den Verh&auml;ltnissen
-anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. &mdash;
-Wenn die V&ouml;lker nicht aufeinander schlagen, wird es
-schwer sein, sich blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld
-zu pfl&uuml;cken, und wenn kein Haus brennt, h&auml;lt es schwer,
-Gef&auml;hrdete zu retten! &mdash; In unsern, gottlob so stillen
-Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen
-sieht, am wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur,
-&mdash; wenn sich die Gelegenheit bietet, wird auch Graf
-Hohen-Esp seinen Mann stehen!&laquo;</p>
-
-<p>Ein sarkastisches L&auml;cheln zuckte um Gabrieles Mund,<span class="pagenum"><a id="Page_157">[S. 157]</a></span>
-mit ungl&auml;ubigem Blick streifte sie die Reckengestalt des
-Genannten, welcher soeben vor den jungen Prinzessinnen
-stand und so befangen in sich zusammensank, als fehle
-Mark und Kraft in seinen Knochen, &mdash; dann wandte
-sie mit aufleuchtenden Augen das K&ouml;pfchen und sah
-Herrn von Heidler entgegen, welcher sich hastig zu ihr
-Bahn brach und um eine Extratour bat.</p>
-
-<p>Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot
-von dem erhitzten Gesicht ab, die Narbe, welche stets
-von dem schweren Sturz erz&auml;hlen wird, welchen der
-schneidige Kavallerist sich bei tollk&uuml;hnem Ritt geholt! &mdash;
-Gabrieles Herz schl&auml;gt hoch auf, sie legt die bebende
-Hand auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das
-scharfgeschnittene, trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden
-Augen empor. &mdash;</p>
-
-<p>Hart, eisern &mdash; fest ist es &mdash; wie aus Bronze gegossen;
-der Griff, mit welchem er ihre schlanke Gestalt
-beinahe an sich rei&szlig;t, hat nichts so Zartes, R&uuml;cksichtsvolles,
-wie die H&auml;nde des B&auml;ren von Hohen-Esp, als
-er sie, behutsam, wie ein zartes V&ouml;gelchen, aus dem
-Schnee hob.</p>
-
-<p class="pmb3">Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick
-brennt auf dem roten Streifen, welcher seine Stirn
-zeichnet, und durch ihren Sinn zieht es wie jubelnde
-Weise: &raquo;Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der
-Stirn &mdash; und das eiserne Kreuz auf der Brust!&laquo; &mdash;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[S. 158]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XII">XII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem
-Gespr&auml;ch mit einer alten Exzellenz nahe der Empore,
-auf welcher die h&ouml;chsten Herrschaften Platz genommen,
-dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten.</p>
-
-<p>Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit
-Graf Guntram Krafft gesprochen, wie auch die f&uuml;rstlichen
-Damen ihn auszeichneten, und wie der Erbe von
-Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer
-Verneigung zur&uuml;ckzog, um einen Augenblick an der bl&uuml;tenduftigen
-Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das
-farbengl&auml;nzende Bild im Saal herabzuschauen.</p>
-
-<p>Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar
-liebensw&uuml;rdigen Worten und schritt &mdash; anscheinend nur
-in den Anblick der hohen Herrschaften vertieft, langsam
-an dem Wanddiwan entlang.</p>
-
-<p>Ein feines, nerv&ouml;ses Zucken spielte um ihre Augen,
-ein Zeichen, da&szlig; sie ge&auml;rgert oder nerv&ouml;s war, und
-wenn ihr Blick zuf&auml;llig Komtesse Thea streifte, so bekam
-er beinahe etwas Feindseliges.</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen besa&szlig; viel Scharfblick und
-Menschenkenntnis, und das Gespr&auml;ch zwischen Thea und
-dem Grafen, welches sie unfreiwillig belauscht, hatte ihr
-die &Uuml;berzeugung gegeben, da&szlig; die Komtesse bem&uuml;ht
-war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele
-zu intrigieren.</p>
-
-<p>Die Komtesse war bereits zu der &Uuml;berzeugung gekommen,
-da&szlig; sie, als sehr wenig bemittelte junge Dame,
-kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige eine gl&auml;nzende
-Partie zu tun.</p>
-
-<p>Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge
-Dame schien klug genug, das Eisen allsogleich zu schmieden,<span class="pagenum"><a id="Page_159">[S. 159]</a></span>
-solange es noch hei&szlig; und der Graf unbekannt in
-der Gesellschaft war.</p>
-
-<p>Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte
-&uuml;ber den Einsiedler von Hohen-Esp und ihn mehr neugierig
-wie begehrlich betrachtete, so wu&szlig;te Frau von
-Sprendlingen doch, da&szlig; er sich gar bald hier eingelebt
-und der Gegenstand brennenden Interesses f&uuml;r M&uuml;tter
-und T&ouml;chter sein werde.</p>
-
-<p>Schon jetzt h&ouml;rte man &uuml;berwiegend mehr Anerkennendes
-aus dem Mund der Damen wie Sp&ouml;ttisches, und die
-Sch&ouml;nheit des jungen Mannes schien der Punkt zu sein,
-an welchem eine allgemeine Begeisterung f&uuml;r den reichen
-Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte.</p>
-
-<p>Ganz wie von ungef&auml;hr n&auml;herte sich die Baronin
-dem Sohne Gundulas und bemerkte es voll &auml;u&szlig;erster
-Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig verd&uuml;stert, aber
-sehr beharrlich ihrer Tochter folgte.</p>
-
-<p>Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette
-an der goldenen Kette von dem F&auml;cher los und hob sie
-an die Augen, und als der Graf mechanisch auf die
-elegante, noch immer sehr sch&ouml;ne und jugendliche Frau
-herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst
-zu bemerken und zu erkennen.</p>
-
-<p>Sie wandte sich ihm sichtlich &uuml;berrascht und erfreut
-zu und bot ihm die kleine Hand, &uuml;ber welcher die kostbaren
-Armspangen funkelten, entgegen.</p>
-
-<p>&raquo;Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie
-hier bei Spiel und Tanz begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen! Hoffentlich
-sind Sie schon bei der Jugend bekannt geworden und
-am&uuml;sieren sich vortrefflich?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu
-wissen, wen er vor sich hatte.</p>
-
-<p>Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen
-Weise und stammelte eine Antwort, von welcher
-Frau von Sprendlingen wenig verstand.</p>
-
-<p>&raquo;Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen
-Tanz aufgehoben?&laquo; fuhr die sch&ouml;ne Frau mit anmutigem
-L&auml;cheln fort. &raquo;Es ist heute einer jener seltenen Tage,<span class="pagenum"><a id="Page_160">[S. 160]</a></span>
-an welchen die Herren in der gro&szlig;en &Uuml;berzahl sind und
-die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen
-Mannes und war sehr befriedigt, als sie das j&auml;he
-Aufleuchten seiner Augen sah, das pl&ouml;tzliche, lebhafte
-Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles
-nannte.</p>
-
-<p>&raquo;Oh, Frau von Sprendlingen!&laquo; rief Guntram Krafft
-mit j&auml;her R&ouml;te in den Wangen, in seiner so ehrlich-naiven
-Art: &raquo;Jetzt erst erkenne ich Sie, gn&auml;digste Frau!
-Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so m&auml;rchenhaft
-ver&auml;ndert aus, da&szlig; man sich selbst mit dem besten
-Ged&auml;chtnis in dieser neuen Welt schlecht zurechtfindet!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie begreiflich ist das! &mdash; So fanden Sie auch meine
-Tochter noch nicht unter den vielen unbekannten T&auml;nzerinnen
-heraus?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Fr&auml;ulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen
-w&uuml;rde ich sie erkennen!&laquo;</p>
-
-<p>Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin
-l&auml;chelte abermals.</p>
-
-<p>&raquo;Wie liebensw&uuml;rdig Sie das sagen! &mdash; Ich hoffe, da&szlig;
-Sie zum mindesten den Kotillon mit ihr tanzen?&laquo;</p>
-
-<p>Ein Schatten flog &uuml;ber das strahlende Gesicht des
-jungen B&auml;ren.</p>
-
-<p>&raquo;Ich kam zu sp&auml;t, gn&auml;digste Frau!&laquo; sagte er leiste.</p>
-
-<p>&raquo;Oh! in der Tat? Dar&uuml;ber m&uuml;ssen Sie mich genau
-unterrichten! Sind Sie f&uuml;r diesen Tanz verpflichtet oder
-haben Sie Zeit, mir ein wenig Gesellschaft zu leisten?
-Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es sich sehr
-nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sehr gn&auml;dig &mdash; ich bin &uuml;beraus dankbar!&laquo; stammelte
-Guntram Krafft, und abermals leuchtete ihm die Freude
-aus den Augen. Die schlanke, elegante Frau mit dem
-zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden
-Ausdruck in den sch&ouml;nen Z&uuml;gen h&auml;tte nicht Gabrieles
-Mutter zu sein brauchen, um es ihm anzutun, er hatte
-schon bei seinem ersten Besuch lebhafte Sympathie f&uuml;r
-sie empfunden, und dieses Gef&uuml;hl steigerte sich in diesem<span class="pagenum"><a id="Page_161">[S. 161]</a></span>
-Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch
-heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden
-Menschen, jedes freundliche Wort doppelt
-dankbar.</p>
-
-<p>Nun war es Gr&auml;fin Thea nicht mehr allein, welche
-ihm wie ein rettender Engel in seiner Verlassenheit erschien,
-Gabrieles Mutter lie&szlig; sein Herz noch schneller und
-erregter in diesem Augenblick schlagen, und er empfand
-es schon als gro&szlig;es Gl&uuml;ck, mit ihr von der Wunderlieblichen
-zu plaudern, welche es seinem Herzen wie durch
-Spuk und Zauber angetan. &mdash; &mdash; &mdash; Er setzte sich neben
-Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder, und die
-weichen, gl&auml;nzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe
-legten sich wie ein Traumgefilde um seine F&uuml;&szlig;e.</p>
-
-<p>&raquo;Also Sie kamen zu sp&auml;t zu Gabriele?&laquo; fragte die
-Baronin abermals mit ihrer weichen, angenehmen Stimme
-und entfaltete den duftigen Marabuf&auml;cher vor der Brust.
-&mdash; &raquo;Wie kam das? Wir waren heute sehr pr&auml;zise zur
-Stelle!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dessen kann ich mich kaum r&uuml;hmen, gn&auml;digste Frau!
-Ich habe das fremde Terrain Schritt um Schritt erobert
-und bedurfte der Zeit, um mich in diesem Zauberreich
-zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie v&ouml;llig neu
-es mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen
-auf dem h&ouml;fischen Parkett lernen mu&szlig;!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Davon merke ich nichts &mdash; oder besser gesagt, Sie
-lernen zum Erstaunen schnell! Gleichwohl begreife ich,
-da&szlig; Sie heute nicht Herr der Zeit gewesen! So fanden
-Sie Gabriele erst jetzt w&auml;hrend des Tanzes!&laquo;</p>
-
-<p>Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden
-Atlasfalten, auf das wirre, feine Spitzengeriesel,
-welches sie ums&auml;umte, nieder.</p>
-
-<p>&raquo;Doch nicht, gn&auml;digste Frau ... ich konnte mich Ihrer
-Fr&auml;ulein Tochter noch in der Galerie bekannt machen ...
-aber ... ich kam zu einer sehr ungelegenen Zeit ...&laquo;</p>
-
-<p>Die letzten Worte klangen so leise, da&szlig; Frau von
-Sprendlingen sie kaum verstand. Sie hob j&auml;h den Kopf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber
-Graf?&laquo;</p>
-
-<p>Da schauten sie seine gro&szlig;en, ehrlichen, blauen Kinderaugen
-unendlich traurig an.</p>
-
-<p>&raquo;Ihr Fr&auml;ulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben&laquo;,
-sagte er treuherzig.</p>
-
-<p>Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung.
-&raquo;Gabriele sich verloben? &mdash; Herr des Himmels, mit wem
-denn?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher
-eine breite Narbe auf der Stirn tr&auml;gt; der Name ist
-mir wieder entfallen, gn&auml;digste Frau!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mit Heidler?&laquo; Frau von Sprendlingen klappte bewegt
-den F&auml;cher zu: &raquo;O welch eine l&auml;cherliche, absurde
-Idee! &mdash; Wer hat Ihnen solch einen Unsinn vorgeredet,
-Graf?&laquo;</p>
-
-<p>Schier atemlos starrt der B&auml;r von Hohen-Esp die sch&ouml;ne
-Frau an seiner Seite an. <em class="gesperrt">Wieder</em> stieg es hei&szlig; und
-rot in seinem Antlitz auf.</p>
-
-<p>&raquo;Es ist nicht wahr? &mdash; Es ist ein Irrtum?&laquo; klang
-es wie leiser Jubel von seinen Lippen &mdash;: &raquo;O, das
-w&auml;re ja ...&laquo; und er unterbrach sich pl&ouml;tzlich voll t&ouml;dlicher
-Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige
-Atlasschleppe nieder. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Solches M&auml;rchen hat Ihnen gewi&szlig; Gr&auml;fin Thea Sevarille
-vorerz&auml;hlt!&laquo; lachte die Generalin, und doch flimmerte
-es in ihrem Blick wie geheimer Triumph, das
-Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu
-haben &mdash;: &raquo;Die jungen M&auml;dchen wittern ja sofort eine
-Verlobung, wenn ein Herr etwas den Hof macht, und
-bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht, da&szlig;
-zum Verloben doch immer zweie geh&ouml;ren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Herr von Heidler liebt Fr&auml;ulein Gabriele wohl sehr?&laquo;
-fragte Guntram Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen
-Aufrichtigkeit, und abermals klang es wie geheime Sorge
-durch seine Stimme.</p>
-
-<p>&raquo;Je nun &mdash; er schw&auml;rmt meine Tochter an und zeigt
-das sehr aufrichtig!&laquo; l&auml;chelte Frau von Sprendlingen<span class="pagenum"><a id="Page_163">[S. 163]</a></span>
-ein wenig ironisch &mdash;: &raquo;aber das tun doch sehr viele
-der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt
-und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus
-nicht &mdash; und wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht
-etwas liebensw&uuml;rdiger ist wie zu andern Herren,
-so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit
-einer langen Reihe von Jahren kennt!&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an
-den Lippen der Sprecherin.</p>
-
-<p>Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht
-und frischen Lebensmut sch&ouml;pfte; seine Augen
-strahlten wie verkl&auml;rt, und er bem&uuml;hte sich auch gar nicht,
-seine Freude zu verbergen.</p>
-
-<p>&raquo;So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?&laquo; fragte er leise
-und sah die Baronin an, als habe er auch nicht das
-kleinste Geheimnis mehr vor ihr.</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen lachte abermals.</p>
-
-<p>&raquo;Es ist meine feste &Uuml;berzeugung, und ich hoffe, da&szlig;
-ich mich nicht irre! Die Welt, und namentlich die lieben
-Freundinnen meiner Tochter, sagen Gabriele &mdash; ebenso
-wie jedes andere vielumschw&auml;rmte M&auml;dchen &mdash; gern verlobt,
-in der Hoffnung, sie dadurch unsch&auml;dlich zu machen;
-daran mu&szlig; man sich hier in der Residenz gew&ouml;hnen,
-bester Graf, und durchaus nicht alles glauben, was die
-Leute sagen! Nun aber erz&auml;hlen Sie mir weiter! Gabriele
-hatte keinen Tanz mehr frei?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Keinen, gn&auml;digste Frau.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?&laquo;</p>
-
-<p>Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen
-an.</p>
-
-<p>&raquo;Das wage ich nicht. Ich wollte &uuml;berhaupt nicht mit
-Ihrer Fr&auml;ulein Tochter tanzen, sondern nur plaudern.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ah! Sie &uuml;berraschen mich!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte
-es nie in der Art, wie man hier tanzt.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer sch&ouml;nen
-Strandburg ist dazu wohl kaum Gelegenheit! &mdash; Aber<span class="pagenum"><a id="Page_164">[S. 164]</a></span>
-in einer Pause k&ouml;nnten Sie das Vers&auml;umte doch nachholen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen
-und wei&szlig; nicht, was ich mit jungen Damen reden soll.
-Meine einseitigen Interessen sind wohl nicht die ihren,
-und die gro&szlig;e Welt ist mir fremd.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie waren so sehr liebensw&uuml;rdig, meiner Tochter
-als Retter zu Hilfe zu kommen, als sie j&uuml;ngst ein kleines
-Ungl&uuml;ck mit dem Schlitten hatte?&laquo;</p>
-
-<p>Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr
-lebhaft und freute sich des Zufalls, welcher ihn just
-in jenem Augenblick des Wegs daher gef&uuml;hrt.</p>
-
-<p>&raquo;Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene
-unfreiwillige Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen
-ist!&laquo; scherzte die Generalin. &raquo;Wenn der Anfang zu
-einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das Schwerste
-&uuml;berstanden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Fr&auml;ulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ...
-und ... sie m&ouml;chte es wieder ungn&auml;dig aufnehmen, wenn
-ich st&ouml;re!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, gn&auml;digste Frau, daran dachte ich noch nicht.
-Mu&szlig; man das?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Man mu&szlig; nichts, was man nicht will! Aber ich
-m&ouml;chte Ihnen einen guten Rat geben. Wie ich h&ouml;re,
-ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und Gabriele
-sagte mir, da&szlig; Herr von Heidler in der Bildergalerie
-an Tafel III Pl&auml;tze belegt habe. &mdash; Nun kommen Sie
-einmal mit &mdash; ich f&uuml;hre Sie bis zu der Galeriet&uuml;r, &mdash;
-dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und belegen
-sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;O, vortrefflich! In der N&auml;he Ihres Fr&auml;ulein Tochter?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn Sie das w&uuml;nschen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&Uuml;ber alles w&uuml;nsche ich es mir!&laquo;</p>
-
-<p>Der junge B&auml;r von Hohen-Esp war wie ausgewechselt,
-er lachte und sprach lebhafter wie je zuvor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_165">[S. 165]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen
-diese Quadrille benutzen, um uns den Weg zu bahnen!&laquo;</p>
-
-<p>Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die
-Augen.</p>
-
-<p>&raquo;Ich danke Ihnen!&laquo; sagte er wie aus tiefstem Herzen
-heraus.</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen l&auml;chelte: &raquo;Glauben Sie in Zukunft
-nichts, was die Leute faseln! Sie sehen, wie falsch
-man Sie unterrichtet hatte!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Sie schritten an dem Diwan entlang, den gro&szlig;en,
-goldenen Saalt&uuml;ren zu, und Frau von Sprendlingen
-hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der hohen
-Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit
-einem einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen
-Hand lenkt und dirigiert, wohin es ihr beliebt.</p>
-
-<p>Ihr Blick flog hin&uuml;ber zu Gr&auml;fin Thea, welche, sichtlich
-zerstreut, ihre Quadrille tanzte, &mdash; sie sah weder den
-Graf von Hohen-Esp noch seine Begleiterin &mdash; und ein
-feines L&auml;cheln des Triumphes zuckte um ihre Lippen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und &uuml;bersah
-die Visitenkarten, welche auf den Gl&auml;sern lagen.</p>
-
-<p>Ein jeder Platz war besetzt.</p>
-
-<p>Unschl&uuml;ssig und tief entt&auml;uscht schaute er &uuml;ber die Tafel.</p>
-
-<p>&raquo;W&uuml;nschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch
-zu sitzen?&laquo; fragte es hinter ihm.</p>
-
-<p>Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder
-neuen Erscheinung am Hofe vertraut schien, trat diensteifrig
-n&auml;her und verbeugte sich ebenso h&ouml;flich wie respektvoll.</p>
-
-<p>&raquo;Es w&auml;re mir allerdings sehr lieb gewesen!&laquo; versicherte
-der Hohen-Esper, sehr angenehm durch das Interesse
-des alten Hofbeamten ber&uuml;hrt.</p>
-
-<p>&raquo;Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es
-m&uuml;ssen sowieso noch Pl&auml;tze eingeschoben werden, da der
-Herr Hofmarschall noch in dem letzten Augenblick Ansagen
-von benachbarten Garnisonen erhielt! Also f&uuml;gen
-wir noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht<span class="pagenum"><a id="Page_166">[S. 166]</a></span>
-hier?&laquo; &mdash; und er neigte den wohlfrisierten Kopf
-und las: &raquo;von Heidler ... ah ... unser Vort&auml;nzer ...
-dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen
-der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der
-Ecke ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ...
-welchen Sie zuerst bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...&laquo;
-und der Sprecher zog seine Visitenkarte aus der Brusttasche
-und reichte sie dar.</p>
-
-<p>Wieder stieg die hei&szlig;e Glut in seine Wangen, und
-voll verlegener Hast wandte er sich und schritt nach dem
-Saal zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Ihm war's, als m&uuml;&szlig;te man ihm all seine jubelnden
-Gedanken von der Stirn ablesen! Vor wenig Minuten
-hatte er gew&auml;hnt, all die hellen Kerzen ringsum seien
-erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit
-er geh&ouml;rt, Gabriele sei die Braut eines andern, und
-nun pl&ouml;tzlich, als er vernimmt, da&szlig; dies Gerede eitel
-Lug und Trug ist, da schl&auml;gt sein Herz auf in ungest&uuml;mer
-Gl&uuml;ckseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum blenden
-ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie!</p>
-
-<p>Warum das? &mdash;</p>
-
-<p>Er vermag sich selber kaum Rechenschaft dar&uuml;ber zu
-geben, er &uuml;berl&auml;&szlig;t sich willenlos dem fremden, eigenartigen
-Zauber, welcher ihn gefangenh&auml;lt.</p>
-
-<p>In der mit Blumen dekorierten Vorhalle des Saales
-treten ihm ein paar &auml;ltere Herren mit Band und Stern
-entgegen und reden ihn in liebensw&uuml;rdiger Weise an.</p>
-
-<p>Sie sind T&auml;nzer und Jugendbekannte seiner Mutter
-gewesen und erkundigen sich voll aufrichtigen Interesses
-nach Gr&auml;fin Gundulas Ergehen.</p>
-
-<p>Guntram Krafft freut sich, von ihr sprechen zu k&ouml;nnen,
-er empfindet es voll stolzer Genugtuung, da&szlig; man seine
-Mutter so hoch sch&auml;tzt und verehrt, und als der eine der
-Herren die Hand auf seinen Arm legt und sagt: &raquo;Kommen
-Sie, Graf, ich mu&szlig; Sie zu meiner Frau bringen! Sie
-ist ebenfalls eine gute Bekannte Ihrer Frau Mutter
-von fr&uuml;herer Zeit und wird sich sehr freuen, von ihr zu<span class="pagenum"><a id="Page_167">[S. 167]</a></span>
-h&ouml;ren und ihren Sohn kennenzulernen!&laquo; &mdash; da folgt der
-junge Mann so heiter und unbefangen, als ob ihn die
-letzte halbe Stunde heimisch auf dem Parkett gemacht
-habe.</p>
-
-<p>Er sieht im Vor&uuml;berschreiten Gr&auml;fin Thea, welche ihm
-lebhaft zuwinkt.</p>
-
-<p>&raquo;Wo um alles in der Welt stecken Sie denn, Graf?
-Ich m&ouml;chte Sie gern den jungen Damen vorstellen! &mdash;
-Halten Sie ihn bitte nicht allzu fest, Exzellenz &mdash; zum
-n&auml;chsten Walzer ist er urkundlich verpflichtet!&laquo;</p>
-
-<p>Sie h&auml;lt lachend die Tanzkarte empor, und der Begleiter
-Hohen-Esps zuckt scherzend die Achseln. &raquo;Wenn
-Sie den Grafen allerdings an solch holde Pflicht gemahnen,
-Komtesse, wird er mir fahnenfl&uuml;chtig, noch ehe
-er der alten Garde den Eid geleistet hat! &mdash; Aber unbesorgt
-&mdash; ich war zeitlebens ein unbescholtener Mann
-und begehre nicht meines N&auml;chsten Weib, Knecht oder
-Walzert&auml;nzer!! &mdash; <em class="antiqua">Au revoir!</em>&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Und als der n&auml;chste Tanz mit den weichen, lockenden
-Kl&auml;ngen der &raquo;Rosen aus dem S&uuml;den&laquo; einsetzt, stockt
-Guntram Krafft pl&ouml;tzlich in der Unterhaltung mit der
-Frau Minister und schaut abermals in Gr&auml;fin Sevarilles
-erhitztes Gesichtchen, welches ihm aus n&auml;chster N&auml;he
-zul&auml;chelt.</p>
-
-<p>&raquo;Sie haben engagiert, lieber Graf?&laquo; fragte die alte
-Dame in schnellem Verstehen: &raquo;Das ist recht! Ich werde
-mich freuen, Sie tanzen zu sehen! Und den achtundzwanzigsten
-dieses Monats reservieren Sie uns also ... wir
-werden uns freuen, Sie zum Diner bei uns begr&uuml;&szlig;en
-zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp dankt sehr erfreut, verneigt
-sich und steht im n&auml;chsten Augenblick an der Seite der
-Komtesse.</p>
-
-<p>Er hat es so eilig, ihr zu erz&auml;hlen, da&szlig; es mit der
-Verlobung Gabrieles ein gro&szlig;er Irrtum ist, aber er
-kommt f&uuml;rerst nicht dazu, denn Thea spricht lebhaft auf
-ihn ein, wendet sich zu den n&auml;chststehenden jungen M&auml;dchen
-und stellt ihnen den Graf vor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_168">[S. 168]</a></span></p>
-
-<p>Man l&auml;chelt ihm sehr liebensw&uuml;rdig zu, beginnt ein
-allgemeines Gespr&auml;ch und macht dem &raquo;modernen Parzival&laquo;
-klar, da&szlig; er unter allen Umst&auml;nden tanzen m&uuml;sse!</p>
-
-<p>&raquo;Sie sehen, Graf, man tanzt hier keinen Walzer, sondern
-nur Galopp! Je nun, und das ist doch kein Kunstst&uuml;ck!
-Wer so wie Sie eines Hauptes l&auml;nger ist, wie
-alles &uuml;brige Volk, steuert doch ohne jedwede Gefahr
-durch all diese Wirbel und hohe Flut!&laquo;</p>
-
-<p>Das ist ein Wort!</p>
-
-<p>Guntram Kraffts Auge blitzt auf, &mdash; er lacht und verneigt
-sich vor Thea.</p>
-
-<p>&raquo;Mut hat auch der Mameluck, Komtesse &mdash; riskieren
-Sie es mit mir Seeb&auml;ren?&laquo;</p>
-
-<p>Einen Augenblick neigt sie das K&ouml;pfchen zur&uuml;ck und
-sieht zu ihm auf.</p>
-
-<p>Welch ein Blick!</p>
-
-<p>Wenn der Einsiedler von Hohen-Esp nicht arg zu naiv
-w&auml;re, w&uuml;rde er viel, sehr viel darin lesen!</p>
-
-<p>Aber der Graf denkt gar nicht dar&uuml;ber nach, was sich
-wohl in den Augen einer Komtesse Sevarille spiegeln
-m&ouml;chte, er hat nur einen einzigen Wunsch, den &mdash; es
-zu versuchen, ob er sich wahrlich unter die Reihen der
-T&auml;nzer wagen kann, ob er die Probe bestehen wird, um
-alsdann auch den Arm um jene andere, Einzigste legen
-zu k&ouml;nnen, welche all sein Sinnen und Denken gefangennimmt.</p>
-
-<p>Und er tanzt, &mdash; wohl nicht ganz so gewandt und
-elegant wie die andern Herren im Saal, aber doch sicher
-und gut, ohne im mindesten unliebsam aufzufallen.</p>
-
-<p>&raquo;Bei einem Galopp kommt es nur auf die sichere
-F&uuml;hrung an!&laquo; hat eine der Damen soeben noch ermutigend
-gesagt, nun, und sicher hat der b&auml;renstarke Arm
-des Hohen-Esper seine Dame gehalten!</p>
-
-<p>Mit hei&szlig;ger&ouml;tetem Antlitz f&uuml;hrt er Thea an ihren
-Platz zur&uuml;ck, und die andern Damen und Herren, welche
-gewartet haben, voll neugierigen Interesses das &raquo;erste
-Debut des Parzival&laquo; zu beobachten, begr&uuml;&szlig;en ihn mit
-lebhaftem Beifall.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_169">[S. 169]</a></span></p>
-
-<p>Guntram Krafft hat es gar nicht bemerkt, wie aller
-Blicke ihm w&auml;hrend des Tanzes gefolgt sind, er hat es
-nicht geh&ouml;rt, da&szlig; der Herzog sich erfreut und anerkennend
-dar&uuml;ber &auml;u&szlig;ert, &mdash; er schaut nur suchend &uuml;ber die bunte,
-wirbelnde Menge, ob er nicht Gabrieles K&ouml;pfchen ersp&auml;hen
-kann.</p>
-
-<p>Und er sieht sie pl&ouml;tzlich in n&auml;chster N&auml;he, sieht direkt
-in die wundersam hellen, gro&szlig;en Nixenaugen hinein,
-welche wie staunend auf ihn gerichtet sind.</p>
-
-<p>Und Guntram Krafft lacht noch gl&uuml;ckseliger wie zuvor,
-sagt Komtesse Thea ein herzliches Dankeswort und richtet
-sich hoch und k&uuml;hn auf &mdash; in Wahrheit wie ein junger
-B&auml;r, welcher sich pl&ouml;tzlich seiner Kraft bewu&szlig;t wird,
-wendet sich und steht im n&auml;chsten Augenblick vor Fr&auml;ulein
-von Sprendlingen. &raquo;Darf ich bitten, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein?&laquo;</p>
-
-<p>Da starren ihn die meerfarbenen Augen abermals an
-wie aufs h&ouml;chste &uuml;berrascht ob einer solchen Zumutung,
-und dann wendet sie das K&ouml;pfchen und wechselt einen
-sekundenlangen, unendlich vielsagenden Blick mit dem
-schlanken, jungen Garde-Grenadier-Offizier, welcher neben
-ihr steht.</p>
-
-<p>Der l&auml;chelt sehr verst&auml;ndnisinnig &mdash;: &raquo;Ich begreife,
-Baronesse!&laquo; dreht sich kurz auf dem Hacken um und eilt
-als vielbesch&auml;ftigter Vort&auml;nzer davon, &mdash; Gabriele aber
-legt langsam, beinahe z&ouml;gernd den Arm auf den des
-Grafen und sagt: &raquo;Wir werden noch einen Augenblick
-warten m&uuml;ssen, es ist sehr wenig Raum zum Tanzen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie Sie befehlen, Fr&auml;ulein von Sprendlingen!&laquo; antwortet
-Guntram Krafft und umschlie&szlig;t mit bebender
-Hand ihre weiche, schmiegsame Gestalt.</p>
-
-<p>Wie rote Nebel wallt es vor seinen Augen, die Aufregung
-schn&uuml;rt ihm die Kehle zusammen, er hat das
-Gef&uuml;hl, als wanke der Boden pl&ouml;tzlich unter seinen
-F&uuml;&szlig;en, und doch m&ouml;chte er aufjauchzen vor Gl&uuml;ckseligkeit,
-wie daheim, wenn er dem wilden, feindlichen Meer
-eine Beute abgetrotzt!</p>
-
-<p>Einen Augenblick harrt er so ... noch einen ... und<span class="pagenum"><a id="Page_170">[S. 170]</a></span>
-da ... gerade als er lostanzen will, bricht die Musik
-mit kurzem Schlusse ab.</p>
-
-<p>Der Garde-Grenadier ist in die Mitte der Tanzenden
-getreten und hat die Hand mit kurzer Geste nach dem
-Orchester hinter dem Goldgitter der Galerie gehoben.</p>
-
-<p>Guntram Krafft, der Neuling, bemerkte es nicht, er blickt
-nur erschrocken zu Gabriele nieder und sagt bedauernd:
-&raquo;O wie schade!&laquo; &mdash; und Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-l&auml;chelt ganz wunderlich, l&ouml;st die Hand von seinem Arm
-und tritt von ihm zur&uuml;ck.</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Bedaure sehr!&laquo; sagt sie k&uuml;hl, wendet das K&ouml;pfchen
-und begr&uuml;&szlig;t eine junge Hauptmannsfrau, welche jetzt am
-Arm ihres T&auml;nzers vor&uuml;berschreitet und ihr zunickt.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[S. 171]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XIII">XIII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig
-h&ouml;flich von Guntram Krafft abgewandt hatte, trat Frau
-von Sprendlingen zu ihrer Tochter heran und fl&uuml;sterte
-ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr.</p>
-
-<p>Der breitgehaltene F&auml;cher d&auml;mpfte den Klang derselben
-und verdeckte das Gesicht der Generalin, aber man
-bemerkte trotzdem, da&szlig; sie erregt und sehr energisch sprach.</p>
-
-<p>&Uuml;ber Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten.</p>
-
-<p>&raquo;Es war ja ein Gl&uuml;ck, da&szlig; die Musik just schwieg.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat
-gar keinen Zweck! Begeistern werde ich mich nie f&uuml;r
-das Mutters&ouml;hnchen &mdash; warum also seine l&auml;cherliche Sympathie
-f&uuml;r mich durch irgend welche H&ouml;flichkeit n&auml;hren?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten;
-ich befehle dir jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu
-behandeln, wenn er sich dir noch einmal n&auml;hern sollte!
-H&ouml;rst du, Gabriele? Ich verlange und fordere es von dir
-als ein Zeichen deiner Liebe f&uuml;r mich!&laquo;</p>
-
-<p>Die junge Dame seufzte leicht auf.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, h&auml;tte Frau Gundula doch etwas Besseres getan,
-als ihrem Baby die verlorenen Taler wieder zusammengespart!
-Je nun ... ich werde versuchen, mich
-dem Reigen um diesen modernsten G&ouml;tzen anzuschlie&szlig;en!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie f&uuml;r
-ihren Sohn sorgte, aber der alte Herr von Heidler, der
-die G&uuml;ter verpra&szlig;te, anstatt sie seinem Erben zu erhalten
-... wie handelte der?&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen
-der Mutter, sie zuckte beinahe wehm&uuml;tig die sch&ouml;nen
-Schultern: &raquo;Geld macht ja doch nicht gl&uuml;cklich, Mama, &mdash;
-und es ist doch tausendmal besser und moralischer, einen<span class="pagenum"><a id="Page_172">[S. 172]</a></span>
-armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung
-zu heiraten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest,
-da&szlig; gerade der &rsaquo;arme&lsaquo; Mann viel zu klug und kaltherzig
-ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes M&auml;dchen zu freien!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!&laquo;</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen bi&szlig; momentan wie in gro&szlig;er
-Nervosit&auml;t die Z&auml;hne zusammen. &raquo;Gleichviel, du tust,
-wie ich dir befehle!&laquo; sagte sie kurz, voll ganz ungewohnter
-Strenge, klappte den F&auml;cher zu und wandte sich mit
-liebensw&uuml;rdigstem L&auml;cheln wieder ein paar Damen und
-Herren zu, welche sie schon seit Beginn des Festes wie
-den Stein der Weisen gesucht hatten! &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Man hatte sich zu Tisch gesetzt.</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Thea bemerkte es zu ihrem gro&szlig;en Verdru&szlig;,
-da&szlig; Graf Hohen-Esp sie nicht engagierte, so nahe sie
-es ihm auch gelegt hatte, da&szlig; sie das Souper &raquo;vorsichtigerweise&laquo;
-noch freigehalten habe.</p>
-
-<p>Guntram Krafft reagierte nicht darauf. &mdash; Als er
-direkt nach seiner Extratour mit ihr zu Gabriele schritt
-und &raquo;beinahe&laquo; mit ihr getanzt h&auml;tte, grub Gr&auml;fin Sevarille
-die Z&auml;hnchen recht &auml;rgerlich in die Lippen.</p>
-
-<p>War denn der naive Schw&auml;rmer unverbesserlich, da&szlig;
-er so schnell den fatalen Eindruck, den die &raquo;Verlobung&laquo;
-des Fr&auml;ulein von Sprendlingen auf ihn gemacht, absch&uuml;ttelte
-und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer
-Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die
-Saison zu tragen?</p>
-
-<p>Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien
-der strahlendsten Laune Platz gemacht zu haben, welche
-selbst der &raquo;entgleiste&laquo; Walzer mit der Angebeteten nicht
-zu tr&uuml;ben vermochte.</p>
-
-<p>Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu
-ihr zur&uuml;ck, als wie er von ihr gegangen, schien absolut
-kein Verst&auml;ndnis f&uuml;r die kleinen Bosheiten zu haben,
-welche Thea so geschickt auf Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar<span class="pagenum"><a id="Page_173">[S. 173]</a></span>
-verbl&uuml;hte Pr&auml;sidentent&ouml;chter und ein sehr dicker Jagdjunker
-eifrigst sekundierten. Er stand w&auml;hrend der nachfolgenden
-Française vor dem erh&ouml;hten Wandpolster und
-folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann sprach
-er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als
-Gr&auml;fin Thea f&uuml;r etliche Minuten durch eine sehr am&uuml;sante
-Konfusion in Anspruch genommen ward und danach wieder
-verstohlen nach dem B&auml;r von Hohen-Esp ausschaute,
-war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos
-verschwunden!</p>
-
-<p>Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich
-schon einen scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte,
-um sich den bis jetzt so unh&ouml;flich verweigerten Arm des
-Grafen zu erzwingen.</p>
-
-<p>Wohin war er verschwunden?</p>
-
-<p>Voll nerv&ouml;ser Unruhe schaute die junge Dame zuerst
-nach Gabriele aus und sah es zu ihrer gro&szlig;en Genugtuung,
-da&szlig; dieselbe am Arme Heidlers den Saal verlie&szlig;.</p>
-
-<p>Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan
-doch, da&szlig; sie &uuml;ber keinen Tischherrn verf&uuml;gte.</p>
-
-<p>Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und
-trat hastig n&auml;her.</p>
-
-<p>&raquo;Sind Komtesse etwa nicht engagiert?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Selbstredend, &mdash; aber man scheint mal wieder Konfusion
-gemacht zu haben &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Darf ich gehorsamst bitten?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Etwas &uuml;bellaunig und z&ouml;gernd legte Thea die Hand
-auf den Arm dieses so sehr nichtssagenden und unbedeutenden
-Tischherrn. Seit zwei Jahren Leutnant! Gr&auml;&szlig;lich!
-So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen Hintergrund
-rechnete bei ihr &uuml;berhaupt nicht mit.</p>
-
-<p>&raquo;Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp f&uuml;r denselben
-Tisch verabredet, Herr von Stark!&laquo; sagte sie schnell. &raquo;Der
-Graf ist fremd hier und wird gewi&szlig; hilflos umherirren
-und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen Sie
-uns dem &Auml;rmsten zu Hilfe kommen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ...
-wird wohl schon seinen Platz an K&ouml;nig Artus Tafelrunde<span class="pagenum"><a id="Page_174">[S. 174]</a></span>
-gefunden haben! M&uuml;&szlig;te mich sehr irren, wenn
-er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal
-beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist
-ja Landstand! Trotz seiner Hinterw&auml;ldlerart! &mdash; Die
-G&uuml;ter verschaffen ihm Sitz und Stimme! &mdash; und wir ...
-haha ... in die Ecke, alter Besen! &mdash; Aber darum wollen
-wir in unserem Turmst&uuml;bchen doppelt fidel sein! &mdash; Darf
-ich bitten, Gn&auml;digste ... wir bekommen sonst &uuml;berhaupt
-keinen Platz mehr!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Thea zog die Brauen sehr ungn&auml;dig zusammen und
-folgte in denkbar schlechtester Laune. Welch ein Pech,
-da&szlig; der naive Neuling nicht rechtzeitig daran gedacht,
-sie zu engagieren &mdash; im Thronsaal sitzen ist just das, was
-Gr&auml;fin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen
-w&uuml;rde.</p>
-
-<p>Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie
-je, da&szlig; Graf Guntram Krafft es sein soll und mu&szlig;,
-welcher sie das n&auml;chste Mal nicht nur an die Tafel der
-h&ouml;chsten Herrschaften, sondern baldm&ouml;glichst auch als
-Herrin und Gebieterin in die Burg seiner V&auml;ter f&uuml;hren
-soll.</p>
-
-<p>Da&szlig; die alte B&auml;rin in derselben noch ihre despotische
-Herrschaft f&uuml;hrt, beunruhigt Thea durchaus nicht, denn
-wenn sie erst an der Seite des gutm&uuml;tigen und willenlosen
-Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches
-&auml;ndern!</p>
-
-<p>Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig
-ausgearbeitet, und der moderne Parzival und Frau Herzeleide
-spielen eine verschwindend kleine Rolle darin.</p>
-
-<p>Graf Guntram Krafft gef&auml;llt ihr ja ganz gut, ja,
-sie m&uuml;&szlig;te l&uuml;gen, wenn sie ihn nicht h&uuml;bsch f&auml;nde, aber
-Thea Sevarille ist viel zu modern erzogen, ist viel zu
-sehr ein Kind ihrer &uuml;bervern&uuml;nftigen Zeit, um dem
-Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben
-einzur&auml;umen.</p>
-
-<p>Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vern&uuml;nftig, und
-wenn zuf&auml;lligerweise das Herz mit der Klugheit Hand<span class="pagenum"><a id="Page_175">[S. 175]</a></span>
-in Hand geht, so ist es ein Vorteil mehr, mit welchem sie
-rechnen kann!</p>
-
-<p>Aber zu der &raquo;ungeheuren Fr&ouml;hlichkeit&laquo;, welche Herr
-von Stark f&uuml;r ihre &raquo;unterste Ecke&laquo; prophezeit hatte,
-steuerte sie an diesem Abend wenig bei.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>W&auml;hrenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem
-Herzen hinter seinem Stuhl gestanden und Fr&auml;ulein
-von Sprendlingen entgegengeschaut.</p>
-
-<p>Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst
-so k&uuml;hle und spr&ouml;de Antlitz rosig &uuml;berhaucht und seltsam
-belebt, die herrlichen, wundersamen Nixenaugen zu
-ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd,
-da&szlig; dem B&auml;r von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als
-sie ihre Pl&auml;tze erreicht haben, mustert der Dragoner den
-unvermuteten Nachbar mit einem seiner finster blitzenden,
-beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt
-laut: &raquo;Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte
-doch Hardenstein belegt, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher
-und verneigt sich sehr devot.</p>
-
-<p>&raquo;Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir mu&szlig;ten auf
-Befehl noch Pl&auml;tze einschieben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;H&auml;tten Sie auch mehr an der Ecke besorgen k&ouml;nnen!&laquo;
-zuckt Heidler in seiner r&uuml;cksichtslosen Art die Schultern
-und f&uuml;gt br&uuml;sk hinzu: &raquo;Na &mdash; es hilft nichts, Fr&auml;ulein
-Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schlie&szlig;lich auch
-gleichg&uuml;ltig.&laquo;</p>
-
-<p>Die junge Dame nickt und l&auml;chelt, wirft den F&auml;cher
-auf den Tisch und l&auml;&szlig;t sich m&uuml;de auf den Stuhl nieder,
-da&szlig; die starren Seidenfalten unter dem duftigen Goldflor
-leise aufrauschen.</p>
-
-<p>Ihr Blick trifft den B&auml;r von Hohen-Esp, und die
-Augen blicken wieder so kalt &mdash; so unsagbar kalt und
-abweisend drein, da&szlig; all die frohe, heitere Zuversicht
-des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber
-sie erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung
-des reizenden K&ouml;pfchens seinen stummen Gru&szlig;.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_176">[S. 176]</a></span></p>
-
-<p>W&auml;hrend der ersten Zeit hat Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-kein Wort und keinen Blick f&uuml;r ihren Nachbar,
-sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn von Heidler, wie
-Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des
-jungen Offiziers entnehmen kann &uuml;ber Reiten und Sport.</p>
-
-<p>Erst als das Gespr&auml;ch allgemein wird und sich um
-die letzten Rennen dreht, welche der Dragoner mit viel
-Erfolg mitgeritten hat, wendet sich Gabriele recht gezwungen,
-ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und
-fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei?</p>
-
-<p>Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so k&uuml;hl
-und gleichg&uuml;ltig, da&szlig; den Gefragten dasselbe Gef&uuml;hl
-der Befangenheit &uuml;berkommt, welches ihn in Gabrieles
-N&auml;he kaum noch verl&auml;&szlig;t.</p>
-
-<p>Das Blut steigt ihm in die Schl&auml;fen.</p>
-
-<p>&raquo;Reiten?&laquo; wiederholt er z&ouml;gernd, &raquo;gewi&szlig; reite ich
-t&auml;glich auf die Felder oder in den Wald hinaus, je
-nachdem es meine T&auml;tigkeit als Landwirt bedingt! Wir
-verf&uuml;gen jedoch nur &uuml;ber Pferde, welche mehr dauerhaft
-wie elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie
-Arbeitspferde, aber keine Vollbl&uuml;ter!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport
-noch ein Vergn&uuml;gen!&laquo; zuckt Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-die Achseln, und ihre Augen sehen aus wie die klare
-See, wenn j&auml;he Wolkenschatten sie dunkel f&auml;rben, &mdash;
-Herr von Heidler aber lacht mit ged&auml;mpfter Stimme
-auf und f&uuml;gt hinzu: &raquo;Donnerwetter, nein! ein H&uuml;rdenrennen
-auf einem Ackergaul gibt es nicht!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele sieht den Graf scharf an.</p>
-
-<p>Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze,
-energisch abweisende Antwort haben? Nein, das Mutters&ouml;hnchen
-lacht mutig mit und findet es entschieden viel
-zu gef&auml;hrlich, mit dem schneidigen Dragoner H&auml;ndel
-zu bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: &raquo;Ich
-m&ouml;chte es wenigstens nicht versuchen! Selbst auf einem
-Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von Heidler!
-Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel
-ge&uuml;bt sein will, &mdash; beides habe ich bisher vers&auml;umt!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_177">[S. 177]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Es geh&ouml;rt auch recht viel Courage und Schneid dazu,
-um auf der Rennbahn etwas zu leisten!&laquo; l&auml;chelt Gabriele
-beinahe ver&auml;chtlich und mustert noch widerwilliger wie
-zuvor ihren Nachbar, welcher so h&uuml;nenhaft gro&szlig; und gewaltig
-neben ihr sitzt und doch so kl&auml;glich vor ihrem
-kritischen Blick zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor
-der Sonne. &mdash;</p>
-
-<p>Auch diese Ironie scheint der zahme B&auml;r entweder
-nicht zu verstehen, oder er h&auml;lt es f&uuml;r praktischer, den
-Harmlosen zu spielen.</p>
-
-<p>&raquo;Gewi&szlig;, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein! Es geh&ouml;rt viel
-pers&ouml;nlicher Mut dazu, um flott &uuml;ber alle Hindernisse
-hinwegzugehen, denn leider gibt es j&auml;hrlich wohl traurige
-Beweise genug, da&szlig; auch der Turf seine Opfer fordert.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;<em class="gesperrt">Traurige</em> Beweise?&laquo; Heidler klemmt das Monokel
-ein und zieht die narbige Stirn in Falten: &raquo;Es ist meiner
-Ansicht nach nie traurig, wenn ein Mann sich in seinem
-Beruf aufopfert und einen frischen, sch&ouml;nen Reitertod
-stirbt! G&auml;be es keine Gefahr bei Mauern und Gr&auml;ben,
-w&uuml;rden sie jedweden Reiz f&uuml;r mich verlieren!&laquo;</p>
-
-<p>Gabrieles Blick leuchtete wie verkl&auml;rt zu dem Sprecher
-auf, und Guntram Krafft nickt zustimmend vor sich hin
-und sagt leise: &raquo;Ja, es ist seltsam, da&szlig; gerade die
-Gefahr einen so seltsamen Reiz aus&uuml;bt!&laquo; und er denkt
-dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das
-gebrechliche Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben
-in die Brandung hinaustreibt.</p>
-
-<p>Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem
-geneigten Antlitz ablesen, sie glaubt nur ein gewisses
-zaghaftes Gruseln aus seinen Worten herauszuh&ouml;ren,
-und ihr Blick flammt beinahe ver&auml;chtlich zu ihm auf.</p>
-
-<p>&raquo;Wenn Sie nicht reiten &mdash; was tun Sie sonst den
-ganzen Tag auf Hohen-Esp?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Er lacht, als ob ihn diese Frage am&uuml;siere: &raquo;Ich bin
-der erste Arbeiter meiner Mutter und schaffe das Meine;
-wissen Sie nicht, da&szlig; es auf dem Lande unendlich viel
-zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der faulen<span class="pagenum"><a id="Page_178">[S. 178]</a></span>
-Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es
-auch sei?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Sie verzieht den Mund noch ironischer. &raquo;Ich kenne
-das Landleben nur vom H&ouml;rensagen und halte das S&auml;en,
-Pfl&uuml;gen und Dreschen f&uuml;r recht harmlose Besch&auml;ftigungen.
-Irgendeinen Sport &uuml;ben Sie gar nicht aus?&laquo;</p>
-
-<p>Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen
-aus, und dieser Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht.</p>
-
-<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht recht, was Sie unter Sport verstehen,
-mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein! Wenn meine Arbeit getan
-ist, gew&auml;hrt es mir viel Freude und Genugtuung,
-auf der See zu rudern oder zu segeln!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Also &mdash; also doch eine Art Wassersport! Das ist
-ja jetzt auch modern!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Lieben Sie das Meer?&laquo;</p>
-
-<p>Sie sch&uuml;ttelt unendlich gleichg&uuml;ltig den Kopf.</p>
-
-<p>&raquo;Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse daf&uuml;r.
-So eine ewig gleiche, endlose Wasserfl&auml;che ist f&uuml;r mich
-unaussprechlich &ouml;de und reizlos!&laquo;</p>
-
-<p>Mit weit offenen Augen starrte er sie an.</p>
-
-<p>&raquo;Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal l&auml;ngere
-Zeit am Strande gelebt?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein! Gott sei Dank, wir mu&szlig;ten ja nach acht
-Tagen schon wieder von Heringsdorf abreisen, weil meiner
-Mutter die Luft nicht bekam. Ich denke mit gro&szlig;er
-Gleichg&uuml;ltigkeit an diese acht Tage voll blendender
-Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser
-Wasserfl&auml;che zur&uuml;ck. &mdash; Sp&auml;ter suchten wir im Sommer
-nur noch Quellenb&auml;der auf, und ich habe mich nie nach
-Heringsdorf zur&uuml;ckgesehnt!&laquo;</p>
-
-<p>Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. &raquo;Sind
-Sie im Boot gefahren?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gewi&szlig;! Abends ruderten uns meine beiden Vettern
-in die &rsaquo;blaue Unendlichkeit&lsaquo; hinaus, und wir schaukelten
-eine Zeitlang auf dem Wasser, sangen: &rsaquo;Das Meer
-ergl&auml;nzte weit hinaus!&lsaquo; und sahen die Sonne am Horizont
-verschwinden, &mdash; einen Tag wie den andern ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine<span class="pagenum"><a id="Page_179">[S. 179]</a></span>
-auf Gummischuhen!!&laquo; &mdash; warf Herr von Heidler mit
-&uuml;berm&uuml;tiger Grimasse ein, und ein schallendes Gel&auml;chter
-erhob sich im Kreise.</p>
-
-<p>Nur Guntram Krafft lachte nicht mit.</p>
-
-<p>Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie
-ein Mensch, welcher vor einem gro&szlig;en, unl&ouml;sbaren R&auml;tsel
-steht.</p>
-
-<p>&raquo;Und einen Sturm, einen gro&szlig;en, gewaltigen Sturm
-sahen und erlebten Sie nie?&laquo; fragte er.</p>
-
-<p>&raquo;Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, da&szlig;
-das Wasser, welches immer so glatt dalag wie ein
-Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann! All die Seegeschichten,
-welche man h&ouml;rt oder liest, kann ich nie recht
-glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!&laquo;</p>
-
-<p>Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich
-mit einem seiner z&uuml;ndenden Blicke in Gabrieles
-Auge.</p>
-
-<p>&raquo;Soll ich den Sattel an den Nagel h&auml;ngen? Soll ich
-ein Seemann werden, und kommen Sie mit auf die weiten
-Meere hinaus, den fliegenden Holl&auml;nder zu suchen?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Hei&szlig;e Glut flammt &uuml;ber ihr Antlitz, die rosigen Lippen
-beben, und in ihren Augen steht die Antwort geschrieben,
-&mdash; aber sie beherrscht sich, sch&uuml;ttelt mit leisem Lachen das
-K&ouml;pfchen und antwortet: &raquo;Wenn Sie aufh&ouml;ren wollten
-zu reiten, w&uuml;rden Sie ein Verbrechen an dem modernen
-Heldentum begehen, und das w&uuml;rde ich Ihnen am allerletzten
-verzeihen! &mdash; Was wollen Sie auf dem Wasser?
-Da gibt es keine Lorbeeren zu holen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Erlauben Sie, meine Gn&auml;digste! Die j&uuml;ngsten, welche
-auf Chinas Boden spro&szlig;ten, holte sich unsere Marine!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Die Marine! ja die!!&laquo; zuckte Gabriele die Schultern.</p>
-
-<p>&raquo;Die besteht auch aus Soldaten und mutigen M&auml;nnern,
-welche den Feind zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu
-Lande nicht erreichen k&ouml;nnen! Die Marine imponiert
-mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei hellem
-Sonnenschein ein wenig die Ruder f&uuml;hren und in idyllischen
-Sommern&auml;chten eine Segelpartie machen, die k&ouml;nnen<span class="pagenum"><a id="Page_180">[S. 180]</a></span>
-doch unm&ouml;glich mit unseren verdienstvollsten M&auml;nnern
-rangieren!&laquo;</p>
-
-<p>Der Blick der Sprecherin traf wie eine k&uuml;hne Herausforderung
-den B&auml;ren von Hohen-Esp, welcher schweigend
-an ihrer Seite sa&szlig; und vor sich nieder auf das
-F&uuml;rstenwappen inmitten seines Tellers sah, &mdash; er sah
-nicht den Ausdruck ihres Auges, er h&ouml;rte nur ihre
-Worte, und sein erst so hei&szlig; ger&ouml;tetes Antlitz ward um
-einen Schein blasser.</p>
-
-<p>Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt,
-Heidler murmelte sehr am&uuml;siert: &raquo;Alle Wetter, mein
-gn&auml;diges Fr&auml;ulein, das war deutlich!&laquo; Dann lenkte ein
-gegen&uuml;bersitzender Kammerjunker das Gespr&auml;ch voll nerv&ouml;ser
-Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram
-Krafft voll besonderer Liebensw&uuml;rdigkeit in ein
-Gespr&auml;ch.</p>
-
-<p>Gabriele aber warf triumphierend das reizende K&ouml;pfchen
-zur&uuml;ck und wandte sich wieder ausschlie&szlig;lich zu
-Heidler.</p>
-
-<p>&raquo;Er <em class="gesperrt">mu&szlig;te</em> einmal meine aufrichtige Meinung h&ouml;ren!&laquo;
-fl&uuml;sterte sie erregt, &raquo;es ist ja eine Schande, wenn ein
-Mensch, welcher wahrlich gewachsen ist wie ein Parzival,
-gar nicht zum Bewu&szlig;tsein seiner B&auml;renkr&auml;fte kommt
-und &rsaquo;das Eisen in der Halle rosten&lsaquo; l&auml;&szlig;t, anstatt es zu
-Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!&laquo;</p>
-
-<p>Herr von Heidler geh&ouml;rte zu den Menschen, welche
-ihr Licht mit Vorliebe auf Kosten anderer leuchten lassen,
-und da es seiner Eitelkeit schmeichelte, von dem reizendsten
-aller jungen M&auml;dchen als Held gefeiert zu werden,
-so l&ouml;schte sein scharfer Witz noch das letzte F&uuml;nkchen
-Sympathie, welches in Gabrieles Herzen f&uuml;r den B&auml;ren
-von Hohen-Esp geleuchtet hatte.</p>
-
-<p>Das Souper n&auml;herte sich seinem Ende, und als man
-sich erhob, wieder nach dem Tanzsaal zur&uuml;ckzuschreiten,
-wandte sich Fr&auml;ulein von Sprendlingen zum erstenmal
-wieder an ihren Nachbar zur Rechten und erwiderte<span class="pagenum"><a id="Page_181">[S. 181]</a></span>
-seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, fl&uuml;chtiges
-Nicken.</p>
-
-<p>Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zuf&auml;llig streifte
-ihr Blick dennoch sein sch&ouml;nes Antlitz und traf sein Auge.</p>
-
-<p>Welch ein Ausdruck darin!</p>
-
-<p>Nicht mehr das strahlende Entz&uuml;cken, wie es ihr sonst
-daraus entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle
-Trauer, wie ein herb getadelter Knabe dreinschaut,
-ehe er anf&auml;ngt zu weinen!</p>
-
-<p>Mit j&auml;her Bewegung wandte sich Gabriele ab.</p>
-
-<p>Laut auflachen h&auml;tte sie m&ouml;gen!</p>
-
-<p>Jung-Parzival, welcher hinter Frau Herzeleides Sch&uuml;rze
-hervorschaut! &mdash;</p>
-
-<p>Jung-Parzival, welcher noch nicht den Weg zu Frau
-Aventure gefunden hat, welcher auch nie und nimmer
-einen Platz unter den Rittern des Amfortas einnehmen
-und zeitlebens der beklagenswerte Tor bleiben wird,
-als welcher er auf seinem Ackergaul aus der heimatlichen
-Burg trabte!</p>
-
-<p>Ja, Gabriele m&ouml;chte lachen, wenn es ihr nicht gar
-zu traurig deuchte!</p>
-
-<p>Die Z&auml;hne bei&szlig;t sie zusammen und furcht die Stirn.</p>
-
-<p>Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! &mdash; &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem
-Tanzsaal und schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen,
-welcher wie ein w&uuml;ster Fiebertraum vor seinen
-Augen kreist. &mdash;</p>
-
-<p>Die Musik schmeichelt mit s&uuml;&szlig;en Walzerkl&auml;ngen, &mdash;
-er h&ouml;rt sie nicht.</p>
-
-<p>Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene
-unfa&szlig;lich grausamen Worte, da&szlig; sie das Meer nicht
-liebt!</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sein</em> Meer! Das herrliche, majest&auml;tische, unbeschreiblich
-sch&ouml;ne Meer, welches keines Dichters Zunge genug
-r&uuml;hmen, an welchem sich keines Menschen Auge jemals
-satt sehen kann!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_182">[S. 182]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Sein</em> Meer! &mdash; Und sie liebt es nicht. &mdash; Sie schilt
-es langweilig, tr&auml;ge, reizlos. &mdash;</p>
-
-<p>Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses
-Meeres spiegeln, gr&uuml;nlich ... graublau ... schillernd wie
-Perlmutter ... dunkel und licht zu gleicher Zeit ... verk&ouml;rperte
-Wassertropfen.</p>
-
-<p>Wie ist es m&ouml;glich, da&szlig; sie das, was er als Liebstes
-und Herrlichstes voll Leidenschaft preist, an welchem
-sein Herz voll unstillbarer Sehnsucht h&auml;ngt, da&szlig; sie das
-verachtet und von sich st&ouml;&szlig;t?</p>
-
-<p>Die See! &mdash; Die blauwogende, unendliche See, deren
-brandende Wogen Pulsschl&auml;ge der Ewigkeit sind, deren
-Sonnenl&auml;cheln wie br&auml;utliche Wonne, deren zorniges
-Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? &mdash;</p>
-
-<p>Ach, da&szlig; sie ihm solches angetan!</p>
-
-<p>Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als
-&raquo;armseligen Ruderer&laquo; so weit ab von allem Heldentum
-wiesen, welche in ihm nichts anderes als einen verdienstlosen
-Menschen sahen, welcher sein Vergn&uuml;gen an
-ruhmlosen Spielereien findet &mdash; die Worte hatte er
-kaum geh&ouml;rt und beachtet.</p>
-
-<p>Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen
-zu achten.</p>
-
-<p>Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein
-geschm&auml;htes Meer.</p>
-
-<p>Aus jedem anderen Munde w&uuml;rde ihm ein solches Urteil
-zu zornigem Widerspruch gereizt haben. &mdash; Gabriele
-von Sprendlingen gegen&uuml;ber verstummte er in jener unerkl&auml;rlichen
-Befangenheit, in welche ihn ihr Anblick vom
-ersten Moment an versetzt hatte.</p>
-
-<p>Wie gleichg&uuml;ltig w&uuml;rde es ihm sein, ob fremde Menschen
-die See lieben oder nicht, &mdash; nur von einer einzigen
-w&uuml;rde es ihn namenlos begl&uuml;cken, und gerade sie wendet
-das reizende Haupt gleichg&uuml;ltig ab und urteilt so hart,
-so grausam, so verst&auml;ndnislos ...</p>
-
-<p>Ja, verst&auml;ndnislos!</p>
-
-<p>Sie kennt ja das Meer gar nicht!</p>
-
-<p>Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein<span class="pagenum"><a id="Page_183">[S. 183]</a></span>
-einziges, winziges, unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop
-der unersch&ouml;pflich reichen, ewig wechselnden See gezeigt,
-ein Bild, welches durch den Staub des Modebades getr&uuml;bt,
-mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!</p>
-
-<p>Guntram Krafft atmet tief auf.</p>
-
-<p>Ach, da&szlig; er sie lehren k&ouml;nnte, zu sehen, zu begreifen!</p>
-
-<p>Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar fl&uuml;chtige
-Wochen im Jahr an den Strand eilen, die m&uuml;den
-Lebensgeister an Gottes Odem aufzufrischen, die haben
-keine Zeit, die erhabene Sch&ouml;nheit der Natur kennenzulernen.</p>
-
-<p>Die promenieren bei rauschenden Musikkl&auml;ngen, diese
-sitzen in den eleganten Restaurants, die sehen nur die
-Toiletten, all die tausend bizarren kleinen &Uuml;berraschungen,
-welche G&ouml;ttin Mode und der Geschmack des zwanzigsten
-Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, &mdash; die blicken
-kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige
-hinaus in die stille, weltfremde G&ouml;tterherrlichkeit,
-welche auf den Wassern des Meeres wohnt. &mdash;</p>
-
-<p>Ach, da&szlig; er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele
-verwachsen sind mit der keuschen, unber&uuml;hrten Wunderwelt
-des Strandes, &mdash; wenn er der holden Sp&ouml;tterin
-Gabriele dieses Paradies erschlie&szlig;en k&ouml;nnte!</p>
-
-<p class="pmb3">Ein tiefer Seufzer ringt sich &uuml;ber seine Lippen, die
-Musik schweigt, und neben ihm erklingt die Stimme
-Gr&auml;fin Theas, welche ihn aus seinen Tr&auml;umen aufschrecken
-l&auml;&szlig;t.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XIV">XIV.</h2>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenfl&uuml;chtiger!&laquo;
-drohte ihm die Gr&auml;fin l&auml;chelnd mit dem F&auml;cher: &raquo;Wie
-von dem Erdboden verschwunden waren Sie, als wir
-unsere unendlich vergn&uuml;gte und am&uuml;sante Ecke bildeten!
-Wie sehr schade, da&szlig; Sie in unserm kleinen Kreise fehlten,
-Sie w&uuml;rden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich bezweifle es nicht, Gr&auml;fin!&laquo;</p>
-
-<p>Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert.</p>
-
-<p>&raquo;Wie ist es Ihnen ergangen?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Je weniger man erwartet, desto weniger kann man
-entt&auml;uscht werden!&laquo;</p>
-
-<p>Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte
-einem Seufzer.</p>
-
-<p>Thea trat einen Schritt n&auml;her und sah mit ihren
-gro&szlig;en, dunklen Augen beinahe wehm&uuml;tig zu ihm auf.</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe bereits davon geh&ouml;rt, wie unliebensw&uuml;rdig
-Gabriele einmal wieder gewesen ist! &mdash; Es ist wirklich
-ewig schade darum, da&szlig; in diesem bildh&uuml;bschen K&ouml;rper
-eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese
-Tatsache mu&szlig; selbst ich, als beste Freundin, best&auml;tigen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Fr&auml;ulein von Sprendlingen unliebensw&uuml;rdig?&laquo; wiederholte
-Guntram Krafft beinahe erschrocken.</p>
-
-<p>&raquo;Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man
-sagt mir, da&szlig; sie gerade gegen Sie recht beleidigend
-gewesen sei, und das hat mich ernstlich b&ouml;se gemacht!&laquo;</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp h&ouml;rte nicht den weichen,
-schmollenden Klang in Theas Stimme, welche sich so ostensibel
-zu seiner Anwaltin machte, er sch&uuml;ttelte nur betroffen
-den Kopf und strich mit der Hand die schweren Blondhaare
-aus der Stirn.</p>
-
-<p>&raquo;Fr&auml;ulein von Sprendlingen sprach sehr abf&auml;llig &uuml;ber
-das Meer, &uuml;ber das Rudern und Segeln &mdash; und das kann<span class="pagenum"><a id="Page_185">[S. 185]</a></span>
-unm&ouml;glich <em class="gesperrt">mich</em> beleidigen, so sehr ich ihre Abneigung
-auch bedauerte!&laquo;</p>
-
-<p>Ein seltsamer Blick der Gr&auml;fin streifte ihn. &raquo;Wie
-freundlich und harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd
-Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis doch ist! Es
-freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht
-kr&auml;nkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so
-genau nachrechnen, wie anderen Sterblichen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Verliebten Menschen?&laquo;</p>
-
-<p>Thea lachte. &raquo;Aber Graf! Haben Sie es denn noch
-immer nicht bemerkt, da&szlig; Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-keinen andern Gedanken mehr hat, wie ihren schneidigen
-Dragoner?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Das wohl ... aber ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nun?...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Verlobt sind sie noch nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Noch nicht &ouml;ffentlich!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch
-nicht aus ...&laquo; murmelte er mit tiefem Atemzug.</p>
-
-<p>Sie standen neben der Saalt&uuml;r, ein lautes Lachen und
-Sprechen lie&szlig; sie momentan verstummen.</p>
-
-<p>Ein paar junge Herren umringten eine sehr gro&szlig;e,
-schlankgewachsene, junge Frau, von der man dem Grafen
-schon zuvor erz&auml;hlt hatte, da&szlig; sie einen bedeutend kleineren
-Mann geheiratet habe. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Gn&auml;digste Frau, ich habe eine Bitte!&laquo; rief einer
-der Herren mit &uuml;berm&uuml;tig blitzenden Augen. &raquo;Eine Frage
-hat man frei an das Schicksal &mdash; eine Bitte nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Na &mdash; schie&szlig;en Sie los, Karlchen, ich bewillige sie
-im Namen von Frau von Stark!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Oho!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Also!&laquo; Der K&uuml;rassier legte beide H&auml;nde bittend
-auf die Brust: &raquo;Gn&auml;digste Frau &mdash; pumpen Sie mir mal
-f&uuml;r vierzehn Tage Ihren Herrn Gemahl!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie? &mdash; Meinen Mann?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach
-der Hochzeitsreise??&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was wollen Sie mit ihm?&laquo; <span class="pagenum"><a id="Page_186">[S. 186]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich m&ouml;chte ihn so gern auf <em class="gesperrt">meinen Kaminsims
-stellen.... da fehlt mir n&auml;mlich eine Nippesfigur</em>!&laquo;</p>
-
-<p>Schallendes Gel&auml;chter!</p>
-
-<p>Die junge Frau ist zuerst entr&uuml;stet, aber schlie&szlig;lich
-lacht sie doch mit und tanzt mit dem Sp&ouml;tter eine Extratour. &mdash;</p>
-
-<p>Ein paar junge M&auml;dchen treten in den Saal. Sie
-sehen den Grafen Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter
-ihnen an der T&uuml;r.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, nein, Kl&auml;re! Wir m&uuml;ssen erst mal sehen, ob
-Parzival wieder tanzt! &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Reizender Anblick! &mdash; Erinnert an die grazi&ouml;sen Matrosen
-im fliegenden Holl&auml;nder!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Pfui! Sch&auml;m' dich! Parzival ist ein vortrefflicher
-Mensch! Lotte sagte ja vorhin: &rsaquo;Der einzige Diamant
-unter viel Simili!&lsaquo;&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Hahaha! &mdash; Ein Diamant!... Aber ein noch v&ouml;llig
-ungeschliffener!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich f&uuml;rchtete schon,&laquo; &mdash; lachte eine der jungen Damen,
-&raquo;er w&uuml;rde à la J&uuml;rgen Wansbeck hier auftreten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;J&uuml;rgen Wansbeck? Wer war das?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an
-den Hof kam und bei einem Ball die Handschuhe sparte.
-Der Herzog sah ihn scharf an und fragte gedehnt: &rsaquo;Sie
-tragen keine Handschuhe, Baron?&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>Da sch&uuml;ttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und
-antwortete: &raquo;Nee, Hoheit, <em class="gesperrt">ich frier' ja nich' an die
-Fingers</em>!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Jubelndes Gel&auml;chter. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Gro&szlig;artig! Brillante Geschichte!&laquo;</p>
-
-<p>Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram
-Krafft hastig beiseite.</p>
-
-<p>&raquo;Hier ist ein solches Gedr&auml;nge, Graf! Wir wollen
-uns dort auf den Diwan setzen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie Sie befehlen!&laquo; nickte Guntram Krafft und sah
-dabei v&ouml;llig harmlos aus: &raquo;Die Menschen hier scheinen
-viel zu spotten, &mdash; ich machte schon die Bemerkung, da&szlig;<span class="pagenum"><a id="Page_187">[S. 187]</a></span>
-die meisten Scherze auf Kosten der lieben N&auml;chsten gemacht
-werden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze
-am meisten belacht!&laquo;</p>
-
-<p>Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder
-und blickte ihr pl&ouml;tzlich mit seinen klaren, grundehrlichen
-Augen voll beinahe kindlichen Vertrauens in das blasse
-Gesichtchen.</p>
-
-<p>&raquo;Gr&auml;fin ... Sie sind eine Freundin von Fr&auml;ulein von
-Sprendlingen?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Sogar eine ihrer vertrautesten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und Sie meinen es auch mit mir gut?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Von ganzem Herzen gut!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;W&uuml;rden Sie mir einen gro&szlig;en Liebesdienst erweisen,
-es mir gestatten, Ihnen r&uuml;ckhaltlos zu vertrauen?&laquo;</p>
-
-<p>Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete
-bezaubernd zu ihm auf. &mdash;</p>
-
-<p>Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von
-&auml;lteren Herren bildete vor ihnen Spalier, um einem
-&raquo;Menuett der K&ouml;nigin&laquo; zuzusehen, welches von den Prinzessinnen
-und Prinzen nebst einer kleinen Schar von
-Auserw&auml;hlten soeben vor dem Herzog getanzt wurde.</p>
-
-<p>&raquo;Sprechen Sie, Graf!&laquo; fl&uuml;sterte sie, &raquo;kein Mensch hier
-meint es ehrlicher mit Ihnen, wie ich!&laquo;</p>
-
-<p>Er dr&uuml;ckte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine
-Rechte und nickte erregt: &raquo;Das bemerkte ich bereits,
-Gr&auml;fin! Sie waren von Anfang an so sehr liebensw&uuml;rdig
-zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders g&uuml;tig an, und
-wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde geno&szlig;, so
-verdanke ich sie Ihnen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster
-Wunsch &mdash;!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wundern Sie sich nicht &uuml;ber mich, ich bin fremd in
-der Welt und es gewohnt, seit jeher nur nach meinen
-momentanen Eingebungen zu handeln. Auch jetzt wei&szlig;
-ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden. &mdash;&laquo;
-Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden
-Kindes in den ihren: &raquo;Sie meinen es ja so gut mit mir ...&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[S. 188]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Seien Sie dessen versichert!&laquo; In Theas Wangen
-stieg es immer hei&szlig;er und r&ouml;ter, ihre Augen flimmerten
-vor Spannung, und ihre Lippen bebten wie bei einem
-Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel
-entgegendr&auml;ngt.</p>
-
-<p>&raquo;Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin gl&uuml;cklich,
-Ihnen irgendwie behilflich sein zu k&ouml;nnen!&laquo;</p>
-
-<p>Er z&ouml;gerte und blickte momentan starr vor sich nieder.</p>
-
-<p>&raquo;Ich m&ouml;chte es so gern wissen, ob Fr&auml;ulein von
-Sprendlingen den Dragoner wahrlich so sehr liebt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Soll ich es auskundschaften bei ihr?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie sind doch ihre Freundin ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube
-ich aber, da&szlig; es Sie noch mehr interessieren wird, ob
-sie tats&auml;chlich mit ihm verlobt ist?&laquo;</p>
-
-<p>Er sch&uuml;ttelt nachdenklich den Kopf. &raquo;Ich las in Romanb&uuml;chern,
-da&szlig; heutzutage die M&auml;dchen auch ohne Liebe
-heiraten. Schon manch eine Verlobung wurde aufgel&ouml;st,
-weil die Braut schlie&szlig;lich noch einen Mann kennenlernte,
-welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig gew&auml;hlten
-Br&auml;utigam!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Seien wir ganz ehrlich, Graf!&laquo; Thea entfaltete den
-F&auml;cher und fl&uuml;sterte zu ihm auf: &raquo;Sie m&ouml;chten wissen,
-ob Sie Aussichten haben, Gabrieles Herz zu gewinnen?&laquo;</p>
-
-<p>Er ward dunkelrot. &mdash; &raquo;Ich glaube ... Sie treffen
-das Richtige, Gr&auml;fin! Es w&uuml;rde mir von gro&szlig;em Wert
-sein, zu wissen, wie ich es anfangen mu&szlig;, um mir die
-Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was
-ich Sie fragen wollte!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Sch&ouml;nheit
-bezaubert, und es w&uuml;rde keine liebere Mission f&uuml;r mich
-geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten zuzuwenden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten,
-Gr&auml;fin, von was ich Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-unterhalten soll, was ich tun mu&szlig;, da&szlig; sie mir ihr Interesse
-zuwendet! &mdash; Wenn sie es w&uuml;&szlig;te, da&szlig; sie mir so
-sehr, sehr gut gef&auml;llt ...&laquo; er unterbrach sich und strich
-abermals mit der Hand &uuml;ber die Stirn: &raquo;Das Reiten<span class="pagenum"><a id="Page_189">[S. 189]</a></span>
-scheint ihr viel Freude zu bereiten ... und wenn sie
-Wert darauf legt, will ich gern ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dragoner werden?!&laquo; Thea hob beinahe entsetzt die
-Hand und sah pl&ouml;tzlich ganz bla&szlig; aus. &raquo;W&auml;re das Ihr
-Ernst, Graf?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Er l&auml;chelt. &raquo;Nein, daran ist gar kein Gedanke, Gr&auml;fin.
-Wozu das? Ich habe daheim ernstere Pflichten
-zu erf&uuml;llen, als wie hier in behaglicher Friedenszeit eine
-Uniform spazierenzutragen &mdash;.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das
-nicht einsieht, verdient es nicht, Ihre Gemahlin zu
-werden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein
-Leben genau nach ihren W&uuml;nschen regeln, denn ich wei&szlig;,
-wieviel ich ihr zu verdanken habe, und erachte den Gehorsam
-gegen sie als meine Schuldigkeit.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie edel, wie sch&ouml;n von Ihnen gedacht, Graf!&laquo; rief
-Thea mit begeistertem Aufblick in sein Auge: &raquo;Wie
-sprechen Sie mir aus der Seele! Wie billige ich Ihre
-Denkweise so v&ouml;llig! Ich kenne zwar Ihre Frau Mutter
-nicht, aber nach allem, was ich von ihr h&ouml;rte, verehre
-ich sie h&ouml;her wie alle andern Frauen und denke es mir
-als h&ouml;chstes Gl&uuml;ck, ihr zu Diensten leben zu k&ouml;nnen!
-Welch ein s&uuml;ndliches Begehren w&auml;re es, der einsamen
-Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entrei&szlig;en,
-um einer nichtigen Eitelkeit willen!&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entz&uuml;ckens zu
-der Sprecherin nieder. Die Verehrung f&uuml;r seine Mutter
-gewann ihr vollends seine Sympathien, und seine gro&szlig;e
-Harmlosigkeit war weit davon entfernt, irgendeine Verstellung
-hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen.</p>
-
-<p>&raquo;O, wenn Fr&auml;ulein Gabriele doch ebenso denken m&ouml;chte,
-wie Sie! &mdash; Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen
-nie werden, denn trotz aller Bravour und aller Reiterst&uuml;cklein
-reizt mich der Milit&auml;rdienst in Friedenszeiten
-nicht sonderlich, &mdash; aber ein guter Reiter k&ouml;nnte ich ihr
-zuliebe trotzdem werden ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es w&auml;re l&auml;cherlich, wenn sie es verlangen wollte!<span class="pagenum"><a id="Page_190">[S. 190]</a></span>
-&mdash; Reiten lernt ein jeder Rekrut &mdash; aber ein Segelboot
-durch Sturm und hohe Flut steuern, das ist ein Wagnis,
-ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht kennt!&laquo;</p>
-
-<p>Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine
-Augen strahlten wie verkl&auml;rt.</p>
-
-<p>&raquo;Also Sie haben Interesse f&uuml;r den Seemann, Gr&auml;fin?
-Sie lieben das Meer und alle seine Herrlichkeit?...&laquo;</p>
-
-<p>Sie pre&szlig;te voll Leidenschaft die H&auml;nde gegen die Brust,
-&mdash; die roten Bl&uuml;ten des Kleiderausschnitts rieselten wie
-Funken &uuml;ber die nerv&ouml;s bebenden Finger.</p>
-
-<p>&raquo;Und <em class="gesperrt">ob</em> ich sie liebe! &mdash; Noch nie lernte ich das
-Meer kennen, Graf, und doch sehne ich mich voll gl&uuml;henden
-Verlangens seit Jahren schon nach seinem Anblick!
-&mdash; Nicht &rsaquo;Neapel sehen und sterben&lsaquo; &mdash; seufzt meine
-Seele, sondern &rsaquo;die See sehen und in ihrem Zauberbann
-leben bis zum Ende meiner Tage!&lsaquo; Das ist das Gebet,
-welches in meinem Herzen zittert! &mdash; Noch ist es nicht
-erh&ouml;rt worden, aber ich lasse nicht nach, zu hoffen und
-zu harren, &mdash; <em class="gesperrt">einmal</em> mu&szlig; auch mir das Gl&uuml;ck zu
-Willen sein!&laquo;</p>
-
-<p>Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich
-so weich, so innig und aus tiefstem Herzen quellend, in
-sein Ohr schmeichelten, als h&ouml;re er nach wirrem L&auml;rm
-und Mi&szlig;get&ouml;n wieder traute Kl&auml;nge aus der Heimat.</p>
-
-<p>Ganz unwillk&uuml;rlich r&uuml;ckte er n&auml;her an ihre Seite und
-legte die Hand auf ihren Arm. &raquo;Sie sollen ... Sie werden
-das Meer sehen, Gr&auml;fin ... Sie m&uuml;ssen zu uns
-nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in
-dem alten B&auml;rennest gefallen, und welch eine Freude
-f&uuml;r mich, Ihnen das Meer zeigen zu k&ouml;nnen!&laquo;</p>
-
-<p>Ja, eine Freude!</p>
-
-<p>Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken,
-und das Blut stieg ihm abermals so rot und warm in
-die Schl&auml;fen, wie stets, wenn ein gl&uuml;ckseliger Gedanke ihm
-das Herz bewegte!</p>
-
-<p>Und in diesem Moment gaukelte es pl&ouml;tzlich wie ein
-s&uuml;&szlig;es Traumbild vor seinen Augen; wenn Gabriele die
-Hausfrau von Hohen-Esp war, mu&szlig;te dann nicht ihre<span class="pagenum"><a id="Page_191">[S. 191]</a></span>
-Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen
-Gl&uuml;ck des jungen Paares zu erfreuen?</p>
-
-<p>Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen,
-Thea aber h&ouml;rte nur seine Worte und pa&szlig;te seine Erregung
-einzig ihnen an.</p>
-
-<p>Ihr Blick war noch weicher und sehns&uuml;chtiger, ihre
-Stimme klang noch jubelnder wie zuvor: &raquo;Und ob es mir
-in der Stille Ihres trauten Heims gefallen w&uuml;rde?&laquo;
-fl&uuml;sterte sie. &raquo;O, Graf, ich liebe die bunte Welt mit all
-ihrem L&auml;rm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine
-Seele d&uuml;rstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher
-Waldeinsamkeit! O, und Ihre Frau Mutter! Wie wollte
-ich bem&uuml;ht sein, ihr die Tage kurz und lieb zu machen!
-Wie w&uuml;rde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches,
-hochbegl&uuml;cktes sein! &mdash; Und dann der Gedanke, von Ihnen,
-Graf, in die Wunderwelt des Strandes eingef&uuml;hrt zu
-werden, mit <em class="gesperrt">Ihren</em> Augen die unendliche Sch&ouml;nheit
-des Meeres schauen zu lernen, &mdash; mit zitternder Seele
-die dr&auml;uende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!&laquo;</p>
-
-<p>Sie sprach voll sch&ouml;ner Leidenschaftlichkeit, mit dem
-einschmeichelnden Organ, welches sich wie Silberf&auml;den
-um das Herz strickt, und Guntram Krafft blickte ihr wie
-verkl&auml;rt in die Augen und empfand die N&auml;he der kleinen
-Gr&auml;fin noch mehr wie zuvor als Wohltat! &mdash;</p>
-
-<p>Er wollte antworten, in demselben Augenblick dr&auml;ngte
-sich jedoch ein junger Infanterieoffizier durch die Spalier
-bildenden Damen und Herren und verneigte sich hastig.</p>
-
-<p>&raquo;Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so
-g&uuml;tig waren, mir zu schenken.&laquo;</p>
-
-<p>Thea erhob sich z&ouml;gernd.</p>
-
-<p>&raquo;Ah, die Polka! &mdash; Eigentlich d&uuml;rfte ich nicht mehr
-tanzen, ich bin todm&uuml;de ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das w&auml;re grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka
-schadet Ihnen sicher nicht!&laquo;</p>
-
-<p>Die junge Dame l&auml;chelte, &mdash; ein wahres M&auml;rtyrerl&auml;cheln,
-blickte zu Guntram Krafft auf und sagte: &raquo;So will<span class="pagenum"><a id="Page_192">[S. 192]</a></span>
-ich es machen wie die Schwalben, welche zwar scheiden,
-aber doch jedesmal versichern: Wir kehren wieder!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Scharmant gesagt!&laquo; applaudierte der kleine Leutnant
-und bot der Sprecherin den Arm.</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand
-den Erbherrn von Hohen-Esp in sehr eifrigem Gespr&auml;ch
-mit einem Ministerialrat, welchem Guntram Krafft seine
-Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft f&uuml;r Schiffbr&uuml;chige
-hier zu wirken, ausgesprochen.</p>
-
-<p>Der alte Herr h&ouml;rte voll liebensw&uuml;rdigen Interesses
-zu und nannte die Bem&uuml;hungen des Grafen sehr anerkennenswert
-und hochherzig, versicherte aber, da&szlig; er
-selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun k&ouml;nne
-und verwies ihn an eine andere Adresse.</p>
-
-<p>Das Gespr&auml;ch drehte sich zu Theas gro&szlig;em Mi&szlig;vergn&uuml;gen
-noch l&auml;ngere Zeit um lauter sachgem&auml;&szlig;e Auseinandersetzungen
-und wollte absolut nicht wieder in
-jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der
-Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat f&uuml;r
-die Seefahrer berge, er sprach mit bewegten Worten
-von seinen k&uuml;hnen, zuverl&auml;ssigen Schiffern und von ihren
-redlichen Bem&uuml;hungen, Hilfe in der Not zu bringen &mdash;
-und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuh&ouml;rte und
-begeisterte Bemerkungen einflocht, &mdash; die Spitze ihres
-zierlichen F&uuml;&szlig;chens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig
-unter dem Kleidersaum, und das nerv&ouml;se Spiel mit dem
-F&auml;cher zeigte es, wie h&ouml;chst langweilig ihr diese Unterhaltung
-war!</p>
-
-<p>Zu ihrem &Auml;rger kamen auch wieder neue T&auml;nzer,
-welche sie nicht gut abweisen konnte, und entf&uuml;hrten
-sie, und der Ball n&auml;herte sich seinem Ende, ohne da&szlig;
-sie die so m&uuml;hsam errungenen Vorteile bei dem B&auml;ren
-noch weiter ausnutzen konnte!</p>
-
-<p>Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange
-aber die t&ouml;richte Schw&auml;rmerei f&uuml;r Gabriele noch anhielt,
-waren ernsthafte Aussichten f&uuml;r sie ausgeschlossen.</p>
-
-<p>Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz
-so unerfahren und weltfremd, wie sie angenommen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_193">[S. 193]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, da&szlig; Menschen
-von der Liebe allein nicht leben k&ouml;nnen, und &raquo;da&szlig;
-die Summe immer klein bleibt, wenn sich nichts mit
-nichts verbindet!&laquo;</p>
-
-<p>Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden
-Herrn von Heidler richtiger wie sie alle und rechnete
-mit der Wahrscheinlichkeit, da&szlig; derselbe durchaus keine
-Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich darin gefalle,
-von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft
-angeschw&auml;rmt zu werden.</p>
-
-<p>Da&szlig; aber ein Mann mit reellen Absichten stets den
-Sieg &uuml;ber einen Courmacher davontr&auml;gt, ist eine so alte
-Tatsache, da&szlig; sie selbst in dem weltfernen Hohen-Esp bekannt
-sein d&uuml;rfte. &mdash;</p>
-
-<p>Thea hatte es l&auml;ngst durchschaut, da&szlig; Herr von Heidler
-viel zu hohe Anspr&uuml;che an die Mitgift seiner Zuk&uuml;nftigen
-stellte, um sich mit Gabrieles Verm&ouml;gen, so
-ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden zu erkl&auml;ren;
-da&szlig; dies dem Grafen Hohen-Esp aber m&ouml;glichst
-unbekannt blieb, ja, da&szlig; er so radikal wie m&ouml;glich von
-seiner Schw&auml;rmerei geheilt werde, das mu&szlig;te f&uuml;rerst
-die gr&ouml;&szlig;te Sorge der Gr&auml;fin sein.</p>
-
-<p>&raquo;Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger
-Hof, wo wir zu Ehren der ausw&auml;rtigen jungen Damen
-und Herren noch einmal tanzen?&laquo; fl&uuml;sterte sie zum Abschied
-zu Guntram Krafft empor. Der folgte just mit
-einem seltsam verschleierten Blick dem Fr&auml;ulein von
-Sprendlingen, welche, ohne nur den Kopf nach ihm
-zu wenden, lachend und plaudernd vor&uuml;berschritt.</p>
-
-<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht, Gr&auml;fin! Was soll ich da? Es
-liegen auch so viele Dinereinladungen f&uuml;r mich im
-Hotel &mdash; &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>Was fragte Thea nach denen!</p>
-
-<p>Junge M&auml;dchen wurden selten, fast nie zu Diners
-eingeladen, &mdash; au&szlig;er auf den B&auml;llen und der Eisbahn
-hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen wiederzusehen.</p>
-
-<p>Sie entfaltete den glitzernden F&auml;cher und winkte ihn
-n&auml;her herzu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[S. 194]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche
-sie aus!&laquo; fl&uuml;sterte sie. &raquo;Und abends, w&auml;hrend des Balles,
-teile ich Ihnen mit, was geschehen mu&szlig;, um Gabriele
-f&uuml;r Sie zu interessieren! Ich werde bei meinem Besuch
-schon alles tun, um das spr&ouml;de Herzchen m&ouml;glichst f&uuml;r
-Sie zu erw&auml;rmen, &mdash; hoffentlich gelingt es mir, da&szlig; sie
-Ihnen einen Tanz aufhebt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, Gr&auml;fin ... wie sollte ich Ihnen das danken?&laquo;
-stammelte er und sah abermals aus, wie ein Kind, welchem
-man lockende M&auml;rchen erz&auml;hlt. &raquo;Unter diesen Umst&auml;nden
-komme ich nat&uuml;rlich!&laquo;</p>
-
-<p>Sie nickte ihm l&auml;chelnd und vertraulich zu und freute
-sich, da&szlig; ein paar andere junge Damen, darunter auch
-Lotte, welche den modernen Parzival f&uuml;r einen Brillant
-unter Simili erkl&auml;rt hatte, ihr Einverst&auml;ndnis mit dem
-Hohen-Esper sahen. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp.
-&rsaquo;absitzen&lsaquo;, Graf?&laquo; &mdash; fuhr sie fl&uuml;sternd fort; &raquo;lassen Sie
-uns besser allsogleich etwas Bestimmtes verabreden, sonst
-wandere ich wieder von einem Arm in den andern und
-kann Ihnen nichts erz&auml;hlen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, gewi&szlig; ... alles, was Gr&auml;fin befehlen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das
-Souper! Bei Tisch ist man oft am ungest&ouml;rtesten! Vergessen
-Sie es aber nicht! Das Souper und den ersten
-Walzer! &mdash; Selbstverst&auml;ndlich trete ich die T&auml;nze an
-Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, &mdash;
-aber <em class="gesperrt">nur</em> an Gabriele, an niemand anders! O, Sie
-ahnen es nicht, Graf, <em class="gesperrt">wie</em> gut ich es mit Ihnen meine!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Doch, Gr&auml;fin! Ich &uuml;berzeuge mich ja ununterbrochen
-davon!&laquo; antwortete er mit warmem Dankesblick und ergl&uuml;hte
-abermals bei dem gl&uuml;ckseligen Gedanken, da&szlig;
-Gabriele mit ihm tanzen k&ouml;nne, bis unter die lockigen
-Haare. &raquo;Ich vergesse Ihre g&uuml;tige Zusage gewi&szlig; nicht!
-Wenn Sie derselben nur eingedenk bleiben m&ouml;chten!&laquo;</p>
-
-<p>Thea nickte ihm mit reizendem L&auml;cheln zu und dr&uuml;ckte
-seine Hand zum Abschied, und als Guntram Krafft in
-dem Wagen sa&szlig; und nach dem Hotel fuhr, sah er im<span class="pagenum"><a id="Page_195">[S. 195]</a></span>
-Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Gr&auml;fin beinahe
-deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende
-Antlitz Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten
-bis in den kurzen, unruhigen Schlaf hinein. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Am n&auml;chsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp
-f&uuml;r jene Angelegenheit zu wirken, welche ihn urspr&uuml;nglich
-hierher in die Residenz gef&uuml;hrt.</p>
-
-<p>Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie
-der Ministerialrat gestern abend geraten, f&uuml;r die Anlage
-einer neuen Rettungsstation zu interessieren.</p>
-
-<p>Er mu&szlig;te lange warten, bis Seine Exzellenz einen
-Augenblick Zeit er&uuml;brigen konnte, und kaum, da&szlig; er ein
-paar einleitende Worte gesprochen, l&auml;chelt der alte Herr
-sehr verbindlich und reicht ihm die Hand.</p>
-
-<p>&raquo;Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber
-Graf!&laquo; sagte er, &raquo;und m&ouml;chte Ihre und meine Zeit nicht
-unn&ouml;tig in Anspruch nehmen. All diese Angelegenheiten,
-welche Sie da ber&uuml;hren, sind nicht meine Sache, &mdash; Sie
-d&uuml;rften in erster Linie das zust&auml;ndige See- oder Hafenamt
-interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich
-werde mich informieren und Sie allsogleich vor die
-rechte Schmiede schicken.&laquo;</p>
-
-<p>Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn
-weiter von Pontius zu Pilatus, und &uuml;berall begegnete
-er viel Liebensw&uuml;rdigkeit und viel h&ouml;flichen Worten,
-&mdash; nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe.
-Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu
-nehmen und mehr an eine m&uuml;&szlig;ige Spielerei oder ungerechtfertigte
-Anspr&uuml;che zu glauben.</p>
-
-<p>Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem
-Grafen sa&szlig;en, und welchem er sein Leid betreffs all
-seiner vergeblichen Bem&uuml;hungen klagte, sch&uuml;ttelte l&auml;chelnd
-den Kopf. &raquo;Das Hamelwaat ist den Schiffen so gef&auml;hrlich?
-Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer
-ernsten Havarie geh&ouml;rt, welche ein Fahrzeug dort erlitten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Weil wir gl&uuml;cklicherweise stets noch rechtzeitig zur
-Stelle waren, um eine solche verh&uuml;ten zu k&ouml;nnen!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_196">[S. 196]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Wer vollf&uuml;hrte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung
-oder Belohnung vorgeschlagen? Bitte, vers&auml;umen
-Sie das ja nicht, verehrtester Graf, und zeigen
-Sie eventuelle Verdienste der Leute bei dem zust&auml;ndigen
-Landratsamt an. Im &uuml;brigen aber rate ich Ihnen, die
-wackeren Fischer ruhig weiter f&uuml;r ihre Kameraden sorgen
-zu lassen! Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und
-beste. &mdash; Die Gr&uuml;ndung einer neuen Station ist mit
-sehr vielen Kosten und Umst&auml;nden verkn&uuml;pft, und wo
-es nicht absolut n&ouml;tig ist, unterl&auml;&szlig;t man sie!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Aber sie ist absolut n&ouml;tig!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewi&szlig;
-liegt es in dem Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden
-Mannes, der Hilflosigkeit &uuml;berall, &mdash; nicht nur auf eng
-bemessenen Strecken, beistehen zu k&ouml;nnen, und ich glaube,
-da&szlig; Menschen, die viel oder gar stets an der See
-kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, da&szlig; noch
-gar viel geschehen mu&szlig;, um all den gro&szlig;en und schwerwiegenden
-Anforderungen gerecht zu werden.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wie weit ist die n&auml;chste Station von Ihnen entfernt?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Den Kilometern nach nicht direkt au&szlig;er der Welt,
-und dennoch absolut nutzlos f&uuml;r uns, da sie in dringenden
-F&auml;llen &mdash; und die sind es zumeist &mdash; nicht erreichbar
-ist!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie d&uuml;rfte das zu verstehen sein, Herr Graf?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten
-D&uuml;nen und Sandb&auml;nken, welche ihre Beschaffenheit
-beinahe mit jedem hohen Seegang wechseln, die sehr
-zuwidern Str&ouml;mungen, mit welchen gerade in seiner
-n&auml;chsten Umgebung zu k&auml;mpfen ist, machen diese meine
-kleine K&uuml;stenstrecke besonders gef&auml;hrlich. Wenn ein Schiff
-aufl&auml;uft, so geschieht das meist sehr unerwartet und so
-gewaltig, da&szlig; wir, die beinahe st&auml;ndig auf der Lauer
-liegen, um uns nicht &uuml;berraschen zu lassen, kaum schnell<span class="pagenum"><a id="Page_197">[S. 197]</a></span>
-genug zur Stelle sein k&ouml;nnen, um das Schlimmste abzuwenden.
-Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis
-von fernher ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft
-von keuchenden Rossen durch Sand und Schlick herangeschleppt
-wird, ist eine Unm&ouml;glichkeit! &mdash; Wenn ein
-Schiff tats&auml;chlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum
-noch in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft
-zu bergen, geschweige das Fahrzeug selber zu retten!
-Unsere haupts&auml;chliche Aufmerksamkeit wendet sich daher
-einer vorbeugenden Hilfeleistung zu. &mdash; Wir leisteten
-mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir suchten
-stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos
-segelnden Schiff, welches sich in den Molochsrachen des
-Hamelwaats treiben lie&szlig;, Warnung und einen Lotsen
-an Bord zu bringen, welcher ihm half, in sicherem Fahrwasser
-seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen
-Unfall noch rechtzeitig verh&uuml;ten konnten, ist die
-Aufmerksamkeit der Strandbeh&ouml;rden noch nicht gen&uuml;gend
-auf die Gef&auml;hrlichkeit jener K&uuml;stenstrecke gelenkt. Habe
-ich mich klar und verst&auml;ndlich ausgesprochen, sehr geehrter
-Herr? &mdash; Ich bem&uuml;hte mich, mit Hintansetzung aller
-&rsaquo;technischen&lsaquo; Ausdr&uuml;cke nur m&ouml;glichst anschaulich zu reden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen,
-was Sie bezwecken und w&uuml;nschen, und w&uuml;rde mit
-Freuden der erste sein, welcher Ihre so uneigenn&uuml;tzigen
-W&uuml;nsche m&ouml;glichst f&ouml;rdert. Aber, aber!!...&laquo; und der
-Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg.</p>
-
-<p>&raquo;Welch ein &rsaquo;Aber&lsaquo;? &mdash; l&auml;&szlig;t sich dasselbe nicht durch
-den guten Willen &uuml;berwinden?&laquo;</p>
-
-<p>Immer r&ouml;ter und r&ouml;ter stieg es in Guntram Kraffts
-Stirn, immer ungeduldiger blitzte sein Auge.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, Herr Graf! Gerade dieses &rsaquo;Aber&lsaquo;, welches
-man wohl Ihren Bem&uuml;hungen als Schranke gegen&uuml;berstellen
-mu&szlig;, ist das einzigste, welches sich selbst mit dem
-besten Willen nicht &uuml;berwinden l&auml;&szlig;t &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ah!?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich meine das Geld!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[S. 198]</a></span></p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp neigte j&auml;h das erst so stolz
-und fragend blickende Antlitz.</p>
-
-<p>&raquo;Das Geld?&laquo; wiederholte er mit etwas unsicherer
-Stimme. &raquo;Ich nehme an, da&szlig; die Gesellschaft zur Rettung
-Schiffbr&uuml;chiger &uuml;ber gen&uuml;gende Mittel verf&uuml;gt?&laquo;</p>
-
-<p>Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem
-Versuch zum Scherzen: &raquo;Wollte Gott, dem w&auml;re so! Nein,
-Herr Graf, da befinden Sie sich leider in gro&szlig;em Irrtum.
-Die Anspr&uuml;che, welche von Jahr zu Jahr an diese
-unvergleichliche, so bienenflei&szlig;ig arbeitende und schaffende
-Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und
-st&auml;ndig wachsenden Not bis ins Ungeheure an, &mdash; w&auml;hrend
-sich doch keine Quelle erschlie&szlig;t, dementsprechende
-Mittel neu zuzuf&uuml;hren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber die Sammlungen im Lande?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Deren Ertr&auml;ge sind so unbedeutend, da&szlig; man sich ihrer
-sch&auml;men m&ouml;chte!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mein Gott, wie ist das m&ouml;glich?&laquo;</p>
-
-<p>Abermals ein resigniertes Achselzucken.</p>
-
-<p>&raquo;Man interessiert sich nicht daf&uuml;r! &mdash; Die paar wenigen
-Menschen, welche im Sommer in die Seeb&auml;der reisen,
-der kr&auml;ftigen Salzluft neue Kraft und St&auml;rkung verdanken
-und die wundervolle Poesie des Meeres und des
-Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr
-Scherflein dazu bei, an dem gro&szlig;en, wichtigen, herrlichen
-Werk edler N&auml;chstenliebe zu helfen; aber was will dieser
-verschwindend kleine Bruchteil im Gegensatz zu den enormen
-Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen erfordern?
-Die gro&szlig;e Menge kennt und liebt die See kaum.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Undenkbar! &mdash; Schon aus Patriotismus ist es doch
-die Pflicht eines jeden, gerade f&uuml;r die K&uuml;ste eines
-Meeres einzustehen, auf welchem Deutschlands ganze Zukunft
-ruht!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;So denken Sie, mein lieber Graf!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und andere nicht?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;<em class="gesperrt">Vorl&auml;ufig</em> noch nicht! Wenn unserm deutschen
-Volk die Augen aufgehen, wird es auch die Hand &ouml;ffnen<span class="pagenum"><a id="Page_199">[S. 199]</a></span>
-und der heiligsten seiner Missionen nicht mehr kalt und
-fremd gegen&uuml;berstehen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und bis dahin?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Bis dahin m&uuml;ssen wir uns gedulden, hoffen und
-mutig ausharren, lieber Graf, und vor allen Dingen
-bem&uuml;ht sein, uns nach Kr&auml;ften selber zu helfen! &mdash; Haben
-Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und
-opferfreudigster Weise gef&ouml;rdert? &mdash; Lassen Sie es sich
-auch ferner in gleicher Weise angelegen sein, das Ihre
-zu tun. Man wird es Ihnen Dank wissen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Auf diesen m&ouml;chte ich lieber verzichten, wie auf das
-kleinste Zeichen tatkr&auml;ftigsten Interesses!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das l&auml;&szlig;t sich nicht erzwingen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gott sei es geklagt.&laquo;</p>
-
-<p>Das Gesicht des jungen Mannes sah bla&szlig; und finster
-aus, und da die Tafel just beendet war, erhob er sich,
-um sich zu verabschieden.</p>
-
-<p>Noch ein paar sehr h&ouml;fliche Redensarten, Worte der
-Anerkennung und des Dankes f&uuml;r die warme Teilnahme,
-welche der Graf dem Rettungswesen entgegenbringe &mdash;
-und dann schlo&szlig; sich die T&uuml;r hinter ihm.</p>
-
-<p>In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft
-nach seinem Zimmer empor.</p>
-
-<p>Ein Gef&uuml;hl gro&szlig;er Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit
-wollte ihn &uuml;berkommen.</p>
-
-<p>Seine liebsten, sch&ouml;nsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen,
-und sein Herz, welches voll so hei&szlig;er, wahrer Begeisterung
-f&uuml;r die gute Sache schlug, blutete aus der
-Wunde, welche Gleichg&uuml;ltigkeit und der Mangel an echter
-N&auml;chstenliebe ihm geschlagen.</p>
-
-<p class="pmb3">Man interessiert sich im Binnenland nicht f&uuml;r die
-See? &mdash; Gott verh&uuml;te es, du deutsches Volk, da&szlig; nicht
-ein eisenklirrender Sturmwind daherrast und dich mit
-eherner Faust aus dem Schlafe r&uuml;ttelt! &mdash;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_200">[S. 200]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XV">XV.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Gr&auml;fin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht
-gehabt.</p>
-
-<p>Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den
-Kissen gelegen und &uuml;berlegt, auf welche Weise sie mit
-einem einzigen geschickten Schachzug die K&ouml;nigin Gabriele
-matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel
-hervorgehen k&ouml;nne.</p>
-
-<p>Da&szlig; Guntram Krafft ein Mann war, welcher &uuml;berlegte,
-hatte sie bereits bemerkt.</p>
-
-<p>Seine aufflammende Liebe f&uuml;r Gabriele war bereits
-so stark, da&szlig; er auf Einfl&uuml;sterungen nichts mehr gab &mdash;
-das hatte sie erfahren, als die ihm so geschickt beigebrachte
-Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine
-Folge hatte, da&szlig; der Graf sich bei dem Souper an ihre
-Seite setzte und sich doppelt zu bem&uuml;hen schien, den Nebenbuhler
-rechtzeitig aus dem Sattel zu heben.</p>
-
-<p>Der &raquo;weltfremde&laquo; Parzival war gar nicht so unerfahren,
-wie sie annahm, er hatte zu viel B&uuml;cher gelesen und
-wu&szlig;te ganz genau, wie schwer ein reicher Freier gegen
-einen mittellosen Courmacher in die Wagschale f&auml;llt.</p>
-
-<p>Er mu&szlig;te durch ein drastischeres Mittel &uuml;berzeugt werden,
-um sein Rennen aufzugeben.</p>
-
-<p>Gabriele selber war eine N&auml;rrin und fanatisch genug,
-den Erben von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu
-opfern, &mdash; bis jetzt sah es tats&auml;chlich aus, als ob sie nicht
-gewillt sei, Theas Pl&auml;ne zu durchkreuzen, wenn dieses
-absto&szlig;ende Wesen nicht doch die berechnendste Koketterie
-war, um den naiven Parzival auf das &auml;u&szlig;erste zu reizen
-und desto sicherer zu gewinnen.</p>
-
-<p>Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele
-als wahrheitliebend und aufrichtig kennengelernt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_201">[S. 201]</a></span></p>
-
-<p>Sie war ein spr&ouml;der, stolzer, leidenschaftlicher Charakter,
-viel zu aufbrausend und heftig, um berechnend
-handeln zu k&ouml;nnen, viel zu ideal beanlagt und in ihre
-t&ouml;richten Schw&auml;rmereien verrannt, um aus schn&ouml;der Gewinnsucht
-ihre &Uuml;berzeugung aufgeben zu k&ouml;nnen!</p>
-
-<p>Thea lacht ironisch auf.</p>
-
-<p>&raquo;Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und
-eine H&uuml;tte!&laquo; das gen&uuml;gt dem Fr&auml;ulein von Sprendlingen,
-aber die Mutter! &mdash; die m&uuml;&szlig;te eben keine Mutter
-sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen &uuml;ber
-der Tochter wachte und die Torheiten derselben mit allen
-Mitteln korrigierte!</p>
-
-<p>Mit welch auffallender Liebensw&uuml;rdigkeit begegnete sie
-dem B&auml;ren von Hohen-Esp!</p>
-
-<p>Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu
-verwischen, welchen die r&uuml;cksichtslose Tochter gemacht!</p>
-
-<p>Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama
-gar nicht mit, denn sie sucht eine gute Partie f&uuml;r die
-Tochter.</p>
-
-<p>Man sagt zwar, da&szlig; Sprendlingens recht verm&ouml;gend
-seien, &mdash; freilich tauchen auch oft Ger&uuml;chte auf, da&szlig; sie
-sehr &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt und bei einem j&uuml;ngst
-erfolgten B&ouml;rsenkrach ganz bedeutend verloren haben
-sollen.</p>
-
-<p>Dieses Ger&uuml;cht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten,
-aus seiner Courmacherei Ernst zu machen und sich
-zu erkl&auml;ren, denn der schneidige Dragoner ist das verk&ouml;rperte
-Rechenexempel und wird seine begehrenswerte
-Hand nur zum h&ouml;chsten Angebot losschlagen.</p>
-
-<p>Aber selbst in dem Falle, da&szlig; die b&ouml;sen Ger&uuml;chte nur
-auf Verleumdung beruhen, sind wenig Aussichten bei
-den Eltern seiner Angebeteten.</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen ist noch viel zu h&uuml;bsch, zu
-jung und lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf
-ein Verm&ouml;gen und mit demselben auf die gesellschaftliche
-Rolle zu verzichten, welche sie trotz der erwachsenen
-Gabriele noch immer spielt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[S. 202]</a></span></p>
-
-<p>Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das wei&szlig;
-auch der pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau
-so gut, wie seine gefeierte Gattin.</p>
-
-<p>Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine
-vorz&uuml;gliche Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und
-hat nie Anlage zur Selbstkasteiung und niemals Sinn
-f&uuml;r eine strenge P&ouml;nitenz gehabt! Auch er zieht den
-reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor.</p>
-
-<p>Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mi&szlig;zuverstehender
-Weise abgewinkt wird, wenn die Mutter
-das Ohr und Herz des T&ouml;chterleins dauernd und wirksam
-bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer
-der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend
-gegen&uuml;berstehen wie jetzt? &mdash;</p>
-
-<p>Thea bei&szlig;t die scharfen, wei&szlig;en Z&auml;hnchen in die Lippe
-und atmet schwer auf.</p>
-
-<p>Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umst&auml;nden
-ankommen lassen!</p>
-
-<p>Sie mu&szlig; die F&auml;den endg&uuml;ltig zerschneiden, ehe ein
-Netz daraus geflochten werden kann!</p>
-
-<p>Aber wie? &mdash;</p>
-
-<p>Nur etwas ganz &Uuml;berzeugendes, Augenscheinliches wird
-bei dem verliebten B&auml;ren von entscheidender Wirkung
-sein.</p>
-
-<p>Und wie Thea die ungeduldig zuckenden H&auml;nde gegen
-die Schl&auml;fen pre&szlig;t und &uuml;ber das &raquo;was&laquo; und &raquo;wie&laquo;
-gr&uuml;belt, da durchf&auml;hrt sie pl&ouml;tzlich ein Gedanke und
-jagt ihr hei&szlig;e Glut in die Schl&auml;fen.</p>
-
-<p>Gabrieles Zettel!</p>
-
-<p>Jener Zettel, welchen das t&ouml;richte, selbstbewu&szlig;te Backfischchen
-vor Jahren geschrieben, der Zettel, auf welchem
-sie erkl&auml;rt, nun und nimmer den Grafen von Hohen-Esp
-heiraten zu wollen!</p>
-
-<p>In fliegender Hast entz&uuml;ndet Thea das Licht, wirft
-ihr Morgenkleid &uuml;ber und eilt an den Schreibtisch im
-Nebenzimmer.</p>
-
-<p>Wie war es m&ouml;glich, da&szlig; sie diesen kostbaren, unersetzlichen
-Zettel vergessen konnte! <span class="pagenum"><a id="Page_203">[S. 203]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>Nein &mdash; vergessen hatte sie ihn nicht ... sie hatte
-ihn ja schon damals sorgsam aufbewahrt in dem Gedanken,
-da&szlig; er ihr einmal n&uuml;tzen k&ouml;nne ... Aber jetzt ...
-sie dachte nicht, da&szlig; sie ihn schon jetzt, so bald als schwerwiegendste
-Waffe gegen die Nebenbuhlerin ins Treffen
-f&uuml;hren werde! &mdash;</p>
-
-<p>Besitzt sie ihn &uuml;berhaupt noch?</p>
-
-<p>Hat vielleicht ein t&uuml;ckischer Zufall ihn durch ihre
-Finger geblasen? &mdash;</p>
-
-<p>Mit bebenden H&auml;nden durchw&uuml;hlt Thea den Inhalt
-der Schublade, das Licht flackert und wirft r&ouml;tlich zuckenden
-Schein &uuml;ber ihr blasses, aufgeregtes Gesicht.</p>
-
-<p>Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle
-Rarit&auml;ten aus ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw.
-enth&auml;lt.</p>
-
-<p>In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles
-verwahrt!</p>
-
-<p>Die d&uuml;nnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen
-N&auml;geln streuen achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen
-und Tanzkarten, die Haarlocken und Stammbuchverse
-auseinander.</p>
-
-<p>Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Bl&auml;ttern
-einer ausgeschriebenen Rolle, &raquo;Die Gouvernante&laquo;, von
-K&ouml;rner, liegt das Gesuchte! Theas Augen leuchten auf,
-sie fa&szlig;t den Zettel fest, so krampfhaft fest, als f&uuml;rchte
-sie, er k&ouml;nne ihr noch jetzt entrissen werden, wirft den
-vergilbten Kram hastig in die Schublade zur&uuml;ck und eilt
-auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe fr&ouml;stelnd
-in das Schlafzimmer zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit
-brennendem Blick auf die noch sehr deutliche Bleistiftschrift
-hernieder.</p>
-
-<p>Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie
-hat die Zeilen gewisserma&szlig;en an Thea gerichtet.</p>
-
-<p>Der Inhalt ist &uuml;berraschend gut.</p>
-
-<p>Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim
-besten Willen nicht gedacht werden.</p>
-
-<p>O, er wird Eindruck machen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[S. 204]</a></span></p>
-
-<p>Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen,
-schw&auml;rmerischen Augen blitzen Triumph und h&auml;mische
-Freude.</p>
-
-<p>Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschn&ouml;rkeln hat
-Gabriele das gro&szlig;e Los durchgestrichen, welches ein
-g&uuml;tiges Schicksal ihr so verf&uuml;hrerisch pr&auml;sentierte.</p>
-
-<p>Die Herrschaft Walsleben, &mdash; Hohen-Esp, &mdash; eine
-Grafenkrone und ein bildsch&ouml;ner, ritterlicher Mann &mdash;
-dies alles zerrinnt wie Rauch und Nebel vor diesem
-winzigen Bl&auml;ttchen Papier, welches ein arrogantes kleines
-Fr&auml;ulein sich selber zum Urteil schrieb.</p>
-
-<p>Nun liegt es wie ein un&uuml;berwindliches Hindernis vor
-ihr auf dem Weg zu Gl&uuml;ck, Reichtum und Rang, und
-eine andere kommt und nimmt Besitz davon.</p>
-
-<p>Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas
-Stirn, dann ist sie einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift.</p>
-
-<p>Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht
-er den Erfolg.</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Sevarille dehnt die Arme und schlie&szlig;t mit
-wohligem L&auml;cheln die Augen.</p>
-
-<p>Sie spielt ein Hazard um den Coeur-K&ouml;nig, und schon
-morgen abend wird sie &raquo;<em class="antiqua">va banque</em>&laquo; sagen! &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes
-Haus.</p>
-
-<p>Man nennt es scherzweise &raquo;den russischen Krug&laquo; oder
-&raquo;die Petersburger Ausspanne&laquo;, weil es noch an die Zeit
-erinnert, wo die altehrw&uuml;rdigen Kaleschen vor dem Dorfkrug
-Station machten, um die Pferde zu wechseln!</p>
-
-<p>Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist
-andererseits auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten,
-welche ihre Marmors&auml;ulen und Palmengruppen
-in elektrischem Licht spiegeln, &mdash; es hat sch&ouml;ne, einfache
-R&auml;ume, solide Preise, eine vorz&uuml;gliche K&uuml;che und die
-beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor
-die Sitte, da&szlig; nach jedem Hofball eine Nachfeier im
-Hotel St. Petersburg stattfindet, eine Art Kavalierball,
-welcher sehr beliebt und viel besucht ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_205">[S. 205]</a></span></p>
-
-<p>Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag
-noch in die ausliegende Liste f&uuml;r die ausw&auml;rtigen
-Herrschaften eingetragen, und er war auch schon als einer
-der ersten zur Stelle, als die Wagen heranrollten und
-all jene zauberhaft holden Frauen- und M&auml;dchengestalten
-des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in
-den Empfangsr&auml;umen zusammenstr&ouml;mten. Fr&auml;ulein von
-Sprendlingen lie&szlig;, wie stets, sehr lange auf sich warten.</p>
-
-<p>&raquo;Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gef&uuml;llt
-mitgenommen!&laquo; sagte einer der Herren zu einer
-jungen Dame, welche nach ihr fragte: &raquo;Warum soll sie sich
-da die F&uuml;&szlig;e hier wund stehen? Auch Ballk&ouml;niginnen
-pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollz&auml;hlig
-versammelte.&laquo;</p>
-
-<p>Thea schwebte in einer rosa T&uuml;llwoge in den Saal
-und winkte dem Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem
-L&auml;cheln zu. Sie ward von T&auml;nzern umringt,
-mu&szlig;te die &auml;lteren Damen begr&uuml;&szlig;en und mit den j&uuml;ngeren
-ein wenig plaudern, so da&szlig; schon die ersten Walzerkl&auml;nge
-durch den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten
-Abend sagen und sie daran erinnern konnte, da&szlig; sie die
-G&uuml;te gehabt, ihm schon gestern zwei T&auml;nze zuzusichern.</p>
-
-<p>Sie reichte ihm mit reizendem L&auml;cheln die Hand und
-sagte leise:</p>
-
-<p>&raquo;Wie sollte ich diese T&auml;nze vergessen! gerade auf
-Sie freue ich mich ja am meisten!&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft ward dunkelrot und dr&uuml;ckte die schlanken
-Fingerchen aufgeregt zwischen den seinen.</p>
-
-<p>Thea freute sich auf die T&auml;nze? Nun, dann hat sie
-ihm sicher etwas recht Angenehmes mitzuteilen!</p>
-
-<p>Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen
-Diwan mit ihr niedersetzen, wie dies auf dem Hofball
-der Fall gewesen; da aber am heutigen Abend sehr viel
-flotter getanzt zu werden schien, war es der vielen Extratouren
-wegen nicht m&ouml;glich. Das sagten ihm schon etliche
-junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben
-auch begr&uuml;&szlig;t hatte.</p>
-
-<p>Gestern war der Tanz Nebensache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_206">[S. 206]</a></span></p>
-
-<p>Ein Hofball ist mehr eine gl&auml;nzende Schaustellung,
-eine Parade, bei welcher nicht die Pickelhauben und
-S&auml;bel, sondern die sch&ouml;nen Augen der Frauen blitzen, ein
-gro&szlig;es Stelldichein, welches sich Namen, Stellung, Prunk
-und Sch&ouml;nheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und
-seinem erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden.</p>
-
-<p>Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der
-Tanz nur ganz verschwindend seine goldenen Linien zieht;
-eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg jedoch ist das
-sch&ouml;ne Recht der Jugend, wo sie alles nachholen will, was
-ihr die steifere Etikette der Hoffeste verk&uuml;mmert hatte.</p>
-
-<p>Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram
-Krafft wandte kaum einen Blick von der T&uuml;r.</p>
-
-<p>Er stand, in Wahrheit eines Hauptes l&auml;nger denn alles
-&uuml;brige Volk, nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger
-Sehnsucht jener Einzigen entgegen, welche trotz
-ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine Gedanken
-wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt.</p>
-
-<p>Er hatte einmal in dem B&uuml;cherschrank seiner Mutter
-ein Gedichtbuch gefunden, welches er heimlich mit an
-den Strand nahm und, in dem knisternden Riedgras
-liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche ihn
-ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten
-von einer Rose &raquo;an Dornen ach nur allzu reich!&laquo; von
-der hie&szlig; es:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Viel andre Blumen sah ich bl&uuml;hen<br /></span>
-<span class="i0">Und sie zu pfl&uuml;cken hab ich Wahl &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Doch immer treibt mich inneres Gl&uuml;hen<br /></span>
-<span class="i0">Zur Rose, zur geliebten Qual!<br /></span>
-<span class="i0">Ich schl&uuml;rf' aus ihres Kelches Bronnen<br /></span>
-<span class="i0">Den Wonnentau, den s&uuml;&szlig;en Schmerz<br /></span>
-<span class="i0">Und dr&uuml;cke sie samt allen Dornen<br /></span>
-<span class="i0">Vor Wollust an mein leidend Herz!&laquo;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Dieses Gedicht kam ihm pl&ouml;tzlich in die Erinnerung,
-und was ihm ehemals so unverst&auml;ndlich schien, das begriff
-er jetzt.</p>
-
-<p>Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die
-dornenreichste aller Rosen, welcher er im Leben begegnet
-war?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[S. 207]</a></span></p>
-
-<p>Warum gefiel ihm Gr&auml;fin Thea in all ihrer anmutigen
-Liebensw&uuml;rdigkeit nicht tausendmal besser?</p>
-
-<p>Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld
-jener Sch&ouml;nsten entgegen, welche die einzige im
-Saal war, die f&uuml;r ihn kaum einen Blick, kaum einen
-Gru&szlig; hatte? Und je l&auml;nger sie z&ouml;gert, zu erscheinen,
-desto unruhiger h&auml;mmert das Herz in seiner Brust.</p>
-
-<p>Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint
-sich nicht viel Sorge um das Z&ouml;gern seiner Herzensk&ouml;nigin
-zu machen. Er tanzt bereits sehr flott mit der
-Tochter des Division&auml;rs, seines Obersten, mit der Nichte
-des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof pr&auml;sentierten
-Enkelin des Ministers.</p>
-
-<p>Ein &uuml;berschlankes P&uuml;ppchen, mit trotz ihrer Jugend
-schon recht blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man
-erz&auml;hlte sich aber heute morgen im Hotel, wo verschiedene
-Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts fr&uuml;hst&uuml;ckten,
-da&szlig; Fr&auml;ulein Henny ein goldenes K&auml;lbchen sei,
-um welches wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen
-werde, &mdash; ein Tanz, welcher in diesem Fall wohl nur dem
-G&ouml;tzen Gold huldige. &mdash;</p>
-
-<p>Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschm&auml;ht
-es nicht, in Abwesenheit seiner angebeteten
-Gabriele mit recht z&uuml;ndenden Blicken in das spitze,
-sommersprossige Gesichtchen zu sehen.</p>
-
-<p>Schon der zweite Tanz n&auml;herte sich dem Ende, und
-noch immer ist Fr&auml;ulein von Sprendlingen nicht erschienen.</p>
-
-<p>Auch Thea f&auml;llt es auf.</p>
-
-<p>&raquo;Wo steckt denn Gabriele?&laquo; fragte sie einen der Vort&auml;nzer:
-&raquo;Hat sie etwa abgesagt?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Leider! leider!&laquo; dienert der Vielbesch&auml;ftigte, &raquo;noch
-in letzter Stunde ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Undenkbar, aus welchem Grunde?&laquo; ...</p>
-
-<p>Der Gefragte zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>&raquo;<em class="gesperrt">Nur</em> m&uuml;ndliche Bestellung!... Durch pl&ouml;tzliche Krankheit
-verhindert! M&ouml;glicherweise hat das gn&auml;dige Fr&auml;ulein
-gestern doch zu viel getanzt! Einige zwanzig Kotillonstr&auml;u&szlig;e!<span class="pagenum"><a id="Page_208">[S. 208]</a></span>
-Das ist eine Anforderung, welche kaum gro&szlig;e
-F&uuml;&szlig;e leisten k&ouml;nnen, geschweige eine solche Miniaturausgabe,
-wie die des Fr&auml;ulein von Sprendlingen!&laquo;</p>
-
-<p>Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugeh&ouml;rt.</p>
-
-<p>Gabriele krank?</p>
-
-<p>G&uuml;nstiger konnte es sich f&uuml;r ihre Pl&auml;ne ja kaum
-treffen!</p>
-
-<p>Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an,
-dann schreibt man mit Bleistift auf kleine Zettel, &mdash;
-das mu&szlig; doch selbst dem Argw&ouml;hnischsten einleuchten!</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der
-Triumph, die Genugtuung blitzen aus ihren Augen.</p>
-
-<p>Ein franz&ouml;sisches Sprichwort sagt: &raquo;Der Abwesende
-hat immer Unrecht!&laquo; Auch Gabriele, die Rivalin, wird
-geschlagen werden, w&auml;hrend sie fernab von dem Schlachtfeld
-weilt!</p>
-
-<p>Ist es nicht ganz auff&auml;llig, wie sich das Interesse
-des Grafen schon jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin
-zuwendet?</p>
-
-<p>Wie innig dr&uuml;ckte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst
-err&ouml;tete er bei ihren Worten &mdash; wahrlich ein moderner
-Parzival, ein Kinderherz ohne Arg und Falsch,
-ebenso leicht durch ein paar Zuckerpl&auml;tzchen gewonnen,
-wie ein solches!</p>
-
-<p>Und hoffentlich auch ebenso leicht getr&ouml;stet, wenn ein
-h&uuml;bsches, buntes Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen
-trug, aus seinen H&auml;nden gewunden wird. Man
-gibt ihm daf&uuml;r ein anderes ... und es wird sich zufrieden
-geben und sich artig dem Willen derjenigen f&uuml;gen,
-welche so sehr, sehr viel kl&uuml;ger und weltgewandter ist
-wie das gro&szlig;e Kind aus dem Strandschlo&szlig;.</p>
-
-<p>Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen,
-ehe sie den gro&szlig;en Trumpf ausspielte; nachdem sie aber
-die k&ouml;stliche Nachricht erhalten, da&szlig; Gabriele krank sei,
-hielt sie nicht l&auml;nger zur&uuml;ck, sie brannte darauf, das
-Eisen zu schmieden, so lange es hei&szlig; war. Geschmeidig
-wie ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch
-die Plaudernden und stand im n&auml;chsten Augenblick vor<span class="pagenum"><a id="Page_209">[S. 209]</a></span>
-dem B&auml;ren von Hohen-Esp, welcher ihr bereits voll
-fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen
-Posten an der T&uuml;r verlie&szlig;, um Gr&auml;fin Sevarille den
-Arm zu bieten.</p>
-
-<p>&raquo;Jetzt kommt unser Tanz, Gr&auml;fin, nicht wahr?&laquo; fragte
-er hastig.</p>
-
-<p>Sie lachte und legte das H&auml;ndchen mit allen Zeichen
-gro&szlig;er Ersch&ouml;pfung auf seinen Arm. &raquo;Nein, Gott sei
-Dank, noch kommt er <em class="gesperrt">nicht</em>, Graf! &mdash; Ich bin halb
-tot! Ich mu&szlig; mich erst eine Weile ausruhen, und darum
-will ich vor dem n&auml;chsten Galopp fl&uuml;chten und biete ein
-K&ouml;nigreich f&uuml;r einen Sessel!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;In des Waldes tiefste Gr&uuml;nde fl&uuml;chtete die Seherin!&laquo;
-rezitierte ein ganz junger Offizier und trat lachend
-zur Seite, w&auml;hrend Guntram Krafft sehr ernst und eifrig
-nickte.</p>
-
-<p>&raquo;Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Gr&auml;fin, es wird
-Ihnen schaden!&laquo; sagte er und wandte sich nach einem
-Nebenzimmer, an dessen Spiegelw&auml;nden nur eine Reihe
-von Wiener St&uuml;hlen stand: &raquo;Kommen Sie bitte hier
-herein! &mdash; Es ist k&uuml;hl und menschenleer!&laquo;</p>
-
-<p>Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren
-zu einem L'hombre zusammengesetzt; sie blickten fl&uuml;chtig
-auf, lie&szlig;en sich aber nicht st&ouml;ren, als die jungen Leute
-entfernt von ihnen, in der Fensterecke, Platz nahmen.</p>
-
-<p>Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr
-grazi&ouml;s und so matt wie ein rosa W&ouml;lkchen in der
-Sommerhitze auf einen der St&uuml;hle niedersank.</p>
-
-<p>&raquo;Wo bleibt Fr&auml;ulein von Sprendlingen?&laquo; fragte er
-ohne jedwede Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungest&uuml;m
-auf die Lippen dr&auml;ngten.</p>
-
-<p>&raquo;Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Krank?! &mdash; Mein Gott, was fehlt ihr?&laquo;</p>
-
-<p>Thea zuckte mit umw&ouml;lkter Stirn die Achseln. &raquo;Vielleicht
-erk&auml;ltet ... vielleicht auch nicht. Herzlose M&auml;dchen
-kokettieren ja oft nur eine Indisposition, um sich rar
-und interessant zu machen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Herzlose M&auml;dchen ... kokettieren ...?&laquo;.., stammelte<span class="pagenum"><a id="Page_210">[S. 210]</a></span>
-Guntram Krafft beinahe erschrocken. &raquo;Urteilen Sie <em class="gesperrt">so</em>
-&uuml;ber Ihre Freundin?&laquo;</p>
-
-<p>Thea blickte ihn seltsam an, &mdash; so warm, so innig und
-traurig, da&szlig; ihm abermals das Blut in die Wangen
-scho&szlig;.</p>
-
-<p>&raquo;Setzen Sie sich zu mir, Graf!&laquo; hauchte sie weich,
-entfaltete den F&auml;cher und blickte tief aufatmend auf seine
-gemalten Narzissen nieder.</p>
-
-<p>&raquo;Graf ...!&laquo;</p>
-
-<p>Er starrte sie momentan an. &raquo;Warum sprechen Sie
-nicht weiter, Gr&auml;fin?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wollen Sie es durchaus, da&szlig; ich von Gabriele
-spreche?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und wollen Sie es durchaus <em class="gesperrt">nicht</em>?&laquo;</p>
-
-<p>Sie seufzte: &raquo;Ich m&ouml;chte Ihnen so gern alles Unangenehme
-ersparen! Ich meine es gut mit Ihnen, Graf,
-und bin auf Gabriele so sehr ... so ernstlich b&ouml;se!&laquo;</p>
-
-<p>Er hatte nur die ersten Worte geh&ouml;rt und zuckte
-unmerklich zusammen.</p>
-
-<p>&raquo;Ich h&ouml;re lieber Unangenehmes, wie gar nichts!&laquo; sagte
-er leise. &raquo;Und Sie sind so gut und r&uuml;cksichtsvoll zu
-mir, Gr&auml;fin, da&szlig; aus Ihrem Munde sicherlich auch das
-Schlimmste noch ertr&auml;glich klingt!&laquo;</p>
-
-<p>Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher
-Trauer, da&szlig; es ihm ganz wundersam zumute ward.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerh&ouml;rt Beleidigendes
-sagte, eher bisse ich mir die Zunge ab!&laquo; sagte
-sie erregt. &raquo;Ich finde meine Mission sowieso trostlos
-genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie
-wahrlich gl&uuml;cklich sein! H&auml;tte es mir Gabriele nicht
-<em class="gesperrt">schriftlich</em> gegeben, ich w&uuml;rde nie ...&laquo;</p>
-
-<p>Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen,
-jetzt hob er j&auml;h das Haupt und unterbrach sie.</p>
-
-<p>&raquo;<em class="gesperrt">Schriftlich</em> gegeben?&laquo; wiederholte er erstaunt.</p>
-
-<p>Sie zog ein Notizb&uuml;chlein aus dem Kleid und entnahm
-ihm einen Zettel, zog denselben jedoch hastig zur&uuml;ck,
-als Guntram Krafft mit allen Zeichen gro&szlig;er Erregung
-danach greifen wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Halt, Graf! Wenn ich Ihnen <em class="gesperrt">diesen</em> Zettel zeige,
-begehe ich eine gro&szlig;e Indiskretion an Gabriele, und ich
-tue es nur, weil Sie mich gestern zu einer gewissen
-Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich
-nicht, ich leide uns&auml;glich unter der Rolle einer Vertrauten,
-welche Sie mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal
-nicht so au&szlig;erordentlich interessierte, und wenn ich es
-nicht f&uuml;r meine heilige Pflicht hielte, Ihnen als guter
-Engel rechtzeitig die Augen zu &ouml;ffnen, so w&uuml;rde dieser
-Zettel l&auml;ngst ein Raub der Flammen sein!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Gr&auml;fin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich
-lesen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nur unter einer Bedingung ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich gelobe alles, was Sie verlangen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schw&ouml;ren Sie es
-mir bei allem, was Ihnen heilig ist, da&szlig; <em class="gesperrt">nie</em> ein Mensch,
-Gabriele selber am allerwenigsten &mdash; jemals es erf&auml;hrt,
-wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu zeigen!
-Sie geloben mir strengste Diskretion?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!&laquo; Er bot
-ihr mit seinem offenen, grundehrlichen Blick die Hand
-entgegen, und Thea schlug ein.</p>
-
-<p>&raquo;Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe r&uuml;ckhaltloses Vertrauen
-zu Ihnen, Graf! Und nun lassen Sie mich erst
-erz&auml;hlen, wie ich zu diesem Zettel kam!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich bitte darum!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fr&auml;ulein
-von Sprendlingen &uuml;ber Sie hege, und was Sie eventuell
-tun k&ouml;nnten, um sich ihre Sympathien zu erwerben!&laquo;
-Thea sprach schnell und leise, ihre schlanken Finger
-hielten den Zettel zwischen den rosa T&uuml;llwogen auf
-ihrem Scho&szlig;. &mdash; &raquo;Ich wollte ihr demzufolge gestern
-morgen einen Besuch machen, um sie ein wenig auszuforschen,
-wurde aber nicht angenommen, weil das gn&auml;dige
-Fr&auml;ulein um zw&ouml;lf Uhr noch nicht aufgestanden
-war!! &mdash; Um zw&ouml;lf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich
-scheinen wie mir! Aber Gabriele ist ja das verk&ouml;rperte
-Gro&szlig;stadtleben: die N&auml;chte durchwachen, die<span class="pagenum"><a id="Page_212">[S. 212]</a></span>
-Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen,
-welche nun einmal nicht f&uuml;r l&auml;ndliche Verh&auml;ltnisse geboren
-sind!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, wie schade, da&szlig; Sie die Freundin nicht sehen
-konnten!&laquo; &mdash; Er strich mit der Hand &uuml;ber die Stirn,
-seine Stimme bebte vor Ungeduld.</p>
-
-<p>&raquo;Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich.
-&mdash; Wahrlich, Graf, ich habe es sehr diskret angefangen
-und begreife nicht, wie Gabriele sogleich an Heiraten
-denken konnte, aber derart verw&ouml;hnte M&auml;dchen
-wie sie wittern ja &uuml;berall einen Heiratsantrag; selbst
-aus meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele
-einen neuen Sturm auf ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen
-heraus. Hier, lesen Sie selber, in welch unerh&ouml;rt
-beleidigender Weise sie mir antwortet!&laquo;</p>
-
-<p>Die Sprecherin reichte br&uuml;sk den Zettel dar, und
-Guntram Krafft nahm ihn und neigte das Haupt tief
-darauf hernieder.</p>
-
-<p>Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie
-sah, wie es erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos
-auf den Zeilen ruhte. Regungslos sa&szlig; Graf Hohen-Esp,
-&mdash; sein Atem ging schwer, und der Zettel schwankte momentan
-in seiner Hand. &mdash;</p>
-
-<p>Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise
-und zart ihre Hand auf seinen Arm.</p>
-
-<p>&raquo;O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie
-verletzten! O, wie beklage ich es, wie sehr bereue ich
-es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!&laquo;</p>
-
-<p>Er sch&uuml;ttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen
-und schob ihn in die Brusttasche.</p>
-
-<p>Thea griff hastig danach.</p>
-
-<p>&raquo;O, geben Sie zur&uuml;ck, Graf ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Unbesorgt, Gr&auml;fin, das Papier ist gut aufgehoben,
-&mdash; ich habe Ihnen ja Diskretion gelobt. Aber ich bitte
-Sie, mir den Zettel zu eigen zu lassen.&laquo;</p>
-
-<p>Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und
-Thea verschlang mit leiser Klage die H&auml;nde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[S. 213]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Graf ... z&uuml;rnen Sie auch <em class="gesperrt">mir</em>?&laquo;</p>
-
-<p>Er blickte sie fragend an. &raquo;Z&uuml;rnen? Ich z&uuml;rne weder
-der Schreiberin noch Ihnen. Da&szlig; Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-sich nur f&uuml;r einen Helden begeistern kann und
-mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht imponiere,
-ist Geschmackssache, &mdash; dagegen l&auml;&szlig;t sich nicht streiten.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber da&szlig; sie es so beleidigend ausdr&uuml;ckt, das verzeihe
-ich ihr nie!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie ahnte ja nicht, da&szlig; ich diese Worte lesen w&uuml;rde,
-und warum sollte sie Ihnen gegen&uuml;ber in meinem Interesse
-r&uuml;cksichtsvoll sein? Je klarer und deutlicher sie
-sich ausdr&uuml;ckte, desto sicherer war sie, richtig verstanden
-zu werden!&laquo;</p>
-
-<p>Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt
-sank noch tiefer zur Brust.</p>
-
-<p>&raquo;Graf!&laquo;</p>
-
-<p>Er schrak empor. &raquo;Ich danke Ihnen, Gr&auml;fin, da&szlig;
-Sie mir jetzt schon erfahren lie&szlig;en, was mir sp&auml;ter
-wohl noch schwerer angekommen w&auml;re. Ich wei&szlig;, da&szlig;
-Sie mir gewi&szlig; lieber einen freundlichen Gru&szlig; &uuml;berbracht
-h&auml;tten. Sie haben sich meiner so g&uuml;tig angenommen,
-obwohl Ihnen mein Benehmen gewi&szlig; &auml;u&szlig;erst
-eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier, &mdash; ich
-kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie
-es mir just in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie
-diese traurige kleine Episode.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich soll sie vergessen?&laquo; &mdash; Thea neigte sich vor
-und sah ihm voll r&uuml;hrender Innigkeit in die Augen:
-&raquo;Nein, Graf, <em class="gesperrt">Sie</em> sollen vergessen, und zwar so schnell
-und so gr&uuml;ndlich wie m&ouml;glich! Bl&uuml;hen nicht so viele
-andere holde Blumen um Sie her? Warum mu&szlig; es
-gerade die K&ouml;nigin Rose sein, welche an Ihrer Brust
-bl&uuml;hen soll? Glauben Sie mir, Graf, es ist eine traurige
-Tatsache, da&szlig; die sch&ouml;nsten M&auml;dchen nicht immer die
-besten sind! Sie werden verw&ouml;hnt, eitel, egoistisch und
-tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen
-und urteilen herzlos und oberfl&auml;chlich ...&laquo;</p>
-
-<p>Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. &raquo;Rauben
-Sie mir nicht den Glauben an die Sch&ouml;nheit, Gr&auml;fin!&laquo;<span class="pagenum"><a id="Page_214">[S. 214]</a></span>
-sagte er weich. &raquo;Wer sein Leben lang im Banne eines
-holden M&auml;rchens gestanden, findet sich so schwer mit
-der herben Wahrheit ab! &mdash; Sch&ouml;n und gut war bislang
-ein unzertrennlicher Begriff f&uuml;r mich, &mdash; &mdash; und
-warum soll ein Weib, welches bis zur Schroffheit aufrichtig
-ist, nicht dennoch gut sein? &mdash; Und nun reichen Sie
-mir Ihren Arm, Gr&auml;fin, das Souper scheint angek&uuml;ndigt
-zu sein, &mdash; die alten Herren verlassen den Spieltisch!&laquo;</p>
-
-<p>Thea erhob sich, &mdash; das ironische L&auml;cheln, welches um
-ihre Lippen spielte und welches der beinahe l&auml;cherlichen
-Sanftmut ihres schw&auml;rmerischen Partners galt, verlor
-sich.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf
-heitere Gedanken bringen, und wenn die Fl&ouml;ten und
-Geigen wieder erklingen, wollen wir jedwedem Mi&szlig;geschick
-ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und
-dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt
-einer Vertrauten &uuml;bertragen, Graf, und deren erste
-Verpflichtung ist es, ein trauriges Herz zu tr&ouml;sten und
-zu erheitern! <em class="antiqua">Carpe diem</em>!&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">Sie nickte lustig dem Vort&auml;nzer, welcher in die T&uuml;r
-trat und winkte, zu, hing sich wie ein rosiges Fl&ouml;ckchen
-an den Arm ihres b&auml;renhaften Tischherrn und schritt
-mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum Souper.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[S. 215]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XVI">XVI.</h2>
-</div>
-
-
-<p>So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war,
-so sprudelnd heiter und am&uuml;sant war seine Nachbarin.</p>
-
-<p>Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht
-fidele, und Thea beobachtete es voll Genugtuung, da&szlig;
-Guntram Krafft energisch seine Mi&szlig;stimmung bezwang
-und, wenn auch nicht fr&ouml;hlich, so doch etwas gespr&auml;chiger
-wurde.</p>
-
-<p>Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf
-die See lenkte und die umsitzenden Damen aufs eifrigste
-in ihr schw&auml;rmerisches Entz&uuml;cken einstimmten, leuchtete
-es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie hei&szlig;e
-Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seem&auml;nnische
-Dinge zu befragen und seinen Bem&uuml;hungen,
-die Damen und Herren f&uuml;r das Rettungswesen Schiffbr&uuml;chiger
-zu interessieren, ein lebhaftes Verst&auml;ndnis entgegenbrachte,
-da bem&auml;chtigte sich seiner sogar eine gewisse
-freudige Erregung, welche f&uuml;r den Augenblick die
-Schatten von seiner Stirn scheuchte.</p>
-
-<p>Dieses Gespr&auml;ch w&auml;hrte freilich nicht lange, dazu war
-die Jugend zu &uuml;berm&uuml;tig gestimmt, ja, ein Referendar
-sagte sogar mit sehr tragischer Geste: &raquo;Es ist seltsam,
-da&szlig; man hier auf dem Festland so wenig Sinn und
-Teilnahme f&uuml;r das Rettungswesen hat! Die K&uuml;ste mit all
-ihren drohenden Gefahren, ihrem &rsaquo;Seemann in Not&lsaquo;
-und ihrer schauerlich-sch&ouml;nen Sturmpoesie liegt den Leuten
-hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine Gefahr,
-welche sie sich nicht vorstellen k&ouml;nnen, existiert nicht f&uuml;r
-sie, und ein Eisenbahnungl&uuml;ck wird ihnen stets mehr zu
-Herzen gehen wie eine Schiffskatastrophe. F&uuml;r die
-Waisenkinder, das Blindenasyl und Findelhaus zahlt wohl
-jede Mutter ger&uuml;hrten Herzens ihr Scherflein, aber eine<span class="pagenum"><a id="Page_216">[S. 216]</a></span>
-wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden
-den Wogen entrei&szlig;en und manch ungl&uuml;cklichen Schiffer
-von seinem Wrack einholen m&ouml;chte, f&uuml;r die findet sich
-kaum eine offene Hand!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die
-guten, starken Hilfen am Strand!&laquo; nickte Guntram Krafft
-mit finsterm Blick; seine vergeblichen Besuche des heutigen
-Morgens, seine gescheiterten Bem&uuml;hungen kamen ihm
-mit all ihrer niederdr&uuml;ckenden Erfolglosigkeit in das Ged&auml;chtnis
-zur&uuml;ck: &raquo;Deutschlands Zukunft ruht auf der
-See! und jeder gute Patriot sollte bem&uuml;ht sein, im Sinne
-seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in vollem
-Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen
-oder den Seemannsheimen, sein tatkr&auml;ftiges Interesse
-zuzuwenden! Hier tut Hilfe not! Hier tr&auml;gt
-jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern
-sich die deutschen Frauen so viel daf&uuml;r, die Vergangenheit
-zu ehren, gr&uuml;nden Schiller- und Bismarckvereine &mdash;
-und denken so wenig an die Zukunft ihres Vaterlands?
-Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben
-sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bew&auml;hrt,
-haben das Schiff &rsaquo;Frauenlob&lsaquo; von dem Ertrag ihrer
-Sammlungen gebaut und es bewiesen, da&szlig; selbst die
-kleinste Hand kr&auml;ftig genug ist, an Deutschlands Macht
-und Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist &mdash; mit
-wenigen Ausnahmen &mdash; so gut wie gar kein Interesse f&uuml;r
-die dringende Not an der K&uuml;ste vorhanden, und doch
-steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen F&uuml;&szlig;en,
-obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde &uuml;ber
-das tragische Schicksal Schiffbr&uuml;chiger wie ein m&auml;chtiger
-Hilfeschrei durch das Land hallte!&laquo;</p>
-
-<p>Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert,
-welcher in seiner Erregung ein Bild edlen Eifers
-schien und in nichts mehr an den ungewandten, tolpatschigen
-B&auml;ren von Hohen-Esp erinnerte!</p>
-
-<p>Die Damen stimmten lebhaft zu und lie&szlig;en nur zum
-Schlu&szlig; die etwas &auml;ngstliche Frage laut werden: &raquo;Wer
-soll aber so etwas in die Hand nehmen?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[S. 217]</a></span></p>
-
-<p>Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten:
-&raquo;Das ist ja ganz unm&ouml;glich! Ein einzelner kann
-dabei gar nichts tun, wenn die Sache nicht von ma&szlig;gebender
-Seite angeregt wird!&laquo;</p>
-
-<p>Ein grimmes L&auml;cheln zuckte um die Lippen Guntram
-Kraffts.</p>
-
-<p>&raquo;Diese Antwort ist mir heute schon &ouml;fters geworden,&laquo;
-sagte er beinahe ver&auml;chtlich, &raquo;und ich f&uuml;rchte, ich werde
-sie noch mehrfach h&ouml;ren m&uuml;ssen. Gerade in dieser Ansicht
-liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil keiner
-den Anfang machen will. Warum &rsaquo;von ma&szlig;gebender
-Seite?&lsaquo; Dies ist die Schanze, hinter welcher sich die
-Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn jeder einzelne und jede
-einzelne das Ihre t&auml;ten, w&auml;re uns geholfen.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die letzten Worte verklangen bereits in dem L&auml;rm,
-welchen das Zur&uuml;ckschieben der St&uuml;hle und die lebhaftere
-Konversation bei Aufbruch der Tafel verursachten &mdash; der
-Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte sich vor
-seiner Dame, sie in den Saal zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
-
-<p>Thea fl&uuml;sterte begeisterte Worte der Anerkennung zu
-ihm auf, sie versicherte, da&szlig; sie noch mehr &uuml;ber dieses
-Thema h&ouml;ren m&uuml;sse, welches ihr bis jetzt unbegreiflicherweise
-noch so fremd geblieben sei, &mdash; der Graf aber
-schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah
-seltsam ver&auml;ndert aus, er hatte so gar keine &Auml;hnlichkeit
-mehr mit dem ehedem so linkischen, bei jedem Wort
-err&ouml;tenden J&uuml;ngling, welchen die Spottlust der Gro&szlig;st&auml;dter
-den modernen Parzival genannt.</p>
-
-<p>Er neigte fl&uuml;chtig den Kopf.</p>
-
-<p>&raquo;Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie,
-da&szlig; ich Ihnen einen zuverl&auml;ssigeren T&auml;nzer besorge!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O nicht doch &mdash; ich m&ouml;chte tausendmal lieber mit
-Ihnen plaudern, Graf! Jener Platz am Fenster dort
-ist so gem&uuml;tlich ...&laquo;</p>
-
-<p>Er schien ihre Worte zu &uuml;berh&ouml;ren, wandte sich zu
-einem seiner Tischnachbarn, welcher keine Dame gef&uuml;hrt
-hatte, und bat ihn, bei Komtesse Sevarille zum Tischwalzer
-f&uuml;r ihn einzutreten, da er nicht tanze.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[S. 218]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich, mit gr&ouml;&szlig;tem Vergn&uuml;gen!&laquo; versicherte
-der Angeredete, nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt
-gemustert hatte, verneigte sich vor der jungen
-Dame und flog auf wiegenden Kl&auml;ngen mit Thea davon.</p>
-
-<p>Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt
-dem Ausgang zu.</p>
-
-<p>Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden m&uuml;sse
-oder nicht; es gingen verschiedene Damen und Herren
-schon jetzt nach dem Souper. So ging auch er, nahm
-hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, st&uuml;rmische
-Winternacht hinaus.</p>
-
-<p>Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erf&uuml;llt,
-nun hielt ihn nichts mehr. Wie ein Verd&uuml;rstender atmete
-er die klare, kalte Luft, &mdash; sein gequ&auml;ltes Herz h&auml;mmerte
-in der Brust, und seine Augen brannten so hei&szlig;, als
-gl&uuml;hten ungeweinte Tr&auml;nen darin. Welch eine Beherrschung
-hatte die letzte Stunde von ihm verlangt!</p>
-
-<p>Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute
-wie einem Menschen, welchem das Gl&uuml;ck j&auml;hlings aus
-den H&auml;nden gleitet und in Scherben zerbricht.</p>
-
-<p>Es war der erste gro&szlig;e, leidenschaftliche Schmerz,
-welcher sein Herz traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich
-wehe Wunde, welche ihm geschlagen ward.</p>
-
-<p>Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte
-als den stillen Frieden der Heimat, als die Treue,
-Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen, sie lernte zum erstenmal
-alle Bitterkeit einer Entt&auml;uschung, alle Qual einer
-hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen.</p>
-
-<p>Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust,
-wie verzehrendes Feuer gl&uuml;hte ihm das Leid im Herzen.</p>
-
-<p>Jetzt erst, nachdem er Gabriele f&uuml;r immer verloren,
-begriff er es, wie voll, wie ganz und innig er sein Herz
-an sie geh&auml;ngt hatte. So auf den ersten Blick! &mdash;</p>
-
-<p>So gl&auml;ubig und vertrauend wie ein Kind, welches
-die Sch&ouml;nheit in seinem M&auml;rchenbuch liebgewonnen und
-voll sehnenden Entz&uuml;ckens die Arme nach ihr ausbreitet,
-wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein<span class="pagenum"><a id="Page_219">[S. 219]</a></span>
-schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all
-dem friedlichen Gl&uuml;ck vergangener Jahre! &mdash;</p>
-
-<p>Dazu kam die herbe Entt&auml;uschung, welche er in der
-Angelegenheit seiner ersehnten Rettungsstation erfahren.</p>
-
-<p>Dieser Mi&szlig;erfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdr&uuml;ckendes
-f&uuml;r ihn und trug auch noch dazu bei, seine
-Stimmung zu verd&uuml;stern.</p>
-
-<p>Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und
-Leben, wie er ihn zuvor kaum geahnt, &uuml;berkam ihn
-pl&ouml;tzlich.</p>
-
-<p>Die Luft in dem Ballsaal war so schw&uuml;l, so hei&szlig;
-gewesen, die Menschen so ungewohnt, die Musik so
-schrill und laut.</p>
-
-<p>Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen,
-und der Wind sauste ihm so frisch und gewaltig
-entgegen, wie ein alter, treuer Freund, welcher in toller
-Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn rei&szlig;t
-und sch&uuml;ttelt und ungest&uuml;m ruft: &raquo;Wo bleibst du so lange?
-Komm heim! Komm heim!&laquo;</p>
-
-<p>Und &uuml;ber ihm das kahle Gezweig knarrt und greint
-wie Rahe und Segel ... und die fernen Wipfel rauschen
-wie brandende See ...</p>
-
-<p>Da &uuml;berkommt ihn ein wildes, unb&auml;ndiges Heimweh!
-Ein &uuml;berm&auml;chtiges Sehnen nach der stillen Heimat, nach
-allem, was er liebt und was auch ihm in treuer, schlichter
-Liebe ergeben ist!</p>
-
-<p>Guntram Krafft breitet j&auml;hlings die Arme aus und
-st&ouml;hnt aus tief verwundetem Herzen: &raquo;Heim! &mdash; ja,
-ich will heim! &mdash; Was soll ich noch hier? Meines Schicksals
-W&uuml;rfel sind gefallen. Ich bin kein Held! &mdash; Nie
-und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken
-... was h&auml;lt mich noch hier?&laquo;</p>
-
-<p>Und er st&uuml;rmt mit h&auml;mmernden Pulsen in das Hotel
-und k&uuml;ndet dem &auml;u&szlig;erst betroffenen Anton an, da&szlig; er
-die Koffer packen solle, &mdash; am n&auml;chsten Tage kehre er
-nach Hohen-Esp zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>&raquo;Herr Graf!&laquo; stottert der alte Mann mit sorgenvoll<span class="pagenum"><a id="Page_220">[S. 220]</a></span>
-pr&uuml;fendem Blick in das verst&ouml;rte Gesicht seines Herrn:
-&raquo;Was wird Ihre Gnaden, die Frau Gr&auml;fin sagen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gleichviel. &mdash; Ich reise heim.&laquo;</p>
-
-<p>Anton h&ouml;rt es dem halberstickten Klang der Stimme
-an, hier gibt es kein Widersprechen. Was mag geschehen
-sein?</p>
-
-<p>Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, &mdash; es ist allein
-der &Auml;rger &uuml;ber die Mi&szlig;erfolge bei dem Minister und
-Geheimen Rat, &mdash; der Graf sprach ihm ja selber davon,
-wie wenig Verst&auml;ndnis und Teilnahme er f&uuml;r sein Projekt
-finde.</p>
-
-<p>Man nimmt den B&auml;ren von Hohen-Esp nicht ernst,
-man legt den Worten und W&uuml;nschen des verbauerten
-Krautjunkers keinen Wert bei!</p>
-
-<p>&raquo;Haben der Herr Graf daran gedacht, da&szlig; wir zuvor
-Abschiedsbesuche machen m&uuml;ssen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen.
-Wir werfen nur Karten ab; einzig bei der Gr&auml;fin
-Sevarille w&uuml;nsche ich gemeldet zu sein. Ich werde jetzt
-noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.&laquo;</p>
-
-<p>Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und
-tritt mit umw&ouml;lkter Stirn in das Nebenzimmer.</p>
-
-<p>Dort sitzt er und erledigt voll nerv&ouml;ser Hast die Einladungen.</p>
-
-<p>Es ist schon sp&auml;t in der Nacht, &mdash; Anton lugt besorgt
-durch die T&uuml;r.</p>
-
-<p>Da sieht er Guntram Krafft &uuml;ber einen kleinen zerknitterten
-Zettel geneigt, das Antlitz bleich und verfallen,
-wie bei einem Kranken. &raquo;Wollen Herr Graf nicht zur
-Ruhe gehen?&laquo;</p>
-
-<p>Er schrickt empor, streicht langsam &uuml;ber die Stirn
-und nickt.</p>
-
-<p>&raquo;Du hast recht, &mdash; ich gehe.&laquo;</p>
-
-<p>Er ging &mdash; aber den Zettel nahm er mit sich. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Am n&auml;chsten Morgen wurden in gro&szlig;er Eile die Besuche
-abgefahren.</p>
-
-<p>Da es eine ungew&ouml;hnlich fr&uuml;he Stunde war, nahm
-Gr&auml;fin Sevarille noch keine Besuche an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[S. 221]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Frau Gr&auml;fin sind bei der Toilette, und Komtesse
-schlafen noch.&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft nickte. &raquo;Weiter!&laquo; befahl er kurz. &mdash;</p>
-
-<p>In seiner gro&szlig;en Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen
-Augenblick auf, da&szlig; Gr&auml;fin Thea ebenso gro&szlig;st&auml;dtisch
-lange schlief, wie ihre Freundin Gabriele, &mdash; und sie
-hatte das doch gestern abend noch so scharf verurteilt.
-Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! &mdash; Er stirbt vor
-Sehnsucht nach der Heimat.</p>
-
-<p>Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und f&auml;hrt in
-den kalten, nebligen Wintermorgen hinein, und als die
-H&auml;user und T&uuml;rme der Stadt hinter dem modernen
-Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erl&ouml;st von
-einer unseligen Last. &mdash;</p>
-
-<p>Da wird es allm&auml;hlich wieder still und ruhig in
-seinem Herzen, &mdash; und als er endlich im Schlitten sitzt
-und durch die heimatlichen W&auml;lder dahinjagt, als er
-mit aufleuchtendem Blick und weitge&ouml;ffneten Armen das
-bleigrau rollende Meer begr&uuml;&szlig;t ... da schaut er pl&ouml;tzlich
-um sich, wie ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht,
-wie ein Mensch, welchen ein b&ouml;ser, qu&auml;lender
-Traum befangen hielt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gr&auml;fin Thea war nie so aufgeregt, so &uuml;bellaunig und
-nerv&ouml;s von einem Balle heimgekehrt, wie von dem
-Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg.</p>
-
-<p>Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren
-H&auml;nden ri&szlig; sie den Kranz aus ihrem Haar. &mdash;</p>
-
-<p>Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig,
-ohne ein Wort des Abschieds verlassen? &mdash;</p>
-
-<p>Wohin ging er? &mdash;</p>
-
-<p>Wird er tats&auml;chlich verschwiegen sein?</p>
-
-<p>Hat sie vielleicht zu k&uuml;hn gehandelt? Sprach sie zu
-unbedacht die Unwahrheit und grub sich selber eine
-Grube? &mdash;</p>
-
-<p>Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der
-Hohen-Esper vielleicht schon n&auml;here Beziehungen zu Gabriele<span class="pagenum"><a id="Page_222">[S. 222]</a></span>
-hatte, als sie ahnte? &mdash; Wenn Frau von Sprendlingen
-des Grafen Bewerbung unterst&uuml;tzt hatte? &mdash;</p>
-
-<p>Theas Z&auml;hne schlugen wie im Sch&uuml;ttelfrost zusammen.</p>
-
-<p>Er war so seltsam ver&auml;ndert, als er den Zettel gelesen,
-&mdash; auch gegen sie ver&auml;ndert, k&uuml;hl, zerstreut ...
-zum Schlu&szlig;, als er ohne Abschied ging, sogar unh&ouml;flich.</p>
-
-<p>Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er
-der Wahrheit nachforschen? War der junge B&auml;r doch
-nicht so naiv und harmlos, wie sie angenommen? Was
-soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag
-kommt?</p>
-
-<p>O, welch entsetzliche Blamage!</p>
-
-<p>Thea w&uuml;hlt das Gesicht in die Kissen und bei&szlig;t vor
-Aufregung die Lippen blutig.</p>
-
-<p>Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Pl&auml;ne durch
-ihr Hirn.</p>
-
-<p>Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schlie&szlig;t, so erleidet
-sie Gr&auml;fin Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht.</p>
-
-<p>Sie schl&auml;ft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. &mdash;</p>
-
-<p>Erst sp&auml;t am Morgen, als das M&auml;dchen schon im
-Ofen das Feuer anz&uuml;ndet, schl&auml;ft sie ein.</p>
-
-<p>Und als sie erwacht, erh&auml;lt sie die Nachricht, da&szlig; Graf
-Hohen-Esp bereits dagewesen sei. &mdash; Sie starrt die Sprecherin
-an wie eine Vision.</p>
-
-<p>&raquo;Er war hier?&laquo; &mdash; Das klingt wie ein heiserer, jubelnder
-Aufschrei.</p>
-
-<p>Sie pre&szlig;t die H&auml;nde gegen die Schl&auml;fen, sie lacht j&auml;hlings
-auf, wie aus Todes&auml;ngsten erl&ouml;st. Dann macht sie
-in rasender Eile Toilette, fr&uuml;hst&uuml;ckt und geht in sehr
-gehobener Stimmung auf das Eis.</p>
-
-<p>Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der K&auml;lte bla&szlig;
-und verst&ouml;rt aus.</p>
-
-<p>Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund
-zeigt die Linien, welche man im ganzen Hause f&uuml;rchtet,
-&mdash; sie zeigen an, da&szlig; die Komtesse sich in h&ouml;chst gereizter
-und schwer ge&auml;rgerter Stimmung befindet.</p>
-
-<p>Dann wirft und schleudert sie alles.</p>
-
-<p>So auch jetzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[S. 223]</a></span></p>
-
-<p>Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause.</p>
-
-<p>Die erste ist die, da&szlig; Fr&auml;ulein von Sprendlingen pers&ouml;nlich
-sehr wohl und gesund ist, da&szlig; aber ihr Vater,
-gerade, als er im Begriff stand, f&uuml;r das Tanzfest im
-Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem
-Schlaganfall getroffen wurde.</p>
-
-<p>Er liegt seit gestern abend bewu&szlig;tlos, und die &Auml;rzte
-f&uuml;rchten das Schlimmste.</p>
-
-<p>Das w&uuml;rde Komtesse Sevarille ziemlich gleichg&uuml;ltig
-sein, im Gegenteil, wenn &raquo;die K&ouml;nigin der Feste&laquo;, Fr&auml;ulein
-Gabriele, Trauer bek&auml;me und keine B&auml;lle besuchen
-k&ouml;nnte, w&uuml;rde es f&uuml;r die Freundin Thea nur vorteilhaft
-sein.</p>
-
-<p>Aber die zweite Neuigkeit!</p>
-
-<p>Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein
-Mensch wei&szlig; warum. &mdash; Man vermutet, da&szlig; er Nachrichten
-von zu Hause erhielt.</p>
-
-<p>Ob er wiederkommen wird?</p>
-
-<p class="pmb3">Viele behaupten &raquo;ja&laquo;, manche &raquo;nein&laquo;. &mdash; Gr&auml;fin Thea
-wei&szlig; es genau, &mdash; nein, er kommt nicht wieder. Und
-diese &Uuml;berzeugung kann sie w&uuml;tend machen &mdash; w&uuml;tend!
-&mdash; Sie schlie&szlig;t sich in ihr Zimmer ein und tobt.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[S. 224]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XVII">XVII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>General von Sprendlingen war begraben, und in der
-Residenz wurde nur ein einziges Thema besprochen, die
-finanzielle Lage seiner Gattin und Tochter.</p>
-
-<p>Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen,
-da&szlig; der alte Herr infolge einer ungeheuren Aufregung
-den Schlaganfall erlitten hatte.</p>
-
-<p>Viele behaupteten, es sei l&auml;ngst kein Geheimnis mehr
-gewesen, da&szlig; der pensionierte Offizier spekuliert hatte,
-um den Ausfall des hohen Gehaltes durch reichere Zinsen
-auszugleichen.</p>
-
-<p>Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verw&ouml;hnt,
-ein Bankkrach hatte ihm vor kurzem schwere
-Verluste gebracht &mdash; was Wunder, wenn der alte Herr
-dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld f&uuml;r sich
-arbeiten lie&szlig;en, nachdem sie selber als verabschiedete
-Offiziere die H&auml;nde in den Scho&szlig; legen mu&szlig;ten?</p>
-
-<p>Das Gl&uuml;ck ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische
-und launische Weib, welches es stets gewesen,
-und so wandte es Herrn von Sprendlingen treulos den
-R&uuml;cken, um seinen Goldregen &uuml;ber andere zu streuen,
-welche f&uuml;r den Augenblick seine G&uuml;nstlinge waren.</p>
-
-<p>Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, da&szlig;
-alles verloren sei, just in dem Augenblick, als er sich
-anschickte, mit Frau und Tochter den Kavalierball im
-Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn
-derart, da&szlig; er als ein zu Tode getroffener Mann unter
-ihr zusammenbrach.</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet
-gewesen, wie man anf&auml;nglich angenommen; sie
-war gefa&szlig;ter, als man glaubte, und Gabriele blickte so
-ruhig und zuversichtlich aus den tr&auml;nengl&auml;nzenden Augen,<span class="pagenum"><a id="Page_225">[S. 225]</a></span>
-da&szlig; man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch
-eine nahe bevorstehende Heirat gesichert.</p>
-
-<p>In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast
-und N&uuml;chternheit die traurige Wandlung, welche derartigen
-Ereignissen zu folgen pflegt. Die notwendige
-Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten
-sich zur Abreise vor; denn da sie &uuml;ber keine weiteren
-Mittel als die karge Witwenpension verf&uuml;gten, schien es
-fraglich, ob sie ein eigenes Heim in der Residenz gr&uuml;nden
-konnten. Vorl&auml;ufig folgten sie der Einladung einer kinderlosen
-Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und
-Gabriele f&uuml;r die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten
-hatte.</p>
-
-<p>Zum letztenmal sa&szlig;en Mutter und Tochter in den liebgewordenen
-R&auml;umen, in welchen sie so viele, gl&uuml;ckliche
-Jahre verlebt, beisammen. Von allen Seiten waren
-ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme
-geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen
-die Visiten, &mdash; lauter gute Freunde, welche den so
-allgemein beliebten Damen vor dem Abschied noch die
-Hand dr&uuml;cken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten
-wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und
-ihr erst so ruhiges, bleiches Antlitz sah pl&ouml;tzlich so verst&ouml;rt,
-so verzweifelt und verfallen aus, als sei eine letzte
-Hoffnung, welche sie im Herzen gehegt, f&uuml;r immer vernichtet
-worden.</p>
-
-<p>In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung
-hatte sie an den Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an
-einen Retter in der Not, welcher sicher kommen mu&szlig;,
-das bitterste Elend von ihnen abzuwenden.</p>
-
-<p>Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch,
-&mdash; er blieb aus. &mdash;</p>
-
-<p>Sie brachte es nicht &uuml;ber sich, nach ihm zu fragen, und
-so erfuhr sie erst heute zuf&auml;llig durch eine befreundete
-Dame, da&szlig; Guntram Krafft am Morgen nach dem Hotelball
-Knall und Fall abgereist sei, ohne da&szlig; jemand einen
-Grund f&uuml;r diesen fluchtartigen Abschied wu&szlig;te. Den<span class="pagenum"><a id="Page_226">[S. 226]</a></span>
-Tod des Herrn von Sprendlingen habe er wohl gar
-nicht erfahren.</p>
-
-<p>Tr&auml;nen tiefster Hoffnungslosigkeit gl&auml;nzten in den Augen
-der verwitweten Frau, und als Gabriele an ihre
-Seite trat, z&auml;rtlich den Arm um die Weinende zu legen,
-da schluchzte sie laut auf und fl&uuml;sterte: &raquo;Ach, meine arme,
-arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?&laquo;</p>
-
-<p>Das junge M&auml;dchen hob das Antlitz wie in seligem
-Vertrauen zum Himmel, &mdash; es sah in all dem Leid so
-verkl&auml;rt und ruhig aus, als sei ihr nie ein Zweifel an
-dem Gl&uuml;ck der Zukunft gekommen.</p>
-
-<p>&raquo;Er liebt mich, Mama!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wer?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Da senkte Gabriele das K&ouml;pfchen.</p>
-
-<p>&raquo;Hans Heidler! &mdash; O, M&uuml;tterchen, du ahnst es ja
-nicht, wieviel liebe Worte er mir noch auf dem letzten
-Hofball sagte, wie er mir die Hand dr&uuml;ckte, wie unaussprechlich
-viel sein Auge mir gestand &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sein Auge, aber nicht seine Zunge!&laquo; murmelte Frau
-von Sprendlingen bitter. &mdash; &raquo;Gabriele, glaubst du wahrlich,
-da&szlig; Heidler je an Heiraten gedacht &mdash; und da&szlig; er
-sogar <em class="gesperrt">jetzt</em> noch daran denkt?&laquo;</p>
-
-<p>Das junge M&auml;dchen atmete hoch auf, pre&szlig;te wie in
-begeisterter Versicherung die H&auml;nde gegen die Brust
-und nickte.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, ich glaube es, ich wei&szlig; es bestimmt! Ein Mann,
-der so ritterlich, so heldenhaft, so edel ist wie Hans,
-betr&uuml;gt kein M&auml;dchenherz.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sprachst du ihn nach Papas Tode?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise,
-wie er mir die Hand k&uuml;&szlig;te ... wie er mich ansah ...&laquo;</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung.</p>
-
-<p>&raquo;O Kind! Kind!!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er sagte mir, da&szlig; er in den n&auml;chsten Tagen kommen
-werde &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber er kam nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er wird kommen!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[S. 227]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Morgen reisen wir ab!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So kommt er heute noch! Warum mi&szlig;traust du ihm
-so sehr, Mama? Warum zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die H&auml;nde
-ineinander. &raquo;Weil ich die Menschen besser kenne wie du,
-Kind!&laquo; sagte sie gepre&szlig;t.</p>
-
-<p>&raquo;Du bist jetzt nerv&ouml;s und verbittert, Mamachen, du
-wirst einsehen, wie unrecht du ihm tust!&laquo;</p>
-
-<p>Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen
-herauf, &mdash; Gabriele zuckte mit leuchtenden Augen empor,
-und auch die Baronin blickte wie in j&auml;her Hoffnung
-nach der T&uuml;r. &mdash;</p>
-
-<p>Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der
-Schwelle, er hielt einen k&ouml;stlichen Strau&szlig; von Orchideen
-und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in der Hand.</p>
-
-<p>&raquo;Eine sch&ouml;ne Empfehlung von dem Herrn Leutnant
-von Heidler, und er lie&szlig;e den Damen herzlichst Lebewohl
-sagen und eine gl&uuml;ckliche Reise w&uuml;nschen! Der Herr
-Leutnant w&auml;re gern selber noch vorgekommen, er ist aber
-zu seinem gro&szlig;en Bedauern verhindert!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei
-Marmors&auml;ulen vor ihm standen und keine Hand sich hob,
-den Strau&szlig; in Empfang zu nehmen, legte ihn der Sprecher
-seitlich auf den Tisch.</p>
-
-<p>&raquo;Es ist n&auml;mlich die Schlittenpartie heute, die der
-Herr Oberleutnant arrangierte!&laquo; fuhr er fort, mehr aus
-momentaner Verlegenheit wie aus Geschw&auml;tzigkeit. &raquo;Der
-Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine Frau
-sagt, die hilft ja manchmal in der K&uuml;che bei Exzellenz
-aus, wie die Damen wissen! Na, da h&ouml;rt sie so mancherlei.
-&mdash; Der Herr Oberleutnant ist jetzt beinahe alle Tage
-da im Hause! Die Fr&auml;ulein Enkelin soll ja wohl steinreich
-sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja,
-und was ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer
-werden morgen fr&uuml;h schon um sechs Uhr abgeholt ...
-die Dienstm&auml;nner k&ouml;nnen es nicht gut anders machen ...
-und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie f&uuml;r die<span class="pagenum"><a id="Page_228">[S. 228]</a></span>
-Damen bestellen? &mdash; Ich gehe nachher doch noch mal
-aus ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fu&szlig;. Die
-Koffer stehen auf dem Flur bereit. Guten Abend!&laquo;</p>
-
-<p>Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So
-geisterhaft hatte er die Damen noch nie zuvor gesehen,
-und die Stimme der Gn&auml;digen klang wie aus dem Grabe.</p>
-
-<p>Er verbeugte sich und ging.</p>
-
-<p>Wie schwer wurde den &Auml;rmsten der Abschied! Du
-lieber Gott, ja, &mdash; wenn in solch feine H&auml;user mal das
-Ungl&uuml;ck hereinbricht, dann liegt es immer doppelt so
-schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen
-auf mit sich herumzuschleppen.</p>
-
-<p>Als sich die T&uuml;r geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen
-schweigend die Arme nach ihrer Tochter aus,
-und Gabrieles K&ouml;pfchen sank wie eine sturmgebrochene
-Bl&uuml;te an die Brust der Mutter nieder.</p>
-
-<p>Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch
-den weichen, schmiegsamen, jungen K&ouml;rper.</p>
-
-<p>Und dann hob sie j&auml;hlings das Haupt und blickte mit
-herzzerrei&szlig;endem L&auml;cheln empor.</p>
-
-<p>&raquo;Ich kann es nicht glauben, da&szlig; er nicht mehr kommen
-<em class="gesperrt">wollte</em>, Mama! Er <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> ja all diese Vergn&uuml;gungen
-arrangieren, er verkehrt viel im Hause des Ministers,
-weil man ihn viel einladet! &mdash; Sein Herz weilt sicher
-bei mir, Mama! Es ist ja ganz unm&ouml;glich, da&szlig; diese
-meine herrlichste Idealgestalt so kl&auml;glich in Dunst und
-Nebel zerrinne!&laquo;</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen k&uuml;&szlig;te die Stirn ihrer Tochter
-und wiederholte nur leise: &raquo;O, du armes, armes Kind!&laquo;
-&mdash; Dann wandte sie sich zur T&uuml;r, in welcher das Stubenm&auml;dchen
-erschien und mit betr&uuml;btem Gesicht die gn&auml;dige
-Frau um ihr Abgangszeugnis bat. &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele blieb allein.</p>
-
-<p>Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem
-Blick auf die stille, winterliche Stra&szlig;e hinab, wo die
-Sonne auf Eis und Schnee glitzerte und fr&ouml;hlich plaudernde
-Menschen mit den Schlittschuhen vor&uuml;bereilten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_229">[S. 229]</a></span></p>
-
-<p>Schlittengeklingel ert&ouml;nte von fern und n&auml;herte sich
-in flottem Tempo.</p>
-
-<p>Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit
-weitoffenen Augen hinab.</p>
-
-<p>Die Schlittenpartie! &mdash;</p>
-
-<p>Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig
-flatternden Schneedecken, da klingelten und rasselten die
-Schellen durch die schmetternden Musikkl&auml;nge, und die
-ersten Schlitten mit den Trompetern jagten vor&uuml;ber.</p>
-
-<p>Dann mehrere &raquo;Familienschlitten&laquo; mit den M&uuml;ttern,
-Tanten und Papas, und dann, als Erster an der Tete
-der Jugend, Hans von Heidler neben Fr&auml;ulein Henny
-von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem m&auml;chtigen,
-gelben L&ouml;wenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner
-zugekehrt, und dieser neigte sich so vertraut und
-keck, wie es seine siegesbewu&szlig;te Art ist, und l&auml;chelt der
-Kleinen just &raquo;tief in die Seele!&laquo;</p>
-
-<p>O, Gabriele kennt dieses L&auml;cheln &mdash; diese Augen, diese
-bet&ouml;rende und bestrickende Art! &mdash;</p>
-
-<p>Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor
-und starrt hinab ... ihre Lippen &ouml;ffnen sich, als wollten
-sie voll herben Wehes aufschreien: &raquo;Hans! &mdash; Hans!
-Hast du keinen einzigen Blick mehr f&uuml;r mich?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr f&uuml;r
-die &ouml;de, verlassene Villa, in welche &uuml;ber Nacht die Armut
-eingezogen ist.</p>
-
-<p>Der Schlitten fliegt vor&uuml;ber, ohne da&szlig; Herr von
-Heidler Zeit gefunden, einen einzigen Blick nach dem
-Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das bleiche, liebliche
-M&auml;dchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine
-leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt
-zur&uuml;ck und sinkt auf einen Stuhl, &mdash; sie schl&auml;gt die
-kalten, zitternden H&auml;nde vor das Antlitz und m&ouml;chte
-weinen &mdash; weinen &mdash; da&szlig; ihre ganze Seele in den Tr&auml;nen
-dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken
-und starr, und ihr Herz blutet still verborgen aus der
-Wunde, welche falsche Liebe ihr so grausam geschlagen. &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[S. 230]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen
-lebte mit ihrer Tochter fernab der Residenz in dem einsamen
-Landhaus der Tante, welche viel zu schrullenhaft,
-unliebensw&uuml;rdig und schroff war, um den beiden verlassenen
-Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim
-bieten zu k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen,
-sich zu trennen.</p>
-
-<p>Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer
-Witwenpension leben, wenn Gabriele ein anderes Unterkommen
-fand.</p>
-
-<p>Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bem&uuml;hungen
-nicht. &mdash; Die Stelle einer Hofdame, welche die Herzogin
-f&uuml;r sie an befreundetem Hofe erhofft, war gegen alles
-Erwarten anderweitig besetzt, &mdash; andere Aussichten zerschlugen
-sich ebenfalls.</p>
-
-<p>Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier,
-&mdash; doch stets ohne Erfolg.</p>
-
-<p>Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer
-Frauenzeitung eine sehr annehmbar erscheinende Offerte.</p>
-
-<p>Eine &auml;ltere Dame auf dem Lande suchte ein junges,
-liebensw&uuml;rdiges und heiteres M&auml;dchen aus vornehmer
-Familie zur Gesellschafterin. Die Einsendung einer Photographie
-war zur Bedingung gemacht.</p>
-
-<p>Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide
-blickten sich in stummem, wehm&uuml;tigem Einverst&auml;ndnis
-in die Augen. Zur selben Stunde noch schickte Frau
-von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene
-Chiffre ab. &mdash;</p>
-
-<p>Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden
-Fr&uuml;hlingsmorgen hinaus. &mdash; Wird eine Antwort kommen?
-Wird sie die Stelle erhalten?</p>
-
-<p>Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichg&uuml;ltig
-geworden.</p>
-
-<p>Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus
-der Residenz, Herrn von Heidlers Verlobung mit Henny,
-der reichen Erbin, las, und sehr bald danach durch den
-Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, da&szlig; die<span class="pagenum"><a id="Page_231">[S. 231]</a></span>
-Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der gro&szlig;en
-Jugend der Braut schon in den ersten Tagen des Mai
-stattfinden solle, &mdash; war die Welt leer und tot f&uuml;r sie
-geworden.</p>
-
-<p>Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, verg&ouml;ttert
-hatte, trat ihr Herz voll egoistischer R&uuml;cksichtslosigkeit
-unter die F&uuml;&szlig;e. &mdash;</p>
-
-<p>Er, der k&uuml;hne, mutige und unerschrockene Held, war
-zu feige gewesen, den Kampf um die Existenz an der
-Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen. &mdash; Und <em class="gesperrt">diese</em>
-Ent&auml;uschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres
-eigenen Gl&uuml;ckes.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp
-zur&uuml;ckgekehrt war, ruhten die Augen der Gr&auml;fin
-voll bangen Forschens auf dem ernsten Antlitz des Sohnes,
-als k&ouml;nne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen
-und die Gr&uuml;nde erforschen, welche ihn so pl&ouml;tzlich heimgetrieben.</p>
-
-<p>&raquo;Warum kommst du schon jetzt zur&uuml;ck, Guntram Krafft?
-Ist dir etwas Unangenehmes begegnet?&laquo;</p>
-
-<p>Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in
-die Augen.</p>
-
-<p>&raquo;Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer
-eigenen Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich
-ist mir viel &Auml;rgerliches begegnet!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und nur darum bist du Hals &uuml;ber Kopf abgereist?&laquo;</p>
-
-<p>Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er
-strich sich langsam die blonden Haare aus der Stirn.</p>
-
-<p>&raquo;Ich bekam Heimweh, Mutter!&laquo; sagte er leise, mit
-einem beinahe schwerm&uuml;tigen Klang in der Stimme,
-&raquo;es gefiel mir nicht zwischen all den fremden Menschen.
-Ich kam mir so &uuml;berfl&uuml;ssig, so vereinsamt dort vor. Ihre
-Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten
-sind neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen
-und Plaudern gar nicht, oder doch sehr schlecht im
-Vergleich zu den andern Herren. Die Leute waren nicht
-unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, da&szlig; ich mich<span class="pagenum"><a id="Page_232">[S. 232]</a></span>
-tats&auml;chlich unter ihnen wohlgef&uuml;hlt h&auml;tte. &mdash; Dazu wehte
-der Sturm so vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da
-es gerade jetzt viel ernste Arbeit daheim g&auml;be. &mdash; Da
-hielt es mich nicht l&auml;nger. Ich sehnte mich heim zu
-dir, Mutter, &mdash; hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ...
-gleichviel wie ich bin!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die letzten Worte klangen noch leiser und wehm&uuml;tiger
-wie zuvor, und Gundula trat neben seinen Sessel und
-dr&uuml;ckte voll weicher Innigkeit das Haupt des Sohnes
-an die Brust.</p>
-
-<p>Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine
-bange Sorge kam es pl&ouml;tzlich &uuml;ber sie.</p>
-
-<p>Waren dies die Fr&uuml;chte, welche sie von ihrer starren
-und eigenwilligen Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind
-der Welt und dem Leben so v&ouml;llig entfremdet, da&szlig; es
-nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang? Wiederum
-durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz.</p>
-
-<p>Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft,
-die verlorenen G&uuml;ter zur&uuml;ckzuerwerben, um ihren
-Sohn als tr&uuml;bseligen alten Junggesellen darauf zur&uuml;ckzulassen?
-Oder war es eine heimliche Kinderliebe, welche
-Guntram Krafft so fest und treu im Herzen sa&szlig;?</p>
-
-<p>Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen
-Fischerdirne gespielt, &mdash; er hatte als J&uuml;ngling im Dorfkrug
-mit ihr getanzt ... w&auml;re es m&ouml;glich, da&szlig; er sein
-Herz an sie verloren, trotzdem die Gr&auml;fin ihn so sorgsam
-in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes
-erzogen hat? &mdash;</p>
-
-<p>Gundula seufzte tief auf.</p>
-
-<p>Je nun, mu&szlig;te sie das Gl&uuml;ck f&uuml;r ihr Kind auch tief,
-tief von unten heraufholen ... es soll ihm werden, &mdash;
-besser er freit ein Fischerm&auml;dchen, als keine.</p>
-
-<p>Die anf&auml;nglich so schwerm&uuml;tige Stimmung des jungen
-Grafen schwand von Tag zu Tag. Der Sturm heulte
-daher und schien nur auf die R&uuml;ckkehr Guntram Kraffts
-gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des
-B&auml;ren zu messen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[S. 233]</a></span></p>
-
-<p>Da gab es keine m&uuml;&szlig;ige Zeit mehr, da war es vorbei
-mit dem wehm&uuml;tigen Sinnen und Gr&uuml;beln!</p>
-
-<p>T&auml;glich fast gab es schwere Arbeit!</p>
-
-<p>Schiff in Not! &mdash; &mdash; Und der B&auml;r von Hohen-Esp
-reckte voll k&uuml;hnen Muts die Pranken, scharte seine Getreuen
-um sich und warf sich in tollem Wagemut gegen
-die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entrei&szlig;en.</p>
-
-<p>Die K&auml;lte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat
-knirschte das Eis ... das war die b&ouml;seste Zeit.</p>
-
-<p>Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein
-Brett vor der See; als ihn ein neu einsetzender Sturm
-auseinanderri&szlig;, st&uuml;rzte ein Schiffer zur Burg und meldete,
-da&szlig; aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen Schoners
-rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen.
-Das war ein f&uuml;rchterlicher Tag und eine grauenvolle
-Fahrt! &mdash;</p>
-
-<p>Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und
-Guntram Krafft und seine freiwilligen Lotsen konnten
-selber kaum geborgen werden; doch kaum, da&szlig; sich die
-Ersch&ouml;pften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot,
-welches er in aller Eile zweckm&auml;&szlig;ig eingerichtet hatte.</p>
-
-<p>Er lie&szlig; den fehlenden Luftkasten durch leere F&auml;sser,
-welche m&ouml;glichst gut verspundet und unter die Duchten
-gelascht wurden, ersetzen, lie&szlig; Ballast einlegen und einen
-Lenzsack nachbugsieren, um das Boot m&ouml;glichst vor See
-zu halten und ein Beidrehen zu verhindern.</p>
-
-<p>Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus,
-und nach zweist&uuml;ndiger schwerer Arbeit brauste das jubelnde
-Hurra der Heimkehrenden durch das Heulen der
-Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. &mdash;</p>
-
-<p>Kaum, da&szlig; man die Schiffbr&uuml;chigen noch zu den Lebenden
-z&auml;hlen konnte.</p>
-
-<p>Zwei Tage und N&auml;chte lang waren sie ohne Nahrung
-gewesen, ihre Lage in der Takelage bei Sturm und
-bitterer K&auml;lte bedeutete eine geradezu unbeschreibliche
-Qual.</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Gundula lie&szlig; die Geretteten nach Hohen-Esp<span class="pagenum"><a id="Page_234">[S. 234]</a></span>
-schaffen und nahm ihre erfrorenen Glieder in Pflege,
-bis ein Arzt zur Stelle war.</p>
-
-<p>Diese heldenm&uuml;tige Rettung wurde bekannt. Guntram
-Krafft und seine Lotsen erhielten die Rettungsmedaille
-und ein ansehnliches Geldgeschenk, und mit
-leuchtenden Augen st&uuml;rmte der Graf in das Zimmer
-seiner Mutter: &raquo;Nun k&ouml;nnen sie heiraten! Ich habe
-meinen Anteil an J&ouml;schen abgetreten, dann reicht's zur
-Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe
-ich ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in
-Gottes Namen zur Wohnung einrichten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;J&ouml;schen will heiraten?&laquo; fragte die Gr&auml;fin &uuml;berrascht;
-&raquo;davon ahne ich nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nun, die Mike! &mdash; Die beiden sind doch schon seit
-Kindesbeinen an Brautleute!&laquo; lachte der B&auml;r von Hohen-Esp.
-&raquo;Wie manch liebes Mal hat der J&ouml;schen ihr seinen
-Apfel geschenkt, und als er von der Marine zur&uuml;ckkam,
-brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht
-laut werden, bis sie Aussicht hatten zu freien, &mdash; sind
-ja beide so blutarm! Aber nun ist das Geld beisammen,
-und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!&laquo;</p>
-
-<p>Gundula blickte starr in das frisch ger&ouml;tete Antlitz
-des Sohnes.</p>
-
-<p>Mike heiratet den J&ouml;schen! Und Guntram Krafft erz&auml;hlt
-es ihr mit lachendem Munde. Nein, so sieht keiner
-aus, der selber in das M&auml;del verliebt ist.</p>
-
-<p>Nachdenklich senkt die Gr&auml;fin das Haupt, ihr Sohn aber
-setzt sich nahe an ihre Seite und nimmt z&auml;rtlich ihre
-Hand zwischen die seinen.</p>
-
-<p>Er sieht sie an, &mdash; so kindlich bittend wie stets, wenn
-er etwas auf dem Herzen hat.</p>
-
-<p>&raquo;Mutter!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Was willst du?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie hat aber einen schweren Verlust f&uuml;r uns bedeutet!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_235">[S. 235]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Wieso das?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so
-vieler M&uuml;he als ein Peake-Boot zurechtgemacht hatten,
-ist von der See zerschlagen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Oh! &mdash; Es wird sich Ersatz finden!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mutter!&laquo; fl&uuml;sterte Guntram Krafft und legte den
-Arm um die Gr&auml;fin: &raquo;M&ouml;chtest du mich wohl einmal recht
-gl&uuml;cklich sehen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Welche Frage!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Du botest mir j&uuml;ngst an, &mdash; ich solle auf Reisen gehen,
-&mdash; fremde L&auml;nder und V&ouml;lker sehen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ganz recht! Hast du dich entschlossen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, Mutter. Ich m&ouml;chte dich aber recht inst&auml;ndig
-bitten, mir das Geld, welches solch eine Reise kostet, zu
-geben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wozu das?&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung
-das Haupt.</p>
-
-<p>&raquo;Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine
-regelrechte Rettungsstation hier zu errichten. Mit der
-n&ouml;tigen Ausr&uuml;stung und Unterst&uuml;tzung brauche ich meine
-braven Jungens nicht ann&auml;hernd so zu exponieren wie
-jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Unterst&uuml;tzung
-zu erwarten, &mdash; <em class="gesperrt">wollte</em> man uns helfen, so h&auml;tte man
-es jetzt getan, nachdem die Rettung der Schiffbr&uuml;chigen
-die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. &mdash; Da hei&szlig;t es also
-&mdash; hilf dir selber! Ich habe keine andere Passion, keine
-anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das
-Rettungswesen, ich kenne keinen h&ouml;heren Wunsch, als
-aus eigenen Mitteln einen Schuppen mit Ausr&uuml;stung,
-Boot und Apparaten hier aufzustellen.&laquo;</p>
-
-<p>Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen.</p>
-
-<p>&raquo;Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der
-Ausf&uuml;hrung deines Planes gewi&szlig; nichts im Wege!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mutter!&laquo; &mdash; Der Graf war dunkelrot geworden, &raquo;und
-das Geld dazu?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Du bist majorenn und kannst &uuml;ber dein Verm&ouml;gen
-verf&uuml;gen!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[S. 236]</a></span></p>
-
-<p>Er umkrampfte die schlanke Hand der Gr&auml;fin: &raquo;Mein
-Verm&ouml;gen? Alles, was wir besitzen, hast du verdient,
-es ist dein Eigentum, Mutter ... und zehntausend Mark
-ist wohl das mindeste, was ich ben&ouml;tige!&laquo;</p>
-
-<p>Gundula l&auml;chelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz
-beinahe heiter aus in dem Gef&uuml;hl, dem Sohn, welchen
-sie &uuml;ber alles liebte, einen Wunsch erf&uuml;llen zu k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>&raquo;Du wei&szlig;t, da&szlig; ich f&uuml;r <em class="gesperrt">dich</em> arbeitete, und du hast
-mir seit Jahren redlich dabei geholfen. Die zehntausend
-Mark hast du dir selber reichlich verdient. Wie du sie
-anwenden willst, ist deine Sache &mdash; sie liegen bereit!&laquo;</p>
-
-<p>Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche
-Freude, welche er empfand. Er schlang die Arme um
-die Sprecherin und dankte ihr so strahlend gl&uuml;cklich, als
-sei das Geld ihm zu Genu&szlig; und Vergn&uuml;gen, nicht aber
-f&uuml;r fremde Not gespendet.</p>
-
-<p>Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so
-heiter und lebhaft mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll
-ungeduldigen Eifers sogleich den Bau des Rettungsschuppens
-in Angriff nehmen und seine notwendige Ausr&uuml;stung
-herstellen lie&szlig;.</p>
-
-<p>Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen
-Besch&auml;ftigung blieb ihm keine Zeit, tr&uuml;ben Gedanken nachzuh&auml;ngen.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf.</p>
-
-<p>Sie glaubte nun &uuml;berzeugt zu sein, da&szlig; keine ungl&uuml;ckliche
-Liebe das Herz des Sohnes erkranken lie&szlig; und
-seine zeitweise, unerkl&auml;rliche Schwermut in der Tat nur
-dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission
-in der Residenz ihm verursacht.</p>
-
-<p>Gundula gr&uuml;belte und sann, wie sie ihren Liebling
-zu einem gl&uuml;cklichen Mann und Gatten machen k&ouml;nne.</p>
-
-<p>Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn
-der Graf war zu ungewandt und fremd in der Gesellschaft,
-um den Mut zu haben, als Freier aufzutreten.</p>
-
-<p>Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen
-in dieser wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen.<span class="pagenum"><a id="Page_237">[S. 237]</a></span>
-So verging Monat um Monat. Da kam ihr ein guter Gedanke.</p>
-
-<p>Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine
-junge Gesellschafterin aus bester Familie und w&auml;hlte
-aus den eingesandten Photographien diejenige heraus,
-welche ihrem scharfen Auge am passendsten f&uuml;r ihren
-Plan erschien.</p>
-
-<p>Zu dicken St&ouml;&szlig;en kamen die Briefe an.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin sa&szlig; in ihrem stillen Turmzimmer, in welches
-die Fr&uuml;hlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf,
-und erbrach voll lebhaften Interesses ein Schreiben nach
-dem andern.</p>
-
-<p>Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder!
-Gundula sah ein jedes derselben lange scharf und pr&uuml;fend
-an, doch da war keines, welches ihr so recht von
-Herzen sympathisch war.</p>
-
-<p>Die n&auml;chsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften,
-und die B&auml;rin von Hohen-Esp las und &uuml;berlegte
-und pr&uuml;fte, bis sie pl&ouml;tzlich das Haupt j&auml;hlings
-vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes M&auml;dchenantlitz
-schaute, welches mit wundersam ernsten, gro&szlig;en,
-klaren Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute.</p>
-
-<p>Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht,
-einfach und anspruchslos.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin &uuml;berflog den Brief, welcher nur sehr kurz
-im Verh&auml;ltnis zu den meisten anderen war. Sie sah
-nach der Unterschrift: &raquo;Marie Antoinette, Freifrau von
-Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.&laquo;</p>
-
-<p>Ein guter Name. &mdash; Und sie schrieb, da&szlig; sie f&uuml;r ihre
-Tochter Gabriele, 23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im
-Englischen und Franz&ouml;sischen, geschickt in Handarbeiten,
-aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle als Gesellschafterin
-suche. Ihre Verh&auml;ltnisse, welche seit dem
-Tode ihres Mannes sehr traurige seien, zw&auml;ngen sie
-leider, sich von ihrem Kinde zu trennen.</p>
-
-<p>Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe,
-welche ein Unterkommen f&uuml;r die Tochter sucht ... Arme
-Frau!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_238">[S. 238]</a></span></p>
-
-<p>Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand,
-auch dann noch, als sie alle anderen Schreiben ge&ouml;ffnet
-und die Photographien recht gleichg&uuml;ltig beiseitegelegt
-hatte.</p>
-
-<p>Wie eine geheime, unerkl&auml;rliche Gewalt zog es sie zu
-dem entz&uuml;ckenden Antlitz mit den r&auml;tselhaften Augen.</p>
-
-<p>Ein Bild t&auml;uscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in
-Wirklichkeit nicht ann&auml;hernd so sympathisch; aber gleichviel,
-darauf mu&szlig;te man es eben ankommen lassen und
-es abwarten, ob Fr&auml;ulein von Sprendlingen dem Geschmack
-Guntram Kraffts entsprechen wird.</p>
-
-<p class="pmb3">Kurz entschlossen griff die Gr&auml;fin zu Feder und Papier
-und schrieb an Frau von Sprendlingen, da&szlig; sie gewillt
-sei, ihre Tochter voll herzlicher Freundlichkeit in ihrem
-Hause aufzunehmen.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[S. 239]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XVIII">XVIII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Ein paar Tage waren vergangen.</p>
-
-<p>Es d&auml;mmerte. &mdash; Guntram Krafft war soeben von dem
-beinahe vollendeten Rettungsschuppen heimgekehrt, hatte
-die Kleider gewechselt und trat hastig in das gro&szlig;e,
-uraltmodische Wohngemach der Gr&auml;fin, um ihr voll lebhafter
-Begeisterung von dem vorz&uuml;glichen Boot eigener
-Konstruktion &mdash; einem zweckm&auml;&szlig;igen Gemisch von Françis-
-und Peake-System, welches man soeben geprobt hatte &mdash;
-zu berichten.</p>
-
-<p>Gundula trat ihm entgegen, &mdash; lebhafter, elastischer
-schreitend wie sonst.</p>
-
-<p>Sie hielt einen Brief in der Hand und hub bereits
-von weitem an zu sprechen:</p>
-
-<p>&raquo;Endlich kommst du heim, Guntram Krafft; ich wartete
-mit Sehnsucht auf dich, um eine Angelegenheit mit
-dir zu bereden, f&uuml;r welche du bisher noch niemals recht
-Zeit hattest. Nun ist sie vollendete Tatsache &mdash; und die
-h&ouml;chste Zeit, da&szlig; du davon erf&auml;hrst!&laquo;</p>
-
-<p>Der Graf blickte die Sprecherin erstaunt an, schob
-ihr voll ritterlicher H&ouml;flichkeit einen Sessel herzu und
-lehnte sich erwartungsvoll ihr gegen&uuml;ber an den Tisch.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin setzte sich nieder und schien gewaltsam gegen
-eine gewisse Befangenheit anzuk&auml;mpfen. &raquo;Ich bin seit
-langen Jahren so allein, entbehre jeden Verkehr mit
-Damen und werde nun auch so alt und abst&auml;ndig, da&szlig;
-ich kaum noch allein dem gro&szlig;en Hauswesen vorstehen
-kann ...&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft lachte beinahe &uuml;berm&uuml;tig auf, schwieg
-aber und blickte die Sprecherin aufmerksam an. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe mir daher eine Gesellschafterin engagiert
-und hoffe, da&szlig; du aus R&uuml;cksicht f&uuml;r mich mit diesem
-Zuwachs einverstanden bist!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_240">[S. 240]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ah! Das nenne ich vern&uuml;nftig!&laquo; rief der B&auml;r von
-Hohen-Esp sehr erfreut und durchaus harmlos: &raquo;Diese
-Idee ist einen Dukaten wert und h&auml;tte dir bereits zehn
-Jahre fr&uuml;her kommen sollen! Hast du schon jemand gefunden?&laquo;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin &ouml;ffnete mit geheimnisvollem L&auml;cheln den
-Brief, entnahm ihm eine Photographie und reichte sie dem
-Sohn dar.</p>
-
-<p>&raquo;Wie gef&auml;llt dir meine k&uuml;nftige kleine Genossin, welche,
-so Gott will, frisches Leben und recht viel Sonnenschein
-mit in das Haus bringt?&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft nahm l&auml;chelnd das Bild und trat
-damit in die Fensternische, um besser sehen zu k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>&raquo;Wenn sie nur <em class="gesperrt">deinen</em> Beifall findet, Mama, dann
-bin ich gern mit einer jeden zufrieden!&laquo;</p>
-
-<p>Er neigte sich vor und blickte auf das Bild. Einen
-Augenblick starrte er es an, &mdash; seine Hand zuckte, und
-sein Antlitz &uuml;berzog eine tiefe Bl&auml;sse.</p>
-
-<p>Regungslos stand er und schaute in das s&uuml;&szlig;e, ernste,
-sinnende Gesichtchen.</p>
-
-<p>Ein Zittern flog durch seinen K&ouml;rper, wie feurige Nebel
-wogte und wallte es pl&ouml;tzlich um ihn her, und sein
-Herz lag regungslos, um pl&ouml;tzlich in desto wilderen Schl&auml;gen
-atemraubend loszust&uuml;rmen.</p>
-
-<p>Er stand abgewandt von der Gr&auml;fin, und diese sah
-nicht die auffallende Ver&auml;nderung, welche mit dem jungen
-Manne vor sich ging.</p>
-
-<p>&raquo;Nun?&laquo; fragte sie endlich, &raquo;&auml;u&szlig;ere dich doch! Ist das
-Gesicht nicht entz&uuml;ckend? Wenn die Augen alles das
-halten, was sie hier versprechen, so mu&szlig; die Kleine ein
-sehr liebenswertes M&auml;dchen sein!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie hei&szlig;t sie?&laquo; stie&szlig; Guntram Krafft kurz und beinahe
-rauh hervor.</p>
-
-<p>&raquo;Ach so! Ich verga&szlig;, dir Fr&auml;ulein Gabriele von
-Sprendlingen im Bilde vorzustellen &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gabriele von Sprendlingen!&laquo; Das klang wie ein leises,
-kaum verst&auml;ndliches Aufst&ouml;hnen.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin beachtete es nicht, sie sah nur voll gro&szlig;er<span class="pagenum"><a id="Page_241">[S. 241]</a></span>
-Genugtuung, da&szlig; der junge Weiberfeind das Bild noch
-immer in der Hand hielt, da&szlig; sein Anblick ihn fraglos
-ebenso fesselte, wie zuvor die Mutter.</p>
-
-<p>&raquo;Der Vater war General, starb vor einem Jahr ungef&auml;hr,
-ganz pl&ouml;tzlich, und da er durch das Fallissement
-einer bedeutenden Firma sein ganzes Verm&ouml;gen verlor,
-hinterlie&szlig; er Frau und Tochter in den dr&uuml;ckendsten Verh&auml;ltnissen.
-So entschlo&szlig; sich Frau von Sprendlingen
-nun, die Tochter fortzugeben &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Bot sie dir dieselbe an?&laquo; &mdash; Guntram Krafft stie&szlig;
-die Worte kurz hervor.</p>
-
-<p>&raquo;Auf meine Annonce in der Zeitung hin &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Inseriertest du unter deinem vollen Namen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber Guntram: &mdash; Hier ist der Zeitungsausschnitt,
-ich erbat die Antworten unter Chiffre G. H. 1000.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Und darauf antwortete sie?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie fragst du so wunderlich! Gewi&szlig;!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wo lebt Frau von Sprendlingen?&laquo;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin blickte auf den Brief nieder und nannte
-eine kleine Stadt des Herzogtums &mdash; der B&auml;r von
-Hohen-Esp aber blickte starr zu dem Fenster hinaus
-und schwieg.</p>
-
-<p>&raquo;Du meinst doch auch, da&szlig; ich den Versuch mit Gabriele
-wage?&laquo; fuhr die Gr&auml;fin ein wenig ungeduldig fort.</p>
-
-<p>Er strich langsam mit der Hand &uuml;ber die Stirn, sein
-fahles Antlitz sah so gequ&auml;lt aus, wie bei einem Menschen,
-welcher die Folter erduldet. &raquo;Dar&uuml;ber hast du
-allein zu bestimmen &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich bin v&ouml;llig einig mit mir und habe der Baronin
-bereits geschrieben!&laquo;</p>
-
-<p>Wieder zuckte der Graf zusammen: &raquo;Nun, so ist es
-ja entschieden!&laquo; sagte er tonlos.</p>
-
-<p>&raquo;Willst du das Bild noch behalten?&laquo;</p>
-
-<p>Er machte eine j&auml;he Bewegung. Sein Blick traf wieder
-das s&uuml;&szlig;e Antlitz, welches ihn mit den wundersamen
-Nixenaugen so gro&szlig; und ruhig ansah. &mdash; Dann schob
-er die Photographie j&auml;h von sich &mdash; seiner Mutter zu.</p>
-
-<p>&raquo;Nein; &mdash; ich danke.&laquo; <span class="pagenum"><a id="Page_242">[S. 242]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Je nun, ich hoffe, du lernst bald das Original kennen.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wann ... wann trifft die junge Dame hier ein?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Anfang n&auml;chsten Monats. Es gibt zuvor wohl noch
-verschiedene Angelegenheiten zu erledigen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sagtest du nicht, da&szlig; sie verlobt sei?&laquo;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin hob erstaunt ihr Haupt: &raquo;Durchaus nicht!
-Die Damen stehen ganz allein und ohne Schutz in der
-Welt! Wie kommst du darauf?&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft neigte finster das Haupt. &raquo;Ich irrte
-mich wohl. &mdash; Mir geht heute so viel im Kopfe herum.
-Heute nachmittag haben wir eine kleine Probefahrt mit
-dem neuen Boot gemacht, dar&uuml;ber wollte ich dir berichten.&laquo;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin schob das Bildchen in den Brief zur&uuml;ck,
-erhob sich hastig und legte den Arm in den des Sohnes.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, &mdash; erz&auml;hle mir! Du hast soeben meinen Angelegenheiten
-dein Interesse geschenkt, nun wollen wir
-von dem plaudern, was dir am Herzen liegt!&laquo; &mdash; Sie
-trat in das hellere Fensterlicht und sah betroffen in
-das Antlitz des jungen B&auml;ren empor: &raquo;Hast du &Auml;rger
-und Verdru&szlig; gehabt, Guntram Krafft?&laquo; fragte sie besorgt,
-&raquo;du siehst ganz verst&ouml;rt aus ... oder f&uuml;hlst du
-dich etwa krank?&laquo;</p>
-
-<p>Er zwang sich gewaltsam zu einem heitern Ton. &raquo;Seinen
-gesunden Hofjungen&auml;rger hat man ja &ouml;fters, Mutter,
-und da&szlig; die Eiche nicht auf den ersten Streich f&auml;llt, und
-hie und da noch kleine M&auml;ngel zutage treten, ist selbstverst&auml;ndlich.
-Im gro&szlig;en ganzen bin ich sehr zufrieden
-mit den Schuppen und voll Gl&uuml;ck und Dank gegen
-Gott und dich! &mdash; Da&szlig; in Walsleben das neue Arbeitshaus
-schon im Rohbau aufgef&uuml;hrt ist, wei&szlig;t du?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wer beaufsichtigt die Sache eigentlich?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Nun, der Inspektor, &mdash; du warst doch damit einverstanden!&laquo;</p>
-
-<p>Der Graf wandte sich zur Seite und schob den schweren<span class="pagenum"><a id="Page_243">[S. 243]</a></span>
-Damastvorhang noch mehr von den Butzenscheiben des
-Erkerfensters zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe viel dar&uuml;ber nachgedacht, Mama! Es ist
-eigentlich recht vertrauensselig und leichtsinnig von uns,
-da&szlig; wir uns nicht selber um den Bau k&uuml;mmern!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wir wissen, da&szlig; diese Angelegenheiten seit f&uuml;nfzehn
-Jahren in den besten H&auml;nden liegen, Inspektor Braun ist
-doch wohl als durchaus zuverl&auml;ssig erprobt.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es w&uuml;rde mich interessieren, das Haus einmal in
-Augenschein zu nehmen, man kann doch so manches noch
-&auml;ndern und bessern ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich! Ich w&uuml;rde sehr gl&uuml;cklich sein, wenn
-du einmal hinf&uuml;hrst! &mdash; M&ouml;chtest du gleich morgen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Morgen? nein!&laquo; Der Graf unterbrach die Sprecherin
-mit einer gewissen Hast: &raquo;Momentan kann ich nicht gut
-hier abkommen &mdash; ich mu&szlig; die Zeit wahrnehmen, wo
-die &Auml;nderungen an dem Boot vorgenommen werden &mdash;
-die Takel hakt zu leicht aus ... und die Riemen m&uuml;ssen
-oben auf den Duchten festzulegen sein ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nun, wann denkst du zu fahren?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Guntram Krafft wandte sich noch mehr zur Seite.</p>
-
-<p>&raquo;So bald wie m&ouml;glich! Vielleicht Anfang n&auml;chsten
-Monats &mdash;&laquo; sagte er leichthin, wandte sich pl&ouml;tzlich und
-bot der Mutter den Arm: &raquo;Und nun begleite mich noch
-einmal in den Garten, Mamachen! Es ist ein wundervoller
-Abend, und ich m&ouml;chte sehen, wie weit der G&auml;rtner
-mit den neuen Anpflanzungen gekommen ist!&laquo;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gabriele von Sprendlingen war im Reisekleid und
-legte noch die letzten Gegenst&auml;nde in den kleinen Handkoffer,
-um p&uuml;nktlich bereit zu sein, wenn der alte Kutscher
-vorfuhr, sie zur Bahnstation abzuholen. Sie sah so still
-und ernst und ruhig aus, als ob all der Wechsel und
-Wandel, welcher sich nun mit ihr begeben solle, nicht die
-mindeste Erregung wert sei. &mdash;</p>
-
-<p>Sie sollte die Gesellschafterin einer alten einsamen
-Frau werden, einer Frau, welche man in der Welt als
-verbittert, hart und menschenfeindlich schilderte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_244">[S. 244]</a></span></p>
-
-<p>Es war selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; ein junges M&auml;dchen
-in ihrer Umgebung mit dem Leben abgeschlossen haben
-mu&szlig;te, und weil Gabriele dies getan, weil es in ihrem
-Herzen kalt und dunkel geworden war, seitdem die strahlende
-Sonne ihres Ideals, ihres Schw&auml;rmens und ihrer
-Begeisterung aus ihrer stolzen H&ouml;he herabgesunken war,
-zertr&uuml;mmert und vernichtet f&uuml;r ewige Zeiten, weil seit
-dieser Stunde das Dasein doch allen Wert und Reiz
-f&uuml;r sie verloren, deuchte es ihr kein Opfer, sich jetzt schon
-lebendig in Hohen-Esp zu begraben. &mdash;</p>
-
-<p>Als ihre Mutter mit aufgeregt hei&szlig;en Wangen zuerst
-die Nachricht brachte, da&szlig; es die Gr&auml;fin Hohen-Esp sei,
-welche die Gesellschafterin suche, und da&szlig; sie Gabriele
-vor allen andern Bewerberinnen den Vorzug gegeben
-und sie engagiert habe, blickte das junge M&auml;dchen so
-gleichg&uuml;ltig auf den Brief Gundulas nieder, als gehe
-sie derselbe kaum etwas an.</p>
-
-<p>Und als Frau von Sprendlingen in ihrer Erregung
-eine Andeutung machte, da&szlig; nun das Gl&uuml;ck vielleicht
-doch noch einmal bei ihnen anklopfe, wenn Guntram
-Krafft seiner ehemals so schnell entflammten Neigung
-treu geblieben, &mdash; da wuchs die schlanke M&auml;dchengestalt
-hoch und stolz empor, und die klaren Augen blitzten so
-abweisend wie ehemals, als sie die Bewerbungen des
-Grafen voll ehrlicher Gleichg&uuml;ltigkeit zur&uuml;ckwies.</p>
-
-<p>&raquo;Wenn du dich solch tr&uuml;gerischen Hoffnungen hingibst,
-Mama, ist es besser, ich nehme die Stelle &uuml;berhaupt
-nicht an! &mdash; Glaubst du, die Armut und Verlassenheit
-h&auml;tten mich derart entnervt und erb&auml;rmlich gemacht,
-da&szlig; ich einen ungeliebten Mann heirate? &mdash; So unmoralisch
-werde ich niemals denken und niemals handeln!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wer sagt, da&szlig; du ihn nicht liebgewinnen wirst?!&laquo;</p>
-
-<p>Ein herbes L&auml;cheln spielte um Gabrieles Lippen. &raquo;Die
-Liebe ist ein so sehr verschiedener Begriff, dem einen
-ist sie nur Mittel zum Zweck &mdash; nur Zeitvertreib &mdash; ein
-Rechenexempel &mdash; oder Geschmackssache. &mdash; F&uuml;r mich
-wird sie stets der H&ouml;hepunkt leidenschaftlicher Bewunderung<span class="pagenum"><a id="Page_245">[S. 245]</a></span>
-und Verehrung sein ... Du hast oft &uuml;ber die
-schw&auml;rmerische und schrullenhafte Ansicht gelacht, Mama,
-&mdash; ge&auml;ndert habe ich sie trotzdem nicht. Ich will in
-dem Mann, welchen ich liebe und welchem ich angeh&ouml;re,
-<em class="gesperrt">mehr</em> sehen, wie einen Durchschnittsmenschen &mdash; er
-soll das Ideal verk&ouml;rpern, welches mein Patriotismus,
-mein stolzer, begeisterter Sinn sich geschaffen. &mdash; Das
-kann der Graf von Hohen-Esp nicht, denn es ist nichts
-in seinem Wesen und Handeln, was mein Herz h&ouml;her
-schlagen, was es in scheuem Staunen erzittern und in
-jauchzender Bewunderung ergl&uuml;hen l&auml;&szlig;t! &mdash; Sein Name,
-sein Geld, sein h&uuml;bsches Gesicht existieren f&uuml;r mich nicht,
-denn sie machen mir nicht den mindesten Eindruck. Darum
-bitte ich dich von Herzen, Mama, n&auml;hre keine falschen
-Hoffnungen, die Entt&auml;uschung w&uuml;rde zu bitter sein.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Seufzend neigte die Baronin das Haupt und schwieg;
-jetzt aber, als sie von der Tochter Abschied nahm und
-die schlanke, grazi&ouml;se M&auml;dchengestalt in die Arme schlo&szlig;,
-da blickte sie noch einmal mit flehendem Blick in ihre
-Augen und sagte nur leise: &raquo;Wie w&uuml;rde ich so gl&uuml;cklich
-sein, Gabriele!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das glaube ich nicht, Herzens-Mama! Eine Mutter,
-die ihr Kind wahrhaft lieb hat, ist niemals gl&uuml;cklich,
-wenn sie dasselbe ungl&uuml;cklich sieht!&laquo;</p>
-
-<p>&mdash; Das war leider Gottes eine Wahrheit, gegen welche
-sich nicht streiten lie&szlig;, und so sah Frau von Sprendlingen
-ihre Tochter in der &Uuml;berzeugung scheiden, da&szlig; Gabriele
-tats&auml;chlich entschlossen war, eine gl&auml;nzende Zukunft ihrer
-Gef&uuml;hlsseligkeit und Phantasterei zu opfern.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es war ein regnerischer Fr&uuml;hlingstag.</p>
-
-<p>Der Himmel verschwamm in grauen Dunstmassen, m&uuml;des
-D&auml;mmerlicht lag &uuml;ber den knospenden W&auml;ldern, durch
-welche Gabriele der Burg Hohen-Esp entgegenfuhr, und
-nur hie und da strich ein seufzender Windhauch daher, die
-schweren Regentropfen gegen die Wagenfenster zu werfen.</p>
-
-<p>Von der See sah man nichts, der Nebel hatte sie verschlungen,
-und als Hohen-Esp mit seinen dunklen, uralten,<span class="pagenum"><a id="Page_246">[S. 246]</a></span>
-epheuumsponnenen Gem&auml;uern aus den Wipfeln
-auftauchte, machte es einen noch melancholischeren und
-&ouml;deren Eindruck als sonst.</p>
-
-<p>Der stumpfe Turm, der eckige Quaderbau mit den
-kleinen, unregelm&auml;&szlig;igen Fenstern, der schilfbewachsene
-Wallgraben und die wunderliche Zugbr&uuml;cke, welche immer
-noch zu dem grauen, mit T&uuml;rmchen flankierten Tor aufgezogen
-werden konnte, machten den Eindruck eines verr&auml;ucherten
-Spuknestes, einer echten, rechten B&auml;renh&ouml;hle,
-bei deren Anblick man sich eines leichten Grauens nicht
-erwehren kann.</p>
-
-<p>Sehr g&uuml;nstig war der erste Eindruck, welchen Gabriele
-von dem Stammsitz der Hohen-Esp erhielt, nicht, aber
-das junge M&auml;dchen war so weit entfernt von aller
-kindischen Furcht und Voreingenommenheit, da&szlig; sie, interessiert
-und von der Eigenartigkeit dieses Schlosses
-gefesselt, um sich blickte, als der Wagen langsam in den
-engen Burghof einfuhr. Da standen wie zwei gewaltige,
-unheimliche W&auml;chter, gleich rechts und links vor dem
-Tor, die steinernen B&auml;ren, welche mit der einen Pranke
-das Wappenschild, mit der anderen eine Fackel emporhielten,
-in welcher abends eine rotleuchtende Laterne
-brannte.</p>
-
-<p>Die alten Gesellen sind von gr&uuml;nlicher Moosschicht
-&uuml;berzogen, ebenso verwittert und alt, wie die anderen
-B&auml;ren, welche auf den Sockeln der Freitreppe stehen.</p>
-
-<p>Eine gew&ouml;lbte, ziemlich niedere Pforte mit schweren
-Eisenbeschl&auml;gen f&uuml;hrt in das Innere der Burg; &uuml;ber
-ihr prangt, abermals zwischen zwei liegenden B&auml;ren,
-das Wappen.</p>
-
-<p>Die steingemei&szlig;elten Verzierungen, welche sich in schmalen
-Feldern unter den Fenstern hinziehen, zeigen ebenfalls
-B&auml;renk&ouml;pfe, und wohin Gabriele im ersten Augenblick
-schaut, blickt sie auf grimmig ge&ouml;ffnete Rachen,
-drohend erhobene Pranken oder in zornmutige B&auml;renaugen,
-welche trotz Alter und Verstaubtheit wunderbar
-lebendig auf sie herabstarren. Und im ersten Augenblick
-erscheint ihr auch die hohe, markige Frauengestalt,<span class="pagenum"><a id="Page_247">[S. 247]</a></span>
-welche ihr in der Pforte entgegentritt, mehr b&auml;renhaft
-wie menschlich.</p>
-
-<p>Das dunkle Trauergewand, welches an der imponierenden
-Figur in vollen Falten herniederf&auml;llt, der breite,
-schwarze Pelzkragen um die Schultern, welchen Gundula
-des kalten Wetters wegen umgelegt, lassen die Gr&auml;fin
-von Hohen-Esp noch gewaltiger erscheinen wie sonst.</p>
-
-<p>Sie tritt der Ankommenden entgegen und bietet ihr
-mit herzlichem Willkommen die schlanke, wei&szlig;e Hand
-zum Gru&szlig;, und unter den silbernen Scheiteln und der
-klaren, hohen Stirn leuchten Gabrielen ein paar so sch&ouml;ne,
-edelblickende Augen entgegen, da&szlig; sie das Empfinden
-hat, als str&ouml;me es unter diesem Blick ganz seltsam
-warm zu ihrem Herzen.</p>
-
-<p>Sie k&uuml;&szlig;t die Hand der Gr&auml;fin, sie dankt f&uuml;r das g&uuml;tige
-Wohlwollen, welches sie hierherkommen hie&szlig;, &mdash; und
-Gundula schaut einen Augenblick tief und ernst in das
-Antlitz des jungen M&auml;dchens, nickt freundlich und dr&uuml;ckt
-die kleine Hand kr&auml;ftig in der ihren.</p>
-
-<p>&raquo;Gebe Gott, da&szlig; wir einander liebgewinnen und
-da&szlig; Sie gerne bei uns weilen!&laquo; sagt sie schlicht, wendet
-sich an den alten Diener und gibt Befehl, das Gep&auml;ck
-in das Zimmer des gn&auml;digen Fr&auml;uleins zu schaffen.</p>
-
-<p>&raquo;Ich f&uuml;hre Sie, liebe Gabriele! Wenn es Ihnen recht
-ist, schlafen Sie in meiner N&auml;he, denn anf&auml;nglich wird
-es Ihnen ungewohnt und unheimlich genug bei uns
-sein!&laquo; Sie schreitet nach der eng gewundenen, tief dunkelgebr&auml;unten
-Holztreppe und legt die Hand auf einen der
-B&auml;renk&ouml;pfe, welche die Schnitzerei zeigt ... &raquo;F&uuml;rchten
-Sie sich nicht vor diesen zottigen Burschen, welche Ihnen
-hier auf Schritt und Tritt begegnen! Sie sind unsere
-lieben Freunde, sie geh&ouml;ren zu uns und in dieses Haus
-wie gute Schutzgeister, welche man nicht vertreiben darf.
-F&uuml;rchten Sie sich vor B&auml;ren?&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele l&auml;chelt.</p>
-
-<p>&raquo;Nicht im mindesten, Frau Gr&auml;fin! Ich bin &uuml;berzeugt,
-da&szlig; dieselben auch mich bald als Freundin dieses Hauses
-erkennen und besch&uuml;tzen werden.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_248">[S. 248]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Hier ist Ihr Zimmer, ein Turmst&uuml;bchen, so klein und
-niedrig, wie es unsere Altvordern gem&uuml;tlich fanden.
-Der Blick ist sch&ouml;n, &mdash; Sie sehen aus dem Fenster Wald
-und See, und wenn Ihr Herzchen nicht allzusehr an
-der bunten Welt und ihrem Leben und Treiben h&auml;ngt,
-wird Ihnen diese stille Poesie sicher gefallen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich wu&szlig;te, da&szlig; Sie mich erwartet, Frau Gr&auml;fin,
-und bin gern gekommen. Wenn man die Welt durch
-Tr&auml;nen ansieht, tun ihre grellen Farben dem Auge
-weh.&laquo;</p>
-
-<p>Wieder blickt Gundula in das ernste, sinnende Antlitz
-der Sprecherin, sie legt die Hand auf ihre Schulter.</p>
-
-<p>&raquo;Weh und Leid haben Ihr junges Herz krank gemacht,
-&mdash; gebe Gott, da&szlig; es hier gesunde! &mdash; &mdash; Bescheiden
-Sie die Leute, wo Ihre Koffer aufgestellt werden
-sollen, &mdash; rechts zur Seite hier befindet sich ein ger&auml;umiger
-Wandschrank. Packen Sie allein aus oder w&uuml;nschen
-Sie Hilfe? Hanne steht zu Ihrer Verf&uuml;gung.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich danke, Frau Gr&auml;fin; ich bin gewohnt, mich allein
-zu bedienen.&laquo;</p>
-
-<p>Gundula nickt sehr befriedigt. &raquo;Das ist recht. Mir gef&auml;llt
-es gut, wenn ein M&auml;dchen selbst&auml;ndig ist. In erster
-Zeit werden Sie allerdings noch manches erfragen m&uuml;ssen,
-bis Sie auf Hohen-Esp Bescheid wissen, &mdash; am liebsten
-ist es mir, Gabriele, Sie wenden sich an mich, ich habe
-stets Zeit f&uuml;r Sie.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich danke von Herzen, Frau Gr&auml;fin.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und jetzt lasse ich Sie allein, &mdash; Sie werden eine
-kurze Zeit der Ruhe bed&uuml;rfen. In zwei Stunden erwarte
-ich Sie zum Essen. Wir sind vorl&auml;ufig allein im Hause,
-mein Sohn mu&szlig;te f&uuml;r kurze Zeit nach Walsleben fahren.
-Also auf Wiedersehn, liebe Gabriele, &mdash; Gott der Herr
-segne Ihren Eingang in dies Haus.&laquo;</p>
-
-<p>Die Sprecherin zieht das junge M&auml;dchen an sich und
-ber&uuml;hrt mit ernstem Ku&szlig; seine Stirn, dann geht sie.</p>
-
-<p>Wie im Traum schaut Gabriele der hohen Frauengestalt nach.</p>
-
-<p>Sie sieht aus wie ein sch&ouml;nes, ehrw&uuml;rdiges Bild,<span class="pagenum"><a id="Page_249">[S. 249]</a></span>
-welches aus dem Rahmen gestiegen, durch diese d&auml;mmrig
-stillen R&auml;ume zu schreiten. Wie pa&szlig;t sie in dieses Haus!</p>
-
-<p>F&uuml;rwahr eine B&auml;rin von Hohen-Esp.</p>
-
-<p>So hatte sich Gabriele sie nicht vorgestellt.</p>
-
-<p>Sie glaubte eine finstere, strenge, kalte Matrone vorzufinden,
-eine Herrin, welche mit weltfeindlichem Sinne
-hier gebietet, &mdash; nicht aber diese friedliche, milde, schlichte
-und einfache Frau, welche bei all ihrer vornehmen W&uuml;rde
-so viel herzgewinnende G&uuml;te hat.</p>
-
-<p>Schon auf den ersten Blick gefiel ihr &raquo;Frau Herzeleide&laquo;,
-und Gabriele empfindet es wie eine gl&uuml;ckselige
-Vorahnung, da&szlig; sie diese Frau liebgewinnen wird wie
-eine Mutter.</p>
-
-<p>Der Sohn ist verreist!</p>
-
-<p>Unwillk&uuml;rlich atmet sie auf.</p>
-
-<p>So warm es ihr bei dem Anblick der Gr&auml;fin um das
-Herz geworden, so unbehaglich wird es ihr zumute,
-wenn sie an den Sohn denkt. &mdash;</p>
-
-<p>Sie kann sich diesen sch&uuml;chternen, linkischen Menschen
-so gar nicht in diesem B&auml;rennest vergegenw&auml;rtigen!</p>
-
-<p>Hier in diesen Mauern weht ein Odem alter versunkener
-Ritterherrlichkeit.</p>
-
-<p>Hier atmet alles trotzige, kernige, stolze Urw&uuml;chsigkeit.</p>
-
-<p>Hier kann man sich die B&auml;ren von Hohen-Esp nur vorstellen
-als kriegerisch rauhe, k&uuml;hne und wehrhafte M&auml;nner,
-&mdash; nicht als verlegen err&ouml;tende J&uuml;nglinge, welche &uuml;ber
-ihre Lackschuhe stolpern.</p>
-
-<p>Gabriele blickt sich sinnend um.</p>
-
-<p>Welch ein St&uuml;ck uralter, langvergangener Zeiten umgab
-sie!</p>
-
-<p>Wie unver&auml;ndert die Gesimse, M&ouml;bel und Ger&auml;te.</p>
-
-<p>Einfach und anspruchslos, aber traut und gem&uuml;tlich.</p>
-
-<p>So wie Gr&auml;fin Gundulas Anblick anheimelt.</p>
-
-<p>Auf der dunklen Holzkonsole neben dem Bett liegt
-eine Bibel.</p>
-
-<p>Darin las wohl schon die Urahne.</p>
-
-<p>Die Grafen von Hohen-Esp waren seit jeher fromme,<span class="pagenum"><a id="Page_250">[S. 250]</a></span>
-gottesf&uuml;rchtige Leute, darum ruhte der Segen des Herrn
-auf ihrem Hause.</p>
-
-<p>Nur der Vater Guntram Kraffts, der hatte sein stilles
-Ahnenschlo&szlig; verlassen und war in die verf&uuml;hrerische,
-s&uuml;ndige Welt hinausgezogen. Da hatte er in dunkler,
-trostloser Stunde seinen Gott vergessen.</p>
-
-<p>Schwere, seidendurchwirkte Gardinen h&auml;ngen in steifen
-Falten zu beiden Seiten des Bettes hernieder, ein geschnitzter
-Sessel steht an dem spitzen Bogenfenster; unter
-altmodischem Spiegel, dessen verbla&szlig;ter Goldrahmen in
-seinem Mittelst&uuml;ck eine B&auml;renjagd zeigt, steht der Waschtisch
-mit der eingelassenen Zinnsch&uuml;ssel von seltsamer
-Reliefarbeit. Gabriele tritt an das Fenster und blickt
-hinaus.</p>
-
-<p>Der Regen rieselt an den kleinen, bleigefa&szlig;ten Scheiben
-herab und trommelt einf&ouml;rmig auf dem Sims.</p>
-
-<p>Man sieht nicht viel &mdash; nur den Eindruck hat man,
-da&szlig; man tief hinabblickt auf flaches Land und endlos
-gedehnte Waldungen. Fern im Hintergrund liegt wohl
-die See, die eint&ouml;nige und einf&ouml;rmige See, welche sich
-so tr&auml;ge dehnt, sei es in blendender Sonnenhitze oder
-grau in grau, wie ein Nebelbild an regnerischem Fr&uuml;hlingstage.</p>
-
-<p class="pmb3">Gleichg&uuml;ltig wendet sich Gabriele von ihrem Anblick
-ab und kniet vor dem Koffer nieder, um das Auspacken
-zu beginnen. Sie ist stets im Leben p&uuml;nktlich gewesen
-und will bis zur Essensstunde fertig sein, um alsdann
-ihre Dienste der Gr&auml;fin widmen zu k&ouml;nnen.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_251">[S. 251]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XIX">XIX.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Das schlechte Wetter hielt an und zwang die Damen,
-im Zimmer zu verweilen.</p>
-
-<p>Gabriele war eifrig bem&uuml;ht, sich mit den R&auml;umlichkeiten
-der Burg bekannt zu machen und der Gr&auml;fin
-m&ouml;glichst zur Hand zu gehen. Zu ihrer &Uuml;berraschung
-bemerkte sie, da&szlig; es so gut wie gar keine Arbeit f&uuml;r
-sie gab, denn Gundula verrichtete nach wie vor alle
-Obliegenheiten der Hausfrau und beaufsichtigte, schaltete
-und waltete wie sonst in Haus und Hof.</p>
-
-<p>Gabriele begleitete sie zwar auf Schritt und Tritt
-und bem&uuml;hte sich, hier und da kleine Handreichungen
-zu leisten, doch schien ihr diese Besch&auml;ftigung schlie&szlig;lich
-so unbedeutend, da&szlig; sie die Gr&auml;fin um Arbeit bat.</p>
-
-<p>Diese l&auml;chelte.</p>
-
-<p>&raquo;Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele!&laquo;
-sagte sie ruhig. &raquo;F&uuml;rerst sehen Sie sich alles an, wie ich
-gewohnt bin, den Tag einzuteilen, und falls es einmal
-nottut, vertreten Sie mich. &mdash; Am Nachmittag ist es
-oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer
-Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer
-der Burg, welche wir f&uuml;r gew&ouml;hnlich nicht bewohnen.&laquo;</p>
-
-<p>Das geschah. &mdash;</p>
-
-<p>Den riesengro&szlig;en Schl&uuml;sselbund an der G&uuml;rteltasche,
-schritt Gundula mit ihrem jungen Gast durch die wunderlichen
-Gem&auml;cher, in welchen eine l&auml;ngst vergangene
-Zeit gleich einem Dornr&ouml;schen in tiefem Zauberschlafe
-lag.</p>
-
-<p>Wie d&uuml;ster, wie still ringsum.</p>
-
-<p>Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen,
-hier und da huschte der graue Schatten einer Maus
-unter altgeschnitztem Schrank oder silberbeschlagener Truhe
-hervor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[S. 252]</a></span></p>
-
-<p>Am meisten interessierten Gabriele die &Ouml;lgem&auml;lde in
-dem Ahnensaal, einem viereckigen Gemach mit niedriger,
-get&auml;felter Decke und Parkettplatten, welche schreitende
-B&auml;ren als Muster aufwiesen.</p>
-
-<p>Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las
-ernsten Blickes die Namen auf den kleinen Schildern,
-w&auml;hrend Gundula wie in tiefen, schwerm&uuml;tigen Gedanken
-langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken zur&uuml;ckschaute
-in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des
-Geliebten diesen Saal betreten, ein &uuml;bergl&uuml;ckliches, leidenschaftlich
-empfindendes Weib, welches sich bei dem Anblick
-dieser alten Bilder zu all dem begeisterte, was sie
-sp&auml;ter f&uuml;r ihren Sohn geschaffen, erstrebt und erreicht.</p>
-
-<p>Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen
-Gem&auml;lden dieselbe Anmerkung.</p>
-
-<p>Hier eine stolze, markige M&auml;nnergestalt in schlichtem
-Wams und hohen Wasserstiefeln.</p>
-
-<p>&raquo;Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini
-1522, ertrunken den 14. M&auml;rz 1570.&laquo;</p>
-
-<p>Und hier eine schlanke, bl&uuml;hende J&uuml;nglingsgestalt,
-blondlockig, mit lachend hellem Blick &mdash; eine entschiedene
-&Auml;hnlichkeit mit Guntram Krafft.</p>
-
-<p>&raquo;Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um
-1503.&laquo;</p>
-
-<p>Und dort &mdash;! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast
-alle B&auml;ren von Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste
-Stirn, die k&uuml;hn blickenden Augen und die energische
-Hand, welche hier ein breites Schwert &uuml;ber ein Segelschiff
-neigt.</p>
-
-<p>&raquo;Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und
-See, geb. 1361, ertrunken im Kampf gegen seer&auml;uberisch
-Gesindel um 1433.&laquo;</p>
-
-<p>Und hier noch eins &mdash; zwei andere Bilder, mit lateinischen
-Inschriften, dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung
-des Spruches: &raquo;Und das Meer wird seine Toten
-wiedergeben.&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele wandte sich zu der Gr&auml;fin.</p>
-
-<p>&raquo;Wie kommt es, da&szlig; so viele Grafen ertrunken sind?&laquo;<span class="pagenum"><a id="Page_253">[S. 253]</a></span>
-fragte sie leise, &raquo;mir deucht es seltsam, da&szlig; ein derart
-seltener Ungl&uuml;cksfall sich so merkw&uuml;rdig oft in einer
-Familie wiederholt!&laquo;</p>
-
-<p>Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und
-nickte ihm wehm&uuml;tig zu: &raquo;Das wundert Sie bei M&auml;nnern,
-Gabriele, welche Schirmv&ouml;gte einer K&uuml;ste waren, die
-sowohl wegen ihrer gef&auml;hrlichen Str&ouml;mungen als auch
-wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen W&auml;ldern
-hier hausten, allgemein gef&uuml;rchtet und verrufen
-war? Die B&auml;ren von Hohen-Esp haben aufger&auml;umt mit
-dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser
-und zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem
-schiffbr&uuml;chigen Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe
-gekommen! Und wie gar mancher brave Soldat seine
-Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp
-ihr Leben im Dienst f&uuml;r F&uuml;rst und Vaterland,
-f&uuml;r Recht und Pflicht gelassen! &mdash; Sehen Sie dort ...
-und dort ... und da dr&uuml;ben ... und an jener Seite
-dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere gestorben,
-V&auml;ter und S&ouml;hne, von den &auml;ltesten Tagen &mdash;
-bis in die heutige Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht,
-dessen sch&ouml;nster Ehrenschmuck jenes schwarze Kreuz &uuml;ber
-dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der Spruch des
-Herrn war: &rsaquo;Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!&lsaquo;&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gundula schwieg, es war still und d&auml;mmerig, und
-Wulffhardts lachende Augen hafteten in beinahe unheimlicher
-Lebendigkeit auf Gabrieles Antlitz.</p>
-
-<p>Dem jungen M&auml;dchen war es pl&ouml;tzlich so feierlich,
-als st&uuml;nde es in der Kirche.</p>
-
-<p>Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen
-f&auml;rbten sich h&ouml;her, und ihr Herz, welches seit jeher so begeistert
-f&uuml;r Mannesmut und Heldentum geschlagen, h&auml;mmerte
-in ihrer Brust.</p>
-
-<p>Und w&auml;hrend Gundula an das Fenster trat, um es
-f&uuml;r kurze Zeit zu &ouml;ffnen, stand sie und blickte wie im
-Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz empor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[S. 254]</a></span></p>
-
-<p>Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein!
-da war dennoch keine &Auml;hnlichkeit!</p>
-
-<p>Hier der k&uuml;hne, mutige Blick mit den blitzenden Augen
-und der stolzen Haltung &mdash; er hatte nichts gemein mit
-dem sch&uuml;chternen, err&ouml;tenden Nachkommen, welcher nichts
-ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich hinter dem
-Ofen sitzt und erntet, was die Mutter ges&auml;t!</p>
-
-<p>Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn,
-wendet sich hastig und folgt der Gr&auml;fin, welche ihr zu
-der Waffenhalle vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen
-T&uuml;r zwei wirkliche, echte B&auml;ren, ausgestopft, staubig
-und mottenzerfressen, aber dennoch durch ihren Anblick
-Grausen erregend, die Wache halten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Gr&auml;fin lieber,
-und auch Gundulas Herz schlug immer w&auml;rmer und
-z&auml;rtlicher f&uuml;r das anmutige M&auml;dchen, an welches sich
-ihre liebsten und geheimsten Zukunftspl&auml;ne kn&uuml;pften.</p>
-
-<p>Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause
-f&uuml;hrte die Menschen schneller zusammen und gestaltete
-auch das Verh&auml;ltnis zwischen Gundula und ihrem jungen
-Gast von Stunde zu Stunde inniger.</p>
-
-<p>Das sehr ruhige, ernste und doch liebensw&uuml;rdige Wesen
-des Fr&auml;ulein von Sprendlingen war der alternden Frau
-sehr sympathisch, die gro&szlig;e Aufrichtigkeit, ihr ehrliches
-Bestreben, sich n&uuml;tzlich zu machen und flei&szlig;ig zu sein,
-sowie ihre anmutige Sch&ouml;nheit gewannen ihr vollends
-ihr Herz.</p>
-
-<p>Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an
-welchem Guntram Krafft heimkehren wollte, und nun verschob
-er diesen Zeitpunkt bereits zum drittenmal und
-deutete an, da&szlig; er f&uuml;rerst &uuml;berhaupt noch nicht an die
-Heimreise denke.</p>
-
-<p>Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem
-Fr&uuml;hlingswetter das Feld ger&auml;umt, und Gabriele schritt
-zum erstenmal an der Seite der Gr&auml;fin in den Park hinab.</p>
-
-<p>Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gru&szlig;
-entgegen, starrte einen Augenblick wie gebannt in das<span class="pagenum"><a id="Page_255">[S. 255]</a></span>
-reizende M&auml;dchengesicht, dessen Anblick ihm so &uuml;berraschend
-wurde und in dieser kalten Welt doppelt wohltat,
-und meldete der Gr&auml;fin mit etwas unsicherer Stimme,
-da&szlig; das neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft
-habe, nach Walsleben nachgeschickt werden solle.</p>
-
-<p>&raquo;Das ist ein Unsinn, lieber M&ouml;ller! Ich hoffe, da&szlig;
-mein Sohn dieser Tage zur&uuml;ckkommt, und will auf alle
-F&auml;lle erst noch einmal schreiben, ehe dem Tier der unbequeme
-Transport zugemutet wird!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Befehl, Frau Gr&auml;fin!&laquo;</p>
-
-<p>Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll
-harmlosen Staunens zu der Burgherrin auf.</p>
-
-<p>&raquo;Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, da&szlig; er
-sich sogar das Pferd nachkommen lassen will! Er sagte
-mir doch in der Residenz, da&szlig; der einzige Sport, welchen
-er eventuell gern aus&uuml;be, das Rudern sei?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin
-an, als h&ouml;re und verstehe sie nicht recht.</p>
-
-<p>&raquo;Mein Sohn <em class="gesperrt">sagte</em> Ihnen ...&laquo; wiederholte sie langsam,
-&raquo;ja, um alles in der Welt, <em class="gesperrt">kennen</em> Sie ihn denn,
-Gabriele?&laquo;</p>
-
-<p>Gabrieles gro&szlig;e Augen blickten ebenso erstaunt wie
-die der Gr&auml;fin.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, gewi&szlig;! Ich lernte den Grafen in der Residenz
-auf einem Hofball kennen und nahm an, da&szlig; ich es
-seiner g&uuml;tigen F&uuml;rsprache verdankte, hier im Hause aufgenommen
-zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen
-nicht erfahren?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gundula sch&uuml;ttelte langsam den Kopf. &raquo;Kein Wort
-hat er mir davon gesagt ... und er sah doch sogar Ihr
-Bild, Gabriele!&laquo;</p>
-
-<p>Das junge M&auml;dchen schritt ruhig an der Seite der
-Sprecherin weiter. &raquo;O, so hat er mich wohl gar nicht
-wiedererkannt! Er hat so unendlich viele fremde Gesichter
-zu sehen bekommen und so viele Namen geh&ouml;rt,
-da&szlig; es nur ganz nat&uuml;rlich ist, wenn er die einzelnen nicht
-im Ged&auml;chtnis behielt!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_256">[S. 256]</a></span></p>
-
-<p>Gundulas Augen bekamen pl&ouml;tzlich einen auffallenden
-Glanz.</p>
-
-<p>&raquo;Aber er tanzte mit Ihnen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Doch nicht, Frau Gr&auml;fin. Der Graf kam sehr sp&auml;t
-zu mir, da waren meine T&auml;nze vergeben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So bat er wenigstens um einen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er war so h&ouml;flich!&laquo;</p>
-
-<p>Ruhig und gleichm&uuml;tig wie stets klang ihre Stimme.</p>
-
-<p>&raquo;Und holte sich keine Extratour?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Auch dabei waltete ein Mi&szlig;geschick. Gerade als
-wir tanzen wollten, schwieg die Musik.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ach, das hat er gewi&szlig; sehr bedauert. Plauderten Sie
-nicht zur Entsch&auml;digung zusammen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Bei Tisch, gn&auml;digste Gr&auml;fin. Ihr Herr Sohn sa&szlig;
-neben mir. Sehr viel sprachen wir aber nicht, und was
-wir sprachen, wei&szlig; ich nur noch dem Sinne nach. Wir
-waren verschiedener Ansicht, &mdash; der Graf liebte das
-Meer, ich nicht. Sehr liebensw&uuml;rdig erschien ich ihm
-sicherlich nicht, wenn er &uuml;berhaupt meinen Worten Wert
-beilegte, was ich bezweifle.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, nur die verheirateten Herrschaften!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So w&auml;hlte Guntram Krafft selber den Platz an
-Ihrer Seite?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um
-die Unterhaltung fortzuf&uuml;hren.</p>
-
-<p>&raquo;Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft,
-und da ich ihm zuf&auml;llig schon bekannt war, so dachte
-er wohl ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie waren ihm schon bekannt?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem
-Schlitten auf der Stra&szlig;e der Residenz erlitt. Der Graf
-kam mir zu Hilfe, richtete den Schlitten auf und sammelte
-mich aus dem Schnee empor!&laquo; &mdash; Gabriele l&auml;chelte.</p>
-
-<p>&raquo;Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er
-sich in der Eile nicht vor und erfuhr auch meinen Namen
-nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_257">[S. 257]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Einmal sa&szlig; mir der Graf noch im Theater gegen&uuml;ber,
-doch lernten wir uns dort nicht kennen.&laquo;</p>
-
-<p>Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei,
-und Gabriele erz&auml;hlte von dem Leben und Treiben
-in der Residenz. Sie kannte so viele Menschen, f&uuml;r welche
-sich die Gr&auml;fin noch lebhaft interessierte, und so legten
-die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung
-zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen
-Augen schlaflos in den Kissen. Ihre Wangen
-brannten in hei&szlig;em Rot, und ihre Lippen l&auml;chelten.</p>
-
-<p>Eine au&szlig;erordentliche Aufregung hatte sich der einsamen
-Frau bem&auml;chtigt, seit sie durch Gabriele erfahren,
-da&szlig; Guntram Krafft sie bereits kannte.</p>
-
-<p>Da war es, als ob pl&ouml;tzlich ein Schleier vor ihren
-Augen zerrissen sei.</p>
-
-<p>Sie entsann sich pl&ouml;tzlich der seltsamen Ver&auml;nderung,
-welche mit dem jungen Mann vor sich ging, als er
-Gabrieles Bild sah, &mdash; sie rief sich sein Benehmen in
-das Ged&auml;chtnis zur&uuml;ck und hatte den Schl&uuml;ssel daf&uuml;r gefunden.</p>
-
-<p>Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend
-reizende M&auml;dchen verloren, das bewies ihr sein Verhalten
-auf dem Balle und seine Erregung bei dem
-Anblick ihres Bildes.</p>
-
-<p>Gabriele gab es selber ehrlich zu, da&szlig; sie nicht sonderlich
-liebensw&uuml;rdig zu ihm gewesen sei; das hatte der
-weltfremde, unerfahrene Mann f&uuml;r eine direkte Abweisung
-gehalten und ergriff in planloser Verwirrung
-die Flucht.</p>
-
-<p>Und so wie er damals die Residenz um des jungen
-M&auml;dchens willen verlie&szlig;, so kehrte er auch jetzt in der
-ersten Aufregung Hohen-Esp den R&uuml;cken, um ein Wiedersehen
-zu vermeiden.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin l&auml;chelte.</p>
-
-<p>Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf
-die Dauer durchf&uuml;hren lie&szlig;e!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[S. 258]</a></span></p>
-
-<p>Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen
-&mdash; er flieht aus Verlegenheit. Seine Schwermut,
-sein so ganz ver&auml;ndertes Wesen seit der Heimkehr,
-best&auml;tigten diese Ansicht.</p>
-
-<p>Und nun f&uuml;gt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit,
-da&szlig; die Mutter selber die Geliebte des Sohnes unter
-sein Dach f&uuml;hrt!</p>
-
-<p>Welch eine wunderbare, unbegreifliche F&uuml;gung! W&auml;re
-tats&auml;chlich von Gabrieles Seite eine schroffe und definitive
-Abweisung erfolgt, so w&auml;re das junge M&auml;dchen nach
-Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp gekommen.
-Auch h&auml;tte sie nie so ruhig und gleichm&uuml;tig von Guntram
-Krafft gesprochen.</p>
-
-<p>Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe
-und Gelassenheit sind echt.</p>
-
-<p>Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre
-liebsten und sehns&uuml;chtigsten Pl&auml;ne an das junge M&auml;dchen
-kn&uuml;pfen, hat sie dasselbe mit dem argw&ouml;hnischen Scharfblick
-einer sorgenden Mutter beobachtet. Das Resultat
-dieser Beobachtungen war ein sehr g&uuml;nstiges, denn die
-gro&szlig;e Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht
-etwas schroff erscheinen lie&szlig;, sch&auml;tzte die Gr&auml;fin
-als eine Garantie daf&uuml;r, da&szlig; sie nie aus Heuchelei oder
-Berechnung nach dem Ehering streben wird.</p>
-
-<p>Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um
-dies richtig zu beurteilen, und wenn Gabriele selber
-sagt, da&szlig; sie ihm wohl nicht liebensw&uuml;rdig erschien,
-weil sie absprechend &uuml;ber Meer und Strand geurteilt,
-so ist der Schw&auml;rmer Guntram m&ouml;glicherweise tief verletzt
-vor dieser Offenheit.</p>
-
-<p>Auf alle F&auml;lle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um
-Gabrieles willen fern zu bleiben, und mit Vernunftsgr&uuml;nden
-richtet man bei verliebten Leuten nichts aus;
-also mu&szlig; die Gr&auml;fin eine kleine List gebrauchen, den
-Fl&uuml;chtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.</p>
-
-<p>Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann
-unauff&auml;llig beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen,
-seines Herzens heimlichste Gedanken zu erforschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_259">[S. 259]</a></span></p>
-
-<p>Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und w&auml;re
-Gabriele nicht f&uuml;r ihren Liebling bestimmt, so w&uuml;rde
-Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer Weise hierher
-in die Einsamkeit gef&uuml;hrt haben.</p>
-
-<p>Mit einem L&auml;cheln auf den Lippen schlief die Gr&auml;fin
-ein, und als sie fr&uuml;h am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich
-ein paar Zeilen an Guntram Krafft.</p>
-
-<p>Sie teilte ihm mit, da&szlig; sie sich nicht wohl f&uuml;hle, da&szlig;
-sie die Nacht meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte
-Frau, welcher jeden Augenblick etwas zusto&szlig;en k&ouml;nne.
-Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes sei ihr ungew&ouml;hnt
-und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke nachteilig
-auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele
-in der kurzen Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe
-doch eine Fremde, welche den Sohn nicht ersetzen k&ouml;nne.
-Au&szlig;erdem sei der alte Klaaden einige Male dagewesen,
-um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich
-sei seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend
-notwendig. &mdash; Und zum Schlu&szlig; bat sie den Sohn,
-unverz&uuml;glich abzureisen und zu kommen, falls er sie
-nicht noch kr&auml;nker machen wolle!</p>
-
-<p>Ein beinahe schelmisches L&auml;cheln spielte um Gundulas
-sonst so herbe und ernst geschlossene Lippen, als sie das
-Schreiben adressierte und durch einen reitenden Boten
-sogleich besorgen lie&szlig;.</p>
-
-<p>Nun wu&szlig;te sie es bestimmt, da&szlig; Guntram Krafft noch
-an demselben Tage eintreffen werde. &mdash;</p>
-
-<p>Aber ihre kleine Kom&ouml;die mu&szlig;te sie nun durchf&uuml;hren,
-und darum klagte sie auch Gabriele, da&szlig; sie eine schlechte
-Nacht gehabt und sich leidend f&uuml;hle.</p>
-
-<p>Das junge M&auml;dchen war aufrichtig erschreckt und besorgt
-und bem&uuml;hte sich, auf jede Weise die Kranke zu
-hegen und zu pflegen. Da sah Gundula, welch ein
-weiches, z&auml;rtliches Gem&uuml;t sich hinter all der ernsten Gemessenheit
-ihres Wesens versteckte, und sie freute sich
-dessen von Herzen.</p>
-
-<p>Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel
-Verst&auml;ndnis und Umsicht Fr&auml;ulein von Sprendlingen<span class="pagenum"><a id="Page_260">[S. 260]</a></span>
-das ihr so ungewohnte Amt einer Hausfrau &uuml;bernahm
-und die Gr&auml;fin in K&uuml;che und Keller ersetzte.</p>
-
-<p>Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem sch&ouml;nen,
-bleichen Antlitz der &raquo;Frau Herzeleide&laquo;, und zum
-erstenmal seit langen, schweren Jahren brannte ihr Herz
-in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Gl&uuml;ck, welches
-sicher kommen mu&szlig;te, &mdash; sicher und bald, das f&uuml;hlte sie.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als Gabriele in die gro&szlig;e, gew&ouml;lbte K&uuml;che trat, sah
-sie eine dunkel gekleidete, tr&uuml;bselig dreinschauende Frau,
-welche in einem Topf Essen empfing und mit bescheidenem
-Dank und Gru&szlig; davonschritt.</p>
-
-<p>&raquo;Wer war die Frau? Eine Kranke?&laquo; fragte Gabriele
-die Mamsell.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, das war die Witwe des
-Fischers Riek, welcher bei der letzten Rettung der Schiffbr&uuml;chigen
-von dem Wrack der &rsaquo;Sophie Johanne&lsaquo; ertrunken
-ist.&laquo;</p>
-
-<p>Ertrunken!</p>
-
-<p>Gabriele sah pl&ouml;tzlich die Bilder aus dem Ahnensaal
-vor sich, unter denen neben schwarzem Kreuz dieses
-Wort geschrieben stand.</p>
-
-<p>&raquo;Es ertrinken wohl viele M&auml;nner hier?&laquo; fragte sie
-nachdenklich.</p>
-
-<p>Die Alte nickte laut seufzend. &raquo;Da&szlig; Gott erbarm!
-Ach, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, es ist ein gar saures St&uuml;ckchen
-Brot, welches die Fischer und Seeleute essen, und tr&auml;gt
-wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe gar nicht gedacht, da&szlig; es so sehr gef&auml;hrlich
-ist, auf dem Wasser zu fahren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht
-recht vorstellen! Wenn man die See aber einmal recht
-b&ouml;s und grob gesehen und den Sturm aus Nordost pfeifen
-h&ouml;rte, dann begreift man's.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Kommt das oft vor?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, da&szlig; es gerade jetzt,
-wo der Graf abwesend war, nicht arg geweht hat!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_261">[S. 261]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da
-ist doch keine Gefahr f&uuml;r ihn!&laquo;</p>
-
-<p>Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin,
-aber die Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte
-eifrig die Kartoffeln f&uuml;r den Schweinetrog.</p>
-
-<p>&raquo;F&uuml;r ihn nicht, bewahre! Aber f&uuml;r die Seefahrer!
-Und wenn was passiert w&auml;re &mdash; meinte noch gestern der
-alte Klaaden &mdash; so h&auml;tten sie mit den neuen Apparaten
-doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen k&ouml;nnen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ah &mdash; der Graf unterweist sie darin?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wer anders denn er! &mdash; Ja, wenn der junge Herr
-nicht w&auml;re, gn&auml;diges Fr&auml;ulein!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und
-kein so gewaltiges Verdienst darin, die Fischer ein wenig
-anzuleiten, aber sie nickte zustimmend und schritt weiter
-nach dem kleinen K&uuml;chengarten, welcher im hellen Sonnenschein
-seine jungen Kr&auml;utlein und frischerschlossenen
-Kirschbl&uuml;ten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen
-See gl&auml;nzen, so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf
-vier Wochen lang gelegen, und sie sch&uuml;ttelte gedankenvoll
-den Kopf und begriff es nicht, da&szlig; dies
-glatte Wasser so gef&auml;hrlich und unheimlich sein sollte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Da es in dem gro&szlig;en, hallenartigen Speisezimmer
-noch kalt war, brannte ein loderndes Kaminfeuer, und
-Gr&auml;fin Gundula hatte ihren Sessel nahe hinzur&uuml;cken
-lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad.</p>
-
-<p>&raquo;Ich kann es nicht ertragen, die H&auml;nde so m&uuml;&szlig;ig zu
-falten!&laquo; antwortete sie auf Gabrieles besorgte Bitte,
-heute ruhig zu bleiben, und als das Rad fr&ouml;hlich schnurrte
-und der Faden lief, lie&szlig; das junge M&auml;dchen die feine
-Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu.</p>
-
-<p>&raquo;Wie sch&ouml;n! Wie poetisch das ist! O, das m&ouml;chte ich
-auch lernen, Frau Gr&auml;fin!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gewi&szlig;, liebe Gabriele, meine M&auml;gde spinnen alle
-und k&ouml;nnen Ihnen sogleich ein Rad leihen! Ich bin so
-sehr f&uuml;r das eigengesponnene Leinen! Es ist derb und
-h&auml;lt bedeutend l&auml;nger als gekauftes Gewebe, namentlich<span class="pagenum"><a id="Page_262">[S. 262]</a></span>
-in der K&uuml;che und f&uuml;r das Gesinde ist es durchaus
-praktisch!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So darf ich mir ein Rad holen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich; ich unterweise Sie gern!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit
-ein Spinnrad herzu.</p>
-
-<p>&raquo;Dieses &rsaquo;Radeln&lsaquo; ist mir lieber, wie das moderne,&laquo;
-scherzte die Gr&auml;fin; &raquo;wir sind hier gut hundert Jahre
-zur&uuml;ck gegen die neumodische Welt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das ist sch&ouml;n, darum wohnt hier noch die Poesie
-in all ihrer unverf&auml;lschten Sch&ouml;nheit!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie lieben dieselbe?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&Uuml;ber alles. Mama neckte mich oft, da&szlig; es f&uuml;r mich
-besser gewesen w&auml;re, zu eines K&ouml;nig Artus' Zeiten zu
-leben. Ich begeistere mich so sehr f&uuml;r alles Ritterliche,
-Edle, K&uuml;hne und Herrliche &mdash; und gerade daran ist
-unsere prosaische Zeit so arm.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nicht arm, Gabriele, &mdash; es tritt nur nicht so auff&auml;llig
-hervor wie ehemals.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gewi&szlig;! Sie ziehen nur nicht mehr in gl&auml;nzender
-R&uuml;stung durch das Land und suchen Frau Aventure
-im Busch.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Unsere M&auml;nner und J&uuml;nglinge ziehen in den Krieg
-und werden totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins
-Gesicht schauen konnten; das ist kein heldenhafter Kampf,
-sondern nur Disziplin und m&uuml;de Resignation, welche
-auf Kommando stirbt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben,
-dieses treue Ausharren auf dem Posten, inmitten
-des feindlichen Kugelregens, ist die h&ouml;chste und heiligste
-Tugend des Soldaten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das wohl, &mdash; aber mir deucht, dieses k&uuml;hne Aug'
-in Auge mit dem Feind, dieses todesmutige Hineingehen
-in eine Gefahr ist poetischer, und das findet sich im
-kleinen &Uuml;berrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche
-eine schneidige Attacke reitet!&laquo; <span class="pagenum"><a id="Page_263">[S. 263]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Und der tapfere Infanterist, welcher die D&uuml;ppeler
-Schanze &mdash; die Spichererh&ouml;he im Sturme genommen?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als
-sch&ouml;ne und gl&auml;nzende Soldatentat an, aber man hat
-als M&auml;dchen keine rechte Vorstellung von der Tat des
-einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des Heldentums
-aus! H&auml;tte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke
-oder Beowulf in der gro&szlig;en Menge mitgek&auml;mpft, man
-h&auml;tte nicht die k&uuml;hne, heldenhafte Vorstellung von ihren
-Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen K&auml;mpfe bis
-auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen k&ouml;nnen! Ich
-tue unseren modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht
-mit solcher Ansicht, aber einem M&auml;dchen verzeiht man
-es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas eigenwillig
-bildet. Ich m&ouml;chte einen Helden <em class="gesperrt">sehen</em>, seine tollk&uuml;hne
-Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch
-bei einem waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle
-Gefahren eines Rennens vor unsern Blicken herausfordert
-und &uuml;berwindet!&laquo;</p>
-
-<p>Gundula l&auml;chelte ganz seltsam. &raquo;Sprachen Sie &uuml;ber
-dieses Thema vielleicht auch mit meinem Sohn?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich glaube ja. &mdash; M&ouml;glicherweise verargte er es mir.&laquo;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin schob das Spinnrad ein wenig zur&uuml;ck und
-hob lauschend das Haupt.</p>
-
-<p>Von dem Hof herein t&ouml;nte Hufschlag, lautes Rufen
-und eilige Schritte.</p>
-
-<p>Gl&uuml;ckselig verkl&auml;rt blickten Gundulas Augen, sie atmete,
-wie von Unruhe und Spannung erl&ouml;st, auf und sagte
-leise:</p>
-
-<p>&raquo;Er kommt! Es ist Guntram Krafft!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster,
-um hinauszublicken.</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Ja, es ist der Graf!&laquo; &mdash; rief sie der Burgfrau zu,
-und ihre Stimme klang nicht um einen Hauch erregter
-wie sonst.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_264">[S. 264]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XX">XX.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter
-und Sohn nicht st&ouml;ren, und da bereits der schwere, spornklirrende
-Schritt Guntram Kraffts auf den Steinstufen
-der Vortreppe ert&ouml;nte und sie die T&uuml;r der Halle nicht
-mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen
-zu werden, blieb sie an dem Fenster stehen und
-blickte mit nicht gerade sympathischen Empfindungen dem
-jungen Mann entgegen.</p>
-
-<p>Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier
-gelebt!</p>
-
-<p>Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten
-und das gem&uuml;tliche Zusammensein beeintr&auml;chtigen.</p>
-
-<p>Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang f&uuml;gen,
-welchen der Verkehr mit einem jungen Herrn mit sich
-bringt, wenn ihr der B&auml;r von Hohen-Esp nur nicht mit
-dem anbetenden Entz&uuml;cken begegnet, wie in der Residenz!</p>
-
-<p>Das w&uuml;rde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt
-hier unm&ouml;glich machen, und doch t&auml;t es ihr leid, von
-der Gr&auml;fin und der Burg hier zu scheiden.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das
-alte B&auml;rennest ist just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes
-Gem&uuml;t einen hohen Reiz aus&uuml;bt!</p>
-
-<p>Guntram Krafft als Freund &mdash; wie sch&ouml;n w&auml;re das!
-&mdash; Als Bewerber um ihre Gunst und Liebe &mdash; wie
-unertr&auml;glich! &mdash;</p>
-
-<p>Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die H&auml;nde ineinander
-und blickt der hohen M&auml;nnergestalt entgegen, welche
-voll ungest&uuml;mer Hast &uuml;ber die Schwelle tritt und mit
-ausgebreiteten Armen der Gr&auml;fin entgegeneilt.</p>
-
-<p>Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden
-Haare fallen etwas wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet<span class="pagenum"><a id="Page_265">[S. 265]</a></span>
-in die Stirn, und auf dem hei&szlig;ger&ouml;teten Antlitz
-liegt ein Ausdruck gro&szlig;er Angst und Sorge, welcher bei
-dem Anblick der Gr&auml;fin schwindet und einer beinahe
-leidenschaftlichen Z&auml;rtlichkeit Platz macht.</p>
-
-<p>&raquo;Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und
-Dank, nicht zu Bett?&laquo;</p>
-
-<p>Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich &uuml;ber
-den Sessel und schlingt die Arme um die Gr&auml;fin, zart
-und behutsam, wie man etwas sehr Zerbrechliches anfa&szlig;t.</p>
-
-<p>Sein Blick sucht den ihren, und Gundula k&uuml;&szlig;t seine
-Lippen, streicht &uuml;ber sein Haar und sagt innig: &raquo;Du
-guter Mensch! Bist du den ganzen Weg dahergejagt?
-Solltest dich ja nicht &auml;ngstigen, sondern nur heimkommen!&laquo;</p>
-
-<p>Er l&auml;&szlig;t sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre
-Hand zwischen die seinen und blickt noch immer besorgt
-zu ihr auf.</p>
-
-<p>&raquo;Was fehlt dir, Mutter? &mdash; Hast du schon zu dem
-Arzt geschickt? War es etwa wieder Atemnot, wie sie
-damals nach der Influenza kam?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula l&auml;chelt: &raquo;Ich werde alt, Guntram Krafft,
-und mag nicht mehr allein sein! So treu und lieb
-Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen die Sehnsucht
-hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!&laquo; und die Sprecherin
-wendet pl&ouml;tzlich den Kopf: &raquo;Liebe Gabriele ...
-wo stecken Sie? &mdash; Sind Sie noch im Zimmer?&laquo;</p>
-
-<p>Das junge M&auml;dchen hatte nachdenklich auf das sch&ouml;ne
-Bild vor dem lodernden Kaminfeuer geschaut. &mdash; Ja,
-ein sch&ouml;nes Bild, und eine gerechtfertigte Angst und
-Sorge &mdash; und doch schien sie Gabriele nicht m&auml;nnlich
-und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, da&szlig; sie
-in Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange
-Mutters&ouml;hnchen, welches nach wie vor an der Sch&uuml;rze
-der Mutter h&auml;ngt?</p>
-
-<p>Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben,
-aber welch anderer Charakter und Mut trotzt auf dem
-lachenden Gesicht jenes Vorfahren!</p>
-
-<p>Jetzt, als die Gr&auml;fin ihren Namen ruft, schrickt er
-empor, erhebt sich und weicht j&auml;h zur&uuml;ck. Nun wird er<span class="pagenum"><a id="Page_266">[S. 266]</a></span>
-sie wieder anstarren, verlegen l&auml;cheln und err&ouml;ten, wie
-damals in der Residenz.</p>
-
-<p>Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht
-dem Grafen sehr gelassen die Hand und sagt zwar freundlich,
-aber doch sehr f&ouml;rmlich und k&uuml;hl: &raquo;Ich freue mich,
-Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie g&ouml;nnen
-mir ein Pl&auml;tzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!&laquo;</p>
-
-<p>Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig &uuml;berrascht,
-da&szlig; Guntram Krafft nicht mit entz&uuml;cktem L&auml;cheln
-quittiert. Der aber ber&uuml;hrt kaum ihre Hand in fl&uuml;chtigem
-Gru&szlig;, verneigt sich sehr tief, ohne sie anzusehen
-und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch
-nie vernommen: &raquo;Ich danke Ihnen, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein,
-da&szlig; Sie den Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit
-zu kommen und meiner teuren Mutter Gesellschaft zu
-leisten. M&ouml;chte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu eint&ouml;nig
-erscheinen!&laquo;</p>
-
-<p>Und dann k&uuml;&szlig;t er die Hand der Gr&auml;fin und bittet:
-&raquo;Gestatte, Mama, da&szlig; ich mich umkleide, der Ritt war
-eilig und der Weg grundlos! In k&uuml;rzester Zeit stehe
-ich wieder zu deiner Verf&uuml;gung!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich, Guntram! Wir warten mit dem
-Abendbrot auf dich!&laquo;</p>
-
-<p>Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend
-vor den Damen und schreitet durch die Halle zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine
-Ver&auml;nderung ist in der &auml;u&szlig;eren Erscheinung des Grafen
-vor sich gegangen! Wie stattlich und markig sah er in
-diesem etwas verwilderten Reitkost&uuml;m aus, so ganz anders,
-wie in dem hocheleganten, gr&auml;&szlig;lichen Frack und den
-Lackschuhen, welche so geborgt und ungeh&ouml;rig an ihm
-aussahen. Gewi&szlig; wird er sich jetzt wieder als Dandy
-zurechtmachen und als sehr schicker, moderner J&uuml;ngling
-wiederkehren. &mdash;</p>
-
-<p>Schade darum! &mdash;</p>
-
-<p>W&auml;hrenddessen st&uuml;rmte Guntram Krafft die gewundene
-Holzstiege empor, nach seinen Zimmern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_267">[S. 267]</a></span></p>
-
-<p>Er stie&szlig; ungest&uuml;m ein Fenster auf und atmete wie
-ein Erstickender die k&uuml;hle Abendluft.</p>
-
-<p>Sein Herz h&auml;mmerte zum Zerspringen. Der qualvolle,
-gef&uuml;rchtete Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele
-war &uuml;berwunden, aber ihm deuchte es, als m&uuml;&szlig;te dasselbe
-sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben. Er
-hatte es nicht f&uuml;r m&ouml;glich gehalten, da&szlig; er ihre Hand
-halten, mit h&ouml;flichen Worten zu ihr sprechen k&ouml;nne.</p>
-
-<p>Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schw&auml;che, oder
-der wilden, leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen
-dieselbe revoltierte.</p>
-
-<p>Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu k&ouml;nnen,
-und hatte doch ruhig und ernst vor ihr gestanden und zu
-ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu zucken.</p>
-
-<p>Wie war das m&ouml;glich gewesen?</p>
-
-<p>Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so
-freundlich gelassen entgegenkam.</p>
-
-<p>Da zuckte es ihm pl&ouml;tzlich durch den Sinn: &raquo;Du Narr!
-Warum erregst du dich? Warum f&uuml;rchtest du es, ihr in
-die Augen zu sehen? Hast du es nicht auch in der Residenz
-getan? Und was ist seit jener Zeit anders geworden?&laquo;</p>
-
-<p>Nichts!</p>
-
-<p>Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche
-Thea an ihr begangen!</p>
-
-<p>Sie l&auml;&szlig;t es sich nicht tr&auml;umen, da&szlig; der kleine Zettel,
-auf welchem sie sich so grausam f&uuml;r ewige Zeit von
-dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper lossagt, wie
-fressend Gift auf seiner Brust liegt!</p>
-
-<p>Sie wei&szlig; es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen
-erduldet, wie es tropfenweise verblutet ist an
-dem ersten, gro&szlig;en, namenlos bitteren Leid, welches es
-erfahren.</p>
-
-<p>Nein, davon ahnt und wei&szlig; sie nichts!</p>
-
-<p>Guntram Krafft reckt sich pl&ouml;tzlich empor und dr&uuml;ckt
-die H&auml;nde gegen die Brust, als sei ein eiserner Panzer,
-welcher sie eingepre&szlig;t, j&auml;hlings zersprungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[S. 268]</a></span></p>
-
-<p>Er atmet hoch auf, &mdash; er wirft das Haupt in den Nacken
-und schlie&szlig;t momentan die Augen.</p>
-
-<p>Da&szlig; er sich dar&uuml;ber nicht schon fr&uuml;her klar geworden ist!</p>
-
-<p>Gabriele kam v&ouml;llig ahnungslos und harmlos hierher,
-er braucht weder ihr Mitleid noch ihren Spott zu f&uuml;rchten.</p>
-
-<p>Wei&szlig; sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie
-geliebt?</p>
-
-<p>Nein! &mdash;</p>
-
-<p>Wei&szlig; sie, da&szlig; er um ihretwillen die Residenz verlie&szlig;,
-wie in wilder Flucht?</p>
-
-<p>Nein! &mdash;</p>
-
-<p>Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines
-Menschen Seele wird es je erfahren. Was f&uuml;rchtet er?</p>
-
-<p>Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen,
-fliehen?</p>
-
-<p>Das Vergangene ist &uuml;berwunden.</p>
-
-<p>Da&szlig; Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird,
-wei&szlig; er, und da&szlig; er viel zu stolz ist, um die Liebe als
-Almosen zu erbetteln, das wei&szlig; er auch.</p>
-
-<p>&raquo;Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies
-Herz &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>Hei&szlig;t es nicht so im Gedicht?</p>
-
-<p>Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm
-hergehen, warum soll er k&uuml;nftighin noch mehr in ihr
-sehen, denn solch eine stille, freundliche, gleichm&uuml;tige
-Schwester?</p>
-
-<p>Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert
-und gewonnen hat, &mdash; um der armen, einsamen
-Mutter willen, mu&szlig; er sich in das Unvermeidliche f&uuml;gen.</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem
-Fenster und blickt &uuml;ber die bl&uuml;henden Obstbaumzweige
-hinweg, &uuml;ber die dunklen, schweigenden W&auml;lder hinaus.
-Da hinten ... fern hinter den Wipfeln gl&auml;nzt ein Streifen
-der See im silbernen Mondlicht! &mdash;</p>
-
-<p>Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen
-Tagen von Walsleben nach ihrem Anblick gesehnt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_269">[S. 269]</a></span></p>
-
-<p>Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme
-nach dem funkelnden Silberstreif aus.</p>
-
-<p>&raquo;Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergr&uuml;ndliche
-See! Dir habe ich Treue gelobt, und dir halte
-ich sie! Auf deinem geheimnisvollen Grunde wohnen
-Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen, wundersamen
-Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit
-liebeskranken Menschenherzen und nehmen sie in die
-wei&szlig;en Arme und betten sie drunten zu ewiger Ruhe,
-wenn ihnen das Leben zu schwer und unertr&auml;glich wird!
-&mdash; Dich will ich lieben, du blaue See &mdash; und du wirst
-den ruhm- und tatenlosen Mann von dir weisen!&laquo;</p>
-
-<p>&mdash; Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem
-Blick das Haupt, entz&uuml;ndete eine Kerze und warf bei
-ihrem Flackerlicht die bespritzten Kleider von sich.</p>
-
-<p>Sein Blick streifte die eleganten Anz&uuml;ge, welche er
-aus der Welt drau&szlig;en mit heimbrachte. Soll er sie jetzt
-wieder zu Ehren kommen lassen?</p>
-
-<p>Ein beinahe rauhes Lachen.</p>
-
-<p>Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn
-mehr daran erinnern.</p>
-
-<p>Kam das Fr&auml;ulein von Sprendlingen in die B&auml;renh&ouml;hle,
-je nun, so mag sie sich auch mit dem b&auml;renhaften
-Anblick ihres Bewohners abfinden!</p>
-
-<p>Und er nimmt die schlichte D&uuml;ffeljoppe und wirft
-sie &uuml;ber.</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet
-sein zottiger Pelz den Tand nicht mehr, welchen man
-ihm in der Fremde um die Schultern geh&auml;ngt! &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm
-m&ouml;glich ist, so ruhig und gleichm&uuml;tig mit Gabriele zu
-verkehren.</p>
-
-<p>Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur w&auml;hrend
-der Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie
-anzusehen, und antwortet ernst und zur&uuml;ckhaltend auf
-all das, was sie ihn freundlich und unbefangen fragt.</p>
-
-<p>Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll<span class="pagenum"><a id="Page_270">[S. 270]</a></span>
-staunender Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche
-in der derben und praktischen Kleidung so ganz anders
-aussieht, so viel sicherer und selbstbewu&szlig;ter einherschreitet,
-wie dermalen auf dem Parkett.</p>
-
-<p>Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge
-M&auml;dchen aufatmet, als sie seine Ruhe und Gelassenheit,
-die gro&szlig;e Gleichg&uuml;ltigkeit im Verkehr mit ihr wahrnimmt.</p>
-
-<p>Diese Ver&auml;nderung deucht ihr eine Wohltat und
-macht sie fr&ouml;hlicher und zutraulicher gegen ihn.</p>
-
-<p>Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespr&auml;ch zu
-ziehen, sie spricht selber lebhafter und heiterer wie zuvor,
-und wenn sein Blick sie hier und da fl&uuml;chtig streift,
-so sieht er ihr sonniges L&auml;cheln und die strahlenden
-Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf
-ihm ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner,
-aber doch lange nicht mehr so kalt und abweisend
-blicken wie damals.</p>
-
-<p>Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert
-es ihm doppelt, seine unnat&uuml;rliche Ruhe an ihrer Seite
-zu wahren.</p>
-
-<p>Er h&auml;lt sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf
-und weilt nur so kurze Zeit wie m&ouml;glich bei den Damen.</p>
-
-<p>Gottlob hat sich die Gr&auml;fin schnell erholt, und es deucht
-Guntram Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes
-Antlitz habe das L&auml;cheln gelernt, und in
-ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm, wie nie zuvor.</p>
-
-<p>Gabriele kehrt aus dem Garten zur&uuml;ck und schreitet
-&uuml;ber den Hof.</p>
-
-<p>Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen
-und eifrig an ganz seltsamen und lederartigen Kleidern
-hantieren.</p>
-
-<p>Der Alte l&auml;chelte sie beinahe z&auml;rtlich an, denn die anmutige
-Sch&ouml;nheit der jungen Dame hat auch sein Herz
-im Sturm genommen, so wie alle in der Burg voll Entz&uuml;cken
-den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen
-ausgeht.</p>
-
-<p>Fr&auml;ulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener
-freundlich zu und tritt mit forschendem Blick n&auml;her.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[S. 271]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ei, was haben Sie denn da f&uuml;r einen wunderlichen
-Anzug vor, Anton?&laquo; lacht sie. &raquo;Bei diesem sch&ouml;nen
-Wetter wollen Sie doch nicht Ihren Regenrock hervorholen?&laquo;</p>
-
-<p>Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein
-wenig plaudern zu k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>&raquo;Mein Regenrock? I bewahre, gn&auml;diges Fr&auml;ulein!
-Das ist ja das &Ouml;lzeug vom Herrn Grafen, welches ich mal
-wieder nachsehen und in den Rettungsschuppen hinabbringen
-soll!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&Ouml;lzeug des Herrn Grafen?&laquo; &mdash; Gabriele mustert &uuml;berrascht
-den seltsamen Rock, die m&auml;chtigen Stiefel und
-den ganz eigenartigen Hut: &raquo;Zu was gebraucht der Graf
-diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?&laquo;</p>
-
-<p>Anton rei&szlig;t die Augen weit auf: &raquo;Nun, das versteht
-sich! Herr Graf mu&szlig; doch &Ouml;lzeug tragen, wenn er in
-Sturm und Wogenschwall hinausf&auml;hrt! Bei den Spritzern,
-die es da setzt, w&uuml;rde er ohne diese Schutzkleidung bald
-bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;t sein!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er f&auml;hrt mit hinaus? &mdash; Auch bei schlechtem Wetter?&laquo;</p>
-
-<p>Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er
-starrt die Fragerin ebenso &uuml;berrascht an, wie sie ihn. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wissen denn das gn&auml;dige Fr&auml;ulein nicht, da&szlig; unser
-Herr Graf alle Rettungen und Ausfahrten immer pers&ouml;nlich
-leitet? Da&szlig; er unser k&uuml;hnster und unerschrockenster
-Seefahrer ist? &mdash; Seine Lotsen hat er sich alle allein
-herangebildet &mdash; ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen
-aus eigenen Mitteln erbaut und ausger&uuml;stet hat! Nun
-ist er sein eigener Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur,
-wie man noch einen zweiten finden soll!
-Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken f&uuml;r die
-Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in
-der Not die Riemen f&uuml;hrt! Wu&szlig;ten das gn&auml;dige Fr&auml;ulein
-das wirklich noch nicht?&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons
-H&auml;nden nieder.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, &mdash; das wu&szlig;te ich nicht!&laquo; sagte sie mit leiser<span class="pagenum"><a id="Page_272">[S. 272]</a></span>
-Stimme. &raquo;Ist solch eine Rettung eigentlich gef&auml;hrlich?
-Ich kann mir das gar nicht vorstellen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gef&auml;hrlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme
-Riek ist das letztemal dabei geblieben, und seine Leiche
-ist bis zum heutigen Tage noch nicht geborgen! Haben
-das gn&auml;dige Fr&auml;ulein denn nicht von der k&uuml;hnen Tat
-des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im
-vergangenen Winter ... geh&ouml;rt? Wie sie die Ungl&uuml;ckskerle
-von dem Wrack der &rsaquo;Sophie Johanne&lsaquo; geholt haben?
-Nein? Na, die Rettungsmedaille haben sie sich alle dabei
-verdient &mdash; &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Die Rettungsmedaille? &mdash; Auch der Graf?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nun, <em class="gesperrt">der</em> doch in erster Linie!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele strich langsam mit der Hand &uuml;ber die Stirn:
-&raquo;Nein &mdash; das wu&szlig;te ich nicht!&laquo; murmelte sie, &raquo;aber ...
-ich m&ouml;chte doch wohl einmal an den Strand gehen und
-das Meer wiedersehen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und ob, gn&auml;diges Fr&auml;ulein! Etwas Sch&ouml;neres gibt
-es ja auf der ganzen Welt nicht!&laquo;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Bei Tisch war Fr&auml;ulein von Sprendlingen stiller wie
-sonst, &mdash; ihr Blick haftete oft sinnend und forschend auf
-Guntram Krafft, als schaue sie ihn heut zum erstenmal.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin schien ganz mit der Zubereitung des Salats
-besch&auml;ftigt.</p>
-
-<p>&raquo;Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?&laquo;
-sagte sie pl&ouml;tzlich leichthin, &raquo;so habe, bitte, die G&uuml;te und
-nimm Fr&auml;ulein Gabriele einmal mit! Denk dir, sie hat,
-seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal die See in
-der N&auml;he gesehen.&laquo;</p>
-
-<p>Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des
-Grafen.</p>
-
-<p>&raquo;Damit w&uuml;rde ich Fr&auml;ulein von Sprendlingen kaum
-einen Dienst erweisen, &mdash; sie liebt das Meer nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie
-man es so sch&ouml;n finden kann!&laquo; best&auml;tigte Gabriele harmlos.
-&raquo;Aber gerade darum m&ouml;chte ich einmal wieder an<span class="pagenum"><a id="Page_273">[S. 273]</a></span>
-den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso
-langweilig ist wie in Heringsdorf!&laquo;</p>
-
-<p>Gundula lachte: &raquo;Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit
-so gern, Gabriele! Wenn Sie sich nun doch einmal zu
-ein paar anerkennenden Worten &uuml;ber unser liebes Bernsteinmeer
-hinrei&szlig;en lassen, so wei&szlig; ich wenigstens bestimmt,
-da&szlig; es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine
-h&ouml;fliche Redensart ist!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich kann Fr&auml;ulein von Sprendlingen unm&ouml;glich zumuten,
-so lange drunten zu bleiben, wie ich am Schuppen
-zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu begleiten, Mutter,
-damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren k&ouml;nnt.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Gut! Ich bin gern bereit!&laquo; Gundulas Blick streifte
-das geneigte Antlitz des Sohnes, und sie l&auml;chelte abermals.</p>
-
-<p>Es war ein au&szlig;ergew&ouml;hnlich milder, sonniger Fr&uuml;hlingstag.</p>
-
-<p>Kein L&uuml;ftchen regte sich.</p>
-
-<p>Blau &mdash; weit ... unendlich lag die See.</p>
-
-<p>Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel
-dar&uuml;ber aus und verschwamm am Horizont mit der Wasserflut,
-da&szlig; man kaum die zarte Linie unterscheiden
-konnte, welche Himmel und Erde trennt.</p>
-
-<p>Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte
-und schimmerte, und die wei&szlig;en Segel der Fischerboote
-zogen traumhaft still durch die Ferne.</p>
-
-<p>Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten
-der Nahenden und &uuml;ber ihnen stiegen zwei Lerchen mit
-hellem Jubel in den offenen Himmel hinein.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand
-sa&szlig; und Steine und Tang aus den Netzen las, angesprochen
-und blieb momentan neben ihr stehen, sich nach diesem
-und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram Krafft
-schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen
-Sand, &uuml;ber welchen in grazi&ouml;sen Linien
-der silberschaumige Saum einer kaum merklichen Brandung
-sp&uuml;lt.</p>
-
-<p>Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und
-blickte wie verkl&auml;rt in die sonnige Pracht hinaus, <span class="pagenum"><a id="Page_274">[S. 274]</a></span>&mdash;
-es lag ein weicher, beinahe kindlich milder Zug auf
-dem sch&ouml;nen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu
-ihm auf und fand es zum erstenmal, da&szlig; dieser Ausdruck
-doch nicht so unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal
-geschienen.</p>
-
-<p>&raquo;Es ist eine k&ouml;stlich frische Luft hier!&laquo; sagte sie nach
-kurzem Schweigen: &raquo;Aber die See liegt ebenso still und
-tr&auml;ge, wie damals in Heringsdorf, und was Sie daran
-so sch&ouml;n finden, erkl&auml;ren Sie mir, bitte, Graf!&laquo;</p>
-
-<p>Er sah sie nicht an, aber das Entz&uuml;cken, welches sein
-Auge spiegelte, vertiefte sich.</p>
-
-<p>&raquo;Wie kann man eine derartige Sch&ouml;nheit mit Worten
-nennen!&laquo; sagte er leise, &raquo;die analysiert man nicht, sondern
-empfindet sie! &mdash; Mir deucht, Sie haben sonst so
-viel Verst&auml;ndnis f&uuml;r Poesie, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein,
-und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten
-und vollkommensten entschleiert, so blind gegen&uuml;ber. F&uuml;hlen
-Sie es nicht mit allen Fasern Ihres Herzens, welch
-ein St&uuml;cklein Gottesfrieden sich rein und unverf&auml;lscht
-hier an der See erhalten hat? &mdash; Bekommen Sie nicht
-eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie &uuml;ber diese
-weite &mdash; weite Flut schauen, die so ohne Anfang und
-Ende scheint, wie der Himmel uns zu H&auml;upten? Und
-wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher
-Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den
-Strand rollen, von keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll
-kommend und gehend, dem ewig weisen Willen
-eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre
-sind wie ein Tag &mdash; &mdash; schauert Ihr Herz nicht zusammen
-in einem Gef&uuml;hl unendlicher Andacht, in dem Empfinden
-jenes scheuen Entz&uuml;ckens: &rsaquo;Jede dieser Wogen
-ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>&mdash; Gabriele stand neben ihm, das K&ouml;pfchen lauschend
-erhoben, den Blick wie in staunendem Sinnen geradeaus
-gerichtet.</p>
-
-<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte sie leise, &raquo;diese Gedanken sind mir noch
-nie gekommen. In Heringsdorf wurde nur gescherzt
-und gelacht, aber nicht philosophiert.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_275">[S. 275]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Dies ist keine Philosophie!&laquo; l&auml;chelte er, &raquo;im Gegenteil,
-hier spricht nicht der Verstand, sondern lediglich
-Herz und Gem&uuml;t, aber gerade die &mdash; ich glaube es wohl &mdash;
-kommen &uuml;berall zu kurz, wo der L&auml;rm der bunten Welt
-sein Recht behauptet!&laquo;</p>
-
-<p>&mdash; Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte
-sich, ihr den Arm zu bieten.</p>
-
-<p>&raquo;Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug
-anbauen lassen, wo die Damen hinter sicheren Glasscheiben,
-gegen Zug und Wind gesch&uuml;tzt, ausruhen k&ouml;nnen.
-Darf ich dich hinf&uuml;hren, Mutter?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Macht es Ihnen Freude, die &rsaquo;Rettungsstation&lsaquo; meines
-Sohnes zu sehen, Gabriele?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich bitte darum, denn ich interessiere mich daf&uuml;r.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dann la&szlig; uns getrost gehen, Guntram Krafft, und
-genaue Musterung halten, wir wissen ja, da&szlig; Gabriele
-keine Phrasen sagt!&laquo;</p>
-
-<p>In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf,
-lebhafter wie zuvor unterhielt er die Gr&auml;fin, und schweigsamer
-wie sonst schritt Gabriele an Gundulas Seite.</p>
-
-<p>Der Rettungsschuppen trug &auml;u&szlig;erlich die Form einer
-gro&szlig;en, massiv gebauten Scheune.</p>
-
-<p>Zwei breite Tore gew&auml;hrten den Eintritt, und unter
-dem spitzen Dach war das Wappen der Hohen-Esp unter
-dem roten Kreuz im wei&szlig;en Felde eingef&uuml;gt.</p>
-
-<p>Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des
-Rettungswesens waren der inneren Einrichtung zugute
-gekommen.</p>
-
-<p>Das Rettungsboot, eine Mischart der gebr&auml;uchlichsten
-Systeme, war aus Stahlblech gebaut und trug den Namen
-&raquo;Guntram Krafft&laquo; in goldenen Lettern.</p>
-
-<p>Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsf&auml;hig gebauter
-Wagen trug es und diente zu dem Zweck, das
-Boot bequem zum Strand zu transportieren und es
-unmittelbar in das Meer zu lassen.</p>
-
-<p>Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch
-auf dem Wagen montiert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_276">[S. 276]</a></span></p>
-
-<p>Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren
-alle erforderlichen Apparate und Gegenst&auml;nde aufgestellt
-oder an Gestellen aufgeh&auml;ngt.</p>
-
-<p>Die volle Ausr&uuml;stung der bedienenden Mannschaft,
-welche sich aus den wackeren, unerschrockenen Fischern
-rekrutierte, und von ihrem selbstgew&auml;hlten Kommandeur,
-dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die Rettungsgeschosse
-verschiedener Art, Raketen, M&ouml;rser und Handgewehre,
-Seelenretter, Korkjacken, G&uuml;rtel, Schl&auml;uche, Riemen,
-Schlepper, Segel und Loggleinen, Kompa&szlig;, Fernrohr
-und Handlot, &Ouml;lfa&szlig;, Eimer, Pfropfe und Reservedollen,
-Beil, Anker und Signalflaggen.</p>
-
-<p class="pmb3">Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der
-junge Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden
-Augen erkl&auml;rte und beschrieb, und w&auml;hrend sie seinen
-Worten lauschte, streifte ihr Blick sein lebhaft erregtes
-Antlitz, und sie begriff es nicht, da&szlig; es dasselbe war,
-welches vor wenig Augenblicken noch in tr&auml;umerischem
-Schw&auml;rmen hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe,
-welches im Ballsaal so weibisch sch&uuml;chtern err&ouml;tete und
-mit beinahe bl&ouml;den Augen um sich schaute. Hier reckte
-und dehnte der B&auml;r von Hohen-Esp die kraftvollen
-Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin
-und her, hier schritt er fest und selbstbewu&szlig;t in den
-schweren Fischerstiefeln &uuml;ber einen Grund und Boden,
-welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe Bedeutung
-gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch
-zuvor gesagt, da&szlig; sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille
-verdient? Warum heftete er sie nicht voll
-Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug?
-&mdash; Und der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein k&ouml;niglicher
-Gast des Herzogs, bei dem er als Ordonanzoffizier
-Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte!</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_277">[S. 277]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XXI">XXI.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Der Lenz hatte einen au&szlig;ergew&ouml;hnlich fr&uuml;hen Einzug
-gehalten, und wenn auch die Tage sonnenhell und warm
-waren, so strich doch am Abend eine noch recht empfindlich
-k&uuml;hle Luft von der See her&uuml;ber und machte den
-Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.</p>
-
-<p>Guntram Krafft hatte sich anf&auml;nglich sogleich nach dem
-Abendessen empfohlen.</p>
-
-<p>Er sa&szlig; mit seinen Zeitungen und B&uuml;chern in seinem
-stillen Zimmer, st&uuml;tzte das Haupt tr&auml;umend in die Hand
-und las nicht.</p>
-
-<p>Oft war er voll nerv&ouml;ser Unruhe aufgesprungen und
-noch einmal hinaus in den Wald oder hinab an den
-Strand gest&uuml;rmt, aber Ruhe f&uuml;r sein Herz fand er auch
-dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und
-k&uuml;hl auf den Wogen spielte und ihm immer dasselbe
-Bild vor die Seele zauberte, Gabriele! &mdash;</p>
-
-<p>Je l&auml;nger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer
-und inniger ward seine Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche
-Erregung nachlie&szlig; und ihr heiteres, gleichm&uuml;tiges
-Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.</p>
-
-<p>Er gew&ouml;hnte sich an ihre Gegenwart, er geno&szlig; voll
-heimlichen Entz&uuml;cken ihren Anblick, sein Herz erzitterte
-bei jedem freundlichen Wort, welches sie zu ihm sprach,
-bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und
-Handeln, &mdash; und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort
-durch die Seele: &raquo;Die Sterne, die begehrt man
-nicht, man freut sich ihrer Pracht!&laquo;</p>
-
-<p>Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig
-fernen und unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem
-sehnenden Schw&auml;rmer wohl freundlich zublicken, ohne
-jedoch gewillt zu sein, aus ihrer H&ouml;he hernieder an sein
-Herz zu sinken. <span class="pagenum"><a id="Page_278">[S. 278]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>Als Fr&auml;ulein von Sprendlingen an seiner Seite durch
-den Schuppen seiner Rettungsstation schritt und mit
-gro&szlig;en, staunenden Augen alles betrachtete, was er barg,
-eifrig um Erkl&auml;rungen bat und in ihrer aufrichtigen
-Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese
-Dinge waren, da st&uuml;rmte ihm das Herz in der Brust
-und blitzte aus seinen Augen, und er empfand es als unaussprechliche
-Wonne, die Teilnahme der Geliebten an
-dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines
-Lebens geworden.</p>
-
-<p>Auch w&auml;hrend des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung
-sehr lebhaft um seem&auml;nnische Dinge gedreht,
-und als Anton die dicke, schwarzlederne Posttasche mit
-den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht
-wie sonst, sich in sein Zimmer zur&uuml;ckzuziehen, sondern
-trat n&auml;her an das Kaminfeuer und sagte:</p>
-
-<p>&raquo;Es ist abends recht k&uuml;hl bei mir droben, und ich vermisse
-jetzt den warmen Ofen doch noch in dem gro&szlig;en
-Erkerzimmer ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, da&szlig; morgen
-nachmittag geheizt wird.&laquo;</p>
-
-<p>Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die
-Glut und beobachtete angelegentlich, wie die roten Flammen
-an ihm emporz&uuml;ngelten.</p>
-
-<p>&raquo;Das wird leicht zu hei&szlig;, Mutter, und die zu
-gro&szlig;e W&auml;rme geniert mich dann mehr wie die K&auml;lte.
-&mdash; Am liebsten bliebe ich hier. &mdash; Was unternehmt
-ihr denn jetzt? St&ouml;rt meine Anwesenheit?&laquo;</p>
-
-<p>Ein ganz feines, schier unmerkliches L&auml;cheln ging um
-die Lippen der Gr&auml;fin, so froh und zufrieden, wie bei
-einem Menschen, welcher geduldig gewartet hat und nun
-daf&uuml;r den gew&uuml;nschten Lohn erh&auml;lt.</p>
-
-<p>&raquo;Welch eine Frage!&laquo; sch&uuml;ttelte sie den Kopf und r&uuml;ckte
-sich behaglich in ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. &raquo;Wir
-freuen uns deiner Gesellschaft. Geheimnisse haben wir
-durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele den
-Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner flei&szlig;igen
-Sch&uuml;lerin.&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_279">[S. 279]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Spinnen? Sie lernen spinnen?&laquo;</p>
-
-<p>Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er
-nicht recht verstanden, Gabriele aber r&auml;umte die gemalten
-Wappenhumpen, aus welchen man zuvor ein Warmbier
-getrunken und welche Anton soeben wieder aus der
-K&uuml;che zur&uuml;ckbrachte, in den uralten Kredenzschrank und
-sang lachend, ohne sich umzusehen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Ich kann stricken,<br /></span>
-<span class="i0">Ich kann flicken,<br /></span>
-<span class="i0">Feines Leinen<br /></span>
-<span class="i0">Kann ich spinnen ...<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>So fein, Graf, da&szlig; man f&uuml;rerst noch Kettenhemden
-daraus schmieden kann!&laquo;</p>
-
-<p>Guntrams Augen leuchteten.</p>
-
-<p>&raquo;Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so k&ouml;nnen
-Sie dieselbe neidlos in meiner Gegenwart aus&uuml;ben!&laquo;
-scherzte er, r&uuml;ckte sich einen kleinen Tisch herzu, breitete
-die Zeitungen aus und nahm in einem der Rittersessel
-davor Platz.</p>
-
-<p>Gabriele aber entz&uuml;ndete selber eine kleine Stehlampe,
-welche neben ihr auf dem Serviertisch stand, hielt sie,
-einen Augenblick sie stumm betrachtend, in der Hand
-und stellte sie dann vor dem Grafen nieder.</p>
-
-<p>Dieser dankte durch eine h&ouml;fliche Verbeugung, griff
-schweigend nach den Zeitungen und schien schon im
-n&auml;chsten Augenblick v&ouml;llig in ihre Lekt&uuml;re vertieft.</p>
-
-<p>Aber er las nicht.</p>
-
-<p>Er starrte wie ein Tr&auml;umender gedankenlos auf das
-Papier und gab sich voll und ganz dem s&uuml;&szlig;en Zauber,
-in Gabrieles N&auml;he zu weilen, hin.</p>
-
-<p>So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen
-Wohllaut ihrer Stimme h&ouml;ren und voll und ganz das
-s&uuml;&szlig;e Behagen empfinden, welches ihre Anwesenheit dem
-ganzen Hause verlieh.</p>
-
-<p>Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequ&auml;ltes Herz,
-und ein beinahe wunschloses Gen&uuml;gen, welches nicht
-mehr von dem Schicksal fordert, als wie es freiwillig
-gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden Damen<span class="pagenum"><a id="Page_280">[S. 280]</a></span>
-am Spinnrad zu sehen! &Uuml;ber Gabrieles geneigtes K&ouml;pfchen
-zuckte das r&ouml;tliche Flackerlicht des Kaminbrandes,
-das Antlitz trug den Ausdruck l&auml;chelnder Nachdenklichkeit,
-und die wei&szlig;en H&auml;ndchen arbeiteten, wenn auch noch
-unsicher und zaghaft, so doch grazi&ouml;s und anmutig,
-wie alle ihre Bewegungen es waren.</p>
-
-<p>Neigte sich Gr&auml;fin Gundula helfend und erkl&auml;rend
-n&auml;her, so traf sie der Blick der hellen Nixenaugen so
-warm und herzlich, da&szlig; das Herz des Beobachters schneller
-schlug in dem entz&uuml;ckten Empfinden: &raquo;sie liebt deine
-Mutter!&laquo; &mdash; und stand sie ihm selber auch ewig fremd
-und fern, diese Liebe zu Gr&auml;fin Gundula schlug dennoch
-eine Br&uuml;cke zu seinem Herzen, welches ihn mit der Geliebten
-in gleichem Denken und F&uuml;hlen verband.</p>
-
-<p>Die B&auml;rin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken,
-dessen Flachsgewinde unter den Fingerchen Gabrieles
-etwas in Unordnung geraten war, und derweil flog
-der Blick des jungen M&auml;dchens durch die mattbeleuchtete
-stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe
-vor Guntram Kraffts Platz, deren Fu&szlig; durch einen
-schreitenden Bronzeb&auml;r gebildet wurde.</p>
-
-<p>Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen
-Kronleuchter, welcher von der gew&ouml;lbten Decke herabhing
-und in Art der alten Leuchterweibchen gearbeitet
-war, nur schwebte anstatt des Frauenk&ouml;rpers der Oberleib
-eines B&auml;ren in den schmiedeeisernen Ketten, und
-von ihm aus gingen acht m&auml;chtige Pranken, welche die
-Lichter hielten.</p>
-
-<p>Die Sessel, auf welchen man sa&szlig;, ruhten auf geschnitzten,
-behaglich ausgestreckten B&auml;ren, welche die F&uuml;&szlig;e
-ersetzten, &mdash; braunzottige B&auml;renfelle lagen als weicher
-Teppich &uuml;ber den Estrich, B&auml;ren flankierten rechts und
-links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte,
-zeigte die T&auml;felung der W&auml;nde das B&auml;renwappen, blickten
-von Schr&auml;nken, Truhen und Ger&auml;ten die B&auml;renk&ouml;pfe
-mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der Burg
-herab.</p>
-
-<p>&raquo;Wie kommt es eigentlich, gn&auml;digste Gr&auml;fin, da&szlig; alles<span class="pagenum"><a id="Page_281">[S. 281]</a></span>
-und jedes in Hohen-Esp das Bild eines B&auml;ren zeigt?&laquo;
-fragte Gabriele leise und neigte das K&ouml;pfchen n&auml;her
-an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu
-st&ouml;ren. &raquo;Man findet in andern Schl&ouml;ssern auch die h&auml;ufige
-Wiederholung des Familienwappens, aber so, bis auf
-die kleinsten Gegenst&auml;nde herab, sah ich es noch nie
-angebracht, und kam mir schon fr&uuml;her der Gedanke, da&szlig;
-dies einen besonderen Zweck haben m&uuml;&szlig;te?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula sch&uuml;ttelte l&auml;chelnd das Haupt.</p>
-
-<p>&raquo;Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die B&auml;ren
-von Hohen-Esp gefielen sich darin, ihre H&ouml;hle zu einem
-wirklich originellen, echten B&auml;rennest zu gestalten. Der
-Urahne begann damit, und Kind und Kindeskinder f&uuml;hrten
-es weiter und schufen halb im Ernst und halb im Scherz
-diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes
-ersten B&auml;ren von Hohen-Esp stets daran erinnert sein
-sollten, wem sie das Bestehen ihres Geschlechts verdanken!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das Bestehen ihres Geschlechts? &mdash; Was haben die
-B&auml;ren mit Ihrer Familie zu tun, gn&auml;digste Gr&auml;fin,
-und woher kommt es, da&szlig; die Hohen-Esp den seltsamen
-Namenszusatz: die &rsaquo;B&auml;ren&lsaquo; von Hohen-Esp erhielten?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn es Sie interessiert, so erz&auml;hle ich Ihnen gern
-unsere alte Familiensage, liebe Gabriele!&laquo;</p>
-
-<p>Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten
-wieder zu und setzte ihr eigenes R&auml;dlein abermals in
-surrende Bewegung, Guntram Krafft aber lie&szlig; mechanisch
-die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung
-zu dem jungen M&auml;dchen hin&uuml;ber.</p>
-
-<p>&raquo;Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gr&auml;fin!&laquo;
-nickte Gabriele eifrig; &raquo;was k&ouml;nnte mir lieber sein, als
-wie mit der alten Welt, welche mich hier umgibt, recht
-vertraut zu werden! O, bitte, erz&auml;hlen Sie! &mdash; Zu einem
-Spinnrad geh&ouml;ren seit jeher die Romanzen, wenn nicht
-die gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute,
-da&szlig; die B&auml;rensage dieser Burg ein St&uuml;cklein
-jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist, in welcher
-meine Gedanken so gern noch leben!&laquo; <span class="pagenum"><a id="Page_282">[S. 282]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Nun, so h&ouml;ren Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen
-sich auch f&uuml;r die brave B&auml;rin erw&auml;rmen kann,
-welche unserm Stammvater einst so gro&szlig;e Dienste erwies,
-so bin ich &uuml;berzeugt, da&szlig; die braunen Schutzpatrone
-dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge
-Gastin dieses Hauses, &uuml;bertragen werden.&laquo;</p>
-
-<p>Mit gro&szlig;en, forschenden Augen schaute das junge
-M&auml;dchen auf, &mdash; ihr Blick hing an den Lippen der
-alten Dame, als ob sie, nur sie allein in dieser Halle
-anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief
-und voll durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:</p>
-
-<p>&raquo;Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung
-jenes phantastischen Ereignisses, welchem man
-die Entstehung Roms zu verdanken glaubt, &mdash; also weder
-neu noch originell, und doch aus jener grauen Vorzeit
-stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann,
-da&szlig; die M&auml;r von Romulus und Remus ihr noch v&ouml;llig
-fremd gewesen. Ein Beweis daf&uuml;r, wie launig der G&ouml;tterfunke
-Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und S&uuml;d
-Flammen z&uuml;ndet, welche &mdash; durch eine halbe Welt getrennt
-&mdash; doch in geschwisterlicher &Auml;hnlichkeit leuchten und
-ein und dasselbe Bild spiegeln, nur mit dem Unterschied,
-da&szlig; die rauhe, markige Wildheit der Deutschen sich die
-kraftvolle B&auml;rin zur Amme eines ritterlichen Geschlechts
-w&auml;hlte, w&auml;hrend der kluge, geschmeidige und listige R&ouml;mer
-die schlanke W&ouml;lfin dazu ausersah! &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie
-greift weit, weit in die d&auml;mmernde Vergangenheit zur&uuml;ck
-und setzt da ein, wo die Grafen von Hohen-Esp bereits
-ein ritterliches und turnierf&auml;higes Geschlecht, und als
-Schirmv&ouml;gte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst
-belehnt waren. Da hebt sie an, von einer furchtbaren
-Seuche zu berichten, welche allerorts die Lande ver&ouml;dete
-und die Menschen dahinraffte wie Grashalme vor
-dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der
-Burg hatte die Pest mit kn&ouml;chernem Finger geklopft.</p>
-
-<p>Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei S&ouml;hne und
- <span class="pagenum"><a id="Page_283">[S. 283]</a></span>
-zwei T&ouml;chter starben in einer Nacht dahin, im Burgfried
-lag das Gesinde zu Haufen und hauchte sein Leben aus,
-und nur der Gr&auml;fin j&uuml;ngstes, neugeborenes S&ouml;hnlein,
-eine alte Schwester des Hausherrn und die Amme des
-Kindes waren noch am Leben.</p>
-
-<p>Da befahl das alte Fr&auml;ulein in gro&szlig;er Angst und
-Sorge, da&szlig; die Amme mit dem Neugeborenen sich eilend
-aufmache und das Kind in das nahe Fischerdorf zu
-treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten
-sollten, bis da&szlig; der W&uuml;rgeengel sei vor&uuml;bergezogen in
-diesem Lande.</p>
-
-<p>Ein Knappe stieg zu Ro&szlig;, der Magd und dem Kn&auml;blein
-ein sicher Geleit zu geben. Da sie aber kaum eine
-halbe Stunde durch den Wald geflohen waren, kam
-den Mann die Todesschw&auml;che an, er sank vom Ro&szlig; und
-starb elendiglich am Wege.</p>
-
-<p>Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein
-in den finsteren Tann hinein, und kaum, da&szlig; sie
-das nahe Meer brausen h&ouml;rte, sperrte ihr eine m&auml;chtige
-B&auml;rin den Weg, stellte sich auf, hob dr&auml;uend die Pranken
-und br&uuml;llte aus blutigem Rachen.</p>
-
-<p>Da wu&szlig;te die Magd in ihrem Schrecken nicht, was
-sie tat, &mdash; sie warf das Kind, welches sie des kalten
-Windes wegen in einen warmen Fellsack gesteckt hatte,
-von sich und entfloh in sinnloser Furcht.</p>
-
-<p>Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer
-H&uuml;tte und wagte es nicht, von dem Ende des Kindleins
-zu berichten. Die Zeit verging, und eines Tages kam
-pl&ouml;tzlich das totgeglaubte alte Burgfr&auml;ulein in das Dorf,
-erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.</p>
-
-<p>Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete
-von dem Tod des Knappen und dem &Uuml;berfall des
-B&auml;ren, und da&szlig; sie bei der Flucht das Kn&auml;blein habe aus
-dem Fellsack verloren.</p>
-
-<p>Ein gro&szlig;es Wehklagen erhob sich, und das Fr&auml;ulein
-rief die Fischer und sprach: &rsaquo;Lasset uns im Tann suchen!
-Die Heiligen im Himmel haben meine Gebete f&uuml;r das
- <span class="pagenum"><a id="Page_284">[S. 284]</a></span>
-Kind erh&ouml;rt, so es ihr gn&auml;diger Wille gewesen, erretteten
-sie es aus dem Rachen des B&auml;ren!&lsaquo;</p>
-
-<p>Die Fischer sch&uuml;ttelten zwar die K&ouml;pfe und meinten,
-das sei vor eines Mondes L&auml;nge geschehen und wohl
-kein Kn&ouml;chelchen von dem jungen Grafenkind mehr zu
-finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den Wald.</p>
-
-<p>Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd
-beschrieben, h&ouml;rten sie ein gewaltiges Brummen als wie
-von einem B&auml;ren, und als sie durch das Dickicht herzuschlichen,
-sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag
-die B&auml;rin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch
-in das Fell gewickelte Kn&auml;blein, welches sie s&auml;ugte.</p>
-
-<p>Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein
-Beherzter sprang herzu und ergriff das Kind. &mdash; Das
-war lebend und gesund, stark und b&auml;renkr&auml;ftig, und solche
-Kunde drang bis zu dem F&uuml;rsten des Landes.</p>
-
-<p>Der lachte der absonderlichen M&auml;r, lie&szlig; das Kn&auml;blein
-vor sich bringen, wiegte es auf den Armen und lobte
-Gott:</p>
-
-<p>&rsaquo;Ei, du Gr&auml;flein von Hohen-Esp, so dich B&auml;renblut
-ges&auml;uget hat, so wirst du stark und k&uuml;hn werden, und
-man wird dich hinfort &rsaquo;den B&auml;ren von Hohen-Esp&lsaquo;
-hei&szlig;en.&lsaquo;</p>
-
-<p>So sprach er und gab ihm den neuen Namen und
-den B&auml;ren in das Wappenschild, zur Erinnerung an das
-Gotteswunder, welches sich an dem Kind begeben.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Frau Gundula unterbrach sich und lie&szlig; momentan die
-flei&szlig;igen H&auml;nde ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer
-Z&auml;rtlichkeit nach dem Sohn hin&uuml;ber und umfa&szlig;te seine
-hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals den feinen
-Faden aus dem Flachs und l&auml;chelte. &mdash; &raquo;Und nun
-gehen Sie hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen
-Sie sich einmal das B&auml;rengeschlecht an! Es ist wirklich
-ganz auff&auml;llig, wie die B&auml;renamme ihm ihren Stempel
-aufgedr&uuml;ckt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so
-b&auml;renhaft fest und trutzig ist kein zweites. &mdash; Die eckige
-Stirn und die gro&szlig;e Gutm&uuml;tigkeit haben die Hohen-Esp
-sicher von den B&auml;ren geerbt, vor allen Dingen aber das<span class="pagenum"><a id="Page_285">[S. 285]</a></span>
-mutige und k&uuml;hne Drauf- und Drangehen in Kampf und
-Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind
-zu packen, die z&auml;he Ausdauer im Ringen mit dem Gegner,
-gleichviel ob derselbe aus Fleisch und Blut oder als
-Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod
-herausfordert!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren f&uuml;r die
-Sprecherin gehabt, den schlanken, blonden Mann in dem
-Rittersessel vor dem Kamin schien sie v&ouml;llig vergessen
-zu haben.</p>
-
-<p>Jetzt pl&ouml;tzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf
-Guntram Krafft.</p>
-
-<p>Auge ruhte in Auge.</p>
-
-<p>Wie wunderlich sah sie ihn an.</p>
-
-<p>So gro&szlig;, so forschend, so nachdenklich ... und doch
-brannte es wie ein geheimer Vorwurf in ihrem Auge,
-wie ein scharfer, ungest&uuml;mer Widerspruch, welcher ver&auml;chtlich
-sagt &mdash;: &raquo;nein! du irrst, Frau Gundula! Nicht
-alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und K&uuml;hnheit
-aus der B&auml;renmilch! &mdash; Hier, dieser letzte seines
-Geschlechts, ist entartet ganz und gar! &mdash; Er ist kein
-Held! er imponiert mir nicht! und darum werde ich
-nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann
-freien!&laquo; &mdash; Sprach es nicht so aus ihrem Blick? aus
-den gro&szlig;en, wundersam ernsten Augen?</p>
-
-<p>Guntram Krafft h&ouml;rt und versteht nichts mehr als
-diese erbarmungslosen Worte, sein Vorurteil ist zu gro&szlig; ...
-sein Blick ist verschleiert, er glaubt nicht mehr an das
-Gl&uuml;ck und vermutet es nirgends.</p>
-
-<p>Wieder steigt es hei&szlig; empor in Stirn und Schl&auml;fen,
-er senkt finster den Blick und begreift es nicht, da&szlig; er
-soeben noch sich ihres Interesses an seiner Familie gefreut.</p>
-
-<p>Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche
-in Kriegszeiten sich den Lorbeer aus feindlichem Feuer
-holen, &mdash; und nur solche Heldentaten imponieren dem
-stolzen Sinn einer Sprendlingen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_286">[S. 286]</a></span></p>
-
-<p>Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen
-zusammen, steht auf und empfiehlt sich kurz.</p>
-
-<p>Die Nacht ist so sch&ouml;n und mondhell, &mdash; er will mit
-den Fischern hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen.</p>
-
-<p>Gabriele sieht ihn erstaunt an.</p>
-
-<p>&raquo;Das tut man in der Nacht? &mdash; Warum das? Ist
-solche Arbeit am Tage nicht m&uuml;heloser und bequemer?&laquo;</p>
-
-<p>Ein herber, beinahe etwas sp&ouml;ttischer Zug liegt pl&ouml;tzlich
-um seine Lippen.</p>
-
-<p>&raquo;M&uuml;helos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenl&auml;nder
-stets, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, man rudert ein wenig
-hin und her und sch&ouml;pft das Schiff voll Heringe und
-Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein &mdash; das
-ist h&ouml;chstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen
-Einerlei!&laquo;</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Gundula dreht mit ganz seltsamem L&auml;cheln
-den Faden, welcher ihr gerissen, wieder zusammen,
-Fr&auml;ulein von Sprendlingen aber sieht so harmlos aus,
-als ob sie von den Worten des Sprechers ganz &uuml;berzeugt
-sei, und sagt nur nachdenklich: &raquo;Und doch ertrinken
-so oft die Menschen dabei! Ihre Fischer werden
-doch vorsichtig sein?&laquo;</p>
-
-<p>Da lacht er laut und hart auf. &raquo;Unbesorgt, mein
-gn&auml;diges Fr&auml;ulein, die See ist wie ein Tischtuch, sie
-ist so, wie Sie's nicht lieben, tr&auml;ge, ruhig und langweilig,
-und dann fordert sie keine Opfer!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wird sie nicht bald einmal b&ouml;se und wild? Ich m&ouml;chte
-so gern eine bessere Meinung von ihr bekommen!&laquo;</p>
-
-<p>Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden
-Blauaugen trifft sie.</p>
-
-<p>&raquo;Kurze Zeit m&uuml;ssen Sie sich wohl noch gedulden, die
-Ruhe scheint allen Wetterberichten nach noch anzudauern,
-aber in dieser Jahreszeit pflegt sie tats&auml;chlich eine Ruhe
-vor dem Sturme zu sein!&laquo;</p>
-
-<p>Er verneigt sich kurz, unh&ouml;flicher wie sonst, und geht,
-&mdash; Gundula aber sch&uuml;ttelt ernst das Haupt und sagt
-mit leisem Seufzer: &raquo;Sie wissen und verstehen es noch
-nicht, was Sie da w&uuml;nschen, Gabriele! F&uuml;r meinen<span class="pagenum"><a id="Page_287">[S. 287]</a></span>
-Sohn bedeutet ein Sturm mehr wie ein sch&ouml;nes Schauspiel,
-und f&uuml;r seine braven Fischer ebenso! &mdash; Warum
-wollen Sie diese gl&uuml;cklichen Tage der Ruhe k&uuml;rzen?
-Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschw&ouml;ren?
-Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf
-wahrlich so langweilig? &mdash; Gehen Sie morgen einmal
-an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, &mdash;
-er ist verk&ouml;rperte Poesie, das sch&ouml;nste Gedicht, welches
-unser lieber Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen pl&ouml;tzlich
-Guntram Kraffts Worte am Strand drunten ein.</p>
-
-<p>Wenn er sie abermals lehren m&ouml;chte, mit seinen Augen
-zu schauen! &mdash;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin schob ihr Spinnrad zur&uuml;ck und erhob
-sich. Sie war m&uuml;de und wollte zur Ruhe gehen, man
-machte fr&uuml;hen Feierabend auf Hohen-Esp.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gabriele stand an dem ge&ouml;ffneten Fenster ihres Turmzimmerchens
-und blickte hinaus in die stille, bl&uuml;tenduftige
-Pracht des kleinen Gartens, &uuml;ber welchen der
-Vollmond sein schier taghelles Silberlicht go&szlig;. Sie konnte
-nicht schlafen.</p>
-
-<p>Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn
-und nahmen ihr die Ruhe.</p>
-
-<p>Sie dachte zur&uuml;ck an jene Stunde, wo sie neben
-Guntram Krafft am Strande stand und seinen so eigenartig
-poetischen Worten lauschte.</p>
-
-<p>Gerade aus seinem Munde ber&uuml;hrten dieselben so seltsam,
-weil Gabriele sie nicht erwartet hatte, und wenn
-ihr die Zartheit seines Empfindens zuerst auch etwas unm&auml;nnlich
-erscheinen wollte, so ward doch dieser Eindruck
-schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens.</p>
-
-<p>Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll m&auml;nnlich
-erschienen als wie hier in seiner energischen Art des
-Erkl&auml;rens und Zufassens, in seiner so sch&ouml;nen und frischen
-Begeisterung f&uuml;r die Sache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_288">[S. 288]</a></span></p>
-
-<p>Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen,
-aber sie f&uuml;hlte instinktiv, da&szlig; es sich hier um mehr
-handelte, wie um einen harmlosen Sport.</p>
-
-<p>Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug
-des Grafen, welches denselben schon w&auml;hrend der
-ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp so ver&auml;ndert
-erscheinen lie&szlig;.</p>
-
-<p>Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung pa&szlig;te
-so gut zu ihm, sie machte seine Erscheinung ernst und
-eigenartig, sie geh&ouml;rte zu dieser Umgebung.</p>
-
-<p>Ein B&auml;r von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er
-mu&szlig; in die H&ouml;hle passen, welche er bewohnt. Deucht es
-ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen ver&auml;ndert?</p>
-
-<p>Wie weggewischt ist das scheuverlegene L&auml;cheln, die
-linkische Unbeholfenheit und Unsicherheit! &mdash;</p>
-
-<p>Hier ist er Herr und Gebieter, &mdash; wohl ein g&uuml;tiger,
-freundlicher Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort
-einen festen, stolzen Klang hat!</p>
-
-<p>Das Anschmachten und entz&uuml;ckte Anstaunen hat er
-vollends verlernt.</p>
-
-<p>Kaum, da&szlig; er sie beachtet, ihr die notwendigste H&ouml;flichkeit
-erweist! &mdash;</p>
-
-<p>Er sucht ihre Gesellschaft nicht, &mdash; er meidet sie eher.</p>
-
-<p>Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, &mdash; es ist
-seine ehrliche, schlichte Meinung.</p>
-
-<p>Warum gef&auml;llt sie ihm nicht mehr?</p>
-
-<p>Gabriele blickt gedankenvoll in die wei&szlig;gl&auml;nzende Pracht
-der Kirschb&auml;ume hinab.</p>
-
-<p>Anf&auml;nglich war es ihr so angenehm, von ihm &uuml;bersehen
-zu werden, &mdash; jetzt gr&uuml;belte sie, aus welchem
-Grunde es geschehen mag.</p>
-
-<p>Da&szlig; es so geschieht, ist gut, &mdash; es steht ihm wohl an,
-er gef&auml;llt ihr in dieser k&uuml;hlen Gelassenheit.</p>
-
-<p>Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als
-Frau Gundula von dem Mut und der K&uuml;hnheit der
-Hohen-Esp sprach?</p>
-
-<p>Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken?</p>
-
-<p>Was dachte sie doch?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[S. 289]</a></span></p>
-
-<p>Sie sah ihn an &mdash; die gro&szlig;e, eckige Stirn unter den
-blonden Haarlocken, die herrliche, &raquo;b&auml;renhafte&laquo; Gestalt
-... und sie dachte ... warum fehlt gerade ihm der Mut
-und die wilde K&uuml;hnheit, welche die verblendete Mutter
-an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu
-einem Helden! &mdash; Warum ist er's nicht? &mdash;</p>
-
-<p>Er schaut drein wie Parzival, der Schildtr&auml;ger &mdash;
-warum sitzt er ruhmlos daheim bei Frau Herzeleide?
-Verstand er diese Gedanken?</p>
-
-<p>Las er sie von ihrem Antlitz ab?</p>
-
-<p>Sein Blick ward so finster, so aufspr&uuml;hend zornig, wie
-sie ihn noch nie zuvor gesehen &mdash; und er stand auf und
-antwortete ihr voll sp&ouml;ttischen Trotzes auf ihre Frage ...
-und ging mit hallenden Schritten davon.</p>
-
-<p>Das war sch&ouml;n! &mdash; da war Jung Parzival ein Mann!
-&mdash; und sein Bild schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame
-Stunde der Nacht.</p>
-
-<p>Warum ging er? Warum z&uuml;rnte er?</p>
-
-<p>Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens?</p>
-
-<p>Er <em class="gesperrt">kann</em> sie nicht wissen, &mdash; es war ein Zufall.
-Horch ... drunten auf dem schmalen Kiesweg, welcher
-durch den Garten nach dem Wald f&uuml;hrt, erschallen Schritte.</p>
-
-<p>Das junge M&auml;dchen neigt sich unwillk&uuml;rlich vor und
-schaut hinab.</p>
-
-<p>Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm
-am Wege, und jene Gestalt, welche naht ... wer ist
-das?</p>
-
-<p>So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so
-stolz und elastisch schreitet nur ein Herr unter Knechten!</p>
-
-<p>Es ist Guntram Krafft!</p>
-
-<p>Aber wie seltsam sieht er aus?</p>
-
-<p>Ist's ein Scherz, da&szlig; er sich so kost&uuml;miert hat, wie
-man es an den Fischern und Lotsen auf Seebildern
-so malerisch dargestellt sieht? Nein, dem Grafen Hohen-Esp
-war es heute gewi&szlig; nicht nach Scherzen zu Sinn!
-Der breite S&uuml;dwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt
-seinem Antlitz einen eigenartig verwegenen Ausdruck,<span class="pagenum"><a id="Page_290">[S. 290]</a></span>
-die Fischerjacke steht &uuml;ber der Brust offen, das wei&szlig;e
-Hemd leuchtet breit hervor und f&auml;llt in weichem Streifen
-&uuml;ber den Halskragen hinaus.</p>
-
-<p>Die hohen Wasserstiefel reichen bis &uuml;ber die Knie
-empor, aber sie sehen nicht plump und h&auml;&szlig;lich aus,
-sondern geben der schlanken Gestalt etwas Keckes und
-Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint.</p>
-
-<p>Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab.</p>
-
-<p>Ja, so schaut ein Seemann aus! &mdash;</p>
-
-<p>Sie hat fr&uuml;her die Gem&auml;lde kaum beachtet, welche ein
-St&uuml;ck Seemannsleben vorstellten, sie las keine Romane
-&uuml;ber Schiffervolk und Matrosen ... was interessierte sie,
-die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt!</p>
-
-<p>Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel,
-sehr viel vers&auml;umt.</p>
-
-<p>Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Geb&uuml;sches
-decken die hohe M&auml;nnergestalt. Graf Guntram
-Krafft will mit seinen Fischern hinaus zum Fang fahren,
-er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen,
-so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz
-und Trutz der Gef&auml;hrdeten.</p>
-
-<p>Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen k&ouml;nnen,
-jetzt aber ist es ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen
-in ihrem Herzen aufd&auml;mmere.</p>
-
-<p>Kreist vielleicht jener Tropfen wilden B&auml;renbluts dennoch
-in seinen Adern?</p>
-
-<p>Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das
-Haupt und blickte nicht empor zu ihr, und doch wu&szlig;te er,
-da&szlig; diese Fenster ihrem Zimmer angeh&ouml;rten.</p>
-
-<p>Langsam wich Gabriele zur&uuml;ck.</p>
-
-<p class="pmb3">Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im
-Hauch der Nacht, und fernher gl&auml;nzte die See wie ein
-silbernes M&auml;rchenland. &mdash;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_291">[S. 291]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XXII">XXII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>&raquo;Nun wird es mit dem sch&ouml;nen, stillen Wetter vorbei
-sein!&laquo; sagte die Gr&auml;fin an dem Nachmittag des andern
-Tages: &raquo;der Wind hat aufgefrischt, und die See setzt
-kleine K&auml;mme auf! Ich denke mir, mein Sohn wird dies
-Wetter benutzen, um mit dem neuen Segelboot hinauszugehen,
-er wartete auf eine frische Brise, um es ausprobieren
-zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gehen Sie heute an den Strand, gn&auml;digste Gr&auml;fin?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit
-den Abrechnungen angemeldet, und ich werde wohl den
-ganzen Abend mit ihm zu tun haben! &mdash; Wenn Sie
-aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele,
-so k&ouml;nnen Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer
-Einsamkeit droht keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf
-ist kurz und nicht zu verfehlen, und wenn mein Sohn
-noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern bis an den
-Schuppen geleiten!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich danke, Frau Gr&auml;fin, und werde mir wohl einmal
-das Meer mit seiner grausen Stirn ansehen! Ich
-kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist. Der Graf
-ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird
-wohl l&auml;ngst auf hoher See schaukeln; ich f&uuml;rchte mich aber
-durchaus nicht, allein zu gehen, und freue mich auf den
-Sonnenuntergang, von welchem Sie mir gestern so R&uuml;hmliches
-sagten, Frau Gr&auml;fin!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu
-verstehen und liebzugewinnen! Sie k&ouml;nnen uns allen
-durch nichts eine gr&ouml;&szlig;ere Freude bereiten, als durch
-ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!&laquo;</p>
-
-<p>&mdash; Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen
-Waldpfade hinab nach dem Strand. Als sie das sch&uuml;tzende
-Laubdach verlassen, brauste ihr der Wind entgegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_292">[S. 292]</a></span></p>
-
-<p>Er ri&szlig; an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom
-Kopf &mdash; und in lustiger Jagd eilte sie dem Fl&uuml;chtling
-nach, ihn wieder einzufangen.</p>
-
-<p>Welch ein Sturm war das!</p>
-
-<p>Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und
-die Seemannstreu bog er tief hinab zum gelben Sande!</p>
-
-<p>Aber es war sch&ouml;n, wundersch&ouml;n! Solch ein freies,
-ungest&uuml;mes Wettlaufen mit dem Wind, das konnte sie
-in den engen, eleganten Stra&szlig;en der Residenz freilich
-nicht! Und jetzt, als sie &uuml;ber die sch&uuml;tzenden D&uuml;nen
-emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau
-gef&auml;rbt, im vollen Strahlenglanz der sinkenden
-Sonne &mdash; und es dehnt sich nicht mehr so tr&auml;ge und
-glatt wie ein Pr&auml;sentierteller, sondern wogt und wallt
-und wirft hier und dort wei&szlig;e Schaumk&ouml;pfchen auf.</p>
-
-<p>Ja, das ist wahrlich ein sch&ouml;neres Bild denn sonst!
-Namentlich die Brandung gef&auml;llt ihr, welche sich wie
-duftige, schmale T&uuml;llr&uuml;schen an dem Strand entlangschl&auml;ngelt,
-spitz auslaufend wie ein zierliches Valenciennemuster,
-oder breit emporsp&uuml;lend um die Haufen von
-Seetang und angeschwemmten Geh&ouml;lz! Ein zarter, silberduftiger
-Schaum, hier und da von der Sonne mit rosa
-Dufthauch gef&auml;rbt. Ja, die See ist im Sturm sch&ouml;n,
-fraglos sch&ouml;ner wie in ihrem bleiernen Schlaf, aber etwas
-sehr Gewaltiges und Imponierendes hat sie auch jetzt
-noch nicht nach Gabrieles Geschmack, und wenn die Gr&auml;fin
-in dem Sonnenuntergang ein verk&ouml;rpertes Gedicht erblicken
-will, so begreift sie das auch jetzt noch nicht. Die
-rote Glut des Sonnenballs, die buntgef&auml;rbten Wolken ...
-ja, das ist fraglos ein sch&ouml;ner Anblick &mdash; aber <em class="gesperrt">mehr</em>
-darin sehen, wie Sonne, Wolken und Wasser, nein, das
-kann sie nicht! &mdash;</p>
-
-<p>Wie lustig dort ein Boot auf den Wellen schaukelt!
-Am liebsten m&ouml;chte sich Gabriele hineinsetzen und auf-
-und niedergleiten durch die blauen Wogen!</p>
-
-<p>K&auml;me doch eine Menschenseele, welche sie darum bitten
-k&ouml;nnte!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_293">[S. 293]</a></span></p>
-
-<p>Und Gabriele wendet sich zur&uuml;ck und blickt nach dem
-Rettungsschuppen und st&ouml;&szlig;t einen leisen Laut der &Uuml;berraschung
-aus.</p>
-
-<p>Dort auf der D&uuml;ne steht Graf Guntram Krafft! Ebenso
-gekleidet wie heute Nacht ... und er spricht mit zwei
-Fischern und scheint ihnen irgendwelche Anweisungen zu
-geben.</p>
-
-<p>Jetzt sieht er sie, und Gabriele hebt freudig die Hand
-und winkt ihm zu.</p>
-
-<p>Er scheint einen Augenblick zu z&ouml;gern, dann verabschiedet
-er die M&auml;nner und schreitet ihr langsam entgegen.</p>
-
-<p>Ein neuer Windsto&szlig; l&auml;&szlig;t den kleinen Filzhut auf Gabrieles
-K&ouml;pfchen abermals fl&uuml;chtig werden, aber sie f&auml;ngt
-ihn noch rechtzeitig auf und beh&auml;lt ihn in der Hand.</p>
-
-<p>Immer langsamer schreitet Guntram Krafft. Sein Herz
-schl&auml;gt wieder hei&szlig; und ungest&uuml;m bei ihrem Anblick, der
-ihm reizender d&uuml;nkt wie je.</p>
-
-<p>Das dunkle Tuchkleid weht in weichen, grazi&ouml;sen Falten
-um die zierlichen F&uuml;&szlig;chen, die entz&uuml;ckend zarten Formen
-ihrer Gestalt zeichnen sich scharf gegen den schimmernden
-Hintergrund ab, und auf den lockigen Haaren,
-welche der Wind ihr um die wei&szlig;e Stirn zaust, flimmert
-das rotgoldene Sonnenlicht und l&auml;&szlig;t tausend geheimnisvolle
-F&uuml;nkchen darauf brennen. Wie frisch und
-rosig ist das s&uuml;&szlig;e Gesicht, &mdash; wie lacht sie ihm mit wei&szlig;en
-Z&auml;hnchen entgegen, wie leuchten die Nixenaugen hinter
-den langen, dunklen Wimpern hervor!</p>
-
-<p>&raquo;Wie gut, da&szlig; Sie kommen, Graf!&laquo; ruft sie ihm heiter
-entgegen. &raquo;Ich hatte Sehnsucht nach Ihnen, gro&szlig;e Sehnsucht!
-Und wissen Sie auch, warum?&laquo;</p>
-
-<p>Er begr&uuml;&szlig;t sie von weitem, ohne ihr die Hand zu
-reichen.</p>
-
-<p>&raquo;Warum?&laquo; wiederholt er beinahe mechanisch und dr&uuml;ckt
-den S&uuml;dwester fester auf den Kopf. &mdash; &raquo;Nein, das wei&szlig;
-ich nicht, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, Sie kennen meinen Egoismus noch nicht!&laquo; f&auml;hrt
-sie harmlos fort; &raquo;ich m&ouml;chte gern einmal in einem Boot<span class="pagenum"><a id="Page_294">[S. 294]</a></span>
-hinausfahren in die See, weil es sich gewi&szlig; herrlich auf
-dem Wasser schaukelt!&laquo;</p>
-
-<p>Seine Augen leuchten unwillk&uuml;rlich auf, er tritt einen
-Schritt n&auml;her.</p>
-
-<p>&raquo;Boot fahren, Fr&auml;ulein Gabriele? &mdash; Solch ein langweiliges
-Vergn&uuml;gen?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;So fand ich es ehemals in Heringsdorf, wo sich kein
-L&uuml;ftchen regte! Aber heute, wo solch hohe Wellen sind,
-wo wir solch argen Sturm haben ...&laquo;</p>
-
-<p>Sein lautes Auflachen unterbricht sie.</p>
-
-<p>&raquo;Sturm?!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nun ja! Oder wollen Sie ihn ableugnen, wo ich
-nicht mal den Hut auf dem Kopfe haben kann?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie kennen noch keinen Sturm, heute weht es nur
-ein wenig, kaum da&szlig; man es eine frische Brise nennen
-kann!&laquo;</p>
-
-<p>Er sieht heiterer aus, w&auml;hrend er spricht, und Gabriele
-blickt &uuml;berrascht empor.</p>
-
-<p>&raquo;Ich wollte Ihnen durch meinen Mut, heute auf dem
-Wasser zu fahren, imponieren!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sie imponieren mir jederzeit durch solch ein Verlangen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und werden Sie es erf&uuml;llen?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn es Ihr Ernst ist, mit gro&szlig;er Freude. Wir
-sind eben von einer kleinen Probefahrt zur&uuml;ckgekommen,
-das Boot liegt noch dort an der Buhne &mdash;&laquo; er deutete
-mit der Hand strandab &mdash; &raquo;wollen Sie mir folgen, so
-fahre ich Sie gern!&laquo;</p>
-
-<p>Er spricht so ruhig wie sonst, und Gabriele sieht nicht,
-wie seine Lippen beben.</p>
-
-<p>Sie dankt ihm mit der freudigen Hast eines Kindes.</p>
-
-<p>Ihr Wesen deucht ihm &uuml;berhaupt ver&auml;ndert, sie ist
-so fr&ouml;hlich und gespr&auml;chig wie noch nie zuvor, und ihre
-Augen leuchten zu ihm auf ... t&auml;uscht er sich? oder ist
-es wahrlich so?... Aber so warm und innig blickte
-sie ihn noch niemals an.</p>
-
-<p>&raquo;Wissen Sie auch, da&szlig; ich das Meer heute wirklich
-sch&ouml;n finde? Und den Wind auch? &mdash; Nun lebt erst die<span class="pagenum"><a id="Page_295">[S. 295]</a></span>
-Welt ringsum! Nun atmet sie Abwechslung, nun wird
-sie mir verst&auml;ndlicher! Ehrlich gestanden &mdash; habe ich
-mir das Meer im Sturm noch gewaltiger gedacht, weil
-ich dar&uuml;ber las, da&szlig; seine Wogen Schiffe zertr&uuml;mmerten
-und ganze Landstriche wegschwemmten, aber wie Sie
-sagen, ist es heute noch kein richtiger Sturm &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was nicht ist, kann bald werden &mdash;&laquo; er wich ein
-wenig zur Seite, da ihre Kleiderfalten weich und schmeichelnd
-um seine F&uuml;&szlig;e wehten, und fuhr voll beinahe
-trockener Gesch&auml;ftlichkeit fort: &raquo;Die Wetterberichte lauten
-ung&uuml;nstig, wir erwarten st&uuml;ndlich eine Sturmwarnung.
-Vielleicht lernen Sie die tr&auml;ge See noch von recht ungem&uuml;tlicher
-Seite kennen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich liebe alles Gewaltige, Wilde, Trotzige! Am
-Menschen sowohl wie an der Natur &mdash; daher gefielen
-mir bislang die Alpen so gut, diese Titanen, welche den
-Himmel st&uuml;rmen! Wie gern m&ouml;chte ich auch hier solche
-Riesen finden, wilde, brausende Wogen, welche das Herz
-erzittern lassen ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und heldenhafte Menschen ... welche mir imponieren!&laquo;
-f&uuml;gte er leise, mit wunderlichem Zucken der dichten
-Augenbrauen hinzu, &mdash; &raquo;das Meer wird Ihre W&uuml;nsche
-sicher erf&uuml;llen, in die Macht der Menschen aber ist es
-nicht gegeben, gewaltsam einen Himmel zu st&uuml;rmen, vor
-dessen T&uuml;r das Schicksal sieben Siegel gelegt!&laquo;</p>
-
-<p>Sie waren hastig ausgeschritten und standen jetzt vor
-dem Boot, welches zwei Fischer just an den Strand
-schieben wollten.</p>
-
-<p>Zur Seite sa&szlig; ein alter Mann auf einem Holzstamm
-und war damit besch&auml;ftigt, Reservedollen und Ruderklampen
-zu schnitzen.</p>
-
-<p>Guntram Krafft rief die M&auml;nner in plattdeutscher
-Sprache an, &mdash; sie unterbrachen sich, wateten heran und
-schienen kurz mit dem Grafen zu beraten.</p>
-
-<p>Ein pr&uuml;fender Blick nach dem Horizont, eine ruhig
-zustimmende Handbewegung.</p>
-
-<p>&raquo;Wenn dat nich l&auml;nger wiehrt, a's 'ne half Stunn',
-dann geiht dat wull noch an'!&laquo; &mdash; und sie warfen die<span class="pagenum"><a id="Page_296">[S. 296]</a></span>
-Riemen zurecht und bereiteten schweigend das Boot zur
-Fahrt.</p>
-
-<p>Der alte Mann stand auf, nahm die kurze Pfeife aus
-dem Mund und fragte: &raquo;Sall ik Se beglieten, Herr
-Graf?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nee, Klaaden, da sull keener mit mi gahn, &mdash; dat
-d&uuml;ert h&uuml;t nich lang.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Und dann fl&uuml;sterte er noch ein paar Worte mit den
-Schiffern und wandte sich abermals zu Gabriele.</p>
-
-<p>&raquo;Es h&auml;lt sehr lange auf, das Boot an das Land
-zu ziehen, gn&auml;diges Fr&auml;ulein; Sie gestatten wohl, da&szlig;
-einer der Leute Sie in das Fahrzeug tr&auml;gt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, so geh&ouml;rt sich das!&laquo; lachte Gabriele ein klein
-wenig verlegen. &raquo;Meine Freundin ward in Helgoland
-bei dem Landen auch in das Boot getragen.&laquo;</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp wandte sich ab und schien
-sehr interessiert eine zerbrochene Spiere, welche im Sande
-lag, zu besichtigen, der Fischer aber trat ruhig herzu,
-nahm Gabriele auf den Arm und watete mit ihr in das
-Wasser.</p>
-
-<p>&raquo;Hollen Se' sick fast!&laquo; sagte er &mdash; und nach einem
-Augenblick mehr zu sich selber im Kommandoton: &raquo;La&szlig;
-sack' &mdash;!&laquo; und gleichzeitig hob er die junge Dame und
-lie&szlig; sie in das schwankende Boot nieder.</p>
-
-<p>Guntram Krafft kam nun mit schnellen Schritten durch
-das seichte Wasser, sprang in das Fahrzeug und griff
-nach den Riemen.</p>
-
-<p>&raquo;Ich m&ouml;chte heute nicht segeln, sondern mich in n&auml;chster
-N&auml;he des Ufers halten, um erst einmal zu sehen, ob
-Sie seefest sind, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein!&laquo; sagte er mit
-schnellem L&auml;cheln. &raquo;F&uuml;r meine Begriffe ist die See
-sehr ruhig, f&uuml;r die Ihren vielleicht nicht.&laquo;</p>
-
-<p>Die starken F&auml;uste der Fischer machten das Boot frei,
-der Graf half mit den Riemen und stie&szlig; kr&auml;ftig ab, &mdash;
-hochauf b&auml;umte das leichte Fahrzeug und glitt &uuml;ber die
-erste Brandung hinaus.</p>
-
-<p>&raquo;Und das nennen Sie ruhige See?&laquo; fragte Gabriele
-leise und blickte mit gro&szlig;en Augen in den Gischt, welcher<span class="pagenum"><a id="Page_297">[S. 297]</a></span>
-um das Heck spritzte. &raquo;Sehen Sie doch, wie das sch&auml;umt
-und wogt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich hoffe, Sie lernen es von sicherem Lande aus noch
-besser kennen! Heute scherzt und spielt das Wasser nur,
-wenn es aber ernstlich b&ouml;se wird, fahre ich Sie nicht
-hinaus.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dann ist es gef&auml;hrlich?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sehr gef&auml;hrlich! Nicht f&uuml;r mich, sondern f&uuml;r Sie!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Wieder zuckte ihr Blick zu ihm hin&uuml;ber.</p>
-
-<p>&raquo;Als Sie die Leute der &rsaquo;Sophie Johanne&lsaquo; retteten,
-war es da solch ein Wetter wie heute?&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft wandte seine ganze Aufmerksamkeit
-dem Boote zu, da er gern jede gebrochene Welle, so gut
-es anging, meiden und das Fahrzeug in die Lage bringen
-wollte, da&szlig; die See vor demselben brach.</p>
-
-<p>&raquo;Die gr&ouml;&szlig;te Macht des Sturmes war wohl vor&uuml;ber,&laquo;
-sagte er l&auml;chelnd, &raquo;und das war ein Gl&uuml;ck f&uuml;r die Mannschaft,
-sonst w&auml;re es unm&ouml;glich gewesen, bei derart schwerer
-See an dem Wrack anzulegen. Es h&auml;ngt da so viel
-von der Geschicklichkeit, dem gesunden Urteil und der
-Geistesgegenwart des Lotsen ab, da&szlig; ein g&uuml;nstiger Erfolg
-nie mit Sicherheit vorausgesehen werden kann.&laquo;</p>
-
-<p>Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Guntram
-Krafft fort &mdash;: &raquo;W&uuml;rden Sie die G&uuml;te haben, sich
-mir gegen&uuml;berzusetzen, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, &mdash; Sie haben
-alsdann den vollen Anblick der sinkenden Sonne.&laquo;</p>
-
-<p>Das Boot hatte die Brandung passiert und glitt nun
-in gro&szlig;en, ruhigen Bewegungen &uuml;ber die Wogen; der
-Graf, welcher erst mit voller Kraft und Aufmerksamkeit
-gerudert hatte, hielt die Riemen ruhiger und schaute mit
-sinnendem Blick nach dem Horizont, welchem der feurigrote
-Sonnenball langsam entgegensank und einen breiten,
-funkelnden Goldstreifen auf das Wasser malte, in den
-das Boot just hineintrieb.</p>
-
-<p>Gabrieles reizende Gestalt war von hellem Purpurlicht
-&uuml;bergossen, und ganz verstohlen streifte sie der Blick des
-Grafen. &mdash; Sein Atem ging schwer, seine H&auml;nde umkrampften
-die Riemen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[S. 298]</a></span></p>
-
-<p>War's ein Traum?</p>
-
-<p>Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht
-gew&uuml;nscht, so allein &mdash; so weltfern und einsam
-mit der Hei&szlig;geliebten auf der wogenden Unendlichkeit
-des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun
-sa&szlig; sie ihm nahe &mdash; ganz nahe gegen&uuml;ber, die zauberischen
-Nixenaugen so oft mit langem Blick auf ihn gerichtet,
-das lockige Haar vom Wind verweht, das reizende Antlitz
-so tr&auml;umerisch und ernst ihm zugekehrt. &mdash;</p>
-
-<p>Damals, als er die Mannschaft der &raquo;Sophie Johanne&laquo;
-rettete, donnerte die See und heulte der Sturm, aber in
-seiner Brust war es still wie im Grab; und heute saust
-es nur linde und sacht in den L&uuml;ften, aber in seinem
-Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender
-wie jene, welche er damals so heldenhaft bezwungen!</p>
-
-<p>Und dieser soll er erliegen?</p>
-
-<p>Er atmet schwer auf, streicht langsam &uuml;ber die Stirn
-und lauscht ihrer Stimme wie im Traum.</p>
-
-<p>&raquo;Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang
-sei ein verk&ouml;rpertes, oder besser gesagt, ein gemaltes
-Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich sehe sehr
-viel Sch&ouml;nes, Gl&auml;nzendes, Farbenpr&auml;chtiges vor mir,
-aber seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie
-ist wohl noch nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht,
-in welchem sie inmitten alles Gro&szlig;stadtstaubes gelegen!
-Sie haben j&uuml;ngst am Strande das schlafende Dornr&ouml;schen
-schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute!
-Lehren Sie mich mit Ihren Augen sehen! &mdash; Was bedeutet
-f&uuml;r Sie solch ein Sonnenuntergang?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zur&uuml;ck, seine
-gro&szlig;en Blauaugen bekommen einen weichen, tr&auml;umerischen
-Glanz, sein Blick schweift weit hinaus.</p>
-
-<p>&raquo;Er bedeutet f&uuml;r mich einen Traum &mdash; er bezwingt
-mich wie das Opium seinen Raucher, alles logische Denken,
-alle Wirklichkeit versinkt in wallenden Nebeln &mdash;
-und alles Unorganische beginnt zu leben. &mdash; Wir Seeleute
-berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene
-Ruhe um uns her wirkt wie eine Narkose &mdash; die leise<span class="pagenum"><a id="Page_299">[S. 299]</a></span>
-Musik des Windes, das Rauschen der Wogen, das Fl&uuml;stern
-des Riedgrases, melancholischer M&ouml;wenschrei und
-das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch
-ein Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt
-des Realen vor unsern Blicken verwischt. &mdash; Hier und
-da der grelle Blitz einer Welle, welchen die Sonne
-trifft &mdash; ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn k&uuml;hlt ...
-und man tr&auml;umt &mdash; tr&auml;umt wie ein Fiebernder, um
-dessen Lager giftige Bl&uuml;ten welken ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Vom Sonnenuntergang?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Den sehe ich nicht. &mdash; Ich habe eine Vision. Vor
-mir wachsen die geheimnisvollen, glutroten Korallen aus
-der Tiefe des Wassers, sie breiten ihr mystisches Ge&auml;ste
-aus &uuml;ber den Himmel, sie flechten ein Netz durch
-Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen,
-an welchem wei&szlig;e Perlen schimmern. &Uuml;ber sie hin weht
-es wie lichte Schemen ... duftig ... wesenlos ... grau
-verhauchend, sie breiten violette Schwingen aus ... die
-reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern
-... sehen Sie dort? &mdash; da tauchten sie hinab in die grelle
-Feuerbrunst, die wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen
-lodert und ihre Blitzfunken weit empor gegen
-das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die Farben kommen
-und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb,
-welches dem L&auml;cheln eines unbarmherzigen Weibes
-gleicht ... und das kranke Gr&uuml;n, das irisierende
-Wei&szlig; des Opals ... das s&uuml;&szlig;e, schmeichelnde Rosa ...
-einen Ku&szlig;, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel
-hauchten! &mdash; Dort schie&szlig;en m&auml;chtige Lilien empor
-... wie Phantome ... ein Glorienschein umgibt sie ...
-riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln sie ... und dar&uuml;ber
-w&ouml;lbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle Rubine
-wie zornige Augen spr&uuml;hen! &mdash; Sie st&uuml;rzt zusammen,
-und nun schl&auml;gt eine ungeheure Flamme empor ... Sie
-w&auml;hnen, da&szlig; es die Sonne ist? Nein! Es ist das St&uuml;ck
-eines Weltenbrandes, der entscheidende Augenblick im
-wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem
-Wasser sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe
- <span class="pagenum"><a id="Page_300">[S. 300]</a></span>
-der Midgardschlange, welche sich schillernd windet
-und auf- und niederrollt, welche in zitternden Windungen
-durch das Weltmeer schie&szlig;t und mit breitem, scharfgez&auml;hntem
-Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenb&auml;umt!
-Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball
-verschlingt? &mdash; Mehr und mehr verschwindet er &mdash;
-und die roten Korallen erbleichen und sinken zusammen
-... die wei&szlig;en Lilien brechen wie stumme Klagen nieder
-... die Schmetterlinge zerstieben und treiben wie m&uuml;de,
-kleine Wolkenflocken in der Unendlichkeit ... aus dem
-Meere aber steigt ein wunderholdes Weib mit kristallenen
-Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, &mdash; die
-hebt mit m&uuml;dem, strengem L&auml;cheln einen grauen Schleier
-und breitet ihn &uuml;ber Himmel und Erde, &uuml;ber die Augen
-des fiebernden Mannes, der solch wunderliche Tr&auml;ume
-hat, und sie sagt: &rsaquo;Wach auf! Es ist Zeit, heimzukehren,
-die Sonne ging unter!&lsaquo;&laquo;</p>
-
-<p>Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte
-pl&ouml;tzlich leise auf:</p>
-
-<p>&raquo;Und solch n&auml;rrisches Zeug denkt ein gro&szlig;er, vern&uuml;nftiger
-Mensch bei dem Anblick eines Abendhimmels!&laquo;</p>
-
-<p>Sie sa&szlig; ihm gegen&uuml;ber, die Blicke gro&szlig; und sinnend
-auf ihn gerichtet. Unverwandt, wie in staunender Frage.</p>
-
-<p>&raquo;Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wohl m&ouml;glich, &mdash; ich wei&szlig; es nur nicht.&laquo;</p>
-
-<p>Der Wind erhob sich st&auml;rker, das Boot stieg hoch
-auf und scho&szlig; tief hinab in gr&uuml;nglasigem Wassergebirge.</p>
-
-<p>&raquo;Sie sehen so bla&szlig; aus, Fr&auml;ulein Gabriele, frieren
-Sie?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Sie nickt. &raquo;Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.&laquo;</p>
-
-<p>Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher
-auf der Bank lag, und reichte ihn zu ihr hin&uuml;ber.</p>
-
-<p>&raquo;Ich bitte, legen Sie ihn um. &mdash; In wenig Minuten
-sind wir am Strande.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach
-der See hin und strich dem Lande zu, jeder heranlaufenden
-See einige Schl&auml;ge entgegenrudernd, damit
- <span class="pagenum"><a id="Page_301">[S. 301]</a></span>
-sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte,
-wie energisch und sicher seine starken Arme das
-Fahrzeug regierten!</p>
-
-<p>Und wie sch&ouml;n er aussah!</p>
-
-<p>Nie hatte Gabriele die gl&auml;nzendste Galauniform eines
-Mannes besser gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar
-kleidsame Fischeranzug.</p>
-
-<p>Wie kernig, wie wetterfest und m&auml;nnlich sah der B&auml;r
-von Hohen-Esp darin aus, wie edel und k&uuml;hn sein Antlitz,
-welches sich soeben noch der sinkenden Sonne zugewandt
-und ein M&auml;rchen voll schw&auml;rmerischer Weichheit
-getr&auml;umt hatte! &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren.</p>
-
-<p>Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes
-gefahrvoll und be&auml;ngstigend, sie f&uuml;hlte, wie ihr Herz
-schneller schlug, wie ihre H&auml;nde leise erbebten, wenn ein
-Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, &uuml;ber das Schifflein
-hinwegzubranden.</p>
-
-<p>Mit keinem andern F&auml;hrmann h&auml;tte sie in diesem
-gebrechlichen Fahrzeug sitzen m&ouml;gen, als mit dem B&auml;ren
-von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und unbesorgt
-gegen&uuml;bersa&szlig;, als habe er nur seine herzliche Freude
-an dem scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer
-st&auml;rker sauste der Wind, und immer schneller scho&szlig; das
-Boot der K&uuml;ste zu. Guntram Krafft wandte sich um und
-blickte nach dem Strand.</p>
-
-<p>Eine j&auml;he Betroffenheit malte sich auf seinen Z&uuml;gen.</p>
-
-<p>&raquo;Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten!&laquo;
-sagte er, griff mit der einen Hand hastig in die Tasche
-und f&uuml;hrte eine Torpedopfeife an die Lippen.</p>
-
-<p>Niemand zeigte sich in den D&uuml;nen.</p>
-
-<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen landen, &mdash; es wird immer k&uuml;hler, und
-der Wind kommt auf!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sind wir noch nicht zur Stelle?&laquo;</p>
-
-<p>Das Boot scho&szlig; auf den Sand und sa&szlig; mit hartem
-Rucke fest; eine kr&auml;ftige Welle scho&szlig; &uuml;ber und &uuml;bergo&szlig;
-es mit einem Spritzer.</p>
-
-<p>Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer
- <span class="pagenum"><a id="Page_302">[S. 302]</a></span>
-hilfesuchend nach dem Strand. Dann warf er die Riemen
-hin und sagte zu Gabriele, indem er sich aus dem
-Boot schwang: &raquo;Wir haben leider keinen Landungssteg
-hier. Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt
-aber noch halb im Wasser. Sie m&uuml;ssen gestatten, gn&auml;diges
-Fr&auml;ulein, da&szlig; ich Sie diese paar Schritte an Land
-trage!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele f&uuml;hlte, wie ihr das Blut in die Wangen scho&szlig;,
-aber sie erhob sich und trat sehr ruhig an den Rand des
-Kahnes.</p>
-
-<p>&raquo;Das w&auml;re sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind
-nicht auf Waten eingerichtet.&laquo;</p>
-
-<p>Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne
-sie anzusehen, und hob sie an seine Brust.</p>
-
-<p>Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen
-Strand und lie&szlig; die junge Dame sanft hinabgleiten.
-Droben in den D&uuml;nen erschienen im Laufschritt die Fischer.</p>
-
-<p>&raquo;Wollen Sie die G&uuml;te haben, vorauszugehen, wir
-m&uuml;ssen das Boot erst bergen!&laquo; &mdash; Seine Stimme klang
-rauh, atemlos.</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Ich habe Ihnen so viele M&uuml;he gemacht, Graf, ich
-danke Ihnen von Herzen!&laquo; Sie reichte ihm die Hand hin,
-und er umschlo&szlig; sie mit kurzem, krampfhaftem Druck.
-Er murmelte ein paar Worte &mdash; sie verstand sie nicht,
-der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten
-Hauptes zur Burg.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_303">[S. 303]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XXIII">XXIII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Die B&auml;ume des Waldes rauschten im Wind und neigten
-sich, und blickten in das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles,
-welches ihnen so seltsam ver&auml;ndert deuchte. &mdash;</p>
-
-<p>Wo war die k&uuml;hle, gleichg&uuml;ltige Ruhe geblieben, welche
-sonst aus ihren Augen geschaut?</p>
-
-<p>Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig,
-wie Gedanken, welche aufzucken und schwinden, welche
-dem Fr&uuml;hrot gleichen, dessen Strahlen gegen die Schatten
-der Nacht k&auml;mpfen m&uuml;ssen, ehe sie leuchtenden Sieg
-erringen.</p>
-
-<p>War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben
-durch sch&auml;umende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem
-Arm gehoben und an der Brust gehalten hatte, &mdash;
-war es derselbe sch&uuml;chtern verlegene J&uuml;ngling, welcher
-im Ballsaal der Residenz so unsicher &uuml;ber das Parkett
-schritt, als vermisse er das G&auml;ngelband der Mutter? &mdash;</p>
-
-<p>War diese poetisch sch&ouml;ne Erscheinung des wetterharten
-Seemanns dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen
-so ungeschickt einherschritt, wie ein t&auml;ppischer B&auml;r,
-welchen man zur Kurzweil in Maskentand gekleidet?</p>
-
-<p>Nein, es war <em class="gesperrt">nicht</em> derselbe! Es war nicht m&ouml;glich,
-nicht denkbar, da&szlig; binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel
-und Wandel mit einem Menschen vor sich gehen kann!</p>
-
-<p>Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen
-dem vorj&auml;hrigen Herbstlaub nach, welches der Wind
-raschelnd vor ihr her, den Burgberg hinantrieb.</p>
-
-<p>Ein Wandel?</p>
-
-<p>Nein, es ist kein Wandel.</p>
-
-<p>Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen,
-wie er jetzt vor ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle
- <span class="pagenum"><a id="Page_304">[S. 304]</a></span>
-aber, welche er in der Residenz gegeben, hatte ein
-Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Z&uuml;ge in
-nichts der Wahrheit glichen.</p>
-
-<p>Ist es nur das Neue, &Uuml;berraschende, was Gabriele so
-fesselt, so ungew&ouml;hnlich erregt? Ist es Zauberspuk, da&szlig;
-sein sch&ouml;nes, eigenartiges Bild ihr vorschwebt, ob sie
-es sehen mag oder nicht?</p>
-
-<p>Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er pr&uuml;fend
-See und Himmel beobachtete, sichere Fahrt zu
-nehmen, und wie mild und tr&auml;umerisch ward es, als der
-Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm
-spiegelte, als er ihr leis und schw&auml;rmerisch seinen Zauber
-mit den Worten eines Dichters malte!</p>
-
-<p>Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur
-wie das linde S&auml;useln eines Windes, welcher stark genug
-ist, in n&auml;chster Stunde zum Orkan anzuwachsen.</p>
-
-<p>Dieses Sinnen und Tr&auml;umen pa&szlig;t zu dem einsamen
-Mann, in dessen Herzen noch die Wunder der Natur
-leben, welche ihn rein und unverf&auml;lscht umgibt.</p>
-
-<p>Herr von Heidler konnte auch fl&uuml;stern in Worten des
-Dichters, aber das war eine schw&uuml;le, bet&auml;ubende Poesie,
-der Gifthauch des Modernen, welches nur die Sinne
-berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen
-Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles
-Sch&ouml;nen und Edlen &uuml;ber den Wogen des Weltmeers
-schwebt!</p>
-
-<p>Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel
-eines Dichters, um Erfolge zu erringen, um die Augen
-zu blenden und in frivolem Spiel Triumphe &uuml;ber M&auml;dchenherzen
-zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur
-Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte,
-welche nicht um Beifall buhlten und keine selbsts&uuml;chtigen
-Zwecke verfolgten.</p>
-
-<p>Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind
-verwehte den Klang seiner Stimme, und als er erwachend
-das Haupt hob, war der Traum vergessen.</p>
-
-<p>Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft,
- <span class="pagenum"><a id="Page_305">[S. 305]</a></span>
-&mdash; da machten sie sich die Elemente untertan und besiegten
-sie wie in harmlosem Spiel. &mdash;</p>
-
-<p>Und dann ...</p>
-
-<p>Gabriele atmete pl&ouml;tzlich schwer auf und schritt beinahe
-ungest&uuml;m weiter, &mdash; dann umfing sie dieser kraftvolle
-Arm und trug sie durch den kr&auml;uselnden Wellenschaum,
-und sie umschlang seinen Nacken und war seinem
-Antlitz so nahe &mdash; wenngleich er das seine auch abwandte
-in respektvoller Ritterlichkeit.</p>
-
-<p>Warum schlug ihr Herz so hei&szlig; und leidenschaftlich auf
-in diesem Augenblick?</p>
-
-<p>Warum gefiel es ihr so gut, da&szlig; er sein Gesicht weit
-wegkehrte von ihr, da&szlig; er so schnell und hastig ausschritt,
-da&szlig; er sie nicht ansah, als er sie sanft zur Erde gleiten
-lie&szlig;?</p>
-
-<p>Gibt es dennoch jene stolze M&auml;nnertugend, welche nicht
-das Ihre sucht?</p>
-
-<p>O, wie anders h&auml;tte Herr von Heidler diesen Augenblick
-ausgenutzt!!</p>
-
-<p>Wie w&uuml;rde er sie in wild begehrlicher Weise an sich
-gedr&uuml;ckt &mdash; wie s&uuml;&szlig; und ber&uuml;ckend, wie zwingend und
-lohnheischend w&uuml;rde er ihr in das Auge geschaut haben!</p>
-
-<p>Langsam &mdash; ganz langsam w&auml;re er wohl ausgeschritten,
-und die Worte, welche er in ihr Ohr gefl&uuml;stert
-h&auml;tte, w&auml;ren wohl auch Dichterworte gewesen, aber solche,
-welche wie sengende H&ouml;llenfunken in das Herz fallen! &mdash;</p>
-
-<p>Im Spott und &Uuml;bermut hat man den B&auml;ren von Hohen-Esp
-in der Residenz den modernen Parzival genannt!
-Und doch ... kein Name pa&szlig;t sch&ouml;ner und besser
-f&uuml;r ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, &mdash; Weltunklugheit,
-welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen H&auml;nden
-ein Heiligtum zum Schutze anvertraut wird! &mdash;</p>
-
-<p>Parzival, der Held! &mdash;</p>
-
-<p>Ist auch Guntram Krafft ein solcher?</p>
-
-<p>Da zieht es wie ein Schatten &uuml;ber das verkl&auml;rte Antlitz
-des jungen M&auml;dchens.</p>
-
-<p>Ach, da&szlig; er es w&auml;re!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_306">[S. 306]</a></span></p>
-
-<p>Da&szlig; sie eine einzige Tat der K&uuml;hnheit, des wagemutigen
-Heldensinnes bei ihm schauen k&ouml;nnte!</p>
-
-<p>Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust,
-wie sp&ouml;ttisches, grimmiges Gel&auml;chter! Noch wenige
-Schritte, und die grauen, efeuumsponnenen Mauern von
-Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. &mdash;</p>
-
-<p>Die steinernen B&auml;ren sehen sie mit den bemoosten
-Augen an, als ob auch sie lachten, und sie heben die
-Pranken und kehrten ihr das alte Wappenschild zu.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Christie Kyrie &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Zu Land und zu See &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Schirmherr der Not.<br /></span>
-<span class="i0">Das walt' Herre Gott!&laquo; &mdash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen,
-&mdash; heute deucht es ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal.</p>
-
-<p>Schirmherr der Not! &mdash;</p>
-
-<p>Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher
-hochherzig und selbstlos sein Leben einsetzt, der Not
-des N&auml;chsten zu Hilfe zu kommen? &mdash;</p>
-
-<p>Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen
-Jahrhunderten ihr Schwert und ihren starken Arm in
-den Dienst der Not gestellt.</p>
-
-<p>Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gr&auml;fin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits
-erwartet zu haben.</p>
-
-<p>Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter
-und zufrieden aus.</p>
-
-<p>&raquo;Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fr&auml;ulein noch
-ein warmes Tuch an den Strand nachtragen!&laquo; scherzte
-sie, &raquo;denn eine Stadtdame, wie Baronesse Gabriele,
-mu&szlig; sich erst an unsere frischen Brisen gew&ouml;hnen! Statt
-dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zur&uuml;ck und
-meldet, da&szlig; das gn&auml;dige Fr&auml;ulein mit dem Herrn Grafen
-hinausgerudert sei! &mdash; Das nenne ich Courage, liebe
-Gabriele, denn soviel ich von hier aus beurteilen kann,
-ist die See bewegt!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_307">[S. 307]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Und wie bewegt, Frau Gr&auml;fin! F&uuml;r meine Begriffe
-war es Sturm!&laquo;</p>
-
-<p>Gundula lacht und kehrt das junge M&auml;dchen dem
-Fenster zu.</p>
-
-<p>&raquo;Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen
-ist! Nun ja ... bla&szlig;, wie eine wei&szlig;e Rose!
-Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife meinen
-Sohn nicht, da&szlig; er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren
-hat! Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit
-Sie wieder Farbe bekommen!&laquo;</p>
-
-<p>J&auml;he Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bem&uuml;hte
-sich, so harmlos und heiter zu plaudern, wie sonst, und
-empfand es doch, da&szlig; es ihr heute nicht so leicht wurde,
-wie zuvor.</p>
-
-<p>&raquo;Ihr Herr Sohn war v&ouml;llig unschuldig, gn&auml;digste
-Gr&auml;fin, und nur ein Opfer seiner gro&szlig;en Liebensw&uuml;rdigkeit,
-welche ich hart auf die Probe stellte.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ah &mdash; so war es <em class="gesperrt">Ihr</em> Wunsch, zu fahren?&laquo; unterbrach
-die Herrin von Hohen-Esp und sah noch erfreuter
-aus, wie erst: &raquo;Hat es unser sch&ouml;nes Meer Ihnen nun
-doch angetan?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Es war in seiner Erregung entschieden viel ber&uuml;ckender,
-wie in seinem <em class="antiqua">dolce far niente</em>!&laquo; lachte das junge
-M&auml;dchen und trat noch weiter aus dem Fensterlicht
-zur&uuml;ck in die d&auml;mmrige Halle: &raquo;Ja, es war so herrlich
-anzusehen, da&szlig; mich das unwiderstehliche Verlangen ankam,
-mich einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam
-mir just in den Weg, und da er die Gutm&uuml;tigkeit der
-Hohen-Esp mit dem B&auml;renblut geerbt, so erf&uuml;llte er
-stehenden Fu&szlig;es meinen unbescheidenen Wunsch!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er wird sich gewi&szlig; sehr gefreut haben! Man kann
-ihm ja nichts Lieberes antun, als Interesse f&uuml;r die See
-und alles, was ihr angeh&ouml;rt, zu zeigen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das
-Unvermeidliche zu f&uuml;gen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zur&uuml;ck?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, liebe Burgfrau &mdash;&laquo; Gabriele neigte das K&ouml;pfchen
-und k&uuml;&szlig;te beinahe z&auml;rtlich die Hand der alten Dame,
- <span class="pagenum"><a id="Page_308">[S. 308]</a></span>
-welche sich auf ihre Schulter legte &mdash; &raquo;er mu&szlig; nun
-erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein &Uuml;bermut
-unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen!
-Ich glaube, der edle Renner soll erst f&uuml;r die Nacht in den
-Stall geschafft werden!&laquo;</p>
-
-<p>Gundula nickte heiter. &raquo;Der Wind scheint t&uuml;chtig aufzufrischen,
-da werden sie zur Nacht wohl alles am Strande
-bergen wollen, falls eine st&auml;rkere Boe einsetzt! Wie war
-Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich seet&uuml;chtig?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt,
-Frau Gr&auml;fin, ich habe mich schrecklich gef&uuml;rchtet! Wollte
-mich nur nicht allzusehr vor dem Grafen blamieren,
-sonst w&auml;re ich sehr bald wieder ausgestiegen, als ich
-merkte, wie hoch die Wellen gingen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;F&uuml;rchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder f&uuml;hrt?&laquo;
-&mdash; Wie ruhig, wie stolz und zuversichtlich klangen diese
-Worte. &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele neigte das K&ouml;pfchen: &raquo;Der Graf ist gewi&szlig;
-sehr stark und kr&auml;ftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen,
-vermag schlie&szlig;lich niemand, und ich glaube,
-Ihr Herr Sohn wu&szlig;te es anfangs selber nicht, wie arg
-der Wind war, sonst h&auml;tte er vielleicht die Fahrt gar
-nicht unternommen!&laquo;</p>
-
-<p>Nun lachte die Gr&auml;fin ebenso laut auf, wie zuvor
-Guntram Krafft, als sie von dem Sturm gesprochen.</p>
-
-<p>&raquo;Ich w&uuml;nschte nur, Sie erlebten bald einmal das,
-was wir hier &rsaquo;grobe See&lsaquo; nennen!&laquo; sagte sie dann mit
-seltsam leuchtendem Blick. &raquo;Ich glaube, Sie kennen bisher
-weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer,
-wenn es zornig wird, noch den B&auml;ren von Hohen-Esp,
-wenn er beiden die Z&auml;hne weist. &mdash; Was bringen Sie,
-Anton? &mdash; Wollen Sie Licht anstecken? Wir warten mit
-dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.&laquo;</p>
-
-<p>Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten,
-ein kleines Spitzglas voll Tokayer f&uuml;r Gabriele zu f&uuml;llen,
-der alte Kammerdiener aber verneigte sich respektvoll
-und nahm eilig ein Tablett, dem gn&auml;digen Fr&auml;ulein
-den Wein zu servieren.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_309">[S. 309]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Halten zu Gnaden, Frau Gr&auml;fin. Soeben bringt
-einer aus dem Dorfe die Nachricht, da&szlig; der Herr Graf
-nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen k&ouml;nne. Man
-wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei
-Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen
-die Damen bitten, allein den Tee zu trinken, da es sp&auml;t
-bis zu seiner R&uuml;ckkehr werden k&ouml;nne.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar
-noch keine telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn
-eingetroffen, aber der Seemann versteht sich schon auf
-die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten. So stecken Sie
-die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, da&szlig; f&uuml;r uns
-angerichtet werde.&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht,
-da&szlig; Guntram Krafft heute fernbleiben werde. Sie wu&szlig;te
-es selber nicht, warum sie ein gewisses Bangen empfand,
-ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch
-schlug ihr Herz zu ungest&uuml;m, wenn sie an den Augenblick
-dachte, wo er sie an der Brust gehalten; es war
-gut, wenn sie Zeit gewann, ihre t&ouml;richte Verlegenheit
-zu &uuml;berwinden.</p>
-
-<p>&raquo;Arme Mike!&laquo; fuhr die Gr&auml;fin mitleidig fort, &raquo;sie
-bekommt gewi&szlig; einen st&uuml;rmischen Hochzeitstag! Das Heulen,
-Sausen und Wogenbranden ist zwar f&uuml;r eine wackere
-Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir leidsein,
-wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich
-in b&ouml;s Wetter hinausschicken m&uuml;&szlig;te!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Mike?&laquo; fragte Gabriele nachdenklich, &raquo;ist das nicht
-das blonde, h&uuml;bsche M&auml;del, mit welchem Sie vorgestern
-im Dorfe sprachen, Frau Gr&auml;fin?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen
-meines Sohnes, J&ouml;schen Grotrian mit Namen,
-einen wackern, pr&auml;chtigen Bursch, der beste unter
-Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der
-Mutter bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur
-Hochzeit einzuladen! Ich habe zugesagt, auch f&uuml;r Sie,
-liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie teilen unsere Vorurteilslosigkeit
-in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und
- <span class="pagenum"><a id="Page_310">[S. 310]</a></span>
-unsere braven Fischer drunten geh&ouml;ren in Freud und
-Leid zusammen! Wir sind in der langen Reihe der Jahre
-wie eine gro&szlig;e Familie geworden, und gemeinsame Not,
-Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am
-Strande waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu
-zusammengef&uuml;gt hat. &mdash; Da ist es undenkbar, da&szlig; sich
-im Dorfe drunten jemand freuen oder betr&uuml;ben k&ouml;nne,
-ohne da&szlig; wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben
-gewi&szlig; noch keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele,
-und die sehr primitiven Verh&auml;ltnisse solcher Feiern
-sind Ihnen unbekannt! Dennoch hoffe ich, da&szlig; Ihr gutes
-Herz sich in all dies Fremde und f&uuml;r Sie gewi&szlig; sehr
-wenig &rsaquo;Hoff&auml;hige&lsaquo; finden wird, und da&szlig; Sie mir zuliebe
-nicht das N&auml;schen r&uuml;mpfen, sondern lustig und guter
-Dinge mit den biederen Menschen sind!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem
-Forschen auf das reizende Antlitz des jungen M&auml;dchens
-geheftet, und als sie das freudige Aufleuchten
-in den gro&szlig;en Augen und das L&auml;cheln um die rosigen
-Lippen sah, streckte sie Gabriele j&auml;hlings die Hand entgegen
-und sagte so herzlich, wie noch nie zuvor: &raquo;Ja,
-ich sehe es Ihnen an, Sie werden uns gern begleiten!
-Sie f&uuml;hlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich
-danke Gott dem Herrn, da&szlig; er Sie in unser Haus gef&uuml;hrt!&laquo;</p>
-
-<p>Wieder dr&uuml;ckte Fr&auml;ulein von Sprendlingen die Lippen
-auf die schlanken Finger Gundulas.</p>
-
-<p>&raquo;Wo k&ouml;nnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer
-N&auml;he, Frau Gr&auml;fin, gleichviel, wohin Sie mich f&uuml;hren!
-So neu wie mir diese Welt auch noch ist, so lieb ist sie
-mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar
-getraut werden? M&uuml;ssen wir alle in das Nachbardorf
-zur Kirche?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O nein!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Aber drunten bei uns am Strande ist keine!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im
-Turm dr&uuml;ben?&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_311">[S. 311]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Eine Kapelle? Hier in der Burg?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wir benutzen sie f&uuml;r gew&ouml;hnlich nicht, um dem Pfarrer
-den sehr unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen,
-auch m&uuml;&szlig;te er zweimal an jedem Sonntag predigen,
-in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu ihm!
-Bei au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Gelegenheiten aber kommt er
-hierher, und Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm f&uuml;r die
-Hochzeitsgesellschaft!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem
-Wagen holen, die Kirche wird geschm&uuml;ckt ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, herrlich! Wer besorgt das?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Immer der, der fragt!&laquo; neckte die B&auml;rin von Hohen-Esp.
-&raquo;Die Guirlande nagelt freilich einer der Knechte
-&uuml;ber die T&uuml;r, und die Tannenb&auml;umchen stellt wohl die
-Mamsell mit den M&auml;gden um den Altar herum auf, aber
-wenn sich sonst noch ein paar geschickte H&auml;ndchen finden
-wollten, den Altar selber recht sch&ouml;n und poetisch
-zu schm&uuml;cken, so w&auml;re mir das sehr lieb, denn f&uuml;r gew&ouml;hnlich
-war das meine Sorge, welche ich jetzt aber
-gern j&uuml;ngeren Kr&auml;ften &uuml;berlassen m&ouml;chte!&laquo;</p>
-
-<p>Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. &raquo;O,
-wie danke ich Ihnen f&uuml;r diese reizende Pflicht, Frau
-Gr&auml;fin, und wie freue ich mich darauf, die Kapelle zu
-sehen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn die M&auml;gde morgen fr&uuml;h mit Fegen und Scheuern
-fertig sind, soll man Sie rufen, liebe Gabriele! Sie
-sorgen wohl selber im Garten f&uuml;r die Blumen! Kaiserkronen,
-Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch
-noch Krokus und F&uuml;rwitzchen, &mdash; nehmen Sie alles, was
-Sie brauchen, die Str&auml;u&szlig;e k&ouml;nnen dann sp&auml;ter noch auf
-den Hochzeitstisch gebracht werden.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen.</p>
-
-<p>Sp&auml;t erst kehrte Guntram Krafft heim.</p>
-
-<p>Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gr&auml;fin
-vor, sondern schritt sogleich nach seinem Zimmer hinauf.</p>
-
-<p>Auch Frau Gundula ward m&uuml;de, k&uuml;&szlig;te Gabriele auf
-die Stirn und sagte ihr &raquo;Gute Nacht&laquo;.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_312">[S. 312]</a></span></p>
-
-<p>Wie allabendlich begleitete sie das junge M&auml;dchen
-erst nach seinem Erkerst&uuml;bchen.</p>
-
-<p>Ganz erschrocken wich Gabriele zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>&raquo;Was ist das?&laquo; fragte sie betroffen.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin lachte und entz&uuml;ndete ihr Licht an der
-brennenden Kerze auf dem Toilettentisch. &raquo;Das ist der
-Wind! &mdash; H&ouml;rten Sie ihn noch nie um alten Gem&auml;uer
-sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da
-braust es in allen Tonarten von der See her&uuml;ber. Ich
-f&uuml;rchte, die Nacht wird schlimm, &mdash; aber Gottlob ist
-niemand von unsern Leuten drau&szlig;en. Die Armen aber,
-welche auf hoher See mit Wind und Wogen k&auml;mpfen!
-Vergessen Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele,
-auch das ist so Sitte auf Hohen-Esp!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Das junge M&auml;dchen stand regungslos und starrte nach
-den spitzen, kleinen Bogenfenstern, um welche es pfiff
-und schrillte.</p>
-
-<p>&raquo;F&uuml;rchten Sie sich, liebes Kind?&laquo; Gundula legte z&auml;rtlich
-den Arm um die weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen
-Gastin: &raquo;O, nicht doch! Sie sind hier sicher wie in
-Abrahams Scho&szlig;, und es ist heute nur das Ungewohnte,
-was Sie &auml;ngstigt! F&uuml;r mich gibt es kaum noch ein
-behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen
-und das ferne Donnern der See! Auch Sie
-werden es bald lieb gewinnen! &mdash; Wenn freilich der
-Wind zum Sturm und Orkan wird, dann l&auml;&szlig;t einem
-der Gedanke an die Schiffe, welche drau&szlig;en sind, keine
-Ruh ... dann kommt die Sorge, ob Guntram Krafft
-nicht hinaus mu&szlig;, Hilfe zu bringen! Aber davon ist
-heute keine Rede, &mdash; diesen Wind haben wir oft, sehr
-oft, wir achten seiner kaum noch! Falls es ihnen aber
-lieber ist, Gabriele, will ich die T&uuml;r nach meinem Zimmer
-&ouml;ffnen, &mdash; Sie f&uuml;hlen sich dann nicht so vereinsamt!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Nein, nein, liebe Frau Gr&auml;fin, das w&auml;re noch sch&ouml;ner,
-wenn ich ein solcher Hasenfu&szlig; sein wollte! Nun, wo
-ich wei&szlig;, was f&uuml;r Stimmen da drau&szlig;en l&auml;rmen, lachen
-und rufen, f&uuml;rchte ich mich nicht mehr vor ihnen!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_313">[S. 313]</a></span></p>
-
-<p>Und als sich nach herzlichem &raquo;Gute Nacht&laquo; die Gr&auml;fin
-zur&uuml;ckgezogen, trat Gabriele an das Fenster und blickte
-in die dunkle Nacht hinaus.</p>
-
-<p>Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen &uuml;ber den
-Himmel &mdash; die B&auml;ume drunten bogen sich und &auml;chzten,
-und die Fensterriegel klappten und greinten wie mit
-leisem, wehm&uuml;tigem Klagelaut.</p>
-
-<p>Gabriele schlo&szlig; die Vorh&auml;nge und begab sich zur Ruhe.</p>
-
-<p>Aber sie fand lange keinen Schlaf.</p>
-
-<p>Ihr war's, als s&auml;&szlig;e sie noch in dem Boot, das auf
-und ab geschleudert ward von tosenden Wellen.</p>
-
-<p>Guntram Krafft sa&szlig; ihr gegen&uuml;ber und f&uuml;hrte das
-Ruder &mdash; und er sah sie nicht an, sondern blickte starr
-geradeaus in die g&auml;hnend finstere Nacht &mdash; und sein
-Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp,
-der ertrunken war um 1503! &mdash;</p>
-
-<p>Ertrunken! &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele schauerte zusammen und pre&szlig;te das Antlitz
-in die Kissen.</p>
-
-<p>Wie kam ihr pl&ouml;tzlich das Verstehen f&uuml;r dies grausige,
-entsetzliche Wort! &mdash;</p>
-
-<p>Ertrunken!</p>
-
-<p>Sie schlingt die H&auml;nde ineinander und betet mit zuckenden
-Lippen f&uuml;r alle die, welche mit Sturm und Wogen
-ringen &mdash; so wie Frau Gundula es ihr gehei&szlig;en, aber
-ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor
-ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, &mdash; &mdash;
-und auch unter diesem starrt das furchtbare Wort: &raquo;ertrunken&laquo; ...</p>
-
-<p>Sie schrickt empor ... sie lauscht ...</p>
-
-<p>Droben, &uuml;ber Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer
-des Grafen.</p>
-
-<p>Er schl&auml;ft nicht, sie h&ouml;rt ihn auf und ab schreiten ...
-es schallt so sehr in dem grabesstillen Haus. &mdash;</p>
-
-<p>Horch ... hin und her ... hin und her ...</p>
-
-<p>Ruhelos wie sie! &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_314">[S. 314]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut.</p>
-
-<p>Die Sonne leuchtet am Himmel, &mdash; hinter dem Wald
-blitzen die wei&szlig;en Wellenk&auml;mme der See auf. &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele ist fr&uuml;hzeitig aufgestanden.</p>
-
-<p>Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnb&auml;umchen
-gesehen, das stand in voller Bl&uuml;te.</p>
-
-<p>Welch sinnigeren Altarschmuck k&ouml;nnte sie finden, als
-diese duftigen, schneeigen Zweige?</p>
-
-<p>Als sie in den Hof tritt, h&ouml;rt sie noch jenseits der
-Zugbr&uuml;cke Hufschlag verklingen. Ein Knecht steht, die
-Arme behaglich in die Seiten gestemmt, und schaut dem
-Reiter nach.</p>
-
-<p>&raquo;Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian?
-Die erwartete Sturmwarnung von der Seewarte?&laquo;</p>
-
-<p>Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen
-Augen vergn&uuml;glich an.</p>
-
-<p>&raquo;Nee, gn&auml; Fr&ouml;len! Dat wi n&auml;hstens doch 'n ollen
-d&uuml;chtigen B&ouml; kreegen, dat weiten wi ganz alleen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wer ritt soeben fort?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n
-Feldern nach'n Rechten kieken!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Auf den Feldern!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wie hei seggt! &mdash; Du leiwe Tid! Wat het de Graf
-nich allens to bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un
-Nacht. Un h&auml;tt dat doch so goar nich n&ouml;tig! Aber dat
-rackert sich af! Keen Dagel&ouml;hner duht sich so schinn'n as
-uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, je&szlig;t d&auml;ht
-hei Fr&uuml;hst&uuml;ck eten, un nu heidi wedder up't Pierd!&laquo;</p>
-
-<p>Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter.</p>
-
-<p>Also drum war er so selten am Morgen zu sehen,
-darum kehrte er neulich so staubig und erhitzt zur&uuml;ck und
-hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter zu verhandeln!
-Da&szlig; er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze
-zu werfen, da&szlig; er am Tage oft segelte und ruderte
-und anstrengende &Uuml;bungen mit seinen freiwilligen Lotsen
-machte, das war nur Erholung, nur Vergn&uuml;gen nach der
-Arbeit!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_315">[S. 315]</a></span></p>
-
-<p>Und diesen Mann hatte sie oft einen B&auml;renh&auml;uter genannt,
-ihn als m&uuml;&szlig;igen Tagedieb besp&ouml;ttelt und verachtet?</p>
-
-<p>Wieder schie&szlig;t Gabriele das Blut hei&szlig; in die Wangen.</p>
-
-<p>Wie traurig ist es doch, wenn ein M&auml;dchen so gar
-keinen Begriff von Landarbeit und Seewesen hat. Was
-f&uuml;r falsche, irrige Ansichten bildet man sich in der Stadt
-davon, wie bitter unrecht tut man oft den Flei&szlig;igsten und
-Verdienstvollsten!</p>
-
-<p>Gabriele ist es pl&ouml;tzlich zu Sinn, als habe sie ein
-schweres Unrecht an Guntram Krafft gutzumachen.</p>
-
-<p>Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der
-Hand zu Felde zieht, f&uuml;r Kaiser und Reich zu k&auml;mpfen,
-erwirbt sich Verdienste um sein Vaterland, sondern auch
-der, welcher in stillem Flei&szlig; seinen Grund und Boden
-kultiviert, f&uuml;r seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher
-gute Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen
-pflegt, welcher in treuer Selbstlosigkeit an der K&uuml;ste Wacht
-h&auml;lt, ein &raquo;Schirmvogt der Not&laquo; zu sein! &mdash;</p>
-
-<p>Mit bebenden H&auml;nden pfl&uuml;ckt Gabriele die bl&uuml;henden
-Zweige im Wald.</p>
-
-<p>Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut
-br&auml;utlich-wei&szlig;e Bl&auml;ttchen in ihr lockiges Haar, &mdash; in
-ihrem Herzen aber w&auml;chst aus kleinem Funken eine helle
-Flamme empor, noch flackernd und unsicher, aber dennoch
-stark genug, da&szlig; sie kein Aschenregen wieder ersticken
-kann.</p>
-
-<p>Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was
-ehemals in diesem Herzen als falsche G&ouml;tzen gethront,
-&mdash; sie macht es so hell, wo es fr&uuml;her dunkel war, sie
-l&auml;&szlig;t es so warm, ach so warm werden, wo fr&uuml;her Schnee
-und Eis gestarrt ...</p>
-
-<p>Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger
-Bl&uuml;tenzweige geladen, kehrt Gabriele heim, und von der
-niedern, rund gew&ouml;lbten Turmt&uuml;r, welche zu der Kapelle
-f&uuml;hrt, t&ouml;nt das helle Gel&auml;chter und der Gesang der
-M&auml;gde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_316">[S. 316]</a></span></p>
-
-<p>Sie sind noch flei&szlig;ig bei der Arbeit, und die Mamsell
-tritt Gabriele entgegen und bittet: &raquo;Wollen das gn&auml;dige
-Fr&auml;ulein nicht noch ein halbes St&uuml;ndchen warten! Dann
-ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckk&auml;stchen, und Baronesse
-haben einen so viel sch&ouml;neren Eindruck davon!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es ist aber schon recht sp&auml;t geworden, liebe Mamsell,
-und die Hochzeit soll sehr pr&auml;zise stattfinden! &mdash; Man
-heiratet hier schon zu recht fr&uuml;her Stunde!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, du liebe Zeit, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, so verliebte
-Leutchen haben es immer eilig, und Mike und J&ouml;schen
-vollends! Ist <em class="gesperrt">das</em> ein Gl&uuml;ck! Man braucht die beiden
-nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander sind!
-&mdash; Aber vielleicht machen das gn&auml;dige Fr&auml;ulein erst
-Toilette? So ein bi&szlig;chen was Wei&szlig;es oder Rosiges
-geh&ouml;rt sich doch f&uuml;r den heutigen Tag!... Und die
-Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je k&uuml;rzere
-Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie
-aus!&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">&raquo;Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke!
-So will ich mir denn ein hochzeitlich Gewand
-anziehen und bin in einer halben Stunde wieder hier!&laquo; &mdash;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_317">[S. 317]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XXIV">XXIV.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Da der Wind ganz pl&ouml;tzlich wieder bedeutend aufgefrischt
-hatte und merklich k&uuml;hl durch die bl&uuml;hende
-Fr&uuml;hlingspracht brauste, hatte Gabriele ein wollenes Kleid
-zu ihrem Anzug gew&auml;hlt, welches nun in zart wei&szlig;en
-Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederflo&szlig;.</p>
-
-<p>Es war noch eins ihrer &raquo;F&uuml;nfuhr-Tee&laquo;-Kleider, welche
-sie ehemals in der Residenz getragen, schick und elegant
-gearbeitet und doch einfach und anspruchslos wirkend,
-einzig geschm&uuml;ckt durch ein duftiges Spitzengeriesel, welches
-&uuml;ber die Brust fiel und den Saum des Rockes wie
-kr&auml;uselnden Wellengischt zierte. Die wei&szlig;e Perlenschnur,
-welche sie damals auf dem Hofball getragen, gl&auml;nzte
-auch jetzt auf ihrem grazi&ouml;sen Nacken, und in dem G&uuml;rtel
-duftete ein kleiner Strau&szlig; wei&szlig;er Narzissen.</p>
-
-<p>Hastig schritt sie &uuml;ber den Hof nach der Kapelle, und
-die Mamsell trat ihr entgegen, faltete behaglich die
-fetten H&auml;nde &uuml;ber dem Magen und betrachtete das junge
-M&auml;dchen mit unverhohlenem Entz&uuml;cken.</p>
-
-<p>&raquo;Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!&laquo; nickte sie
-wohlgef&auml;llig. &raquo;Wenn jetzt ein Fremder hier einschaute,
-der geh&ouml;rt h&auml;tte: &rsaquo;Auf der Burg gibt's eine Trauung&lsaquo;,
-dann w&uuml;rde er Stein und Bein darauf schw&ouml;ren, da&szlig;
-das gn&auml;dige Fr&auml;ulein selber die Braut sei, auf welche
-die Gespielinnen mit dem Kr&auml;nzchen und Schleier warten!
-&mdash; Na, ich denke, den Tag erleben wir auch noch, und
-dann will ich aber den Backofen f&uuml;r den Hochzeitskuchen
-heizen, da&szlig; die Flammen oben zum Schornstein hinausschlagen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der sch&ouml;ne Kuchen
-am Ende an!&laquo; lachte Gabriele, aber sie f&uuml;hlte es doch,
-wie ihr das Blut unter dem schelmisch zwinkernden Blick
- <span class="pagenum"><a id="Page_318">[S. 318]</a></span>
-der Alten in die Wangen scho&szlig;. &raquo;Der Mike steht das
-Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht
-viele Blumen auf den Weg streuen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Erst ihr, dann Ihnen, gn&auml;diges Fr&auml;ulein! Die Bl&uuml;tenzweige
-stehen in dem Wasserk&uuml;bel neben dem Altar!&laquo;</p>
-
-<p>Noch ein neckendes Nicken und Gr&uuml;&szlig;en, und die Mamsell
-fa&szlig;te Besen und Staubtuch und schritt &uuml;ber den Hof
-zur&uuml;ck, Gabriele aber trat in die Kapelle ein, welche
-leer und still im Schimmer der bunten, kleinen Glasfenster
-vor ihr lag.</p>
-
-<p>Voll and&auml;chtigen Entz&uuml;ckens schaute Gabriele um sich.</p>
-
-<p>Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebr&auml;unten,
-hochgeschnitzten Kirchenst&uuml;hle, geradeaus der
-erh&ouml;hte Altar in seinem verblichenen lila Samtschmuck,
-auf welchem die Silberstickerei l&auml;ngst schwarz geworden
-war. Hocharmige Silberleuchter, ein elfenbeingeschnitztes
-Kruzifix, an welchem noch die Rosenkr&auml;nze der gr&auml;flichen
-Beter aus der katholischen Zeit hingen.</p>
-
-<p>Rechts und links von dem Altar die Familienbilder
-frommer Hohen-Esp, hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen
-Nonnengew&auml;ndern und wei&szlig;en Kopft&uuml;chern, mit betend
-zusammengelegten, wachsgelben H&auml;nden und starren, hohl&auml;ugigen
-Gesichtern.</p>
-
-<p>Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches
-Gem&auml;lde: &raquo;Die Auferstehung des Herrn.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter
-des Bildes, ein Graf von Hohen-Esp, mit seiner Familie;
-die Burgfrau gleicht in der Tracht und Aussehen der
-Katharina von Bora, und &auml;hnlich wie Luthers Kinder
-sind auch ihre acht kleinen Grafen und Gr&auml;finnen gekleidet.
-&mdash; Der Vater tr&auml;gt ritterliche R&uuml;ste, der &auml;lteste
-Sohn ein kleines Schiff in der Hand. Alle heben voll
-inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden Heiland.</p>
-
-<p>Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp,
-wie sie damals wohl ausgeschaut, im Hintergrund wogt
-ein grellblaues, zackenwelliges Meer, aus welchem drei
-geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh.
-20. 13. &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_319">[S. 319]</a></span></p>
-
-<p>Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei
-halb vermoderte Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes
-Ruder aufgestellt.</p>
-
-<p>Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor
-ist um das Ruder gewunden.</p>
-
-<p>Gabriele schaudert zusammen.</p>
-
-<p>Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem
-Boot eines ertrunkenen Hohen-Esp an das Land zur&uuml;ckgesp&uuml;lt
-wurde. &mdash;</p>
-
-<p>Ihr Blick irrte weiter, &uuml;ber die m&auml;chtigen B&auml;renwappen,
-&uuml;ber die steinernen Grabplatten, welche die
-Familiengruft schlie&szlig;en und steife, liegende Rittergestalten
-zeigen, hinauf zu der niederen, gew&ouml;lbten Decke,
-von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von
-kleinen Schiffen herabh&auml;ngen.</p>
-
-<p>Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten.</p>
-
-<p>Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form
-und Bau ihr hohes Alter zeigend, kleine Boote und
-schwerf&auml;llige Kuffs, allerliebst und kunstvoll getakelte,
-kleine Dreimaster, an welchen flei&szlig;ige H&auml;nde wohl ein
-Menschenalter gearbeitet haben.</p>
-
-<p>&raquo;Modell der &rsaquo;Anne Marie Karsten&lsaquo;, Kapit&auml;n Jochen
-Ulrich Grot&laquo; &mdash; gestrandet bei Kap Horn im Jahre
-des Herrn 1760. &mdash; &raquo;Dein Wille geschehe.&laquo; &mdash; &mdash; steht
-auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen.</p>
-
-<p>Leiser Schritt erklingt auf den Steinflie&szlig;en, und Gabriele
-schrickt aus tiefen Gedanken empor und blickt sich um.</p>
-
-<p>Ein schm&auml;chtiges, altes M&auml;nnchen steht hinter ihr
-und dreht respektvoll den sch&auml;bigen Filzhut in der Hand.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, verzeihen die gn&auml;dige Herrschaft&laquo; &mdash; fl&uuml;stert er
-mit devotem Kratzfu&szlig;, die lichte Gestalt der jungen Dame
-wie eine Vision anstarrend &mdash; &raquo;ich bin der K&uuml;ster aus
-Karstein und soll bei der Trauung das Harmonium
-spielen! Die Frau Gr&auml;fin schickte mich, da&szlig; ich die
-Lieder erst einmal durchspiele!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, das ist ja sch&ouml;n, Herr K&uuml;ster!&laquo; nickte ihm Gabriele
-mit herzgewinnendem L&auml;cheln zu, &raquo;da habe ich den Genu&szlig;
-sch&ouml;ner Musik w&auml;hrend meiner Besch&auml;ftigung!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_320">[S. 320]</a></span></p>
-
-<p>Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert
-die schmale Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf,
-Gabriele aber tritt an den Altar, nimmt sinnend die
-wei&szlig;en Bl&uuml;tenzweige und schm&uuml;ckt die teuern Heiligt&uuml;mer.</p>
-
-<p>Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche
-auf dem uralten, verschossenen Samt, wie grell der Kontrast
-zwischen Tod und Leben, zwischen dem sonnigen,
-br&auml;utlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen Ehemals! &mdash;</p>
-
-<p>Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und
-malt goldige Lichter um die schlanke M&auml;dchengestalt,
-welche mit grazi&ouml;s erhobenen H&auml;nden die Bl&uuml;ten um
-das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die
-Arme der Leuchter flicht, &mdash; dann niederkniet vor der
-Altardecke und auch an ihr empor den holden Schmuck
-ranken l&auml;&szlig;t, sinnig und sch&ouml;n, so festlich, wie wohl dieser
-Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr ausgeschaut
-hat. &mdash;</p>
-
-<p>Und w&auml;hrend sie, selber wie ein br&auml;utliches, junges
-Weib anzuschauen, ihres lieblichen Amtes waltet, ert&ouml;nen
-&uuml;ber ihr die jubelnden Kl&auml;nge: &raquo;Lobe den Herrn meine
-Seele und vergi&szlig; nicht, was er dir Gutes getan hat!&laquo;</p>
-
-<p>Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck
-unter Gabrieles H&auml;nden, sie streut auch noch die
-wei&szlig;en Bl&uuml;ten &uuml;ber die Grabsteine, sie nestelt die duftigen
-Narzissen in die gr&uuml;nen Tannenzweige, welche das Gel&auml;nder
-um den Altar verh&uuml;llten ... und dann steht sie
-pl&ouml;tzlich wieder schweratmend still und starrt auf das
-zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.</p>
-
-<p>Einen Schritt tritt sie n&auml;her ... noch einen und noch
-einen ... bis sie davor steht und ihre H&auml;nde wie in
-scheuer, banger Innigkeit &uuml;ber das wurmstichige Holz
-gleiten.</p>
-
-<p>Jetzt f&auml;llt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen,
-welches an dem Pfeiler, kaum sichtbar von der
-Kirche aus, aufgeh&auml;ngt ist.</p>
-
-<p>Eine schlechte Kopie jenes Gem&auml;ldes aus dem Ahnensaal
- <span class="pagenum"><a id="Page_321">[S. 321]</a></span>
-droben. &mdash; Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken
-um 1503. &mdash;</p>
-
-<p>Armer, armer J&uuml;ngling!</p>
-
-<p>Die jubelnden Orgelkl&auml;nge sind leise und ernst geworden,
-sie hallen und klingen wie Seufzer der Wehmut
-durch die Kapelle, wie eine leise Engelsstimme,
-welche um die Toten klagt.</p>
-
-<p>Gabriele wei&szlig; nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt
-die schneeigen Bl&uuml;tenzweige zum Kranz und schm&uuml;ckt
-das Bild des Wulffhardt von Hohen-Esp &mdash; und seine
-Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick senkt
-sich in den ihren, und seine Lippen l&auml;cheln unter dem
-br&auml;utlichen Schmuck ...</p>
-
-<p>Wie gleicht er Guntram Krafft! &mdash;</p>
-
-<p>Wird auch sein Bild einst hier h&auml;ngen, wird auch
-unter ihm das grausige Wort &raquo;ertrunken&laquo; stehen ...
-wird ...</p>
-
-<p>Gabriele macht eine j&auml;he Bewegung und pre&szlig;t schweratmend
-die Hand gegen das Herz &mdash; und als sie sich
-hastig zur&uuml;ckwendet, ringt sich ein leiser Schreckenslaut
-von ihren Lippen.</p>
-
-<p>Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit
-gekreuzten Armen, still und regungslos, und starrt sie
-aus weitoffenen Augen an.</p>
-
-<p>Blick ruht in Blick ..., und die Orgelkl&auml;nge fl&uuml;stern,
-schwellen wieder an und klingen so voll und feierlich,
-als tr&uuml;gen sie schon jetzt das Dankgebet vereinter Herzen
-zum Himmel.</p>
-
-<p>Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit
-beiden H&auml;nden schwer auf die Lehne des Kirchenstuhles
-st&uuml;tzen, dann schreitet er langsam n&auml;her, tritt neben sie
-und schaut auf das geschm&uuml;ckte Bild Wulffhardts nieder.</p>
-
-<p>&raquo;Warum taten Sie das?&laquo; fragt er mit leiser, fremder
-Stimme.</p>
-
-<p>Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und
-ordnet mit bebenden H&auml;nden unter den Bl&uuml;ten auf dem
-Altar, welche bereits so wohlgeordnet liegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_322">[S. 322]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie
-fr&uuml;h er sterben mu&szlig;te!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ja, er starb fr&uuml;h, &mdash; an der Schwelle des Lebens.
-Er kannte weder Gl&uuml;ck noch Liebe &mdash; und doch w&auml;re
-er wohl auch so gern gl&uuml;cklich gewesen!&laquo;</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Auch</em> gl&uuml;cklich gewesen! &mdash;</p>
-
-<p>Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher
-Seufzer der Sehnsucht?</p>
-
-<p>Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur
-tiefer.</p>
-
-<p>&raquo;Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen
-&mdash;&laquo;, f&auml;hrt der Graf sehr ruhig fort, &raquo;dessen Sie
-so barmherzig gedachten. Mir ist's, als m&uuml;&szlig;te er jetzt
-ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als m&uuml;&szlig;te er nun
-vers&ouml;hnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben
-dahingab f&uuml;r die Br&uuml;der?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er tat seine Pflicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Er tat <em class="gesperrt">mehr</em> denn sie!&laquo;</p>
-
-<p>Ein beinahe d&uuml;sterer Blick brach aus Guntram Kraffts
-Augen.</p>
-
-<p>&raquo;Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fr&auml;ulein Gabriele;
-er zog weder in den Krieg, noch konnte er gro&szlig;e
-Taten f&uuml;r sein Vaterland tun! Der liebe Herrgott im
-Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer
-Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden
-mit ihm, die Welt aber hat den einsamen Mann
-auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch anerkannt! Sein
-Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken
-wird weder durch Wort noch Lied geehrt, &mdash; jene Stelle,
-wo die tosende Flut einen J&uuml;ngling verschlang, welcher
-einem gef&auml;hrdeten Schiff Rettung bringen wollte, ist
-durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen dar&uuml;ber
-hin und der Wind verweht die Kunde. &mdash; Das Schicksal
-der Hohen-Esp! Mit wei&szlig;en Totenblumen schm&uuml;ckt eine
-mitleidige M&auml;dchenhand nach Jahrhunderten wohl noch
-unser Bild und Grab, &mdash; mit Lorbeerzweigen nicht.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Er brach kurz ab und trat zur&uuml;ck.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_323">[S. 323]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten,
-da&szlig; ich meinen wackeren jungen Freund im Burghof
-begr&uuml;&szlig;e!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks
-aus das Bild, &mdash; war es nur Einbildung, oder sahen die
-lachenden Augen Wulffhardts pl&ouml;tzlich ernst, beinahe
-wehm&uuml;tig unter dem wei&szlig;en Bl&uuml;tenschmuck auf sie nieder?</p>
-
-<p>... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz,
-welcher dem Helden geziemt!</p>
-
-<p>Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen,
-als er das gesagt, etwas Vorwurfsvolles, was
-sie nicht verstand.</p>
-
-<p>Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur <em class="gesperrt">den</em>
-Mann einen Helden genannt, welcher auf dem Schlachtfeld
-sein Leben f&uuml;r Reich und Kaiser l&auml;&szlig;t?</p>
-
-<p>Wohl m&ouml;glich; &mdash; so war es ja ehedem auch ihre
-Ansicht.</p>
-
-<p>Und jetzt?</p>
-
-<p>Nachdenklich streicht sie die krausen L&ouml;ckchen aus der
-Stirn; jetzt ist es ihr wie eine Ahnung gekommen, als
-ob ein Mann, welcher sich k&uuml;hn in Sturm und hohe Flut
-hinaus wagt, auch ein Held sein k&ouml;nne! &mdash;</p>
-
-<p>Zur &Uuml;berzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden,
-sie hat von Guntram Kraffts mutigen Taten
-geh&ouml;rt, ohne sich eine rechte Vorstellung davon machen
-zu k&ouml;nnen, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu
-haben.</p>
-
-<p>Ach, da&szlig; sie es einmal, nur einmal tun k&ouml;nnte!</p>
-
-<p>Wie eine hei&szlig;e, leidenschaftliche Sehnsucht &uuml;berkommt
-es sie, gerade von ihm, von Guntram Krafft &uuml;berzeugt
-zu werden, da&szlig; sie ihm ehemals in der Residenz bitteres
-Unrecht getan!</p>
-
-<p>Seine Pers&ouml;nlichkeit ist ihr so g&auml;nzlich ver&auml;ndert hier
-in Hohen-Esp entgegengetreten, ein Zug wundersamer
-Romantik verkl&auml;rt sie, &mdash; der B&auml;r von Hohen-Esp, der
-Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs lebhafteste
-geweckt, eine einzige k&uuml;hne, mutige Tat, so wie
-sie f&uuml;r diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt
- <span class="pagenum"><a id="Page_324">[S. 324]</a></span>
-pa&szlig;t &mdash; und das Interesse wird lodernde Leidenschaft,
-und die Leidenschaft wird Liebe, &mdash; Liebe, welche getreu
-ist bis in den Tod! &mdash;</p>
-
-<p>Wehe ihr, wenn es gesch&auml;he!</p>
-
-<p>Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll
-ehrlichen Entz&uuml;ckens entgegen, jetzt blickt er ernst und
-gleichg&uuml;ltig &uuml;ber sie hinweg.</p>
-
-<p>Warum das? &mdash;</p>
-
-<p>Weil der B&auml;r von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein
-Weib zu werben, welches ehemals seine Ann&auml;herung so
-schroff und beleidigend zur&uuml;ckgewiesen hat, wie sie. &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele senkt das K&ouml;pfchen tief, tief zur Brust, schlingt
-die H&auml;nde ineinander und schreitet langsam die Stufen
-des Altars hinab, der Gr&auml;fin entgegen, welche die Kapelle
-betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen Kirchenstuhl
-seitlich des Traualtars zu erwarten.</p>
-
-<p>Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen
-M&auml;dchens in die ihre, streift mit einem warmen Blick
-inniger Bewunderung die liebreizende Erscheinung ihrer
-jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erh&ouml;hten Sitz,
-&mdash; die Orgelkl&auml;nge ert&ouml;nen, und mit dem golden durch
-die T&uuml;r hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar
-in der Kapelle.</p>
-
-<p>Guntram Krafft f&uuml;hrt es zum Altar.</p>
-
-<p>Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine
-bl&uuml;hende, kraftvoll sch&ouml;ne Braut. Sie tragt das goldblonde
-Haar schlicht gescheitelt und in Z&ouml;pfen herabh&auml;ngend,
-ein dicker gr&uuml;ner Myrtenkranz legt sich um
-den ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche
-lang &uuml;ber den R&uuml;cken herabflattert.</p>
-
-<p>Eine dunkelgr&uuml;ne Tuchjacke, mit &Auml;rmeln, welche oben
-sehr weit, unten sehr eng sind, ein buntes, mit breiten
-Fransen besetztes Halstuch, ein schwarzer Warprock, welchen
-eine m&auml;chtig breite, gebl&uuml;mte Sch&uuml;rze beinahe verh&uuml;llt,
-bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch
-gegen das Herz pre&szlig;t und mit niedergeschlagenen
-Augen und hochroten Wangen daherschreitet, wie die
-Verk&ouml;rperung eines echten, rechten Gl&uuml;ckes!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_325">[S. 325]</a></span></p>
-
-<p>Und J&ouml;schen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend
-aus, wenngleich sein frisches Gesicht mit den hellblauen,
-lustigen Augen und dem wei&szlig;blonden Flaum
-auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre, welche
-ihm geschieht, dreinschaut.</p>
-
-<p>Sein dunkler, gro&szlig;er Filzhut ist mit rotem Band und
-Blumenstrau&szlig; geschm&uuml;ckt, ein ebensolcher ziert die offenstehende
-Fischerjoppe, unter welcher eine schwarze Manchesterweste
-mit rotem und gr&uuml;nem Sternchenmuster sichtbar
-wird.</p>
-
-<p>Der Hemdkragen f&auml;llt blendenwei&szlig; &uuml;ber und wird
-von einem sehr grellfarbigen Schlips geschlossen.</p>
-
-<p>Da J&ouml;schen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln
-hat machen lassen, tr&auml;gt er sie selbstredend an seinem
-Ehrentag und stampft so kr&auml;ftig durch die Kapelle, da&szlig;
-es auf den Steinplatten hallt.</p>
-
-<p>Dem Brautpaar folgt die Schar der G&auml;ste, Fischer
-und Fischerfrauen, wohl die gesamten Einwohner des
-kleinen D&ouml;rfchens.</p>
-
-<p>Alle ernst und feierlich, in ehrw&uuml;rdig, altv&auml;terischem
-Staat, einem Gemisch von b&auml;urischer Tracht und einem
-ersten Anfang st&auml;dtischer Kleidung, wenngleich das b&auml;urische
-in diesem weltfernen D&ouml;rfchen bei weitem &uuml;berwiegt.</p>
-
-<p>Kinder mit Bl&uuml;tenzweigen oder bunten Str&auml;u&szlig;chen
-in der Hand, dr&auml;ngen sich scheu an die M&uuml;tter, &mdash; alte,
-wetterharte Seeleute mit dem Priemchen zwischen Zahn
-und Backe und dem Tonpfeifchen in der Rocktasche, folgen
-langsam im Zug, und dann schlie&szlig;t sich das Gesinde
-von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig
-gestimmt, als gehe Mike und J&ouml;schens Gl&uuml;ck
-sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr aller Ehrentag,
-von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns
-Herz f&auml;llt. &mdash;</p>
-
-<p>Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen,
-wie es die Sitte verlangte, und Guntram Kraffts Stimme
-klang fest und laut hervor, ebenso wie Gundulas weicher
-Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch sehr
-stattlichen Brautmutter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_326">[S. 326]</a></span></p>
-
-<p>Gabriele hatte gesehen, da&szlig; der Graf ihr just an der
-andern Seite von dem jungen Paar gegen&uuml;berstand,
-sie f&uuml;hlte auch, da&szlig; sein Blick beinahe unverwandt auf
-ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise, kaum
-vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen
-regten sich.</p>
-
-<p>Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter,
-sinniger Weise viel sch&ouml;ne und herzbewegende Worte,
-und wandte sich ganz besonders an Mike, sie auf die
-schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend.
-Wie treu, wie selbstlos, wie aufopfernd mu&szlig; das
-brave Weib eines Fischers sein, wie wenig an sich selbst
-und das eigene Gl&uuml;ck denken, wie tapfer und mutig den
-Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn
-es gilt, fremder Not und gef&auml;hrdeten Menschenleben
-zu Hilfe zu kommen! Gerade in solchen Stunden h&ouml;chster
-Angst und Gefahr m&uuml;&szlig;te sich die wahre Liebe eines
-treuen Weibes bew&auml;hren, nicht durch stumpfes &raquo;Dreinergeben&laquo;,
-nicht allein durch Handreichungen und kr&auml;ftige
-Hilfe, sondern vor allen Dingen durch Gebet und F&uuml;rbitte,
-welche den Geliebten auf seiner schweren Fahrt
-durch Sturm und Wogen begleiten.</p>
-
-<p>Da ist kein besseres Steuer, als die inbr&uuml;nstige Bitte
-zu Gott dem Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das
-Flehen eines liebenden Herzens zum Himmel! Solch
-ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel rei&szlig;t nicht! &mdash;
-Die H&auml;nde, welche ein treues Weib im Gebet zu dem
-Herrn der Welten erhebt, sind der Talisman, welcher
-den Seefahrer auch in h&ouml;chster Not beschirmt, sie sind
-der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen zerschellen
-und des Sturmes Macht sich bricht. &raquo;Darum
-leget eure Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher
-noch nie versagt und im Stich gelassen hat, den Anker
-fester und freudiger Zuversicht auf Gottes Gnade, den
-Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den
-Anker frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn
-derselbe uns auch andere Wege f&uuml;hrt, als wie wir gehen
-wollen!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_327">[S. 327]</a></span></p>
-
-<p>Mike blickte dem Pastor mit ihren gro&szlig;en, treuherzigen
-Augen aufmerksam in das g&uuml;tige Antlitz, und sie
-nickte ihm zustimmend und so recht von Herzen &uuml;berzeugt
-zu, und J&ouml;schen machte auch hier und da eine
-unwillk&uuml;rliche Bewegung, als wolle er versichern: &raquo;Jawoll,
-Herr Pastur, dat wollen wi allens so maken!&laquo;</p>
-
-<p>Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und
-der Prediger nahm die Ringe und steckte sie ihnen an.</p>
-
-<p>Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Bl&uuml;tenzweig
-l&ouml;ste sich von Wulffhardts Bild und fiel nieder
-auf das morsche Ruder.</p>
-
-<p>Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele
-schauten auf &mdash; und ihr Blick traf sich pl&ouml;tzlich,
-&mdash; sie sahen einander in die Augen. Da zog eine hei&szlig;e
-Purpurglut &uuml;ber die Wangen des jungen M&auml;dchens; sie
-blickte verwirrt zu Boden und neigte das K&ouml;pfchen
-noch tiefer wie zuvor.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der kleinen Dorfsch&auml;nke, welche &uuml;ber den einzigen
-Raum verf&uuml;gte, in welchem ein bescheidenes Fest abgehalten
-werden konnte, hatte der Graf von Hohen-Esp
-den Hochzeitsschmaus f&uuml;r seinen Jugendgespielen herrichten
-lassen.</p>
-
-<p>Hier in dem niedrigen, verr&auml;ucherten Saal, an dessen
-Deckbalken das Haupt des hochgewachsenen B&auml;ren beinahe
-anstie&szlig;, feierten die Fischer &raquo;Kaisers Geburtstag&laquo;,
-&raquo;Sedan&laquo;, Hochzeiten und Kindtaufen, hier sa&szlig;en sie Sonntags
-und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier
-versammelten sie sich, wenn es Au&szlig;ergew&ouml;hnliches zu
-besprechen gab, oder wenn ein Sohn, Vetter, Bruder
-oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von
-viel schweren oder gl&uuml;cklichen Fahrten zu erz&auml;hlen hatte.</p>
-
-<p>Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen
-Landesf&uuml;rsten, sowie das Kaiser Wilhelms des
-Gro&szlig;en an der Wand, darum her vergilbte Stiche und
-gew&ouml;hnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit welchen
-Dorfbewohner als Matrosen oder Kapit&auml;ne gefahren,
- <span class="pagenum"><a id="Page_328">[S. 328]</a></span>
-und &uuml;ber der T&uuml;r, ganz nach gutem alten Brauch, der
-fliegende Holl&auml;nder mit k&auml;sewei&szlig;em Gesicht, schwarzem
-Bart und gro&szlig;em Fischerhut, welcher starren Auges auf
-den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch
-steht &mdash;: &raquo;Gott gnade dem Mann auf st&uuml;rmischem Meer
-&mdash; geht ihm der flyende Dutschman die Quer!&laquo;</p>
-
-<p>Auf den wurmstichigen, uralten Schr&auml;nken liegen gro&szlig;e
-Korallen und fremdartige Muscheln, steht eine chinesische
-Vase, der der eine Henkel fehlt, und ein paar grellbunte,
-furchtbar fratzenhafte G&ouml;tzenbilder, vor welchen sich die
-Kleinen im Dorf &uuml;ber die Ma&szlig;en &raquo;grugeln&laquo;! &mdash;</p>
-
-<p>In gro&szlig;en Glash&auml;fen sind seltene Fische aus dem
-S&uuml;dmeer, Schildkr&ouml;ten und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt,
-eine kleine, sehr giftige Herrgottsschlange befindet
-sich auch in einer Flasche, und von ihr her&uuml;ber
-bis zu der Vase ziehen sich Schn&uuml;re von getrockneten
-Seesternen und fremdartigen Tangs, welche irgendein
-Angeh&ouml;riger des Schankwirts aus fernen Zonen heimgebracht.</p>
-
-<p>Ehemals lebte der sch&ouml;ne gro&szlig;e Papagei und erg&ouml;tzte
-die G&auml;ste durch sein erstaunliches Geschw&auml;tz, jetzt ist er
-ausgestopft und sitzt recht verstaubt und struppig auf
-einem Baumast an der Ofenwand.</p>
-
-<p>Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales
-aufgestellt, mit groben wei&szlig;en T&uuml;chern belegt und durch
-Tannengr&uuml;n und Blumenstr&auml;u&szlig;e ganz besonders feierlich
-geschm&uuml;ckt.</p>
-
-<p>Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen
-duften schon jetzt sehr locker und festlich von des
-Tisches Mitte, und seitw&auml;rts lagert ein gro&szlig;es Fa&szlig; Bier,
-auf welches mit Kreide &raquo;Vivat&laquo; geschrieben ist, und von
-den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entz&uuml;cken
-zuerst besichtigt wird.</p>
-
-<p>Das junge Ehepaar und die Hochzeitsg&auml;ste nahen,
-f&uuml;rerst noch so schweigsam und ernst, wie es in der Art
-dieser wortkargen Menschen liegt, welche es mehr gewohnt
-sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um das
-Dasein zu f&uuml;hren, als heitere Feste zu feiern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_329">[S. 329]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und
-manch altem, wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches
-Kopfsch&uuml;tteln und &raquo;Hm-Hm!&laquo; abgen&ouml;tigt hat, spielte in
-den rosa Kranzb&auml;ndern der jungen Frau und f&auml;rbte ihre
-Wangen noch r&ouml;ter, und wenn auch Mike mit festem
-H&auml;ndedruck ringsum die schwieligen H&auml;nde fa&szlig;t, und
-J&ouml;schen manch lieben Freund innig auf den R&uuml;cken
-klopft, so herrscht dennoch f&uuml;rerst noch die feierliche, erwartungsvolle
-Stille, welche dem Nahen des Pastors und
-der gr&auml;flichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. &mdash;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_330">[S. 330]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XXV">XXV.</h2>
-</div>
-
-
-<p>&Uuml;ber die hohe D&uuml;ne, welche das Fischerdorf von der
-See trennt, stieg Gr&auml;fin Gundula an der Seite des
-alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele und Guntram
-Krafft.</p>
-
-<p>Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen,
-das Meer bei dem immer st&auml;rker werdenden Wind in
-seiner wogenden Sch&ouml;nheit zu sehen, und darum hatte
-man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf
-nicht von dem Burgberg, sondern vom Strande aus.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin sprach sehr lebhaft und angeregt, und
-Gabriele, welche ebenso schweigsam wie der B&auml;r von
-Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte der Worte
-des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram
-Krafft gesprochen. &raquo;Welch eine auffallende und sehr erfreuliche
-Ver&auml;nderung ist mit Ihrer Frau Mutter vor
-sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich die Gr&auml;fin
-seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht,
-der finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt
-von ihr gewichen, und daf&uuml;r sei Gott gelobt!&laquo; &mdash; Er hatte
-dann Gabriele herzlich beide H&auml;nde entgegengestreckt,
-und fuhr fort: &raquo;Das haben wir ganz entschieden Ihrem
-so g&uuml;nstigen Einflu&szlig; zu verdanken, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein!
-Sie haben den Sonnenschein wieder in das Haus
-der so tief gebeugten Frau getragen!&laquo;</p>
-
-<p>Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen,
-als er sich stumm und h&ouml;flich, wie in schweigender Zustimmung
-vor ihr verbeugte, und es hatte warm aufgeleuchtet
-in den ernsten, traurigen Augen.</p>
-
-<p>Ein paar gleichg&uuml;ltige Worte hatten sie sp&auml;ter auf
-dem Weg zum Strande gewechselt, und als sie &uuml;ber die
-waldige H&ouml;he schritten und zuerst den Blick auf das
-Meer genossen, war Gabriele unwillk&uuml;rlich stehengeblieben
- <span class="pagenum"><a id="Page_331">[S. 331]</a></span>
-und hatte mit leisem Ausruf des Entz&uuml;ckens auf die
-wei&szlig;sch&auml;umende, hochgehende See hinausgeblickt.</p>
-
-<p>&raquo;Nicht wahr, so gef&auml;llt sie selbst Ihnen?&laquo; hatte der
-Graf gel&auml;chelt, und das junge M&auml;dchen nickte mit seltsam
-leuchtendem Blick und wiederholte: &raquo;Selbst mir!&laquo;</p>
-
-<p>Dann brauste der Sturm daher und ri&szlig; die wei&szlig;en
-Narzissen aus ihrem G&uuml;rtel und verstreute sie durch
-das Riedgras, und w&auml;hrend Gabriele mit beiden H&auml;nden
-den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen
-nach und sammelte sie.</p>
-
-<p>Sein Blick &uuml;berflog ihre schlanke, schneewei&szlig;e Gestalt,
-um welche die weichen Kleiderfalten in grazi&ouml;sem Spiele
-flatterten, und er behielt den Strau&szlig; in der Hand und
-sagte: &raquo;Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe
-tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid
-zu halten!&laquo;</p>
-
-<p>Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der
-D&uuml;nen gelangten und das Wirtshaus &raquo;Zur blauen Woge&laquo;
-vor ihren Blicken lag.</p>
-
-<p>Da reichte er die Bl&uuml;ten zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>&raquo;Wir alle haben uns festlich geschm&uuml;ckt, Graf, nur
-Sie allein tragen kein einziges Abzeichen, welches auf
-die frohe Bedeutung dieses Tages schlie&szlig;en l&auml;&szlig;t!&laquo;</p>
-
-<p>Um seine Lippen zuckte ein resigniertes L&auml;cheln.</p>
-
-<p>&raquo;Ich selber verga&szlig; es, und andere dachten nicht an mich!&laquo;</p>
-
-<p>Da w&auml;hlte sie die sch&ouml;nsten Blumen aus ihrem Strau&szlig;
-und bem&uuml;hte sich, sehr unbefangen zu lachen: &raquo;Welch
-eine grobe Unterlassungss&uuml;nde! Erlauben Sie, Graf, da&szlig;
-ich das Vers&auml;umte nachhole und Ihr Knopfloch schm&uuml;cke!&laquo;</p>
-
-<p>Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust.</p>
-
-<p>&raquo;Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!&laquo;
-sagte er sehr ruhig. &raquo;Den Ahnherrn Wulffhardt
-und mich bedenken Sie in g&uuml;tiger Weise mit solch lieblichem
-Schmuck.&laquo;</p>
-
-<p>Alles Blut stieg ihr in die Wangen, &mdash; vor ihren
-Ohren schwirrten pl&ouml;tzlich wieder die Worte &mdash;: &raquo;Mit
-wei&szlig;en Totenblumen ... doch nicht mit einem Lorbeerkranz ...&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_332">[S. 332]</a></span></p>
-
-<p>Sie sch&uuml;ttelte den Kopf und sagte leise: &raquo;Ich verf&uuml;ge
-ja &uuml;ber keinen besseren Schmuck, Graf!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren
-tragen!&laquo;</p>
-
-<p>Das Gespr&auml;ch ward unterbrochen, aus dem Saal des
-Wirtshauses erschallten die lustigen Weisen der Harmonika,
-und das junge Ehepaar trat den vornehmen G&auml;sten
-entgegen, sie mit herzlichem H&auml;ndedruck zu begr&uuml;&szlig;en
-und zum Hochzeitstisch zu geleiten.</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Gundula sa&szlig; zwischen dem jungen Ehegatten
-und dem Pastor, &mdash; Guntram Krafft an der Seite
-des br&auml;utlichen Weibes, zu seiner Rechten war Gabriele
-der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank sa&szlig;en die beiden
-Harmonikaspieler und sorgten durch lauter sch&ouml;ne Seemannslieder
-und lustige St&uuml;cklein f&uuml;r Unterhaltung, dieweil
-es bei Tisch selber sehr ruhig zuging.</p>
-
-<p>&raquo;Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fr&ouml;hlichkeit
-zu st&ouml;ren!&laquo; fl&uuml;sterte Gabriele zu dem Grafen auf.</p>
-
-<p>Dieser l&auml;chelte: &raquo;O, durchaus nicht! Es w&uuml;rde eine
-Nichtachtung gegen die verg&ouml;tterte Weinsuppe und den
-obligaten Schweinebraten sein, wollte man w&auml;hrend dieser
-Gen&uuml;sse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und die
-&rsaquo;Stimmung&lsaquo; kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann
-werden Sie sehen, da&szlig; wir unsere Getreuen nicht st&ouml;ren.
-Ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; wir hier von allen noch sehr
-viel mehr geliebt wie respektiert werden!&laquo;</p>
-
-<p>Und so war es auch.</p>
-
-<p>Als das, nach Ansicht der so wenig verw&ouml;hnten Leute,
-gl&auml;nzende Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische
-beiseite ger&uuml;ckt wurden und der Kaffeeduft so lieblich
-durch den Saal zog, da&szlig; allen Frauen das Herz im
-Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter
-durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen
-Jauchzer hervor, und als die Harmonikas mit schallendem
-Ton den &raquo;Gro&szlig;vatertanz&laquo; anhuben, da umfa&szlig;te
-J&ouml;schen seine strahlende junge Frau und begann sich
-mit ihr sehr langsam und w&uuml;rdevoll im Kreise zu drehen.</p>
-
-<p>Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht
- <span class="pagenum"><a id="Page_333">[S. 333]</a></span>
-mit dem wundersch&ouml;nen jungen Fr&auml;ulein solchem Beispiel
-folgen werde, aber der stand und sprach so eifrig
-mit ein paar alten Fischern, da&szlig; er gar nicht an den
-Tanz zu denken schien.</p>
-
-<p>Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu,
-machte seinen Kratzfu&szlig; vor Gabriele und tanzte mit ihr,
-schwer und wuchtig, als gelte es, eine holl&auml;ndische Kuff
-bei kontr&auml;rem Wind zu lavieren, &mdash; und als er zum
-Schlu&szlig; die junge Dame mit freundlichem Lob auf den
-Arm gepatscht, stand schon ein junger Lotse bereit und
-sah sie treuherzig bittend an.</p>
-
-<p>Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter,
-und ihre schlanke wei&szlig;e Gestalt tauchte wie ein Traum
-zwischen dem derben Schiffervolk auf, so da&szlig; der Pastor
-ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte: &raquo;Wissen
-Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des
-wunderholden Fr&auml;ulein von Sprendlingen einfiel? Ein
-Gedicht von Heinrich Heine: &rsaquo;Wohl unter der Linde,
-da t&ouml;nt die Musik, da tanzen die Burschen und M&auml;del ...
-da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen
-so schlank und so edel!&lsaquo; &mdash; Sagen Sie selbst, ist es nicht,
-als ob die wei&szlig;e Wassernixe aus der Flut gestiegen
-sei, sich unter das lustige Fischervolk zu mischen? &mdash;
-Wie ein M&auml;rchen deucht mir die lilienhafte M&auml;dchengestalt,
-und wen Fr&auml;ulein Gabriele mit den gro&szlig;en,
-klaren, wundersam gl&auml;nzenden Augen anl&auml;chelt, der lernt
-an die Macht der Meerfrau glauben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Man sagt, die Meerfei bringt Ungl&uuml;ck dem, der sie
-schaut! H&ouml;ren Sie, wie der Sturm um das Dach heult?
-Vielleicht w&auml;hlt sich die Undine bereits ihre Opfer f&uuml;r
-die kommende Nacht aus!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das verh&uuml;te Gott! F&uuml;rchten Sie b&ouml;s Wetter?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;In wenig Stunden haben wir es.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Arme junge Frau! Das w&auml;re eine &uuml;ble Hochzeitsmusik!&laquo;</p>
-
-<p>J&ouml;schen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen.</p>
-
-<p>&raquo;Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_334">[S. 334]</a></span></p>
-
-<p>Guntram Krafft richtete sich j&auml;h auf. &raquo;Ich warte nur,
-da&szlig; du Mike einmal freigeben sollst!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dor steiht se!&laquo; lachte der junge Ehemann, wieder
-in sein gem&uuml;tliches Plattdeutsch verfallend, und der B&auml;r
-von Hohen-Esp nickte, dr&uuml;ckte dem Gl&uuml;cklichen die Hand
-und holte sich die Braut mit den rotgl&uuml;henden Wangen
-zum Ehrentanz.</p>
-
-<p>&raquo;Nu leggt he los!&laquo; fl&uuml;sterte es im Kreis, und man
-wartete, da&szlig; der Burgherr nach der Mike das &raquo;gn&auml;
-Fr&ouml;len&laquo; zum Tanze holen werde; aber er trat mit umw&ouml;lkter
-Stirn zur T&uuml;r zur&uuml;ck und hatte mit Krischan
-Klaaden ersichtlich viel ernste Dinge zu reden.</p>
-
-<p>Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer
-st&auml;rker und st&auml;rker her&uuml;bert&ouml;nte und der Sturm immer
-schriller durch die Taue des vor dem Hause aufgepflanzten
-Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer
-fr&ouml;hlicher und ausgelassener, und schlie&szlig;lich stand die
-Mamsell vom Schlo&szlig; und tuschelte unter listigem Augenzwinkern
-mit Mike und J&ouml;schen.</p>
-
-<p>Die Weiber, M&auml;dchen und Burschen dr&auml;ngten drum
-herum, es gab ein leises, jubelndes Gel&auml;chter, und dann
-lichtete sich pl&ouml;tzlich der Kreis, einer der Fischer trat
-vor und rief mit kraftvoller Stimme:</p>
-
-<p>&raquo;Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern
-s&ouml;ken!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gro&szlig;er Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem
-L&auml;cheln zu Gr&auml;fin Gundula und bot ihr eine
-Schere dar, mit welcher die Burgfrau die beiden rosa
-B&auml;nder der Kranzschleife abschnitt.</p>
-
-<p>Die alte Dame l&auml;chelte dabei sehr am&uuml;siert, und in
-ihren Augen leuchtete es auf, wie ein sehr wohlgef&auml;lliges
-Verstehen.</p>
-
-<p>&raquo;M&ouml;chtest du die Rechte treffen, Mike!&laquo; sagte sie und
-h&auml;ndigte der jungen Frau die B&auml;nder aus. &mdash; Diese
-wandte sich, reichte J&ouml;schen flink eines der Rosenb&auml;nder,
-und schnell wie der Gedanke st&uuml;rmte das junge Paar
-unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsg&auml;ste.</p>
-
-<p>Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als
- <span class="pagenum"><a id="Page_335">[S. 335]</a></span>
-sie ihren Arm auch schon von Mike gefa&szlig;t und mit dem
-Band umschlungen sah, gleicherzeit zerrten und dr&auml;ngten
-die M&auml;nner Guntram Krafft heran, an dessen Arm
-J&ouml;schen das andere Band gekn&uuml;pft hatte, und ehe die
-beiden aufs h&ouml;chste betroffenen jungen Leute recht wu&szlig;ten,
-wie ihnen geschah, waren ihre Arme durch die
-B&auml;nder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei
-erhob sich: &raquo;Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine
-Lippen bebten, und die breite Brust hob und senkte sich
-unter st&uuml;rmischen Atemz&uuml;gen, dann neigte er sich zu
-Gabriele herab und stie&szlig; kurz hervor: &raquo;Befehlen Sie
-zu tanzen, mein gn&auml;diges Fr&auml;ulein?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Sie blickte zu ihm auf, &mdash; ihm deuchte es, ebenso k&uuml;hl
-und ruhig wie sonst &mdash; und die kristallenen Nixenaugen
-leuchteten ganz nahe den seinen, und ihr roter Mund
-antwortete: &raquo;Ich f&uuml;ge mich der Sitte, Herr Graf!&laquo;</p>
-
-<p>Da umschlo&szlig; sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung
-mit der freien Hand, da&szlig; man Raum gebe, und
-dann tanzten sie.</p>
-
-<p>Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend
-hei&szlig; brauste das Blut durch seine Adern, wie befangen
-von einem wilden, leidenschaftlichen Rausch flog
-er dahin, und die weiche, schmiegsame Gestalt ruhte
-wieder an seiner Brust, und ihre krausen L&ouml;ckchen flimmerten
-vor seinem Blick.</p>
-
-<p>Freiwillig w&auml;re er nie zu ihr gekommen &mdash; nun trieb
-sie das Schicksal selber in seine Arme, und er hielt die
-bleiche Meerfrau ... und dr&uuml;ckte sie fest &mdash; immer fester
-und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er sie nie wieder
-freigeben.</p>
-
-<p>Seine Augen brannten wie im Fieber, all die hei&szlig;e,
-unaussprechlich innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam
-bek&auml;mpft hatte, loderte in verzehrenden Flammen
-in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare
-Denken und Handeln.</p>
-
-<p>Er tanzte &mdash; tanzte ohne Aufh&ouml;ren ... und er hatte
-nur einen tollen, wahnwitzigen Gedanken &mdash; so hinab
- <span class="pagenum"><a id="Page_336">[S. 336]</a></span>
-mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu den sch&auml;umenden
-Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die k&uuml;hle, geheimnisvolle
-Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei,
-wo die Perlen auf wei&szlig;en Wasserlilien gl&auml;nzen
-und rote Korallen bis an das Abendrot des Himmels
-emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz l&auml;chelnd
-zu ihm heben, wird mit ihren k&uuml;hlen, meerfarbenen
-Augen sein Leben trinken und ihn k&uuml;ssen in traumhaft
-s&uuml;&szlig;em Gl&uuml;ck ...</p>
-
-<p>Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster
-schrillt der Sturm ... und die Brandung donnert lauter
-und lauter empor ...</p>
-
-<p>Gabrieles K&ouml;pfchen aber sinkt pl&ouml;tzlich tiefer und tiefer,
-und ihr K&ouml;rper ruht schwer in seinem Arm.</p>
-
-<p>Da erwacht er pl&ouml;tzlich wie aus tiefem Traum und
-starrt sie an.</p>
-
-<p>Wie bla&szlig; sie ist! &mdash;</p>
-
-<p>Erschrocken h&auml;lt er inne: &raquo;Verzeihen Sie, Gabriele,&laquo;
-&mdash; murmelte er, &mdash; &raquo;ich war unbescheiden ... ich tanzte
-zu lange &mdash; &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>Sie l&auml;chelt und ringt nach Atem &mdash; und um sie
-her erhebt sich abermals ein tosender Jubel. &raquo;Dat wier
-&auml;werst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n Dutzend
-D&auml;nz'!&laquo; &mdash; schallt es lachend im Kreise, und dann pl&ouml;tzlich
-j&auml;he Stille.</p>
-
-<p>Ein Schu&szlig;? &mdash;</p>
-
-<p>Ert&ouml;nte nicht drau&szlig;en auf hoher See ein Schu&szlig;? &mdash;
-ein Notsignal? &mdash;</p>
-
-<p>Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram
-Krafft rei&szlig;t das rosa Band, welches ihn an Gabrieles
-Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch und st&uuml;rmt nach
-der T&uuml;r, J&ouml;schen, Krischan Klaaden und die andern
-Fischer folgen in j&auml;her Hast.</p>
-
-<p>Die lachenden ger&ouml;teten Gesichter sind pl&ouml;tzlich bla&szlig;
-und ernst geworden, die Kl&auml;nge der Harmonika sind verstummt.</p>
-
-<p>Gabriele ist an die Seite der Gr&auml;fin geeilt und hat
-mit angstvollem Aufblick ihre Hand gefa&szlig;t.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_337">[S. 337]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Was bedeutet das, Frau Gr&auml;fin?&laquo;</p>
-
-<p>Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem
-kleinen Fenster, einen Blick hinauszutun.</p>
-
-<p>&raquo;Gott der Herr verh&uuml;te es, da&szlig; ein Schiff in Not
-ist!&laquo; sagte sie mit schwerem Atemzug.</p>
-
-<p>&raquo;O, welch ein Wetter pl&ouml;tzlich!&laquo; schaudert Gabriele,
-&raquo;wie schwarz die Nacht, und welch furchtbares Brausen
-und Donnern! Man hat es zuvor bei der Musik nicht
-geh&ouml;rt, &mdash; jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden
-ist!&laquo;</p>
-
-<p>Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen
-H&auml;nde. &raquo;Das ist eine grobe See geworden&laquo;, sagt
-sie leise. &raquo;Arme Mike ... mu&szlig; den J&ouml;schen heute nacht
-wohl hergeben!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Heute nacht?&laquo; wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen
-Augen, &raquo;was sollte denn J&ouml;schen bei dieser
-Dunkelheit f&uuml;r ein Schiff drau&szlig;en tun?&laquo;</p>
-
-<p>Die Alte sch&uuml;ttelt mit wehm&uuml;tigem L&auml;cheln den Kopf:
-&raquo;Hinaus mu&szlig; er und Hilfe bringen, falls es not tut!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?&laquo;
-Gabriele hebt wie beschw&ouml;rend die H&auml;nde. &raquo;Das ist ja
-gar nicht m&ouml;glich ... das w&auml;re ja ein tollk&uuml;hnes, nutzloses
-Aufopfern!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Es w&auml;re seine heilige Pflicht!&laquo; unterbricht die Gr&auml;fin
-ernst und ruhig, &raquo;und wahrlich nicht das erstemal, da&szlig;
-Guntram Krafft seine wackeren Lotsen in ein Unwetter
-hinausf&uuml;hrt!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Der Graf?&laquo; stammelte Gabriele ..., &raquo;er selber ...
-er f&auml;hrt auch mit hinaus?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn es nottut, jedesmal!&laquo;</p>
-
-<p>Da ist es pl&ouml;tzlich, als w&uuml;chse die schlanke M&auml;dchengestalt
-empor, als lausche sie atemlos diesen Worten
-wie einer Offenbarung.</p>
-
-<p>&raquo;Wo ist er? Wo sind die Fischer?&laquo; st&ouml;&szlig;t sie hervor.</p>
-
-<p>&raquo;Wohl auf der D&uuml;ne drau&szlig;en, nach dem Schiff zu
-sp&auml;hen!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gr&auml;fin!
-Ich bitte, ich beschw&ouml;re Sie!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_338">[S. 338]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt,
-und Sie ahnen nicht, wie der Sturm drau&szlig;en pfeift! Das
-Haus hier liegt ja noch hinter der D&uuml;ne gesch&uuml;tzt ...
-wenn Sie sich auf der H&ouml;he hinauswagen, k&ouml;nnen Sie
-kaum atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt,
-Gabriele!&laquo;</p>
-
-<p>Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen.
-&raquo;Gleichviel ... ich h&uuml;lle mich warm ein ... ach, ich flehe
-Sie an, Gr&auml;fin, lassen Sie mich sehen, was da drau&szlig;en
-vorgeht!&laquo;</p>
-
-<p>Einen Augenblick noch z&ouml;gert Gundula, dann sagt
-sie kurz entschlossen: &raquo;Gut; dort auf der Bank liegen
-die warmen Sachen, welche Anton f&uuml;r den Heimweg
-brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen
-Mantel um, ich werde mit Ihnen gehen.&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig
-und still bleiben kann, wo m&ouml;glicherweise ihr einziges
-Kind sich im n&auml;chsten Augenblick auf Tod und Leben
-hinaus in den Sturm wagen wird! &mdash;</p>
-
-<p>Ihre Hand zitterte nicht, als sie das wei&szlig;e Spitzentuch
-nimmt, es sehr sorgsam um das lockige K&ouml;pfchen ihrer
-jungen Gastin zu schlingen, sie pr&uuml;ft, ob der Mantel
-warm genug sei, und scheint mehr um das junge M&auml;dchen
-wie um den Sohn besorgt.</p>
-
-<p>Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den
-Arm um die hohe Frauengestalt und hastet nach der T&uuml;r.</p>
-
-<p>Hu, welch ein Sturm!</p>
-
-<p>Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen
-Unwillens in das sichere Haus zur&uuml;ckdr&auml;ngen, &uuml;ber ihnen
-kreischt die kleine Wetterfahne, pfeift und schrillt es im
-Tauwerk des Flaggenmastes; Fr&auml;ulein von Sprendlingen
-pre&szlig;t unwillk&uuml;rlich die H&auml;nde gegen die Brust und ringt
-nach Atem, sie strebt vorw&auml;rts und hat doch kaum die
-Kraft, gegen das Ungewohnte anzuk&auml;mpfen. Da umfa&szlig;t
-Gr&auml;fin Gundula die schlanke Gestalt mit ihrem kr&auml;ftigen
-Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse durch das
-Brausen und Heulen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_339">[S. 339]</a></span></p>
-
-<p>Droben auf der D&uuml;ne steht Guntram Krafft, sie sieht
-seine herrliche Gestalt wie ein Schattenbild gegen den
-bleifarbenen Himmel gezeichnet. Das Auge gew&ouml;hnt sich
-an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so rabenschwarz,
-wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen,
-schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen &uuml;ber
-den Himmel und verh&uuml;llen den Mond, nur hier und da
-bricht sein falbes Licht hervor, wenn der Sturm die
-Massen zerrei&szlig;t.</p>
-
-<p>Noch verdeckt die D&uuml;ne vor ihnen das Meer, man
-h&ouml;rt nur die Brandung in n&auml;chster N&auml;he &mdash; wie Donnerrollen
-und dumpfes, unheimliches Pfeifen schallt sie
-empor.</p>
-
-<p>Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes
-V&ouml;gelchen an die Gr&auml;fin geschmiegt, aber sie
-&uuml;berwindet das Grauen, sie f&uuml;hlt, wie eine leidenschaftliche
-Erregung sich ihrer bem&auml;chtigt, die sie ungest&uuml;m
-vorw&auml;rtstreibt an Guntram Kraffts Seite.</p>
-
-<p>Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum da&szlig;
-der Sturm sein lockiges Haar zerw&uuml;hlt. Seine breite
-Brust trotzt dem w&uuml;sten Gesellen, hoch und gebieterisch
-ist sein Arm im Gespr&auml;ch mit den Fischern erhoben und
-weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von
-Hohen-Esp, welcher hier zu gebieten hat, und nicht
-der zigeunerhafte, landfahrende Gesell, der Sturmwind!</p>
-
-<p>J&ouml;schen liegt im Riedgras ausgestreckt, st&uuml;tzt die beiden
-Ellenbogen auf und sp&auml;ht durch den langen Fernkieker
-auf die See hinaus.</p>
-
-<p>Die beiden Frauen k&auml;mpfen sich vorw&auml;rts, Fischerfrauen
-und Kinder folgen ihnen, fest aneinandergedr&auml;ngt,
-starren sie stumm und ernst hinaus auf die wild emp&ouml;rten
-Wasser. Der Schutz der D&uuml;ne h&ouml;rt auf, mit voller Wucht
-wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen
-Augenblick hat Gabriele das Empfinden, sie m&uuml;sse ersticken,
-&mdash; die Gr&auml;fin fa&szlig;t sie fester in den Arm und
-kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, &mdash; da braust es &uuml;ber sie
-hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu
-Kr&auml;fte kommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_340">[S. 340]</a></span></p>
-
-<p>Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter,
-und Gabriele gew&ouml;hnt sich nach den kurzen Anweisungen
-Gundulas an das Atmen im Sturm, sie &uuml;berwindet
-ihre Bangigkeit und Schw&auml;che, sie will stark sein! Sie
-will vorw&auml;rts ... sie will sehen und h&ouml;ren!</p>
-
-<p>Guntram Krafft wendet sich fl&uuml;chtig und blickt zur&uuml;ck,
-aber all sein Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu
-stehen.</p>
-
-<p>&raquo;Ist es tats&auml;chlich ein Notsignal?&laquo; fragt die Gr&auml;fin.</p>
-
-<p>Er nickt. &raquo;Vorl&auml;ufig l&auml;&szlig;t sich noch nichts erkennen,
-wir m&uuml;ssen warten, bis die Wolken vor&uuml;ber sind, &mdash;
-minutenlang mu&szlig; der Mond hervortreten!&laquo;</p>
-
-<p>Dann trifft sein Blick Gabriele.</p>
-
-<p>Sie steht neben ihm, die H&auml;nde gegen die Brust gedr&uuml;ckt,
-das Antlitz von dem wei&szlig;en Spitzentuch umflattern,
-mit einem leisen Schrei die Augen starr, weitoffen auf
-die See gerichtet.</p>
-
-<p>&raquo;Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von
-gestern und ehedem?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Schwarz und furchtbar g&auml;hnt es in weiter Unendlichkeit
-vor ihr, &mdash; der hohe Wogenschwall w&auml;lzt sich donnernd
-heran, in zwei-, drei- und vierfacher Brandung
-kocht der wei&szlig;e Gischt am Strande auf, gespenstisch
-rollen die aufb&auml;umenden Seen heran wie Ungeheuer,
-welche in w&uuml;tender Gier Strand und Land verschlingen
-wollen.</p>
-
-<p>Da teilt sich die dr&auml;uende Finsternis.</p>
-
-<p>Der Mond bricht durch die Wolken, sein wei&szlig;gelbes
-Licht flie&szlig;t minutenlang wie ein magischer Schein &uuml;ber
-die Wasser.</p>
-
-<p>&raquo;Dort ... dort ... dat Schipp!!&laquo;</p>
-
-<p>Wie ein Schrei gellt es von J&ouml;schens Lippen.</p>
-
-<p>&raquo;Richtig &mdash; dort is't!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;A's'n Turpedo sieht's ut!!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Nee! Nee! Is 'ne l&uuml;ttje Brigg ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich seh' keen Mast nich &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;De warn ja woll verlurn sin!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Un keen Licht nich ...&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_341">[S. 341]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Doch &mdash; achterlich de gr&ouml;ne Lantern!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;&Auml;werst keen Signal nich ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Doch! &mdash; Obacht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Dat Blulicht!!&laquo;</p>
-
-<p>Ein scharfes, bl&auml;uliches Licht blitzte auf See auf ...
-hielt sekundenlang an und verschwand wieder, &mdash; gleichzeitig
-ein Kanonenschu&szlig; ...</p>
-
-<p>&raquo;Das Schiff treibt auf &mdash;! Brandung voraus!&laquo; schrie
-Guntram Krafft. &raquo;Vorw&auml;rts, meine Braven, da ist keine
-Zeit zu verlieren! Zum Schuppen! &mdash; Gebt Signal! &mdash;
-Boot klar zum Auslaufen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast
-durcheinander, &mdash; die M&auml;nner st&uuml;rmten die D&uuml;nen hinab
-nach dem Rettungsschuppen. Wie in j&auml;hem Entsetzen
-hob Gabriele die Arme. &raquo;Jetzt hinaus in See? &mdash; Gr&auml;fin
-... auf <em class="gesperrt">diese</em> See hinaus?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gundula nickte. &raquo;Gebe Gott, da&szlig; sie noch zur rechten
-Zeit kommen. &mdash; Kehren Sie jetzt zur&uuml;ck in das Zimmer,
-Gabriele ... ich mu&szlig; in den Schuppen hinab und alles
-vorbereiten, falls es gilt, einem Verungl&uuml;ckten Hilfe
-zu bringen!&laquo;</p>
-
-<p>Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, sch&ouml;nes
-Antlitz sah in dem Mondlicht wie versteinert aus.</p>
-
-<p>Das junge M&auml;dchen sch&uuml;ttelte aufgeregt den Kopf,
-in ihren Augen leuchtete es pl&ouml;tzlich auf wie hei&szlig;e,
-leidenschaftliche Begeisterung.</p>
-
-<p>&raquo;Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gr&auml;fin &mdash; schnell ...
-ach, lassen Sie uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche
-schauen!&laquo;</p>
-
-<p>Und sie wartete nicht mehr auf den sch&uuml;tzenden Arm
-Gundulas, sondern flog wie von den Sturmesschwingen
-getragen, dem Rettungsschuppen zu.</p>
-
-<p class="pmb3">Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln
-herr&uuml;hrend, flammte wieder auf dem gef&auml;hrdeten
-Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete am Strand drunten,
-dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere
-Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_342">[S. 342]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XXVI">XXVI.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Ein aufgeregtes, &uuml;berhastiges Leben entwickelte sich
-am Strand.</p>
-
-<p>Die Leute hatten in gr&ouml;&szlig;ter Eile ihre hochzeitlichen
-Kleider mit dem in dem Schuppen bereith&auml;ngenden &Ouml;lzeug
-vertauscht und waren soeben, voll ausger&uuml;stet, bereit,
-den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den
-tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige,
-unsagbar m&uuml;hselige Arbeit bei solchem Sturm!</p>
-
-<p>Gabriele hatte sich in den Schutz des Geb&auml;udes gegen
-die Mauer gedr&uuml;ckt und starrte mit hochklopfendem Herzen
-das fremdartige Treiben an.</p>
-
-<p>Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem
-derben Lotsenanzug, &mdash; welcher ihr sch&ouml;ner und kleidsamer
-deuchte wie die reichste Galauniform, &mdash; grell
-beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen
-F&auml;usten geschwungen wurden, &mdash; sah, wie er mit
-B&auml;renkr&auml;ften zufa&szlig;te und half und schaffte, der erste
-seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener, gewaltiger Kommandeur,
-ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern
-selber arbeitet und Hand anlegt!</p>
-
-<p>Eine leise Stimme klang neben Gabriele.</p>
-
-<p>&raquo;Dat wir sneller kamen, as wie dachten!&laquo; seufzte
-Mike und kn&uuml;pfte das wollene T&uuml;chelchen fester um
-den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar, ihre hartgearbeiteten
-H&auml;nde griffen ein wenig unsicher zu, und
-ihr erst so bl&uuml;hend frisches Gesicht war bla&szlig; geworden.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, gn&auml;' Fr&ouml;len &mdash; un dat ok grad an min Hochtid!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen
-Augen der Sprecherin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_343">[S. 343]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Arme Mike!&laquo; sagte sie weich; &raquo;ja, das ist eine traurige
-Hochzeit! Aber so Gott will, kehrt dein Schatz bald
-gesund und heil zur&uuml;ck, und dann kannst du doppelt stolz
-auf ihn sein!&laquo; &mdash; Sie atmete tief auf und wiederholte
-mit gl&auml;nzendem Blick: &raquo;Ja, stolz! sehr stolz mu&szlig;t du
-doch auf einen solchen Mann sein!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die H&auml;nde
-in die gebl&uuml;mte Sch&uuml;rze und sagte resigniert: &raquo;Wenn
-he man wedder k&uuml;mmt!&laquo; Und dann entsann sie sich, da&szlig;
-ja das gn&auml;dige Fr&auml;ulein nicht gut plattdeutsch versteht
-und fuhr &mdash; nicht ganz ohne M&uuml;he &mdash; fort: &raquo;Vielleicht
-kriegen sie die Mannschaft mit der Rettungsboje her&uuml;ber
-und brauchen nicht selber hinaus. Sehen Sie dort?
-Da schaffen sie an dem M&ouml;rser! Der Graf schie&szlig;t bannig
-gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein &uuml;bles
-Ding damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die
-Windrichtung und St&auml;rke desselben kommt gar sehr in
-Betracht dabei!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Man schie&szlig;t nach dem Schiff?&laquo; wiederholte Gabriele
-&uuml;berrascht. &raquo;Um alles in der Welt, warum das?&laquo;</p>
-
-<p>Mike war zu traurig, sonst h&auml;tte sie wohl gel&auml;chelt.
-Sie strich wieder seufzend mit der verarbeiteten Hand
-&uuml;ber ihren Brautkranz und fuhr erkl&auml;rend fort: &raquo;Das
-tut ja keinen Schaden nicht, gn&auml;diges Fr&auml;ulein, im Gegenteil!
-An der Kugel ist man eine d&uuml;nne Leine befestigt,
-&mdash; sie wird &uuml;ber das Schiff hin&uuml;bergeschossen,
-und die Leute m&uuml;ssen die Leine so rasch wie m&ouml;glich
-auffangen und festhalten. Wenn das gegl&uuml;ckt ist, mu&szlig;
-als Zeichen daf&uuml;r ein Blaufeuer angesteckt werden, oder
-man schwenkt auch nur eine Laterne &mdash; wie sie's aus
-so 'nen wracken Schiff noch grad m&ouml;glich machen k&ouml;nnen ...
-dann wissen die Unsern hier Bescheid ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Was f&uuml;r Bescheid? Was n&uuml;tzt die Leine?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, man alles n&uuml;tzt die! Die Schiffsmannschaft mu&szlig;
-die Leine dann vom Lande her anholen, bis sie den
-Steertblock daran finden, durch welchen ein J&ouml;lltau geschoren
-ist!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_344">[S. 344]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Und was soll damit?&laquo; &mdash; Gabriele blickte die wortkarge
-Mike beinahe ungeduldig an, und das junge Weib fuhr
-monoton fort &mdash;: &raquo;Ja, so, &mdash; das kennen Sie man alles
-noch nicht! Dieser Steertblock mu&szlig; am Mast unter der
-Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten
-schon &uuml;ber Bord geschlagen sind, an einem andern hohen
-Gegenstand ... und dann geben sie vom Wrack wieder
-ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau
-an dem L&auml;ufer befestigen, das ziehen sie dann vom
-Strand 'rauf aufs Schiff ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?&laquo;</p>
-
-<p>Nun ging doch ein schnelles, breites L&auml;cheln &uuml;ber
-das Gericht der jungen Fischerfrau.</p>
-
-<p>&raquo;Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!&laquo; sch&uuml;ttelte sie den
-Kopf und fuhr, sich verbessernd fort: &raquo;Daran wird man
-blo&szlig; die Hosenboje nach den Gestrandeten hin&uuml;bergeschickt,
-da setzt sich die Mannschaft nacheinander ein und wird
-&uuml;bergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schie&szlig;en losgehen
-... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!&laquo;</p>
-
-<p>Eine immer gr&ouml;&szlig;ere Aufregung hatte Gabriele erfa&szlig;t.
-Die wundersame schaurige Poesie dieser n&auml;chtlichen
-Rettung wirkte wie berauschend aus ihr so leicht empf&auml;ngliches
-Gem&uuml;t!</p>
-
-<p>All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende
-Gefahr, die Angst und Sorge um eigenes und
-fremdes Leben, die unbeschreiblich gro&szlig;artige Sch&ouml;nheit
-der wild entfesselten Elemente &uuml;bten einen nie geahnten
-Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in
-tiefem Schlaf gelegen und nur auf diese Stunde geharrt,
-welche es erwecken soll zu einem neuen, k&ouml;stlichen Leben,
-zu der jauchzenden Erkenntnis alles dessen, was ihre
-Seele voll schw&auml;rmerischer Begeisterung seit jeher erhofft
-und ersehnt. Und voll ungest&uuml;mer Leidenschaft
-wandte sie sich und k&auml;mpfte sich durch den Sturm n&auml;her
-und n&auml;her zu Guntram Krafft heran, bis sie beinahe an
-seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz schauen &mdash; seine
-Worte h&ouml;ren &mdash; jede seiner kraftvollen Bewegungen beobachten
-konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_345">[S. 345]</a></span></p>
-
-<p>Ihr Auge gl&auml;nzte wie im Fieber &mdash; ihre Lippen l&auml;chelten
-wie im Traum.</p>
-
-<p>Die Stimmen der M&auml;nner hallten wirr und zumeist
-unverstanden zu ihr her, &mdash; mit gewaltigem Krach
-entlud sich das Rettungsgescho&szlig;, &mdash; die Rakete zischte
-wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung
-nach dem gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel
-der Nacht.</p>
-
-<p>Voll banger Spannung harrte man auf das Signal,
-das die Leine getroffen habe.</p>
-
-<p>Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den
-adlerscharfen Blick seeein gerichtet, als k&ouml;nne und m&uuml;sse
-sein Blick die g&auml;hnende Finsternis durchdringen.</p>
-
-<p>Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm
-heult &uuml;ber sie hinweg, und die See donnert und braust
-immer gewaltiger gegen den Strand.</p>
-
-<p>Krischan Klaaden sch&uuml;ttelt den Kopf.</p>
-
-<p>&raquo;Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de
-Brandungen gahn all &ouml;wer dat Schipp weg!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Denn man tau! &mdash; wi m&ouml;ten klor maken!&laquo; Der B&auml;r
-von Hohen-Esp wandte sich in hoher Erregung zu seinen
-Lotsen.</p>
-
-<p>&raquo;Vorw&auml;rts, Kinder! &mdash; es ist keine Minute mehr zu
-verlieren, &mdash; wir m&uuml;ssen hinaus!&laquo;</p>
-
-<p>Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft
-sich an den Hals ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang
-mit den Armen. &raquo;Nee! &mdash; nee!&laquo; schluchzt
-sie auf &mdash; &raquo;an dissen Dage nich!!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot,
-er wendet hastig das Haupt, ein Schein tiefer Wehmut
-geht &uuml;ber sein sch&ouml;nes Antlitz.</p>
-
-<p>&raquo;Bliev tor&uuml;ck, J&ouml;schen!&laquo; &mdash; fl&uuml;stert er, &raquo;dat geiht ok
-ahn di'!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Der junge Fischer richtet sich j&auml;h auf, k&uuml;&szlig;t sein br&auml;utliches
-Weib noch einmal hastig auf die blassen Lippen
-und fa&szlig;t sie derb an den Schultern. &raquo;Denk' doran, was
-de Pastur h&uuml;t seggt h&auml;tt'!&laquo; ruft er, springt hastig seinem
- <span class="pagenum"><a id="Page_346">[S. 346]</a></span>
-jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges
-Lachen.</p>
-
-<p>&raquo;Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele hat keinen Blick f&uuml;r die schluchzende Mike,
-sie folgt atemlos nach dem Boot, sie pre&szlig;t die bebenden
-H&auml;nde gegen das Herz, sie starrt mit weitoffenen Augen
-auf Guntram Krafft.</p>
-
-<p>Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger
-die D&uuml;ne hinabeilen, wie die Gr&auml;fin die gefalteten H&auml;nde
-zum Himmel hebt, wie ihr farbloses Antlitz die Qualen
-spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick
-durchbeben, &mdash; sie sieht nur, wie der B&auml;r von Hohen-Esp
-in das Boot springt, wie er ein paar kurze, begeisternde
-Worte an seine Getreuen richtet, sie zu vollster, heiligster
-Pflichterf&uuml;llung ermahnt, und sie der starken Hilfe dessen
-versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! &mdash; Und
-dann entbl&ouml;&szlig;en sie alle das Haupt &mdash;</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Chryste Kyrie<br /></span>
-<span class="i0">Sei mit uns auf der See!&laquo; &mdash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>&raquo;Amen! &mdash; Amen!&laquo; klingt die Stimme des Predigers
-durch den Sturm, &mdash; und dann ein frisches, kraftvolles
-&mdash; &raquo;Hohojohe! &mdash; Rennen los!!&laquo; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt.</p>
-
-<p>Sein Blick sucht Gabriele.</p>
-
-<p>Er hebt die Hand &mdash; er winkt ihr zu ... und dann
-steigt das Boot hoch auf, &mdash; wei&szlig;e Gischtwogen scheinen
-es zu verschlingen ... es sinkt tief ... tief ... hebt
-sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz und
-grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... g&auml;hnende
-Finsternis ... und der Sturm heult, und die
-Brandung kocht wild auf ...</p>
-
-<p>&raquo;La&szlig;t uns beten, meine Freunde!&laquo; ruft der Pastor,
-er entbl&ouml;&szlig;t sein Haupt ... die wei&szlig;en Haare wehen um
-seine Stirn, &mdash; um ihn her sinken die Weiber und Kinder
-auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt
-durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch
-Gabriele will niedersinken und die bebenden H&auml;nde zum
-Himmel heben &mdash; sie kann es nicht. &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_347">[S. 347]</a></span></p>
-
-<p>Sie mu&szlig; stehen ... hochaufgerichtet ... sie mu&szlig; hinausstarren
-auf das Meer, als k&ouml;nne sie dem kleinen Boot
-mit den Blicken folgen. Der Mond tritt hell aus den
-Wolken &mdash; mit Jubel und Dank gegen Gott begr&uuml;&szlig;t. &mdash;</p>
-
-<p>Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete
-Schiff ...</p>
-
-<p>Gabriele atmet fast keuchend.</p>
-
-<p>Ihre ganze Gestalt bebt und sch&uuml;ttert wie unter hei&szlig;en
-Fieberschauern.</p>
-
-<p>Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder?</p>
-
-<p>Gabriele m&ouml;chte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten,
-m&ouml;chte wie berauscht von leidenschaftlicher Gl&uuml;ckseligkeit
-in den Sturm hinausjubeln &mdash; m&ouml;chte vergehen
-in der namenlosen Wonne und Begeisterung, welche
-ihre ganze Seele erf&uuml;llt und in blendende Helle taucht.
-Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche
-sie schaut?</p>
-
-<p>Ist jener heldenhafte, tollk&uuml;hne Mann in jenem gebrechlichen
-Fahrzeug wirklich der B&auml;r von Hohen-Esp,
-derselbe, welcher einst so linkisch und m&auml;dchenhaft err&ouml;tend
-auf h&ouml;fischem Parkett gestanden? &mdash;</p>
-
-<p>Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich
-Guntram Krafft?</p>
-
-<p>O, wie gr&auml;bt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde,
-wie mit feurigen Linien gezeichnet, so unausl&ouml;schlich
-in Gabrieles Herz!</p>
-
-<p>Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden
-Erkenntnis hat es schon all die Tage vorher in
-ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich gewehrt gegen
-diesen Gedanken, wie gegen eine Unm&ouml;glichkeit!</p>
-
-<p>Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie
-in nimmer endendem Tanz hei&szlig; und hei&szlig;er an die Brust
-gedr&uuml;ckt, da ging es wie ein Morgend&auml;mmern der Liebe
-durch ihre Seele, da war es ihr, als m&uuml;sse sie das Antlitz
-auf seine starken, kraftvollen H&auml;nde dr&uuml;cken und sagen:
-&raquo;ich wei&szlig;, was sie Gutes tun und Edles schaffen &mdash; und
-ich bitte dir all das schwere Unrecht ab, du wackerer
-Mann, welches ich dir ehemals so verblendet zugef&uuml;gt!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_348">[S. 348]</a></span></p>
-
-<p>Und in jener Stunde hatte sie nur seine Gr&ouml;&szlig;e geahnt
-und noch nicht mit Augen geschaut, wie jetzt!</p>
-
-<p>Flammende Begeisterung durchgl&uuml;ht sie! Der Traum
-von edlem Heldentum, von sieghaftem Mannesmut ist
-zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf Tod
-und Leben!</p>
-
-<p>Welch ein trotzigk&uuml;hner Kampf gegen die furchtbarsten
-Gegner, gegen Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig
-wie die anst&uuml;rmenden Heere des Feindes, verderblich
-wie die br&uuml;llenden Gesch&uuml;tze auf dem Schlachtfeld,
-welche Tod und Verderben speien! &mdash; Auch hier
-grinst der Tod aus jeder Woge, auch hier lauert Untergang
-und Vernichtung in der Tiefe, hier tost der Feind
-auch in den L&uuml;ften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft
-gegen ein paar armselige Menschenf&auml;uste ein! &mdash;</p>
-
-<p>Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen,
-wenn sie hinaus in die Nacht, auf die finsteren,
-tosenden Wasser blickt!</p>
-
-<p>Dr&uuml;ben liegt das Schiff!</p>
-
-<p>Mattes Mondlicht huscht gespenstisch dar&uuml;ber hin. &mdash;</p>
-
-<p>Man sieht, wie schwere Seen &uuml;ber sein Deck schlagen,
-wie es immer tiefer auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot
-sich gegen die furchtbare Str&ouml;mung n&auml;her und
-n&auml;her herank&auml;mpft.</p>
-
-<p>Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden
-und zerschellen?</p>
-
-<p>Wird es durch das Zur&uuml;ckprallen der See vollschlagen
-und kentern?</p>
-
-<p>Gabriele h&ouml;rt wie im Traum die Worte der Umstehenden.</p>
-
-<p>&raquo;Man jo nich' von de Luvsit' angehn!&laquo; jammerte eine
-Alte. &raquo;Dat Schipp sitt' jo fest un' die See brandet &ouml;wer
-weg!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;&Auml;werst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo
-Bischeid!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn nur nicht zu viel Spieren und St&uuml;cke von der
-Takelung treiben!&laquo; nickt die Mamsell und trocknet die
- <span class="pagenum"><a id="Page_349">[S. 349]</a></span>
-Augen; &raquo;ich denke, der Graf nimmt die Schiffbr&uuml;chigen
-wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Wenn sie nur erst rankommen!&laquo;</p>
-
-<p>Der Mond versteckt sich wieder, &mdash; eine bange, lange
-Stille, &mdash; leis gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen.</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Gundula ist nach dem Schuppen zur&uuml;ckgegangen.</p>
-
-<p>Sie hat dort einen Spiritusapparat entz&uuml;ndet, um
-starken, hei&szlig;en Tee f&uuml;r die Heimkehrenden bereitzuhalten.</p>
-
-<p>Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verungl&uuml;ckten
-die erste Hilfe angedeihen lassen mu&szlig;.</p>
-
-<p>Wie oft hat sie schon diese Frottiert&uuml;cher, die B&uuml;rsten
-und belebenden Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit
-demselben angstbebenden Herzen, aber auch jedesmal
-mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht
-wie heute.</p>
-
-<p>Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr
-Sohn, ihr Liebling, ihr einziges Gl&uuml;ck auf der Welt,
-wird auch heute von Gottes Vaterhand heimgeleitet
-werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden,
-wo sie ihn dahingeben mu&szlig;te als einen Schirmherrn
-der Not, als einen treuen, opfermutigen Mann, welcher
-f&uuml;r fremdes Leben sein eigenes wagt!</p>
-
-<p>Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber
-durchkreuzen, nachdem er sie so herrlich und unfa&szlig;lich
-bis hierher gef&uuml;hrt? O, Gr&auml;fin Gundula hat in den
-letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen,
-und sie hat Gabrieles ergl&uuml;hende Wangen geschaut,
-sie wei&szlig;, welch ein Kampf in diesen beiden jungen
-Menschenherzen tobt, und wei&szlig;, wie herrlich der Sieg
-sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen
-vorauswirft.</p>
-
-<p>Wie ein Wunder deucht es ihr, da&szlig; sie Gabriele,
-just diese, zu sich in die stille Strandburg rief, wie ein
-Wunder, da&szlig; das so reiche, gefeierte M&auml;dchen eine arme
-Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend
-werden sollten!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_350">[S. 350]</a></span></p>
-
-<p>Wie ein Wunder mu&szlig; sie es ansehen, da&szlig; die Einzige,
-f&uuml;r welche Guntram Kraffts Herz in hei&szlig;er Liebe
-ergl&uuml;hte, ihm hierher folgen mu&szlig;te, nachdem er den
-Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben.</p>
-
-<p>Warum das? &mdash;</p>
-
-<p>Gr&auml;fin Gundula wei&szlig; es nicht und fragt auch nicht
-danach.</p>
-
-<p>Sie wartet, und sie ist gewi&szlig;, da&szlig; das, was Gott
-der Herr so wundersam begonnen, auch von ihm zu gutem
-Ende gef&uuml;hrt wird!</p>
-
-<p>Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen
-ert&ouml;nt wie ein verworrenes Echo von dem Strand empor.</p>
-
-<p>Das Rettungsboot kehrt zur&uuml;ck!</p>
-
-<p>Die B&auml;rin von Hohen-Esp hebt inbr&uuml;nstig die gefalteten
-H&auml;nde zum Himmel, ihre Lippen zittern und
-fl&uuml;stern leise, ihre Augen gl&auml;nzen feucht.</p>
-
-<p>Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet
-sie abermals &uuml;ber den losen, wehenden Sand hinab,
-den Sohn zu erwarten.</p>
-
-<p>Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern
-flattern im Sturm, wie verkl&auml;rt leuchtet das bleiche
-Angesicht in dem Flackerschein der hochgeschwungenen
-Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich durch die
-letzte Brandung k&auml;mpft, sie h&ouml;rt die aufgeregten Menschen
-lachen und jauchzen &mdash; &raquo;sie bringen die Schiffbr&uuml;chigen!
-&mdash; sie sind gerettet!&laquo; &mdash; dann sucht ihr Blick
-Gabriele.</p>
-
-<p>Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie
-vorhin, die H&auml;nde wie in Verz&uuml;ckung nach dem Boot
-ausgestreckt, das sch&ouml;ne Antlitz in Gluten der Begeisterung
-getaucht.</p>
-
-<p>Ach, da&szlig; Guntram Krafft sie so erblicken m&ouml;chte! Alles
-dr&auml;ngt den Nahenden entgegen, die M&auml;nner springen
-in das sch&auml;umende Wasser, das Fahrzeug mit hilfsbereiten
-H&auml;nden zu fassen, um es auf den Strand zu ziehen, aber
-die Stimme des Grafen klingt kr&auml;ftig durch Wind und
-Wogengebraus &mdash; &raquo;Halt! &mdash; la&szlig;t ab! Wir m&uuml;ssen noch
- <span class="pagenum"><a id="Page_351">[S. 351]</a></span>
-einmal zur&uuml;ck! &mdash; Landet die Mannschaft ... es sind
-Norweger! &mdash; Versorgt sie!&laquo;</p>
-
-<p>Noch einmal zur&uuml;ck?</p>
-
-<p>Der Jubel verstummt &mdash; j&auml;hes Entsetzen malt sich auf
-allen Gesichtern.</p>
-
-<p>Gott erbarm sich! noch einmal zur&uuml;ck! Noch sind nicht
-alle Gestrandeten geborgen!</p>
-
-<p>Die fremden Seeleute springen &uuml;ber, bleich und ermattet,
-aber alle gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen,
-welcher bewu&szlig;tlos scheint, hebt Guntram Krafft
-mit starken Armen und tr&auml;gt ihn selber an Land. &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Es ist nichts, Mutter!&laquo; ruft er leuchtenden Auges,
-&raquo;als er &uuml;ber die Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen,
-&mdash; das bet&auml;ubte ihn! den Kopf k&uuml;hlen ... und einen
-Kognak! &mdash; Sonst <em class="antiqua">allright</em>!&laquo;</p>
-
-<p>Gundula schlingt die Arme um den Sohn und dr&uuml;ckt
-ihn sekundenlang an das Herz.</p>
-
-<p>&raquo;Noch einmal zur&uuml;ck willst du?&laquo; seufzt sie tief auf &mdash;;
-&raquo;<em class="gesperrt">mu&szlig;</em> es sein, mein Sohn?&laquo;</p>
-
-<p>Er k&uuml;&szlig;t hastig ihre H&auml;nde.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, es <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> sein, Mutter! Drei M&auml;nner warten
-noch auf unsere Hilfe, unter ihnen der Kapit&auml;n. Das
-Schiff hat bereits an sieben Fu&szlig; Wasser im Raum!
-Das Ruder ist weggesto&szlig;en, und der Fockmast schwankt
-derart, da&szlig; er jeden Augenblick &uuml;ber Bord gehen kann!
-Das einzige Boot, welches noch vorhanden war, ist v&ouml;llig
-leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu verlieren,
-&mdash; gebe Gott, da&szlig; wir nicht schon zu sp&auml;t kommen! Nur
-einen Schluck zur St&auml;rkung f&uuml;r meine Leute, und dann
-wird uns der barmherzige Gott auch zum zweiten Male
-helfen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Der Pastor hat die H&auml;nde des Sprechers ergriffen
-und dr&uuml;ckt sie mit warmen Segensworten, die Frauen
-reichen den Schiffbr&uuml;chigen und Lotsen die Becher mit
-dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen
-ihre M&auml;nner, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen
-und klagen nicht, sie erschweren ihnen ihre saure Pflicht
- <span class="pagenum"><a id="Page_352">[S. 352]</a></span>
-nicht noch mehr, &mdash; auch sie sind stark und heldenhaft,
-&mdash; wie sich's geb&uuml;hrt.</p>
-
-<p>Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren
-Neuverm&auml;hlten und blickt ihm wieder und wieder in die
-Augen, bis J&ouml;schen die Z&auml;hne zusammenbei&szlig;t, sich losrei&szlig;t
-und nach dem Boote zur&uuml;ckwatet.</p>
-
-<p>Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal
-dr&uuml;ckt er seiner Mutter die H&auml;nde &mdash; dann trifft
-sein Blick Gabriele. Sie hat bisher stumm zur Seite
-gestanden, jetzt pl&ouml;tzlich ist es, als ob ein Beben und
-Sch&uuml;ttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht
-&mdash; sie <em class="gesperrt">mu&szlig;</em> ihm entgegenwanken, ihm die H&auml;nde reichen
-&mdash; zu ihm aufblicken ...</p>
-
-<p>Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck
-in dem wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen,
-&mdash; er starrt sie an ...</p>
-
-<p>So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an,
-als sie den k&uuml;hnen Reiter um seiner Heldentaten willen
-bewunderte!</p>
-
-<p>&raquo;Gabriele!&laquo; &mdash; murmelte er. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Ihre Lippen zittern, &mdash; sie dr&uuml;ckt seine H&auml;nde fester,
-krampfhafter zwischen den ihren.</p>
-
-<p>&raquo;Sie sind jetzt ersch&ouml;pft, Graf &mdash; Sie <em class="gesperrt">k&ouml;nnen</em>,
-Sie d&uuml;rfen das Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!&laquo;</p>
-
-<p>Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Hei&szlig;e
-R&ouml;te steigt in sein Antlitz, dieselbe, welche ehemals
-im Ballsaal seine Stirn f&auml;rbte und ihr so weibisch und
-ver&auml;chtlich deuchte, &mdash; jetzt sieht sein edles, k&uuml;hnes Angesicht
-noch sch&ouml;ner darunter aus wie zuvor.</p>
-
-<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht, was ich kann und tun darf, ich wei&szlig;
-nur, was ich <em class="gesperrt">mu&szlig;</em>!&laquo; klingt es wie ein Aufjauchzen von
-seinen Lippen, &mdash; sein strahlender Blick trifft noch einmal
-den ihren, dann gibt er ihre bebenden H&auml;nde j&auml;hlings
-frei und springt in das Boot zur&uuml;ck.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&raquo;Chryste Kyrie &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Sei bei uns auf der See!&laquo;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_353">[S. 353]</a></span></p>
-
-<p>Und abermals b&auml;umt sich das Boot hoch auf und
-schie&szlig;t hinaus in die grauenvolle, sch&auml;umende Wildnis
-der Wasser ... in die g&auml;hnende Finsternis hinein. &mdash;</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin legt die Arme um Gabriele und neigt
-sekundenlang das Antlitz auf die Schulter des jungen
-M&auml;dchens.</p>
-
-<p>&raquo;Beten Sie f&uuml;r ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite
-Fahrt ist schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!&laquo;</p>
-
-<p>Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp
-energisch auf und folgt festen Schritts den M&auml;nnern,
-welche den bewu&szlig;tlosen Schiffsjungen nach dem Rettungsschuppen
-tragen.</p>
-
-<p>Nun gilt es auch f&uuml;r sie, treu und umsichtig ihres
-Amtes zu walten.</p>
-
-<p>Sie mu&szlig; dem Kranken die erste Pflege angedeihen
-lassen, f&uuml;r seine &Uuml;berf&uuml;hrung nach Hohen-Esp sorgen
-und das Unterkommen der gestrandeten Mannschaft bedenken.</p>
-
-<p>Noch einmal z&ouml;gert sie und blickt zur&uuml;ck, sie will
-Gabriele zu Hilfe an ihre Seite rufen, da sieht sie im
-d&auml;mmernden Mondlicht, wie die schlanke, wei&szlig;e M&auml;dchengestalt
-auf die Knie herniederbricht, wie sie die H&auml;nde
-in hei&szlig;em, inbr&uuml;nstigem Gebet verschlingt.</p>
-
-<p>Ein seliges L&auml;cheln geht &uuml;ber ihr ernstes Antlitz.
-Nein, sie darf nicht rufen.</p>
-
-<p>Dieser lichte Engel mu&szlig; am Strande treue Wacht
-halten!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, &mdash; die M&auml;nner
-bergen die Rettungsgeschosse, welche &uuml;berfl&uuml;ssig geworden
-sind, die Weiber und Kinder &uuml;ben Samariterdienste an
-den Schiffbr&uuml;chigen.</p>
-
-<p>Boten m&uuml;ssen nach der Burg gesandt werden, das
-Ingesinde hat Frau Gundula heimgeschickt, alles f&uuml;r
-die Ankunft des Kranken und der Mannschaft, welche in
-der &raquo;blauen Woge&laquo; kein Unterkommen mehr findet, vorzubereiten.
-Nun beginnt das Hasten und Treiben nach
- <span class="pagenum"><a id="Page_354">[S. 354]</a></span>
-Dorf und Burg zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten
-stehen wie dunkle Schatten am Strand bereit, die
-Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu k&uuml;nden.</p>
-
-<p>Still und einsam ist es um Gabriele.</p>
-
-<p>Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer
-zuvor bem&auml;chtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher
-empfunden, war eine gl&uuml;hende Begeisterung gewesen,
-das namenlose Entz&uuml;cken, endlich das Bild ihrer Tr&auml;ume
-verk&ouml;rpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen,
-welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schw&auml;rmerischen
-Sehnens geworden war! &mdash;</p>
-
-<p>Mit st&uuml;rmendem Herzen hatte sie gestanden und das
-herrliche Bild Guntram Kraffts mit den Blicken umfa&szlig;t,
-als k&ouml;nne sie sich nicht satt schauen an einem solchen
-Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den
-h&ouml;chsten Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im
-Fieber, und nur <em class="gesperrt">ein</em> Gef&uuml;hl hatte sie beherrscht, die
-unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts, dessen
-Gr&ouml;&szlig;e sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte!</p>
-
-<p>Er war zur&uuml;ckgekehrt von seiner verwegenen Fahrt,
-und ihr war es zu Sinnen gewesen, als m&uuml;sse sie vor
-ihm niederknien, seine H&auml;nde an die Lippen dr&uuml;cken und
-stammeln: &raquo;Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib
-einer Blinden, da&szlig; sie dich ehemals so bitter und so ungerecht
-gekr&auml;nkt! &mdash; Jetzt erst sind meine Augen ge&ouml;ffnet,
-und ich habe gesehen, <em class="gesperrt">wer</em> du bist!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Jetzt erst? &mdash;</p>
-
-<p>Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden,
-als ob nach langer, dunkler Winternacht der goldene
-Lenz erwachen solle!</p>
-
-<p>Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der k&uuml;hne,
-sieghafte Held, als er sich stolz von ihr losri&szlig; und nichts
-H&ouml;heres und Heiligeres kannte, als seine Pflicht, &mdash;
-da fluteten die ersten, hei&szlig;en Sonnenstrahlen durch ihr
-Herz, &mdash; da jauchzte es nicht mehr &mdash; &raquo;fahr' hinaus, und
-sei ein Held, auf da&szlig; ich dich bewundern kann!&laquo; &mdash;
-nein, da schrie es auf in zitternder Angst &mdash;: &raquo;bleibe
-hier, damit ich dich <em class="gesperrt">liebe</em>!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_355">[S. 355]</a></span></p>
-
-<p>Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung,
-mit welcher sie ihn das erstemal das Wagnis vollbringen
-sah, &mdash; da konnte sie nicht beten f&uuml;r ihn, sondern
-nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit blitzenden
-Augen und wogender Brust!</p>
-
-<p>Jetzt pl&ouml;tzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern,
-zitternde Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die
-bleichen Lippen m&ouml;chten aufschreien in bitterer Not um
-den Geliebten.</p>
-
-<p>Wie ein Gespenst taucht pl&ouml;tzlich das Bildnis Wulffhardts
-vor ihr auf ... das entsetzliche Wort &raquo;ertrunken!&laquo;
-starrt sie mit grellen Buchstaben aus der schwarzwogenden
-See an &mdash; &raquo;ertrunken! &mdash; ertrunken ...!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Sie hebt in qualvollem Entsetzen die H&auml;nde, sie bricht
-nieder auf die Knie ... der Sturm weht &uuml;ber sie dahin
-und rei&szlig;t das Spitzentuch von ihrem lockigen Haar.</p>
-
-<p>Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand
-gegen ihr Antlitz und trinkt gierig die Tr&auml;nen, welche
-haltlos &uuml;ber ihre Wangen tauen.</p>
-
-<p>Wie aus dem ge&ouml;ffneten Rachen eines Ungeheuers
-br&uuml;llte die See, &mdash; die ehemals besp&ouml;ttelte, so ver&auml;chtlich
-bel&auml;chelte See, und Gabriele f&uuml;hlt, wie das
-Grauen sie sch&uuml;ttelt angesichts dieser z&uuml;rnenden, furchtbar
-Gewaltigen! &mdash;</p>
-
-<p>Ertrunken! &mdash;</p>
-
-<p>Herr des Himmels, erbarme dich! &mdash;</p>
-
-<p>Die Worte des Predigers klingen ihr pl&ouml;tzlich im
-Herzen, hell und zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna,
-welches alle Totenglocken &uuml;bert&ouml;nt! &mdash; &raquo;Das Gebet
-seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster
-Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das
-Segel, welches in Sturm und Wetter nicht verloren geht!
-Das Gebet der gl&auml;ubigen Liebe ist die Engelsschwinge,
-welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut sicher
-in den Heimatshafen zur&uuml;ckf&uuml;hrt.&laquo;</p>
-
-<p>Das Gebet der gl&auml;ubigen Liebe! &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von
-Hohen-Esp, sie hat nicht das Recht wie Mike, die junge,
- <span class="pagenum"><a id="Page_356">[S. 356]</a></span>
-br&auml;utliche Frau, den Geliebten mit Engelsschwingen sorgender
-F&uuml;rbitte zu umgeben, &mdash; aber Liebe! gl&auml;ubige
-Liebe! Ja, die flammt ihr hei&szlig; und todgetreu im Herzen,
-eine Liebe, welche die Angst und Qual dieser finsteren
-Nachtstunde geboren! &mdash;</p>
-
-<p>Wo bleibt er? &mdash;</p>
-
-<p>Die Minuten schleichen dahin, &mdash; wie lang, wie entsetzlich
-lang w&auml;hrt diesmal die Fahrt!</p>
-
-<p>Dort dr&uuml;ben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche
-Nacht umgibt es! &mdash;</p>
-
-<p>Werden es die k&uuml;hnen Retter sehen und finden? Wird
-die tosende Flut ihr Boot gegen die Schiffswand schleudern,
-da&szlig; es zerschellt ... da&szlig; alles junge Leben &mdash;
-alle s&uuml;&szlig;e, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf
-dem Meeresgrunde finde?</p>
-
-<p>Herrgott, erbarme dich! &mdash;</p>
-
-<p>Immer inbr&uuml;nstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele
-die H&auml;nde im Gebet &mdash; und durch den Sturm
-klingt es wie goldene Harfen, und fernher vom Strand
-gellt ein Jubelschrei: &raquo;Sie kommen! &mdash; sie kommen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p class="pmb3">Ein L&auml;cheln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen
-haften an dem Himmel, sie regt sich nicht.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_357">[S. 357]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XXVII">XXVII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Voll jubelnder Hast st&uuml;rmte es abermals die D&uuml;ne
-von dem Rettungsschuppen herab.</p>
-
-<p>Neue Fackeln gl&uuml;hten auf, und der Sturm griff in
-die knisternden Flammen hinein und jagte die funkenspr&uuml;henden
-St&uuml;ckchen des Teerbrandes &uuml;ber den Sand
-davon.</p>
-
-<p>Allen voran dr&auml;ngte Mike nach dem Strand. Sie
-strebte dem nahenden Boot so ungest&uuml;m entgegen, da&szlig;
-die Spritzer der Brandung helle Tropfen in ihren Brautkranz
-warfen und die Frauen und M&auml;dchen sie lachend
-und so lebhaft, wie w&auml;hrend der ganzen Hochzeitsfeier
-nicht, zur&uuml;ckrissen und den guten Feststaat vor weiterem
-Verderben retteten.</p>
-
-<p>Das Einlaufen des Bootes an Land erwies sich diesmal
-noch schwieriger als zuvor, da die Brandung von
-Minute zu Minute furchtbarer ward und das nicht allzu
-schwere Fahrzeug jeden Augenblick beizudrehen drohte.</p>
-
-<p>Jede Welle, welche es &uuml;berholte, warf den Heck empor
-und dr&uuml;ckte den Bug nieder, und der erst so ungest&uuml;me
-Jubel der Harrenden verwandelte sich wieder in angstvolle
-Stille, als man den schweren Kampf beobachtete, in
-welchem die k&uuml;hnen Retter rangen.</p>
-
-<p>Das Sturmgew&ouml;lk war beinahe v&ouml;llig hinweggefegt,
-der Mond stand an dem bleifarbenen Himmel und beleuchtete
-hell den letzten Akt des aufregenden Schauspiels,
-welches sich in stiller Nacht an dem einsamen,
-weltfernen Strande abspielte.</p>
-
-<p>Die Brandung rollte unter dem Kiel des Bootes
-fort, die K&auml;mme der See h&uuml;llten es in wahre Schaumwolken,
-und das ganze Fahrzeug mit den k&uuml;hn verwegenen
-Gestalten der so &uuml;beraus angestrengt arbeitenden
- <span class="pagenum"><a id="Page_358">[S. 358]</a></span>
-M&auml;nner erschien wie ein Schattenbild, welches
-sich in wildem Tanze n&auml;hert.</p>
-
-<p>Und es kam n&auml;her und n&auml;her, und endlich konnten
-die zur&uuml;ckgebliebenen Fischer ihm mit rauhkehligem &raquo;Hojohe!&laquo;
-entgegenspringen, es kraftvoll zu packen und an
-Land zu schieben.</p>
-
-<p>Im letzten Augenblick erst hatte sich Guntram Krafft
-von seinem Sitz erhoben, sein edles, leidenschaftlich erregtes
-Antlitz spiegelte noch die Anstrengungen, mit
-welchen man in dieser schweren Stunde gerungen, aber
-seine Lippen lachten, da&szlig; die festen, wei&szlig;en Z&auml;hne durch
-den Schnurrbart blinkten, und die gro&szlig;en Blauaugen
-blitzten so siegesfreudig und gl&uuml;ckselig, wie bei einem
-Menschen, f&uuml;r welchen die gute Tat schon allein ihren
-vollen Lohn in sich tr&auml;gt! &mdash;</p>
-
-<p>Wie sch&ouml;n war er! wie unbeschreiblich sch&ouml;n! &mdash;
-Gabriele ist Schritt f&uuml;r Schritt herzugewankt, mit gl&uuml;ckzitterndem
-Herzen und brennendem Blick schaut sie ihm
-entgegen, und dann schl&auml;gt dieses Herz pl&ouml;tzlich so wild
-auf, da&szlig; sie vor seinem Ungest&uuml;m selber erschrickt und
-angstvoll zur&uuml;ckweicht, weiter und weiter ... dahin, wo
-die roten Lichter der Fackeln sie nicht mehr erreichen,
-wo keines Menschen Blick ersp&auml;hen kann, welche Gef&uuml;hle
-sich in ihrem Auge verraten! &mdash;</p>
-
-<p>Voll toller, ausgelassener Freude springt J&ouml;schen als
-erster &uuml;ber den Bootsrand, watet die letzten Schritte
-durch das weit ausrollende Wasser und umf&auml;ngt sein
-junges Weib, um all das Gl&uuml;ck dieses Wiedersehens in
-schallenden K&uuml;ssen auszudr&uuml;cken.</p>
-
-<p>&raquo;Nu hev' ik mir min leif l&uuml;ttj Fru erst ganz un
-gor verdeint!&laquo; lacht er mit weithin t&ouml;nender Stimme:
-&raquo;Mike min K&uuml;king, bist ok tofreeden mit mi?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Da gibt's einen hallenden Jubel ringsum, und der
-sturmzerzauste Brautkranz fliegt vollends auf die blonden
-Z&ouml;pfe zur&uuml;ck, und Mike sieht wieder so gl&uuml;hend rot aus
-wie zuvor, als noch kein b&ouml;s Wetter ihr das Gl&uuml;ck
-streitig machte!</p>
-
-<p>Der B&auml;r von Hohen-Esp eilt in die ausgebreiteten
- <span class="pagenum"><a id="Page_359">[S. 359]</a></span>
-Arme seiner Mutter und k&uuml;&szlig;t ihr strahlend stolzes Gesicht
-voll inniger Z&auml;rtlichkeit, dann wendet er sich und
-f&uuml;hrt den barh&auml;uptigen, bis auf die Haut durchn&auml;&szlig;ten
-Kapit&auml;n des &raquo;Bror Thyrssen&laquo;, welcher mit Pitchpine
-Holz nach Pillau unterwegs ist, der Gr&auml;fin zu und
-empfiehlt ihn deren Gastfreundschaft und Sorge.</p>
-
-<p>Kapit&auml;n Bj&ouml;rnson spricht deutsch, er dankt der Gr&auml;fin
-mit warmen, aus dem Herzen quellenden Worten f&uuml;r
-die edle, opfermutige Tat ihres Sohnes, welcher just zur
-rechten Zeit gekommen, sie alle aus sehr &uuml;bler Lage
-zu befreien. Der &raquo;Bror Thyrssen&laquo; h&auml;lt zwar noch zusammen,
-aber er liegt schwer auf der Seite, und die See
-schl&auml;gt hoch &uuml;ber Deck und w&auml;scht alles herunter, &mdash; &mdash;
-da handelt es sich wohl kaum noch um eine Stunde, da&szlig;
-sich eine Menschenseele an Bord halten kann. &mdash;</p>
-
-<p>Dann fragt er nach dem Schiffsjungen und seinem
-Ergehen, und Gundula kann gute Nachricht geben, sie
-schreitet dem Kapit&auml;n nach dem Rettungsschuppen voran,
-bleibt aber noch einmal stehen und wendet sich zu dem
-Grafen. Sie hat gesehen, wie sein Blick umherirrt und
-unruhig unter den Anwesenden forscht &mdash; sie wei&szlig;, wen
-er sucht.</p>
-
-<p>L&auml;chelnd deutet sie seitlich nach dem Strand, wo ein
-wei&szlig;es Kleid aus dem Dunkel schimmert.</p>
-
-<p>&raquo;Willst du so gut sein, Guntram Krafft, und Gabriele
-nach dem Wagen f&uuml;hren? Der Kutscher h&auml;lt am Tannenweg!
-Das arme Kind scheint von all der ungewohnten
-Aufregung todesmatt! Sage ihr, da&szlig; ich sie bitten lasse,
-mit dem Herrn Kapit&auml;n und Steuermann einstweilen nach
-der Burg zu fahren und den Wagen sogleich zur&uuml;ckzuschicken,
-wir folgen augenblicklich mit dem Kranken,
-sowie er sich noch ein wenig mehr erholt hat! &mdash; Mamsell
-wei&szlig; Bescheid und hat alles vorbereitet. Begleitest du
-uns, oder bringst du, gewohnterweise, erst das Boot
-und alles andere unter Dach und Fach?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;F&uuml;rerst bin ich hier noch nicht abk&ouml;mmlich, Mama!&laquo;
-antwortete er sehr schnell und lacht abermals &uuml;ber das
-ganze Gesicht; &raquo;ich hab' J&ouml;schen heimgejagt und mu&szlig;
- <span class="pagenum"><a id="Page_360">[S. 360]</a></span>
-seine Faust noch beim Bergen der Sachen ersetzen. Aber
-Fr&auml;ulein von Sprendlingen werde ich deine Bestellung
-ausrichten!&laquo; und schon stampfte er auf den schweren
-Wasserstiefeln davon, und das zerzauste Blondhaar h&auml;ngt
-ihm wirr und feucht in die Stirn.</p>
-
-<p>Da sieht er ihre schlanke, lichte Gestalt im Mondesglanz
-vor sich, und sein Herz, welches soeben noch ruhig
-und furchtlos dem Tode getrotzt, bebt pl&ouml;tzlich in seiner
-Brust.</p>
-
-<p>Langsam tritt er n&auml;her.</p>
-
-<p>Er denkt an den Blick, mit welchem sie ihm vorhin
-in die Augen geschaut, an den Ausdruck ihres s&uuml;&szlig;en
-Gesichts, welches w&auml;hrend seiner Todesfahrt durch Sturm
-und brandende Flut wie eine gl&uuml;ckselige Vision ihn begleitete.
-Der wei&szlig;e Spitzenschleier weht lang von dem
-Haupt herab, &mdash; der Sturm fa&szlig;t ihn und wirbelt ihn
-dem Nahenden wie ungest&uuml;men Gru&szlig; entgegen.</p>
-
-<p>Da steht er vor ihr, und sie hat die gefalteten H&auml;nde
-gegen die Brust gedr&uuml;ckt und sieht mit unaussprechlichem
-Blick zu ihm auf.</p>
-
-<p>Was soll er bestellen?</p>
-
-<p>Er wei&szlig; es nicht, &mdash; alles Blut braust ihm schwindelnd
-zum Herzen, er wei&szlig; selber nicht, was er tut,
-er reicht ihr nur im &Uuml;berma&szlig; seines Empfindens die
-Hand entgegen und sagt leise, wie in banger, sehnender
-Bitte um ein freundliches Wort &mdash; &raquo;Gabriele!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Da geschieht etwas Unfa&szlig;liches, Unbegreifliches. Sie
-nimmt seine Hand mit j&auml;her Bewegung zwischen die
-ihren, neigt ihr Antlitz und dr&uuml;ckt sie an die weichen,
-zitternden Lippen. Wieder und wieder ... und an ihren
-Wimpern gl&auml;nzt es feucht und perlt herab &uuml;ber seine
-Rechte.</p>
-
-<p>&raquo;Gabriele!&laquo; schreit er entsetzt auf. &mdash; &raquo;Um alles in
-der Welt, was tun Sie?&laquo;</p>
-
-<p>Sie hebt das erst so dem&uuml;tig geneigte K&ouml;pfchen und
-reckt ihre schlanke Gestalt hoch und stolz empor und
-schaut ihn an mit den s&uuml;&szlig;en Nixenaugen, aus welchen
-jubelnde Begeisterung und Bewunderung leuchten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_361">[S. 361]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ich gr&uuml;&szlig;e einen Helden!&laquo; st&ouml;&szlig;t sie mit halb erstickter
-Stimme hervor, &raquo;und danke ihm f&uuml;r all jene
-Menschenleben dort, welche diese k&uuml;hne, gewaltige Hand
-gerettet!&laquo;</p>
-
-<p>Er hat seine Rechte gewaltsam befreit und pre&szlig;t sie
-gegen die Stirn, als k&ouml;nne er den Sinn ihrer Worte
-gar nicht fassen.</p>
-
-<p>&raquo;Einen Helden!&laquo; wiederholt er leise; &mdash; &raquo;und das
-sagen <em class="gesperrt">Sie</em> mir, Gabriele &mdash; <em class="gesperrt">Sie</em>?!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Wem anders wie Ihnen, Graf! &mdash; Sie haben mich
-gelehrt, was es bedeuten will, ein Schirmvogt der Not
-zu sein, Sie haben es mir bewiesen, da&szlig; auch hier in
-tiefster, weltferner Einsamkeit ein k&uuml;hner, unerschrockener
-Mann leuchtende Taten zu Ruhm und Ehre seines Vaterlandes
-tut! Sie haben es jenen Norwegern gezeigt, wie
-ein deutscher Mann im Sinne seines Kaisers handelt, &mdash;
-und ... Sie haben mich erkennen lassen, wieviel ... ach,
-wieviel ich Ihnen abzubitten habe!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Sie hatte hastig, aufgeregt, voll fieberischer Leidenschaft
-gesprochen; bei den letzten Worten sank ihre Stimme
-zu leisem Fl&uuml;stern herab, und ehe sich Guntram Krafft
-aus seiner Bet&auml;ubung aufraffen konnte, hatte sich die
-Sprecherin bereits dem eilig herzulaufenden Anton zugewandt.</p>
-
-<p>&raquo;Gn&auml;diges Fr&auml;ulein ... der fremde Herr Kapit&auml;n sitzt
-bereits in dem Wagen!&laquo; meldete er atemlos. &raquo;Darf ich
-bitten, sogleich einzusteigen, die Frau Gr&auml;fin erwartet
-die Pferde umgehend zur&uuml;ck.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Ich komme!&laquo; nickte Gabriele hastig, der B&auml;r von
-Hohen-Esp aber schrak empor wie aus einem Traum.</p>
-
-<p>&raquo;Krischan Klaaden l&auml;&szlig;t den Herrn Grafen bitten, bei
-dem Boot mit Hand anzulegen! Sie qu&auml;len sich ab und
-wollen es auf den Wagen kriegen, aber ohne den Herrn
-Grafen wird's nichts damit! Und Krischan Klaaden meint,
-geborgen m&uuml;sse es auf alle F&auml;lle werden, denn die Flut
-steigt immer noch, und man k&ouml;nne nicht wissen, wie hoch
-sie in der Nacht noch k&auml;me!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gut, gut, ich komme!&laquo;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_362">[S. 362]</a></span></p>
-
-<p>Einen Augenblick noch rang er mit sich, ob er Gabriele
-nicht folgen und in den Wagen bringen solle, aber
-schon entschwand ihre lichte Gestalt wie ein Schemen, sie
-floh dahin &uuml;ber das knisternde Riedgras und mu&szlig;te den
-Wagen bald erreicht haben. Wie war es auch m&ouml;glich,
-mit diesem Sturm im Herzen ihr vor fremden Menschen
-gleichg&uuml;ltige Dinge zu sagen.</p>
-
-<p>Guntram Krafft pre&szlig;t die wetterharten F&auml;uste gegen
-die Schl&auml;fen, und seine Brust hebt und senkt sich unter
-keuchenden Atemz&uuml;gen.</p>
-
-<p>Wie ein Chaos von Licht und Schatten wallt es durch
-das finstere Gew&ouml;lk der langen Leidensnacht in seinem
-Herzen, funkelnde Strahlengarben brechen hervor, und
-eine grelle, blendende, zauberhafte Sonne des Gl&uuml;cks
-steigt sieghaft &uuml;ber seinem Leben auf!</p>
-
-<p>Gabriele hatte das Antlitz weinend auf seine Hand
-geneigt, &mdash; sie selber hatte ihn einen tapferen, heldenhaften
-Mann genannt, &mdash; ihn, der doch nichts anderes
-getan, als wie seine Pflicht!</p>
-
-<p>Das war ein Wunder, ein Gnadenwunder Gottes
-des Herrn, welches ihm so j&auml;h und wonnesam das Herz
-der Geliebten zugewandt! &mdash;</p>
-
-<p>Wie ein Jubelschrei will es &uuml;ber Guntram Kraffts
-Lippen brechen, aber er schweigt, er blickt nur mit gl&auml;nzenden
-Augen zum Himmel empor.</p>
-
-<p>Und dann pre&szlig;t er die Hand gegen die Brust, auf
-welcher noch immer der Zettel Gabrieles ruht, und atmet
-tief, tief auf.</p>
-
-<p>Seine Zeit ist um.</p>
-
-<p>Ein w&uuml;ster, grausamer Schicksalssturm hat ihn ehemals
-auf seinen Lebensweg geweht, da&szlig; er sich zur
-himmelhohen Scheidewand zwischen ihn und all sein
-Gl&uuml;ck baue, &mdash; und nun kam ein anderer, frischer, k&ouml;stlicher
-Seesturm dahergebraust, der blies die trennende
-Schranke hinweg, der r&auml;umte alles aus dem Weg, was als
-Dorn und Nessel die roten Rosen seiner Liebe &uuml;berwuchern
-wollte! &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_363">[S. 363]</a></span></p>
-
-<p>Gabriele von Sprendlingen will Herz und Hand nur
-einem Helden zu eigen geben, und sie selber hat den
-B&auml;ren von Hohen-Esp einen Helden genannt! &mdash;</p>
-
-<p>Drunten am Strand winken die M&auml;nner, ungeduldig
-harrend, mit den Fackeln, und Guntram Krafft schwenkt
-ihnen mit jauchzendem &raquo;Hojohe!&laquo; den S&uuml;dwester zu und
-eilt heran, ihnen zu helfen, als flute neues Leben und
-neue Riesenkraft durch seine Adern! &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bem&uuml;hte sie
-sich, der Gr&auml;fin in jeder Weise hilfreich zur Seite zu
-stehen; Gundula aber tat nur einen schnellen Blick in
-ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Bl&auml;sse wechselten,
-auf die kleinen, eiskalten H&auml;nde, welche es kaum
-vermochten, mit festem Griff zuzufassen, und sie schlo&szlig;
-das junge M&auml;dchen mit gar wundersamem L&auml;cheln in
-die Arme und neigte die Lippen k&uuml;ssend auf den lockigen
-Scheitel.</p>
-
-<p>&raquo;Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, &mdash; ich w&uuml;nsche
-es! &mdash; Sie sind von all der Aufregung nerv&ouml;s und
-ermattet und m&uuml;ssen schlafen, damit Sie morgen wieder
-bei frischen Kr&auml;ften sind! Ich kenne diese Sturmn&auml;chte
-und lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu
-wahren! &mdash; Was wollen Sie noch hier? Der Kranke
-ist gebettet und schl&auml;ft bereits den k&ouml;stlichen festen Schlaf
-der Jugend, &mdash; den gebrochenen Arm habe ich ihm schon
-in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, &mdash;
-auch darin habe ich &Uuml;bung! und der Schlag gegen den
-Kopf scheint durchaus nicht bedenklich, denn der Junge
-sprach nach seiner kurzen Bet&auml;ubung v&ouml;llig klar mit
-seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen,
-und, so Gott will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der
-Kapit&auml;n und Steuermann haben ihre nassen Kleider gewechselt
-und sich mit Guntram Kraffts l&auml;ngst verwachsener
-Garderobe sehr spa&szlig;haft kost&uuml;miert, sie sitzen bei einem
-steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn
-warten, um noch so mancherlei mit ihm zu besprechen,
-ehe sie sich zur Ruhe legen, &mdash; ich glaube nicht, da&szlig; ihnen
- <span class="pagenum"><a id="Page_364">[S. 364]</a></span>
-Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand sehr angenehm
-ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und
-auch ich gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram
-Krafft noch einmal die Hand gedr&uuml;ckt habe. Das ist
-so Brauch bei uns.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele atmete sehr schnell und machte eine j&auml;he
-Bewegung mit dem K&ouml;pfchen, ihre Augen blickten so
-leuchtend und verkl&auml;rt an der Gr&auml;fin vor&uuml;ber, als s&auml;hen
-sie voll schw&auml;rmerischen Entz&uuml;ckens in n&auml;chtiger Ferne
-ein liebes, liebes Bild.</p>
-
-<p>Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen,
-wieder und wieder ... wollte sprechen und schwieg dennoch.</p>
-
-<p>&raquo;Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es
-gewi&szlig; ein ganz besonders sonniger, wonniger Maientag
-werden!&laquo; fuhr Gundula weich und leise fort, und sie
-strich mit der Hand &uuml;ber das rosa Brautband, welches noch
-immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles
-Arm gl&auml;nzte, &mdash; sie l&auml;chelte: &raquo;Heben Sie diese Schleife
-auf, &mdash; sie bringt Gl&uuml;ck! &mdash; Und ehe Sie die Augen
-schlie&szlig;en, danken auch Sie Gott dem Herrn, da&szlig; er in
-dieser Nacht mit uns war!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele war hei&szlig; err&ouml;tet, sie nickte erregt, ihre Lippen
-zitterten. Noch einmal neigte sie sich tief, tief &uuml;ber die
-Hand der Gr&auml;fin, und dann trat sie hastig &uuml;ber die
-Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu erreichen.
-Sie pre&szlig;te die H&auml;nde gegen die Schl&auml;fen und stand
-z&ouml;gernd auf der Treppe still.</p>
-
-<p>War es recht, da&szlig; sie ging? Gab es doch vielleicht
-noch Pflichten f&uuml;r sie zu erf&uuml;llen?</p>
-
-<p>Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute
-nicht!</p>
-
-<p>Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt,
-handelt und spricht wie im Traum, ihre Gedanken sind
-weit entfernt von dem, was sie tut. &mdash;</p>
-
-<p>Ihr ganzes Sinnen und Denken weilt bei ihm! Sie
-sieht nur noch ein Einziges, &mdash; Guntram Kraffts k&uuml;hnes,
-heldenhaftes Angesicht, &mdash; sie fragt sich tausendmal immer
- <span class="pagenum"><a id="Page_365">[S. 365]</a></span>
-wieder dasselbe: Ist es denn kein Traum, kein Fieberwahn
-gewesen? Hat er wahrlich das Unfa&szlig;liche, Herrliche
-vollbracht?</p>
-
-<p>Wo weilt er noch?</p>
-
-<p>F&uuml;hlt, empfindet er es nicht, da&szlig; ihr Herz seinen
-Namen jubelt in hei&szlig;em, leidenschaftlichem Sehnen und
-Entz&uuml;cken?</p>
-
-<p>Wo bleibt er?</p>
-
-<p>Horch ... eine Regenboe braust nieder, die Tropfen
-werden prasselnd gegen das Fenster gepeitscht ... nach
-wenig Minuten ist es wieder still, und die Mondstrahlen
-huschen durch das zerfetzte Gew&ouml;lk. &mdash;</p>
-
-<p>Das Heulen in den L&uuml;ften l&auml;&szlig;t nach, die Riegel
-und Wetterfahnen kreischen nicht mehr so unaufh&ouml;rlich
-wie zuvor.</p>
-
-<p>Gabriele tritt an die kleinen, bleigefa&szlig;ten Scheiben
-und neigt das fieberhei&szlig;e Gesichtchen dagegen.</p>
-
-<p>Wo bleibt er? &mdash;</p>
-
-<p>Wird er wieder drunten auf dem Weg vor&uuml;berschreiten,
-ohne einen einzigen Blick empor nach ihrem Fenster
-zu tun? &mdash;</p>
-
-<p>Wie in zitternder, qualvoller Angst pre&szlig;t sie die
-H&auml;nde gegen das Herz.</p>
-
-<p>Sie sieht es pl&ouml;tzlich wieder vor sich, sein ernstes, gleichg&uuml;ltiges,
-so ganz ver&auml;ndertes Gesicht, mit welchem er
-ihr begegnete, so lange sie hier weilt. Lebt kein F&uuml;nkchen
-jenes z&auml;rtlichen Interesses, welches er in der Residenz
-f&uuml;r sie empfand, mehr in seinem Herzen?</p>
-
-<p>Gabriele schlingt wie in bebender Verzweiflung die
-H&auml;nde ineinander.</p>
-
-<p>Wehe ihr, &mdash; und ihrem armen, armen, t&ouml;richten
-Herzen!</p>
-
-<p>Und doch ... jener Blick, als er von ihr schied, als
-er zum letzten Male noch ihre H&auml;nde fa&szlig;te, ehe er
-zu jener furchtbaren Fahrt in das Boot sprang ... jener
-Blick war nicht mehr k&uuml;hl und fremd, er war so liebesinnig
-&mdash; so hei&szlig; und weh ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_366">[S. 366]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Gabriele schl&auml;gt pl&ouml;tzlich die H&auml;nde vor das Antlitz
-und schauert zusammen, &mdash; als ob er Abschied nahm
-f&uuml;r ewige Zeit! &mdash;</p>
-
-<p>O, diese Qual der letzten Stunden!</p>
-
-<p>Wo bleibt er, &mdash; wo bleibt er? &mdash;</p>
-
-<p>Wie f&auml;nde Gabriele Schlaf und Ruhe, ehe sie sein
-teures Haupt geborgen und unter diesem Dache wei&szlig;? &mdash;</p>
-
-<p>Horch ... Stimmen ... Schritte drunten ...</p>
-
-<p>Mit zitternder Hand l&ouml;scht sie das Licht und &ouml;ffnet
-lautlos das Fenster ...</p>
-
-<p>Mondschein gl&auml;nzt auf dem Weg ... das Gezweig
-rauscht und spr&uuml;ht silbernen Funkenregen.</p>
-
-<p>Die Bediensteten des Schlosses und zwei der fremden
-Matrosen nahen in lebhaftem Gespr&auml;ch &mdash; und in ihrer
-Mitte ... diese hohe, k&ouml;nigliche Gestalt ... so schreitet
-nur einer! &mdash; nur er! &mdash;</p>
-
-<p>Und er z&ouml;gert pl&ouml;tzlich und geht langsamer, er bleibt
-zur&uuml;ck und steht still.</p>
-
-<p>Sein mondbegl&auml;nztes Antlitz wendet sich ihrem Fenster
-zu, wie mit j&auml;her, leidenschaftlicher Bewegung hebt er
-die Arme und breitet sie nach ihr aus! &mdash;</p>
-
-<p>Sieht er sie?</p>
-
-<p class="pmb3">Nein, &mdash; es ist dunkel und still hier droben. Mit
-einem leisen Aufschluchzen des Entz&uuml;ckens sinkt Gabriele
-auf die Knie &mdash; und das rosa Band von Mikes Brautkranz
-gl&auml;nzt wie holde, gl&uuml;ckselige Verhei&szlig;ung an ihrem
-Arm. &mdash;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_367">[S. 367]</a></span></p>
-
-
-<h2 class="no-break" id="XXVIII">XXVIII.</h2>
-</div>
-
-
-<p>Gr&auml;fin Gundula hatte recht behalten.</p>
-
-<p>Der Sturm flaute &uuml;ber Nacht und gegen Morgen
-mehr und mehr ab und wehte schlie&szlig;lich nur noch als
-kr&auml;ftig frische Brise von der See her&uuml;ber, dieweil die klare
-leuchtende Fr&uuml;hlingssonne an dem Himmel stand und
-die bl&uuml;hende Welt in goldenem Licht badete. Alle
-Wolken, alle Dunst- und Nebelschleier hatte der Sturmwind
-hinweggefegt, und nun w&ouml;lbte sich das Firmament
-so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder
-Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und
-endlos und wogte unter Tausenden von schneeigen
-Schaumk&auml;mmen so majest&auml;tisch, wie Gabriele seinen Anblick
-selbst im Traume nicht in gleicher Sch&ouml;ne geschaut!</p>
-
-<p>Und weil Guntram Krafft j&uuml;ngst einmal gesagt, da&szlig;
-die Farbe des Himmels und der See diejenige sei, welche
-er am meisten liebe, so hatte Gabriele zum erstenmal
-ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem
-ihre Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen.</p>
-
-<p>Sie err&ouml;tet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und l&auml;chelt
-ihm doch voll s&uuml;&szlig;er, inniger Tr&auml;umerei zu und atmet so
-tief und blickt mit so gro&szlig;en, gl&auml;nzenden Augen umher, als
-schaue sie die sonnige Gotteswelt zum erstenmal, als
-sei in ihr und um sie her alles ganz und gar ver&auml;ndert
-seit der gestrigen Nacht. &mdash;</p>
-
-<p>Guntram Krafft war mit den fremden M&auml;nnern schon
-zu fr&uuml;her Stunde nach dem Strand hinabgegangen, um
-zu n&auml;herer Besichtigung des Wracks mit ihnen hinauszufahren;
-wie die Gr&auml;fin mit feinem L&auml;cheln sagte: &raquo;So
-strahlend gl&uuml;cklich, wie noch nie zuvor im Leben!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_368">[S. 368]</a></span></p>
-
-<p>Und dann, als sie verstohlen die entz&uuml;ckende Erscheinung
-des jungen M&auml;dchens mit dem Blick umfa&szlig;t, legt
-sie l&auml;chelnd die Hand auf die flei&szlig;igen Fingerchen,
-welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen wollen,
-und sagt: &raquo;Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in
-Ordnung gebracht, ich habe egoistischere W&uuml;nsche f&uuml;r Sie,
-liebe Gabriele! &mdash; Ist es ein Wunder, wenn nach all der
-Angst und Sorge des gestrigen Abends mein Herz heute
-desto gl&uuml;ckseliger in den hellen Sonnenschein hineinlacht?
-Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste
-Gabriele? Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem
-Schreibtisch Ordnung zu schaffen habe, singen Sie mir
-etwas vor! Und dann gehen Sie in den Garten und
-holen ganz besonders sch&ouml;ne Blumen zum Schmuck der
-Tafel! Der Kapit&auml;n und Pastor sind heute unsere G&auml;ste,
-da kann der alte J&uuml;rgen Haas sein Gew&auml;chshaus aufschlie&szlig;en
-und uns einen Strau&szlig; seiner gehegten und
-gepflegten Lieblinge opfern, h&ouml;ren Sie, Gabriele? Holen
-Sie aus dem Gew&auml;chshaus heraus, was Ihnen hold
-und sch&ouml;n deucht! So; und nun? Bekomme ich ein Lied?&laquo;</p>
-
-<p>Gabrieles Augen leuchteten auf.</p>
-
-<p>&raquo;O, gern, wenn Frau Gr&auml;fin f&uuml;rlieb nehmen wollen
-... ich sang lange nicht!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Und ich h&ouml;rte gar lange, lange Zeit keinen Ton
-Musik in diesen R&auml;umen!&laquo; nickte Gundula voll leiser
-Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich stille L&auml;cheln
-&uuml;ber ihr Antlitz, und sie f&uuml;gte kaum verst&auml;ndlich hinzu:
-&raquo;Nun bricht aber eine neue Zeit f&uuml;r die B&auml;renburg
-an, und das Alte soll vergessen sein!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, &uuml;ber das
-ge&ouml;ffnete Schubfach, aber ihre H&auml;nde ruhten still im
-Scho&szlig;, und ihre Augen blickten voll lebhafter Spannung
-nach dem Fl&uuml;gel, auf welchem Gabriele z&ouml;gernd ein
-Notenheft aufstellte.</p>
-
-<p>Was wird sie singen?</p>
-
-<p>Die B&auml;rin von Hohen-Esp war eine gar gr&uuml;ndliche
-Menschenkennerin, und was Gabriele im tiefsten
- <span class="pagenum"><a id="Page_369">[S. 369]</a></span>
-Herzensgrund f&uuml;r Guntram Krafft empfand, das mu&szlig;te
-jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen str&ouml;men.</p>
-
-<p>&raquo;Soll ich die Arie aus dem &rsaquo;Fliegenden Holl&auml;nder&lsaquo;
-probieren?&laquo; fragte sie z&ouml;gernd, mit j&auml;hem Err&ouml;ten; &raquo;ich
-studierte sie vor Jahren bei meiner Lehrerin, sang sie
-aber nicht oft.&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und warum nicht?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Sie war mir damals so unverst&auml;ndlich, &mdash; ich kannte
-weder See noch Sturm ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue
-ich mich gerade auf diese Arie!&laquo;</p>
-
-<p>Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann
-immer voller, erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz
-durch die T&ouml;ne zitterte in dem leidenschaftlichen Empfinden:
-&raquo;&mdash; betet zum Himmel! &mdash;&laquo;</p>
-
-<p>Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust,
-immer gl&auml;nzender ward ihr Blick, immer freudiger das
-geheimnisvolle L&auml;cheln um ihre Lippen ...</p>
-
-<p>Und Gabriele durchbl&auml;tterte mit gl&uuml;henden Wangen
-die Noten &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Der Lenz ist da!&laquo; von Hildach.</p>
-
-<p>Welch ein Jauchzen und Jubeln &mdash; welch ein Frohlocken
-dem Lenz entgegen! Und die Glocken l&auml;uteten
-so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so ganz
-absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken!</p>
-
-<p>Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach,
-&mdash; und &uuml;ber die Lippen des jungen M&auml;dchens flutet es
-weiter wie ein alles vergessendes, gl&uuml;ckseliges Gest&auml;ndnis.</p>
-
-<p>&raquo;Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen
-mein Herz so verwegen!&laquo;</p>
-
-<p>Und dann ward es still.</p>
-
-<p>Als aber die Gr&auml;fin mit bebender Hand den T&uuml;rvorhang
-zur&uuml;ckschiebt und leise in das Zimmer schaut,
-da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die H&auml;nde gedr&uuml;ckt
-und verharrt wie im Traum. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_370">[S. 370]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der alte J&uuml;rgen Haas hat seine bl&uuml;henden Lieblinge
-im Gew&auml;chshaus stets mit Argusaugen geh&uuml;tet; wie er
-aber in das wunderholde Antlitz des Fr&auml;ulein von
-Sprendlingen schaut, welche ihn l&auml;chelnd um einen Strau&szlig;
-bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen,
-und er nickt mit beinahe z&auml;rtlichem Blick &mdash;: &raquo;So veel, als
-Jug dat leev is!&laquo; &mdash; und er schlie&szlig;t das ger&auml;umige Glashaus
-auf und sieht es ohne jedwedes Herzeleid, wie die
-kleinen wei&szlig;en H&auml;nde nach seinen sch&ouml;nsten Bl&uuml;ten greifen.</p>
-
-<p>Pl&ouml;tzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus
-in die Ecke des Treibhauses, woselbst die Oleander
-und gro&szlig;en Laurostinosb&auml;ume nebst etlichen Palmen aufgebaut
-sind.</p>
-
-<p>&raquo;Ist das nicht ein Lorbeerbaum, J&uuml;rgen Haas?&laquo; fragt
-sie, und alles Blut steigt ihr in das ehedem so rosig
-zarte Gesichtchen.</p>
-
-<p>&raquo;Ganz recht, een Lorbeer! Der is man tor&uuml;ck bleeven
-von uns' Herrn Grafen sin Konfirmaschon! &mdash; Die Bl&auml;tters
-sin ganz ampart un' n&uuml;dlich, &auml;werst Blaumens
-dreiht he nich!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele war hastig herzugeschritten.</p>
-
-<p>&raquo;Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen,
-lieber Haas? &mdash; Und haben Sie ein wenig Bast zur
-Hand, da&szlig; ich ihn gleich winden kann?&laquo;</p>
-
-<p>Der Alte murmelte: &raquo;Allens, wat Se wollen!&laquo; kramte
-aus den grundlosen Tiefen seiner Jacke einen Flausch
-Bast, und derweil sich Gabriele auf eine leere Blumentreppe
-setzte und die grazi&ouml;sen Zweige mit bebenden
-H&auml;nden zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den
-wei&szlig;en Kopf und sprach in seiner kurzen, schlichten Weise
-von der vergangenen Sturmnacht, wo der liebe Herr
-Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient habe. &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und
-sch&uuml;ttelte die Bl&auml;tter von ihrem Kleid. Zwei kleine
-Kr&auml;nze hatte sie gewunden, die hing sie an ihren Arm,
-fa&szlig;te den gro&szlig;en Strau&szlig; der bl&uuml;henden Blumen zusammen
-und sagte dem begl&uuml;ckten Alten freundliche und herzliche
- <span class="pagenum"><a id="Page_371">[S. 371]</a></span>
-Dankesworte, &mdash; dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren
-durch die warme, lenzesduftige Luft nach der Burg
-zur&uuml;ck.</p>
-
-<p>&Uuml;ber ihr jubelten die V&ouml;gel im bl&uuml;henden Gezweig,
-und in ihrem Herzen klangen die Fr&uuml;hlingsglocken noch
-immer wie ein holdes, traumhaftes Echo!</p>
-
-<p>In der Speisehalle ordnete sie still und gesch&auml;ftig
-die Blumen in Schalen und Vasen auf der Tafel, dann
-stand sie einen Augenblick und schlang z&ouml;gernd die kleinen
-H&auml;nde ineinander.</p>
-
-<p>Alles war still im Hause.</p>
-
-<p>Die Gr&auml;fin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zur&uuml;ckgezogen,
-Anton hantierte an den B&uuml;fetts, und die Herren
-weilten noch am Strande.</p>
-
-<p>Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem
-Wohnzimmer der Gr&auml;fin.</p>
-
-<p>Ein Sonnenstrahl flimmerte &uuml;ber einen der braungeschnitzten
-B&auml;ren zu ihrer Seite &mdash; da sah es aus, als
-ob seine Augen sich bewegten, als ob das grimmige
-Gesicht ihr pl&ouml;tzlich entgegenlache.</p>
-
-<p>Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das gro&szlig;e
-Brustbild Guntram Kraffts, in der Seemannsjacke, mit
-dem verwegenen S&uuml;dwester auf dem lockigen Haar.</p>
-
-<p>Gabriele neigt sich und blickt hei&szlig; err&ouml;tend in das
-edle, k&uuml;hne, wundersch&ouml;ne M&auml;nnergesicht, welches ihr
-mit den gro&szlig;en Blauaugen so ganz, ganz anders wie
-sonst entgegenschaut. Ihr Herz st&uuml;rmt in der Brust, all
-die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter
-Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und
-legt ihn um das Bild des heldenhaften Mannes.</p>
-
-<p>Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, gl&uuml;hen
-ihre Wangen und ihr Blick flammt auf in jauchzender
-Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch ihre Adern,
-ein kurzer, gl&uuml;ckzitternder Kampf zwischen banger Scheu
-und allesvergessender Liebe, und sie dr&uuml;ckt das Bild
-an die Lippen, es wie in einem s&uuml;&szlig;en Wonnerausch zu
-k&uuml;ssen.</p>
-
-<p>&raquo;Gabriele!&laquo; <span class="pagenum"><a id="Page_372">[S. 372]</a></span>&mdash;</p>
-
-<p>Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entz&uuml;cken,
-in namenloser Erregung, klingt es neben ihr.</p>
-
-<p>Auf der T&uuml;rschwelle des Nebengemachs steht Guntram
-Krafft, die H&auml;nde gegen die Brust gedr&uuml;ckt, das Haupt
-vorgeneigt, als k&ouml;nne er das Wunder, welches seine
-Augen schauen, nicht fassen und begreifen.</p>
-
-<p>&raquo;Gabriele!!&laquo; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Sie schrickt zusammen, Leichenbl&auml;sse bedeckt ihr erst
-so holdergl&uuml;htes Antlitz, &mdash; das Bild sinkt aus ihren
-zitternden H&auml;nden auf die Schreibtischplatte nieder.</p>
-
-<p>Sie will, &mdash; halb vergehend vor Scham und Entsetzen,
-entfliehen, aber sie macht nur eine unsichere, wankende
-Bewegung &mdash; und schon steht er neben ihr, fa&szlig;t sie mit
-festen, starken, kraftvollen Armen und dr&uuml;ckt sie an sein
-Herz, wild, ungest&uuml;m, wie der B&auml;r, welcher sieghaft
-seine Beute nimmt! &mdash;</p>
-
-<p>Nein, das ist nicht mehr der scheue J&uuml;ngling, welcher
-sie ehemals mit zarter Hand aus dem Schnee emporhob,
-dies ist ein trotzigk&uuml;hner Mann, welcher sich seiner Heldenkraft
-bewu&szlig;t geworden ist!</p>
-
-<p>&raquo;Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein
-Bild mit Lorbeer geschm&uuml;ckt und es gek&uuml;&szlig;t, Gabriele,
-&mdash; damit hast du jenes Todesurteil zerrissen, welches du
-mir und meinem Gl&uuml;ck geschrieben. Jener taten- und
-ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend
-von dir stie&szlig;est, w&uuml;rde nie und nimmer mehr gewagt
-haben, die H&auml;nde begehrend nach dir auszustrecken, aber
-hier der Mann, welchen du selber durch Ku&szlig; und Lorbeer
-zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll k&uuml;hnen
-Wagemuts um deine Liebe, der fordert diese Hand nun
-als sein heilig Recht! &mdash; Gabriele, hast du's geh&ouml;rt?
-<em class="gesperrt">Mein</em> bist du, mein!&laquo;</p>
-
-<p>Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende
-Angesicht, welches mit den gro&szlig;en, zauberischen Nixenaugen
-zu ihm aufschaut, welches in holder Verwirrung
-nur leise, leise seinen Namen fl&uuml;stert &mdash; &mdash;: &raquo;O, du
-Herrlichster!&laquo; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_373">[S. 373]</a></span></p>
-
-<p>Wie ist es urpl&ouml;tzlich so warm &mdash; so duftig &mdash; so
-sonnenhell in dem sonst so k&uuml;hlen und d&uuml;steren Gemach
-der Frau Gundula geworden!</p>
-
-<p>Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram
-Krafft, h&auml;lt sein Lieb im Arm und bedeckt ihr l&auml;chelndes,
-&uuml;berseliges Antlitz mit hei&szlig;en, uners&auml;ttlichen K&uuml;ssen!</p>
-
-<p>Goldener Sonnenglanz flutet &uuml;ber sie dahin, und fernher,
-durch die ge&ouml;ffneten Butzenscheiben, gr&uuml;&szlig;t das wei&szlig;sch&auml;umende
-Meer mit donnerndem Jubelruf.</p>
-
-<p>Die Augen der B&auml;rin von Hohen-Esp haben feucht
-gegl&auml;nzt, als sie ihre Kinder mit leisem Segenswort
-an das Herz gedr&uuml;ckt, und w&auml;hrend das Brautpaar auf
-Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das
-Bild des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kr&auml;nzen, ist
-Frau Gundula vor ihrem Schreibtisch niedergesunken,
-hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder die versiegelten
-Briefe und Photographien ihres Gatten zur
-Hand genommen und hei&szlig;e, bittere Tr&auml;nen darauf niedergeweint.</p>
-
-<p>Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und
-friedlich wie an einem lichten Sommerabend, wenn alle
-Wetterschw&uuml;le und alles Donnergrollen des Tages mit
-seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller Traum versunken
-ist. &mdash;</p>
-
-<p>Das Vergangene verlor in dem sonnigen Gl&uuml;ck der
-Gegenwart sein herbes D&uuml;ster, und was f&uuml;r die einsame,
-schwergepr&uuml;fte Frau blieb, das war das stolze Bewu&szlig;tsein,
-t&auml;glich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener
-Kraft und mit Gottes gn&auml;diger Hilfe so wunderbar vollbracht
-und vollendet. &mdash; Welch ein Jubel hallte und
-schallte durch die alte B&auml;renburg, als Graf Guntram
-Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen seine Braut
-zuf&uuml;hrte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen
-und Summen durch die verschlafenen Hallen und
-Gem&auml;cher, und die steinernen B&auml;ren sch&uuml;ttelten Staub
-und Moos von den Schilden, die braunzottigen Gesellen
-rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben
- <span class="pagenum"><a id="Page_374">[S. 374]</a></span>
-frohgemut die Pranken! Eine neue Zeit bl&uuml;hte heran,
-ein neues Gl&uuml;ck hatte seinen Einzug gehalten, und in dem
-himmelaufjubelnden Klang der Hochzeitsglocken erstarben
-die letzten Seufzer, welche so lange gespenstisch um Turm
-und S&ouml;ller geweht.</p>
-
-<p>Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum
-Strand hinabgewandert, und Gabriele hat voll leidenschaftlichen
-Entz&uuml;ckens die Arme nach der blauwogenden
-Unendlichkeit ausgebreitet! &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all
-eurer Gr&ouml;&szlig;e und Herrlichkeit kennengelernt!&laquo; fl&uuml;stert sie
-voll weicher Innigkeit zu Guntram Krafft empor, &mdash;
-&raquo;und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei uns
-Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein
-Herz &mdash; tats&auml;chlich im Sturm! &mdash; Wenn ich jetzt hinaus
-in dieses Brausen und Sch&auml;umen, in dieses Sonnengefunkel
-und Geglitzer schaue, mit welchem ich gestern in
-verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes
-&mdash; um dich! &mdash; gerungen, so kommt es mir ganz unfa&szlig;lich
-vor, &mdash; da&szlig; ich solche Allgewalt und G&ouml;tterherrlichkeit
-jemals eint&ouml;nig und langweilig nennen konnte! &mdash;
-O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende
-Sch&ouml;nheit sehe ich jetzt!&laquo;</p>
-
-<p>Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen
-gl&uuml;hen hei&szlig; auf diesen blinden Nixenaugen.</p>
-
-<p>&raquo;Geschlafen und getr&auml;umt hast du, verzauberte Meerfei,
-im fernen, fremden Binnenland, bis du heimkehrtest
-zu uns, bis dich der Sturmwind in die Arme nahm und
-dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und Wellgunde
-sang, bis dich mein Ku&szlig; aufweckte zu gl&uuml;ckseligem
-Begreifen und Verstehen!&laquo;</p>
-
-<p>Ein jubelndes &raquo;Hojohe!&laquo; ert&ouml;nt von der D&uuml;ne herab,
-J&ouml;schen und Mike st&uuml;rmen Hand in Hand &uuml;ber den
-wehenden Sand, und der junge Ehemann schwenkt schon
-von weitem den Hut und lacht, da&szlig; seine kerngesunden
-Z&auml;hne im Sonnenschein blinken.</p>
-
-<p>Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Gl&uuml;ckwunsch
-ist so ehrlich, so &uuml;berstr&ouml;mend herzlich und aufrichtig,
- <span class="pagenum"><a id="Page_375">[S. 375]</a></span>
-da&szlig; Guntram Krafft den wackeren Burschen in
-die Arme schlie&szlig;t und ihn beinahe &uuml;berm&uuml;tig sch&uuml;ttelt.</p>
-
-<p>&raquo;Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll
-nich dr&ouml;men laten, wat?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen,
-und Mike h&auml;lt Gabriele bei beiden H&auml;nden und fl&uuml;stert
-ganz sch&auml;mig: &raquo;Dat hevven wi l&auml;ngst mierkt, dat dor
-wat im Sp&ouml;le was!&laquo; &mdash; Und sie gehen noch ein St&uuml;ckchen
-plaudernd zusammen, und dann f&auml;llt Mike ein, da&szlig; sie
-ja einen Topf auf dem Feuer hat &mdash; &raquo;grad so weggest&uuml;rzt
-sei sie bei der Nachricht!!&laquo; &mdash; und sie sch&uuml;tteln
-abermals die H&auml;nde und hasten davon durch Disteln
-und Riedgras.</p>
-
-<p>Wie still ist's wieder, wie still! &mdash;</p>
-
-<p>Eine M&ouml;we flattert mit leisem Schrei &uuml;ber der Brandung,
-ihre Schwingen blitzen im Sonnenlicht grell auf
-wie silberne Schwertklingen &mdash; langsam sinkt sie der
-blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende
-Gefieder im perlenden Schaum.</p>
-
-<p>Voll tr&auml;umerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick.</p>
-
-<p>&raquo;Wie h&auml;tte ich mir jemals zuvor tr&auml;umen lassen, da&szlig;
-gerade die See, um deren Gunst ich nie geworben, mir
-so verschwenderisch alles Gl&uuml;ck schenken w&uuml;rde! Jetzt,
-in ihrer lichten, majest&auml;tischen Pracht, hat sie alle Schrecken
-verloren, welche in der vergangenen Nacht mein
-Herz erzittern lie&szlig;en, und doch werde ich sie stets in ihrem
-tobenden Zorn am liebsten haben, weil gerade Sturm
-und wilde Flut es waren, welche mir dein heldenhaftes,
-unverge&szlig;lich sch&ouml;nes Bild geboren!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Wieder umfa&szlig;t sie voll bebenden Entz&uuml;ckens seine
-Hand und schaut empor zu ihm mit demselben Blick hei&szlig;
-bewundernder Liebe, welcher sein Herz in unbegreiflichem
-Entz&uuml;cken stillstehen lie&szlig;, &mdash; gestern in dunkler
-Nacht, als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt.</p>
-
-<p>Er sch&uuml;ttelt langsam, schwer atmend den Kopf. &raquo;Schon
-einmal hast du mich einen Helden genannt, Gabriele,
-und hast mein Bild mit Lorbeer geschm&uuml;ckt, und doch
- <span class="pagenum"><a id="Page_376">[S. 376]</a></span>
-leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie seit langen
-Jahren! Nur das verdiente Gl&uuml;ck ist mir geworden,
-da&szlig; du mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, da&szlig;
-du mir durch deine Anerkennung den Mut gabst, die
-H&auml;nde voll liebehei&szlig;en Verlangens nach dir auszustrecken ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Das h&auml;ttest du sonst nicht getan?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, nie und nimmermehr, &mdash; und h&auml;tte ich sterben
-m&uuml;ssen an den Qualen, welche mein Herz zerrissen!&laquo;</p>
-
-<p>Beinahe dem&uuml;tig blickt sie empor. &raquo;So sehr z&uuml;rntest
-du mir, weil ich in der Residenz deine Neigung so k&uuml;hl
-und schroff abwies? Weil ich dein Meer nicht liebenswert
-fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit offenen
-Armen entgegenkam?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Ein schnelles, beinahe heiteres L&auml;cheln zuckte um seine
-Lippen, Gabriele aber fuhr mit weicher Stimme, halb
-ernst, halb scherzend fort: &raquo;Glaubst du, Liebster, ich
-h&auml;tte es nicht empfunden, wie sehr ver&auml;ndert du mir
-in Hohen-Esp begegnetest? &mdash; Anf&auml;nglich war ich nicht
-b&ouml;se dar&uuml;ber, im Gegenteil, es ber&uuml;hrte mich sympathisch,
-weil mein Herz noch so weit ab von dem rechten Wege
-irrte und viel zu sehr von seinem t&ouml;richten Wahn befangen
-war, um allsogleich seine Heimat zu finden! &mdash; Aber
-sp&auml;ter, wie es immer w&auml;rmer und lichter in mir ward,
-wie dein Wesen mir immer unbegreiflicher schien, da
-habe ich oft dar&uuml;ber nachgedacht, warum du mir so sehr
-z&uuml;rntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich
-eine so schwere Schuld, wenn ein M&auml;dchen nur dem
-Mann angeh&ouml;ren will, welchen es liebt?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Er l&auml;chelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll.</p>
-
-<p>&raquo;Nein, du Wonnige! Im Gegenteil, keine gr&ouml;&szlig;ere Tugend
-vermag es zu geben, als diesen Stolz, welcher sich
-nur einem Helden zum Preise setzt!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Und doch verargtest du ihn mir?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;O, wahrlich nicht! &mdash; Meine ganze Seele &mdash; all
-mein Sein und Wesen geh&ouml;rten dir, Gabriele, und habe
-ich dich je geliebt, so war es in diesen bitters&uuml;&szlig;en Tagen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_377">[S. 377]</a></span>
-wo ich gegen diese Liebe k&auml;mpfen mu&szlig;te, wie gegen eine
-Unm&ouml;glichkeit!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Du <em class="gesperrt">wolltest</em> mir nicht gut sein?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ich durfte es nicht!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;O, wunderlicher Mann &mdash; und wer verbot es dir?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Er nahm langsam eine schmale rotjuchtene Brieftasche
-von der Brust, &ouml;ffnete sie und entnahm ihr einen
-kleinen, zerknitterten Zettel, dessen verwischte Bleistiftlinien
-kaum noch zu entziffern waren.</p>
-
-<p>&raquo;Du selber, mein grausamer Schatz!&laquo; sagte er leise,
-und es war, als durchriesele ihn noch einmal wie ein
-banger Nachhall all das Weh, welches ihn so oft beim
-Anblick dieses kleinen Papierstreifens gequ&auml;lt. Federleicht
-war er und hatte doch schwer wie eine unertr&auml;gliche
-Zentnerlast auf seiner Brust geruht.</p>
-
-<p>Mit staunenden Augen neigte sich Gabriele und blickte
-auf seine Finger, welche den Zettel entfalteten.</p>
-
-<p>&raquo;Das sieht ja aus wie meine Schrift!&laquo; sagte sie &uuml;berrascht.</p>
-
-<p>&raquo;O, wie h&auml;tte ich ehemals so gern mein Leben gegeben,
-wenn sie es nicht gewesen w&auml;re!&laquo;</p>
-
-<p>Nicht ohne M&uuml;he buchstabierte Gabriele die einzelnen
-Worte heraus.</p>
-
-<p>Voll &auml;u&szlig;ersten Befremdens blickte sie empor.</p>
-
-<p>&raquo;Ja, dieses Bekenntnis einer sch&ouml;nen Seele habe ich
-geschrieben,&laquo; &mdash; nickte sie sinnend, &mdash; &raquo;vor langen Jahren
-schon &mdash; kaum wei&szlig; ich noch, wie und bei welchen Vorkommnis ...&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Vor langen Jahren?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Ah! Ganz recht, jetzt entsinne ich mich! In der
-Weihnachtszeit war es, als wir Backfischchen eines Abends
-zusammensa&szlig;en und heimlich die &Uuml;berraschungen f&uuml;r den
-Christtisch h&auml;kelten und stickten. &mdash; Die ganze Residenz
-sprach damals von dir &mdash; selbstredend behandelten auch
-wir dieses interessante Thema!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Von mir?... als Backfische?&laquo; wiederholte Guntram
-Krafft mit fragendem Blick.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_378">[S. 378]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ganz recht! Man erwartete dich als Freiwilligen
-bei Papas Regiment, wo du deiner Milit&auml;rpflicht gen&uuml;gen
-solltest, aber statt deiner kam die Kunde, da&szlig;
-du wegen einer ganz unbedeutenden Kleinigkeit freigekommen
-seist und nicht dienen wolltest!&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;<em class="gesperrt">Damals</em>? Zu jener Zeit schriebst du diesen Zettel?&laquo;</p>
-
-<p>&raquo;Gewi&szlig;! In aller&uuml;belster Laune sogar! Du kennst
-ja meine Ansichten &uuml;ber Tapferkeit und Heldentum!
-Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den Schneid hatte,
-Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, &mdash;
-der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille
-verspottete mich um dieser heiligen Entr&uuml;stung willen
-&mdash; o ja! Nun entsinne ich mich pl&ouml;tzlich wieder ganz
-genau! &mdash; Sie behauptete, &rsaquo;der geschm&auml;hte Hohen-Esp
-brauche nur auf der Bildfl&auml;che zu erscheinen, um all
-meine stolzen Grunds&auml;tze wie die Kartenh&auml;user &uuml;ber den
-Haufen zu blasen!&lsaquo; Das reizte mich zu noch lebhafterem
-Widerspruch. &rsaquo;Gibst du es vielleicht schriftlich?&lsaquo; spottete
-Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon f&uuml;r
-ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb
-im &Uuml;bermut diese geharnischte Kriegserkl&auml;rung gegen
-den B&auml;r von Hohen-Esp, welcher damals in meinen
-Augen nichts weniger war wie ein Held! &mdash; Hier siehst
-du auf der R&uuml;ckseite des Zettels, welcher zuvor ein
-Briefbogen gewesen, &mdash; noch das vorgedruckte Datum &mdash;
-S ..., Villa Monrepos ... und hier von mir vollendet:
-den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben
-und noch deutlich zu erkennen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier,
-neigte sich und starrte die Zahlen an wie ein Tr&auml;umender;
-dann strich er langsam mit der Hand &uuml;ber die
-Stirn und murmelte beinahe atemlos &mdash;: &raquo;Dieses Datum
-hatte ich nicht bemerkt ... wie war das m&ouml;glich ... es
-mu&szlig; mir in all der Aufregung, mit welcher ich je und je
-diese Zeilen gelesen, entgangen sein! &mdash; Ich war ja arglos
-wie ein Kind ...&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele blickte pl&ouml;tzlich ernst und forschend in sein
-tief erbleichtes Antlitz empor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_379">[S. 379]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Ich entsinne mich genau, da&szlig; ich ehemals diesen
-Zettel schrieb; wo derselbe aber an jenem Abend geblieben
-ist, wei&szlig; ich nicht. Geradezu unbegreiflich und
-unfa&szlig;lich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach
-all den langen Jahren in deine H&auml;nde gelangen konnte!
-&mdash; Sag' es mir, Guntram Krafft, ich bitte dich darum!&laquo;</p>
-
-<p>Hei&szlig;e Glut stieg pl&ouml;tzlich in seine erst so farblosen
-Wangen, er kn&auml;ulte den Zettel voll leidenschaftlichen
-Zornes in der Hand zusammen.</p>
-
-<p>&raquo;Wohl w&auml;re ich nicht mehr verpflichtet, einem solch
-schn&ouml;den Verrat gegen&uuml;ber das gelobte Schweigen zu
-wahren, &mdash; aber ich will nicht ebenso ver&auml;chtlich sein
-wie sie, ich will das Wort halten, welches ich gegeben!&laquo;</p>
-
-<p>Und er dr&uuml;ckte Gabrieles H&auml;nde an die Lippen und
-sagte: &raquo;Ich habe Diskretion zugesagt, &mdash; und ich bitte
-dich, sie halten zu d&uuml;rfen, Herzlieb! Ich habe die gro&szlig;e
-Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft voll geheimer
-Sehnsucht, da&szlig; sie mir so fremd und verschlossen
-geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht
-nach der Weg zu deinem Herzen nur durch sie f&uuml;hrte!
-Jetzt danke ich es Gott auf Knien, da&szlig; sie mir mit
-all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures,
-heiliges Meer hat mir das Gl&uuml;ck gebracht, welches ich
-Tor so unerreichbar w&auml;hnte, Gott der Herr hat gewu&szlig;t,
-Gabriele, da&szlig; du reine Perle nicht in den Staub der
-Gro&szlig;stadt, sondern hierher in deine sturmumbrauste Heimat
-geh&ouml;rst!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&mdash; Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an.
-&mdash; &raquo;Nein &mdash; sag' nicht den Namen derer, welche ein so
-gewissenloses und egoistisches Spiel getrieben, ich kenne
-ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen getrieben und
-dadurch wieder bewiesen, da&szlig; jede Schuld ihre Strafe
-in sich selber tr&auml;gt. &mdash; So gro&szlig; aber &mdash; ganz so gro&szlig;,
-wie du w&auml;hnst, war ihr Vergehen jedoch nicht!&laquo;</p>
-
-<p>Gabriele hob freim&uuml;tig das sch&ouml;ne Haupt, ihr Auge
-leuchtete auf: &raquo;H&auml;tte mich Thea an jenem Hofballabend
-noch einmal um diese meine Backfischansicht befragt,
- <span class="pagenum"><a id="Page_380">[S. 380]</a></span>
-ich w&uuml;rde fraglos dieselben Worte noch einmal niedergeschrieben
-haben. Der B&auml;r von Hohen-Esp war auch
-in jenen Tagen noch derselbe tatenlose und ruhmlose
-Schw&auml;chling f&uuml;r mich, welcher er gewesen, seit sein Name
-zuerst vor mir erklang! &mdash; Erst hier in Hohen-Esp lernte
-ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm getan!
-Erst hier erk&auml;mpfte der herrlichste und k&uuml;hnste Mann
-seinen gro&szlig;en Sieg &uuml;ber mein stolzes Herz, welches er
-nun zu eigen genommen hat f&uuml;r alle Ewigkeit!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie
-sich momentan niedergesetzt, und strich die wehenden
-Haarl&ouml;ckchen von den Wangen zur&uuml;ck, auf welchen hei&szlig;
-und ungest&uuml;m seine K&uuml;sse brannten.</p>
-
-<p>&raquo;Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!&laquo;
-&mdash; l&auml;chelte sie, &raquo;damit nichts mehr an die b&ouml;se, vergangene
-Zeit gemahnen soll! &mdash; Das Meer soll jene
-Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen
-sein in dem jauchzenden Gl&uuml;ck, welches seine st&uuml;rmende
-Flut uns geschenkt!&laquo;</p>
-
-<p>Sie traten n&auml;her herzu an die sch&auml;umende Brandung,
-und Guntram Krafft zerri&szlig; das Papier und zerstreute
-seine kleinen wei&szlig;en Flocken in den spr&uuml;henden
-Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zur&uuml;ck auf den
-Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten
-sie und betteten sie tief unter Muscheln und wogendem
-Tang.</p>
-
-<p>Frisch und k&ouml;stlich rein streicht der Wind um die
-Stirn, und sie stehen Arm in Arm in wortloser Gl&uuml;ckseligkeit
-und sehen zu, wie das letzte Streifchen im Wellenschnee
-verschwindet.</p>
-
-<p>&raquo;Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!&laquo;
-l&auml;chelte Gabriele und schmiegt sich fester an die Brust
-des geliebten Mannes.</p>
-
-<p>&raquo;Damals! &mdash; und heute?&laquo; fragte er neckend. Da schlingt
-sie die Arme um ihn und fl&uuml;stert voll strahlenden Stolzes:
-&raquo;Heute lautete der Zettel, welchen ich schrieb, freilich
-anders! Lasest du nicht die Depesche, welche ich meinem
- <span class="pagenum"><a id="Page_381">[S. 381]</a></span>
-M&uuml;tterchen schickte? &mdash; O, Guntram Krafft, &mdash; wie wird
-sie sich unseres Gl&uuml;ckes freuen!&laquo; &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren
-aus vollstem Herzen getan.</p>
-
-<p>Sie ist ein h&auml;ufiger, voll w&auml;rmster Freude begr&uuml;&szlig;ter
-Gast auf Hohen-Esp geworden, eine scharmante Schwiegermama,
-der Guntram Krafft stets die warmherzigen
-Sympathien erhalten hat, welche er der so g&uuml;tigen Mutter
-seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. &mdash;
-Auch eine liebe, vertraute Freundin Gundulas ward sie,
-deren Interessen so ganz und gar mit denen der Generalin
-verschmolzen.</p>
-
-<p>Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg
-emporbl&uuml;ht, und die kleinen B&auml;ren in Halle und Hof
-herumpurzeln, hat Gro&szlig;mutter Gundula alle H&auml;nde voll
-zu tun, und es ist ein wahrer Segen, da&szlig; sie nach wie
-vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn
-auf Frau Gabrieles Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen.</p>
-
-<p>Zum h&auml;nderingenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen
-hat ihre Tochter viel mehr Interesse f&uuml;r den
-Rettungsschuppen, wie f&uuml;r Haus und Hof, und nie zuvor
-h&auml;tte sie geglaubt, da&szlig; Gabriele sich so leidenschaftlich
-f&uuml;r die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen
-zusammenh&auml;ngt, begeistern k&ouml;nne. Aber gerade
-das bildet das jauchzende, unbeschreibliche Entz&uuml;cken
-des Grafen, den H&ouml;hepunkt all seines Gl&uuml;ckes.</p>
-
-<p>Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit
-dem seines heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet
-auf die See, in Sonnenglanz und Mondenschein,
-bei Sturm und b&ouml;sem Wetter.</p>
-
-<p>Dann sitzt auch auf dem lockigen K&ouml;pfchen der Gr&auml;fin
-der S&uuml;dwester gar bildh&uuml;bsch und verwegen, auch sie
-tr&auml;gt &raquo;&Ouml;lzeug&laquo; und wei&szlig; mit Ruder und Segel Bescheid
-wie der beste Lotse!</p>
-
-<p>Einst hatte ein j&auml;h einsetzender Sturm sie weit drau&szlig;en
-auf dem Meere &uuml;berrascht. Es gab eine grobe See
-und schweres Wetter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_382">[S. 382]</a></span></p>
-
-<p>Gabriele aber war fest und seet&uuml;chtig wie ein bew&auml;hrter
-Matrose, &mdash; mit blitzendem Auge schaute sie
-k&uuml;hn und unerschrocken in das Wetter hinaus, und als
-es immer gewaltiger st&uuml;rmte, und das Schifflein von
-hohen Wogen geschleudert ward, da fa&szlig;te sie die Hand
-ihres Mannes, schmiegte sich fest an ihn und blickte ihm
-in die Augen.</p>
-
-<p>Er umschlo&szlig; sie treu und innig: &raquo;F&uuml;rchtest du dich,
-Herzlieb?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Da l&auml;chelte sie, fa&szlig;te seine Hand noch fester und sagte
-schlicht: &raquo;Wovor? <em class="gesperrt">Wir sind ja beisammen</em>!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>O, in diesem Augenblick h&auml;tte der Graf von Hohen-Esp
-sein schwankes Schifflein mit keinem Kaiserthron
-vertauscht!</p>
-
-<p>Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die
-Nachricht mitbrachte, da&szlig; Herr von Heidler schon seit
-Jahr und Tag den Abschied genommen und in s&uuml;&szlig;em
-Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, &mdash; dies
-sei behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben
-im bunten Rock &mdash; da starrte Gabriele die Sprecherin
-mit weitoffenen Augen schweigend an, Guntram Krafft
-aber fragte &uuml;berrascht: &raquo;Er war doch passionierter Sportsman,
-und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er
-nicht mehr privatim die Rennen mit?&laquo; Da l&auml;chelte die
-Generalin: &raquo;O, nein! Anf&auml;nglich hatte er wohl den
-Wunsch, es zu tun, aber seine sehr verw&ouml;hnte, kindische
-und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten, da
-es zu gef&auml;hrlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter
-dem Pantoffel steht, f&uuml;gt er sich willenlos den W&uuml;nschen
-seiner reichen Gattin.&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>Gabriele machte eine j&auml;he, br&uuml;ske Bewegung, mit
-beinahe ver&auml;chtlichem L&auml;cheln wandte sie sich ab.</p>
-
-<p>&raquo;Und Gr&auml;fin Thea?&laquo; &mdash;</p>
-
-<p>&raquo;Sie tanzte Winter f&uuml;r Winter vergeblich. Jetzt hat
-sie sich der Frauenbewegung angeschlossen und schreibt
-sehr zornmutige &rsaquo;gr&uuml;nspanische&lsaquo; Artikel gegen die M&auml;nner.
-Wenn es ihr gl&uuml;ckt, ist das starke Geschlecht binnen
-Jahresfrist vernichtet!&laquo; &mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_383">[S. 383]</a></span></p>
-
-<p>&raquo;Gottlob, da&szlig; Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt,&laquo;
-lachte Guntram Krafft, &raquo;hier erreicht mich ihre Feder
-hoffentlich nicht im Todessto&szlig;!&laquo; &mdash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Rettungsstation des B&auml;ren von Hohen-Esp hat
-viel bewundernde Anerkennung gefunden, und sein edles
-Beispiel gab oft Veranlassung, auf diesem Gebiete nachzueifern
-und das Rettungswesen zur See zu f&ouml;rdern.
-Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des
-gro&szlig;en Publikums auf die bittere Not gelenkt, mit welcher
-der Seemann an unserer heimatlichen K&uuml;ste zu
-k&auml;mpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich auf,
-die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbr&uuml;chiger
-durch ein Scherflein zu unterst&uuml;tzen.</p>
-
-<p>Da hatte der B&auml;r von Hohen-Esp auch in weiterem
-Sinn f&uuml;r das Vaterland gewirkt und zu sein und seines
-Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das Schwert, wohl
-aber das Ruder mit k&uuml;hner, tatenfroher Hand gef&uuml;hrt.</p>
-
-<p>Neben der Rettungsmedaille schm&uuml;ckt ein hoher Verdienstorden
-seine Brust, und es war einer der sch&ouml;nsten
-Tage in Gabrieles Leben, als sie denselben dem geliebten
-Mann voll stolzer Anerkennung auf sein schlichtes
-Fischerkleid heften konnte.</p>
-
-<p>Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der
-Hohen-Esp, weithin sichtbar nach dem blauen Meer, und
-um die Mauern und Zinnen des alten B&auml;renschlosses
-weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, &mdash;
-ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem
-unverg&auml;nglich gro&szlig;en Liebesgl&uuml;ck, welches darinnen wohnt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unver&auml;ndert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den
-gelben D&uuml;nensand, wirft Muscheln und Bernsteinbrocken
-aus und &uuml;bersch&uuml;ttet die Kinder, welche jubelnd von der
-Burg zum Strand st&uuml;rmen, mit blinkenden Tropfen, &mdash;
-ihre wei&szlig;en Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden
-Heldengeschlecht aus, und der junge B&auml;r
- <span class="pagenum"><a id="Page_384">[S. 384]</a></span>
-von Hohen-Esp setzt vorsichtig sein erstes, selbstgeschnitztes
-Schifflein auf das Salzwasser, schlingt den Arm um den
-Nacken von &raquo;J&ouml;schen dem J&uuml;ngern&laquo; und sagt: &raquo;Auch
-ich werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn
-du und ich so gro&szlig; sind wie der Vater, fahren wir beide
-als Matrosen zur See!&laquo;</p>
-
-<p class="pmb3">Guntram Krafft hat's geh&ouml;rt, er zieht sein holdes
-Weib an die Brust, und sein gl&uuml;ckstrahlender Blick schweift
-hinaus &uuml;ber die schimmernde Flut; wie ein Psalter hei&szlig;en
-Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend
-blaue Wogen rauschen: &raquo;Halleluja! Amen!&laquo;</p>
-
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="pmb3 pmb3" />
-
-
-<div class="transnote">
-Notizen des Bearbeiters:<br />
-<br />
-<p>Eingef&uuml;gt: Inhaltsverzeichnis am Beginn des Buches.</p>
-
-<p>Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht ge&auml;ndert.</p>
-
-<p>Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend ge&auml;ndert.</p>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die Bären von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BÄREN VON HOHEN-ESP ***
-
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-
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-
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-
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