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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 14:58:58 -0800 |
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Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Die - Bären von Hohen-Esp - - - Roman - - von - - Nataly von Eschstruth - - - [Illustration] - - - Leipzig - - Paul List Verlag - - - - - Alle Rechte vorbehalten - - Spamersche Buchdruckerei in Leipzig - - - - -Das Meer - - - Es war in meinem Leben - Das Meer mein treuster Freund, - Drum bleib' ich mit ihm ewig - In Leid und Freud' vereint! - - Wenn einst mein Herz geschlagen - In tiefster Traurigkeit, - Dann hat sein lindes Rauschen - Gestillt mein Herzeleid. - - Und wenn in Not und Schmerzen - Mein Herz sich wild gebäumt, - Dann grollte es und tobte - Und hat vor Wut geschäumt! -- - - Und zog dann Glück und Wonne - In meine Seele ein, - Dann glänzten seine Wogen - Wie heller Edelstein! - - Es kräuselte ein Lächeln - Sein leuchtend Angesicht - Am Auge blitzten Tropfen - Wie eitel Sonnenlicht! -- - - So ist das Meer gewesen - Mein Freund in Glück und Leid, - Drum bleib' ich ihm ergeben - in Liebe allezeit! - - Aus »Schiffslieder« von Gabriele von Rochow - geb. v. Pachelbl-Gehag - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - Kapitel I. 7 - Kapitel II. 22 - Kapitel III. 37 - Kapitel IV. 50 - Kapitel V. 64 - Kapitel VI. 79 - Kapitel VII 92 - Kapitel VIII. 105 - Kapitel IX. 118 - Kapitel X. 135 - Kapitel XI. 144 - Kapitel XII. 158 - Kapitel XIII. 171 - Kapitel XIV. 184 - Kapitel XV. 200 - Kapitel XVI. 215 - Kapitel XVII. 224 - Kapitel XVIII. 239 - Kapitel XIX. 251 - Kapitel XX. 264 - Kapitel XXI. 277 - Kapitel XXII. 291 - Kapitel XXIII. 303 - Kapitel XXIV. 317 - Kapitel XXV. 330 - Kapitel XXVI. 342 - Kapitel XXVII. 357 - Kapitel XXVIII. 367 - - - - -I. - - -»Wenn ein Mädchen einen reichen Mann bekommt, ist es immer glücklich -verheiratet!« hatte der alte Kammerherr von Wahnfried gesagt und dabei -die weißbuschigen Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst. -»Gundula kann Gott danken, daß der Bär von Hohen-Esp sie zum Weibe -begehrt! Ist wohl kein Nest so weich gepolstert wie das seine, und -wenn man den Grafen ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir -das Herz im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die sich ihr -Männerideal nach Romanbüchern gebildet hat! Na, und in den Büchern sind -die gräflichen Freier meist jung, schön, reich und ritterlich, just so -wie Friedrich Karl von Hohen-Esp!« -- - -Die alte Dame, welche dem Sprecher gegenübersaß, richtete sich noch -straffer empor und legte die großen, kräftigen, schneeweißen und -ungeschmückten Hände im Schoß zusammen. - -Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich ruhig auf die -hünenhafte Gestalt des Bruders, welcher auf seinen Krückstock gestützt -vor ihr stand und sie schier herausfordernd anblickte. - -»Jung, schön, reich und ritterlich!« wiederholte sie langsam, »ja, das -ist er, -- aber er ist noch mehr, und dieses >mehr< will mir nicht -behagen.« - -»Und das wäre, meine Allergnädigste?« Der Kammerherr mußte sich des -gichtgeschwollenen Fußes wegen auf den Stock stützen, er konnte nicht -den grauen Schnauzbart seiner Angewohnheit gemäß mit ungestümem Ruck -emporstreichen, aber seine Muskeln arbeiteten desto kräftiger in dem -scharfgeschnittenen Gesicht, so daß sich die starren Haare auf der -Oberlippe sträubten wie in zornigem Aufbegehren. - -Alle fürchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn, nur Fräulein -Agathe von Wahnfried nicht. Sie glättete mit der Hand die rauschenden -Seitenfalten ihres Kleides und antwortete voll unerschütterlicher Ruhe: -»Graf Friedrich Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann, --- die große Welt, in welcher er, der Frühwaise, so jung schon, -selbständig ward, droht sein Verderben zu werden.« - -»So! -- Inwiefern, wenn man fragen darf?« - -»Weil er sich ruiniert, -- weil er über seine Verhältnisse lebt!« - -Der Kammerherr lachte hart auf. - -»Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp über seine Verhältnisse -leben! -- Ahnst du, wie reich der Mann ist?« - -»Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende verspielen!« - -»Tut er aber nicht!« - -»Tut er doch! -- Der Graf ist ein leidenschaftlicher Spieler. -Möglicherweise hat er bis jetzt Glück am grünen Tisch gehabt, -- wenn -das aber einmal aufhört, wird er sich und die Seinen rücksichtslos an -den Bettelstab bringen!« - -»Lächerlich! -- Es gibt keinen vernünftigeren Mann wie Hohen-Esp! Bei -Whist und Ekarté macht man sich nicht bankrott! Ich als Mann dürfte -wohl mit den Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie -eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht wird, -kümmert mich nicht!« - -»Ich habe nie mit einer Dame über den Freier deiner Tochter -gesprochen!« Fräulein Agathe von Wahnfried sah weder gereizt noch -beleidigt aus, ihr großes, gradliniges Gesicht blieb so ruhig -und energisch wie stets. »Hast du dich bei seinem ehemaligen -Regimentskommandeur erkundigt?« - -»Nein!« - -»Weil du es leider für überflüssig hieltest. Daß der Graf Hohen-Esp ein -Spieler ist, pfeifen die Spatzen auf dem Dache.« - -Der alte Herr stieß seinen Krückstock ingrimmig auf das Parkett. »So; -gut; -- ein Spieler. Und was noch weiter? Vielleicht ein Säufer? Ein -Weiberheld ... ein Totschläger ...? He? -- Nur hübsch weiter im Text!« - -»Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts bekannt, -- -im Gegenteil, man lobt den jungen Mann als einen sonst sehr -liebenswürdigen und ehrenhaften ...« - -»Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst du etwa, daß ich ihm -einen Korb geben soll, lediglich, weil er mal in fideler Gesellschaft -ein Spielchen macht?!« -- und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade -durch den Salon wieder auf, daß der Krückstock auf dem Parkett dröhnte. - -»Das wäre mir freilich das liebste, denn das ganze Lebensglück unseres -Lieblings einem Spieler anvertrauen ...« - -»Blödsinn! Infamer Blödsinn! Du bist eifersüchtig, du willst das Mädel -überhaupt nicht fortgeben ...« - -»Einem Mann, der mir eine glückselige, sorgenfreie Zukunft garantiert --- sofort! Aber dem Grafen von Hohen-Esp ...?! Nein; wenn _du_ -mich fragst, sage ich tausendmal nein, denn ich weiß, daß sie einem -namenlosen Elend entgegengeht!« -- - -»Sieh mal an! -- Namenloses Elend! -- Nette Zukunftsmusik! Haha!... Na, -und was sagt Gundula selber zu dem riesengroßen Waschkorb, welchen du -für ihren Freier bereitstellst?« - -Da seufzte die große resolute Frau zum erstenmal schwer auf, und über -das ernste Gesicht zog es wie tiefe Schatten. - -»Gundula ist verblendet!« sagte sie leise, »sie ist ebenso wie alle -anderen von der Schönheit und Liebenswürdigkeit dieses glänzendsten -aller Kavaliere eingenommen! Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur -für Schimäre zu halten. Was fragt sie danach, ob er die Dukaten auf -den grünen Tisch wirft ... wenn _er_ selber nur ihr zu eigen bleibt -... man kennt ja die schwärmerische Genügsamkeit verliebter Menschen, -welche sich mit einem Herz und einer Hütte überreich wähnen!« - -»Gut! -- Warum also diesen schönen Wahn zerreißen?« - -»Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe bleibt! Wenn sie ihr -Unglück erst einsieht und begreifen lernt, ist es zu spät!« - -»Hast du dich von all dem Unglück, welches dich im Leben getroffen, zu -Boden schlagen lassen?« - -»Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...« - -»Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried reinster Rasse; ist -genau dasselbe eisenfeste energische Weib, wie es alle gewesen sind, -welche unser kraftvolles Geschlecht hervorgebracht!« - -»Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, gäbe es wohl auf der ganzen -Welt eine bessere Bärin von Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften -Pranken um ihr Glück kämpfen wird?« - -Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem Griff den -schweren Fenstervorhang zur Seite: »He! Ist das Mädel da unten ein -Mondscheinprinzeßchen, welches ein Wettersturm über den Haufen bläst -- -eine Wachspuppe, welche unter ihren eigenen heißen Tränen zerschmilzt? -Ich dächte, nein! Und Graf Friedrich Karl hat wohl genau gewußt, daß -er keine bessere Schirmherrin in seine Bärenburg einführen kann, als -unsere Gundula!« - -Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem Schritt hinter -den Bruder getreten; ihr Blick flog hinab in den großen Hof, in dessen -Mitte sich ihren Augen ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr -besorgtes Herz zu beruhigen. - -Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie hatte ihrem kleinen -Groom die Zügel zugeworfen und verabschiedete sich eben noch von dem -Rittmeister von Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten, -als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausflügel lehnte, ins -Wanken geriet und mit lautem Krach neben dem Pferde niederschmetterte. - -Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in jähem Schreck wild -aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos hing der Groom am Zügel und ließ -sich schleifen, dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher -schrie. - -Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt. - -Mit kraftvoller Hand griff sie zu und drängte den schnaufenden Fuchs -zurück. - -Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen Reitkleid eng -umschlossen, schien aus Stahl und Eisen, energisch, sicher, und doch -bei aller Kraft voll schmiegsamer Grazie stand Gundula neben dem -Durchgänger und zwang ihn zum Gehorsam. - -Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die großen, stahlgrauen -Augen blitzten einen stummen Befehl, und das Pferd schäumte ins Gebiß -und fügte sich gehorsam der Gebieterin. - -»Bravo, mein gnädiges Fräulein!« applaudierte der Rittmeister, und -Gundula lachte ihm heiter zu und rief ein paar siegesfrohe Worte. - -Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte es sich besonders -auffallend, wie ähnlich sie in Gestalt und Wesen ihrem Vater und Tante -Agathe war, von welchem die Welt sagte, daß sie energisch bis zur -Starrköpfigkeit, klug und zielbewußt bis zur Rücksichtslosigkeit seien. - -»Und _die_ sollte nicht ihren Weg gehen und sich von ein paar -Kartenblättern um Glück und Existenz bringen lassen?« - -Wieder lachte der Kammerherr sein dröhnend tiefes Lachen. - -»Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das Mädel, und will sie ihn -- so -bekommt sie ihn!« - -»Ein wildes Pferd zu bändigen, ist wohl leichter, als wie einen -leichtsinnigen Menschen im Zügel zu behalten! Wenn ein Weib liebt, so -ist es schwach und ohnmächtig -- und Gundula wird ihren Gatten lieben! -Sie wird auch an seiner Seite so selbstlos und uneigennützig sein, wie -sie es jetzt ist, und das öffnet dem Bankrott Tür und Tor!« -- - -Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem Lächeln grad aus. »Sie wird -ihren Gatten lieben -- ja ... Aber nur so lange voll blinder Nachsicht, -bis ein anderer kommt, den sie noch mehr liebt!« - -Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. »Wie soll ich das verstehen? Wen -könnte sie je mehr lieben wie den Mann ihrer Wahl?« - -»Ihren Sohn!« -- antwortete der Kammerherr langsam, voll schweren -Nachdrucks und in seinen tiefliegenden Augen glimmte es wieder so -seltsam wie zuvor: »Eine Bärin ist das gutmütigste Geschöpf der Welt, -welches sich geduldig den Pelz zausen läßt, solange sie nichts anderes -hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber erst junge Brut in der Höhle -liegt, dann wird aus dem sanftmütigen und indolenten Weibchen eine gar -wilde, leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken hebt und -zerbeißt und zerreißt, was das sichere Nest ihrer Jungen gefährdet! -- -Je nun! Auch Gundula wird eine Bärin von Hohen-Esp sein, und wenn sie -zuvor nicht für sich selber kämpfte, für ihre Söhne tut sie es so wahr -und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren Adern kreist! -- -- -=Dixi=, Agathe; -- ich habe geredet.« -- - -»Ja, du hast geredet!« nickte die alte Dame und reckte ihre markige -Gestalt noch entschlossener empor, denn zuvor, »ich aber werde -handeln.« -- - -Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und harrte ihres Verlobten, -welcher sie in seiner glänzenden Equipage, mit dem elegantesten -Viererzug, welchen die Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte. - -Jungfer und Modistin hatten noch geschäftig an Schleppe, Kranz und -Schleier geordnet, als Tante Agathe einen Blick auf die Uhr warf und -den Diensteifrigen in ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das -Zimmer zu verlassen. - -Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit ihrer geliebten -Pflegemutter, welche sie voll strenger, aber zärtlicher Sorge -großgezogen, zu ersehnen. - -Sie schlang die blühenden Arme um den Nacken der alternden Frau und -blickte ihr mit leuchtenden Augen in das ernste Antlitz. - -»Tante Agathe!« flüsterte sie, »ich weiß, daß du meine Verlobung -mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben hast! Du liebe, treue -Seele hast so schwarz gesehen und die kleine, harmlose Passion meines -Herzliebsten zu einer wüsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach -deiner Ansicht ruinieren muß! -- Hast du auch jetzt noch keine bessere -Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er es doch auf meinen Wunsch -über sich vermocht hat, während unserer ganzen Verlobungszeit keine -Karte anzurühren?« - --- -- -- Fräulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem Ausdruck in -die verklärten Augen der reizenden Braut, welche so gar nicht stolz, -stark und energisch, sondern weich, lieblich und hold erglühend wie das -verliebteste und schwächste aller Weiber vor ihr stand. -- - -Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen Mund. - -»Ich sehe, daß du glücklich bist, mein Liebling,« sagte sie, ihre -Lippen auf das wunderschöne Antlitz der Braut drückend, »und es sei -fern von mir, dir diesen sonnigen Tag durch meine Angst vor dräuenden -Wolken zu verdunkeln. Du hast Zeit gehabt, um zu überlegen, was du -tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche das Leben an dich -stellt, gewachsen sein.« -- - -»Ich bin es, Tante! Ich fühle die hohe, heilige Kraft der Liebe in mir, -um meines Gatten willen alles zu ertragen, was da kommt, alles!« - -»So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die Herrin von -Hohen-Esp!« - -Ein süßes, reizendes Lächeln verklärte das Antlitz der jungen Braut. - -»Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je! -- Welch eine -Herrschaft möchte ich wohl erstreben, außer jener einzigen -- über -sein Herz! -- Du fürchtest, Tante, daß ich einst Mangel an Geld und -Gut leiden werde! -- Was frage ich danach? -- Wäre Friedrich Karl -der ärmste aller Männer gewesen, ich würde ihn ebenso geliebt haben, -ihm ebenso überglücklich meine Hand gereicht haben, wie jetzt! Was -verlange ich noch vom Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte? -Nichts! Tausendmal nichts! -- Du weißt, daß ich niemals viel Sinn für -Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe. Dazu hast du mich zu ernst -und solide erzogen, hast mich eine bessere und höhere Werte des Lebens -kennen gelehrt. Die bunte, große Welt mit all ihrer Lust und ihren -Zerstreuungen war mir gleichgültig, ich habe in ihr gelebt, weil ich -von dem Schicksal auf ihren glänzenden Boden gestellt wurde, aber im -Gegenteil, ich würde meiner Liebe und meines Glückes froher sein, wenn -ich es nicht mit andern teilen müßte. -- Dies ist ja der einzige Punkt, -in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten harmoniere!« - -»Das glaube ich!« - -»Wie bitter das klingt, Tantchen! -- Ist es denn ein Unrecht, wenn -Friedrich Karl sich seines Lebens freut, es gern in möglichst -glänzendem Rahmen genießt? Gewiß nicht, das ist nur Geschmackssache; -und da er die Mittel besitzt, um in der großen Welt zu leben, -und gewissermaßen auch die Verpflichtung hat, seinen Namen zu -repräsentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob seine -Geschmacksrichtung nicht viel natürlicher und richtiger ist, als die -meine!« - -»So wirst du dich bekehren lassen?« - -Gundula neigte das schöne Antlitz so tief, daß die duftigen Wogen des -Brautschleiers darüber hinflossen. - -»Das dürfte schwierig, aber nicht unmöglich sein! Ich werde mich gern -dem Geschmack meines Mannes anpassen ...« - -»Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu deinen Pflichten -setzt?« - -Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verständnislos empor. »Wie -könnte das möglich sein?« - -»Wirst du blindlings _alles_ gut heißen, was dein Gatte tut? Als Frau -lernt man oft sehr viel schärfer und weitsichtiger urteilen, wie als -Mädchen!« - -Das rosige Antlitz war jählings erbleicht, Gundula hob ihr Haupt und -schaute der Sprecherin starr in die prüfenden Augen. Ein seltsam -fremder Zug schlich sich plötzlich um die lächelnden Lippen, fest und -energisch, ein Gemisch von Stolz und Unwillen. - -»Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch handelt -- was Gott -verhüten möge --, werde ich _nicht_ derselben Meinung sein wie er, -sondern so handeln, wie _ich_ es für recht und gut erachte!« - -Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt über ihre -eigenen Worte, das Köpfchen. - -»Aber wie sollte das geschehen? -- Wenn er sein Hab und Gut verspielt, -schädigt er ja nicht Fremde, sondern höchstens sich selber -- --« - -»Und dich!« -- - -Da lächelt sie wieder. »Ich sagte dir, Tante, daß ich für meine Person -gern auf alles verzichte!« - -Wie weich, wie innig und rührend klang das, wie leuchteten die blauen -Augen so demütig und ergebungsvoll sanft und treu! - -Agathe preßte die Lippen zusammen und kämpfte sekundenlang einen -schweren Kampf. - -Dann schüttelte sie seufzend den grauen Kopf und strich liebkosend -über das blonde Haupt ihres Lieblings, um welches die blühenden Myrten -rankten. - -»Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein Vertrauen nicht -nehmen, -- ich will in dieser Stunde nicht mit Möglichkeiten rechnen, -welche vorläufig noch in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte möchte ich -dir noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...« - -»Tante! Meine liebe -- liebe Tante!« -- - -»Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament gemacht und dich nach -seinem Tode zur Erbin eingesetzt, welche unumschränkte Vollmacht über -ihr Vermögen hat, -- er hat dies entgegen meinen inständigen Bitten -getan, er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt, obwohl er weiß, -daß du mit deinem Gatten in Gütergemeinschaft leben wirst. -- Je nun, -er ist ein Starrkopf und sein eigener Herr, ich bin überzeugt, daß er -nach bester Überzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula, bist in -Geldangelegenheiten und Geschäftssachen leider Gottes unerfahren wie -ein Kind, darum kann ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses -Testament für deine Zukunft birgt! -- Um so berechtigter ist aber meine -Bitte, welche du hoffentlich nicht abschlägst, auch wenn du dieselbe in -diesem Augenblick noch nicht verstehst!« - -»Sprich, Herzliebe ...« - -»Du weißt, daß Tante Margarete dir ihr ganzes Vermögen vermachte, -allerdings mit der Klausel, daß ich, solange ich lebe, den Nießbrauch -des Kapitals habe?« - -»Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch viele lange Jahre -dieser Renten freuen!« - -Agathe überhörte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller Stirn -geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig fort: - -»Von diesem Erbe, welches dir zusteht, weiß niemand etwas, -- dein -Vater hat es selbst mir gegenüber nie erwähnt, er wird auch ganz -bestimmt bei Friedrich Karl nichts davon gesagt haben, wie ja -seltsamerweise der Geldpunkt bei den Herren nie erwähnt worden ist! -Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz etwas ahnen, wenn du -ihm nicht selber Mitteilungen davon machst!« - -»Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld gehört ja noch gar nicht -mir!« - -Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame. »Es gibt Fälle, -wo Menschen mit aller und jeder Möglichkeit rechnen, wenn sie ...« -Die Sprecherin brach kurz ab und fuhr in dringlichem Tone fort: »Auf -dieses Kapital bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe es -mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, _nie_ und _nimmer_ deinem -Gatten gegenüber von diesem Erbe zu sprechen! Gelobe es mir! Schwöre -es mir, wenn dir die Ruhe meiner Seele wert ist! -- Sieh mich nicht so -fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht die Gründe sagen, -welche mich zu dieser Forderung bewegen, -- ich beschwöre dich nur mit -all der innigen Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich -flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten Mutter: -Schwöre mir, Gundula, nie und nimmer zu Friedrich Karl von diesem Geld -zu sprechen!« - -In den Augen der jungen Braut glänzten Tränen. Sie warf sich an die -Brust der Sprecherin und schluchzte leise auf: »Obwohl ich nicht -den Grund für diese seltsame Bitte einsehe, Herzenstante, und das -Empfinden habe, als ob es nur ein unbegreifliches Mißtrauen gegen -meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen drängt, will -ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben, -- dir zur Beruhigung! -- -Soll ich auf das Bildchen meiner lieben Mutter schwören? Ach, warum so -feierlich, -- es ängstigt mich! Aber wie du willst, Liebste! Ich bin -überzeugt, daß du es gut mit mir meinst!« - -Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild ihrer toten Mutter -und flüsterte tief erbleichend den Schwur, welcher ihr ein so -unerklärliches Schweigen auferlegte. - -»Amen!« sagte Agathe mit fester Stimme, umschloß die Rechte ihres -Pflegekindes mit den gefalteten Händen und sank neben ihr nieder auf -die Knie. - -Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula hörte nicht die Worte, -welche sie sprach. - -Unten auf der Straße klang ein jubelndes Hurra! -- brausende Hochrufe -aus unzähligen Kinderkehlen. - -Der Bräutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern banger -Glückseligkeit rann wie erlösend durch die Glieder des jungen Mädchens. -Sie trat jählings einen Schritt in den Erker vor und schaute hinab. - -Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender Uniform aus -dem Wagen springen, sie sah das strahlende Lachen in seinem schönen -Antlitz, wie er nach allen Seiten grüßte, wie sein Blick voll -ungeduldiger Sehnsucht zu den Fenstern emporflog. -- - -Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz schlug heiß und zärtlich -in ihrer Brust, und im Übermaß des Empfindens schwang sie die Arme um -Tante Agathe. - -»Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen Schwur halten, -wenngleich ich überzeugt bin, daß Friedrich Karl mich nie nach diesem -Gelde fragen wird, daß wir dieses Erbes nie bedürfen! O, liebe, liebe -Tante -- ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem Himmel, und im -ganzen Lande ist kein zweites Weib, welches so beneidet sein wird wie -ich in meinem übergroßen Glück!« - -»Das gebe Gott!« flüsterte die alte Dame und küßte ihr Herzenskind -feierlich auf die Stirn. In demselben Augenblick aber ward die Tür -stürmisch geöffnet, und voll jubelnden Entzückens, schön und strahlend -wie ein junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp seine Arme -nach der Geliebten aus. -- - -Diese Augenblicke gehörten dem jungen Paar; Tante Agathe trat -schweigend in den Erker und blickte auf die Straße hinab. - -Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als diese beiden -jugendschönen Menschen, welche sich so glückverklärt in die Augen -schauten, als sei die ganze Welt ein Zauberland trunkener Wonne -geworden, -- aber sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu -grell und blendend, als tue es den Augen weh. - -Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ... - -Drunten drängte sich eine neugierig erregte Menge um die prunkende -Galakutsche der Bären von Hohen-Esp. - -Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der schreitende Bär im goldenen -Feld. -- - -Wird Gundula eine echte, kampfesmutige Bärin werden, welche zur rechten -Zeit die Zähne weisen kann? - -Agathe seufzte tief auf. - -Jenes kraftvoll schöne Mädchen, welches wie eine Walküre das scheuende -Pferd bändigt, ist doch nur ein schwaches, liebendes, demütiges und -unendlich sanftes Weib, welches sich von dem heißgeliebten Mann ohne -Vorwurf und Groll zugrunde richten läßt. -- Ihr Vater war blind, wenn -er von der stolzen Festigkeit ihres Charakters sprach! - -Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in den samtweichen -Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der Möglichkeit dachte, daß der Mann, -welcher für sie der Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal -eine gewissenlose und schlechte Tat begehen könne! - -Versteckt sich unter den weißen Taubenschwingen dennoch der trotzige -Nacken der Bärin? -- Je nun, ob sie einst selber für sich und ihre -Existenz kämpfen wird, die reiche, reiche Gräfin von Hohen-Esp, oder ob -sie es nicht tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt des -Verhängnisses ereilt wird -- Tante Agathe hat in dieser Stunde für die -arme Verblendete gesorgt -- für sie und ihre Kinder. - -Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten Herzens auf -all die gleißende Pracht, welche ihre grellen Funken über Kranz und -Schleier der jungen Frau wirft. -- - - * * * * * - -Der Kammerherr war eingetreten. - -Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner markigen Gestalt -so besonders kleidsam gewesen. Auch gerne ging er trotz des Krückstocks -hoch und stolz aufgerichtet, und ein Ausdruck großer Genugtuung lag -auf den eisernen Zügen; dennoch erschienen dieselben farblos und -greisenhaft, und das nervöse Zucken der graubuschigen Augenbrauen fiel -mehr noch auf denn sonst. - -»Ich bin froh, daß ich diesen Tag noch erlebe!« hatte er am Morgen -gesagt, »er gibt meinem Leben einen guten Abschluß.« - -Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar, ein -schmunzelndes Nicken -- und dann bot er seiner Schwester Agathe den Arm --- es schien wenigstens so -- in Wahrheit führte sie ihn. - -»Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.« - -Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang den Arm noch -inniger um die reizende Braut, welche in der Residenz als gefeiertste -Schönheit galt. - -Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche ihm wie -verklärt in Glückseligkeit entgegenstrahlten. - -»Nun bist du mein, Gundula!« flüsterte er, und sein frisches, hübsches, -so lebenslustig lachendes Antlitz färbte sich höher. - -»Für Zeit und Ewigkeit!« - -»Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich?« -- - -»O, daß du fragen kannst!« - -Er lachte beinahe übermütig: »Und wirst nie ein Geheimnis vor mir -haben, kleine Frau?« Er dachte sich wohl selber nicht viel bei dieser -Frage, denn er blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog -ihr Köpfchen noch fester an die Brust und drückte die Lippen kosend -auf die blühende Myrte in ihrem Haar. Er bemerkte es nicht, wie sie -zusammenzuckte, er sah nicht, wie sie erbleichte, er wartete auch -kaum auf eine Antwort, sondern fuhr nach kleiner Pause fort: »Deine -süßen Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen laß mich täglich -lesen, daß du glücklich bist! Wahrlich, Gundula, kein Mensch kann eine -festere, redlichere Absicht haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben -sonnig und schön zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur Hölle sei -mit guten Vorsätzen gepflastert, aber das ist Torheit, denn unser -gemeinsamer führt direkt in den offenen Himmel hinein! Gundula -- hast -du mich lieb?« - -Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie antwortete nicht, -sondern küßte ihn. -- Sonnengold flutete über sie hin, in ihr Herz aber -war ein Schatten gefallen, der lastete dunkel und schwer, und in all -ihrem traumesschönen Glück zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei -durch ihre Seele: »Tante Agathe, warum hast du mir das getan!« - - * * * * * - - - - -II. - - -Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende Frau galten für -das glücklichste Paar im Lande! - -Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben, weil Sorge und Kummer -unbekannte Gäste in ihrem Hause waren, weil sie alles besaßen, was dem -Herzen Freude -- und dem Leben Reiz verleiht, -- sondern, weil sie -einander aus heißer, inniger Liebe geheiratet hatten. Auf Gundulas -Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen auf Burg Hohen-Esp -verlebt, und ein paar Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf -weiterer Fahrt durch das Land begriffen, für etliche Stunden in dem -wunderlichen alten Strandschloß Rast gehalten, konnten gar nicht genug -erzählen, wie wahrhaft verklärt in unaussprechlicher Glückseligkeit die -junge Gräfin dreingeblickt. - -Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts ersichtlich sehr -sympathisch, während der lebenslustige Gatte wohl nur aus Galanterie -und im Rausch des Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte! - -Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn der großen Rennen -»auf der Bildfläche« erscheinen und den Winter in der Residenz -verleben. Graf Friedrich Karl habe das heilig gelobt und sehr vergnügt -dabei ausgesehen, auch Gundula habe sehr liebenswürdig gelächelt, aber -doch heimlich geseufzt! - -Ob sie eifersüchtig ist und den Gatten am liebsten in die -Klostereinsamkeit der alten Bärenburg einsperrte? -- Wohl möglich! Aber -dann wehe der jungen Frau! - -Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen und hat auch -gar keine Anlage dazu, sein Leben in Sack und Asche zu vertrauern! -- -Gundula sei ja sehr hübsch, und daß sie den jungen Lebemann durch ihre -äußeren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich; ob sie aber -das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd zu fesseln? - -Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das, was man amüsant -nennt. - -Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit gefallener -Engel nie auffällig gehuldigt und sich beim Bakkarat besser unterhalten -wie in den schwülen Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein -Charakter wie der des jungen Millionärs ganz unberechenbar, und -die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche früher ganz -ferngelegen. Eine eifersüchtige Frau aber ist immer ein Unglück sowohl -für sich wie für andere. Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme -Gedanken -- eine eifersüchtige Frau bringt ihn darauf! Ihre ewigen -Anschuldigungen, ihr Mißtrauen weisen ihm erst den Weg. -- - -Zwar hat man an Gundula stets eine große Sanftmut und Nachgiebigkeit -gerühmt, und selbst ihre Jungfer hat nach vier Jahren noch versichert, -ihr gnädiges Fräulein sei die verkörperte Herzensgüte --! -- Ob -aber diese Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine Bärin von -Hohen-Esp geworden? - -=Femme varie!= und die Eifersucht ist eine Krankheit, welche so -urplötzlich aufkeimt und in Saat schießt wie das Unkraut auf dem Felde. - -Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der Residenz das -unerschöpfliche Thema, welches am Teetisch und im Rauchsalon mit -gleichem Interesse in allen Tonarten variiert wurde! - -Währenddessen träumte das junge Paar eine zauberhafte Spätsommeridylle -auf Hohen-Esp, der einsamen, uralten Burg, welche sich auf bewaldeter -Bergkuppe am Ufer der Ostsee erhebt und weithin über die blauwogende -Unendlichkeit schaut. - -Sie gehört zu dem ältesten Grundbesitz der Familie, ein düsteres altes -Gemäuer, ein Krähenhorst, welchen die kokette Laune ehemaliger Bewohner -gar eigenartig ausstaffiert. Die Bärenburg gleicht in Wahrheit der -Höhle eines Bären, denn die plumpen, massigen Mauern der graue, stumpfe -Turm sind im Innern und Äußern mit lauter Dingen ausgestattet, welche -an den Bär und seine wehrhaften Pranken erinnern. - -Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als die beiden -riesenhaften Bären, welche am Eingang des Burgtors Wache halten, -aus grimmig offenen Rachen die Zähne ihr entgegenfletschten, als -ihr überall auf Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur -blickte, Bären in allen Größen und Arten entgegenschauten, als jedes -Möbel oder jedes Gewebe ihr in Schnitzerei oder Muster das nämliche -Motiv zeigten -- Bären! Bären überall! Bald aber gefiel ihr diese -absonderliche Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen der -Familie und den Gedanken hineinlebte, daß sie nun selber eine Bärin -von Hohen-Esp geworden, eine jener seelen- und nervenstarken, stolzen, -gewaltigen Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust, -wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da schlug ihr Herz -hoch auf im stolzen Selbstbewußtsein, und beinahe zärtlich haftete ihr -Blick auf den braunzottigen Gesellen, welche in dieser verzauberten -alten Herrlichkeit die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrüßten. - -Ja, verzaubert! - -Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die mächtigen -Buchenwipfel im Parke raunte es und um die verwitterten Steinbilder -der wappentragenden Bären ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und -Murmeln, wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches seine Zauber -um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen Zauber, eine sanfte -Taube in eine gar wilde und trotzige Bärin zu verwandeln! -- - -»Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!« lachte -Friedrich Karl, als sie eines Abends auf der Zinne des Turmes standen, -weit hinab über die Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer -zu schauen, in welches der glühende Sonnenball langsam, durch violette -Dunstschleier tauchend, herniedersank. »Ich begreife dich nicht, daß -es dir hier in der entsetzlichsten aller vermoderten und verräucherten -Bärenhöhlen so gut gefällt! So schön, wie Hohen-Esp seinerzeit als Sitz -der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, so völlig überlebt -hat sich sein mystischer Zauber in unserer heutigen Zeit voll Komfort, -Eleganz und Leichtlebigkeit! Ich hatte im stillen eigentlich gehofft, -Gundula, du würdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche -schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, schleunigst -Reißaus nehmen! >Alle Tage Feldhühner< ist kaum so greulich, wie ->alle Tage Bären!< -- Bären, wo man sie sich nur denken kann, -- man -kann keinen Löffel in die Hand nehmen, ohne den Bär darin graviert -zu finden, kein Glas, kein Sessel -- kein Teppich ... keine Wand ... -brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere Altvorderen sind mit diesem -Bärenkultus schließlich langweilig geworden!« - -Beinahe erschrocken sah die Gräfin den Sprecher an. »Langweilig? -und das sagst du, Friedrich Karl, der Nachkomme dieses herrlichen -Geschlechts, für den jeder Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein -sollte? -- Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen Hohen-Esp --- und doch ist es mir, als sei mein Herz und Sinn schon ganz und gar -verwoben mit ihm, als wüchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten -Größe, als neige sich jedes dieser Bärenhäupter mir zu mit trautem Gruß -und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, durch Räume zu schreiten, -wo ringsum die Andenken von Vätern und Ahnherren sprechen, wo alles -davon zeugt, was sie einst waren und was wir Glückseligen jetzt sind, --- wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns sprechen! O du lieber -Mann, -- ich habe zuvor nie darüber nachgedacht, wie schön es wohl sein -müsse, die Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg deiner -Väter, da überkommt es mich wie eine heiße, ehrfurchtsvolle Sehnsucht, -wie eine jauchzende Begeisterung bei dem Gedanken, daß ich berufen -sein möchte, diesem alten, trotzigen Bärengeschlecht einen Erben zu -schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst so edel, so -ritterlich und herrlich sein wird, wie alle jene heldenhaften Männer, -welche ehemals in diesen Räumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die -grauen Quadersteine gemeißelt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben und -in seinem Sinne lebten und starben -- - - Christe Kyrie ... - Zu Land und See, - Schirmherr der Not -- - Das walt' Herre Gott!« - -Mit entzücktem, schier staunendem Blick sah Graf Hohen-Esp auf die -Sprecherin. - -Wuchs sie tatsächlich neben ihm empor, oder täuschte ihn sein Auge, daß -er ihre schlanke Gestalt plötzlich so hoch und stolz, so bärenhaft -markig neben sich sah? - -Und dieses schöne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden Augen ... -gehörten sie wahrlich seiner ernsten, träumerisch stillen Gundula? -- - -Fester schlang er den Arm um sie, heißer noch küßte er ihre Lippen. - -»Schade, daß mein guter Vater dich nicht sprechen hören kann, du wärest -wahrlich eine Schwiegertochter nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war -in der Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, wie ihn der -alte Wappenspruch verlangt; er hat viel Gutes getan, und wenn auch nicht -mit gewappnetem Arm gegen die Seeräuber hier von dem Bärenhorst aus, so -doch als moderner Mann im Reichstag und von der Ministerkanzel aus; du -weißt, wie man sein Andenken in Ehren hält! -- Ja, ein moderner Mann! -- -Hohen-Esp bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, zu -weltfern und unbequem, die Telegraphendrähte hatten ihr Netz allzu -gebieterisch um ihn gesponnen. -- Da hatte er sich Schloß Walsleben für -den Sommeraufenthalt zurechtmachen lassen, -- auch ein von den Vätern -ererbter >heiliger< Boden, aber doch etwas behaglicher und komfortabler -wie hier die alte Bärenhöhle! Garnison in der Nähe, flotte Kavallerie --- elegante und distinguierte Gutsnachbarschaft -- kurzum ... man kann -da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, diesem hübschen -Besitz möchte ich mein wonniges Weib auch einmal zuführen! Wir waren nun -drei Wochen hier, -- die Walslebener dürfen doch nicht eifersüchtig -werden?!« - -Wie innig er sie an sein Herz drückte, wie schmeichelnd seine Stimme -klang, wie unwiderstehlich war der strahlende und heitere Blick seiner -Augen, welche in letzter Zeit doch oftmals recht müde und gelangweilt in -die Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten! - -Ein Gefühl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, wenn sie an Scheiden -dachte, -- wie unaussprechlich glücklich war sie hier gewesen! -- wie -redete jedes Zimmer, jedes Plätzchen im Park von einer Zeit berauschend -seliger, junger Liebe! -- Nie und nimmer würde sie sich in Hohen-Esp -langweilen, und müßte sie ihr ganzes Leben hier zubringen! -- - -An seiner Seite ... im Verein mit ihm -- wäre es nicht Paradieseswonne -gewesen? - -Aber was galten ihr die eigenen Wünsche, wenn Friedrich Karl andere -Pläne hegte? - -Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Kuß von seinem Munde, -und die Bärin war wieder die willenlose Taube, welche mit demütigem -Lächeln nickt: »So bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja -überall schön, wo du bist!« -- - -»Gut, -- sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! Das genügt, daß -du dein neues Heim, die Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ... -dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!« -- - -»Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon letzt!« - -»Hierher nach Hohen-Esp?« er lachte beinahe übermütig: »Nein, meine -kleine Schirmvogtin, diese Extratour war nur ein Beweis meines -unbedingten Gehorsams! Du wünschtest, die Bärenburg kennenzulernen, -- -und ich war Wachs in deinen Händchen, wie ich stets im Leben sein werde! --- Nun aber kommt die Belohnung für diesen Separatarrest, obwohl -derselbe so süß und wonnig war, daß er seinen Lohn schon reichlich in -sich selber trug! -- Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden und -nimmersatte Kreaturen! Auf das schöne Exil in Hohen-Esp folgt ein noch -schöneres in Walsleben, und wie man nach der süßen Speise noch Konfekt -und Früchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine Spritztour gen -Nizza, San Remo -- Monte Carlo -- -- usw. -- servieren!« - -»Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem Herzliebsten gegenüber -Sklavin!« - -»Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen wir! -- Hurra ... -laß uns sogleich hinab und die Befehle zum Kofferpacken geben --!« - -Sie hielt seine Hände fest. »Und der schöne Sonnenuntergang?« flüsterte -sie bittend, mit einem langen, sehnsüchtigen Blick nach dem fernen Meer. - -»Scheint die Sonne noch so schön -- einmal muß sie untergehn!« -rezitierte er scherzend. »Du weißt, daß ich für Naturschönheiten leider -Gottes sehr wenig Verständnis habe, aber wenn es dir Freude macht ... -selbstverständlich, Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schluß der -Vorstellung hier ... Du weißt ja, die dienstbaren Geister sind gewandt -genug im Packen, um uns morgen früh noch den Schnellzug erreichen zu -lassen!« -- - -»Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir! Jene graue -Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen, ehe sie den Horizont -erreicht ...« - -»Wie nett von der Wolkenwand!« -- - -»Schäm' dich, du lieber Spötter!« - -»_Meine_ Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste -- dein Auge strahlt -mir Tag und Nacht!« - -Sie gingen Arm in Arm -- hinter ihnen aber erlosch das leuchtende -Tagesgestirn, -- es ward Nacht. - - * * * * * - -In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst jedes Frauenherz -entzückt und hoch befriedigt hätte. -- - -Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erfüllung eines jeden, selbst -des anspruchvollsten Wunsches. Es würde die junge Frau auch beglückt -haben, wenn sie mehr Wert auf äußeren Glanz gelegt, und Sinn für all die -vielen, hübschen Nichtigkeiten gehabt hätte, mit welchen das moderne -Wohlleben sich ausstattet und welche einer Reihe von müßigen Tagen einen -scheinbaren Inhalt verleihen. - -Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion für Geselligkeit und alles, -was mit derselben zusammenhing. - -Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett, und die reinste -Freude, welche sie empfinden konnte, war diejenige an einer schönen -Natur, mit all dem stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern, -welche ihrem Schöpfer Preis und Ehre geben. - -Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten ein übergroßes -Glück gefunden, war ihre Neigung für die Einsamkeit eher größer, denn -geringer geworden, und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles -gefunden, was sie schön und wonnig deuchte, um so weniger entsprach das -Walslebener Schloß mit seinem eleganten Leben und Treiben ihrem -Geschmack. Dennoch verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste -Seufzer, wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem glücklichen -Gesicht ihres Mannes an, daß er sich außerordentlich wohl fühlte, und -was hätte der selbstlosen und anspruchslosen Seele Gundulas mehr -Befriedigung geben können, als den Geliebten froh und zufrieden zu -sehen? - -Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin kaum den eigenen, -fürstlichen Besitz in Augenschein genommen, in die Nachbarschaft, um -Besuche abzustatten. - -Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben weilte, drängten sich die -Einladungen; man besuchte Feste und sah wiederum Gäste bei sich, und -Gundula empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige -Vergnügungshetze doch mit unendlicher Wonne, daß Friedrich Karl eine -stolze Genugtuung darin fand, der Welt sein junges Weib zu zeigen, daß -er sich beneidenswert und glücklich in ihrem Besitze fühlte. -- - -Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch schöne, stille Stunden, wo -der Geliebte ihr allein gehörte, wo er sich ihr voll zärtlicher -Ritterlichkeit auch ausschließlich widmete! - -Dafür dankte sie ihm durch eine stets liebenswürdige Bereitwilligkeit, -ihm hinaus in das laute, bunte Leben zu folgen, und als die für -Walsleben festgesetzte Zeit abgelaufen war und der junge Graf voll -ungeduldiger Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab sie -gern Befehl, die Koffer zu packen. - -Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer durch die Welt! - -Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die Krankheit des Vaters -führte sie alljährlich in dasselbe Bad, und Tante Agathe liebte es -nicht, sich in einem »rollenden Sarge« durchschütteln zu lassen. - -So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genußreiche Stunden, denn -Friedrich Karl unternahm ihr zu Liebe jede Partie und jede Promenade -über Berg und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl er -selbst in freimütiger Ehrlichkeit bekannte, daß er jedweder Kunst -gegenüber Barbar sei. Dafür speiste Gundula ihm zu Liebe mit an der -amüsanten =table d'hôte=, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte, -machte große Toilette, wenn er es verlangte, und opferte Ruhe und -Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas länger an dem grünen Tisch zu -sitzen. - -Monte Carlo! - -Anfänglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch ein Höllenabgrund in -diesem Paradiese gähnte. Sie sah voll naiver Verständnislosigkeit dem -Spiel zu, bis es ihr allmählich klar ward, was dasselbe eigentlich -bedeuten wollte. - -Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz hinein. - -Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut fieberischer -Erregung immer dunkler und heißer in sein schönes Antlitz stieg, wie die -Banknoten in seiner Brieftasche mehr und mehr zusammenschmolzen. - -»Herzliebster« -- flüsterte sie in sein Ohr --: »laß uns gehen -- ich -sterbe vor Müdigkeit!« - -Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldstücke zusammen und bot -ihr den Arm. - -»Vergib mir, =darling=! es ist in der Tat sehr spät geworden ... aber im -Eifer des Spiels ... ich habe gar nicht daran gedacht, daß du in letzter -Zeit immer so spät zu Bett gekommen bist.« - -Sie fürchtete, daß er sie heimbegleiten und noch einmal an den grünen -Tisch zurückkehren werde, aber er tat es nicht, er sagte nur lachend: -»Heute habe ich infames Pech gehabt! Das kommt von allem Glück in der -Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle wieder zurück.« - -Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit größere Summe. - -»Ich muß an meinen Bankier telegraphieren,« sagte er, »unser Reisegeld -ist auch schon futsch!« - -Da faßte sie flehend seine Hände, und ihre blauen Augen schauten voll -Angst in sein schönes, sorgloses Antlitz. -- - -»Friedrich Karl ...« flüsterte sie, »ach, laß uns fort von hier!« - -Er lachte hell auf und küßte sie: »Ich glaube, du hast Angst, daß ich -uns hier bankrott spiele!« scherzte er. »Unbesorgt, du liebes Närrchen! -Die paar tausend Franken reißen noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und -einmal muß ich doch auch wieder gewinnen!« - -Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die nächsten Tage -unaufhörlich. -- Die namhafte Summe, welche sein Bankier ihm angewiesen, -schmolz dahin wie der Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch -immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nervöses Lachen. - -»Friedrich Karl ... laß uns fort von hier!« flehte Gundula abermals, und -diesmal rollten ein paar große Tränen über ihre Wangen und netzten seine -Hand. - -Er zuckte zusammen. - -»Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du glaubst doch nicht -etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt über mich, als dieser süße Engel, -welchen ich mir selbst zum Wächter meines Glückes gesetzt habe?« - -Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm mit, daß mit dem -Kurierzug am nächsten Vormittag weitergereist werden solle. So -unbeschreiblich glücklich, wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder. - -Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten kein verblendeter -und leidenschaftlicher Spieler, welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte -mehr zugänglich war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen -- und -diese Gewißheit beseligte sie. - -Die nächstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar in Saus und Braus in -der heimatlichen Residenz. Graf Hohen-Esp machte ein glänzendes Haus, -und da er nie im Leben gefragt hatte: »_kann_ ich mir dies oder jenes -gestatten«, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern war sehr -erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages eröffnete, er sei nicht -in der Lage, noch mehr Gelder zu zahlen, da die zuständigen Revenuen -bereits an die Adresse des Herrn Grafen abgeführt seien. - -»Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal kaum angefangen?« -- -staunte Friedrich Karl, die Zigarette im Mund, die Hände in den Taschen -seines Jacketts versenkt. »Sonst war das doch sehr viel mehr?« - -»Herr Graf vergessen, daß das Kapital sehr abgenommen hat; die Summen, -welche nach Monte Carlo geschickt wurden, die Ehrenschuld, welche an -Herrn von X. -- und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde -...« - -»Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen?« wunderte sich der junge -Mann sehr gelassen, »das ist ja fatal. Aber ich muß doch momentan was -haben! -- Vom nächsten Quartal an können wir ja manches sparsamer -einrichten. Aber gerade jetzt muß ich so mancherlei berappen ... was -fangen wir da an, Alterchen?« -- - -Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln. - -»Sehr schwierig, Herr Graf ...« - -»Schnacken! -- Können Sie nicht die Schafe mal wieder scheren lassen? -- -Wir heizen ein bißchen ein im Stall!« - -Der Administrator lachte. -- »Dann müßten wir ihnen das Fell abziehen!« --- - -»Oder können Sie keinen Wald schlagen lassen?« - -»Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert, Herr Graf, daß da -nichts mehr weg darf! Höchstens die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ... -da sind starke Stämme ... die würden einen guten Ertrag geben ...« - -Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in sein lockiges Haar. -»Meine Frau hat eine Leidenschaft für das alte Bärennest und den schönen -Hochwald ... sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ... also -ganz herunter darf das Holz nicht ...« - -»Würde der Förster auch gar nicht zugeben, Herr Graf!« - -»Was _der_ zugeben kann und will, ist mir ganz gleichgültig! Lassen -Sie die Sache _so_ machen, daß die stärksten und schönsten Bäume -ausgeforstet werden. Verstanden? -- um den Wald etwas zu lichten!« - -»Befehl, Herr Graf!« - -Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von Hohen-Esp klangen nach wie -vor die Flöten und Geigen, klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn -die Goldstücke auf dem Spieltisch, Friedrich Karl amüsierte sich, -reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer und -ritterlicher Gatte, wenngleich die immer blasser werdenden Wangen und -der müde, resignierte Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher -hervortraten. - -Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag gestorben, und -während des Trauerjahres, wo man doch nicht gut die Saison mitmachen -konnte, unternahm Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin eine -Reise um die Welt. - -»Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen!« sagte -Friedrich Karl in seiner leichten, fröhlichen Art, »da könntest du mir -eigentlich einen Gefallen tun! Es ist momentan schwer für mich, Geld -flüssig zu machen, -- du weißt, daß das bei Grundbesitz immer seinen -Haken hat! Darum wäre es mir sehr lieb, du rücktest ein bißchen von -deinem Mammon heraus, um die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du? -Wärest auch die beste Frau der Welt!« - -Er küßte ihre Wangen und Hände, und sie lächelte ihr stilles, müdes -Lächeln, schmiegte sich an ihn und nickte: »Nimm soviel du willst! Was -soll ich mit dem Geld? Ich freue mich ja so, daß wir während der Reise -endlich einmal uns wieder selbst angehören können!« - -Und er nahm Geld, -- soviel er wollte, denn die Reisekosten waren nicht -gering. - -Ach, wie hatte Gundula gehofft, daß sie das Trauerjahr still und -behaglich in der schönen Einsamkeit von Hohen-Esp verleben würden, -endlich, endlich einmal wieder glücklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer -Ehe! - -Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an, ein stetes -Zusammenleben mit fremden Menschen, deren Mittelpunkt der schöne, -liebenswürdige Graf ja ständig war! - -Reiche Engländer und Amerikaner schlugen ein Spielchen vor ... und um -die Langeweile der endlosen Seefahrten zu lindern, spielte Friedrich -Karl; -- manchmal mit Glück, -- meist mit recht erheblichen Verlusten. - -Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte er seiner blassen Frau -so =en passant= einmal mit, daß die Reiserei doch infam teuer -gewesen sei und ein Heidengeld verschlungen habe! Das ererbte Kapital -sei beinahe draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ... -und da keine Kinder da sind, für die man zu sorgen hat, ist es ja -gleichgültig, wo es bleibt! -- Gundula hatte ohne ein Wort still vor -sich hingenickt. - -Nein, es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen -müssen! - -Der Graf setzte sich an den Flügel und spielte den feschen Walzer, -welchen er jüngst zum erstenmal wieder in einem Ballsaal gehört hatte, -und Gundula erhob sich lautlos, schritt über die weichen Teppiche nach -ihrem kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche Antlitz -in die Atlaskissen. - -Nein -- es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen -müssen! - -Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde als eine ja wohl -fatale, aber doch nicht zu ändernde Tatsache aussprach, das fraß ihr -seit Jahren schon wie nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr -wie ein grausames Schicksal, wie eine Bürde, unter welcher sie freud- -und trostlos daherschlich. -- - -Ein Sohn! -- ach, daß sie einen Sohn hätte! Wenn sie zurückdenkt an -jene ersten, traumseligen Wochen in Hohen-Esp, mit welch einer stolzen -Glückseligkeit sie zu den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut -und ihnen zugeflüstert hatte: »Einen Sohn will ich euch einst zuführen, -einen jungen Bären, furchtlos, brav und rechtschaffen, ein Schirmvogt -der Schwachen, ein Retter der Gefährdeten, ein Edelmann in Tat und -Wort, -- so wie ihr es gewesen seid!« -- - -Wie glühte ihr damals das Herz in der Brust voll stolzer Begeisterung, --- wie träumte sie mit offenen Augen einen herrlichen, goldenen Traum! --- Wehe ihr! es ist nur ein Traum gewesen und geblieben! - -Kein Kind im Hause! -- - -Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das klimpert mit -Geldstücken und schlägt klatschend die Karten auf! -- - -Anfänglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten Händen -dagegen gerungen, dann aber sind diese Hände müde und matt geworden, -ihr Herz schwer und starr, es hat nicht mehr in törichten Hoffnungen -geglüht und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, daß das Vermögen, -das große, gewaltige Vermögen des Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz! - -Für wen sollte es erhalten bleiben? - -Sie selber bedarf weder Glanz noch Üppigkeit, sie wird die Stunde -segnen, wo die goldene Brücke, welche ihren Gatten in die falsche, -bunte, treulose Welt führte, zusammenbricht. - -Dann muß er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts mehr zwischen -sie drängen, dann wird sie vielleicht noch einmal in einem stillen, -weltfernen Winkelchen glücklich sein! - -Glücklich?! - -Sie schluchzt laut auf. - -Wofür also sparen? -- Es ist ja kein Kind im Haus! -- - - - - -III. - - -Die Zeit verging, -- für Gundula schleichend, mit bleiernen Flügeln, -für ihren Gatten in wirbelndem Tanz. - -Da es der Gräfin in das Herz schnitt, unter so gänzlich veränderten -Verhältnissen auf Hohen-Esp zu weilen, so hatte sie eigentlich darauf -verzichten wollen, in diesem Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort -zu reisen, da trat jählings ein Ereignis ein, welches das bleiche -Antlitz der müden jungen Frau in schier blendende Sonnenhelle tauchte. - -Anfänglich wagte sie es kaum, an ihr verspätetes Glück zu glauben, ihr -Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre Seele jauchzte in Hoffnung, -und auf ihren Wangen blühten wieder Rosen auf, ihre Lippen lächelten -wie im Traum. Friedrich Karl beobachtete überrascht und erfreut die -sichtliche Veränderung seiner sonst so resignierten Frau, und als er -sich eines Tages sogleich nach dem Diner mit scherzenden Worten und -einer kleinen Galanterie über ihre leuchtenden Augen und blühenden -Wangen zurückziehen wollte, -- da hielt sie sanft seine Hände fest, -führte ihn nach ihrem dämmrig stillen Salon und warf sich voll bebender -Erregung an seine Brust. - -»Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und frägst doch -nicht nach der Ursache, welche mich neu aufleben läßt in übergroßer -Seligkeit?« - -Überrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf dem Diwan Platz -und murmelte betroffen: »Ich verstehe dich nicht, Gundula ... hast du -etwa das große Los gewonnen?« - -Sie lachte unter Tränen. »Nur das große Los? Ach, was bedeutet alles -Geld und Gut der Welt gegen unser Glück?!« - -Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schönen Haupt. »Sprich, Liebling -... foltere mich nicht!« - -Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm und flüsterte ihm -ein paar Worte in das Ohr. - -»Gundula!« -- schrie er beinahe auf: »Gundula -- ist das Wahrheit? -- -Uns sollte ein Erbe geboren werden -- ich sollte noch ein Kind auf den -Armen wiegen?« - -Er sprang empor, er stürmte im Zimmer auf und nieder, und dann bedeckte -er ihre Hände, ihr verklärtes Gesicht mit brennenden Küssen. - -»Ja, das ist ein unerwartetes Glück, Gundula!« jubelte er, »nun ist ja -dein heißester und sehnlichster Wunsch erfüllt!« -- - -»Und der deine nicht auch?« - -Wie ein Erbleichen ging es über sein erhitztes Gesicht, er sah sie -nicht an, sondern preßte die Wange gegen ihre Hand. - -»Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir gleichgültig sei, ob -die Hohen-Esps aussterben oder nicht! Neun Jahre lang hatte ich -mich freilich an diesen Gedanken gewöhnt ... ich rechnete mit jeder -Möglichkeit, nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!« - -Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch über die perlende -Stirn, dann lachte er abermals hell, beinahe übermütig auf und fuhr -fort: »Ja, nun müssen wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp -fahren, damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und -Allongeperücke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze Glück erzählen -kannst, daß ihnen ein Urenkel geboren werden soll, daß Gräfin Gundula -der alten Bärenburg für einen jungen Bären sorgen will!« -- - -»Und wenn es eine Bärin ist?« - -»Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hüten«, lächelte er galant, -und dann küßte er die Lippen seiner Frau und setzte die elektrische -Klingel in Bewegung, um dem Diener zu sagen, daß er heute abend zu -Hause bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden mit der -Meldung, daß der Herr Graf heute verhindert sei zu kommen. -- - -Gundula aber faltete die bebenden Hände und schloß lächelnd die Augen -... kam es noch einmal zurück, das Glück, das große, märchenhafte Glück -von ehemals? -- -- - --- -- -- Als der Gräfin lächelndes Antlitz sich zum Schlaf in die -Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl ruhe- und rastlos in seinem -Zimmer auf und nieder. - -Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen Brief, welcher den -Administrator anwies, sofort dem Abholzen der Hohen-Esper Waldungen -Einhalt zu tun. - -Er hatte sich in sehr mißlicher Lage befunden und nach kurzem Kampf -den Befehl gegeben, die herrlichen Buchenwaldungen um die Burg herum -schlagen zu lassen, -- hatte doch Gundula geäußert, daß sie keinen -Aufenthalt wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schämte sich vor all -den Ahnherren im Saal, daß sie ihnen noch immer keinen Stammhalter -zuführen könne! - -Das war nun anders geworden! - -Jetzt, nach neunjähriger Ehe! Wer hätte das gedacht! - -Nun war Gundulas Liebe für den alten Ahnensitz neu entflammt, und auf -keinen Fall durfte sie die Verwüstungen in ihren geliebten Wäldern -erblicken! - -Das war ein recht fataler Zwischenfall! - -Was sollte er nun beginnen? - -Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden, ach, Gundula ahnte -es nicht, _wie_ schlecht! - -Er mußte absolut eine bedeutende Summe flüssig machen, um eine -Spielschuld zu bezahlen! - -Infam! er hatte während der letzten Zeit so viel Pech gehabt, und wenn -er einmal gewann, so rannen die Dukaten wie Wassertropfen durch die -Finger! Es ist seltsam, daß in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt! - -Es wäre auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene Geld angelegt -hätte, anstatt es jedesmal zu verjubeln, ... aber du liebe Zeit! Für -wen hätte er sparen sollen! Wie konnte er ahnen, daß noch einmal Kinder -kommen würden! - -Je nun, das muß jetzt alles anders werden. Er wird diese eine -Spielschuld noch bezahlen und dann mit allem Ernst danach trachten, -seine Verhältnisse wieder zu arrangieren! Er muß noch eine Hypothek -auf Hohen-Esp aufnehmen! - -Walsleben, Mönchhagen und Gottern sind bereits derart belastet, daß er -mit diesen Gütern kaum noch rechnen kann, und das Kapital ist lange -verbraucht, ebenso das Erbe seiner Frau! - -Friedrich Karl stöhnt leise auf, schlägt die Hände vor das Antlitz und -sinkt in einen Sessel nieder. - -Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist wie verklärt -- -ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Glückseligkeit! - -Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im ersten Rausch der -Überraschung tat auch er es! -- gewiß! -- welch eines Mannes Herz -schwellt nicht Stolz und Genugtuung, wenn er Vater werden soll! - -Ja, er freute sich wie ein Trunkener, -- ohne jede Überlegung, -- die -rührende Ergriffenheit seiner guten Frau steckte auch ihn an! - -Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei nüchterner Überlegung, -da schleicht sich in dieses Glücksgefühl eine beklemmende Angst, die -sorgende Frage: was soll aus dem Kind werden? - -Wie willst du es ernähren? Von was einst standesgemäß unterhalten? - -Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater fragt: »Wo blieb das -Erbe meiner Väter?« Welch ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf -Friedrich Karl will ihn nie hören, -- nie! -- Er will, er muß es wieder -einbringen, was er vergeudet hat! -- - -Aber wie? -- - -Je nun, das Glück kann ihm nicht immer den Rücken kehren, einmal muß er -doch wieder mit Erfolg spielen, und dann wird er jeden Gewinn anlegen -und sein Vermögen ersetzen. All die Herren, welche durch ihn reich -geworden sind, müssen ihm Revanche geben, sie müssen es, wenn sie -Ehrenmänner sind! - --- Der Graf sprang ungestüm auf und sah nach der Uhr. - -Sind sie noch im Klub versammelt? - -Nein, -- es ist zu spät. - -Aber morgen! -- morgen! -- - -Und am nächsten Tage spielte er voll nervöser Leidenschaft, hitziger, -aufgeregter, wie je. - -Und er gewann! - -Sein Kopf brannte! Wie unsinnig vor Freude stürmte er zu dem Bankier -und legte das Geld an! -- Und dann hatte er noch eine Chance! - -Der Herzog war entzückt von seinem Viererzug schönster Rappen, welchen -er gern seiner jungen Schwiegertochter, der Prinzessin Margarete, zum -Geschenk machen wollte. - -Prinz Georg, welcher mit Hohen-Esp unterhandelte, bot eine enorme -Summe, aber die Eitelkeit des Grafen litt es nicht, daß er sich von -seinen berühmten Pferden trennte. Das war jetzt anders geworden. - -Er mußte für seinen Sohn Kapital machen! Noch an demselben Tage -verkaufte er die Rappen, und das Geld brachte er abermals auf die Bank! - -Welch ein Vergnügen ihm das bereitete! Es war etwas so Neues für ihn, -zu sparen! - -Vorläufig schaffte er auch keine anderen Pferde wieder an. Er kündigte -dem zweiten Kutscher, und freute sich, wieviel er dadurch ersparte, -- -den Unterricht für den anspruchsvollen Engländer und vier Rationen! -- - -Er muß weiter überlegen, wie und wo er sparen kann, ohne daß Gundula es -merkt, denn ein Gefühl der Scham hält ihn plötzlich davon ab, seiner -Frau einzugestehen, wie gewissenlos er bisher gewirtschaftet hat. -- - -Und er spart und legt an ... und dann schlägt das Glück einmal wieder -um und er muß alles wieder von der Bank abholen, um die Spielschulden -abzutragen! - -Es ist ein qualvoller Kampf, ein Auf und Nieder, ein Wasserschöpfen mit -dem Sieb! - -Aber Graf Friedrich Karl kämpft voll zäher Beharrlichkeit, er denkt -an seinen Sohn! Und er sorgt und müht sich immer leidenschaftlicher -und nervöser, je mehr er es beobachtet, wie in Gundulas Wesen eine -wunderbare und auffällige Veränderung vor sich geht. -- - -Wie in langem Staunen haftet sein Blick oft verstohlen auf der Gräfin. - -Ist dies dieselbe resignierte, müde, sanfte und gleichgültige Frau -von ehedem, welche auf all seine Wünsche nur ein selbstloses: »wie -du willst!« hatte, welche mit gesenktem Haupte einherschritt, -interessenlos, und so matt und scheu, wie eine weiße Taube, welcher ein -Sturm die Schwingen brach? - -Ist dies dieselbe Gundula, welche zu ihrem eigenen Schatten geworden -war? -- - -Jetzt ist es, als ob ein Steinbild endlich zum Leben erwacht sei! - -Ihre Gestalt wächst hoch und kraftvoll empor, ihr Haupt hebt sich stolz -und selbstbewußt auf den Schultern, und all ihre Bewegungen haben etwas -Festes, Sicheres, wie er es nie zuvor an ihr gekannt! - -Die sanften Taubenaugen blitzen in sieghafter Freude, die Lippen -lächeln und sprachen doch nie energischere Worte wie jetzt! - -Tante Agathe kommt zum ersten Male zu kurzem Besuch und weinte Tränen -der Freude über das Glück ihres Lieblings. - -Als sie Gundula so gänzlich verändert schalten und walten sieht, -nickt sie leise vor sich hin. Wie ein Echo ziehen die Worte ihres -verstorbenen Bruders durch ihren Sinn --: »wenn aber erst die junge -Brut in der Höhle liegt, dann wird aus dem sanften, indolenten Weibchen -eine gar trotzige, wehrhafte Bärin!« -- - -Ja wahrlich! -- auch Gundula wird eine solche Bärin sein! -- - -Auf dringenden Wunsch der Gräfin siedelte die Haushaltung nach -Hohen-Esp über und verblieb den ganzen Sommer daselbst, denn wie -Gundula scherzend sagte: »sollte der junge Bär in seiner angestammten -Höhle geboren werden!« -- - -Graf Friedrich Karl leistete seiner Gemahlin tagelang Gesellschaft, -dann trieb es ihn wieder voll rastloser Ungeduld in die Residenz -zurück; er kam und ging -- er schweifte ruhelos zwischen dort und hier, -und dabei ward er immer nervöser, immer blasser und elender, und sah -schließlich so ernstlich krank aus, daß es Gundula auffiel und sie -besorgt nach der Ursache fragte. - -Er lachte und versuchte voll unsicherer Heiterkeit zu scherzen. »Ich -werde noch die Ankunft des neuen Herrn und Gebieters abwarten, und -alsdann ein paar Wochen in ein Bad reisen; der Doktor meint, es sei -eine verschleppte Erkältung, dafür ist Luftwechsel gut!« - -Früher hatte die Gräfin nie an einem Wort ihres Mannes gezweifelt, -jetzt plötzlich hatte ihr Auge etwas so seltsam Forschendes und -Durchdringendes, daß Friedrich Karl ihrem Blicke auswich. - - * * * * * - -Und die Wochen vergingen ... und auf der Burg Hohen-Esp wurde ein Sohn -geboren. Ein Sohn! -- wie ein zitternder Jubelschrei rang es sich von -den Lippen der jungen Mutter. Nun lag der heißersehnte kleine Bär in -ihrem Arm, und die alten Bilder von der Wand schauten mit wundersam -lebendigem Blick auf sie nieder und lächelten ihr zu. - -Hub nicht ein freudiges Brummen und Raunen in allen Ecken an? -- - -Trappten nicht die mächtigen steinernen Bären vom Burgtor herauf, die -Wappenschilde in ihren Pranken vor dem jungen Bärlein in den weißen -Kissen zu neigen? - -Stampfte und schlurrte es nicht aus allen Winkeln und über alle -Stiegen heran, der lange Zug aller jener zottigen Gestalten, welche -seit Jahrhunderten hier in der Burg ihre stille Wacht gehalten und auf -den jungen Sprossen gewartet haben, welcher künftighin ihr Herr und -Gebieter sein soll, der Bär von Hohen-Esp? -- - -Welch ein Jubel und Glück im ganzen Hause! Nur der Vater des jungen -Erben hält seinen Sohn mit zitternden Händen, und die Fieberglut auf -seiner Stirn wechselt mit fahler Blässe. -- - -Sind es Tränen oder ist es perlender Schweiß, was langsam über seine -fahlen Wangen rinnt? Alles schläft in der Burg -- mit lächelnden Lippen -und wohligem Behagen, -- nur Graf Friedrich Karl wandelt ruhelos, -selber einem Gespenst gleich, durch die weiten, hallenden Räume. Er -findet keinen Schlaf. - -Vor ihm schweben zwei große blaue Kinderaugen, die schauen ihn ernst -und vorwurfsvoll an, als ob sie ihn richten wollten, und ein kleiner -Mund fragt wieder und immer wieder: »Wo blieb das Erbe meiner Väter, -welches sie dir zu Lehn hinterließen, auf daß du es für deinen Sohn -treu und rechtschaffen verwalten solltest?« -- - -Wie Donnerhall brausen die Worte in seinen Ohren, ob er auch qualvoll -die Hände dagegenpreßt und laut aufstöhnt: »Wie konnte ich noch auf -einen Sohn rechnen! Ich war mir keiner Verpflichtung bewußt, weil mir -kein Erbe geboren wurde!« - -Diese leise Stimme aber fährt erbarmungslos fort: »Rechne nach! Noch -ehe du ein Weib genommen, noch in den ersten, hoffnungsreichen Jahren -deiner Ehe schwand das Kapital dahin, ward das Fundament gelockert, auf -welchem jetzt der morsche Bau zusammenbricht! Rechne nach! wo blieb das -Erbe meiner Väter?!« -- - -Graf Friedrich Karl sank schwer in einen Lehnstuhl nieder. - -Er brauchte nicht nachzurechnen, -- er wußte, wo das Geld geblieben -war, -- ach, er wußte es nur zu genau. - -Vor seinen Augen schimmert grünes Tuch, blinken rollende Goldstücke. -- - -O furchtbare Antwort, welche er einst seinem Kinde geben muß! -- - -Wie Folterqualen peinigt sie schon jetzt sein Herz. -- - -Er erträgt diese Qual bitterster Selbstanklage nicht! -- Er muß -wiedergewinnen, was er vergeudete, er muß den drohenden Ruin abwenden, -er _muß_ es, wenn er noch den Mut haben soll, Weib und Kind in die -Augen zu schauen! -- -- - -Seine Hände wühlen aufgeregt in den Papieren auf dem Schreibtisch. - -Der Administrator hat ihm die Abrechnungen geschickt, ... es gibt -nichts mehr abzurechnen, und die Gläubiger drängen ... und die Termine -laufen ab. -- - -Was tun? -- - -Die Herren, mit denen er den Winter über spielte, welche ihm -außerordentliche Summen abgenommen und durch sein Vermögen reich -geworden, haben sich zurückgezogen. Sie leben auf Reisen, -- sie haben -sich auf ihre Besitzungen begeben. - -Es bleibt keine andere Möglichkeit, keine andere Hoffnung, als wie -Monte Carlo. Er will noch das Letzte zusammenraffen, was er besitzt, -und will =va banque= sagen! - -Nur warten muß er, bis sein Weib genesen ist, bis sie ... jede -Nachricht aus dem Höllenpfuhl jenes Spielernestes ertragen kann! - -Er hat seinen Sohn zum Bettler gemacht, aber _alles_ kann und darf er -ihm nicht nehmen, die _Mutter_ muß er ihm lassen! - -Also warten, ... warten! -- - -O, welch martervolle Wochen werden das sein! - -Wenn es ein Fegefeuer gibt, so wird er es in diesen Wochen kennenlernen. - -Und er lernte es kennen! -- - -Er saß mit hämmernden Pulsen und eiskalten Händen an Gundulas Lager, -er sah in ihr Antlitz, welches alle Himmelswonnen junger Mutterschaft -spiegelte, er hörte mit krampfhaftem Lächeln all die seligen -Zukunftspläne an, welche sie für des Kindes und ihr eigenes Geschick -schmiedete. Ja, sie wollten glücklich sein! -- - -Nun waren ja ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt, nun lag der Sohn in -ihren Armen, welcher das alte Geschlecht zu jungem Glanz und junger -Herrlichkeit aufblühen wird! -- - -Und die Gräfin drückte seine Hände voll unaussprechlicher Liebe -zwischen den ihren und blickte ihm wieder in die Augen wie damals -... vor Jahren ... als er sie im Arme hielt und dem bräutlichen -Weib gelobte, »ich will alles tun, dich glücklich zu machen!« -- O -meineidiger, wortbrüchiger Gesell, der er ward! - -Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgenschöne Glück -zertrümmert! - -Wahrlich, hat er es? - -Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort mit dem Schicksal -sprechen, noch kann alles wieder gut werden ... ach, so gut! -- Und -er flüstert ihr mit heiserer Stimme zärtliche Worte ins Ohr und wiegt -seinen Knaben auf den Armen. - -Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht! - -Wahrlich niemand? - -Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte gekommen, -blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich prüfend in das -fahle Angesicht. - -Ahnt sie, wie es um ihn steht? - -Warum nicht? - -Daß seine Verhältnisse zerrüttet sind, pfeifen in der Residenz die -Spatzen vom Dache. Wie _trostlos_ sie sind, weiß man freilich noch -nicht. -- - -Der Tag kommt, an welchem der junge Bär von Hohen-Esp getauft werden -soll. - -Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen Entzücken der Gräfin -hat man von jeder Festlichkeit Abstand genommen. - -Im allerkleinsten Kreise, -- nur von den Eltern, Tante Agathe und dem -jungen Pastor aus dem nächsten Dorfe, bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt -ist, wird das Kind über die heilige Taufe gehalten. - -Wie schön sieht Gundula aus! - -Ihre Figur ist voll, kräftig, schier königlich geworden. - -Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich einher, wie -noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit auf ihrem Angesicht, ein -Ausdruck in ihren Augen, welcher beweist, daß Gräfin Hohen-Esp in all -ihrem strahlenden Glück ein demütiges und frommes Weib geblieben. -- --- -- - -»Guntram Krafft« hat man den Knaben getauft, und der Prediger hat -über ihm die Hände gefaltet und gebetet, daß dieses Kind dereinst in -Wahrheit ein Schirmherr und Schutzvogt für alle sein möge, welche -unter seine starke Hand gestellt sind, daß er, ebenfalls furchtlos und -treu wie seine Ahnherren, die »Kraft«, welche ihm den Namen gibt, in -den Dienst seines Gottes und seiner Nächsten, für Fürst und Vaterland -stellen möge, daß auch er über den Inhalt seines Lebensbuches die -Devise schreiben möchte, unter welcher seine Väter Taten getan: - - »Christe Kyrie -- - Zu Lande und See -- - Ein Schirmherr der Not -- - Das walt' Herregott!« - -Nie hatte Gundula geglaubt, daß ihr so sehr lebensfroher, -oberflächlicher Gatte von einer heiligen Handlung derart ergriffen sein -könne! - -Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme auf den Grafen, -welcher kaum imstande war, seine Erregung zu meistern. Und wie bleich, -wie leidend, wie nervös sah er aus! Kaum, daß er den Knaben halten -konnte, so bebten ihm die Hände. - -»Du bist krank, Friedrich Karl,« flüsterte ihm Gundula besorgt zu, als -sie sich an seine Brust lehnte: »jetzt sehe ich erst, wie schlecht du -aussiehst! Fühlst du Schmerzen -- hustest du etwa?« - -Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. »Die Geburt eines Sohnes ist -ja für den Vater jedesmal sehr angreifend, doch geht es mir, den -Umständen nach, immer noch sehr gut! Eine kleine Luftveränderung, -- die -wird alles wieder gutmachen!« - -»O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir geht es so -ausgezeichnet, daß du nun um unsertwillen nicht mehr zu zögern -brauchst!« - -»Ich gedachte übermorgen nach San Remo zu fahren! Möchtest du mich -nicht begleiten? Fühlst du dich wohl genug? -- Unserm Jungen macht Tante -Agathe derweil die Kur!« - -Sie schüttelte das Haupt und errötete. »Undenkbar! Du vergißt, daß ich -selber die Amme unseres Lieblings bin! Auch bist du ungenierter, wenn du -auf niemand Rücksicht nehmen mußt! Also übermorgen! -- und wie lange -bleibst du?« - -»Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein braves Weib, daß ich bald -frisch genug sein werde, um heimkehren zu können! Ach, Gundula, -- du -glaubst nicht, wie gern ich wieder bei euch sein möchte!« - -Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das Haupt schwer auf -die Schulter. - - * * * * * - -Er reiste, -- und Gundula stand droben auf dem Söller des Turmes und -blickte dem entschwindenden Wagen nach. - -Sein weißes Taschentuch flatterte noch lange zurück, so lange, bis die -mächtigen Waldungen den Weg deckten. - -»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!« zog es voll wehmütiger -Sehnsucht durch den Sinn der Gräfin, als sie hinaus in die herbstlich -stille Gegend blickte, über welcher ein kühler Seewind brauste und die -dunklen Schatten eilenden Gewölks strichen. Regentropfen fielen kalt und -schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter ihrem kühlen Kuß. - -Mit weißen Schaumkämmen grüßten die fernen Meereswogen herüber, und -welke Blätter wirbelten von den drei Linden, welche den Burghof -beschatteten, zu ihr empor. - -Ein niegekanntes Gefühl unbeschreiblicher Trauer überkam Gundula, es war -ihr plötzlich zu Sinn, als könne es nie wieder licht und hell auf dieser -Welt werden, als sei die Sonne für ewige Zeiten für sie untergegangen. -Wie in jäher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, in welcher -der Wagen verschwunden war, aus. - -»Friedrich Karl!« -- rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen -- -»Friedrich Karl!« - -Der Wind verwehte den Klang, -- das bunte Laub rauschte auf und fegte -raschelnd über die Fliesen. - -Keine Antwort. -- Sie preßte die Hand gegen das zitternde Herz und -schüttelte jählings den Kopf. - -»Was ficht mich plötzlich an? Ich bin noch nervös und schwach, da nimmt -man alles so schwer! -- Wie oft ist Friedrich Karl in den letzten Jahren -verreist, kaum daß ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir sein -Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht übermannen? -- Das -ziemt sich nicht für eine Bärin, die ihr Junges säugt, auf daß sie es -zum Helden mache!« -- und mit schnellem Lächeln um die erblaßten Lippen -wandte sich die junge Mutter, um hastig das Zimmer ihres Kindes zu -erreichen. Da lag der kleine Guntram Krafft in seiner wunderlichen, -uralten Wiege, in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter -der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. Aus dunkelgebräuntem, -wurmstichigem Holz lag sie plump und ungefüge auf den breiten Kufen. - -Zwei kleine geschnitzte Bären ruhten auf denselben und stützten die -Bettstatt, dieweil ein großer, hölzerner Bär hinter derselben stand und -mit erhobenen Pranken die grünen Vorhänge hielt. - -Blühend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft in den Kissen, und voll -aufquellender Zärtlichkeit neigte sich Gundula und blickte in das -Antlitz des Kindes, welches sich in leisem Weinen verzog. - -Die kleinen Hände griffen unruhig in die weißen Linnen, und in jähem -Aufschluchzen öffnete er die Augen mit angstvollem Blick. Da legte sich -die kühle, ruhige Hand der Mutter auf sein Köpfchen. - -»Schlaf, kleiner Bär! schlaf ein!« lächelte sie. »Fürchtest du dich, -weil dein Vater von uns ging? -- Bist drum noch nicht verlassen! Deine -Mutter hält treue Wacht bei dir!« - - - - -IV. - - -Acht Tage waren vergangen. - -Aus San Remo hatte ein Brief die glückliche Ankunft des Grafen gemeldet. - -Gundula hatte die Zeilen verschiedentlich durchgelesen und jedesmal das -Empfinden gehabt, daß dieselben sehr wirr und unklar waren. - -So schrieb wohl ein Fieberkranker! - -Besorgt gab sie Tante Agathe den Brief zu lesen. Diese saß lange und -blickte schweigend auf das Schriftstück nieder. - -Bedächtig nickte sie vor sich hin, und ihr gutes altes Gesicht trug -einen wundersamen Ausdruck. - -»Ich glaube nicht, daß er krank ist, -- wenigstens nicht körperlich -krank!« - -»O, ein seelisches Leiden wäre noch schlimmer!« - -»Gott sei es geklagt!« - -»Was glaubst du, was ihm fehlt?« forschte die Gräfin beunruhigt. - -»Geld!« antwortete die alte Dame lakonisch. - -Gundula lachte leise, wie von jäher Angst erlöst. - -»Nun, solch ein Manko ließe sich am ersten verschmerzen!« - -»Du glaubst?« - -Die junge Mutter blickte heiter in das bekümmerte Gesicht der -Sprecherin, beinahe übermütig dehnte sie die blühenden Arme. - -»Ja, Tantchen! Du weißt, daß ich das kostspielige Leben in der großen -Welt nie geliebt habe! Wenn Friedrich Karl die Mittel fehlen, seine -Unkosten zu bestreiten, ist er gezwungen, mit uns in dieser wonnigen -Einsamkeit zu bleiben! Wir werden endlich für uns leben und glücklich -sein!« - -»Ahnst du, daß die Verhältnisse deines Mannes sehr derangiert sind?« - -Gundula zuckte gleichgültig die Achseln: »Das müßte ich mir eigentlich -an den fünf Fingern abzählen können! Nach den ungeheuren Ausgaben, -welche er seit Jahren hatte, muß auch das größte Kapital -zusammenschmelzen! Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem -seinen besagen? Die Güter sind ja wundervoll, ein paar Jahre solide -gelebt und gespart -- und das Defizit ist bald ersetzt!« - -»Die Güter sind leider kein Majorat! Nicht einmal der Besitz von -Hohen-Esp ist der Familie dauernd gesichert!« - -Erstaunt blickte Gundula auf. - -»Du irrst, Tante!« - -»Doch nicht! -- Als das Majorat seit drei Generationen nur noch auf zwei -Augen stand, wurde es leider Gottes durch den Großvater deines Mannes -abgelöst, um die Güter eventuell auch auf Töchter vererben zu können. -Wie dies möglich war, ist uns heutzutage ein Rätsel, in den schweren -Jahren der Befreiungskriege war jedoch nichts unmöglich, und der alte -Hohen-Esp nahm eine sehr einflußreiche Stellung bei Hofe ein. Sein -einziger Sohn, welcher bereits in der Mitte der dreißiger Jahre stand, -blieb nach der Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte -voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich immer mehr -Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen Feuer tödlich getroffen -vom Pferd stürzen sahen, so war man schließlich von seinem Ableben -überzeugt, und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen und -für seine beiden Töchter den ungeheuren Grundbesitz zu sichern, da kein -männlicher Erbe mehr in der Familie vorhanden war. -- Es gelang ihm, das -Majorat abzulösen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht, sehr -plötzlich während einer Cholera-Epidemie. Dieselbe raffte auch die -jüngste seiner noch unvermählten Töchter dahin. -- Ganz plötzlich, als -schon die älteste, verheiratete Tochter den Besitz angetreten hatte, -erschien der totgeglaubte Bruder wieder daheim. Er war durch einen -Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang in einem -englischen Barackenlager verpflegt und dann mit einem Transport nach -London geschafft. - -Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine Zunge gelähmt hatte -und sein Geist während langer Zeit getrübt blieb, ahnte man weder Namen -noch Heimat des Unglücklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten, -daß er in jenen überfüllten Baracken überhaupt noch am Leben blieb und -endlich -- wenn auch nach Jahren erst -- völlig geheilt ward. - -Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils große -Bestürzung hervor. - -Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte im Krieg den Gatten -verloren, -- ihr Vermögen war aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder groß. -Mußte sie dem Bruder das große, väterliche Erbe zurückgeben, so war sie -eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Prozeß, falls man ihr den Besitz -streitig machen wolle. -- - -Der Bruder schlug eine gütliche Einigung vor, und man kam überein, den -immerhin ungeheuren Besitz zu teilen. - -So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an den Bruder zurück. - -Dieser vermählte sich mit einer ebenfalls reichen Erbin, und da er nur -einen einzigen Sohn besaß, unterließ er es in unbegreiflichem -Leichtsinn, das Majorat wiederherzustellen. Auch dem Vater deines Mannes -wurde nur der eine Sohn geboren, und abermals unterblieb es, die -Erbfolge zu sichern.« - -»Wie genau du Bescheid weißt, Tante Agathe!« murmelte Gundula, welche -aufmerksam gelauscht hatte --, »nun ... fürerst ist ja Guntram Krafft -auch der einzige, und ich denke, seine Güter werden ihm nie streitig -gemacht!« - -Die alte Dame machte eine beinahe ungeduldige Bewegung. - -»Die Güter sind durch Friedrich Karl bis auf das Äußerste verschuldet!« -sagte sie herb, »und ich fürchte, du wirst dein väterliches Vermögen -völlig zusetzen müssen, um wenigstens das eine oder andere zu -entlasten.« - -Alles Blut wich aus dem Antlitz der Gräfin. - -»Davon hat mir mein Mann nie ein Wort gesagt --!« - -»Unverantwortlich!« -- - -»Herr mein Gott!... und mein Vermögen ...« - -»Vollende!« -- - -»O, Tante Agathe!« -- - -»Es ist bereits verbraucht?« - -Gundula krampfte die Hände ineinander und nickte stumm mit dem Kopf. - -»Ich erwartete es kaum anders!« murmelte die alte Dame mit bitterem -Lächeln. - -Da hob die Herrin von Hohen-Esp jäh das Haupt und starrte sie in -atemlosem Entsetzen an. -- - -»Wenn dem wahrlich so ist -- wenn die Güter verschuldet -- das Kapital -verbraucht und Friedrich Karl nicht fähig ist, sich zu arrangieren, -- --- was wird dann aus meinem Sohn?« - -Das klang wie ein Aufschrei. - -Das alte Fräulein von Wahnfried preßte herb die Lippen zusammen. - -»Das Opfer väterlichen Leichtsinns, eine verlorene Existenz, welcher vom -Spielteufel das Schicksal diktiert ward!« - -»Tante Agathe!« -- - -Gräfin Hohen-Esp faßte den Arm der Sprecherin, ihr Antlitz ward bleich -wie der Tod. - -»Das wäre ... das wäre ein Verbrechen von Friedrich Karl!« ... stöhnte -sie auf und schlug wie in jähem Entsetzen die Hände vor das Antlitz. -»War ich denn mit Blindheit geschlagen, daß ich nicht mehr sah, was -um mich her vorging? Habe ich die ganze furchtbare Zeit verträumt und -verschlafen, daß ich nicht ahnte, zu welch einem Dasein ich mein Kind -geboren? Aber nein! nein! -- tausendfach nein! Es kann, es darf ja -nicht so sein! -- Du bist falsch unterrichtet, Tante Agathe, man hat -meinen Mann verleumdet! Es ist nicht so schlimm, es _kann_ nicht so -schlecht mit ihm stehen, sonst wäre er nun und nimmermehr nach San Remo -gefahren -- -- --« - -»Er ist nach Monte Carlo gefahren!« - -»Monte Carlo?« -- Gundulas Augen flammten. - -»Undenkbar! -- woher weißt du das?« -- - -»Ich sehe es aus diesem Brief ... und ich habe Menschenkenntnis genug, -um einen Mann wie Friedrich Karl richtig zu beurteilen!« - -»Tante!« -- - -Gundula taumelte einen Schritt zurück und preßte die Hand gegen das -stürmende Herz -- »Du hast stets so hart und unbarmherzig über meinen -Mann geurteilt ...« -- sie unterbrach sich und horchte auf. - -Drunten, auf dem holperigen Pflaster des Burghofs klang Hufschlag. - -»Kommt er zurück?« - -Agathe war an das Fenster getreten, ihre hohe, kraftvolle Gestalt schien -zusammenzuzucken. - -»Der Administrator!« -- - -»Der Administrator? -- Was will der hier in Hohen-Esp ... bei mir ... zu -solch ungewohnter Zeit?« -- - -»Ich werde ihn sprechen ...« - -»Nein! bleib! er soll hierherkommen!« und schon hatte Gundula das -bleigefaßte Fenster hastig geöffnet und rief durch den Herbststurm in -den Hof hinab: - -»Ich bitte Sie, sogleich heraufzukommen, Herr Werner!« - -Der alte Mann schrak zusammen, starrte mit verstörtem Blick empor und -stotterte »Zu Befehl, gnädige Frau!« - -Dann gab er noch kurzen Befehl, das dampfende Pferd genügend abzureiben, -und wuchtete auf seinen schweren Reitstiefeln über die Steinfliesen nach -der Treppe. - -Wenige Minuten später stand er auf der Schwelle, und Gundulas Blick -starrte ihm forschend entgegen. - -Wie blaß und hohläugig der alte Getreue aussah, wie seine Gestalt -zusammensank, und wie kummervoll und mitleidig sein Blick die Gebieterin -traf. - -»Verzeihen Frau Gräfin ...« stammelte er, »wäre es wohl vergönnt, daß -ich mit dem gnädigen Fräulein von Wahnfried ein paar Worte allein -sprechen kann?« -- - -Wie ein eisiger Schauer kroch es nach Gundulas Herzen, aber sie richtete -sich auf und schüttelte den Kopf. -- - -»Es gibt keine Geheimnisse vor mir! sprechen Sie ... was gibt es?!« - -»Frau Gräfin sind noch leidend ...« - -»Nein, nein! ich bin kräftig und gesund! -- Haben Sie so schlechte -Nachrichten zu bringen, daß Sie fürchten, mir schaden zu können?« -- - -Die Sprecherin nahm sich zusammen, so ruhig und fest wie sonst zu reden, -aber auf ihre Wangen traten zwei brennend rote Flecke, und die Hände -krampften sich fester um die Stuhllehne: »Sie haben über mißliche -Geldverhältnisse zu berichten?« - -Der alte Mann senkte den Blick. - -»Auch das, Frau Gräfin!« -- - -»Es steht sehr schlecht um die Güter meines Mannes?« - -»Sehr, sehr schlecht, Frau Gräfin!« - -»Hoffnungslos und trostlos?« - -Werner zögerte. -- »Das wäre noch nicht das Allerschlimmste, Frau -Gräfin!« - -Da schrak ihre schlanke Gestalt empor. - -»Nicht das Allerschlimmste?! Was heißt das?!« - -Agathe trat an ihre Seite und legte liebevoll den Arm um sie. - -»Geh zu deinem Sohn, Gundula! Mich deucht, er weint! Ich spreche mit -Herrn Werner und teile dir nachher alles mit!« - -Die Gräfin wehrte die Sprecherin mit bebenden Händen ab, -- ihre Augen -glänzten wie im Fieber. - -»Sie bringen mir eine Nachricht von meinem Mann?« fragte sie hastig, -- -flüsternd. - -Der Administrator senkte den grauhaarigen Kopf tief zur Brust, ein -schwerer Seufzer rang sich über seine Lippen. - -»Es ist so, Frau Gräfin!« - -»Er braucht Geld?« - -Werners Blick trifft wie Hilfe flehend Tante Agathe. - -»Und Sie haben keins?« fährt Gundula schnell fort. - -Der alte Mann schüttelte trostlos den Kopf. - -»Ach, schlimmer, Frau Gräfin, viel schlimmer!« - -»Herrgott des Himmels ... foltern Sie mich nicht! Ist er etwa krank? -schwer krank?« - -Da zieht der Administrator mit jähem Griff einen Brief und eine Depesche -aus der Tasche und reicht beides Tante Agathe zu. - -»Lesen Sie! lesen Sie!« murmelt er. »Ach, du Herr mein Gott, ich kann es -nicht aussprechen, -- es will mir nicht über die Lippen!« -- - -Gundula hat die Papiere mit heftigem Griff erfaßt, -- sie wankt nach dem -Fenster, sie öffnet und liest. - -Der Administrator macht eine kurze, händeringende Bewegung gegen Tante -Agathe, -- -- sie versteht ihn nicht, und so tritt er selber hinter die -Gräfin, als wolle er bereit sein, eine Zusammenbrechende zu stützen. - -Aber Gundula sinkt nicht unter dem furchtbaren Schlag, welcher sie -trifft, nieder. Nur das Papier der Depesche knistert und wankt zwischen -ihren Fingern, und ein leiser, halberstickter Schrei ringt sich von -ihren Lippen. -- - -»Tot! -- er ist tot!« -- - -Eine sekundenlange, furchtbare Stille. - -Agathe ist mit fahlem Antlitz näher geeilt und schlingt die Arme um die -junge Witwe. - -»Tot!« murmelte sie. »Allbarmherziger Gott, wie das?!« - -Werner hatte einen der großen, eichengeschnitzten Sessel näher -geschoben. - -Die Bärenköpfe, welche seine Knaufe bilden, verschwimmen vor Gundulas -Blick. - -Sie sinkt schwer auf das Lederpolster nieder und starrt auf die -Depesche. - -Ihre Augen sind weit offen, stier und tränenlos. »Es steht wohl alles in -dem Brief an die unglückliche Frau Gräfin!« murmelte Werner auf den -fragenden Blick Agathes, und er legte die Hand über die Augen und wendet -sich ab, als könne er den Anblick des schmerzversteinerten Antlitzes -nicht ertragen. Da hebt Gundula das Haupt, ein jäher Blick flammt aus -ihren Augen. - -»Der Graf hat sich erschossen? in Monte Carlo erschossen?« fragt sie -langsam, und ihre Stimme klingt fremd und heiser. - -»Wohl in einem Anfall von Geistesstörung!« stöhnte der alte Beamte; »es -ist zu viel Schweres in letzter Zeit gekommen, die Gläubiger haben so -gewissenlos gedrängt ...« - -»Dieser Brief ist an mich gerichtet?« sie will das Schreiben heben, um -die Adresse zu lesen, aber ihre Hand sinkt schwer zurück. - -»Sehr wohl, Frau Gräfin! ich erhielt ihn vorgestern von dem gnädigen -Herrn mit der Weisung, ihn nur dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine -Depesche des Kammerdieners schlimme Nachricht über den Herrn Grafen -brächte!« - -»Und diese Nachrichten kamen!« -- Wie der leise, grelle Schmerzensschrei -zerspringender Saiten klingt es über die wachsbleichen Lippen Gundulas, -dann sinkt ihr Haupt wieder schwer vornüber, ein herzzerreißendes Weh -zuckt über das Antlitz, sie krampft die Hände zusammen und ringt nach -Atem wie eine Erstickende. - -Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem Nebenzimmer geholt und -will Stirn und Schläfen der beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula -aber wehrt sie jäh ab und richtet sich gewaltsam auf. - -Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. »Ich danke Ihnen, daß -Sie selber kamen, -- ich danke Ihnen, daß Sie meinen Schmerz teilen. -Bleiben Sie in meiner Nähe, -- es gibt wohl viel schwere, traurige -Arbeit für uns. -- Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen, -- selbst -den einen, furchtbarsten noch nicht, daß er freiwillig von mir ging, -daß er ein so namenloses Weh über mich gebracht! -- -- Lassen Sie mich -jetzt allein, -- auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal -mit mir reden!« - -Ihre zitternde Hand faßt den Brief, -- sie winkt damit --: »Geht! -- -geht!« - -»Frau Gräfin!« schluchzt der alte Mann auf, -- »meine arme, arme Frau -Gräfin!« und er faßt ihre Hand und drückt sie an die Lippen. Tränen -fallen darauf nieder. - -»Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! -- Gott gebe Ihnen Trost und Kraft -... Gott erhalte Sie für Ihren Sohn!« - -Sie nickt wie geistesabwesend und drückt stumm seine Rechte, -- kalt wie -Eis liegen ihre schlanken Finger in derselben. - -Er geht, langsam, zögernd, den Blick sorgenvoll zurückgewandt. - -Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgefühls die Arme um die -Unglückliche, küßt ihr Wangen und Stirn und flüstert treue, milde Worte; -dann schreitet auch sie über die Schwelle und folgt dem alten Beamten in -das Nebenzimmer. -- - -Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos, preßt die Hand gegen -die Stirn, als müßte sie gewaltsam ihre Gedanken zusammenfassen, und -erbricht alsdann das Schreiben. - -Ihre tränenlosen Augen starren wie geistesabwesend darauf nieder. - -Die ersten Zeilen verschwimmen, sie faßt kaum ihren Sinn, dann schärft -sich ihr Blick, sie liest, liest immer hastiger und schneller, das Blut -stürmt wieder siedendheiß durch ihren Körper, eine fieberische Aufregung -erfaßt sie nach der todesstarren Ruhe! - -Ja, nun wird ihr alles klar! - -Er schreibt: »Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir und dem Kind in die -Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn hat nicht nur mich, sondern auch -Euch zu Bettlern gemacht! Ich habe nicht nur _mein_ Eigentum, sondern -auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden, einem Mann, -welcher in dem letzten halben Jahr unaussprechlich gebüßt hat, welcher -im Höllenbrand wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und reinste -Glück verspielte, -- das Glück: Vater zu sein! -- Ich habe einen Kampf -der Verzweiflung gekämpft, um das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen -wage ich es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne ich, -bin ich gerettet -- für euch und für ein besseres, glückliches Leben, -- -verliere ich abermals, gibt es kein Wiedersehn mit Euch, -- ich habe -gesühnt, wenn Du diesen Brief in Händen hältst, geliebtes Weib! Wirst Du -meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula? Ich war nicht schlecht, -- -aber eine Schlechte, treulose und gewissenlose Welt hat mich -leichtsinnig gemacht! -- Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch! -Erziehe einen bessern Mann aus ihm, als wie sein unglücklicher Vater es -war, -- mache ihn zu einem echten und wahren Hohen-Esp!« - --- Die Leserin ließ den Brief sinken, sie krampfte aufstöhnend die Hände -zusammen, ein Ausdruck bitteren, leidenschaftlichen Hasses lag auf dem -erst so steinernen Angesicht. - -Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt! Sie allein hat -all das Unglück ihres Lebens verschuldet, sie hat ihr das Glück -gestohlen und das Dasein vergiftet! -- Die Welt mit ihren -leichtsinnigen, schlechten Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden -Irrlichtsgeflimmer über mordendem Sumpf! - -Wie glücklich hätte sie an Friedrich Karls Seite sein können, -- die -Welt hat es nicht geduldet! Wie hätte sie ihn und sein Herz besitzen -können -- wenn die Welt ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den -grünen Tisch gebannt hätte! - -Wie arm -- ach, wie bettelarm an allem hat die Welt sie gemacht, -- sie, -die einst die reichste und glückseligste der Frauen gewesen! - -Und doch ... wie wenig nahm sie ihr noch im Gegensatz zu jenem Mann, -welcher mit durchschossener Stirn seinem verfehlten Dasein selber ein -Ziel gesetzt! - -Sie nahm ihm nicht nur Geld und Gut, sondern auch die stolze, ehrenhafte -Festigkeit des Mannes, seinen Willen -- seinen Halt -- ja selbst den -letzten Rest eines klaren Überlegens und den Mut, den Kampf mit dem -Leben aufzunehmen! - -Die Welt, die verführerische Welt mit ihren Spielsälen und Hasardkarten -hat aus dem Grafen von Hohen-Esp einen erbärmlichen Schwächling gemacht, -der den Ruin über seine Familie heraufbeschworen und dann feige zu dem -Revolver greift, um den Folgen seiner Schuld zu entgehen! - -Das tat Friedrich Karl -- der Mann, zu dem sie einst emporgesehen hatte, -wie zu einem Gott! -- - -Das tat er ihr, seinem hilf- und schutzlosen Weibe an, welchem er einst -geschworen: »Ich will dein Halt und deine Stütze sein, ich will dich -glücklich machen!« -- - -O, wie leicht ist die Waffe gehoben, jene eine, flüchtige Sekunde -überwunden, welche durch einen Druck des Fingers allem Elend ein Ziel -setzt -- und wie schwer, wie bitter schwer ist es, durch lange, -mühselige Jahre die Last der Armut zu schleppen, sich und ein Kind -ernähren zu müssen! - -Hat Friedrich Karl denn gar nicht daran gedacht, was aus seinem Weib und -Kind werden soll, wenn er sie verläßt wie ein Feigling? Und wenn er sein -Geld und Gut vertan -- blieben ihm nicht noch seine kraftvollen Hände, -durch deren Arbeit -- und sei es der geringsten eine -- er die Seinen -ernähren konnte? - -O nein! was hätte die Welt dazu gesagt, wenn ein Graf von Hohen-Esp -gearbeitet hätte! - -Hat nicht die Welt selber ihm den falschen Begriff von Ehre eingeimpft, -einer Ehre, welche befleckt wird durch Schwielen in der Hand? -- - -Friedrich Karl ist in der großen Welt aufgewachsen, er ist gesäugt mit -ihren Ansichten über Stand und standesgemäßes Leben, über all die -haltlosen Verschrobenheiten, welche dem vornehmen Mann zum Gesetz -gemacht sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen und ihre -Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! -- - -Eine unsägliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der verlassenen Frau -auf, und gleichzeitig bäumt ein wilder, ungestümer Trotz in ihr empor, -den Posten, welchen der pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen, -nun selber einzunehmen und den Kampf für die Existenz ihres Kindes zu -wagen. -- - -Der Bär hat seine Brut feige im Stich gelassen, die Bärin aber wird -einstehen für ihr Junges und wird nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie -ihm die sichere Höhle gebaut! - -Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen, erhebt sich und -tritt festen Schrittes an ihren Schreibtisch, den Brief zu verschließen. - -Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter Ruhe, ihre -glanzlosen Augen sind so starr, wie jene steinernen der Bärenköpfe im -Burghof drunten. - -Es ist alles zu furchtbar jäh, zu unvermittelt gekommen. - -Gundula kann fürerst nur die krasse Tatsache fassen und hat noch kein -Verständnis für die Seelenqualen eines Mannes, dessen Geist die -Verzweiflung getrübt hat. - -Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer Schnitt, welcher die -Vergangenheit von ihr losgelöst hat. - -Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgefühl bluten fürerst aus tiefern -Wunden noch wie ihr Herz. Das leise Wehklagen, Schluchzen, Flüstern und -Raunen verstummt in der Burg, als die Gräfin von Hohen-Esp ihr Zimmer -verläßt, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild durch die -hohen Hallen schreitet. -- - -Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange, lange in das lächelnde, -rosige Gesicht hernieder. - -Der Zug herber Erbitterung tritt noch schärfer um ihre Lippen, und auf -ihrer Stirn und um die finstern Augen liegt eine Entschlossenheit, -welche voll eisernen Willens ein Gelübde ablegt und der verhaßten Welt -eine grimme Fehde ansagt auf Leben und Sterben. -- - -Die Bärin von Hohen-Esp. - -Die Jungfer hat die Trauerkleider zurechtgelegt, und Gundula hat sie -schweigend angezogen. - -Sie spricht mit niemand ein überflüssiges Wort, nur mit dem -Administrator sitzt sie während des langen Abends und ordnet voll -geschäftsmäßiger Ruhe alles, was in solch schwerer Zeit zu besorgen und -zu bedenken ist. »Wenn der Graf beerdigt ist, wollen wir unsere -Verhältnisse arrangieren, Herr Werner! Ich bitte Sie, mir als Freund und -Berater beizustehen, ich habe niemand auf der Welt wie Sie!« -- - -»Gott helfe mir, daß ich Sie gut berate, Frau Gräfin!« -- antwortete der -alte Mann mit festem Händedruck. -- »Ach, hätte doch der Herr Graf auf -meinen Rat gehört, wir hätten diesen furchtbaren Tag nie erlebt!« -- - --- Tante Agathe sitzt neben der Herrin von Hohen-Esp und hält ihre Hand -zwischen den ihren: »Die Güter können nicht gehalten werden, -- du mußt -alles verkaufen?« - -Gundula beißt die Zähne zusammen. »Von Walsleben und Gottern trenne ich -mich nicht schwer, -- aber Hohen-Esp ist ein Stück von meinem Herzen, -das _kann_ ich nicht opfern, ich werde und muß es halten! Ich habe mir -gelobt, meine volle Kraft einzusetzen, um den ältesten Familienbesitz -für meinen Sohn zu retten!« - -»Das ist selbstverständlich. Du zahlst die Schulden mit deinem Vermögen -ab und versuchst das Gut neu emporzuwirtschaften!« - -»Meinem Vermögen?« - -»Ja, dein Erbe von Tante Margarete. -- Weißt du nun, warum du mir einst -geloben mußtest, dasselbe vor Friedrich Karl nie zu erwähnen?« - -Gundula schrickt beinahe empor: »Jenes Erbe? Du hast den Nießbrauch -davon!« - -Agathe lächelt seltsam. »Ich habe es für dich verwaltet und erhalten, -- -sonst nichts!« - -Rote Flecken treten auf die blassen Wangen Gundulas. »Tante Agathe,« -- -sagt sie mit zitternder Stimme, »wolltest du mir wahrlich dies Kapital -vorstrecken, damit ich keine Hilfe bei dem Herzog oder einem -Geldvermittler zu suchen brauche?« - -»Dazu -- lediglich dazu hielt ich das Geld für dich bereit!« - -Ein tiefer Atemzug hebt Gundulas Brust. »Ich habe nie an dieses Geld -mehr gedacht, oder gar damit gerechnet, weil ich es bis zu deinem Tode -als _dein_ Eigentum betrachtete, -- aber jetzt -- o, wenn du es mir -nicht geben, sondern nur leihen wolltest, Tante Agathe ... alles wäre -gut! Ich könnte die Saat säen -- und Gott der Herr wird mir eine Ernte -bescheren!« -- - --- -- -- Schloß Walsleben und die Herrschaft Gottern wurden verkauft, -die Burg Hohen-Esp mit dem kleinen Landbesitz und den Waldungen blieb -nach Abtrag aller Schulden im Besitz der Gräfin. Herr Werner hatte voll -treuen Eifers die Interessen der verwitweten Frau gewahrt, die -zerrütteten Verhältnisse geordnet und mit Hilfe des von Tante Agathe so -sicher gehüteten Kapitals dem jungen Bären von Hohen-Esp eine -bescheidene und weltferne Heimat erhalten. Er sorgte noch für einen sehr -zuverlässigen und intelligenten Inspektor, welcher unter dem Oberbefehl -der Gräfin das Gut bewirtschaften sollte, dieweil er selber voll -unermüdlichen Fleißes tätig war, Gundula in finanziellen und -wirtschaftlichen Angelegenheiten zu ihrem eigenen Sachwalter -auszubilden. - -Die Gräfin faßte mit scharfem Verstand schnell auf, zeigte eine große -Ausdauer und einen schier männlichen Schaffensdrang, und es währte nicht -lange, so leiteten ihre energischen Hände die Verwaltung des Besitzes, -so war sie selber voll eiserner Ausdauer bei Tag und Nacht, Wind und -Wetter zur Stelle, um durch rastlosen Eifer und voll sauern Fleißes in -Jahren wiedereinzubringen, was Friedrich Karl während ein paar -flüchtiger Nachtstunden vergeudet. - - * * * * * - - - - -V. - - -Hatte seinerzeit der jähe Tod des Grafen von Hohen-Esp in der Residenz -viel Staub aufgewirbelt, so nahm seine Witwe das lebhafte Interesse der -Gesellschaft beinahe noch mehr in Anspruch wie die Katastrophe selbst, -welche so viele schon lange vorher in ihrer ganzen Tragik prophezeit -hatten. Was wird aus der unglücklichen Frau? Was wird aus dem armen -Kinde? - -Die Antwort auf diese Frage war wiederum eine Überraschung. - -Mit Hilfe der Tante Agathe von Wanfried hatte die Gräfin ihre -zerrütteten Vermögensverhältnisse arrangiert und dabei eine Energie und -Umsicht bewiesen, welche die Welt in Staunen setzte. - -Obwohl es ihr möglich gewesen wäre, das so bedeutend bequemer gelegene -und hochherrschaftliche Walsleben für ihren Sohn zu erhalten, hatte sie -seltsamerweise darauf verzichtet und statt dessen die alte Bärenhöhle -Hohen-Esp aus dem Konkurs gerettet! - -Wunderlich! Will sie denn immer in dieser Weltabgeschiedenheit, in dem -unheimlichen, halbverfallenen Burggemäuer hausen, welches so fern von -jedem Verkehr, so weit ab von der Residenz und all den guten Freunden -liegt? - -Die schöne Gräfin Gundula war stets sehr beliebt und gefeiert gewesen, -es öffnete sich ihr sicher jeder Salon, selbst dann, wenn die -beklagenswerte Witwe nichts erwidern kann, -- sie wird auch fraglos -Gelegenheit finden, sich noch einmal gut zu verheiraten, denn unter -ihren Verehrern befinden sich »Toggenburge«, welche jahrelang der -schönen Frau die Treue bewahrt haben. - -Was fesselt die Gräfin an jene wunderliche Bärenburg, von welcher schier -unheimliche Beschreibungen in dem ganzen Lande umlaufen? - -Der Herzog war der einzige, welcher die Wahl der Gräfin durchaus -billigte. - -»Hohen-Esp ist der älteste Besitz der Familie, von dem sie den Namen -trägt und der einst für den Sohn das größte Interesse haben muß!« -- -sagte er, »und daß die Gräfin dieses kleine Gut dem größeren und bei -weitem kostspieliger zu erhaltenden vorgezogen, zeugt von ihrer Umsicht -und ihrem praktischen Sinn. Es wird ihr in ihrer bedrängten Lage sehr -viel leichter fallen, den kleinen Grundbesitz heraufzuwirtschaften, als -wie sich auf dem eleganten Walsleben zu halten! Gebe Gott, daß sie nach -dieser tränenreichen Aussaat eine desto lohnendere Ernte hält! -- Ich -hoffe, daß die >Bärin von Hohen-Esp< sich nicht dauernd in ihrer Höhle -vergräbt, sondern bald einmal in die Residenz zurückkehrt, damit wir -Gelegenheit haben, ihr unsere vollsten Sympathien zu beweisen!« - -Aber die Gräfin kam nicht. - -Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm, und man hätte in der -schnellebigen Zeit gewiß die einsame Frau längst vergessen, wenn nicht -gerade die »Toggenburge« ein besseres Gedächtnis gehabt und das Andenken -der schönen Gundula treuer gepflegt hätten als wie ihre Mitmenschen. - -Man hatte versucht, sich der Gräfin zu nähern, aber bald erzählte man -sich staunend in der Residenz, daß Gräfin Hohen-Esp keinerlei Besuch in -ihrer verzauberten Burg empfange und jedwede Annäherung schroff -zurückweise! - -Wie interessant war das! - -Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten Freund, welcher zu -Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen? - -O nein! -- Man hatte geforscht und erfahren, daß die Gräfin -außerordentlich viel Glück mit der Selbstbewirtschaftung der Ländereien -habe. - -Die Ernten seien großartig ausgefallen, der abgeholzte Forst sei neu -angepflanzt, und die Gräfin beabsichtige sogar, in diesem Jahr schon -größere bauliche Veränderungen vornehmen. Ställe und Scheunen seien in -kläglichem Zustande gewesen, -- dem solle zuerst abgeholfen werden. - -»Die Gräfin selber bestimmt das?« hatte man kopfschüttelnd gefragt, und -darauf ganz Unglaubliches zu hören bekommen! - -Die schöne Witwe sei der beste, tatkräftigste Inspektor, den man sich -denken könne, -- kein Mensch werde die ehemalige sanfte, stille, -resignierte Gräfin Hohen-Esp wiedererkennen. In den langwallenden -Trauergewändern schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof, Wald -und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren, jede Arbeit zu -beaufsichtigen, jede Leistung selber zu loben oder zu tadeln. - -Keine Männerhand könne die Zügel einer Regierung eiserner führen, als -die schlanke, marmorweiße Rechte der seltsamen Burgfrau! - -Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das schöne Haupt, dessen Augen -so streng und finster blicken, daß es dem Gesinde graust. Man sieht sie -niemals lächeln; selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen -spielt, verwandelt sich der düstere Ernst nur in eine schmerzliche -Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche Erbitterung gegen Welt und -Leben erfüllt sie, ein wahrer Menschenhaß vergiftet ihr Herz. - -Der einzige Gast, welchen sie empfängt, ist der Pastor des nahen Dorfes, -doch auch diesem ist es noch nicht geglückt, versöhnlich und erlösend -auf den starren Bann zu wirken, welcher die schwergeprüfte Frau umfangen -hält. - -Die Bärenburg sei von jeher ein unheimliches altes Nest gewesen, in -welchem die zottigen Ungeheuer wie die Gespenster hausen; seit die -schwarze Gestalt der Gräfin aber gleich spukhaftem Schatten durch die -dämmerigen Gemächer schreite, da sei es vollends nicht mehr zu ertragen, -und wenn die Fischerdirnen, welche sie als Mägde gedingt, nicht gar so -gute Nerven hätten, so hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! -- - -Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem Traum, und wenn -sonst niemand nach der fernen Burg im Walde und nach der Witwe des -Grafen Friedrich Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse -angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Großstädter wob einen -Märchenzauber um die »Bärin von Hohen-Esp«, von welchem es sich bei -flackerndem Kaminfeuer ebenso gruselig erzählen ließ, wie von dem -Dornröschen und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund. - -Aber der Sohn? -- Das Kind? -- Bringt der kleine Guntram Krafft denn -nicht lichtes, warmblütiges Leben in diesen Spuk? -- - -Darüber wußte man nicht viel. - -Der Inspektor hatte erzählt, der junge Graf wüchse zu einem prächtigen, -überaus kraftvollen und blühenden Knaben heran. - -Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er mit seinem langen -blonden Haar und den leuchtenden blauen Augen umher! - -So klein er noch sei, er müsse schon jetzt tüchtig an die Arbeit, -- -selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderhände schaffen könnten, -hielte ihn die Gräfin an. - -Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er grabe im Garten, jäte -Unkraut und begieße die Beete. - -Winters über sitze er neben dem Spinnrad der Mutter und schnitze -Holzlöffel und Quirle für die Küche. - -Müßiggang sei ihm ebenso unbekannt, wie allen andern in der Burg -Hohen-Esp. -- - -Seit seinem sechsten Jahre müsse er auch schon fleißig bei dem Herrn -Pastor lernen, auch auf das Pferd sei er schon gesetzt worden, aber -dafür zeige er weniger Passion wie für das Segeln auf dem Meere. - -Das komme wohl daher, weil er an Sonn- und Festtagen mit den Knaben aus -dem nahen Fischerdorf spielen dürfe, sie hätten natürlich schon einen -halben Seemann aus ihm gemacht. Die Knaben wagten sich in ihrem Boot oft -tollkühn auf die See hinaus, und als der Pastor der Gräfin einmal -vorgestellt habe, wie gefährlich das doch für den einzigen Erben des -alten Geschlechts sei, da habe die »Bärin« nur in ihrer herben, ernsten -Weise nach einem Wappenschild emporgewiesen, auf welchem der Wahlspruch -der Hohen-Esp's gestanden: - - »Christe Kyrie -- - Zu Land und zu See -- - Ein Schirmherr der Not!« - -»Zu Land und _See_, Herr Pastor! Ein Mann, welcher sich vor dem Wasser -fürchtet, kann keine Taten auf demselben tun! -- Zwar gibt es jetzt -keine Piraten mehr, vor welchen die Hohen-Esps ihre friedliche Küste -schützen müßten, aber möglicherweise fordert man doch einst auch ihre -Dienste zur See. -- Machen Sie mir meinen Sohn nicht furchtsam! Je -kühner und heldenhafter ich ihn einst in das Leben stellen kann, desto -ehrenvoller für ihn. Wir stehen alle in Gottes Hand, Herr Pastor, -- Sie -wissen es doch am besten, daß die Haare auf unserm Haupt gezählt sind!« --- - -»Eine eigenartige, wackere Frau!« nickte der Herzog voll warmer -Anerkennung, als man ihm erzählte, wie die Erziehung des jungen Grafen -gehandhabt werde, und nach kurzer Pause fragte er unvermittelt: »Wer ist -eigentlich zum Vormund des Kindes gesetzt?« - -»Laut Testament die Mutter; sie ist ganz allein mit allen Rechten und -Pflichten betraut.« - -»So wäre es doppelt notwendig, der Vereinsamten ein Zeichen unseres -Interesses und guten Willens zu geben! Ich werde ihr für den Sohn eine -Freistelle auf unserer Ritterakademie anbieten lassen!« - -Das geschah, und man harrte voll großer Spannung der Antwort. - -Diese ließ nicht lange auf sich warten. - -Gundula stand just in der Wäschekammer und beaufsichtigte selber das -Strecken und Legen der Linnen, als ihr das Schreiben des diensttuenden -Kammerherrn, welches das huldvolle Anerbieten Seiner Hoheit -übermittelte, gebracht wurde. - -Befremdet sah die Gräfin darauf nieder. - -»Herzogliche Angelegenheit!?« - -Der finster abweisende Zug in ihrem Antlitz verschärfte sich. - -Sie öffnete den Brief und las. - -Schwere Atemzüge hoben ihre Brust, in ihrem Auge lag plötzlich ein -Ausdruck wie bei der in das Damastmuster der Tafeltücher gewirkten -Bärin, welche sich mit brüllendem Nacken aufrichtet, ihre Jungen gegen -einen Feind zu schützen. - -»Mein Sohn auf die Ritterakademie, auf dieselbe vielleicht, wo einst -sein Vater seine erste Weltweisheit eingesogen?« - -»Wie liebenswürdig von dem Herzog! Wie gnädig und gut gemeint!« -- sagte -Tante Agathe, welche neben die Lesende getreten war und mit in das -Schreiben blickte. - -Gundula nickte mit herb geschlossenen Lippen. - -»Ja, er meint es gut, der Herzog, -- er _weiß_ es ja nicht, was er -mir mit dieser Gnade antut!« - -»Nein, das ahnt er nicht!« -- seufzte Agathe leise, »und was antwortest -du?« -- - -Beide Frauen waren hinausgetreten auf den Flur und stiegen die steinerne -Wendeltreppe zu dem Zimmer der Gräfin empor. - -»Solange meine Augen offen stehen und meine Hände Kraft haben, das -Schicksal meines Kindes zu lenken, wird er nie die Welt kennenlernen!« - -»Gundula! Hältst du es für möglich, einen jungen Mann im neunzehnten -Jahrhundert noch zu erziehen wie einen Parsifal?« - -Sie lächelte wunderlich vor sich hin, -- der schwarze Schleier lag wie -eine dunkle Wolke um ihr Haupt. - -»Das halte ich nicht nur für möglich, sondern das will ich beweisen!« -- - -»Bedenke die Zukunft, das Glück deines Kindes!« - -»Just dies will ich sichern, denn ich gedenke an die Vergangenheit -seines Vaters.« - -»Gundula! Dieser Wahn ist krankhaft!« - -»So scheint's, und doch soll er meinen Sohn an Leib und Seele gesund -erhalten!« - -»Was soll aus Guntram Krafft werden?!« - -»Das, was mit seinem Vater verlorenging, ein echter Hohen-Esp, -- ein -Herr auf seinem Gebiet, ein Schirmvogt der Not! -- Ein Mann, welcher -zurückerwirbt, was der Leichtsinn ihm vergeudet und die Welt ihm -genommen!« - -»Überlege es dir noch reiflich, ehe du das gnädige Anerbieten des -Herzogs ablehnst!« - -»Ich habe überlegt, -- ich überlegte es in jener Stunde, da man -Friedrich Karl, den ehemaligen Zögling jener Ritterakademie, als feigen -Selbstmörder mit durchschossener Stirn zur Ruhe legte!« - -Fräulein von Wahnfried kannte den Klang in der Stimme der Gräfin, sie -kannte auch ihre grenzenlose Erbitterung gegen alles, was ihrer Ansicht -nach den Leichtsinn Friedrich Karls gefördert! - -Und das war alles und jedes in der verderbten, nichtsnutzigen Welt! - -Dagegen war nicht mehr anzukämpfen, man konnte nur hoffen, daß die -lindernde Zeit die Wunden heilen, und Gundula vernünftiger über manche -Notwendigkeit denken würde! - -Aber Tante Agathe hoffte kaum noch -- die Zeit hatte sich während all -der vergangenen Jahre machtlos erwiesen, und Guntram Krafft wuchs in der -Einsamkeit als ein moderner Parsival auf! - -Die alte Dame kehrte seufzend in die Wäschekammer zurück, während ihre -Nichte sich an den Schreibtisch setzte und mit festen, großen -Schriftzügen ihre Antwort an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb. -Sie dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise für das so überaus -huldvolle und gnädige Anerbieten des hohen Herrn, welches sie jedoch -voll dankbarster Erkenntlichkeit ablehnen müsse, da sie nicht imstande -sei, sich schon jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei das -einzige Glück, welches ihr das grausame Schicksal gelassen; dasselbe -noch so lange wie möglich ihr eigen zu nennen, sei der letzte Wunsch, -den sie noch an das Leben habe. - -Die Erziehung des Knaben zu leiten, für seine wissenschaftliche -Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes gnädiger Hilfe auch in -Hohen-Esp gelingen; sie hoffe zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen -vollwertigen, braven und tugendhaften Mann zu machen. - -Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen Eigenwilligkeit -etwas Rührendes, »man hört aus jeder Zeile das leidenschaftliche Herz -einer unglücklichen Mutter schlagen!« -- sagte der Herzog, und er nahm -die Weigerung der Gräfin nicht ungnädig auf, sondern erhielt dem -wunderlichen Bärennest im Walde sein vollstes Interesse. - -Und abermals verging die Zeit. - -Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den Pastor eine -vortreffliche Erziehung, wenngleich seine praktischen Fähigkeiten nicht -darüber vernachlässigt wurden. - -»Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an Schulweisheit -gebraucht!« sagte die Gräfin, »vor allen Dingen aber soll er ein -tüchtiger Landwirt werden, welcher auf eigenen Füßen steht und seine -Scholle selber bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig im -Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste nimmt er niemals -ein, aber der praktischen Kenntnisse bedarf es vor allen Dingen, denn er -soll das Werk, welches ich begonnen, zu Ende führen und den verlorenen -Besitz seiner Väter zurückerwerben!« - -Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische Frau wenig Arbeit -übriglassen. - -In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen, Hohen-Esp zu einem -hochkultivierten Gut emporzubringen; vortreffliche Ernten hatten sie -Jahr um Jahr unterstützt, Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen -und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden und hatte -überraschenden Ertrag geliefert, ebenso hatte sich eine Milchwirtschaft -aufs beste rentiert, und Herr Werner sah seine stolze, besondere -Genugtuung darin, der verlassenen Frau mit größtem Eifer und all seinen -Fähigkeiten zu dienen. - -Von Jahr zu Jahr konnte die Gräfin von dem angrenzenden Besitz Gottern -Areal zurückkaufen, was ihr um so leichter ward, als der Besitzer der -Herrschaft selber in recht mißliche Lage gekommen und froh war, das Land -wieder in Kapital verwandeln zu können. - -So kam der Tag, an welchem die überraschende Nachricht die Runde durch -die Residenz machte, daß es der Bärin von Hohen-Esp in ganz -unglaublicher Weise gelungen sei, die Herrschaft Gottern zu Hohen-Esp -zurückzukaufen, daß es ihr auch durch ihre enorme Willenskraft, ihren -Fleiß und äußerste Sparsamkeit gelungen sei, ihren Sohn schon jetzt -wieder zu einem sehr wohlhabenden Mann zu machen. - -Die alte Tante Agathe sei schon längere Zeit krank und liege nunmehr im -Sterben. - -Viel habe sie ja wohl nicht zu vererben, aber doch genug, um es der -Gräfin vorläufig sehr leicht zu machen, auch mit dem nunmehr so -bedeutend vergrößerten Besitz erfolgreich und dauernd zu wirtschaften. - -Der Wohnsitz solle aber nach wie vor Hohen-Esp bleiben, und Graf Guntram -Krafft, welcher nunmehr neunzehn Jahre zähle und seiner Militärpflicht -genügen müsse, werde wohl zum erstenmal allein in die große, unbekannte -Welt hinaustreten! - -Man erwartete voll Spannung das Erscheinen des schier sagenhaft -gewordenen jungen Mannes, bis die enttäuschende Nachricht kam, daß der -Graf wegen eines ganz unbedeutenden kleinen Fehlers, -- man sagte, daß -ihm bei einer stürmischen Seefahrt im Boot, beim Überholen einer -Teertonne, dieselbe zwei Zehen vom Fuß geschlagen -- vom Militär -freigekommen sei. - -Es sei ein Jammer darum! - -Der junge Mann verkörperte das Urbild aller blühenden Kraft und -Lebensfrische, er sei in der Tat ein wahrer »Bär« von Hohen-Esp, so -groß, so stark, so reckenhaft schön und ritterlich, -- ihm selber habe -die Lust, Soldat zu werden, aus den Augen geblitzt, und er habe sofort -gebeten, ihn der Marine zuzuweisen, da er so gut Bescheid mit dem -Seefahren wisse, -- aber die Gräfin habe voll leidenschaftlicher Energie -alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Sohn freizubekommen. - -Da sie die Bestimmungen für sich gehabt habe, und Graf Guntram Krafft -ein durchaus gehorsamer Sohn sei, so sei leider nichts zu machen -gewesen. - -Die »Bärin« habe ihr Junges in die Höhle zurückgeschleppt. -- - -Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf, die interessanten -Einwohner von Hohen-Esp jemals von Angesicht zu schauen, und weil die -Mütter und Töchter sehr enttäuscht waren, so ärgerten sie sich darüber. - -Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den kürzer werdenden Tagen -aus ihrem »Sommerschlaf« erwachten und so zahlreich plötzlich -aufwirbelten, wie draußen das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte, -boten den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pflänzchen dieser -Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft recht phantastischen -Blüten aufschoß. - -In einer der vornehmen Villenstraßen lag das reizende Rokokoschlößchen -»Monrepos«, in welchem der Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments, -Freiherr von Sprendlingen, Wohnung genommen. - -Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein großes Haus zu -machen, eine Passion, welcher sie ohne Bedenken huldigen konnte, da die -Vermögensverhältnisse des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur -ein einziges Töchterchen besaß, für welches man zu sorgen hatte. - -Der Freiherr verwöhnte seine bezaubernde Frau in nur denkbarer Weise, -Frau von Sprendlingen verzog und verhätschelte ihr Töchterchen -dementsprechend, und so herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen, -welches keinen, auch den größten Wunsch, nicht unerfüllt läßt. - -In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne verschleierte Lampen, -da die Herrschaften zum Diner gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir -des fünfzehnjährigen Töchterchens aber strahlte die Gaskrone festlich -und hell, denn dort saßen die Backfischchen, welche zu Fräulein von -Sprendlingen eingeladen waren, bei heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel -Kaffee und noch mehr Süßigkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die -Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte man sich -für junge Herren noch mehr wie für junge Damen, und da man schon -mancherlei über den Hohen-Esper gehört und sich ebenfalls über den -»Strich durch die Rechnung« ärgerte, so begannen sie über den doch allzu -gutmütigen Zottelbär, welcher derart unselbständig an den Rock der -Mutter hänge, zu glossieren. - -»Ein forscher, echter Mann hätte bei dieser Gelegenheit doch wohl etwas -mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen und das Gängelband abgestreift!« -spottete Gabriele, die Tochter des Hauses, und ließ ihre Stickerei -sinken, -- »anstatt artig hinter die Schürze der Mama zu kriechen und -sich zu ducken, wenn die gestrenge Vormünderin befiehlt! Ob er zwei -Zehen mehr oder weniger hat, geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein -recht erbärmlicher Vorwand von der Gräfin, ein Zufall, welchen sie sich -zunutze macht, um das Bübchen unter den Fingern zu behalten!« - -»Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz und Selbstbewußtsein -hätte, würde er sich das nicht habe bieten lassen!« - -»Vielleicht ist er zu feige und freut sich, daß er daheimbleiben kann!« --- rief Gabriele von Sprendlingen, das reizendste Backfischchen, welches -die Residenz aufweisen konnte, abermals: »Hätte er Courage, würde er -sich das idealste Glück eines Mannes, Soldat zu werden, unter allen -Umständen erzwungen haben!« - -»Feige? Nein, das ist er wohl nicht!« schüttelte ihre Freundin Trautchen -gutmütig den hellblonden Kopf, »denk doch, er wagt sich bei Sturm und -Wetter auf die See hinaus!« - -Gabriele lachte spöttisch und rümpfte die entzückende kleine Nase: »Die -See schießt nicht mit Kugeln! Bah! Was will es heißen, sich auf die See -zu wagen?! Gar nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie weit -fährt denn der Herr Graf? -- Sicher nicht zehn Schritt entfernt vom Ufer -weg! Auf den Ozean hinaus ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und -Bootfahrt an der Küste stellt überhaupt keine Anforderungen an den Mut -eines Mannes!« -- - -»Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken -- --« - -»So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweißes Lämmchen, was hat denn -das Wasser für eine Gefahr, wenn es nicht tief ist?« -- und die -Sprecherin schüttelte die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der -Stirn und machte ein geradezu verächtliches Gesichtchen: »Ein Mann, der -nicht Soldat ist, nicht für Fürst und Vaterland kämpft, kann mir niemals -imponieren; und Graf Guntram Krafft ist kein kühner, stolzer Bär, wie -seine Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbär! -- Er sollte nur -einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte es ihm schon zeigen, wie ich über -ihn denke!« - -Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden Nixenaugen, -blitzten gar trotzig in dem süßen Gesicht, und sie wiederholte -nachdrücklich: »Glaub' mir's! Ich würde es ihm zeigen!« -- - -»Das würde ihn aber doch sehr kränken?« warf Trautchen schüchtern ein, -und das Mitleid glänzte in ihrem Blick. - -»Um so besser, wenn es ihn kränkt!« brauste Gabriele ungestüm auf und -kehrte alle Würde ihrer fünfzehn Jahre heraus. »Wie soll denn so ein -verwöhnter Mamajunge anders merken, daß er ein Waschlappen ist, wenn wir -Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser noch Helden in -seine Armee bekommen, wenn wir nicht die Männer zu Heldentaten -begeisterten und anspornten? -- Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute -Soldatentochter und ein famoses deutsches Mädel, welches genau weiß, was -es Fürst und Vaterland schuldet! Einen Helden zum Vater! Einen Helden -zum Gatten, und mehrere Helden als Söhne!« - -»Bravo! Die Steigerung war gut!« lachte die schwarzlockige kleine Gräfin -Sevarille und verzog dabei das Mündchen etwas ironisch, »solche Dinge -klingen in der Theorie ganz poetisch und schön, aber in der Praxis kommt -die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel der geschmähte Waschbär -hier auftauchte, als schöner Mann und reicher Erbe, und er machte dir -eine Liebeserklärung, Gabriele, du pustetest auf alle -Heldenherrlichkeiten in deines angebeteten Kaisers großer Armee und -heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!« - -Heiße Röte stieg in das Gesichtchen der Genannten, die Nixenaugen -schillerten wie die See, ehe sie in hohen, verderbenden Wogen aufbraust. - -»Das würde ich tun, sagst du?« -- stieß sie atemlos hervor, »das ist -eine perfide Behauptung, Thekla, und ich wünsche nun wahrlich nichts -sehnlicher, als daß der Hohen-Esper mir einen Antrag machen würde!« -- - -»Haha! Hört ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!« - -Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf den Tisch und sprang -auf. - -»Laß mich ausreden, ehe du mich beschimpfst!« trotzte sie in der vollen -Heftigkeit, welche ihrem Charakter eigen war, »ich wünsche mir einen -Heiratsantrag von ihm, lediglich um dir zu beweisen, daß ich keine -leeren Phrasen geredet, sondern Wort halten würde, so wahr ich Gabriele -von Sprendlingen bin! Und wäre er schön wie ein Gott und reich wie -Krösus, wenn er nichts für Fürst und Vaterland leistet, wenn er kein -Held ist und Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und mit -dem Kreuz der Ehre lohnt, -- ich würde _nie_ sein Weib! Nie! -- Das -schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« -- - -»Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein!« -- entsetzte -sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser zu einem tiefen -Kerbschnitt an und sagte mit einem wunderlich scharfen Lächeln --: -»Gut, wir haben deinen Schwur gehört und werden nicht verfehlen, dich -zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den Ausspruch des -Dichters: >Ach, Worte sind ein leerer Schall --< denn sie verfliegen -und werden so schnell vergessen, wie man sie hört! _Mündlich_ -ist schon mancher Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden! -Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den Lippen, aber -_schriftlich_? Haha! _Schriftlich_ verzichtest du nicht auf den -Grafen von Hohen-Esp!« - -Gabriele griff mit nervös bebender Hand nach den Zetteln und -Bleistiften, welche, für ein Schreibspiel zurechtgelegt, bereits auf -einer Marmorschale seitwärts des Tisches standen. - -»Und warum nicht?« spottete sie mit gefurchter Stirn: »Wenn dir ein -geschriebenes Wort sicherer ist wie ein gesprochenes, sollst du es gern -haben!« -- - -Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne Überlegen mit -festen, schwungvollen Schriftzügen auf einen der Zettel nieder: - -»Da meine Freundin Thekla meine Ansicht über den Grafen von Hohen-Esp -schriftlich wünscht, so erkläre ich hiermit noch einmal, daß ich -denselben nie und nimmermehr heiraten werde, weil er kein Held ist und -mir nicht imponiert!« - --- Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den inhaltschweren -Zettel zusammen und warf ihn Komtesse Sevarille zu, -- die andern jungen -Mädchen belohnten diese »fesche« Tat mit stürmischem Beifall, und Thea -griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren Pompadour. Sie -lächelte und nickte Gabriele zu: »Du hast doch mehr Charakter, als wie -ich glaubte!« sagte sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und -übellauniges Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefällig aus. -- - - * * * * * - - - - -VI. - - -Von der See herüber brauste der eisige Novembersturm und fegte die -letzten welken Blätter um die Zinnen von Hohen-Esp. - -Der Buchwald, welchen Gräfin Gundula vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren -an all den Stellen, welche Friedrich Karl so schonungslos hatte abholzen -lassen, nachgepflanzt hatte, war emporgewachsen und füllte schon wieder -die Lücken aus, welche ehemals das Auge der Burgherrin so schmerzlich -verletzt hatten. - -Noch waren sie den wundervoll hochstämmigen Riesen, welche rings um den -Hügel, der die Mauern von Hohen-Esp trug, Wache hielten, lange nicht -gleichgekommen, aber sie waren ebenso gediehen und frisch und kräftig -aufgewachsen, wie der junge Sproß des alten Grafenstammes, welcher als -blondlockiger Knabe unter ihnen gespielt, als Jüngling mit markigen -Armen geschafft und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte. - -Guntram Krafft war mündig geworden, ohne besondere Zeremonie und -Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen in neuen Rechten anerkannt zu -werden; denn das ehemalige Vermögen seines Vaters war in den Besitz -seiner Mutter übergegangen, und nur von dem freien Willen der Gräfin -hing es ab, ob der Sohn Herr sein sollte auf dem Besitz der Väter. In -dem Willen Gundulas aber lag es, den jungen Mann selbständig zu machen. - -Voll stolzer Genugtuung sah sie, daß er zu einem Charakter ausgereift -war, fest und zuverlässig, stark in allem Guten und Edeln, und dennoch -so rein an Herz und Sinn wie ein Kind. - -Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen, nur wie ferne, -sagenhafte Klänge und Bilder zogen die Erzählungen seiner Erzieher von -Menschen und Leben an seinem geistigen Auge vorüber. - -Als er groß genug geworden, um eine berechtigte Frage nach seinem Vater -und dessen Leben zu stellen, hatte Gundula zum erstenmal seit langen -Jahren von ihrem Gatten gesprochen. - -Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen Mutter und Sohn. - -Da entrollte die Gräfin vor den weitoffenen Augen ihres Sohnes die -traurigen Bilder der Vergangenheit, und waren dieselben schon an und für -sich dunkel genug, so färbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch -düsterer, so daß Guntram Krafft die Welt nur als einen Sündenpfuhl voll -dräuender Gefahren, und die flotte, leichtlebige Gesellschaft der -Großstadt als eine Wildnis kennenlernte, in welcher aller Ecken und -Enden die Abgründe gähnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen und -verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich jemals ein Urteil -aus eigener Anschauung gebildet zu haben, und doch machte diese fremde, -unnatürliche Beeinflussung keinen weltschmerzlichen Sonderling und -Einsiedler aus ihm. - -Er verlangte nicht nach jenen Verhältnissen, welche die Mutter ihm so -unerquicklich geschildert, und von welchen die jungen Fischer im Dorf -nichts Gegenteiliges zu erzählen wußten! - -Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen eingezogen, hatten -ihre Jahre abgedient und Reisen in weite, ferne Wunderländer gemacht, -von denen sie wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erzählten, aber nach -welchen sie doch nie zurückverlangten. - - »Nord, Süd, Ost -- West -- - Daheim ist's am best'!« - -lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste -und meerumspülte Heimat mit der zähen Treue nordischen Bluts, sie -kehrten heim, freiten und machten sich seßhaft; selten nur, daß der eine -oder andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn besseres -Verdienst lockte. - -Das waren jedoch die »Verschollenen«, von denen kaum noch Angehörige im -Dorf lebten und welche selten, fast nie eine Nachricht in die Heimat -gelangen ließen. - -Kam jemals eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht über Guntram Krafft, -die herkulische Stärke seiner Arme zu prüfen, auch hinauszuziehen mit -flinken, weißen Segeln, um jene heimlichen Wunder fremder Länder -kennenzulernen, wollte sie ihn packen, die Wanderlust des Jünglings und -der Tatendrang des Mannes, so genügte nur ein einziger Blick auf die -schwarze Trauergestalt der Mutter, in ihr bleiches, gramgefurchtes -Antlitz unter dem frühergrauten Scheitel, und er schüttelte voll stolzer -Entsagung das Haupt und war es sich voll bewußt, daß er die einsame Frau -nicht verlassen durfte, deren einziges Glück er geblieben. - -Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges Studium edler -Wissenschaften gaben seinem Leben reichen Inhalt, und wenn er Freude und -Zerstreuung suchte, so streifte er das grobe Fischerzeug über seine -markige Brust und fuhr voll jauchzenden Ungestüms hinaus in See, mit -Sturm und Wogen einen tollkühnen Kampf zu kämpfen, furchtlos sich in -brandende Flut zu wagen, der geschickteste der Segler, der furchtloseste -der Schwimmer, ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer voll -staunender Bewunderung aufblickten und ihn den »Besten der Ihren« -nannten. - -Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt, wenn es galt, -bedrohten Freunden Hilfe zu bringen, strandenden Schiffen in Nebel und -Sturm ein tollkühner Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser -Küste, welche durch widrige Gegenströmungen und Untiefen schon manchem -Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod und Verderben gedroht hatte! --- - -Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie erfahren, wer ihr -kühner Retter in der groben Teerjacke gewesen; flossen ihm Geldgeschenke -von den Dankbaren zu, so lachte der junge Graf gar frisch und fröhlich -auf, überwies sie seinen Genossen und sprach: »Holla, Kinnings! Dor -hätten wie wat inbrächt!« und die schwieligen Hände legten die Taler -zurück in die gemeinsame Kasse, aus welcher bedürftige Fischer -unterstützt und das Rettungsboot, welches anfangs ein recht dürftiges -Fahrzeug gewesen, immer zweckmäßiger ausgestattet wurde. Guntram Krafft -fühlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit unendlich glücklich -und verlangte nicht hinaus in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und -Lustbarkeit, eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern Welten, -welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne im endlosen Himmelsraume -kreisen. - -Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der Gräfin auf, daß es -oft wie ein melancholischer Schatten auf dem freien, männlich schönen -Antlitz lag, daß sein Blick oft sinnend und träumerisch in das Weite -streifte, daß er oft ganz unvermittelt sagte: - -»Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning, die er seit -Kind auf so liebgehabt hat!« -- oder --: »Weißt du's, Mutter, daß dem -Göschen Wulff in dieser Nacht ein Bub geboren ist? Ein prächtiger, -pausbackiger Kerl ... kann schreien für zehn, und der Göschen ist so -stolz, als sei er ein Kaiser geworden!« ... und nach kurzer Pause --: -»Wie ist es doch so still und leer hier in Hohen-Esp! Wäre wohl nicht -übel, Mutter, wenn auch hier mal ein wenig junges Leben einzöge und ein -paar kleine Bärlein herumpurzelten!« Er lachte dazu, und dennoch -blickten seine blauen Augen seltsam ernst! -- - -Da war's, als ob Frau Gundula urplötzlich aus einem langen, langen Traum -erwache, und sie nickte wie erschrocken vor sich hin und sprach leise: -»Ja, es ist Zeit geworden!« -- - -Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den kleinen, bleigefaßten -Scheiben, und blickte starren Auges hinab auf die laublosen -Buchenwipfel, welche der Sturm wie brandende Flut gegen das graue -Turmgemäuer peitschte. -- - -Tage und Nächte lang hatte sie in schwerem Kampf gerungen, hatte -gesonnen und überlegt, um das rechte zu finden. - -Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war ein Mann geworden, -dessen Herz sich nach Liebe sehnte, dessen Wunsch es war, gleich seinen -Gespielen ein Weib zu freien und glücklich zu sein! - -Die Gräfin, deren scharfer Geist alles so wohl überlegt und bedacht -hatte, was zum Glück ihres Kindes nötig schien, hatte seltsamerweise -diese Notwendigkeit noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz -der lang vorbereitenden Jahre doch überraschend an sie herantrat, da -kostete es ihrem Herzen schwere Kämpfe, bis sie sich entschlossen hatte, -sich in das Unvermeidliche zu fügen. - -Guntram Krafft mußte die Brautfahrt unternehmen, er mußte Ausschau -halten unter den Töchtern des Landes, welche von ihnen das Ideal -verkörpern möchte, das sich der weltfremde Mann von seinem Weib -gebildet! - -Ihr Sohn mußte den Winter in der Residenz verleben und die Feste -mitmachen, er _mußte_ es! Es half da kein Weigern mehr! Kein anderer -Ausweg wollte sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr grübelte. - -Seit Tante Agathe gestorben war, besaß sie gar keine näheren Verwandten -mehr, wenigstens keine, welche heiratsfähige Töchter hatten und zu -welchen sie den jungen Bären von Hohen-Esp hätte senden können, wie -einst Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei seiner Sippe um -ein Weib zu dienen. - -Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem Dorfe heimführen, -dagegen sträubte sich der Stolz einer Frau, welche ihr ganzes Leben lang -nur für das eine Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den -Besitz und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zurückzuerwerben. -- - -Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen und Krone mitbringen, sie -soll eine ebenbürtige Gemahlin für ihren Sohn sein, deren Ansichten die -ihren sind, deren edler Sinn eine Bürgschaft für die Tugend künftiger -Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die rechte Wahl treffen? -- - -Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden, der -Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft! - -Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen um seine Füße -legen? - -Wird sie ihn blenden und bestricken, daß er nicht wieder zurückverlangt -in sein stilles Heim? -- - -Wird er ihr Gift schlürfen und es so süß und berauschend finden, daß ihm -das klare Quellwasser der Heimat nicht mehr mundet? -- - -O nein! Nun und nimmermehr! - -Gundula ist ihres Sohnes gewiß. Die mühsame Aussaat von so viel langen, -bangen Jahren kann nicht in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer -Eindrücke, in der sengenden Glut froher Feste, in den Stürmen eines -Karnevals zugrunde gehen! - -Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen und fremd bleiben, -- -er wird sich aus der hohen Flut eine Perle heben und sein Kleinod so -bald wie möglich in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten. - -Außerdem schickt sie ihn nicht völlig allein und haltlos in das bunte -Leben hinaus. Der alte Kammerdiener ihres Mannes, welcher schon Gundula -als Braut gekannt und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen -ist, der goldgetreue, zuverlässige Anton wird seinen jungen Gebieter in -die Residenz begleiten. - -Er weiß ja so gut Bescheid auf dem heißen Boden der Großstadt, er ist -über so manches Parkett geglitten und hat den Kammerherrn ehemals in so -manch schwieriger Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge über -dem jungen Bären walten lassen, welcher zum ersten Male die sichere -Höhle verläßt! Anton wird angewiesen sein, ganz genau über den Grafen zu -berichten, und wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die -Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte, dann wird die -Mutter zu rechter Zeit die energischen Hände heben, diese Fäden -unbarmherzig zu zerreißen. - -Gräfin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet auf den Sohn, und -als sie endlich seinen schweren, stampfenden Schritt auf der gewundenen -Stiege hört, da hebt sie wie mit letzter Selbstüberwindung das Haupt und -schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen, spitzgewölbten Tür, -den hochgewachsenen Nacken im Eintreten beugend, steht Guntram Krafft. - -Mächtige Wasserstiefel reichen bis über die Knie, eine Düffeljoppe läßt -die breite Brust noch hünenhafter erscheinen, und ein ausgeschlagener -Südwester sitzt fest auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das -frische, männlich schöne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen. - -»Dag ok, Mutting!« lacht er mit strahlendem Blick, reißt den Hut ab und -hebt ihn in seemännischem Gruß hoch über das Haupt. - -»Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet? -- Aber bei -diesem Wetter muß man auf dem Posten sein, damit kein Unglück am -Hamelwaat passiert! Weiß der Kuckuck, daß solch eine gefährliche Stelle, -wo schon so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner -Strandkommission schärfer ins Auge gefaßt ist! -- Vorhin wieder eine -Brigg! -- Schnurgrad drauflosgehalten! Noch ein paar Nasenlängen, und -sie saß fest! -- Wir hatten sie glücklicherweise beobachtet, und ich -konnte noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber eine -Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise, und kalt genug hat's -uns um die Ohren gepfiffen! Da hat dir dein Bär einen regelrechten -Bärenhunger heimgebracht, und für ein Warmbier verkaufe ich heute auch -das Recht der Erstgeburt!« - -Er lachte, daß die weißen Zähne unter dem blonden Schnurrbart blitzten, -schlang zärtlich den Arm um die düstere Frauengestalt und küßte Frau -Gundula herzhaft auf den Mund. - -»Das steht bereit, du Wasserratte!« lachte diese, mit einem Blick -unendlichen Wohlgefallens die blühende Schönheit ihres Sohnes umfassend, -»willst du dich erst umkleiden oder erst durch einen Imbiß erwärmen? Du -weißt, ich liebe es nicht allzusehr, dich in dieser Ausrüstung am Tisch -zu sehen!« - -»Weiß ich, Mamachen, -- und werde nie dein Eßzimmer durch Teerjacke und -Ölzeug entweihen. -- Auch ist's mir, ehrlich gestanden, selber zu -unbequem! Aber bitte, befiehl einstweilen alle Bierkannen und -Schinkenbrote auf Deck, damit ich in zehn Minuten an ihnen zum -Massenmörder werden kann!« - -»=Vae victis!=« -- - -»Ja, wehe ihnen! Heut wird kein Pardon gegeben!« -- Und Guntram Krafft -schritt über die Schwelle zurück, daß die morschen Parkettplatten -krachten. - -Draußen hörte die Gräfin ihn fröhlich pfeifen: »Auf, Matrosen, die Anker -gelichtet!« -- Dann hub ein gewaltig Poltern und Rumoren in der -Turmstube des jungen Grafen an, und in sehr kurzer Zeit saßen Mutter und -Sohn beim lodernden Kaminbrand in der Speisehalle zusammen, wo Guntram -Krafft das Frühstück serviert war. - -Der Hausanzug des jungen Hohen-Esp war weder sehr elegant noch sehr -modern, er war solide und zeugte von der Sparsamkeit, welche in allen -Dingen noch im Hause herrschte, obwohl die Gräfin mit einem tiefen -Ausatmen der Befriedigung noch vor wenig Tagen zu dem Inspektor gesagt -hatte: »Noch ein paar solcher Rübsenernten, und wir können, so Gott -will, schon das zweite Vorwerk von Walsleben zurückkaufen!« - -Aber trotz seiner nicht allzu vorteilhaften Kleidung sah der junge Graf -ganz vortrefflich aus, just so, wie es zu seiner bärenhaften und -urwüchsigen Schönheit paßte. - -Man konnte es sich bei seinem Anblick kaum denken, daß diese -Reckengestalt in Frack und Lackschuhe hineinpassen würde, daß sie sich -zum Träger all der weichlichen, geschniegelten Eleganz der modernen -Salonhelden machen könne! - -Ein Zylinderhut auf diesem wildlockigen Haupt mußte ganz wunderlich -aussehen, und wie die wetterharten Hände, wohl schön und edel in der -Form, aber ohne Schonung verarbeitet wie bei dem geringsten Fischer, -sich mir Glacéhandschuhen befreunden würden, schien selbst Frau Gundula -in diesem Augenblick eine berechtigte Frage. - -Sie musterte das Äußere des jungen Bären interessierter wie je zuvor, -und dieweil er frisch und fröhlich dem kräftigen Mahle zusprach und -dabei voll lebhaften Eifers über seine stürmische Seefahrt sprach, -flogen ihre Gedanken weit voraus ... und sie sah diesen unerschrockenen -Seehelden auf dem höfischen Parkett stehen, umrauscht von schmeichelnden -Musikklängen, umweht von süßem Amberduft, umglänzt von ungezählten -Lichtflammen und umringt von koketten, lachenden, anmutig reizenden -Mädchengestalten. - -»Unser Rettungsboot taugt nichts, Mutting,« fuhr Guntram Krafft -währenddessen etwas unwillig fort, »es ist ganz unzweckmäßig gebaut, -- -ein Kahn wie alle andern auch, der bei gutem Wetter zum Heringfangen -noch zu brauchen ist, aber wenn's mal kräftig weht, doch ein ganz -unzuverlässiges Ding ist! Grad' bei der drei- und vierfachen starken -Brandung am Hamelwaat! -- Über die äußerste Brandungslinie, wo sich die -Wellen auf drei bis vier Faden brechen, kriegen wir's kaum noch hinaus. -Hab' heute versucht, den Bug dem Lande zuzuwenden -- hab' den Lenzsack -nachbugsiert -- damit ich das Boot zurück und zu gleicher Zeit recht vor -der See halten konnte -- wollte so das Beidrehen hindern -- aber viel -nützen tat's auch nicht! Ja, so ein gutes Peakeboot, welches sich -aufrichtet wie ein Holundermännchen, mit einem schweren, eisernen Kiel, -und vorn und hinten hohe, gewölbte Luftkästen ... ja, das könnten wir -gebrauchen, damit ließe sich etwas ausrichten ...« - -»Sicherlich!« -- nickte Gundula zerstreut und überlegte, daß sich der -junge Graf am besten in der Residenz neu ausrüsten müsse, -- Anton -verstand sich vorzüglich darauf ... der muß ihn einkleiden ... - -»Ich finde, es ist eine Schande, daß gerade hier für unsere -Küstenstrecke so gar nichts geschieht! Die nächste Rettungsstation -hat gar keinen Wert für uns, denn wir können sie einfach nicht -erreichen, wenn plötzlich Not an den Mann geht! -- Es _muß_ etwas -hier geschehen, das Hamelwaat ist auch solch ein Brunnen, welcher erst -zugeschüttet wird, wenn das Kind ertrunken ist! -- Mir geht es schon -so lange im Kopf herum, mich an eine zuständige Behörde zu wenden, daß -sie uns eine regelrechte Rettungsstation bauen läßt -- was meinst du, -Mutter, was ich dazu tun könnte?« - -Die Gräfin blickte auf, legte entschlossen die Hand auf den Tisch und -sagte: »Du wirst in der Residenz am besten Gelegenheit haben, maßgebende -Persönlichkeiten für deine Pläne und Absichten zu interessieren!« - -»In der Residenz?!« - -»Ich möchte dir heute eine Eröffnung machen, Guntram Krafft, dir einen -Wunsch mitteilen, welchen du mir hoffentlich erfüllst?« - -Er blickte erstaunt auf, nahm ihre Hand und küßte sie als stumme -Antwort. - -»Es ist Zeit, daß du, als jetzt großjähriger Mann, deinem Herzog -vorgestellt wirst, daß du hochdemselben, als angestammter Vasall und -Sproß eines seiner ältesten Grafengeschlechter, deine stete Treue und -Dienstwilligkeit versicherst. Ich habe mich diesbezüglich mit einer -Anfrage an das Hofmarschallamt gewandt und eine sehr huldvolle und -gnädige Antwort Seiner Hoheit erhalten. - -Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebenswürdigstem Interesse -entgegen und ist bereit, dich bei Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt -wird sich über die Saison erstrecken, du wirst die Feste im -herzoglichen Schloß und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen der -Hofgesellschaft mitmachen!« - -Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt bei dieser Eröffnung -aus; er blickte die Sprecherin nur erstaunt an und sagte beinahe -bedauernd: »Gerade im Winter bin ich am wenigsten abkömmlich hier! Denk -an die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres! Wie gut war es, -daß ich da auf dem Posten war! Aber so Gott will, haben wir gut Wetter -in diesem Winter, und wenn du sagst, daß ich die Verpflichtung habe, -mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so gehe ich.« -- - -»Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge der hübschesten, -liebenswürdigsten und vornehmsten jungen Damen kennen zu lernen -- --« - -Der junge Graf richtete sich höher auf, sein Blick haftete wie in -starrem Forschen auf dem Antlitz der Sprecherin, über welches ein müdes, -flüchtiges Lächeln glitt, ein Lächeln, wie er es noch nie darauf -gesehen. - -Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck von Verlegenheit, -wie bei einem jungen Mädchen, lag plötzlich auf dem schönen Antlitz, und -langsam nach dem Bierglas greifend, fragte er zögernd: »Was meinst du -damit, Mutter?« - -»Ich meine und hoffe, daß mein Sohn mir vielleicht eine schöne, -liebenswürdige Tochter aus der Residenz mitbringt, eine junge Bärin für -das alte Nest, welche all das frohe, frische Leben in Hohen-Esp -aufblühen läßt, welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermißt hast!« - -Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief über Guntram Kraffts -Augen, dann schlug er sie voll auf und lachte die Gräfin mit strahlendem -Blicke an. - -»Das würdest du gut heißen?!« - -»Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender Wunsch, daß du -heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle Lage ist durch Gottes gnädige -Hilfe eine derartige geworden, daß du auch ein armes Mädchen heimführen -kannst, vorausgesetzt, daß sie solide und anspruchslos genug ist, jetzt -und für die Zukunft mit dir in unsrer lieben Waldeinsamkeit hier zu -leben! Ein genußsüchtiges, eitles und oberflächliches Weib paßt nicht in -die Bärenhöhle von Hohen-Esp, sie würde dein Unglück sein! Ich hoffe, -daß du selbst an derartig veranlagten Damen keinen Geschmack findest, -und werde dich noch, ehe du gehst, auf manches aufmerksam machen, was du -zu beobachten hast. Es gibt auch in der großen, lebenslustigen Residenz -genug sinnige, holde Mädchenblüten, welche ihr volles Genüge und ihr -schönstes Glück in einem stillen Liebesleben, fernab von der lärmenden -Landstraße, finden! -- Ich habe dich durch fünfundzwanzig Jahre hindurch -gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, -- gebe der barmherzige Gott, daß du -in dem wichtigsten und entscheidendsten Augenblick deines Lebens nicht -mit Blindheit geschlagen sein mögest!« - -Die Gräfin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus und zog ihren -Sohn an die Brust, und als sie in seine großen, klaren Augen sah, welche -aus dem kühnen, wettergebräunten Männerantlitz noch so offen, ehrlich, -treu und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie ein qualvolles -Aufseufzen durch ihre Seele. -- »In Sturm und brandende Meereswogen habe -ich dich ohne Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein -Lebensschifflein auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche gleißt -und glänzt und lockt wie ein Märchensee, -- welche ihre Klippen unter -schaukelnden Rosen versteckt und über deren Untiefen sich schneeweiße -Nixenarme breiten, -- jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld, -und flehe zu Gott, daß dieses Lebensmeer dir den Frieden schenken möge, -den es _meiner_ Seele geraubt hat!« - - * * * * * - -Alle Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen, und es kam der Tag, an -welchem Gundula im dunkel flatternden Mantel abermals auf dem Söller -stand, um dem Wagen nachzublicken, welcher ihr Liebstes von dannen -führte. -- - -Sorgenvoll schaute sie auf, ob die Sonne abermals für sie untergehen -werde für ewige Zeit! -- Aber nein, wohl peitschte der Sturm das schwere -Schneegewölk gegen sie und verdunkelte sie für kurze Zeit, dann aber -brach ihr Licht kraftvoll und siegreich hervor, wie endliches, segnendes -Glück! - - * * * * * - - - - -VII. - - -Schneegestöber! - -Wie weiße Watte lag's auf der Erde, und darunter blankes Glatteis, so -daß die Scharen der Straßenjungen mit lärmendem Hallo die breiten -Trottoirplatten entlangschlidderten! - -Die eleganten Villen hatten Hermelinmäntel umgeworfen und standen in -ihrer fürstlichen Pracht noch stolzer und unnahbarer wie sonst inmitten -der wohlgepflegten Gärten, aus denen die Tannen, Lebensbäume und Taxus -wie grüne Butzemänner schauen, welche unter weißen Laken Versteck -spielen! Schlitten flogen mit klingenden Schellen und prächtig -geschmückten Rossen vorüber wie Märchenbilder, schöne Frauen in -flockigen Pelzen saßen darin und neigten grüßend die Köpfchen, Damen und -Herren in eleganten Eiskostümen eilten dem spiegelblanken See im Parke -zu, und zwischendurch drängte und schwatzte und lachte der breite Strom -der Passanten, welche Dienst, Geschäft oder Vergnügen hinaus in das -lustige Winterwetter trieb! - -Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend die Parkstraße -hinab. - -Es war zum erstenmal, daß eine größere Stadt ihre reizbaren Bilder vor -ihm entrollte und den Neuling durch ihren rastlosen Wechsel in die -seltsamsten Gefühle versetzte. - -Anfänglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die Menschenmenge -belästigt, die Masse der hohen Häuser in unangenehmer Weise bedrückt; er -empfand nur das Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand es -noch nicht, das Einzelne, Schöne und Interessante daraus zu erfassen. -Aber er lernte es bald. - -Anton war ein verständiger und guter Lehrmeister, ein Mensch, der, als -ehemals so verwöhnter und welterfahrener Mann, es nun nach der langen -Zeit tiefer Einsamkeit geradezu mit Entzücken genoß, noch einmal in das -verlorene Paradies seiner Jugendträume zurückzukehren. - -Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter bald an, und dieweil -Graf Hohen-Esp während der ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und -Mißtrauen jeglichem Neuen gegenüber empfand und seiner Mutter nur mit -einem rechten »Stoßseufzer« über die schreckliche Rundreise durch alle -Magazine und Läden berichtete, -- so gewöhnte er sich doch bald an das -so gänzlich veränderte Bild seiner Umgebung. - -Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem Eigenartigen, immer -zufriedener musterte er seine so ganz verwandelte äußere Erscheinung im -Spiegel, -- er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd -versicherte: »So, Herr Graf, nun können wir uns schon vor den -Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen schmuckeren Junker können sie -im ganzen Land nicht finden!« - -Ja, er war eine imposante, auffallend schöne Erscheinung, der Bär von -Hohen-Esp, aber trotz der modernen Kleider lag es doch wie ein -undefinierbares, gewisses Etwas über ihm, was ihn fremd und ungeschickt -zwischen den anderen Herren erscheinen ließ. - -Eine unüberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte der neuen Kleidung -beeinflußten ihn, er tappte daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens -blind gewesen und nun mit einemmal sehen lernt. - -Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, kühn und -trotzig in Sturm und wildes Wetter schaute, bekam etwas kindlich Naives, -beinahe Verlegenes, wenn er durch die Menschenmenge schritt oder im -Hotel an der Table d'hôte Platz nahm. - -Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine Manieren waren -vorzüglich, formell und ritterlich, er war weit entfernt davon, sich -wie ein Hinterwäldler zu benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise -seltsam, weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und linkisch -machte. - -Der junge Bär hatte wohl alles, was eine gute Erziehung fordert, -gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie unter fremden Menschen -verwertet, und weil hier in der Stadt _alles_ so völlig anders war wie -daheim, so verlor er auch den Glauben an sich selber und seine Art, und -diese Unsicherheit gab dem hünenhaften Recken etwas Linkisches und -Unvorteilhaftes. - -Die Gräfin hatte bestimmt, daß ihr Sohn sich erst zehn bis vierzehn Tage -in der Residenz aufhalten solle, ehe er seine Besuche bei Hof und in der -Gesellschaft abstattete. -- - -Sie fand es wohl selber notwendig, daß die weltfremden Augen des jungen -Mannes sich zuvor an elektrisches Licht und den bunten Wirbel der -Großstadt gewöhnten, daß er erst ein wenig auf dem Parkett gehen lerne, -ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte. - -Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag besser, so daß Anton -schon recht zufrieden war und sagte: »In zehn Tagen wird im Schloß -getanzt, Herr Graf, da müssen zuvor die Karten abgeworfen werden!« - -»Aber ich kann nicht tanzen, Anton! -- das, was wir daheim im -Fischerdorf mal >Tanzen< nannten, das paßt wohl schwerlich hierher in -das Palais!« - -»Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern mit den schönen -jungen Damen!« - -Guntram Krafft wurde dunkelrot. - -»Ich fürchte, daß ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, Alter, ich habe -mich nie darin geübt, mit Damen zu plaudern! Von was soll ich sprechen? --- Von Hohen-Esp? Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die ich aus -den Büchern gelernt habe? Die werden den jungen Mädchen nicht gefallen! --- Ich begreife nicht, woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken -Bär hierher unter die Menschen zu schicken!« - -»So etwas müssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr Graf! Das findet -sich schon alles, und Sie wären der erste junge Mann, welcher bei einem -hübschen Fräulein nichts zu reden wüßte! Da fragen Sie nur: >Lieben -Sie das Meer, mein gnädiges Fräulein?< und wenn sie sagt: >ja, gar -sehr!< -- dann erzählen Sie ihr von unserm blauen Wasser daheim und den -Fahrten durch Nebel und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hört eine -jede gern!« -- - -Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war eine gute Idee! Wenn -er von seiner geliebten See sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz -unwillkürlich das Herz auf die Zunge! - -Eine freudige Zuversicht überkam ihn, der naive Glauben eines redlichen -Herzens, welches noch davon überzeugt ist, daß man auf jede freundliche -Frage auch eine freundliche Antwort erhält! - -Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen beschäftigten, als er -die Parkstraße entlang promenierte und mit hellem Blick auf das muntere -Leben im Schneegestöber blickte. -- - -Er lachte über ein paar Jungens, welche sich schneeballten, und als er -»unversehens mit Willen!« auch einen der weißen Grüße gegen die Schulter -klatschen fühlte, da blieb er stehen und amüsierte sich noch mehr. - -Helles Schlittengeläute erklang hinter ihm, doch wandte er in seinem -lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, bis ein lautes Aufschnaufen, -Klirren und Hufschlagen, sowie die schrillen Angstrufe etlicher -Passanten ihn jählings zurückschauen ließen. - -Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen von zwei -Vollblütern unter langwehenden Schneedecken. - -Da plötzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, von dem der Wind -momentan den Schnee hinweggeweht hat, aus, es stürzt wie gemäht -zusammen, schlägt wild um sich, reißt auch das andere Roß nieder, und -der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knäuel anfährt, schlägt -gegen den hochgeschaufelten Schneewall zur Seite. - -Der Kutscher ist von seinem kleinen Rücksitz herabgeschleudert, und die -Dame, welche in dem Schlitten sitzt, scheint momentan unter demselben -begraben. - -Von allen Seiten springen Männer heran und wenden sich in der ersten -Bestürzung den Pferden zu, sie zu fassen, abzusträngen und weiteren -Schaden zu verhüten -- Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten -neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Händen und richtet ihn -ohne jede weitere Unterstützung auf, als sei er ein Puppenspielzeug! -Dann greift er abermals zu und richtet die Dame, welche halb vergraben -in dem Schnee liegt, in seinen Armen empor. - -Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten prüfend ihre -Bewegungen, ob sie sich verletzt habe. - -Sie steht auf den Füßen und tritt zur Seite, sie hebt die Arme und -schüttelt die weißen Flockenballen aus dem Pelz und von dem Köpfchen. - -»Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!« -- atmet der Graf -auf, -- er sagt es mehr zu sich, wie zu der Fremden; diese aber hat es -doch gehört, sie reißt den schneebedeckten Schleier von dem Hut und -drückt den Muff trocknend gegen das Antlitz. - -»Nein, Gottlob, -- ich bin mit heiler Haut davongekommen!« sagte sie mit -überraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich -oder nervös zu sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen -hinzunehmen. »Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige -Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft höflich den Hut zieht, -blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick -wird groß und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das Blut -steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat -er nie zuvor gesehen. - -Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Träume zu -verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und -in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt -mit nachdenklichen Blicken betrachtete. - -Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend geformt das -Näschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen -Löckchen, welche unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten -Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche zu schmelzen -beginnen und in blinkenden Tropfen über der Stirn zittern, wie bei einer -Nixe, welche der Flut entsteigt! - -Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen in langem, -forschendem Blick, Augen, so hell, so groß, so flimmernd in einer -undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grünes Seewasser unter den -dunklen Wimpern zum Stern geformt! - -Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weißen Arme nach -den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam -schillernden Blick, daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle -Tiefe, auf Leben und Sterben. - -Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit -aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und -Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben -fortgetönt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie -alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden -Ring, welcher seine Heimat umschloß. - -Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem Boot lag, dann -stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es -in poetischer Schönheit in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den -Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der -weißen Brust, -- die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd über die -Stirn, und die Augen, die großen, hellen, farblosen Augen, die -schimmerten wie durchsichtiger Kristall! -- - -So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut! - -Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll -Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen. - -Er reißt abermals den eleganten, spiegelblanken Filz von dem lockigen -Haar und stottert ein paar unverständliche Worte, -- aber sein Blick -hängt wie gebannt an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem -staunenden Entzücken, daß die junge Dame sich lächelnd abwendet und -neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen Decken -wieder auf die Füße gebracht sind. - -Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee von seinem Mantel -und untersucht das Geschirr. - -»Na, das hat man alles noch gut gegangen, gnädiges Fräulein! Nicht mal -ein Strang oder Riemen ist gerissen, und die Pferde sind auch mit dem -Schreck davongekommen! Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist doch -noch eine ganze Strecke bis nach Haus!« - -Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es erst an dem -erstaunten Blick eines Dienstmannes, daß er den Hut noch immer in der -Hand hält. - -Hastig setzt er ihn auf, -- seltsam, daß er das ganz vergessen hatte, -daß er in dem eisigen Wind nicht fror! -- - -Sein Blick hängt noch immer wie gebannt an der schlanken, schmiegsamen -Gestalt der jungen Dame, welche den gelbflockigen Pelz wieder um die -Schultern wirft. Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht. --- Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, und abermals tritt -der junge Graf herzu, ihr beinahe schüchtern die Hand zu bieten, um ihr -behilflich zu sein. - -Wieder trifft ihn ihr Blick, -- sie lächelt. - -Aus Höflichkeit, gleichsam, um für seine Hilfe dankend zu quittieren, -legt sie für eine Sekunde die zierliche Hand in die seine und schwingt -sich voll sicherer Grazie in den Schlitten. - -Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, er sieht sie an -wie ein Kind, welches voll ehrlicher Unschuld sagt: »Wie bist du so -schön! wie gefällst du mir so gut!« - -Und die junge Dame, welche so viel Welt- und Menschenkenntnis besitzt, -liest das auch sehr klar und deutlich von seinem hübschen Gesicht. Sie -sieht ein wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne -Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven Wesen des blonden Riesen -paßt, sie lächelt abermals freundlich und anmutig, neigt das Köpfchen -dankend und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit einen -kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche in den Schnee gefallen, -in den Schlitten zurücklegt. -- - -»Ich habe kein Geld bei mir, -- kommen Sie und holen Sie sich nachher -bei Papa ein Trinkgeld!« sagt sie freundlich. - -»O bitte, gnädiges Fräulein, -- hat nichts auf sich! Ist man gut, daß -alles so abgegangen ist!« - -Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die Pferde bäumen ein wenig -aufgeregt, ziehen an und sausen mit dem Schlitten davon. - -Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch einen Augenblick -und schauen dem schellenklingenden Spuk nach, dann zerstreuen sie sich -schnell -- und auch der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter. - -Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet wie verklärt. - -Er möchte die Augen schließen, um nur noch ihr Lächeln zu sehen! - -Er hat keinen andern Gedanken fürerst wie nur das Lächeln -- diesen -sanften, weichen Druck ihrer kleinen Hand. - -Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, den ihre -Gestalt ausströmte, als er sie im Arm hielt, zu ihm auf. - -Veilchen! Veilchen im Winter! - -Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht war es auch nur -solch ein herrliches, duftendes Wasser, welches Anton ihm auf den -Toilettentisch gestellt. - -Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten Parfüms, diese waren -unerlaubter Luxus in der Bärenhöhle gewesen, seit Gräfin Gundula jeden -Heller sparte, um Goldstücke zu erwerben. - -Anfänglich hatte Guntram Krafft »das Zeug« verächtlich zurückgewiesen. - -Es deuchte ihm zu weichlich für einen Mann, wenn er sich mit dem Duft -einer Blume schmücken wollte; -- aber für eine Dame ... ja, das ist -etwas anderes! - -Wie hatte er es an seiner Tante, -- an seiner Bonne geliebt, wenn sie im -Frühling Veilchen und im Sommer eine Rose an der Brust trugen! Seine -Mutter stellte die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine -Farbe an ihrer düsteren Witwentracht, aber selbst in dem stillen, -freudlosen Gemach der Gräfin hatte ihn der Blumenduft angeheimelt und -erfreut. - -Und nun zog es wie eine süße, zauberhaft süße Woge um das reizendste -junge Weib, welches er je mit Augen geschaut, um eine menschgewordene -Melusine, welche ihm aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit -er nicht allein sei in der großen, unverstandenen Welt. -- - -Erst viel später kam ihm der Gedanke: »Wer mag sie gewesen sein?« - -Der Dienstmann schien sie zu kennen, es war töricht, daß er ihn nicht -nachträglich um den Namen der Unbekannten befragt hatte! Er ist noch gar -zu ungewandt in solchen Sachen, und er würde gewiß sehr verlegen -geworden sein, sich als derart neugierig zu zeigen. - -Ob er sie wohl einmal wiedersieht? - -Gewiß! -- - -Warum hätte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die Residenz ist ja nicht -allzu groß, man begegnet sich wohl auf den Hofbällen, bei Gesellschaften -oder in dem Theater, welches der Graf gestern besuchte, ohne daß die -Oper einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird aber doch noch -einmal hingehen, in der Hoffnung, seine reizende Nixe wiederzusehen. - -Sie war sein einziger Gedanke während des ganzen Tages, und sie folgte -ihm auch bis in den Traum hinein. - -Daheim träumte der Bär von Hohen-Esp fast nie. - -Die schwere körperliche Arbeit, die kräftige Seeluft schaffen eine -gesunde Müdigkeit, einen tiefen, traumlosen Schlaf. - -Hier kämpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier schafft er nicht voll -eisernen Fleißes in Wald und Feld, -- hier schaut er nur wirre, bunte, -flüchtige Bilder, hier führt er nur in trägem Nichtstun ein -Schlaraffenleben, hier blickt er nur -- wie der verzauberte Fischer im -Märchen -- in wasserklare, flimmernde Rätsel. - -Und als er schläft, rauschen die weißschaumigen Wogen um ihn her, und -sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien, steigt empor aus der Tiefe -und schüttelt lächelnd die blinkenden Tropfen von der Stirn. - -Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm, und als er regungslos, -wie verzaubert steht und sie anstarrt, da greift sie in das Wasser und -hebt eine köstliche Perlenschnur, die glänzt wie der weiße Wellenschaum, -und ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die grünschillernde -See, auf welche man auch hinabblickt, ohne den Grund zu schauen. Sein -Herz erzittert in heißem, sehnendem Verlangen, -- er neigt sich voll -Leidenschaft und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken in -den grundlosen Nixenaugen. -- -- -- - -»Töv min Söhn«, hört er plötzlich eine rauhe Stimme hinter sich, -- eine -schwielige Hand packt seinen Arm und reißt ihn zurück. - -»Dat lat man sin, min Jong,« sagt der alte Krischan Klaaden, »Perlens -bedüten all Tränen!« - -Da erwacht Guntram Krafft, reißt halb zornig, halb erschrocken die Augen -auf und starrt in das fremde Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein -halbes Frühdämmern bricht, und er atmet tief auf und denkt: »Wie -seltsam! Ich habe geträumt, wie ich es ehemals als Kind getan! Das -kommt von dem müßigen Leben und dem närrischen Zeug, welches man hier zu -sehen bekommt!« -- - -Es schlägt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp den jungen -Gebieter noch nie in den Federn angetroffen, -- warum soll er aber schon -hier aufstehen? -- - -Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu tun hat. - -Der Graf verschlingt die Hände unter dem Haupt und schließt die Augen, --- er will weiterträumen von der wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn -mit dem Lächeln und den Augen der fremden Dame angeschaut. - --- -- An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr denn sonst -spazieren. - -Es ist rauhe Schneeluft, und die verwöhnten Leute der Residenz sitzen -hinter dem Ofen und ahnen gar nicht, wie anders der Nord-Nordost über -die See heult, wie er seine Eiskörner gegen die Burgfenster von -Hohen-Esp jagt und dem jungen Bären zuruft: »Komm heraus aus deiner -Höhle und wage ein lustig Tänzlein mit mir!« - -In dicke Pelze gehüllt, schreiten hier in den geschützten Straßen die -Herren so eilig aus, als fürchteten sie, in Eiszapfen verwandelt zu -werden, und Damen sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park, -wo der Graf während längerer Zeit Schlittschuh gelaufen, zeigte sich -kaum eine der graziösen Gestalten in flottem Eiskostüm. - -Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er wandert ruhelos einher -und sucht jemand, ohne es sich selber einzugestehen, und wenn ein -Schlitten klingelt, so bleibt er unwillkürlich stehen und schärft den -Blick. - -Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren, und Anton versichert, -daß durch die alsdann erfolgenden Einladungen reiche Abwechslung in -dieses langweilige Leben kommen werde. - -Bisher hat sich der Bär von Hohen-Esp vor diesen Einladungen gegrault, -wie vor einer schweren unangenehmen Pflicht, welche er erfüllen muß, -weil sie von ihm gefordert wird; jetzt plötzlich denkt er mit mehr -Interesse daran, ja, er sieht in ihnen die einzige Möglichkeit, jener -entzückenden Fremden noch einmal begegnen zu können. - -An der Straßenecke hängt in dem vergitterten Kasten der Theaterzettel -aus. - -Zwar hat sich der Graf nach »Aïda« vorgenommen, nicht wieder dieser für -ihn so unverständlichen Kunst zu huldigen, jetzt aber bleibt er -plötzlich stehen und blickt nach dem weißen Papier hinüber. - -»Der fliegende Holländer!« liest er, und mit wenigen Schotten -überschreitet er den schneeverwehten Damm und studiert überrascht das -Personenverzeichnis. - -Der fliegende Holländer! - -Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden drunten im Dorf in -»der blauen Woge« mit den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner -seiner Jugendgespielen oder ein Anverwandter der Dörfler nach langen -Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem Pfeifchen und einem Glase -Grog sein »Garn spann!« - -Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern erzählt, von manch -tollkühner Fahrt durch Wetter und Sturm, wenn die Segel verloren und der -Mast gebrochen war, -- und die Erlebnisse der Jungen machten die Alten -beredt, so daß sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern vom Klabautermann -und dem »fliegenden Dutschman« berichteten! - -Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle Spuk, welcher -schon sein Kinderherz höher schlagen und seine Augen so oft in Nebel und -jagendes Gewölk spähen ließ -- hier auf der Bühne lebendig werden? - -Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten Wogenschwall -wohl ein Schiff von Pappe und Leinewand schauen, und den bleichen Mann -vom Tatenschiff bei elektrischem Licht an sich vorüberziehen sehen? -- - -Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen blitzen. - -Nein, beim »fliegenden Holländer« darf er nicht fehlen! - -Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein für einen Mann, welcher so -oft in Todesnot auf rollenden Seen die Segel gesetzt hat und -hocherhobenen Hauptes auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen -Anblick das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel! - -Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich nach seinem -heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen glänzen, und aus dessen kühler -Flut die Nixen steigen, ihn mit kristallenen Augen anzulächeln, so wie -sie ... jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute und -Bekannte hier in der Fremde deuchte! - -Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll weiter durch die -menschenleeren Straßen, nach dem Theater, um sich einen Platz zu -sichern. - -Der Wind fegt den Schnee von den Dächern, und ein rostiger Torflügel -kreischt in den Angeln, das klingt wie Möwenschrei vom fernen Strand ... -und Krischan Klaaden steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand -auf seinen Arm. - - * * * * * - - - - -VIII. - - -Schon geraume Zeit vor Beginn der Vorstellung hatte sich Graf Hohen-Esp -in dem Theater eingefunden. - -Er war der erste Gast im Haus, fast allein in der Loge, und betrachtete -voll nachdenklichen Interesses das Gemälde des Vorhangs, die -geschmackvolle Pracht des Goldstucks ringsum. Als Anton ihm zum -erstenmal ein Billett in die Fremdenloge besorgt hatte, war der so -sparsam gewöhnte Einsiedler entsetzt über den hohen Preis und fragte: -»ob denn nicht noch billigere Plätze vorhanden seien?« - -Anton aber schüttelte ebenso respektvoll wie energisch den grauen Kopf -und antwortete: »Nein, Herr Graf! Es ist Befehl der gnädigsten Frau -Gräfin daheim, daß Euer Gnaden hier in allen Dingen standesgemäß -auftreten. Wir haben es ja jetzt wieder dazu, an Geld ist kein Mangel -mehr, seit die Güter in dero Besitz sind, und wenn in der Burg so -sparsam gewirtschaftet wird, so ist das um des Prinzips willen, -- wenn -es gilt, den Namen zu repräsentieren, soll es mit dem altgewohnten Glanz -geschehen, -- so haben es die Frau Gräfin-Mutter bestimmt.« - -Guntram Krafft war es seit Kindesbeinen gewöhnt, einen Befehl der Mutter -blindlings zu erfüllen, und so saß er auch jetzt wieder in der Loge, und -wenn er diesen Platz auch noch viel zu prunkvoll für seine schlichten -Ansprüche fand, so freute er sich doch, daß er ihm ein so unauffälliges -Ausschauen nach allen Seiten gestattete. - -Sobald eine Tür klappte, richtete sich sein Blick wie in ungeduldigem -Forschen den neu Eintretenden zu, und so viel anmutige junge Mädchen und -selbstbewußte schöne Frauen auch erschienen, Guntram Krafft sah -jedesmal enttäuscht aus. -- - -Mehr und mehr Menschen drängten sich nach ihren Plätzen, immer bunter, -immer farbenprächtiger ward das Bild ringsum, -- auch die Loge füllte -sich mit Gästen. - -Ein paar höhere Offiziere mit ihren Damen nahmen neben dem Grafen Platz, -die Erscheinung des fremden Herrn mit schnellen Blicken musternd und -alsdann hinter dem Fächer in unauffälliger Weise nur das eine Wort -flüsternd: »Der Parzival!« - -Ein Lächeln, Raunen, Flüstern -- -- - -Ja, der moderne Parzival, welchen die besorgte Mutter so ängstlich -gehütet, welchen sie in tiefer Waldeinsamkeit erzog und nun doch hinaus -in die gehaßte Welt schicken muß, weil das Herz des jungen Recken voll -glühender, tatendurstiger Ungeduld nach Aventure verlangt. - -Die ganze Residenz wußte es bereits, daß der Graf von Hohen-Esp im Hotel -Quartier genommen und gekommen war, die Feste der Saison zu besuchen, um -sich eine Burgherrin für die ferne Bärenhöhle zu erwählen. - -Voll lebhaften Interesses sahen Mütter und Töchter der guten Partie -entgegen, und manch neugierig forschender, oder zärtlich lächelnder -Blick streifte den jungen Mann, wenn er seine Spaziergänge durch die -Straßen machte und sich so völlig fremd und unbekannt in der Stadt -wähnte. - -Auch jetzt waren fast alle Blicke auf den Bären von Hohen-Esp gerichtet, -welcher ahnungslos über die Menge hinwegblickte und nur eine einzige -unter allen suchte. - -Er bemerkte es auch nicht, wie eine junge Dame in der Nebenloge, welche -sich lebhaft mit den Insassen seiner Loge begrüßt hatte, die Blicke -immer wieder auf ihn heftete und sichtlich bemüht war, seine -Aufmerksamkeit zu erregen. - -Wie schwer aber war das bei einem derart naiven und harmlosen Menschen -wie diesem modernen Parzival! - -Er hörte mit halbem Ohr der Begrüßung und Unterhaltung zu, vernahm, daß -der eine der Offiziere sie »gnädigste Komtesse« -- eine der Damen als -»liebste Thea« anredeten, daß man über einen Ball bei dem Kammerherrn -von Stach sprach und fragte, warum eigentlich Fräulein von Sprendlingen -nicht zugegen gewesen sei ... - -Dann aber setzte die Musik ein, und ihre wundervolle Eigenart -interessierte den Grafen mehr, wie das verstummende Geplauder neben ihm. - -Soeben wollte sich seiner eine gewisse Mißstimmung über die -Enttäuschung, welche er erfahren, bemächtigen, aber der eigenartige -Seemannsruf, das so faszinierende: »Ho -- Hoho johe!« -- riß ihn empor -aus seinen Gedanken, atemlos hinabzulauschen, wo aus Flöten und Geigen -schier spukhaft der ganze Zauber des Seemannslebens emporrauschte. - -Und als sich der Vorhang hob -- da erhob sich ganz unwillkürlich auch -Guntram Krafft und schaute starren Blickes, tief aufatmend, voll -unendlichen Staunens auf das mächtig wogende Meer, auf welchem das -Schiff des fliegenden Holländers heranfliegt! - -Und nun er selber, der verwünschte, ruhelose Mann, just so, wie sein -altes, verräuchertes Bild in der »blauen Woge« daheim hängt, so bleich, -wie Krischan Klaaden ihn deutlich gesehen hat, als er in wilder -Sturmnacht am Kap Horn an ihnen vorüberraste! - -»Blutrot die Segel -- schwarz der Mast! --« Und alle Segel vollgesetzt, -so wie das bei einem Schiff aus Holz und Eisen unmöglich gewesen, kein -Licht an Bord -- keine Mannschaft auf Deck -- kein Pfeifen und Schrillen -um Rahen und Wanten -- still und geisterhaft wie ein Schatten flog's -vorbei, -- Elmsfeuer blitzen, und nur auf dem Vorderschiff eine düstere -Gestalt mit schneeweißem Gesicht ... so ... just so, wie sie jetzt -drunten auf der Bühne steht! - -Ho -- hoho johe! -- - -Ist dies wahrlich nur eine Komödie? - -Ihm ist's, als wehe die kalte, scharfe Seeluft in die Loge empor, -- ihm -ist's, als woge das Meer vor seinen Blicken ... ihm ist's, als stehe er -selber am Strand und schaue aus nach jenem Schiff, von welchem die -sehnsüchtigen Klänge über die Wasser ziehn ... »Blas lieber Südwind!...« - -Guntram Krafft richtet sich höher auf, wie wildes Heimweh überkommt es -ihn, voll sehnsüchtigen Entzückens leuchten seine Augen! -- Er möchte -die nervigen Arme recken und dehnen, möchte aus rauher Seemannskehle den -Fremden auf der Bühne zujauchzen: »Ho ho johe! ich hol' euch über!! --« - -Vergessen hat er, wo er ist, er weiß es nicht, daß ein Lichtstrahl aus -den Kulissen hervor just sein weit vorgeneigtes, begeistertes Antlitz -trifft, er ahnt es nicht, wie schön ihn die Erregung macht, wie -auffällig er sich in diesem Augenblick benimmt. - -Er weiß es auch nicht, daß zwei Mädchenaugen in langem Schauen auf ihm -haften, daß es in ihnen aufleuchtet wie geheime Leidenschaft und -brennendes Interesse, -- seine Nachbarin, Komtesse Thea, welche keinen -Blick von ihm wendet. - -In die gegenüberliegende Loge sind leise zwei Damen getreten und haben -unbemerkt Platz genommen. - -Die Jüngere ist es, die mit langem Blick den Grafen von Hohen-Esp -mustert und ihrer Nachbarin zuflüstert: »Sieh, Mama, da drüben steht der -fremde Herr, welcher mich gestern unter dem Schlitten hervorgeholt hat!« - -Frau von Sprendlingen, die noch immer auffallend schöne und elegante -Frau des seit etlichen Jahren pensionierten Generals, hob die Lorgnette. - -»Ah! Das interessiert mich! Eine auffallend schöne und stattliche -Erscheinung! Er scheint ja überaus begeistert von der Aufführung -- -sogar von diesem ersten langweiligen Akt! -- Sonst bekommen die Herren -in der Regel erst Augen und Ohren, wenn die Senta erscheint! -- Sieh nur -diesen Ausdruck in dem Gesicht deines Retters! Nächstens fällt er auf -die Bühne herunter! Seine Augen _leuchten_ ja förmlich! Wer mag es sein, -hörtest du es nicht, Gabriele?« - -Die junge Dame zuckte die Achseln. »Nie sollst du mich befragen ...« - -»Je nun, man wird es erfahren!« - -»Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!« - -»Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos --« - -»Aber nicht schick!« -- - -»Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam, der blonde Riese -scheint etwas derb in seinen Bewegungen --« - -»Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen er gestern -wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge errötet mehr so intensiv wie -er!« - -»Das ist kein Fehler!« - -»Aber auch kein Vorzug!« - -»Männertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht seltener!« - -»Geschmackssache! Es ist leider eine unumstößliche Tatsache, daß die -amüsantesten und nettsten Herren meist diejenigen sind, welche schon mit -einem Fuße in Amerika stehen!« - -»Amüsant mögen sie sein, -- aber nicht heiratsfähig!« - -»Was liegt daran?« - -»Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden will!« - -Gabriele zuckte mit stolzem Lächeln die schönen Schultern. »Als ob man -nur heiratete, um versorgt zu sein und unter die Haube zu kommen! Arme -Mädchen sind wohl darauf angewiesen! -- Gott sei Dank, daß ich in der -Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ... einen recht amüsanten -Mann zu wählen!« - -Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf und zupfte nervös an -den echten Spitzen ihres Kleides. - -»Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verwöhnt ist und so -ungeheure Ansprüche an das Leben stellt, mußt eine sehr brillante Partie -machen. Du machst dir total falsche Vorstellungen von unserm Vermögen -...« - -»O nein! Daß ich keine Millionärin bin, weiß ich, aber daß ich genug -habe, um auch einen armen Mann heiraten zu können, davon bin ich -überzeugt!« - -»Und wenn du dich irrst?« - -»Dann bleibe ich lieber frei und unabhängig, ehe ich einen Mann freie, -der mir nicht sympathisch ist!« - -»Ist dir jener Fremde drüben sympathisch?« - -Gabriele lehnte das Köpfchen gelangweilt zurück. »Vorläufig ist er mir -unendlich gleichgültig! Zwar sieht der >blonde Riese<, wie du ihn zu -nennen beliebst, aus, als könne und müsse er ganz Hervorragendes -leisten, und du weißt, daß ich die Menschen nur nach Verdienst schätze!« - -»Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche sich nur für -Helden begeistern kann! Schade, daß es deren heutzutage zu wenig gibt!« - -»Es gibt deren!« - -»Etwa Herr von Heidler?« - -»Wenn einer -- dann er!« - -»Welche Illusionen!!« Frau von Sprendlingen lachte etwas nervös: »Ich -hörte bisher nur, daß er recht flott und leichtsinnig sei!« - -»Und daß er der beste, kühnste und unerschrockenste Reiter, der -tüchtigste Offizier im ganzen Regiment ist, hörtest du noch nicht, -Mama?« - -»Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es noch nicht genug!« - -»Also bist du es, die so hohe Anforderungen an das moderne Heldentum -stellt!« Gabriele hielt den Fächer ein wenig tiefer, und ihr Blick flog -zu der ersten Reihe des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere -der Garnison mit Vorliebe ihre Plätze wählten. - -»Mir genügt es vollkommen, wenn ein junger Mann seinen guten Willen -beweist, sein Bestes für Fürst und Vaterland zu geben. Ich bin eine -begeisterte Patriotin, ich taxiere den Mann nur nach dem, was er für -Reich und Volk leistet, -- das bestimmt seinen Wert!« - -»Aber was leistet Heidler?« zuckte Frau von Sprendlingen ein wenig -ironisch die Achseln. - -»Fürerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine Bravour -auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt! Daß er eine vorzügliche -Karriere macht, es zu den höchsten Ehren bringt, ist selbstredend. -Sollte aber ein Krieg kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem -Kaiser mit Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!« - -Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle Konduite, -welche ihm der schöne Mund droben ausstellte, wandte Herr von Heidler, -der elegante Dragoner, das Haupt und blickte mit einem mehr kühnen und -siegesgewissen, wie verbindlichen Lächeln zu der Loge empor. - -Gabriele errötete ein klein wenig und nickte ihm wie einem guten -Bekannten zu, war es doch stadtbekannt, daß Herr von Heidler ihr -eifriger Courmacher war, welcher schon während der beiden letzten Winter -die Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der Saison getragen. -Der junge Dragoner war eine auffallende Erscheinung, nicht hübsch und -- -wie viele behaupteten -- auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden -Fall recht interessant. - -Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit, mit einem -sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht, glatt rasiert bis auf den -englischen kleinen Bart an den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende, -scharfe, lebhaft blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte Winkel -ihm etwas Arrogantes gaben -- das war Herr von Heidler. - -Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten, sondern lockte -sich in zwei kleinen Tollen über der Stirn, und das Monokel schaukelte -sich meist nur auf der Brust, ohne benutzt zu werden. - -Die Damen schwärmten für den außerordentlich amüsanten Spötter, welcher -rücksichtslos die Cour machte, seinen scharfen Witz auf Kosten anderer -spielen ließ und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, -- die -kleinen Skandalgeschichten, welche man sich über seinen Leichtsinn und -sein Glück bei den Frauen erzählte, verliehen ihm seltsamerweise in den -Augen der Großstädterinnen noch einen Reiz mehr! - -Die Herren urteilten weniger günstig über ihn, nannten ihn einen -frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten höchstens den -außerordentlichen Schneid und die beinahe brutale Kühnheit, mit welcher -er sich auf der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht -hatte. - -Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge war sehr leise geführt -worden, -- sie waren ungeniert, da sie sich allein befanden, auch -übertönte die Musik das Flüstern hinter dem Fächer. - -Mutter und Tochter kannten den fliegenden Holländer zur Genüge, -betrachteten die Oper nur als angenehme Zerstreuung und wären heute -abend überhaupt nicht hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der -Prinzeß Amalie am Nachmittag vorgefahren wäre, mit der Nachricht, daß -Hoheit Fräulein Gabriele heute abend gern in der Teepause im Opernhause -sprechen möchte, um direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten. -Man wisse, daß Fräulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin daselbst -zu Gast gewesen und gestern zurückgekehrt sei. - -Der erste Akt war vorüber, langsam sank der Vorhang nieder, und die -Klänge der Musik verhallten. - -Guntram Krafft stand noch so völlig unter dem Eindruck des Gehörten, daß -er regungslos verharrte und zur Bühne hinabstarrte, als könne sein -scharfes Auge die neidische Hülle durchdringen. - -Erst der tosende Beifall des Hauses ließ ihn betroffen aufschauen, und -als er das Haupt wandte und sein Blick mechanisch die gegenüberliegende -Loge streifte, zuckte er plötzlich zusammen, und auf sein erst so frei -und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe scheuen -Entzückens, mit welchem er schon einmal in die Augen seiner Unbekannten -gestarrt! - -War es Spuk und Zauber? - -Da glänzten ihm plötzlich die klaren Nixenaugen wieder entgegen, da -schimmerte das lockige Haar unverhüllt über der Stirn, und weiße, -flaumige Spitzen rieselten wie Wasserschaum um den schlanken Hals. - -Der Graf hatte das Empfinden, als müsse er mit jubelnder Bewegung zu ihr -hinübergrüßen, aber er wagt es nicht, er sieht aus wie aus Stein -gemeißelt, und nur sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzücken -über dies unverhoffte Wiedersehen. - -Die ältere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert zu ihm herüber, -und um die Lippen seiner Meerfei spielt ein schnelles Lächeln. - -Sie sieht ihn an, groß und gelassen, und dann schaut sie an ihm vorüber -und nickt Komtesse Thea an seiner Seite zu, -- die Offiziere in der Loge -und deren Damen tauschen ebenfalls Grüße herüber und hinüber, und einer -der Herren sagt laut und lebhaft: »Ah scharmant! Da ist ja Fräulein von -Sprendlingen wieder zur Stelle! Es ging auch wahrlich nicht länger ohne -sie, man ist so sehr an ihre reizende Erscheinung gewöhnt, daß der -Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!« - -»War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?« - -»Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflüchtig! Hat ihre Tante Grüdner, die -Hofmarschallin am Hofe zu X., anläßlich deren Silberhochzeit besucht!« - -»Sie kann noch nicht lange zurückgekehrt sein?« - -»Seit gestern mittag, gnädigste Frau! Hatte sogar noch ein -Eisenbahnunglück hier in der Parkstraße zu überstehen --« - -»Eisenbahnunglück? Parkstraße? =bless me=! Sie sprechen in Rätseln, -bester Baron!!« - -»Na, einigen wir uns auf ein Schlittenunglück, Exzellenz! Der >Schwan< -kippte um, und Schön-Gabrielchen lag weich und warm ...« - -»Im Schnee?!« - -»O nein, an der Brust eines kühnen Retters, glaube, der alte Dienstmann -Saul stürzte sich ihr nach auf Leben und Sterben!« - -»Pfui, wie unpoetisch! Glücklicherweise scheint alles sehr gut -abgelaufen?« - -»Tadellos!« - -»Wer weiß, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen hat! Wenn der -alte Saul sie im Arme hielt ...!!« - -»Ungefährlich, Exzellenz! Da es noch früh am Tage war, hatten seine -Augen noch nicht den unheilvollen denaturierten Spiritusglanz!« -- - -»Welch ein Glück!« -- - -»Aha -- der Kammerherr erscheint drüben an ihrer Seite ... sie erhebt -sich ...« - -»Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das Teezimmer befohlen?« --- - -»=Allright=, -- sie geht!« - -»Wie schade, -- es war ein so schöner =point de vue= für uns!« -- - -»Ein Glück für Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, daß die Kleine in festen -Händen ist!« - -»Hört, hört!« -- - -»Festen Händen?« - -»Nun ja! Der alte Saul?!« -- - -Leises, übermütiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp steht schwer -atmend und lächelt nicht einmal. - -Er hat Wort für Wort von der Unterhaltung gehört, obwohl er keinen Blick -von dem reizenden Mädchenhaupt drüben gewandt. - -Fräulein von Sprendlingen, -- Gabriele heißt sie! -- Nun hat er ihre -Spur gefunden, nun weiß er, daß er sie wiedersehen, ihr sicher in den -Salons begegnen wird. - -Sein Herz schlägt aufgeregt in der Brust, das Blut brennt ihm in den -Wangen. - -Gabriele! - -Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie die Nixen aus der -Flut tauchen und den Seemann mit kristallenen Augen anlächeln, dann ist -es um ihn geschehen. -- - -Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt, dieser küßt die -schmale Hand der Mutter und bietet der Tochter galant den Arm, sie -hinauszuführen. - -In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der Hof hat die große -Mittelloge, wie fast immer nach den Aktschlüssen, verlassen. Der Bär von -Hohen-Esp setzt sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen -tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um ihn her wieder -laut und lebhaft wird, da sieht er direkt in das blasse, schmale -Gesichtchen der Komtesse Thea, deren tiefumschattete dunkle Augen mit -dem Ausdruck einer Madonna auf ihn gerichtet sind. - -Er erschrickt beinah und hat das Gefühl, als müßte er ein Kompliment vor -ihr machen, doch entsinnt er sich noch rechtzeitig, daß er ihr noch gar -nicht vorgestellt ist. - -»Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste Freundin!« -sagte die junge Dame just, -- wie es ihm scheint, mit ganz besonderem -Nachdruck, und bei Guntram Krafft wecken die Worte: »Ich habe Gabriele -sehr lieb!« einen warmen Widerhall im Herzen. - -Interessierter wie zuvor blickte er die Sprecherin an. -- - -»Nun, dann muß man sich also mit Ihnen recht gut stellen, Komtesse -Sevarille, wenn man einen Verbündeten sucht, um das Herz der spröden -Freundin zu erobern?« - -Und abermals nickte die Genannte voll besonderen Nachdrucks und sagt, -den Blick auf den Hohen-Esper gerichtet: »Das will ich meinen! Der Weg -zu Gabrieles Herzen führt hart an mir vorüber! Wer zu ihr gelangen will, -kann und darf mich nicht umgehen!« - -Sie scherzt anscheinend, und dennoch haben ihre Worte einen seltsam -ernsten Klang in Guntram Kraffts Ohr. - -Er blickt sie in seiner naiven Weise an, als habe sie nur zu ihm -gesprochen, -- hocherfreut und dankbar zugleich. - -Die dunklen, sanften Augen haben etwas sehr Vertrauenerweckendes für -ihn, es muß herrlich sein, mit diesem anscheinend sehr liebenswürdigen -und gütigen Mädchen über Gabriele zu sprechen. - -Sagte sie nicht selbst: »Ich habe meine Freundin sehr lieb?« - -Je nun, so muß ihr doch das Glück derselben ganz besonders am Herzen -liegen! - -Die Musik intoniert von neuem, und unruhig schaut der Graf nach seinem -reizenden Gegenüber aus, -- umsonst, der Platz an der Seite der Frau von -Sprendlingen bleibt leer. Jetzt treten die hohen Herrschaften wieder -ein, und hinter ihnen -- richtig -- da erscheint Gabriele und nimmt -neben einer der Hofdamen Platz. - -Erst nach der nächsten Pause kehrt sie an die Seite der Mutter zurück. - -Mit strahlenden Augen begrüßt sie Guntram Krafft -- doch seltsam ... -sie, die ihm noch vorhin ein so anmutiges Lächeln spendete, blickt jetzt -plötzlich über ihn hinweg, als existiere er nicht mehr für sie. - -Die großen, hellen Nixenaugen blicken so kalt -- so unheimlich kalt, und -die feinen Lippen wölben sich so stolz und hochmütig, als habe sie der -blonde Fremdling hier drüben nie und nimmer im Arm gehalten. - -Was mag ihr plötzlich in den Sinn gekommen sein? - -Der Bär von Hohen-Esp ist so in Schauen und Sinnen versunken, daß er für -nichts anders mehr Augen und Ohren hat, -- er bemerkt es nicht, wie -Komtesse Thea keinen Blick von ihm wendet und ihn scharf beobachtet, wie -das sanfte Madonnengesicht plötzlich einen sehr scharfen, ironischen -Ausdruck bekommt, wie es in den schwärmerischen Augen aufglimmt. Er -sieht nur das kühle, stolze Nixengesicht in der Loge drüben -- und als -die Senta auf der Bühne drunten mit weicher Stimme klagt: »Doch nie ein -treues Weib er fand!« da geht es plötzlich wie ein Erschrecken durch das -Herz des weltfremden Mannes. - -Ein treues Weib! -- - -Wie oft hat er daheim im Ernst und Scherz aus den rauhen Seemannskehlen -gehört: - - »Da ist eine Nixe an's Ufer geschwommen, - Die hat sich ein Schiffer zum Liebchen genommen, - Ihr Aug' war wie Wasser, ihr Leib war wie Schnee, - Und falsch und treulos das Weib aus der See -- - Hojohe! Hojohe! - Das treulose Weib aus der See!« - -Sein Blick schweift wieder hinüber wie in angstvollem Forschen, und ihm -ist's, als ob sich im Dämmerlicht des verdunkelten Hauses ihr -schneeweißes Antlitz ihm zuwende. - -Lächelt sie? - -Ja, sie lächelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche Hand liegt wieder -mit sanftem Druck in der seinen, er atmet den süßen Veilchenduft, -welcher aus ihrem Haar emporweht. - -Wie erlöst von bangem Zweifel atmet er auf. - -Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur um der wundersamen, -lichtklaren Augen willen? -- - -Das war eine sonderbare Idee von ihm. - -Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch und Blut, und in -ihrer Brust schlägt ein warmes, treues Herz, für den, welcher es zu -eigen gewinnen wird! - -Warum ist er hier? - -Wie der fliegende Holländer, der einsame, weltfremde und verlassene, kam -auch er an Land, um ein Weib zu freien, -- und so wie jener auf der -Bühne drunten eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein -zaubrisch Lieb sich heimholen. -- - -Ho -- hohojohe! -- - -Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See und den tosenden -Sturm! - -Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft, sein Herz wird weit -und groß in heißem Sehnen nach dem Meer und all seinem herben Zauber! - -Soll er heimkehren zu ihm? -- - -Lächelnd schließt er die Augen. - -Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden hält es ihn in der -Fremde fest! - - - - -IX. - - -Während Guntram Krafft mit sehnsüchtigem Blick nach dem Logenplatz, -welchen Gabriele am Arm des Kammerherrn verlassen, hinüberschaute, war -Fräulein von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter der großen -Hofloge lag, eingetreten. - -Prinzeß Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen. - -Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens wegen nur mit -großer Anstrengung zu gehen vermochte und meist in ihrem kleinen, -eleganten und leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem -jungen Mädchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu und fesselte sie -sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele von den anwesenden -Fürstlichkeiten durch ein paar huldvolle Worte der Begrüßung -ausgezeichnet war. - -Fräulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse Tee in der Hand, -neben der Prinzessin und erzählte in ihrer frischen, anmutigen Art von -den erlauchten Anverwandten der hohen Frau, welche sie während ihres -Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch vor wenigen Tagen -gesehen und gesprochen hatte. - -Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden Hoheit, -welche diesen Winter zum erstenmal tanzt und auf einem Kostümfest im -Ministerhotel als »Rautendelein« ganz besonders herzgewinnend aussah; -von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits über den Kopf -wachsen, sehr liebenswürdig und begabt sind, auch auf künstlerischem -Gebiet, namentlich in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von -diesen und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit der Prinzeß -Amalie ihre Stellung innehatten und der hohen Frau ein ganz besonders -treues und verehrungsvolles Andenken bewahren. - -Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt verändert! - -Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glück ist zerschellt, -manch Unglück hat sich noch in letzter Stunde gewendet, -- die Jungen -wachsen heran, und »neues Leben blüht aus den Ruinen!« - -Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen Erinnerungen neu -aufleben zu lassen. Gabriele bleibt auf Wunsch der Frau Prinzessin in -der großen Loge. - -Und als sich die Herrschaften während der nächsten Pause abermals -zurückziehen, wendet sich der Herzog mit einer Ansprache an Fräulein von -Sprendlingen und verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung. - -Als er sich just voll liebenswürdigen Interesses nach dem Unfall -erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten gehabt, klingt das leise, -beinahe übermütige Lachen des Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit -einer der Hofdamen plaudert. - -»Ich glaube, Gräfin, wir alle sind gespannt, den >weisen Toren< -kennenzulernen!« sagt er gerade mit vernehmlicher Stimme, »denn solch -eine Bekanntschaft macht man nicht alle Tage, höchstens in Bayreuth!« - -Der Herzog wendet den Kopf: »Von welchem >weisen Toren< sprichst du?« - -»Von dem modernen Parzival!« lacht der Prinz, »welcher heute abend dem -fliegenden Holländer eine gewaltige Konkurrenz macht und das Publikum -mehr interessiert wie der bleiche Kapitän auf der Bühne drunten!« - -»So, so! -- Der Graf von Hohen-Esp! -- Der dürfte freilich die -Attraktion der diesjährigen Saison sein! -- Und >Parzival< nennt Ihr -ihn? -- So übel nicht, wenngleich der Hof des Königs Amfortas recht -wenig Ähnlichkeit mit dem unsern hat!« - -»Parzival kam auch in Klingsors Zauberschloß und sah dort Blumenmädchen, -die beinahe so schön waren wie unsere Balldamen!« neckte der Prinz mit -einem Seitenblick auf Gabriele. - -»Dürfen wir ... oder müssen wir jetzt erröten, Hoheit?« -- - -»Beides, mein gnädiges Fräulein, es steht Ihnen eins so gut wie das -andere!« - -»Laßt sehen, ob es den modernen Parzival von Burg >Hohen-Esp< fesselt!« -scherzte der Herzog und fuhr, direkt zu Fräulein von Sprendlingen -gewandt, fort: »Was sagen Sie dazu, Gnädigste, daß die eifersüchtige -Mutter Herzeleide, alias Gräfin Gundula, endlich den so lang versteckten -Sohn freigibt?« -- - -»Ich höre es soeben mit Staunen, königliche Hoheit, daß Graf Hohen-Esp -hier in der Residenz anwesend ist!« - -»Sogar in nächster Nähe zu schauen! Bemerkten Sie noch nicht in der -Loge, Ihnen gegenüber, einen blonden Mann, welcher nicht im mindesten -nach einem Hinterwäldler ausschaut?!« - -Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen an. -- - -»Jener Fremde ... _jener_ ist es, königliche Hoheit?« - -»Gewiß! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung in dem -Einsiedler aus der Bärenhöhle?« - -»Findest du wirklich, Vater, daß er so völlig von Europens Kultur -beleckt ist?« lachte Prinz Karl Emil mit zwinkerndem Blick: »Der -tadellos zugeschnittene Rock und die Krawatte =à la fin de siècle= -machen es nicht allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des -Goldschnitts, mit dem man ihn >neu eingebunden< hat, doch aus, wie ein -etwas verstaubter Foliant, welchen man aus wurmstichigem Archiv holt!« - -Leises Gelächter, die Herzogin und einer der Flügeladjutanten sind -herzugetreten und beteiligen sich voll Interesse an dem Gespräch, sie -lachen ebenfalls über den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der -Herzog zuckt etwas ungeduldig die Schultern. - -»Motiviere deine Ansicht!« sagt er kurz, »was mutet dich >verstaubt< an -der blühenden, reckenhaften Gestalt des jungen Mannes an?« - -»Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert!« fährt der -Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, »ich bin sogar überzeugt, daß -Parzival das modernste Parfüm ins Schnupftuch goß, welches jemals -Blumenmädchen fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik -macht -- und die Art und Weise, _wie_ ein Mensch seine Kleider trägt, -ist maßgebend für seine Persönlichkeit!« - -»Ganz recht, -- _wie_ aber trägt Graf Guntram Krafft seinen Rock?« - -»Wie ein Mann, der sich höchst fremd und höchst unbehaglich in der neuen -Fasson vorkommt!« - -»So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!« - -»Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert, ungeschickt, -- in -Wahrheit >bärenhaft<! Man sieht, daß der junge Einsiedler es gewohnt -ist, mehr mit Keulen dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu -hantieren!« -- - -»Mich überrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes!« schaltete -die Herzogin ein, »fraglos ist der Graf ein schöner Mann! Seine Züge -haben etwas Edles, ich möchte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr -Ausdruck nimmt ihnen vollständig diesen Charakter!« - -»Er ist von all dem Neuen befangen!...« - -»Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben einen schier kindlichen -Blick, so naiv wie er schaut kaum noch ein Backfischchen drein! -- Was -er denkt und fühlt, spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete -ich während der Vorstellung. Wenn er bemerkt, daß sich aller Augen aus -dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen wie ein schämiges -Jüngferchen, -- ich möchte darauf wetten, daß er sogar errötet!« -- - -»Dies alles deucht mir kein Fehler!« - -»Gewiß nicht, -- aber auch kein Vorzug für einen Mann!« -- - -»Wir müssen bedenken, wie groß der Umschwung der Verhältnisse für den -Ärmsten ist! In tiefster Einsamkeit aufgewachsen, steht er urplötzlich -in dem bunten hochflutenden Strom großstädtischen Lebens, -- sonst -gewöhnt, stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben, welche -alles für ihn bedenkt und leitet ... ist er plötzlich ganz allein auf -sich selbst angewiesen und muß sich ohne Kompaß und Steuer durch die -Flut völlig fremder Verhältnisse lavieren ...« - -»Er steht daheim vollständig unter dem Einfluß der Mutter?« - -»Selbstverständlich! Er wird der Gräfin jetzt wohl mit Ausübung aller -praktischen Arbeit zur Hand gehen, aber sicherlich Frau Herzeleide -ebenso als >hohe Obrigkeit< ansehen, wie Parzival der Ältere, ehe ihn -sein Tatendrang hinaus in die Welt führte!« - -»Die Verhältnisse sollen ja geradezu glänzende geworden sein! Man sagt, -die Gräfin habe sich vollkommen arrangiert und das verlorene Vermögen -sozusagen zurückgewonnen!« - -»Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche jedermann die höchste -Achtung abnötigt! Was diese Bärin für ihr Junges getan, macht ihr so -leicht kein Mann nach!« - -»Sie muß eine geradezu geniale Landwirtin, eine geborene Agrarierin -sein! Allerdings hat sie auch viel Glück bei der Sache gehabt! Schon der -Umstand, daß der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht mehr -viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein verdankt sie es doch, daß -sie Walsleben so >portionsweise< zurückkaufen kann!« - -»Nächstens geht das Gut wohl wieder völlig in ihren Besitz über! Der -alte Inspektor hat mal kürzlich unserem Domänenrat erzählt, die Gräfin -hätte es schon vor zwei Jahren kaufen können, die Barsumme läge bereit; -aber sie ist so sehr vorsichtig, daß sie sich nie völlig verausgabt, -sondern stets mit allen möglichen Eventualitäten rechnet, Mißernten -usw., wo es gilt, die Löcher mit Kapital stopfen!« - -»Sehr klug und vernünftig gedacht! -- Ich bin sehr gespannt, den Sohn -kennenzulernen, ob er von den großen Anlagen der Mutter geerbt hat!« - -»Vorläufig machen Mutter und Sohn ja zusammen noch eine >Zehne< aus!« -zuckte Prinz Karl Emil voll Humor die Achseln. - -»Was heißt das?« - -»Nun -- sie ist die eins -- und er ... die Null!« -- - -Abermals ein leises Gelächter, nur der Herzog klappte mit verräterischem -Zucken um die Lippen den Sohn mit dem Handschuh gegen den Arm und -schalt: »Unverbesserlicher Spötter! Bei dir und deiner beklagenswerten -Mama ist es freilich umgekehrt!« - -In den Korridoren ertönte das Klingelzeichen, die hohen Herrschaften -traten nach sehr huldvoller Verabschiedung in die Loge zurück, und -Gabriele eilte, die Begleitung des Kammerherrn dankend ablehnend, zu -Frau von Sprendlingen zurück. - -Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug aufgeregt in der -Brust. - -Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und ein finsterer, -beinahe verächtlicher Blick streifte den Grafen von Hohen-Esp, welcher -sich mit aufleuchtenden Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von -seinem Entzücken machte, sie wiederzusehen. Also das Muttersöhnchen aus -der Bärenhöhle war der mutige Retter, welcher mit so gewaltigen Fäusten -ihren Schlitten ausgerichtet hatte, daß der Kutscher gar nicht genug -davon schwärmen konnte, war der höfliche Mann, welcher sie emporgehoben -und mit solch unverhohlener Bewunderung in ihr Antlitz geblickt hatte, -daß sie lächeln mußte! - -Der Bär von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen einer kaum -beachtenswerten Verletzung am Fuß nicht Soldat ward, welcher sich feige -und schlapp hinter der Mutter Schürze verkroch, anstatt voll kühnen -Wagemuts hinaus in die Welt zu stürmen, um Gut und Blut zu Kaisers Ehren -zu wagen! - -Und den nennen sie einen Parzival? Sie möchte schallend auflachen, und -beißt doch wie unter physischem Schmerz die Zähne zusammen. - -Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster Einsamkeit, -welches die Mutter gegängelt hatte, solange sein Arm noch schwach und -sein Schwert noch kurz war, -- als aber dem jungen Löwen das Haus zu eng -ward, als er die königliche Kraft in Herz und Faust verspürte, da riß er -sich los von dem unwürdigen Gängelband, von Weiberrock und Schürze, -sattelte hochgemut sein Roß und zog aus, in seines Königs Landen Frau -Aventure die Fehde anzusagen! - -Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen markiger Hand der -Speer, der heilige, leuchtete; was aber ist Graf Guntram Krafft? -Wahrlich ein Bär, welcher kampfmutig hervorbricht aus der Höhle, Sieg -und Beute zu suchen? -- - -Nein, wahrlich nicht! - -Er sitzt hinter dem Ofen und läßt Weiberhände für sich arbeiten, er -erntet nur die Saat, welche die fleißige Mutter für ihn ausgestreut. - -Und was tut er für Kaiser und Reich? - -Nichts! - -Für wen setzt er seine Bärenkräfte ein? - -Nur für sich selbst! - -Sagt er es sich nicht selbst, daß er als Mann, -- als Edelmann heilige -Pflichten zu erfüllen hat? - -Nein! - -In behaglicher Ruhe genießt er sein inhaltloses Leben, läßt das Schwert -an der Wand rosten und stellt das Schild der Ahnen in die Rumpelkammer! - -Was will er hier? - -Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben mit ihm teilt? - -Ein verächtliches Zucken um Gabrieles Lippen. - -Auch eine solche wird sich wohl für ihn finden; es gibt Mädchen, welche -wenig, sehr wenig von einem Mann verlangen, lediglich einen Trauring. - -Gehört Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen Seelen? - -Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust glüht ein Feuer heiliger -Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung, vor dessen Flammenschein -selbst die reckenhafte Bärengestalt des reichen Grafen von Hohen-Esp wie -ein Schatten kläglich zusammenschrumpft! - -Ja, kläglich! - -Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich neben dem Riesen -Guntram Krafft, und doch deucht es ihr, als blicke sie tief auf ihn -herab, so tief, daß er gar nicht mehr für sie existiert! - -Als die letzten Musikklänge verrauscht sind und der tosende Beifall sich -gelegt hat, erhebt sich das junge Mädchen und schreitet hastig dem -Ausgang zu; für den Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer zögernd in -der Loge steht und zu ihr hinüberschaut, hat sie keinen Blick mehr. - -In der großen Halle drunten stehen die jungen Offiziere und plaudern mit -den Damen, welche hier das Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant -von Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, küßt Frau von -Sprendlingen die Hand und erkundigt sich nach dem Befinden der Damen. - -Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begrüßt -- daß seine Anwesenheit -daselbst ein Zufall gewesen, hat er weder behauptet, noch hat es die -junge Dame angenommen; auch jetzt blickt er ihr mit den kühnen, -siegesgewissen Augen, wie in selbstverständlicher Vertraulichkeit in das -reizende Antlitz und versichert ihr, daß die Residenz schauderhaft öde -ohne sie gewesen sei und daß es eine ganze Menge zu erzählen gäbe! -Gestern habe er mit etlichen Kameraden eine -- =soit dit= Schnitzeljagd -auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit der Gäule -auszuprobieren, die guten Resultate habe man selbstredend mit etwas -Alkohol gefeiert, und zwar sei die Sitzung so ausgedehnt worden, daß er -nicht mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten Besuch in -Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben jetzt noch nachholen und eine -Tasse Tee bei den Damen trinken dürfe? - -Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen, obwohl ihr Lächeln -ein wenig kühler scheint, wie sonst; Gabriele aber errötet unter dem -zarten Spitzenschleier, welcher ihr Köpfchen verhüllt, und die -Nixenaugen blitzen voll Interesse auf. - -»Einen Übungsritt =à la= Heidler?« ruft sie lebhaft, »davon müssen Sie -erzählen! Wie geht es Ihrer >Gudrun< -- hat sie das Glatteis mit -bekannter Verve genommen?« -- - -»>Gudrun< hat brillant durchgehalten, aber Massenbach hat Pech mit -seinem >Slusohr< gehabt, -- nahm einen Graben ... gegen die Sonne ... -war natürlich geblendet und sprang zu kurz ...« - -»O weh! Und >Slusohr<?« -- - -»Kocht bereits im Wurstkessel!« - -»=Pour condoler!=« -- - -»Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es verspeisen müssen?!« - -Sie lachen und bemerken kaum die hohe Männergestalt, welche dicht neben -ihnen an einer Säule steht und keinen Blick von Gabriele verwendet. Nur -Frau von Sprendlingen sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm ein -ganz besonders freundliches Gesicht. - -Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der Baronin den Arm, -und Gabriele folgt. - -Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, daß der lichtblaue, -mit weißem Tibet besetzte Samt ihres Theatermantels ihn streift. - -Die junge Dame bemerkte es nicht. - -Wieder weht der süße Veilchenduft zu ihm empor und benimmt ihm schier -den Atem, -- der Einsiedler aus der Bärenhöhle hat nur Augen und Sinn -für die schlanke Mädchengestalt neben ihm, -- aber das stolze Antlitz -wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu. - -Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den Wagen hebt und -dann selber einsteigt, -- die Pferde ziehen an, und neue Wagen und Rosse -drängen vor das Portal. - -Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte Winternacht hinaus. - -In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen Eindrücken. - -Sein Herz schlägt heiß und ungestüm in seiner Brust; wie eine -leidenschaftliche Glückseligkeit, eine jauchzende Lebensfreude kommt es -über ihn. Morgen wird er seine Besuche fahren, er wird all die vielen, -heiteren, freundlich lachenden Menschen kennenlernen, -- auch Gabriele -von Sprendlingen, -- und dann ist er ihr kein Fremder mehr, er darf sie -grüßen, darf mit ihr plaudern ... und sie wird ihn mit den süßen, -rätselhaften Augen ebenso anblicken, wie vorhin den Dragoner ... - -Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen Herzens zum Schlafe -niedergelegt, wie an diesem Abend, -- vor seinen Ohren rauschen die -Wogen des Meeres, klingen die Zauberweisen des »Fliegenden Holländers« --- Sentas Antlitz trägt Gabrieles Züge, und sie breitet die Arme nach -ihm aus und singt leise wie ein Hauch: »Ach, wann wirst du, bleicher -Seemann, sie finden? Betet zum Himmel, daß bald ein Weib -- die Treue -ihm hält!« -- Hohojohe! -- - - * * * * * - -Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General von Sprendlingen -bewohnte, lag in einer jener stillen Vorstadtstraßen, in welchen nur -Equipagen und elegante Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter -die prächtig gepflegten Gärten einhegen und weiße Steinbilder aus Taxus -und Lebensbäumen ragen. - -Über den verschneiten Gartenweg eilte eine junge Dame in fußfreiem -Tuchkostüm, welches die sehr kleinen Juchtenstiefelchen genügend sehen -ließ, ein weiches Pelzkäppchen auf dem lose gepufften Haar, und die -dicke lange Boa von rötlich-hellem Pelz um den zierlichen Hals -geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum merklichem Gruß an -dem Portier vorüber, um die teppichbelegte Treppe emporzuhasten. - -Sie schien kein seltener Gast bei Fräulein von Sprendlingen zu sein, -denn der Diener öffnete sogleich wie ganz selbstverständlich die -weißlackierten Flügeltüren und sagte mit kurzer Verbeugung: »Darf ich -bitten, in das Musikzimmer, Komtesse, -- das gnädige Fräulein spielen -soeben!« - -»Hm!« sagte Gräfin Thea von Sevarille, den Gruß ebenso unhöflich -erwidernd wie zuvor denjenigen des Portiers, staubte die letzten -Schneesternchen von dem Muff und schritt durch eine Flucht beinahe -übereleganter Salons nach dem kleinen, turmähnlichen Anbau, in welchem -Gabriele ihren Flügel aufgestellt hatte. - -Fräulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und erhob sich. - -»Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, daß du noch nicht hier -warst! Während meiner Abwesenheit hat sich doch gewiß mancherlei hier -ereignet, was wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm mit -hinüber, ich finde es heute kalt hier!« - -»Dein eisiges Herz kühlt die Temperatur zu schnell ab!« lachte Thea und -legte den Arm um die Schultern der Freundin. »Mir ist es recht, warm zu -sitzen, ich bin bis zum Eiszapfen gefroren!« -- - -Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie ehemals schon als -Backfische so oft beisammen gesessen; Komtesse Sevarille warf die -Pelzjacke und Boa ab, zog den weißen Schleier über das spitze, -scharfmarkierte Näschen empor und ließ sich wohlig vor dem Kamin in eins -der hellseidenen Sesselchen sinken. - -»Neuigkeiten!« lachte sie; »wenn du gehst, Liebste, steht die Zeit bei -uns still, -- und sowie du wieder auf der Bildfläche erscheinst, häufen -sich die Ereignisse! Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt?« -- - -»=En passant=, -- es war nicht der Rede wert!« - -»Es genügte, um dich einem höchst gefährlichen Retter in die Arme zu -führen!!« -- - -Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem man im Theater -gesprochen, und belachte ihren harmlosen Witz sehr vergnüglich; um so -mehr überraschte sie der plötzlich so ganz veränderte Ausdruck in dem -schönen Antlitz ihres Gegenübers. - -»Ein gefährlicher Retter?« spottete Gabriele, und ihre Augen wurden so -groß und durchsichtig, als wollten sie einen Blick bis in ihr tiefstes -Herz gestatten. »Wenn mir alle Menschen so ungefährlich wären wie der -Bär von Hohen-Esp, so wäre es gut um mich bestellt!« - -Schier atemlos starrte Thea sie an. »Der Bär von Hohen-Esp?« wiederholte -sie gedehnt. - -»Verlangst du, daß ich ihn voll ersterbenden Respekts Herr Graf nenne?!« --- - -»Der Hohen-Esper rettete dich?« - -Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln. - -»Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter, und da muß ich dir -doch begreiflich machen, daß nichts an der ganzen Sache gefährlich war, -weder er noch der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde! -Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!« - -Einen Augenblick starrte Gräfin Sevarille, noch aufs höchste betroffen, -in das lodernde Kaminfeuer, dann faßte sie sich schnell und nickte sehr -lebhaft: »Du sollst mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen -einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also bereits kennen?« - -»Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt, der zuspringt, -wenn einem der Schirm hinfällt!« - -Thea lachte gedämpft. »So stellte er sich nicht vor?« -- - -»Nein! Ich glaube nicht, daß der Einsiedler aus dem Hinterwald schon -Knigges Umgang mit Menschen studiert hat!« - -»Vorzüglich! Du bist fabelhaft amüsant, Gabriele! Und sehr gut warst du -nie auf diesen Bär zu sprechen! Weißt du noch, wie du damals -- hier an -derselben Stelle -- einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und -ruhmlosen Grafen nie zu erhören, und wenn er zehnmal dir zu Füßen liegen -sollte?« - -»Nein, diesen Schwur vergaß ich nicht und gedenke ihn auch unter allen -Umständen zu halten!« spottete Fräulein von Sprendlingen mit demselben -verächtlichen Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. -- - -»Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das erste Kapitel zu -einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!« - -Theas Augen schillerten, sie rückte eifrig näher und verschlang die -Hände um das Knie. - -»Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt nicht die -Ansichten wie die Handschuhe, -- das wäre erbärmlich! Es wäre nur recht -bedauerlich, wenn der arme Parzival sein Herz ernstlich an dich -verlöre!« - -»Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und Zylinder >Parzival<? -Verzeih' die Offenheit, aber ich finde es als eine grobe -Geschmacksverirrung!« - -»Warum das? -- Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp nicht genau mit dem -von König Gamurets Sohn überein?« - -»Das ich nicht wüßte!« - -»Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret fiel im Kampf, -hinterließ seine Gemahlin Herzeleide, welche an allem Glück ebenso -verzweifelte, wie die Gräfin Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er -ebensowenig heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich Karl seinen -Erben in der Bärenburg! Und so steht es nun wörtlich bei Gustav Schalk -zu lesen: >O<, schluchzte Herzeleide und drückte den schönen Knaben -Parzival voll Zärtlichkeit an das Herz, >O, sähen dich, du liebes Kind, -die Augen deines Vaters, wie würden sie so innig lachen ob deiner -Schönheit! Wehe, wehe uns beiden, daß er dahinfahren mußte! Dich aber -will ich behüten vor solchen Fährlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter -werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und später als -friedlicher Landmann den Acker bauen!< - -... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gräfin Gundula sprach gewiß -ebenso, mit etlichen kleinen Veränderungen nur! >Wehe, daß er -dahinfahren mußte nach Monte Carlo! -- Dich aber will ich vor solchen -Versuchungen und Fährlichkeiten wahren, mein Guntram Krafft! Du sollst -kein Leutnant werden, sondern fern in den Wäldern von Hohen-Esp -aufwachsen und als friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!<« - -»Vortrefflich! Du weißt ja großartig Bescheid!« - -»Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, mein Ideal, meine -Leidenschaft!« - -»Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist auch aller -mütterlichen Schlappheit zum Trotz _doch_ ein Ritter geworden, hat -Heldentaten getan und die Welt mit seines Namens Ruhm erfüllt, -- -dahingegen Graf Guntram Krafft? Was tat er?« - -»Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter zu sehr, um ihr -durch trotziges Scheiden das Herz zu brechen, wie der >ritterliche< -Parzival es tat!« - -Gabriele zuckte die Achseln. - -»Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von Hohen-Esp nur kein -Taschenmesser mitgegeben hat, daß er sich hier in die Finger schneidet!« - -»Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen gegen Männer, -welche sich nicht aus Patriotismus spießen und hängen lassen! Mag Graf -Guntram Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen -Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, -- _eins_ mußt du -ihm dennoch zugestehen, daß er hübsch ist! Bildhübsch! Reichlich so -schön wie jener Parzival, welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter -Schminke und Lampenlicht alle Welt bezauberte!« - -Thea hatte mit beinahe schwärmerischer Ekstase gesprochen, sie preßte -die Hände gegen die Brust und schaute träumerisch in das Schneetreiben -hinaus, Gabriele aber lachte ein wenig erstaunt und schüttelte den Kopf. - -»Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu haben wie ich! -Fürerst finde ich es nur schade, daß so männlich edle Züge einen solch -weichlich naiven Ausdruck tragen! Das kommt bei der Erziehung in -Waldeinsamkeit heraus! Aber gleichviel, -- er gefällt dir! Und das ist -viel Glück für den Bärenhäuter ...« - -»Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, und ich mag es nicht -hören!« - -»Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? So ganz =prima vista= -dich erobern lassen?!« - -Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm um die Sprecherin -und drückte ihr Gesichtchen mit den nervös bebenden Lippen an die -Schulter der Freundin. - -»Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich über einen neuauftauchenden -Heiratskandidaten lustig machen!« sagte sie leise, sehr innig und sehr -aufrichtig, »du Glückliche hast dein Teil erwählt, du wirst geliebt und -liebst wieder! Wenn du es auch noch ableugnest, -- wir wissen es doch, -daß du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn man so reich ist -wie du, kann man sich den Luxus gestatten, den Löwen der Saison an die -Rosenkette zu legen -- ich armes Wurm muß bescheidener sein und Gott -danken, wenn es nur ein Bär ist, dessen Herz ich bändige! -- Und er -gefällt mir schon jetzt so gut, dieser Bär! -- Gabriele! Du hast stets -gesagt, daß du meine treue, aufrichtige Freundin bist, betätige es! Hilf -mir, daß ich auch so glücklich werden möchte, wie du!« Ein seltsamer -Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen Nixenaugen. - -Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: »Wie schnell hat sich schon eine -gefunden, die dem Freier aus der Bärenhöhle mit offenen Armen -entgegenläuft!« -- -- aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kämpfte -auch den Widerwillen, welcher sie überkam, nieder, und antwortete so -freundlich, wie es ihr möglich war: »Wenn ich jemals etwas dazu tun -kann, dir das Herz des Grafen zuzuwenden, so soll es gewiß geschehen, -obwohl ich glaube und hoffe, daß er ohne fremdes Zutun solch einen guten -Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler anbelangt« -- -- die -Sprecherin erglühte bis auf den weißen Hals hinab, -- »so bist du -gewaltig im Irrtum, wenn du glaubst, daß ein einziges Wort zwischen uns -gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches Interesse. Wir -sind gute Kameraden, -- weiter nichts.« -- - -»Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! -- Apropos ... -der Hohen-Esper fährt heute Besuche. -- War er schon hier, und habt Ihr -ihn angenommen?« - -Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen Augen hervor und -forschte in dem Antlitz des Fräulein von Sprendlingen, Gabriele aber -griff gelassen nach ein paar Karten, welche zwischen den Büchern des -Nebentischchens lagen und reichte sie dar. - -»Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama die Karten herüber, -soviel ich weiß, hat sie den hohen Besuch empfangen, -- ich selber ließ -mich entschuldigen, ich sei noch bei der Toilette!« - -»Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! So etwas -brächte keine andere fertig!« -- - -Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der Komtesse auf der -Karte, sie war plötzlich sehr guter Laune, strahlend heiter und -vergnügt. »Guntram Krafft, -- Graf Bär von Hohen-Esp«, las sie mit viel -Pathos. »Wie entzückend das klingt! Das mußt du selbst eingestehen, -Liebste!« - -»Der kleinste Titel darunter würde mir mehr imponieren wie der ganze -Namen!« klang es trocken zurück. - -»Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amüsant, ich bewundere dich! -Doch nun =addio, cara mia=, ich muß heim!« -- und Thea schob die -Visitenkarte in ihren Muff und griff hastig nach der Jacke. - -»Bleib' doch noch! es gibt gewiß noch mancherlei zu berichten?!« -- - -Aber Komtesse Sevarille hatte es plötzlich sehr eilig. - -»War der Graf denn schon bei euch?« fragte Gabriele noch zum Abschied. - -Sie nickte flüchtig. »Die Tournee fängt ja meistens in unserer Straße -an! -- Empfiehl mich bitte deiner lieben Mutter ... und nochmals -- -=addio!=« -- - -Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die Treppe hinab. - -Auf der Straße überlegte sie einen Augenblick. Sie wußte genau, nach -welcher Liste die Visiten zumeist abgefahren wurden, ihrer Berechnung -nach mußte Graf Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjägermeisters -gekommen sein. Hastig schritt sie aus. - -Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus wie selten zuvor. - -Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram Krafft saß, in eine -Nebenstraße einbiegen. - -Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der Oberjägermeisterin -machen und noch einmal mit dem Grafen zusammentreffen, -- »doppelt -genäht reißt nicht!« sagt ein altes Sprichwort, und außerdem möchte sie -es dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, daß sie heute nachmittag auf dem -Eis zu treffen ist. Auch Gabriele wird sie nennen, -- als Lockvogel. -- - - * * * * * - - - - -X. - - -Der erste Hofball! - -Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme. - -Alter Tradition gemäß muß es an Hofballtagen besonders kalt sein, ein -frisches, fröhliches Schneegestöber muß die Luft erfüllen, und die -Parkbäume und Bosketts rings um das herzogliche Schloß herum haben die -Verpflichtung, weiß bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, das Auge zu -erfreuen, denn niemals sieht der malerische Rokokobau schöner und -märchenhafter aus, als wie mit strahlend erleuchteten Fenstern inmitten -der verschneiten Winterlandschaft. - -Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden Streifen über die -weißen Samtdecken der Rasenflächen, werfen flimmernde Reflexe auf dem -gefrorenen Teich und glühen wie starre Augen durch die immergrünen -Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten in den fleckenlosen -Hermelin des Winters zeichnen. -- - -Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, wo ein mächtiges, -eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit den inneren Schloßhof -abschließt. Da staut sich die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick -in das glänzend erleuchtete Vestibül zu werfen, wo mächtige -Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die verträumten Blattwedel -über Marmorfiguren breiten. - -Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen und -Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden -Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden -Gästen und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher -Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie -ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern über die Purpurteppiche -rauschen. - -Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem Sockel einer Karyatide -und umfaßte mit staunendem Blick das üppige Bild, welches sich seinen -Augen bot. - -Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und -Gemächern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser -strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert -war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen -vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim -brannte höchstens das Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder -schaukelte sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem Fünkchen -gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl -junges, schmuckes Blut, solch eine Blütenlese reizender, -vornehm-schlanker Mädchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor -geschaut, und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette deuchte -ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, nüchterner Verstand nicht -zu lösen vermochte! -- - -Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen -einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf -Euer Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! Das darf aber -nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn der Herr Graf diesen ersten -Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie -stellen sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst mal -genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bißchen über die -einzelnen orientieren. Auf diesen großen Bällen ist es nicht nötig, daß -man sich jeder einzelnen Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren -und Adjutanten müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann -den Staats- und Hofdamen, den Marschällen und dem Zeremonienmeister vor, -und die sorgen dafür, daß der Herr Graf den hohen Herrschaften -präsentiert werden! -- Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man wird -alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und Treiben in Fürstenschlössern, -und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst -ein bißchen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rücken hat, -ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom stürzt, kann -man nicht darin ertrinken! -- Das nächste Mal mischen Sie sich dann -schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen -kennen und amüsieren sich herrlich!« - -Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich -und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem -Gefühl der Verzauberung um sich zu schauen. - -Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschäftigung -und ein schöner Vorwand, länger verweilen zu können. - -Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend und die guten -Bekannten begrüßend, all die wunderholden Frauen und Mädchen, mit -schimmernd-weißen Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten -Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben. - -Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, und fürnehmlich, -wenn es so sinnbetörend und hübsch ist, wie eine junge Dame in großer -Toilette. - -Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, welche daheim -der Mutter majestätische Gestalt umwallen, nicht die schweren Düffel-, -Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes -kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und -silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war -ein Traum! - -Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, Seide und Samt, -- wie -die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider -wehen! -- Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen, -welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen! - -Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt in die Kreppwogen -und in die reizend frisierten Haare, keine frischen, lebenden Blumen, -wie Guntram Krafft zuerst geglaubt, sondern wunderbar täuschend -nachgeahmt, mit Blättern und Knospen, Blüten, wie man sie in gleicher -Schönheit kaum im Lenz beisammensieht! -- - -Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen! - -Über Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie ein versteinerter -Funkenregen, in allen Farben der Iris leuchtend, -- Diademe über der -Stirn, goldene Spangen um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen -besonders tief und schwärmerisch blicken, da glänzen die zauberschönen -Schätze des Meeres, die Tränen der Nixen und Meerfrauen, welche die -Menschen Perlen nennen! - -Gar mancher Blick hat den Bär von Hohen-Esp gestreift, gar manch leises -Wort ist über ihn gewechselt und manch rote Lippe hat seinen Namen -genannt, -- auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen -Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit sein fremdes -Bild gemustert. - -Er trägt zum erstenmal einen Frack -- die weiße Binde und Weste -- zum -erstenmal die spiegelnden Lackschuhe an den Füßen. - -In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und weil sich der Einsiedler -aus der Bärenhöhle so ungewohnt darin vorkommt, fühlt er sich beklommen -und geniert. - -Die Zahl der Gäste lichtet sich, es scheint nun die höchste Zeit zu -sein, die Säle zu betreten, und langsam steigt Guntram Krafft die Treppe -empor. - -Er mustert die überlebensgroßen Gemälde fürstlicher Ahnherrn an den -Wänden, er atmet schwer und tief den berauschenden Duft, welcher ihn -geheimnisvoll umweht. Sind es die Veilchen, welche Gabriele jüngst im -Schlitten getragen? -- - -Wie haben seine Blicke Fräulein von Sprendlingen gesucht, -- wie zuckte -sein Herz empor, als er sie noch im letzten Moment droben an der -Treppenbiegung erblickte. Sie wandte just das Köpfchen und schaute -zurück, ein paar jungen Damen drunten zuzunicken. - -Ihr Blick streift auch ihn, -- aber so fremd, so kühl, als habe sie ihn -nie im Leben gesehen. - -Wieder überkommt ihn ein Gefühl banger Ungeduld. - -Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit sie auch mit ihm -plaudert und ihn abermals anlächelt wie damals auf der Straße, als er -ihre schlanke Gestalt in den Armen emporhob und sie sekundenlang an -seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie steht ein -diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden zu begrüßen. - -Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswürdig entgegen, nennt -seinen Namen und spricht seine Freude aus, wieder einen Vertreter der -Familie von Hohen-Esp hier begrüßen zu dürfen. - -Er spricht mit leiser Stimme, sehr höflich und verbindlich, dennoch -liegt etwas Zeremonielles in seinem Wesen, und sein Händedruck ist mehr -förmlich wie herzlich. - -Er geleitet den Neuling auf höfischem Parkett bis zu dem nächsten Saal, -welcher seinen Namen von den kostbaren alten Gobelins, die seine Wände -schmücken, erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis zu -dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. Zwei Adjutanten in -großer Uniform halten sich in der Nähe der Tür auf, treten eilig herzu, -und der Kammerherr stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn bei -den jungen Damen bekannt zu machen. - -Ein paar sehr liebenswürdige Worte der vielbeschäftigten Herren, welche -Guntram Krafft mit der ehrlichen Versicherung, daß er sich freue, diesem -Feste beiwohnen zu können, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger -Leutnant hinter ihm einen unverständlichen Namen und offeriert die -silberne Schale mit den Tanzkarten. - -Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins der eleganten -Kartonblätter, auf welchem unter dem farbigen Fürstenwappen eine Anzahl -Tänze notiert ist, von welchen er kaum die Namen kennt. - -»=The lancers=« -- »Menuett der Königin« -- »Ouadrille =à la cour=« --- nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp fremd geblieben. - -Polka und Walzer, -- ja, die hat er voll fröhlichen Übermuts bei dem -Hauslehrer gelernt und zeitweise in der »blauen Woge« praktisch -angewandt, wenn irgendein besonderes Fest die Anwesenheit des gräflichen -Schirmvogts erforderte, -- er hat da unwillkürlich ebenso mitgetanzt wie -die wetterharten Fischer, Matrosen und Seeleute es vorgemacht; und daß -man in Lackschuhen, auf höfischem Parkett doch ein bißchen anders walzt -wie in dem weltfremden Fischerdorf -- das sieht der Bär von Hohen-Esp -nur allzugut ein. Er verzichtet darum darauf, zu engagieren, obwohl -einer der Adjutanten sich mit ihm durch die Menge drängt und den Versuch -macht, ihn den Damen vorzustellen. - -Lauter fremde Gesichter, -- wie rosige Nebel wallt es vor den Augen des -Grafen, er verneigt sich stumm und vermag kaum, die einzelnen jungen -Mädchen mit dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu merken, -welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren schwirren. - -Wozu auch? -- Er sucht nur ein einziges Antlitz, er lauscht nur auf -einen einzigen Namen, und just darauf vergeblich. - -Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, hartes Klopfen auf -dem Parkett ertönt, die lachenden, schwatzenden Stimmen wie mit -Zauberschlag verstummen und die Damen hastig nach der einen Seite des -Saales, die Herren nach der andern zurückweichen. - -Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschäftig »die Fronten« auf und -ab, herüber und hinüber werden noch ein paar Scherzworte und Grüße -getauscht, dann klopft es abermals, die vergoldeten Flügeltüren schlagen -auf, und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten die hohen -Gastgeber, von den Privatgemächern kommend, den Saal. -- - -Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links. - -Die Herrschaften grüßen voll gewinnendster Leutseligkeit, lächeln und -schreiten langsam durch die spalierbildende Jugend. - -»Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?« fragt Guntram Krafft -den jungen Leutnant, an dessen Seite er zufällig steht, ein wenig -betroffen, als der Hof in der gegenüberliegenden Tür verschwindet, und -der Angeredete klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem bartlosen -Gesicht die Hacken zusammen. - -»Herrschaften treten fürerst in den Thronsaal, um die älteren Damen und -Herren zu begrüßen! Findet in der Regel kleiner Cercle statt, aber dann -geht es sofort los! -- Werden uns gleich hier durch die Galerie in den -Tanzsaal begeben. -- Haben der Herr Graf schon alle Tänze besetzt?« - -»Nein! Noch nicht einen einzigen.« - -»Ah ... fatal ... sind ein wenig spät gekommen, ist aber kein Mangel an -Tänzerinnen! Im großen Saal läßt sich das erst richtig übersehen.« - -»Ich möchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur als Schauspiel auf -mich wirken lassen!« - -»Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergnügen, auf einem wie ein -Präsentierteller großen Raum zu tanzen! Furchtbare Fülle heut! Man -findet sich kaum durch! Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit -den Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle Stars sind -vollzählig vertreten.« - -»Wer gilt für die schönste der Damen?« - -Der junge Offizier lacht: »=Mon Dieu=, Verehrtester, das ist schwer zu -sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! Da ist die Hofdame der -verwitweten Prinzeß Amalie, -- Gräfin Dollen, eine vielgerühmte -Schönheit, aber kühl ... kühl bis ans Herz hinan ... dann Fräulein von -Lochau, pikant ... amüsant ... kapriziös.., Baronesse Sprendlingen, -bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll ... Fräulein -Karola von Erlau-Föhrbach, Tochter des Ministers ... ein -Tanagra-Figürchen voll größten Charmes ... aber pardon ... wir wollen -uns in den Tanzsaal begeben, damit die höchsten Herrschaften allzugleich -das Zeichen zum Beginn des Tanzes geben können ... Sie gestatten, Herr -Graf ...« und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander -und schießt davon, um einer zierlichen kleinen Blondine den Arm zu -bieten und sich dem »Zug nach dem Westen« anzuschließen. - -Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm vorüber, und Guntram -Krafft steht -- um eines Hauptes länger denn alles übrige Volk -- ruhig -beiseite und überfliegt mit suchendem Blick die bunte Menge. - -»Fräulein von Sprendlingen, -- bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt -und anspruchsvoll!« klingt es noch wie ein Echo vor seinen Ohren, und -dann denkt er wie in jubelnder Freude daran, daß er nicht zu tanzen -braucht, sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann. - -Und wie er mechanisch über die Menge hinblickt, -- da zuckt er plötzlich -empor und ahnt es nicht, daß ihm alles Blut in die Wangen steigt. - -Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Köpfchen auf. Sie scheint es -nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu erreichen. - -Sie hat einen großen, zartduftigen Marabu-Fächer entfaltet und bewegt -ihn mechanisch vor dem Busen auf und nieder. - -Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz zarter, maigrüner -Hauch, durch welchen sich ein Silbergekräusel zieht, und die -wunderschönen Arme gleißen im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo -sah er sie schon? - -Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche ihm die Perlenschnur -entgegenreichten. Perlen! - -Nein, diesmal träumt er nicht! - -An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem Glanz, eine Kette mit -einem Brillantschloß ... und sie neigt den Nacken graziös zurück und -lächelt zu einem Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schöne Worte zu -sagen scheint. - -Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die letzten im Saal, und -Guntram Krafft begreift es in dem Augenblick selber nicht, woher er den -Mut nimmt, aber er steht in dem nächsten Augenblick vor den beiden, -verneigte sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen. - -»Darf ich um einen Tanz bitten, mein gnädiges Fräulein?« - -Sie schaut ihn mit den großen hellen Augen einen Moment sprachlos an, -das Lächeln schwindet, ihre Lippen zucken ein Gemisch von Stolz und -schroffer Abweisung. - -»Bedaure, meine Tänze sind vergeben!« sagt sie kurz, klappt den Fächer -zu und legt ihre Hand auf den Arm des Offiziers, um hastig -weiterzuschreiten. Herr von Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit -kurzer Verneigung genannt und den Bär von Hohen-Esp mit etwas ironischem -Blick gemustert, dann flüstert er seiner Tänzerin ein paar Worte zu, und -beide entschwinden in die Galerie. - - * * * * * - - - - -XI. - - -Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos und starrte der -entzückenden Erscheinung des jungen Mädchens nach. - -Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gestürmt war, schoß ihm in -die Wangen, und ein Gefühl tiefster Mutlosigkeit überkam ihn. - -Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem Benehmen der beiden eine -Zurücksetzung oder Unhöflichkeit zu sehen; es erfüllte ihn nur mit -tiefer Betrübnis, daß er zu spät gekommen war, und sein erster Gedanke -war der, daß Gabriele wohl erwartet hatte, er werde früher den Weg zu -ihr finden, um sie zu engagieren. - -Fraglos war sie über sein langes Zögern ungehalten, denn zuvor hatte sie -ihn doch nicht mit diesen stolz und kühl schimmernden Augen angesehen! - -Sie lächelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem Schnee emporhob, und -als sie zuerst in das Theater trat und seiner ansichtig wurde, da -spiegelte es sich in ihrem Gesicht, daß sie ihn wiedererkannte, und -abermals flog das süße, bezaubernde Lächeln um ihre Lippen. Nun zürnt -sie ihm! - -Wie soll er sich ihr wieder nähern, um sie zu versöhnen? - -Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen doch so allein. - -Und sehr freundlich ist niemand zu ihm, keiner scheint Zeit und Lust zu -haben, mit ihm zu plaudern. - -Dieses Empfinden macht ihn noch befangener wie zuvor, und er, der noch -nie ein Gefühl der Furcht gekannt, der sich todesmutig auf die brüllende -See hinauswagte, voll kühnen Trotzes dem Tode sein Opfer abzuringen, er -wagte es kaum noch, die Schwelle des Tanzsaals zu überschreiten, er -steht zaudernd und verzagt beiseite und fühlt es plötzlich, wie heißes, -ungestümes Heimweh sein Herz erfaßt. - -Jubelnde Tanzweisen erbrausen durch die weitgeöffneten Saaltüren, -- er -hört nur noch den Klang von Gabrieles herben Worten, -- eine bunte, -glitzernde, farbenprächtige Menschenflut wogt vor ihm und lockt mit -tausend Wundern, -- er aber sieht nur noch zwei kalte, helle, -kristallfarbene Mädchenaugen, welche ihn ansehen, daß er bis in das -tiefste Herz hinein friert. -- - -Wie einsam, wie verlassen ist er auch hier! -- Wie empfindet er es noch -so viel schmerzlicher, als daheim in seiner Mutter Haus! - -Da klingen leise, schnelle Schritte neben ihm, und eine milde, -freundliche Stimme spricht ihn an. -- - -»Dachte ich es mir doch, Graf, daß Sie nach der ersten Niete, welche Sie -gezogen, kaum noch Lust verspüren, in das volle Menschenleben -hineinzugreifen! -- Schade, daß ich Sie vorhin erst im Vorübergehen -entdeckte und erst pflichtschuldigst meine Tour abtanzen mußte, ehe ich -Sie holen konnte! Ich hätte Ihnen gern Gabrieles Abweisung erspart!« - -Guntram Krafft hatte überrascht den Kopf gewandt. - -Er blickte in die sehr sanften, liebenswürdigen Augen der Komtesse -Sevarille. - -Wie ein Aufatmen nach banger Spannung ging es durch seine Seele. - -»O, Komtesse ... Sie gedenken meiner ... Sie nehmen meiner so freundlich -wahr?!« stotterte er mit aufleuchtendem Blick und kämpfte gewaltsam -seine Verlegenheit nieder. - -»Selbstverständlich, Graf! >Wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich -zum Berg!< sagt Mohammed, und nach diesem praktischen Beispiel möchte -auch ich handeln. -- Ich kann mich so lebhaft in Ihre Situation hinein -versetzen! Sie sind fremd hier, alles mutet Sie ungewohnt an, und -niemand von diesen hastigen, vielbeschäftigten Menschen hat Zeit, Sie -ein wenig in die Sitten und Gebräuche der großen Welt einzuführen!« - -»Nur Sie allein, Komtesse, wollen diese große Freundlichkeit haben?« - -»Wenn Sie sich meiner Fürsorge anvertrauen wollen, Graf?« lächelt sie -herzgewinnend zu ihm auf: »Es sollte mich aufrichtig freuen, wenn ich -recht viel zu Ihrem Amüsement beitragen könnte!« - -»Ich danke Ihnen von Herzen!« Er sagt es sehr warm und herzlich und -blickt ihr so ehrlich in die Augen wie ein Kind: »Wie schade, daß ich -diesen freundlichen Schutzengel nicht früher fand! Sie hätten mich gewiß -beizeiten zu Fräulein von Sprendlingen geführt, damit ich noch einen -Tanz und nicht einen Korb von ihr erhalten hätte!« - -Thea lächelt und zuckt die nicht allzu runden Schultern. - -»Auf jeden Fall hätte ich Ihre Bitte um den Tanz zu gelegenerer Zeit -angebracht wie Sie!« - -»Gelegenere Zeit?« - -»Sahen Sie nicht, wie sehr vertieft Gabriele und Herr von Heidler in -ihre Unterhaltung waren?« - -Der Bär von Hohen-Esp wurde abermals rot, als wäre er auf einer Sünde -ertappt. - -»Nein ... das sah ich nicht!« -- - -»Herr von Heidler macht ihr sehr die Cour! Wer weiß, was er ihr gerade -sagen wollte, als Sie so störend dazwischentraten!« - -Der Graf blickte sie starr, wie verständnislos an. »Ah!« sagte er nur. - -»Und weil Sie fraglos einen sehr lyrischen Augenblick abkürzten, sah -Gabriele Sie nicht sonderlich freundlich an!« - -»Sie liebt ihn?« - -»Ich glaube es wohl, -- die ganze Stadt wenigstens erzählt es sich als -Tatsache!« - -Wie groß und geisterhaft seine Augen sie anstarrten! - -»Sie sind schon verlobt, die beiden?« - -»Das weiß man nicht genau, aber man vermutet es! -- Nun aber kommen Sie, -lieber Graf! es gibt noch so viele reizende Damen im Saal, welche alle -sehr gern mit Ihnen tanzen möchten! Sehen Sie hier, meine Tanzkarte! Ihr -Name fehlt auch noch darauf, und den Kotillon habe ich speziell für Sie -aufgehoben!« - -»Ich kenne diesen Tanz nicht, Komtesse ... außer Polka und Walzer lernte -ich keine Reigen.« - -»Gut! So setzen wir uns während dieser Zeit und sehen zu! Ich erkläre -Ihnen die einzelnen Touren, und das nächste Mal wirbeln sie flott mit -mir herum!« - -»Das wäre sehr gütig, Komtesse!« er spricht wie einer, dem die Kehle -zugeschnürt ist. - -»Kommen Sie mit! Führen Sie mich in den Saal zurück! Wir haben eine sehr -lustige, kleine Ecke gebildet, und wenn ich Sie all den jungen Damen und -Herren bekannt mache, werden Sie sich vortrefflich amüsieren!« - -Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und blickt zu ihm auf. - -So gütig und freundlich wie sie sah ihn noch niemand hier in der -Residenz an. - -Das fällt wie Sonnenschein in sein Herz. - -»Ich danke Ihnen, Komtesse!« sagt er noch einmal; er möchte so gern mehr -sprechen, aber er weiß nicht was. Er hat es nicht gelernt, das leichte, -amüsante Geplauder, er vermochte auch nicht in diesem Augenblick von -gleichgültigen Dingen zu reden, jetzt, wo sein Herz zum erstenmal im -Leben schmerzt, als sei ihm ein grenzenloses Leid widerfahren. - -Aber Gräfin Sevarille scheint keine Unterhaltungskünste von ihm zu -verlangen, ihre dunklen Augen lachen fröhlich zu ihm auf, und sie -spricht statt seiner, während sie nach dem Tanzsaal schreiten. - -»Wissen Sie, Graf, was ich glaube? Sie finden unsere große Stadt, unsere -lebhaften Feste, all die modernen Sitten und Gebräuche fürerst ganz -greulich und sehnen sich heim in den köstlichen Frieden Ihres stillen -Strandschlosses! O wie sehr begreife ich das! Auch für mich gibt es -kein besseres Glück als eine Landidylle! Warum sehen Sie mich so -erstaunt an? Scheint Ihnen das so unbegreiflich?« - -Sein Blick haftet noch immer überrascht auf ihrem blassen Gesichtchen. -Er muß sich beinahe herabbeugen, wenn er in ihre Augen schauen will, die -sehr kleine, puppenhafte Gestalt hängt wie ein verwehtes Sommerwölkchen -an seinem Arm. - -»Ja, das finde ich sehr unbegreiflich, aber es freut mich um so mehr, es -zu hören. Ich glaubte, die Leute der großen Welt hätten gar keinen Sinn -und kein Verständnis mehr für die kleinen Genien des Friedens, welche -sich aus dem Häuserlabyrinth heraus zu uns in die Stille der Wälder -geflüchtet haben. -- Lebten Sie längere Zeit auf dem Lande, Gräfin, daß -Sie es liebgewannen?« - -»Längere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur ganz kurz und flüchtig -lernte ich seinen Zauber kennen, und darum glüht die Sehnsucht desto -heißer in meinem Herzen! -- Sie müssen mir viel von Ihrer Heimat, von -Ihrem Leben und Treiben dort, erzählen, Graf! Nachher setzen wir uns -abseits auf einen Diwan in der Galerie, und dann wollen wir beide mit -allen Gedanken so sehr in Hohen-Esp sein, daß Ihr Heimweh bald schwinden -soll! Fürerst aber möchte ich Sie recht vielen Damen vorstellen, damit -Sie ...« - -Er blieb zögernd stehen und blickte in die offene Saaltür ein, vor -welcher Kopf an Kopf die Herren in glänzenden Uniformen standen und mit -mehr oder minder harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten. - -»Ein Plaudern in der Galerie dürfte also viel lohnender sein wie ein -solches im Saal!« sagte er leise, und die Lichter flirrten vor seinem -Blick, und die schmetternden Musikklänge taten ihm weh. »Lassen Sie uns -also doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich diesen Tanz -für mich opfern wollen!« - -»Opfern?« -- sie neigte das Köpfchen mit den leuchtend roten -Granatblüten zurück und lächelte: »Nicht im mindesten, -- der Tanzsaal -lockt mich ebensowenig wie Sie! Darin bin ich so grundverschieden von -meiner Freundin Gabriele, daß sie sich einzig inmitten des amüsantesten -Getriebes wohlfühlt, während mein Sinn sich seit jeher nach der -beschaulichen Ruhe sehnte.« -- Sie setzte sich auf den weißen, -golddurchwirkten Brokat des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres -Kleides leuchtete unter den duftigen Tüllwogen, und hinter ihr baute -sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederbäumen auf, welche die -blühenden Zweige über ihr Köpfchen neigten. - -Es war ein hübsches, anmutiges Bild, aber Guntram Krafft sah es nicht. - -Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen Augen, und aus allen -Worten seiner Partnerin hörte er nur das eine heraus, daß Gabriele sich -einzig bei Spiel und Tanz wohlfühle. - -Mechanisch setzte er sich an die Seite der Gräfin nieder. - -»So würde Fräulein von Sprendlingen nie auf dem Lande glücklich sein?« - -»Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist ja auch gut, denn -aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie in eine Großstadt heiraten, da -bleibt ihr ja alles zur Verfügung, woran ihr Herz hängt! -- Nun aber -sagen Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten Frau -Mutter? Ich hörte durch einen Freund meines Vaters so viel von ihr -erzählen, daß ich die seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne -sie zu kennen! Sie muß ja in ihrer Jugend bildschön gewesen sein, und so -fabelhaft liebenswürdig ... nicht wahr? Sie sehen ihr sehr ähnlich?« - -Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte Eloge aus -diesen Worten herauszuhören, er schaute sie nur abermals voll -aufrichtigen Dankes an. - -»O, wenn Sie sehen würden, was meine Mutter leistet, Komtesse, welch -eiserne Energie, welch unermüdlichen Fleiß sie besitzt, Sie würden sie -nicht nur lieben, sondern auch bewundern und verehren! Wenn die Bären -von Hohen-Esp in alter Zeit die Schirmvögte des Landes gewesen sind, -welche ihre starke Hand über die Schwachen und Notleidenden breiteten, -so hat meine Mutter diese Zeit in ihrer Person wieder aufleben lassen! -Wenn mancher Schiffbrüchige ahnte, wessen milde Hand ihn ins Leben -zurückgerufen, der Name der Gräfin Gundula würde bekannter sein, als wie -er es ist!« - -»Was für ein guter Sohn sind Sie! -- O, es ist ein Genuß, wenn man so -von einer Mutter sprechen hört! Warum wirkt die herrliche Frau so ganz -inkognito? Legt sie denn gar keinen Wert darauf, auch von der Welt -anerkannt zu werden?« - -»Von der Welt? Die ist ihr sehr gleichgültig!« - -»Und wie denken _Sie_ darüber?« - -»Genau ebenso!« - -»Sie streben nicht nach äußeren Ehren, nach Rang und Würden?« - -Seine großen blauen Augen blickten sie verständnislos an. - -»Nein! Was sollten die mir nützen?« - -Sie schlang die kleinen Hände staunend ineinander. - -»O, Sie Kinderherz! Wissen Sie nicht, daß der Ehrgeiz die Triebfeder -jedweden modernen Schaffens und Handelns ist?« -- - -»Ich weiß es wohl, aber ich verstehe es nicht. Mir genügt der Beifall -von zweien vollkommen.« - -»Von welchen zweien?« - -»Von Gott dem Herrn und meiner Mutter!« - -»Ihre Mutter kann Ihnen wohl ein Lob sprechen und Sie dadurch beglücken, --- der Beifall Gottes dürfte aber nur eine Illusion sein, denn er ist -durch nichts zu beweisen!« - -Wieder traf sie sein klarer, ernster Blick. - -»Durch nichts im Sinne der Welt, -- und doch ist er so fühlbar. Haben -Sie es nach einer guten Tat noch nie im innersten Herzen bestimmt -gefühlt und gewußt, daß Gott mit Ihnen zufrieden war? -- Der Beifall -der Menge mag schön sein, aber solch ein Gefühl glückseliger Erhebung -und frommer Zufriedenheit, wie ich es als Gottes Segen empfinde, wenn -ich meine Schuldigkeit und vielleicht noch ein wenig darüber ... getan, -das kann aller Lorbeer der Welt nicht geben!« - -Thea blickte vor sich nieder. - -Hatte sie je eine gute Tat getan, hatte sie jemals derartiges empfunden? --- - -Sie zupfte ein wenig ungeduldig an den roten Blüten ihres Kleides; nur -mit Mühe unterdrückte sie ein ironisches Lächeln, aber sie bewegte -zustimmend den Kopf und sagte beinahe träumerisch: »Und ob ich dies -Gefühl kenne! Sie glauben gar nicht, Graf, _wie_ sehr Sie mir aus der -Seele sprechen! Darüber müssen wir noch viel eingehender plaudern ... -ah, Herr von Stetten! Holen Sie mich etwa schon zu unserer Française?« - -Der Vortänzer stand vor ihnen und verneigte sich hastig mit sehr -scharmantem Lächeln. - -»Leider darf ich mich noch nicht so glücklich preisen, Komtesse, während -eines ganzen Galopps bin ich noch verurteilt, auf diesen Vorzug zu -warten! Jetzt gilt mein störendes Eingreifen lediglich dem Herrn -Grafen!« -- Abermals eine sehr höfliche Verneigung vor Guntram Krafft, -welcher sich erhoben hatte und den Gruß erwiderte. »Der Kammerherr von -Rheinsberg sucht Sie aller Ecken und Enden, Graf! -- Seine Hoheit der -Herzog haben den Wunsch geäußert, Sie zu sprechen! -- Auch dürfte es -alsdann gelegene Zeit sein, daß Sie den fürstlichen Damen präsentiert -werden!« - -»Ich stehe zur Verfügung, wollen Sie die Güte haben, mich dem Herrn -Kammerherrn zuzuführen. Ich bitte um Verzeihung, Komtesse, und stehe -bald wieder zu Diensten.« - -Wie altmodisch und wohlerzogen das klang! So recht nach Gräfin Gundulas -vergilbter Schule; Thea wollte es eigentlich nicht, aber sie wechselte -doch einen schnellen Blick mit Herrn von Stetten, um dessen Lippen ein -recht scharfes Zucken ging. - -Dann schritten die beiden Herren eilig davon, und Komtesse Sevarille -erhob sich ein wenig gelangweilt und wandte sich dem Saale zu. - -»Thea!« -- - -Beinahe erschrocken schaute sich die Gerufene um. Hinter dem Boskett -hervor traten Frau und Fräulein von Sprendlingen, sie hatten auf einem -zweiten Wandpolster, welches ganz versteckt hinter der grünen Kulisse -stand, gesessen und waren weder von der Komtesse noch von dem Grafen -Hohen-Esp bemerkt worden. - -»Gabriele ... gnädigste Frau ... um alles in der Welt -- was tun Sie -hier?« - -Baronin Sprendlingen schritt mit einem merklich kühlen Gruß und ganz -seltsam scharfem Blick an der jungen Dame vorüber, Gabriele aber blieb -stehen und lachte. - -»Solch indiskrete Lauscher hattest du nicht vermutet? Je nun, wenn man -Pech hat! Als ich ein einziges Mal herumgetanzt hatte, riß mir plötzlich -die Perlenschnur am Hals -- zum Glück konnte ich sie gleich in der Hand -zusammen fassen! Mama stand in meiner Nähe, wir flüchteten uns hierher -in dieses lauschige Versteck, nahmen ein paar Perlen heraus, und Mutter -knüpfte den Faden so gut es ging zusammen. Ich denke, jetzt wird sie -halten. Du weißt, ich liebe einen völlig nackten Hals nicht.« -- - -»Und diese Prozedur dauerte so lange?« - -Thea sah ein wenig verlegen aus und bemühte sich, desto harmloser zu -erscheinen. - -»Gerade als wir uns erheben wollten, kamst du mit dem Bären und setztest -dich Posten, -- da wollten wir nicht stören.« - -Das war lachend gesagt und klang doch wie feiner Spott. - -Auch Thea lachte. »Hast du dich an den Bekenntnissen seiner schönen -Seele recht delektiert? Wie gefiel dir die Ansicht dieses prächtigen -Menschen über eitle Ruhmsucht? O Gabriele, du glaubst gar nicht, -_wie_ gut er mir gefällt!« -- - -Die Komtesse flüsterte es sehr schwärmerisch, und doch hing ihr Blick in -scharfem Forschen an dem reizenden Antlitz der Freundin, einer sehr -abfälligen Kritik gewärtig. - -Aber Gabriele sah an ihr vorüber und sagte nur kurz: »Er ist ein Kind!« - -»Ja, ein goldenes Kinderherz!« - -»Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man nicht! Wem nie der -Gedanke kam, daß man nicht nur für sich, sondern in erster Linie für -andere leben muß, dem genügt ein Seelenfrieden, welchen das Bewußtsein, ->nichts Böses begangen zu haben<, verleiht.« - -»Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf dem Lande Gelegenheit -finden, sich um ein großes Ganzes, um Fürst und Vaterland, verdient zu -machen!« - -»Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll er sich von seiner -Bärenhaut aufraffen, in die Welt hinausziehen und Taten tun! -- Aber wir -streiten da um Kaisers Bart; ich glaube kaum, daß der Graf uns jemals um -unsere Ansicht befragen wird, -- die seiner Mutter genügt ihm!« - -Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz so spöttisch mehr -wie früher. - -Fräulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren zu, welche -augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet hatten und die junge Dame um -eine Extratour bestürmten. - -Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte, -- und sie tat es, -wie eine Königin, welche einem Vasallen eine herablassende Huld erweist, --- so war auch Gräfin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware und -flog ebenfalls im Arm eines Tänzers auf feurigen Galoppklängen dahin. - --- -- Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt und wurde von dem -hohen Herrn durch eine ganz besonders gnädige und lange Unterhaltung -ausgezeichnet, und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so -zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat plötzlich fest und -sicher auf, wie ein Mann, welcher über schwankendes Moorland geschritten -ist und nun wieder festen Boden unter den Füßen fühlt. - -Er wuchs unter dem Blick seines Fürsten empor zu dem alten, frischen -Selbstbewußtsein, welches ihm die heimatliche Scholle gab, er redete -frank und frei, in seiner schlichten, treuherzigen Weise, welche klug, -verständig und liebenswürdig klang, -- wenig von sich selber und seinem -Tun und Handeln, aber dafür desto mehr von seiner Mutter. -- Die -begeisterte Verehrung für die Gräfin leuchtete ihm aus den Augen, und -durch die Seele des Fürsten zog wie stille Wehmut der Gedanke: »Um -wieviel reines und schönes Glück hat sich sein Vater selbst betrogen!« - --- Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen Grafen war ein ganz -ersichtliches, er führte ihn persönlich der Herzogin und Prinzessin -Amalie zu, und auch diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse. - -Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses wechselten ebenfalls ein -paar liebenswürdige Worte mit ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas -neugieriges Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen -Sonderling als der Person des Grafen galt. - -Den Damen gegenüber stellte sich sogleich wieder eine gewisse -Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinfühligkeit empfand er es -selber sehr peinlich, wie wenig gewandt er im Verkehr mit denselben war. - -Gabriele hatte während des Tanzes zufällig in der Nähe des Herzogs -gestanden, als hochderselbe den Bären von Hohen-Esp durch seine -Ansprache auszeichnete. - -Ihr Blick streifte die Sprechenden und schärfte sich plötzlich, als er -das Antlitz Guntram Kraffts traf. - -Die Veränderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, -- sie war sehr -vorteilhaft. - -»Sehen Sie doch, mein gnädiges Fräulein« -- lachte auch ihr Tänzer, »vor -Serenissimus wandelt sich der tolpatschige Bär zum Löwen! Er sieht -wirklich ausgezeichnet aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn scherzend -den modernen Parzival nennt, so hat man nicht so unrecht, denn Frau -Herzeleides Sohn zeichnete sich ja auch durch besondere Schönheit aus!« - -»Durch die Schönheit eines ritterlichen Kämpen.« -- - -»Denken Sie sich jenen Mann in die Rüstung eines Gralsritters, und er -würde schön sein wie ein Gott!« -- - -»Er >würde< -- freilich! -- aber er wird es nie werden!« -- - -»Leider, jene Zeiten sind vorüber!« -- - -»Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher Säbel oder Degen führt, -welcher kühn bereit ist, in den Kampf für Fürst und Vaterland zu -ziehen!« - -Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt. - -»Sehr verbunden, mein gnädiges Fräulein, diese Anerkennung tut einem -Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar nur Reserveoffizier, aber zähle mich -dennoch zum Ganzen!« - -»Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande mit Feder und Schwert -zugleich!« - -»Der Bär von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!« Sie sah ihn groß und -erstaunt an. »Indem er sich selber zum reichen Mann macht?« - -»Auch dadurch. -- Wenn sich ein Landwirt bemüht, seine Güter auf eine -stets höhere Kulturstufe zu bringen, sie stets ertragsfähiger und besser -zu machen, so dient er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Außerdem -ist anzunehmen, daß ein Mann, dessen persönliche Lage sich ständig hebt, -darauf bedacht ist, für seine Arbeiter und deren Wohlergehen, für seine -Bediensteten und deren günstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet -dadurch am besten an der Lösung der großen sozialen Lage mit und schafft -in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als manch ein Held der Feder und -des Säbels Zeit seines Lebens! -- Ganz abgesehen von dem erziehlichen -und fördernden Einfluß, den gerade der Gutsbesitzer in seinem kleinen -Reiche ausüben kann!« - -»Das mag alles sehr logisch sein,« zuckte die junge Dame etwas -ungeduldig die Achseln, »aber es bezieht sich leider nur auf die Gräfin -und nicht auf ihren Sohn! Außerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um -solch ein Wirken in der Stille genügend anzuerkennen. Für die Mutter -genügt es mir, für den Sohn nicht!« - -»Und warum nicht für diesen?« - -»Weil ich bei einem Manne _Taten_ sehen will! Es steckt in jedem -Mädchenkopf ein gutes Stück Romantik, welches den Wert eines Mannes nur -nach der Qualität von Mut und persönlicher Kühnheit bemißt, welche er -zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn der Betreffende, -welcher sie ausübt, sich nicht dabei exponiert und sein Leben aufs Spiel -setzt! -- Wenn heute ein reicher Mann Hunderttausende hingibt für den -Bau eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr lobenswert und -schön, aber mein Herz wird für den hochherzigen Spender nicht um einen -Hauch schneller schlagen wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit kühnem -Hurra im Kugelregen vorwärts stürmt, um für seinen Kaiser einen Sieg zu -erkämpfen ... wenn ein Mensch sich mutig in ein brennendes Haus wagt, um -ein Kind zu retten ... wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft, -einen Greis zu schützen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich stets zu -heißem Entzücken, zu flammender Bewunderung begeistern wird!« -- - -»Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein gnädiges Fräulein, -und freue mich dessen, wenngleich Sie bei all Ihrer edlen -Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig urteilen. Jeder leistet gewiß -so viel, wie in seinen Kräften steht, aber jeder muß sich auch den -Verhältnissen anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. -- -Wenn die Völker nicht aufeinander schlagen, wird es schwer sein, sich -blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld zu pflücken, und wenn kein Haus -brennt, hält es schwer, Gefährdete zu retten! -- In unsern, gottlob so -stillen Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen sieht, am -wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, -- wenn sich die Gelegenheit -bietet, wird auch Graf Hohen-Esp seinen Mann stehen!« - -Ein sarkastisches Lächeln zuckte um Gabrieles Mund, mit ungläubigem -Blick streifte sie die Reckengestalt des Genannten, welcher soeben vor -den jungen Prinzessinnen stand und so befangen in sich zusammensank, als -fehle Mark und Kraft in seinen Knochen, -- dann wandte sie mit -aufleuchtenden Augen das Köpfchen und sah Herrn von Heidler entgegen, -welcher sich hastig zu ihr Bahn brach und um eine Extratour bat. - -Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot von dem erhitzten -Gesicht ab, die Narbe, welche stets von dem schweren Sturz erzählen -wird, welchen der schneidige Kavallerist sich bei tollkühnem Ritt -geholt! -- Gabrieles Herz schlägt hoch auf, sie legt die bebende Hand -auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das scharfgeschnittene, -trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden Augen empor. -- - -Hart, eisern -- fest ist es -- wie aus Bronze gegossen; der Griff, mit -welchem er ihre schlanke Gestalt beinahe an sich reißt, hat nichts so -Zartes, Rücksichtsvolles, wie die Hände des Bären von Hohen-Esp, als er -sie, behutsam, wie ein zartes Vögelchen, aus dem Schnee hob. - -Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick brennt auf dem -roten Streifen, welcher seine Stirn zeichnet, und durch ihren Sinn zieht -es wie jubelnde Weise: »Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der -Stirn -- und das eiserne Kreuz auf der Brust!« -- - - * * * * * - - - - -XII. - - -Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem Gespräch mit einer -alten Exzellenz nahe der Empore, auf welcher die höchsten Herrschaften -Platz genommen, dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten. - -Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit Graf Guntram Krafft -gesprochen, wie auch die fürstlichen Damen ihn auszeichneten, und wie -der Erbe von Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer -Verneigung zurückzog, um einen Augenblick an der blütenduftigen -Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das farbenglänzende Bild im -Saal herabzuschauen. - -Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar liebenswürdigen -Worten und schritt -- anscheinend nur in den Anblick der hohen -Herrschaften vertieft, langsam an dem Wanddiwan entlang. - -Ein feines, nervöses Zucken spielte um ihre Augen, ein Zeichen, daß sie -geärgert oder nervös war, und wenn ihr Blick zufällig Komtesse Thea -streifte, so bekam er beinahe etwas Feindseliges. - -Frau von Sprendlingen besaß viel Scharfblick und Menschenkenntnis, und -das Gespräch zwischen Thea und dem Grafen, welches sie unfreiwillig -belauscht, hatte ihr die Überzeugung gegeben, daß die Komtesse bemüht -war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele zu intrigieren. - -Die Komtesse war bereits zu der Überzeugung gekommen, daß sie, als sehr -wenig bemittelte junge Dame, kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige -eine glänzende Partie zu tun. - -Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge Dame schien klug -genug, das Eisen allsogleich zu schmieden, solange es noch heiß und der -Graf unbekannt in der Gesellschaft war. - -Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte über den Einsiedler von -Hohen-Esp und ihn mehr neugierig wie begehrlich betrachtete, so wußte -Frau von Sprendlingen doch, daß er sich gar bald hier eingelebt und der -Gegenstand brennenden Interesses für Mütter und Töchter sein werde. - -Schon jetzt hörte man überwiegend mehr Anerkennendes aus dem Mund der -Damen wie Spöttisches, und die Schönheit des jungen Mannes schien der -Punkt zu sein, an welchem eine allgemeine Begeisterung für den reichen -Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte. - -Ganz wie von ungefähr näherte sich die Baronin dem Sohne Gundulas und -bemerkte es voll äußerster Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig -verdüstert, aber sehr beharrlich ihrer Tochter folgte. - -Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette an der goldenen -Kette von dem Fächer los und hob sie an die Augen, und als der Graf -mechanisch auf die elegante, noch immer sehr schöne und jugendliche Frau -herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst zu bemerken und -zu erkennen. - -Sie wandte sich ihm sichtlich überrascht und erfreut zu und bot ihm die -kleine Hand, über welcher die kostbaren Armspangen funkelten, entgegen. - -»Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie hier bei Spiel und Tanz -begrüßen zu können! Hoffentlich sind Sie schon bei der Jugend bekannt -geworden und amüsieren sich vortrefflich?« -- - -Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu wissen, wen er vor -sich hatte. - -Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen Weise und -stammelte eine Antwort, von welcher Frau von Sprendlingen wenig -verstand. - -»Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen Tanz aufgehoben?« -fuhr die schöne Frau mit anmutigem Lächeln fort. »Es ist heute einer -jener seltenen Tage, an welchen die Herren in der großen Überzahl sind -und die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!« -- - -Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen Mannes und war sehr -befriedigt, als sie das jähe Aufleuchten seiner Augen sah, das -plötzliche, lebhafte Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles -nannte. - -»Oh, Frau von Sprendlingen!« rief Guntram Krafft mit jäher Röte in den -Wangen, in seiner so ehrlich-naiven Art: »Jetzt erst erkenne ich Sie, -gnädigste Frau! Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so märchenhaft -verändert aus, daß man sich selbst mit dem besten Gedächtnis in dieser -neuen Welt schlecht zurechtfindet!« - -»Wie begreiflich ist das! -- So fanden Sie auch meine Tochter noch nicht -unter den vielen unbekannten Tänzerinnen heraus?« - -»Fräulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen würde ich sie -erkennen!« - -Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin lächelte -abermals. - -»Wie liebenswürdig Sie das sagen! -- Ich hoffe, daß Sie zum mindesten -den Kotillon mit ihr tanzen?« - -Ein Schatten flog über das strahlende Gesicht des jungen Bären. - -»Ich kam zu spät, gnädigste Frau!« sagte er leiste. - -»Oh! in der Tat? Darüber müssen Sie mich genau unterrichten! Sind Sie -für diesen Tanz verpflichtet oder haben Sie Zeit, mir ein wenig -Gesellschaft zu leisten? Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es -sich sehr nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.« - -»Sehr gnädig -- ich bin überaus dankbar!« stammelte Guntram Krafft, und -abermals leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Die schlanke, elegante -Frau mit dem zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden -Ausdruck in den schönen Zügen hätte nicht Gabrieles Mutter zu sein -brauchen, um es ihm anzutun, er hatte schon bei seinem ersten Besuch -lebhafte Sympathie für sie empfunden, und dieses Gefühl steigerte sich -in diesem Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch -heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden Menschen, -jedes freundliche Wort doppelt dankbar. - -Nun war es Gräfin Thea nicht mehr allein, welche ihm wie ein rettender -Engel in seiner Verlassenheit erschien, Gabrieles Mutter ließ sein Herz -noch schneller und erregter in diesem Augenblick schlagen, und er -empfand es schon als großes Glück, mit ihr von der Wunderlieblichen zu -plaudern, welche es seinem Herzen wie durch Spuk und Zauber angetan. -- --- -- Er setzte sich neben Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder, -und die weichen, glänzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe -legten sich wie ein Traumgefilde um seine Füße. - -»Also Sie kamen zu spät zu Gabriele?« fragte die Baronin abermals mit -ihrer weichen, angenehmen Stimme und entfaltete den duftigen -Marabufächer vor der Brust. -- »Wie kam das? Wir waren heute sehr -präzise zur Stelle!« - -»Dessen kann ich mich kaum rühmen, gnädigste Frau! Ich habe das fremde -Terrain Schritt um Schritt erobert und bedurfte der Zeit, um mich in -diesem Zauberreich zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie völlig neu es -mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen auf dem höfischen -Parkett lernen muß!« - -»Davon merke ich nichts -- oder besser gesagt, Sie lernen zum Erstaunen -schnell! Gleichwohl begreife ich, daß Sie heute nicht Herr der Zeit -gewesen! So fanden Sie Gabriele erst jetzt während des Tanzes!« - -Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden Atlasfalten, -auf das wirre, feine Spitzengeriesel, welches sie umsäumte, nieder. - -»Doch nicht, gnädigste Frau ... ich konnte mich Ihrer Fräulein Tochter -noch in der Galerie bekannt machen ... aber ... ich kam zu einer sehr -ungelegenen Zeit ...« - -Die letzten Worte klangen so leise, daß Frau von Sprendlingen sie kaum -verstand. Sie hob jäh den Kopf. - -»Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber Graf?« - -Da schauten sie seine großen, ehrlichen, blauen Kinderaugen unendlich -traurig an. - -»Ihr Fräulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben«, sagte er -treuherzig. - -Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. »Gabriele sich -verloben? -- Herr des Himmels, mit wem denn?« - -»Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher eine breite Narbe -auf der Stirn trägt; der Name ist mir wieder entfallen, gnädigste Frau!« - -»Mit Heidler?« Frau von Sprendlingen klappte bewegt den Fächer zu: »O -welch eine lächerliche, absurde Idee! -- Wer hat Ihnen solch einen -Unsinn vorgeredet, Graf?« - -Schier atemlos starrt der Bär von Hohen-Esp die schöne Frau an seiner -Seite an. _Wieder_ stieg es heiß und rot in seinem Antlitz auf. - -»Es ist nicht wahr? -- Es ist ein Irrtum?« klang es wie leiser Jubel von -seinen Lippen --: »O, das wäre ja ...« und er unterbrach sich plötzlich -voll tödlicher Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige -Atlasschleppe nieder. -- - -»Solches Märchen hat Ihnen gewiß Gräfin Thea Sevarille vorerzählt!« -lachte die Generalin, und doch flimmerte es in ihrem Blick wie geheimer -Triumph, das Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu haben ---: »Die jungen Mädchen wittern ja sofort eine Verlobung, wenn ein Herr -etwas den Hof macht, und bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht, -daß zum Verloben doch immer zweie gehören!« - -»Herr von Heidler liebt Fräulein Gabriele wohl sehr?« fragte Guntram -Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen Aufrichtigkeit, und abermals -klang es wie geheime Sorge durch seine Stimme. - -»Je nun -- er schwärmt meine Tochter an und zeigt das sehr aufrichtig!« -lächelte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch --: »aber das tun -doch sehr viele der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt -und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus nicht -- und -wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht etwas liebenswürdiger ist wie -zu andern Herren, so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit -einer langen Reihe von Jahren kennt!« - -Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an den Lippen der -Sprecherin. - -Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht und frischen -Lebensmut schöpfte; seine Augen strahlten wie verklärt, und er bemühte -sich auch gar nicht, seine Freude zu verbergen. - -»So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?« fragte er leise und sah die -Baronin an, als habe er auch nicht das kleinste Geheimnis mehr vor ihr. - -Frau von Sprendlingen lachte abermals. - -»Es ist meine feste Überzeugung, und ich hoffe, daß ich mich nicht irre! -Die Welt, und namentlich die lieben Freundinnen meiner Tochter, sagen -Gabriele -- ebenso wie jedes andere vielumschwärmte Mädchen -- gern -verlobt, in der Hoffnung, sie dadurch unschädlich zu machen; daran muß -man sich hier in der Residenz gewöhnen, bester Graf, und durchaus nicht -alles glauben, was die Leute sagen! Nun aber erzählen Sie mir weiter! -Gabriele hatte keinen Tanz mehr frei?« - -»Keinen, gnädigste Frau.« - -»Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?« - -Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen an. - -»Das wage ich nicht. Ich wollte überhaupt nicht mit Ihrer Fräulein -Tochter tanzen, sondern nur plaudern.« - -»Ah! Sie überraschen mich!« - -»Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte es nie in der Art, wie -man hier tanzt.« - -»Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schönen Strandburg ist dazu -wohl kaum Gelegenheit! -- Aber in einer Pause könnten Sie das Versäumte -doch nachholen?« - -»Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen und weiß nicht, was ich -mit jungen Damen reden soll. Meine einseitigen Interessen sind wohl -nicht die ihren, und die große Welt ist mir fremd.« - -»Sie waren so sehr liebenswürdig, meiner Tochter als Retter zu Hilfe zu -kommen, als sie jüngst ein kleines Unglück mit dem Schlitten hatte?« - -Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr lebhaft und freute -sich des Zufalls, welcher ihn just in jenem Augenblick des Wegs daher -geführt. - -»Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene unfreiwillige -Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen ist!« scherzte die Generalin. -»Wenn der Anfang zu einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das -Schwerste überstanden!« - -»Fräulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... und ... sie -möchte es wieder ungnädig aufnehmen, wenn ich störe!« - -»Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?« - -»Nein, gnädigste Frau, daran dachte ich noch nicht. Muß man das?« - -»Man muß nichts, was man nicht will! Aber ich möchte Ihnen einen guten -Rat geben. Wie ich höre, ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und -Gabriele sagte mir, daß Herr von Heidler in der Bildergalerie an Tafel -III Plätze belegt habe. -- Nun kommen Sie einmal mit -- ich führe Sie -bis zu der Galerietür, -- dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und -belegen sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!« -- - -»O, vortrefflich! In der Nähe Ihres Fräulein Tochter?« - -»Wenn Sie das wünschen!« - -»Über alles wünsche ich es mir!« - -Der junge Bär von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, er lachte und sprach -lebhafter wie je zuvor. - -»Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen diese Quadrille -benutzen, um uns den Weg zu bahnen!« - -Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die Augen. - -»Ich danke Ihnen!« sagte er wie aus tiefstem Herzen heraus. - -Frau von Sprendlingen lächelte: »Glauben Sie in Zukunft nichts, was die -Leute faseln! Sie sehen, wie falsch man Sie unterrichtet hatte!« -- - -Sie schritten an dem Diwan entlang, den großen, goldenen Saaltüren zu, -und Frau von Sprendlingen hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der -hohen Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit einem -einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen Hand lenkt und -dirigiert, wohin es ihr beliebt. - -Ihr Blick flog hinüber zu Gräfin Thea, welche, sichtlich zerstreut, ihre -Quadrille tanzte, -- sie sah weder den Graf von Hohen-Esp noch seine -Begleiterin -- und ein feines Lächeln des Triumphes zuckte um ihre -Lippen. - - * * * * * - -Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und übersah die Visitenkarten, -welche auf den Gläsern lagen. - -Ein jeder Platz war besetzt. - -Unschlüssig und tief enttäuscht schaute er über die Tafel. - -»Wünschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch zu sitzen?« fragte es -hinter ihm. - -Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder neuen Erscheinung am -Hofe vertraut schien, trat diensteifrig näher und verbeugte sich ebenso -höflich wie respektvoll. - -»Es wäre mir allerdings sehr lieb gewesen!« versicherte der Hohen-Esper, -sehr angenehm durch das Interesse des alten Hofbeamten berührt. - -»Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es müssen sowieso noch -Plätze eingeschoben werden, da der Herr Hofmarschall noch in dem letzten -Augenblick Ansagen von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fügen wir -noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht hier?« -- und er -neigte den wohlfrisierten Kopf und las: »von Heidler ... ah ... unser -Vortänzer ... dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen -der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der Ecke ...« - -»Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... welchen Sie zuerst -bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...« und der Sprecher zog seine -Visitenkarte aus der Brusttasche und reichte sie dar. - -Wieder stieg die heiße Glut in seine Wangen, und voll verlegener Hast -wandte er sich und schritt nach dem Saal zurück. - -Ihm war's, als müßte man ihm all seine jubelnden Gedanken von der Stirn -ablesen! Vor wenig Minuten hatte er gewähnt, all die hellen Kerzen -ringsum seien erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit er -gehört, Gabriele sei die Braut eines andern, und nun plötzlich, als er -vernimmt, daß dies Gerede eitel Lug und Trug ist, da schlägt sein Herz -auf in ungestümer Glückseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum -blenden ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie! - -Warum das? -- - -Er vermag sich selber kaum Rechenschaft darüber zu geben, er überläßt -sich willenlos dem fremden, eigenartigen Zauber, welcher ihn -gefangenhält. - -In der mit Blumen dekorierten Vorhalle des Saales treten ihm ein paar -ältere Herren mit Band und Stern entgegen und reden ihn in -liebenswürdiger Weise an. - -Sie sind Tänzer und Jugendbekannte seiner Mutter gewesen und erkundigen -sich voll aufrichtigen Interesses nach Gräfin Gundulas Ergehen. - -Guntram Krafft freut sich, von ihr sprechen zu können, er empfindet es -voll stolzer Genugtuung, daß man seine Mutter so hoch schätzt und -verehrt, und als der eine der Herren die Hand auf seinen Arm legt und -sagt: »Kommen Sie, Graf, ich muß Sie zu meiner Frau bringen! Sie ist -ebenfalls eine gute Bekannte Ihrer Frau Mutter von früherer Zeit und -wird sich sehr freuen, von ihr zu hören und ihren Sohn kennenzulernen!« --- da folgt der junge Mann so heiter und unbefangen, als ob ihn die -letzte halbe Stunde heimisch auf dem Parkett gemacht habe. - -Er sieht im Vorüberschreiten Gräfin Thea, welche ihm lebhaft zuwinkt. - -»Wo um alles in der Welt stecken Sie denn, Graf? Ich möchte Sie gern den -jungen Damen vorstellen! -- Halten Sie ihn bitte nicht allzu fest, -Exzellenz -- zum nächsten Walzer ist er urkundlich verpflichtet!« - -Sie hält lachend die Tanzkarte empor, und der Begleiter Hohen-Esps zuckt -scherzend die Achseln. »Wenn Sie den Grafen allerdings an solch holde -Pflicht gemahnen, Komtesse, wird er mir fahnenflüchtig, noch ehe er der -alten Garde den Eid geleistet hat! -- Aber unbesorgt -- ich war -zeitlebens ein unbescholtener Mann und begehre nicht meines Nächsten -Weib, Knecht oder Walzertänzer!! -- =Au revoir!=« -- - -Und als der nächste Tanz mit den weichen, lockenden Klängen der »Rosen -aus dem Süden« einsetzt, stockt Guntram Krafft plötzlich in der -Unterhaltung mit der Frau Minister und schaut abermals in Gräfin -Sevarilles erhitztes Gesichtchen, welches ihm aus nächster Nähe -zulächelt. - -»Sie haben engagiert, lieber Graf?« fragte die alte Dame in schnellem -Verstehen: »Das ist recht! Ich werde mich freuen, Sie tanzen zu sehen! -Und den achtundzwanzigsten dieses Monats reservieren Sie uns also ... -wir werden uns freuen, Sie zum Diner bei uns begrüßen zu können.« - -Der Bär von Hohen-Esp dankt sehr erfreut, verneigt sich und steht im -nächsten Augenblick an der Seite der Komtesse. - -Er hat es so eilig, ihr zu erzählen, daß es mit der Verlobung Gabrieles -ein großer Irrtum ist, aber er kommt fürerst nicht dazu, denn Thea -spricht lebhaft auf ihn ein, wendet sich zu den nächststehenden jungen -Mädchen und stellt ihnen den Graf vor. - -Man lächelt ihm sehr liebenswürdig zu, beginnt ein allgemeines Gespräch -und macht dem »modernen Parzival« klar, daß er unter allen Umständen -tanzen müsse! - -»Sie sehen, Graf, man tanzt hier keinen Walzer, sondern nur Galopp! Je -nun, und das ist doch kein Kunststück! Wer so wie Sie eines Hauptes -länger ist, wie alles übrige Volk, steuert doch ohne jedwede Gefahr -durch all diese Wirbel und hohe Flut!« - -Das ist ein Wort! - -Guntram Kraffts Auge blitzt auf, -- er lacht und verneigt sich vor Thea. - -»Mut hat auch der Mameluck, Komtesse -- riskieren Sie es mit mir -Seebären?« - -Einen Augenblick neigt sie das Köpfchen zurück und sieht zu ihm auf. - -Welch ein Blick! - -Wenn der Einsiedler von Hohen-Esp nicht arg zu naiv wäre, würde er viel, -sehr viel darin lesen! - -Aber der Graf denkt gar nicht darüber nach, was sich wohl in den Augen -einer Komtesse Sevarille spiegeln möchte, er hat nur einen einzigen -Wunsch, den -- es zu versuchen, ob er sich wahrlich unter die Reihen der -Tänzer wagen kann, ob er die Probe bestehen wird, um alsdann auch den -Arm um jene andere, Einzigste legen zu können, welche all sein Sinnen -und Denken gefangennimmt. - -Und er tanzt, -- wohl nicht ganz so gewandt und elegant wie die andern -Herren im Saal, aber doch sicher und gut, ohne im mindesten unliebsam -aufzufallen. - -»Bei einem Galopp kommt es nur auf die sichere Führung an!« hat eine der -Damen soeben noch ermutigend gesagt, nun, und sicher hat der bärenstarke -Arm des Hohen-Esper seine Dame gehalten! - -Mit heißgerötetem Antlitz führt er Thea an ihren Platz zurück, und die -andern Damen und Herren, welche gewartet haben, voll neugierigen -Interesses das »erste Debut des Parzival« zu beobachten, begrüßen ihn -mit lebhaftem Beifall. - -Guntram Krafft hat es gar nicht bemerkt, wie aller Blicke ihm während -des Tanzes gefolgt sind, er hat es nicht gehört, daß der Herzog sich -erfreut und anerkennend darüber äußert, -- er schaut nur suchend über -die bunte, wirbelnde Menge, ob er nicht Gabrieles Köpfchen erspähen -kann. - -Und er sieht sie plötzlich in nächster Nähe, sieht direkt in die -wundersam hellen, großen Nixenaugen hinein, welche wie staunend auf ihn -gerichtet sind. - -Und Guntram Krafft lacht noch glückseliger wie zuvor, sagt Komtesse Thea -ein herzliches Dankeswort und richtet sich hoch und kühn auf -- in -Wahrheit wie ein junger Bär, welcher sich plötzlich seiner Kraft bewußt -wird, wendet sich und steht im nächsten Augenblick vor Fräulein von -Sprendlingen. »Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein?« - -Da starren ihn die meerfarbenen Augen abermals an wie aufs höchste -überrascht ob einer solchen Zumutung, und dann wendet sie das Köpfchen -und wechselt einen sekundenlangen, unendlich vielsagenden Blick mit dem -schlanken, jungen Garde-Grenadier-Offizier, welcher neben ihr steht. - -Der lächelt sehr verständnisinnig --: »Ich begreife, Baronesse!« dreht -sich kurz auf dem Hacken um und eilt als vielbeschäftigter Vortänzer -davon, -- Gabriele aber legt langsam, beinahe zögernd den Arm auf den -des Grafen und sagt: »Wir werden noch einen Augenblick warten müssen, es -ist sehr wenig Raum zum Tanzen!« - -»Wie Sie befehlen, Fräulein von Sprendlingen!« antwortet Guntram Krafft -und umschließt mit bebender Hand ihre weiche, schmiegsame Gestalt. - -Wie rote Nebel wallt es vor seinen Augen, die Aufregung schnürt ihm die -Kehle zusammen, er hat das Gefühl, als wanke der Boden plötzlich unter -seinen Füßen, und doch möchte er aufjauchzen vor Glückseligkeit, wie -daheim, wenn er dem wilden, feindlichen Meer eine Beute abgetrotzt! - -Einen Augenblick harrt er so ... noch einen ... und da ... gerade als -er lostanzen will, bricht die Musik mit kurzem Schlusse ab. - -Der Garde-Grenadier ist in die Mitte der Tanzenden getreten und hat die -Hand mit kurzer Geste nach dem Orchester hinter dem Goldgitter der -Galerie gehoben. - -Guntram Krafft, der Neuling, bemerkte es nicht, er blickt nur -erschrocken zu Gabriele nieder und sagt bedauernd: »O wie schade!« -- -und Fräulein von Sprendlingen lächelt ganz wunderlich, löst die Hand von -seinem Arm und tritt von ihm zurück. - -»Bedaure sehr!« sagt sie kühl, wendet das Köpfchen und begrüßt eine -junge Hauptmannsfrau, welche jetzt am Arm ihres Tänzers vorüberschreitet -und ihr zunickt. - - - - -XIII. - - -Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig höflich von Guntram -Krafft abgewandt hatte, trat Frau von Sprendlingen zu ihrer Tochter -heran und flüsterte ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr. - -Der breitgehaltene Fächer dämpfte den Klang derselben und verdeckte das -Gesicht der Generalin, aber man bemerkte trotzdem, daß sie erregt und -sehr energisch sprach. - -Über Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten. - -»Es war ja ein Glück, daß die Musik just schwieg.« - -»Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat gar keinen Zweck! -Begeistern werde ich mich nie für das Muttersöhnchen -- warum also seine -lächerliche Sympathie für mich durch irgend welche Höflichkeit nähren?« - -»Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten; ich befehle dir -jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu behandeln, wenn er sich dir -noch einmal nähern sollte! Hörst du, Gabriele? Ich verlange und fordere -es von dir als ein Zeichen deiner Liebe für mich!« - -Die junge Dame seufzte leicht auf. - -»Ach, hätte Frau Gundula doch etwas Besseres getan, als ihrem Baby die -verlorenen Taler wieder zusammengespart! Je nun ... ich werde versuchen, -mich dem Reigen um diesen modernsten Götzen anzuschließen!« - -»Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie für ihren Sohn sorgte, -aber der alte Herr von Heidler, der die Güter verpraßte, anstatt sie -seinem Erben zu erhalten ... wie handelte der?« - -Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen der Mutter, sie -zuckte beinahe wehmütig die schönen Schultern: »Geld macht ja doch nicht -glücklich, Mama, -- und es ist doch tausendmal besser und moralischer, -einen armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung zu -heiraten!« - -»Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest, daß gerade der >arme< -Mann viel zu klug und kaltherzig ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes -Mädchen zu freien!« - -»Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!« - -Frau von Sprendlingen biß momentan wie in großer Nervosität die Zähne -zusammen. »Gleichviel, du tust, wie ich dir befehle!« sagte sie kurz, -voll ganz ungewohnter Strenge, klappte den Fächer zu und wandte sich mit -liebenswürdigstem Lächeln wieder ein paar Damen und Herren zu, welche -sie schon seit Beginn des Festes wie den Stein der Weisen gesucht -hatten! -- - - * * * * * - -Man hatte sich zu Tisch gesetzt. - -Gräfin Thea bemerkte es zu ihrem großen Verdruß, daß Graf Hohen-Esp sie -nicht engagierte, so nahe sie es ihm auch gelegt hatte, daß sie das -Souper »vorsichtigerweise« noch freigehalten habe. - -Guntram Krafft reagierte nicht darauf. -- Als er direkt nach seiner -Extratour mit ihr zu Gabriele schritt und »beinahe« mit ihr getanzt -hätte, grub Gräfin Sevarille die Zähnchen recht ärgerlich in die Lippen. - -War denn der naive Schwärmer unverbesserlich, daß er so schnell den -fatalen Eindruck, den die »Verlobung« des Fräulein von Sprendlingen auf -ihn gemacht, abschüttelte und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer -Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die Saison zu tragen? - -Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien der strahlendsten -Laune Platz gemacht zu haben, welche selbst der »entgleiste« Walzer mit -der Angebeteten nicht zu trüben vermochte. - -Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu ihr zurück, als wie er -von ihr gegangen, schien absolut kein Verständnis für die kleinen -Bosheiten zu haben, welche Thea so geschickt auf Fräulein von -Sprendlingen in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar -verblühte Präsidententöchter und ein sehr dicker Jagdjunker eifrigst -sekundierten. Er stand während der nachfolgenden Française vor dem -erhöhten Wandpolster und folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann -sprach er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als Gräfin -Thea für etliche Minuten durch eine sehr amüsante Konfusion in Anspruch -genommen ward und danach wieder verstohlen nach dem Bär von Hohen-Esp -ausschaute, war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos -verschwunden! - -Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich schon einen -scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte, um sich den bis jetzt so -unhöflich verweigerten Arm des Grafen zu erzwingen. - -Wohin war er verschwunden? - -Voll nervöser Unruhe schaute die junge Dame zuerst nach Gabriele aus und -sah es zu ihrer großen Genugtuung, daß dieselbe am Arme Heidlers den -Saal verließ. - -Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan doch, daß sie -über keinen Tischherrn verfügte. - -Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und trat hastig -näher. - -»Sind Komtesse etwa nicht engagiert?« - -»Selbstredend, -- aber man scheint mal wieder Konfusion gemacht zu haben ---« - -»Darf ich gehorsamst bitten?« -- - -Etwas übellaunig und zögernd legte Thea die Hand auf den Arm dieses so -sehr nichtssagenden und unbedeutenden Tischherrn. Seit zwei Jahren -Leutnant! Gräßlich! So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen -Hintergrund rechnete bei ihr überhaupt nicht mit. - -»Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp für denselben Tisch verabredet, Herr -von Stark!« sagte sie schnell. »Der Graf ist fremd hier und wird gewiß -hilflos umherirren und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen -Sie uns dem Ärmsten zu Hilfe kommen ...« - -»Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ... wird wohl schon -seinen Platz an König Artus Tafelrunde gefunden haben! Müßte mich sehr -irren, wenn er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal -beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist ja Landstand! Trotz -seiner Hinterwäldlerart! -- Die Güter verschaffen ihm Sitz und Stimme! --- und wir ... haha ... in die Ecke, alter Besen! -- Aber darum wollen -wir in unserem Turmstübchen doppelt fidel sein! -- Darf ich bitten, -Gnädigste ... wir bekommen sonst überhaupt keinen Platz mehr!« -- - -Thea zog die Brauen sehr ungnädig zusammen und folgte in denkbar -schlechtester Laune. Welch ein Pech, daß der naive Neuling nicht -rechtzeitig daran gedacht, sie zu engagieren -- im Thronsaal sitzen ist -just das, was Gräfin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen -würde. - -Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie je, daß Graf Guntram -Krafft es sein soll und muß, welcher sie das nächste Mal nicht nur an -die Tafel der höchsten Herrschaften, sondern baldmöglichst auch als -Herrin und Gebieterin in die Burg seiner Väter führen soll. - -Daß die alte Bärin in derselben noch ihre despotische Herrschaft führt, -beunruhigt Thea durchaus nicht, denn wenn sie erst an der Seite des -gutmütigen und willenlosen Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches -ändern! - -Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig ausgearbeitet, und -der moderne Parzival und Frau Herzeleide spielen eine verschwindend -kleine Rolle darin. - -Graf Guntram Krafft gefällt ihr ja ganz gut, ja, sie müßte lügen, wenn -sie ihn nicht hübsch fände, aber Thea Sevarille ist viel zu modern -erzogen, ist viel zu sehr ein Kind ihrer übervernünftigen Zeit, um dem -Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben einzuräumen. - -Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vernünftig, und wenn -zufälligerweise das Herz mit der Klugheit Hand in Hand geht, so ist es -ein Vorteil mehr, mit welchem sie rechnen kann! - -Aber zu der »ungeheuren Fröhlichkeit«, welche Herr von Stark für ihre -»unterste Ecke« prophezeit hatte, steuerte sie an diesem Abend wenig -bei. - - * * * * * - -Währenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem Herzen hinter -seinem Stuhl gestanden und Fräulein von Sprendlingen entgegengeschaut. - -Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst so kühle und spröde -Antlitz rosig überhaucht und seltsam belebt, die herrlichen, wundersamen -Nixenaugen zu ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd, daß -dem Bär von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als sie ihre Plätze erreicht -haben, mustert der Dragoner den unvermuteten Nachbar mit einem seiner -finster blitzenden, beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt laut: -»Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte doch Hardenstein belegt, -mein gnädiges Fräulein?« -- - -Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher und verneigt sich sehr -devot. - -»Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir mußten auf Befehl noch Plätze -einschieben!« - -»Hätten Sie auch mehr an der Ecke besorgen können!« zuckt Heidler in -seiner rücksichtslosen Art die Schultern und fügt brüsk hinzu: »Na -- es -hilft nichts, Fräulein Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schließlich -auch gleichgültig.« - -Die junge Dame nickt und lächelt, wirft den Fächer auf den Tisch und -läßt sich müde auf den Stuhl nieder, daß die starren Seidenfalten unter -dem duftigen Goldflor leise aufrauschen. - -Ihr Blick trifft den Bär von Hohen-Esp, und die Augen blicken wieder so -kalt -- so unsagbar kalt und abweisend drein, daß all die frohe, heitere -Zuversicht des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber sie -erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung des reizenden -Köpfchens seinen stummen Gruß. - -Während der ersten Zeit hat Fräulein von Sprendlingen kein Wort und -keinen Blick für ihren Nachbar, sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn -von Heidler, wie Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des -jungen Offiziers entnehmen kann über Reiten und Sport. - -Erst als das Gespräch allgemein wird und sich um die letzten Rennen -dreht, welche der Dragoner mit viel Erfolg mitgeritten hat, wendet sich -Gabriele recht gezwungen, ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und -fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei? - -Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so kühl und gleichgültig, -daß den Gefragten dasselbe Gefühl der Befangenheit überkommt, welches -ihn in Gabrieles Nähe kaum noch verläßt. - -Das Blut steigt ihm in die Schläfen. - -»Reiten?« wiederholt er zögernd, »gewiß reite ich täglich auf die Felder -oder in den Wald hinaus, je nachdem es meine Tätigkeit als Landwirt -bedingt! Wir verfügen jedoch nur über Pferde, welche mehr dauerhaft wie -elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie Arbeitspferde, aber -keine Vollblüter!« - -»Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport noch ein Vergnügen!« -zuckt Fräulein von Sprendlingen die Achseln, und ihre Augen sehen aus -wie die klare See, wenn jähe Wolkenschatten sie dunkel färben, -- Herr -von Heidler aber lacht mit gedämpfter Stimme auf und fügt hinzu: -»Donnerwetter, nein! ein Hürdenrennen auf einem Ackergaul gibt es -nicht!« -- - -Gabriele sieht den Graf scharf an. - -Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze, energisch abweisende -Antwort haben? Nein, das Muttersöhnchen lacht mutig mit und findet es -entschieden viel zu gefährlich, mit dem schneidigen Dragoner Händel zu -bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: »Ich möchte es wenigstens nicht -versuchen! Selbst auf einem Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von -Heidler! Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel geübt sein -will, -- beides habe ich bisher versäumt!« - -»Es gehört auch recht viel Courage und Schneid dazu, um auf der Rennbahn -etwas zu leisten!« lächelt Gabriele beinahe verächtlich und mustert noch -widerwilliger wie zuvor ihren Nachbar, welcher so hünenhaft groß und -gewaltig neben ihr sitzt und doch so kläglich vor ihrem kritischen Blick -zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor der Sonne. -- - -Auch diese Ironie scheint der zahme Bär entweder nicht zu verstehen, -oder er hält es für praktischer, den Harmlosen zu spielen. - -»Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Es gehört viel persönlicher Mut dazu, um -flott über alle Hindernisse hinwegzugehen, denn leider gibt es jährlich -wohl traurige Beweise genug, daß auch der Turf seine Opfer fordert.« - -»_Traurige_ Beweise?« Heidler klemmt das Monokel ein und zieht die -narbige Stirn in Falten: »Es ist meiner Ansicht nach nie traurig, wenn -ein Mann sich in seinem Beruf aufopfert und einen frischen, schönen -Reitertod stirbt! Gäbe es keine Gefahr bei Mauern und Gräben, würden -sie jedweden Reiz für mich verlieren!« - -Gabrieles Blick leuchtete wie verklärt zu dem Sprecher auf, und Guntram -Krafft nickt zustimmend vor sich hin und sagt leise: »Ja, es ist -seltsam, daß gerade die Gefahr einen so seltsamen Reiz ausübt!« und -er denkt dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das gebrechliche -Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben in die Brandung hinaustreibt. - -Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem geneigten Antlitz -ablesen, sie glaubt nur ein gewisses zaghaftes Gruseln aus seinen -Worten herauszuhören, und ihr Blick flammt beinahe verächtlich zu ihm -auf. - -»Wenn Sie nicht reiten -- was tun Sie sonst den ganzen Tag auf -Hohen-Esp?« -- - -Er lacht, als ob ihn diese Frage amüsiere: »Ich bin der erste Arbeiter -meiner Mutter und schaffe das Meine; wissen Sie nicht, daß es auf dem -Lande unendlich viel zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der -faulen Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es auch -sei?« -- - -Sie verzieht den Mund noch ironischer. »Ich kenne das Landleben nur vom -Hörensagen und halte das Säen, Pflügen und Dreschen für recht harmlose -Beschäftigungen. Irgendeinen Sport üben Sie gar nicht aus?« - -Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen aus, und dieser -Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht. - -»Ich weiß nicht recht, was Sie unter Sport verstehen, mein gnädiges -Fräulein! Wenn meine Arbeit getan ist, gewährt es mir viel Freude und -Genugtuung, auf der See zu rudern oder zu segeln!« - -»Also -- also doch eine Art Wassersport! Das ist ja jetzt auch modern!« - -»Lieben Sie das Meer?« - -Sie schüttelt unendlich gleichgültig den Kopf. - -»Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse dafür. So eine ewig -gleiche, endlose Wasserfläche ist für mich unaussprechlich öde und -reizlos!« - -Mit weit offenen Augen starrte er sie an. - -»Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal längere Zeit am Strande -gelebt?« - -»Nein! Gott sei Dank, wir mußten ja nach acht Tagen schon wieder von -Heringsdorf abreisen, weil meiner Mutter die Luft nicht bekam. Ich -denke mit großer Gleichgültigkeit an diese acht Tage voll blendender -Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser Wasserfläche zurück. --- Später suchten wir im Sommer nur noch Quellenbäder auf, und ich habe -mich nie nach Heringsdorf zurückgesehnt!« - -Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. »Sind Sie im Boot -gefahren?« - -»Gewiß! Abends ruderten uns meine beiden Vettern in die >blaue -Unendlichkeit< hinaus, und wir schaukelten eine Zeitlang auf dem -Wasser, sangen: >Das Meer erglänzte weit hinaus!< und sahen die Sonne -am Horizont verschwinden, -- einen Tag wie den andern ...« - -»Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine auf -Gummischuhen!!« -- warf Herr von Heidler mit übermütiger Grimasse ein, -und ein schallendes Gelächter erhob sich im Kreise. - -Nur Guntram Krafft lachte nicht mit. - -Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie ein Mensch, welcher -vor einem großen, unlösbaren Rätsel steht. - -»Und einen Sturm, einen großen, gewaltigen Sturm sahen und erlebten Sie -nie?« fragte er. - -»Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß das Wasser, welches -immer so glatt dalag wie ein Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann! -All die Seegeschichten, welche man hört oder liest, kann ich nie recht -glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!« - -Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich mit einem -seiner zündenden Blicke in Gabrieles Auge. - -»Soll ich den Sattel an den Nagel hängen? Soll ich ein Seemann werden, -und kommen Sie mit auf die weiten Meere hinaus, den fliegenden -Holländer zu suchen?« -- - -Heiße Glut flammt über ihr Antlitz, die rosigen Lippen beben, und in -ihren Augen steht die Antwort geschrieben, -- aber sie beherrscht sich, -schüttelt mit leisem Lachen das Köpfchen und antwortet: »Wenn Sie -aufhören wollten zu reiten, würden Sie ein Verbrechen an dem modernen -Heldentum begehen, und das würde ich Ihnen am allerletzten verzeihen! --- Was wollen Sie auf dem Wasser? Da gibt es keine Lorbeeren zu holen -...« - -»Erlauben Sie, meine Gnädigste! Die jüngsten, welche auf Chinas Boden -sproßten, holte sich unsere Marine!« - -»Die Marine! ja die!!« zuckte Gabriele die Schultern. - -»Die besteht auch aus Soldaten und mutigen Männern, welche den Feind -zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu Lande nicht erreichen können! -Die Marine imponiert mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei -hellem Sonnenschein ein wenig die Ruder führen und in idyllischen -Sommernächten eine Segelpartie machen, die können doch unmöglich mit -unseren verdienstvollsten Männern rangieren!« - -Der Blick der Sprecherin traf wie eine kühne Herausforderung den Bären -von Hohen-Esp, welcher schweigend an ihrer Seite saß und vor sich -nieder auf das Fürstenwappen inmitten seines Tellers sah, -- er sah -nicht den Ausdruck ihres Auges, er hörte nur ihre Worte, und sein erst -so heiß gerötetes Antlitz ward um einen Schein blasser. - -Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt, Heidler -murmelte sehr amüsiert: »Alle Wetter, mein gnädiges Fräulein, das war -deutlich!« Dann lenkte ein gegenübersitzender Kammerjunker das Gespräch -voll nervöser Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram Krafft -voll besonderer Liebenswürdigkeit in ein Gespräch. - -Gabriele aber warf triumphierend das reizende Köpfchen zurück und -wandte sich wieder ausschließlich zu Heidler. - -»Er _mußte_ einmal meine aufrichtige Meinung hören!« flüsterte sie -erregt, »es ist ja eine Schande, wenn ein Mensch, welcher wahrlich -gewachsen ist wie ein Parzival, gar nicht zum Bewußtsein seiner -Bärenkräfte kommt und >das Eisen in der Halle rosten< läßt, anstatt es -zu Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!« - -Herr von Heidler gehörte zu den Menschen, welche ihr Licht mit Vorliebe -auf Kosten anderer leuchten lassen, und da es seiner Eitelkeit -schmeichelte, von dem reizendsten aller jungen Mädchen als Held -gefeiert zu werden, so löschte sein scharfer Witz noch das letzte -Fünkchen Sympathie, welches in Gabrieles Herzen für den Bären von -Hohen-Esp geleuchtet hatte. - -Das Souper näherte sich seinem Ende, und als man sich erhob, wieder -nach dem Tanzsaal zurückzuschreiten, wandte sich Fräulein von -Sprendlingen zum erstenmal wieder an ihren Nachbar zur Rechten und -erwiderte seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, flüchtiges -Nicken. - -Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zufällig streifte ihr Blick -dennoch sein schönes Antlitz und traf sein Auge. - -Welch ein Ausdruck darin! - -Nicht mehr das strahlende Entzücken, wie es ihr sonst daraus -entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle Trauer, wie -ein herb getadelter Knabe dreinschaut, ehe er anfängt zu weinen! - -Mit jäher Bewegung wandte sich Gabriele ab. - -Laut auflachen hätte sie mögen! - -Jung-Parzival, welcher hinter Frau Herzeleides Schürze hervorschaut! -- - -Jung-Parzival, welcher noch nicht den Weg zu Frau Aventure gefunden -hat, welcher auch nie und nimmer einen Platz unter den Rittern des -Amfortas einnehmen und zeitlebens der beklagenswerte Tor bleiben wird, -als welcher er auf seinem Ackergaul aus der heimatlichen Burg trabte! - -Ja, Gabriele möchte lachen, wenn es ihr nicht gar zu traurig deuchte! - -Die Zähne beißt sie zusammen und furcht die Stirn. - -Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! -- -- - - * * * * * - -Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem Tanzsaal und -schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, welcher wie ein wüster -Fiebertraum vor seinen Augen kreist. -- - -Die Musik schmeichelt mit süßen Walzerklängen, -- er hört sie nicht. - -Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene unfaßlich grausamen -Worte, daß sie das Meer nicht liebt! - -_Sein_ Meer! Das herrliche, majestätische, unbeschreiblich schöne -Meer, welches keines Dichters Zunge genug rühmen, an welchem sich -keines Menschen Auge jemals satt sehen kann! - -_Sein_ Meer! -- Und sie liebt es nicht. -- Sie schilt es langweilig, -träge, reizlos. -- - -Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses Meeres spiegeln, -grünlich ... graublau ... schillernd wie Perlmutter ... dunkel und -licht zu gleicher Zeit ... verkörperte Wassertropfen. - -Wie ist es möglich, daß sie das, was er als Liebstes und Herrlichstes -voll Leidenschaft preist, an welchem sein Herz voll unstillbarer -Sehnsucht hängt, daß sie das verachtet und von sich stößt? - -Die See! -- Die blauwogende, unendliche See, deren brandende Wogen -Pulsschläge der Ewigkeit sind, deren Sonnenlächeln wie bräutliche -Wonne, deren zorniges Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? -- - -Ach, daß sie ihm solches angetan! - -Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als »armseligen -Ruderer« so weit ab von allem Heldentum wiesen, welche in ihm nichts -anderes als einen verdienstlosen Menschen sahen, welcher sein Vergnügen -an ruhmlosen Spielereien findet -- die Worte hatte er kaum gehört und -beachtet. - -Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen zu achten. - -Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein geschmähtes Meer. - -Aus jedem anderen Munde würde ihm ein solches Urteil zu zornigem -Widerspruch gereizt haben. -- Gabriele von Sprendlingen gegenüber -verstummte er in jener unerklärlichen Befangenheit, in welche ihn ihr -Anblick vom ersten Moment an versetzt hatte. - -Wie gleichgültig würde es ihm sein, ob fremde Menschen die See lieben -oder nicht, -- nur von einer einzigen würde es ihn namenlos beglücken, -und gerade sie wendet das reizende Haupt gleichgültig ab und urteilt so -hart, so grausam, so verständnislos ... - -Ja, verständnislos! - -Sie kennt ja das Meer gar nicht! - -Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges, -unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschöpflich reichen, -ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des -Modebades getrübt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde! - -Guntram Krafft atmet tief auf. - -Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen! - -Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige Wochen -im Jahr an den Strand eilen, die müden Lebensgeister an Gottes Odem -aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur -kennenzulernen. - -Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese sitzen in den -eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend -bizarren kleinen Überraschungen, welche Göttin Mode und der Geschmack -des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, -- die blicken -kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in -die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, welche auf den Wassern des -Meeres wohnt. -- - -Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind -mit der keuschen, unberührten Wunderwelt des Strandes, -- wenn er der -holden Spötterin Gabriele dieses Paradies erschließen könnte! - -Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die Musik schweigt, -und neben ihm erklingt die Stimme Gräfin Theas, welche ihn aus seinen -Träumen aufschrecken läßt. -- - - - - -XIV. - - -»Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenflüchtiger!« drohte ihm die -Gräfin lächelnd mit dem Fächer: »Wie von dem Erdboden verschwunden -waren Sie, als wir unsere unendlich vergnügte und amüsante Ecke -bildeten! Wie sehr schade, daß Sie in unserm kleinen Kreise fehlten, -Sie würden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!« - -»Ich bezweifle es nicht, Gräfin!« - -Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert. - -»Wie ist es Ihnen ergangen?« -- - -»Je weniger man erwartet, desto weniger kann man enttäuscht werden!« - -Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte einem Seufzer. - -Thea trat einen Schritt näher und sah mit ihren großen, dunklen Augen -beinahe wehmütig zu ihm auf. - -»Ich habe bereits davon gehört, wie unliebenswürdig Gabriele einmal -wieder gewesen ist! -- Es ist wirklich ewig schade darum, daß in diesem -bildhübschen Körper eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese -Tatsache muß selbst ich, als beste Freundin, bestätigen!« - -»Fräulein von Sprendlingen unliebenswürdig?« wiederholte Guntram Krafft -beinahe erschrocken. - -»Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man sagt mir, daß sie gerade -gegen Sie recht beleidigend gewesen sei, und das hat mich ernstlich -böse gemacht!« - -Der Bär von Hohen-Esp hörte nicht den weichen, schmollenden Klang in -Theas Stimme, welche sich so ostensibel zu seiner Anwaltin machte, er -schüttelte nur betroffen den Kopf und strich mit der Hand die schweren -Blondhaare aus der Stirn. - -»Fräulein von Sprendlingen sprach sehr abfällig über das Meer, über das -Rudern und Segeln -- und das kann unmöglich _mich_ beleidigen, so -sehr ich ihre Abneigung auch bedauerte!« - -Ein seltsamer Blick der Gräfin streifte ihn. »Wie freundlich und -harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis -doch ist! Es freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht -kränkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so genau nachrechnen, -wie anderen Sterblichen!« - -»Verliebten Menschen?« - -Thea lachte. »Aber Graf! Haben Sie es denn noch immer nicht bemerkt, -daß Fräulein von Sprendlingen keinen andern Gedanken mehr hat, wie -ihren schneidigen Dragoner?« -- - -»Das wohl ... aber ...« - -»Nun?...« - -»Verlobt sind sie noch nicht!« - -»Noch nicht öffentlich!« -- - -»Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch nicht aus ...« -murmelte er mit tiefem Atemzug. - -Sie standen neben der Saaltür, ein lautes Lachen und Sprechen ließ sie -momentan verstummen. - -Ein paar junge Herren umringten eine sehr große, schlankgewachsene, -junge Frau, von der man dem Grafen schon zuvor erzählt hatte, daß sie -einen bedeutend kleineren Mann geheiratet habe. -- - -»Gnädigste Frau, ich habe eine Bitte!« rief einer der Herren mit -übermütig blitzenden Augen. »Eine Frage hat man frei an das Schicksal --- eine Bitte nicht!« - -»Na -- schießen Sie los, Karlchen, ich bewillige sie im Namen von Frau -von Stark!« - -»Oho!« -- - -»Also!« Der Kürassier legte beide Hände bittend auf die Brust: -»Gnädigste Frau -- pumpen Sie mir mal für vierzehn Tage Ihren Herrn -Gemahl!« - -»Wie? -- Meinen Mann?!« - -»Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach der Hochzeitsreise??« - -»Was wollen Sie mit ihm?« -- - -»Ich möchte ihn so gern auf _meinen Kaminsims stellen.... da fehlt mir -nämlich eine Nippesfigur_!« - -Schallendes Gelächter! - -Die junge Frau ist zuerst entrüstet, aber schließlich lacht sie doch -mit und tanzt mit dem Spötter eine Extratour. -- - -Ein paar junge Mädchen treten in den Saal. Sie sehen den Grafen -Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter ihnen an der Tür. - -»Nein, nein, Kläre! Wir müssen erst mal sehen, ob Parzival wieder -tanzt! --« - -»Reizender Anblick! -- Erinnert an die graziösen Matrosen im fliegenden -Holländer!« - -»Pfui! Schäm' dich! Parzival ist ein vortrefflicher Mensch! Lotte sagte -ja vorhin: >Der einzige Diamant unter viel Simili!<« -- - -»Hahaha! -- Ein Diamant!... Aber ein noch völlig ungeschliffener!« - -»Ich fürchtete schon,« -- lachte eine der jungen Damen, »er würde à la -Jürgen Wansbeck hier auftreten!« - -»Jürgen Wansbeck? Wer war das?« - -»Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an den Hof kam und bei -einem Ball die Handschuhe sparte. Der Herzog sah ihn scharf an und -fragte gedehnt: >Sie tragen keine Handschuhe, Baron?<« - -Da schüttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und antwortete: »Nee, -Hoheit, _ich frier' ja nich' an die Fingers_!« -- - -Jubelndes Gelächter. -- - -»Großartig! Brillante Geschichte!« - -Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram Krafft hastig beiseite. - -»Hier ist ein solches Gedränge, Graf! Wir wollen uns dort auf den Diwan -setzen.« - -»Wie Sie befehlen!« nickte Guntram Krafft und sah dabei völlig harmlos -aus: »Die Menschen hier scheinen viel zu spotten, -- ich machte schon -die Bemerkung, daß die meisten Scherze auf Kosten der lieben Nächsten -gemacht werden!« - -»Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze am meisten -belacht!« - -Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder und blickte ihr -plötzlich mit seinen klaren, grundehrlichen Augen voll beinahe -kindlichen Vertrauens in das blasse Gesichtchen. - -»Gräfin ... Sie sind eine Freundin von Fräulein von Sprendlingen?« -- - -»Sogar eine ihrer vertrautesten!« - -»Und Sie meinen es auch mit mir gut?« - -»Von ganzem Herzen gut!« - -»Würden Sie mir einen großen Liebesdienst erweisen, es mir gestatten, -Ihnen rückhaltlos zu vertrauen?« - -Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete bezaubernd zu -ihm auf. -- - -Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von älteren Herren -bildete vor ihnen Spalier, um einem »Menuett der Königin« zuzusehen, -welches von den Prinzessinnen und Prinzen nebst einer kleinen Schar von -Auserwählten soeben vor dem Herzog getanzt wurde. - -»Sprechen Sie, Graf!« flüsterte sie, »kein Mensch hier meint es -ehrlicher mit Ihnen, wie ich!« - -Er drückte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine Rechte und nickte -erregt: »Das bemerkte ich bereits, Gräfin! Sie waren von Anfang an so -sehr liebenswürdig zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders gütig -an, und wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde genoß, so verdanke -ich sie Ihnen!« - -»Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster Wunsch --!« - -»Wundern Sie sich nicht über mich, ich bin fremd in der Welt und es -gewohnt, seit jeher nur nach meinen momentanen Eingebungen zu handeln. -Auch jetzt weiß ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden. ---« Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden Kindes in -den ihren: »Sie meinen es ja so gut mit mir ...« - -»Seien Sie dessen versichert!« In Theas Wangen stieg es immer heißer -und röter, ihre Augen flimmerten vor Spannung, und ihre Lippen bebten -wie bei einem Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel -entgegendrängt. - -»Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin glücklich, Ihnen -irgendwie behilflich sein zu können!« - -Er zögerte und blickte momentan starr vor sich nieder. - -»Ich möchte es so gern wissen, ob Fräulein von Sprendlingen den -Dragoner wahrlich so sehr liebt!« - -»Soll ich es auskundschaften bei ihr?« - -»Sie sind doch ihre Freundin ...« - -»Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube ich aber, daß es -Sie noch mehr interessieren wird, ob sie tatsächlich mit ihm verlobt -ist?« - -Er schüttelt nachdenklich den Kopf. »Ich las in Romanbüchern, daß -heutzutage die Mädchen auch ohne Liebe heiraten. Schon manch eine -Verlobung wurde aufgelöst, weil die Braut schließlich noch einen Mann -kennenlernte, welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig -gewählten Bräutigam!« - -»Seien wir ganz ehrlich, Graf!« Thea entfaltete den Fächer und -flüsterte zu ihm auf: »Sie möchten wissen, ob Sie Aussichten haben, -Gabrieles Herz zu gewinnen?« - -Er ward dunkelrot. -- »Ich glaube ... Sie treffen das Richtige, Gräfin! -Es würde mir von großem Wert sein, zu wissen, wie ich es anfangen muß, -um mir die Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was ich Sie -fragen wollte!« - -»Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Schönheit bezaubert, und es würde -keine liebere Mission für mich geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten -zuzuwenden!« - -»Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten, Gräfin, von -was ich Fräulein von Sprendlingen unterhalten soll, was ich tun muß, -daß sie mir ihr Interesse zuwendet! -- Wenn sie es wüßte, daß sie mir -so sehr, sehr gut gefällt ...« er unterbrach sich und strich abermals -mit der Hand über die Stirn: »Das Reiten scheint ihr viel Freude zu -bereiten ... und wenn sie Wert darauf legt, will ich gern ...« - -»Dragoner werden?!« Thea hob beinahe entsetzt die Hand und sah -plötzlich ganz blaß aus. »Wäre das Ihr Ernst, Graf?« -- - -Er lächelt. »Nein, daran ist gar kein Gedanke, Gräfin. Wozu das? Ich -habe daheim ernstere Pflichten zu erfüllen, als wie hier in behaglicher -Friedenszeit eine Uniform spazierenzutragen --.« - -»Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das nicht einsieht, verdient -es nicht, Ihre Gemahlin zu werden!« - -»Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein Leben genau nach ihren -Wünschen regeln, denn ich weiß, wieviel ich ihr zu verdanken habe, und -erachte den Gehorsam gegen sie als meine Schuldigkeit.« - -»Wie edel, wie schön von Ihnen gedacht, Graf!« rief Thea mit -begeistertem Aufblick in sein Auge: »Wie sprechen Sie mir aus der -Seele! Wie billige ich Ihre Denkweise so völlig! Ich kenne zwar Ihre -Frau Mutter nicht, aber nach allem, was ich von ihr hörte, verehre ich -sie höher wie alle andern Frauen und denke es mir als höchstes Glück, -ihr zu Diensten leben zu können! Welch ein sündliches Begehren wäre es, -der einsamen Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entreißen, um -einer nichtigen Eitelkeit willen!« - -Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entzückens zu der Sprecherin -nieder. Die Verehrung für seine Mutter gewann ihr vollends seine -Sympathien, und seine große Harmlosigkeit war weit davon entfernt, -irgendeine Verstellung hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen. - -»O, wenn Fräulein Gabriele doch ebenso denken möchte, wie Sie! -- -Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen nie werden, denn trotz aller -Bravour und aller Reiterstücklein reizt mich der Militärdienst in -Friedenszeiten nicht sonderlich, -- aber ein guter Reiter könnte ich -ihr zuliebe trotzdem werden ...« - -»Es wäre lächerlich, wenn sie es verlangen wollte! -- Reiten lernt ein -jeder Rekrut -- aber ein Segelboot durch Sturm und hohe Flut steuern, -das ist ein Wagnis, ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht -kennt!« - -Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine Augen -strahlten wie verklärt. - -»Also Sie haben Interesse für den Seemann, Gräfin? Sie lieben das Meer -und alle seine Herrlichkeit?...« - -Sie preßte voll Leidenschaft die Hände gegen die Brust, -- die roten -Blüten des Kleiderausschnitts rieselten wie Funken über die nervös -bebenden Finger. - -»Und _ob_ ich sie liebe! -- Noch nie lernte ich das Meer kennen, -Graf, und doch sehne ich mich voll glühenden Verlangens seit Jahren -schon nach seinem Anblick! -- Nicht >Neapel sehen und sterben< -- -seufzt meine Seele, sondern >die See sehen und in ihrem Zauberbann -leben bis zum Ende meiner Tage!< Das ist das Gebet, welches in meinem -Herzen zittert! -- Noch ist es nicht erhört worden, aber ich lasse -nicht nach, zu hoffen und zu harren, -- _einmal_ muß auch mir das -Glück zu Willen sein!« - -Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich so weich, so innig -und aus tiefstem Herzen quellend, in sein Ohr schmeichelten, als höre -er nach wirrem Lärm und Mißgetön wieder traute Klänge aus der Heimat. - -Ganz unwillkürlich rückte er näher an ihre Seite und legte die Hand auf -ihren Arm. »Sie sollen ... Sie werden das Meer sehen, Gräfin ... Sie -müssen zu uns nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in dem -alten Bärennest gefallen, und welch eine Freude für mich, Ihnen das -Meer zeigen zu können!« - -Ja, eine Freude! - -Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, und das Blut stieg -ihm abermals so rot und warm in die Schläfen, wie stets, wenn ein -glückseliger Gedanke ihm das Herz bewegte! - -Und in diesem Moment gaukelte es plötzlich wie ein süßes Traumbild vor -seinen Augen; wenn Gabriele die Hausfrau von Hohen-Esp war, mußte dann -nicht ihre Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen -Glück des jungen Paares zu erfreuen? - -Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen, Thea aber hörte -nur seine Worte und paßte seine Erregung einzig ihnen an. - -Ihr Blick war noch weicher und sehnsüchtiger, ihre Stimme klang noch -jubelnder wie zuvor: »Und ob es mir in der Stille Ihres trauten -Heims gefallen würde?« flüsterte sie. »O, Graf, ich liebe die bunte -Welt mit all ihrem Lärm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine Seele -dürstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher Waldeinsamkeit! O, und -Ihre Frau Mutter! Wie wollte ich bemüht sein, ihr die Tage kurz und -lieb zu machen! Wie würde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches, -hochbeglücktes sein! -- Und dann der Gedanke, von Ihnen, Graf, in die -Wunderwelt des Strandes eingeführt zu werden, mit _Ihren_ Augen die -unendliche Schönheit des Meeres schauen zu lernen, -- mit zitternder -Seele die dräuende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!« - -Sie sprach voll schöner Leidenschaftlichkeit, mit dem einschmeichelnden -Organ, welches sich wie Silberfäden um das Herz strickt, und Guntram -Krafft blickte ihr wie verklärt in die Augen und empfand die Nähe der -kleinen Gräfin noch mehr wie zuvor als Wohltat! -- - -Er wollte antworten, in demselben Augenblick drängte sich jedoch ein -junger Infanterieoffizier durch die Spalier bildenden Damen und Herren -und verneigte sich hastig. - -»Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so gütig waren, mir -zu schenken.« - -Thea erhob sich zögernd. - -»Ah, die Polka! -- Eigentlich dürfte ich nicht mehr tanzen, ich bin -todmüde ...« - -»Das wäre grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka schadet Ihnen -sicher nicht!« - -Die junge Dame lächelte, -- ein wahres Märtyrerlächeln, blickte -zu Guntram Krafft auf und sagte: »So will ich es machen wie die -Schwalben, welche zwar scheiden, aber doch jedesmal versichern: Wir -kehren wieder!« - -»Scharmant gesagt!« applaudierte der kleine Leutnant und bot der -Sprecherin den Arm. - -Gräfin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand den Erbherrn von -Hohen-Esp in sehr eifrigem Gespräch mit einem Ministerialrat, welchem -Guntram Krafft seine Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft für -Schiffbrüchige hier zu wirken, ausgesprochen. - -Der alte Herr hörte voll liebenswürdigen Interesses zu und nannte die -Bemühungen des Grafen sehr anerkennenswert und hochherzig, versicherte -aber, daß er selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun könne -und verwies ihn an eine andere Adresse. - -Das Gespräch drehte sich zu Theas großem Mißvergnügen noch längere -Zeit um lauter sachgemäße Auseinandersetzungen und wollte absolut -nicht wieder in jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der -Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat für die Seefahrer -berge, er sprach mit bewegten Worten von seinen kühnen, zuverlässigen -Schiffern und von ihren redlichen Bemühungen, Hilfe in der Not zu -bringen -- und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuhörte und -begeisterte Bemerkungen einflocht, -- die Spitze ihres zierlichen -Füßchens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig unter dem Kleidersaum, -und das nervöse Spiel mit dem Fächer zeigte es, wie höchst langweilig -ihr diese Unterhaltung war! - -Zu ihrem Ärger kamen auch wieder neue Tänzer, welche sie nicht gut -abweisen konnte, und entführten sie, und der Ball näherte sich seinem -Ende, ohne daß sie die so mühsam errungenen Vorteile bei dem Bären noch -weiter ausnutzen konnte! - -Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange aber die törichte -Schwärmerei für Gabriele noch anhielt, waren ernsthafte Aussichten für -sie ausgeschlossen. - -Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz so unerfahren und -weltfremd, wie sie angenommen! - -Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, daß Menschen von der Liebe -allein nicht leben können, und »daß die Summe immer klein bleibt, wenn -sich nichts mit nichts verbindet!« - -Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden Herrn von Heidler -richtiger wie sie alle und rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß -derselbe durchaus keine Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich -darin gefalle, von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft -angeschwärmt zu werden. - -Daß aber ein Mann mit reellen Absichten stets den Sieg über einen -Courmacher davonträgt, ist eine so alte Tatsache, daß sie selbst in dem -weltfernen Hohen-Esp bekannt sein dürfte. -- - -Thea hatte es längst durchschaut, daß Herr von Heidler viel zu hohe -Ansprüche an die Mitgift seiner Zukünftigen stellte, um sich mit -Gabrieles Vermögen, so ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden -zu erklären; daß dies dem Grafen Hohen-Esp aber möglichst unbekannt -blieb, ja, daß er so radikal wie möglich von seiner Schwärmerei geheilt -werde, das mußte fürerst die größte Sorge der Gräfin sein. - -»Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger Hof, wo wir zu -Ehren der auswärtigen jungen Damen und Herren noch einmal tanzen?« -flüsterte sie zum Abschied zu Guntram Krafft empor. Der folgte just -mit einem seltsam verschleierten Blick dem Fräulein von Sprendlingen, -welche, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, lachend und plaudernd -vorüberschritt. - -»Ich weiß es nicht, Gräfin! Was soll ich da? Es liegen auch so viele -Dinereinladungen für mich im Hotel -- --« - -Was fragte Thea nach denen! - -Junge Mädchen wurden selten, fast nie zu Diners eingeladen, -- außer -auf den Bällen und der Eisbahn hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen -wiederzusehen. - -Sie entfaltete den glitzernden Fächer und winkte ihn näher herzu. - -»Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche sie aus!« flüsterte -sie. »Und abends, während des Balles, teile ich Ihnen mit, was -geschehen muß, um Gabriele für Sie zu interessieren! Ich werde bei -meinem Besuch schon alles tun, um das spröde Herzchen möglichst für Sie -zu erwärmen, -- hoffentlich gelingt es mir, daß sie Ihnen einen Tanz -aufhebt!« - -»O, Gräfin ... wie sollte ich Ihnen das danken?« stammelte er und sah -abermals aus, wie ein Kind, welchem man lockende Märchen erzählt. -»Unter diesen Umständen komme ich natürlich!« - -Sie nickte ihm lächelnd und vertraulich zu und freute sich, daß -ein paar andere junge Damen, darunter auch Lotte, welche den -modernen Parzival für einen Brillant unter Simili erklärt hatte, ihr -Einverständnis mit dem Hohen-Esper sahen. -- - -»Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp. >absitzen<, Graf?« -- -fuhr sie flüsternd fort; »lassen Sie uns besser allsogleich etwas -Bestimmtes verabreden, sonst wandere ich wieder von einem Arm in den -andern und kann Ihnen nichts erzählen!« - -»O, gewiß ... alles, was Gräfin befehlen ...« - -»Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das Souper! Bei Tisch ist -man oft am ungestörtesten! Vergessen Sie es aber nicht! Das Souper -und den ersten Walzer! -- Selbstverständlich trete ich die Tänze an -Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, -- aber _nur_ -an Gabriele, an niemand anders! O, Sie ahnen es nicht, Graf, _wie_ -gut ich es mit Ihnen meine!« - -»Doch, Gräfin! Ich überzeuge mich ja ununterbrochen davon!« antwortete -er mit warmem Dankesblick und erglühte abermals bei dem glückseligen -Gedanken, daß Gabriele mit ihm tanzen könne, bis unter die lockigen -Haare. »Ich vergesse Ihre gütige Zusage gewiß nicht! Wenn Sie derselben -nur eingedenk bleiben möchten!« - -Thea nickte ihm mit reizendem Lächeln zu und drückte seine Hand zum -Abschied, und als Guntram Krafft in dem Wagen saß und nach dem Hotel -fuhr, sah er im Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Gräfin -beinahe deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende Antlitz -Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten bis in den kurzen, -unruhigen Schlaf hinein. -- -- - -Am nächsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp für jene -Angelegenheit zu wirken, welche ihn ursprünglich hierher in die -Residenz geführt. - -Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie der Ministerialrat -gestern abend geraten, für die Anlage einer neuen Rettungsstation zu -interessieren. - -Er mußte lange warten, bis Seine Exzellenz einen Augenblick Zeit -erübrigen konnte, und kaum, daß er ein paar einleitende Worte -gesprochen, lächelt der alte Herr sehr verbindlich und reicht ihm die -Hand. - -»Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber Graf!« sagte -er, »und möchte Ihre und meine Zeit nicht unnötig in Anspruch nehmen. -All diese Angelegenheiten, welche Sie da berühren, sind nicht meine -Sache, -- Sie dürften in erster Linie das zuständige See- oder -Hafenamt interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich werde mich -informieren und Sie allsogleich vor die rechte Schmiede schicken.« - -Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn weiter von Pontius -zu Pilatus, und überall begegnete er viel Liebenswürdigkeit und viel -höflichen Worten, -- nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe. -Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu nehmen und mehr -an eine müßige Spielerei oder ungerechtfertigte Ansprüche zu glauben. - -Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem Grafen saßen, -und welchem er sein Leid betreffs all seiner vergeblichen Bemühungen -klagte, schüttelte lächelnd den Kopf. »Das Hamelwaat ist den Schiffen -so gefährlich? Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer ernsten -Havarie gehört, welche ein Fahrzeug dort erlitten.« - -»Weil wir glücklicherweise stets noch rechtzeitig zur Stelle waren, um -eine solche verhüten zu können!« - -»Wer vollführte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?« - -»Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!« - -»O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung oder -Belohnung vorgeschlagen? Bitte, versäumen Sie das ja nicht, -verehrtester Graf, und zeigen Sie eventuelle Verdienste der Leute bei -dem zuständigen Landratsamt an. Im übrigen aber rate ich Ihnen, die -wackeren Fischer ruhig weiter für ihre Kameraden sorgen zu lassen! -Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und beste. -- Die Gründung -einer neuen Station ist mit sehr vielen Kosten und Umständen verknüpft, -und wo es nicht absolut nötig ist, unterläßt man sie!« -- - -»Aber sie ist absolut nötig!« - -»Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewiß liegt es in dem -Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden Mannes, der Hilflosigkeit -überall, -- nicht nur auf eng bemessenen Strecken, beistehen zu können, -und ich glaube, daß Menschen, die viel oder gar stets an der See -kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, daß noch gar viel geschehen -muß, um all den großen und schwerwiegenden Anforderungen gerecht zu -werden.« - -»Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns!« -- - -»Wie weit ist die nächste Station von Ihnen entfernt?« -- - -»Den Kilometern nach nicht direkt außer der Welt, und dennoch absolut -nutzlos für uns, da sie in dringenden Fällen -- und die sind es zumeist --- nicht erreichbar ist!« - -»Wie dürfte das zu verstehen sein, Herr Graf?« - -»Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten Dünen und -Sandbänken, welche ihre Beschaffenheit beinahe mit jedem hohen -Seegang wechseln, die sehr zuwidern Strömungen, mit welchen gerade in -seiner nächsten Umgebung zu kämpfen ist, machen diese meine kleine -Küstenstrecke besonders gefährlich. Wenn ein Schiff aufläuft, so -geschieht das meist sehr unerwartet und so gewaltig, daß wir, die -beinahe ständig auf der Lauer liegen, um uns nicht überraschen zu -lassen, kaum schnell genug zur Stelle sein können, um das Schlimmste -abzuwenden. Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis von fernher -ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft von keuchenden Rossen durch -Sand und Schlick herangeschleppt wird, ist eine Unmöglichkeit! -- -Wenn ein Schiff tatsächlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum noch -in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft zu bergen, -geschweige das Fahrzeug selber zu retten! Unsere hauptsächliche -Aufmerksamkeit wendet sich daher einer vorbeugenden Hilfeleistung zu. --- Wir leisteten mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir -suchten stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos segelnden -Schiff, welches sich in den Molochsrachen des Hamelwaats treiben ließ, -Warnung und einen Lotsen an Bord zu bringen, welcher ihm half, in -sicherem Fahrwasser seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen -Unfall noch rechtzeitig verhüten konnten, ist die Aufmerksamkeit -der Strandbehörden noch nicht genügend auf die Gefährlichkeit -jener Küstenstrecke gelenkt. Habe ich mich klar und verständlich -ausgesprochen, sehr geehrter Herr? -- Ich bemühte mich, mit -Hintansetzung aller >technischen< Ausdrücke nur möglichst anschaulich -zu reden!« - -»Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen, was Sie bezwecken -und wünschen, und würde mit Freuden der erste sein, welcher Ihre so -uneigennützigen Wünsche möglichst fördert. Aber, aber!!...« und der -Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg. - -»Welch ein >Aber<? -- läßt sich dasselbe nicht durch den guten Willen -überwinden?« - -Immer röter und röter stieg es in Guntram Kraffts Stirn, immer -ungeduldiger blitzte sein Auge. - -»Nein, Herr Graf! Gerade dieses >Aber<, welches man wohl Ihren -Bemühungen als Schranke gegenüberstellen muß, ist das einzigste, -welches sich selbst mit dem besten Willen nicht überwinden läßt --« - -»Ah!?« - -»Ich meine das Geld!« - -Der Bär von Hohen-Esp neigte jäh das erst so stolz und fragend -blickende Antlitz. - -»Das Geld?« wiederholte er mit etwas unsicherer Stimme. »Ich nehme an, -daß die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger über genügende Mittel -verfügt?« - -Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem Versuch zum -Scherzen: »Wollte Gott, dem wäre so! Nein, Herr Graf, da befinden Sie -sich leider in großem Irrtum. Die Ansprüche, welche von Jahr zu Jahr -an diese unvergleichliche, so bienenfleißig arbeitende und schaffende -Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und ständig -wachsenden Not bis ins Ungeheure an, -- während sich doch keine Quelle -erschließt, dementsprechende Mittel neu zuzuführen!« - -»Aber die Sammlungen im Lande?!« - -»Deren Erträge sind so unbedeutend, daß man sich ihrer schämen möchte!« - -»Mein Gott, wie ist das möglich?« - -Abermals ein resigniertes Achselzucken. - -»Man interessiert sich nicht dafür! -- Die paar wenigen Menschen, -welche im Sommer in die Seebäder reisen, der kräftigen Salzluft neue -Kraft und Stärkung verdanken und die wundervolle Poesie des Meeres und -des Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr Scherflein -dazu bei, an dem großen, wichtigen, herrlichen Werk edler Nächstenliebe -zu helfen; aber was will dieser verschwindend kleine Bruchteil im -Gegensatz zu den enormen Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen -erfordern? Die große Menge kennt und liebt die See kaum.« -- - -»Undenkbar! -- Schon aus Patriotismus ist es doch die Pflicht eines -jeden, gerade für die Küste eines Meeres einzustehen, auf welchem -Deutschlands ganze Zukunft ruht!« -- - -»So denken Sie, mein lieber Graf!« - -»Und andere nicht?« -- - -»_Vorläufig_ noch nicht! Wenn unserm deutschen Volk die Augen -aufgehen, wird es auch die Hand öffnen und der heiligsten seiner -Missionen nicht mehr kalt und fremd gegenüberstehen!« - -»Und bis dahin?!« -- - -»Bis dahin müssen wir uns gedulden, hoffen und mutig ausharren, lieber -Graf, und vor allen Dingen bemüht sein, uns nach Kräften selber zu -helfen! -- Haben Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und -opferfreudigster Weise gefördert? -- Lassen Sie es sich auch ferner in -gleicher Weise angelegen sein, das Ihre zu tun. Man wird es Ihnen Dank -wissen!« -- - -»Auf diesen möchte ich lieber verzichten, wie auf das kleinste Zeichen -tatkräftigsten Interesses!« - -»Das läßt sich nicht erzwingen.« - -»Gott sei es geklagt.« - -Das Gesicht des jungen Mannes sah blaß und finster aus, und da die -Tafel just beendet war, erhob er sich, um sich zu verabschieden. - -Noch ein paar sehr höfliche Redensarten, Worte der Anerkennung und -des Dankes für die warme Teilnahme, welche der Graf dem Rettungswesen -entgegenbringe -- und dann schloß sich die Tür hinter ihm. - -In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft nach seinem Zimmer -empor. - -Ein Gefühl großer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit wollte ihn -überkommen. - -Seine liebsten, schönsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen, und sein -Herz, welches voll so heißer, wahrer Begeisterung für die gute Sache -schlug, blutete aus der Wunde, welche Gleichgültigkeit und der Mangel -an echter Nächstenliebe ihm geschlagen. - -Man interessiert sich im Binnenland nicht für die See? -- Gott verhüte -es, du deutsches Volk, daß nicht ein eisenklirrender Sturmwind -daherrast und dich mit eherner Faust aus dem Schlafe rüttelt! -- - - * * * * * - - - - -XV. - - -Gräfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht gehabt. - -Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den Kissen gelegen und -überlegt, auf welche Weise sie mit einem einzigen geschickten Schachzug -die Königin Gabriele matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel -hervorgehen könne. - -Daß Guntram Krafft ein Mann war, welcher überlegte, hatte sie bereits -bemerkt. - -Seine aufflammende Liebe für Gabriele war bereits so stark, daß er auf -Einflüsterungen nichts mehr gab -- das hatte sie erfahren, als die ihm -so geschickt beigebrachte Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine -Folge hatte, daß der Graf sich bei dem Souper an ihre Seite setzte und -sich doppelt zu bemühen schien, den Nebenbuhler rechtzeitig aus dem -Sattel zu heben. - -Der »weltfremde« Parzival war gar nicht so unerfahren, wie sie annahm, -er hatte zu viel Bücher gelesen und wußte ganz genau, wie schwer ein -reicher Freier gegen einen mittellosen Courmacher in die Wagschale -fällt. - -Er mußte durch ein drastischeres Mittel überzeugt werden, um sein -Rennen aufzugeben. - -Gabriele selber war eine Närrin und fanatisch genug, den Erben -von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu opfern, -- bis jetzt sah -es tatsächlich aus, als ob sie nicht gewillt sei, Theas Pläne zu -durchkreuzen, wenn dieses abstoßende Wesen nicht doch die berechnendste -Koketterie war, um den naiven Parzival auf das äußerste zu reizen und -desto sicherer zu gewinnen. - -Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele als wahrheitliebend -und aufrichtig kennengelernt. - -Sie war ein spröder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, viel zu -aufbrausend und heftig, um berechnend handeln zu können, viel zu ideal -beanlagt und in ihre törichten Schwärmereien verrannt, um aus schnöder -Gewinnsucht ihre Überzeugung aufgeben zu können! - -Thea lacht ironisch auf. - -»Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und eine Hütte!« das genügt -dem Fräulein von Sprendlingen, aber die Mutter! -- die müßte eben keine -Mutter sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen über der Tochter -wachte und die Torheiten derselben mit allen Mitteln korrigierte! - -Mit welch auffallender Liebenswürdigkeit begegnete sie dem Bären von -Hohen-Esp! - -Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu verwischen, -welchen die rücksichtslose Tochter gemacht! - -Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama gar nicht mit, denn sie -sucht eine gute Partie für die Tochter. - -Man sagt zwar, daß Sprendlingens recht vermögend seien, -- freilich -tauchen auch oft Gerüchte auf, daß sie sehr über ihre Verhältnisse -gelebt und bei einem jüngst erfolgten Börsenkrach ganz bedeutend -verloren haben sollen. - -Dieses Gerücht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, aus seiner -Courmacherei Ernst zu machen und sich zu erklären, denn der -schneidige Dragoner ist das verkörperte Rechenexempel und wird seine -begehrenswerte Hand nur zum höchsten Angebot losschlagen. - -Aber selbst in dem Falle, daß die bösen Gerüchte nur auf Verleumdung -beruhen, sind wenig Aussichten bei den Eltern seiner Angebeteten. - -Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hübsch, zu jung und -lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf ein Vermögen und mit -demselben auf die gesellschaftliche Rolle zu verzichten, welche sie -trotz der erwachsenen Gabriele noch immer spielt. - -Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das weiß auch der -pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau so gut, wie seine -gefeierte Gattin. - -Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine vorzügliche -Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und hat nie Anlage zur -Selbstkasteiung und niemals Sinn für eine strenge Pönitenz gehabt! Auch -er zieht den reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor. - -Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mißzuverstehender Weise -abgewinkt wird, wenn die Mutter das Ohr und Herz des Töchterleins -dauernd und wirksam bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer -der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend gegenüberstehen wie -jetzt? -- - -Thea beißt die scharfen, weißen Zähnchen in die Lippe und atmet schwer -auf. - -Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umständen ankommen lassen! - -Sie muß die Fäden endgültig zerschneiden, ehe ein Netz daraus -geflochten werden kann! - -Aber wie? -- - -Nur etwas ganz Überzeugendes, Augenscheinliches wird bei dem verliebten -Bären von entscheidender Wirkung sein. - -Und wie Thea die ungeduldig zuckenden Hände gegen die Schläfen preßt -und über das »was« und »wie« grübelt, da durchfährt sie plötzlich ein -Gedanke und jagt ihr heiße Glut in die Schläfen. - -Gabrieles Zettel! - -Jener Zettel, welchen das törichte, selbstbewußte Backfischchen vor -Jahren geschrieben, der Zettel, auf welchem sie erklärt, nun und nimmer -den Grafen von Hohen-Esp heiraten zu wollen! - -In fliegender Hast entzündet Thea das Licht, wirft ihr Morgenkleid über -und eilt an den Schreibtisch im Nebenzimmer. - -Wie war es möglich, daß sie diesen kostbaren, unersetzlichen Zettel -vergessen konnte! -- - -Nein -- vergessen hatte sie ihn nicht ... sie hatte ihn ja schon damals -sorgsam aufbewahrt in dem Gedanken, daß er ihr einmal nützen könne -... Aber jetzt ... sie dachte nicht, daß sie ihn schon jetzt, so bald -als schwerwiegendste Waffe gegen die Nebenbuhlerin ins Treffen führen -werde! -- - -Besitzt sie ihn überhaupt noch? - -Hat vielleicht ein tückischer Zufall ihn durch ihre Finger geblasen? -- - -Mit bebenden Händen durchwühlt Thea den Inhalt der Schublade, das -Licht flackert und wirft rötlich zuckenden Schein über ihr blasses, -aufgeregtes Gesicht. - -Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle Raritäten aus -ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw. enthält. - -In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles verwahrt! - -Die dünnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen Nägeln streuen -achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen und Tanzkarten, die -Haarlocken und Stammbuchverse auseinander. - -Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Blättern einer -ausgeschriebenen Rolle, »Die Gouvernante«, von Körner, liegt das -Gesuchte! Theas Augen leuchten auf, sie faßt den Zettel fest, so -krampfhaft fest, als fürchte sie, er könne ihr noch jetzt entrissen -werden, wirft den vergilbten Kram hastig in die Schublade zurück und -eilt auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe fröstelnd in das -Schlafzimmer zurück. - -Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit brennendem Blick auf -die noch sehr deutliche Bleistiftschrift hernieder. - -Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie hat die Zeilen -gewissermaßen an Thea gerichtet. - -Der Inhalt ist überraschend gut. - -Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim besten Willen nicht -gedacht werden. - -O, er wird Eindruck machen! - -Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen, schwärmerischen -Augen blitzen Triumph und hämische Freude. - -Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschnörkeln hat Gabriele das große -Los durchgestrichen, welches ein gütiges Schicksal ihr so verführerisch -präsentierte. - -Die Herrschaft Walsleben, -- Hohen-Esp, -- eine Grafenkrone und ein -bildschöner, ritterlicher Mann -- dies alles zerrinnt wie Rauch und -Nebel vor diesem winzigen Blättchen Papier, welches ein arrogantes -kleines Fräulein sich selber zum Urteil schrieb. - -Nun liegt es wie ein unüberwindliches Hindernis vor ihr auf dem Weg zu -Glück, Reichtum und Rang, und eine andere kommt und nimmt Besitz davon. - -Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas Stirn, dann ist sie -einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift. - -Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht er den -Erfolg. - -Gräfin Sevarille dehnt die Arme und schließt mit wohligem Lächeln die -Augen. - -Sie spielt ein Hazard um den Coeur-König, und schon morgen abend wird -sie »=va banque=« sagen! -- - - * * * * * - -Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes Haus. - -Man nennt es scherzweise »den russischen Krug« oder »die Petersburger -Ausspanne«, weil es noch an die Zeit erinnert, wo die altehrwürdigen -Kaleschen vor dem Dorfkrug Station machten, um die Pferde zu wechseln! - -Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist andererseits -auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, welche ihre -Marmorsäulen und Palmengruppen in elektrischem Licht spiegeln, -- es -hat schöne, einfache Räume, solide Preise, eine vorzügliche Küche -und die beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor die -Sitte, daß nach jedem Hofball eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg -stattfindet, eine Art Kavalierball, welcher sehr beliebt und viel -besucht ist. - -Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag noch in die -ausliegende Liste für die auswärtigen Herrschaften eingetragen, -und er war auch schon als einer der ersten zur Stelle, als die -Wagen heranrollten und all jene zauberhaft holden Frauen- und -Mädchengestalten des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in den -Empfangsräumen zusammenströmten. Fräulein von Sprendlingen ließ, wie -stets, sehr lange auf sich warten. - -»Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefüllt mitgenommen!« -sagte einer der Herren zu einer jungen Dame, welche nach ihr fragte: -»Warum soll sie sich da die Füße hier wund stehen? Auch Ballköniginnen -pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzählig -versammelte.« - -Thea schwebte in einer rosa Tüllwoge in den Saal und winkte dem -Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem Lächeln zu. Sie ward -von Tänzern umringt, mußte die älteren Damen begrüßen und mit den -jüngeren ein wenig plaudern, so daß schon die ersten Walzerklänge durch -den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten Abend sagen und sie daran -erinnern konnte, daß sie die Güte gehabt, ihm schon gestern zwei Tänze -zuzusichern. - -Sie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte leise: - -»Wie sollte ich diese Tänze vergessen! gerade auf Sie freue ich mich ja -am meisten!« - -Guntram Krafft ward dunkelrot und drückte die schlanken Fingerchen -aufgeregt zwischen den seinen. - -Thea freute sich auf die Tänze? Nun, dann hat sie ihm sicher etwas -recht Angenehmes mitzuteilen! - -Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen Diwan mit ihr -niedersetzen, wie dies auf dem Hofball der Fall gewesen; da aber am -heutigen Abend sehr viel flotter getanzt zu werden schien, war es der -vielen Extratouren wegen nicht möglich. Das sagten ihm schon etliche -junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben auch begrüßt -hatte. - -Gestern war der Tanz Nebensache. - -Ein Hofball ist mehr eine glänzende Schaustellung, eine Parade, bei -welcher nicht die Pickelhauben und Säbel, sondern die schönen Augen der -Frauen blitzen, ein großes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung, -Prunk und Schönheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und seinem -erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden. - -Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der Tanz nur ganz -verschwindend seine goldenen Linien zieht; eine Nachfeier im Hotel -St. Petersburg jedoch ist das schöne Recht der Jugend, wo sie alles -nachholen will, was ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkümmert -hatte. - -Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram Krafft wandte kaum -einen Blick von der Tür. - -Er stand, in Wahrheit eines Hauptes länger denn alles übrige Volk, -nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger Sehnsucht jener Einzigen -entgegen, welche trotz ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine -Gedanken wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt. - -Er hatte einmal in dem Bücherschrank seiner Mutter ein Gedichtbuch -gefunden, welches er heimlich mit an den Strand nahm und, in dem -knisternden Riedgras liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche -ihn ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten von einer Rose -»an Dornen ach nur allzu reich!« von der hieß es: - - »Viel andre Blumen sah ich blühen - Und sie zu pflücken hab ich Wahl -- - Doch immer treibt mich inneres Glühen - Zur Rose, zur geliebten Qual! - Ich schlürf' aus ihres Kelches Bronnen - Den Wonnentau, den süßen Schmerz - Und drücke sie samt allen Dornen - Vor Wollust an mein leidend Herz!« - -Dieses Gedicht kam ihm plötzlich in die Erinnerung, und was ihm ehemals -so unverständlich schien, das begriff er jetzt. - -Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die dornenreichste aller -Rosen, welcher er im Leben begegnet war? - -Warum gefiel ihm Gräfin Thea in all ihrer anmutigen Liebenswürdigkeit -nicht tausendmal besser? - -Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld jener Schönsten -entgegen, welche die einzige im Saal war, die für ihn kaum einen Blick, -kaum einen Gruß hatte? Und je länger sie zögert, zu erscheinen, desto -unruhiger hämmert das Herz in seiner Brust. - -Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint sich nicht viel Sorge -um das Zögern seiner Herzenskönigin zu machen. Er tanzt bereits sehr -flott mit der Tochter des Divisionärs, seines Obersten, mit der Nichte -des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof präsentierten Enkelin -des Ministers. - -Ein überschlankes Püppchen, mit trotz ihrer Jugend schon recht -blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man erzählte sich aber heute -morgen im Hotel, wo verschiedene Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts -frühstückten, daß Fräulein Henny ein goldenes Kälbchen sei, um welches -wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen werde, -- ein Tanz, welcher -in diesem Fall wohl nur dem Götzen Gold huldige. -- - -Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmäht es nicht, in -Abwesenheit seiner angebeteten Gabriele mit recht zündenden Blicken in -das spitze, sommersprossige Gesichtchen zu sehen. - -Schon der zweite Tanz näherte sich dem Ende, und noch immer ist Fräulein -von Sprendlingen nicht erschienen. - -Auch Thea fällt es auf. - -»Wo steckt denn Gabriele?« fragte sie einen der Vortänzer: »Hat sie etwa -abgesagt?« - -»Leider! leider!« dienert der Vielbeschäftigte, »noch in letzter Stunde -...« - -»Undenkbar, aus welchem Grunde?« ... - -Der Gefragte zuckte die Achseln. - -»_Nur_ mündliche Bestellung!... Durch plötzliche Krankheit verhindert! -Möglicherweise hat das gnädige Fräulein gestern doch zu viel getanzt! -Einige zwanzig Kotillonsträuße! Das ist eine Anforderung, welche kaum -große Füße leisten können, geschweige eine solche Miniaturausgabe, wie -die des Fräulein von Sprendlingen!« - -Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugehört. - -Gabriele krank? - -Günstiger konnte es sich für ihre Pläne ja kaum treffen! - -Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an, dann schreibt man mit -Bleistift auf kleine Zettel, -- das muß doch selbst dem Argwöhnischsten -einleuchten! - -Gräfin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der Triumph, die Genugtuung -blitzen aus ihren Augen. - -Ein französisches Sprichwort sagt: »Der Abwesende hat immer Unrecht!« -Auch Gabriele, die Rivalin, wird geschlagen werden, während sie fernab -von dem Schlachtfeld weilt! - -Ist es nicht ganz auffällig, wie sich das Interesse des Grafen schon -jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin zuwendet? - -Wie innig drückte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst errötete er -bei ihren Worten -- wahrlich ein moderner Parzival, ein Kinderherz ohne -Arg und Falsch, ebenso leicht durch ein paar Zuckerplätzchen gewonnen, -wie ein solches! - -Und hoffentlich auch ebenso leicht getröstet, wenn ein hübsches, buntes -Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen trug, aus seinen Händen -gewunden wird. Man gibt ihm dafür ein anderes ... und es wird sich -zufrieden geben und sich artig dem Willen derjenigen fügen, welche so -sehr, sehr viel klüger und weltgewandter ist wie das große Kind aus dem -Strandschloß. - -Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen, ehe sie den großen -Trumpf ausspielte; nachdem sie aber die köstliche Nachricht erhalten, -daß Gabriele krank sei, hielt sie nicht länger zurück, sie brannte -darauf, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß war. Geschmeidig wie -ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch die Plaudernden und -stand im nächsten Augenblick vor dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr -bereits voll fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen -Posten an der Tür verließ, um Gräfin Sevarille den Arm zu bieten. - -»Jetzt kommt unser Tanz, Gräfin, nicht wahr?« fragte er hastig. - -Sie lachte und legte das Händchen mit allen Zeichen großer Erschöpfung -auf seinen Arm. »Nein, Gott sei Dank, noch kommt er _nicht_, Graf! -- -Ich bin halb tot! Ich muß mich erst eine Weile ausruhen, und darum will -ich vor dem nächsten Galopp flüchten und biete ein Königreich für einen -Sessel!« - -»In des Waldes tiefste Gründe flüchtete die Seherin!« rezitierte ein -ganz junger Offizier und trat lachend zur Seite, während Guntram Krafft -sehr ernst und eifrig nickte. - -»Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Gräfin, es wird Ihnen -schaden!« sagte er und wandte sich nach einem Nebenzimmer, an dessen -Spiegelwänden nur eine Reihe von Wiener Stühlen stand: »Kommen Sie -bitte hier herein! -- Es ist kühl und menschenleer!« - -Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren zu einem L'hombre -zusammengesetzt; sie blickten flüchtig auf, ließen sich aber nicht -stören, als die jungen Leute entfernt von ihnen, in der Fensterecke, -Platz nahmen. - -Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr graziös und so matt wie -ein rosa Wölkchen in der Sommerhitze auf einen der Stühle niedersank. - -»Wo bleibt Fräulein von Sprendlingen?« fragte er ohne jedwede -Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungestüm auf die Lippen drängten. - -»Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!« - -»Krank?! -- Mein Gott, was fehlt ihr?« - -Thea zuckte mit umwölkter Stirn die Achseln. »Vielleicht erkältet ... -vielleicht auch nicht. Herzlose Mädchen kokettieren ja oft nur eine -Indisposition, um sich rar und interessant zu machen!« - -»Herzlose Mädchen ... kokettieren ...?«.., stammelte Guntram Krafft -beinahe erschrocken. »Urteilen Sie _so_ über Ihre Freundin?« - -Thea blickte ihn seltsam an, -- so warm, so innig und traurig, daß ihm -abermals das Blut in die Wangen schoß. - -»Setzen Sie sich zu mir, Graf!« hauchte sie weich, entfaltete den Fächer -und blickte tief aufatmend auf seine gemalten Narzissen nieder. - -»Graf ...!« - -Er starrte sie momentan an. »Warum sprechen Sie nicht weiter, Gräfin?« - -»Wollen Sie es durchaus, daß ich von Gabriele spreche?« - -»Und wollen Sie es durchaus _nicht_?« - -Sie seufzte: »Ich möchte Ihnen so gern alles Unangenehme ersparen! Ich -meine es gut mit Ihnen, Graf, und bin auf Gabriele so sehr ... so -ernstlich böse!« - -Er hatte nur die ersten Worte gehört und zuckte unmerklich zusammen. - -»Ich höre lieber Unangenehmes, wie gar nichts!« sagte er leise. »Und Sie -sind so gut und rücksichtsvoll zu mir, Gräfin, daß aus Ihrem Munde -sicherlich auch das Schlimmste noch erträglich klingt!« - -Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher Trauer, daß es -ihm ganz wundersam zumute ward. - -»Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerhört Beleidigendes sagte, eher -bisse ich mir die Zunge ab!« sagte sie erregt. »Ich finde meine Mission -sowieso trostlos genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie -wahrlich glücklich sein! Hätte es mir Gabriele nicht _schriftlich_ -gegeben, ich würde nie ...« - -Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen, jetzt hob er jäh das -Haupt und unterbrach sie. - -»_Schriftlich_ gegeben?« wiederholte er erstaunt. - -Sie zog ein Notizbüchlein aus dem Kleid und entnahm ihm einen Zettel, -zog denselben jedoch hastig zurück, als Guntram Krafft mit allen Zeichen -großer Erregung danach greifen wollte. - -»Halt, Graf! Wenn ich Ihnen _diesen_ Zettel zeige, begehe ich eine große -Indiskretion an Gabriele, und ich tue es nur, weil Sie mich gestern zu -einer gewissen Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich -nicht, ich leide unsäglich unter der Rolle einer Vertrauten, welche Sie -mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal nicht so außerordentlich -interessierte, und wenn ich es nicht für meine heilige Pflicht hielte, -Ihnen als guter Engel rechtzeitig die Augen zu öffnen, so würde dieser -Zettel längst ein Raub der Flammen sein!« -- - -»Gräfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich lesen ...« - -»Nur unter einer Bedingung ...« - -»Ich gelobe alles, was Sie verlangen!« - -»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwören Sie es mir bei allem, was Ihnen -heilig ist, daß _nie_ ein Mensch, Gabriele selber am allerwenigsten -- -jemals es erfährt, wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu -zeigen! Sie geloben mir strengste Diskretion?« - -»Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!« Er bot ihr mit seinem -offenen, grundehrlichen Blick die Hand entgegen, und Thea schlug ein. - -»Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rückhaltloses Vertrauen zu Ihnen, Graf! -Und nun lassen Sie mich erst erzählen, wie ich zu diesem Zettel kam!« - -»Ich bitte darum!« - -»Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fräulein von -Sprendlingen über Sie hege, und was Sie eventuell tun könnten, um sich -ihre Sympathien zu erwerben!« Thea sprach schnell und leise, ihre -schlanken Finger hielten den Zettel zwischen den rosa Tüllwogen auf -ihrem Schoß. -- »Ich wollte ihr demzufolge gestern morgen einen Besuch -machen, um sie ein wenig auszuforschen, wurde aber nicht angenommen, -weil das gnädige Fräulein um zwölf Uhr noch nicht aufgestanden war!! -- -Um zwölf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich scheinen wie mir! Aber -Gabriele ist ja das verkörperte Großstadtleben: die Nächte durchwachen, -die Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, welche nun -einmal nicht für ländliche Verhältnisse geboren sind!« - -»O, wie schade, daß Sie die Freundin nicht sehen konnten!« -- Er strich -mit der Hand über die Stirn, seine Stimme bebte vor Ungeduld. - -»Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich. -- Wahrlich, -Graf, ich habe es sehr diskret angefangen und begreife nicht, wie -Gabriele sogleich an Heiraten denken konnte, aber derart verwöhnte -Mädchen wie sie wittern ja überall einen Heiratsantrag; selbst aus -meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele einen neuen Sturm auf -ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen heraus. Hier, lesen Sie selber, -in welch unerhört beleidigender Weise sie mir antwortet!« - -Die Sprecherin reichte brüsk den Zettel dar, und Guntram Krafft nahm ihn -und neigte das Haupt tief darauf hernieder. - -Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie sah, wie es -erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos auf den Zeilen ruhte. -Regungslos saß Graf Hohen-Esp, -- sein Atem ging schwer, und der Zettel -schwankte momentan in seiner Hand. -- - -Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise und zart ihre Hand -auf seinen Arm. - -»O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie verletzten! O, wie -beklage ich es, wie sehr bereue ich es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!« - -Er schüttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die -Brusttasche. - -Thea griff hastig danach. - -»O, geben Sie zurück, Graf ...« - -»Unbesorgt, Gräfin, das Papier ist gut aufgehoben, -- ich habe Ihnen ja -Diskretion gelobt. Aber ich bitte Sie, mir den Zettel zu eigen zu -lassen.« - -Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und Thea verschlang mit -leiser Klage die Hände. - -»Graf ... zürnen Sie auch _mir_?« - -Er blickte sie fragend an. »Zürnen? Ich zürne weder der Schreiberin noch -Ihnen. Daß Fräulein von Sprendlingen sich nur für einen Helden -begeistern kann und mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht -imponiere, ist Geschmackssache, -- dagegen läßt sich nicht streiten.« - -»Aber daß sie es so beleidigend ausdrückt, das verzeihe ich ihr nie!« - -»Sie ahnte ja nicht, daß ich diese Worte lesen würde, und warum sollte -sie Ihnen gegenüber in meinem Interesse rücksichtsvoll sein? Je klarer -und deutlicher sie sich ausdrückte, desto sicherer war sie, richtig -verstanden zu werden!« - -Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt sank noch tiefer -zur Brust. - -»Graf!« - -Er schrak empor. »Ich danke Ihnen, Gräfin, daß Sie mir jetzt schon -erfahren ließen, was mir später wohl noch schwerer angekommen wäre. Ich -weiß, daß Sie mir gewiß lieber einen freundlichen Gruß überbracht -hätten. Sie haben sich meiner so gütig angenommen, obwohl Ihnen mein -Benehmen gewiß äußerst eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier, --- ich kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie es mir just -in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie diese traurige kleine Episode.« - -»Ich soll sie vergessen?« -- Thea neigte sich vor und sah ihm voll -rührender Innigkeit in die Augen: »Nein, Graf, _Sie_ sollen -vergessen, und zwar so schnell und so gründlich wie möglich! Blühen -nicht so viele andere holde Blumen um Sie her? Warum muß es gerade -die Königin Rose sein, welche an Ihrer Brust blühen soll? Glauben Sie -mir, Graf, es ist eine traurige Tatsache, daß die schönsten Mädchen -nicht immer die besten sind! Sie werden verwöhnt, eitel, egoistisch und -tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen und urteilen -herzlos und oberflächlich ...« - -Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben Sie mir nicht -den Glauben an die Schönheit, Gräfin!« sagte er weich. »Wer sein -Leben lang im Banne eines holden Märchens gestanden, findet sich so -schwer mit der herben Wahrheit ab! -- Schön und gut war bislang ein -unzertrennlicher Begriff für mich, -- -- und warum soll ein Weib, -welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein? --- Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint -angekündigt zu sein, -- die alten Herren verlassen den Spieltisch!« - -Thea erhob sich, -- das ironische Lächeln, welches um ihre Lippen -spielte und welches der beinahe lächerlichen Sanftmut ihres -schwärmerischen Partners galt, verlor sich. - -»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken -bringen, und wenn die Flöten und Geigen wieder erklingen, wollen wir -jedwedem Mißgeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und -dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten -übertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges -Herz zu trösten und zu erheitern! =Carpe diem=!« - -Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür trat und winkte, zu, -hing sich wie ein rosiges Flöckchen an den Arm ihres bärenhaften -Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum -Souper. - - * * * * * - - - - -XVI. - - -So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und -amüsant war seine Nachbarin. - -Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea -beobachtete es voll Genugtuung, daß Guntram Krafft energisch seine -Mißstimmung bezwang und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas -gesprächiger wurde. - -Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und -die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwärmerisches Entzücken -einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie -heiße Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische Dinge -zu befragen und seinen Bemühungen, die Damen und Herren für das -Rettungswesen Schiffbrüchiger zu interessieren, ein lebhaftes -Verständnis entgegenbrachte, da bemächtigte sich seiner sogar eine -gewisse freudige Erregung, welche für den Augenblick die Schatten von -seiner Stirn scheuchte. - -Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu -übermütig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer -Geste: »Es ist seltsam, daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und -Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all ihren drohenden -Gefahren, ihrem >Seemann in Not< und ihrer schauerlich-schönen -Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine -Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für -sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie -eine Schiffskatastrophe. Für die Waisenkinder, das Blindenasyl und -Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber -eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen -entreißen und manch unglücklichen Schiffer von seinem Wrack einholen -möchte, für die findet sich kaum eine offene Hand!« -- - -»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am -Strand!« nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen -Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm -mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis zurück: -»Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte -bemüht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in -vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den -Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe -not! Hier trägt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich -die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit zu ehren, gründen -Schiller- und Bismarckvereine -- und denken so wenig an die Zukunft -ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben -sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, haben das Schiff ->Frauenlob< von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß -selbst die kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht und -Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist -- mit wenigen Ausnahmen -- -so gut wie gar kein Interesse für die dringende Not an der Küste -vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen -Füßen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über das tragische -Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger Hilfeschrei durch das Land -hallte!« - -Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in -seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den -ungewandten, tolpatschigen Bären von Hohen-Esp erinnerte! - -Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum Schluß die etwas -ängstliche Frage laut werden: »Wer soll aber so etwas in die Hand -nehmen?« - -Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: »Das ist -ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die -Sache nicht von maßgebender Seite angeregt wird!« - -Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts. - -»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« sagte er beinahe -verächtlich, »und ich fürchte, ich werde sie noch mehrfach hören müssen. -Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil -keiner den Anfang machen will. Warum >von maßgebender Seite?< Dies ist -die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn -jeder einzelne und jede einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« -- - -Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, welchen das -Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch -der Tafel verursachten -- der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte -sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen. - -Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie -versicherte, daß sie noch mehr über dieses Thema hören müsse, welches -ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, -- der -Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam -verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem ehedem so -linkischen, bei jedem Wort errötenden Jüngling, welchen die Spottlust -der Großstädter den modernen Parzival genannt. - -Er neigte flüchtig den Kopf. - -»Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, daß ich Ihnen einen -zuverlässigeren Tänzer besorge!« - -»O nicht doch -- ich möchte tausendmal lieber mit Ihnen plaudern, Graf! -Jener Platz am Fenster dort ist so gemütlich ...« - -Er schien ihre Worte zu überhören, wandte sich zu einem seiner -Tischnachbarn, welcher keine Dame geführt hatte, und bat ihn, bei -Komtesse Sevarille zum Tischwalzer für ihn einzutreten, da er nicht -tanze. - -»Selbstverständlich, mit größtem Vergnügen!« versicherte der Angeredete, -nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt gemustert hatte, verneigte sich -vor der jungen Dame und flog auf wiegenden Klängen mit Thea davon. - -Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt dem Ausgang zu. - -Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden müsse oder nicht; es -gingen verschiedene Damen und Herren schon jetzt nach dem Souper. So -ging auch er, nahm hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, stürmische -Winternacht hinaus. - -Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfüllt, nun hielt ihn nichts -mehr. Wie ein Verdürstender atmete er die klare, kalte Luft, -- sein -gequältes Herz hämmerte in der Brust, und seine Augen brannten so heiß, -als glühten ungeweinte Tränen darin. Welch eine Beherrschung hatte die -letzte Stunde von ihm verlangt! - -Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute wie einem Menschen, -welchem das Glück jählings aus den Händen gleitet und in Scherben -zerbricht. - -Es war der erste große, leidenschaftliche Schmerz, welcher sein Herz -traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich wehe Wunde, welche ihm -geschlagen ward. - -Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte als den stillen -Frieden der Heimat, als die Treue, Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen, -sie lernte zum erstenmal alle Bitterkeit einer Enttäuschung, alle Qual -einer hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen. - -Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, wie verzehrendes -Feuer glühte ihm das Leid im Herzen. - -Jetzt erst, nachdem er Gabriele für immer verloren, begriff er es, wie -voll, wie ganz und innig er sein Herz an sie gehängt hatte. So auf den -ersten Blick! -- - -So gläubig und vertrauend wie ein Kind, welches die Schönheit in seinem -Märchenbuch liebgewonnen und voll sehnenden Entzückens die Arme nach ihr -ausbreitet, wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein -schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all dem friedlichen -Glück vergangener Jahre! -- - -Dazu kam die herbe Enttäuschung, welche er in der Angelegenheit seiner -ersehnten Rettungsstation erfahren. - -Dieser Mißerfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrückendes für ihn -und trug auch noch dazu bei, seine Stimmung zu verdüstern. - -Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und Leben, wie er ihn -zuvor kaum geahnt, überkam ihn plötzlich. - -Die Luft in dem Ballsaal war so schwül, so heiß gewesen, die Menschen so -ungewohnt, die Musik so schrill und laut. - -Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, und der -Wind sauste ihm so frisch und gewaltig entgegen, wie ein alter, treuer -Freund, welcher in toller Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn -reißt und schüttelt und ungestüm ruft: »Wo bleibst du so lange? Komm -heim! Komm heim!« - -Und über ihm das kahle Gezweig knarrt und greint wie Rahe und Segel ... -und die fernen Wipfel rauschen wie brandende See ... - -Da überkommt ihn ein wildes, unbändiges Heimweh! Ein übermächtiges -Sehnen nach der stillen Heimat, nach allem, was er liebt und was auch -ihm in treuer, schlichter Liebe ergeben ist! - -Guntram Krafft breitet jählings die Arme aus und stöhnt aus tief -verwundetem Herzen: »Heim! -- ja, ich will heim! -- Was soll ich noch -hier? Meines Schicksals Würfel sind gefallen. Ich bin kein Held! -- Nie -und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken ... was hält mich -noch hier?« - -Und er stürmt mit hämmernden Pulsen in das Hotel und kündet dem äußerst -betroffenen Anton an, daß er die Koffer packen solle, -- am nächsten -Tage kehre er nach Hohen-Esp zurück. - -»Herr Graf!« stottert der alte Mann mit sorgenvoll prüfendem Blick in -das verstörte Gesicht seines Herrn: »Was wird Ihre Gnaden, die Frau -Gräfin sagen?« - -»Gleichviel. -- Ich reise heim.« - -Anton hört es dem halberstickten Klang der Stimme an, hier gibt es kein -Widersprechen. Was mag geschehen sein? - -Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, -- es ist allein der Ärger über die -Mißerfolge bei dem Minister und Geheimen Rat, -- der Graf sprach ihm ja -selber davon, wie wenig Verständnis und Teilnahme er für sein Projekt -finde. - -Man nimmt den Bären von Hohen-Esp nicht ernst, man legt den Worten und -Wünschen des verbauerten Krautjunkers keinen Wert bei! - -»Haben der Herr Graf daran gedacht, daß wir zuvor Abschiedsbesuche -machen müssen?« - -»Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. Wir werfen nur -Karten ab; einzig bei der Gräfin Sevarille wünsche ich gemeldet zu sein. -Ich werde jetzt noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.« - -Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und tritt mit umwölkter -Stirn in das Nebenzimmer. - -Dort sitzt er und erledigt voll nervöser Hast die Einladungen. - -Es ist schon spät in der Nacht, -- Anton lugt besorgt durch die Tür. - -Da sieht er Guntram Krafft über einen kleinen zerknitterten Zettel -geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, wie bei einem Kranken. -»Wollen Herr Graf nicht zur Ruhe gehen?« - -Er schrickt empor, streicht langsam über die Stirn und nickt. - -»Du hast recht, -- ich gehe.« - -Er ging -- aber den Zettel nahm er mit sich. -- -- -- - -Am nächsten Morgen wurden in großer Eile die Besuche abgefahren. - -Da es eine ungewöhnlich frühe Stunde war, nahm Gräfin Sevarille noch -keine Besuche an. - -»Frau Gräfin sind bei der Toilette, und Komtesse schlafen noch.« - -Guntram Krafft nickte. »Weiter!« befahl er kurz. -- - -In seiner großen Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen Augenblick auf, -daß Gräfin Thea ebenso großstädtisch lange schlief, wie ihre Freundin -Gabriele, -- und sie hatte das doch gestern abend noch so scharf -verurteilt. Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! -- Er stirbt vor Sehnsucht -nach der Heimat. - -Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und fährt in den kalten, nebligen -Wintermorgen hinein, und als die Häuser und Türme der Stadt hinter dem -modernen Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erlöst von einer -unseligen Last. -- - -Da wird es allmählich wieder still und ruhig in seinem Herzen, -- und -als er endlich im Schlitten sitzt und durch die heimatlichen Wälder -dahinjagt, als er mit aufleuchtendem Blick und weitgeöffneten Armen das -bleigrau rollende Meer begrüßt ... da schaut er plötzlich um sich, wie -ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht, wie ein Mensch, welchen -ein böser, quälender Traum befangen hielt. - - * * * * * - -Gräfin Thea war nie so aufgeregt, so übellaunig und nervös von einem -Balle heimgekehrt, wie von dem Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg. - -Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren Händen riß sie den -Kranz aus ihrem Haar. -- - -Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig, ohne ein Wort des -Abschieds verlassen? -- - -Wohin ging er? -- - -Wird er tatsächlich verschwiegen sein? - -Hat sie vielleicht zu kühn gehandelt? Sprach sie zu unbedacht die -Unwahrheit und grub sich selber eine Grube? -- - -Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der Hohen-Esper vielleicht -schon nähere Beziehungen zu Gabriele hatte, als sie ahnte? -- Wenn Frau -von Sprendlingen des Grafen Bewerbung unterstützt hatte? -- - -Theas Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen. - -Er war so seltsam verändert, als er den Zettel gelesen, -- auch gegen -sie verändert, kühl, zerstreut ... zum Schluß, als er ohne Abschied -ging, sogar unhöflich. - -Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er der Wahrheit -nachforschen? War der junge Bär doch nicht so naiv und harmlos, wie sie -angenommen? Was soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag kommt? - -O, welch entsetzliche Blamage! - -Thea wühlt das Gesicht in die Kissen und beißt vor Aufregung die Lippen -blutig. - -Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Pläne durch ihr Hirn. - -Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schließt, so erleidet sie Gräfin -Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht. - -Sie schläft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. -- - -Erst spät am Morgen, als das Mädchen schon im Ofen das Feuer anzündet, -schläft sie ein. - -Und als sie erwacht, erhält sie die Nachricht, daß Graf Hohen-Esp -bereits dagewesen sei. -- Sie starrt die Sprecherin an wie eine Vision. - -»Er war hier?« -- Das klingt wie ein heiserer, jubelnder Aufschrei. - -Sie preßt die Hände gegen die Schläfen, sie lacht jählings auf, wie aus -Todesängsten erlöst. Dann macht sie in rasender Eile Toilette, -frühstückt und geht in sehr gehobener Stimmung auf das Eis. - -Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der Kälte blaß und verstört aus. - -Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund zeigt die Linien, -welche man im ganzen Hause fürchtet, -- sie zeigen an, daß die Komtesse -sich in höchst gereizter und schwer geärgerter Stimmung befindet. - -Dann wirft und schleudert sie alles. - -So auch jetzt. - -Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause. - -Die erste ist die, daß Fräulein von Sprendlingen persönlich sehr wohl -und gesund ist, daß aber ihr Vater, gerade, als er im Begriff stand, für -das Tanzfest im Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem -Schlaganfall getroffen wurde. - -Er liegt seit gestern abend bewußtlos, und die Ärzte fürchten das -Schlimmste. - -Das würde Komtesse Sevarille ziemlich gleichgültig sein, im Gegenteil, -wenn »die Königin der Feste«, Fräulein Gabriele, Trauer bekäme und keine -Bälle besuchen könnte, würde es für die Freundin Thea nur vorteilhaft -sein. - -Aber die zweite Neuigkeit! - -Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein Mensch weiß warum. -- -Man vermutet, daß er Nachrichten von zu Hause erhielt. - -Ob er wiederkommen wird? - -Viele behaupten »ja«, manche »nein«. -- Gräfin Thea weiß es genau, -- -nein, er kommt nicht wieder. Und diese Überzeugung kann sie wütend -machen -- wütend! -- Sie schließt sich in ihr Zimmer ein und tobt. - - * * * * * - - - - -XVII. - - -General von Sprendlingen war begraben, und in der Residenz wurde nur ein -einziges Thema besprochen, die finanzielle Lage seiner Gattin und -Tochter. - -Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, daß der alte Herr -infolge einer ungeheuren Aufregung den Schlaganfall erlitten hatte. - -Viele behaupteten, es sei längst kein Geheimnis mehr gewesen, daß der -pensionierte Offizier spekuliert hatte, um den Ausfall des hohen -Gehaltes durch reichere Zinsen auszugleichen. - -Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwöhnt, ein Bankkrach -hatte ihm vor kurzem schwere Verluste gebracht -- was Wunder, wenn der -alte Herr dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld für sich -arbeiten ließen, nachdem sie selber als verabschiedete Offiziere die -Hände in den Schoß legen mußten? - -Das Glück ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische und -launische Weib, welches es stets gewesen, und so wandte es Herrn von -Sprendlingen treulos den Rücken, um seinen Goldregen über andere zu -streuen, welche für den Augenblick seine Günstlinge waren. - -Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, daß alles verloren sei, -just in dem Augenblick, als er sich anschickte, mit Frau und Tochter den -Kavalierball im Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn -derart, daß er als ein zu Tode getroffener Mann unter ihr zusammenbrach. - -Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet gewesen, wie -man anfänglich angenommen; sie war gefaßter, als man glaubte, und -Gabriele blickte so ruhig und zuversichtlich aus den tränenglänzenden -Augen, daß man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch eine nahe -bevorstehende Heirat gesichert. - -In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast und Nüchternheit die -traurige Wandlung, welche derartigen Ereignissen zu folgen pflegt. Die -notwendige Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten sich -zur Abreise vor; denn da sie über keine weiteren Mittel als die karge -Witwenpension verfügten, schien es fraglich, ob sie ein eigenes Heim in -der Residenz gründen konnten. Vorläufig folgten sie der Einladung einer -kinderlosen Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und Gabriele für -die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten hatte. - -Zum letztenmal saßen Mutter und Tochter in den liebgewordenen Räumen, in -welchen sie so viele, glückliche Jahre verlebt, beisammen. Von allen -Seiten waren ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme -geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen die Visiten, -- -lauter gute Freunde, welche den so allgemein beliebten Damen vor dem -Abschied noch die Hand drücken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten -wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und ihr erst so -ruhiges, bleiches Antlitz sah plötzlich so verstört, so verzweifelt und -verfallen aus, als sei eine letzte Hoffnung, welche sie im Herzen -gehegt, für immer vernichtet worden. - -In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung hatte sie an den -Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an einen Retter in der Not, welcher -sicher kommen muß, das bitterste Elend von ihnen abzuwenden. - -Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, -- er blieb aus. --- - -Sie brachte es nicht über sich, nach ihm zu fragen, und so erfuhr sie -erst heute zufällig durch eine befreundete Dame, daß Guntram Krafft am -Morgen nach dem Hotelball Knall und Fall abgereist sei, ohne daß jemand -einen Grund für diesen fluchtartigen Abschied wußte. Den Tod des Herrn -von Sprendlingen habe er wohl gar nicht erfahren. - -Tränen tiefster Hoffnungslosigkeit glänzten in den Augen der verwitweten -Frau, und als Gabriele an ihre Seite trat, zärtlich den Arm um die -Weinende zu legen, da schluchzte sie laut auf und flüsterte: »Ach, meine -arme, arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?« - -Das junge Mädchen hob das Antlitz wie in seligem Vertrauen zum Himmel, --- es sah in all dem Leid so verklärt und ruhig aus, als sei ihr nie ein -Zweifel an dem Glück der Zukunft gekommen. - -»Er liebt mich, Mama!« - -»Wer?« -- - -Da senkte Gabriele das Köpfchen. - -»Hans Heidler! -- O, Mütterchen, du ahnst es ja nicht, wieviel liebe -Worte er mir noch auf dem letzten Hofball sagte, wie er mir die Hand -drückte, wie unaussprechlich viel sein Auge mir gestand --« - -»Sein Auge, aber nicht seine Zunge!« murmelte Frau von Sprendlingen -bitter. -- »Gabriele, glaubst du wahrlich, daß Heidler je an Heiraten -gedacht -- und daß er sogar _jetzt_ noch daran denkt?« - -Das junge Mädchen atmete hoch auf, preßte wie in begeisterter -Versicherung die Hände gegen die Brust und nickte. - -»Ja, ich glaube es, ich weiß es bestimmt! Ein Mann, der so ritterlich, -so heldenhaft, so edel ist wie Hans, betrügt kein Mädchenherz.« - -»Sprachst du ihn nach Papas Tode?« -- - -»Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, wie er mir die Hand -küßte ... wie er mich ansah ...« - -Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung. - -»O Kind! Kind!!« - -»Er sagte mir, daß er in den nächsten Tagen kommen werde --« - -»Aber er kam nicht!« - -»Er wird kommen!« - -»Morgen reisen wir ab!« - -»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm so sehr, Mama? Warum -zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« -- - -Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände ineinander. »Weil ich -die Menschen besser kenne wie du, Kind!« sagte sie gepreßt. - -»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie -unrecht du ihm tust!« - -Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, -- Gabriele -zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in -jäher Hoffnung nach der Tür. -- - -Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen -köstlichen Strauß von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in -der Hand. - -»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er ließe -den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glückliche Reise wünschen! -Der Herr Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu -seinem großen Bedauern verhindert!« -- - -Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsäulen vor ihm -standen und keine Hand sich hob, den Strauß in Empfang zu nehmen, legte -ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch. - -»Es ist nämlich die Schlittenpartie heute, die der Herr Oberleutnant -arrangierte!« fuhr er fort, mehr aus momentaner Verlegenheit wie aus -Geschwätzigkeit. »Der Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine -Frau sagt, die hilft ja manchmal in der Küche bei Exzellenz aus, wie die -Damen wissen! Na, da hört sie so mancherlei. -- Der Herr Oberleutnant -ist jetzt beinahe alle Tage da im Hause! Die Fräulein Enkelin soll ja -wohl steinreich sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, und was -ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer werden morgen früh schon -um sechs Uhr abgeholt ... die Dienstmänner können es nicht gut anders -machen ... und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie für die -Damen bestellen? -- Ich gehe nachher doch noch mal aus ...« - -»Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fuß. Die Koffer stehen auf dem -Flur bereit. Guten Abend!« - -Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So geisterhaft hatte er -die Damen noch nie zuvor gesehen, und die Stimme der Gnädigen klang wie -aus dem Grabe. - -Er verbeugte sich und ging. - -Wie schwer wurde den Ärmsten der Abschied! Du lieber Gott, ja, -- wenn -in solch feine Häuser mal das Unglück hereinbricht, dann liegt es immer -doppelt so schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen auf -mit sich herumzuschleppen. - -Als sich die Tür geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen schweigend -die Arme nach ihrer Tochter aus, und Gabrieles Köpfchen sank wie eine -sturmgebrochene Blüte an die Brust der Mutter nieder. - -Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch den weichen, -schmiegsamen, jungen Körper. - -Und dann hob sie jählings das Haupt und blickte mit herzzerreißendem -Lächeln empor. - -»Ich kann es nicht glauben, daß er nicht mehr kommen _wollte_, -Mama! Er _muß_ ja all diese Vergnügungen arrangieren, er verkehrt -viel im Hause des Ministers, weil man ihn viel einladet! -- Sein Herz -weilt sicher bei mir, Mama! Es ist ja ganz unmöglich, daß diese meine -herrlichste Idealgestalt so kläglich in Dunst und Nebel zerrinne!« - -Frau von Sprendlingen küßte die Stirn ihrer Tochter und wiederholte -nur leise: »O, du armes, armes Kind!« -- Dann wandte sie sich zur Tür, -in welcher das Stubenmädchen erschien und mit betrübtem Gesicht die -gnädige Frau um ihr Abgangszeugnis bat. -- - -Gabriele blieb allein. - -Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem Blick auf die -stille, winterliche Straße hinab, wo die Sonne auf Eis und Schnee -glitzerte und fröhlich plaudernde Menschen mit den Schlittschuhen -vorübereilten. - -Schlittengeklingel ertönte von fern und näherte sich in flottem Tempo. - -Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit weitoffenen -Augen hinab. - -Die Schlittenpartie! -- - -Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig flatternden -Schneedecken, da klingelten und rasselten die Schellen durch die -schmetternden Musikklänge, und die ersten Schlitten mit den Trompetern -jagten vorüber. - -Dann mehrere »Familienschlitten« mit den Müttern, Tanten und Papas, und -dann, als Erster an der Tete der Jugend, Hans von Heidler neben Fräulein -Henny von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem mächtigen, gelben -Löwenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner zugekehrt, und -dieser neigte sich so vertraut und keck, wie es seine siegesbewußte Art -ist, und lächelt der Kleinen just »tief in die Seele!« - -O, Gabriele kennt dieses Lächeln -- diese Augen, diese betörende und -bestrickende Art! -- - -Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor und starrt hinab -... ihre Lippen öffnen sich, als wollten sie voll herben Wehes -aufschreien: »Hans! -- Hans! Hast du keinen einzigen Blick mehr für -mich?« -- - -Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr für die öde, verlassene -Villa, in welche über Nacht die Armut eingezogen ist. - -Der Schlitten fliegt vorüber, ohne daß Herr von Heidler Zeit gefunden, -einen einzigen Blick nach dem Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das -bleiche, liebliche Mädchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine -leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt zurück und -sinkt auf einen Stuhl, -- sie schlägt die kalten, zitternden Hände vor -das Antlitz und möchte weinen -- weinen -- daß ihre ganze Seele in den -Tränen dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken und starr, und -ihr Herz blutet still verborgen aus der Wunde, welche falsche Liebe ihr -so grausam geschlagen. -- - - * * * * * - -Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen lebte mit ihrer Tochter -fernab der Residenz in dem einsamen Landhaus der Tante, welche viel zu -schrullenhaft, unliebenswürdig und schroff war, um den beiden -verlassenen Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim bieten zu können. - -Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, sich zu trennen. - -Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer Witwenpension leben, wenn -Gabriele ein anderes Unterkommen fand. - -Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemühungen nicht. -- Die Stelle -einer Hofdame, welche die Herzogin für sie an befreundetem Hofe erhofft, -war gegen alles Erwarten anderweitig besetzt, -- andere Aussichten -zerschlugen sich ebenfalls. - -Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, -- doch stets ohne -Erfolg. - -Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer Frauenzeitung eine -sehr annehmbar erscheinende Offerte. - -Eine ältere Dame auf dem Lande suchte ein junges, liebenswürdiges und -heiteres Mädchen aus vornehmer Familie zur Gesellschafterin. Die -Einsendung einer Photographie war zur Bedingung gemacht. - -Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide blickten sich in -stummem, wehmütigem Einverständnis in die Augen. Zur selben Stunde noch -schickte Frau von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene Chiffre -ab. -- - -Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden Frühlingsmorgen -hinaus. -- Wird eine Antwort kommen? Wird sie die Stelle erhalten? - -Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichgültig geworden. - -Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus der Residenz, Herrn -von Heidlers Verlobung mit Henny, der reichen Erbin, las, und sehr bald -danach durch den Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, daß die -Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der großen Jugend der Braut -schon in den ersten Tagen des Mai stattfinden solle, -- war die Welt -leer und tot für sie geworden. - -Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, vergöttert hatte, trat ihr -Herz voll egoistischer Rücksichtslosigkeit unter die Füße. -- - -Er, der kühne, mutige und unerschrockene Held, war zu feige gewesen, den -Kampf um die Existenz an der Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen. --- Und _diese_ Entäuschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres -eigenen Glückes. - - * * * * * - -Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp zurückgekehrt -war, ruhten die Augen der Gräfin voll bangen Forschens auf dem ernsten -Antlitz des Sohnes, als könne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen -und die Gründe erforschen, welche ihn so plötzlich heimgetrieben. - -»Warum kommst du schon jetzt zurück, Guntram Krafft? Ist dir etwas -Unangenehmes begegnet?« - -Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in die Augen. - -»Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer eigenen -Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich ist mir viel -Ärgerliches begegnet!« - -»Und nur darum bist du Hals über Kopf abgereist?« - -Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er strich sich -langsam die blonden Haare aus der Stirn. - -»Ich bekam Heimweh, Mutter!« sagte er leise, mit einem beinahe -schwermütigen Klang in der Stimme, »es gefiel mir nicht zwischen all den -fremden Menschen. Ich kam mir so überflüssig, so vereinsamt dort vor. -Ihre Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten sind -neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen und Plaudern gar nicht, -oder doch sehr schlecht im Vergleich zu den andern Herren. Die Leute -waren nicht unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, daß ich mich -tatsächlich unter ihnen wohlgefühlt hätte. -- Dazu wehte der Sturm so -vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da es gerade jetzt viel ernste -Arbeit daheim gäbe. -- Da hielt es mich nicht länger. Ich sehnte mich -heim zu dir, Mutter, -- hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ... -gleichviel wie ich bin!« -- - -Die letzten Worte klangen noch leiser und wehmütiger wie zuvor, und -Gundula trat neben seinen Sessel und drückte voll weicher Innigkeit das -Haupt des Sohnes an die Brust. - -Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine bange Sorge kam -es plötzlich über sie. - -Waren dies die Früchte, welche sie von ihrer starren und eigenwilligen -Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind der Welt und dem Leben so völlig -entfremdet, daß es nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang? -Wiederum durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz. - -Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft, die -verlorenen Güter zurückzuerwerben, um ihren Sohn als trübseligen alten -Junggesellen darauf zurückzulassen? Oder war es eine heimliche -Kinderliebe, welche Guntram Krafft so fest und treu im Herzen saß? - -Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen Fischerdirne -gespielt, -- er hatte als Jüngling im Dorfkrug mit ihr getanzt ... wäre -es möglich, daß er sein Herz an sie verloren, trotzdem die Gräfin ihn so -sorgsam in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes erzogen -hat? -- - -Gundula seufzte tief auf. - -Je nun, mußte sie das Glück für ihr Kind auch tief, tief von unten -heraufholen ... es soll ihm werden, -- besser er freit ein -Fischermädchen, als keine. - -Die anfänglich so schwermütige Stimmung des jungen Grafen schwand von -Tag zu Tag. Der Sturm heulte daher und schien nur auf die Rückkehr -Guntram Kraffts gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des -Bären zu messen! - -Da gab es keine müßige Zeit mehr, da war es vorbei mit dem wehmütigen -Sinnen und Grübeln! - -Täglich fast gab es schwere Arbeit! - -Schiff in Not! -- -- Und der Bär von Hohen-Esp reckte voll kühnen Muts -die Pranken, scharte seine Getreuen um sich und warf sich in tollem -Wagemut gegen die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entreißen. - -Die Kälte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat knirschte das Eis -... das war die böseste Zeit. - -Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein Brett vor der See; -als ihn ein neu einsetzender Sturm auseinanderriß, stürzte ein Schiffer -zur Burg und meldete, daß aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen -Schoners rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen. Das war -ein fürchterlicher Tag und eine grauenvolle Fahrt! -- - -Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und Guntram Krafft und seine -freiwilligen Lotsen konnten selber kaum geborgen werden; doch kaum, daß -sich die Erschöpften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot, welches -er in aller Eile zweckmäßig eingerichtet hatte. - -Er ließ den fehlenden Luftkasten durch leere Fässer, welche möglichst -gut verspundet und unter die Duchten gelascht wurden, ersetzen, ließ -Ballast einlegen und einen Lenzsack nachbugsieren, um das Boot möglichst -vor See zu halten und ein Beidrehen zu verhindern. - -Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus, und nach zweistündiger -schwerer Arbeit brauste das jubelnde Hurra der Heimkehrenden durch das -Heulen der Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. -- - -Kaum, daß man die Schiffbrüchigen noch zu den Lebenden zählen konnte. - -Zwei Tage und Nächte lang waren sie ohne Nahrung gewesen, ihre Lage in -der Takelage bei Sturm und bitterer Kälte bedeutete eine geradezu -unbeschreibliche Qual. - -Gräfin Gundula ließ die Geretteten nach Hohen-Esp schaffen und nahm -ihre erfrorenen Glieder in Pflege, bis ein Arzt zur Stelle war. - -Diese heldenmütige Rettung wurde bekannt. Guntram Krafft und seine -Lotsen erhielten die Rettungsmedaille und ein ansehnliches Geldgeschenk, -und mit leuchtenden Augen stürmte der Graf in das Zimmer seiner Mutter: -»Nun können sie heiraten! Ich habe meinen Anteil an Jöschen abgetreten, -dann reicht's zur Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe ich -ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in Gottes Namen zur -Wohnung einrichten!« - -»Jöschen will heiraten?« fragte die Gräfin überrascht; »davon ahne ich -nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?« - -»Nun, die Mike! -- Die beiden sind doch schon seit Kindesbeinen an -Brautleute!« lachte der Bär von Hohen-Esp. »Wie manch liebes Mal hat der -Jöschen ihr seinen Apfel geschenkt, und als er von der Marine zurückkam, -brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht laut werden, bis -sie Aussicht hatten zu freien, -- sind ja beide so blutarm! Aber nun ist -das Geld beisammen, und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!« - -Gundula blickte starr in das frisch gerötete Antlitz des Sohnes. - -Mike heiratet den Jöschen! Und Guntram Krafft erzählt es ihr mit -lachendem Munde. Nein, so sieht keiner aus, der selber in das Mädel -verliebt ist. - -Nachdenklich senkt die Gräfin das Haupt, ihr Sohn aber setzt sich nahe -an ihre Seite und nimmt zärtlich ihre Hand zwischen die seinen. - -Er sieht sie an, -- so kindlich bittend wie stets, wenn er etwas auf dem -Herzen hat. - -»Mutter!« -- - -»Was willst du?« -- - -»Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?« - -»Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!« - -»Sie hat aber einen schweren Verlust für uns bedeutet!« - -»Wieso das?« - -»Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so vieler Mühe als ein -Peake-Boot zurechtgemacht hatten, ist von der See zerschlagen!« - -»Oh! -- Es wird sich Ersatz finden!« - -»Mutter!« flüsterte Guntram Krafft und legte den Arm um die Gräfin: -»Möchtest du mich wohl einmal recht glücklich sehen?« - -»Welche Frage!« - -»Du botest mir jüngst an, -- ich solle auf Reisen gehen, -- fremde -Länder und Völker sehen ...« - -»Ganz recht! Hast du dich entschlossen?« - -»Nein, Mutter. Ich möchte dich aber recht inständig bitten, mir das -Geld, welches solch eine Reise kostet, zu geben!« - -»Wozu das?« - -Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung das Haupt. - -»Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine regelrechte -Rettungsstation hier zu errichten. Mit der nötigen Ausrüstung und -Unterstützung brauche ich meine braven Jungens nicht annähernd so zu -exponieren wie jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Unterstützung -zu erwarten, -- _wollte_ man uns helfen, so hätte man es jetzt -getan, nachdem die Rettung der Schiffbrüchigen die Aufmerksamkeit auf -uns gelenkt. -- Da heißt es also -- hilf dir selber! Ich habe keine -andere Passion, keine anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das -Rettungswesen, ich kenne keinen höheren Wunsch, als aus eigenen Mitteln -einen Schuppen mit Ausrüstung, Boot und Apparaten hier aufzustellen.« - -Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen. - -»Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der Ausführung deines -Planes gewiß nichts im Wege!« - -»Mutter!« -- Der Graf war dunkelrot geworden, »und das Geld dazu?« -- - -»Du bist majorenn und kannst über dein Vermögen verfügen!« - -Er umkrampfte die schlanke Hand der Gräfin: »Mein Vermögen? Alles, was -wir besitzen, hast du verdient, es ist dein Eigentum, Mutter ... und -zehntausend Mark ist wohl das mindeste, was ich benötige!« - -Gundula lächelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz beinahe heiter -aus in dem Gefühl, dem Sohn, welchen sie über alles liebte, einen Wunsch -erfüllen zu können. - -»Du weißt, daß ich für _dich_ arbeitete, und du hast mir seit Jahren -redlich dabei geholfen. Die zehntausend Mark hast du dir selber -reichlich verdient. Wie du sie anwenden willst, ist deine Sache -- sie -liegen bereit!« - -Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche Freude, welche er -empfand. Er schlang die Arme um die Sprecherin und dankte ihr so -strahlend glücklich, als sei das Geld ihm zu Genuß und Vergnügen, nicht -aber für fremde Not gespendet. - -Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so heiter und lebhaft -mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll ungeduldigen Eifers sogleich den Bau -des Rettungsschuppens in Angriff nehmen und seine notwendige Ausrüstung -herstellen ließ. - -Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen Beschäftigung -blieb ihm keine Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen. - -Die Gräfin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf. - -Sie glaubte nun überzeugt zu sein, daß keine unglückliche Liebe das Herz -des Sohnes erkranken ließ und seine zeitweise, unerklärliche Schwermut -in der Tat nur dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission -in der Residenz ihm verursacht. - -Gundula grübelte und sann, wie sie ihren Liebling zu einem glücklichen -Mann und Gatten machen könne. - -Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn der Graf war zu -ungewandt und fremd in der Gesellschaft, um den Mut zu haben, als Freier -aufzutreten. - -Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen in dieser -wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen. So verging Monat um Monat. -Da kam ihr ein guter Gedanke. - -Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine junge -Gesellschafterin aus bester Familie und wählte aus den eingesandten -Photographien diejenige heraus, welche ihrem scharfen Auge am -passendsten für ihren Plan erschien. - -Zu dicken Stößen kamen die Briefe an. - -Die Gräfin saß in ihrem stillen Turmzimmer, in welches die -Frühlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, und erbrach voll lebhaften -Interesses ein Schreiben nach dem andern. - -Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! Gundula sah ein -jedes derselben lange scharf und prüfend an, doch da war keines, welches -ihr so recht von Herzen sympathisch war. - -Die nächsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, und die Bärin -von Hohen-Esp las und überlegte und prüfte, bis sie plötzlich das Haupt -jählings vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes -Mädchenantlitz schaute, welches mit wundersam ernsten, großen, klaren -Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute. - -Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, einfach und -anspruchslos. - -Die Gräfin überflog den Brief, welcher nur sehr kurz im Verhältnis zu -den meisten anderen war. Sie sah nach der Unterschrift: »Marie -Antoinette, Freifrau von Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.« - -Ein guter Name. -- Und sie schrieb, daß sie für ihre Tochter Gabriele, -23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im Englischen und Französischen, -geschickt in Handarbeiten, aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle -als Gesellschafterin suche. Ihre Verhältnisse, welche seit dem Tode -ihres Mannes sehr traurige seien, zwängen sie leider, sich von ihrem -Kinde zu trennen. - -Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe, welche ein -Unterkommen für die Tochter sucht ... Arme Frau! - -Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand, auch dann noch, als -sie alle anderen Schreiben geöffnet und die Photographien recht -gleichgültig beiseitegelegt hatte. - -Wie eine geheime, unerklärliche Gewalt zog es sie zu dem entzückenden -Antlitz mit den rätselhaften Augen. - -Ein Bild täuscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in Wirklichkeit -nicht annähernd so sympathisch; aber gleichviel, darauf mußte man es -eben ankommen lassen und es abwarten, ob Fräulein von Sprendlingen dem -Geschmack Guntram Kraffts entsprechen wird. - -Kurz entschlossen griff die Gräfin zu Feder und Papier und schrieb an -Frau von Sprendlingen, daß sie gewillt sei, ihre Tochter voll herzlicher -Freundlichkeit in ihrem Hause aufzunehmen. - - * * * * * - - - - -XVIII. - - -Ein paar Tage waren vergangen. - -Es dämmerte. -- Guntram Krafft war soeben von dem beinahe vollendeten -Rettungsschuppen heimgekehrt, hatte die Kleider gewechselt und trat -hastig in das große, uraltmodische Wohngemach der Gräfin, um ihr voll -lebhafter Begeisterung von dem vorzüglichen Boot eigener Konstruktion -- -einem zweckmäßigen Gemisch von Françis- und Peake-System, welches man -soeben geprobt hatte -- zu berichten. - -Gundula trat ihm entgegen, -- lebhafter, elastischer schreitend wie -sonst. - -Sie hielt einen Brief in der Hand und hub bereits von weitem an zu -sprechen: - -»Endlich kommst du heim, Guntram Krafft; ich wartete mit Sehnsucht auf -dich, um eine Angelegenheit mit dir zu bereden, für welche du bisher -noch niemals recht Zeit hattest. Nun ist sie vollendete Tatsache -- und -die höchste Zeit, daß du davon erfährst!« - -Der Graf blickte die Sprecherin erstaunt an, schob ihr voll ritterlicher -Höflichkeit einen Sessel herzu und lehnte sich erwartungsvoll ihr -gegenüber an den Tisch. - -Die Gräfin setzte sich nieder und schien gewaltsam gegen eine gewisse -Befangenheit anzukämpfen. »Ich bin seit langen Jahren so allein, -entbehre jeden Verkehr mit Damen und werde nun auch so alt und -abständig, daß ich kaum noch allein dem großen Hauswesen vorstehen kann -...« - -Guntram Krafft lachte beinahe übermütig auf, schwieg aber und blickte -die Sprecherin aufmerksam an. -- - -»Ich habe mir daher eine Gesellschafterin engagiert und hoffe, daß du -aus Rücksicht für mich mit diesem Zuwachs einverstanden bist!« - -»Ah! Das nenne ich vernünftig!« rief der Bär von Hohen-Esp sehr erfreut -und durchaus harmlos: »Diese Idee ist einen Dukaten wert und hätte dir -bereits zehn Jahre früher kommen sollen! Hast du schon jemand gefunden?« - -Die Gräfin öffnete mit geheimnisvollem Lächeln den Brief, entnahm ihm -eine Photographie und reichte sie dem Sohn dar. - -»Wie gefällt dir meine künftige kleine Genossin, welche, so Gott will, -frisches Leben und recht viel Sonnenschein mit in das Haus bringt?« - -Guntram Krafft nahm lächelnd das Bild und trat damit in die -Fensternische, um besser sehen zu können. - -»Wenn sie nur _deinen_ Beifall findet, Mama, dann bin ich gern mit einer -jeden zufrieden!« - -Er neigte sich vor und blickte auf das Bild. Einen Augenblick starrte er -es an, -- seine Hand zuckte, und sein Antlitz überzog eine tiefe Blässe. - -Regungslos stand er und schaute in das süße, ernste, sinnende -Gesichtchen. - -Ein Zittern flog durch seinen Körper, wie feurige Nebel wogte und wallte -es plötzlich um ihn her, und sein Herz lag regungslos, um plötzlich in -desto wilderen Schlägen atemraubend loszustürmen. - -Er stand abgewandt von der Gräfin, und diese sah nicht die auffallende -Veränderung, welche mit dem jungen Manne vor sich ging. - -»Nun?« fragte sie endlich, »äußere dich doch! Ist das Gesicht nicht -entzückend? Wenn die Augen alles das halten, was sie hier versprechen, -so muß die Kleine ein sehr liebenswertes Mädchen sein!« - -»Wie heißt sie?« stieß Guntram Krafft kurz und beinahe rauh hervor. - -»Ach so! Ich vergaß, dir Fräulein Gabriele von Sprendlingen im Bilde -vorzustellen --« - -»Gabriele von Sprendlingen!« Das klang wie ein leises, kaum -verständliches Aufstöhnen. - -Die Gräfin beachtete es nicht, sie sah nur voll großer Genugtuung, daß -der junge Weiberfeind das Bild noch immer in der Hand hielt, daß sein -Anblick ihn fraglos ebenso fesselte, wie zuvor die Mutter. - -»Der Vater war General, starb vor einem Jahr ungefähr, ganz plötzlich, -und da er durch das Fallissement einer bedeutenden Firma sein ganzes -Vermögen verlor, hinterließ er Frau und Tochter in den drückendsten -Verhältnissen. So entschloß sich Frau von Sprendlingen nun, die Tochter -fortzugeben --« - -»Bot sie dir dieselbe an?« -- Guntram Krafft stieß die Worte kurz -hervor. - -»Auf meine Annonce in der Zeitung hin --« - -»Inseriertest du unter deinem vollen Namen?« - -»Aber Guntram: -- Hier ist der Zeitungsausschnitt, ich erbat die -Antworten unter Chiffre G. H. 1000.« -- - -»Und darauf antwortete sie?« - -»Wie fragst du so wunderlich! Gewiß!« -- - -»Wo lebt Frau von Sprendlingen?« - -Die Gräfin blickte auf den Brief nieder und nannte eine kleine Stadt des -Herzogtums -- der Bär von Hohen-Esp aber blickte starr zu dem Fenster -hinaus und schwieg. - -»Du meinst doch auch, daß ich den Versuch mit Gabriele wage?« fuhr die -Gräfin ein wenig ungeduldig fort. - -Er strich langsam mit der Hand über die Stirn, sein fahles Antlitz sah -so gequält aus, wie bei einem Menschen, welcher die Folter erduldet. -»Darüber hast du allein zu bestimmen --« - -»Ich bin völlig einig mit mir und habe der Baronin bereits geschrieben!« - -Wieder zuckte der Graf zusammen: »Nun, so ist es ja entschieden!« sagte -er tonlos. - -»Willst du das Bild noch behalten?« - -Er machte eine jähe Bewegung. Sein Blick traf wieder das süße Antlitz, -welches ihn mit den wundersamen Nixenaugen so groß und ruhig ansah. -- -Dann schob er die Photographie jäh von sich -- seiner Mutter zu. - -»Nein; -- ich danke.« -- - -»Je nun, ich hoffe, du lernst bald das Original kennen.« -- - -»Wann ... wann trifft die junge Dame hier ein?« -- - -»Anfang nächsten Monats. Es gibt zuvor wohl noch verschiedene -Angelegenheiten zu erledigen.« - -»Sagtest du nicht, daß sie verlobt sei?« - -Die Gräfin hob erstaunt ihr Haupt: »Durchaus nicht! Die Damen stehen -ganz allein und ohne Schutz in der Welt! Wie kommst du darauf?« - -Guntram Krafft neigte finster das Haupt. »Ich irrte mich wohl. -- Mir -geht heute so viel im Kopfe herum. Heute nachmittag haben wir eine -kleine Probefahrt mit dem neuen Boot gemacht, darüber wollte ich dir -berichten.« - -Die Gräfin schob das Bildchen in den Brief zurück, erhob sich hastig und -legte den Arm in den des Sohnes. - -»Ja, -- erzähle mir! Du hast soeben meinen Angelegenheiten dein -Interesse geschenkt, nun wollen wir von dem plaudern, was dir am Herzen -liegt!« -- Sie trat in das hellere Fensterlicht und sah betroffen in das -Antlitz des jungen Bären empor: »Hast du Ärger und Verdruß gehabt, -Guntram Krafft?« fragte sie besorgt, »du siehst ganz verstört aus ... -oder fühlst du dich etwa krank?« - -Er zwang sich gewaltsam zu einem heitern Ton. »Seinen gesunden -Hofjungenärger hat man ja öfters, Mutter, und daß die Eiche nicht auf -den ersten Streich fällt, und hie und da noch kleine Mängel zutage -treten, ist selbstverständlich. Im großen ganzen bin ich sehr zufrieden -mit den Schuppen und voll Glück und Dank gegen Gott und dich! -- Daß in -Walsleben das neue Arbeitshaus schon im Rohbau aufgeführt ist, weißt -du?« - -»Selbstverständlich.« - -»Wer beaufsichtigt die Sache eigentlich?« -- - -»Nun, der Inspektor, -- du warst doch damit einverstanden!« - -Der Graf wandte sich zur Seite und schob den schweren Damastvorhang -noch mehr von den Butzenscheiben des Erkerfensters zurück. - -»Ich habe viel darüber nachgedacht, Mama! Es ist eigentlich recht -vertrauensselig und leichtsinnig von uns, daß wir uns nicht selber um -den Bau kümmern!« - -»Wir wissen, daß diese Angelegenheiten seit fünfzehn Jahren in den -besten Händen liegen, Inspektor Braun ist doch wohl als durchaus -zuverlässig erprobt.« - -»Es würde mich interessieren, das Haus einmal in Augenschein zu nehmen, -man kann doch so manches noch ändern und bessern ...« - -»Selbstverständlich! Ich würde sehr glücklich sein, wenn du einmal -hinführst! -- Möchtest du gleich morgen ...« - -»Morgen? nein!« Der Graf unterbrach die Sprecherin mit einer gewissen -Hast: »Momentan kann ich nicht gut hier abkommen -- ich muß die Zeit -wahrnehmen, wo die Änderungen an dem Boot vorgenommen werden -- die -Takel hakt zu leicht aus ... und die Riemen müssen oben auf den Duchten -festzulegen sein ...« - -»Nun, wann denkst du zu fahren?« -- - -Guntram Krafft wandte sich noch mehr zur Seite. - -»So bald wie möglich! Vielleicht Anfang nächsten Monats --« sagte er -leichthin, wandte sich plötzlich und bot der Mutter den Arm: »Und nun -begleite mich noch einmal in den Garten, Mamachen! Es ist ein -wundervoller Abend, und ich möchte sehen, wie weit der Gärtner mit den -neuen Anpflanzungen gekommen ist!« - - * * * * * - -Gabriele von Sprendlingen war im Reisekleid und legte noch die letzten -Gegenstände in den kleinen Handkoffer, um pünktlich bereit zu sein, wenn -der alte Kutscher vorfuhr, sie zur Bahnstation abzuholen. Sie sah so -still und ernst und ruhig aus, als ob all der Wechsel und Wandel, -welcher sich nun mit ihr begeben solle, nicht die mindeste Erregung wert -sei. -- - -Sie sollte die Gesellschafterin einer alten einsamen Frau werden, einer -Frau, welche man in der Welt als verbittert, hart und menschenfeindlich -schilderte. - -Es war selbstverständlich, daß ein junges Mädchen in ihrer Umgebung mit -dem Leben abgeschlossen haben mußte, und weil Gabriele dies getan, weil -es in ihrem Herzen kalt und dunkel geworden war, seitdem die strahlende -Sonne ihres Ideals, ihres Schwärmens und ihrer Begeisterung aus ihrer -stolzen Höhe herabgesunken war, zertrümmert und vernichtet für ewige -Zeiten, weil seit dieser Stunde das Dasein doch allen Wert und Reiz für -sie verloren, deuchte es ihr kein Opfer, sich jetzt schon lebendig in -Hohen-Esp zu begraben. -- - -Als ihre Mutter mit aufgeregt heißen Wangen zuerst die Nachricht -brachte, daß es die Gräfin Hohen-Esp sei, welche die Gesellschafterin -suche, und daß sie Gabriele vor allen andern Bewerberinnen den Vorzug -gegeben und sie engagiert habe, blickte das junge Mädchen so -gleichgültig auf den Brief Gundulas nieder, als gehe sie derselbe kaum -etwas an. - -Und als Frau von Sprendlingen in ihrer Erregung eine Andeutung machte, -daß nun das Glück vielleicht doch noch einmal bei ihnen anklopfe, wenn -Guntram Krafft seiner ehemals so schnell entflammten Neigung treu -geblieben, -- da wuchs die schlanke Mädchengestalt hoch und stolz empor, -und die klaren Augen blitzten so abweisend wie ehemals, als sie die -Bewerbungen des Grafen voll ehrlicher Gleichgültigkeit zurückwies. - -»Wenn du dich solch trügerischen Hoffnungen hingibst, Mama, ist es -besser, ich nehme die Stelle überhaupt nicht an! -- Glaubst du, die -Armut und Verlassenheit hätten mich derart entnervt und erbärmlich -gemacht, daß ich einen ungeliebten Mann heirate? -- So unmoralisch werde -ich niemals denken und niemals handeln!« -- - -»Wer sagt, daß du ihn nicht liebgewinnen wirst?!« - -Ein herbes Lächeln spielte um Gabrieles Lippen. »Die Liebe ist ein so -sehr verschiedener Begriff, dem einen ist sie nur Mittel zum Zweck -- -nur Zeitvertreib -- ein Rechenexempel -- oder Geschmackssache. -- Für -mich wird sie stets der Höhepunkt leidenschaftlicher Bewunderung und -Verehrung sein ... Du hast oft über die schwärmerische und -schrullenhafte Ansicht gelacht, Mama, -- geändert habe ich sie trotzdem -nicht. Ich will in dem Mann, welchen ich liebe und welchem ich angehöre, -_mehr_ sehen, wie einen Durchschnittsmenschen -- er soll das Ideal -verkörpern, welches mein Patriotismus, mein stolzer, begeisterter Sinn -sich geschaffen. -- Das kann der Graf von Hohen-Esp nicht, denn es ist -nichts in seinem Wesen und Handeln, was mein Herz höher schlagen, was es -in scheuem Staunen erzittern und in jauchzender Bewunderung erglühen -läßt! -- Sein Name, sein Geld, sein hübsches Gesicht existieren für mich -nicht, denn sie machen mir nicht den mindesten Eindruck. Darum bitte ich -dich von Herzen, Mama, nähre keine falschen Hoffnungen, die Enttäuschung -würde zu bitter sein.« -- - -Seufzend neigte die Baronin das Haupt und schwieg; jetzt aber, als sie -von der Tochter Abschied nahm und die schlanke, graziöse Mädchengestalt -in die Arme schloß, da blickte sie noch einmal mit flehendem Blick in -ihre Augen und sagte nur leise: »Wie würde ich so glücklich sein, -Gabriele!« - -»Das glaube ich nicht, Herzens-Mama! Eine Mutter, die ihr Kind wahrhaft -lieb hat, ist niemals glücklich, wenn sie dasselbe unglücklich sieht!« - --- Das war leider Gottes eine Wahrheit, gegen welche sich nicht streiten -ließ, und so sah Frau von Sprendlingen ihre Tochter in der Überzeugung -scheiden, daß Gabriele tatsächlich entschlossen war, eine glänzende -Zukunft ihrer Gefühlsseligkeit und Phantasterei zu opfern. - - * * * * * - -Es war ein regnerischer Frühlingstag. - -Der Himmel verschwamm in grauen Dunstmassen, müdes Dämmerlicht lag über -den knospenden Wäldern, durch welche Gabriele der Burg Hohen-Esp -entgegenfuhr, und nur hie und da strich ein seufzender Windhauch daher, -die schweren Regentropfen gegen die Wagenfenster zu werfen. - -Von der See sah man nichts, der Nebel hatte sie verschlungen, und als -Hohen-Esp mit seinen dunklen, uralten, epheuumsponnenen Gemäuern aus -den Wipfeln auftauchte, machte es einen noch melancholischeren und -öderen Eindruck als sonst. - -Der stumpfe Turm, der eckige Quaderbau mit den kleinen, unregelmäßigen -Fenstern, der schilfbewachsene Wallgraben und die wunderliche Zugbrücke, -welche immer noch zu dem grauen, mit Türmchen flankierten Tor aufgezogen -werden konnte, machten den Eindruck eines verräucherten Spuknestes, -einer echten, rechten Bärenhöhle, bei deren Anblick man sich eines -leichten Grauens nicht erwehren kann. - -Sehr günstig war der erste Eindruck, welchen Gabriele von dem Stammsitz -der Hohen-Esp erhielt, nicht, aber das junge Mädchen war so weit -entfernt von aller kindischen Furcht und Voreingenommenheit, daß sie, -interessiert und von der Eigenartigkeit dieses Schlosses gefesselt, um -sich blickte, als der Wagen langsam in den engen Burghof einfuhr. Da -standen wie zwei gewaltige, unheimliche Wächter, gleich rechts und links -vor dem Tor, die steinernen Bären, welche mit der einen Pranke das -Wappenschild, mit der anderen eine Fackel emporhielten, in welcher -abends eine rotleuchtende Laterne brannte. - -Die alten Gesellen sind von grünlicher Moosschicht überzogen, ebenso -verwittert und alt, wie die anderen Bären, welche auf den Sockeln der -Freitreppe stehen. - -Eine gewölbte, ziemlich niedere Pforte mit schweren Eisenbeschlägen -führt in das Innere der Burg; über ihr prangt, abermals zwischen zwei -liegenden Bären, das Wappen. - -Die steingemeißelten Verzierungen, welche sich in schmalen Feldern unter -den Fenstern hinziehen, zeigen ebenfalls Bärenköpfe, und wohin Gabriele -im ersten Augenblick schaut, blickt sie auf grimmig geöffnete Rachen, -drohend erhobene Pranken oder in zornmutige Bärenaugen, welche trotz -Alter und Verstaubtheit wunderbar lebendig auf sie herabstarren. Und im -ersten Augenblick erscheint ihr auch die hohe, markige Frauengestalt, -welche ihr in der Pforte entgegentritt, mehr bärenhaft wie menschlich. - -Das dunkle Trauergewand, welches an der imponierenden Figur in vollen -Falten herniederfällt, der breite, schwarze Pelzkragen um die Schultern, -welchen Gundula des kalten Wetters wegen umgelegt, lassen die Gräfin von -Hohen-Esp noch gewaltiger erscheinen wie sonst. - -Sie tritt der Ankommenden entgegen und bietet ihr mit herzlichem -Willkommen die schlanke, weiße Hand zum Gruß, und unter den silbernen -Scheiteln und der klaren, hohen Stirn leuchten Gabrielen ein paar so -schöne, edelblickende Augen entgegen, daß sie das Empfinden hat, als -ströme es unter diesem Blick ganz seltsam warm zu ihrem Herzen. - -Sie küßt die Hand der Gräfin, sie dankt für das gütige Wohlwollen, -welches sie hierherkommen hieß, -- und Gundula schaut einen Augenblick -tief und ernst in das Antlitz des jungen Mädchens, nickt freundlich und -drückt die kleine Hand kräftig in der ihren. - -»Gebe Gott, daß wir einander liebgewinnen und daß Sie gerne bei uns -weilen!« sagt sie schlicht, wendet sich an den alten Diener und gibt -Befehl, das Gepäck in das Zimmer des gnädigen Fräuleins zu schaffen. - -»Ich führe Sie, liebe Gabriele! Wenn es Ihnen recht ist, schlafen Sie in -meiner Nähe, denn anfänglich wird es Ihnen ungewohnt und unheimlich -genug bei uns sein!« Sie schreitet nach der eng gewundenen, tief -dunkelgebräunten Holztreppe und legt die Hand auf einen der Bärenköpfe, -welche die Schnitzerei zeigt ... »Fürchten Sie sich nicht vor diesen -zottigen Burschen, welche Ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnen! Sie -sind unsere lieben Freunde, sie gehören zu uns und in dieses Haus wie -gute Schutzgeister, welche man nicht vertreiben darf. Fürchten Sie sich -vor Bären?« - -Gabriele lächelt. - -»Nicht im mindesten, Frau Gräfin! Ich bin überzeugt, daß dieselben auch -mich bald als Freundin dieses Hauses erkennen und beschützen werden.« - -»Hier ist Ihr Zimmer, ein Turmstübchen, so klein und niedrig, wie es -unsere Altvordern gemütlich fanden. Der Blick ist schön, -- Sie sehen -aus dem Fenster Wald und See, und wenn Ihr Herzchen nicht allzusehr an -der bunten Welt und ihrem Leben und Treiben hängt, wird Ihnen diese -stille Poesie sicher gefallen.« - -»Ich wußte, daß Sie mich erwartet, Frau Gräfin, und bin gern gekommen. -Wenn man die Welt durch Tränen ansieht, tun ihre grellen Farben dem Auge -weh.« - -Wieder blickt Gundula in das ernste, sinnende Antlitz der Sprecherin, -sie legt die Hand auf ihre Schulter. - -»Weh und Leid haben Ihr junges Herz krank gemacht, -- gebe Gott, daß es -hier gesunde! -- -- Bescheiden Sie die Leute, wo Ihre Koffer aufgestellt -werden sollen, -- rechts zur Seite hier befindet sich ein geräumiger -Wandschrank. Packen Sie allein aus oder wünschen Sie Hilfe? Hanne steht -zu Ihrer Verfügung.« - -»Ich danke, Frau Gräfin; ich bin gewohnt, mich allein zu bedienen.« - -Gundula nickt sehr befriedigt. »Das ist recht. Mir gefällt es gut, wenn -ein Mädchen selbständig ist. In erster Zeit werden Sie allerdings noch -manches erfragen müssen, bis Sie auf Hohen-Esp Bescheid wissen, -- am -liebsten ist es mir, Gabriele, Sie wenden sich an mich, ich habe stets -Zeit für Sie.« - -»Ich danke von Herzen, Frau Gräfin.« - -»Und jetzt lasse ich Sie allein, -- Sie werden eine kurze Zeit der Ruhe -bedürfen. In zwei Stunden erwarte ich Sie zum Essen. Wir sind vorläufig -allein im Hause, mein Sohn mußte für kurze Zeit nach Walsleben fahren. -Also auf Wiedersehn, liebe Gabriele, -- Gott der Herr segne Ihren -Eingang in dies Haus.« - -Die Sprecherin zieht das junge Mädchen an sich und berührt mit ernstem -Kuß seine Stirn, dann geht sie. - -Wie im Traum schaut Gabriele der hohen Frauengestalt nach. - -Sie sieht aus wie ein schönes, ehrwürdiges Bild, welches aus dem Rahmen -gestiegen, durch diese dämmrig stillen Räume zu schreiten. Wie paßt sie -in dieses Haus! - -Fürwahr eine Bärin von Hohen-Esp. - -So hatte sich Gabriele sie nicht vorgestellt. - -Sie glaubte eine finstere, strenge, kalte Matrone vorzufinden, eine -Herrin, welche mit weltfeindlichem Sinne hier gebietet, -- nicht aber -diese friedliche, milde, schlichte und einfache Frau, welche bei all -ihrer vornehmen Würde so viel herzgewinnende Güte hat. - -Schon auf den ersten Blick gefiel ihr »Frau Herzeleide«, und Gabriele -empfindet es wie eine glückselige Vorahnung, daß sie diese Frau -liebgewinnen wird wie eine Mutter. - -Der Sohn ist verreist! - -Unwillkürlich atmet sie auf. - -So warm es ihr bei dem Anblick der Gräfin um das Herz geworden, so -unbehaglich wird es ihr zumute, wenn sie an den Sohn denkt. -- - -Sie kann sich diesen schüchternen, linkischen Menschen so gar nicht in -diesem Bärennest vergegenwärtigen! - -Hier in diesen Mauern weht ein Odem alter versunkener -Ritterherrlichkeit. - -Hier atmet alles trotzige, kernige, stolze Urwüchsigkeit. - -Hier kann man sich die Bären von Hohen-Esp nur vorstellen als -kriegerisch rauhe, kühne und wehrhafte Männer, -- nicht als verlegen -errötende Jünglinge, welche über ihre Lackschuhe stolpern. - -Gabriele blickt sich sinnend um. - -Welch ein Stück uralter, langvergangener Zeiten umgab sie! - -Wie unverändert die Gesimse, Möbel und Geräte. - -Einfach und anspruchslos, aber traut und gemütlich. - -So wie Gräfin Gundulas Anblick anheimelt. - -Auf der dunklen Holzkonsole neben dem Bett liegt eine Bibel. - -Darin las wohl schon die Urahne. - -Die Grafen von Hohen-Esp waren seit jeher fromme, gottesfürchtige -Leute, darum ruhte der Segen des Herrn auf ihrem Hause. - -Nur der Vater Guntram Kraffts, der hatte sein stilles Ahnenschloß -verlassen und war in die verführerische, sündige Welt hinausgezogen. Da -hatte er in dunkler, trostloser Stunde seinen Gott vergessen. - -Schwere, seidendurchwirkte Gardinen hängen in steifen Falten zu beiden -Seiten des Bettes hernieder, ein geschnitzter Sessel steht an dem -spitzen Bogenfenster; unter altmodischem Spiegel, dessen verblaßter -Goldrahmen in seinem Mittelstück eine Bärenjagd zeigt, steht der -Waschtisch mit der eingelassenen Zinnschüssel von seltsamer -Reliefarbeit. Gabriele tritt an das Fenster und blickt hinaus. - -Der Regen rieselt an den kleinen, bleigefaßten Scheiben herab und -trommelt einförmig auf dem Sims. - -Man sieht nicht viel -- nur den Eindruck hat man, daß man tief -hinabblickt auf flaches Land und endlos gedehnte Waldungen. Fern im -Hintergrund liegt wohl die See, die eintönige und einförmige See, welche -sich so träge dehnt, sei es in blendender Sonnenhitze oder grau in grau, -wie ein Nebelbild an regnerischem Frühlingstage. - -Gleichgültig wendet sich Gabriele von ihrem Anblick ab und kniet vor dem -Koffer nieder, um das Auspacken zu beginnen. Sie ist stets im Leben -pünktlich gewesen und will bis zur Essensstunde fertig sein, um alsdann -ihre Dienste der Gräfin widmen zu können. - - * * * * * - - - - -XIX. - - -Das schlechte Wetter hielt an und zwang die Damen, im Zimmer zu -verweilen. - -Gabriele war eifrig bemüht, sich mit den Räumlichkeiten der Burg bekannt -zu machen und der Gräfin möglichst zur Hand zu gehen. Zu ihrer -Überraschung bemerkte sie, daß es so gut wie gar keine Arbeit für sie -gab, denn Gundula verrichtete nach wie vor alle Obliegenheiten der -Hausfrau und beaufsichtigte, schaltete und waltete wie sonst in Haus und -Hof. - -Gabriele begleitete sie zwar auf Schritt und Tritt und bemühte sich, -hier und da kleine Handreichungen zu leisten, doch schien ihr diese -Beschäftigung schließlich so unbedeutend, daß sie die Gräfin um Arbeit -bat. - -Diese lächelte. - -»Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele!« sagte sie ruhig. -»Fürerst sehen Sie sich alles an, wie ich gewohnt bin, den Tag -einzuteilen, und falls es einmal nottut, vertreten Sie mich. -- Am -Nachmittag ist es oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer -Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer der Burg, welche -wir für gewöhnlich nicht bewohnen.« - -Das geschah. -- - -Den riesengroßen Schlüsselbund an der Gürteltasche, schritt Gundula mit -ihrem jungen Gast durch die wunderlichen Gemächer, in welchen eine -längst vergangene Zeit gleich einem Dornröschen in tiefem Zauberschlafe -lag. - -Wie düster, wie still ringsum. - -Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, hier und da huschte -der graue Schatten einer Maus unter altgeschnitztem Schrank oder -silberbeschlagener Truhe hervor. - -Am meisten interessierten Gabriele die Ölgemälde in dem Ahnensaal, einem -viereckigen Gemach mit niedriger, getäfelter Decke und Parkettplatten, -welche schreitende Bären als Muster aufwiesen. - -Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las ernsten Blickes die -Namen auf den kleinen Schildern, während Gundula wie in tiefen, -schwermütigen Gedanken langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken -zurückschaute in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des Geliebten -diesen Saal betreten, ein überglückliches, leidenschaftlich empfindendes -Weib, welches sich bei dem Anblick dieser alten Bilder zu all dem -begeisterte, was sie später für ihren Sohn geschaffen, erstrebt und -erreicht. - -Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen Gemälden dieselbe -Anmerkung. - -Hier eine stolze, markige Männergestalt in schlichtem Wams und hohen -Wasserstiefeln. - -»Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini 1522, ertrunken den -14. März 1570.« - -Und hier eine schlanke, blühende Jünglingsgestalt, blondlockig, mit -lachend hellem Blick -- eine entschiedene Ähnlichkeit mit Guntram -Krafft. - -»Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um 1503.« - -Und dort --! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast alle Bären von -Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste Stirn, die kühn blickenden -Augen und die energische Hand, welche hier ein breites Schwert über ein -Segelschiff neigt. - -»Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und See, geb. 1361, -ertrunken im Kampf gegen seeräuberisch Gesindel um 1433.« - -Und hier noch eins -- zwei andere Bilder, mit lateinischen Inschriften, -dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung des Spruches: »Und das Meer -wird seine Toten wiedergeben.« - -Gabriele wandte sich zu der Gräfin. - -»Wie kommt es, daß so viele Grafen ertrunken sind?« fragte sie leise, -»mir deucht es seltsam, daß ein derart seltener Unglücksfall sich so -merkwürdig oft in einer Familie wiederholt!« - -Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und nickte ihm wehmütig -zu: »Das wundert Sie bei Männern, Gabriele, welche Schirmvögte einer -Küste waren, die sowohl wegen ihrer gefährlichen Strömungen als auch -wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen Wäldern hier hausten, -allgemein gefürchtet und verrufen war? Die Bären von Hohen-Esp haben -aufgeräumt mit dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser und -zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem schiffbrüchigen -Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe gekommen! Und wie gar mancher brave -Soldat seine Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp -ihr Leben im Dienst für Fürst und Vaterland, für Recht und Pflicht -gelassen! -- Sehen Sie dort ... und dort ... und da drüben ... und an -jener Seite dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere -gestorben, Väter und Söhne, von den ältesten Tagen -- bis in die heutige -Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht, dessen schönster Ehrenschmuck -jenes schwarze Kreuz über dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der -Spruch des Herrn war: >Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!<« -- - -Gundula schwieg, es war still und dämmerig, und Wulffhardts lachende -Augen hafteten in beinahe unheimlicher Lebendigkeit auf Gabrieles -Antlitz. - -Dem jungen Mädchen war es plötzlich so feierlich, als stünde es in der -Kirche. - -Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen färbten sich höher, und -ihr Herz, welches seit jeher so begeistert für Mannesmut und Heldentum -geschlagen, hämmerte in ihrer Brust. - -Und während Gundula an das Fenster trat, um es für kurze Zeit zu öffnen, -stand sie und blickte wie im Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz -empor. - -Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein! da war dennoch keine -Ähnlichkeit! - -Hier der kühne, mutige Blick mit den blitzenden Augen und der stolzen -Haltung -- er hatte nichts gemein mit dem schüchternen, errötenden -Nachkommen, welcher nichts ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich -hinter dem Ofen sitzt und erntet, was die Mutter gesät! - -Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn, wendet sich -hastig und folgt der Gräfin, welche ihr zu der Waffenhalle -vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen Tür zwei wirkliche, echte -Bären, ausgestopft, staubig und mottenzerfressen, aber dennoch durch -ihren Anblick Grausen erregend, die Wache halten. - - * * * * * - -Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Gräfin lieber, und auch Gundulas Herz -schlug immer wärmer und zärtlicher für das anmutige Mädchen, an welches -sich ihre liebsten und geheimsten Zukunftspläne knüpften. - -Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause führte die Menschen -schneller zusammen und gestaltete auch das Verhältnis zwischen Gundula -und ihrem jungen Gast von Stunde zu Stunde inniger. - -Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswürdige Wesen des Fräulein von -Sprendlingen war der alternden Frau sehr sympathisch, die große -Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Bestreben, sich nützlich zu machen und -fleißig zu sein, sowie ihre anmutige Schönheit gewannen ihr vollends ihr -Herz. - -Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an welchem Guntram Krafft -heimkehren wollte, und nun verschob er diesen Zeitpunkt bereits zum -drittenmal und deutete an, daß er fürerst überhaupt noch nicht an die -Heimreise denke. - -Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem Frühlingswetter das -Feld geräumt, und Gabriele schritt zum erstenmal an der Seite der Gräfin -in den Park hinab. - -Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gruß entgegen, starrte -einen Augenblick wie gebannt in das reizende Mädchengesicht, dessen -Anblick ihm so überraschend wurde und in dieser kalten Welt doppelt -wohltat, und meldete der Gräfin mit etwas unsicherer Stimme, daß das -neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft habe, nach Walsleben -nachgeschickt werden solle. - -»Das ist ein Unsinn, lieber Möller! Ich hoffe, daß mein Sohn dieser Tage -zurückkommt, und will auf alle Fälle erst noch einmal schreiben, ehe dem -Tier der unbequeme Transport zugemutet wird!« - -»Befehl, Frau Gräfin!« - -Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll harmlosen Staunens -zu der Burgherrin auf. - -»Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, daß er sich sogar das Pferd -nachkommen lassen will! Er sagte mir doch in der Residenz, daß der -einzige Sport, welchen er eventuell gern ausübe, das Rudern sei?« - -Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als höre und -verstehe sie nicht recht. - -»Mein Sohn _sagte_ Ihnen ...« wiederholte sie langsam, »ja, um alles in -der Welt, _kennen_ Sie ihn denn, Gabriele?« - -Gabrieles große Augen blickten ebenso erstaunt wie die der Gräfin. - -»Ja, gewiß! Ich lernte den Grafen in der Residenz auf einem Hofball -kennen und nahm an, daß ich es seiner gütigen Fürsprache verdankte, hier -im Hause aufgenommen zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen nicht -erfahren?« -- - -Gundula schüttelte langsam den Kopf. »Kein Wort hat er mir davon gesagt -... und er sah doch sogar Ihr Bild, Gabriele!« - -Das junge Mädchen schritt ruhig an der Seite der Sprecherin weiter. »O, -so hat er mich wohl gar nicht wiedererkannt! Er hat so unendlich viele -fremde Gesichter zu sehen bekommen und so viele Namen gehört, daß es nur -ganz natürlich ist, wenn er die einzelnen nicht im Gedächtnis behielt!« - -Gundulas Augen bekamen plötzlich einen auffallenden Glanz. - -»Aber er tanzte mit Ihnen?« - -»Doch nicht, Frau Gräfin. Der Graf kam sehr spät zu mir, da waren meine -Tänze vergeben!« - -»So bat er wenigstens um einen?« - -»Er war so höflich!« - -Ruhig und gleichmütig wie stets klang ihre Stimme. - -»Und holte sich keine Extratour?« - -»Auch dabei waltete ein Mißgeschick. Gerade als wir tanzen wollten, -schwieg die Musik.« - -»Ach, das hat er gewiß sehr bedauert. Plauderten Sie nicht zur -Entschädigung zusammen?« - -»Bei Tisch, gnädigste Gräfin. Ihr Herr Sohn saß neben mir. Sehr viel -sprachen wir aber nicht, und was wir sprachen, weiß ich nur noch dem -Sinne nach. Wir waren verschiedener Ansicht, -- der Graf liebte das -Meer, ich nicht. Sehr liebenswürdig erschien ich ihm sicherlich nicht, -wenn er überhaupt meinen Worten Wert beilegte, was ich bezweifle.« - -»Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?« - -»Nein, nur die verheirateten Herrschaften!« - -»So wählte Guntram Krafft selber den Platz an Ihrer Seite?« - -Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um die Unterhaltung -fortzuführen. - -»Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, und da ich ihm -zufällig schon bekannt war, so dachte er wohl ...« - -»Sie waren ihm schon bekannt?« - -»Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem Schlitten auf der -Straße der Residenz erlitt. Der Graf kam mir zu Hilfe, richtete den -Schlitten auf und sammelte mich aus dem Schnee empor!« -- Gabriele -lächelte. - -»Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er sich in der Eile -nicht vor und erfuhr auch meinen Namen nicht!« - -»Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?« - -»Einmal saß mir der Graf noch im Theater gegenüber, doch lernten wir uns -dort nicht kennen.« - -Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, und Gabriele -erzählte von dem Leben und Treiben in der Residenz. Sie kannte so viele -Menschen, für welche sich die Gräfin noch lebhaft interessierte, und so -legten die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung zurück. - -In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen Augen schlaflos -in den Kissen. Ihre Wangen brannten in heißem Rot, und ihre Lippen -lächelten. - -Eine außerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen Frau bemächtigt, -seit sie durch Gabriele erfahren, daß Guntram Krafft sie bereits kannte. - -Da war es, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren Augen zerrissen sei. - -Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, welche mit dem -jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, -- sie rief sich -sein Benehmen in das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür -gefunden. - -Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mädchen -verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung -bei dem Anblick ihres Bildes. - -Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich -liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene -Mann für eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser -Verwirrung die Flucht. - -Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mädchens willen verließ, -so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um -ein Wiedersehen zu vermeiden. - -Die Gräfin lächelte. - -Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchführen -ließe! - -Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen -- er flieht -aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verändertes Wesen seit -der Heimkehr, bestätigten diese Ansicht. - -Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, daß die Mutter selber -die Geliebte des Sohnes unter sein Dach führt! - -Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre tatsächlich von -Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wäre -das junge Mädchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp -gekommen. Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram Krafft -gesprochen. - -Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind -echt. - -Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und -sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen knüpfen, hat sie dasselbe mit -dem argwöhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das -Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die große -Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff -erscheinen ließ, schätzte die Gräfin als eine Garantie dafür, daß sie -nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird. - -Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu -beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, daß sie ihm wohl nicht -liebenswürdig erschien, weil sie absprechend über Meer und Strand -geurteilt, so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt vor -dieser Offenheit. - -Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern -zu bleiben, und mit Vernunftsgründen richtet man bei verliebten Leuten -nichts aus; also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den -Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel. - -Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffällig -beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens -heimlichste Gedanken zu erforschen. - -Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre Gabriele nicht für ihren -Liebling bestimmt, so würde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer -Weise hierher in die Einsamkeit geführt haben. - -Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin ein, und als sie -früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an -Guntram Krafft. - -Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß sie die Nacht -meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden -Augenblick etwas zustoßen könne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes -sei ihr ungewöhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke -nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen -Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den -Sohn nicht ersetzen könne. Außerdem sei der alte Klaaden einige Male -dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei -seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. -- Und zum -Schluß bat sie den Sohn, unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er -sie nicht noch kränker machen wolle! - -Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas sonst so herbe und -ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch -einen reitenden Boten sogleich besorgen ließ. - -Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch an demselben Tage -eintreffen werde. -- - -Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, und darum klagte sie -auch Gabriele, daß sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend -fühle. - -Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemühte -sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula, -welch ein weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten -Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von -Herzen. - -Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verständnis und -Umsicht Fräulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer -Hausfrau übernahm und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte. - -Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, bleichen Antlitz -der »Frau Herzeleide«, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren -brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück, -welches sicher kommen mußte, -- sicher und bald, das fühlte sie. - - * * * * * - -Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah sie eine dunkel -gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen -empfing und mit bescheidenem Dank und Gruß davonschritt. - -»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele die Mamsell. - -»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher -bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen von dem Wrack der >Sophie -Johanne< ertrunken ist.« - -Ertrunken! - -Gabriele sah plötzlich die Bilder aus dem Ahnensaal vor sich, unter -denen neben schwarzem Kreuz dieses Wort geschrieben stand. - -»Es ertrinken wohl viele Männer hier?« fragte sie nachdenklich. - -Die Alte nickte laut seufzend. »Daß Gott erbarm! Ach, gnädiges Fräulein, -es ist ein gar saures Stückchen Brot, welches die Fischer und Seeleute -essen, und trägt wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.« - -»Ich habe gar nicht gedacht, daß es so sehr gefährlich ist, auf dem -Wasser zu fahren!« - -»Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht recht vorstellen! -Wenn man die See aber einmal recht bös und grob gesehen und den Sturm -aus Nordost pfeifen hörte, dann begreift man's.« -- - -»Kommt das oft vor?« - -»Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, daß es gerade jetzt, wo der Graf -abwesend war, nicht arg geweht hat!« - -»Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da ist doch keine -Gefahr für ihn!« - -Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, aber die -Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte eifrig die Kartoffeln für den -Schweinetrog. - -»Für ihn nicht, bewahre! Aber für die Seefahrer! Und wenn was passiert -wäre -- meinte noch gestern der alte Klaaden -- so hätten sie mit den -neuen Apparaten doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen können!« - -»Ah -- der Graf unterweist sie darin?« - -»Wer anders denn er! -- Ja, wenn der junge Herr nicht wäre, gnädiges -Fräulein!« - -Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und kein so gewaltiges -Verdienst darin, die Fischer ein wenig anzuleiten, aber sie nickte -zustimmend und schritt weiter nach dem kleinen Küchengarten, welcher im -hellen Sonnenschein seine jungen Kräutlein und frischerschlossenen -Kirschblüten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen See glänzen, -so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf vier Wochen lang -gelegen, und sie schüttelte gedankenvoll den Kopf und begriff es nicht, -daß dies glatte Wasser so gefährlich und unheimlich sein sollte. - - * * * * * - -Da es in dem großen, hallenartigen Speisezimmer noch kalt war, brannte -ein loderndes Kaminfeuer, und Gräfin Gundula hatte ihren Sessel nahe -hinzurücken lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad. - -»Ich kann es nicht ertragen, die Hände so müßig zu falten!« antwortete -sie auf Gabrieles besorgte Bitte, heute ruhig zu bleiben, und als das -Rad fröhlich schnurrte und der Faden lief, ließ das junge Mädchen die -feine Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu. - -»Wie schön! Wie poetisch das ist! O, das möchte ich auch lernen, Frau -Gräfin!« - -»Gewiß, liebe Gabriele, meine Mägde spinnen alle und können Ihnen -sogleich ein Rad leihen! Ich bin so sehr für das eigengesponnene Leinen! -Es ist derb und hält bedeutend länger als gekauftes Gewebe, namentlich -in der Küche und für das Gesinde ist es durchaus praktisch!« - -»So darf ich mir ein Rad holen?« - -»Selbstverständlich; ich unterweise Sie gern!« - -Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit ein Spinnrad herzu. - -»Dieses >Radeln< ist mir lieber, wie das moderne,« scherzte die Gräfin; -»wir sind hier gut hundert Jahre zurück gegen die neumodische Welt!« - -»Das ist schön, darum wohnt hier noch die Poesie in all ihrer -unverfälschten Schönheit!« - -»Sie lieben dieselbe?« - -»Über alles. Mama neckte mich oft, daß es für mich besser gewesen wäre, -zu eines König Artus' Zeiten zu leben. Ich begeistere mich so sehr für -alles Ritterliche, Edle, Kühne und Herrliche -- und gerade daran ist -unsere prosaische Zeit so arm.« - -»Nicht arm, Gabriele, -- es tritt nur nicht so auffällig hervor wie -ehemals.« - -»Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?« - -»Gewiß! Sie ziehen nur nicht mehr in glänzender Rüstung durch das Land -und suchen Frau Aventure im Busch.« - -»Unsere Männer und Jünglinge ziehen in den Krieg und werden -totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins Gesicht schauen konnten; das -ist kein heldenhafter Kampf, sondern nur Disziplin und müde Resignation, -welche auf Kommando stirbt!« - -»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue -Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die -höchste und heiligste Tugend des Soldaten!« - -»Das wohl, -- aber mir deucht, dieses kühne Aug' in Auge mit dem Feind, -dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das -findet sich im kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche -eine schneidige Attacke reitet!« -- - -»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler Schanze -- die -Spichererhöhe im Sturme genommen?« -- - -»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schöne und glänzende -Soldatentat an, aber man hat als Mädchen keine rechte Vorstellung -von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des -Heldentums aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in -der großen Menge mitgekämpft, man hätte nicht die kühne, heldenhafte -Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe -bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich tue unseren -modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber -einem Mädchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas -eigenwillig bildet. Ich möchte einen Helden _sehen_, seine tollkühne -Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem -waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor -unsern Blicken herausfordert und überwindet!« - -Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über dieses Thema -vielleicht auch mit meinem Sohn?« - -»Ich glaube ja. -- Möglicherweise verargte er es mir.« - -Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und hob lauschend das -Haupt. - -Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte. - -Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe -und Spannung erlöst, auf und sagte leise: - -»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!« - -Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, um hinauszublicken. - -»Ja, es ist der Graf!« -- rief sie der Burgfrau zu, und ihre Stimme -klang nicht um einen Hauch erregter wie sonst. - - * * * * * - - - - -XX. - - -Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter und Sohn nicht -stören, und da bereits der schwere, spornklirrende Schritt Guntram -Kraffts auf den Steinstufen der Vortreppe ertönte und sie die Tür der -Halle nicht mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen zu -werden, blieb sie an dem Fenster stehen und blickte mit nicht gerade -sympathischen Empfindungen dem jungen Mann entgegen. - -Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier gelebt! - -Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten und das gemütliche -Zusammensein beeinträchtigen. - -Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fügen, welchen der Verkehr mit -einem jungen Herrn mit sich bringt, wenn ihr der Bär von Hohen-Esp nur -nicht mit dem anbetenden Entzücken begegnet, wie in der Residenz! - -Das würde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt hier unmöglich machen, -und doch tät es ihr leid, von der Gräfin und der Burg hier zu scheiden. - -Die Gräfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das alte Bärennest ist -just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes Gemüt einen hohen Reiz -ausübt! - -Guntram Krafft als Freund -- wie schön wäre das! -- Als Bewerber um ihre -Gunst und Liebe -- wie unerträglich! -- - -Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander und blickt der -hohen Männergestalt entgegen, welche voll ungestümer Hast über die -Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt. - -Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas -wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem -heißgeröteten Antlitz liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher -bei dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe -leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht. - -»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?« - -Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über den Sessel und -schlingt die Arme um die Gräfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr -Zerbrechliches anfaßt. - -Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine Lippen, streicht über -sein Haar und sagt innig: »Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg -dahergejagt? Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!« - -Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die -seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf. - -»Was fehlt dir, Mutter? -- Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es -etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?« - -Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr -allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen -die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die -Sprecherin wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... wo stecken -Sie? -- Sind Sie noch im Zimmer?« - -Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne Bild vor dem -lodernden Kaminfeuer geschaut. -- Ja, ein schönes Bild, und eine -gerechtfertigte Angst und Sorge -- und doch schien sie Gabriele nicht -männlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie in -Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttersöhnchen, -welches nach wie vor an der Schürze der Mutter hängt? - -Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, aber welch anderer -Charakter und Mut trotzt auf dem lachenden Gesicht jenes Vorfahren! - -Jetzt, als die Gräfin ihren Namen ruft, schrickt er empor, erhebt sich -und weicht jäh zurück. Nun wird er sie wieder anstarren, verlegen -lächeln und erröten, wie damals in der Residenz. - -Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht dem Grafen sehr -gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, aber doch sehr förmlich und -kühl: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie -gönnen mir ein Plätzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!« - -Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig überrascht, daß Guntram -Krafft nicht mit entzücktem Lächeln quittiert. Der aber berührt kaum -ihre Hand in flüchtigem Gruß, verneigt sich sehr tief, ohne sie -anzusehen und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch nie -vernommen: »Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie den -Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit zu kommen und meiner teuren -Mutter Gesellschaft zu leisten. Möchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu -eintönig erscheinen!« - -Und dann küßt er die Hand der Gräfin und bittet: »Gestatte, Mama, daß -ich mich umkleide, der Ritt war eilig und der Weg grundlos! In kürzester -Zeit stehe ich wieder zu deiner Verfügung!« - -»Selbstverständlich, Guntram! Wir warten mit dem Abendbrot auf dich!« - -Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend vor den Damen und -schreitet durch die Halle zurück. - -Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine Veränderung ist in der -äußeren Erscheinung des Grafen vor sich gegangen! Wie stattlich und -markig sah er in diesem etwas verwilderten Reitkostüm aus, so ganz -anders, wie in dem hocheleganten, gräßlichen Frack und den Lackschuhen, -welche so geborgt und ungehörig an ihm aussahen. Gewiß wird er sich -jetzt wieder als Dandy zurechtmachen und als sehr schicker, moderner -Jüngling wiederkehren. -- - -Schade darum! -- - -Währenddessen stürmte Guntram Krafft die gewundene Holzstiege empor, -nach seinen Zimmern. - -Er stieß ungestüm ein Fenster auf und atmete wie ein Erstickender die -kühle Abendluft. - -Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, gefürchtete -Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele war überwunden, aber ihm deuchte -es, als müßte dasselbe sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben. -Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ihre Hand halten, mit -höflichen Worten zu ihr sprechen könne. - -Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwäche, oder der wilden, -leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen dieselbe revoltierte. - -Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu können, und hatte doch ruhig -und ernst vor ihr gestanden und zu ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu -zucken. - -Wie war das möglich gewesen? - -Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so freundlich gelassen -entgegenkam. - -Da zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn: »Du Narr! Warum erregst du -dich? Warum fürchtest du es, ihr in die Augen zu sehen? Hast du es nicht -auch in der Residenz getan? Und was ist seit jener Zeit anders -geworden?« - -Nichts! - -Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche Thea an ihr -begangen! - -Sie läßt es sich nicht träumen, daß der kleine Zettel, auf welchem sie -sich so grausam für ewige Zeit von dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper -lossagt, wie fressend Gift auf seiner Brust liegt! - -Sie weiß es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen erduldet, wie -es tropfenweise verblutet ist an dem ersten, großen, namenlos bitteren -Leid, welches es erfahren. - -Nein, davon ahnt und weiß sie nichts! - -Guntram Krafft reckt sich plötzlich empor und drückt die Hände gegen die -Brust, als sei ein eiserner Panzer, welcher sie eingepreßt, jählings -zersprungen. - -Er atmet hoch auf, -- er wirft das Haupt in den Nacken und schließt -momentan die Augen. - -Daß er sich darüber nicht schon früher klar geworden ist! - -Gabriele kam völlig ahnungslos und harmlos hierher, er braucht weder ihr -Mitleid noch ihren Spott zu fürchten. - -Weiß sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie geliebt? - -Nein! -- - -Weiß sie, daß er um ihretwillen die Residenz verließ, wie in wilder -Flucht? - -Nein! -- - -Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines Menschen Seele -wird es je erfahren. Was fürchtet er? - -Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, fliehen? - -Das Vergangene ist überwunden. - -Daß Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, weiß er, und daß er -viel zu stolz ist, um die Liebe als Almosen zu erbetteln, das weiß er -auch. - -»Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz --« - -Heißt es nicht so im Gedicht? - -Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm hergehen, warum soll er -künftighin noch mehr in ihr sehen, denn solch eine stille, freundliche, -gleichmütige Schwester? - -Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert und gewonnen -hat, -- um der armen, einsamen Mutter willen, muß er sich in das -Unvermeidliche fügen. - -Der Bär von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem Fenster und blickt über -die blühenden Obstbaumzweige hinweg, über die dunklen, schweigenden -Wälder hinaus. Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glänzt ein Streifen -der See im silbernen Mondlicht! -- - -Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen Tagen von Walsleben -nach ihrem Anblick gesehnt! - -Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme nach dem -funkelnden Silberstreif aus. - -»Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergründliche See! Dir -habe ich Treue gelobt, und dir halte ich sie! Auf deinem geheimnisvollen -Grunde wohnen Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen, -wundersamen Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit liebeskranken -Menschenherzen und nehmen sie in die weißen Arme und betten sie drunten -zu ewiger Ruhe, wenn ihnen das Leben zu schwer und unerträglich wird! -- -Dich will ich lieben, du blaue See -- und du wirst den ruhm- und -tatenlosen Mann von dir weisen!« - --- Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem Blick das Haupt, -entzündete eine Kerze und warf bei ihrem Flackerlicht die bespritzten -Kleider von sich. - -Sein Blick streifte die eleganten Anzüge, welche er aus der Welt draußen -mit heimbrachte. Soll er sie jetzt wieder zu Ehren kommen lassen? - -Ein beinahe rauhes Lachen. - -Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn mehr daran erinnern. - -Kam das Fräulein von Sprendlingen in die Bärenhöhle, je nun, so mag sie -sich auch mit dem bärenhaften Anblick ihres Bewohners abfinden! - -Und er nimmt die schlichte Düffeljoppe und wirft sie über. - -Der Bär von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet sein zottiger Pelz den -Tand nicht mehr, welchen man ihm in der Fremde um die Schultern gehängt! --- - - * * * * * - -Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm möglich ist, so -ruhig und gleichmütig mit Gabriele zu verkehren. - -Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur während der -Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie anzusehen, und antwortet -ernst und zurückhaltend auf all das, was sie ihn freundlich und -unbefangen fragt. - -Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll staunender -Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche in der derben und -praktischen Kleidung so ganz anders aussieht, so viel sicherer und -selbstbewußter einherschreitet, wie dermalen auf dem Parkett. - -Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge Mädchen aufatmet, -als sie seine Ruhe und Gelassenheit, die große Gleichgültigkeit im -Verkehr mit ihr wahrnimmt. - -Diese Veränderung deucht ihr eine Wohltat und macht sie fröhlicher und -zutraulicher gegen ihn. - -Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespräch zu ziehen, sie spricht -selber lebhafter und heiterer wie zuvor, und wenn sein Blick sie hier -und da flüchtig streift, so sieht er ihr sonniges Lächeln und die -strahlenden Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf ihm -ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, aber doch lange nicht -mehr so kalt und abweisend blicken wie damals. - -Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert es ihm doppelt, seine -unnatürliche Ruhe an ihrer Seite zu wahren. - -Er hält sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf und weilt nur so kurze -Zeit wie möglich bei den Damen. - -Gottlob hat sich die Gräfin schnell erholt, und es deucht Guntram -Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes Antlitz habe -das Lächeln gelernt, und in ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm, -wie nie zuvor. - -Gabriele kehrt aus dem Garten zurück und schreitet über den Hof. - -Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen und eifrig an ganz -seltsamen und lederartigen Kleidern hantieren. - -Der Alte lächelte sie beinahe zärtlich an, denn die anmutige Schönheit -der jungen Dame hat auch sein Herz im Sturm genommen, so wie alle in der -Burg voll Entzücken den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen -ausgeht. - -Fräulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener freundlich zu -und tritt mit forschendem Blick näher. - -»Ei, was haben Sie denn da für einen wunderlichen Anzug vor, Anton?« -lacht sie. »Bei diesem schönen Wetter wollen Sie doch nicht Ihren -Regenrock hervorholen?« - -Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein wenig plaudern zu -können. - -»Mein Regenrock? I bewahre, gnädiges Fräulein! Das ist ja das Ölzeug vom -Herrn Grafen, welches ich mal wieder nachsehen und in den -Rettungsschuppen hinabbringen soll!« - -»Ölzeug des Herrn Grafen?« -- Gabriele mustert überrascht den seltsamen -Rock, die mächtigen Stiefel und den ganz eigenartigen Hut: »Zu was -gebraucht der Graf diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?« - -Anton reißt die Augen weit auf: »Nun, das versteht sich! Herr Graf muß -doch Ölzeug tragen, wenn er in Sturm und Wogenschwall hinausfährt! Bei -den Spritzern, die es da setzt, würde er ohne diese Schutzkleidung bald -bis auf die Haut durchnäßt sein!« - -»Er fährt mit hinaus? -- Auch bei schlechtem Wetter?« - -Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er starrt die Fragerin ebenso -überrascht an, wie sie ihn. -- - -»Wissen denn das gnädige Fräulein nicht, daß unser Herr Graf alle -Rettungen und Ausfahrten immer persönlich leitet? Daß er unser kühnster -und unerschrockenster Seefahrer ist? -- Seine Lotsen hat er sich alle -allein herangebildet -- ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen aus -eigenen Mitteln erbaut und ausgerüstet hat! Nun ist er sein eigener -Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, wie man noch einen -zweiten finden soll! Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken für die -Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in der Not die -Riemen führt! Wußten das gnädige Fräulein das wirklich noch nicht?« - -Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons Händen nieder. - -»Nein, -- das wußte ich nicht!« sagte sie mit leiser Stimme. »Ist solch -eine Rettung eigentlich gefährlich? Ich kann mir das gar nicht -vorstellen!« - -»Gefährlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme Riek ist das -letztemal dabei geblieben, und seine Leiche ist bis zum heutigen Tage -noch nicht geborgen! Haben das gnädige Fräulein denn nicht von der -kühnen Tat des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im -vergangenen Winter ... gehört? Wie sie die Unglückskerle von dem Wrack -der >Sophie Johanne< geholt haben? Nein? Na, die Rettungsmedaille haben -sie sich alle dabei verdient -- --« - -»Die Rettungsmedaille? -- Auch der Graf?« - -»Nun, _der_ doch in erster Linie!« - -Gabriele strich langsam mit der Hand über die Stirn: »Nein -- das wußte -ich nicht!« murmelte sie, »aber ... ich möchte doch wohl einmal an den -Strand gehen und das Meer wiedersehen!« - -»Und ob, gnädiges Fräulein! Etwas Schöneres gibt es ja auf der ganzen -Welt nicht!« - - * * * * * - -Bei Tisch war Fräulein von Sprendlingen stiller wie sonst, -- ihr Blick -haftete oft sinnend und forschend auf Guntram Krafft, als schaue sie ihn -heut zum erstenmal. - -Die Gräfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats beschäftigt. - -»Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?« sagte sie plötzlich -leichthin, »so habe, bitte, die Güte und nimm Fräulein Gabriele einmal -mit! Denk dir, sie hat, seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal -die See in der Nähe gesehen.« - -Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des Grafen. - -»Damit würde ich Fräulein von Sprendlingen kaum einen Dienst erweisen, --- sie liebt das Meer nicht!« - -»Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie man es so schön -finden kann!« bestätigte Gabriele harmlos. »Aber gerade darum möchte ich -einmal wieder an den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso -langweilig ist wie in Heringsdorf!« - -Gundula lachte: »Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit so gern, Gabriele! -Wenn Sie sich nun doch einmal zu ein paar anerkennenden Worten über -unser liebes Bernsteinmeer hinreißen lassen, so weiß ich wenigstens -bestimmt, daß es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine höfliche -Redensart ist!« - -»Ich kann Fräulein von Sprendlingen unmöglich zumuten, so lange drunten -zu bleiben, wie ich am Schuppen zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu -begleiten, Mutter, damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren könnt.« --- - -»Gut! Ich bin gern bereit!« Gundulas Blick streifte das geneigte Antlitz -des Sohnes, und sie lächelte abermals. - -Es war ein außergewöhnlich milder, sonniger Frühlingstag. - -Kein Lüftchen regte sich. - -Blau -- weit ... unendlich lag die See. - -Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel darüber aus und -verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, daß man kaum die zarte Linie -unterscheiden konnte, welche Himmel und Erde trennt. - -Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte und schimmerte, -und die weißen Segel der Fischerboote zogen traumhaft still durch die -Ferne. - -Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten der Nahenden und über -ihnen stiegen zwei Lerchen mit hellem Jubel in den offenen Himmel -hinein. - -Die Gräfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand saß und Steine und -Tang aus den Netzen las, angesprochen und blieb momentan neben ihr -stehen, sich nach diesem und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram -Krafft schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen -Sand, über welchen in graziösen Linien der silberschaumige Saum einer -kaum merklichen Brandung spült. - -Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und blickte wie verklärt in -die sonnige Pracht hinaus, -- es lag ein weicher, beinahe kindlich -milder Zug auf dem schönen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu -ihm auf und fand es zum erstenmal, daß dieser Ausdruck doch nicht so -unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal geschienen. - -»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach kurzem -Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und träge, wie damals in -Heringsdorf, und was Sie daran so schön finden, erklären Sie mir, bitte, -Graf!« - -Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein Auge spiegelte, -vertiefte sich. - -»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten nennen!« sagte er -leise, »die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! -- Mir deucht, -Sie haben sonst so viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein, -und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und -vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen Sie es nicht mit -allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stücklein Gottesfrieden sich rein -und unverfälscht hier an der See erhalten hat? -- Bekommen Sie nicht -eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese weite -- weite -Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu -Häupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher -Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von -keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig -weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre -sind wie ein Tag -- -- schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefühl -unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzückens: >Jede -dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?<« - --- Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend erhoben, den Blick -wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet. - -»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In -Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.« - -»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, hier spricht -nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemüt, aber gerade die -- -ich glaube es wohl -- kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten -Welt sein Recht behauptet!« - --- Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu -bieten. - -»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die -Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschützt, -ausruhen können. Darf ich dich hinführen, Mutter?« - -»Macht es Ihnen Freude, die >Rettungsstation< meines Sohnes zu sehen, -Gabriele?« - -»Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafür.« - -»Dann laß uns getrost gehen, Guntram Krafft, und genaue Musterung -halten, wir wissen ja, daß Gabriele keine Phrasen sagt!« - -In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, lebhafter wie zuvor -unterhielt er die Gräfin, und schweigsamer wie sonst schritt Gabriele an -Gundulas Seite. - -Der Rettungsschuppen trug äußerlich die Form einer großen, massiv -gebauten Scheune. - -Zwei breite Tore gewährten den Eintritt, und unter dem spitzen Dach war -das Wappen der Hohen-Esp unter dem roten Kreuz im weißen Felde -eingefügt. - -Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des Rettungswesens waren -der inneren Einrichtung zugute gekommen. - -Das Rettungsboot, eine Mischart der gebräuchlichsten Systeme, war aus -Stahlblech gebaut und trug den Namen »Guntram Krafft« in goldenen -Lettern. - -Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfähig gebauter Wagen trug es -und diente zu dem Zweck, das Boot bequem zum Strand zu transportieren -und es unmittelbar in das Meer zu lassen. - -Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch auf dem Wagen -montiert. - -Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren alle erforderlichen -Apparate und Gegenstände aufgestellt oder an Gestellen aufgehängt. - -Die volle Ausrüstung der bedienenden Mannschaft, welche sich aus den -wackeren, unerschrockenen Fischern rekrutierte, und von ihrem -selbstgewählten Kommandeur, dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die -Rettungsgeschosse verschiedener Art, Raketen, Mörser und Handgewehre, -Seelenretter, Korkjacken, Gürtel, Schläuche, Riemen, Schlepper, Segel -und Loggleinen, Kompaß, Fernrohr und Handlot, Ölfaß, Eimer, Pfropfe und -Reservedollen, Beil, Anker und Signalflaggen. - -Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der junge -Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden Augen erklärte und -beschrieb, und während sie seinen Worten lauschte, streifte ihr Blick -sein lebhaft erregtes Antlitz, und sie begriff es nicht, daß es dasselbe -war, welches vor wenig Augenblicken noch in träumerischem Schwärmen -hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, welches im Ballsaal so -weibisch schüchtern errötete und mit beinahe blöden Augen um sich -schaute. Hier reckte und dehnte der Bär von Hohen-Esp die kraftvollen -Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin und her, hier -schritt er fest und selbstbewußt in den schweren Fischerstiefeln über -einen Grund und Boden, welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe -Bedeutung gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch zuvor gesagt, daß -sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille verdient? Warum heftete er sie -nicht voll Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? -- Und -der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein königlicher Gast des Herzogs, -bei dem er als Ordonanzoffizier Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte! - - * * * * * - - - - -XXI. - - -Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug gehalten, und wenn -auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine -noch recht empfindlich kühle Luft von der See herüber und machte den -Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig. - -Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem Abendessen -empfohlen. - -Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem stillen Zimmer, -stützte das Haupt träumend in die Hand und las nicht. - -Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in -den Wald oder hinab an den Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand -er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und kühl auf -den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte, -Gabriele! -- - -Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine -Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachließ und ihr -heiteres, gleichmütiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab. - -Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken -ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches -sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und -Handeln, -- und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die -Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!« - -Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und -unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl -freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe -hernieder an sein Herz zu sinken. -- - -Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner -Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles -betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer -aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese -Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen -Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der -Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens -geworden. - -Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um -seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne -Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht -wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das -Kaminfeuer und sagte: - -»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den -warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...« - -»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt -wird.« - -Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete -angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten. - -»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich -dann mehr wie die Kälte. -- Am liebsten bliebe ich hier. -- Was -unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?« - -Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der -Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig -gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält. - -»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in -ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft. -Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele -den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.« - -»Spinnen? Sie lernen spinnen?« - -Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden, -Gabriele aber räumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor -ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Küche -zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich -umzusehen: - - »Ich kann stricken, - Ich kann flicken, - Feines Leinen - Kann ich spinnen ... - -So fein, Graf, daß man fürerst noch Kettenhemden daraus schmieden kann!« - -Guntrams Augen leuchteten. - -»Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so können Sie dieselbe -neidlos in meiner Gegenwart ausüben!« scherzte er, rückte sich einen -kleinen Tisch herzu, breitete die Zeitungen aus und nahm in einem der -Rittersessel davor Platz. - -Gabriele aber entzündete selber eine kleine Stehlampe, welche neben ihr -auf dem Serviertisch stand, hielt sie, einen Augenblick sie stumm -betrachtend, in der Hand und stellte sie dann vor dem Grafen nieder. - -Dieser dankte durch eine höfliche Verbeugung, griff schweigend nach den -Zeitungen und schien schon im nächsten Augenblick völlig in ihre Lektüre -vertieft. - -Aber er las nicht. - -Er starrte wie ein Träumender gedankenlos auf das Papier und gab sich -voll und ganz dem süßen Zauber, in Gabrieles Nähe zu weilen, hin. - -So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen Wohllaut ihrer -Stimme hören und voll und ganz das süße Behagen empfinden, welches ihre -Anwesenheit dem ganzen Hause verlieh. - -Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequältes Herz, und ein beinahe -wunschloses Genügen, welches nicht mehr von dem Schicksal fordert, als -wie es freiwillig gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden -Damen am Spinnrad zu sehen! Über Gabrieles geneigtes Köpfchen zuckte -das rötliche Flackerlicht des Kaminbrandes, das Antlitz trug den -Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, und die weißen Händchen -arbeiteten, wenn auch noch unsicher und zaghaft, so doch graziös und -anmutig, wie alle ihre Bewegungen es waren. - -Neigte sich Gräfin Gundula helfend und erklärend näher, so traf sie der -Blick der hellen Nixenaugen so warm und herzlich, daß das Herz des -Beobachters schneller schlug in dem entzückten Empfinden: »sie liebt -deine Mutter!« -- und stand sie ihm selber auch ewig fremd und fern, -diese Liebe zu Gräfin Gundula schlug dennoch eine Brücke zu seinem -Herzen, welches ihn mit der Geliebten in gleichem Denken und Fühlen -verband. - -Die Bärin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, dessen Flachsgewinde -unter den Fingerchen Gabrieles etwas in Unordnung geraten war, und -derweil flog der Blick des jungen Mädchens durch die mattbeleuchtete -stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe vor Guntram -Kraffts Platz, deren Fuß durch einen schreitenden Bronzebär gebildet -wurde. - -Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen Kronleuchter, welcher -von der gewölbten Decke herabhing und in Art der alten Leuchterweibchen -gearbeitet war, nur schwebte anstatt des Frauenkörpers der Oberleib -eines Bären in den schmiedeeisernen Ketten, und von ihm aus gingen acht -mächtige Pranken, welche die Lichter hielten. - -Die Sessel, auf welchen man saß, ruhten auf geschnitzten, behaglich -ausgestreckten Bären, welche die Füße ersetzten, -- braunzottige -Bärenfelle lagen als weicher Teppich über den Estrich, Bären flankierten -rechts und links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, zeigte die -Täfelung der Wände das Bärenwappen, blickten von Schränken, Truhen und -Geräten die Bärenköpfe mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der -Burg herab. - -»Wie kommt es eigentlich, gnädigste Gräfin, daß alles und jedes in -Hohen-Esp das Bild eines Bären zeigt?« fragte Gabriele leise und neigte -das Köpfchen näher an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu -stören. »Man findet in andern Schlössern auch die häufige Wiederholung -des Familienwappens, aber so, bis auf die kleinsten Gegenstände herab, -sah ich es noch nie angebracht, und kam mir schon früher der Gedanke, -daß dies einen besonderen Zweck haben müßte?« - -Gundula schüttelte lächelnd das Haupt. - -»Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bären von Hohen-Esp -gefielen sich darin, ihre Höhle zu einem wirklich originellen, echten -Bärennest zu gestalten. Der Urahne begann damit, und Kind und -Kindeskinder führten es weiter und schufen halb im Ernst und halb im -Scherz diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes ersten -Bären von Hohen-Esp stets daran erinnert sein sollten, wem sie das -Bestehen ihres Geschlechts verdanken!« - -»Das Bestehen ihres Geschlechts? -- Was haben die Bären mit Ihrer -Familie zu tun, gnädigste Gräfin, und woher kommt es, daß die Hohen-Esp -den seltsamen Namenszusatz: die >Bären< von Hohen-Esp erhielten?« - -»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern unsere alte -Familiensage, liebe Gabriele!« - -Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr -eigenes Rädlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ -mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu -dem jungen Mädchen hinüber. - -»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« nickte Gabriele -eifrig; »was könnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche -mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! -- -Zu einem Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht die -gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, daß die Bärensage -dieser Burg ein Stücklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist, -in welcher meine Gedanken so gern noch leben!« -- - -»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch für die -brave Bärin erwärmen kann, welche unserm Stammvater einst so große -Dienste erwies, so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone -dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses -Hauses, übertragen werden.« - -Mit großen, forschenden Augen schaute das junge Mädchen auf, -- ihr -Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in -dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll -durch das leise, melodische Summen des Spinnrades: - -»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes -phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken -glaubt, -- also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen -Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, daß die Mär -von Romulus und Remus ihr noch völlig fremd gewesen. Ein Beweis dafür, -wie launig der Götterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und -Süd Flammen zündet, welche -- durch eine halbe Welt getrennt -- doch in -geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild -spiegeln, nur mit dem Unterschied, daß die rauhe, markige Wildheit der -Deutschen sich die kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen -Geschlechts wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer -die schlanke Wölfin dazu ausersah! -- -- - -Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in -die dämmernde Vergangenheit zurück und setzt da ein, wo die Grafen von -Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und -als Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren. -Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche -allerorts die Lande verödete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme -vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die -Pest mit knöchernem Finger geklopft. - -Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und zwei Töchter starben -in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte -sein Leben aus, und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, eine -alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am -Leben. - -Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und Sorge, daß die Amme mit -dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe -Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten -sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in diesem Lande. - -Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein ein sicher Geleit zu -geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren, -kam den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und starb elendiglich -am Wege. - -Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren -Tann hinein, und kaum, daß sie das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr -eine mächtige Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken -und brüllte aus blutigem Rachen. - -Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, -- sie warf das -Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack -gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht. - -Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Hütte und wagte es -nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und -eines Tages kam plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das -Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind. - -Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des -Knappen und dem Überfall des Bären, und daß sie bei der Flucht das -Knäblein habe aus dem Fellsack verloren. - -Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein rief die Fischer und -sprach: »Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine -Gebete für das Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen, -erretteten sie es aus dem Rachen des Bären!« - -Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, das sei vor eines -Mondes Länge geschehen und wohl kein Knöchelchen von dem jungen -Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den -Wald. - -Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hörten sie -ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bären, und als sie durch das -Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die -Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte -Knäblein, welches sie säugte. - -Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang -herzu und ergriff das Kind. -- Das war lebend und gesund, stark und -bärenkräftig, und solche Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes. - -Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein vor sich bringen, -wiegte es auf den Armen und lobte Gott: - ->Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut gesäuget hat, so wirst -du stark und kühn werden, und man wird dich hinfort »den Bären von -Hohen-Esp« heißen.< - -So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bären in das -Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem -Kind begeben.« -- - -Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die fleißigen Hände -ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zärtlichkeit nach dem Sohn -hinüber und umfaßte seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals -den feinen Faden aus dem Flachs und lächelte. -- »Und nun gehen Sie -hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das -Bärengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffällig, wie die Bärenamme -ihm ihren Stempel aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so -bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. -- Die eckige Stirn und die -große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bären geerbt, vor -allen Dingen aber das mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf -und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen, -die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus -Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod -herausfordert!« - -Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die Sprecherin gehabt, den -schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie -völlig vergessen zu haben. - -Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft. - -Auge ruhte in Auge. - -Wie wunderlich sah sie ihn an. - -So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein -geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestümer -Widerspruch, welcher verächtlich sagt --: »nein! du irrst, Frau Gundula! -Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit aus der -Bärenmilch! -- Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz -und gar! -- Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde -ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien!« -- Sprach -es nicht so aus ihrem Blick? aus den großen, wundersam ernsten Augen? - -Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen -Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... sein Blick ist verschleiert, er -glaubt nicht mehr an das Glück und vermutet es nirgends. - -Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, er senkt finster den -Blick und begreift es nicht, daß er soeben noch sich ihres Interesses an -seiner Familie gefreut. - -Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche in Kriegszeiten sich -den Lorbeer aus feindlichem Feuer holen, -- und nur solche Heldentaten -imponieren dem stolzen Sinn einer Sprendlingen! - -Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen zusammen, steht -auf und empfiehlt sich kurz. - -Die Nacht ist so schön und mondhell, -- er will mit den Fischern -hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen. - -Gabriele sieht ihn erstaunt an. - -»Das tut man in der Nacht? -- Warum das? Ist solche Arbeit am Tage nicht -müheloser und bequemer?« - -Ein herber, beinahe etwas spöttischer Zug liegt plötzlich um seine -Lippen. - -»Mühelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenländer stets, -gnädiges Fräulein, man rudert ein wenig hin und her und schöpft das -Schiff voll Heringe und Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein -- das -ist höchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen Einerlei!« - -Gräfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lächeln den Faden, welcher ihr -gerissen, wieder zusammen, Fräulein von Sprendlingen aber sieht so -harmlos aus, als ob sie von den Worten des Sprechers ganz überzeugt sei, -und sagt nur nachdenklich: »Und doch ertrinken so oft die Menschen -dabei! Ihre Fischer werden doch vorsichtig sein?« - -Da lacht er laut und hart auf. »Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, die -See ist wie ein Tischtuch, sie ist so, wie Sie's nicht lieben, träge, -ruhig und langweilig, und dann fordert sie keine Opfer!« - -»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte so gern eine -bessere Meinung von ihr bekommen!« - -Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft -sie. - -»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen -Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt -sie tatsächlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!« - -Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, -- Gundula aber -schüttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: »Sie wissen und -verstehen es noch nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen Sohn -bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, und für seine braven -Fischer ebenso! -- Warum wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe -kürzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören? -Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? -- Gehen -Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, -- er -ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches unser lieber -Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!« - -Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich Guntram -Kraffts Worte am Strand drunten ein. - -Wenn er sie abermals lehren möchte, mit seinen Augen zu schauen! -- - -Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob sich. Sie war müde und -wollte zur Ruhe gehen, man machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp. - - * * * * * - -Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und -blickte hinaus in die stille, blütenduftige Pracht des kleinen Gartens, -über welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie -konnte nicht schlafen. - -Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe. - -Sie dachte zurück an jene Stunde, wo sie neben Guntram Krafft am Strande -stand und seinen so eigenartig poetischen Worten lauschte. - -Gerade aus seinem Munde berührten dieselben so seltsam, weil Gabriele -sie nicht erwartet hatte, und wenn ihr die Zartheit seines Empfindens -zuerst auch etwas unmännlich erscheinen wollte, so ward doch dieser -Eindruck schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens. - -Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll männlich erschienen als wie -hier in seiner energischen Art des Erklärens und Zufassens, in seiner so -schönen und frischen Begeisterung für die Sache. - -Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, aber sie fühlte -instinktiv, daß es sich hier um mehr handelte, wie um einen harmlosen -Sport. - -Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug des Grafen, welches -denselben schon während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp -so verändert erscheinen ließ. - -Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung paßte so gut zu ihm, sie -machte seine Erscheinung ernst und eigenartig, sie gehörte zu dieser -Umgebung. - -Ein Bär von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er muß in die Höhle passen, -welche er bewohnt. Deucht es ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen -verändert? - -Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lächeln, die linkische -Unbeholfenheit und Unsicherheit! -- - -Hier ist er Herr und Gebieter, -- wohl ein gütiger, freundlicher -Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort einen festen, stolzen Klang -hat! - -Das Anschmachten und entzückte Anstaunen hat er vollends verlernt. - -Kaum, daß er sie beachtet, ihr die notwendigste Höflichkeit erweist! -- - -Er sucht ihre Gesellschaft nicht, -- er meidet sie eher. - -Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, -- es ist seine ehrliche, -schlichte Meinung. - -Warum gefällt sie ihm nicht mehr? - -Gabriele blickt gedankenvoll in die weißglänzende Pracht der Kirschbäume -hinab. - -Anfänglich war es ihr so angenehm, von ihm übersehen zu werden, -- jetzt -grübelte sie, aus welchem Grunde es geschehen mag. - -Daß es so geschieht, ist gut, -- es steht ihm wohl an, er gefällt ihr in -dieser kühlen Gelassenheit. - -Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als Frau Gundula von dem -Mut und der Kühnheit der Hohen-Esp sprach? - -Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken? - -Was dachte sie doch? - -Sie sah ihn an -- die große, eckige Stirn unter den blonden Haarlocken, -die herrliche, »bärenhafte« Gestalt ... und sie dachte ... warum fehlt -gerade ihm der Mut und die wilde Kühnheit, welche die verblendete Mutter -an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu einem Helden! -- -Warum ist er's nicht? -- - -Er schaut drein wie Parzival, der Schildträger -- warum sitzt er ruhmlos -daheim bei Frau Herzeleide? Verstand er diese Gedanken? - -Las er sie von ihrem Antlitz ab? - -Sein Blick ward so finster, so aufsprühend zornig, wie sie ihn noch nie -zuvor gesehen -- und er stand auf und antwortete ihr voll spöttischen -Trotzes auf ihre Frage ... und ging mit hallenden Schritten davon. - -Das war schön! -- da war Jung Parzival ein Mann! -- und sein Bild -schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame Stunde der Nacht. - -Warum ging er? Warum zürnte er? - -Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens? - -Er _kann_ sie nicht wissen, -- es war ein Zufall. Horch ... drunten auf -dem schmalen Kiesweg, welcher durch den Garten nach dem Wald führt, -erschallen Schritte. - -Das junge Mädchen neigt sich unwillkürlich vor und schaut hinab. - -Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm am Wege, und jene -Gestalt, welche naht ... wer ist das? - -So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so stolz und elastisch -schreitet nur ein Herr unter Knechten! - -Es ist Guntram Krafft! - -Aber wie seltsam sieht er aus? - -Ist's ein Scherz, daß er sich so kostümiert hat, wie man es an den -Fischern und Lotsen auf Seebildern so malerisch dargestellt sieht? Nein, -dem Grafen Hohen-Esp war es heute gewiß nicht nach Scherzen zu Sinn! Der -breite Südwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt seinem Antlitz einen -eigenartig verwegenen Ausdruck, die Fischerjacke steht über der Brust -offen, das weiße Hemd leuchtet breit hervor und fällt in weichem -Streifen über den Halskragen hinaus. - -Die hohen Wasserstiefel reichen bis über die Knie empor, aber sie sehen -nicht plump und häßlich aus, sondern geben der schlanken Gestalt etwas -Keckes und Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint. - -Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab. - -Ja, so schaut ein Seemann aus! -- - -Sie hat früher die Gemälde kaum beachtet, welche ein Stück Seemannsleben -vorstellten, sie las keine Romane über Schiffervolk und Matrosen ... was -interessierte sie, die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt! - -Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel, sehr viel -versäumt. - -Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Gebüsches decken die -hohe Männergestalt. Graf Guntram Krafft will mit seinen Fischern hinaus -zum Fang fahren, er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen, -so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz und Trutz der -Gefährdeten. - -Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen können, jetzt aber ist es -ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen in ihrem Herzen aufdämmere. - -Kreist vielleicht jener Tropfen wilden Bärenbluts dennoch in seinen -Adern? - -Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das Haupt und blickte -nicht empor zu ihr, und doch wußte er, daß diese Fenster ihrem Zimmer -angehörten. - -Langsam wich Gabriele zurück. - -Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im Hauch der Nacht, und -fernher glänzte die See wie ein silbernes Märchenland. -- - - * * * * * - - - - -XXII. - - -»Nun wird es mit dem schönen, stillen Wetter vorbei sein!« sagte die -Gräfin an dem Nachmittag des andern Tages: »der Wind hat aufgefrischt, -und die See setzt kleine Kämme auf! Ich denke mir, mein Sohn wird dies -Wetter benutzen, um mit dem neuen Segelboot hinauszugehen, er wartete -auf eine frische Brise, um es ausprobieren zu können.« - -»Gehen Sie heute an den Strand, gnädigste Gräfin?« - -»Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit den Abrechnungen -angemeldet, und ich werde wohl den ganzen Abend mit ihm zu tun haben! -- -Wenn Sie aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele, so können -Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer Einsamkeit droht -keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf ist kurz und nicht zu -verfehlen, und wenn mein Sohn noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern -bis an den Schuppen geleiten!« - -»Ich danke, Frau Gräfin, und werde mir wohl einmal das Meer mit seiner -grausen Stirn ansehen! Ich kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist. -Der Graf ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird wohl längst -auf hoher See schaukeln; ich fürchte mich aber durchaus nicht, allein zu -gehen, und freue mich auf den Sonnenuntergang, von welchem Sie mir -gestern so Rühmliches sagten, Frau Gräfin!« - -»Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu verstehen und -liebzugewinnen! Sie können uns allen durch nichts eine größere Freude -bereiten, als durch ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!« - --- Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen Waldpfade hinab nach -dem Strand. Als sie das schützende Laubdach verlassen, brauste ihr der -Wind entgegen. - -Er riß an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom Kopf -- und in lustiger -Jagd eilte sie dem Flüchtling nach, ihn wieder einzufangen. - -Welch ein Sturm war das! - -Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und die Seemannstreu -bog er tief hinab zum gelben Sande! - -Aber es war schön, wunderschön! Solch ein freies, ungestümes Wettlaufen -mit dem Wind, das konnte sie in den engen, eleganten Straßen der -Residenz freilich nicht! Und jetzt, als sie über die schützenden Dünen -emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau gefärbt, im -vollen Strahlenglanz der sinkenden Sonne -- und es dehnt sich nicht mehr -so träge und glatt wie ein Präsentierteller, sondern wogt und wallt und -wirft hier und dort weiße Schaumköpfchen auf. - -Ja, das ist wahrlich ein schöneres Bild denn sonst! Namentlich die -Brandung gefällt ihr, welche sich wie duftige, schmale Tüllrüschen -an dem Strand entlangschlängelt, spitz auslaufend wie ein zierliches -Valenciennemuster, oder breit emporspülend um die Haufen von Seetang -und angeschwemmten Gehölz! Ein zarter, silberduftiger Schaum, hier -und da von der Sonne mit rosa Dufthauch gefärbt. Ja, die See ist im -Sturm schön, fraglos schöner wie in ihrem bleiernen Schlaf, aber etwas -sehr Gewaltiges und Imponierendes hat sie auch jetzt noch nicht nach -Gabrieles Geschmack, und wenn die Gräfin in dem Sonnenuntergang ein -verkörpertes Gedicht erblicken will, so begreift sie das auch jetzt -noch nicht. Die rote Glut des Sonnenballs, die buntgefärbten Wolken ... -ja, das ist fraglos ein schöner Anblick -- aber _mehr_ darin sehen, -wie Sonne, Wolken und Wasser, nein, das kann sie nicht! -- - -Wie lustig dort ein Boot auf den Wellen schaukelt! Am liebsten möchte -sich Gabriele hineinsetzen und auf- und niedergleiten durch die blauen -Wogen! - -Käme doch eine Menschenseele, welche sie darum bitten könnte! - -Und Gabriele wendet sich zurück und blickt nach dem Rettungsschuppen und -stößt einen leisen Laut der Überraschung aus. - -Dort auf der Düne steht Graf Guntram Krafft! Ebenso gekleidet wie heute -Nacht ... und er spricht mit zwei Fischern und scheint ihnen -irgendwelche Anweisungen zu geben. - -Jetzt sieht er sie, und Gabriele hebt freudig die Hand und winkt ihm zu. - -Er scheint einen Augenblick zu zögern, dann verabschiedet er die Männer -und schreitet ihr langsam entgegen. - -Ein neuer Windstoß läßt den kleinen Filzhut auf Gabrieles Köpfchen -abermals flüchtig werden, aber sie fängt ihn noch rechtzeitig auf und -behält ihn in der Hand. - -Immer langsamer schreitet Guntram Krafft. Sein Herz schlägt wieder heiß -und ungestüm bei ihrem Anblick, der ihm reizender dünkt wie je. - -Das dunkle Tuchkleid weht in weichen, graziösen Falten um die zierlichen -Füßchen, die entzückend zarten Formen ihrer Gestalt zeichnen sich scharf -gegen den schimmernden Hintergrund ab, und auf den lockigen Haaren, -welche der Wind ihr um die weiße Stirn zaust, flimmert das rotgoldene -Sonnenlicht und läßt tausend geheimnisvolle Fünkchen darauf brennen. Wie -frisch und rosig ist das süße Gesicht, -- wie lacht sie ihm mit weißen -Zähnchen entgegen, wie leuchten die Nixenaugen hinter den langen, -dunklen Wimpern hervor! - -»Wie gut, daß Sie kommen, Graf!« ruft sie ihm heiter entgegen. »Ich -hatte Sehnsucht nach Ihnen, große Sehnsucht! Und wissen Sie auch, -warum?« - -Er begrüßt sie von weitem, ohne ihr die Hand zu reichen. - -»Warum?« wiederholt er beinahe mechanisch und drückt den Südwester -fester auf den Kopf. -- »Nein, das weiß ich nicht, mein gnädiges -Fräulein!« - -»O, Sie kennen meinen Egoismus noch nicht!« fährt sie harmlos fort; »ich -möchte gern einmal in einem Boot hinausfahren in die See, weil es sich -gewiß herrlich auf dem Wasser schaukelt!« - -Seine Augen leuchten unwillkürlich auf, er tritt einen Schritt näher. - -»Boot fahren, Fräulein Gabriele? -- Solch ein langweiliges Vergnügen?!« - -»So fand ich es ehemals in Heringsdorf, wo sich kein Lüftchen regte! -Aber heute, wo solch hohe Wellen sind, wo wir solch argen Sturm haben -...« - -Sein lautes Auflachen unterbricht sie. - -»Sturm?!« - -»Nun ja! Oder wollen Sie ihn ableugnen, wo ich nicht mal den Hut auf dem -Kopfe haben kann?« - -»Sie kennen noch keinen Sturm, heute weht es nur ein wenig, kaum daß man -es eine frische Brise nennen kann!« - -Er sieht heiterer aus, während er spricht, und Gabriele blickt -überrascht empor. - -»Ich wollte Ihnen durch meinen Mut, heute auf dem Wasser zu fahren, -imponieren!« - -»Sie imponieren mir jederzeit durch solch ein Verlangen!« - -»Und werden Sie es erfüllen?« - -»Wenn es Ihr Ernst ist, mit großer Freude. Wir sind eben von einer -kleinen Probefahrt zurückgekommen, das Boot liegt noch dort an der Buhne ---« er deutete mit der Hand strandab -- »wollen Sie mir folgen, so fahre -ich Sie gern!« - -Er spricht so ruhig wie sonst, und Gabriele sieht nicht, wie seine -Lippen beben. - -Sie dankt ihm mit der freudigen Hast eines Kindes. - -Ihr Wesen deucht ihm überhaupt verändert, sie ist so fröhlich und -gesprächig wie noch nie zuvor, und ihre Augen leuchten zu ihm auf ... -täuscht er sich? oder ist es wahrlich so?... Aber so warm und innig -blickte sie ihn noch niemals an. - -»Wissen Sie auch, daß ich das Meer heute wirklich schön finde? Und den -Wind auch? -- Nun lebt erst die Welt ringsum! Nun atmet sie -Abwechslung, nun wird sie mir verständlicher! Ehrlich gestanden -- habe -ich mir das Meer im Sturm noch gewaltiger gedacht, weil ich darüber las, -daß seine Wogen Schiffe zertrümmerten und ganze Landstriche -wegschwemmten, aber wie Sie sagen, ist es heute noch kein richtiger -Sturm --« - -»Was nicht ist, kann bald werden --« er wich ein wenig zur Seite, da -ihre Kleiderfalten weich und schmeichelnd um seine Füße wehten, und fuhr -voll beinahe trockener Geschäftlichkeit fort: »Die Wetterberichte lauten -ungünstig, wir erwarten stündlich eine Sturmwarnung. Vielleicht lernen -Sie die träge See noch von recht ungemütlicher Seite kennen!« - -»Ich liebe alles Gewaltige, Wilde, Trotzige! Am Menschen sowohl wie an -der Natur -- daher gefielen mir bislang die Alpen so gut, diese Titanen, -welche den Himmel stürmen! Wie gern möchte ich auch hier solche Riesen -finden, wilde, brausende Wogen, welche das Herz erzittern lassen ...« - -»Und heldenhafte Menschen ... welche mir imponieren!« fügte er leise, -mit wunderlichem Zucken der dichten Augenbrauen hinzu, -- »das Meer wird -Ihre Wünsche sicher erfüllen, in die Macht der Menschen aber ist es -nicht gegeben, gewaltsam einen Himmel zu stürmen, vor dessen Tür das -Schicksal sieben Siegel gelegt!« - -Sie waren hastig ausgeschritten und standen jetzt vor dem Boot, welches -zwei Fischer just an den Strand schieben wollten. - -Zur Seite saß ein alter Mann auf einem Holzstamm und war damit -beschäftigt, Reservedollen und Ruderklampen zu schnitzen. - -Guntram Krafft rief die Männer in plattdeutscher Sprache an, -- sie -unterbrachen sich, wateten heran und schienen kurz mit dem Grafen zu -beraten. - -Ein prüfender Blick nach dem Horizont, eine ruhig zustimmende -Handbewegung. - -»Wenn dat nich länger wiehrt, a's 'ne half Stunn', dann geiht dat wull -noch an'!« -- und sie warfen die Riemen zurecht und bereiteten -schweigend das Boot zur Fahrt. - -Der alte Mann stand auf, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund und fragte: -»Sall ik Se beglieten, Herr Graf?« - -»Nee, Klaaden, da sull keener mit mi gahn, -- dat düert hüt nich lang.« --- - -Und dann flüsterte er noch ein paar Worte mit den Schiffern und wandte -sich abermals zu Gabriele. - -»Es hält sehr lange auf, das Boot an das Land zu ziehen, gnädiges -Fräulein; Sie gestatten wohl, daß einer der Leute Sie in das Fahrzeug -trägt!« - -»Ja, so gehört sich das!« lachte Gabriele ein klein wenig verlegen. -»Meine Freundin ward in Helgoland bei dem Landen auch in das Boot -getragen.« - -Der Bär von Hohen-Esp wandte sich ab und schien sehr interessiert eine -zerbrochene Spiere, welche im Sande lag, zu besichtigen, der Fischer -aber trat ruhig herzu, nahm Gabriele auf den Arm und watete mit ihr in -das Wasser. - -»Hollen Se' sick fast!« sagte er -- und nach einem Augenblick mehr zu -sich selber im Kommandoton: »Laß sack' --!« und gleichzeitig hob er die -junge Dame und ließ sie in das schwankende Boot nieder. - -Guntram Krafft kam nun mit schnellen Schritten durch das seichte Wasser, -sprang in das Fahrzeug und griff nach den Riemen. - -»Ich möchte heute nicht segeln, sondern mich in nächster Nähe des Ufers -halten, um erst einmal zu sehen, ob Sie seefest sind, mein gnädiges -Fräulein!« sagte er mit schnellem Lächeln. »Für meine Begriffe ist die -See sehr ruhig, für die Ihren vielleicht nicht.« - -Die starken Fäuste der Fischer machten das Boot frei, der Graf half mit -den Riemen und stieß kräftig ab, -- hochauf bäumte das leichte Fahrzeug -und glitt über die erste Brandung hinaus. - -»Und das nennen Sie ruhige See?« fragte Gabriele leise und blickte mit -großen Augen in den Gischt, welcher um das Heck spritzte. »Sehen Sie -doch, wie das schäumt und wogt!« - -»Ich hoffe, Sie lernen es von sicherem Lande aus noch besser kennen! -Heute scherzt und spielt das Wasser nur, wenn es aber ernstlich böse -wird, fahre ich Sie nicht hinaus.« - -»Dann ist es gefährlich?« - -»Sehr gefährlich! Nicht für mich, sondern für Sie!« -- - -Wieder zuckte ihr Blick zu ihm hinüber. - -»Als Sie die Leute der >Sophie Johanne< retteten, war es da solch ein -Wetter wie heute?« - -Guntram Krafft wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Boote zu, da er -gern jede gebrochene Welle, so gut es anging, meiden und das Fahrzeug in -die Lage bringen wollte, daß die See vor demselben brach. - -»Die größte Macht des Sturmes war wohl vorüber,« sagte er lächelnd, »und -das war ein Glück für die Mannschaft, sonst wäre es unmöglich gewesen, -bei derart schwerer See an dem Wrack anzulegen. Es hängt da so viel von -der Geschicklichkeit, dem gesunden Urteil und der Geistesgegenwart des -Lotsen ab, daß ein günstiger Erfolg nie mit Sicherheit vorausgesehen -werden kann.« - -Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Guntram Krafft fort --: -»Würden Sie die Güte haben, sich mir gegenüberzusetzen, gnädiges -Fräulein, -- Sie haben alsdann den vollen Anblick der sinkenden Sonne.« - -Das Boot hatte die Brandung passiert und glitt nun in großen, ruhigen -Bewegungen über die Wogen; der Graf, welcher erst mit voller Kraft und -Aufmerksamkeit gerudert hatte, hielt die Riemen ruhiger und schaute mit -sinnendem Blick nach dem Horizont, welchem der feurigrote Sonnenball -langsam entgegensank und einen breiten, funkelnden Goldstreifen auf das -Wasser malte, in den das Boot just hineintrieb. - -Gabrieles reizende Gestalt war von hellem Purpurlicht übergossen, und -ganz verstohlen streifte sie der Blick des Grafen. -- Sein Atem ging -schwer, seine Hände umkrampften die Riemen. - -War's ein Traum? - -Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht gewünscht, so -allein -- so weltfern und einsam mit der Heißgeliebten auf der wogenden -Unendlichkeit des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun saß -sie ihm nahe -- ganz nahe gegenüber, die zauberischen Nixenaugen so oft -mit langem Blick auf ihn gerichtet, das lockige Haar vom Wind verweht, -das reizende Antlitz so träumerisch und ernst ihm zugekehrt. -- - -Damals, als er die Mannschaft der »Sophie Johanne« rettete, donnerte die -See und heulte der Sturm, aber in seiner Brust war es still wie im Grab; -und heute saust es nur linde und sacht in den Lüften, aber in seinem -Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender wie jene, welche -er damals so heldenhaft bezwungen! - -Und dieser soll er erliegen? - -Er atmet schwer auf, streicht langsam über die Stirn und lauscht ihrer -Stimme wie im Traum. - -»Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang sei ein verkörpertes, -oder besser gesagt, ein gemaltes Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich -sehe sehr viel Schönes, Glänzendes, Farbenprächtiges vor mir, aber -seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie ist wohl noch -nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht, in welchem sie inmitten alles -Großstadtstaubes gelegen! Sie haben jüngst am Strande das schlafende -Dornröschen schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute! Lehren -Sie mich mit Ihren Augen sehen! -- Was bedeutet für Sie solch ein -Sonnenuntergang?« -- - -Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zurück, seine großen Blauaugen -bekommen einen weichen, träumerischen Glanz, sein Blick schweift weit -hinaus. - -»Er bedeutet für mich einen Traum -- er bezwingt mich wie das Opium -seinen Raucher, alles logische Denken, alle Wirklichkeit versinkt in -wallenden Nebeln -- und alles Unorganische beginnt zu leben. -- Wir -Seeleute berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene Ruhe um -uns her wirkt wie eine Narkose -- die leise Musik des Windes, das -Rauschen der Wogen, das Flüstern des Riedgrases, melancholischer -Möwenschrei und das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch ein -Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt des Realen vor unsern -Blicken verwischt. -- Hier und da der grelle Blitz einer Welle, welchen -die Sonne trifft -- ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn kühlt ... -und man träumt -- träumt wie ein Fiebernder, um dessen Lager giftige -Blüten welken ...« - -»Vom Sonnenuntergang?« - -»Den sehe ich nicht. -- Ich habe eine Vision. Vor mir wachsen die -geheimnisvollen, glutroten Korallen aus der Tiefe des Wassers, sie -breiten ihr mystisches Geäste aus über den Himmel, sie flechten ein Netz -durch Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen, an welchem -weiße Perlen schimmern. Über sie hin weht es wie lichte Schemen ... -duftig ... wesenlos ... grau verhauchend, sie breiten violette Schwingen -aus ... die reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern ... -sehen Sie dort? -- da tauchten sie hinab in die grelle Feuerbrunst, die -wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen lodert und ihre -Blitzfunken weit empor gegen das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die -Farben kommen und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb, -welches dem Lächeln eines unbarmherzigen Weibes gleicht ... und das -kranke Grün, das irisierende Weiß des Opals ... das süße, schmeichelnde -Rosa ... einen Kuß, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel -hauchten! -- Dort schießen mächtige Lilien empor ... wie Phantome ... -ein Glorienschein umgibt sie ... riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln -sie ... und darüber wölbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle -Rubine wie zornige Augen sprühen! -- Sie stürzt zusammen, und nun -schlägt eine ungeheure Flamme empor ... Sie wähnen, daß es die Sonne -ist? Nein! Es ist das Stück eines Weltenbrandes, der entscheidende -Augenblick im wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem Wasser -sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe der -Midgardschlange, welche sich schillernd windet und auf- und niederrollt, -welche in zitternden Windungen durch das Weltmeer schießt und mit -breitem, scharfgezähntem Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenbäumt! -Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball verschlingt? -- Mehr und -mehr verschwindet er -- und die roten Korallen erbleichen und sinken -zusammen ... die weißen Lilien brechen wie stumme Klagen nieder ... die -Schmetterlinge zerstieben und treiben wie müde, kleine Wolkenflocken in -der Unendlichkeit ... aus dem Meere aber steigt ein wunderholdes Weib -mit kristallenen Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, -- die hebt -mit müdem, strengem Lächeln einen grauen Schleier und breitet ihn über -Himmel und Erde, über die Augen des fiebernden Mannes, der solch -wunderliche Träume hat, und sie sagt: >Wach auf! Es ist Zeit, -heimzukehren, die Sonne ging unter!<« - -Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte plötzlich leise -auf: - -»Und solch närrisches Zeug denkt ein großer, vernünftiger Mensch bei dem -Anblick eines Abendhimmels!« - -Sie saß ihm gegenüber, die Blicke groß und sinnend auf ihn gerichtet. -Unverwandt, wie in staunender Frage. - -»Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!« - -»Wohl möglich, -- ich weiß es nur nicht.« - -Der Wind erhob sich stärker, das Boot stieg hoch auf und schoß tief -hinab in grünglasigem Wassergebirge. - -»Sie sehen so blaß aus, Fräulein Gabriele, frieren Sie?« -- - -Sie nickt. »Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.« - -Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher auf der Bank lag, -und reichte ihn zu ihr hinüber. - -»Ich bitte, legen Sie ihn um. -- In wenig Minuten sind wir am Strande.« --- - -Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach der See hin und strich dem -Lande zu, jeder heranlaufenden See einige Schläge entgegenrudernd, -damit sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte, wie -energisch und sicher seine starken Arme das Fahrzeug regierten! - -Und wie schön er aussah! - -Nie hatte Gabriele die glänzendste Galauniform eines Mannes besser -gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar kleidsame Fischeranzug. - -Wie kernig, wie wetterfest und männlich sah der Bär von Hohen-Esp darin -aus, wie edel und kühn sein Antlitz, welches sich soeben noch der -sinkenden Sonne zugewandt und ein Märchen voll schwärmerischer Weichheit -geträumt hatte! -- - -Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren. - -Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes gefahrvoll und -beängstigend, sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihre Hände -leise erbebten, wenn ein Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, über das -Schifflein hinwegzubranden. - -Mit keinem andern Fährmann hätte sie in diesem gebrechlichen Fahrzeug -sitzen mögen, als mit dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und -unbesorgt gegenübersaß, als habe er nur seine herzliche Freude an dem -scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer stärker sauste der Wind, und -immer schneller schoß das Boot der Küste zu. Guntram Krafft wandte sich -um und blickte nach dem Strand. - -Eine jähe Betroffenheit malte sich auf seinen Zügen. - -»Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten!« sagte er, griff mit -der einen Hand hastig in die Tasche und führte eine Torpedopfeife an die -Lippen. - -Niemand zeigte sich in den Dünen. - -»Wir müssen landen, -- es wird immer kühler, und der Wind kommt auf!« - -»Sind wir noch nicht zur Stelle?« - -Das Boot schoß auf den Sand und saß mit hartem Rucke fest; eine kräftige -Welle schoß über und übergoß es mit einem Spritzer. - -Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer hilfesuchend nach -dem Strand. Dann warf er die Riemen hin und sagte zu Gabriele, indem er -sich aus dem Boot schwang: »Wir haben leider keinen Landungssteg hier. -Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt aber noch halb im Wasser. -Sie müssen gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich Sie diese paar Schritte -an Land trage!« - -Gabriele fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß, aber sie erhob -sich und trat sehr ruhig an den Rand des Kahnes. - -»Das wäre sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind nicht auf Waten -eingerichtet.« - -Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne sie anzusehen, und -hob sie an seine Brust. - -Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen Strand und ließ -die junge Dame sanft hinabgleiten. Droben in den Dünen erschienen im -Laufschritt die Fischer. - -»Wollen Sie die Güte haben, vorauszugehen, wir müssen das Boot erst -bergen!« -- Seine Stimme klang rauh, atemlos. - -»Ich habe Ihnen so viele Mühe gemacht, Graf, ich danke Ihnen von -Herzen!« Sie reichte ihm die Hand hin, und er umschloß sie mit kurzem, -krampfhaftem Druck. Er murmelte ein paar Worte -- sie verstand sie -nicht, der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten Hauptes zur -Burg. - - * * * * * - - - - -XXIII. - - -Die Bäume des Waldes rauschten im Wind und neigten sich, und blickten in -das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles, welches ihnen so seltsam -verändert deuchte. -- - -Wo war die kühle, gleichgültige Ruhe geblieben, welche sonst aus ihren -Augen geschaut? - -Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig, wie Gedanken, -welche aufzucken und schwinden, welche dem Frührot gleichen, dessen -Strahlen gegen die Schatten der Nacht kämpfen müssen, ehe sie -leuchtenden Sieg erringen. - -War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben durch -schäumende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem Arm gehoben und an -der Brust gehalten hatte, -- war es derselbe schüchtern verlegene -Jüngling, welcher im Ballsaal der Residenz so unsicher über das Parkett -schritt, als vermisse er das Gängelband der Mutter? -- - -War diese poetisch schöne Erscheinung des wetterharten Seemanns -dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen so ungeschickt -einherschritt, wie ein täppischer Bär, welchen man zur Kurzweil in -Maskentand gekleidet? - -Nein, es war _nicht_ derselbe! Es war nicht möglich, nicht denkbar, daß -binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel und Wandel mit einem Menschen vor -sich gehen kann! - -Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen dem vorjährigen -Herbstlaub nach, welches der Wind raschelnd vor ihr her, den Burgberg -hinantrieb. - -Ein Wandel? - -Nein, es ist kein Wandel. - -Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen, wie er jetzt vor -ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle aber, welche er in der Residenz -gegeben, hatte ein Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Züge in -nichts der Wahrheit glichen. - -Ist es nur das Neue, Überraschende, was Gabriele so fesselt, so -ungewöhnlich erregt? Ist es Zauberspuk, daß sein schönes, eigenartiges -Bild ihr vorschwebt, ob sie es sehen mag oder nicht? - -Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er prüfend See und Himmel -beobachtete, sichere Fahrt zu nehmen, und wie mild und träumerisch ward -es, als der Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm -spiegelte, als er ihr leis und schwärmerisch seinen Zauber mit den -Worten eines Dichters malte! - -Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur wie das linde -Säuseln eines Windes, welcher stark genug ist, in nächster Stunde zum -Orkan anzuwachsen. - -Dieses Sinnen und Träumen paßt zu dem einsamen Mann, in dessen Herzen -noch die Wunder der Natur leben, welche ihn rein und unverfälscht -umgibt. - -Herr von Heidler konnte auch flüstern in Worten des Dichters, aber das -war eine schwüle, betäubende Poesie, der Gifthauch des Modernen, welches -nur die Sinne berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen -Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles Schönen und Edlen -über den Wogen des Weltmeers schwebt! - -Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel eines Dichters, um -Erfolge zu erringen, um die Augen zu blenden und in frivolem Spiel -Triumphe über Mädchenherzen zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur -Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte, welche nicht um -Beifall buhlten und keine selbstsüchtigen Zwecke verfolgten. - -Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind verwehte den Klang seiner -Stimme, und als er erwachend das Haupt hob, war der Traum vergessen. - -Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft, -- da machten sie -sich die Elemente untertan und besiegten sie wie in harmlosem Spiel. -- - -Und dann ... - -Gabriele atmete plötzlich schwer auf und schritt beinahe ungestüm -weiter, -- dann umfing sie dieser kraftvolle Arm und trug sie durch den -kräuselnden Wellenschaum, und sie umschlang seinen Nacken und war seinem -Antlitz so nahe -- wenngleich er das seine auch abwandte in -respektvoller Ritterlichkeit. - -Warum schlug ihr Herz so heiß und leidenschaftlich auf in diesem -Augenblick? - -Warum gefiel es ihr so gut, daß er sein Gesicht weit wegkehrte von ihr, -daß er so schnell und hastig ausschritt, daß er sie nicht ansah, als er -sie sanft zur Erde gleiten ließ? - -Gibt es dennoch jene stolze Männertugend, welche nicht das Ihre sucht? - -O, wie anders hätte Herr von Heidler diesen Augenblick ausgenutzt!! - -Wie würde er sie in wild begehrlicher Weise an sich gedrückt -- wie süß -und berückend, wie zwingend und lohnheischend würde er ihr in das Auge -geschaut haben! - -Langsam -- ganz langsam wäre er wohl ausgeschritten, und die Worte, -welche er in ihr Ohr geflüstert hätte, wären wohl auch Dichterworte -gewesen, aber solche, welche wie sengende Höllenfunken in das Herz -fallen! -- - -Im Spott und Übermut hat man den Bären von Hohen-Esp in der Residenz den -modernen Parzival genannt! Und doch ... kein Name paßt schöner und -besser für ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, -- Weltunklugheit, -welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen Händen ein Heiligtum zum -Schutze anvertraut wird! -- - -Parzival, der Held! -- - -Ist auch Guntram Krafft ein solcher? - -Da zieht es wie ein Schatten über das verklärte Antlitz des jungen -Mädchens. - -Ach, daß er es wäre! - -Daß sie eine einzige Tat der Kühnheit, des wagemutigen Heldensinnes bei -ihm schauen könnte! - -Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust, wie spöttisches, -grimmiges Gelächter! Noch wenige Schritte, und die grauen, -efeuumsponnenen Mauern von Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. -- - -Die steinernen Bären sehen sie mit den bemoosten Augen an, als ob auch -sie lachten, und sie heben die Pranken und kehrten ihr das alte -Wappenschild zu. - - »Christie Kyrie -- - Zu Land und zu See -- - Schirmherr der Not. - Das walt' Herre Gott!« -- - -Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen, -- heute deucht es -ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal. - -Schirmherr der Not! -- - -Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher hochherzig und -selbstlos sein Leben einsetzt, der Not des Nächsten zu Hilfe zu kommen? --- - -Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen Jahrhunderten ihr -Schwert und ihren starken Arm in den Dienst der Not gestellt. - -Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp! - - * * * * * - -Gräfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits erwartet zu -haben. - -Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter und zufrieden -aus. - -»Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fräulein noch ein warmes Tuch -an den Strand nachtragen!« scherzte sie, »denn eine Stadtdame, wie -Baronesse Gabriele, muß sich erst an unsere frischen Brisen gewöhnen! -Statt dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurück und meldet, daß -das gnädige Fräulein mit dem Herrn Grafen hinausgerudert sei! -- Das -nenne ich Courage, liebe Gabriele, denn soviel ich von hier aus -beurteilen kann, ist die See bewegt!« - -»Und wie bewegt, Frau Gräfin! Für meine Begriffe war es Sturm!« - -Gundula lacht und kehrt das junge Mädchen dem Fenster zu. - -»Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen ist! Nun ja ... -blaß, wie eine weiße Rose! Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife -meinen Sohn nicht, daß er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren hat! -Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit Sie wieder Farbe bekommen!« - -Jähe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemühte sich, so harmlos und -heiter zu plaudern, wie sonst, und empfand es doch, daß es ihr heute -nicht so leicht wurde, wie zuvor. - -»Ihr Herr Sohn war völlig unschuldig, gnädigste Gräfin, und nur ein -Opfer seiner großen Liebenswürdigkeit, welche ich hart auf die Probe -stellte.« -- - -»Ah -- so war es _Ihr_ Wunsch, zu fahren?« unterbrach die Herrin von -Hohen-Esp und sah noch erfreuter aus, wie erst: »Hat es unser schönes -Meer Ihnen nun doch angetan?« -- - -»Es war in seiner Erregung entschieden viel berückender, wie in seinem -=dolce far niente=!« lachte das junge Mädchen und trat noch weiter -aus dem Fensterlicht zurück in die dämmrige Halle: »Ja, es war so -herrlich anzusehen, daß mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, mich -einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam mir just in den Weg, und da er -die Gutmütigkeit der Hohen-Esp mit dem Bärenblut geerbt, so erfüllte er -stehenden Fußes meinen unbescheidenen Wunsch!« - -»Er wird sich gewiß sehr gefreut haben! Man kann ihm ja nichts Lieberes -antun, als Interesse für die See und alles, was ihr angehört, zu -zeigen!« - -»Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das Unvermeidliche zu -fügen!« - -»Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurück?« - -»Nein, liebe Burgfrau --« Gabriele neigte das Köpfchen und küßte beinahe -zärtlich die Hand der alten Dame, welche sich auf ihre Schulter legte --- »er muß nun erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein Übermut -unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! Ich glaube, der -edle Renner soll erst für die Nacht in den Stall geschafft werden!« - -Gundula nickte heiter. »Der Wind scheint tüchtig aufzufrischen, da -werden sie zur Nacht wohl alles am Strande bergen wollen, falls eine -stärkere Boe einsetzt! Wie war Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich -seetüchtig?« - -»Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, Frau Gräfin, ich -habe mich schrecklich gefürchtet! Wollte mich nur nicht allzusehr vor -dem Grafen blamieren, sonst wäre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als -ich merkte, wie hoch die Wellen gingen!« - -»Fürchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder führt?« -- Wie ruhig, wie stolz -und zuversichtlich klangen diese Worte. -- - -Gabriele neigte das Köpfchen: »Der Graf ist gewiß sehr stark und -kräftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, vermag schließlich -niemand, und ich glaube, Ihr Herr Sohn wußte es anfangs selber nicht, -wie arg der Wind war, sonst hätte er vielleicht die Fahrt gar nicht -unternommen!« - -Nun lachte die Gräfin ebenso laut auf, wie zuvor Guntram Krafft, als sie -von dem Sturm gesprochen. - -»Ich wünschte nur, Sie erlebten bald einmal das, was wir hier >grobe -See< nennen!« sagte sie dann mit seltsam leuchtendem Blick. »Ich glaube, -Sie kennen bisher weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer, -wenn es zornig wird, noch den Bären von Hohen-Esp, wenn er beiden die -Zähne weist. -- Was bringen Sie, Anton? -- Wollen Sie Licht anstecken? -Wir warten mit dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.« - -Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, ein kleines Spitzglas -voll Tokayer für Gabriele zu füllen, der alte Kammerdiener aber -verneigte sich respektvoll und nahm eilig ein Tablett, dem gnädigen -Fräulein den Wein zu servieren. - -»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin. Soeben bringt einer aus dem Dorfe die -Nachricht, daß der Herr Graf nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen -könne. Man wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei -Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen die Damen bitten, allein -den Tee zu trinken, da es spät bis zu seiner Rückkehr werden könne.« - -»Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar noch keine -telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn eingetroffen, aber der -Seemann versteht sich schon auf die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten. -So stecken Sie die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, daß für uns -angerichtet werde.« - -Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, daß Guntram Krafft -heute fernbleiben werde. Sie wußte es selber nicht, warum sie ein -gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch -schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er -sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre -törichte Verlegenheit zu überwinden. - -»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie bekommt gewiß einen -stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar -für eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir -leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bös -Wetter hinausschicken müßte!« - -»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht das blonde, hübsche -Mädel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?« - -»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines -Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prächtigen Bursch, -der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter -bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen! -Ich habe zugesagt, auch für Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie -teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und -unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und Leid zusammen! Wir -sind in der langen Reihe der Jahre wie eine große Familie geworden, und -gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande -waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefügt hat. -- Da ist -es undenkbar, daß sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben -könne, ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewiß noch -keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr -primitiven Verhältnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch -hoffe ich, daß Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß -sehr wenig >Hoffähige< finden wird, und daß Sie mir zuliebe nicht das -Näschen rümpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen -Menschen sind!« -- - -Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf -das reizende Antlitz des jungen Mädchens geheftet, und als sie das -freudige Aufleuchten in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen -Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen und sagte -so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden -uns gern begleiten! Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich -danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!« - -Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken -Finger Gundulas. - -»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nähe, Frau Gräfin, -gleichviel, wohin Sie mich führen! So neu wie mir diese Welt auch noch -ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar -getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?« - -»O nein!« - -»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!« - -»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drüben?« - -»Eine Kapelle? Hier in der Burg?« - -»Wir benutzen sie für gewöhnlich nicht, um dem Pfarrer den sehr -unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, auch müßte er zweimal an -jedem Sonntag predigen, in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu -ihm! Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aber kommt er hierher, und -Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.« - -»O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm für die -Hochzeitsgesellschaft!« - -»Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem Wagen holen, die -Kirche wird geschmückt ...« - -»O, herrlich! Wer besorgt das?« -- - -»Immer der, der fragt!« neckte die Bärin von Hohen-Esp. »Die Guirlande -nagelt freilich einer der Knechte über die Tür, und die Tannenbäumchen -stellt wohl die Mamsell mit den Mägden um den Altar herum auf, aber wenn -sich sonst noch ein paar geschickte Händchen finden wollten, den Altar -selber recht schön und poetisch zu schmücken, so wäre mir das sehr lieb, -denn für gewöhnlich war das meine Sorge, welche ich jetzt aber gern -jüngeren Kräften überlassen möchte!« - -Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. »O, wie danke ich Ihnen für -diese reizende Pflicht, Frau Gräfin, und wie freue ich mich darauf, die -Kapelle zu sehen!« - -»Wenn die Mägde morgen früh mit Fegen und Scheuern fertig sind, soll man -Sie rufen, liebe Gabriele! Sie sorgen wohl selber im Garten für die -Blumen! Kaiserkronen, Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch noch -Krokus und Fürwitzchen, -- nehmen Sie alles, was Sie brauchen, die -Sträuße können dann später noch auf den Hochzeitstisch gebracht werden.« --- - -Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen. - -Spät erst kehrte Guntram Krafft heim. - -Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin vor, sondern schritt -sogleich nach seinem Zimmer hinauf. - -Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr -»Gute Nacht«. - -Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen erst nach seinem -Erkerstübchen. - -Ganz erschrocken wich Gabriele zurück. - -»Was ist das?« fragte sie betroffen. - -Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der brennenden Kerze auf -dem Toilettentisch. »Das ist der Wind! -- Hörten Sie ihn noch nie um -alten Gemäuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust -es in allen Tonarten von der See herüber. Ich fürchte, die Nacht wird -schlimm, -- aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten draußen. Die -Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! Vergessen -Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte -auf Hohen-Esp!« -- - -Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen -Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte. - -»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich den Arm um die -weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: »O, nicht doch! Sie -sind hier sicher wie in Abrahams Schoß, und es ist heute nur das -Ungewohnte, was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein -behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne -Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! -- Wenn freilich -der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem der Gedanke an die -Schiffe, welche draußen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob -Guntram Krafft nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute -keine Rede, -- diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner -kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tür -nach meinem Zimmer öffnen, -- Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!« --- - -»Nein, nein, liebe Frau Gräfin, das wäre noch schöner, wenn ich ein -solcher Hasenfuß sein wollte! Nun, wo ich weiß, was für Stimmen da -draußen lärmen, lachen und rufen, fürchte ich mich nicht mehr vor -ihnen!« - -Und als sich nach herzlichem »Gute Nacht« die Gräfin zurückgezogen, trat -Gabriele an das Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus. - -Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen über den Himmel -- die Bäume -drunten bogen sich und ächzten, und die Fensterriegel klappten und -greinten wie mit leisem, wehmütigem Klagelaut. - -Gabriele schloß die Vorhänge und begab sich zur Ruhe. - -Aber sie fand lange keinen Schlaf. - -Ihr war's, als säße sie noch in dem Boot, das auf und ab geschleudert -ward von tosenden Wellen. - -Guntram Krafft saß ihr gegenüber und führte das Ruder -- und er sah sie -nicht an, sondern blickte starr geradeaus in die gähnend finstere Nacht --- und sein Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, der -ertrunken war um 1503! -- - -Ertrunken! -- - -Gabriele schauerte zusammen und preßte das Antlitz in die Kissen. - -Wie kam ihr plötzlich das Verstehen für dies grausige, entsetzliche -Wort! -- - -Ertrunken! - -Sie schlingt die Hände ineinander und betet mit zuckenden Lippen für -alle die, welche mit Sturm und Wogen ringen -- so wie Frau Gundula es -ihr geheißen, aber ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor -ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, -- -- und auch unter -diesem starrt das furchtbare Wort: »ertrunken« ... - -Sie schrickt empor ... sie lauscht ... - -Droben, über Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer des Grafen. - -Er schläft nicht, sie hört ihn auf und ab schreiten ... es schallt so -sehr in dem grabesstillen Haus. -- - -Horch ... hin und her ... hin und her ... - -Ruhelos wie sie! -- - - * * * * * - -Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut. - -Die Sonne leuchtet am Himmel, -- hinter dem Wald blitzen die weißen -Wellenkämme der See auf. -- - -Gabriele ist frühzeitig aufgestanden. - -Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbäumchen gesehen, das stand in -voller Blüte. - -Welch sinnigeren Altarschmuck könnte sie finden, als diese duftigen, -schneeigen Zweige? - -Als sie in den Hof tritt, hört sie noch jenseits der Zugbrücke Hufschlag -verklingen. Ein Knecht steht, die Arme behaglich in die Seiten gestemmt, -und schaut dem Reiter nach. - -»Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? Die erwartete -Sturmwarnung von der Seewarte?« - -Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen Augen vergnüglich an. - -»Nee, gnä Frölen! Dat wi nähstens doch 'n ollen düchtigen Bö kreegen, -dat weiten wi ganz alleen!« - -»Wer ritt soeben fort?« - -»Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n Feldern nach'n Rechten -kieken!« - -»Auf den Feldern!« - -»Wie hei seggt! -- Du leiwe Tid! Wat het de Graf nich allens to -bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un Nacht. Un hätt dat doch so goar nich -nötig! Aber dat rackert sich af! Keen Dagelöhner duht sich so schinn'n -as uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jeßt däht hei Frühstück -eten, un nu heidi wedder up't Pierd!« - -Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter. - -Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, darum kehrte er neulich -so staubig und erhitzt zurück und hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter -zu verhandeln! Daß er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze zu -werfen, daß er am Tage oft segelte und ruderte und anstrengende Übungen -mit seinen freiwilligen Lotsen machte, das war nur Erholung, nur -Vergnügen nach der Arbeit! - -Und diesen Mann hatte sie oft einen Bärenhäuter genannt, ihn als müßigen -Tagedieb bespöttelt und verachtet? - -Wieder schießt Gabriele das Blut heiß in die Wangen. - -Wie traurig ist es doch, wenn ein Mädchen so gar keinen Begriff von -Landarbeit und Seewesen hat. Was für falsche, irrige Ansichten bildet -man sich in der Stadt davon, wie bitter unrecht tut man oft den -Fleißigsten und Verdienstvollsten! - -Gabriele ist es plötzlich zu Sinn, als habe sie ein schweres Unrecht an -Guntram Krafft gutzumachen. - -Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der Hand zu Felde zieht, -für Kaiser und Reich zu kämpfen, erwirbt sich Verdienste um sein -Vaterland, sondern auch der, welcher in stillem Fleiß seinen Grund und -Boden kultiviert, für seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher gute -Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen pflegt, welcher in treuer -Selbstlosigkeit an der Küste Wacht hält, ein »Schirmvogt der Not« zu -sein! -- - -Mit bebenden Händen pflückt Gabriele die blühenden Zweige im Wald. - -Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut bräutlich-weiße -Blättchen in ihr lockiges Haar, -- in ihrem Herzen aber wächst aus -kleinem Funken eine helle Flamme empor, noch flackernd und unsicher, -aber dennoch stark genug, daß sie kein Aschenregen wieder ersticken -kann. - -Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was ehemals in diesem Herzen -als falsche Götzen gethront, -- sie macht es so hell, wo es früher -dunkel war, sie läßt es so warm, ach so warm werden, wo früher Schnee -und Eis gestarrt ... - -Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger Blütenzweige geladen, -kehrt Gabriele heim, und von der niedern, rund gewölbten Turmtür, welche -zu der Kapelle führt, tönt das helle Gelächter und der Gesang der -Mägde. - -Sie sind noch fleißig bei der Arbeit, und die Mamsell tritt Gabriele -entgegen und bittet: »Wollen das gnädige Fräulein nicht noch ein halbes -Stündchen warten! Dann ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkästchen, -und Baronesse haben einen so viel schöneren Eindruck davon!« - -»Es ist aber schon recht spät geworden, liebe Mamsell, und die Hochzeit -soll sehr präzise stattfinden! -- Man heiratet hier schon zu recht -früher Stunde!« -- - -»Ja, du liebe Zeit, gnädiges Fräulein, so verliebte Leutchen haben es -immer eilig, und Mike und Jöschen vollends! Ist _das_ ein Glück! Man -braucht die beiden nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander -sind! -- Aber vielleicht machen das gnädige Fräulein erst Toilette? So -ein bißchen was Weißes oder Rosiges gehört sich doch für den heutigen -Tag!... Und die Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je kürzere -Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie aus!« - -»Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! So will ich mir -denn ein hochzeitlich Gewand anziehen und bin in einer halben Stunde -wieder hier!« -- - - * * * * * - - - - -XXIV. - - -Da der Wind ganz plötzlich wieder bedeutend aufgefrischt hatte und -merklich kühl durch die blühende Frühlingspracht brauste, hatte Gabriele -ein wollenes Kleid zu ihrem Anzug gewählt, welches nun in zart weißen -Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederfloß. - -Es war noch eins ihrer »Fünfuhr-Tee«-Kleider, welche sie ehemals in der -Residenz getragen, schick und elegant gearbeitet und doch einfach und -anspruchslos wirkend, einzig geschmückt durch ein duftiges -Spitzengeriesel, welches über die Brust fiel und den Saum des Rockes wie -kräuselnden Wellengischt zierte. Die weiße Perlenschnur, welche sie -damals auf dem Hofball getragen, glänzte auch jetzt auf ihrem graziösen -Nacken, und in dem Gürtel duftete ein kleiner Strauß weißer Narzissen. - -Hastig schritt sie über den Hof nach der Kapelle, und die Mamsell trat -ihr entgegen, faltete behaglich die fetten Hände über dem Magen und -betrachtete das junge Mädchen mit unverhohlenem Entzücken. - -»Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!« nickte sie wohlgefällig. »Wenn -jetzt ein Fremder hier einschaute, der gehört hätte: >Auf der Burg -gibt's eine Trauung<, dann würde er Stein und Bein darauf schwören, daß -das gnädige Fräulein selber die Braut sei, auf welche die Gespielinnen -mit dem Kränzchen und Schleier warten! -- Na, ich denke, den Tag erleben -wir auch noch, und dann will ich aber den Backofen für den -Hochzeitskuchen heizen, daß die Flammen oben zum Schornstein -hinausschlagen!« - -»Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schöne Kuchen am Ende an!« lachte -Gabriele, aber sie fühlte es doch, wie ihr das Blut unter dem schelmisch -zwinkernden Blick der Alten in die Wangen schoß. »Der Mike steht das -Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht viele Blumen auf -den Weg streuen!« - -»Erst ihr, dann Ihnen, gnädiges Fräulein! Die Blütenzweige stehen in dem -Wasserkübel neben dem Altar!« - -Noch ein neckendes Nicken und Grüßen, und die Mamsell faßte Besen und -Staubtuch und schritt über den Hof zurück, Gabriele aber trat in die -Kapelle ein, welche leer und still im Schimmer der bunten, kleinen -Glasfenster vor ihr lag. - -Voll andächtigen Entzückens schaute Gabriele um sich. - -Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebräunten, -hochgeschnitzten Kirchenstühle, geradeaus der erhöhte Altar in seinem -verblichenen lila Samtschmuck, auf welchem die Silberstickerei längst -schwarz geworden war. Hocharmige Silberleuchter, ein -elfenbeingeschnitztes Kruzifix, an welchem noch die Rosenkränze der -gräflichen Beter aus der katholischen Zeit hingen. - -Rechts und links von dem Altar die Familienbilder frommer Hohen-Esp, -hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen Nonnengewändern und weißen -Kopftüchern, mit betend zusammengelegten, wachsgelben Händen und -starren, hohläugigen Gesichtern. - -Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches Gemälde: »Die -Auferstehung des Herrn.« -- - -An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter des Bildes, ein Graf -von Hohen-Esp, mit seiner Familie; die Burgfrau gleicht in der Tracht -und Aussehen der Katharina von Bora, und ähnlich wie Luthers Kinder sind -auch ihre acht kleinen Grafen und Gräfinnen gekleidet. -- Der Vater -trägt ritterliche Rüste, der älteste Sohn ein kleines Schiff in der -Hand. Alle heben voll inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden -Heiland. - -Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, wie sie damals wohl -ausgeschaut, im Hintergrund wogt ein grellblaues, zackenwelliges Meer, -aus welchem drei geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh. -20. 13. -- - -Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei halb vermoderte -Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes Ruder aufgestellt. - -Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor ist um das Ruder -gewunden. - -Gabriele schaudert zusammen. - -Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem Boot eines ertrunkenen -Hohen-Esp an das Land zurückgespült wurde. -- - -Ihr Blick irrte weiter, über die mächtigen Bärenwappen, über die -steinernen Grabplatten, welche die Familiengruft schließen und steife, -liegende Rittergestalten zeigen, hinauf zu der niederen, gewölbten -Decke, von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von kleinen -Schiffen herabhängen. - -Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten. - -Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form und Bau ihr hohes Alter -zeigend, kleine Boote und schwerfällige Kuffs, allerliebst und kunstvoll -getakelte, kleine Dreimaster, an welchen fleißige Hände wohl ein -Menschenalter gearbeitet haben. - -»Modell der >Anne Marie Karsten<, Kapitän Jochen Ulrich Grot« -- -gestrandet bei Kap Horn im Jahre des Herrn 1760. -- »Dein Wille -geschehe.« -- -- steht auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen. - -Leiser Schritt erklingt auf den Steinfließen, und Gabriele schrickt aus -tiefen Gedanken empor und blickt sich um. - -Ein schmächtiges, altes Männchen steht hinter ihr und dreht respektvoll -den schäbigen Filzhut in der Hand. - -»Ach, verzeihen die gnädige Herrschaft« -- flüstert er mit devotem -Kratzfuß, die lichte Gestalt der jungen Dame wie eine Vision anstarrend --- »ich bin der Küster aus Karstein und soll bei der Trauung das -Harmonium spielen! Die Frau Gräfin schickte mich, daß ich die Lieder -erst einmal durchspiele!« - -»O, das ist ja schön, Herr Küster!« nickte ihm Gabriele mit -herzgewinnendem Lächeln zu, »da habe ich den Genuß schöner Musik während -meiner Beschäftigung!« - -Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert die schmale -Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, Gabriele aber tritt an den Altar, -nimmt sinnend die weißen Blütenzweige und schmückt die teuern -Heiligtümer. - -Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten, -verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben, -zwischen dem sonnigen, bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen -Ehemals! -- - -Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter -um die schlanke Mädchengestalt, welche mit graziös erhobenen Händen die -Blüten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme -der Leuchter flicht, -- dann niederkniet vor der Altardecke und auch an -ihr empor den holden Schmuck ranken läßt, sinnig und schön, so festlich, -wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr -ausgeschaut hat. -- - -Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges Weib anzuschauen, -ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen über ihr die jubelnden Klänge: -»Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan -hat!« - -Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter -Gabrieles Händen, sie streut auch noch die weißen Blüten über die -Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grünen -Tannenzweige, welche das Geländer um den Altar verhüllten ... und dann -steht sie plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das -zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier. - -Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch einen ... bis sie -davor steht und ihre Hände wie in scheuer, banger Innigkeit über das -wurmstichige Holz gleiten. - -Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an -dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehängt ist. - -Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal droben. -- -Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. -- - -Armer, armer Jüngling! - -Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, sie hallen und -klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise -Engelsstimme, welche um die Toten klagt. - -Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen -Blütenzweige zum Kranz und schmückt das Bild des Wulffhardt von -Hohen-Esp -- und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick -senkt sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem bräutlichen -Schmuck ... - -Wie gleicht er Guntram Krafft! -- - -Wird auch sein Bild einst hier hängen, wird auch unter ihm das grausige -Wort »ertrunken« stehen ... wird ... - -Gabriele macht eine jähe Bewegung und preßt schweratmend die Hand gegen -das Herz -- und als sie sich hastig zurückwendet, ringt sich ein leiser -Schreckenslaut von ihren Lippen. - -Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit gekreuzten Armen, -still und regungslos, und starrt sie aus weitoffenen Augen an. - -Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklänge flüstern, schwellen wieder -an und klingen so voll und feierlich, als trügen sie schon jetzt das -Dankgebet vereinter Herzen zum Himmel. - -Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit beiden Händen schwer -auf die Lehne des Kirchenstuhles stützen, dann schreitet er langsam -näher, tritt neben sie und schaut auf das geschmückte Bild Wulffhardts -nieder. - -»Warum taten Sie das?« fragt er mit leiser, fremder Stimme. - -Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und ordnet mit bebenden -Händen unter den Blüten auf dem Altar, welche bereits so wohlgeordnet -liegen. - -»Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie früh er sterben mußte!« - -»Ja, er starb früh, -- an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glück -noch Liebe -- und doch wäre er wohl auch so gern glücklich gewesen!« - -_Auch_ glücklich gewesen! -- - -Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der -Sehnsucht? - -Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer. - -»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen --«, fährt der Graf -sehr ruhig fort, »dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als -müßte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun -versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.« - -»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab für die -Brüder?« - -»Er tat seine Pflicht!« - -»Er tat _mehr_ denn sie!« - -Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen. - -»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; er zog weder in den -Krieg, noch konnte er große Taten für sein Vaterland tun! Der liebe -Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer -Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm, -die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch -anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken -wird weder durch Wort noch Lied geehrt, -- jene Stelle, wo die tosende -Flut einen Jüngling verschlang, welcher einem gefährdeten Schiff Rettung -bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen -darüber hin und der Wind verweht die Kunde. -- Das Schicksal der -Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine mitleidige Mädchenhand -nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, -- mit Lorbeerzweigen -nicht.« -- - -Er brach kurz ab und trat zurück. - -»Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, daß ich meinen -wackeren jungen Freund im Burghof begrüße!« -- - -Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks aus das Bild, -- -war es nur Einbildung, oder sahen die lachenden Augen Wulffhardts -plötzlich ernst, beinahe wehmütig unter dem weißen Blütenschmuck auf sie -nieder? - -... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, welcher dem -Helden geziemt! - -Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, als er das gesagt, -etwas Vorwurfsvolles, was sie nicht verstand. - -Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur _den_ Mann einen Helden -genannt, welcher auf dem Schlachtfeld sein Leben für Reich und Kaiser -läßt? - -Wohl möglich; -- so war es ja ehedem auch ihre Ansicht. - -Und jetzt? - -Nachdenklich streicht sie die krausen Löckchen aus der Stirn; jetzt ist -es ihr wie eine Ahnung gekommen, als ob ein Mann, welcher sich kühn in -Sturm und hohe Flut hinaus wagt, auch ein Held sein könne! -- - -Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von -Guntram Kraffts mutigen Taten gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung -davon machen zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben. - -Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte! - -Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt es sie, gerade von -ihm, von Guntram Krafft überzeugt zu werden, daß sie ihm ehemals in der -Residenz bitteres Unrecht getan! - -Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier in Hohen-Esp -entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklärt sie, -- der Bär -von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs -lebhafteste geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie sie für -diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt paßt -- und das -Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe, --- Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! -- - -Wehe ihr, wenn es geschähe! - -Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzückens -entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgültig über sie hinweg. - -Warum das? -- - -Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches -ehemals seine Annäherung so schroff und beleidigend zurückgewiesen hat, -wie sie. -- - -Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hände -ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Gräfin -entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen -Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten. - -Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mädchens in die ihre, -streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende -Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten -Sitz, -- die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch die Tür -hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle. - -Guntram Krafft führt es zum Altar. - -Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine blühende, kraftvoll -schöne Braut. Sie tragt das goldblonde Haar schlicht gescheitelt und in -Zöpfen herabhängend, ein dicker grüner Myrtenkranz legt sich um den -ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche lang über den -Rücken herabflattert. - -Eine dunkelgrüne Tuchjacke, mit Ärmeln, welche oben sehr weit, unten -sehr eng sind, ein buntes, mit breiten Fransen besetztes Halstuch, ein -schwarzer Warprock, welchen eine mächtig breite, geblümte Schürze -beinahe verhüllt, bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch -gegen das Herz preßt und mit niedergeschlagenen Augen und hochroten -Wangen daherschreitet, wie die Verkörperung eines echten, rechten -Glückes! - -Und Jöschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend aus, wenngleich -sein frisches Gesicht mit den hellblauen, lustigen Augen und dem -weißblonden Flaum auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre, -welche ihm geschieht, dreinschaut. - -Sein dunkler, großer Filzhut ist mit rotem Band und Blumenstrauß -geschmückt, ein ebensolcher ziert die offenstehende Fischerjoppe, unter -welcher eine schwarze Manchesterweste mit rotem und grünem -Sternchenmuster sichtbar wird. - -Der Hemdkragen fällt blendenweiß über und wird von einem sehr -grellfarbigen Schlips geschlossen. - -Da Jöschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln hat machen lassen, -trägt er sie selbstredend an seinem Ehrentag und stampft so kräftig -durch die Kapelle, daß es auf den Steinplatten hallt. - -Dem Brautpaar folgt die Schar der Gäste, Fischer und Fischerfrauen, wohl -die gesamten Einwohner des kleinen Dörfchens. - -Alle ernst und feierlich, in ehrwürdig, altväterischem Staat, einem -Gemisch von bäurischer Tracht und einem ersten Anfang städtischer -Kleidung, wenngleich das bäurische in diesem weltfernen Dörfchen bei -weitem überwiegt. - -Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen in der Hand, drängen -sich scheu an die Mütter, -- alte, wetterharte Seeleute mit dem -Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der -Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde -von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als -gehe Mike und Jöschens Glück sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr -aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz -fällt. -- - -Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte -verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso -wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch -sehr stattlichen Brautmutter. - -Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der andern Seite von -dem jungen Paar gegenüberstand, sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe -unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise, -kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich. - -Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel -schöne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike, -sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie -treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das brave Weib eines Fischers -sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glück denken, wie tapfer -und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es -gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen! -Gerade in solchen Stunden höchster Angst und Gefahr müßte sich die wahre -Liebe eines treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«, -nicht allein durch Handreichungen und kräftige Hilfe, sondern vor allen -Dingen durch Gebet und Fürbitte, welche den Geliebten auf seiner -schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten. - -Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte zu Gott dem -Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden -Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt -nicht! -- Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der -Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in höchster -Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen -zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum leget eure -Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im -Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes -Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker -frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege -führt, als wie wir gehen wollen!« - -Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen Augen aufmerksam -in das gütige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von -Herzen überzeugt zu, und Jöschen machte auch hier und da eine -unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, Herr Pastur, -dat wollen wi allens so maken!« - -Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm -die Ringe und steckte sie ihnen an. - -Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig löste sich -von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder. - -Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf -- und -ihr Blick traf sich plötzlich, -- sie sahen einander in die Augen. Da -zog eine heiße Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie -blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen noch tiefer wie zuvor. - - * * * * * - -In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen Raum verfügte, in -welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf -von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten -lassen. - -Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen Deckbalken das -Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe anstieß, feierten die Fischer -»Kaisers Geburtstag«, »Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie -Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten -sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein -Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von -viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte. - -Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen -Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Großen an der Wand, darum -her vergilbte Stiche und gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit -welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, und über der -Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Holländer mit -käseweißem Gesicht, schwarzem Bart und großem Fischerhut, welcher -starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch -steht --: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer -- geht ihm der -flyende Dutschman die Quer!« - -Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große Korallen und -fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel -fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor -welchen sich die Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! -- - -In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem Südmeer, Schildkröten -und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige -Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr -herüber bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten Seesternen -und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehöriger des Schankwirts aus -fernen Zonen heimgebracht. - -Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte die Gäste durch sein -erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht -verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand. - -Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit -groben weißen Tüchern belegt und durch Tannengrün und Blumensträuße ganz -besonders feierlich geschmückt. - -Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon -jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwärts -lagert ein großes Faß Bier, auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben -ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken -zuerst besichtigt wird. - -Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgäste nahen, fürerst noch so -schweigsam und ernst, wie es in der Art dieser wortkargen Menschen -liegt, welche es mehr gewohnt sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um -das Dasein zu führen, als heitere Feste zu feiern. - -Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und manch altem, -wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches Kopfschütteln und »Hm-Hm!« -abgenötigt hat, spielte in den rosa Kranzbändern der jungen Frau und -färbte ihre Wangen noch röter, und wenn auch Mike mit festem Händedruck -ringsum die schwieligen Hände faßt, und Jöschen manch lieben Freund -innig auf den Rücken klopft, so herrscht dennoch fürerst noch die -feierliche, erwartungsvolle Stille, welche dem Nahen des Pastors und der -gräflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. -- - - * * * * * - - - - -XXV. - - -Über die hohe Düne, welche das Fischerdorf von der See trennt, stieg -Gräfin Gundula an der Seite des alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele -und Guntram Krafft. - -Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, das Meer bei dem -immer stärker werdenden Wind in seiner wogenden Schönheit zu sehen, und -darum hatte man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf nicht von -dem Burgberg, sondern vom Strande aus. - -Die Gräfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und Gabriele, welche ebenso -schweigsam wie der Bär von Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte -der Worte des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram Krafft -gesprochen. »Welch eine auffallende und sehr erfreuliche Veränderung ist -mit Ihrer Frau Mutter vor sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich -die Gräfin seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, der -finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt von ihr gewichen, -und dafür sei Gott gelobt!« -- Er hatte dann Gabriele herzlich beide -Hände entgegengestreckt, und fuhr fort: »Das haben wir ganz entschieden -Ihrem so günstigen Einfluß zu verdanken, mein gnädiges Fräulein! Sie -haben den Sonnenschein wieder in das Haus der so tief gebeugten Frau -getragen!« - -Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, als er sich stumm und -höflich, wie in schweigender Zustimmung vor ihr verbeugte, und es hatte -warm aufgeleuchtet in den ernsten, traurigen Augen. - -Ein paar gleichgültige Worte hatten sie später auf dem Weg zum Strande -gewechselt, und als sie über die waldige Höhe schritten und zuerst den -Blick auf das Meer genossen, war Gabriele unwillkürlich stehengeblieben -und hatte mit leisem Ausruf des Entzückens auf die weißschäumende, -hochgehende See hinausgeblickt. - -»Nicht wahr, so gefällt sie selbst Ihnen?« hatte der Graf gelächelt, und -das junge Mädchen nickte mit seltsam leuchtendem Blick und wiederholte: -»Selbst mir!« - -Dann brauste der Sturm daher und riß die weißen Narzissen aus ihrem -Gürtel und verstreute sie durch das Riedgras, und während Gabriele mit -beiden Händen den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen nach -und sammelte sie. - -Sein Blick überflog ihre schlanke, schneeweiße Gestalt, um welche die -weichen Kleiderfalten in graziösem Spiele flatterten, und er behielt den -Strauß in der Hand und sagte: »Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe -tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid zu halten!« - -Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der Dünen gelangten und -das Wirtshaus »Zur blauen Woge« vor ihren Blicken lag. - -Da reichte er die Blüten zurück. - -»Wir alle haben uns festlich geschmückt, Graf, nur Sie allein tragen -kein einziges Abzeichen, welches auf die frohe Bedeutung dieses Tages -schließen läßt!« - -Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lächeln. - -»Ich selber vergaß es, und andere dachten nicht an mich!« - -Da wählte sie die schönsten Blumen aus ihrem Strauß und bemühte sich, -sehr unbefangen zu lachen: »Welch eine grobe Unterlassungssünde! -Erlauben Sie, Graf, daß ich das Versäumte nachhole und Ihr Knopfloch -schmücke!« - -Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust. - -»Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!« sagte er sehr -ruhig. »Den Ahnherrn Wulffhardt und mich bedenken Sie in gütiger Weise -mit solch lieblichem Schmuck.« - -Alles Blut stieg ihr in die Wangen, -- vor ihren Ohren schwirrten -plötzlich wieder die Worte --: »Mit weißen Totenblumen ... doch nicht -mit einem Lorbeerkranz ...« - -Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich verfüge ja über keinen -besseren Schmuck, Graf!« - -»Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren tragen!« - -Das Gespräch ward unterbrochen, aus dem Saal des Wirtshauses erschallten -die lustigen Weisen der Harmonika, und das junge Ehepaar trat den -vornehmen Gästen entgegen, sie mit herzlichem Händedruck zu begrüßen und -zum Hochzeitstisch zu geleiten. - -Gräfin Gundula saß zwischen dem jungen Ehegatten und dem Pastor, -- -Guntram Krafft an der Seite des bräutlichen Weibes, zu seiner Rechten -war Gabriele der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saßen die beiden -Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schöne Seemannslieder und -lustige Stücklein für Unterhaltung, dieweil es bei Tisch selber sehr -ruhig zuging. - -»Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fröhlichkeit zu stören!« -flüsterte Gabriele zu dem Grafen auf. - -Dieser lächelte: »O, durchaus nicht! Es würde eine Nichtachtung gegen -die vergötterte Weinsuppe und den obligaten Schweinebraten sein, wollte -man während dieser Genüsse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und -die >Stimmung< kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann werden Sie sehen, -daß wir unsere Getreuen nicht stören. Ich bin überzeugt, daß wir hier -von allen noch sehr viel mehr geliebt wie respektiert werden!« - -Und so war es auch. - -Als das, nach Ansicht der so wenig verwöhnten Leute, glänzende -Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische beiseite gerückt wurden und -der Kaffeeduft so lieblich durch den Saal zog, daß allen Frauen das Herz -im Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter -durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen Jauchzer hervor, -und als die Harmonikas mit schallendem Ton den »Großvatertanz« anhuben, -da umfaßte Jöschen seine strahlende junge Frau und begann sich mit ihr -sehr langsam und würdevoll im Kreise zu drehen. - -Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht mit dem wunderschönen -jungen Fräulein solchem Beispiel folgen werde, aber der stand und sprach -so eifrig mit ein paar alten Fischern, daß er gar nicht an den Tanz zu -denken schien. - -Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, machte seinen Kratzfuß vor -Gabriele und tanzte mit ihr, schwer und wuchtig, als gelte es, eine -holländische Kuff bei konträrem Wind zu lavieren, -- und als er zum -Schluß die junge Dame mit freundlichem Lob auf den Arm gepatscht, stand -schon ein junger Lotse bereit und sah sie treuherzig bittend an. - -Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, und ihre schlanke -weiße Gestalt tauchte wie ein Traum zwischen dem derben Schiffervolk -auf, so daß der Pastor ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte: -»Wissen Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des wunderholden -Fräulein von Sprendlingen einfiel? Ein Gedicht von Heinrich Heine: >Wohl -unter der Linde, da tönt die Musik, da tanzen die Burschen und Mädel ... -da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen so schlank und so -edel!< -- Sagen Sie selbst, ist es nicht, als ob die weiße Wassernixe -aus der Flut gestiegen sei, sich unter das lustige Fischervolk zu -mischen? -- Wie ein Märchen deucht mir die lilienhafte Mädchengestalt, -und wen Fräulein Gabriele mit den großen, klaren, wundersam glänzenden -Augen anlächelt, der lernt an die Macht der Meerfrau glauben!« - -»Man sagt, die Meerfei bringt Unglück dem, der sie schaut! Hören Sie, -wie der Sturm um das Dach heult? Vielleicht wählt sich die Undine -bereits ihre Opfer für die kommende Nacht aus!« - -»Das verhüte Gott! Fürchten Sie bös Wetter?« - -»In wenig Stunden haben wir es.« - -»Arme junge Frau! Das wäre eine üble Hochzeitsmusik!« - -Jöschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen. - -»Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!« - -Guntram Krafft richtete sich jäh auf. »Ich warte nur, daß du Mike einmal -freigeben sollst!« - -»Dor steiht se!« lachte der junge Ehemann, wieder in sein gemütliches -Plattdeutsch verfallend, und der Bär von Hohen-Esp nickte, drückte dem -Glücklichen die Hand und holte sich die Braut mit den rotglühenden -Wangen zum Ehrentanz. - -»Nu leggt he los!« flüsterte es im Kreis, und man wartete, daß der -Burgherr nach der Mike das »gnä Frölen« zum Tanze holen werde; aber er -trat mit umwölkter Stirn zur Tür zurück und hatte mit Krischan Klaaden -ersichtlich viel ernste Dinge zu reden. - -Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer stärker und stärker -herübertönte und der Sturm immer schriller durch die Taue des vor dem -Hause aufgepflanzten Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer -fröhlicher und ausgelassener, und schließlich stand die Mamsell vom -Schloß und tuschelte unter listigem Augenzwinkern mit Mike und Jöschen. - -Die Weiber, Mädchen und Burschen drängten drum herum, es gab ein leises, -jubelndes Gelächter, und dann lichtete sich plötzlich der Kreis, einer -der Fischer trat vor und rief mit kraftvoller Stimme: - -»Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern söken!« -- - -Großer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem Lächeln zu -Gräfin Gundula und bot ihr eine Schere dar, mit welcher die Burgfrau die -beiden rosa Bänder der Kranzschleife abschnitt. - -Die alte Dame lächelte dabei sehr amüsiert, und in ihren Augen leuchtete -es auf, wie ein sehr wohlgefälliges Verstehen. - -»Möchtest du die Rechte treffen, Mike!« sagte sie und händigte der -jungen Frau die Bänder aus. -- Diese wandte sich, reichte Jöschen flink -eines der Rosenbänder, und schnell wie der Gedanke stürmte das junge -Paar unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgäste. - -Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als sie ihren Arm auch -schon von Mike gefaßt und mit dem Band umschlungen sah, gleicherzeit -zerrten und drängten die Männer Guntram Krafft heran, an dessen Arm -Jöschen das andere Band geknüpft hatte, und ehe die beiden aufs höchste -betroffenen jungen Leute recht wußten, wie ihnen geschah, waren ihre -Arme durch die Bänder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei -erhob sich: »Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!« -- - -Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine Lippen bebten, und -die breite Brust hob und senkte sich unter stürmischen Atemzügen, dann -neigte er sich zu Gabriele herab und stieß kurz hervor: »Befehlen Sie zu -tanzen, mein gnädiges Fräulein?« -- - -Sie blickte zu ihm auf, -- ihm deuchte es, ebenso kühl und ruhig wie -sonst -- und die kristallenen Nixenaugen leuchteten ganz nahe den -seinen, und ihr roter Mund antwortete: »Ich füge mich der Sitte, Herr -Graf!« - -Da umschloß sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung mit der freien -Hand, daß man Raum gebe, und dann tanzten sie. - -Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend heiß brauste das -Blut durch seine Adern, wie befangen von einem wilden, -leidenschaftlichen Rausch flog er dahin, und die weiche, schmiegsame -Gestalt ruhte wieder an seiner Brust, und ihre krausen Löckchen -flimmerten vor seinem Blick. - -Freiwillig wäre er nie zu ihr gekommen -- nun trieb sie das Schicksal -selber in seine Arme, und er hielt die bleiche Meerfrau ... und drückte -sie fest -- immer fester und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er -sie nie wieder freigeben. - -Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heiße, unaussprechlich -innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam bekämpft hatte, loderte -in verzehrenden Flammen in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare -Denken und Handeln. - -Er tanzte -- tanzte ohne Aufhören ... und er hatte nur einen tollen, -wahnwitzigen Gedanken -- so hinab mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu -den schäumenden Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die kühle, -geheimnisvolle Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, wo die Perlen -auf weißen Wasserlilien glänzen und rote Korallen bis an das Abendrot -des Himmels emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lächelnd zu -ihm heben, wird mit ihren kühlen, meerfarbenen Augen sein Leben trinken -und ihn küssen in traumhaft süßem Glück ... - -Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster schrillt der Sturm ... -und die Brandung donnert lauter und lauter empor ... - -Gabrieles Köpfchen aber sinkt plötzlich tiefer und tiefer, und ihr -Körper ruht schwer in seinem Arm. - -Da erwacht er plötzlich wie aus tiefem Traum und starrt sie an. - -Wie blaß sie ist! -- - -Erschrocken hält er inne: »Verzeihen Sie, Gabriele,« -- murmelte er, -- -»ich war unbescheiden ... ich tanzte zu lange -- --« - -Sie lächelt und ringt nach Atem -- und um sie her erhebt sich abermals -ein tosender Jubel. »Dat wier äwerst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n -Dutzend Dänz'!« -- schallt es lachend im Kreise, und dann plötzlich jähe -Stille. - -Ein Schuß? -- - -Ertönte nicht draußen auf hoher See ein Schuß? -- ein Notsignal? -- - -Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram Krafft reißt das -rosa Band, welches ihn an Gabrieles Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch -und stürmt nach der Tür, Jöschen, Krischan Klaaden und die andern -Fischer folgen in jäher Hast. - -Die lachenden geröteten Gesichter sind plötzlich blaß und ernst -geworden, die Klänge der Harmonika sind verstummt. - -Gabriele ist an die Seite der Gräfin geeilt und hat mit angstvollem -Aufblick ihre Hand gefaßt. - -»Was bedeutet das, Frau Gräfin?« - -Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem kleinen Fenster, -einen Blick hinauszutun. - -»Gott der Herr verhüte es, daß ein Schiff in Not ist!« sagte sie mit -schwerem Atemzug. - -»O, welch ein Wetter plötzlich!« schaudert Gabriele, »wie schwarz die -Nacht, und welch furchtbares Brausen und Donnern! Man hat es zuvor bei -der Musik nicht gehört, -- jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden -ist!« - -Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen Hände. »Das -ist eine grobe See geworden«, sagt sie leise. »Arme Mike ... muß den -Jöschen heute nacht wohl hergeben!« - -»Heute nacht?« wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen Augen, -»was sollte denn Jöschen bei dieser Dunkelheit für ein Schiff draußen -tun?« - -Die Alte schüttelt mit wehmütigem Lächeln den Kopf: »Hinaus muß er und -Hilfe bringen, falls es not tut!« - -»Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?« Gabriele hebt wie -beschwörend die Hände. »Das ist ja gar nicht möglich ... das wäre ja ein -tollkühnes, nutzloses Aufopfern!« - -»Es wäre seine heilige Pflicht!« unterbricht die Gräfin ernst und ruhig, -»und wahrlich nicht das erstemal, daß Guntram Krafft seine wackeren -Lotsen in ein Unwetter hinausführt!« -- - -»Der Graf?« stammelte Gabriele ..., »er selber ... er fährt auch mit -hinaus?« -- - -»Wenn es nottut, jedesmal!« - -Da ist es plötzlich, als wüchse die schlanke Mädchengestalt empor, als -lausche sie atemlos diesen Worten wie einer Offenbarung. - -»Wo ist er? Wo sind die Fischer?« stößt sie hervor. - -»Wohl auf der Düne draußen, nach dem Schiff zu spähen!« - -»Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gräfin! Ich bitte, ich -beschwöre Sie!« - -»Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, und Sie ahnen nicht, wie -der Sturm draußen pfeift! Das Haus hier liegt ja noch hinter der Düne -geschützt ... wenn Sie sich auf der Höhe hinauswagen, können Sie kaum -atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, Gabriele!« - -Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. »Gleichviel ... ich -hülle mich warm ein ... ach, ich flehe Sie an, Gräfin, lassen Sie mich -sehen, was da draußen vorgeht!« - -Einen Augenblick noch zögert Gundula, dann sagt sie kurz entschlossen: -»Gut; dort auf der Bank liegen die warmen Sachen, welche Anton für den -Heimweg brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen Mantel um, -ich werde mit Ihnen gehen.« - -Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig und still bleiben -kann, wo möglicherweise ihr einziges Kind sich im nächsten Augenblick -auf Tod und Leben hinaus in den Sturm wagen wird! -- - -Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch nimmt, es sehr -sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie -prüft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge -Mädchen wie um den Sohn besorgt. - -Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe -Frauengestalt und hastet nach der Tür. - -Hu, welch ein Sturm! - -Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in -das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen kreischt die kleine -Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes; -Fräulein von Sprendlingen preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust -und ringt nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die Kraft, -gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt Gräfin Gundula die schlanke -Gestalt mit ihrem kräftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse -durch das Brausen und Heulen. - -Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche -Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet. -Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so -rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen, -schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über den Himmel und -verhüllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor, -wenn der Sturm die Massen zerreißt. - -Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man hört nur die Brandung in -nächster Nähe -- wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen -schallt sie empor. - -Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vögelchen an -die Gräfin geschmiegt, aber sie überwindet das Grauen, sie fühlt, wie -eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm -vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite. - -Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß der Sturm sein -lockiges Haar zerwühlt. Seine breite Brust trotzt dem wüsten Gesellen, -hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben -und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp, -welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende -Gesell, der Sturmwind! - -Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden Ellenbogen auf -und späht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus. - -Die beiden Frauen kämpfen sich vorwärts, Fischerfrauen und Kinder folgen -ihnen, fest aneinandergedrängt, starren sie stumm und ernst hinaus auf -die wild empörten Wasser. Der Schutz der Düne hört auf, mit voller Wucht -wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen Augenblick hat -Gabriele das Empfinden, sie müsse ersticken, -- die Gräfin faßt sie -fester in den Arm und kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, -- da braust es -über sie hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu Kräfte -kommen. - -Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, und Gabriele gewöhnt -sich nach den kurzen Anweisungen Gundulas an das Atmen im Sturm, sie -überwindet ihre Bangigkeit und Schwäche, sie will stark sein! Sie will -vorwärts ... sie will sehen und hören! - -Guntram Krafft wendet sich flüchtig und blickt zurück, aber all sein -Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu stehen. - -»Ist es tatsächlich ein Notsignal?« fragt die Gräfin. - -Er nickt. »Vorläufig läßt sich noch nichts erkennen, wir müssen warten, -bis die Wolken vorüber sind, -- minutenlang muß der Mond hervortreten!« - -Dann trifft sein Blick Gabriele. - -Sie steht neben ihm, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Antlitz von -dem weißen Spitzentuch umflattern, mit einem leisen Schrei die Augen -starr, weitoffen auf die See gerichtet. - -»Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von gestern und ehedem?!« -- - -Schwarz und furchtbar gähnt es in weiter Unendlichkeit vor ihr, -- der -hohe Wogenschwall wälzt sich donnernd heran, in zwei-, drei- und -vierfacher Brandung kocht der weiße Gischt am Strande auf, gespenstisch -rollen die aufbäumenden Seen heran wie Ungeheuer, welche in wütender -Gier Strand und Land verschlingen wollen. - -Da teilt sich die dräuende Finsternis. - -Der Mond bricht durch die Wolken, sein weißgelbes Licht fließt -minutenlang wie ein magischer Schein über die Wasser. - -»Dort ... dort ... dat Schipp!!« - -Wie ein Schrei gellt es von Jöschens Lippen. - -»Richtig -- dort is't!« -- - -»A's'n Turpedo sieht's ut!!« -- - -»Nee! Nee! Is 'ne lüttje Brigg ...« - -»Ich seh' keen Mast nich --« - -»De warn ja woll verlurn sin!« -- - -»Un keen Licht nich ...« - -»Doch -- achterlich de gröne Lantern!« -- - -»Äwerst keen Signal nich ...« - -»Doch! -- Obacht!« - -»Dat Blulicht!!« - -Ein scharfes, bläuliches Licht blitzte auf See auf ... hielt -sekundenlang an und verschwand wieder, -- gleichzeitig ein Kanonenschuß -... - -»Das Schiff treibt auf --! Brandung voraus!« schrie Guntram Krafft. -»Vorwärts, meine Braven, da ist keine Zeit zu verlieren! Zum Schuppen! --- Gebt Signal! -- Boot klar zum Auslaufen!« -- - -Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast durcheinander, -- die -Männer stürmten die Dünen hinab nach dem Rettungsschuppen. Wie in jähem -Entsetzen hob Gabriele die Arme. »Jetzt hinaus in See? -- Gräfin ... auf -_diese_ See hinaus?!« -- - -Gundula nickte. »Gebe Gott, daß sie noch zur rechten Zeit kommen. -- -Kehren Sie jetzt zurück in das Zimmer, Gabriele ... ich muß in den -Schuppen hinab und alles vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglückten -Hilfe zu bringen!« - -Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schönes Antlitz sah -in dem Mondlicht wie versteinert aus. - -Das junge Mädchen schüttelte aufgeregt den Kopf, in ihren Augen -leuchtete es plötzlich auf wie heiße, leidenschaftliche Begeisterung. - -»Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gräfin -- schnell ... ach, lassen Sie -uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche schauen!« - -Und sie wartete nicht mehr auf den schützenden Arm Gundulas, sondern -flog wie von den Sturmesschwingen getragen, dem Rettungsschuppen zu. - -Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln herrührend, -flammte wieder auf dem gefährdeten Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete -am Strand drunten, dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere -Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend. - - * * * * * - - - - -XXVI. - - -Ein aufgeregtes, überhastiges Leben entwickelte sich am Strand. - -Die Leute hatten in größter Eile ihre hochzeitlichen Kleider mit dem in -dem Schuppen bereithängenden Ölzeug vertauscht und waren soeben, voll -ausgerüstet, bereit, den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den -tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, unsagbar -mühselige Arbeit bei solchem Sturm! - -Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebäudes gegen die Mauer gedrückt -und starrte mit hochklopfendem Herzen das fremdartige Treiben an. - -Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem derben Lotsenanzug, -- -welcher ihr schöner und kleidsamer deuchte wie die reichste Galauniform, --- grell beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen -Fäusten geschwungen wurden, -- sah, wie er mit Bärenkräften zufaßte und -half und schaffte, der erste seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener, -gewaltiger Kommandeur, ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern -selber arbeitet und Hand anlegt! - -Eine leise Stimme klang neben Gabriele. - -»Dat wir sneller kamen, as wie dachten!« seufzte Mike und knüpfte das -wollene Tüchelchen fester um den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar, -ihre hartgearbeiteten Hände griffen ein wenig unsicher zu, und ihr erst -so blühend frisches Gesicht war blaß geworden. - -»Ach, gnä' Frölen -- un dat ok grad an min Hochtid!« - -Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen Augen der -Sprecherin. - -»Arme Mike!« sagte sie weich; »ja, das ist eine traurige Hochzeit! Aber -so Gott will, kehrt dein Schatz bald gesund und heil zurück, und dann -kannst du doppelt stolz auf ihn sein!« -- Sie atmete tief auf und -wiederholte mit glänzendem Blick: »Ja, stolz! sehr stolz mußt du doch -auf einen solchen Mann sein!« -- - -Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hände in die geblümte -Schürze und sagte resigniert: »Wenn he man wedder kümmt!« Und dann -entsann sie sich, daß ja das gnädige Fräulein nicht gut plattdeutsch -versteht und fuhr -- nicht ganz ohne Mühe -- fort: »Vielleicht kriegen -sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herüber und brauchen nicht -selber hinaus. Sehen Sie dort? Da schaffen sie an dem Mörser! Der Graf -schießt bannig gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein übles Ding -damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die Windrichtung und Stärke -desselben kommt gar sehr in Betracht dabei!« - -»Man schießt nach dem Schiff?« wiederholte Gabriele überrascht. »Um -alles in der Welt, warum das?« - -Mike war zu traurig, sonst hätte sie wohl gelächelt. Sie strich wieder -seufzend mit der verarbeiteten Hand über ihren Brautkranz und fuhr -erklärend fort: »Das tut ja keinen Schaden nicht, gnädiges Fräulein, im -Gegenteil! An der Kugel ist man eine dünne Leine befestigt, -- sie wird -über das Schiff hinübergeschossen, und die Leute müssen die Leine so -rasch wie möglich auffangen und festhalten. Wenn das geglückt ist, muß -als Zeichen dafür ein Blaufeuer angesteckt werden, oder man schwenkt -auch nur eine Laterne -- wie sie's aus so 'nen wracken Schiff noch grad -möglich machen können ... dann wissen die Unsern hier Bescheid ...« - -»Was für Bescheid? Was nützt die Leine?« - -»O, man alles nützt die! Die Schiffsmannschaft muß die Leine dann vom -Lande her anholen, bis sie den Steertblock daran finden, durch welchen -ein Jölltau geschoren ist!« - -»Und was soll damit?« -- Gabriele blickte die wortkarge Mike beinahe -ungeduldig an, und das junge Weib fuhr monoton fort --: »Ja, so, -- das -kennen Sie man alles noch nicht! Dieser Steertblock muß am Mast unter -der Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten schon über Bord -geschlagen sind, an einem andern hohen Gegenstand ... und dann geben sie -vom Wrack wieder ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau an -dem Läufer befestigen, das ziehen sie dann vom Strand 'rauf aufs Schiff -...« - -»Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?« - -Nun ging doch ein schnelles, breites Lächeln über das Gericht der jungen -Fischerfrau. - -»Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!« schüttelte sie den Kopf und fuhr, -sich verbessernd fort: »Daran wird man bloß die Hosenboje nach den -Gestrandeten hinübergeschickt, da setzt sich die Mannschaft nacheinander -ein und wird übergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schießen losgehen -... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!« - -Eine immer größere Aufregung hatte Gabriele erfaßt. Die wundersame -schaurige Poesie dieser nächtlichen Rettung wirkte wie berauschend aus -ihr so leicht empfängliches Gemüt! - -All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende Gefahr, die -Angst und Sorge um eigenes und fremdes Leben, die unbeschreiblich -großartige Schönheit der wild entfesselten Elemente übten einen nie -geahnten Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in tiefem Schlaf -gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, welche es erwecken soll zu -einem neuen, köstlichen Leben, zu der jauchzenden Erkenntnis alles -dessen, was ihre Seele voll schwärmerischer Begeisterung seit jeher -erhofft und ersehnt. Und voll ungestümer Leidenschaft wandte sie sich -und kämpfte sich durch den Sturm näher und näher zu Guntram Krafft -heran, bis sie beinahe an seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz -schauen -- seine Worte hören -- jede seiner kraftvollen Bewegungen -beobachten konnte. - -Ihr Auge glänzte wie im Fieber -- ihre Lippen lächelten wie im Traum. - -Die Stimmen der Männer hallten wirr und zumeist unverstanden zu ihr her, --- mit gewaltigem Krach entlud sich das Rettungsgeschoß, -- die Rakete -zischte wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung nach dem -gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel der Nacht. - -Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, das die Leine getroffen -habe. - -Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den adlerscharfen Blick -seeein gerichtet, als könne und müsse sein Blick die gähnende Finsternis -durchdringen. - -Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm heult über sie hinweg, -und die See donnert und braust immer gewaltiger gegen den Strand. - -Krischan Klaaden schüttelt den Kopf. - -»Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de Brandungen gahn all -öwer dat Schipp weg!« - -»Denn man tau! -- wi möten klor maken!« Der Bär von Hohen-Esp wandte -sich in hoher Erregung zu seinen Lotsen. - -»Vorwärts, Kinder! -- es ist keine Minute mehr zu verlieren, -- wir -müssen hinaus!« - -Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft sich an den Hals -ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang mit den Armen. »Nee! -- nee!« -schluchzt sie auf -- »an dissen Dage nich!!« -- - -Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, er wendet hastig das -Haupt, ein Schein tiefer Wehmut geht über sein schönes Antlitz. - -»Bliev torück, Jöschen!« -- flüstert er, »dat geiht ok ahn di'!« -- - -Der junge Fischer richtet sich jäh auf, küßt sein bräutliches Weib noch -einmal hastig auf die blassen Lippen und faßt sie derb an den Schultern. -»Denk' doran, was de Pastur hüt seggt hätt'!« ruft er, springt hastig -seinem jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges Lachen. - -»Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!« - -Gabriele hat keinen Blick für die schluchzende Mike, sie folgt atemlos -nach dem Boot, sie preßt die bebenden Hände gegen das Herz, sie starrt -mit weitoffenen Augen auf Guntram Krafft. - -Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger die Düne hinabeilen, -wie die Gräfin die gefalteten Hände zum Himmel hebt, wie ihr farbloses -Antlitz die Qualen spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick -durchbeben, -- sie sieht nur, wie der Bär von Hohen-Esp in das Boot -springt, wie er ein paar kurze, begeisternde Worte an seine Getreuen -richtet, sie zu vollster, heiligster Pflichterfüllung ermahnt, und sie -der starken Hilfe dessen versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! -- -Und dann entblößen sie alle das Haupt -- - - »Chryste Kyrie - Sei mit uns auf der See!« -- - -»Amen! -- Amen!« klingt die Stimme des Predigers durch den Sturm, -- und -dann ein frisches, kraftvolles -- »Hohojohe! -- Rennen los!!« -- -- - -Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt. - -Sein Blick sucht Gabriele. - -Er hebt die Hand -- er winkt ihr zu ... und dann steigt das Boot hoch -auf, -- weiße Gischtwogen scheinen es zu verschlingen ... es sinkt tief -... tief ... hebt sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz -und grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... gähnende Finsternis -... und der Sturm heult, und die Brandung kocht wild auf ... - -»Laßt uns beten, meine Freunde!« ruft der Pastor, er entblößt sein Haupt -... die weißen Haare wehen um seine Stirn, -- um ihn her sinken die -Weiber und Kinder auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt -durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch Gabriele will -niedersinken und die bebenden Hände zum Himmel heben -- sie kann es -nicht. -- - -Sie muß stehen ... hochaufgerichtet ... sie muß hinausstarren auf das -Meer, als könne sie dem kleinen Boot mit den Blicken folgen. Der Mond -tritt hell aus den Wolken -- mit Jubel und Dank gegen Gott begrüßt. -- - -Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete Schiff ... - -Gabriele atmet fast keuchend. - -Ihre ganze Gestalt bebt und schüttert wie unter heißen Fieberschauern. - -Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder? - -Gabriele möchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, möchte wie -berauscht von leidenschaftlicher Glückseligkeit in den Sturm -hinausjubeln -- möchte vergehen in der namenlosen Wonne und -Begeisterung, welche ihre ganze Seele erfüllt und in blendende Helle -taucht. Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche sie schaut? - -Ist jener heldenhafte, tollkühne Mann in jenem gebrechlichen Fahrzeug -wirklich der Bär von Hohen-Esp, derselbe, welcher einst so linkisch und -mädchenhaft errötend auf höfischem Parkett gestanden? -- - -Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich Guntram Krafft? - -O, wie gräbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, wie mit -feurigen Linien gezeichnet, so unauslöschlich in Gabrieles Herz! - -Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden Erkenntnis hat -es schon all die Tage vorher in ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich -gewehrt gegen diesen Gedanken, wie gegen eine Unmöglichkeit! - -Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie in nimmer endendem -Tanz heiß und heißer an die Brust gedrückt, da ging es wie ein -Morgendämmern der Liebe durch ihre Seele, da war es ihr, als müsse sie -das Antlitz auf seine starken, kraftvollen Hände drücken und sagen: »ich -weiß, was sie Gutes tun und Edles schaffen -- und ich bitte dir all das -schwere Unrecht ab, du wackerer Mann, welches ich dir ehemals so -verblendet zugefügt!« - -Und in jener Stunde hatte sie nur seine Größe geahnt und noch nicht mit -Augen geschaut, wie jetzt! - -Flammende Begeisterung durchglüht sie! Der Traum von edlem Heldentum, -von sieghaftem Mannesmut ist zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf -Tod und Leben! - -Welch ein trotzigkühner Kampf gegen die furchtbarsten Gegner, gegen -Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig wie die anstürmenden Heere des -Feindes, verderblich wie die brüllenden Geschütze auf dem Schlachtfeld, -welche Tod und Verderben speien! -- Auch hier grinst der Tod aus jeder -Woge, auch hier lauert Untergang und Vernichtung in der Tiefe, hier tost -der Feind auch in den Lüften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft -gegen ein paar armselige Menschenfäuste ein! -- - -Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, wenn sie -hinaus in die Nacht, auf die finsteren, tosenden Wasser blickt! - -Drüben liegt das Schiff! - -Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darüber hin. -- - -Man sieht, wie schwere Seen über sein Deck schlagen, wie es immer tiefer -auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot sich gegen die furchtbare -Strömung näher und näher herankämpft. - -Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden und zerschellen? - -Wird es durch das Zurückprallen der See vollschlagen und kentern? - -Gabriele hört wie im Traum die Worte der Umstehenden. - -»Man jo nich' von de Luvsit' angehn!« jammerte eine Alte. »Dat Schipp -sitt' jo fest un' die See brandet öwer weg!« - -»Äwerst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo Bischeid!« - -»Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stücke von der Takelung treiben!« -nickt die Mamsell und trocknet die Augen; »ich denke, der Graf nimmt -die Schiffbrüchigen wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!« - -»Wenn sie nur erst rankommen!« - -Der Mond versteckt sich wieder, -- eine bange, lange Stille, -- leis -gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen. - -Gräfin Gundula ist nach dem Schuppen zurückgegangen. - -Sie hat dort einen Spiritusapparat entzündet, um starken, heißen Tee für -die Heimkehrenden bereitzuhalten. - -Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglückten die erste -Hilfe angedeihen lassen muß. - -Wie oft hat sie schon diese Frottiertücher, die Bürsten und belebenden -Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit demselben angstbebenden Herzen, -aber auch jedesmal mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht -wie heute. - -Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr Sohn, ihr Liebling, ihr -einziges Glück auf der Welt, wird auch heute von Gottes Vaterhand -heimgeleitet werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, wo sie -ihn dahingeben mußte als einen Schirmherrn der Not, als einen treuen, -opfermutigen Mann, welcher für fremdes Leben sein eigenes wagt! - -Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber durchkreuzen, nachdem er -sie so herrlich und unfaßlich bis hierher geführt? O, Gräfin Gundula hat -in den letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, und sie hat -Gabrieles erglühende Wangen geschaut, sie weiß, welch ein Kampf in -diesen beiden jungen Menschenherzen tobt, und weiß, wie herrlich der -Sieg sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen -vorauswirft. - -Wie ein Wunder deucht es ihr, daß sie Gabriele, just diese, zu sich in -die stille Strandburg rief, wie ein Wunder, daß das so reiche, gefeierte -Mädchen eine arme Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend -werden sollten! - -Wie ein Wunder muß sie es ansehen, daß die Einzige, für welche Guntram -Kraffts Herz in heißer Liebe erglühte, ihm hierher folgen mußte, nachdem -er den Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben. - -Warum das? -- - -Gräfin Gundula weiß es nicht und fragt auch nicht danach. - -Sie wartet, und sie ist gewiß, daß das, was Gott der Herr so wundersam -begonnen, auch von ihm zu gutem Ende geführt wird! - -Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen ertönt wie ein -verworrenes Echo von dem Strand empor. - -Das Rettungsboot kehrt zurück! - -Die Bärin von Hohen-Esp hebt inbrünstig die gefalteten Hände zum Himmel, -ihre Lippen zittern und flüstern leise, ihre Augen glänzen feucht. - -Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet sie abermals -über den losen, wehenden Sand hinab, den Sohn zu erwarten. - -Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern flattern im -Sturm, wie verklärt leuchtet das bleiche Angesicht in dem Flackerschein -der hochgeschwungenen Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich -durch die letzte Brandung kämpft, sie hört die aufgeregten Menschen -lachen und jauchzen -- »sie bringen die Schiffbrüchigen! -- sie sind -gerettet!« -- dann sucht ihr Blick Gabriele. - -Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie vorhin, die Hände wie -in Verzückung nach dem Boot ausgestreckt, das schöne Antlitz in Gluten -der Begeisterung getaucht. - -Ach, daß Guntram Krafft sie so erblicken möchte! Alles drängt den -Nahenden entgegen, die Männer springen in das schäumende Wasser, das -Fahrzeug mit hilfsbereiten Händen zu fassen, um es auf den Strand zu -ziehen, aber die Stimme des Grafen klingt kräftig durch Wind und -Wogengebraus -- »Halt! -- laßt ab! Wir müssen noch einmal zurück! -- -Landet die Mannschaft ... es sind Norweger! -- Versorgt sie!« - -Noch einmal zurück? - -Der Jubel verstummt -- jähes Entsetzen malt sich auf allen Gesichtern. - -Gott erbarm sich! noch einmal zurück! Noch sind nicht alle Gestrandeten -geborgen! - -Die fremden Seeleute springen über, bleich und ermattet, aber alle -gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen, welcher bewußtlos scheint, -hebt Guntram Krafft mit starken Armen und trägt ihn selber an Land. -- - -»Es ist nichts, Mutter!« ruft er leuchtenden Auges, »als er über die -Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen, -- das betäubte ihn! den Kopf -kühlen ... und einen Kognak! -- Sonst =allright=!« - -Gundula schlingt die Arme um den Sohn und drückt ihn sekundenlang an das -Herz. - -»Noch einmal zurück willst du?« seufzt sie tief auf --; »_muß_ es sein, -mein Sohn?« - -Er küßt hastig ihre Hände. - -»Ja, es _muß_ sein, Mutter! Drei Männer warten noch auf unsere Hilfe, -unter ihnen der Kapitän. Das Schiff hat bereits an sieben Fuß Wasser im -Raum! Das Ruder ist weggestoßen, und der Fockmast schwankt derart, daß -er jeden Augenblick über Bord gehen kann! Das einzige Boot, welches noch -vorhanden war, ist völlig leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu -verlieren, -- gebe Gott, daß wir nicht schon zu spät kommen! Nur einen -Schluck zur Stärkung für meine Leute, und dann wird uns der barmherzige -Gott auch zum zweiten Male helfen!« -- - -Der Pastor hat die Hände des Sprechers ergriffen und drückt sie mit -warmen Segensworten, die Frauen reichen den Schiffbrüchigen und Lotsen -die Becher mit dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen ihre -Männer, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen und klagen nicht, sie -erschweren ihnen ihre saure Pflicht nicht noch mehr, -- auch sie sind -stark und heldenhaft, -- wie sich's gebührt. - -Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren Neuvermählten und -blickt ihm wieder und wieder in die Augen, bis Jöschen die Zähne -zusammenbeißt, sich losreißt und nach dem Boote zurückwatet. - -Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal drückt er seiner -Mutter die Hände -- dann trifft sein Blick Gabriele. Sie hat bisher -stumm zur Seite gestanden, jetzt plötzlich ist es, als ob ein Beben und -Schüttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht -- sie _muß_ -ihm entgegenwanken, ihm die Hände reichen -- zu ihm aufblicken ... - -Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck in dem -wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen, -- er starrt sie an ... - -So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an, als sie den kühnen -Reiter um seiner Heldentaten willen bewunderte! - -»Gabriele!« -- murmelte er. -- -- - -Ihre Lippen zittern, -- sie drückt seine Hände fester, krampfhafter -zwischen den ihren. - -»Sie sind jetzt erschöpft, Graf -- Sie _können_, Sie dürfen das -Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!« - -Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Heiße Röte steigt in sein -Antlitz, dieselbe, welche ehemals im Ballsaal seine Stirn färbte und -ihr so weibisch und verächtlich deuchte, -- jetzt sieht sein edles, -kühnes Angesicht noch schöner darunter aus wie zuvor. - -»Ich weiß nicht, was ich kann und tun darf, ich weiß nur, was ich -_muß_!« klingt es wie ein Aufjauchzen von seinen Lippen, -- sein -strahlender Blick trifft noch einmal den ihren, dann gibt er ihre -bebenden Hände jählings frei und springt in das Boot zurück. - - »Chryste Kyrie -- - Sei bei uns auf der See!« - -Und abermals bäumt sich das Boot hoch auf und schießt hinaus in die -grauenvolle, schäumende Wildnis der Wasser ... in die gähnende -Finsternis hinein. -- - -Die Gräfin legt die Arme um Gabriele und neigt sekundenlang das Antlitz -auf die Schulter des jungen Mädchens. - -»Beten Sie für ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite Fahrt ist -schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!« - -Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp energisch auf und -folgt festen Schritts den Männern, welche den bewußtlosen Schiffsjungen -nach dem Rettungsschuppen tragen. - -Nun gilt es auch für sie, treu und umsichtig ihres Amtes zu walten. - -Sie muß dem Kranken die erste Pflege angedeihen lassen, für seine -Überführung nach Hohen-Esp sorgen und das Unterkommen der gestrandeten -Mannschaft bedenken. - -Noch einmal zögert sie und blickt zurück, sie will Gabriele zu Hilfe an -ihre Seite rufen, da sieht sie im dämmernden Mondlicht, wie die -schlanke, weiße Mädchengestalt auf die Knie herniederbricht, wie sie die -Hände in heißem, inbrünstigem Gebet verschlingt. - -Ein seliges Lächeln geht über ihr ernstes Antlitz. Nein, sie darf nicht -rufen. - -Dieser lichte Engel muß am Strande treue Wacht halten! - - * * * * * - -Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, -- die Männer bergen die -Rettungsgeschosse, welche überflüssig geworden sind, die Weiber und -Kinder üben Samariterdienste an den Schiffbrüchigen. - -Boten müssen nach der Burg gesandt werden, das Ingesinde hat Frau -Gundula heimgeschickt, alles für die Ankunft des Kranken und der -Mannschaft, welche in der »blauen Woge« kein Unterkommen mehr findet, -vorzubereiten. Nun beginnt das Hasten und Treiben nach Dorf und Burg -zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten stehen wie dunkle Schatten -am Strand bereit, die Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu künden. - -Still und einsam ist es um Gabriele. - -Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer zuvor -bemächtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher empfunden, war eine -glühende Begeisterung gewesen, das namenlose Entzücken, endlich das Bild -ihrer Träume verkörpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen, -welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schwärmerischen Sehnens -geworden war! -- - -Mit stürmendem Herzen hatte sie gestanden und das herrliche Bild Guntram -Kraffts mit den Blicken umfaßt, als könne sie sich nicht satt schauen an -einem solchen Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den höchsten -Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im Fieber, und nur _ein_ Gefühl -hatte sie beherrscht, die unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts, -dessen Größe sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte! - -Er war zurückgekehrt von seiner verwegenen Fahrt, und ihr war es zu -Sinnen gewesen, als müsse sie vor ihm niederknien, seine Hände an die -Lippen drücken und stammeln: »Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib -einer Blinden, daß sie dich ehemals so bitter und so ungerecht gekränkt! --- Jetzt erst sind meine Augen geöffnet, und ich habe gesehen, _wer_ du -bist!« -- - -Jetzt erst? -- - -Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden, als ob nach -langer, dunkler Winternacht der goldene Lenz erwachen solle! - -Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der kühne, sieghafte Held, -als er sich stolz von ihr losriß und nichts Höheres und Heiligeres -kannte, als seine Pflicht, -- da fluteten die ersten, heißen -Sonnenstrahlen durch ihr Herz, -- da jauchzte es nicht mehr -- »fahr' -hinaus, und sei ein Held, auf daß ich dich bewundern kann!« -- nein, da -schrie es auf in zitternder Angst --: »bleibe hier, damit ich dich -_liebe_!« -- - -Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung, mit welcher sie -ihn das erstemal das Wagnis vollbringen sah, -- da konnte sie nicht -beten für ihn, sondern nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit -blitzenden Augen und wogender Brust! - -Jetzt plötzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, zitternde -Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die bleichen Lippen möchten -aufschreien in bitterer Not um den Geliebten. - -Wie ein Gespenst taucht plötzlich das Bildnis Wulffhardts vor ihr auf -... das entsetzliche Wort »ertrunken!« starrt sie mit grellen Buchstaben -aus der schwarzwogenden See an -- »ertrunken! -- ertrunken ...!« -- - -Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hände, sie bricht nieder auf die -Knie ... der Sturm weht über sie dahin und reißt das Spitzentuch von -ihrem lockigen Haar. - -Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand gegen ihr Antlitz und -trinkt gierig die Tränen, welche haltlos über ihre Wangen tauen. - -Wie aus dem geöffneten Rachen eines Ungeheuers brüllte die See, -- die -ehemals bespöttelte, so verächtlich belächelte See, und Gabriele fühlt, -wie das Grauen sie schüttelt angesichts dieser zürnenden, furchtbar -Gewaltigen! -- - -Ertrunken! -- - -Herr des Himmels, erbarme dich! -- - -Die Worte des Predigers klingen ihr plötzlich im Herzen, hell und -zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, welches alle Totenglocken -übertönt! -- »Das Gebet seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster -Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das Segel, welches -in Sturm und Wetter nicht verloren geht! Das Gebet der gläubigen Liebe -ist die Engelsschwinge, welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut -sicher in den Heimatshafen zurückführt.« - -Das Gebet der gläubigen Liebe! -- - -Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von Hohen-Esp, sie hat nicht -das Recht wie Mike, die junge, bräutliche Frau, den Geliebten mit -Engelsschwingen sorgender Fürbitte zu umgeben, -- aber Liebe! gläubige -Liebe! Ja, die flammt ihr heiß und todgetreu im Herzen, eine Liebe, -welche die Angst und Qual dieser finsteren Nachtstunde geboren! -- - -Wo bleibt er? -- - -Die Minuten schleichen dahin, -- wie lang, wie entsetzlich lang währt -diesmal die Fahrt! - -Dort drüben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche Nacht umgibt -es! -- - -Werden es die kühnen Retter sehen und finden? Wird die tosende Flut ihr -Boot gegen die Schiffswand schleudern, daß es zerschellt ... daß alles -junge Leben -- alle süße, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf dem -Meeresgrunde finde? - -Herrgott, erbarme dich! -- - -Immer inbrünstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele die Hände im -Gebet -- und durch den Sturm klingt es wie goldene Harfen, und fernher -vom Strand gellt ein Jubelschrei: »Sie kommen! -- sie kommen!« -- - -Ein Lächeln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen haften an dem Himmel, -sie regt sich nicht. - - * * * * * - - - - -XXVII. - - -Voll jubelnder Hast stürmte es abermals die Düne von dem -Rettungsschuppen herab. - -Neue Fackeln glühten auf, und der Sturm griff in die knisternden Flammen -hinein und jagte die funkensprühenden Stückchen des Teerbrandes über den -Sand davon. - -Allen voran drängte Mike nach dem Strand. Sie strebte dem nahenden Boot -so ungestüm entgegen, daß die Spritzer der Brandung helle Tropfen in -ihren Brautkranz warfen und die Frauen und Mädchen sie lachend und so -lebhaft, wie während der ganzen Hochzeitsfeier nicht, zurückrissen und -den guten Feststaat vor weiterem Verderben retteten. - -Das Einlaufen des Bootes an Land erwies sich diesmal noch schwieriger -als zuvor, da die Brandung von Minute zu Minute furchtbarer ward und das -nicht allzu schwere Fahrzeug jeden Augenblick beizudrehen drohte. - -Jede Welle, welche es überholte, warf den Heck empor und drückte den Bug -nieder, und der erst so ungestüme Jubel der Harrenden verwandelte sich -wieder in angstvolle Stille, als man den schweren Kampf beobachtete, in -welchem die kühnen Retter rangen. - -Das Sturmgewölk war beinahe völlig hinweggefegt, der Mond stand an dem -bleifarbenen Himmel und beleuchtete hell den letzten Akt des aufregenden -Schauspiels, welches sich in stiller Nacht an dem einsamen, weltfernen -Strande abspielte. - -Die Brandung rollte unter dem Kiel des Bootes fort, die Kämme der See -hüllten es in wahre Schaumwolken, und das ganze Fahrzeug mit den kühn -verwegenen Gestalten der so überaus angestrengt arbeitenden Männer -erschien wie ein Schattenbild, welches sich in wildem Tanze nähert. - -Und es kam näher und näher, und endlich konnten die zurückgebliebenen -Fischer ihm mit rauhkehligem »Hojohe!« entgegenspringen, es kraftvoll zu -packen und an Land zu schieben. - -Im letzten Augenblick erst hatte sich Guntram Krafft von seinem Sitz -erhoben, sein edles, leidenschaftlich erregtes Antlitz spiegelte noch -die Anstrengungen, mit welchen man in dieser schweren Stunde gerungen, -aber seine Lippen lachten, daß die festen, weißen Zähne durch den -Schnurrbart blinkten, und die großen Blauaugen blitzten so siegesfreudig -und glückselig, wie bei einem Menschen, für welchen die gute Tat schon -allein ihren vollen Lohn in sich trägt! -- - -Wie schön war er! wie unbeschreiblich schön! -- Gabriele ist Schritt für -Schritt herzugewankt, mit glückzitterndem Herzen und brennendem Blick -schaut sie ihm entgegen, und dann schlägt dieses Herz plötzlich so wild -auf, daß sie vor seinem Ungestüm selber erschrickt und angstvoll -zurückweicht, weiter und weiter ... dahin, wo die roten Lichter der -Fackeln sie nicht mehr erreichen, wo keines Menschen Blick erspähen -kann, welche Gefühle sich in ihrem Auge verraten! -- - -Voll toller, ausgelassener Freude springt Jöschen als erster über den -Bootsrand, watet die letzten Schritte durch das weit ausrollende Wasser -und umfängt sein junges Weib, um all das Glück dieses Wiedersehens in -schallenden Küssen auszudrücken. - -»Nu hev' ik mir min leif lüttj Fru erst ganz un gor verdeint!« lacht er -mit weithin tönender Stimme: »Mike min Küking, bist ok tofreeden mit -mi?« -- - -Da gibt's einen hallenden Jubel ringsum, und der sturmzerzauste -Brautkranz fliegt vollends auf die blonden Zöpfe zurück, und Mike sieht -wieder so glühend rot aus wie zuvor, als noch kein bös Wetter ihr das -Glück streitig machte! - -Der Bär von Hohen-Esp eilt in die ausgebreiteten Arme seiner Mutter und -küßt ihr strahlend stolzes Gesicht voll inniger Zärtlichkeit, dann -wendet er sich und führt den barhäuptigen, bis auf die Haut durchnäßten -Kapitän des »Bror Thyrssen«, welcher mit Pitchpine Holz nach Pillau -unterwegs ist, der Gräfin zu und empfiehlt ihn deren Gastfreundschaft -und Sorge. - -Kapitän Björnson spricht deutsch, er dankt der Gräfin mit warmen, aus -dem Herzen quellenden Worten für die edle, opfermutige Tat ihres Sohnes, -welcher just zur rechten Zeit gekommen, sie alle aus sehr übler Lage zu -befreien. Der »Bror Thyrssen« hält zwar noch zusammen, aber er liegt -schwer auf der Seite, und die See schlägt hoch über Deck und wäscht -alles herunter, -- -- da handelt es sich wohl kaum noch um eine Stunde, -daß sich eine Menschenseele an Bord halten kann. -- - -Dann fragt er nach dem Schiffsjungen und seinem Ergehen, und Gundula -kann gute Nachricht geben, sie schreitet dem Kapitän nach dem -Rettungsschuppen voran, bleibt aber noch einmal stehen und wendet sich -zu dem Grafen. Sie hat gesehen, wie sein Blick umherirrt und unruhig -unter den Anwesenden forscht -- sie weiß, wen er sucht. - -Lächelnd deutet sie seitlich nach dem Strand, wo ein weißes Kleid aus -dem Dunkel schimmert. - -»Willst du so gut sein, Guntram Krafft, und Gabriele nach dem Wagen -führen? Der Kutscher hält am Tannenweg! Das arme Kind scheint von all -der ungewohnten Aufregung todesmatt! Sage ihr, daß ich sie bitten lasse, -mit dem Herrn Kapitän und Steuermann einstweilen nach der Burg zu fahren -und den Wagen sogleich zurückzuschicken, wir folgen augenblicklich mit -dem Kranken, sowie er sich noch ein wenig mehr erholt hat! -- Mamsell -weiß Bescheid und hat alles vorbereitet. Begleitest du uns, oder bringst -du, gewohnterweise, erst das Boot und alles andere unter Dach und Fach?« - -»Fürerst bin ich hier noch nicht abkömmlich, Mama!« antwortete er sehr -schnell und lacht abermals über das ganze Gesicht; »ich hab' Jöschen -heimgejagt und muß seine Faust noch beim Bergen der Sachen ersetzen. -Aber Fräulein von Sprendlingen werde ich deine Bestellung ausrichten!« -und schon stampfte er auf den schweren Wasserstiefeln davon, und das -zerzauste Blondhaar hängt ihm wirr und feucht in die Stirn. - -Da sieht er ihre schlanke, lichte Gestalt im Mondesglanz vor sich, und -sein Herz, welches soeben noch ruhig und furchtlos dem Tode getrotzt, -bebt plötzlich in seiner Brust. - -Langsam tritt er näher. - -Er denkt an den Blick, mit welchem sie ihm vorhin in die Augen geschaut, -an den Ausdruck ihres süßen Gesichts, welches während seiner Todesfahrt -durch Sturm und brandende Flut wie eine glückselige Vision ihn -begleitete. Der weiße Spitzenschleier weht lang von dem Haupt herab, -- -der Sturm faßt ihn und wirbelt ihn dem Nahenden wie ungestümen Gruß -entgegen. - -Da steht er vor ihr, und sie hat die gefalteten Hände gegen die Brust -gedrückt und sieht mit unaussprechlichem Blick zu ihm auf. - -Was soll er bestellen? - -Er weiß es nicht, -- alles Blut braust ihm schwindelnd zum Herzen, er -weiß selber nicht, was er tut, er reicht ihr nur im Übermaß seines -Empfindens die Hand entgegen und sagt leise, wie in banger, sehnender -Bitte um ein freundliches Wort -- »Gabriele!« -- - -Da geschieht etwas Unfaßliches, Unbegreifliches. Sie nimmt seine Hand -mit jäher Bewegung zwischen die ihren, neigt ihr Antlitz und drückt sie -an die weichen, zitternden Lippen. Wieder und wieder ... und an ihren -Wimpern glänzt es feucht und perlt herab über seine Rechte. - -»Gabriele!« schreit er entsetzt auf. -- »Um alles in der Welt, was tun -Sie?« - -Sie hebt das erst so demütig geneigte Köpfchen und reckt ihre schlanke -Gestalt hoch und stolz empor und schaut ihn an mit den süßen Nixenaugen, -aus welchen jubelnde Begeisterung und Bewunderung leuchten. - -»Ich grüße einen Helden!« stößt sie mit halb erstickter Stimme hervor, -»und danke ihm für all jene Menschenleben dort, welche diese kühne, -gewaltige Hand gerettet!« - -Er hat seine Rechte gewaltsam befreit und preßt sie gegen die Stirn, als -könne er den Sinn ihrer Worte gar nicht fassen. - -»Einen Helden!« wiederholt er leise; -- »und das sagen _Sie_ mir, -Gabriele -- _Sie_?!« -- - -»Wem anders wie Ihnen, Graf! -- Sie haben mich gelehrt, was es -bedeuten will, ein Schirmvogt der Not zu sein, Sie haben es mir -bewiesen, daß auch hier in tiefster, weltferner Einsamkeit ein -kühner, unerschrockener Mann leuchtende Taten zu Ruhm und Ehre seines -Vaterlandes tut! Sie haben es jenen Norwegern gezeigt, wie ein -deutscher Mann im Sinne seines Kaisers handelt, -- und ... Sie haben -mich erkennen lassen, wieviel ... ach, wieviel ich Ihnen abzubitten -habe!« -- - -Sie hatte hastig, aufgeregt, voll fieberischer Leidenschaft gesprochen; -bei den letzten Worten sank ihre Stimme zu leisem Flüstern herab, und -ehe sich Guntram Krafft aus seiner Betäubung aufraffen konnte, hatte -sich die Sprecherin bereits dem eilig herzulaufenden Anton zugewandt. - -»Gnädiges Fräulein ... der fremde Herr Kapitän sitzt bereits in dem -Wagen!« meldete er atemlos. »Darf ich bitten, sogleich einzusteigen, -die Frau Gräfin erwartet die Pferde umgehend zurück.« - -»Ich komme!« nickte Gabriele hastig, der Bär von Hohen-Esp aber schrak -empor wie aus einem Traum. - -»Krischan Klaaden läßt den Herrn Grafen bitten, bei dem Boot mit Hand -anzulegen! Sie quälen sich ab und wollen es auf den Wagen kriegen, aber -ohne den Herrn Grafen wird's nichts damit! Und Krischan Klaaden meint, -geborgen müsse es auf alle Fälle werden, denn die Flut steigt immer -noch, und man könne nicht wissen, wie hoch sie in der Nacht noch käme!« - -»Gut, gut, ich komme!« - -Einen Augenblick noch rang er mit sich, ob er Gabriele nicht folgen und -in den Wagen bringen solle, aber schon entschwand ihre lichte Gestalt -wie ein Schemen, sie floh dahin über das knisternde Riedgras und mußte -den Wagen bald erreicht haben. Wie war es auch möglich, mit diesem Sturm -im Herzen ihr vor fremden Menschen gleichgültige Dinge zu sagen. - -Guntram Krafft preßt die wetterharten Fäuste gegen die Schläfen, und -seine Brust hebt und senkt sich unter keuchenden Atemzügen. - -Wie ein Chaos von Licht und Schatten wallt es durch das finstere Gewölk -der langen Leidensnacht in seinem Herzen, funkelnde Strahlengarben -brechen hervor, und eine grelle, blendende, zauberhafte Sonne des Glücks -steigt sieghaft über seinem Leben auf! - -Gabriele hatte das Antlitz weinend auf seine Hand geneigt, -- sie selber -hatte ihn einen tapferen, heldenhaften Mann genannt, -- ihn, der doch -nichts anderes getan, als wie seine Pflicht! - -Das war ein Wunder, ein Gnadenwunder Gottes des Herrn, welches ihm so -jäh und wonnesam das Herz der Geliebten zugewandt! -- - -Wie ein Jubelschrei will es über Guntram Kraffts Lippen brechen, aber er -schweigt, er blickt nur mit glänzenden Augen zum Himmel empor. - -Und dann preßt er die Hand gegen die Brust, auf welcher noch immer der -Zettel Gabrieles ruht, und atmet tief, tief auf. - -Seine Zeit ist um. - -Ein wüster, grausamer Schicksalssturm hat ihn ehemals auf seinen -Lebensweg geweht, daß er sich zur himmelhohen Scheidewand zwischen ihn -und all sein Glück baue, -- und nun kam ein anderer, frischer, -köstlicher Seesturm dahergebraust, der blies die trennende Schranke -hinweg, der räumte alles aus dem Weg, was als Dorn und Nessel die roten -Rosen seiner Liebe überwuchern wollte! -- - -Gabriele von Sprendlingen will Herz und Hand nur einem Helden zu eigen -geben, und sie selber hat den Bären von Hohen-Esp einen Helden genannt! --- - -Drunten am Strand winken die Männer, ungeduldig harrend, mit den -Fackeln, und Guntram Krafft schwenkt ihnen mit jauchzendem »Hojohe!« den -Südwester zu und eilt heran, ihnen zu helfen, als flute neues Leben und -neue Riesenkraft durch seine Adern! -- - - * * * * * - -Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bemühte sie sich, der Gräfin in -jeder Weise hilfreich zur Seite zu stehen; Gundula aber tat nur einen -schnellen Blick in ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Blässe -wechselten, auf die kleinen, eiskalten Hände, welche es kaum vermochten, -mit festem Griff zuzufassen, und sie schloß das junge Mädchen mit gar -wundersamem Lächeln in die Arme und neigte die Lippen küssend auf den -lockigen Scheitel. - -»Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, -- ich wünsche es! -- Sie sind -von all der Aufregung nervös und ermattet und müssen schlafen, damit Sie -morgen wieder bei frischen Kräften sind! Ich kenne diese Sturmnächte und -lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu wahren! -- Was wollen -Sie noch hier? Der Kranke ist gebettet und schläft bereits den -köstlichen festen Schlaf der Jugend, -- den gebrochenen Arm habe ich ihm -schon in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, -- auch darin -habe ich Übung! und der Schlag gegen den Kopf scheint durchaus nicht -bedenklich, denn der Junge sprach nach seiner kurzen Betäubung völlig -klar mit seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen, und, so Gott -will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der Kapitän und Steuermann haben -ihre nassen Kleider gewechselt und sich mit Guntram Kraffts längst -verwachsener Garderobe sehr spaßhaft kostümiert, sie sitzen bei einem -steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn warten, um noch so -mancherlei mit ihm zu besprechen, ehe sie sich zur Ruhe legen, -- ich -glaube nicht, daß ihnen Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand -sehr angenehm ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und auch ich -gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram Krafft noch einmal die Hand -gedrückt habe. Das ist so Brauch bei uns.« -- - -Gabriele atmete sehr schnell und machte eine jähe Bewegung mit dem -Köpfchen, ihre Augen blickten so leuchtend und verklärt an der Gräfin -vorüber, als sähen sie voll schwärmerischen Entzückens in nächtiger -Ferne ein liebes, liebes Bild. - -Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen, wieder und wieder -... wollte sprechen und schwieg dennoch. - -»Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es gewiß ein ganz -besonders sonniger, wonniger Maientag werden!« fuhr Gundula weich und -leise fort, und sie strich mit der Hand über das rosa Brautband, welches -noch immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles Arm glänzte, -- -sie lächelte: »Heben Sie diese Schleife auf, -- sie bringt Glück! -- Und -ehe Sie die Augen schließen, danken auch Sie Gott dem Herrn, daß er in -dieser Nacht mit uns war!« -- - -Gabriele war heiß errötet, sie nickte erregt, ihre Lippen zitterten. -Noch einmal neigte sie sich tief, tief über die Hand der Gräfin, und -dann trat sie hastig über die Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu -erreichen. Sie preßte die Hände gegen die Schläfen und stand zögernd auf -der Treppe still. - -War es recht, daß sie ging? Gab es doch vielleicht noch Pflichten für -sie zu erfüllen? - -Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute nicht! - -Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt, handelt und spricht -wie im Traum, ihre Gedanken sind weit entfernt von dem, was sie tut. -- - -Ihr ganzes Sinnen und Denken weilt bei ihm! Sie sieht nur noch ein -Einziges, -- Guntram Kraffts kühnes, heldenhaftes Angesicht, -- sie -fragt sich tausendmal immer wieder dasselbe: Ist es denn kein Traum, -kein Fieberwahn gewesen? Hat er wahrlich das Unfaßliche, Herrliche -vollbracht? - -Wo weilt er noch? - -Fühlt, empfindet er es nicht, daß ihr Herz seinen Namen jubelt in -heißem, leidenschaftlichem Sehnen und Entzücken? - -Wo bleibt er? - -Horch ... eine Regenboe braust nieder, die Tropfen werden prasselnd -gegen das Fenster gepeitscht ... nach wenig Minuten ist es wieder still, -und die Mondstrahlen huschen durch das zerfetzte Gewölk. -- - -Das Heulen in den Lüften läßt nach, die Riegel und Wetterfahnen -kreischen nicht mehr so unaufhörlich wie zuvor. - -Gabriele tritt an die kleinen, bleigefaßten Scheiben und neigt das -fieberheiße Gesichtchen dagegen. - -Wo bleibt er? -- - -Wird er wieder drunten auf dem Weg vorüberschreiten, ohne einen einzigen -Blick empor nach ihrem Fenster zu tun? -- - -Wie in zitternder, qualvoller Angst preßt sie die Hände gegen das Herz. - -Sie sieht es plötzlich wieder vor sich, sein ernstes, gleichgültiges, so -ganz verändertes Gesicht, mit welchem er ihr begegnete, so lange sie -hier weilt. Lebt kein Fünkchen jenes zärtlichen Interesses, welches er -in der Residenz für sie empfand, mehr in seinem Herzen? - -Gabriele schlingt wie in bebender Verzweiflung die Hände ineinander. - -Wehe ihr, -- und ihrem armen, armen, törichten Herzen! - -Und doch ... jener Blick, als er von ihr schied, als er zum letzten Male -noch ihre Hände faßte, ehe er zu jener furchtbaren Fahrt in das Boot -sprang ... jener Blick war nicht mehr kühl und fremd, er war so -liebesinnig -- so heiß und weh ... - - * * * * * - -Gabriele schlägt plötzlich die Hände vor das Antlitz und schauert -zusammen, -- als ob er Abschied nahm für ewige Zeit! -- - -O, diese Qual der letzten Stunden! - -Wo bleibt er, -- wo bleibt er? -- - -Wie fände Gabriele Schlaf und Ruhe, ehe sie sein teures Haupt geborgen -und unter diesem Dache weiß? -- - -Horch ... Stimmen ... Schritte drunten ... - -Mit zitternder Hand löscht sie das Licht und öffnet lautlos das Fenster -... - -Mondschein glänzt auf dem Weg ... das Gezweig rauscht und sprüht -silbernen Funkenregen. - -Die Bediensteten des Schlosses und zwei der fremden Matrosen nahen in -lebhaftem Gespräch -- und in ihrer Mitte ... diese hohe, königliche -Gestalt ... so schreitet nur einer! -- nur er! -- - -Und er zögert plötzlich und geht langsamer, er bleibt zurück und steht -still. - -Sein mondbeglänztes Antlitz wendet sich ihrem Fenster zu, wie mit jäher, -leidenschaftlicher Bewegung hebt er die Arme und breitet sie nach ihr -aus! -- - -Sieht er sie? - -Nein, -- es ist dunkel und still hier droben. Mit einem leisen -Aufschluchzen des Entzückens sinkt Gabriele auf die Knie -- und das rosa -Band von Mikes Brautkranz glänzt wie holde, glückselige Verheißung an -ihrem Arm. -- - - * * * * * - - - - -XXVIII. - - -Gräfin Gundula hatte recht behalten. - -Der Sturm flaute über Nacht und gegen Morgen mehr und mehr ab und wehte -schließlich nur noch als kräftig frische Brise von der See herüber, -dieweil die klare leuchtende Frühlingssonne an dem Himmel stand und die -blühende Welt in goldenem Licht badete. Alle Wolken, alle Dunst- und -Nebelschleier hatte der Sturmwind hinweggefegt, und nun wölbte sich das -Firmament so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder -Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und endlos und wogte -unter Tausenden von schneeigen Schaumkämmen so majestätisch, wie -Gabriele seinen Anblick selbst im Traume nicht in gleicher Schöne -geschaut! - -Und weil Guntram Krafft jüngst einmal gesagt, daß die Farbe des Himmels -und der See diejenige sei, welche er am meisten liebe, so hatte Gabriele -zum erstenmal ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem ihre -Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen. - -Sie errötet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und lächelt ihm doch voll -süßer, inniger Träumerei zu und atmet so tief und blickt mit so großen, -glänzenden Augen umher, als schaue sie die sonnige Gotteswelt zum -erstenmal, als sei in ihr und um sie her alles ganz und gar verändert -seit der gestrigen Nacht. -- - -Guntram Krafft war mit den fremden Männern schon zu früher Stunde nach -dem Strand hinabgegangen, um zu näherer Besichtigung des Wracks mit -ihnen hinauszufahren; wie die Gräfin mit feinem Lächeln sagte: »So -strahlend glücklich, wie noch nie zuvor im Leben!« -- - -Und dann, als sie verstohlen die entzückende Erscheinung des jungen -Mädchens mit dem Blick umfaßt, legt sie lächelnd die Hand auf die -fleißigen Fingerchen, welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen -wollen, und sagt: »Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in Ordnung -gebracht, ich habe egoistischere Wünsche für Sie, liebe Gabriele! -- Ist -es ein Wunder, wenn nach all der Angst und Sorge des gestrigen Abends -mein Herz heute desto glückseliger in den hellen Sonnenschein -hineinlacht? Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste Gabriele? -Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem Schreibtisch Ordnung zu -schaffen habe, singen Sie mir etwas vor! Und dann gehen Sie in den -Garten und holen ganz besonders schöne Blumen zum Schmuck der Tafel! Der -Kapitän und Pastor sind heute unsere Gäste, da kann der alte Jürgen Haas -sein Gewächshaus aufschließen und uns einen Strauß seiner gehegten und -gepflegten Lieblinge opfern, hören Sie, Gabriele? Holen Sie aus dem -Gewächshaus heraus, was Ihnen hold und schön deucht! So; und nun? -Bekomme ich ein Lied?« - -Gabrieles Augen leuchteten auf. - -»O, gern, wenn Frau Gräfin fürlieb nehmen wollen ... ich sang lange -nicht!« -- - -»Und ich hörte gar lange, lange Zeit keinen Ton Musik in diesen Räumen!« -nickte Gundula voll leiser Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich -stille Lächeln über ihr Antlitz, und sie fügte kaum verständlich hinzu: -»Nun bricht aber eine neue Zeit für die Bärenburg an, und das Alte soll -vergessen sein!« -- - -Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, über das geöffnete -Schubfach, aber ihre Hände ruhten still im Schoß, und ihre Augen -blickten voll lebhafter Spannung nach dem Flügel, auf welchem Gabriele -zögernd ein Notenheft aufstellte. - -Was wird sie singen? - -Die Bärin von Hohen-Esp war eine gar gründliche Menschenkennerin, und -was Gabriele im tiefsten Herzensgrund für Guntram Krafft empfand, das -mußte jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strömen. - -»Soll ich die Arie aus dem >Fliegenden Holländer< probieren?« fragte sie -zögernd, mit jähem Erröten; »ich studierte sie vor Jahren bei meiner -Lehrerin, sang sie aber nicht oft.« - -»Und warum nicht?« -- - -»Sie war mir damals so unverständlich, -- ich kannte weder See noch -Sturm ...« - -»Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue ich mich gerade auf -diese Arie!« - -Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann immer voller, -erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz durch die Töne zitterte in dem -leidenschaftlichen Empfinden: »-- betet zum Himmel! --« - -Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, immer glänzender ward -ihr Blick, immer freudiger das geheimnisvolle Lächeln um ihre Lippen ... - -Und Gabriele durchblätterte mit glühenden Wangen die Noten -- - -»Der Lenz ist da!« von Hildach. - -Welch ein Jauchzen und Jubeln -- welch ein Frohlocken dem Lenz entgegen! -Und die Glocken läuteten so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so -ganz absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken! - -Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach, -- und über die -Lippen des jungen Mädchens flutet es weiter wie ein alles vergessendes, -glückseliges Geständnis. - -»Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen mein Herz so -verwegen!« - -Und dann ward es still. - -Als aber die Gräfin mit bebender Hand den Türvorhang zurückschiebt und -leise in das Zimmer schaut, da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die -Hände gedrückt und verharrt wie im Traum. -- -- -- - - * * * * * - -Der alte Jürgen Haas hat seine blühenden Lieblinge im Gewächshaus stets -mit Argusaugen gehütet; wie er aber in das wunderholde Antlitz des -Fräulein von Sprendlingen schaut, welche ihn lächelnd um einen Strauß -bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen, und er nickt -mit beinahe zärtlichem Blick --: »So veel, als Jug dat leev is!« -- und -er schließt das geräumige Glashaus auf und sieht es ohne jedwedes -Herzeleid, wie die kleinen weißen Hände nach seinen schönsten Blüten -greifen. - -Plötzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus in die Ecke des -Treibhauses, woselbst die Oleander und großen Laurostinosbäume nebst -etlichen Palmen aufgebaut sind. - -»Ist das nicht ein Lorbeerbaum, Jürgen Haas?« fragt sie, und alles Blut -steigt ihr in das ehedem so rosig zarte Gesichtchen. - -»Ganz recht, een Lorbeer! Der is man torück bleeven von uns' Herrn -Grafen sin Konfirmaschon! -- Die Blätters sin ganz ampart un' nüdlich, -äwerst Blaumens dreiht he nich!« - -Gabriele war hastig herzugeschritten. - -»Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen, lieber Haas? -- Und -haben Sie ein wenig Bast zur Hand, daß ich ihn gleich winden kann?« - -Der Alte murmelte: »Allens, wat Se wollen!« kramte aus den grundlosen -Tiefen seiner Jacke einen Flausch Bast, und derweil sich Gabriele auf -eine leere Blumentreppe setzte und die graziösen Zweige mit bebenden -Händen zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den weißen Kopf und -sprach in seiner kurzen, schlichten Weise von der vergangenen -Sturmnacht, wo der liebe Herr Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient -habe. -- - -Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und schüttelte die -Blätter von ihrem Kleid. Zwei kleine Kränze hatte sie gewunden, die hing -sie an ihren Arm, faßte den großen Strauß der blühenden Blumen zusammen -und sagte dem beglückten Alten freundliche und herzliche Dankesworte, --- dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren durch die warme, -lenzesduftige Luft nach der Burg zurück. - -Über ihr jubelten die Vögel im blühenden Gezweig, und in ihrem Herzen -klangen die Frühlingsglocken noch immer wie ein holdes, traumhaftes -Echo! - -In der Speisehalle ordnete sie still und geschäftig die Blumen in -Schalen und Vasen auf der Tafel, dann stand sie einen Augenblick und -schlang zögernd die kleinen Hände ineinander. - -Alles war still im Hause. - -Die Gräfin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zurückgezogen, Anton -hantierte an den Büfetts, und die Herren weilten noch am Strande. - -Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem Wohnzimmer der Gräfin. - -Ein Sonnenstrahl flimmerte über einen der braungeschnitzten Bären zu -ihrer Seite -- da sah es aus, als ob seine Augen sich bewegten, als ob -das grimmige Gesicht ihr plötzlich entgegenlache. - -Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das große Brustbild Guntram -Kraffts, in der Seemannsjacke, mit dem verwegenen Südwester auf dem -lockigen Haar. - -Gabriele neigt sich und blickt heiß errötend in das edle, kühne, -wunderschöne Männergesicht, welches ihr mit den großen Blauaugen so -ganz, ganz anders wie sonst entgegenschaut. Ihr Herz stürmt in der -Brust, all die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter -Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und legt ihn um das Bild -des heldenhaften Mannes. - -Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glühen ihre Wangen und ihr -Blick flammt auf in jauchzender Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch -ihre Adern, ein kurzer, glückzitternder Kampf zwischen banger Scheu und -allesvergessender Liebe, und sie drückt das Bild an die Lippen, es wie -in einem süßen Wonnerausch zu küssen. - -»Gabriele!« -- - -Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzücken, in -namenloser Erregung, klingt es neben ihr. - -Auf der Türschwelle des Nebengemachs steht Guntram Krafft, die Hände -gegen die Brust gedrückt, das Haupt vorgeneigt, als könne er das Wunder, -welches seine Augen schauen, nicht fassen und begreifen. - -»Gabriele!!« -- -- - -Sie schrickt zusammen, Leichenblässe bedeckt ihr erst so holderglühtes -Antlitz, -- das Bild sinkt aus ihren zitternden Händen auf die -Schreibtischplatte nieder. - -Sie will, -- halb vergehend vor Scham und Entsetzen, entfliehen, aber -sie macht nur eine unsichere, wankende Bewegung -- und schon steht er -neben ihr, faßt sie mit festen, starken, kraftvollen Armen und drückt -sie an sein Herz, wild, ungestüm, wie der Bär, welcher sieghaft seine -Beute nimmt! -- - -Nein, das ist nicht mehr der scheue Jüngling, welcher sie ehemals mit -zarter Hand aus dem Schnee emporhob, dies ist ein trotzigkühner Mann, -welcher sich seiner Heldenkraft bewußt geworden ist! - -»Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein Bild mit Lorbeer -geschmückt und es geküßt, Gabriele, -- damit hast du jenes Todesurteil -zerrissen, welches du mir und meinem Glück geschrieben. Jener taten- und -ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend von dir stießest, -würde nie und nimmer mehr gewagt haben, die Hände begehrend nach dir -auszustrecken, aber hier der Mann, welchen du selber durch Kuß und -Lorbeer zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll kühnen Wagemuts -um deine Liebe, der fordert diese Hand nun als sein heilig Recht! -- -Gabriele, hast du's gehört? _Mein_ bist du, mein!« - -Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende Angesicht, welches -mit den großen, zauberischen Nixenaugen zu ihm aufschaut, welches in -holder Verwirrung nur leise, leise seinen Namen flüstert -- --: »O, du -Herrlichster!« -- -- - -Wie ist es urplötzlich so warm -- so duftig -- so sonnenhell in dem -sonst so kühlen und düsteren Gemach der Frau Gundula geworden! - -Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram Krafft, hält sein Lieb -im Arm und bedeckt ihr lächelndes, überseliges Antlitz mit heißen, -unersättlichen Küssen! - -Goldener Sonnenglanz flutet über sie dahin, und fernher, durch die -geöffneten Butzenscheiben, grüßt das weißschäumende Meer mit donnerndem -Jubelruf. - -Die Augen der Bärin von Hohen-Esp haben feucht geglänzt, als sie ihre -Kinder mit leisem Segenswort an das Herz gedrückt, und während das -Brautpaar auf Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das Bild -des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kränzen, ist Frau Gundula vor ihrem -Schreibtisch niedergesunken, hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder -die versiegelten Briefe und Photographien ihres Gatten zur Hand genommen -und heiße, bittere Tränen darauf niedergeweint. - -Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und friedlich wie an -einem lichten Sommerabend, wenn alle Wetterschwüle und alles -Donnergrollen des Tages mit seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller -Traum versunken ist. -- - -Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glück der Gegenwart sein herbes -Düster, und was für die einsame, schwergeprüfte Frau blieb, das war das -stolze Bewußtsein, täglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener -Kraft und mit Gottes gnädiger Hilfe so wunderbar vollbracht und -vollendet. -- Welch ein Jubel hallte und schallte durch die alte -Bärenburg, als Graf Guntram Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen -seine Braut zuführte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen und -Summen durch die verschlafenen Hallen und Gemächer, und die steinernen -Bären schüttelten Staub und Moos von den Schilden, die braunzottigen -Gesellen rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben frohgemut -die Pranken! Eine neue Zeit blühte heran, ein neues Glück hatte seinen -Einzug gehalten, und in dem himmelaufjubelnden Klang der -Hochzeitsglocken erstarben die letzten Seufzer, welche so lange -gespenstisch um Turm und Söller geweht. - -Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum Strand hinabgewandert, -und Gabriele hat voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme nach der -blauwogenden Unendlichkeit ausgebreitet! -- - -»Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all eurer Größe und -Herrlichkeit kennengelernt!« flüstert sie voll weicher Innigkeit zu -Guntram Krafft empor, -- »und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei -uns Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein Herz -- -tatsächlich im Sturm! -- Wenn ich jetzt hinaus in dieses Brausen und -Schäumen, in dieses Sonnengefunkel und Geglitzer schaue, mit welchem ich -gestern in verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes -- um -dich! -- gerungen, so kommt es mir ganz unfaßlich vor, -- daß ich solche -Allgewalt und Götterherrlichkeit jemals eintönig und langweilig nennen -konnte! -- O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende Schönheit -sehe ich jetzt!« - -Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen glühen heiß auf diesen -blinden Nixenaugen. - -»Geschlafen und geträumt hast du, verzauberte Meerfei, im fernen, -fremden Binnenland, bis du heimkehrtest zu uns, bis dich der Sturmwind -in die Arme nahm und dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und -Wellgunde sang, bis dich mein Kuß aufweckte zu glückseligem Begreifen -und Verstehen!« - -Ein jubelndes »Hojohe!« ertönt von der Düne herab, Jöschen und Mike -stürmen Hand in Hand über den wehenden Sand, und der junge Ehemann -schwenkt schon von weitem den Hut und lacht, daß seine kerngesunden -Zähne im Sonnenschein blinken. - -Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glückwunsch ist so ehrlich, -so überströmend herzlich und aufrichtig, daß Guntram Krafft den -wackeren Burschen in die Arme schließt und ihn beinahe übermütig -schüttelt. - -»Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll nich drömen laten, wat?« --- - -Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, und Mike hält -Gabriele bei beiden Händen und flüstert ganz schämig: »Dat hevven wi -längst mierkt, dat dor wat im Spöle was!« -- Und sie gehen noch ein -Stückchen plaudernd zusammen, und dann fällt Mike ein, daß sie ja einen -Topf auf dem Feuer hat -- »grad so weggestürzt sei sie bei der -Nachricht!!« -- und sie schütteln abermals die Hände und hasten davon -durch Disteln und Riedgras. - -Wie still ist's wieder, wie still! -- - -Eine Möwe flattert mit leisem Schrei über der Brandung, ihre Schwingen -blitzen im Sonnenlicht grell auf wie silberne Schwertklingen -- langsam -sinkt sie der blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende -Gefieder im perlenden Schaum. - -Voll träumerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick. - -»Wie hätte ich mir jemals zuvor träumen lassen, daß gerade die See, um -deren Gunst ich nie geworben, mir so verschwenderisch alles Glück -schenken würde! Jetzt, in ihrer lichten, majestätischen Pracht, hat sie -alle Schrecken verloren, welche in der vergangenen Nacht mein Herz -erzittern ließen, und doch werde ich sie stets in ihrem tobenden Zorn am -liebsten haben, weil gerade Sturm und wilde Flut es waren, welche mir -dein heldenhaftes, unvergeßlich schönes Bild geboren!« -- - -Wieder umfaßt sie voll bebenden Entzückens seine Hand und schaut empor -zu ihm mit demselben Blick heiß bewundernder Liebe, welcher sein Herz in -unbegreiflichem Entzücken stillstehen ließ, -- gestern in dunkler Nacht, -als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt. - -Er schüttelt langsam, schwer atmend den Kopf. »Schon einmal hast du mich -einen Helden genannt, Gabriele, und hast mein Bild mit Lorbeer -geschmückt, und doch leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie -seit langen Jahren! Nur das verdiente Glück ist mir geworden, daß du -mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, daß du mir durch deine -Anerkennung den Mut gabst, die Hände voll liebeheißen Verlangens nach -dir auszustrecken ...« - -»Das hättest du sonst nicht getan?« - -»O, nie und nimmermehr, -- und hätte ich sterben müssen an den Qualen, -welche mein Herz zerrissen!« - -Beinahe demütig blickt sie empor. »So sehr zürntest du mir, weil ich in -der Residenz deine Neigung so kühl und schroff abwies? Weil ich dein -Meer nicht liebenswert fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit -offenen Armen entgegenkam?« -- - -Ein schnelles, beinahe heiteres Lächeln zuckte um seine Lippen, Gabriele -aber fuhr mit weicher Stimme, halb ernst, halb scherzend fort: »Glaubst -du, Liebster, ich hätte es nicht empfunden, wie sehr verändert du mir in -Hohen-Esp begegnetest? -- Anfänglich war ich nicht böse darüber, im -Gegenteil, es berührte mich sympathisch, weil mein Herz noch so weit ab -von dem rechten Wege irrte und viel zu sehr von seinem törichten Wahn -befangen war, um allsogleich seine Heimat zu finden! -- Aber später, wie -es immer wärmer und lichter in mir ward, wie dein Wesen mir immer -unbegreiflicher schien, da habe ich oft darüber nachgedacht, warum du -mir so sehr zürntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich -eine so schwere Schuld, wenn ein Mädchen nur dem Mann angehören will, -welchen es liebt?« -- - -Er lächelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll. - -»Nein, du Wonnige! Im Gegenteil, keine größere Tugend vermag es zu -geben, als diesen Stolz, welcher sich nur einem Helden zum Preise -setzt!« - -»Und doch verargtest du ihn mir?« -- - -»O, wahrlich nicht! -- Meine ganze Seele -- all mein Sein und Wesen -gehörten dir, Gabriele, und habe ich dich je geliebt, so war es in -diesen bittersüßen Tagen, wo ich gegen diese Liebe kämpfen mußte, wie -gegen eine Unmöglichkeit!« - -»Du _wolltest_ mir nicht gut sein?« -- - -»Ich durfte es nicht!« - -»O, wunderlicher Mann -- und wer verbot es dir?« -- - -Er nahm langsam eine schmale rotjuchtene Brieftasche von der Brust, -öffnete sie und entnahm ihr einen kleinen, zerknitterten Zettel, dessen -verwischte Bleistiftlinien kaum noch zu entziffern waren. - -»Du selber, mein grausamer Schatz!« sagte er leise, und es war, als -durchriesele ihn noch einmal wie ein banger Nachhall all das Weh, -welches ihn so oft beim Anblick dieses kleinen Papierstreifens gequält. -Federleicht war er und hatte doch schwer wie eine unerträgliche -Zentnerlast auf seiner Brust geruht. - -Mit staunenden Augen neigte sich Gabriele und blickte auf seine Finger, -welche den Zettel entfalteten. - -»Das sieht ja aus wie meine Schrift!« sagte sie überrascht. - -»O, wie hätte ich ehemals so gern mein Leben gegeben, wenn sie es nicht -gewesen wäre!« - -Nicht ohne Mühe buchstabierte Gabriele die einzelnen Worte heraus. - -Voll äußersten Befremdens blickte sie empor. - -»Ja, dieses Bekenntnis einer schönen Seele habe ich geschrieben,« -- -nickte sie sinnend, -- »vor langen Jahren schon -- kaum weiß ich noch, -wie und bei welchen Vorkommnis ...« - -»Vor langen Jahren?« -- - -»Ah! Ganz recht, jetzt entsinne ich mich! In der Weihnachtszeit war es, -als wir Backfischchen eines Abends zusammensaßen und heimlich die -Überraschungen für den Christtisch häkelten und stickten. -- Die ganze -Residenz sprach damals von dir -- selbstredend behandelten auch wir -dieses interessante Thema!« -- - -»Von mir?... als Backfische?« wiederholte Guntram Krafft mit fragendem -Blick. - -»Ganz recht! Man erwartete dich als Freiwilligen bei Papas Regiment, wo -du deiner Militärpflicht genügen solltest, aber statt deiner kam die -Kunde, daß du wegen einer ganz unbedeutenden Kleinigkeit freigekommen -seist und nicht dienen wolltest!« - -»_Damals_? Zu jener Zeit schriebst du diesen Zettel?« - -»Gewiß! In allerübelster Laune sogar! Du kennst ja meine Ansichten über -Tapferkeit und Heldentum! Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den -Schneid hatte, Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, -- -der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille verspottete -mich um dieser heiligen Entrüstung willen -- o ja! Nun entsinne ich mich -plötzlich wieder ganz genau! -- Sie behauptete, >der geschmähte -Hohen-Esp brauche nur auf der Bildfläche zu erscheinen, um all meine -stolzen Grundsätze wie die Kartenhäuser über den Haufen zu blasen!< Das -reizte mich zu noch lebhafterem Widerspruch. >Gibst du es vielleicht -schriftlich?< spottete Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon -für ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb im Übermut -diese geharnischte Kriegserklärung gegen den Bär von Hohen-Esp, welcher -damals in meinen Augen nichts weniger war wie ein Held! -- Hier siehst -du auf der Rückseite des Zettels, welcher zuvor ein Briefbogen gewesen, --- noch das vorgedruckte Datum -- S ..., Villa Monrepos ... und hier von -mir vollendet: den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben und -noch deutlich zu erkennen!« -- - -Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier, neigte sich und starrte -die Zahlen an wie ein Träumender; dann strich er langsam mit der Hand -über die Stirn und murmelte beinahe atemlos --: »Dieses Datum hatte ich -nicht bemerkt ... wie war das möglich ... es muß mir in all der -Aufregung, mit welcher ich je und je diese Zeilen gelesen, entgangen -sein! -- Ich war ja arglos wie ein Kind ...« - -Gabriele blickte plötzlich ernst und forschend in sein tief erbleichtes -Antlitz empor. - -»Ich entsinne mich genau, daß ich ehemals diesen Zettel schrieb; wo -derselbe aber an jenem Abend geblieben ist, weiß ich nicht. Geradezu -unbegreiflich und unfaßlich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach -all den langen Jahren in deine Hände gelangen konnte! -- Sag' es mir, -Guntram Krafft, ich bitte dich darum!« - -Heiße Glut stieg plötzlich in seine erst so farblosen Wangen, er knäulte -den Zettel voll leidenschaftlichen Zornes in der Hand zusammen. - -»Wohl wäre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch schnöden Verrat -gegenüber das gelobte Schweigen zu wahren, -- aber ich will nicht ebenso -verächtlich sein wie sie, ich will das Wort halten, welches ich -gegeben!« - -Und er drückte Gabrieles Hände an die Lippen und sagte: »Ich habe -Diskretion zugesagt, -- und ich bitte dich, sie halten zu dürfen, -Herzlieb! Ich habe die große Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft -voll geheimer Sehnsucht, daß sie mir so fremd und verschlossen -geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht nach der Weg zu -deinem Herzen nur durch sie führte! Jetzt danke ich es Gott auf Knien, -daß sie mir mit all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures, -heiliges Meer hat mir das Glück gebracht, welches ich Tor so -unerreichbar wähnte, Gott der Herr hat gewußt, Gabriele, daß du reine -Perle nicht in den Staub der Großstadt, sondern hierher in deine -sturmumbrauste Heimat gehörst!« -- - --- Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. -- »Nein -- sag' -nicht den Namen derer, welche ein so gewissenloses und egoistisches -Spiel getrieben, ich kenne ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen -getrieben und dadurch wieder bewiesen, daß jede Schuld ihre Strafe in -sich selber trägt. -- So groß aber -- ganz so groß, wie du wähnst, war -ihr Vergehen jedoch nicht!« - -Gabriele hob freimütig das schöne Haupt, ihr Auge leuchtete auf: »Hätte -mich Thea an jenem Hofballabend noch einmal um diese meine -Backfischansicht befragt, ich würde fraglos dieselben Worte noch einmal -niedergeschrieben haben. Der Bär von Hohen-Esp war auch in jenen Tagen -noch derselbe tatenlose und ruhmlose Schwächling für mich, welcher er -gewesen, seit sein Name zuerst vor mir erklang! -- Erst hier in -Hohen-Esp lernte ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm -getan! Erst hier erkämpfte der herrlichste und kühnste Mann seinen -großen Sieg über mein stolzes Herz, welches er nun zu eigen genommen hat -für alle Ewigkeit!« -- - -Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie sich momentan -niedergesetzt, und strich die wehenden Haarlöckchen von den Wangen -zurück, auf welchen heiß und ungestüm seine Küsse brannten. - -»Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!« -- lächelte sie, -»damit nichts mehr an die böse, vergangene Zeit gemahnen soll! -- Das -Meer soll jene Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen -sein in dem jauchzenden Glück, welches seine stürmende Flut uns -geschenkt!« - -Sie traten näher herzu an die schäumende Brandung, und Guntram Krafft -zerriß das Papier und zerstreute seine kleinen weißen Flocken in den -sprühenden Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurück auf den -Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten sie und betteten sie -tief unter Muscheln und wogendem Tang. - -Frisch und köstlich rein streicht der Wind um die Stirn, und sie stehen -Arm in Arm in wortloser Glückseligkeit und sehen zu, wie das letzte -Streifchen im Wellenschnee verschwindet. - -»Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!« lächelte Gabriele und -schmiegt sich fester an die Brust des geliebten Mannes. - -»Damals! -- und heute?« fragte er neckend. Da schlingt sie die Arme um -ihn und flüstert voll strahlenden Stolzes: »Heute lautete der Zettel, -welchen ich schrieb, freilich anders! Lasest du nicht die Depesche, -welche ich meinem Mütterchen schickte? -- O, Guntram Krafft, -- wie -wird sie sich unseres Glückes freuen!« -- - - * * * * * - -Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren aus vollstem Herzen -getan. - -Sie ist ein häufiger, voll wärmster Freude begrüßter Gast auf Hohen-Esp -geworden, eine scharmante Schwiegermama, der Guntram Krafft stets die -warmherzigen Sympathien erhalten hat, welche er der so gütigen Mutter -seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. -- Auch eine liebe, -vertraute Freundin Gundulas ward sie, deren Interessen so ganz und gar -mit denen der Generalin verschmolzen. - -Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg emporblüht, und -die kleinen Bären in Halle und Hof herumpurzeln, hat Großmutter Gundula -alle Hände voll zu tun, und es ist ein wahrer Segen, daß sie nach wie -vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn auf Frau Gabrieles -Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen. - -Zum händeringenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen hat ihre Tochter -viel mehr Interesse für den Rettungsschuppen, wie für Haus und Hof, und -nie zuvor hätte sie geglaubt, daß Gabriele sich so leidenschaftlich für -die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen zusammenhängt, -begeistern könne. Aber gerade das bildet das jauchzende, -unbeschreibliche Entzücken des Grafen, den Höhepunkt all seines Glückes. - -Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit dem seines -heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet auf die See, in -Sonnenglanz und Mondenschein, bei Sturm und bösem Wetter. - -Dann sitzt auch auf dem lockigen Köpfchen der Gräfin der Südwester gar -bildhübsch und verwegen, auch sie trägt »Ölzeug« und weiß mit Ruder und -Segel Bescheid wie der beste Lotse! - -Einst hatte ein jäh einsetzender Sturm sie weit draußen auf dem Meere -überrascht. Es gab eine grobe See und schweres Wetter. - -Gabriele aber war fest und seetüchtig wie ein bewährter Matrose, -- mit -blitzendem Auge schaute sie kühn und unerschrocken in das Wetter hinaus, -und als es immer gewaltiger stürmte, und das Schifflein von hohen Wogen -geschleudert ward, da faßte sie die Hand ihres Mannes, schmiegte sich -fest an ihn und blickte ihm in die Augen. - -Er umschloß sie treu und innig: »Fürchtest du dich, Herzlieb?« -- - -Da lächelte sie, faßte seine Hand noch fester und sagte schlicht: -»Wovor? _Wir sind ja beisammen_!« -- - -O, in diesem Augenblick hätte der Graf von Hohen-Esp sein schwankes -Schifflein mit keinem Kaiserthron vertauscht! - -Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die Nachricht mitbrachte, daß -Herr von Heidler schon seit Jahr und Tag den Abschied genommen und in -süßem Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, -- dies sei -behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben im bunten Rock -- -da starrte Gabriele die Sprecherin mit weitoffenen Augen schweigend an, -Guntram Krafft aber fragte überrascht: »Er war doch passionierter -Sportsman, und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er nicht mehr -privatim die Rennen mit?« Da lächelte die Generalin: »O, nein! -Anfänglich hatte er wohl den Wunsch, es zu tun, aber seine sehr -verwöhnte, kindische und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten, -da es zu gefährlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter dem -Pantoffel steht, fügt er sich willenlos den Wünschen seiner reichen -Gattin.« -- - -Gabriele machte eine jähe, brüske Bewegung, mit beinahe verächtlichem -Lächeln wandte sie sich ab. - -»Und Gräfin Thea?« -- - -»Sie tanzte Winter für Winter vergeblich. Jetzt hat sie sich der -Frauenbewegung angeschlossen und schreibt sehr zornmutige ->grünspanische< Artikel gegen die Männer. Wenn es ihr glückt, ist das -starke Geschlecht binnen Jahresfrist vernichtet!« -- - -»Gottlob, daß Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt,« lachte Guntram -Krafft, »hier erreicht mich ihre Feder hoffentlich nicht im Todesstoß!« --- - - * * * * * - -Die Rettungsstation des Bären von Hohen-Esp hat viel bewundernde -Anerkennung gefunden, und sein edles Beispiel gab oft Veranlassung, auf -diesem Gebiete nachzueifern und das Rettungswesen zur See zu fördern. -Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des großen Publikums -auf die bittere Not gelenkt, mit welcher der Seemann an unserer -heimatlichen Küste zu kämpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich -auf, die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger durch -ein Scherflein zu unterstützen. - -Da hatte der Bär von Hohen-Esp auch in weiterem Sinn für das Vaterland -gewirkt und zu sein und seines Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das -Schwert, wohl aber das Ruder mit kühner, tatenfroher Hand geführt. - -Neben der Rettungsmedaille schmückt ein hoher Verdienstorden seine -Brust, und es war einer der schönsten Tage in Gabrieles Leben, als sie -denselben dem geliebten Mann voll stolzer Anerkennung auf sein -schlichtes Fischerkleid heften konnte. - -Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der Hohen-Esp, weithin -sichtbar nach dem blauen Meer, und um die Mauern und Zinnen des alten -Bärenschlosses weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, -- -ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem unvergänglich großen -Liebesglück, welches darinnen wohnt. - - * * * * * - -Unverändert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den gelben Dünensand, -wirft Muscheln und Bernsteinbrocken aus und überschüttet die Kinder, -welche jubelnd von der Burg zum Strand stürmen, mit blinkenden Tropfen, --- ihre weißen Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden -Heldengeschlecht aus, und der junge Bär von Hohen-Esp setzt vorsichtig -sein erstes, selbstgeschnitztes Schifflein auf das Salzwasser, schlingt -den Arm um den Nacken von »Jöschen dem Jüngern« und sagt: »Auch ich -werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn du und ich so groß -sind wie der Vater, fahren wir beide als Matrosen zur See!« - -Guntram Krafft hat's gehört, er zieht sein holdes Weib an die Brust, und -sein glückstrahlender Blick schweift hinaus über die schimmernde Flut; -wie ein Psalter heißen Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend -blaue Wogen rauschen: »Halleluja! Amen!« - - * * * * * - - - - -Notizen des Bearbeiters - -Inhaltsverzeichnis am Anfang eingefügt. - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - -Gesperrter Text markiert durch: _..._ - -Antiqua-Text markiert durch: =...= - - - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Bären von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BÄREN VON HOHEN-ESP *** - -***** This file should be named 60684-8.txt or 60684-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/8/60684/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Bären von Hohen-Esp - -Author: Nataly von Eschstruth - -Release Date: November 13, 2019 [EBook #60684] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BÄREN VON HOHEN-ESP *** - - - - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - -<div class="figcenter" style="width: 453px;"> - <img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<p class="pmb3" /> - - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_4">[S. 4]</a></span></p> - -<p class="pmb3" /> -<h1>Die<br /> -Bären von Hohen-Esp</h1> -<p class="pmb3" /> - -<p class="center font13 pmb1">Roman</p> - -<p class="center font09 pmb1">von</p> - -<p class="center font15 pmb3 pmb2">Nataly von Eschstruth</p> - -<div class="figcenter" style="width: 60px;"> - <img src="images/illu_004b.jpg" alt="decoration" /> -</div> - -<p class="p3 center font12">Leipzig</p> - -<p class="center font11 pmb3">Paul List Verlag</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span></p> - - -<p class="p3 p3 center font09 pmb3">Alle Rechte vorbehalten</p> - -<p class="p3 center font08 pmb3">Spamersche Buchdruckerei in Leipzig</p> - - -<div class="chapter"> - - -<h2 class="no-break" id="Inhalt_1">Inhaltsverzeichnis</h2> -</div> - -<div class="block1"> -<table border="0" cellspacing="2" cellpadding="0" class="tdr" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <colgroup> - <col width="20%" /> <col width="9%" /> <col width="10%" /> - </colgroup> - <tr> - <td colspan="3" align="right"><span class="font08">Seite</span></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#I">I.</a></td> - <td><a href="#Page_7">7</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#II">II.</a></td> - <td><a href="#Page_22">22</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#III">III.</a></td> - <td><a href="#Page_37">37</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#IV">IV.</a></td> - <td><a href="#Page_50">50</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#V">V.</a></td> - <td><a href="#Page_64">64</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#VI">VI.</a></td> - <td><a href="#Page_79">79</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#VII">VII.</a></td> - <td><a href="#Page_92">92</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#VIII">VIII.</a></td> - <td><a href="#Page_105">105</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#IX">IX.</a></td> - <td><a href="#Page_118">118</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#X">X.</a></td> - <td><a href="#Page_135">135</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XI">XI.</a></td> - <td><a href="#Page_144">144</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XII">XII.</a></td> - <td><a href="#Page_158">158</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XIII">XIII.</a></td> - <td><a href="#Page_171">171</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XIV">XIV.</a></td> - <td><a href="#Page_184">184</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XV">XV.</a></td> - <td><a href="#Page_200">200</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XVI">XVI.</a></td> - <td><a href="#Page_215">215</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XVII">XVII.</a></td> - <td><a href="#Page_224">224</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XVIII">XVIII.</a></td> - <td><a href="#Page_239">239</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XIX">XIX.</a></td> - <td><a href="#Page_251">251</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XX">XX.</a></td> - <td><a href="#Page_264">264</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XXI">XXI.</a></td> - <td><a href="#Page_277">277</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XXII">XXII.</a></td> - <td><a href="#Page_291">291</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XXIII">XXIII.</a></td> - <td><a href="#Page_303">303</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XXIV">XXIV.</a></td> - <td><a href="#Page_317">317</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XXV">XXV.</a></td> - <td><a href="#Page_330">330</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XXVI">XXVI.</a></td> - <td><a href="#Page_342">342</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XXVII">XXVII.</a></td> - <td><a href="#Page_357">357</a></td> - </tr> - <tr> - <td><span class="font09">Kapitel</span></td> - <td><a href="#XXVIII">XXVIII.</a></td> - <td><a href="#Page_367">367</a></td> - </tr> -</table> -</div> -<p class="pmb3" /> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="Das_Meer">Das Meer</h2> -</div> - - -<div class="block2"> - - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <span class="i4 font09">Es war in meinem Leben</span> - <span class="i4 font09">Das Meer mein treuster Freund,</span> - <span class="i4 font09">Drum bleib' ich mit ihm ewig</span> - <span class="i4 font09">In Leid und Freud' vereint!</span> - </div> <div class="stanza"> - <span class="i4 font09">Wenn einst mein Herz geschlagen<br /></span> - <span class="i4 font09">In tiefster Traurigkeit,<br /></span> - <span class="i4 font09">Dann hat sein lindes Rauschen<br /></span> - <span class="i4 font09">Gestillt mein Herzeleid.<br /></span> - </div> <div class="stanza"> - <span class="i4 font09">Und wenn in Not und Schmerzen<br /></span> - <span class="i4 font09">Mein Herz sich wild gebäumt,<br /></span> - <span class="i4 font09">Dann grollte es und tobte<br /></span> - <span class="i4 font09">Und hat vor Wut geschäumt! —<br /></span> - </div> <div class="stanza"> - <span class="i4 font09">Und zog dann Glück und Wonne<br /></span> - <span class="i4 font09">In meine Seele ein,<br /></span> - <span class="i4 font09">Dann glänzten seine Wogen<br /></span> - <span class="i4 font09">Wie heller Edelstein!<br /></span> - </div> <div class="stanza"> - <span class="i4 font09">Es kräuselte ein Lächeln<br /></span> - <span class="i4 font09">Sein leuchtend Angesicht<br /></span> - <span class="i4 font09">Am Auge blitzten Tropfen<br /></span> - <span class="i4 font09">Wie eitel Sonnenlicht! —<br /></span> - </div> <div class="stanza"> - <span class="i4 font09">So ist das Meer gewesen<br /></span> - <span class="i4 font09">Mein Freund in Glück und Leid,<br /></span> - <span class="i4 font09">Drum bleib' ich ihm ergeben<br /></span> - <span class="i4 font09">in Liebe allezeit!<br /></span> - </div> <div class="stanza"> - <span class="i5 font08">Aus »Schiffslieder« von Gabriele von Rochow<br /></span> - <span class="i6 font08">geb. v. Pachelbl-Gehag<br /></span> - </div> - </div> -</div> -<p class="pmb3" /> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="I">I.</h2> -</div> - - -<p>»Wenn ein Mädchen einen reichen Mann bekommt, -ist es immer glücklich verheiratet!« hatte der alte Kammerherr -von Wahnfried gesagt und dabei die weißbuschigen -Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst. -»Gundula kann Gott danken, daß der Bär von Hohen-Esp -sie zum Weibe begehrt! Ist wohl kein Nest so weich -gepolstert wie das seine, und wenn man den Grafen -ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir das Herz -im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die -sich ihr Männerideal nach Romanbüchern gebildet hat! -Na, und in den Büchern sind die gräflichen Freier meist -jung, schön, reich und ritterlich, just so wie Friedrich Karl -von Hohen-Esp!« —</p> - -<p>Die alte Dame, welche dem Sprecher gegenübersaß, -richtete sich noch straffer empor und legte die großen, -kräftigen, schneeweißen und ungeschmückten Hände im -Schoß zusammen.</p> - -<p>Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich -ruhig auf die hünenhafte Gestalt des Bruders, welcher -auf seinen Krückstock gestützt vor ihr stand und sie schier -herausfordernd anblickte.</p> - -<p>»Jung, schön, reich und ritterlich!« wiederholte sie -langsam, »ja, das ist er, — aber er ist noch mehr, und -dieses ›mehr‹ will mir nicht behagen.«</p> - -<p>»Und das wäre, meine Allergnädigste?« Der Kammerherr -mußte sich des gichtgeschwollenen Fußes wegen auf -den Stock stützen, er konnte nicht den grauen Schnauzbart -seiner Angewohnheit gemäß mit ungestümem Ruck emporstreichen, -aber seine Muskeln arbeiteten desto kräftiger -in dem scharfgeschnittenen Gesicht, so daß sich die starren<span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span> -Haare auf der Oberlippe sträubten wie in zornigem Aufbegehren.</p> - -<p>Alle fürchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn, -nur Fräulein Agathe von Wahnfried nicht. Sie glättete -mit der Hand die rauschenden Seitenfalten ihres Kleides -und antwortete voll unerschütterlicher Ruhe: »Graf Friedrich -Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann, -— die große Welt, in welcher er, der Frühwaise, -so jung schon, selbständig ward, droht sein Verderben -zu werden.«</p> - -<p>»So! — Inwiefern, wenn man fragen darf?«</p> - -<p>»Weil er sich ruiniert, — weil er über seine Verhältnisse -lebt!«</p> - -<p>Der Kammerherr lachte hart auf.</p> - -<p>»Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp über -seine Verhältnisse leben! — Ahnst du, wie reich der -Mann ist?«</p> - -<p>»Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende -verspielen!«</p> - -<p>»Tut er aber nicht!«</p> - -<p>»Tut er doch! — Der Graf ist ein leidenschaftlicher -Spieler. Möglicherweise hat er bis jetzt Glück am grünen -Tisch gehabt, — wenn das aber einmal aufhört, -wird er sich und die Seinen rücksichtslos an den Bettelstab -bringen!«</p> - -<p>»Lächerlich! — Es gibt keinen vernünftigeren Mann -wie Hohen-Esp! Bei Whist und Ekarté macht man -sich nicht bankrott! Ich als Mann dürfte wohl mit den -Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie -eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht -wird, kümmert mich nicht!«</p> - -<p>»Ich habe nie mit einer Dame über den Freier deiner -Tochter gesprochen!« Fräulein Agathe von Wahnfried -sah weder gereizt noch beleidigt aus, ihr großes, gradliniges -Gesicht blieb so ruhig und energisch wie stets. -»Hast du dich bei seinem ehemaligen Regimentskommandeur -erkundigt?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p>»Weil du es leider für überflüssig hieltest. Daß der -Graf Hohen-Esp ein Spieler ist, pfeifen die Spatzen -auf dem Dache.«</p> - -<p>Der alte Herr stieß seinen Krückstock ingrimmig auf -das Parkett. »So; gut; — ein Spieler. Und was noch -weiter? Vielleicht ein Säufer? Ein Weiberheld ... ein -Totschläger ...? He? — Nur hübsch weiter im Text!«</p> - -<p>»Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts -bekannt, — im Gegenteil, man lobt den jungen Mann -als einen sonst sehr liebenswürdigen und ehrenhaften ...«</p> - -<p>»Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst -du etwa, daß ich ihm einen Korb geben soll, lediglich, -weil er mal in fideler Gesellschaft ein Spielchen macht?!« -— und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade durch -den Salon wieder auf, daß der Krückstock auf dem Parkett -dröhnte.</p> - -<p>»Das wäre mir freilich das liebste, denn das ganze -Lebensglück unseres Lieblings einem Spieler anvertrauen ...«</p> - -<p>»Blödsinn! Infamer Blödsinn! Du bist eifersüchtig, -du willst das Mädel überhaupt nicht fortgeben ...«</p> - -<p>»Einem Mann, der mir eine glückselige, sorgenfreie -Zukunft garantiert — sofort! Aber dem Grafen von -Hohen-Esp ...?! Nein; wenn <em class="gesperrt">du</em> mich fragst, sage ich -tausendmal nein, denn ich weiß, daß sie einem namenlosen -Elend entgegengeht!« —</p> - -<p>»Sieh mal an! — Namenloses Elend! — Nette Zukunftsmusik! -Haha!... Na, und was sagt Gundula selber -zu dem riesengroßen Waschkorb, welchen du für ihren -Freier bereitstellst?«</p> - -<p>Da seufzte die große resolute Frau zum erstenmal -schwer auf, und über das ernste Gesicht zog es wie tiefe -Schatten.</p> - -<p>»Gundula ist verblendet!« sagte sie leise, »sie ist ebenso -wie alle anderen von der Schönheit und Liebenswürdigkeit -dieses glänzendsten aller Kavaliere eingenommen! -Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur für -Schimäre zu halten. Was fragt sie danach, ob er die<span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span> -Dukaten auf den grünen Tisch wirft ... wenn <em class="gesperrt">er</em> selber -nur ihr zu eigen bleibt ... man kennt ja die schwärmerische -Genügsamkeit verliebter Menschen, welche sich mit -einem Herz und einer Hütte überreich wähnen!«</p> - -<p>»Gut! — Warum also diesen schönen Wahn zerreißen?«</p> - -<p>»Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe -bleibt! Wenn sie ihr Unglück erst einsieht und begreifen -lernt, ist es zu spät!«</p> - -<p>»Hast du dich von all dem Unglück, welches dich im -Leben getroffen, zu Boden schlagen lassen?«</p> - -<p>»Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...«</p> - -<p>»Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried -reinster Rasse; ist genau dasselbe eisenfeste energische -Weib, wie es alle gewesen sind, welche unser kraftvolles -Geschlecht hervorgebracht!«</p> - -<p>»Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, gäbe -es wohl auf der ganzen Welt eine bessere Bärin von -Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften Pranken um -ihr Glück kämpfen wird?«</p> - -<p>Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem -Griff den schweren Fenstervorhang zur Seite: »He! -Ist das Mädel da unten ein Mondscheinprinzeßchen, -welches ein Wettersturm über den Haufen bläst — eine -Wachspuppe, welche unter ihren eigenen heißen Tränen -zerschmilzt? Ich dächte, nein! Und Graf Friedrich Karl -hat wohl genau gewußt, daß er keine bessere Schirmherrin -in seine Bärenburg einführen kann, als unsere Gundula!«</p> - -<p>Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem -Schritt hinter den Bruder getreten; ihr Blick flog -hinab in den großen Hof, in dessen Mitte sich ihren Augen -ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr besorgtes -Herz zu beruhigen.</p> - -<p>Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie -hatte ihrem kleinen Groom die Zügel zugeworfen und -verabschiedete sich eben noch von dem Rittmeister von -Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten,<span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span> -als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausflügel -lehnte, ins Wanken geriet und mit lautem Krach neben -dem Pferde niederschmetterte.</p> - -<p>Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in -jähem Schreck wild aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos -hing der Groom am Zügel und ließ sich schleifen, -dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher -schrie.</p> - -<p>Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt.</p> - -<p>Mit kraftvoller Hand griff sie zu und drängte den -schnaufenden Fuchs zurück.</p> - -<p>Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen -Reitkleid eng umschlossen, schien aus Stahl und Eisen, -energisch, sicher, und doch bei aller Kraft voll schmiegsamer -Grazie stand Gundula neben dem Durchgänger und zwang -ihn zum Gehorsam.</p> - -<p>Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die -großen, stahlgrauen Augen blitzten einen stummen Befehl, -und das Pferd schäumte ins Gebiß und fügte sich -gehorsam der Gebieterin.</p> - -<p>»Bravo, mein gnädiges Fräulein!« applaudierte der -Rittmeister, und Gundula lachte ihm heiter zu und rief -ein paar siegesfrohe Worte.</p> - -<p>Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte -es sich besonders auffallend, wie ähnlich sie in Gestalt -und Wesen ihrem Vater und Tante Agathe war, von -welchem die Welt sagte, daß sie energisch bis zur Starrköpfigkeit, -klug und zielbewußt bis zur Rücksichtslosigkeit -seien.</p> - -<p>»Und <em class="gesperrt">die</em> sollte nicht ihren Weg gehen und sich von -ein paar Kartenblättern um Glück und Existenz bringen -lassen?«</p> - -<p>Wieder lachte der Kammerherr sein dröhnend tiefes -Lachen.</p> - -<p>»Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das Mädel, und -will sie ihn — so bekommt sie ihn!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span></p> - -<p>»Ein wildes Pferd zu bändigen, ist wohl leichter, als -wie einen leichtsinnigen Menschen im Zügel zu behalten! -Wenn ein Weib liebt, so ist es schwach und ohnmächtig -— und Gundula wird ihren Gatten lieben! Sie wird -auch an seiner Seite so selbstlos und uneigennützig sein, -wie sie es jetzt ist, und das öffnet dem Bankrott Tür -und Tor!« —</p> - -<p>Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem Lächeln -grad aus. »Sie wird ihren Gatten lieben — ja ... Aber -nur so lange voll blinder Nachsicht, bis ein anderer -kommt, den sie noch mehr liebt!«</p> - -<p>Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. »Wie soll ich das -verstehen? Wen könnte sie je mehr lieben wie den -Mann ihrer Wahl?«</p> - -<p>»Ihren Sohn!« — antwortete der Kammerherr langsam, -voll schweren Nachdrucks und in seinen tiefliegenden -Augen glimmte es wieder so seltsam wie zuvor: -»Eine Bärin ist das gutmütigste Geschöpf der Welt, -welches sich geduldig den Pelz zausen läßt, solange sie -nichts anderes hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber -erst junge Brut in der Höhle liegt, dann wird aus dem -sanftmütigen und indolenten Weibchen eine gar wilde, -leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken -hebt und zerbeißt und zerreißt, was das sichere Nest -ihrer Jungen gefährdet! — Je nun! Auch Gundula wird -eine Bärin von Hohen-Esp sein, und wenn sie zuvor nicht -für sich selber kämpfte, für ihre Söhne tut sie es so -wahr und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren -Adern kreist! — — <em class="antiqua">Dixi</em>, Agathe; — ich habe geredet.« —</p> - -<p>»Ja, du hast geredet!« nickte die alte Dame und -reckte ihre markige Gestalt noch entschlossener empor, -denn zuvor, »ich aber werde handeln.« —</p> - -<p>Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und -harrte ihres Verlobten, welcher sie in seiner glänzenden -Equipage, mit dem elegantesten Viererzug, welchen die -Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte.</p> - -<p>Jungfer und Modistin hatten noch geschäftig an -Schleppe, Kranz und Schleier geordnet, als Tante Agathe<span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span> -einen Blick auf die Uhr warf und den Diensteifrigen in -ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das Zimmer zu -verlassen.</p> - -<p>Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit -ihrer geliebten Pflegemutter, welche sie voll strenger, -aber zärtlicher Sorge großgezogen, zu ersehnen.</p> - -<p>Sie schlang die blühenden Arme um den Nacken der -alternden Frau und blickte ihr mit leuchtenden Augen -in das ernste Antlitz.</p> - -<p>»Tante Agathe!« flüsterte sie, »ich weiß, daß du meine -Verlobung mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben -hast! Du liebe, treue Seele hast so schwarz gesehen und -die kleine, harmlose Passion meines Herzliebsten zu einer -wüsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach deiner -Ansicht ruinieren muß! — Hast du auch jetzt noch keine -bessere Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er -es doch auf meinen Wunsch über sich vermocht hat, -während unserer ganzen Verlobungszeit keine Karte anzurühren?«</p> - -<p>— — — Fräulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem -Ausdruck in die verklärten Augen der reizenden -Braut, welche so gar nicht stolz, stark und energisch, -sondern weich, lieblich und hold erglühend wie das verliebteste -und schwächste aller Weiber vor ihr stand. —</p> - -<p>Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen -Mund.</p> - -<p>»Ich sehe, daß du glücklich bist, mein Liebling,« sagte -sie, ihre Lippen auf das wunderschöne Antlitz der Braut -drückend, »und es sei fern von mir, dir diesen sonnigen -Tag durch meine Angst vor dräuenden Wolken zu verdunkeln. -Du hast Zeit gehabt, um zu überlegen, was -du tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche -das Leben an dich stellt, gewachsen sein.« —</p> - -<p>»Ich bin es, Tante! Ich fühle die hohe, heilige Kraft -der Liebe in mir, um meines Gatten willen alles zu -ertragen, was da kommt, alles!«</p> - -<p>»So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die -Herrin von Hohen-Esp!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span></p> - -<p>Ein süßes, reizendes Lächeln verklärte das Antlitz -der jungen Braut.</p> - -<p>»Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je! -— Welch eine Herrschaft möchte ich wohl erstreben, außer -jener einzigen — über sein Herz! — Du fürchtest, Tante, -daß ich einst Mangel an Geld und Gut leiden werde! — -Was frage ich danach? — Wäre Friedrich Karl der -ärmste aller Männer gewesen, ich würde ihn ebenso -geliebt haben, ihm ebenso überglücklich meine Hand gereicht -haben, wie jetzt! Was verlange ich noch vom -Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte? Nichts! -Tausendmal nichts! — Du weißt, daß ich niemals viel -Sinn für Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe. -Dazu hast du mich zu ernst und solide erzogen, hast mich -eine bessere und höhere Werte des Lebens kennen gelehrt. -Die bunte, große Welt mit all ihrer Lust und ihren -Zerstreuungen war mir gleichgültig, ich habe in ihr gelebt, -weil ich von dem Schicksal auf ihren glänzenden -Boden gestellt wurde, aber im Gegenteil, ich würde -meiner Liebe und meines Glückes froher sein, wenn -ich es nicht mit andern teilen müßte. — Dies ist ja der -einzige Punkt, in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten -harmoniere!«</p> - -<p>»Das glaube ich!«</p> - -<p>»Wie bitter das klingt, Tantchen! — Ist es denn -ein Unrecht, wenn Friedrich Karl sich seines Lebens -freut, es gern in möglichst glänzendem Rahmen genießt? -Gewiß nicht, das ist nur Geschmackssache; und da er -die Mittel besitzt, um in der großen Welt zu leben, und -gewissermaßen auch die Verpflichtung hat, seinen Namen -zu repräsentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob -seine Geschmacksrichtung nicht viel natürlicher und richtiger -ist, als die meine!«</p> - -<p>»So wirst du dich bekehren lassen?«</p> - -<p>Gundula neigte das schöne Antlitz so tief, daß die -duftigen Wogen des Brautschleiers darüber hinflossen.</p> - -<p>»Das dürfte schwierig, aber nicht unmöglich sein! Ich<span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span> -werde mich gern dem Geschmack meines Mannes anpassen ...«</p> - -<p>»Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu -deinen Pflichten setzt?«</p> - -<p>Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verständnislos -empor. »Wie könnte das möglich sein?«</p> - -<p>»Wirst du blindlings <em class="gesperrt">alles</em> gut heißen, was dein -Gatte tut? Als Frau lernt man oft sehr viel schärfer -und weitsichtiger urteilen, wie als Mädchen!«</p> - -<p>Das rosige Antlitz war jählings erbleicht, Gundula -hob ihr Haupt und schaute der Sprecherin starr in die -prüfenden Augen. Ein seltsam fremder Zug schlich sich -plötzlich um die lächelnden Lippen, fest und energisch, -ein Gemisch von Stolz und Unwillen.</p> - -<p>»Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch -handelt — was Gott verhüten möge —, werde ich <em class="gesperrt">nicht</em> -derselben Meinung sein wie er, sondern so handeln, wie -<em class="gesperrt">ich</em> es für recht und gut erachte!«</p> - -<p>Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt -über ihre eigenen Worte, das Köpfchen.</p> - -<p>»Aber wie sollte das geschehen? — Wenn er sein -Hab und Gut verspielt, schädigt er ja nicht Fremde, sondern -höchstens sich selber — —«</p> - -<p>»Und dich!« —</p> - -<p>Da lächelt sie wieder. »Ich sagte dir, Tante, daß ich -für meine Person gern auf alles verzichte!«</p> - -<p>Wie weich, wie innig und rührend klang das, wie -leuchteten die blauen Augen so demütig und ergebungsvoll -sanft und treu!</p> - -<p>Agathe preßte die Lippen zusammen und kämpfte -sekundenlang einen schweren Kampf.</p> - -<p>Dann schüttelte sie seufzend den grauen Kopf und -strich liebkosend über das blonde Haupt ihres Lieblings, -um welches die blühenden Myrten rankten.</p> - -<p>»Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein -Vertrauen nicht nehmen, — ich will in dieser Stunde<span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span> -nicht mit Möglichkeiten rechnen, welche vorläufig noch -in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte möchte ich dir -noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...«</p> - -<p>»Tante! Meine liebe — liebe Tante!« —</p> - -<p>»Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament -gemacht und dich nach seinem Tode zur Erbin eingesetzt, -welche unumschränkte Vollmacht über ihr Vermögen hat, -— er hat dies entgegen meinen inständigen Bitten getan, -er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt, -obwohl er weiß, daß du mit deinem Gatten in Gütergemeinschaft -leben wirst. — Je nun, er ist ein Starrkopf -und sein eigener Herr, ich bin überzeugt, daß er -nach bester Überzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula, -bist in Geldangelegenheiten und Geschäftssachen -leider Gottes unerfahren wie ein Kind, darum kann -ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses Testament -für deine Zukunft birgt! — Um so berechtigter ist -aber meine Bitte, welche du hoffentlich nicht abschlägst, -auch wenn du dieselbe in diesem Augenblick noch nicht -verstehst!«</p> - -<p>»Sprich, Herzliebe ...«</p> - -<p>»Du weißt, daß Tante Margarete dir ihr ganzes -Vermögen vermachte, allerdings mit der Klausel, daß -ich, solange ich lebe, den Nießbrauch des Kapitals habe?«</p> - -<p>»Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch -viele lange Jahre dieser Renten freuen!«</p> - -<p>Agathe überhörte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller -Stirn geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig -fort:</p> - -<p>»Von diesem Erbe, welches dir zusteht, weiß niemand -etwas, — dein Vater hat es selbst mir gegenüber -nie erwähnt, er wird auch ganz bestimmt bei Friedrich -Karl nichts davon gesagt haben, wie ja seltsamerweise -der Geldpunkt bei den Herren nie erwähnt worden ist! -Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz -etwas ahnen, wenn du ihm nicht selber Mitteilungen -davon machst!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span></p> - -<p>»Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld gehört -ja noch gar nicht mir!«</p> - -<p>Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame. -»Es gibt Fälle, wo Menschen mit aller und jeder Möglichkeit -rechnen, wenn sie ...« Die Sprecherin brach kurz -ab und fuhr in dringlichem Tone fort: »Auf dieses Kapital -bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe -es mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, <em class="gesperrt">nie</em> und -<em class="gesperrt">nimmer</em> deinem Gatten gegenüber von diesem Erbe -zu sprechen! Gelobe es mir! Schwöre es mir, wenn -dir die Ruhe meiner Seele wert ist! — Sieh mich nicht -so fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht -die Gründe sagen, welche mich zu dieser Forderung bewegen, -— ich beschwöre dich nur mit all der innigen -Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich -flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten -Mutter: Schwöre mir, Gundula, nie und nimmer -zu Friedrich Karl von diesem Geld zu sprechen!«</p> - -<p>In den Augen der jungen Braut glänzten Tränen. -Sie warf sich an die Brust der Sprecherin und schluchzte -leise auf: »Obwohl ich nicht den Grund für diese seltsame -Bitte einsehe, Herzenstante, und das Empfinden habe, -als ob es nur ein unbegreifliches Mißtrauen gegen -meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen -drängt, will ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben, -— dir zur Beruhigung! — Soll ich auf das Bildchen -meiner lieben Mutter schwören? Ach, warum so feierlich, -— es ängstigt mich! Aber wie du willst, Liebste! -Ich bin überzeugt, daß du es gut mit mir meinst!«</p> - -<p>Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild -ihrer toten Mutter und flüsterte tief erbleichend den -Schwur, welcher ihr ein so unerklärliches Schweigen auferlegte.</p> - -<p>»Amen!« sagte Agathe mit fester Stimme, umschloß -die Rechte ihres Pflegekindes mit den gefalteten Händen -und sank neben ihr nieder auf die Knie.</p> - -<p>Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula -hörte nicht die Worte, welche sie sprach.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span></p> - -<p>Unten auf der Straße klang ein jubelndes Hurra! -— brausende Hochrufe aus unzähligen Kinderkehlen.</p> - -<p>Der Bräutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern -banger Glückseligkeit rann wie erlösend durch die -Glieder des jungen Mädchens. Sie trat jählings einen -Schritt in den Erker vor und schaute hinab.</p> - -<p>Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender -Uniform aus dem Wagen springen, sie sah das strahlende -Lachen in seinem schönen Antlitz, wie er nach allen Seiten -grüßte, wie sein Blick voll ungeduldiger Sehnsucht zu -den Fenstern emporflog. —</p> - -<p>Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz -schlug heiß und zärtlich in ihrer Brust, und im Übermaß -des Empfindens schwang sie die Arme um Tante Agathe.</p> - -<p>»Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen -Schwur halten, wenngleich ich überzeugt bin, daß -Friedrich Karl mich nie nach diesem Gelde fragen wird, -daß wir dieses Erbes nie bedürfen! O, liebe, liebe -Tante — ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem -Himmel, und im ganzen Lande ist kein zweites Weib, -welches so beneidet sein wird wie ich in meinem übergroßen -Glück!«</p> - -<p>»Das gebe Gott!« flüsterte die alte Dame und küßte -ihr Herzenskind feierlich auf die Stirn. In demselben -Augenblick aber ward die Tür stürmisch geöffnet, und -voll jubelnden Entzückens, schön und strahlend wie ein -junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp -seine Arme nach der Geliebten aus. —</p> - -<p>Diese Augenblicke gehörten dem jungen Paar; Tante -Agathe trat schweigend in den Erker und blickte auf -die Straße hinab.</p> - -<p>Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als -diese beiden jugendschönen Menschen, welche sich so glückverklärt -in die Augen schauten, als sei die ganze Welt -ein Zauberland trunkener Wonne geworden, — aber -sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu grell -und blendend, als tue es den Augen weh.</p> - -<p>Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span></p> - -<p>Drunten drängte sich eine neugierig erregte Menge -um die prunkende Galakutsche der Bären von Hohen-Esp.</p> - -<p>Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der -schreitende Bär im goldenen Feld. —</p> - -<p>Wird Gundula eine echte, kampfesmutige Bärin werden, -welche zur rechten Zeit die Zähne weisen kann?</p> - -<p>Agathe seufzte tief auf.</p> - -<p>Jenes kraftvoll schöne Mädchen, welches wie eine -Walküre das scheuende Pferd bändigt, ist doch nur ein -schwaches, liebendes, demütiges und unendlich sanftes -Weib, welches sich von dem heißgeliebten Mann ohne -Vorwurf und Groll zugrunde richten läßt. — Ihr Vater -war blind, wenn er von der stolzen Festigkeit ihres -Charakters sprach!</p> - -<p>Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in -den samtweichen Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der -Möglichkeit dachte, daß der Mann, welcher für sie der -Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal eine -gewissenlose und schlechte Tat begehen könne!</p> - -<p>Versteckt sich unter den weißen Taubenschwingen dennoch -der trotzige Nacken der Bärin? — Je nun, ob sie -einst selber für sich und ihre Existenz kämpfen wird, die -reiche, reiche Gräfin von Hohen-Esp, oder ob sie es nicht -tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt -des Verhängnisses ereilt wird — Tante Agathe hat -in dieser Stunde für die arme Verblendete gesorgt — -für sie und ihre Kinder.</p> - -<p>Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten -Herzens auf all die gleißende Pracht, welche ihre grellen -Funken über Kranz und Schleier der jungen Frau wirft. —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Kammerherr war eingetreten.</p> - -<p>Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner -markigen Gestalt so besonders kleidsam gewesen. Auch -gerne ging er trotz des Krückstocks hoch und stolz aufgerichtet, -und ein Ausdruck großer Genugtuung lag auf<span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span> -den eisernen Zügen; dennoch erschienen dieselben farblos -und greisenhaft, und das nervöse Zucken der graubuschigen -Augenbrauen fiel mehr noch auf denn sonst.</p> - -<p>»Ich bin froh, daß ich diesen Tag noch erlebe!« hatte -er am Morgen gesagt, »er gibt meinem Leben einen -guten Abschluß.«</p> - -<p>Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar, -ein schmunzelndes Nicken — und dann bot er seiner -Schwester Agathe den Arm — es schien wenigstens so -— in Wahrheit führte sie ihn.</p> - -<p>»Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.«</p> - -<p>Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang -den Arm noch inniger um die reizende Braut, welche in -der Residenz als gefeiertste Schönheit galt.</p> - -<p>Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche -ihm wie verklärt in Glückseligkeit entgegenstrahlten.</p> - -<p>»Nun bist du mein, Gundula!« flüsterte er, und sein -frisches, hübsches, so lebenslustig lachendes Antlitz färbte -sich höher.</p> - -<p>»Für Zeit und Ewigkeit!«</p> - -<p>»Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich?« —</p> - -<p>»O, daß du fragen kannst!«</p> - -<p>Er lachte beinahe übermütig: »Und wirst nie ein -Geheimnis vor mir haben, kleine Frau?« Er dachte -sich wohl selber nicht viel bei dieser Frage, denn er -blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog ihr -Köpfchen noch fester an die Brust und drückte die Lippen -kosend auf die blühende Myrte in ihrem Haar. Er -bemerkte es nicht, wie sie zusammenzuckte, er sah nicht, -wie sie erbleichte, er wartete auch kaum auf eine Antwort, -sondern fuhr nach kleiner Pause fort: »Deine süßen -Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen laß -mich täglich lesen, daß du glücklich bist! Wahrlich, Gundula, -kein Mensch kann eine festere, redlichere Absicht -haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben sonnig -und schön zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur -Hölle sei mit guten Vorsätzen gepflastert, aber das ist<span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span> -Torheit, denn unser gemeinsamer führt direkt in den -offenen Himmel hinein! Gundula — hast du mich lieb?«</p> - -<p class="pmb3">Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie -antwortete nicht, sondern küßte ihn. — Sonnengold flutete -über sie hin, in ihr Herz aber war ein Schatten gefallen, -der lastete dunkel und schwer, und in all ihrem -traumesschönen Glück zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei -durch ihre Seele: »Tante Agathe, warum -hast du mir das getan!«</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="II">II.</h2> -</div> - - -<p>Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende -Frau galten für das glücklichste Paar im Lande!</p> - -<p>Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben, -weil Sorge und Kummer unbekannte Gäste in ihrem -Hause waren, weil sie alles besaßen, was dem Herzen -Freude — und dem Leben Reiz verleiht, — sondern, weil -sie einander aus heißer, inniger Liebe geheiratet hatten. -Auf Gundulas Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen -auf Burg Hohen-Esp verlebt, und ein paar -Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf weiterer -Fahrt durch das Land begriffen, für etliche Stunden in -dem wunderlichen alten Strandschloß Rast gehalten, konnten -gar nicht genug erzählen, wie wahrhaft verklärt in -unaussprechlicher Glückseligkeit die junge Gräfin dreingeblickt.</p> - -<p>Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts -ersichtlich sehr sympathisch, während der lebenslustige -Gatte wohl nur aus Galanterie und im Rausch des -Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte!</p> - -<p>Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn -der großen Rennen »auf der Bildfläche« erscheinen und -den Winter in der Residenz verleben. Graf Friedrich -Karl habe das heilig gelobt und sehr vergnügt dabei ausgesehen, -auch Gundula habe sehr liebenswürdig gelächelt, -aber doch heimlich geseufzt!</p> - -<p>Ob sie eifersüchtig ist und den Gatten am liebsten -in die Klostereinsamkeit der alten Bärenburg einsperrte? -— Wohl möglich! Aber dann wehe der jungen Frau!</p> - -<p>Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen -und hat auch gar keine Anlage dazu, sein Leben -in Sack und Asche zu vertrauern! — Gundula sei ja -sehr hübsch, und daß sie den jungen Lebemann durch ihre<span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span> -äußeren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich; -ob sie aber das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd -zu fesseln?</p> - -<p>Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das, -was man amüsant nennt.</p> - -<p>Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit -gefallener Engel nie auffällig gehuldigt und sich -beim Bakkarat besser unterhalten wie in den schwülen -Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein Charakter -wie der des jungen Millionärs ganz unberechenbar, und -die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche -früher ganz ferngelegen. Eine eifersüchtige Frau aber -ist immer ein Unglück sowohl für sich wie für andere. -Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme Gedanken -— eine eifersüchtige Frau bringt ihn darauf! Ihre -ewigen Anschuldigungen, ihr Mißtrauen weisen ihm erst -den Weg. —</p> - -<p>Zwar hat man an Gundula stets eine große Sanftmut -und Nachgiebigkeit gerühmt, und selbst ihre Jungfer -hat nach vier Jahren noch versichert, ihr gnädiges Fräulein -sei die verkörperte Herzensgüte —! — Ob aber diese -Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine Bärin -von Hohen-Esp geworden?</p> - -<p><em class="antiqua">Femme varie!</em> und die Eifersucht ist eine Krankheit, -welche so urplötzlich aufkeimt und in Saat schießt wie -das Unkraut auf dem Felde.</p> - -<p>Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der -Residenz das unerschöpfliche Thema, welches am Teetisch -und im Rauchsalon mit gleichem Interesse in allen -Tonarten variiert wurde!</p> - -<p>Währenddessen träumte das junge Paar eine zauberhafte -Spätsommeridylle auf Hohen-Esp, der einsamen, -uralten Burg, welche sich auf bewaldeter Bergkuppe -am Ufer der Ostsee erhebt und weithin über die blauwogende -Unendlichkeit schaut.</p> - -<p>Sie gehört zu dem ältesten Grundbesitz der Familie, -ein düsteres altes Gemäuer, ein Krähenhorst, welchen -die kokette Laune ehemaliger Bewohner gar eigenartig<span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span> -ausstaffiert. Die Bärenburg gleicht in Wahrheit der -Höhle eines Bären, denn die plumpen, massigen Mauern -der graue, stumpfe Turm sind im Innern und Äußern -mit lauter Dingen ausgestattet, welche an den Bär und -seine wehrhaften Pranken erinnern.</p> - -<p>Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als -die beiden riesenhaften Bären, welche am Eingang des -Burgtors Wache halten, aus grimmig offenen Rachen -die Zähne ihr entgegenfletschten, als ihr überall auf -Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur -blickte, Bären in allen Größen und Arten entgegenschauten, -als jedes Möbel oder jedes Gewebe ihr in -Schnitzerei oder Muster das nämliche Motiv zeigten — -Bären! Bären überall! Bald aber gefiel ihr diese absonderliche -Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen -der Familie und den Gedanken hineinlebte, daß -sie nun selber eine Bärin von Hohen-Esp geworden, eine -jener seelen- und nervenstarken, stolzen, gewaltigen -Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust, -wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da -schlug ihr Herz hoch auf im stolzen Selbstbewußtsein, und -beinahe zärtlich haftete ihr Blick auf den braunzottigen -Gesellen, welche in dieser verzauberten alten Herrlichkeit -die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrüßten.</p> - -<p>Ja, verzaubert!</p> - -<p>Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die -mächtigen Buchenwipfel im Parke raunte es und um -die verwitterten Steinbilder der wappentragenden Bären -ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und Murmeln, -wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches -seine Zauber um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen -Zauber, eine sanfte Taube in eine gar wilde -und trotzige Bärin zu verwandeln! —</p> - -<p>»Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!« -lachte Friedrich Karl, als sie eines Abends auf -der Zinne des Turmes standen, weit hinab über die -Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer -zu schauen, in welches der glühende Sonnenball langsam,<span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span> -durch violette Dunstschleier tauchend, herniedersank. -»Ich begreife dich nicht, daß es dir hier in der entsetzlichsten -aller vermoderten und verräucherten Bärenhöhlen -so gut gefällt! So schön, wie Hohen-Esp seinerzeit als -Sitz der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, -so völlig überlebt hat sich sein mystischer Zauber in -unserer heutigen Zeit voll Komfort, Eleganz und Leichtlebigkeit! -Ich hatte im stillen eigentlich gehofft, Gundula, -du würdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche -schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, -schleunigst Reißaus nehmen! ›Alle Tage Feldhühner‹ -ist kaum so greulich, wie ›alle Tage Bären!‹ — Bären, -wo man sie sich nur denken kann, — man kann keinen -Löffel in die Hand nehmen, ohne den Bär darin graviert -zu finden, kein Glas, kein Sessel — kein Teppich ... -keine Wand ... brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere -Altvorderen sind mit diesem Bärenkultus schließlich langweilig -geworden!«</p> - -<p>Beinahe erschrocken sah die Gräfin den Sprecher an. -»Langweilig? und das sagst du, Friedrich Karl, der -Nachkomme dieses herrlichen Geschlechts, für den jeder -Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein sollte? — -Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen -Hohen-Esp — und doch ist es mir, als sei mein Herz -und Sinn schon ganz und gar verwoben mit ihm, als -wüchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten Größe, als -neige sich jedes dieser Bärenhäupter mir zu mit trautem -Gruß und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, -durch Räume zu schreiten, wo ringsum die Andenken von -Vätern und Ahnherren sprechen, wo alles davon zeugt, -was sie einst waren und was wir Glückseligen jetzt sind, -— wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns -sprechen! O du lieber Mann, — ich habe zuvor nie -darüber nachgedacht, wie schön es wohl sein müsse, die -Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg -deiner Väter, da überkommt es mich wie eine heiße, -ehrfurchtsvolle Sehnsucht, wie eine jauchzende Begeisterung -bei dem Gedanken, daß ich berufen sein möchte, - <span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span> -diesem alten, trotzigen Bärengeschlecht einen Erben zu -schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst -so edel, so ritterlich und herrlich sein wird, wie -alle jene heldenhaften Männer, welche ehemals in diesen -Räumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die grauen -Quadersteine gemeißelt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben -und in seinem Sinne lebten und starben —</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Christe Kyrie ...<br /></span> -<span class="i0">Zu Land und See,<br /></span> -<span class="i0">Schirmherr der Not —<br /></span> -<span class="i0">Das walt' Herre Gott!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Mit entzücktem, schier staunendem Blick sah Graf -Hohen-Esp auf die Sprecherin.</p> - -<p>Wuchs sie tatsächlich neben ihm empor, oder täuschte -ihn sein Auge, daß er ihre schlanke Gestalt plötzlich -so hoch und stolz, so bärenhaft markig neben sich sah?</p> - -<p>Und dieses schöne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden -Augen ... gehörten sie wahrlich seiner ernsten, -träumerisch stillen Gundula? —</p> - -<p>Fester schlang er den Arm um sie, heißer noch küßte -er ihre Lippen.</p> - -<p>»Schade, daß mein guter Vater dich nicht sprechen -hören kann, du wärest wahrlich eine Schwiegertochter -nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war in der -Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, -wie ihn der alte Wappenspruch verlangt; er hat viel -Gutes getan, und wenn auch nicht mit gewappnetem Arm -gegen die Seeräuber hier von dem Bärenhorst aus, so -doch als moderner Mann im Reichstag und von der -Ministerkanzel aus; du weißt, wie man sein Andenken in -Ehren hält! — Ja, ein moderner Mann! — Hohen-Esp -bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, -zu weltfern und unbequem, die Telegraphendrähte hatten -ihr Netz allzu gebieterisch um ihn gesponnen. — Da -hatte er sich Schloß Walsleben für den Sommeraufenthalt -zurechtmachen lassen, — auch ein von den Vätern -ererbter ›heiliger‹ Boden, aber doch etwas behaglicher -und komfortabler wie hier die alte Bärenhöhle! Garnison - <span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span> -in der Nähe, flotte Kavallerie — elegante und -distinguierte Gutsnachbarschaft — kurzum ... man kann -da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, -diesem hübschen Besitz möchte ich mein wonniges Weib -auch einmal zuführen! Wir waren nun drei Wochen hier, -— die Walslebener dürfen doch nicht eifersüchtig werden?!«</p> - -<p>Wie innig er sie an sein Herz drückte, wie schmeichelnd -seine Stimme klang, wie unwiderstehlich war der strahlende -und heitere Blick seiner Augen, welche in letzter -Zeit doch oftmals recht müde und gelangweilt in die -Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten!</p> - -<p>Ein Gefühl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, -wenn sie an Scheiden dachte, — wie unaussprechlich -glücklich war sie hier gewesen! — wie redete jedes Zimmer, -jedes Plätzchen im Park von einer Zeit berauschend -seliger, junger Liebe! — Nie und nimmer würde sie -sich in Hohen-Esp langweilen, und müßte sie ihr ganzes -Leben hier zubringen! —</p> - -<p>An seiner Seite ... im Verein mit ihm — wäre es -nicht Paradieseswonne gewesen?</p> - -<p>Aber was galten ihr die eigenen Wünsche, wenn Friedrich -Karl andere Pläne hegte?</p> - -<p>Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Kuß -von seinem Munde, und die Bärin war wieder die willenlose -Taube, welche mit demütigem Lächeln nickt: »So -bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja -überall schön, wo du bist!« —</p> - -<p>»Gut, — sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! -Das genügt, daß du dein neues Heim, die -Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ... -dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!« —</p> - -<p>»Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon -letzt!«</p> - -<p>»Hierher nach Hohen-Esp?« er lachte beinahe übermütig: -»Nein, meine kleine Schirmvogtin, diese Extratour -war nur ein Beweis meines unbedingten Gehorsams! - <span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span> -Du wünschtest, die Bärenburg kennenzulernen, -— und ich war Wachs in deinen Händchen, wie ich stets -im Leben sein werde! — Nun aber kommt die Belohnung -für diesen Separatarrest, obwohl derselbe so süß und -wonnig war, daß er seinen Lohn schon reichlich in sich -selber trug! — Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden -und nimmersatte Kreaturen! Auf das schöne -Exil in Hohen-Esp folgt ein noch schöneres in Walsleben, -und wie man nach der süßen Speise noch Konfekt -und Früchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine -Spritztour gen Nizza, San Remo — Monte Carlo — — -usw. — servieren!«</p> - -<p>»Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem -Herzliebsten gegenüber Sklavin!«</p> - -<p>»Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen -wir! — Hurra ... laß uns sogleich hinab und die Befehle -zum Kofferpacken geben —!«</p> - -<p>Sie hielt seine Hände fest. »Und der schöne Sonnenuntergang?« -flüsterte sie bittend, mit einem langen, sehnsüchtigen -Blick nach dem fernen Meer.</p> - -<p>»Scheint die Sonne noch so schön — einmal muß sie -untergehn!« rezitierte er scherzend. »Du weißt, daß ich -für Naturschönheiten leider Gottes sehr wenig Verständnis -habe, aber wenn es dir Freude macht ... selbstverständlich, -Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schluß der -Vorstellung hier ... Du weißt ja, die dienstbaren Geister -sind gewandt genug im Packen, um uns morgen früh -noch den Schnellzug erreichen zu lassen!« —</p> - -<p>»Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir! -Jene graue Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen, -ehe sie den Horizont erreicht ...«</p> - -<p>»Wie nett von der Wolkenwand!« —</p> - -<p>»Schäm' dich, du lieber Spötter!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Meine</em> Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste -— dein Auge strahlt mir Tag und Nacht!«</p> - -<p>Sie gingen Arm in Arm — hinter ihnen aber erlosch -das leuchtende Tagesgestirn, — es ward Nacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst -jedes Frauenherz entzückt und hoch befriedigt hätte. —</p> - -<p>Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erfüllung -eines jeden, selbst des anspruchvollsten Wunsches. Es -würde die junge Frau auch beglückt haben, wenn sie -mehr Wert auf äußeren Glanz gelegt, und Sinn für -all die vielen, hübschen Nichtigkeiten gehabt hätte, mit -welchen das moderne Wohlleben sich ausstattet und -welche einer Reihe von müßigen Tagen einen scheinbaren -Inhalt verleihen.</p> - -<p>Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion für -Geselligkeit und alles, was mit derselben zusammenhing.</p> - -<p>Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett, -und die reinste Freude, welche sie empfinden konnte, -war diejenige an einer schönen Natur, mit all dem -stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern, welche -ihrem Schöpfer Preis und Ehre geben.</p> - -<p>Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten -ein übergroßes Glück gefunden, war ihre Neigung für -die Einsamkeit eher größer, denn geringer geworden, -und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles -gefunden, was sie schön und wonnig deuchte, um so weniger -entsprach das Walslebener Schloß mit seinem eleganten -Leben und Treiben ihrem Geschmack. Dennoch -verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste Seufzer, -wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem glücklichen -Gesicht ihres Mannes an, daß er sich außerordentlich -wohl fühlte, und was hätte der selbstlosen und anspruchslosen -Seele Gundulas mehr Befriedigung geben -können, als den Geliebten froh und zufrieden zu sehen?</p> - -<p>Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin -kaum den eigenen, fürstlichen Besitz in Augenschein genommen, -in die Nachbarschaft, um Besuche abzustatten.</p> - -<p>Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben -weilte, drängten sich die Einladungen; man besuchte -Feste und sah wiederum Gäste bei sich, und Gundula -empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige -Vergnügungshetze doch mit unendlicher Wonne, - <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span> -daß Friedrich Karl eine stolze Genugtuung darin fand, -der Welt sein junges Weib zu zeigen, daß er sich beneidenswert -und glücklich in ihrem Besitze fühlte. —</p> - -<p>Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch schöne, -stille Stunden, wo der Geliebte ihr allein gehörte, wo -er sich ihr voll zärtlicher Ritterlichkeit auch ausschließlich -widmete!</p> - -<p>Dafür dankte sie ihm durch eine stets liebenswürdige -Bereitwilligkeit, ihm hinaus in das laute, bunte Leben -zu folgen, und als die für Walsleben festgesetzte Zeit -abgelaufen war und der junge Graf voll ungeduldiger -Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab -sie gern Befehl, die Koffer zu packen.</p> - -<p>Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer -durch die Welt!</p> - -<p>Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die -Krankheit des Vaters führte sie alljährlich in dasselbe -Bad, und Tante Agathe liebte es nicht, sich in einem -»rollenden Sarge« durchschütteln zu lassen.</p> - -<p>So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genußreiche -Stunden, denn Friedrich Karl unternahm ihr -zu Liebe jede Partie und jede Promenade über Berg -und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl -er selbst in freimütiger Ehrlichkeit bekannte, daß er -jedweder Kunst gegenüber Barbar sei. Dafür speiste -Gundula ihm zu Liebe mit an der amüsanten <em class="antiqua">table -d'hôte</em>, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte, -machte große Toilette, wenn er es verlangte, und opferte -Ruhe und Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas -länger an dem grünen Tisch zu sitzen.</p> - -<p>Monte Carlo!</p> - -<p>Anfänglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch -ein Höllenabgrund in diesem Paradiese gähnte. Sie sah -voll naiver Verständnislosigkeit dem Spiel zu, bis es -ihr allmählich klar ward, was dasselbe eigentlich bedeuten -wollte.</p> - -<p>Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz -hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p>Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut -fieberischer Erregung immer dunkler und heißer in sein -schönes Antlitz stieg, wie die Banknoten in seiner Brieftasche -mehr und mehr zusammenschmolzen.</p> - -<p>»Herzliebster« — flüsterte sie in sein Ohr —: »laß -uns gehen — ich sterbe vor Müdigkeit!«</p> - -<p>Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldstücke -zusammen und bot ihr den Arm.</p> - -<p>»Vergib mir, <em class="antiqua">darling</em>! es ist in der Tat sehr spät -geworden ... aber im Eifer des Spiels ... ich habe gar -nicht daran gedacht, daß du in letzter Zeit immer so -spät zu Bett gekommen bist.«</p> - -<p>Sie fürchtete, daß er sie heimbegleiten und noch einmal -an den grünen Tisch zurückkehren werde, aber er -tat es nicht, er sagte nur lachend: »Heute habe ich infames -Pech gehabt! Das kommt von allem Glück in der -Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle -wieder zurück.«</p> - -<p>Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit größere -Summe.</p> - -<p>»Ich muß an meinen Bankier telegraphieren,« sagte -er, »unser Reisegeld ist auch schon futsch!«</p> - -<p>Da faßte sie flehend seine Hände, und ihre blauen -Augen schauten voll Angst in sein schönes, sorgloses -Antlitz. —</p> - -<p>»Friedrich Karl ...« flüsterte sie, »ach, laß uns fort -von hier!«</p> - -<p>Er lachte hell auf und küßte sie: »Ich glaube, du -hast Angst, daß ich uns hier bankrott spiele!« scherzte -er. »Unbesorgt, du liebes Närrchen! Die paar tausend -Franken reißen noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und -einmal muß ich doch auch wieder gewinnen!«</p> - -<p>Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die nächsten -Tage unaufhörlich. — Die namhafte Summe, welche -sein Bankier ihm angewiesen, schmolz dahin wie der -Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch -immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nervöses -Lachen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span></p> - -<p>»Friedrich Karl ... laß uns fort von hier!« flehte -Gundula abermals, und diesmal rollten ein paar große -Tränen über ihre Wangen und netzten seine Hand.</p> - -<p>Er zuckte zusammen.</p> - -<p>»Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du -glaubst doch nicht etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt -über mich, als dieser süße Engel, welchen ich mir -selbst zum Wächter meines Glückes gesetzt habe?«</p> - -<p>Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm -mit, daß mit dem Kurierzug am nächsten Vormittag -weitergereist werden solle. So unbeschreiblich glücklich, -wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder.</p> - -<p>Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten -kein verblendeter und leidenschaftlicher Spieler, -welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte mehr zugänglich -war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen -— und diese Gewißheit beseligte sie.</p> - -<p>Die nächstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar -in Saus und Braus in der heimatlichen Residenz. Graf -Hohen-Esp machte ein glänzendes Haus, und da er nie -im Leben gefragt hatte: »<em class="gesperrt">kann</em> ich mir dies oder jenes -gestatten«, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern -war sehr erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages -eröffnete, er sei nicht in der Lage, noch mehr Gelder zu -zahlen, da die zuständigen Revenuen bereits an die -Adresse des Herrn Grafen abgeführt seien.</p> - -<p>»Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal -kaum angefangen?« — staunte Friedrich Karl, die Zigarette -im Mund, die Hände in den Taschen seines Jacketts -versenkt. »Sonst war das doch sehr viel mehr?«</p> - -<p>»Herr Graf vergessen, daß das Kapital sehr abgenommen -hat; die Summen, welche nach Monte Carlo geschickt -wurden, die Ehrenschuld, welche an Herrn von X. — -und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde ...«</p> - -<p>»Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen?« wunderte -sich der junge Mann sehr gelassen, »das ist ja -fatal. Aber ich muß doch momentan was haben! — - <span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span> -Vom nächsten Quartal an können wir ja manches sparsamer -einrichten. Aber gerade jetzt muß ich so mancherlei -berappen ... was fangen wir da an, Alterchen?« —</p> - -<p>Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln.</p> - -<p>»Sehr schwierig, Herr Graf ...«</p> - -<p>»Schnacken! — Können Sie nicht die Schafe mal -wieder scheren lassen? — Wir heizen ein bißchen ein -im Stall!«</p> - -<p>Der Administrator lachte. — »Dann müßten wir ihnen -das Fell abziehen!« —</p> - -<p>»Oder können Sie keinen Wald schlagen lassen?«</p> - -<p>»Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert, -Herr Graf, daß da nichts mehr weg darf! Höchstens -die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ... da sind -starke Stämme ... die würden einen guten Ertrag geben ...«</p> - -<p>Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in -sein lockiges Haar. »Meine Frau hat eine Leidenschaft -für das alte Bärennest und den schönen Hochwald ... -sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ... -also ganz herunter darf das Holz nicht ...«</p> - -<p>»Würde der Förster auch gar nicht zugeben, Herr -Graf!«</p> - -<p>»Was <em class="gesperrt">der</em> zugeben kann und will, ist mir ganz gleichgültig! -Lassen Sie die Sache <em class="gesperrt">so</em> machen, daß die stärksten -und schönsten Bäume ausgeforstet werden. Verstanden? -— um den Wald etwas zu lichten!«</p> - -<p>»Befehl, Herr Graf!«</p> - -<p>Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von -Hohen-Esp klangen nach wie vor die Flöten und Geigen, -klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn die Goldstücke -auf dem Spieltisch, Friedrich Karl amüsierte sich, -reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer -und ritterlicher Gatte, wenngleich die immer -blasser werdenden Wangen und der müde, resignierte -Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher hervortraten.</p> - -<p>Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag - <span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span> -gestorben, und während des Trauerjahres, wo -man doch nicht gut die Saison mitmachen konnte, unternahm -Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin -eine Reise um die Welt.</p> - -<p>»Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen!« -sagte Friedrich Karl in seiner leichten, fröhlichen -Art, »da könntest du mir eigentlich einen Gefallen -tun! Es ist momentan schwer für mich, Geld flüssig zu -machen, — du weißt, daß das bei Grundbesitz immer -seinen Haken hat! Darum wäre es mir sehr lieb, du -rücktest ein bißchen von deinem Mammon heraus, um -die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du? Wärest auch -die beste Frau der Welt!«</p> - -<p>Er küßte ihre Wangen und Hände, und sie lächelte -ihr stilles, müdes Lächeln, schmiegte sich an ihn und -nickte: »Nimm soviel du willst! Was soll ich mit dem -Geld? Ich freue mich ja so, daß wir während der -Reise endlich einmal uns wieder selbst angehören können!«</p> - -<p>Und er nahm Geld, — soviel er wollte, denn die -Reisekosten waren nicht gering.</p> - -<p>Ach, wie hatte Gundula gehofft, daß sie das Trauerjahr -still und behaglich in der schönen Einsamkeit von -Hohen-Esp verleben würden, endlich, endlich einmal wieder -glücklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer Ehe!</p> - -<p>Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an, -ein stetes Zusammenleben mit fremden Menschen, deren -Mittelpunkt der schöne, liebenswürdige Graf ja ständig -war!</p> - -<p>Reiche Engländer und Amerikaner schlugen ein Spielchen -vor ... und um die Langeweile der endlosen Seefahrten -zu lindern, spielte Friedrich Karl; — manchmal -mit Glück, — meist mit recht erheblichen Verlusten.</p> - -<p>Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte -er seiner blassen Frau so <em class="antiqua">en passant</em> einmal mit, daß die -Reiserei doch infam teuer gewesen sei und ein Heidengeld -verschlungen habe! Das ererbte Kapital sei beinahe -draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ... -und da keine Kinder da sind, für die man zu sorgen hat, - <span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span> -ist es ja gleichgültig, wo es bleibt! — Gundula hatte -ohne ein Wort still vor sich hingenickt.</p> - -<p>Nein, es waren keine Kinder da, für die man hätte -sparen und sorgen müssen!</p> - -<p>Der Graf setzte sich an den Flügel und spielte den -feschen Walzer, welchen er jüngst zum erstenmal wieder -in einem Ballsaal gehört hatte, und Gundula erhob sich -lautlos, schritt über die weichen Teppiche nach ihrem -kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche -Antlitz in die Atlaskissen.</p> - -<p>Nein — es waren keine Kinder da, für die man hätte -sparen und sorgen müssen!</p> - -<p>Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde -als eine ja wohl fatale, aber doch nicht zu ändernde Tatsache -aussprach, das fraß ihr seit Jahren schon wie -nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr wie -ein grausames Schicksal, wie eine Bürde, unter welcher -sie freud- und trostlos daherschlich. —</p> - -<p>Ein Sohn! — ach, daß sie einen Sohn hätte! Wenn -sie zurückdenkt an jene ersten, traumseligen Wochen in -Hohen-Esp, mit welch einer stolzen Glückseligkeit sie zu -den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut und -ihnen zugeflüstert hatte: »Einen Sohn will ich euch -einst zuführen, einen jungen Bären, furchtlos, brav und -rechtschaffen, ein Schirmvogt der Schwachen, ein Retter -der Gefährdeten, ein Edelmann in Tat und Wort, — -so wie ihr es gewesen seid!« —</p> - -<p>Wie glühte ihr damals das Herz in der Brust voll -stolzer Begeisterung, — wie träumte sie mit offenen -Augen einen herrlichen, goldenen Traum! — Wehe ihr! -es ist nur ein Traum gewesen und geblieben!</p> - -<p>Kein Kind im Hause! —</p> - -<p>Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das -klimpert mit Geldstücken und schlägt klatschend die Karten -auf! —</p> - -<p>Anfänglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten -Händen dagegen gerungen, dann aber sind diese -Hände müde und matt geworden, ihr Herz schwer und - <span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span> -starr, es hat nicht mehr in törichten Hoffnungen geglüht -und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, daß -das Vermögen, das große, gewaltige Vermögen des -Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz!</p> - -<p>Für wen sollte es erhalten bleiben?</p> - -<p>Sie selber bedarf weder Glanz noch Üppigkeit, sie -wird die Stunde segnen, wo die goldene Brücke, welche -ihren Gatten in die falsche, bunte, treulose Welt führte, -zusammenbricht.</p> - -<p>Dann muß er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts -mehr zwischen sie drängen, dann wird sie vielleicht noch -einmal in einem stillen, weltfernen Winkelchen glücklich -sein!</p> - -<p>Glücklich?!</p> - -<p>Sie schluchzt laut auf.</p> - -<p class="pmb3">Wofür also sparen? — Es ist ja kein Kind im Haus!</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="III">III.</h2> -</div> - - -<p>Die Zeit verging, — für Gundula schleichend, mit -bleiernen Flügeln, für ihren Gatten in wirbelndem Tanz.</p> - -<p>Da es der Gräfin in das Herz schnitt, unter so gänzlich -veränderten Verhältnissen auf Hohen-Esp zu weilen, -so hatte sie eigentlich darauf verzichten wollen, in diesem -Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort zu reisen, -da trat jählings ein Ereignis ein, welches das bleiche -Antlitz der müden jungen Frau in schier blendende -Sonnenhelle tauchte.</p> - -<p>Anfänglich wagte sie es kaum, an ihr verspätetes Glück -zu glauben, ihr Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre -Seele jauchzte in Hoffnung, und auf ihren Wangen -blühten wieder Rosen auf, ihre Lippen lächelten wie -im Traum. Friedrich Karl beobachtete überrascht und -erfreut die sichtliche Veränderung seiner sonst so resignierten -Frau, und als er sich eines Tages sogleich nach -dem Diner mit scherzenden Worten und einer kleinen -Galanterie über ihre leuchtenden Augen und blühenden -Wangen zurückziehen wollte, — da hielt sie sanft seine -Hände fest, führte ihn nach ihrem dämmrig stillen Salon -und warf sich voll bebender Erregung an seine Brust.</p> - -<p>»Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und -frägst doch nicht nach der Ursache, welche mich neu -aufleben läßt in übergroßer Seligkeit?«</p> - -<p>Überrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf -dem Diwan Platz und murmelte betroffen: »Ich verstehe -dich nicht, Gundula ... hast du etwa das große Los -gewonnen?«</p> - -<p>Sie lachte unter Tränen. »Nur das große Los? Ach, -was bedeutet alles Geld und Gut der Welt gegen unser -Glück?!«</p> - -<p>Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schönen Haupt. -»Sprich, Liebling ... foltere mich nicht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p>Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm -und flüsterte ihm ein paar Worte in das Ohr.</p> - -<p>»Gundula!« — schrie er beinahe auf: »Gundula — -ist das Wahrheit? — Uns sollte ein Erbe geboren werden -— ich sollte noch ein Kind auf den Armen wiegen?«</p> - -<p>Er sprang empor, er stürmte im Zimmer auf und -nieder, und dann bedeckte er ihre Hände, ihr verklärtes -Gesicht mit brennenden Küssen.</p> - -<p>»Ja, das ist ein unerwartetes Glück, Gundula!« jubelte -er, »nun ist ja dein heißester und sehnlichster Wunsch -erfüllt!« —</p> - -<p>»Und der deine nicht auch?«</p> - -<p>Wie ein Erbleichen ging es über sein erhitztes Gesicht, -er sah sie nicht an, sondern preßte die Wange gegen -ihre Hand.</p> - -<p>»Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir -gleichgültig sei, ob die Hohen-Esps aussterben oder nicht! -Neun Jahre lang hatte ich mich freilich an diesen Gedanken -gewöhnt ... ich rechnete mit jeder Möglichkeit, -nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!«</p> - -<p>Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch -über die perlende Stirn, dann lachte er abermals hell, -beinahe übermütig auf und fuhr fort: »Ja, nun müssen -wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp fahren, -damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und -Allongeperücke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze -Glück erzählen kannst, daß ihnen ein Urenkel geboren -werden soll, daß Gräfin Gundula der alten Bärenburg -für einen jungen Bären sorgen will!« —</p> - -<p>»Und wenn es eine Bärin ist?«</p> - -<p>»Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hüten«, -lächelte er galant, und dann küßte er die Lippen seiner -Frau und setzte die elektrische Klingel in Bewegung, um -dem Diener zu sagen, daß er heute abend zu Hause -bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden -mit der Meldung, daß der Herr Graf heute verhindert -sei zu kommen. —</p> - -<p>Gundula aber faltete die bebenden Hände und schloß - <span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span> -lächelnd die Augen ... kam es noch einmal zurück, das -Glück, das große, märchenhafte Glück von ehemals? — —</p> - -<p>— — — Als der Gräfin lächelndes Antlitz sich zum -Schlaf in die Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl -ruhe- und rastlos in seinem Zimmer auf und nieder.</p> - -<p>Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen -Brief, welcher den Administrator anwies, sofort dem -Abholzen der Hohen-Esper Waldungen Einhalt zu tun.</p> - -<p>Er hatte sich in sehr mißlicher Lage befunden und -nach kurzem Kampf den Befehl gegeben, die herrlichen -Buchenwaldungen um die Burg herum schlagen zu lassen, -— hatte doch Gundula geäußert, daß sie keinen Aufenthalt -wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schämte -sich vor all den Ahnherren im Saal, daß sie ihnen noch -immer keinen Stammhalter zuführen könne!</p> - -<p>Das war nun anders geworden!</p> - -<p>Jetzt, nach neunjähriger Ehe! Wer hätte das gedacht!</p> - -<p>Nun war Gundulas Liebe für den alten Ahnensitz -neu entflammt, und auf keinen Fall durfte sie die Verwüstungen -in ihren geliebten Wäldern erblicken!</p> - -<p>Das war ein recht fataler Zwischenfall!</p> - -<p>Was sollte er nun beginnen?</p> - -<p>Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden, -ach, Gundula ahnte es nicht, <em class="gesperrt">wie</em> schlecht!</p> - -<p>Er mußte absolut eine bedeutende Summe flüssig -machen, um eine Spielschuld zu bezahlen!</p> - -<p>Infam! er hatte während der letzten Zeit so viel Pech -gehabt, und wenn er einmal gewann, so rannen die Dukaten -wie Wassertropfen durch die Finger! Es ist seltsam, -daß in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt!</p> - -<p>Es wäre auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene -Geld angelegt hätte, anstatt es jedesmal zu -verjubeln, ... aber du liebe Zeit! Für wen hätte er -sparen sollen! Wie konnte er ahnen, daß noch einmal -Kinder kommen würden!</p> - -<p>Je nun, das muß jetzt alles anders werden. Er -wird diese eine Spielschuld noch bezahlen und dann mit -allem Ernst danach trachten, seine Verhältnisse wieder - <span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span> -zu arrangieren! Er muß noch eine Hypothek auf Hohen-Esp -aufnehmen!</p> - -<p>Walsleben, Mönchhagen und Gottern sind bereits derart -belastet, daß er mit diesen Gütern kaum noch rechnen -kann, und das Kapital ist lange verbraucht, ebenso das -Erbe seiner Frau!</p> - -<p>Friedrich Karl stöhnt leise auf, schlägt die Hände -vor das Antlitz und sinkt in einen Sessel nieder.</p> - -<p>Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist -wie verklärt — ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Glückseligkeit!</p> - -<p>Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im -ersten Rausch der Überraschung tat auch er es! — gewiß! -— welch eines Mannes Herz schwellt nicht Stolz und -Genugtuung, wenn er Vater werden soll!</p> - -<p>Ja, er freute sich wie ein Trunkener, — ohne jede Überlegung, -— die rührende Ergriffenheit seiner guten Frau -steckte auch ihn an!</p> - -<p>Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei nüchterner -Überlegung, da schleicht sich in dieses Glücksgefühl -eine beklemmende Angst, die sorgende Frage: was soll -aus dem Kind werden?</p> - -<p>Wie willst du es ernähren? Von was einst standesgemäß -unterhalten?</p> - -<p>Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater -fragt: »Wo blieb das Erbe meiner Väter?« Welch -ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf Friedrich Karl -will ihn nie hören, — nie! — Er will, er muß es -wieder einbringen, was er vergeudet hat! —</p> - -<p>Aber wie? —</p> - -<p>Je nun, das Glück kann ihm nicht immer den Rücken -kehren, einmal muß er doch wieder mit Erfolg spielen, und -dann wird er jeden Gewinn anlegen und sein Vermögen -ersetzen. All die Herren, welche durch ihn reich -geworden sind, müssen ihm Revanche geben, sie müssen -es, wenn sie Ehrenmänner sind!</p> - -<p>— Der Graf sprang ungestüm auf und sah nach der -Uhr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span></p> - -<p>Sind sie noch im Klub versammelt?</p> - -<p>Nein, — es ist zu spät.</p> - -<p>Aber morgen! — morgen! —</p> - -<p>Und am nächsten Tage spielte er voll nervöser Leidenschaft, -hitziger, aufgeregter, wie je.</p> - -<p>Und er gewann!</p> - -<p>Sein Kopf brannte! Wie unsinnig vor Freude stürmte -er zu dem Bankier und legte das Geld an! — Und -dann hatte er noch eine Chance!</p> - -<p>Der Herzog war entzückt von seinem Viererzug schönster -Rappen, welchen er gern seiner jungen Schwiegertochter, -der Prinzessin Margarete, zum Geschenk machen wollte.</p> - -<p>Prinz Georg, welcher mit Hohen-Esp unterhandelte, -bot eine enorme Summe, aber die Eitelkeit des Grafen -litt es nicht, daß er sich von seinen berühmten Pferden -trennte. Das war jetzt anders geworden.</p> - -<p>Er mußte für seinen Sohn Kapital machen! Noch -an demselben Tage verkaufte er die Rappen, und das -Geld brachte er abermals auf die Bank!</p> - -<p>Welch ein Vergnügen ihm das bereitete! Es war etwas -so Neues für ihn, zu sparen!</p> - -<p>Vorläufig schaffte er auch keine anderen Pferde wieder -an. Er kündigte dem zweiten Kutscher, und freute sich, -wieviel er dadurch ersparte, — den Unterricht für den -anspruchsvollen Engländer und vier Rationen! —</p> - -<p>Er muß weiter überlegen, wie und wo er sparen kann, -ohne daß Gundula es merkt, denn ein Gefühl der Scham -hält ihn plötzlich davon ab, seiner Frau einzugestehen, wie -gewissenlos er bisher gewirtschaftet hat. —</p> - -<p>Und er spart und legt an ... und dann schlägt das -Glück einmal wieder um und er muß alles wieder von -der Bank abholen, um die Spielschulden abzutragen!</p> - -<p>Es ist ein qualvoller Kampf, ein Auf und Nieder, -ein Wasserschöpfen mit dem Sieb!</p> - -<p>Aber Graf Friedrich Karl kämpft voll zäher Beharrlichkeit, -er denkt an seinen Sohn! Und er sorgt und müht -sich immer leidenschaftlicher und nervöser, je mehr er - <span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span> -es beobachtet, wie in Gundulas Wesen eine wunderbare -und auffällige Veränderung vor sich geht. —</p> - -<p>Wie in langem Staunen haftet sein Blick oft verstohlen -auf der Gräfin.</p> - -<p>Ist dies dieselbe resignierte, müde, sanfte und gleichgültige -Frau von ehedem, welche auf all seine Wünsche -nur ein selbstloses: »wie du willst!« hatte, welche mit -gesenktem Haupte einherschritt, interessenlos, und so matt -und scheu, wie eine weiße Taube, welcher ein Sturm die -Schwingen brach?</p> - -<p>Ist dies dieselbe Gundula, welche zu ihrem eigenen -Schatten geworden war? —</p> - -<p>Jetzt ist es, als ob ein Steinbild endlich zum Leben -erwacht sei!</p> - -<p>Ihre Gestalt wächst hoch und kraftvoll empor, ihr Haupt -hebt sich stolz und selbstbewußt auf den Schultern, und all -ihre Bewegungen haben etwas Festes, Sicheres, wie er -es nie zuvor an ihr gekannt!</p> - -<p>Die sanften Taubenaugen blitzen in sieghafter Freude, -die Lippen lächeln und sprachen doch nie energischere -Worte wie jetzt!</p> - -<p>Tante Agathe kommt zum ersten Male zu kurzem Besuch -und weinte Tränen der Freude über das Glück ihres -Lieblings.</p> - -<p>Als sie Gundula so gänzlich verändert schalten und -walten sieht, nickt sie leise vor sich hin. Wie ein Echo -ziehen die Worte ihres verstorbenen Bruders durch ihren -Sinn —: »wenn aber erst die junge Brut in der Höhle -liegt, dann wird aus dem sanften, indolenten Weibchen -eine gar trotzige, wehrhafte Bärin!« —</p> - -<p>Ja wahrlich! — auch Gundula wird eine solche Bärin -sein! —</p> - -<p>Auf dringenden Wunsch der Gräfin siedelte die Haushaltung -nach Hohen-Esp über und verblieb den ganzen -Sommer daselbst, denn wie Gundula scherzend sagte: -»sollte der junge Bär in seiner angestammten Höhle -geboren werden!« —</p> - -<p>Graf Friedrich Karl leistete seiner Gemahlin tagelang - <span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span> -Gesellschaft, dann trieb es ihn wieder voll rastloser -Ungeduld in die Residenz zurück; er kam und ging — -er schweifte ruhelos zwischen dort und hier, und dabei -ward er immer nervöser, immer blasser und elender, und -sah schließlich so ernstlich krank aus, daß es Gundula -auffiel und sie besorgt nach der Ursache fragte.</p> - -<p>Er lachte und versuchte voll unsicherer Heiterkeit zu -scherzen. »Ich werde noch die Ankunft des neuen Herrn -und Gebieters abwarten, und alsdann ein paar Wochen -in ein Bad reisen; der Doktor meint, es sei eine verschleppte -Erkältung, dafür ist Luftwechsel gut!«</p> - -<p>Früher hatte die Gräfin nie an einem Wort ihres -Mannes gezweifelt, jetzt plötzlich hatte ihr Auge etwas -so seltsam Forschendes und Durchdringendes, daß Friedrich -Karl ihrem Blicke auswich.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Und die Wochen vergingen ... und auf der Burg -Hohen-Esp wurde ein Sohn geboren. Ein Sohn! — -wie ein zitternder Jubelschrei rang es sich von den Lippen -der jungen Mutter. Nun lag der heißersehnte kleine -Bär in ihrem Arm, und die alten Bilder von der Wand -schauten mit wundersam lebendigem Blick auf sie nieder -und lächelten ihr zu.</p> - -<p>Hub nicht ein freudiges Brummen und Raunen in -allen Ecken an? —</p> - -<p>Trappten nicht die mächtigen steinernen Bären vom -Burgtor herauf, die Wappenschilde in ihren Pranken -vor dem jungen Bärlein in den weißen Kissen zu neigen?</p> - -<p>Stampfte und schlurrte es nicht aus allen Winkeln und -über alle Stiegen heran, der lange Zug aller jener -zottigen Gestalten, welche seit Jahrhunderten hier in -der Burg ihre stille Wacht gehalten und auf den jungen -Sprossen gewartet haben, welcher künftighin ihr Herr -und Gebieter sein soll, der Bär von Hohen-Esp? —</p> - -<p>Welch ein Jubel und Glück im ganzen Hause! Nur -der Vater des jungen Erben hält seinen Sohn mit zitternden -Händen, und die Fieberglut auf seiner Stirn wechselt -mit fahler Blässe. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span></p> - -<p>Sind es Tränen oder ist es perlender Schweiß, was -langsam über seine fahlen Wangen rinnt? Alles schläft -in der Burg — mit lächelnden Lippen und wohligem -Behagen, — nur Graf Friedrich Karl wandelt ruhelos, -selber einem Gespenst gleich, durch die weiten, hallenden -Räume. Er findet keinen Schlaf.</p> - -<p>Vor ihm schweben zwei große blaue Kinderaugen, die -schauen ihn ernst und vorwurfsvoll an, als ob sie ihn -richten wollten, und ein kleiner Mund fragt wieder und -immer wieder: »Wo blieb das Erbe meiner Väter, -welches sie dir zu Lehn hinterließen, auf daß du es für -deinen Sohn treu und rechtschaffen verwalten solltest?« —</p> - -<p>Wie Donnerhall brausen die Worte in seinen Ohren, -ob er auch qualvoll die Hände dagegenpreßt und laut -aufstöhnt: »Wie konnte ich noch auf einen Sohn rechnen! -Ich war mir keiner Verpflichtung bewußt, weil mir kein -Erbe geboren wurde!«</p> - -<p>Diese leise Stimme aber fährt erbarmungslos fort: -»Rechne nach! Noch ehe du ein Weib genommen, noch -in den ersten, hoffnungsreichen Jahren deiner Ehe schwand -das Kapital dahin, ward das Fundament gelockert, auf -welchem jetzt der morsche Bau zusammenbricht! Rechne -nach! wo blieb das Erbe meiner Väter?!« —</p> - -<p>Graf Friedrich Karl sank schwer in einen Lehnstuhl -nieder.</p> - -<p>Er brauchte nicht nachzurechnen, — er wußte, wo das -Geld geblieben war, — ach, er wußte es nur zu genau.</p> - -<p>Vor seinen Augen schimmert grünes Tuch, blinken -rollende Goldstücke. —</p> - -<p>O furchtbare Antwort, welche er einst seinem Kinde -geben muß! —</p> - -<p>Wie Folterqualen peinigt sie schon jetzt sein Herz. —</p> - -<p>Er erträgt diese Qual bitterster Selbstanklage nicht! -— Er muß wiedergewinnen, was er vergeudete, er -muß den drohenden Ruin abwenden, er <em class="gesperrt">muß</em> es, wenn -er noch den Mut haben soll, Weib und Kind in die Augen -zu schauen! — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span></p> - -<p>Seine Hände wühlen aufgeregt in den Papieren auf -dem Schreibtisch.</p> - -<p>Der Administrator hat ihm die Abrechnungen geschickt, ... -es gibt nichts mehr abzurechnen, und die Gläubiger -drängen ... und die Termine laufen ab. —</p> - -<p>Was tun? —</p> - -<p>Die Herren, mit denen er den Winter über spielte, -welche ihm außerordentliche Summen abgenommen und -durch sein Vermögen reich geworden, haben sich zurückgezogen. -Sie leben auf Reisen, — sie haben sich auf -ihre Besitzungen begeben.</p> - -<p>Es bleibt keine andere Möglichkeit, keine andere Hoffnung, -als wie Monte Carlo. Er will noch das Letzte -zusammenraffen, was er besitzt, und will <em class="antiqua">va banque</em> -sagen!</p> - -<p>Nur warten muß er, bis sein Weib genesen ist, bis -sie ... jede Nachricht aus dem Höllenpfuhl jenes Spielernestes -ertragen kann!</p> - -<p>Er hat seinen Sohn zum Bettler gemacht, aber <em class="gesperrt">alles</em> -kann und darf er ihm nicht nehmen, die <em class="gesperrt">Mutter</em> -muß er ihm lassen!</p> - -<p>Also warten, ... warten! —</p> - -<p>O, welch martervolle Wochen werden das sein!</p> - -<p>Wenn es ein Fegefeuer gibt, so wird er es in diesen -Wochen kennenlernen.</p> - -<p>Und er lernte es kennen! —</p> - -<p>Er saß mit hämmernden Pulsen und eiskalten Händen -an Gundulas Lager, er sah in ihr Antlitz, welches alle -Himmelswonnen junger Mutterschaft spiegelte, er hörte -mit krampfhaftem Lächeln all die seligen Zukunftspläne -an, welche sie für des Kindes und ihr eigenes Geschick -schmiedete. Ja, sie wollten glücklich sein! —</p> - -<p>Nun waren ja ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt, nun -lag der Sohn in ihren Armen, welcher das alte Geschlecht -zu jungem Glanz und junger Herrlichkeit aufblühen -wird! —</p> - -<p>Und die Gräfin drückte seine Hände voll unaussprechlicher -Liebe zwischen den ihren und blickte ihm wieder - <span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span> -in die Augen wie damals ... vor Jahren ... als er sie -im Arme hielt und dem bräutlichen Weib gelobte, »ich -will alles tun, dich glücklich zu machen!« — O meineidiger, -wortbrüchiger Gesell, der er ward!</p> - -<p>Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgenschöne -Glück zertrümmert!</p> - -<p>Wahrlich, hat er es?</p> - -<p>Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort -mit dem Schicksal sprechen, noch kann alles wieder gut -werden ... ach, so gut! — Und er flüstert ihr mit heiserer -Stimme zärtliche Worte ins Ohr und wiegt seinen Knaben -auf den Armen.</p> - -<p>Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht!</p> - -<p>Wahrlich niemand?</p> - -<p>Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte -gekommen, blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich -prüfend in das fahle Angesicht.</p> - -<p>Ahnt sie, wie es um ihn steht?</p> - -<p>Warum nicht?</p> - -<p>Daß seine Verhältnisse zerrüttet sind, pfeifen in der -Residenz die Spatzen vom Dache. Wie <em class="gesperrt">trostlos</em> sie -sind, weiß man freilich noch nicht. —</p> - -<p>Der Tag kommt, an welchem der junge Bär von -Hohen-Esp getauft werden soll.</p> - -<p>Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen -Entzücken der Gräfin hat man von jeder Festlichkeit -Abstand genommen.</p> - -<p>Im allerkleinsten Kreise, — nur von den Eltern, Tante -Agathe und dem jungen Pastor aus dem nächsten Dorfe, -bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt ist, wird das Kind -über die heilige Taufe gehalten.</p> - -<p>Wie schön sieht Gundula aus!</p> - -<p>Ihre Figur ist voll, kräftig, schier königlich geworden.</p> - -<p>Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich -einher, wie noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit -auf ihrem Angesicht, ein Ausdruck in ihren Augen, -welcher beweist, daß Gräfin Hohen-Esp in all ihrem - <span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span> -strahlenden Glück ein demütiges und frommes Weib -geblieben. — — —</p> - -<p>»Guntram Krafft« hat man den Knaben getauft, und -der Prediger hat über ihm die Hände gefaltet und -gebetet, daß dieses Kind dereinst in Wahrheit ein Schirmherr -und Schutzvogt für alle sein möge, welche unter -seine starke Hand gestellt sind, daß er, ebenfalls furchtlos -und treu wie seine Ahnherren, die »Kraft«, welche -ihm den Namen gibt, in den Dienst seines Gottes und -seiner Nächsten, für Fürst und Vaterland stellen möge, -daß auch er über den Inhalt seines Lebensbuches die -Devise schreiben möchte, unter welcher seine Väter Taten -getan:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Christe Kyrie —<br /></span> -<span class="i0">Zu Lande und See —<br /></span> -<span class="i0">Ein Schirmherr der Not —<br /></span> -<span class="i0">Das walt' Herregott!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Nie hatte Gundula geglaubt, daß ihr so sehr lebensfroher, -oberflächlicher Gatte von einer heiligen Handlung -derart ergriffen sein könne!</p> - -<p>Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme -auf den Grafen, welcher kaum imstande war, -seine Erregung zu meistern. Und wie bleich, wie leidend, -wie nervös sah er aus! Kaum, daß er den Knaben -halten konnte, so bebten ihm die Hände.</p> - -<p>»Du bist krank, Friedrich Karl,« flüsterte ihm Gundula -besorgt zu, als sie sich an seine Brust lehnte: »jetzt -sehe ich erst, wie schlecht du aussiehst! Fühlst du Schmerzen -— hustest du etwa?«</p> - -<p>Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. »Die Geburt -eines Sohnes ist ja für den Vater jedesmal sehr -angreifend, doch geht es mir, den Umständen nach, immer -noch sehr gut! Eine kleine Luftveränderung, — die wird -alles wieder gutmachen!«</p> - -<p>»O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir -geht es so ausgezeichnet, daß du nun um unsertwillen -nicht mehr zu zögern brauchst!«</p> - -<p>»Ich gedachte übermorgen nach San Remo zu fahren! - <span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span> -Möchtest du mich nicht begleiten? Fühlst du dich wohl -genug? — Unserm Jungen macht Tante Agathe derweil -die Kur!«</p> - -<p>Sie schüttelte das Haupt und errötete. »Undenkbar! -Du vergißt, daß ich selber die Amme unseres Lieblings -bin! Auch bist du ungenierter, wenn du auf niemand -Rücksicht nehmen mußt! Also übermorgen! — und -wie lange bleibst du?«</p> - -<p>»Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein -braves Weib, daß ich bald frisch genug sein werde, um -heimkehren zu können! Ach, Gundula, — du glaubst nicht, -wie gern ich wieder bei euch sein möchte!«</p> - -<p>Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das -Haupt schwer auf die Schulter.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Er reiste, — und Gundula stand droben auf dem -Söller des Turmes und blickte dem entschwindenden -Wagen nach.</p> - -<p>Sein weißes Taschentuch flatterte noch lange zurück, so -lange, bis die mächtigen Waldungen den Weg deckten.</p> - -<p>»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!« zog -es voll wehmütiger Sehnsucht durch den Sinn der Gräfin, -als sie hinaus in die herbstlich stille Gegend blickte, -über welcher ein kühler Seewind brauste und die dunklen -Schatten eilenden Gewölks strichen. Regentropfen fielen -kalt und schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter -ihrem kühlen Kuß.</p> - -<p>Mit weißen Schaumkämmen grüßten die fernen Meereswogen -herüber, und welke Blätter wirbelten von den -drei Linden, welche den Burghof beschatteten, zu ihr -empor.</p> - -<p>Ein niegekanntes Gefühl unbeschreiblicher Trauer überkam -Gundula, es war ihr plötzlich zu Sinn, als könne es -nie wieder licht und hell auf dieser Welt werden, als -sei die Sonne für ewige Zeiten für sie untergegangen. -Wie in jäher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, -in welcher der Wagen verschwunden war, aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span></p> - -<p>»Friedrich Karl!« — rang es sich wie ein Schrei von -ihren Lippen — »Friedrich Karl!«</p> - -<p>Der Wind verwehte den Klang, — das bunte Laub -rauschte auf und fegte raschelnd über die Fliesen.</p> - -<p>Keine Antwort. — Sie preßte die Hand gegen das -zitternde Herz und schüttelte jählings den Kopf.</p> - -<p>»Was ficht mich plötzlich an? Ich bin noch nervös und -schwach, da nimmt man alles so schwer! — Wie oft -ist Friedrich Karl in den letzten Jahren verreist, kaum -daß ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir -sein Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht -übermannen? — Das ziemt sich nicht für eine -Bärin, die ihr Junges säugt, auf daß sie es zum Helden -mache!« — und mit schnellem Lächeln um die erblaßten -Lippen wandte sich die junge Mutter, um hastig das -Zimmer ihres Kindes zu erreichen. Da lag der kleine -Guntram Krafft in seiner wunderlichen, uralten Wiege, -in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter -der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. -Aus dunkelgebräuntem, wurmstichigem Holz lag sie plump -und ungefüge auf den breiten Kufen.</p> - -<p>Zwei kleine geschnitzte Bären ruhten auf denselben -und stützten die Bettstatt, dieweil ein großer, hölzerner -Bär hinter derselben stand und mit erhobenen Pranken -die grünen Vorhänge hielt.</p> - -<p>Blühend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft -in den Kissen, und voll aufquellender Zärtlichkeit neigte -sich Gundula und blickte in das Antlitz des Kindes, -welches sich in leisem Weinen verzog.</p> - -<p>Die kleinen Hände griffen unruhig in die weißen -Linnen, und in jähem Aufschluchzen öffnete er die Augen -mit angstvollem Blick. Da legte sich die kühle, ruhige -Hand der Mutter auf sein Köpfchen.</p> - -<p class="pmb3">»Schlaf, kleiner Bär! schlaf ein!« lächelte sie. »Fürchtest -du dich, weil dein Vater von uns ging? — Bist -drum noch nicht verlassen! Deine Mutter hält treue -Wacht bei dir!«</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="IV">IV.</h2> -</div> - - -<p>Acht Tage waren vergangen.</p> - -<p>Aus San Remo hatte ein Brief die glückliche Ankunft -des Grafen gemeldet.</p> - -<p>Gundula hatte die Zeilen verschiedentlich durchgelesen -und jedesmal das Empfinden gehabt, daß dieselben -sehr wirr und unklar waren.</p> - -<p>So schrieb wohl ein Fieberkranker!</p> - -<p>Besorgt gab sie Tante Agathe den Brief zu lesen. -Diese saß lange und blickte schweigend auf das Schriftstück -nieder.</p> - -<p>Bedächtig nickte sie vor sich hin, und ihr gutes altes -Gesicht trug einen wundersamen Ausdruck.</p> - -<p>»Ich glaube nicht, daß er krank ist, — wenigstens -nicht körperlich krank!«</p> - -<p>»O, ein seelisches Leiden wäre noch schlimmer!«</p> - -<p>»Gott sei es geklagt!«</p> - -<p>»Was glaubst du, was ihm fehlt?« forschte die Gräfin -beunruhigt.</p> - -<p>»Geld!« antwortete die alte Dame lakonisch.</p> - -<p>Gundula lachte leise, wie von jäher Angst erlöst.</p> - -<p>»Nun, solch ein Manko ließe sich am ersten verschmerzen!«</p> - -<p>»Du glaubst?«</p> - -<p>Die junge Mutter blickte heiter in das bekümmerte Gesicht -der Sprecherin, beinahe übermütig dehnte sie die -blühenden Arme.</p> - -<p>»Ja, Tantchen! Du weißt, daß ich das kostspielige -Leben in der großen Welt nie geliebt habe! Wenn -Friedrich Karl die Mittel fehlen, seine Unkosten zu bestreiten, -ist er gezwungen, mit uns in dieser wonnigen -Einsamkeit zu bleiben! Wir werden endlich für uns -leben und glücklich sein!«</p> - -<p>»Ahnst du, daß die Verhältnisse deines Mannes sehr -derangiert sind?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span></p> - -<p>Gundula zuckte gleichgültig die Achseln: »Das müßte -ich mir eigentlich an den fünf Fingern abzählen können! -Nach den ungeheuren Ausgaben, welche er seit Jahren -hatte, muß auch das größte Kapital zusammenschmelzen! -Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem seinen -besagen? Die Güter sind ja wundervoll, ein paar Jahre -solide gelebt und gespart — und das Defizit ist bald -ersetzt!«</p> - -<p>»Die Güter sind leider kein Majorat! Nicht einmal -der Besitz von Hohen-Esp ist der Familie dauernd -gesichert!«</p> - -<p>Erstaunt blickte Gundula auf.</p> - -<p>»Du irrst, Tante!«</p> - -<p>»Doch nicht! — Als das Majorat seit drei Generationen -nur noch auf zwei Augen stand, wurde es -leider Gottes durch den Großvater deines Mannes abgelöst, -um die Güter eventuell auch auf Töchter vererben -zu können. Wie dies möglich war, ist uns heutzutage -ein Rätsel, in den schweren Jahren der Befreiungskriege -war jedoch nichts unmöglich, und der -alte Hohen-Esp nahm eine sehr einflußreiche Stellung -bei Hofe ein. Sein einziger Sohn, welcher bereits in -der Mitte der dreißiger Jahre stand, blieb nach der -Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte -voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich -immer mehr Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen -Feuer tödlich getroffen vom Pferd stürzen sahen, -so war man schließlich von seinem Ableben überzeugt, -und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen -und für seine beiden Töchter den ungeheuren Grundbesitz -zu sichern, da kein männlicher Erbe mehr in der -Familie vorhanden war. — Es gelang ihm, das Majorat -abzulösen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht, -sehr plötzlich während einer Cholera-Epidemie. Dieselbe -raffte auch die jüngste seiner noch unvermählten Töchter -dahin. — Ganz plötzlich, als schon die älteste, verheiratete -Tochter den Besitz angetreten hatte, erschien der totgeglaubte -Bruder wieder daheim. Er war durch einen - <span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span> -Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang -in einem englischen Barackenlager verpflegt und -dann mit einem Transport nach London geschafft.</p> - -<p>Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine -Zunge gelähmt hatte und sein Geist während langer -Zeit getrübt blieb, ahnte man weder Namen noch Heimat -des Unglücklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten, -daß er in jenen überfüllten Baracken überhaupt -noch am Leben blieb und endlich — wenn auch -nach Jahren erst — völlig geheilt ward.</p> - -<p>Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils -große Bestürzung hervor.</p> - -<p>Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte -im Krieg den Gatten verloren, — ihr Vermögen war -aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder groß. Mußte sie -dem Bruder das große, väterliche Erbe zurückgeben, so -war sie eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Prozeß, -falls man ihr den Besitz streitig machen wolle. —</p> - -<p>Der Bruder schlug eine gütliche Einigung vor, und -man kam überein, den immerhin ungeheuren Besitz zu -teilen.</p> - -<p>So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an -den Bruder zurück.</p> - -<p>Dieser vermählte sich mit einer ebenfalls reichen Erbin, -und da er nur einen einzigen Sohn besaß, unterließ er -es in unbegreiflichem Leichtsinn, das Majorat wiederherzustellen. -Auch dem Vater deines Mannes wurde -nur der eine Sohn geboren, und abermals unterblieb -es, die Erbfolge zu sichern.«</p> - -<p>»Wie genau du Bescheid weißt, Tante Agathe!« murmelte -Gundula, welche aufmerksam gelauscht hatte —, -»nun ... fürerst ist ja Guntram Krafft auch der einzige, -und ich denke, seine Güter werden ihm nie streitig gemacht!«</p> - -<p>Die alte Dame machte eine beinahe ungeduldige Bewegung.</p> - -<p>»Die Güter sind durch Friedrich Karl bis auf das - <span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span> -Äußerste verschuldet!« sagte sie herb, »und ich fürchte, -du wirst dein väterliches Vermögen völlig zusetzen müssen, -um wenigstens das eine oder andere zu entlasten.«</p> - -<p>Alles Blut wich aus dem Antlitz der Gräfin.</p> - -<p>»Davon hat mir mein Mann nie ein Wort gesagt —!«</p> - -<p>»Unverantwortlich!« —</p> - -<p>»Herr mein Gott!... und mein Vermögen ...«</p> - -<p>»Vollende!« —</p> - -<p>»O, Tante Agathe!« —</p> - -<p>»Es ist bereits verbraucht?«</p> - -<p>Gundula krampfte die Hände ineinander und nickte -stumm mit dem Kopf.</p> - -<p>»Ich erwartete es kaum anders!« murmelte die alte -Dame mit bitterem Lächeln.</p> - -<p>Da hob die Herrin von Hohen-Esp jäh das Haupt -und starrte sie in atemlosem Entsetzen an. —</p> - -<p>»Wenn dem wahrlich so ist — wenn die Güter verschuldet -— das Kapital verbraucht und Friedrich Karl -nicht fähig ist, sich zu arrangieren, — — was wird dann -aus meinem Sohn?«</p> - -<p>Das klang wie ein Aufschrei.</p> - -<p>Das alte Fräulein von Wahnfried preßte herb die -Lippen zusammen.</p> - -<p>»Das Opfer väterlichen Leichtsinns, eine verlorene -Existenz, welcher vom Spielteufel das Schicksal diktiert -ward!«</p> - -<p>»Tante Agathe!« —</p> - -<p>Gräfin Hohen-Esp faßte den Arm der Sprecherin, ihr -Antlitz ward bleich wie der Tod.</p> - -<p>»Das wäre ... das wäre ein Verbrechen von Friedrich -Karl!« ... stöhnte sie auf und schlug wie in jähem -Entsetzen die Hände vor das Antlitz. »War ich denn -mit Blindheit geschlagen, daß ich nicht mehr sah, was -um mich her vorging? Habe ich die ganze furchtbare -Zeit verträumt und verschlafen, daß ich nicht ahnte, zu -welch einem Dasein ich mein Kind geboren? Aber nein! -nein! — tausendfach nein! Es kann, es darf ja nicht -so sein! — Du bist falsch unterrichtet, Tante Agathe, - <span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span> -man hat meinen Mann verleumdet! Es ist nicht so -schlimm, es <em class="gesperrt">kann</em> nicht so schlecht mit ihm stehen, -sonst wäre er nun und nimmermehr nach San Remo -gefahren — — —«</p> - -<p>»Er ist nach Monte Carlo gefahren!«</p> - -<p>»Monte Carlo?« — Gundulas Augen flammten.</p> - -<p>»Undenkbar! — woher weißt du das?« —</p> - -<p>»Ich sehe es aus diesem Brief ... und ich habe Menschenkenntnis -genug, um einen Mann wie Friedrich Karl -richtig zu beurteilen!«</p> - -<p>»Tante!« —</p> - -<p>Gundula taumelte einen Schritt zurück und preßte -die Hand gegen das stürmende Herz — »Du hast stets -so hart und unbarmherzig über meinen Mann geurteilt -...« — sie unterbrach sich und horchte auf.</p> - -<p>Drunten, auf dem holperigen Pflaster des Burghofs -klang Hufschlag.</p> - -<p>»Kommt er zurück?«</p> - -<p>Agathe war an das Fenster getreten, ihre hohe, kraftvolle -Gestalt schien zusammenzuzucken.</p> - -<p>»Der Administrator!« —</p> - -<p>»Der Administrator? — Was will der hier in Hohen-Esp -... bei mir ... zu solch ungewohnter Zeit?« —</p> - -<p>»Ich werde ihn sprechen ...«</p> - -<p>»Nein! bleib! er soll hierherkommen!« und schon hatte -Gundula das bleigefaßte Fenster hastig geöffnet und -rief durch den Herbststurm in den Hof hinab:</p> - -<p>»Ich bitte Sie, sogleich heraufzukommen, Herr Werner!«</p> - -<p>Der alte Mann schrak zusammen, starrte mit verstörtem -Blick empor und stotterte »Zu Befehl, gnädige -Frau!«</p> - -<p>Dann gab er noch kurzen Befehl, das dampfende Pferd -genügend abzureiben, und wuchtete auf seinen schweren -Reitstiefeln über die Steinfliesen nach der Treppe.</p> - -<p>Wenige Minuten später stand er auf der Schwelle, -und Gundulas Blick starrte ihm forschend entgegen.</p> - -<p>Wie blaß und hohläugig der alte Getreue aussah, wie - <span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span> -seine Gestalt zusammensank, und wie kummervoll und -mitleidig sein Blick die Gebieterin traf.</p> - -<p>»Verzeihen Frau Gräfin ...« stammelte er, »wäre -es wohl vergönnt, daß ich mit dem gnädigen Fräulein -von Wahnfried ein paar Worte allein sprechen kann?« —</p> - -<p>Wie ein eisiger Schauer kroch es nach Gundulas -Herzen, aber sie richtete sich auf und schüttelte den -Kopf. —</p> - -<p>»Es gibt keine Geheimnisse vor mir! sprechen Sie ... -was gibt es?!«</p> - -<p>»Frau Gräfin sind noch leidend ...«</p> - -<p>»Nein, nein! ich bin kräftig und gesund! — Haben -Sie so schlechte Nachrichten zu bringen, daß Sie fürchten, -mir schaden zu können?« —</p> - -<p>Die Sprecherin nahm sich zusammen, so ruhig und -fest wie sonst zu reden, aber auf ihre Wangen traten -zwei brennend rote Flecke, und die Hände krampften -sich fester um die Stuhllehne: »Sie haben über mißliche -Geldverhältnisse zu berichten?«</p> - -<p>Der alte Mann senkte den Blick.</p> - -<p>»Auch das, Frau Gräfin!« —</p> - -<p>»Es steht sehr schlecht um die Güter meines Mannes?«</p> - -<p>»Sehr, sehr schlecht, Frau Gräfin!«</p> - -<p>»Hoffnungslos und trostlos?«</p> - -<p>Werner zögerte. — »Das wäre noch nicht das Allerschlimmste, -Frau Gräfin!«</p> - -<p>Da schrak ihre schlanke Gestalt empor.</p> - -<p>»Nicht das Allerschlimmste?! Was heißt das?!«</p> - -<p>Agathe trat an ihre Seite und legte liebevoll den -Arm um sie.</p> - -<p>»Geh zu deinem Sohn, Gundula! Mich deucht, er -weint! Ich spreche mit Herrn Werner und teile dir nachher -alles mit!«</p> - -<p>Die Gräfin wehrte die Sprecherin mit bebenden Händen -ab, — ihre Augen glänzten wie im Fieber.</p> - -<p>»Sie bringen mir eine Nachricht von meinem Mann?« -fragte sie hastig, — flüsternd.</p> - -<p>Der Administrator senkte den grauhaarigen Kopf tief - <span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span> -zur Brust, ein schwerer Seufzer rang sich über seine -Lippen.</p> - -<p>»Es ist so, Frau Gräfin!«</p> - -<p>»Er braucht Geld?«</p> - -<p>Werners Blick trifft wie Hilfe flehend Tante Agathe.</p> - -<p>»Und Sie haben keins?« fährt Gundula schnell fort.</p> - -<p>Der alte Mann schüttelte trostlos den Kopf.</p> - -<p>»Ach, schlimmer, Frau Gräfin, viel schlimmer!«</p> - -<p>»Herrgott des Himmels ... foltern Sie mich nicht! -Ist er etwa krank? schwer krank?«</p> - -<p>Da zieht der Administrator mit jähem Griff einen -Brief und eine Depesche aus der Tasche und reicht -beides Tante Agathe zu.</p> - -<p>»Lesen Sie! lesen Sie!« murmelt er. »Ach, du Herr -mein Gott, ich kann es nicht aussprechen, — es will mir -nicht über die Lippen!« —</p> - -<p>Gundula hat die Papiere mit heftigem Griff erfaßt, -— sie wankt nach dem Fenster, sie öffnet und liest.</p> - -<p>Der Administrator macht eine kurze, händeringende -Bewegung gegen Tante Agathe, — — sie versteht ihn -nicht, und so tritt er selber hinter die Gräfin, als wolle -er bereit sein, eine Zusammenbrechende zu stützen.</p> - -<p>Aber Gundula sinkt nicht unter dem furchtbaren Schlag, -welcher sie trifft, nieder. Nur das Papier der Depesche -knistert und wankt zwischen ihren Fingern, und ein leiser, -halberstickter Schrei ringt sich von ihren Lippen. —</p> - -<p>»Tot! — er ist tot!« —</p> - -<p>Eine sekundenlange, furchtbare Stille.</p> - -<p>Agathe ist mit fahlem Antlitz näher geeilt und schlingt -die Arme um die junge Witwe.</p> - -<p>»Tot!« murmelte sie. »Allbarmherziger Gott, wie -das?!«</p> - -<p>Werner hatte einen der großen, eichengeschnitzten Sessel -näher geschoben.</p> - -<p>Die Bärenköpfe, welche seine Knaufe bilden, verschwimmen -vor Gundulas Blick.</p> - -<p>Sie sinkt schwer auf das Lederpolster nieder und -starrt auf die Depesche.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span></p> - -<p>Ihre Augen sind weit offen, stier und tränenlos. -»Es steht wohl alles in dem Brief an die unglückliche -Frau Gräfin!« murmelte Werner auf den fragenden -Blick Agathes, und er legte die Hand über die Augen -und wendet sich ab, als könne er den Anblick des schmerzversteinerten -Antlitzes nicht ertragen. Da hebt Gundula -das Haupt, ein jäher Blick flammt aus ihren Augen.</p> - -<p>»Der Graf hat sich erschossen? in Monte Carlo erschossen?« -fragt sie langsam, und ihre Stimme klingt -fremd und heiser.</p> - -<p>»Wohl in einem Anfall von Geistesstörung!« stöhnte -der alte Beamte; »es ist zu viel Schweres in letzter -Zeit gekommen, die Gläubiger haben so gewissenlos gedrängt ...«</p> - -<p>»Dieser Brief ist an mich gerichtet?« sie will das -Schreiben heben, um die Adresse zu lesen, aber ihre Hand -sinkt schwer zurück.</p> - -<p>»Sehr wohl, Frau Gräfin! ich erhielt ihn vorgestern -von dem gnädigen Herrn mit der Weisung, ihn nur -dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine Depesche -des Kammerdieners schlimme Nachricht über den Herrn -Grafen brächte!«</p> - -<p>»Und diese Nachrichten kamen!« — Wie der leise, -grelle Schmerzensschrei zerspringender Saiten klingt es -über die wachsbleichen Lippen Gundulas, dann sinkt ihr -Haupt wieder schwer vornüber, ein herzzerreißendes Weh -zuckt über das Antlitz, sie krampft die Hände zusammen -und ringt nach Atem wie eine Erstickende.</p> - -<p>Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem -Nebenzimmer geholt und will Stirn und Schläfen der -beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula aber wehrt -sie jäh ab und richtet sich gewaltsam auf.</p> - -<p>Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. »Ich -danke Ihnen, daß Sie selber kamen, — ich danke Ihnen, -daß Sie meinen Schmerz teilen. Bleiben Sie in meiner -Nähe, — es gibt wohl viel schwere, traurige Arbeit -für uns. — Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen, -— selbst den einen, furchtbarsten noch nicht, daß er - <span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span> -freiwillig von mir ging, daß er ein so namenloses Weh -über mich gebracht! — — Lassen Sie mich jetzt allein, -— auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal -mit mir reden!«</p> - -<p>Ihre zitternde Hand faßt den Brief, — sie winkt damit -—: »Geht! — geht!«</p> - -<p>»Frau Gräfin!« schluchzt der alte Mann auf, — »meine -arme, arme Frau Gräfin!« und er faßt ihre Hand und -drückt sie an die Lippen. Tränen fallen darauf nieder.</p> - -<p>»Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! — Gott gebe -Ihnen Trost und Kraft ... Gott erhalte Sie für Ihren -Sohn!«</p> - -<p>Sie nickt wie geistesabwesend und drückt stumm seine -Rechte, — kalt wie Eis liegen ihre schlanken Finger in -derselben.</p> - -<p>Er geht, langsam, zögernd, den Blick sorgenvoll zurückgewandt.</p> - -<p>Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgefühls die -Arme um die Unglückliche, küßt ihr Wangen und Stirn -und flüstert treue, milde Worte; dann schreitet auch sie -über die Schwelle und folgt dem alten Beamten in das -Nebenzimmer. —</p> - -<p>Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos, -preßt die Hand gegen die Stirn, als müßte sie gewaltsam -ihre Gedanken zusammenfassen, und erbricht -alsdann das Schreiben.</p> - -<p>Ihre tränenlosen Augen starren wie geistesabwesend -darauf nieder.</p> - -<p>Die ersten Zeilen verschwimmen, sie faßt kaum ihren -Sinn, dann schärft sich ihr Blick, sie liest, liest immer -hastiger und schneller, das Blut stürmt wieder siedendheiß -durch ihren Körper, eine fieberische Aufregung -erfaßt sie nach der todesstarren Ruhe!</p> - -<p>Ja, nun wird ihr alles klar!</p> - -<p>Er schreibt: »Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir -und dem Kind in die Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn -hat nicht nur mich, sondern auch Euch zu Bettlern - <span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span> -gemacht! Ich habe nicht nur <em class="gesperrt">mein</em> Eigentum, sondern -auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden, -einem Mann, welcher in dem letzten halben -Jahr unaussprechlich gebüßt hat, welcher im Höllenbrand -wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und -reinste Glück verspielte, — das Glück: Vater zu sein! -— Ich habe einen Kampf der Verzweiflung gekämpft, um -das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen wage ich -es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne -ich, bin ich gerettet — für euch und für ein besseres, -glückliches Leben, — verliere ich abermals, gibt es kein -Wiedersehn mit Euch, — ich habe gesühnt, wenn Du -diesen Brief in Händen hältst, geliebtes Weib! Wirst -Du meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula? -Ich war nicht schlecht, — aber eine Schlechte, treulose -und gewissenlose Welt hat mich leichtsinnig gemacht! -— Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch! Erziehe -einen bessern Mann aus ihm, als wie sein unglücklicher -Vater es war, — mache ihn zu einem echten -und wahren Hohen-Esp!«</p> - -<p>— Die Leserin ließ den Brief sinken, sie krampfte -aufstöhnend die Hände zusammen, ein Ausdruck bitteren, -leidenschaftlichen Hasses lag auf dem erst so steinernen -Angesicht.</p> - -<p>Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt! -Sie allein hat all das Unglück ihres Lebens verschuldet, -sie hat ihr das Glück gestohlen und das Dasein vergiftet! -— Die Welt mit ihren leichtsinnigen, schlechten -Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden Irrlichtsgeflimmer -über mordendem Sumpf!</p> - -<p>Wie glücklich hätte sie an Friedrich Karls Seite sein -können, — die Welt hat es nicht geduldet! Wie hätte -sie ihn und sein Herz besitzen können — wenn die Welt -ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den grünen Tisch -gebannt hätte!</p> - -<p>Wie arm — ach, wie bettelarm an allem hat die -Welt sie gemacht, — sie, die einst die reichste und glückseligste -der Frauen gewesen!</p> - -<p>Und doch ... wie wenig nahm sie ihr noch im Gegensatz - <span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span> -zu jenem Mann, welcher mit durchschossener Stirn -seinem verfehlten Dasein selber ein Ziel gesetzt!</p> - -<p>Sie nahm ihm nicht nur Geld und Gut, sondern auch -die stolze, ehrenhafte Festigkeit des Mannes, seinen -Willen — seinen Halt — ja selbst den letzten Rest -eines klaren Überlegens und den Mut, den Kampf -mit dem Leben aufzunehmen!</p> - -<p>Die Welt, die verführerische Welt mit ihren Spielsälen -und Hasardkarten hat aus dem Grafen von Hohen-Esp -einen erbärmlichen Schwächling gemacht, der den -Ruin über seine Familie heraufbeschworen und dann -feige zu dem Revolver greift, um den Folgen seiner -Schuld zu entgehen!</p> - -<p>Das tat Friedrich Karl — der Mann, zu dem sie einst -emporgesehen hatte, wie zu einem Gott! —</p> - -<p>Das tat er ihr, seinem hilf- und schutzlosen Weibe -an, welchem er einst geschworen: »Ich will dein Halt -und deine Stütze sein, ich will dich glücklich machen!« —</p> - -<p>O, wie leicht ist die Waffe gehoben, jene eine, flüchtige -Sekunde überwunden, welche durch einen Druck des Fingers -allem Elend ein Ziel setzt — und wie schwer, wie -bitter schwer ist es, durch lange, mühselige Jahre die -Last der Armut zu schleppen, sich und ein Kind ernähren -zu müssen!</p> - -<p>Hat Friedrich Karl denn gar nicht daran gedacht, -was aus seinem Weib und Kind werden soll, wenn er -sie verläßt wie ein Feigling? Und wenn er sein Geld -und Gut vertan — blieben ihm nicht noch seine kraftvollen -Hände, durch deren Arbeit — und sei es der -geringsten eine — er die Seinen ernähren konnte?</p> - -<p>O nein! was hätte die Welt dazu gesagt, wenn ein -Graf von Hohen-Esp gearbeitet hätte!</p> - -<p>Hat nicht die Welt selber ihm den falschen Begriff von -Ehre eingeimpft, einer Ehre, welche befleckt wird durch -Schwielen in der Hand? —</p> - -<p>Friedrich Karl ist in der großen Welt aufgewachsen, -er ist gesäugt mit ihren Ansichten über Stand und -standesgemäßes Leben, über all die haltlosen Verschrobenheiten, - <span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span> -welche dem vornehmen Mann zum Gesetz gemacht -sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen -und ihre Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! —</p> - -<p>Eine unsägliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der -verlassenen Frau auf, und gleichzeitig bäumt ein wilder, -ungestümer Trotz in ihr empor, den Posten, welchen der -pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen, nun selber -einzunehmen und den Kampf für die Existenz ihres Kindes -zu wagen. —</p> - -<p>Der Bär hat seine Brut feige im Stich gelassen, -die Bärin aber wird einstehen für ihr Junges und wird -nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie ihm die sichere -Höhle gebaut!</p> - -<p>Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen, -erhebt sich und tritt festen Schrittes an ihren -Schreibtisch, den Brief zu verschließen.</p> - -<p>Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter -Ruhe, ihre glanzlosen Augen sind so starr, wie jene -steinernen der Bärenköpfe im Burghof drunten.</p> - -<p>Es ist alles zu furchtbar jäh, zu unvermittelt gekommen.</p> - -<p>Gundula kann fürerst nur die krasse Tatsache fassen -und hat noch kein Verständnis für die Seelenqualen -eines Mannes, dessen Geist die Verzweiflung getrübt hat.</p> - -<p>Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer -Schnitt, welcher die Vergangenheit von ihr losgelöst hat.</p> - -<p>Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgefühl bluten fürerst -aus tiefern Wunden noch wie ihr Herz. Das leise -Wehklagen, Schluchzen, Flüstern und Raunen verstummt -in der Burg, als die Gräfin von Hohen-Esp ihr Zimmer -verläßt, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild -durch die hohen Hallen schreitet. —</p> - -<p>Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange, -lange in das lächelnde, rosige Gesicht hernieder.</p> - -<p>Der Zug herber Erbitterung tritt noch schärfer um -ihre Lippen, und auf ihrer Stirn und um die finstern -Augen liegt eine Entschlossenheit, welche voll eisernen - <span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span> -Willens ein Gelübde ablegt und der verhaßten Welt -eine grimme Fehde ansagt auf Leben und Sterben. —</p> - -<p>Die Bärin von Hohen-Esp.</p> - -<p>Die Jungfer hat die Trauerkleider zurechtgelegt, und -Gundula hat sie schweigend angezogen.</p> - -<p>Sie spricht mit niemand ein überflüssiges Wort, nur -mit dem Administrator sitzt sie während des langen -Abends und ordnet voll geschäftsmäßiger Ruhe alles, -was in solch schwerer Zeit zu besorgen und zu bedenken -ist. »Wenn der Graf beerdigt ist, wollen wir -unsere Verhältnisse arrangieren, Herr Werner! Ich bitte -Sie, mir als Freund und Berater beizustehen, ich habe -niemand auf der Welt wie Sie!« —</p> - -<p>»Gott helfe mir, daß ich Sie gut berate, Frau Gräfin!« -— antwortete der alte Mann mit festem Händedruck. — -»Ach, hätte doch der Herr Graf auf meinen Rat gehört, -wir hätten diesen furchtbaren Tag nie erlebt!« —</p> - -<p>— Tante Agathe sitzt neben der Herrin von Hohen-Esp -und hält ihre Hand zwischen den ihren: »Die Güter -können nicht gehalten werden, — du mußt alles verkaufen?«</p> - -<p>Gundula beißt die Zähne zusammen. »Von Walsleben -und Gottern trenne ich mich nicht schwer, — aber -Hohen-Esp ist ein Stück von meinem Herzen, das <em class="gesperrt">kann</em> -ich nicht opfern, ich werde und muß es halten! Ich -habe mir gelobt, meine volle Kraft einzusetzen, um den -ältesten Familienbesitz für meinen Sohn zu retten!«</p> - -<p>»Das ist selbstverständlich. Du zahlst die Schulden -mit deinem Vermögen ab und versuchst das Gut neu -emporzuwirtschaften!«</p> - -<p>»Meinem Vermögen?«</p> - -<p>»Ja, dein Erbe von Tante Margarete. — Weißt du -nun, warum du mir einst geloben mußtest, dasselbe vor -Friedrich Karl nie zu erwähnen?«</p> - -<p>Gundula schrickt beinahe empor: »Jenes Erbe? Du hast -den Nießbrauch davon!«</p> - -<p>Agathe lächelt seltsam. »Ich habe es für dich verwaltet -und erhalten, — sonst nichts!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span></p> - -<p>Rote Flecken treten auf die blassen Wangen Gundulas. -»Tante Agathe,« — sagt sie mit zitternder Stimme, -»wolltest du mir wahrlich dies Kapital vorstrecken, damit -ich keine Hilfe bei dem Herzog oder einem Geldvermittler -zu suchen brauche?«</p> - -<p>»Dazu — lediglich dazu hielt ich das Geld für dich -bereit!«</p> - -<p>Ein tiefer Atemzug hebt Gundulas Brust. »Ich habe -nie an dieses Geld mehr gedacht, oder gar damit gerechnet, -weil ich es bis zu deinem Tode als <em class="gesperrt">dein</em> Eigentum -betrachtete, — aber jetzt — o, wenn du es mir -nicht geben, sondern nur leihen wolltest, Tante Agathe ... -alles wäre gut! Ich könnte die Saat säen — und Gott -der Herr wird mir eine Ernte bescheren!« —</p> - -<p>— — — Schloß Walsleben und die Herrschaft Gottern -wurden verkauft, die Burg Hohen-Esp mit dem kleinen -Landbesitz und den Waldungen blieb nach Abtrag aller -Schulden im Besitz der Gräfin. Herr Werner hatte voll -treuen Eifers die Interessen der verwitweten Frau gewahrt, -die zerrütteten Verhältnisse geordnet und mit Hilfe -des von Tante Agathe so sicher gehüteten Kapitals dem -jungen Bären von Hohen-Esp eine bescheidene und weltferne -Heimat erhalten. Er sorgte noch für einen sehr -zuverlässigen und intelligenten Inspektor, welcher unter -dem Oberbefehl der Gräfin das Gut bewirtschaften sollte, -dieweil er selber voll unermüdlichen Fleißes tätig war, -Gundula in finanziellen und wirtschaftlichen Angelegenheiten -zu ihrem eigenen Sachwalter auszubilden.</p> - -<p class="pmb3">Die Gräfin faßte mit scharfem Verstand schnell auf, -zeigte eine große Ausdauer und einen schier männlichen -Schaffensdrang, und es währte nicht lange, so leiteten -ihre energischen Hände die Verwaltung des Besitzes, so -war sie selber voll eiserner Ausdauer bei Tag und -Nacht, Wind und Wetter zur Stelle, um durch rastlosen -Eifer und voll sauern Fleißes in Jahren wiedereinzubringen, -was Friedrich Karl während ein paar -flüchtiger Nachtstunden vergeudet.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="V">V.</h2> -</div> - - -<p>Hatte seinerzeit der jähe Tod des Grafen von Hohen-Esp -in der Residenz viel Staub aufgewirbelt, so nahm -seine Witwe das lebhafte Interesse der Gesellschaft beinahe -noch mehr in Anspruch wie die Katastrophe selbst, -welche so viele schon lange vorher in ihrer ganzen -Tragik prophezeit hatten. Was wird aus der unglücklichen -Frau? Was wird aus dem armen Kinde?</p> - -<p>Die Antwort auf diese Frage war wiederum eine -Überraschung.</p> - -<p>Mit Hilfe der Tante Agathe von Wanfried hatte -die Gräfin ihre zerrütteten Vermögensverhältnisse arrangiert -und dabei eine Energie und Umsicht bewiesen, -welche die Welt in Staunen setzte.</p> - -<p>Obwohl es ihr möglich gewesen wäre, das so bedeutend -bequemer gelegene und hochherrschaftliche Walsleben -für ihren Sohn zu erhalten, hatte sie seltsamerweise -darauf verzichtet und statt dessen die alte Bärenhöhle -Hohen-Esp aus dem Konkurs gerettet!</p> - -<p>Wunderlich! Will sie denn immer in dieser Weltabgeschiedenheit, -in dem unheimlichen, halbverfallenen -Burggemäuer hausen, welches so fern von jedem Verkehr, -so weit ab von der Residenz und all den guten -Freunden liegt?</p> - -<p>Die schöne Gräfin Gundula war stets sehr beliebt -und gefeiert gewesen, es öffnete sich ihr sicher jeder -Salon, selbst dann, wenn die beklagenswerte Witwe -nichts erwidern kann, — sie wird auch fraglos Gelegenheit -finden, sich noch einmal gut zu verheiraten, denn -unter ihren Verehrern befinden sich »Toggenburge«, -welche jahrelang der schönen Frau die Treue bewahrt -haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>Was fesselt die Gräfin an jene wunderliche Bärenburg, -von welcher schier unheimliche Beschreibungen in -dem ganzen Lande umlaufen?</p> - -<p>Der Herzog war der einzige, welcher die Wahl der -Gräfin durchaus billigte.</p> - -<p>»Hohen-Esp ist der älteste Besitz der Familie, von -dem sie den Namen trägt und der einst für den Sohn -das größte Interesse haben muß!« — sagte er, »und -daß die Gräfin dieses kleine Gut dem größeren und -bei weitem kostspieliger zu erhaltenden vorgezogen, zeugt -von ihrer Umsicht und ihrem praktischen Sinn. Es wird -ihr in ihrer bedrängten Lage sehr viel leichter fallen, -den kleinen Grundbesitz heraufzuwirtschaften, als wie -sich auf dem eleganten Walsleben zu halten! Gebe -Gott, daß sie nach dieser tränenreichen Aussaat eine -desto lohnendere Ernte hält! — Ich hoffe, daß die -›Bärin von Hohen-Esp‹ sich nicht dauernd in ihrer Höhle -vergräbt, sondern bald einmal in die Residenz zurückkehrt, -damit wir Gelegenheit haben, ihr unsere vollsten -Sympathien zu beweisen!«</p> - -<p>Aber die Gräfin kam nicht.</p> - -<p>Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm, -und man hätte in der schnellebigen Zeit gewiß die einsame -Frau längst vergessen, wenn nicht gerade die -»Toggenburge« ein besseres Gedächtnis gehabt und das -Andenken der schönen Gundula treuer gepflegt hätten -als wie ihre Mitmenschen.</p> - -<p>Man hatte versucht, sich der Gräfin zu nähern, aber -bald erzählte man sich staunend in der Residenz, daß -Gräfin Hohen-Esp keinerlei Besuch in ihrer verzauberten -Burg empfange und jedwede Annäherung schroff zurückweise!</p> - -<p>Wie interessant war das!</p> - -<p>Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten -Freund, welcher zu Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen?</p> - -<p>O nein! — Man hatte geforscht und erfahren, daß - <span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span> -die Gräfin außerordentlich viel Glück mit der Selbstbewirtschaftung -der Ländereien habe.</p> - -<p>Die Ernten seien großartig ausgefallen, der abgeholzte -Forst sei neu angepflanzt, und die Gräfin beabsichtige -sogar, in diesem Jahr schon größere bauliche -Veränderungen vornehmen. Ställe und Scheunen seien -in kläglichem Zustande gewesen, — dem solle zuerst abgeholfen -werden.</p> - -<p>»Die Gräfin selber bestimmt das?« hatte man kopfschüttelnd -gefragt, und darauf ganz Unglaubliches zu -hören bekommen!</p> - -<p>Die schöne Witwe sei der beste, tatkräftigste Inspektor, -den man sich denken könne, — kein Mensch werde die -ehemalige sanfte, stille, resignierte Gräfin Hohen-Esp -wiedererkennen. In den langwallenden Trauergewändern -schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof, -Wald und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren, -jede Arbeit zu beaufsichtigen, jede Leistung selber zu -loben oder zu tadeln.</p> - -<p>Keine Männerhand könne die Zügel einer Regierung -eiserner führen, als die schlanke, marmorweiße Rechte -der seltsamen Burgfrau!</p> - -<p>Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das schöne -Haupt, dessen Augen so streng und finster blicken, daß -es dem Gesinde graust. Man sieht sie niemals lächeln; -selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen -spielt, verwandelt sich der düstere Ernst nur in eine -schmerzliche Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche -Erbitterung gegen Welt und Leben erfüllt sie, ein wahrer -Menschenhaß vergiftet ihr Herz.</p> - -<p>Der einzige Gast, welchen sie empfängt, ist der Pastor -des nahen Dorfes, doch auch diesem ist es noch nicht geglückt, -versöhnlich und erlösend auf den starren Bann -zu wirken, welcher die schwergeprüfte Frau umfangen -hält.</p> - -<p>Die Bärenburg sei von jeher ein unheimliches altes -Nest gewesen, in welchem die zottigen Ungeheuer wie - <span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span> -die Gespenster hausen; seit die schwarze Gestalt der -Gräfin aber gleich spukhaftem Schatten durch die dämmerigen -Gemächer schreite, da sei es vollends nicht mehr zu -ertragen, und wenn die Fischerdirnen, welche sie als -Mägde gedingt, nicht gar so gute Nerven hätten, so -hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! —</p> - -<p>Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem -Traum, und wenn sonst niemand nach der fernen Burg -im Walde und nach der Witwe des Grafen Friedrich -Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse -angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Großstädter -wob einen Märchenzauber um die »Bärin von Hohen-Esp«, -von welchem es sich bei flackerndem Kaminfeuer -ebenso gruselig erzählen ließ, wie von dem Dornröschen -und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund.</p> - -<p>Aber der Sohn? — Das Kind? — Bringt der kleine -Guntram Krafft denn nicht lichtes, warmblütiges Leben -in diesen Spuk? —</p> - -<p>Darüber wußte man nicht viel.</p> - -<p>Der Inspektor hatte erzählt, der junge Graf wüchse -zu einem prächtigen, überaus kraftvollen und blühenden -Knaben heran.</p> - -<p>Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er -mit seinem langen blonden Haar und den leuchtenden -blauen Augen umher!</p> - -<p>So klein er noch sei, er müsse schon jetzt tüchtig an die -Arbeit, — selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderhände -schaffen könnten, hielte ihn die Gräfin an.</p> - -<p>Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er -grabe im Garten, jäte Unkraut und begieße die Beete.</p> - -<p>Winters über sitze er neben dem Spinnrad der Mutter -und schnitze Holzlöffel und Quirle für die Küche.</p> - -<p>Müßiggang sei ihm ebenso unbekannt, wie allen andern -in der Burg Hohen-Esp. —</p> - -<p>Seit seinem sechsten Jahre müsse er auch schon fleißig -bei dem Herrn Pastor lernen, auch auf das Pferd sei er -schon gesetzt worden, aber dafür zeige er weniger Passion -wie für das Segeln auf dem Meere.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span></p> - -<p>Das komme wohl daher, weil er an Sonn- und Festtagen -mit den Knaben aus dem nahen Fischerdorf spielen -dürfe, sie hätten natürlich schon einen halben Seemann -aus ihm gemacht. Die Knaben wagten sich in -ihrem Boot oft tollkühn auf die See hinaus, und als -der Pastor der Gräfin einmal vorgestellt habe, wie -gefährlich das doch für den einzigen Erben des alten -Geschlechts sei, da habe die »Bärin« nur in ihrer herben, -ernsten Weise nach einem Wappenschild emporgewiesen, -auf welchem der Wahlspruch der Hohen-Esp's -gestanden:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Christe Kyrie —<br /></span> -<span class="i0">Zu Land und zu See —<br /></span> -<span class="i0">Ein Schirmherr der Not!«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Zu Land und <em class="gesperrt">See</em>, Herr Pastor! Ein Mann, welcher -sich vor dem Wasser fürchtet, kann keine Taten auf -demselben tun! — Zwar gibt es jetzt keine Piraten -mehr, vor welchen die Hohen-Esps ihre friedliche Küste -schützen müßten, aber möglicherweise fordert man doch -einst auch ihre Dienste zur See. — Machen Sie mir -meinen Sohn nicht furchtsam! Je kühner und heldenhafter -ich ihn einst in das Leben stellen kann, desto ehrenvoller -für ihn. Wir stehen alle in Gottes Hand, Herr Pastor, -— Sie wissen es doch am besten, daß die Haare auf -unserm Haupt gezählt sind!« —</p> - -<p>»Eine eigenartige, wackere Frau!« nickte der Herzog -voll warmer Anerkennung, als man ihm erzählte, wie -die Erziehung des jungen Grafen gehandhabt werde, -und nach kurzer Pause fragte er unvermittelt: »Wer ist -eigentlich zum Vormund des Kindes gesetzt?«</p> - -<p>»Laut Testament die Mutter; sie ist ganz allein mit -allen Rechten und Pflichten betraut.«</p> - -<p>»So wäre es doppelt notwendig, der Vereinsamten -ein Zeichen unseres Interesses und guten Willens zu -geben! Ich werde ihr für den Sohn eine Freistelle auf -unserer Ritterakademie anbieten lassen!«</p> - -<p>Das geschah, und man harrte voll großer Spannung -der Antwort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span></p> - -<p>Diese ließ nicht lange auf sich warten.</p> - -<p>Gundula stand just in der Wäschekammer und beaufsichtigte -selber das Strecken und Legen der Linnen, als -ihr das Schreiben des diensttuenden Kammerherrn, welches -das huldvolle Anerbieten Seiner Hoheit übermittelte, -gebracht wurde.</p> - -<p>Befremdet sah die Gräfin darauf nieder.</p> - -<p>»Herzogliche Angelegenheit!?«</p> - -<p>Der finster abweisende Zug in ihrem Antlitz verschärfte -sich.</p> - -<p>Sie öffnete den Brief und las.</p> - -<p>Schwere Atemzüge hoben ihre Brust, in ihrem Auge -lag plötzlich ein Ausdruck wie bei der in das Damastmuster -der Tafeltücher gewirkten Bärin, welche sich mit -brüllendem Nacken aufrichtet, ihre Jungen gegen einen -Feind zu schützen.</p> - -<p>»Mein Sohn auf die Ritterakademie, auf dieselbe vielleicht, -wo einst sein Vater seine erste Weltweisheit -eingesogen?«</p> - -<p>»Wie liebenswürdig von dem Herzog! Wie gnädig -und gut gemeint!« — sagte Tante Agathe, welche neben -die Lesende getreten war und mit in das Schreiben blickte.</p> - -<p>Gundula nickte mit herb geschlossenen Lippen.</p> - -<p>»Ja, er meint es gut, der Herzog, — er <em class="gesperrt">weiß</em> es ja -nicht, was er mir mit dieser Gnade antut!«</p> - -<p>»Nein, das ahnt er nicht!« — seufzte Agathe leise, -»und was antwortest du?« —</p> - -<p>Beide Frauen waren hinausgetreten auf den Flur -und stiegen die steinerne Wendeltreppe zu dem Zimmer -der Gräfin empor.</p> - -<p>»Solange meine Augen offen stehen und meine Hände -Kraft haben, das Schicksal meines Kindes zu lenken, -wird er nie die Welt kennenlernen!«</p> - -<p>»Gundula! Hältst du es für möglich, einen jungen -Mann im neunzehnten Jahrhundert noch zu erziehen wie -einen Parsifal?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span></p> - -<p>Sie lächelte wunderlich vor sich hin, — der schwarze -Schleier lag wie eine dunkle Wolke um ihr Haupt.</p> - -<p>»Das halte ich nicht nur für möglich, sondern das will -ich beweisen!« —</p> - -<p>»Bedenke die Zukunft, das Glück deines Kindes!«</p> - -<p>»Just dies will ich sichern, denn ich gedenke an die -Vergangenheit seines Vaters.«</p> - -<p>»Gundula! Dieser Wahn ist krankhaft!«</p> - -<p>»So scheint's, und doch soll er meinen Sohn an Leib -und Seele gesund erhalten!«</p> - -<p>»Was soll aus Guntram Krafft werden?!«</p> - -<p>»Das, was mit seinem Vater verlorenging, ein echter -Hohen-Esp, — ein Herr auf seinem Gebiet, ein Schirmvogt -der Not! — Ein Mann, welcher zurückerwirbt, was -der Leichtsinn ihm vergeudet und die Welt ihm genommen!«</p> - -<p>»Überlege es dir noch reiflich, ehe du das gnädige Anerbieten -des Herzogs ablehnst!«</p> - -<p>»Ich habe überlegt, — ich überlegte es in jener Stunde, -da man Friedrich Karl, den ehemaligen Zögling jener -Ritterakademie, als feigen Selbstmörder mit durchschossener -Stirn zur Ruhe legte!«</p> - -<p>Fräulein von Wahnfried kannte den Klang in der -Stimme der Gräfin, sie kannte auch ihre grenzenlose -Erbitterung gegen alles, was ihrer Ansicht nach den -Leichtsinn Friedrich Karls gefördert!</p> - -<p>Und das war alles und jedes in der verderbten, nichtsnutzigen -Welt!</p> - -<p>Dagegen war nicht mehr anzukämpfen, man konnte -nur hoffen, daß die lindernde Zeit die Wunden heilen, -und Gundula vernünftiger über manche Notwendigkeit -denken würde!</p> - -<p>Aber Tante Agathe hoffte kaum noch — die Zeit hatte -sich während all der vergangenen Jahre machtlos erwiesen, -und Guntram Krafft wuchs in der Einsamkeit als ein -moderner Parsival auf!</p> - -<p>Die alte Dame kehrte seufzend in die Wäschekammer - <span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span> -zurück, während ihre Nichte sich an den Schreibtisch -setzte und mit festen, großen Schriftzügen ihre Antwort -an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb. Sie -dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise für das -so überaus huldvolle und gnädige Anerbieten des hohen -Herrn, welches sie jedoch voll dankbarster Erkenntlichkeit -ablehnen müsse, da sie nicht imstande sei, sich schon -jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei -das einzige Glück, welches ihr das grausame Schicksal -gelassen; dasselbe noch so lange wie möglich ihr eigen -zu nennen, sei der letzte Wunsch, den sie noch an das -Leben habe.</p> - -<p>Die Erziehung des Knaben zu leiten, für seine wissenschaftliche -Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes -gnädiger Hilfe auch in Hohen-Esp gelingen; sie hoffe -zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen vollwertigen, braven -und tugendhaften Mann zu machen.</p> - -<p>Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen -Eigenwilligkeit etwas Rührendes, »man hört aus jeder -Zeile das leidenschaftliche Herz einer unglücklichen Mutter -schlagen!« — sagte der Herzog, und er nahm die Weigerung -der Gräfin nicht ungnädig auf, sondern erhielt -dem wunderlichen Bärennest im Walde sein vollstes -Interesse.</p> - -<p>Und abermals verging die Zeit.</p> - -<p>Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den -Pastor eine vortreffliche Erziehung, wenngleich seine -praktischen Fähigkeiten nicht darüber vernachlässigt wurden.</p> - -<p>»Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an -Schulweisheit gebraucht!« sagte die Gräfin, »vor allen -Dingen aber soll er ein tüchtiger Landwirt werden, welcher -auf eigenen Füßen steht und seine Scholle selber -bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig -im Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste -nimmt er niemals ein, aber der praktischen Kenntnisse -bedarf es vor allen Dingen, denn er soll das - <span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span> -Werk, welches ich begonnen, zu Ende führen und den -verlorenen Besitz seiner Väter zurückerwerben!«</p> - -<p>Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische -Frau wenig Arbeit übriglassen.</p> - -<p>In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen, -Hohen-Esp zu einem hochkultivierten Gut emporzubringen; -vortreffliche Ernten hatten sie Jahr um Jahr unterstützt, -Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen -und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden -und hatte überraschenden Ertrag geliefert, ebenso -hatte sich eine Milchwirtschaft aufs beste rentiert, und -Herr Werner sah seine stolze, besondere Genugtuung -darin, der verlassenen Frau mit größtem Eifer und -all seinen Fähigkeiten zu dienen.</p> - -<p>Von Jahr zu Jahr konnte die Gräfin von dem angrenzenden -Besitz Gottern Areal zurückkaufen, was ihr -um so leichter ward, als der Besitzer der Herrschaft selber -in recht mißliche Lage gekommen und froh war, das -Land wieder in Kapital verwandeln zu können.</p> - -<p>So kam der Tag, an welchem die überraschende Nachricht -die Runde durch die Residenz machte, daß es der -Bärin von Hohen-Esp in ganz unglaublicher Weise gelungen -sei, die Herrschaft Gottern zu Hohen-Esp zurückzukaufen, -daß es ihr auch durch ihre enorme Willenskraft, -ihren Fleiß und äußerste Sparsamkeit gelungen -sei, ihren Sohn schon jetzt wieder zu einem sehr wohlhabenden -Mann zu machen.</p> - -<p>Die alte Tante Agathe sei schon längere Zeit krank -und liege nunmehr im Sterben.</p> - -<p>Viel habe sie ja wohl nicht zu vererben, aber doch -genug, um es der Gräfin vorläufig sehr leicht zu machen, -auch mit dem nunmehr so bedeutend vergrößerten Besitz -erfolgreich und dauernd zu wirtschaften.</p> - -<p>Der Wohnsitz solle aber nach wie vor Hohen-Esp bleiben, -und Graf Guntram Krafft, welcher nunmehr neunzehn -Jahre zähle und seiner Militärpflicht genügen müsse, -werde wohl zum erstenmal allein in die große, unbekannte -Welt hinaustreten!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span></p> - -<p>Man erwartete voll Spannung das Erscheinen des -schier sagenhaft gewordenen jungen Mannes, bis die -enttäuschende Nachricht kam, daß der Graf wegen eines -ganz unbedeutenden kleinen Fehlers, — man sagte, daß -ihm bei einer stürmischen Seefahrt im Boot, beim Überholen -einer Teertonne, dieselbe zwei Zehen vom Fuß -geschlagen — vom Militär freigekommen sei.</p> - -<p>Es sei ein Jammer darum!</p> - -<p>Der junge Mann verkörperte das Urbild aller blühenden -Kraft und Lebensfrische, er sei in der Tat ein -wahrer »Bär« von Hohen-Esp, so groß, so stark, so -reckenhaft schön und ritterlich, — ihm selber habe die -Lust, Soldat zu werden, aus den Augen geblitzt, und er -habe sofort gebeten, ihn der Marine zuzuweisen, da er -so gut Bescheid mit dem Seefahren wisse, — aber die -Gräfin habe voll leidenschaftlicher Energie alle Hebel -in Bewegung gesetzt, den Sohn freizubekommen.</p> - -<p>Da sie die Bestimmungen für sich gehabt habe, und -Graf Guntram Krafft ein durchaus gehorsamer Sohn -sei, so sei leider nichts zu machen gewesen.</p> - -<p>Die »Bärin« habe ihr Junges in die Höhle zurückgeschleppt. —</p> - -<p>Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf, -die interessanten Einwohner von Hohen-Esp jemals von -Angesicht zu schauen, und weil die Mütter und Töchter -sehr enttäuscht waren, so ärgerten sie sich darüber.</p> - -<p>Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den -kürzer werdenden Tagen aus ihrem »Sommerschlaf« erwachten -und so zahlreich plötzlich aufwirbelten, wie draußen -das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte, boten -den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pflänzchen -dieser Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft -recht phantastischen Blüten aufschoß.</p> - -<p>In einer der vornehmen Villenstraßen lag das reizende -Rokokoschlößchen »Monrepos«, in welchem der -Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments, Freiherr -von Sprendlingen, Wohnung genommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span></p> - -<p>Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein -großes Haus zu machen, eine Passion, welcher sie ohne -Bedenken huldigen konnte, da die Vermögensverhältnisse -des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur -ein einziges Töchterchen besaß, für welches man zu -sorgen hatte.</p> - -<p>Der Freiherr verwöhnte seine bezaubernde Frau in -nur denkbarer Weise, Frau von Sprendlingen verzog und -verhätschelte ihr Töchterchen dementsprechend, und so -herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen, welches -keinen, auch den größten Wunsch, nicht unerfüllt läßt.</p> - -<p>In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne -verschleierte Lampen, da die Herrschaften zum Diner -gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir des fünfzehnjährigen -Töchterchens aber strahlte die Gaskrone -festlich und hell, denn dort saßen die Backfischchen, welche -zu Fräulein von Sprendlingen eingeladen waren, bei -heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel Kaffee und noch -mehr Süßigkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die -Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte -man sich für junge Herren noch mehr wie für junge -Damen, und da man schon mancherlei über den Hohen-Esper -gehört und sich ebenfalls über den »Strich durch -die Rechnung« ärgerte, so begannen sie über den doch -allzu gutmütigen Zottelbär, welcher derart unselbständig -an den Rock der Mutter hänge, zu glossieren.</p> - -<p>»Ein forscher, echter Mann hätte bei dieser Gelegenheit -doch wohl etwas mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen -und das Gängelband abgestreift!« spottete Gabriele, die -Tochter des Hauses, und ließ ihre Stickerei sinken, — -»anstatt artig hinter die Schürze der Mama zu kriechen -und sich zu ducken, wenn die gestrenge Vormünderin befiehlt! -Ob er zwei Zehen mehr oder weniger hat, -geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein recht erbärmlicher -Vorwand von der Gräfin, ein Zufall, welchen sie sich -zunutze macht, um das Bübchen unter den Fingern -zu behalten!«</p> - -<p>»Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz - <span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span> -und Selbstbewußtsein hätte, würde er sich das nicht habe -bieten lassen!«</p> - -<p>»Vielleicht ist er zu feige und freut sich, daß er daheimbleiben -kann!« — rief Gabriele von Sprendlingen, -das reizendste Backfischchen, welches die Residenz aufweisen -konnte, abermals: »Hätte er Courage, würde er -sich das idealste Glück eines Mannes, Soldat zu werden, -unter allen Umständen erzwungen haben!«</p> - -<p>»Feige? Nein, das ist er wohl nicht!« schüttelte ihre -Freundin Trautchen gutmütig den hellblonden Kopf, -»denk doch, er wagt sich bei Sturm und Wetter auf die -See hinaus!«</p> - -<p>Gabriele lachte spöttisch und rümpfte die entzückende -kleine Nase: »Die See schießt nicht mit Kugeln! Bah! -Was will es heißen, sich auf die See zu wagen?! Gar -nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie -weit fährt denn der Herr Graf? — Sicher nicht zehn -Schritt entfernt vom Ufer weg! Auf den Ozean hinaus -ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und Bootfahrt an -der Küste stellt überhaupt keine Anforderungen an den -Mut eines Mannes!« —</p> - -<p>»Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken — —«</p> - -<p>»So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweißes -Lämmchen, was hat denn das Wasser für eine Gefahr, -wenn es nicht tief ist?« — und die Sprecherin schüttelte -die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der Stirn -und machte ein geradezu verächtliches Gesichtchen: »Ein -Mann, der nicht Soldat ist, nicht für Fürst und Vaterland -kämpft, kann mir niemals imponieren; und Graf -Guntram Krafft ist kein kühner, stolzer Bär, wie seine -Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbär! — -Er sollte nur einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte -es ihm schon zeigen, wie ich über ihn denke!«</p> - -<p>Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden -Nixenaugen, blitzten gar trotzig in dem süßen Gesicht, -und sie wiederholte nachdrücklich: »Glaub' mir's! Ich -würde es ihm zeigen!« —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p> - -<p>»Das würde ihn aber doch sehr kränken?« warf Trautchen -schüchtern ein, und das Mitleid glänzte in ihrem -Blick.</p> - -<p>»Um so besser, wenn es ihn kränkt!« brauste Gabriele -ungestüm auf und kehrte alle Würde ihrer fünfzehn Jahre -heraus. »Wie soll denn so ein verwöhnter Mamajunge -anders merken, daß er ein Waschlappen ist, wenn wir -Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser -noch Helden in seine Armee bekommen, wenn wir nicht -die Männer zu Heldentaten begeisterten und anspornten? -— Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute Soldatentochter -und ein famoses deutsches Mädel, welches genau -weiß, was es Fürst und Vaterland schuldet! Einen -Helden zum Vater! Einen Helden zum Gatten, und -mehrere Helden als Söhne!«</p> - -<p>»Bravo! Die Steigerung war gut!« lachte die schwarzlockige -kleine Gräfin Sevarille und verzog dabei das -Mündchen etwas ironisch, »solche Dinge klingen in der -Theorie ganz poetisch und schön, aber in der Praxis -kommt die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel -der geschmähte Waschbär hier auftauchte, als schöner -Mann und reicher Erbe, und er machte dir eine Liebeserklärung, -Gabriele, du pustetest auf alle Heldenherrlichkeiten -in deines angebeteten Kaisers großer Armee und -heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!«</p> - -<p>Heiße Röte stieg in das Gesichtchen der Genannten, -die Nixenaugen schillerten wie die See, ehe sie in hohen, -verderbenden Wogen aufbraust.</p> - -<p>»Das würde ich tun, sagst du?« — stieß sie atemlos -hervor, »das ist eine perfide Behauptung, Thekla, und -ich wünsche nun wahrlich nichts sehnlicher, als daß der -Hohen-Esper mir einen Antrag machen würde!« —</p> - -<p>»Haha! Hört ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!«</p> - -<p>Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf -den Tisch und sprang auf.</p> - -<p>»Laß mich ausreden, ehe du mich beschimpfst!« trotzte -sie in der vollen Heftigkeit, welche ihrem Charakter - <span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span> -eigen war, »ich wünsche mir einen Heiratsantrag von -ihm, lediglich um dir zu beweisen, daß ich keine leeren -Phrasen geredet, sondern Wort halten würde, so wahr -ich Gabriele von Sprendlingen bin! Und wäre er schön -wie ein Gott und reich wie Krösus, wenn er nichts für -Fürst und Vaterland leistet, wenn er kein Held ist und -Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und -mit dem Kreuz der Ehre lohnt, — ich würde <em class="gesperrt">nie</em> sein -Weib! Nie! — Das schwöre ich bei allem, was mir -heilig ist!« —</p> - -<p>»Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein!« -— entsetzte sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser -zu einem tiefen Kerbschnitt an und sagte mit -einem wunderlich scharfen Lächeln —: »Gut, wir haben -deinen Schwur gehört und werden nicht verfehlen, dich -zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den -Ausspruch des Dichters: ›Ach, Worte sind ein leerer -Schall —‹ denn sie verfliegen und werden so schnell vergessen, -wie man sie hört! <em class="gesperrt">Mündlich</em> ist schon mancher -Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden! -Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den -Lippen, aber <em class="gesperrt">schriftlich</em>? Haha! <em class="gesperrt">Schriftlich</em> verzichtest -du nicht auf den Grafen von Hohen-Esp!«</p> - -<p>Gabriele griff mit nervös bebender Hand nach den -Zetteln und Bleistiften, welche, für ein Schreibspiel zurechtgelegt, -bereits auf einer Marmorschale seitwärts des -Tisches standen.</p> - -<p>»Und warum nicht?« spottete sie mit gefurchter Stirn: -»Wenn dir ein geschriebenes Wort sicherer ist wie ein -gesprochenes, sollst du es gern haben!« —</p> - -<p>Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne -Überlegen mit festen, schwungvollen Schriftzügen auf -einen der Zettel nieder:</p> - -<p>»Da meine Freundin Thekla meine Ansicht über den -Grafen von Hohen-Esp schriftlich wünscht, so erkläre ich -hiermit noch einmal, daß ich denselben nie und nimmermehr -heiraten werde, weil er kein Held ist und mir nicht -imponiert!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span></p> - -<p class="pmb3">— Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den -inhaltschweren Zettel zusammen und warf ihn Komtesse -Sevarille zu, — die andern jungen Mädchen belohnten -diese »fesche« Tat mit stürmischem Beifall, und Thea -griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren -Pompadour. Sie lächelte und nickte Gabriele zu: »Du -hast doch mehr Charakter, als wie ich glaubte!« sagte -sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und übellauniges -Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefällig -aus. —</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="VI">VI.</h2> -</div> - - -<p>Von der See herüber brauste der eisige Novembersturm -und fegte die letzten welken Blätter um die Zinnen von -Hohen-Esp.</p> - -<p>Der Buchwald, welchen Gräfin Gundula vor nunmehr -fünfundzwanzig Jahren an all den Stellen, welche Friedrich -Karl so schonungslos hatte abholzen lassen, nachgepflanzt -hatte, war emporgewachsen und füllte schon -wieder die Lücken aus, welche ehemals das Auge der -Burgherrin so schmerzlich verletzt hatten.</p> - -<p>Noch waren sie den wundervoll hochstämmigen Riesen, -welche rings um den Hügel, der die Mauern von Hohen-Esp -trug, Wache hielten, lange nicht gleichgekommen, -aber sie waren ebenso gediehen und frisch und kräftig -aufgewachsen, wie der junge Sproß des alten Grafenstammes, -welcher als blondlockiger Knabe unter ihnen -gespielt, als Jüngling mit markigen Armen geschafft -und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte.</p> - -<p>Guntram Krafft war mündig geworden, ohne besondere -Zeremonie und Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen -in neuen Rechten anerkannt zu werden; denn das ehemalige -Vermögen seines Vaters war in den Besitz -seiner Mutter übergegangen, und nur von dem freien -Willen der Gräfin hing es ab, ob der Sohn Herr sein -sollte auf dem Besitz der Väter. In dem Willen Gundulas -aber lag es, den jungen Mann selbständig zu -machen.</p> - -<p>Voll stolzer Genugtuung sah sie, daß er zu einem -Charakter ausgereift war, fest und zuverlässig, stark in -allem Guten und Edeln, und dennoch so rein an Herz -und Sinn wie ein Kind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p> - -<p>Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen, -nur wie ferne, sagenhafte Klänge und Bilder -zogen die Erzählungen seiner Erzieher von Menschen -und Leben an seinem geistigen Auge vorüber.</p> - -<p>Als er groß genug geworden, um eine berechtigte Frage -nach seinem Vater und dessen Leben zu stellen, hatte -Gundula zum erstenmal seit langen Jahren von ihrem -Gatten gesprochen.</p> - -<p>Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen -Mutter und Sohn.</p> - -<p>Da entrollte die Gräfin vor den weitoffenen Augen -ihres Sohnes die traurigen Bilder der Vergangenheit, -und waren dieselben schon an und für sich dunkel genug, -so färbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch -düsterer, so daß Guntram Krafft die Welt nur als einen -Sündenpfuhl voll dräuender Gefahren, und die flotte, -leichtlebige Gesellschaft der Großstadt als eine Wildnis -kennenlernte, in welcher aller Ecken und Enden die Abgründe -gähnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen -und verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich -jemals ein Urteil aus eigener Anschauung gebildet zu -haben, und doch machte diese fremde, unnatürliche Beeinflussung -keinen weltschmerzlichen Sonderling und Einsiedler -aus ihm.</p> - -<p>Er verlangte nicht nach jenen Verhältnissen, welche -die Mutter ihm so unerquicklich geschildert, und von welchen -die jungen Fischer im Dorf nichts Gegenteiliges -zu erzählen wußten!</p> - -<p>Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen -eingezogen, hatten ihre Jahre abgedient und Reisen -in weite, ferne Wunderländer gemacht, von denen sie -wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erzählten, aber -nach welchen sie doch nie zurückverlangten.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Nord, Süd, Ost — West —<br /></span> -<span class="i0">Daheim ist's am best'!«<br /></span> -</div></div> - -<p>lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste -und meerumspülte Heimat mit der zähen - <span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span> -Treue nordischen Bluts, sie kehrten heim, freiten und -machten sich seßhaft; selten nur, daß der eine oder -andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn -besseres Verdienst lockte.</p> - -<p>Das waren jedoch die »Verschollenen«, von denen kaum -noch Angehörige im Dorf lebten und welche selten, fast -nie eine Nachricht in die Heimat gelangen ließen.</p> - -<p>Kam jemals eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht -über Guntram Krafft, die herkulische Stärke seiner Arme -zu prüfen, auch hinauszuziehen mit flinken, weißen Segeln, -um jene heimlichen Wunder fremder Länder kennenzulernen, -wollte sie ihn packen, die Wanderlust des Jünglings -und der Tatendrang des Mannes, so genügte nur ein -einziger Blick auf die schwarze Trauergestalt der Mutter, -in ihr bleiches, gramgefurchtes Antlitz unter dem frühergrauten -Scheitel, und er schüttelte voll stolzer Entsagung -das Haupt und war es sich voll bewußt, daß er die einsame -Frau nicht verlassen durfte, deren einziges Glück -er geblieben.</p> - -<p>Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges -Studium edler Wissenschaften gaben seinem Leben reichen -Inhalt, und wenn er Freude und Zerstreuung suchte, -so streifte er das grobe Fischerzeug über seine markige -Brust und fuhr voll jauchzenden Ungestüms hinaus in -See, mit Sturm und Wogen einen tollkühnen Kampf zu -kämpfen, furchtlos sich in brandende Flut zu wagen, -der geschickteste der Segler, der furchtloseste der Schwimmer, -ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer -voll staunender Bewunderung aufblickten und ihn den -»Besten der Ihren« nannten.</p> - -<p>Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt, -wenn es galt, bedrohten Freunden Hilfe zu bringen, -strandenden Schiffen in Nebel und Sturm ein tollkühner -Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser Küste, welche -durch widrige Gegenströmungen und Untiefen schon manchem -Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod -und Verderben gedroht hatte! —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span></p> - -<p>Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie -erfahren, wer ihr kühner Retter in der groben Teerjacke -gewesen; flossen ihm Geldgeschenke von den Dankbaren -zu, so lachte der junge Graf gar frisch und fröhlich auf, -überwies sie seinen Genossen und sprach: »Holla, Kinnings! -Dor hätten wie wat inbrächt!« und die schwieligen -Hände legten die Taler zurück in die gemeinsame Kasse, -aus welcher bedürftige Fischer unterstützt und das Rettungsboot, -welches anfangs ein recht dürftiges Fahrzeug -gewesen, immer zweckmäßiger ausgestattet wurde. Guntram -Krafft fühlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit -unendlich glücklich und verlangte nicht hinaus -in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und Lustbarkeit, -eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern -Welten, welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne -im endlosen Himmelsraume kreisen.</p> - -<p>Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der -Gräfin auf, daß es oft wie ein melancholischer Schatten -auf dem freien, männlich schönen Antlitz lag, daß sein -Blick oft sinnend und träumerisch in das Weite streifte, -daß er oft ganz unvermittelt sagte:</p> - -<p>»Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning, -die er seit Kind auf so liebgehabt hat!« — oder —: -»Weißt du's, Mutter, daß dem Göschen Wulff in dieser -Nacht ein Bub geboren ist? Ein prächtiger, pausbackiger -Kerl ... kann schreien für zehn, und der Göschen ist -so stolz, als sei er ein Kaiser geworden!« ... und nach -kurzer Pause —: »Wie ist es doch so still und leer hier -in Hohen-Esp! Wäre wohl nicht übel, Mutter, wenn -auch hier mal ein wenig junges Leben einzöge und -ein paar kleine Bärlein herumpurzelten!« Er lachte dazu, -und dennoch blickten seine blauen Augen seltsam ernst! —</p> - -<p>Da war's, als ob Frau Gundula urplötzlich aus einem -langen, langen Traum erwache, und sie nickte wie erschrocken -vor sich hin und sprach leise: »Ja, es ist Zeit -geworden!« —</p> - -<p>Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den -kleinen, bleigefaßten Scheiben, und blickte starren Auges - <span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span> -hinab auf die laublosen Buchenwipfel, welche der Sturm -wie brandende Flut gegen das graue Turmgemäuer -peitschte. —</p> - -<p>Tage und Nächte lang hatte sie in schwerem Kampf -gerungen, hatte gesonnen und überlegt, um das rechte -zu finden.</p> - -<p>Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war -ein Mann geworden, dessen Herz sich nach Liebe sehnte, -dessen Wunsch es war, gleich seinen Gespielen ein Weib -zu freien und glücklich zu sein!</p> - -<p>Die Gräfin, deren scharfer Geist alles so wohl überlegt -und bedacht hatte, was zum Glück ihres Kindes -nötig schien, hatte seltsamerweise diese Notwendigkeit -noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz der -lang vorbereitenden Jahre doch überraschend an sie herantrat, -da kostete es ihrem Herzen schwere Kämpfe, bis -sie sich entschlossen hatte, sich in das Unvermeidliche -zu fügen.</p> - -<p>Guntram Krafft mußte die Brautfahrt unternehmen, -er mußte Ausschau halten unter den Töchtern des Landes, -welche von ihnen das Ideal verkörpern möchte, das sich -der weltfremde Mann von seinem Weib gebildet!</p> - -<p>Ihr Sohn mußte den Winter in der Residenz verleben -und die Feste mitmachen, er <em class="gesperrt">mußte</em> es! Es half -da kein Weigern mehr! Kein anderer Ausweg wollte -sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr grübelte.</p> - -<p>Seit Tante Agathe gestorben war, besaß sie gar keine -näheren Verwandten mehr, wenigstens keine, welche heiratsfähige -Töchter hatten und zu welchen sie den jungen -Bären von Hohen-Esp hätte senden können, wie einst -Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei -seiner Sippe um ein Weib zu dienen.</p> - -<p>Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem -Dorfe heimführen, dagegen sträubte sich der Stolz einer -Frau, welche ihr ganzes Leben lang nur für das eine -Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den Besitz -und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zurückzuerwerben. <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span>—</p> - -<p>Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen -und Krone mitbringen, sie soll eine ebenbürtige Gemahlin -für ihren Sohn sein, deren Ansichten die ihren -sind, deren edler Sinn eine Bürgschaft für die Tugend -künftiger Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die -rechte Wahl treffen? —</p> - -<p>Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden, -der Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft!</p> - -<p>Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen -um seine Füße legen?</p> - -<p>Wird sie ihn blenden und bestricken, daß er nicht wieder -zurückverlangt in sein stilles Heim? —</p> - -<p>Wird er ihr Gift schlürfen und es so süß und berauschend -finden, daß ihm das klare Quellwasser der Heimat -nicht mehr mundet? —</p> - -<p>O nein! Nun und nimmermehr!</p> - -<p>Gundula ist ihres Sohnes gewiß. Die mühsame Aussaat -von so viel langen, bangen Jahren kann nicht -in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer Eindrücke, -in der sengenden Glut froher Feste, in den Stürmen -eines Karnevals zugrunde gehen!</p> - -<p>Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen -und fremd bleiben, — er wird sich aus der hohen Flut -eine Perle heben und sein Kleinod so bald wie möglich -in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten.</p> - -<p>Außerdem schickt sie ihn nicht völlig allein und haltlos -in das bunte Leben hinaus. Der alte Kammerdiener -ihres Mannes, welcher schon Gundula als Braut gekannt -und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen -ist, der goldgetreue, zuverlässige Anton wird seinen jungen -Gebieter in die Residenz begleiten.</p> - -<p>Er weiß ja so gut Bescheid auf dem heißen Boden -der Großstadt, er ist über so manches Parkett geglitten -und hat den Kammerherrn ehemals in so manch schwieriger -Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge über -dem jungen Bären walten lassen, welcher zum ersten<span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span> -Male die sichere Höhle verläßt! Anton wird angewiesen -sein, ganz genau über den Grafen zu berichten, und -wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die -Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte, -dann wird die Mutter zu rechter Zeit die energischen -Hände heben, diese Fäden unbarmherzig zu zerreißen.</p> - -<p>Gräfin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet -auf den Sohn, und als sie endlich seinen schweren, stampfenden -Schritt auf der gewundenen Stiege hört, da hebt -sie wie mit letzter Selbstüberwindung das Haupt und -schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen, -spitzgewölbten Tür, den hochgewachsenen Nacken im Eintreten -beugend, steht Guntram Krafft.</p> - -<p>Mächtige Wasserstiefel reichen bis über die Knie, -eine Düffeljoppe läßt die breite Brust noch hünenhafter -erscheinen, und ein ausgeschlagener Südwester sitzt fest -auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das -frische, männlich schöne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen.</p> - -<p>»Dag ok, Mutting!« lacht er mit strahlendem Blick, -reißt den Hut ab und hebt ihn in seemännischem Gruß -hoch über das Haupt.</p> - -<p>»Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet? -— Aber bei diesem Wetter muß man auf dem Posten -sein, damit kein Unglück am Hamelwaat passiert! Weiß -der Kuckuck, daß solch eine gefährliche Stelle, wo schon -so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner -Strandkommission schärfer ins Auge gefaßt ist! — Vorhin -wieder eine Brigg! — Schnurgrad drauflosgehalten! -Noch ein paar Nasenlängen, und sie saß fest! — Wir -hatten sie glücklicherweise beobachtet, und ich konnte -noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber -eine Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise, -und kalt genug hat's uns um die Ohren gepfiffen! Da -hat dir dein Bär einen regelrechten Bärenhunger heimgebracht, -und für ein Warmbier verkaufe ich heute auch -das Recht der Erstgeburt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p>Er lachte, daß die weißen Zähne unter dem blonden -Schnurrbart blitzten, schlang zärtlich den Arm um die -düstere Frauengestalt und küßte Frau Gundula herzhaft -auf den Mund.</p> - -<p>»Das steht bereit, du Wasserratte!« lachte diese, mit -einem Blick unendlichen Wohlgefallens die blühende -Schönheit ihres Sohnes umfassend, »willst du dich erst umkleiden -oder erst durch einen Imbiß erwärmen? Du -weißt, ich liebe es nicht allzusehr, dich in dieser Ausrüstung -am Tisch zu sehen!«</p> - -<p>»Weiß ich, Mamachen, — und werde nie dein Eßzimmer -durch Teerjacke und Ölzeug entweihen. — Auch -ist's mir, ehrlich gestanden, selber zu unbequem! Aber -bitte, befiehl einstweilen alle Bierkannen und Schinkenbrote -auf Deck, damit ich in zehn Minuten an ihnen -zum Massenmörder werden kann!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Vae victis!</em>« —</p> - -<p>»Ja, wehe ihnen! Heut wird kein Pardon gegeben!« -— Und Guntram Krafft schritt über die Schwelle zurück, -daß die morschen Parkettplatten krachten.</p> - -<p>Draußen hörte die Gräfin ihn fröhlich pfeifen: »Auf, -Matrosen, die Anker gelichtet!« — Dann hub ein gewaltig -Poltern und Rumoren in der Turmstube des jungen -Grafen an, und in sehr kurzer Zeit saßen Mutter und -Sohn beim lodernden Kaminbrand in der Speisehalle -zusammen, wo Guntram Krafft das Frühstück serviert war.</p> - -<p>Der Hausanzug des jungen Hohen-Esp war weder sehr -elegant noch sehr modern, er war solide und zeugte von -der Sparsamkeit, welche in allen Dingen noch im Hause -herrschte, obwohl die Gräfin mit einem tiefen Ausatmen -der Befriedigung noch vor wenig Tagen zu dem Inspektor -gesagt hatte: »Noch ein paar solcher Rübsenernten, -und wir können, so Gott will, schon das zweite -Vorwerk von Walsleben zurückkaufen!«</p> - -<p>Aber trotz seiner nicht allzu vorteilhaften Kleidung -sah der junge Graf ganz vortrefflich aus, just so, wie es -zu seiner bärenhaften und urwüchsigen Schönheit paßte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span></p> - -<p>Man konnte es sich bei seinem Anblick kaum denken, daß -diese Reckengestalt in Frack und Lackschuhe hineinpassen -würde, daß sie sich zum Träger all der weichlichen, geschniegelten -Eleganz der modernen Salonhelden machen -könne!</p> - -<p>Ein Zylinderhut auf diesem wildlockigen Haupt mußte -ganz wunderlich aussehen, und wie die wetterharten -Hände, wohl schön und edel in der Form, aber ohne -Schonung verarbeitet wie bei dem geringsten Fischer, -sich mir Glacéhandschuhen befreunden würden, schien -selbst Frau Gundula in diesem Augenblick eine berechtigte -Frage.</p> - -<p>Sie musterte das Äußere des jungen Bären interessierter -wie je zuvor, und dieweil er frisch und fröhlich -dem kräftigen Mahle zusprach und dabei voll lebhaften -Eifers über seine stürmische Seefahrt sprach, flogen ihre -Gedanken weit voraus ... und sie sah diesen unerschrockenen -Seehelden auf dem höfischen Parkett stehen, umrauscht -von schmeichelnden Musikklängen, umweht von süßem -Amberduft, umglänzt von ungezählten Lichtflammen und -umringt von koketten, lachenden, anmutig reizenden Mädchengestalten.</p> - -<p>»Unser Rettungsboot taugt nichts, Mutting,« fuhr Guntram -Krafft währenddessen etwas unwillig fort, »es -ist ganz unzweckmäßig gebaut, — ein Kahn wie alle -andern auch, der bei gutem Wetter zum Heringfangen -noch zu brauchen ist, aber wenn's mal kräftig weht, -doch ein ganz unzuverlässiges Ding ist! Grad' bei der -drei- und vierfachen starken Brandung am Hamelwaat! -— Über die äußerste Brandungslinie, wo sich die Wellen -auf drei bis vier Faden brechen, kriegen wir's kaum -noch hinaus. Hab' heute versucht, den Bug dem Lande -zuzuwenden — hab' den Lenzsack nachbugsiert — damit -ich das Boot zurück und zu gleicher Zeit recht vor der -See halten konnte — wollte so das Beidrehen hindern — -aber viel nützen tat's auch nicht! Ja, so ein gutes Peakeboot, -welches sich aufrichtet wie ein Holundermännchen, -mit einem schweren, eisernen Kiel, und vorn und hinten<span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span> -hohe, gewölbte Luftkästen ... ja, das könnten wir gebrauchen, -damit ließe sich etwas ausrichten ...«</p> - -<p>»Sicherlich!« — nickte Gundula zerstreut und überlegte, -daß sich der junge Graf am besten in der Residenz neu -ausrüsten müsse, — Anton verstand sich vorzüglich darauf -... der muß ihn einkleiden ...</p> - -<p>»Ich finde, es ist eine Schande, daß gerade hier für -unsere Küstenstrecke so gar nichts geschieht! Die nächste -Rettungsstation hat gar keinen Wert für uns, denn -wir können sie einfach nicht erreichen, wenn plötzlich Not -an den Mann geht! — Es <em class="gesperrt">muß</em> etwas hier geschehen, -das Hamelwaat ist auch solch ein Brunnen, welcher -erst zugeschüttet wird, wenn das Kind ertrunken ist! — -Mir geht es schon so lange im Kopf herum, mich an eine -zuständige Behörde zu wenden, daß sie uns eine regelrechte -Rettungsstation bauen läßt — was meinst du, -Mutter, was ich dazu tun könnte?«</p> - -<p>Die Gräfin blickte auf, legte entschlossen die Hand auf -den Tisch und sagte: »Du wirst in der Residenz am besten -Gelegenheit haben, maßgebende Persönlichkeiten für deine -Pläne und Absichten zu interessieren!«</p> - -<p>»In der Residenz?!«</p> - -<p>»Ich möchte dir heute eine Eröffnung machen, Guntram -Krafft, dir einen Wunsch mitteilen, welchen du -mir hoffentlich erfüllst?«</p> - -<p>Er blickte erstaunt auf, nahm ihre Hand und küßte -sie als stumme Antwort.</p> - -<p>»Es ist Zeit, daß du, als jetzt großjähriger Mann, deinem -Herzog vorgestellt wirst, daß du hochdemselben, als -angestammter Vasall und Sproß eines seiner ältesten -Grafengeschlechter, deine stete Treue und Dienstwilligkeit -versicherst. Ich habe mich diesbezüglich mit einer -Anfrage an das Hofmarschallamt gewandt und eine sehr -huldvolle und gnädige Antwort Seiner Hoheit erhalten.</p> - -<p>Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebenswürdigstem -Interesse entgegen und ist bereit, dich bei -Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt wird sich über<span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span> -die Saison erstrecken, du wirst die Feste im herzoglichen -Schloß und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen -der Hofgesellschaft mitmachen!«</p> - -<p>Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt -bei dieser Eröffnung aus; er blickte die Sprecherin nur -erstaunt an und sagte beinahe bedauernd: »Gerade im -Winter bin ich am wenigsten abkömmlich hier! Denk an -die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres! -Wie gut war es, daß ich da auf dem Posten war! -Aber so Gott will, haben wir gut Wetter in diesem -Winter, und wenn du sagst, daß ich die Verpflichtung -habe, mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so -gehe ich.« —</p> - -<p>»Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge -der hübschesten, liebenswürdigsten und vornehmsten -jungen Damen kennen zu lernen — —«</p> - -<p>Der junge Graf richtete sich höher auf, sein Blick -haftete wie in starrem Forschen auf dem Antlitz der -Sprecherin, über welches ein müdes, flüchtiges Lächeln -glitt, ein Lächeln, wie er es noch nie darauf gesehen.</p> - -<p>Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck -von Verlegenheit, wie bei einem jungen Mädchen, -lag plötzlich auf dem schönen Antlitz, und langsam nach -dem Bierglas greifend, fragte er zögernd: »Was meinst -du damit, Mutter?«</p> - -<p>»Ich meine und hoffe, daß mein Sohn mir vielleicht -eine schöne, liebenswürdige Tochter aus der Residenz mitbringt, -eine junge Bärin für das alte Nest, welche all -das frohe, frische Leben in Hohen-Esp aufblühen läßt, -welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermißt hast!«</p> - -<p>Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief -über Guntram Kraffts Augen, dann schlug er sie voll -auf und lachte die Gräfin mit strahlendem Blicke an.</p> - -<p>»Das würdest du gut heißen?!«</p> - -<p>»Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender -Wunsch, daß du heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle -Lage ist durch Gottes gnädige Hilfe eine derartige<span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span> -geworden, daß du auch ein armes Mädchen heimführen -kannst, vorausgesetzt, daß sie solide und anspruchslos -genug ist, jetzt und für die Zukunft mit dir in unsrer -lieben Waldeinsamkeit hier zu leben! Ein genußsüchtiges, -eitles und oberflächliches Weib paßt nicht in die Bärenhöhle -von Hohen-Esp, sie würde dein Unglück sein! -Ich hoffe, daß du selbst an derartig veranlagten Damen -keinen Geschmack findest, und werde dich noch, ehe du -gehst, auf manches aufmerksam machen, was du zu beobachten -hast. Es gibt auch in der großen, lebenslustigen -Residenz genug sinnige, holde Mädchenblüten, welche ihr -volles Genüge und ihr schönstes Glück in einem stillen -Liebesleben, fernab von der lärmenden Landstraße, finden! -— Ich habe dich durch fünfundzwanzig Jahre hindurch -gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, — gebe der barmherzige -Gott, daß du in dem wichtigsten und entscheidendsten -Augenblick deines Lebens nicht mit Blindheit -geschlagen sein mögest!«</p> - -<p>Die Gräfin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus -und zog ihren Sohn an die Brust, und als sie in seine -großen, klaren Augen sah, welche aus dem kühnen, wettergebräunten -Männerantlitz noch so offen, ehrlich, treu -und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie -ein qualvolles Aufseufzen durch ihre Seele. — »In -Sturm und brandende Meereswogen habe ich dich ohne -Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein Lebensschifflein -auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche -gleißt und glänzt und lockt wie ein Märchensee, — -welche ihre Klippen unter schaukelnden Rosen versteckt -und über deren Untiefen sich schneeweiße Nixenarme -breiten, — jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld, -und flehe zu Gott, daß dieses Lebensmeer dir den Frieden -schenken möge, den es <em class="gesperrt">meiner</em> Seele geraubt hat!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Alle Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen, und -es kam der Tag, an welchem Gundula im dunkel flatternden -Mantel abermals auf dem Söller stand, um dem - <span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span> -Wagen nachzublicken, welcher ihr Liebstes von dannen -führte. —</p> - -<p class="pmb3">Sorgenvoll schaute sie auf, ob die Sonne abermals für -sie untergehen werde für ewige Zeit! — Aber nein, wohl -peitschte der Sturm das schwere Schneegewölk gegen -sie und verdunkelte sie für kurze Zeit, dann aber brach -ihr Licht kraftvoll und siegreich hervor, wie endliches, -segnendes Glück!</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="VII">VII.</h2> -</div> - - -<p>Schneegestöber!</p> - -<p>Wie weiße Watte lag's auf der Erde, und darunter -blankes Glatteis, so daß die Scharen der Straßenjungen -mit lärmendem Hallo die breiten Trottoirplatten entlangschlidderten!</p> - -<p>Die eleganten Villen hatten Hermelinmäntel umgeworfen -und standen in ihrer fürstlichen Pracht noch stolzer -und unnahbarer wie sonst inmitten der wohlgepflegten -Gärten, aus denen die Tannen, Lebensbäume und Taxus -wie grüne Butzemänner schauen, welche unter weißen -Laken Versteck spielen! Schlitten flogen mit klingenden -Schellen und prächtig geschmückten Rossen vorüber -wie Märchenbilder, schöne Frauen in flockigen Pelzen -saßen darin und neigten grüßend die Köpfchen, Damen -und Herren in eleganten Eiskostümen eilten dem spiegelblanken -See im Parke zu, und zwischendurch drängte und -schwatzte und lachte der breite Strom der Passanten, -welche Dienst, Geschäft oder Vergnügen hinaus in das -lustige Winterwetter trieb!</p> - -<p>Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend -die Parkstraße hinab.</p> - -<p>Es war zum erstenmal, daß eine größere Stadt ihre -reizbaren Bilder vor ihm entrollte und den Neuling -durch ihren rastlosen Wechsel in die seltsamsten Gefühle -versetzte.</p> - -<p>Anfänglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die -Menschenmenge belästigt, die Masse der hohen Häuser -in unangenehmer Weise bedrückt; er empfand nur das -Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand -es noch nicht, das Einzelne, Schöne und Interessante -daraus zu erfassen. Aber er lernte es bald.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span></p> - -<p>Anton war ein verständiger und guter Lehrmeister, -ein Mensch, der, als ehemals so verwöhnter und welterfahrener -Mann, es nun nach der langen Zeit tiefer -Einsamkeit geradezu mit Entzücken genoß, noch einmal -in das verlorene Paradies seiner Jugendträume zurückzukehren.</p> - -<p>Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter -bald an, und dieweil Graf Hohen-Esp während der -ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und Mißtrauen -jeglichem Neuen gegenüber empfand und seiner -Mutter nur mit einem rechten »Stoßseufzer« über die -schreckliche Rundreise durch alle Magazine und Läden -berichtete, — so gewöhnte er sich doch bald an das so -gänzlich veränderte Bild seiner Umgebung.</p> - -<p>Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem -Eigenartigen, immer zufriedener musterte er seine so -ganz verwandelte äußere Erscheinung im Spiegel, — -er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd -versicherte: »So, Herr Graf, nun können wir uns -schon vor den Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen -schmuckeren Junker können sie im ganzen Land nicht -finden!«</p> - -<p>Ja, er war eine imposante, auffallend schöne Erscheinung, -der Bär von Hohen-Esp, aber trotz der modernen -Kleider lag es doch wie ein undefinierbares, gewisses -Etwas über ihm, was ihn fremd und ungeschickt -zwischen den anderen Herren erscheinen ließ.</p> - -<p>Eine unüberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte -der neuen Kleidung beeinflußten ihn, er tappte -daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens blind gewesen -und nun mit einemmal sehen lernt.</p> - -<p>Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, -kühn und trotzig in Sturm und wildes Wetter -schaute, bekam etwas kindlich Naives, beinahe Verlegenes, -wenn er durch die Menschenmenge schritt oder -im Hotel an der Table d'hôte Platz nahm.</p> - -<p>Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine -Manieren waren vorzüglich, formell und ritterlich, er<span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span> -war weit entfernt davon, sich wie ein Hinterwäldler zu -benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise seltsam, -weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und -linkisch machte.</p> - -<p>Der junge Bär hatte wohl alles, was eine gute Erziehung -fordert, gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie -unter fremden Menschen verwertet, und weil hier in -der Stadt <em class="gesperrt">alles</em> so völlig anders war wie daheim, so -verlor er auch den Glauben an sich selber und seine -Art, und diese Unsicherheit gab dem hünenhaften Recken -etwas Linkisches und Unvorteilhaftes.</p> - -<p>Die Gräfin hatte bestimmt, daß ihr Sohn sich erst -zehn bis vierzehn Tage in der Residenz aufhalten solle, -ehe er seine Besuche bei Hof und in der Gesellschaft -abstattete. —</p> - -<p>Sie fand es wohl selber notwendig, daß die weltfremden -Augen des jungen Mannes sich zuvor an elektrisches -Licht und den bunten Wirbel der Großstadt gewöhnten, -daß er erst ein wenig auf dem Parkett gehen -lerne, ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte.</p> - -<p>Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag -besser, so daß Anton schon recht zufrieden war und -sagte: »In zehn Tagen wird im Schloß getanzt, Herr -Graf, da müssen zuvor die Karten abgeworfen werden!«</p> - -<p>»Aber ich kann nicht tanzen, Anton! — das, was -wir daheim im Fischerdorf mal ›Tanzen‹ nannten, das -paßt wohl schwerlich hierher in das Palais!«</p> - -<p>»Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern -mit den schönen jungen Damen!«</p> - -<p>Guntram Krafft wurde dunkelrot.</p> - -<p>»Ich fürchte, daß ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, -Alter, ich habe mich nie darin geübt, mit Damen -zu plaudern! Von was soll ich sprechen? — Von Hohen-Esp? -Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die -ich aus den Büchern gelernt habe? Die werden den -jungen Mädchen nicht gefallen! — Ich begreife nicht,<span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span> -woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken -Bär hierher unter die Menschen zu schicken!«</p> - -<p>»So etwas müssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr -Graf! Das findet sich schon alles, und Sie wären der -erste junge Mann, welcher bei einem hübschen Fräulein -nichts zu reden wüßte! Da fragen Sie nur: ›Lieben Sie -das Meer, mein gnädiges Fräulein?‹ und wenn sie -sagt: ›ja, gar sehr!‹ — dann erzählen Sie ihr von unserm -blauen Wasser daheim und den Fahrten durch Nebel -und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hört eine -jede gern!« —</p> - -<p>Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war -eine gute Idee! Wenn er von seiner geliebten See -sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz unwillkürlich -das Herz auf die Zunge!</p> - -<p>Eine freudige Zuversicht überkam ihn, der naive Glauben -eines redlichen Herzens, welches noch davon überzeugt -ist, daß man auf jede freundliche Frage auch eine -freundliche Antwort erhält!</p> - -<p>Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen -beschäftigten, als er die Parkstraße entlang promenierte -und mit hellem Blick auf das muntere Leben im Schneegestöber -blickte. —</p> - -<p>Er lachte über ein paar Jungens, welche sich schneeballten, -und als er »unversehens mit Willen!« auch -einen der weißen Grüße gegen die Schulter klatschen -fühlte, da blieb er stehen und amüsierte sich noch mehr.</p> - -<p>Helles Schlittengeläute erklang hinter ihm, doch wandte -er in seinem lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, -bis ein lautes Aufschnaufen, Klirren und Hufschlagen, -sowie die schrillen Angstrufe etlicher Passanten ihn jählings -zurückschauen ließen.</p> - -<p>Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen -von zwei Vollblütern unter langwehenden Schneedecken.</p> - -<p>Da plötzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, -von dem der Wind momentan den Schnee hinweggeweht -hat, aus, es stürzt wie gemäht zusammen, schlägt<span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span> -wild um sich, reißt auch das andere Roß nieder, und -der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knäuel -anfährt, schlägt gegen den hochgeschaufelten Schneewall -zur Seite.</p> - -<p>Der Kutscher ist von seinem kleinen Rücksitz herabgeschleudert, -und die Dame, welche in dem Schlitten -sitzt, scheint momentan unter demselben begraben.</p> - -<p>Von allen Seiten springen Männer heran und wenden -sich in der ersten Bestürzung den Pferden zu, sie zu -fassen, abzusträngen und weiteren Schaden zu verhüten -— Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten -neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Händen -und richtet ihn ohne jede weitere Unterstützung auf, als -sei er ein Puppenspielzeug! Dann greift er abermals -zu und richtet die Dame, welche halb vergraben in dem -Schnee liegt, in seinen Armen empor.</p> - -<p>Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten -prüfend ihre Bewegungen, ob sie sich verletzt -habe.</p> - -<p>Sie steht auf den Füßen und tritt zur Seite, sie hebt -die Arme und schüttelt die weißen Flockenballen aus -dem Pelz und von dem Köpfchen.</p> - -<p>»Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!« -— atmet der Graf auf, — er sagt es mehr zu sich, wie -zu der Fremden; diese aber hat es doch gehört, sie reißt -den schneebedeckten Schleier von dem Hut und drückt den -Muff trocknend gegen das Antlitz.</p> - -<p>»Nein, Gottlob, — ich bin mit heiler Haut davongekommen!« -sagte sie mit überraschend ruhiger und fester -Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich oder nervös zu -sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen hinzunehmen. -»Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige -Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft -höflich den Hut zieht, blickt er zum erstenmal in das -Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick wird groß -und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das -Blut steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein -reizendes Gesichtchen hat er nie zuvor gesehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span></p> - -<p>Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und -all die Träume zu verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt -haben, wenn er in Journalen und in illustrierten Werken -daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt mit -nachdenklichen Blicken betrachtete.</p> - -<p>Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend -geformt das Näschen und der stolze, schwellendrote -Mund, wie kraus die lichtbraunen Löckchen, welche -unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten -Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche -zu schmelzen beginnen und in blinkenden Tropfen über -der Stirn zittern, wie bei einer Nixe, welche der Flut -entsteigt!</p> - -<p>Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen -in langem, forschendem Blick, Augen, so hell, so -groß, so flimmernd in einer undefinierbaren Farbe, als -habe sich blau-grünes Seewasser unter den dunklen Wimpern -zum Stern geformt!</p> - -<p>Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche -die weißen Arme nach den jungen Fischern heben, welche -es ihnen antun mit dem wundersam schillernden Blick, -daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle -Tiefe, auf Leben und Sterben.</p> - -<p>Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder -Einsamkeit aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, -die Sagen von den Nixen und Wasserfeien hatten schon -seine Wiege umklungen und durch sein Leben fortgetönt -in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut -wie alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, -dem leuchtenden Ring, welcher seine Heimat umschloß.</p> - -<p>Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem -Boot lag, dann stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt -aus dem Wasser, so, wie er es in poetischer Schönheit -in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den -Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und -Bernstein auf der weißen Brust, — die Wassertropfen -rieselten ihm funkelnd über die Stirn, und die Augen,<span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span> -die großen, hellen, farblosen Augen, die schimmerten -wie durchsichtiger Kristall! —</p> - -<p>So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche -er soeben schaut!</p> - -<p>Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, -den erst so kraftvoll Unerschrockenen, wieder linkisch und -befangen.</p> - -<p>Er reißt abermals den eleganten, spiegelblanken Filz -von dem lockigen Haar und stottert ein paar unverständliche -Worte, — aber sein Blick hängt wie gebannt -an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem staunenden -Entzücken, daß die junge Dame sich lächelnd abwendet -und neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen -Decken wieder auf die Füße gebracht sind.</p> - -<p>Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee -von seinem Mantel und untersucht das Geschirr.</p> - -<p>»Na, das hat man alles noch gut gegangen, gnädiges -Fräulein! Nicht mal ein Strang oder Riemen ist gerissen, -und die Pferde sind auch mit dem Schreck davongekommen! -Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist -doch noch eine ganze Strecke bis nach Haus!«</p> - -<p>Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es -erst an dem erstaunten Blick eines Dienstmannes, daß -er den Hut noch immer in der Hand hält.</p> - -<p>Hastig setzt er ihn auf, — seltsam, daß er das ganz -vergessen hatte, daß er in dem eisigen Wind nicht fror! —</p> - -<p>Sein Blick hängt noch immer wie gebannt an der -schlanken, schmiegsamen Gestalt der jungen Dame, welche -den gelbflockigen Pelz wieder um die Schultern wirft. -Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht. -— Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, -und abermals tritt der junge Graf herzu, -ihr beinahe schüchtern die Hand zu bieten, um ihr behilflich -zu sein.</p> - -<p>Wieder trifft ihn ihr Blick, — sie lächelt.</p> - -<p>Aus Höflichkeit, gleichsam, um für seine Hilfe dankend -zu quittieren, legt sie für eine Sekunde die zierliche Hand<span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span> -in die seine und schwingt sich voll sicherer Grazie in -den Schlitten.</p> - -<p>Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, -er sieht sie an wie ein Kind, welches voll ehrlicher -Unschuld sagt: »Wie bist du so schön! wie gefällst du -mir so gut!«</p> - -<p>Und die junge Dame, welche so viel Welt- und -Menschenkenntnis besitzt, liest das auch sehr klar und -deutlich von seinem hübschen Gesicht. Sie sieht ein -wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne -Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven -Wesen des blonden Riesen paßt, sie lächelt abermals -freundlich und anmutig, neigt das Köpfchen dankend -und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit -einen kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche -in den Schnee gefallen, in den Schlitten zurücklegt. —</p> - -<p>»Ich habe kein Geld bei mir, — kommen Sie und -holen Sie sich nachher bei Papa ein Trinkgeld!« sagt -sie freundlich.</p> - -<p>»O bitte, gnädiges Fräulein, — hat nichts auf sich! -Ist man gut, daß alles so abgegangen ist!«</p> - -<p>Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die -Pferde bäumen ein wenig aufgeregt, ziehen an und sausen -mit dem Schlitten davon.</p> - -<p>Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch -einen Augenblick und schauen dem schellenklingenden -Spuk nach, dann zerstreuen sie sich schnell — und auch -der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter.</p> - -<p>Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet -wie verklärt.</p> - -<p>Er möchte die Augen schließen, um nur noch ihr -Lächeln zu sehen!</p> - -<p>Er hat keinen andern Gedanken fürerst wie nur das -Lächeln — diesen sanften, weichen Druck ihrer kleinen -Hand.</p> - -<p>Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, -den ihre Gestalt ausströmte, als er sie im Arm -hielt, zu ihm auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span></p> - -<p>Veilchen! Veilchen im Winter!</p> - -<p>Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht -war es auch nur solch ein herrliches, duftendes -Wasser, welches Anton ihm auf den Toilettentisch gestellt.</p> - -<p>Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten -Parfüms, diese waren unerlaubter Luxus in der Bärenhöhle -gewesen, seit Gräfin Gundula jeden Heller sparte, -um Goldstücke zu erwerben.</p> - -<p>Anfänglich hatte Guntram Krafft »das Zeug« verächtlich -zurückgewiesen.</p> - -<p>Es deuchte ihm zu weichlich für einen Mann, wenn -er sich mit dem Duft einer Blume schmücken wollte; — -aber für eine Dame ... ja, das ist etwas anderes!</p> - -<p>Wie hatte er es an seiner Tante, — an seiner Bonne -geliebt, wenn sie im Frühling Veilchen und im Sommer -eine Rose an der Brust trugen! Seine Mutter stellte -die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine -Farbe an ihrer düsteren Witwentracht, aber selbst in -dem stillen, freudlosen Gemach der Gräfin hatte ihn der -Blumenduft angeheimelt und erfreut.</p> - -<p>Und nun zog es wie eine süße, zauberhaft süße Woge -um das reizendste junge Weib, welches er je mit Augen -geschaut, um eine menschgewordene Melusine, welche ihm -aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit er -nicht allein sei in der großen, unverstandenen Welt. —</p> - -<p>Erst viel später kam ihm der Gedanke: »Wer mag sie -gewesen sein?«</p> - -<p>Der Dienstmann schien sie zu kennen, es war töricht, -daß er ihn nicht nachträglich um den Namen der Unbekannten -befragt hatte! Er ist noch gar zu ungewandt -in solchen Sachen, und er würde gewiß sehr verlegen -geworden sein, sich als derart neugierig zu zeigen.</p> - -<p>Ob er sie wohl einmal wiedersieht?</p> - -<p>Gewiß! —</p> - -<p>Warum hätte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die -Residenz ist ja nicht allzu groß, man begegnet sich wohl -auf den Hofbällen, bei Gesellschaften oder in dem Theater, -welches der Graf gestern besuchte, ohne daß die Oper<span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span> -einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird -aber doch noch einmal hingehen, in der Hoffnung, seine -reizende Nixe wiederzusehen.</p> - -<p>Sie war sein einziger Gedanke während des ganzen -Tages, und sie folgte ihm auch bis in den Traum hinein.</p> - -<p>Daheim träumte der Bär von Hohen-Esp fast nie.</p> - -<p>Die schwere körperliche Arbeit, die kräftige Seeluft -schaffen eine gesunde Müdigkeit, einen tiefen, traumlosen -Schlaf.</p> - -<p>Hier kämpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier -schafft er nicht voll eisernen Fleißes in Wald und -Feld, — hier schaut er nur wirre, bunte, flüchtige Bilder, -hier führt er nur in trägem Nichtstun ein Schlaraffenleben, -hier blickt er nur — wie der verzauberte Fischer -im Märchen — in wasserklare, flimmernde Rätsel.</p> - -<p>Und als er schläft, rauschen die weißschaumigen Wogen -um ihn her, und sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien, -steigt empor aus der Tiefe und schüttelt lächelnd -die blinkenden Tropfen von der Stirn.</p> - -<p>Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm, -und als er regungslos, wie verzaubert steht und sie anstarrt, -da greift sie in das Wasser und hebt eine köstliche -Perlenschnur, die glänzt wie der weiße Wellenschaum, und -ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die grünschillernde -See, auf welche man auch hinabblickt, ohne -den Grund zu schauen. Sein Herz erzittert in heißem, -sehnendem Verlangen, — er neigt sich voll Leidenschaft -und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken -in den grundlosen Nixenaugen. — — —</p> - -<p>»Töv min Söhn«, hört er plötzlich eine rauhe Stimme -hinter sich, — eine schwielige Hand packt seinen Arm -und reißt ihn zurück.</p> - -<p>»Dat lat man sin, min Jong,« sagt der alte Krischan -Klaaden, »Perlens bedüten all Tränen!«</p> - -<p>Da erwacht Guntram Krafft, reißt halb zornig, halb -erschrocken die Augen auf und starrt in das fremde -Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein halbes Frühdämmern -bricht, und er atmet tief auf und denkt: »Wie seltsam!<span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span> -Ich habe geträumt, wie ich es ehemals als Kind -getan! Das kommt von dem müßigen Leben und dem -närrischen Zeug, welches man hier zu sehen bekommt!« —</p> - -<p>Es schlägt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp -den jungen Gebieter noch nie in den Federn angetroffen, -— warum soll er aber schon hier aufstehen? —</p> - -<p>Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu -tun hat.</p> - -<p>Der Graf verschlingt die Hände unter dem Haupt und -schließt die Augen, — er will weiterträumen von der -wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn mit dem Lächeln -und den Augen der fremden Dame angeschaut.</p> - -<p>— — An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr -denn sonst spazieren.</p> - -<p>Es ist rauhe Schneeluft, und die verwöhnten Leute -der Residenz sitzen hinter dem Ofen und ahnen gar -nicht, wie anders der Nord-Nordost über die See heult, -wie er seine Eiskörner gegen die Burgfenster von Hohen-Esp -jagt und dem jungen Bären zuruft: »Komm heraus -aus deiner Höhle und wage ein lustig Tänzlein mit mir!«</p> - -<p>In dicke Pelze gehüllt, schreiten hier in den geschützten -Straßen die Herren so eilig aus, als fürchteten -sie, in Eiszapfen verwandelt zu werden, und Damen -sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park, -wo der Graf während längerer Zeit Schlittschuh gelaufen, -zeigte sich kaum eine der graziösen Gestalten in -flottem Eiskostüm.</p> - -<p>Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er -wandert ruhelos einher und sucht jemand, ohne es sich -selber einzugestehen, und wenn ein Schlitten klingelt, -so bleibt er unwillkürlich stehen und schärft den Blick.</p> - -<p>Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren, -und Anton versichert, daß durch die alsdann erfolgenden -Einladungen reiche Abwechslung in dieses langweilige -Leben kommen werde.</p> - -<p>Bisher hat sich der Bär von Hohen-Esp vor diesen -Einladungen gegrault, wie vor einer schweren unangenehmen -Pflicht, welche er erfüllen muß, weil sie von<span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span> -ihm gefordert wird; jetzt plötzlich denkt er mit mehr Interesse -daran, ja, er sieht in ihnen die einzige Möglichkeit, -jener entzückenden Fremden noch einmal begegnen -zu können.</p> - -<p>An der Straßenecke hängt in dem vergitterten Kasten -der Theaterzettel aus.</p> - -<p>Zwar hat sich der Graf nach »Aïda« vorgenommen, -nicht wieder dieser für ihn so unverständlichen Kunst -zu huldigen, jetzt aber bleibt er plötzlich stehen und -blickt nach dem weißen Papier hinüber.</p> - -<p>»Der fliegende Holländer!« liest er, und mit wenigen -Schotten überschreitet er den schneeverwehten Damm -und studiert überrascht das Personenverzeichnis.</p> - -<p>Der fliegende Holländer!</p> - -<p>Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden -drunten im Dorf in »der blauen Woge« mit -den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner seiner -Jugendgespielen oder ein Anverwandter der Dörfler -nach langen Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem -Pfeifchen und einem Glase Grog sein »Garn spann!«</p> - -<p>Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern -erzählt, von manch tollkühner Fahrt durch Wetter und -Sturm, wenn die Segel verloren und der Mast gebrochen -war, — und die Erlebnisse der Jungen machten -die Alten beredt, so daß sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern -vom Klabautermann und dem »fliegenden Dutschman« -berichteten!</p> - -<p>Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle -Spuk, welcher schon sein Kinderherz höher schlagen und -seine Augen so oft in Nebel und jagendes Gewölk spähen -ließ — hier auf der Bühne lebendig werden?</p> - -<p>Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten -Wogenschwall wohl ein Schiff von Pappe und -Leinewand schauen, und den bleichen Mann vom Tatenschiff -bei elektrischem Licht an sich vorüberziehen sehen? —</p> - -<p>Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen -blitzen.</p> - -<p>Nein, beim »fliegenden Holländer« darf er nicht fehlen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span></p> - -<p>Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein für -einen Mann, welcher so oft in Todesnot auf rollenden -Seen die Segel gesetzt hat und hocherhobenen Hauptes -auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen Anblick -das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel!</p> - -<p>Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich -nach seinem heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen -glänzen, und aus dessen kühler Flut die Nixen steigen, -ihn mit kristallenen Augen anzulächeln, so wie sie ... -jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute -und Bekannte hier in der Fremde deuchte!</p> - -<p>Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll -weiter durch die menschenleeren Straßen, nach dem Theater, -um sich einen Platz zu sichern.</p> - -<p class="pmb3">Der Wind fegt den Schnee von den Dächern, und ein -rostiger Torflügel kreischt in den Angeln, das klingt wie -Möwenschrei vom fernen Strand ... und Krischan Klaaden -steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand auf -seinen Arm.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="VIII">VIII.</h2> -</div> - - -<p>Schon geraume Zeit vor Beginn der Vorstellung hatte -sich Graf Hohen-Esp in dem Theater eingefunden.</p> - -<p>Er war der erste Gast im Haus, fast allein in der Loge, -und betrachtete voll nachdenklichen Interesses das Gemälde -des Vorhangs, die geschmackvolle Pracht des Goldstucks -ringsum. Als Anton ihm zum erstenmal ein Billett -in die Fremdenloge besorgt hatte, war der so sparsam -gewöhnte Einsiedler entsetzt über den hohen Preis und -fragte: »ob denn nicht noch billigere Plätze vorhanden -seien?«</p> - -<p>Anton aber schüttelte ebenso respektvoll wie energisch -den grauen Kopf und antwortete: »Nein, Herr Graf! -Es ist Befehl der gnädigsten Frau Gräfin daheim, daß -Euer Gnaden hier in allen Dingen standesgemäß auftreten. -Wir haben es ja jetzt wieder dazu, an Geld ist -kein Mangel mehr, seit die Güter in dero Besitz sind, -und wenn in der Burg so sparsam gewirtschaftet wird, -so ist das um des Prinzips willen, — wenn es gilt, den -Namen zu repräsentieren, soll es mit dem altgewohnten -Glanz geschehen, — so haben es die Frau Gräfin-Mutter -bestimmt.«</p> - -<p>Guntram Krafft war es seit Kindesbeinen gewöhnt, -einen Befehl der Mutter blindlings zu erfüllen, und -so saß er auch jetzt wieder in der Loge, und wenn er -diesen Platz auch noch viel zu prunkvoll für seine schlichten -Ansprüche fand, so freute er sich doch, daß er ihm -ein so unauffälliges Ausschauen nach allen Seiten gestattete.</p> - -<p>Sobald eine Tür klappte, richtete sich sein Blick wie -in ungeduldigem Forschen den neu Eintretenden zu, -und so viel anmutige junge Mädchen und selbstbewußte<span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span> -schöne Frauen auch erschienen, Guntram Krafft sah jedesmal -enttäuscht aus. —</p> - -<p>Mehr und mehr Menschen drängten sich nach ihren -Plätzen, immer bunter, immer farbenprächtiger ward das -Bild ringsum, — auch die Loge füllte sich mit Gästen.</p> - -<p>Ein paar höhere Offiziere mit ihren Damen nahmen -neben dem Grafen Platz, die Erscheinung des fremden -Herrn mit schnellen Blicken musternd und alsdann hinter -dem Fächer in unauffälliger Weise nur das eine Wort -flüsternd: »Der Parzival!«</p> - -<p>Ein Lächeln, Raunen, Flüstern — —</p> - -<p>Ja, der moderne Parzival, welchen die besorgte Mutter -so ängstlich gehütet, welchen sie in tiefer Waldeinsamkeit -erzog und nun doch hinaus in die gehaßte Welt schicken -muß, weil das Herz des jungen Recken voll glühender, -tatendurstiger Ungeduld nach Aventure verlangt.</p> - -<p>Die ganze Residenz wußte es bereits, daß der Graf -von Hohen-Esp im Hotel Quartier genommen und gekommen -war, die Feste der Saison zu besuchen, um sich -eine Burgherrin für die ferne Bärenhöhle zu erwählen.</p> - -<p>Voll lebhaften Interesses sahen Mütter und Töchter -der guten Partie entgegen, und manch neugierig forschender, -oder zärtlich lächelnder Blick streifte den jungen -Mann, wenn er seine Spaziergänge durch die Straßen -machte und sich so völlig fremd und unbekannt in der -Stadt wähnte.</p> - -<p>Auch jetzt waren fast alle Blicke auf den Bären von -Hohen-Esp gerichtet, welcher ahnungslos über die Menge -hinwegblickte und nur eine einzige unter allen suchte.</p> - -<p>Er bemerkte es auch nicht, wie eine junge Dame in -der Nebenloge, welche sich lebhaft mit den Insassen seiner -Loge begrüßt hatte, die Blicke immer wieder auf ihn -heftete und sichtlich bemüht war, seine Aufmerksamkeit -zu erregen.</p> - -<p>Wie schwer aber war das bei einem derart naiven -und harmlosen Menschen wie diesem modernen Parzival!</p> - -<p>Er hörte mit halbem Ohr der Begrüßung und Unterhaltung -zu, vernahm, daß der eine der Offiziere sie<span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span> -»gnädigste Komtesse« — eine der Damen als »liebste -Thea« anredeten, daß man über einen Ball bei dem -Kammerherrn von Stach sprach und fragte, warum eigentlich -Fräulein von Sprendlingen nicht zugegen gewesen -sei ...</p> - -<p>Dann aber setzte die Musik ein, und ihre wundervolle -Eigenart interessierte den Grafen mehr, wie das verstummende -Geplauder neben ihm.</p> - -<p>Soeben wollte sich seiner eine gewisse Mißstimmung -über die Enttäuschung, welche er erfahren, bemächtigen, -aber der eigenartige Seemannsruf, das so faszinierende: -»Ho — Hoho johe!« — riß ihn empor aus seinen -Gedanken, atemlos hinabzulauschen, wo aus Flöten und -Geigen schier spukhaft der ganze Zauber des Seemannslebens -emporrauschte.</p> - -<p>Und als sich der Vorhang hob — da erhob sich ganz -unwillkürlich auch Guntram Krafft und schaute starren -Blickes, tief aufatmend, voll unendlichen Staunens auf -das mächtig wogende Meer, auf welchem das Schiff -des fliegenden Holländers heranfliegt!</p> - -<p>Und nun er selber, der verwünschte, ruhelose Mann, -just so, wie sein altes, verräuchertes Bild in der »blauen -Woge« daheim hängt, so bleich, wie Krischan Klaaden -ihn deutlich gesehen hat, als er in wilder Sturmnacht -am Kap Horn an ihnen vorüberraste!</p> - -<p>»Blutrot die Segel — schwarz der Mast! —« Und -alle Segel vollgesetzt, so wie das bei einem Schiff aus -Holz und Eisen unmöglich gewesen, kein Licht an Bord -— keine Mannschaft auf Deck — kein Pfeifen und -Schrillen um Rahen und Wanten — still und geisterhaft -wie ein Schatten flog's vorbei, — Elmsfeuer blitzen, -und nur auf dem Vorderschiff eine düstere Gestalt mit -schneeweißem Gesicht ... so ... just so, wie sie jetzt drunten -auf der Bühne steht!</p> - -<p>Ho — hoho johe! —</p> - -<p>Ist dies wahrlich nur eine Komödie?</p> - -<p>Ihm ist's, als wehe die kalte, scharfe Seeluft in -die Loge empor, — ihm ist's, als woge das Meer vor<span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span> -seinen Blicken ... ihm ist's, als stehe er selber am Strand -und schaue aus nach jenem Schiff, von welchem die -sehnsüchtigen Klänge über die Wasser ziehn ... »Blas -lieber Südwind!...«</p> - -<p>Guntram Krafft richtet sich höher auf, wie wildes -Heimweh überkommt es ihn, voll sehnsüchtigen Entzückens -leuchten seine Augen! — Er möchte die nervigen Arme -recken und dehnen, möchte aus rauher Seemannskehle -den Fremden auf der Bühne zujauchzen: »Ho ho johe! -ich hol' euch über!! —«</p> - -<p>Vergessen hat er, wo er ist, er weiß es nicht, daß -ein Lichtstrahl aus den Kulissen hervor just sein weit -vorgeneigtes, begeistertes Antlitz trifft, er ahnt es nicht, -wie schön ihn die Erregung macht, wie auffällig er sich -in diesem Augenblick benimmt.</p> - -<p>Er weiß es auch nicht, daß zwei Mädchenaugen in -langem Schauen auf ihm haften, daß es in ihnen aufleuchtet -wie geheime Leidenschaft und brennendes Interesse, -— seine Nachbarin, Komtesse Thea, welche keinen -Blick von ihm wendet.</p> - -<p>In die gegenüberliegende Loge sind leise zwei Damen -getreten und haben unbemerkt Platz genommen.</p> - -<p>Die Jüngere ist es, die mit langem Blick den Grafen -von Hohen-Esp mustert und ihrer Nachbarin zuflüstert: -»Sieh, Mama, da drüben steht der fremde Herr, welcher -mich gestern unter dem Schlitten hervorgeholt hat!«</p> - -<p>Frau von Sprendlingen, die noch immer auffallend -schöne und elegante Frau des seit etlichen Jahren pensionierten -Generals, hob die Lorgnette.</p> - -<p>»Ah! Das interessiert mich! Eine auffallend schöne -und stattliche Erscheinung! Er scheint ja überaus begeistert -von der Aufführung — sogar von diesem ersten -langweiligen Akt! — Sonst bekommen die Herren in -der Regel erst Augen und Ohren, wenn die Senta erscheint! -— Sieh nur diesen Ausdruck in dem Gesicht -deines Retters! Nächstens fällt er auf die Bühne herunter! -Seine Augen <em class="gesperrt">leuchten</em> ja förmlich! Wer mag -es sein, hörtest du es nicht, Gabriele?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span></p> - -<p>Die junge Dame zuckte die Achseln. »Nie sollst du -mich befragen ...«</p> - -<p>»Je nun, man wird es erfahren!«</p> - -<p>»Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!«</p> - -<p>»Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos —«</p> - -<p>»Aber nicht schick!« —</p> - -<p>»Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam, -der blonde Riese scheint etwas derb in seinen Bewegungen —«</p> - -<p>»Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen -er gestern wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge -errötet mehr so intensiv wie er!«</p> - -<p>»Das ist kein Fehler!«</p> - -<p>»Aber auch kein Vorzug!«</p> - -<p>»Männertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht -seltener!«</p> - -<p>»Geschmackssache! Es ist leider eine unumstößliche -Tatsache, daß die amüsantesten und nettsten Herren meist -diejenigen sind, welche schon mit einem Fuße in Amerika -stehen!«</p> - -<p>»Amüsant mögen sie sein, — aber nicht heiratsfähig!«</p> - -<p>»Was liegt daran?«</p> - -<p>»Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden -will!«</p> - -<p>Gabriele zuckte mit stolzem Lächeln die schönen Schultern. -»Als ob man nur heiratete, um versorgt zu sein -und unter die Haube zu kommen! Arme Mädchen sind -wohl darauf angewiesen! — Gott sei Dank, daß ich -in der Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ... -einen recht amüsanten Mann zu wählen!«</p> - -<p>Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf -und zupfte nervös an den echten Spitzen ihres Kleides.</p> - -<p>»Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verwöhnt -ist und so ungeheure Ansprüche an das Leben stellt, -mußt eine sehr brillante Partie machen. Du machst dir -total falsche Vorstellungen von unserm Vermögen ...«</p> - -<p>»O nein! Daß ich keine Millionärin bin, weiß ich,<span class="pagenum"><a id="Page_110">[S. 110]</a></span> -aber daß ich genug habe, um auch einen armen Mann -heiraten zu können, davon bin ich überzeugt!«</p> - -<p>»Und wenn du dich irrst?«</p> - -<p>»Dann bleibe ich lieber frei und unabhängig, ehe ich -einen Mann freie, der mir nicht sympathisch ist!«</p> - -<p>»Ist dir jener Fremde drüben sympathisch?«</p> - -<p>Gabriele lehnte das Köpfchen gelangweilt zurück. »Vorläufig -ist er mir unendlich gleichgültig! Zwar sieht der -›blonde Riese‹, wie du ihn zu nennen beliebst, aus, als -könne und müsse er ganz Hervorragendes leisten, und -du weißt, daß ich die Menschen nur nach Verdienst -schätze!«</p> - -<p>»Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche -sich nur für Helden begeistern kann! Schade, daß es -deren heutzutage zu wenig gibt!«</p> - -<p>»Es gibt deren!«</p> - -<p>»Etwa Herr von Heidler?«</p> - -<p>»Wenn einer — dann er!«</p> - -<p>»Welche Illusionen!!« Frau von Sprendlingen lachte -etwas nervös: »Ich hörte bisher nur, daß er recht flott -und leichtsinnig sei!«</p> - -<p>»Und daß er der beste, kühnste und unerschrockenste -Reiter, der tüchtigste Offizier im ganzen Regiment ist, -hörtest du noch nicht, Mama?«</p> - -<p>»Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es -noch nicht genug!«</p> - -<p>»Also bist du es, die so hohe Anforderungen an -das moderne Heldentum stellt!« Gabriele hielt den Fächer -ein wenig tiefer, und ihr Blick flog zu der ersten Reihe -des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere der -Garnison mit Vorliebe ihre Plätze wählten.</p> - -<p>»Mir genügt es vollkommen, wenn ein junger Mann -seinen guten Willen beweist, sein Bestes für Fürst und -Vaterland zu geben. Ich bin eine begeisterte Patriotin, -ich taxiere den Mann nur nach dem, was er für Reich -und Volk leistet, — das bestimmt seinen Wert!«</p> - -<p>»Aber was leistet Heidler?« zuckte Frau von Sprendlingen -ein wenig ironisch die Achseln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p>»Fürerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine -Bravour auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt! -Daß er eine vorzügliche Karriere macht, es zu den höchsten -Ehren bringt, ist selbstredend. Sollte aber ein Krieg -kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem Kaiser mit -Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!«</p> - -<p>Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle -Konduite, welche ihm der schöne Mund droben -ausstellte, wandte Herr von Heidler, der elegante Dragoner, -das Haupt und blickte mit einem mehr kühnen und -siegesgewissen, wie verbindlichen Lächeln zu der Loge -empor.</p> - -<p>Gabriele errötete ein klein wenig und nickte ihm wie -einem guten Bekannten zu, war es doch stadtbekannt, -daß Herr von Heidler ihr eifriger Courmacher war, -welcher schon während der beiden letzten Winter die -Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der -Saison getragen. Der junge Dragoner war eine auffallende -Erscheinung, nicht hübsch und — wie viele behaupteten -— auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden -Fall recht interessant.</p> - -<p>Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit, -mit einem sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht, -glatt rasiert bis auf den englischen kleinen Bart an -den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende, scharfe, lebhaft -blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte -Winkel ihm etwas Arrogantes gaben — das war Herr -von Heidler.</p> - -<p>Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten, -sondern lockte sich in zwei kleinen Tollen über der Stirn, -und das Monokel schaukelte sich meist nur auf der Brust, -ohne benutzt zu werden.</p> - -<p>Die Damen schwärmten für den außerordentlich amüsanten -Spötter, welcher rücksichtslos die Cour machte, -seinen scharfen Witz auf Kosten anderer spielen ließ -und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, — -die kleinen Skandalgeschichten, welche man sich über<span class="pagenum"><a id="Page_112">[S. 112]</a></span> -seinen Leichtsinn und sein Glück bei den Frauen erzählte, -verliehen ihm seltsamerweise in den Augen der Großstädterinnen -noch einen Reiz mehr!</p> - -<p>Die Herren urteilten weniger günstig über ihn, nannten -ihn einen frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten -höchstens den außerordentlichen Schneid und -die beinahe brutale Kühnheit, mit welcher er sich auf -der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht -hatte.</p> - -<p>Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge -war sehr leise geführt worden, — sie waren ungeniert, -da sie sich allein befanden, auch übertönte die Musik -das Flüstern hinter dem Fächer.</p> - -<p>Mutter und Tochter kannten den fliegenden Holländer -zur Genüge, betrachteten die Oper nur als angenehme -Zerstreuung und wären heute abend überhaupt nicht -hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der Prinzeß -Amalie am Nachmittag vorgefahren wäre, mit der Nachricht, -daß Hoheit Fräulein Gabriele heute abend gern -in der Teepause im Opernhause sprechen möchte, um -direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten. -Man wisse, daß Fräulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin -daselbst zu Gast gewesen und gestern zurückgekehrt -sei.</p> - -<p>Der erste Akt war vorüber, langsam sank der Vorhang -nieder, und die Klänge der Musik verhallten.</p> - -<p>Guntram Krafft stand noch so völlig unter dem Eindruck -des Gehörten, daß er regungslos verharrte und zur -Bühne hinabstarrte, als könne sein scharfes Auge die -neidische Hülle durchdringen.</p> - -<p>Erst der tosende Beifall des Hauses ließ ihn betroffen -aufschauen, und als er das Haupt wandte und sein -Blick mechanisch die gegenüberliegende Loge streifte, -zuckte er plötzlich zusammen, und auf sein erst so frei -und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe -scheuen Entzückens, mit welchem er schon einmal in die -Augen seiner Unbekannten gestarrt!</p> - -<p>War es Spuk und Zauber?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_113">[S. 113]</a></span></p> - -<p>Da glänzten ihm plötzlich die klaren Nixenaugen wieder -entgegen, da schimmerte das lockige Haar unverhüllt -über der Stirn, und weiße, flaumige Spitzen rieselten -wie Wasserschaum um den schlanken Hals.</p> - -<p>Der Graf hatte das Empfinden, als müsse er mit -jubelnder Bewegung zu ihr hinübergrüßen, aber er wagt -es nicht, er sieht aus wie aus Stein gemeißelt, und nur -sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzücken -über dies unverhoffte Wiedersehen.</p> - -<p>Die ältere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert -zu ihm herüber, und um die Lippen seiner Meerfei -spielt ein schnelles Lächeln.</p> - -<p>Sie sieht ihn an, groß und gelassen, und dann schaut -sie an ihm vorüber und nickt Komtesse Thea an seiner -Seite zu, — die Offiziere in der Loge und deren Damen -tauschen ebenfalls Grüße herüber und hinüber, und einer -der Herren sagt laut und lebhaft: »Ah scharmant! Da -ist ja Fräulein von Sprendlingen wieder zur Stelle! -Es ging auch wahrlich nicht länger ohne sie, man ist -so sehr an ihre reizende Erscheinung gewöhnt, daß der -Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!«</p> - -<p>»War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?«</p> - -<p>»Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflüchtig! Hat ihre -Tante Grüdner, die Hofmarschallin am Hofe zu X., anläßlich -deren Silberhochzeit besucht!«</p> - -<p>»Sie kann noch nicht lange zurückgekehrt sein?«</p> - -<p>»Seit gestern mittag, gnädigste Frau! Hatte sogar noch -ein Eisenbahnunglück hier in der Parkstraße zu überstehen —«</p> - -<p>»Eisenbahnunglück? Parkstraße? <em class="antiqua">bless me</em>! Sie sprechen -in Rätseln, bester Baron!!«</p> - -<p>»Na, einigen wir uns auf ein Schlittenunglück, Exzellenz! -Der ›Schwan‹ kippte um, und Schön-Gabrielchen -lag weich und warm ...«</p> - -<p>»Im Schnee?!«</p> - -<p>»O nein, an der Brust eines kühnen Retters, glaube, -der alte Dienstmann Saul stürzte sich ihr nach auf Leben -und Sterben!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_114">[S. 114]</a></span></p> - -<p>»Pfui, wie unpoetisch! Glücklicherweise scheint alles -sehr gut abgelaufen?«</p> - -<p>»Tadellos!«</p> - -<p>»Wer weiß, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen -hat! Wenn der alte Saul sie im Arme hielt ...!!«</p> - -<p>»Ungefährlich, Exzellenz! Da es noch früh am Tage -war, hatten seine Augen noch nicht den unheilvollen -denaturierten Spiritusglanz!« —</p> - -<p>»Welch ein Glück!« —</p> - -<p>»Aha — der Kammerherr erscheint drüben an ihrer -Seite ... sie erhebt sich ...«</p> - -<p>»Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das -Teezimmer befohlen?« —</p> - -<p>»<em class="antiqua">Allright</em>, — sie geht!«</p> - -<p>»Wie schade, — es war ein so schöner <em class="antiqua">point de vue</em> für -uns!« —</p> - -<p>»Ein Glück für Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, daß -die Kleine in festen Händen ist!«</p> - -<p>»Hört, hört!« —</p> - -<p>»Festen Händen?«</p> - -<p>»Nun ja! Der alte Saul?!« —</p> - -<p>Leises, übermütiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp -steht schwer atmend und lächelt nicht einmal.</p> - -<p>Er hat Wort für Wort von der Unterhaltung gehört, -obwohl er keinen Blick von dem reizenden Mädchenhaupt -drüben gewandt.</p> - -<p>Fräulein von Sprendlingen, — Gabriele heißt sie! -— Nun hat er ihre Spur gefunden, nun weiß er, daß -er sie wiedersehen, ihr sicher in den Salons begegnen -wird.</p> - -<p>Sein Herz schlägt aufgeregt in der Brust, das Blut -brennt ihm in den Wangen.</p> - -<p>Gabriele!</p> - -<p>Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie -die Nixen aus der Flut tauchen und den Seemann mit -kristallenen Augen anlächeln, dann ist es um ihn geschehen. <span class="pagenum"><a id="Page_115">[S. 115]</a></span>—</p> - -<p>Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt, -dieser küßt die schmale Hand der Mutter und -bietet der Tochter galant den Arm, sie hinauszuführen.</p> - -<p>In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der -Hof hat die große Mittelloge, wie fast immer nach den -Aktschlüssen, verlassen. Der Bär von Hohen-Esp setzt -sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen -tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um -ihn her wieder laut und lebhaft wird, da sieht er direkt -in das blasse, schmale Gesichtchen der Komtesse Thea, -deren tiefumschattete dunkle Augen mit dem Ausdruck -einer Madonna auf ihn gerichtet sind.</p> - -<p>Er erschrickt beinah und hat das Gefühl, als müßte -er ein Kompliment vor ihr machen, doch entsinnt er sich -noch rechtzeitig, daß er ihr noch gar nicht vorgestellt ist.</p> - -<p>»Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste -Freundin!« sagte die junge Dame just, — wie -es ihm scheint, mit ganz besonderem Nachdruck, und bei -Guntram Krafft wecken die Worte: »Ich habe Gabriele -sehr lieb!« einen warmen Widerhall im Herzen.</p> - -<p>Interessierter wie zuvor blickte er die Sprecherin an. —</p> - -<p>»Nun, dann muß man sich also mit Ihnen recht gut -stellen, Komtesse Sevarille, wenn man einen Verbündeten -sucht, um das Herz der spröden Freundin zu erobern?«</p> - -<p>Und abermals nickte die Genannte voll besonderen -Nachdrucks und sagt, den Blick auf den Hohen-Esper gerichtet: -»Das will ich meinen! Der Weg zu Gabrieles Herzen -führt hart an mir vorüber! Wer zu ihr gelangen -will, kann und darf mich nicht umgehen!«</p> - -<p>Sie scherzt anscheinend, und dennoch haben ihre Worte -einen seltsam ernsten Klang in Guntram Kraffts Ohr.</p> - -<p>Er blickt sie in seiner naiven Weise an, als habe sie -nur zu ihm gesprochen, — hocherfreut und dankbar zugleich.</p> - -<p>Die dunklen, sanften Augen haben etwas sehr Vertrauenerweckendes -für ihn, es muß herrlich sein, mit<span class="pagenum"><a id="Page_116">[S. 116]</a></span> -diesem anscheinend sehr liebenswürdigen und gütigen -Mädchen über Gabriele zu sprechen.</p> - -<p>Sagte sie nicht selbst: »Ich habe meine Freundin sehr -lieb?«</p> - -<p>Je nun, so muß ihr doch das Glück derselben ganz besonders -am Herzen liegen!</p> - -<p>Die Musik intoniert von neuem, und unruhig schaut der -Graf nach seinem reizenden Gegenüber aus, — umsonst, -der Platz an der Seite der Frau von Sprendlingen bleibt -leer. Jetzt treten die hohen Herrschaften wieder ein, -und hinter ihnen — richtig — da erscheint Gabriele -und nimmt neben einer der Hofdamen Platz.</p> - -<p>Erst nach der nächsten Pause kehrt sie an die Seite -der Mutter zurück.</p> - -<p>Mit strahlenden Augen begrüßt sie Guntram Krafft -— doch seltsam ... sie, die ihm noch vorhin ein so anmutiges -Lächeln spendete, blickt jetzt plötzlich über ihn -hinweg, als existiere er nicht mehr für sie.</p> - -<p>Die großen, hellen Nixenaugen blicken so kalt — so -unheimlich kalt, und die feinen Lippen wölben sich so -stolz und hochmütig, als habe sie der blonde Fremdling -hier drüben nie und nimmer im Arm gehalten.</p> - -<p>Was mag ihr plötzlich in den Sinn gekommen sein?</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp ist so in Schauen und Sinnen -versunken, daß er für nichts anders mehr Augen -und Ohren hat, — er bemerkt es nicht, wie Komtesse -Thea keinen Blick von ihm wendet und ihn scharf beobachtet, -wie das sanfte Madonnengesicht plötzlich einen -sehr scharfen, ironischen Ausdruck bekommt, wie es in -den schwärmerischen Augen aufglimmt. Er sieht nur -das kühle, stolze Nixengesicht in der Loge drüben — und -als die Senta auf der Bühne drunten mit weicher -Stimme klagt: »Doch nie ein treues Weib er fand!« da -geht es plötzlich wie ein Erschrecken durch das Herz des -weltfremden Mannes.</p> - -<p>Ein treues Weib! —</p> - -<p>Wie oft hat er daheim im Ernst und Scherz aus den -rauhen Seemannskehlen gehört:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_117">[S. 117]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Da ist eine Nixe an's Ufer geschwommen,<br /></span> -<span class="i0">Die hat sich ein Schiffer zum Liebchen genommen,<br /></span> -<span class="i0">Ihr Aug' war wie Wasser, ihr Leib war wie Schnee,<br /></span> -<span class="i0">Und falsch und treulos das Weib aus der See —<br /></span> -<span class="i0">Hojohe! Hojohe!<br /></span> -<span class="i0">Das treulose Weib aus der See!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Sein Blick schweift wieder hinüber wie in angstvollem -Forschen, und ihm ist's, als ob sich im Dämmerlicht des -verdunkelten Hauses ihr schneeweißes Antlitz ihm zuwende.</p> - -<p>Lächelt sie?</p> - -<p>Ja, sie lächelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche -Hand liegt wieder mit sanftem Druck in der seinen, er -atmet den süßen Veilchenduft, welcher aus ihrem Haar -emporweht.</p> - -<p>Wie erlöst von bangem Zweifel atmet er auf.</p> - -<p>Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur -um der wundersamen, lichtklaren Augen willen? —</p> - -<p>Das war eine sonderbare Idee von ihm.</p> - -<p>Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch -und Blut, und in ihrer Brust schlägt ein warmes, treues -Herz, für den, welcher es zu eigen gewinnen wird!</p> - -<p>Warum ist er hier?</p> - -<p>Wie der fliegende Holländer, der einsame, weltfremde -und verlassene, kam auch er an Land, um ein Weib -zu freien, — und so wie jener auf der Bühne drunten -eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein zaubrisch -Lieb sich heimholen. —</p> - -<p>Ho — hohojohe! —</p> - -<p>Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See -und den tosenden Sturm!</p> - -<p>Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft, -sein Herz wird weit und groß in heißem Sehnen nach dem -Meer und all seinem herben Zauber!</p> - -<p>Soll er heimkehren zu ihm? —</p> - -<p>Lächelnd schließt er die Augen.</p> - -<p class="pmb3">Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden -hält es ihn in der Fremde fest!</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_118">[S. 118]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="IX">IX.</h2> -</div> - - -<p>Während Guntram Krafft mit sehnsüchtigem Blick -nach dem Logenplatz, welchen Gabriele am Arm des -Kammerherrn verlassen, hinüberschaute, war Fräulein -von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter -der großen Hofloge lag, eingetreten.</p> - -<p>Prinzeß Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen.</p> - -<p>Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens -wegen nur mit großer Anstrengung zu gehen -vermochte und meist in ihrem kleinen, eleganten und -leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem -jungen Mädchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu -und fesselte sie sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele -von den anwesenden Fürstlichkeiten durch ein paar huldvolle -Worte der Begrüßung ausgezeichnet war.</p> - -<p>Fräulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse -Tee in der Hand, neben der Prinzessin und erzählte in -ihrer frischen, anmutigen Art von den erlauchten Anverwandten -der hohen Frau, welche sie während ihres -Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch -vor wenigen Tagen gesehen und gesprochen hatte.</p> - -<p>Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden -Hoheit, welche diesen Winter zum erstenmal -tanzt und auf einem Kostümfest im Ministerhotel als -»Rautendelein« ganz besonders herzgewinnend aussah; -von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits -über den Kopf wachsen, sehr liebenswürdig und -begabt sind, auch auf künstlerischem Gebiet, namentlich -in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von diesen -und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit -der Prinzeß Amalie ihre Stellung innehatten und der<span class="pagenum"><a id="Page_119">[S. 119]</a></span> -hohen Frau ein ganz besonders treues und verehrungsvolles -Andenken bewahren.</p> - -<p>Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt -verändert!</p> - -<p>Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glück -ist zerschellt, manch Unglück hat sich noch in letzter -Stunde gewendet, — die Jungen wachsen heran, und -»neues Leben blüht aus den Ruinen!«</p> - -<p>Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen -Erinnerungen neu aufleben zu lassen. Gabriele bleibt -auf Wunsch der Frau Prinzessin in der großen Loge.</p> - -<p>Und als sich die Herrschaften während der nächsten -Pause abermals zurückziehen, wendet sich der Herzog -mit einer Ansprache an Fräulein von Sprendlingen und -verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung.</p> - -<p>Als er sich just voll liebenswürdigen Interesses nach -dem Unfall erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten -gehabt, klingt das leise, beinahe übermütige Lachen des -Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit einer der -Hofdamen plaudert.</p> - -<p>»Ich glaube, Gräfin, wir alle sind gespannt, den ›weisen -Toren‹ kennenzulernen!« sagt er gerade mit vernehmlicher -Stimme, »denn solch eine Bekanntschaft macht man -nicht alle Tage, höchstens in Bayreuth!«</p> - -<p>Der Herzog wendet den Kopf: »Von welchem ›weisen -Toren‹ sprichst du?«</p> - -<p>»Von dem modernen Parzival!« lacht der Prinz, »welcher -heute abend dem fliegenden Holländer eine gewaltige -Konkurrenz macht und das Publikum mehr interessiert -wie der bleiche Kapitän auf der Bühne drunten!«</p> - -<p>»So, so! — Der Graf von Hohen-Esp! — Der dürfte -freilich die Attraktion der diesjährigen Saison sein! — -Und ›Parzival‹ nennt Ihr ihn? — So übel nicht, wenngleich -der Hof des Königs Amfortas recht wenig Ähnlichkeit -mit dem unsern hat!«</p> - -<p>»Parzival kam auch in Klingsors Zauberschloß und -sah dort Blumenmädchen, die beinahe so schön waren<span class="pagenum"><a id="Page_120">[S. 120]</a></span> -wie unsere Balldamen!« neckte der Prinz mit einem -Seitenblick auf Gabriele.</p> - -<p>»Dürfen wir ... oder müssen wir jetzt erröten, Hoheit?« —</p> - -<p>»Beides, mein gnädiges Fräulein, es steht Ihnen -eins so gut wie das andere!«</p> - -<p>»Laßt sehen, ob es den modernen Parzival von Burg -›Hohen-Esp‹ fesselt!« scherzte der Herzog und fuhr, direkt -zu Fräulein von Sprendlingen gewandt, fort: »Was -sagen Sie dazu, Gnädigste, daß die eifersüchtige Mutter -Herzeleide, alias Gräfin Gundula, endlich den so lang -versteckten Sohn freigibt?« —</p> - -<p>»Ich höre es soeben mit Staunen, königliche Hoheit, -daß Graf Hohen-Esp hier in der Residenz anwesend ist!«</p> - -<p>»Sogar in nächster Nähe zu schauen! Bemerkten Sie -noch nicht in der Loge, Ihnen gegenüber, einen blonden -Mann, welcher nicht im mindesten nach einem Hinterwäldler -ausschaut?!«</p> - -<p>Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen -an. —</p> - -<p>»Jener Fremde ... <em class="gesperrt">jener</em> ist es, königliche Hoheit?«</p> - -<p>»Gewiß! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung -in dem Einsiedler aus der Bärenhöhle?«</p> - -<p>»Findest du wirklich, Vater, daß er so völlig von -Europens Kultur beleckt ist?« lachte Prinz Karl Emil -mit zwinkerndem Blick: »Der tadellos zugeschnittene Rock -und die Krawatte <em class="antiqua">à la fin de siècle</em> machen es nicht -allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des Goldschnitts, -mit dem man ihn ›neu eingebunden‹ hat, doch -aus, wie ein etwas verstaubter Foliant, welchen man -aus wurmstichigem Archiv holt!«</p> - -<p>Leises Gelächter, die Herzogin und einer der Flügeladjutanten -sind herzugetreten und beteiligen sich voll -Interesse an dem Gespräch, sie lachen ebenfalls über -den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der Herzog -zuckt etwas ungeduldig die Schultern.</p> - -<p>»Motiviere deine Ansicht!« sagt er kurz, »was mutet<span class="pagenum"><a id="Page_121">[S. 121]</a></span> -dich ›verstaubt‹ an der blühenden, reckenhaften Gestalt -des jungen Mannes an?«</p> - -<p>»Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert!« -fährt der Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, »ich -bin sogar überzeugt, daß Parzival das modernste Parfüm -ins Schnupftuch goß, welches jemals Blumenmädchen -fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik -macht — und die Art und Weise, <em class="gesperrt">wie</em> ein Mensch -seine Kleider trägt, ist maßgebend für seine Persönlichkeit!«</p> - -<p>»Ganz recht, — <em class="gesperrt">wie</em> aber trägt Graf Guntram Krafft -seinen Rock?«</p> - -<p>»Wie ein Mann, der sich höchst fremd und höchst -unbehaglich in der neuen Fasson vorkommt!«</p> - -<p>»So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!«</p> - -<p>»Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert, -ungeschickt, — in Wahrheit ›bärenhaft‹! Man sieht, -daß der junge Einsiedler es gewohnt ist, mehr mit Keulen -dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu hantieren!« —</p> - -<p>»Mich überrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes!« -schaltete die Herzogin ein, »fraglos ist der -Graf ein schöner Mann! Seine Züge haben etwas Edles, -ich möchte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr Ausdruck -nimmt ihnen vollständig diesen Charakter!«</p> - -<p>»Er ist von all dem Neuen befangen!...«</p> - -<p>»Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben -einen schier kindlichen Blick, so naiv wie er schaut kaum -noch ein Backfischchen drein! — Was er denkt und fühlt, -spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete ich während -der Vorstellung. Wenn er bemerkt, daß sich aller -Augen aus dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen -wie ein schämiges Jüngferchen, — ich möchte -darauf wetten, daß er sogar errötet!« —</p> - -<p>»Dies alles deucht mir kein Fehler!«</p> - -<p>»Gewiß nicht, — aber auch kein Vorzug für einen -Mann!« —</p> - -<p>»Wir müssen bedenken, wie groß der Umschwung der<span class="pagenum"><a id="Page_122">[S. 122]</a></span> -Verhältnisse für den Ärmsten ist! In tiefster Einsamkeit -aufgewachsen, steht er urplötzlich in dem bunten hochflutenden -Strom großstädtischen Lebens, — sonst gewöhnt, -stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben, -welche alles für ihn bedenkt und leitet ... ist er plötzlich -ganz allein auf sich selbst angewiesen und muß sich -ohne Kompaß und Steuer durch die Flut völlig fremder -Verhältnisse lavieren ...«</p> - -<p>»Er steht daheim vollständig unter dem Einfluß der -Mutter?«</p> - -<p>»Selbstverständlich! Er wird der Gräfin jetzt wohl -mit Ausübung aller praktischen Arbeit zur Hand gehen, -aber sicherlich Frau Herzeleide ebenso als ›hohe Obrigkeit‹ -ansehen, wie Parzival der Ältere, ehe ihn sein Tatendrang -hinaus in die Welt führte!«</p> - -<p>»Die Verhältnisse sollen ja geradezu glänzende geworden -sein! Man sagt, die Gräfin habe sich vollkommen -arrangiert und das verlorene Vermögen sozusagen -zurückgewonnen!«</p> - -<p>»Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche -jedermann die höchste Achtung abnötigt! Was diese -Bärin für ihr Junges getan, macht ihr so leicht kein -Mann nach!«</p> - -<p>»Sie muß eine geradezu geniale Landwirtin, eine -geborene Agrarierin sein! Allerdings hat sie auch viel -Glück bei der Sache gehabt! Schon der Umstand, daß -der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht -mehr viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein -verdankt sie es doch, daß sie Walsleben so ›portionsweise‹ -zurückkaufen kann!«</p> - -<p>»Nächstens geht das Gut wohl wieder völlig in ihren -Besitz über! Der alte Inspektor hat mal kürzlich unserem -Domänenrat erzählt, die Gräfin hätte es schon vor zwei -Jahren kaufen können, die Barsumme läge bereit; aber -sie ist so sehr vorsichtig, daß sie sich nie völlig verausgabt, -sondern stets mit allen möglichen Eventualitäten -rechnet, Mißernten usw., wo es gilt, die Löcher mit -Kapital stopfen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_123">[S. 123]</a></span></p> - -<p>»Sehr klug und vernünftig gedacht! — Ich bin sehr -gespannt, den Sohn kennenzulernen, ob er von den -großen Anlagen der Mutter geerbt hat!«</p> - -<p>»Vorläufig machen Mutter und Sohn ja zusammen -noch eine ›Zehne‹ aus!« zuckte Prinz Karl Emil voll -Humor die Achseln.</p> - -<p>»Was heißt das?«</p> - -<p>»Nun — sie ist die eins — und er ... die Null!« —</p> - -<p>Abermals ein leises Gelächter, nur der Herzog klappte -mit verräterischem Zucken um die Lippen den Sohn -mit dem Handschuh gegen den Arm und schalt: »Unverbesserlicher -Spötter! Bei dir und deiner beklagenswerten -Mama ist es freilich umgekehrt!«</p> - -<p>In den Korridoren ertönte das Klingelzeichen, die -hohen Herrschaften traten nach sehr huldvoller Verabschiedung -in die Loge zurück, und Gabriele eilte, die Begleitung -des Kammerherrn dankend ablehnend, zu Frau -von Sprendlingen zurück.</p> - -<p>Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug -aufgeregt in der Brust.</p> - -<p>Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und -ein finsterer, beinahe verächtlicher Blick streifte den -Grafen von Hohen-Esp, welcher sich mit aufleuchtenden -Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von seinem Entzücken -machte, sie wiederzusehen. Also das Muttersöhnchen -aus der Bärenhöhle war der mutige Retter, welcher -mit so gewaltigen Fäusten ihren Schlitten ausgerichtet -hatte, daß der Kutscher gar nicht genug davon schwärmen -konnte, war der höfliche Mann, welcher sie emporgehoben -und mit solch unverhohlener Bewunderung in -ihr Antlitz geblickt hatte, daß sie lächeln mußte!</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen -einer kaum beachtenswerten Verletzung am Fuß nicht -Soldat ward, welcher sich feige und schlapp hinter der -Mutter Schürze verkroch, anstatt voll kühnen Wagemuts -hinaus in die Welt zu stürmen, um Gut und Blut -zu Kaisers Ehren zu wagen!</p> - -<p>Und den nennen sie einen Parzival? Sie möchte schallend<span class="pagenum"><a id="Page_124">[S. 124]</a></span> -auflachen, und beißt doch wie unter physischem -Schmerz die Zähne zusammen.</p> - -<p>Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster -Einsamkeit, welches die Mutter gegängelt hatte, -solange sein Arm noch schwach und sein Schwert noch -kurz war, — als aber dem jungen Löwen das Haus zu -eng ward, als er die königliche Kraft in Herz und -Faust verspürte, da riß er sich los von dem unwürdigen -Gängelband, von Weiberrock und Schürze, sattelte hochgemut -sein Roß und zog aus, in seines Königs Landen -Frau Aventure die Fehde anzusagen!</p> - -<p>Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen -markiger Hand der Speer, der heilige, leuchtete; was -aber ist Graf Guntram Krafft? Wahrlich ein Bär, welcher -kampfmutig hervorbricht aus der Höhle, Sieg und Beute -zu suchen? —</p> - -<p>Nein, wahrlich nicht!</p> - -<p>Er sitzt hinter dem Ofen und läßt Weiberhände für -sich arbeiten, er erntet nur die Saat, welche die fleißige -Mutter für ihn ausgestreut.</p> - -<p>Und was tut er für Kaiser und Reich?</p> - -<p>Nichts!</p> - -<p>Für wen setzt er seine Bärenkräfte ein?</p> - -<p>Nur für sich selbst!</p> - -<p>Sagt er es sich nicht selbst, daß er als Mann, — als -Edelmann heilige Pflichten zu erfüllen hat?</p> - -<p>Nein!</p> - -<p>In behaglicher Ruhe genießt er sein inhaltloses Leben, -läßt das Schwert an der Wand rosten und stellt das -Schild der Ahnen in die Rumpelkammer!</p> - -<p>Was will er hier?</p> - -<p>Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben -mit ihm teilt?</p> - -<p>Ein verächtliches Zucken um Gabrieles Lippen.</p> - -<p>Auch eine solche wird sich wohl für ihn finden; es gibt -Mädchen, welche wenig, sehr wenig von einem Mann -verlangen, lediglich einen Trauring.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_125">[S. 125]</a></span></p> - -<p>Gehört Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen -Seelen?</p> - -<p>Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust glüht ein -Feuer heiliger Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung, -vor dessen Flammenschein selbst die reckenhafte Bärengestalt -des reichen Grafen von Hohen-Esp wie ein Schatten -kläglich zusammenschrumpft!</p> - -<p>Ja, kläglich!</p> - -<p>Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich -neben dem Riesen Guntram Krafft, und doch deucht -es ihr, als blicke sie tief auf ihn herab, so tief, daß -er gar nicht mehr für sie existiert!</p> - -<p>Als die letzten Musikklänge verrauscht sind und der -tosende Beifall sich gelegt hat, erhebt sich das junge -Mädchen und schreitet hastig dem Ausgang zu; für den -Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer zögernd in -der Loge steht und zu ihr hinüberschaut, hat sie keinen -Blick mehr.</p> - -<p>In der großen Halle drunten stehen die jungen Offiziere -und plaudern mit den Damen, welche hier das -Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant von -Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, küßt -Frau von Sprendlingen die Hand und erkundigt sich -nach dem Befinden der Damen.</p> - -<p>Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begrüßt — -daß seine Anwesenheit daselbst ein Zufall gewesen, hat -er weder behauptet, noch hat es die junge Dame angenommen; -auch jetzt blickt er ihr mit den kühnen, siegesgewissen -Augen, wie in selbstverständlicher Vertraulichkeit -in das reizende Antlitz und versichert ihr, daß die -Residenz schauderhaft öde ohne sie gewesen sei und daß -es eine ganze Menge zu erzählen gäbe! Gestern habe -er mit etlichen Kameraden eine — <em class="antiqua">soit dit</em> Schnitzeljagd -auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit -der Gäule auszuprobieren, die guten Resultate habe -man selbstredend mit etwas Alkohol gefeiert, und zwar -sei die Sitzung so ausgedehnt worden, daß er nicht -mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten<span class="pagenum"><a id="Page_126">[S. 126]</a></span> -Besuch in Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben -jetzt noch nachholen und eine Tasse Tee bei den Damen -trinken dürfe?</p> - -<p>Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen, -obwohl ihr Lächeln ein wenig kühler scheint, wie sonst; -Gabriele aber errötet unter dem zarten Spitzenschleier, -welcher ihr Köpfchen verhüllt, und die Nixenaugen blitzen -voll Interesse auf.</p> - -<p>»Einen Übungsritt <em class="antiqua">à la</em> Heidler?« ruft sie lebhaft, -»davon müssen Sie erzählen! Wie geht es Ihrer ›Gudrun‹ -— hat sie das Glatteis mit bekannter Verve genommen?« —</p> - -<p>»›Gudrun‹ hat brillant durchgehalten, aber Massenbach -hat Pech mit seinem ›Slusohr‹ gehabt, — nahm einen -Graben ... gegen die Sonne ... war natürlich geblendet -und sprang zu kurz ...«</p> - -<p>»O weh! Und ›Slusohr‹?« —</p> - -<p>»Kocht bereits im Wurstkessel!«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Pour condoler!</em>« —</p> - -<p>»Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es -verspeisen müssen?!«</p> - -<p>Sie lachen und bemerken kaum die hohe Männergestalt, -welche dicht neben ihnen an einer Säule steht und keinen -Blick von Gabriele verwendet. Nur Frau von Sprendlingen -sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm -ein ganz besonders freundliches Gesicht.</p> - -<p>Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der -Baronin den Arm, und Gabriele folgt.</p> - -<p>Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, daß -der lichtblaue, mit weißem Tibet besetzte Samt ihres -Theatermantels ihn streift.</p> - -<p>Die junge Dame bemerkte es nicht.</p> - -<p>Wieder weht der süße Veilchenduft zu ihm empor und -benimmt ihm schier den Atem, — der Einsiedler aus -der Bärenhöhle hat nur Augen und Sinn für die schlanke -Mädchengestalt neben ihm, — aber das stolze Antlitz -wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu.</p> - -<p>Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den<span class="pagenum"><a id="Page_127">[S. 127]</a></span> -Wagen hebt und dann selber einsteigt, — die Pferde -ziehen an, und neue Wagen und Rosse drängen vor das -Portal.</p> - -<p>Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte -Winternacht hinaus.</p> - -<p>In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen -Eindrücken.</p> - -<p>Sein Herz schlägt heiß und ungestüm in seiner Brust; -wie eine leidenschaftliche Glückseligkeit, eine jauchzende -Lebensfreude kommt es über ihn. Morgen wird er seine -Besuche fahren, er wird all die vielen, heiteren, freundlich -lachenden Menschen kennenlernen, — auch Gabriele -von Sprendlingen, — und dann ist er ihr kein Fremder -mehr, er darf sie grüßen, darf mit ihr plaudern ... -und sie wird ihn mit den süßen, rätselhaften Augen ebenso -anblicken, wie vorhin den Dragoner ...</p> - -<p>Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen -Herzens zum Schlafe niedergelegt, wie an diesem Abend, -— vor seinen Ohren rauschen die Wogen des Meeres, -klingen die Zauberweisen des »Fliegenden Holländers« — -Sentas Antlitz trägt Gabrieles Züge, und sie breitet -die Arme nach ihm aus und singt leise wie ein Hauch: -»Ach, wann wirst du, bleicher Seemann, sie finden? -Betet zum Himmel, daß bald ein Weib — die Treue -ihm hält!« — Hohojohe! —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General -von Sprendlingen bewohnte, lag in einer jener stillen -Vorstadtstraßen, in welchen nur Equipagen und elegante -Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter die prächtig -gepflegten Gärten einhegen und weiße Steinbilder -aus Taxus und Lebensbäumen ragen.</p> - -<p>Über den verschneiten Gartenweg eilte eine junge -Dame in fußfreiem Tuchkostüm, welches die sehr kleinen -Juchtenstiefelchen genügend sehen ließ, ein weiches Pelzkäppchen -auf dem lose gepufften Haar, und die dicke -lange Boa von rötlich-hellem Pelz um den zierlichen -Hals geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum<span class="pagenum"><a id="Page_128">[S. 128]</a></span> -merklichem Gruß an dem Portier vorüber, um die teppichbelegte -Treppe emporzuhasten.</p> - -<p>Sie schien kein seltener Gast bei Fräulein von Sprendlingen -zu sein, denn der Diener öffnete sogleich wie -ganz selbstverständlich die weißlackierten Flügeltüren und -sagte mit kurzer Verbeugung: »Darf ich bitten, in das -Musikzimmer, Komtesse, — das gnädige Fräulein spielen -soeben!«</p> - -<p>»Hm!« sagte Gräfin Thea von Sevarille, den Gruß -ebenso unhöflich erwidernd wie zuvor denjenigen des -Portiers, staubte die letzten Schneesternchen von dem -Muff und schritt durch eine Flucht beinahe übereleganter -Salons nach dem kleinen, turmähnlichen Anbau, in welchem -Gabriele ihren Flügel aufgestellt hatte.</p> - -<p>Fräulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und -erhob sich.</p> - -<p>»Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, daß -du noch nicht hier warst! Während meiner Abwesenheit -hat sich doch gewiß mancherlei hier ereignet, was -wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm -mit hinüber, ich finde es heute kalt hier!«</p> - -<p>»Dein eisiges Herz kühlt die Temperatur zu schnell -ab!« lachte Thea und legte den Arm um die Schultern -der Freundin. »Mir ist es recht, warm zu sitzen, ich -bin bis zum Eiszapfen gefroren!« —</p> - -<p>Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie -ehemals schon als Backfische so oft beisammen gesessen; -Komtesse Sevarille warf die Pelzjacke und Boa ab, -zog den weißen Schleier über das spitze, scharfmarkierte -Näschen empor und ließ sich wohlig vor dem Kamin -in eins der hellseidenen Sesselchen sinken.</p> - -<p>»Neuigkeiten!« lachte sie; »wenn du gehst, Liebste, -steht die Zeit bei uns still, — und sowie du wieder auf -der Bildfläche erscheinst, häufen sich die Ereignisse! -Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt?« —</p> - -<p>»<em class="antiqua">En passant</em>, — es war nicht der Rede wert!«</p> - -<p>»Es genügte, um dich einem höchst gefährlichen Retter -in die Arme zu führen!!« <span class="pagenum"><a id="Page_129">[S. 129]</a></span>—</p> - -<p>Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem -man im Theater gesprochen, und belachte ihren harmlosen -Witz sehr vergnüglich; um so mehr überraschte sie -der plötzlich so ganz veränderte Ausdruck in dem schönen -Antlitz ihres Gegenübers.</p> - -<p>»Ein gefährlicher Retter?« spottete Gabriele, und ihre -Augen wurden so groß und durchsichtig, als wollten sie -einen Blick bis in ihr tiefstes Herz gestatten. »Wenn -mir alle Menschen so ungefährlich wären wie der Bär -von Hohen-Esp, so wäre es gut um mich bestellt!«</p> - -<p>Schier atemlos starrte Thea sie an. »Der Bär von -Hohen-Esp?« wiederholte sie gedehnt.</p> - -<p>»Verlangst du, daß ich ihn voll ersterbenden Respekts -Herr Graf nenne?!« —</p> - -<p>»Der Hohen-Esper rettete dich?«</p> - -<p>Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln.</p> - -<p>»Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter, -und da muß ich dir doch begreiflich machen, daß nichts -an der ganzen Sache gefährlich war, weder er noch -der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde! -Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!«</p> - -<p>Einen Augenblick starrte Gräfin Sevarille, noch aufs -höchste betroffen, in das lodernde Kaminfeuer, dann -faßte sie sich schnell und nickte sehr lebhaft: »Du sollst -mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen -einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also -bereits kennen?«</p> - -<p>»Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt, -der zuspringt, wenn einem der Schirm hinfällt!«</p> - -<p>Thea lachte gedämpft. »So stellte er sich nicht vor?« —</p> - -<p>»Nein! Ich glaube nicht, daß der Einsiedler aus dem -Hinterwald schon Knigges Umgang mit Menschen studiert -hat!«</p> - -<p>»Vorzüglich! Du bist fabelhaft amüsant, Gabriele! -Und sehr gut warst du nie auf diesen Bär zu sprechen! -Weißt du noch, wie du damals — hier an derselben -Stelle — einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und<span class="pagenum"><a id="Page_130">[S. 130]</a></span> -ruhmlosen Grafen nie zu erhören, und wenn er zehnmal -dir zu Füßen liegen sollte?«</p> - -<p>»Nein, diesen Schwur vergaß ich nicht und gedenke -ihn auch unter allen Umständen zu halten!« spottete -Fräulein von Sprendlingen mit demselben verächtlichen -Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. —</p> - -<p>»Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das -erste Kapitel zu einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!«</p> - -<p>Theas Augen schillerten, sie rückte eifrig näher und -verschlang die Hände um das Knie.</p> - -<p>»Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt -nicht die Ansichten wie die Handschuhe, — das wäre -erbärmlich! Es wäre nur recht bedauerlich, wenn der -arme Parzival sein Herz ernstlich an dich verlöre!«</p> - -<p>»Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und -Zylinder ›Parzival‹? Verzeih' die Offenheit, aber ich -finde es als eine grobe Geschmacksverirrung!«</p> - -<p>»Warum das? — Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp -nicht genau mit dem von König Gamurets Sohn überein?«</p> - -<p>»Das ich nicht wüßte!«</p> - -<p>»Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret -fiel im Kampf, hinterließ seine Gemahlin Herzeleide, -welche an allem Glück ebenso verzweifelte, wie die Gräfin -Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er ebensowenig -heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich -Karl seinen Erben in der Bärenburg! Und so steht es -nun wörtlich bei Gustav Schalk zu lesen: ›O‹, schluchzte -Herzeleide und drückte den schönen Knaben Parzival voll -Zärtlichkeit an das Herz, ›O, sähen dich, du liebes Kind, -die Augen deines Vaters, wie würden sie so innig -lachen ob deiner Schönheit! Wehe, wehe uns beiden, -daß er dahinfahren mußte! Dich aber will ich behüten -vor solchen Fährlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter -werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und -später als friedlicher Landmann den Acker bauen!‹</p> - -<p>... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gräfin -Gundula sprach gewiß ebenso, mit etlichen kleinen - <span class="pagenum"><a id="Page_131">[S. 131]</a></span> -Veränderungen nur! ›Wehe, daß er dahinfahren mußte nach -Monte Carlo! — Dich aber will ich vor solchen Versuchungen -und Fährlichkeiten wahren, mein Guntram -Krafft! Du sollst kein Leutnant werden, sondern fern -in den Wäldern von Hohen-Esp aufwachsen und als -friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!‹«</p> - -<p>»Vortrefflich! Du weißt ja großartig Bescheid!«</p> - -<p>»Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, -mein Ideal, meine Leidenschaft!«</p> - -<p>»Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist -auch aller mütterlichen Schlappheit zum Trotz <em class="gesperrt">doch</em> ein -Ritter geworden, hat Heldentaten getan und die Welt -mit seines Namens Ruhm erfüllt, — dahingegen Graf -Guntram Krafft? Was tat er?«</p> - -<p>»Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter -zu sehr, um ihr durch trotziges Scheiden das Herz zu -brechen, wie der ›ritterliche‹ Parzival es tat!«</p> - -<p>Gabriele zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von -Hohen-Esp nur kein Taschenmesser mitgegeben hat, daß -er sich hier in die Finger schneidet!«</p> - -<p>»Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen -gegen Männer, welche sich nicht aus Patriotismus -spießen und hängen lassen! Mag Graf Guntram -Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen -Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, — -<em class="gesperrt">eins</em> mußt du ihm dennoch zugestehen, daß er hübsch -ist! Bildhübsch! Reichlich so schön wie jener Parzival, -welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter Schminke -und Lampenlicht alle Welt bezauberte!«</p> - -<p>Thea hatte mit beinahe schwärmerischer Ekstase gesprochen, -sie preßte die Hände gegen die Brust und -schaute träumerisch in das Schneetreiben hinaus, Gabriele -aber lachte ein wenig erstaunt und schüttelte den -Kopf.</p> - -<p>»Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu -haben wie ich! Fürerst finde ich es nur schade, daß -so männlich edle Züge einen solch weichlich naiven Ausdruck - <span class="pagenum"><a id="Page_132">[S. 132]</a></span> -tragen! Das kommt bei der Erziehung in Waldeinsamkeit -heraus! Aber gleichviel, — er gefällt dir! Und -das ist viel Glück für den Bärenhäuter ...«</p> - -<p>»Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, -und ich mag es nicht hören!«</p> - -<p>»Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? -So ganz <em class="antiqua">prima vista</em> dich erobern lassen?!«</p> - -<p>Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm -um die Sprecherin und drückte ihr Gesichtchen mit den -nervös bebenden Lippen an die Schulter der Freundin.</p> - -<p>»Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich über einen -neuauftauchenden Heiratskandidaten lustig machen!« sagte -sie leise, sehr innig und sehr aufrichtig, »du Glückliche -hast dein Teil erwählt, du wirst geliebt und liebst wieder! -Wenn du es auch noch ableugnest, — wir wissen es doch, -daß du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn -man so reich ist wie du, kann man sich den Luxus gestatten, -den Löwen der Saison an die Rosenkette zu legen -— ich armes Wurm muß bescheidener sein und Gott -danken, wenn es nur ein Bär ist, dessen Herz ich bändige! -— Und er gefällt mir schon jetzt so gut, dieser Bär! — -Gabriele! Du hast stets gesagt, daß du meine treue, aufrichtige -Freundin bist, betätige es! Hilf mir, daß ich auch -so glücklich werden möchte, wie du!« Ein seltsamer -Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen -Nixenaugen.</p> - -<p>Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: »Wie schnell -hat sich schon eine gefunden, die dem Freier aus der -Bärenhöhle mit offenen Armen entgegenläuft!« — — -aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kämpfte auch -den Widerwillen, welcher sie überkam, nieder, und antwortete -so freundlich, wie es ihr möglich war: »Wenn -ich jemals etwas dazu tun kann, dir das Herz des -Grafen zuzuwenden, so soll es gewiß geschehen, obwohl -ich glaube und hoffe, daß er ohne fremdes Zutun solch -einen guten Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler -anbelangt« — — die Sprecherin erglühte bis auf den -weißen Hals hinab, — »so bist du gewaltig im Irrtum, - <span class="pagenum"><a id="Page_133">[S. 133]</a></span> -wenn du glaubst, daß ein einziges Wort zwischen uns -gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches -Interesse. Wir sind gute Kameraden, — weiter nichts.« —</p> - -<p>»Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! -— Apropos ... der Hohen-Esper fährt heute Besuche. -— War er schon hier, und habt Ihr ihn angenommen?«</p> - -<p>Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen -Augen hervor und forschte in dem Antlitz des Fräulein -von Sprendlingen, Gabriele aber griff gelassen nach -ein paar Karten, welche zwischen den Büchern des -Nebentischchens lagen und reichte sie dar.</p> - -<p>»Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama -die Karten herüber, soviel ich weiß, hat sie den hohen -Besuch empfangen, — ich selber ließ mich entschuldigen, -ich sei noch bei der Toilette!«</p> - -<p>»Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! -So etwas brächte keine andere fertig!« —</p> - -<p>Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der -Komtesse auf der Karte, sie war plötzlich sehr guter -Laune, strahlend heiter und vergnügt. »Guntram Krafft, -— Graf Bär von Hohen-Esp«, las sie mit viel Pathos. -»Wie entzückend das klingt! Das mußt du selbst eingestehen, -Liebste!«</p> - -<p>»Der kleinste Titel darunter würde mir mehr imponieren -wie der ganze Namen!« klang es trocken zurück.</p> - -<p>»Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amüsant, ich -bewundere dich! Doch nun <em class="antiqua">addio, cara mia</em>, ich muß heim!« -— und Thea schob die Visitenkarte in ihren Muff und -griff hastig nach der Jacke.</p> - -<p>»Bleib' doch noch! es gibt gewiß noch mancherlei zu -berichten?!« —</p> - -<p>Aber Komtesse Sevarille hatte es plötzlich sehr eilig.</p> - -<p>»War der Graf denn schon bei euch?« fragte Gabriele -noch zum Abschied.</p> - -<p>Sie nickte flüchtig. »Die Tournee fängt ja meistens -in unserer Straße an! — Empfiehl mich bitte deiner -lieben Mutter ... und nochmals — <em class="antiqua">addio!</em>« —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_134">[S. 134]</a></span></p> - -<p>Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die -Treppe hinab.</p> - -<p>Auf der Straße überlegte sie einen Augenblick. Sie -wußte genau, nach welcher Liste die Visiten zumeist -abgefahren wurden, ihrer Berechnung nach mußte Graf -Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjägermeisters -gekommen sein. Hastig schritt sie aus.</p> - -<p>Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus -wie selten zuvor.</p> - -<p>Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram -Krafft saß, in eine Nebenstraße einbiegen.</p> - -<p class="pmb3">Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der -Oberjägermeisterin machen und noch einmal mit dem -Grafen zusammentreffen, — »doppelt genäht reißt nicht!« -sagt ein altes Sprichwort, und außerdem möchte sie es -dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, daß sie heute -nachmittag auf dem Eis zu treffen ist. Auch Gabriele -wird sie nennen, — als Lockvogel. —</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_135">[S. 135]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="X">X.</h2> -</div> - - -<p>Der erste Hofball!</p> - -<p>Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme.</p> - -<p>Alter Tradition gemäß muß es an Hofballtagen besonders -kalt sein, ein frisches, fröhliches Schneegestöber -muß die Luft erfüllen, und die Parkbäume und Bosketts -rings um das herzogliche Schloß herum haben die Verpflichtung, -weiß bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, -das Auge zu erfreuen, denn niemals sieht der malerische -Rokokobau schöner und märchenhafter aus, als wie mit -strahlend erleuchteten Fenstern inmitten der verschneiten -Winterlandschaft.</p> - -<p>Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden -Streifen über die weißen Samtdecken der Rasenflächen, -werfen flimmernde Reflexe auf dem gefrorenen -Teich und glühen wie starre Augen durch die immergrünen -Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten -in den fleckenlosen Hermelin des Winters zeichnen. —</p> - -<p>Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, -wo ein mächtiges, eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit -den inneren Schloßhof abschließt. Da staut sich -die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick in das -glänzend erleuchtete Vestibül zu werfen, wo mächtige -Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die verträumten -Blattwedel über Marmorfiguren breiten.</p> - -<p>Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen -und Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden -Bewegungen huschen her und hin, -neigen sich tief vor den eintreffenden Gästen und stehen -an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher -Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend,<span class="pagenum"><a id="Page_136">[S. 136]</a></span> -welche wie ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern -über die Purpurteppiche rauschen.</p> - -<p>Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem -Sockel einer Karyatide und umfaßte mit staunendem Blick -das üppige Bild, welches sich seinen Augen bot.</p> - -<p>Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten -Hallen und Gemächern von Hohen-Esp gesehen, -glich so ganz und gar nicht dieser strahlenden -Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert -war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer -vorzustellen vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch -ein Meer von Kerzen! Daheim brannte höchstens das -Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder schaukelte -sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem -Fünkchen gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter -den Fischerdirnen gab es wohl junges, schmuckes Blut, -solch eine Blütenlese reizender, vornehm-schlanker Mädchengestalten -wie hier aber hatte er nie zuvor geschaut, -und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette -deuchte ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, -nüchterner Verstand nicht zu lösen vermochte! —</p> - -<p>Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, -dem Herrn Grafen einen guten Rat zu geben. -Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf Euer -Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! -Das darf aber nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn -der Herr Graf diesen ersten Ball nur mehr wie eine -Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie stellen -sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst -mal genau an, mustern die Damen und lassen sich ein -bißchen über die einzelnen orientieren. Auf diesen großen -Bällen ist es nicht nötig, daß man sich jeder einzelnen -Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren und Adjutanten -müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen -Sie dann den Staats- und Hofdamen, den Marschällen -und dem Zeremonienmeister vor, und die sorgen dafür, -daß der Herr Graf den hohen Herrschaften präsentiert -werden! — Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man<span class="pagenum"><a id="Page_137">[S. 137]</a></span> -wird alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und -Treiben in Fürstenschlössern, und da Euer Gnaden noch -nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst ein bißchen -durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im -Rücken hat, ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht -in den Strom stürzt, kann man nicht darin ertrinken! -— Das nächste Mal mischen Sie sich dann schon mit -viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die -Damen kennen und amüsieren sich herrlich!«</p> - -<p>Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte -ihn allsogleich und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle -still, um mit einem Gefühl der Verzauberung um -sich zu schauen.</p> - -<p>Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine -gute Beschäftigung und ein schöner Vorwand, länger -verweilen zu können.</p> - -<p>Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend -und die guten Bekannten begrüßend, all die wunderholden -Frauen und Mädchen, mit schimmernd-weißen -Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten Nacktheit -zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen -getrieben.</p> - -<p>Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, -und fürnehmlich, wenn es so sinnbetörend und -hübsch ist, wie eine junge Dame in großer Toilette.</p> - -<p>Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, -welche daheim der Mutter majestätische Gestalt -umwallen, nicht die schweren Düffel-, Fries- und Warpstoffe, -in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes kleiden, -das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum -und silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch -Wirklichkeit, das war ein Traum!</p> - -<p>Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, -Seide und Samt, — wie die flaumigen Spitzen wogen, -wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider wehen! — -Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen, -welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_138">[S. 138]</a></span></p> - -<p>Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt -in die Kreppwogen und in die reizend frisierten Haare, -keine frischen, lebenden Blumen, wie Guntram Krafft -zuerst geglaubt, sondern wunderbar täuschend nachgeahmt, -mit Blättern und Knospen, Blüten, wie man sie -in gleicher Schönheit kaum im Lenz beisammensieht! —</p> - -<p>Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen!</p> - -<p>Über Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie -ein versteinerter Funkenregen, in allen Farben der Iris -leuchtend, — Diademe über der Stirn, goldene Spangen -um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen -besonders tief und schwärmerisch blicken, da glänzen die -zauberschönen Schätze des Meeres, die Tränen der Nixen -und Meerfrauen, welche die Menschen Perlen nennen!</p> - -<p>Gar mancher Blick hat den Bär von Hohen-Esp gestreift, -gar manch leises Wort ist über ihn gewechselt -und manch rote Lippe hat seinen Namen genannt, — -auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen -Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit -sein fremdes Bild gemustert.</p> - -<p>Er trägt zum erstenmal einen Frack — die weiße Binde -und Weste — zum erstenmal die spiegelnden Lackschuhe -an den Füßen.</p> - -<p>In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und -weil sich der Einsiedler aus der Bärenhöhle so ungewohnt -darin vorkommt, fühlt er sich beklommen und -geniert.</p> - -<p>Die Zahl der Gäste lichtet sich, es scheint nun die -höchste Zeit zu sein, die Säle zu betreten, und langsam -steigt Guntram Krafft die Treppe empor.</p> - -<p>Er mustert die überlebensgroßen Gemälde fürstlicher -Ahnherrn an den Wänden, er atmet schwer und tief -den berauschenden Duft, welcher ihn geheimnisvoll umweht. -Sind es die Veilchen, welche Gabriele jüngst im -Schlitten getragen? —</p> - -<p>Wie haben seine Blicke Fräulein von Sprendlingen -gesucht, — wie zuckte sein Herz empor, als er sie noch -im letzten Moment droben an der Treppenbiegung erblickte.<span class="pagenum"><a id="Page_139">[S. 139]</a></span> -Sie wandte just das Köpfchen und schaute zurück, -ein paar jungen Damen drunten zuzunicken.</p> - -<p>Ihr Blick streift auch ihn, — aber so fremd, so kühl, -als habe sie ihn nie im Leben gesehen.</p> - -<p>Wieder überkommt ihn ein Gefühl banger Ungeduld.</p> - -<p>Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit -sie auch mit ihm plaudert und ihn abermals anlächelt -wie damals auf der Straße, als er ihre schlanke Gestalt -in den Armen emporhob und sie sekundenlang an -seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie -steht ein diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden -zu begrüßen.</p> - -<p>Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswürdig -entgegen, nennt seinen Namen und spricht seine Freude -aus, wieder einen Vertreter der Familie von Hohen-Esp -hier begrüßen zu dürfen.</p> - -<p>Er spricht mit leiser Stimme, sehr höflich und verbindlich, -dennoch liegt etwas Zeremonielles in seinem -Wesen, und sein Händedruck ist mehr förmlich wie herzlich.</p> - -<p>Er geleitet den Neuling auf höfischem Parkett bis -zu dem nächsten Saal, welcher seinen Namen von den -kostbaren alten Gobelins, die seine Wände schmücken, -erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis -zu dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. -Zwei Adjutanten in großer Uniform halten sich in der -Nähe der Tür auf, treten eilig herzu, und der Kammerherr -stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn -bei den jungen Damen bekannt zu machen.</p> - -<p>Ein paar sehr liebenswürdige Worte der vielbeschäftigten -Herren, welche Guntram Krafft mit der ehrlichen -Versicherung, daß er sich freue, diesem Feste beiwohnen -zu können, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger -Leutnant hinter ihm einen unverständlichen Namen und -offeriert die silberne Schale mit den Tanzkarten.</p> - -<p>Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins -der eleganten Kartonblätter, auf welchem unter dem -farbigen Fürstenwappen eine Anzahl Tänze notiert ist, -von welchen er kaum die Namen kennt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_140">[S. 140]</a></span></p> - -<p>»<em class="antiqua">The lancers</em>« — »Menuett der Königin« — »Ouadrille -<em class="antiqua">à la cour</em>« — nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp -fremd geblieben.</p> - -<p>Polka und Walzer, — ja, die hat er voll fröhlichen -Übermuts bei dem Hauslehrer gelernt und zeitweise in -der »blauen Woge« praktisch angewandt, wenn irgendein -besonderes Fest die Anwesenheit des gräflichen Schirmvogts -erforderte, — er hat da unwillkürlich ebenso -mitgetanzt wie die wetterharten Fischer, Matrosen und -Seeleute es vorgemacht; und daß man in Lackschuhen, -auf höfischem Parkett doch ein bißchen anders walzt -wie in dem weltfremden Fischerdorf — das sieht der -Bär von Hohen-Esp nur allzugut ein. Er verzichtet darum -darauf, zu engagieren, obwohl einer der Adjutanten -sich mit ihm durch die Menge drängt und den Versuch -macht, ihn den Damen vorzustellen.</p> - -<p>Lauter fremde Gesichter, — wie rosige Nebel wallt -es vor den Augen des Grafen, er verneigt sich stumm -und vermag kaum, die einzelnen jungen Mädchen mit -dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu -merken, welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren -schwirren.</p> - -<p>Wozu auch? — Er sucht nur ein einziges Antlitz, -er lauscht nur auf einen einzigen Namen, und just darauf -vergeblich.</p> - -<p>Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, -hartes Klopfen auf dem Parkett ertönt, die lachenden, -schwatzenden Stimmen wie mit Zauberschlag verstummen -und die Damen hastig nach der einen Seite des Saales, -die Herren nach der andern zurückweichen.</p> - -<p>Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschäftig »die -Fronten« auf und ab, herüber und hinüber werden noch -ein paar Scherzworte und Grüße getauscht, dann klopft -es abermals, die vergoldeten Flügeltüren schlagen auf, -und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten -die hohen Gastgeber, von den Privatgemächern kommend, -den Saal. —</p> - -<p>Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_141">[S. 141]</a></span></p> - -<p>Die Herrschaften grüßen voll gewinnendster Leutseligkeit, -lächeln und schreiten langsam durch die spalierbildende -Jugend.</p> - -<p>»Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?« fragt -Guntram Krafft den jungen Leutnant, an dessen Seite -er zufällig steht, ein wenig betroffen, als der Hof in der -gegenüberliegenden Tür verschwindet, und der Angeredete -klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem -bartlosen Gesicht die Hacken zusammen.</p> - -<p>»Herrschaften treten fürerst in den Thronsaal, um die -älteren Damen und Herren zu begrüßen! Findet in der -Regel kleiner Cercle statt, aber dann geht es sofort los! -— Werden uns gleich hier durch die Galerie in den -Tanzsaal begeben. — Haben der Herr Graf schon alle -Tänze besetzt?«</p> - -<p>»Nein! Noch nicht einen einzigen.«</p> - -<p>»Ah ... fatal ... sind ein wenig spät gekommen, ist -aber kein Mangel an Tänzerinnen! Im großen Saal -läßt sich das erst richtig übersehen.«</p> - -<p>»Ich möchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur -als Schauspiel auf mich wirken lassen!«</p> - -<p>»Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergnügen, auf -einem wie ein Präsentierteller großen Raum zu tanzen! -Furchtbare Fülle heut! Man findet sich kaum durch! -Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit den -Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle -Stars sind vollzählig vertreten.«</p> - -<p>»Wer gilt für die schönste der Damen?«</p> - -<p>Der junge Offizier lacht: »<em class="antiqua">Mon Dieu</em>, Verehrtester, -das ist schwer zu sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! -Da ist die Hofdame der verwitweten Prinzeß -Amalie, — Gräfin Dollen, eine vielgerühmte Schönheit, -aber kühl ... kühl bis ans Herz hinan ... dann -Fräulein von Lochau, pikant ... amüsant ... kapriziös.., -Baronesse Sprendlingen, bezaubernd hübsch, aber rasend -verwöhnt und anspruchsvoll ... Fräulein Karola von -Erlau-Föhrbach, Tochter des Ministers ... ein Tanagra-Figürchen -voll größten Charmes ... aber pardon ... wir<span class="pagenum"><a id="Page_142">[S. 142]</a></span> -wollen uns in den Tanzsaal begeben, damit die höchsten -Herrschaften allzugleich das Zeichen zum Beginn des -Tanzes geben können ... Sie gestatten, Herr Graf ...« -und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander -und schießt davon, um einer zierlichen kleinen -Blondine den Arm zu bieten und sich dem »Zug nach -dem Westen« anzuschließen.</p> - -<p>Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm -vorüber, und Guntram Krafft steht — um eines Hauptes -länger denn alles übrige Volk — ruhig beiseite und überfliegt -mit suchendem Blick die bunte Menge.</p> - -<p>»Fräulein von Sprendlingen, — bezaubernd hübsch, -aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll!« klingt es noch -wie ein Echo vor seinen Ohren, und dann denkt er wie -in jubelnder Freude daran, daß er nicht zu tanzen braucht, -sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann.</p> - -<p>Und wie er mechanisch über die Menge hinblickt, — -da zuckt er plötzlich empor und ahnt es nicht, daß ihm -alles Blut in die Wangen steigt.</p> - -<p>Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Köpfchen auf. -Sie scheint es nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu -erreichen.</p> - -<p>Sie hat einen großen, zartduftigen Marabu-Fächer -entfaltet und bewegt ihn mechanisch vor dem Busen auf -und nieder.</p> - -<p>Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz -zarter, maigrüner Hauch, durch welchen sich ein Silbergekräusel -zieht, und die wunderschönen Arme gleißen -im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo sah er -sie schon?</p> - -<p>Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche -ihm die Perlenschnur entgegenreichten. Perlen!</p> - -<p>Nein, diesmal träumt er nicht!</p> - -<p>An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem -Glanz, eine Kette mit einem Brillantschloß ... und sie -neigt den Nacken graziös zurück und lächelt zu einem -Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schöne Worte -zu sagen scheint.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_143">[S. 143]</a></span></p> - -<p>Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die -letzten im Saal, und Guntram Krafft begreift es in dem -Augenblick selber nicht, woher er den Mut nimmt, aber -er steht in dem nächsten Augenblick vor den beiden, verneigte -sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen.</p> - -<p>»Darf ich um einen Tanz bitten, mein gnädiges Fräulein?«</p> - -<p>Sie schaut ihn mit den großen hellen Augen einen -Moment sprachlos an, das Lächeln schwindet, ihre Lippen -zucken ein Gemisch von Stolz und schroffer Abweisung.</p> - -<p class="pmb3">»Bedaure, meine Tänze sind vergeben!« sagt sie kurz, -klappt den Fächer zu und legt ihre Hand auf den Arm -des Offiziers, um hastig weiterzuschreiten. Herr von -Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit kurzer Verneigung -genannt und den Bär von Hohen-Esp mit etwas ironischem -Blick gemustert, dann flüstert er seiner Tänzerin -ein paar Worte zu, und beide entschwinden in die -Galerie.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_144">[S. 144]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XI">XI.</h2> -</div> - - -<p>Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos -und starrte der entzückenden Erscheinung des jungen -Mädchens nach.</p> - -<p>Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gestürmt -war, schoß ihm in die Wangen, und ein Gefühl -tiefster Mutlosigkeit überkam ihn.</p> - -<p>Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem -Benehmen der beiden eine Zurücksetzung oder Unhöflichkeit -zu sehen; es erfüllte ihn nur mit tiefer Betrübnis, -daß er zu spät gekommen war, und sein erster Gedanke -war der, daß Gabriele wohl erwartet hatte, er werde -früher den Weg zu ihr finden, um sie zu engagieren.</p> - -<p>Fraglos war sie über sein langes Zögern ungehalten, -denn zuvor hatte sie ihn doch nicht mit diesen stolz und -kühl schimmernden Augen angesehen!</p> - -<p>Sie lächelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem -Schnee emporhob, und als sie zuerst in das Theater -trat und seiner ansichtig wurde, da spiegelte es sich in -ihrem Gesicht, daß sie ihn wiedererkannte, und abermals -flog das süße, bezaubernde Lächeln um ihre Lippen. -Nun zürnt sie ihm!</p> - -<p>Wie soll er sich ihr wieder nähern, um sie zu versöhnen?</p> - -<p>Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen -doch so allein.</p> - -<p>Und sehr freundlich ist niemand zu ihm, keiner scheint -Zeit und Lust zu haben, mit ihm zu plaudern.</p> - -<p>Dieses Empfinden macht ihn noch befangener wie -zuvor, und er, der noch nie ein Gefühl der Furcht gekannt, -der sich todesmutig auf die brüllende See hinauswagte, -voll kühnen Trotzes dem Tode sein Opfer abzuringen,<span class="pagenum"><a id="Page_145">[S. 145]</a></span> -er wagte es kaum noch, die Schwelle des Tanzsaals -zu überschreiten, er steht zaudernd und verzagt -beiseite und fühlt es plötzlich, wie heißes, ungestümes -Heimweh sein Herz erfaßt.</p> - -<p>Jubelnde Tanzweisen erbrausen durch die weitgeöffneten -Saaltüren, — er hört nur noch den Klang von -Gabrieles herben Worten, — eine bunte, glitzernde, -farbenprächtige Menschenflut wogt vor ihm und lockt -mit tausend Wundern, — er aber sieht nur noch zwei -kalte, helle, kristallfarbene Mädchenaugen, welche ihn -ansehen, daß er bis in das tiefste Herz hinein friert. —</p> - -<p>Wie einsam, wie verlassen ist er auch hier! — Wie -empfindet er es noch so viel schmerzlicher, als daheim -in seiner Mutter Haus!</p> - -<p>Da klingen leise, schnelle Schritte neben ihm, und eine -milde, freundliche Stimme spricht ihn an. —</p> - -<p>»Dachte ich es mir doch, Graf, daß Sie nach der -ersten Niete, welche Sie gezogen, kaum noch Lust verspüren, -in das volle Menschenleben hineinzugreifen! — -Schade, daß ich Sie vorhin erst im Vorübergehen entdeckte -und erst pflichtschuldigst meine Tour abtanzen -mußte, ehe ich Sie holen konnte! Ich hätte Ihnen gern -Gabrieles Abweisung erspart!«</p> - -<p>Guntram Krafft hatte überrascht den Kopf gewandt.</p> - -<p>Er blickte in die sehr sanften, liebenswürdigen Augen -der Komtesse Sevarille.</p> - -<p>Wie ein Aufatmen nach banger Spannung ging es -durch seine Seele.</p> - -<p>»O, Komtesse ... Sie gedenken meiner ... Sie nehmen -meiner so freundlich wahr?!« stotterte er mit aufleuchtendem -Blick und kämpfte gewaltsam seine Verlegenheit -nieder.</p> - -<p>»Selbstverständlich, Graf! ›Wenn der Berg nicht zu -mir kommt, gehe ich zum Berg!‹ sagt Mohammed, und -nach diesem praktischen Beispiel möchte auch ich handeln. -— Ich kann mich so lebhaft in Ihre Situation hinein -versetzen! Sie sind fremd hier, alles mutet Sie ungewohnt -an, und niemand von diesen hastigen, vielbeschäftigten<span class="pagenum"><a id="Page_146">[S. 146]</a></span> -Menschen hat Zeit, Sie ein wenig in die -Sitten und Gebräuche der großen Welt einzuführen!«</p> - -<p>»Nur Sie allein, Komtesse, wollen diese große Freundlichkeit -haben?«</p> - -<p>»Wenn Sie sich meiner Fürsorge anvertrauen wollen, -Graf?« lächelt sie herzgewinnend zu ihm auf: »Es sollte -mich aufrichtig freuen, wenn ich recht viel zu Ihrem -Amüsement beitragen könnte!«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen von Herzen!« Er sagt es sehr warm -und herzlich und blickt ihr so ehrlich in die Augen wie -ein Kind: »Wie schade, daß ich diesen freundlichen Schutzengel -nicht früher fand! Sie hätten mich gewiß beizeiten -zu Fräulein von Sprendlingen geführt, damit -ich noch einen Tanz und nicht einen Korb von ihr erhalten -hätte!«</p> - -<p>Thea lächelt und zuckt die nicht allzu runden Schultern.</p> - -<p>»Auf jeden Fall hätte ich Ihre Bitte um den Tanz -zu gelegenerer Zeit angebracht wie Sie!«</p> - -<p>»Gelegenere Zeit?«</p> - -<p>»Sahen Sie nicht, wie sehr vertieft Gabriele und -Herr von Heidler in ihre Unterhaltung waren?«</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp wurde abermals rot, als -wäre er auf einer Sünde ertappt.</p> - -<p>»Nein ... das sah ich nicht!« —</p> - -<p>»Herr von Heidler macht ihr sehr die Cour! Wer weiß, -was er ihr gerade sagen wollte, als Sie so störend dazwischentraten!«</p> - -<p>Der Graf blickte sie starr, wie verständnislos an. -»Ah!« sagte er nur.</p> - -<p>»Und weil Sie fraglos einen sehr lyrischen Augenblick -abkürzten, sah Gabriele Sie nicht sonderlich freundlich -an!«</p> - -<p>»Sie liebt ihn?«</p> - -<p>»Ich glaube es wohl, — die ganze Stadt wenigstens -erzählt es sich als Tatsache!«</p> - -<p>Wie groß und geisterhaft seine Augen sie anstarrten!</p> - -<p>»Sie sind schon verlobt, die beiden?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_147">[S. 147]</a></span></p> - -<p>»Das weiß man nicht genau, aber man vermutet es! -— Nun aber kommen Sie, lieber Graf! es gibt noch -so viele reizende Damen im Saal, welche alle sehr gern -mit Ihnen tanzen möchten! Sehen Sie hier, meine Tanzkarte! -Ihr Name fehlt auch noch darauf, und den -Kotillon habe ich speziell für Sie aufgehoben!«</p> - -<p>»Ich kenne diesen Tanz nicht, Komtesse ... außer Polka -und Walzer lernte ich keine Reigen.«</p> - -<p>»Gut! So setzen wir uns während dieser Zeit und -sehen zu! Ich erkläre Ihnen die einzelnen Touren, und -das nächste Mal wirbeln sie flott mit mir herum!«</p> - -<p>»Das wäre sehr gütig, Komtesse!« er spricht wie einer, -dem die Kehle zugeschnürt ist.</p> - -<p>»Kommen Sie mit! Führen Sie mich in den Saal -zurück! Wir haben eine sehr lustige, kleine Ecke gebildet, -und wenn ich Sie all den jungen Damen und Herren -bekannt mache, werden Sie sich vortrefflich amüsieren!«</p> - -<p>Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und blickt zu -ihm auf.</p> - -<p>So gütig und freundlich wie sie sah ihn noch niemand -hier in der Residenz an.</p> - -<p>Das fällt wie Sonnenschein in sein Herz.</p> - -<p>»Ich danke Ihnen, Komtesse!« sagt er noch einmal; -er möchte so gern mehr sprechen, aber er weiß nicht was. -Er hat es nicht gelernt, das leichte, amüsante Geplauder, -er vermochte auch nicht in diesem Augenblick von gleichgültigen -Dingen zu reden, jetzt, wo sein Herz zum erstenmal -im Leben schmerzt, als sei ihm ein grenzenloses -Leid widerfahren.</p> - -<p>Aber Gräfin Sevarille scheint keine Unterhaltungskünste -von ihm zu verlangen, ihre dunklen Augen lachen -fröhlich zu ihm auf, und sie spricht statt seiner, während -sie nach dem Tanzsaal schreiten.</p> - -<p>»Wissen Sie, Graf, was ich glaube? Sie finden unsere -große Stadt, unsere lebhaften Feste, all die modernen -Sitten und Gebräuche fürerst ganz greulich und sehnen -sich heim in den köstlichen Frieden Ihres stillen Strandschlosses! -O wie sehr begreife ich das! Auch für mich<span class="pagenum"><a id="Page_148">[S. 148]</a></span> -gibt es kein besseres Glück als eine Landidylle! Warum -sehen Sie mich so erstaunt an? Scheint Ihnen das so -unbegreiflich?«</p> - -<p>Sein Blick haftet noch immer überrascht auf ihrem -blassen Gesichtchen. Er muß sich beinahe herabbeugen, -wenn er in ihre Augen schauen will, die sehr kleine, -puppenhafte Gestalt hängt wie ein verwehtes Sommerwölkchen -an seinem Arm.</p> - -<p>»Ja, das finde ich sehr unbegreiflich, aber es freut -mich um so mehr, es zu hören. Ich glaubte, die Leute -der großen Welt hätten gar keinen Sinn und kein Verständnis -mehr für die kleinen Genien des Friedens, -welche sich aus dem Häuserlabyrinth heraus zu uns in -die Stille der Wälder geflüchtet haben. — Lebten Sie -längere Zeit auf dem Lande, Gräfin, daß Sie es liebgewannen?«</p> - -<p>»Längere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur -ganz kurz und flüchtig lernte ich seinen Zauber kennen, -und darum glüht die Sehnsucht desto heißer in meinem -Herzen! — Sie müssen mir viel von Ihrer Heimat, von -Ihrem Leben und Treiben dort, erzählen, Graf! Nachher -setzen wir uns abseits auf einen Diwan in der -Galerie, und dann wollen wir beide mit allen Gedanken -so sehr in Hohen-Esp sein, daß Ihr Heimweh bald -schwinden soll! Fürerst aber möchte ich Sie recht vielen -Damen vorstellen, damit Sie ...«</p> - -<p>Er blieb zögernd stehen und blickte in die offene -Saaltür ein, vor welcher Kopf an Kopf die Herren in -glänzenden Uniformen standen und mit mehr oder minder -harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten.</p> - -<p>»Ein Plaudern in der Galerie dürfte also viel lohnender -sein wie ein solches im Saal!« sagte er leise, und -die Lichter flirrten vor seinem Blick, und die schmetternden -Musikklänge taten ihm weh. »Lassen Sie uns also -doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich -diesen Tanz für mich opfern wollen!«</p> - -<p>»Opfern?« — sie neigte das Köpfchen mit den leuchtend -roten Granatblüten zurück und lächelte: »Nicht im<span class="pagenum"><a id="Page_149">[S. 149]</a></span> -mindesten, — der Tanzsaal lockt mich ebensowenig wie -Sie! Darin bin ich so grundverschieden von meiner -Freundin Gabriele, daß sie sich einzig inmitten des -amüsantesten Getriebes wohlfühlt, während mein Sinn -sich seit jeher nach der beschaulichen Ruhe sehnte.« — -Sie setzte sich auf den weißen, golddurchwirkten Brokat -des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres Kleides -leuchtete unter den duftigen Tüllwogen, und hinter ihr -baute sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederbäumen -auf, welche die blühenden Zweige über ihr Köpfchen -neigten.</p> - -<p>Es war ein hübsches, anmutiges Bild, aber Guntram -Krafft sah es nicht.</p> - -<p>Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen -Augen, und aus allen Worten seiner Partnerin hörte -er nur das eine heraus, daß Gabriele sich einzig bei -Spiel und Tanz wohlfühle.</p> - -<p>Mechanisch setzte er sich an die Seite der Gräfin -nieder.</p> - -<p>»So würde Fräulein von Sprendlingen nie auf dem -Lande glücklich sein?«</p> - -<p>»Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist -ja auch gut, denn aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie -in eine Großstadt heiraten, da bleibt ihr ja alles zur -Verfügung, woran ihr Herz hängt! — Nun aber sagen -Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten -Frau Mutter? Ich hörte durch einen Freund -meines Vaters so viel von ihr erzählen, daß ich die -seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne sie zu -kennen! Sie muß ja in ihrer Jugend bildschön gewesen -sein, und so fabelhaft liebenswürdig ... nicht wahr? -Sie sehen ihr sehr ähnlich?«</p> - -<p>Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte -Eloge aus diesen Worten herauszuhören, er schaute -sie nur abermals voll aufrichtigen Dankes an.</p> - -<p>»O, wenn Sie sehen würden, was meine Mutter leistet, -Komtesse, welch eiserne Energie, welch unermüdlichen -Fleiß sie besitzt, Sie würden sie nicht nur lieben, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_150">[S. 150]</a></span> -auch bewundern und verehren! Wenn die Bären von -Hohen-Esp in alter Zeit die Schirmvögte des Landes -gewesen sind, welche ihre starke Hand über die Schwachen -und Notleidenden breiteten, so hat meine Mutter diese -Zeit in ihrer Person wieder aufleben lassen! Wenn -mancher Schiffbrüchige ahnte, wessen milde Hand ihn -ins Leben zurückgerufen, der Name der Gräfin Gundula -würde bekannter sein, als wie er es ist!«</p> - -<p>»Was für ein guter Sohn sind Sie! — O, es ist ein -Genuß, wenn man so von einer Mutter sprechen hört! -Warum wirkt die herrliche Frau so ganz inkognito? Legt -sie denn gar keinen Wert darauf, auch von der Welt -anerkannt zu werden?«</p> - -<p>»Von der Welt? Die ist ihr sehr gleichgültig!«</p> - -<p>»Und wie denken <em class="gesperrt">Sie</em> darüber?«</p> - -<p>»Genau ebenso!«</p> - -<p>»Sie streben nicht nach äußeren Ehren, nach Rang -und Würden?«</p> - -<p>Seine großen blauen Augen blickten sie verständnislos -an.</p> - -<p>»Nein! Was sollten die mir nützen?«</p> - -<p>Sie schlang die kleinen Hände staunend ineinander.</p> - -<p>»O, Sie Kinderherz! Wissen Sie nicht, daß der Ehrgeiz -die Triebfeder jedweden modernen Schaffens und -Handelns ist?« —</p> - -<p>»Ich weiß es wohl, aber ich verstehe es nicht. Mir -genügt der Beifall von zweien vollkommen.«</p> - -<p>»Von welchen zweien?«</p> - -<p>»Von Gott dem Herrn und meiner Mutter!«</p> - -<p>»Ihre Mutter kann Ihnen wohl ein Lob sprechen -und Sie dadurch beglücken, — der Beifall Gottes dürfte -aber nur eine Illusion sein, denn er ist durch nichts zu -beweisen!«</p> - -<p>Wieder traf sie sein klarer, ernster Blick.</p> - -<p>»Durch nichts im Sinne der Welt, — und doch ist -er so fühlbar. Haben Sie es nach einer guten Tat noch -nie im innersten Herzen bestimmt gefühlt und gewußt, -daß Gott mit Ihnen zufrieden war? — Der Beifall<span class="pagenum"><a id="Page_151">[S. 151]</a></span> -der Menge mag schön sein, aber solch ein Gefühl glückseliger -Erhebung und frommer Zufriedenheit, wie ich -es als Gottes Segen empfinde, wenn ich meine Schuldigkeit -und vielleicht noch ein wenig darüber ... getan, -das kann aller Lorbeer der Welt nicht geben!«</p> - -<p>Thea blickte vor sich nieder.</p> - -<p>Hatte sie je eine gute Tat getan, hatte sie jemals derartiges -empfunden? —</p> - -<p>Sie zupfte ein wenig ungeduldig an den roten Blüten -ihres Kleides; nur mit Mühe unterdrückte sie ein ironisches -Lächeln, aber sie bewegte zustimmend den Kopf -und sagte beinahe träumerisch: »Und ob ich dies Gefühl -kenne! Sie glauben gar nicht, Graf, <em class="gesperrt">wie</em> sehr Sie mir -aus der Seele sprechen! Darüber müssen wir noch viel -eingehender plaudern ... ah, Herr von Stetten! Holen -Sie mich etwa schon zu unserer Française?«</p> - -<p>Der Vortänzer stand vor ihnen und verneigte sich hastig -mit sehr scharmantem Lächeln.</p> - -<p>»Leider darf ich mich noch nicht so glücklich preisen, -Komtesse, während eines ganzen Galopps bin ich noch -verurteilt, auf diesen Vorzug zu warten! Jetzt gilt mein -störendes Eingreifen lediglich dem Herrn Grafen!« — -Abermals eine sehr höfliche Verneigung vor Guntram -Krafft, welcher sich erhoben hatte und den Gruß erwiderte. -»Der Kammerherr von Rheinsberg sucht Sie -aller Ecken und Enden, Graf! — Seine Hoheit der -Herzog haben den Wunsch geäußert, Sie zu sprechen! — -Auch dürfte es alsdann gelegene Zeit sein, daß Sie -den fürstlichen Damen präsentiert werden!«</p> - -<p>»Ich stehe zur Verfügung, wollen Sie die Güte haben, -mich dem Herrn Kammerherrn zuzuführen. Ich bitte -um Verzeihung, Komtesse, und stehe bald wieder zu -Diensten.«</p> - -<p>Wie altmodisch und wohlerzogen das klang! So recht -nach Gräfin Gundulas vergilbter Schule; Thea wollte -es eigentlich nicht, aber sie wechselte doch einen schnellen -Blick mit Herrn von Stetten, um dessen Lippen ein recht -scharfes Zucken ging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_152">[S. 152]</a></span></p> - -<p>Dann schritten die beiden Herren eilig davon, und -Komtesse Sevarille erhob sich ein wenig gelangweilt und -wandte sich dem Saale zu.</p> - -<p>»Thea!« —</p> - -<p>Beinahe erschrocken schaute sich die Gerufene um. -Hinter dem Boskett hervor traten Frau und Fräulein von -Sprendlingen, sie hatten auf einem zweiten Wandpolster, -welches ganz versteckt hinter der grünen Kulisse stand, -gesessen und waren weder von der Komtesse noch von -dem Grafen Hohen-Esp bemerkt worden.</p> - -<p>»Gabriele ... gnädigste Frau ... um alles in der Welt -— was tun Sie hier?«</p> - -<p>Baronin Sprendlingen schritt mit einem merklich kühlen -Gruß und ganz seltsam scharfem Blick an der jungen -Dame vorüber, Gabriele aber blieb stehen und lachte.</p> - -<p>»Solch indiskrete Lauscher hattest du nicht vermutet? -Je nun, wenn man Pech hat! Als ich ein einziges -Mal herumgetanzt hatte, riß mir plötzlich die Perlenschnur -am Hals — zum Glück konnte ich sie gleich in -der Hand zusammen fassen! Mama stand in meiner Nähe, -wir flüchteten uns hierher in dieses lauschige Versteck, -nahmen ein paar Perlen heraus, und Mutter knüpfte -den Faden so gut es ging zusammen. Ich denke, jetzt -wird sie halten. Du weißt, ich liebe einen völlig nackten -Hals nicht.« —</p> - -<p>»Und diese Prozedur dauerte so lange?«</p> - -<p>Thea sah ein wenig verlegen aus und bemühte sich, -desto harmloser zu erscheinen.</p> - -<p>»Gerade als wir uns erheben wollten, kamst du mit -dem Bären und setztest dich Posten, — da wollten wir -nicht stören.«</p> - -<p>Das war lachend gesagt und klang doch wie feiner -Spott.</p> - -<p>Auch Thea lachte. »Hast du dich an den Bekenntnissen -seiner schönen Seele recht delektiert? Wie gefiel dir die -Ansicht dieses prächtigen Menschen über eitle Ruhmsucht? - <span class="pagenum"><a id="Page_153">[S. 153]</a></span> -O Gabriele, du glaubst gar nicht, <em class="gesperrt">wie</em> gut er mir gefällt!« —</p> - -<p>Die Komtesse flüsterte es sehr schwärmerisch, und doch -hing ihr Blick in scharfem Forschen an dem reizenden -Antlitz der Freundin, einer sehr abfälligen Kritik gewärtig.</p> - -<p>Aber Gabriele sah an ihr vorüber und sagte nur kurz: -»Er ist ein Kind!«</p> - -<p>»Ja, ein goldenes Kinderherz!«</p> - -<p>»Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man -nicht! Wem nie der Gedanke kam, daß man nicht nur -für sich, sondern in erster Linie für andere leben muß, -dem genügt ein Seelenfrieden, welchen das Bewußtsein, -›nichts Böses begangen zu haben‹, verleiht.«</p> - -<p>»Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf -dem Lande Gelegenheit finden, sich um ein großes Ganzes, -um Fürst und Vaterland, verdient zu machen!«</p> - -<p>»Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll -er sich von seiner Bärenhaut aufraffen, in die Welt -hinausziehen und Taten tun! — Aber wir streiten da um -Kaisers Bart; ich glaube kaum, daß der Graf uns jemals -um unsere Ansicht befragen wird, — die seiner Mutter -genügt ihm!«</p> - -<p>Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz -so spöttisch mehr wie früher.</p> - -<p>Fräulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren -zu, welche augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet -hatten und die junge Dame um eine Extratour -bestürmten.</p> - -<p>Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte, -— und sie tat es, wie eine Königin, welche einem -Vasallen eine herablassende Huld erweist, — so war auch -Gräfin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware -und flog ebenfalls im Arm eines Tänzers auf feurigen -Galoppklängen dahin.</p> - -<p>— — Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt -und wurde von dem hohen Herrn durch eine ganz -besonders gnädige und lange Unterhaltung ausgezeichnet, -und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so -zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat<span class="pagenum"><a id="Page_154">[S. 154]</a></span> -plötzlich fest und sicher auf, wie ein Mann, welcher über -schwankendes Moorland geschritten ist und nun wieder -festen Boden unter den Füßen fühlt.</p> - -<p>Er wuchs unter dem Blick seines Fürsten empor zu -dem alten, frischen Selbstbewußtsein, welches ihm die -heimatliche Scholle gab, er redete frank und frei, in seiner -schlichten, treuherzigen Weise, welche klug, verständig -und liebenswürdig klang, — wenig von sich selber und -seinem Tun und Handeln, aber dafür desto mehr von -seiner Mutter. — Die begeisterte Verehrung für die -Gräfin leuchtete ihm aus den Augen, und durch die -Seele des Fürsten zog wie stille Wehmut der Gedanke: -»Um wieviel reines und schönes Glück hat sich sein Vater -selbst betrogen!«</p> - -<p>— Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen -Grafen war ein ganz ersichtliches, er führte ihn persönlich -der Herzogin und Prinzessin Amalie zu, und auch -diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse.</p> - -<p>Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses -wechselten ebenfalls ein paar liebenswürdige Worte mit -ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas neugieriges -Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen Sonderling -als der Person des Grafen galt.</p> - -<p>Den Damen gegenüber stellte sich sogleich wieder eine -gewisse Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinfühligkeit -empfand er es selber sehr peinlich, wie wenig -gewandt er im Verkehr mit denselben war.</p> - -<p>Gabriele hatte während des Tanzes zufällig in der -Nähe des Herzogs gestanden, als hochderselbe den Bären -von Hohen-Esp durch seine Ansprache auszeichnete.</p> - -<p>Ihr Blick streifte die Sprechenden und schärfte sich -plötzlich, als er das Antlitz Guntram Kraffts traf.</p> - -<p>Die Veränderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, — -sie war sehr vorteilhaft.</p> - -<p>»Sehen Sie doch, mein gnädiges Fräulein« — lachte -auch ihr Tänzer, »vor Serenissimus wandelt sich der -tolpatschige Bär zum Löwen! Er sieht wirklich ausgezeichnet -aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn<span class="pagenum"><a id="Page_155">[S. 155]</a></span> -scherzend den modernen Parzival nennt, so hat man -nicht so unrecht, denn Frau Herzeleides Sohn zeichnete -sich ja auch durch besondere Schönheit aus!«</p> - -<p>»Durch die Schönheit eines ritterlichen Kämpen.« —</p> - -<p>»Denken Sie sich jenen Mann in die Rüstung eines -Gralsritters, und er würde schön sein wie ein Gott!« —</p> - -<p>»Er ›würde‹ — freilich! — aber er wird es nie werden!« —</p> - -<p>»Leider, jene Zeiten sind vorüber!« —</p> - -<p>»Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher Säbel -oder Degen führt, welcher kühn bereit ist, in den Kampf -für Fürst und Vaterland zu ziehen!«</p> - -<p>Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt.</p> - -<p>»Sehr verbunden, mein gnädiges Fräulein, diese Anerkennung -tut einem Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar -nur Reserveoffizier, aber zähle mich dennoch zum Ganzen!«</p> - -<p>»Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande -mit Feder und Schwert zugleich!«</p> - -<p>»Der Bär von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!« -Sie sah ihn groß und erstaunt an. »Indem er sich selber -zum reichen Mann macht?«</p> - -<p>»Auch dadurch. — Wenn sich ein Landwirt bemüht, -seine Güter auf eine stets höhere Kulturstufe zu bringen, -sie stets ertragsfähiger und besser zu machen, so dient -er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Außerdem ist -anzunehmen, daß ein Mann, dessen persönliche Lage -sich ständig hebt, darauf bedacht ist, für seine Arbeiter -und deren Wohlergehen, für seine Bediensteten und deren -günstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet dadurch -am besten an der Lösung der großen sozialen Lage mit -und schafft in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als -manch ein Held der Feder und des Säbels Zeit seines -Lebens! — Ganz abgesehen von dem erziehlichen und -fördernden Einfluß, den gerade der Gutsbesitzer in seinem -kleinen Reiche ausüben kann!«</p> - -<p>»Das mag alles sehr logisch sein,« zuckte die junge -Dame etwas ungeduldig die Achseln, »aber es bezieht -sich leider nur auf die Gräfin und nicht auf ihren Sohn!<span class="pagenum"><a id="Page_156">[S. 156]</a></span> -Außerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um solch ein -Wirken in der Stille genügend anzuerkennen. Für die -Mutter genügt es mir, für den Sohn nicht!«</p> - -<p>»Und warum nicht für diesen?«</p> - -<p>»Weil ich bei einem Manne <em class="gesperrt">Taten</em> sehen will! Es -steckt in jedem Mädchenkopf ein gutes Stück Romantik, -welches den Wert eines Mannes nur nach der Qualität -von Mut und persönlicher Kühnheit bemißt, welche er -zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn -der Betreffende, welcher sie ausübt, sich nicht dabei exponiert -und sein Leben aufs Spiel setzt! — Wenn heute -ein reicher Mann Hunderttausende hingibt für den Bau -eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr -lobenswert und schön, aber mein Herz wird für den hochherzigen -Spender nicht um einen Hauch schneller schlagen -wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit kühnem Hurra -im Kugelregen vorwärts stürmt, um für seinen Kaiser -einen Sieg zu erkämpfen ... wenn ein Mensch sich mutig -in ein brennendes Haus wagt, um ein Kind zu retten ... -wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft, einen -Greis zu schützen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich -stets zu heißem Entzücken, zu flammender Bewunderung -begeistern wird!« —</p> - -<p>»Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein -gnädiges Fräulein, und freue mich dessen, wenngleich Sie -bei all Ihrer edlen Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig -urteilen. Jeder leistet gewiß so viel, wie in seinen -Kräften steht, aber jeder muß sich auch den Verhältnissen -anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. — -Wenn die Völker nicht aufeinander schlagen, wird es -schwer sein, sich blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld -zu pflücken, und wenn kein Haus brennt, hält es schwer, -Gefährdete zu retten! — In unsern, gottlob so stillen -Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen -sieht, am wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, -— wenn sich die Gelegenheit bietet, wird auch Graf -Hohen-Esp seinen Mann stehen!«</p> - -<p>Ein sarkastisches Lächeln zuckte um Gabrieles Mund,<span class="pagenum"><a id="Page_157">[S. 157]</a></span> -mit ungläubigem Blick streifte sie die Reckengestalt des -Genannten, welcher soeben vor den jungen Prinzessinnen -stand und so befangen in sich zusammensank, als fehle -Mark und Kraft in seinen Knochen, — dann wandte -sie mit aufleuchtenden Augen das Köpfchen und sah -Herrn von Heidler entgegen, welcher sich hastig zu ihr -Bahn brach und um eine Extratour bat.</p> - -<p>Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot -von dem erhitzten Gesicht ab, die Narbe, welche stets -von dem schweren Sturz erzählen wird, welchen der -schneidige Kavallerist sich bei tollkühnem Ritt geholt! — -Gabrieles Herz schlägt hoch auf, sie legt die bebende -Hand auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das -scharfgeschnittene, trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden -Augen empor. —</p> - -<p>Hart, eisern — fest ist es — wie aus Bronze gegossen; -der Griff, mit welchem er ihre schlanke Gestalt -beinahe an sich reißt, hat nichts so Zartes, Rücksichtsvolles, -wie die Hände des Bären von Hohen-Esp, als -er sie, behutsam, wie ein zartes Vögelchen, aus dem -Schnee hob.</p> - -<p class="pmb3">Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick -brennt auf dem roten Streifen, welcher seine Stirn -zeichnet, und durch ihren Sinn zieht es wie jubelnde -Weise: »Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der -Stirn — und das eiserne Kreuz auf der Brust!« —</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_158">[S. 158]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XII">XII.</h2> -</div> - - -<p>Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem -Gespräch mit einer alten Exzellenz nahe der Empore, -auf welcher die höchsten Herrschaften Platz genommen, -dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten.</p> - -<p>Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit -Graf Guntram Krafft gesprochen, wie auch die fürstlichen -Damen ihn auszeichneten, und wie der Erbe von -Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer -Verneigung zurückzog, um einen Augenblick an der blütenduftigen -Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das -farbenglänzende Bild im Saal herabzuschauen.</p> - -<p>Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar -liebenswürdigen Worten und schritt — anscheinend nur -in den Anblick der hohen Herrschaften vertieft, langsam -an dem Wanddiwan entlang.</p> - -<p>Ein feines, nervöses Zucken spielte um ihre Augen, -ein Zeichen, daß sie geärgert oder nervös war, und -wenn ihr Blick zufällig Komtesse Thea streifte, so bekam -er beinahe etwas Feindseliges.</p> - -<p>Frau von Sprendlingen besaß viel Scharfblick und -Menschenkenntnis, und das Gespräch zwischen Thea und -dem Grafen, welches sie unfreiwillig belauscht, hatte ihr -die Überzeugung gegeben, daß die Komtesse bemüht -war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele -zu intrigieren.</p> - -<p>Die Komtesse war bereits zu der Überzeugung gekommen, -daß sie, als sehr wenig bemittelte junge Dame, -kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige eine glänzende -Partie zu tun.</p> - -<p>Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge -Dame schien klug genug, das Eisen allsogleich zu schmieden,<span class="pagenum"><a id="Page_159">[S. 159]</a></span> -solange es noch heiß und der Graf unbekannt in -der Gesellschaft war.</p> - -<p>Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte -über den Einsiedler von Hohen-Esp und ihn mehr neugierig -wie begehrlich betrachtete, so wußte Frau von -Sprendlingen doch, daß er sich gar bald hier eingelebt -und der Gegenstand brennenden Interesses für Mütter -und Töchter sein werde.</p> - -<p>Schon jetzt hörte man überwiegend mehr Anerkennendes -aus dem Mund der Damen wie Spöttisches, und die -Schönheit des jungen Mannes schien der Punkt zu sein, -an welchem eine allgemeine Begeisterung für den reichen -Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte.</p> - -<p>Ganz wie von ungefähr näherte sich die Baronin -dem Sohne Gundulas und bemerkte es voll äußerster -Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig verdüstert, aber -sehr beharrlich ihrer Tochter folgte.</p> - -<p>Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette -an der goldenen Kette von dem Fächer los und hob sie -an die Augen, und als der Graf mechanisch auf die -elegante, noch immer sehr schöne und jugendliche Frau -herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst -zu bemerken und zu erkennen.</p> - -<p>Sie wandte sich ihm sichtlich überrascht und erfreut -zu und bot ihm die kleine Hand, über welcher die kostbaren -Armspangen funkelten, entgegen.</p> - -<p>»Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie -hier bei Spiel und Tanz begrüßen zu können! Hoffentlich -sind Sie schon bei der Jugend bekannt geworden und -amüsieren sich vortrefflich?« —</p> - -<p>Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu -wissen, wen er vor sich hatte.</p> - -<p>Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen -Weise und stammelte eine Antwort, von welcher -Frau von Sprendlingen wenig verstand.</p> - -<p>»Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen -Tanz aufgehoben?« fuhr die schöne Frau mit anmutigem -Lächeln fort. »Es ist heute einer jener seltenen Tage,<span class="pagenum"><a id="Page_160">[S. 160]</a></span> -an welchen die Herren in der großen Überzahl sind und -die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!« —</p> - -<p>Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen -Mannes und war sehr befriedigt, als sie das jähe -Aufleuchten seiner Augen sah, das plötzliche, lebhafte -Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles -nannte.</p> - -<p>»Oh, Frau von Sprendlingen!« rief Guntram Krafft -mit jäher Röte in den Wangen, in seiner so ehrlich-naiven -Art: »Jetzt erst erkenne ich Sie, gnädigste Frau! -Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so märchenhaft -verändert aus, daß man sich selbst mit dem besten -Gedächtnis in dieser neuen Welt schlecht zurechtfindet!«</p> - -<p>»Wie begreiflich ist das! — So fanden Sie auch meine -Tochter noch nicht unter den vielen unbekannten Tänzerinnen -heraus?«</p> - -<p>»Fräulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen -würde ich sie erkennen!«</p> - -<p>Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin -lächelte abermals.</p> - -<p>»Wie liebenswürdig Sie das sagen! — Ich hoffe, daß -Sie zum mindesten den Kotillon mit ihr tanzen?«</p> - -<p>Ein Schatten flog über das strahlende Gesicht des -jungen Bären.</p> - -<p>»Ich kam zu spät, gnädigste Frau!« sagte er leiste.</p> - -<p>»Oh! in der Tat? Darüber müssen Sie mich genau -unterrichten! Sind Sie für diesen Tanz verpflichtet oder -haben Sie Zeit, mir ein wenig Gesellschaft zu leisten? -Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es sich sehr -nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.«</p> - -<p>»Sehr gnädig — ich bin überaus dankbar!« stammelte -Guntram Krafft, und abermals leuchtete ihm die Freude -aus den Augen. Die schlanke, elegante Frau mit dem -zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden -Ausdruck in den schönen Zügen hätte nicht Gabrieles -Mutter zu sein brauchen, um es ihm anzutun, er hatte -schon bei seinem ersten Besuch lebhafte Sympathie für -sie empfunden, und dieses Gefühl steigerte sich in diesem<span class="pagenum"><a id="Page_161">[S. 161]</a></span> -Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch -heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden -Menschen, jedes freundliche Wort doppelt -dankbar.</p> - -<p>Nun war es Gräfin Thea nicht mehr allein, welche -ihm wie ein rettender Engel in seiner Verlassenheit erschien, -Gabrieles Mutter ließ sein Herz noch schneller und -erregter in diesem Augenblick schlagen, und er empfand -es schon als großes Glück, mit ihr von der Wunderlieblichen -zu plaudern, welche es seinem Herzen wie durch -Spuk und Zauber angetan. — — — Er setzte sich neben -Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder, und die -weichen, glänzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe -legten sich wie ein Traumgefilde um seine Füße.</p> - -<p>»Also Sie kamen zu spät zu Gabriele?« fragte die -Baronin abermals mit ihrer weichen, angenehmen Stimme -und entfaltete den duftigen Marabufächer vor der Brust. -— »Wie kam das? Wir waren heute sehr präzise zur -Stelle!«</p> - -<p>»Dessen kann ich mich kaum rühmen, gnädigste Frau! -Ich habe das fremde Terrain Schritt um Schritt erobert -und bedurfte der Zeit, um mich in diesem Zauberreich -zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie völlig neu -es mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen -auf dem höfischen Parkett lernen muß!«</p> - -<p>»Davon merke ich nichts — oder besser gesagt, Sie -lernen zum Erstaunen schnell! Gleichwohl begreife ich, -daß Sie heute nicht Herr der Zeit gewesen! So fanden -Sie Gabriele erst jetzt während des Tanzes!«</p> - -<p>Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden -Atlasfalten, auf das wirre, feine Spitzengeriesel, -welches sie umsäumte, nieder.</p> - -<p>»Doch nicht, gnädigste Frau ... ich konnte mich Ihrer -Fräulein Tochter noch in der Galerie bekannt machen ... -aber ... ich kam zu einer sehr ungelegenen Zeit ...«</p> - -<p>Die letzten Worte klangen so leise, daß Frau von -Sprendlingen sie kaum verstand. Sie hob jäh den Kopf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_162">[S. 162]</a></span></p> - -<p>»Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber -Graf?«</p> - -<p>Da schauten sie seine großen, ehrlichen, blauen Kinderaugen -unendlich traurig an.</p> - -<p>»Ihr Fräulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben«, -sagte er treuherzig.</p> - -<p>Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. -»Gabriele sich verloben? — Herr des Himmels, mit wem -denn?«</p> - -<p>»Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher -eine breite Narbe auf der Stirn trägt; der Name ist -mir wieder entfallen, gnädigste Frau!«</p> - -<p>»Mit Heidler?« Frau von Sprendlingen klappte bewegt -den Fächer zu: »O welch eine lächerliche, absurde -Idee! — Wer hat Ihnen solch einen Unsinn vorgeredet, -Graf?«</p> - -<p>Schier atemlos starrt der Bär von Hohen-Esp die schöne -Frau an seiner Seite an. <em class="gesperrt">Wieder</em> stieg es heiß und -rot in seinem Antlitz auf.</p> - -<p>»Es ist nicht wahr? — Es ist ein Irrtum?« klang -es wie leiser Jubel von seinen Lippen —: »O, das -wäre ja ...« und er unterbrach sich plötzlich voll tödlicher -Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige -Atlasschleppe nieder. —</p> - -<p>»Solches Märchen hat Ihnen gewiß Gräfin Thea Sevarille -vorerzählt!« lachte die Generalin, und doch flimmerte -es in ihrem Blick wie geheimer Triumph, das -Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu -haben —: »Die jungen Mädchen wittern ja sofort eine -Verlobung, wenn ein Herr etwas den Hof macht, und -bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht, daß -zum Verloben doch immer zweie gehören!«</p> - -<p>»Herr von Heidler liebt Fräulein Gabriele wohl sehr?« -fragte Guntram Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen -Aufrichtigkeit, und abermals klang es wie geheime Sorge -durch seine Stimme.</p> - -<p>»Je nun — er schwärmt meine Tochter an und zeigt -das sehr aufrichtig!« lächelte Frau von Sprendlingen<span class="pagenum"><a id="Page_163">[S. 163]</a></span> -ein wenig ironisch —: »aber das tun doch sehr viele -der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt -und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus -nicht — und wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht -etwas liebenswürdiger ist wie zu andern Herren, -so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit -einer langen Reihe von Jahren kennt!«</p> - -<p>Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an -den Lippen der Sprecherin.</p> - -<p>Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht -und frischen Lebensmut schöpfte; seine Augen -strahlten wie verklärt, und er bemühte sich auch gar nicht, -seine Freude zu verbergen.</p> - -<p>»So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?« fragte er leise -und sah die Baronin an, als habe er auch nicht das -kleinste Geheimnis mehr vor ihr.</p> - -<p>Frau von Sprendlingen lachte abermals.</p> - -<p>»Es ist meine feste Überzeugung, und ich hoffe, daß -ich mich nicht irre! Die Welt, und namentlich die lieben -Freundinnen meiner Tochter, sagen Gabriele — ebenso -wie jedes andere vielumschwärmte Mädchen — gern verlobt, -in der Hoffnung, sie dadurch unschädlich zu machen; -daran muß man sich hier in der Residenz gewöhnen, -bester Graf, und durchaus nicht alles glauben, was die -Leute sagen! Nun aber erzählen Sie mir weiter! Gabriele -hatte keinen Tanz mehr frei?«</p> - -<p>»Keinen, gnädigste Frau.«</p> - -<p>»Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?«</p> - -<p>Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen -an.</p> - -<p>»Das wage ich nicht. Ich wollte überhaupt nicht mit -Ihrer Fräulein Tochter tanzen, sondern nur plaudern.«</p> - -<p>»Ah! Sie überraschen mich!«</p> - -<p>»Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte -es nie in der Art, wie man hier tanzt.«</p> - -<p>»Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schönen -Strandburg ist dazu wohl kaum Gelegenheit! — Aber<span class="pagenum"><a id="Page_164">[S. 164]</a></span> -in einer Pause könnten Sie das Versäumte doch nachholen?«</p> - -<p>»Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen -und weiß nicht, was ich mit jungen Damen reden soll. -Meine einseitigen Interessen sind wohl nicht die ihren, -und die große Welt ist mir fremd.«</p> - -<p>»Sie waren so sehr liebenswürdig, meiner Tochter -als Retter zu Hilfe zu kommen, als sie jüngst ein kleines -Unglück mit dem Schlitten hatte?«</p> - -<p>Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr -lebhaft und freute sich des Zufalls, welcher ihn just -in jenem Augenblick des Wegs daher geführt.</p> - -<p>»Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene -unfreiwillige Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen -ist!« scherzte die Generalin. »Wenn der Anfang zu -einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das Schwerste -überstanden!«</p> - -<p>»Fräulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... -und ... sie möchte es wieder ungnädig aufnehmen, wenn -ich störe!«</p> - -<p>»Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?«</p> - -<p>»Nein, gnädigste Frau, daran dachte ich noch nicht. -Muß man das?«</p> - -<p>»Man muß nichts, was man nicht will! Aber ich -möchte Ihnen einen guten Rat geben. Wie ich höre, -ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und Gabriele -sagte mir, daß Herr von Heidler in der Bildergalerie -an Tafel III Plätze belegt habe. — Nun kommen Sie -einmal mit — ich führe Sie bis zu der Galerietür, — -dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und belegen -sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!« —</p> - -<p>»O, vortrefflich! In der Nähe Ihres Fräulein Tochter?«</p> - -<p>»Wenn Sie das wünschen!«</p> - -<p>»Über alles wünsche ich es mir!«</p> - -<p>Der junge Bär von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, -er lachte und sprach lebhafter wie je zuvor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_165">[S. 165]</a></span></p> - -<p>»Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen -diese Quadrille benutzen, um uns den Weg zu bahnen!«</p> - -<p>Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die -Augen.</p> - -<p>»Ich danke Ihnen!« sagte er wie aus tiefstem Herzen -heraus.</p> - -<p>Frau von Sprendlingen lächelte: »Glauben Sie in Zukunft -nichts, was die Leute faseln! Sie sehen, wie falsch -man Sie unterrichtet hatte!« —</p> - -<p>Sie schritten an dem Diwan entlang, den großen, -goldenen Saaltüren zu, und Frau von Sprendlingen -hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der hohen -Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit -einem einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen -Hand lenkt und dirigiert, wohin es ihr beliebt.</p> - -<p>Ihr Blick flog hinüber zu Gräfin Thea, welche, sichtlich -zerstreut, ihre Quadrille tanzte, — sie sah weder den -Graf von Hohen-Esp noch seine Begleiterin — und ein -feines Lächeln des Triumphes zuckte um ihre Lippen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und übersah -die Visitenkarten, welche auf den Gläsern lagen.</p> - -<p>Ein jeder Platz war besetzt.</p> - -<p>Unschlüssig und tief enttäuscht schaute er über die Tafel.</p> - -<p>»Wünschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch -zu sitzen?« fragte es hinter ihm.</p> - -<p>Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder -neuen Erscheinung am Hofe vertraut schien, trat diensteifrig -näher und verbeugte sich ebenso höflich wie respektvoll.</p> - -<p>»Es wäre mir allerdings sehr lieb gewesen!« versicherte -der Hohen-Esper, sehr angenehm durch das Interesse -des alten Hofbeamten berührt.</p> - -<p>»Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es -müssen sowieso noch Plätze eingeschoben werden, da der -Herr Hofmarschall noch in dem letzten Augenblick Ansagen -von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fügen -wir noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht<span class="pagenum"><a id="Page_166">[S. 166]</a></span> -hier?« — und er neigte den wohlfrisierten Kopf -und las: »von Heidler ... ah ... unser Vortänzer ... -dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen -der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der -Ecke ...«</p> - -<p>»Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... -welchen Sie zuerst bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...« -und der Sprecher zog seine Visitenkarte aus der Brusttasche -und reichte sie dar.</p> - -<p>Wieder stieg die heiße Glut in seine Wangen, und -voll verlegener Hast wandte er sich und schritt nach dem -Saal zurück.</p> - -<p>Ihm war's, als müßte man ihm all seine jubelnden -Gedanken von der Stirn ablesen! Vor wenig Minuten -hatte er gewähnt, all die hellen Kerzen ringsum seien -erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit -er gehört, Gabriele sei die Braut eines andern, und -nun plötzlich, als er vernimmt, daß dies Gerede eitel -Lug und Trug ist, da schlägt sein Herz auf in ungestümer -Glückseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum blenden -ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie!</p> - -<p>Warum das? —</p> - -<p>Er vermag sich selber kaum Rechenschaft darüber zu -geben, er überläßt sich willenlos dem fremden, eigenartigen -Zauber, welcher ihn gefangenhält.</p> - -<p>In der mit Blumen dekorierten Vorhalle des Saales -treten ihm ein paar ältere Herren mit Band und Stern -entgegen und reden ihn in liebenswürdiger Weise an.</p> - -<p>Sie sind Tänzer und Jugendbekannte seiner Mutter -gewesen und erkundigen sich voll aufrichtigen Interesses -nach Gräfin Gundulas Ergehen.</p> - -<p>Guntram Krafft freut sich, von ihr sprechen zu können, -er empfindet es voll stolzer Genugtuung, daß man seine -Mutter so hoch schätzt und verehrt, und als der eine der -Herren die Hand auf seinen Arm legt und sagt: »Kommen -Sie, Graf, ich muß Sie zu meiner Frau bringen! Sie -ist ebenfalls eine gute Bekannte Ihrer Frau Mutter -von früherer Zeit und wird sich sehr freuen, von ihr zu<span class="pagenum"><a id="Page_167">[S. 167]</a></span> -hören und ihren Sohn kennenzulernen!« — da folgt der -junge Mann so heiter und unbefangen, als ob ihn die -letzte halbe Stunde heimisch auf dem Parkett gemacht -habe.</p> - -<p>Er sieht im Vorüberschreiten Gräfin Thea, welche ihm -lebhaft zuwinkt.</p> - -<p>»Wo um alles in der Welt stecken Sie denn, Graf? -Ich möchte Sie gern den jungen Damen vorstellen! — -Halten Sie ihn bitte nicht allzu fest, Exzellenz — zum -nächsten Walzer ist er urkundlich verpflichtet!«</p> - -<p>Sie hält lachend die Tanzkarte empor, und der Begleiter -Hohen-Esps zuckt scherzend die Achseln. »Wenn -Sie den Grafen allerdings an solch holde Pflicht gemahnen, -Komtesse, wird er mir fahnenflüchtig, noch ehe -er der alten Garde den Eid geleistet hat! — Aber unbesorgt -— ich war zeitlebens ein unbescholtener Mann -und begehre nicht meines Nächsten Weib, Knecht oder -Walzertänzer!! — <em class="antiqua">Au revoir!</em>« —</p> - -<p>Und als der nächste Tanz mit den weichen, lockenden -Klängen der »Rosen aus dem Süden« einsetzt, stockt -Guntram Krafft plötzlich in der Unterhaltung mit der -Frau Minister und schaut abermals in Gräfin Sevarilles -erhitztes Gesichtchen, welches ihm aus nächster Nähe -zulächelt.</p> - -<p>»Sie haben engagiert, lieber Graf?« fragte die alte -Dame in schnellem Verstehen: »Das ist recht! Ich werde -mich freuen, Sie tanzen zu sehen! Und den achtundzwanzigsten -dieses Monats reservieren Sie uns also ... wir -werden uns freuen, Sie zum Diner bei uns begrüßen -zu können.«</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp dankt sehr erfreut, verneigt -sich und steht im nächsten Augenblick an der Seite der -Komtesse.</p> - -<p>Er hat es so eilig, ihr zu erzählen, daß es mit der -Verlobung Gabrieles ein großer Irrtum ist, aber er -kommt fürerst nicht dazu, denn Thea spricht lebhaft auf -ihn ein, wendet sich zu den nächststehenden jungen Mädchen -und stellt ihnen den Graf vor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_168">[S. 168]</a></span></p> - -<p>Man lächelt ihm sehr liebenswürdig zu, beginnt ein -allgemeines Gespräch und macht dem »modernen Parzival« -klar, daß er unter allen Umständen tanzen müsse!</p> - -<p>»Sie sehen, Graf, man tanzt hier keinen Walzer, sondern -nur Galopp! Je nun, und das ist doch kein Kunststück! -Wer so wie Sie eines Hauptes länger ist, wie -alles übrige Volk, steuert doch ohne jedwede Gefahr -durch all diese Wirbel und hohe Flut!«</p> - -<p>Das ist ein Wort!</p> - -<p>Guntram Kraffts Auge blitzt auf, — er lacht und verneigt -sich vor Thea.</p> - -<p>»Mut hat auch der Mameluck, Komtesse — riskieren -Sie es mit mir Seebären?«</p> - -<p>Einen Augenblick neigt sie das Köpfchen zurück und -sieht zu ihm auf.</p> - -<p>Welch ein Blick!</p> - -<p>Wenn der Einsiedler von Hohen-Esp nicht arg zu naiv -wäre, würde er viel, sehr viel darin lesen!</p> - -<p>Aber der Graf denkt gar nicht darüber nach, was sich -wohl in den Augen einer Komtesse Sevarille spiegeln -möchte, er hat nur einen einzigen Wunsch, den — es -zu versuchen, ob er sich wahrlich unter die Reihen der -Tänzer wagen kann, ob er die Probe bestehen wird, um -alsdann auch den Arm um jene andere, Einzigste legen -zu können, welche all sein Sinnen und Denken gefangennimmt.</p> - -<p>Und er tanzt, — wohl nicht ganz so gewandt und -elegant wie die andern Herren im Saal, aber doch sicher -und gut, ohne im mindesten unliebsam aufzufallen.</p> - -<p>»Bei einem Galopp kommt es nur auf die sichere -Führung an!« hat eine der Damen soeben noch ermutigend -gesagt, nun, und sicher hat der bärenstarke Arm -des Hohen-Esper seine Dame gehalten!</p> - -<p>Mit heißgerötetem Antlitz führt er Thea an ihren -Platz zurück, und die andern Damen und Herren, welche -gewartet haben, voll neugierigen Interesses das »erste -Debut des Parzival« zu beobachten, begrüßen ihn mit -lebhaftem Beifall.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_169">[S. 169]</a></span></p> - -<p>Guntram Krafft hat es gar nicht bemerkt, wie aller -Blicke ihm während des Tanzes gefolgt sind, er hat es -nicht gehört, daß der Herzog sich erfreut und anerkennend -darüber äußert, — er schaut nur suchend über die bunte, -wirbelnde Menge, ob er nicht Gabrieles Köpfchen erspähen -kann.</p> - -<p>Und er sieht sie plötzlich in nächster Nähe, sieht direkt -in die wundersam hellen, großen Nixenaugen hinein, -welche wie staunend auf ihn gerichtet sind.</p> - -<p>Und Guntram Krafft lacht noch glückseliger wie zuvor, -sagt Komtesse Thea ein herzliches Dankeswort und richtet -sich hoch und kühn auf — in Wahrheit wie ein junger -Bär, welcher sich plötzlich seiner Kraft bewußt wird, -wendet sich und steht im nächsten Augenblick vor Fräulein -von Sprendlingen. »Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein?«</p> - -<p>Da starren ihn die meerfarbenen Augen abermals an -wie aufs höchste überrascht ob einer solchen Zumutung, -und dann wendet sie das Köpfchen und wechselt einen -sekundenlangen, unendlich vielsagenden Blick mit dem -schlanken, jungen Garde-Grenadier-Offizier, welcher neben -ihr steht.</p> - -<p>Der lächelt sehr verständnisinnig —: »Ich begreife, -Baronesse!« dreht sich kurz auf dem Hacken um und eilt -als vielbeschäftigter Vortänzer davon, — Gabriele aber -legt langsam, beinahe zögernd den Arm auf den des -Grafen und sagt: »Wir werden noch einen Augenblick -warten müssen, es ist sehr wenig Raum zum Tanzen!«</p> - -<p>»Wie Sie befehlen, Fräulein von Sprendlingen!« antwortet -Guntram Krafft und umschließt mit bebender -Hand ihre weiche, schmiegsame Gestalt.</p> - -<p>Wie rote Nebel wallt es vor seinen Augen, die Aufregung -schnürt ihm die Kehle zusammen, er hat das -Gefühl, als wanke der Boden plötzlich unter seinen -Füßen, und doch möchte er aufjauchzen vor Glückseligkeit, -wie daheim, wenn er dem wilden, feindlichen Meer -eine Beute abgetrotzt!</p> - -<p>Einen Augenblick harrt er so ... noch einen ... und<span class="pagenum"><a id="Page_170">[S. 170]</a></span> -da ... gerade als er lostanzen will, bricht die Musik -mit kurzem Schlusse ab.</p> - -<p>Der Garde-Grenadier ist in die Mitte der Tanzenden -getreten und hat die Hand mit kurzer Geste nach dem -Orchester hinter dem Goldgitter der Galerie gehoben.</p> - -<p>Guntram Krafft, der Neuling, bemerkte es nicht, er blickt -nur erschrocken zu Gabriele nieder und sagt bedauernd: -»O wie schade!« — und Fräulein von Sprendlingen -lächelt ganz wunderlich, löst die Hand von seinem Arm -und tritt von ihm zurück.</p> - -<p class="pmb3">»Bedaure sehr!« sagt sie kühl, wendet das Köpfchen -und begrüßt eine junge Hauptmannsfrau, welche jetzt am -Arm ihres Tänzers vorüberschreitet und ihr zunickt.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_171">[S. 171]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XIII">XIII.</h2> -</div> - - -<p>Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig -höflich von Guntram Krafft abgewandt hatte, trat Frau -von Sprendlingen zu ihrer Tochter heran und flüsterte -ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr.</p> - -<p>Der breitgehaltene Fächer dämpfte den Klang derselben -und verdeckte das Gesicht der Generalin, aber man -bemerkte trotzdem, daß sie erregt und sehr energisch sprach.</p> - -<p>Über Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten.</p> - -<p>»Es war ja ein Glück, daß die Musik just schwieg.«</p> - -<p>»Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat -gar keinen Zweck! Begeistern werde ich mich nie für -das Muttersöhnchen — warum also seine lächerliche Sympathie -für mich durch irgend welche Höflichkeit nähren?«</p> - -<p>»Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten; -ich befehle dir jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu -behandeln, wenn er sich dir noch einmal nähern sollte! -Hörst du, Gabriele? Ich verlange und fordere es von dir -als ein Zeichen deiner Liebe für mich!«</p> - -<p>Die junge Dame seufzte leicht auf.</p> - -<p>»Ach, hätte Frau Gundula doch etwas Besseres getan, -als ihrem Baby die verlorenen Taler wieder zusammengespart! -Je nun ... ich werde versuchen, mich -dem Reigen um diesen modernsten Götzen anzuschließen!«</p> - -<p>»Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie für -ihren Sohn sorgte, aber der alte Herr von Heidler, der -die Güter verpraßte, anstatt sie seinem Erben zu erhalten -... wie handelte der?«</p> - -<p>Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen -der Mutter, sie zuckte beinahe wehmütig die schönen -Schultern: »Geld macht ja doch nicht glücklich, Mama, — -und es ist doch tausendmal besser und moralischer, einen<span class="pagenum"><a id="Page_172">[S. 172]</a></span> -armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung -zu heiraten!«</p> - -<p>»Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest, -daß gerade der ›arme‹ Mann viel zu klug und kaltherzig -ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes Mädchen zu freien!«</p> - -<p>»Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!«</p> - -<p>Frau von Sprendlingen biß momentan wie in großer -Nervosität die Zähne zusammen. »Gleichviel, du tust, -wie ich dir befehle!« sagte sie kurz, voll ganz ungewohnter -Strenge, klappte den Fächer zu und wandte sich mit -liebenswürdigstem Lächeln wieder ein paar Damen und -Herren zu, welche sie schon seit Beginn des Festes wie -den Stein der Weisen gesucht hatten! —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Man hatte sich zu Tisch gesetzt.</p> - -<p>Gräfin Thea bemerkte es zu ihrem großen Verdruß, -daß Graf Hohen-Esp sie nicht engagierte, so nahe sie -es ihm auch gelegt hatte, daß sie das Souper »vorsichtigerweise« -noch freigehalten habe.</p> - -<p>Guntram Krafft reagierte nicht darauf. — Als er -direkt nach seiner Extratour mit ihr zu Gabriele schritt -und »beinahe« mit ihr getanzt hätte, grub Gräfin Sevarille -die Zähnchen recht ärgerlich in die Lippen.</p> - -<p>War denn der naive Schwärmer unverbesserlich, daß -er so schnell den fatalen Eindruck, den die »Verlobung« -des Fräulein von Sprendlingen auf ihn gemacht, abschüttelte -und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer -Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die -Saison zu tragen?</p> - -<p>Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien -der strahlendsten Laune Platz gemacht zu haben, welche -selbst der »entgleiste« Walzer mit der Angebeteten nicht -zu trüben vermochte.</p> - -<p>Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu -ihr zurück, als wie er von ihr gegangen, schien absolut -kein Verständnis für die kleinen Bosheiten zu haben, -welche Thea so geschickt auf Fräulein von Sprendlingen -in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar<span class="pagenum"><a id="Page_173">[S. 173]</a></span> -verblühte Präsidententöchter und ein sehr dicker Jagdjunker -eifrigst sekundierten. Er stand während der nachfolgenden -Française vor dem erhöhten Wandpolster und -folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann sprach -er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als -Gräfin Thea für etliche Minuten durch eine sehr amüsante -Konfusion in Anspruch genommen ward und danach wieder -verstohlen nach dem Bär von Hohen-Esp ausschaute, -war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos -verschwunden!</p> - -<p>Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich -schon einen scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte, -um sich den bis jetzt so unhöflich verweigerten Arm des -Grafen zu erzwingen.</p> - -<p>Wohin war er verschwunden?</p> - -<p>Voll nervöser Unruhe schaute die junge Dame zuerst -nach Gabriele aus und sah es zu ihrer großen Genugtuung, -daß dieselbe am Arme Heidlers den Saal verließ.</p> - -<p>Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan -doch, daß sie über keinen Tischherrn verfügte.</p> - -<p>Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und -trat hastig näher.</p> - -<p>»Sind Komtesse etwa nicht engagiert?«</p> - -<p>»Selbstredend, — aber man scheint mal wieder Konfusion -gemacht zu haben —«</p> - -<p>»Darf ich gehorsamst bitten?« —</p> - -<p>Etwas übellaunig und zögernd legte Thea die Hand -auf den Arm dieses so sehr nichtssagenden und unbedeutenden -Tischherrn. Seit zwei Jahren Leutnant! Gräßlich! -So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen Hintergrund -rechnete bei ihr überhaupt nicht mit.</p> - -<p>»Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp für denselben -Tisch verabredet, Herr von Stark!« sagte sie schnell. »Der -Graf ist fremd hier und wird gewiß hilflos umherirren -und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen Sie -uns dem Ärmsten zu Hilfe kommen ...«</p> - -<p>»Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ... -wird wohl schon seinen Platz an König Artus Tafelrunde<span class="pagenum"><a id="Page_174">[S. 174]</a></span> -gefunden haben! Müßte mich sehr irren, wenn -er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal -beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist -ja Landstand! Trotz seiner Hinterwäldlerart! — Die -Güter verschaffen ihm Sitz und Stimme! — und wir ... -haha ... in die Ecke, alter Besen! — Aber darum wollen -wir in unserem Turmstübchen doppelt fidel sein! — Darf -ich bitten, Gnädigste ... wir bekommen sonst überhaupt -keinen Platz mehr!« —</p> - -<p>Thea zog die Brauen sehr ungnädig zusammen und -folgte in denkbar schlechtester Laune. Welch ein Pech, -daß der naive Neuling nicht rechtzeitig daran gedacht, -sie zu engagieren — im Thronsaal sitzen ist just das, was -Gräfin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen -würde.</p> - -<p>Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie -je, daß Graf Guntram Krafft es sein soll und muß, -welcher sie das nächste Mal nicht nur an die Tafel der -höchsten Herrschaften, sondern baldmöglichst auch als -Herrin und Gebieterin in die Burg seiner Väter führen -soll.</p> - -<p>Daß die alte Bärin in derselben noch ihre despotische -Herrschaft führt, beunruhigt Thea durchaus nicht, denn -wenn sie erst an der Seite des gutmütigen und willenlosen -Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches -ändern!</p> - -<p>Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig -ausgearbeitet, und der moderne Parzival und Frau Herzeleide -spielen eine verschwindend kleine Rolle darin.</p> - -<p>Graf Guntram Krafft gefällt ihr ja ganz gut, ja, -sie müßte lügen, wenn sie ihn nicht hübsch fände, aber -Thea Sevarille ist viel zu modern erzogen, ist viel zu -sehr ein Kind ihrer übervernünftigen Zeit, um dem -Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben -einzuräumen.</p> - -<p>Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vernünftig, und -wenn zufälligerweise das Herz mit der Klugheit Hand<span class="pagenum"><a id="Page_175">[S. 175]</a></span> -in Hand geht, so ist es ein Vorteil mehr, mit welchem sie -rechnen kann!</p> - -<p>Aber zu der »ungeheuren Fröhlichkeit«, welche Herr -von Stark für ihre »unterste Ecke« prophezeit hatte, -steuerte sie an diesem Abend wenig bei.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Währenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem -Herzen hinter seinem Stuhl gestanden und Fräulein -von Sprendlingen entgegengeschaut.</p> - -<p>Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst -so kühle und spröde Antlitz rosig überhaucht und seltsam -belebt, die herrlichen, wundersamen Nixenaugen zu -ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd, -daß dem Bär von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als -sie ihre Plätze erreicht haben, mustert der Dragoner den -unvermuteten Nachbar mit einem seiner finster blitzenden, -beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt -laut: »Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte -doch Hardenstein belegt, mein gnädiges Fräulein?« —</p> - -<p>Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher -und verneigt sich sehr devot.</p> - -<p>»Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir mußten auf -Befehl noch Plätze einschieben!«</p> - -<p>»Hätten Sie auch mehr an der Ecke besorgen können!« -zuckt Heidler in seiner rücksichtslosen Art die Schultern -und fügt brüsk hinzu: »Na — es hilft nichts, Fräulein -Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schließlich auch -gleichgültig.«</p> - -<p>Die junge Dame nickt und lächelt, wirft den Fächer -auf den Tisch und läßt sich müde auf den Stuhl nieder, -daß die starren Seidenfalten unter dem duftigen Goldflor -leise aufrauschen.</p> - -<p>Ihr Blick trifft den Bär von Hohen-Esp, und die -Augen blicken wieder so kalt — so unsagbar kalt und -abweisend drein, daß all die frohe, heitere Zuversicht -des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber -sie erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung -des reizenden Köpfchens seinen stummen Gruß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_176">[S. 176]</a></span></p> - -<p>Während der ersten Zeit hat Fräulein von Sprendlingen -kein Wort und keinen Blick für ihren Nachbar, -sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn von Heidler, wie -Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des -jungen Offiziers entnehmen kann über Reiten und Sport.</p> - -<p>Erst als das Gespräch allgemein wird und sich um -die letzten Rennen dreht, welche der Dragoner mit viel -Erfolg mitgeritten hat, wendet sich Gabriele recht gezwungen, -ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und -fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei?</p> - -<p>Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so kühl -und gleichgültig, daß den Gefragten dasselbe Gefühl -der Befangenheit überkommt, welches ihn in Gabrieles -Nähe kaum noch verläßt.</p> - -<p>Das Blut steigt ihm in die Schläfen.</p> - -<p>»Reiten?« wiederholt er zögernd, »gewiß reite ich -täglich auf die Felder oder in den Wald hinaus, je -nachdem es meine Tätigkeit als Landwirt bedingt! Wir -verfügen jedoch nur über Pferde, welche mehr dauerhaft -wie elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie -Arbeitspferde, aber keine Vollblüter!«</p> - -<p>»Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport -noch ein Vergnügen!« zuckt Fräulein von Sprendlingen -die Achseln, und ihre Augen sehen aus wie die klare -See, wenn jähe Wolkenschatten sie dunkel färben, — -Herr von Heidler aber lacht mit gedämpfter Stimme -auf und fügt hinzu: »Donnerwetter, nein! ein Hürdenrennen -auf einem Ackergaul gibt es nicht!« —</p> - -<p>Gabriele sieht den Graf scharf an.</p> - -<p>Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze, -energisch abweisende Antwort haben? Nein, das Muttersöhnchen -lacht mutig mit und findet es entschieden viel -zu gefährlich, mit dem schneidigen Dragoner Händel -zu bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: »Ich -möchte es wenigstens nicht versuchen! Selbst auf einem -Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von Heidler! -Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel -geübt sein will, — beides habe ich bisher versäumt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_177">[S. 177]</a></span></p> - -<p>»Es gehört auch recht viel Courage und Schneid dazu, -um auf der Rennbahn etwas zu leisten!« lächelt Gabriele -beinahe verächtlich und mustert noch widerwilliger wie -zuvor ihren Nachbar, welcher so hünenhaft groß und gewaltig -neben ihr sitzt und doch so kläglich vor ihrem -kritischen Blick zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor -der Sonne. —</p> - -<p>Auch diese Ironie scheint der zahme Bär entweder -nicht zu verstehen, oder er hält es für praktischer, den -Harmlosen zu spielen.</p> - -<p>»Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Es gehört viel -persönlicher Mut dazu, um flott über alle Hindernisse -hinwegzugehen, denn leider gibt es jährlich wohl traurige -Beweise genug, daß auch der Turf seine Opfer fordert.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Traurige</em> Beweise?« Heidler klemmt das Monokel -ein und zieht die narbige Stirn in Falten: »Es ist meiner -Ansicht nach nie traurig, wenn ein Mann sich in seinem -Beruf aufopfert und einen frischen, schönen Reitertod -stirbt! Gäbe es keine Gefahr bei Mauern und Gräben, -würden sie jedweden Reiz für mich verlieren!«</p> - -<p>Gabrieles Blick leuchtete wie verklärt zu dem Sprecher -auf, und Guntram Krafft nickt zustimmend vor sich hin -und sagt leise: »Ja, es ist seltsam, daß gerade die -Gefahr einen so seltsamen Reiz ausübt!« und er denkt -dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das -gebrechliche Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben -in die Brandung hinaustreibt.</p> - -<p>Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem -geneigten Antlitz ablesen, sie glaubt nur ein gewisses -zaghaftes Gruseln aus seinen Worten herauszuhören, -und ihr Blick flammt beinahe verächtlich zu ihm auf.</p> - -<p>»Wenn Sie nicht reiten — was tun Sie sonst den -ganzen Tag auf Hohen-Esp?« —</p> - -<p>Er lacht, als ob ihn diese Frage amüsiere: »Ich bin -der erste Arbeiter meiner Mutter und schaffe das Meine; -wissen Sie nicht, daß es auf dem Lande unendlich viel -zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der faulen<span class="pagenum"><a id="Page_178">[S. 178]</a></span> -Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es -auch sei?« —</p> - -<p>Sie verzieht den Mund noch ironischer. »Ich kenne -das Landleben nur vom Hörensagen und halte das Säen, -Pflügen und Dreschen für recht harmlose Beschäftigungen. -Irgendeinen Sport üben Sie gar nicht aus?«</p> - -<p>Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen -aus, und dieser Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht.</p> - -<p>»Ich weiß nicht recht, was Sie unter Sport verstehen, -mein gnädiges Fräulein! Wenn meine Arbeit getan -ist, gewährt es mir viel Freude und Genugtuung, -auf der See zu rudern oder zu segeln!«</p> - -<p>»Also — also doch eine Art Wassersport! Das ist -ja jetzt auch modern!«</p> - -<p>»Lieben Sie das Meer?«</p> - -<p>Sie schüttelt unendlich gleichgültig den Kopf.</p> - -<p>»Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse dafür. -So eine ewig gleiche, endlose Wasserfläche ist für mich -unaussprechlich öde und reizlos!«</p> - -<p>Mit weit offenen Augen starrte er sie an.</p> - -<p>»Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal längere -Zeit am Strande gelebt?«</p> - -<p>»Nein! Gott sei Dank, wir mußten ja nach acht -Tagen schon wieder von Heringsdorf abreisen, weil meiner -Mutter die Luft nicht bekam. Ich denke mit großer -Gleichgültigkeit an diese acht Tage voll blendender -Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser -Wasserfläche zurück. — Später suchten wir im Sommer -nur noch Quellenbäder auf, und ich habe mich nie nach -Heringsdorf zurückgesehnt!«</p> - -<p>Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. »Sind -Sie im Boot gefahren?«</p> - -<p>»Gewiß! Abends ruderten uns meine beiden Vettern -in die ›blaue Unendlichkeit‹ hinaus, und wir schaukelten -eine Zeitlang auf dem Wasser, sangen: ›Das Meer -erglänzte weit hinaus!‹ und sahen die Sonne am Horizont -verschwinden, — einen Tag wie den andern ...«</p> - -<p>»Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine<span class="pagenum"><a id="Page_179">[S. 179]</a></span> -auf Gummischuhen!!« — warf Herr von Heidler mit -übermütiger Grimasse ein, und ein schallendes Gelächter -erhob sich im Kreise.</p> - -<p>Nur Guntram Krafft lachte nicht mit.</p> - -<p>Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie -ein Mensch, welcher vor einem großen, unlösbaren Rätsel -steht.</p> - -<p>»Und einen Sturm, einen großen, gewaltigen Sturm -sahen und erlebten Sie nie?« fragte er.</p> - -<p>»Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß -das Wasser, welches immer so glatt dalag wie ein -Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann! All die Seegeschichten, -welche man hört oder liest, kann ich nie recht -glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!«</p> - -<p>Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich -mit einem seiner zündenden Blicke in Gabrieles -Auge.</p> - -<p>»Soll ich den Sattel an den Nagel hängen? Soll ich -ein Seemann werden, und kommen Sie mit auf die weiten -Meere hinaus, den fliegenden Holländer zu suchen?« —</p> - -<p>Heiße Glut flammt über ihr Antlitz, die rosigen Lippen -beben, und in ihren Augen steht die Antwort geschrieben, -— aber sie beherrscht sich, schüttelt mit leisem Lachen das -Köpfchen und antwortet: »Wenn Sie aufhören wollten -zu reiten, würden Sie ein Verbrechen an dem modernen -Heldentum begehen, und das würde ich Ihnen am allerletzten -verzeihen! — Was wollen Sie auf dem Wasser? -Da gibt es keine Lorbeeren zu holen ...«</p> - -<p>»Erlauben Sie, meine Gnädigste! Die jüngsten, welche -auf Chinas Boden sproßten, holte sich unsere Marine!«</p> - -<p>»Die Marine! ja die!!« zuckte Gabriele die Schultern.</p> - -<p>»Die besteht auch aus Soldaten und mutigen Männern, -welche den Feind zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu -Lande nicht erreichen können! Die Marine imponiert -mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei hellem -Sonnenschein ein wenig die Ruder führen und in idyllischen -Sommernächten eine Segelpartie machen, die können<span class="pagenum"><a id="Page_180">[S. 180]</a></span> -doch unmöglich mit unseren verdienstvollsten Männern -rangieren!«</p> - -<p>Der Blick der Sprecherin traf wie eine kühne Herausforderung -den Bären von Hohen-Esp, welcher schweigend -an ihrer Seite saß und vor sich nieder auf das -Fürstenwappen inmitten seines Tellers sah, — er sah -nicht den Ausdruck ihres Auges, er hörte nur ihre -Worte, und sein erst so heiß gerötetes Antlitz ward um -einen Schein blasser.</p> - -<p>Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt, -Heidler murmelte sehr amüsiert: »Alle Wetter, mein -gnädiges Fräulein, das war deutlich!« Dann lenkte ein -gegenübersitzender Kammerjunker das Gespräch voll nervöser -Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram -Krafft voll besonderer Liebenswürdigkeit in ein -Gespräch.</p> - -<p>Gabriele aber warf triumphierend das reizende Köpfchen -zurück und wandte sich wieder ausschließlich zu -Heidler.</p> - -<p>»Er <em class="gesperrt">mußte</em> einmal meine aufrichtige Meinung hören!« -flüsterte sie erregt, »es ist ja eine Schande, wenn ein -Mensch, welcher wahrlich gewachsen ist wie ein Parzival, -gar nicht zum Bewußtsein seiner Bärenkräfte kommt -und ›das Eisen in der Halle rosten‹ läßt, anstatt es zu -Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!«</p> - -<p>Herr von Heidler gehörte zu den Menschen, welche -ihr Licht mit Vorliebe auf Kosten anderer leuchten lassen, -und da es seiner Eitelkeit schmeichelte, von dem reizendsten -aller jungen Mädchen als Held gefeiert zu werden, -so löschte sein scharfer Witz noch das letzte Fünkchen -Sympathie, welches in Gabrieles Herzen für den Bären -von Hohen-Esp geleuchtet hatte.</p> - -<p>Das Souper näherte sich seinem Ende, und als man -sich erhob, wieder nach dem Tanzsaal zurückzuschreiten, -wandte sich Fräulein von Sprendlingen zum erstenmal -wieder an ihren Nachbar zur Rechten und erwiderte<span class="pagenum"><a id="Page_181">[S. 181]</a></span> -seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, flüchtiges -Nicken.</p> - -<p>Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zufällig streifte -ihr Blick dennoch sein schönes Antlitz und traf sein Auge.</p> - -<p>Welch ein Ausdruck darin!</p> - -<p>Nicht mehr das strahlende Entzücken, wie es ihr sonst -daraus entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle -Trauer, wie ein herb getadelter Knabe dreinschaut, -ehe er anfängt zu weinen!</p> - -<p>Mit jäher Bewegung wandte sich Gabriele ab.</p> - -<p>Laut auflachen hätte sie mögen!</p> - -<p>Jung-Parzival, welcher hinter Frau Herzeleides Schürze -hervorschaut! —</p> - -<p>Jung-Parzival, welcher noch nicht den Weg zu Frau -Aventure gefunden hat, welcher auch nie und nimmer -einen Platz unter den Rittern des Amfortas einnehmen -und zeitlebens der beklagenswerte Tor bleiben wird, -als welcher er auf seinem Ackergaul aus der heimatlichen -Burg trabte!</p> - -<p>Ja, Gabriele möchte lachen, wenn es ihr nicht gar -zu traurig deuchte!</p> - -<p>Die Zähne beißt sie zusammen und furcht die Stirn.</p> - -<p>Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! — —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem -Tanzsaal und schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, -welcher wie ein wüster Fiebertraum vor seinen -Augen kreist. —</p> - -<p>Die Musik schmeichelt mit süßen Walzerklängen, — -er hört sie nicht.</p> - -<p>Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene -unfaßlich grausamen Worte, daß sie das Meer nicht -liebt!</p> - -<p><em class="gesperrt">Sein</em> Meer! Das herrliche, majestätische, unbeschreiblich -schöne Meer, welches keines Dichters Zunge genug -rühmen, an welchem sich keines Menschen Auge jemals -satt sehen kann!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_182">[S. 182]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Sein</em> Meer! — Und sie liebt es nicht. — Sie schilt -es langweilig, träge, reizlos. —</p> - -<p>Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses -Meeres spiegeln, grünlich ... graublau ... schillernd wie -Perlmutter ... dunkel und licht zu gleicher Zeit ... verkörperte -Wassertropfen.</p> - -<p>Wie ist es möglich, daß sie das, was er als Liebstes -und Herrlichstes voll Leidenschaft preist, an welchem -sein Herz voll unstillbarer Sehnsucht hängt, daß sie das -verachtet und von sich stößt?</p> - -<p>Die See! — Die blauwogende, unendliche See, deren -brandende Wogen Pulsschläge der Ewigkeit sind, deren -Sonnenlächeln wie bräutliche Wonne, deren zorniges -Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? —</p> - -<p>Ach, daß sie ihm solches angetan!</p> - -<p>Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als -»armseligen Ruderer« so weit ab von allem Heldentum -wiesen, welche in ihm nichts anderes als einen verdienstlosen -Menschen sahen, welcher sein Vergnügen an -ruhmlosen Spielereien findet — die Worte hatte er -kaum gehört und beachtet.</p> - -<p>Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen -zu achten.</p> - -<p>Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein -geschmähtes Meer.</p> - -<p>Aus jedem anderen Munde würde ihm ein solches Urteil -zu zornigem Widerspruch gereizt haben. — Gabriele -von Sprendlingen gegenüber verstummte er in jener unerklärlichen -Befangenheit, in welche ihn ihr Anblick vom -ersten Moment an versetzt hatte.</p> - -<p>Wie gleichgültig würde es ihm sein, ob fremde Menschen -die See lieben oder nicht, — nur von einer einzigen -würde es ihn namenlos beglücken, und gerade sie wendet -das reizende Haupt gleichgültig ab und urteilt so hart, -so grausam, so verständnislos ...</p> - -<p>Ja, verständnislos!</p> - -<p>Sie kennt ja das Meer gar nicht!</p> - -<p>Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein<span class="pagenum"><a id="Page_183">[S. 183]</a></span> -einziges, winziges, unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop -der unerschöpflich reichen, ewig wechselnden See gezeigt, -ein Bild, welches durch den Staub des Modebades getrübt, -mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!</p> - -<p>Guntram Krafft atmet tief auf.</p> - -<p>Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen!</p> - -<p>Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige -Wochen im Jahr an den Strand eilen, die müden -Lebensgeister an Gottes Odem aufzufrischen, die haben -keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur kennenzulernen.</p> - -<p>Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese -sitzen in den eleganten Restaurants, die sehen nur die -Toiletten, all die tausend bizarren kleinen Überraschungen, -welche Göttin Mode und der Geschmack des zwanzigsten -Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, — die blicken -kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige -hinaus in die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, -welche auf den Wassern des Meeres wohnt. —</p> - -<p>Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele -verwachsen sind mit der keuschen, unberührten Wunderwelt -des Strandes, — wenn er der holden Spötterin -Gabriele dieses Paradies erschließen könnte!</p> - -<p class="pmb3">Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die -Musik schweigt, und neben ihm erklingt die Stimme -Gräfin Theas, welche ihn aus seinen Träumen aufschrecken -läßt.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_184">[S. 184]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XIV">XIV.</h2> -</div> - - -<p>»Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenflüchtiger!« -drohte ihm die Gräfin lächelnd mit dem Fächer: »Wie -von dem Erdboden verschwunden waren Sie, als wir -unsere unendlich vergnügte und amüsante Ecke bildeten! -Wie sehr schade, daß Sie in unserm kleinen Kreise fehlten, -Sie würden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!«</p> - -<p>»Ich bezweifle es nicht, Gräfin!«</p> - -<p>Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert.</p> - -<p>»Wie ist es Ihnen ergangen?« —</p> - -<p>»Je weniger man erwartet, desto weniger kann man -enttäuscht werden!«</p> - -<p>Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte -einem Seufzer.</p> - -<p>Thea trat einen Schritt näher und sah mit ihren -großen, dunklen Augen beinahe wehmütig zu ihm auf.</p> - -<p>»Ich habe bereits davon gehört, wie unliebenswürdig -Gabriele einmal wieder gewesen ist! — Es ist wirklich -ewig schade darum, daß in diesem bildhübschen Körper -eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese -Tatsache muß selbst ich, als beste Freundin, bestätigen!«</p> - -<p>»Fräulein von Sprendlingen unliebenswürdig?« wiederholte -Guntram Krafft beinahe erschrocken.</p> - -<p>»Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man -sagt mir, daß sie gerade gegen Sie recht beleidigend -gewesen sei, und das hat mich ernstlich böse gemacht!«</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp hörte nicht den weichen, -schmollenden Klang in Theas Stimme, welche sich so ostensibel -zu seiner Anwaltin machte, er schüttelte nur betroffen -den Kopf und strich mit der Hand die schweren Blondhaare -aus der Stirn.</p> - -<p>»Fräulein von Sprendlingen sprach sehr abfällig über -das Meer, über das Rudern und Segeln — und das kann<span class="pagenum"><a id="Page_185">[S. 185]</a></span> -unmöglich <em class="gesperrt">mich</em> beleidigen, so sehr ich ihre Abneigung -auch bedauerte!«</p> - -<p>Ein seltsamer Blick der Gräfin streifte ihn. »Wie -freundlich und harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd -Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis doch ist! Es -freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht -kränkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so -genau nachrechnen, wie anderen Sterblichen!«</p> - -<p>»Verliebten Menschen?«</p> - -<p>Thea lachte. »Aber Graf! Haben Sie es denn noch -immer nicht bemerkt, daß Fräulein von Sprendlingen -keinen andern Gedanken mehr hat, wie ihren schneidigen -Dragoner?« —</p> - -<p>»Das wohl ... aber ...«</p> - -<p>»Nun?...«</p> - -<p>»Verlobt sind sie noch nicht!«</p> - -<p>»Noch nicht öffentlich!« —</p> - -<p>»Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch -nicht aus ...« murmelte er mit tiefem Atemzug.</p> - -<p>Sie standen neben der Saaltür, ein lautes Lachen und -Sprechen ließ sie momentan verstummen.</p> - -<p>Ein paar junge Herren umringten eine sehr große, -schlankgewachsene, junge Frau, von der man dem Grafen -schon zuvor erzählt hatte, daß sie einen bedeutend kleineren -Mann geheiratet habe. —</p> - -<p>»Gnädigste Frau, ich habe eine Bitte!« rief einer -der Herren mit übermütig blitzenden Augen. »Eine Frage -hat man frei an das Schicksal — eine Bitte nicht!«</p> - -<p>»Na — schießen Sie los, Karlchen, ich bewillige sie -im Namen von Frau von Stark!«</p> - -<p>»Oho!« —</p> - -<p>»Also!« Der Kürassier legte beide Hände bittend -auf die Brust: »Gnädigste Frau — pumpen Sie mir mal -für vierzehn Tage Ihren Herrn Gemahl!«</p> - -<p>»Wie? — Meinen Mann?!«</p> - -<p>»Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach -der Hochzeitsreise??«</p> - -<p>»Was wollen Sie mit ihm?« <span class="pagenum"><a id="Page_186">[S. 186]</a></span>—</p> - -<p>»Ich möchte ihn so gern auf <em class="gesperrt">meinen Kaminsims -stellen.... da fehlt mir nämlich eine Nippesfigur</em>!«</p> - -<p>Schallendes Gelächter!</p> - -<p>Die junge Frau ist zuerst entrüstet, aber schließlich -lacht sie doch mit und tanzt mit dem Spötter eine Extratour. —</p> - -<p>Ein paar junge Mädchen treten in den Saal. Sie -sehen den Grafen Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter -ihnen an der Tür.</p> - -<p>»Nein, nein, Kläre! Wir müssen erst mal sehen, ob -Parzival wieder tanzt! —«</p> - -<p>»Reizender Anblick! — Erinnert an die graziösen Matrosen -im fliegenden Holländer!«</p> - -<p>»Pfui! Schäm' dich! Parzival ist ein vortrefflicher -Mensch! Lotte sagte ja vorhin: ›Der einzige Diamant -unter viel Simili!‹« —</p> - -<p>»Hahaha! — Ein Diamant!... Aber ein noch völlig -ungeschliffener!«</p> - -<p>»Ich fürchtete schon,« — lachte eine der jungen Damen, -»er würde à la Jürgen Wansbeck hier auftreten!«</p> - -<p>»Jürgen Wansbeck? Wer war das?«</p> - -<p>»Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an -den Hof kam und bei einem Ball die Handschuhe sparte. -Der Herzog sah ihn scharf an und fragte gedehnt: ›Sie -tragen keine Handschuhe, Baron?‹«</p> - -<p>Da schüttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und -antwortete: »Nee, Hoheit, <em class="gesperrt">ich frier' ja nich' an die -Fingers</em>!« —</p> - -<p>Jubelndes Gelächter. —</p> - -<p>»Großartig! Brillante Geschichte!«</p> - -<p>Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram -Krafft hastig beiseite.</p> - -<p>»Hier ist ein solches Gedränge, Graf! Wir wollen -uns dort auf den Diwan setzen.«</p> - -<p>»Wie Sie befehlen!« nickte Guntram Krafft und sah -dabei völlig harmlos aus: »Die Menschen hier scheinen -viel zu spotten, — ich machte schon die Bemerkung, daß<span class="pagenum"><a id="Page_187">[S. 187]</a></span> -die meisten Scherze auf Kosten der lieben Nächsten gemacht -werden!«</p> - -<p>»Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze -am meisten belacht!«</p> - -<p>Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder -und blickte ihr plötzlich mit seinen klaren, grundehrlichen -Augen voll beinahe kindlichen Vertrauens in das blasse -Gesichtchen.</p> - -<p>»Gräfin ... Sie sind eine Freundin von Fräulein von -Sprendlingen?« —</p> - -<p>»Sogar eine ihrer vertrautesten!«</p> - -<p>»Und Sie meinen es auch mit mir gut?«</p> - -<p>»Von ganzem Herzen gut!«</p> - -<p>»Würden Sie mir einen großen Liebesdienst erweisen, -es mir gestatten, Ihnen rückhaltlos zu vertrauen?«</p> - -<p>Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete -bezaubernd zu ihm auf. —</p> - -<p>Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von -älteren Herren bildete vor ihnen Spalier, um einem -»Menuett der Königin« zuzusehen, welches von den Prinzessinnen -und Prinzen nebst einer kleinen Schar von -Auserwählten soeben vor dem Herzog getanzt wurde.</p> - -<p>»Sprechen Sie, Graf!« flüsterte sie, »kein Mensch hier -meint es ehrlicher mit Ihnen, wie ich!«</p> - -<p>Er drückte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine -Rechte und nickte erregt: »Das bemerkte ich bereits, -Gräfin! Sie waren von Anfang an so sehr liebenswürdig -zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders gütig an, und -wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde genoß, so -verdanke ich sie Ihnen!«</p> - -<p>»Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster -Wunsch —!«</p> - -<p>»Wundern Sie sich nicht über mich, ich bin fremd in -der Welt und es gewohnt, seit jeher nur nach meinen -momentanen Eingebungen zu handeln. Auch jetzt weiß -ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden. —« -Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden -Kindes in den ihren: »Sie meinen es ja so gut mit mir ...«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_188">[S. 188]</a></span></p> - -<p>»Seien Sie dessen versichert!« In Theas Wangen -stieg es immer heißer und röter, ihre Augen flimmerten -vor Spannung, und ihre Lippen bebten wie bei einem -Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel -entgegendrängt.</p> - -<p>»Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin glücklich, -Ihnen irgendwie behilflich sein zu können!«</p> - -<p>Er zögerte und blickte momentan starr vor sich nieder.</p> - -<p>»Ich möchte es so gern wissen, ob Fräulein von -Sprendlingen den Dragoner wahrlich so sehr liebt!«</p> - -<p>»Soll ich es auskundschaften bei ihr?«</p> - -<p>»Sie sind doch ihre Freundin ...«</p> - -<p>»Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube -ich aber, daß es Sie noch mehr interessieren wird, ob -sie tatsächlich mit ihm verlobt ist?«</p> - -<p>Er schüttelt nachdenklich den Kopf. »Ich las in Romanbüchern, -daß heutzutage die Mädchen auch ohne Liebe -heiraten. Schon manch eine Verlobung wurde aufgelöst, -weil die Braut schließlich noch einen Mann kennenlernte, -welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig gewählten -Bräutigam!«</p> - -<p>»Seien wir ganz ehrlich, Graf!« Thea entfaltete den -Fächer und flüsterte zu ihm auf: »Sie möchten wissen, -ob Sie Aussichten haben, Gabrieles Herz zu gewinnen?«</p> - -<p>Er ward dunkelrot. — »Ich glaube ... Sie treffen -das Richtige, Gräfin! Es würde mir von großem Wert -sein, zu wissen, wie ich es anfangen muß, um mir die -Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was -ich Sie fragen wollte!«</p> - -<p>»Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Schönheit -bezaubert, und es würde keine liebere Mission für mich -geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten zuzuwenden!«</p> - -<p>»Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten, -Gräfin, von was ich Fräulein von Sprendlingen -unterhalten soll, was ich tun muß, daß sie mir ihr Interesse -zuwendet! — Wenn sie es wüßte, daß sie mir so -sehr, sehr gut gefällt ...« er unterbrach sich und strich -abermals mit der Hand über die Stirn: »Das Reiten<span class="pagenum"><a id="Page_189">[S. 189]</a></span> -scheint ihr viel Freude zu bereiten ... und wenn sie -Wert darauf legt, will ich gern ...«</p> - -<p>»Dragoner werden?!« Thea hob beinahe entsetzt die -Hand und sah plötzlich ganz blaß aus. »Wäre das Ihr -Ernst, Graf?« —</p> - -<p>Er lächelt. »Nein, daran ist gar kein Gedanke, Gräfin. -Wozu das? Ich habe daheim ernstere Pflichten -zu erfüllen, als wie hier in behaglicher Friedenszeit eine -Uniform spazierenzutragen —.«</p> - -<p>»Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das -nicht einsieht, verdient es nicht, Ihre Gemahlin zu -werden!«</p> - -<p>»Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein -Leben genau nach ihren Wünschen regeln, denn ich weiß, -wieviel ich ihr zu verdanken habe, und erachte den Gehorsam -gegen sie als meine Schuldigkeit.«</p> - -<p>»Wie edel, wie schön von Ihnen gedacht, Graf!« rief -Thea mit begeistertem Aufblick in sein Auge: »Wie -sprechen Sie mir aus der Seele! Wie billige ich Ihre -Denkweise so völlig! Ich kenne zwar Ihre Frau Mutter -nicht, aber nach allem, was ich von ihr hörte, verehre -ich sie höher wie alle andern Frauen und denke es mir -als höchstes Glück, ihr zu Diensten leben zu können! -Welch ein sündliches Begehren wäre es, der einsamen -Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entreißen, -um einer nichtigen Eitelkeit willen!«</p> - -<p>Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entzückens zu -der Sprecherin nieder. Die Verehrung für seine Mutter -gewann ihr vollends seine Sympathien, und seine große -Harmlosigkeit war weit davon entfernt, irgendeine Verstellung -hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen.</p> - -<p>»O, wenn Fräulein Gabriele doch ebenso denken möchte, -wie Sie! — Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen -nie werden, denn trotz aller Bravour und aller Reiterstücklein -reizt mich der Militärdienst in Friedenszeiten -nicht sonderlich, — aber ein guter Reiter könnte ich ihr -zuliebe trotzdem werden ...«</p> - -<p>»Es wäre lächerlich, wenn sie es verlangen wollte!<span class="pagenum"><a id="Page_190">[S. 190]</a></span> -— Reiten lernt ein jeder Rekrut — aber ein Segelboot -durch Sturm und hohe Flut steuern, das ist ein Wagnis, -ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht kennt!«</p> - -<p>Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine -Augen strahlten wie verklärt.</p> - -<p>»Also Sie haben Interesse für den Seemann, Gräfin? -Sie lieben das Meer und alle seine Herrlichkeit?...«</p> - -<p>Sie preßte voll Leidenschaft die Hände gegen die Brust, -— die roten Blüten des Kleiderausschnitts rieselten wie -Funken über die nervös bebenden Finger.</p> - -<p>»Und <em class="gesperrt">ob</em> ich sie liebe! — Noch nie lernte ich das -Meer kennen, Graf, und doch sehne ich mich voll glühenden -Verlangens seit Jahren schon nach seinem Anblick! -— Nicht ›Neapel sehen und sterben‹ — seufzt meine -Seele, sondern ›die See sehen und in ihrem Zauberbann -leben bis zum Ende meiner Tage!‹ Das ist das Gebet, -welches in meinem Herzen zittert! — Noch ist es nicht -erhört worden, aber ich lasse nicht nach, zu hoffen und -zu harren, — <em class="gesperrt">einmal</em> muß auch mir das Glück zu -Willen sein!«</p> - -<p>Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich -so weich, so innig und aus tiefstem Herzen quellend, in -sein Ohr schmeichelten, als höre er nach wirrem Lärm -und Mißgetön wieder traute Klänge aus der Heimat.</p> - -<p>Ganz unwillkürlich rückte er näher an ihre Seite und -legte die Hand auf ihren Arm. »Sie sollen ... Sie werden -das Meer sehen, Gräfin ... Sie müssen zu uns -nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in -dem alten Bärennest gefallen, und welch eine Freude -für mich, Ihnen das Meer zeigen zu können!«</p> - -<p>Ja, eine Freude!</p> - -<p>Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, -und das Blut stieg ihm abermals so rot und warm in -die Schläfen, wie stets, wenn ein glückseliger Gedanke ihm -das Herz bewegte!</p> - -<p>Und in diesem Moment gaukelte es plötzlich wie ein -süßes Traumbild vor seinen Augen; wenn Gabriele die -Hausfrau von Hohen-Esp war, mußte dann nicht ihre<span class="pagenum"><a id="Page_191">[S. 191]</a></span> -Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen -Glück des jungen Paares zu erfreuen?</p> - -<p>Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen, -Thea aber hörte nur seine Worte und paßte seine Erregung -einzig ihnen an.</p> - -<p>Ihr Blick war noch weicher und sehnsüchtiger, ihre -Stimme klang noch jubelnder wie zuvor: »Und ob es mir -in der Stille Ihres trauten Heims gefallen würde?« -flüsterte sie. »O, Graf, ich liebe die bunte Welt mit all -ihrem Lärm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine -Seele dürstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher -Waldeinsamkeit! O, und Ihre Frau Mutter! Wie wollte -ich bemüht sein, ihr die Tage kurz und lieb zu machen! -Wie würde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches, -hochbeglücktes sein! — Und dann der Gedanke, von Ihnen, -Graf, in die Wunderwelt des Strandes eingeführt zu -werden, mit <em class="gesperrt">Ihren</em> Augen die unendliche Schönheit -des Meeres schauen zu lernen, — mit zitternder Seele -die dräuende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!«</p> - -<p>Sie sprach voll schöner Leidenschaftlichkeit, mit dem -einschmeichelnden Organ, welches sich wie Silberfäden -um das Herz strickt, und Guntram Krafft blickte ihr wie -verklärt in die Augen und empfand die Nähe der kleinen -Gräfin noch mehr wie zuvor als Wohltat! —</p> - -<p>Er wollte antworten, in demselben Augenblick drängte -sich jedoch ein junger Infanterieoffizier durch die Spalier -bildenden Damen und Herren und verneigte sich hastig.</p> - -<p>»Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so -gütig waren, mir zu schenken.«</p> - -<p>Thea erhob sich zögernd.</p> - -<p>»Ah, die Polka! — Eigentlich dürfte ich nicht mehr -tanzen, ich bin todmüde ...«</p> - -<p>»Das wäre grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka -schadet Ihnen sicher nicht!«</p> - -<p>Die junge Dame lächelte, — ein wahres Märtyrerlächeln, -blickte zu Guntram Krafft auf und sagte: »So will<span class="pagenum"><a id="Page_192">[S. 192]</a></span> -ich es machen wie die Schwalben, welche zwar scheiden, -aber doch jedesmal versichern: Wir kehren wieder!«</p> - -<p>»Scharmant gesagt!« applaudierte der kleine Leutnant -und bot der Sprecherin den Arm.</p> - -<p>Gräfin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand -den Erbherrn von Hohen-Esp in sehr eifrigem Gespräch -mit einem Ministerialrat, welchem Guntram Krafft seine -Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft für Schiffbrüchige -hier zu wirken, ausgesprochen.</p> - -<p>Der alte Herr hörte voll liebenswürdigen Interesses -zu und nannte die Bemühungen des Grafen sehr anerkennenswert -und hochherzig, versicherte aber, daß er -selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun könne -und verwies ihn an eine andere Adresse.</p> - -<p>Das Gespräch drehte sich zu Theas großem Mißvergnügen -noch längere Zeit um lauter sachgemäße Auseinandersetzungen -und wollte absolut nicht wieder in -jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der -Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat für -die Seefahrer berge, er sprach mit bewegten Worten -von seinen kühnen, zuverlässigen Schiffern und von ihren -redlichen Bemühungen, Hilfe in der Not zu bringen — -und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuhörte und -begeisterte Bemerkungen einflocht, — die Spitze ihres -zierlichen Füßchens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig -unter dem Kleidersaum, und das nervöse Spiel mit dem -Fächer zeigte es, wie höchst langweilig ihr diese Unterhaltung -war!</p> - -<p>Zu ihrem Ärger kamen auch wieder neue Tänzer, -welche sie nicht gut abweisen konnte, und entführten -sie, und der Ball näherte sich seinem Ende, ohne daß -sie die so mühsam errungenen Vorteile bei dem Bären -noch weiter ausnutzen konnte!</p> - -<p>Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange -aber die törichte Schwärmerei für Gabriele noch anhielt, -waren ernsthafte Aussichten für sie ausgeschlossen.</p> - -<p>Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz -so unerfahren und weltfremd, wie sie angenommen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_193">[S. 193]</a></span></p> - -<p>Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, daß Menschen -von der Liebe allein nicht leben können, und »daß -die Summe immer klein bleibt, wenn sich nichts mit -nichts verbindet!«</p> - -<p>Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden -Herrn von Heidler richtiger wie sie alle und rechnete -mit der Wahrscheinlichkeit, daß derselbe durchaus keine -Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich darin gefalle, -von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft -angeschwärmt zu werden.</p> - -<p>Daß aber ein Mann mit reellen Absichten stets den -Sieg über einen Courmacher davonträgt, ist eine so alte -Tatsache, daß sie selbst in dem weltfernen Hohen-Esp bekannt -sein dürfte. —</p> - -<p>Thea hatte es längst durchschaut, daß Herr von Heidler -viel zu hohe Ansprüche an die Mitgift seiner Zukünftigen -stellte, um sich mit Gabrieles Vermögen, so -ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden zu erklären; -daß dies dem Grafen Hohen-Esp aber möglichst -unbekannt blieb, ja, daß er so radikal wie möglich von -seiner Schwärmerei geheilt werde, das mußte fürerst -die größte Sorge der Gräfin sein.</p> - -<p>»Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger -Hof, wo wir zu Ehren der auswärtigen jungen Damen -und Herren noch einmal tanzen?« flüsterte sie zum Abschied -zu Guntram Krafft empor. Der folgte just mit -einem seltsam verschleierten Blick dem Fräulein von -Sprendlingen, welche, ohne nur den Kopf nach ihm -zu wenden, lachend und plaudernd vorüberschritt.</p> - -<p>»Ich weiß es nicht, Gräfin! Was soll ich da? Es -liegen auch so viele Dinereinladungen für mich im -Hotel — —«</p> - -<p>Was fragte Thea nach denen!</p> - -<p>Junge Mädchen wurden selten, fast nie zu Diners -eingeladen, — außer auf den Bällen und der Eisbahn -hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen wiederzusehen.</p> - -<p>Sie entfaltete den glitzernden Fächer und winkte ihn -näher herzu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_194">[S. 194]</a></span></p> - -<p>»Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche -sie aus!« flüsterte sie. »Und abends, während des Balles, -teile ich Ihnen mit, was geschehen muß, um Gabriele -für Sie zu interessieren! Ich werde bei meinem Besuch -schon alles tun, um das spröde Herzchen möglichst für -Sie zu erwärmen, — hoffentlich gelingt es mir, daß sie -Ihnen einen Tanz aufhebt!«</p> - -<p>»O, Gräfin ... wie sollte ich Ihnen das danken?« -stammelte er und sah abermals aus, wie ein Kind, welchem -man lockende Märchen erzählt. »Unter diesen Umständen -komme ich natürlich!«</p> - -<p>Sie nickte ihm lächelnd und vertraulich zu und freute -sich, daß ein paar andere junge Damen, darunter auch -Lotte, welche den modernen Parzival für einen Brillant -unter Simili erklärt hatte, ihr Einverständnis mit dem -Hohen-Esper sahen. —</p> - -<p>»Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp. -›absitzen‹, Graf?« — fuhr sie flüsternd fort; »lassen Sie -uns besser allsogleich etwas Bestimmtes verabreden, sonst -wandere ich wieder von einem Arm in den andern und -kann Ihnen nichts erzählen!«</p> - -<p>»O, gewiß ... alles, was Gräfin befehlen ...«</p> - -<p>»Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das -Souper! Bei Tisch ist man oft am ungestörtesten! Vergessen -Sie es aber nicht! Das Souper und den ersten -Walzer! — Selbstverständlich trete ich die Tänze an -Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, — -aber <em class="gesperrt">nur</em> an Gabriele, an niemand anders! O, Sie -ahnen es nicht, Graf, <em class="gesperrt">wie</em> gut ich es mit Ihnen meine!«</p> - -<p>»Doch, Gräfin! Ich überzeuge mich ja ununterbrochen -davon!« antwortete er mit warmem Dankesblick und erglühte -abermals bei dem glückseligen Gedanken, daß -Gabriele mit ihm tanzen könne, bis unter die lockigen -Haare. »Ich vergesse Ihre gütige Zusage gewiß nicht! -Wenn Sie derselben nur eingedenk bleiben möchten!«</p> - -<p>Thea nickte ihm mit reizendem Lächeln zu und drückte -seine Hand zum Abschied, und als Guntram Krafft in -dem Wagen saß und nach dem Hotel fuhr, sah er im<span class="pagenum"><a id="Page_195">[S. 195]</a></span> -Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Gräfin beinahe -deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende -Antlitz Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten -bis in den kurzen, unruhigen Schlaf hinein. — —</p> - -<p>Am nächsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp -für jene Angelegenheit zu wirken, welche ihn ursprünglich -hierher in die Residenz geführt.</p> - -<p>Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie -der Ministerialrat gestern abend geraten, für die Anlage -einer neuen Rettungsstation zu interessieren.</p> - -<p>Er mußte lange warten, bis Seine Exzellenz einen -Augenblick Zeit erübrigen konnte, und kaum, daß er ein -paar einleitende Worte gesprochen, lächelt der alte Herr -sehr verbindlich und reicht ihm die Hand.</p> - -<p>»Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber -Graf!« sagte er, »und möchte Ihre und meine Zeit nicht -unnötig in Anspruch nehmen. All diese Angelegenheiten, -welche Sie da berühren, sind nicht meine Sache, — Sie -dürften in erster Linie das zuständige See- oder Hafenamt -interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich -werde mich informieren und Sie allsogleich vor die -rechte Schmiede schicken.«</p> - -<p>Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn -weiter von Pontius zu Pilatus, und überall begegnete -er viel Liebenswürdigkeit und viel höflichen Worten, -— nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe. -Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu -nehmen und mehr an eine müßige Spielerei oder ungerechtfertigte -Ansprüche zu glauben.</p> - -<p>Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem -Grafen saßen, und welchem er sein Leid betreffs all -seiner vergeblichen Bemühungen klagte, schüttelte lächelnd -den Kopf. »Das Hamelwaat ist den Schiffen so gefährlich? -Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer -ernsten Havarie gehört, welche ein Fahrzeug dort erlitten.«</p> - -<p>»Weil wir glücklicherweise stets noch rechtzeitig zur -Stelle waren, um eine solche verhüten zu können!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_196">[S. 196]</a></span></p> - -<p>»Wer vollführte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?«</p> - -<p>»Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!«</p> - -<p>»O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung -oder Belohnung vorgeschlagen? Bitte, versäumen -Sie das ja nicht, verehrtester Graf, und zeigen -Sie eventuelle Verdienste der Leute bei dem zuständigen -Landratsamt an. Im übrigen aber rate ich Ihnen, die -wackeren Fischer ruhig weiter für ihre Kameraden sorgen -zu lassen! Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und -beste. — Die Gründung einer neuen Station ist mit -sehr vielen Kosten und Umständen verknüpft, und wo -es nicht absolut nötig ist, unterläßt man sie!« —</p> - -<p>»Aber sie ist absolut nötig!«</p> - -<p>»Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewiß -liegt es in dem Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden -Mannes, der Hilflosigkeit überall, — nicht nur auf eng -bemessenen Strecken, beistehen zu können, und ich glaube, -daß Menschen, die viel oder gar stets an der See -kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, daß noch -gar viel geschehen muß, um all den großen und schwerwiegenden -Anforderungen gerecht zu werden.«</p> - -<p>»Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns!« —</p> - -<p>»Wie weit ist die nächste Station von Ihnen entfernt?« —</p> - -<p>»Den Kilometern nach nicht direkt außer der Welt, -und dennoch absolut nutzlos für uns, da sie in dringenden -Fällen — und die sind es zumeist — nicht erreichbar -ist!«</p> - -<p>»Wie dürfte das zu verstehen sein, Herr Graf?«</p> - -<p>»Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten -Dünen und Sandbänken, welche ihre Beschaffenheit -beinahe mit jedem hohen Seegang wechseln, die sehr -zuwidern Strömungen, mit welchen gerade in seiner -nächsten Umgebung zu kämpfen ist, machen diese meine -kleine Küstenstrecke besonders gefährlich. Wenn ein Schiff -aufläuft, so geschieht das meist sehr unerwartet und so -gewaltig, daß wir, die beinahe ständig auf der Lauer -liegen, um uns nicht überraschen zu lassen, kaum schnell<span class="pagenum"><a id="Page_197">[S. 197]</a></span> -genug zur Stelle sein können, um das Schlimmste abzuwenden. -Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis -von fernher ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft -von keuchenden Rossen durch Sand und Schlick herangeschleppt -wird, ist eine Unmöglichkeit! — Wenn ein -Schiff tatsächlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum -noch in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft -zu bergen, geschweige das Fahrzeug selber zu retten! -Unsere hauptsächliche Aufmerksamkeit wendet sich daher -einer vorbeugenden Hilfeleistung zu. — Wir leisteten -mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir suchten -stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos -segelnden Schiff, welches sich in den Molochsrachen des -Hamelwaats treiben ließ, Warnung und einen Lotsen -an Bord zu bringen, welcher ihm half, in sicherem Fahrwasser -seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen -Unfall noch rechtzeitig verhüten konnten, ist die -Aufmerksamkeit der Strandbehörden noch nicht genügend -auf die Gefährlichkeit jener Küstenstrecke gelenkt. Habe -ich mich klar und verständlich ausgesprochen, sehr geehrter -Herr? — Ich bemühte mich, mit Hintansetzung aller -›technischen‹ Ausdrücke nur möglichst anschaulich zu reden!«</p> - -<p>»Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen, -was Sie bezwecken und wünschen, und würde mit -Freuden der erste sein, welcher Ihre so uneigennützigen -Wünsche möglichst fördert. Aber, aber!!...« und der -Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg.</p> - -<p>»Welch ein ›Aber‹? — läßt sich dasselbe nicht durch -den guten Willen überwinden?«</p> - -<p>Immer röter und röter stieg es in Guntram Kraffts -Stirn, immer ungeduldiger blitzte sein Auge.</p> - -<p>»Nein, Herr Graf! Gerade dieses ›Aber‹, welches -man wohl Ihren Bemühungen als Schranke gegenüberstellen -muß, ist das einzigste, welches sich selbst mit dem -besten Willen nicht überwinden läßt —«</p> - -<p>»Ah!?«</p> - -<p>»Ich meine das Geld!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_198">[S. 198]</a></span></p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp neigte jäh das erst so stolz -und fragend blickende Antlitz.</p> - -<p>»Das Geld?« wiederholte er mit etwas unsicherer -Stimme. »Ich nehme an, daß die Gesellschaft zur Rettung -Schiffbrüchiger über genügende Mittel verfügt?«</p> - -<p>Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem -Versuch zum Scherzen: »Wollte Gott, dem wäre so! Nein, -Herr Graf, da befinden Sie sich leider in großem Irrtum. -Die Ansprüche, welche von Jahr zu Jahr an diese -unvergleichliche, so bienenfleißig arbeitende und schaffende -Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und -ständig wachsenden Not bis ins Ungeheure an, — während -sich doch keine Quelle erschließt, dementsprechende -Mittel neu zuzuführen!«</p> - -<p>»Aber die Sammlungen im Lande?!«</p> - -<p>»Deren Erträge sind so unbedeutend, daß man sich ihrer -schämen möchte!«</p> - -<p>»Mein Gott, wie ist das möglich?«</p> - -<p>Abermals ein resigniertes Achselzucken.</p> - -<p>»Man interessiert sich nicht dafür! — Die paar wenigen -Menschen, welche im Sommer in die Seebäder reisen, -der kräftigen Salzluft neue Kraft und Stärkung verdanken -und die wundervolle Poesie des Meeres und des -Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr -Scherflein dazu bei, an dem großen, wichtigen, herrlichen -Werk edler Nächstenliebe zu helfen; aber was will dieser -verschwindend kleine Bruchteil im Gegensatz zu den enormen -Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen erfordern? -Die große Menge kennt und liebt die See kaum.« —</p> - -<p>»Undenkbar! — Schon aus Patriotismus ist es doch -die Pflicht eines jeden, gerade für die Küste eines -Meeres einzustehen, auf welchem Deutschlands ganze Zukunft -ruht!« —</p> - -<p>»So denken Sie, mein lieber Graf!«</p> - -<p>»Und andere nicht?« —</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Vorläufig</em> noch nicht! Wenn unserm deutschen -Volk die Augen aufgehen, wird es auch die Hand öffnen<span class="pagenum"><a id="Page_199">[S. 199]</a></span> -und der heiligsten seiner Missionen nicht mehr kalt und -fremd gegenüberstehen!«</p> - -<p>»Und bis dahin?!« —</p> - -<p>»Bis dahin müssen wir uns gedulden, hoffen und -mutig ausharren, lieber Graf, und vor allen Dingen -bemüht sein, uns nach Kräften selber zu helfen! — Haben -Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und -opferfreudigster Weise gefördert? — Lassen Sie es sich -auch ferner in gleicher Weise angelegen sein, das Ihre -zu tun. Man wird es Ihnen Dank wissen!« —</p> - -<p>»Auf diesen möchte ich lieber verzichten, wie auf das -kleinste Zeichen tatkräftigsten Interesses!«</p> - -<p>»Das läßt sich nicht erzwingen.«</p> - -<p>»Gott sei es geklagt.«</p> - -<p>Das Gesicht des jungen Mannes sah blaß und finster -aus, und da die Tafel just beendet war, erhob er sich, -um sich zu verabschieden.</p> - -<p>Noch ein paar sehr höfliche Redensarten, Worte der -Anerkennung und des Dankes für die warme Teilnahme, -welche der Graf dem Rettungswesen entgegenbringe — -und dann schloß sich die Tür hinter ihm.</p> - -<p>In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft -nach seinem Zimmer empor.</p> - -<p>Ein Gefühl großer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit -wollte ihn überkommen.</p> - -<p>Seine liebsten, schönsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen, -und sein Herz, welches voll so heißer, wahrer Begeisterung -für die gute Sache schlug, blutete aus der -Wunde, welche Gleichgültigkeit und der Mangel an echter -Nächstenliebe ihm geschlagen.</p> - -<p class="pmb3">Man interessiert sich im Binnenland nicht für die -See? — Gott verhüte es, du deutsches Volk, daß nicht -ein eisenklirrender Sturmwind daherrast und dich mit -eherner Faust aus dem Schlafe rüttelt! —</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_200">[S. 200]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XV">XV.</h2> -</div> - - -<p>Gräfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht -gehabt.</p> - -<p>Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den -Kissen gelegen und überlegt, auf welche Weise sie mit -einem einzigen geschickten Schachzug die Königin Gabriele -matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel -hervorgehen könne.</p> - -<p>Daß Guntram Krafft ein Mann war, welcher überlegte, -hatte sie bereits bemerkt.</p> - -<p>Seine aufflammende Liebe für Gabriele war bereits -so stark, daß er auf Einflüsterungen nichts mehr gab — -das hatte sie erfahren, als die ihm so geschickt beigebrachte -Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine -Folge hatte, daß der Graf sich bei dem Souper an ihre -Seite setzte und sich doppelt zu bemühen schien, den Nebenbuhler -rechtzeitig aus dem Sattel zu heben.</p> - -<p>Der »weltfremde« Parzival war gar nicht so unerfahren, -wie sie annahm, er hatte zu viel Bücher gelesen und -wußte ganz genau, wie schwer ein reicher Freier gegen -einen mittellosen Courmacher in die Wagschale fällt.</p> - -<p>Er mußte durch ein drastischeres Mittel überzeugt werden, -um sein Rennen aufzugeben.</p> - -<p>Gabriele selber war eine Närrin und fanatisch genug, -den Erben von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu -opfern, — bis jetzt sah es tatsächlich aus, als ob sie nicht -gewillt sei, Theas Pläne zu durchkreuzen, wenn dieses -abstoßende Wesen nicht doch die berechnendste Koketterie -war, um den naiven Parzival auf das äußerste zu reizen -und desto sicherer zu gewinnen.</p> - -<p>Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele -als wahrheitliebend und aufrichtig kennengelernt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_201">[S. 201]</a></span></p> - -<p>Sie war ein spröder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, -viel zu aufbrausend und heftig, um berechnend -handeln zu können, viel zu ideal beanlagt und in ihre -törichten Schwärmereien verrannt, um aus schnöder Gewinnsucht -ihre Überzeugung aufgeben zu können!</p> - -<p>Thea lacht ironisch auf.</p> - -<p>»Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und -eine Hütte!« das genügt dem Fräulein von Sprendlingen, -aber die Mutter! — die müßte eben keine Mutter -sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen über -der Tochter wachte und die Torheiten derselben mit allen -Mitteln korrigierte!</p> - -<p>Mit welch auffallender Liebenswürdigkeit begegnete sie -dem Bären von Hohen-Esp!</p> - -<p>Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu -verwischen, welchen die rücksichtslose Tochter gemacht!</p> - -<p>Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama -gar nicht mit, denn sie sucht eine gute Partie für die -Tochter.</p> - -<p>Man sagt zwar, daß Sprendlingens recht vermögend -seien, — freilich tauchen auch oft Gerüchte auf, daß sie -sehr über ihre Verhältnisse gelebt und bei einem jüngst -erfolgten Börsenkrach ganz bedeutend verloren haben -sollen.</p> - -<p>Dieses Gerücht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, -aus seiner Courmacherei Ernst zu machen und sich -zu erklären, denn der schneidige Dragoner ist das verkörperte -Rechenexempel und wird seine begehrenswerte -Hand nur zum höchsten Angebot losschlagen.</p> - -<p>Aber selbst in dem Falle, daß die bösen Gerüchte nur -auf Verleumdung beruhen, sind wenig Aussichten bei -den Eltern seiner Angebeteten.</p> - -<p>Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hübsch, zu -jung und lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf -ein Vermögen und mit demselben auf die gesellschaftliche -Rolle zu verzichten, welche sie trotz der erwachsenen -Gabriele noch immer spielt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_202">[S. 202]</a></span></p> - -<p>Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das weiß -auch der pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau -so gut, wie seine gefeierte Gattin.</p> - -<p>Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine -vorzügliche Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und -hat nie Anlage zur Selbstkasteiung und niemals Sinn -für eine strenge Pönitenz gehabt! Auch er zieht den -reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor.</p> - -<p>Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mißzuverstehender -Weise abgewinkt wird, wenn die Mutter -das Ohr und Herz des Töchterleins dauernd und wirksam -bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer -der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend -gegenüberstehen wie jetzt? —</p> - -<p>Thea beißt die scharfen, weißen Zähnchen in die Lippe -und atmet schwer auf.</p> - -<p>Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umständen -ankommen lassen!</p> - -<p>Sie muß die Fäden endgültig zerschneiden, ehe ein -Netz daraus geflochten werden kann!</p> - -<p>Aber wie? —</p> - -<p>Nur etwas ganz Überzeugendes, Augenscheinliches wird -bei dem verliebten Bären von entscheidender Wirkung -sein.</p> - -<p>Und wie Thea die ungeduldig zuckenden Hände gegen -die Schläfen preßt und über das »was« und »wie« -grübelt, da durchfährt sie plötzlich ein Gedanke und -jagt ihr heiße Glut in die Schläfen.</p> - -<p>Gabrieles Zettel!</p> - -<p>Jener Zettel, welchen das törichte, selbstbewußte Backfischchen -vor Jahren geschrieben, der Zettel, auf welchem -sie erklärt, nun und nimmer den Grafen von Hohen-Esp -heiraten zu wollen!</p> - -<p>In fliegender Hast entzündet Thea das Licht, wirft -ihr Morgenkleid über und eilt an den Schreibtisch im -Nebenzimmer.</p> - -<p>Wie war es möglich, daß sie diesen kostbaren, unersetzlichen -Zettel vergessen konnte! <span class="pagenum"><a id="Page_203">[S. 203]</a></span>—</p> - -<p>Nein — vergessen hatte sie ihn nicht ... sie hatte -ihn ja schon damals sorgsam aufbewahrt in dem Gedanken, -daß er ihr einmal nützen könne ... Aber jetzt ... -sie dachte nicht, daß sie ihn schon jetzt, so bald als schwerwiegendste -Waffe gegen die Nebenbuhlerin ins Treffen -führen werde! —</p> - -<p>Besitzt sie ihn überhaupt noch?</p> - -<p>Hat vielleicht ein tückischer Zufall ihn durch ihre -Finger geblasen? —</p> - -<p>Mit bebenden Händen durchwühlt Thea den Inhalt -der Schublade, das Licht flackert und wirft rötlich zuckenden -Schein über ihr blasses, aufgeregtes Gesicht.</p> - -<p>Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle -Raritäten aus ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw. -enthält.</p> - -<p>In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles -verwahrt!</p> - -<p>Die dünnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen -Nägeln streuen achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen -und Tanzkarten, die Haarlocken und Stammbuchverse -auseinander.</p> - -<p>Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Blättern -einer ausgeschriebenen Rolle, »Die Gouvernante«, von -Körner, liegt das Gesuchte! Theas Augen leuchten auf, -sie faßt den Zettel fest, so krampfhaft fest, als fürchte -sie, er könne ihr noch jetzt entrissen werden, wirft den -vergilbten Kram hastig in die Schublade zurück und eilt -auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe fröstelnd -in das Schlafzimmer zurück.</p> - -<p>Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit -brennendem Blick auf die noch sehr deutliche Bleistiftschrift -hernieder.</p> - -<p>Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie -hat die Zeilen gewissermaßen an Thea gerichtet.</p> - -<p>Der Inhalt ist überraschend gut.</p> - -<p>Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim -besten Willen nicht gedacht werden.</p> - -<p>O, er wird Eindruck machen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_204">[S. 204]</a></span></p> - -<p>Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen, -schwärmerischen Augen blitzen Triumph und hämische -Freude.</p> - -<p>Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschnörkeln hat -Gabriele das große Los durchgestrichen, welches ein -gütiges Schicksal ihr so verführerisch präsentierte.</p> - -<p>Die Herrschaft Walsleben, — Hohen-Esp, — eine -Grafenkrone und ein bildschöner, ritterlicher Mann — -dies alles zerrinnt wie Rauch und Nebel vor diesem -winzigen Blättchen Papier, welches ein arrogantes kleines -Fräulein sich selber zum Urteil schrieb.</p> - -<p>Nun liegt es wie ein unüberwindliches Hindernis vor -ihr auf dem Weg zu Glück, Reichtum und Rang, und -eine andere kommt und nimmt Besitz davon.</p> - -<p>Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas -Stirn, dann ist sie einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift.</p> - -<p>Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht -er den Erfolg.</p> - -<p>Gräfin Sevarille dehnt die Arme und schließt mit -wohligem Lächeln die Augen.</p> - -<p>Sie spielt ein Hazard um den Coeur-König, und schon -morgen abend wird sie »<em class="antiqua">va banque</em>« sagen! —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes -Haus.</p> - -<p>Man nennt es scherzweise »den russischen Krug« oder -»die Petersburger Ausspanne«, weil es noch an die Zeit -erinnert, wo die altehrwürdigen Kaleschen vor dem Dorfkrug -Station machten, um die Pferde zu wechseln!</p> - -<p>Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist -andererseits auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, -welche ihre Marmorsäulen und Palmengruppen -in elektrischem Licht spiegeln, — es hat schöne, einfache -Räume, solide Preise, eine vorzügliche Küche und die -beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor -die Sitte, daß nach jedem Hofball eine Nachfeier im -Hotel St. Petersburg stattfindet, eine Art Kavalierball, -welcher sehr beliebt und viel besucht ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_205">[S. 205]</a></span></p> - -<p>Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag -noch in die ausliegende Liste für die auswärtigen -Herrschaften eingetragen, und er war auch schon als einer -der ersten zur Stelle, als die Wagen heranrollten und -all jene zauberhaft holden Frauen- und Mädchengestalten -des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in -den Empfangsräumen zusammenströmten. Fräulein von -Sprendlingen ließ, wie stets, sehr lange auf sich warten.</p> - -<p>»Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefüllt -mitgenommen!« sagte einer der Herren zu einer -jungen Dame, welche nach ihr fragte: »Warum soll sie sich -da die Füße hier wund stehen? Auch Ballköniginnen -pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzählig -versammelte.«</p> - -<p>Thea schwebte in einer rosa Tüllwoge in den Saal -und winkte dem Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem -Lächeln zu. Sie ward von Tänzern umringt, -mußte die älteren Damen begrüßen und mit den jüngeren -ein wenig plaudern, so daß schon die ersten Walzerklänge -durch den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten -Abend sagen und sie daran erinnern konnte, daß sie die -Güte gehabt, ihm schon gestern zwei Tänze zuzusichern.</p> - -<p>Sie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und -sagte leise:</p> - -<p>»Wie sollte ich diese Tänze vergessen! gerade auf -Sie freue ich mich ja am meisten!«</p> - -<p>Guntram Krafft ward dunkelrot und drückte die schlanken -Fingerchen aufgeregt zwischen den seinen.</p> - -<p>Thea freute sich auf die Tänze? Nun, dann hat sie -ihm sicher etwas recht Angenehmes mitzuteilen!</p> - -<p>Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen -Diwan mit ihr niedersetzen, wie dies auf dem Hofball -der Fall gewesen; da aber am heutigen Abend sehr viel -flotter getanzt zu werden schien, war es der vielen Extratouren -wegen nicht möglich. Das sagten ihm schon etliche -junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben -auch begrüßt hatte.</p> - -<p>Gestern war der Tanz Nebensache.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_206">[S. 206]</a></span></p> - -<p>Ein Hofball ist mehr eine glänzende Schaustellung, -eine Parade, bei welcher nicht die Pickelhauben und -Säbel, sondern die schönen Augen der Frauen blitzen, ein -großes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung, Prunk -und Schönheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und -seinem erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden.</p> - -<p>Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der -Tanz nur ganz verschwindend seine goldenen Linien zieht; -eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg jedoch ist das -schöne Recht der Jugend, wo sie alles nachholen will, was -ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkümmert hatte.</p> - -<p>Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram -Krafft wandte kaum einen Blick von der Tür.</p> - -<p>Er stand, in Wahrheit eines Hauptes länger denn alles -übrige Volk, nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger -Sehnsucht jener Einzigen entgegen, welche trotz -ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine Gedanken -wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt.</p> - -<p>Er hatte einmal in dem Bücherschrank seiner Mutter -ein Gedichtbuch gefunden, welches er heimlich mit an -den Strand nahm und, in dem knisternden Riedgras -liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche ihn -ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten -von einer Rose »an Dornen ach nur allzu reich!« von -der hieß es:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Viel andre Blumen sah ich blühen<br /></span> -<span class="i0">Und sie zu pflücken hab ich Wahl —<br /></span> -<span class="i0">Doch immer treibt mich inneres Glühen<br /></span> -<span class="i0">Zur Rose, zur geliebten Qual!<br /></span> -<span class="i0">Ich schlürf' aus ihres Kelches Bronnen<br /></span> -<span class="i0">Den Wonnentau, den süßen Schmerz<br /></span> -<span class="i0">Und drücke sie samt allen Dornen<br /></span> -<span class="i0">Vor Wollust an mein leidend Herz!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Dieses Gedicht kam ihm plötzlich in die Erinnerung, -und was ihm ehemals so unverständlich schien, das begriff -er jetzt.</p> - -<p>Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die -dornenreichste aller Rosen, welcher er im Leben begegnet -war?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_207">[S. 207]</a></span></p> - -<p>Warum gefiel ihm Gräfin Thea in all ihrer anmutigen -Liebenswürdigkeit nicht tausendmal besser?</p> - -<p>Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld -jener Schönsten entgegen, welche die einzige im -Saal war, die für ihn kaum einen Blick, kaum einen -Gruß hatte? Und je länger sie zögert, zu erscheinen, -desto unruhiger hämmert das Herz in seiner Brust.</p> - -<p>Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint -sich nicht viel Sorge um das Zögern seiner Herzenskönigin -zu machen. Er tanzt bereits sehr flott mit der -Tochter des Divisionärs, seines Obersten, mit der Nichte -des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof präsentierten -Enkelin des Ministers.</p> - -<p>Ein überschlankes Püppchen, mit trotz ihrer Jugend -schon recht blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man -erzählte sich aber heute morgen im Hotel, wo verschiedene -Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts frühstückten, -daß Fräulein Henny ein goldenes Kälbchen sei, -um welches wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen -werde, — ein Tanz, welcher in diesem Fall wohl nur dem -Götzen Gold huldige. —</p> - -<p>Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmäht -es nicht, in Abwesenheit seiner angebeteten -Gabriele mit recht zündenden Blicken in das spitze, -sommersprossige Gesichtchen zu sehen.</p> - -<p>Schon der zweite Tanz näherte sich dem Ende, und -noch immer ist Fräulein von Sprendlingen nicht erschienen.</p> - -<p>Auch Thea fällt es auf.</p> - -<p>»Wo steckt denn Gabriele?« fragte sie einen der Vortänzer: -»Hat sie etwa abgesagt?«</p> - -<p>»Leider! leider!« dienert der Vielbeschäftigte, »noch -in letzter Stunde ...«</p> - -<p>»Undenkbar, aus welchem Grunde?« ...</p> - -<p>Der Gefragte zuckte die Achseln.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Nur</em> mündliche Bestellung!... Durch plötzliche Krankheit -verhindert! Möglicherweise hat das gnädige Fräulein -gestern doch zu viel getanzt! Einige zwanzig Kotillonsträuße!<span class="pagenum"><a id="Page_208">[S. 208]</a></span> -Das ist eine Anforderung, welche kaum große -Füße leisten können, geschweige eine solche Miniaturausgabe, -wie die des Fräulein von Sprendlingen!«</p> - -<p>Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugehört.</p> - -<p>Gabriele krank?</p> - -<p>Günstiger konnte es sich für ihre Pläne ja kaum -treffen!</p> - -<p>Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an, -dann schreibt man mit Bleistift auf kleine Zettel, — -das muß doch selbst dem Argwöhnischsten einleuchten!</p> - -<p>Gräfin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der -Triumph, die Genugtuung blitzen aus ihren Augen.</p> - -<p>Ein französisches Sprichwort sagt: »Der Abwesende -hat immer Unrecht!« Auch Gabriele, die Rivalin, wird -geschlagen werden, während sie fernab von dem Schlachtfeld -weilt!</p> - -<p>Ist es nicht ganz auffällig, wie sich das Interesse -des Grafen schon jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin -zuwendet?</p> - -<p>Wie innig drückte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst -errötete er bei ihren Worten — wahrlich ein moderner -Parzival, ein Kinderherz ohne Arg und Falsch, -ebenso leicht durch ein paar Zuckerplätzchen gewonnen, -wie ein solches!</p> - -<p>Und hoffentlich auch ebenso leicht getröstet, wenn ein -hübsches, buntes Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen -trug, aus seinen Händen gewunden wird. Man -gibt ihm dafür ein anderes ... und es wird sich zufrieden -geben und sich artig dem Willen derjenigen fügen, -welche so sehr, sehr viel klüger und weltgewandter ist -wie das große Kind aus dem Strandschloß.</p> - -<p>Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen, -ehe sie den großen Trumpf ausspielte; nachdem sie aber -die köstliche Nachricht erhalten, daß Gabriele krank sei, -hielt sie nicht länger zurück, sie brannte darauf, das -Eisen zu schmieden, so lange es heiß war. Geschmeidig -wie ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch -die Plaudernden und stand im nächsten Augenblick vor<span class="pagenum"><a id="Page_209">[S. 209]</a></span> -dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr bereits voll -fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen -Posten an der Tür verließ, um Gräfin Sevarille den -Arm zu bieten.</p> - -<p>»Jetzt kommt unser Tanz, Gräfin, nicht wahr?« fragte -er hastig.</p> - -<p>Sie lachte und legte das Händchen mit allen Zeichen -großer Erschöpfung auf seinen Arm. »Nein, Gott sei -Dank, noch kommt er <em class="gesperrt">nicht</em>, Graf! — Ich bin halb -tot! Ich muß mich erst eine Weile ausruhen, und darum -will ich vor dem nächsten Galopp flüchten und biete ein -Königreich für einen Sessel!«</p> - -<p>»In des Waldes tiefste Gründe flüchtete die Seherin!« -rezitierte ein ganz junger Offizier und trat lachend -zur Seite, während Guntram Krafft sehr ernst und eifrig -nickte.</p> - -<p>»Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Gräfin, es wird -Ihnen schaden!« sagte er und wandte sich nach einem -Nebenzimmer, an dessen Spiegelwänden nur eine Reihe -von Wiener Stühlen stand: »Kommen Sie bitte hier -herein! — Es ist kühl und menschenleer!«</p> - -<p>Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren -zu einem L'hombre zusammengesetzt; sie blickten flüchtig -auf, ließen sich aber nicht stören, als die jungen Leute -entfernt von ihnen, in der Fensterecke, Platz nahmen.</p> - -<p>Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr -graziös und so matt wie ein rosa Wölkchen in der -Sommerhitze auf einen der Stühle niedersank.</p> - -<p>»Wo bleibt Fräulein von Sprendlingen?« fragte er -ohne jedwede Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungestüm -auf die Lippen drängten.</p> - -<p>»Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!«</p> - -<p>»Krank?! — Mein Gott, was fehlt ihr?«</p> - -<p>Thea zuckte mit umwölkter Stirn die Achseln. »Vielleicht -erkältet ... vielleicht auch nicht. Herzlose Mädchen -kokettieren ja oft nur eine Indisposition, um sich rar -und interessant zu machen!«</p> - -<p>»Herzlose Mädchen ... kokettieren ...?«.., stammelte<span class="pagenum"><a id="Page_210">[S. 210]</a></span> -Guntram Krafft beinahe erschrocken. »Urteilen Sie <em class="gesperrt">so</em> -über Ihre Freundin?«</p> - -<p>Thea blickte ihn seltsam an, — so warm, so innig und -traurig, daß ihm abermals das Blut in die Wangen -schoß.</p> - -<p>»Setzen Sie sich zu mir, Graf!« hauchte sie weich, -entfaltete den Fächer und blickte tief aufatmend auf seine -gemalten Narzissen nieder.</p> - -<p>»Graf ...!«</p> - -<p>Er starrte sie momentan an. »Warum sprechen Sie -nicht weiter, Gräfin?«</p> - -<p>»Wollen Sie es durchaus, daß ich von Gabriele -spreche?«</p> - -<p>»Und wollen Sie es durchaus <em class="gesperrt">nicht</em>?«</p> - -<p>Sie seufzte: »Ich möchte Ihnen so gern alles Unangenehme -ersparen! Ich meine es gut mit Ihnen, Graf, -und bin auf Gabriele so sehr ... so ernstlich böse!«</p> - -<p>Er hatte nur die ersten Worte gehört und zuckte -unmerklich zusammen.</p> - -<p>»Ich höre lieber Unangenehmes, wie gar nichts!« sagte -er leise. »Und Sie sind so gut und rücksichtsvoll zu -mir, Gräfin, daß aus Ihrem Munde sicherlich auch das -Schlimmste noch erträglich klingt!«</p> - -<p>Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher -Trauer, daß es ihm ganz wundersam zumute ward.</p> - -<p>»Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerhört Beleidigendes -sagte, eher bisse ich mir die Zunge ab!« sagte -sie erregt. »Ich finde meine Mission sowieso trostlos -genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie -wahrlich glücklich sein! Hätte es mir Gabriele nicht -<em class="gesperrt">schriftlich</em> gegeben, ich würde nie ...«</p> - -<p>Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen, -jetzt hob er jäh das Haupt und unterbrach sie.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Schriftlich</em> gegeben?« wiederholte er erstaunt.</p> - -<p>Sie zog ein Notizbüchlein aus dem Kleid und entnahm -ihm einen Zettel, zog denselben jedoch hastig zurück, -als Guntram Krafft mit allen Zeichen großer Erregung -danach greifen wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_211">[S. 211]</a></span></p> - -<p>»Halt, Graf! Wenn ich Ihnen <em class="gesperrt">diesen</em> Zettel zeige, -begehe ich eine große Indiskretion an Gabriele, und ich -tue es nur, weil Sie mich gestern zu einer gewissen -Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich -nicht, ich leide unsäglich unter der Rolle einer Vertrauten, -welche Sie mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal -nicht so außerordentlich interessierte, und wenn ich es -nicht für meine heilige Pflicht hielte, Ihnen als guter -Engel rechtzeitig die Augen zu öffnen, so würde dieser -Zettel längst ein Raub der Flammen sein!« —</p> - -<p>»Gräfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich -lesen ...«</p> - -<p>»Nur unter einer Bedingung ...«</p> - -<p>»Ich gelobe alles, was Sie verlangen!«</p> - -<p>»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwören Sie es -mir bei allem, was Ihnen heilig ist, daß <em class="gesperrt">nie</em> ein Mensch, -Gabriele selber am allerwenigsten — jemals es erfährt, -wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu zeigen! -Sie geloben mir strengste Diskretion?«</p> - -<p>»Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!« Er bot -ihr mit seinem offenen, grundehrlichen Blick die Hand -entgegen, und Thea schlug ein.</p> - -<p>»Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rückhaltloses Vertrauen -zu Ihnen, Graf! Und nun lassen Sie mich erst -erzählen, wie ich zu diesem Zettel kam!«</p> - -<p>»Ich bitte darum!«</p> - -<p>»Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fräulein -von Sprendlingen über Sie hege, und was Sie eventuell -tun könnten, um sich ihre Sympathien zu erwerben!« -Thea sprach schnell und leise, ihre schlanken Finger -hielten den Zettel zwischen den rosa Tüllwogen auf -ihrem Schoß. — »Ich wollte ihr demzufolge gestern -morgen einen Besuch machen, um sie ein wenig auszuforschen, -wurde aber nicht angenommen, weil das gnädige -Fräulein um zwölf Uhr noch nicht aufgestanden -war!! — Um zwölf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich -scheinen wie mir! Aber Gabriele ist ja das verkörperte -Großstadtleben: die Nächte durchwachen, die<span class="pagenum"><a id="Page_212">[S. 212]</a></span> -Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, -welche nun einmal nicht für ländliche Verhältnisse geboren -sind!«</p> - -<p>»O, wie schade, daß Sie die Freundin nicht sehen -konnten!« — Er strich mit der Hand über die Stirn, -seine Stimme bebte vor Ungeduld.</p> - -<p>»Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich. -— Wahrlich, Graf, ich habe es sehr diskret angefangen -und begreife nicht, wie Gabriele sogleich an Heiraten -denken konnte, aber derart verwöhnte Mädchen -wie sie wittern ja überall einen Heiratsantrag; selbst -aus meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele -einen neuen Sturm auf ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen -heraus. Hier, lesen Sie selber, in welch unerhört -beleidigender Weise sie mir antwortet!«</p> - -<p>Die Sprecherin reichte brüsk den Zettel dar, und -Guntram Krafft nahm ihn und neigte das Haupt tief -darauf hernieder.</p> - -<p>Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie -sah, wie es erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos -auf den Zeilen ruhte. Regungslos saß Graf Hohen-Esp, -— sein Atem ging schwer, und der Zettel schwankte momentan -in seiner Hand. —</p> - -<p>Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise -und zart ihre Hand auf seinen Arm.</p> - -<p>»O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie -verletzten! O, wie beklage ich es, wie sehr bereue ich -es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!«</p> - -<p>Er schüttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen -und schob ihn in die Brusttasche.</p> - -<p>Thea griff hastig danach.</p> - -<p>»O, geben Sie zurück, Graf ...«</p> - -<p>»Unbesorgt, Gräfin, das Papier ist gut aufgehoben, -— ich habe Ihnen ja Diskretion gelobt. Aber ich bitte -Sie, mir den Zettel zu eigen zu lassen.«</p> - -<p>Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und -Thea verschlang mit leiser Klage die Hände.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_213">[S. 213]</a></span></p> - -<p>»Graf ... zürnen Sie auch <em class="gesperrt">mir</em>?«</p> - -<p>Er blickte sie fragend an. »Zürnen? Ich zürne weder -der Schreiberin noch Ihnen. Daß Fräulein von Sprendlingen -sich nur für einen Helden begeistern kann und -mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht imponiere, -ist Geschmackssache, — dagegen läßt sich nicht streiten.«</p> - -<p>»Aber daß sie es so beleidigend ausdrückt, das verzeihe -ich ihr nie!«</p> - -<p>»Sie ahnte ja nicht, daß ich diese Worte lesen würde, -und warum sollte sie Ihnen gegenüber in meinem Interesse -rücksichtsvoll sein? Je klarer und deutlicher sie -sich ausdrückte, desto sicherer war sie, richtig verstanden -zu werden!«</p> - -<p>Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt -sank noch tiefer zur Brust.</p> - -<p>»Graf!«</p> - -<p>Er schrak empor. »Ich danke Ihnen, Gräfin, daß -Sie mir jetzt schon erfahren ließen, was mir später -wohl noch schwerer angekommen wäre. Ich weiß, daß -Sie mir gewiß lieber einen freundlichen Gruß überbracht -hätten. Sie haben sich meiner so gütig angenommen, -obwohl Ihnen mein Benehmen gewiß äußerst -eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier, — ich -kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie -es mir just in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie -diese traurige kleine Episode.«</p> - -<p>»Ich soll sie vergessen?« — Thea neigte sich vor -und sah ihm voll rührender Innigkeit in die Augen: -»Nein, Graf, <em class="gesperrt">Sie</em> sollen vergessen, und zwar so schnell -und so gründlich wie möglich! Blühen nicht so viele -andere holde Blumen um Sie her? Warum muß es -gerade die Königin Rose sein, welche an Ihrer Brust -blühen soll? Glauben Sie mir, Graf, es ist eine traurige -Tatsache, daß die schönsten Mädchen nicht immer die -besten sind! Sie werden verwöhnt, eitel, egoistisch und -tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen -und urteilen herzlos und oberflächlich ...«</p> - -<p>Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben -Sie mir nicht den Glauben an die Schönheit, Gräfin!«<span class="pagenum"><a id="Page_214">[S. 214]</a></span> -sagte er weich. »Wer sein Leben lang im Banne eines -holden Märchens gestanden, findet sich so schwer mit -der herben Wahrheit ab! — Schön und gut war bislang -ein unzertrennlicher Begriff für mich, — — und -warum soll ein Weib, welches bis zur Schroffheit aufrichtig -ist, nicht dennoch gut sein? — Und nun reichen Sie -mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint angekündigt -zu sein, — die alten Herren verlassen den Spieltisch!«</p> - -<p>Thea erhob sich, — das ironische Lächeln, welches um -ihre Lippen spielte und welches der beinahe lächerlichen -Sanftmut ihres schwärmerischen Partners galt, verlor -sich.</p> - -<p>»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf -heitere Gedanken bringen, und wenn die Flöten und -Geigen wieder erklingen, wollen wir jedwedem Mißgeschick -ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und -dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt -einer Vertrauten übertragen, Graf, und deren erste -Verpflichtung ist es, ein trauriges Herz zu trösten und -zu erheitern! <em class="antiqua">Carpe diem</em>!«</p> - -<p class="pmb3">Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür -trat und winkte, zu, hing sich wie ein rosiges Flöckchen -an den Arm ihres bärenhaften Tischherrn und schritt -mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum Souper.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_215">[S. 215]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XVI">XVI.</h2> -</div> - - -<p>So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, -so sprudelnd heiter und amüsant war seine Nachbarin.</p> - -<p>Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht -fidele, und Thea beobachtete es voll Genugtuung, daß -Guntram Krafft energisch seine Mißstimmung bezwang -und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas gesprächiger -wurde.</p> - -<p>Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf -die See lenkte und die umsitzenden Damen aufs eifrigste -in ihr schwärmerisches Entzücken einstimmten, leuchtete -es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie heiße -Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische -Dinge zu befragen und seinen Bemühungen, -die Damen und Herren für das Rettungswesen Schiffbrüchiger -zu interessieren, ein lebhaftes Verständnis entgegenbrachte, -da bemächtigte sich seiner sogar eine gewisse -freudige Erregung, welche für den Augenblick die -Schatten von seiner Stirn scheuchte.</p> - -<p>Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war -die Jugend zu übermütig gestimmt, ja, ein Referendar -sagte sogar mit sehr tragischer Geste: »Es ist seltsam, -daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und -Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all -ihren drohenden Gefahren, ihrem ›Seemann in Not‹ -und ihrer schauerlich-schönen Sturmpoesie liegt den Leuten -hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine Gefahr, -welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für -sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu -Herzen gehen wie eine Schiffskatastrophe. Für die -Waisenkinder, das Blindenasyl und Findelhaus zahlt wohl -jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber eine<span class="pagenum"><a id="Page_216">[S. 216]</a></span> -wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden -den Wogen entreißen und manch unglücklichen Schiffer -von seinem Wrack einholen möchte, für die findet sich -kaum eine offene Hand!« —</p> - -<p>»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die -guten, starken Hilfen am Strand!« nickte Guntram Krafft -mit finsterm Blick; seine vergeblichen Besuche des heutigen -Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm -mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis -zurück: »Deutschlands Zukunft ruht auf der -See! und jeder gute Patriot sollte bemüht sein, im Sinne -seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in vollem -Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen -oder den Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse -zuzuwenden! Hier tut Hilfe not! Hier trägt -jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern -sich die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit -zu ehren, gründen Schiller- und Bismarckvereine — -und denken so wenig an die Zukunft ihres Vaterlands? -Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben -sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, -haben das Schiff ›Frauenlob‹ von dem Ertrag ihrer -Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß selbst die -kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht -und Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist — mit -wenigen Ausnahmen — so gut wie gar kein Interesse für -die dringende Not an der Küste vorhanden, und doch -steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen Füßen, -obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über -das tragische Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger -Hilfeschrei durch das Land hallte!«</p> - -<p>Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, -welcher in seiner Erregung ein Bild edlen Eifers -schien und in nichts mehr an den ungewandten, tolpatschigen -Bären von Hohen-Esp erinnerte!</p> - -<p>Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum -Schluß die etwas ängstliche Frage laut werden: »Wer -soll aber so etwas in die Hand nehmen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_217">[S. 217]</a></span></p> - -<p>Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: -»Das ist ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann -dabei gar nichts tun, wenn die Sache nicht von maßgebender -Seite angeregt wird!«</p> - -<p>Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram -Kraffts.</p> - -<p>»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« -sagte er beinahe verächtlich, »und ich fürchte, ich werde -sie noch mehrfach hören müssen. Gerade in dieser Ansicht -liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil keiner -den Anfang machen will. Warum ›von maßgebender -Seite?‹ Dies ist die Schanze, hinter welcher sich die -Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn jeder einzelne und jede -einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« —</p> - -<p>Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, -welchen das Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere -Konversation bei Aufbruch der Tafel verursachten — der -Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte sich vor -seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen.</p> - -<p>Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu -ihm auf, sie versicherte, daß sie noch mehr über dieses -Thema hören müsse, welches ihr bis jetzt unbegreiflicherweise -noch so fremd geblieben sei, — der Graf aber -schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah -seltsam verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit -mehr mit dem ehedem so linkischen, bei jedem Wort -errötenden Jüngling, welchen die Spottlust der Großstädter -den modernen Parzival genannt.</p> - -<p>Er neigte flüchtig den Kopf.</p> - -<p>»Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, -daß ich Ihnen einen zuverlässigeren Tänzer besorge!«</p> - -<p>»O nicht doch — ich möchte tausendmal lieber mit -Ihnen plaudern, Graf! Jener Platz am Fenster dort -ist so gemütlich ...«</p> - -<p>Er schien ihre Worte zu überhören, wandte sich zu -einem seiner Tischnachbarn, welcher keine Dame geführt -hatte, und bat ihn, bei Komtesse Sevarille zum Tischwalzer -für ihn einzutreten, da er nicht tanze.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_218">[S. 218]</a></span></p> - -<p>»Selbstverständlich, mit größtem Vergnügen!« versicherte -der Angeredete, nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt -gemustert hatte, verneigte sich vor der jungen -Dame und flog auf wiegenden Klängen mit Thea davon.</p> - -<p>Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt -dem Ausgang zu.</p> - -<p>Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden müsse -oder nicht; es gingen verschiedene Damen und Herren -schon jetzt nach dem Souper. So ging auch er, nahm -hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, stürmische -Winternacht hinaus.</p> - -<p>Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfüllt, -nun hielt ihn nichts mehr. Wie ein Verdürstender atmete -er die klare, kalte Luft, — sein gequältes Herz hämmerte -in der Brust, und seine Augen brannten so heiß, als -glühten ungeweinte Tränen darin. Welch eine Beherrschung -hatte die letzte Stunde von ihm verlangt!</p> - -<p>Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute -wie einem Menschen, welchem das Glück jählings aus -den Händen gleitet und in Scherben zerbricht.</p> - -<p>Es war der erste große, leidenschaftliche Schmerz, -welcher sein Herz traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich -wehe Wunde, welche ihm geschlagen ward.</p> - -<p>Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte -als den stillen Frieden der Heimat, als die Treue, -Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen, sie lernte zum erstenmal -alle Bitterkeit einer Enttäuschung, alle Qual einer -hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen.</p> - -<p>Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, -wie verzehrendes Feuer glühte ihm das Leid im Herzen.</p> - -<p>Jetzt erst, nachdem er Gabriele für immer verloren, -begriff er es, wie voll, wie ganz und innig er sein Herz -an sie gehängt hatte. So auf den ersten Blick! —</p> - -<p>So gläubig und vertrauend wie ein Kind, welches -die Schönheit in seinem Märchenbuch liebgewonnen und -voll sehnenden Entzückens die Arme nach ihr ausbreitet, -wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein<span class="pagenum"><a id="Page_219">[S. 219]</a></span> -schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all -dem friedlichen Glück vergangener Jahre! —</p> - -<p>Dazu kam die herbe Enttäuschung, welche er in der -Angelegenheit seiner ersehnten Rettungsstation erfahren.</p> - -<p>Dieser Mißerfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrückendes -für ihn und trug auch noch dazu bei, seine -Stimmung zu verdüstern.</p> - -<p>Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und -Leben, wie er ihn zuvor kaum geahnt, überkam ihn -plötzlich.</p> - -<p>Die Luft in dem Ballsaal war so schwül, so heiß -gewesen, die Menschen so ungewohnt, die Musik so -schrill und laut.</p> - -<p>Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, -und der Wind sauste ihm so frisch und gewaltig -entgegen, wie ein alter, treuer Freund, welcher in toller -Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn reißt -und schüttelt und ungestüm ruft: »Wo bleibst du so lange? -Komm heim! Komm heim!«</p> - -<p>Und über ihm das kahle Gezweig knarrt und greint -wie Rahe und Segel ... und die fernen Wipfel rauschen -wie brandende See ...</p> - -<p>Da überkommt ihn ein wildes, unbändiges Heimweh! -Ein übermächtiges Sehnen nach der stillen Heimat, nach -allem, was er liebt und was auch ihm in treuer, schlichter -Liebe ergeben ist!</p> - -<p>Guntram Krafft breitet jählings die Arme aus und -stöhnt aus tief verwundetem Herzen: »Heim! — ja, -ich will heim! — Was soll ich noch hier? Meines Schicksals -Würfel sind gefallen. Ich bin kein Held! — Nie -und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken -... was hält mich noch hier?«</p> - -<p>Und er stürmt mit hämmernden Pulsen in das Hotel -und kündet dem äußerst betroffenen Anton an, daß er -die Koffer packen solle, — am nächsten Tage kehre er -nach Hohen-Esp zurück.</p> - -<p>»Herr Graf!« stottert der alte Mann mit sorgenvoll<span class="pagenum"><a id="Page_220">[S. 220]</a></span> -prüfendem Blick in das verstörte Gesicht seines Herrn: -»Was wird Ihre Gnaden, die Frau Gräfin sagen?«</p> - -<p>»Gleichviel. — Ich reise heim.«</p> - -<p>Anton hört es dem halberstickten Klang der Stimme -an, hier gibt es kein Widersprechen. Was mag geschehen -sein?</p> - -<p>Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, — es ist allein -der Ärger über die Mißerfolge bei dem Minister und -Geheimen Rat, — der Graf sprach ihm ja selber davon, -wie wenig Verständnis und Teilnahme er für sein Projekt -finde.</p> - -<p>Man nimmt den Bären von Hohen-Esp nicht ernst, -man legt den Worten und Wünschen des verbauerten -Krautjunkers keinen Wert bei!</p> - -<p>»Haben der Herr Graf daran gedacht, daß wir zuvor -Abschiedsbesuche machen müssen?«</p> - -<p>»Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. -Wir werfen nur Karten ab; einzig bei der Gräfin -Sevarille wünsche ich gemeldet zu sein. Ich werde jetzt -noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.«</p> - -<p>Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und -tritt mit umwölkter Stirn in das Nebenzimmer.</p> - -<p>Dort sitzt er und erledigt voll nervöser Hast die Einladungen.</p> - -<p>Es ist schon spät in der Nacht, — Anton lugt besorgt -durch die Tür.</p> - -<p>Da sieht er Guntram Krafft über einen kleinen zerknitterten -Zettel geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, -wie bei einem Kranken. »Wollen Herr Graf nicht zur -Ruhe gehen?«</p> - -<p>Er schrickt empor, streicht langsam über die Stirn -und nickt.</p> - -<p>»Du hast recht, — ich gehe.«</p> - -<p>Er ging — aber den Zettel nahm er mit sich. — — —</p> - -<p>Am nächsten Morgen wurden in großer Eile die Besuche -abgefahren.</p> - -<p>Da es eine ungewöhnlich frühe Stunde war, nahm -Gräfin Sevarille noch keine Besuche an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_221">[S. 221]</a></span></p> - -<p>»Frau Gräfin sind bei der Toilette, und Komtesse -schlafen noch.«</p> - -<p>Guntram Krafft nickte. »Weiter!« befahl er kurz. —</p> - -<p>In seiner großen Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen -Augenblick auf, daß Gräfin Thea ebenso großstädtisch -lange schlief, wie ihre Freundin Gabriele, — und sie -hatte das doch gestern abend noch so scharf verurteilt. -Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! — Er stirbt vor -Sehnsucht nach der Heimat.</p> - -<p>Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und fährt in -den kalten, nebligen Wintermorgen hinein, und als die -Häuser und Türme der Stadt hinter dem modernen -Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erlöst von -einer unseligen Last. —</p> - -<p>Da wird es allmählich wieder still und ruhig in -seinem Herzen, — und als er endlich im Schlitten sitzt -und durch die heimatlichen Wälder dahinjagt, als er -mit aufleuchtendem Blick und weitgeöffneten Armen das -bleigrau rollende Meer begrüßt ... da schaut er plötzlich -um sich, wie ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht, -wie ein Mensch, welchen ein böser, quälender -Traum befangen hielt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gräfin Thea war nie so aufgeregt, so übellaunig und -nervös von einem Balle heimgekehrt, wie von dem -Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg.</p> - -<p>Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren -Händen riß sie den Kranz aus ihrem Haar. —</p> - -<p>Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig, -ohne ein Wort des Abschieds verlassen? —</p> - -<p>Wohin ging er? —</p> - -<p>Wird er tatsächlich verschwiegen sein?</p> - -<p>Hat sie vielleicht zu kühn gehandelt? Sprach sie zu -unbedacht die Unwahrheit und grub sich selber eine -Grube? —</p> - -<p>Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der -Hohen-Esper vielleicht schon nähere Beziehungen zu Gabriele<span class="pagenum"><a id="Page_222">[S. 222]</a></span> -hatte, als sie ahnte? — Wenn Frau von Sprendlingen -des Grafen Bewerbung unterstützt hatte? —</p> - -<p>Theas Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen.</p> - -<p>Er war so seltsam verändert, als er den Zettel gelesen, -— auch gegen sie verändert, kühl, zerstreut ... -zum Schluß, als er ohne Abschied ging, sogar unhöflich.</p> - -<p>Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er -der Wahrheit nachforschen? War der junge Bär doch -nicht so naiv und harmlos, wie sie angenommen? Was -soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag -kommt?</p> - -<p>O, welch entsetzliche Blamage!</p> - -<p>Thea wühlt das Gesicht in die Kissen und beißt vor -Aufregung die Lippen blutig.</p> - -<p>Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Pläne durch -ihr Hirn.</p> - -<p>Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schließt, so erleidet -sie Gräfin Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht.</p> - -<p>Sie schläft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. —</p> - -<p>Erst spät am Morgen, als das Mädchen schon im -Ofen das Feuer anzündet, schläft sie ein.</p> - -<p>Und als sie erwacht, erhält sie die Nachricht, daß Graf -Hohen-Esp bereits dagewesen sei. — Sie starrt die Sprecherin -an wie eine Vision.</p> - -<p>»Er war hier?« — Das klingt wie ein heiserer, jubelnder -Aufschrei.</p> - -<p>Sie preßt die Hände gegen die Schläfen, sie lacht jählings -auf, wie aus Todesängsten erlöst. Dann macht sie -in rasender Eile Toilette, frühstückt und geht in sehr -gehobener Stimmung auf das Eis.</p> - -<p>Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der Kälte blaß -und verstört aus.</p> - -<p>Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund -zeigt die Linien, welche man im ganzen Hause fürchtet, -— sie zeigen an, daß die Komtesse sich in höchst gereizter -und schwer geärgerter Stimmung befindet.</p> - -<p>Dann wirft und schleudert sie alles.</p> - -<p>So auch jetzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_223">[S. 223]</a></span></p> - -<p>Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause.</p> - -<p>Die erste ist die, daß Fräulein von Sprendlingen persönlich -sehr wohl und gesund ist, daß aber ihr Vater, -gerade, als er im Begriff stand, für das Tanzfest im -Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem -Schlaganfall getroffen wurde.</p> - -<p>Er liegt seit gestern abend bewußtlos, und die Ärzte -fürchten das Schlimmste.</p> - -<p>Das würde Komtesse Sevarille ziemlich gleichgültig -sein, im Gegenteil, wenn »die Königin der Feste«, Fräulein -Gabriele, Trauer bekäme und keine Bälle besuchen -könnte, würde es für die Freundin Thea nur vorteilhaft -sein.</p> - -<p>Aber die zweite Neuigkeit!</p> - -<p>Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein -Mensch weiß warum. — Man vermutet, daß er Nachrichten -von zu Hause erhielt.</p> - -<p>Ob er wiederkommen wird?</p> - -<p class="pmb3">Viele behaupten »ja«, manche »nein«. — Gräfin Thea -weiß es genau, — nein, er kommt nicht wieder. Und -diese Überzeugung kann sie wütend machen — wütend! -— Sie schließt sich in ihr Zimmer ein und tobt.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_224">[S. 224]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XVII">XVII.</h2> -</div> - - -<p>General von Sprendlingen war begraben, und in der -Residenz wurde nur ein einziges Thema besprochen, die -finanzielle Lage seiner Gattin und Tochter.</p> - -<p>Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, -daß der alte Herr infolge einer ungeheuren Aufregung -den Schlaganfall erlitten hatte.</p> - -<p>Viele behaupteten, es sei längst kein Geheimnis mehr -gewesen, daß der pensionierte Offizier spekuliert hatte, -um den Ausfall des hohen Gehaltes durch reichere Zinsen -auszugleichen.</p> - -<p>Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwöhnt, -ein Bankkrach hatte ihm vor kurzem schwere -Verluste gebracht — was Wunder, wenn der alte Herr -dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld für sich -arbeiten ließen, nachdem sie selber als verabschiedete -Offiziere die Hände in den Schoß legen mußten?</p> - -<p>Das Glück ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische -und launische Weib, welches es stets gewesen, -und so wandte es Herrn von Sprendlingen treulos den -Rücken, um seinen Goldregen über andere zu streuen, -welche für den Augenblick seine Günstlinge waren.</p> - -<p>Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, daß -alles verloren sei, just in dem Augenblick, als er sich -anschickte, mit Frau und Tochter den Kavalierball im -Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn -derart, daß er als ein zu Tode getroffener Mann unter -ihr zusammenbrach.</p> - -<p>Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet -gewesen, wie man anfänglich angenommen; sie -war gefaßter, als man glaubte, und Gabriele blickte so -ruhig und zuversichtlich aus den tränenglänzenden Augen,<span class="pagenum"><a id="Page_225">[S. 225]</a></span> -daß man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch -eine nahe bevorstehende Heirat gesichert.</p> - -<p>In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast -und Nüchternheit die traurige Wandlung, welche derartigen -Ereignissen zu folgen pflegt. Die notwendige -Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten -sich zur Abreise vor; denn da sie über keine weiteren -Mittel als die karge Witwenpension verfügten, schien es -fraglich, ob sie ein eigenes Heim in der Residenz gründen -konnten. Vorläufig folgten sie der Einladung einer kinderlosen -Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und -Gabriele für die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten -hatte.</p> - -<p>Zum letztenmal saßen Mutter und Tochter in den liebgewordenen -Räumen, in welchen sie so viele, glückliche -Jahre verlebt, beisammen. Von allen Seiten waren -ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme -geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen -die Visiten, — lauter gute Freunde, welche den so -allgemein beliebten Damen vor dem Abschied noch die -Hand drücken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten -wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und -ihr erst so ruhiges, bleiches Antlitz sah plötzlich so verstört, -so verzweifelt und verfallen aus, als sei eine letzte -Hoffnung, welche sie im Herzen gehegt, für immer vernichtet -worden.</p> - -<p>In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung -hatte sie an den Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an -einen Retter in der Not, welcher sicher kommen muß, -das bitterste Elend von ihnen abzuwenden.</p> - -<p>Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, -— er blieb aus. —</p> - -<p>Sie brachte es nicht über sich, nach ihm zu fragen, und -so erfuhr sie erst heute zufällig durch eine befreundete -Dame, daß Guntram Krafft am Morgen nach dem Hotelball -Knall und Fall abgereist sei, ohne daß jemand einen -Grund für diesen fluchtartigen Abschied wußte. Den<span class="pagenum"><a id="Page_226">[S. 226]</a></span> -Tod des Herrn von Sprendlingen habe er wohl gar -nicht erfahren.</p> - -<p>Tränen tiefster Hoffnungslosigkeit glänzten in den Augen -der verwitweten Frau, und als Gabriele an ihre -Seite trat, zärtlich den Arm um die Weinende zu legen, -da schluchzte sie laut auf und flüsterte: »Ach, meine arme, -arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?«</p> - -<p>Das junge Mädchen hob das Antlitz wie in seligem -Vertrauen zum Himmel, — es sah in all dem Leid so -verklärt und ruhig aus, als sei ihr nie ein Zweifel an -dem Glück der Zukunft gekommen.</p> - -<p>»Er liebt mich, Mama!«</p> - -<p>»Wer?« —</p> - -<p>Da senkte Gabriele das Köpfchen.</p> - -<p>»Hans Heidler! — O, Mütterchen, du ahnst es ja -nicht, wieviel liebe Worte er mir noch auf dem letzten -Hofball sagte, wie er mir die Hand drückte, wie unaussprechlich -viel sein Auge mir gestand —«</p> - -<p>»Sein Auge, aber nicht seine Zunge!« murmelte Frau -von Sprendlingen bitter. — »Gabriele, glaubst du wahrlich, -daß Heidler je an Heiraten gedacht — und daß er -sogar <em class="gesperrt">jetzt</em> noch daran denkt?«</p> - -<p>Das junge Mädchen atmete hoch auf, preßte wie in -begeisterter Versicherung die Hände gegen die Brust -und nickte.</p> - -<p>»Ja, ich glaube es, ich weiß es bestimmt! Ein Mann, -der so ritterlich, so heldenhaft, so edel ist wie Hans, -betrügt kein Mädchenherz.«</p> - -<p>»Sprachst du ihn nach Papas Tode?« —</p> - -<p>»Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, -wie er mir die Hand küßte ... wie er mich ansah ...«</p> - -<p>Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung.</p> - -<p>»O Kind! Kind!!«</p> - -<p>»Er sagte mir, daß er in den nächsten Tagen kommen -werde —«</p> - -<p>»Aber er kam nicht!«</p> - -<p>»Er wird kommen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_227">[S. 227]</a></span></p> - -<p>»Morgen reisen wir ab!«</p> - -<p>»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm -so sehr, Mama? Warum zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« —</p> - -<p>Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände -ineinander. »Weil ich die Menschen besser kenne wie du, -Kind!« sagte sie gepreßt.</p> - -<p>»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du -wirst einsehen, wie unrecht du ihm tust!«</p> - -<p>Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen -herauf, — Gabriele zuckte mit leuchtenden Augen empor, -und auch die Baronin blickte wie in jäher Hoffnung -nach der Tür. —</p> - -<p>Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der -Schwelle, er hielt einen köstlichen Strauß von Orchideen -und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in der Hand.</p> - -<p>»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant -von Heidler, und er ließe den Damen herzlichst Lebewohl -sagen und eine glückliche Reise wünschen! Der Herr -Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber -zu seinem großen Bedauern verhindert!« —</p> - -<p>Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei -Marmorsäulen vor ihm standen und keine Hand sich hob, -den Strauß in Empfang zu nehmen, legte ihn der Sprecher -seitlich auf den Tisch.</p> - -<p>»Es ist nämlich die Schlittenpartie heute, die der -Herr Oberleutnant arrangierte!« fuhr er fort, mehr aus -momentaner Verlegenheit wie aus Geschwätzigkeit. »Der -Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine Frau -sagt, die hilft ja manchmal in der Küche bei Exzellenz -aus, wie die Damen wissen! Na, da hört sie so mancherlei. -— Der Herr Oberleutnant ist jetzt beinahe alle Tage -da im Hause! Die Fräulein Enkelin soll ja wohl steinreich -sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, -und was ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer -werden morgen früh schon um sechs Uhr abgeholt ... -die Dienstmänner können es nicht gut anders machen ... -und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie für die<span class="pagenum"><a id="Page_228">[S. 228]</a></span> -Damen bestellen? — Ich gehe nachher doch noch mal -aus ...«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fuß. Die -Koffer stehen auf dem Flur bereit. Guten Abend!«</p> - -<p>Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So -geisterhaft hatte er die Damen noch nie zuvor gesehen, -und die Stimme der Gnädigen klang wie aus dem Grabe.</p> - -<p>Er verbeugte sich und ging.</p> - -<p>Wie schwer wurde den Ärmsten der Abschied! Du -lieber Gott, ja, — wenn in solch feine Häuser mal das -Unglück hereinbricht, dann liegt es immer doppelt so -schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen -auf mit sich herumzuschleppen.</p> - -<p>Als sich die Tür geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen -schweigend die Arme nach ihrer Tochter aus, -und Gabrieles Köpfchen sank wie eine sturmgebrochene -Blüte an die Brust der Mutter nieder.</p> - -<p>Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch -den weichen, schmiegsamen, jungen Körper.</p> - -<p>Und dann hob sie jählings das Haupt und blickte mit -herzzerreißendem Lächeln empor.</p> - -<p>»Ich kann es nicht glauben, daß er nicht mehr kommen -<em class="gesperrt">wollte</em>, Mama! Er <em class="gesperrt">muß</em> ja all diese Vergnügungen -arrangieren, er verkehrt viel im Hause des Ministers, -weil man ihn viel einladet! — Sein Herz weilt sicher -bei mir, Mama! Es ist ja ganz unmöglich, daß diese -meine herrlichste Idealgestalt so kläglich in Dunst und -Nebel zerrinne!«</p> - -<p>Frau von Sprendlingen küßte die Stirn ihrer Tochter -und wiederholte nur leise: »O, du armes, armes Kind!« -— Dann wandte sie sich zur Tür, in welcher das Stubenmädchen -erschien und mit betrübtem Gesicht die gnädige -Frau um ihr Abgangszeugnis bat. —</p> - -<p>Gabriele blieb allein.</p> - -<p>Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem -Blick auf die stille, winterliche Straße hinab, wo die -Sonne auf Eis und Schnee glitzerte und fröhlich plaudernde -Menschen mit den Schlittschuhen vorübereilten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_229">[S. 229]</a></span></p> - -<p>Schlittengeklingel ertönte von fern und näherte sich -in flottem Tempo.</p> - -<p>Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit -weitoffenen Augen hinab.</p> - -<p>Die Schlittenpartie! —</p> - -<p>Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig -flatternden Schneedecken, da klingelten und rasselten die -Schellen durch die schmetternden Musikklänge, und die -ersten Schlitten mit den Trompetern jagten vorüber.</p> - -<p>Dann mehrere »Familienschlitten« mit den Müttern, -Tanten und Papas, und dann, als Erster an der Tete -der Jugend, Hans von Heidler neben Fräulein Henny -von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem mächtigen, -gelben Löwenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner -zugekehrt, und dieser neigte sich so vertraut und -keck, wie es seine siegesbewußte Art ist, und lächelt der -Kleinen just »tief in die Seele!«</p> - -<p>O, Gabriele kennt dieses Lächeln — diese Augen, diese -betörende und bestrickende Art! —</p> - -<p>Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor -und starrt hinab ... ihre Lippen öffnen sich, als wollten -sie voll herben Wehes aufschreien: »Hans! — Hans! -Hast du keinen einzigen Blick mehr für mich?« —</p> - -<p>Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr für -die öde, verlassene Villa, in welche über Nacht die Armut -eingezogen ist.</p> - -<p>Der Schlitten fliegt vorüber, ohne daß Herr von -Heidler Zeit gefunden, einen einzigen Blick nach dem -Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das bleiche, liebliche -Mädchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine -leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt -zurück und sinkt auf einen Stuhl, — sie schlägt die -kalten, zitternden Hände vor das Antlitz und möchte -weinen — weinen — daß ihre ganze Seele in den Tränen -dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken -und starr, und ihr Herz blutet still verborgen aus der -Wunde, welche falsche Liebe ihr so grausam geschlagen. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_230">[S. 230]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen -lebte mit ihrer Tochter fernab der Residenz in dem einsamen -Landhaus der Tante, welche viel zu schrullenhaft, -unliebenswürdig und schroff war, um den beiden verlassenen -Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim -bieten zu können.</p> - -<p>Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, -sich zu trennen.</p> - -<p>Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer -Witwenpension leben, wenn Gabriele ein anderes Unterkommen -fand.</p> - -<p>Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemühungen -nicht. — Die Stelle einer Hofdame, welche die Herzogin -für sie an befreundetem Hofe erhofft, war gegen alles -Erwarten anderweitig besetzt, — andere Aussichten zerschlugen -sich ebenfalls.</p> - -<p>Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, -— doch stets ohne Erfolg.</p> - -<p>Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer -Frauenzeitung eine sehr annehmbar erscheinende Offerte.</p> - -<p>Eine ältere Dame auf dem Lande suchte ein junges, -liebenswürdiges und heiteres Mädchen aus vornehmer -Familie zur Gesellschafterin. Die Einsendung einer Photographie -war zur Bedingung gemacht.</p> - -<p>Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide -blickten sich in stummem, wehmütigem Einverständnis -in die Augen. Zur selben Stunde noch schickte Frau -von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene -Chiffre ab. —</p> - -<p>Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden -Frühlingsmorgen hinaus. — Wird eine Antwort kommen? -Wird sie die Stelle erhalten?</p> - -<p>Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichgültig -geworden.</p> - -<p>Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus -der Residenz, Herrn von Heidlers Verlobung mit Henny, -der reichen Erbin, las, und sehr bald danach durch den -Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, daß die<span class="pagenum"><a id="Page_231">[S. 231]</a></span> -Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der großen -Jugend der Braut schon in den ersten Tagen des Mai -stattfinden solle, — war die Welt leer und tot für sie -geworden.</p> - -<p>Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, vergöttert -hatte, trat ihr Herz voll egoistischer Rücksichtslosigkeit -unter die Füße. —</p> - -<p>Er, der kühne, mutige und unerschrockene Held, war -zu feige gewesen, den Kampf um die Existenz an der -Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen. — Und <em class="gesperrt">diese</em> -Entäuschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres -eigenen Glückes.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp -zurückgekehrt war, ruhten die Augen der Gräfin -voll bangen Forschens auf dem ernsten Antlitz des Sohnes, -als könne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen -und die Gründe erforschen, welche ihn so plötzlich heimgetrieben.</p> - -<p>»Warum kommst du schon jetzt zurück, Guntram Krafft? -Ist dir etwas Unangenehmes begegnet?«</p> - -<p>Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in -die Augen.</p> - -<p>»Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer -eigenen Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich -ist mir viel Ärgerliches begegnet!«</p> - -<p>»Und nur darum bist du Hals über Kopf abgereist?«</p> - -<p>Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er -strich sich langsam die blonden Haare aus der Stirn.</p> - -<p>»Ich bekam Heimweh, Mutter!« sagte er leise, mit -einem beinahe schwermütigen Klang in der Stimme, -»es gefiel mir nicht zwischen all den fremden Menschen. -Ich kam mir so überflüssig, so vereinsamt dort vor. Ihre -Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten -sind neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen -und Plaudern gar nicht, oder doch sehr schlecht im -Vergleich zu den andern Herren. Die Leute waren nicht -unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, daß ich mich<span class="pagenum"><a id="Page_232">[S. 232]</a></span> -tatsächlich unter ihnen wohlgefühlt hätte. — Dazu wehte -der Sturm so vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da -es gerade jetzt viel ernste Arbeit daheim gäbe. — Da -hielt es mich nicht länger. Ich sehnte mich heim zu -dir, Mutter, — hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ... -gleichviel wie ich bin!« —</p> - -<p>Die letzten Worte klangen noch leiser und wehmütiger -wie zuvor, und Gundula trat neben seinen Sessel und -drückte voll weicher Innigkeit das Haupt des Sohnes -an die Brust.</p> - -<p>Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine -bange Sorge kam es plötzlich über sie.</p> - -<p>Waren dies die Früchte, welche sie von ihrer starren -und eigenwilligen Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind -der Welt und dem Leben so völlig entfremdet, daß es -nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang? Wiederum -durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz.</p> - -<p>Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft, -die verlorenen Güter zurückzuerwerben, um ihren -Sohn als trübseligen alten Junggesellen darauf zurückzulassen? -Oder war es eine heimliche Kinderliebe, welche -Guntram Krafft so fest und treu im Herzen saß?</p> - -<p>Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen -Fischerdirne gespielt, — er hatte als Jüngling im Dorfkrug -mit ihr getanzt ... wäre es möglich, daß er sein -Herz an sie verloren, trotzdem die Gräfin ihn so sorgsam -in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes -erzogen hat? —</p> - -<p>Gundula seufzte tief auf.</p> - -<p>Je nun, mußte sie das Glück für ihr Kind auch tief, -tief von unten heraufholen ... es soll ihm werden, — -besser er freit ein Fischermädchen, als keine.</p> - -<p>Die anfänglich so schwermütige Stimmung des jungen -Grafen schwand von Tag zu Tag. Der Sturm heulte -daher und schien nur auf die Rückkehr Guntram Kraffts -gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des -Bären zu messen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_233">[S. 233]</a></span></p> - -<p>Da gab es keine müßige Zeit mehr, da war es vorbei -mit dem wehmütigen Sinnen und Grübeln!</p> - -<p>Täglich fast gab es schwere Arbeit!</p> - -<p>Schiff in Not! — — Und der Bär von Hohen-Esp -reckte voll kühnen Muts die Pranken, scharte seine Getreuen -um sich und warf sich in tollem Wagemut gegen -die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entreißen.</p> - -<p>Die Kälte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat -knirschte das Eis ... das war die böseste Zeit.</p> - -<p>Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein -Brett vor der See; als ihn ein neu einsetzender Sturm -auseinanderriß, stürzte ein Schiffer zur Burg und meldete, -daß aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen Schoners -rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen. -Das war ein fürchterlicher Tag und eine grauenvolle -Fahrt! —</p> - -<p>Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und -Guntram Krafft und seine freiwilligen Lotsen konnten -selber kaum geborgen werden; doch kaum, daß sich die -Erschöpften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot, -welches er in aller Eile zweckmäßig eingerichtet hatte.</p> - -<p>Er ließ den fehlenden Luftkasten durch leere Fässer, -welche möglichst gut verspundet und unter die Duchten -gelascht wurden, ersetzen, ließ Ballast einlegen und einen -Lenzsack nachbugsieren, um das Boot möglichst vor See -zu halten und ein Beidrehen zu verhindern.</p> - -<p>Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus, -und nach zweistündiger schwerer Arbeit brauste das jubelnde -Hurra der Heimkehrenden durch das Heulen der -Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. —</p> - -<p>Kaum, daß man die Schiffbrüchigen noch zu den Lebenden -zählen konnte.</p> - -<p>Zwei Tage und Nächte lang waren sie ohne Nahrung -gewesen, ihre Lage in der Takelage bei Sturm und -bitterer Kälte bedeutete eine geradezu unbeschreibliche -Qual.</p> - -<p>Gräfin Gundula ließ die Geretteten nach Hohen-Esp<span class="pagenum"><a id="Page_234">[S. 234]</a></span> -schaffen und nahm ihre erfrorenen Glieder in Pflege, -bis ein Arzt zur Stelle war.</p> - -<p>Diese heldenmütige Rettung wurde bekannt. Guntram -Krafft und seine Lotsen erhielten die Rettungsmedaille -und ein ansehnliches Geldgeschenk, und mit -leuchtenden Augen stürmte der Graf in das Zimmer -seiner Mutter: »Nun können sie heiraten! Ich habe -meinen Anteil an Jöschen abgetreten, dann reicht's zur -Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe -ich ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in -Gottes Namen zur Wohnung einrichten!«</p> - -<p>»Jöschen will heiraten?« fragte die Gräfin überrascht; -»davon ahne ich nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?«</p> - -<p>»Nun, die Mike! — Die beiden sind doch schon seit -Kindesbeinen an Brautleute!« lachte der Bär von Hohen-Esp. -»Wie manch liebes Mal hat der Jöschen ihr seinen -Apfel geschenkt, und als er von der Marine zurückkam, -brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht -laut werden, bis sie Aussicht hatten zu freien, — sind -ja beide so blutarm! Aber nun ist das Geld beisammen, -und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!«</p> - -<p>Gundula blickte starr in das frisch gerötete Antlitz -des Sohnes.</p> - -<p>Mike heiratet den Jöschen! Und Guntram Krafft erzählt -es ihr mit lachendem Munde. Nein, so sieht keiner -aus, der selber in das Mädel verliebt ist.</p> - -<p>Nachdenklich senkt die Gräfin das Haupt, ihr Sohn aber -setzt sich nahe an ihre Seite und nimmt zärtlich ihre -Hand zwischen die seinen.</p> - -<p>Er sieht sie an, — so kindlich bittend wie stets, wenn -er etwas auf dem Herzen hat.</p> - -<p>»Mutter!« —</p> - -<p>»Was willst du?« —</p> - -<p>»Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?«</p> - -<p>»Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!«</p> - -<p>»Sie hat aber einen schweren Verlust für uns bedeutet!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_235">[S. 235]</a></span></p> - -<p>»Wieso das?«</p> - -<p>»Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so -vieler Mühe als ein Peake-Boot zurechtgemacht hatten, -ist von der See zerschlagen!«</p> - -<p>»Oh! — Es wird sich Ersatz finden!«</p> - -<p>»Mutter!« flüsterte Guntram Krafft und legte den -Arm um die Gräfin: »Möchtest du mich wohl einmal recht -glücklich sehen?«</p> - -<p>»Welche Frage!«</p> - -<p>»Du botest mir jüngst an, — ich solle auf Reisen gehen, -— fremde Länder und Völker sehen ...«</p> - -<p>»Ganz recht! Hast du dich entschlossen?«</p> - -<p>»Nein, Mutter. Ich möchte dich aber recht inständig -bitten, mir das Geld, welches solch eine Reise kostet, zu -geben!«</p> - -<p>»Wozu das?«</p> - -<p>Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung -das Haupt.</p> - -<p>»Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine -regelrechte Rettungsstation hier zu errichten. Mit der -nötigen Ausrüstung und Unterstützung brauche ich meine -braven Jungens nicht annähernd so zu exponieren wie -jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Unterstützung -zu erwarten, — <em class="gesperrt">wollte</em> man uns helfen, so hätte man -es jetzt getan, nachdem die Rettung der Schiffbrüchigen -die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. — Da heißt es also -— hilf dir selber! Ich habe keine andere Passion, keine -anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das -Rettungswesen, ich kenne keinen höheren Wunsch, als -aus eigenen Mitteln einen Schuppen mit Ausrüstung, -Boot und Apparaten hier aufzustellen.«</p> - -<p>Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen.</p> - -<p>»Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der -Ausführung deines Planes gewiß nichts im Wege!«</p> - -<p>»Mutter!« — Der Graf war dunkelrot geworden, »und -das Geld dazu?« —</p> - -<p>»Du bist majorenn und kannst über dein Vermögen -verfügen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_236">[S. 236]</a></span></p> - -<p>Er umkrampfte die schlanke Hand der Gräfin: »Mein -Vermögen? Alles, was wir besitzen, hast du verdient, -es ist dein Eigentum, Mutter ... und zehntausend Mark -ist wohl das mindeste, was ich benötige!«</p> - -<p>Gundula lächelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz -beinahe heiter aus in dem Gefühl, dem Sohn, welchen -sie über alles liebte, einen Wunsch erfüllen zu können.</p> - -<p>»Du weißt, daß ich für <em class="gesperrt">dich</em> arbeitete, und du hast -mir seit Jahren redlich dabei geholfen. Die zehntausend -Mark hast du dir selber reichlich verdient. Wie du sie -anwenden willst, ist deine Sache — sie liegen bereit!«</p> - -<p>Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche -Freude, welche er empfand. Er schlang die Arme um -die Sprecherin und dankte ihr so strahlend glücklich, als -sei das Geld ihm zu Genuß und Vergnügen, nicht aber -für fremde Not gespendet.</p> - -<p>Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so -heiter und lebhaft mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll -ungeduldigen Eifers sogleich den Bau des Rettungsschuppens -in Angriff nehmen und seine notwendige Ausrüstung -herstellen ließ.</p> - -<p>Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen -Beschäftigung blieb ihm keine Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen.</p> - -<p>Die Gräfin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf.</p> - -<p>Sie glaubte nun überzeugt zu sein, daß keine unglückliche -Liebe das Herz des Sohnes erkranken ließ und -seine zeitweise, unerklärliche Schwermut in der Tat nur -dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission -in der Residenz ihm verursacht.</p> - -<p>Gundula grübelte und sann, wie sie ihren Liebling -zu einem glücklichen Mann und Gatten machen könne.</p> - -<p>Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn -der Graf war zu ungewandt und fremd in der Gesellschaft, -um den Mut zu haben, als Freier aufzutreten.</p> - -<p>Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen -in dieser wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen.<span class="pagenum"><a id="Page_237">[S. 237]</a></span> -So verging Monat um Monat. Da kam ihr ein guter Gedanke.</p> - -<p>Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine -junge Gesellschafterin aus bester Familie und wählte -aus den eingesandten Photographien diejenige heraus, -welche ihrem scharfen Auge am passendsten für ihren -Plan erschien.</p> - -<p>Zu dicken Stößen kamen die Briefe an.</p> - -<p>Die Gräfin saß in ihrem stillen Turmzimmer, in welches -die Frühlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, -und erbrach voll lebhaften Interesses ein Schreiben nach -dem andern.</p> - -<p>Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! -Gundula sah ein jedes derselben lange scharf und prüfend -an, doch da war keines, welches ihr so recht von -Herzen sympathisch war.</p> - -<p>Die nächsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, -und die Bärin von Hohen-Esp las und überlegte -und prüfte, bis sie plötzlich das Haupt jählings -vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes Mädchenantlitz -schaute, welches mit wundersam ernsten, großen, -klaren Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute.</p> - -<p>Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, -einfach und anspruchslos.</p> - -<p>Die Gräfin überflog den Brief, welcher nur sehr kurz -im Verhältnis zu den meisten anderen war. Sie sah -nach der Unterschrift: »Marie Antoinette, Freifrau von -Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.«</p> - -<p>Ein guter Name. — Und sie schrieb, daß sie für ihre -Tochter Gabriele, 23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im -Englischen und Französischen, geschickt in Handarbeiten, -aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle als Gesellschafterin -suche. Ihre Verhältnisse, welche seit dem -Tode ihres Mannes sehr traurige seien, zwängen sie -leider, sich von ihrem Kinde zu trennen.</p> - -<p>Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe, -welche ein Unterkommen für die Tochter sucht ... Arme -Frau!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_238">[S. 238]</a></span></p> - -<p>Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand, -auch dann noch, als sie alle anderen Schreiben geöffnet -und die Photographien recht gleichgültig beiseitegelegt -hatte.</p> - -<p>Wie eine geheime, unerklärliche Gewalt zog es sie zu -dem entzückenden Antlitz mit den rätselhaften Augen.</p> - -<p>Ein Bild täuscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in -Wirklichkeit nicht annähernd so sympathisch; aber gleichviel, -darauf mußte man es eben ankommen lassen und -es abwarten, ob Fräulein von Sprendlingen dem Geschmack -Guntram Kraffts entsprechen wird.</p> - -<p class="pmb3">Kurz entschlossen griff die Gräfin zu Feder und Papier -und schrieb an Frau von Sprendlingen, daß sie gewillt -sei, ihre Tochter voll herzlicher Freundlichkeit in ihrem -Hause aufzunehmen.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_239">[S. 239]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XVIII">XVIII.</h2> -</div> - - -<p>Ein paar Tage waren vergangen.</p> - -<p>Es dämmerte. — Guntram Krafft war soeben von dem -beinahe vollendeten Rettungsschuppen heimgekehrt, hatte -die Kleider gewechselt und trat hastig in das große, -uraltmodische Wohngemach der Gräfin, um ihr voll lebhafter -Begeisterung von dem vorzüglichen Boot eigener -Konstruktion — einem zweckmäßigen Gemisch von Françis- -und Peake-System, welches man soeben geprobt hatte — -zu berichten.</p> - -<p>Gundula trat ihm entgegen, — lebhafter, elastischer -schreitend wie sonst.</p> - -<p>Sie hielt einen Brief in der Hand und hub bereits -von weitem an zu sprechen:</p> - -<p>»Endlich kommst du heim, Guntram Krafft; ich wartete -mit Sehnsucht auf dich, um eine Angelegenheit mit -dir zu bereden, für welche du bisher noch niemals recht -Zeit hattest. Nun ist sie vollendete Tatsache — und die -höchste Zeit, daß du davon erfährst!«</p> - -<p>Der Graf blickte die Sprecherin erstaunt an, schob -ihr voll ritterlicher Höflichkeit einen Sessel herzu und -lehnte sich erwartungsvoll ihr gegenüber an den Tisch.</p> - -<p>Die Gräfin setzte sich nieder und schien gewaltsam gegen -eine gewisse Befangenheit anzukämpfen. »Ich bin seit -langen Jahren so allein, entbehre jeden Verkehr mit -Damen und werde nun auch so alt und abständig, daß -ich kaum noch allein dem großen Hauswesen vorstehen -kann ...«</p> - -<p>Guntram Krafft lachte beinahe übermütig auf, schwieg -aber und blickte die Sprecherin aufmerksam an. —</p> - -<p>»Ich habe mir daher eine Gesellschafterin engagiert -und hoffe, daß du aus Rücksicht für mich mit diesem -Zuwachs einverstanden bist!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_240">[S. 240]</a></span></p> - -<p>»Ah! Das nenne ich vernünftig!« rief der Bär von -Hohen-Esp sehr erfreut und durchaus harmlos: »Diese -Idee ist einen Dukaten wert und hätte dir bereits zehn -Jahre früher kommen sollen! Hast du schon jemand gefunden?«</p> - -<p>Die Gräfin öffnete mit geheimnisvollem Lächeln den -Brief, entnahm ihm eine Photographie und reichte sie dem -Sohn dar.</p> - -<p>»Wie gefällt dir meine künftige kleine Genossin, welche, -so Gott will, frisches Leben und recht viel Sonnenschein -mit in das Haus bringt?«</p> - -<p>Guntram Krafft nahm lächelnd das Bild und trat -damit in die Fensternische, um besser sehen zu können.</p> - -<p>»Wenn sie nur <em class="gesperrt">deinen</em> Beifall findet, Mama, dann -bin ich gern mit einer jeden zufrieden!«</p> - -<p>Er neigte sich vor und blickte auf das Bild. Einen -Augenblick starrte er es an, — seine Hand zuckte, und -sein Antlitz überzog eine tiefe Blässe.</p> - -<p>Regungslos stand er und schaute in das süße, ernste, -sinnende Gesichtchen.</p> - -<p>Ein Zittern flog durch seinen Körper, wie feurige Nebel -wogte und wallte es plötzlich um ihn her, und sein -Herz lag regungslos, um plötzlich in desto wilderen Schlägen -atemraubend loszustürmen.</p> - -<p>Er stand abgewandt von der Gräfin, und diese sah -nicht die auffallende Veränderung, welche mit dem jungen -Manne vor sich ging.</p> - -<p>»Nun?« fragte sie endlich, »äußere dich doch! Ist das -Gesicht nicht entzückend? Wenn die Augen alles das -halten, was sie hier versprechen, so muß die Kleine ein -sehr liebenswertes Mädchen sein!«</p> - -<p>»Wie heißt sie?« stieß Guntram Krafft kurz und beinahe -rauh hervor.</p> - -<p>»Ach so! Ich vergaß, dir Fräulein Gabriele von -Sprendlingen im Bilde vorzustellen —«</p> - -<p>»Gabriele von Sprendlingen!« Das klang wie ein leises, -kaum verständliches Aufstöhnen.</p> - -<p>Die Gräfin beachtete es nicht, sie sah nur voll großer<span class="pagenum"><a id="Page_241">[S. 241]</a></span> -Genugtuung, daß der junge Weiberfeind das Bild noch -immer in der Hand hielt, daß sein Anblick ihn fraglos -ebenso fesselte, wie zuvor die Mutter.</p> - -<p>»Der Vater war General, starb vor einem Jahr ungefähr, -ganz plötzlich, und da er durch das Fallissement -einer bedeutenden Firma sein ganzes Vermögen verlor, -hinterließ er Frau und Tochter in den drückendsten Verhältnissen. -So entschloß sich Frau von Sprendlingen -nun, die Tochter fortzugeben —«</p> - -<p>»Bot sie dir dieselbe an?« — Guntram Krafft stieß -die Worte kurz hervor.</p> - -<p>»Auf meine Annonce in der Zeitung hin —«</p> - -<p>»Inseriertest du unter deinem vollen Namen?«</p> - -<p>»Aber Guntram: — Hier ist der Zeitungsausschnitt, -ich erbat die Antworten unter Chiffre G. H. 1000.« —</p> - -<p>»Und darauf antwortete sie?«</p> - -<p>»Wie fragst du so wunderlich! Gewiß!« —</p> - -<p>»Wo lebt Frau von Sprendlingen?«</p> - -<p>Die Gräfin blickte auf den Brief nieder und nannte -eine kleine Stadt des Herzogtums — der Bär von -Hohen-Esp aber blickte starr zu dem Fenster hinaus -und schwieg.</p> - -<p>»Du meinst doch auch, daß ich den Versuch mit Gabriele -wage?« fuhr die Gräfin ein wenig ungeduldig fort.</p> - -<p>Er strich langsam mit der Hand über die Stirn, sein -fahles Antlitz sah so gequält aus, wie bei einem Menschen, -welcher die Folter erduldet. »Darüber hast du -allein zu bestimmen —«</p> - -<p>»Ich bin völlig einig mit mir und habe der Baronin -bereits geschrieben!«</p> - -<p>Wieder zuckte der Graf zusammen: »Nun, so ist es -ja entschieden!« sagte er tonlos.</p> - -<p>»Willst du das Bild noch behalten?«</p> - -<p>Er machte eine jähe Bewegung. Sein Blick traf wieder -das süße Antlitz, welches ihn mit den wundersamen -Nixenaugen so groß und ruhig ansah. — Dann schob -er die Photographie jäh von sich — seiner Mutter zu.</p> - -<p>»Nein; — ich danke.« <span class="pagenum"><a id="Page_242">[S. 242]</a></span>—</p> - -<p>»Je nun, ich hoffe, du lernst bald das Original kennen.« —</p> - -<p>»Wann ... wann trifft die junge Dame hier ein?« —</p> - -<p>»Anfang nächsten Monats. Es gibt zuvor wohl noch -verschiedene Angelegenheiten zu erledigen.«</p> - -<p>»Sagtest du nicht, daß sie verlobt sei?«</p> - -<p>Die Gräfin hob erstaunt ihr Haupt: »Durchaus nicht! -Die Damen stehen ganz allein und ohne Schutz in der -Welt! Wie kommst du darauf?«</p> - -<p>Guntram Krafft neigte finster das Haupt. »Ich irrte -mich wohl. — Mir geht heute so viel im Kopfe herum. -Heute nachmittag haben wir eine kleine Probefahrt mit -dem neuen Boot gemacht, darüber wollte ich dir berichten.«</p> - -<p>Die Gräfin schob das Bildchen in den Brief zurück, -erhob sich hastig und legte den Arm in den des Sohnes.</p> - -<p>»Ja, — erzähle mir! Du hast soeben meinen Angelegenheiten -dein Interesse geschenkt, nun wollen wir -von dem plaudern, was dir am Herzen liegt!« — Sie -trat in das hellere Fensterlicht und sah betroffen in -das Antlitz des jungen Bären empor: »Hast du Ärger -und Verdruß gehabt, Guntram Krafft?« fragte sie besorgt, -»du siehst ganz verstört aus ... oder fühlst du -dich etwa krank?«</p> - -<p>Er zwang sich gewaltsam zu einem heitern Ton. »Seinen -gesunden Hofjungenärger hat man ja öfters, Mutter, -und daß die Eiche nicht auf den ersten Streich fällt, und -hie und da noch kleine Mängel zutage treten, ist selbstverständlich. -Im großen ganzen bin ich sehr zufrieden -mit den Schuppen und voll Glück und Dank gegen -Gott und dich! — Daß in Walsleben das neue Arbeitshaus -schon im Rohbau aufgeführt ist, weißt du?«</p> - -<p>»Selbstverständlich.«</p> - -<p>»Wer beaufsichtigt die Sache eigentlich?« —</p> - -<p>»Nun, der Inspektor, — du warst doch damit einverstanden!«</p> - -<p>Der Graf wandte sich zur Seite und schob den schweren<span class="pagenum"><a id="Page_243">[S. 243]</a></span> -Damastvorhang noch mehr von den Butzenscheiben des -Erkerfensters zurück.</p> - -<p>»Ich habe viel darüber nachgedacht, Mama! Es ist -eigentlich recht vertrauensselig und leichtsinnig von uns, -daß wir uns nicht selber um den Bau kümmern!«</p> - -<p>»Wir wissen, daß diese Angelegenheiten seit fünfzehn -Jahren in den besten Händen liegen, Inspektor Braun ist -doch wohl als durchaus zuverlässig erprobt.«</p> - -<p>»Es würde mich interessieren, das Haus einmal in -Augenschein zu nehmen, man kann doch so manches noch -ändern und bessern ...«</p> - -<p>»Selbstverständlich! Ich würde sehr glücklich sein, wenn -du einmal hinführst! — Möchtest du gleich morgen ...«</p> - -<p>»Morgen? nein!« Der Graf unterbrach die Sprecherin -mit einer gewissen Hast: »Momentan kann ich nicht gut -hier abkommen — ich muß die Zeit wahrnehmen, wo -die Änderungen an dem Boot vorgenommen werden — -die Takel hakt zu leicht aus ... und die Riemen müssen -oben auf den Duchten festzulegen sein ...«</p> - -<p>»Nun, wann denkst du zu fahren?« —</p> - -<p>Guntram Krafft wandte sich noch mehr zur Seite.</p> - -<p>»So bald wie möglich! Vielleicht Anfang nächsten -Monats —« sagte er leichthin, wandte sich plötzlich und -bot der Mutter den Arm: »Und nun begleite mich noch -einmal in den Garten, Mamachen! Es ist ein wundervoller -Abend, und ich möchte sehen, wie weit der Gärtner -mit den neuen Anpflanzungen gekommen ist!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gabriele von Sprendlingen war im Reisekleid und -legte noch die letzten Gegenstände in den kleinen Handkoffer, -um pünktlich bereit zu sein, wenn der alte Kutscher -vorfuhr, sie zur Bahnstation abzuholen. Sie sah so still -und ernst und ruhig aus, als ob all der Wechsel und -Wandel, welcher sich nun mit ihr begeben solle, nicht die -mindeste Erregung wert sei. —</p> - -<p>Sie sollte die Gesellschafterin einer alten einsamen -Frau werden, einer Frau, welche man in der Welt als -verbittert, hart und menschenfeindlich schilderte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_244">[S. 244]</a></span></p> - -<p>Es war selbstverständlich, daß ein junges Mädchen -in ihrer Umgebung mit dem Leben abgeschlossen haben -mußte, und weil Gabriele dies getan, weil es in ihrem -Herzen kalt und dunkel geworden war, seitdem die strahlende -Sonne ihres Ideals, ihres Schwärmens und ihrer -Begeisterung aus ihrer stolzen Höhe herabgesunken war, -zertrümmert und vernichtet für ewige Zeiten, weil seit -dieser Stunde das Dasein doch allen Wert und Reiz -für sie verloren, deuchte es ihr kein Opfer, sich jetzt schon -lebendig in Hohen-Esp zu begraben. —</p> - -<p>Als ihre Mutter mit aufgeregt heißen Wangen zuerst -die Nachricht brachte, daß es die Gräfin Hohen-Esp sei, -welche die Gesellschafterin suche, und daß sie Gabriele -vor allen andern Bewerberinnen den Vorzug gegeben -und sie engagiert habe, blickte das junge Mädchen so -gleichgültig auf den Brief Gundulas nieder, als gehe -sie derselbe kaum etwas an.</p> - -<p>Und als Frau von Sprendlingen in ihrer Erregung -eine Andeutung machte, daß nun das Glück vielleicht -doch noch einmal bei ihnen anklopfe, wenn Guntram -Krafft seiner ehemals so schnell entflammten Neigung -treu geblieben, — da wuchs die schlanke Mädchengestalt -hoch und stolz empor, und die klaren Augen blitzten so -abweisend wie ehemals, als sie die Bewerbungen des -Grafen voll ehrlicher Gleichgültigkeit zurückwies.</p> - -<p>»Wenn du dich solch trügerischen Hoffnungen hingibst, -Mama, ist es besser, ich nehme die Stelle überhaupt -nicht an! — Glaubst du, die Armut und Verlassenheit -hätten mich derart entnervt und erbärmlich gemacht, -daß ich einen ungeliebten Mann heirate? — So unmoralisch -werde ich niemals denken und niemals handeln!« —</p> - -<p>»Wer sagt, daß du ihn nicht liebgewinnen wirst?!«</p> - -<p>Ein herbes Lächeln spielte um Gabrieles Lippen. »Die -Liebe ist ein so sehr verschiedener Begriff, dem einen -ist sie nur Mittel zum Zweck — nur Zeitvertreib — ein -Rechenexempel — oder Geschmackssache. — Für mich -wird sie stets der Höhepunkt leidenschaftlicher Bewunderung<span class="pagenum"><a id="Page_245">[S. 245]</a></span> -und Verehrung sein ... Du hast oft über die -schwärmerische und schrullenhafte Ansicht gelacht, Mama, -— geändert habe ich sie trotzdem nicht. Ich will in -dem Mann, welchen ich liebe und welchem ich angehöre, -<em class="gesperrt">mehr</em> sehen, wie einen Durchschnittsmenschen — er -soll das Ideal verkörpern, welches mein Patriotismus, -mein stolzer, begeisterter Sinn sich geschaffen. — Das -kann der Graf von Hohen-Esp nicht, denn es ist nichts -in seinem Wesen und Handeln, was mein Herz höher -schlagen, was es in scheuem Staunen erzittern und in -jauchzender Bewunderung erglühen läßt! — Sein Name, -sein Geld, sein hübsches Gesicht existieren für mich nicht, -denn sie machen mir nicht den mindesten Eindruck. Darum -bitte ich dich von Herzen, Mama, nähre keine falschen -Hoffnungen, die Enttäuschung würde zu bitter sein.« —</p> - -<p>Seufzend neigte die Baronin das Haupt und schwieg; -jetzt aber, als sie von der Tochter Abschied nahm und -die schlanke, graziöse Mädchengestalt in die Arme schloß, -da blickte sie noch einmal mit flehendem Blick in ihre -Augen und sagte nur leise: »Wie würde ich so glücklich -sein, Gabriele!«</p> - -<p>»Das glaube ich nicht, Herzens-Mama! Eine Mutter, -die ihr Kind wahrhaft lieb hat, ist niemals glücklich, -wenn sie dasselbe unglücklich sieht!«</p> - -<p>— Das war leider Gottes eine Wahrheit, gegen welche -sich nicht streiten ließ, und so sah Frau von Sprendlingen -ihre Tochter in der Überzeugung scheiden, daß Gabriele -tatsächlich entschlossen war, eine glänzende Zukunft ihrer -Gefühlsseligkeit und Phantasterei zu opfern.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es war ein regnerischer Frühlingstag.</p> - -<p>Der Himmel verschwamm in grauen Dunstmassen, müdes -Dämmerlicht lag über den knospenden Wäldern, durch -welche Gabriele der Burg Hohen-Esp entgegenfuhr, und -nur hie und da strich ein seufzender Windhauch daher, die -schweren Regentropfen gegen die Wagenfenster zu werfen.</p> - -<p>Von der See sah man nichts, der Nebel hatte sie verschlungen, -und als Hohen-Esp mit seinen dunklen, uralten,<span class="pagenum"><a id="Page_246">[S. 246]</a></span> -epheuumsponnenen Gemäuern aus den Wipfeln -auftauchte, machte es einen noch melancholischeren und -öderen Eindruck als sonst.</p> - -<p>Der stumpfe Turm, der eckige Quaderbau mit den -kleinen, unregelmäßigen Fenstern, der schilfbewachsene -Wallgraben und die wunderliche Zugbrücke, welche immer -noch zu dem grauen, mit Türmchen flankierten Tor aufgezogen -werden konnte, machten den Eindruck eines verräucherten -Spuknestes, einer echten, rechten Bärenhöhle, -bei deren Anblick man sich eines leichten Grauens nicht -erwehren kann.</p> - -<p>Sehr günstig war der erste Eindruck, welchen Gabriele -von dem Stammsitz der Hohen-Esp erhielt, nicht, aber -das junge Mädchen war so weit entfernt von aller -kindischen Furcht und Voreingenommenheit, daß sie, interessiert -und von der Eigenartigkeit dieses Schlosses -gefesselt, um sich blickte, als der Wagen langsam in den -engen Burghof einfuhr. Da standen wie zwei gewaltige, -unheimliche Wächter, gleich rechts und links vor dem -Tor, die steinernen Bären, welche mit der einen Pranke -das Wappenschild, mit der anderen eine Fackel emporhielten, -in welcher abends eine rotleuchtende Laterne -brannte.</p> - -<p>Die alten Gesellen sind von grünlicher Moosschicht -überzogen, ebenso verwittert und alt, wie die anderen -Bären, welche auf den Sockeln der Freitreppe stehen.</p> - -<p>Eine gewölbte, ziemlich niedere Pforte mit schweren -Eisenbeschlägen führt in das Innere der Burg; über -ihr prangt, abermals zwischen zwei liegenden Bären, -das Wappen.</p> - -<p>Die steingemeißelten Verzierungen, welche sich in schmalen -Feldern unter den Fenstern hinziehen, zeigen ebenfalls -Bärenköpfe, und wohin Gabriele im ersten Augenblick -schaut, blickt sie auf grimmig geöffnete Rachen, -drohend erhobene Pranken oder in zornmutige Bärenaugen, -welche trotz Alter und Verstaubtheit wunderbar -lebendig auf sie herabstarren. Und im ersten Augenblick -erscheint ihr auch die hohe, markige Frauengestalt,<span class="pagenum"><a id="Page_247">[S. 247]</a></span> -welche ihr in der Pforte entgegentritt, mehr bärenhaft -wie menschlich.</p> - -<p>Das dunkle Trauergewand, welches an der imponierenden -Figur in vollen Falten herniederfällt, der breite, -schwarze Pelzkragen um die Schultern, welchen Gundula -des kalten Wetters wegen umgelegt, lassen die Gräfin -von Hohen-Esp noch gewaltiger erscheinen wie sonst.</p> - -<p>Sie tritt der Ankommenden entgegen und bietet ihr -mit herzlichem Willkommen die schlanke, weiße Hand -zum Gruß, und unter den silbernen Scheiteln und der -klaren, hohen Stirn leuchten Gabrielen ein paar so schöne, -edelblickende Augen entgegen, daß sie das Empfinden -hat, als ströme es unter diesem Blick ganz seltsam -warm zu ihrem Herzen.</p> - -<p>Sie küßt die Hand der Gräfin, sie dankt für das gütige -Wohlwollen, welches sie hierherkommen hieß, — und -Gundula schaut einen Augenblick tief und ernst in das -Antlitz des jungen Mädchens, nickt freundlich und drückt -die kleine Hand kräftig in der ihren.</p> - -<p>»Gebe Gott, daß wir einander liebgewinnen und -daß Sie gerne bei uns weilen!« sagt sie schlicht, wendet -sich an den alten Diener und gibt Befehl, das Gepäck -in das Zimmer des gnädigen Fräuleins zu schaffen.</p> - -<p>»Ich führe Sie, liebe Gabriele! Wenn es Ihnen recht -ist, schlafen Sie in meiner Nähe, denn anfänglich wird -es Ihnen ungewohnt und unheimlich genug bei uns -sein!« Sie schreitet nach der eng gewundenen, tief dunkelgebräunten -Holztreppe und legt die Hand auf einen der -Bärenköpfe, welche die Schnitzerei zeigt ... »Fürchten -Sie sich nicht vor diesen zottigen Burschen, welche Ihnen -hier auf Schritt und Tritt begegnen! Sie sind unsere -lieben Freunde, sie gehören zu uns und in dieses Haus -wie gute Schutzgeister, welche man nicht vertreiben darf. -Fürchten Sie sich vor Bären?«</p> - -<p>Gabriele lächelt.</p> - -<p>»Nicht im mindesten, Frau Gräfin! Ich bin überzeugt, -daß dieselben auch mich bald als Freundin dieses Hauses -erkennen und beschützen werden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_248">[S. 248]</a></span></p> - -<p>»Hier ist Ihr Zimmer, ein Turmstübchen, so klein und -niedrig, wie es unsere Altvordern gemütlich fanden. -Der Blick ist schön, — Sie sehen aus dem Fenster Wald -und See, und wenn Ihr Herzchen nicht allzusehr an -der bunten Welt und ihrem Leben und Treiben hängt, -wird Ihnen diese stille Poesie sicher gefallen.«</p> - -<p>»Ich wußte, daß Sie mich erwartet, Frau Gräfin, -und bin gern gekommen. Wenn man die Welt durch -Tränen ansieht, tun ihre grellen Farben dem Auge -weh.«</p> - -<p>Wieder blickt Gundula in das ernste, sinnende Antlitz -der Sprecherin, sie legt die Hand auf ihre Schulter.</p> - -<p>»Weh und Leid haben Ihr junges Herz krank gemacht, -— gebe Gott, daß es hier gesunde! — — Bescheiden -Sie die Leute, wo Ihre Koffer aufgestellt werden -sollen, — rechts zur Seite hier befindet sich ein geräumiger -Wandschrank. Packen Sie allein aus oder wünschen -Sie Hilfe? Hanne steht zu Ihrer Verfügung.«</p> - -<p>»Ich danke, Frau Gräfin; ich bin gewohnt, mich allein -zu bedienen.«</p> - -<p>Gundula nickt sehr befriedigt. »Das ist recht. Mir gefällt -es gut, wenn ein Mädchen selbständig ist. In erster -Zeit werden Sie allerdings noch manches erfragen müssen, -bis Sie auf Hohen-Esp Bescheid wissen, — am liebsten -ist es mir, Gabriele, Sie wenden sich an mich, ich habe -stets Zeit für Sie.«</p> - -<p>»Ich danke von Herzen, Frau Gräfin.«</p> - -<p>»Und jetzt lasse ich Sie allein, — Sie werden eine -kurze Zeit der Ruhe bedürfen. In zwei Stunden erwarte -ich Sie zum Essen. Wir sind vorläufig allein im Hause, -mein Sohn mußte für kurze Zeit nach Walsleben fahren. -Also auf Wiedersehn, liebe Gabriele, — Gott der Herr -segne Ihren Eingang in dies Haus.«</p> - -<p>Die Sprecherin zieht das junge Mädchen an sich und -berührt mit ernstem Kuß seine Stirn, dann geht sie.</p> - -<p>Wie im Traum schaut Gabriele der hohen Frauengestalt nach.</p> - -<p>Sie sieht aus wie ein schönes, ehrwürdiges Bild,<span class="pagenum"><a id="Page_249">[S. 249]</a></span> -welches aus dem Rahmen gestiegen, durch diese dämmrig -stillen Räume zu schreiten. Wie paßt sie in dieses Haus!</p> - -<p>Fürwahr eine Bärin von Hohen-Esp.</p> - -<p>So hatte sich Gabriele sie nicht vorgestellt.</p> - -<p>Sie glaubte eine finstere, strenge, kalte Matrone vorzufinden, -eine Herrin, welche mit weltfeindlichem Sinne -hier gebietet, — nicht aber diese friedliche, milde, schlichte -und einfache Frau, welche bei all ihrer vornehmen Würde -so viel herzgewinnende Güte hat.</p> - -<p>Schon auf den ersten Blick gefiel ihr »Frau Herzeleide«, -und Gabriele empfindet es wie eine glückselige -Vorahnung, daß sie diese Frau liebgewinnen wird wie -eine Mutter.</p> - -<p>Der Sohn ist verreist!</p> - -<p>Unwillkürlich atmet sie auf.</p> - -<p>So warm es ihr bei dem Anblick der Gräfin um das -Herz geworden, so unbehaglich wird es ihr zumute, -wenn sie an den Sohn denkt. —</p> - -<p>Sie kann sich diesen schüchternen, linkischen Menschen -so gar nicht in diesem Bärennest vergegenwärtigen!</p> - -<p>Hier in diesen Mauern weht ein Odem alter versunkener -Ritterherrlichkeit.</p> - -<p>Hier atmet alles trotzige, kernige, stolze Urwüchsigkeit.</p> - -<p>Hier kann man sich die Bären von Hohen-Esp nur vorstellen -als kriegerisch rauhe, kühne und wehrhafte Männer, -— nicht als verlegen errötende Jünglinge, welche über -ihre Lackschuhe stolpern.</p> - -<p>Gabriele blickt sich sinnend um.</p> - -<p>Welch ein Stück uralter, langvergangener Zeiten umgab -sie!</p> - -<p>Wie unverändert die Gesimse, Möbel und Geräte.</p> - -<p>Einfach und anspruchslos, aber traut und gemütlich.</p> - -<p>So wie Gräfin Gundulas Anblick anheimelt.</p> - -<p>Auf der dunklen Holzkonsole neben dem Bett liegt -eine Bibel.</p> - -<p>Darin las wohl schon die Urahne.</p> - -<p>Die Grafen von Hohen-Esp waren seit jeher fromme,<span class="pagenum"><a id="Page_250">[S. 250]</a></span> -gottesfürchtige Leute, darum ruhte der Segen des Herrn -auf ihrem Hause.</p> - -<p>Nur der Vater Guntram Kraffts, der hatte sein stilles -Ahnenschloß verlassen und war in die verführerische, -sündige Welt hinausgezogen. Da hatte er in dunkler, -trostloser Stunde seinen Gott vergessen.</p> - -<p>Schwere, seidendurchwirkte Gardinen hängen in steifen -Falten zu beiden Seiten des Bettes hernieder, ein geschnitzter -Sessel steht an dem spitzen Bogenfenster; unter -altmodischem Spiegel, dessen verblaßter Goldrahmen in -seinem Mittelstück eine Bärenjagd zeigt, steht der Waschtisch -mit der eingelassenen Zinnschüssel von seltsamer -Reliefarbeit. Gabriele tritt an das Fenster und blickt -hinaus.</p> - -<p>Der Regen rieselt an den kleinen, bleigefaßten Scheiben -herab und trommelt einförmig auf dem Sims.</p> - -<p>Man sieht nicht viel — nur den Eindruck hat man, -daß man tief hinabblickt auf flaches Land und endlos -gedehnte Waldungen. Fern im Hintergrund liegt wohl -die See, die eintönige und einförmige See, welche sich -so träge dehnt, sei es in blendender Sonnenhitze oder -grau in grau, wie ein Nebelbild an regnerischem Frühlingstage.</p> - -<p class="pmb3">Gleichgültig wendet sich Gabriele von ihrem Anblick -ab und kniet vor dem Koffer nieder, um das Auspacken -zu beginnen. Sie ist stets im Leben pünktlich gewesen -und will bis zur Essensstunde fertig sein, um alsdann -ihre Dienste der Gräfin widmen zu können.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_251">[S. 251]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XIX">XIX.</h2> -</div> - - -<p>Das schlechte Wetter hielt an und zwang die Damen, -im Zimmer zu verweilen.</p> - -<p>Gabriele war eifrig bemüht, sich mit den Räumlichkeiten -der Burg bekannt zu machen und der Gräfin -möglichst zur Hand zu gehen. Zu ihrer Überraschung -bemerkte sie, daß es so gut wie gar keine Arbeit für -sie gab, denn Gundula verrichtete nach wie vor alle -Obliegenheiten der Hausfrau und beaufsichtigte, schaltete -und waltete wie sonst in Haus und Hof.</p> - -<p>Gabriele begleitete sie zwar auf Schritt und Tritt -und bemühte sich, hier und da kleine Handreichungen -zu leisten, doch schien ihr diese Beschäftigung schließlich -so unbedeutend, daß sie die Gräfin um Arbeit bat.</p> - -<p>Diese lächelte.</p> - -<p>»Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele!« -sagte sie ruhig. »Fürerst sehen Sie sich alles an, wie ich -gewohnt bin, den Tag einzuteilen, und falls es einmal -nottut, vertreten Sie mich. — Am Nachmittag ist es -oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer -Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer -der Burg, welche wir für gewöhnlich nicht bewohnen.«</p> - -<p>Das geschah. —</p> - -<p>Den riesengroßen Schlüsselbund an der Gürteltasche, -schritt Gundula mit ihrem jungen Gast durch die wunderlichen -Gemächer, in welchen eine längst vergangene -Zeit gleich einem Dornröschen in tiefem Zauberschlafe -lag.</p> - -<p>Wie düster, wie still ringsum.</p> - -<p>Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, -hier und da huschte der graue Schatten einer Maus -unter altgeschnitztem Schrank oder silberbeschlagener Truhe -hervor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_252">[S. 252]</a></span></p> - -<p>Am meisten interessierten Gabriele die Ölgemälde in -dem Ahnensaal, einem viereckigen Gemach mit niedriger, -getäfelter Decke und Parkettplatten, welche schreitende -Bären als Muster aufwiesen.</p> - -<p>Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las -ernsten Blickes die Namen auf den kleinen Schildern, -während Gundula wie in tiefen, schwermütigen Gedanken -langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken zurückschaute -in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des -Geliebten diesen Saal betreten, ein überglückliches, leidenschaftlich -empfindendes Weib, welches sich bei dem Anblick -dieser alten Bilder zu all dem begeisterte, was sie -später für ihren Sohn geschaffen, erstrebt und erreicht.</p> - -<p>Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen -Gemälden dieselbe Anmerkung.</p> - -<p>Hier eine stolze, markige Männergestalt in schlichtem -Wams und hohen Wasserstiefeln.</p> - -<p>»Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini -1522, ertrunken den 14. März 1570.«</p> - -<p>Und hier eine schlanke, blühende Jünglingsgestalt, -blondlockig, mit lachend hellem Blick — eine entschiedene -Ähnlichkeit mit Guntram Krafft.</p> - -<p>»Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um -1503.«</p> - -<p>Und dort —! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast -alle Bären von Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste -Stirn, die kühn blickenden Augen und die energische -Hand, welche hier ein breites Schwert über ein Segelschiff -neigt.</p> - -<p>»Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und -See, geb. 1361, ertrunken im Kampf gegen seeräuberisch -Gesindel um 1433.«</p> - -<p>Und hier noch eins — zwei andere Bilder, mit lateinischen -Inschriften, dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung -des Spruches: »Und das Meer wird seine Toten -wiedergeben.«</p> - -<p>Gabriele wandte sich zu der Gräfin.</p> - -<p>»Wie kommt es, daß so viele Grafen ertrunken sind?«<span class="pagenum"><a id="Page_253">[S. 253]</a></span> -fragte sie leise, »mir deucht es seltsam, daß ein derart -seltener Unglücksfall sich so merkwürdig oft in einer -Familie wiederholt!«</p> - -<p>Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und -nickte ihm wehmütig zu: »Das wundert Sie bei Männern, -Gabriele, welche Schirmvögte einer Küste waren, die -sowohl wegen ihrer gefährlichen Strömungen als auch -wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen Wäldern -hier hausten, allgemein gefürchtet und verrufen -war? Die Bären von Hohen-Esp haben aufgeräumt mit -dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser -und zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem -schiffbrüchigen Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe -gekommen! Und wie gar mancher brave Soldat seine -Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp -ihr Leben im Dienst für Fürst und Vaterland, -für Recht und Pflicht gelassen! — Sehen Sie dort ... -und dort ... und da drüben ... und an jener Seite -dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere gestorben, -Väter und Söhne, von den ältesten Tagen — -bis in die heutige Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht, -dessen schönster Ehrenschmuck jenes schwarze Kreuz über -dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der Spruch des -Herrn war: ›Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!‹« —</p> - -<p>Gundula schwieg, es war still und dämmerig, und -Wulffhardts lachende Augen hafteten in beinahe unheimlicher -Lebendigkeit auf Gabrieles Antlitz.</p> - -<p>Dem jungen Mädchen war es plötzlich so feierlich, -als stünde es in der Kirche.</p> - -<p>Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen -färbten sich höher, und ihr Herz, welches seit jeher so begeistert -für Mannesmut und Heldentum geschlagen, hämmerte -in ihrer Brust.</p> - -<p>Und während Gundula an das Fenster trat, um es -für kurze Zeit zu öffnen, stand sie und blickte wie im -Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz empor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_254">[S. 254]</a></span></p> - -<p>Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein! -da war dennoch keine Ähnlichkeit!</p> - -<p>Hier der kühne, mutige Blick mit den blitzenden Augen -und der stolzen Haltung — er hatte nichts gemein mit -dem schüchternen, errötenden Nachkommen, welcher nichts -ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich hinter dem -Ofen sitzt und erntet, was die Mutter gesät!</p> - -<p>Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn, -wendet sich hastig und folgt der Gräfin, welche ihr zu -der Waffenhalle vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen -Tür zwei wirkliche, echte Bären, ausgestopft, staubig -und mottenzerfressen, aber dennoch durch ihren Anblick -Grausen erregend, die Wache halten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Gräfin lieber, -und auch Gundulas Herz schlug immer wärmer und -zärtlicher für das anmutige Mädchen, an welches sich -ihre liebsten und geheimsten Zukunftspläne knüpften.</p> - -<p>Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause -führte die Menschen schneller zusammen und gestaltete -auch das Verhältnis zwischen Gundula und ihrem jungen -Gast von Stunde zu Stunde inniger.</p> - -<p>Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswürdige Wesen -des Fräulein von Sprendlingen war der alternden Frau -sehr sympathisch, die große Aufrichtigkeit, ihr ehrliches -Bestreben, sich nützlich zu machen und fleißig zu sein, -sowie ihre anmutige Schönheit gewannen ihr vollends -ihr Herz.</p> - -<p>Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an -welchem Guntram Krafft heimkehren wollte, und nun verschob -er diesen Zeitpunkt bereits zum drittenmal und -deutete an, daß er fürerst überhaupt noch nicht an die -Heimreise denke.</p> - -<p>Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem -Frühlingswetter das Feld geräumt, und Gabriele schritt -zum erstenmal an der Seite der Gräfin in den Park hinab.</p> - -<p>Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gruß -entgegen, starrte einen Augenblick wie gebannt in das<span class="pagenum"><a id="Page_255">[S. 255]</a></span> -reizende Mädchengesicht, dessen Anblick ihm so überraschend -wurde und in dieser kalten Welt doppelt wohltat, -und meldete der Gräfin mit etwas unsicherer Stimme, -daß das neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft -habe, nach Walsleben nachgeschickt werden solle.</p> - -<p>»Das ist ein Unsinn, lieber Möller! Ich hoffe, daß -mein Sohn dieser Tage zurückkommt, und will auf alle -Fälle erst noch einmal schreiben, ehe dem Tier der unbequeme -Transport zugemutet wird!«</p> - -<p>»Befehl, Frau Gräfin!«</p> - -<p>Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll -harmlosen Staunens zu der Burgherrin auf.</p> - -<p>»Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, daß er -sich sogar das Pferd nachkommen lassen will! Er sagte -mir doch in der Residenz, daß der einzige Sport, welchen -er eventuell gern ausübe, das Rudern sei?«</p> - -<p>Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin -an, als höre und verstehe sie nicht recht.</p> - -<p>»Mein Sohn <em class="gesperrt">sagte</em> Ihnen ...« wiederholte sie langsam, -»ja, um alles in der Welt, <em class="gesperrt">kennen</em> Sie ihn denn, -Gabriele?«</p> - -<p>Gabrieles große Augen blickten ebenso erstaunt wie -die der Gräfin.</p> - -<p>»Ja, gewiß! Ich lernte den Grafen in der Residenz -auf einem Hofball kennen und nahm an, daß ich es -seiner gütigen Fürsprache verdankte, hier im Hause aufgenommen -zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen -nicht erfahren?« —</p> - -<p>Gundula schüttelte langsam den Kopf. »Kein Wort -hat er mir davon gesagt ... und er sah doch sogar Ihr -Bild, Gabriele!«</p> - -<p>Das junge Mädchen schritt ruhig an der Seite der -Sprecherin weiter. »O, so hat er mich wohl gar nicht -wiedererkannt! Er hat so unendlich viele fremde Gesichter -zu sehen bekommen und so viele Namen gehört, -daß es nur ganz natürlich ist, wenn er die einzelnen nicht -im Gedächtnis behielt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_256">[S. 256]</a></span></p> - -<p>Gundulas Augen bekamen plötzlich einen auffallenden -Glanz.</p> - -<p>»Aber er tanzte mit Ihnen?«</p> - -<p>»Doch nicht, Frau Gräfin. Der Graf kam sehr spät -zu mir, da waren meine Tänze vergeben!«</p> - -<p>»So bat er wenigstens um einen?«</p> - -<p>»Er war so höflich!«</p> - -<p>Ruhig und gleichmütig wie stets klang ihre Stimme.</p> - -<p>»Und holte sich keine Extratour?«</p> - -<p>»Auch dabei waltete ein Mißgeschick. Gerade als -wir tanzen wollten, schwieg die Musik.«</p> - -<p>»Ach, das hat er gewiß sehr bedauert. Plauderten Sie -nicht zur Entschädigung zusammen?«</p> - -<p>»Bei Tisch, gnädigste Gräfin. Ihr Herr Sohn saß -neben mir. Sehr viel sprachen wir aber nicht, und was -wir sprachen, weiß ich nur noch dem Sinne nach. Wir -waren verschiedener Ansicht, — der Graf liebte das -Meer, ich nicht. Sehr liebenswürdig erschien ich ihm -sicherlich nicht, wenn er überhaupt meinen Worten Wert -beilegte, was ich bezweifle.«</p> - -<p>»Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?«</p> - -<p>»Nein, nur die verheirateten Herrschaften!«</p> - -<p>»So wählte Guntram Krafft selber den Platz an -Ihrer Seite?«</p> - -<p>Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um -die Unterhaltung fortzuführen.</p> - -<p>»Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, -und da ich ihm zufällig schon bekannt war, so dachte -er wohl ...«</p> - -<p>»Sie waren ihm schon bekannt?«</p> - -<p>»Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem -Schlitten auf der Straße der Residenz erlitt. Der Graf -kam mir zu Hilfe, richtete den Schlitten auf und sammelte -mich aus dem Schnee empor!« — Gabriele lächelte.</p> - -<p>»Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er -sich in der Eile nicht vor und erfuhr auch meinen Namen -nicht!«</p> - -<p>»Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_257">[S. 257]</a></span></p> - -<p>»Einmal saß mir der Graf noch im Theater gegenüber, -doch lernten wir uns dort nicht kennen.«</p> - -<p>Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, -und Gabriele erzählte von dem Leben und Treiben -in der Residenz. Sie kannte so viele Menschen, für welche -sich die Gräfin noch lebhaft interessierte, und so legten -die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung -zurück.</p> - -<p>In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen -Augen schlaflos in den Kissen. Ihre Wangen -brannten in heißem Rot, und ihre Lippen lächelten.</p> - -<p>Eine außerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen -Frau bemächtigt, seit sie durch Gabriele erfahren, -daß Guntram Krafft sie bereits kannte.</p> - -<p>Da war es, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren -Augen zerrissen sei.</p> - -<p>Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, -welche mit dem jungen Mann vor sich ging, als er -Gabrieles Bild sah, — sie rief sich sein Benehmen in -das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür gefunden.</p> - -<p>Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend -reizende Mädchen verloren, das bewies ihr sein Verhalten -auf dem Balle und seine Erregung bei dem -Anblick ihres Bildes.</p> - -<p>Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich -liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der -weltfremde, unerfahrene Mann für eine direkte Abweisung -gehalten und ergriff in planloser Verwirrung -die Flucht.</p> - -<p>Und so wie er damals die Residenz um des jungen -Mädchens willen verließ, so kehrte er auch jetzt in der -ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um ein Wiedersehen -zu vermeiden.</p> - -<p>Die Gräfin lächelte.</p> - -<p>Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf -die Dauer durchführen ließe!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_258">[S. 258]</a></span></p> - -<p>Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen -— er flieht aus Verlegenheit. Seine Schwermut, -sein so ganz verändertes Wesen seit der Heimkehr, -bestätigten diese Ansicht.</p> - -<p>Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, -daß die Mutter selber die Geliebte des Sohnes unter -sein Dach führt!</p> - -<p>Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre -tatsächlich von Gabrieles Seite eine schroffe und definitive -Abweisung erfolgt, so wäre das junge Mädchen nach -Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp gekommen. -Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram -Krafft gesprochen.</p> - -<p>Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe -und Gelassenheit sind echt.</p> - -<p>Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre -liebsten und sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen -knüpfen, hat sie dasselbe mit dem argwöhnischen Scharfblick -einer sorgenden Mutter beobachtet. Das Resultat -dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die -große Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht -etwas schroff erscheinen ließ, schätzte die Gräfin -als eine Garantie dafür, daß sie nie aus Heuchelei oder -Berechnung nach dem Ehering streben wird.</p> - -<p>Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um -dies richtig zu beurteilen, und wenn Gabriele selber -sagt, daß sie ihm wohl nicht liebenswürdig erschien, -weil sie absprechend über Meer und Strand geurteilt, -so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt -vor dieser Offenheit.</p> - -<p>Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um -Gabrieles willen fern zu bleiben, und mit Vernunftsgründen -richtet man bei verliebten Leuten nichts aus; -also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den -Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.</p> - -<p>Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann -unauffällig beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, -seines Herzens heimlichste Gedanken zu erforschen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_259">[S. 259]</a></span></p> - -<p>Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre -Gabriele nicht für ihren Liebling bestimmt, so würde -Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer Weise hierher -in die Einsamkeit geführt haben.</p> - -<p>Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin -ein, und als sie früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich -ein paar Zeilen an Guntram Krafft.</p> - -<p>Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß -sie die Nacht meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte -Frau, welcher jeden Augenblick etwas zustoßen könne. -Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes sei ihr ungewöhnt -und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke nachteilig -auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele -in der kurzen Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe -doch eine Fremde, welche den Sohn nicht ersetzen könne. -Außerdem sei der alte Klaaden einige Male dagewesen, -um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich -sei seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend -notwendig. — Und zum Schluß bat sie den Sohn, -unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er sie -nicht noch kränker machen wolle!</p> - -<p>Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas -sonst so herbe und ernst geschlossene Lippen, als sie das -Schreiben adressierte und durch einen reitenden Boten -sogleich besorgen ließ.</p> - -<p>Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch -an demselben Tage eintreffen werde. —</p> - -<p>Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, -und darum klagte sie auch Gabriele, daß sie eine schlechte -Nacht gehabt und sich leidend fühle.</p> - -<p>Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt -und bemühte sich, auf jede Weise die Kranke zu -hegen und zu pflegen. Da sah Gundula, welch ein -weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten Gemessenheit -ihres Wesens versteckte, und sie freute sich -dessen von Herzen.</p> - -<p>Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel -Verständnis und Umsicht Fräulein von Sprendlingen<span class="pagenum"><a id="Page_260">[S. 260]</a></span> -das ihr so ungewohnte Amt einer Hausfrau übernahm -und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte.</p> - -<p>Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, -bleichen Antlitz der »Frau Herzeleide«, und zum -erstenmal seit langen, schweren Jahren brannte ihr Herz -in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück, welches -sicher kommen mußte, — sicher und bald, das fühlte sie.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah -sie eine dunkel gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, -welche in einem Topf Essen empfing und mit bescheidenem -Dank und Gruß davonschritt.</p> - -<p>»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele -die Mamsell.</p> - -<p>»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des -Fischers Riek, welcher bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen -von dem Wrack der ›Sophie Johanne‹ ertrunken -ist.«</p> - -<p>Ertrunken!</p> - -<p>Gabriele sah plötzlich die Bilder aus dem Ahnensaal -vor sich, unter denen neben schwarzem Kreuz dieses -Wort geschrieben stand.</p> - -<p>»Es ertrinken wohl viele Männer hier?« fragte sie -nachdenklich.</p> - -<p>Die Alte nickte laut seufzend. »Daß Gott erbarm! -Ach, gnädiges Fräulein, es ist ein gar saures Stückchen -Brot, welches die Fischer und Seeleute essen, und trägt -wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.«</p> - -<p>»Ich habe gar nicht gedacht, daß es so sehr gefährlich -ist, auf dem Wasser zu fahren!«</p> - -<p>»Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht -recht vorstellen! Wenn man die See aber einmal recht -bös und grob gesehen und den Sturm aus Nordost pfeifen -hörte, dann begreift man's.« —</p> - -<p>»Kommt das oft vor?«</p> - -<p>»Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, daß es gerade jetzt, -wo der Graf abwesend war, nicht arg geweht hat!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_261">[S. 261]</a></span></p> - -<p>»Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da -ist doch keine Gefahr für ihn!«</p> - -<p>Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, -aber die Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte -eifrig die Kartoffeln für den Schweinetrog.</p> - -<p>»Für ihn nicht, bewahre! Aber für die Seefahrer! -Und wenn was passiert wäre — meinte noch gestern der -alte Klaaden — so hätten sie mit den neuen Apparaten -doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen können!«</p> - -<p>»Ah — der Graf unterweist sie darin?«</p> - -<p>»Wer anders denn er! — Ja, wenn der junge Herr -nicht wäre, gnädiges Fräulein!«</p> - -<p>Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und -kein so gewaltiges Verdienst darin, die Fischer ein wenig -anzuleiten, aber sie nickte zustimmend und schritt weiter -nach dem kleinen Küchengarten, welcher im hellen Sonnenschein -seine jungen Kräutlein und frischerschlossenen -Kirschblüten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen -See glänzen, so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf -vier Wochen lang gelegen, und sie schüttelte gedankenvoll -den Kopf und begriff es nicht, daß dies -glatte Wasser so gefährlich und unheimlich sein sollte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Da es in dem großen, hallenartigen Speisezimmer -noch kalt war, brannte ein loderndes Kaminfeuer, und -Gräfin Gundula hatte ihren Sessel nahe hinzurücken -lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad.</p> - -<p>»Ich kann es nicht ertragen, die Hände so müßig zu -falten!« antwortete sie auf Gabrieles besorgte Bitte, -heute ruhig zu bleiben, und als das Rad fröhlich schnurrte -und der Faden lief, ließ das junge Mädchen die feine -Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu.</p> - -<p>»Wie schön! Wie poetisch das ist! O, das möchte ich -auch lernen, Frau Gräfin!«</p> - -<p>»Gewiß, liebe Gabriele, meine Mägde spinnen alle -und können Ihnen sogleich ein Rad leihen! Ich bin so -sehr für das eigengesponnene Leinen! Es ist derb und -hält bedeutend länger als gekauftes Gewebe, namentlich<span class="pagenum"><a id="Page_262">[S. 262]</a></span> -in der Küche und für das Gesinde ist es durchaus -praktisch!«</p> - -<p>»So darf ich mir ein Rad holen?«</p> - -<p>»Selbstverständlich; ich unterweise Sie gern!«</p> - -<p>Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit -ein Spinnrad herzu.</p> - -<p>»Dieses ›Radeln‹ ist mir lieber, wie das moderne,« -scherzte die Gräfin; »wir sind hier gut hundert Jahre -zurück gegen die neumodische Welt!«</p> - -<p>»Das ist schön, darum wohnt hier noch die Poesie -in all ihrer unverfälschten Schönheit!«</p> - -<p>»Sie lieben dieselbe?«</p> - -<p>»Über alles. Mama neckte mich oft, daß es für mich -besser gewesen wäre, zu eines König Artus' Zeiten zu -leben. Ich begeistere mich so sehr für alles Ritterliche, -Edle, Kühne und Herrliche — und gerade daran ist -unsere prosaische Zeit so arm.«</p> - -<p>»Nicht arm, Gabriele, — es tritt nur nicht so auffällig -hervor wie ehemals.«</p> - -<p>»Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?«</p> - -<p>»Gewiß! Sie ziehen nur nicht mehr in glänzender -Rüstung durch das Land und suchen Frau Aventure -im Busch.«</p> - -<p>»Unsere Männer und Jünglinge ziehen in den Krieg -und werden totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins -Gesicht schauen konnten; das ist kein heldenhafter Kampf, -sondern nur Disziplin und müde Resignation, welche -auf Kommando stirbt!«</p> - -<p>»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, -dieses treue Ausharren auf dem Posten, inmitten -des feindlichen Kugelregens, ist die höchste und heiligste -Tugend des Soldaten!«</p> - -<p>»Das wohl, — aber mir deucht, dieses kühne Aug' -in Auge mit dem Feind, dieses todesmutige Hineingehen -in eine Gefahr ist poetischer, und das findet sich im -kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche -eine schneidige Attacke reitet!« <span class="pagenum"><a id="Page_263">[S. 263]</a></span>—</p> - -<p>»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler -Schanze — die Spichererhöhe im Sturme genommen?« —</p> - -<p>»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als -schöne und glänzende Soldatentat an, aber man hat -als Mädchen keine rechte Vorstellung von der Tat des -einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des Heldentums -aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke -oder Beowulf in der großen Menge mitgekämpft, man -hätte nicht die kühne, heldenhafte Vorstellung von ihren -Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe bis -auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich -tue unseren modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht -mit solcher Ansicht, aber einem Mädchen verzeiht man -es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas eigenwillig -bildet. Ich möchte einen Helden <em class="gesperrt">sehen</em>, seine tollkühne -Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch -bei einem waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle -Gefahren eines Rennens vor unsern Blicken herausfordert -und überwindet!«</p> - -<p>Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über -dieses Thema vielleicht auch mit meinem Sohn?«</p> - -<p>»Ich glaube ja. — Möglicherweise verargte er es mir.«</p> - -<p>Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und -hob lauschend das Haupt.</p> - -<p>Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen -und eilige Schritte.</p> - -<p>Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, -wie von Unruhe und Spannung erlöst, auf und sagte -leise:</p> - -<p>»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!«</p> - -<p>Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, -um hinauszublicken.</p> - -<p class="pmb3">»Ja, es ist der Graf!« — rief sie der Burgfrau zu, -und ihre Stimme klang nicht um einen Hauch erregter -wie sonst.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_264">[S. 264]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XX">XX.</h2> -</div> - - -<p>Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter -und Sohn nicht stören, und da bereits der schwere, spornklirrende -Schritt Guntram Kraffts auf den Steinstufen -der Vortreppe ertönte und sie die Tür der Halle nicht -mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen -zu werden, blieb sie an dem Fenster stehen und -blickte mit nicht gerade sympathischen Empfindungen dem -jungen Mann entgegen.</p> - -<p>Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier -gelebt!</p> - -<p>Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten -und das gemütliche Zusammensein beeinträchtigen.</p> - -<p>Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fügen, -welchen der Verkehr mit einem jungen Herrn mit sich -bringt, wenn ihr der Bär von Hohen-Esp nur nicht mit -dem anbetenden Entzücken begegnet, wie in der Residenz!</p> - -<p>Das würde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt -hier unmöglich machen, und doch tät es ihr leid, von -der Gräfin und der Burg hier zu scheiden.</p> - -<p>Die Gräfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das -alte Bärennest ist just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes -Gemüt einen hohen Reiz ausübt!</p> - -<p>Guntram Krafft als Freund — wie schön wäre das! -— Als Bewerber um ihre Gunst und Liebe — wie -unerträglich! —</p> - -<p>Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander -und blickt der hohen Männergestalt entgegen, welche -voll ungestümer Hast über die Schwelle tritt und mit -ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt.</p> - -<p>Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden -Haare fallen etwas wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet<span class="pagenum"><a id="Page_265">[S. 265]</a></span> -in die Stirn, und auf dem heißgeröteten Antlitz -liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher bei -dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe -leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht.</p> - -<p>»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und -Dank, nicht zu Bett?«</p> - -<p>Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über -den Sessel und schlingt die Arme um die Gräfin, zart -und behutsam, wie man etwas sehr Zerbrechliches anfaßt.</p> - -<p>Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine -Lippen, streicht über sein Haar und sagt innig: »Du -guter Mensch! Bist du den ganzen Weg dahergejagt? -Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!«</p> - -<p>Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre -Hand zwischen die seinen und blickt noch immer besorgt -zu ihr auf.</p> - -<p>»Was fehlt dir, Mutter? — Hast du schon zu dem -Arzt geschickt? War es etwa wieder Atemnot, wie sie -damals nach der Influenza kam?«</p> - -<p>Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, -und mag nicht mehr allein sein! So treu und lieb -Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen die Sehnsucht -hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die Sprecherin -wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... -wo stecken Sie? — Sind Sie noch im Zimmer?«</p> - -<p>Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne -Bild vor dem lodernden Kaminfeuer geschaut. — Ja, -ein schönes Bild, und eine gerechtfertigte Angst und -Sorge — und doch schien sie Gabriele nicht männlich -und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie -in Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange -Muttersöhnchen, welches nach wie vor an der Schürze -der Mutter hängt?</p> - -<p>Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, -aber welch anderer Charakter und Mut trotzt auf dem -lachenden Gesicht jenes Vorfahren!</p> - -<p>Jetzt, als die Gräfin ihren Namen ruft, schrickt er -empor, erhebt sich und weicht jäh zurück. Nun wird er<span class="pagenum"><a id="Page_266">[S. 266]</a></span> -sie wieder anstarren, verlegen lächeln und erröten, wie -damals in der Residenz.</p> - -<p>Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht -dem Grafen sehr gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, -aber doch sehr förmlich und kühl: »Ich freue mich, -Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie gönnen -mir ein Plätzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!«</p> - -<p>Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig überrascht, -daß Guntram Krafft nicht mit entzücktem Lächeln -quittiert. Der aber berührt kaum ihre Hand in flüchtigem -Gruß, verneigt sich sehr tief, ohne sie anzusehen -und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch -nie vernommen: »Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, -daß Sie den Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit -zu kommen und meiner teuren Mutter Gesellschaft zu -leisten. Möchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu eintönig -erscheinen!«</p> - -<p>Und dann küßt er die Hand der Gräfin und bittet: -»Gestatte, Mama, daß ich mich umkleide, der Ritt war -eilig und der Weg grundlos! In kürzester Zeit stehe -ich wieder zu deiner Verfügung!«</p> - -<p>»Selbstverständlich, Guntram! Wir warten mit dem -Abendbrot auf dich!«</p> - -<p>Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend -vor den Damen und schreitet durch die Halle zurück.</p> - -<p>Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine -Veränderung ist in der äußeren Erscheinung des Grafen -vor sich gegangen! Wie stattlich und markig sah er in -diesem etwas verwilderten Reitkostüm aus, so ganz anders, -wie in dem hocheleganten, gräßlichen Frack und den -Lackschuhen, welche so geborgt und ungehörig an ihm -aussahen. Gewiß wird er sich jetzt wieder als Dandy -zurechtmachen und als sehr schicker, moderner Jüngling -wiederkehren. —</p> - -<p>Schade darum! —</p> - -<p>Währenddessen stürmte Guntram Krafft die gewundene -Holzstiege empor, nach seinen Zimmern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_267">[S. 267]</a></span></p> - -<p>Er stieß ungestüm ein Fenster auf und atmete wie -ein Erstickender die kühle Abendluft.</p> - -<p>Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, -gefürchtete Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele -war überwunden, aber ihm deuchte es, als müßte dasselbe -sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben. Er -hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ihre Hand -halten, mit höflichen Worten zu ihr sprechen könne.</p> - -<p>Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwäche, oder -der wilden, leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen -dieselbe revoltierte.</p> - -<p>Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu können, -und hatte doch ruhig und ernst vor ihr gestanden und zu -ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu zucken.</p> - -<p>Wie war das möglich gewesen?</p> - -<p>Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so -freundlich gelassen entgegenkam.</p> - -<p>Da zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn: »Du Narr! -Warum erregst du dich? Warum fürchtest du es, ihr in -die Augen zu sehen? Hast du es nicht auch in der Residenz -getan? Und was ist seit jener Zeit anders geworden?«</p> - -<p>Nichts!</p> - -<p>Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche -Thea an ihr begangen!</p> - -<p>Sie läßt es sich nicht träumen, daß der kleine Zettel, -auf welchem sie sich so grausam für ewige Zeit von -dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper lossagt, wie -fressend Gift auf seiner Brust liegt!</p> - -<p>Sie weiß es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen -erduldet, wie es tropfenweise verblutet ist an -dem ersten, großen, namenlos bitteren Leid, welches es -erfahren.</p> - -<p>Nein, davon ahnt und weiß sie nichts!</p> - -<p>Guntram Krafft reckt sich plötzlich empor und drückt -die Hände gegen die Brust, als sei ein eiserner Panzer, -welcher sie eingepreßt, jählings zersprungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_268">[S. 268]</a></span></p> - -<p>Er atmet hoch auf, — er wirft das Haupt in den Nacken -und schließt momentan die Augen.</p> - -<p>Daß er sich darüber nicht schon früher klar geworden ist!</p> - -<p>Gabriele kam völlig ahnungslos und harmlos hierher, -er braucht weder ihr Mitleid noch ihren Spott zu fürchten.</p> - -<p>Weiß sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie -geliebt?</p> - -<p>Nein! —</p> - -<p>Weiß sie, daß er um ihretwillen die Residenz verließ, -wie in wilder Flucht?</p> - -<p>Nein! —</p> - -<p>Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines -Menschen Seele wird es je erfahren. Was fürchtet er?</p> - -<p>Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, -fliehen?</p> - -<p>Das Vergangene ist überwunden.</p> - -<p>Daß Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, -weiß er, und daß er viel zu stolz ist, um die Liebe als -Almosen zu erbetteln, das weiß er auch.</p> - -<p>»Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies -Herz —«</p> - -<p>Heißt es nicht so im Gedicht?</p> - -<p>Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm -hergehen, warum soll er künftighin noch mehr in ihr -sehen, denn solch eine stille, freundliche, gleichmütige -Schwester?</p> - -<p>Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert -und gewonnen hat, — um der armen, einsamen -Mutter willen, muß er sich in das Unvermeidliche fügen.</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem -Fenster und blickt über die blühenden Obstbaumzweige -hinweg, über die dunklen, schweigenden Wälder hinaus. -Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glänzt ein Streifen -der See im silbernen Mondlicht! —</p> - -<p>Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen -Tagen von Walsleben nach ihrem Anblick gesehnt!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_269">[S. 269]</a></span></p> - -<p>Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme -nach dem funkelnden Silberstreif aus.</p> - -<p>»Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergründliche -See! Dir habe ich Treue gelobt, und dir halte -ich sie! Auf deinem geheimnisvollen Grunde wohnen -Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen, wundersamen -Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit -liebeskranken Menschenherzen und nehmen sie in die -weißen Arme und betten sie drunten zu ewiger Ruhe, -wenn ihnen das Leben zu schwer und unerträglich wird! -— Dich will ich lieben, du blaue See — und du wirst -den ruhm- und tatenlosen Mann von dir weisen!«</p> - -<p>— Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem -Blick das Haupt, entzündete eine Kerze und warf bei -ihrem Flackerlicht die bespritzten Kleider von sich.</p> - -<p>Sein Blick streifte die eleganten Anzüge, welche er -aus der Welt draußen mit heimbrachte. Soll er sie jetzt -wieder zu Ehren kommen lassen?</p> - -<p>Ein beinahe rauhes Lachen.</p> - -<p>Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn -mehr daran erinnern.</p> - -<p>Kam das Fräulein von Sprendlingen in die Bärenhöhle, -je nun, so mag sie sich auch mit dem bärenhaften -Anblick ihres Bewohners abfinden!</p> - -<p>Und er nimmt die schlichte Düffeljoppe und wirft -sie über.</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet -sein zottiger Pelz den Tand nicht mehr, welchen man -ihm in der Fremde um die Schultern gehängt! —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm -möglich ist, so ruhig und gleichmütig mit Gabriele zu -verkehren.</p> - -<p>Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur während -der Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie -anzusehen, und antwortet ernst und zurückhaltend auf -all das, was sie ihn freundlich und unbefangen fragt.</p> - -<p>Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll<span class="pagenum"><a id="Page_270">[S. 270]</a></span> -staunender Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche -in der derben und praktischen Kleidung so ganz anders -aussieht, so viel sicherer und selbstbewußter einherschreitet, -wie dermalen auf dem Parkett.</p> - -<p>Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge -Mädchen aufatmet, als sie seine Ruhe und Gelassenheit, -die große Gleichgültigkeit im Verkehr mit ihr wahrnimmt.</p> - -<p>Diese Veränderung deucht ihr eine Wohltat und -macht sie fröhlicher und zutraulicher gegen ihn.</p> - -<p>Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespräch zu -ziehen, sie spricht selber lebhafter und heiterer wie zuvor, -und wenn sein Blick sie hier und da flüchtig streift, -so sieht er ihr sonniges Lächeln und die strahlenden -Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf -ihm ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, -aber doch lange nicht mehr so kalt und abweisend -blicken wie damals.</p> - -<p>Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert -es ihm doppelt, seine unnatürliche Ruhe an ihrer Seite -zu wahren.</p> - -<p>Er hält sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf -und weilt nur so kurze Zeit wie möglich bei den Damen.</p> - -<p>Gottlob hat sich die Gräfin schnell erholt, und es deucht -Guntram Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes -Antlitz habe das Lächeln gelernt, und in -ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm, wie nie zuvor.</p> - -<p>Gabriele kehrt aus dem Garten zurück und schreitet -über den Hof.</p> - -<p>Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen -und eifrig an ganz seltsamen und lederartigen Kleidern -hantieren.</p> - -<p>Der Alte lächelte sie beinahe zärtlich an, denn die anmutige -Schönheit der jungen Dame hat auch sein Herz -im Sturm genommen, so wie alle in der Burg voll Entzücken -den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen -ausgeht.</p> - -<p>Fräulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener -freundlich zu und tritt mit forschendem Blick näher.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_271">[S. 271]</a></span></p> - -<p>»Ei, was haben Sie denn da für einen wunderlichen -Anzug vor, Anton?« lacht sie. »Bei diesem schönen -Wetter wollen Sie doch nicht Ihren Regenrock hervorholen?«</p> - -<p>Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein -wenig plaudern zu können.</p> - -<p>»Mein Regenrock? I bewahre, gnädiges Fräulein! -Das ist ja das Ölzeug vom Herrn Grafen, welches ich mal -wieder nachsehen und in den Rettungsschuppen hinabbringen -soll!«</p> - -<p>»Ölzeug des Herrn Grafen?« — Gabriele mustert überrascht -den seltsamen Rock, die mächtigen Stiefel und -den ganz eigenartigen Hut: »Zu was gebraucht der Graf -diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?«</p> - -<p>Anton reißt die Augen weit auf: »Nun, das versteht -sich! Herr Graf muß doch Ölzeug tragen, wenn er in -Sturm und Wogenschwall hinausfährt! Bei den Spritzern, -die es da setzt, würde er ohne diese Schutzkleidung bald -bis auf die Haut durchnäßt sein!«</p> - -<p>»Er fährt mit hinaus? — Auch bei schlechtem Wetter?«</p> - -<p>Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er -starrt die Fragerin ebenso überrascht an, wie sie ihn. —</p> - -<p>»Wissen denn das gnädige Fräulein nicht, daß unser -Herr Graf alle Rettungen und Ausfahrten immer persönlich -leitet? Daß er unser kühnster und unerschrockenster -Seefahrer ist? — Seine Lotsen hat er sich alle allein -herangebildet — ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen -aus eigenen Mitteln erbaut und ausgerüstet hat! Nun -ist er sein eigener Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, -wie man noch einen zweiten finden soll! -Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken für die -Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in -der Not die Riemen führt! Wußten das gnädige Fräulein -das wirklich noch nicht?«</p> - -<p>Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons -Händen nieder.</p> - -<p>»Nein, — das wußte ich nicht!« sagte sie mit leiser<span class="pagenum"><a id="Page_272">[S. 272]</a></span> -Stimme. »Ist solch eine Rettung eigentlich gefährlich? -Ich kann mir das gar nicht vorstellen!«</p> - -<p>»Gefährlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme -Riek ist das letztemal dabei geblieben, und seine Leiche -ist bis zum heutigen Tage noch nicht geborgen! Haben -das gnädige Fräulein denn nicht von der kühnen Tat -des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im -vergangenen Winter ... gehört? Wie sie die Unglückskerle -von dem Wrack der ›Sophie Johanne‹ geholt haben? -Nein? Na, die Rettungsmedaille haben sie sich alle dabei -verdient — —«</p> - -<p>»Die Rettungsmedaille? — Auch der Graf?«</p> - -<p>»Nun, <em class="gesperrt">der</em> doch in erster Linie!«</p> - -<p>Gabriele strich langsam mit der Hand über die Stirn: -»Nein — das wußte ich nicht!« murmelte sie, »aber ... -ich möchte doch wohl einmal an den Strand gehen und -das Meer wiedersehen!«</p> - -<p>»Und ob, gnädiges Fräulein! Etwas Schöneres gibt -es ja auf der ganzen Welt nicht!«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Bei Tisch war Fräulein von Sprendlingen stiller wie -sonst, — ihr Blick haftete oft sinnend und forschend auf -Guntram Krafft, als schaue sie ihn heut zum erstenmal.</p> - -<p>Die Gräfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats -beschäftigt.</p> - -<p>»Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?« -sagte sie plötzlich leichthin, »so habe, bitte, die Güte und -nimm Fräulein Gabriele einmal mit! Denk dir, sie hat, -seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal die See in -der Nähe gesehen.«</p> - -<p>Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des -Grafen.</p> - -<p>»Damit würde ich Fräulein von Sprendlingen kaum -einen Dienst erweisen, — sie liebt das Meer nicht!«</p> - -<p>»Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie -man es so schön finden kann!« bestätigte Gabriele harmlos. -»Aber gerade darum möchte ich einmal wieder an<span class="pagenum"><a id="Page_273">[S. 273]</a></span> -den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso -langweilig ist wie in Heringsdorf!«</p> - -<p>Gundula lachte: »Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit -so gern, Gabriele! Wenn Sie sich nun doch einmal zu -ein paar anerkennenden Worten über unser liebes Bernsteinmeer -hinreißen lassen, so weiß ich wenigstens bestimmt, -daß es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine -höfliche Redensart ist!«</p> - -<p>»Ich kann Fräulein von Sprendlingen unmöglich zumuten, -so lange drunten zu bleiben, wie ich am Schuppen -zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu begleiten, Mutter, -damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren könnt.« —</p> - -<p>»Gut! Ich bin gern bereit!« Gundulas Blick streifte -das geneigte Antlitz des Sohnes, und sie lächelte abermals.</p> - -<p>Es war ein außergewöhnlich milder, sonniger Frühlingstag.</p> - -<p>Kein Lüftchen regte sich.</p> - -<p>Blau — weit ... unendlich lag die See.</p> - -<p>Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel -darüber aus und verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, -daß man kaum die zarte Linie unterscheiden -konnte, welche Himmel und Erde trennt.</p> - -<p>Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte -und schimmerte, und die weißen Segel der Fischerboote -zogen traumhaft still durch die Ferne.</p> - -<p>Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten -der Nahenden und über ihnen stiegen zwei Lerchen mit -hellem Jubel in den offenen Himmel hinein.</p> - -<p>Die Gräfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand -saß und Steine und Tang aus den Netzen las, angesprochen -und blieb momentan neben ihr stehen, sich nach diesem -und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram Krafft -schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen -Sand, über welchen in graziösen Linien -der silberschaumige Saum einer kaum merklichen Brandung -spült.</p> - -<p>Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und -blickte wie verklärt in die sonnige Pracht hinaus, <span class="pagenum"><a id="Page_274">[S. 274]</a></span>— -es lag ein weicher, beinahe kindlich milder Zug auf -dem schönen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu -ihm auf und fand es zum erstenmal, daß dieser Ausdruck -doch nicht so unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal -geschienen.</p> - -<p>»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach -kurzem Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und -träge, wie damals in Heringsdorf, und was Sie daran -so schön finden, erklären Sie mir, bitte, Graf!«</p> - -<p>Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein -Auge spiegelte, vertiefte sich.</p> - -<p>»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten -nennen!« sagte er leise, »die analysiert man nicht, sondern -empfindet sie! — Mir deucht, Sie haben sonst so -viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein, -und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten -und vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen -Sie es nicht mit allen Fasern Ihres Herzens, welch -ein Stücklein Gottesfrieden sich rein und unverfälscht -hier an der See erhalten hat? — Bekommen Sie nicht -eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese -weite — weite Flut schauen, die so ohne Anfang und -Ende scheint, wie der Himmel uns zu Häupten? Und -wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher -Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den -Strand rollen, von keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll -kommend und gehend, dem ewig weisen Willen -eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre -sind wie ein Tag — — schauert Ihr Herz nicht zusammen -in einem Gefühl unendlicher Andacht, in dem Empfinden -jenes scheuen Entzückens: ›Jede dieser Wogen -ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?‹«</p> - -<p>— Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend -erhoben, den Blick wie in staunendem Sinnen geradeaus -gerichtet.</p> - -<p>»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch -nie gekommen. In Heringsdorf wurde nur gescherzt -und gelacht, aber nicht philosophiert.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_275">[S. 275]</a></span></p> - -<p>»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, -hier spricht nicht der Verstand, sondern lediglich -Herz und Gemüt, aber gerade die — ich glaube es wohl — -kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten Welt -sein Recht behauptet!«</p> - -<p>— Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte -sich, ihr den Arm zu bieten.</p> - -<p>»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug -anbauen lassen, wo die Damen hinter sicheren Glasscheiben, -gegen Zug und Wind geschützt, ausruhen können. -Darf ich dich hinführen, Mutter?«</p> - -<p>»Macht es Ihnen Freude, die ›Rettungsstation‹ meines -Sohnes zu sehen, Gabriele?«</p> - -<p>»Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafür.«</p> - -<p>»Dann laß uns getrost gehen, Guntram Krafft, und -genaue Musterung halten, wir wissen ja, daß Gabriele -keine Phrasen sagt!«</p> - -<p>In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, -lebhafter wie zuvor unterhielt er die Gräfin, und schweigsamer -wie sonst schritt Gabriele an Gundulas Seite.</p> - -<p>Der Rettungsschuppen trug äußerlich die Form einer -großen, massiv gebauten Scheune.</p> - -<p>Zwei breite Tore gewährten den Eintritt, und unter -dem spitzen Dach war das Wappen der Hohen-Esp unter -dem roten Kreuz im weißen Felde eingefügt.</p> - -<p>Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des -Rettungswesens waren der inneren Einrichtung zugute -gekommen.</p> - -<p>Das Rettungsboot, eine Mischart der gebräuchlichsten -Systeme, war aus Stahlblech gebaut und trug den Namen -»Guntram Krafft« in goldenen Lettern.</p> - -<p>Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfähig gebauter -Wagen trug es und diente zu dem Zweck, das -Boot bequem zum Strand zu transportieren und es -unmittelbar in das Meer zu lassen.</p> - -<p>Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch -auf dem Wagen montiert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_276">[S. 276]</a></span></p> - -<p>Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren -alle erforderlichen Apparate und Gegenstände aufgestellt -oder an Gestellen aufgehängt.</p> - -<p>Die volle Ausrüstung der bedienenden Mannschaft, -welche sich aus den wackeren, unerschrockenen Fischern -rekrutierte, und von ihrem selbstgewählten Kommandeur, -dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die Rettungsgeschosse -verschiedener Art, Raketen, Mörser und Handgewehre, -Seelenretter, Korkjacken, Gürtel, Schläuche, Riemen, -Schlepper, Segel und Loggleinen, Kompaß, Fernrohr -und Handlot, Ölfaß, Eimer, Pfropfe und Reservedollen, -Beil, Anker und Signalflaggen.</p> - -<p class="pmb3">Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der -junge Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden -Augen erklärte und beschrieb, und während sie seinen -Worten lauschte, streifte ihr Blick sein lebhaft erregtes -Antlitz, und sie begriff es nicht, daß es dasselbe war, -welches vor wenig Augenblicken noch in träumerischem -Schwärmen hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, -welches im Ballsaal so weibisch schüchtern errötete und -mit beinahe blöden Augen um sich schaute. Hier reckte -und dehnte der Bär von Hohen-Esp die kraftvollen -Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin -und her, hier schritt er fest und selbstbewußt in den -schweren Fischerstiefeln über einen Grund und Boden, -welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe Bedeutung -gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch -zuvor gesagt, daß sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille -verdient? Warum heftete er sie nicht voll -Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? -— Und der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein königlicher -Gast des Herzogs, bei dem er als Ordonanzoffizier -Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte!</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_277">[S. 277]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XXI">XXI.</h2> -</div> - - -<p>Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug -gehalten, und wenn auch die Tage sonnenhell und warm -waren, so strich doch am Abend eine noch recht empfindlich -kühle Luft von der See herüber und machte den -Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.</p> - -<p>Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem -Abendessen empfohlen.</p> - -<p>Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem -stillen Zimmer, stützte das Haupt träumend in die Hand -und las nicht.</p> - -<p>Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und -noch einmal hinaus in den Wald oder hinab an den -Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand er auch -dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und -kühl auf den Wogen spielte und ihm immer dasselbe -Bild vor die Seele zauberte, Gabriele! —</p> - -<p>Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer -und inniger ward seine Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche -Erregung nachließ und ihr heiteres, gleichmütiges -Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.</p> - -<p>Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll -heimlichen Entzücken ihren Anblick, sein Herz erzitterte -bei jedem freundlichen Wort, welches sie zu ihm sprach, -bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und -Handeln, — und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort -durch die Seele: »Die Sterne, die begehrt man -nicht, man freut sich ihrer Pracht!«</p> - -<p>Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig -fernen und unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem -sehnenden Schwärmer wohl freundlich zublicken, ohne -jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe hernieder an sein -Herz zu sinken. <span class="pagenum"><a id="Page_278">[S. 278]</a></span>—</p> - -<p>Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch -den Schuppen seiner Rettungsstation schritt und mit -großen, staunenden Augen alles betrachtete, was er barg, -eifrig um Erklärungen bat und in ihrer aufrichtigen -Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese -Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust -und blitzte aus seinen Augen, und er empfand es als unaussprechliche -Wonne, die Teilnahme der Geliebten an -dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines -Lebens geworden.</p> - -<p>Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung -sehr lebhaft um seemännische Dinge gedreht, -und als Anton die dicke, schwarzlederne Posttasche mit -den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht -wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern -trat näher an das Kaminfeuer und sagte:</p> - -<p>»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse -jetzt den warmen Ofen doch noch in dem großen -Erkerzimmer ...«</p> - -<p>»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen -nachmittag geheizt wird.«</p> - -<p>Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die -Glut und beobachtete angelegentlich, wie die roten Flammen -an ihm emporzüngelten.</p> - -<p>»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu -große Wärme geniert mich dann mehr wie die Kälte. -— Am liebsten bliebe ich hier. — Was unternehmt -ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?«</p> - -<p>Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um -die Lippen der Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei -einem Menschen, welcher geduldig gewartet hat und nun -dafür den gewünschten Lohn erhält.</p> - -<p>»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte -sich behaglich in ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir -freuen uns deiner Gesellschaft. Geheimnisse haben wir -durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele den -Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen -Schülerin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_279">[S. 279]</a></span></p> - -<p>»Spinnen? Sie lernen spinnen?«</p> - -<p>Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er -nicht recht verstanden, Gabriele aber räumte die gemalten -Wappenhumpen, aus welchen man zuvor ein Warmbier -getrunken und welche Anton soeben wieder aus der -Küche zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und -sang lachend, ohne sich umzusehen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Ich kann stricken,<br /></span> -<span class="i0">Ich kann flicken,<br /></span> -<span class="i0">Feines Leinen<br /></span> -<span class="i0">Kann ich spinnen ...<br /></span> -</div></div> - -<p>So fein, Graf, daß man fürerst noch Kettenhemden -daraus schmieden kann!«</p> - -<p>Guntrams Augen leuchteten.</p> - -<p>»Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so können -Sie dieselbe neidlos in meiner Gegenwart ausüben!« -scherzte er, rückte sich einen kleinen Tisch herzu, breitete -die Zeitungen aus und nahm in einem der Rittersessel -davor Platz.</p> - -<p>Gabriele aber entzündete selber eine kleine Stehlampe, -welche neben ihr auf dem Serviertisch stand, hielt sie, -einen Augenblick sie stumm betrachtend, in der Hand -und stellte sie dann vor dem Grafen nieder.</p> - -<p>Dieser dankte durch eine höfliche Verbeugung, griff -schweigend nach den Zeitungen und schien schon im -nächsten Augenblick völlig in ihre Lektüre vertieft.</p> - -<p>Aber er las nicht.</p> - -<p>Er starrte wie ein Träumender gedankenlos auf das -Papier und gab sich voll und ganz dem süßen Zauber, -in Gabrieles Nähe zu weilen, hin.</p> - -<p>So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen -Wohllaut ihrer Stimme hören und voll und ganz das -süße Behagen empfinden, welches ihre Anwesenheit dem -ganzen Hause verlieh.</p> - -<p>Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequältes Herz, -und ein beinahe wunschloses Genügen, welches nicht -mehr von dem Schicksal fordert, als wie es freiwillig -gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden Damen<span class="pagenum"><a id="Page_280">[S. 280]</a></span> -am Spinnrad zu sehen! Über Gabrieles geneigtes Köpfchen -zuckte das rötliche Flackerlicht des Kaminbrandes, -das Antlitz trug den Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, -und die weißen Händchen arbeiteten, wenn auch noch -unsicher und zaghaft, so doch graziös und anmutig, -wie alle ihre Bewegungen es waren.</p> - -<p>Neigte sich Gräfin Gundula helfend und erklärend -näher, so traf sie der Blick der hellen Nixenaugen so -warm und herzlich, daß das Herz des Beobachters schneller -schlug in dem entzückten Empfinden: »sie liebt deine -Mutter!« — und stand sie ihm selber auch ewig fremd -und fern, diese Liebe zu Gräfin Gundula schlug dennoch -eine Brücke zu seinem Herzen, welches ihn mit der Geliebten -in gleichem Denken und Fühlen verband.</p> - -<p>Die Bärin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, -dessen Flachsgewinde unter den Fingerchen Gabrieles -etwas in Unordnung geraten war, und derweil flog -der Blick des jungen Mädchens durch die mattbeleuchtete -stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe -vor Guntram Kraffts Platz, deren Fuß durch einen -schreitenden Bronzebär gebildet wurde.</p> - -<p>Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen -Kronleuchter, welcher von der gewölbten Decke herabhing -und in Art der alten Leuchterweibchen gearbeitet -war, nur schwebte anstatt des Frauenkörpers der Oberleib -eines Bären in den schmiedeeisernen Ketten, und -von ihm aus gingen acht mächtige Pranken, welche die -Lichter hielten.</p> - -<p>Die Sessel, auf welchen man saß, ruhten auf geschnitzten, -behaglich ausgestreckten Bären, welche die Füße -ersetzten, — braunzottige Bärenfelle lagen als weicher -Teppich über den Estrich, Bären flankierten rechts und -links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, -zeigte die Täfelung der Wände das Bärenwappen, blickten -von Schränken, Truhen und Geräten die Bärenköpfe -mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der Burg -herab.</p> - -<p>»Wie kommt es eigentlich, gnädigste Gräfin, daß alles<span class="pagenum"><a id="Page_281">[S. 281]</a></span> -und jedes in Hohen-Esp das Bild eines Bären zeigt?« -fragte Gabriele leise und neigte das Köpfchen näher -an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu -stören. »Man findet in andern Schlössern auch die häufige -Wiederholung des Familienwappens, aber so, bis auf -die kleinsten Gegenstände herab, sah ich es noch nie -angebracht, und kam mir schon früher der Gedanke, daß -dies einen besonderen Zweck haben müßte?«</p> - -<p>Gundula schüttelte lächelnd das Haupt.</p> - -<p>»Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bären -von Hohen-Esp gefielen sich darin, ihre Höhle zu einem -wirklich originellen, echten Bärennest zu gestalten. Der -Urahne begann damit, und Kind und Kindeskinder führten -es weiter und schufen halb im Ernst und halb im Scherz -diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes -ersten Bären von Hohen-Esp stets daran erinnert sein -sollten, wem sie das Bestehen ihres Geschlechts verdanken!«</p> - -<p>»Das Bestehen ihres Geschlechts? — Was haben die -Bären mit Ihrer Familie zu tun, gnädigste Gräfin, -und woher kommt es, daß die Hohen-Esp den seltsamen -Namenszusatz: die ›Bären‹ von Hohen-Esp erhielten?«</p> - -<p>»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern -unsere alte Familiensage, liebe Gabriele!«</p> - -<p>Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten -wieder zu und setzte ihr eigenes Rädlein abermals in -surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ mechanisch -die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung -zu dem jungen Mädchen hinüber.</p> - -<p>»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« -nickte Gabriele eifrig; »was könnte mir lieber sein, als -wie mit der alten Welt, welche mich hier umgibt, recht -vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! — Zu einem -Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht -die gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, -daß die Bärensage dieser Burg ein Stücklein -jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist, in welcher -meine Gedanken so gern noch leben!« <span class="pagenum"><a id="Page_282">[S. 282]</a></span>—</p> - -<p>»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen -sich auch für die brave Bärin erwärmen kann, -welche unserm Stammvater einst so große Dienste erwies, -so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone -dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge -Gastin dieses Hauses, übertragen werden.«</p> - -<p>Mit großen, forschenden Augen schaute das junge -Mädchen auf, — ihr Blick hing an den Lippen der -alten Dame, als ob sie, nur sie allein in dieser Halle -anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief -und voll durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:</p> - -<p>»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung -jenes phantastischen Ereignisses, welchem man -die Entstehung Roms zu verdanken glaubt, — also weder -neu noch originell, und doch aus jener grauen Vorzeit -stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, -daß die Mär von Romulus und Remus ihr noch völlig -fremd gewesen. Ein Beweis dafür, wie launig der Götterfunke -Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und Süd -Flammen zündet, welche — durch eine halbe Welt getrennt -— doch in geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und -ein und dasselbe Bild spiegeln, nur mit dem Unterschied, -daß die rauhe, markige Wildheit der Deutschen sich die -kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen Geschlechts -wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer -die schlanke Wölfin dazu ausersah! — —</p> - -<p>Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie -greift weit, weit in die dämmernde Vergangenheit zurück -und setzt da ein, wo die Grafen von Hohen-Esp bereits -ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und als -Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst -belehnt waren. Da hebt sie an, von einer furchtbaren -Seuche zu berichten, welche allerorts die Lande verödete -und die Menschen dahinraffte wie Grashalme vor -dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der -Burg hatte die Pest mit knöchernem Finger geklopft.</p> - -<p>Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und - <span class="pagenum"><a id="Page_283">[S. 283]</a></span> -zwei Töchter starben in einer Nacht dahin, im Burgfried -lag das Gesinde zu Haufen und hauchte sein Leben aus, -und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, -eine alte Schwester des Hausherrn und die Amme des -Kindes waren noch am Leben.</p> - -<p>Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und -Sorge, daß die Amme mit dem Neugeborenen sich eilend -aufmache und das Kind in das nahe Fischerdorf zu -treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten -sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in -diesem Lande.</p> - -<p>Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein -ein sicher Geleit zu geben. Da sie aber kaum eine -halbe Stunde durch den Wald geflohen waren, kam -den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und -starb elendiglich am Wege.</p> - -<p>Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein -in den finsteren Tann hinein, und kaum, daß sie -das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr eine mächtige -Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken -und brüllte aus blutigem Rachen.</p> - -<p>Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was -sie tat, — sie warf das Kind, welches sie des kalten -Windes wegen in einen warmen Fellsack gesteckt hatte, -von sich und entfloh in sinnloser Furcht.</p> - -<p>Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer -Hütte und wagte es nicht, von dem Ende des Kindleins -zu berichten. Die Zeit verging, und eines Tages kam -plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das Dorf, -erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.</p> - -<p>Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete -von dem Tod des Knappen und dem Überfall des -Bären, und daß sie bei der Flucht das Knäblein habe aus -dem Fellsack verloren.</p> - -<p>Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein -rief die Fischer und sprach: ›Lasset uns im Tann suchen! -Die Heiligen im Himmel haben meine Gebete für das - <span class="pagenum"><a id="Page_284">[S. 284]</a></span> -Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen, erretteten -sie es aus dem Rachen des Bären!‹</p> - -<p>Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, -das sei vor eines Mondes Länge geschehen und wohl -kein Knöchelchen von dem jungen Grafenkind mehr zu -finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den Wald.</p> - -<p>Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd -beschrieben, hörten sie ein gewaltiges Brummen als wie -von einem Bären, und als sie durch das Dickicht herzuschlichen, -sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag -die Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch -in das Fell gewickelte Knäblein, welches sie säugte.</p> - -<p>Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein -Beherzter sprang herzu und ergriff das Kind. — Das -war lebend und gesund, stark und bärenkräftig, und solche -Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes.</p> - -<p>Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein -vor sich bringen, wiegte es auf den Armen und lobte -Gott:</p> - -<p>›Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut -gesäuget hat, so wirst du stark und kühn werden, und -man wird dich hinfort ›den Bären von Hohen-Esp‹ -heißen.‹</p> - -<p>So sprach er und gab ihm den neuen Namen und -den Bären in das Wappenschild, zur Erinnerung an das -Gotteswunder, welches sich an dem Kind begeben.« —</p> - -<p>Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die -fleißigen Hände ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer -Zärtlichkeit nach dem Sohn hinüber und umfaßte seine -hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals den feinen -Faden aus dem Flachs und lächelte. — »Und nun -gehen Sie hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen -Sie sich einmal das Bärengeschlecht an! Es ist wirklich -ganz auffällig, wie die Bärenamme ihm ihren Stempel -aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so -bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. — Die eckige -Stirn und die große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp -sicher von den Bären geerbt, vor allen Dingen aber das<span class="pagenum"><a id="Page_285">[S. 285]</a></span> -mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf und -Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind -zu packen, die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, -gleichviel ob derselbe aus Fleisch und Blut oder als -Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod -herausfordert!«</p> - -<p>Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die -Sprecherin gehabt, den schlanken, blonden Mann in dem -Rittersessel vor dem Kamin schien sie völlig vergessen -zu haben.</p> - -<p>Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf -Guntram Krafft.</p> - -<p>Auge ruhte in Auge.</p> - -<p>Wie wunderlich sah sie ihn an.</p> - -<p>So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch -brannte es wie ein geheimer Vorwurf in ihrem Auge, -wie ein scharfer, ungestümer Widerspruch, welcher verächtlich -sagt —: »nein! du irrst, Frau Gundula! Nicht -alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit -aus der Bärenmilch! — Hier, dieser letzte seines -Geschlechts, ist entartet ganz und gar! — Er ist kein -Held! er imponiert mir nicht! und darum werde ich -nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann -freien!« — Sprach es nicht so aus ihrem Blick? aus -den großen, wundersam ernsten Augen?</p> - -<p>Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als -diese erbarmungslosen Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... -sein Blick ist verschleiert, er glaubt nicht mehr an das -Glück und vermutet es nirgends.</p> - -<p>Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, -er senkt finster den Blick und begreift es nicht, daß er -soeben noch sich ihres Interesses an seiner Familie gefreut.</p> - -<p>Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche -in Kriegszeiten sich den Lorbeer aus feindlichem Feuer -holen, — und nur solche Heldentaten imponieren dem -stolzen Sinn einer Sprendlingen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_286">[S. 286]</a></span></p> - -<p>Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen -zusammen, steht auf und empfiehlt sich kurz.</p> - -<p>Die Nacht ist so schön und mondhell, — er will mit -den Fischern hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen.</p> - -<p>Gabriele sieht ihn erstaunt an.</p> - -<p>»Das tut man in der Nacht? — Warum das? Ist -solche Arbeit am Tage nicht müheloser und bequemer?«</p> - -<p>Ein herber, beinahe etwas spöttischer Zug liegt plötzlich -um seine Lippen.</p> - -<p>»Mühelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenländer -stets, gnädiges Fräulein, man rudert ein wenig -hin und her und schöpft das Schiff voll Heringe und -Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein — das -ist höchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen -Einerlei!«</p> - -<p>Gräfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lächeln -den Faden, welcher ihr gerissen, wieder zusammen, -Fräulein von Sprendlingen aber sieht so harmlos aus, -als ob sie von den Worten des Sprechers ganz überzeugt -sei, und sagt nur nachdenklich: »Und doch ertrinken -so oft die Menschen dabei! Ihre Fischer werden -doch vorsichtig sein?«</p> - -<p>Da lacht er laut und hart auf. »Unbesorgt, mein -gnädiges Fräulein, die See ist wie ein Tischtuch, sie -ist so, wie Sie's nicht lieben, träge, ruhig und langweilig, -und dann fordert sie keine Opfer!«</p> - -<p>»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte -so gern eine bessere Meinung von ihr bekommen!«</p> - -<p>Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden -Blauaugen trifft sie.</p> - -<p>»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die -Ruhe scheint allen Wetterberichten nach noch anzudauern, -aber in dieser Jahreszeit pflegt sie tatsächlich eine Ruhe -vor dem Sturme zu sein!«</p> - -<p>Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, -— Gundula aber schüttelt ernst das Haupt und sagt -mit leisem Seufzer: »Sie wissen und verstehen es noch -nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen<span class="pagenum"><a id="Page_287">[S. 287]</a></span> -Sohn bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, -und für seine braven Fischer ebenso! — Warum -wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe kürzen? -Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören? -Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf -wahrlich so langweilig? — Gehen Sie morgen einmal -an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, — -er ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches -unser lieber Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!«</p> - -<p>Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich -Guntram Kraffts Worte am Strand drunten ein.</p> - -<p>Wenn er sie abermals lehren möchte, mit seinen Augen -zu schauen! —</p> - -<p>Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob -sich. Sie war müde und wollte zur Ruhe gehen, man -machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens -und blickte hinaus in die stille, blütenduftige -Pracht des kleinen Gartens, über welchen der -Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie konnte -nicht schlafen.</p> - -<p>Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn -und nahmen ihr die Ruhe.</p> - -<p>Sie dachte zurück an jene Stunde, wo sie neben -Guntram Krafft am Strande stand und seinen so eigenartig -poetischen Worten lauschte.</p> - -<p>Gerade aus seinem Munde berührten dieselben so seltsam, -weil Gabriele sie nicht erwartet hatte, und wenn -ihr die Zartheit seines Empfindens zuerst auch etwas unmännlich -erscheinen wollte, so ward doch dieser Eindruck -schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens.</p> - -<p>Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll männlich -erschienen als wie hier in seiner energischen Art des -Erklärens und Zufassens, in seiner so schönen und frischen -Begeisterung für die Sache.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_288">[S. 288]</a></span></p> - -<p>Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, -aber sie fühlte instinktiv, daß es sich hier um mehr -handelte, wie um einen harmlosen Sport.</p> - -<p>Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug -des Grafen, welches denselben schon während der -ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp so verändert -erscheinen ließ.</p> - -<p>Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung paßte -so gut zu ihm, sie machte seine Erscheinung ernst und -eigenartig, sie gehörte zu dieser Umgebung.</p> - -<p>Ein Bär von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er -muß in die Höhle passen, welche er bewohnt. Deucht es -ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen verändert?</p> - -<p>Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lächeln, die -linkische Unbeholfenheit und Unsicherheit! —</p> - -<p>Hier ist er Herr und Gebieter, — wohl ein gütiger, -freundlicher Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort -einen festen, stolzen Klang hat!</p> - -<p>Das Anschmachten und entzückte Anstaunen hat er -vollends verlernt.</p> - -<p>Kaum, daß er sie beachtet, ihr die notwendigste Höflichkeit -erweist! —</p> - -<p>Er sucht ihre Gesellschaft nicht, — er meidet sie eher.</p> - -<p>Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, — es ist -seine ehrliche, schlichte Meinung.</p> - -<p>Warum gefällt sie ihm nicht mehr?</p> - -<p>Gabriele blickt gedankenvoll in die weißglänzende Pracht -der Kirschbäume hinab.</p> - -<p>Anfänglich war es ihr so angenehm, von ihm übersehen -zu werden, — jetzt grübelte sie, aus welchem -Grunde es geschehen mag.</p> - -<p>Daß es so geschieht, ist gut, — es steht ihm wohl an, -er gefällt ihr in dieser kühlen Gelassenheit.</p> - -<p>Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als -Frau Gundula von dem Mut und der Kühnheit der -Hohen-Esp sprach?</p> - -<p>Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken?</p> - -<p>Was dachte sie doch?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_289">[S. 289]</a></span></p> - -<p>Sie sah ihn an — die große, eckige Stirn unter den -blonden Haarlocken, die herrliche, »bärenhafte« Gestalt -... und sie dachte ... warum fehlt gerade ihm der Mut -und die wilde Kühnheit, welche die verblendete Mutter -an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu -einem Helden! — Warum ist er's nicht? —</p> - -<p>Er schaut drein wie Parzival, der Schildträger — -warum sitzt er ruhmlos daheim bei Frau Herzeleide? -Verstand er diese Gedanken?</p> - -<p>Las er sie von ihrem Antlitz ab?</p> - -<p>Sein Blick ward so finster, so aufsprühend zornig, wie -sie ihn noch nie zuvor gesehen — und er stand auf und -antwortete ihr voll spöttischen Trotzes auf ihre Frage ... -und ging mit hallenden Schritten davon.</p> - -<p>Das war schön! — da war Jung Parzival ein Mann! -— und sein Bild schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame -Stunde der Nacht.</p> - -<p>Warum ging er? Warum zürnte er?</p> - -<p>Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens?</p> - -<p>Er <em class="gesperrt">kann</em> sie nicht wissen, — es war ein Zufall. -Horch ... drunten auf dem schmalen Kiesweg, welcher -durch den Garten nach dem Wald führt, erschallen Schritte.</p> - -<p>Das junge Mädchen neigt sich unwillkürlich vor und -schaut hinab.</p> - -<p>Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm -am Wege, und jene Gestalt, welche naht ... wer ist -das?</p> - -<p>So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so -stolz und elastisch schreitet nur ein Herr unter Knechten!</p> - -<p>Es ist Guntram Krafft!</p> - -<p>Aber wie seltsam sieht er aus?</p> - -<p>Ist's ein Scherz, daß er sich so kostümiert hat, wie -man es an den Fischern und Lotsen auf Seebildern -so malerisch dargestellt sieht? Nein, dem Grafen Hohen-Esp -war es heute gewiß nicht nach Scherzen zu Sinn! -Der breite Südwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt -seinem Antlitz einen eigenartig verwegenen Ausdruck,<span class="pagenum"><a id="Page_290">[S. 290]</a></span> -die Fischerjacke steht über der Brust offen, das weiße -Hemd leuchtet breit hervor und fällt in weichem Streifen -über den Halskragen hinaus.</p> - -<p>Die hohen Wasserstiefel reichen bis über die Knie -empor, aber sie sehen nicht plump und häßlich aus, -sondern geben der schlanken Gestalt etwas Keckes und -Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint.</p> - -<p>Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab.</p> - -<p>Ja, so schaut ein Seemann aus! —</p> - -<p>Sie hat früher die Gemälde kaum beachtet, welche ein -Stück Seemannsleben vorstellten, sie las keine Romane -über Schiffervolk und Matrosen ... was interessierte sie, -die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt!</p> - -<p>Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel, -sehr viel versäumt.</p> - -<p>Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Gebüsches -decken die hohe Männergestalt. Graf Guntram -Krafft will mit seinen Fischern hinaus zum Fang fahren, -er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen, -so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz -und Trutz der Gefährdeten.</p> - -<p>Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen können, -jetzt aber ist es ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen -in ihrem Herzen aufdämmere.</p> - -<p>Kreist vielleicht jener Tropfen wilden Bärenbluts dennoch -in seinen Adern?</p> - -<p>Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das -Haupt und blickte nicht empor zu ihr, und doch wußte er, -daß diese Fenster ihrem Zimmer angehörten.</p> - -<p>Langsam wich Gabriele zurück.</p> - -<p class="pmb3">Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im -Hauch der Nacht, und fernher glänzte die See wie ein -silbernes Märchenland. —</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_291">[S. 291]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XXII">XXII.</h2> -</div> - - -<p>»Nun wird es mit dem schönen, stillen Wetter vorbei -sein!« sagte die Gräfin an dem Nachmittag des andern -Tages: »der Wind hat aufgefrischt, und die See setzt -kleine Kämme auf! Ich denke mir, mein Sohn wird dies -Wetter benutzen, um mit dem neuen Segelboot hinauszugehen, -er wartete auf eine frische Brise, um es ausprobieren -zu können.«</p> - -<p>»Gehen Sie heute an den Strand, gnädigste Gräfin?«</p> - -<p>»Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit -den Abrechnungen angemeldet, und ich werde wohl den -ganzen Abend mit ihm zu tun haben! — Wenn Sie -aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele, -so können Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer -Einsamkeit droht keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf -ist kurz und nicht zu verfehlen, und wenn mein Sohn -noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern bis an den -Schuppen geleiten!«</p> - -<p>»Ich danke, Frau Gräfin, und werde mir wohl einmal -das Meer mit seiner grausen Stirn ansehen! Ich -kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist. Der Graf -ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird -wohl längst auf hoher See schaukeln; ich fürchte mich aber -durchaus nicht, allein zu gehen, und freue mich auf den -Sonnenuntergang, von welchem Sie mir gestern so Rühmliches -sagten, Frau Gräfin!«</p> - -<p>»Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu -verstehen und liebzugewinnen! Sie können uns allen -durch nichts eine größere Freude bereiten, als durch -ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!«</p> - -<p>— Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen -Waldpfade hinab nach dem Strand. Als sie das schützende -Laubdach verlassen, brauste ihr der Wind entgegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_292">[S. 292]</a></span></p> - -<p>Er riß an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom -Kopf — und in lustiger Jagd eilte sie dem Flüchtling -nach, ihn wieder einzufangen.</p> - -<p>Welch ein Sturm war das!</p> - -<p>Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und -die Seemannstreu bog er tief hinab zum gelben Sande!</p> - -<p>Aber es war schön, wunderschön! Solch ein freies, -ungestümes Wettlaufen mit dem Wind, das konnte sie -in den engen, eleganten Straßen der Residenz freilich -nicht! Und jetzt, als sie über die schützenden Dünen -emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau -gefärbt, im vollen Strahlenglanz der sinkenden -Sonne — und es dehnt sich nicht mehr so träge und -glatt wie ein Präsentierteller, sondern wogt und wallt -und wirft hier und dort weiße Schaumköpfchen auf.</p> - -<p>Ja, das ist wahrlich ein schöneres Bild denn sonst! -Namentlich die Brandung gefällt ihr, welche sich wie -duftige, schmale Tüllrüschen an dem Strand entlangschlängelt, -spitz auslaufend wie ein zierliches Valenciennemuster, -oder breit emporspülend um die Haufen von -Seetang und angeschwemmten Gehölz! Ein zarter, silberduftiger -Schaum, hier und da von der Sonne mit rosa -Dufthauch gefärbt. Ja, die See ist im Sturm schön, -fraglos schöner wie in ihrem bleiernen Schlaf, aber etwas -sehr Gewaltiges und Imponierendes hat sie auch jetzt -noch nicht nach Gabrieles Geschmack, und wenn die Gräfin -in dem Sonnenuntergang ein verkörpertes Gedicht erblicken -will, so begreift sie das auch jetzt noch nicht. Die -rote Glut des Sonnenballs, die buntgefärbten Wolken ... -ja, das ist fraglos ein schöner Anblick — aber <em class="gesperrt">mehr</em> -darin sehen, wie Sonne, Wolken und Wasser, nein, das -kann sie nicht! —</p> - -<p>Wie lustig dort ein Boot auf den Wellen schaukelt! -Am liebsten möchte sich Gabriele hineinsetzen und auf- -und niedergleiten durch die blauen Wogen!</p> - -<p>Käme doch eine Menschenseele, welche sie darum bitten -könnte!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_293">[S. 293]</a></span></p> - -<p>Und Gabriele wendet sich zurück und blickt nach dem -Rettungsschuppen und stößt einen leisen Laut der Überraschung -aus.</p> - -<p>Dort auf der Düne steht Graf Guntram Krafft! Ebenso -gekleidet wie heute Nacht ... und er spricht mit zwei -Fischern und scheint ihnen irgendwelche Anweisungen zu -geben.</p> - -<p>Jetzt sieht er sie, und Gabriele hebt freudig die Hand -und winkt ihm zu.</p> - -<p>Er scheint einen Augenblick zu zögern, dann verabschiedet -er die Männer und schreitet ihr langsam entgegen.</p> - -<p>Ein neuer Windstoß läßt den kleinen Filzhut auf Gabrieles -Köpfchen abermals flüchtig werden, aber sie fängt -ihn noch rechtzeitig auf und behält ihn in der Hand.</p> - -<p>Immer langsamer schreitet Guntram Krafft. Sein Herz -schlägt wieder heiß und ungestüm bei ihrem Anblick, der -ihm reizender dünkt wie je.</p> - -<p>Das dunkle Tuchkleid weht in weichen, graziösen Falten -um die zierlichen Füßchen, die entzückend zarten Formen -ihrer Gestalt zeichnen sich scharf gegen den schimmernden -Hintergrund ab, und auf den lockigen Haaren, -welche der Wind ihr um die weiße Stirn zaust, flimmert -das rotgoldene Sonnenlicht und läßt tausend geheimnisvolle -Fünkchen darauf brennen. Wie frisch und -rosig ist das süße Gesicht, — wie lacht sie ihm mit weißen -Zähnchen entgegen, wie leuchten die Nixenaugen hinter -den langen, dunklen Wimpern hervor!</p> - -<p>»Wie gut, daß Sie kommen, Graf!« ruft sie ihm heiter -entgegen. »Ich hatte Sehnsucht nach Ihnen, große Sehnsucht! -Und wissen Sie auch, warum?«</p> - -<p>Er begrüßt sie von weitem, ohne ihr die Hand zu -reichen.</p> - -<p>»Warum?« wiederholt er beinahe mechanisch und drückt -den Südwester fester auf den Kopf. — »Nein, das weiß -ich nicht, mein gnädiges Fräulein!«</p> - -<p>»O, Sie kennen meinen Egoismus noch nicht!« fährt -sie harmlos fort; »ich möchte gern einmal in einem Boot<span class="pagenum"><a id="Page_294">[S. 294]</a></span> -hinausfahren in die See, weil es sich gewiß herrlich auf -dem Wasser schaukelt!«</p> - -<p>Seine Augen leuchten unwillkürlich auf, er tritt einen -Schritt näher.</p> - -<p>»Boot fahren, Fräulein Gabriele? — Solch ein langweiliges -Vergnügen?!«</p> - -<p>»So fand ich es ehemals in Heringsdorf, wo sich kein -Lüftchen regte! Aber heute, wo solch hohe Wellen sind, -wo wir solch argen Sturm haben ...«</p> - -<p>Sein lautes Auflachen unterbricht sie.</p> - -<p>»Sturm?!«</p> - -<p>»Nun ja! Oder wollen Sie ihn ableugnen, wo ich -nicht mal den Hut auf dem Kopfe haben kann?«</p> - -<p>»Sie kennen noch keinen Sturm, heute weht es nur -ein wenig, kaum daß man es eine frische Brise nennen -kann!«</p> - -<p>Er sieht heiterer aus, während er spricht, und Gabriele -blickt überrascht empor.</p> - -<p>»Ich wollte Ihnen durch meinen Mut, heute auf dem -Wasser zu fahren, imponieren!«</p> - -<p>»Sie imponieren mir jederzeit durch solch ein Verlangen!«</p> - -<p>»Und werden Sie es erfüllen?«</p> - -<p>»Wenn es Ihr Ernst ist, mit großer Freude. Wir -sind eben von einer kleinen Probefahrt zurückgekommen, -das Boot liegt noch dort an der Buhne —« er deutete -mit der Hand strandab — »wollen Sie mir folgen, so -fahre ich Sie gern!«</p> - -<p>Er spricht so ruhig wie sonst, und Gabriele sieht nicht, -wie seine Lippen beben.</p> - -<p>Sie dankt ihm mit der freudigen Hast eines Kindes.</p> - -<p>Ihr Wesen deucht ihm überhaupt verändert, sie ist -so fröhlich und gesprächig wie noch nie zuvor, und ihre -Augen leuchten zu ihm auf ... täuscht er sich? oder ist -es wahrlich so?... Aber so warm und innig blickte -sie ihn noch niemals an.</p> - -<p>»Wissen Sie auch, daß ich das Meer heute wirklich -schön finde? Und den Wind auch? — Nun lebt erst die<span class="pagenum"><a id="Page_295">[S. 295]</a></span> -Welt ringsum! Nun atmet sie Abwechslung, nun wird -sie mir verständlicher! Ehrlich gestanden — habe ich -mir das Meer im Sturm noch gewaltiger gedacht, weil -ich darüber las, daß seine Wogen Schiffe zertrümmerten -und ganze Landstriche wegschwemmten, aber wie Sie -sagen, ist es heute noch kein richtiger Sturm —«</p> - -<p>»Was nicht ist, kann bald werden —« er wich ein -wenig zur Seite, da ihre Kleiderfalten weich und schmeichelnd -um seine Füße wehten, und fuhr voll beinahe -trockener Geschäftlichkeit fort: »Die Wetterberichte lauten -ungünstig, wir erwarten stündlich eine Sturmwarnung. -Vielleicht lernen Sie die träge See noch von recht ungemütlicher -Seite kennen!«</p> - -<p>»Ich liebe alles Gewaltige, Wilde, Trotzige! Am -Menschen sowohl wie an der Natur — daher gefielen -mir bislang die Alpen so gut, diese Titanen, welche den -Himmel stürmen! Wie gern möchte ich auch hier solche -Riesen finden, wilde, brausende Wogen, welche das Herz -erzittern lassen ...«</p> - -<p>»Und heldenhafte Menschen ... welche mir imponieren!« -fügte er leise, mit wunderlichem Zucken der dichten -Augenbrauen hinzu, — »das Meer wird Ihre Wünsche -sicher erfüllen, in die Macht der Menschen aber ist es -nicht gegeben, gewaltsam einen Himmel zu stürmen, vor -dessen Tür das Schicksal sieben Siegel gelegt!«</p> - -<p>Sie waren hastig ausgeschritten und standen jetzt vor -dem Boot, welches zwei Fischer just an den Strand -schieben wollten.</p> - -<p>Zur Seite saß ein alter Mann auf einem Holzstamm -und war damit beschäftigt, Reservedollen und Ruderklampen -zu schnitzen.</p> - -<p>Guntram Krafft rief die Männer in plattdeutscher -Sprache an, — sie unterbrachen sich, wateten heran und -schienen kurz mit dem Grafen zu beraten.</p> - -<p>Ein prüfender Blick nach dem Horizont, eine ruhig -zustimmende Handbewegung.</p> - -<p>»Wenn dat nich länger wiehrt, a's 'ne half Stunn', -dann geiht dat wull noch an'!« — und sie warfen die<span class="pagenum"><a id="Page_296">[S. 296]</a></span> -Riemen zurecht und bereiteten schweigend das Boot zur -Fahrt.</p> - -<p>Der alte Mann stand auf, nahm die kurze Pfeife aus -dem Mund und fragte: »Sall ik Se beglieten, Herr -Graf?«</p> - -<p>»Nee, Klaaden, da sull keener mit mi gahn, — dat -düert hüt nich lang.« —</p> - -<p>Und dann flüsterte er noch ein paar Worte mit den -Schiffern und wandte sich abermals zu Gabriele.</p> - -<p>»Es hält sehr lange auf, das Boot an das Land -zu ziehen, gnädiges Fräulein; Sie gestatten wohl, daß -einer der Leute Sie in das Fahrzeug trägt!«</p> - -<p>»Ja, so gehört sich das!« lachte Gabriele ein klein -wenig verlegen. »Meine Freundin ward in Helgoland -bei dem Landen auch in das Boot getragen.«</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp wandte sich ab und schien -sehr interessiert eine zerbrochene Spiere, welche im Sande -lag, zu besichtigen, der Fischer aber trat ruhig herzu, -nahm Gabriele auf den Arm und watete mit ihr in das -Wasser.</p> - -<p>»Hollen Se' sick fast!« sagte er — und nach einem -Augenblick mehr zu sich selber im Kommandoton: »Laß -sack' —!« und gleichzeitig hob er die junge Dame und -ließ sie in das schwankende Boot nieder.</p> - -<p>Guntram Krafft kam nun mit schnellen Schritten durch -das seichte Wasser, sprang in das Fahrzeug und griff -nach den Riemen.</p> - -<p>»Ich möchte heute nicht segeln, sondern mich in nächster -Nähe des Ufers halten, um erst einmal zu sehen, ob -Sie seefest sind, mein gnädiges Fräulein!« sagte er mit -schnellem Lächeln. »Für meine Begriffe ist die See -sehr ruhig, für die Ihren vielleicht nicht.«</p> - -<p>Die starken Fäuste der Fischer machten das Boot frei, -der Graf half mit den Riemen und stieß kräftig ab, — -hochauf bäumte das leichte Fahrzeug und glitt über die -erste Brandung hinaus.</p> - -<p>»Und das nennen Sie ruhige See?« fragte Gabriele -leise und blickte mit großen Augen in den Gischt, welcher<span class="pagenum"><a id="Page_297">[S. 297]</a></span> -um das Heck spritzte. »Sehen Sie doch, wie das schäumt -und wogt!«</p> - -<p>»Ich hoffe, Sie lernen es von sicherem Lande aus noch -besser kennen! Heute scherzt und spielt das Wasser nur, -wenn es aber ernstlich böse wird, fahre ich Sie nicht -hinaus.«</p> - -<p>»Dann ist es gefährlich?«</p> - -<p>»Sehr gefährlich! Nicht für mich, sondern für Sie!« —</p> - -<p>Wieder zuckte ihr Blick zu ihm hinüber.</p> - -<p>»Als Sie die Leute der ›Sophie Johanne‹ retteten, -war es da solch ein Wetter wie heute?«</p> - -<p>Guntram Krafft wandte seine ganze Aufmerksamkeit -dem Boote zu, da er gern jede gebrochene Welle, so gut -es anging, meiden und das Fahrzeug in die Lage bringen -wollte, daß die See vor demselben brach.</p> - -<p>»Die größte Macht des Sturmes war wohl vorüber,« -sagte er lächelnd, »und das war ein Glück für die Mannschaft, -sonst wäre es unmöglich gewesen, bei derart schwerer -See an dem Wrack anzulegen. Es hängt da so viel -von der Geschicklichkeit, dem gesunden Urteil und der -Geistesgegenwart des Lotsen ab, daß ein günstiger Erfolg -nie mit Sicherheit vorausgesehen werden kann.«</p> - -<p>Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Guntram -Krafft fort —: »Würden Sie die Güte haben, sich -mir gegenüberzusetzen, gnädiges Fräulein, — Sie haben -alsdann den vollen Anblick der sinkenden Sonne.«</p> - -<p>Das Boot hatte die Brandung passiert und glitt nun -in großen, ruhigen Bewegungen über die Wogen; der -Graf, welcher erst mit voller Kraft und Aufmerksamkeit -gerudert hatte, hielt die Riemen ruhiger und schaute mit -sinnendem Blick nach dem Horizont, welchem der feurigrote -Sonnenball langsam entgegensank und einen breiten, -funkelnden Goldstreifen auf das Wasser malte, in den -das Boot just hineintrieb.</p> - -<p>Gabrieles reizende Gestalt war von hellem Purpurlicht -übergossen, und ganz verstohlen streifte sie der Blick des -Grafen. — Sein Atem ging schwer, seine Hände umkrampften -die Riemen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_298">[S. 298]</a></span></p> - -<p>War's ein Traum?</p> - -<p>Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht -gewünscht, so allein — so weltfern und einsam -mit der Heißgeliebten auf der wogenden Unendlichkeit -des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun -saß sie ihm nahe — ganz nahe gegenüber, die zauberischen -Nixenaugen so oft mit langem Blick auf ihn gerichtet, -das lockige Haar vom Wind verweht, das reizende Antlitz -so träumerisch und ernst ihm zugekehrt. —</p> - -<p>Damals, als er die Mannschaft der »Sophie Johanne« -rettete, donnerte die See und heulte der Sturm, aber in -seiner Brust war es still wie im Grab; und heute saust -es nur linde und sacht in den Lüften, aber in seinem -Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender -wie jene, welche er damals so heldenhaft bezwungen!</p> - -<p>Und dieser soll er erliegen?</p> - -<p>Er atmet schwer auf, streicht langsam über die Stirn -und lauscht ihrer Stimme wie im Traum.</p> - -<p>»Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang -sei ein verkörpertes, oder besser gesagt, ein gemaltes -Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich sehe sehr -viel Schönes, Glänzendes, Farbenprächtiges vor mir, -aber seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie -ist wohl noch nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht, -in welchem sie inmitten alles Großstadtstaubes gelegen! -Sie haben jüngst am Strande das schlafende Dornröschen -schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute! -Lehren Sie mich mit Ihren Augen sehen! — Was bedeutet -für Sie solch ein Sonnenuntergang?« —</p> - -<p>Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zurück, seine -großen Blauaugen bekommen einen weichen, träumerischen -Glanz, sein Blick schweift weit hinaus.</p> - -<p>»Er bedeutet für mich einen Traum — er bezwingt -mich wie das Opium seinen Raucher, alles logische Denken, -alle Wirklichkeit versinkt in wallenden Nebeln — -und alles Unorganische beginnt zu leben. — Wir Seeleute -berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene -Ruhe um uns her wirkt wie eine Narkose — die leise<span class="pagenum"><a id="Page_299">[S. 299]</a></span> -Musik des Windes, das Rauschen der Wogen, das Flüstern -des Riedgrases, melancholischer Möwenschrei und -das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch -ein Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt -des Realen vor unsern Blicken verwischt. — Hier und -da der grelle Blitz einer Welle, welchen die Sonne -trifft — ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn kühlt ... -und man träumt — träumt wie ein Fiebernder, um -dessen Lager giftige Blüten welken ...«</p> - -<p>»Vom Sonnenuntergang?«</p> - -<p>»Den sehe ich nicht. — Ich habe eine Vision. Vor -mir wachsen die geheimnisvollen, glutroten Korallen aus -der Tiefe des Wassers, sie breiten ihr mystisches Geäste -aus über den Himmel, sie flechten ein Netz durch -Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen, -an welchem weiße Perlen schimmern. Über sie hin weht -es wie lichte Schemen ... duftig ... wesenlos ... grau -verhauchend, sie breiten violette Schwingen aus ... die -reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern -... sehen Sie dort? — da tauchten sie hinab in die grelle -Feuerbrunst, die wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen -lodert und ihre Blitzfunken weit empor gegen -das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die Farben kommen -und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb, -welches dem Lächeln eines unbarmherzigen Weibes -gleicht ... und das kranke Grün, das irisierende -Weiß des Opals ... das süße, schmeichelnde Rosa ... -einen Kuß, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel -hauchten! — Dort schießen mächtige Lilien empor -... wie Phantome ... ein Glorienschein umgibt sie ... -riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln sie ... und darüber -wölbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle Rubine -wie zornige Augen sprühen! — Sie stürzt zusammen, -und nun schlägt eine ungeheure Flamme empor ... Sie -wähnen, daß es die Sonne ist? Nein! Es ist das Stück -eines Weltenbrandes, der entscheidende Augenblick im -wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem -Wasser sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe - <span class="pagenum"><a id="Page_300">[S. 300]</a></span> -der Midgardschlange, welche sich schillernd windet -und auf- und niederrollt, welche in zitternden Windungen -durch das Weltmeer schießt und mit breitem, scharfgezähntem -Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenbäumt! -Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball -verschlingt? — Mehr und mehr verschwindet er — -und die roten Korallen erbleichen und sinken zusammen -... die weißen Lilien brechen wie stumme Klagen nieder -... die Schmetterlinge zerstieben und treiben wie müde, -kleine Wolkenflocken in der Unendlichkeit ... aus dem -Meere aber steigt ein wunderholdes Weib mit kristallenen -Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, — die -hebt mit müdem, strengem Lächeln einen grauen Schleier -und breitet ihn über Himmel und Erde, über die Augen -des fiebernden Mannes, der solch wunderliche Träume -hat, und sie sagt: ›Wach auf! Es ist Zeit, heimzukehren, -die Sonne ging unter!‹«</p> - -<p>Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte -plötzlich leise auf:</p> - -<p>»Und solch närrisches Zeug denkt ein großer, vernünftiger -Mensch bei dem Anblick eines Abendhimmels!«</p> - -<p>Sie saß ihm gegenüber, die Blicke groß und sinnend -auf ihn gerichtet. Unverwandt, wie in staunender Frage.</p> - -<p>»Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!«</p> - -<p>»Wohl möglich, — ich weiß es nur nicht.«</p> - -<p>Der Wind erhob sich stärker, das Boot stieg hoch -auf und schoß tief hinab in grünglasigem Wassergebirge.</p> - -<p>»Sie sehen so blaß aus, Fräulein Gabriele, frieren -Sie?« —</p> - -<p>Sie nickt. »Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.«</p> - -<p>Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher -auf der Bank lag, und reichte ihn zu ihr hinüber.</p> - -<p>»Ich bitte, legen Sie ihn um. — In wenig Minuten -sind wir am Strande.« —</p> - -<p>Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach -der See hin und strich dem Lande zu, jeder heranlaufenden -See einige Schläge entgegenrudernd, damit - <span class="pagenum"><a id="Page_301">[S. 301]</a></span> -sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte, -wie energisch und sicher seine starken Arme das -Fahrzeug regierten!</p> - -<p>Und wie schön er aussah!</p> - -<p>Nie hatte Gabriele die glänzendste Galauniform eines -Mannes besser gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar -kleidsame Fischeranzug.</p> - -<p>Wie kernig, wie wetterfest und männlich sah der Bär -von Hohen-Esp darin aus, wie edel und kühn sein Antlitz, -welches sich soeben noch der sinkenden Sonne zugewandt -und ein Märchen voll schwärmerischer Weichheit -geträumt hatte! —</p> - -<p>Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren.</p> - -<p>Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes -gefahrvoll und beängstigend, sie fühlte, wie ihr Herz -schneller schlug, wie ihre Hände leise erbebten, wenn ein -Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, über das Schifflein -hinwegzubranden.</p> - -<p>Mit keinem andern Fährmann hätte sie in diesem -gebrechlichen Fahrzeug sitzen mögen, als mit dem Bären -von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und unbesorgt -gegenübersaß, als habe er nur seine herzliche Freude -an dem scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer -stärker sauste der Wind, und immer schneller schoß das -Boot der Küste zu. Guntram Krafft wandte sich um und -blickte nach dem Strand.</p> - -<p>Eine jähe Betroffenheit malte sich auf seinen Zügen.</p> - -<p>»Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten!« -sagte er, griff mit der einen Hand hastig in die Tasche -und führte eine Torpedopfeife an die Lippen.</p> - -<p>Niemand zeigte sich in den Dünen.</p> - -<p>»Wir müssen landen, — es wird immer kühler, und -der Wind kommt auf!«</p> - -<p>»Sind wir noch nicht zur Stelle?«</p> - -<p>Das Boot schoß auf den Sand und saß mit hartem -Rucke fest; eine kräftige Welle schoß über und übergoß -es mit einem Spritzer.</p> - -<p>Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer - <span class="pagenum"><a id="Page_302">[S. 302]</a></span> -hilfesuchend nach dem Strand. Dann warf er die Riemen -hin und sagte zu Gabriele, indem er sich aus dem -Boot schwang: »Wir haben leider keinen Landungssteg -hier. Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt -aber noch halb im Wasser. Sie müssen gestatten, gnädiges -Fräulein, daß ich Sie diese paar Schritte an Land -trage!«</p> - -<p>Gabriele fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß, -aber sie erhob sich und trat sehr ruhig an den Rand des -Kahnes.</p> - -<p>»Das wäre sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind -nicht auf Waten eingerichtet.«</p> - -<p>Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne -sie anzusehen, und hob sie an seine Brust.</p> - -<p>Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen -Strand und ließ die junge Dame sanft hinabgleiten. -Droben in den Dünen erschienen im Laufschritt die Fischer.</p> - -<p>»Wollen Sie die Güte haben, vorauszugehen, wir -müssen das Boot erst bergen!« — Seine Stimme klang -rauh, atemlos.</p> - -<p class="pmb3">»Ich habe Ihnen so viele Mühe gemacht, Graf, ich -danke Ihnen von Herzen!« Sie reichte ihm die Hand hin, -und er umschloß sie mit kurzem, krampfhaftem Druck. -Er murmelte ein paar Worte — sie verstand sie nicht, -der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten -Hauptes zur Burg.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_303">[S. 303]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XXIII">XXIII.</h2> -</div> - - -<p>Die Bäume des Waldes rauschten im Wind und neigten -sich, und blickten in das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles, -welches ihnen so seltsam verändert deuchte. —</p> - -<p>Wo war die kühle, gleichgültige Ruhe geblieben, welche -sonst aus ihren Augen geschaut?</p> - -<p>Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig, -wie Gedanken, welche aufzucken und schwinden, welche -dem Frührot gleichen, dessen Strahlen gegen die Schatten -der Nacht kämpfen müssen, ehe sie leuchtenden Sieg -erringen.</p> - -<p>War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben -durch schäumende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem -Arm gehoben und an der Brust gehalten hatte, — -war es derselbe schüchtern verlegene Jüngling, welcher -im Ballsaal der Residenz so unsicher über das Parkett -schritt, als vermisse er das Gängelband der Mutter? —</p> - -<p>War diese poetisch schöne Erscheinung des wetterharten -Seemanns dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen -so ungeschickt einherschritt, wie ein täppischer Bär, -welchen man zur Kurzweil in Maskentand gekleidet?</p> - -<p>Nein, es war <em class="gesperrt">nicht</em> derselbe! Es war nicht möglich, -nicht denkbar, daß binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel -und Wandel mit einem Menschen vor sich gehen kann!</p> - -<p>Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen -dem vorjährigen Herbstlaub nach, welches der Wind -raschelnd vor ihr her, den Burgberg hinantrieb.</p> - -<p>Ein Wandel?</p> - -<p>Nein, es ist kein Wandel.</p> - -<p>Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen, -wie er jetzt vor ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle - <span class="pagenum"><a id="Page_304">[S. 304]</a></span> -aber, welche er in der Residenz gegeben, hatte ein -Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Züge in -nichts der Wahrheit glichen.</p> - -<p>Ist es nur das Neue, Überraschende, was Gabriele so -fesselt, so ungewöhnlich erregt? Ist es Zauberspuk, daß -sein schönes, eigenartiges Bild ihr vorschwebt, ob sie -es sehen mag oder nicht?</p> - -<p>Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er prüfend -See und Himmel beobachtete, sichere Fahrt zu -nehmen, und wie mild und träumerisch ward es, als der -Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm -spiegelte, als er ihr leis und schwärmerisch seinen Zauber -mit den Worten eines Dichters malte!</p> - -<p>Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur -wie das linde Säuseln eines Windes, welcher stark genug -ist, in nächster Stunde zum Orkan anzuwachsen.</p> - -<p>Dieses Sinnen und Träumen paßt zu dem einsamen -Mann, in dessen Herzen noch die Wunder der Natur -leben, welche ihn rein und unverfälscht umgibt.</p> - -<p>Herr von Heidler konnte auch flüstern in Worten des -Dichters, aber das war eine schwüle, betäubende Poesie, -der Gifthauch des Modernen, welches nur die Sinne -berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen -Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles -Schönen und Edlen über den Wogen des Weltmeers -schwebt!</p> - -<p>Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel -eines Dichters, um Erfolge zu erringen, um die Augen -zu blenden und in frivolem Spiel Triumphe über Mädchenherzen -zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur -Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte, -welche nicht um Beifall buhlten und keine selbstsüchtigen -Zwecke verfolgten.</p> - -<p>Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind -verwehte den Klang seiner Stimme, und als er erwachend -das Haupt hob, war der Traum vergessen.</p> - -<p>Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft, - <span class="pagenum"><a id="Page_305">[S. 305]</a></span> -— da machten sie sich die Elemente untertan und besiegten -sie wie in harmlosem Spiel. —</p> - -<p>Und dann ...</p> - -<p>Gabriele atmete plötzlich schwer auf und schritt beinahe -ungestüm weiter, — dann umfing sie dieser kraftvolle -Arm und trug sie durch den kräuselnden Wellenschaum, -und sie umschlang seinen Nacken und war seinem -Antlitz so nahe — wenngleich er das seine auch abwandte -in respektvoller Ritterlichkeit.</p> - -<p>Warum schlug ihr Herz so heiß und leidenschaftlich auf -in diesem Augenblick?</p> - -<p>Warum gefiel es ihr so gut, daß er sein Gesicht weit -wegkehrte von ihr, daß er so schnell und hastig ausschritt, -daß er sie nicht ansah, als er sie sanft zur Erde gleiten -ließ?</p> - -<p>Gibt es dennoch jene stolze Männertugend, welche nicht -das Ihre sucht?</p> - -<p>O, wie anders hätte Herr von Heidler diesen Augenblick -ausgenutzt!!</p> - -<p>Wie würde er sie in wild begehrlicher Weise an sich -gedrückt — wie süß und berückend, wie zwingend und -lohnheischend würde er ihr in das Auge geschaut haben!</p> - -<p>Langsam — ganz langsam wäre er wohl ausgeschritten, -und die Worte, welche er in ihr Ohr geflüstert -hätte, wären wohl auch Dichterworte gewesen, aber solche, -welche wie sengende Höllenfunken in das Herz fallen! —</p> - -<p>Im Spott und Übermut hat man den Bären von Hohen-Esp -in der Residenz den modernen Parzival genannt! -Und doch ... kein Name paßt schöner und besser -für ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, — Weltunklugheit, -welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen Händen -ein Heiligtum zum Schutze anvertraut wird! —</p> - -<p>Parzival, der Held! —</p> - -<p>Ist auch Guntram Krafft ein solcher?</p> - -<p>Da zieht es wie ein Schatten über das verklärte Antlitz -des jungen Mädchens.</p> - -<p>Ach, daß er es wäre!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_306">[S. 306]</a></span></p> - -<p>Daß sie eine einzige Tat der Kühnheit, des wagemutigen -Heldensinnes bei ihm schauen könnte!</p> - -<p>Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust, -wie spöttisches, grimmiges Gelächter! Noch wenige -Schritte, und die grauen, efeuumsponnenen Mauern von -Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. —</p> - -<p>Die steinernen Bären sehen sie mit den bemoosten -Augen an, als ob auch sie lachten, und sie heben die -Pranken und kehrten ihr das alte Wappenschild zu.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Christie Kyrie —<br /></span> -<span class="i0">Zu Land und zu See —<br /></span> -<span class="i0">Schirmherr der Not.<br /></span> -<span class="i0">Das walt' Herre Gott!« —<br /></span> -</div></div> - -<p>Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen, -— heute deucht es ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal.</p> - -<p>Schirmherr der Not! —</p> - -<p>Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher -hochherzig und selbstlos sein Leben einsetzt, der Not -des Nächsten zu Hilfe zu kommen? —</p> - -<p>Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen -Jahrhunderten ihr Schwert und ihren starken Arm in -den Dienst der Not gestellt.</p> - -<p>Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gräfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits -erwartet zu haben.</p> - -<p>Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter -und zufrieden aus.</p> - -<p>»Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fräulein noch -ein warmes Tuch an den Strand nachtragen!« scherzte -sie, »denn eine Stadtdame, wie Baronesse Gabriele, -muß sich erst an unsere frischen Brisen gewöhnen! Statt -dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurück und -meldet, daß das gnädige Fräulein mit dem Herrn Grafen -hinausgerudert sei! — Das nenne ich Courage, liebe -Gabriele, denn soviel ich von hier aus beurteilen kann, -ist die See bewegt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_307">[S. 307]</a></span></p> - -<p>»Und wie bewegt, Frau Gräfin! Für meine Begriffe -war es Sturm!«</p> - -<p>Gundula lacht und kehrt das junge Mädchen dem -Fenster zu.</p> - -<p>»Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen -ist! Nun ja ... blaß, wie eine weiße Rose! -Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife meinen -Sohn nicht, daß er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren -hat! Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit -Sie wieder Farbe bekommen!«</p> - -<p>Jähe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemühte -sich, so harmlos und heiter zu plaudern, wie sonst, und -empfand es doch, daß es ihr heute nicht so leicht wurde, -wie zuvor.</p> - -<p>»Ihr Herr Sohn war völlig unschuldig, gnädigste -Gräfin, und nur ein Opfer seiner großen Liebenswürdigkeit, -welche ich hart auf die Probe stellte.« —</p> - -<p>»Ah — so war es <em class="gesperrt">Ihr</em> Wunsch, zu fahren?« unterbrach -die Herrin von Hohen-Esp und sah noch erfreuter -aus, wie erst: »Hat es unser schönes Meer Ihnen nun -doch angetan?« —</p> - -<p>»Es war in seiner Erregung entschieden viel berückender, -wie in seinem <em class="antiqua">dolce far niente</em>!« lachte das junge -Mädchen und trat noch weiter aus dem Fensterlicht -zurück in die dämmrige Halle: »Ja, es war so herrlich -anzusehen, daß mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, -mich einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam -mir just in den Weg, und da er die Gutmütigkeit der -Hohen-Esp mit dem Bärenblut geerbt, so erfüllte er -stehenden Fußes meinen unbescheidenen Wunsch!«</p> - -<p>»Er wird sich gewiß sehr gefreut haben! Man kann -ihm ja nichts Lieberes antun, als Interesse für die See -und alles, was ihr angehört, zu zeigen!«</p> - -<p>»Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das -Unvermeidliche zu fügen!«</p> - -<p>»Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurück?«</p> - -<p>»Nein, liebe Burgfrau —« Gabriele neigte das Köpfchen -und küßte beinahe zärtlich die Hand der alten Dame, - <span class="pagenum"><a id="Page_308">[S. 308]</a></span> -welche sich auf ihre Schulter legte — »er muß nun -erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein Übermut -unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! -Ich glaube, der edle Renner soll erst für die Nacht in den -Stall geschafft werden!«</p> - -<p>Gundula nickte heiter. »Der Wind scheint tüchtig aufzufrischen, -da werden sie zur Nacht wohl alles am Strande -bergen wollen, falls eine stärkere Boe einsetzt! Wie war -Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich seetüchtig?«</p> - -<p>»Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, -Frau Gräfin, ich habe mich schrecklich gefürchtet! Wollte -mich nur nicht allzusehr vor dem Grafen blamieren, -sonst wäre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als ich -merkte, wie hoch die Wellen gingen!«</p> - -<p>»Fürchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder führt?« -— Wie ruhig, wie stolz und zuversichtlich klangen diese -Worte. —</p> - -<p>Gabriele neigte das Köpfchen: »Der Graf ist gewiß -sehr stark und kräftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, -vermag schließlich niemand, und ich glaube, -Ihr Herr Sohn wußte es anfangs selber nicht, wie arg -der Wind war, sonst hätte er vielleicht die Fahrt gar -nicht unternommen!«</p> - -<p>Nun lachte die Gräfin ebenso laut auf, wie zuvor -Guntram Krafft, als sie von dem Sturm gesprochen.</p> - -<p>»Ich wünschte nur, Sie erlebten bald einmal das, -was wir hier ›grobe See‹ nennen!« sagte sie dann mit -seltsam leuchtendem Blick. »Ich glaube, Sie kennen bisher -weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer, -wenn es zornig wird, noch den Bären von Hohen-Esp, -wenn er beiden die Zähne weist. — Was bringen Sie, -Anton? — Wollen Sie Licht anstecken? Wir warten mit -dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.«</p> - -<p>Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, -ein kleines Spitzglas voll Tokayer für Gabriele zu füllen, -der alte Kammerdiener aber verneigte sich respektvoll -und nahm eilig ein Tablett, dem gnädigen Fräulein -den Wein zu servieren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_309">[S. 309]</a></span></p> - -<p>»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin. Soeben bringt -einer aus dem Dorfe die Nachricht, daß der Herr Graf -nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen könne. Man -wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei -Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen -die Damen bitten, allein den Tee zu trinken, da es spät -bis zu seiner Rückkehr werden könne.«</p> - -<p>»Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar -noch keine telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn -eingetroffen, aber der Seemann versteht sich schon auf -die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten. So stecken Sie -die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, daß für uns -angerichtet werde.«</p> - -<p>Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, -daß Guntram Krafft heute fernbleiben werde. Sie wußte -es selber nicht, warum sie ein gewisses Bangen empfand, -ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch -schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick -dachte, wo er sie an der Brust gehalten; es war -gut, wenn sie Zeit gewann, ihre törichte Verlegenheit -zu überwinden.</p> - -<p>»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie -bekommt gewiß einen stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, -Sausen und Wogenbranden ist zwar für eine wackere -Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir leidsein, -wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich -in bös Wetter hinausschicken müßte!«</p> - -<p>»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht -das blonde, hübsche Mädel, mit welchem Sie vorgestern -im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?«</p> - -<p>»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen -meines Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, -einen wackern, prächtigen Bursch, der beste unter -Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der -Mutter bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur -Hochzeit einzuladen! Ich habe zugesagt, auch für Sie, -liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie teilen unsere Vorurteilslosigkeit -in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und - <span class="pagenum"><a id="Page_310">[S. 310]</a></span> -unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und -Leid zusammen! Wir sind in der langen Reihe der Jahre -wie eine große Familie geworden, und gemeinsame Not, -Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am -Strande waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu -zusammengefügt hat. — Da ist es undenkbar, daß sich -im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben könne, -ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben -gewiß noch keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, -und die sehr primitiven Verhältnisse solcher Feiern -sind Ihnen unbekannt! Dennoch hoffe ich, daß Ihr gutes -Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß sehr -wenig ›Hoffähige‹ finden wird, und daß Sie mir zuliebe -nicht das Näschen rümpfen, sondern lustig und guter -Dinge mit den biederen Menschen sind!« —</p> - -<p>Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem -Forschen auf das reizende Antlitz des jungen Mädchens -geheftet, und als sie das freudige Aufleuchten -in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen -Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen -und sagte so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, -ich sehe es Ihnen an, Sie werden uns gern begleiten! -Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich -danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!«</p> - -<p>Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen -auf die schlanken Finger Gundulas.</p> - -<p>»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer -Nähe, Frau Gräfin, gleichviel, wohin Sie mich führen! -So neu wie mir diese Welt auch noch ist, so lieb ist sie -mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar -getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf -zur Kirche?«</p> - -<p>»O nein!«</p> - -<p>»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!«</p> - -<p>»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im -Turm drüben?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_311">[S. 311]</a></span></p> - -<p>»Eine Kapelle? Hier in der Burg?«</p> - -<p>»Wir benutzen sie für gewöhnlich nicht, um dem Pfarrer -den sehr unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, -auch müßte er zweimal an jedem Sonntag predigen, -in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu ihm! -Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aber kommt er -hierher, und Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.«</p> - -<p>»O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm für die -Hochzeitsgesellschaft!«</p> - -<p>»Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem -Wagen holen, die Kirche wird geschmückt ...«</p> - -<p>»O, herrlich! Wer besorgt das?« —</p> - -<p>»Immer der, der fragt!« neckte die Bärin von Hohen-Esp. -»Die Guirlande nagelt freilich einer der Knechte -über die Tür, und die Tannenbäumchen stellt wohl die -Mamsell mit den Mägden um den Altar herum auf, aber -wenn sich sonst noch ein paar geschickte Händchen finden -wollten, den Altar selber recht schön und poetisch -zu schmücken, so wäre mir das sehr lieb, denn für gewöhnlich -war das meine Sorge, welche ich jetzt aber -gern jüngeren Kräften überlassen möchte!«</p> - -<p>Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. »O, -wie danke ich Ihnen für diese reizende Pflicht, Frau -Gräfin, und wie freue ich mich darauf, die Kapelle zu -sehen!«</p> - -<p>»Wenn die Mägde morgen früh mit Fegen und Scheuern -fertig sind, soll man Sie rufen, liebe Gabriele! Sie -sorgen wohl selber im Garten für die Blumen! Kaiserkronen, -Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch -noch Krokus und Fürwitzchen, — nehmen Sie alles, was -Sie brauchen, die Sträuße können dann später noch auf -den Hochzeitstisch gebracht werden.« —</p> - -<p>Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen.</p> - -<p>Spät erst kehrte Guntram Krafft heim.</p> - -<p>Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin -vor, sondern schritt sogleich nach seinem Zimmer hinauf.</p> - -<p>Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf -die Stirn und sagte ihr »Gute Nacht«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_312">[S. 312]</a></span></p> - -<p>Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen -erst nach seinem Erkerstübchen.</p> - -<p>Ganz erschrocken wich Gabriele zurück.</p> - -<p>»Was ist das?« fragte sie betroffen.</p> - -<p>Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der -brennenden Kerze auf dem Toilettentisch. »Das ist der -Wind! — Hörten Sie ihn noch nie um alten Gemäuer -sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da -braust es in allen Tonarten von der See herüber. Ich -fürchte, die Nacht wird schlimm, — aber Gottlob ist -niemand von unsern Leuten draußen. Die Armen aber, -welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! -Vergessen Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, -auch das ist so Sitte auf Hohen-Esp!« —</p> - -<p>Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach -den spitzen, kleinen Bogenfenstern, um welche es pfiff -und schrillte.</p> - -<p>»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich -den Arm um die weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen -Gastin: »O, nicht doch! Sie sind hier sicher wie in -Abrahams Schoß, und es ist heute nur das Ungewohnte, -was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein -behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen -und das ferne Donnern der See! Auch Sie -werden es bald lieb gewinnen! — Wenn freilich der -Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem -der Gedanke an die Schiffe, welche draußen sind, keine -Ruh ... dann kommt die Sorge, ob Guntram Krafft -nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist -heute keine Rede, — diesen Wind haben wir oft, sehr -oft, wir achten seiner kaum noch! Falls es ihnen aber -lieber ist, Gabriele, will ich die Tür nach meinem Zimmer -öffnen, — Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!« —</p> - -<p>»Nein, nein, liebe Frau Gräfin, das wäre noch schöner, -wenn ich ein solcher Hasenfuß sein wollte! Nun, wo -ich weiß, was für Stimmen da draußen lärmen, lachen -und rufen, fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_313">[S. 313]</a></span></p> - -<p>Und als sich nach herzlichem »Gute Nacht« die Gräfin -zurückgezogen, trat Gabriele an das Fenster und blickte -in die dunkle Nacht hinaus.</p> - -<p>Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen über den -Himmel — die Bäume drunten bogen sich und ächzten, -und die Fensterriegel klappten und greinten wie mit -leisem, wehmütigem Klagelaut.</p> - -<p>Gabriele schloß die Vorhänge und begab sich zur Ruhe.</p> - -<p>Aber sie fand lange keinen Schlaf.</p> - -<p>Ihr war's, als säße sie noch in dem Boot, das auf -und ab geschleudert ward von tosenden Wellen.</p> - -<p>Guntram Krafft saß ihr gegenüber und führte das -Ruder — und er sah sie nicht an, sondern blickte starr -geradeaus in die gähnend finstere Nacht — und sein -Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, -der ertrunken war um 1503! —</p> - -<p>Ertrunken! —</p> - -<p>Gabriele schauerte zusammen und preßte das Antlitz -in die Kissen.</p> - -<p>Wie kam ihr plötzlich das Verstehen für dies grausige, -entsetzliche Wort! —</p> - -<p>Ertrunken!</p> - -<p>Sie schlingt die Hände ineinander und betet mit zuckenden -Lippen für alle die, welche mit Sturm und Wogen -ringen — so wie Frau Gundula es ihr geheißen, aber -ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor -ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, — — -und auch unter diesem starrt das furchtbare Wort: »ertrunken« ...</p> - -<p>Sie schrickt empor ... sie lauscht ...</p> - -<p>Droben, über Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer -des Grafen.</p> - -<p>Er schläft nicht, sie hört ihn auf und ab schreiten ... -es schallt so sehr in dem grabesstillen Haus. —</p> - -<p>Horch ... hin und her ... hin und her ...</p> - -<p>Ruhelos wie sie! —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_314">[S. 314]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut.</p> - -<p>Die Sonne leuchtet am Himmel, — hinter dem Wald -blitzen die weißen Wellenkämme der See auf. —</p> - -<p>Gabriele ist frühzeitig aufgestanden.</p> - -<p>Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbäumchen -gesehen, das stand in voller Blüte.</p> - -<p>Welch sinnigeren Altarschmuck könnte sie finden, als -diese duftigen, schneeigen Zweige?</p> - -<p>Als sie in den Hof tritt, hört sie noch jenseits der -Zugbrücke Hufschlag verklingen. Ein Knecht steht, die -Arme behaglich in die Seiten gestemmt, und schaut dem -Reiter nach.</p> - -<p>»Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? -Die erwartete Sturmwarnung von der Seewarte?«</p> - -<p>Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen -Augen vergnüglich an.</p> - -<p>»Nee, gnä Frölen! Dat wi nähstens doch 'n ollen -düchtigen Bö kreegen, dat weiten wi ganz alleen!«</p> - -<p>»Wer ritt soeben fort?«</p> - -<p>»Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n -Feldern nach'n Rechten kieken!«</p> - -<p>»Auf den Feldern!«</p> - -<p>»Wie hei seggt! — Du leiwe Tid! Wat het de Graf -nich allens to bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un -Nacht. Un hätt dat doch so goar nich nötig! Aber dat -rackert sich af! Keen Dagelöhner duht sich so schinn'n as -uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jeßt däht -hei Frühstück eten, un nu heidi wedder up't Pierd!«</p> - -<p>Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter.</p> - -<p>Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, -darum kehrte er neulich so staubig und erhitzt zurück und -hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter zu verhandeln! -Daß er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze -zu werfen, daß er am Tage oft segelte und ruderte -und anstrengende Übungen mit seinen freiwilligen Lotsen -machte, das war nur Erholung, nur Vergnügen nach der -Arbeit!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_315">[S. 315]</a></span></p> - -<p>Und diesen Mann hatte sie oft einen Bärenhäuter genannt, -ihn als müßigen Tagedieb bespöttelt und verachtet?</p> - -<p>Wieder schießt Gabriele das Blut heiß in die Wangen.</p> - -<p>Wie traurig ist es doch, wenn ein Mädchen so gar -keinen Begriff von Landarbeit und Seewesen hat. Was -für falsche, irrige Ansichten bildet man sich in der Stadt -davon, wie bitter unrecht tut man oft den Fleißigsten und -Verdienstvollsten!</p> - -<p>Gabriele ist es plötzlich zu Sinn, als habe sie ein -schweres Unrecht an Guntram Krafft gutzumachen.</p> - -<p>Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der -Hand zu Felde zieht, für Kaiser und Reich zu kämpfen, -erwirbt sich Verdienste um sein Vaterland, sondern auch -der, welcher in stillem Fleiß seinen Grund und Boden -kultiviert, für seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher -gute Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen -pflegt, welcher in treuer Selbstlosigkeit an der Küste Wacht -hält, ein »Schirmvogt der Not« zu sein! —</p> - -<p>Mit bebenden Händen pflückt Gabriele die blühenden -Zweige im Wald.</p> - -<p>Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut -bräutlich-weiße Blättchen in ihr lockiges Haar, — in -ihrem Herzen aber wächst aus kleinem Funken eine helle -Flamme empor, noch flackernd und unsicher, aber dennoch -stark genug, daß sie kein Aschenregen wieder ersticken -kann.</p> - -<p>Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was -ehemals in diesem Herzen als falsche Götzen gethront, -— sie macht es so hell, wo es früher dunkel war, sie -läßt es so warm, ach so warm werden, wo früher Schnee -und Eis gestarrt ...</p> - -<p>Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger -Blütenzweige geladen, kehrt Gabriele heim, und von der -niedern, rund gewölbten Turmtür, welche zu der Kapelle -führt, tönt das helle Gelächter und der Gesang der -Mägde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_316">[S. 316]</a></span></p> - -<p>Sie sind noch fleißig bei der Arbeit, und die Mamsell -tritt Gabriele entgegen und bittet: »Wollen das gnädige -Fräulein nicht noch ein halbes Stündchen warten! Dann -ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkästchen, und Baronesse -haben einen so viel schöneren Eindruck davon!«</p> - -<p>»Es ist aber schon recht spät geworden, liebe Mamsell, -und die Hochzeit soll sehr präzise stattfinden! — Man -heiratet hier schon zu recht früher Stunde!« —</p> - -<p>»Ja, du liebe Zeit, gnädiges Fräulein, so verliebte -Leutchen haben es immer eilig, und Mike und Jöschen -vollends! Ist <em class="gesperrt">das</em> ein Glück! Man braucht die beiden -nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander sind! -— Aber vielleicht machen das gnädige Fräulein erst -Toilette? So ein bißchen was Weißes oder Rosiges -gehört sich doch für den heutigen Tag!... Und die -Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je kürzere -Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie -aus!«</p> - -<p class="pmb3">»Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! -So will ich mir denn ein hochzeitlich Gewand -anziehen und bin in einer halben Stunde wieder hier!« —</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_317">[S. 317]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XXIV">XXIV.</h2> -</div> - - -<p>Da der Wind ganz plötzlich wieder bedeutend aufgefrischt -hatte und merklich kühl durch die blühende -Frühlingspracht brauste, hatte Gabriele ein wollenes Kleid -zu ihrem Anzug gewählt, welches nun in zart weißen -Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederfloß.</p> - -<p>Es war noch eins ihrer »Fünfuhr-Tee«-Kleider, welche -sie ehemals in der Residenz getragen, schick und elegant -gearbeitet und doch einfach und anspruchslos wirkend, -einzig geschmückt durch ein duftiges Spitzengeriesel, welches -über die Brust fiel und den Saum des Rockes wie -kräuselnden Wellengischt zierte. Die weiße Perlenschnur, -welche sie damals auf dem Hofball getragen, glänzte -auch jetzt auf ihrem graziösen Nacken, und in dem Gürtel -duftete ein kleiner Strauß weißer Narzissen.</p> - -<p>Hastig schritt sie über den Hof nach der Kapelle, und -die Mamsell trat ihr entgegen, faltete behaglich die -fetten Hände über dem Magen und betrachtete das junge -Mädchen mit unverhohlenem Entzücken.</p> - -<p>»Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!« nickte sie -wohlgefällig. »Wenn jetzt ein Fremder hier einschaute, -der gehört hätte: ›Auf der Burg gibt's eine Trauung‹, -dann würde er Stein und Bein darauf schwören, daß -das gnädige Fräulein selber die Braut sei, auf welche -die Gespielinnen mit dem Kränzchen und Schleier warten! -— Na, ich denke, den Tag erleben wir auch noch, und -dann will ich aber den Backofen für den Hochzeitskuchen -heizen, daß die Flammen oben zum Schornstein hinausschlagen!«</p> - -<p>»Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schöne Kuchen -am Ende an!« lachte Gabriele, aber sie fühlte es doch, -wie ihr das Blut unter dem schelmisch zwinkernden Blick - <span class="pagenum"><a id="Page_318">[S. 318]</a></span> -der Alten in die Wangen schoß. »Der Mike steht das -Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht -viele Blumen auf den Weg streuen!«</p> - -<p>»Erst ihr, dann Ihnen, gnädiges Fräulein! Die Blütenzweige -stehen in dem Wasserkübel neben dem Altar!«</p> - -<p>Noch ein neckendes Nicken und Grüßen, und die Mamsell -faßte Besen und Staubtuch und schritt über den Hof -zurück, Gabriele aber trat in die Kapelle ein, welche -leer und still im Schimmer der bunten, kleinen Glasfenster -vor ihr lag.</p> - -<p>Voll andächtigen Entzückens schaute Gabriele um sich.</p> - -<p>Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebräunten, -hochgeschnitzten Kirchenstühle, geradeaus der -erhöhte Altar in seinem verblichenen lila Samtschmuck, -auf welchem die Silberstickerei längst schwarz geworden -war. Hocharmige Silberleuchter, ein elfenbeingeschnitztes -Kruzifix, an welchem noch die Rosenkränze der gräflichen -Beter aus der katholischen Zeit hingen.</p> - -<p>Rechts und links von dem Altar die Familienbilder -frommer Hohen-Esp, hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen -Nonnengewändern und weißen Kopftüchern, mit betend -zusammengelegten, wachsgelben Händen und starren, hohläugigen -Gesichtern.</p> - -<p>Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches -Gemälde: »Die Auferstehung des Herrn.« —</p> - -<p>An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter -des Bildes, ein Graf von Hohen-Esp, mit seiner Familie; -die Burgfrau gleicht in der Tracht und Aussehen der -Katharina von Bora, und ähnlich wie Luthers Kinder -sind auch ihre acht kleinen Grafen und Gräfinnen gekleidet. -— Der Vater trägt ritterliche Rüste, der älteste -Sohn ein kleines Schiff in der Hand. Alle heben voll -inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden Heiland.</p> - -<p>Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, -wie sie damals wohl ausgeschaut, im Hintergrund wogt -ein grellblaues, zackenwelliges Meer, aus welchem drei -geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh. -20. 13. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_319">[S. 319]</a></span></p> - -<p>Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei -halb vermoderte Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes -Ruder aufgestellt.</p> - -<p>Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor -ist um das Ruder gewunden.</p> - -<p>Gabriele schaudert zusammen.</p> - -<p>Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem -Boot eines ertrunkenen Hohen-Esp an das Land zurückgespült -wurde. —</p> - -<p>Ihr Blick irrte weiter, über die mächtigen Bärenwappen, -über die steinernen Grabplatten, welche die -Familiengruft schließen und steife, liegende Rittergestalten -zeigen, hinauf zu der niederen, gewölbten Decke, -von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von -kleinen Schiffen herabhängen.</p> - -<p>Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten.</p> - -<p>Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form -und Bau ihr hohes Alter zeigend, kleine Boote und -schwerfällige Kuffs, allerliebst und kunstvoll getakelte, -kleine Dreimaster, an welchen fleißige Hände wohl ein -Menschenalter gearbeitet haben.</p> - -<p>»Modell der ›Anne Marie Karsten‹, Kapitän Jochen -Ulrich Grot« — gestrandet bei Kap Horn im Jahre -des Herrn 1760. — »Dein Wille geschehe.« — — steht -auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen.</p> - -<p>Leiser Schritt erklingt auf den Steinfließen, und Gabriele -schrickt aus tiefen Gedanken empor und blickt sich um.</p> - -<p>Ein schmächtiges, altes Männchen steht hinter ihr -und dreht respektvoll den schäbigen Filzhut in der Hand.</p> - -<p>»Ach, verzeihen die gnädige Herrschaft« — flüstert er -mit devotem Kratzfuß, die lichte Gestalt der jungen Dame -wie eine Vision anstarrend — »ich bin der Küster aus -Karstein und soll bei der Trauung das Harmonium -spielen! Die Frau Gräfin schickte mich, daß ich die -Lieder erst einmal durchspiele!«</p> - -<p>»O, das ist ja schön, Herr Küster!« nickte ihm Gabriele -mit herzgewinnendem Lächeln zu, »da habe ich den Genuß -schöner Musik während meiner Beschäftigung!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_320">[S. 320]</a></span></p> - -<p>Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert -die schmale Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, -Gabriele aber tritt an den Altar, nimmt sinnend die -weißen Blütenzweige und schmückt die teuern Heiligtümer.</p> - -<p>Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche -auf dem uralten, verschossenen Samt, wie grell der Kontrast -zwischen Tod und Leben, zwischen dem sonnigen, -bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen Ehemals! —</p> - -<p>Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und -malt goldige Lichter um die schlanke Mädchengestalt, -welche mit graziös erhobenen Händen die Blüten um -das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die -Arme der Leuchter flicht, — dann niederkniet vor der -Altardecke und auch an ihr empor den holden Schmuck -ranken läßt, sinnig und schön, so festlich, wie wohl dieser -Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr ausgeschaut -hat. —</p> - -<p>Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges -Weib anzuschauen, ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen -über ihr die jubelnden Klänge: »Lobe den Herrn meine -Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!«</p> - -<p>Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck -unter Gabrieles Händen, sie streut auch noch die -weißen Blüten über die Grabsteine, sie nestelt die duftigen -Narzissen in die grünen Tannenzweige, welche das Geländer -um den Altar verhüllten ... und dann steht sie -plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das -zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.</p> - -<p>Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch -einen ... bis sie davor steht und ihre Hände wie in -scheuer, banger Innigkeit über das wurmstichige Holz -gleiten.</p> - -<p>Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, -welches an dem Pfeiler, kaum sichtbar von der -Kirche aus, aufgehängt ist.</p> - -<p>Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal - <span class="pagenum"><a id="Page_321">[S. 321]</a></span> -droben. — Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken -um 1503. —</p> - -<p>Armer, armer Jüngling!</p> - -<p>Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, -sie hallen und klingen wie Seufzer der Wehmut -durch die Kapelle, wie eine leise Engelsstimme, -welche um die Toten klagt.</p> - -<p>Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt -die schneeigen Blütenzweige zum Kranz und schmückt -das Bild des Wulffhardt von Hohen-Esp — und seine -Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick senkt -sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem -bräutlichen Schmuck ...</p> - -<p>Wie gleicht er Guntram Krafft! —</p> - -<p>Wird auch sein Bild einst hier hängen, wird auch -unter ihm das grausige Wort »ertrunken« stehen ... -wird ...</p> - -<p>Gabriele macht eine jähe Bewegung und preßt schweratmend -die Hand gegen das Herz — und als sie sich -hastig zurückwendet, ringt sich ein leiser Schreckenslaut -von ihren Lippen.</p> - -<p>Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit -gekreuzten Armen, still und regungslos, und starrt sie -aus weitoffenen Augen an.</p> - -<p>Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklänge flüstern, -schwellen wieder an und klingen so voll und feierlich, -als trügen sie schon jetzt das Dankgebet vereinter Herzen -zum Himmel.</p> - -<p>Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit -beiden Händen schwer auf die Lehne des Kirchenstuhles -stützen, dann schreitet er langsam näher, tritt neben sie -und schaut auf das geschmückte Bild Wulffhardts nieder.</p> - -<p>»Warum taten Sie das?« fragt er mit leiser, fremder -Stimme.</p> - -<p>Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und -ordnet mit bebenden Händen unter den Blüten auf dem -Altar, welche bereits so wohlgeordnet liegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_322">[S. 322]</a></span></p> - -<p>»Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie -früh er sterben mußte!«</p> - -<p>»Ja, er starb früh, — an der Schwelle des Lebens. -Er kannte weder Glück noch Liebe — und doch wäre -er wohl auch so gern glücklich gewesen!«</p> - -<p><em class="gesperrt">Auch</em> glücklich gewesen! —</p> - -<p>Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher -Seufzer der Sehnsucht?</p> - -<p>Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur -tiefer.</p> - -<p>»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen -—«, fährt der Graf sehr ruhig fort, »dessen Sie -so barmherzig gedachten. Mir ist's, als müßte er jetzt -ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun -versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.«</p> - -<p>»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben -dahingab für die Brüder?«</p> - -<p>»Er tat seine Pflicht!«</p> - -<p>»Er tat <em class="gesperrt">mehr</em> denn sie!«</p> - -<p>Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts -Augen.</p> - -<p>»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; -er zog weder in den Krieg, noch konnte er große -Taten für sein Vaterland tun! Der liebe Herrgott im -Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer -Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden -mit ihm, die Welt aber hat den einsamen Mann -auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch anerkannt! Sein -Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken -wird weder durch Wort noch Lied geehrt, — jene Stelle, -wo die tosende Flut einen Jüngling verschlang, welcher -einem gefährdeten Schiff Rettung bringen wollte, ist -durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen darüber -hin und der Wind verweht die Kunde. — Das Schicksal -der Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine -mitleidige Mädchenhand nach Jahrhunderten wohl noch -unser Bild und Grab, — mit Lorbeerzweigen nicht.« —</p> - -<p>Er brach kurz ab und trat zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_323">[S. 323]</a></span></p> - -<p>»Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, -daß ich meinen wackeren jungen Freund im Burghof -begrüße!« —</p> - -<p>Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks -aus das Bild, — war es nur Einbildung, oder sahen die -lachenden Augen Wulffhardts plötzlich ernst, beinahe -wehmütig unter dem weißen Blütenschmuck auf sie nieder?</p> - -<p>... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, -welcher dem Helden geziemt!</p> - -<p>Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, -als er das gesagt, etwas Vorwurfsvolles, was -sie nicht verstand.</p> - -<p>Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur <em class="gesperrt">den</em> -Mann einen Helden genannt, welcher auf dem Schlachtfeld -sein Leben für Reich und Kaiser läßt?</p> - -<p>Wohl möglich; — so war es ja ehedem auch ihre -Ansicht.</p> - -<p>Und jetzt?</p> - -<p>Nachdenklich streicht sie die krausen Löckchen aus der -Stirn; jetzt ist es ihr wie eine Ahnung gekommen, als -ob ein Mann, welcher sich kühn in Sturm und hohe Flut -hinaus wagt, auch ein Held sein könne! —</p> - -<p>Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, -sie hat von Guntram Kraffts mutigen Taten -gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung davon machen -zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu -haben.</p> - -<p>Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte!</p> - -<p>Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt -es sie, gerade von ihm, von Guntram Krafft überzeugt -zu werden, daß sie ihm ehemals in der Residenz bitteres -Unrecht getan!</p> - -<p>Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier -in Hohen-Esp entgegengetreten, ein Zug wundersamer -Romantik verklärt sie, — der Bär von Hohen-Esp, der -Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs lebhafteste -geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie -sie für diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt - <span class="pagenum"><a id="Page_324">[S. 324]</a></span> -paßt — und das Interesse wird lodernde Leidenschaft, -und die Leidenschaft wird Liebe, — Liebe, welche getreu -ist bis in den Tod! —</p> - -<p>Wehe ihr, wenn es geschähe!</p> - -<p>Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll -ehrlichen Entzückens entgegen, jetzt blickt er ernst und -gleichgültig über sie hinweg.</p> - -<p>Warum das? —</p> - -<p>Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein -Weib zu werben, welches ehemals seine Annäherung so -schroff und beleidigend zurückgewiesen hat, wie sie. —</p> - -<p>Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt -die Hände ineinander und schreitet langsam die Stufen -des Altars hinab, der Gräfin entgegen, welche die Kapelle -betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen Kirchenstuhl -seitlich des Traualtars zu erwarten.</p> - -<p>Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen -Mädchens in die ihre, streift mit einem warmen Blick -inniger Bewunderung die liebreizende Erscheinung ihrer -jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten Sitz, -— die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch -die Tür hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar -in der Kapelle.</p> - -<p>Guntram Krafft führt es zum Altar.</p> - -<p>Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine -blühende, kraftvoll schöne Braut. Sie tragt das goldblonde -Haar schlicht gescheitelt und in Zöpfen herabhängend, -ein dicker grüner Myrtenkranz legt sich um -den ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche -lang über den Rücken herabflattert.</p> - -<p>Eine dunkelgrüne Tuchjacke, mit Ärmeln, welche oben -sehr weit, unten sehr eng sind, ein buntes, mit breiten -Fransen besetztes Halstuch, ein schwarzer Warprock, welchen -eine mächtig breite, geblümte Schürze beinahe verhüllt, -bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch -gegen das Herz preßt und mit niedergeschlagenen -Augen und hochroten Wangen daherschreitet, wie die -Verkörperung eines echten, rechten Glückes!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_325">[S. 325]</a></span></p> - -<p>Und Jöschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend -aus, wenngleich sein frisches Gesicht mit den hellblauen, -lustigen Augen und dem weißblonden Flaum -auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre, welche -ihm geschieht, dreinschaut.</p> - -<p>Sein dunkler, großer Filzhut ist mit rotem Band und -Blumenstrauß geschmückt, ein ebensolcher ziert die offenstehende -Fischerjoppe, unter welcher eine schwarze Manchesterweste -mit rotem und grünem Sternchenmuster sichtbar -wird.</p> - -<p>Der Hemdkragen fällt blendenweiß über und wird -von einem sehr grellfarbigen Schlips geschlossen.</p> - -<p>Da Jöschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln -hat machen lassen, trägt er sie selbstredend an seinem -Ehrentag und stampft so kräftig durch die Kapelle, daß -es auf den Steinplatten hallt.</p> - -<p>Dem Brautpaar folgt die Schar der Gäste, Fischer -und Fischerfrauen, wohl die gesamten Einwohner des -kleinen Dörfchens.</p> - -<p>Alle ernst und feierlich, in ehrwürdig, altväterischem -Staat, einem Gemisch von bäurischer Tracht und einem -ersten Anfang städtischer Kleidung, wenngleich das bäurische -in diesem weltfernen Dörfchen bei weitem überwiegt.</p> - -<p>Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen -in der Hand, drängen sich scheu an die Mütter, — alte, -wetterharte Seeleute mit dem Priemchen zwischen Zahn -und Backe und dem Tonpfeifchen in der Rocktasche, folgen -langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde -von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig -gestimmt, als gehe Mike und Jöschens Glück -sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr aller Ehrentag, -von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns -Herz fällt. —</p> - -<p>Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, -wie es die Sitte verlangte, und Guntram Kraffts Stimme -klang fest und laut hervor, ebenso wie Gundulas weicher -Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch sehr -stattlichen Brautmutter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_326">[S. 326]</a></span></p> - -<p>Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der -andern Seite von dem jungen Paar gegenüberstand, -sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe unverwandt auf -ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise, kaum -vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen -regten sich.</p> - -<p>Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, -sinniger Weise viel schöne und herzbewegende Worte, -und wandte sich ganz besonders an Mike, sie auf die -schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. -Wie treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das -brave Weib eines Fischers sein, wie wenig an sich selbst -und das eigene Glück denken, wie tapfer und mutig den -Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn -es gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben -zu Hilfe zu kommen! Gerade in solchen Stunden höchster -Angst und Gefahr müßte sich die wahre Liebe eines -treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«, -nicht allein durch Handreichungen und kräftige -Hilfe, sondern vor allen Dingen durch Gebet und Fürbitte, -welche den Geliebten auf seiner schweren Fahrt -durch Sturm und Wogen begleiten.</p> - -<p>Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte -zu Gott dem Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das -Flehen eines liebenden Herzens zum Himmel! Solch -ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt nicht! — -Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem -Herrn der Welten erhebt, sind der Talisman, welcher -den Seefahrer auch in höchster Not beschirmt, sie sind -der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen zerschellen -und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum -leget eure Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher -noch nie versagt und im Stich gelassen hat, den Anker -fester und freudiger Zuversicht auf Gottes Gnade, den -Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den -Anker frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn -derselbe uns auch andere Wege führt, als wie wir gehen -wollen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_327">[S. 327]</a></span></p> - -<p>Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen -Augen aufmerksam in das gütige Antlitz, und sie -nickte ihm zustimmend und so recht von Herzen überzeugt -zu, und Jöschen machte auch hier und da eine -unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, -Herr Pastur, dat wollen wi allens so maken!«</p> - -<p>Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und -der Prediger nahm die Ringe und steckte sie ihnen an.</p> - -<p>Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig -löste sich von Wulffhardts Bild und fiel nieder -auf das morsche Ruder.</p> - -<p>Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele -schauten auf — und ihr Blick traf sich plötzlich, -— sie sahen einander in die Augen. Da zog eine heiße -Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie -blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen -noch tiefer wie zuvor.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen -Raum verfügte, in welchem ein bescheidenes Fest abgehalten -werden konnte, hatte der Graf von Hohen-Esp -den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten -lassen.</p> - -<p>Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen -Deckbalken das Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe -anstieß, feierten die Fischer »Kaisers Geburtstag«, -»Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie Sonntags -und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier -versammelten sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu -besprechen gab, oder wenn ein Sohn, Vetter, Bruder -oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von -viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte.</p> - -<p>Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen -Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des -Großen an der Wand, darum her vergilbte Stiche und -gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit welchen -Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, - <span class="pagenum"><a id="Page_328">[S. 328]</a></span> -und über der Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der -fliegende Holländer mit käseweißem Gesicht, schwarzem -Bart und großem Fischerhut, welcher starren Auges auf -den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch -steht —: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer -— geht ihm der flyende Dutschman die Quer!«</p> - -<p>Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große -Korallen und fremdartige Muscheln, steht eine chinesische -Vase, der der eine Henkel fehlt, und ein paar grellbunte, -furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor welchen sich die -Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! —</p> - -<p>In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem -Südmeer, Schildkröten und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, -eine kleine, sehr giftige Herrgottsschlange befindet -sich auch in einer Flasche, und von ihr herüber -bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten -Seesternen und fremdartigen Tangs, welche irgendein -Angehöriger des Schankwirts aus fernen Zonen heimgebracht.</p> - -<p>Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte -die Gäste durch sein erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er -ausgestopft und sitzt recht verstaubt und struppig auf -einem Baumast an der Ofenwand.</p> - -<p>Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales -aufgestellt, mit groben weißen Tüchern belegt und durch -Tannengrün und Blumensträuße ganz besonders feierlich -geschmückt.</p> - -<p>Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen -duften schon jetzt sehr locker und festlich von des -Tisches Mitte, und seitwärts lagert ein großes Faß Bier, -auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben ist, und von -den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken -zuerst besichtigt wird.</p> - -<p>Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgäste nahen, -fürerst noch so schweigsam und ernst, wie es in der Art -dieser wortkargen Menschen liegt, welche es mehr gewohnt -sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um das -Dasein zu führen, als heitere Feste zu feiern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_329">[S. 329]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und -manch altem, wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches -Kopfschütteln und »Hm-Hm!« abgenötigt hat, spielte in -den rosa Kranzbändern der jungen Frau und färbte ihre -Wangen noch röter, und wenn auch Mike mit festem -Händedruck ringsum die schwieligen Hände faßt, und -Jöschen manch lieben Freund innig auf den Rücken -klopft, so herrscht dennoch fürerst noch die feierliche, erwartungsvolle -Stille, welche dem Nahen des Pastors und -der gräflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. —</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_330">[S. 330]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XXV">XXV.</h2> -</div> - - -<p>Über die hohe Düne, welche das Fischerdorf von der -See trennt, stieg Gräfin Gundula an der Seite des -alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele und Guntram -Krafft.</p> - -<p>Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, -das Meer bei dem immer stärker werdenden Wind in -seiner wogenden Schönheit zu sehen, und darum hatte -man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf -nicht von dem Burgberg, sondern vom Strande aus.</p> - -<p>Die Gräfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und -Gabriele, welche ebenso schweigsam wie der Bär von -Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte der Worte -des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram -Krafft gesprochen. »Welch eine auffallende und sehr erfreuliche -Veränderung ist mit Ihrer Frau Mutter vor -sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich die Gräfin -seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, -der finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt -von ihr gewichen, und dafür sei Gott gelobt!« — Er hatte -dann Gabriele herzlich beide Hände entgegengestreckt, -und fuhr fort: »Das haben wir ganz entschieden Ihrem -so günstigen Einfluß zu verdanken, mein gnädiges Fräulein! -Sie haben den Sonnenschein wieder in das Haus -der so tief gebeugten Frau getragen!«</p> - -<p>Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, -als er sich stumm und höflich, wie in schweigender Zustimmung -vor ihr verbeugte, und es hatte warm aufgeleuchtet -in den ernsten, traurigen Augen.</p> - -<p>Ein paar gleichgültige Worte hatten sie später auf -dem Weg zum Strande gewechselt, und als sie über die -waldige Höhe schritten und zuerst den Blick auf das -Meer genossen, war Gabriele unwillkürlich stehengeblieben - <span class="pagenum"><a id="Page_331">[S. 331]</a></span> -und hatte mit leisem Ausruf des Entzückens auf die -weißschäumende, hochgehende See hinausgeblickt.</p> - -<p>»Nicht wahr, so gefällt sie selbst Ihnen?« hatte der -Graf gelächelt, und das junge Mädchen nickte mit seltsam -leuchtendem Blick und wiederholte: »Selbst mir!«</p> - -<p>Dann brauste der Sturm daher und riß die weißen -Narzissen aus ihrem Gürtel und verstreute sie durch -das Riedgras, und während Gabriele mit beiden Händen -den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen -nach und sammelte sie.</p> - -<p>Sein Blick überflog ihre schlanke, schneeweiße Gestalt, -um welche die weichen Kleiderfalten in graziösem Spiele -flatterten, und er behielt den Strauß in der Hand und -sagte: »Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe -tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid -zu halten!«</p> - -<p>Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der -Dünen gelangten und das Wirtshaus »Zur blauen Woge« -vor ihren Blicken lag.</p> - -<p>Da reichte er die Blüten zurück.</p> - -<p>»Wir alle haben uns festlich geschmückt, Graf, nur -Sie allein tragen kein einziges Abzeichen, welches auf -die frohe Bedeutung dieses Tages schließen läßt!«</p> - -<p>Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lächeln.</p> - -<p>»Ich selber vergaß es, und andere dachten nicht an mich!«</p> - -<p>Da wählte sie die schönsten Blumen aus ihrem Strauß -und bemühte sich, sehr unbefangen zu lachen: »Welch -eine grobe Unterlassungssünde! Erlauben Sie, Graf, daß -ich das Versäumte nachhole und Ihr Knopfloch schmücke!«</p> - -<p>Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust.</p> - -<p>»Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!« -sagte er sehr ruhig. »Den Ahnherrn Wulffhardt -und mich bedenken Sie in gütiger Weise mit solch lieblichem -Schmuck.«</p> - -<p>Alles Blut stieg ihr in die Wangen, — vor ihren -Ohren schwirrten plötzlich wieder die Worte —: »Mit -weißen Totenblumen ... doch nicht mit einem Lorbeerkranz ...«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_332">[S. 332]</a></span></p> - -<p>Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich verfüge -ja über keinen besseren Schmuck, Graf!«</p> - -<p>»Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren -tragen!«</p> - -<p>Das Gespräch ward unterbrochen, aus dem Saal des -Wirtshauses erschallten die lustigen Weisen der Harmonika, -und das junge Ehepaar trat den vornehmen Gästen -entgegen, sie mit herzlichem Händedruck zu begrüßen -und zum Hochzeitstisch zu geleiten.</p> - -<p>Gräfin Gundula saß zwischen dem jungen Ehegatten -und dem Pastor, — Guntram Krafft an der Seite -des bräutlichen Weibes, zu seiner Rechten war Gabriele -der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saßen die beiden -Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schöne Seemannslieder -und lustige Stücklein für Unterhaltung, dieweil -es bei Tisch selber sehr ruhig zuging.</p> - -<p>»Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fröhlichkeit -zu stören!« flüsterte Gabriele zu dem Grafen auf.</p> - -<p>Dieser lächelte: »O, durchaus nicht! Es würde eine -Nichtachtung gegen die vergötterte Weinsuppe und den -obligaten Schweinebraten sein, wollte man während dieser -Genüsse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und die -›Stimmung‹ kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann -werden Sie sehen, daß wir unsere Getreuen nicht stören. -Ich bin überzeugt, daß wir hier von allen noch sehr -viel mehr geliebt wie respektiert werden!«</p> - -<p>Und so war es auch.</p> - -<p>Als das, nach Ansicht der so wenig verwöhnten Leute, -glänzende Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische -beiseite gerückt wurden und der Kaffeeduft so lieblich -durch den Saal zog, daß allen Frauen das Herz im -Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter -durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen -Jauchzer hervor, und als die Harmonikas mit schallendem -Ton den »Großvatertanz« anhuben, da umfaßte -Jöschen seine strahlende junge Frau und begann sich -mit ihr sehr langsam und würdevoll im Kreise zu drehen.</p> - -<p>Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht - <span class="pagenum"><a id="Page_333">[S. 333]</a></span> -mit dem wunderschönen jungen Fräulein solchem Beispiel -folgen werde, aber der stand und sprach so eifrig -mit ein paar alten Fischern, daß er gar nicht an den -Tanz zu denken schien.</p> - -<p>Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, -machte seinen Kratzfuß vor Gabriele und tanzte mit ihr, -schwer und wuchtig, als gelte es, eine holländische Kuff -bei konträrem Wind zu lavieren, — und als er zum -Schluß die junge Dame mit freundlichem Lob auf den -Arm gepatscht, stand schon ein junger Lotse bereit und -sah sie treuherzig bittend an.</p> - -<p>Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, -und ihre schlanke weiße Gestalt tauchte wie ein Traum -zwischen dem derben Schiffervolk auf, so daß der Pastor -ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte: »Wissen -Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des -wunderholden Fräulein von Sprendlingen einfiel? Ein -Gedicht von Heinrich Heine: ›Wohl unter der Linde, -da tönt die Musik, da tanzen die Burschen und Mädel ... -da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen -so schlank und so edel!‹ — Sagen Sie selbst, ist es nicht, -als ob die weiße Wassernixe aus der Flut gestiegen -sei, sich unter das lustige Fischervolk zu mischen? — -Wie ein Märchen deucht mir die lilienhafte Mädchengestalt, -und wen Fräulein Gabriele mit den großen, -klaren, wundersam glänzenden Augen anlächelt, der lernt -an die Macht der Meerfrau glauben!«</p> - -<p>»Man sagt, die Meerfei bringt Unglück dem, der sie -schaut! Hören Sie, wie der Sturm um das Dach heult? -Vielleicht wählt sich die Undine bereits ihre Opfer für -die kommende Nacht aus!«</p> - -<p>»Das verhüte Gott! Fürchten Sie bös Wetter?«</p> - -<p>»In wenig Stunden haben wir es.«</p> - -<p>»Arme junge Frau! Das wäre eine üble Hochzeitsmusik!«</p> - -<p>Jöschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen.</p> - -<p>»Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_334">[S. 334]</a></span></p> - -<p>Guntram Krafft richtete sich jäh auf. »Ich warte nur, -daß du Mike einmal freigeben sollst!«</p> - -<p>»Dor steiht se!« lachte der junge Ehemann, wieder -in sein gemütliches Plattdeutsch verfallend, und der Bär -von Hohen-Esp nickte, drückte dem Glücklichen die Hand -und holte sich die Braut mit den rotglühenden Wangen -zum Ehrentanz.</p> - -<p>»Nu leggt he los!« flüsterte es im Kreis, und man -wartete, daß der Burgherr nach der Mike das »gnä -Frölen« zum Tanze holen werde; aber er trat mit umwölkter -Stirn zur Tür zurück und hatte mit Krischan -Klaaden ersichtlich viel ernste Dinge zu reden.</p> - -<p>Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer -stärker und stärker herübertönte und der Sturm immer -schriller durch die Taue des vor dem Hause aufgepflanzten -Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer -fröhlicher und ausgelassener, und schließlich stand die -Mamsell vom Schloß und tuschelte unter listigem Augenzwinkern -mit Mike und Jöschen.</p> - -<p>Die Weiber, Mädchen und Burschen drängten drum -herum, es gab ein leises, jubelndes Gelächter, und dann -lichtete sich plötzlich der Kreis, einer der Fischer trat -vor und rief mit kraftvoller Stimme:</p> - -<p>»Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern -söken!« —</p> - -<p>Großer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem -Lächeln zu Gräfin Gundula und bot ihr eine -Schere dar, mit welcher die Burgfrau die beiden rosa -Bänder der Kranzschleife abschnitt.</p> - -<p>Die alte Dame lächelte dabei sehr amüsiert, und in -ihren Augen leuchtete es auf, wie ein sehr wohlgefälliges -Verstehen.</p> - -<p>»Möchtest du die Rechte treffen, Mike!« sagte sie und -händigte der jungen Frau die Bänder aus. — Diese -wandte sich, reichte Jöschen flink eines der Rosenbänder, -und schnell wie der Gedanke stürmte das junge Paar -unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgäste.</p> - -<p>Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als - <span class="pagenum"><a id="Page_335">[S. 335]</a></span> -sie ihren Arm auch schon von Mike gefaßt und mit dem -Band umschlungen sah, gleicherzeit zerrten und drängten -die Männer Guntram Krafft heran, an dessen Arm -Jöschen das andere Band geknüpft hatte, und ehe die -beiden aufs höchste betroffenen jungen Leute recht wußten, -wie ihnen geschah, waren ihre Arme durch die -Bänder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei -erhob sich: »Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!« —</p> - -<p>Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine -Lippen bebten, und die breite Brust hob und senkte sich -unter stürmischen Atemzügen, dann neigte er sich zu -Gabriele herab und stieß kurz hervor: »Befehlen Sie -zu tanzen, mein gnädiges Fräulein?« —</p> - -<p>Sie blickte zu ihm auf, — ihm deuchte es, ebenso kühl -und ruhig wie sonst — und die kristallenen Nixenaugen -leuchteten ganz nahe den seinen, und ihr roter Mund -antwortete: »Ich füge mich der Sitte, Herr Graf!«</p> - -<p>Da umschloß sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung -mit der freien Hand, daß man Raum gebe, und -dann tanzten sie.</p> - -<p>Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend -heiß brauste das Blut durch seine Adern, wie befangen -von einem wilden, leidenschaftlichen Rausch flog -er dahin, und die weiche, schmiegsame Gestalt ruhte -wieder an seiner Brust, und ihre krausen Löckchen flimmerten -vor seinem Blick.</p> - -<p>Freiwillig wäre er nie zu ihr gekommen — nun trieb -sie das Schicksal selber in seine Arme, und er hielt die -bleiche Meerfrau ... und drückte sie fest — immer fester -und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er sie nie wieder -freigeben.</p> - -<p>Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heiße, -unaussprechlich innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam -bekämpft hatte, loderte in verzehrenden Flammen -in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare -Denken und Handeln.</p> - -<p>Er tanzte — tanzte ohne Aufhören ... und er hatte -nur einen tollen, wahnwitzigen Gedanken — so hinab - <span class="pagenum"><a id="Page_336">[S. 336]</a></span> -mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu den schäumenden -Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die kühle, geheimnisvolle -Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, -wo die Perlen auf weißen Wasserlilien glänzen -und rote Korallen bis an das Abendrot des Himmels -emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lächelnd -zu ihm heben, wird mit ihren kühlen, meerfarbenen -Augen sein Leben trinken und ihn küssen in traumhaft -süßem Glück ...</p> - -<p>Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster -schrillt der Sturm ... und die Brandung donnert lauter -und lauter empor ...</p> - -<p>Gabrieles Köpfchen aber sinkt plötzlich tiefer und tiefer, -und ihr Körper ruht schwer in seinem Arm.</p> - -<p>Da erwacht er plötzlich wie aus tiefem Traum und -starrt sie an.</p> - -<p>Wie blaß sie ist! —</p> - -<p>Erschrocken hält er inne: »Verzeihen Sie, Gabriele,« -— murmelte er, — »ich war unbescheiden ... ich tanzte -zu lange — —«</p> - -<p>Sie lächelt und ringt nach Atem — und um sie -her erhebt sich abermals ein tosender Jubel. »Dat wier -äwerst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n Dutzend -Dänz'!« — schallt es lachend im Kreise, und dann plötzlich -jähe Stille.</p> - -<p>Ein Schuß? —</p> - -<p>Ertönte nicht draußen auf hoher See ein Schuß? — -ein Notsignal? —</p> - -<p>Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram -Krafft reißt das rosa Band, welches ihn an Gabrieles -Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch und stürmt nach -der Tür, Jöschen, Krischan Klaaden und die andern -Fischer folgen in jäher Hast.</p> - -<p>Die lachenden geröteten Gesichter sind plötzlich blaß -und ernst geworden, die Klänge der Harmonika sind verstummt.</p> - -<p>Gabriele ist an die Seite der Gräfin geeilt und hat -mit angstvollem Aufblick ihre Hand gefaßt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_337">[S. 337]</a></span></p> - -<p>»Was bedeutet das, Frau Gräfin?«</p> - -<p>Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem -kleinen Fenster, einen Blick hinauszutun.</p> - -<p>»Gott der Herr verhüte es, daß ein Schiff in Not -ist!« sagte sie mit schwerem Atemzug.</p> - -<p>»O, welch ein Wetter plötzlich!« schaudert Gabriele, -»wie schwarz die Nacht, und welch furchtbares Brausen -und Donnern! Man hat es zuvor bei der Musik nicht -gehört, — jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden -ist!«</p> - -<p>Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen -Hände. »Das ist eine grobe See geworden«, sagt -sie leise. »Arme Mike ... muß den Jöschen heute nacht -wohl hergeben!«</p> - -<p>»Heute nacht?« wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen -Augen, »was sollte denn Jöschen bei dieser -Dunkelheit für ein Schiff draußen tun?«</p> - -<p>Die Alte schüttelt mit wehmütigem Lächeln den Kopf: -»Hinaus muß er und Hilfe bringen, falls es not tut!«</p> - -<p>»Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?« -Gabriele hebt wie beschwörend die Hände. »Das ist ja -gar nicht möglich ... das wäre ja ein tollkühnes, nutzloses -Aufopfern!«</p> - -<p>»Es wäre seine heilige Pflicht!« unterbricht die Gräfin -ernst und ruhig, »und wahrlich nicht das erstemal, daß -Guntram Krafft seine wackeren Lotsen in ein Unwetter -hinausführt!« —</p> - -<p>»Der Graf?« stammelte Gabriele ..., »er selber ... -er fährt auch mit hinaus?« —</p> - -<p>»Wenn es nottut, jedesmal!«</p> - -<p>Da ist es plötzlich, als wüchse die schlanke Mädchengestalt -empor, als lausche sie atemlos diesen Worten -wie einer Offenbarung.</p> - -<p>»Wo ist er? Wo sind die Fischer?« stößt sie hervor.</p> - -<p>»Wohl auf der Düne draußen, nach dem Schiff zu -spähen!«</p> - -<p>»Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gräfin! -Ich bitte, ich beschwöre Sie!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_338">[S. 338]</a></span></p> - -<p>»Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, -und Sie ahnen nicht, wie der Sturm draußen pfeift! Das -Haus hier liegt ja noch hinter der Düne geschützt ... -wenn Sie sich auf der Höhe hinauswagen, können Sie -kaum atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, -Gabriele!«</p> - -<p>Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. -»Gleichviel ... ich hülle mich warm ein ... ach, ich flehe -Sie an, Gräfin, lassen Sie mich sehen, was da draußen -vorgeht!«</p> - -<p>Einen Augenblick noch zögert Gundula, dann sagt -sie kurz entschlossen: »Gut; dort auf der Bank liegen -die warmen Sachen, welche Anton für den Heimweg -brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen -Mantel um, ich werde mit Ihnen gehen.«</p> - -<p>Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig -und still bleiben kann, wo möglicherweise ihr einziges -Kind sich im nächsten Augenblick auf Tod und Leben -hinaus in den Sturm wagen wird! —</p> - -<p>Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch -nimmt, es sehr sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer -jungen Gastin zu schlingen, sie prüft, ob der Mantel -warm genug sei, und scheint mehr um das junge Mädchen -wie um den Sohn besorgt.</p> - -<p>Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den -Arm um die hohe Frauengestalt und hastet nach der Tür.</p> - -<p>Hu, welch ein Sturm!</p> - -<p>Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen -Unwillens in das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen -kreischt die kleine Wetterfahne, pfeift und schrillt es im -Tauwerk des Flaggenmastes; Fräulein von Sprendlingen -preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust und ringt -nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die -Kraft, gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt -Gräfin Gundula die schlanke Gestalt mit ihrem kräftigen -Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse durch das -Brausen und Heulen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_339">[S. 339]</a></span></p> - -<p>Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht -seine herrliche Gestalt wie ein Schattenbild gegen den -bleifarbenen Himmel gezeichnet. Das Auge gewöhnt sich -an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so rabenschwarz, -wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen, -schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über -den Himmel und verhüllen den Mond, nur hier und da -bricht sein falbes Licht hervor, wenn der Sturm die -Massen zerreißt.</p> - -<p>Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man -hört nur die Brandung in nächster Nähe — wie Donnerrollen -und dumpfes, unheimliches Pfeifen schallt sie -empor.</p> - -<p>Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes -Vögelchen an die Gräfin geschmiegt, aber sie -überwindet das Grauen, sie fühlt, wie eine leidenschaftliche -Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm -vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite.</p> - -<p>Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß -der Sturm sein lockiges Haar zerwühlt. Seine breite -Brust trotzt dem wüsten Gesellen, hoch und gebieterisch -ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben und -weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von -Hohen-Esp, welcher hier zu gebieten hat, und nicht -der zigeunerhafte, landfahrende Gesell, der Sturmwind!</p> - -<p>Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden -Ellenbogen auf und späht durch den langen Fernkieker -auf die See hinaus.</p> - -<p>Die beiden Frauen kämpfen sich vorwärts, Fischerfrauen -und Kinder folgen ihnen, fest aneinandergedrängt, -starren sie stumm und ernst hinaus auf die wild empörten -Wasser. Der Schutz der Düne hört auf, mit voller Wucht -wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen -Augenblick hat Gabriele das Empfinden, sie müsse ersticken, -— die Gräfin faßt sie fester in den Arm und -kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, — da braust es über sie -hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu -Kräfte kommen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_340">[S. 340]</a></span></p> - -<p>Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, -und Gabriele gewöhnt sich nach den kurzen Anweisungen -Gundulas an das Atmen im Sturm, sie überwindet -ihre Bangigkeit und Schwäche, sie will stark sein! Sie -will vorwärts ... sie will sehen und hören!</p> - -<p>Guntram Krafft wendet sich flüchtig und blickt zurück, -aber all sein Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu -stehen.</p> - -<p>»Ist es tatsächlich ein Notsignal?« fragt die Gräfin.</p> - -<p>Er nickt. »Vorläufig läßt sich noch nichts erkennen, -wir müssen warten, bis die Wolken vorüber sind, — -minutenlang muß der Mond hervortreten!«</p> - -<p>Dann trifft sein Blick Gabriele.</p> - -<p>Sie steht neben ihm, die Hände gegen die Brust gedrückt, -das Antlitz von dem weißen Spitzentuch umflattern, -mit einem leisen Schrei die Augen starr, weitoffen auf -die See gerichtet.</p> - -<p>»Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von -gestern und ehedem?!« —</p> - -<p>Schwarz und furchtbar gähnt es in weiter Unendlichkeit -vor ihr, — der hohe Wogenschwall wälzt sich donnernd -heran, in zwei-, drei- und vierfacher Brandung -kocht der weiße Gischt am Strande auf, gespenstisch -rollen die aufbäumenden Seen heran wie Ungeheuer, -welche in wütender Gier Strand und Land verschlingen -wollen.</p> - -<p>Da teilt sich die dräuende Finsternis.</p> - -<p>Der Mond bricht durch die Wolken, sein weißgelbes -Licht fließt minutenlang wie ein magischer Schein über -die Wasser.</p> - -<p>»Dort ... dort ... dat Schipp!!«</p> - -<p>Wie ein Schrei gellt es von Jöschens Lippen.</p> - -<p>»Richtig — dort is't!« —</p> - -<p>»A's'n Turpedo sieht's ut!!« —</p> - -<p>»Nee! Nee! Is 'ne lüttje Brigg ...«</p> - -<p>»Ich seh' keen Mast nich —«</p> - -<p>»De warn ja woll verlurn sin!« —</p> - -<p>»Un keen Licht nich ...«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_341">[S. 341]</a></span></p> - -<p>»Doch — achterlich de gröne Lantern!« —</p> - -<p>»Äwerst keen Signal nich ...«</p> - -<p>»Doch! — Obacht!«</p> - -<p>»Dat Blulicht!!«</p> - -<p>Ein scharfes, bläuliches Licht blitzte auf See auf ... -hielt sekundenlang an und verschwand wieder, — gleichzeitig -ein Kanonenschuß ...</p> - -<p>»Das Schiff treibt auf —! Brandung voraus!« schrie -Guntram Krafft. »Vorwärts, meine Braven, da ist keine -Zeit zu verlieren! Zum Schuppen! — Gebt Signal! — -Boot klar zum Auslaufen!« —</p> - -<p>Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast -durcheinander, — die Männer stürmten die Dünen hinab -nach dem Rettungsschuppen. Wie in jähem Entsetzen -hob Gabriele die Arme. »Jetzt hinaus in See? — Gräfin -... auf <em class="gesperrt">diese</em> See hinaus?!« —</p> - -<p>Gundula nickte. »Gebe Gott, daß sie noch zur rechten -Zeit kommen. — Kehren Sie jetzt zurück in das Zimmer, -Gabriele ... ich muß in den Schuppen hinab und alles -vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglückten Hilfe -zu bringen!«</p> - -<p>Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schönes -Antlitz sah in dem Mondlicht wie versteinert aus.</p> - -<p>Das junge Mädchen schüttelte aufgeregt den Kopf, -in ihren Augen leuchtete es plötzlich auf wie heiße, -leidenschaftliche Begeisterung.</p> - -<p>»Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gräfin — schnell ... -ach, lassen Sie uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche -schauen!«</p> - -<p>Und sie wartete nicht mehr auf den schützenden Arm -Gundulas, sondern flog wie von den Sturmesschwingen -getragen, dem Rettungsschuppen zu.</p> - -<p class="pmb3">Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln -herrührend, flammte wieder auf dem gefährdeten -Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete am Strand drunten, -dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere -Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_342">[S. 342]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XXVI">XXVI.</h2> -</div> - - -<p>Ein aufgeregtes, überhastiges Leben entwickelte sich -am Strand.</p> - -<p>Die Leute hatten in größter Eile ihre hochzeitlichen -Kleider mit dem in dem Schuppen bereithängenden Ölzeug -vertauscht und waren soeben, voll ausgerüstet, bereit, -den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den -tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, -unsagbar mühselige Arbeit bei solchem Sturm!</p> - -<p>Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebäudes gegen -die Mauer gedrückt und starrte mit hochklopfendem Herzen -das fremdartige Treiben an.</p> - -<p>Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem -derben Lotsenanzug, — welcher ihr schöner und kleidsamer -deuchte wie die reichste Galauniform, — grell -beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen -Fäusten geschwungen wurden, — sah, wie er mit -Bärenkräften zufaßte und half und schaffte, der erste -seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener, gewaltiger Kommandeur, -ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern -selber arbeitet und Hand anlegt!</p> - -<p>Eine leise Stimme klang neben Gabriele.</p> - -<p>»Dat wir sneller kamen, as wie dachten!« seufzte -Mike und knüpfte das wollene Tüchelchen fester um -den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar, ihre hartgearbeiteten -Hände griffen ein wenig unsicher zu, und -ihr erst so blühend frisches Gesicht war blaß geworden.</p> - -<p>»Ach, gnä' Frölen — un dat ok grad an min Hochtid!«</p> - -<p>Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen -Augen der Sprecherin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_343">[S. 343]</a></span></p> - -<p>»Arme Mike!« sagte sie weich; »ja, das ist eine traurige -Hochzeit! Aber so Gott will, kehrt dein Schatz bald -gesund und heil zurück, und dann kannst du doppelt stolz -auf ihn sein!« — Sie atmete tief auf und wiederholte -mit glänzendem Blick: »Ja, stolz! sehr stolz mußt du -doch auf einen solchen Mann sein!« —</p> - -<p>Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hände -in die geblümte Schürze und sagte resigniert: »Wenn -he man wedder kümmt!« Und dann entsann sie sich, daß -ja das gnädige Fräulein nicht gut plattdeutsch versteht -und fuhr — nicht ganz ohne Mühe — fort: »Vielleicht -kriegen sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herüber -und brauchen nicht selber hinaus. Sehen Sie dort? -Da schaffen sie an dem Mörser! Der Graf schießt bannig -gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein übles -Ding damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die -Windrichtung und Stärke desselben kommt gar sehr in -Betracht dabei!«</p> - -<p>»Man schießt nach dem Schiff?« wiederholte Gabriele -überrascht. »Um alles in der Welt, warum das?«</p> - -<p>Mike war zu traurig, sonst hätte sie wohl gelächelt. -Sie strich wieder seufzend mit der verarbeiteten Hand -über ihren Brautkranz und fuhr erklärend fort: »Das -tut ja keinen Schaden nicht, gnädiges Fräulein, im Gegenteil! -An der Kugel ist man eine dünne Leine befestigt, -— sie wird über das Schiff hinübergeschossen, -und die Leute müssen die Leine so rasch wie möglich -auffangen und festhalten. Wenn das geglückt ist, muß -als Zeichen dafür ein Blaufeuer angesteckt werden, oder -man schwenkt auch nur eine Laterne — wie sie's aus -so 'nen wracken Schiff noch grad möglich machen können ... -dann wissen die Unsern hier Bescheid ...«</p> - -<p>»Was für Bescheid? Was nützt die Leine?«</p> - -<p>»O, man alles nützt die! Die Schiffsmannschaft muß -die Leine dann vom Lande her anholen, bis sie den -Steertblock daran finden, durch welchen ein Jölltau geschoren -ist!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_344">[S. 344]</a></span></p> - -<p>»Und was soll damit?« — Gabriele blickte die wortkarge -Mike beinahe ungeduldig an, und das junge Weib fuhr -monoton fort —: »Ja, so, — das kennen Sie man alles -noch nicht! Dieser Steertblock muß am Mast unter der -Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten -schon über Bord geschlagen sind, an einem andern hohen -Gegenstand ... und dann geben sie vom Wrack wieder -ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau -an dem Läufer befestigen, das ziehen sie dann vom -Strand 'rauf aufs Schiff ...«</p> - -<p>»Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?«</p> - -<p>Nun ging doch ein schnelles, breites Lächeln über -das Gericht der jungen Fischerfrau.</p> - -<p>»Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!« schüttelte sie den -Kopf und fuhr, sich verbessernd fort: »Daran wird man -bloß die Hosenboje nach den Gestrandeten hinübergeschickt, -da setzt sich die Mannschaft nacheinander ein und wird -übergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schießen losgehen -... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!«</p> - -<p>Eine immer größere Aufregung hatte Gabriele erfaßt. -Die wundersame schaurige Poesie dieser nächtlichen -Rettung wirkte wie berauschend aus ihr so leicht empfängliches -Gemüt!</p> - -<p>All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende -Gefahr, die Angst und Sorge um eigenes und -fremdes Leben, die unbeschreiblich großartige Schönheit -der wild entfesselten Elemente übten einen nie geahnten -Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in -tiefem Schlaf gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, -welche es erwecken soll zu einem neuen, köstlichen Leben, -zu der jauchzenden Erkenntnis alles dessen, was ihre -Seele voll schwärmerischer Begeisterung seit jeher erhofft -und ersehnt. Und voll ungestümer Leidenschaft -wandte sie sich und kämpfte sich durch den Sturm näher -und näher zu Guntram Krafft heran, bis sie beinahe an -seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz schauen — seine -Worte hören — jede seiner kraftvollen Bewegungen beobachten -konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_345">[S. 345]</a></span></p> - -<p>Ihr Auge glänzte wie im Fieber — ihre Lippen lächelten -wie im Traum.</p> - -<p>Die Stimmen der Männer hallten wirr und zumeist -unverstanden zu ihr her, — mit gewaltigem Krach -entlud sich das Rettungsgeschoß, — die Rakete zischte -wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung -nach dem gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel -der Nacht.</p> - -<p>Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, -das die Leine getroffen habe.</p> - -<p>Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den -adlerscharfen Blick seeein gerichtet, als könne und müsse -sein Blick die gähnende Finsternis durchdringen.</p> - -<p>Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm -heult über sie hinweg, und die See donnert und braust -immer gewaltiger gegen den Strand.</p> - -<p>Krischan Klaaden schüttelt den Kopf.</p> - -<p>»Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de -Brandungen gahn all öwer dat Schipp weg!«</p> - -<p>»Denn man tau! — wi möten klor maken!« Der Bär -von Hohen-Esp wandte sich in hoher Erregung zu seinen -Lotsen.</p> - -<p>»Vorwärts, Kinder! — es ist keine Minute mehr zu -verlieren, — wir müssen hinaus!«</p> - -<p>Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft -sich an den Hals ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang -mit den Armen. »Nee! — nee!« schluchzt -sie auf — »an dissen Dage nich!!« —</p> - -<p>Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, -er wendet hastig das Haupt, ein Schein tiefer Wehmut -geht über sein schönes Antlitz.</p> - -<p>»Bliev torück, Jöschen!« — flüstert er, »dat geiht ok -ahn di'!« —</p> - -<p>Der junge Fischer richtet sich jäh auf, küßt sein bräutliches -Weib noch einmal hastig auf die blassen Lippen -und faßt sie derb an den Schultern. »Denk' doran, was -de Pastur hüt seggt hätt'!« ruft er, springt hastig seinem - <span class="pagenum"><a id="Page_346">[S. 346]</a></span> -jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges -Lachen.</p> - -<p>»Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!«</p> - -<p>Gabriele hat keinen Blick für die schluchzende Mike, -sie folgt atemlos nach dem Boot, sie preßt die bebenden -Hände gegen das Herz, sie starrt mit weitoffenen Augen -auf Guntram Krafft.</p> - -<p>Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger -die Düne hinabeilen, wie die Gräfin die gefalteten Hände -zum Himmel hebt, wie ihr farbloses Antlitz die Qualen -spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick -durchbeben, — sie sieht nur, wie der Bär von Hohen-Esp -in das Boot springt, wie er ein paar kurze, begeisternde -Worte an seine Getreuen richtet, sie zu vollster, heiligster -Pflichterfüllung ermahnt, und sie der starken Hilfe dessen -versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! — Und -dann entblößen sie alle das Haupt —</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Chryste Kyrie<br /></span> -<span class="i0">Sei mit uns auf der See!« —<br /></span> -</div></div> - -<p>»Amen! — Amen!« klingt die Stimme des Predigers -durch den Sturm, — und dann ein frisches, kraftvolles -— »Hohojohe! — Rennen los!!« — —</p> - -<p>Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt.</p> - -<p>Sein Blick sucht Gabriele.</p> - -<p>Er hebt die Hand — er winkt ihr zu ... und dann -steigt das Boot hoch auf, — weiße Gischtwogen scheinen -es zu verschlingen ... es sinkt tief ... tief ... hebt -sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz und -grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... gähnende -Finsternis ... und der Sturm heult, und die -Brandung kocht wild auf ...</p> - -<p>»Laßt uns beten, meine Freunde!« ruft der Pastor, -er entblößt sein Haupt ... die weißen Haare wehen um -seine Stirn, — um ihn her sinken die Weiber und Kinder -auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt -durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch -Gabriele will niedersinken und die bebenden Hände zum -Himmel heben — sie kann es nicht. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_347">[S. 347]</a></span></p> - -<p>Sie muß stehen ... hochaufgerichtet ... sie muß hinausstarren -auf das Meer, als könne sie dem kleinen Boot -mit den Blicken folgen. Der Mond tritt hell aus den -Wolken — mit Jubel und Dank gegen Gott begrüßt. —</p> - -<p>Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete -Schiff ...</p> - -<p>Gabriele atmet fast keuchend.</p> - -<p>Ihre ganze Gestalt bebt und schüttert wie unter heißen -Fieberschauern.</p> - -<p>Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder?</p> - -<p>Gabriele möchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, -möchte wie berauscht von leidenschaftlicher Glückseligkeit -in den Sturm hinausjubeln — möchte vergehen -in der namenlosen Wonne und Begeisterung, welche -ihre ganze Seele erfüllt und in blendende Helle taucht. -Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche -sie schaut?</p> - -<p>Ist jener heldenhafte, tollkühne Mann in jenem gebrechlichen -Fahrzeug wirklich der Bär von Hohen-Esp, -derselbe, welcher einst so linkisch und mädchenhaft errötend -auf höfischem Parkett gestanden? —</p> - -<p>Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich -Guntram Krafft?</p> - -<p>O, wie gräbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, -wie mit feurigen Linien gezeichnet, so unauslöschlich -in Gabrieles Herz!</p> - -<p>Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden -Erkenntnis hat es schon all die Tage vorher in -ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich gewehrt gegen -diesen Gedanken, wie gegen eine Unmöglichkeit!</p> - -<p>Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie -in nimmer endendem Tanz heiß und heißer an die Brust -gedrückt, da ging es wie ein Morgendämmern der Liebe -durch ihre Seele, da war es ihr, als müsse sie das Antlitz -auf seine starken, kraftvollen Hände drücken und sagen: -»ich weiß, was sie Gutes tun und Edles schaffen — und -ich bitte dir all das schwere Unrecht ab, du wackerer -Mann, welches ich dir ehemals so verblendet zugefügt!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_348">[S. 348]</a></span></p> - -<p>Und in jener Stunde hatte sie nur seine Größe geahnt -und noch nicht mit Augen geschaut, wie jetzt!</p> - -<p>Flammende Begeisterung durchglüht sie! Der Traum -von edlem Heldentum, von sieghaftem Mannesmut ist -zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf Tod -und Leben!</p> - -<p>Welch ein trotzigkühner Kampf gegen die furchtbarsten -Gegner, gegen Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig -wie die anstürmenden Heere des Feindes, verderblich -wie die brüllenden Geschütze auf dem Schlachtfeld, -welche Tod und Verderben speien! — Auch hier -grinst der Tod aus jeder Woge, auch hier lauert Untergang -und Vernichtung in der Tiefe, hier tost der Feind -auch in den Lüften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft -gegen ein paar armselige Menschenfäuste ein! —</p> - -<p>Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, -wenn sie hinaus in die Nacht, auf die finsteren, -tosenden Wasser blickt!</p> - -<p>Drüben liegt das Schiff!</p> - -<p>Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darüber hin. —</p> - -<p>Man sieht, wie schwere Seen über sein Deck schlagen, -wie es immer tiefer auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot -sich gegen die furchtbare Strömung näher und -näher herankämpft.</p> - -<p>Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden -und zerschellen?</p> - -<p>Wird es durch das Zurückprallen der See vollschlagen -und kentern?</p> - -<p>Gabriele hört wie im Traum die Worte der Umstehenden.</p> - -<p>»Man jo nich' von de Luvsit' angehn!« jammerte eine -Alte. »Dat Schipp sitt' jo fest un' die See brandet öwer -weg!«</p> - -<p>»Äwerst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo -Bischeid!«</p> - -<p>»Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stücke von der -Takelung treiben!« nickt die Mamsell und trocknet die - <span class="pagenum"><a id="Page_349">[S. 349]</a></span> -Augen; »ich denke, der Graf nimmt die Schiffbrüchigen -wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!«</p> - -<p>»Wenn sie nur erst rankommen!«</p> - -<p>Der Mond versteckt sich wieder, — eine bange, lange -Stille, — leis gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen.</p> - -<p>Gräfin Gundula ist nach dem Schuppen zurückgegangen.</p> - -<p>Sie hat dort einen Spiritusapparat entzündet, um -starken, heißen Tee für die Heimkehrenden bereitzuhalten.</p> - -<p>Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglückten -die erste Hilfe angedeihen lassen muß.</p> - -<p>Wie oft hat sie schon diese Frottiertücher, die Bürsten -und belebenden Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit -demselben angstbebenden Herzen, aber auch jedesmal -mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht -wie heute.</p> - -<p>Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr -Sohn, ihr Liebling, ihr einziges Glück auf der Welt, -wird auch heute von Gottes Vaterhand heimgeleitet -werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, -wo sie ihn dahingeben mußte als einen Schirmherrn -der Not, als einen treuen, opfermutigen Mann, welcher -für fremdes Leben sein eigenes wagt!</p> - -<p>Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber -durchkreuzen, nachdem er sie so herrlich und unfaßlich -bis hierher geführt? O, Gräfin Gundula hat in den -letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, -und sie hat Gabrieles erglühende Wangen geschaut, -sie weiß, welch ein Kampf in diesen beiden jungen -Menschenherzen tobt, und weiß, wie herrlich der Sieg -sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen -vorauswirft.</p> - -<p>Wie ein Wunder deucht es ihr, daß sie Gabriele, -just diese, zu sich in die stille Strandburg rief, wie ein -Wunder, daß das so reiche, gefeierte Mädchen eine arme -Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend -werden sollten!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_350">[S. 350]</a></span></p> - -<p>Wie ein Wunder muß sie es ansehen, daß die Einzige, -für welche Guntram Kraffts Herz in heißer Liebe -erglühte, ihm hierher folgen mußte, nachdem er den -Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben.</p> - -<p>Warum das? —</p> - -<p>Gräfin Gundula weiß es nicht und fragt auch nicht -danach.</p> - -<p>Sie wartet, und sie ist gewiß, daß das, was Gott -der Herr so wundersam begonnen, auch von ihm zu gutem -Ende geführt wird!</p> - -<p>Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen -ertönt wie ein verworrenes Echo von dem Strand empor.</p> - -<p>Das Rettungsboot kehrt zurück!</p> - -<p>Die Bärin von Hohen-Esp hebt inbrünstig die gefalteten -Hände zum Himmel, ihre Lippen zittern und -flüstern leise, ihre Augen glänzen feucht.</p> - -<p>Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet -sie abermals über den losen, wehenden Sand hinab, -den Sohn zu erwarten.</p> - -<p>Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern -flattern im Sturm, wie verklärt leuchtet das bleiche -Angesicht in dem Flackerschein der hochgeschwungenen -Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich durch die -letzte Brandung kämpft, sie hört die aufgeregten Menschen -lachen und jauchzen — »sie bringen die Schiffbrüchigen! -— sie sind gerettet!« — dann sucht ihr Blick -Gabriele.</p> - -<p>Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie -vorhin, die Hände wie in Verzückung nach dem Boot -ausgestreckt, das schöne Antlitz in Gluten der Begeisterung -getaucht.</p> - -<p>Ach, daß Guntram Krafft sie so erblicken möchte! Alles -drängt den Nahenden entgegen, die Männer springen -in das schäumende Wasser, das Fahrzeug mit hilfsbereiten -Händen zu fassen, um es auf den Strand zu ziehen, aber -die Stimme des Grafen klingt kräftig durch Wind und -Wogengebraus — »Halt! — laßt ab! Wir müssen noch - <span class="pagenum"><a id="Page_351">[S. 351]</a></span> -einmal zurück! — Landet die Mannschaft ... es sind -Norweger! — Versorgt sie!«</p> - -<p>Noch einmal zurück?</p> - -<p>Der Jubel verstummt — jähes Entsetzen malt sich auf -allen Gesichtern.</p> - -<p>Gott erbarm sich! noch einmal zurück! Noch sind nicht -alle Gestrandeten geborgen!</p> - -<p>Die fremden Seeleute springen über, bleich und ermattet, -aber alle gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen, -welcher bewußtlos scheint, hebt Guntram Krafft -mit starken Armen und trägt ihn selber an Land. —</p> - -<p>»Es ist nichts, Mutter!« ruft er leuchtenden Auges, -»als er über die Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen, -— das betäubte ihn! den Kopf kühlen ... und einen -Kognak! — Sonst <em class="antiqua">allright</em>!«</p> - -<p>Gundula schlingt die Arme um den Sohn und drückt -ihn sekundenlang an das Herz.</p> - -<p>»Noch einmal zurück willst du?« seufzt sie tief auf —; -»<em class="gesperrt">muß</em> es sein, mein Sohn?«</p> - -<p>Er küßt hastig ihre Hände.</p> - -<p>»Ja, es <em class="gesperrt">muß</em> sein, Mutter! Drei Männer warten -noch auf unsere Hilfe, unter ihnen der Kapitän. Das -Schiff hat bereits an sieben Fuß Wasser im Raum! -Das Ruder ist weggestoßen, und der Fockmast schwankt -derart, daß er jeden Augenblick über Bord gehen kann! -Das einzige Boot, welches noch vorhanden war, ist völlig -leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu verlieren, -— gebe Gott, daß wir nicht schon zu spät kommen! Nur -einen Schluck zur Stärkung für meine Leute, und dann -wird uns der barmherzige Gott auch zum zweiten Male -helfen!« —</p> - -<p>Der Pastor hat die Hände des Sprechers ergriffen -und drückt sie mit warmen Segensworten, die Frauen -reichen den Schiffbrüchigen und Lotsen die Becher mit -dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen -ihre Männer, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen -und klagen nicht, sie erschweren ihnen ihre saure Pflicht - <span class="pagenum"><a id="Page_352">[S. 352]</a></span> -nicht noch mehr, — auch sie sind stark und heldenhaft, -— wie sich's gebührt.</p> - -<p>Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren -Neuvermählten und blickt ihm wieder und wieder in die -Augen, bis Jöschen die Zähne zusammenbeißt, sich losreißt -und nach dem Boote zurückwatet.</p> - -<p>Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal -drückt er seiner Mutter die Hände — dann trifft -sein Blick Gabriele. Sie hat bisher stumm zur Seite -gestanden, jetzt plötzlich ist es, als ob ein Beben und -Schüttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht -— sie <em class="gesperrt">muß</em> ihm entgegenwanken, ihm die Hände reichen -— zu ihm aufblicken ...</p> - -<p>Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck -in dem wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen, -— er starrt sie an ...</p> - -<p>So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an, -als sie den kühnen Reiter um seiner Heldentaten willen -bewunderte!</p> - -<p>»Gabriele!« — murmelte er. — —</p> - -<p>Ihre Lippen zittern, — sie drückt seine Hände fester, -krampfhafter zwischen den ihren.</p> - -<p>»Sie sind jetzt erschöpft, Graf — Sie <em class="gesperrt">können</em>, -Sie dürfen das Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!«</p> - -<p>Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Heiße -Röte steigt in sein Antlitz, dieselbe, welche ehemals -im Ballsaal seine Stirn färbte und ihr so weibisch und -verächtlich deuchte, — jetzt sieht sein edles, kühnes Angesicht -noch schöner darunter aus wie zuvor.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, was ich kann und tun darf, ich weiß -nur, was ich <em class="gesperrt">muß</em>!« klingt es wie ein Aufjauchzen von -seinen Lippen, — sein strahlender Blick trifft noch einmal -den ihren, dann gibt er ihre bebenden Hände jählings -frei und springt in das Boot zurück.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Chryste Kyrie —<br /></span> -<span class="i0">Sei bei uns auf der See!«<br /></span> -</div></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_353">[S. 353]</a></span></p> - -<p>Und abermals bäumt sich das Boot hoch auf und -schießt hinaus in die grauenvolle, schäumende Wildnis -der Wasser ... in die gähnende Finsternis hinein. —</p> - -<p>Die Gräfin legt die Arme um Gabriele und neigt -sekundenlang das Antlitz auf die Schulter des jungen -Mädchens.</p> - -<p>»Beten Sie für ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite -Fahrt ist schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!«</p> - -<p>Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp -energisch auf und folgt festen Schritts den Männern, -welche den bewußtlosen Schiffsjungen nach dem Rettungsschuppen -tragen.</p> - -<p>Nun gilt es auch für sie, treu und umsichtig ihres -Amtes zu walten.</p> - -<p>Sie muß dem Kranken die erste Pflege angedeihen -lassen, für seine Überführung nach Hohen-Esp sorgen -und das Unterkommen der gestrandeten Mannschaft bedenken.</p> - -<p>Noch einmal zögert sie und blickt zurück, sie will -Gabriele zu Hilfe an ihre Seite rufen, da sieht sie im -dämmernden Mondlicht, wie die schlanke, weiße Mädchengestalt -auf die Knie herniederbricht, wie sie die Hände -in heißem, inbrünstigem Gebet verschlingt.</p> - -<p>Ein seliges Lächeln geht über ihr ernstes Antlitz. -Nein, sie darf nicht rufen.</p> - -<p>Dieser lichte Engel muß am Strande treue Wacht -halten!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, — die Männer -bergen die Rettungsgeschosse, welche überflüssig geworden -sind, die Weiber und Kinder üben Samariterdienste an -den Schiffbrüchigen.</p> - -<p>Boten müssen nach der Burg gesandt werden, das -Ingesinde hat Frau Gundula heimgeschickt, alles für -die Ankunft des Kranken und der Mannschaft, welche in -der »blauen Woge« kein Unterkommen mehr findet, vorzubereiten. -Nun beginnt das Hasten und Treiben nach - <span class="pagenum"><a id="Page_354">[S. 354]</a></span> -Dorf und Burg zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten -stehen wie dunkle Schatten am Strand bereit, die -Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu künden.</p> - -<p>Still und einsam ist es um Gabriele.</p> - -<p>Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer -zuvor bemächtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher -empfunden, war eine glühende Begeisterung gewesen, -das namenlose Entzücken, endlich das Bild ihrer Träume -verkörpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen, -welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schwärmerischen -Sehnens geworden war! —</p> - -<p>Mit stürmendem Herzen hatte sie gestanden und das -herrliche Bild Guntram Kraffts mit den Blicken umfaßt, -als könne sie sich nicht satt schauen an einem solchen -Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den -höchsten Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im -Fieber, und nur <em class="gesperrt">ein</em> Gefühl hatte sie beherrscht, die -unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts, dessen -Größe sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte!</p> - -<p>Er war zurückgekehrt von seiner verwegenen Fahrt, -und ihr war es zu Sinnen gewesen, als müsse sie vor -ihm niederknien, seine Hände an die Lippen drücken und -stammeln: »Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib -einer Blinden, daß sie dich ehemals so bitter und so ungerecht -gekränkt! — Jetzt erst sind meine Augen geöffnet, -und ich habe gesehen, <em class="gesperrt">wer</em> du bist!« —</p> - -<p>Jetzt erst? —</p> - -<p>Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden, -als ob nach langer, dunkler Winternacht der goldene -Lenz erwachen solle!</p> - -<p>Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der kühne, -sieghafte Held, als er sich stolz von ihr losriß und nichts -Höheres und Heiligeres kannte, als seine Pflicht, — -da fluteten die ersten, heißen Sonnenstrahlen durch ihr -Herz, — da jauchzte es nicht mehr — »fahr' hinaus, und -sei ein Held, auf daß ich dich bewundern kann!« — -nein, da schrie es auf in zitternder Angst —: »bleibe -hier, damit ich dich <em class="gesperrt">liebe</em>!« —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_355">[S. 355]</a></span></p> - -<p>Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung, -mit welcher sie ihn das erstemal das Wagnis vollbringen -sah, — da konnte sie nicht beten für ihn, sondern -nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit blitzenden -Augen und wogender Brust!</p> - -<p>Jetzt plötzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, -zitternde Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die -bleichen Lippen möchten aufschreien in bitterer Not um -den Geliebten.</p> - -<p>Wie ein Gespenst taucht plötzlich das Bildnis Wulffhardts -vor ihr auf ... das entsetzliche Wort »ertrunken!« -starrt sie mit grellen Buchstaben aus der schwarzwogenden -See an — »ertrunken! — ertrunken ...!« —</p> - -<p>Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hände, sie bricht -nieder auf die Knie ... der Sturm weht über sie dahin -und reißt das Spitzentuch von ihrem lockigen Haar.</p> - -<p>Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand -gegen ihr Antlitz und trinkt gierig die Tränen, welche -haltlos über ihre Wangen tauen.</p> - -<p>Wie aus dem geöffneten Rachen eines Ungeheuers -brüllte die See, — die ehemals bespöttelte, so verächtlich -belächelte See, und Gabriele fühlt, wie das -Grauen sie schüttelt angesichts dieser zürnenden, furchtbar -Gewaltigen! —</p> - -<p>Ertrunken! —</p> - -<p>Herr des Himmels, erbarme dich! —</p> - -<p>Die Worte des Predigers klingen ihr plötzlich im -Herzen, hell und zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, -welches alle Totenglocken übertönt! — »Das Gebet -seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster -Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das -Segel, welches in Sturm und Wetter nicht verloren geht! -Das Gebet der gläubigen Liebe ist die Engelsschwinge, -welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut sicher -in den Heimatshafen zurückführt.«</p> - -<p>Das Gebet der gläubigen Liebe! —</p> - -<p>Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von -Hohen-Esp, sie hat nicht das Recht wie Mike, die junge, - <span class="pagenum"><a id="Page_356">[S. 356]</a></span> -bräutliche Frau, den Geliebten mit Engelsschwingen sorgender -Fürbitte zu umgeben, — aber Liebe! gläubige -Liebe! Ja, die flammt ihr heiß und todgetreu im Herzen, -eine Liebe, welche die Angst und Qual dieser finsteren -Nachtstunde geboren! —</p> - -<p>Wo bleibt er? —</p> - -<p>Die Minuten schleichen dahin, — wie lang, wie entsetzlich -lang währt diesmal die Fahrt!</p> - -<p>Dort drüben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche -Nacht umgibt es! —</p> - -<p>Werden es die kühnen Retter sehen und finden? Wird -die tosende Flut ihr Boot gegen die Schiffswand schleudern, -daß es zerschellt ... daß alles junge Leben — -alle süße, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf -dem Meeresgrunde finde?</p> - -<p>Herrgott, erbarme dich! —</p> - -<p>Immer inbrünstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele -die Hände im Gebet — und durch den Sturm -klingt es wie goldene Harfen, und fernher vom Strand -gellt ein Jubelschrei: »Sie kommen! — sie kommen!« —</p> - -<p class="pmb3">Ein Lächeln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen -haften an dem Himmel, sie regt sich nicht.</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_357">[S. 357]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XXVII">XXVII.</h2> -</div> - - -<p>Voll jubelnder Hast stürmte es abermals die Düne -von dem Rettungsschuppen herab.</p> - -<p>Neue Fackeln glühten auf, und der Sturm griff in -die knisternden Flammen hinein und jagte die funkensprühenden -Stückchen des Teerbrandes über den Sand -davon.</p> - -<p>Allen voran drängte Mike nach dem Strand. Sie -strebte dem nahenden Boot so ungestüm entgegen, daß -die Spritzer der Brandung helle Tropfen in ihren Brautkranz -warfen und die Frauen und Mädchen sie lachend -und so lebhaft, wie während der ganzen Hochzeitsfeier -nicht, zurückrissen und den guten Feststaat vor weiterem -Verderben retteten.</p> - -<p>Das Einlaufen des Bootes an Land erwies sich diesmal -noch schwieriger als zuvor, da die Brandung von -Minute zu Minute furchtbarer ward und das nicht allzu -schwere Fahrzeug jeden Augenblick beizudrehen drohte.</p> - -<p>Jede Welle, welche es überholte, warf den Heck empor -und drückte den Bug nieder, und der erst so ungestüme -Jubel der Harrenden verwandelte sich wieder in angstvolle -Stille, als man den schweren Kampf beobachtete, in -welchem die kühnen Retter rangen.</p> - -<p>Das Sturmgewölk war beinahe völlig hinweggefegt, -der Mond stand an dem bleifarbenen Himmel und beleuchtete -hell den letzten Akt des aufregenden Schauspiels, -welches sich in stiller Nacht an dem einsamen, -weltfernen Strande abspielte.</p> - -<p>Die Brandung rollte unter dem Kiel des Bootes -fort, die Kämme der See hüllten es in wahre Schaumwolken, -und das ganze Fahrzeug mit den kühn verwegenen -Gestalten der so überaus angestrengt arbeitenden - <span class="pagenum"><a id="Page_358">[S. 358]</a></span> -Männer erschien wie ein Schattenbild, welches -sich in wildem Tanze nähert.</p> - -<p>Und es kam näher und näher, und endlich konnten -die zurückgebliebenen Fischer ihm mit rauhkehligem »Hojohe!« -entgegenspringen, es kraftvoll zu packen und an -Land zu schieben.</p> - -<p>Im letzten Augenblick erst hatte sich Guntram Krafft -von seinem Sitz erhoben, sein edles, leidenschaftlich erregtes -Antlitz spiegelte noch die Anstrengungen, mit -welchen man in dieser schweren Stunde gerungen, aber -seine Lippen lachten, daß die festen, weißen Zähne durch -den Schnurrbart blinkten, und die großen Blauaugen -blitzten so siegesfreudig und glückselig, wie bei einem -Menschen, für welchen die gute Tat schon allein ihren -vollen Lohn in sich trägt! —</p> - -<p>Wie schön war er! wie unbeschreiblich schön! — -Gabriele ist Schritt für Schritt herzugewankt, mit glückzitterndem -Herzen und brennendem Blick schaut sie ihm -entgegen, und dann schlägt dieses Herz plötzlich so wild -auf, daß sie vor seinem Ungestüm selber erschrickt und -angstvoll zurückweicht, weiter und weiter ... dahin, wo -die roten Lichter der Fackeln sie nicht mehr erreichen, -wo keines Menschen Blick erspähen kann, welche Gefühle -sich in ihrem Auge verraten! —</p> - -<p>Voll toller, ausgelassener Freude springt Jöschen als -erster über den Bootsrand, watet die letzten Schritte -durch das weit ausrollende Wasser und umfängt sein -junges Weib, um all das Glück dieses Wiedersehens in -schallenden Küssen auszudrücken.</p> - -<p>»Nu hev' ik mir min leif lüttj Fru erst ganz un -gor verdeint!« lacht er mit weithin tönender Stimme: -»Mike min Küking, bist ok tofreeden mit mi?« —</p> - -<p>Da gibt's einen hallenden Jubel ringsum, und der -sturmzerzauste Brautkranz fliegt vollends auf die blonden -Zöpfe zurück, und Mike sieht wieder so glühend rot aus -wie zuvor, als noch kein bös Wetter ihr das Glück -streitig machte!</p> - -<p>Der Bär von Hohen-Esp eilt in die ausgebreiteten - <span class="pagenum"><a id="Page_359">[S. 359]</a></span> -Arme seiner Mutter und küßt ihr strahlend stolzes Gesicht -voll inniger Zärtlichkeit, dann wendet er sich und -führt den barhäuptigen, bis auf die Haut durchnäßten -Kapitän des »Bror Thyrssen«, welcher mit Pitchpine -Holz nach Pillau unterwegs ist, der Gräfin zu und -empfiehlt ihn deren Gastfreundschaft und Sorge.</p> - -<p>Kapitän Björnson spricht deutsch, er dankt der Gräfin -mit warmen, aus dem Herzen quellenden Worten für -die edle, opfermutige Tat ihres Sohnes, welcher just zur -rechten Zeit gekommen, sie alle aus sehr übler Lage -zu befreien. Der »Bror Thyrssen« hält zwar noch zusammen, -aber er liegt schwer auf der Seite, und die See -schlägt hoch über Deck und wäscht alles herunter, — — -da handelt es sich wohl kaum noch um eine Stunde, daß -sich eine Menschenseele an Bord halten kann. —</p> - -<p>Dann fragt er nach dem Schiffsjungen und seinem -Ergehen, und Gundula kann gute Nachricht geben, sie -schreitet dem Kapitän nach dem Rettungsschuppen voran, -bleibt aber noch einmal stehen und wendet sich zu dem -Grafen. Sie hat gesehen, wie sein Blick umherirrt und -unruhig unter den Anwesenden forscht — sie weiß, wen -er sucht.</p> - -<p>Lächelnd deutet sie seitlich nach dem Strand, wo ein -weißes Kleid aus dem Dunkel schimmert.</p> - -<p>»Willst du so gut sein, Guntram Krafft, und Gabriele -nach dem Wagen führen? Der Kutscher hält am Tannenweg! -Das arme Kind scheint von all der ungewohnten -Aufregung todesmatt! Sage ihr, daß ich sie bitten lasse, -mit dem Herrn Kapitän und Steuermann einstweilen nach -der Burg zu fahren und den Wagen sogleich zurückzuschicken, -wir folgen augenblicklich mit dem Kranken, -sowie er sich noch ein wenig mehr erholt hat! — Mamsell -weiß Bescheid und hat alles vorbereitet. Begleitest du -uns, oder bringst du, gewohnterweise, erst das Boot -und alles andere unter Dach und Fach?«</p> - -<p>»Fürerst bin ich hier noch nicht abkömmlich, Mama!« -antwortete er sehr schnell und lacht abermals über das -ganze Gesicht; »ich hab' Jöschen heimgejagt und muß - <span class="pagenum"><a id="Page_360">[S. 360]</a></span> -seine Faust noch beim Bergen der Sachen ersetzen. Aber -Fräulein von Sprendlingen werde ich deine Bestellung -ausrichten!« und schon stampfte er auf den schweren -Wasserstiefeln davon, und das zerzauste Blondhaar hängt -ihm wirr und feucht in die Stirn.</p> - -<p>Da sieht er ihre schlanke, lichte Gestalt im Mondesglanz -vor sich, und sein Herz, welches soeben noch ruhig -und furchtlos dem Tode getrotzt, bebt plötzlich in seiner -Brust.</p> - -<p>Langsam tritt er näher.</p> - -<p>Er denkt an den Blick, mit welchem sie ihm vorhin -in die Augen geschaut, an den Ausdruck ihres süßen -Gesichts, welches während seiner Todesfahrt durch Sturm -und brandende Flut wie eine glückselige Vision ihn begleitete. -Der weiße Spitzenschleier weht lang von dem -Haupt herab, — der Sturm faßt ihn und wirbelt ihn -dem Nahenden wie ungestümen Gruß entgegen.</p> - -<p>Da steht er vor ihr, und sie hat die gefalteten Hände -gegen die Brust gedrückt und sieht mit unaussprechlichem -Blick zu ihm auf.</p> - -<p>Was soll er bestellen?</p> - -<p>Er weiß es nicht, — alles Blut braust ihm schwindelnd -zum Herzen, er weiß selber nicht, was er tut, -er reicht ihr nur im Übermaß seines Empfindens die -Hand entgegen und sagt leise, wie in banger, sehnender -Bitte um ein freundliches Wort — »Gabriele!« —</p> - -<p>Da geschieht etwas Unfaßliches, Unbegreifliches. Sie -nimmt seine Hand mit jäher Bewegung zwischen die -ihren, neigt ihr Antlitz und drückt sie an die weichen, -zitternden Lippen. Wieder und wieder ... und an ihren -Wimpern glänzt es feucht und perlt herab über seine -Rechte.</p> - -<p>»Gabriele!« schreit er entsetzt auf. — »Um alles in -der Welt, was tun Sie?«</p> - -<p>Sie hebt das erst so demütig geneigte Köpfchen und -reckt ihre schlanke Gestalt hoch und stolz empor und -schaut ihn an mit den süßen Nixenaugen, aus welchen -jubelnde Begeisterung und Bewunderung leuchten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_361">[S. 361]</a></span></p> - -<p>»Ich grüße einen Helden!« stößt sie mit halb erstickter -Stimme hervor, »und danke ihm für all jene -Menschenleben dort, welche diese kühne, gewaltige Hand -gerettet!«</p> - -<p>Er hat seine Rechte gewaltsam befreit und preßt sie -gegen die Stirn, als könne er den Sinn ihrer Worte -gar nicht fassen.</p> - -<p>»Einen Helden!« wiederholt er leise; — »und das -sagen <em class="gesperrt">Sie</em> mir, Gabriele — <em class="gesperrt">Sie</em>?!« —</p> - -<p>»Wem anders wie Ihnen, Graf! — Sie haben mich -gelehrt, was es bedeuten will, ein Schirmvogt der Not -zu sein, Sie haben es mir bewiesen, daß auch hier in -tiefster, weltferner Einsamkeit ein kühner, unerschrockener -Mann leuchtende Taten zu Ruhm und Ehre seines Vaterlandes -tut! Sie haben es jenen Norwegern gezeigt, wie -ein deutscher Mann im Sinne seines Kaisers handelt, — -und ... Sie haben mich erkennen lassen, wieviel ... ach, -wieviel ich Ihnen abzubitten habe!« —</p> - -<p>Sie hatte hastig, aufgeregt, voll fieberischer Leidenschaft -gesprochen; bei den letzten Worten sank ihre Stimme -zu leisem Flüstern herab, und ehe sich Guntram Krafft -aus seiner Betäubung aufraffen konnte, hatte sich die -Sprecherin bereits dem eilig herzulaufenden Anton zugewandt.</p> - -<p>»Gnädiges Fräulein ... der fremde Herr Kapitän sitzt -bereits in dem Wagen!« meldete er atemlos. »Darf ich -bitten, sogleich einzusteigen, die Frau Gräfin erwartet -die Pferde umgehend zurück.«</p> - -<p>»Ich komme!« nickte Gabriele hastig, der Bär von -Hohen-Esp aber schrak empor wie aus einem Traum.</p> - -<p>»Krischan Klaaden läßt den Herrn Grafen bitten, bei -dem Boot mit Hand anzulegen! Sie quälen sich ab und -wollen es auf den Wagen kriegen, aber ohne den Herrn -Grafen wird's nichts damit! Und Krischan Klaaden meint, -geborgen müsse es auf alle Fälle werden, denn die Flut -steigt immer noch, und man könne nicht wissen, wie hoch -sie in der Nacht noch käme!«</p> - -<p>»Gut, gut, ich komme!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_362">[S. 362]</a></span></p> - -<p>Einen Augenblick noch rang er mit sich, ob er Gabriele -nicht folgen und in den Wagen bringen solle, aber -schon entschwand ihre lichte Gestalt wie ein Schemen, sie -floh dahin über das knisternde Riedgras und mußte den -Wagen bald erreicht haben. Wie war es auch möglich, -mit diesem Sturm im Herzen ihr vor fremden Menschen -gleichgültige Dinge zu sagen.</p> - -<p>Guntram Krafft preßt die wetterharten Fäuste gegen -die Schläfen, und seine Brust hebt und senkt sich unter -keuchenden Atemzügen.</p> - -<p>Wie ein Chaos von Licht und Schatten wallt es durch -das finstere Gewölk der langen Leidensnacht in seinem -Herzen, funkelnde Strahlengarben brechen hervor, und -eine grelle, blendende, zauberhafte Sonne des Glücks -steigt sieghaft über seinem Leben auf!</p> - -<p>Gabriele hatte das Antlitz weinend auf seine Hand -geneigt, — sie selber hatte ihn einen tapferen, heldenhaften -Mann genannt, — ihn, der doch nichts anderes -getan, als wie seine Pflicht!</p> - -<p>Das war ein Wunder, ein Gnadenwunder Gottes -des Herrn, welches ihm so jäh und wonnesam das Herz -der Geliebten zugewandt! —</p> - -<p>Wie ein Jubelschrei will es über Guntram Kraffts -Lippen brechen, aber er schweigt, er blickt nur mit glänzenden -Augen zum Himmel empor.</p> - -<p>Und dann preßt er die Hand gegen die Brust, auf -welcher noch immer der Zettel Gabrieles ruht, und atmet -tief, tief auf.</p> - -<p>Seine Zeit ist um.</p> - -<p>Ein wüster, grausamer Schicksalssturm hat ihn ehemals -auf seinen Lebensweg geweht, daß er sich zur -himmelhohen Scheidewand zwischen ihn und all sein -Glück baue, — und nun kam ein anderer, frischer, köstlicher -Seesturm dahergebraust, der blies die trennende -Schranke hinweg, der räumte alles aus dem Weg, was als -Dorn und Nessel die roten Rosen seiner Liebe überwuchern -wollte! —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_363">[S. 363]</a></span></p> - -<p>Gabriele von Sprendlingen will Herz und Hand nur -einem Helden zu eigen geben, und sie selber hat den -Bären von Hohen-Esp einen Helden genannt! —</p> - -<p>Drunten am Strand winken die Männer, ungeduldig -harrend, mit den Fackeln, und Guntram Krafft schwenkt -ihnen mit jauchzendem »Hojohe!« den Südwester zu und -eilt heran, ihnen zu helfen, als flute neues Leben und -neue Riesenkraft durch seine Adern! —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bemühte sie -sich, der Gräfin in jeder Weise hilfreich zur Seite zu -stehen; Gundula aber tat nur einen schnellen Blick in -ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Blässe wechselten, -auf die kleinen, eiskalten Hände, welche es kaum -vermochten, mit festem Griff zuzufassen, und sie schloß -das junge Mädchen mit gar wundersamem Lächeln in -die Arme und neigte die Lippen küssend auf den lockigen -Scheitel.</p> - -<p>»Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, — ich wünsche -es! — Sie sind von all der Aufregung nervös und -ermattet und müssen schlafen, damit Sie morgen wieder -bei frischen Kräften sind! Ich kenne diese Sturmnächte -und lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu -wahren! — Was wollen Sie noch hier? Der Kranke -ist gebettet und schläft bereits den köstlichen festen Schlaf -der Jugend, — den gebrochenen Arm habe ich ihm schon -in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, — -auch darin habe ich Übung! und der Schlag gegen den -Kopf scheint durchaus nicht bedenklich, denn der Junge -sprach nach seiner kurzen Betäubung völlig klar mit -seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen, -und, so Gott will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der -Kapitän und Steuermann haben ihre nassen Kleider gewechselt -und sich mit Guntram Kraffts längst verwachsener -Garderobe sehr spaßhaft kostümiert, sie sitzen bei einem -steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn -warten, um noch so mancherlei mit ihm zu besprechen, -ehe sie sich zur Ruhe legen, — ich glaube nicht, daß ihnen - <span class="pagenum"><a id="Page_364">[S. 364]</a></span> -Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand sehr angenehm -ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und -auch ich gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram -Krafft noch einmal die Hand gedrückt habe. Das ist -so Brauch bei uns.« —</p> - -<p>Gabriele atmete sehr schnell und machte eine jähe -Bewegung mit dem Köpfchen, ihre Augen blickten so -leuchtend und verklärt an der Gräfin vorüber, als sähen -sie voll schwärmerischen Entzückens in nächtiger Ferne -ein liebes, liebes Bild.</p> - -<p>Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen, -wieder und wieder ... wollte sprechen und schwieg dennoch.</p> - -<p>»Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es -gewiß ein ganz besonders sonniger, wonniger Maientag -werden!« fuhr Gundula weich und leise fort, und sie -strich mit der Hand über das rosa Brautband, welches noch -immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles -Arm glänzte, — sie lächelte: »Heben Sie diese Schleife -auf, — sie bringt Glück! — Und ehe Sie die Augen -schließen, danken auch Sie Gott dem Herrn, daß er in -dieser Nacht mit uns war!« —</p> - -<p>Gabriele war heiß errötet, sie nickte erregt, ihre Lippen -zitterten. Noch einmal neigte sie sich tief, tief über die -Hand der Gräfin, und dann trat sie hastig über die -Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu erreichen. -Sie preßte die Hände gegen die Schläfen und stand -zögernd auf der Treppe still.</p> - -<p>War es recht, daß sie ging? Gab es doch vielleicht -noch Pflichten für sie zu erfüllen?</p> - -<p>Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute -nicht!</p> - -<p>Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt, -handelt und spricht wie im Traum, ihre Gedanken sind -weit entfernt von dem, was sie tut. —</p> - -<p>Ihr ganzes Sinnen und Denken weilt bei ihm! Sie -sieht nur noch ein Einziges, — Guntram Kraffts kühnes, -heldenhaftes Angesicht, — sie fragt sich tausendmal immer - <span class="pagenum"><a id="Page_365">[S. 365]</a></span> -wieder dasselbe: Ist es denn kein Traum, kein Fieberwahn -gewesen? Hat er wahrlich das Unfaßliche, Herrliche -vollbracht?</p> - -<p>Wo weilt er noch?</p> - -<p>Fühlt, empfindet er es nicht, daß ihr Herz seinen -Namen jubelt in heißem, leidenschaftlichem Sehnen und -Entzücken?</p> - -<p>Wo bleibt er?</p> - -<p>Horch ... eine Regenboe braust nieder, die Tropfen -werden prasselnd gegen das Fenster gepeitscht ... nach -wenig Minuten ist es wieder still, und die Mondstrahlen -huschen durch das zerfetzte Gewölk. —</p> - -<p>Das Heulen in den Lüften läßt nach, die Riegel -und Wetterfahnen kreischen nicht mehr so unaufhörlich -wie zuvor.</p> - -<p>Gabriele tritt an die kleinen, bleigefaßten Scheiben -und neigt das fieberheiße Gesichtchen dagegen.</p> - -<p>Wo bleibt er? —</p> - -<p>Wird er wieder drunten auf dem Weg vorüberschreiten, -ohne einen einzigen Blick empor nach ihrem Fenster -zu tun? —</p> - -<p>Wie in zitternder, qualvoller Angst preßt sie die -Hände gegen das Herz.</p> - -<p>Sie sieht es plötzlich wieder vor sich, sein ernstes, gleichgültiges, -so ganz verändertes Gesicht, mit welchem er -ihr begegnete, so lange sie hier weilt. Lebt kein Fünkchen -jenes zärtlichen Interesses, welches er in der Residenz -für sie empfand, mehr in seinem Herzen?</p> - -<p>Gabriele schlingt wie in bebender Verzweiflung die -Hände ineinander.</p> - -<p>Wehe ihr, — und ihrem armen, armen, törichten -Herzen!</p> - -<p>Und doch ... jener Blick, als er von ihr schied, als -er zum letzten Male noch ihre Hände faßte, ehe er -zu jener furchtbaren Fahrt in das Boot sprang ... jener -Blick war nicht mehr kühl und fremd, er war so liebesinnig -— so heiß und weh ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_366">[S. 366]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Gabriele schlägt plötzlich die Hände vor das Antlitz -und schauert zusammen, — als ob er Abschied nahm -für ewige Zeit! —</p> - -<p>O, diese Qual der letzten Stunden!</p> - -<p>Wo bleibt er, — wo bleibt er? —</p> - -<p>Wie fände Gabriele Schlaf und Ruhe, ehe sie sein -teures Haupt geborgen und unter diesem Dache weiß? —</p> - -<p>Horch ... Stimmen ... Schritte drunten ...</p> - -<p>Mit zitternder Hand löscht sie das Licht und öffnet -lautlos das Fenster ...</p> - -<p>Mondschein glänzt auf dem Weg ... das Gezweig -rauscht und sprüht silbernen Funkenregen.</p> - -<p>Die Bediensteten des Schlosses und zwei der fremden -Matrosen nahen in lebhaftem Gespräch — und in ihrer -Mitte ... diese hohe, königliche Gestalt ... so schreitet -nur einer! — nur er! —</p> - -<p>Und er zögert plötzlich und geht langsamer, er bleibt -zurück und steht still.</p> - -<p>Sein mondbeglänztes Antlitz wendet sich ihrem Fenster -zu, wie mit jäher, leidenschaftlicher Bewegung hebt er -die Arme und breitet sie nach ihr aus! —</p> - -<p>Sieht er sie?</p> - -<p class="pmb3">Nein, — es ist dunkel und still hier droben. Mit -einem leisen Aufschluchzen des Entzückens sinkt Gabriele -auf die Knie — und das rosa Band von Mikes Brautkranz -glänzt wie holde, glückselige Verheißung an ihrem -Arm. —</p> - - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_367">[S. 367]</a></span></p> - - -<h2 class="no-break" id="XXVIII">XXVIII.</h2> -</div> - - -<p>Gräfin Gundula hatte recht behalten.</p> - -<p>Der Sturm flaute über Nacht und gegen Morgen -mehr und mehr ab und wehte schließlich nur noch als -kräftig frische Brise von der See herüber, dieweil die klare -leuchtende Frühlingssonne an dem Himmel stand und -die blühende Welt in goldenem Licht badete. Alle -Wolken, alle Dunst- und Nebelschleier hatte der Sturmwind -hinweggefegt, und nun wölbte sich das Firmament -so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder -Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und -endlos und wogte unter Tausenden von schneeigen -Schaumkämmen so majestätisch, wie Gabriele seinen Anblick -selbst im Traume nicht in gleicher Schöne geschaut!</p> - -<p>Und weil Guntram Krafft jüngst einmal gesagt, daß -die Farbe des Himmels und der See diejenige sei, welche -er am meisten liebe, so hatte Gabriele zum erstenmal -ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem -ihre Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen.</p> - -<p>Sie errötet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und lächelt -ihm doch voll süßer, inniger Träumerei zu und atmet so -tief und blickt mit so großen, glänzenden Augen umher, als -schaue sie die sonnige Gotteswelt zum erstenmal, als -sei in ihr und um sie her alles ganz und gar verändert -seit der gestrigen Nacht. —</p> - -<p>Guntram Krafft war mit den fremden Männern schon -zu früher Stunde nach dem Strand hinabgegangen, um -zu näherer Besichtigung des Wracks mit ihnen hinauszufahren; -wie die Gräfin mit feinem Lächeln sagte: »So -strahlend glücklich, wie noch nie zuvor im Leben!« —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_368">[S. 368]</a></span></p> - -<p>Und dann, als sie verstohlen die entzückende Erscheinung -des jungen Mädchens mit dem Blick umfaßt, legt -sie lächelnd die Hand auf die fleißigen Fingerchen, -welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen wollen, -und sagt: »Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in -Ordnung gebracht, ich habe egoistischere Wünsche für Sie, -liebe Gabriele! — Ist es ein Wunder, wenn nach all der -Angst und Sorge des gestrigen Abends mein Herz heute -desto glückseliger in den hellen Sonnenschein hineinlacht? -Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste -Gabriele? Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem -Schreibtisch Ordnung zu schaffen habe, singen Sie mir -etwas vor! Und dann gehen Sie in den Garten und -holen ganz besonders schöne Blumen zum Schmuck der -Tafel! Der Kapitän und Pastor sind heute unsere Gäste, -da kann der alte Jürgen Haas sein Gewächshaus aufschließen -und uns einen Strauß seiner gehegten und -gepflegten Lieblinge opfern, hören Sie, Gabriele? Holen -Sie aus dem Gewächshaus heraus, was Ihnen hold -und schön deucht! So; und nun? Bekomme ich ein Lied?«</p> - -<p>Gabrieles Augen leuchteten auf.</p> - -<p>»O, gern, wenn Frau Gräfin fürlieb nehmen wollen -... ich sang lange nicht!« —</p> - -<p>»Und ich hörte gar lange, lange Zeit keinen Ton -Musik in diesen Räumen!« nickte Gundula voll leiser -Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich stille Lächeln -über ihr Antlitz, und sie fügte kaum verständlich hinzu: -»Nun bricht aber eine neue Zeit für die Bärenburg -an, und das Alte soll vergessen sein!« —</p> - -<p>Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, über das -geöffnete Schubfach, aber ihre Hände ruhten still im -Schoß, und ihre Augen blickten voll lebhafter Spannung -nach dem Flügel, auf welchem Gabriele zögernd ein -Notenheft aufstellte.</p> - -<p>Was wird sie singen?</p> - -<p>Die Bärin von Hohen-Esp war eine gar gründliche -Menschenkennerin, und was Gabriele im tiefsten - <span class="pagenum"><a id="Page_369">[S. 369]</a></span> -Herzensgrund für Guntram Krafft empfand, das mußte -jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strömen.</p> - -<p>»Soll ich die Arie aus dem ›Fliegenden Holländer‹ -probieren?« fragte sie zögernd, mit jähem Erröten; »ich -studierte sie vor Jahren bei meiner Lehrerin, sang sie -aber nicht oft.«</p> - -<p>»Und warum nicht?« —</p> - -<p>»Sie war mir damals so unverständlich, — ich kannte -weder See noch Sturm ...«</p> - -<p>»Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue -ich mich gerade auf diese Arie!«</p> - -<p>Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann -immer voller, erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz -durch die Töne zitterte in dem leidenschaftlichen Empfinden: -»— betet zum Himmel! —«</p> - -<p>Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, -immer glänzender ward ihr Blick, immer freudiger das -geheimnisvolle Lächeln um ihre Lippen ...</p> - -<p>Und Gabriele durchblätterte mit glühenden Wangen -die Noten —</p> - -<p>»Der Lenz ist da!« von Hildach.</p> - -<p>Welch ein Jauchzen und Jubeln — welch ein Frohlocken -dem Lenz entgegen! Und die Glocken läuteten -so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so ganz -absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken!</p> - -<p>Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach, -— und über die Lippen des jungen Mädchens flutet es -weiter wie ein alles vergessendes, glückseliges Geständnis.</p> - -<p>»Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen -mein Herz so verwegen!«</p> - -<p>Und dann ward es still.</p> - -<p>Als aber die Gräfin mit bebender Hand den Türvorhang -zurückschiebt und leise in das Zimmer schaut, -da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die Hände gedrückt -und verharrt wie im Traum. — — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_370">[S. 370]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der alte Jürgen Haas hat seine blühenden Lieblinge -im Gewächshaus stets mit Argusaugen gehütet; wie er -aber in das wunderholde Antlitz des Fräulein von -Sprendlingen schaut, welche ihn lächelnd um einen Strauß -bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen, -und er nickt mit beinahe zärtlichem Blick —: »So veel, als -Jug dat leev is!« — und er schließt das geräumige Glashaus -auf und sieht es ohne jedwedes Herzeleid, wie die -kleinen weißen Hände nach seinen schönsten Blüten greifen.</p> - -<p>Plötzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus -in die Ecke des Treibhauses, woselbst die Oleander -und großen Laurostinosbäume nebst etlichen Palmen aufgebaut -sind.</p> - -<p>»Ist das nicht ein Lorbeerbaum, Jürgen Haas?« fragt -sie, und alles Blut steigt ihr in das ehedem so rosig -zarte Gesichtchen.</p> - -<p>»Ganz recht, een Lorbeer! Der is man torück bleeven -von uns' Herrn Grafen sin Konfirmaschon! — Die Blätters -sin ganz ampart un' nüdlich, äwerst Blaumens -dreiht he nich!«</p> - -<p>Gabriele war hastig herzugeschritten.</p> - -<p>»Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen, -lieber Haas? — Und haben Sie ein wenig Bast zur -Hand, daß ich ihn gleich winden kann?«</p> - -<p>Der Alte murmelte: »Allens, wat Se wollen!« kramte -aus den grundlosen Tiefen seiner Jacke einen Flausch -Bast, und derweil sich Gabriele auf eine leere Blumentreppe -setzte und die graziösen Zweige mit bebenden -Händen zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den -weißen Kopf und sprach in seiner kurzen, schlichten Weise -von der vergangenen Sturmnacht, wo der liebe Herr -Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient habe. —</p> - -<p>Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und -schüttelte die Blätter von ihrem Kleid. Zwei kleine -Kränze hatte sie gewunden, die hing sie an ihren Arm, -faßte den großen Strauß der blühenden Blumen zusammen -und sagte dem beglückten Alten freundliche und herzliche - <span class="pagenum"><a id="Page_371">[S. 371]</a></span> -Dankesworte, — dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren -durch die warme, lenzesduftige Luft nach der Burg -zurück.</p> - -<p>Über ihr jubelten die Vögel im blühenden Gezweig, -und in ihrem Herzen klangen die Frühlingsglocken noch -immer wie ein holdes, traumhaftes Echo!</p> - -<p>In der Speisehalle ordnete sie still und geschäftig -die Blumen in Schalen und Vasen auf der Tafel, dann -stand sie einen Augenblick und schlang zögernd die kleinen -Hände ineinander.</p> - -<p>Alles war still im Hause.</p> - -<p>Die Gräfin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zurückgezogen, -Anton hantierte an den Büfetts, und die Herren -weilten noch am Strande.</p> - -<p>Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem -Wohnzimmer der Gräfin.</p> - -<p>Ein Sonnenstrahl flimmerte über einen der braungeschnitzten -Bären zu ihrer Seite — da sah es aus, als -ob seine Augen sich bewegten, als ob das grimmige -Gesicht ihr plötzlich entgegenlache.</p> - -<p>Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das große -Brustbild Guntram Kraffts, in der Seemannsjacke, mit -dem verwegenen Südwester auf dem lockigen Haar.</p> - -<p>Gabriele neigt sich und blickt heiß errötend in das -edle, kühne, wunderschöne Männergesicht, welches ihr -mit den großen Blauaugen so ganz, ganz anders wie -sonst entgegenschaut. Ihr Herz stürmt in der Brust, all -die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter -Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und -legt ihn um das Bild des heldenhaften Mannes.</p> - -<p>Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glühen -ihre Wangen und ihr Blick flammt auf in jauchzender -Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch ihre Adern, -ein kurzer, glückzitternder Kampf zwischen banger Scheu -und allesvergessender Liebe, und sie drückt das Bild -an die Lippen, es wie in einem süßen Wonnerausch zu -küssen.</p> - -<p>»Gabriele!« <span class="pagenum"><a id="Page_372">[S. 372]</a></span>—</p> - -<p>Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzücken, -in namenloser Erregung, klingt es neben ihr.</p> - -<p>Auf der Türschwelle des Nebengemachs steht Guntram -Krafft, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Haupt -vorgeneigt, als könne er das Wunder, welches seine -Augen schauen, nicht fassen und begreifen.</p> - -<p>»Gabriele!!« — —</p> - -<p>Sie schrickt zusammen, Leichenblässe bedeckt ihr erst -so holderglühtes Antlitz, — das Bild sinkt aus ihren -zitternden Händen auf die Schreibtischplatte nieder.</p> - -<p>Sie will, — halb vergehend vor Scham und Entsetzen, -entfliehen, aber sie macht nur eine unsichere, wankende -Bewegung — und schon steht er neben ihr, faßt sie mit -festen, starken, kraftvollen Armen und drückt sie an sein -Herz, wild, ungestüm, wie der Bär, welcher sieghaft -seine Beute nimmt! —</p> - -<p>Nein, das ist nicht mehr der scheue Jüngling, welcher -sie ehemals mit zarter Hand aus dem Schnee emporhob, -dies ist ein trotzigkühner Mann, welcher sich seiner Heldenkraft -bewußt geworden ist!</p> - -<p>»Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein -Bild mit Lorbeer geschmückt und es geküßt, Gabriele, -— damit hast du jenes Todesurteil zerrissen, welches du -mir und meinem Glück geschrieben. Jener taten- und -ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend -von dir stießest, würde nie und nimmer mehr gewagt -haben, die Hände begehrend nach dir auszustrecken, aber -hier der Mann, welchen du selber durch Kuß und Lorbeer -zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll kühnen -Wagemuts um deine Liebe, der fordert diese Hand nun -als sein heilig Recht! — Gabriele, hast du's gehört? -<em class="gesperrt">Mein</em> bist du, mein!«</p> - -<p>Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende -Angesicht, welches mit den großen, zauberischen Nixenaugen -zu ihm aufschaut, welches in holder Verwirrung -nur leise, leise seinen Namen flüstert — —: »O, du -Herrlichster!« — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_373">[S. 373]</a></span></p> - -<p>Wie ist es urplötzlich so warm — so duftig — so -sonnenhell in dem sonst so kühlen und düsteren Gemach -der Frau Gundula geworden!</p> - -<p>Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram -Krafft, hält sein Lieb im Arm und bedeckt ihr lächelndes, -überseliges Antlitz mit heißen, unersättlichen Küssen!</p> - -<p>Goldener Sonnenglanz flutet über sie dahin, und fernher, -durch die geöffneten Butzenscheiben, grüßt das weißschäumende -Meer mit donnerndem Jubelruf.</p> - -<p>Die Augen der Bärin von Hohen-Esp haben feucht -geglänzt, als sie ihre Kinder mit leisem Segenswort -an das Herz gedrückt, und während das Brautpaar auf -Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das -Bild des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kränzen, ist -Frau Gundula vor ihrem Schreibtisch niedergesunken, -hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder die versiegelten -Briefe und Photographien ihres Gatten zur -Hand genommen und heiße, bittere Tränen darauf niedergeweint.</p> - -<p>Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und -friedlich wie an einem lichten Sommerabend, wenn alle -Wetterschwüle und alles Donnergrollen des Tages mit -seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller Traum versunken -ist. —</p> - -<p>Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glück der -Gegenwart sein herbes Düster, und was für die einsame, -schwergeprüfte Frau blieb, das war das stolze Bewußtsein, -täglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener -Kraft und mit Gottes gnädiger Hilfe so wunderbar vollbracht -und vollendet. — Welch ein Jubel hallte und -schallte durch die alte Bärenburg, als Graf Guntram -Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen seine Braut -zuführte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen -und Summen durch die verschlafenen Hallen und -Gemächer, und die steinernen Bären schüttelten Staub -und Moos von den Schilden, die braunzottigen Gesellen -rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben - <span class="pagenum"><a id="Page_374">[S. 374]</a></span> -frohgemut die Pranken! Eine neue Zeit blühte heran, -ein neues Glück hatte seinen Einzug gehalten, und in dem -himmelaufjubelnden Klang der Hochzeitsglocken erstarben -die letzten Seufzer, welche so lange gespenstisch um Turm -und Söller geweht.</p> - -<p>Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum -Strand hinabgewandert, und Gabriele hat voll leidenschaftlichen -Entzückens die Arme nach der blauwogenden -Unendlichkeit ausgebreitet! —</p> - -<p>»Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all -eurer Größe und Herrlichkeit kennengelernt!« flüstert sie -voll weicher Innigkeit zu Guntram Krafft empor, — -»und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei uns -Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein -Herz — tatsächlich im Sturm! — Wenn ich jetzt hinaus -in dieses Brausen und Schäumen, in dieses Sonnengefunkel -und Geglitzer schaue, mit welchem ich gestern in -verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes -— um dich! — gerungen, so kommt es mir ganz unfaßlich -vor, — daß ich solche Allgewalt und Götterherrlichkeit -jemals eintönig und langweilig nennen konnte! — -O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende -Schönheit sehe ich jetzt!«</p> - -<p>Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen -glühen heiß auf diesen blinden Nixenaugen.</p> - -<p>»Geschlafen und geträumt hast du, verzauberte Meerfei, -im fernen, fremden Binnenland, bis du heimkehrtest -zu uns, bis dich der Sturmwind in die Arme nahm und -dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und Wellgunde -sang, bis dich mein Kuß aufweckte zu glückseligem -Begreifen und Verstehen!«</p> - -<p>Ein jubelndes »Hojohe!« ertönt von der Düne herab, -Jöschen und Mike stürmen Hand in Hand über den -wehenden Sand, und der junge Ehemann schwenkt schon -von weitem den Hut und lacht, daß seine kerngesunden -Zähne im Sonnenschein blinken.</p> - -<p>Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glückwunsch -ist so ehrlich, so überströmend herzlich und aufrichtig, - <span class="pagenum"><a id="Page_375">[S. 375]</a></span> -daß Guntram Krafft den wackeren Burschen in -die Arme schließt und ihn beinahe übermütig schüttelt.</p> - -<p>»Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll -nich drömen laten, wat?« —</p> - -<p>Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, -und Mike hält Gabriele bei beiden Händen und flüstert -ganz schämig: »Dat hevven wi längst mierkt, dat dor -wat im Spöle was!« — Und sie gehen noch ein Stückchen -plaudernd zusammen, und dann fällt Mike ein, daß sie -ja einen Topf auf dem Feuer hat — »grad so weggestürzt -sei sie bei der Nachricht!!« — und sie schütteln -abermals die Hände und hasten davon durch Disteln -und Riedgras.</p> - -<p>Wie still ist's wieder, wie still! —</p> - -<p>Eine Möwe flattert mit leisem Schrei über der Brandung, -ihre Schwingen blitzen im Sonnenlicht grell auf -wie silberne Schwertklingen — langsam sinkt sie der -blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende -Gefieder im perlenden Schaum.</p> - -<p>Voll träumerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick.</p> - -<p>»Wie hätte ich mir jemals zuvor träumen lassen, daß -gerade die See, um deren Gunst ich nie geworben, mir -so verschwenderisch alles Glück schenken würde! Jetzt, -in ihrer lichten, majestätischen Pracht, hat sie alle Schrecken -verloren, welche in der vergangenen Nacht mein -Herz erzittern ließen, und doch werde ich sie stets in ihrem -tobenden Zorn am liebsten haben, weil gerade Sturm -und wilde Flut es waren, welche mir dein heldenhaftes, -unvergeßlich schönes Bild geboren!« —</p> - -<p>Wieder umfaßt sie voll bebenden Entzückens seine -Hand und schaut empor zu ihm mit demselben Blick heiß -bewundernder Liebe, welcher sein Herz in unbegreiflichem -Entzücken stillstehen ließ, — gestern in dunkler -Nacht, als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt.</p> - -<p>Er schüttelt langsam, schwer atmend den Kopf. »Schon -einmal hast du mich einen Helden genannt, Gabriele, -und hast mein Bild mit Lorbeer geschmückt, und doch - <span class="pagenum"><a id="Page_376">[S. 376]</a></span> -leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie seit langen -Jahren! Nur das verdiente Glück ist mir geworden, -daß du mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, daß -du mir durch deine Anerkennung den Mut gabst, die -Hände voll liebeheißen Verlangens nach dir auszustrecken ...«</p> - -<p>»Das hättest du sonst nicht getan?«</p> - -<p>»O, nie und nimmermehr, — und hätte ich sterben -müssen an den Qualen, welche mein Herz zerrissen!«</p> - -<p>Beinahe demütig blickt sie empor. »So sehr zürntest -du mir, weil ich in der Residenz deine Neigung so kühl -und schroff abwies? Weil ich dein Meer nicht liebenswert -fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit offenen -Armen entgegenkam?« —</p> - -<p>Ein schnelles, beinahe heiteres Lächeln zuckte um seine -Lippen, Gabriele aber fuhr mit weicher Stimme, halb -ernst, halb scherzend fort: »Glaubst du, Liebster, ich -hätte es nicht empfunden, wie sehr verändert du mir -in Hohen-Esp begegnetest? — Anfänglich war ich nicht -böse darüber, im Gegenteil, es berührte mich sympathisch, -weil mein Herz noch so weit ab von dem rechten Wege -irrte und viel zu sehr von seinem törichten Wahn befangen -war, um allsogleich seine Heimat zu finden! — Aber -später, wie es immer wärmer und lichter in mir ward, -wie dein Wesen mir immer unbegreiflicher schien, da -habe ich oft darüber nachgedacht, warum du mir so sehr -zürntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich -eine so schwere Schuld, wenn ein Mädchen nur dem -Mann angehören will, welchen es liebt?« —</p> - -<p>Er lächelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll.</p> - -<p>»Nein, du Wonnige! Im Gegenteil, keine größere Tugend -vermag es zu geben, als diesen Stolz, welcher sich -nur einem Helden zum Preise setzt!«</p> - -<p>»Und doch verargtest du ihn mir?« —</p> - -<p>»O, wahrlich nicht! — Meine ganze Seele — all -mein Sein und Wesen gehörten dir, Gabriele, und habe -ich dich je geliebt, so war es in diesen bittersüßen Tagen, - <span class="pagenum"><a id="Page_377">[S. 377]</a></span> -wo ich gegen diese Liebe kämpfen mußte, wie gegen eine -Unmöglichkeit!«</p> - -<p>»Du <em class="gesperrt">wolltest</em> mir nicht gut sein?« —</p> - -<p>»Ich durfte es nicht!«</p> - -<p>»O, wunderlicher Mann — und wer verbot es dir?« —</p> - -<p>Er nahm langsam eine schmale rotjuchtene Brieftasche -von der Brust, öffnete sie und entnahm ihr einen -kleinen, zerknitterten Zettel, dessen verwischte Bleistiftlinien -kaum noch zu entziffern waren.</p> - -<p>»Du selber, mein grausamer Schatz!« sagte er leise, -und es war, als durchriesele ihn noch einmal wie ein -banger Nachhall all das Weh, welches ihn so oft beim -Anblick dieses kleinen Papierstreifens gequält. Federleicht -war er und hatte doch schwer wie eine unerträgliche -Zentnerlast auf seiner Brust geruht.</p> - -<p>Mit staunenden Augen neigte sich Gabriele und blickte -auf seine Finger, welche den Zettel entfalteten.</p> - -<p>»Das sieht ja aus wie meine Schrift!« sagte sie überrascht.</p> - -<p>»O, wie hätte ich ehemals so gern mein Leben gegeben, -wenn sie es nicht gewesen wäre!«</p> - -<p>Nicht ohne Mühe buchstabierte Gabriele die einzelnen -Worte heraus.</p> - -<p>Voll äußersten Befremdens blickte sie empor.</p> - -<p>»Ja, dieses Bekenntnis einer schönen Seele habe ich -geschrieben,« — nickte sie sinnend, — »vor langen Jahren -schon — kaum weiß ich noch, wie und bei welchen Vorkommnis ...«</p> - -<p>»Vor langen Jahren?« —</p> - -<p>»Ah! Ganz recht, jetzt entsinne ich mich! In der -Weihnachtszeit war es, als wir Backfischchen eines Abends -zusammensaßen und heimlich die Überraschungen für den -Christtisch häkelten und stickten. — Die ganze Residenz -sprach damals von dir — selbstredend behandelten auch -wir dieses interessante Thema!« —</p> - -<p>»Von mir?... als Backfische?« wiederholte Guntram -Krafft mit fragendem Blick.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_378">[S. 378]</a></span></p> - -<p>»Ganz recht! Man erwartete dich als Freiwilligen -bei Papas Regiment, wo du deiner Militärpflicht genügen -solltest, aber statt deiner kam die Kunde, daß -du wegen einer ganz unbedeutenden Kleinigkeit freigekommen -seist und nicht dienen wolltest!«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Damals</em>? Zu jener Zeit schriebst du diesen Zettel?«</p> - -<p>»Gewiß! In allerübelster Laune sogar! Du kennst -ja meine Ansichten über Tapferkeit und Heldentum! -Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den Schneid hatte, -Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, — -der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille -verspottete mich um dieser heiligen Entrüstung willen -— o ja! Nun entsinne ich mich plötzlich wieder ganz -genau! — Sie behauptete, ›der geschmähte Hohen-Esp -brauche nur auf der Bildfläche zu erscheinen, um all -meine stolzen Grundsätze wie die Kartenhäuser über den -Haufen zu blasen!‹ Das reizte mich zu noch lebhafterem -Widerspruch. ›Gibst du es vielleicht schriftlich?‹ spottete -Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon für -ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb -im Übermut diese geharnischte Kriegserklärung gegen -den Bär von Hohen-Esp, welcher damals in meinen -Augen nichts weniger war wie ein Held! — Hier siehst -du auf der Rückseite des Zettels, welcher zuvor ein -Briefbogen gewesen, — noch das vorgedruckte Datum — -S ..., Villa Monrepos ... und hier von mir vollendet: -den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben -und noch deutlich zu erkennen!« —</p> - -<p>Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier, -neigte sich und starrte die Zahlen an wie ein Träumender; -dann strich er langsam mit der Hand über die -Stirn und murmelte beinahe atemlos —: »Dieses Datum -hatte ich nicht bemerkt ... wie war das möglich ... es -muß mir in all der Aufregung, mit welcher ich je und je -diese Zeilen gelesen, entgangen sein! — Ich war ja arglos -wie ein Kind ...«</p> - -<p>Gabriele blickte plötzlich ernst und forschend in sein -tief erbleichtes Antlitz empor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_379">[S. 379]</a></span></p> - -<p>»Ich entsinne mich genau, daß ich ehemals diesen -Zettel schrieb; wo derselbe aber an jenem Abend geblieben -ist, weiß ich nicht. Geradezu unbegreiflich und -unfaßlich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach -all den langen Jahren in deine Hände gelangen konnte! -— Sag' es mir, Guntram Krafft, ich bitte dich darum!«</p> - -<p>Heiße Glut stieg plötzlich in seine erst so farblosen -Wangen, er knäulte den Zettel voll leidenschaftlichen -Zornes in der Hand zusammen.</p> - -<p>»Wohl wäre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch -schnöden Verrat gegenüber das gelobte Schweigen zu -wahren, — aber ich will nicht ebenso verächtlich sein -wie sie, ich will das Wort halten, welches ich gegeben!«</p> - -<p>Und er drückte Gabrieles Hände an die Lippen und -sagte: »Ich habe Diskretion zugesagt, — und ich bitte -dich, sie halten zu dürfen, Herzlieb! Ich habe die große -Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft voll geheimer -Sehnsucht, daß sie mir so fremd und verschlossen -geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht -nach der Weg zu deinem Herzen nur durch sie führte! -Jetzt danke ich es Gott auf Knien, daß sie mir mit -all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures, -heiliges Meer hat mir das Glück gebracht, welches ich -Tor so unerreichbar wähnte, Gott der Herr hat gewußt, -Gabriele, daß du reine Perle nicht in den Staub der -Großstadt, sondern hierher in deine sturmumbrauste Heimat -gehörst!« —</p> - -<p>— Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. -— »Nein — sag' nicht den Namen derer, welche ein so -gewissenloses und egoistisches Spiel getrieben, ich kenne -ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen getrieben und -dadurch wieder bewiesen, daß jede Schuld ihre Strafe -in sich selber trägt. — So groß aber — ganz so groß, -wie du wähnst, war ihr Vergehen jedoch nicht!«</p> - -<p>Gabriele hob freimütig das schöne Haupt, ihr Auge -leuchtete auf: »Hätte mich Thea an jenem Hofballabend -noch einmal um diese meine Backfischansicht befragt, - <span class="pagenum"><a id="Page_380">[S. 380]</a></span> -ich würde fraglos dieselben Worte noch einmal niedergeschrieben -haben. Der Bär von Hohen-Esp war auch -in jenen Tagen noch derselbe tatenlose und ruhmlose -Schwächling für mich, welcher er gewesen, seit sein Name -zuerst vor mir erklang! — Erst hier in Hohen-Esp lernte -ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm getan! -Erst hier erkämpfte der herrlichste und kühnste Mann -seinen großen Sieg über mein stolzes Herz, welches er -nun zu eigen genommen hat für alle Ewigkeit!« —</p> - -<p>Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie -sich momentan niedergesetzt, und strich die wehenden -Haarlöckchen von den Wangen zurück, auf welchen heiß -und ungestüm seine Küsse brannten.</p> - -<p>»Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!« -— lächelte sie, »damit nichts mehr an die böse, vergangene -Zeit gemahnen soll! — Das Meer soll jene -Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen -sein in dem jauchzenden Glück, welches seine stürmende -Flut uns geschenkt!«</p> - -<p>Sie traten näher herzu an die schäumende Brandung, -und Guntram Krafft zerriß das Papier und zerstreute -seine kleinen weißen Flocken in den sprühenden -Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurück auf den -Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten -sie und betteten sie tief unter Muscheln und wogendem -Tang.</p> - -<p>Frisch und köstlich rein streicht der Wind um die -Stirn, und sie stehen Arm in Arm in wortloser Glückseligkeit -und sehen zu, wie das letzte Streifchen im Wellenschnee -verschwindet.</p> - -<p>»Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!« -lächelte Gabriele und schmiegt sich fester an die Brust -des geliebten Mannes.</p> - -<p>»Damals! — und heute?« fragte er neckend. Da schlingt -sie die Arme um ihn und flüstert voll strahlenden Stolzes: -»Heute lautete der Zettel, welchen ich schrieb, freilich -anders! Lasest du nicht die Depesche, welche ich meinem - <span class="pagenum"><a id="Page_381">[S. 381]</a></span> -Mütterchen schickte? — O, Guntram Krafft, — wie wird -sie sich unseres Glückes freuen!« —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren -aus vollstem Herzen getan.</p> - -<p>Sie ist ein häufiger, voll wärmster Freude begrüßter -Gast auf Hohen-Esp geworden, eine scharmante Schwiegermama, -der Guntram Krafft stets die warmherzigen -Sympathien erhalten hat, welche er der so gütigen Mutter -seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. — -Auch eine liebe, vertraute Freundin Gundulas ward sie, -deren Interessen so ganz und gar mit denen der Generalin -verschmolzen.</p> - -<p>Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg -emporblüht, und die kleinen Bären in Halle und Hof -herumpurzeln, hat Großmutter Gundula alle Hände voll -zu tun, und es ist ein wahrer Segen, daß sie nach wie -vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn -auf Frau Gabrieles Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen.</p> - -<p>Zum händeringenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen -hat ihre Tochter viel mehr Interesse für den -Rettungsschuppen, wie für Haus und Hof, und nie zuvor -hätte sie geglaubt, daß Gabriele sich so leidenschaftlich -für die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen -zusammenhängt, begeistern könne. Aber gerade -das bildet das jauchzende, unbeschreibliche Entzücken -des Grafen, den Höhepunkt all seines Glückes.</p> - -<p>Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit -dem seines heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet -auf die See, in Sonnenglanz und Mondenschein, -bei Sturm und bösem Wetter.</p> - -<p>Dann sitzt auch auf dem lockigen Köpfchen der Gräfin -der Südwester gar bildhübsch und verwegen, auch sie -trägt »Ölzeug« und weiß mit Ruder und Segel Bescheid -wie der beste Lotse!</p> - -<p>Einst hatte ein jäh einsetzender Sturm sie weit draußen -auf dem Meere überrascht. Es gab eine grobe See -und schweres Wetter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_382">[S. 382]</a></span></p> - -<p>Gabriele aber war fest und seetüchtig wie ein bewährter -Matrose, — mit blitzendem Auge schaute sie -kühn und unerschrocken in das Wetter hinaus, und als -es immer gewaltiger stürmte, und das Schifflein von -hohen Wogen geschleudert ward, da faßte sie die Hand -ihres Mannes, schmiegte sich fest an ihn und blickte ihm -in die Augen.</p> - -<p>Er umschloß sie treu und innig: »Fürchtest du dich, -Herzlieb?« —</p> - -<p>Da lächelte sie, faßte seine Hand noch fester und sagte -schlicht: »Wovor? <em class="gesperrt">Wir sind ja beisammen</em>!« —</p> - -<p>O, in diesem Augenblick hätte der Graf von Hohen-Esp -sein schwankes Schifflein mit keinem Kaiserthron -vertauscht!</p> - -<p>Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die -Nachricht mitbrachte, daß Herr von Heidler schon seit -Jahr und Tag den Abschied genommen und in süßem -Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, — dies -sei behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben -im bunten Rock — da starrte Gabriele die Sprecherin -mit weitoffenen Augen schweigend an, Guntram Krafft -aber fragte überrascht: »Er war doch passionierter Sportsman, -und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er -nicht mehr privatim die Rennen mit?« Da lächelte die -Generalin: »O, nein! Anfänglich hatte er wohl den -Wunsch, es zu tun, aber seine sehr verwöhnte, kindische -und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten, da -es zu gefährlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter -dem Pantoffel steht, fügt er sich willenlos den Wünschen -seiner reichen Gattin.« —</p> - -<p>Gabriele machte eine jähe, brüske Bewegung, mit -beinahe verächtlichem Lächeln wandte sie sich ab.</p> - -<p>»Und Gräfin Thea?« —</p> - -<p>»Sie tanzte Winter für Winter vergeblich. Jetzt hat -sie sich der Frauenbewegung angeschlossen und schreibt -sehr zornmutige ›grünspanische‹ Artikel gegen die Männer. -Wenn es ihr glückt, ist das starke Geschlecht binnen -Jahresfrist vernichtet!« —</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_383">[S. 383]</a></span></p> - -<p>»Gottlob, daß Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt,« -lachte Guntram Krafft, »hier erreicht mich ihre Feder -hoffentlich nicht im Todesstoß!« —</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Rettungsstation des Bären von Hohen-Esp hat -viel bewundernde Anerkennung gefunden, und sein edles -Beispiel gab oft Veranlassung, auf diesem Gebiete nachzueifern -und das Rettungswesen zur See zu fördern. -Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des -großen Publikums auf die bittere Not gelenkt, mit welcher -der Seemann an unserer heimatlichen Küste zu -kämpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich auf, -die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger -durch ein Scherflein zu unterstützen.</p> - -<p>Da hatte der Bär von Hohen-Esp auch in weiterem -Sinn für das Vaterland gewirkt und zu sein und seines -Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das Schwert, wohl -aber das Ruder mit kühner, tatenfroher Hand geführt.</p> - -<p>Neben der Rettungsmedaille schmückt ein hoher Verdienstorden -seine Brust, und es war einer der schönsten -Tage in Gabrieles Leben, als sie denselben dem geliebten -Mann voll stolzer Anerkennung auf sein schlichtes -Fischerkleid heften konnte.</p> - -<p>Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der -Hohen-Esp, weithin sichtbar nach dem blauen Meer, und -um die Mauern und Zinnen des alten Bärenschlosses -weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, — -ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem -unvergänglich großen Liebesglück, welches darinnen wohnt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unverändert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den -gelben Dünensand, wirft Muscheln und Bernsteinbrocken -aus und überschüttet die Kinder, welche jubelnd von der -Burg zum Strand stürmen, mit blinkenden Tropfen, — -ihre weißen Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden -Heldengeschlecht aus, und der junge Bär - <span class="pagenum"><a id="Page_384">[S. 384]</a></span> -von Hohen-Esp setzt vorsichtig sein erstes, selbstgeschnitztes -Schifflein auf das Salzwasser, schlingt den Arm um den -Nacken von »Jöschen dem Jüngern« und sagt: »Auch -ich werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn -du und ich so groß sind wie der Vater, fahren wir beide -als Matrosen zur See!«</p> - -<p class="pmb3">Guntram Krafft hat's gehört, er zieht sein holdes -Weib an die Brust, und sein glückstrahlender Blick schweift -hinaus über die schimmernde Flut; wie ein Psalter heißen -Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend -blaue Wogen rauschen: »Halleluja! Amen!«</p> - - -<hr class="tb" /> - -<p class="pmb3 pmb3" /> - - -<div class="transnote"> -Notizen des Bearbeiters:<br /> -<br /> -<p>Eingefügt: Inhaltsverzeichnis am Beginn des Buches.</p> - -<p>Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht geändert.</p> - -<p>Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend geändert.</p> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Bären von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BÄREN VON HOHEN-ESP *** - -***** This file should be named 60684-h.htm or 60684-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/8/60684/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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