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Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Die - Bären von Hohen-Esp - - - Roman - - von - - Nataly von Eschstruth - - - [Illustration] - - - Leipzig - - Paul List Verlag - - - - - Alle Rechte vorbehalten - - Spamersche Buchdruckerei in Leipzig - - - - -Das Meer - - - Es war in meinem Leben - Das Meer mein treuster Freund, - Drum bleib' ich mit ihm ewig - In Leid und Freud' vereint! - - Wenn einst mein Herz geschlagen - In tiefster Traurigkeit, - Dann hat sein lindes Rauschen - Gestillt mein Herzeleid. - - Und wenn in Not und Schmerzen - Mein Herz sich wild gebäumt, - Dann grollte es und tobte - Und hat vor Wut geschäumt! -- - - Und zog dann Glück und Wonne - In meine Seele ein, - Dann glänzten seine Wogen - Wie heller Edelstein! - - Es kräuselte ein Lächeln - Sein leuchtend Angesicht - Am Auge blitzten Tropfen - Wie eitel Sonnenlicht! -- - - So ist das Meer gewesen - Mein Freund in Glück und Leid, - Drum bleib' ich ihm ergeben - in Liebe allezeit! - - Aus »Schiffslieder« von Gabriele von Rochow - geb. v. Pachelbl-Gehag - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - Kapitel I. 7 - Kapitel II. 22 - Kapitel III. 37 - Kapitel IV. 50 - Kapitel V. 64 - Kapitel VI. 79 - Kapitel VII 92 - Kapitel VIII. 105 - Kapitel IX. 118 - Kapitel X. 135 - Kapitel XI. 144 - Kapitel XII. 158 - Kapitel XIII. 171 - Kapitel XIV. 184 - Kapitel XV. 200 - Kapitel XVI. 215 - Kapitel XVII. 224 - Kapitel XVIII. 239 - Kapitel XIX. 251 - Kapitel XX. 264 - Kapitel XXI. 277 - Kapitel XXII. 291 - Kapitel XXIII. 303 - Kapitel XXIV. 317 - Kapitel XXV. 330 - Kapitel XXVI. 342 - Kapitel XXVII. 357 - Kapitel XXVIII. 367 - - - - -I. - - -»Wenn ein Mädchen einen reichen Mann bekommt, ist es immer glücklich -verheiratet!« hatte der alte Kammerherr von Wahnfried gesagt und dabei -die weißbuschigen Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst. -»Gundula kann Gott danken, daß der Bär von Hohen-Esp sie zum Weibe -begehrt! Ist wohl kein Nest so weich gepolstert wie das seine, und -wenn man den Grafen ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir -das Herz im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die sich ihr -Männerideal nach Romanbüchern gebildet hat! Na, und in den Büchern sind -die gräflichen Freier meist jung, schön, reich und ritterlich, just so -wie Friedrich Karl von Hohen-Esp!« -- - -Die alte Dame, welche dem Sprecher gegenübersaß, richtete sich noch -straffer empor und legte die großen, kräftigen, schneeweißen und -ungeschmückten Hände im Schoß zusammen. - -Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich ruhig auf die -hünenhafte Gestalt des Bruders, welcher auf seinen Krückstock gestützt -vor ihr stand und sie schier herausfordernd anblickte. - -»Jung, schön, reich und ritterlich!« wiederholte sie langsam, »ja, das -ist er, -- aber er ist noch mehr, und dieses >mehr< will mir nicht -behagen.« - -»Und das wäre, meine Allergnädigste?« Der Kammerherr mußte sich des -gichtgeschwollenen Fußes wegen auf den Stock stützen, er konnte nicht -den grauen Schnauzbart seiner Angewohnheit gemäß mit ungestümem Ruck -emporstreichen, aber seine Muskeln arbeiteten desto kräftiger in dem -scharfgeschnittenen Gesicht, so daß sich die starren Haare auf der -Oberlippe sträubten wie in zornigem Aufbegehren. - -Alle fürchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn, nur Fräulein -Agathe von Wahnfried nicht. Sie glättete mit der Hand die rauschenden -Seitenfalten ihres Kleides und antwortete voll unerschütterlicher Ruhe: -»Graf Friedrich Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann, --- die große Welt, in welcher er, der Frühwaise, so jung schon, -selbständig ward, droht sein Verderben zu werden.« - -»So! -- Inwiefern, wenn man fragen darf?« - -»Weil er sich ruiniert, -- weil er über seine Verhältnisse lebt!« - -Der Kammerherr lachte hart auf. - -»Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp über seine Verhältnisse -leben! -- Ahnst du, wie reich der Mann ist?« - -»Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende verspielen!« - -»Tut er aber nicht!« - -»Tut er doch! -- Der Graf ist ein leidenschaftlicher Spieler. -Möglicherweise hat er bis jetzt Glück am grünen Tisch gehabt, -- wenn -das aber einmal aufhört, wird er sich und die Seinen rücksichtslos an -den Bettelstab bringen!« - -»Lächerlich! -- Es gibt keinen vernünftigeren Mann wie Hohen-Esp! Bei -Whist und Ekarté macht man sich nicht bankrott! Ich als Mann dürfte -wohl mit den Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie -eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht wird, -kümmert mich nicht!« - -»Ich habe nie mit einer Dame über den Freier deiner Tochter -gesprochen!« Fräulein Agathe von Wahnfried sah weder gereizt noch -beleidigt aus, ihr großes, gradliniges Gesicht blieb so ruhig -und energisch wie stets. »Hast du dich bei seinem ehemaligen -Regimentskommandeur erkundigt?« - -»Nein!« - -»Weil du es leider für überflüssig hieltest. Daß der Graf Hohen-Esp ein -Spieler ist, pfeifen die Spatzen auf dem Dache.« - -Der alte Herr stieß seinen Krückstock ingrimmig auf das Parkett. »So; -gut; -- ein Spieler. Und was noch weiter? Vielleicht ein Säufer? Ein -Weiberheld ... ein Totschläger ...? He? -- Nur hübsch weiter im Text!« - -»Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts bekannt, -- -im Gegenteil, man lobt den jungen Mann als einen sonst sehr -liebenswürdigen und ehrenhaften ...« - -»Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst du etwa, daß ich ihm -einen Korb geben soll, lediglich, weil er mal in fideler Gesellschaft -ein Spielchen macht?!« -- und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade -durch den Salon wieder auf, daß der Krückstock auf dem Parkett dröhnte. - -»Das wäre mir freilich das liebste, denn das ganze Lebensglück unseres -Lieblings einem Spieler anvertrauen ...« - -»Blödsinn! Infamer Blödsinn! Du bist eifersüchtig, du willst das Mädel -überhaupt nicht fortgeben ...« - -»Einem Mann, der mir eine glückselige, sorgenfreie Zukunft garantiert --- sofort! Aber dem Grafen von Hohen-Esp ...?! Nein; wenn _du_ -mich fragst, sage ich tausendmal nein, denn ich weiß, daß sie einem -namenlosen Elend entgegengeht!« -- - -»Sieh mal an! -- Namenloses Elend! -- Nette Zukunftsmusik! Haha!... Na, -und was sagt Gundula selber zu dem riesengroßen Waschkorb, welchen du -für ihren Freier bereitstellst?« - -Da seufzte die große resolute Frau zum erstenmal schwer auf, und über -das ernste Gesicht zog es wie tiefe Schatten. - -»Gundula ist verblendet!« sagte sie leise, »sie ist ebenso wie alle -anderen von der Schönheit und Liebenswürdigkeit dieses glänzendsten -aller Kavaliere eingenommen! Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur -für Schimäre zu halten. Was fragt sie danach, ob er die Dukaten auf -den grünen Tisch wirft ... wenn _er_ selber nur ihr zu eigen bleibt -... man kennt ja die schwärmerische Genügsamkeit verliebter Menschen, -welche sich mit einem Herz und einer Hütte überreich wähnen!« - -»Gut! -- Warum also diesen schönen Wahn zerreißen?« - -»Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe bleibt! Wenn sie ihr -Unglück erst einsieht und begreifen lernt, ist es zu spät!« - -»Hast du dich von all dem Unglück, welches dich im Leben getroffen, zu -Boden schlagen lassen?« - -»Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...« - -»Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried reinster Rasse; ist -genau dasselbe eisenfeste energische Weib, wie es alle gewesen sind, -welche unser kraftvolles Geschlecht hervorgebracht!« - -»Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, gäbe es wohl auf der ganzen -Welt eine bessere Bärin von Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften -Pranken um ihr Glück kämpfen wird?« - -Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem Griff den -schweren Fenstervorhang zur Seite: »He! Ist das Mädel da unten ein -Mondscheinprinzeßchen, welches ein Wettersturm über den Haufen bläst -- -eine Wachspuppe, welche unter ihren eigenen heißen Tränen zerschmilzt? -Ich dächte, nein! Und Graf Friedrich Karl hat wohl genau gewußt, daß -er keine bessere Schirmherrin in seine Bärenburg einführen kann, als -unsere Gundula!« - -Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem Schritt hinter -den Bruder getreten; ihr Blick flog hinab in den großen Hof, in dessen -Mitte sich ihren Augen ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr -besorgtes Herz zu beruhigen. - -Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie hatte ihrem kleinen -Groom die Zügel zugeworfen und verabschiedete sich eben noch von dem -Rittmeister von Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten, -als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausflügel lehnte, ins -Wanken geriet und mit lautem Krach neben dem Pferde niederschmetterte. - -Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in jähem Schreck wild -aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos hing der Groom am Zügel und ließ -sich schleifen, dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher -schrie. - -Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt. - -Mit kraftvoller Hand griff sie zu und drängte den schnaufenden Fuchs -zurück. - -Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen Reitkleid eng -umschlossen, schien aus Stahl und Eisen, energisch, sicher, und doch -bei aller Kraft voll schmiegsamer Grazie stand Gundula neben dem -Durchgänger und zwang ihn zum Gehorsam. - -Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die großen, stahlgrauen -Augen blitzten einen stummen Befehl, und das Pferd schäumte ins Gebiß -und fügte sich gehorsam der Gebieterin. - -»Bravo, mein gnädiges Fräulein!« applaudierte der Rittmeister, und -Gundula lachte ihm heiter zu und rief ein paar siegesfrohe Worte. - -Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte es sich besonders -auffallend, wie ähnlich sie in Gestalt und Wesen ihrem Vater und Tante -Agathe war, von welchem die Welt sagte, daß sie energisch bis zur -Starrköpfigkeit, klug und zielbewußt bis zur Rücksichtslosigkeit seien. - -»Und _die_ sollte nicht ihren Weg gehen und sich von ein paar -Kartenblättern um Glück und Existenz bringen lassen?« - -Wieder lachte der Kammerherr sein dröhnend tiefes Lachen. - -»Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das Mädel, und will sie ihn -- so -bekommt sie ihn!« - -»Ein wildes Pferd zu bändigen, ist wohl leichter, als wie einen -leichtsinnigen Menschen im Zügel zu behalten! Wenn ein Weib liebt, so -ist es schwach und ohnmächtig -- und Gundula wird ihren Gatten lieben! -Sie wird auch an seiner Seite so selbstlos und uneigennützig sein, wie -sie es jetzt ist, und das öffnet dem Bankrott Tür und Tor!« -- - -Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem Lächeln grad aus. »Sie wird -ihren Gatten lieben -- ja ... Aber nur so lange voll blinder Nachsicht, -bis ein anderer kommt, den sie noch mehr liebt!« - -Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. »Wie soll ich das verstehen? Wen -könnte sie je mehr lieben wie den Mann ihrer Wahl?« - -»Ihren Sohn!« -- antwortete der Kammerherr langsam, voll schweren -Nachdrucks und in seinen tiefliegenden Augen glimmte es wieder so -seltsam wie zuvor: »Eine Bärin ist das gutmütigste Geschöpf der Welt, -welches sich geduldig den Pelz zausen läßt, solange sie nichts anderes -hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber erst junge Brut in der Höhle -liegt, dann wird aus dem sanftmütigen und indolenten Weibchen eine gar -wilde, leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken hebt und -zerbeißt und zerreißt, was das sichere Nest ihrer Jungen gefährdet! -- -Je nun! Auch Gundula wird eine Bärin von Hohen-Esp sein, und wenn sie -zuvor nicht für sich selber kämpfte, für ihre Söhne tut sie es so wahr -und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren Adern kreist! -- -- -=Dixi=, Agathe; -- ich habe geredet.« -- - -»Ja, du hast geredet!« nickte die alte Dame und reckte ihre markige -Gestalt noch entschlossener empor, denn zuvor, »ich aber werde -handeln.« -- - -Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und harrte ihres Verlobten, -welcher sie in seiner glänzenden Equipage, mit dem elegantesten -Viererzug, welchen die Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte. - -Jungfer und Modistin hatten noch geschäftig an Schleppe, Kranz und -Schleier geordnet, als Tante Agathe einen Blick auf die Uhr warf und -den Diensteifrigen in ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das -Zimmer zu verlassen. - -Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit ihrer geliebten -Pflegemutter, welche sie voll strenger, aber zärtlicher Sorge -großgezogen, zu ersehnen. - -Sie schlang die blühenden Arme um den Nacken der alternden Frau und -blickte ihr mit leuchtenden Augen in das ernste Antlitz. - -»Tante Agathe!« flüsterte sie, »ich weiß, daß du meine Verlobung -mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben hast! Du liebe, treue -Seele hast so schwarz gesehen und die kleine, harmlose Passion meines -Herzliebsten zu einer wüsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach -deiner Ansicht ruinieren muß! -- Hast du auch jetzt noch keine bessere -Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er es doch auf meinen Wunsch -über sich vermocht hat, während unserer ganzen Verlobungszeit keine -Karte anzurühren?« - --- -- -- Fräulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem Ausdruck in -die verklärten Augen der reizenden Braut, welche so gar nicht stolz, -stark und energisch, sondern weich, lieblich und hold erglühend wie das -verliebteste und schwächste aller Weiber vor ihr stand. -- - -Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen Mund. - -»Ich sehe, daß du glücklich bist, mein Liebling,« sagte sie, ihre -Lippen auf das wunderschöne Antlitz der Braut drückend, »und es sei -fern von mir, dir diesen sonnigen Tag durch meine Angst vor dräuenden -Wolken zu verdunkeln. Du hast Zeit gehabt, um zu überlegen, was du -tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche das Leben an dich -stellt, gewachsen sein.« -- - -»Ich bin es, Tante! Ich fühle die hohe, heilige Kraft der Liebe in mir, -um meines Gatten willen alles zu ertragen, was da kommt, alles!« - -»So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die Herrin von -Hohen-Esp!« - -Ein süßes, reizendes Lächeln verklärte das Antlitz der jungen Braut. - -»Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je! -- Welch eine -Herrschaft möchte ich wohl erstreben, außer jener einzigen -- über -sein Herz! -- Du fürchtest, Tante, daß ich einst Mangel an Geld und -Gut leiden werde! -- Was frage ich danach? -- Wäre Friedrich Karl -der ärmste aller Männer gewesen, ich würde ihn ebenso geliebt haben, -ihm ebenso überglücklich meine Hand gereicht haben, wie jetzt! Was -verlange ich noch vom Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte? -Nichts! Tausendmal nichts! -- Du weißt, daß ich niemals viel Sinn für -Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe. Dazu hast du mich zu ernst -und solide erzogen, hast mich eine bessere und höhere Werte des Lebens -kennen gelehrt. Die bunte, große Welt mit all ihrer Lust und ihren -Zerstreuungen war mir gleichgültig, ich habe in ihr gelebt, weil ich -von dem Schicksal auf ihren glänzenden Boden gestellt wurde, aber im -Gegenteil, ich würde meiner Liebe und meines Glückes froher sein, wenn -ich es nicht mit andern teilen müßte. -- Dies ist ja der einzige Punkt, -in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten harmoniere!« - -»Das glaube ich!« - -»Wie bitter das klingt, Tantchen! -- Ist es denn ein Unrecht, wenn -Friedrich Karl sich seines Lebens freut, es gern in möglichst -glänzendem Rahmen genießt? Gewiß nicht, das ist nur Geschmackssache; -und da er die Mittel besitzt, um in der großen Welt zu leben, -und gewissermaßen auch die Verpflichtung hat, seinen Namen zu -repräsentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob seine -Geschmacksrichtung nicht viel natürlicher und richtiger ist, als die -meine!« - -»So wirst du dich bekehren lassen?« - -Gundula neigte das schöne Antlitz so tief, daß die duftigen Wogen des -Brautschleiers darüber hinflossen. - -»Das dürfte schwierig, aber nicht unmöglich sein! Ich werde mich gern -dem Geschmack meines Mannes anpassen ...« - -»Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu deinen Pflichten -setzt?« - -Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verständnislos empor. »Wie -könnte das möglich sein?« - -»Wirst du blindlings _alles_ gut heißen, was dein Gatte tut? Als Frau -lernt man oft sehr viel schärfer und weitsichtiger urteilen, wie als -Mädchen!« - -Das rosige Antlitz war jählings erbleicht, Gundula hob ihr Haupt und -schaute der Sprecherin starr in die prüfenden Augen. Ein seltsam -fremder Zug schlich sich plötzlich um die lächelnden Lippen, fest und -energisch, ein Gemisch von Stolz und Unwillen. - -»Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch handelt -- was Gott -verhüten möge --, werde ich _nicht_ derselben Meinung sein wie er, -sondern so handeln, wie _ich_ es für recht und gut erachte!« - -Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt über ihre -eigenen Worte, das Köpfchen. - -»Aber wie sollte das geschehen? -- Wenn er sein Hab und Gut verspielt, -schädigt er ja nicht Fremde, sondern höchstens sich selber -- --« - -»Und dich!« -- - -Da lächelt sie wieder. »Ich sagte dir, Tante, daß ich für meine Person -gern auf alles verzichte!« - -Wie weich, wie innig und rührend klang das, wie leuchteten die blauen -Augen so demütig und ergebungsvoll sanft und treu! - -Agathe preßte die Lippen zusammen und kämpfte sekundenlang einen -schweren Kampf. - -Dann schüttelte sie seufzend den grauen Kopf und strich liebkosend -über das blonde Haupt ihres Lieblings, um welches die blühenden Myrten -rankten. - -»Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein Vertrauen nicht -nehmen, -- ich will in dieser Stunde nicht mit Möglichkeiten rechnen, -welche vorläufig noch in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte möchte ich -dir noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...« - -»Tante! Meine liebe -- liebe Tante!« -- - -»Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament gemacht und dich nach -seinem Tode zur Erbin eingesetzt, welche unumschränkte Vollmacht über -ihr Vermögen hat, -- er hat dies entgegen meinen inständigen Bitten -getan, er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt, obwohl er weiß, -daß du mit deinem Gatten in Gütergemeinschaft leben wirst. -- Je nun, -er ist ein Starrkopf und sein eigener Herr, ich bin überzeugt, daß er -nach bester Überzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula, bist in -Geldangelegenheiten und Geschäftssachen leider Gottes unerfahren wie -ein Kind, darum kann ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses -Testament für deine Zukunft birgt! -- Um so berechtigter ist aber meine -Bitte, welche du hoffentlich nicht abschlägst, auch wenn du dieselbe in -diesem Augenblick noch nicht verstehst!« - -»Sprich, Herzliebe ...« - -»Du weißt, daß Tante Margarete dir ihr ganzes Vermögen vermachte, -allerdings mit der Klausel, daß ich, solange ich lebe, den Nießbrauch -des Kapitals habe?« - -»Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch viele lange Jahre -dieser Renten freuen!« - -Agathe überhörte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller Stirn -geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig fort: - -»Von diesem Erbe, welches dir zusteht, weiß niemand etwas, -- dein -Vater hat es selbst mir gegenüber nie erwähnt, er wird auch ganz -bestimmt bei Friedrich Karl nichts davon gesagt haben, wie ja -seltsamerweise der Geldpunkt bei den Herren nie erwähnt worden ist! -Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz etwas ahnen, wenn du -ihm nicht selber Mitteilungen davon machst!« - -»Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld gehört ja noch gar nicht -mir!« - -Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame. »Es gibt Fälle, -wo Menschen mit aller und jeder Möglichkeit rechnen, wenn sie ...« -Die Sprecherin brach kurz ab und fuhr in dringlichem Tone fort: »Auf -dieses Kapital bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe es -mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, _nie_ und _nimmer_ deinem -Gatten gegenüber von diesem Erbe zu sprechen! Gelobe es mir! Schwöre -es mir, wenn dir die Ruhe meiner Seele wert ist! -- Sieh mich nicht so -fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht die Gründe sagen, -welche mich zu dieser Forderung bewegen, -- ich beschwöre dich nur mit -all der innigen Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich -flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten Mutter: -Schwöre mir, Gundula, nie und nimmer zu Friedrich Karl von diesem Geld -zu sprechen!« - -In den Augen der jungen Braut glänzten Tränen. Sie warf sich an die -Brust der Sprecherin und schluchzte leise auf: »Obwohl ich nicht -den Grund für diese seltsame Bitte einsehe, Herzenstante, und das -Empfinden habe, als ob es nur ein unbegreifliches Mißtrauen gegen -meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen drängt, will -ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben, -- dir zur Beruhigung! -- -Soll ich auf das Bildchen meiner lieben Mutter schwören? Ach, warum so -feierlich, -- es ängstigt mich! Aber wie du willst, Liebste! Ich bin -überzeugt, daß du es gut mit mir meinst!« - -Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild ihrer toten Mutter -und flüsterte tief erbleichend den Schwur, welcher ihr ein so -unerklärliches Schweigen auferlegte. - -»Amen!« sagte Agathe mit fester Stimme, umschloß die Rechte ihres -Pflegekindes mit den gefalteten Händen und sank neben ihr nieder auf -die Knie. - -Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula hörte nicht die Worte, -welche sie sprach. - -Unten auf der Straße klang ein jubelndes Hurra! -- brausende Hochrufe -aus unzähligen Kinderkehlen. - -Der Bräutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern banger -Glückseligkeit rann wie erlösend durch die Glieder des jungen Mädchens. -Sie trat jählings einen Schritt in den Erker vor und schaute hinab. - -Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender Uniform aus -dem Wagen springen, sie sah das strahlende Lachen in seinem schönen -Antlitz, wie er nach allen Seiten grüßte, wie sein Blick voll -ungeduldiger Sehnsucht zu den Fenstern emporflog. -- - -Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz schlug heiß und zärtlich -in ihrer Brust, und im Übermaß des Empfindens schwang sie die Arme um -Tante Agathe. - -»Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen Schwur halten, -wenngleich ich überzeugt bin, daß Friedrich Karl mich nie nach diesem -Gelde fragen wird, daß wir dieses Erbes nie bedürfen! O, liebe, liebe -Tante -- ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem Himmel, und im -ganzen Lande ist kein zweites Weib, welches so beneidet sein wird wie -ich in meinem übergroßen Glück!« - -»Das gebe Gott!« flüsterte die alte Dame und küßte ihr Herzenskind -feierlich auf die Stirn. In demselben Augenblick aber ward die Tür -stürmisch geöffnet, und voll jubelnden Entzückens, schön und strahlend -wie ein junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp seine Arme -nach der Geliebten aus. -- - -Diese Augenblicke gehörten dem jungen Paar; Tante Agathe trat -schweigend in den Erker und blickte auf die Straße hinab. - -Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als diese beiden -jugendschönen Menschen, welche sich so glückverklärt in die Augen -schauten, als sei die ganze Welt ein Zauberland trunkener Wonne -geworden, -- aber sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu -grell und blendend, als tue es den Augen weh. - -Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ... - -Drunten drängte sich eine neugierig erregte Menge um die prunkende -Galakutsche der Bären von Hohen-Esp. - -Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der schreitende Bär im goldenen -Feld. -- - -Wird Gundula eine echte, kampfesmutige Bärin werden, welche zur rechten -Zeit die Zähne weisen kann? - -Agathe seufzte tief auf. - -Jenes kraftvoll schöne Mädchen, welches wie eine Walküre das scheuende -Pferd bändigt, ist doch nur ein schwaches, liebendes, demütiges und -unendlich sanftes Weib, welches sich von dem heißgeliebten Mann ohne -Vorwurf und Groll zugrunde richten läßt. -- Ihr Vater war blind, wenn -er von der stolzen Festigkeit ihres Charakters sprach! - -Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in den samtweichen -Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der Möglichkeit dachte, daß der Mann, -welcher für sie der Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal -eine gewissenlose und schlechte Tat begehen könne! - -Versteckt sich unter den weißen Taubenschwingen dennoch der trotzige -Nacken der Bärin? -- Je nun, ob sie einst selber für sich und ihre -Existenz kämpfen wird, die reiche, reiche Gräfin von Hohen-Esp, oder ob -sie es nicht tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt des -Verhängnisses ereilt wird -- Tante Agathe hat in dieser Stunde für die -arme Verblendete gesorgt -- für sie und ihre Kinder. - -Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten Herzens auf -all die gleißende Pracht, welche ihre grellen Funken über Kranz und -Schleier der jungen Frau wirft. -- - - * * * * * - -Der Kammerherr war eingetreten. - -Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner markigen Gestalt -so besonders kleidsam gewesen. Auch gerne ging er trotz des Krückstocks -hoch und stolz aufgerichtet, und ein Ausdruck großer Genugtuung lag -auf den eisernen Zügen; dennoch erschienen dieselben farblos und -greisenhaft, und das nervöse Zucken der graubuschigen Augenbrauen fiel -mehr noch auf denn sonst. - -»Ich bin froh, daß ich diesen Tag noch erlebe!« hatte er am Morgen -gesagt, »er gibt meinem Leben einen guten Abschluß.« - -Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar, ein -schmunzelndes Nicken -- und dann bot er seiner Schwester Agathe den Arm --- es schien wenigstens so -- in Wahrheit führte sie ihn. - -»Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.« - -Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang den Arm noch -inniger um die reizende Braut, welche in der Residenz als gefeiertste -Schönheit galt. - -Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche ihm wie -verklärt in Glückseligkeit entgegenstrahlten. - -»Nun bist du mein, Gundula!« flüsterte er, und sein frisches, hübsches, -so lebenslustig lachendes Antlitz färbte sich höher. - -»Für Zeit und Ewigkeit!« - -»Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich?« -- - -»O, daß du fragen kannst!« - -Er lachte beinahe übermütig: »Und wirst nie ein Geheimnis vor mir -haben, kleine Frau?« Er dachte sich wohl selber nicht viel bei dieser -Frage, denn er blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog -ihr Köpfchen noch fester an die Brust und drückte die Lippen kosend -auf die blühende Myrte in ihrem Haar. Er bemerkte es nicht, wie sie -zusammenzuckte, er sah nicht, wie sie erbleichte, er wartete auch -kaum auf eine Antwort, sondern fuhr nach kleiner Pause fort: »Deine -süßen Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen laß mich täglich -lesen, daß du glücklich bist! Wahrlich, Gundula, kein Mensch kann eine -festere, redlichere Absicht haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben -sonnig und schön zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur Hölle sei -mit guten Vorsätzen gepflastert, aber das ist Torheit, denn unser -gemeinsamer führt direkt in den offenen Himmel hinein! Gundula -- hast -du mich lieb?« - -Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie antwortete nicht, -sondern küßte ihn. -- Sonnengold flutete über sie hin, in ihr Herz aber -war ein Schatten gefallen, der lastete dunkel und schwer, und in all -ihrem traumesschönen Glück zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei -durch ihre Seele: »Tante Agathe, warum hast du mir das getan!« - - * * * * * - - - - -II. - - -Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende Frau galten für -das glücklichste Paar im Lande! - -Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben, weil Sorge und Kummer -unbekannte Gäste in ihrem Hause waren, weil sie alles besaßen, was dem -Herzen Freude -- und dem Leben Reiz verleiht, -- sondern, weil sie -einander aus heißer, inniger Liebe geheiratet hatten. Auf Gundulas -Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen auf Burg Hohen-Esp -verlebt, und ein paar Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf -weiterer Fahrt durch das Land begriffen, für etliche Stunden in dem -wunderlichen alten Strandschloß Rast gehalten, konnten gar nicht genug -erzählen, wie wahrhaft verklärt in unaussprechlicher Glückseligkeit die -junge Gräfin dreingeblickt. - -Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts ersichtlich sehr -sympathisch, während der lebenslustige Gatte wohl nur aus Galanterie -und im Rausch des Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte! - -Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn der großen Rennen -»auf der Bildfläche« erscheinen und den Winter in der Residenz -verleben. Graf Friedrich Karl habe das heilig gelobt und sehr vergnügt -dabei ausgesehen, auch Gundula habe sehr liebenswürdig gelächelt, aber -doch heimlich geseufzt! - -Ob sie eifersüchtig ist und den Gatten am liebsten in die -Klostereinsamkeit der alten Bärenburg einsperrte? -- Wohl möglich! Aber -dann wehe der jungen Frau! - -Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen und hat auch -gar keine Anlage dazu, sein Leben in Sack und Asche zu vertrauern! -- -Gundula sei ja sehr hübsch, und daß sie den jungen Lebemann durch ihre -äußeren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich; ob sie aber -das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd zu fesseln? - -Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das, was man amüsant -nennt. - -Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit gefallener -Engel nie auffällig gehuldigt und sich beim Bakkarat besser unterhalten -wie in den schwülen Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein -Charakter wie der des jungen Millionärs ganz unberechenbar, und -die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche früher ganz -ferngelegen. Eine eifersüchtige Frau aber ist immer ein Unglück sowohl -für sich wie für andere. Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme -Gedanken -- eine eifersüchtige Frau bringt ihn darauf! Ihre ewigen -Anschuldigungen, ihr Mißtrauen weisen ihm erst den Weg. -- - -Zwar hat man an Gundula stets eine große Sanftmut und Nachgiebigkeit -gerühmt, und selbst ihre Jungfer hat nach vier Jahren noch versichert, -ihr gnädiges Fräulein sei die verkörperte Herzensgüte --! -- Ob -aber diese Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine Bärin von -Hohen-Esp geworden? - -=Femme varie!= und die Eifersucht ist eine Krankheit, welche so -urplötzlich aufkeimt und in Saat schießt wie das Unkraut auf dem Felde. - -Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der Residenz das -unerschöpfliche Thema, welches am Teetisch und im Rauchsalon mit -gleichem Interesse in allen Tonarten variiert wurde! - -Währenddessen träumte das junge Paar eine zauberhafte Spätsommeridylle -auf Hohen-Esp, der einsamen, uralten Burg, welche sich auf bewaldeter -Bergkuppe am Ufer der Ostsee erhebt und weithin über die blauwogende -Unendlichkeit schaut. - -Sie gehört zu dem ältesten Grundbesitz der Familie, ein düsteres altes -Gemäuer, ein Krähenhorst, welchen die kokette Laune ehemaliger Bewohner -gar eigenartig ausstaffiert. Die Bärenburg gleicht in Wahrheit der -Höhle eines Bären, denn die plumpen, massigen Mauern der graue, stumpfe -Turm sind im Innern und Äußern mit lauter Dingen ausgestattet, welche -an den Bär und seine wehrhaften Pranken erinnern. - -Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als die beiden -riesenhaften Bären, welche am Eingang des Burgtors Wache halten, -aus grimmig offenen Rachen die Zähne ihr entgegenfletschten, als -ihr überall auf Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur -blickte, Bären in allen Größen und Arten entgegenschauten, als jedes -Möbel oder jedes Gewebe ihr in Schnitzerei oder Muster das nämliche -Motiv zeigten -- Bären! Bären überall! Bald aber gefiel ihr diese -absonderliche Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen der -Familie und den Gedanken hineinlebte, daß sie nun selber eine Bärin -von Hohen-Esp geworden, eine jener seelen- und nervenstarken, stolzen, -gewaltigen Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust, -wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da schlug ihr Herz -hoch auf im stolzen Selbstbewußtsein, und beinahe zärtlich haftete ihr -Blick auf den braunzottigen Gesellen, welche in dieser verzauberten -alten Herrlichkeit die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrüßten. - -Ja, verzaubert! - -Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die mächtigen -Buchenwipfel im Parke raunte es und um die verwitterten Steinbilder -der wappentragenden Bären ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und -Murmeln, wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches seine Zauber -um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen Zauber, eine sanfte -Taube in eine gar wilde und trotzige Bärin zu verwandeln! -- - -»Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!« lachte -Friedrich Karl, als sie eines Abends auf der Zinne des Turmes standen, -weit hinab über die Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer -zu schauen, in welches der glühende Sonnenball langsam, durch violette -Dunstschleier tauchend, herniedersank. »Ich begreife dich nicht, daß -es dir hier in der entsetzlichsten aller vermoderten und verräucherten -Bärenhöhlen so gut gefällt! So schön, wie Hohen-Esp seinerzeit als Sitz -der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, so völlig überlebt -hat sich sein mystischer Zauber in unserer heutigen Zeit voll Komfort, -Eleganz und Leichtlebigkeit! Ich hatte im stillen eigentlich gehofft, -Gundula, du würdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche -schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, schleunigst -Reißaus nehmen! >Alle Tage Feldhühner< ist kaum so greulich, wie ->alle Tage Bären!< -- Bären, wo man sie sich nur denken kann, -- man -kann keinen Löffel in die Hand nehmen, ohne den Bär darin graviert -zu finden, kein Glas, kein Sessel -- kein Teppich ... keine Wand ... -brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere Altvorderen sind mit diesem -Bärenkultus schließlich langweilig geworden!« - -Beinahe erschrocken sah die Gräfin den Sprecher an. »Langweilig? -und das sagst du, Friedrich Karl, der Nachkomme dieses herrlichen -Geschlechts, für den jeder Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein -sollte? -- Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen Hohen-Esp --- und doch ist es mir, als sei mein Herz und Sinn schon ganz und gar -verwoben mit ihm, als wüchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten -Größe, als neige sich jedes dieser Bärenhäupter mir zu mit trautem Gruß -und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, durch Räume zu schreiten, -wo ringsum die Andenken von Vätern und Ahnherren sprechen, wo alles -davon zeugt, was sie einst waren und was wir Glückseligen jetzt sind, --- wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns sprechen! O du lieber -Mann, -- ich habe zuvor nie darüber nachgedacht, wie schön es wohl sein -müsse, die Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg deiner -Väter, da überkommt es mich wie eine heiße, ehrfurchtsvolle Sehnsucht, -wie eine jauchzende Begeisterung bei dem Gedanken, daß ich berufen -sein möchte, diesem alten, trotzigen Bärengeschlecht einen Erben zu -schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst so edel, so -ritterlich und herrlich sein wird, wie alle jene heldenhaften Männer, -welche ehemals in diesen Räumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die -grauen Quadersteine gemeißelt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben und -in seinem Sinne lebten und starben -- - - Christe Kyrie ... - Zu Land und See, - Schirmherr der Not -- - Das walt' Herre Gott!« - -Mit entzücktem, schier staunendem Blick sah Graf Hohen-Esp auf die -Sprecherin. - -Wuchs sie tatsächlich neben ihm empor, oder täuschte ihn sein Auge, daß -er ihre schlanke Gestalt plötzlich so hoch und stolz, so bärenhaft -markig neben sich sah? - -Und dieses schöne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden Augen ... -gehörten sie wahrlich seiner ernsten, träumerisch stillen Gundula? -- - -Fester schlang er den Arm um sie, heißer noch küßte er ihre Lippen. - -»Schade, daß mein guter Vater dich nicht sprechen hören kann, du wärest -wahrlich eine Schwiegertochter nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war -in der Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, wie ihn der -alte Wappenspruch verlangt; er hat viel Gutes getan, und wenn auch nicht -mit gewappnetem Arm gegen die Seeräuber hier von dem Bärenhorst aus, so -doch als moderner Mann im Reichstag und von der Ministerkanzel aus; du -weißt, wie man sein Andenken in Ehren hält! -- Ja, ein moderner Mann! -- -Hohen-Esp bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, zu -weltfern und unbequem, die Telegraphendrähte hatten ihr Netz allzu -gebieterisch um ihn gesponnen. -- Da hatte er sich Schloß Walsleben für -den Sommeraufenthalt zurechtmachen lassen, -- auch ein von den Vätern -ererbter >heiliger< Boden, aber doch etwas behaglicher und komfortabler -wie hier die alte Bärenhöhle! Garnison in der Nähe, flotte Kavallerie --- elegante und distinguierte Gutsnachbarschaft -- kurzum ... man kann -da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, diesem hübschen -Besitz möchte ich mein wonniges Weib auch einmal zuführen! Wir waren nun -drei Wochen hier, -- die Walslebener dürfen doch nicht eifersüchtig -werden?!« - -Wie innig er sie an sein Herz drückte, wie schmeichelnd seine Stimme -klang, wie unwiderstehlich war der strahlende und heitere Blick seiner -Augen, welche in letzter Zeit doch oftmals recht müde und gelangweilt in -die Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten! - -Ein Gefühl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, wenn sie an Scheiden -dachte, -- wie unaussprechlich glücklich war sie hier gewesen! -- wie -redete jedes Zimmer, jedes Plätzchen im Park von einer Zeit berauschend -seliger, junger Liebe! -- Nie und nimmer würde sie sich in Hohen-Esp -langweilen, und müßte sie ihr ganzes Leben hier zubringen! -- - -An seiner Seite ... im Verein mit ihm -- wäre es nicht Paradieseswonne -gewesen? - -Aber was galten ihr die eigenen Wünsche, wenn Friedrich Karl andere -Pläne hegte? - -Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Kuß von seinem Munde, -und die Bärin war wieder die willenlose Taube, welche mit demütigem -Lächeln nickt: »So bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja -überall schön, wo du bist!« -- - -»Gut, -- sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! Das genügt, daß -du dein neues Heim, die Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ... -dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!« -- - -»Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon letzt!« - -»Hierher nach Hohen-Esp?« er lachte beinahe übermütig: »Nein, meine -kleine Schirmvogtin, diese Extratour war nur ein Beweis meines -unbedingten Gehorsams! Du wünschtest, die Bärenburg kennenzulernen, -- -und ich war Wachs in deinen Händchen, wie ich stets im Leben sein werde! --- Nun aber kommt die Belohnung für diesen Separatarrest, obwohl -derselbe so süß und wonnig war, daß er seinen Lohn schon reichlich in -sich selber trug! -- Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden und -nimmersatte Kreaturen! Auf das schöne Exil in Hohen-Esp folgt ein noch -schöneres in Walsleben, und wie man nach der süßen Speise noch Konfekt -und Früchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine Spritztour gen -Nizza, San Remo -- Monte Carlo -- -- usw. -- servieren!« - -»Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem Herzliebsten gegenüber -Sklavin!« - -»Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen wir! -- Hurra ... -laß uns sogleich hinab und die Befehle zum Kofferpacken geben --!« - -Sie hielt seine Hände fest. »Und der schöne Sonnenuntergang?« flüsterte -sie bittend, mit einem langen, sehnsüchtigen Blick nach dem fernen Meer. - -»Scheint die Sonne noch so schön -- einmal muß sie untergehn!« -rezitierte er scherzend. »Du weißt, daß ich für Naturschönheiten leider -Gottes sehr wenig Verständnis habe, aber wenn es dir Freude macht ... -selbstverständlich, Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schluß der -Vorstellung hier ... Du weißt ja, die dienstbaren Geister sind gewandt -genug im Packen, um uns morgen früh noch den Schnellzug erreichen zu -lassen!« -- - -»Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir! Jene graue -Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen, ehe sie den Horizont -erreicht ...« - -»Wie nett von der Wolkenwand!« -- - -»Schäm' dich, du lieber Spötter!« - -»_Meine_ Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste -- dein Auge strahlt -mir Tag und Nacht!« - -Sie gingen Arm in Arm -- hinter ihnen aber erlosch das leuchtende -Tagesgestirn, -- es ward Nacht. - - * * * * * - -In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst jedes Frauenherz -entzückt und hoch befriedigt hätte. -- - -Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erfüllung eines jeden, selbst -des anspruchvollsten Wunsches. Es würde die junge Frau auch beglückt -haben, wenn sie mehr Wert auf äußeren Glanz gelegt, und Sinn für all die -vielen, hübschen Nichtigkeiten gehabt hätte, mit welchen das moderne -Wohlleben sich ausstattet und welche einer Reihe von müßigen Tagen einen -scheinbaren Inhalt verleihen. - -Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion für Geselligkeit und alles, -was mit derselben zusammenhing. - -Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett, und die reinste -Freude, welche sie empfinden konnte, war diejenige an einer schönen -Natur, mit all dem stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern, -welche ihrem Schöpfer Preis und Ehre geben. - -Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten ein übergroßes -Glück gefunden, war ihre Neigung für die Einsamkeit eher größer, denn -geringer geworden, und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles -gefunden, was sie schön und wonnig deuchte, um so weniger entsprach das -Walslebener Schloß mit seinem eleganten Leben und Treiben ihrem -Geschmack. Dennoch verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste -Seufzer, wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem glücklichen -Gesicht ihres Mannes an, daß er sich außerordentlich wohl fühlte, und -was hätte der selbstlosen und anspruchslosen Seele Gundulas mehr -Befriedigung geben können, als den Geliebten froh und zufrieden zu -sehen? - -Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin kaum den eigenen, -fürstlichen Besitz in Augenschein genommen, in die Nachbarschaft, um -Besuche abzustatten. - -Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben weilte, drängten sich die -Einladungen; man besuchte Feste und sah wiederum Gäste bei sich, und -Gundula empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige -Vergnügungshetze doch mit unendlicher Wonne, daß Friedrich Karl eine -stolze Genugtuung darin fand, der Welt sein junges Weib zu zeigen, daß -er sich beneidenswert und glücklich in ihrem Besitze fühlte. -- - -Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch schöne, stille Stunden, wo -der Geliebte ihr allein gehörte, wo er sich ihr voll zärtlicher -Ritterlichkeit auch ausschließlich widmete! - -Dafür dankte sie ihm durch eine stets liebenswürdige Bereitwilligkeit, -ihm hinaus in das laute, bunte Leben zu folgen, und als die für -Walsleben festgesetzte Zeit abgelaufen war und der junge Graf voll -ungeduldiger Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab sie -gern Befehl, die Koffer zu packen. - -Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer durch die Welt! - -Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die Krankheit des Vaters -führte sie alljährlich in dasselbe Bad, und Tante Agathe liebte es -nicht, sich in einem »rollenden Sarge« durchschütteln zu lassen. - -So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genußreiche Stunden, denn -Friedrich Karl unternahm ihr zu Liebe jede Partie und jede Promenade -über Berg und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl er -selbst in freimütiger Ehrlichkeit bekannte, daß er jedweder Kunst -gegenüber Barbar sei. Dafür speiste Gundula ihm zu Liebe mit an der -amüsanten =table d'hôte=, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte, -machte große Toilette, wenn er es verlangte, und opferte Ruhe und -Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas länger an dem grünen Tisch zu -sitzen. - -Monte Carlo! - -Anfänglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch ein Höllenabgrund in -diesem Paradiese gähnte. Sie sah voll naiver Verständnislosigkeit dem -Spiel zu, bis es ihr allmählich klar ward, was dasselbe eigentlich -bedeuten wollte. - -Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz hinein. - -Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut fieberischer -Erregung immer dunkler und heißer in sein schönes Antlitz stieg, wie die -Banknoten in seiner Brieftasche mehr und mehr zusammenschmolzen. - -»Herzliebster« -- flüsterte sie in sein Ohr --: »laß uns gehen -- ich -sterbe vor Müdigkeit!« - -Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldstücke zusammen und bot -ihr den Arm. - -»Vergib mir, =darling=! es ist in der Tat sehr spät geworden ... aber im -Eifer des Spiels ... ich habe gar nicht daran gedacht, daß du in letzter -Zeit immer so spät zu Bett gekommen bist.« - -Sie fürchtete, daß er sie heimbegleiten und noch einmal an den grünen -Tisch zurückkehren werde, aber er tat es nicht, er sagte nur lachend: -»Heute habe ich infames Pech gehabt! Das kommt von allem Glück in der -Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle wieder zurück.« - -Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit größere Summe. - -»Ich muß an meinen Bankier telegraphieren,« sagte er, »unser Reisegeld -ist auch schon futsch!« - -Da faßte sie flehend seine Hände, und ihre blauen Augen schauten voll -Angst in sein schönes, sorgloses Antlitz. -- - -»Friedrich Karl ...« flüsterte sie, »ach, laß uns fort von hier!« - -Er lachte hell auf und küßte sie: »Ich glaube, du hast Angst, daß ich -uns hier bankrott spiele!« scherzte er. »Unbesorgt, du liebes Närrchen! -Die paar tausend Franken reißen noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und -einmal muß ich doch auch wieder gewinnen!« - -Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die nächsten Tage -unaufhörlich. -- Die namhafte Summe, welche sein Bankier ihm angewiesen, -schmolz dahin wie der Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch -immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nervöses Lachen. - -»Friedrich Karl ... laß uns fort von hier!« flehte Gundula abermals, und -diesmal rollten ein paar große Tränen über ihre Wangen und netzten seine -Hand. - -Er zuckte zusammen. - -»Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du glaubst doch nicht -etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt über mich, als dieser süße Engel, -welchen ich mir selbst zum Wächter meines Glückes gesetzt habe?« - -Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm mit, daß mit dem -Kurierzug am nächsten Vormittag weitergereist werden solle. So -unbeschreiblich glücklich, wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder. - -Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten kein verblendeter -und leidenschaftlicher Spieler, welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte -mehr zugänglich war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen -- und -diese Gewißheit beseligte sie. - -Die nächstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar in Saus und Braus in -der heimatlichen Residenz. Graf Hohen-Esp machte ein glänzendes Haus, -und da er nie im Leben gefragt hatte: »_kann_ ich mir dies oder jenes -gestatten«, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern war sehr -erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages eröffnete, er sei nicht -in der Lage, noch mehr Gelder zu zahlen, da die zuständigen Revenuen -bereits an die Adresse des Herrn Grafen abgeführt seien. - -»Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal kaum angefangen?« -- -staunte Friedrich Karl, die Zigarette im Mund, die Hände in den Taschen -seines Jacketts versenkt. »Sonst war das doch sehr viel mehr?« - -»Herr Graf vergessen, daß das Kapital sehr abgenommen hat; die Summen, -welche nach Monte Carlo geschickt wurden, die Ehrenschuld, welche an -Herrn von X. -- und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde -...« - -»Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen?« wunderte sich der junge -Mann sehr gelassen, »das ist ja fatal. Aber ich muß doch momentan was -haben! -- Vom nächsten Quartal an können wir ja manches sparsamer -einrichten. Aber gerade jetzt muß ich so mancherlei berappen ... was -fangen wir da an, Alterchen?« -- - -Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln. - -»Sehr schwierig, Herr Graf ...« - -»Schnacken! -- Können Sie nicht die Schafe mal wieder scheren lassen? -- -Wir heizen ein bißchen ein im Stall!« - -Der Administrator lachte. -- »Dann müßten wir ihnen das Fell abziehen!« --- - -»Oder können Sie keinen Wald schlagen lassen?« - -»Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert, Herr Graf, daß da -nichts mehr weg darf! Höchstens die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ... -da sind starke Stämme ... die würden einen guten Ertrag geben ...« - -Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in sein lockiges Haar. -»Meine Frau hat eine Leidenschaft für das alte Bärennest und den schönen -Hochwald ... sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ... also -ganz herunter darf das Holz nicht ...« - -»Würde der Förster auch gar nicht zugeben, Herr Graf!« - -»Was _der_ zugeben kann und will, ist mir ganz gleichgültig! Lassen -Sie die Sache _so_ machen, daß die stärksten und schönsten Bäume -ausgeforstet werden. Verstanden? -- um den Wald etwas zu lichten!« - -»Befehl, Herr Graf!« - -Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von Hohen-Esp klangen nach wie -vor die Flöten und Geigen, klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn -die Goldstücke auf dem Spieltisch, Friedrich Karl amüsierte sich, -reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer und -ritterlicher Gatte, wenngleich die immer blasser werdenden Wangen und -der müde, resignierte Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher -hervortraten. - -Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag gestorben, und -während des Trauerjahres, wo man doch nicht gut die Saison mitmachen -konnte, unternahm Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin eine -Reise um die Welt. - -»Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen!« sagte -Friedrich Karl in seiner leichten, fröhlichen Art, »da könntest du mir -eigentlich einen Gefallen tun! Es ist momentan schwer für mich, Geld -flüssig zu machen, -- du weißt, daß das bei Grundbesitz immer seinen -Haken hat! Darum wäre es mir sehr lieb, du rücktest ein bißchen von -deinem Mammon heraus, um die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du? -Wärest auch die beste Frau der Welt!« - -Er küßte ihre Wangen und Hände, und sie lächelte ihr stilles, müdes -Lächeln, schmiegte sich an ihn und nickte: »Nimm soviel du willst! Was -soll ich mit dem Geld? Ich freue mich ja so, daß wir während der Reise -endlich einmal uns wieder selbst angehören können!« - -Und er nahm Geld, -- soviel er wollte, denn die Reisekosten waren nicht -gering. - -Ach, wie hatte Gundula gehofft, daß sie das Trauerjahr still und -behaglich in der schönen Einsamkeit von Hohen-Esp verleben würden, -endlich, endlich einmal wieder glücklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer -Ehe! - -Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an, ein stetes -Zusammenleben mit fremden Menschen, deren Mittelpunkt der schöne, -liebenswürdige Graf ja ständig war! - -Reiche Engländer und Amerikaner schlugen ein Spielchen vor ... und um -die Langeweile der endlosen Seefahrten zu lindern, spielte Friedrich -Karl; -- manchmal mit Glück, -- meist mit recht erheblichen Verlusten. - -Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte er seiner blassen Frau -so =en passant= einmal mit, daß die Reiserei doch infam teuer -gewesen sei und ein Heidengeld verschlungen habe! Das ererbte Kapital -sei beinahe draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ... -und da keine Kinder da sind, für die man zu sorgen hat, ist es ja -gleichgültig, wo es bleibt! -- Gundula hatte ohne ein Wort still vor -sich hingenickt. - -Nein, es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen -müssen! - -Der Graf setzte sich an den Flügel und spielte den feschen Walzer, -welchen er jüngst zum erstenmal wieder in einem Ballsaal gehört hatte, -und Gundula erhob sich lautlos, schritt über die weichen Teppiche nach -ihrem kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche Antlitz -in die Atlaskissen. - -Nein -- es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen -müssen! - -Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde als eine ja wohl -fatale, aber doch nicht zu ändernde Tatsache aussprach, das fraß ihr -seit Jahren schon wie nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr -wie ein grausames Schicksal, wie eine Bürde, unter welcher sie freud- -und trostlos daherschlich. -- - -Ein Sohn! -- ach, daß sie einen Sohn hätte! Wenn sie zurückdenkt an -jene ersten, traumseligen Wochen in Hohen-Esp, mit welch einer stolzen -Glückseligkeit sie zu den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut -und ihnen zugeflüstert hatte: »Einen Sohn will ich euch einst zuführen, -einen jungen Bären, furchtlos, brav und rechtschaffen, ein Schirmvogt -der Schwachen, ein Retter der Gefährdeten, ein Edelmann in Tat und -Wort, -- so wie ihr es gewesen seid!« -- - -Wie glühte ihr damals das Herz in der Brust voll stolzer Begeisterung, --- wie träumte sie mit offenen Augen einen herrlichen, goldenen Traum! --- Wehe ihr! es ist nur ein Traum gewesen und geblieben! - -Kein Kind im Hause! -- - -Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das klimpert mit -Geldstücken und schlägt klatschend die Karten auf! -- - -Anfänglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten Händen -dagegen gerungen, dann aber sind diese Hände müde und matt geworden, -ihr Herz schwer und starr, es hat nicht mehr in törichten Hoffnungen -geglüht und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, daß das Vermögen, -das große, gewaltige Vermögen des Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz! - -Für wen sollte es erhalten bleiben? - -Sie selber bedarf weder Glanz noch Üppigkeit, sie wird die Stunde -segnen, wo die goldene Brücke, welche ihren Gatten in die falsche, -bunte, treulose Welt führte, zusammenbricht. - -Dann muß er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts mehr zwischen -sie drängen, dann wird sie vielleicht noch einmal in einem stillen, -weltfernen Winkelchen glücklich sein! - -Glücklich?! - -Sie schluchzt laut auf. - -Wofür also sparen? -- Es ist ja kein Kind im Haus! -- - - - - -III. - - -Die Zeit verging, -- für Gundula schleichend, mit bleiernen Flügeln, -für ihren Gatten in wirbelndem Tanz. - -Da es der Gräfin in das Herz schnitt, unter so gänzlich veränderten -Verhältnissen auf Hohen-Esp zu weilen, so hatte sie eigentlich darauf -verzichten wollen, in diesem Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort -zu reisen, da trat jählings ein Ereignis ein, welches das bleiche -Antlitz der müden jungen Frau in schier blendende Sonnenhelle tauchte. - -Anfänglich wagte sie es kaum, an ihr verspätetes Glück zu glauben, ihr -Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre Seele jauchzte in Hoffnung, -und auf ihren Wangen blühten wieder Rosen auf, ihre Lippen lächelten -wie im Traum. Friedrich Karl beobachtete überrascht und erfreut die -sichtliche Veränderung seiner sonst so resignierten Frau, und als er -sich eines Tages sogleich nach dem Diner mit scherzenden Worten und -einer kleinen Galanterie über ihre leuchtenden Augen und blühenden -Wangen zurückziehen wollte, -- da hielt sie sanft seine Hände fest, -führte ihn nach ihrem dämmrig stillen Salon und warf sich voll bebender -Erregung an seine Brust. - -»Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und frägst doch -nicht nach der Ursache, welche mich neu aufleben läßt in übergroßer -Seligkeit?« - -Überrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf dem Diwan Platz -und murmelte betroffen: »Ich verstehe dich nicht, Gundula ... hast du -etwa das große Los gewonnen?« - -Sie lachte unter Tränen. »Nur das große Los? Ach, was bedeutet alles -Geld und Gut der Welt gegen unser Glück?!« - -Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schönen Haupt. »Sprich, Liebling -... foltere mich nicht!« - -Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm und flüsterte ihm -ein paar Worte in das Ohr. - -»Gundula!« -- schrie er beinahe auf: »Gundula -- ist das Wahrheit? -- -Uns sollte ein Erbe geboren werden -- ich sollte noch ein Kind auf den -Armen wiegen?« - -Er sprang empor, er stürmte im Zimmer auf und nieder, und dann bedeckte -er ihre Hände, ihr verklärtes Gesicht mit brennenden Küssen. - -»Ja, das ist ein unerwartetes Glück, Gundula!« jubelte er, »nun ist ja -dein heißester und sehnlichster Wunsch erfüllt!« -- - -»Und der deine nicht auch?« - -Wie ein Erbleichen ging es über sein erhitztes Gesicht, er sah sie -nicht an, sondern preßte die Wange gegen ihre Hand. - -»Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir gleichgültig sei, ob -die Hohen-Esps aussterben oder nicht! Neun Jahre lang hatte ich -mich freilich an diesen Gedanken gewöhnt ... ich rechnete mit jeder -Möglichkeit, nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!« - -Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch über die perlende -Stirn, dann lachte er abermals hell, beinahe übermütig auf und fuhr -fort: »Ja, nun müssen wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp -fahren, damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und -Allongeperücke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze Glück erzählen -kannst, daß ihnen ein Urenkel geboren werden soll, daß Gräfin Gundula -der alten Bärenburg für einen jungen Bären sorgen will!« -- - -»Und wenn es eine Bärin ist?« - -»Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hüten«, lächelte er galant, -und dann küßte er die Lippen seiner Frau und setzte die elektrische -Klingel in Bewegung, um dem Diener zu sagen, daß er heute abend zu -Hause bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden mit der -Meldung, daß der Herr Graf heute verhindert sei zu kommen. -- - -Gundula aber faltete die bebenden Hände und schloß lächelnd die Augen -... kam es noch einmal zurück, das Glück, das große, märchenhafte Glück -von ehemals? -- -- - --- -- -- Als der Gräfin lächelndes Antlitz sich zum Schlaf in die -Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl ruhe- und rastlos in seinem -Zimmer auf und nieder. - -Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen Brief, welcher den -Administrator anwies, sofort dem Abholzen der Hohen-Esper Waldungen -Einhalt zu tun. - -Er hatte sich in sehr mißlicher Lage befunden und nach kurzem Kampf -den Befehl gegeben, die herrlichen Buchenwaldungen um die Burg herum -schlagen zu lassen, -- hatte doch Gundula geäußert, daß sie keinen -Aufenthalt wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schämte sich vor all -den Ahnherren im Saal, daß sie ihnen noch immer keinen Stammhalter -zuführen könne! - -Das war nun anders geworden! - -Jetzt, nach neunjähriger Ehe! Wer hätte das gedacht! - -Nun war Gundulas Liebe für den alten Ahnensitz neu entflammt, und auf -keinen Fall durfte sie die Verwüstungen in ihren geliebten Wäldern -erblicken! - -Das war ein recht fataler Zwischenfall! - -Was sollte er nun beginnen? - -Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden, ach, Gundula ahnte -es nicht, _wie_ schlecht! - -Er mußte absolut eine bedeutende Summe flüssig machen, um eine -Spielschuld zu bezahlen! - -Infam! er hatte während der letzten Zeit so viel Pech gehabt, und wenn -er einmal gewann, so rannen die Dukaten wie Wassertropfen durch die -Finger! Es ist seltsam, daß in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt! - -Es wäre auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene Geld angelegt -hätte, anstatt es jedesmal zu verjubeln, ... aber du liebe Zeit! Für -wen hätte er sparen sollen! Wie konnte er ahnen, daß noch einmal Kinder -kommen würden! - -Je nun, das muß jetzt alles anders werden. Er wird diese eine -Spielschuld noch bezahlen und dann mit allem Ernst danach trachten, -seine Verhältnisse wieder zu arrangieren! Er muß noch eine Hypothek -auf Hohen-Esp aufnehmen! - -Walsleben, Mönchhagen und Gottern sind bereits derart belastet, daß er -mit diesen Gütern kaum noch rechnen kann, und das Kapital ist lange -verbraucht, ebenso das Erbe seiner Frau! - -Friedrich Karl stöhnt leise auf, schlägt die Hände vor das Antlitz und -sinkt in einen Sessel nieder. - -Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist wie verklärt -- -ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Glückseligkeit! - -Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im ersten Rausch der -Überraschung tat auch er es! -- gewiß! -- welch eines Mannes Herz -schwellt nicht Stolz und Genugtuung, wenn er Vater werden soll! - -Ja, er freute sich wie ein Trunkener, -- ohne jede Überlegung, -- die -rührende Ergriffenheit seiner guten Frau steckte auch ihn an! - -Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei nüchterner Überlegung, -da schleicht sich in dieses Glücksgefühl eine beklemmende Angst, die -sorgende Frage: was soll aus dem Kind werden? - -Wie willst du es ernähren? Von was einst standesgemäß unterhalten? - -Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater fragt: »Wo blieb das -Erbe meiner Väter?« Welch ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf -Friedrich Karl will ihn nie hören, -- nie! -- Er will, er muß es wieder -einbringen, was er vergeudet hat! -- - -Aber wie? -- - -Je nun, das Glück kann ihm nicht immer den Rücken kehren, einmal muß er -doch wieder mit Erfolg spielen, und dann wird er jeden Gewinn anlegen -und sein Vermögen ersetzen. All die Herren, welche durch ihn reich -geworden sind, müssen ihm Revanche geben, sie müssen es, wenn sie -Ehrenmänner sind! - --- Der Graf sprang ungestüm auf und sah nach der Uhr. - -Sind sie noch im Klub versammelt? - -Nein, -- es ist zu spät. - -Aber morgen! -- morgen! -- - -Und am nächsten Tage spielte er voll nervöser Leidenschaft, hitziger, -aufgeregter, wie je. - -Und er gewann! - -Sein Kopf brannte! Wie unsinnig vor Freude stürmte er zu dem Bankier -und legte das Geld an! -- Und dann hatte er noch eine Chance! - -Der Herzog war entzückt von seinem Viererzug schönster Rappen, welchen -er gern seiner jungen Schwiegertochter, der Prinzessin Margarete, zum -Geschenk machen wollte. - -Prinz Georg, welcher mit Hohen-Esp unterhandelte, bot eine enorme -Summe, aber die Eitelkeit des Grafen litt es nicht, daß er sich von -seinen berühmten Pferden trennte. Das war jetzt anders geworden. - -Er mußte für seinen Sohn Kapital machen! Noch an demselben Tage -verkaufte er die Rappen, und das Geld brachte er abermals auf die Bank! - -Welch ein Vergnügen ihm das bereitete! Es war etwas so Neues für ihn, -zu sparen! - -Vorläufig schaffte er auch keine anderen Pferde wieder an. Er kündigte -dem zweiten Kutscher, und freute sich, wieviel er dadurch ersparte, -- -den Unterricht für den anspruchsvollen Engländer und vier Rationen! -- - -Er muß weiter überlegen, wie und wo er sparen kann, ohne daß Gundula es -merkt, denn ein Gefühl der Scham hält ihn plötzlich davon ab, seiner -Frau einzugestehen, wie gewissenlos er bisher gewirtschaftet hat. -- - -Und er spart und legt an ... und dann schlägt das Glück einmal wieder -um und er muß alles wieder von der Bank abholen, um die Spielschulden -abzutragen! - -Es ist ein qualvoller Kampf, ein Auf und Nieder, ein Wasserschöpfen mit -dem Sieb! - -Aber Graf Friedrich Karl kämpft voll zäher Beharrlichkeit, er denkt -an seinen Sohn! Und er sorgt und müht sich immer leidenschaftlicher -und nervöser, je mehr er es beobachtet, wie in Gundulas Wesen eine -wunderbare und auffällige Veränderung vor sich geht. -- - -Wie in langem Staunen haftet sein Blick oft verstohlen auf der Gräfin. - -Ist dies dieselbe resignierte, müde, sanfte und gleichgültige Frau -von ehedem, welche auf all seine Wünsche nur ein selbstloses: »wie -du willst!« hatte, welche mit gesenktem Haupte einherschritt, -interessenlos, und so matt und scheu, wie eine weiße Taube, welcher ein -Sturm die Schwingen brach? - -Ist dies dieselbe Gundula, welche zu ihrem eigenen Schatten geworden -war? -- - -Jetzt ist es, als ob ein Steinbild endlich zum Leben erwacht sei! - -Ihre Gestalt wächst hoch und kraftvoll empor, ihr Haupt hebt sich stolz -und selbstbewußt auf den Schultern, und all ihre Bewegungen haben etwas -Festes, Sicheres, wie er es nie zuvor an ihr gekannt! - -Die sanften Taubenaugen blitzen in sieghafter Freude, die Lippen -lächeln und sprachen doch nie energischere Worte wie jetzt! - -Tante Agathe kommt zum ersten Male zu kurzem Besuch und weinte Tränen -der Freude über das Glück ihres Lieblings. - -Als sie Gundula so gänzlich verändert schalten und walten sieht, -nickt sie leise vor sich hin. Wie ein Echo ziehen die Worte ihres -verstorbenen Bruders durch ihren Sinn --: »wenn aber erst die junge -Brut in der Höhle liegt, dann wird aus dem sanften, indolenten Weibchen -eine gar trotzige, wehrhafte Bärin!« -- - -Ja wahrlich! -- auch Gundula wird eine solche Bärin sein! -- - -Auf dringenden Wunsch der Gräfin siedelte die Haushaltung nach -Hohen-Esp über und verblieb den ganzen Sommer daselbst, denn wie -Gundula scherzend sagte: »sollte der junge Bär in seiner angestammten -Höhle geboren werden!« -- - -Graf Friedrich Karl leistete seiner Gemahlin tagelang Gesellschaft, -dann trieb es ihn wieder voll rastloser Ungeduld in die Residenz -zurück; er kam und ging -- er schweifte ruhelos zwischen dort und hier, -und dabei ward er immer nervöser, immer blasser und elender, und sah -schließlich so ernstlich krank aus, daß es Gundula auffiel und sie -besorgt nach der Ursache fragte. - -Er lachte und versuchte voll unsicherer Heiterkeit zu scherzen. »Ich -werde noch die Ankunft des neuen Herrn und Gebieters abwarten, und -alsdann ein paar Wochen in ein Bad reisen; der Doktor meint, es sei -eine verschleppte Erkältung, dafür ist Luftwechsel gut!« - -Früher hatte die Gräfin nie an einem Wort ihres Mannes gezweifelt, -jetzt plötzlich hatte ihr Auge etwas so seltsam Forschendes und -Durchdringendes, daß Friedrich Karl ihrem Blicke auswich. - - * * * * * - -Und die Wochen vergingen ... und auf der Burg Hohen-Esp wurde ein Sohn -geboren. Ein Sohn! -- wie ein zitternder Jubelschrei rang es sich von -den Lippen der jungen Mutter. Nun lag der heißersehnte kleine Bär in -ihrem Arm, und die alten Bilder von der Wand schauten mit wundersam -lebendigem Blick auf sie nieder und lächelten ihr zu. - -Hub nicht ein freudiges Brummen und Raunen in allen Ecken an? -- - -Trappten nicht die mächtigen steinernen Bären vom Burgtor herauf, die -Wappenschilde in ihren Pranken vor dem jungen Bärlein in den weißen -Kissen zu neigen? - -Stampfte und schlurrte es nicht aus allen Winkeln und über alle -Stiegen heran, der lange Zug aller jener zottigen Gestalten, welche -seit Jahrhunderten hier in der Burg ihre stille Wacht gehalten und auf -den jungen Sprossen gewartet haben, welcher künftighin ihr Herr und -Gebieter sein soll, der Bär von Hohen-Esp? -- - -Welch ein Jubel und Glück im ganzen Hause! Nur der Vater des jungen -Erben hält seinen Sohn mit zitternden Händen, und die Fieberglut auf -seiner Stirn wechselt mit fahler Blässe. -- - -Sind es Tränen oder ist es perlender Schweiß, was langsam über seine -fahlen Wangen rinnt? Alles schläft in der Burg -- mit lächelnden Lippen -und wohligem Behagen, -- nur Graf Friedrich Karl wandelt ruhelos, -selber einem Gespenst gleich, durch die weiten, hallenden Räume. Er -findet keinen Schlaf. - -Vor ihm schweben zwei große blaue Kinderaugen, die schauen ihn ernst -und vorwurfsvoll an, als ob sie ihn richten wollten, und ein kleiner -Mund fragt wieder und immer wieder: »Wo blieb das Erbe meiner Väter, -welches sie dir zu Lehn hinterließen, auf daß du es für deinen Sohn -treu und rechtschaffen verwalten solltest?« -- - -Wie Donnerhall brausen die Worte in seinen Ohren, ob er auch qualvoll -die Hände dagegenpreßt und laut aufstöhnt: »Wie konnte ich noch auf -einen Sohn rechnen! Ich war mir keiner Verpflichtung bewußt, weil mir -kein Erbe geboren wurde!« - -Diese leise Stimme aber fährt erbarmungslos fort: »Rechne nach! Noch -ehe du ein Weib genommen, noch in den ersten, hoffnungsreichen Jahren -deiner Ehe schwand das Kapital dahin, ward das Fundament gelockert, auf -welchem jetzt der morsche Bau zusammenbricht! Rechne nach! wo blieb das -Erbe meiner Väter?!« -- - -Graf Friedrich Karl sank schwer in einen Lehnstuhl nieder. - -Er brauchte nicht nachzurechnen, -- er wußte, wo das Geld geblieben -war, -- ach, er wußte es nur zu genau. - -Vor seinen Augen schimmert grünes Tuch, blinken rollende Goldstücke. -- - -O furchtbare Antwort, welche er einst seinem Kinde geben muß! -- - -Wie Folterqualen peinigt sie schon jetzt sein Herz. -- - -Er erträgt diese Qual bitterster Selbstanklage nicht! -- Er muß -wiedergewinnen, was er vergeudete, er muß den drohenden Ruin abwenden, -er _muß_ es, wenn er noch den Mut haben soll, Weib und Kind in die -Augen zu schauen! -- -- - -Seine Hände wühlen aufgeregt in den Papieren auf dem Schreibtisch. - -Der Administrator hat ihm die Abrechnungen geschickt, ... es gibt -nichts mehr abzurechnen, und die Gläubiger drängen ... und die Termine -laufen ab. -- - -Was tun? -- - -Die Herren, mit denen er den Winter über spielte, welche ihm -außerordentliche Summen abgenommen und durch sein Vermögen reich -geworden, haben sich zurückgezogen. Sie leben auf Reisen, -- sie haben -sich auf ihre Besitzungen begeben. - -Es bleibt keine andere Möglichkeit, keine andere Hoffnung, als wie -Monte Carlo. Er will noch das Letzte zusammenraffen, was er besitzt, -und will =va banque= sagen! - -Nur warten muß er, bis sein Weib genesen ist, bis sie ... jede -Nachricht aus dem Höllenpfuhl jenes Spielernestes ertragen kann! - -Er hat seinen Sohn zum Bettler gemacht, aber _alles_ kann und darf er -ihm nicht nehmen, die _Mutter_ muß er ihm lassen! - -Also warten, ... warten! -- - -O, welch martervolle Wochen werden das sein! - -Wenn es ein Fegefeuer gibt, so wird er es in diesen Wochen kennenlernen. - -Und er lernte es kennen! -- - -Er saß mit hämmernden Pulsen und eiskalten Händen an Gundulas Lager, -er sah in ihr Antlitz, welches alle Himmelswonnen junger Mutterschaft -spiegelte, er hörte mit krampfhaftem Lächeln all die seligen -Zukunftspläne an, welche sie für des Kindes und ihr eigenes Geschick -schmiedete. Ja, sie wollten glücklich sein! -- - -Nun waren ja ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt, nun lag der Sohn in -ihren Armen, welcher das alte Geschlecht zu jungem Glanz und junger -Herrlichkeit aufblühen wird! -- - -Und die Gräfin drückte seine Hände voll unaussprechlicher Liebe -zwischen den ihren und blickte ihm wieder in die Augen wie damals -... vor Jahren ... als er sie im Arme hielt und dem bräutlichen -Weib gelobte, »ich will alles tun, dich glücklich zu machen!« -- O -meineidiger, wortbrüchiger Gesell, der er ward! - -Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgenschöne Glück -zertrümmert! - -Wahrlich, hat er es? - -Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort mit dem Schicksal -sprechen, noch kann alles wieder gut werden ... ach, so gut! -- Und -er flüstert ihr mit heiserer Stimme zärtliche Worte ins Ohr und wiegt -seinen Knaben auf den Armen. - -Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht! - -Wahrlich niemand? - -Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte gekommen, -blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich prüfend in das -fahle Angesicht. - -Ahnt sie, wie es um ihn steht? - -Warum nicht? - -Daß seine Verhältnisse zerrüttet sind, pfeifen in der Residenz die -Spatzen vom Dache. Wie _trostlos_ sie sind, weiß man freilich noch -nicht. -- - -Der Tag kommt, an welchem der junge Bär von Hohen-Esp getauft werden -soll. - -Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen Entzücken der Gräfin -hat man von jeder Festlichkeit Abstand genommen. - -Im allerkleinsten Kreise, -- nur von den Eltern, Tante Agathe und dem -jungen Pastor aus dem nächsten Dorfe, bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt -ist, wird das Kind über die heilige Taufe gehalten. - -Wie schön sieht Gundula aus! - -Ihre Figur ist voll, kräftig, schier königlich geworden. - -Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich einher, wie -noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit auf ihrem Angesicht, ein -Ausdruck in ihren Augen, welcher beweist, daß Gräfin Hohen-Esp in all -ihrem strahlenden Glück ein demütiges und frommes Weib geblieben. -- --- -- - -»Guntram Krafft« hat man den Knaben getauft, und der Prediger hat -über ihm die Hände gefaltet und gebetet, daß dieses Kind dereinst in -Wahrheit ein Schirmherr und Schutzvogt für alle sein möge, welche -unter seine starke Hand gestellt sind, daß er, ebenfalls furchtlos und -treu wie seine Ahnherren, die »Kraft«, welche ihm den Namen gibt, in -den Dienst seines Gottes und seiner Nächsten, für Fürst und Vaterland -stellen möge, daß auch er über den Inhalt seines Lebensbuches die -Devise schreiben möchte, unter welcher seine Väter Taten getan: - - »Christe Kyrie -- - Zu Lande und See -- - Ein Schirmherr der Not -- - Das walt' Herregott!« - -Nie hatte Gundula geglaubt, daß ihr so sehr lebensfroher, -oberflächlicher Gatte von einer heiligen Handlung derart ergriffen sein -könne! - -Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme auf den Grafen, -welcher kaum imstande war, seine Erregung zu meistern. Und wie bleich, -wie leidend, wie nervös sah er aus! Kaum, daß er den Knaben halten -konnte, so bebten ihm die Hände. - -»Du bist krank, Friedrich Karl,« flüsterte ihm Gundula besorgt zu, als -sie sich an seine Brust lehnte: »jetzt sehe ich erst, wie schlecht du -aussiehst! Fühlst du Schmerzen -- hustest du etwa?« - -Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. »Die Geburt eines Sohnes ist -ja für den Vater jedesmal sehr angreifend, doch geht es mir, den -Umständen nach, immer noch sehr gut! Eine kleine Luftveränderung, -- die -wird alles wieder gutmachen!« - -»O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir geht es so -ausgezeichnet, daß du nun um unsertwillen nicht mehr zu zögern -brauchst!« - -»Ich gedachte übermorgen nach San Remo zu fahren! Möchtest du mich -nicht begleiten? Fühlst du dich wohl genug? -- Unserm Jungen macht Tante -Agathe derweil die Kur!« - -Sie schüttelte das Haupt und errötete. »Undenkbar! Du vergißt, daß ich -selber die Amme unseres Lieblings bin! Auch bist du ungenierter, wenn du -auf niemand Rücksicht nehmen mußt! Also übermorgen! -- und wie lange -bleibst du?« - -»Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein braves Weib, daß ich bald -frisch genug sein werde, um heimkehren zu können! Ach, Gundula, -- du -glaubst nicht, wie gern ich wieder bei euch sein möchte!« - -Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das Haupt schwer auf -die Schulter. - - * * * * * - -Er reiste, -- und Gundula stand droben auf dem Söller des Turmes und -blickte dem entschwindenden Wagen nach. - -Sein weißes Taschentuch flatterte noch lange zurück, so lange, bis die -mächtigen Waldungen den Weg deckten. - -»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!« zog es voll wehmütiger -Sehnsucht durch den Sinn der Gräfin, als sie hinaus in die herbstlich -stille Gegend blickte, über welcher ein kühler Seewind brauste und die -dunklen Schatten eilenden Gewölks strichen. Regentropfen fielen kalt und -schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter ihrem kühlen Kuß. - -Mit weißen Schaumkämmen grüßten die fernen Meereswogen herüber, und -welke Blätter wirbelten von den drei Linden, welche den Burghof -beschatteten, zu ihr empor. - -Ein niegekanntes Gefühl unbeschreiblicher Trauer überkam Gundula, es war -ihr plötzlich zu Sinn, als könne es nie wieder licht und hell auf dieser -Welt werden, als sei die Sonne für ewige Zeiten für sie untergegangen. -Wie in jäher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, in welcher -der Wagen verschwunden war, aus. - -»Friedrich Karl!« -- rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen -- -»Friedrich Karl!« - -Der Wind verwehte den Klang, -- das bunte Laub rauschte auf und fegte -raschelnd über die Fliesen. - -Keine Antwort. -- Sie preßte die Hand gegen das zitternde Herz und -schüttelte jählings den Kopf. - -»Was ficht mich plötzlich an? Ich bin noch nervös und schwach, da nimmt -man alles so schwer! -- Wie oft ist Friedrich Karl in den letzten Jahren -verreist, kaum daß ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir sein -Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht übermannen? -- Das -ziemt sich nicht für eine Bärin, die ihr Junges säugt, auf daß sie es -zum Helden mache!« -- und mit schnellem Lächeln um die erblaßten Lippen -wandte sich die junge Mutter, um hastig das Zimmer ihres Kindes zu -erreichen. Da lag der kleine Guntram Krafft in seiner wunderlichen, -uralten Wiege, in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter -der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. Aus dunkelgebräuntem, -wurmstichigem Holz lag sie plump und ungefüge auf den breiten Kufen. - -Zwei kleine geschnitzte Bären ruhten auf denselben und stützten die -Bettstatt, dieweil ein großer, hölzerner Bär hinter derselben stand und -mit erhobenen Pranken die grünen Vorhänge hielt. - -Blühend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft in den Kissen, und voll -aufquellender Zärtlichkeit neigte sich Gundula und blickte in das -Antlitz des Kindes, welches sich in leisem Weinen verzog. - -Die kleinen Hände griffen unruhig in die weißen Linnen, und in jähem -Aufschluchzen öffnete er die Augen mit angstvollem Blick. Da legte sich -die kühle, ruhige Hand der Mutter auf sein Köpfchen. - -»Schlaf, kleiner Bär! schlaf ein!« lächelte sie. »Fürchtest du dich, -weil dein Vater von uns ging? -- Bist drum noch nicht verlassen! Deine -Mutter hält treue Wacht bei dir!« - - - - -IV. - - -Acht Tage waren vergangen. - -Aus San Remo hatte ein Brief die glückliche Ankunft des Grafen gemeldet. - -Gundula hatte die Zeilen verschiedentlich durchgelesen und jedesmal das -Empfinden gehabt, daß dieselben sehr wirr und unklar waren. - -So schrieb wohl ein Fieberkranker! - -Besorgt gab sie Tante Agathe den Brief zu lesen. Diese saß lange und -blickte schweigend auf das Schriftstück nieder. - -Bedächtig nickte sie vor sich hin, und ihr gutes altes Gesicht trug -einen wundersamen Ausdruck. - -»Ich glaube nicht, daß er krank ist, -- wenigstens nicht körperlich -krank!« - -»O, ein seelisches Leiden wäre noch schlimmer!« - -»Gott sei es geklagt!« - -»Was glaubst du, was ihm fehlt?« forschte die Gräfin beunruhigt. - -»Geld!« antwortete die alte Dame lakonisch. - -Gundula lachte leise, wie von jäher Angst erlöst. - -»Nun, solch ein Manko ließe sich am ersten verschmerzen!« - -»Du glaubst?« - -Die junge Mutter blickte heiter in das bekümmerte Gesicht der -Sprecherin, beinahe übermütig dehnte sie die blühenden Arme. - -»Ja, Tantchen! Du weißt, daß ich das kostspielige Leben in der großen -Welt nie geliebt habe! Wenn Friedrich Karl die Mittel fehlen, seine -Unkosten zu bestreiten, ist er gezwungen, mit uns in dieser wonnigen -Einsamkeit zu bleiben! Wir werden endlich für uns leben und glücklich -sein!« - -»Ahnst du, daß die Verhältnisse deines Mannes sehr derangiert sind?« - -Gundula zuckte gleichgültig die Achseln: »Das müßte ich mir eigentlich -an den fünf Fingern abzählen können! Nach den ungeheuren Ausgaben, -welche er seit Jahren hatte, muß auch das größte Kapital -zusammenschmelzen! Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem -seinen besagen? Die Güter sind ja wundervoll, ein paar Jahre solide -gelebt und gespart -- und das Defizit ist bald ersetzt!« - -»Die Güter sind leider kein Majorat! Nicht einmal der Besitz von -Hohen-Esp ist der Familie dauernd gesichert!« - -Erstaunt blickte Gundula auf. - -»Du irrst, Tante!« - -»Doch nicht! -- Als das Majorat seit drei Generationen nur noch auf zwei -Augen stand, wurde es leider Gottes durch den Großvater deines Mannes -abgelöst, um die Güter eventuell auch auf Töchter vererben zu können. -Wie dies möglich war, ist uns heutzutage ein Rätsel, in den schweren -Jahren der Befreiungskriege war jedoch nichts unmöglich, und der alte -Hohen-Esp nahm eine sehr einflußreiche Stellung bei Hofe ein. Sein -einziger Sohn, welcher bereits in der Mitte der dreißiger Jahre stand, -blieb nach der Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte -voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich immer mehr -Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen Feuer tödlich getroffen -vom Pferd stürzen sahen, so war man schließlich von seinem Ableben -überzeugt, und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen und -für seine beiden Töchter den ungeheuren Grundbesitz zu sichern, da kein -männlicher Erbe mehr in der Familie vorhanden war. -- Es gelang ihm, das -Majorat abzulösen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht, sehr -plötzlich während einer Cholera-Epidemie. Dieselbe raffte auch die -jüngste seiner noch unvermählten Töchter dahin. -- Ganz plötzlich, als -schon die älteste, verheiratete Tochter den Besitz angetreten hatte, -erschien der totgeglaubte Bruder wieder daheim. Er war durch einen -Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang in einem -englischen Barackenlager verpflegt und dann mit einem Transport nach -London geschafft. - -Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine Zunge gelähmt hatte -und sein Geist während langer Zeit getrübt blieb, ahnte man weder Namen -noch Heimat des Unglücklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten, -daß er in jenen überfüllten Baracken überhaupt noch am Leben blieb und -endlich -- wenn auch nach Jahren erst -- völlig geheilt ward. - -Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils große -Bestürzung hervor. - -Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte im Krieg den Gatten -verloren, -- ihr Vermögen war aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder groß. -Mußte sie dem Bruder das große, väterliche Erbe zurückgeben, so war sie -eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Prozeß, falls man ihr den Besitz -streitig machen wolle. -- - -Der Bruder schlug eine gütliche Einigung vor, und man kam überein, den -immerhin ungeheuren Besitz zu teilen. - -So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an den Bruder zurück. - -Dieser vermählte sich mit einer ebenfalls reichen Erbin, und da er nur -einen einzigen Sohn besaß, unterließ er es in unbegreiflichem -Leichtsinn, das Majorat wiederherzustellen. Auch dem Vater deines Mannes -wurde nur der eine Sohn geboren, und abermals unterblieb es, die -Erbfolge zu sichern.« - -»Wie genau du Bescheid weißt, Tante Agathe!« murmelte Gundula, welche -aufmerksam gelauscht hatte --, »nun ... fürerst ist ja Guntram Krafft -auch der einzige, und ich denke, seine Güter werden ihm nie streitig -gemacht!« - -Die alte Dame machte eine beinahe ungeduldige Bewegung. - -»Die Güter sind durch Friedrich Karl bis auf das Äußerste verschuldet!« -sagte sie herb, »und ich fürchte, du wirst dein väterliches Vermögen -völlig zusetzen müssen, um wenigstens das eine oder andere zu -entlasten.« - -Alles Blut wich aus dem Antlitz der Gräfin. - -»Davon hat mir mein Mann nie ein Wort gesagt --!« - -»Unverantwortlich!« -- - -»Herr mein Gott!... und mein Vermögen ...« - -»Vollende!« -- - -»O, Tante Agathe!« -- - -»Es ist bereits verbraucht?« - -Gundula krampfte die Hände ineinander und nickte stumm mit dem Kopf. - -»Ich erwartete es kaum anders!« murmelte die alte Dame mit bitterem -Lächeln. - -Da hob die Herrin von Hohen-Esp jäh das Haupt und starrte sie in -atemlosem Entsetzen an. -- - -»Wenn dem wahrlich so ist -- wenn die Güter verschuldet -- das Kapital -verbraucht und Friedrich Karl nicht fähig ist, sich zu arrangieren, -- --- was wird dann aus meinem Sohn?« - -Das klang wie ein Aufschrei. - -Das alte Fräulein von Wahnfried preßte herb die Lippen zusammen. - -»Das Opfer väterlichen Leichtsinns, eine verlorene Existenz, welcher vom -Spielteufel das Schicksal diktiert ward!« - -»Tante Agathe!« -- - -Gräfin Hohen-Esp faßte den Arm der Sprecherin, ihr Antlitz ward bleich -wie der Tod. - -»Das wäre ... das wäre ein Verbrechen von Friedrich Karl!« ... stöhnte -sie auf und schlug wie in jähem Entsetzen die Hände vor das Antlitz. -»War ich denn mit Blindheit geschlagen, daß ich nicht mehr sah, was -um mich her vorging? Habe ich die ganze furchtbare Zeit verträumt und -verschlafen, daß ich nicht ahnte, zu welch einem Dasein ich mein Kind -geboren? Aber nein! nein! -- tausendfach nein! Es kann, es darf ja -nicht so sein! -- Du bist falsch unterrichtet, Tante Agathe, man hat -meinen Mann verleumdet! Es ist nicht so schlimm, es _kann_ nicht so -schlecht mit ihm stehen, sonst wäre er nun und nimmermehr nach San Remo -gefahren -- -- --« - -»Er ist nach Monte Carlo gefahren!« - -»Monte Carlo?« -- Gundulas Augen flammten. - -»Undenkbar! -- woher weißt du das?« -- - -»Ich sehe es aus diesem Brief ... und ich habe Menschenkenntnis genug, -um einen Mann wie Friedrich Karl richtig zu beurteilen!« - -»Tante!« -- - -Gundula taumelte einen Schritt zurück und preßte die Hand gegen das -stürmende Herz -- »Du hast stets so hart und unbarmherzig über meinen -Mann geurteilt ...« -- sie unterbrach sich und horchte auf. - -Drunten, auf dem holperigen Pflaster des Burghofs klang Hufschlag. - -»Kommt er zurück?« - -Agathe war an das Fenster getreten, ihre hohe, kraftvolle Gestalt schien -zusammenzuzucken. - -»Der Administrator!« -- - -»Der Administrator? -- Was will der hier in Hohen-Esp ... bei mir ... zu -solch ungewohnter Zeit?« -- - -»Ich werde ihn sprechen ...« - -»Nein! bleib! er soll hierherkommen!« und schon hatte Gundula das -bleigefaßte Fenster hastig geöffnet und rief durch den Herbststurm in -den Hof hinab: - -»Ich bitte Sie, sogleich heraufzukommen, Herr Werner!« - -Der alte Mann schrak zusammen, starrte mit verstörtem Blick empor und -stotterte »Zu Befehl, gnädige Frau!« - -Dann gab er noch kurzen Befehl, das dampfende Pferd genügend abzureiben, -und wuchtete auf seinen schweren Reitstiefeln über die Steinfliesen nach -der Treppe. - -Wenige Minuten später stand er auf der Schwelle, und Gundulas Blick -starrte ihm forschend entgegen. - -Wie blaß und hohläugig der alte Getreue aussah, wie seine Gestalt -zusammensank, und wie kummervoll und mitleidig sein Blick die Gebieterin -traf. - -»Verzeihen Frau Gräfin ...« stammelte er, »wäre es wohl vergönnt, daß -ich mit dem gnädigen Fräulein von Wahnfried ein paar Worte allein -sprechen kann?« -- - -Wie ein eisiger Schauer kroch es nach Gundulas Herzen, aber sie richtete -sich auf und schüttelte den Kopf. -- - -»Es gibt keine Geheimnisse vor mir! sprechen Sie ... was gibt es?!« - -»Frau Gräfin sind noch leidend ...« - -»Nein, nein! ich bin kräftig und gesund! -- Haben Sie so schlechte -Nachrichten zu bringen, daß Sie fürchten, mir schaden zu können?« -- - -Die Sprecherin nahm sich zusammen, so ruhig und fest wie sonst zu reden, -aber auf ihre Wangen traten zwei brennend rote Flecke, und die Hände -krampften sich fester um die Stuhllehne: »Sie haben über mißliche -Geldverhältnisse zu berichten?« - -Der alte Mann senkte den Blick. - -»Auch das, Frau Gräfin!« -- - -»Es steht sehr schlecht um die Güter meines Mannes?« - -»Sehr, sehr schlecht, Frau Gräfin!« - -»Hoffnungslos und trostlos?« - -Werner zögerte. -- »Das wäre noch nicht das Allerschlimmste, Frau -Gräfin!« - -Da schrak ihre schlanke Gestalt empor. - -»Nicht das Allerschlimmste?! Was heißt das?!« - -Agathe trat an ihre Seite und legte liebevoll den Arm um sie. - -»Geh zu deinem Sohn, Gundula! Mich deucht, er weint! Ich spreche mit -Herrn Werner und teile dir nachher alles mit!« - -Die Gräfin wehrte die Sprecherin mit bebenden Händen ab, -- ihre Augen -glänzten wie im Fieber. - -»Sie bringen mir eine Nachricht von meinem Mann?« fragte sie hastig, -- -flüsternd. - -Der Administrator senkte den grauhaarigen Kopf tief zur Brust, ein -schwerer Seufzer rang sich über seine Lippen. - -»Es ist so, Frau Gräfin!« - -»Er braucht Geld?« - -Werners Blick trifft wie Hilfe flehend Tante Agathe. - -»Und Sie haben keins?« fährt Gundula schnell fort. - -Der alte Mann schüttelte trostlos den Kopf. - -»Ach, schlimmer, Frau Gräfin, viel schlimmer!« - -»Herrgott des Himmels ... foltern Sie mich nicht! Ist er etwa krank? -schwer krank?« - -Da zieht der Administrator mit jähem Griff einen Brief und eine Depesche -aus der Tasche und reicht beides Tante Agathe zu. - -»Lesen Sie! lesen Sie!« murmelt er. »Ach, du Herr mein Gott, ich kann es -nicht aussprechen, -- es will mir nicht über die Lippen!« -- - -Gundula hat die Papiere mit heftigem Griff erfaßt, -- sie wankt nach dem -Fenster, sie öffnet und liest. - -Der Administrator macht eine kurze, händeringende Bewegung gegen Tante -Agathe, -- -- sie versteht ihn nicht, und so tritt er selber hinter die -Gräfin, als wolle er bereit sein, eine Zusammenbrechende zu stützen. - -Aber Gundula sinkt nicht unter dem furchtbaren Schlag, welcher sie -trifft, nieder. Nur das Papier der Depesche knistert und wankt zwischen -ihren Fingern, und ein leiser, halberstickter Schrei ringt sich von -ihren Lippen. -- - -»Tot! -- er ist tot!« -- - -Eine sekundenlange, furchtbare Stille. - -Agathe ist mit fahlem Antlitz näher geeilt und schlingt die Arme um die -junge Witwe. - -»Tot!« murmelte sie. »Allbarmherziger Gott, wie das?!« - -Werner hatte einen der großen, eichengeschnitzten Sessel näher -geschoben. - -Die Bärenköpfe, welche seine Knaufe bilden, verschwimmen vor Gundulas -Blick. - -Sie sinkt schwer auf das Lederpolster nieder und starrt auf die -Depesche. - -Ihre Augen sind weit offen, stier und tränenlos. »Es steht wohl alles in -dem Brief an die unglückliche Frau Gräfin!« murmelte Werner auf den -fragenden Blick Agathes, und er legte die Hand über die Augen und wendet -sich ab, als könne er den Anblick des schmerzversteinerten Antlitzes -nicht ertragen. Da hebt Gundula das Haupt, ein jäher Blick flammt aus -ihren Augen. - -»Der Graf hat sich erschossen? in Monte Carlo erschossen?« fragt sie -langsam, und ihre Stimme klingt fremd und heiser. - -»Wohl in einem Anfall von Geistesstörung!« stöhnte der alte Beamte; »es -ist zu viel Schweres in letzter Zeit gekommen, die Gläubiger haben so -gewissenlos gedrängt ...« - -»Dieser Brief ist an mich gerichtet?« sie will das Schreiben heben, um -die Adresse zu lesen, aber ihre Hand sinkt schwer zurück. - -»Sehr wohl, Frau Gräfin! ich erhielt ihn vorgestern von dem gnädigen -Herrn mit der Weisung, ihn nur dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine -Depesche des Kammerdieners schlimme Nachricht über den Herrn Grafen -brächte!« - -»Und diese Nachrichten kamen!« -- Wie der leise, grelle Schmerzensschrei -zerspringender Saiten klingt es über die wachsbleichen Lippen Gundulas, -dann sinkt ihr Haupt wieder schwer vornüber, ein herzzerreißendes Weh -zuckt über das Antlitz, sie krampft die Hände zusammen und ringt nach -Atem wie eine Erstickende. - -Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem Nebenzimmer geholt und -will Stirn und Schläfen der beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula -aber wehrt sie jäh ab und richtet sich gewaltsam auf. - -Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. »Ich danke Ihnen, daß -Sie selber kamen, -- ich danke Ihnen, daß Sie meinen Schmerz teilen. -Bleiben Sie in meiner Nähe, -- es gibt wohl viel schwere, traurige -Arbeit für uns. -- Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen, -- selbst -den einen, furchtbarsten noch nicht, daß er freiwillig von mir ging, -daß er ein so namenloses Weh über mich gebracht! -- -- Lassen Sie mich -jetzt allein, -- auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal -mit mir reden!« - -Ihre zitternde Hand faßt den Brief, -- sie winkt damit --: »Geht! -- -geht!« - -»Frau Gräfin!« schluchzt der alte Mann auf, -- »meine arme, arme Frau -Gräfin!« und er faßt ihre Hand und drückt sie an die Lippen. Tränen -fallen darauf nieder. - -»Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! -- Gott gebe Ihnen Trost und Kraft -... Gott erhalte Sie für Ihren Sohn!« - -Sie nickt wie geistesabwesend und drückt stumm seine Rechte, -- kalt wie -Eis liegen ihre schlanken Finger in derselben. - -Er geht, langsam, zögernd, den Blick sorgenvoll zurückgewandt. - -Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgefühls die Arme um die -Unglückliche, küßt ihr Wangen und Stirn und flüstert treue, milde Worte; -dann schreitet auch sie über die Schwelle und folgt dem alten Beamten in -das Nebenzimmer. -- - -Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos, preßt die Hand gegen -die Stirn, als müßte sie gewaltsam ihre Gedanken zusammenfassen, und -erbricht alsdann das Schreiben. - -Ihre tränenlosen Augen starren wie geistesabwesend darauf nieder. - -Die ersten Zeilen verschwimmen, sie faßt kaum ihren Sinn, dann schärft -sich ihr Blick, sie liest, liest immer hastiger und schneller, das Blut -stürmt wieder siedendheiß durch ihren Körper, eine fieberische Aufregung -erfaßt sie nach der todesstarren Ruhe! - -Ja, nun wird ihr alles klar! - -Er schreibt: »Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir und dem Kind in die -Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn hat nicht nur mich, sondern auch -Euch zu Bettlern gemacht! Ich habe nicht nur _mein_ Eigentum, sondern -auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden, einem Mann, -welcher in dem letzten halben Jahr unaussprechlich gebüßt hat, welcher -im Höllenbrand wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und reinste -Glück verspielte, -- das Glück: Vater zu sein! -- Ich habe einen Kampf -der Verzweiflung gekämpft, um das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen -wage ich es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne ich, -bin ich gerettet -- für euch und für ein besseres, glückliches Leben, -- -verliere ich abermals, gibt es kein Wiedersehn mit Euch, -- ich habe -gesühnt, wenn Du diesen Brief in Händen hältst, geliebtes Weib! Wirst Du -meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula? Ich war nicht schlecht, -- -aber eine Schlechte, treulose und gewissenlose Welt hat mich -leichtsinnig gemacht! -- Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch! -Erziehe einen bessern Mann aus ihm, als wie sein unglücklicher Vater es -war, -- mache ihn zu einem echten und wahren Hohen-Esp!« - --- Die Leserin ließ den Brief sinken, sie krampfte aufstöhnend die Hände -zusammen, ein Ausdruck bitteren, leidenschaftlichen Hasses lag auf dem -erst so steinernen Angesicht. - -Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt! Sie allein hat -all das Unglück ihres Lebens verschuldet, sie hat ihr das Glück -gestohlen und das Dasein vergiftet! -- Die Welt mit ihren -leichtsinnigen, schlechten Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden -Irrlichtsgeflimmer über mordendem Sumpf! - -Wie glücklich hätte sie an Friedrich Karls Seite sein können, -- die -Welt hat es nicht geduldet! Wie hätte sie ihn und sein Herz besitzen -können -- wenn die Welt ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den -grünen Tisch gebannt hätte! - -Wie arm -- ach, wie bettelarm an allem hat die Welt sie gemacht, -- sie, -die einst die reichste und glückseligste der Frauen gewesen! - -Und doch ... wie wenig nahm sie ihr noch im Gegensatz zu jenem Mann, -welcher mit durchschossener Stirn seinem verfehlten Dasein selber ein -Ziel gesetzt! - -Sie nahm ihm nicht nur Geld und Gut, sondern auch die stolze, ehrenhafte -Festigkeit des Mannes, seinen Willen -- seinen Halt -- ja selbst den -letzten Rest eines klaren Überlegens und den Mut, den Kampf mit dem -Leben aufzunehmen! - -Die Welt, die verführerische Welt mit ihren Spielsälen und Hasardkarten -hat aus dem Grafen von Hohen-Esp einen erbärmlichen Schwächling gemacht, -der den Ruin über seine Familie heraufbeschworen und dann feige zu dem -Revolver greift, um den Folgen seiner Schuld zu entgehen! - -Das tat Friedrich Karl -- der Mann, zu dem sie einst emporgesehen hatte, -wie zu einem Gott! -- - -Das tat er ihr, seinem hilf- und schutzlosen Weibe an, welchem er einst -geschworen: »Ich will dein Halt und deine Stütze sein, ich will dich -glücklich machen!« -- - -O, wie leicht ist die Waffe gehoben, jene eine, flüchtige Sekunde -überwunden, welche durch einen Druck des Fingers allem Elend ein Ziel -setzt -- und wie schwer, wie bitter schwer ist es, durch lange, -mühselige Jahre die Last der Armut zu schleppen, sich und ein Kind -ernähren zu müssen! - -Hat Friedrich Karl denn gar nicht daran gedacht, was aus seinem Weib und -Kind werden soll, wenn er sie verläßt wie ein Feigling? Und wenn er sein -Geld und Gut vertan -- blieben ihm nicht noch seine kraftvollen Hände, -durch deren Arbeit -- und sei es der geringsten eine -- er die Seinen -ernähren konnte? - -O nein! was hätte die Welt dazu gesagt, wenn ein Graf von Hohen-Esp -gearbeitet hätte! - -Hat nicht die Welt selber ihm den falschen Begriff von Ehre eingeimpft, -einer Ehre, welche befleckt wird durch Schwielen in der Hand? -- - -Friedrich Karl ist in der großen Welt aufgewachsen, er ist gesäugt mit -ihren Ansichten über Stand und standesgemäßes Leben, über all die -haltlosen Verschrobenheiten, welche dem vornehmen Mann zum Gesetz -gemacht sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen und ihre -Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! -- - -Eine unsägliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der verlassenen Frau -auf, und gleichzeitig bäumt ein wilder, ungestümer Trotz in ihr empor, -den Posten, welchen der pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen, -nun selber einzunehmen und den Kampf für die Existenz ihres Kindes zu -wagen. -- - -Der Bär hat seine Brut feige im Stich gelassen, die Bärin aber wird -einstehen für ihr Junges und wird nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie -ihm die sichere Höhle gebaut! - -Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen, erhebt sich und -tritt festen Schrittes an ihren Schreibtisch, den Brief zu verschließen. - -Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter Ruhe, ihre -glanzlosen Augen sind so starr, wie jene steinernen der Bärenköpfe im -Burghof drunten. - -Es ist alles zu furchtbar jäh, zu unvermittelt gekommen. - -Gundula kann fürerst nur die krasse Tatsache fassen und hat noch kein -Verständnis für die Seelenqualen eines Mannes, dessen Geist die -Verzweiflung getrübt hat. - -Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer Schnitt, welcher die -Vergangenheit von ihr losgelöst hat. - -Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgefühl bluten fürerst aus tiefern -Wunden noch wie ihr Herz. Das leise Wehklagen, Schluchzen, Flüstern und -Raunen verstummt in der Burg, als die Gräfin von Hohen-Esp ihr Zimmer -verläßt, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild durch die -hohen Hallen schreitet. -- - -Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange, lange in das lächelnde, -rosige Gesicht hernieder. - -Der Zug herber Erbitterung tritt noch schärfer um ihre Lippen, und auf -ihrer Stirn und um die finstern Augen liegt eine Entschlossenheit, -welche voll eisernen Willens ein Gelübde ablegt und der verhaßten Welt -eine grimme Fehde ansagt auf Leben und Sterben. -- - -Die Bärin von Hohen-Esp. - -Die Jungfer hat die Trauerkleider zurechtgelegt, und Gundula hat sie -schweigend angezogen. - -Sie spricht mit niemand ein überflüssiges Wort, nur mit dem -Administrator sitzt sie während des langen Abends und ordnet voll -geschäftsmäßiger Ruhe alles, was in solch schwerer Zeit zu besorgen und -zu bedenken ist. »Wenn der Graf beerdigt ist, wollen wir unsere -Verhältnisse arrangieren, Herr Werner! Ich bitte Sie, mir als Freund und -Berater beizustehen, ich habe niemand auf der Welt wie Sie!« -- - -»Gott helfe mir, daß ich Sie gut berate, Frau Gräfin!« -- antwortete der -alte Mann mit festem Händedruck. -- »Ach, hätte doch der Herr Graf auf -meinen Rat gehört, wir hätten diesen furchtbaren Tag nie erlebt!« -- - --- Tante Agathe sitzt neben der Herrin von Hohen-Esp und hält ihre Hand -zwischen den ihren: »Die Güter können nicht gehalten werden, -- du mußt -alles verkaufen?« - -Gundula beißt die Zähne zusammen. »Von Walsleben und Gottern trenne ich -mich nicht schwer, -- aber Hohen-Esp ist ein Stück von meinem Herzen, -das _kann_ ich nicht opfern, ich werde und muß es halten! Ich habe mir -gelobt, meine volle Kraft einzusetzen, um den ältesten Familienbesitz -für meinen Sohn zu retten!« - -»Das ist selbstverständlich. Du zahlst die Schulden mit deinem Vermögen -ab und versuchst das Gut neu emporzuwirtschaften!« - -»Meinem Vermögen?« - -»Ja, dein Erbe von Tante Margarete. -- Weißt du nun, warum du mir einst -geloben mußtest, dasselbe vor Friedrich Karl nie zu erwähnen?« - -Gundula schrickt beinahe empor: »Jenes Erbe? Du hast den Nießbrauch -davon!« - -Agathe lächelt seltsam. »Ich habe es für dich verwaltet und erhalten, -- -sonst nichts!« - -Rote Flecken treten auf die blassen Wangen Gundulas. »Tante Agathe,« -- -sagt sie mit zitternder Stimme, »wolltest du mir wahrlich dies Kapital -vorstrecken, damit ich keine Hilfe bei dem Herzog oder einem -Geldvermittler zu suchen brauche?« - -»Dazu -- lediglich dazu hielt ich das Geld für dich bereit!« - -Ein tiefer Atemzug hebt Gundulas Brust. »Ich habe nie an dieses Geld -mehr gedacht, oder gar damit gerechnet, weil ich es bis zu deinem Tode -als _dein_ Eigentum betrachtete, -- aber jetzt -- o, wenn du es mir -nicht geben, sondern nur leihen wolltest, Tante Agathe ... alles wäre -gut! Ich könnte die Saat säen -- und Gott der Herr wird mir eine Ernte -bescheren!« -- - --- -- -- Schloß Walsleben und die Herrschaft Gottern wurden verkauft, -die Burg Hohen-Esp mit dem kleinen Landbesitz und den Waldungen blieb -nach Abtrag aller Schulden im Besitz der Gräfin. Herr Werner hatte voll -treuen Eifers die Interessen der verwitweten Frau gewahrt, die -zerrütteten Verhältnisse geordnet und mit Hilfe des von Tante Agathe so -sicher gehüteten Kapitals dem jungen Bären von Hohen-Esp eine -bescheidene und weltferne Heimat erhalten. Er sorgte noch für einen sehr -zuverlässigen und intelligenten Inspektor, welcher unter dem Oberbefehl -der Gräfin das Gut bewirtschaften sollte, dieweil er selber voll -unermüdlichen Fleißes tätig war, Gundula in finanziellen und -wirtschaftlichen Angelegenheiten zu ihrem eigenen Sachwalter -auszubilden. - -Die Gräfin faßte mit scharfem Verstand schnell auf, zeigte eine große -Ausdauer und einen schier männlichen Schaffensdrang, und es währte nicht -lange, so leiteten ihre energischen Hände die Verwaltung des Besitzes, -so war sie selber voll eiserner Ausdauer bei Tag und Nacht, Wind und -Wetter zur Stelle, um durch rastlosen Eifer und voll sauern Fleißes in -Jahren wiedereinzubringen, was Friedrich Karl während ein paar -flüchtiger Nachtstunden vergeudet. - - * * * * * - - - - -V. - - -Hatte seinerzeit der jähe Tod des Grafen von Hohen-Esp in der Residenz -viel Staub aufgewirbelt, so nahm seine Witwe das lebhafte Interesse der -Gesellschaft beinahe noch mehr in Anspruch wie die Katastrophe selbst, -welche so viele schon lange vorher in ihrer ganzen Tragik prophezeit -hatten. Was wird aus der unglücklichen Frau? Was wird aus dem armen -Kinde? - -Die Antwort auf diese Frage war wiederum eine Überraschung. - -Mit Hilfe der Tante Agathe von Wanfried hatte die Gräfin ihre -zerrütteten Vermögensverhältnisse arrangiert und dabei eine Energie und -Umsicht bewiesen, welche die Welt in Staunen setzte. - -Obwohl es ihr möglich gewesen wäre, das so bedeutend bequemer gelegene -und hochherrschaftliche Walsleben für ihren Sohn zu erhalten, hatte sie -seltsamerweise darauf verzichtet und statt dessen die alte Bärenhöhle -Hohen-Esp aus dem Konkurs gerettet! - -Wunderlich! Will sie denn immer in dieser Weltabgeschiedenheit, in dem -unheimlichen, halbverfallenen Burggemäuer hausen, welches so fern von -jedem Verkehr, so weit ab von der Residenz und all den guten Freunden -liegt? - -Die schöne Gräfin Gundula war stets sehr beliebt und gefeiert gewesen, -es öffnete sich ihr sicher jeder Salon, selbst dann, wenn die -beklagenswerte Witwe nichts erwidern kann, -- sie wird auch fraglos -Gelegenheit finden, sich noch einmal gut zu verheiraten, denn unter -ihren Verehrern befinden sich »Toggenburge«, welche jahrelang der -schönen Frau die Treue bewahrt haben. - -Was fesselt die Gräfin an jene wunderliche Bärenburg, von welcher schier -unheimliche Beschreibungen in dem ganzen Lande umlaufen? - -Der Herzog war der einzige, welcher die Wahl der Gräfin durchaus -billigte. - -»Hohen-Esp ist der älteste Besitz der Familie, von dem sie den Namen -trägt und der einst für den Sohn das größte Interesse haben muß!« -- -sagte er, »und daß die Gräfin dieses kleine Gut dem größeren und bei -weitem kostspieliger zu erhaltenden vorgezogen, zeugt von ihrer Umsicht -und ihrem praktischen Sinn. Es wird ihr in ihrer bedrängten Lage sehr -viel leichter fallen, den kleinen Grundbesitz heraufzuwirtschaften, als -wie sich auf dem eleganten Walsleben zu halten! Gebe Gott, daß sie nach -dieser tränenreichen Aussaat eine desto lohnendere Ernte hält! -- Ich -hoffe, daß die >Bärin von Hohen-Esp< sich nicht dauernd in ihrer Höhle -vergräbt, sondern bald einmal in die Residenz zurückkehrt, damit wir -Gelegenheit haben, ihr unsere vollsten Sympathien zu beweisen!« - -Aber die Gräfin kam nicht. - -Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm, und man hätte in der -schnellebigen Zeit gewiß die einsame Frau längst vergessen, wenn nicht -gerade die »Toggenburge« ein besseres Gedächtnis gehabt und das Andenken -der schönen Gundula treuer gepflegt hätten als wie ihre Mitmenschen. - -Man hatte versucht, sich der Gräfin zu nähern, aber bald erzählte man -sich staunend in der Residenz, daß Gräfin Hohen-Esp keinerlei Besuch in -ihrer verzauberten Burg empfange und jedwede Annäherung schroff -zurückweise! - -Wie interessant war das! - -Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten Freund, welcher zu -Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen? - -O nein! -- Man hatte geforscht und erfahren, daß die Gräfin -außerordentlich viel Glück mit der Selbstbewirtschaftung der Ländereien -habe. - -Die Ernten seien großartig ausgefallen, der abgeholzte Forst sei neu -angepflanzt, und die Gräfin beabsichtige sogar, in diesem Jahr schon -größere bauliche Veränderungen vornehmen. Ställe und Scheunen seien in -kläglichem Zustande gewesen, -- dem solle zuerst abgeholfen werden. - -»Die Gräfin selber bestimmt das?« hatte man kopfschüttelnd gefragt, und -darauf ganz Unglaubliches zu hören bekommen! - -Die schöne Witwe sei der beste, tatkräftigste Inspektor, den man sich -denken könne, -- kein Mensch werde die ehemalige sanfte, stille, -resignierte Gräfin Hohen-Esp wiedererkennen. In den langwallenden -Trauergewändern schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof, Wald -und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren, jede Arbeit zu -beaufsichtigen, jede Leistung selber zu loben oder zu tadeln. - -Keine Männerhand könne die Zügel einer Regierung eiserner führen, als -die schlanke, marmorweiße Rechte der seltsamen Burgfrau! - -Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das schöne Haupt, dessen Augen -so streng und finster blicken, daß es dem Gesinde graust. Man sieht sie -niemals lächeln; selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen -spielt, verwandelt sich der düstere Ernst nur in eine schmerzliche -Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche Erbitterung gegen Welt und -Leben erfüllt sie, ein wahrer Menschenhaß vergiftet ihr Herz. - -Der einzige Gast, welchen sie empfängt, ist der Pastor des nahen Dorfes, -doch auch diesem ist es noch nicht geglückt, versöhnlich und erlösend -auf den starren Bann zu wirken, welcher die schwergeprüfte Frau umfangen -hält. - -Die Bärenburg sei von jeher ein unheimliches altes Nest gewesen, in -welchem die zottigen Ungeheuer wie die Gespenster hausen; seit die -schwarze Gestalt der Gräfin aber gleich spukhaftem Schatten durch die -dämmerigen Gemächer schreite, da sei es vollends nicht mehr zu ertragen, -und wenn die Fischerdirnen, welche sie als Mägde gedingt, nicht gar so -gute Nerven hätten, so hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! -- - -Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem Traum, und wenn -sonst niemand nach der fernen Burg im Walde und nach der Witwe des -Grafen Friedrich Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse -angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Großstädter wob einen -Märchenzauber um die »Bärin von Hohen-Esp«, von welchem es sich bei -flackerndem Kaminfeuer ebenso gruselig erzählen ließ, wie von dem -Dornröschen und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund. - -Aber der Sohn? -- Das Kind? -- Bringt der kleine Guntram Krafft denn -nicht lichtes, warmblütiges Leben in diesen Spuk? -- - -Darüber wußte man nicht viel. - -Der Inspektor hatte erzählt, der junge Graf wüchse zu einem prächtigen, -überaus kraftvollen und blühenden Knaben heran. - -Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er mit seinem langen -blonden Haar und den leuchtenden blauen Augen umher! - -So klein er noch sei, er müsse schon jetzt tüchtig an die Arbeit, -- -selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderhände schaffen könnten, -hielte ihn die Gräfin an. - -Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er grabe im Garten, jäte -Unkraut und begieße die Beete. - -Winters über sitze er neben dem Spinnrad der Mutter und schnitze -Holzlöffel und Quirle für die Küche. - -Müßiggang sei ihm ebenso unbekannt, wie allen andern in der Burg -Hohen-Esp. -- - -Seit seinem sechsten Jahre müsse er auch schon fleißig bei dem Herrn -Pastor lernen, auch auf das Pferd sei er schon gesetzt worden, aber -dafür zeige er weniger Passion wie für das Segeln auf dem Meere. - -Das komme wohl daher, weil er an Sonn- und Festtagen mit den Knaben aus -dem nahen Fischerdorf spielen dürfe, sie hätten natürlich schon einen -halben Seemann aus ihm gemacht. Die Knaben wagten sich in ihrem Boot oft -tollkühn auf die See hinaus, und als der Pastor der Gräfin einmal -vorgestellt habe, wie gefährlich das doch für den einzigen Erben des -alten Geschlechts sei, da habe die »Bärin« nur in ihrer herben, ernsten -Weise nach einem Wappenschild emporgewiesen, auf welchem der Wahlspruch -der Hohen-Esp's gestanden: - - »Christe Kyrie -- - Zu Land und zu See -- - Ein Schirmherr der Not!« - -»Zu Land und _See_, Herr Pastor! Ein Mann, welcher sich vor dem Wasser -fürchtet, kann keine Taten auf demselben tun! -- Zwar gibt es jetzt -keine Piraten mehr, vor welchen die Hohen-Esps ihre friedliche Küste -schützen müßten, aber möglicherweise fordert man doch einst auch ihre -Dienste zur See. -- Machen Sie mir meinen Sohn nicht furchtsam! Je -kühner und heldenhafter ich ihn einst in das Leben stellen kann, desto -ehrenvoller für ihn. Wir stehen alle in Gottes Hand, Herr Pastor, -- Sie -wissen es doch am besten, daß die Haare auf unserm Haupt gezählt sind!« --- - -»Eine eigenartige, wackere Frau!« nickte der Herzog voll warmer -Anerkennung, als man ihm erzählte, wie die Erziehung des jungen Grafen -gehandhabt werde, und nach kurzer Pause fragte er unvermittelt: »Wer ist -eigentlich zum Vormund des Kindes gesetzt?« - -»Laut Testament die Mutter; sie ist ganz allein mit allen Rechten und -Pflichten betraut.« - -»So wäre es doppelt notwendig, der Vereinsamten ein Zeichen unseres -Interesses und guten Willens zu geben! Ich werde ihr für den Sohn eine -Freistelle auf unserer Ritterakademie anbieten lassen!« - -Das geschah, und man harrte voll großer Spannung der Antwort. - -Diese ließ nicht lange auf sich warten. - -Gundula stand just in der Wäschekammer und beaufsichtigte selber das -Strecken und Legen der Linnen, als ihr das Schreiben des diensttuenden -Kammerherrn, welches das huldvolle Anerbieten Seiner Hoheit -übermittelte, gebracht wurde. - -Befremdet sah die Gräfin darauf nieder. - -»Herzogliche Angelegenheit!?« - -Der finster abweisende Zug in ihrem Antlitz verschärfte sich. - -Sie öffnete den Brief und las. - -Schwere Atemzüge hoben ihre Brust, in ihrem Auge lag plötzlich ein -Ausdruck wie bei der in das Damastmuster der Tafeltücher gewirkten -Bärin, welche sich mit brüllendem Nacken aufrichtet, ihre Jungen gegen -einen Feind zu schützen. - -»Mein Sohn auf die Ritterakademie, auf dieselbe vielleicht, wo einst -sein Vater seine erste Weltweisheit eingesogen?« - -»Wie liebenswürdig von dem Herzog! Wie gnädig und gut gemeint!« -- sagte -Tante Agathe, welche neben die Lesende getreten war und mit in das -Schreiben blickte. - -Gundula nickte mit herb geschlossenen Lippen. - -»Ja, er meint es gut, der Herzog, -- er _weiß_ es ja nicht, was er -mir mit dieser Gnade antut!« - -»Nein, das ahnt er nicht!« -- seufzte Agathe leise, »und was antwortest -du?« -- - -Beide Frauen waren hinausgetreten auf den Flur und stiegen die steinerne -Wendeltreppe zu dem Zimmer der Gräfin empor. - -»Solange meine Augen offen stehen und meine Hände Kraft haben, das -Schicksal meines Kindes zu lenken, wird er nie die Welt kennenlernen!« - -»Gundula! Hältst du es für möglich, einen jungen Mann im neunzehnten -Jahrhundert noch zu erziehen wie einen Parsifal?« - -Sie lächelte wunderlich vor sich hin, -- der schwarze Schleier lag wie -eine dunkle Wolke um ihr Haupt. - -»Das halte ich nicht nur für möglich, sondern das will ich beweisen!« -- - -»Bedenke die Zukunft, das Glück deines Kindes!« - -»Just dies will ich sichern, denn ich gedenke an die Vergangenheit -seines Vaters.« - -»Gundula! Dieser Wahn ist krankhaft!« - -»So scheint's, und doch soll er meinen Sohn an Leib und Seele gesund -erhalten!« - -»Was soll aus Guntram Krafft werden?!« - -»Das, was mit seinem Vater verlorenging, ein echter Hohen-Esp, -- ein -Herr auf seinem Gebiet, ein Schirmvogt der Not! -- Ein Mann, welcher -zurückerwirbt, was der Leichtsinn ihm vergeudet und die Welt ihm -genommen!« - -»Überlege es dir noch reiflich, ehe du das gnädige Anerbieten des -Herzogs ablehnst!« - -»Ich habe überlegt, -- ich überlegte es in jener Stunde, da man -Friedrich Karl, den ehemaligen Zögling jener Ritterakademie, als feigen -Selbstmörder mit durchschossener Stirn zur Ruhe legte!« - -Fräulein von Wahnfried kannte den Klang in der Stimme der Gräfin, sie -kannte auch ihre grenzenlose Erbitterung gegen alles, was ihrer Ansicht -nach den Leichtsinn Friedrich Karls gefördert! - -Und das war alles und jedes in der verderbten, nichtsnutzigen Welt! - -Dagegen war nicht mehr anzukämpfen, man konnte nur hoffen, daß die -lindernde Zeit die Wunden heilen, und Gundula vernünftiger über manche -Notwendigkeit denken würde! - -Aber Tante Agathe hoffte kaum noch -- die Zeit hatte sich während all -der vergangenen Jahre machtlos erwiesen, und Guntram Krafft wuchs in der -Einsamkeit als ein moderner Parsival auf! - -Die alte Dame kehrte seufzend in die Wäschekammer zurück, während ihre -Nichte sich an den Schreibtisch setzte und mit festen, großen -Schriftzügen ihre Antwort an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb. -Sie dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise für das so überaus -huldvolle und gnädige Anerbieten des hohen Herrn, welches sie jedoch -voll dankbarster Erkenntlichkeit ablehnen müsse, da sie nicht imstande -sei, sich schon jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei das -einzige Glück, welches ihr das grausame Schicksal gelassen; dasselbe -noch so lange wie möglich ihr eigen zu nennen, sei der letzte Wunsch, -den sie noch an das Leben habe. - -Die Erziehung des Knaben zu leiten, für seine wissenschaftliche -Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes gnädiger Hilfe auch in -Hohen-Esp gelingen; sie hoffe zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen -vollwertigen, braven und tugendhaften Mann zu machen. - -Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen Eigenwilligkeit -etwas Rührendes, »man hört aus jeder Zeile das leidenschaftliche Herz -einer unglücklichen Mutter schlagen!« -- sagte der Herzog, und er nahm -die Weigerung der Gräfin nicht ungnädig auf, sondern erhielt dem -wunderlichen Bärennest im Walde sein vollstes Interesse. - -Und abermals verging die Zeit. - -Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den Pastor eine -vortreffliche Erziehung, wenngleich seine praktischen Fähigkeiten nicht -darüber vernachlässigt wurden. - -»Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an Schulweisheit -gebraucht!« sagte die Gräfin, »vor allen Dingen aber soll er ein -tüchtiger Landwirt werden, welcher auf eigenen Füßen steht und seine -Scholle selber bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig im -Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste nimmt er niemals -ein, aber der praktischen Kenntnisse bedarf es vor allen Dingen, denn er -soll das Werk, welches ich begonnen, zu Ende führen und den verlorenen -Besitz seiner Väter zurückerwerben!« - -Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische Frau wenig Arbeit -übriglassen. - -In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen, Hohen-Esp zu einem -hochkultivierten Gut emporzubringen; vortreffliche Ernten hatten sie -Jahr um Jahr unterstützt, Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen -und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden und hatte -überraschenden Ertrag geliefert, ebenso hatte sich eine Milchwirtschaft -aufs beste rentiert, und Herr Werner sah seine stolze, besondere -Genugtuung darin, der verlassenen Frau mit größtem Eifer und all seinen -Fähigkeiten zu dienen. - -Von Jahr zu Jahr konnte die Gräfin von dem angrenzenden Besitz Gottern -Areal zurückkaufen, was ihr um so leichter ward, als der Besitzer der -Herrschaft selber in recht mißliche Lage gekommen und froh war, das Land -wieder in Kapital verwandeln zu können. - -So kam der Tag, an welchem die überraschende Nachricht die Runde durch -die Residenz machte, daß es der Bärin von Hohen-Esp in ganz -unglaublicher Weise gelungen sei, die Herrschaft Gottern zu Hohen-Esp -zurückzukaufen, daß es ihr auch durch ihre enorme Willenskraft, ihren -Fleiß und äußerste Sparsamkeit gelungen sei, ihren Sohn schon jetzt -wieder zu einem sehr wohlhabenden Mann zu machen. - -Die alte Tante Agathe sei schon längere Zeit krank und liege nunmehr im -Sterben. - -Viel habe sie ja wohl nicht zu vererben, aber doch genug, um es der -Gräfin vorläufig sehr leicht zu machen, auch mit dem nunmehr so -bedeutend vergrößerten Besitz erfolgreich und dauernd zu wirtschaften. - -Der Wohnsitz solle aber nach wie vor Hohen-Esp bleiben, und Graf Guntram -Krafft, welcher nunmehr neunzehn Jahre zähle und seiner Militärpflicht -genügen müsse, werde wohl zum erstenmal allein in die große, unbekannte -Welt hinaustreten! - -Man erwartete voll Spannung das Erscheinen des schier sagenhaft -gewordenen jungen Mannes, bis die enttäuschende Nachricht kam, daß der -Graf wegen eines ganz unbedeutenden kleinen Fehlers, -- man sagte, daß -ihm bei einer stürmischen Seefahrt im Boot, beim Überholen einer -Teertonne, dieselbe zwei Zehen vom Fuß geschlagen -- vom Militär -freigekommen sei. - -Es sei ein Jammer darum! - -Der junge Mann verkörperte das Urbild aller blühenden Kraft und -Lebensfrische, er sei in der Tat ein wahrer »Bär« von Hohen-Esp, so -groß, so stark, so reckenhaft schön und ritterlich, -- ihm selber habe -die Lust, Soldat zu werden, aus den Augen geblitzt, und er habe sofort -gebeten, ihn der Marine zuzuweisen, da er so gut Bescheid mit dem -Seefahren wisse, -- aber die Gräfin habe voll leidenschaftlicher Energie -alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Sohn freizubekommen. - -Da sie die Bestimmungen für sich gehabt habe, und Graf Guntram Krafft -ein durchaus gehorsamer Sohn sei, so sei leider nichts zu machen -gewesen. - -Die »Bärin« habe ihr Junges in die Höhle zurückgeschleppt. -- - -Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf, die interessanten -Einwohner von Hohen-Esp jemals von Angesicht zu schauen, und weil die -Mütter und Töchter sehr enttäuscht waren, so ärgerten sie sich darüber. - -Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den kürzer werdenden Tagen -aus ihrem »Sommerschlaf« erwachten und so zahlreich plötzlich -aufwirbelten, wie draußen das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte, -boten den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pflänzchen dieser -Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft recht phantastischen -Blüten aufschoß. - -In einer der vornehmen Villenstraßen lag das reizende Rokokoschlößchen -»Monrepos«, in welchem der Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments, -Freiherr von Sprendlingen, Wohnung genommen. - -Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein großes Haus zu -machen, eine Passion, welcher sie ohne Bedenken huldigen konnte, da die -Vermögensverhältnisse des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur -ein einziges Töchterchen besaß, für welches man zu sorgen hatte. - -Der Freiherr verwöhnte seine bezaubernde Frau in nur denkbarer Weise, -Frau von Sprendlingen verzog und verhätschelte ihr Töchterchen -dementsprechend, und so herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen, -welches keinen, auch den größten Wunsch, nicht unerfüllt läßt. - -In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne verschleierte Lampen, -da die Herrschaften zum Diner gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir -des fünfzehnjährigen Töchterchens aber strahlte die Gaskrone festlich -und hell, denn dort saßen die Backfischchen, welche zu Fräulein von -Sprendlingen eingeladen waren, bei heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel -Kaffee und noch mehr Süßigkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die -Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte man sich -für junge Herren noch mehr wie für junge Damen, und da man schon -mancherlei über den Hohen-Esper gehört und sich ebenfalls über den -»Strich durch die Rechnung« ärgerte, so begannen sie über den doch allzu -gutmütigen Zottelbär, welcher derart unselbständig an den Rock der -Mutter hänge, zu glossieren. - -»Ein forscher, echter Mann hätte bei dieser Gelegenheit doch wohl etwas -mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen und das Gängelband abgestreift!« -spottete Gabriele, die Tochter des Hauses, und ließ ihre Stickerei -sinken, -- »anstatt artig hinter die Schürze der Mama zu kriechen und -sich zu ducken, wenn die gestrenge Vormünderin befiehlt! Ob er zwei -Zehen mehr oder weniger hat, geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein -recht erbärmlicher Vorwand von der Gräfin, ein Zufall, welchen sie sich -zunutze macht, um das Bübchen unter den Fingern zu behalten!« - -»Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz und Selbstbewußtsein -hätte, würde er sich das nicht habe bieten lassen!« - -»Vielleicht ist er zu feige und freut sich, daß er daheimbleiben kann!« --- rief Gabriele von Sprendlingen, das reizendste Backfischchen, welches -die Residenz aufweisen konnte, abermals: »Hätte er Courage, würde er -sich das idealste Glück eines Mannes, Soldat zu werden, unter allen -Umständen erzwungen haben!« - -»Feige? Nein, das ist er wohl nicht!« schüttelte ihre Freundin Trautchen -gutmütig den hellblonden Kopf, »denk doch, er wagt sich bei Sturm und -Wetter auf die See hinaus!« - -Gabriele lachte spöttisch und rümpfte die entzückende kleine Nase: »Die -See schießt nicht mit Kugeln! Bah! Was will es heißen, sich auf die See -zu wagen?! Gar nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie weit -fährt denn der Herr Graf? -- Sicher nicht zehn Schritt entfernt vom Ufer -weg! Auf den Ozean hinaus ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und -Bootfahrt an der Küste stellt überhaupt keine Anforderungen an den Mut -eines Mannes!« -- - -»Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken -- --« - -»So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweißes Lämmchen, was hat denn -das Wasser für eine Gefahr, wenn es nicht tief ist?« -- und die -Sprecherin schüttelte die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der -Stirn und machte ein geradezu verächtliches Gesichtchen: »Ein Mann, der -nicht Soldat ist, nicht für Fürst und Vaterland kämpft, kann mir niemals -imponieren; und Graf Guntram Krafft ist kein kühner, stolzer Bär, wie -seine Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbär! -- Er sollte nur -einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte es ihm schon zeigen, wie ich über -ihn denke!« - -Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden Nixenaugen, -blitzten gar trotzig in dem süßen Gesicht, und sie wiederholte -nachdrücklich: »Glaub' mir's! Ich würde es ihm zeigen!« -- - -»Das würde ihn aber doch sehr kränken?« warf Trautchen schüchtern ein, -und das Mitleid glänzte in ihrem Blick. - -»Um so besser, wenn es ihn kränkt!« brauste Gabriele ungestüm auf und -kehrte alle Würde ihrer fünfzehn Jahre heraus. »Wie soll denn so ein -verwöhnter Mamajunge anders merken, daß er ein Waschlappen ist, wenn wir -Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser noch Helden in -seine Armee bekommen, wenn wir nicht die Männer zu Heldentaten -begeisterten und anspornten? -- Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute -Soldatentochter und ein famoses deutsches Mädel, welches genau weiß, was -es Fürst und Vaterland schuldet! Einen Helden zum Vater! Einen Helden -zum Gatten, und mehrere Helden als Söhne!« - -»Bravo! Die Steigerung war gut!« lachte die schwarzlockige kleine Gräfin -Sevarille und verzog dabei das Mündchen etwas ironisch, »solche Dinge -klingen in der Theorie ganz poetisch und schön, aber in der Praxis kommt -die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel der geschmähte Waschbär -hier auftauchte, als schöner Mann und reicher Erbe, und er machte dir -eine Liebeserklärung, Gabriele, du pustetest auf alle -Heldenherrlichkeiten in deines angebeteten Kaisers großer Armee und -heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!« - -Heiße Röte stieg in das Gesichtchen der Genannten, die Nixenaugen -schillerten wie die See, ehe sie in hohen, verderbenden Wogen aufbraust. - -»Das würde ich tun, sagst du?« -- stieß sie atemlos hervor, »das ist -eine perfide Behauptung, Thekla, und ich wünsche nun wahrlich nichts -sehnlicher, als daß der Hohen-Esper mir einen Antrag machen würde!« -- - -»Haha! Hört ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!« - -Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf den Tisch und sprang -auf. - -»Laß mich ausreden, ehe du mich beschimpfst!« trotzte sie in der vollen -Heftigkeit, welche ihrem Charakter eigen war, »ich wünsche mir einen -Heiratsantrag von ihm, lediglich um dir zu beweisen, daß ich keine -leeren Phrasen geredet, sondern Wort halten würde, so wahr ich Gabriele -von Sprendlingen bin! Und wäre er schön wie ein Gott und reich wie -Krösus, wenn er nichts für Fürst und Vaterland leistet, wenn er kein -Held ist und Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und mit -dem Kreuz der Ehre lohnt, -- ich würde _nie_ sein Weib! Nie! -- Das -schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« -- - -»Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein!« -- entsetzte -sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser zu einem tiefen -Kerbschnitt an und sagte mit einem wunderlich scharfen Lächeln --: -»Gut, wir haben deinen Schwur gehört und werden nicht verfehlen, dich -zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den Ausspruch des -Dichters: >Ach, Worte sind ein leerer Schall --< denn sie verfliegen -und werden so schnell vergessen, wie man sie hört! _Mündlich_ -ist schon mancher Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden! -Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den Lippen, aber -_schriftlich_? Haha! _Schriftlich_ verzichtest du nicht auf den -Grafen von Hohen-Esp!« - -Gabriele griff mit nervös bebender Hand nach den Zetteln und -Bleistiften, welche, für ein Schreibspiel zurechtgelegt, bereits auf -einer Marmorschale seitwärts des Tisches standen. - -»Und warum nicht?« spottete sie mit gefurchter Stirn: »Wenn dir ein -geschriebenes Wort sicherer ist wie ein gesprochenes, sollst du es gern -haben!« -- - -Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne Überlegen mit -festen, schwungvollen Schriftzügen auf einen der Zettel nieder: - -»Da meine Freundin Thekla meine Ansicht über den Grafen von Hohen-Esp -schriftlich wünscht, so erkläre ich hiermit noch einmal, daß ich -denselben nie und nimmermehr heiraten werde, weil er kein Held ist und -mir nicht imponiert!« - --- Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den inhaltschweren -Zettel zusammen und warf ihn Komtesse Sevarille zu, -- die andern jungen -Mädchen belohnten diese »fesche« Tat mit stürmischem Beifall, und Thea -griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren Pompadour. Sie -lächelte und nickte Gabriele zu: »Du hast doch mehr Charakter, als wie -ich glaubte!« sagte sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und -übellauniges Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefällig aus. -- - - * * * * * - - - - -VI. - - -Von der See herüber brauste der eisige Novembersturm und fegte die -letzten welken Blätter um die Zinnen von Hohen-Esp. - -Der Buchwald, welchen Gräfin Gundula vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren -an all den Stellen, welche Friedrich Karl so schonungslos hatte abholzen -lassen, nachgepflanzt hatte, war emporgewachsen und füllte schon wieder -die Lücken aus, welche ehemals das Auge der Burgherrin so schmerzlich -verletzt hatten. - -Noch waren sie den wundervoll hochstämmigen Riesen, welche rings um den -Hügel, der die Mauern von Hohen-Esp trug, Wache hielten, lange nicht -gleichgekommen, aber sie waren ebenso gediehen und frisch und kräftig -aufgewachsen, wie der junge Sproß des alten Grafenstammes, welcher als -blondlockiger Knabe unter ihnen gespielt, als Jüngling mit markigen -Armen geschafft und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte. - -Guntram Krafft war mündig geworden, ohne besondere Zeremonie und -Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen in neuen Rechten anerkannt zu -werden; denn das ehemalige Vermögen seines Vaters war in den Besitz -seiner Mutter übergegangen, und nur von dem freien Willen der Gräfin -hing es ab, ob der Sohn Herr sein sollte auf dem Besitz der Väter. In -dem Willen Gundulas aber lag es, den jungen Mann selbständig zu machen. - -Voll stolzer Genugtuung sah sie, daß er zu einem Charakter ausgereift -war, fest und zuverlässig, stark in allem Guten und Edeln, und dennoch -so rein an Herz und Sinn wie ein Kind. - -Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen, nur wie ferne, -sagenhafte Klänge und Bilder zogen die Erzählungen seiner Erzieher von -Menschen und Leben an seinem geistigen Auge vorüber. - -Als er groß genug geworden, um eine berechtigte Frage nach seinem Vater -und dessen Leben zu stellen, hatte Gundula zum erstenmal seit langen -Jahren von ihrem Gatten gesprochen. - -Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen Mutter und Sohn. - -Da entrollte die Gräfin vor den weitoffenen Augen ihres Sohnes die -traurigen Bilder der Vergangenheit, und waren dieselben schon an und für -sich dunkel genug, so färbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch -düsterer, so daß Guntram Krafft die Welt nur als einen Sündenpfuhl voll -dräuender Gefahren, und die flotte, leichtlebige Gesellschaft der -Großstadt als eine Wildnis kennenlernte, in welcher aller Ecken und -Enden die Abgründe gähnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen und -verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich jemals ein Urteil -aus eigener Anschauung gebildet zu haben, und doch machte diese fremde, -unnatürliche Beeinflussung keinen weltschmerzlichen Sonderling und -Einsiedler aus ihm. - -Er verlangte nicht nach jenen Verhältnissen, welche die Mutter ihm so -unerquicklich geschildert, und von welchen die jungen Fischer im Dorf -nichts Gegenteiliges zu erzählen wußten! - -Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen eingezogen, hatten -ihre Jahre abgedient und Reisen in weite, ferne Wunderländer gemacht, -von denen sie wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erzählten, aber nach -welchen sie doch nie zurückverlangten. - - »Nord, Süd, Ost -- West -- - Daheim ist's am best'!« - -lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste -und meerumspülte Heimat mit der zähen Treue nordischen Bluts, sie -kehrten heim, freiten und machten sich seßhaft; selten nur, daß der eine -oder andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn besseres -Verdienst lockte. - -Das waren jedoch die »Verschollenen«, von denen kaum noch Angehörige im -Dorf lebten und welche selten, fast nie eine Nachricht in die Heimat -gelangen ließen. - -Kam jemals eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht über Guntram Krafft, -die herkulische Stärke seiner Arme zu prüfen, auch hinauszuziehen mit -flinken, weißen Segeln, um jene heimlichen Wunder fremder Länder -kennenzulernen, wollte sie ihn packen, die Wanderlust des Jünglings und -der Tatendrang des Mannes, so genügte nur ein einziger Blick auf die -schwarze Trauergestalt der Mutter, in ihr bleiches, gramgefurchtes -Antlitz unter dem frühergrauten Scheitel, und er schüttelte voll stolzer -Entsagung das Haupt und war es sich voll bewußt, daß er die einsame Frau -nicht verlassen durfte, deren einziges Glück er geblieben. - -Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges Studium edler -Wissenschaften gaben seinem Leben reichen Inhalt, und wenn er Freude und -Zerstreuung suchte, so streifte er das grobe Fischerzeug über seine -markige Brust und fuhr voll jauchzenden Ungestüms hinaus in See, mit -Sturm und Wogen einen tollkühnen Kampf zu kämpfen, furchtlos sich in -brandende Flut zu wagen, der geschickteste der Segler, der furchtloseste -der Schwimmer, ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer voll -staunender Bewunderung aufblickten und ihn den »Besten der Ihren« -nannten. - -Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt, wenn es galt, -bedrohten Freunden Hilfe zu bringen, strandenden Schiffen in Nebel und -Sturm ein tollkühner Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser -Küste, welche durch widrige Gegenströmungen und Untiefen schon manchem -Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod und Verderben gedroht hatte! --- - -Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie erfahren, wer ihr -kühner Retter in der groben Teerjacke gewesen; flossen ihm Geldgeschenke -von den Dankbaren zu, so lachte der junge Graf gar frisch und fröhlich -auf, überwies sie seinen Genossen und sprach: »Holla, Kinnings! Dor -hätten wie wat inbrächt!« und die schwieligen Hände legten die Taler -zurück in die gemeinsame Kasse, aus welcher bedürftige Fischer -unterstützt und das Rettungsboot, welches anfangs ein recht dürftiges -Fahrzeug gewesen, immer zweckmäßiger ausgestattet wurde. Guntram Krafft -fühlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit unendlich glücklich -und verlangte nicht hinaus in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und -Lustbarkeit, eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern Welten, -welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne im endlosen Himmelsraume -kreisen. - -Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der Gräfin auf, daß es -oft wie ein melancholischer Schatten auf dem freien, männlich schönen -Antlitz lag, daß sein Blick oft sinnend und träumerisch in das Weite -streifte, daß er oft ganz unvermittelt sagte: - -»Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning, die er seit -Kind auf so liebgehabt hat!« -- oder --: »Weißt du's, Mutter, daß dem -Göschen Wulff in dieser Nacht ein Bub geboren ist? Ein prächtiger, -pausbackiger Kerl ... kann schreien für zehn, und der Göschen ist so -stolz, als sei er ein Kaiser geworden!« ... und nach kurzer Pause --: -»Wie ist es doch so still und leer hier in Hohen-Esp! Wäre wohl nicht -übel, Mutter, wenn auch hier mal ein wenig junges Leben einzöge und ein -paar kleine Bärlein herumpurzelten!« Er lachte dazu, und dennoch -blickten seine blauen Augen seltsam ernst! -- - -Da war's, als ob Frau Gundula urplötzlich aus einem langen, langen Traum -erwache, und sie nickte wie erschrocken vor sich hin und sprach leise: -»Ja, es ist Zeit geworden!« -- - -Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den kleinen, bleigefaßten -Scheiben, und blickte starren Auges hinab auf die laublosen -Buchenwipfel, welche der Sturm wie brandende Flut gegen das graue -Turmgemäuer peitschte. -- - -Tage und Nächte lang hatte sie in schwerem Kampf gerungen, hatte -gesonnen und überlegt, um das rechte zu finden. - -Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war ein Mann geworden, -dessen Herz sich nach Liebe sehnte, dessen Wunsch es war, gleich seinen -Gespielen ein Weib zu freien und glücklich zu sein! - -Die Gräfin, deren scharfer Geist alles so wohl überlegt und bedacht -hatte, was zum Glück ihres Kindes nötig schien, hatte seltsamerweise -diese Notwendigkeit noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz -der lang vorbereitenden Jahre doch überraschend an sie herantrat, da -kostete es ihrem Herzen schwere Kämpfe, bis sie sich entschlossen hatte, -sich in das Unvermeidliche zu fügen. - -Guntram Krafft mußte die Brautfahrt unternehmen, er mußte Ausschau -halten unter den Töchtern des Landes, welche von ihnen das Ideal -verkörpern möchte, das sich der weltfremde Mann von seinem Weib -gebildet! - -Ihr Sohn mußte den Winter in der Residenz verleben und die Feste -mitmachen, er _mußte_ es! Es half da kein Weigern mehr! Kein anderer -Ausweg wollte sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr grübelte. - -Seit Tante Agathe gestorben war, besaß sie gar keine näheren Verwandten -mehr, wenigstens keine, welche heiratsfähige Töchter hatten und zu -welchen sie den jungen Bären von Hohen-Esp hätte senden können, wie -einst Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei seiner Sippe um -ein Weib zu dienen. - -Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem Dorfe heimführen, -dagegen sträubte sich der Stolz einer Frau, welche ihr ganzes Leben lang -nur für das eine Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den -Besitz und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zurückzuerwerben. -- - -Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen und Krone mitbringen, sie -soll eine ebenbürtige Gemahlin für ihren Sohn sein, deren Ansichten die -ihren sind, deren edler Sinn eine Bürgschaft für die Tugend künftiger -Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die rechte Wahl treffen? -- - -Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden, der -Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft! - -Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen um seine Füße -legen? - -Wird sie ihn blenden und bestricken, daß er nicht wieder zurückverlangt -in sein stilles Heim? -- - -Wird er ihr Gift schlürfen und es so süß und berauschend finden, daß ihm -das klare Quellwasser der Heimat nicht mehr mundet? -- - -O nein! Nun und nimmermehr! - -Gundula ist ihres Sohnes gewiß. Die mühsame Aussaat von so viel langen, -bangen Jahren kann nicht in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer -Eindrücke, in der sengenden Glut froher Feste, in den Stürmen eines -Karnevals zugrunde gehen! - -Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen und fremd bleiben, -- -er wird sich aus der hohen Flut eine Perle heben und sein Kleinod so -bald wie möglich in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten. - -Außerdem schickt sie ihn nicht völlig allein und haltlos in das bunte -Leben hinaus. Der alte Kammerdiener ihres Mannes, welcher schon Gundula -als Braut gekannt und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen -ist, der goldgetreue, zuverlässige Anton wird seinen jungen Gebieter in -die Residenz begleiten. - -Er weiß ja so gut Bescheid auf dem heißen Boden der Großstadt, er ist -über so manches Parkett geglitten und hat den Kammerherrn ehemals in so -manch schwieriger Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge über -dem jungen Bären walten lassen, welcher zum ersten Male die sichere -Höhle verläßt! Anton wird angewiesen sein, ganz genau über den Grafen zu -berichten, und wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die -Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte, dann wird die -Mutter zu rechter Zeit die energischen Hände heben, diese Fäden -unbarmherzig zu zerreißen. - -Gräfin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet auf den Sohn, und -als sie endlich seinen schweren, stampfenden Schritt auf der gewundenen -Stiege hört, da hebt sie wie mit letzter Selbstüberwindung das Haupt und -schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen, spitzgewölbten Tür, -den hochgewachsenen Nacken im Eintreten beugend, steht Guntram Krafft. - -Mächtige Wasserstiefel reichen bis über die Knie, eine Düffeljoppe läßt -die breite Brust noch hünenhafter erscheinen, und ein ausgeschlagener -Südwester sitzt fest auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das -frische, männlich schöne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen. - -»Dag ok, Mutting!« lacht er mit strahlendem Blick, reißt den Hut ab und -hebt ihn in seemännischem Gruß hoch über das Haupt. - -»Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet? -- Aber bei -diesem Wetter muß man auf dem Posten sein, damit kein Unglück am -Hamelwaat passiert! Weiß der Kuckuck, daß solch eine gefährliche Stelle, -wo schon so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner -Strandkommission schärfer ins Auge gefaßt ist! -- Vorhin wieder eine -Brigg! -- Schnurgrad drauflosgehalten! Noch ein paar Nasenlängen, und -sie saß fest! -- Wir hatten sie glücklicherweise beobachtet, und ich -konnte noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber eine -Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise, und kalt genug hat's -uns um die Ohren gepfiffen! Da hat dir dein Bär einen regelrechten -Bärenhunger heimgebracht, und für ein Warmbier verkaufe ich heute auch -das Recht der Erstgeburt!« - -Er lachte, daß die weißen Zähne unter dem blonden Schnurrbart blitzten, -schlang zärtlich den Arm um die düstere Frauengestalt und küßte Frau -Gundula herzhaft auf den Mund. - -»Das steht bereit, du Wasserratte!« lachte diese, mit einem Blick -unendlichen Wohlgefallens die blühende Schönheit ihres Sohnes umfassend, -»willst du dich erst umkleiden oder erst durch einen Imbiß erwärmen? Du -weißt, ich liebe es nicht allzusehr, dich in dieser Ausrüstung am Tisch -zu sehen!« - -»Weiß ich, Mamachen, -- und werde nie dein Eßzimmer durch Teerjacke und -Ölzeug entweihen. -- Auch ist's mir, ehrlich gestanden, selber zu -unbequem! Aber bitte, befiehl einstweilen alle Bierkannen und -Schinkenbrote auf Deck, damit ich in zehn Minuten an ihnen zum -Massenmörder werden kann!« - -»=Vae victis!=« -- - -»Ja, wehe ihnen! Heut wird kein Pardon gegeben!« -- Und Guntram Krafft -schritt über die Schwelle zurück, daß die morschen Parkettplatten -krachten. - -Draußen hörte die Gräfin ihn fröhlich pfeifen: »Auf, Matrosen, die Anker -gelichtet!« -- Dann hub ein gewaltig Poltern und Rumoren in der -Turmstube des jungen Grafen an, und in sehr kurzer Zeit saßen Mutter und -Sohn beim lodernden Kaminbrand in der Speisehalle zusammen, wo Guntram -Krafft das Frühstück serviert war. - -Der Hausanzug des jungen Hohen-Esp war weder sehr elegant noch sehr -modern, er war solide und zeugte von der Sparsamkeit, welche in allen -Dingen noch im Hause herrschte, obwohl die Gräfin mit einem tiefen -Ausatmen der Befriedigung noch vor wenig Tagen zu dem Inspektor gesagt -hatte: »Noch ein paar solcher Rübsenernten, und wir können, so Gott -will, schon das zweite Vorwerk von Walsleben zurückkaufen!« - -Aber trotz seiner nicht allzu vorteilhaften Kleidung sah der junge Graf -ganz vortrefflich aus, just so, wie es zu seiner bärenhaften und -urwüchsigen Schönheit paßte. - -Man konnte es sich bei seinem Anblick kaum denken, daß diese -Reckengestalt in Frack und Lackschuhe hineinpassen würde, daß sie sich -zum Träger all der weichlichen, geschniegelten Eleganz der modernen -Salonhelden machen könne! - -Ein Zylinderhut auf diesem wildlockigen Haupt mußte ganz wunderlich -aussehen, und wie die wetterharten Hände, wohl schön und edel in der -Form, aber ohne Schonung verarbeitet wie bei dem geringsten Fischer, -sich mir Glacéhandschuhen befreunden würden, schien selbst Frau Gundula -in diesem Augenblick eine berechtigte Frage. - -Sie musterte das Äußere des jungen Bären interessierter wie je zuvor, -und dieweil er frisch und fröhlich dem kräftigen Mahle zusprach und -dabei voll lebhaften Eifers über seine stürmische Seefahrt sprach, -flogen ihre Gedanken weit voraus ... und sie sah diesen unerschrockenen -Seehelden auf dem höfischen Parkett stehen, umrauscht von schmeichelnden -Musikklängen, umweht von süßem Amberduft, umglänzt von ungezählten -Lichtflammen und umringt von koketten, lachenden, anmutig reizenden -Mädchengestalten. - -»Unser Rettungsboot taugt nichts, Mutting,« fuhr Guntram Krafft -währenddessen etwas unwillig fort, »es ist ganz unzweckmäßig gebaut, -- -ein Kahn wie alle andern auch, der bei gutem Wetter zum Heringfangen -noch zu brauchen ist, aber wenn's mal kräftig weht, doch ein ganz -unzuverlässiges Ding ist! Grad' bei der drei- und vierfachen starken -Brandung am Hamelwaat! -- Über die äußerste Brandungslinie, wo sich die -Wellen auf drei bis vier Faden brechen, kriegen wir's kaum noch hinaus. -Hab' heute versucht, den Bug dem Lande zuzuwenden -- hab' den Lenzsack -nachbugsiert -- damit ich das Boot zurück und zu gleicher Zeit recht vor -der See halten konnte -- wollte so das Beidrehen hindern -- aber viel -nützen tat's auch nicht! Ja, so ein gutes Peakeboot, welches sich -aufrichtet wie ein Holundermännchen, mit einem schweren, eisernen Kiel, -und vorn und hinten hohe, gewölbte Luftkästen ... ja, das könnten wir -gebrauchen, damit ließe sich etwas ausrichten ...« - -»Sicherlich!« -- nickte Gundula zerstreut und überlegte, daß sich der -junge Graf am besten in der Residenz neu ausrüsten müsse, -- Anton -verstand sich vorzüglich darauf ... der muß ihn einkleiden ... - -»Ich finde, es ist eine Schande, daß gerade hier für unsere -Küstenstrecke so gar nichts geschieht! Die nächste Rettungsstation -hat gar keinen Wert für uns, denn wir können sie einfach nicht -erreichen, wenn plötzlich Not an den Mann geht! -- Es _muß_ etwas -hier geschehen, das Hamelwaat ist auch solch ein Brunnen, welcher erst -zugeschüttet wird, wenn das Kind ertrunken ist! -- Mir geht es schon -so lange im Kopf herum, mich an eine zuständige Behörde zu wenden, daß -sie uns eine regelrechte Rettungsstation bauen läßt -- was meinst du, -Mutter, was ich dazu tun könnte?« - -Die Gräfin blickte auf, legte entschlossen die Hand auf den Tisch und -sagte: »Du wirst in der Residenz am besten Gelegenheit haben, maßgebende -Persönlichkeiten für deine Pläne und Absichten zu interessieren!« - -»In der Residenz?!« - -»Ich möchte dir heute eine Eröffnung machen, Guntram Krafft, dir einen -Wunsch mitteilen, welchen du mir hoffentlich erfüllst?« - -Er blickte erstaunt auf, nahm ihre Hand und küßte sie als stumme -Antwort. - -»Es ist Zeit, daß du, als jetzt großjähriger Mann, deinem Herzog -vorgestellt wirst, daß du hochdemselben, als angestammter Vasall und -Sproß eines seiner ältesten Grafengeschlechter, deine stete Treue und -Dienstwilligkeit versicherst. Ich habe mich diesbezüglich mit einer -Anfrage an das Hofmarschallamt gewandt und eine sehr huldvolle und -gnädige Antwort Seiner Hoheit erhalten. - -Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebenswürdigstem Interesse -entgegen und ist bereit, dich bei Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt -wird sich über die Saison erstrecken, du wirst die Feste im -herzoglichen Schloß und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen der -Hofgesellschaft mitmachen!« - -Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt bei dieser Eröffnung -aus; er blickte die Sprecherin nur erstaunt an und sagte beinahe -bedauernd: »Gerade im Winter bin ich am wenigsten abkömmlich hier! Denk -an die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres! Wie gut war es, -daß ich da auf dem Posten war! Aber so Gott will, haben wir gut Wetter -in diesem Winter, und wenn du sagst, daß ich die Verpflichtung habe, -mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so gehe ich.« -- - -»Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge der hübschesten, -liebenswürdigsten und vornehmsten jungen Damen kennen zu lernen -- --« - -Der junge Graf richtete sich höher auf, sein Blick haftete wie in -starrem Forschen auf dem Antlitz der Sprecherin, über welches ein müdes, -flüchtiges Lächeln glitt, ein Lächeln, wie er es noch nie darauf -gesehen. - -Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck von Verlegenheit, -wie bei einem jungen Mädchen, lag plötzlich auf dem schönen Antlitz, und -langsam nach dem Bierglas greifend, fragte er zögernd: »Was meinst du -damit, Mutter?« - -»Ich meine und hoffe, daß mein Sohn mir vielleicht eine schöne, -liebenswürdige Tochter aus der Residenz mitbringt, eine junge Bärin für -das alte Nest, welche all das frohe, frische Leben in Hohen-Esp -aufblühen läßt, welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermißt hast!« - -Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief über Guntram Kraffts -Augen, dann schlug er sie voll auf und lachte die Gräfin mit strahlendem -Blicke an. - -»Das würdest du gut heißen?!« - -»Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender Wunsch, daß du -heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle Lage ist durch Gottes gnädige -Hilfe eine derartige geworden, daß du auch ein armes Mädchen heimführen -kannst, vorausgesetzt, daß sie solide und anspruchslos genug ist, jetzt -und für die Zukunft mit dir in unsrer lieben Waldeinsamkeit hier zu -leben! Ein genußsüchtiges, eitles und oberflächliches Weib paßt nicht in -die Bärenhöhle von Hohen-Esp, sie würde dein Unglück sein! Ich hoffe, -daß du selbst an derartig veranlagten Damen keinen Geschmack findest, -und werde dich noch, ehe du gehst, auf manches aufmerksam machen, was du -zu beobachten hast. Es gibt auch in der großen, lebenslustigen Residenz -genug sinnige, holde Mädchenblüten, welche ihr volles Genüge und ihr -schönstes Glück in einem stillen Liebesleben, fernab von der lärmenden -Landstraße, finden! -- Ich habe dich durch fünfundzwanzig Jahre hindurch -gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, -- gebe der barmherzige Gott, daß du -in dem wichtigsten und entscheidendsten Augenblick deines Lebens nicht -mit Blindheit geschlagen sein mögest!« - -Die Gräfin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus und zog ihren -Sohn an die Brust, und als sie in seine großen, klaren Augen sah, welche -aus dem kühnen, wettergebräunten Männerantlitz noch so offen, ehrlich, -treu und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie ein qualvolles -Aufseufzen durch ihre Seele. -- »In Sturm und brandende Meereswogen habe -ich dich ohne Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein -Lebensschifflein auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche gleißt -und glänzt und lockt wie ein Märchensee, -- welche ihre Klippen unter -schaukelnden Rosen versteckt und über deren Untiefen sich schneeweiße -Nixenarme breiten, -- jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld, -und flehe zu Gott, daß dieses Lebensmeer dir den Frieden schenken möge, -den es _meiner_ Seele geraubt hat!« - - * * * * * - -Alle Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen, und es kam der Tag, an -welchem Gundula im dunkel flatternden Mantel abermals auf dem Söller -stand, um dem Wagen nachzublicken, welcher ihr Liebstes von dannen -führte. -- - -Sorgenvoll schaute sie auf, ob die Sonne abermals für sie untergehen -werde für ewige Zeit! -- Aber nein, wohl peitschte der Sturm das schwere -Schneegewölk gegen sie und verdunkelte sie für kurze Zeit, dann aber -brach ihr Licht kraftvoll und siegreich hervor, wie endliches, segnendes -Glück! - - * * * * * - - - - -VII. - - -Schneegestöber! - -Wie weiße Watte lag's auf der Erde, und darunter blankes Glatteis, so -daß die Scharen der Straßenjungen mit lärmendem Hallo die breiten -Trottoirplatten entlangschlidderten! - -Die eleganten Villen hatten Hermelinmäntel umgeworfen und standen in -ihrer fürstlichen Pracht noch stolzer und unnahbarer wie sonst inmitten -der wohlgepflegten Gärten, aus denen die Tannen, Lebensbäume und Taxus -wie grüne Butzemänner schauen, welche unter weißen Laken Versteck -spielen! Schlitten flogen mit klingenden Schellen und prächtig -geschmückten Rossen vorüber wie Märchenbilder, schöne Frauen in -flockigen Pelzen saßen darin und neigten grüßend die Köpfchen, Damen und -Herren in eleganten Eiskostümen eilten dem spiegelblanken See im Parke -zu, und zwischendurch drängte und schwatzte und lachte der breite Strom -der Passanten, welche Dienst, Geschäft oder Vergnügen hinaus in das -lustige Winterwetter trieb! - -Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend die Parkstraße -hinab. - -Es war zum erstenmal, daß eine größere Stadt ihre reizbaren Bilder vor -ihm entrollte und den Neuling durch ihren rastlosen Wechsel in die -seltsamsten Gefühle versetzte. - -Anfänglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die Menschenmenge -belästigt, die Masse der hohen Häuser in unangenehmer Weise bedrückt; er -empfand nur das Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand es -noch nicht, das Einzelne, Schöne und Interessante daraus zu erfassen. -Aber er lernte es bald. - -Anton war ein verständiger und guter Lehrmeister, ein Mensch, der, als -ehemals so verwöhnter und welterfahrener Mann, es nun nach der langen -Zeit tiefer Einsamkeit geradezu mit Entzücken genoß, noch einmal in das -verlorene Paradies seiner Jugendträume zurückzukehren. - -Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter bald an, und dieweil -Graf Hohen-Esp während der ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und -Mißtrauen jeglichem Neuen gegenüber empfand und seiner Mutter nur mit -einem rechten »Stoßseufzer« über die schreckliche Rundreise durch alle -Magazine und Läden berichtete, -- so gewöhnte er sich doch bald an das -so gänzlich veränderte Bild seiner Umgebung. - -Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem Eigenartigen, immer -zufriedener musterte er seine so ganz verwandelte äußere Erscheinung im -Spiegel, -- er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd -versicherte: »So, Herr Graf, nun können wir uns schon vor den -Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen schmuckeren Junker können sie -im ganzen Land nicht finden!« - -Ja, er war eine imposante, auffallend schöne Erscheinung, der Bär von -Hohen-Esp, aber trotz der modernen Kleider lag es doch wie ein -undefinierbares, gewisses Etwas über ihm, was ihn fremd und ungeschickt -zwischen den anderen Herren erscheinen ließ. - -Eine unüberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte der neuen Kleidung -beeinflußten ihn, er tappte daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens -blind gewesen und nun mit einemmal sehen lernt. - -Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, kühn und -trotzig in Sturm und wildes Wetter schaute, bekam etwas kindlich Naives, -beinahe Verlegenes, wenn er durch die Menschenmenge schritt oder im -Hotel an der Table d'hôte Platz nahm. - -Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine Manieren waren -vorzüglich, formell und ritterlich, er war weit entfernt davon, sich -wie ein Hinterwäldler zu benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise -seltsam, weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und linkisch -machte. - -Der junge Bär hatte wohl alles, was eine gute Erziehung fordert, -gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie unter fremden Menschen -verwertet, und weil hier in der Stadt _alles_ so völlig anders war wie -daheim, so verlor er auch den Glauben an sich selber und seine Art, und -diese Unsicherheit gab dem hünenhaften Recken etwas Linkisches und -Unvorteilhaftes. - -Die Gräfin hatte bestimmt, daß ihr Sohn sich erst zehn bis vierzehn Tage -in der Residenz aufhalten solle, ehe er seine Besuche bei Hof und in der -Gesellschaft abstattete. -- - -Sie fand es wohl selber notwendig, daß die weltfremden Augen des jungen -Mannes sich zuvor an elektrisches Licht und den bunten Wirbel der -Großstadt gewöhnten, daß er erst ein wenig auf dem Parkett gehen lerne, -ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte. - -Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag besser, so daß Anton -schon recht zufrieden war und sagte: »In zehn Tagen wird im Schloß -getanzt, Herr Graf, da müssen zuvor die Karten abgeworfen werden!« - -»Aber ich kann nicht tanzen, Anton! -- das, was wir daheim im -Fischerdorf mal >Tanzen< nannten, das paßt wohl schwerlich hierher in -das Palais!« - -»Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern mit den schönen -jungen Damen!« - -Guntram Krafft wurde dunkelrot. - -»Ich fürchte, daß ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, Alter, ich habe -mich nie darin geübt, mit Damen zu plaudern! Von was soll ich sprechen? --- Von Hohen-Esp? Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die ich aus -den Büchern gelernt habe? Die werden den jungen Mädchen nicht gefallen! --- Ich begreife nicht, woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken -Bär hierher unter die Menschen zu schicken!« - -»So etwas müssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr Graf! Das findet -sich schon alles, und Sie wären der erste junge Mann, welcher bei einem -hübschen Fräulein nichts zu reden wüßte! Da fragen Sie nur: >Lieben -Sie das Meer, mein gnädiges Fräulein?< und wenn sie sagt: >ja, gar -sehr!< -- dann erzählen Sie ihr von unserm blauen Wasser daheim und den -Fahrten durch Nebel und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hört eine -jede gern!« -- - -Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war eine gute Idee! Wenn -er von seiner geliebten See sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz -unwillkürlich das Herz auf die Zunge! - -Eine freudige Zuversicht überkam ihn, der naive Glauben eines redlichen -Herzens, welches noch davon überzeugt ist, daß man auf jede freundliche -Frage auch eine freundliche Antwort erhält! - -Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen beschäftigten, als er -die Parkstraße entlang promenierte und mit hellem Blick auf das muntere -Leben im Schneegestöber blickte. -- - -Er lachte über ein paar Jungens, welche sich schneeballten, und als er -»unversehens mit Willen!« auch einen der weißen Grüße gegen die Schulter -klatschen fühlte, da blieb er stehen und amüsierte sich noch mehr. - -Helles Schlittengeläute erklang hinter ihm, doch wandte er in seinem -lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, bis ein lautes Aufschnaufen, -Klirren und Hufschlagen, sowie die schrillen Angstrufe etlicher -Passanten ihn jählings zurückschauen ließen. - -Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen von zwei -Vollblütern unter langwehenden Schneedecken. - -Da plötzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, von dem der Wind -momentan den Schnee hinweggeweht hat, aus, es stürzt wie gemäht -zusammen, schlägt wild um sich, reißt auch das andere Roß nieder, und -der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knäuel anfährt, schlägt -gegen den hochgeschaufelten Schneewall zur Seite. - -Der Kutscher ist von seinem kleinen Rücksitz herabgeschleudert, und die -Dame, welche in dem Schlitten sitzt, scheint momentan unter demselben -begraben. - -Von allen Seiten springen Männer heran und wenden sich in der ersten -Bestürzung den Pferden zu, sie zu fassen, abzusträngen und weiteren -Schaden zu verhüten -- Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten -neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Händen und richtet ihn -ohne jede weitere Unterstützung auf, als sei er ein Puppenspielzeug! -Dann greift er abermals zu und richtet die Dame, welche halb vergraben -in dem Schnee liegt, in seinen Armen empor. - -Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten prüfend ihre -Bewegungen, ob sie sich verletzt habe. - -Sie steht auf den Füßen und tritt zur Seite, sie hebt die Arme und -schüttelt die weißen Flockenballen aus dem Pelz und von dem Köpfchen. - -»Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!« -- atmet der Graf -auf, -- er sagt es mehr zu sich, wie zu der Fremden; diese aber hat es -doch gehört, sie reißt den schneebedeckten Schleier von dem Hut und -drückt den Muff trocknend gegen das Antlitz. - -»Nein, Gottlob, -- ich bin mit heiler Haut davongekommen!« sagte sie mit -überraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich -oder nervös zu sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen -hinzunehmen. »Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige -Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft höflich den Hut zieht, -blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick -wird groß und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das Blut -steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat -er nie zuvor gesehen. - -Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Träume zu -verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und -in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt -mit nachdenklichen Blicken betrachtete. - -Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend geformt das -Näschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen -Löckchen, welche unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten -Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche zu schmelzen -beginnen und in blinkenden Tropfen über der Stirn zittern, wie bei einer -Nixe, welche der Flut entsteigt! - -Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen in langem, -forschendem Blick, Augen, so hell, so groß, so flimmernd in einer -undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grünes Seewasser unter den -dunklen Wimpern zum Stern geformt! - -Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weißen Arme nach -den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam -schillernden Blick, daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle -Tiefe, auf Leben und Sterben. - -Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit -aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und -Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben -fortgetönt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie -alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden -Ring, welcher seine Heimat umschloß. - -Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem Boot lag, dann -stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es -in poetischer Schönheit in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den -Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der -weißen Brust, -- die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd über die -Stirn, und die Augen, die großen, hellen, farblosen Augen, die -schimmerten wie durchsichtiger Kristall! -- - -So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut! - -Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll -Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen. - -Er reißt abermals den eleganten, spiegelblanken Filz von dem lockigen -Haar und stottert ein paar unverständliche Worte, -- aber sein Blick -hängt wie gebannt an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem -staunenden Entzücken, daß die junge Dame sich lächelnd abwendet und -neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen Decken -wieder auf die Füße gebracht sind. - -Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee von seinem Mantel -und untersucht das Geschirr. - -»Na, das hat man alles noch gut gegangen, gnädiges Fräulein! Nicht mal -ein Strang oder Riemen ist gerissen, und die Pferde sind auch mit dem -Schreck davongekommen! Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist doch -noch eine ganze Strecke bis nach Haus!« - -Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es erst an dem -erstaunten Blick eines Dienstmannes, daß er den Hut noch immer in der -Hand hält. - -Hastig setzt er ihn auf, -- seltsam, daß er das ganz vergessen hatte, -daß er in dem eisigen Wind nicht fror! -- - -Sein Blick hängt noch immer wie gebannt an der schlanken, schmiegsamen -Gestalt der jungen Dame, welche den gelbflockigen Pelz wieder um die -Schultern wirft. Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht. --- Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, und abermals tritt -der junge Graf herzu, ihr beinahe schüchtern die Hand zu bieten, um ihr -behilflich zu sein. - -Wieder trifft ihn ihr Blick, -- sie lächelt. - -Aus Höflichkeit, gleichsam, um für seine Hilfe dankend zu quittieren, -legt sie für eine Sekunde die zierliche Hand in die seine und schwingt -sich voll sicherer Grazie in den Schlitten. - -Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, er sieht sie an -wie ein Kind, welches voll ehrlicher Unschuld sagt: »Wie bist du so -schön! wie gefällst du mir so gut!« - -Und die junge Dame, welche so viel Welt- und Menschenkenntnis besitzt, -liest das auch sehr klar und deutlich von seinem hübschen Gesicht. Sie -sieht ein wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne -Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven Wesen des blonden Riesen -paßt, sie lächelt abermals freundlich und anmutig, neigt das Köpfchen -dankend und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit einen -kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche in den Schnee gefallen, -in den Schlitten zurücklegt. -- - -»Ich habe kein Geld bei mir, -- kommen Sie und holen Sie sich nachher -bei Papa ein Trinkgeld!« sagt sie freundlich. - -»O bitte, gnädiges Fräulein, -- hat nichts auf sich! Ist man gut, daß -alles so abgegangen ist!« - -Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die Pferde bäumen ein wenig -aufgeregt, ziehen an und sausen mit dem Schlitten davon. - -Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch einen Augenblick -und schauen dem schellenklingenden Spuk nach, dann zerstreuen sie sich -schnell -- und auch der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter. - -Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet wie verklärt. - -Er möchte die Augen schließen, um nur noch ihr Lächeln zu sehen! - -Er hat keinen andern Gedanken fürerst wie nur das Lächeln -- diesen -sanften, weichen Druck ihrer kleinen Hand. - -Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, den ihre -Gestalt ausströmte, als er sie im Arm hielt, zu ihm auf. - -Veilchen! Veilchen im Winter! - -Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht war es auch nur -solch ein herrliches, duftendes Wasser, welches Anton ihm auf den -Toilettentisch gestellt. - -Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten Parfüms, diese waren -unerlaubter Luxus in der Bärenhöhle gewesen, seit Gräfin Gundula jeden -Heller sparte, um Goldstücke zu erwerben. - -Anfänglich hatte Guntram Krafft »das Zeug« verächtlich zurückgewiesen. - -Es deuchte ihm zu weichlich für einen Mann, wenn er sich mit dem Duft -einer Blume schmücken wollte; -- aber für eine Dame ... ja, das ist -etwas anderes! - -Wie hatte er es an seiner Tante, -- an seiner Bonne geliebt, wenn sie im -Frühling Veilchen und im Sommer eine Rose an der Brust trugen! Seine -Mutter stellte die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine -Farbe an ihrer düsteren Witwentracht, aber selbst in dem stillen, -freudlosen Gemach der Gräfin hatte ihn der Blumenduft angeheimelt und -erfreut. - -Und nun zog es wie eine süße, zauberhaft süße Woge um das reizendste -junge Weib, welches er je mit Augen geschaut, um eine menschgewordene -Melusine, welche ihm aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit -er nicht allein sei in der großen, unverstandenen Welt. -- - -Erst viel später kam ihm der Gedanke: »Wer mag sie gewesen sein?« - -Der Dienstmann schien sie zu kennen, es war töricht, daß er ihn nicht -nachträglich um den Namen der Unbekannten befragt hatte! Er ist noch gar -zu ungewandt in solchen Sachen, und er würde gewiß sehr verlegen -geworden sein, sich als derart neugierig zu zeigen. - -Ob er sie wohl einmal wiedersieht? - -Gewiß! -- - -Warum hätte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die Residenz ist ja nicht -allzu groß, man begegnet sich wohl auf den Hofbällen, bei Gesellschaften -oder in dem Theater, welches der Graf gestern besuchte, ohne daß die -Oper einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird aber doch noch -einmal hingehen, in der Hoffnung, seine reizende Nixe wiederzusehen. - -Sie war sein einziger Gedanke während des ganzen Tages, und sie folgte -ihm auch bis in den Traum hinein. - -Daheim träumte der Bär von Hohen-Esp fast nie. - -Die schwere körperliche Arbeit, die kräftige Seeluft schaffen eine -gesunde Müdigkeit, einen tiefen, traumlosen Schlaf. - -Hier kämpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier schafft er nicht voll -eisernen Fleißes in Wald und Feld, -- hier schaut er nur wirre, bunte, -flüchtige Bilder, hier führt er nur in trägem Nichtstun ein -Schlaraffenleben, hier blickt er nur -- wie der verzauberte Fischer im -Märchen -- in wasserklare, flimmernde Rätsel. - -Und als er schläft, rauschen die weißschaumigen Wogen um ihn her, und -sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien, steigt empor aus der Tiefe -und schüttelt lächelnd die blinkenden Tropfen von der Stirn. - -Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm, und als er regungslos, -wie verzaubert steht und sie anstarrt, da greift sie in das Wasser und -hebt eine köstliche Perlenschnur, die glänzt wie der weiße Wellenschaum, -und ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die grünschillernde -See, auf welche man auch hinabblickt, ohne den Grund zu schauen. Sein -Herz erzittert in heißem, sehnendem Verlangen, -- er neigt sich voll -Leidenschaft und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken in -den grundlosen Nixenaugen. -- -- -- - -»Töv min Söhn«, hört er plötzlich eine rauhe Stimme hinter sich, -- eine -schwielige Hand packt seinen Arm und reißt ihn zurück. - -»Dat lat man sin, min Jong,« sagt der alte Krischan Klaaden, »Perlens -bedüten all Tränen!« - -Da erwacht Guntram Krafft, reißt halb zornig, halb erschrocken die Augen -auf und starrt in das fremde Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein -halbes Frühdämmern bricht, und er atmet tief auf und denkt: »Wie -seltsam! Ich habe geträumt, wie ich es ehemals als Kind getan! Das -kommt von dem müßigen Leben und dem närrischen Zeug, welches man hier zu -sehen bekommt!« -- - -Es schlägt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp den jungen -Gebieter noch nie in den Federn angetroffen, -- warum soll er aber schon -hier aufstehen? -- - -Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu tun hat. - -Der Graf verschlingt die Hände unter dem Haupt und schließt die Augen, --- er will weiterträumen von der wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn -mit dem Lächeln und den Augen der fremden Dame angeschaut. - --- -- An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr denn sonst -spazieren. - -Es ist rauhe Schneeluft, und die verwöhnten Leute der Residenz sitzen -hinter dem Ofen und ahnen gar nicht, wie anders der Nord-Nordost über -die See heult, wie er seine Eiskörner gegen die Burgfenster von -Hohen-Esp jagt und dem jungen Bären zuruft: »Komm heraus aus deiner -Höhle und wage ein lustig Tänzlein mit mir!« - -In dicke Pelze gehüllt, schreiten hier in den geschützten Straßen die -Herren so eilig aus, als fürchteten sie, in Eiszapfen verwandelt zu -werden, und Damen sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park, -wo der Graf während längerer Zeit Schlittschuh gelaufen, zeigte sich -kaum eine der graziösen Gestalten in flottem Eiskostüm. - -Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er wandert ruhelos einher -und sucht jemand, ohne es sich selber einzugestehen, und wenn ein -Schlitten klingelt, so bleibt er unwillkürlich stehen und schärft den -Blick. - -Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren, und Anton versichert, -daß durch die alsdann erfolgenden Einladungen reiche Abwechslung in -dieses langweilige Leben kommen werde. - -Bisher hat sich der Bär von Hohen-Esp vor diesen Einladungen gegrault, -wie vor einer schweren unangenehmen Pflicht, welche er erfüllen muß, -weil sie von ihm gefordert wird; jetzt plötzlich denkt er mit mehr -Interesse daran, ja, er sieht in ihnen die einzige Möglichkeit, jener -entzückenden Fremden noch einmal begegnen zu können. - -An der Straßenecke hängt in dem vergitterten Kasten der Theaterzettel -aus. - -Zwar hat sich der Graf nach »Aïda« vorgenommen, nicht wieder dieser für -ihn so unverständlichen Kunst zu huldigen, jetzt aber bleibt er -plötzlich stehen und blickt nach dem weißen Papier hinüber. - -»Der fliegende Holländer!« liest er, und mit wenigen Schotten -überschreitet er den schneeverwehten Damm und studiert überrascht das -Personenverzeichnis. - -Der fliegende Holländer! - -Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden drunten im Dorf in -»der blauen Woge« mit den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner -seiner Jugendgespielen oder ein Anverwandter der Dörfler nach langen -Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem Pfeifchen und einem Glase -Grog sein »Garn spann!« - -Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern erzählt, von manch -tollkühner Fahrt durch Wetter und Sturm, wenn die Segel verloren und der -Mast gebrochen war, -- und die Erlebnisse der Jungen machten die Alten -beredt, so daß sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern vom Klabautermann -und dem »fliegenden Dutschman« berichteten! - -Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle Spuk, welcher -schon sein Kinderherz höher schlagen und seine Augen so oft in Nebel und -jagendes Gewölk spähen ließ -- hier auf der Bühne lebendig werden? - -Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten Wogenschwall -wohl ein Schiff von Pappe und Leinewand schauen, und den bleichen Mann -vom Tatenschiff bei elektrischem Licht an sich vorüberziehen sehen? -- - -Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen blitzen. - -Nein, beim »fliegenden Holländer« darf er nicht fehlen! - -Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein für einen Mann, welcher so -oft in Todesnot auf rollenden Seen die Segel gesetzt hat und -hocherhobenen Hauptes auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen -Anblick das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel! - -Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich nach seinem -heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen glänzen, und aus dessen kühler -Flut die Nixen steigen, ihn mit kristallenen Augen anzulächeln, so wie -sie ... jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute und -Bekannte hier in der Fremde deuchte! - -Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll weiter durch die -menschenleeren Straßen, nach dem Theater, um sich einen Platz zu -sichern. - -Der Wind fegt den Schnee von den Dächern, und ein rostiger Torflügel -kreischt in den Angeln, das klingt wie Möwenschrei vom fernen Strand ... -und Krischan Klaaden steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand -auf seinen Arm. - - * * * * * - - - - -VIII. - - -Schon geraume Zeit vor Beginn der Vorstellung hatte sich Graf Hohen-Esp -in dem Theater eingefunden. - -Er war der erste Gast im Haus, fast allein in der Loge, und betrachtete -voll nachdenklichen Interesses das Gemälde des Vorhangs, die -geschmackvolle Pracht des Goldstucks ringsum. Als Anton ihm zum -erstenmal ein Billett in die Fremdenloge besorgt hatte, war der so -sparsam gewöhnte Einsiedler entsetzt über den hohen Preis und fragte: -»ob denn nicht noch billigere Plätze vorhanden seien?« - -Anton aber schüttelte ebenso respektvoll wie energisch den grauen Kopf -und antwortete: »Nein, Herr Graf! Es ist Befehl der gnädigsten Frau -Gräfin daheim, daß Euer Gnaden hier in allen Dingen standesgemäß -auftreten. Wir haben es ja jetzt wieder dazu, an Geld ist kein Mangel -mehr, seit die Güter in dero Besitz sind, und wenn in der Burg so -sparsam gewirtschaftet wird, so ist das um des Prinzips willen, -- wenn -es gilt, den Namen zu repräsentieren, soll es mit dem altgewohnten Glanz -geschehen, -- so haben es die Frau Gräfin-Mutter bestimmt.« - -Guntram Krafft war es seit Kindesbeinen gewöhnt, einen Befehl der Mutter -blindlings zu erfüllen, und so saß er auch jetzt wieder in der Loge, und -wenn er diesen Platz auch noch viel zu prunkvoll für seine schlichten -Ansprüche fand, so freute er sich doch, daß er ihm ein so unauffälliges -Ausschauen nach allen Seiten gestattete. - -Sobald eine Tür klappte, richtete sich sein Blick wie in ungeduldigem -Forschen den neu Eintretenden zu, und so viel anmutige junge Mädchen und -selbstbewußte schöne Frauen auch erschienen, Guntram Krafft sah -jedesmal enttäuscht aus. -- - -Mehr und mehr Menschen drängten sich nach ihren Plätzen, immer bunter, -immer farbenprächtiger ward das Bild ringsum, -- auch die Loge füllte -sich mit Gästen. - -Ein paar höhere Offiziere mit ihren Damen nahmen neben dem Grafen Platz, -die Erscheinung des fremden Herrn mit schnellen Blicken musternd und -alsdann hinter dem Fächer in unauffälliger Weise nur das eine Wort -flüsternd: »Der Parzival!« - -Ein Lächeln, Raunen, Flüstern -- -- - -Ja, der moderne Parzival, welchen die besorgte Mutter so ängstlich -gehütet, welchen sie in tiefer Waldeinsamkeit erzog und nun doch hinaus -in die gehaßte Welt schicken muß, weil das Herz des jungen Recken voll -glühender, tatendurstiger Ungeduld nach Aventure verlangt. - -Die ganze Residenz wußte es bereits, daß der Graf von Hohen-Esp im Hotel -Quartier genommen und gekommen war, die Feste der Saison zu besuchen, um -sich eine Burgherrin für die ferne Bärenhöhle zu erwählen. - -Voll lebhaften Interesses sahen Mütter und Töchter der guten Partie -entgegen, und manch neugierig forschender, oder zärtlich lächelnder -Blick streifte den jungen Mann, wenn er seine Spaziergänge durch die -Straßen machte und sich so völlig fremd und unbekannt in der Stadt -wähnte. - -Auch jetzt waren fast alle Blicke auf den Bären von Hohen-Esp gerichtet, -welcher ahnungslos über die Menge hinwegblickte und nur eine einzige -unter allen suchte. - -Er bemerkte es auch nicht, wie eine junge Dame in der Nebenloge, welche -sich lebhaft mit den Insassen seiner Loge begrüßt hatte, die Blicke -immer wieder auf ihn heftete und sichtlich bemüht war, seine -Aufmerksamkeit zu erregen. - -Wie schwer aber war das bei einem derart naiven und harmlosen Menschen -wie diesem modernen Parzival! - -Er hörte mit halbem Ohr der Begrüßung und Unterhaltung zu, vernahm, daß -der eine der Offiziere sie »gnädigste Komtesse« -- eine der Damen als -»liebste Thea« anredeten, daß man über einen Ball bei dem Kammerherrn -von Stach sprach und fragte, warum eigentlich Fräulein von Sprendlingen -nicht zugegen gewesen sei ... - -Dann aber setzte die Musik ein, und ihre wundervolle Eigenart -interessierte den Grafen mehr, wie das verstummende Geplauder neben ihm. - -Soeben wollte sich seiner eine gewisse Mißstimmung über die -Enttäuschung, welche er erfahren, bemächtigen, aber der eigenartige -Seemannsruf, das so faszinierende: »Ho -- Hoho johe!« -- riß ihn empor -aus seinen Gedanken, atemlos hinabzulauschen, wo aus Flöten und Geigen -schier spukhaft der ganze Zauber des Seemannslebens emporrauschte. - -Und als sich der Vorhang hob -- da erhob sich ganz unwillkürlich auch -Guntram Krafft und schaute starren Blickes, tief aufatmend, voll -unendlichen Staunens auf das mächtig wogende Meer, auf welchem das -Schiff des fliegenden Holländers heranfliegt! - -Und nun er selber, der verwünschte, ruhelose Mann, just so, wie sein -altes, verräuchertes Bild in der »blauen Woge« daheim hängt, so bleich, -wie Krischan Klaaden ihn deutlich gesehen hat, als er in wilder -Sturmnacht am Kap Horn an ihnen vorüberraste! - -»Blutrot die Segel -- schwarz der Mast! --« Und alle Segel vollgesetzt, -so wie das bei einem Schiff aus Holz und Eisen unmöglich gewesen, kein -Licht an Bord -- keine Mannschaft auf Deck -- kein Pfeifen und Schrillen -um Rahen und Wanten -- still und geisterhaft wie ein Schatten flog's -vorbei, -- Elmsfeuer blitzen, und nur auf dem Vorderschiff eine düstere -Gestalt mit schneeweißem Gesicht ... so ... just so, wie sie jetzt -drunten auf der Bühne steht! - -Ho -- hoho johe! -- - -Ist dies wahrlich nur eine Komödie? - -Ihm ist's, als wehe die kalte, scharfe Seeluft in die Loge empor, -- ihm -ist's, als woge das Meer vor seinen Blicken ... ihm ist's, als stehe er -selber am Strand und schaue aus nach jenem Schiff, von welchem die -sehnsüchtigen Klänge über die Wasser ziehn ... »Blas lieber Südwind!...« - -Guntram Krafft richtet sich höher auf, wie wildes Heimweh überkommt es -ihn, voll sehnsüchtigen Entzückens leuchten seine Augen! -- Er möchte -die nervigen Arme recken und dehnen, möchte aus rauher Seemannskehle den -Fremden auf der Bühne zujauchzen: »Ho ho johe! ich hol' euch über!! --« - -Vergessen hat er, wo er ist, er weiß es nicht, daß ein Lichtstrahl aus -den Kulissen hervor just sein weit vorgeneigtes, begeistertes Antlitz -trifft, er ahnt es nicht, wie schön ihn die Erregung macht, wie -auffällig er sich in diesem Augenblick benimmt. - -Er weiß es auch nicht, daß zwei Mädchenaugen in langem Schauen auf ihm -haften, daß es in ihnen aufleuchtet wie geheime Leidenschaft und -brennendes Interesse, -- seine Nachbarin, Komtesse Thea, welche keinen -Blick von ihm wendet. - -In die gegenüberliegende Loge sind leise zwei Damen getreten und haben -unbemerkt Platz genommen. - -Die Jüngere ist es, die mit langem Blick den Grafen von Hohen-Esp -mustert und ihrer Nachbarin zuflüstert: »Sieh, Mama, da drüben steht der -fremde Herr, welcher mich gestern unter dem Schlitten hervorgeholt hat!« - -Frau von Sprendlingen, die noch immer auffallend schöne und elegante -Frau des seit etlichen Jahren pensionierten Generals, hob die Lorgnette. - -»Ah! Das interessiert mich! Eine auffallend schöne und stattliche -Erscheinung! Er scheint ja überaus begeistert von der Aufführung -- -sogar von diesem ersten langweiligen Akt! -- Sonst bekommen die Herren -in der Regel erst Augen und Ohren, wenn die Senta erscheint! -- Sieh nur -diesen Ausdruck in dem Gesicht deines Retters! Nächstens fällt er auf -die Bühne herunter! Seine Augen _leuchten_ ja förmlich! Wer mag es sein, -hörtest du es nicht, Gabriele?« - -Die junge Dame zuckte die Achseln. »Nie sollst du mich befragen ...« - -»Je nun, man wird es erfahren!« - -»Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!« - -»Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos --« - -»Aber nicht schick!« -- - -»Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam, der blonde Riese -scheint etwas derb in seinen Bewegungen --« - -»Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen er gestern -wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge errötet mehr so intensiv wie -er!« - -»Das ist kein Fehler!« - -»Aber auch kein Vorzug!« - -»Männertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht seltener!« - -»Geschmackssache! Es ist leider eine unumstößliche Tatsache, daß die -amüsantesten und nettsten Herren meist diejenigen sind, welche schon mit -einem Fuße in Amerika stehen!« - -»Amüsant mögen sie sein, -- aber nicht heiratsfähig!« - -»Was liegt daran?« - -»Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden will!« - -Gabriele zuckte mit stolzem Lächeln die schönen Schultern. »Als ob man -nur heiratete, um versorgt zu sein und unter die Haube zu kommen! Arme -Mädchen sind wohl darauf angewiesen! -- Gott sei Dank, daß ich in der -Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ... einen recht amüsanten -Mann zu wählen!« - -Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf und zupfte nervös an -den echten Spitzen ihres Kleides. - -»Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verwöhnt ist und so -ungeheure Ansprüche an das Leben stellt, mußt eine sehr brillante Partie -machen. Du machst dir total falsche Vorstellungen von unserm Vermögen -...« - -»O nein! Daß ich keine Millionärin bin, weiß ich, aber daß ich genug -habe, um auch einen armen Mann heiraten zu können, davon bin ich -überzeugt!« - -»Und wenn du dich irrst?« - -»Dann bleibe ich lieber frei und unabhängig, ehe ich einen Mann freie, -der mir nicht sympathisch ist!« - -»Ist dir jener Fremde drüben sympathisch?« - -Gabriele lehnte das Köpfchen gelangweilt zurück. »Vorläufig ist er mir -unendlich gleichgültig! Zwar sieht der >blonde Riese<, wie du ihn zu -nennen beliebst, aus, als könne und müsse er ganz Hervorragendes -leisten, und du weißt, daß ich die Menschen nur nach Verdienst schätze!« - -»Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche sich nur für -Helden begeistern kann! Schade, daß es deren heutzutage zu wenig gibt!« - -»Es gibt deren!« - -»Etwa Herr von Heidler?« - -»Wenn einer -- dann er!« - -»Welche Illusionen!!« Frau von Sprendlingen lachte etwas nervös: »Ich -hörte bisher nur, daß er recht flott und leichtsinnig sei!« - -»Und daß er der beste, kühnste und unerschrockenste Reiter, der -tüchtigste Offizier im ganzen Regiment ist, hörtest du noch nicht, -Mama?« - -»Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es noch nicht genug!« - -»Also bist du es, die so hohe Anforderungen an das moderne Heldentum -stellt!« Gabriele hielt den Fächer ein wenig tiefer, und ihr Blick flog -zu der ersten Reihe des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere -der Garnison mit Vorliebe ihre Plätze wählten. - -»Mir genügt es vollkommen, wenn ein junger Mann seinen guten Willen -beweist, sein Bestes für Fürst und Vaterland zu geben. Ich bin eine -begeisterte Patriotin, ich taxiere den Mann nur nach dem, was er für -Reich und Volk leistet, -- das bestimmt seinen Wert!« - -»Aber was leistet Heidler?« zuckte Frau von Sprendlingen ein wenig -ironisch die Achseln. - -»Fürerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine Bravour -auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt! Daß er eine vorzügliche -Karriere macht, es zu den höchsten Ehren bringt, ist selbstredend. -Sollte aber ein Krieg kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem -Kaiser mit Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!« - -Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle Konduite, -welche ihm der schöne Mund droben ausstellte, wandte Herr von Heidler, -der elegante Dragoner, das Haupt und blickte mit einem mehr kühnen und -siegesgewissen, wie verbindlichen Lächeln zu der Loge empor. - -Gabriele errötete ein klein wenig und nickte ihm wie einem guten -Bekannten zu, war es doch stadtbekannt, daß Herr von Heidler ihr -eifriger Courmacher war, welcher schon während der beiden letzten Winter -die Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der Saison getragen. -Der junge Dragoner war eine auffallende Erscheinung, nicht hübsch und -- -wie viele behaupteten -- auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden -Fall recht interessant. - -Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit, mit einem -sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht, glatt rasiert bis auf den -englischen kleinen Bart an den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende, -scharfe, lebhaft blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte Winkel -ihm etwas Arrogantes gaben -- das war Herr von Heidler. - -Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten, sondern lockte -sich in zwei kleinen Tollen über der Stirn, und das Monokel schaukelte -sich meist nur auf der Brust, ohne benutzt zu werden. - -Die Damen schwärmten für den außerordentlich amüsanten Spötter, welcher -rücksichtslos die Cour machte, seinen scharfen Witz auf Kosten anderer -spielen ließ und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, -- die -kleinen Skandalgeschichten, welche man sich über seinen Leichtsinn und -sein Glück bei den Frauen erzählte, verliehen ihm seltsamerweise in den -Augen der Großstädterinnen noch einen Reiz mehr! - -Die Herren urteilten weniger günstig über ihn, nannten ihn einen -frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten höchstens den -außerordentlichen Schneid und die beinahe brutale Kühnheit, mit welcher -er sich auf der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht -hatte. - -Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge war sehr leise geführt -worden, -- sie waren ungeniert, da sie sich allein befanden, auch -übertönte die Musik das Flüstern hinter dem Fächer. - -Mutter und Tochter kannten den fliegenden Holländer zur Genüge, -betrachteten die Oper nur als angenehme Zerstreuung und wären heute -abend überhaupt nicht hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der -Prinzeß Amalie am Nachmittag vorgefahren wäre, mit der Nachricht, daß -Hoheit Fräulein Gabriele heute abend gern in der Teepause im Opernhause -sprechen möchte, um direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten. -Man wisse, daß Fräulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin daselbst -zu Gast gewesen und gestern zurückgekehrt sei. - -Der erste Akt war vorüber, langsam sank der Vorhang nieder, und die -Klänge der Musik verhallten. - -Guntram Krafft stand noch so völlig unter dem Eindruck des Gehörten, daß -er regungslos verharrte und zur Bühne hinabstarrte, als könne sein -scharfes Auge die neidische Hülle durchdringen. - -Erst der tosende Beifall des Hauses ließ ihn betroffen aufschauen, und -als er das Haupt wandte und sein Blick mechanisch die gegenüberliegende -Loge streifte, zuckte er plötzlich zusammen, und auf sein erst so frei -und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe scheuen -Entzückens, mit welchem er schon einmal in die Augen seiner Unbekannten -gestarrt! - -War es Spuk und Zauber? - -Da glänzten ihm plötzlich die klaren Nixenaugen wieder entgegen, da -schimmerte das lockige Haar unverhüllt über der Stirn, und weiße, -flaumige Spitzen rieselten wie Wasserschaum um den schlanken Hals. - -Der Graf hatte das Empfinden, als müsse er mit jubelnder Bewegung zu ihr -hinübergrüßen, aber er wagt es nicht, er sieht aus wie aus Stein -gemeißelt, und nur sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzücken -über dies unverhoffte Wiedersehen. - -Die ältere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert zu ihm herüber, -und um die Lippen seiner Meerfei spielt ein schnelles Lächeln. - -Sie sieht ihn an, groß und gelassen, und dann schaut sie an ihm vorüber -und nickt Komtesse Thea an seiner Seite zu, -- die Offiziere in der Loge -und deren Damen tauschen ebenfalls Grüße herüber und hinüber, und einer -der Herren sagt laut und lebhaft: »Ah scharmant! Da ist ja Fräulein von -Sprendlingen wieder zur Stelle! Es ging auch wahrlich nicht länger ohne -sie, man ist so sehr an ihre reizende Erscheinung gewöhnt, daß der -Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!« - -»War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?« - -»Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflüchtig! Hat ihre Tante Grüdner, die -Hofmarschallin am Hofe zu X., anläßlich deren Silberhochzeit besucht!« - -»Sie kann noch nicht lange zurückgekehrt sein?« - -»Seit gestern mittag, gnädigste Frau! Hatte sogar noch ein -Eisenbahnunglück hier in der Parkstraße zu überstehen --« - -»Eisenbahnunglück? Parkstraße? =bless me=! Sie sprechen in Rätseln, -bester Baron!!« - -»Na, einigen wir uns auf ein Schlittenunglück, Exzellenz! Der >Schwan< -kippte um, und Schön-Gabrielchen lag weich und warm ...« - -»Im Schnee?!« - -»O nein, an der Brust eines kühnen Retters, glaube, der alte Dienstmann -Saul stürzte sich ihr nach auf Leben und Sterben!« - -»Pfui, wie unpoetisch! Glücklicherweise scheint alles sehr gut -abgelaufen?« - -»Tadellos!« - -»Wer weiß, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen hat! Wenn der -alte Saul sie im Arme hielt ...!!« - -»Ungefährlich, Exzellenz! Da es noch früh am Tage war, hatten seine -Augen noch nicht den unheilvollen denaturierten Spiritusglanz!« -- - -»Welch ein Glück!« -- - -»Aha -- der Kammerherr erscheint drüben an ihrer Seite ... sie erhebt -sich ...« - -»Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das Teezimmer befohlen?« --- - -»=Allright=, -- sie geht!« - -»Wie schade, -- es war ein so schöner =point de vue= für uns!« -- - -»Ein Glück für Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, daß die Kleine in festen -Händen ist!« - -»Hört, hört!« -- - -»Festen Händen?« - -»Nun ja! Der alte Saul?!« -- - -Leises, übermütiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp steht schwer -atmend und lächelt nicht einmal. - -Er hat Wort für Wort von der Unterhaltung gehört, obwohl er keinen Blick -von dem reizenden Mädchenhaupt drüben gewandt. - -Fräulein von Sprendlingen, -- Gabriele heißt sie! -- Nun hat er ihre -Spur gefunden, nun weiß er, daß er sie wiedersehen, ihr sicher in den -Salons begegnen wird. - -Sein Herz schlägt aufgeregt in der Brust, das Blut brennt ihm in den -Wangen. - -Gabriele! - -Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie die Nixen aus der -Flut tauchen und den Seemann mit kristallenen Augen anlächeln, dann ist -es um ihn geschehen. -- - -Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt, dieser küßt die -schmale Hand der Mutter und bietet der Tochter galant den Arm, sie -hinauszuführen. - -In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der Hof hat die große -Mittelloge, wie fast immer nach den Aktschlüssen, verlassen. Der Bär von -Hohen-Esp setzt sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen -tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um ihn her wieder -laut und lebhaft wird, da sieht er direkt in das blasse, schmale -Gesichtchen der Komtesse Thea, deren tiefumschattete dunkle Augen mit -dem Ausdruck einer Madonna auf ihn gerichtet sind. - -Er erschrickt beinah und hat das Gefühl, als müßte er ein Kompliment vor -ihr machen, doch entsinnt er sich noch rechtzeitig, daß er ihr noch gar -nicht vorgestellt ist. - -»Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste Freundin!« -sagte die junge Dame just, -- wie es ihm scheint, mit ganz besonderem -Nachdruck, und bei Guntram Krafft wecken die Worte: »Ich habe Gabriele -sehr lieb!« einen warmen Widerhall im Herzen. - -Interessierter wie zuvor blickte er die Sprecherin an. -- - -»Nun, dann muß man sich also mit Ihnen recht gut stellen, Komtesse -Sevarille, wenn man einen Verbündeten sucht, um das Herz der spröden -Freundin zu erobern?« - -Und abermals nickte die Genannte voll besonderen Nachdrucks und sagt, -den Blick auf den Hohen-Esper gerichtet: »Das will ich meinen! Der Weg -zu Gabrieles Herzen führt hart an mir vorüber! Wer zu ihr gelangen will, -kann und darf mich nicht umgehen!« - -Sie scherzt anscheinend, und dennoch haben ihre Worte einen seltsam -ernsten Klang in Guntram Kraffts Ohr. - -Er blickt sie in seiner naiven Weise an, als habe sie nur zu ihm -gesprochen, -- hocherfreut und dankbar zugleich. - -Die dunklen, sanften Augen haben etwas sehr Vertrauenerweckendes für -ihn, es muß herrlich sein, mit diesem anscheinend sehr liebenswürdigen -und gütigen Mädchen über Gabriele zu sprechen. - -Sagte sie nicht selbst: »Ich habe meine Freundin sehr lieb?« - -Je nun, so muß ihr doch das Glück derselben ganz besonders am Herzen -liegen! - -Die Musik intoniert von neuem, und unruhig schaut der Graf nach seinem -reizenden Gegenüber aus, -- umsonst, der Platz an der Seite der Frau von -Sprendlingen bleibt leer. Jetzt treten die hohen Herrschaften wieder -ein, und hinter ihnen -- richtig -- da erscheint Gabriele und nimmt -neben einer der Hofdamen Platz. - -Erst nach der nächsten Pause kehrt sie an die Seite der Mutter zurück. - -Mit strahlenden Augen begrüßt sie Guntram Krafft -- doch seltsam ... -sie, die ihm noch vorhin ein so anmutiges Lächeln spendete, blickt jetzt -plötzlich über ihn hinweg, als existiere er nicht mehr für sie. - -Die großen, hellen Nixenaugen blicken so kalt -- so unheimlich kalt, und -die feinen Lippen wölben sich so stolz und hochmütig, als habe sie der -blonde Fremdling hier drüben nie und nimmer im Arm gehalten. - -Was mag ihr plötzlich in den Sinn gekommen sein? - -Der Bär von Hohen-Esp ist so in Schauen und Sinnen versunken, daß er für -nichts anders mehr Augen und Ohren hat, -- er bemerkt es nicht, wie -Komtesse Thea keinen Blick von ihm wendet und ihn scharf beobachtet, wie -das sanfte Madonnengesicht plötzlich einen sehr scharfen, ironischen -Ausdruck bekommt, wie es in den schwärmerischen Augen aufglimmt. Er -sieht nur das kühle, stolze Nixengesicht in der Loge drüben -- und als -die Senta auf der Bühne drunten mit weicher Stimme klagt: »Doch nie ein -treues Weib er fand!« da geht es plötzlich wie ein Erschrecken durch das -Herz des weltfremden Mannes. - -Ein treues Weib! -- - -Wie oft hat er daheim im Ernst und Scherz aus den rauhen Seemannskehlen -gehört: - - »Da ist eine Nixe an's Ufer geschwommen, - Die hat sich ein Schiffer zum Liebchen genommen, - Ihr Aug' war wie Wasser, ihr Leib war wie Schnee, - Und falsch und treulos das Weib aus der See -- - Hojohe! Hojohe! - Das treulose Weib aus der See!« - -Sein Blick schweift wieder hinüber wie in angstvollem Forschen, und ihm -ist's, als ob sich im Dämmerlicht des verdunkelten Hauses ihr -schneeweißes Antlitz ihm zuwende. - -Lächelt sie? - -Ja, sie lächelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche Hand liegt wieder -mit sanftem Druck in der seinen, er atmet den süßen Veilchenduft, -welcher aus ihrem Haar emporweht. - -Wie erlöst von bangem Zweifel atmet er auf. - -Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur um der wundersamen, -lichtklaren Augen willen? -- - -Das war eine sonderbare Idee von ihm. - -Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch und Blut, und in -ihrer Brust schlägt ein warmes, treues Herz, für den, welcher es zu -eigen gewinnen wird! - -Warum ist er hier? - -Wie der fliegende Holländer, der einsame, weltfremde und verlassene, kam -auch er an Land, um ein Weib zu freien, -- und so wie jener auf der -Bühne drunten eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein -zaubrisch Lieb sich heimholen. -- - -Ho -- hohojohe! -- - -Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See und den tosenden -Sturm! - -Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft, sein Herz wird weit -und groß in heißem Sehnen nach dem Meer und all seinem herben Zauber! - -Soll er heimkehren zu ihm? -- - -Lächelnd schließt er die Augen. - -Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden hält es ihn in der -Fremde fest! - - - - -IX. - - -Während Guntram Krafft mit sehnsüchtigem Blick nach dem Logenplatz, -welchen Gabriele am Arm des Kammerherrn verlassen, hinüberschaute, war -Fräulein von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter der großen -Hofloge lag, eingetreten. - -Prinzeß Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen. - -Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens wegen nur mit -großer Anstrengung zu gehen vermochte und meist in ihrem kleinen, -eleganten und leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem -jungen Mädchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu und fesselte sie -sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele von den anwesenden -Fürstlichkeiten durch ein paar huldvolle Worte der Begrüßung -ausgezeichnet war. - -Fräulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse Tee in der Hand, -neben der Prinzessin und erzählte in ihrer frischen, anmutigen Art von -den erlauchten Anverwandten der hohen Frau, welche sie während ihres -Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch vor wenigen Tagen -gesehen und gesprochen hatte. - -Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden Hoheit, -welche diesen Winter zum erstenmal tanzt und auf einem Kostümfest im -Ministerhotel als »Rautendelein« ganz besonders herzgewinnend aussah; -von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits über den Kopf -wachsen, sehr liebenswürdig und begabt sind, auch auf künstlerischem -Gebiet, namentlich in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von -diesen und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit der Prinzeß -Amalie ihre Stellung innehatten und der hohen Frau ein ganz besonders -treues und verehrungsvolles Andenken bewahren. - -Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt verändert! - -Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glück ist zerschellt, -manch Unglück hat sich noch in letzter Stunde gewendet, -- die Jungen -wachsen heran, und »neues Leben blüht aus den Ruinen!« - -Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen Erinnerungen neu -aufleben zu lassen. Gabriele bleibt auf Wunsch der Frau Prinzessin in -der großen Loge. - -Und als sich die Herrschaften während der nächsten Pause abermals -zurückziehen, wendet sich der Herzog mit einer Ansprache an Fräulein von -Sprendlingen und verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung. - -Als er sich just voll liebenswürdigen Interesses nach dem Unfall -erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten gehabt, klingt das leise, -beinahe übermütige Lachen des Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit -einer der Hofdamen plaudert. - -»Ich glaube, Gräfin, wir alle sind gespannt, den >weisen Toren< -kennenzulernen!« sagt er gerade mit vernehmlicher Stimme, »denn solch -eine Bekanntschaft macht man nicht alle Tage, höchstens in Bayreuth!« - -Der Herzog wendet den Kopf: »Von welchem >weisen Toren< sprichst du?« - -»Von dem modernen Parzival!« lacht der Prinz, »welcher heute abend dem -fliegenden Holländer eine gewaltige Konkurrenz macht und das Publikum -mehr interessiert wie der bleiche Kapitän auf der Bühne drunten!« - -»So, so! -- Der Graf von Hohen-Esp! -- Der dürfte freilich die -Attraktion der diesjährigen Saison sein! -- Und >Parzival< nennt Ihr -ihn? -- So übel nicht, wenngleich der Hof des Königs Amfortas recht -wenig Ähnlichkeit mit dem unsern hat!« - -»Parzival kam auch in Klingsors Zauberschloß und sah dort Blumenmädchen, -die beinahe so schön waren wie unsere Balldamen!« neckte der Prinz mit -einem Seitenblick auf Gabriele. - -»Dürfen wir ... oder müssen wir jetzt erröten, Hoheit?« -- - -»Beides, mein gnädiges Fräulein, es steht Ihnen eins so gut wie das -andere!« - -»Laßt sehen, ob es den modernen Parzival von Burg >Hohen-Esp< fesselt!« -scherzte der Herzog und fuhr, direkt zu Fräulein von Sprendlingen -gewandt, fort: »Was sagen Sie dazu, Gnädigste, daß die eifersüchtige -Mutter Herzeleide, alias Gräfin Gundula, endlich den so lang versteckten -Sohn freigibt?« -- - -»Ich höre es soeben mit Staunen, königliche Hoheit, daß Graf Hohen-Esp -hier in der Residenz anwesend ist!« - -»Sogar in nächster Nähe zu schauen! Bemerkten Sie noch nicht in der -Loge, Ihnen gegenüber, einen blonden Mann, welcher nicht im mindesten -nach einem Hinterwäldler ausschaut?!« - -Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen an. -- - -»Jener Fremde ... _jener_ ist es, königliche Hoheit?« - -»Gewiß! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung in dem -Einsiedler aus der Bärenhöhle?« - -»Findest du wirklich, Vater, daß er so völlig von Europens Kultur -beleckt ist?« lachte Prinz Karl Emil mit zwinkerndem Blick: »Der -tadellos zugeschnittene Rock und die Krawatte =à la fin de siècle= -machen es nicht allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des -Goldschnitts, mit dem man ihn >neu eingebunden< hat, doch aus, wie ein -etwas verstaubter Foliant, welchen man aus wurmstichigem Archiv holt!« - -Leises Gelächter, die Herzogin und einer der Flügeladjutanten sind -herzugetreten und beteiligen sich voll Interesse an dem Gespräch, sie -lachen ebenfalls über den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der -Herzog zuckt etwas ungeduldig die Schultern. - -»Motiviere deine Ansicht!« sagt er kurz, »was mutet dich >verstaubt< an -der blühenden, reckenhaften Gestalt des jungen Mannes an?« - -»Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert!« fährt der -Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, »ich bin sogar überzeugt, daß -Parzival das modernste Parfüm ins Schnupftuch goß, welches jemals -Blumenmädchen fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik -macht -- und die Art und Weise, _wie_ ein Mensch seine Kleider trägt, -ist maßgebend für seine Persönlichkeit!« - -»Ganz recht, -- _wie_ aber trägt Graf Guntram Krafft seinen Rock?« - -»Wie ein Mann, der sich höchst fremd und höchst unbehaglich in der neuen -Fasson vorkommt!« - -»So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!« - -»Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert, ungeschickt, -- in -Wahrheit >bärenhaft<! Man sieht, daß der junge Einsiedler es gewohnt -ist, mehr mit Keulen dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu -hantieren!« -- - -»Mich überrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes!« schaltete -die Herzogin ein, »fraglos ist der Graf ein schöner Mann! Seine Züge -haben etwas Edles, ich möchte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr -Ausdruck nimmt ihnen vollständig diesen Charakter!« - -»Er ist von all dem Neuen befangen!...« - -»Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben einen schier kindlichen -Blick, so naiv wie er schaut kaum noch ein Backfischchen drein! -- Was -er denkt und fühlt, spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete -ich während der Vorstellung. Wenn er bemerkt, daß sich aller Augen aus -dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen wie ein schämiges -Jüngferchen, -- ich möchte darauf wetten, daß er sogar errötet!« -- - -»Dies alles deucht mir kein Fehler!« - -»Gewiß nicht, -- aber auch kein Vorzug für einen Mann!« -- - -»Wir müssen bedenken, wie groß der Umschwung der Verhältnisse für den -Ärmsten ist! In tiefster Einsamkeit aufgewachsen, steht er urplötzlich -in dem bunten hochflutenden Strom großstädtischen Lebens, -- sonst -gewöhnt, stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben, welche -alles für ihn bedenkt und leitet ... ist er plötzlich ganz allein auf -sich selbst angewiesen und muß sich ohne Kompaß und Steuer durch die -Flut völlig fremder Verhältnisse lavieren ...« - -»Er steht daheim vollständig unter dem Einfluß der Mutter?« - -»Selbstverständlich! Er wird der Gräfin jetzt wohl mit Ausübung aller -praktischen Arbeit zur Hand gehen, aber sicherlich Frau Herzeleide -ebenso als >hohe Obrigkeit< ansehen, wie Parzival der Ältere, ehe ihn -sein Tatendrang hinaus in die Welt führte!« - -»Die Verhältnisse sollen ja geradezu glänzende geworden sein! Man sagt, -die Gräfin habe sich vollkommen arrangiert und das verlorene Vermögen -sozusagen zurückgewonnen!« - -»Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche jedermann die höchste -Achtung abnötigt! Was diese Bärin für ihr Junges getan, macht ihr so -leicht kein Mann nach!« - -»Sie muß eine geradezu geniale Landwirtin, eine geborene Agrarierin -sein! Allerdings hat sie auch viel Glück bei der Sache gehabt! Schon der -Umstand, daß der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht mehr -viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein verdankt sie es doch, daß -sie Walsleben so >portionsweise< zurückkaufen kann!« - -»Nächstens geht das Gut wohl wieder völlig in ihren Besitz über! Der -alte Inspektor hat mal kürzlich unserem Domänenrat erzählt, die Gräfin -hätte es schon vor zwei Jahren kaufen können, die Barsumme läge bereit; -aber sie ist so sehr vorsichtig, daß sie sich nie völlig verausgabt, -sondern stets mit allen möglichen Eventualitäten rechnet, Mißernten -usw., wo es gilt, die Löcher mit Kapital stopfen!« - -»Sehr klug und vernünftig gedacht! -- Ich bin sehr gespannt, den Sohn -kennenzulernen, ob er von den großen Anlagen der Mutter geerbt hat!« - -»Vorläufig machen Mutter und Sohn ja zusammen noch eine >Zehne< aus!« -zuckte Prinz Karl Emil voll Humor die Achseln. - -»Was heißt das?« - -»Nun -- sie ist die eins -- und er ... die Null!« -- - -Abermals ein leises Gelächter, nur der Herzog klappte mit verräterischem -Zucken um die Lippen den Sohn mit dem Handschuh gegen den Arm und -schalt: »Unverbesserlicher Spötter! Bei dir und deiner beklagenswerten -Mama ist es freilich umgekehrt!« - -In den Korridoren ertönte das Klingelzeichen, die hohen Herrschaften -traten nach sehr huldvoller Verabschiedung in die Loge zurück, und -Gabriele eilte, die Begleitung des Kammerherrn dankend ablehnend, zu -Frau von Sprendlingen zurück. - -Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug aufgeregt in der -Brust. - -Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und ein finsterer, -beinahe verächtlicher Blick streifte den Grafen von Hohen-Esp, welcher -sich mit aufleuchtenden Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von -seinem Entzücken machte, sie wiederzusehen. Also das Muttersöhnchen aus -der Bärenhöhle war der mutige Retter, welcher mit so gewaltigen Fäusten -ihren Schlitten ausgerichtet hatte, daß der Kutscher gar nicht genug -davon schwärmen konnte, war der höfliche Mann, welcher sie emporgehoben -und mit solch unverhohlener Bewunderung in ihr Antlitz geblickt hatte, -daß sie lächeln mußte! - -Der Bär von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen einer kaum -beachtenswerten Verletzung am Fuß nicht Soldat ward, welcher sich feige -und schlapp hinter der Mutter Schürze verkroch, anstatt voll kühnen -Wagemuts hinaus in die Welt zu stürmen, um Gut und Blut zu Kaisers Ehren -zu wagen! - -Und den nennen sie einen Parzival? Sie möchte schallend auflachen, und -beißt doch wie unter physischem Schmerz die Zähne zusammen. - -Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster Einsamkeit, -welches die Mutter gegängelt hatte, solange sein Arm noch schwach und -sein Schwert noch kurz war, -- als aber dem jungen Löwen das Haus zu eng -ward, als er die königliche Kraft in Herz und Faust verspürte, da riß er -sich los von dem unwürdigen Gängelband, von Weiberrock und Schürze, -sattelte hochgemut sein Roß und zog aus, in seines Königs Landen Frau -Aventure die Fehde anzusagen! - -Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen markiger Hand der -Speer, der heilige, leuchtete; was aber ist Graf Guntram Krafft? -Wahrlich ein Bär, welcher kampfmutig hervorbricht aus der Höhle, Sieg -und Beute zu suchen? -- - -Nein, wahrlich nicht! - -Er sitzt hinter dem Ofen und läßt Weiberhände für sich arbeiten, er -erntet nur die Saat, welche die fleißige Mutter für ihn ausgestreut. - -Und was tut er für Kaiser und Reich? - -Nichts! - -Für wen setzt er seine Bärenkräfte ein? - -Nur für sich selbst! - -Sagt er es sich nicht selbst, daß er als Mann, -- als Edelmann heilige -Pflichten zu erfüllen hat? - -Nein! - -In behaglicher Ruhe genießt er sein inhaltloses Leben, läßt das Schwert -an der Wand rosten und stellt das Schild der Ahnen in die Rumpelkammer! - -Was will er hier? - -Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben mit ihm teilt? - -Ein verächtliches Zucken um Gabrieles Lippen. - -Auch eine solche wird sich wohl für ihn finden; es gibt Mädchen, welche -wenig, sehr wenig von einem Mann verlangen, lediglich einen Trauring. - -Gehört Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen Seelen? - -Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust glüht ein Feuer heiliger -Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung, vor dessen Flammenschein -selbst die reckenhafte Bärengestalt des reichen Grafen von Hohen-Esp wie -ein Schatten kläglich zusammenschrumpft! - -Ja, kläglich! - -Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich neben dem Riesen -Guntram Krafft, und doch deucht es ihr, als blicke sie tief auf ihn -herab, so tief, daß er gar nicht mehr für sie existiert! - -Als die letzten Musikklänge verrauscht sind und der tosende Beifall sich -gelegt hat, erhebt sich das junge Mädchen und schreitet hastig dem -Ausgang zu; für den Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer zögernd in -der Loge steht und zu ihr hinüberschaut, hat sie keinen Blick mehr. - -In der großen Halle drunten stehen die jungen Offiziere und plaudern mit -den Damen, welche hier das Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant -von Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, küßt Frau von -Sprendlingen die Hand und erkundigt sich nach dem Befinden der Damen. - -Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begrüßt -- daß seine Anwesenheit -daselbst ein Zufall gewesen, hat er weder behauptet, noch hat es die -junge Dame angenommen; auch jetzt blickt er ihr mit den kühnen, -siegesgewissen Augen, wie in selbstverständlicher Vertraulichkeit in das -reizende Antlitz und versichert ihr, daß die Residenz schauderhaft öde -ohne sie gewesen sei und daß es eine ganze Menge zu erzählen gäbe! -Gestern habe er mit etlichen Kameraden eine -- =soit dit= Schnitzeljagd -auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit der Gäule -auszuprobieren, die guten Resultate habe man selbstredend mit etwas -Alkohol gefeiert, und zwar sei die Sitzung so ausgedehnt worden, daß er -nicht mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten Besuch in -Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben jetzt noch nachholen und eine -Tasse Tee bei den Damen trinken dürfe? - -Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen, obwohl ihr Lächeln -ein wenig kühler scheint, wie sonst; Gabriele aber errötet unter dem -zarten Spitzenschleier, welcher ihr Köpfchen verhüllt, und die -Nixenaugen blitzen voll Interesse auf. - -»Einen Übungsritt =à la= Heidler?« ruft sie lebhaft, »davon müssen Sie -erzählen! Wie geht es Ihrer >Gudrun< -- hat sie das Glatteis mit -bekannter Verve genommen?« -- - -»>Gudrun< hat brillant durchgehalten, aber Massenbach hat Pech mit -seinem >Slusohr< gehabt, -- nahm einen Graben ... gegen die Sonne ... -war natürlich geblendet und sprang zu kurz ...« - -»O weh! Und >Slusohr<?« -- - -»Kocht bereits im Wurstkessel!« - -»=Pour condoler!=« -- - -»Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es verspeisen müssen?!« - -Sie lachen und bemerken kaum die hohe Männergestalt, welche dicht neben -ihnen an einer Säule steht und keinen Blick von Gabriele verwendet. Nur -Frau von Sprendlingen sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm ein -ganz besonders freundliches Gesicht. - -Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der Baronin den Arm, -und Gabriele folgt. - -Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, daß der lichtblaue, -mit weißem Tibet besetzte Samt ihres Theatermantels ihn streift. - -Die junge Dame bemerkte es nicht. - -Wieder weht der süße Veilchenduft zu ihm empor und benimmt ihm schier -den Atem, -- der Einsiedler aus der Bärenhöhle hat nur Augen und Sinn -für die schlanke Mädchengestalt neben ihm, -- aber das stolze Antlitz -wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu. - -Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den Wagen hebt und -dann selber einsteigt, -- die Pferde ziehen an, und neue Wagen und Rosse -drängen vor das Portal. - -Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte Winternacht hinaus. - -In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen Eindrücken. - -Sein Herz schlägt heiß und ungestüm in seiner Brust; wie eine -leidenschaftliche Glückseligkeit, eine jauchzende Lebensfreude kommt es -über ihn. Morgen wird er seine Besuche fahren, er wird all die vielen, -heiteren, freundlich lachenden Menschen kennenlernen, -- auch Gabriele -von Sprendlingen, -- und dann ist er ihr kein Fremder mehr, er darf sie -grüßen, darf mit ihr plaudern ... und sie wird ihn mit den süßen, -rätselhaften Augen ebenso anblicken, wie vorhin den Dragoner ... - -Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen Herzens zum Schlafe -niedergelegt, wie an diesem Abend, -- vor seinen Ohren rauschen die -Wogen des Meeres, klingen die Zauberweisen des »Fliegenden Holländers« --- Sentas Antlitz trägt Gabrieles Züge, und sie breitet die Arme nach -ihm aus und singt leise wie ein Hauch: »Ach, wann wirst du, bleicher -Seemann, sie finden? Betet zum Himmel, daß bald ein Weib -- die Treue -ihm hält!« -- Hohojohe! -- - - * * * * * - -Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General von Sprendlingen -bewohnte, lag in einer jener stillen Vorstadtstraßen, in welchen nur -Equipagen und elegante Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter -die prächtig gepflegten Gärten einhegen und weiße Steinbilder aus Taxus -und Lebensbäumen ragen. - -Über den verschneiten Gartenweg eilte eine junge Dame in fußfreiem -Tuchkostüm, welches die sehr kleinen Juchtenstiefelchen genügend sehen -ließ, ein weiches Pelzkäppchen auf dem lose gepufften Haar, und die -dicke lange Boa von rötlich-hellem Pelz um den zierlichen Hals -geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum merklichem Gruß an -dem Portier vorüber, um die teppichbelegte Treppe emporzuhasten. - -Sie schien kein seltener Gast bei Fräulein von Sprendlingen zu sein, -denn der Diener öffnete sogleich wie ganz selbstverständlich die -weißlackierten Flügeltüren und sagte mit kurzer Verbeugung: »Darf ich -bitten, in das Musikzimmer, Komtesse, -- das gnädige Fräulein spielen -soeben!« - -»Hm!« sagte Gräfin Thea von Sevarille, den Gruß ebenso unhöflich -erwidernd wie zuvor denjenigen des Portiers, staubte die letzten -Schneesternchen von dem Muff und schritt durch eine Flucht beinahe -übereleganter Salons nach dem kleinen, turmähnlichen Anbau, in welchem -Gabriele ihren Flügel aufgestellt hatte. - -Fräulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und erhob sich. - -»Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, daß du noch nicht hier -warst! Während meiner Abwesenheit hat sich doch gewiß mancherlei hier -ereignet, was wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm mit -hinüber, ich finde es heute kalt hier!« - -»Dein eisiges Herz kühlt die Temperatur zu schnell ab!« lachte Thea und -legte den Arm um die Schultern der Freundin. »Mir ist es recht, warm zu -sitzen, ich bin bis zum Eiszapfen gefroren!« -- - -Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie ehemals schon als -Backfische so oft beisammen gesessen; Komtesse Sevarille warf die -Pelzjacke und Boa ab, zog den weißen Schleier über das spitze, -scharfmarkierte Näschen empor und ließ sich wohlig vor dem Kamin in eins -der hellseidenen Sesselchen sinken. - -»Neuigkeiten!« lachte sie; »wenn du gehst, Liebste, steht die Zeit bei -uns still, -- und sowie du wieder auf der Bildfläche erscheinst, häufen -sich die Ereignisse! Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt?« -- - -»=En passant=, -- es war nicht der Rede wert!« - -»Es genügte, um dich einem höchst gefährlichen Retter in die Arme zu -führen!!« -- - -Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem man im Theater -gesprochen, und belachte ihren harmlosen Witz sehr vergnüglich; um so -mehr überraschte sie der plötzlich so ganz veränderte Ausdruck in dem -schönen Antlitz ihres Gegenübers. - -»Ein gefährlicher Retter?« spottete Gabriele, und ihre Augen wurden so -groß und durchsichtig, als wollten sie einen Blick bis in ihr tiefstes -Herz gestatten. »Wenn mir alle Menschen so ungefährlich wären wie der -Bär von Hohen-Esp, so wäre es gut um mich bestellt!« - -Schier atemlos starrte Thea sie an. »Der Bär von Hohen-Esp?« wiederholte -sie gedehnt. - -»Verlangst du, daß ich ihn voll ersterbenden Respekts Herr Graf nenne?!« --- - -»Der Hohen-Esper rettete dich?« - -Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln. - -»Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter, und da muß ich dir -doch begreiflich machen, daß nichts an der ganzen Sache gefährlich war, -weder er noch der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde! -Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!« - -Einen Augenblick starrte Gräfin Sevarille, noch aufs höchste betroffen, -in das lodernde Kaminfeuer, dann faßte sie sich schnell und nickte sehr -lebhaft: »Du sollst mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen -einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also bereits kennen?« - -»Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt, der zuspringt, -wenn einem der Schirm hinfällt!« - -Thea lachte gedämpft. »So stellte er sich nicht vor?« -- - -»Nein! Ich glaube nicht, daß der Einsiedler aus dem Hinterwald schon -Knigges Umgang mit Menschen studiert hat!« - -»Vorzüglich! Du bist fabelhaft amüsant, Gabriele! Und sehr gut warst du -nie auf diesen Bär zu sprechen! Weißt du noch, wie du damals -- hier an -derselben Stelle -- einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und -ruhmlosen Grafen nie zu erhören, und wenn er zehnmal dir zu Füßen liegen -sollte?« - -»Nein, diesen Schwur vergaß ich nicht und gedenke ihn auch unter allen -Umständen zu halten!« spottete Fräulein von Sprendlingen mit demselben -verächtlichen Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. -- - -»Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das erste Kapitel zu -einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!« - -Theas Augen schillerten, sie rückte eifrig näher und verschlang die -Hände um das Knie. - -»Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt nicht die -Ansichten wie die Handschuhe, -- das wäre erbärmlich! Es wäre nur recht -bedauerlich, wenn der arme Parzival sein Herz ernstlich an dich -verlöre!« - -»Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und Zylinder >Parzival<? -Verzeih' die Offenheit, aber ich finde es als eine grobe -Geschmacksverirrung!« - -»Warum das? -- Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp nicht genau mit dem -von König Gamurets Sohn überein?« - -»Das ich nicht wüßte!« - -»Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret fiel im Kampf, -hinterließ seine Gemahlin Herzeleide, welche an allem Glück ebenso -verzweifelte, wie die Gräfin Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er -ebensowenig heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich Karl seinen -Erben in der Bärenburg! Und so steht es nun wörtlich bei Gustav Schalk -zu lesen: >O<, schluchzte Herzeleide und drückte den schönen Knaben -Parzival voll Zärtlichkeit an das Herz, >O, sähen dich, du liebes Kind, -die Augen deines Vaters, wie würden sie so innig lachen ob deiner -Schönheit! Wehe, wehe uns beiden, daß er dahinfahren mußte! Dich aber -will ich behüten vor solchen Fährlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter -werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und später als -friedlicher Landmann den Acker bauen!< - -... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gräfin Gundula sprach gewiß -ebenso, mit etlichen kleinen Veränderungen nur! >Wehe, daß er -dahinfahren mußte nach Monte Carlo! -- Dich aber will ich vor solchen -Versuchungen und Fährlichkeiten wahren, mein Guntram Krafft! Du sollst -kein Leutnant werden, sondern fern in den Wäldern von Hohen-Esp -aufwachsen und als friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!<« - -»Vortrefflich! Du weißt ja großartig Bescheid!« - -»Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, mein Ideal, meine -Leidenschaft!« - -»Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist auch aller -mütterlichen Schlappheit zum Trotz _doch_ ein Ritter geworden, hat -Heldentaten getan und die Welt mit seines Namens Ruhm erfüllt, -- -dahingegen Graf Guntram Krafft? Was tat er?« - -»Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter zu sehr, um ihr -durch trotziges Scheiden das Herz zu brechen, wie der >ritterliche< -Parzival es tat!« - -Gabriele zuckte die Achseln. - -»Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von Hohen-Esp nur kein -Taschenmesser mitgegeben hat, daß er sich hier in die Finger schneidet!« - -»Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen gegen Männer, -welche sich nicht aus Patriotismus spießen und hängen lassen! Mag Graf -Guntram Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen -Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, -- _eins_ mußt du -ihm dennoch zugestehen, daß er hübsch ist! Bildhübsch! Reichlich so -schön wie jener Parzival, welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter -Schminke und Lampenlicht alle Welt bezauberte!« - -Thea hatte mit beinahe schwärmerischer Ekstase gesprochen, sie preßte -die Hände gegen die Brust und schaute träumerisch in das Schneetreiben -hinaus, Gabriele aber lachte ein wenig erstaunt und schüttelte den Kopf. - -»Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu haben wie ich! -Fürerst finde ich es nur schade, daß so männlich edle Züge einen solch -weichlich naiven Ausdruck tragen! Das kommt bei der Erziehung in -Waldeinsamkeit heraus! Aber gleichviel, -- er gefällt dir! Und das ist -viel Glück für den Bärenhäuter ...« - -»Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, und ich mag es nicht -hören!« - -»Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? So ganz =prima vista= -dich erobern lassen?!« - -Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm um die Sprecherin -und drückte ihr Gesichtchen mit den nervös bebenden Lippen an die -Schulter der Freundin. - -»Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich über einen neuauftauchenden -Heiratskandidaten lustig machen!« sagte sie leise, sehr innig und sehr -aufrichtig, »du Glückliche hast dein Teil erwählt, du wirst geliebt und -liebst wieder! Wenn du es auch noch ableugnest, -- wir wissen es doch, -daß du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn man so reich ist -wie du, kann man sich den Luxus gestatten, den Löwen der Saison an die -Rosenkette zu legen -- ich armes Wurm muß bescheidener sein und Gott -danken, wenn es nur ein Bär ist, dessen Herz ich bändige! -- Und er -gefällt mir schon jetzt so gut, dieser Bär! -- Gabriele! Du hast stets -gesagt, daß du meine treue, aufrichtige Freundin bist, betätige es! Hilf -mir, daß ich auch so glücklich werden möchte, wie du!« Ein seltsamer -Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen Nixenaugen. - -Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: »Wie schnell hat sich schon eine -gefunden, die dem Freier aus der Bärenhöhle mit offenen Armen -entgegenläuft!« -- -- aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kämpfte -auch den Widerwillen, welcher sie überkam, nieder, und antwortete so -freundlich, wie es ihr möglich war: »Wenn ich jemals etwas dazu tun -kann, dir das Herz des Grafen zuzuwenden, so soll es gewiß geschehen, -obwohl ich glaube und hoffe, daß er ohne fremdes Zutun solch einen guten -Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler anbelangt« -- -- die -Sprecherin erglühte bis auf den weißen Hals hinab, -- »so bist du -gewaltig im Irrtum, wenn du glaubst, daß ein einziges Wort zwischen uns -gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches Interesse. Wir -sind gute Kameraden, -- weiter nichts.« -- - -»Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! -- Apropos ... -der Hohen-Esper fährt heute Besuche. -- War er schon hier, und habt Ihr -ihn angenommen?« - -Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen Augen hervor und -forschte in dem Antlitz des Fräulein von Sprendlingen, Gabriele aber -griff gelassen nach ein paar Karten, welche zwischen den Büchern des -Nebentischchens lagen und reichte sie dar. - -»Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama die Karten herüber, -soviel ich weiß, hat sie den hohen Besuch empfangen, -- ich selber ließ -mich entschuldigen, ich sei noch bei der Toilette!« - -»Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! So etwas -brächte keine andere fertig!« -- - -Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der Komtesse auf der -Karte, sie war plötzlich sehr guter Laune, strahlend heiter und -vergnügt. »Guntram Krafft, -- Graf Bär von Hohen-Esp«, las sie mit viel -Pathos. »Wie entzückend das klingt! Das mußt du selbst eingestehen, -Liebste!« - -»Der kleinste Titel darunter würde mir mehr imponieren wie der ganze -Namen!« klang es trocken zurück. - -»Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amüsant, ich bewundere dich! -Doch nun =addio, cara mia=, ich muß heim!« -- und Thea schob die -Visitenkarte in ihren Muff und griff hastig nach der Jacke. - -»Bleib' doch noch! es gibt gewiß noch mancherlei zu berichten?!« -- - -Aber Komtesse Sevarille hatte es plötzlich sehr eilig. - -»War der Graf denn schon bei euch?« fragte Gabriele noch zum Abschied. - -Sie nickte flüchtig. »Die Tournee fängt ja meistens in unserer Straße -an! -- Empfiehl mich bitte deiner lieben Mutter ... und nochmals -- -=addio!=« -- - -Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die Treppe hinab. - -Auf der Straße überlegte sie einen Augenblick. Sie wußte genau, nach -welcher Liste die Visiten zumeist abgefahren wurden, ihrer Berechnung -nach mußte Graf Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjägermeisters -gekommen sein. Hastig schritt sie aus. - -Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus wie selten zuvor. - -Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram Krafft saß, in eine -Nebenstraße einbiegen. - -Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der Oberjägermeisterin -machen und noch einmal mit dem Grafen zusammentreffen, -- »doppelt -genäht reißt nicht!« sagt ein altes Sprichwort, und außerdem möchte sie -es dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, daß sie heute nachmittag auf dem -Eis zu treffen ist. Auch Gabriele wird sie nennen, -- als Lockvogel. -- - - * * * * * - - - - -X. - - -Der erste Hofball! - -Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme. - -Alter Tradition gemäß muß es an Hofballtagen besonders kalt sein, ein -frisches, fröhliches Schneegestöber muß die Luft erfüllen, und die -Parkbäume und Bosketts rings um das herzogliche Schloß herum haben die -Verpflichtung, weiß bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, das Auge zu -erfreuen, denn niemals sieht der malerische Rokokobau schöner und -märchenhafter aus, als wie mit strahlend erleuchteten Fenstern inmitten -der verschneiten Winterlandschaft. - -Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden Streifen über die -weißen Samtdecken der Rasenflächen, werfen flimmernde Reflexe auf dem -gefrorenen Teich und glühen wie starre Augen durch die immergrünen -Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten in den fleckenlosen -Hermelin des Winters zeichnen. -- - -Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, wo ein mächtiges, -eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit den inneren Schloßhof -abschließt. Da staut sich die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick -in das glänzend erleuchtete Vestibül zu werfen, wo mächtige -Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die verträumten Blattwedel -über Marmorfiguren breiten. - -Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen und -Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden -Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden -Gästen und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher -Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie -ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern über die Purpurteppiche -rauschen. - -Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem Sockel einer Karyatide -und umfaßte mit staunendem Blick das üppige Bild, welches sich seinen -Augen bot. - -Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und -Gemächern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser -strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert -war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen -vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim -brannte höchstens das Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder -schaukelte sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem Fünkchen -gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl -junges, schmuckes Blut, solch eine Blütenlese reizender, -vornehm-schlanker Mädchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor -geschaut, und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette deuchte -ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, nüchterner Verstand nicht -zu lösen vermochte! -- - -Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen -einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf -Euer Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! Das darf aber -nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn der Herr Graf diesen ersten -Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie -stellen sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst mal -genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bißchen über die -einzelnen orientieren. Auf diesen großen Bällen ist es nicht nötig, daß -man sich jeder einzelnen Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren -und Adjutanten müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann -den Staats- und Hofdamen, den Marschällen und dem Zeremonienmeister vor, -und die sorgen dafür, daß der Herr Graf den hohen Herrschaften -präsentiert werden! -- Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man wird -alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und Treiben in Fürstenschlössern, -und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst -ein bißchen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rücken hat, -ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom stürzt, kann -man nicht darin ertrinken! -- Das nächste Mal mischen Sie sich dann -schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen -kennen und amüsieren sich herrlich!« - -Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich -und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem -Gefühl der Verzauberung um sich zu schauen. - -Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschäftigung -und ein schöner Vorwand, länger verweilen zu können. - -Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend und die guten -Bekannten begrüßend, all die wunderholden Frauen und Mädchen, mit -schimmernd-weißen Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten -Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben. - -Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, und fürnehmlich, -wenn es so sinnbetörend und hübsch ist, wie eine junge Dame in großer -Toilette. - -Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, welche daheim -der Mutter majestätische Gestalt umwallen, nicht die schweren Düffel-, -Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes -kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und -silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war -ein Traum! - -Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, Seide und Samt, -- wie -die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider -wehen! -- Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen, -welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen! - -Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt in die Kreppwogen -und in die reizend frisierten Haare, keine frischen, lebenden Blumen, -wie Guntram Krafft zuerst geglaubt, sondern wunderbar täuschend -nachgeahmt, mit Blättern und Knospen, Blüten, wie man sie in gleicher -Schönheit kaum im Lenz beisammensieht! -- - -Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen! - -Über Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie ein versteinerter -Funkenregen, in allen Farben der Iris leuchtend, -- Diademe über der -Stirn, goldene Spangen um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen -besonders tief und schwärmerisch blicken, da glänzen die zauberschönen -Schätze des Meeres, die Tränen der Nixen und Meerfrauen, welche die -Menschen Perlen nennen! - -Gar mancher Blick hat den Bär von Hohen-Esp gestreift, gar manch leises -Wort ist über ihn gewechselt und manch rote Lippe hat seinen Namen -genannt, -- auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen -Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit sein fremdes -Bild gemustert. - -Er trägt zum erstenmal einen Frack -- die weiße Binde und Weste -- zum -erstenmal die spiegelnden Lackschuhe an den Füßen. - -In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und weil sich der Einsiedler -aus der Bärenhöhle so ungewohnt darin vorkommt, fühlt er sich beklommen -und geniert. - -Die Zahl der Gäste lichtet sich, es scheint nun die höchste Zeit zu -sein, die Säle zu betreten, und langsam steigt Guntram Krafft die Treppe -empor. - -Er mustert die überlebensgroßen Gemälde fürstlicher Ahnherrn an den -Wänden, er atmet schwer und tief den berauschenden Duft, welcher ihn -geheimnisvoll umweht. Sind es die Veilchen, welche Gabriele jüngst im -Schlitten getragen? -- - -Wie haben seine Blicke Fräulein von Sprendlingen gesucht, -- wie zuckte -sein Herz empor, als er sie noch im letzten Moment droben an der -Treppenbiegung erblickte. Sie wandte just das Köpfchen und schaute -zurück, ein paar jungen Damen drunten zuzunicken. - -Ihr Blick streift auch ihn, -- aber so fremd, so kühl, als habe sie ihn -nie im Leben gesehen. - -Wieder überkommt ihn ein Gefühl banger Ungeduld. - -Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit sie auch mit ihm -plaudert und ihn abermals anlächelt wie damals auf der Straße, als er -ihre schlanke Gestalt in den Armen emporhob und sie sekundenlang an -seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie steht ein -diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden zu begrüßen. - -Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswürdig entgegen, nennt -seinen Namen und spricht seine Freude aus, wieder einen Vertreter der -Familie von Hohen-Esp hier begrüßen zu dürfen. - -Er spricht mit leiser Stimme, sehr höflich und verbindlich, dennoch -liegt etwas Zeremonielles in seinem Wesen, und sein Händedruck ist mehr -förmlich wie herzlich. - -Er geleitet den Neuling auf höfischem Parkett bis zu dem nächsten Saal, -welcher seinen Namen von den kostbaren alten Gobelins, die seine Wände -schmücken, erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis zu -dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. Zwei Adjutanten in -großer Uniform halten sich in der Nähe der Tür auf, treten eilig herzu, -und der Kammerherr stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn bei -den jungen Damen bekannt zu machen. - -Ein paar sehr liebenswürdige Worte der vielbeschäftigten Herren, welche -Guntram Krafft mit der ehrlichen Versicherung, daß er sich freue, diesem -Feste beiwohnen zu können, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger -Leutnant hinter ihm einen unverständlichen Namen und offeriert die -silberne Schale mit den Tanzkarten. - -Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins der eleganten -Kartonblätter, auf welchem unter dem farbigen Fürstenwappen eine Anzahl -Tänze notiert ist, von welchen er kaum die Namen kennt. - -»=The lancers=« -- »Menuett der Königin« -- »Ouadrille =à la cour=« --- nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp fremd geblieben. - -Polka und Walzer, -- ja, die hat er voll fröhlichen Übermuts bei dem -Hauslehrer gelernt und zeitweise in der »blauen Woge« praktisch -angewandt, wenn irgendein besonderes Fest die Anwesenheit des gräflichen -Schirmvogts erforderte, -- er hat da unwillkürlich ebenso mitgetanzt wie -die wetterharten Fischer, Matrosen und Seeleute es vorgemacht; und daß -man in Lackschuhen, auf höfischem Parkett doch ein bißchen anders walzt -wie in dem weltfremden Fischerdorf -- das sieht der Bär von Hohen-Esp -nur allzugut ein. Er verzichtet darum darauf, zu engagieren, obwohl -einer der Adjutanten sich mit ihm durch die Menge drängt und den Versuch -macht, ihn den Damen vorzustellen. - -Lauter fremde Gesichter, -- wie rosige Nebel wallt es vor den Augen des -Grafen, er verneigt sich stumm und vermag kaum, die einzelnen jungen -Mädchen mit dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu merken, -welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren schwirren. - -Wozu auch? -- Er sucht nur ein einziges Antlitz, er lauscht nur auf -einen einzigen Namen, und just darauf vergeblich. - -Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, hartes Klopfen auf -dem Parkett ertönt, die lachenden, schwatzenden Stimmen wie mit -Zauberschlag verstummen und die Damen hastig nach der einen Seite des -Saales, die Herren nach der andern zurückweichen. - -Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschäftig »die Fronten« auf und -ab, herüber und hinüber werden noch ein paar Scherzworte und Grüße -getauscht, dann klopft es abermals, die vergoldeten Flügeltüren schlagen -auf, und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten die hohen -Gastgeber, von den Privatgemächern kommend, den Saal. -- - -Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links. - -Die Herrschaften grüßen voll gewinnendster Leutseligkeit, lächeln und -schreiten langsam durch die spalierbildende Jugend. - -»Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?« fragt Guntram Krafft -den jungen Leutnant, an dessen Seite er zufällig steht, ein wenig -betroffen, als der Hof in der gegenüberliegenden Tür verschwindet, und -der Angeredete klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem bartlosen -Gesicht die Hacken zusammen. - -»Herrschaften treten fürerst in den Thronsaal, um die älteren Damen und -Herren zu begrüßen! Findet in der Regel kleiner Cercle statt, aber dann -geht es sofort los! -- Werden uns gleich hier durch die Galerie in den -Tanzsaal begeben. -- Haben der Herr Graf schon alle Tänze besetzt?« - -»Nein! Noch nicht einen einzigen.« - -»Ah ... fatal ... sind ein wenig spät gekommen, ist aber kein Mangel an -Tänzerinnen! Im großen Saal läßt sich das erst richtig übersehen.« - -»Ich möchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur als Schauspiel auf -mich wirken lassen!« - -»Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergnügen, auf einem wie ein -Präsentierteller großen Raum zu tanzen! Furchtbare Fülle heut! Man -findet sich kaum durch! Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit -den Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle Stars sind -vollzählig vertreten.« - -»Wer gilt für die schönste der Damen?« - -Der junge Offizier lacht: »=Mon Dieu=, Verehrtester, das ist schwer zu -sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! Da ist die Hofdame der -verwitweten Prinzeß Amalie, -- Gräfin Dollen, eine vielgerühmte -Schönheit, aber kühl ... kühl bis ans Herz hinan ... dann Fräulein von -Lochau, pikant ... amüsant ... kapriziös.., Baronesse Sprendlingen, -bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll ... Fräulein -Karola von Erlau-Föhrbach, Tochter des Ministers ... ein -Tanagra-Figürchen voll größten Charmes ... aber pardon ... wir wollen -uns in den Tanzsaal begeben, damit die höchsten Herrschaften allzugleich -das Zeichen zum Beginn des Tanzes geben können ... Sie gestatten, Herr -Graf ...« und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander -und schießt davon, um einer zierlichen kleinen Blondine den Arm zu -bieten und sich dem »Zug nach dem Westen« anzuschließen. - -Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm vorüber, und Guntram -Krafft steht -- um eines Hauptes länger denn alles übrige Volk -- ruhig -beiseite und überfliegt mit suchendem Blick die bunte Menge. - -»Fräulein von Sprendlingen, -- bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt -und anspruchsvoll!« klingt es noch wie ein Echo vor seinen Ohren, und -dann denkt er wie in jubelnder Freude daran, daß er nicht zu tanzen -braucht, sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann. - -Und wie er mechanisch über die Menge hinblickt, -- da zuckt er plötzlich -empor und ahnt es nicht, daß ihm alles Blut in die Wangen steigt. - -Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Köpfchen auf. Sie scheint es -nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu erreichen. - -Sie hat einen großen, zartduftigen Marabu-Fächer entfaltet und bewegt -ihn mechanisch vor dem Busen auf und nieder. - -Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz zarter, maigrüner -Hauch, durch welchen sich ein Silbergekräusel zieht, und die -wunderschönen Arme gleißen im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo -sah er sie schon? - -Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche ihm die Perlenschnur -entgegenreichten. Perlen! - -Nein, diesmal träumt er nicht! - -An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem Glanz, eine Kette mit -einem Brillantschloß ... und sie neigt den Nacken graziös zurück und -lächelt zu einem Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schöne Worte zu -sagen scheint. - -Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die letzten im Saal, und -Guntram Krafft begreift es in dem Augenblick selber nicht, woher er den -Mut nimmt, aber er steht in dem nächsten Augenblick vor den beiden, -verneigte sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen. - -»Darf ich um einen Tanz bitten, mein gnädiges Fräulein?« - -Sie schaut ihn mit den großen hellen Augen einen Moment sprachlos an, -das Lächeln schwindet, ihre Lippen zucken ein Gemisch von Stolz und -schroffer Abweisung. - -»Bedaure, meine Tänze sind vergeben!« sagt sie kurz, klappt den Fächer -zu und legt ihre Hand auf den Arm des Offiziers, um hastig -weiterzuschreiten. Herr von Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit -kurzer Verneigung genannt und den Bär von Hohen-Esp mit etwas ironischem -Blick gemustert, dann flüstert er seiner Tänzerin ein paar Worte zu, und -beide entschwinden in die Galerie. - - * * * * * - - - - -XI. - - -Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos und starrte der -entzückenden Erscheinung des jungen Mädchens nach. - -Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gestürmt war, schoß ihm in -die Wangen, und ein Gefühl tiefster Mutlosigkeit überkam ihn. - -Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem Benehmen der beiden eine -Zurücksetzung oder Unhöflichkeit zu sehen; es erfüllte ihn nur mit -tiefer Betrübnis, daß er zu spät gekommen war, und sein erster Gedanke -war der, daß Gabriele wohl erwartet hatte, er werde früher den Weg zu -ihr finden, um sie zu engagieren. - -Fraglos war sie über sein langes Zögern ungehalten, denn zuvor hatte sie -ihn doch nicht mit diesen stolz und kühl schimmernden Augen angesehen! - -Sie lächelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem Schnee emporhob, und -als sie zuerst in das Theater trat und seiner ansichtig wurde, da -spiegelte es sich in ihrem Gesicht, daß sie ihn wiedererkannte, und -abermals flog das süße, bezaubernde Lächeln um ihre Lippen. Nun zürnt -sie ihm! - -Wie soll er sich ihr wieder nähern, um sie zu versöhnen? - -Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen doch so allein. - -Und sehr freundlich ist niemand zu ihm, keiner scheint Zeit und Lust zu -haben, mit ihm zu plaudern. - -Dieses Empfinden macht ihn noch befangener wie zuvor, und er, der noch -nie ein Gefühl der Furcht gekannt, der sich todesmutig auf die brüllende -See hinauswagte, voll kühnen Trotzes dem Tode sein Opfer abzuringen, er -wagte es kaum noch, die Schwelle des Tanzsaals zu überschreiten, er -steht zaudernd und verzagt beiseite und fühlt es plötzlich, wie heißes, -ungestümes Heimweh sein Herz erfaßt. - -Jubelnde Tanzweisen erbrausen durch die weitgeöffneten Saaltüren, -- er -hört nur noch den Klang von Gabrieles herben Worten, -- eine bunte, -glitzernde, farbenprächtige Menschenflut wogt vor ihm und lockt mit -tausend Wundern, -- er aber sieht nur noch zwei kalte, helle, -kristallfarbene Mädchenaugen, welche ihn ansehen, daß er bis in das -tiefste Herz hinein friert. -- - -Wie einsam, wie verlassen ist er auch hier! -- Wie empfindet er es noch -so viel schmerzlicher, als daheim in seiner Mutter Haus! - -Da klingen leise, schnelle Schritte neben ihm, und eine milde, -freundliche Stimme spricht ihn an. -- - -»Dachte ich es mir doch, Graf, daß Sie nach der ersten Niete, welche Sie -gezogen, kaum noch Lust verspüren, in das volle Menschenleben -hineinzugreifen! -- Schade, daß ich Sie vorhin erst im Vorübergehen -entdeckte und erst pflichtschuldigst meine Tour abtanzen mußte, ehe ich -Sie holen konnte! Ich hätte Ihnen gern Gabrieles Abweisung erspart!« - -Guntram Krafft hatte überrascht den Kopf gewandt. - -Er blickte in die sehr sanften, liebenswürdigen Augen der Komtesse -Sevarille. - -Wie ein Aufatmen nach banger Spannung ging es durch seine Seele. - -»O, Komtesse ... Sie gedenken meiner ... Sie nehmen meiner so freundlich -wahr?!« stotterte er mit aufleuchtendem Blick und kämpfte gewaltsam -seine Verlegenheit nieder. - -»Selbstverständlich, Graf! >Wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich -zum Berg!< sagt Mohammed, und nach diesem praktischen Beispiel möchte -auch ich handeln. -- Ich kann mich so lebhaft in Ihre Situation hinein -versetzen! Sie sind fremd hier, alles mutet Sie ungewohnt an, und -niemand von diesen hastigen, vielbeschäftigten Menschen hat Zeit, Sie -ein wenig in die Sitten und Gebräuche der großen Welt einzuführen!« - -»Nur Sie allein, Komtesse, wollen diese große Freundlichkeit haben?« - -»Wenn Sie sich meiner Fürsorge anvertrauen wollen, Graf?« lächelt sie -herzgewinnend zu ihm auf: »Es sollte mich aufrichtig freuen, wenn ich -recht viel zu Ihrem Amüsement beitragen könnte!« - -»Ich danke Ihnen von Herzen!« Er sagt es sehr warm und herzlich und -blickt ihr so ehrlich in die Augen wie ein Kind: »Wie schade, daß ich -diesen freundlichen Schutzengel nicht früher fand! Sie hätten mich gewiß -beizeiten zu Fräulein von Sprendlingen geführt, damit ich noch einen -Tanz und nicht einen Korb von ihr erhalten hätte!« - -Thea lächelt und zuckt die nicht allzu runden Schultern. - -»Auf jeden Fall hätte ich Ihre Bitte um den Tanz zu gelegenerer Zeit -angebracht wie Sie!« - -»Gelegenere Zeit?« - -»Sahen Sie nicht, wie sehr vertieft Gabriele und Herr von Heidler in -ihre Unterhaltung waren?« - -Der Bär von Hohen-Esp wurde abermals rot, als wäre er auf einer Sünde -ertappt. - -»Nein ... das sah ich nicht!« -- - -»Herr von Heidler macht ihr sehr die Cour! Wer weiß, was er ihr gerade -sagen wollte, als Sie so störend dazwischentraten!« - -Der Graf blickte sie starr, wie verständnislos an. »Ah!« sagte er nur. - -»Und weil Sie fraglos einen sehr lyrischen Augenblick abkürzten, sah -Gabriele Sie nicht sonderlich freundlich an!« - -»Sie liebt ihn?« - -»Ich glaube es wohl, -- die ganze Stadt wenigstens erzählt es sich als -Tatsache!« - -Wie groß und geisterhaft seine Augen sie anstarrten! - -»Sie sind schon verlobt, die beiden?« - -»Das weiß man nicht genau, aber man vermutet es! -- Nun aber kommen Sie, -lieber Graf! es gibt noch so viele reizende Damen im Saal, welche alle -sehr gern mit Ihnen tanzen möchten! Sehen Sie hier, meine Tanzkarte! Ihr -Name fehlt auch noch darauf, und den Kotillon habe ich speziell für Sie -aufgehoben!« - -»Ich kenne diesen Tanz nicht, Komtesse ... außer Polka und Walzer lernte -ich keine Reigen.« - -»Gut! So setzen wir uns während dieser Zeit und sehen zu! Ich erkläre -Ihnen die einzelnen Touren, und das nächste Mal wirbeln sie flott mit -mir herum!« - -»Das wäre sehr gütig, Komtesse!« er spricht wie einer, dem die Kehle -zugeschnürt ist. - -»Kommen Sie mit! Führen Sie mich in den Saal zurück! Wir haben eine sehr -lustige, kleine Ecke gebildet, und wenn ich Sie all den jungen Damen und -Herren bekannt mache, werden Sie sich vortrefflich amüsieren!« - -Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und blickt zu ihm auf. - -So gütig und freundlich wie sie sah ihn noch niemand hier in der -Residenz an. - -Das fällt wie Sonnenschein in sein Herz. - -»Ich danke Ihnen, Komtesse!« sagt er noch einmal; er möchte so gern mehr -sprechen, aber er weiß nicht was. Er hat es nicht gelernt, das leichte, -amüsante Geplauder, er vermochte auch nicht in diesem Augenblick von -gleichgültigen Dingen zu reden, jetzt, wo sein Herz zum erstenmal im -Leben schmerzt, als sei ihm ein grenzenloses Leid widerfahren. - -Aber Gräfin Sevarille scheint keine Unterhaltungskünste von ihm zu -verlangen, ihre dunklen Augen lachen fröhlich zu ihm auf, und sie -spricht statt seiner, während sie nach dem Tanzsaal schreiten. - -»Wissen Sie, Graf, was ich glaube? Sie finden unsere große Stadt, unsere -lebhaften Feste, all die modernen Sitten und Gebräuche fürerst ganz -greulich und sehnen sich heim in den köstlichen Frieden Ihres stillen -Strandschlosses! O wie sehr begreife ich das! Auch für mich gibt es -kein besseres Glück als eine Landidylle! Warum sehen Sie mich so -erstaunt an? Scheint Ihnen das so unbegreiflich?« - -Sein Blick haftet noch immer überrascht auf ihrem blassen Gesichtchen. -Er muß sich beinahe herabbeugen, wenn er in ihre Augen schauen will, die -sehr kleine, puppenhafte Gestalt hängt wie ein verwehtes Sommerwölkchen -an seinem Arm. - -»Ja, das finde ich sehr unbegreiflich, aber es freut mich um so mehr, es -zu hören. Ich glaubte, die Leute der großen Welt hätten gar keinen Sinn -und kein Verständnis mehr für die kleinen Genien des Friedens, welche -sich aus dem Häuserlabyrinth heraus zu uns in die Stille der Wälder -geflüchtet haben. -- Lebten Sie längere Zeit auf dem Lande, Gräfin, daß -Sie es liebgewannen?« - -»Längere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur ganz kurz und flüchtig -lernte ich seinen Zauber kennen, und darum glüht die Sehnsucht desto -heißer in meinem Herzen! -- Sie müssen mir viel von Ihrer Heimat, von -Ihrem Leben und Treiben dort, erzählen, Graf! Nachher setzen wir uns -abseits auf einen Diwan in der Galerie, und dann wollen wir beide mit -allen Gedanken so sehr in Hohen-Esp sein, daß Ihr Heimweh bald schwinden -soll! Fürerst aber möchte ich Sie recht vielen Damen vorstellen, damit -Sie ...« - -Er blieb zögernd stehen und blickte in die offene Saaltür ein, vor -welcher Kopf an Kopf die Herren in glänzenden Uniformen standen und mit -mehr oder minder harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten. - -»Ein Plaudern in der Galerie dürfte also viel lohnender sein wie ein -solches im Saal!« sagte er leise, und die Lichter flirrten vor seinem -Blick, und die schmetternden Musikklänge taten ihm weh. »Lassen Sie uns -also doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich diesen Tanz -für mich opfern wollen!« - -»Opfern?« -- sie neigte das Köpfchen mit den leuchtend roten -Granatblüten zurück und lächelte: »Nicht im mindesten, -- der Tanzsaal -lockt mich ebensowenig wie Sie! Darin bin ich so grundverschieden von -meiner Freundin Gabriele, daß sie sich einzig inmitten des amüsantesten -Getriebes wohlfühlt, während mein Sinn sich seit jeher nach der -beschaulichen Ruhe sehnte.« -- Sie setzte sich auf den weißen, -golddurchwirkten Brokat des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres -Kleides leuchtete unter den duftigen Tüllwogen, und hinter ihr baute -sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederbäumen auf, welche die -blühenden Zweige über ihr Köpfchen neigten. - -Es war ein hübsches, anmutiges Bild, aber Guntram Krafft sah es nicht. - -Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen Augen, und aus allen -Worten seiner Partnerin hörte er nur das eine heraus, daß Gabriele sich -einzig bei Spiel und Tanz wohlfühle. - -Mechanisch setzte er sich an die Seite der Gräfin nieder. - -»So würde Fräulein von Sprendlingen nie auf dem Lande glücklich sein?« - -»Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist ja auch gut, denn -aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie in eine Großstadt heiraten, da -bleibt ihr ja alles zur Verfügung, woran ihr Herz hängt! -- Nun aber -sagen Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten Frau -Mutter? Ich hörte durch einen Freund meines Vaters so viel von ihr -erzählen, daß ich die seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne -sie zu kennen! Sie muß ja in ihrer Jugend bildschön gewesen sein, und so -fabelhaft liebenswürdig ... nicht wahr? Sie sehen ihr sehr ähnlich?« - -Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte Eloge aus -diesen Worten herauszuhören, er schaute sie nur abermals voll -aufrichtigen Dankes an. - -»O, wenn Sie sehen würden, was meine Mutter leistet, Komtesse, welch -eiserne Energie, welch unermüdlichen Fleiß sie besitzt, Sie würden sie -nicht nur lieben, sondern auch bewundern und verehren! Wenn die Bären -von Hohen-Esp in alter Zeit die Schirmvögte des Landes gewesen sind, -welche ihre starke Hand über die Schwachen und Notleidenden breiteten, -so hat meine Mutter diese Zeit in ihrer Person wieder aufleben lassen! -Wenn mancher Schiffbrüchige ahnte, wessen milde Hand ihn ins Leben -zurückgerufen, der Name der Gräfin Gundula würde bekannter sein, als wie -er es ist!« - -»Was für ein guter Sohn sind Sie! -- O, es ist ein Genuß, wenn man so -von einer Mutter sprechen hört! Warum wirkt die herrliche Frau so ganz -inkognito? Legt sie denn gar keinen Wert darauf, auch von der Welt -anerkannt zu werden?« - -»Von der Welt? Die ist ihr sehr gleichgültig!« - -»Und wie denken _Sie_ darüber?« - -»Genau ebenso!« - -»Sie streben nicht nach äußeren Ehren, nach Rang und Würden?« - -Seine großen blauen Augen blickten sie verständnislos an. - -»Nein! Was sollten die mir nützen?« - -Sie schlang die kleinen Hände staunend ineinander. - -»O, Sie Kinderherz! Wissen Sie nicht, daß der Ehrgeiz die Triebfeder -jedweden modernen Schaffens und Handelns ist?« -- - -»Ich weiß es wohl, aber ich verstehe es nicht. Mir genügt der Beifall -von zweien vollkommen.« - -»Von welchen zweien?« - -»Von Gott dem Herrn und meiner Mutter!« - -»Ihre Mutter kann Ihnen wohl ein Lob sprechen und Sie dadurch beglücken, --- der Beifall Gottes dürfte aber nur eine Illusion sein, denn er ist -durch nichts zu beweisen!« - -Wieder traf sie sein klarer, ernster Blick. - -»Durch nichts im Sinne der Welt, -- und doch ist er so fühlbar. Haben -Sie es nach einer guten Tat noch nie im innersten Herzen bestimmt -gefühlt und gewußt, daß Gott mit Ihnen zufrieden war? -- Der Beifall -der Menge mag schön sein, aber solch ein Gefühl glückseliger Erhebung -und frommer Zufriedenheit, wie ich es als Gottes Segen empfinde, wenn -ich meine Schuldigkeit und vielleicht noch ein wenig darüber ... getan, -das kann aller Lorbeer der Welt nicht geben!« - -Thea blickte vor sich nieder. - -Hatte sie je eine gute Tat getan, hatte sie jemals derartiges empfunden? --- - -Sie zupfte ein wenig ungeduldig an den roten Blüten ihres Kleides; nur -mit Mühe unterdrückte sie ein ironisches Lächeln, aber sie bewegte -zustimmend den Kopf und sagte beinahe träumerisch: »Und ob ich dies -Gefühl kenne! Sie glauben gar nicht, Graf, _wie_ sehr Sie mir aus der -Seele sprechen! Darüber müssen wir noch viel eingehender plaudern ... -ah, Herr von Stetten! Holen Sie mich etwa schon zu unserer Française?« - -Der Vortänzer stand vor ihnen und verneigte sich hastig mit sehr -scharmantem Lächeln. - -»Leider darf ich mich noch nicht so glücklich preisen, Komtesse, während -eines ganzen Galopps bin ich noch verurteilt, auf diesen Vorzug zu -warten! Jetzt gilt mein störendes Eingreifen lediglich dem Herrn -Grafen!« -- Abermals eine sehr höfliche Verneigung vor Guntram Krafft, -welcher sich erhoben hatte und den Gruß erwiderte. »Der Kammerherr von -Rheinsberg sucht Sie aller Ecken und Enden, Graf! -- Seine Hoheit der -Herzog haben den Wunsch geäußert, Sie zu sprechen! -- Auch dürfte es -alsdann gelegene Zeit sein, daß Sie den fürstlichen Damen präsentiert -werden!« - -»Ich stehe zur Verfügung, wollen Sie die Güte haben, mich dem Herrn -Kammerherrn zuzuführen. Ich bitte um Verzeihung, Komtesse, und stehe -bald wieder zu Diensten.« - -Wie altmodisch und wohlerzogen das klang! So recht nach Gräfin Gundulas -vergilbter Schule; Thea wollte es eigentlich nicht, aber sie wechselte -doch einen schnellen Blick mit Herrn von Stetten, um dessen Lippen ein -recht scharfes Zucken ging. - -Dann schritten die beiden Herren eilig davon, und Komtesse Sevarille -erhob sich ein wenig gelangweilt und wandte sich dem Saale zu. - -»Thea!« -- - -Beinahe erschrocken schaute sich die Gerufene um. Hinter dem Boskett -hervor traten Frau und Fräulein von Sprendlingen, sie hatten auf einem -zweiten Wandpolster, welches ganz versteckt hinter der grünen Kulisse -stand, gesessen und waren weder von der Komtesse noch von dem Grafen -Hohen-Esp bemerkt worden. - -»Gabriele ... gnädigste Frau ... um alles in der Welt -- was tun Sie -hier?« - -Baronin Sprendlingen schritt mit einem merklich kühlen Gruß und ganz -seltsam scharfem Blick an der jungen Dame vorüber, Gabriele aber blieb -stehen und lachte. - -»Solch indiskrete Lauscher hattest du nicht vermutet? Je nun, wenn man -Pech hat! Als ich ein einziges Mal herumgetanzt hatte, riß mir plötzlich -die Perlenschnur am Hals -- zum Glück konnte ich sie gleich in der Hand -zusammen fassen! Mama stand in meiner Nähe, wir flüchteten uns hierher -in dieses lauschige Versteck, nahmen ein paar Perlen heraus, und Mutter -knüpfte den Faden so gut es ging zusammen. Ich denke, jetzt wird sie -halten. Du weißt, ich liebe einen völlig nackten Hals nicht.« -- - -»Und diese Prozedur dauerte so lange?« - -Thea sah ein wenig verlegen aus und bemühte sich, desto harmloser zu -erscheinen. - -»Gerade als wir uns erheben wollten, kamst du mit dem Bären und setztest -dich Posten, -- da wollten wir nicht stören.« - -Das war lachend gesagt und klang doch wie feiner Spott. - -Auch Thea lachte. »Hast du dich an den Bekenntnissen seiner schönen -Seele recht delektiert? Wie gefiel dir die Ansicht dieses prächtigen -Menschen über eitle Ruhmsucht? O Gabriele, du glaubst gar nicht, -_wie_ gut er mir gefällt!« -- - -Die Komtesse flüsterte es sehr schwärmerisch, und doch hing ihr Blick in -scharfem Forschen an dem reizenden Antlitz der Freundin, einer sehr -abfälligen Kritik gewärtig. - -Aber Gabriele sah an ihr vorüber und sagte nur kurz: »Er ist ein Kind!« - -»Ja, ein goldenes Kinderherz!« - -»Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man nicht! Wem nie der -Gedanke kam, daß man nicht nur für sich, sondern in erster Linie für -andere leben muß, dem genügt ein Seelenfrieden, welchen das Bewußtsein, ->nichts Böses begangen zu haben<, verleiht.« - -»Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf dem Lande Gelegenheit -finden, sich um ein großes Ganzes, um Fürst und Vaterland, verdient zu -machen!« - -»Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll er sich von seiner -Bärenhaut aufraffen, in die Welt hinausziehen und Taten tun! -- Aber wir -streiten da um Kaisers Bart; ich glaube kaum, daß der Graf uns jemals um -unsere Ansicht befragen wird, -- die seiner Mutter genügt ihm!« - -Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz so spöttisch mehr -wie früher. - -Fräulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren zu, welche -augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet hatten und die junge Dame um -eine Extratour bestürmten. - -Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte, -- und sie tat es, -wie eine Königin, welche einem Vasallen eine herablassende Huld erweist, --- so war auch Gräfin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware und -flog ebenfalls im Arm eines Tänzers auf feurigen Galoppklängen dahin. - --- -- Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt und wurde von dem -hohen Herrn durch eine ganz besonders gnädige und lange Unterhaltung -ausgezeichnet, und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so -zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat plötzlich fest und -sicher auf, wie ein Mann, welcher über schwankendes Moorland geschritten -ist und nun wieder festen Boden unter den Füßen fühlt. - -Er wuchs unter dem Blick seines Fürsten empor zu dem alten, frischen -Selbstbewußtsein, welches ihm die heimatliche Scholle gab, er redete -frank und frei, in seiner schlichten, treuherzigen Weise, welche klug, -verständig und liebenswürdig klang, -- wenig von sich selber und seinem -Tun und Handeln, aber dafür desto mehr von seiner Mutter. -- Die -begeisterte Verehrung für die Gräfin leuchtete ihm aus den Augen, und -durch die Seele des Fürsten zog wie stille Wehmut der Gedanke: »Um -wieviel reines und schönes Glück hat sich sein Vater selbst betrogen!« - --- Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen Grafen war ein ganz -ersichtliches, er führte ihn persönlich der Herzogin und Prinzessin -Amalie zu, und auch diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse. - -Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses wechselten ebenfalls ein -paar liebenswürdige Worte mit ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas -neugieriges Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen -Sonderling als der Person des Grafen galt. - -Den Damen gegenüber stellte sich sogleich wieder eine gewisse -Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinfühligkeit empfand er es -selber sehr peinlich, wie wenig gewandt er im Verkehr mit denselben war. - -Gabriele hatte während des Tanzes zufällig in der Nähe des Herzogs -gestanden, als hochderselbe den Bären von Hohen-Esp durch seine -Ansprache auszeichnete. - -Ihr Blick streifte die Sprechenden und schärfte sich plötzlich, als er -das Antlitz Guntram Kraffts traf. - -Die Veränderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, -- sie war sehr -vorteilhaft. - -»Sehen Sie doch, mein gnädiges Fräulein« -- lachte auch ihr Tänzer, »vor -Serenissimus wandelt sich der tolpatschige Bär zum Löwen! Er sieht -wirklich ausgezeichnet aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn scherzend -den modernen Parzival nennt, so hat man nicht so unrecht, denn Frau -Herzeleides Sohn zeichnete sich ja auch durch besondere Schönheit aus!« - -»Durch die Schönheit eines ritterlichen Kämpen.« -- - -»Denken Sie sich jenen Mann in die Rüstung eines Gralsritters, und er -würde schön sein wie ein Gott!« -- - -»Er >würde< -- freilich! -- aber er wird es nie werden!« -- - -»Leider, jene Zeiten sind vorüber!« -- - -»Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher Säbel oder Degen führt, -welcher kühn bereit ist, in den Kampf für Fürst und Vaterland zu -ziehen!« - -Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt. - -»Sehr verbunden, mein gnädiges Fräulein, diese Anerkennung tut einem -Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar nur Reserveoffizier, aber zähle mich -dennoch zum Ganzen!« - -»Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande mit Feder und Schwert -zugleich!« - -»Der Bär von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!« Sie sah ihn groß und -erstaunt an. »Indem er sich selber zum reichen Mann macht?« - -»Auch dadurch. -- Wenn sich ein Landwirt bemüht, seine Güter auf eine -stets höhere Kulturstufe zu bringen, sie stets ertragsfähiger und besser -zu machen, so dient er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Außerdem -ist anzunehmen, daß ein Mann, dessen persönliche Lage sich ständig hebt, -darauf bedacht ist, für seine Arbeiter und deren Wohlergehen, für seine -Bediensteten und deren günstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet -dadurch am besten an der Lösung der großen sozialen Lage mit und schafft -in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als manch ein Held der Feder und -des Säbels Zeit seines Lebens! -- Ganz abgesehen von dem erziehlichen -und fördernden Einfluß, den gerade der Gutsbesitzer in seinem kleinen -Reiche ausüben kann!« - -»Das mag alles sehr logisch sein,« zuckte die junge Dame etwas -ungeduldig die Achseln, »aber es bezieht sich leider nur auf die Gräfin -und nicht auf ihren Sohn! Außerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um -solch ein Wirken in der Stille genügend anzuerkennen. Für die Mutter -genügt es mir, für den Sohn nicht!« - -»Und warum nicht für diesen?« - -»Weil ich bei einem Manne _Taten_ sehen will! Es steckt in jedem -Mädchenkopf ein gutes Stück Romantik, welches den Wert eines Mannes nur -nach der Qualität von Mut und persönlicher Kühnheit bemißt, welche er -zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn der Betreffende, -welcher sie ausübt, sich nicht dabei exponiert und sein Leben aufs Spiel -setzt! -- Wenn heute ein reicher Mann Hunderttausende hingibt für den -Bau eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr lobenswert und -schön, aber mein Herz wird für den hochherzigen Spender nicht um einen -Hauch schneller schlagen wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit kühnem -Hurra im Kugelregen vorwärts stürmt, um für seinen Kaiser einen Sieg zu -erkämpfen ... wenn ein Mensch sich mutig in ein brennendes Haus wagt, um -ein Kind zu retten ... wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft, -einen Greis zu schützen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich stets zu -heißem Entzücken, zu flammender Bewunderung begeistern wird!« -- - -»Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein gnädiges Fräulein, -und freue mich dessen, wenngleich Sie bei all Ihrer edlen -Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig urteilen. Jeder leistet gewiß -so viel, wie in seinen Kräften steht, aber jeder muß sich auch den -Verhältnissen anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. -- -Wenn die Völker nicht aufeinander schlagen, wird es schwer sein, sich -blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld zu pflücken, und wenn kein Haus -brennt, hält es schwer, Gefährdete zu retten! -- In unsern, gottlob so -stillen Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen sieht, am -wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, -- wenn sich die Gelegenheit -bietet, wird auch Graf Hohen-Esp seinen Mann stehen!« - -Ein sarkastisches Lächeln zuckte um Gabrieles Mund, mit ungläubigem -Blick streifte sie die Reckengestalt des Genannten, welcher soeben vor -den jungen Prinzessinnen stand und so befangen in sich zusammensank, als -fehle Mark und Kraft in seinen Knochen, -- dann wandte sie mit -aufleuchtenden Augen das Köpfchen und sah Herrn von Heidler entgegen, -welcher sich hastig zu ihr Bahn brach und um eine Extratour bat. - -Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot von dem erhitzten -Gesicht ab, die Narbe, welche stets von dem schweren Sturz erzählen -wird, welchen der schneidige Kavallerist sich bei tollkühnem Ritt -geholt! -- Gabrieles Herz schlägt hoch auf, sie legt die bebende Hand -auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das scharfgeschnittene, -trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden Augen empor. -- - -Hart, eisern -- fest ist es -- wie aus Bronze gegossen; der Griff, mit -welchem er ihre schlanke Gestalt beinahe an sich reißt, hat nichts so -Zartes, Rücksichtsvolles, wie die Hände des Bären von Hohen-Esp, als er -sie, behutsam, wie ein zartes Vögelchen, aus dem Schnee hob. - -Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick brennt auf dem -roten Streifen, welcher seine Stirn zeichnet, und durch ihren Sinn zieht -es wie jubelnde Weise: »Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der -Stirn -- und das eiserne Kreuz auf der Brust!« -- - - * * * * * - - - - -XII. - - -Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem Gespräch mit einer -alten Exzellenz nahe der Empore, auf welcher die höchsten Herrschaften -Platz genommen, dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten. - -Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit Graf Guntram Krafft -gesprochen, wie auch die fürstlichen Damen ihn auszeichneten, und wie -der Erbe von Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer -Verneigung zurückzog, um einen Augenblick an der blütenduftigen -Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das farbenglänzende Bild im -Saal herabzuschauen. - -Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar liebenswürdigen -Worten und schritt -- anscheinend nur in den Anblick der hohen -Herrschaften vertieft, langsam an dem Wanddiwan entlang. - -Ein feines, nervöses Zucken spielte um ihre Augen, ein Zeichen, daß sie -geärgert oder nervös war, und wenn ihr Blick zufällig Komtesse Thea -streifte, so bekam er beinahe etwas Feindseliges. - -Frau von Sprendlingen besaß viel Scharfblick und Menschenkenntnis, und -das Gespräch zwischen Thea und dem Grafen, welches sie unfreiwillig -belauscht, hatte ihr die Überzeugung gegeben, daß die Komtesse bemüht -war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele zu intrigieren. - -Die Komtesse war bereits zu der Überzeugung gekommen, daß sie, als sehr -wenig bemittelte junge Dame, kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige -eine glänzende Partie zu tun. - -Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge Dame schien klug -genug, das Eisen allsogleich zu schmieden, solange es noch heiß und der -Graf unbekannt in der Gesellschaft war. - -Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte über den Einsiedler von -Hohen-Esp und ihn mehr neugierig wie begehrlich betrachtete, so wußte -Frau von Sprendlingen doch, daß er sich gar bald hier eingelebt und der -Gegenstand brennenden Interesses für Mütter und Töchter sein werde. - -Schon jetzt hörte man überwiegend mehr Anerkennendes aus dem Mund der -Damen wie Spöttisches, und die Schönheit des jungen Mannes schien der -Punkt zu sein, an welchem eine allgemeine Begeisterung für den reichen -Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte. - -Ganz wie von ungefähr näherte sich die Baronin dem Sohne Gundulas und -bemerkte es voll äußerster Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig -verdüstert, aber sehr beharrlich ihrer Tochter folgte. - -Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette an der goldenen -Kette von dem Fächer los und hob sie an die Augen, und als der Graf -mechanisch auf die elegante, noch immer sehr schöne und jugendliche Frau -herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst zu bemerken und -zu erkennen. - -Sie wandte sich ihm sichtlich überrascht und erfreut zu und bot ihm die -kleine Hand, über welcher die kostbaren Armspangen funkelten, entgegen. - -»Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie hier bei Spiel und Tanz -begrüßen zu können! Hoffentlich sind Sie schon bei der Jugend bekannt -geworden und amüsieren sich vortrefflich?« -- - -Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu wissen, wen er vor -sich hatte. - -Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen Weise und -stammelte eine Antwort, von welcher Frau von Sprendlingen wenig -verstand. - -»Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen Tanz aufgehoben?« -fuhr die schöne Frau mit anmutigem Lächeln fort. »Es ist heute einer -jener seltenen Tage, an welchen die Herren in der großen Überzahl sind -und die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!« -- - -Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen Mannes und war sehr -befriedigt, als sie das jähe Aufleuchten seiner Augen sah, das -plötzliche, lebhafte Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles -nannte. - -»Oh, Frau von Sprendlingen!« rief Guntram Krafft mit jäher Röte in den -Wangen, in seiner so ehrlich-naiven Art: »Jetzt erst erkenne ich Sie, -gnädigste Frau! Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so märchenhaft -verändert aus, daß man sich selbst mit dem besten Gedächtnis in dieser -neuen Welt schlecht zurechtfindet!« - -»Wie begreiflich ist das! -- So fanden Sie auch meine Tochter noch nicht -unter den vielen unbekannten Tänzerinnen heraus?« - -»Fräulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen würde ich sie -erkennen!« - -Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin lächelte -abermals. - -»Wie liebenswürdig Sie das sagen! -- Ich hoffe, daß Sie zum mindesten -den Kotillon mit ihr tanzen?« - -Ein Schatten flog über das strahlende Gesicht des jungen Bären. - -»Ich kam zu spät, gnädigste Frau!« sagte er leiste. - -»Oh! in der Tat? Darüber müssen Sie mich genau unterrichten! Sind Sie -für diesen Tanz verpflichtet oder haben Sie Zeit, mir ein wenig -Gesellschaft zu leisten? Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es -sich sehr nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.« - -»Sehr gnädig -- ich bin überaus dankbar!« stammelte Guntram Krafft, und -abermals leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Die schlanke, elegante -Frau mit dem zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden -Ausdruck in den schönen Zügen hätte nicht Gabrieles Mutter zu sein -brauchen, um es ihm anzutun, er hatte schon bei seinem ersten Besuch -lebhafte Sympathie für sie empfunden, und dieses Gefühl steigerte sich -in diesem Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch -heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden Menschen, -jedes freundliche Wort doppelt dankbar. - -Nun war es Gräfin Thea nicht mehr allein, welche ihm wie ein rettender -Engel in seiner Verlassenheit erschien, Gabrieles Mutter ließ sein Herz -noch schneller und erregter in diesem Augenblick schlagen, und er -empfand es schon als großes Glück, mit ihr von der Wunderlieblichen zu -plaudern, welche es seinem Herzen wie durch Spuk und Zauber angetan. -- --- -- Er setzte sich neben Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder, -und die weichen, glänzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe -legten sich wie ein Traumgefilde um seine Füße. - -»Also Sie kamen zu spät zu Gabriele?« fragte die Baronin abermals mit -ihrer weichen, angenehmen Stimme und entfaltete den duftigen -Marabufächer vor der Brust. -- »Wie kam das? Wir waren heute sehr -präzise zur Stelle!« - -»Dessen kann ich mich kaum rühmen, gnädigste Frau! Ich habe das fremde -Terrain Schritt um Schritt erobert und bedurfte der Zeit, um mich in -diesem Zauberreich zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie völlig neu es -mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen auf dem höfischen -Parkett lernen muß!« - -»Davon merke ich nichts -- oder besser gesagt, Sie lernen zum Erstaunen -schnell! Gleichwohl begreife ich, daß Sie heute nicht Herr der Zeit -gewesen! So fanden Sie Gabriele erst jetzt während des Tanzes!« - -Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden Atlasfalten, -auf das wirre, feine Spitzengeriesel, welches sie umsäumte, nieder. - -»Doch nicht, gnädigste Frau ... ich konnte mich Ihrer Fräulein Tochter -noch in der Galerie bekannt machen ... aber ... ich kam zu einer sehr -ungelegenen Zeit ...« - -Die letzten Worte klangen so leise, daß Frau von Sprendlingen sie kaum -verstand. Sie hob jäh den Kopf. - -»Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber Graf?« - -Da schauten sie seine großen, ehrlichen, blauen Kinderaugen unendlich -traurig an. - -»Ihr Fräulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben«, sagte er -treuherzig. - -Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. »Gabriele sich -verloben? -- Herr des Himmels, mit wem denn?« - -»Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher eine breite Narbe -auf der Stirn trägt; der Name ist mir wieder entfallen, gnädigste Frau!« - -»Mit Heidler?« Frau von Sprendlingen klappte bewegt den Fächer zu: »O -welch eine lächerliche, absurde Idee! -- Wer hat Ihnen solch einen -Unsinn vorgeredet, Graf?« - -Schier atemlos starrt der Bär von Hohen-Esp die schöne Frau an seiner -Seite an. _Wieder_ stieg es heiß und rot in seinem Antlitz auf. - -»Es ist nicht wahr? -- Es ist ein Irrtum?« klang es wie leiser Jubel von -seinen Lippen --: »O, das wäre ja ...« und er unterbrach sich plötzlich -voll tödlicher Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige -Atlasschleppe nieder. -- - -»Solches Märchen hat Ihnen gewiß Gräfin Thea Sevarille vorerzählt!« -lachte die Generalin, und doch flimmerte es in ihrem Blick wie geheimer -Triumph, das Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu haben ---: »Die jungen Mädchen wittern ja sofort eine Verlobung, wenn ein Herr -etwas den Hof macht, und bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht, -daß zum Verloben doch immer zweie gehören!« - -»Herr von Heidler liebt Fräulein Gabriele wohl sehr?« fragte Guntram -Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen Aufrichtigkeit, und abermals -klang es wie geheime Sorge durch seine Stimme. - -»Je nun -- er schwärmt meine Tochter an und zeigt das sehr aufrichtig!« -lächelte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch --: »aber das tun -doch sehr viele der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt -und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus nicht -- und -wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht etwas liebenswürdiger ist wie -zu andern Herren, so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit -einer langen Reihe von Jahren kennt!« - -Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an den Lippen der -Sprecherin. - -Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht und frischen -Lebensmut schöpfte; seine Augen strahlten wie verklärt, und er bemühte -sich auch gar nicht, seine Freude zu verbergen. - -»So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?« fragte er leise und sah die -Baronin an, als habe er auch nicht das kleinste Geheimnis mehr vor ihr. - -Frau von Sprendlingen lachte abermals. - -»Es ist meine feste Überzeugung, und ich hoffe, daß ich mich nicht irre! -Die Welt, und namentlich die lieben Freundinnen meiner Tochter, sagen -Gabriele -- ebenso wie jedes andere vielumschwärmte Mädchen -- gern -verlobt, in der Hoffnung, sie dadurch unschädlich zu machen; daran muß -man sich hier in der Residenz gewöhnen, bester Graf, und durchaus nicht -alles glauben, was die Leute sagen! Nun aber erzählen Sie mir weiter! -Gabriele hatte keinen Tanz mehr frei?« - -»Keinen, gnädigste Frau.« - -»Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?« - -Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen an. - -»Das wage ich nicht. Ich wollte überhaupt nicht mit Ihrer Fräulein -Tochter tanzen, sondern nur plaudern.« - -»Ah! Sie überraschen mich!« - -»Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte es nie in der Art, wie -man hier tanzt.« - -»Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schönen Strandburg ist dazu -wohl kaum Gelegenheit! -- Aber in einer Pause könnten Sie das Versäumte -doch nachholen?« - -»Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen und weiß nicht, was ich -mit jungen Damen reden soll. Meine einseitigen Interessen sind wohl -nicht die ihren, und die große Welt ist mir fremd.« - -»Sie waren so sehr liebenswürdig, meiner Tochter als Retter zu Hilfe zu -kommen, als sie jüngst ein kleines Unglück mit dem Schlitten hatte?« - -Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr lebhaft und freute -sich des Zufalls, welcher ihn just in jenem Augenblick des Wegs daher -geführt. - -»Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene unfreiwillige -Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen ist!« scherzte die Generalin. -»Wenn der Anfang zu einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das -Schwerste überstanden!« - -»Fräulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... und ... sie -möchte es wieder ungnädig aufnehmen, wenn ich störe!« - -»Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?« - -»Nein, gnädigste Frau, daran dachte ich noch nicht. Muß man das?« - -»Man muß nichts, was man nicht will! Aber ich möchte Ihnen einen guten -Rat geben. Wie ich höre, ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und -Gabriele sagte mir, daß Herr von Heidler in der Bildergalerie an Tafel -III Plätze belegt habe. -- Nun kommen Sie einmal mit -- ich führe Sie -bis zu der Galerietür, -- dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und -belegen sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!« -- - -»O, vortrefflich! In der Nähe Ihres Fräulein Tochter?« - -»Wenn Sie das wünschen!« - -»Über alles wünsche ich es mir!« - -Der junge Bär von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, er lachte und sprach -lebhafter wie je zuvor. - -»Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen diese Quadrille -benutzen, um uns den Weg zu bahnen!« - -Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die Augen. - -»Ich danke Ihnen!« sagte er wie aus tiefstem Herzen heraus. - -Frau von Sprendlingen lächelte: »Glauben Sie in Zukunft nichts, was die -Leute faseln! Sie sehen, wie falsch man Sie unterrichtet hatte!« -- - -Sie schritten an dem Diwan entlang, den großen, goldenen Saaltüren zu, -und Frau von Sprendlingen hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der -hohen Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit einem -einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen Hand lenkt und -dirigiert, wohin es ihr beliebt. - -Ihr Blick flog hinüber zu Gräfin Thea, welche, sichtlich zerstreut, ihre -Quadrille tanzte, -- sie sah weder den Graf von Hohen-Esp noch seine -Begleiterin -- und ein feines Lächeln des Triumphes zuckte um ihre -Lippen. - - * * * * * - -Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und übersah die Visitenkarten, -welche auf den Gläsern lagen. - -Ein jeder Platz war besetzt. - -Unschlüssig und tief enttäuscht schaute er über die Tafel. - -»Wünschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch zu sitzen?« fragte es -hinter ihm. - -Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder neuen Erscheinung am -Hofe vertraut schien, trat diensteifrig näher und verbeugte sich ebenso -höflich wie respektvoll. - -»Es wäre mir allerdings sehr lieb gewesen!« versicherte der Hohen-Esper, -sehr angenehm durch das Interesse des alten Hofbeamten berührt. - -»Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es müssen sowieso noch -Plätze eingeschoben werden, da der Herr Hofmarschall noch in dem letzten -Augenblick Ansagen von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fügen wir -noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht hier?« -- und er -neigte den wohlfrisierten Kopf und las: »von Heidler ... ah ... unser -Vortänzer ... dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen -der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der Ecke ...« - -»Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... welchen Sie zuerst -bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...« und der Sprecher zog seine -Visitenkarte aus der Brusttasche und reichte sie dar. - -Wieder stieg die heiße Glut in seine Wangen, und voll verlegener Hast -wandte er sich und schritt nach dem Saal zurück. - -Ihm war's, als müßte man ihm all seine jubelnden Gedanken von der Stirn -ablesen! Vor wenig Minuten hatte er gewähnt, all die hellen Kerzen -ringsum seien erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit er -gehört, Gabriele sei die Braut eines andern, und nun plötzlich, als er -vernimmt, daß dies Gerede eitel Lug und Trug ist, da schlägt sein Herz -auf in ungestümer Glückseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum -blenden ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie! - -Warum das? -- - -Er vermag sich selber kaum Rechenschaft darüber zu geben, er überläßt -sich willenlos dem fremden, eigenartigen Zauber, welcher ihn -gefangenhält. - -In der mit Blumen dekorierten Vorhalle des Saales treten ihm ein paar -ältere Herren mit Band und Stern entgegen und reden ihn in -liebenswürdiger Weise an. - -Sie sind Tänzer und Jugendbekannte seiner Mutter gewesen und erkundigen -sich voll aufrichtigen Interesses nach Gräfin Gundulas Ergehen. - -Guntram Krafft freut sich, von ihr sprechen zu können, er empfindet es -voll stolzer Genugtuung, daß man seine Mutter so hoch schätzt und -verehrt, und als der eine der Herren die Hand auf seinen Arm legt und -sagt: »Kommen Sie, Graf, ich muß Sie zu meiner Frau bringen! Sie ist -ebenfalls eine gute Bekannte Ihrer Frau Mutter von früherer Zeit und -wird sich sehr freuen, von ihr zu hören und ihren Sohn kennenzulernen!« --- da folgt der junge Mann so heiter und unbefangen, als ob ihn die -letzte halbe Stunde heimisch auf dem Parkett gemacht habe. - -Er sieht im Vorüberschreiten Gräfin Thea, welche ihm lebhaft zuwinkt. - -»Wo um alles in der Welt stecken Sie denn, Graf? Ich möchte Sie gern den -jungen Damen vorstellen! -- Halten Sie ihn bitte nicht allzu fest, -Exzellenz -- zum nächsten Walzer ist er urkundlich verpflichtet!« - -Sie hält lachend die Tanzkarte empor, und der Begleiter Hohen-Esps zuckt -scherzend die Achseln. »Wenn Sie den Grafen allerdings an solch holde -Pflicht gemahnen, Komtesse, wird er mir fahnenflüchtig, noch ehe er der -alten Garde den Eid geleistet hat! -- Aber unbesorgt -- ich war -zeitlebens ein unbescholtener Mann und begehre nicht meines Nächsten -Weib, Knecht oder Walzertänzer!! -- =Au revoir!=« -- - -Und als der nächste Tanz mit den weichen, lockenden Klängen der »Rosen -aus dem Süden« einsetzt, stockt Guntram Krafft plötzlich in der -Unterhaltung mit der Frau Minister und schaut abermals in Gräfin -Sevarilles erhitztes Gesichtchen, welches ihm aus nächster Nähe -zulächelt. - -»Sie haben engagiert, lieber Graf?« fragte die alte Dame in schnellem -Verstehen: »Das ist recht! Ich werde mich freuen, Sie tanzen zu sehen! -Und den achtundzwanzigsten dieses Monats reservieren Sie uns also ... -wir werden uns freuen, Sie zum Diner bei uns begrüßen zu können.« - -Der Bär von Hohen-Esp dankt sehr erfreut, verneigt sich und steht im -nächsten Augenblick an der Seite der Komtesse. - -Er hat es so eilig, ihr zu erzählen, daß es mit der Verlobung Gabrieles -ein großer Irrtum ist, aber er kommt fürerst nicht dazu, denn Thea -spricht lebhaft auf ihn ein, wendet sich zu den nächststehenden jungen -Mädchen und stellt ihnen den Graf vor. - -Man lächelt ihm sehr liebenswürdig zu, beginnt ein allgemeines Gespräch -und macht dem »modernen Parzival« klar, daß er unter allen Umständen -tanzen müsse! - -»Sie sehen, Graf, man tanzt hier keinen Walzer, sondern nur Galopp! Je -nun, und das ist doch kein Kunststück! Wer so wie Sie eines Hauptes -länger ist, wie alles übrige Volk, steuert doch ohne jedwede Gefahr -durch all diese Wirbel und hohe Flut!« - -Das ist ein Wort! - -Guntram Kraffts Auge blitzt auf, -- er lacht und verneigt sich vor Thea. - -»Mut hat auch der Mameluck, Komtesse -- riskieren Sie es mit mir -Seebären?« - -Einen Augenblick neigt sie das Köpfchen zurück und sieht zu ihm auf. - -Welch ein Blick! - -Wenn der Einsiedler von Hohen-Esp nicht arg zu naiv wäre, würde er viel, -sehr viel darin lesen! - -Aber der Graf denkt gar nicht darüber nach, was sich wohl in den Augen -einer Komtesse Sevarille spiegeln möchte, er hat nur einen einzigen -Wunsch, den -- es zu versuchen, ob er sich wahrlich unter die Reihen der -Tänzer wagen kann, ob er die Probe bestehen wird, um alsdann auch den -Arm um jene andere, Einzigste legen zu können, welche all sein Sinnen -und Denken gefangennimmt. - -Und er tanzt, -- wohl nicht ganz so gewandt und elegant wie die andern -Herren im Saal, aber doch sicher und gut, ohne im mindesten unliebsam -aufzufallen. - -»Bei einem Galopp kommt es nur auf die sichere Führung an!« hat eine der -Damen soeben noch ermutigend gesagt, nun, und sicher hat der bärenstarke -Arm des Hohen-Esper seine Dame gehalten! - -Mit heißgerötetem Antlitz führt er Thea an ihren Platz zurück, und die -andern Damen und Herren, welche gewartet haben, voll neugierigen -Interesses das »erste Debut des Parzival« zu beobachten, begrüßen ihn -mit lebhaftem Beifall. - -Guntram Krafft hat es gar nicht bemerkt, wie aller Blicke ihm während -des Tanzes gefolgt sind, er hat es nicht gehört, daß der Herzog sich -erfreut und anerkennend darüber äußert, -- er schaut nur suchend über -die bunte, wirbelnde Menge, ob er nicht Gabrieles Köpfchen erspähen -kann. - -Und er sieht sie plötzlich in nächster Nähe, sieht direkt in die -wundersam hellen, großen Nixenaugen hinein, welche wie staunend auf ihn -gerichtet sind. - -Und Guntram Krafft lacht noch glückseliger wie zuvor, sagt Komtesse Thea -ein herzliches Dankeswort und richtet sich hoch und kühn auf -- in -Wahrheit wie ein junger Bär, welcher sich plötzlich seiner Kraft bewußt -wird, wendet sich und steht im nächsten Augenblick vor Fräulein von -Sprendlingen. »Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein?« - -Da starren ihn die meerfarbenen Augen abermals an wie aufs höchste -überrascht ob einer solchen Zumutung, und dann wendet sie das Köpfchen -und wechselt einen sekundenlangen, unendlich vielsagenden Blick mit dem -schlanken, jungen Garde-Grenadier-Offizier, welcher neben ihr steht. - -Der lächelt sehr verständnisinnig --: »Ich begreife, Baronesse!« dreht -sich kurz auf dem Hacken um und eilt als vielbeschäftigter Vortänzer -davon, -- Gabriele aber legt langsam, beinahe zögernd den Arm auf den -des Grafen und sagt: »Wir werden noch einen Augenblick warten müssen, es -ist sehr wenig Raum zum Tanzen!« - -»Wie Sie befehlen, Fräulein von Sprendlingen!« antwortet Guntram Krafft -und umschließt mit bebender Hand ihre weiche, schmiegsame Gestalt. - -Wie rote Nebel wallt es vor seinen Augen, die Aufregung schnürt ihm die -Kehle zusammen, er hat das Gefühl, als wanke der Boden plötzlich unter -seinen Füßen, und doch möchte er aufjauchzen vor Glückseligkeit, wie -daheim, wenn er dem wilden, feindlichen Meer eine Beute abgetrotzt! - -Einen Augenblick harrt er so ... noch einen ... und da ... gerade als -er lostanzen will, bricht die Musik mit kurzem Schlusse ab. - -Der Garde-Grenadier ist in die Mitte der Tanzenden getreten und hat die -Hand mit kurzer Geste nach dem Orchester hinter dem Goldgitter der -Galerie gehoben. - -Guntram Krafft, der Neuling, bemerkte es nicht, er blickt nur -erschrocken zu Gabriele nieder und sagt bedauernd: »O wie schade!« -- -und Fräulein von Sprendlingen lächelt ganz wunderlich, löst die Hand von -seinem Arm und tritt von ihm zurück. - -»Bedaure sehr!« sagt sie kühl, wendet das Köpfchen und begrüßt eine -junge Hauptmannsfrau, welche jetzt am Arm ihres Tänzers vorüberschreitet -und ihr zunickt. - - - - -XIII. - - -Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig höflich von Guntram -Krafft abgewandt hatte, trat Frau von Sprendlingen zu ihrer Tochter -heran und flüsterte ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr. - -Der breitgehaltene Fächer dämpfte den Klang derselben und verdeckte das -Gesicht der Generalin, aber man bemerkte trotzdem, daß sie erregt und -sehr energisch sprach. - -Über Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten. - -»Es war ja ein Glück, daß die Musik just schwieg.« - -»Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat gar keinen Zweck! -Begeistern werde ich mich nie für das Muttersöhnchen -- warum also seine -lächerliche Sympathie für mich durch irgend welche Höflichkeit nähren?« - -»Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten; ich befehle dir -jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu behandeln, wenn er sich dir -noch einmal nähern sollte! Hörst du, Gabriele? Ich verlange und fordere -es von dir als ein Zeichen deiner Liebe für mich!« - -Die junge Dame seufzte leicht auf. - -»Ach, hätte Frau Gundula doch etwas Besseres getan, als ihrem Baby die -verlorenen Taler wieder zusammengespart! Je nun ... ich werde versuchen, -mich dem Reigen um diesen modernsten Götzen anzuschließen!« - -»Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie für ihren Sohn sorgte, -aber der alte Herr von Heidler, der die Güter verpraßte, anstatt sie -seinem Erben zu erhalten ... wie handelte der?« - -Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen der Mutter, sie -zuckte beinahe wehmütig die schönen Schultern: »Geld macht ja doch nicht -glücklich, Mama, -- und es ist doch tausendmal besser und moralischer, -einen armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung zu -heiraten!« - -»Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest, daß gerade der >arme< -Mann viel zu klug und kaltherzig ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes -Mädchen zu freien!« - -»Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!« - -Frau von Sprendlingen biß momentan wie in großer Nervosität die Zähne -zusammen. »Gleichviel, du tust, wie ich dir befehle!« sagte sie kurz, -voll ganz ungewohnter Strenge, klappte den Fächer zu und wandte sich mit -liebenswürdigstem Lächeln wieder ein paar Damen und Herren zu, welche -sie schon seit Beginn des Festes wie den Stein der Weisen gesucht -hatten! -- - - * * * * * - -Man hatte sich zu Tisch gesetzt. - -Gräfin Thea bemerkte es zu ihrem großen Verdruß, daß Graf Hohen-Esp sie -nicht engagierte, so nahe sie es ihm auch gelegt hatte, daß sie das -Souper »vorsichtigerweise« noch freigehalten habe. - -Guntram Krafft reagierte nicht darauf. -- Als er direkt nach seiner -Extratour mit ihr zu Gabriele schritt und »beinahe« mit ihr getanzt -hätte, grub Gräfin Sevarille die Zähnchen recht ärgerlich in die Lippen. - -War denn der naive Schwärmer unverbesserlich, daß er so schnell den -fatalen Eindruck, den die »Verlobung« des Fräulein von Sprendlingen auf -ihn gemacht, abschüttelte und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer -Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die Saison zu tragen? - -Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien der strahlendsten -Laune Platz gemacht zu haben, welche selbst der »entgleiste« Walzer mit -der Angebeteten nicht zu trüben vermochte. - -Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu ihr zurück, als wie er -von ihr gegangen, schien absolut kein Verständnis für die kleinen -Bosheiten zu haben, welche Thea so geschickt auf Fräulein von -Sprendlingen in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar -verblühte Präsidententöchter und ein sehr dicker Jagdjunker eifrigst -sekundierten. Er stand während der nachfolgenden Française vor dem -erhöhten Wandpolster und folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann -sprach er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als Gräfin -Thea für etliche Minuten durch eine sehr amüsante Konfusion in Anspruch -genommen ward und danach wieder verstohlen nach dem Bär von Hohen-Esp -ausschaute, war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos -verschwunden! - -Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich schon einen -scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte, um sich den bis jetzt so -unhöflich verweigerten Arm des Grafen zu erzwingen. - -Wohin war er verschwunden? - -Voll nervöser Unruhe schaute die junge Dame zuerst nach Gabriele aus und -sah es zu ihrer großen Genugtuung, daß dieselbe am Arme Heidlers den -Saal verließ. - -Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan doch, daß sie -über keinen Tischherrn verfügte. - -Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und trat hastig -näher. - -»Sind Komtesse etwa nicht engagiert?« - -»Selbstredend, -- aber man scheint mal wieder Konfusion gemacht zu haben ---« - -»Darf ich gehorsamst bitten?« -- - -Etwas übellaunig und zögernd legte Thea die Hand auf den Arm dieses so -sehr nichtssagenden und unbedeutenden Tischherrn. Seit zwei Jahren -Leutnant! Gräßlich! So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen -Hintergrund rechnete bei ihr überhaupt nicht mit. - -»Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp für denselben Tisch verabredet, Herr -von Stark!« sagte sie schnell. »Der Graf ist fremd hier und wird gewiß -hilflos umherirren und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen -Sie uns dem Ärmsten zu Hilfe kommen ...« - -»Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ... wird wohl schon -seinen Platz an König Artus Tafelrunde gefunden haben! Müßte mich sehr -irren, wenn er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal -beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist ja Landstand! Trotz -seiner Hinterwäldlerart! -- Die Güter verschaffen ihm Sitz und Stimme! --- und wir ... haha ... in die Ecke, alter Besen! -- Aber darum wollen -wir in unserem Turmstübchen doppelt fidel sein! -- Darf ich bitten, -Gnädigste ... wir bekommen sonst überhaupt keinen Platz mehr!« -- - -Thea zog die Brauen sehr ungnädig zusammen und folgte in denkbar -schlechtester Laune. Welch ein Pech, daß der naive Neuling nicht -rechtzeitig daran gedacht, sie zu engagieren -- im Thronsaal sitzen ist -just das, was Gräfin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen -würde. - -Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie je, daß Graf Guntram -Krafft es sein soll und muß, welcher sie das nächste Mal nicht nur an -die Tafel der höchsten Herrschaften, sondern baldmöglichst auch als -Herrin und Gebieterin in die Burg seiner Väter führen soll. - -Daß die alte Bärin in derselben noch ihre despotische Herrschaft führt, -beunruhigt Thea durchaus nicht, denn wenn sie erst an der Seite des -gutmütigen und willenlosen Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches -ändern! - -Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig ausgearbeitet, und -der moderne Parzival und Frau Herzeleide spielen eine verschwindend -kleine Rolle darin. - -Graf Guntram Krafft gefällt ihr ja ganz gut, ja, sie müßte lügen, wenn -sie ihn nicht hübsch fände, aber Thea Sevarille ist viel zu modern -erzogen, ist viel zu sehr ein Kind ihrer übervernünftigen Zeit, um dem -Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben einzuräumen. - -Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vernünftig, und wenn -zufälligerweise das Herz mit der Klugheit Hand in Hand geht, so ist es -ein Vorteil mehr, mit welchem sie rechnen kann! - -Aber zu der »ungeheuren Fröhlichkeit«, welche Herr von Stark für ihre -»unterste Ecke« prophezeit hatte, steuerte sie an diesem Abend wenig -bei. - - * * * * * - -Währenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem Herzen hinter -seinem Stuhl gestanden und Fräulein von Sprendlingen entgegengeschaut. - -Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst so kühle und spröde -Antlitz rosig überhaucht und seltsam belebt, die herrlichen, wundersamen -Nixenaugen zu ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd, daß -dem Bär von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als sie ihre Plätze erreicht -haben, mustert der Dragoner den unvermuteten Nachbar mit einem seiner -finster blitzenden, beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt laut: -»Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte doch Hardenstein belegt, -mein gnädiges Fräulein?« -- - -Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher und verneigt sich sehr -devot. - -»Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir mußten auf Befehl noch Plätze -einschieben!« - -»Hätten Sie auch mehr an der Ecke besorgen können!« zuckt Heidler in -seiner rücksichtslosen Art die Schultern und fügt brüsk hinzu: »Na -- es -hilft nichts, Fräulein Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schließlich -auch gleichgültig.« - -Die junge Dame nickt und lächelt, wirft den Fächer auf den Tisch und -läßt sich müde auf den Stuhl nieder, daß die starren Seidenfalten unter -dem duftigen Goldflor leise aufrauschen. - -Ihr Blick trifft den Bär von Hohen-Esp, und die Augen blicken wieder so -kalt -- so unsagbar kalt und abweisend drein, daß all die frohe, heitere -Zuversicht des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber sie -erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung des reizenden -Köpfchens seinen stummen Gruß. - -Während der ersten Zeit hat Fräulein von Sprendlingen kein Wort und -keinen Blick für ihren Nachbar, sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn -von Heidler, wie Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des -jungen Offiziers entnehmen kann über Reiten und Sport. - -Erst als das Gespräch allgemein wird und sich um die letzten Rennen -dreht, welche der Dragoner mit viel Erfolg mitgeritten hat, wendet sich -Gabriele recht gezwungen, ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und -fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei? - -Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so kühl und gleichgültig, -daß den Gefragten dasselbe Gefühl der Befangenheit überkommt, welches -ihn in Gabrieles Nähe kaum noch verläßt. - -Das Blut steigt ihm in die Schläfen. - -»Reiten?« wiederholt er zögernd, »gewiß reite ich täglich auf die Felder -oder in den Wald hinaus, je nachdem es meine Tätigkeit als Landwirt -bedingt! Wir verfügen jedoch nur über Pferde, welche mehr dauerhaft wie -elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie Arbeitspferde, aber -keine Vollblüter!« - -»Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport noch ein Vergnügen!« -zuckt Fräulein von Sprendlingen die Achseln, und ihre Augen sehen aus -wie die klare See, wenn jähe Wolkenschatten sie dunkel färben, -- Herr -von Heidler aber lacht mit gedämpfter Stimme auf und fügt hinzu: -»Donnerwetter, nein! ein Hürdenrennen auf einem Ackergaul gibt es -nicht!« -- - -Gabriele sieht den Graf scharf an. - -Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze, energisch abweisende -Antwort haben? Nein, das Muttersöhnchen lacht mutig mit und findet es -entschieden viel zu gefährlich, mit dem schneidigen Dragoner Händel zu -bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: »Ich möchte es wenigstens nicht -versuchen! Selbst auf einem Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von -Heidler! Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel geübt sein -will, -- beides habe ich bisher versäumt!« - -»Es gehört auch recht viel Courage und Schneid dazu, um auf der Rennbahn -etwas zu leisten!« lächelt Gabriele beinahe verächtlich und mustert noch -widerwilliger wie zuvor ihren Nachbar, welcher so hünenhaft groß und -gewaltig neben ihr sitzt und doch so kläglich vor ihrem kritischen Blick -zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor der Sonne. -- - -Auch diese Ironie scheint der zahme Bär entweder nicht zu verstehen, -oder er hält es für praktischer, den Harmlosen zu spielen. - -»Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Es gehört viel persönlicher Mut dazu, um -flott über alle Hindernisse hinwegzugehen, denn leider gibt es jährlich -wohl traurige Beweise genug, daß auch der Turf seine Opfer fordert.« - -»_Traurige_ Beweise?« Heidler klemmt das Monokel ein und zieht die -narbige Stirn in Falten: »Es ist meiner Ansicht nach nie traurig, wenn -ein Mann sich in seinem Beruf aufopfert und einen frischen, schönen -Reitertod stirbt! Gäbe es keine Gefahr bei Mauern und Gräben, würden -sie jedweden Reiz für mich verlieren!« - -Gabrieles Blick leuchtete wie verklärt zu dem Sprecher auf, und Guntram -Krafft nickt zustimmend vor sich hin und sagt leise: »Ja, es ist -seltsam, daß gerade die Gefahr einen so seltsamen Reiz ausübt!« und -er denkt dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das gebrechliche -Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben in die Brandung hinaustreibt. - -Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem geneigten Antlitz -ablesen, sie glaubt nur ein gewisses zaghaftes Gruseln aus seinen -Worten herauszuhören, und ihr Blick flammt beinahe verächtlich zu ihm -auf. - -»Wenn Sie nicht reiten -- was tun Sie sonst den ganzen Tag auf -Hohen-Esp?« -- - -Er lacht, als ob ihn diese Frage amüsiere: »Ich bin der erste Arbeiter -meiner Mutter und schaffe das Meine; wissen Sie nicht, daß es auf dem -Lande unendlich viel zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der -faulen Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es auch -sei?« -- - -Sie verzieht den Mund noch ironischer. »Ich kenne das Landleben nur vom -Hörensagen und halte das Säen, Pflügen und Dreschen für recht harmlose -Beschäftigungen. Irgendeinen Sport üben Sie gar nicht aus?« - -Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen aus, und dieser -Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht. - -»Ich weiß nicht recht, was Sie unter Sport verstehen, mein gnädiges -Fräulein! Wenn meine Arbeit getan ist, gewährt es mir viel Freude und -Genugtuung, auf der See zu rudern oder zu segeln!« - -»Also -- also doch eine Art Wassersport! Das ist ja jetzt auch modern!« - -»Lieben Sie das Meer?« - -Sie schüttelt unendlich gleichgültig den Kopf. - -»Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse dafür. So eine ewig -gleiche, endlose Wasserfläche ist für mich unaussprechlich öde und -reizlos!« - -Mit weit offenen Augen starrte er sie an. - -»Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal längere Zeit am Strande -gelebt?« - -»Nein! Gott sei Dank, wir mußten ja nach acht Tagen schon wieder von -Heringsdorf abreisen, weil meiner Mutter die Luft nicht bekam. Ich -denke mit großer Gleichgültigkeit an diese acht Tage voll blendender -Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser Wasserfläche zurück. --- Später suchten wir im Sommer nur noch Quellenbäder auf, und ich habe -mich nie nach Heringsdorf zurückgesehnt!« - -Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. »Sind Sie im Boot -gefahren?« - -»Gewiß! Abends ruderten uns meine beiden Vettern in die >blaue -Unendlichkeit< hinaus, und wir schaukelten eine Zeitlang auf dem -Wasser, sangen: >Das Meer erglänzte weit hinaus!< und sahen die Sonne -am Horizont verschwinden, -- einen Tag wie den andern ...« - -»Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine auf -Gummischuhen!!« -- warf Herr von Heidler mit übermütiger Grimasse ein, -und ein schallendes Gelächter erhob sich im Kreise. - -Nur Guntram Krafft lachte nicht mit. - -Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie ein Mensch, welcher -vor einem großen, unlösbaren Rätsel steht. - -»Und einen Sturm, einen großen, gewaltigen Sturm sahen und erlebten Sie -nie?« fragte er. - -»Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß das Wasser, welches -immer so glatt dalag wie ein Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann! -All die Seegeschichten, welche man hört oder liest, kann ich nie recht -glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!« - -Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich mit einem -seiner zündenden Blicke in Gabrieles Auge. - -»Soll ich den Sattel an den Nagel hängen? Soll ich ein Seemann werden, -und kommen Sie mit auf die weiten Meere hinaus, den fliegenden -Holländer zu suchen?« -- - -Heiße Glut flammt über ihr Antlitz, die rosigen Lippen beben, und in -ihren Augen steht die Antwort geschrieben, -- aber sie beherrscht sich, -schüttelt mit leisem Lachen das Köpfchen und antwortet: »Wenn Sie -aufhören wollten zu reiten, würden Sie ein Verbrechen an dem modernen -Heldentum begehen, und das würde ich Ihnen am allerletzten verzeihen! --- Was wollen Sie auf dem Wasser? Da gibt es keine Lorbeeren zu holen -...« - -»Erlauben Sie, meine Gnädigste! Die jüngsten, welche auf Chinas Boden -sproßten, holte sich unsere Marine!« - -»Die Marine! ja die!!« zuckte Gabriele die Schultern. - -»Die besteht auch aus Soldaten und mutigen Männern, welche den Feind -zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu Lande nicht erreichen können! -Die Marine imponiert mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei -hellem Sonnenschein ein wenig die Ruder führen und in idyllischen -Sommernächten eine Segelpartie machen, die können doch unmöglich mit -unseren verdienstvollsten Männern rangieren!« - -Der Blick der Sprecherin traf wie eine kühne Herausforderung den Bären -von Hohen-Esp, welcher schweigend an ihrer Seite saß und vor sich -nieder auf das Fürstenwappen inmitten seines Tellers sah, -- er sah -nicht den Ausdruck ihres Auges, er hörte nur ihre Worte, und sein erst -so heiß gerötetes Antlitz ward um einen Schein blasser. - -Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt, Heidler -murmelte sehr amüsiert: »Alle Wetter, mein gnädiges Fräulein, das war -deutlich!« Dann lenkte ein gegenübersitzender Kammerjunker das Gespräch -voll nervöser Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram Krafft -voll besonderer Liebenswürdigkeit in ein Gespräch. - -Gabriele aber warf triumphierend das reizende Köpfchen zurück und -wandte sich wieder ausschließlich zu Heidler. - -»Er _mußte_ einmal meine aufrichtige Meinung hören!« flüsterte sie -erregt, »es ist ja eine Schande, wenn ein Mensch, welcher wahrlich -gewachsen ist wie ein Parzival, gar nicht zum Bewußtsein seiner -Bärenkräfte kommt und >das Eisen in der Halle rosten< läßt, anstatt es -zu Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!« - -Herr von Heidler gehörte zu den Menschen, welche ihr Licht mit Vorliebe -auf Kosten anderer leuchten lassen, und da es seiner Eitelkeit -schmeichelte, von dem reizendsten aller jungen Mädchen als Held -gefeiert zu werden, so löschte sein scharfer Witz noch das letzte -Fünkchen Sympathie, welches in Gabrieles Herzen für den Bären von -Hohen-Esp geleuchtet hatte. - -Das Souper näherte sich seinem Ende, und als man sich erhob, wieder -nach dem Tanzsaal zurückzuschreiten, wandte sich Fräulein von -Sprendlingen zum erstenmal wieder an ihren Nachbar zur Rechten und -erwiderte seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, flüchtiges -Nicken. - -Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zufällig streifte ihr Blick -dennoch sein schönes Antlitz und traf sein Auge. - -Welch ein Ausdruck darin! - -Nicht mehr das strahlende Entzücken, wie es ihr sonst daraus -entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle Trauer, wie -ein herb getadelter Knabe dreinschaut, ehe er anfängt zu weinen! - -Mit jäher Bewegung wandte sich Gabriele ab. - -Laut auflachen hätte sie mögen! - -Jung-Parzival, welcher hinter Frau Herzeleides Schürze hervorschaut! -- - -Jung-Parzival, welcher noch nicht den Weg zu Frau Aventure gefunden -hat, welcher auch nie und nimmer einen Platz unter den Rittern des -Amfortas einnehmen und zeitlebens der beklagenswerte Tor bleiben wird, -als welcher er auf seinem Ackergaul aus der heimatlichen Burg trabte! - -Ja, Gabriele möchte lachen, wenn es ihr nicht gar zu traurig deuchte! - -Die Zähne beißt sie zusammen und furcht die Stirn. - -Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! -- -- - - * * * * * - -Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem Tanzsaal und -schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, welcher wie ein wüster -Fiebertraum vor seinen Augen kreist. -- - -Die Musik schmeichelt mit süßen Walzerklängen, -- er hört sie nicht. - -Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene unfaßlich grausamen -Worte, daß sie das Meer nicht liebt! - -_Sein_ Meer! Das herrliche, majestätische, unbeschreiblich schöne -Meer, welches keines Dichters Zunge genug rühmen, an welchem sich -keines Menschen Auge jemals satt sehen kann! - -_Sein_ Meer! -- Und sie liebt es nicht. -- Sie schilt es langweilig, -träge, reizlos. -- - -Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses Meeres spiegeln, -grünlich ... graublau ... schillernd wie Perlmutter ... dunkel und -licht zu gleicher Zeit ... verkörperte Wassertropfen. - -Wie ist es möglich, daß sie das, was er als Liebstes und Herrlichstes -voll Leidenschaft preist, an welchem sein Herz voll unstillbarer -Sehnsucht hängt, daß sie das verachtet und von sich stößt? - -Die See! -- Die blauwogende, unendliche See, deren brandende Wogen -Pulsschläge der Ewigkeit sind, deren Sonnenlächeln wie bräutliche -Wonne, deren zorniges Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? -- - -Ach, daß sie ihm solches angetan! - -Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als »armseligen -Ruderer« so weit ab von allem Heldentum wiesen, welche in ihm nichts -anderes als einen verdienstlosen Menschen sahen, welcher sein Vergnügen -an ruhmlosen Spielereien findet -- die Worte hatte er kaum gehört und -beachtet. - -Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen zu achten. - -Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein geschmähtes Meer. - -Aus jedem anderen Munde würde ihm ein solches Urteil zu zornigem -Widerspruch gereizt haben. -- Gabriele von Sprendlingen gegenüber -verstummte er in jener unerklärlichen Befangenheit, in welche ihn ihr -Anblick vom ersten Moment an versetzt hatte. - -Wie gleichgültig würde es ihm sein, ob fremde Menschen die See lieben -oder nicht, -- nur von einer einzigen würde es ihn namenlos beglücken, -und gerade sie wendet das reizende Haupt gleichgültig ab und urteilt so -hart, so grausam, so verständnislos ... - -Ja, verständnislos! - -Sie kennt ja das Meer gar nicht! - -Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges, -unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschöpflich reichen, -ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des -Modebades getrübt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde! - -Guntram Krafft atmet tief auf. - -Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen! - -Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige Wochen -im Jahr an den Strand eilen, die müden Lebensgeister an Gottes Odem -aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur -kennenzulernen. - -Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese sitzen in den -eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend -bizarren kleinen Überraschungen, welche Göttin Mode und der Geschmack -des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, -- die blicken -kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in -die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, welche auf den Wassern des -Meeres wohnt. -- - -Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind -mit der keuschen, unberührten Wunderwelt des Strandes, -- wenn er der -holden Spötterin Gabriele dieses Paradies erschließen könnte! - -Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die Musik schweigt, -und neben ihm erklingt die Stimme Gräfin Theas, welche ihn aus seinen -Träumen aufschrecken läßt. -- - - - - -XIV. - - -»Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenflüchtiger!« drohte ihm die -Gräfin lächelnd mit dem Fächer: »Wie von dem Erdboden verschwunden -waren Sie, als wir unsere unendlich vergnügte und amüsante Ecke -bildeten! Wie sehr schade, daß Sie in unserm kleinen Kreise fehlten, -Sie würden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!« - -»Ich bezweifle es nicht, Gräfin!« - -Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert. - -»Wie ist es Ihnen ergangen?« -- - -»Je weniger man erwartet, desto weniger kann man enttäuscht werden!« - -Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte einem Seufzer. - -Thea trat einen Schritt näher und sah mit ihren großen, dunklen Augen -beinahe wehmütig zu ihm auf. - -»Ich habe bereits davon gehört, wie unliebenswürdig Gabriele einmal -wieder gewesen ist! -- Es ist wirklich ewig schade darum, daß in diesem -bildhübschen Körper eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese -Tatsache muß selbst ich, als beste Freundin, bestätigen!« - -»Fräulein von Sprendlingen unliebenswürdig?« wiederholte Guntram Krafft -beinahe erschrocken. - -»Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man sagt mir, daß sie gerade -gegen Sie recht beleidigend gewesen sei, und das hat mich ernstlich -böse gemacht!« - -Der Bär von Hohen-Esp hörte nicht den weichen, schmollenden Klang in -Theas Stimme, welche sich so ostensibel zu seiner Anwaltin machte, er -schüttelte nur betroffen den Kopf und strich mit der Hand die schweren -Blondhaare aus der Stirn. - -»Fräulein von Sprendlingen sprach sehr abfällig über das Meer, über das -Rudern und Segeln -- und das kann unmöglich _mich_ beleidigen, so -sehr ich ihre Abneigung auch bedauerte!« - -Ein seltsamer Blick der Gräfin streifte ihn. »Wie freundlich und -harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis -doch ist! Es freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht -kränkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so genau nachrechnen, -wie anderen Sterblichen!« - -»Verliebten Menschen?« - -Thea lachte. »Aber Graf! Haben Sie es denn noch immer nicht bemerkt, -daß Fräulein von Sprendlingen keinen andern Gedanken mehr hat, wie -ihren schneidigen Dragoner?« -- - -»Das wohl ... aber ...« - -»Nun?...« - -»Verlobt sind sie noch nicht!« - -»Noch nicht öffentlich!« -- - -»Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch nicht aus ...« -murmelte er mit tiefem Atemzug. - -Sie standen neben der Saaltür, ein lautes Lachen und Sprechen ließ sie -momentan verstummen. - -Ein paar junge Herren umringten eine sehr große, schlankgewachsene, -junge Frau, von der man dem Grafen schon zuvor erzählt hatte, daß sie -einen bedeutend kleineren Mann geheiratet habe. -- - -»Gnädigste Frau, ich habe eine Bitte!« rief einer der Herren mit -übermütig blitzenden Augen. »Eine Frage hat man frei an das Schicksal --- eine Bitte nicht!« - -»Na -- schießen Sie los, Karlchen, ich bewillige sie im Namen von Frau -von Stark!« - -»Oho!« -- - -»Also!« Der Kürassier legte beide Hände bittend auf die Brust: -»Gnädigste Frau -- pumpen Sie mir mal für vierzehn Tage Ihren Herrn -Gemahl!« - -»Wie? -- Meinen Mann?!« - -»Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach der Hochzeitsreise??« - -»Was wollen Sie mit ihm?« -- - -»Ich möchte ihn so gern auf _meinen Kaminsims stellen.... da fehlt mir -nämlich eine Nippesfigur_!« - -Schallendes Gelächter! - -Die junge Frau ist zuerst entrüstet, aber schließlich lacht sie doch -mit und tanzt mit dem Spötter eine Extratour. -- - -Ein paar junge Mädchen treten in den Saal. Sie sehen den Grafen -Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter ihnen an der Tür. - -»Nein, nein, Kläre! Wir müssen erst mal sehen, ob Parzival wieder -tanzt! --« - -»Reizender Anblick! -- Erinnert an die graziösen Matrosen im fliegenden -Holländer!« - -»Pfui! Schäm' dich! Parzival ist ein vortrefflicher Mensch! Lotte sagte -ja vorhin: >Der einzige Diamant unter viel Simili!<« -- - -»Hahaha! -- Ein Diamant!... Aber ein noch völlig ungeschliffener!« - -»Ich fürchtete schon,« -- lachte eine der jungen Damen, »er würde à la -Jürgen Wansbeck hier auftreten!« - -»Jürgen Wansbeck? Wer war das?« - -»Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an den Hof kam und bei -einem Ball die Handschuhe sparte. Der Herzog sah ihn scharf an und -fragte gedehnt: >Sie tragen keine Handschuhe, Baron?<« - -Da schüttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und antwortete: »Nee, -Hoheit, _ich frier' ja nich' an die Fingers_!« -- - -Jubelndes Gelächter. -- - -»Großartig! Brillante Geschichte!« - -Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram Krafft hastig beiseite. - -»Hier ist ein solches Gedränge, Graf! Wir wollen uns dort auf den Diwan -setzen.« - -»Wie Sie befehlen!« nickte Guntram Krafft und sah dabei völlig harmlos -aus: »Die Menschen hier scheinen viel zu spotten, -- ich machte schon -die Bemerkung, daß die meisten Scherze auf Kosten der lieben Nächsten -gemacht werden!« - -»Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze am meisten -belacht!« - -Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder und blickte ihr -plötzlich mit seinen klaren, grundehrlichen Augen voll beinahe -kindlichen Vertrauens in das blasse Gesichtchen. - -»Gräfin ... Sie sind eine Freundin von Fräulein von Sprendlingen?« -- - -»Sogar eine ihrer vertrautesten!« - -»Und Sie meinen es auch mit mir gut?« - -»Von ganzem Herzen gut!« - -»Würden Sie mir einen großen Liebesdienst erweisen, es mir gestatten, -Ihnen rückhaltlos zu vertrauen?« - -Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete bezaubernd zu -ihm auf. -- - -Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von älteren Herren -bildete vor ihnen Spalier, um einem »Menuett der Königin« zuzusehen, -welches von den Prinzessinnen und Prinzen nebst einer kleinen Schar von -Auserwählten soeben vor dem Herzog getanzt wurde. - -»Sprechen Sie, Graf!« flüsterte sie, »kein Mensch hier meint es -ehrlicher mit Ihnen, wie ich!« - -Er drückte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine Rechte und nickte -erregt: »Das bemerkte ich bereits, Gräfin! Sie waren von Anfang an so -sehr liebenswürdig zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders gütig -an, und wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde genoß, so verdanke -ich sie Ihnen!« - -»Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster Wunsch --!« - -»Wundern Sie sich nicht über mich, ich bin fremd in der Welt und es -gewohnt, seit jeher nur nach meinen momentanen Eingebungen zu handeln. -Auch jetzt weiß ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden. ---« Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden Kindes in -den ihren: »Sie meinen es ja so gut mit mir ...« - -»Seien Sie dessen versichert!« In Theas Wangen stieg es immer heißer -und röter, ihre Augen flimmerten vor Spannung, und ihre Lippen bebten -wie bei einem Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel -entgegendrängt. - -»Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin glücklich, Ihnen -irgendwie behilflich sein zu können!« - -Er zögerte und blickte momentan starr vor sich nieder. - -»Ich möchte es so gern wissen, ob Fräulein von Sprendlingen den -Dragoner wahrlich so sehr liebt!« - -»Soll ich es auskundschaften bei ihr?« - -»Sie sind doch ihre Freundin ...« - -»Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube ich aber, daß es -Sie noch mehr interessieren wird, ob sie tatsächlich mit ihm verlobt -ist?« - -Er schüttelt nachdenklich den Kopf. »Ich las in Romanbüchern, daß -heutzutage die Mädchen auch ohne Liebe heiraten. Schon manch eine -Verlobung wurde aufgelöst, weil die Braut schließlich noch einen Mann -kennenlernte, welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig -gewählten Bräutigam!« - -»Seien wir ganz ehrlich, Graf!« Thea entfaltete den Fächer und -flüsterte zu ihm auf: »Sie möchten wissen, ob Sie Aussichten haben, -Gabrieles Herz zu gewinnen?« - -Er ward dunkelrot. -- »Ich glaube ... Sie treffen das Richtige, Gräfin! -Es würde mir von großem Wert sein, zu wissen, wie ich es anfangen muß, -um mir die Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was ich Sie -fragen wollte!« - -»Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Schönheit bezaubert, und es würde -keine liebere Mission für mich geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten -zuzuwenden!« - -»Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten, Gräfin, von -was ich Fräulein von Sprendlingen unterhalten soll, was ich tun muß, -daß sie mir ihr Interesse zuwendet! -- Wenn sie es wüßte, daß sie mir -so sehr, sehr gut gefällt ...« er unterbrach sich und strich abermals -mit der Hand über die Stirn: »Das Reiten scheint ihr viel Freude zu -bereiten ... und wenn sie Wert darauf legt, will ich gern ...« - -»Dragoner werden?!« Thea hob beinahe entsetzt die Hand und sah -plötzlich ganz blaß aus. »Wäre das Ihr Ernst, Graf?« -- - -Er lächelt. »Nein, daran ist gar kein Gedanke, Gräfin. Wozu das? Ich -habe daheim ernstere Pflichten zu erfüllen, als wie hier in behaglicher -Friedenszeit eine Uniform spazierenzutragen --.« - -»Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das nicht einsieht, verdient -es nicht, Ihre Gemahlin zu werden!« - -»Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein Leben genau nach ihren -Wünschen regeln, denn ich weiß, wieviel ich ihr zu verdanken habe, und -erachte den Gehorsam gegen sie als meine Schuldigkeit.« - -»Wie edel, wie schön von Ihnen gedacht, Graf!« rief Thea mit -begeistertem Aufblick in sein Auge: »Wie sprechen Sie mir aus der -Seele! Wie billige ich Ihre Denkweise so völlig! Ich kenne zwar Ihre -Frau Mutter nicht, aber nach allem, was ich von ihr hörte, verehre ich -sie höher wie alle andern Frauen und denke es mir als höchstes Glück, -ihr zu Diensten leben zu können! Welch ein sündliches Begehren wäre es, -der einsamen Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entreißen, um -einer nichtigen Eitelkeit willen!« - -Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entzückens zu der Sprecherin -nieder. Die Verehrung für seine Mutter gewann ihr vollends seine -Sympathien, und seine große Harmlosigkeit war weit davon entfernt, -irgendeine Verstellung hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen. - -»O, wenn Fräulein Gabriele doch ebenso denken möchte, wie Sie! -- -Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen nie werden, denn trotz aller -Bravour und aller Reiterstücklein reizt mich der Militärdienst in -Friedenszeiten nicht sonderlich, -- aber ein guter Reiter könnte ich -ihr zuliebe trotzdem werden ...« - -»Es wäre lächerlich, wenn sie es verlangen wollte! -- Reiten lernt ein -jeder Rekrut -- aber ein Segelboot durch Sturm und hohe Flut steuern, -das ist ein Wagnis, ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht -kennt!« - -Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine Augen -strahlten wie verklärt. - -»Also Sie haben Interesse für den Seemann, Gräfin? Sie lieben das Meer -und alle seine Herrlichkeit?...« - -Sie preßte voll Leidenschaft die Hände gegen die Brust, -- die roten -Blüten des Kleiderausschnitts rieselten wie Funken über die nervös -bebenden Finger. - -»Und _ob_ ich sie liebe! -- Noch nie lernte ich das Meer kennen, -Graf, und doch sehne ich mich voll glühenden Verlangens seit Jahren -schon nach seinem Anblick! -- Nicht >Neapel sehen und sterben< -- -seufzt meine Seele, sondern >die See sehen und in ihrem Zauberbann -leben bis zum Ende meiner Tage!< Das ist das Gebet, welches in meinem -Herzen zittert! -- Noch ist es nicht erhört worden, aber ich lasse -nicht nach, zu hoffen und zu harren, -- _einmal_ muß auch mir das -Glück zu Willen sein!« - -Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich so weich, so innig -und aus tiefstem Herzen quellend, in sein Ohr schmeichelten, als höre -er nach wirrem Lärm und Mißgetön wieder traute Klänge aus der Heimat. - -Ganz unwillkürlich rückte er näher an ihre Seite und legte die Hand auf -ihren Arm. »Sie sollen ... Sie werden das Meer sehen, Gräfin ... Sie -müssen zu uns nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in dem -alten Bärennest gefallen, und welch eine Freude für mich, Ihnen das -Meer zeigen zu können!« - -Ja, eine Freude! - -Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, und das Blut stieg -ihm abermals so rot und warm in die Schläfen, wie stets, wenn ein -glückseliger Gedanke ihm das Herz bewegte! - -Und in diesem Moment gaukelte es plötzlich wie ein süßes Traumbild vor -seinen Augen; wenn Gabriele die Hausfrau von Hohen-Esp war, mußte dann -nicht ihre Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen -Glück des jungen Paares zu erfreuen? - -Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen, Thea aber hörte -nur seine Worte und paßte seine Erregung einzig ihnen an. - -Ihr Blick war noch weicher und sehnsüchtiger, ihre Stimme klang noch -jubelnder wie zuvor: »Und ob es mir in der Stille Ihres trauten -Heims gefallen würde?« flüsterte sie. »O, Graf, ich liebe die bunte -Welt mit all ihrem Lärm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine Seele -dürstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher Waldeinsamkeit! O, und -Ihre Frau Mutter! Wie wollte ich bemüht sein, ihr die Tage kurz und -lieb zu machen! Wie würde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches, -hochbeglücktes sein! -- Und dann der Gedanke, von Ihnen, Graf, in die -Wunderwelt des Strandes eingeführt zu werden, mit _Ihren_ Augen die -unendliche Schönheit des Meeres schauen zu lernen, -- mit zitternder -Seele die dräuende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!« - -Sie sprach voll schöner Leidenschaftlichkeit, mit dem einschmeichelnden -Organ, welches sich wie Silberfäden um das Herz strickt, und Guntram -Krafft blickte ihr wie verklärt in die Augen und empfand die Nähe der -kleinen Gräfin noch mehr wie zuvor als Wohltat! -- - -Er wollte antworten, in demselben Augenblick drängte sich jedoch ein -junger Infanterieoffizier durch die Spalier bildenden Damen und Herren -und verneigte sich hastig. - -»Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so gütig waren, mir -zu schenken.« - -Thea erhob sich zögernd. - -»Ah, die Polka! -- Eigentlich dürfte ich nicht mehr tanzen, ich bin -todmüde ...« - -»Das wäre grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka schadet Ihnen -sicher nicht!« - -Die junge Dame lächelte, -- ein wahres Märtyrerlächeln, blickte -zu Guntram Krafft auf und sagte: »So will ich es machen wie die -Schwalben, welche zwar scheiden, aber doch jedesmal versichern: Wir -kehren wieder!« - -»Scharmant gesagt!« applaudierte der kleine Leutnant und bot der -Sprecherin den Arm. - -Gräfin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand den Erbherrn von -Hohen-Esp in sehr eifrigem Gespräch mit einem Ministerialrat, welchem -Guntram Krafft seine Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft für -Schiffbrüchige hier zu wirken, ausgesprochen. - -Der alte Herr hörte voll liebenswürdigen Interesses zu und nannte die -Bemühungen des Grafen sehr anerkennenswert und hochherzig, versicherte -aber, daß er selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun könne -und verwies ihn an eine andere Adresse. - -Das Gespräch drehte sich zu Theas großem Mißvergnügen noch längere -Zeit um lauter sachgemäße Auseinandersetzungen und wollte absolut -nicht wieder in jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der -Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat für die Seefahrer -berge, er sprach mit bewegten Worten von seinen kühnen, zuverlässigen -Schiffern und von ihren redlichen Bemühungen, Hilfe in der Not zu -bringen -- und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuhörte und -begeisterte Bemerkungen einflocht, -- die Spitze ihres zierlichen -Füßchens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig unter dem Kleidersaum, -und das nervöse Spiel mit dem Fächer zeigte es, wie höchst langweilig -ihr diese Unterhaltung war! - -Zu ihrem Ärger kamen auch wieder neue Tänzer, welche sie nicht gut -abweisen konnte, und entführten sie, und der Ball näherte sich seinem -Ende, ohne daß sie die so mühsam errungenen Vorteile bei dem Bären noch -weiter ausnutzen konnte! - -Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange aber die törichte -Schwärmerei für Gabriele noch anhielt, waren ernsthafte Aussichten für -sie ausgeschlossen. - -Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz so unerfahren und -weltfremd, wie sie angenommen! - -Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, daß Menschen von der Liebe -allein nicht leben können, und »daß die Summe immer klein bleibt, wenn -sich nichts mit nichts verbindet!« - -Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden Herrn von Heidler -richtiger wie sie alle und rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß -derselbe durchaus keine Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich -darin gefalle, von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft -angeschwärmt zu werden. - -Daß aber ein Mann mit reellen Absichten stets den Sieg über einen -Courmacher davonträgt, ist eine so alte Tatsache, daß sie selbst in dem -weltfernen Hohen-Esp bekannt sein dürfte. -- - -Thea hatte es längst durchschaut, daß Herr von Heidler viel zu hohe -Ansprüche an die Mitgift seiner Zukünftigen stellte, um sich mit -Gabrieles Vermögen, so ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden -zu erklären; daß dies dem Grafen Hohen-Esp aber möglichst unbekannt -blieb, ja, daß er so radikal wie möglich von seiner Schwärmerei geheilt -werde, das mußte fürerst die größte Sorge der Gräfin sein. - -»Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger Hof, wo wir zu -Ehren der auswärtigen jungen Damen und Herren noch einmal tanzen?« -flüsterte sie zum Abschied zu Guntram Krafft empor. Der folgte just -mit einem seltsam verschleierten Blick dem Fräulein von Sprendlingen, -welche, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, lachend und plaudernd -vorüberschritt. - -»Ich weiß es nicht, Gräfin! Was soll ich da? Es liegen auch so viele -Dinereinladungen für mich im Hotel -- --« - -Was fragte Thea nach denen! - -Junge Mädchen wurden selten, fast nie zu Diners eingeladen, -- außer -auf den Bällen und der Eisbahn hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen -wiederzusehen. - -Sie entfaltete den glitzernden Fächer und winkte ihn näher herzu. - -»Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche sie aus!« flüsterte -sie. »Und abends, während des Balles, teile ich Ihnen mit, was -geschehen muß, um Gabriele für Sie zu interessieren! Ich werde bei -meinem Besuch schon alles tun, um das spröde Herzchen möglichst für Sie -zu erwärmen, -- hoffentlich gelingt es mir, daß sie Ihnen einen Tanz -aufhebt!« - -»O, Gräfin ... wie sollte ich Ihnen das danken?« stammelte er und sah -abermals aus, wie ein Kind, welchem man lockende Märchen erzählt. -»Unter diesen Umständen komme ich natürlich!« - -Sie nickte ihm lächelnd und vertraulich zu und freute sich, daß -ein paar andere junge Damen, darunter auch Lotte, welche den -modernen Parzival für einen Brillant unter Simili erklärt hatte, ihr -Einverständnis mit dem Hohen-Esper sahen. -- - -»Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp. >absitzen<, Graf?« -- -fuhr sie flüsternd fort; »lassen Sie uns besser allsogleich etwas -Bestimmtes verabreden, sonst wandere ich wieder von einem Arm in den -andern und kann Ihnen nichts erzählen!« - -»O, gewiß ... alles, was Gräfin befehlen ...« - -»Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das Souper! Bei Tisch ist -man oft am ungestörtesten! Vergessen Sie es aber nicht! Das Souper -und den ersten Walzer! -- Selbstverständlich trete ich die Tänze an -Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, -- aber _nur_ -an Gabriele, an niemand anders! O, Sie ahnen es nicht, Graf, _wie_ -gut ich es mit Ihnen meine!« - -»Doch, Gräfin! Ich überzeuge mich ja ununterbrochen davon!« antwortete -er mit warmem Dankesblick und erglühte abermals bei dem glückseligen -Gedanken, daß Gabriele mit ihm tanzen könne, bis unter die lockigen -Haare. »Ich vergesse Ihre gütige Zusage gewiß nicht! Wenn Sie derselben -nur eingedenk bleiben möchten!« - -Thea nickte ihm mit reizendem Lächeln zu und drückte seine Hand zum -Abschied, und als Guntram Krafft in dem Wagen saß und nach dem Hotel -fuhr, sah er im Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Gräfin -beinahe deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende Antlitz -Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten bis in den kurzen, -unruhigen Schlaf hinein. -- -- - -Am nächsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp für jene -Angelegenheit zu wirken, welche ihn ursprünglich hierher in die -Residenz geführt. - -Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie der Ministerialrat -gestern abend geraten, für die Anlage einer neuen Rettungsstation zu -interessieren. - -Er mußte lange warten, bis Seine Exzellenz einen Augenblick Zeit -erübrigen konnte, und kaum, daß er ein paar einleitende Worte -gesprochen, lächelt der alte Herr sehr verbindlich und reicht ihm die -Hand. - -»Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber Graf!« sagte -er, »und möchte Ihre und meine Zeit nicht unnötig in Anspruch nehmen. -All diese Angelegenheiten, welche Sie da berühren, sind nicht meine -Sache, -- Sie dürften in erster Linie das zuständige See- oder -Hafenamt interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich werde mich -informieren und Sie allsogleich vor die rechte Schmiede schicken.« - -Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn weiter von Pontius -zu Pilatus, und überall begegnete er viel Liebenswürdigkeit und viel -höflichen Worten, -- nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe. -Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu nehmen und mehr -an eine müßige Spielerei oder ungerechtfertigte Ansprüche zu glauben. - -Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem Grafen saßen, -und welchem er sein Leid betreffs all seiner vergeblichen Bemühungen -klagte, schüttelte lächelnd den Kopf. »Das Hamelwaat ist den Schiffen -so gefährlich? Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer ernsten -Havarie gehört, welche ein Fahrzeug dort erlitten.« - -»Weil wir glücklicherweise stets noch rechtzeitig zur Stelle waren, um -eine solche verhüten zu können!« - -»Wer vollführte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?« - -»Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!« - -»O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung oder -Belohnung vorgeschlagen? Bitte, versäumen Sie das ja nicht, -verehrtester Graf, und zeigen Sie eventuelle Verdienste der Leute bei -dem zuständigen Landratsamt an. Im übrigen aber rate ich Ihnen, die -wackeren Fischer ruhig weiter für ihre Kameraden sorgen zu lassen! -Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und beste. -- Die Gründung -einer neuen Station ist mit sehr vielen Kosten und Umständen verknüpft, -und wo es nicht absolut nötig ist, unterläßt man sie!« -- - -»Aber sie ist absolut nötig!« - -»Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewiß liegt es in dem -Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden Mannes, der Hilflosigkeit -überall, -- nicht nur auf eng bemessenen Strecken, beistehen zu können, -und ich glaube, daß Menschen, die viel oder gar stets an der See -kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, daß noch gar viel geschehen -muß, um all den großen und schwerwiegenden Anforderungen gerecht zu -werden.« - -»Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns!« -- - -»Wie weit ist die nächste Station von Ihnen entfernt?« -- - -»Den Kilometern nach nicht direkt außer der Welt, und dennoch absolut -nutzlos für uns, da sie in dringenden Fällen -- und die sind es zumeist --- nicht erreichbar ist!« - -»Wie dürfte das zu verstehen sein, Herr Graf?« - -»Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten Dünen und -Sandbänken, welche ihre Beschaffenheit beinahe mit jedem hohen -Seegang wechseln, die sehr zuwidern Strömungen, mit welchen gerade in -seiner nächsten Umgebung zu kämpfen ist, machen diese meine kleine -Küstenstrecke besonders gefährlich. Wenn ein Schiff aufläuft, so -geschieht das meist sehr unerwartet und so gewaltig, daß wir, die -beinahe ständig auf der Lauer liegen, um uns nicht überraschen zu -lassen, kaum schnell genug zur Stelle sein können, um das Schlimmste -abzuwenden. Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis von fernher -ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft von keuchenden Rossen durch -Sand und Schlick herangeschleppt wird, ist eine Unmöglichkeit! -- -Wenn ein Schiff tatsächlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum noch -in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft zu bergen, -geschweige das Fahrzeug selber zu retten! Unsere hauptsächliche -Aufmerksamkeit wendet sich daher einer vorbeugenden Hilfeleistung zu. --- Wir leisteten mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir -suchten stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos segelnden -Schiff, welches sich in den Molochsrachen des Hamelwaats treiben ließ, -Warnung und einen Lotsen an Bord zu bringen, welcher ihm half, in -sicherem Fahrwasser seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen -Unfall noch rechtzeitig verhüten konnten, ist die Aufmerksamkeit -der Strandbehörden noch nicht genügend auf die Gefährlichkeit -jener Küstenstrecke gelenkt. Habe ich mich klar und verständlich -ausgesprochen, sehr geehrter Herr? -- Ich bemühte mich, mit -Hintansetzung aller >technischen< Ausdrücke nur möglichst anschaulich -zu reden!« - -»Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen, was Sie bezwecken -und wünschen, und würde mit Freuden der erste sein, welcher Ihre so -uneigennützigen Wünsche möglichst fördert. Aber, aber!!...« und der -Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg. - -»Welch ein >Aber<? -- läßt sich dasselbe nicht durch den guten Willen -überwinden?« - -Immer röter und röter stieg es in Guntram Kraffts Stirn, immer -ungeduldiger blitzte sein Auge. - -»Nein, Herr Graf! Gerade dieses >Aber<, welches man wohl Ihren -Bemühungen als Schranke gegenüberstellen muß, ist das einzigste, -welches sich selbst mit dem besten Willen nicht überwinden läßt --« - -»Ah!?« - -»Ich meine das Geld!« - -Der Bär von Hohen-Esp neigte jäh das erst so stolz und fragend -blickende Antlitz. - -»Das Geld?« wiederholte er mit etwas unsicherer Stimme. »Ich nehme an, -daß die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger über genügende Mittel -verfügt?« - -Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem Versuch zum -Scherzen: »Wollte Gott, dem wäre so! Nein, Herr Graf, da befinden Sie -sich leider in großem Irrtum. Die Ansprüche, welche von Jahr zu Jahr -an diese unvergleichliche, so bienenfleißig arbeitende und schaffende -Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und ständig -wachsenden Not bis ins Ungeheure an, -- während sich doch keine Quelle -erschließt, dementsprechende Mittel neu zuzuführen!« - -»Aber die Sammlungen im Lande?!« - -»Deren Erträge sind so unbedeutend, daß man sich ihrer schämen möchte!« - -»Mein Gott, wie ist das möglich?« - -Abermals ein resigniertes Achselzucken. - -»Man interessiert sich nicht dafür! -- Die paar wenigen Menschen, -welche im Sommer in die Seebäder reisen, der kräftigen Salzluft neue -Kraft und Stärkung verdanken und die wundervolle Poesie des Meeres und -des Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr Scherflein -dazu bei, an dem großen, wichtigen, herrlichen Werk edler Nächstenliebe -zu helfen; aber was will dieser verschwindend kleine Bruchteil im -Gegensatz zu den enormen Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen -erfordern? Die große Menge kennt und liebt die See kaum.« -- - -»Undenkbar! -- Schon aus Patriotismus ist es doch die Pflicht eines -jeden, gerade für die Küste eines Meeres einzustehen, auf welchem -Deutschlands ganze Zukunft ruht!« -- - -»So denken Sie, mein lieber Graf!« - -»Und andere nicht?« -- - -»_Vorläufig_ noch nicht! Wenn unserm deutschen Volk die Augen -aufgehen, wird es auch die Hand öffnen und der heiligsten seiner -Missionen nicht mehr kalt und fremd gegenüberstehen!« - -»Und bis dahin?!« -- - -»Bis dahin müssen wir uns gedulden, hoffen und mutig ausharren, lieber -Graf, und vor allen Dingen bemüht sein, uns nach Kräften selber zu -helfen! -- Haben Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und -opferfreudigster Weise gefördert? -- Lassen Sie es sich auch ferner in -gleicher Weise angelegen sein, das Ihre zu tun. Man wird es Ihnen Dank -wissen!« -- - -»Auf diesen möchte ich lieber verzichten, wie auf das kleinste Zeichen -tatkräftigsten Interesses!« - -»Das läßt sich nicht erzwingen.« - -»Gott sei es geklagt.« - -Das Gesicht des jungen Mannes sah blaß und finster aus, und da die -Tafel just beendet war, erhob er sich, um sich zu verabschieden. - -Noch ein paar sehr höfliche Redensarten, Worte der Anerkennung und -des Dankes für die warme Teilnahme, welche der Graf dem Rettungswesen -entgegenbringe -- und dann schloß sich die Tür hinter ihm. - -In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft nach seinem Zimmer -empor. - -Ein Gefühl großer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit wollte ihn -überkommen. - -Seine liebsten, schönsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen, und sein -Herz, welches voll so heißer, wahrer Begeisterung für die gute Sache -schlug, blutete aus der Wunde, welche Gleichgültigkeit und der Mangel -an echter Nächstenliebe ihm geschlagen. - -Man interessiert sich im Binnenland nicht für die See? -- Gott verhüte -es, du deutsches Volk, daß nicht ein eisenklirrender Sturmwind -daherrast und dich mit eherner Faust aus dem Schlafe rüttelt! -- - - * * * * * - - - - -XV. - - -Gräfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht gehabt. - -Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den Kissen gelegen und -überlegt, auf welche Weise sie mit einem einzigen geschickten Schachzug -die Königin Gabriele matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel -hervorgehen könne. - -Daß Guntram Krafft ein Mann war, welcher überlegte, hatte sie bereits -bemerkt. - -Seine aufflammende Liebe für Gabriele war bereits so stark, daß er auf -Einflüsterungen nichts mehr gab -- das hatte sie erfahren, als die ihm -so geschickt beigebrachte Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine -Folge hatte, daß der Graf sich bei dem Souper an ihre Seite setzte und -sich doppelt zu bemühen schien, den Nebenbuhler rechtzeitig aus dem -Sattel zu heben. - -Der »weltfremde« Parzival war gar nicht so unerfahren, wie sie annahm, -er hatte zu viel Bücher gelesen und wußte ganz genau, wie schwer ein -reicher Freier gegen einen mittellosen Courmacher in die Wagschale -fällt. - -Er mußte durch ein drastischeres Mittel überzeugt werden, um sein -Rennen aufzugeben. - -Gabriele selber war eine Närrin und fanatisch genug, den Erben -von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu opfern, -- bis jetzt sah -es tatsächlich aus, als ob sie nicht gewillt sei, Theas Pläne zu -durchkreuzen, wenn dieses abstoßende Wesen nicht doch die berechnendste -Koketterie war, um den naiven Parzival auf das äußerste zu reizen und -desto sicherer zu gewinnen. - -Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele als wahrheitliebend -und aufrichtig kennengelernt. - -Sie war ein spröder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, viel zu -aufbrausend und heftig, um berechnend handeln zu können, viel zu ideal -beanlagt und in ihre törichten Schwärmereien verrannt, um aus schnöder -Gewinnsucht ihre Überzeugung aufgeben zu können! - -Thea lacht ironisch auf. - -»Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und eine Hütte!« das genügt -dem Fräulein von Sprendlingen, aber die Mutter! -- die müßte eben keine -Mutter sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen über der Tochter -wachte und die Torheiten derselben mit allen Mitteln korrigierte! - -Mit welch auffallender Liebenswürdigkeit begegnete sie dem Bären von -Hohen-Esp! - -Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu verwischen, -welchen die rücksichtslose Tochter gemacht! - -Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama gar nicht mit, denn sie -sucht eine gute Partie für die Tochter. - -Man sagt zwar, daß Sprendlingens recht vermögend seien, -- freilich -tauchen auch oft Gerüchte auf, daß sie sehr über ihre Verhältnisse -gelebt und bei einem jüngst erfolgten Börsenkrach ganz bedeutend -verloren haben sollen. - -Dieses Gerücht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, aus seiner -Courmacherei Ernst zu machen und sich zu erklären, denn der -schneidige Dragoner ist das verkörperte Rechenexempel und wird seine -begehrenswerte Hand nur zum höchsten Angebot losschlagen. - -Aber selbst in dem Falle, daß die bösen Gerüchte nur auf Verleumdung -beruhen, sind wenig Aussichten bei den Eltern seiner Angebeteten. - -Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hübsch, zu jung und -lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf ein Vermögen und mit -demselben auf die gesellschaftliche Rolle zu verzichten, welche sie -trotz der erwachsenen Gabriele noch immer spielt. - -Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das weiß auch der -pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau so gut, wie seine -gefeierte Gattin. - -Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine vorzügliche -Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und hat nie Anlage zur -Selbstkasteiung und niemals Sinn für eine strenge Pönitenz gehabt! Auch -er zieht den reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor. - -Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mißzuverstehender Weise -abgewinkt wird, wenn die Mutter das Ohr und Herz des Töchterleins -dauernd und wirksam bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer -der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend gegenüberstehen wie -jetzt? -- - -Thea beißt die scharfen, weißen Zähnchen in die Lippe und atmet schwer -auf. - -Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umständen ankommen lassen! - -Sie muß die Fäden endgültig zerschneiden, ehe ein Netz daraus -geflochten werden kann! - -Aber wie? -- - -Nur etwas ganz Überzeugendes, Augenscheinliches wird bei dem verliebten -Bären von entscheidender Wirkung sein. - -Und wie Thea die ungeduldig zuckenden Hände gegen die Schläfen preßt -und über das »was« und »wie« grübelt, da durchfährt sie plötzlich ein -Gedanke und jagt ihr heiße Glut in die Schläfen. - -Gabrieles Zettel! - -Jener Zettel, welchen das törichte, selbstbewußte Backfischchen vor -Jahren geschrieben, der Zettel, auf welchem sie erklärt, nun und nimmer -den Grafen von Hohen-Esp heiraten zu wollen! - -In fliegender Hast entzündet Thea das Licht, wirft ihr Morgenkleid über -und eilt an den Schreibtisch im Nebenzimmer. - -Wie war es möglich, daß sie diesen kostbaren, unersetzlichen Zettel -vergessen konnte! -- - -Nein -- vergessen hatte sie ihn nicht ... sie hatte ihn ja schon damals -sorgsam aufbewahrt in dem Gedanken, daß er ihr einmal nützen könne -... Aber jetzt ... sie dachte nicht, daß sie ihn schon jetzt, so bald -als schwerwiegendste Waffe gegen die Nebenbuhlerin ins Treffen führen -werde! -- - -Besitzt sie ihn überhaupt noch? - -Hat vielleicht ein tückischer Zufall ihn durch ihre Finger geblasen? -- - -Mit bebenden Händen durchwühlt Thea den Inhalt der Schublade, das -Licht flackert und wirft rötlich zuckenden Schein über ihr blasses, -aufgeregtes Gesicht. - -Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle Raritäten aus -ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw. enthält. - -In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles verwahrt! - -Die dünnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen Nägeln streuen -achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen und Tanzkarten, die -Haarlocken und Stammbuchverse auseinander. - -Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Blättern einer -ausgeschriebenen Rolle, »Die Gouvernante«, von Körner, liegt das -Gesuchte! Theas Augen leuchten auf, sie faßt den Zettel fest, so -krampfhaft fest, als fürchte sie, er könne ihr noch jetzt entrissen -werden, wirft den vergilbten Kram hastig in die Schublade zurück und -eilt auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe fröstelnd in das -Schlafzimmer zurück. - -Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit brennendem Blick auf -die noch sehr deutliche Bleistiftschrift hernieder. - -Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie hat die Zeilen -gewissermaßen an Thea gerichtet. - -Der Inhalt ist überraschend gut. - -Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim besten Willen nicht -gedacht werden. - -O, er wird Eindruck machen! - -Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen, schwärmerischen -Augen blitzen Triumph und hämische Freude. - -Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschnörkeln hat Gabriele das große -Los durchgestrichen, welches ein gütiges Schicksal ihr so verführerisch -präsentierte. - -Die Herrschaft Walsleben, -- Hohen-Esp, -- eine Grafenkrone und ein -bildschöner, ritterlicher Mann -- dies alles zerrinnt wie Rauch und -Nebel vor diesem winzigen Blättchen Papier, welches ein arrogantes -kleines Fräulein sich selber zum Urteil schrieb. - -Nun liegt es wie ein unüberwindliches Hindernis vor ihr auf dem Weg zu -Glück, Reichtum und Rang, und eine andere kommt und nimmt Besitz davon. - -Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas Stirn, dann ist sie -einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift. - -Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht er den -Erfolg. - -Gräfin Sevarille dehnt die Arme und schließt mit wohligem Lächeln die -Augen. - -Sie spielt ein Hazard um den Coeur-König, und schon morgen abend wird -sie »=va banque=« sagen! -- - - * * * * * - -Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes Haus. - -Man nennt es scherzweise »den russischen Krug« oder »die Petersburger -Ausspanne«, weil es noch an die Zeit erinnert, wo die altehrwürdigen -Kaleschen vor dem Dorfkrug Station machten, um die Pferde zu wechseln! - -Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist andererseits -auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, welche ihre -Marmorsäulen und Palmengruppen in elektrischem Licht spiegeln, -- es -hat schöne, einfache Räume, solide Preise, eine vorzügliche Küche -und die beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor die -Sitte, daß nach jedem Hofball eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg -stattfindet, eine Art Kavalierball, welcher sehr beliebt und viel -besucht ist. - -Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag noch in die -ausliegende Liste für die auswärtigen Herrschaften eingetragen, -und er war auch schon als einer der ersten zur Stelle, als die -Wagen heranrollten und all jene zauberhaft holden Frauen- und -Mädchengestalten des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in den -Empfangsräumen zusammenströmten. Fräulein von Sprendlingen ließ, wie -stets, sehr lange auf sich warten. - -»Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefüllt mitgenommen!« -sagte einer der Herren zu einer jungen Dame, welche nach ihr fragte: -»Warum soll sie sich da die Füße hier wund stehen? Auch Ballköniginnen -pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzählig -versammelte.« - -Thea schwebte in einer rosa Tüllwoge in den Saal und winkte dem -Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem Lächeln zu. Sie ward -von Tänzern umringt, mußte die älteren Damen begrüßen und mit den -jüngeren ein wenig plaudern, so daß schon die ersten Walzerklänge durch -den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten Abend sagen und sie daran -erinnern konnte, daß sie die Güte gehabt, ihm schon gestern zwei Tänze -zuzusichern. - -Sie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte leise: - -»Wie sollte ich diese Tänze vergessen! gerade auf Sie freue ich mich ja -am meisten!« - -Guntram Krafft ward dunkelrot und drückte die schlanken Fingerchen -aufgeregt zwischen den seinen. - -Thea freute sich auf die Tänze? Nun, dann hat sie ihm sicher etwas -recht Angenehmes mitzuteilen! - -Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen Diwan mit ihr -niedersetzen, wie dies auf dem Hofball der Fall gewesen; da aber am -heutigen Abend sehr viel flotter getanzt zu werden schien, war es der -vielen Extratouren wegen nicht möglich. Das sagten ihm schon etliche -junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben auch begrüßt -hatte. - -Gestern war der Tanz Nebensache. - -Ein Hofball ist mehr eine glänzende Schaustellung, eine Parade, bei -welcher nicht die Pickelhauben und Säbel, sondern die schönen Augen der -Frauen blitzen, ein großes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung, -Prunk und Schönheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und seinem -erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden. - -Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der Tanz nur ganz -verschwindend seine goldenen Linien zieht; eine Nachfeier im Hotel -St. Petersburg jedoch ist das schöne Recht der Jugend, wo sie alles -nachholen will, was ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkümmert -hatte. - -Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram Krafft wandte kaum -einen Blick von der Tür. - -Er stand, in Wahrheit eines Hauptes länger denn alles übrige Volk, -nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger Sehnsucht jener Einzigen -entgegen, welche trotz ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine -Gedanken wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt. - -Er hatte einmal in dem Bücherschrank seiner Mutter ein Gedichtbuch -gefunden, welches er heimlich mit an den Strand nahm und, in dem -knisternden Riedgras liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche -ihn ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten von einer Rose -»an Dornen ach nur allzu reich!« von der hieß es: - - »Viel andre Blumen sah ich blühen - Und sie zu pflücken hab ich Wahl -- - Doch immer treibt mich inneres Glühen - Zur Rose, zur geliebten Qual! - Ich schlürf' aus ihres Kelches Bronnen - Den Wonnentau, den süßen Schmerz - Und drücke sie samt allen Dornen - Vor Wollust an mein leidend Herz!« - -Dieses Gedicht kam ihm plötzlich in die Erinnerung, und was ihm ehemals -so unverständlich schien, das begriff er jetzt. - -Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die dornenreichste aller -Rosen, welcher er im Leben begegnet war? - -Warum gefiel ihm Gräfin Thea in all ihrer anmutigen Liebenswürdigkeit -nicht tausendmal besser? - -Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld jener Schönsten -entgegen, welche die einzige im Saal war, die für ihn kaum einen Blick, -kaum einen Gruß hatte? Und je länger sie zögert, zu erscheinen, desto -unruhiger hämmert das Herz in seiner Brust. - -Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint sich nicht viel Sorge -um das Zögern seiner Herzenskönigin zu machen. Er tanzt bereits sehr -flott mit der Tochter des Divisionärs, seines Obersten, mit der Nichte -des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof präsentierten Enkelin -des Ministers. - -Ein überschlankes Püppchen, mit trotz ihrer Jugend schon recht -blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man erzählte sich aber heute -morgen im Hotel, wo verschiedene Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts -frühstückten, daß Fräulein Henny ein goldenes Kälbchen sei, um welches -wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen werde, -- ein Tanz, welcher -in diesem Fall wohl nur dem Götzen Gold huldige. -- - -Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmäht es nicht, in -Abwesenheit seiner angebeteten Gabriele mit recht zündenden Blicken in -das spitze, sommersprossige Gesichtchen zu sehen. - -Schon der zweite Tanz näherte sich dem Ende, und noch immer ist Fräulein -von Sprendlingen nicht erschienen. - -Auch Thea fällt es auf. - -»Wo steckt denn Gabriele?« fragte sie einen der Vortänzer: »Hat sie etwa -abgesagt?« - -»Leider! leider!« dienert der Vielbeschäftigte, »noch in letzter Stunde -...« - -»Undenkbar, aus welchem Grunde?« ... - -Der Gefragte zuckte die Achseln. - -»_Nur_ mündliche Bestellung!... Durch plötzliche Krankheit verhindert! -Möglicherweise hat das gnädige Fräulein gestern doch zu viel getanzt! -Einige zwanzig Kotillonsträuße! Das ist eine Anforderung, welche kaum -große Füße leisten können, geschweige eine solche Miniaturausgabe, wie -die des Fräulein von Sprendlingen!« - -Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugehört. - -Gabriele krank? - -Günstiger konnte es sich für ihre Pläne ja kaum treffen! - -Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an, dann schreibt man mit -Bleistift auf kleine Zettel, -- das muß doch selbst dem Argwöhnischsten -einleuchten! - -Gräfin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der Triumph, die Genugtuung -blitzen aus ihren Augen. - -Ein französisches Sprichwort sagt: »Der Abwesende hat immer Unrecht!« -Auch Gabriele, die Rivalin, wird geschlagen werden, während sie fernab -von dem Schlachtfeld weilt! - -Ist es nicht ganz auffällig, wie sich das Interesse des Grafen schon -jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin zuwendet? - -Wie innig drückte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst errötete er -bei ihren Worten -- wahrlich ein moderner Parzival, ein Kinderherz ohne -Arg und Falsch, ebenso leicht durch ein paar Zuckerplätzchen gewonnen, -wie ein solches! - -Und hoffentlich auch ebenso leicht getröstet, wenn ein hübsches, buntes -Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen trug, aus seinen Händen -gewunden wird. Man gibt ihm dafür ein anderes ... und es wird sich -zufrieden geben und sich artig dem Willen derjenigen fügen, welche so -sehr, sehr viel klüger und weltgewandter ist wie das große Kind aus dem -Strandschloß. - -Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen, ehe sie den großen -Trumpf ausspielte; nachdem sie aber die köstliche Nachricht erhalten, -daß Gabriele krank sei, hielt sie nicht länger zurück, sie brannte -darauf, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß war. Geschmeidig wie -ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch die Plaudernden und -stand im nächsten Augenblick vor dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr -bereits voll fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen -Posten an der Tür verließ, um Gräfin Sevarille den Arm zu bieten. - -»Jetzt kommt unser Tanz, Gräfin, nicht wahr?« fragte er hastig. - -Sie lachte und legte das Händchen mit allen Zeichen großer Erschöpfung -auf seinen Arm. »Nein, Gott sei Dank, noch kommt er _nicht_, Graf! -- -Ich bin halb tot! Ich muß mich erst eine Weile ausruhen, und darum will -ich vor dem nächsten Galopp flüchten und biete ein Königreich für einen -Sessel!« - -»In des Waldes tiefste Gründe flüchtete die Seherin!« rezitierte ein -ganz junger Offizier und trat lachend zur Seite, während Guntram Krafft -sehr ernst und eifrig nickte. - -»Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Gräfin, es wird Ihnen -schaden!« sagte er und wandte sich nach einem Nebenzimmer, an dessen -Spiegelwänden nur eine Reihe von Wiener Stühlen stand: »Kommen Sie -bitte hier herein! -- Es ist kühl und menschenleer!« - -Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren zu einem L'hombre -zusammengesetzt; sie blickten flüchtig auf, ließen sich aber nicht -stören, als die jungen Leute entfernt von ihnen, in der Fensterecke, -Platz nahmen. - -Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr graziös und so matt wie -ein rosa Wölkchen in der Sommerhitze auf einen der Stühle niedersank. - -»Wo bleibt Fräulein von Sprendlingen?« fragte er ohne jedwede -Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungestüm auf die Lippen drängten. - -»Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!« - -»Krank?! -- Mein Gott, was fehlt ihr?« - -Thea zuckte mit umwölkter Stirn die Achseln. »Vielleicht erkältet ... -vielleicht auch nicht. Herzlose Mädchen kokettieren ja oft nur eine -Indisposition, um sich rar und interessant zu machen!« - -»Herzlose Mädchen ... kokettieren ...?«.., stammelte Guntram Krafft -beinahe erschrocken. »Urteilen Sie _so_ über Ihre Freundin?« - -Thea blickte ihn seltsam an, -- so warm, so innig und traurig, daß ihm -abermals das Blut in die Wangen schoß. - -»Setzen Sie sich zu mir, Graf!« hauchte sie weich, entfaltete den Fächer -und blickte tief aufatmend auf seine gemalten Narzissen nieder. - -»Graf ...!« - -Er starrte sie momentan an. »Warum sprechen Sie nicht weiter, Gräfin?« - -»Wollen Sie es durchaus, daß ich von Gabriele spreche?« - -»Und wollen Sie es durchaus _nicht_?« - -Sie seufzte: »Ich möchte Ihnen so gern alles Unangenehme ersparen! Ich -meine es gut mit Ihnen, Graf, und bin auf Gabriele so sehr ... so -ernstlich böse!« - -Er hatte nur die ersten Worte gehört und zuckte unmerklich zusammen. - -»Ich höre lieber Unangenehmes, wie gar nichts!« sagte er leise. »Und Sie -sind so gut und rücksichtsvoll zu mir, Gräfin, daß aus Ihrem Munde -sicherlich auch das Schlimmste noch erträglich klingt!« - -Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher Trauer, daß es -ihm ganz wundersam zumute ward. - -»Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerhört Beleidigendes sagte, eher -bisse ich mir die Zunge ab!« sagte sie erregt. »Ich finde meine Mission -sowieso trostlos genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie -wahrlich glücklich sein! Hätte es mir Gabriele nicht _schriftlich_ -gegeben, ich würde nie ...« - -Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen, jetzt hob er jäh das -Haupt und unterbrach sie. - -»_Schriftlich_ gegeben?« wiederholte er erstaunt. - -Sie zog ein Notizbüchlein aus dem Kleid und entnahm ihm einen Zettel, -zog denselben jedoch hastig zurück, als Guntram Krafft mit allen Zeichen -großer Erregung danach greifen wollte. - -»Halt, Graf! Wenn ich Ihnen _diesen_ Zettel zeige, begehe ich eine große -Indiskretion an Gabriele, und ich tue es nur, weil Sie mich gestern zu -einer gewissen Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich -nicht, ich leide unsäglich unter der Rolle einer Vertrauten, welche Sie -mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal nicht so außerordentlich -interessierte, und wenn ich es nicht für meine heilige Pflicht hielte, -Ihnen als guter Engel rechtzeitig die Augen zu öffnen, so würde dieser -Zettel längst ein Raub der Flammen sein!« -- - -»Gräfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich lesen ...« - -»Nur unter einer Bedingung ...« - -»Ich gelobe alles, was Sie verlangen!« - -»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwören Sie es mir bei allem, was Ihnen -heilig ist, daß _nie_ ein Mensch, Gabriele selber am allerwenigsten -- -jemals es erfährt, wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu -zeigen! Sie geloben mir strengste Diskretion?« - -»Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!« Er bot ihr mit seinem -offenen, grundehrlichen Blick die Hand entgegen, und Thea schlug ein. - -»Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rückhaltloses Vertrauen zu Ihnen, Graf! -Und nun lassen Sie mich erst erzählen, wie ich zu diesem Zettel kam!« - -»Ich bitte darum!« - -»Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fräulein von -Sprendlingen über Sie hege, und was Sie eventuell tun könnten, um sich -ihre Sympathien zu erwerben!« Thea sprach schnell und leise, ihre -schlanken Finger hielten den Zettel zwischen den rosa Tüllwogen auf -ihrem Schoß. -- »Ich wollte ihr demzufolge gestern morgen einen Besuch -machen, um sie ein wenig auszuforschen, wurde aber nicht angenommen, -weil das gnädige Fräulein um zwölf Uhr noch nicht aufgestanden war!! -- -Um zwölf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich scheinen wie mir! Aber -Gabriele ist ja das verkörperte Großstadtleben: die Nächte durchwachen, -die Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, welche nun -einmal nicht für ländliche Verhältnisse geboren sind!« - -»O, wie schade, daß Sie die Freundin nicht sehen konnten!« -- Er strich -mit der Hand über die Stirn, seine Stimme bebte vor Ungeduld. - -»Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich. -- Wahrlich, -Graf, ich habe es sehr diskret angefangen und begreife nicht, wie -Gabriele sogleich an Heiraten denken konnte, aber derart verwöhnte -Mädchen wie sie wittern ja überall einen Heiratsantrag; selbst aus -meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele einen neuen Sturm auf -ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen heraus. Hier, lesen Sie selber, -in welch unerhört beleidigender Weise sie mir antwortet!« - -Die Sprecherin reichte brüsk den Zettel dar, und Guntram Krafft nahm ihn -und neigte das Haupt tief darauf hernieder. - -Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie sah, wie es -erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos auf den Zeilen ruhte. -Regungslos saß Graf Hohen-Esp, -- sein Atem ging schwer, und der Zettel -schwankte momentan in seiner Hand. -- - -Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise und zart ihre Hand -auf seinen Arm. - -»O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie verletzten! O, wie -beklage ich es, wie sehr bereue ich es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!« - -Er schüttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die -Brusttasche. - -Thea griff hastig danach. - -»O, geben Sie zurück, Graf ...« - -»Unbesorgt, Gräfin, das Papier ist gut aufgehoben, -- ich habe Ihnen ja -Diskretion gelobt. Aber ich bitte Sie, mir den Zettel zu eigen zu -lassen.« - -Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und Thea verschlang mit -leiser Klage die Hände. - -»Graf ... zürnen Sie auch _mir_?« - -Er blickte sie fragend an. »Zürnen? Ich zürne weder der Schreiberin noch -Ihnen. Daß Fräulein von Sprendlingen sich nur für einen Helden -begeistern kann und mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht -imponiere, ist Geschmackssache, -- dagegen läßt sich nicht streiten.« - -»Aber daß sie es so beleidigend ausdrückt, das verzeihe ich ihr nie!« - -»Sie ahnte ja nicht, daß ich diese Worte lesen würde, und warum sollte -sie Ihnen gegenüber in meinem Interesse rücksichtsvoll sein? Je klarer -und deutlicher sie sich ausdrückte, desto sicherer war sie, richtig -verstanden zu werden!« - -Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt sank noch tiefer -zur Brust. - -»Graf!« - -Er schrak empor. »Ich danke Ihnen, Gräfin, daß Sie mir jetzt schon -erfahren ließen, was mir später wohl noch schwerer angekommen wäre. Ich -weiß, daß Sie mir gewiß lieber einen freundlichen Gruß überbracht -hätten. Sie haben sich meiner so gütig angenommen, obwohl Ihnen mein -Benehmen gewiß äußerst eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier, --- ich kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie es mir just -in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie diese traurige kleine Episode.« - -»Ich soll sie vergessen?« -- Thea neigte sich vor und sah ihm voll -rührender Innigkeit in die Augen: »Nein, Graf, _Sie_ sollen -vergessen, und zwar so schnell und so gründlich wie möglich! Blühen -nicht so viele andere holde Blumen um Sie her? Warum muß es gerade -die Königin Rose sein, welche an Ihrer Brust blühen soll? Glauben Sie -mir, Graf, es ist eine traurige Tatsache, daß die schönsten Mädchen -nicht immer die besten sind! Sie werden verwöhnt, eitel, egoistisch und -tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen und urteilen -herzlos und oberflächlich ...« - -Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben Sie mir nicht -den Glauben an die Schönheit, Gräfin!« sagte er weich. »Wer sein -Leben lang im Banne eines holden Märchens gestanden, findet sich so -schwer mit der herben Wahrheit ab! -- Schön und gut war bislang ein -unzertrennlicher Begriff für mich, -- -- und warum soll ein Weib, -welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein? --- Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint -angekündigt zu sein, -- die alten Herren verlassen den Spieltisch!« - -Thea erhob sich, -- das ironische Lächeln, welches um ihre Lippen -spielte und welches der beinahe lächerlichen Sanftmut ihres -schwärmerischen Partners galt, verlor sich. - -»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken -bringen, und wenn die Flöten und Geigen wieder erklingen, wollen wir -jedwedem Mißgeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und -dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten -übertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges -Herz zu trösten und zu erheitern! =Carpe diem=!« - -Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür trat und winkte, zu, -hing sich wie ein rosiges Flöckchen an den Arm ihres bärenhaften -Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum -Souper. - - * * * * * - - - - -XVI. - - -So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und -amüsant war seine Nachbarin. - -Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea -beobachtete es voll Genugtuung, daß Guntram Krafft energisch seine -Mißstimmung bezwang und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas -gesprächiger wurde. - -Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und -die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwärmerisches Entzücken -einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie -heiße Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische Dinge -zu befragen und seinen Bemühungen, die Damen und Herren für das -Rettungswesen Schiffbrüchiger zu interessieren, ein lebhaftes -Verständnis entgegenbrachte, da bemächtigte sich seiner sogar eine -gewisse freudige Erregung, welche für den Augenblick die Schatten von -seiner Stirn scheuchte. - -Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu -übermütig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer -Geste: »Es ist seltsam, daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und -Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all ihren drohenden -Gefahren, ihrem >Seemann in Not< und ihrer schauerlich-schönen -Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine -Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für -sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie -eine Schiffskatastrophe. Für die Waisenkinder, das Blindenasyl und -Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber -eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen -entreißen und manch unglücklichen Schiffer von seinem Wrack einholen -möchte, für die findet sich kaum eine offene Hand!« -- - -»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am -Strand!« nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen -Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm -mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis zurück: -»Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte -bemüht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in -vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den -Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe -not! Hier trägt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich -die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit zu ehren, gründen -Schiller- und Bismarckvereine -- und denken so wenig an die Zukunft -ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben -sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, haben das Schiff ->Frauenlob< von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß -selbst die kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht und -Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist -- mit wenigen Ausnahmen -- -so gut wie gar kein Interesse für die dringende Not an der Küste -vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen -Füßen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über das tragische -Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger Hilfeschrei durch das Land -hallte!« - -Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in -seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den -ungewandten, tolpatschigen Bären von Hohen-Esp erinnerte! - -Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum Schluß die etwas -ängstliche Frage laut werden: »Wer soll aber so etwas in die Hand -nehmen?« - -Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: »Das ist -ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die -Sache nicht von maßgebender Seite angeregt wird!« - -Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts. - -»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« sagte er beinahe -verächtlich, »und ich fürchte, ich werde sie noch mehrfach hören müssen. -Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil -keiner den Anfang machen will. Warum >von maßgebender Seite?< Dies ist -die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn -jeder einzelne und jede einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« -- - -Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, welchen das -Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch -der Tafel verursachten -- der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte -sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen. - -Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie -versicherte, daß sie noch mehr über dieses Thema hören müsse, welches -ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, -- der -Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam -verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem ehedem so -linkischen, bei jedem Wort errötenden Jüngling, welchen die Spottlust -der Großstädter den modernen Parzival genannt. - -Er neigte flüchtig den Kopf. - -»Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, daß ich Ihnen einen -zuverlässigeren Tänzer besorge!« - -»O nicht doch -- ich möchte tausendmal lieber mit Ihnen plaudern, Graf! -Jener Platz am Fenster dort ist so gemütlich ...« - -Er schien ihre Worte zu überhören, wandte sich zu einem seiner -Tischnachbarn, welcher keine Dame geführt hatte, und bat ihn, bei -Komtesse Sevarille zum Tischwalzer für ihn einzutreten, da er nicht -tanze. - -»Selbstverständlich, mit größtem Vergnügen!« versicherte der Angeredete, -nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt gemustert hatte, verneigte sich -vor der jungen Dame und flog auf wiegenden Klängen mit Thea davon. - -Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt dem Ausgang zu. - -Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden müsse oder nicht; es -gingen verschiedene Damen und Herren schon jetzt nach dem Souper. So -ging auch er, nahm hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, stürmische -Winternacht hinaus. - -Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfüllt, nun hielt ihn nichts -mehr. Wie ein Verdürstender atmete er die klare, kalte Luft, -- sein -gequältes Herz hämmerte in der Brust, und seine Augen brannten so heiß, -als glühten ungeweinte Tränen darin. Welch eine Beherrschung hatte die -letzte Stunde von ihm verlangt! - -Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute wie einem Menschen, -welchem das Glück jählings aus den Händen gleitet und in Scherben -zerbricht. - -Es war der erste große, leidenschaftliche Schmerz, welcher sein Herz -traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich wehe Wunde, welche ihm -geschlagen ward. - -Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte als den stillen -Frieden der Heimat, als die Treue, Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen, -sie lernte zum erstenmal alle Bitterkeit einer Enttäuschung, alle Qual -einer hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen. - -Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, wie verzehrendes -Feuer glühte ihm das Leid im Herzen. - -Jetzt erst, nachdem er Gabriele für immer verloren, begriff er es, wie -voll, wie ganz und innig er sein Herz an sie gehängt hatte. So auf den -ersten Blick! -- - -So gläubig und vertrauend wie ein Kind, welches die Schönheit in seinem -Märchenbuch liebgewonnen und voll sehnenden Entzückens die Arme nach ihr -ausbreitet, wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein -schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all dem friedlichen -Glück vergangener Jahre! -- - -Dazu kam die herbe Enttäuschung, welche er in der Angelegenheit seiner -ersehnten Rettungsstation erfahren. - -Dieser Mißerfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrückendes für ihn -und trug auch noch dazu bei, seine Stimmung zu verdüstern. - -Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und Leben, wie er ihn -zuvor kaum geahnt, überkam ihn plötzlich. - -Die Luft in dem Ballsaal war so schwül, so heiß gewesen, die Menschen so -ungewohnt, die Musik so schrill und laut. - -Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, und der -Wind sauste ihm so frisch und gewaltig entgegen, wie ein alter, treuer -Freund, welcher in toller Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn -reißt und schüttelt und ungestüm ruft: »Wo bleibst du so lange? Komm -heim! Komm heim!« - -Und über ihm das kahle Gezweig knarrt und greint wie Rahe und Segel ... -und die fernen Wipfel rauschen wie brandende See ... - -Da überkommt ihn ein wildes, unbändiges Heimweh! Ein übermächtiges -Sehnen nach der stillen Heimat, nach allem, was er liebt und was auch -ihm in treuer, schlichter Liebe ergeben ist! - -Guntram Krafft breitet jählings die Arme aus und stöhnt aus tief -verwundetem Herzen: »Heim! -- ja, ich will heim! -- Was soll ich noch -hier? Meines Schicksals Würfel sind gefallen. Ich bin kein Held! -- Nie -und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken ... was hält mich -noch hier?« - -Und er stürmt mit hämmernden Pulsen in das Hotel und kündet dem äußerst -betroffenen Anton an, daß er die Koffer packen solle, -- am nächsten -Tage kehre er nach Hohen-Esp zurück. - -»Herr Graf!« stottert der alte Mann mit sorgenvoll prüfendem Blick in -das verstörte Gesicht seines Herrn: »Was wird Ihre Gnaden, die Frau -Gräfin sagen?« - -»Gleichviel. -- Ich reise heim.« - -Anton hört es dem halberstickten Klang der Stimme an, hier gibt es kein -Widersprechen. Was mag geschehen sein? - -Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, -- es ist allein der Ärger über die -Mißerfolge bei dem Minister und Geheimen Rat, -- der Graf sprach ihm ja -selber davon, wie wenig Verständnis und Teilnahme er für sein Projekt -finde. - -Man nimmt den Bären von Hohen-Esp nicht ernst, man legt den Worten und -Wünschen des verbauerten Krautjunkers keinen Wert bei! - -»Haben der Herr Graf daran gedacht, daß wir zuvor Abschiedsbesuche -machen müssen?« - -»Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. Wir werfen nur -Karten ab; einzig bei der Gräfin Sevarille wünsche ich gemeldet zu sein. -Ich werde jetzt noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.« - -Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und tritt mit umwölkter -Stirn in das Nebenzimmer. - -Dort sitzt er und erledigt voll nervöser Hast die Einladungen. - -Es ist schon spät in der Nacht, -- Anton lugt besorgt durch die Tür. - -Da sieht er Guntram Krafft über einen kleinen zerknitterten Zettel -geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, wie bei einem Kranken. -»Wollen Herr Graf nicht zur Ruhe gehen?« - -Er schrickt empor, streicht langsam über die Stirn und nickt. - -»Du hast recht, -- ich gehe.« - -Er ging -- aber den Zettel nahm er mit sich. -- -- -- - -Am nächsten Morgen wurden in großer Eile die Besuche abgefahren. - -Da es eine ungewöhnlich frühe Stunde war, nahm Gräfin Sevarille noch -keine Besuche an. - -»Frau Gräfin sind bei der Toilette, und Komtesse schlafen noch.« - -Guntram Krafft nickte. »Weiter!« befahl er kurz. -- - -In seiner großen Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen Augenblick auf, -daß Gräfin Thea ebenso großstädtisch lange schlief, wie ihre Freundin -Gabriele, -- und sie hatte das doch gestern abend noch so scharf -verurteilt. Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! -- Er stirbt vor Sehnsucht -nach der Heimat. - -Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und fährt in den kalten, nebligen -Wintermorgen hinein, und als die Häuser und Türme der Stadt hinter dem -modernen Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erlöst von einer -unseligen Last. -- - -Da wird es allmählich wieder still und ruhig in seinem Herzen, -- und -als er endlich im Schlitten sitzt und durch die heimatlichen Wälder -dahinjagt, als er mit aufleuchtendem Blick und weitgeöffneten Armen das -bleigrau rollende Meer begrüßt ... da schaut er plötzlich um sich, wie -ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht, wie ein Mensch, welchen -ein böser, quälender Traum befangen hielt. - - * * * * * - -Gräfin Thea war nie so aufgeregt, so übellaunig und nervös von einem -Balle heimgekehrt, wie von dem Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg. - -Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren Händen riß sie den -Kranz aus ihrem Haar. -- - -Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig, ohne ein Wort des -Abschieds verlassen? -- - -Wohin ging er? -- - -Wird er tatsächlich verschwiegen sein? - -Hat sie vielleicht zu kühn gehandelt? Sprach sie zu unbedacht die -Unwahrheit und grub sich selber eine Grube? -- - -Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der Hohen-Esper vielleicht -schon nähere Beziehungen zu Gabriele hatte, als sie ahnte? -- Wenn Frau -von Sprendlingen des Grafen Bewerbung unterstützt hatte? -- - -Theas Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen. - -Er war so seltsam verändert, als er den Zettel gelesen, -- auch gegen -sie verändert, kühl, zerstreut ... zum Schluß, als er ohne Abschied -ging, sogar unhöflich. - -Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er der Wahrheit -nachforschen? War der junge Bär doch nicht so naiv und harmlos, wie sie -angenommen? Was soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag kommt? - -O, welch entsetzliche Blamage! - -Thea wühlt das Gesicht in die Kissen und beißt vor Aufregung die Lippen -blutig. - -Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Pläne durch ihr Hirn. - -Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schließt, so erleidet sie Gräfin -Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht. - -Sie schläft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. -- - -Erst spät am Morgen, als das Mädchen schon im Ofen das Feuer anzündet, -schläft sie ein. - -Und als sie erwacht, erhält sie die Nachricht, daß Graf Hohen-Esp -bereits dagewesen sei. -- Sie starrt die Sprecherin an wie eine Vision. - -»Er war hier?« -- Das klingt wie ein heiserer, jubelnder Aufschrei. - -Sie preßt die Hände gegen die Schläfen, sie lacht jählings auf, wie aus -Todesängsten erlöst. Dann macht sie in rasender Eile Toilette, -frühstückt und geht in sehr gehobener Stimmung auf das Eis. - -Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der Kälte blaß und verstört aus. - -Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund zeigt die Linien, -welche man im ganzen Hause fürchtet, -- sie zeigen an, daß die Komtesse -sich in höchst gereizter und schwer geärgerter Stimmung befindet. - -Dann wirft und schleudert sie alles. - -So auch jetzt. - -Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause. - -Die erste ist die, daß Fräulein von Sprendlingen persönlich sehr wohl -und gesund ist, daß aber ihr Vater, gerade, als er im Begriff stand, für -das Tanzfest im Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem -Schlaganfall getroffen wurde. - -Er liegt seit gestern abend bewußtlos, und die Ärzte fürchten das -Schlimmste. - -Das würde Komtesse Sevarille ziemlich gleichgültig sein, im Gegenteil, -wenn »die Königin der Feste«, Fräulein Gabriele, Trauer bekäme und keine -Bälle besuchen könnte, würde es für die Freundin Thea nur vorteilhaft -sein. - -Aber die zweite Neuigkeit! - -Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein Mensch weiß warum. -- -Man vermutet, daß er Nachrichten von zu Hause erhielt. - -Ob er wiederkommen wird? - -Viele behaupten »ja«, manche »nein«. -- Gräfin Thea weiß es genau, -- -nein, er kommt nicht wieder. Und diese Überzeugung kann sie wütend -machen -- wütend! -- Sie schließt sich in ihr Zimmer ein und tobt. - - * * * * * - - - - -XVII. - - -General von Sprendlingen war begraben, und in der Residenz wurde nur ein -einziges Thema besprochen, die finanzielle Lage seiner Gattin und -Tochter. - -Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, daß der alte Herr -infolge einer ungeheuren Aufregung den Schlaganfall erlitten hatte. - -Viele behaupteten, es sei längst kein Geheimnis mehr gewesen, daß der -pensionierte Offizier spekuliert hatte, um den Ausfall des hohen -Gehaltes durch reichere Zinsen auszugleichen. - -Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwöhnt, ein Bankkrach -hatte ihm vor kurzem schwere Verluste gebracht -- was Wunder, wenn der -alte Herr dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld für sich -arbeiten ließen, nachdem sie selber als verabschiedete Offiziere die -Hände in den Schoß legen mußten? - -Das Glück ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische und -launische Weib, welches es stets gewesen, und so wandte es Herrn von -Sprendlingen treulos den Rücken, um seinen Goldregen über andere zu -streuen, welche für den Augenblick seine Günstlinge waren. - -Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, daß alles verloren sei, -just in dem Augenblick, als er sich anschickte, mit Frau und Tochter den -Kavalierball im Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn -derart, daß er als ein zu Tode getroffener Mann unter ihr zusammenbrach. - -Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet gewesen, wie -man anfänglich angenommen; sie war gefaßter, als man glaubte, und -Gabriele blickte so ruhig und zuversichtlich aus den tränenglänzenden -Augen, daß man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch eine nahe -bevorstehende Heirat gesichert. - -In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast und Nüchternheit die -traurige Wandlung, welche derartigen Ereignissen zu folgen pflegt. Die -notwendige Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten sich -zur Abreise vor; denn da sie über keine weiteren Mittel als die karge -Witwenpension verfügten, schien es fraglich, ob sie ein eigenes Heim in -der Residenz gründen konnten. Vorläufig folgten sie der Einladung einer -kinderlosen Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und Gabriele für -die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten hatte. - -Zum letztenmal saßen Mutter und Tochter in den liebgewordenen Räumen, in -welchen sie so viele, glückliche Jahre verlebt, beisammen. Von allen -Seiten waren ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme -geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen die Visiten, -- -lauter gute Freunde, welche den so allgemein beliebten Damen vor dem -Abschied noch die Hand drücken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten -wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und ihr erst so -ruhiges, bleiches Antlitz sah plötzlich so verstört, so verzweifelt und -verfallen aus, als sei eine letzte Hoffnung, welche sie im Herzen -gehegt, für immer vernichtet worden. - -In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung hatte sie an den -Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an einen Retter in der Not, welcher -sicher kommen muß, das bitterste Elend von ihnen abzuwenden. - -Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, -- er blieb aus. --- - -Sie brachte es nicht über sich, nach ihm zu fragen, und so erfuhr sie -erst heute zufällig durch eine befreundete Dame, daß Guntram Krafft am -Morgen nach dem Hotelball Knall und Fall abgereist sei, ohne daß jemand -einen Grund für diesen fluchtartigen Abschied wußte. Den Tod des Herrn -von Sprendlingen habe er wohl gar nicht erfahren. - -Tränen tiefster Hoffnungslosigkeit glänzten in den Augen der verwitweten -Frau, und als Gabriele an ihre Seite trat, zärtlich den Arm um die -Weinende zu legen, da schluchzte sie laut auf und flüsterte: »Ach, meine -arme, arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?« - -Das junge Mädchen hob das Antlitz wie in seligem Vertrauen zum Himmel, --- es sah in all dem Leid so verklärt und ruhig aus, als sei ihr nie ein -Zweifel an dem Glück der Zukunft gekommen. - -»Er liebt mich, Mama!« - -»Wer?« -- - -Da senkte Gabriele das Köpfchen. - -»Hans Heidler! -- O, Mütterchen, du ahnst es ja nicht, wieviel liebe -Worte er mir noch auf dem letzten Hofball sagte, wie er mir die Hand -drückte, wie unaussprechlich viel sein Auge mir gestand --« - -»Sein Auge, aber nicht seine Zunge!« murmelte Frau von Sprendlingen -bitter. -- »Gabriele, glaubst du wahrlich, daß Heidler je an Heiraten -gedacht -- und daß er sogar _jetzt_ noch daran denkt?« - -Das junge Mädchen atmete hoch auf, preßte wie in begeisterter -Versicherung die Hände gegen die Brust und nickte. - -»Ja, ich glaube es, ich weiß es bestimmt! Ein Mann, der so ritterlich, -so heldenhaft, so edel ist wie Hans, betrügt kein Mädchenherz.« - -»Sprachst du ihn nach Papas Tode?« -- - -»Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, wie er mir die Hand -küßte ... wie er mich ansah ...« - -Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung. - -»O Kind! Kind!!« - -»Er sagte mir, daß er in den nächsten Tagen kommen werde --« - -»Aber er kam nicht!« - -»Er wird kommen!« - -»Morgen reisen wir ab!« - -»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm so sehr, Mama? Warum -zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« -- - -Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände ineinander. »Weil ich -die Menschen besser kenne wie du, Kind!« sagte sie gepreßt. - -»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie -unrecht du ihm tust!« - -Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, -- Gabriele -zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in -jäher Hoffnung nach der Tür. -- - -Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen -köstlichen Strauß von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in -der Hand. - -»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er ließe -den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glückliche Reise wünschen! -Der Herr Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu -seinem großen Bedauern verhindert!« -- - -Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsäulen vor ihm -standen und keine Hand sich hob, den Strauß in Empfang zu nehmen, legte -ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch. - -»Es ist nämlich die Schlittenpartie heute, die der Herr Oberleutnant -arrangierte!« fuhr er fort, mehr aus momentaner Verlegenheit wie aus -Geschwätzigkeit. »Der Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine -Frau sagt, die hilft ja manchmal in der Küche bei Exzellenz aus, wie die -Damen wissen! Na, da hört sie so mancherlei. -- Der Herr Oberleutnant -ist jetzt beinahe alle Tage da im Hause! Die Fräulein Enkelin soll ja -wohl steinreich sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, und was -ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer werden morgen früh schon -um sechs Uhr abgeholt ... die Dienstmänner können es nicht gut anders -machen ... und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie für die -Damen bestellen? -- Ich gehe nachher doch noch mal aus ...« - -»Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fuß. Die Koffer stehen auf dem -Flur bereit. Guten Abend!« - -Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So geisterhaft hatte er -die Damen noch nie zuvor gesehen, und die Stimme der Gnädigen klang wie -aus dem Grabe. - -Er verbeugte sich und ging. - -Wie schwer wurde den Ärmsten der Abschied! Du lieber Gott, ja, -- wenn -in solch feine Häuser mal das Unglück hereinbricht, dann liegt es immer -doppelt so schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen auf -mit sich herumzuschleppen. - -Als sich die Tür geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen schweigend -die Arme nach ihrer Tochter aus, und Gabrieles Köpfchen sank wie eine -sturmgebrochene Blüte an die Brust der Mutter nieder. - -Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch den weichen, -schmiegsamen, jungen Körper. - -Und dann hob sie jählings das Haupt und blickte mit herzzerreißendem -Lächeln empor. - -»Ich kann es nicht glauben, daß er nicht mehr kommen _wollte_, -Mama! Er _muß_ ja all diese Vergnügungen arrangieren, er verkehrt -viel im Hause des Ministers, weil man ihn viel einladet! -- Sein Herz -weilt sicher bei mir, Mama! Es ist ja ganz unmöglich, daß diese meine -herrlichste Idealgestalt so kläglich in Dunst und Nebel zerrinne!« - -Frau von Sprendlingen küßte die Stirn ihrer Tochter und wiederholte -nur leise: »O, du armes, armes Kind!« -- Dann wandte sie sich zur Tür, -in welcher das Stubenmädchen erschien und mit betrübtem Gesicht die -gnädige Frau um ihr Abgangszeugnis bat. -- - -Gabriele blieb allein. - -Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem Blick auf die -stille, winterliche Straße hinab, wo die Sonne auf Eis und Schnee -glitzerte und fröhlich plaudernde Menschen mit den Schlittschuhen -vorübereilten. - -Schlittengeklingel ertönte von fern und näherte sich in flottem Tempo. - -Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit weitoffenen -Augen hinab. - -Die Schlittenpartie! -- - -Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig flatternden -Schneedecken, da klingelten und rasselten die Schellen durch die -schmetternden Musikklänge, und die ersten Schlitten mit den Trompetern -jagten vorüber. - -Dann mehrere »Familienschlitten« mit den Müttern, Tanten und Papas, und -dann, als Erster an der Tete der Jugend, Hans von Heidler neben Fräulein -Henny von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem mächtigen, gelben -Löwenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner zugekehrt, und -dieser neigte sich so vertraut und keck, wie es seine siegesbewußte Art -ist, und lächelt der Kleinen just »tief in die Seele!« - -O, Gabriele kennt dieses Lächeln -- diese Augen, diese betörende und -bestrickende Art! -- - -Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor und starrt hinab -... ihre Lippen öffnen sich, als wollten sie voll herben Wehes -aufschreien: »Hans! -- Hans! Hast du keinen einzigen Blick mehr für -mich?« -- - -Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr für die öde, verlassene -Villa, in welche über Nacht die Armut eingezogen ist. - -Der Schlitten fliegt vorüber, ohne daß Herr von Heidler Zeit gefunden, -einen einzigen Blick nach dem Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das -bleiche, liebliche Mädchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine -leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt zurück und -sinkt auf einen Stuhl, -- sie schlägt die kalten, zitternden Hände vor -das Antlitz und möchte weinen -- weinen -- daß ihre ganze Seele in den -Tränen dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken und starr, und -ihr Herz blutet still verborgen aus der Wunde, welche falsche Liebe ihr -so grausam geschlagen. -- - - * * * * * - -Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen lebte mit ihrer Tochter -fernab der Residenz in dem einsamen Landhaus der Tante, welche viel zu -schrullenhaft, unliebenswürdig und schroff war, um den beiden -verlassenen Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim bieten zu können. - -Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, sich zu trennen. - -Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer Witwenpension leben, wenn -Gabriele ein anderes Unterkommen fand. - -Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemühungen nicht. -- Die Stelle -einer Hofdame, welche die Herzogin für sie an befreundetem Hofe erhofft, -war gegen alles Erwarten anderweitig besetzt, -- andere Aussichten -zerschlugen sich ebenfalls. - -Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, -- doch stets ohne -Erfolg. - -Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer Frauenzeitung eine -sehr annehmbar erscheinende Offerte. - -Eine ältere Dame auf dem Lande suchte ein junges, liebenswürdiges und -heiteres Mädchen aus vornehmer Familie zur Gesellschafterin. Die -Einsendung einer Photographie war zur Bedingung gemacht. - -Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide blickten sich in -stummem, wehmütigem Einverständnis in die Augen. Zur selben Stunde noch -schickte Frau von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene Chiffre -ab. -- - -Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden Frühlingsmorgen -hinaus. -- Wird eine Antwort kommen? Wird sie die Stelle erhalten? - -Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichgültig geworden. - -Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus der Residenz, Herrn -von Heidlers Verlobung mit Henny, der reichen Erbin, las, und sehr bald -danach durch den Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, daß die -Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der großen Jugend der Braut -schon in den ersten Tagen des Mai stattfinden solle, -- war die Welt -leer und tot für sie geworden. - -Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, vergöttert hatte, trat ihr -Herz voll egoistischer Rücksichtslosigkeit unter die Füße. -- - -Er, der kühne, mutige und unerschrockene Held, war zu feige gewesen, den -Kampf um die Existenz an der Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen. --- Und _diese_ Entäuschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres -eigenen Glückes. - - * * * * * - -Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp zurückgekehrt -war, ruhten die Augen der Gräfin voll bangen Forschens auf dem ernsten -Antlitz des Sohnes, als könne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen -und die Gründe erforschen, welche ihn so plötzlich heimgetrieben. - -»Warum kommst du schon jetzt zurück, Guntram Krafft? Ist dir etwas -Unangenehmes begegnet?« - -Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in die Augen. - -»Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer eigenen -Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich ist mir viel -Ärgerliches begegnet!« - -»Und nur darum bist du Hals über Kopf abgereist?« - -Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er strich sich -langsam die blonden Haare aus der Stirn. - -»Ich bekam Heimweh, Mutter!« sagte er leise, mit einem beinahe -schwermütigen Klang in der Stimme, »es gefiel mir nicht zwischen all den -fremden Menschen. Ich kam mir so überflüssig, so vereinsamt dort vor. -Ihre Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten sind -neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen und Plaudern gar nicht, -oder doch sehr schlecht im Vergleich zu den andern Herren. Die Leute -waren nicht unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, daß ich mich -tatsächlich unter ihnen wohlgefühlt hätte. -- Dazu wehte der Sturm so -vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da es gerade jetzt viel ernste -Arbeit daheim gäbe. -- Da hielt es mich nicht länger. Ich sehnte mich -heim zu dir, Mutter, -- hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ... -gleichviel wie ich bin!« -- - -Die letzten Worte klangen noch leiser und wehmütiger wie zuvor, und -Gundula trat neben seinen Sessel und drückte voll weicher Innigkeit das -Haupt des Sohnes an die Brust. - -Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine bange Sorge kam -es plötzlich über sie. - -Waren dies die Früchte, welche sie von ihrer starren und eigenwilligen -Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind der Welt und dem Leben so völlig -entfremdet, daß es nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang? -Wiederum durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz. - -Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft, die -verlorenen Güter zurückzuerwerben, um ihren Sohn als trübseligen alten -Junggesellen darauf zurückzulassen? Oder war es eine heimliche -Kinderliebe, welche Guntram Krafft so fest und treu im Herzen saß? - -Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen Fischerdirne -gespielt, -- er hatte als Jüngling im Dorfkrug mit ihr getanzt ... wäre -es möglich, daß er sein Herz an sie verloren, trotzdem die Gräfin ihn so -sorgsam in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes erzogen -hat? -- - -Gundula seufzte tief auf. - -Je nun, mußte sie das Glück für ihr Kind auch tief, tief von unten -heraufholen ... es soll ihm werden, -- besser er freit ein -Fischermädchen, als keine. - -Die anfänglich so schwermütige Stimmung des jungen Grafen schwand von -Tag zu Tag. Der Sturm heulte daher und schien nur auf die Rückkehr -Guntram Kraffts gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des -Bären zu messen! - -Da gab es keine müßige Zeit mehr, da war es vorbei mit dem wehmütigen -Sinnen und Grübeln! - -Täglich fast gab es schwere Arbeit! - -Schiff in Not! -- -- Und der Bär von Hohen-Esp reckte voll kühnen Muts -die Pranken, scharte seine Getreuen um sich und warf sich in tollem -Wagemut gegen die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entreißen. - -Die Kälte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat knirschte das Eis -... das war die böseste Zeit. - -Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein Brett vor der See; -als ihn ein neu einsetzender Sturm auseinanderriß, stürzte ein Schiffer -zur Burg und meldete, daß aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen -Schoners rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen. Das war -ein fürchterlicher Tag und eine grauenvolle Fahrt! -- - -Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und Guntram Krafft und seine -freiwilligen Lotsen konnten selber kaum geborgen werden; doch kaum, daß -sich die Erschöpften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot, welches -er in aller Eile zweckmäßig eingerichtet hatte. - -Er ließ den fehlenden Luftkasten durch leere Fässer, welche möglichst -gut verspundet und unter die Duchten gelascht wurden, ersetzen, ließ -Ballast einlegen und einen Lenzsack nachbugsieren, um das Boot möglichst -vor See zu halten und ein Beidrehen zu verhindern. - -Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus, und nach zweistündiger -schwerer Arbeit brauste das jubelnde Hurra der Heimkehrenden durch das -Heulen der Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. -- - -Kaum, daß man die Schiffbrüchigen noch zu den Lebenden zählen konnte. - -Zwei Tage und Nächte lang waren sie ohne Nahrung gewesen, ihre Lage in -der Takelage bei Sturm und bitterer Kälte bedeutete eine geradezu -unbeschreibliche Qual. - -Gräfin Gundula ließ die Geretteten nach Hohen-Esp schaffen und nahm -ihre erfrorenen Glieder in Pflege, bis ein Arzt zur Stelle war. - -Diese heldenmütige Rettung wurde bekannt. Guntram Krafft und seine -Lotsen erhielten die Rettungsmedaille und ein ansehnliches Geldgeschenk, -und mit leuchtenden Augen stürmte der Graf in das Zimmer seiner Mutter: -»Nun können sie heiraten! Ich habe meinen Anteil an Jöschen abgetreten, -dann reicht's zur Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe ich -ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in Gottes Namen zur -Wohnung einrichten!« - -»Jöschen will heiraten?« fragte die Gräfin überrascht; »davon ahne ich -nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?« - -»Nun, die Mike! -- Die beiden sind doch schon seit Kindesbeinen an -Brautleute!« lachte der Bär von Hohen-Esp. »Wie manch liebes Mal hat der -Jöschen ihr seinen Apfel geschenkt, und als er von der Marine zurückkam, -brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht laut werden, bis -sie Aussicht hatten zu freien, -- sind ja beide so blutarm! Aber nun ist -das Geld beisammen, und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!« - -Gundula blickte starr in das frisch gerötete Antlitz des Sohnes. - -Mike heiratet den Jöschen! Und Guntram Krafft erzählt es ihr mit -lachendem Munde. Nein, so sieht keiner aus, der selber in das Mädel -verliebt ist. - -Nachdenklich senkt die Gräfin das Haupt, ihr Sohn aber setzt sich nahe -an ihre Seite und nimmt zärtlich ihre Hand zwischen die seinen. - -Er sieht sie an, -- so kindlich bittend wie stets, wenn er etwas auf dem -Herzen hat. - -»Mutter!« -- - -»Was willst du?« -- - -»Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?« - -»Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!« - -»Sie hat aber einen schweren Verlust für uns bedeutet!« - -»Wieso das?« - -»Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so vieler Mühe als ein -Peake-Boot zurechtgemacht hatten, ist von der See zerschlagen!« - -»Oh! -- Es wird sich Ersatz finden!« - -»Mutter!« flüsterte Guntram Krafft und legte den Arm um die Gräfin: -»Möchtest du mich wohl einmal recht glücklich sehen?« - -»Welche Frage!« - -»Du botest mir jüngst an, -- ich solle auf Reisen gehen, -- fremde -Länder und Völker sehen ...« - -»Ganz recht! Hast du dich entschlossen?« - -»Nein, Mutter. Ich möchte dich aber recht inständig bitten, mir das -Geld, welches solch eine Reise kostet, zu geben!« - -»Wozu das?« - -Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung das Haupt. - -»Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine regelrechte -Rettungsstation hier zu errichten. Mit der nötigen Ausrüstung und -Unterstützung brauche ich meine braven Jungens nicht annähernd so zu -exponieren wie jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Unterstützung -zu erwarten, -- _wollte_ man uns helfen, so hätte man es jetzt -getan, nachdem die Rettung der Schiffbrüchigen die Aufmerksamkeit auf -uns gelenkt. -- Da heißt es also -- hilf dir selber! Ich habe keine -andere Passion, keine anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das -Rettungswesen, ich kenne keinen höheren Wunsch, als aus eigenen Mitteln -einen Schuppen mit Ausrüstung, Boot und Apparaten hier aufzustellen.« - -Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen. - -»Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der Ausführung deines -Planes gewiß nichts im Wege!« - -»Mutter!« -- Der Graf war dunkelrot geworden, »und das Geld dazu?« -- - -»Du bist majorenn und kannst über dein Vermögen verfügen!« - -Er umkrampfte die schlanke Hand der Gräfin: »Mein Vermögen? Alles, was -wir besitzen, hast du verdient, es ist dein Eigentum, Mutter ... und -zehntausend Mark ist wohl das mindeste, was ich benötige!« - -Gundula lächelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz beinahe heiter -aus in dem Gefühl, dem Sohn, welchen sie über alles liebte, einen Wunsch -erfüllen zu können. - -»Du weißt, daß ich für _dich_ arbeitete, und du hast mir seit Jahren -redlich dabei geholfen. Die zehntausend Mark hast du dir selber -reichlich verdient. Wie du sie anwenden willst, ist deine Sache -- sie -liegen bereit!« - -Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche Freude, welche er -empfand. Er schlang die Arme um die Sprecherin und dankte ihr so -strahlend glücklich, als sei das Geld ihm zu Genuß und Vergnügen, nicht -aber für fremde Not gespendet. - -Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so heiter und lebhaft -mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll ungeduldigen Eifers sogleich den Bau -des Rettungsschuppens in Angriff nehmen und seine notwendige Ausrüstung -herstellen ließ. - -Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen Beschäftigung -blieb ihm keine Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen. - -Die Gräfin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf. - -Sie glaubte nun überzeugt zu sein, daß keine unglückliche Liebe das Herz -des Sohnes erkranken ließ und seine zeitweise, unerklärliche Schwermut -in der Tat nur dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission -in der Residenz ihm verursacht. - -Gundula grübelte und sann, wie sie ihren Liebling zu einem glücklichen -Mann und Gatten machen könne. - -Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn der Graf war zu -ungewandt und fremd in der Gesellschaft, um den Mut zu haben, als Freier -aufzutreten. - -Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen in dieser -wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen. So verging Monat um Monat. -Da kam ihr ein guter Gedanke. - -Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine junge -Gesellschafterin aus bester Familie und wählte aus den eingesandten -Photographien diejenige heraus, welche ihrem scharfen Auge am -passendsten für ihren Plan erschien. - -Zu dicken Stößen kamen die Briefe an. - -Die Gräfin saß in ihrem stillen Turmzimmer, in welches die -Frühlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, und erbrach voll lebhaften -Interesses ein Schreiben nach dem andern. - -Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! Gundula sah ein -jedes derselben lange scharf und prüfend an, doch da war keines, welches -ihr so recht von Herzen sympathisch war. - -Die nächsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, und die Bärin -von Hohen-Esp las und überlegte und prüfte, bis sie plötzlich das Haupt -jählings vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes -Mädchenantlitz schaute, welches mit wundersam ernsten, großen, klaren -Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute. - -Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, einfach und -anspruchslos. - -Die Gräfin überflog den Brief, welcher nur sehr kurz im Verhältnis zu -den meisten anderen war. Sie sah nach der Unterschrift: »Marie -Antoinette, Freifrau von Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.« - -Ein guter Name. -- Und sie schrieb, daß sie für ihre Tochter Gabriele, -23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im Englischen und Französischen, -geschickt in Handarbeiten, aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle -als Gesellschafterin suche. Ihre Verhältnisse, welche seit dem Tode -ihres Mannes sehr traurige seien, zwängen sie leider, sich von ihrem -Kinde zu trennen. - -Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe, welche ein -Unterkommen für die Tochter sucht ... Arme Frau! - -Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand, auch dann noch, als -sie alle anderen Schreiben geöffnet und die Photographien recht -gleichgültig beiseitegelegt hatte. - -Wie eine geheime, unerklärliche Gewalt zog es sie zu dem entzückenden -Antlitz mit den rätselhaften Augen. - -Ein Bild täuscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in Wirklichkeit -nicht annähernd so sympathisch; aber gleichviel, darauf mußte man es -eben ankommen lassen und es abwarten, ob Fräulein von Sprendlingen dem -Geschmack Guntram Kraffts entsprechen wird. - -Kurz entschlossen griff die Gräfin zu Feder und Papier und schrieb an -Frau von Sprendlingen, daß sie gewillt sei, ihre Tochter voll herzlicher -Freundlichkeit in ihrem Hause aufzunehmen. - - * * * * * - - - - -XVIII. - - -Ein paar Tage waren vergangen. - -Es dämmerte. -- Guntram Krafft war soeben von dem beinahe vollendeten -Rettungsschuppen heimgekehrt, hatte die Kleider gewechselt und trat -hastig in das große, uraltmodische Wohngemach der Gräfin, um ihr voll -lebhafter Begeisterung von dem vorzüglichen Boot eigener Konstruktion -- -einem zweckmäßigen Gemisch von Françis- und Peake-System, welches man -soeben geprobt hatte -- zu berichten. - -Gundula trat ihm entgegen, -- lebhafter, elastischer schreitend wie -sonst. - -Sie hielt einen Brief in der Hand und hub bereits von weitem an zu -sprechen: - -»Endlich kommst du heim, Guntram Krafft; ich wartete mit Sehnsucht auf -dich, um eine Angelegenheit mit dir zu bereden, für welche du bisher -noch niemals recht Zeit hattest. Nun ist sie vollendete Tatsache -- und -die höchste Zeit, daß du davon erfährst!« - -Der Graf blickte die Sprecherin erstaunt an, schob ihr voll ritterlicher -Höflichkeit einen Sessel herzu und lehnte sich erwartungsvoll ihr -gegenüber an den Tisch. - -Die Gräfin setzte sich nieder und schien gewaltsam gegen eine gewisse -Befangenheit anzukämpfen. »Ich bin seit langen Jahren so allein, -entbehre jeden Verkehr mit Damen und werde nun auch so alt und -abständig, daß ich kaum noch allein dem großen Hauswesen vorstehen kann -...« - -Guntram Krafft lachte beinahe übermütig auf, schwieg aber und blickte -die Sprecherin aufmerksam an. -- - -»Ich habe mir daher eine Gesellschafterin engagiert und hoffe, daß du -aus Rücksicht für mich mit diesem Zuwachs einverstanden bist!« - -»Ah! Das nenne ich vernünftig!« rief der Bär von Hohen-Esp sehr erfreut -und durchaus harmlos: »Diese Idee ist einen Dukaten wert und hätte dir -bereits zehn Jahre früher kommen sollen! Hast du schon jemand gefunden?« - -Die Gräfin öffnete mit geheimnisvollem Lächeln den Brief, entnahm ihm -eine Photographie und reichte sie dem Sohn dar. - -»Wie gefällt dir meine künftige kleine Genossin, welche, so Gott will, -frisches Leben und recht viel Sonnenschein mit in das Haus bringt?« - -Guntram Krafft nahm lächelnd das Bild und trat damit in die -Fensternische, um besser sehen zu können. - -»Wenn sie nur _deinen_ Beifall findet, Mama, dann bin ich gern mit einer -jeden zufrieden!« - -Er neigte sich vor und blickte auf das Bild. Einen Augenblick starrte er -es an, -- seine Hand zuckte, und sein Antlitz überzog eine tiefe Blässe. - -Regungslos stand er und schaute in das süße, ernste, sinnende -Gesichtchen. - -Ein Zittern flog durch seinen Körper, wie feurige Nebel wogte und wallte -es plötzlich um ihn her, und sein Herz lag regungslos, um plötzlich in -desto wilderen Schlägen atemraubend loszustürmen. - -Er stand abgewandt von der Gräfin, und diese sah nicht die auffallende -Veränderung, welche mit dem jungen Manne vor sich ging. - -»Nun?« fragte sie endlich, »äußere dich doch! Ist das Gesicht nicht -entzückend? Wenn die Augen alles das halten, was sie hier versprechen, -so muß die Kleine ein sehr liebenswertes Mädchen sein!« - -»Wie heißt sie?« stieß Guntram Krafft kurz und beinahe rauh hervor. - -»Ach so! Ich vergaß, dir Fräulein Gabriele von Sprendlingen im Bilde -vorzustellen --« - -»Gabriele von Sprendlingen!« Das klang wie ein leises, kaum -verständliches Aufstöhnen. - -Die Gräfin beachtete es nicht, sie sah nur voll großer Genugtuung, daß -der junge Weiberfeind das Bild noch immer in der Hand hielt, daß sein -Anblick ihn fraglos ebenso fesselte, wie zuvor die Mutter. - -»Der Vater war General, starb vor einem Jahr ungefähr, ganz plötzlich, -und da er durch das Fallissement einer bedeutenden Firma sein ganzes -Vermögen verlor, hinterließ er Frau und Tochter in den drückendsten -Verhältnissen. So entschloß sich Frau von Sprendlingen nun, die Tochter -fortzugeben --« - -»Bot sie dir dieselbe an?« -- Guntram Krafft stieß die Worte kurz -hervor. - -»Auf meine Annonce in der Zeitung hin --« - -»Inseriertest du unter deinem vollen Namen?« - -»Aber Guntram: -- Hier ist der Zeitungsausschnitt, ich erbat die -Antworten unter Chiffre G. H. 1000.« -- - -»Und darauf antwortete sie?« - -»Wie fragst du so wunderlich! Gewiß!« -- - -»Wo lebt Frau von Sprendlingen?« - -Die Gräfin blickte auf den Brief nieder und nannte eine kleine Stadt des -Herzogtums -- der Bär von Hohen-Esp aber blickte starr zu dem Fenster -hinaus und schwieg. - -»Du meinst doch auch, daß ich den Versuch mit Gabriele wage?« fuhr die -Gräfin ein wenig ungeduldig fort. - -Er strich langsam mit der Hand über die Stirn, sein fahles Antlitz sah -so gequält aus, wie bei einem Menschen, welcher die Folter erduldet. -»Darüber hast du allein zu bestimmen --« - -»Ich bin völlig einig mit mir und habe der Baronin bereits geschrieben!« - -Wieder zuckte der Graf zusammen: »Nun, so ist es ja entschieden!« sagte -er tonlos. - -»Willst du das Bild noch behalten?« - -Er machte eine jähe Bewegung. Sein Blick traf wieder das süße Antlitz, -welches ihn mit den wundersamen Nixenaugen so groß und ruhig ansah. -- -Dann schob er die Photographie jäh von sich -- seiner Mutter zu. - -»Nein; -- ich danke.« -- - -»Je nun, ich hoffe, du lernst bald das Original kennen.« -- - -»Wann ... wann trifft die junge Dame hier ein?« -- - -»Anfang nächsten Monats. Es gibt zuvor wohl noch verschiedene -Angelegenheiten zu erledigen.« - -»Sagtest du nicht, daß sie verlobt sei?« - -Die Gräfin hob erstaunt ihr Haupt: »Durchaus nicht! Die Damen stehen -ganz allein und ohne Schutz in der Welt! Wie kommst du darauf?« - -Guntram Krafft neigte finster das Haupt. »Ich irrte mich wohl. -- Mir -geht heute so viel im Kopfe herum. Heute nachmittag haben wir eine -kleine Probefahrt mit dem neuen Boot gemacht, darüber wollte ich dir -berichten.« - -Die Gräfin schob das Bildchen in den Brief zurück, erhob sich hastig und -legte den Arm in den des Sohnes. - -»Ja, -- erzähle mir! Du hast soeben meinen Angelegenheiten dein -Interesse geschenkt, nun wollen wir von dem plaudern, was dir am Herzen -liegt!« -- Sie trat in das hellere Fensterlicht und sah betroffen in das -Antlitz des jungen Bären empor: »Hast du Ärger und Verdruß gehabt, -Guntram Krafft?« fragte sie besorgt, »du siehst ganz verstört aus ... -oder fühlst du dich etwa krank?« - -Er zwang sich gewaltsam zu einem heitern Ton. »Seinen gesunden -Hofjungenärger hat man ja öfters, Mutter, und daß die Eiche nicht auf -den ersten Streich fällt, und hie und da noch kleine Mängel zutage -treten, ist selbstverständlich. Im großen ganzen bin ich sehr zufrieden -mit den Schuppen und voll Glück und Dank gegen Gott und dich! -- Daß in -Walsleben das neue Arbeitshaus schon im Rohbau aufgeführt ist, weißt -du?« - -»Selbstverständlich.« - -»Wer beaufsichtigt die Sache eigentlich?« -- - -»Nun, der Inspektor, -- du warst doch damit einverstanden!« - -Der Graf wandte sich zur Seite und schob den schweren Damastvorhang -noch mehr von den Butzenscheiben des Erkerfensters zurück. - -»Ich habe viel darüber nachgedacht, Mama! Es ist eigentlich recht -vertrauensselig und leichtsinnig von uns, daß wir uns nicht selber um -den Bau kümmern!« - -»Wir wissen, daß diese Angelegenheiten seit fünfzehn Jahren in den -besten Händen liegen, Inspektor Braun ist doch wohl als durchaus -zuverlässig erprobt.« - -»Es würde mich interessieren, das Haus einmal in Augenschein zu nehmen, -man kann doch so manches noch ändern und bessern ...« - -»Selbstverständlich! Ich würde sehr glücklich sein, wenn du einmal -hinführst! -- Möchtest du gleich morgen ...« - -»Morgen? nein!« Der Graf unterbrach die Sprecherin mit einer gewissen -Hast: »Momentan kann ich nicht gut hier abkommen -- ich muß die Zeit -wahrnehmen, wo die Änderungen an dem Boot vorgenommen werden -- die -Takel hakt zu leicht aus ... und die Riemen müssen oben auf den Duchten -festzulegen sein ...« - -»Nun, wann denkst du zu fahren?« -- - -Guntram Krafft wandte sich noch mehr zur Seite. - -»So bald wie möglich! Vielleicht Anfang nächsten Monats --« sagte er -leichthin, wandte sich plötzlich und bot der Mutter den Arm: »Und nun -begleite mich noch einmal in den Garten, Mamachen! Es ist ein -wundervoller Abend, und ich möchte sehen, wie weit der Gärtner mit den -neuen Anpflanzungen gekommen ist!« - - * * * * * - -Gabriele von Sprendlingen war im Reisekleid und legte noch die letzten -Gegenstände in den kleinen Handkoffer, um pünktlich bereit zu sein, wenn -der alte Kutscher vorfuhr, sie zur Bahnstation abzuholen. Sie sah so -still und ernst und ruhig aus, als ob all der Wechsel und Wandel, -welcher sich nun mit ihr begeben solle, nicht die mindeste Erregung wert -sei. -- - -Sie sollte die Gesellschafterin einer alten einsamen Frau werden, einer -Frau, welche man in der Welt als verbittert, hart und menschenfeindlich -schilderte. - -Es war selbstverständlich, daß ein junges Mädchen in ihrer Umgebung mit -dem Leben abgeschlossen haben mußte, und weil Gabriele dies getan, weil -es in ihrem Herzen kalt und dunkel geworden war, seitdem die strahlende -Sonne ihres Ideals, ihres Schwärmens und ihrer Begeisterung aus ihrer -stolzen Höhe herabgesunken war, zertrümmert und vernichtet für ewige -Zeiten, weil seit dieser Stunde das Dasein doch allen Wert und Reiz für -sie verloren, deuchte es ihr kein Opfer, sich jetzt schon lebendig in -Hohen-Esp zu begraben. -- - -Als ihre Mutter mit aufgeregt heißen Wangen zuerst die Nachricht -brachte, daß es die Gräfin Hohen-Esp sei, welche die Gesellschafterin -suche, und daß sie Gabriele vor allen andern Bewerberinnen den Vorzug -gegeben und sie engagiert habe, blickte das junge Mädchen so -gleichgültig auf den Brief Gundulas nieder, als gehe sie derselbe kaum -etwas an. - -Und als Frau von Sprendlingen in ihrer Erregung eine Andeutung machte, -daß nun das Glück vielleicht doch noch einmal bei ihnen anklopfe, wenn -Guntram Krafft seiner ehemals so schnell entflammten Neigung treu -geblieben, -- da wuchs die schlanke Mädchengestalt hoch und stolz empor, -und die klaren Augen blitzten so abweisend wie ehemals, als sie die -Bewerbungen des Grafen voll ehrlicher Gleichgültigkeit zurückwies. - -»Wenn du dich solch trügerischen Hoffnungen hingibst, Mama, ist es -besser, ich nehme die Stelle überhaupt nicht an! -- Glaubst du, die -Armut und Verlassenheit hätten mich derart entnervt und erbärmlich -gemacht, daß ich einen ungeliebten Mann heirate? -- So unmoralisch werde -ich niemals denken und niemals handeln!« -- - -»Wer sagt, daß du ihn nicht liebgewinnen wirst?!« - -Ein herbes Lächeln spielte um Gabrieles Lippen. »Die Liebe ist ein so -sehr verschiedener Begriff, dem einen ist sie nur Mittel zum Zweck -- -nur Zeitvertreib -- ein Rechenexempel -- oder Geschmackssache. -- Für -mich wird sie stets der Höhepunkt leidenschaftlicher Bewunderung und -Verehrung sein ... Du hast oft über die schwärmerische und -schrullenhafte Ansicht gelacht, Mama, -- geändert habe ich sie trotzdem -nicht. Ich will in dem Mann, welchen ich liebe und welchem ich angehöre, -_mehr_ sehen, wie einen Durchschnittsmenschen -- er soll das Ideal -verkörpern, welches mein Patriotismus, mein stolzer, begeisterter Sinn -sich geschaffen. -- Das kann der Graf von Hohen-Esp nicht, denn es ist -nichts in seinem Wesen und Handeln, was mein Herz höher schlagen, was es -in scheuem Staunen erzittern und in jauchzender Bewunderung erglühen -läßt! -- Sein Name, sein Geld, sein hübsches Gesicht existieren für mich -nicht, denn sie machen mir nicht den mindesten Eindruck. Darum bitte ich -dich von Herzen, Mama, nähre keine falschen Hoffnungen, die Enttäuschung -würde zu bitter sein.« -- - -Seufzend neigte die Baronin das Haupt und schwieg; jetzt aber, als sie -von der Tochter Abschied nahm und die schlanke, graziöse Mädchengestalt -in die Arme schloß, da blickte sie noch einmal mit flehendem Blick in -ihre Augen und sagte nur leise: »Wie würde ich so glücklich sein, -Gabriele!« - -»Das glaube ich nicht, Herzens-Mama! Eine Mutter, die ihr Kind wahrhaft -lieb hat, ist niemals glücklich, wenn sie dasselbe unglücklich sieht!« - --- Das war leider Gottes eine Wahrheit, gegen welche sich nicht streiten -ließ, und so sah Frau von Sprendlingen ihre Tochter in der Überzeugung -scheiden, daß Gabriele tatsächlich entschlossen war, eine glänzende -Zukunft ihrer Gefühlsseligkeit und Phantasterei zu opfern. - - * * * * * - -Es war ein regnerischer Frühlingstag. - -Der Himmel verschwamm in grauen Dunstmassen, müdes Dämmerlicht lag über -den knospenden Wäldern, durch welche Gabriele der Burg Hohen-Esp -entgegenfuhr, und nur hie und da strich ein seufzender Windhauch daher, -die schweren Regentropfen gegen die Wagenfenster zu werfen. - -Von der See sah man nichts, der Nebel hatte sie verschlungen, und als -Hohen-Esp mit seinen dunklen, uralten, epheuumsponnenen Gemäuern aus -den Wipfeln auftauchte, machte es einen noch melancholischeren und -öderen Eindruck als sonst. - -Der stumpfe Turm, der eckige Quaderbau mit den kleinen, unregelmäßigen -Fenstern, der schilfbewachsene Wallgraben und die wunderliche Zugbrücke, -welche immer noch zu dem grauen, mit Türmchen flankierten Tor aufgezogen -werden konnte, machten den Eindruck eines verräucherten Spuknestes, -einer echten, rechten Bärenhöhle, bei deren Anblick man sich eines -leichten Grauens nicht erwehren kann. - -Sehr günstig war der erste Eindruck, welchen Gabriele von dem Stammsitz -der Hohen-Esp erhielt, nicht, aber das junge Mädchen war so weit -entfernt von aller kindischen Furcht und Voreingenommenheit, daß sie, -interessiert und von der Eigenartigkeit dieses Schlosses gefesselt, um -sich blickte, als der Wagen langsam in den engen Burghof einfuhr. Da -standen wie zwei gewaltige, unheimliche Wächter, gleich rechts und links -vor dem Tor, die steinernen Bären, welche mit der einen Pranke das -Wappenschild, mit der anderen eine Fackel emporhielten, in welcher -abends eine rotleuchtende Laterne brannte. - -Die alten Gesellen sind von grünlicher Moosschicht überzogen, ebenso -verwittert und alt, wie die anderen Bären, welche auf den Sockeln der -Freitreppe stehen. - -Eine gewölbte, ziemlich niedere Pforte mit schweren Eisenbeschlägen -führt in das Innere der Burg; über ihr prangt, abermals zwischen zwei -liegenden Bären, das Wappen. - -Die steingemeißelten Verzierungen, welche sich in schmalen Feldern unter -den Fenstern hinziehen, zeigen ebenfalls Bärenköpfe, und wohin Gabriele -im ersten Augenblick schaut, blickt sie auf grimmig geöffnete Rachen, -drohend erhobene Pranken oder in zornmutige Bärenaugen, welche trotz -Alter und Verstaubtheit wunderbar lebendig auf sie herabstarren. Und im -ersten Augenblick erscheint ihr auch die hohe, markige Frauengestalt, -welche ihr in der Pforte entgegentritt, mehr bärenhaft wie menschlich. - -Das dunkle Trauergewand, welches an der imponierenden Figur in vollen -Falten herniederfällt, der breite, schwarze Pelzkragen um die Schultern, -welchen Gundula des kalten Wetters wegen umgelegt, lassen die Gräfin von -Hohen-Esp noch gewaltiger erscheinen wie sonst. - -Sie tritt der Ankommenden entgegen und bietet ihr mit herzlichem -Willkommen die schlanke, weiße Hand zum Gruß, und unter den silbernen -Scheiteln und der klaren, hohen Stirn leuchten Gabrielen ein paar so -schöne, edelblickende Augen entgegen, daß sie das Empfinden hat, als -ströme es unter diesem Blick ganz seltsam warm zu ihrem Herzen. - -Sie küßt die Hand der Gräfin, sie dankt für das gütige Wohlwollen, -welches sie hierherkommen hieß, -- und Gundula schaut einen Augenblick -tief und ernst in das Antlitz des jungen Mädchens, nickt freundlich und -drückt die kleine Hand kräftig in der ihren. - -»Gebe Gott, daß wir einander liebgewinnen und daß Sie gerne bei uns -weilen!« sagt sie schlicht, wendet sich an den alten Diener und gibt -Befehl, das Gepäck in das Zimmer des gnädigen Fräuleins zu schaffen. - -»Ich führe Sie, liebe Gabriele! Wenn es Ihnen recht ist, schlafen Sie in -meiner Nähe, denn anfänglich wird es Ihnen ungewohnt und unheimlich -genug bei uns sein!« Sie schreitet nach der eng gewundenen, tief -dunkelgebräunten Holztreppe und legt die Hand auf einen der Bärenköpfe, -welche die Schnitzerei zeigt ... »Fürchten Sie sich nicht vor diesen -zottigen Burschen, welche Ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnen! Sie -sind unsere lieben Freunde, sie gehören zu uns und in dieses Haus wie -gute Schutzgeister, welche man nicht vertreiben darf. Fürchten Sie sich -vor Bären?« - -Gabriele lächelt. - -»Nicht im mindesten, Frau Gräfin! Ich bin überzeugt, daß dieselben auch -mich bald als Freundin dieses Hauses erkennen und beschützen werden.« - -»Hier ist Ihr Zimmer, ein Turmstübchen, so klein und niedrig, wie es -unsere Altvordern gemütlich fanden. Der Blick ist schön, -- Sie sehen -aus dem Fenster Wald und See, und wenn Ihr Herzchen nicht allzusehr an -der bunten Welt und ihrem Leben und Treiben hängt, wird Ihnen diese -stille Poesie sicher gefallen.« - -»Ich wußte, daß Sie mich erwartet, Frau Gräfin, und bin gern gekommen. -Wenn man die Welt durch Tränen ansieht, tun ihre grellen Farben dem Auge -weh.« - -Wieder blickt Gundula in das ernste, sinnende Antlitz der Sprecherin, -sie legt die Hand auf ihre Schulter. - -»Weh und Leid haben Ihr junges Herz krank gemacht, -- gebe Gott, daß es -hier gesunde! -- -- Bescheiden Sie die Leute, wo Ihre Koffer aufgestellt -werden sollen, -- rechts zur Seite hier befindet sich ein geräumiger -Wandschrank. Packen Sie allein aus oder wünschen Sie Hilfe? Hanne steht -zu Ihrer Verfügung.« - -»Ich danke, Frau Gräfin; ich bin gewohnt, mich allein zu bedienen.« - -Gundula nickt sehr befriedigt. »Das ist recht. Mir gefällt es gut, wenn -ein Mädchen selbständig ist. In erster Zeit werden Sie allerdings noch -manches erfragen müssen, bis Sie auf Hohen-Esp Bescheid wissen, -- am -liebsten ist es mir, Gabriele, Sie wenden sich an mich, ich habe stets -Zeit für Sie.« - -»Ich danke von Herzen, Frau Gräfin.« - -»Und jetzt lasse ich Sie allein, -- Sie werden eine kurze Zeit der Ruhe -bedürfen. In zwei Stunden erwarte ich Sie zum Essen. Wir sind vorläufig -allein im Hause, mein Sohn mußte für kurze Zeit nach Walsleben fahren. -Also auf Wiedersehn, liebe Gabriele, -- Gott der Herr segne Ihren -Eingang in dies Haus.« - -Die Sprecherin zieht das junge Mädchen an sich und berührt mit ernstem -Kuß seine Stirn, dann geht sie. - -Wie im Traum schaut Gabriele der hohen Frauengestalt nach. - -Sie sieht aus wie ein schönes, ehrwürdiges Bild, welches aus dem Rahmen -gestiegen, durch diese dämmrig stillen Räume zu schreiten. Wie paßt sie -in dieses Haus! - -Fürwahr eine Bärin von Hohen-Esp. - -So hatte sich Gabriele sie nicht vorgestellt. - -Sie glaubte eine finstere, strenge, kalte Matrone vorzufinden, eine -Herrin, welche mit weltfeindlichem Sinne hier gebietet, -- nicht aber -diese friedliche, milde, schlichte und einfache Frau, welche bei all -ihrer vornehmen Würde so viel herzgewinnende Güte hat. - -Schon auf den ersten Blick gefiel ihr »Frau Herzeleide«, und Gabriele -empfindet es wie eine glückselige Vorahnung, daß sie diese Frau -liebgewinnen wird wie eine Mutter. - -Der Sohn ist verreist! - -Unwillkürlich atmet sie auf. - -So warm es ihr bei dem Anblick der Gräfin um das Herz geworden, so -unbehaglich wird es ihr zumute, wenn sie an den Sohn denkt. -- - -Sie kann sich diesen schüchternen, linkischen Menschen so gar nicht in -diesem Bärennest vergegenwärtigen! - -Hier in diesen Mauern weht ein Odem alter versunkener -Ritterherrlichkeit. - -Hier atmet alles trotzige, kernige, stolze Urwüchsigkeit. - -Hier kann man sich die Bären von Hohen-Esp nur vorstellen als -kriegerisch rauhe, kühne und wehrhafte Männer, -- nicht als verlegen -errötende Jünglinge, welche über ihre Lackschuhe stolpern. - -Gabriele blickt sich sinnend um. - -Welch ein Stück uralter, langvergangener Zeiten umgab sie! - -Wie unverändert die Gesimse, Möbel und Geräte. - -Einfach und anspruchslos, aber traut und gemütlich. - -So wie Gräfin Gundulas Anblick anheimelt. - -Auf der dunklen Holzkonsole neben dem Bett liegt eine Bibel. - -Darin las wohl schon die Urahne. - -Die Grafen von Hohen-Esp waren seit jeher fromme, gottesfürchtige -Leute, darum ruhte der Segen des Herrn auf ihrem Hause. - -Nur der Vater Guntram Kraffts, der hatte sein stilles Ahnenschloß -verlassen und war in die verführerische, sündige Welt hinausgezogen. Da -hatte er in dunkler, trostloser Stunde seinen Gott vergessen. - -Schwere, seidendurchwirkte Gardinen hängen in steifen Falten zu beiden -Seiten des Bettes hernieder, ein geschnitzter Sessel steht an dem -spitzen Bogenfenster; unter altmodischem Spiegel, dessen verblaßter -Goldrahmen in seinem Mittelstück eine Bärenjagd zeigt, steht der -Waschtisch mit der eingelassenen Zinnschüssel von seltsamer -Reliefarbeit. Gabriele tritt an das Fenster und blickt hinaus. - -Der Regen rieselt an den kleinen, bleigefaßten Scheiben herab und -trommelt einförmig auf dem Sims. - -Man sieht nicht viel -- nur den Eindruck hat man, daß man tief -hinabblickt auf flaches Land und endlos gedehnte Waldungen. Fern im -Hintergrund liegt wohl die See, die eintönige und einförmige See, welche -sich so träge dehnt, sei es in blendender Sonnenhitze oder grau in grau, -wie ein Nebelbild an regnerischem Frühlingstage. - -Gleichgültig wendet sich Gabriele von ihrem Anblick ab und kniet vor dem -Koffer nieder, um das Auspacken zu beginnen. Sie ist stets im Leben -pünktlich gewesen und will bis zur Essensstunde fertig sein, um alsdann -ihre Dienste der Gräfin widmen zu können. - - * * * * * - - - - -XIX. - - -Das schlechte Wetter hielt an und zwang die Damen, im Zimmer zu -verweilen. - -Gabriele war eifrig bemüht, sich mit den Räumlichkeiten der Burg bekannt -zu machen und der Gräfin möglichst zur Hand zu gehen. Zu ihrer -Überraschung bemerkte sie, daß es so gut wie gar keine Arbeit für sie -gab, denn Gundula verrichtete nach wie vor alle Obliegenheiten der -Hausfrau und beaufsichtigte, schaltete und waltete wie sonst in Haus und -Hof. - -Gabriele begleitete sie zwar auf Schritt und Tritt und bemühte sich, -hier und da kleine Handreichungen zu leisten, doch schien ihr diese -Beschäftigung schließlich so unbedeutend, daß sie die Gräfin um Arbeit -bat. - -Diese lächelte. - -»Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele!« sagte sie ruhig. -»Fürerst sehen Sie sich alles an, wie ich gewohnt bin, den Tag -einzuteilen, und falls es einmal nottut, vertreten Sie mich. -- Am -Nachmittag ist es oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer -Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer der Burg, welche -wir für gewöhnlich nicht bewohnen.« - -Das geschah. -- - -Den riesengroßen Schlüsselbund an der Gürteltasche, schritt Gundula mit -ihrem jungen Gast durch die wunderlichen Gemächer, in welchen eine -längst vergangene Zeit gleich einem Dornröschen in tiefem Zauberschlafe -lag. - -Wie düster, wie still ringsum. - -Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, hier und da huschte -der graue Schatten einer Maus unter altgeschnitztem Schrank oder -silberbeschlagener Truhe hervor. - -Am meisten interessierten Gabriele die Ölgemälde in dem Ahnensaal, einem -viereckigen Gemach mit niedriger, getäfelter Decke und Parkettplatten, -welche schreitende Bären als Muster aufwiesen. - -Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las ernsten Blickes die -Namen auf den kleinen Schildern, während Gundula wie in tiefen, -schwermütigen Gedanken langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken -zurückschaute in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des Geliebten -diesen Saal betreten, ein überglückliches, leidenschaftlich empfindendes -Weib, welches sich bei dem Anblick dieser alten Bilder zu all dem -begeisterte, was sie später für ihren Sohn geschaffen, erstrebt und -erreicht. - -Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen Gemälden dieselbe -Anmerkung. - -Hier eine stolze, markige Männergestalt in schlichtem Wams und hohen -Wasserstiefeln. - -»Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini 1522, ertrunken den -14. März 1570.« - -Und hier eine schlanke, blühende Jünglingsgestalt, blondlockig, mit -lachend hellem Blick -- eine entschiedene Ähnlichkeit mit Guntram -Krafft. - -»Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um 1503.« - -Und dort --! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast alle Bären von -Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste Stirn, die kühn blickenden -Augen und die energische Hand, welche hier ein breites Schwert über ein -Segelschiff neigt. - -»Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und See, geb. 1361, -ertrunken im Kampf gegen seeräuberisch Gesindel um 1433.« - -Und hier noch eins -- zwei andere Bilder, mit lateinischen Inschriften, -dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung des Spruches: »Und das Meer -wird seine Toten wiedergeben.« - -Gabriele wandte sich zu der Gräfin. - -»Wie kommt es, daß so viele Grafen ertrunken sind?« fragte sie leise, -»mir deucht es seltsam, daß ein derart seltener Unglücksfall sich so -merkwürdig oft in einer Familie wiederholt!« - -Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und nickte ihm wehmütig -zu: »Das wundert Sie bei Männern, Gabriele, welche Schirmvögte einer -Küste waren, die sowohl wegen ihrer gefährlichen Strömungen als auch -wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen Wäldern hier hausten, -allgemein gefürchtet und verrufen war? Die Bären von Hohen-Esp haben -aufgeräumt mit dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser und -zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem schiffbrüchigen -Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe gekommen! Und wie gar mancher brave -Soldat seine Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp -ihr Leben im Dienst für Fürst und Vaterland, für Recht und Pflicht -gelassen! -- Sehen Sie dort ... und dort ... und da drüben ... und an -jener Seite dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere -gestorben, Väter und Söhne, von den ältesten Tagen -- bis in die heutige -Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht, dessen schönster Ehrenschmuck -jenes schwarze Kreuz über dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der -Spruch des Herrn war: >Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!<« -- - -Gundula schwieg, es war still und dämmerig, und Wulffhardts lachende -Augen hafteten in beinahe unheimlicher Lebendigkeit auf Gabrieles -Antlitz. - -Dem jungen Mädchen war es plötzlich so feierlich, als stünde es in der -Kirche. - -Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen färbten sich höher, und -ihr Herz, welches seit jeher so begeistert für Mannesmut und Heldentum -geschlagen, hämmerte in ihrer Brust. - -Und während Gundula an das Fenster trat, um es für kurze Zeit zu öffnen, -stand sie und blickte wie im Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz -empor. - -Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein! da war dennoch keine -Ähnlichkeit! - -Hier der kühne, mutige Blick mit den blitzenden Augen und der stolzen -Haltung -- er hatte nichts gemein mit dem schüchternen, errötenden -Nachkommen, welcher nichts ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich -hinter dem Ofen sitzt und erntet, was die Mutter gesät! - -Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn, wendet sich -hastig und folgt der Gräfin, welche ihr zu der Waffenhalle -vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen Tür zwei wirkliche, echte -Bären, ausgestopft, staubig und mottenzerfressen, aber dennoch durch -ihren Anblick Grausen erregend, die Wache halten. - - * * * * * - -Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Gräfin lieber, und auch Gundulas Herz -schlug immer wärmer und zärtlicher für das anmutige Mädchen, an welches -sich ihre liebsten und geheimsten Zukunftspläne knüpften. - -Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause führte die Menschen -schneller zusammen und gestaltete auch das Verhältnis zwischen Gundula -und ihrem jungen Gast von Stunde zu Stunde inniger. - -Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswürdige Wesen des Fräulein von -Sprendlingen war der alternden Frau sehr sympathisch, die große -Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Bestreben, sich nützlich zu machen und -fleißig zu sein, sowie ihre anmutige Schönheit gewannen ihr vollends ihr -Herz. - -Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an welchem Guntram Krafft -heimkehren wollte, und nun verschob er diesen Zeitpunkt bereits zum -drittenmal und deutete an, daß er fürerst überhaupt noch nicht an die -Heimreise denke. - -Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem Frühlingswetter das -Feld geräumt, und Gabriele schritt zum erstenmal an der Seite der Gräfin -in den Park hinab. - -Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gruß entgegen, starrte -einen Augenblick wie gebannt in das reizende Mädchengesicht, dessen -Anblick ihm so überraschend wurde und in dieser kalten Welt doppelt -wohltat, und meldete der Gräfin mit etwas unsicherer Stimme, daß das -neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft habe, nach Walsleben -nachgeschickt werden solle. - -»Das ist ein Unsinn, lieber Möller! Ich hoffe, daß mein Sohn dieser Tage -zurückkommt, und will auf alle Fälle erst noch einmal schreiben, ehe dem -Tier der unbequeme Transport zugemutet wird!« - -»Befehl, Frau Gräfin!« - -Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll harmlosen Staunens -zu der Burgherrin auf. - -»Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, daß er sich sogar das Pferd -nachkommen lassen will! Er sagte mir doch in der Residenz, daß der -einzige Sport, welchen er eventuell gern ausübe, das Rudern sei?« - -Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als höre und -verstehe sie nicht recht. - -»Mein Sohn _sagte_ Ihnen ...« wiederholte sie langsam, »ja, um alles in -der Welt, _kennen_ Sie ihn denn, Gabriele?« - -Gabrieles große Augen blickten ebenso erstaunt wie die der Gräfin. - -»Ja, gewiß! Ich lernte den Grafen in der Residenz auf einem Hofball -kennen und nahm an, daß ich es seiner gütigen Fürsprache verdankte, hier -im Hause aufgenommen zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen nicht -erfahren?« -- - -Gundula schüttelte langsam den Kopf. »Kein Wort hat er mir davon gesagt -... und er sah doch sogar Ihr Bild, Gabriele!« - -Das junge Mädchen schritt ruhig an der Seite der Sprecherin weiter. »O, -so hat er mich wohl gar nicht wiedererkannt! Er hat so unendlich viele -fremde Gesichter zu sehen bekommen und so viele Namen gehört, daß es nur -ganz natürlich ist, wenn er die einzelnen nicht im Gedächtnis behielt!« - -Gundulas Augen bekamen plötzlich einen auffallenden Glanz. - -»Aber er tanzte mit Ihnen?« - -»Doch nicht, Frau Gräfin. Der Graf kam sehr spät zu mir, da waren meine -Tänze vergeben!« - -»So bat er wenigstens um einen?« - -»Er war so höflich!« - -Ruhig und gleichmütig wie stets klang ihre Stimme. - -»Und holte sich keine Extratour?« - -»Auch dabei waltete ein Mißgeschick. Gerade als wir tanzen wollten, -schwieg die Musik.« - -»Ach, das hat er gewiß sehr bedauert. Plauderten Sie nicht zur -Entschädigung zusammen?« - -»Bei Tisch, gnädigste Gräfin. Ihr Herr Sohn saß neben mir. Sehr viel -sprachen wir aber nicht, und was wir sprachen, weiß ich nur noch dem -Sinne nach. Wir waren verschiedener Ansicht, -- der Graf liebte das -Meer, ich nicht. Sehr liebenswürdig erschien ich ihm sicherlich nicht, -wenn er überhaupt meinen Worten Wert beilegte, was ich bezweifle.« - -»Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?« - -»Nein, nur die verheirateten Herrschaften!« - -»So wählte Guntram Krafft selber den Platz an Ihrer Seite?« - -Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um die Unterhaltung -fortzuführen. - -»Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, und da ich ihm -zufällig schon bekannt war, so dachte er wohl ...« - -»Sie waren ihm schon bekannt?« - -»Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem Schlitten auf der -Straße der Residenz erlitt. Der Graf kam mir zu Hilfe, richtete den -Schlitten auf und sammelte mich aus dem Schnee empor!« -- Gabriele -lächelte. - -»Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er sich in der Eile -nicht vor und erfuhr auch meinen Namen nicht!« - -»Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?« - -»Einmal saß mir der Graf noch im Theater gegenüber, doch lernten wir uns -dort nicht kennen.« - -Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, und Gabriele -erzählte von dem Leben und Treiben in der Residenz. Sie kannte so viele -Menschen, für welche sich die Gräfin noch lebhaft interessierte, und so -legten die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung zurück. - -In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen Augen schlaflos -in den Kissen. Ihre Wangen brannten in heißem Rot, und ihre Lippen -lächelten. - -Eine außerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen Frau bemächtigt, -seit sie durch Gabriele erfahren, daß Guntram Krafft sie bereits kannte. - -Da war es, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren Augen zerrissen sei. - -Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, welche mit dem -jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, -- sie rief sich -sein Benehmen in das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür -gefunden. - -Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mädchen -verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung -bei dem Anblick ihres Bildes. - -Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich -liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene -Mann für eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser -Verwirrung die Flucht. - -Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mädchens willen verließ, -so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um -ein Wiedersehen zu vermeiden. - -Die Gräfin lächelte. - -Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchführen -ließe! - -Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen -- er flieht -aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verändertes Wesen seit -der Heimkehr, bestätigten diese Ansicht. - -Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, daß die Mutter selber -die Geliebte des Sohnes unter sein Dach führt! - -Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre tatsächlich von -Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wäre -das junge Mädchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp -gekommen. Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram Krafft -gesprochen. - -Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind -echt. - -Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und -sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen knüpfen, hat sie dasselbe mit -dem argwöhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das -Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die große -Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff -erscheinen ließ, schätzte die Gräfin als eine Garantie dafür, daß sie -nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird. - -Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu -beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, daß sie ihm wohl nicht -liebenswürdig erschien, weil sie absprechend über Meer und Strand -geurteilt, so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt vor -dieser Offenheit. - -Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern -zu bleiben, und mit Vernunftsgründen richtet man bei verliebten Leuten -nichts aus; also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den -Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel. - -Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffällig -beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens -heimlichste Gedanken zu erforschen. - -Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre Gabriele nicht für ihren -Liebling bestimmt, so würde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer -Weise hierher in die Einsamkeit geführt haben. - -Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin ein, und als sie -früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an -Guntram Krafft. - -Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß sie die Nacht -meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden -Augenblick etwas zustoßen könne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes -sei ihr ungewöhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke -nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen -Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den -Sohn nicht ersetzen könne. Außerdem sei der alte Klaaden einige Male -dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei -seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. -- Und zum -Schluß bat sie den Sohn, unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er -sie nicht noch kränker machen wolle! - -Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas sonst so herbe und -ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch -einen reitenden Boten sogleich besorgen ließ. - -Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch an demselben Tage -eintreffen werde. -- - -Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, und darum klagte sie -auch Gabriele, daß sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend -fühle. - -Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemühte -sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula, -welch ein weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten -Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von -Herzen. - -Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verständnis und -Umsicht Fräulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer -Hausfrau übernahm und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte. - -Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, bleichen Antlitz -der »Frau Herzeleide«, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren -brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück, -welches sicher kommen mußte, -- sicher und bald, das fühlte sie. - - * * * * * - -Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah sie eine dunkel -gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen -empfing und mit bescheidenem Dank und Gruß davonschritt. - -»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele die Mamsell. - -»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher -bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen von dem Wrack der >Sophie -Johanne< ertrunken ist.« - -Ertrunken! - -Gabriele sah plötzlich die Bilder aus dem Ahnensaal vor sich, unter -denen neben schwarzem Kreuz dieses Wort geschrieben stand. - -»Es ertrinken wohl viele Männer hier?« fragte sie nachdenklich. - -Die Alte nickte laut seufzend. »Daß Gott erbarm! Ach, gnädiges Fräulein, -es ist ein gar saures Stückchen Brot, welches die Fischer und Seeleute -essen, und trägt wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.« - -»Ich habe gar nicht gedacht, daß es so sehr gefährlich ist, auf dem -Wasser zu fahren!« - -»Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht recht vorstellen! -Wenn man die See aber einmal recht bös und grob gesehen und den Sturm -aus Nordost pfeifen hörte, dann begreift man's.« -- - -»Kommt das oft vor?« - -»Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, daß es gerade jetzt, wo der Graf -abwesend war, nicht arg geweht hat!« - -»Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da ist doch keine -Gefahr für ihn!« - -Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, aber die -Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte eifrig die Kartoffeln für den -Schweinetrog. - -»Für ihn nicht, bewahre! Aber für die Seefahrer! Und wenn was passiert -wäre -- meinte noch gestern der alte Klaaden -- so hätten sie mit den -neuen Apparaten doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen können!« - -»Ah -- der Graf unterweist sie darin?« - -»Wer anders denn er! -- Ja, wenn der junge Herr nicht wäre, gnädiges -Fräulein!« - -Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und kein so gewaltiges -Verdienst darin, die Fischer ein wenig anzuleiten, aber sie nickte -zustimmend und schritt weiter nach dem kleinen Küchengarten, welcher im -hellen Sonnenschein seine jungen Kräutlein und frischerschlossenen -Kirschblüten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen See glänzen, -so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf vier Wochen lang -gelegen, und sie schüttelte gedankenvoll den Kopf und begriff es nicht, -daß dies glatte Wasser so gefährlich und unheimlich sein sollte. - - * * * * * - -Da es in dem großen, hallenartigen Speisezimmer noch kalt war, brannte -ein loderndes Kaminfeuer, und Gräfin Gundula hatte ihren Sessel nahe -hinzurücken lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad. - -»Ich kann es nicht ertragen, die Hände so müßig zu falten!« antwortete -sie auf Gabrieles besorgte Bitte, heute ruhig zu bleiben, und als das -Rad fröhlich schnurrte und der Faden lief, ließ das junge Mädchen die -feine Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu. - -»Wie schön! Wie poetisch das ist! O, das möchte ich auch lernen, Frau -Gräfin!« - -»Gewiß, liebe Gabriele, meine Mägde spinnen alle und können Ihnen -sogleich ein Rad leihen! Ich bin so sehr für das eigengesponnene Leinen! -Es ist derb und hält bedeutend länger als gekauftes Gewebe, namentlich -in der Küche und für das Gesinde ist es durchaus praktisch!« - -»So darf ich mir ein Rad holen?« - -»Selbstverständlich; ich unterweise Sie gern!« - -Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit ein Spinnrad herzu. - -»Dieses >Radeln< ist mir lieber, wie das moderne,« scherzte die Gräfin; -»wir sind hier gut hundert Jahre zurück gegen die neumodische Welt!« - -»Das ist schön, darum wohnt hier noch die Poesie in all ihrer -unverfälschten Schönheit!« - -»Sie lieben dieselbe?« - -»Über alles. Mama neckte mich oft, daß es für mich besser gewesen wäre, -zu eines König Artus' Zeiten zu leben. Ich begeistere mich so sehr für -alles Ritterliche, Edle, Kühne und Herrliche -- und gerade daran ist -unsere prosaische Zeit so arm.« - -»Nicht arm, Gabriele, -- es tritt nur nicht so auffällig hervor wie -ehemals.« - -»Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?« - -»Gewiß! Sie ziehen nur nicht mehr in glänzender Rüstung durch das Land -und suchen Frau Aventure im Busch.« - -»Unsere Männer und Jünglinge ziehen in den Krieg und werden -totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins Gesicht schauen konnten; das -ist kein heldenhafter Kampf, sondern nur Disziplin und müde Resignation, -welche auf Kommando stirbt!« - -»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue -Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die -höchste und heiligste Tugend des Soldaten!« - -»Das wohl, -- aber mir deucht, dieses kühne Aug' in Auge mit dem Feind, -dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das -findet sich im kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche -eine schneidige Attacke reitet!« -- - -»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler Schanze -- die -Spichererhöhe im Sturme genommen?« -- - -»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schöne und glänzende -Soldatentat an, aber man hat als Mädchen keine rechte Vorstellung -von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des -Heldentums aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in -der großen Menge mitgekämpft, man hätte nicht die kühne, heldenhafte -Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe -bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich tue unseren -modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber -einem Mädchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas -eigenwillig bildet. Ich möchte einen Helden _sehen_, seine tollkühne -Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem -waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor -unsern Blicken herausfordert und überwindet!« - -Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über dieses Thema -vielleicht auch mit meinem Sohn?« - -»Ich glaube ja. -- Möglicherweise verargte er es mir.« - -Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und hob lauschend das -Haupt. - -Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte. - -Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe -und Spannung erlöst, auf und sagte leise: - -»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!« - -Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, um hinauszublicken. - -»Ja, es ist der Graf!« -- rief sie der Burgfrau zu, und ihre Stimme -klang nicht um einen Hauch erregter wie sonst. - - * * * * * - - - - -XX. - - -Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter und Sohn nicht -stören, und da bereits der schwere, spornklirrende Schritt Guntram -Kraffts auf den Steinstufen der Vortreppe ertönte und sie die Tür der -Halle nicht mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen zu -werden, blieb sie an dem Fenster stehen und blickte mit nicht gerade -sympathischen Empfindungen dem jungen Mann entgegen. - -Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier gelebt! - -Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten und das gemütliche -Zusammensein beeinträchtigen. - -Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fügen, welchen der Verkehr mit -einem jungen Herrn mit sich bringt, wenn ihr der Bär von Hohen-Esp nur -nicht mit dem anbetenden Entzücken begegnet, wie in der Residenz! - -Das würde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt hier unmöglich machen, -und doch tät es ihr leid, von der Gräfin und der Burg hier zu scheiden. - -Die Gräfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das alte Bärennest ist -just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes Gemüt einen hohen Reiz -ausübt! - -Guntram Krafft als Freund -- wie schön wäre das! -- Als Bewerber um ihre -Gunst und Liebe -- wie unerträglich! -- - -Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander und blickt der -hohen Männergestalt entgegen, welche voll ungestümer Hast über die -Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt. - -Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas -wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem -heißgeröteten Antlitz liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher -bei dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe -leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht. - -»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?« - -Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über den Sessel und -schlingt die Arme um die Gräfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr -Zerbrechliches anfaßt. - -Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine Lippen, streicht über -sein Haar und sagt innig: »Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg -dahergejagt? Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!« - -Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die -seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf. - -»Was fehlt dir, Mutter? -- Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es -etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?« - -Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr -allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen -die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die -Sprecherin wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... wo stecken -Sie? -- Sind Sie noch im Zimmer?« - -Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne Bild vor dem -lodernden Kaminfeuer geschaut. -- Ja, ein schönes Bild, und eine -gerechtfertigte Angst und Sorge -- und doch schien sie Gabriele nicht -männlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie in -Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttersöhnchen, -welches nach wie vor an der Schürze der Mutter hängt? - -Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, aber welch anderer -Charakter und Mut trotzt auf dem lachenden Gesicht jenes Vorfahren! - -Jetzt, als die Gräfin ihren Namen ruft, schrickt er empor, erhebt sich -und weicht jäh zurück. Nun wird er sie wieder anstarren, verlegen -lächeln und erröten, wie damals in der Residenz. - -Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht dem Grafen sehr -gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, aber doch sehr förmlich und -kühl: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie -gönnen mir ein Plätzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!« - -Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig überrascht, daß Guntram -Krafft nicht mit entzücktem Lächeln quittiert. Der aber berührt kaum -ihre Hand in flüchtigem Gruß, verneigt sich sehr tief, ohne sie -anzusehen und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch nie -vernommen: »Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie den -Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit zu kommen und meiner teuren -Mutter Gesellschaft zu leisten. Möchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu -eintönig erscheinen!« - -Und dann küßt er die Hand der Gräfin und bittet: »Gestatte, Mama, daß -ich mich umkleide, der Ritt war eilig und der Weg grundlos! In kürzester -Zeit stehe ich wieder zu deiner Verfügung!« - -»Selbstverständlich, Guntram! Wir warten mit dem Abendbrot auf dich!« - -Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend vor den Damen und -schreitet durch die Halle zurück. - -Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine Veränderung ist in der -äußeren Erscheinung des Grafen vor sich gegangen! Wie stattlich und -markig sah er in diesem etwas verwilderten Reitkostüm aus, so ganz -anders, wie in dem hocheleganten, gräßlichen Frack und den Lackschuhen, -welche so geborgt und ungehörig an ihm aussahen. Gewiß wird er sich -jetzt wieder als Dandy zurechtmachen und als sehr schicker, moderner -Jüngling wiederkehren. -- - -Schade darum! -- - -Währenddessen stürmte Guntram Krafft die gewundene Holzstiege empor, -nach seinen Zimmern. - -Er stieß ungestüm ein Fenster auf und atmete wie ein Erstickender die -kühle Abendluft. - -Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, gefürchtete -Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele war überwunden, aber ihm deuchte -es, als müßte dasselbe sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben. -Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ihre Hand halten, mit -höflichen Worten zu ihr sprechen könne. - -Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwäche, oder der wilden, -leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen dieselbe revoltierte. - -Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu können, und hatte doch ruhig -und ernst vor ihr gestanden und zu ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu -zucken. - -Wie war das möglich gewesen? - -Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so freundlich gelassen -entgegenkam. - -Da zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn: »Du Narr! Warum erregst du -dich? Warum fürchtest du es, ihr in die Augen zu sehen? Hast du es nicht -auch in der Residenz getan? Und was ist seit jener Zeit anders -geworden?« - -Nichts! - -Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche Thea an ihr -begangen! - -Sie läßt es sich nicht träumen, daß der kleine Zettel, auf welchem sie -sich so grausam für ewige Zeit von dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper -lossagt, wie fressend Gift auf seiner Brust liegt! - -Sie weiß es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen erduldet, wie -es tropfenweise verblutet ist an dem ersten, großen, namenlos bitteren -Leid, welches es erfahren. - -Nein, davon ahnt und weiß sie nichts! - -Guntram Krafft reckt sich plötzlich empor und drückt die Hände gegen die -Brust, als sei ein eiserner Panzer, welcher sie eingepreßt, jählings -zersprungen. - -Er atmet hoch auf, -- er wirft das Haupt in den Nacken und schließt -momentan die Augen. - -Daß er sich darüber nicht schon früher klar geworden ist! - -Gabriele kam völlig ahnungslos und harmlos hierher, er braucht weder ihr -Mitleid noch ihren Spott zu fürchten. - -Weiß sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie geliebt? - -Nein! -- - -Weiß sie, daß er um ihretwillen die Residenz verließ, wie in wilder -Flucht? - -Nein! -- - -Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines Menschen Seele -wird es je erfahren. Was fürchtet er? - -Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, fliehen? - -Das Vergangene ist überwunden. - -Daß Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, weiß er, und daß er -viel zu stolz ist, um die Liebe als Almosen zu erbetteln, das weiß er -auch. - -»Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz --« - -Heißt es nicht so im Gedicht? - -Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm hergehen, warum soll er -künftighin noch mehr in ihr sehen, denn solch eine stille, freundliche, -gleichmütige Schwester? - -Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert und gewonnen -hat, -- um der armen, einsamen Mutter willen, muß er sich in das -Unvermeidliche fügen. - -Der Bär von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem Fenster und blickt über -die blühenden Obstbaumzweige hinweg, über die dunklen, schweigenden -Wälder hinaus. Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glänzt ein Streifen -der See im silbernen Mondlicht! -- - -Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen Tagen von Walsleben -nach ihrem Anblick gesehnt! - -Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme nach dem -funkelnden Silberstreif aus. - -»Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergründliche See! Dir -habe ich Treue gelobt, und dir halte ich sie! Auf deinem geheimnisvollen -Grunde wohnen Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen, -wundersamen Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit liebeskranken -Menschenherzen und nehmen sie in die weißen Arme und betten sie drunten -zu ewiger Ruhe, wenn ihnen das Leben zu schwer und unerträglich wird! -- -Dich will ich lieben, du blaue See -- und du wirst den ruhm- und -tatenlosen Mann von dir weisen!« - --- Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem Blick das Haupt, -entzündete eine Kerze und warf bei ihrem Flackerlicht die bespritzten -Kleider von sich. - -Sein Blick streifte die eleganten Anzüge, welche er aus der Welt draußen -mit heimbrachte. Soll er sie jetzt wieder zu Ehren kommen lassen? - -Ein beinahe rauhes Lachen. - -Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn mehr daran erinnern. - -Kam das Fräulein von Sprendlingen in die Bärenhöhle, je nun, so mag sie -sich auch mit dem bärenhaften Anblick ihres Bewohners abfinden! - -Und er nimmt die schlichte Düffeljoppe und wirft sie über. - -Der Bär von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet sein zottiger Pelz den -Tand nicht mehr, welchen man ihm in der Fremde um die Schultern gehängt! --- - - * * * * * - -Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm möglich ist, so -ruhig und gleichmütig mit Gabriele zu verkehren. - -Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur während der -Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie anzusehen, und antwortet -ernst und zurückhaltend auf all das, was sie ihn freundlich und -unbefangen fragt. - -Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll staunender -Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche in der derben und -praktischen Kleidung so ganz anders aussieht, so viel sicherer und -selbstbewußter einherschreitet, wie dermalen auf dem Parkett. - -Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge Mädchen aufatmet, -als sie seine Ruhe und Gelassenheit, die große Gleichgültigkeit im -Verkehr mit ihr wahrnimmt. - -Diese Veränderung deucht ihr eine Wohltat und macht sie fröhlicher und -zutraulicher gegen ihn. - -Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespräch zu ziehen, sie spricht -selber lebhafter und heiterer wie zuvor, und wenn sein Blick sie hier -und da flüchtig streift, so sieht er ihr sonniges Lächeln und die -strahlenden Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf ihm -ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, aber doch lange nicht -mehr so kalt und abweisend blicken wie damals. - -Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert es ihm doppelt, seine -unnatürliche Ruhe an ihrer Seite zu wahren. - -Er hält sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf und weilt nur so kurze -Zeit wie möglich bei den Damen. - -Gottlob hat sich die Gräfin schnell erholt, und es deucht Guntram -Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes Antlitz habe -das Lächeln gelernt, und in ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm, -wie nie zuvor. - -Gabriele kehrt aus dem Garten zurück und schreitet über den Hof. - -Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen und eifrig an ganz -seltsamen und lederartigen Kleidern hantieren. - -Der Alte lächelte sie beinahe zärtlich an, denn die anmutige Schönheit -der jungen Dame hat auch sein Herz im Sturm genommen, so wie alle in der -Burg voll Entzücken den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen -ausgeht. - -Fräulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener freundlich zu -und tritt mit forschendem Blick näher. - -»Ei, was haben Sie denn da für einen wunderlichen Anzug vor, Anton?« -lacht sie. »Bei diesem schönen Wetter wollen Sie doch nicht Ihren -Regenrock hervorholen?« - -Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein wenig plaudern zu -können. - -»Mein Regenrock? I bewahre, gnädiges Fräulein! Das ist ja das Ölzeug vom -Herrn Grafen, welches ich mal wieder nachsehen und in den -Rettungsschuppen hinabbringen soll!« - -»Ölzeug des Herrn Grafen?« -- Gabriele mustert überrascht den seltsamen -Rock, die mächtigen Stiefel und den ganz eigenartigen Hut: »Zu was -gebraucht der Graf diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?« - -Anton reißt die Augen weit auf: »Nun, das versteht sich! Herr Graf muß -doch Ölzeug tragen, wenn er in Sturm und Wogenschwall hinausfährt! Bei -den Spritzern, die es da setzt, würde er ohne diese Schutzkleidung bald -bis auf die Haut durchnäßt sein!« - -»Er fährt mit hinaus? -- Auch bei schlechtem Wetter?« - -Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er starrt die Fragerin ebenso -überrascht an, wie sie ihn. -- - -»Wissen denn das gnädige Fräulein nicht, daß unser Herr Graf alle -Rettungen und Ausfahrten immer persönlich leitet? Daß er unser kühnster -und unerschrockenster Seefahrer ist? -- Seine Lotsen hat er sich alle -allein herangebildet -- ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen aus -eigenen Mitteln erbaut und ausgerüstet hat! Nun ist er sein eigener -Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, wie man noch einen -zweiten finden soll! Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken für die -Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in der Not die -Riemen führt! Wußten das gnädige Fräulein das wirklich noch nicht?« - -Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons Händen nieder. - -»Nein, -- das wußte ich nicht!« sagte sie mit leiser Stimme. »Ist solch -eine Rettung eigentlich gefährlich? Ich kann mir das gar nicht -vorstellen!« - -»Gefährlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme Riek ist das -letztemal dabei geblieben, und seine Leiche ist bis zum heutigen Tage -noch nicht geborgen! Haben das gnädige Fräulein denn nicht von der -kühnen Tat des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im -vergangenen Winter ... gehört? Wie sie die Unglückskerle von dem Wrack -der >Sophie Johanne< geholt haben? Nein? Na, die Rettungsmedaille haben -sie sich alle dabei verdient -- --« - -»Die Rettungsmedaille? -- Auch der Graf?« - -»Nun, _der_ doch in erster Linie!« - -Gabriele strich langsam mit der Hand über die Stirn: »Nein -- das wußte -ich nicht!« murmelte sie, »aber ... ich möchte doch wohl einmal an den -Strand gehen und das Meer wiedersehen!« - -»Und ob, gnädiges Fräulein! Etwas Schöneres gibt es ja auf der ganzen -Welt nicht!« - - * * * * * - -Bei Tisch war Fräulein von Sprendlingen stiller wie sonst, -- ihr Blick -haftete oft sinnend und forschend auf Guntram Krafft, als schaue sie ihn -heut zum erstenmal. - -Die Gräfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats beschäftigt. - -»Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?« sagte sie plötzlich -leichthin, »so habe, bitte, die Güte und nimm Fräulein Gabriele einmal -mit! Denk dir, sie hat, seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal -die See in der Nähe gesehen.« - -Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des Grafen. - -»Damit würde ich Fräulein von Sprendlingen kaum einen Dienst erweisen, --- sie liebt das Meer nicht!« - -»Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie man es so schön -finden kann!« bestätigte Gabriele harmlos. »Aber gerade darum möchte ich -einmal wieder an den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso -langweilig ist wie in Heringsdorf!« - -Gundula lachte: »Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit so gern, Gabriele! -Wenn Sie sich nun doch einmal zu ein paar anerkennenden Worten über -unser liebes Bernsteinmeer hinreißen lassen, so weiß ich wenigstens -bestimmt, daß es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine höfliche -Redensart ist!« - -»Ich kann Fräulein von Sprendlingen unmöglich zumuten, so lange drunten -zu bleiben, wie ich am Schuppen zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu -begleiten, Mutter, damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren könnt.« --- - -»Gut! Ich bin gern bereit!« Gundulas Blick streifte das geneigte Antlitz -des Sohnes, und sie lächelte abermals. - -Es war ein außergewöhnlich milder, sonniger Frühlingstag. - -Kein Lüftchen regte sich. - -Blau -- weit ... unendlich lag die See. - -Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel darüber aus und -verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, daß man kaum die zarte Linie -unterscheiden konnte, welche Himmel und Erde trennt. - -Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte und schimmerte, -und die weißen Segel der Fischerboote zogen traumhaft still durch die -Ferne. - -Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten der Nahenden und über -ihnen stiegen zwei Lerchen mit hellem Jubel in den offenen Himmel -hinein. - -Die Gräfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand saß und Steine und -Tang aus den Netzen las, angesprochen und blieb momentan neben ihr -stehen, sich nach diesem und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram -Krafft schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen -Sand, über welchen in graziösen Linien der silberschaumige Saum einer -kaum merklichen Brandung spült. - -Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und blickte wie verklärt in -die sonnige Pracht hinaus, -- es lag ein weicher, beinahe kindlich -milder Zug auf dem schönen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu -ihm auf und fand es zum erstenmal, daß dieser Ausdruck doch nicht so -unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal geschienen. - -»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach kurzem -Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und träge, wie damals in -Heringsdorf, und was Sie daran so schön finden, erklären Sie mir, bitte, -Graf!« - -Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein Auge spiegelte, -vertiefte sich. - -»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten nennen!« sagte er -leise, »die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! -- Mir deucht, -Sie haben sonst so viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein, -und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und -vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen Sie es nicht mit -allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stücklein Gottesfrieden sich rein -und unverfälscht hier an der See erhalten hat? -- Bekommen Sie nicht -eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese weite -- weite -Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu -Häupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher -Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von -keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig -weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre -sind wie ein Tag -- -- schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefühl -unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzückens: >Jede -dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?<« - --- Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend erhoben, den Blick -wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet. - -»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In -Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.« - -»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, hier spricht -nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemüt, aber gerade die -- -ich glaube es wohl -- kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten -Welt sein Recht behauptet!« - --- Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu -bieten. - -»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die -Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschützt, -ausruhen können. Darf ich dich hinführen, Mutter?« - -»Macht es Ihnen Freude, die >Rettungsstation< meines Sohnes zu sehen, -Gabriele?« - -»Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafür.« - -»Dann laß uns getrost gehen, Guntram Krafft, und genaue Musterung -halten, wir wissen ja, daß Gabriele keine Phrasen sagt!« - -In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, lebhafter wie zuvor -unterhielt er die Gräfin, und schweigsamer wie sonst schritt Gabriele an -Gundulas Seite. - -Der Rettungsschuppen trug äußerlich die Form einer großen, massiv -gebauten Scheune. - -Zwei breite Tore gewährten den Eintritt, und unter dem spitzen Dach war -das Wappen der Hohen-Esp unter dem roten Kreuz im weißen Felde -eingefügt. - -Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des Rettungswesens waren -der inneren Einrichtung zugute gekommen. - -Das Rettungsboot, eine Mischart der gebräuchlichsten Systeme, war aus -Stahlblech gebaut und trug den Namen »Guntram Krafft« in goldenen -Lettern. - -Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfähig gebauter Wagen trug es -und diente zu dem Zweck, das Boot bequem zum Strand zu transportieren -und es unmittelbar in das Meer zu lassen. - -Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch auf dem Wagen -montiert. - -Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren alle erforderlichen -Apparate und Gegenstände aufgestellt oder an Gestellen aufgehängt. - -Die volle Ausrüstung der bedienenden Mannschaft, welche sich aus den -wackeren, unerschrockenen Fischern rekrutierte, und von ihrem -selbstgewählten Kommandeur, dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die -Rettungsgeschosse verschiedener Art, Raketen, Mörser und Handgewehre, -Seelenretter, Korkjacken, Gürtel, Schläuche, Riemen, Schlepper, Segel -und Loggleinen, Kompaß, Fernrohr und Handlot, Ölfaß, Eimer, Pfropfe und -Reservedollen, Beil, Anker und Signalflaggen. - -Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der junge -Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden Augen erklärte und -beschrieb, und während sie seinen Worten lauschte, streifte ihr Blick -sein lebhaft erregtes Antlitz, und sie begriff es nicht, daß es dasselbe -war, welches vor wenig Augenblicken noch in träumerischem Schwärmen -hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, welches im Ballsaal so -weibisch schüchtern errötete und mit beinahe blöden Augen um sich -schaute. Hier reckte und dehnte der Bär von Hohen-Esp die kraftvollen -Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin und her, hier -schritt er fest und selbstbewußt in den schweren Fischerstiefeln über -einen Grund und Boden, welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe -Bedeutung gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch zuvor gesagt, daß -sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille verdient? Warum heftete er sie -nicht voll Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? -- Und -der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein königlicher Gast des Herzogs, -bei dem er als Ordonanzoffizier Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte! - - * * * * * - - - - -XXI. - - -Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug gehalten, und wenn -auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine -noch recht empfindlich kühle Luft von der See herüber und machte den -Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig. - -Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem Abendessen -empfohlen. - -Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem stillen Zimmer, -stützte das Haupt träumend in die Hand und las nicht. - -Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in -den Wald oder hinab an den Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand -er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und kühl auf -den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte, -Gabriele! -- - -Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine -Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachließ und ihr -heiteres, gleichmütiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab. - -Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken -ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches -sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und -Handeln, -- und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die -Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!« - -Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und -unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl -freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe -hernieder an sein Herz zu sinken. -- - -Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner -Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles -betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer -aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese -Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen -Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der -Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens -geworden. - -Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um -seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne -Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht -wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das -Kaminfeuer und sagte: - -»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den -warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...« - -»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt -wird.« - -Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete -angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten. - -»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich -dann mehr wie die Kälte. -- Am liebsten bliebe ich hier. -- Was -unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?« - -Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der -Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig -gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält. - -»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in -ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft. -Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele -den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.« - -»Spinnen? Sie lernen spinnen?« - -Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden, -Gabriele aber räumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor -ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Küche -zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich -umzusehen: - - »Ich kann stricken, - Ich kann flicken, - Feines Leinen - Kann ich spinnen ... - -So fein, Graf, daß man fürerst noch Kettenhemden daraus schmieden kann!« - -Guntrams Augen leuchteten. - -»Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so können Sie dieselbe -neidlos in meiner Gegenwart ausüben!« scherzte er, rückte sich einen -kleinen Tisch herzu, breitete die Zeitungen aus und nahm in einem der -Rittersessel davor Platz. - -Gabriele aber entzündete selber eine kleine Stehlampe, welche neben ihr -auf dem Serviertisch stand, hielt sie, einen Augenblick sie stumm -betrachtend, in der Hand und stellte sie dann vor dem Grafen nieder. - -Dieser dankte durch eine höfliche Verbeugung, griff schweigend nach den -Zeitungen und schien schon im nächsten Augenblick völlig in ihre Lektüre -vertieft. - -Aber er las nicht. - -Er starrte wie ein Träumender gedankenlos auf das Papier und gab sich -voll und ganz dem süßen Zauber, in Gabrieles Nähe zu weilen, hin. - -So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen Wohllaut ihrer -Stimme hören und voll und ganz das süße Behagen empfinden, welches ihre -Anwesenheit dem ganzen Hause verlieh. - -Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequältes Herz, und ein beinahe -wunschloses Genügen, welches nicht mehr von dem Schicksal fordert, als -wie es freiwillig gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden -Damen am Spinnrad zu sehen! Über Gabrieles geneigtes Köpfchen zuckte -das rötliche Flackerlicht des Kaminbrandes, das Antlitz trug den -Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, und die weißen Händchen -arbeiteten, wenn auch noch unsicher und zaghaft, so doch graziös und -anmutig, wie alle ihre Bewegungen es waren. - -Neigte sich Gräfin Gundula helfend und erklärend näher, so traf sie der -Blick der hellen Nixenaugen so warm und herzlich, daß das Herz des -Beobachters schneller schlug in dem entzückten Empfinden: »sie liebt -deine Mutter!« -- und stand sie ihm selber auch ewig fremd und fern, -diese Liebe zu Gräfin Gundula schlug dennoch eine Brücke zu seinem -Herzen, welches ihn mit der Geliebten in gleichem Denken und Fühlen -verband. - -Die Bärin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, dessen Flachsgewinde -unter den Fingerchen Gabrieles etwas in Unordnung geraten war, und -derweil flog der Blick des jungen Mädchens durch die mattbeleuchtete -stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe vor Guntram -Kraffts Platz, deren Fuß durch einen schreitenden Bronzebär gebildet -wurde. - -Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen Kronleuchter, welcher -von der gewölbten Decke herabhing und in Art der alten Leuchterweibchen -gearbeitet war, nur schwebte anstatt des Frauenkörpers der Oberleib -eines Bären in den schmiedeeisernen Ketten, und von ihm aus gingen acht -mächtige Pranken, welche die Lichter hielten. - -Die Sessel, auf welchen man saß, ruhten auf geschnitzten, behaglich -ausgestreckten Bären, welche die Füße ersetzten, -- braunzottige -Bärenfelle lagen als weicher Teppich über den Estrich, Bären flankierten -rechts und links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, zeigte die -Täfelung der Wände das Bärenwappen, blickten von Schränken, Truhen und -Geräten die Bärenköpfe mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der -Burg herab. - -»Wie kommt es eigentlich, gnädigste Gräfin, daß alles und jedes in -Hohen-Esp das Bild eines Bären zeigt?« fragte Gabriele leise und neigte -das Köpfchen näher an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu -stören. »Man findet in andern Schlössern auch die häufige Wiederholung -des Familienwappens, aber so, bis auf die kleinsten Gegenstände herab, -sah ich es noch nie angebracht, und kam mir schon früher der Gedanke, -daß dies einen besonderen Zweck haben müßte?« - -Gundula schüttelte lächelnd das Haupt. - -»Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bären von Hohen-Esp -gefielen sich darin, ihre Höhle zu einem wirklich originellen, echten -Bärennest zu gestalten. Der Urahne begann damit, und Kind und -Kindeskinder führten es weiter und schufen halb im Ernst und halb im -Scherz diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes ersten -Bären von Hohen-Esp stets daran erinnert sein sollten, wem sie das -Bestehen ihres Geschlechts verdanken!« - -»Das Bestehen ihres Geschlechts? -- Was haben die Bären mit Ihrer -Familie zu tun, gnädigste Gräfin, und woher kommt es, daß die Hohen-Esp -den seltsamen Namenszusatz: die >Bären< von Hohen-Esp erhielten?« - -»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern unsere alte -Familiensage, liebe Gabriele!« - -Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr -eigenes Rädlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ -mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu -dem jungen Mädchen hinüber. - -»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« nickte Gabriele -eifrig; »was könnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche -mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! -- -Zu einem Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht die -gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, daß die Bärensage -dieser Burg ein Stücklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist, -in welcher meine Gedanken so gern noch leben!« -- - -»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch für die -brave Bärin erwärmen kann, welche unserm Stammvater einst so große -Dienste erwies, so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone -dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses -Hauses, übertragen werden.« - -Mit großen, forschenden Augen schaute das junge Mädchen auf, -- ihr -Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in -dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll -durch das leise, melodische Summen des Spinnrades: - -»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes -phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken -glaubt, -- also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen -Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, daß die Mär -von Romulus und Remus ihr noch völlig fremd gewesen. Ein Beweis dafür, -wie launig der Götterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und -Süd Flammen zündet, welche -- durch eine halbe Welt getrennt -- doch in -geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild -spiegeln, nur mit dem Unterschied, daß die rauhe, markige Wildheit der -Deutschen sich die kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen -Geschlechts wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer -die schlanke Wölfin dazu ausersah! -- -- - -Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in -die dämmernde Vergangenheit zurück und setzt da ein, wo die Grafen von -Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und -als Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren. -Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche -allerorts die Lande verödete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme -vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die -Pest mit knöchernem Finger geklopft. - -Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und zwei Töchter starben -in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte -sein Leben aus, und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, eine -alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am -Leben. - -Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und Sorge, daß die Amme mit -dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe -Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten -sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in diesem Lande. - -Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein ein sicher Geleit zu -geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren, -kam den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und starb elendiglich -am Wege. - -Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren -Tann hinein, und kaum, daß sie das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr -eine mächtige Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken -und brüllte aus blutigem Rachen. - -Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, -- sie warf das -Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack -gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht. - -Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Hütte und wagte es -nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und -eines Tages kam plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das -Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind. - -Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des -Knappen und dem Überfall des Bären, und daß sie bei der Flucht das -Knäblein habe aus dem Fellsack verloren. - -Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein rief die Fischer und -sprach: »Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine -Gebete für das Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen, -erretteten sie es aus dem Rachen des Bären!« - -Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, das sei vor eines -Mondes Länge geschehen und wohl kein Knöchelchen von dem jungen -Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den -Wald. - -Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hörten sie -ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bären, und als sie durch das -Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die -Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte -Knäblein, welches sie säugte. - -Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang -herzu und ergriff das Kind. -- Das war lebend und gesund, stark und -bärenkräftig, und solche Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes. - -Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein vor sich bringen, -wiegte es auf den Armen und lobte Gott: - ->Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut gesäuget hat, so wirst -du stark und kühn werden, und man wird dich hinfort »den Bären von -Hohen-Esp« heißen.< - -So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bären in das -Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem -Kind begeben.« -- - -Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die fleißigen Hände -ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zärtlichkeit nach dem Sohn -hinüber und umfaßte seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals -den feinen Faden aus dem Flachs und lächelte. -- »Und nun gehen Sie -hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das -Bärengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffällig, wie die Bärenamme -ihm ihren Stempel aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so -bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. -- Die eckige Stirn und die -große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bären geerbt, vor -allen Dingen aber das mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf -und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen, -die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus -Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod -herausfordert!« - -Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die Sprecherin gehabt, den -schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie -völlig vergessen zu haben. - -Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft. - -Auge ruhte in Auge. - -Wie wunderlich sah sie ihn an. - -So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein -geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestümer -Widerspruch, welcher verächtlich sagt --: »nein! du irrst, Frau Gundula! -Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit aus der -Bärenmilch! -- Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz -und gar! -- Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde -ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien!« -- Sprach -es nicht so aus ihrem Blick? aus den großen, wundersam ernsten Augen? - -Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen -Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... sein Blick ist verschleiert, er -glaubt nicht mehr an das Glück und vermutet es nirgends. - -Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, er senkt finster den -Blick und begreift es nicht, daß er soeben noch sich ihres Interesses an -seiner Familie gefreut. - -Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche in Kriegszeiten sich -den Lorbeer aus feindlichem Feuer holen, -- und nur solche Heldentaten -imponieren dem stolzen Sinn einer Sprendlingen! - -Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen zusammen, steht -auf und empfiehlt sich kurz. - -Die Nacht ist so schön und mondhell, -- er will mit den Fischern -hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen. - -Gabriele sieht ihn erstaunt an. - -»Das tut man in der Nacht? -- Warum das? Ist solche Arbeit am Tage nicht -müheloser und bequemer?« - -Ein herber, beinahe etwas spöttischer Zug liegt plötzlich um seine -Lippen. - -»Mühelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenländer stets, -gnädiges Fräulein, man rudert ein wenig hin und her und schöpft das -Schiff voll Heringe und Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein -- das -ist höchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen Einerlei!« - -Gräfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lächeln den Faden, welcher ihr -gerissen, wieder zusammen, Fräulein von Sprendlingen aber sieht so -harmlos aus, als ob sie von den Worten des Sprechers ganz überzeugt sei, -und sagt nur nachdenklich: »Und doch ertrinken so oft die Menschen -dabei! Ihre Fischer werden doch vorsichtig sein?« - -Da lacht er laut und hart auf. »Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, die -See ist wie ein Tischtuch, sie ist so, wie Sie's nicht lieben, träge, -ruhig und langweilig, und dann fordert sie keine Opfer!« - -»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte so gern eine -bessere Meinung von ihr bekommen!« - -Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft -sie. - -»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen -Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt -sie tatsächlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!« - -Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, -- Gundula aber -schüttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: »Sie wissen und -verstehen es noch nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen Sohn -bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, und für seine braven -Fischer ebenso! -- Warum wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe -kürzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören? -Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? -- Gehen -Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, -- er -ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches unser lieber -Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!« - -Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich Guntram -Kraffts Worte am Strand drunten ein. - -Wenn er sie abermals lehren möchte, mit seinen Augen zu schauen! -- - -Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob sich. Sie war müde und -wollte zur Ruhe gehen, man machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp. - - * * * * * - -Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und -blickte hinaus in die stille, blütenduftige Pracht des kleinen Gartens, -über welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie -konnte nicht schlafen. - -Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe. - -Sie dachte zurück an jene Stunde, wo sie neben Guntram Krafft am Strande -stand und seinen so eigenartig poetischen Worten lauschte. - -Gerade aus seinem Munde berührten dieselben so seltsam, weil Gabriele -sie nicht erwartet hatte, und wenn ihr die Zartheit seines Empfindens -zuerst auch etwas unmännlich erscheinen wollte, so ward doch dieser -Eindruck schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens. - -Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll männlich erschienen als wie -hier in seiner energischen Art des Erklärens und Zufassens, in seiner so -schönen und frischen Begeisterung für die Sache. - -Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, aber sie fühlte -instinktiv, daß es sich hier um mehr handelte, wie um einen harmlosen -Sport. - -Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug des Grafen, welches -denselben schon während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp -so verändert erscheinen ließ. - -Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung paßte so gut zu ihm, sie -machte seine Erscheinung ernst und eigenartig, sie gehörte zu dieser -Umgebung. - -Ein Bär von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er muß in die Höhle passen, -welche er bewohnt. Deucht es ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen -verändert? - -Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lächeln, die linkische -Unbeholfenheit und Unsicherheit! -- - -Hier ist er Herr und Gebieter, -- wohl ein gütiger, freundlicher -Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort einen festen, stolzen Klang -hat! - -Das Anschmachten und entzückte Anstaunen hat er vollends verlernt. - -Kaum, daß er sie beachtet, ihr die notwendigste Höflichkeit erweist! -- - -Er sucht ihre Gesellschaft nicht, -- er meidet sie eher. - -Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, -- es ist seine ehrliche, -schlichte Meinung. - -Warum gefällt sie ihm nicht mehr? - -Gabriele blickt gedankenvoll in die weißglänzende Pracht der Kirschbäume -hinab. - -Anfänglich war es ihr so angenehm, von ihm übersehen zu werden, -- jetzt -grübelte sie, aus welchem Grunde es geschehen mag. - -Daß es so geschieht, ist gut, -- es steht ihm wohl an, er gefällt ihr in -dieser kühlen Gelassenheit. - -Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als Frau Gundula von dem -Mut und der Kühnheit der Hohen-Esp sprach? - -Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken? - -Was dachte sie doch? - -Sie sah ihn an -- die große, eckige Stirn unter den blonden Haarlocken, -die herrliche, »bärenhafte« Gestalt ... und sie dachte ... warum fehlt -gerade ihm der Mut und die wilde Kühnheit, welche die verblendete Mutter -an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu einem Helden! -- -Warum ist er's nicht? -- - -Er schaut drein wie Parzival, der Schildträger -- warum sitzt er ruhmlos -daheim bei Frau Herzeleide? Verstand er diese Gedanken? - -Las er sie von ihrem Antlitz ab? - -Sein Blick ward so finster, so aufsprühend zornig, wie sie ihn noch nie -zuvor gesehen -- und er stand auf und antwortete ihr voll spöttischen -Trotzes auf ihre Frage ... und ging mit hallenden Schritten davon. - -Das war schön! -- da war Jung Parzival ein Mann! -- und sein Bild -schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame Stunde der Nacht. - -Warum ging er? Warum zürnte er? - -Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens? - -Er _kann_ sie nicht wissen, -- es war ein Zufall. Horch ... drunten auf -dem schmalen Kiesweg, welcher durch den Garten nach dem Wald führt, -erschallen Schritte. - -Das junge Mädchen neigt sich unwillkürlich vor und schaut hinab. - -Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm am Wege, und jene -Gestalt, welche naht ... wer ist das? - -So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so stolz und elastisch -schreitet nur ein Herr unter Knechten! - -Es ist Guntram Krafft! - -Aber wie seltsam sieht er aus? - -Ist's ein Scherz, daß er sich so kostümiert hat, wie man es an den -Fischern und Lotsen auf Seebildern so malerisch dargestellt sieht? Nein, -dem Grafen Hohen-Esp war es heute gewiß nicht nach Scherzen zu Sinn! Der -breite Südwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt seinem Antlitz einen -eigenartig verwegenen Ausdruck, die Fischerjacke steht über der Brust -offen, das weiße Hemd leuchtet breit hervor und fällt in weichem -Streifen über den Halskragen hinaus. - -Die hohen Wasserstiefel reichen bis über die Knie empor, aber sie sehen -nicht plump und häßlich aus, sondern geben der schlanken Gestalt etwas -Keckes und Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint. - -Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab. - -Ja, so schaut ein Seemann aus! -- - -Sie hat früher die Gemälde kaum beachtet, welche ein Stück Seemannsleben -vorstellten, sie las keine Romane über Schiffervolk und Matrosen ... was -interessierte sie, die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt! - -Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel, sehr viel -versäumt. - -Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Gebüsches decken die -hohe Männergestalt. Graf Guntram Krafft will mit seinen Fischern hinaus -zum Fang fahren, er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen, -so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz und Trutz der -Gefährdeten. - -Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen können, jetzt aber ist es -ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen in ihrem Herzen aufdämmere. - -Kreist vielleicht jener Tropfen wilden Bärenbluts dennoch in seinen -Adern? - -Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das Haupt und blickte -nicht empor zu ihr, und doch wußte er, daß diese Fenster ihrem Zimmer -angehörten. - -Langsam wich Gabriele zurück. - -Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im Hauch der Nacht, und -fernher glänzte die See wie ein silbernes Märchenland. -- - - * * * * * - - - - -XXII. - - -»Nun wird es mit dem schönen, stillen Wetter vorbei sein!« sagte die -Gräfin an dem Nachmittag des andern Tages: »der Wind hat aufgefrischt, -und die See setzt kleine Kämme auf! Ich denke mir, mein Sohn wird dies -Wetter benutzen, um mit dem neuen Segelboot hinauszugehen, er wartete -auf eine frische Brise, um es ausprobieren zu können.« - -»Gehen Sie heute an den Strand, gnädigste Gräfin?« - -»Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit den Abrechnungen -angemeldet, und ich werde wohl den ganzen Abend mit ihm zu tun haben! -- -Wenn Sie aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele, so können -Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer Einsamkeit droht -keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf ist kurz und nicht zu -verfehlen, und wenn mein Sohn noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern -bis an den Schuppen geleiten!« - -»Ich danke, Frau Gräfin, und werde mir wohl einmal das Meer mit seiner -grausen Stirn ansehen! Ich kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist. -Der Graf ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird wohl längst -auf hoher See schaukeln; ich fürchte mich aber durchaus nicht, allein zu -gehen, und freue mich auf den Sonnenuntergang, von welchem Sie mir -gestern so Rühmliches sagten, Frau Gräfin!« - -»Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu verstehen und -liebzugewinnen! Sie können uns allen durch nichts eine größere Freude -bereiten, als durch ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!« - --- Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen Waldpfade hinab nach -dem Strand. Als sie das schützende Laubdach verlassen, brauste ihr der -Wind entgegen. - -Er riß an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom Kopf -- und in lustiger -Jagd eilte sie dem Flüchtling nach, ihn wieder einzufangen. - -Welch ein Sturm war das! - -Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und die Seemannstreu -bog er tief hinab zum gelben Sande! - -Aber es war schön, wunderschön! Solch ein freies, ungestümes Wettlaufen -mit dem Wind, das konnte sie in den engen, eleganten Straßen der -Residenz freilich nicht! Und jetzt, als sie über die schützenden Dünen -emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau gefärbt, im -vollen Strahlenglanz der sinkenden Sonne -- und es dehnt sich nicht mehr -so träge und glatt wie ein Präsentierteller, sondern wogt und wallt und -wirft hier und dort weiße Schaumköpfchen auf. - -Ja, das ist wahrlich ein schöneres Bild denn sonst! Namentlich die -Brandung gefällt ihr, welche sich wie duftige, schmale Tüllrüschen -an dem Strand entlangschlängelt, spitz auslaufend wie ein zierliches -Valenciennemuster, oder breit emporspülend um die Haufen von Seetang -und angeschwemmten Gehölz! Ein zarter, silberduftiger Schaum, hier -und da von der Sonne mit rosa Dufthauch gefärbt. Ja, die See ist im -Sturm schön, fraglos schöner wie in ihrem bleiernen Schlaf, aber etwas -sehr Gewaltiges und Imponierendes hat sie auch jetzt noch nicht nach -Gabrieles Geschmack, und wenn die Gräfin in dem Sonnenuntergang ein -verkörpertes Gedicht erblicken will, so begreift sie das auch jetzt -noch nicht. Die rote Glut des Sonnenballs, die buntgefärbten Wolken ... -ja, das ist fraglos ein schöner Anblick -- aber _mehr_ darin sehen, -wie Sonne, Wolken und Wasser, nein, das kann sie nicht! -- - -Wie lustig dort ein Boot auf den Wellen schaukelt! Am liebsten möchte -sich Gabriele hineinsetzen und auf- und niedergleiten durch die blauen -Wogen! - -Käme doch eine Menschenseele, welche sie darum bitten könnte! - -Und Gabriele wendet sich zurück und blickt nach dem Rettungsschuppen und -stößt einen leisen Laut der Überraschung aus. - -Dort auf der Düne steht Graf Guntram Krafft! Ebenso gekleidet wie heute -Nacht ... und er spricht mit zwei Fischern und scheint ihnen -irgendwelche Anweisungen zu geben. - -Jetzt sieht er sie, und Gabriele hebt freudig die Hand und winkt ihm zu. - -Er scheint einen Augenblick zu zögern, dann verabschiedet er die Männer -und schreitet ihr langsam entgegen. - -Ein neuer Windstoß läßt den kleinen Filzhut auf Gabrieles Köpfchen -abermals flüchtig werden, aber sie fängt ihn noch rechtzeitig auf und -behält ihn in der Hand. - -Immer langsamer schreitet Guntram Krafft. Sein Herz schlägt wieder heiß -und ungestüm bei ihrem Anblick, der ihm reizender dünkt wie je. - -Das dunkle Tuchkleid weht in weichen, graziösen Falten um die zierlichen -Füßchen, die entzückend zarten Formen ihrer Gestalt zeichnen sich scharf -gegen den schimmernden Hintergrund ab, und auf den lockigen Haaren, -welche der Wind ihr um die weiße Stirn zaust, flimmert das rotgoldene -Sonnenlicht und läßt tausend geheimnisvolle Fünkchen darauf brennen. Wie -frisch und rosig ist das süße Gesicht, -- wie lacht sie ihm mit weißen -Zähnchen entgegen, wie leuchten die Nixenaugen hinter den langen, -dunklen Wimpern hervor! - -»Wie gut, daß Sie kommen, Graf!« ruft sie ihm heiter entgegen. »Ich -hatte Sehnsucht nach Ihnen, große Sehnsucht! Und wissen Sie auch, -warum?« - -Er begrüßt sie von weitem, ohne ihr die Hand zu reichen. - -»Warum?« wiederholt er beinahe mechanisch und drückt den Südwester -fester auf den Kopf. -- »Nein, das weiß ich nicht, mein gnädiges -Fräulein!« - -»O, Sie kennen meinen Egoismus noch nicht!« fährt sie harmlos fort; »ich -möchte gern einmal in einem Boot hinausfahren in die See, weil es sich -gewiß herrlich auf dem Wasser schaukelt!« - -Seine Augen leuchten unwillkürlich auf, er tritt einen Schritt näher. - -»Boot fahren, Fräulein Gabriele? -- Solch ein langweiliges Vergnügen?!« - -»So fand ich es ehemals in Heringsdorf, wo sich kein Lüftchen regte! -Aber heute, wo solch hohe Wellen sind, wo wir solch argen Sturm haben -...« - -Sein lautes Auflachen unterbricht sie. - -»Sturm?!« - -»Nun ja! Oder wollen Sie ihn ableugnen, wo ich nicht mal den Hut auf dem -Kopfe haben kann?« - -»Sie kennen noch keinen Sturm, heute weht es nur ein wenig, kaum daß man -es eine frische Brise nennen kann!« - -Er sieht heiterer aus, während er spricht, und Gabriele blickt -überrascht empor. - -»Ich wollte Ihnen durch meinen Mut, heute auf dem Wasser zu fahren, -imponieren!« - -»Sie imponieren mir jederzeit durch solch ein Verlangen!« - -»Und werden Sie es erfüllen?« - -»Wenn es Ihr Ernst ist, mit großer Freude. Wir sind eben von einer -kleinen Probefahrt zurückgekommen, das Boot liegt noch dort an der Buhne ---« er deutete mit der Hand strandab -- »wollen Sie mir folgen, so fahre -ich Sie gern!« - -Er spricht so ruhig wie sonst, und Gabriele sieht nicht, wie seine -Lippen beben. - -Sie dankt ihm mit der freudigen Hast eines Kindes. - -Ihr Wesen deucht ihm überhaupt verändert, sie ist so fröhlich und -gesprächig wie noch nie zuvor, und ihre Augen leuchten zu ihm auf ... -täuscht er sich? oder ist es wahrlich so?... Aber so warm und innig -blickte sie ihn noch niemals an. - -»Wissen Sie auch, daß ich das Meer heute wirklich schön finde? Und den -Wind auch? -- Nun lebt erst die Welt ringsum! Nun atmet sie -Abwechslung, nun wird sie mir verständlicher! Ehrlich gestanden -- habe -ich mir das Meer im Sturm noch gewaltiger gedacht, weil ich darüber las, -daß seine Wogen Schiffe zertrümmerten und ganze Landstriche -wegschwemmten, aber wie Sie sagen, ist es heute noch kein richtiger -Sturm --« - -»Was nicht ist, kann bald werden --« er wich ein wenig zur Seite, da -ihre Kleiderfalten weich und schmeichelnd um seine Füße wehten, und fuhr -voll beinahe trockener Geschäftlichkeit fort: »Die Wetterberichte lauten -ungünstig, wir erwarten stündlich eine Sturmwarnung. Vielleicht lernen -Sie die träge See noch von recht ungemütlicher Seite kennen!« - -»Ich liebe alles Gewaltige, Wilde, Trotzige! Am Menschen sowohl wie an -der Natur -- daher gefielen mir bislang die Alpen so gut, diese Titanen, -welche den Himmel stürmen! Wie gern möchte ich auch hier solche Riesen -finden, wilde, brausende Wogen, welche das Herz erzittern lassen ...« - -»Und heldenhafte Menschen ... welche mir imponieren!« fügte er leise, -mit wunderlichem Zucken der dichten Augenbrauen hinzu, -- »das Meer wird -Ihre Wünsche sicher erfüllen, in die Macht der Menschen aber ist es -nicht gegeben, gewaltsam einen Himmel zu stürmen, vor dessen Tür das -Schicksal sieben Siegel gelegt!« - -Sie waren hastig ausgeschritten und standen jetzt vor dem Boot, welches -zwei Fischer just an den Strand schieben wollten. - -Zur Seite saß ein alter Mann auf einem Holzstamm und war damit -beschäftigt, Reservedollen und Ruderklampen zu schnitzen. - -Guntram Krafft rief die Männer in plattdeutscher Sprache an, -- sie -unterbrachen sich, wateten heran und schienen kurz mit dem Grafen zu -beraten. - -Ein prüfender Blick nach dem Horizont, eine ruhig zustimmende -Handbewegung. - -»Wenn dat nich länger wiehrt, a's 'ne half Stunn', dann geiht dat wull -noch an'!« -- und sie warfen die Riemen zurecht und bereiteten -schweigend das Boot zur Fahrt. - -Der alte Mann stand auf, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund und fragte: -»Sall ik Se beglieten, Herr Graf?« - -»Nee, Klaaden, da sull keener mit mi gahn, -- dat düert hüt nich lang.« --- - -Und dann flüsterte er noch ein paar Worte mit den Schiffern und wandte -sich abermals zu Gabriele. - -»Es hält sehr lange auf, das Boot an das Land zu ziehen, gnädiges -Fräulein; Sie gestatten wohl, daß einer der Leute Sie in das Fahrzeug -trägt!« - -»Ja, so gehört sich das!« lachte Gabriele ein klein wenig verlegen. -»Meine Freundin ward in Helgoland bei dem Landen auch in das Boot -getragen.« - -Der Bär von Hohen-Esp wandte sich ab und schien sehr interessiert eine -zerbrochene Spiere, welche im Sande lag, zu besichtigen, der Fischer -aber trat ruhig herzu, nahm Gabriele auf den Arm und watete mit ihr in -das Wasser. - -»Hollen Se' sick fast!« sagte er -- und nach einem Augenblick mehr zu -sich selber im Kommandoton: »Laß sack' --!« und gleichzeitig hob er die -junge Dame und ließ sie in das schwankende Boot nieder. - -Guntram Krafft kam nun mit schnellen Schritten durch das seichte Wasser, -sprang in das Fahrzeug und griff nach den Riemen. - -»Ich möchte heute nicht segeln, sondern mich in nächster Nähe des Ufers -halten, um erst einmal zu sehen, ob Sie seefest sind, mein gnädiges -Fräulein!« sagte er mit schnellem Lächeln. »Für meine Begriffe ist die -See sehr ruhig, für die Ihren vielleicht nicht.« - -Die starken Fäuste der Fischer machten das Boot frei, der Graf half mit -den Riemen und stieß kräftig ab, -- hochauf bäumte das leichte Fahrzeug -und glitt über die erste Brandung hinaus. - -»Und das nennen Sie ruhige See?« fragte Gabriele leise und blickte mit -großen Augen in den Gischt, welcher um das Heck spritzte. »Sehen Sie -doch, wie das schäumt und wogt!« - -»Ich hoffe, Sie lernen es von sicherem Lande aus noch besser kennen! -Heute scherzt und spielt das Wasser nur, wenn es aber ernstlich böse -wird, fahre ich Sie nicht hinaus.« - -»Dann ist es gefährlich?« - -»Sehr gefährlich! Nicht für mich, sondern für Sie!« -- - -Wieder zuckte ihr Blick zu ihm hinüber. - -»Als Sie die Leute der >Sophie Johanne< retteten, war es da solch ein -Wetter wie heute?« - -Guntram Krafft wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Boote zu, da er -gern jede gebrochene Welle, so gut es anging, meiden und das Fahrzeug in -die Lage bringen wollte, daß die See vor demselben brach. - -»Die größte Macht des Sturmes war wohl vorüber,« sagte er lächelnd, »und -das war ein Glück für die Mannschaft, sonst wäre es unmöglich gewesen, -bei derart schwerer See an dem Wrack anzulegen. Es hängt da so viel von -der Geschicklichkeit, dem gesunden Urteil und der Geistesgegenwart des -Lotsen ab, daß ein günstiger Erfolg nie mit Sicherheit vorausgesehen -werden kann.« - -Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Guntram Krafft fort --: -»Würden Sie die Güte haben, sich mir gegenüberzusetzen, gnädiges -Fräulein, -- Sie haben alsdann den vollen Anblick der sinkenden Sonne.« - -Das Boot hatte die Brandung passiert und glitt nun in großen, ruhigen -Bewegungen über die Wogen; der Graf, welcher erst mit voller Kraft und -Aufmerksamkeit gerudert hatte, hielt die Riemen ruhiger und schaute mit -sinnendem Blick nach dem Horizont, welchem der feurigrote Sonnenball -langsam entgegensank und einen breiten, funkelnden Goldstreifen auf das -Wasser malte, in den das Boot just hineintrieb. - -Gabrieles reizende Gestalt war von hellem Purpurlicht übergossen, und -ganz verstohlen streifte sie der Blick des Grafen. -- Sein Atem ging -schwer, seine Hände umkrampften die Riemen. - -War's ein Traum? - -Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht gewünscht, so -allein -- so weltfern und einsam mit der Heißgeliebten auf der wogenden -Unendlichkeit des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun saß -sie ihm nahe -- ganz nahe gegenüber, die zauberischen Nixenaugen so oft -mit langem Blick auf ihn gerichtet, das lockige Haar vom Wind verweht, -das reizende Antlitz so träumerisch und ernst ihm zugekehrt. -- - -Damals, als er die Mannschaft der »Sophie Johanne« rettete, donnerte die -See und heulte der Sturm, aber in seiner Brust war es still wie im Grab; -und heute saust es nur linde und sacht in den Lüften, aber in seinem -Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender wie jene, welche -er damals so heldenhaft bezwungen! - -Und dieser soll er erliegen? - -Er atmet schwer auf, streicht langsam über die Stirn und lauscht ihrer -Stimme wie im Traum. - -»Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang sei ein verkörpertes, -oder besser gesagt, ein gemaltes Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich -sehe sehr viel Schönes, Glänzendes, Farbenprächtiges vor mir, aber -seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie ist wohl noch -nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht, in welchem sie inmitten alles -Großstadtstaubes gelegen! Sie haben jüngst am Strande das schlafende -Dornröschen schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute! Lehren -Sie mich mit Ihren Augen sehen! -- Was bedeutet für Sie solch ein -Sonnenuntergang?« -- - -Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zurück, seine großen Blauaugen -bekommen einen weichen, träumerischen Glanz, sein Blick schweift weit -hinaus. - -»Er bedeutet für mich einen Traum -- er bezwingt mich wie das Opium -seinen Raucher, alles logische Denken, alle Wirklichkeit versinkt in -wallenden Nebeln -- und alles Unorganische beginnt zu leben. -- Wir -Seeleute berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene Ruhe um -uns her wirkt wie eine Narkose -- die leise Musik des Windes, das -Rauschen der Wogen, das Flüstern des Riedgrases, melancholischer -Möwenschrei und das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch ein -Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt des Realen vor unsern -Blicken verwischt. -- Hier und da der grelle Blitz einer Welle, welchen -die Sonne trifft -- ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn kühlt ... -und man träumt -- träumt wie ein Fiebernder, um dessen Lager giftige -Blüten welken ...« - -»Vom Sonnenuntergang?« - -»Den sehe ich nicht. -- Ich habe eine Vision. Vor mir wachsen die -geheimnisvollen, glutroten Korallen aus der Tiefe des Wassers, sie -breiten ihr mystisches Geäste aus über den Himmel, sie flechten ein Netz -durch Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen, an welchem -weiße Perlen schimmern. Über sie hin weht es wie lichte Schemen ... -duftig ... wesenlos ... grau verhauchend, sie breiten violette Schwingen -aus ... die reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern ... -sehen Sie dort? -- da tauchten sie hinab in die grelle Feuerbrunst, die -wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen lodert und ihre -Blitzfunken weit empor gegen das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die -Farben kommen und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb, -welches dem Lächeln eines unbarmherzigen Weibes gleicht ... und das -kranke Grün, das irisierende Weiß des Opals ... das süße, schmeichelnde -Rosa ... einen Kuß, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel -hauchten! -- Dort schießen mächtige Lilien empor ... wie Phantome ... -ein Glorienschein umgibt sie ... riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln -sie ... und darüber wölbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle -Rubine wie zornige Augen sprühen! -- Sie stürzt zusammen, und nun -schlägt eine ungeheure Flamme empor ... Sie wähnen, daß es die Sonne -ist? Nein! Es ist das Stück eines Weltenbrandes, der entscheidende -Augenblick im wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem Wasser -sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe der -Midgardschlange, welche sich schillernd windet und auf- und niederrollt, -welche in zitternden Windungen durch das Weltmeer schießt und mit -breitem, scharfgezähntem Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenbäumt! -Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball verschlingt? -- Mehr und -mehr verschwindet er -- und die roten Korallen erbleichen und sinken -zusammen ... die weißen Lilien brechen wie stumme Klagen nieder ... die -Schmetterlinge zerstieben und treiben wie müde, kleine Wolkenflocken in -der Unendlichkeit ... aus dem Meere aber steigt ein wunderholdes Weib -mit kristallenen Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, -- die hebt -mit müdem, strengem Lächeln einen grauen Schleier und breitet ihn über -Himmel und Erde, über die Augen des fiebernden Mannes, der solch -wunderliche Träume hat, und sie sagt: >Wach auf! Es ist Zeit, -heimzukehren, die Sonne ging unter!<« - -Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte plötzlich leise -auf: - -»Und solch närrisches Zeug denkt ein großer, vernünftiger Mensch bei dem -Anblick eines Abendhimmels!« - -Sie saß ihm gegenüber, die Blicke groß und sinnend auf ihn gerichtet. -Unverwandt, wie in staunender Frage. - -»Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!« - -»Wohl möglich, -- ich weiß es nur nicht.« - -Der Wind erhob sich stärker, das Boot stieg hoch auf und schoß tief -hinab in grünglasigem Wassergebirge. - -»Sie sehen so blaß aus, Fräulein Gabriele, frieren Sie?« -- - -Sie nickt. »Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.« - -Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher auf der Bank lag, -und reichte ihn zu ihr hinüber. - -»Ich bitte, legen Sie ihn um. -- In wenig Minuten sind wir am Strande.« --- - -Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach der See hin und strich dem -Lande zu, jeder heranlaufenden See einige Schläge entgegenrudernd, -damit sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte, wie -energisch und sicher seine starken Arme das Fahrzeug regierten! - -Und wie schön er aussah! - -Nie hatte Gabriele die glänzendste Galauniform eines Mannes besser -gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar kleidsame Fischeranzug. - -Wie kernig, wie wetterfest und männlich sah der Bär von Hohen-Esp darin -aus, wie edel und kühn sein Antlitz, welches sich soeben noch der -sinkenden Sonne zugewandt und ein Märchen voll schwärmerischer Weichheit -geträumt hatte! -- - -Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren. - -Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes gefahrvoll und -beängstigend, sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihre Hände -leise erbebten, wenn ein Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, über das -Schifflein hinwegzubranden. - -Mit keinem andern Fährmann hätte sie in diesem gebrechlichen Fahrzeug -sitzen mögen, als mit dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und -unbesorgt gegenübersaß, als habe er nur seine herzliche Freude an dem -scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer stärker sauste der Wind, und -immer schneller schoß das Boot der Küste zu. Guntram Krafft wandte sich -um und blickte nach dem Strand. - -Eine jähe Betroffenheit malte sich auf seinen Zügen. - -»Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten!« sagte er, griff mit -der einen Hand hastig in die Tasche und führte eine Torpedopfeife an die -Lippen. - -Niemand zeigte sich in den Dünen. - -»Wir müssen landen, -- es wird immer kühler, und der Wind kommt auf!« - -»Sind wir noch nicht zur Stelle?« - -Das Boot schoß auf den Sand und saß mit hartem Rucke fest; eine kräftige -Welle schoß über und übergoß es mit einem Spritzer. - -Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer hilfesuchend nach -dem Strand. Dann warf er die Riemen hin und sagte zu Gabriele, indem er -sich aus dem Boot schwang: »Wir haben leider keinen Landungssteg hier. -Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt aber noch halb im Wasser. -Sie müssen gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich Sie diese paar Schritte -an Land trage!« - -Gabriele fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß, aber sie erhob -sich und trat sehr ruhig an den Rand des Kahnes. - -»Das wäre sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind nicht auf Waten -eingerichtet.« - -Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne sie anzusehen, und -hob sie an seine Brust. - -Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen Strand und ließ -die junge Dame sanft hinabgleiten. Droben in den Dünen erschienen im -Laufschritt die Fischer. - -»Wollen Sie die Güte haben, vorauszugehen, wir müssen das Boot erst -bergen!« -- Seine Stimme klang rauh, atemlos. - -»Ich habe Ihnen so viele Mühe gemacht, Graf, ich danke Ihnen von -Herzen!« Sie reichte ihm die Hand hin, und er umschloß sie mit kurzem, -krampfhaftem Druck. Er murmelte ein paar Worte -- sie verstand sie -nicht, der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten Hauptes zur -Burg. - - * * * * * - - - - -XXIII. - - -Die Bäume des Waldes rauschten im Wind und neigten sich, und blickten in -das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles, welches ihnen so seltsam -verändert deuchte. -- - -Wo war die kühle, gleichgültige Ruhe geblieben, welche sonst aus ihren -Augen geschaut? - -Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig, wie Gedanken, -welche aufzucken und schwinden, welche dem Frührot gleichen, dessen -Strahlen gegen die Schatten der Nacht kämpfen müssen, ehe sie -leuchtenden Sieg erringen. - -War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben durch -schäumende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem Arm gehoben und an -der Brust gehalten hatte, -- war es derselbe schüchtern verlegene -Jüngling, welcher im Ballsaal der Residenz so unsicher über das Parkett -schritt, als vermisse er das Gängelband der Mutter? -- - -War diese poetisch schöne Erscheinung des wetterharten Seemanns -dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen so ungeschickt -einherschritt, wie ein täppischer Bär, welchen man zur Kurzweil in -Maskentand gekleidet? - -Nein, es war _nicht_ derselbe! Es war nicht möglich, nicht denkbar, daß -binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel und Wandel mit einem Menschen vor -sich gehen kann! - -Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen dem vorjährigen -Herbstlaub nach, welches der Wind raschelnd vor ihr her, den Burgberg -hinantrieb. - -Ein Wandel? - -Nein, es ist kein Wandel. - -Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen, wie er jetzt vor -ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle aber, welche er in der Residenz -gegeben, hatte ein Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Züge in -nichts der Wahrheit glichen. - -Ist es nur das Neue, Überraschende, was Gabriele so fesselt, so -ungewöhnlich erregt? Ist es Zauberspuk, daß sein schönes, eigenartiges -Bild ihr vorschwebt, ob sie es sehen mag oder nicht? - -Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er prüfend See und Himmel -beobachtete, sichere Fahrt zu nehmen, und wie mild und träumerisch ward -es, als der Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm -spiegelte, als er ihr leis und schwärmerisch seinen Zauber mit den -Worten eines Dichters malte! - -Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur wie das linde -Säuseln eines Windes, welcher stark genug ist, in nächster Stunde zum -Orkan anzuwachsen. - -Dieses Sinnen und Träumen paßt zu dem einsamen Mann, in dessen Herzen -noch die Wunder der Natur leben, welche ihn rein und unverfälscht -umgibt. - -Herr von Heidler konnte auch flüstern in Worten des Dichters, aber das -war eine schwüle, betäubende Poesie, der Gifthauch des Modernen, welches -nur die Sinne berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen -Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles Schönen und Edlen -über den Wogen des Weltmeers schwebt! - -Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel eines Dichters, um -Erfolge zu erringen, um die Augen zu blenden und in frivolem Spiel -Triumphe über Mädchenherzen zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur -Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte, welche nicht um -Beifall buhlten und keine selbstsüchtigen Zwecke verfolgten. - -Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind verwehte den Klang seiner -Stimme, und als er erwachend das Haupt hob, war der Traum vergessen. - -Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft, -- da machten sie -sich die Elemente untertan und besiegten sie wie in harmlosem Spiel. -- - -Und dann ... - -Gabriele atmete plötzlich schwer auf und schritt beinahe ungestüm -weiter, -- dann umfing sie dieser kraftvolle Arm und trug sie durch den -kräuselnden Wellenschaum, und sie umschlang seinen Nacken und war seinem -Antlitz so nahe -- wenngleich er das seine auch abwandte in -respektvoller Ritterlichkeit. - -Warum schlug ihr Herz so heiß und leidenschaftlich auf in diesem -Augenblick? - -Warum gefiel es ihr so gut, daß er sein Gesicht weit wegkehrte von ihr, -daß er so schnell und hastig ausschritt, daß er sie nicht ansah, als er -sie sanft zur Erde gleiten ließ? - -Gibt es dennoch jene stolze Männertugend, welche nicht das Ihre sucht? - -O, wie anders hätte Herr von Heidler diesen Augenblick ausgenutzt!! - -Wie würde er sie in wild begehrlicher Weise an sich gedrückt -- wie süß -und berückend, wie zwingend und lohnheischend würde er ihr in das Auge -geschaut haben! - -Langsam -- ganz langsam wäre er wohl ausgeschritten, und die Worte, -welche er in ihr Ohr geflüstert hätte, wären wohl auch Dichterworte -gewesen, aber solche, welche wie sengende Höllenfunken in das Herz -fallen! -- - -Im Spott und Übermut hat man den Bären von Hohen-Esp in der Residenz den -modernen Parzival genannt! Und doch ... kein Name paßt schöner und -besser für ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, -- Weltunklugheit, -welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen Händen ein Heiligtum zum -Schutze anvertraut wird! -- - -Parzival, der Held! -- - -Ist auch Guntram Krafft ein solcher? - -Da zieht es wie ein Schatten über das verklärte Antlitz des jungen -Mädchens. - -Ach, daß er es wäre! - -Daß sie eine einzige Tat der Kühnheit, des wagemutigen Heldensinnes bei -ihm schauen könnte! - -Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust, wie spöttisches, -grimmiges Gelächter! Noch wenige Schritte, und die grauen, -efeuumsponnenen Mauern von Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. -- - -Die steinernen Bären sehen sie mit den bemoosten Augen an, als ob auch -sie lachten, und sie heben die Pranken und kehrten ihr das alte -Wappenschild zu. - - »Christie Kyrie -- - Zu Land und zu See -- - Schirmherr der Not. - Das walt' Herre Gott!« -- - -Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen, -- heute deucht es -ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal. - -Schirmherr der Not! -- - -Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher hochherzig und -selbstlos sein Leben einsetzt, der Not des Nächsten zu Hilfe zu kommen? --- - -Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen Jahrhunderten ihr -Schwert und ihren starken Arm in den Dienst der Not gestellt. - -Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp! - - * * * * * - -Gräfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits erwartet zu -haben. - -Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter und zufrieden -aus. - -»Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fräulein noch ein warmes Tuch -an den Strand nachtragen!« scherzte sie, »denn eine Stadtdame, wie -Baronesse Gabriele, muß sich erst an unsere frischen Brisen gewöhnen! -Statt dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurück und meldet, daß -das gnädige Fräulein mit dem Herrn Grafen hinausgerudert sei! -- Das -nenne ich Courage, liebe Gabriele, denn soviel ich von hier aus -beurteilen kann, ist die See bewegt!« - -»Und wie bewegt, Frau Gräfin! Für meine Begriffe war es Sturm!« - -Gundula lacht und kehrt das junge Mädchen dem Fenster zu. - -»Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen ist! Nun ja ... -blaß, wie eine weiße Rose! Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife -meinen Sohn nicht, daß er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren hat! -Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit Sie wieder Farbe bekommen!« - -Jähe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemühte sich, so harmlos und -heiter zu plaudern, wie sonst, und empfand es doch, daß es ihr heute -nicht so leicht wurde, wie zuvor. - -»Ihr Herr Sohn war völlig unschuldig, gnädigste Gräfin, und nur ein -Opfer seiner großen Liebenswürdigkeit, welche ich hart auf die Probe -stellte.« -- - -»Ah -- so war es _Ihr_ Wunsch, zu fahren?« unterbrach die Herrin von -Hohen-Esp und sah noch erfreuter aus, wie erst: »Hat es unser schönes -Meer Ihnen nun doch angetan?« -- - -»Es war in seiner Erregung entschieden viel berückender, wie in seinem -=dolce far niente=!« lachte das junge Mädchen und trat noch weiter -aus dem Fensterlicht zurück in die dämmrige Halle: »Ja, es war so -herrlich anzusehen, daß mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, mich -einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam mir just in den Weg, und da er -die Gutmütigkeit der Hohen-Esp mit dem Bärenblut geerbt, so erfüllte er -stehenden Fußes meinen unbescheidenen Wunsch!« - -»Er wird sich gewiß sehr gefreut haben! Man kann ihm ja nichts Lieberes -antun, als Interesse für die See und alles, was ihr angehört, zu -zeigen!« - -»Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das Unvermeidliche zu -fügen!« - -»Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurück?« - -»Nein, liebe Burgfrau --« Gabriele neigte das Köpfchen und küßte beinahe -zärtlich die Hand der alten Dame, welche sich auf ihre Schulter legte --- »er muß nun erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein Übermut -unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! Ich glaube, der -edle Renner soll erst für die Nacht in den Stall geschafft werden!« - -Gundula nickte heiter. »Der Wind scheint tüchtig aufzufrischen, da -werden sie zur Nacht wohl alles am Strande bergen wollen, falls eine -stärkere Boe einsetzt! Wie war Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich -seetüchtig?« - -»Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, Frau Gräfin, ich -habe mich schrecklich gefürchtet! Wollte mich nur nicht allzusehr vor -dem Grafen blamieren, sonst wäre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als -ich merkte, wie hoch die Wellen gingen!« - -»Fürchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder führt?« -- Wie ruhig, wie stolz -und zuversichtlich klangen diese Worte. -- - -Gabriele neigte das Köpfchen: »Der Graf ist gewiß sehr stark und -kräftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, vermag schließlich -niemand, und ich glaube, Ihr Herr Sohn wußte es anfangs selber nicht, -wie arg der Wind war, sonst hätte er vielleicht die Fahrt gar nicht -unternommen!« - -Nun lachte die Gräfin ebenso laut auf, wie zuvor Guntram Krafft, als sie -von dem Sturm gesprochen. - -»Ich wünschte nur, Sie erlebten bald einmal das, was wir hier >grobe -See< nennen!« sagte sie dann mit seltsam leuchtendem Blick. »Ich glaube, -Sie kennen bisher weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer, -wenn es zornig wird, noch den Bären von Hohen-Esp, wenn er beiden die -Zähne weist. -- Was bringen Sie, Anton? -- Wollen Sie Licht anstecken? -Wir warten mit dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.« - -Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, ein kleines Spitzglas -voll Tokayer für Gabriele zu füllen, der alte Kammerdiener aber -verneigte sich respektvoll und nahm eilig ein Tablett, dem gnädigen -Fräulein den Wein zu servieren. - -»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin. Soeben bringt einer aus dem Dorfe die -Nachricht, daß der Herr Graf nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen -könne. Man wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei -Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen die Damen bitten, allein -den Tee zu trinken, da es spät bis zu seiner Rückkehr werden könne.« - -»Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar noch keine -telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn eingetroffen, aber der -Seemann versteht sich schon auf die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten. -So stecken Sie die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, daß für uns -angerichtet werde.« - -Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, daß Guntram Krafft -heute fernbleiben werde. Sie wußte es selber nicht, warum sie ein -gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch -schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er -sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre -törichte Verlegenheit zu überwinden. - -»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie bekommt gewiß einen -stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar -für eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir -leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bös -Wetter hinausschicken müßte!« - -»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht das blonde, hübsche -Mädel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?« - -»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines -Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prächtigen Bursch, -der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter -bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen! -Ich habe zugesagt, auch für Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie -teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und -unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und Leid zusammen! Wir -sind in der langen Reihe der Jahre wie eine große Familie geworden, und -gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande -waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefügt hat. -- Da ist -es undenkbar, daß sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben -könne, ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewiß noch -keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr -primitiven Verhältnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch -hoffe ich, daß Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß -sehr wenig >Hoffähige< finden wird, und daß Sie mir zuliebe nicht das -Näschen rümpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen -Menschen sind!« -- - -Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf -das reizende Antlitz des jungen Mädchens geheftet, und als sie das -freudige Aufleuchten in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen -Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen und sagte -so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden -uns gern begleiten! Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich -danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!« - -Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken -Finger Gundulas. - -»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nähe, Frau Gräfin, -gleichviel, wohin Sie mich führen! So neu wie mir diese Welt auch noch -ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar -getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?« - -»O nein!« - -»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!« - -»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drüben?« - -»Eine Kapelle? Hier in der Burg?« - -»Wir benutzen sie für gewöhnlich nicht, um dem Pfarrer den sehr -unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, auch müßte er zweimal an -jedem Sonntag predigen, in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu -ihm! Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aber kommt er hierher, und -Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.« - -»O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm für die -Hochzeitsgesellschaft!« - -»Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem Wagen holen, die -Kirche wird geschmückt ...« - -»O, herrlich! Wer besorgt das?« -- - -»Immer der, der fragt!« neckte die Bärin von Hohen-Esp. »Die Guirlande -nagelt freilich einer der Knechte über die Tür, und die Tannenbäumchen -stellt wohl die Mamsell mit den Mägden um den Altar herum auf, aber wenn -sich sonst noch ein paar geschickte Händchen finden wollten, den Altar -selber recht schön und poetisch zu schmücken, so wäre mir das sehr lieb, -denn für gewöhnlich war das meine Sorge, welche ich jetzt aber gern -jüngeren Kräften überlassen möchte!« - -Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. »O, wie danke ich Ihnen für -diese reizende Pflicht, Frau Gräfin, und wie freue ich mich darauf, die -Kapelle zu sehen!« - -»Wenn die Mägde morgen früh mit Fegen und Scheuern fertig sind, soll man -Sie rufen, liebe Gabriele! Sie sorgen wohl selber im Garten für die -Blumen! Kaiserkronen, Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch noch -Krokus und Fürwitzchen, -- nehmen Sie alles, was Sie brauchen, die -Sträuße können dann später noch auf den Hochzeitstisch gebracht werden.« --- - -Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen. - -Spät erst kehrte Guntram Krafft heim. - -Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin vor, sondern schritt -sogleich nach seinem Zimmer hinauf. - -Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr -»Gute Nacht«. - -Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen erst nach seinem -Erkerstübchen. - -Ganz erschrocken wich Gabriele zurück. - -»Was ist das?« fragte sie betroffen. - -Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der brennenden Kerze auf -dem Toilettentisch. »Das ist der Wind! -- Hörten Sie ihn noch nie um -alten Gemäuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust -es in allen Tonarten von der See herüber. Ich fürchte, die Nacht wird -schlimm, -- aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten draußen. Die -Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! Vergessen -Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte -auf Hohen-Esp!« -- - -Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen -Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte. - -»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich den Arm um die -weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: »O, nicht doch! Sie -sind hier sicher wie in Abrahams Schoß, und es ist heute nur das -Ungewohnte, was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein -behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne -Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! -- Wenn freilich -der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem der Gedanke an die -Schiffe, welche draußen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob -Guntram Krafft nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute -keine Rede, -- diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner -kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tür -nach meinem Zimmer öffnen, -- Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!« --- - -»Nein, nein, liebe Frau Gräfin, das wäre noch schöner, wenn ich ein -solcher Hasenfuß sein wollte! Nun, wo ich weiß, was für Stimmen da -draußen lärmen, lachen und rufen, fürchte ich mich nicht mehr vor -ihnen!« - -Und als sich nach herzlichem »Gute Nacht« die Gräfin zurückgezogen, trat -Gabriele an das Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus. - -Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen über den Himmel -- die Bäume -drunten bogen sich und ächzten, und die Fensterriegel klappten und -greinten wie mit leisem, wehmütigem Klagelaut. - -Gabriele schloß die Vorhänge und begab sich zur Ruhe. - -Aber sie fand lange keinen Schlaf. - -Ihr war's, als säße sie noch in dem Boot, das auf und ab geschleudert -ward von tosenden Wellen. - -Guntram Krafft saß ihr gegenüber und führte das Ruder -- und er sah sie -nicht an, sondern blickte starr geradeaus in die gähnend finstere Nacht --- und sein Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, der -ertrunken war um 1503! -- - -Ertrunken! -- - -Gabriele schauerte zusammen und preßte das Antlitz in die Kissen. - -Wie kam ihr plötzlich das Verstehen für dies grausige, entsetzliche -Wort! -- - -Ertrunken! - -Sie schlingt die Hände ineinander und betet mit zuckenden Lippen für -alle die, welche mit Sturm und Wogen ringen -- so wie Frau Gundula es -ihr geheißen, aber ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor -ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, -- -- und auch unter -diesem starrt das furchtbare Wort: »ertrunken« ... - -Sie schrickt empor ... sie lauscht ... - -Droben, über Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer des Grafen. - -Er schläft nicht, sie hört ihn auf und ab schreiten ... es schallt so -sehr in dem grabesstillen Haus. -- - -Horch ... hin und her ... hin und her ... - -Ruhelos wie sie! -- - - * * * * * - -Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut. - -Die Sonne leuchtet am Himmel, -- hinter dem Wald blitzen die weißen -Wellenkämme der See auf. -- - -Gabriele ist frühzeitig aufgestanden. - -Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbäumchen gesehen, das stand in -voller Blüte. - -Welch sinnigeren Altarschmuck könnte sie finden, als diese duftigen, -schneeigen Zweige? - -Als sie in den Hof tritt, hört sie noch jenseits der Zugbrücke Hufschlag -verklingen. Ein Knecht steht, die Arme behaglich in die Seiten gestemmt, -und schaut dem Reiter nach. - -»Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? Die erwartete -Sturmwarnung von der Seewarte?« - -Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen Augen vergnüglich an. - -»Nee, gnä Frölen! Dat wi nähstens doch 'n ollen düchtigen Bö kreegen, -dat weiten wi ganz alleen!« - -»Wer ritt soeben fort?« - -»Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n Feldern nach'n Rechten -kieken!« - -»Auf den Feldern!« - -»Wie hei seggt! -- Du leiwe Tid! Wat het de Graf nich allens to -bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un Nacht. Un hätt dat doch so goar nich -nötig! Aber dat rackert sich af! Keen Dagelöhner duht sich so schinn'n -as uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jeßt däht hei Frühstück -eten, un nu heidi wedder up't Pierd!« - -Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter. - -Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, darum kehrte er neulich -so staubig und erhitzt zurück und hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter -zu verhandeln! Daß er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze zu -werfen, daß er am Tage oft segelte und ruderte und anstrengende Übungen -mit seinen freiwilligen Lotsen machte, das war nur Erholung, nur -Vergnügen nach der Arbeit! - -Und diesen Mann hatte sie oft einen Bärenhäuter genannt, ihn als müßigen -Tagedieb bespöttelt und verachtet? - -Wieder schießt Gabriele das Blut heiß in die Wangen. - -Wie traurig ist es doch, wenn ein Mädchen so gar keinen Begriff von -Landarbeit und Seewesen hat. Was für falsche, irrige Ansichten bildet -man sich in der Stadt davon, wie bitter unrecht tut man oft den -Fleißigsten und Verdienstvollsten! - -Gabriele ist es plötzlich zu Sinn, als habe sie ein schweres Unrecht an -Guntram Krafft gutzumachen. - -Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der Hand zu Felde zieht, -für Kaiser und Reich zu kämpfen, erwirbt sich Verdienste um sein -Vaterland, sondern auch der, welcher in stillem Fleiß seinen Grund und -Boden kultiviert, für seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher gute -Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen pflegt, welcher in treuer -Selbstlosigkeit an der Küste Wacht hält, ein »Schirmvogt der Not« zu -sein! -- - -Mit bebenden Händen pflückt Gabriele die blühenden Zweige im Wald. - -Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut bräutlich-weiße -Blättchen in ihr lockiges Haar, -- in ihrem Herzen aber wächst aus -kleinem Funken eine helle Flamme empor, noch flackernd und unsicher, -aber dennoch stark genug, daß sie kein Aschenregen wieder ersticken -kann. - -Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was ehemals in diesem Herzen -als falsche Götzen gethront, -- sie macht es so hell, wo es früher -dunkel war, sie läßt es so warm, ach so warm werden, wo früher Schnee -und Eis gestarrt ... - -Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger Blütenzweige geladen, -kehrt Gabriele heim, und von der niedern, rund gewölbten Turmtür, welche -zu der Kapelle führt, tönt das helle Gelächter und der Gesang der -Mägde. - -Sie sind noch fleißig bei der Arbeit, und die Mamsell tritt Gabriele -entgegen und bittet: »Wollen das gnädige Fräulein nicht noch ein halbes -Stündchen warten! Dann ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkästchen, -und Baronesse haben einen so viel schöneren Eindruck davon!« - -»Es ist aber schon recht spät geworden, liebe Mamsell, und die Hochzeit -soll sehr präzise stattfinden! -- Man heiratet hier schon zu recht -früher Stunde!« -- - -»Ja, du liebe Zeit, gnädiges Fräulein, so verliebte Leutchen haben es -immer eilig, und Mike und Jöschen vollends! Ist _das_ ein Glück! Man -braucht die beiden nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander -sind! -- Aber vielleicht machen das gnädige Fräulein erst Toilette? So -ein bißchen was Weißes oder Rosiges gehört sich doch für den heutigen -Tag!... Und die Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je kürzere -Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie aus!« - -»Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! So will ich mir -denn ein hochzeitlich Gewand anziehen und bin in einer halben Stunde -wieder hier!« -- - - * * * * * - - - - -XXIV. - - -Da der Wind ganz plötzlich wieder bedeutend aufgefrischt hatte und -merklich kühl durch die blühende Frühlingspracht brauste, hatte Gabriele -ein wollenes Kleid zu ihrem Anzug gewählt, welches nun in zart weißen -Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederfloß. - -Es war noch eins ihrer »Fünfuhr-Tee«-Kleider, welche sie ehemals in der -Residenz getragen, schick und elegant gearbeitet und doch einfach und -anspruchslos wirkend, einzig geschmückt durch ein duftiges -Spitzengeriesel, welches über die Brust fiel und den Saum des Rockes wie -kräuselnden Wellengischt zierte. Die weiße Perlenschnur, welche sie -damals auf dem Hofball getragen, glänzte auch jetzt auf ihrem graziösen -Nacken, und in dem Gürtel duftete ein kleiner Strauß weißer Narzissen. - -Hastig schritt sie über den Hof nach der Kapelle, und die Mamsell trat -ihr entgegen, faltete behaglich die fetten Hände über dem Magen und -betrachtete das junge Mädchen mit unverhohlenem Entzücken. - -»Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!« nickte sie wohlgefällig. »Wenn -jetzt ein Fremder hier einschaute, der gehört hätte: >Auf der Burg -gibt's eine Trauung<, dann würde er Stein und Bein darauf schwören, daß -das gnädige Fräulein selber die Braut sei, auf welche die Gespielinnen -mit dem Kränzchen und Schleier warten! -- Na, ich denke, den Tag erleben -wir auch noch, und dann will ich aber den Backofen für den -Hochzeitskuchen heizen, daß die Flammen oben zum Schornstein -hinausschlagen!« - -»Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schöne Kuchen am Ende an!« lachte -Gabriele, aber sie fühlte es doch, wie ihr das Blut unter dem schelmisch -zwinkernden Blick der Alten in die Wangen schoß. »Der Mike steht das -Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht viele Blumen auf -den Weg streuen!« - -»Erst ihr, dann Ihnen, gnädiges Fräulein! Die Blütenzweige stehen in dem -Wasserkübel neben dem Altar!« - -Noch ein neckendes Nicken und Grüßen, und die Mamsell faßte Besen und -Staubtuch und schritt über den Hof zurück, Gabriele aber trat in die -Kapelle ein, welche leer und still im Schimmer der bunten, kleinen -Glasfenster vor ihr lag. - -Voll andächtigen Entzückens schaute Gabriele um sich. - -Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebräunten, -hochgeschnitzten Kirchenstühle, geradeaus der erhöhte Altar in seinem -verblichenen lila Samtschmuck, auf welchem die Silberstickerei längst -schwarz geworden war. Hocharmige Silberleuchter, ein -elfenbeingeschnitztes Kruzifix, an welchem noch die Rosenkränze der -gräflichen Beter aus der katholischen Zeit hingen. - -Rechts und links von dem Altar die Familienbilder frommer Hohen-Esp, -hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen Nonnengewändern und weißen -Kopftüchern, mit betend zusammengelegten, wachsgelben Händen und -starren, hohläugigen Gesichtern. - -Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches Gemälde: »Die -Auferstehung des Herrn.« -- - -An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter des Bildes, ein Graf -von Hohen-Esp, mit seiner Familie; die Burgfrau gleicht in der Tracht -und Aussehen der Katharina von Bora, und ähnlich wie Luthers Kinder sind -auch ihre acht kleinen Grafen und Gräfinnen gekleidet. -- Der Vater -trägt ritterliche Rüste, der älteste Sohn ein kleines Schiff in der -Hand. Alle heben voll inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden -Heiland. - -Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, wie sie damals wohl -ausgeschaut, im Hintergrund wogt ein grellblaues, zackenwelliges Meer, -aus welchem drei geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh. -20. 13. -- - -Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei halb vermoderte -Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes Ruder aufgestellt. - -Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor ist um das Ruder -gewunden. - -Gabriele schaudert zusammen. - -Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem Boot eines ertrunkenen -Hohen-Esp an das Land zurückgespült wurde. -- - -Ihr Blick irrte weiter, über die mächtigen Bärenwappen, über die -steinernen Grabplatten, welche die Familiengruft schließen und steife, -liegende Rittergestalten zeigen, hinauf zu der niederen, gewölbten -Decke, von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von kleinen -Schiffen herabhängen. - -Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten. - -Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form und Bau ihr hohes Alter -zeigend, kleine Boote und schwerfällige Kuffs, allerliebst und kunstvoll -getakelte, kleine Dreimaster, an welchen fleißige Hände wohl ein -Menschenalter gearbeitet haben. - -»Modell der >Anne Marie Karsten<, Kapitän Jochen Ulrich Grot« -- -gestrandet bei Kap Horn im Jahre des Herrn 1760. -- »Dein Wille -geschehe.« -- -- steht auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen. - -Leiser Schritt erklingt auf den Steinfließen, und Gabriele schrickt aus -tiefen Gedanken empor und blickt sich um. - -Ein schmächtiges, altes Männchen steht hinter ihr und dreht respektvoll -den schäbigen Filzhut in der Hand. - -»Ach, verzeihen die gnädige Herrschaft« -- flüstert er mit devotem -Kratzfuß, die lichte Gestalt der jungen Dame wie eine Vision anstarrend --- »ich bin der Küster aus Karstein und soll bei der Trauung das -Harmonium spielen! Die Frau Gräfin schickte mich, daß ich die Lieder -erst einmal durchspiele!« - -»O, das ist ja schön, Herr Küster!« nickte ihm Gabriele mit -herzgewinnendem Lächeln zu, »da habe ich den Genuß schöner Musik während -meiner Beschäftigung!« - -Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert die schmale -Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, Gabriele aber tritt an den Altar, -nimmt sinnend die weißen Blütenzweige und schmückt die teuern -Heiligtümer. - -Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten, -verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben, -zwischen dem sonnigen, bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen -Ehemals! -- - -Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter -um die schlanke Mädchengestalt, welche mit graziös erhobenen Händen die -Blüten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme -der Leuchter flicht, -- dann niederkniet vor der Altardecke und auch an -ihr empor den holden Schmuck ranken läßt, sinnig und schön, so festlich, -wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr -ausgeschaut hat. -- - -Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges Weib anzuschauen, -ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen über ihr die jubelnden Klänge: -»Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan -hat!« - -Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter -Gabrieles Händen, sie streut auch noch die weißen Blüten über die -Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grünen -Tannenzweige, welche das Geländer um den Altar verhüllten ... und dann -steht sie plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das -zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier. - -Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch einen ... bis sie -davor steht und ihre Hände wie in scheuer, banger Innigkeit über das -wurmstichige Holz gleiten. - -Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an -dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehängt ist. - -Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal droben. -- -Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. -- - -Armer, armer Jüngling! - -Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, sie hallen und -klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise -Engelsstimme, welche um die Toten klagt. - -Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen -Blütenzweige zum Kranz und schmückt das Bild des Wulffhardt von -Hohen-Esp -- und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick -senkt sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem bräutlichen -Schmuck ... - -Wie gleicht er Guntram Krafft! -- - -Wird auch sein Bild einst hier hängen, wird auch unter ihm das grausige -Wort »ertrunken« stehen ... wird ... - -Gabriele macht eine jähe Bewegung und preßt schweratmend die Hand gegen -das Herz -- und als sie sich hastig zurückwendet, ringt sich ein leiser -Schreckenslaut von ihren Lippen. - -Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit gekreuzten Armen, -still und regungslos, und starrt sie aus weitoffenen Augen an. - -Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklänge flüstern, schwellen wieder -an und klingen so voll und feierlich, als trügen sie schon jetzt das -Dankgebet vereinter Herzen zum Himmel. - -Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit beiden Händen schwer -auf die Lehne des Kirchenstuhles stützen, dann schreitet er langsam -näher, tritt neben sie und schaut auf das geschmückte Bild Wulffhardts -nieder. - -»Warum taten Sie das?« fragt er mit leiser, fremder Stimme. - -Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und ordnet mit bebenden -Händen unter den Blüten auf dem Altar, welche bereits so wohlgeordnet -liegen. - -»Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie früh er sterben mußte!« - -»Ja, er starb früh, -- an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glück -noch Liebe -- und doch wäre er wohl auch so gern glücklich gewesen!« - -_Auch_ glücklich gewesen! -- - -Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der -Sehnsucht? - -Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer. - -»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen --«, fährt der Graf -sehr ruhig fort, »dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als -müßte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun -versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.« - -»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab für die -Brüder?« - -»Er tat seine Pflicht!« - -»Er tat _mehr_ denn sie!« - -Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen. - -»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; er zog weder in den -Krieg, noch konnte er große Taten für sein Vaterland tun! Der liebe -Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer -Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm, -die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch -anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken -wird weder durch Wort noch Lied geehrt, -- jene Stelle, wo die tosende -Flut einen Jüngling verschlang, welcher einem gefährdeten Schiff Rettung -bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen -darüber hin und der Wind verweht die Kunde. -- Das Schicksal der -Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine mitleidige Mädchenhand -nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, -- mit Lorbeerzweigen -nicht.« -- - -Er brach kurz ab und trat zurück. - -»Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, daß ich meinen -wackeren jungen Freund im Burghof begrüße!« -- - -Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks aus das Bild, -- -war es nur Einbildung, oder sahen die lachenden Augen Wulffhardts -plötzlich ernst, beinahe wehmütig unter dem weißen Blütenschmuck auf sie -nieder? - -... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, welcher dem -Helden geziemt! - -Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, als er das gesagt, -etwas Vorwurfsvolles, was sie nicht verstand. - -Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur _den_ Mann einen Helden -genannt, welcher auf dem Schlachtfeld sein Leben für Reich und Kaiser -läßt? - -Wohl möglich; -- so war es ja ehedem auch ihre Ansicht. - -Und jetzt? - -Nachdenklich streicht sie die krausen Löckchen aus der Stirn; jetzt ist -es ihr wie eine Ahnung gekommen, als ob ein Mann, welcher sich kühn in -Sturm und hohe Flut hinaus wagt, auch ein Held sein könne! -- - -Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von -Guntram Kraffts mutigen Taten gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung -davon machen zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben. - -Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte! - -Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt es sie, gerade von -ihm, von Guntram Krafft überzeugt zu werden, daß sie ihm ehemals in der -Residenz bitteres Unrecht getan! - -Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier in Hohen-Esp -entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklärt sie, -- der Bär -von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs -lebhafteste geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie sie für -diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt paßt -- und das -Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe, --- Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! -- - -Wehe ihr, wenn es geschähe! - -Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzückens -entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgültig über sie hinweg. - -Warum das? -- - -Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches -ehemals seine Annäherung so schroff und beleidigend zurückgewiesen hat, -wie sie. -- - -Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hände -ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Gräfin -entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen -Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten. - -Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mädchens in die ihre, -streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende -Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten -Sitz, -- die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch die Tür -hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle. - -Guntram Krafft führt es zum Altar. - -Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine blühende, kraftvoll -schöne Braut. Sie tragt das goldblonde Haar schlicht gescheitelt und in -Zöpfen herabhängend, ein dicker grüner Myrtenkranz legt sich um den -ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche lang über den -Rücken herabflattert. - -Eine dunkelgrüne Tuchjacke, mit Ärmeln, welche oben sehr weit, unten -sehr eng sind, ein buntes, mit breiten Fransen besetztes Halstuch, ein -schwarzer Warprock, welchen eine mächtig breite, geblümte Schürze -beinahe verhüllt, bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch -gegen das Herz preßt und mit niedergeschlagenen Augen und hochroten -Wangen daherschreitet, wie die Verkörperung eines echten, rechten -Glückes! - -Und Jöschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend aus, wenngleich -sein frisches Gesicht mit den hellblauen, lustigen Augen und dem -weißblonden Flaum auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre, -welche ihm geschieht, dreinschaut. - -Sein dunkler, großer Filzhut ist mit rotem Band und Blumenstrauß -geschmückt, ein ebensolcher ziert die offenstehende Fischerjoppe, unter -welcher eine schwarze Manchesterweste mit rotem und grünem -Sternchenmuster sichtbar wird. - -Der Hemdkragen fällt blendenweiß über und wird von einem sehr -grellfarbigen Schlips geschlossen. - -Da Jöschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln hat machen lassen, -trägt er sie selbstredend an seinem Ehrentag und stampft so kräftig -durch die Kapelle, daß es auf den Steinplatten hallt. - -Dem Brautpaar folgt die Schar der Gäste, Fischer und Fischerfrauen, wohl -die gesamten Einwohner des kleinen Dörfchens. - -Alle ernst und feierlich, in ehrwürdig, altväterischem Staat, einem -Gemisch von bäurischer Tracht und einem ersten Anfang städtischer -Kleidung, wenngleich das bäurische in diesem weltfernen Dörfchen bei -weitem überwiegt. - -Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen in der Hand, drängen -sich scheu an die Mütter, -- alte, wetterharte Seeleute mit dem -Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der -Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde -von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als -gehe Mike und Jöschens Glück sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr -aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz -fällt. -- - -Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte -verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso -wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch -sehr stattlichen Brautmutter. - -Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der andern Seite von -dem jungen Paar gegenüberstand, sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe -unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise, -kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich. - -Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel -schöne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike, -sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie -treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das brave Weib eines Fischers -sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glück denken, wie tapfer -und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es -gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen! -Gerade in solchen Stunden höchster Angst und Gefahr müßte sich die wahre -Liebe eines treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«, -nicht allein durch Handreichungen und kräftige Hilfe, sondern vor allen -Dingen durch Gebet und Fürbitte, welche den Geliebten auf seiner -schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten. - -Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte zu Gott dem -Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden -Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt -nicht! -- Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der -Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in höchster -Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen -zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum leget eure -Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im -Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes -Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker -frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege -führt, als wie wir gehen wollen!« - -Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen Augen aufmerksam -in das gütige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von -Herzen überzeugt zu, und Jöschen machte auch hier und da eine -unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, Herr Pastur, -dat wollen wi allens so maken!« - -Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm -die Ringe und steckte sie ihnen an. - -Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig löste sich -von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder. - -Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf -- und -ihr Blick traf sich plötzlich, -- sie sahen einander in die Augen. Da -zog eine heiße Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie -blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen noch tiefer wie zuvor. - - * * * * * - -In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen Raum verfügte, in -welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf -von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten -lassen. - -Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen Deckbalken das -Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe anstieß, feierten die Fischer -»Kaisers Geburtstag«, »Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie -Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten -sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein -Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von -viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte. - -Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen -Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Großen an der Wand, darum -her vergilbte Stiche und gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit -welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, und über der -Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Holländer mit -käseweißem Gesicht, schwarzem Bart und großem Fischerhut, welcher -starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch -steht --: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer -- geht ihm der -flyende Dutschman die Quer!« - -Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große Korallen und -fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel -fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor -welchen sich die Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! -- - -In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem Südmeer, Schildkröten -und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige -Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr -herüber bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten Seesternen -und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehöriger des Schankwirts aus -fernen Zonen heimgebracht. - -Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte die Gäste durch sein -erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht -verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand. - -Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit -groben weißen Tüchern belegt und durch Tannengrün und Blumensträuße ganz -besonders feierlich geschmückt. - -Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon -jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwärts -lagert ein großes Faß Bier, auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben -ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken -zuerst besichtigt wird. - -Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgäste nahen, fürerst noch so -schweigsam und ernst, wie es in der Art dieser wortkargen Menschen -liegt, welche es mehr gewohnt sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um -das Dasein zu führen, als heitere Feste zu feiern. - -Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und manch altem, -wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches Kopfschütteln und »Hm-Hm!« -abgenötigt hat, spielte in den rosa Kranzbändern der jungen Frau und -färbte ihre Wangen noch röter, und wenn auch Mike mit festem Händedruck -ringsum die schwieligen Hände faßt, und Jöschen manch lieben Freund -innig auf den Rücken klopft, so herrscht dennoch fürerst noch die -feierliche, erwartungsvolle Stille, welche dem Nahen des Pastors und der -gräflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. -- - - * * * * * - - - - -XXV. - - -Über die hohe Düne, welche das Fischerdorf von der See trennt, stieg -Gräfin Gundula an der Seite des alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele -und Guntram Krafft. - -Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, das Meer bei dem -immer stärker werdenden Wind in seiner wogenden Schönheit zu sehen, und -darum hatte man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf nicht von -dem Burgberg, sondern vom Strande aus. - -Die Gräfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und Gabriele, welche ebenso -schweigsam wie der Bär von Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte -der Worte des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram Krafft -gesprochen. »Welch eine auffallende und sehr erfreuliche Veränderung ist -mit Ihrer Frau Mutter vor sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich -die Gräfin seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, der -finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt von ihr gewichen, -und dafür sei Gott gelobt!« -- Er hatte dann Gabriele herzlich beide -Hände entgegengestreckt, und fuhr fort: »Das haben wir ganz entschieden -Ihrem so günstigen Einfluß zu verdanken, mein gnädiges Fräulein! Sie -haben den Sonnenschein wieder in das Haus der so tief gebeugten Frau -getragen!« - -Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, als er sich stumm und -höflich, wie in schweigender Zustimmung vor ihr verbeugte, und es hatte -warm aufgeleuchtet in den ernsten, traurigen Augen. - -Ein paar gleichgültige Worte hatten sie später auf dem Weg zum Strande -gewechselt, und als sie über die waldige Höhe schritten und zuerst den -Blick auf das Meer genossen, war Gabriele unwillkürlich stehengeblieben -und hatte mit leisem Ausruf des Entzückens auf die weißschäumende, -hochgehende See hinausgeblickt. - -»Nicht wahr, so gefällt sie selbst Ihnen?« hatte der Graf gelächelt, und -das junge Mädchen nickte mit seltsam leuchtendem Blick und wiederholte: -»Selbst mir!« - -Dann brauste der Sturm daher und riß die weißen Narzissen aus ihrem -Gürtel und verstreute sie durch das Riedgras, und während Gabriele mit -beiden Händen den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen nach -und sammelte sie. - -Sein Blick überflog ihre schlanke, schneeweiße Gestalt, um welche die -weichen Kleiderfalten in graziösem Spiele flatterten, und er behielt den -Strauß in der Hand und sagte: »Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe -tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid zu halten!« - -Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der Dünen gelangten und -das Wirtshaus »Zur blauen Woge« vor ihren Blicken lag. - -Da reichte er die Blüten zurück. - -»Wir alle haben uns festlich geschmückt, Graf, nur Sie allein tragen -kein einziges Abzeichen, welches auf die frohe Bedeutung dieses Tages -schließen läßt!« - -Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lächeln. - -»Ich selber vergaß es, und andere dachten nicht an mich!« - -Da wählte sie die schönsten Blumen aus ihrem Strauß und bemühte sich, -sehr unbefangen zu lachen: »Welch eine grobe Unterlassungssünde! -Erlauben Sie, Graf, daß ich das Versäumte nachhole und Ihr Knopfloch -schmücke!« - -Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust. - -»Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!« sagte er sehr -ruhig. »Den Ahnherrn Wulffhardt und mich bedenken Sie in gütiger Weise -mit solch lieblichem Schmuck.« - -Alles Blut stieg ihr in die Wangen, -- vor ihren Ohren schwirrten -plötzlich wieder die Worte --: »Mit weißen Totenblumen ... doch nicht -mit einem Lorbeerkranz ...« - -Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich verfüge ja über keinen -besseren Schmuck, Graf!« - -»Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren tragen!« - -Das Gespräch ward unterbrochen, aus dem Saal des Wirtshauses erschallten -die lustigen Weisen der Harmonika, und das junge Ehepaar trat den -vornehmen Gästen entgegen, sie mit herzlichem Händedruck zu begrüßen und -zum Hochzeitstisch zu geleiten. - -Gräfin Gundula saß zwischen dem jungen Ehegatten und dem Pastor, -- -Guntram Krafft an der Seite des bräutlichen Weibes, zu seiner Rechten -war Gabriele der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saßen die beiden -Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schöne Seemannslieder und -lustige Stücklein für Unterhaltung, dieweil es bei Tisch selber sehr -ruhig zuging. - -»Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fröhlichkeit zu stören!« -flüsterte Gabriele zu dem Grafen auf. - -Dieser lächelte: »O, durchaus nicht! Es würde eine Nichtachtung gegen -die vergötterte Weinsuppe und den obligaten Schweinebraten sein, wollte -man während dieser Genüsse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und -die >Stimmung< kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann werden Sie sehen, -daß wir unsere Getreuen nicht stören. Ich bin überzeugt, daß wir hier -von allen noch sehr viel mehr geliebt wie respektiert werden!« - -Und so war es auch. - -Als das, nach Ansicht der so wenig verwöhnten Leute, glänzende -Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische beiseite gerückt wurden und -der Kaffeeduft so lieblich durch den Saal zog, daß allen Frauen das Herz -im Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter -durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen Jauchzer hervor, -und als die Harmonikas mit schallendem Ton den »Großvatertanz« anhuben, -da umfaßte Jöschen seine strahlende junge Frau und begann sich mit ihr -sehr langsam und würdevoll im Kreise zu drehen. - -Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht mit dem wunderschönen -jungen Fräulein solchem Beispiel folgen werde, aber der stand und sprach -so eifrig mit ein paar alten Fischern, daß er gar nicht an den Tanz zu -denken schien. - -Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, machte seinen Kratzfuß vor -Gabriele und tanzte mit ihr, schwer und wuchtig, als gelte es, eine -holländische Kuff bei konträrem Wind zu lavieren, -- und als er zum -Schluß die junge Dame mit freundlichem Lob auf den Arm gepatscht, stand -schon ein junger Lotse bereit und sah sie treuherzig bittend an. - -Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, und ihre schlanke -weiße Gestalt tauchte wie ein Traum zwischen dem derben Schiffervolk -auf, so daß der Pastor ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte: -»Wissen Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des wunderholden -Fräulein von Sprendlingen einfiel? Ein Gedicht von Heinrich Heine: >Wohl -unter der Linde, da tönt die Musik, da tanzen die Burschen und Mädel ... -da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen so schlank und so -edel!< -- Sagen Sie selbst, ist es nicht, als ob die weiße Wassernixe -aus der Flut gestiegen sei, sich unter das lustige Fischervolk zu -mischen? -- Wie ein Märchen deucht mir die lilienhafte Mädchengestalt, -und wen Fräulein Gabriele mit den großen, klaren, wundersam glänzenden -Augen anlächelt, der lernt an die Macht der Meerfrau glauben!« - -»Man sagt, die Meerfei bringt Unglück dem, der sie schaut! Hören Sie, -wie der Sturm um das Dach heult? Vielleicht wählt sich die Undine -bereits ihre Opfer für die kommende Nacht aus!« - -»Das verhüte Gott! Fürchten Sie bös Wetter?« - -»In wenig Stunden haben wir es.« - -»Arme junge Frau! Das wäre eine üble Hochzeitsmusik!« - -Jöschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen. - -»Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!« - -Guntram Krafft richtete sich jäh auf. »Ich warte nur, daß du Mike einmal -freigeben sollst!« - -»Dor steiht se!« lachte der junge Ehemann, wieder in sein gemütliches -Plattdeutsch verfallend, und der Bär von Hohen-Esp nickte, drückte dem -Glücklichen die Hand und holte sich die Braut mit den rotglühenden -Wangen zum Ehrentanz. - -»Nu leggt he los!« flüsterte es im Kreis, und man wartete, daß der -Burgherr nach der Mike das »gnä Frölen« zum Tanze holen werde; aber er -trat mit umwölkter Stirn zur Tür zurück und hatte mit Krischan Klaaden -ersichtlich viel ernste Dinge zu reden. - -Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer stärker und stärker -herübertönte und der Sturm immer schriller durch die Taue des vor dem -Hause aufgepflanzten Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer -fröhlicher und ausgelassener, und schließlich stand die Mamsell vom -Schloß und tuschelte unter listigem Augenzwinkern mit Mike und Jöschen. - -Die Weiber, Mädchen und Burschen drängten drum herum, es gab ein leises, -jubelndes Gelächter, und dann lichtete sich plötzlich der Kreis, einer -der Fischer trat vor und rief mit kraftvoller Stimme: - -»Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern söken!« -- - -Großer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem Lächeln zu -Gräfin Gundula und bot ihr eine Schere dar, mit welcher die Burgfrau die -beiden rosa Bänder der Kranzschleife abschnitt. - -Die alte Dame lächelte dabei sehr amüsiert, und in ihren Augen leuchtete -es auf, wie ein sehr wohlgefälliges Verstehen. - -»Möchtest du die Rechte treffen, Mike!« sagte sie und händigte der -jungen Frau die Bänder aus. -- Diese wandte sich, reichte Jöschen flink -eines der Rosenbänder, und schnell wie der Gedanke stürmte das junge -Paar unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgäste. - -Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als sie ihren Arm auch -schon von Mike gefaßt und mit dem Band umschlungen sah, gleicherzeit -zerrten und drängten die Männer Guntram Krafft heran, an dessen Arm -Jöschen das andere Band geknüpft hatte, und ehe die beiden aufs höchste -betroffenen jungen Leute recht wußten, wie ihnen geschah, waren ihre -Arme durch die Bänder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei -erhob sich: »Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!« -- - -Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine Lippen bebten, und -die breite Brust hob und senkte sich unter stürmischen Atemzügen, dann -neigte er sich zu Gabriele herab und stieß kurz hervor: »Befehlen Sie zu -tanzen, mein gnädiges Fräulein?« -- - -Sie blickte zu ihm auf, -- ihm deuchte es, ebenso kühl und ruhig wie -sonst -- und die kristallenen Nixenaugen leuchteten ganz nahe den -seinen, und ihr roter Mund antwortete: »Ich füge mich der Sitte, Herr -Graf!« - -Da umschloß sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung mit der freien -Hand, daß man Raum gebe, und dann tanzten sie. - -Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend heiß brauste das -Blut durch seine Adern, wie befangen von einem wilden, -leidenschaftlichen Rausch flog er dahin, und die weiche, schmiegsame -Gestalt ruhte wieder an seiner Brust, und ihre krausen Löckchen -flimmerten vor seinem Blick. - -Freiwillig wäre er nie zu ihr gekommen -- nun trieb sie das Schicksal -selber in seine Arme, und er hielt die bleiche Meerfrau ... und drückte -sie fest -- immer fester und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er -sie nie wieder freigeben. - -Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heiße, unaussprechlich -innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam bekämpft hatte, loderte -in verzehrenden Flammen in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare -Denken und Handeln. - -Er tanzte -- tanzte ohne Aufhören ... und er hatte nur einen tollen, -wahnwitzigen Gedanken -- so hinab mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu -den schäumenden Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die kühle, -geheimnisvolle Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, wo die Perlen -auf weißen Wasserlilien glänzen und rote Korallen bis an das Abendrot -des Himmels emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lächelnd zu -ihm heben, wird mit ihren kühlen, meerfarbenen Augen sein Leben trinken -und ihn küssen in traumhaft süßem Glück ... - -Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster schrillt der Sturm ... -und die Brandung donnert lauter und lauter empor ... - -Gabrieles Köpfchen aber sinkt plötzlich tiefer und tiefer, und ihr -Körper ruht schwer in seinem Arm. - -Da erwacht er plötzlich wie aus tiefem Traum und starrt sie an. - -Wie blaß sie ist! -- - -Erschrocken hält er inne: »Verzeihen Sie, Gabriele,« -- murmelte er, -- -»ich war unbescheiden ... ich tanzte zu lange -- --« - -Sie lächelt und ringt nach Atem -- und um sie her erhebt sich abermals -ein tosender Jubel. »Dat wier äwerst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n -Dutzend Dänz'!« -- schallt es lachend im Kreise, und dann plötzlich jähe -Stille. - -Ein Schuß? -- - -Ertönte nicht draußen auf hoher See ein Schuß? -- ein Notsignal? -- - -Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram Krafft reißt das -rosa Band, welches ihn an Gabrieles Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch -und stürmt nach der Tür, Jöschen, Krischan Klaaden und die andern -Fischer folgen in jäher Hast. - -Die lachenden geröteten Gesichter sind plötzlich blaß und ernst -geworden, die Klänge der Harmonika sind verstummt. - -Gabriele ist an die Seite der Gräfin geeilt und hat mit angstvollem -Aufblick ihre Hand gefaßt. - -»Was bedeutet das, Frau Gräfin?« - -Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem kleinen Fenster, -einen Blick hinauszutun. - -»Gott der Herr verhüte es, daß ein Schiff in Not ist!« sagte sie mit -schwerem Atemzug. - -»O, welch ein Wetter plötzlich!« schaudert Gabriele, »wie schwarz die -Nacht, und welch furchtbares Brausen und Donnern! Man hat es zuvor bei -der Musik nicht gehört, -- jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden -ist!« - -Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen Hände. »Das -ist eine grobe See geworden«, sagt sie leise. »Arme Mike ... muß den -Jöschen heute nacht wohl hergeben!« - -»Heute nacht?« wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen Augen, -»was sollte denn Jöschen bei dieser Dunkelheit für ein Schiff draußen -tun?« - -Die Alte schüttelt mit wehmütigem Lächeln den Kopf: »Hinaus muß er und -Hilfe bringen, falls es not tut!« - -»Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?« Gabriele hebt wie -beschwörend die Hände. »Das ist ja gar nicht möglich ... das wäre ja ein -tollkühnes, nutzloses Aufopfern!« - -»Es wäre seine heilige Pflicht!« unterbricht die Gräfin ernst und ruhig, -»und wahrlich nicht das erstemal, daß Guntram Krafft seine wackeren -Lotsen in ein Unwetter hinausführt!« -- - -»Der Graf?« stammelte Gabriele ..., »er selber ... er fährt auch mit -hinaus?« -- - -»Wenn es nottut, jedesmal!« - -Da ist es plötzlich, als wüchse die schlanke Mädchengestalt empor, als -lausche sie atemlos diesen Worten wie einer Offenbarung. - -»Wo ist er? Wo sind die Fischer?« stößt sie hervor. - -»Wohl auf der Düne draußen, nach dem Schiff zu spähen!« - -»Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gräfin! Ich bitte, ich -beschwöre Sie!« - -»Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, und Sie ahnen nicht, wie -der Sturm draußen pfeift! Das Haus hier liegt ja noch hinter der Düne -geschützt ... wenn Sie sich auf der Höhe hinauswagen, können Sie kaum -atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, Gabriele!« - -Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. »Gleichviel ... ich -hülle mich warm ein ... ach, ich flehe Sie an, Gräfin, lassen Sie mich -sehen, was da draußen vorgeht!« - -Einen Augenblick noch zögert Gundula, dann sagt sie kurz entschlossen: -»Gut; dort auf der Bank liegen die warmen Sachen, welche Anton für den -Heimweg brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen Mantel um, -ich werde mit Ihnen gehen.« - -Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig und still bleiben -kann, wo möglicherweise ihr einziges Kind sich im nächsten Augenblick -auf Tod und Leben hinaus in den Sturm wagen wird! -- - -Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch nimmt, es sehr -sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie -prüft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge -Mädchen wie um den Sohn besorgt. - -Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe -Frauengestalt und hastet nach der Tür. - -Hu, welch ein Sturm! - -Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in -das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen kreischt die kleine -Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes; -Fräulein von Sprendlingen preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust -und ringt nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die Kraft, -gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt Gräfin Gundula die schlanke -Gestalt mit ihrem kräftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse -durch das Brausen und Heulen. - -Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche -Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet. -Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so -rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen, -schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über den Himmel und -verhüllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor, -wenn der Sturm die Massen zerreißt. - -Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man hört nur die Brandung in -nächster Nähe -- wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen -schallt sie empor. - -Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vögelchen an -die Gräfin geschmiegt, aber sie überwindet das Grauen, sie fühlt, wie -eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm -vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite. - -Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß der Sturm sein -lockiges Haar zerwühlt. Seine breite Brust trotzt dem wüsten Gesellen, -hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben -und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp, -welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende -Gesell, der Sturmwind! - -Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden Ellenbogen auf -und späht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus. - -Die beiden Frauen kämpfen sich vorwärts, Fischerfrauen und Kinder folgen -ihnen, fest aneinandergedrängt, starren sie stumm und ernst hinaus auf -die wild empörten Wasser. Der Schutz der Düne hört auf, mit voller Wucht -wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen Augenblick hat -Gabriele das Empfinden, sie müsse ersticken, -- die Gräfin faßt sie -fester in den Arm und kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, -- da braust es -über sie hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu Kräfte -kommen. - -Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, und Gabriele gewöhnt -sich nach den kurzen Anweisungen Gundulas an das Atmen im Sturm, sie -überwindet ihre Bangigkeit und Schwäche, sie will stark sein! Sie will -vorwärts ... sie will sehen und hören! - -Guntram Krafft wendet sich flüchtig und blickt zurück, aber all sein -Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu stehen. - -»Ist es tatsächlich ein Notsignal?« fragt die Gräfin. - -Er nickt. »Vorläufig läßt sich noch nichts erkennen, wir müssen warten, -bis die Wolken vorüber sind, -- minutenlang muß der Mond hervortreten!« - -Dann trifft sein Blick Gabriele. - -Sie steht neben ihm, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Antlitz von -dem weißen Spitzentuch umflattern, mit einem leisen Schrei die Augen -starr, weitoffen auf die See gerichtet. - -»Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von gestern und ehedem?!« -- - -Schwarz und furchtbar gähnt es in weiter Unendlichkeit vor ihr, -- der -hohe Wogenschwall wälzt sich donnernd heran, in zwei-, drei- und -vierfacher Brandung kocht der weiße Gischt am Strande auf, gespenstisch -rollen die aufbäumenden Seen heran wie Ungeheuer, welche in wütender -Gier Strand und Land verschlingen wollen. - -Da teilt sich die dräuende Finsternis. - -Der Mond bricht durch die Wolken, sein weißgelbes Licht fließt -minutenlang wie ein magischer Schein über die Wasser. - -»Dort ... dort ... dat Schipp!!« - -Wie ein Schrei gellt es von Jöschens Lippen. - -»Richtig -- dort is't!« -- - -»A's'n Turpedo sieht's ut!!« -- - -»Nee! Nee! Is 'ne lüttje Brigg ...« - -»Ich seh' keen Mast nich --« - -»De warn ja woll verlurn sin!« -- - -»Un keen Licht nich ...« - -»Doch -- achterlich de gröne Lantern!« -- - -»Äwerst keen Signal nich ...« - -»Doch! -- Obacht!« - -»Dat Blulicht!!« - -Ein scharfes, bläuliches Licht blitzte auf See auf ... hielt -sekundenlang an und verschwand wieder, -- gleichzeitig ein Kanonenschuß -... - -»Das Schiff treibt auf --! Brandung voraus!« schrie Guntram Krafft. -»Vorwärts, meine Braven, da ist keine Zeit zu verlieren! Zum Schuppen! --- Gebt Signal! -- Boot klar zum Auslaufen!« -- - -Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast durcheinander, -- die -Männer stürmten die Dünen hinab nach dem Rettungsschuppen. Wie in jähem -Entsetzen hob Gabriele die Arme. »Jetzt hinaus in See? -- Gräfin ... auf -_diese_ See hinaus?!« -- - -Gundula nickte. »Gebe Gott, daß sie noch zur rechten Zeit kommen. -- -Kehren Sie jetzt zurück in das Zimmer, Gabriele ... ich muß in den -Schuppen hinab und alles vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglückten -Hilfe zu bringen!« - -Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schönes Antlitz sah -in dem Mondlicht wie versteinert aus. - -Das junge Mädchen schüttelte aufgeregt den Kopf, in ihren Augen -leuchtete es plötzlich auf wie heiße, leidenschaftliche Begeisterung. - -»Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gräfin -- schnell ... ach, lassen Sie -uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche schauen!« - -Und sie wartete nicht mehr auf den schützenden Arm Gundulas, sondern -flog wie von den Sturmesschwingen getragen, dem Rettungsschuppen zu. - -Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln herrührend, -flammte wieder auf dem gefährdeten Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete -am Strand drunten, dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere -Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend. - - * * * * * - - - - -XXVI. - - -Ein aufgeregtes, überhastiges Leben entwickelte sich am Strand. - -Die Leute hatten in größter Eile ihre hochzeitlichen Kleider mit dem in -dem Schuppen bereithängenden Ölzeug vertauscht und waren soeben, voll -ausgerüstet, bereit, den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den -tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, unsagbar -mühselige Arbeit bei solchem Sturm! - -Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebäudes gegen die Mauer gedrückt -und starrte mit hochklopfendem Herzen das fremdartige Treiben an. - -Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem derben Lotsenanzug, -- -welcher ihr schöner und kleidsamer deuchte wie die reichste Galauniform, --- grell beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen -Fäusten geschwungen wurden, -- sah, wie er mit Bärenkräften zufaßte und -half und schaffte, der erste seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener, -gewaltiger Kommandeur, ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern -selber arbeitet und Hand anlegt! - -Eine leise Stimme klang neben Gabriele. - -»Dat wir sneller kamen, as wie dachten!« seufzte Mike und knüpfte das -wollene Tüchelchen fester um den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar, -ihre hartgearbeiteten Hände griffen ein wenig unsicher zu, und ihr erst -so blühend frisches Gesicht war blaß geworden. - -»Ach, gnä' Frölen -- un dat ok grad an min Hochtid!« - -Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen Augen der -Sprecherin. - -»Arme Mike!« sagte sie weich; »ja, das ist eine traurige Hochzeit! Aber -so Gott will, kehrt dein Schatz bald gesund und heil zurück, und dann -kannst du doppelt stolz auf ihn sein!« -- Sie atmete tief auf und -wiederholte mit glänzendem Blick: »Ja, stolz! sehr stolz mußt du doch -auf einen solchen Mann sein!« -- - -Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hände in die geblümte -Schürze und sagte resigniert: »Wenn he man wedder kümmt!« Und dann -entsann sie sich, daß ja das gnädige Fräulein nicht gut plattdeutsch -versteht und fuhr -- nicht ganz ohne Mühe -- fort: »Vielleicht kriegen -sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herüber und brauchen nicht -selber hinaus. Sehen Sie dort? Da schaffen sie an dem Mörser! Der Graf -schießt bannig gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein übles Ding -damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die Windrichtung und Stärke -desselben kommt gar sehr in Betracht dabei!« - -»Man schießt nach dem Schiff?« wiederholte Gabriele überrascht. »Um -alles in der Welt, warum das?« - -Mike war zu traurig, sonst hätte sie wohl gelächelt. Sie strich wieder -seufzend mit der verarbeiteten Hand über ihren Brautkranz und fuhr -erklärend fort: »Das tut ja keinen Schaden nicht, gnädiges Fräulein, im -Gegenteil! An der Kugel ist man eine dünne Leine befestigt, -- sie wird -über das Schiff hinübergeschossen, und die Leute müssen die Leine so -rasch wie möglich auffangen und festhalten. Wenn das geglückt ist, muß -als Zeichen dafür ein Blaufeuer angesteckt werden, oder man schwenkt -auch nur eine Laterne -- wie sie's aus so 'nen wracken Schiff noch grad -möglich machen können ... dann wissen die Unsern hier Bescheid ...« - -»Was für Bescheid? Was nützt die Leine?« - -»O, man alles nützt die! Die Schiffsmannschaft muß die Leine dann vom -Lande her anholen, bis sie den Steertblock daran finden, durch welchen -ein Jölltau geschoren ist!« - -»Und was soll damit?« -- Gabriele blickte die wortkarge Mike beinahe -ungeduldig an, und das junge Weib fuhr monoton fort --: »Ja, so, -- das -kennen Sie man alles noch nicht! Dieser Steertblock muß am Mast unter -der Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten schon über Bord -geschlagen sind, an einem andern hohen Gegenstand ... und dann geben sie -vom Wrack wieder ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau an -dem Läufer befestigen, das ziehen sie dann vom Strand 'rauf aufs Schiff -...« - -»Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?« - -Nun ging doch ein schnelles, breites Lächeln über das Gericht der jungen -Fischerfrau. - -»Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!« schüttelte sie den Kopf und fuhr, -sich verbessernd fort: »Daran wird man bloß die Hosenboje nach den -Gestrandeten hinübergeschickt, da setzt sich die Mannschaft nacheinander -ein und wird übergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schießen losgehen -... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!« - -Eine immer größere Aufregung hatte Gabriele erfaßt. Die wundersame -schaurige Poesie dieser nächtlichen Rettung wirkte wie berauschend aus -ihr so leicht empfängliches Gemüt! - -All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende Gefahr, die -Angst und Sorge um eigenes und fremdes Leben, die unbeschreiblich -großartige Schönheit der wild entfesselten Elemente übten einen nie -geahnten Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in tiefem Schlaf -gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, welche es erwecken soll zu -einem neuen, köstlichen Leben, zu der jauchzenden Erkenntnis alles -dessen, was ihre Seele voll schwärmerischer Begeisterung seit jeher -erhofft und ersehnt. Und voll ungestümer Leidenschaft wandte sie sich -und kämpfte sich durch den Sturm näher und näher zu Guntram Krafft -heran, bis sie beinahe an seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz -schauen -- seine Worte hören -- jede seiner kraftvollen Bewegungen -beobachten konnte. - -Ihr Auge glänzte wie im Fieber -- ihre Lippen lächelten wie im Traum. - -Die Stimmen der Männer hallten wirr und zumeist unverstanden zu ihr her, --- mit gewaltigem Krach entlud sich das Rettungsgeschoß, -- die Rakete -zischte wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung nach dem -gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel der Nacht. - -Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, das die Leine getroffen -habe. - -Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den adlerscharfen Blick -seeein gerichtet, als könne und müsse sein Blick die gähnende Finsternis -durchdringen. - -Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm heult über sie hinweg, -und die See donnert und braust immer gewaltiger gegen den Strand. - -Krischan Klaaden schüttelt den Kopf. - -»Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de Brandungen gahn all -öwer dat Schipp weg!« - -»Denn man tau! -- wi möten klor maken!« Der Bär von Hohen-Esp wandte -sich in hoher Erregung zu seinen Lotsen. - -»Vorwärts, Kinder! -- es ist keine Minute mehr zu verlieren, -- wir -müssen hinaus!« - -Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft sich an den Hals -ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang mit den Armen. »Nee! -- nee!« -schluchzt sie auf -- »an dissen Dage nich!!« -- - -Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, er wendet hastig das -Haupt, ein Schein tiefer Wehmut geht über sein schönes Antlitz. - -»Bliev torück, Jöschen!« -- flüstert er, »dat geiht ok ahn di'!« -- - -Der junge Fischer richtet sich jäh auf, küßt sein bräutliches Weib noch -einmal hastig auf die blassen Lippen und faßt sie derb an den Schultern. -»Denk' doran, was de Pastur hüt seggt hätt'!« ruft er, springt hastig -seinem jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges Lachen. - -»Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!« - -Gabriele hat keinen Blick für die schluchzende Mike, sie folgt atemlos -nach dem Boot, sie preßt die bebenden Hände gegen das Herz, sie starrt -mit weitoffenen Augen auf Guntram Krafft. - -Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger die Düne hinabeilen, -wie die Gräfin die gefalteten Hände zum Himmel hebt, wie ihr farbloses -Antlitz die Qualen spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick -durchbeben, -- sie sieht nur, wie der Bär von Hohen-Esp in das Boot -springt, wie er ein paar kurze, begeisternde Worte an seine Getreuen -richtet, sie zu vollster, heiligster Pflichterfüllung ermahnt, und sie -der starken Hilfe dessen versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! -- -Und dann entblößen sie alle das Haupt -- - - »Chryste Kyrie - Sei mit uns auf der See!« -- - -»Amen! -- Amen!« klingt die Stimme des Predigers durch den Sturm, -- und -dann ein frisches, kraftvolles -- »Hohojohe! -- Rennen los!!« -- -- - -Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt. - -Sein Blick sucht Gabriele. - -Er hebt die Hand -- er winkt ihr zu ... und dann steigt das Boot hoch -auf, -- weiße Gischtwogen scheinen es zu verschlingen ... es sinkt tief -... tief ... hebt sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz -und grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... gähnende Finsternis -... und der Sturm heult, und die Brandung kocht wild auf ... - -»Laßt uns beten, meine Freunde!« ruft der Pastor, er entblößt sein Haupt -... die weißen Haare wehen um seine Stirn, -- um ihn her sinken die -Weiber und Kinder auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt -durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch Gabriele will -niedersinken und die bebenden Hände zum Himmel heben -- sie kann es -nicht. -- - -Sie muß stehen ... hochaufgerichtet ... sie muß hinausstarren auf das -Meer, als könne sie dem kleinen Boot mit den Blicken folgen. Der Mond -tritt hell aus den Wolken -- mit Jubel und Dank gegen Gott begrüßt. -- - -Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete Schiff ... - -Gabriele atmet fast keuchend. - -Ihre ganze Gestalt bebt und schüttert wie unter heißen Fieberschauern. - -Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder? - -Gabriele möchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, möchte wie -berauscht von leidenschaftlicher Glückseligkeit in den Sturm -hinausjubeln -- möchte vergehen in der namenlosen Wonne und -Begeisterung, welche ihre ganze Seele erfüllt und in blendende Helle -taucht. Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche sie schaut? - -Ist jener heldenhafte, tollkühne Mann in jenem gebrechlichen Fahrzeug -wirklich der Bär von Hohen-Esp, derselbe, welcher einst so linkisch und -mädchenhaft errötend auf höfischem Parkett gestanden? -- - -Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich Guntram Krafft? - -O, wie gräbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, wie mit -feurigen Linien gezeichnet, so unauslöschlich in Gabrieles Herz! - -Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden Erkenntnis hat -es schon all die Tage vorher in ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich -gewehrt gegen diesen Gedanken, wie gegen eine Unmöglichkeit! - -Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie in nimmer endendem -Tanz heiß und heißer an die Brust gedrückt, da ging es wie ein -Morgendämmern der Liebe durch ihre Seele, da war es ihr, als müsse sie -das Antlitz auf seine starken, kraftvollen Hände drücken und sagen: »ich -weiß, was sie Gutes tun und Edles schaffen -- und ich bitte dir all das -schwere Unrecht ab, du wackerer Mann, welches ich dir ehemals so -verblendet zugefügt!« - -Und in jener Stunde hatte sie nur seine Größe geahnt und noch nicht mit -Augen geschaut, wie jetzt! - -Flammende Begeisterung durchglüht sie! Der Traum von edlem Heldentum, -von sieghaftem Mannesmut ist zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf -Tod und Leben! - -Welch ein trotzigkühner Kampf gegen die furchtbarsten Gegner, gegen -Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig wie die anstürmenden Heere des -Feindes, verderblich wie die brüllenden Geschütze auf dem Schlachtfeld, -welche Tod und Verderben speien! -- Auch hier grinst der Tod aus jeder -Woge, auch hier lauert Untergang und Vernichtung in der Tiefe, hier tost -der Feind auch in den Lüften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft -gegen ein paar armselige Menschenfäuste ein! -- - -Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, wenn sie -hinaus in die Nacht, auf die finsteren, tosenden Wasser blickt! - -Drüben liegt das Schiff! - -Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darüber hin. -- - -Man sieht, wie schwere Seen über sein Deck schlagen, wie es immer tiefer -auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot sich gegen die furchtbare -Strömung näher und näher herankämpft. - -Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden und zerschellen? - -Wird es durch das Zurückprallen der See vollschlagen und kentern? - -Gabriele hört wie im Traum die Worte der Umstehenden. - -»Man jo nich' von de Luvsit' angehn!« jammerte eine Alte. »Dat Schipp -sitt' jo fest un' die See brandet öwer weg!« - -»Äwerst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo Bischeid!« - -»Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stücke von der Takelung treiben!« -nickt die Mamsell und trocknet die Augen; »ich denke, der Graf nimmt -die Schiffbrüchigen wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!« - -»Wenn sie nur erst rankommen!« - -Der Mond versteckt sich wieder, -- eine bange, lange Stille, -- leis -gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen. - -Gräfin Gundula ist nach dem Schuppen zurückgegangen. - -Sie hat dort einen Spiritusapparat entzündet, um starken, heißen Tee für -die Heimkehrenden bereitzuhalten. - -Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglückten die erste -Hilfe angedeihen lassen muß. - -Wie oft hat sie schon diese Frottiertücher, die Bürsten und belebenden -Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit demselben angstbebenden Herzen, -aber auch jedesmal mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht -wie heute. - -Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr Sohn, ihr Liebling, ihr -einziges Glück auf der Welt, wird auch heute von Gottes Vaterhand -heimgeleitet werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, wo sie -ihn dahingeben mußte als einen Schirmherrn der Not, als einen treuen, -opfermutigen Mann, welcher für fremdes Leben sein eigenes wagt! - -Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber durchkreuzen, nachdem er -sie so herrlich und unfaßlich bis hierher geführt? O, Gräfin Gundula hat -in den letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, und sie hat -Gabrieles erglühende Wangen geschaut, sie weiß, welch ein Kampf in -diesen beiden jungen Menschenherzen tobt, und weiß, wie herrlich der -Sieg sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen -vorauswirft. - -Wie ein Wunder deucht es ihr, daß sie Gabriele, just diese, zu sich in -die stille Strandburg rief, wie ein Wunder, daß das so reiche, gefeierte -Mädchen eine arme Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend -werden sollten! - -Wie ein Wunder muß sie es ansehen, daß die Einzige, für welche Guntram -Kraffts Herz in heißer Liebe erglühte, ihm hierher folgen mußte, nachdem -er den Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben. - -Warum das? -- - -Gräfin Gundula weiß es nicht und fragt auch nicht danach. - -Sie wartet, und sie ist gewiß, daß das, was Gott der Herr so wundersam -begonnen, auch von ihm zu gutem Ende geführt wird! - -Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen ertönt wie ein -verworrenes Echo von dem Strand empor. - -Das Rettungsboot kehrt zurück! - -Die Bärin von Hohen-Esp hebt inbrünstig die gefalteten Hände zum Himmel, -ihre Lippen zittern und flüstern leise, ihre Augen glänzen feucht. - -Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet sie abermals -über den losen, wehenden Sand hinab, den Sohn zu erwarten. - -Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern flattern im -Sturm, wie verklärt leuchtet das bleiche Angesicht in dem Flackerschein -der hochgeschwungenen Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich -durch die letzte Brandung kämpft, sie hört die aufgeregten Menschen -lachen und jauchzen -- »sie bringen die Schiffbrüchigen! -- sie sind -gerettet!« -- dann sucht ihr Blick Gabriele. - -Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie vorhin, die Hände wie -in Verzückung nach dem Boot ausgestreckt, das schöne Antlitz in Gluten -der Begeisterung getaucht. - -Ach, daß Guntram Krafft sie so erblicken möchte! Alles drängt den -Nahenden entgegen, die Männer springen in das schäumende Wasser, das -Fahrzeug mit hilfsbereiten Händen zu fassen, um es auf den Strand zu -ziehen, aber die Stimme des Grafen klingt kräftig durch Wind und -Wogengebraus -- »Halt! -- laßt ab! Wir müssen noch einmal zurück! -- -Landet die Mannschaft ... es sind Norweger! -- Versorgt sie!« - -Noch einmal zurück? - -Der Jubel verstummt -- jähes Entsetzen malt sich auf allen Gesichtern. - -Gott erbarm sich! noch einmal zurück! Noch sind nicht alle Gestrandeten -geborgen! - -Die fremden Seeleute springen über, bleich und ermattet, aber alle -gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen, welcher bewußtlos scheint, -hebt Guntram Krafft mit starken Armen und trägt ihn selber an Land. -- - -»Es ist nichts, Mutter!« ruft er leuchtenden Auges, »als er über die -Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen, -- das betäubte ihn! den Kopf -kühlen ... und einen Kognak! -- Sonst =allright=!« - -Gundula schlingt die Arme um den Sohn und drückt ihn sekundenlang an das -Herz. - -»Noch einmal zurück willst du?« seufzt sie tief auf --; »_muß_ es sein, -mein Sohn?« - -Er küßt hastig ihre Hände. - -»Ja, es _muß_ sein, Mutter! Drei Männer warten noch auf unsere Hilfe, -unter ihnen der Kapitän. Das Schiff hat bereits an sieben Fuß Wasser im -Raum! Das Ruder ist weggestoßen, und der Fockmast schwankt derart, daß -er jeden Augenblick über Bord gehen kann! Das einzige Boot, welches noch -vorhanden war, ist völlig leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu -verlieren, -- gebe Gott, daß wir nicht schon zu spät kommen! Nur einen -Schluck zur Stärkung für meine Leute, und dann wird uns der barmherzige -Gott auch zum zweiten Male helfen!« -- - -Der Pastor hat die Hände des Sprechers ergriffen und drückt sie mit -warmen Segensworten, die Frauen reichen den Schiffbrüchigen und Lotsen -die Becher mit dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen ihre -Männer, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen und klagen nicht, sie -erschweren ihnen ihre saure Pflicht nicht noch mehr, -- auch sie sind -stark und heldenhaft, -- wie sich's gebührt. - -Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren Neuvermählten und -blickt ihm wieder und wieder in die Augen, bis Jöschen die Zähne -zusammenbeißt, sich losreißt und nach dem Boote zurückwatet. - -Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal drückt er seiner -Mutter die Hände -- dann trifft sein Blick Gabriele. Sie hat bisher -stumm zur Seite gestanden, jetzt plötzlich ist es, als ob ein Beben und -Schüttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht -- sie _muß_ -ihm entgegenwanken, ihm die Hände reichen -- zu ihm aufblicken ... - -Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck in dem -wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen, -- er starrt sie an ... - -So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an, als sie den kühnen -Reiter um seiner Heldentaten willen bewunderte! - -»Gabriele!« -- murmelte er. -- -- - -Ihre Lippen zittern, -- sie drückt seine Hände fester, krampfhafter -zwischen den ihren. - -»Sie sind jetzt erschöpft, Graf -- Sie _können_, Sie dürfen das -Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!« - -Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Heiße Röte steigt in sein -Antlitz, dieselbe, welche ehemals im Ballsaal seine Stirn färbte und -ihr so weibisch und verächtlich deuchte, -- jetzt sieht sein edles, -kühnes Angesicht noch schöner darunter aus wie zuvor. - -»Ich weiß nicht, was ich kann und tun darf, ich weiß nur, was ich -_muß_!« klingt es wie ein Aufjauchzen von seinen Lippen, -- sein -strahlender Blick trifft noch einmal den ihren, dann gibt er ihre -bebenden Hände jählings frei und springt in das Boot zurück. - - »Chryste Kyrie -- - Sei bei uns auf der See!« - -Und abermals bäumt sich das Boot hoch auf und schießt hinaus in die -grauenvolle, schäumende Wildnis der Wasser ... in die gähnende -Finsternis hinein. -- - -Die Gräfin legt die Arme um Gabriele und neigt sekundenlang das Antlitz -auf die Schulter des jungen Mädchens. - -»Beten Sie für ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite Fahrt ist -schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!« - -Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp energisch auf und -folgt festen Schritts den Männern, welche den bewußtlosen Schiffsjungen -nach dem Rettungsschuppen tragen. - -Nun gilt es auch für sie, treu und umsichtig ihres Amtes zu walten. - -Sie muß dem Kranken die erste Pflege angedeihen lassen, für seine -Überführung nach Hohen-Esp sorgen und das Unterkommen der gestrandeten -Mannschaft bedenken. - -Noch einmal zögert sie und blickt zurück, sie will Gabriele zu Hilfe an -ihre Seite rufen, da sieht sie im dämmernden Mondlicht, wie die -schlanke, weiße Mädchengestalt auf die Knie herniederbricht, wie sie die -Hände in heißem, inbrünstigem Gebet verschlingt. - -Ein seliges Lächeln geht über ihr ernstes Antlitz. Nein, sie darf nicht -rufen. - -Dieser lichte Engel muß am Strande treue Wacht halten! - - * * * * * - -Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, -- die Männer bergen die -Rettungsgeschosse, welche überflüssig geworden sind, die Weiber und -Kinder üben Samariterdienste an den Schiffbrüchigen. - -Boten müssen nach der Burg gesandt werden, das Ingesinde hat Frau -Gundula heimgeschickt, alles für die Ankunft des Kranken und der -Mannschaft, welche in der »blauen Woge« kein Unterkommen mehr findet, -vorzubereiten. Nun beginnt das Hasten und Treiben nach Dorf und Burg -zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten stehen wie dunkle Schatten -am Strand bereit, die Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu künden. - -Still und einsam ist es um Gabriele. - -Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer zuvor -bemächtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher empfunden, war eine -glühende Begeisterung gewesen, das namenlose Entzücken, endlich das Bild -ihrer Träume verkörpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen, -welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schwärmerischen Sehnens -geworden war! -- - -Mit stürmendem Herzen hatte sie gestanden und das herrliche Bild Guntram -Kraffts mit den Blicken umfaßt, als könne sie sich nicht satt schauen an -einem solchen Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den höchsten -Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im Fieber, und nur _ein_ Gefühl -hatte sie beherrscht, die unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts, -dessen Größe sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte! - -Er war zurückgekehrt von seiner verwegenen Fahrt, und ihr war es zu -Sinnen gewesen, als müsse sie vor ihm niederknien, seine Hände an die -Lippen drücken und stammeln: »Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib -einer Blinden, daß sie dich ehemals so bitter und so ungerecht gekränkt! --- Jetzt erst sind meine Augen geöffnet, und ich habe gesehen, _wer_ du -bist!« -- - -Jetzt erst? -- - -Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden, als ob nach -langer, dunkler Winternacht der goldene Lenz erwachen solle! - -Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der kühne, sieghafte Held, -als er sich stolz von ihr losriß und nichts Höheres und Heiligeres -kannte, als seine Pflicht, -- da fluteten die ersten, heißen -Sonnenstrahlen durch ihr Herz, -- da jauchzte es nicht mehr -- »fahr' -hinaus, und sei ein Held, auf daß ich dich bewundern kann!« -- nein, da -schrie es auf in zitternder Angst --: »bleibe hier, damit ich dich -_liebe_!« -- - -Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung, mit welcher sie -ihn das erstemal das Wagnis vollbringen sah, -- da konnte sie nicht -beten für ihn, sondern nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit -blitzenden Augen und wogender Brust! - -Jetzt plötzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, zitternde -Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die bleichen Lippen möchten -aufschreien in bitterer Not um den Geliebten. - -Wie ein Gespenst taucht plötzlich das Bildnis Wulffhardts vor ihr auf -... das entsetzliche Wort »ertrunken!« starrt sie mit grellen Buchstaben -aus der schwarzwogenden See an -- »ertrunken! -- ertrunken ...!« -- - -Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hände, sie bricht nieder auf die -Knie ... der Sturm weht über sie dahin und reißt das Spitzentuch von -ihrem lockigen Haar. - -Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand gegen ihr Antlitz und -trinkt gierig die Tränen, welche haltlos über ihre Wangen tauen. - -Wie aus dem geöffneten Rachen eines Ungeheuers brüllte die See, -- die -ehemals bespöttelte, so verächtlich belächelte See, und Gabriele fühlt, -wie das Grauen sie schüttelt angesichts dieser zürnenden, furchtbar -Gewaltigen! -- - -Ertrunken! -- - -Herr des Himmels, erbarme dich! -- - -Die Worte des Predigers klingen ihr plötzlich im Herzen, hell und -zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, welches alle Totenglocken -übertönt! -- »Das Gebet seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster -Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das Segel, welches -in Sturm und Wetter nicht verloren geht! Das Gebet der gläubigen Liebe -ist die Engelsschwinge, welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut -sicher in den Heimatshafen zurückführt.« - -Das Gebet der gläubigen Liebe! -- - -Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von Hohen-Esp, sie hat nicht -das Recht wie Mike, die junge, bräutliche Frau, den Geliebten mit -Engelsschwingen sorgender Fürbitte zu umgeben, -- aber Liebe! gläubige -Liebe! Ja, die flammt ihr heiß und todgetreu im Herzen, eine Liebe, -welche die Angst und Qual dieser finsteren Nachtstunde geboren! -- - -Wo bleibt er? -- - -Die Minuten schleichen dahin, -- wie lang, wie entsetzlich lang währt -diesmal die Fahrt! - -Dort drüben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche Nacht umgibt -es! -- - -Werden es die kühnen Retter sehen und finden? Wird die tosende Flut ihr -Boot gegen die Schiffswand schleudern, daß es zerschellt ... daß alles -junge Leben -- alle süße, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf dem -Meeresgrunde finde? - -Herrgott, erbarme dich! -- - -Immer inbrünstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele die Hände im -Gebet -- und durch den Sturm klingt es wie goldene Harfen, und fernher -vom Strand gellt ein Jubelschrei: »Sie kommen! -- sie kommen!« -- - -Ein Lächeln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen haften an dem Himmel, -sie regt sich nicht. - - * * * * * - - - - -XXVII. - - -Voll jubelnder Hast stürmte es abermals die Düne von dem -Rettungsschuppen herab. - -Neue Fackeln glühten auf, und der Sturm griff in die knisternden Flammen -hinein und jagte die funkensprühenden Stückchen des Teerbrandes über den -Sand davon. - -Allen voran drängte Mike nach dem Strand. Sie strebte dem nahenden Boot -so ungestüm entgegen, daß die Spritzer der Brandung helle Tropfen in -ihren Brautkranz warfen und die Frauen und Mädchen sie lachend und so -lebhaft, wie während der ganzen Hochzeitsfeier nicht, zurückrissen und -den guten Feststaat vor weiterem Verderben retteten. - -Das Einlaufen des Bootes an Land erwies sich diesmal noch schwieriger -als zuvor, da die Brandung von Minute zu Minute furchtbarer ward und das -nicht allzu schwere Fahrzeug jeden Augenblick beizudrehen drohte. - -Jede Welle, welche es überholte, warf den Heck empor und drückte den Bug -nieder, und der erst so ungestüme Jubel der Harrenden verwandelte sich -wieder in angstvolle Stille, als man den schweren Kampf beobachtete, in -welchem die kühnen Retter rangen. - -Das Sturmgewölk war beinahe völlig hinweggefegt, der Mond stand an dem -bleifarbenen Himmel und beleuchtete hell den letzten Akt des aufregenden -Schauspiels, welches sich in stiller Nacht an dem einsamen, weltfernen -Strande abspielte. - -Die Brandung rollte unter dem Kiel des Bootes fort, die Kämme der See -hüllten es in wahre Schaumwolken, und das ganze Fahrzeug mit den kühn -verwegenen Gestalten der so überaus angestrengt arbeitenden Männer -erschien wie ein Schattenbild, welches sich in wildem Tanze nähert. - -Und es kam näher und näher, und endlich konnten die zurückgebliebenen -Fischer ihm mit rauhkehligem »Hojohe!« entgegenspringen, es kraftvoll zu -packen und an Land zu schieben. - -Im letzten Augenblick erst hatte sich Guntram Krafft von seinem Sitz -erhoben, sein edles, leidenschaftlich erregtes Antlitz spiegelte noch -die Anstrengungen, mit welchen man in dieser schweren Stunde gerungen, -aber seine Lippen lachten, daß die festen, weißen Zähne durch den -Schnurrbart blinkten, und die großen Blauaugen blitzten so siegesfreudig -und glückselig, wie bei einem Menschen, für welchen die gute Tat schon -allein ihren vollen Lohn in sich trägt! -- - -Wie schön war er! wie unbeschreiblich schön! -- Gabriele ist Schritt für -Schritt herzugewankt, mit glückzitterndem Herzen und brennendem Blick -schaut sie ihm entgegen, und dann schlägt dieses Herz plötzlich so wild -auf, daß sie vor seinem Ungestüm selber erschrickt und angstvoll -zurückweicht, weiter und weiter ... dahin, wo die roten Lichter der -Fackeln sie nicht mehr erreichen, wo keines Menschen Blick erspähen -kann, welche Gefühle sich in ihrem Auge verraten! -- - -Voll toller, ausgelassener Freude springt Jöschen als erster über den -Bootsrand, watet die letzten Schritte durch das weit ausrollende Wasser -und umfängt sein junges Weib, um all das Glück dieses Wiedersehens in -schallenden Küssen auszudrücken. - -»Nu hev' ik mir min leif lüttj Fru erst ganz un gor verdeint!« lacht er -mit weithin tönender Stimme: »Mike min Küking, bist ok tofreeden mit -mi?« -- - -Da gibt's einen hallenden Jubel ringsum, und der sturmzerzauste -Brautkranz fliegt vollends auf die blonden Zöpfe zurück, und Mike sieht -wieder so glühend rot aus wie zuvor, als noch kein bös Wetter ihr das -Glück streitig machte! - -Der Bär von Hohen-Esp eilt in die ausgebreiteten Arme seiner Mutter und -küßt ihr strahlend stolzes Gesicht voll inniger Zärtlichkeit, dann -wendet er sich und führt den barhäuptigen, bis auf die Haut durchnäßten -Kapitän des »Bror Thyrssen«, welcher mit Pitchpine Holz nach Pillau -unterwegs ist, der Gräfin zu und empfiehlt ihn deren Gastfreundschaft -und Sorge. - -Kapitän Björnson spricht deutsch, er dankt der Gräfin mit warmen, aus -dem Herzen quellenden Worten für die edle, opfermutige Tat ihres Sohnes, -welcher just zur rechten Zeit gekommen, sie alle aus sehr übler Lage zu -befreien. Der »Bror Thyrssen« hält zwar noch zusammen, aber er liegt -schwer auf der Seite, und die See schlägt hoch über Deck und wäscht -alles herunter, -- -- da handelt es sich wohl kaum noch um eine Stunde, -daß sich eine Menschenseele an Bord halten kann. -- - -Dann fragt er nach dem Schiffsjungen und seinem Ergehen, und Gundula -kann gute Nachricht geben, sie schreitet dem Kapitän nach dem -Rettungsschuppen voran, bleibt aber noch einmal stehen und wendet sich -zu dem Grafen. Sie hat gesehen, wie sein Blick umherirrt und unruhig -unter den Anwesenden forscht -- sie weiß, wen er sucht. - -Lächelnd deutet sie seitlich nach dem Strand, wo ein weißes Kleid aus -dem Dunkel schimmert. - -»Willst du so gut sein, Guntram Krafft, und Gabriele nach dem Wagen -führen? Der Kutscher hält am Tannenweg! Das arme Kind scheint von all -der ungewohnten Aufregung todesmatt! Sage ihr, daß ich sie bitten lasse, -mit dem Herrn Kapitän und Steuermann einstweilen nach der Burg zu fahren -und den Wagen sogleich zurückzuschicken, wir folgen augenblicklich mit -dem Kranken, sowie er sich noch ein wenig mehr erholt hat! -- Mamsell -weiß Bescheid und hat alles vorbereitet. Begleitest du uns, oder bringst -du, gewohnterweise, erst das Boot und alles andere unter Dach und Fach?« - -»Fürerst bin ich hier noch nicht abkömmlich, Mama!« antwortete er sehr -schnell und lacht abermals über das ganze Gesicht; »ich hab' Jöschen -heimgejagt und muß seine Faust noch beim Bergen der Sachen ersetzen. -Aber Fräulein von Sprendlingen werde ich deine Bestellung ausrichten!« -und schon stampfte er auf den schweren Wasserstiefeln davon, und das -zerzauste Blondhaar hängt ihm wirr und feucht in die Stirn. - -Da sieht er ihre schlanke, lichte Gestalt im Mondesglanz vor sich, und -sein Herz, welches soeben noch ruhig und furchtlos dem Tode getrotzt, -bebt plötzlich in seiner Brust. - -Langsam tritt er näher. - -Er denkt an den Blick, mit welchem sie ihm vorhin in die Augen geschaut, -an den Ausdruck ihres süßen Gesichts, welches während seiner Todesfahrt -durch Sturm und brandende Flut wie eine glückselige Vision ihn -begleitete. Der weiße Spitzenschleier weht lang von dem Haupt herab, -- -der Sturm faßt ihn und wirbelt ihn dem Nahenden wie ungestümen Gruß -entgegen. - -Da steht er vor ihr, und sie hat die gefalteten Hände gegen die Brust -gedrückt und sieht mit unaussprechlichem Blick zu ihm auf. - -Was soll er bestellen? - -Er weiß es nicht, -- alles Blut braust ihm schwindelnd zum Herzen, er -weiß selber nicht, was er tut, er reicht ihr nur im Übermaß seines -Empfindens die Hand entgegen und sagt leise, wie in banger, sehnender -Bitte um ein freundliches Wort -- »Gabriele!« -- - -Da geschieht etwas Unfaßliches, Unbegreifliches. Sie nimmt seine Hand -mit jäher Bewegung zwischen die ihren, neigt ihr Antlitz und drückt sie -an die weichen, zitternden Lippen. Wieder und wieder ... und an ihren -Wimpern glänzt es feucht und perlt herab über seine Rechte. - -»Gabriele!« schreit er entsetzt auf. -- »Um alles in der Welt, was tun -Sie?« - -Sie hebt das erst so demütig geneigte Köpfchen und reckt ihre schlanke -Gestalt hoch und stolz empor und schaut ihn an mit den süßen Nixenaugen, -aus welchen jubelnde Begeisterung und Bewunderung leuchten. - -»Ich grüße einen Helden!« stößt sie mit halb erstickter Stimme hervor, -»und danke ihm für all jene Menschenleben dort, welche diese kühne, -gewaltige Hand gerettet!« - -Er hat seine Rechte gewaltsam befreit und preßt sie gegen die Stirn, als -könne er den Sinn ihrer Worte gar nicht fassen. - -»Einen Helden!« wiederholt er leise; -- »und das sagen _Sie_ mir, -Gabriele -- _Sie_?!« -- - -»Wem anders wie Ihnen, Graf! -- Sie haben mich gelehrt, was es -bedeuten will, ein Schirmvogt der Not zu sein, Sie haben es mir -bewiesen, daß auch hier in tiefster, weltferner Einsamkeit ein -kühner, unerschrockener Mann leuchtende Taten zu Ruhm und Ehre seines -Vaterlandes tut! Sie haben es jenen Norwegern gezeigt, wie ein -deutscher Mann im Sinne seines Kaisers handelt, -- und ... Sie haben -mich erkennen lassen, wieviel ... ach, wieviel ich Ihnen abzubitten -habe!« -- - -Sie hatte hastig, aufgeregt, voll fieberischer Leidenschaft gesprochen; -bei den letzten Worten sank ihre Stimme zu leisem Flüstern herab, und -ehe sich Guntram Krafft aus seiner Betäubung aufraffen konnte, hatte -sich die Sprecherin bereits dem eilig herzulaufenden Anton zugewandt. - -»Gnädiges Fräulein ... der fremde Herr Kapitän sitzt bereits in dem -Wagen!« meldete er atemlos. »Darf ich bitten, sogleich einzusteigen, -die Frau Gräfin erwartet die Pferde umgehend zurück.« - -»Ich komme!« nickte Gabriele hastig, der Bär von Hohen-Esp aber schrak -empor wie aus einem Traum. - -»Krischan Klaaden läßt den Herrn Grafen bitten, bei dem Boot mit Hand -anzulegen! Sie quälen sich ab und wollen es auf den Wagen kriegen, aber -ohne den Herrn Grafen wird's nichts damit! Und Krischan Klaaden meint, -geborgen müsse es auf alle Fälle werden, denn die Flut steigt immer -noch, und man könne nicht wissen, wie hoch sie in der Nacht noch käme!« - -»Gut, gut, ich komme!« - -Einen Augenblick noch rang er mit sich, ob er Gabriele nicht folgen und -in den Wagen bringen solle, aber schon entschwand ihre lichte Gestalt -wie ein Schemen, sie floh dahin über das knisternde Riedgras und mußte -den Wagen bald erreicht haben. Wie war es auch möglich, mit diesem Sturm -im Herzen ihr vor fremden Menschen gleichgültige Dinge zu sagen. - -Guntram Krafft preßt die wetterharten Fäuste gegen die Schläfen, und -seine Brust hebt und senkt sich unter keuchenden Atemzügen. - -Wie ein Chaos von Licht und Schatten wallt es durch das finstere Gewölk -der langen Leidensnacht in seinem Herzen, funkelnde Strahlengarben -brechen hervor, und eine grelle, blendende, zauberhafte Sonne des Glücks -steigt sieghaft über seinem Leben auf! - -Gabriele hatte das Antlitz weinend auf seine Hand geneigt, -- sie selber -hatte ihn einen tapferen, heldenhaften Mann genannt, -- ihn, der doch -nichts anderes getan, als wie seine Pflicht! - -Das war ein Wunder, ein Gnadenwunder Gottes des Herrn, welches ihm so -jäh und wonnesam das Herz der Geliebten zugewandt! -- - -Wie ein Jubelschrei will es über Guntram Kraffts Lippen brechen, aber er -schweigt, er blickt nur mit glänzenden Augen zum Himmel empor. - -Und dann preßt er die Hand gegen die Brust, auf welcher noch immer der -Zettel Gabrieles ruht, und atmet tief, tief auf. - -Seine Zeit ist um. - -Ein wüster, grausamer Schicksalssturm hat ihn ehemals auf seinen -Lebensweg geweht, daß er sich zur himmelhohen Scheidewand zwischen ihn -und all sein Glück baue, -- und nun kam ein anderer, frischer, -köstlicher Seesturm dahergebraust, der blies die trennende Schranke -hinweg, der räumte alles aus dem Weg, was als Dorn und Nessel die roten -Rosen seiner Liebe überwuchern wollte! -- - -Gabriele von Sprendlingen will Herz und Hand nur einem Helden zu eigen -geben, und sie selber hat den Bären von Hohen-Esp einen Helden genannt! --- - -Drunten am Strand winken die Männer, ungeduldig harrend, mit den -Fackeln, und Guntram Krafft schwenkt ihnen mit jauchzendem »Hojohe!« den -Südwester zu und eilt heran, ihnen zu helfen, als flute neues Leben und -neue Riesenkraft durch seine Adern! -- - - * * * * * - -Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bemühte sie sich, der Gräfin in -jeder Weise hilfreich zur Seite zu stehen; Gundula aber tat nur einen -schnellen Blick in ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Blässe -wechselten, auf die kleinen, eiskalten Hände, welche es kaum vermochten, -mit festem Griff zuzufassen, und sie schloß das junge Mädchen mit gar -wundersamem Lächeln in die Arme und neigte die Lippen küssend auf den -lockigen Scheitel. - -»Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, -- ich wünsche es! -- Sie sind -von all der Aufregung nervös und ermattet und müssen schlafen, damit Sie -morgen wieder bei frischen Kräften sind! Ich kenne diese Sturmnächte und -lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu wahren! -- Was wollen -Sie noch hier? Der Kranke ist gebettet und schläft bereits den -köstlichen festen Schlaf der Jugend, -- den gebrochenen Arm habe ich ihm -schon in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, -- auch darin -habe ich Übung! und der Schlag gegen den Kopf scheint durchaus nicht -bedenklich, denn der Junge sprach nach seiner kurzen Betäubung völlig -klar mit seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen, und, so Gott -will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der Kapitän und Steuermann haben -ihre nassen Kleider gewechselt und sich mit Guntram Kraffts längst -verwachsener Garderobe sehr spaßhaft kostümiert, sie sitzen bei einem -steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn warten, um noch so -mancherlei mit ihm zu besprechen, ehe sie sich zur Ruhe legen, -- ich -glaube nicht, daß ihnen Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand -sehr angenehm ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und auch ich -gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram Krafft noch einmal die Hand -gedrückt habe. Das ist so Brauch bei uns.« -- - -Gabriele atmete sehr schnell und machte eine jähe Bewegung mit dem -Köpfchen, ihre Augen blickten so leuchtend und verklärt an der Gräfin -vorüber, als sähen sie voll schwärmerischen Entzückens in nächtiger -Ferne ein liebes, liebes Bild. - -Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen, wieder und wieder -... wollte sprechen und schwieg dennoch. - -»Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es gewiß ein ganz -besonders sonniger, wonniger Maientag werden!« fuhr Gundula weich und -leise fort, und sie strich mit der Hand über das rosa Brautband, welches -noch immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles Arm glänzte, -- -sie lächelte: »Heben Sie diese Schleife auf, -- sie bringt Glück! -- Und -ehe Sie die Augen schließen, danken auch Sie Gott dem Herrn, daß er in -dieser Nacht mit uns war!« -- - -Gabriele war heiß errötet, sie nickte erregt, ihre Lippen zitterten. -Noch einmal neigte sie sich tief, tief über die Hand der Gräfin, und -dann trat sie hastig über die Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu -erreichen. Sie preßte die Hände gegen die Schläfen und stand zögernd auf -der Treppe still. - -War es recht, daß sie ging? Gab es doch vielleicht noch Pflichten für -sie zu erfüllen? - -Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute nicht! - -Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt, handelt und spricht -wie im Traum, ihre Gedanken sind weit entfernt von dem, was sie tut. -- - -Ihr ganzes Sinnen und Denken weilt bei ihm! Sie sieht nur noch ein -Einziges, -- Guntram Kraffts kühnes, heldenhaftes Angesicht, -- sie -fragt sich tausendmal immer wieder dasselbe: Ist es denn kein Traum, -kein Fieberwahn gewesen? Hat er wahrlich das Unfaßliche, Herrliche -vollbracht? - -Wo weilt er noch? - -Fühlt, empfindet er es nicht, daß ihr Herz seinen Namen jubelt in -heißem, leidenschaftlichem Sehnen und Entzücken? - -Wo bleibt er? - -Horch ... eine Regenboe braust nieder, die Tropfen werden prasselnd -gegen das Fenster gepeitscht ... nach wenig Minuten ist es wieder still, -und die Mondstrahlen huschen durch das zerfetzte Gewölk. -- - -Das Heulen in den Lüften läßt nach, die Riegel und Wetterfahnen -kreischen nicht mehr so unaufhörlich wie zuvor. - -Gabriele tritt an die kleinen, bleigefaßten Scheiben und neigt das -fieberheiße Gesichtchen dagegen. - -Wo bleibt er? -- - -Wird er wieder drunten auf dem Weg vorüberschreiten, ohne einen einzigen -Blick empor nach ihrem Fenster zu tun? -- - -Wie in zitternder, qualvoller Angst preßt sie die Hände gegen das Herz. - -Sie sieht es plötzlich wieder vor sich, sein ernstes, gleichgültiges, so -ganz verändertes Gesicht, mit welchem er ihr begegnete, so lange sie -hier weilt. Lebt kein Fünkchen jenes zärtlichen Interesses, welches er -in der Residenz für sie empfand, mehr in seinem Herzen? - -Gabriele schlingt wie in bebender Verzweiflung die Hände ineinander. - -Wehe ihr, -- und ihrem armen, armen, törichten Herzen! - -Und doch ... jener Blick, als er von ihr schied, als er zum letzten Male -noch ihre Hände faßte, ehe er zu jener furchtbaren Fahrt in das Boot -sprang ... jener Blick war nicht mehr kühl und fremd, er war so -liebesinnig -- so heiß und weh ... - - * * * * * - -Gabriele schlägt plötzlich die Hände vor das Antlitz und schauert -zusammen, -- als ob er Abschied nahm für ewige Zeit! -- - -O, diese Qual der letzten Stunden! - -Wo bleibt er, -- wo bleibt er? -- - -Wie fände Gabriele Schlaf und Ruhe, ehe sie sein teures Haupt geborgen -und unter diesem Dache weiß? -- - -Horch ... Stimmen ... Schritte drunten ... - -Mit zitternder Hand löscht sie das Licht und öffnet lautlos das Fenster -... - -Mondschein glänzt auf dem Weg ... das Gezweig rauscht und sprüht -silbernen Funkenregen. - -Die Bediensteten des Schlosses und zwei der fremden Matrosen nahen in -lebhaftem Gespräch -- und in ihrer Mitte ... diese hohe, königliche -Gestalt ... so schreitet nur einer! -- nur er! -- - -Und er zögert plötzlich und geht langsamer, er bleibt zurück und steht -still. - -Sein mondbeglänztes Antlitz wendet sich ihrem Fenster zu, wie mit jäher, -leidenschaftlicher Bewegung hebt er die Arme und breitet sie nach ihr -aus! -- - -Sieht er sie? - -Nein, -- es ist dunkel und still hier droben. Mit einem leisen -Aufschluchzen des Entzückens sinkt Gabriele auf die Knie -- und das rosa -Band von Mikes Brautkranz glänzt wie holde, glückselige Verheißung an -ihrem Arm. -- - - * * * * * - - - - -XXVIII. - - -Gräfin Gundula hatte recht behalten. - -Der Sturm flaute über Nacht und gegen Morgen mehr und mehr ab und wehte -schließlich nur noch als kräftig frische Brise von der See herüber, -dieweil die klare leuchtende Frühlingssonne an dem Himmel stand und die -blühende Welt in goldenem Licht badete. Alle Wolken, alle Dunst- und -Nebelschleier hatte der Sturmwind hinweggefegt, und nun wölbte sich das -Firmament so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder -Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und endlos und wogte -unter Tausenden von schneeigen Schaumkämmen so majestätisch, wie -Gabriele seinen Anblick selbst im Traume nicht in gleicher Schöne -geschaut! - -Und weil Guntram Krafft jüngst einmal gesagt, daß die Farbe des Himmels -und der See diejenige sei, welche er am meisten liebe, so hatte Gabriele -zum erstenmal ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem ihre -Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen. - -Sie errötet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und lächelt ihm doch voll -süßer, inniger Träumerei zu und atmet so tief und blickt mit so großen, -glänzenden Augen umher, als schaue sie die sonnige Gotteswelt zum -erstenmal, als sei in ihr und um sie her alles ganz und gar verändert -seit der gestrigen Nacht. -- - -Guntram Krafft war mit den fremden Männern schon zu früher Stunde nach -dem Strand hinabgegangen, um zu näherer Besichtigung des Wracks mit -ihnen hinauszufahren; wie die Gräfin mit feinem Lächeln sagte: »So -strahlend glücklich, wie noch nie zuvor im Leben!« -- - -Und dann, als sie verstohlen die entzückende Erscheinung des jungen -Mädchens mit dem Blick umfaßt, legt sie lächelnd die Hand auf die -fleißigen Fingerchen, welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen -wollen, und sagt: »Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in Ordnung -gebracht, ich habe egoistischere Wünsche für Sie, liebe Gabriele! -- Ist -es ein Wunder, wenn nach all der Angst und Sorge des gestrigen Abends -mein Herz heute desto glückseliger in den hellen Sonnenschein -hineinlacht? Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste Gabriele? -Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem Schreibtisch Ordnung zu -schaffen habe, singen Sie mir etwas vor! Und dann gehen Sie in den -Garten und holen ganz besonders schöne Blumen zum Schmuck der Tafel! Der -Kapitän und Pastor sind heute unsere Gäste, da kann der alte Jürgen Haas -sein Gewächshaus aufschließen und uns einen Strauß seiner gehegten und -gepflegten Lieblinge opfern, hören Sie, Gabriele? Holen Sie aus dem -Gewächshaus heraus, was Ihnen hold und schön deucht! So; und nun? -Bekomme ich ein Lied?« - -Gabrieles Augen leuchteten auf. - -»O, gern, wenn Frau Gräfin fürlieb nehmen wollen ... ich sang lange -nicht!« -- - -»Und ich hörte gar lange, lange Zeit keinen Ton Musik in diesen Räumen!« -nickte Gundula voll leiser Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich -stille Lächeln über ihr Antlitz, und sie fügte kaum verständlich hinzu: -»Nun bricht aber eine neue Zeit für die Bärenburg an, und das Alte soll -vergessen sein!« -- - -Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, über das geöffnete -Schubfach, aber ihre Hände ruhten still im Schoß, und ihre Augen -blickten voll lebhafter Spannung nach dem Flügel, auf welchem Gabriele -zögernd ein Notenheft aufstellte. - -Was wird sie singen? - -Die Bärin von Hohen-Esp war eine gar gründliche Menschenkennerin, und -was Gabriele im tiefsten Herzensgrund für Guntram Krafft empfand, das -mußte jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strömen. - -»Soll ich die Arie aus dem >Fliegenden Holländer< probieren?« fragte sie -zögernd, mit jähem Erröten; »ich studierte sie vor Jahren bei meiner -Lehrerin, sang sie aber nicht oft.« - -»Und warum nicht?« -- - -»Sie war mir damals so unverständlich, -- ich kannte weder See noch -Sturm ...« - -»Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue ich mich gerade auf -diese Arie!« - -Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann immer voller, -erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz durch die Töne zitterte in dem -leidenschaftlichen Empfinden: »-- betet zum Himmel! --« - -Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, immer glänzender ward -ihr Blick, immer freudiger das geheimnisvolle Lächeln um ihre Lippen ... - -Und Gabriele durchblätterte mit glühenden Wangen die Noten -- - -»Der Lenz ist da!« von Hildach. - -Welch ein Jauchzen und Jubeln -- welch ein Frohlocken dem Lenz entgegen! -Und die Glocken läuteten so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so -ganz absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken! - -Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach, -- und über die -Lippen des jungen Mädchens flutet es weiter wie ein alles vergessendes, -glückseliges Geständnis. - -»Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen mein Herz so -verwegen!« - -Und dann ward es still. - -Als aber die Gräfin mit bebender Hand den Türvorhang zurückschiebt und -leise in das Zimmer schaut, da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die -Hände gedrückt und verharrt wie im Traum. -- -- -- - - * * * * * - -Der alte Jürgen Haas hat seine blühenden Lieblinge im Gewächshaus stets -mit Argusaugen gehütet; wie er aber in das wunderholde Antlitz des -Fräulein von Sprendlingen schaut, welche ihn lächelnd um einen Strauß -bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen, und er nickt -mit beinahe zärtlichem Blick --: »So veel, als Jug dat leev is!« -- und -er schließt das geräumige Glashaus auf und sieht es ohne jedwedes -Herzeleid, wie die kleinen weißen Hände nach seinen schönsten Blüten -greifen. - -Plötzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus in die Ecke des -Treibhauses, woselbst die Oleander und großen Laurostinosbäume nebst -etlichen Palmen aufgebaut sind. - -»Ist das nicht ein Lorbeerbaum, Jürgen Haas?« fragt sie, und alles Blut -steigt ihr in das ehedem so rosig zarte Gesichtchen. - -»Ganz recht, een Lorbeer! Der is man torück bleeven von uns' Herrn -Grafen sin Konfirmaschon! -- Die Blätters sin ganz ampart un' nüdlich, -äwerst Blaumens dreiht he nich!« - -Gabriele war hastig herzugeschritten. - -»Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen, lieber Haas? -- Und -haben Sie ein wenig Bast zur Hand, daß ich ihn gleich winden kann?« - -Der Alte murmelte: »Allens, wat Se wollen!« kramte aus den grundlosen -Tiefen seiner Jacke einen Flausch Bast, und derweil sich Gabriele auf -eine leere Blumentreppe setzte und die graziösen Zweige mit bebenden -Händen zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den weißen Kopf und -sprach in seiner kurzen, schlichten Weise von der vergangenen -Sturmnacht, wo der liebe Herr Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient -habe. -- - -Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und schüttelte die -Blätter von ihrem Kleid. Zwei kleine Kränze hatte sie gewunden, die hing -sie an ihren Arm, faßte den großen Strauß der blühenden Blumen zusammen -und sagte dem beglückten Alten freundliche und herzliche Dankesworte, --- dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren durch die warme, -lenzesduftige Luft nach der Burg zurück. - -Über ihr jubelten die Vögel im blühenden Gezweig, und in ihrem Herzen -klangen die Frühlingsglocken noch immer wie ein holdes, traumhaftes -Echo! - -In der Speisehalle ordnete sie still und geschäftig die Blumen in -Schalen und Vasen auf der Tafel, dann stand sie einen Augenblick und -schlang zögernd die kleinen Hände ineinander. - -Alles war still im Hause. - -Die Gräfin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zurückgezogen, Anton -hantierte an den Büfetts, und die Herren weilten noch am Strande. - -Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem Wohnzimmer der Gräfin. - -Ein Sonnenstrahl flimmerte über einen der braungeschnitzten Bären zu -ihrer Seite -- da sah es aus, als ob seine Augen sich bewegten, als ob -das grimmige Gesicht ihr plötzlich entgegenlache. - -Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das große Brustbild Guntram -Kraffts, in der Seemannsjacke, mit dem verwegenen Südwester auf dem -lockigen Haar. - -Gabriele neigt sich und blickt heiß errötend in das edle, kühne, -wunderschöne Männergesicht, welches ihr mit den großen Blauaugen so -ganz, ganz anders wie sonst entgegenschaut. Ihr Herz stürmt in der -Brust, all die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter -Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und legt ihn um das Bild -des heldenhaften Mannes. - -Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glühen ihre Wangen und ihr -Blick flammt auf in jauchzender Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch -ihre Adern, ein kurzer, glückzitternder Kampf zwischen banger Scheu und -allesvergessender Liebe, und sie drückt das Bild an die Lippen, es wie -in einem süßen Wonnerausch zu küssen. - -»Gabriele!« -- - -Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzücken, in -namenloser Erregung, klingt es neben ihr. - -Auf der Türschwelle des Nebengemachs steht Guntram Krafft, die Hände -gegen die Brust gedrückt, das Haupt vorgeneigt, als könne er das Wunder, -welches seine Augen schauen, nicht fassen und begreifen. - -»Gabriele!!« -- -- - -Sie schrickt zusammen, Leichenblässe bedeckt ihr erst so holderglühtes -Antlitz, -- das Bild sinkt aus ihren zitternden Händen auf die -Schreibtischplatte nieder. - -Sie will, -- halb vergehend vor Scham und Entsetzen, entfliehen, aber -sie macht nur eine unsichere, wankende Bewegung -- und schon steht er -neben ihr, faßt sie mit festen, starken, kraftvollen Armen und drückt -sie an sein Herz, wild, ungestüm, wie der Bär, welcher sieghaft seine -Beute nimmt! -- - -Nein, das ist nicht mehr der scheue Jüngling, welcher sie ehemals mit -zarter Hand aus dem Schnee emporhob, dies ist ein trotzigkühner Mann, -welcher sich seiner Heldenkraft bewußt geworden ist! - -»Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein Bild mit Lorbeer -geschmückt und es geküßt, Gabriele, -- damit hast du jenes Todesurteil -zerrissen, welches du mir und meinem Glück geschrieben. Jener taten- und -ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend von dir stießest, -würde nie und nimmer mehr gewagt haben, die Hände begehrend nach dir -auszustrecken, aber hier der Mann, welchen du selber durch Kuß und -Lorbeer zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll kühnen Wagemuts -um deine Liebe, der fordert diese Hand nun als sein heilig Recht! -- -Gabriele, hast du's gehört? _Mein_ bist du, mein!« - -Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende Angesicht, welches -mit den großen, zauberischen Nixenaugen zu ihm aufschaut, welches in -holder Verwirrung nur leise, leise seinen Namen flüstert -- --: »O, du -Herrlichster!« -- -- - -Wie ist es urplötzlich so warm -- so duftig -- so sonnenhell in dem -sonst so kühlen und düsteren Gemach der Frau Gundula geworden! - -Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram Krafft, hält sein Lieb -im Arm und bedeckt ihr lächelndes, überseliges Antlitz mit heißen, -unersättlichen Küssen! - -Goldener Sonnenglanz flutet über sie dahin, und fernher, durch die -geöffneten Butzenscheiben, grüßt das weißschäumende Meer mit donnerndem -Jubelruf. - -Die Augen der Bärin von Hohen-Esp haben feucht geglänzt, als sie ihre -Kinder mit leisem Segenswort an das Herz gedrückt, und während das -Brautpaar auf Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das Bild -des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kränzen, ist Frau Gundula vor ihrem -Schreibtisch niedergesunken, hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder -die versiegelten Briefe und Photographien ihres Gatten zur Hand genommen -und heiße, bittere Tränen darauf niedergeweint. - -Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und friedlich wie an -einem lichten Sommerabend, wenn alle Wetterschwüle und alles -Donnergrollen des Tages mit seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller -Traum versunken ist. -- - -Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glück der Gegenwart sein herbes -Düster, und was für die einsame, schwergeprüfte Frau blieb, das war das -stolze Bewußtsein, täglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener -Kraft und mit Gottes gnädiger Hilfe so wunderbar vollbracht und -vollendet. -- Welch ein Jubel hallte und schallte durch die alte -Bärenburg, als Graf Guntram Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen -seine Braut zuführte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen und -Summen durch die verschlafenen Hallen und Gemächer, und die steinernen -Bären schüttelten Staub und Moos von den Schilden, die braunzottigen -Gesellen rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben frohgemut -die Pranken! Eine neue Zeit blühte heran, ein neues Glück hatte seinen -Einzug gehalten, und in dem himmelaufjubelnden Klang der -Hochzeitsglocken erstarben die letzten Seufzer, welche so lange -gespenstisch um Turm und Söller geweht. - -Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum Strand hinabgewandert, -und Gabriele hat voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme nach der -blauwogenden Unendlichkeit ausgebreitet! -- - -»Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all eurer Größe und -Herrlichkeit kennengelernt!« flüstert sie voll weicher Innigkeit zu -Guntram Krafft empor, -- »und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei -uns Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein Herz -- -tatsächlich im Sturm! -- Wenn ich jetzt hinaus in dieses Brausen und -Schäumen, in dieses Sonnengefunkel und Geglitzer schaue, mit welchem ich -gestern in verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes -- um -dich! -- gerungen, so kommt es mir ganz unfaßlich vor, -- daß ich solche -Allgewalt und Götterherrlichkeit jemals eintönig und langweilig nennen -konnte! -- O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende Schönheit -sehe ich jetzt!« - -Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen glühen heiß auf diesen -blinden Nixenaugen. - -»Geschlafen und geträumt hast du, verzauberte Meerfei, im fernen, -fremden Binnenland, bis du heimkehrtest zu uns, bis dich der Sturmwind -in die Arme nahm und dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und -Wellgunde sang, bis dich mein Kuß aufweckte zu glückseligem Begreifen -und Verstehen!« - -Ein jubelndes »Hojohe!« ertönt von der Düne herab, Jöschen und Mike -stürmen Hand in Hand über den wehenden Sand, und der junge Ehemann -schwenkt schon von weitem den Hut und lacht, daß seine kerngesunden -Zähne im Sonnenschein blinken. - -Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glückwunsch ist so ehrlich, -so überströmend herzlich und aufrichtig, daß Guntram Krafft den -wackeren Burschen in die Arme schließt und ihn beinahe übermütig -schüttelt. - -»Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll nich drömen laten, wat?« --- - -Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, und Mike hält -Gabriele bei beiden Händen und flüstert ganz schämig: »Dat hevven wi -längst mierkt, dat dor wat im Spöle was!« -- Und sie gehen noch ein -Stückchen plaudernd zusammen, und dann fällt Mike ein, daß sie ja einen -Topf auf dem Feuer hat -- »grad so weggestürzt sei sie bei der -Nachricht!!« -- und sie schütteln abermals die Hände und hasten davon -durch Disteln und Riedgras. - -Wie still ist's wieder, wie still! -- - -Eine Möwe flattert mit leisem Schrei über der Brandung, ihre Schwingen -blitzen im Sonnenlicht grell auf wie silberne Schwertklingen -- langsam -sinkt sie der blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende -Gefieder im perlenden Schaum. - -Voll träumerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick. - -»Wie hätte ich mir jemals zuvor träumen lassen, daß gerade die See, um -deren Gunst ich nie geworben, mir so verschwenderisch alles Glück -schenken würde! Jetzt, in ihrer lichten, majestätischen Pracht, hat sie -alle Schrecken verloren, welche in der vergangenen Nacht mein Herz -erzittern ließen, und doch werde ich sie stets in ihrem tobenden Zorn am -liebsten haben, weil gerade Sturm und wilde Flut es waren, welche mir -dein heldenhaftes, unvergeßlich schönes Bild geboren!« -- - -Wieder umfaßt sie voll bebenden Entzückens seine Hand und schaut empor -zu ihm mit demselben Blick heiß bewundernder Liebe, welcher sein Herz in -unbegreiflichem Entzücken stillstehen ließ, -- gestern in dunkler Nacht, -als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt. - -Er schüttelt langsam, schwer atmend den Kopf. »Schon einmal hast du mich -einen Helden genannt, Gabriele, und hast mein Bild mit Lorbeer -geschmückt, und doch leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie -seit langen Jahren! Nur das verdiente Glück ist mir geworden, daß du -mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, daß du mir durch deine -Anerkennung den Mut gabst, die Hände voll liebeheißen Verlangens nach -dir auszustrecken ...« - -»Das hättest du sonst nicht getan?« - -»O, nie und nimmermehr, -- und hätte ich sterben müssen an den Qualen, -welche mein Herz zerrissen!« - -Beinahe demütig blickt sie empor. »So sehr zürntest du mir, weil ich in -der Residenz deine Neigung so kühl und schroff abwies? Weil ich dein -Meer nicht liebenswert fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit -offenen Armen entgegenkam?« -- - -Ein schnelles, beinahe heiteres Lächeln zuckte um seine Lippen, Gabriele -aber fuhr mit weicher Stimme, halb ernst, halb scherzend fort: »Glaubst -du, Liebster, ich hätte es nicht empfunden, wie sehr verändert du mir in -Hohen-Esp begegnetest? -- Anfänglich war ich nicht böse darüber, im -Gegenteil, es berührte mich sympathisch, weil mein Herz noch so weit ab -von dem rechten Wege irrte und viel zu sehr von seinem törichten Wahn -befangen war, um allsogleich seine Heimat zu finden! -- Aber später, wie -es immer wärmer und lichter in mir ward, wie dein Wesen mir immer -unbegreiflicher schien, da habe ich oft darüber nachgedacht, warum du -mir so sehr zürntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich -eine so schwere Schuld, wenn ein Mädchen nur dem Mann angehören will, -welchen es liebt?« -- - -Er lächelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll. - -»Nein, du Wonnige! Im Gegenteil, keine größere Tugend vermag es zu -geben, als diesen Stolz, welcher sich nur einem Helden zum Preise -setzt!« - -»Und doch verargtest du ihn mir?« -- - -»O, wahrlich nicht! -- Meine ganze Seele -- all mein Sein und Wesen -gehörten dir, Gabriele, und habe ich dich je geliebt, so war es in -diesen bittersüßen Tagen, wo ich gegen diese Liebe kämpfen mußte, wie -gegen eine Unmöglichkeit!« - -»Du _wolltest_ mir nicht gut sein?« -- - -»Ich durfte es nicht!« - -»O, wunderlicher Mann -- und wer verbot es dir?« -- - -Er nahm langsam eine schmale rotjuchtene Brieftasche von der Brust, -öffnete sie und entnahm ihr einen kleinen, zerknitterten Zettel, dessen -verwischte Bleistiftlinien kaum noch zu entziffern waren. - -»Du selber, mein grausamer Schatz!« sagte er leise, und es war, als -durchriesele ihn noch einmal wie ein banger Nachhall all das Weh, -welches ihn so oft beim Anblick dieses kleinen Papierstreifens gequält. -Federleicht war er und hatte doch schwer wie eine unerträgliche -Zentnerlast auf seiner Brust geruht. - -Mit staunenden Augen neigte sich Gabriele und blickte auf seine Finger, -welche den Zettel entfalteten. - -»Das sieht ja aus wie meine Schrift!« sagte sie überrascht. - -»O, wie hätte ich ehemals so gern mein Leben gegeben, wenn sie es nicht -gewesen wäre!« - -Nicht ohne Mühe buchstabierte Gabriele die einzelnen Worte heraus. - -Voll äußersten Befremdens blickte sie empor. - -»Ja, dieses Bekenntnis einer schönen Seele habe ich geschrieben,« -- -nickte sie sinnend, -- »vor langen Jahren schon -- kaum weiß ich noch, -wie und bei welchen Vorkommnis ...« - -»Vor langen Jahren?« -- - -»Ah! Ganz recht, jetzt entsinne ich mich! In der Weihnachtszeit war es, -als wir Backfischchen eines Abends zusammensaßen und heimlich die -Überraschungen für den Christtisch häkelten und stickten. -- Die ganze -Residenz sprach damals von dir -- selbstredend behandelten auch wir -dieses interessante Thema!« -- - -»Von mir?... als Backfische?« wiederholte Guntram Krafft mit fragendem -Blick. - -»Ganz recht! Man erwartete dich als Freiwilligen bei Papas Regiment, wo -du deiner Militärpflicht genügen solltest, aber statt deiner kam die -Kunde, daß du wegen einer ganz unbedeutenden Kleinigkeit freigekommen -seist und nicht dienen wolltest!« - -»_Damals_? Zu jener Zeit schriebst du diesen Zettel?« - -»Gewiß! In allerübelster Laune sogar! Du kennst ja meine Ansichten über -Tapferkeit und Heldentum! Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den -Schneid hatte, Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, -- -der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille verspottete -mich um dieser heiligen Entrüstung willen -- o ja! Nun entsinne ich mich -plötzlich wieder ganz genau! -- Sie behauptete, >der geschmähte -Hohen-Esp brauche nur auf der Bildfläche zu erscheinen, um all meine -stolzen Grundsätze wie die Kartenhäuser über den Haufen zu blasen!< Das -reizte mich zu noch lebhafterem Widerspruch. >Gibst du es vielleicht -schriftlich?< spottete Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon -für ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb im Übermut -diese geharnischte Kriegserklärung gegen den Bär von Hohen-Esp, welcher -damals in meinen Augen nichts weniger war wie ein Held! -- Hier siehst -du auf der Rückseite des Zettels, welcher zuvor ein Briefbogen gewesen, --- noch das vorgedruckte Datum -- S ..., Villa Monrepos ... und hier von -mir vollendet: den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben und -noch deutlich zu erkennen!« -- - -Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier, neigte sich und starrte -die Zahlen an wie ein Träumender; dann strich er langsam mit der Hand -über die Stirn und murmelte beinahe atemlos --: »Dieses Datum hatte ich -nicht bemerkt ... wie war das möglich ... es muß mir in all der -Aufregung, mit welcher ich je und je diese Zeilen gelesen, entgangen -sein! -- Ich war ja arglos wie ein Kind ...« - -Gabriele blickte plötzlich ernst und forschend in sein tief erbleichtes -Antlitz empor. - -»Ich entsinne mich genau, daß ich ehemals diesen Zettel schrieb; wo -derselbe aber an jenem Abend geblieben ist, weiß ich nicht. Geradezu -unbegreiflich und unfaßlich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach -all den langen Jahren in deine Hände gelangen konnte! -- Sag' es mir, -Guntram Krafft, ich bitte dich darum!« - -Heiße Glut stieg plötzlich in seine erst so farblosen Wangen, er knäulte -den Zettel voll leidenschaftlichen Zornes in der Hand zusammen. - -»Wohl wäre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch schnöden Verrat -gegenüber das gelobte Schweigen zu wahren, -- aber ich will nicht ebenso -verächtlich sein wie sie, ich will das Wort halten, welches ich -gegeben!« - -Und er drückte Gabrieles Hände an die Lippen und sagte: »Ich habe -Diskretion zugesagt, -- und ich bitte dich, sie halten zu dürfen, -Herzlieb! Ich habe die große Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft -voll geheimer Sehnsucht, daß sie mir so fremd und verschlossen -geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht nach der Weg zu -deinem Herzen nur durch sie führte! Jetzt danke ich es Gott auf Knien, -daß sie mir mit all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures, -heiliges Meer hat mir das Glück gebracht, welches ich Tor so -unerreichbar wähnte, Gott der Herr hat gewußt, Gabriele, daß du reine -Perle nicht in den Staub der Großstadt, sondern hierher in deine -sturmumbrauste Heimat gehörst!« -- - --- Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. -- »Nein -- sag' -nicht den Namen derer, welche ein so gewissenloses und egoistisches -Spiel getrieben, ich kenne ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen -getrieben und dadurch wieder bewiesen, daß jede Schuld ihre Strafe in -sich selber trägt. -- So groß aber -- ganz so groß, wie du wähnst, war -ihr Vergehen jedoch nicht!« - -Gabriele hob freimütig das schöne Haupt, ihr Auge leuchtete auf: »Hätte -mich Thea an jenem Hofballabend noch einmal um diese meine -Backfischansicht befragt, ich würde fraglos dieselben Worte noch einmal -niedergeschrieben haben. Der Bär von Hohen-Esp war auch in jenen Tagen -noch derselbe tatenlose und ruhmlose Schwächling für mich, welcher er -gewesen, seit sein Name zuerst vor mir erklang! -- Erst hier in -Hohen-Esp lernte ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm -getan! Erst hier erkämpfte der herrlichste und kühnste Mann seinen -großen Sieg über mein stolzes Herz, welches er nun zu eigen genommen hat -für alle Ewigkeit!« -- - -Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie sich momentan -niedergesetzt, und strich die wehenden Haarlöckchen von den Wangen -zurück, auf welchen heiß und ungestüm seine Küsse brannten. - -»Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!« -- lächelte sie, -»damit nichts mehr an die böse, vergangene Zeit gemahnen soll! -- Das -Meer soll jene Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen -sein in dem jauchzenden Glück, welches seine stürmende Flut uns -geschenkt!« - -Sie traten näher herzu an die schäumende Brandung, und Guntram Krafft -zerriß das Papier und zerstreute seine kleinen weißen Flocken in den -sprühenden Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurück auf den -Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten sie und betteten sie -tief unter Muscheln und wogendem Tang. - -Frisch und köstlich rein streicht der Wind um die Stirn, und sie stehen -Arm in Arm in wortloser Glückseligkeit und sehen zu, wie das letzte -Streifchen im Wellenschnee verschwindet. - -»Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!« lächelte Gabriele und -schmiegt sich fester an die Brust des geliebten Mannes. - -»Damals! -- und heute?« fragte er neckend. Da schlingt sie die Arme um -ihn und flüstert voll strahlenden Stolzes: »Heute lautete der Zettel, -welchen ich schrieb, freilich anders! Lasest du nicht die Depesche, -welche ich meinem Mütterchen schickte? -- O, Guntram Krafft, -- wie -wird sie sich unseres Glückes freuen!« -- - - * * * * * - -Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren aus vollstem Herzen -getan. - -Sie ist ein häufiger, voll wärmster Freude begrüßter Gast auf Hohen-Esp -geworden, eine scharmante Schwiegermama, der Guntram Krafft stets die -warmherzigen Sympathien erhalten hat, welche er der so gütigen Mutter -seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. -- Auch eine liebe, -vertraute Freundin Gundulas ward sie, deren Interessen so ganz und gar -mit denen der Generalin verschmolzen. - -Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg emporblüht, und -die kleinen Bären in Halle und Hof herumpurzeln, hat Großmutter Gundula -alle Hände voll zu tun, und es ist ein wahrer Segen, daß sie nach wie -vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn auf Frau Gabrieles -Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen. - -Zum händeringenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen hat ihre Tochter -viel mehr Interesse für den Rettungsschuppen, wie für Haus und Hof, und -nie zuvor hätte sie geglaubt, daß Gabriele sich so leidenschaftlich für -die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen zusammenhängt, -begeistern könne. Aber gerade das bildet das jauchzende, -unbeschreibliche Entzücken des Grafen, den Höhepunkt all seines Glückes. - -Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit dem seines -heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet auf die See, in -Sonnenglanz und Mondenschein, bei Sturm und bösem Wetter. - -Dann sitzt auch auf dem lockigen Köpfchen der Gräfin der Südwester gar -bildhübsch und verwegen, auch sie trägt »Ölzeug« und weiß mit Ruder und -Segel Bescheid wie der beste Lotse! - -Einst hatte ein jäh einsetzender Sturm sie weit draußen auf dem Meere -überrascht. Es gab eine grobe See und schweres Wetter. - -Gabriele aber war fest und seetüchtig wie ein bewährter Matrose, -- mit -blitzendem Auge schaute sie kühn und unerschrocken in das Wetter hinaus, -und als es immer gewaltiger stürmte, und das Schifflein von hohen Wogen -geschleudert ward, da faßte sie die Hand ihres Mannes, schmiegte sich -fest an ihn und blickte ihm in die Augen. - -Er umschloß sie treu und innig: »Fürchtest du dich, Herzlieb?« -- - -Da lächelte sie, faßte seine Hand noch fester und sagte schlicht: -»Wovor? _Wir sind ja beisammen_!« -- - -O, in diesem Augenblick hätte der Graf von Hohen-Esp sein schwankes -Schifflein mit keinem Kaiserthron vertauscht! - -Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die Nachricht mitbrachte, daß -Herr von Heidler schon seit Jahr und Tag den Abschied genommen und in -süßem Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, -- dies sei -behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben im bunten Rock -- -da starrte Gabriele die Sprecherin mit weitoffenen Augen schweigend an, -Guntram Krafft aber fragte überrascht: »Er war doch passionierter -Sportsman, und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er nicht mehr -privatim die Rennen mit?« Da lächelte die Generalin: »O, nein! -Anfänglich hatte er wohl den Wunsch, es zu tun, aber seine sehr -verwöhnte, kindische und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten, -da es zu gefährlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter dem -Pantoffel steht, fügt er sich willenlos den Wünschen seiner reichen -Gattin.« -- - -Gabriele machte eine jähe, brüske Bewegung, mit beinahe verächtlichem -Lächeln wandte sie sich ab. - -»Und Gräfin Thea?« -- - -»Sie tanzte Winter für Winter vergeblich. Jetzt hat sie sich der -Frauenbewegung angeschlossen und schreibt sehr zornmutige ->grünspanische< Artikel gegen die Männer. Wenn es ihr glückt, ist das -starke Geschlecht binnen Jahresfrist vernichtet!« -- - -»Gottlob, daß Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt,« lachte Guntram -Krafft, »hier erreicht mich ihre Feder hoffentlich nicht im Todesstoß!« --- - - * * * * * - -Die Rettungsstation des Bären von Hohen-Esp hat viel bewundernde -Anerkennung gefunden, und sein edles Beispiel gab oft Veranlassung, auf -diesem Gebiete nachzueifern und das Rettungswesen zur See zu fördern. -Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des großen Publikums -auf die bittere Not gelenkt, mit welcher der Seemann an unserer -heimatlichen Küste zu kämpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich -auf, die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger durch -ein Scherflein zu unterstützen. - -Da hatte der Bär von Hohen-Esp auch in weiterem Sinn für das Vaterland -gewirkt und zu sein und seines Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das -Schwert, wohl aber das Ruder mit kühner, tatenfroher Hand geführt. - -Neben der Rettungsmedaille schmückt ein hoher Verdienstorden seine -Brust, und es war einer der schönsten Tage in Gabrieles Leben, als sie -denselben dem geliebten Mann voll stolzer Anerkennung auf sein -schlichtes Fischerkleid heften konnte. - -Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der Hohen-Esp, weithin -sichtbar nach dem blauen Meer, und um die Mauern und Zinnen des alten -Bärenschlosses weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, -- -ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem unvergänglich großen -Liebesglück, welches darinnen wohnt. - - * * * * * - -Unverändert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den gelben Dünensand, -wirft Muscheln und Bernsteinbrocken aus und überschüttet die Kinder, -welche jubelnd von der Burg zum Strand stürmen, mit blinkenden Tropfen, --- ihre weißen Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden -Heldengeschlecht aus, und der junge Bär von Hohen-Esp setzt vorsichtig -sein erstes, selbstgeschnitztes Schifflein auf das Salzwasser, schlingt -den Arm um den Nacken von »Jöschen dem Jüngern« und sagt: »Auch ich -werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn du und ich so groß -sind wie der Vater, fahren wir beide als Matrosen zur See!« - -Guntram Krafft hat's gehört, er zieht sein holdes Weib an die Brust, und -sein glückstrahlender Blick schweift hinaus über die schimmernde Flut; -wie ein Psalter heißen Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend -blaue Wogen rauschen: »Halleluja! Amen!« - - * * * * * - - - - -Notizen des Bearbeiters - -Inhaltsverzeichnis am Anfang eingefügt. - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - -Gesperrter Text markiert durch: _..._ - -Antiqua-Text markiert durch: =...= - - - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Bären von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BÄREN VON HOHEN-ESP *** - -***** This file should be named 60684-8.txt or 60684-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/6/8/60684/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. 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