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-Project Gutenberg's Die Bären von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Die Bären von Hohen-Esp
-
-Author: Nataly von Eschstruth
-
-Release Date: November 13, 2019 [EBook #60684]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BÄREN VON HOHEN-ESP ***
-
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-
-
-Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Die
- Bären von Hohen-Esp
-
-
- Roman
-
- von
-
- Nataly von Eschstruth
-
-
- [Illustration]
-
-
- Leipzig
-
- Paul List Verlag
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
-Das Meer
-
-
- Es war in meinem Leben
- Das Meer mein treuster Freund,
- Drum bleib' ich mit ihm ewig
- In Leid und Freud' vereint!
-
- Wenn einst mein Herz geschlagen
- In tiefster Traurigkeit,
- Dann hat sein lindes Rauschen
- Gestillt mein Herzeleid.
-
- Und wenn in Not und Schmerzen
- Mein Herz sich wild gebäumt,
- Dann grollte es und tobte
- Und hat vor Wut geschäumt! --
-
- Und zog dann Glück und Wonne
- In meine Seele ein,
- Dann glänzten seine Wogen
- Wie heller Edelstein!
-
- Es kräuselte ein Lächeln
- Sein leuchtend Angesicht
- Am Auge blitzten Tropfen
- Wie eitel Sonnenlicht! --
-
- So ist das Meer gewesen
- Mein Freund in Glück und Leid,
- Drum bleib' ich ihm ergeben
- in Liebe allezeit!
-
- Aus »Schiffslieder« von Gabriele von Rochow
- geb. v. Pachelbl-Gehag
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
- Kapitel I. 7
- Kapitel II. 22
- Kapitel III. 37
- Kapitel IV. 50
- Kapitel V. 64
- Kapitel VI. 79
- Kapitel VII 92
- Kapitel VIII. 105
- Kapitel IX. 118
- Kapitel X. 135
- Kapitel XI. 144
- Kapitel XII. 158
- Kapitel XIII. 171
- Kapitel XIV. 184
- Kapitel XV. 200
- Kapitel XVI. 215
- Kapitel XVII. 224
- Kapitel XVIII. 239
- Kapitel XIX. 251
- Kapitel XX. 264
- Kapitel XXI. 277
- Kapitel XXII. 291
- Kapitel XXIII. 303
- Kapitel XXIV. 317
- Kapitel XXV. 330
- Kapitel XXVI. 342
- Kapitel XXVII. 357
- Kapitel XXVIII. 367
-
-
-
-
-I.
-
-
-»Wenn ein Mädchen einen reichen Mann bekommt, ist es immer glücklich
-verheiratet!« hatte der alte Kammerherr von Wahnfried gesagt und dabei
-die weißbuschigen Augenbrauen noch grimmiger zusammengezogen wie sonst.
-»Gundula kann Gott danken, daß der Bär von Hohen-Esp sie zum Weibe
-begehrt! Ist wohl kein Nest so weich gepolstert wie das seine, und
-wenn man den Grafen ansieht, lacht selbst solch altem Kerl wie mir
-das Herz im Leibe; wieviel mehr meiner jungen Tochter, die sich ihr
-Männerideal nach Romanbüchern gebildet hat! Na, und in den Büchern sind
-die gräflichen Freier meist jung, schön, reich und ritterlich, just so
-wie Friedrich Karl von Hohen-Esp!« --
-
-Die alte Dame, welche dem Sprecher gegenübersaß, richtete sich noch
-straffer empor und legte die großen, kräftigen, schneeweißen und
-ungeschmückten Hände im Schoß zusammen.
-
-Ihre klaren, durchdringend ernsten Augen hefteten sich ruhig auf die
-hünenhafte Gestalt des Bruders, welcher auf seinen Krückstock gestützt
-vor ihr stand und sie schier herausfordernd anblickte.
-
-»Jung, schön, reich und ritterlich!« wiederholte sie langsam, »ja, das
-ist er, -- aber er ist noch mehr, und dieses >mehr< will mir nicht
-behagen.«
-
-»Und das wäre, meine Allergnädigste?« Der Kammerherr mußte sich des
-gichtgeschwollenen Fußes wegen auf den Stock stützen, er konnte nicht
-den grauen Schnauzbart seiner Angewohnheit gemäß mit ungestümem Ruck
-emporstreichen, aber seine Muskeln arbeiteten desto kräftiger in dem
-scharfgeschnittenen Gesicht, so daß sich die starren Haare auf der
-Oberlippe sträubten wie in zornigem Aufbegehren.
-
-Alle fürchteten dieses Anzeichen bei dem alten Herrn, nur Fräulein
-Agathe von Wahnfried nicht. Sie glättete mit der Hand die rauschenden
-Seitenfalten ihres Kleides und antwortete voll unerschütterlicher Ruhe:
-»Graf Friedrich Karl ist leichtsinnig. Er ist durch und durch Lebemann,
--- die große Welt, in welcher er, der Frühwaise, so jung schon,
-selbständig ward, droht sein Verderben zu werden.«
-
-»So! -- Inwiefern, wenn man fragen darf?«
-
-»Weil er sich ruiniert, -- weil er über seine Verhältnisse lebt!«
-
-Der Kammerherr lachte hart auf.
-
-»Ein Hohen-Esp sich ruinieren! Ein Hohen-Esp über seine Verhältnisse
-leben! -- Ahnst du, wie reich der Mann ist?«
-
-»Man kann in einer einzigen Nacht Hunderttausende verspielen!«
-
-»Tut er aber nicht!«
-
-»Tut er doch! -- Der Graf ist ein leidenschaftlicher Spieler.
-Möglicherweise hat er bis jetzt Glück am grünen Tisch gehabt, -- wenn
-das aber einmal aufhört, wird er sich und die Seinen rücksichtslos an
-den Bettelstab bringen!«
-
-»Lächerlich! -- Es gibt keinen vernünftigeren Mann wie Hohen-Esp! Bei
-Whist und Ekarté macht man sich nicht bankrott! Ich als Mann dürfte
-wohl mit den Gepflogenheiten des Grafen besser Bescheid wissen, wie
-eine alte Jungfer! Was in deinen Weiberkaffees zusammengeklatscht wird,
-kümmert mich nicht!«
-
-»Ich habe nie mit einer Dame über den Freier deiner Tochter
-gesprochen!« Fräulein Agathe von Wahnfried sah weder gereizt noch
-beleidigt aus, ihr großes, gradliniges Gesicht blieb so ruhig
-und energisch wie stets. »Hast du dich bei seinem ehemaligen
-Regimentskommandeur erkundigt?«
-
-»Nein!«
-
-»Weil du es leider für überflüssig hieltest. Daß der Graf Hohen-Esp ein
-Spieler ist, pfeifen die Spatzen auf dem Dache.«
-
-Der alte Herr stieß seinen Krückstock ingrimmig auf das Parkett. »So;
-gut; -- ein Spieler. Und was noch weiter? Vielleicht ein Säufer? Ein
-Weiberheld ... ein Totschläger ...? He? -- Nur hübsch weiter im Text!«
-
-»Von diesen genannten Eigenschaften ist mir nichts bekannt, --
-im Gegenteil, man lobt den jungen Mann als einen sonst sehr
-liebenswürdigen und ehrenhaften ...«
-
-»Na, also! Wozu denn das ganze Lamento! Verlangst du etwa, daß ich ihm
-einen Korb geben soll, lediglich, weil er mal in fideler Gesellschaft
-ein Spielchen macht?!« -- und Herr von Wahnfried nahm seine Promenade
-durch den Salon wieder auf, daß der Krückstock auf dem Parkett dröhnte.
-
-»Das wäre mir freilich das liebste, denn das ganze Lebensglück unseres
-Lieblings einem Spieler anvertrauen ...«
-
-»Blödsinn! Infamer Blödsinn! Du bist eifersüchtig, du willst das Mädel
-überhaupt nicht fortgeben ...«
-
-»Einem Mann, der mir eine glückselige, sorgenfreie Zukunft garantiert
--- sofort! Aber dem Grafen von Hohen-Esp ...?! Nein; wenn _du_
-mich fragst, sage ich tausendmal nein, denn ich weiß, daß sie einem
-namenlosen Elend entgegengeht!« --
-
-»Sieh mal an! -- Namenloses Elend! -- Nette Zukunftsmusik! Haha!... Na,
-und was sagt Gundula selber zu dem riesengroßen Waschkorb, welchen du
-für ihren Freier bereitstellst?«
-
-Da seufzte die große resolute Frau zum erstenmal schwer auf, und über
-das ernste Gesicht zog es wie tiefe Schatten.
-
-»Gundula ist verblendet!« sagte sie leise, »sie ist ebenso wie alle
-anderen von der Schönheit und Liebenswürdigkeit dieses glänzendsten
-aller Kavaliere eingenommen! Auch ist sie ideal genug, alles Gold nur
-für Schimäre zu halten. Was fragt sie danach, ob er die Dukaten auf
-den grünen Tisch wirft ... wenn _er_ selber nur ihr zu eigen bleibt
-... man kennt ja die schwärmerische Genügsamkeit verliebter Menschen,
-welche sich mit einem Herz und einer Hütte überreich wähnen!«
-
-»Gut! -- Warum also diesen schönen Wahn zerreißen?«
-
-»Weil es nicht immer bei einer Flitterwochenliebe bleibt! Wenn sie ihr
-Unglück erst einsieht und begreifen lernt, ist es zu spät!«
-
-»Hast du dich von all dem Unglück, welches dich im Leben getroffen, zu
-Boden schlagen lassen?«
-
-»Nein ... ebensowenig wie du; aber Gundula ...«
-
-»Ist unser Fleisch und Blut! Ist eine Wahnfried reinster Rasse; ist
-genau dasselbe eisenfeste energische Weib, wie es alle gewesen sind,
-welche unser kraftvolles Geschlecht hervorgebracht!«
-
-»Komm einmal her, sieh mal da hinab! Na, gäbe es wohl auf der ganzen
-Welt eine bessere Bärin von Hohen-Esp, welche mit stolzen, wehrhaften
-Pranken um ihr Glück kämpfen wird?«
-
-Der Kammerherr lachte kurz auf und raffte mit schnellem Griff den
-schweren Fenstervorhang zur Seite: »He! Ist das Mädel da unten ein
-Mondscheinprinzeßchen, welches ein Wettersturm über den Haufen bläst --
-eine Wachspuppe, welche unter ihren eigenen heißen Tränen zerschmilzt?
-Ich dächte, nein! Und Graf Friedrich Karl hat wohl genau gewußt, daß
-er keine bessere Schirmherrin in seine Bärenburg einführen kann, als
-unsere Gundula!«
-
-Tante Agathe hatte sich erhoben und war mit wuchtigem Schritt hinter
-den Bruder getreten; ihr Blick flog hinab in den großen Hof, in dessen
-Mitte sich ihren Augen ein Bild zeigte, wahrlich dazu angetan, ihr
-besorgtes Herz zu beruhigen.
-
-Baronesse Gundula kehrte vom Reiten heim. Sie hatte ihrem kleinen
-Groom die Zügel zugeworfen und verabschiedete sich eben noch von dem
-Rittmeister von Hammer und dessen Gattin, welche sie begleitet hatten,
-als eine hohe Leiter, welche seitlich an dem Hausflügel lehnte, ins
-Wanken geriet und mit lautem Krach neben dem Pferde niederschmetterte.
-
-Der Goldfuchs stieg kerzengrad empor und brach in jähem Schreck wild
-aus, das Hoftor zu erreichen; machtlos hing der Groom am Zügel und ließ
-sich schleifen, dieweil er voll verzweifelter Angst nach dem Kutscher
-schrie.
-
-Schon aber war Gundula dem erregten Tier entgegengeeilt.
-
-Mit kraftvoller Hand griff sie zu und drängte den schnaufenden Fuchs
-zurück.
-
-Ihre hohe, wundervolle Gestalt, von dem knappen Reitkleid eng
-umschlossen, schien aus Stahl und Eisen, energisch, sicher, und doch
-bei aller Kraft voll schmiegsamer Grazie stand Gundula neben dem
-Durchgänger und zwang ihn zum Gehorsam.
-
-Leuchtend rot stieg das Blut in ihre Wangen, die großen, stahlgrauen
-Augen blitzten einen stummen Befehl, und das Pferd schäumte ins Gebiß
-und fügte sich gehorsam der Gebieterin.
-
-»Bravo, mein gnädiges Fräulein!« applaudierte der Rittmeister, und
-Gundula lachte ihm heiter zu und rief ein paar siegesfrohe Worte.
-
-Wie sie so dastand in dem hellen Sonnenlicht, zeigte es sich besonders
-auffallend, wie ähnlich sie in Gestalt und Wesen ihrem Vater und Tante
-Agathe war, von welchem die Welt sagte, daß sie energisch bis zur
-Starrköpfigkeit, klug und zielbewußt bis zur Rücksichtslosigkeit seien.
-
-»Und _die_ sollte nicht ihren Weg gehen und sich von ein paar
-Kartenblättern um Glück und Existenz bringen lassen?«
-
-Wieder lachte der Kammerherr sein dröhnend tiefes Lachen.
-
-»Unbesorgt, Agathe! Ich frage jetzt das Mädel, und will sie ihn -- so
-bekommt sie ihn!«
-
-»Ein wildes Pferd zu bändigen, ist wohl leichter, als wie einen
-leichtsinnigen Menschen im Zügel zu behalten! Wenn ein Weib liebt, so
-ist es schwach und ohnmächtig -- und Gundula wird ihren Gatten lieben!
-Sie wird auch an seiner Seite so selbstlos und uneigennützig sein, wie
-sie es jetzt ist, und das öffnet dem Bankrott Tür und Tor!« --
-
-Herr von Wahnfried starrte mit wunderlichem Lächeln grad aus. »Sie wird
-ihren Gatten lieben -- ja ... Aber nur so lange voll blinder Nachsicht,
-bis ein anderer kommt, den sie noch mehr liebt!«
-
-Beinahe entsetzt blickte Agathe auf. »Wie soll ich das verstehen? Wen
-könnte sie je mehr lieben wie den Mann ihrer Wahl?«
-
-»Ihren Sohn!« -- antwortete der Kammerherr langsam, voll schweren
-Nachdrucks und in seinen tiefliegenden Augen glimmte es wieder so
-seltsam wie zuvor: »Eine Bärin ist das gutmütigste Geschöpf der Welt,
-welches sich geduldig den Pelz zausen läßt, solange sie nichts anderes
-hat, als ihren Meister Petz! Wenn aber erst junge Brut in der Höhle
-liegt, dann wird aus dem sanftmütigen und indolenten Weibchen eine gar
-wilde, leidenschaftliche Mutter, welche die wehrhaften Pranken hebt und
-zerbeißt und zerreißt, was das sichere Nest ihrer Jungen gefährdet! --
-Je nun! Auch Gundula wird eine Bärin von Hohen-Esp sein, und wenn sie
-zuvor nicht für sich selber kämpfte, für ihre Söhne tut sie es so wahr
-und sicher, wie es mein Blut ist, welches in ihren Adern kreist! -- --
-=Dixi=, Agathe; -- ich habe geredet.« --
-
-»Ja, du hast geredet!« nickte die alte Dame und reckte ihre markige
-Gestalt noch entschlossener empor, denn zuvor, »ich aber werde
-handeln.« --
-
-Gundula von Wahnfried stand im Brautkleid und harrte ihres Verlobten,
-welcher sie in seiner glänzenden Equipage, mit dem elegantesten
-Viererzug, welchen die Residenz aufwies, zur Trauung abholen wollte.
-
-Jungfer und Modistin hatten noch geschäftig an Schleppe, Kranz und
-Schleier geordnet, als Tante Agathe einen Blick auf die Uhr warf und
-den Diensteifrigen in ihrer kurzen, energischen Art bedeutete, das
-Zimmer zu verlassen.
-
-Auch Gundula schien noch ein letztes Alleinsein mit ihrer geliebten
-Pflegemutter, welche sie voll strenger, aber zärtlicher Sorge
-großgezogen, zu ersehnen.
-
-Sie schlang die blühenden Arme um den Nacken der alternden Frau und
-blickte ihr mit leuchtenden Augen in das ernste Antlitz.
-
-»Tante Agathe!« flüsterte sie, »ich weiß, daß du meine Verlobung
-mit Friedrich Karl nicht sehr gern zugegeben hast! Du liebe, treue
-Seele hast so schwarz gesehen und die kleine, harmlose Passion meines
-Herzliebsten zu einer wüsten Leidenschaft gestempelt, welche uns nach
-deiner Ansicht ruinieren muß! -- Hast du auch jetzt noch keine bessere
-Meinung von Friedrich Karl bekommen, wo er es doch auf meinen Wunsch
-über sich vermocht hat, während unserer ganzen Verlobungszeit keine
-Karte anzurühren?«
-
--- -- -- Fräulein von Wahnfried blickte mit wunderlichem Ausdruck in
-die verklärten Augen der reizenden Braut, welche so gar nicht stolz,
-stark und energisch, sondern weich, lieblich und hold erglühend wie das
-verliebteste und schwächste aller Weiber vor ihr stand. --
-
-Ein feines Zucken ging um ihren herb geschlossenen Mund.
-
-»Ich sehe, daß du glücklich bist, mein Liebling,« sagte sie, ihre
-Lippen auf das wunderschöne Antlitz der Braut drückend, »und es sei
-fern von mir, dir diesen sonnigen Tag durch meine Angst vor dräuenden
-Wolken zu verdunkeln. Du hast Zeit gehabt, um zu überlegen, was du
-tust; ich hoffe, du wirst den Anforderungen, welche das Leben an dich
-stellt, gewachsen sein.« --
-
-»Ich bin es, Tante! Ich fühle die hohe, heilige Kraft der Liebe in mir,
-um meines Gatten willen alles zu ertragen, was da kommt, alles!«
-
-»So spricht eine Magd, eine Sklavin! aber nicht die Herrin von
-Hohen-Esp!«
-
-Ein süßes, reizendes Lächeln verklärte das Antlitz der jungen Braut.
-
-»Dieser Titel deucht mir heute befremdlicher wie je! -- Welch eine
-Herrschaft möchte ich wohl erstreben, außer jener einzigen -- über
-sein Herz! -- Du fürchtest, Tante, daß ich einst Mangel an Geld und
-Gut leiden werde! -- Was frage ich danach? -- Wäre Friedrich Karl
-der ärmste aller Männer gewesen, ich würde ihn ebenso geliebt haben,
-ihm ebenso überglücklich meine Hand gereicht haben, wie jetzt! Was
-verlange ich noch vom Leben, da es mir ihn und seine Liebe schenkte?
-Nichts! Tausendmal nichts! -- Du weißt, daß ich niemals viel Sinn für
-Glanz, Pracht und Wohlleben gehabt habe. Dazu hast du mich zu ernst
-und solide erzogen, hast mich eine bessere und höhere Werte des Lebens
-kennen gelehrt. Die bunte, große Welt mit all ihrer Lust und ihren
-Zerstreuungen war mir gleichgültig, ich habe in ihr gelebt, weil ich
-von dem Schicksal auf ihren glänzenden Boden gestellt wurde, aber im
-Gegenteil, ich würde meiner Liebe und meines Glückes froher sein, wenn
-ich es nicht mit andern teilen müßte. -- Dies ist ja der einzige Punkt,
-in welchem ich nicht mit meinem Herzallerliebsten harmoniere!«
-
-»Das glaube ich!«
-
-»Wie bitter das klingt, Tantchen! -- Ist es denn ein Unrecht, wenn
-Friedrich Karl sich seines Lebens freut, es gern in möglichst
-glänzendem Rahmen genießt? Gewiß nicht, das ist nur Geschmackssache;
-und da er die Mittel besitzt, um in der großen Welt zu leben,
-und gewissermaßen auch die Verpflichtung hat, seinen Namen zu
-repräsentieren, so lasse ich es sehr dahingestellt, ob seine
-Geschmacksrichtung nicht viel natürlicher und richtiger ist, als die
-meine!«
-
-»So wirst du dich bekehren lassen?«
-
-Gundula neigte das schöne Antlitz so tief, daß die duftigen Wogen des
-Brautschleiers darüber hinflossen.
-
-»Das dürfte schwierig, aber nicht unmöglich sein! Ich werde mich gern
-dem Geschmack meines Mannes anpassen ...«
-
-»Auch wenn dich derselbe in herben Widerspruch zu deinen Pflichten
-setzt?«
-
-Die junge Braut blickte erschrocken, beinahe verständnislos empor. »Wie
-könnte das möglich sein?«
-
-»Wirst du blindlings _alles_ gut heißen, was dein Gatte tut? Als Frau
-lernt man oft sehr viel schärfer und weitsichtiger urteilen, wie als
-Mädchen!«
-
-Das rosige Antlitz war jählings erbleicht, Gundula hob ihr Haupt und
-schaute der Sprecherin starr in die prüfenden Augen. Ein seltsam
-fremder Zug schlich sich plötzlich um die lächelnden Lippen, fest und
-energisch, ein Gemisch von Stolz und Unwillen.
-
-»Wenn Friedrich Karl jemals unedel oder frevlerisch handelt -- was Gott
-verhüten möge --, werde ich _nicht_ derselben Meinung sein wie er,
-sondern so handeln, wie _ich_ es für recht und gut erachte!«
-
-Sie atmete schwer auf und senkte wieder, wie erschreckt über ihre
-eigenen Worte, das Köpfchen.
-
-»Aber wie sollte das geschehen? -- Wenn er sein Hab und Gut verspielt,
-schädigt er ja nicht Fremde, sondern höchstens sich selber -- --«
-
-»Und dich!« --
-
-Da lächelt sie wieder. »Ich sagte dir, Tante, daß ich für meine Person
-gern auf alles verzichte!«
-
-Wie weich, wie innig und rührend klang das, wie leuchteten die blauen
-Augen so demütig und ergebungsvoll sanft und treu!
-
-Agathe preßte die Lippen zusammen und kämpfte sekundenlang einen
-schweren Kampf.
-
-Dann schüttelte sie seufzend den grauen Kopf und strich liebkosend
-über das blonde Haupt ihres Lieblings, um welches die blühenden Myrten
-rankten.
-
-»Nein, Kind, ich will dir deinen Glauben und dein Vertrauen nicht
-nehmen, -- ich will in dieser Stunde nicht mit Möglichkeiten rechnen,
-welche vorläufig noch in Gottes Hand stehen; nur eine Bitte möchte ich
-dir noch aussprechen, eine ernste, innige Bitte ...«
-
-»Tante! Meine liebe -- liebe Tante!« --
-
-»Dein Vater hat am gestrigen Tage sein Testament gemacht und dich nach
-seinem Tode zur Erbin eingesetzt, welche unumschränkte Vollmacht über
-ihr Vermögen hat, -- er hat dies entgegen meinen inständigen Bitten
-getan, er hat auch keinerlei Bedingungen mehr gestellt, obwohl er weiß,
-daß du mit deinem Gatten in Gütergemeinschaft leben wirst. -- Je nun,
-er ist ein Starrkopf und sein eigener Herr, ich bin überzeugt, daß er
-nach bester Überzeugung gehandelt hat. Du selber, Gundula, bist in
-Geldangelegenheiten und Geschäftssachen leider Gottes unerfahren wie
-ein Kind, darum kann ich dir kaum klarmachen, welch eine Gefahr dieses
-Testament für deine Zukunft birgt! -- Um so berechtigter ist aber meine
-Bitte, welche du hoffentlich nicht abschlägst, auch wenn du dieselbe in
-diesem Augenblick noch nicht verstehst!«
-
-»Sprich, Herzliebe ...«
-
-»Du weißt, daß Tante Margarete dir ihr ganzes Vermögen vermachte,
-allerdings mit der Klausel, daß ich, solange ich lebe, den Nießbrauch
-des Kapitals habe?«
-
-»Ja, Tantchen! So Gott will, wirst du dich noch viele lange Jahre
-dieser Renten freuen!«
-
-Agathe überhörte die Worte, sie blickte mit sorgenvoller Stirn
-geradeaus ins Leere und fuhr beinahe hastig fort:
-
-»Von diesem Erbe, welches dir zusteht, weiß niemand etwas, -- dein
-Vater hat es selbst mir gegenüber nie erwähnt, er wird auch ganz
-bestimmt bei Friedrich Karl nichts davon gesagt haben, wie ja
-seltsamerweise der Geldpunkt bei den Herren nie erwähnt worden ist!
-Dein Gatte wird also nie von diesem, deinem Besitz etwas ahnen, wenn du
-ihm nicht selber Mitteilungen davon machst!«
-
-»Aber Tante Agathe, wie sollte ich! Das Geld gehört ja noch gar nicht
-mir!«
-
-Ein herbes Zucken umzog die Lippen der alten Dame. »Es gibt Fälle,
-wo Menschen mit aller und jeder Möglichkeit rechnen, wenn sie ...«
-Die Sprecherin brach kurz ab und fuhr in dringlichem Tone fort: »Auf
-dieses Kapital bezieht sich meine Bitte, Herzensliebling! Gelobe es
-mir in dieser Stunde mit heiligem Eide, _nie_ und _nimmer_ deinem
-Gatten gegenüber von diesem Erbe zu sprechen! Gelobe es mir! Schwöre
-es mir, wenn dir die Ruhe meiner Seele wert ist! -- Sieh mich nicht so
-fragend, so erstaunt an! Ich kann und will dir nicht die Gründe sagen,
-welche mich zu dieser Forderung bewegen, -- ich beschwöre dich nur mit
-all der innigen Liebe, welche ich dir seit langen Jahren gezeigt, ich
-flehe dich an als Stellvertreterin deiner teuren, verewigten Mutter:
-Schwöre mir, Gundula, nie und nimmer zu Friedrich Karl von diesem Geld
-zu sprechen!«
-
-In den Augen der jungen Braut glänzten Tränen. Sie warf sich an die
-Brust der Sprecherin und schluchzte leise auf: »Obwohl ich nicht
-den Grund für diese seltsame Bitte einsehe, Herzenstante, und das
-Empfinden habe, als ob es nur ein unbegreifliches Mißtrauen gegen
-meinen Geliebten sei, welches sich dir auf die Lippen drängt, will
-ich dir dennoch ewiges Schweigen geloben, -- dir zur Beruhigung! --
-Soll ich auf das Bildchen meiner lieben Mutter schwören? Ach, warum so
-feierlich, -- es ängstigt mich! Aber wie du willst, Liebste! Ich bin
-überzeugt, daß du es gut mit mir meinst!«
-
-Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild ihrer toten Mutter
-und flüsterte tief erbleichend den Schwur, welcher ihr ein so
-unerklärliches Schweigen auferlegte.
-
-»Amen!« sagte Agathe mit fester Stimme, umschloß die Rechte ihres
-Pflegekindes mit den gefalteten Händen und sank neben ihr nieder auf
-die Knie.
-
-Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula hörte nicht die Worte,
-welche sie sprach.
-
-Unten auf der Straße klang ein jubelndes Hurra! -- brausende Hochrufe
-aus unzähligen Kinderkehlen.
-
-Der Bräutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern banger
-Glückseligkeit rann wie erlösend durch die Glieder des jungen Mädchens.
-Sie trat jählings einen Schritt in den Erker vor und schaute hinab.
-
-Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender Uniform aus
-dem Wagen springen, sie sah das strahlende Lachen in seinem schönen
-Antlitz, wie er nach allen Seiten grüßte, wie sein Blick voll
-ungeduldiger Sehnsucht zu den Fenstern emporflog. --
-
-Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz schlug heiß und zärtlich
-in ihrer Brust, und im Übermaß des Empfindens schwang sie die Arme um
-Tante Agathe.
-
-»Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen Schwur halten,
-wenngleich ich überzeugt bin, daß Friedrich Karl mich nie nach diesem
-Gelde fragen wird, daß wir dieses Erbes nie bedürfen! O, liebe, liebe
-Tante -- ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem Himmel, und im
-ganzen Lande ist kein zweites Weib, welches so beneidet sein wird wie
-ich in meinem übergroßen Glück!«
-
-»Das gebe Gott!« flüsterte die alte Dame und küßte ihr Herzenskind
-feierlich auf die Stirn. In demselben Augenblick aber ward die Tür
-stürmisch geöffnet, und voll jubelnden Entzückens, schön und strahlend
-wie ein junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp seine Arme
-nach der Geliebten aus. --
-
-Diese Augenblicke gehörten dem jungen Paar; Tante Agathe trat
-schweigend in den Erker und blickte auf die Straße hinab.
-
-Wohl konnte sie kaum ein herrlicheres Bild sehen als diese beiden
-jugendschönen Menschen, welche sich so glückverklärt in die Augen
-schauten, als sei die ganze Welt ein Zauberland trunkener Wonne
-geworden, -- aber sie wandte sich dennoch ab, als sei dieses Licht zu
-grell und blendend, als tue es den Augen weh.
-
-Sonne ohne Schatten versengt und verdorrt ...
-
-Drunten drängte sich eine neugierig erregte Menge um die prunkende
-Galakutsche der Bären von Hohen-Esp.
-
-Auf dem Wagenschlag prangte das Wappen, der schreitende Bär im goldenen
-Feld. --
-
-Wird Gundula eine echte, kampfesmutige Bärin werden, welche zur rechten
-Zeit die Zähne weisen kann?
-
-Agathe seufzte tief auf.
-
-Jenes kraftvoll schöne Mädchen, welches wie eine Walküre das scheuende
-Pferd bändigt, ist doch nur ein schwaches, liebendes, demütiges und
-unendlich sanftes Weib, welches sich von dem heißgeliebten Mann ohne
-Vorwurf und Groll zugrunde richten läßt. -- Ihr Vater war blind, wenn
-er von der stolzen Festigkeit ihres Charakters sprach!
-
-Und doch ... wie hatte es vorhin so wundersam in den samtweichen
-Taubenaugen aufgeblitzt, als sie der Möglichkeit dachte, daß der Mann,
-welcher für sie der Inbegriff aller edeln Vollkommenheit war, einmal
-eine gewissenlose und schlechte Tat begehen könne!
-
-Versteckt sich unter den weißen Taubenschwingen dennoch der trotzige
-Nacken der Bärin? -- Je nun, ob sie einst selber für sich und ihre
-Existenz kämpfen wird, die reiche, reiche Gräfin von Hohen-Esp, oder ob
-sie es nicht tut und schwach und hilflos von dem ehernen Schritt des
-Verhängnisses ereilt wird -- Tante Agathe hat in dieser Stunde für die
-arme Verblendete gesorgt -- für sie und ihre Kinder.
-
-Nun erst ist sie ruhig, nun sieht sie still und leichten Herzens auf
-all die gleißende Pracht, welche ihre grellen Funken über Kranz und
-Schleier der jungen Frau wirft. --
-
- * * * * *
-
-Der Kammerherr war eingetreten.
-
-Er trug seine elegante Hofuniform, welche sonst seiner markigen Gestalt
-so besonders kleidsam gewesen. Auch gerne ging er trotz des Krückstocks
-hoch und stolz aufgerichtet, und ein Ausdruck großer Genugtuung lag
-auf den eisernen Zügen; dennoch erschienen dieselben farblos und
-greisenhaft, und das nervöse Zucken der graubuschigen Augenbrauen fiel
-mehr noch auf denn sonst.
-
-»Ich bin froh, daß ich diesen Tag noch erlebe!« hatte er am Morgen
-gesagt, »er gibt meinem Leben einen guten Abschluß.«
-
-Jetzt streifte sein Blick aufleuchtend das junge Paar, ein
-schmunzelndes Nicken -- und dann bot er seiner Schwester Agathe den Arm
--- es schien wenigstens so -- in Wahrheit führte sie ihn.
-
-»Komm, du treue Pflegemutter, unser Wagen wartet.«
-
-Die beiden Alten gingen, und Friedrich Karl schlang den Arm noch
-inniger um die reizende Braut, welche in der Residenz als gefeiertste
-Schönheit galt.
-
-Er blickte ihr tief in die ernsten blauen Augen, welche ihm wie
-verklärt in Glückseligkeit entgegenstrahlten.
-
-»Nun bist du mein, Gundula!« flüsterte er, und sein frisches, hübsches,
-so lebenslustig lachendes Antlitz färbte sich höher.
-
-»Für Zeit und Ewigkeit!«
-
-»Und wirst nie einen andern lieber haben wie mich?« --
-
-»O, daß du fragen kannst!«
-
-Er lachte beinahe übermütig: »Und wirst nie ein Geheimnis vor mir
-haben, kleine Frau?« Er dachte sich wohl selber nicht viel bei dieser
-Frage, denn er blickte nicht forschend in ihr Antlitz, sondern zog
-ihr Köpfchen noch fester an die Brust und drückte die Lippen kosend
-auf die blühende Myrte in ihrem Haar. Er bemerkte es nicht, wie sie
-zusammenzuckte, er sah nicht, wie sie erbleichte, er wartete auch
-kaum auf eine Antwort, sondern fuhr nach kleiner Pause fort: »Deine
-süßen Augen verraten mir ja doch alles, und in ihnen laß mich täglich
-lesen, daß du glücklich bist! Wahrlich, Gundula, kein Mensch kann eine
-festere, redlichere Absicht haben wie ich, alles zu tun, um dein Leben
-sonnig und schön zu gestalten! Man sagt zwar, der Weg zur Hölle sei
-mit guten Vorsätzen gepflastert, aber das ist Torheit, denn unser
-gemeinsamer führt direkt in den offenen Himmel hinein! Gundula -- hast
-du mich lieb?«
-
-Wie ein Aufschluchzen klang es von ihren Lippen, sie antwortete nicht,
-sondern küßte ihn. -- Sonnengold flutete über sie hin, in ihr Herz aber
-war ein Schatten gefallen, der lastete dunkel und schwer, und in all
-ihrem traumesschönen Glück zog es wie ein anklagender Schmerzensschrei
-durch ihre Seele: »Tante Agathe, warum hast du mir das getan!«
-
- * * * * *
-
-
-
-
-II.
-
-
-Der Graf von Hohen-Esp und seine junge, liebreizende Frau galten für
-das glücklichste Paar im Lande!
-
-Nicht deshalb, weil Pracht und Glanz sie umgaben, weil Sorge und Kummer
-unbekannte Gäste in ihrem Hause waren, weil sie alles besaßen, was dem
-Herzen Freude -- und dem Leben Reiz verleiht, -- sondern, weil sie
-einander aus heißer, inniger Liebe geheiratet hatten. Auf Gundulas
-Wunsch hatte das junge Paar die Flitterwochen auf Burg Hohen-Esp
-verlebt, und ein paar Damen und Herren der Gesellschaft, welche, auf
-weiterer Fahrt durch das Land begriffen, für etliche Stunden in dem
-wunderlichen alten Strandschloß Rast gehalten, konnten gar nicht genug
-erzählen, wie wahrhaft verklärt in unaussprechlicher Glückseligkeit die
-junge Gräfin dreingeblickt.
-
-Ihr sei die Stille und Einsamkeit dieses Aufenthalts ersichtlich sehr
-sympathisch, während der lebenslustige Gatte wohl nur aus Galanterie
-und im Rausch des Honigmonats in diesem freiwilligen Exil aushalte!
-
-Selbstredend werde das junge Paar schon bei Beginn der großen Rennen
-»auf der Bildfläche« erscheinen und den Winter in der Residenz
-verleben. Graf Friedrich Karl habe das heilig gelobt und sehr vergnügt
-dabei ausgesehen, auch Gundula habe sehr liebenswürdig gelächelt, aber
-doch heimlich geseufzt!
-
-Ob sie eifersüchtig ist und den Gatten am liebsten in die
-Klostereinsamkeit der alten Bärenburg einsperrte? -- Wohl möglich! Aber
-dann wehe der jungen Frau!
-
-Der Erbherr von Hohen-Esp ist nie ein Heiliger gewesen und hat auch
-gar keine Anlage dazu, sein Leben in Sack und Asche zu vertrauern! --
-Gundula sei ja sehr hübsch, und daß sie den jungen Lebemann durch ihre
-äußeren Reize in Fesseln geschlagen, sei auch begreiflich; ob sie aber
-das Zeug dazu haben werde, ihn dauernd zu fesseln?
-
-Sie ist nicht allzu geistreich, nicht im mindesten das, was man amüsant
-nennt.
-
-Friedrich Karl habe bisher freilich der pikanten Lustigkeit gefallener
-Engel nie auffällig gehuldigt und sich beim Bakkarat besser unterhalten
-wie in den schwülen Salons der Demi-Mondainen, dennoch sei ein
-Charakter wie der des jungen Millionärs ganz unberechenbar, und
-die Langeweile zeitige oft Launen und Marotten, welche früher ganz
-ferngelegen. Eine eifersüchtige Frau aber ist immer ein Unglück sowohl
-für sich wie für andere. Kommt ein Mann nicht von selber auf dumme
-Gedanken -- eine eifersüchtige Frau bringt ihn darauf! Ihre ewigen
-Anschuldigungen, ihr Mißtrauen weisen ihm erst den Weg. --
-
-Zwar hat man an Gundula stets eine große Sanftmut und Nachgiebigkeit
-gerühmt, und selbst ihre Jungfer hat nach vier Jahren noch versichert,
-ihr gnädiges Fräulein sei die verkörperte Herzensgüte --! -- Ob
-aber diese Taubennatur noch vorhalten wird, wenn sie eine Bärin von
-Hohen-Esp geworden?
-
-=Femme varie!= und die Eifersucht ist eine Krankheit, welche so
-urplötzlich aufkeimt und in Saat schießt wie das Unkraut auf dem Felde.
-
-Ja, die Zukunftsehe der Hohen-Esps bildete in der Residenz das
-unerschöpfliche Thema, welches am Teetisch und im Rauchsalon mit
-gleichem Interesse in allen Tonarten variiert wurde!
-
-Währenddessen träumte das junge Paar eine zauberhafte Spätsommeridylle
-auf Hohen-Esp, der einsamen, uralten Burg, welche sich auf bewaldeter
-Bergkuppe am Ufer der Ostsee erhebt und weithin über die blauwogende
-Unendlichkeit schaut.
-
-Sie gehört zu dem ältesten Grundbesitz der Familie, ein düsteres altes
-Gemäuer, ein Krähenhorst, welchen die kokette Laune ehemaliger Bewohner
-gar eigenartig ausstaffiert. Die Bärenburg gleicht in Wahrheit der
-Höhle eines Bären, denn die plumpen, massigen Mauern der graue, stumpfe
-Turm sind im Innern und Äußern mit lauter Dingen ausgestattet, welche
-an den Bär und seine wehrhaften Pranken erinnern.
-
-Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als die beiden
-riesenhaften Bären, welche am Eingang des Burgtors Wache halten,
-aus grimmig offenen Rachen die Zähne ihr entgegenfletschten, als
-ihr überall auf Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur
-blickte, Bären in allen Größen und Arten entgegenschauten, als jedes
-Möbel oder jedes Gewebe ihr in Schnitzerei oder Muster das nämliche
-Motiv zeigten -- Bären! Bären überall! Bald aber gefiel ihr diese
-absonderliche Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen der
-Familie und den Gedanken hineinlebte, daß sie nun selber eine Bärin
-von Hohen-Esp geworden, eine jener seelen- und nervenstarken, stolzen,
-gewaltigen Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust,
-wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da schlug ihr Herz
-hoch auf im stolzen Selbstbewußtsein, und beinahe zärtlich haftete ihr
-Blick auf den braunzottigen Gesellen, welche in dieser verzauberten
-alten Herrlichkeit die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrüßten.
-
-Ja, verzaubert!
-
-Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die mächtigen
-Buchenwipfel im Parke raunte es und um die verwitterten Steinbilder
-der wappentragenden Bären ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und
-Murmeln, wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches seine Zauber
-um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen Zauber, eine sanfte
-Taube in eine gar wilde und trotzige Bärin zu verwandeln! --
-
-»Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!« lachte
-Friedrich Karl, als sie eines Abends auf der Zinne des Turmes standen,
-weit hinab über die Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer
-zu schauen, in welches der glühende Sonnenball langsam, durch violette
-Dunstschleier tauchend, herniedersank. »Ich begreife dich nicht, daß
-es dir hier in der entsetzlichsten aller vermoderten und verräucherten
-Bärenhöhlen so gut gefällt! So schön, wie Hohen-Esp seinerzeit als Sitz
-der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, so völlig überlebt
-hat sich sein mystischer Zauber in unserer heutigen Zeit voll Komfort,
-Eleganz und Leichtlebigkeit! Ich hatte im stillen eigentlich gehofft,
-Gundula, du würdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche
-schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, schleunigst
-Reißaus nehmen! >Alle Tage Feldhühner< ist kaum so greulich, wie
->alle Tage Bären!< -- Bären, wo man sie sich nur denken kann, -- man
-kann keinen Löffel in die Hand nehmen, ohne den Bär darin graviert
-zu finden, kein Glas, kein Sessel -- kein Teppich ... keine Wand ...
-brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere Altvorderen sind mit diesem
-Bärenkultus schließlich langweilig geworden!«
-
-Beinahe erschrocken sah die Gräfin den Sprecher an. »Langweilig?
-und das sagst du, Friedrich Karl, der Nachkomme dieses herrlichen
-Geschlechts, für den jeder Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein
-sollte? -- Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen Hohen-Esp
--- und doch ist es mir, als sei mein Herz und Sinn schon ganz und gar
-verwoben mit ihm, als wüchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten
-Größe, als neige sich jedes dieser Bärenhäupter mir zu mit trautem Gruß
-und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, durch Räume zu schreiten,
-wo ringsum die Andenken von Vätern und Ahnherren sprechen, wo alles
-davon zeugt, was sie einst waren und was wir Glückseligen jetzt sind,
--- wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns sprechen! O du lieber
-Mann, -- ich habe zuvor nie darüber nachgedacht, wie schön es wohl sein
-müsse, die Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg deiner
-Väter, da überkommt es mich wie eine heiße, ehrfurchtsvolle Sehnsucht,
-wie eine jauchzende Begeisterung bei dem Gedanken, daß ich berufen
-sein möchte, diesem alten, trotzigen Bärengeschlecht einen Erben zu
-schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst so edel, so
-ritterlich und herrlich sein wird, wie alle jene heldenhaften Männer,
-welche ehemals in diesen Räumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die
-grauen Quadersteine gemeißelt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben und
-in seinem Sinne lebten und starben --
-
- Christe Kyrie ...
- Zu Land und See,
- Schirmherr der Not --
- Das walt' Herre Gott!«
-
-Mit entzücktem, schier staunendem Blick sah Graf Hohen-Esp auf die
-Sprecherin.
-
-Wuchs sie tatsächlich neben ihm empor, oder täuschte ihn sein Auge, daß
-er ihre schlanke Gestalt plötzlich so hoch und stolz, so bärenhaft
-markig neben sich sah?
-
-Und dieses schöne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden Augen ...
-gehörten sie wahrlich seiner ernsten, träumerisch stillen Gundula? --
-
-Fester schlang er den Arm um sie, heißer noch küßte er ihre Lippen.
-
-»Schade, daß mein guter Vater dich nicht sprechen hören kann, du wärest
-wahrlich eine Schwiegertochter nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war
-in der Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, wie ihn der
-alte Wappenspruch verlangt; er hat viel Gutes getan, und wenn auch nicht
-mit gewappnetem Arm gegen die Seeräuber hier von dem Bärenhorst aus, so
-doch als moderner Mann im Reichstag und von der Ministerkanzel aus; du
-weißt, wie man sein Andenken in Ehren hält! -- Ja, ein moderner Mann! --
-Hohen-Esp bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, zu
-weltfern und unbequem, die Telegraphendrähte hatten ihr Netz allzu
-gebieterisch um ihn gesponnen. -- Da hatte er sich Schloß Walsleben für
-den Sommeraufenthalt zurechtmachen lassen, -- auch ein von den Vätern
-ererbter >heiliger< Boden, aber doch etwas behaglicher und komfortabler
-wie hier die alte Bärenhöhle! Garnison in der Nähe, flotte Kavallerie
--- elegante und distinguierte Gutsnachbarschaft -- kurzum ... man kann
-da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, diesem hübschen
-Besitz möchte ich mein wonniges Weib auch einmal zuführen! Wir waren nun
-drei Wochen hier, -- die Walslebener dürfen doch nicht eifersüchtig
-werden?!«
-
-Wie innig er sie an sein Herz drückte, wie schmeichelnd seine Stimme
-klang, wie unwiderstehlich war der strahlende und heitere Blick seiner
-Augen, welche in letzter Zeit doch oftmals recht müde und gelangweilt in
-die Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten!
-
-Ein Gefühl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, wenn sie an Scheiden
-dachte, -- wie unaussprechlich glücklich war sie hier gewesen! -- wie
-redete jedes Zimmer, jedes Plätzchen im Park von einer Zeit berauschend
-seliger, junger Liebe! -- Nie und nimmer würde sie sich in Hohen-Esp
-langweilen, und müßte sie ihr ganzes Leben hier zubringen! --
-
-An seiner Seite ... im Verein mit ihm -- wäre es nicht Paradieseswonne
-gewesen?
-
-Aber was galten ihr die eigenen Wünsche, wenn Friedrich Karl andere
-Pläne hegte?
-
-Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Kuß von seinem Munde,
-und die Bärin war wieder die willenlose Taube, welche mit demütigem
-Lächeln nickt: »So bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja
-überall schön, wo du bist!« --
-
-»Gut, -- sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! Das genügt, daß
-du dein neues Heim, die Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ...
-dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!« --
-
-»Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon letzt!«
-
-»Hierher nach Hohen-Esp?« er lachte beinahe übermütig: »Nein, meine
-kleine Schirmvogtin, diese Extratour war nur ein Beweis meines
-unbedingten Gehorsams! Du wünschtest, die Bärenburg kennenzulernen, --
-und ich war Wachs in deinen Händchen, wie ich stets im Leben sein werde!
--- Nun aber kommt die Belohnung für diesen Separatarrest, obwohl
-derselbe so süß und wonnig war, daß er seinen Lohn schon reichlich in
-sich selber trug! -- Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden und
-nimmersatte Kreaturen! Auf das schöne Exil in Hohen-Esp folgt ein noch
-schöneres in Walsleben, und wie man nach der süßen Speise noch Konfekt
-und Früchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine Spritztour gen
-Nizza, San Remo -- Monte Carlo -- -- usw. -- servieren!«
-
-»Alles, was du willst! Die Zwingherrin ist ihrem Herzliebsten gegenüber
-Sklavin!«
-
-»Dank! Dank, du herrlichste der Frauen! Also reisen wir! -- Hurra ...
-laß uns sogleich hinab und die Befehle zum Kofferpacken geben --!«
-
-Sie hielt seine Hände fest. »Und der schöne Sonnenuntergang?« flüsterte
-sie bittend, mit einem langen, sehnsüchtigen Blick nach dem fernen Meer.
-
-»Scheint die Sonne noch so schön -- einmal muß sie untergehn!«
-rezitierte er scherzend. »Du weißt, daß ich für Naturschönheiten leider
-Gottes sehr wenig Verständnis habe, aber wenn es dir Freude macht ...
-selbstverständlich, Liebchen, bleiben wir noch bis zum Schluß der
-Vorstellung hier ... Du weißt ja, die dienstbaren Geister sind gewandt
-genug im Packen, um uns morgen früh noch den Schnellzug erreichen zu
-lassen!« --
-
-»Das kann ich nicht garantieren ... also gehen wir! Jene graue
-Wolkenwand droht die Sonne doch zu verschlingen, ehe sie den Horizont
-erreicht ...«
-
-»Wie nett von der Wolkenwand!« --
-
-»Schäm' dich, du lieber Spötter!«
-
-»_Meine_ Sonne geht ja doch nicht unter, Liebste -- dein Auge strahlt
-mir Tag und Nacht!«
-
-Sie gingen Arm in Arm -- hinter ihnen aber erlosch das leuchtende
-Tagesgestirn, -- es ward Nacht.
-
- * * * * *
-
-In Walsleben fand Gundula alles, was wohl sonst jedes Frauenherz
-entzückt und hoch befriedigt hätte. --
-
-Gediegene Eleganz, Behaglichkeit und die Erfüllung eines jeden, selbst
-des anspruchvollsten Wunsches. Es würde die junge Frau auch beglückt
-haben, wenn sie mehr Wert auf äußeren Glanz gelegt, und Sinn für all die
-vielen, hübschen Nichtigkeiten gehabt hätte, mit welchen das moderne
-Wohlleben sich ausstattet und welche einer Reihe von müßigen Tagen einen
-scheinbaren Inhalt verleihen.
-
-Gundula hatte aber seit jeher wenig Passion für Geselligkeit und alles,
-was mit derselben zusammenhing.
-
-Ihre tiefgehenden Interessen wurzelten nicht im Parkett, und die reinste
-Freude, welche sie empfinden konnte, war diejenige an einer schönen
-Natur, mit all dem stillen Zauber und den unerforschlichen Wundern,
-welche ihrem Schöpfer Preis und Ehre geben.
-
-Seit sie in der tiefen innigen Liebe zu ihrem Gatten ein übergroßes
-Glück gefunden, war ihre Neigung für die Einsamkeit eher größer, denn
-geringer geworden, und so wie sie in dem weltvergessenen Hohen-Esp alles
-gefunden, was sie schön und wonnig deuchte, um so weniger entsprach das
-Walslebener Schloß mit seinem eleganten Leben und Treiben ihrem
-Geschmack. Dennoch verriet nicht das kleinste Wort, nicht der leiseste
-Seufzer, wie ungern sie hier weilte. Sie sah es ja dem glücklichen
-Gesicht ihres Mannes an, daß er sich außerordentlich wohl fühlte, und
-was hätte der selbstlosen und anspruchslosen Seele Gundulas mehr
-Befriedigung geben können, als den Geliebten froh und zufrieden zu
-sehen?
-
-Man fuhr schon am zweiten Tag, als die junge Herrin kaum den eigenen,
-fürstlichen Besitz in Augenschein genommen, in die Nachbarschaft, um
-Besuche abzustatten.
-
-Da man nur so kurzbemessene Zeit in Walsleben weilte, drängten sich die
-Einladungen; man besuchte Feste und sah wiederum Gäste bei sich, und
-Gundula empfand es bei all ihrem Widerwillen gegen eine derartige
-Vergnügungshetze doch mit unendlicher Wonne, daß Friedrich Karl eine
-stolze Genugtuung darin fand, der Welt sein junges Weib zu zeigen, daß
-er sich beneidenswert und glücklich in ihrem Besitze fühlte. --
-
-Zwischen all dem Trubel fanden sich doch noch schöne, stille Stunden, wo
-der Geliebte ihr allein gehörte, wo er sich ihr voll zärtlicher
-Ritterlichkeit auch ausschließlich widmete!
-
-Dafür dankte sie ihm durch eine stets liebenswürdige Bereitwilligkeit,
-ihm hinaus in das laute, bunte Leben zu folgen, und als die für
-Walsleben festgesetzte Zeit abgelaufen war und der junge Graf voll
-ungeduldiger Sehnsucht nach neuen Zerstreuungen verlangte, da gab sie
-gern Befehl, die Koffer zu packen.
-
-Welch ein ruheloses Hin und Her, Kreuz und Quer durch die Welt!
-
-Gundula hatte zuvor wenig von ihr gesehen, die Krankheit des Vaters
-führte sie alljährlich in dasselbe Bad, und Tante Agathe liebte es
-nicht, sich in einem »rollenden Sarge« durchschütteln zu lassen.
-
-So fand die junge Frau auch jetzt wieder viel genußreiche Stunden, denn
-Friedrich Karl unternahm ihr zu Liebe jede Partie und jede Promenade
-über Berg und Tal, begleitete sie in Kirchen und Museen, obwohl er
-selbst in freimütiger Ehrlichkeit bekannte, daß er jedweder Kunst
-gegenüber Barbar sei. Dafür speiste Gundula ihm zu Liebe mit an der
-amüsanten =table d'hôte=, fuhr zu Reunionen, in Theater und Konzerte,
-machte große Toilette, wenn er es verlangte, und opferte Ruhe und
-Schlaf, wenn es ihm Freude machte, etwas länger an dem grünen Tisch zu
-sitzen.
-
-Monte Carlo!
-
-Anfänglich hatte Gundula gar nicht geahnt, welch ein Höllenabgrund in
-diesem Paradiese gähnte. Sie sah voll naiver Verständnislosigkeit dem
-Spiel zu, bis es ihr allmählich klar ward, was dasselbe eigentlich
-bedeuten wollte.
-
-Da erschrak sie zum erstenmal bis in das tiefste Herz hinein.
-
-Sie stand hinter ihrem Gatten und sah, wie die Glut fieberischer
-Erregung immer dunkler und heißer in sein schönes Antlitz stieg, wie die
-Banknoten in seiner Brieftasche mehr und mehr zusammenschmolzen.
-
-»Herzliebster« -- flüsterte sie in sein Ohr --: »laß uns gehen -- ich
-sterbe vor Müdigkeit!«
-
-Er sprang sofort auf, raffte noch ein paar Goldstücke zusammen und bot
-ihr den Arm.
-
-»Vergib mir, =darling=! es ist in der Tat sehr spät geworden ... aber im
-Eifer des Spiels ... ich habe gar nicht daran gedacht, daß du in letzter
-Zeit immer so spät zu Bett gekommen bist.«
-
-Sie fürchtete, daß er sie heimbegleiten und noch einmal an den grünen
-Tisch zurückkehren werde, aber er tat es nicht, er sagte nur lachend:
-»Heute habe ich infames Pech gehabt! Das kommt von allem Glück in der
-Liebe, Schatz! Na, morgen hole ich mir die Dukaten alle wieder zurück.«
-
-Am folgenden Tage verspielte er noch eine weit größere Summe.
-
-»Ich muß an meinen Bankier telegraphieren,« sagte er, »unser Reisegeld
-ist auch schon futsch!«
-
-Da faßte sie flehend seine Hände, und ihre blauen Augen schauten voll
-Angst in sein schönes, sorgloses Antlitz. --
-
-»Friedrich Karl ...« flüsterte sie, »ach, laß uns fort von hier!«
-
-Er lachte hell auf und küßte sie: »Ich glaube, du hast Angst, daß ich
-uns hier bankrott spiele!« scherzte er. »Unbesorgt, du liebes Närrchen!
-Die paar tausend Franken reißen noch kein Loch in unsern Geldbeutel, und
-einmal muß ich doch auch wieder gewinnen!«
-
-Er gewann aber nicht, sondern verlor auch die nächsten Tage
-unaufhörlich. -- Die namhafte Summe, welche sein Bankier ihm angewiesen,
-schmolz dahin wie der Schnee im Sonnenschein. Der junge Graf lachte noch
-immer, aber es war ein etwas gewaltsames und nervöses Lachen.
-
-»Friedrich Karl ... laß uns fort von hier!« flehte Gundula abermals, und
-diesmal rollten ein paar große Tränen über ihre Wangen und netzten seine
-Hand.
-
-Er zuckte zusammen.
-
-»Wenn du befiehlst, sofort, mein Liebling! O, du glaubst doch nicht
-etwa, der Spielteufel habe mehr Gewalt über mich, als dieser süße Engel,
-welchen ich mir selbst zum Wächter meines Glückes gesetzt habe?«
-
-Und er schellte seinem Kammerdiener und teilte ihm mit, daß mit dem
-Kurierzug am nächsten Vormittag weitergereist werden solle. So
-unbeschreiblich glücklich, wie in dieser Stunde, war Gundula nie wieder.
-
-Nein, ihr Mann war kein Spieler, er war zum mindesten kein verblendeter
-und leidenschaftlicher Spieler, welcher keinem Zuspruch und keiner Bitte
-mehr zugänglich war. Sie konnte ihm zuversichtlich vertrauen -- und
-diese Gewißheit beseligte sie.
-
-Die nächstfolgenden Jahre verlebte das junge Paar in Saus und Braus in
-der heimatlichen Residenz. Graf Hohen-Esp machte ein glänzendes Haus,
-und da er nie im Leben gefragt hatte: »_kann_ ich mir dies oder jenes
-gestatten«, so fragte er auch jetzt nicht danach, sondern war sehr
-erstaunt, als sein Administrator ihm eines Tages eröffnete, er sei nicht
-in der Lage, noch mehr Gelder zu zahlen, da die zuständigen Revenuen
-bereits an die Adresse des Herrn Grafen abgeführt seien.
-
-»Was? ei zum Teufel! Wir haben ja das neue Quartal kaum angefangen?« --
-staunte Friedrich Karl, die Zigarette im Mund, die Hände in den Taschen
-seines Jacketts versenkt. »Sonst war das doch sehr viel mehr?«
-
-»Herr Graf vergessen, daß das Kapital sehr abgenommen hat; die Summen,
-welche nach Monte Carlo geschickt wurden, die Ehrenschuld, welche an
-Herrn von X. -- und diejenige, welche nach Wiesbaden abgesandt wurde
-...«
-
-»Donnerwetter! ist das so ins Geld gelaufen?« wunderte sich der junge
-Mann sehr gelassen, »das ist ja fatal. Aber ich muß doch momentan was
-haben! -- Vom nächsten Quartal an können wir ja manches sparsamer
-einrichten. Aber gerade jetzt muß ich so mancherlei berappen ... was
-fangen wir da an, Alterchen?« --
-
-Der Beamte zuckte etwas besorgt die Achseln.
-
-»Sehr schwierig, Herr Graf ...«
-
-»Schnacken! -- Können Sie nicht die Schafe mal wieder scheren lassen? --
-Wir heizen ein bißchen ein im Stall!«
-
-Der Administrator lachte. -- »Dann müßten wir ihnen das Fell abziehen!«
---
-
-»Oder können Sie keinen Wald schlagen lassen?«
-
-»Da ist schon so viel in den letzten Jahren rasiert, Herr Graf, daß da
-nichts mehr weg darf! Höchstens die Buchenwaldung um Hohen-Esp herum ...
-da sind starke Stämme ... die würden einen guten Ertrag geben ...«
-
-Friedrich Karl grub die schlanke Hand momentan in sein lockiges Haar.
-»Meine Frau hat eine Leidenschaft für das alte Bärennest und den schönen
-Hochwald ... sie will jeden Sommer ein paar Wochen da zubringen ... also
-ganz herunter darf das Holz nicht ...«
-
-»Würde der Förster auch gar nicht zugeben, Herr Graf!«
-
-»Was _der_ zugeben kann und will, ist mir ganz gleichgültig! Lassen
-Sie die Sache _so_ machen, daß die stärksten und schönsten Bäume
-ausgeforstet werden. Verstanden? -- um den Wald etwas zu lichten!«
-
-»Befehl, Herr Graf!«
-
-Ein Jahr verging, und im Hause des Grafen von Hohen-Esp klangen nach wie
-vor die Flöten und Geigen, klimperten fern ab im Zimmer des Hausherrn
-die Goldstücke auf dem Spieltisch, Friedrich Karl amüsierte sich,
-reiste, rauchte, spielte, und war nach wie vor ein aufmerksamer und
-ritterlicher Gatte, wenngleich die immer blasser werdenden Wangen und
-der müde, resignierte Ausdruck im Gesicht seiner Frau immer deutlicher
-hervortraten.
-
-Gundulas Vater war sehr unerwartet an einem Herzschlag gestorben, und
-während des Trauerjahres, wo man doch nicht gut die Saison mitmachen
-konnte, unternahm Graf Hohen-Esp in Begleitung seiner Gemahlin eine
-Reise um die Welt.
-
-»Du hast ja jetzt ein recht nettes Kapital geerbt, Liebchen!« sagte
-Friedrich Karl in seiner leichten, fröhlichen Art, »da könntest du mir
-eigentlich einen Gefallen tun! Es ist momentan schwer für mich, Geld
-flüssig zu machen, -- du weißt, daß das bei Grundbesitz immer seinen
-Haken hat! Darum wäre es mir sehr lieb, du rücktest ein bißchen von
-deinem Mammon heraus, um die Reisekosten zu decken! Ja? Willst du?
-Wärest auch die beste Frau der Welt!«
-
-Er küßte ihre Wangen und Hände, und sie lächelte ihr stilles, müdes
-Lächeln, schmiegte sich an ihn und nickte: »Nimm soviel du willst! Was
-soll ich mit dem Geld? Ich freue mich ja so, daß wir während der Reise
-endlich einmal uns wieder selbst angehören können!«
-
-Und er nahm Geld, -- soviel er wollte, denn die Reisekosten waren nicht
-gering.
-
-Ach, wie hatte Gundula gehofft, daß sie das Trauerjahr still und
-behaglich in der schönen Einsamkeit von Hohen-Esp verleben würden,
-endlich, endlich einmal wieder glücklich zu sein, wie zu Anbeginn ihrer
-Ehe!
-
-Statt dessen hub wieder ein ruheloses Wandern an, ein stetes
-Zusammenleben mit fremden Menschen, deren Mittelpunkt der schöne,
-liebenswürdige Graf ja ständig war!
-
-Reiche Engländer und Amerikaner schlugen ein Spielchen vor ... und um
-die Langeweile der endlosen Seefahrten zu lindern, spielte Friedrich
-Karl; -- manchmal mit Glück, -- meist mit recht erheblichen Verlusten.
-
-Und als man nach Jahr und Tag heimkam, teilte er seiner blassen Frau
-so =en passant= einmal mit, daß die Reiserei doch infam teuer
-gewesen sei und ein Heidengeld verschlungen habe! Das ererbte Kapital
-sei beinahe draufgegangen ... na, allzuviel war es ja nicht ...
-und da keine Kinder da sind, für die man zu sorgen hat, ist es ja
-gleichgültig, wo es bleibt! -- Gundula hatte ohne ein Wort still vor
-sich hingenickt.
-
-Nein, es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen
-müssen!
-
-Der Graf setzte sich an den Flügel und spielte den feschen Walzer,
-welchen er jüngst zum erstenmal wieder in einem Ballsaal gehört hatte,
-und Gundula erhob sich lautlos, schritt über die weichen Teppiche nach
-ihrem kleinen Boudoir und grub laut aufschluchzend das bleiche Antlitz
-in die Atlaskissen.
-
-Nein -- es waren keine Kinder da, für die man hätte sparen und sorgen
-müssen!
-
-Was ihr Mann achselzuckend, mit lachendem Munde als eine ja wohl
-fatale, aber doch nicht zu ändernde Tatsache aussprach, das fraß ihr
-seit Jahren schon wie nagend Todesweh am Herzen, das lastete auf ihr
-wie ein grausames Schicksal, wie eine Bürde, unter welcher sie freud-
-und trostlos daherschlich. --
-
-Ein Sohn! -- ach, daß sie einen Sohn hätte! Wenn sie zurückdenkt an
-jene ersten, traumseligen Wochen in Hohen-Esp, mit welch einer stolzen
-Glückseligkeit sie zu den gedunkelten Bildern an der Wand emporgeschaut
-und ihnen zugeflüstert hatte: »Einen Sohn will ich euch einst zuführen,
-einen jungen Bären, furchtlos, brav und rechtschaffen, ein Schirmvogt
-der Schwachen, ein Retter der Gefährdeten, ein Edelmann in Tat und
-Wort, -- so wie ihr es gewesen seid!« --
-
-Wie glühte ihr damals das Herz in der Brust voll stolzer Begeisterung,
--- wie träumte sie mit offenen Augen einen herrlichen, goldenen Traum!
--- Wehe ihr! es ist nur ein Traum gewesen und geblieben!
-
-Kein Kind im Hause! --
-
-Nur ein graues Gespenst schleicht darin herum, das klimpert mit
-Geldstücken und schlägt klatschend die Karten auf! --
-
-Anfänglich hatte Gundula bitterlich weinend mit gefalteten Händen
-dagegen gerungen, dann aber sind diese Hände müde und matt geworden,
-ihr Herz schwer und starr, es hat nicht mehr in törichten Hoffnungen
-geglüht und nicht mehr bang gezittert, wenn sie sah, daß das Vermögen,
-das große, gewaltige Vermögen des Grafen von Hohen-Esp dahinschmolz!
-
-Für wen sollte es erhalten bleiben?
-
-Sie selber bedarf weder Glanz noch Üppigkeit, sie wird die Stunde
-segnen, wo die goldene Brücke, welche ihren Gatten in die falsche,
-bunte, treulose Welt führte, zusammenbricht.
-
-Dann muß er bei ihr bleiben, dann wird sich nichts mehr zwischen
-sie drängen, dann wird sie vielleicht noch einmal in einem stillen,
-weltfernen Winkelchen glücklich sein!
-
-Glücklich?!
-
-Sie schluchzt laut auf.
-
-Wofür also sparen? -- Es ist ja kein Kind im Haus! --
-
-
-
-
-III.
-
-
-Die Zeit verging, -- für Gundula schleichend, mit bleiernen Flügeln,
-für ihren Gatten in wirbelndem Tanz.
-
-Da es der Gräfin in das Herz schnitt, unter so gänzlich veränderten
-Verhältnissen auf Hohen-Esp zu weilen, so hatte sie eigentlich darauf
-verzichten wollen, in diesem Jahr zu kurzem Sommeraufenthalt nach dort
-zu reisen, da trat jählings ein Ereignis ein, welches das bleiche
-Antlitz der müden jungen Frau in schier blendende Sonnenhelle tauchte.
-
-Anfänglich wagte sie es kaum, an ihr verspätetes Glück zu glauben, ihr
-Herz erzitterte in bangen Zweifeln, ihre Seele jauchzte in Hoffnung,
-und auf ihren Wangen blühten wieder Rosen auf, ihre Lippen lächelten
-wie im Traum. Friedrich Karl beobachtete überrascht und erfreut die
-sichtliche Veränderung seiner sonst so resignierten Frau, und als er
-sich eines Tages sogleich nach dem Diner mit scherzenden Worten und
-einer kleinen Galanterie über ihre leuchtenden Augen und blühenden
-Wangen zurückziehen wollte, -- da hielt sie sanft seine Hände fest,
-führte ihn nach ihrem dämmrig stillen Salon und warf sich voll bebender
-Erregung an seine Brust.
-
-»Das alles siehst du und bemerkst du, Geliebter, und frägst doch
-nicht nach der Ursache, welche mich neu aufleben läßt in übergroßer
-Seligkeit?«
-
-Überrascht schaute er sie an, nahm an ihrer Seite auf dem Diwan Platz
-und murmelte betroffen: »Ich verstehe dich nicht, Gundula ... hast du
-etwa das große Los gewonnen?«
-
-Sie lachte unter Tränen. »Nur das große Los? Ach, was bedeutet alles
-Geld und Gut der Welt gegen unser Glück?!«
-
-Seine Hand zuckte unruhig auf ihrem schönen Haupt. »Sprich, Liebling
-... foltere mich nicht!«
-
-Da schmiegte sie sich fest, ganz fest in seinen Arm und flüsterte ihm
-ein paar Worte in das Ohr.
-
-»Gundula!« -- schrie er beinahe auf: »Gundula -- ist das Wahrheit? --
-Uns sollte ein Erbe geboren werden -- ich sollte noch ein Kind auf den
-Armen wiegen?«
-
-Er sprang empor, er stürmte im Zimmer auf und nieder, und dann bedeckte
-er ihre Hände, ihr verklärtes Gesicht mit brennenden Küssen.
-
-»Ja, das ist ein unerwartetes Glück, Gundula!« jubelte er, »nun ist ja
-dein heißester und sehnlichster Wunsch erfüllt!« --
-
-»Und der deine nicht auch?«
-
-Wie ein Erbleichen ging es über sein erhitztes Gesicht, er sah sie
-nicht an, sondern preßte die Wange gegen ihre Hand.
-
-»Wie kannst du fragen, Liebste? Als ob es mir gleichgültig sei, ob
-die Hohen-Esps aussterben oder nicht! Neun Jahre lang hatte ich
-mich freilich an diesen Gedanken gewöhnt ... ich rechnete mit jeder
-Möglichkeit, nur nicht mehr mit der, einen Erben zu erhalten!«
-
-Und er sprang auf und strich mit dem Batisttuch über die perlende
-Stirn, dann lachte er abermals hell, beinahe übermütig auf und fuhr
-fort: »Ja, nun müssen wir wohl doch diesen Sommer nach Hohen-Esp
-fahren, damit du all deinen gemalten Freunden mit Zopf und
-Allongeperücke, mit Pickelhaube und Federhut das stolze Glück erzählen
-kannst, daß ihnen ein Urenkel geboren werden soll, daß Gräfin Gundula
-der alten Bärenburg für einen jungen Bären sorgen will!« --
-
-»Und wenn es eine Bärin ist?«
-
-»Um so kostbareren Schatz hat die Burg zu hüten«, lächelte er galant,
-und dann küßte er die Lippen seiner Frau und setzte die elektrische
-Klingel in Bewegung, um dem Diener zu sagen, daß er heute abend zu
-Hause bliebe, es solle ein Bote nach dem Klub gesandt werden mit der
-Meldung, daß der Herr Graf heute verhindert sei zu kommen. --
-
-Gundula aber faltete die bebenden Hände und schloß lächelnd die Augen
-... kam es noch einmal zurück, das Glück, das große, märchenhafte Glück
-von ehemals? -- --
-
--- -- -- Als der Gräfin lächelndes Antlitz sich zum Schlaf in die
-Kissen geneigt, wanderte Friedrich Karl ruhe- und rastlos in seinem
-Zimmer auf und nieder.
-
-Er hatte einen Brief per Eilboten abgesandt, einen Brief, welcher den
-Administrator anwies, sofort dem Abholzen der Hohen-Esper Waldungen
-Einhalt zu tun.
-
-Er hatte sich in sehr mißlicher Lage befunden und nach kurzem Kampf
-den Befehl gegeben, die herrlichen Buchenwaldungen um die Burg herum
-schlagen zu lassen, -- hatte doch Gundula geäußert, daß sie keinen
-Aufenthalt wieder in Hohen-Esp nehmen wolle. Sie schämte sich vor all
-den Ahnherren im Saal, daß sie ihnen noch immer keinen Stammhalter
-zuführen könne!
-
-Das war nun anders geworden!
-
-Jetzt, nach neunjähriger Ehe! Wer hätte das gedacht!
-
-Nun war Gundulas Liebe für den alten Ahnensitz neu entflammt, und auf
-keinen Fall durfte sie die Verwüstungen in ihren geliebten Wäldern
-erblicken!
-
-Das war ein recht fataler Zwischenfall!
-
-Was sollte er nun beginnen?
-
-Seine Lage war von Jahr zu Jahr schlechter geworden, ach, Gundula ahnte
-es nicht, _wie_ schlecht!
-
-Er mußte absolut eine bedeutende Summe flüssig machen, um eine
-Spielschuld zu bezahlen!
-
-Infam! er hatte während der letzten Zeit so viel Pech gehabt, und wenn
-er einmal gewann, so rannen die Dukaten wie Wassertropfen durch die
-Finger! Es ist seltsam, daß in Spielgewinnen so gar kein Segen steckt!
-
-Es wäre auch richtiger gewesen, wenn er das gewonnene Geld angelegt
-hätte, anstatt es jedesmal zu verjubeln, ... aber du liebe Zeit! Für
-wen hätte er sparen sollen! Wie konnte er ahnen, daß noch einmal Kinder
-kommen würden!
-
-Je nun, das muß jetzt alles anders werden. Er wird diese eine
-Spielschuld noch bezahlen und dann mit allem Ernst danach trachten,
-seine Verhältnisse wieder zu arrangieren! Er muß noch eine Hypothek
-auf Hohen-Esp aufnehmen!
-
-Walsleben, Mönchhagen und Gottern sind bereits derart belastet, daß er
-mit diesen Gütern kaum noch rechnen kann, und das Kapital ist lange
-verbraucht, ebenso das Erbe seiner Frau!
-
-Friedrich Karl stöhnt leise auf, schlägt die Hände vor das Antlitz und
-sinkt in einen Sessel nieder.
-
-Wie Gundula sich auf das Kind freut! Ihr Antlitz ist wie verklärt --
-ihr ganzes Wesen atmet jauchzende Glückseligkeit!
-
-Kann auch er sich auf einen Erben freuen? Im ersten Rausch der
-Überraschung tat auch er es! -- gewiß! -- welch eines Mannes Herz
-schwellt nicht Stolz und Genugtuung, wenn er Vater werden soll!
-
-Ja, er freute sich wie ein Trunkener, -- ohne jede Überlegung, -- die
-rührende Ergriffenheit seiner guten Frau steckte auch ihn an!
-
-Aber jetzt, in der stillen, einsamen Nacht, bei nüchterner Überlegung,
-da schleicht sich in dieses Glücksgefühl eine beklemmende Angst, die
-sorgende Frage: was soll aus dem Kind werden?
-
-Wie willst du es ernähren? Von was einst standesgemäß unterhalten?
-
-Was antworten, wenn einst der Sohn den Vater fragt: »Wo blieb das
-Erbe meiner Väter?« Welch ein bitterer, qualvoller Vorwurf! Graf
-Friedrich Karl will ihn nie hören, -- nie! -- Er will, er muß es wieder
-einbringen, was er vergeudet hat! --
-
-Aber wie? --
-
-Je nun, das Glück kann ihm nicht immer den Rücken kehren, einmal muß er
-doch wieder mit Erfolg spielen, und dann wird er jeden Gewinn anlegen
-und sein Vermögen ersetzen. All die Herren, welche durch ihn reich
-geworden sind, müssen ihm Revanche geben, sie müssen es, wenn sie
-Ehrenmänner sind!
-
--- Der Graf sprang ungestüm auf und sah nach der Uhr.
-
-Sind sie noch im Klub versammelt?
-
-Nein, -- es ist zu spät.
-
-Aber morgen! -- morgen! --
-
-Und am nächsten Tage spielte er voll nervöser Leidenschaft, hitziger,
-aufgeregter, wie je.
-
-Und er gewann!
-
-Sein Kopf brannte! Wie unsinnig vor Freude stürmte er zu dem Bankier
-und legte das Geld an! -- Und dann hatte er noch eine Chance!
-
-Der Herzog war entzückt von seinem Viererzug schönster Rappen, welchen
-er gern seiner jungen Schwiegertochter, der Prinzessin Margarete, zum
-Geschenk machen wollte.
-
-Prinz Georg, welcher mit Hohen-Esp unterhandelte, bot eine enorme
-Summe, aber die Eitelkeit des Grafen litt es nicht, daß er sich von
-seinen berühmten Pferden trennte. Das war jetzt anders geworden.
-
-Er mußte für seinen Sohn Kapital machen! Noch an demselben Tage
-verkaufte er die Rappen, und das Geld brachte er abermals auf die Bank!
-
-Welch ein Vergnügen ihm das bereitete! Es war etwas so Neues für ihn,
-zu sparen!
-
-Vorläufig schaffte er auch keine anderen Pferde wieder an. Er kündigte
-dem zweiten Kutscher, und freute sich, wieviel er dadurch ersparte, --
-den Unterricht für den anspruchsvollen Engländer und vier Rationen! --
-
-Er muß weiter überlegen, wie und wo er sparen kann, ohne daß Gundula es
-merkt, denn ein Gefühl der Scham hält ihn plötzlich davon ab, seiner
-Frau einzugestehen, wie gewissenlos er bisher gewirtschaftet hat. --
-
-Und er spart und legt an ... und dann schlägt das Glück einmal wieder
-um und er muß alles wieder von der Bank abholen, um die Spielschulden
-abzutragen!
-
-Es ist ein qualvoller Kampf, ein Auf und Nieder, ein Wasserschöpfen mit
-dem Sieb!
-
-Aber Graf Friedrich Karl kämpft voll zäher Beharrlichkeit, er denkt
-an seinen Sohn! Und er sorgt und müht sich immer leidenschaftlicher
-und nervöser, je mehr er es beobachtet, wie in Gundulas Wesen eine
-wunderbare und auffällige Veränderung vor sich geht. --
-
-Wie in langem Staunen haftet sein Blick oft verstohlen auf der Gräfin.
-
-Ist dies dieselbe resignierte, müde, sanfte und gleichgültige Frau
-von ehedem, welche auf all seine Wünsche nur ein selbstloses: »wie
-du willst!« hatte, welche mit gesenktem Haupte einherschritt,
-interessenlos, und so matt und scheu, wie eine weiße Taube, welcher ein
-Sturm die Schwingen brach?
-
-Ist dies dieselbe Gundula, welche zu ihrem eigenen Schatten geworden
-war? --
-
-Jetzt ist es, als ob ein Steinbild endlich zum Leben erwacht sei!
-
-Ihre Gestalt wächst hoch und kraftvoll empor, ihr Haupt hebt sich stolz
-und selbstbewußt auf den Schultern, und all ihre Bewegungen haben etwas
-Festes, Sicheres, wie er es nie zuvor an ihr gekannt!
-
-Die sanften Taubenaugen blitzen in sieghafter Freude, die Lippen
-lächeln und sprachen doch nie energischere Worte wie jetzt!
-
-Tante Agathe kommt zum ersten Male zu kurzem Besuch und weinte Tränen
-der Freude über das Glück ihres Lieblings.
-
-Als sie Gundula so gänzlich verändert schalten und walten sieht,
-nickt sie leise vor sich hin. Wie ein Echo ziehen die Worte ihres
-verstorbenen Bruders durch ihren Sinn --: »wenn aber erst die junge
-Brut in der Höhle liegt, dann wird aus dem sanften, indolenten Weibchen
-eine gar trotzige, wehrhafte Bärin!« --
-
-Ja wahrlich! -- auch Gundula wird eine solche Bärin sein! --
-
-Auf dringenden Wunsch der Gräfin siedelte die Haushaltung nach
-Hohen-Esp über und verblieb den ganzen Sommer daselbst, denn wie
-Gundula scherzend sagte: »sollte der junge Bär in seiner angestammten
-Höhle geboren werden!« --
-
-Graf Friedrich Karl leistete seiner Gemahlin tagelang Gesellschaft,
-dann trieb es ihn wieder voll rastloser Ungeduld in die Residenz
-zurück; er kam und ging -- er schweifte ruhelos zwischen dort und hier,
-und dabei ward er immer nervöser, immer blasser und elender, und sah
-schließlich so ernstlich krank aus, daß es Gundula auffiel und sie
-besorgt nach der Ursache fragte.
-
-Er lachte und versuchte voll unsicherer Heiterkeit zu scherzen. »Ich
-werde noch die Ankunft des neuen Herrn und Gebieters abwarten, und
-alsdann ein paar Wochen in ein Bad reisen; der Doktor meint, es sei
-eine verschleppte Erkältung, dafür ist Luftwechsel gut!«
-
-Früher hatte die Gräfin nie an einem Wort ihres Mannes gezweifelt,
-jetzt plötzlich hatte ihr Auge etwas so seltsam Forschendes und
-Durchdringendes, daß Friedrich Karl ihrem Blicke auswich.
-
- * * * * *
-
-Und die Wochen vergingen ... und auf der Burg Hohen-Esp wurde ein Sohn
-geboren. Ein Sohn! -- wie ein zitternder Jubelschrei rang es sich von
-den Lippen der jungen Mutter. Nun lag der heißersehnte kleine Bär in
-ihrem Arm, und die alten Bilder von der Wand schauten mit wundersam
-lebendigem Blick auf sie nieder und lächelten ihr zu.
-
-Hub nicht ein freudiges Brummen und Raunen in allen Ecken an? --
-
-Trappten nicht die mächtigen steinernen Bären vom Burgtor herauf, die
-Wappenschilde in ihren Pranken vor dem jungen Bärlein in den weißen
-Kissen zu neigen?
-
-Stampfte und schlurrte es nicht aus allen Winkeln und über alle
-Stiegen heran, der lange Zug aller jener zottigen Gestalten, welche
-seit Jahrhunderten hier in der Burg ihre stille Wacht gehalten und auf
-den jungen Sprossen gewartet haben, welcher künftighin ihr Herr und
-Gebieter sein soll, der Bär von Hohen-Esp? --
-
-Welch ein Jubel und Glück im ganzen Hause! Nur der Vater des jungen
-Erben hält seinen Sohn mit zitternden Händen, und die Fieberglut auf
-seiner Stirn wechselt mit fahler Blässe. --
-
-Sind es Tränen oder ist es perlender Schweiß, was langsam über seine
-fahlen Wangen rinnt? Alles schläft in der Burg -- mit lächelnden Lippen
-und wohligem Behagen, -- nur Graf Friedrich Karl wandelt ruhelos,
-selber einem Gespenst gleich, durch die weiten, hallenden Räume. Er
-findet keinen Schlaf.
-
-Vor ihm schweben zwei große blaue Kinderaugen, die schauen ihn ernst
-und vorwurfsvoll an, als ob sie ihn richten wollten, und ein kleiner
-Mund fragt wieder und immer wieder: »Wo blieb das Erbe meiner Väter,
-welches sie dir zu Lehn hinterließen, auf daß du es für deinen Sohn
-treu und rechtschaffen verwalten solltest?« --
-
-Wie Donnerhall brausen die Worte in seinen Ohren, ob er auch qualvoll
-die Hände dagegenpreßt und laut aufstöhnt: »Wie konnte ich noch auf
-einen Sohn rechnen! Ich war mir keiner Verpflichtung bewußt, weil mir
-kein Erbe geboren wurde!«
-
-Diese leise Stimme aber fährt erbarmungslos fort: »Rechne nach! Noch
-ehe du ein Weib genommen, noch in den ersten, hoffnungsreichen Jahren
-deiner Ehe schwand das Kapital dahin, ward das Fundament gelockert, auf
-welchem jetzt der morsche Bau zusammenbricht! Rechne nach! wo blieb das
-Erbe meiner Väter?!« --
-
-Graf Friedrich Karl sank schwer in einen Lehnstuhl nieder.
-
-Er brauchte nicht nachzurechnen, -- er wußte, wo das Geld geblieben
-war, -- ach, er wußte es nur zu genau.
-
-Vor seinen Augen schimmert grünes Tuch, blinken rollende Goldstücke. --
-
-O furchtbare Antwort, welche er einst seinem Kinde geben muß! --
-
-Wie Folterqualen peinigt sie schon jetzt sein Herz. --
-
-Er erträgt diese Qual bitterster Selbstanklage nicht! -- Er muß
-wiedergewinnen, was er vergeudete, er muß den drohenden Ruin abwenden,
-er _muß_ es, wenn er noch den Mut haben soll, Weib und Kind in die
-Augen zu schauen! -- --
-
-Seine Hände wühlen aufgeregt in den Papieren auf dem Schreibtisch.
-
-Der Administrator hat ihm die Abrechnungen geschickt, ... es gibt
-nichts mehr abzurechnen, und die Gläubiger drängen ... und die Termine
-laufen ab. --
-
-Was tun? --
-
-Die Herren, mit denen er den Winter über spielte, welche ihm
-außerordentliche Summen abgenommen und durch sein Vermögen reich
-geworden, haben sich zurückgezogen. Sie leben auf Reisen, -- sie haben
-sich auf ihre Besitzungen begeben.
-
-Es bleibt keine andere Möglichkeit, keine andere Hoffnung, als wie
-Monte Carlo. Er will noch das Letzte zusammenraffen, was er besitzt,
-und will =va banque= sagen!
-
-Nur warten muß er, bis sein Weib genesen ist, bis sie ... jede
-Nachricht aus dem Höllenpfuhl jenes Spielernestes ertragen kann!
-
-Er hat seinen Sohn zum Bettler gemacht, aber _alles_ kann und darf er
-ihm nicht nehmen, die _Mutter_ muß er ihm lassen!
-
-Also warten, ... warten! --
-
-O, welch martervolle Wochen werden das sein!
-
-Wenn es ein Fegefeuer gibt, so wird er es in diesen Wochen kennenlernen.
-
-Und er lernte es kennen! --
-
-Er saß mit hämmernden Pulsen und eiskalten Händen an Gundulas Lager,
-er sah in ihr Antlitz, welches alle Himmelswonnen junger Mutterschaft
-spiegelte, er hörte mit krampfhaftem Lächeln all die seligen
-Zukunftspläne an, welche sie für des Kindes und ihr eigenes Geschick
-schmiedete. Ja, sie wollten glücklich sein! --
-
-Nun waren ja ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt, nun lag der Sohn in
-ihren Armen, welcher das alte Geschlecht zu jungem Glanz und junger
-Herrlichkeit aufblühen wird! --
-
-Und die Gräfin drückte seine Hände voll unaussprechlicher Liebe
-zwischen den ihren und blickte ihm wieder in die Augen wie damals
-... vor Jahren ... als er sie im Arme hielt und dem bräutlichen
-Weib gelobte, »ich will alles tun, dich glücklich zu machen!« -- O
-meineidiger, wortbrüchiger Gesell, der er ward!
-
-Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgenschöne Glück
-zertrümmert!
-
-Wahrlich, hat er es?
-
-Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort mit dem Schicksal
-sprechen, noch kann alles wieder gut werden ... ach, so gut! -- Und
-er flüstert ihr mit heiserer Stimme zärtliche Worte ins Ohr und wiegt
-seinen Knaben auf den Armen.
-
-Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht!
-
-Wahrlich niemand?
-
-Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte gekommen,
-blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich prüfend in das
-fahle Angesicht.
-
-Ahnt sie, wie es um ihn steht?
-
-Warum nicht?
-
-Daß seine Verhältnisse zerrüttet sind, pfeifen in der Residenz die
-Spatzen vom Dache. Wie _trostlos_ sie sind, weiß man freilich noch
-nicht. --
-
-Der Tag kommt, an welchem der junge Bär von Hohen-Esp getauft werden
-soll.
-
-Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen Entzücken der Gräfin
-hat man von jeder Festlichkeit Abstand genommen.
-
-Im allerkleinsten Kreise, -- nur von den Eltern, Tante Agathe und dem
-jungen Pastor aus dem nächsten Dorfe, bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt
-ist, wird das Kind über die heilige Taufe gehalten.
-
-Wie schön sieht Gundula aus!
-
-Ihre Figur ist voll, kräftig, schier königlich geworden.
-
-Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich einher, wie
-noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit auf ihrem Angesicht, ein
-Ausdruck in ihren Augen, welcher beweist, daß Gräfin Hohen-Esp in all
-ihrem strahlenden Glück ein demütiges und frommes Weib geblieben. --
--- --
-
-»Guntram Krafft« hat man den Knaben getauft, und der Prediger hat
-über ihm die Hände gefaltet und gebetet, daß dieses Kind dereinst in
-Wahrheit ein Schirmherr und Schutzvogt für alle sein möge, welche
-unter seine starke Hand gestellt sind, daß er, ebenfalls furchtlos und
-treu wie seine Ahnherren, die »Kraft«, welche ihm den Namen gibt, in
-den Dienst seines Gottes und seiner Nächsten, für Fürst und Vaterland
-stellen möge, daß auch er über den Inhalt seines Lebensbuches die
-Devise schreiben möchte, unter welcher seine Väter Taten getan:
-
- »Christe Kyrie --
- Zu Lande und See --
- Ein Schirmherr der Not --
- Das walt' Herregott!«
-
-Nie hatte Gundula geglaubt, daß ihr so sehr lebensfroher,
-oberflächlicher Gatte von einer heiligen Handlung derart ergriffen sein
-könne!
-
-Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme auf den Grafen,
-welcher kaum imstande war, seine Erregung zu meistern. Und wie bleich,
-wie leidend, wie nervös sah er aus! Kaum, daß er den Knaben halten
-konnte, so bebten ihm die Hände.
-
-»Du bist krank, Friedrich Karl,« flüsterte ihm Gundula besorgt zu, als
-sie sich an seine Brust lehnte: »jetzt sehe ich erst, wie schlecht du
-aussiehst! Fühlst du Schmerzen -- hustest du etwa?«
-
-Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. »Die Geburt eines Sohnes ist
-ja für den Vater jedesmal sehr angreifend, doch geht es mir, den
-Umständen nach, immer noch sehr gut! Eine kleine Luftveränderung, -- die
-wird alles wieder gutmachen!«
-
-»O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir geht es so
-ausgezeichnet, daß du nun um unsertwillen nicht mehr zu zögern
-brauchst!«
-
-»Ich gedachte übermorgen nach San Remo zu fahren! Möchtest du mich
-nicht begleiten? Fühlst du dich wohl genug? -- Unserm Jungen macht Tante
-Agathe derweil die Kur!«
-
-Sie schüttelte das Haupt und errötete. »Undenkbar! Du vergißt, daß ich
-selber die Amme unseres Lieblings bin! Auch bist du ungenierter, wenn du
-auf niemand Rücksicht nehmen mußt! Also übermorgen! -- und wie lange
-bleibst du?«
-
-»Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein braves Weib, daß ich bald
-frisch genug sein werde, um heimkehren zu können! Ach, Gundula, -- du
-glaubst nicht, wie gern ich wieder bei euch sein möchte!«
-
-Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das Haupt schwer auf
-die Schulter.
-
- * * * * *
-
-Er reiste, -- und Gundula stand droben auf dem Söller des Turmes und
-blickte dem entschwindenden Wagen nach.
-
-Sein weißes Taschentuch flatterte noch lange zurück, so lange, bis die
-mächtigen Waldungen den Weg deckten.
-
-»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!« zog es voll wehmütiger
-Sehnsucht durch den Sinn der Gräfin, als sie hinaus in die herbstlich
-stille Gegend blickte, über welcher ein kühler Seewind brauste und die
-dunklen Schatten eilenden Gewölks strichen. Regentropfen fielen kalt und
-schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter ihrem kühlen Kuß.
-
-Mit weißen Schaumkämmen grüßten die fernen Meereswogen herüber, und
-welke Blätter wirbelten von den drei Linden, welche den Burghof
-beschatteten, zu ihr empor.
-
-Ein niegekanntes Gefühl unbeschreiblicher Trauer überkam Gundula, es war
-ihr plötzlich zu Sinn, als könne es nie wieder licht und hell auf dieser
-Welt werden, als sei die Sonne für ewige Zeiten für sie untergegangen.
-Wie in jäher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, in welcher
-der Wagen verschwunden war, aus.
-
-»Friedrich Karl!« -- rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen --
-»Friedrich Karl!«
-
-Der Wind verwehte den Klang, -- das bunte Laub rauschte auf und fegte
-raschelnd über die Fliesen.
-
-Keine Antwort. -- Sie preßte die Hand gegen das zitternde Herz und
-schüttelte jählings den Kopf.
-
-»Was ficht mich plötzlich an? Ich bin noch nervös und schwach, da nimmt
-man alles so schwer! -- Wie oft ist Friedrich Karl in den letzten Jahren
-verreist, kaum daß ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir sein
-Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht übermannen? -- Das
-ziemt sich nicht für eine Bärin, die ihr Junges säugt, auf daß sie es
-zum Helden mache!« -- und mit schnellem Lächeln um die erblaßten Lippen
-wandte sich die junge Mutter, um hastig das Zimmer ihres Kindes zu
-erreichen. Da lag der kleine Guntram Krafft in seiner wunderlichen,
-uralten Wiege, in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter
-der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. Aus dunkelgebräuntem,
-wurmstichigem Holz lag sie plump und ungefüge auf den breiten Kufen.
-
-Zwei kleine geschnitzte Bären ruhten auf denselben und stützten die
-Bettstatt, dieweil ein großer, hölzerner Bär hinter derselben stand und
-mit erhobenen Pranken die grünen Vorhänge hielt.
-
-Blühend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft in den Kissen, und voll
-aufquellender Zärtlichkeit neigte sich Gundula und blickte in das
-Antlitz des Kindes, welches sich in leisem Weinen verzog.
-
-Die kleinen Hände griffen unruhig in die weißen Linnen, und in jähem
-Aufschluchzen öffnete er die Augen mit angstvollem Blick. Da legte sich
-die kühle, ruhige Hand der Mutter auf sein Köpfchen.
-
-»Schlaf, kleiner Bär! schlaf ein!« lächelte sie. »Fürchtest du dich,
-weil dein Vater von uns ging? -- Bist drum noch nicht verlassen! Deine
-Mutter hält treue Wacht bei dir!«
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Acht Tage waren vergangen.
-
-Aus San Remo hatte ein Brief die glückliche Ankunft des Grafen gemeldet.
-
-Gundula hatte die Zeilen verschiedentlich durchgelesen und jedesmal das
-Empfinden gehabt, daß dieselben sehr wirr und unklar waren.
-
-So schrieb wohl ein Fieberkranker!
-
-Besorgt gab sie Tante Agathe den Brief zu lesen. Diese saß lange und
-blickte schweigend auf das Schriftstück nieder.
-
-Bedächtig nickte sie vor sich hin, und ihr gutes altes Gesicht trug
-einen wundersamen Ausdruck.
-
-»Ich glaube nicht, daß er krank ist, -- wenigstens nicht körperlich
-krank!«
-
-»O, ein seelisches Leiden wäre noch schlimmer!«
-
-»Gott sei es geklagt!«
-
-»Was glaubst du, was ihm fehlt?« forschte die Gräfin beunruhigt.
-
-»Geld!« antwortete die alte Dame lakonisch.
-
-Gundula lachte leise, wie von jäher Angst erlöst.
-
-»Nun, solch ein Manko ließe sich am ersten verschmerzen!«
-
-»Du glaubst?«
-
-Die junge Mutter blickte heiter in das bekümmerte Gesicht der
-Sprecherin, beinahe übermütig dehnte sie die blühenden Arme.
-
-»Ja, Tantchen! Du weißt, daß ich das kostspielige Leben in der großen
-Welt nie geliebt habe! Wenn Friedrich Karl die Mittel fehlen, seine
-Unkosten zu bestreiten, ist er gezwungen, mit uns in dieser wonnigen
-Einsamkeit zu bleiben! Wir werden endlich für uns leben und glücklich
-sein!«
-
-»Ahnst du, daß die Verhältnisse deines Mannes sehr derangiert sind?«
-
-Gundula zuckte gleichgültig die Achseln: »Das müßte ich mir eigentlich
-an den fünf Fingern abzählen können! Nach den ungeheuren Ausgaben,
-welche er seit Jahren hatte, muß auch das größte Kapital
-zusammenschmelzen! Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem
-seinen besagen? Die Güter sind ja wundervoll, ein paar Jahre solide
-gelebt und gespart -- und das Defizit ist bald ersetzt!«
-
-»Die Güter sind leider kein Majorat! Nicht einmal der Besitz von
-Hohen-Esp ist der Familie dauernd gesichert!«
-
-Erstaunt blickte Gundula auf.
-
-»Du irrst, Tante!«
-
-»Doch nicht! -- Als das Majorat seit drei Generationen nur noch auf zwei
-Augen stand, wurde es leider Gottes durch den Großvater deines Mannes
-abgelöst, um die Güter eventuell auch auf Töchter vererben zu können.
-Wie dies möglich war, ist uns heutzutage ein Rätsel, in den schweren
-Jahren der Befreiungskriege war jedoch nichts unmöglich, und der alte
-Hohen-Esp nahm eine sehr einflußreiche Stellung bei Hofe ein. Sein
-einziger Sohn, welcher bereits in der Mitte der dreißiger Jahre stand,
-blieb nach der Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte
-voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich immer mehr
-Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen Feuer tödlich getroffen
-vom Pferd stürzen sahen, so war man schließlich von seinem Ableben
-überzeugt, und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen und
-für seine beiden Töchter den ungeheuren Grundbesitz zu sichern, da kein
-männlicher Erbe mehr in der Familie vorhanden war. -- Es gelang ihm, das
-Majorat abzulösen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht, sehr
-plötzlich während einer Cholera-Epidemie. Dieselbe raffte auch die
-jüngste seiner noch unvermählten Töchter dahin. -- Ganz plötzlich, als
-schon die älteste, verheiratete Tochter den Besitz angetreten hatte,
-erschien der totgeglaubte Bruder wieder daheim. Er war durch einen
-Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang in einem
-englischen Barackenlager verpflegt und dann mit einem Transport nach
-London geschafft.
-
-Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine Zunge gelähmt hatte
-und sein Geist während langer Zeit getrübt blieb, ahnte man weder Namen
-noch Heimat des Unglücklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten,
-daß er in jenen überfüllten Baracken überhaupt noch am Leben blieb und
-endlich -- wenn auch nach Jahren erst -- völlig geheilt ward.
-
-Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils große
-Bestürzung hervor.
-
-Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte im Krieg den Gatten
-verloren, -- ihr Vermögen war aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder groß.
-Mußte sie dem Bruder das große, väterliche Erbe zurückgeben, so war sie
-eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Prozeß, falls man ihr den Besitz
-streitig machen wolle. --
-
-Der Bruder schlug eine gütliche Einigung vor, und man kam überein, den
-immerhin ungeheuren Besitz zu teilen.
-
-So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an den Bruder zurück.
-
-Dieser vermählte sich mit einer ebenfalls reichen Erbin, und da er nur
-einen einzigen Sohn besaß, unterließ er es in unbegreiflichem
-Leichtsinn, das Majorat wiederherzustellen. Auch dem Vater deines Mannes
-wurde nur der eine Sohn geboren, und abermals unterblieb es, die
-Erbfolge zu sichern.«
-
-»Wie genau du Bescheid weißt, Tante Agathe!« murmelte Gundula, welche
-aufmerksam gelauscht hatte --, »nun ... fürerst ist ja Guntram Krafft
-auch der einzige, und ich denke, seine Güter werden ihm nie streitig
-gemacht!«
-
-Die alte Dame machte eine beinahe ungeduldige Bewegung.
-
-»Die Güter sind durch Friedrich Karl bis auf das Äußerste verschuldet!«
-sagte sie herb, »und ich fürchte, du wirst dein väterliches Vermögen
-völlig zusetzen müssen, um wenigstens das eine oder andere zu
-entlasten.«
-
-Alles Blut wich aus dem Antlitz der Gräfin.
-
-»Davon hat mir mein Mann nie ein Wort gesagt --!«
-
-»Unverantwortlich!« --
-
-»Herr mein Gott!... und mein Vermögen ...«
-
-»Vollende!« --
-
-»O, Tante Agathe!« --
-
-»Es ist bereits verbraucht?«
-
-Gundula krampfte die Hände ineinander und nickte stumm mit dem Kopf.
-
-»Ich erwartete es kaum anders!« murmelte die alte Dame mit bitterem
-Lächeln.
-
-Da hob die Herrin von Hohen-Esp jäh das Haupt und starrte sie in
-atemlosem Entsetzen an. --
-
-»Wenn dem wahrlich so ist -- wenn die Güter verschuldet -- das Kapital
-verbraucht und Friedrich Karl nicht fähig ist, sich zu arrangieren, --
--- was wird dann aus meinem Sohn?«
-
-Das klang wie ein Aufschrei.
-
-Das alte Fräulein von Wahnfried preßte herb die Lippen zusammen.
-
-»Das Opfer väterlichen Leichtsinns, eine verlorene Existenz, welcher vom
-Spielteufel das Schicksal diktiert ward!«
-
-»Tante Agathe!« --
-
-Gräfin Hohen-Esp faßte den Arm der Sprecherin, ihr Antlitz ward bleich
-wie der Tod.
-
-»Das wäre ... das wäre ein Verbrechen von Friedrich Karl!« ... stöhnte
-sie auf und schlug wie in jähem Entsetzen die Hände vor das Antlitz.
-»War ich denn mit Blindheit geschlagen, daß ich nicht mehr sah, was
-um mich her vorging? Habe ich die ganze furchtbare Zeit verträumt und
-verschlafen, daß ich nicht ahnte, zu welch einem Dasein ich mein Kind
-geboren? Aber nein! nein! -- tausendfach nein! Es kann, es darf ja
-nicht so sein! -- Du bist falsch unterrichtet, Tante Agathe, man hat
-meinen Mann verleumdet! Es ist nicht so schlimm, es _kann_ nicht so
-schlecht mit ihm stehen, sonst wäre er nun und nimmermehr nach San Remo
-gefahren -- -- --«
-
-»Er ist nach Monte Carlo gefahren!«
-
-»Monte Carlo?« -- Gundulas Augen flammten.
-
-»Undenkbar! -- woher weißt du das?« --
-
-»Ich sehe es aus diesem Brief ... und ich habe Menschenkenntnis genug,
-um einen Mann wie Friedrich Karl richtig zu beurteilen!«
-
-»Tante!« --
-
-Gundula taumelte einen Schritt zurück und preßte die Hand gegen das
-stürmende Herz -- »Du hast stets so hart und unbarmherzig über meinen
-Mann geurteilt ...« -- sie unterbrach sich und horchte auf.
-
-Drunten, auf dem holperigen Pflaster des Burghofs klang Hufschlag.
-
-»Kommt er zurück?«
-
-Agathe war an das Fenster getreten, ihre hohe, kraftvolle Gestalt schien
-zusammenzuzucken.
-
-»Der Administrator!« --
-
-»Der Administrator? -- Was will der hier in Hohen-Esp ... bei mir ... zu
-solch ungewohnter Zeit?« --
-
-»Ich werde ihn sprechen ...«
-
-»Nein! bleib! er soll hierherkommen!« und schon hatte Gundula das
-bleigefaßte Fenster hastig geöffnet und rief durch den Herbststurm in
-den Hof hinab:
-
-»Ich bitte Sie, sogleich heraufzukommen, Herr Werner!«
-
-Der alte Mann schrak zusammen, starrte mit verstörtem Blick empor und
-stotterte »Zu Befehl, gnädige Frau!«
-
-Dann gab er noch kurzen Befehl, das dampfende Pferd genügend abzureiben,
-und wuchtete auf seinen schweren Reitstiefeln über die Steinfliesen nach
-der Treppe.
-
-Wenige Minuten später stand er auf der Schwelle, und Gundulas Blick
-starrte ihm forschend entgegen.
-
-Wie blaß und hohläugig der alte Getreue aussah, wie seine Gestalt
-zusammensank, und wie kummervoll und mitleidig sein Blick die Gebieterin
-traf.
-
-»Verzeihen Frau Gräfin ...« stammelte er, »wäre es wohl vergönnt, daß
-ich mit dem gnädigen Fräulein von Wahnfried ein paar Worte allein
-sprechen kann?« --
-
-Wie ein eisiger Schauer kroch es nach Gundulas Herzen, aber sie richtete
-sich auf und schüttelte den Kopf. --
-
-»Es gibt keine Geheimnisse vor mir! sprechen Sie ... was gibt es?!«
-
-»Frau Gräfin sind noch leidend ...«
-
-»Nein, nein! ich bin kräftig und gesund! -- Haben Sie so schlechte
-Nachrichten zu bringen, daß Sie fürchten, mir schaden zu können?« --
-
-Die Sprecherin nahm sich zusammen, so ruhig und fest wie sonst zu reden,
-aber auf ihre Wangen traten zwei brennend rote Flecke, und die Hände
-krampften sich fester um die Stuhllehne: »Sie haben über mißliche
-Geldverhältnisse zu berichten?«
-
-Der alte Mann senkte den Blick.
-
-»Auch das, Frau Gräfin!« --
-
-»Es steht sehr schlecht um die Güter meines Mannes?«
-
-»Sehr, sehr schlecht, Frau Gräfin!«
-
-»Hoffnungslos und trostlos?«
-
-Werner zögerte. -- »Das wäre noch nicht das Allerschlimmste, Frau
-Gräfin!«
-
-Da schrak ihre schlanke Gestalt empor.
-
-»Nicht das Allerschlimmste?! Was heißt das?!«
-
-Agathe trat an ihre Seite und legte liebevoll den Arm um sie.
-
-»Geh zu deinem Sohn, Gundula! Mich deucht, er weint! Ich spreche mit
-Herrn Werner und teile dir nachher alles mit!«
-
-Die Gräfin wehrte die Sprecherin mit bebenden Händen ab, -- ihre Augen
-glänzten wie im Fieber.
-
-»Sie bringen mir eine Nachricht von meinem Mann?« fragte sie hastig, --
-flüsternd.
-
-Der Administrator senkte den grauhaarigen Kopf tief zur Brust, ein
-schwerer Seufzer rang sich über seine Lippen.
-
-»Es ist so, Frau Gräfin!«
-
-»Er braucht Geld?«
-
-Werners Blick trifft wie Hilfe flehend Tante Agathe.
-
-»Und Sie haben keins?« fährt Gundula schnell fort.
-
-Der alte Mann schüttelte trostlos den Kopf.
-
-»Ach, schlimmer, Frau Gräfin, viel schlimmer!«
-
-»Herrgott des Himmels ... foltern Sie mich nicht! Ist er etwa krank?
-schwer krank?«
-
-Da zieht der Administrator mit jähem Griff einen Brief und eine Depesche
-aus der Tasche und reicht beides Tante Agathe zu.
-
-»Lesen Sie! lesen Sie!« murmelt er. »Ach, du Herr mein Gott, ich kann es
-nicht aussprechen, -- es will mir nicht über die Lippen!« --
-
-Gundula hat die Papiere mit heftigem Griff erfaßt, -- sie wankt nach dem
-Fenster, sie öffnet und liest.
-
-Der Administrator macht eine kurze, händeringende Bewegung gegen Tante
-Agathe, -- -- sie versteht ihn nicht, und so tritt er selber hinter die
-Gräfin, als wolle er bereit sein, eine Zusammenbrechende zu stützen.
-
-Aber Gundula sinkt nicht unter dem furchtbaren Schlag, welcher sie
-trifft, nieder. Nur das Papier der Depesche knistert und wankt zwischen
-ihren Fingern, und ein leiser, halberstickter Schrei ringt sich von
-ihren Lippen. --
-
-»Tot! -- er ist tot!« --
-
-Eine sekundenlange, furchtbare Stille.
-
-Agathe ist mit fahlem Antlitz näher geeilt und schlingt die Arme um die
-junge Witwe.
-
-»Tot!« murmelte sie. »Allbarmherziger Gott, wie das?!«
-
-Werner hatte einen der großen, eichengeschnitzten Sessel näher
-geschoben.
-
-Die Bärenköpfe, welche seine Knaufe bilden, verschwimmen vor Gundulas
-Blick.
-
-Sie sinkt schwer auf das Lederpolster nieder und starrt auf die
-Depesche.
-
-Ihre Augen sind weit offen, stier und tränenlos. »Es steht wohl alles in
-dem Brief an die unglückliche Frau Gräfin!« murmelte Werner auf den
-fragenden Blick Agathes, und er legte die Hand über die Augen und wendet
-sich ab, als könne er den Anblick des schmerzversteinerten Antlitzes
-nicht ertragen. Da hebt Gundula das Haupt, ein jäher Blick flammt aus
-ihren Augen.
-
-»Der Graf hat sich erschossen? in Monte Carlo erschossen?« fragt sie
-langsam, und ihre Stimme klingt fremd und heiser.
-
-»Wohl in einem Anfall von Geistesstörung!« stöhnte der alte Beamte; »es
-ist zu viel Schweres in letzter Zeit gekommen, die Gläubiger haben so
-gewissenlos gedrängt ...«
-
-»Dieser Brief ist an mich gerichtet?« sie will das Schreiben heben, um
-die Adresse zu lesen, aber ihre Hand sinkt schwer zurück.
-
-»Sehr wohl, Frau Gräfin! ich erhielt ihn vorgestern von dem gnädigen
-Herrn mit der Weisung, ihn nur dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine
-Depesche des Kammerdieners schlimme Nachricht über den Herrn Grafen
-brächte!«
-
-»Und diese Nachrichten kamen!« -- Wie der leise, grelle Schmerzensschrei
-zerspringender Saiten klingt es über die wachsbleichen Lippen Gundulas,
-dann sinkt ihr Haupt wieder schwer vornüber, ein herzzerreißendes Weh
-zuckt über das Antlitz, sie krampft die Hände zusammen und ringt nach
-Atem wie eine Erstickende.
-
-Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem Nebenzimmer geholt und
-will Stirn und Schläfen der beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula
-aber wehrt sie jäh ab und richtet sich gewaltsam auf.
-
-Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. »Ich danke Ihnen, daß
-Sie selber kamen, -- ich danke Ihnen, daß Sie meinen Schmerz teilen.
-Bleiben Sie in meiner Nähe, -- es gibt wohl viel schwere, traurige
-Arbeit für uns. -- Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen, -- selbst
-den einen, furchtbarsten noch nicht, daß er freiwillig von mir ging,
-daß er ein so namenloses Weh über mich gebracht! -- -- Lassen Sie mich
-jetzt allein, -- auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal
-mit mir reden!«
-
-Ihre zitternde Hand faßt den Brief, -- sie winkt damit --: »Geht! --
-geht!«
-
-»Frau Gräfin!« schluchzt der alte Mann auf, -- »meine arme, arme Frau
-Gräfin!« und er faßt ihre Hand und drückt sie an die Lippen. Tränen
-fallen darauf nieder.
-
-»Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! -- Gott gebe Ihnen Trost und Kraft
-... Gott erhalte Sie für Ihren Sohn!«
-
-Sie nickt wie geistesabwesend und drückt stumm seine Rechte, -- kalt wie
-Eis liegen ihre schlanken Finger in derselben.
-
-Er geht, langsam, zögernd, den Blick sorgenvoll zurückgewandt.
-
-Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgefühls die Arme um die
-Unglückliche, küßt ihr Wangen und Stirn und flüstert treue, milde Worte;
-dann schreitet auch sie über die Schwelle und folgt dem alten Beamten in
-das Nebenzimmer. --
-
-Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos, preßt die Hand gegen
-die Stirn, als müßte sie gewaltsam ihre Gedanken zusammenfassen, und
-erbricht alsdann das Schreiben.
-
-Ihre tränenlosen Augen starren wie geistesabwesend darauf nieder.
-
-Die ersten Zeilen verschwimmen, sie faßt kaum ihren Sinn, dann schärft
-sich ihr Blick, sie liest, liest immer hastiger und schneller, das Blut
-stürmt wieder siedendheiß durch ihren Körper, eine fieberische Aufregung
-erfaßt sie nach der todesstarren Ruhe!
-
-Ja, nun wird ihr alles klar!
-
-Er schreibt: »Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir und dem Kind in die
-Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn hat nicht nur mich, sondern auch
-Euch zu Bettlern gemacht! Ich habe nicht nur _mein_ Eigentum, sondern
-auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden, einem Mann,
-welcher in dem letzten halben Jahr unaussprechlich gebüßt hat, welcher
-im Höllenbrand wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und reinste
-Glück verspielte, -- das Glück: Vater zu sein! -- Ich habe einen Kampf
-der Verzweiflung gekämpft, um das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen
-wage ich es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne ich,
-bin ich gerettet -- für euch und für ein besseres, glückliches Leben, --
-verliere ich abermals, gibt es kein Wiedersehn mit Euch, -- ich habe
-gesühnt, wenn Du diesen Brief in Händen hältst, geliebtes Weib! Wirst Du
-meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula? Ich war nicht schlecht, --
-aber eine Schlechte, treulose und gewissenlose Welt hat mich
-leichtsinnig gemacht! -- Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch!
-Erziehe einen bessern Mann aus ihm, als wie sein unglücklicher Vater es
-war, -- mache ihn zu einem echten und wahren Hohen-Esp!«
-
--- Die Leserin ließ den Brief sinken, sie krampfte aufstöhnend die Hände
-zusammen, ein Ausdruck bitteren, leidenschaftlichen Hasses lag auf dem
-erst so steinernen Angesicht.
-
-Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt! Sie allein hat
-all das Unglück ihres Lebens verschuldet, sie hat ihr das Glück
-gestohlen und das Dasein vergiftet! -- Die Welt mit ihren
-leichtsinnigen, schlechten Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden
-Irrlichtsgeflimmer über mordendem Sumpf!
-
-Wie glücklich hätte sie an Friedrich Karls Seite sein können, -- die
-Welt hat es nicht geduldet! Wie hätte sie ihn und sein Herz besitzen
-können -- wenn die Welt ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den
-grünen Tisch gebannt hätte!
-
-Wie arm -- ach, wie bettelarm an allem hat die Welt sie gemacht, -- sie,
-die einst die reichste und glückseligste der Frauen gewesen!
-
-Und doch ... wie wenig nahm sie ihr noch im Gegensatz zu jenem Mann,
-welcher mit durchschossener Stirn seinem verfehlten Dasein selber ein
-Ziel gesetzt!
-
-Sie nahm ihm nicht nur Geld und Gut, sondern auch die stolze, ehrenhafte
-Festigkeit des Mannes, seinen Willen -- seinen Halt -- ja selbst den
-letzten Rest eines klaren Überlegens und den Mut, den Kampf mit dem
-Leben aufzunehmen!
-
-Die Welt, die verführerische Welt mit ihren Spielsälen und Hasardkarten
-hat aus dem Grafen von Hohen-Esp einen erbärmlichen Schwächling gemacht,
-der den Ruin über seine Familie heraufbeschworen und dann feige zu dem
-Revolver greift, um den Folgen seiner Schuld zu entgehen!
-
-Das tat Friedrich Karl -- der Mann, zu dem sie einst emporgesehen hatte,
-wie zu einem Gott! --
-
-Das tat er ihr, seinem hilf- und schutzlosen Weibe an, welchem er einst
-geschworen: »Ich will dein Halt und deine Stütze sein, ich will dich
-glücklich machen!« --
-
-O, wie leicht ist die Waffe gehoben, jene eine, flüchtige Sekunde
-überwunden, welche durch einen Druck des Fingers allem Elend ein Ziel
-setzt -- und wie schwer, wie bitter schwer ist es, durch lange,
-mühselige Jahre die Last der Armut zu schleppen, sich und ein Kind
-ernähren zu müssen!
-
-Hat Friedrich Karl denn gar nicht daran gedacht, was aus seinem Weib und
-Kind werden soll, wenn er sie verläßt wie ein Feigling? Und wenn er sein
-Geld und Gut vertan -- blieben ihm nicht noch seine kraftvollen Hände,
-durch deren Arbeit -- und sei es der geringsten eine -- er die Seinen
-ernähren konnte?
-
-O nein! was hätte die Welt dazu gesagt, wenn ein Graf von Hohen-Esp
-gearbeitet hätte!
-
-Hat nicht die Welt selber ihm den falschen Begriff von Ehre eingeimpft,
-einer Ehre, welche befleckt wird durch Schwielen in der Hand? --
-
-Friedrich Karl ist in der großen Welt aufgewachsen, er ist gesäugt mit
-ihren Ansichten über Stand und standesgemäßes Leben, über all die
-haltlosen Verschrobenheiten, welche dem vornehmen Mann zum Gesetz
-gemacht sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen und ihre
-Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! --
-
-Eine unsägliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der verlassenen Frau
-auf, und gleichzeitig bäumt ein wilder, ungestümer Trotz in ihr empor,
-den Posten, welchen der pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen,
-nun selber einzunehmen und den Kampf für die Existenz ihres Kindes zu
-wagen. --
-
-Der Bär hat seine Brut feige im Stich gelassen, die Bärin aber wird
-einstehen für ihr Junges und wird nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie
-ihm die sichere Höhle gebaut!
-
-Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen, erhebt sich und
-tritt festen Schrittes an ihren Schreibtisch, den Brief zu verschließen.
-
-Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter Ruhe, ihre
-glanzlosen Augen sind so starr, wie jene steinernen der Bärenköpfe im
-Burghof drunten.
-
-Es ist alles zu furchtbar jäh, zu unvermittelt gekommen.
-
-Gundula kann fürerst nur die krasse Tatsache fassen und hat noch kein
-Verständnis für die Seelenqualen eines Mannes, dessen Geist die
-Verzweiflung getrübt hat.
-
-Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer Schnitt, welcher die
-Vergangenheit von ihr losgelöst hat.
-
-Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgefühl bluten fürerst aus tiefern
-Wunden noch wie ihr Herz. Das leise Wehklagen, Schluchzen, Flüstern und
-Raunen verstummt in der Burg, als die Gräfin von Hohen-Esp ihr Zimmer
-verläßt, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild durch die
-hohen Hallen schreitet. --
-
-Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange, lange in das lächelnde,
-rosige Gesicht hernieder.
-
-Der Zug herber Erbitterung tritt noch schärfer um ihre Lippen, und auf
-ihrer Stirn und um die finstern Augen liegt eine Entschlossenheit,
-welche voll eisernen Willens ein Gelübde ablegt und der verhaßten Welt
-eine grimme Fehde ansagt auf Leben und Sterben. --
-
-Die Bärin von Hohen-Esp.
-
-Die Jungfer hat die Trauerkleider zurechtgelegt, und Gundula hat sie
-schweigend angezogen.
-
-Sie spricht mit niemand ein überflüssiges Wort, nur mit dem
-Administrator sitzt sie während des langen Abends und ordnet voll
-geschäftsmäßiger Ruhe alles, was in solch schwerer Zeit zu besorgen und
-zu bedenken ist. »Wenn der Graf beerdigt ist, wollen wir unsere
-Verhältnisse arrangieren, Herr Werner! Ich bitte Sie, mir als Freund und
-Berater beizustehen, ich habe niemand auf der Welt wie Sie!« --
-
-»Gott helfe mir, daß ich Sie gut berate, Frau Gräfin!« -- antwortete der
-alte Mann mit festem Händedruck. -- »Ach, hätte doch der Herr Graf auf
-meinen Rat gehört, wir hätten diesen furchtbaren Tag nie erlebt!« --
-
--- Tante Agathe sitzt neben der Herrin von Hohen-Esp und hält ihre Hand
-zwischen den ihren: »Die Güter können nicht gehalten werden, -- du mußt
-alles verkaufen?«
-
-Gundula beißt die Zähne zusammen. »Von Walsleben und Gottern trenne ich
-mich nicht schwer, -- aber Hohen-Esp ist ein Stück von meinem Herzen,
-das _kann_ ich nicht opfern, ich werde und muß es halten! Ich habe mir
-gelobt, meine volle Kraft einzusetzen, um den ältesten Familienbesitz
-für meinen Sohn zu retten!«
-
-»Das ist selbstverständlich. Du zahlst die Schulden mit deinem Vermögen
-ab und versuchst das Gut neu emporzuwirtschaften!«
-
-»Meinem Vermögen?«
-
-»Ja, dein Erbe von Tante Margarete. -- Weißt du nun, warum du mir einst
-geloben mußtest, dasselbe vor Friedrich Karl nie zu erwähnen?«
-
-Gundula schrickt beinahe empor: »Jenes Erbe? Du hast den Nießbrauch
-davon!«
-
-Agathe lächelt seltsam. »Ich habe es für dich verwaltet und erhalten, --
-sonst nichts!«
-
-Rote Flecken treten auf die blassen Wangen Gundulas. »Tante Agathe,« --
-sagt sie mit zitternder Stimme, »wolltest du mir wahrlich dies Kapital
-vorstrecken, damit ich keine Hilfe bei dem Herzog oder einem
-Geldvermittler zu suchen brauche?«
-
-»Dazu -- lediglich dazu hielt ich das Geld für dich bereit!«
-
-Ein tiefer Atemzug hebt Gundulas Brust. »Ich habe nie an dieses Geld
-mehr gedacht, oder gar damit gerechnet, weil ich es bis zu deinem Tode
-als _dein_ Eigentum betrachtete, -- aber jetzt -- o, wenn du es mir
-nicht geben, sondern nur leihen wolltest, Tante Agathe ... alles wäre
-gut! Ich könnte die Saat säen -- und Gott der Herr wird mir eine Ernte
-bescheren!« --
-
--- -- -- Schloß Walsleben und die Herrschaft Gottern wurden verkauft,
-die Burg Hohen-Esp mit dem kleinen Landbesitz und den Waldungen blieb
-nach Abtrag aller Schulden im Besitz der Gräfin. Herr Werner hatte voll
-treuen Eifers die Interessen der verwitweten Frau gewahrt, die
-zerrütteten Verhältnisse geordnet und mit Hilfe des von Tante Agathe so
-sicher gehüteten Kapitals dem jungen Bären von Hohen-Esp eine
-bescheidene und weltferne Heimat erhalten. Er sorgte noch für einen sehr
-zuverlässigen und intelligenten Inspektor, welcher unter dem Oberbefehl
-der Gräfin das Gut bewirtschaften sollte, dieweil er selber voll
-unermüdlichen Fleißes tätig war, Gundula in finanziellen und
-wirtschaftlichen Angelegenheiten zu ihrem eigenen Sachwalter
-auszubilden.
-
-Die Gräfin faßte mit scharfem Verstand schnell auf, zeigte eine große
-Ausdauer und einen schier männlichen Schaffensdrang, und es währte nicht
-lange, so leiteten ihre energischen Hände die Verwaltung des Besitzes,
-so war sie selber voll eiserner Ausdauer bei Tag und Nacht, Wind und
-Wetter zur Stelle, um durch rastlosen Eifer und voll sauern Fleißes in
-Jahren wiedereinzubringen, was Friedrich Karl während ein paar
-flüchtiger Nachtstunden vergeudet.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-V.
-
-
-Hatte seinerzeit der jähe Tod des Grafen von Hohen-Esp in der Residenz
-viel Staub aufgewirbelt, so nahm seine Witwe das lebhafte Interesse der
-Gesellschaft beinahe noch mehr in Anspruch wie die Katastrophe selbst,
-welche so viele schon lange vorher in ihrer ganzen Tragik prophezeit
-hatten. Was wird aus der unglücklichen Frau? Was wird aus dem armen
-Kinde?
-
-Die Antwort auf diese Frage war wiederum eine Überraschung.
-
-Mit Hilfe der Tante Agathe von Wanfried hatte die Gräfin ihre
-zerrütteten Vermögensverhältnisse arrangiert und dabei eine Energie und
-Umsicht bewiesen, welche die Welt in Staunen setzte.
-
-Obwohl es ihr möglich gewesen wäre, das so bedeutend bequemer gelegene
-und hochherrschaftliche Walsleben für ihren Sohn zu erhalten, hatte sie
-seltsamerweise darauf verzichtet und statt dessen die alte Bärenhöhle
-Hohen-Esp aus dem Konkurs gerettet!
-
-Wunderlich! Will sie denn immer in dieser Weltabgeschiedenheit, in dem
-unheimlichen, halbverfallenen Burggemäuer hausen, welches so fern von
-jedem Verkehr, so weit ab von der Residenz und all den guten Freunden
-liegt?
-
-Die schöne Gräfin Gundula war stets sehr beliebt und gefeiert gewesen,
-es öffnete sich ihr sicher jeder Salon, selbst dann, wenn die
-beklagenswerte Witwe nichts erwidern kann, -- sie wird auch fraglos
-Gelegenheit finden, sich noch einmal gut zu verheiraten, denn unter
-ihren Verehrern befinden sich »Toggenburge«, welche jahrelang der
-schönen Frau die Treue bewahrt haben.
-
-Was fesselt die Gräfin an jene wunderliche Bärenburg, von welcher schier
-unheimliche Beschreibungen in dem ganzen Lande umlaufen?
-
-Der Herzog war der einzige, welcher die Wahl der Gräfin durchaus
-billigte.
-
-»Hohen-Esp ist der älteste Besitz der Familie, von dem sie den Namen
-trägt und der einst für den Sohn das größte Interesse haben muß!« --
-sagte er, »und daß die Gräfin dieses kleine Gut dem größeren und bei
-weitem kostspieliger zu erhaltenden vorgezogen, zeugt von ihrer Umsicht
-und ihrem praktischen Sinn. Es wird ihr in ihrer bedrängten Lage sehr
-viel leichter fallen, den kleinen Grundbesitz heraufzuwirtschaften, als
-wie sich auf dem eleganten Walsleben zu halten! Gebe Gott, daß sie nach
-dieser tränenreichen Aussaat eine desto lohnendere Ernte hält! -- Ich
-hoffe, daß die >Bärin von Hohen-Esp< sich nicht dauernd in ihrer Höhle
-vergräbt, sondern bald einmal in die Residenz zurückkehrt, damit wir
-Gelegenheit haben, ihr unsere vollsten Sympathien zu beweisen!«
-
-Aber die Gräfin kam nicht.
-
-Das Trauerjahr verging, weitere Jahre folgten ihm, und man hätte in der
-schnellebigen Zeit gewiß die einsame Frau längst vergessen, wenn nicht
-gerade die »Toggenburge« ein besseres Gedächtnis gehabt und das Andenken
-der schönen Gundula treuer gepflegt hätten als wie ihre Mitmenschen.
-
-Man hatte versucht, sich der Gräfin zu nähern, aber bald erzählte man
-sich staunend in der Residenz, daß Gräfin Hohen-Esp keinerlei Besuch in
-ihrer verzauberten Burg empfange und jedwede Annäherung schroff
-zurückweise!
-
-Wie interessant war das!
-
-Hat sie nicht einmal die Mittel, einem lieben, alten Freund, welcher zu
-Gast kommt, ein Glas Wein vorzusetzen?
-
-O nein! -- Man hatte geforscht und erfahren, daß die Gräfin
-außerordentlich viel Glück mit der Selbstbewirtschaftung der Ländereien
-habe.
-
-Die Ernten seien großartig ausgefallen, der abgeholzte Forst sei neu
-angepflanzt, und die Gräfin beabsichtige sogar, in diesem Jahr schon
-größere bauliche Veränderungen vornehmen. Ställe und Scheunen seien in
-kläglichem Zustande gewesen, -- dem solle zuerst abgeholfen werden.
-
-»Die Gräfin selber bestimmt das?« hatte man kopfschüttelnd gefragt, und
-darauf ganz Unglaubliches zu hören bekommen!
-
-Die schöne Witwe sei der beste, tatkräftigste Inspektor, den man sich
-denken könne, -- kein Mensch werde die ehemalige sanfte, stille,
-resignierte Gräfin Hohen-Esp wiedererkennen. In den langwallenden
-Trauergewändern schreite sie kalt und steinern durch Haus und Hof, Wald
-und Feld, jede Kleinigkeit selber zu kontrollieren, jede Arbeit zu
-beaufsichtigen, jede Leistung selber zu loben oder zu tadeln.
-
-Keine Männerhand könne die Zügel einer Regierung eiserner führen, als
-die schlanke, marmorweiße Rechte der seltsamen Burgfrau!
-
-Nach wie vor wallt der Trauerschleier um das schöne Haupt, dessen Augen
-so streng und finster blicken, daß es dem Gesinde graust. Man sieht sie
-niemals lächeln; selbst wenn sie ihr Kind liebkost und mit dem Kleinen
-spielt, verwandelt sich der düstere Ernst nur in eine schmerzliche
-Wehmut und Milde. Eine leidenschaftliche Erbitterung gegen Welt und
-Leben erfüllt sie, ein wahrer Menschenhaß vergiftet ihr Herz.
-
-Der einzige Gast, welchen sie empfängt, ist der Pastor des nahen Dorfes,
-doch auch diesem ist es noch nicht geglückt, versöhnlich und erlösend
-auf den starren Bann zu wirken, welcher die schwergeprüfte Frau umfangen
-hält.
-
-Die Bärenburg sei von jeher ein unheimliches altes Nest gewesen, in
-welchem die zottigen Ungeheuer wie die Gespenster hausen; seit die
-schwarze Gestalt der Gräfin aber gleich spukhaftem Schatten durch die
-dämmerigen Gemächer schreite, da sei es vollends nicht mehr zu ertragen,
-und wenn die Fischerdirnen, welche sie als Mägde gedingt, nicht gar so
-gute Nerven hätten, so hielte es wohl keine Seele in Hohen-Esp aus! --
-
-Man lauschte in der Residenz dieser Kunde wie einem Traum, und wenn
-sonst niemand nach der fernen Burg im Walde und nach der Witwe des
-Grafen Friedrich Karl gefragt hatte, jetzt war das brennende Interesse
-angestachelt, und die lebhafte Phantasie der Großstädter wob einen
-Märchenzauber um die »Bärin von Hohen-Esp«, von welchem es sich bei
-flackerndem Kaminfeuer ebenso gruselig erzählen ließ, wie von dem
-Dornröschen und dem Ritter Blaubart im dunklen Waldesgrund.
-
-Aber der Sohn? -- Das Kind? -- Bringt der kleine Guntram Krafft denn
-nicht lichtes, warmblütiges Leben in diesen Spuk? --
-
-Darüber wußte man nicht viel.
-
-Der Inspektor hatte erzählt, der junge Graf wüchse zu einem prächtigen,
-überaus kraftvollen und blühenden Knaben heran.
-
-Wie ein wandelndes Bild aus alter Zeit schreite er mit seinem langen
-blonden Haar und den leuchtenden blauen Augen umher!
-
-So klein er noch sei, er müsse schon jetzt tüchtig an die Arbeit, --
-selbst zu der geringsten einer, welche die Kinderhände schaffen könnten,
-hielte ihn die Gräfin an.
-
-Guntram Krafft sammle Holz und Reisig im Walde, er grabe im Garten, jäte
-Unkraut und begieße die Beete.
-
-Winters über sitze er neben dem Spinnrad der Mutter und schnitze
-Holzlöffel und Quirle für die Küche.
-
-Müßiggang sei ihm ebenso unbekannt, wie allen andern in der Burg
-Hohen-Esp. --
-
-Seit seinem sechsten Jahre müsse er auch schon fleißig bei dem Herrn
-Pastor lernen, auch auf das Pferd sei er schon gesetzt worden, aber
-dafür zeige er weniger Passion wie für das Segeln auf dem Meere.
-
-Das komme wohl daher, weil er an Sonn- und Festtagen mit den Knaben aus
-dem nahen Fischerdorf spielen dürfe, sie hätten natürlich schon einen
-halben Seemann aus ihm gemacht. Die Knaben wagten sich in ihrem Boot oft
-tollkühn auf die See hinaus, und als der Pastor der Gräfin einmal
-vorgestellt habe, wie gefährlich das doch für den einzigen Erben des
-alten Geschlechts sei, da habe die »Bärin« nur in ihrer herben, ernsten
-Weise nach einem Wappenschild emporgewiesen, auf welchem der Wahlspruch
-der Hohen-Esp's gestanden:
-
- »Christe Kyrie --
- Zu Land und zu See --
- Ein Schirmherr der Not!«
-
-»Zu Land und _See_, Herr Pastor! Ein Mann, welcher sich vor dem Wasser
-fürchtet, kann keine Taten auf demselben tun! -- Zwar gibt es jetzt
-keine Piraten mehr, vor welchen die Hohen-Esps ihre friedliche Küste
-schützen müßten, aber möglicherweise fordert man doch einst auch ihre
-Dienste zur See. -- Machen Sie mir meinen Sohn nicht furchtsam! Je
-kühner und heldenhafter ich ihn einst in das Leben stellen kann, desto
-ehrenvoller für ihn. Wir stehen alle in Gottes Hand, Herr Pastor, -- Sie
-wissen es doch am besten, daß die Haare auf unserm Haupt gezählt sind!«
---
-
-»Eine eigenartige, wackere Frau!« nickte der Herzog voll warmer
-Anerkennung, als man ihm erzählte, wie die Erziehung des jungen Grafen
-gehandhabt werde, und nach kurzer Pause fragte er unvermittelt: »Wer ist
-eigentlich zum Vormund des Kindes gesetzt?«
-
-»Laut Testament die Mutter; sie ist ganz allein mit allen Rechten und
-Pflichten betraut.«
-
-»So wäre es doppelt notwendig, der Vereinsamten ein Zeichen unseres
-Interesses und guten Willens zu geben! Ich werde ihr für den Sohn eine
-Freistelle auf unserer Ritterakademie anbieten lassen!«
-
-Das geschah, und man harrte voll großer Spannung der Antwort.
-
-Diese ließ nicht lange auf sich warten.
-
-Gundula stand just in der Wäschekammer und beaufsichtigte selber das
-Strecken und Legen der Linnen, als ihr das Schreiben des diensttuenden
-Kammerherrn, welches das huldvolle Anerbieten Seiner Hoheit
-übermittelte, gebracht wurde.
-
-Befremdet sah die Gräfin darauf nieder.
-
-»Herzogliche Angelegenheit!?«
-
-Der finster abweisende Zug in ihrem Antlitz verschärfte sich.
-
-Sie öffnete den Brief und las.
-
-Schwere Atemzüge hoben ihre Brust, in ihrem Auge lag plötzlich ein
-Ausdruck wie bei der in das Damastmuster der Tafeltücher gewirkten
-Bärin, welche sich mit brüllendem Nacken aufrichtet, ihre Jungen gegen
-einen Feind zu schützen.
-
-»Mein Sohn auf die Ritterakademie, auf dieselbe vielleicht, wo einst
-sein Vater seine erste Weltweisheit eingesogen?«
-
-»Wie liebenswürdig von dem Herzog! Wie gnädig und gut gemeint!« -- sagte
-Tante Agathe, welche neben die Lesende getreten war und mit in das
-Schreiben blickte.
-
-Gundula nickte mit herb geschlossenen Lippen.
-
-»Ja, er meint es gut, der Herzog, -- er _weiß_ es ja nicht, was er
-mir mit dieser Gnade antut!«
-
-»Nein, das ahnt er nicht!« -- seufzte Agathe leise, »und was antwortest
-du?« --
-
-Beide Frauen waren hinausgetreten auf den Flur und stiegen die steinerne
-Wendeltreppe zu dem Zimmer der Gräfin empor.
-
-»Solange meine Augen offen stehen und meine Hände Kraft haben, das
-Schicksal meines Kindes zu lenken, wird er nie die Welt kennenlernen!«
-
-»Gundula! Hältst du es für möglich, einen jungen Mann im neunzehnten
-Jahrhundert noch zu erziehen wie einen Parsifal?«
-
-Sie lächelte wunderlich vor sich hin, -- der schwarze Schleier lag wie
-eine dunkle Wolke um ihr Haupt.
-
-»Das halte ich nicht nur für möglich, sondern das will ich beweisen!« --
-
-»Bedenke die Zukunft, das Glück deines Kindes!«
-
-»Just dies will ich sichern, denn ich gedenke an die Vergangenheit
-seines Vaters.«
-
-»Gundula! Dieser Wahn ist krankhaft!«
-
-»So scheint's, und doch soll er meinen Sohn an Leib und Seele gesund
-erhalten!«
-
-»Was soll aus Guntram Krafft werden?!«
-
-»Das, was mit seinem Vater verlorenging, ein echter Hohen-Esp, -- ein
-Herr auf seinem Gebiet, ein Schirmvogt der Not! -- Ein Mann, welcher
-zurückerwirbt, was der Leichtsinn ihm vergeudet und die Welt ihm
-genommen!«
-
-»Überlege es dir noch reiflich, ehe du das gnädige Anerbieten des
-Herzogs ablehnst!«
-
-»Ich habe überlegt, -- ich überlegte es in jener Stunde, da man
-Friedrich Karl, den ehemaligen Zögling jener Ritterakademie, als feigen
-Selbstmörder mit durchschossener Stirn zur Ruhe legte!«
-
-Fräulein von Wahnfried kannte den Klang in der Stimme der Gräfin, sie
-kannte auch ihre grenzenlose Erbitterung gegen alles, was ihrer Ansicht
-nach den Leichtsinn Friedrich Karls gefördert!
-
-Und das war alles und jedes in der verderbten, nichtsnutzigen Welt!
-
-Dagegen war nicht mehr anzukämpfen, man konnte nur hoffen, daß die
-lindernde Zeit die Wunden heilen, und Gundula vernünftiger über manche
-Notwendigkeit denken würde!
-
-Aber Tante Agathe hoffte kaum noch -- die Zeit hatte sich während all
-der vergangenen Jahre machtlos erwiesen, und Guntram Krafft wuchs in der
-Einsamkeit als ein moderner Parsival auf!
-
-Die alte Dame kehrte seufzend in die Wäschekammer zurück, während ihre
-Nichte sich an den Schreibtisch setzte und mit festen, großen
-Schriftzügen ihre Antwort an den Kammerherrn des Herzogs niederschrieb.
-Sie dankte in schlichter, aber aufrichtigster Weise für das so überaus
-huldvolle und gnädige Anerbieten des hohen Herrn, welches sie jedoch
-voll dankbarster Erkenntlichkeit ablehnen müsse, da sie nicht imstande
-sei, sich schon jetzt von ihrem Sohn zu trennen. Guntram Krafft sei das
-einzige Glück, welches ihr das grausame Schicksal gelassen; dasselbe
-noch so lange wie möglich ihr eigen zu nennen, sei der letzte Wunsch,
-den sie noch an das Leben habe.
-
-Die Erziehung des Knaben zu leiten, für seine wissenschaftliche
-Ausbildung zu sorgen, werde ihr mit Gottes gnädiger Hilfe auch in
-Hohen-Esp gelingen; sie hoffe zuversichtlich, aus ihrem Sohn einen
-vollwertigen, braven und tugendhaften Mann zu machen.
-
-Der Brief hatte in seiner starren und schmerzlichen Eigenwilligkeit
-etwas Rührendes, »man hört aus jeder Zeile das leidenschaftliche Herz
-einer unglücklichen Mutter schlagen!« -- sagte der Herzog, und er nahm
-die Weigerung der Gräfin nicht ungnädig auf, sondern erhielt dem
-wunderlichen Bärennest im Walde sein vollstes Interesse.
-
-Und abermals verging die Zeit.
-
-Guntram Krafft erhielt durch einen Erzieher und den Pastor eine
-vortreffliche Erziehung, wenngleich seine praktischen Fähigkeiten nicht
-darüber vernachlässigt wurden.
-
-»Er soll alles lernen, was ein gebildeter Mann an Schulweisheit
-gebraucht!« sagte die Gräfin, »vor allen Dingen aber soll er ein
-tüchtiger Landwirt werden, welcher auf eigenen Füßen steht und seine
-Scholle selber bewirtschaften kann. Die Gelehrsamkeit wird er wenig im
-Leben gebrauchen, denn eine Stellung im Staatsdienste nimmt er niemals
-ein, aber der praktischen Kenntnisse bedarf es vor allen Dingen, denn er
-soll das Werk, welches ich begonnen, zu Ende führen und den verlorenen
-Besitz seiner Väter zurückerwerben!«
-
-Fast schien es, als wolle ihm die stolze, energische Frau wenig Arbeit
-übriglassen.
-
-In geradezu erstaunlicher Weise war es ihr gelungen, Hohen-Esp zu einem
-hochkultivierten Gut emporzubringen; vortreffliche Ernten hatten sie
-Jahr um Jahr unterstützt, Terrain, welches man ehemals als Waldwiesen
-und Heide hatte brachliegen lassen, war ausgenutzt worden und hatte
-überraschenden Ertrag geliefert, ebenso hatte sich eine Milchwirtschaft
-aufs beste rentiert, und Herr Werner sah seine stolze, besondere
-Genugtuung darin, der verlassenen Frau mit größtem Eifer und all seinen
-Fähigkeiten zu dienen.
-
-Von Jahr zu Jahr konnte die Gräfin von dem angrenzenden Besitz Gottern
-Areal zurückkaufen, was ihr um so leichter ward, als der Besitzer der
-Herrschaft selber in recht mißliche Lage gekommen und froh war, das Land
-wieder in Kapital verwandeln zu können.
-
-So kam der Tag, an welchem die überraschende Nachricht die Runde durch
-die Residenz machte, daß es der Bärin von Hohen-Esp in ganz
-unglaublicher Weise gelungen sei, die Herrschaft Gottern zu Hohen-Esp
-zurückzukaufen, daß es ihr auch durch ihre enorme Willenskraft, ihren
-Fleiß und äußerste Sparsamkeit gelungen sei, ihren Sohn schon jetzt
-wieder zu einem sehr wohlhabenden Mann zu machen.
-
-Die alte Tante Agathe sei schon längere Zeit krank und liege nunmehr im
-Sterben.
-
-Viel habe sie ja wohl nicht zu vererben, aber doch genug, um es der
-Gräfin vorläufig sehr leicht zu machen, auch mit dem nunmehr so
-bedeutend vergrößerten Besitz erfolgreich und dauernd zu wirtschaften.
-
-Der Wohnsitz solle aber nach wie vor Hohen-Esp bleiben, und Graf Guntram
-Krafft, welcher nunmehr neunzehn Jahre zähle und seiner Militärpflicht
-genügen müsse, werde wohl zum erstenmal allein in die große, unbekannte
-Welt hinaustreten!
-
-Man erwartete voll Spannung das Erscheinen des schier sagenhaft
-gewordenen jungen Mannes, bis die enttäuschende Nachricht kam, daß der
-Graf wegen eines ganz unbedeutenden kleinen Fehlers, -- man sagte, daß
-ihm bei einer stürmischen Seefahrt im Boot, beim Überholen einer
-Teertonne, dieselbe zwei Zehen vom Fuß geschlagen -- vom Militär
-freigekommen sei.
-
-Es sei ein Jammer darum!
-
-Der junge Mann verkörperte das Urbild aller blühenden Kraft und
-Lebensfrische, er sei in der Tat ein wahrer »Bär« von Hohen-Esp, so
-groß, so stark, so reckenhaft schön und ritterlich, -- ihm selber habe
-die Lust, Soldat zu werden, aus den Augen geblitzt, und er habe sofort
-gebeten, ihn der Marine zuzuweisen, da er so gut Bescheid mit dem
-Seefahren wisse, -- aber die Gräfin habe voll leidenschaftlicher Energie
-alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Sohn freizubekommen.
-
-Da sie die Bestimmungen für sich gehabt habe, und Graf Guntram Krafft
-ein durchaus gehorsamer Sohn sei, so sei leider nichts zu machen
-gewesen.
-
-Die »Bärin« habe ihr Junges in die Höhle zurückgeschleppt. --
-
-Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf, die interessanten
-Einwohner von Hohen-Esp jemals von Angesicht zu schauen, und weil die
-Mütter und Töchter sehr enttäuscht waren, so ärgerten sie sich darüber.
-
-Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den kürzer werdenden Tagen
-aus ihrem »Sommerschlaf« erwachten und so zahlreich plötzlich
-aufwirbelten, wie draußen das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte,
-boten den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pflänzchen dieser
-Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft recht phantastischen
-Blüten aufschoß.
-
-In einer der vornehmen Villenstraßen lag das reizende Rokokoschlößchen
-»Monrepos«, in welchem der Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments,
-Freiherr von Sprendlingen, Wohnung genommen.
-
-Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein großes Haus zu
-machen, eine Passion, welcher sie ohne Bedenken huldigen konnte, da die
-Vermögensverhältnisse des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur
-ein einziges Töchterchen besaß, für welches man zu sorgen hatte.
-
-Der Freiherr verwöhnte seine bezaubernde Frau in nur denkbarer Weise,
-Frau von Sprendlingen verzog und verhätschelte ihr Töchterchen
-dementsprechend, und so herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen,
-welches keinen, auch den größten Wunsch, nicht unerfüllt läßt.
-
-In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne verschleierte Lampen,
-da die Herrschaften zum Diner gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir
-des fünfzehnjährigen Töchterchens aber strahlte die Gaskrone festlich
-und hell, denn dort saßen die Backfischchen, welche zu Fräulein von
-Sprendlingen eingeladen waren, bei heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel
-Kaffee und noch mehr Süßigkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die
-Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte man sich
-für junge Herren noch mehr wie für junge Damen, und da man schon
-mancherlei über den Hohen-Esper gehört und sich ebenfalls über den
-»Strich durch die Rechnung« ärgerte, so begannen sie über den doch allzu
-gutmütigen Zottelbär, welcher derart unselbständig an den Rock der
-Mutter hänge, zu glossieren.
-
-»Ein forscher, echter Mann hätte bei dieser Gelegenheit doch wohl etwas
-mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen und das Gängelband abgestreift!«
-spottete Gabriele, die Tochter des Hauses, und ließ ihre Stickerei
-sinken, -- »anstatt artig hinter die Schürze der Mama zu kriechen und
-sich zu ducken, wenn die gestrenge Vormünderin befiehlt! Ob er zwei
-Zehen mehr oder weniger hat, geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein
-recht erbärmlicher Vorwand von der Gräfin, ein Zufall, welchen sie sich
-zunutze macht, um das Bübchen unter den Fingern zu behalten!«
-
-»Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz und Selbstbewußtsein
-hätte, würde er sich das nicht habe bieten lassen!«
-
-»Vielleicht ist er zu feige und freut sich, daß er daheimbleiben kann!«
--- rief Gabriele von Sprendlingen, das reizendste Backfischchen, welches
-die Residenz aufweisen konnte, abermals: »Hätte er Courage, würde er
-sich das idealste Glück eines Mannes, Soldat zu werden, unter allen
-Umständen erzwungen haben!«
-
-»Feige? Nein, das ist er wohl nicht!« schüttelte ihre Freundin Trautchen
-gutmütig den hellblonden Kopf, »denk doch, er wagt sich bei Sturm und
-Wetter auf die See hinaus!«
-
-Gabriele lachte spöttisch und rümpfte die entzückende kleine Nase: »Die
-See schießt nicht mit Kugeln! Bah! Was will es heißen, sich auf die See
-zu wagen?! Gar nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie weit
-fährt denn der Herr Graf? -- Sicher nicht zehn Schritt entfernt vom Ufer
-weg! Auf den Ozean hinaus ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und
-Bootfahrt an der Küste stellt überhaupt keine Anforderungen an den Mut
-eines Mannes!« --
-
-»Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken -- --«
-
-»So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweißes Lämmchen, was hat denn
-das Wasser für eine Gefahr, wenn es nicht tief ist?« -- und die
-Sprecherin schüttelte die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der
-Stirn und machte ein geradezu verächtliches Gesichtchen: »Ein Mann, der
-nicht Soldat ist, nicht für Fürst und Vaterland kämpft, kann mir niemals
-imponieren; und Graf Guntram Krafft ist kein kühner, stolzer Bär, wie
-seine Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbär! -- Er sollte nur
-einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte es ihm schon zeigen, wie ich über
-ihn denke!«
-
-Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden Nixenaugen,
-blitzten gar trotzig in dem süßen Gesicht, und sie wiederholte
-nachdrücklich: »Glaub' mir's! Ich würde es ihm zeigen!« --
-
-»Das würde ihn aber doch sehr kränken?« warf Trautchen schüchtern ein,
-und das Mitleid glänzte in ihrem Blick.
-
-»Um so besser, wenn es ihn kränkt!« brauste Gabriele ungestüm auf und
-kehrte alle Würde ihrer fünfzehn Jahre heraus. »Wie soll denn so ein
-verwöhnter Mamajunge anders merken, daß er ein Waschlappen ist, wenn wir
-Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser noch Helden in
-seine Armee bekommen, wenn wir nicht die Männer zu Heldentaten
-begeisterten und anspornten? -- Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute
-Soldatentochter und ein famoses deutsches Mädel, welches genau weiß, was
-es Fürst und Vaterland schuldet! Einen Helden zum Vater! Einen Helden
-zum Gatten, und mehrere Helden als Söhne!«
-
-»Bravo! Die Steigerung war gut!« lachte die schwarzlockige kleine Gräfin
-Sevarille und verzog dabei das Mündchen etwas ironisch, »solche Dinge
-klingen in der Theorie ganz poetisch und schön, aber in der Praxis kommt
-die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel der geschmähte Waschbär
-hier auftauchte, als schöner Mann und reicher Erbe, und er machte dir
-eine Liebeserklärung, Gabriele, du pustetest auf alle
-Heldenherrlichkeiten in deines angebeteten Kaisers großer Armee und
-heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!«
-
-Heiße Röte stieg in das Gesichtchen der Genannten, die Nixenaugen
-schillerten wie die See, ehe sie in hohen, verderbenden Wogen aufbraust.
-
-»Das würde ich tun, sagst du?« -- stieß sie atemlos hervor, »das ist
-eine perfide Behauptung, Thekla, und ich wünsche nun wahrlich nichts
-sehnlicher, als daß der Hohen-Esper mir einen Antrag machen würde!« --
-
-»Haha! Hört ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!«
-
-Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf den Tisch und sprang
-auf.
-
-»Laß mich ausreden, ehe du mich beschimpfst!« trotzte sie in der vollen
-Heftigkeit, welche ihrem Charakter eigen war, »ich wünsche mir einen
-Heiratsantrag von ihm, lediglich um dir zu beweisen, daß ich keine
-leeren Phrasen geredet, sondern Wort halten würde, so wahr ich Gabriele
-von Sprendlingen bin! Und wäre er schön wie ein Gott und reich wie
-Krösus, wenn er nichts für Fürst und Vaterland leistet, wenn er kein
-Held ist und Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und mit
-dem Kreuz der Ehre lohnt, -- ich würde _nie_ sein Weib! Nie! -- Das
-schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« --
-
-»Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein!« -- entsetzte
-sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser zu einem tiefen
-Kerbschnitt an und sagte mit einem wunderlich scharfen Lächeln --:
-»Gut, wir haben deinen Schwur gehört und werden nicht verfehlen, dich
-zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den Ausspruch des
-Dichters: >Ach, Worte sind ein leerer Schall --< denn sie verfliegen
-und werden so schnell vergessen, wie man sie hört! _Mündlich_
-ist schon mancher Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden!
-Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den Lippen, aber
-_schriftlich_? Haha! _Schriftlich_ verzichtest du nicht auf den
-Grafen von Hohen-Esp!«
-
-Gabriele griff mit nervös bebender Hand nach den Zetteln und
-Bleistiften, welche, für ein Schreibspiel zurechtgelegt, bereits auf
-einer Marmorschale seitwärts des Tisches standen.
-
-»Und warum nicht?« spottete sie mit gefurchter Stirn: »Wenn dir ein
-geschriebenes Wort sicherer ist wie ein gesprochenes, sollst du es gern
-haben!« --
-
-Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne Überlegen mit
-festen, schwungvollen Schriftzügen auf einen der Zettel nieder:
-
-»Da meine Freundin Thekla meine Ansicht über den Grafen von Hohen-Esp
-schriftlich wünscht, so erkläre ich hiermit noch einmal, daß ich
-denselben nie und nimmermehr heiraten werde, weil er kein Held ist und
-mir nicht imponiert!«
-
--- Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den inhaltschweren
-Zettel zusammen und warf ihn Komtesse Sevarille zu, -- die andern jungen
-Mädchen belohnten diese »fesche« Tat mit stürmischem Beifall, und Thea
-griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren Pompadour. Sie
-lächelte und nickte Gabriele zu: »Du hast doch mehr Charakter, als wie
-ich glaubte!« sagte sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und
-übellauniges Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefällig aus. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Von der See herüber brauste der eisige Novembersturm und fegte die
-letzten welken Blätter um die Zinnen von Hohen-Esp.
-
-Der Buchwald, welchen Gräfin Gundula vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren
-an all den Stellen, welche Friedrich Karl so schonungslos hatte abholzen
-lassen, nachgepflanzt hatte, war emporgewachsen und füllte schon wieder
-die Lücken aus, welche ehemals das Auge der Burgherrin so schmerzlich
-verletzt hatten.
-
-Noch waren sie den wundervoll hochstämmigen Riesen, welche rings um den
-Hügel, der die Mauern von Hohen-Esp trug, Wache hielten, lange nicht
-gleichgekommen, aber sie waren ebenso gediehen und frisch und kräftig
-aufgewachsen, wie der junge Sproß des alten Grafenstammes, welcher als
-blondlockiger Knabe unter ihnen gespielt, als Jüngling mit markigen
-Armen geschafft und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte.
-
-Guntram Krafft war mündig geworden, ohne besondere Zeremonie und
-Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen in neuen Rechten anerkannt zu
-werden; denn das ehemalige Vermögen seines Vaters war in den Besitz
-seiner Mutter übergegangen, und nur von dem freien Willen der Gräfin
-hing es ab, ob der Sohn Herr sein sollte auf dem Besitz der Väter. In
-dem Willen Gundulas aber lag es, den jungen Mann selbständig zu machen.
-
-Voll stolzer Genugtuung sah sie, daß er zu einem Charakter ausgereift
-war, fest und zuverlässig, stark in allem Guten und Edeln, und dennoch
-so rein an Herz und Sinn wie ein Kind.
-
-Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen, nur wie ferne,
-sagenhafte Klänge und Bilder zogen die Erzählungen seiner Erzieher von
-Menschen und Leben an seinem geistigen Auge vorüber.
-
-Als er groß genug geworden, um eine berechtigte Frage nach seinem Vater
-und dessen Leben zu stellen, hatte Gundula zum erstenmal seit langen
-Jahren von ihrem Gatten gesprochen.
-
-Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen Mutter und Sohn.
-
-Da entrollte die Gräfin vor den weitoffenen Augen ihres Sohnes die
-traurigen Bilder der Vergangenheit, und waren dieselben schon an und für
-sich dunkel genug, so färbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch
-düsterer, so daß Guntram Krafft die Welt nur als einen Sündenpfuhl voll
-dräuender Gefahren, und die flotte, leichtlebige Gesellschaft der
-Großstadt als eine Wildnis kennenlernte, in welcher aller Ecken und
-Enden die Abgründe gähnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen und
-verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich jemals ein Urteil
-aus eigener Anschauung gebildet zu haben, und doch machte diese fremde,
-unnatürliche Beeinflussung keinen weltschmerzlichen Sonderling und
-Einsiedler aus ihm.
-
-Er verlangte nicht nach jenen Verhältnissen, welche die Mutter ihm so
-unerquicklich geschildert, und von welchen die jungen Fischer im Dorf
-nichts Gegenteiliges zu erzählen wußten!
-
-Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen eingezogen, hatten
-ihre Jahre abgedient und Reisen in weite, ferne Wunderländer gemacht,
-von denen sie wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erzählten, aber nach
-welchen sie doch nie zurückverlangten.
-
- »Nord, Süd, Ost -- West --
- Daheim ist's am best'!«
-
-lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste
-und meerumspülte Heimat mit der zähen Treue nordischen Bluts, sie
-kehrten heim, freiten und machten sich seßhaft; selten nur, daß der eine
-oder andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn besseres
-Verdienst lockte.
-
-Das waren jedoch die »Verschollenen«, von denen kaum noch Angehörige im
-Dorf lebten und welche selten, fast nie eine Nachricht in die Heimat
-gelangen ließen.
-
-Kam jemals eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht über Guntram Krafft,
-die herkulische Stärke seiner Arme zu prüfen, auch hinauszuziehen mit
-flinken, weißen Segeln, um jene heimlichen Wunder fremder Länder
-kennenzulernen, wollte sie ihn packen, die Wanderlust des Jünglings und
-der Tatendrang des Mannes, so genügte nur ein einziger Blick auf die
-schwarze Trauergestalt der Mutter, in ihr bleiches, gramgefurchtes
-Antlitz unter dem frühergrauten Scheitel, und er schüttelte voll stolzer
-Entsagung das Haupt und war es sich voll bewußt, daß er die einsame Frau
-nicht verlassen durfte, deren einziges Glück er geblieben.
-
-Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges Studium edler
-Wissenschaften gaben seinem Leben reichen Inhalt, und wenn er Freude und
-Zerstreuung suchte, so streifte er das grobe Fischerzeug über seine
-markige Brust und fuhr voll jauchzenden Ungestüms hinaus in See, mit
-Sturm und Wogen einen tollkühnen Kampf zu kämpfen, furchtlos sich in
-brandende Flut zu wagen, der geschickteste der Segler, der furchtloseste
-der Schwimmer, ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer voll
-staunender Bewunderung aufblickten und ihn den »Besten der Ihren«
-nannten.
-
-Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt, wenn es galt,
-bedrohten Freunden Hilfe zu bringen, strandenden Schiffen in Nebel und
-Sturm ein tollkühner Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser
-Küste, welche durch widrige Gegenströmungen und Untiefen schon manchem
-Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod und Verderben gedroht hatte!
---
-
-Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie erfahren, wer ihr
-kühner Retter in der groben Teerjacke gewesen; flossen ihm Geldgeschenke
-von den Dankbaren zu, so lachte der junge Graf gar frisch und fröhlich
-auf, überwies sie seinen Genossen und sprach: »Holla, Kinnings! Dor
-hätten wie wat inbrächt!« und die schwieligen Hände legten die Taler
-zurück in die gemeinsame Kasse, aus welcher bedürftige Fischer
-unterstützt und das Rettungsboot, welches anfangs ein recht dürftiges
-Fahrzeug gewesen, immer zweckmäßiger ausgestattet wurde. Guntram Krafft
-fühlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit unendlich glücklich
-und verlangte nicht hinaus in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und
-Lustbarkeit, eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern Welten,
-welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne im endlosen Himmelsraume
-kreisen.
-
-Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der Gräfin auf, daß es
-oft wie ein melancholischer Schatten auf dem freien, männlich schönen
-Antlitz lag, daß sein Blick oft sinnend und träumerisch in das Weite
-streifte, daß er oft ganz unvermittelt sagte:
-
-»Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning, die er seit
-Kind auf so liebgehabt hat!« -- oder --: »Weißt du's, Mutter, daß dem
-Göschen Wulff in dieser Nacht ein Bub geboren ist? Ein prächtiger,
-pausbackiger Kerl ... kann schreien für zehn, und der Göschen ist so
-stolz, als sei er ein Kaiser geworden!« ... und nach kurzer Pause --:
-»Wie ist es doch so still und leer hier in Hohen-Esp! Wäre wohl nicht
-übel, Mutter, wenn auch hier mal ein wenig junges Leben einzöge und ein
-paar kleine Bärlein herumpurzelten!« Er lachte dazu, und dennoch
-blickten seine blauen Augen seltsam ernst! --
-
-Da war's, als ob Frau Gundula urplötzlich aus einem langen, langen Traum
-erwache, und sie nickte wie erschrocken vor sich hin und sprach leise:
-»Ja, es ist Zeit geworden!« --
-
-Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den kleinen, bleigefaßten
-Scheiben, und blickte starren Auges hinab auf die laublosen
-Buchenwipfel, welche der Sturm wie brandende Flut gegen das graue
-Turmgemäuer peitschte. --
-
-Tage und Nächte lang hatte sie in schwerem Kampf gerungen, hatte
-gesonnen und überlegt, um das rechte zu finden.
-
-Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war ein Mann geworden,
-dessen Herz sich nach Liebe sehnte, dessen Wunsch es war, gleich seinen
-Gespielen ein Weib zu freien und glücklich zu sein!
-
-Die Gräfin, deren scharfer Geist alles so wohl überlegt und bedacht
-hatte, was zum Glück ihres Kindes nötig schien, hatte seltsamerweise
-diese Notwendigkeit noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz
-der lang vorbereitenden Jahre doch überraschend an sie herantrat, da
-kostete es ihrem Herzen schwere Kämpfe, bis sie sich entschlossen hatte,
-sich in das Unvermeidliche zu fügen.
-
-Guntram Krafft mußte die Brautfahrt unternehmen, er mußte Ausschau
-halten unter den Töchtern des Landes, welche von ihnen das Ideal
-verkörpern möchte, das sich der weltfremde Mann von seinem Weib
-gebildet!
-
-Ihr Sohn mußte den Winter in der Residenz verleben und die Feste
-mitmachen, er _mußte_ es! Es half da kein Weigern mehr! Kein anderer
-Ausweg wollte sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr grübelte.
-
-Seit Tante Agathe gestorben war, besaß sie gar keine näheren Verwandten
-mehr, wenigstens keine, welche heiratsfähige Töchter hatten und zu
-welchen sie den jungen Bären von Hohen-Esp hätte senden können, wie
-einst Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei seiner Sippe um
-ein Weib zu dienen.
-
-Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem Dorfe heimführen,
-dagegen sträubte sich der Stolz einer Frau, welche ihr ganzes Leben lang
-nur für das eine Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den
-Besitz und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zurückzuerwerben. --
-
-Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen und Krone mitbringen, sie
-soll eine ebenbürtige Gemahlin für ihren Sohn sein, deren Ansichten die
-ihren sind, deren edler Sinn eine Bürgschaft für die Tugend künftiger
-Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die rechte Wahl treffen? --
-
-Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden, der
-Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft!
-
-Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen um seine Füße
-legen?
-
-Wird sie ihn blenden und bestricken, daß er nicht wieder zurückverlangt
-in sein stilles Heim? --
-
-Wird er ihr Gift schlürfen und es so süß und berauschend finden, daß ihm
-das klare Quellwasser der Heimat nicht mehr mundet? --
-
-O nein! Nun und nimmermehr!
-
-Gundula ist ihres Sohnes gewiß. Die mühsame Aussaat von so viel langen,
-bangen Jahren kann nicht in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer
-Eindrücke, in der sengenden Glut froher Feste, in den Stürmen eines
-Karnevals zugrunde gehen!
-
-Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen und fremd bleiben, --
-er wird sich aus der hohen Flut eine Perle heben und sein Kleinod so
-bald wie möglich in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten.
-
-Außerdem schickt sie ihn nicht völlig allein und haltlos in das bunte
-Leben hinaus. Der alte Kammerdiener ihres Mannes, welcher schon Gundula
-als Braut gekannt und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen
-ist, der goldgetreue, zuverlässige Anton wird seinen jungen Gebieter in
-die Residenz begleiten.
-
-Er weiß ja so gut Bescheid auf dem heißen Boden der Großstadt, er ist
-über so manches Parkett geglitten und hat den Kammerherrn ehemals in so
-manch schwieriger Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge über
-dem jungen Bären walten lassen, welcher zum ersten Male die sichere
-Höhle verläßt! Anton wird angewiesen sein, ganz genau über den Grafen zu
-berichten, und wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die
-Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte, dann wird die
-Mutter zu rechter Zeit die energischen Hände heben, diese Fäden
-unbarmherzig zu zerreißen.
-
-Gräfin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet auf den Sohn, und
-als sie endlich seinen schweren, stampfenden Schritt auf der gewundenen
-Stiege hört, da hebt sie wie mit letzter Selbstüberwindung das Haupt und
-schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen, spitzgewölbten Tür,
-den hochgewachsenen Nacken im Eintreten beugend, steht Guntram Krafft.
-
-Mächtige Wasserstiefel reichen bis über die Knie, eine Düffeljoppe läßt
-die breite Brust noch hünenhafter erscheinen, und ein ausgeschlagener
-Südwester sitzt fest auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das
-frische, männlich schöne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen.
-
-»Dag ok, Mutting!« lacht er mit strahlendem Blick, reißt den Hut ab und
-hebt ihn in seemännischem Gruß hoch über das Haupt.
-
-»Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet? -- Aber bei
-diesem Wetter muß man auf dem Posten sein, damit kein Unglück am
-Hamelwaat passiert! Weiß der Kuckuck, daß solch eine gefährliche Stelle,
-wo schon so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner
-Strandkommission schärfer ins Auge gefaßt ist! -- Vorhin wieder eine
-Brigg! -- Schnurgrad drauflosgehalten! Noch ein paar Nasenlängen, und
-sie saß fest! -- Wir hatten sie glücklicherweise beobachtet, und ich
-konnte noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber eine
-Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise, und kalt genug hat's
-uns um die Ohren gepfiffen! Da hat dir dein Bär einen regelrechten
-Bärenhunger heimgebracht, und für ein Warmbier verkaufe ich heute auch
-das Recht der Erstgeburt!«
-
-Er lachte, daß die weißen Zähne unter dem blonden Schnurrbart blitzten,
-schlang zärtlich den Arm um die düstere Frauengestalt und küßte Frau
-Gundula herzhaft auf den Mund.
-
-»Das steht bereit, du Wasserratte!« lachte diese, mit einem Blick
-unendlichen Wohlgefallens die blühende Schönheit ihres Sohnes umfassend,
-»willst du dich erst umkleiden oder erst durch einen Imbiß erwärmen? Du
-weißt, ich liebe es nicht allzusehr, dich in dieser Ausrüstung am Tisch
-zu sehen!«
-
-»Weiß ich, Mamachen, -- und werde nie dein Eßzimmer durch Teerjacke und
-Ölzeug entweihen. -- Auch ist's mir, ehrlich gestanden, selber zu
-unbequem! Aber bitte, befiehl einstweilen alle Bierkannen und
-Schinkenbrote auf Deck, damit ich in zehn Minuten an ihnen zum
-Massenmörder werden kann!«
-
-»=Vae victis!=« --
-
-»Ja, wehe ihnen! Heut wird kein Pardon gegeben!« -- Und Guntram Krafft
-schritt über die Schwelle zurück, daß die morschen Parkettplatten
-krachten.
-
-Draußen hörte die Gräfin ihn fröhlich pfeifen: »Auf, Matrosen, die Anker
-gelichtet!« -- Dann hub ein gewaltig Poltern und Rumoren in der
-Turmstube des jungen Grafen an, und in sehr kurzer Zeit saßen Mutter und
-Sohn beim lodernden Kaminbrand in der Speisehalle zusammen, wo Guntram
-Krafft das Frühstück serviert war.
-
-Der Hausanzug des jungen Hohen-Esp war weder sehr elegant noch sehr
-modern, er war solide und zeugte von der Sparsamkeit, welche in allen
-Dingen noch im Hause herrschte, obwohl die Gräfin mit einem tiefen
-Ausatmen der Befriedigung noch vor wenig Tagen zu dem Inspektor gesagt
-hatte: »Noch ein paar solcher Rübsenernten, und wir können, so Gott
-will, schon das zweite Vorwerk von Walsleben zurückkaufen!«
-
-Aber trotz seiner nicht allzu vorteilhaften Kleidung sah der junge Graf
-ganz vortrefflich aus, just so, wie es zu seiner bärenhaften und
-urwüchsigen Schönheit paßte.
-
-Man konnte es sich bei seinem Anblick kaum denken, daß diese
-Reckengestalt in Frack und Lackschuhe hineinpassen würde, daß sie sich
-zum Träger all der weichlichen, geschniegelten Eleganz der modernen
-Salonhelden machen könne!
-
-Ein Zylinderhut auf diesem wildlockigen Haupt mußte ganz wunderlich
-aussehen, und wie die wetterharten Hände, wohl schön und edel in der
-Form, aber ohne Schonung verarbeitet wie bei dem geringsten Fischer,
-sich mir Glacéhandschuhen befreunden würden, schien selbst Frau Gundula
-in diesem Augenblick eine berechtigte Frage.
-
-Sie musterte das Äußere des jungen Bären interessierter wie je zuvor,
-und dieweil er frisch und fröhlich dem kräftigen Mahle zusprach und
-dabei voll lebhaften Eifers über seine stürmische Seefahrt sprach,
-flogen ihre Gedanken weit voraus ... und sie sah diesen unerschrockenen
-Seehelden auf dem höfischen Parkett stehen, umrauscht von schmeichelnden
-Musikklängen, umweht von süßem Amberduft, umglänzt von ungezählten
-Lichtflammen und umringt von koketten, lachenden, anmutig reizenden
-Mädchengestalten.
-
-»Unser Rettungsboot taugt nichts, Mutting,« fuhr Guntram Krafft
-währenddessen etwas unwillig fort, »es ist ganz unzweckmäßig gebaut, --
-ein Kahn wie alle andern auch, der bei gutem Wetter zum Heringfangen
-noch zu brauchen ist, aber wenn's mal kräftig weht, doch ein ganz
-unzuverlässiges Ding ist! Grad' bei der drei- und vierfachen starken
-Brandung am Hamelwaat! -- Über die äußerste Brandungslinie, wo sich die
-Wellen auf drei bis vier Faden brechen, kriegen wir's kaum noch hinaus.
-Hab' heute versucht, den Bug dem Lande zuzuwenden -- hab' den Lenzsack
-nachbugsiert -- damit ich das Boot zurück und zu gleicher Zeit recht vor
-der See halten konnte -- wollte so das Beidrehen hindern -- aber viel
-nützen tat's auch nicht! Ja, so ein gutes Peakeboot, welches sich
-aufrichtet wie ein Holundermännchen, mit einem schweren, eisernen Kiel,
-und vorn und hinten hohe, gewölbte Luftkästen ... ja, das könnten wir
-gebrauchen, damit ließe sich etwas ausrichten ...«
-
-»Sicherlich!« -- nickte Gundula zerstreut und überlegte, daß sich der
-junge Graf am besten in der Residenz neu ausrüsten müsse, -- Anton
-verstand sich vorzüglich darauf ... der muß ihn einkleiden ...
-
-»Ich finde, es ist eine Schande, daß gerade hier für unsere
-Küstenstrecke so gar nichts geschieht! Die nächste Rettungsstation
-hat gar keinen Wert für uns, denn wir können sie einfach nicht
-erreichen, wenn plötzlich Not an den Mann geht! -- Es _muß_ etwas
-hier geschehen, das Hamelwaat ist auch solch ein Brunnen, welcher erst
-zugeschüttet wird, wenn das Kind ertrunken ist! -- Mir geht es schon
-so lange im Kopf herum, mich an eine zuständige Behörde zu wenden, daß
-sie uns eine regelrechte Rettungsstation bauen läßt -- was meinst du,
-Mutter, was ich dazu tun könnte?«
-
-Die Gräfin blickte auf, legte entschlossen die Hand auf den Tisch und
-sagte: »Du wirst in der Residenz am besten Gelegenheit haben, maßgebende
-Persönlichkeiten für deine Pläne und Absichten zu interessieren!«
-
-»In der Residenz?!«
-
-»Ich möchte dir heute eine Eröffnung machen, Guntram Krafft, dir einen
-Wunsch mitteilen, welchen du mir hoffentlich erfüllst?«
-
-Er blickte erstaunt auf, nahm ihre Hand und küßte sie als stumme
-Antwort.
-
-»Es ist Zeit, daß du, als jetzt großjähriger Mann, deinem Herzog
-vorgestellt wirst, daß du hochdemselben, als angestammter Vasall und
-Sproß eines seiner ältesten Grafengeschlechter, deine stete Treue und
-Dienstwilligkeit versicherst. Ich habe mich diesbezüglich mit einer
-Anfrage an das Hofmarschallamt gewandt und eine sehr huldvolle und
-gnädige Antwort Seiner Hoheit erhalten.
-
-Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebenswürdigstem Interesse
-entgegen und ist bereit, dich bei Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt
-wird sich über die Saison erstrecken, du wirst die Feste im
-herzoglichen Schloß und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen der
-Hofgesellschaft mitmachen!«
-
-Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt bei dieser Eröffnung
-aus; er blickte die Sprecherin nur erstaunt an und sagte beinahe
-bedauernd: »Gerade im Winter bin ich am wenigsten abkömmlich hier! Denk
-an die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres! Wie gut war es,
-daß ich da auf dem Posten war! Aber so Gott will, haben wir gut Wetter
-in diesem Winter, und wenn du sagst, daß ich die Verpflichtung habe,
-mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so gehe ich.« --
-
-»Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge der hübschesten,
-liebenswürdigsten und vornehmsten jungen Damen kennen zu lernen -- --«
-
-Der junge Graf richtete sich höher auf, sein Blick haftete wie in
-starrem Forschen auf dem Antlitz der Sprecherin, über welches ein müdes,
-flüchtiges Lächeln glitt, ein Lächeln, wie er es noch nie darauf
-gesehen.
-
-Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck von Verlegenheit,
-wie bei einem jungen Mädchen, lag plötzlich auf dem schönen Antlitz, und
-langsam nach dem Bierglas greifend, fragte er zögernd: »Was meinst du
-damit, Mutter?«
-
-»Ich meine und hoffe, daß mein Sohn mir vielleicht eine schöne,
-liebenswürdige Tochter aus der Residenz mitbringt, eine junge Bärin für
-das alte Nest, welche all das frohe, frische Leben in Hohen-Esp
-aufblühen läßt, welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermißt hast!«
-
-Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief über Guntram Kraffts
-Augen, dann schlug er sie voll auf und lachte die Gräfin mit strahlendem
-Blicke an.
-
-»Das würdest du gut heißen?!«
-
-»Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender Wunsch, daß du
-heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle Lage ist durch Gottes gnädige
-Hilfe eine derartige geworden, daß du auch ein armes Mädchen heimführen
-kannst, vorausgesetzt, daß sie solide und anspruchslos genug ist, jetzt
-und für die Zukunft mit dir in unsrer lieben Waldeinsamkeit hier zu
-leben! Ein genußsüchtiges, eitles und oberflächliches Weib paßt nicht in
-die Bärenhöhle von Hohen-Esp, sie würde dein Unglück sein! Ich hoffe,
-daß du selbst an derartig veranlagten Damen keinen Geschmack findest,
-und werde dich noch, ehe du gehst, auf manches aufmerksam machen, was du
-zu beobachten hast. Es gibt auch in der großen, lebenslustigen Residenz
-genug sinnige, holde Mädchenblüten, welche ihr volles Genüge und ihr
-schönstes Glück in einem stillen Liebesleben, fernab von der lärmenden
-Landstraße, finden! -- Ich habe dich durch fünfundzwanzig Jahre hindurch
-gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, -- gebe der barmherzige Gott, daß du
-in dem wichtigsten und entscheidendsten Augenblick deines Lebens nicht
-mit Blindheit geschlagen sein mögest!«
-
-Die Gräfin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus und zog ihren
-Sohn an die Brust, und als sie in seine großen, klaren Augen sah, welche
-aus dem kühnen, wettergebräunten Männerantlitz noch so offen, ehrlich,
-treu und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie ein qualvolles
-Aufseufzen durch ihre Seele. -- »In Sturm und brandende Meereswogen habe
-ich dich ohne Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein
-Lebensschifflein auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche gleißt
-und glänzt und lockt wie ein Märchensee, -- welche ihre Klippen unter
-schaukelnden Rosen versteckt und über deren Untiefen sich schneeweiße
-Nixenarme breiten, -- jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld,
-und flehe zu Gott, daß dieses Lebensmeer dir den Frieden schenken möge,
-den es _meiner_ Seele geraubt hat!«
-
- * * * * *
-
-Alle Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen, und es kam der Tag, an
-welchem Gundula im dunkel flatternden Mantel abermals auf dem Söller
-stand, um dem Wagen nachzublicken, welcher ihr Liebstes von dannen
-führte. --
-
-Sorgenvoll schaute sie auf, ob die Sonne abermals für sie untergehen
-werde für ewige Zeit! -- Aber nein, wohl peitschte der Sturm das schwere
-Schneegewölk gegen sie und verdunkelte sie für kurze Zeit, dann aber
-brach ihr Licht kraftvoll und siegreich hervor, wie endliches, segnendes
-Glück!
-
- * * * * *
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Schneegestöber!
-
-Wie weiße Watte lag's auf der Erde, und darunter blankes Glatteis, so
-daß die Scharen der Straßenjungen mit lärmendem Hallo die breiten
-Trottoirplatten entlangschlidderten!
-
-Die eleganten Villen hatten Hermelinmäntel umgeworfen und standen in
-ihrer fürstlichen Pracht noch stolzer und unnahbarer wie sonst inmitten
-der wohlgepflegten Gärten, aus denen die Tannen, Lebensbäume und Taxus
-wie grüne Butzemänner schauen, welche unter weißen Laken Versteck
-spielen! Schlitten flogen mit klingenden Schellen und prächtig
-geschmückten Rossen vorüber wie Märchenbilder, schöne Frauen in
-flockigen Pelzen saßen darin und neigten grüßend die Köpfchen, Damen und
-Herren in eleganten Eiskostümen eilten dem spiegelblanken See im Parke
-zu, und zwischendurch drängte und schwatzte und lachte der breite Strom
-der Passanten, welche Dienst, Geschäft oder Vergnügen hinaus in das
-lustige Winterwetter trieb!
-
-Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend die Parkstraße
-hinab.
-
-Es war zum erstenmal, daß eine größere Stadt ihre reizbaren Bilder vor
-ihm entrollte und den Neuling durch ihren rastlosen Wechsel in die
-seltsamsten Gefühle versetzte.
-
-Anfänglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die Menschenmenge
-belästigt, die Masse der hohen Häuser in unangenehmer Weise bedrückt; er
-empfand nur das Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand es
-noch nicht, das Einzelne, Schöne und Interessante daraus zu erfassen.
-Aber er lernte es bald.
-
-Anton war ein verständiger und guter Lehrmeister, ein Mensch, der, als
-ehemals so verwöhnter und welterfahrener Mann, es nun nach der langen
-Zeit tiefer Einsamkeit geradezu mit Entzücken genoß, noch einmal in das
-verlorene Paradies seiner Jugendträume zurückzukehren.
-
-Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter bald an, und dieweil
-Graf Hohen-Esp während der ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und
-Mißtrauen jeglichem Neuen gegenüber empfand und seiner Mutter nur mit
-einem rechten »Stoßseufzer« über die schreckliche Rundreise durch alle
-Magazine und Läden berichtete, -- so gewöhnte er sich doch bald an das
-so gänzlich veränderte Bild seiner Umgebung.
-
-Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem Eigenartigen, immer
-zufriedener musterte er seine so ganz verwandelte äußere Erscheinung im
-Spiegel, -- er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd
-versicherte: »So, Herr Graf, nun können wir uns schon vor den
-Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen schmuckeren Junker können sie
-im ganzen Land nicht finden!«
-
-Ja, er war eine imposante, auffallend schöne Erscheinung, der Bär von
-Hohen-Esp, aber trotz der modernen Kleider lag es doch wie ein
-undefinierbares, gewisses Etwas über ihm, was ihn fremd und ungeschickt
-zwischen den anderen Herren erscheinen ließ.
-
-Eine unüberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte der neuen Kleidung
-beeinflußten ihn, er tappte daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens
-blind gewesen und nun mit einemmal sehen lernt.
-
-Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, kühn und
-trotzig in Sturm und wildes Wetter schaute, bekam etwas kindlich Naives,
-beinahe Verlegenes, wenn er durch die Menschenmenge schritt oder im
-Hotel an der Table d'hôte Platz nahm.
-
-Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine Manieren waren
-vorzüglich, formell und ritterlich, er war weit entfernt davon, sich
-wie ein Hinterwäldler zu benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise
-seltsam, weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und linkisch
-machte.
-
-Der junge Bär hatte wohl alles, was eine gute Erziehung fordert,
-gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie unter fremden Menschen
-verwertet, und weil hier in der Stadt _alles_ so völlig anders war wie
-daheim, so verlor er auch den Glauben an sich selber und seine Art, und
-diese Unsicherheit gab dem hünenhaften Recken etwas Linkisches und
-Unvorteilhaftes.
-
-Die Gräfin hatte bestimmt, daß ihr Sohn sich erst zehn bis vierzehn Tage
-in der Residenz aufhalten solle, ehe er seine Besuche bei Hof und in der
-Gesellschaft abstattete. --
-
-Sie fand es wohl selber notwendig, daß die weltfremden Augen des jungen
-Mannes sich zuvor an elektrisches Licht und den bunten Wirbel der
-Großstadt gewöhnten, daß er erst ein wenig auf dem Parkett gehen lerne,
-ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte.
-
-Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag besser, so daß Anton
-schon recht zufrieden war und sagte: »In zehn Tagen wird im Schloß
-getanzt, Herr Graf, da müssen zuvor die Karten abgeworfen werden!«
-
-»Aber ich kann nicht tanzen, Anton! -- das, was wir daheim im
-Fischerdorf mal >Tanzen< nannten, das paßt wohl schwerlich hierher in
-das Palais!«
-
-»Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern mit den schönen
-jungen Damen!«
-
-Guntram Krafft wurde dunkelrot.
-
-»Ich fürchte, daß ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, Alter, ich habe
-mich nie darin geübt, mit Damen zu plaudern! Von was soll ich sprechen?
--- Von Hohen-Esp? Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die ich aus
-den Büchern gelernt habe? Die werden den jungen Mädchen nicht gefallen!
--- Ich begreife nicht, woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken
-Bär hierher unter die Menschen zu schicken!«
-
-»So etwas müssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr Graf! Das findet
-sich schon alles, und Sie wären der erste junge Mann, welcher bei einem
-hübschen Fräulein nichts zu reden wüßte! Da fragen Sie nur: >Lieben
-Sie das Meer, mein gnädiges Fräulein?< und wenn sie sagt: >ja, gar
-sehr!< -- dann erzählen Sie ihr von unserm blauen Wasser daheim und den
-Fahrten durch Nebel und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hört eine
-jede gern!« --
-
-Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war eine gute Idee! Wenn
-er von seiner geliebten See sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz
-unwillkürlich das Herz auf die Zunge!
-
-Eine freudige Zuversicht überkam ihn, der naive Glauben eines redlichen
-Herzens, welches noch davon überzeugt ist, daß man auf jede freundliche
-Frage auch eine freundliche Antwort erhält!
-
-Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen beschäftigten, als er
-die Parkstraße entlang promenierte und mit hellem Blick auf das muntere
-Leben im Schneegestöber blickte. --
-
-Er lachte über ein paar Jungens, welche sich schneeballten, und als er
-»unversehens mit Willen!« auch einen der weißen Grüße gegen die Schulter
-klatschen fühlte, da blieb er stehen und amüsierte sich noch mehr.
-
-Helles Schlittengeläute erklang hinter ihm, doch wandte er in seinem
-lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, bis ein lautes Aufschnaufen,
-Klirren und Hufschlagen, sowie die schrillen Angstrufe etlicher
-Passanten ihn jählings zurückschauen ließen.
-
-Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen von zwei
-Vollblütern unter langwehenden Schneedecken.
-
-Da plötzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, von dem der Wind
-momentan den Schnee hinweggeweht hat, aus, es stürzt wie gemäht
-zusammen, schlägt wild um sich, reißt auch das andere Roß nieder, und
-der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knäuel anfährt, schlägt
-gegen den hochgeschaufelten Schneewall zur Seite.
-
-Der Kutscher ist von seinem kleinen Rücksitz herabgeschleudert, und die
-Dame, welche in dem Schlitten sitzt, scheint momentan unter demselben
-begraben.
-
-Von allen Seiten springen Männer heran und wenden sich in der ersten
-Bestürzung den Pferden zu, sie zu fassen, abzusträngen und weiteren
-Schaden zu verhüten -- Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten
-neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Händen und richtet ihn
-ohne jede weitere Unterstützung auf, als sei er ein Puppenspielzeug!
-Dann greift er abermals zu und richtet die Dame, welche halb vergraben
-in dem Schnee liegt, in seinen Armen empor.
-
-Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten prüfend ihre
-Bewegungen, ob sie sich verletzt habe.
-
-Sie steht auf den Füßen und tritt zur Seite, sie hebt die Arme und
-schüttelt die weißen Flockenballen aus dem Pelz und von dem Köpfchen.
-
-»Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!« -- atmet der Graf
-auf, -- er sagt es mehr zu sich, wie zu der Fremden; diese aber hat es
-doch gehört, sie reißt den schneebedeckten Schleier von dem Hut und
-drückt den Muff trocknend gegen das Antlitz.
-
-»Nein, Gottlob, -- ich bin mit heiler Haut davongekommen!« sagte sie mit
-überraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich
-oder nervös zu sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen
-hinzunehmen. »Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige
-Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft höflich den Hut zieht,
-blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick
-wird groß und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das Blut
-steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat
-er nie zuvor gesehen.
-
-Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Träume zu
-verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und
-in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt
-mit nachdenklichen Blicken betrachtete.
-
-Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend geformt das
-Näschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen
-Löckchen, welche unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten
-Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche zu schmelzen
-beginnen und in blinkenden Tropfen über der Stirn zittern, wie bei einer
-Nixe, welche der Flut entsteigt!
-
-Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen in langem,
-forschendem Blick, Augen, so hell, so groß, so flimmernd in einer
-undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grünes Seewasser unter den
-dunklen Wimpern zum Stern geformt!
-
-Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weißen Arme nach
-den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam
-schillernden Blick, daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle
-Tiefe, auf Leben und Sterben.
-
-Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit
-aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und
-Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben
-fortgetönt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie
-alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden
-Ring, welcher seine Heimat umschloß.
-
-Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem Boot lag, dann
-stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es
-in poetischer Schönheit in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den
-Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der
-weißen Brust, -- die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd über die
-Stirn, und die Augen, die großen, hellen, farblosen Augen, die
-schimmerten wie durchsichtiger Kristall! --
-
-So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut!
-
-Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll
-Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen.
-
-Er reißt abermals den eleganten, spiegelblanken Filz von dem lockigen
-Haar und stottert ein paar unverständliche Worte, -- aber sein Blick
-hängt wie gebannt an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem
-staunenden Entzücken, daß die junge Dame sich lächelnd abwendet und
-neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen Decken
-wieder auf die Füße gebracht sind.
-
-Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee von seinem Mantel
-und untersucht das Geschirr.
-
-»Na, das hat man alles noch gut gegangen, gnädiges Fräulein! Nicht mal
-ein Strang oder Riemen ist gerissen, und die Pferde sind auch mit dem
-Schreck davongekommen! Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist doch
-noch eine ganze Strecke bis nach Haus!«
-
-Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es erst an dem
-erstaunten Blick eines Dienstmannes, daß er den Hut noch immer in der
-Hand hält.
-
-Hastig setzt er ihn auf, -- seltsam, daß er das ganz vergessen hatte,
-daß er in dem eisigen Wind nicht fror! --
-
-Sein Blick hängt noch immer wie gebannt an der schlanken, schmiegsamen
-Gestalt der jungen Dame, welche den gelbflockigen Pelz wieder um die
-Schultern wirft. Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht.
--- Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, und abermals tritt
-der junge Graf herzu, ihr beinahe schüchtern die Hand zu bieten, um ihr
-behilflich zu sein.
-
-Wieder trifft ihn ihr Blick, -- sie lächelt.
-
-Aus Höflichkeit, gleichsam, um für seine Hilfe dankend zu quittieren,
-legt sie für eine Sekunde die zierliche Hand in die seine und schwingt
-sich voll sicherer Grazie in den Schlitten.
-
-Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, er sieht sie an
-wie ein Kind, welches voll ehrlicher Unschuld sagt: »Wie bist du so
-schön! wie gefällst du mir so gut!«
-
-Und die junge Dame, welche so viel Welt- und Menschenkenntnis besitzt,
-liest das auch sehr klar und deutlich von seinem hübschen Gesicht. Sie
-sieht ein wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne
-Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven Wesen des blonden Riesen
-paßt, sie lächelt abermals freundlich und anmutig, neigt das Köpfchen
-dankend und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit einen
-kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche in den Schnee gefallen,
-in den Schlitten zurücklegt. --
-
-»Ich habe kein Geld bei mir, -- kommen Sie und holen Sie sich nachher
-bei Papa ein Trinkgeld!« sagt sie freundlich.
-
-»O bitte, gnädiges Fräulein, -- hat nichts auf sich! Ist man gut, daß
-alles so abgegangen ist!«
-
-Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die Pferde bäumen ein wenig
-aufgeregt, ziehen an und sausen mit dem Schlitten davon.
-
-Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch einen Augenblick
-und schauen dem schellenklingenden Spuk nach, dann zerstreuen sie sich
-schnell -- und auch der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter.
-
-Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet wie verklärt.
-
-Er möchte die Augen schließen, um nur noch ihr Lächeln zu sehen!
-
-Er hat keinen andern Gedanken fürerst wie nur das Lächeln -- diesen
-sanften, weichen Druck ihrer kleinen Hand.
-
-Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, den ihre
-Gestalt ausströmte, als er sie im Arm hielt, zu ihm auf.
-
-Veilchen! Veilchen im Winter!
-
-Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht war es auch nur
-solch ein herrliches, duftendes Wasser, welches Anton ihm auf den
-Toilettentisch gestellt.
-
-Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten Parfüms, diese waren
-unerlaubter Luxus in der Bärenhöhle gewesen, seit Gräfin Gundula jeden
-Heller sparte, um Goldstücke zu erwerben.
-
-Anfänglich hatte Guntram Krafft »das Zeug« verächtlich zurückgewiesen.
-
-Es deuchte ihm zu weichlich für einen Mann, wenn er sich mit dem Duft
-einer Blume schmücken wollte; -- aber für eine Dame ... ja, das ist
-etwas anderes!
-
-Wie hatte er es an seiner Tante, -- an seiner Bonne geliebt, wenn sie im
-Frühling Veilchen und im Sommer eine Rose an der Brust trugen! Seine
-Mutter stellte die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine
-Farbe an ihrer düsteren Witwentracht, aber selbst in dem stillen,
-freudlosen Gemach der Gräfin hatte ihn der Blumenduft angeheimelt und
-erfreut.
-
-Und nun zog es wie eine süße, zauberhaft süße Woge um das reizendste
-junge Weib, welches er je mit Augen geschaut, um eine menschgewordene
-Melusine, welche ihm aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit
-er nicht allein sei in der großen, unverstandenen Welt. --
-
-Erst viel später kam ihm der Gedanke: »Wer mag sie gewesen sein?«
-
-Der Dienstmann schien sie zu kennen, es war töricht, daß er ihn nicht
-nachträglich um den Namen der Unbekannten befragt hatte! Er ist noch gar
-zu ungewandt in solchen Sachen, und er würde gewiß sehr verlegen
-geworden sein, sich als derart neugierig zu zeigen.
-
-Ob er sie wohl einmal wiedersieht?
-
-Gewiß! --
-
-Warum hätte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die Residenz ist ja nicht
-allzu groß, man begegnet sich wohl auf den Hofbällen, bei Gesellschaften
-oder in dem Theater, welches der Graf gestern besuchte, ohne daß die
-Oper einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird aber doch noch
-einmal hingehen, in der Hoffnung, seine reizende Nixe wiederzusehen.
-
-Sie war sein einziger Gedanke während des ganzen Tages, und sie folgte
-ihm auch bis in den Traum hinein.
-
-Daheim träumte der Bär von Hohen-Esp fast nie.
-
-Die schwere körperliche Arbeit, die kräftige Seeluft schaffen eine
-gesunde Müdigkeit, einen tiefen, traumlosen Schlaf.
-
-Hier kämpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier schafft er nicht voll
-eisernen Fleißes in Wald und Feld, -- hier schaut er nur wirre, bunte,
-flüchtige Bilder, hier führt er nur in trägem Nichtstun ein
-Schlaraffenleben, hier blickt er nur -- wie der verzauberte Fischer im
-Märchen -- in wasserklare, flimmernde Rätsel.
-
-Und als er schläft, rauschen die weißschaumigen Wogen um ihn her, und
-sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien, steigt empor aus der Tiefe
-und schüttelt lächelnd die blinkenden Tropfen von der Stirn.
-
-Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm, und als er regungslos,
-wie verzaubert steht und sie anstarrt, da greift sie in das Wasser und
-hebt eine köstliche Perlenschnur, die glänzt wie der weiße Wellenschaum,
-und ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die grünschillernde
-See, auf welche man auch hinabblickt, ohne den Grund zu schauen. Sein
-Herz erzittert in heißem, sehnendem Verlangen, -- er neigt sich voll
-Leidenschaft und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken in
-den grundlosen Nixenaugen. -- -- --
-
-»Töv min Söhn«, hört er plötzlich eine rauhe Stimme hinter sich, -- eine
-schwielige Hand packt seinen Arm und reißt ihn zurück.
-
-»Dat lat man sin, min Jong,« sagt der alte Krischan Klaaden, »Perlens
-bedüten all Tränen!«
-
-Da erwacht Guntram Krafft, reißt halb zornig, halb erschrocken die Augen
-auf und starrt in das fremde Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein
-halbes Frühdämmern bricht, und er atmet tief auf und denkt: »Wie
-seltsam! Ich habe geträumt, wie ich es ehemals als Kind getan! Das
-kommt von dem müßigen Leben und dem närrischen Zeug, welches man hier zu
-sehen bekommt!« --
-
-Es schlägt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp den jungen
-Gebieter noch nie in den Federn angetroffen, -- warum soll er aber schon
-hier aufstehen? --
-
-Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu tun hat.
-
-Der Graf verschlingt die Hände unter dem Haupt und schließt die Augen,
--- er will weiterträumen von der wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn
-mit dem Lächeln und den Augen der fremden Dame angeschaut.
-
--- -- An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr denn sonst
-spazieren.
-
-Es ist rauhe Schneeluft, und die verwöhnten Leute der Residenz sitzen
-hinter dem Ofen und ahnen gar nicht, wie anders der Nord-Nordost über
-die See heult, wie er seine Eiskörner gegen die Burgfenster von
-Hohen-Esp jagt und dem jungen Bären zuruft: »Komm heraus aus deiner
-Höhle und wage ein lustig Tänzlein mit mir!«
-
-In dicke Pelze gehüllt, schreiten hier in den geschützten Straßen die
-Herren so eilig aus, als fürchteten sie, in Eiszapfen verwandelt zu
-werden, und Damen sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park,
-wo der Graf während längerer Zeit Schlittschuh gelaufen, zeigte sich
-kaum eine der graziösen Gestalten in flottem Eiskostüm.
-
-Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er wandert ruhelos einher
-und sucht jemand, ohne es sich selber einzugestehen, und wenn ein
-Schlitten klingelt, so bleibt er unwillkürlich stehen und schärft den
-Blick.
-
-Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren, und Anton versichert,
-daß durch die alsdann erfolgenden Einladungen reiche Abwechslung in
-dieses langweilige Leben kommen werde.
-
-Bisher hat sich der Bär von Hohen-Esp vor diesen Einladungen gegrault,
-wie vor einer schweren unangenehmen Pflicht, welche er erfüllen muß,
-weil sie von ihm gefordert wird; jetzt plötzlich denkt er mit mehr
-Interesse daran, ja, er sieht in ihnen die einzige Möglichkeit, jener
-entzückenden Fremden noch einmal begegnen zu können.
-
-An der Straßenecke hängt in dem vergitterten Kasten der Theaterzettel
-aus.
-
-Zwar hat sich der Graf nach »Aïda« vorgenommen, nicht wieder dieser für
-ihn so unverständlichen Kunst zu huldigen, jetzt aber bleibt er
-plötzlich stehen und blickt nach dem weißen Papier hinüber.
-
-»Der fliegende Holländer!« liest er, und mit wenigen Schotten
-überschreitet er den schneeverwehten Damm und studiert überrascht das
-Personenverzeichnis.
-
-Der fliegende Holländer!
-
-Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden drunten im Dorf in
-»der blauen Woge« mit den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner
-seiner Jugendgespielen oder ein Anverwandter der Dörfler nach langen
-Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem Pfeifchen und einem Glase
-Grog sein »Garn spann!«
-
-Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern erzählt, von manch
-tollkühner Fahrt durch Wetter und Sturm, wenn die Segel verloren und der
-Mast gebrochen war, -- und die Erlebnisse der Jungen machten die Alten
-beredt, so daß sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern vom Klabautermann
-und dem »fliegenden Dutschman« berichteten!
-
-Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle Spuk, welcher
-schon sein Kinderherz höher schlagen und seine Augen so oft in Nebel und
-jagendes Gewölk spähen ließ -- hier auf der Bühne lebendig werden?
-
-Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten Wogenschwall
-wohl ein Schiff von Pappe und Leinewand schauen, und den bleichen Mann
-vom Tatenschiff bei elektrischem Licht an sich vorüberziehen sehen? --
-
-Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen blitzen.
-
-Nein, beim »fliegenden Holländer« darf er nicht fehlen!
-
-Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein für einen Mann, welcher so
-oft in Todesnot auf rollenden Seen die Segel gesetzt hat und
-hocherhobenen Hauptes auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen
-Anblick das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel!
-
-Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich nach seinem
-heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen glänzen, und aus dessen kühler
-Flut die Nixen steigen, ihn mit kristallenen Augen anzulächeln, so wie
-sie ... jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute und
-Bekannte hier in der Fremde deuchte!
-
-Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll weiter durch die
-menschenleeren Straßen, nach dem Theater, um sich einen Platz zu
-sichern.
-
-Der Wind fegt den Schnee von den Dächern, und ein rostiger Torflügel
-kreischt in den Angeln, das klingt wie Möwenschrei vom fernen Strand ...
-und Krischan Klaaden steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand
-auf seinen Arm.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Schon geraume Zeit vor Beginn der Vorstellung hatte sich Graf Hohen-Esp
-in dem Theater eingefunden.
-
-Er war der erste Gast im Haus, fast allein in der Loge, und betrachtete
-voll nachdenklichen Interesses das Gemälde des Vorhangs, die
-geschmackvolle Pracht des Goldstucks ringsum. Als Anton ihm zum
-erstenmal ein Billett in die Fremdenloge besorgt hatte, war der so
-sparsam gewöhnte Einsiedler entsetzt über den hohen Preis und fragte:
-»ob denn nicht noch billigere Plätze vorhanden seien?«
-
-Anton aber schüttelte ebenso respektvoll wie energisch den grauen Kopf
-und antwortete: »Nein, Herr Graf! Es ist Befehl der gnädigsten Frau
-Gräfin daheim, daß Euer Gnaden hier in allen Dingen standesgemäß
-auftreten. Wir haben es ja jetzt wieder dazu, an Geld ist kein Mangel
-mehr, seit die Güter in dero Besitz sind, und wenn in der Burg so
-sparsam gewirtschaftet wird, so ist das um des Prinzips willen, -- wenn
-es gilt, den Namen zu repräsentieren, soll es mit dem altgewohnten Glanz
-geschehen, -- so haben es die Frau Gräfin-Mutter bestimmt.«
-
-Guntram Krafft war es seit Kindesbeinen gewöhnt, einen Befehl der Mutter
-blindlings zu erfüllen, und so saß er auch jetzt wieder in der Loge, und
-wenn er diesen Platz auch noch viel zu prunkvoll für seine schlichten
-Ansprüche fand, so freute er sich doch, daß er ihm ein so unauffälliges
-Ausschauen nach allen Seiten gestattete.
-
-Sobald eine Tür klappte, richtete sich sein Blick wie in ungeduldigem
-Forschen den neu Eintretenden zu, und so viel anmutige junge Mädchen und
-selbstbewußte schöne Frauen auch erschienen, Guntram Krafft sah
-jedesmal enttäuscht aus. --
-
-Mehr und mehr Menschen drängten sich nach ihren Plätzen, immer bunter,
-immer farbenprächtiger ward das Bild ringsum, -- auch die Loge füllte
-sich mit Gästen.
-
-Ein paar höhere Offiziere mit ihren Damen nahmen neben dem Grafen Platz,
-die Erscheinung des fremden Herrn mit schnellen Blicken musternd und
-alsdann hinter dem Fächer in unauffälliger Weise nur das eine Wort
-flüsternd: »Der Parzival!«
-
-Ein Lächeln, Raunen, Flüstern -- --
-
-Ja, der moderne Parzival, welchen die besorgte Mutter so ängstlich
-gehütet, welchen sie in tiefer Waldeinsamkeit erzog und nun doch hinaus
-in die gehaßte Welt schicken muß, weil das Herz des jungen Recken voll
-glühender, tatendurstiger Ungeduld nach Aventure verlangt.
-
-Die ganze Residenz wußte es bereits, daß der Graf von Hohen-Esp im Hotel
-Quartier genommen und gekommen war, die Feste der Saison zu besuchen, um
-sich eine Burgherrin für die ferne Bärenhöhle zu erwählen.
-
-Voll lebhaften Interesses sahen Mütter und Töchter der guten Partie
-entgegen, und manch neugierig forschender, oder zärtlich lächelnder
-Blick streifte den jungen Mann, wenn er seine Spaziergänge durch die
-Straßen machte und sich so völlig fremd und unbekannt in der Stadt
-wähnte.
-
-Auch jetzt waren fast alle Blicke auf den Bären von Hohen-Esp gerichtet,
-welcher ahnungslos über die Menge hinwegblickte und nur eine einzige
-unter allen suchte.
-
-Er bemerkte es auch nicht, wie eine junge Dame in der Nebenloge, welche
-sich lebhaft mit den Insassen seiner Loge begrüßt hatte, die Blicke
-immer wieder auf ihn heftete und sichtlich bemüht war, seine
-Aufmerksamkeit zu erregen.
-
-Wie schwer aber war das bei einem derart naiven und harmlosen Menschen
-wie diesem modernen Parzival!
-
-Er hörte mit halbem Ohr der Begrüßung und Unterhaltung zu, vernahm, daß
-der eine der Offiziere sie »gnädigste Komtesse« -- eine der Damen als
-»liebste Thea« anredeten, daß man über einen Ball bei dem Kammerherrn
-von Stach sprach und fragte, warum eigentlich Fräulein von Sprendlingen
-nicht zugegen gewesen sei ...
-
-Dann aber setzte die Musik ein, und ihre wundervolle Eigenart
-interessierte den Grafen mehr, wie das verstummende Geplauder neben ihm.
-
-Soeben wollte sich seiner eine gewisse Mißstimmung über die
-Enttäuschung, welche er erfahren, bemächtigen, aber der eigenartige
-Seemannsruf, das so faszinierende: »Ho -- Hoho johe!« -- riß ihn empor
-aus seinen Gedanken, atemlos hinabzulauschen, wo aus Flöten und Geigen
-schier spukhaft der ganze Zauber des Seemannslebens emporrauschte.
-
-Und als sich der Vorhang hob -- da erhob sich ganz unwillkürlich auch
-Guntram Krafft und schaute starren Blickes, tief aufatmend, voll
-unendlichen Staunens auf das mächtig wogende Meer, auf welchem das
-Schiff des fliegenden Holländers heranfliegt!
-
-Und nun er selber, der verwünschte, ruhelose Mann, just so, wie sein
-altes, verräuchertes Bild in der »blauen Woge« daheim hängt, so bleich,
-wie Krischan Klaaden ihn deutlich gesehen hat, als er in wilder
-Sturmnacht am Kap Horn an ihnen vorüberraste!
-
-»Blutrot die Segel -- schwarz der Mast! --« Und alle Segel vollgesetzt,
-so wie das bei einem Schiff aus Holz und Eisen unmöglich gewesen, kein
-Licht an Bord -- keine Mannschaft auf Deck -- kein Pfeifen und Schrillen
-um Rahen und Wanten -- still und geisterhaft wie ein Schatten flog's
-vorbei, -- Elmsfeuer blitzen, und nur auf dem Vorderschiff eine düstere
-Gestalt mit schneeweißem Gesicht ... so ... just so, wie sie jetzt
-drunten auf der Bühne steht!
-
-Ho -- hoho johe! --
-
-Ist dies wahrlich nur eine Komödie?
-
-Ihm ist's, als wehe die kalte, scharfe Seeluft in die Loge empor, -- ihm
-ist's, als woge das Meer vor seinen Blicken ... ihm ist's, als stehe er
-selber am Strand und schaue aus nach jenem Schiff, von welchem die
-sehnsüchtigen Klänge über die Wasser ziehn ... »Blas lieber Südwind!...«
-
-Guntram Krafft richtet sich höher auf, wie wildes Heimweh überkommt es
-ihn, voll sehnsüchtigen Entzückens leuchten seine Augen! -- Er möchte
-die nervigen Arme recken und dehnen, möchte aus rauher Seemannskehle den
-Fremden auf der Bühne zujauchzen: »Ho ho johe! ich hol' euch über!! --«
-
-Vergessen hat er, wo er ist, er weiß es nicht, daß ein Lichtstrahl aus
-den Kulissen hervor just sein weit vorgeneigtes, begeistertes Antlitz
-trifft, er ahnt es nicht, wie schön ihn die Erregung macht, wie
-auffällig er sich in diesem Augenblick benimmt.
-
-Er weiß es auch nicht, daß zwei Mädchenaugen in langem Schauen auf ihm
-haften, daß es in ihnen aufleuchtet wie geheime Leidenschaft und
-brennendes Interesse, -- seine Nachbarin, Komtesse Thea, welche keinen
-Blick von ihm wendet.
-
-In die gegenüberliegende Loge sind leise zwei Damen getreten und haben
-unbemerkt Platz genommen.
-
-Die Jüngere ist es, die mit langem Blick den Grafen von Hohen-Esp
-mustert und ihrer Nachbarin zuflüstert: »Sieh, Mama, da drüben steht der
-fremde Herr, welcher mich gestern unter dem Schlitten hervorgeholt hat!«
-
-Frau von Sprendlingen, die noch immer auffallend schöne und elegante
-Frau des seit etlichen Jahren pensionierten Generals, hob die Lorgnette.
-
-»Ah! Das interessiert mich! Eine auffallend schöne und stattliche
-Erscheinung! Er scheint ja überaus begeistert von der Aufführung --
-sogar von diesem ersten langweiligen Akt! -- Sonst bekommen die Herren
-in der Regel erst Augen und Ohren, wenn die Senta erscheint! -- Sieh nur
-diesen Ausdruck in dem Gesicht deines Retters! Nächstens fällt er auf
-die Bühne herunter! Seine Augen _leuchten_ ja förmlich! Wer mag es sein,
-hörtest du es nicht, Gabriele?«
-
-Die junge Dame zuckte die Achseln. »Nie sollst du mich befragen ...«
-
-»Je nun, man wird es erfahren!«
-
-»Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!«
-
-»Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos --«
-
-»Aber nicht schick!« --
-
-»Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam, der blonde Riese
-scheint etwas derb in seinen Bewegungen --«
-
-»Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen er gestern
-wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge errötet mehr so intensiv wie
-er!«
-
-»Das ist kein Fehler!«
-
-»Aber auch kein Vorzug!«
-
-»Männertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht seltener!«
-
-»Geschmackssache! Es ist leider eine unumstößliche Tatsache, daß die
-amüsantesten und nettsten Herren meist diejenigen sind, welche schon mit
-einem Fuße in Amerika stehen!«
-
-»Amüsant mögen sie sein, -- aber nicht heiratsfähig!«
-
-»Was liegt daran?«
-
-»Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden will!«
-
-Gabriele zuckte mit stolzem Lächeln die schönen Schultern. »Als ob man
-nur heiratete, um versorgt zu sein und unter die Haube zu kommen! Arme
-Mädchen sind wohl darauf angewiesen! -- Gott sei Dank, daß ich in der
-Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ... einen recht amüsanten
-Mann zu wählen!«
-
-Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf und zupfte nervös an
-den echten Spitzen ihres Kleides.
-
-»Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verwöhnt ist und so
-ungeheure Ansprüche an das Leben stellt, mußt eine sehr brillante Partie
-machen. Du machst dir total falsche Vorstellungen von unserm Vermögen
-...«
-
-»O nein! Daß ich keine Millionärin bin, weiß ich, aber daß ich genug
-habe, um auch einen armen Mann heiraten zu können, davon bin ich
-überzeugt!«
-
-»Und wenn du dich irrst?«
-
-»Dann bleibe ich lieber frei und unabhängig, ehe ich einen Mann freie,
-der mir nicht sympathisch ist!«
-
-»Ist dir jener Fremde drüben sympathisch?«
-
-Gabriele lehnte das Köpfchen gelangweilt zurück. »Vorläufig ist er mir
-unendlich gleichgültig! Zwar sieht der >blonde Riese<, wie du ihn zu
-nennen beliebst, aus, als könne und müsse er ganz Hervorragendes
-leisten, und du weißt, daß ich die Menschen nur nach Verdienst schätze!«
-
-»Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche sich nur für
-Helden begeistern kann! Schade, daß es deren heutzutage zu wenig gibt!«
-
-»Es gibt deren!«
-
-»Etwa Herr von Heidler?«
-
-»Wenn einer -- dann er!«
-
-»Welche Illusionen!!« Frau von Sprendlingen lachte etwas nervös: »Ich
-hörte bisher nur, daß er recht flott und leichtsinnig sei!«
-
-»Und daß er der beste, kühnste und unerschrockenste Reiter, der
-tüchtigste Offizier im ganzen Regiment ist, hörtest du noch nicht,
-Mama?«
-
-»Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es noch nicht genug!«
-
-»Also bist du es, die so hohe Anforderungen an das moderne Heldentum
-stellt!« Gabriele hielt den Fächer ein wenig tiefer, und ihr Blick flog
-zu der ersten Reihe des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere
-der Garnison mit Vorliebe ihre Plätze wählten.
-
-»Mir genügt es vollkommen, wenn ein junger Mann seinen guten Willen
-beweist, sein Bestes für Fürst und Vaterland zu geben. Ich bin eine
-begeisterte Patriotin, ich taxiere den Mann nur nach dem, was er für
-Reich und Volk leistet, -- das bestimmt seinen Wert!«
-
-»Aber was leistet Heidler?« zuckte Frau von Sprendlingen ein wenig
-ironisch die Achseln.
-
-»Fürerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine Bravour
-auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt! Daß er eine vorzügliche
-Karriere macht, es zu den höchsten Ehren bringt, ist selbstredend.
-Sollte aber ein Krieg kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem
-Kaiser mit Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!«
-
-Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle Konduite,
-welche ihm der schöne Mund droben ausstellte, wandte Herr von Heidler,
-der elegante Dragoner, das Haupt und blickte mit einem mehr kühnen und
-siegesgewissen, wie verbindlichen Lächeln zu der Loge empor.
-
-Gabriele errötete ein klein wenig und nickte ihm wie einem guten
-Bekannten zu, war es doch stadtbekannt, daß Herr von Heidler ihr
-eifriger Courmacher war, welcher schon während der beiden letzten Winter
-die Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der Saison getragen.
-Der junge Dragoner war eine auffallende Erscheinung, nicht hübsch und --
-wie viele behaupteten -- auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden
-Fall recht interessant.
-
-Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit, mit einem
-sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht, glatt rasiert bis auf den
-englischen kleinen Bart an den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende,
-scharfe, lebhaft blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte Winkel
-ihm etwas Arrogantes gaben -- das war Herr von Heidler.
-
-Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten, sondern lockte
-sich in zwei kleinen Tollen über der Stirn, und das Monokel schaukelte
-sich meist nur auf der Brust, ohne benutzt zu werden.
-
-Die Damen schwärmten für den außerordentlich amüsanten Spötter, welcher
-rücksichtslos die Cour machte, seinen scharfen Witz auf Kosten anderer
-spielen ließ und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, -- die
-kleinen Skandalgeschichten, welche man sich über seinen Leichtsinn und
-sein Glück bei den Frauen erzählte, verliehen ihm seltsamerweise in den
-Augen der Großstädterinnen noch einen Reiz mehr!
-
-Die Herren urteilten weniger günstig über ihn, nannten ihn einen
-frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten höchstens den
-außerordentlichen Schneid und die beinahe brutale Kühnheit, mit welcher
-er sich auf der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht
-hatte.
-
-Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge war sehr leise geführt
-worden, -- sie waren ungeniert, da sie sich allein befanden, auch
-übertönte die Musik das Flüstern hinter dem Fächer.
-
-Mutter und Tochter kannten den fliegenden Holländer zur Genüge,
-betrachteten die Oper nur als angenehme Zerstreuung und wären heute
-abend überhaupt nicht hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der
-Prinzeß Amalie am Nachmittag vorgefahren wäre, mit der Nachricht, daß
-Hoheit Fräulein Gabriele heute abend gern in der Teepause im Opernhause
-sprechen möchte, um direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten.
-Man wisse, daß Fräulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin daselbst
-zu Gast gewesen und gestern zurückgekehrt sei.
-
-Der erste Akt war vorüber, langsam sank der Vorhang nieder, und die
-Klänge der Musik verhallten.
-
-Guntram Krafft stand noch so völlig unter dem Eindruck des Gehörten, daß
-er regungslos verharrte und zur Bühne hinabstarrte, als könne sein
-scharfes Auge die neidische Hülle durchdringen.
-
-Erst der tosende Beifall des Hauses ließ ihn betroffen aufschauen, und
-als er das Haupt wandte und sein Blick mechanisch die gegenüberliegende
-Loge streifte, zuckte er plötzlich zusammen, und auf sein erst so frei
-und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe scheuen
-Entzückens, mit welchem er schon einmal in die Augen seiner Unbekannten
-gestarrt!
-
-War es Spuk und Zauber?
-
-Da glänzten ihm plötzlich die klaren Nixenaugen wieder entgegen, da
-schimmerte das lockige Haar unverhüllt über der Stirn, und weiße,
-flaumige Spitzen rieselten wie Wasserschaum um den schlanken Hals.
-
-Der Graf hatte das Empfinden, als müsse er mit jubelnder Bewegung zu ihr
-hinübergrüßen, aber er wagt es nicht, er sieht aus wie aus Stein
-gemeißelt, und nur sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzücken
-über dies unverhoffte Wiedersehen.
-
-Die ältere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert zu ihm herüber,
-und um die Lippen seiner Meerfei spielt ein schnelles Lächeln.
-
-Sie sieht ihn an, groß und gelassen, und dann schaut sie an ihm vorüber
-und nickt Komtesse Thea an seiner Seite zu, -- die Offiziere in der Loge
-und deren Damen tauschen ebenfalls Grüße herüber und hinüber, und einer
-der Herren sagt laut und lebhaft: »Ah scharmant! Da ist ja Fräulein von
-Sprendlingen wieder zur Stelle! Es ging auch wahrlich nicht länger ohne
-sie, man ist so sehr an ihre reizende Erscheinung gewöhnt, daß der
-Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!«
-
-»War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?«
-
-»Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflüchtig! Hat ihre Tante Grüdner, die
-Hofmarschallin am Hofe zu X., anläßlich deren Silberhochzeit besucht!«
-
-»Sie kann noch nicht lange zurückgekehrt sein?«
-
-»Seit gestern mittag, gnädigste Frau! Hatte sogar noch ein
-Eisenbahnunglück hier in der Parkstraße zu überstehen --«
-
-»Eisenbahnunglück? Parkstraße? =bless me=! Sie sprechen in Rätseln,
-bester Baron!!«
-
-»Na, einigen wir uns auf ein Schlittenunglück, Exzellenz! Der >Schwan<
-kippte um, und Schön-Gabrielchen lag weich und warm ...«
-
-»Im Schnee?!«
-
-»O nein, an der Brust eines kühnen Retters, glaube, der alte Dienstmann
-Saul stürzte sich ihr nach auf Leben und Sterben!«
-
-»Pfui, wie unpoetisch! Glücklicherweise scheint alles sehr gut
-abgelaufen?«
-
-»Tadellos!«
-
-»Wer weiß, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen hat! Wenn der
-alte Saul sie im Arme hielt ...!!«
-
-»Ungefährlich, Exzellenz! Da es noch früh am Tage war, hatten seine
-Augen noch nicht den unheilvollen denaturierten Spiritusglanz!« --
-
-»Welch ein Glück!« --
-
-»Aha -- der Kammerherr erscheint drüben an ihrer Seite ... sie erhebt
-sich ...«
-
-»Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das Teezimmer befohlen?«
---
-
-»=Allright=, -- sie geht!«
-
-»Wie schade, -- es war ein so schöner =point de vue= für uns!« --
-
-»Ein Glück für Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, daß die Kleine in festen
-Händen ist!«
-
-»Hört, hört!« --
-
-»Festen Händen?«
-
-»Nun ja! Der alte Saul?!« --
-
-Leises, übermütiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp steht schwer
-atmend und lächelt nicht einmal.
-
-Er hat Wort für Wort von der Unterhaltung gehört, obwohl er keinen Blick
-von dem reizenden Mädchenhaupt drüben gewandt.
-
-Fräulein von Sprendlingen, -- Gabriele heißt sie! -- Nun hat er ihre
-Spur gefunden, nun weiß er, daß er sie wiedersehen, ihr sicher in den
-Salons begegnen wird.
-
-Sein Herz schlägt aufgeregt in der Brust, das Blut brennt ihm in den
-Wangen.
-
-Gabriele!
-
-Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie die Nixen aus der
-Flut tauchen und den Seemann mit kristallenen Augen anlächeln, dann ist
-es um ihn geschehen. --
-
-Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt, dieser küßt die
-schmale Hand der Mutter und bietet der Tochter galant den Arm, sie
-hinauszuführen.
-
-In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der Hof hat die große
-Mittelloge, wie fast immer nach den Aktschlüssen, verlassen. Der Bär von
-Hohen-Esp setzt sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen
-tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um ihn her wieder
-laut und lebhaft wird, da sieht er direkt in das blasse, schmale
-Gesichtchen der Komtesse Thea, deren tiefumschattete dunkle Augen mit
-dem Ausdruck einer Madonna auf ihn gerichtet sind.
-
-Er erschrickt beinah und hat das Gefühl, als müßte er ein Kompliment vor
-ihr machen, doch entsinnt er sich noch rechtzeitig, daß er ihr noch gar
-nicht vorgestellt ist.
-
-»Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste Freundin!«
-sagte die junge Dame just, -- wie es ihm scheint, mit ganz besonderem
-Nachdruck, und bei Guntram Krafft wecken die Worte: »Ich habe Gabriele
-sehr lieb!« einen warmen Widerhall im Herzen.
-
-Interessierter wie zuvor blickte er die Sprecherin an. --
-
-»Nun, dann muß man sich also mit Ihnen recht gut stellen, Komtesse
-Sevarille, wenn man einen Verbündeten sucht, um das Herz der spröden
-Freundin zu erobern?«
-
-Und abermals nickte die Genannte voll besonderen Nachdrucks und sagt,
-den Blick auf den Hohen-Esper gerichtet: »Das will ich meinen! Der Weg
-zu Gabrieles Herzen führt hart an mir vorüber! Wer zu ihr gelangen will,
-kann und darf mich nicht umgehen!«
-
-Sie scherzt anscheinend, und dennoch haben ihre Worte einen seltsam
-ernsten Klang in Guntram Kraffts Ohr.
-
-Er blickt sie in seiner naiven Weise an, als habe sie nur zu ihm
-gesprochen, -- hocherfreut und dankbar zugleich.
-
-Die dunklen, sanften Augen haben etwas sehr Vertrauenerweckendes für
-ihn, es muß herrlich sein, mit diesem anscheinend sehr liebenswürdigen
-und gütigen Mädchen über Gabriele zu sprechen.
-
-Sagte sie nicht selbst: »Ich habe meine Freundin sehr lieb?«
-
-Je nun, so muß ihr doch das Glück derselben ganz besonders am Herzen
-liegen!
-
-Die Musik intoniert von neuem, und unruhig schaut der Graf nach seinem
-reizenden Gegenüber aus, -- umsonst, der Platz an der Seite der Frau von
-Sprendlingen bleibt leer. Jetzt treten die hohen Herrschaften wieder
-ein, und hinter ihnen -- richtig -- da erscheint Gabriele und nimmt
-neben einer der Hofdamen Platz.
-
-Erst nach der nächsten Pause kehrt sie an die Seite der Mutter zurück.
-
-Mit strahlenden Augen begrüßt sie Guntram Krafft -- doch seltsam ...
-sie, die ihm noch vorhin ein so anmutiges Lächeln spendete, blickt jetzt
-plötzlich über ihn hinweg, als existiere er nicht mehr für sie.
-
-Die großen, hellen Nixenaugen blicken so kalt -- so unheimlich kalt, und
-die feinen Lippen wölben sich so stolz und hochmütig, als habe sie der
-blonde Fremdling hier drüben nie und nimmer im Arm gehalten.
-
-Was mag ihr plötzlich in den Sinn gekommen sein?
-
-Der Bär von Hohen-Esp ist so in Schauen und Sinnen versunken, daß er für
-nichts anders mehr Augen und Ohren hat, -- er bemerkt es nicht, wie
-Komtesse Thea keinen Blick von ihm wendet und ihn scharf beobachtet, wie
-das sanfte Madonnengesicht plötzlich einen sehr scharfen, ironischen
-Ausdruck bekommt, wie es in den schwärmerischen Augen aufglimmt. Er
-sieht nur das kühle, stolze Nixengesicht in der Loge drüben -- und als
-die Senta auf der Bühne drunten mit weicher Stimme klagt: »Doch nie ein
-treues Weib er fand!« da geht es plötzlich wie ein Erschrecken durch das
-Herz des weltfremden Mannes.
-
-Ein treues Weib! --
-
-Wie oft hat er daheim im Ernst und Scherz aus den rauhen Seemannskehlen
-gehört:
-
- »Da ist eine Nixe an's Ufer geschwommen,
- Die hat sich ein Schiffer zum Liebchen genommen,
- Ihr Aug' war wie Wasser, ihr Leib war wie Schnee,
- Und falsch und treulos das Weib aus der See --
- Hojohe! Hojohe!
- Das treulose Weib aus der See!«
-
-Sein Blick schweift wieder hinüber wie in angstvollem Forschen, und ihm
-ist's, als ob sich im Dämmerlicht des verdunkelten Hauses ihr
-schneeweißes Antlitz ihm zuwende.
-
-Lächelt sie?
-
-Ja, sie lächelt wie zuvor ... und ihre kleine, weiche Hand liegt wieder
-mit sanftem Druck in der seinen, er atmet den süßen Veilchenduft,
-welcher aus ihrem Haar emporweht.
-
-Wie erlöst von bangem Zweifel atmet er auf.
-
-Wie kommt er dazu, sie eine Nixe zu nennen? Nur um der wundersamen,
-lichtklaren Augen willen? --
-
-Das war eine sonderbare Idee von ihm.
-
-Gott sei gelobt, sie ist eine Erdentochter von Fleisch und Blut, und in
-ihrer Brust schlägt ein warmes, treues Herz, für den, welcher es zu
-eigen gewinnen wird!
-
-Warum ist er hier?
-
-Wie der fliegende Holländer, der einsame, weltfremde und verlassene, kam
-auch er an Land, um ein Weib zu freien, -- und so wie jener auf der
-Bühne drunten eine todgetreue Seele findet, so wird auch er sein
-zaubrisch Lieb sich heimholen. --
-
-Ho -- hohojohe! --
-
-Horch, den Matrosenjubel! Horch, die brausende See und den tosenden
-Sturm!
-
-Wieder weht es um seine Stirn wie heimatliche Luft, sein Herz wird weit
-und groß in heißem Sehnen nach dem Meer und all seinem herben Zauber!
-
-Soll er heimkehren zu ihm? --
-
-Lächelnd schließt er die Augen.
-
-Nein! Mit noch zaubervolleren, tausendfachen Banden hält es ihn in der
-Fremde fest!
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Während Guntram Krafft mit sehnsüchtigem Blick nach dem Logenplatz,
-welchen Gabriele am Arm des Kammerherrn verlassen, hinüberschaute, war
-Fräulein von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter der großen
-Hofloge lag, eingetreten.
-
-Prinzeß Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen.
-
-Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens wegen nur mit
-großer Anstrengung zu gehen vermochte und meist in ihrem kleinen,
-eleganten und leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem
-jungen Mädchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu und fesselte sie
-sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele von den anwesenden
-Fürstlichkeiten durch ein paar huldvolle Worte der Begrüßung
-ausgezeichnet war.
-
-Fräulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse Tee in der Hand,
-neben der Prinzessin und erzählte in ihrer frischen, anmutigen Art von
-den erlauchten Anverwandten der hohen Frau, welche sie während ihres
-Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch vor wenigen Tagen
-gesehen und gesprochen hatte.
-
-Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden Hoheit,
-welche diesen Winter zum erstenmal tanzt und auf einem Kostümfest im
-Ministerhotel als »Rautendelein« ganz besonders herzgewinnend aussah;
-von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits über den Kopf
-wachsen, sehr liebenswürdig und begabt sind, auch auf künstlerischem
-Gebiet, namentlich in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von
-diesen und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit der Prinzeß
-Amalie ihre Stellung innehatten und der hohen Frau ein ganz besonders
-treues und verehrungsvolles Andenken bewahren.
-
-Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt verändert!
-
-Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glück ist zerschellt,
-manch Unglück hat sich noch in letzter Stunde gewendet, -- die Jungen
-wachsen heran, und »neues Leben blüht aus den Ruinen!«
-
-Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen Erinnerungen neu
-aufleben zu lassen. Gabriele bleibt auf Wunsch der Frau Prinzessin in
-der großen Loge.
-
-Und als sich die Herrschaften während der nächsten Pause abermals
-zurückziehen, wendet sich der Herzog mit einer Ansprache an Fräulein von
-Sprendlingen und verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung.
-
-Als er sich just voll liebenswürdigen Interesses nach dem Unfall
-erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten gehabt, klingt das leise,
-beinahe übermütige Lachen des Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit
-einer der Hofdamen plaudert.
-
-»Ich glaube, Gräfin, wir alle sind gespannt, den >weisen Toren<
-kennenzulernen!« sagt er gerade mit vernehmlicher Stimme, »denn solch
-eine Bekanntschaft macht man nicht alle Tage, höchstens in Bayreuth!«
-
-Der Herzog wendet den Kopf: »Von welchem >weisen Toren< sprichst du?«
-
-»Von dem modernen Parzival!« lacht der Prinz, »welcher heute abend dem
-fliegenden Holländer eine gewaltige Konkurrenz macht und das Publikum
-mehr interessiert wie der bleiche Kapitän auf der Bühne drunten!«
-
-»So, so! -- Der Graf von Hohen-Esp! -- Der dürfte freilich die
-Attraktion der diesjährigen Saison sein! -- Und >Parzival< nennt Ihr
-ihn? -- So übel nicht, wenngleich der Hof des Königs Amfortas recht
-wenig Ähnlichkeit mit dem unsern hat!«
-
-»Parzival kam auch in Klingsors Zauberschloß und sah dort Blumenmädchen,
-die beinahe so schön waren wie unsere Balldamen!« neckte der Prinz mit
-einem Seitenblick auf Gabriele.
-
-»Dürfen wir ... oder müssen wir jetzt erröten, Hoheit?« --
-
-»Beides, mein gnädiges Fräulein, es steht Ihnen eins so gut wie das
-andere!«
-
-»Laßt sehen, ob es den modernen Parzival von Burg >Hohen-Esp< fesselt!«
-scherzte der Herzog und fuhr, direkt zu Fräulein von Sprendlingen
-gewandt, fort: »Was sagen Sie dazu, Gnädigste, daß die eifersüchtige
-Mutter Herzeleide, alias Gräfin Gundula, endlich den so lang versteckten
-Sohn freigibt?« --
-
-»Ich höre es soeben mit Staunen, königliche Hoheit, daß Graf Hohen-Esp
-hier in der Residenz anwesend ist!«
-
-»Sogar in nächster Nähe zu schauen! Bemerkten Sie noch nicht in der
-Loge, Ihnen gegenüber, einen blonden Mann, welcher nicht im mindesten
-nach einem Hinterwäldler ausschaut?!«
-
-Gabriele blickte den Sprecher mit weit offenen Augen an. --
-
-»Jener Fremde ... _jener_ ist es, königliche Hoheit?«
-
-»Gewiß! Sie erwarteten auch eine ganz andere Erscheinung in dem
-Einsiedler aus der Bärenhöhle?«
-
-»Findest du wirklich, Vater, daß er so völlig von Europens Kultur
-beleckt ist?« lachte Prinz Karl Emil mit zwinkerndem Blick: »Der
-tadellos zugeschnittene Rock und die Krawatte =à la fin de siècle=
-machen es nicht allein! Ich finde, der Graf sieht trotz all des
-Goldschnitts, mit dem man ihn >neu eingebunden< hat, doch aus, wie ein
-etwas verstaubter Foliant, welchen man aus wurmstichigem Archiv holt!«
-
-Leises Gelächter, die Herzogin und einer der Flügeladjutanten sind
-herzugetreten und beteiligen sich voll Interesse an dem Gespräch, sie
-lachen ebenfalls über den drolligen Vergleich des Prinzen, nur der
-Herzog zuckt etwas ungeduldig die Schultern.
-
-»Motiviere deine Ansicht!« sagt er kurz, »was mutet dich >verstaubt< an
-der blühenden, reckenhaften Gestalt des jungen Mannes an?«
-
-»Sein Anzug nicht, das haben wir bereits konstatiert!« fährt der
-Prinz mit lustig blitzenden Augen fort, »ich bin sogar überzeugt, daß
-Parzival das modernste Parfüm ins Schnupftuch goß, welches jemals
-Blumenmädchen fabrizierten. Aber ... es ist der Ton, welcher die Musik
-macht -- und die Art und Weise, _wie_ ein Mensch seine Kleider trägt,
-ist maßgebend für seine Persönlichkeit!«
-
-»Ganz recht, -- _wie_ aber trägt Graf Guntram Krafft seinen Rock?«
-
-»Wie ein Mann, der sich höchst fremd und höchst unbehaglich in der neuen
-Fasson vorkommt!«
-
-»So? Das ist mir noch nicht aufgefallen!«
-
-»Beobachte ihn! Jede seiner Bewegungen ist geniert, ungeschickt, -- in
-Wahrheit >bärenhaft<! Man sieht, daß der junge Einsiedler es gewohnt
-ist, mehr mit Keulen dreinzuschlagen, als wie mit dem Operngucker zu
-hantieren!« --
-
-»Mich überrascht am meisten der Ausdruck seines Gesichtes!« schaltete
-die Herzogin ein, »fraglos ist der Graf ein schöner Mann! Seine Züge
-haben etwas Edles, ich möchte beinahe sagen Heldenhaftes! Aber ihr
-Ausdruck nimmt ihnen vollständig diesen Charakter!«
-
-»Er ist von all dem Neuen befangen!...«
-
-»Und das wohl auch mit Recht! Seine Augen haben einen schier kindlichen
-Blick, so naiv wie er schaut kaum noch ein Backfischchen drein! -- Was
-er denkt und fühlt, spiegelt sich auf seinem Antlitz, das beobachtete
-ich während der Vorstellung. Wenn er bemerkt, daß sich aller Augen aus
-dem Publikum auf ihn richten, wird er verlegen wie ein schämiges
-Jüngferchen, -- ich möchte darauf wetten, daß er sogar errötet!« --
-
-»Dies alles deucht mir kein Fehler!«
-
-»Gewiß nicht, -- aber auch kein Vorzug für einen Mann!« --
-
-»Wir müssen bedenken, wie groß der Umschwung der Verhältnisse für den
-Ärmsten ist! In tiefster Einsamkeit aufgewachsen, steht er urplötzlich
-in dem bunten hochflutenden Strom großstädtischen Lebens, -- sonst
-gewöhnt, stets die strenge, energische Mutter zur Seite zu haben, welche
-alles für ihn bedenkt und leitet ... ist er plötzlich ganz allein auf
-sich selbst angewiesen und muß sich ohne Kompaß und Steuer durch die
-Flut völlig fremder Verhältnisse lavieren ...«
-
-»Er steht daheim vollständig unter dem Einfluß der Mutter?«
-
-»Selbstverständlich! Er wird der Gräfin jetzt wohl mit Ausübung aller
-praktischen Arbeit zur Hand gehen, aber sicherlich Frau Herzeleide
-ebenso als >hohe Obrigkeit< ansehen, wie Parzival der Ältere, ehe ihn
-sein Tatendrang hinaus in die Welt führte!«
-
-»Die Verhältnisse sollen ja geradezu glänzende geworden sein! Man sagt,
-die Gräfin habe sich vollkommen arrangiert und das verlorene Vermögen
-sozusagen zurückgewonnen!«
-
-»Hut ab! Sie ist eine vortreffliche Frau, welche jedermann die höchste
-Achtung abnötigt! Was diese Bärin für ihr Junges getan, macht ihr so
-leicht kein Mann nach!«
-
-»Sie muß eine geradezu geniale Landwirtin, eine geborene Agrarierin
-sein! Allerdings hat sie auch viel Glück bei der Sache gehabt! Schon der
-Umstand, daß der alte Wattenburg seinen Sohn verlor und nun nicht mehr
-viel Interesse am Landbesitz hat! Dem allein verdankt sie es doch, daß
-sie Walsleben so >portionsweise< zurückkaufen kann!«
-
-»Nächstens geht das Gut wohl wieder völlig in ihren Besitz über! Der
-alte Inspektor hat mal kürzlich unserem Domänenrat erzählt, die Gräfin
-hätte es schon vor zwei Jahren kaufen können, die Barsumme läge bereit;
-aber sie ist so sehr vorsichtig, daß sie sich nie völlig verausgabt,
-sondern stets mit allen möglichen Eventualitäten rechnet, Mißernten
-usw., wo es gilt, die Löcher mit Kapital stopfen!«
-
-»Sehr klug und vernünftig gedacht! -- Ich bin sehr gespannt, den Sohn
-kennenzulernen, ob er von den großen Anlagen der Mutter geerbt hat!«
-
-»Vorläufig machen Mutter und Sohn ja zusammen noch eine >Zehne< aus!«
-zuckte Prinz Karl Emil voll Humor die Achseln.
-
-»Was heißt das?«
-
-»Nun -- sie ist die eins -- und er ... die Null!« --
-
-Abermals ein leises Gelächter, nur der Herzog klappte mit verräterischem
-Zucken um die Lippen den Sohn mit dem Handschuh gegen den Arm und
-schalt: »Unverbesserlicher Spötter! Bei dir und deiner beklagenswerten
-Mama ist es freilich umgekehrt!«
-
-In den Korridoren ertönte das Klingelzeichen, die hohen Herrschaften
-traten nach sehr huldvoller Verabschiedung in die Loge zurück, und
-Gabriele eilte, die Begleitung des Kammerherrn dankend ablehnend, zu
-Frau von Sprendlingen zurück.
-
-Ihr Atem ging schnell und unruhig, ihr Herz schlug aufgeregt in der
-Brust.
-
-Sie setzte sich schweigend auf ihren Platz nieder, und ein finsterer,
-beinahe verächtlicher Blick streifte den Grafen von Hohen-Esp, welcher
-sich mit aufleuchtenden Augen vorneigte und durchaus kein Hehl von
-seinem Entzücken machte, sie wiederzusehen. Also das Muttersöhnchen aus
-der Bärenhöhle war der mutige Retter, welcher mit so gewaltigen Fäusten
-ihren Schlitten ausgerichtet hatte, daß der Kutscher gar nicht genug
-davon schwärmen konnte, war der höfliche Mann, welcher sie emporgehoben
-und mit solch unverhohlener Bewunderung in ihr Antlitz geblickt hatte,
-daß sie lächeln mußte!
-
-Der Bär von Hohen-Esp! Jener Held, welcher wegen einer kaum
-beachtenswerten Verletzung am Fuß nicht Soldat ward, welcher sich feige
-und schlapp hinter der Mutter Schürze verkroch, anstatt voll kühnen
-Wagemuts hinaus in die Welt zu stürmen, um Gut und Blut zu Kaisers Ehren
-zu wagen!
-
-Und den nennen sie einen Parzival? Sie möchte schallend auflachen, und
-beißt doch wie unter physischem Schmerz die Zähne zusammen.
-
-Nein! Parzival war zwar auch ein Kind weltabgeschiedenster Einsamkeit,
-welches die Mutter gegängelt hatte, solange sein Arm noch schwach und
-sein Schwert noch kurz war, -- als aber dem jungen Löwen das Haus zu eng
-ward, als er die königliche Kraft in Herz und Faust verspürte, da riß er
-sich los von dem unwürdigen Gängelband, von Weiberrock und Schürze,
-sattelte hochgemut sein Roß und zog aus, in seines Königs Landen Frau
-Aventure die Fehde anzusagen!
-
-Parzival, der weise Tor, ward ein Held, in dessen markiger Hand der
-Speer, der heilige, leuchtete; was aber ist Graf Guntram Krafft?
-Wahrlich ein Bär, welcher kampfmutig hervorbricht aus der Höhle, Sieg
-und Beute zu suchen? --
-
-Nein, wahrlich nicht!
-
-Er sitzt hinter dem Ofen und läßt Weiberhände für sich arbeiten, er
-erntet nur die Saat, welche die fleißige Mutter für ihn ausgestreut.
-
-Und was tut er für Kaiser und Reich?
-
-Nichts!
-
-Für wen setzt er seine Bärenkräfte ein?
-
-Nur für sich selbst!
-
-Sagt er es sich nicht selbst, daß er als Mann, -- als Edelmann heilige
-Pflichten zu erfüllen hat?
-
-Nein!
-
-In behaglicher Ruhe genießt er sein inhaltloses Leben, läßt das Schwert
-an der Wand rosten und stellt das Schild der Ahnen in die Rumpelkammer!
-
-Was will er hier?
-
-Sich gar ein Weib suchen, welches sein Schlaraffenleben mit ihm teilt?
-
-Ein verächtliches Zucken um Gabrieles Lippen.
-
-Auch eine solche wird sich wohl für ihn finden; es gibt Mädchen, welche
-wenig, sehr wenig von einem Mann verlangen, lediglich einen Trauring.
-
-Gehört Gabriele von Sprendlingen zu diesen bescheidenen Seelen?
-
-Nein, und tausendmal nein! In ihrer Brust glüht ein Feuer heiliger
-Vaterlandsliebe und stolzer Begeisterung, vor dessen Flammenschein
-selbst die reckenhafte Bärengestalt des reichen Grafen von Hohen-Esp wie
-ein Schatten kläglich zusammenschrumpft!
-
-Ja, kläglich!
-
-Gabriele ist wie eine Elfengestalt winzig und zierlich neben dem Riesen
-Guntram Krafft, und doch deucht es ihr, als blicke sie tief auf ihn
-herab, so tief, daß er gar nicht mehr für sie existiert!
-
-Als die letzten Musikklänge verrauscht sind und der tosende Beifall sich
-gelegt hat, erhebt sich das junge Mädchen und schreitet hastig dem
-Ausgang zu; für den Grafen von Hohen-Esp, welcher noch immer zögernd in
-der Loge steht und zu ihr hinüberschaut, hat sie keinen Blick mehr.
-
-In der großen Halle drunten stehen die jungen Offiziere und plaudern mit
-den Damen, welche hier das Vorfahren der Wagen erwarten. Auch Leutnant
-von Heidler ist Gabriele sporenklirrend entgegengetreten, küßt Frau von
-Sprendlingen die Hand und erkundigt sich nach dem Befinden der Damen.
-
-Er hat Gabriele bereits auf dem Bahnhof begrüßt -- daß seine Anwesenheit
-daselbst ein Zufall gewesen, hat er weder behauptet, noch hat es die
-junge Dame angenommen; auch jetzt blickt er ihr mit den kühnen,
-siegesgewissen Augen, wie in selbstverständlicher Vertraulichkeit in das
-reizende Antlitz und versichert ihr, daß die Residenz schauderhaft öde
-ohne sie gewesen sei und daß es eine ganze Menge zu erzählen gäbe!
-Gestern habe er mit etlichen Kameraden eine -- =soit dit= Schnitzeljagd
-auf Schnee und Glatteis geritten, um die Dauerhaftigkeit der Gäule
-auszuprobieren, die guten Resultate habe man selbstredend mit etwas
-Alkohol gefeiert, und zwar sei die Sitzung so ausgedehnt worden, daß er
-nicht mehr dazu gekommen sei, einen von ihm beabsichtigten Besuch in
-Villa Monrepos zu machen. Ob er denselben jetzt noch nachholen und eine
-Tasse Tee bei den Damen trinken dürfe?
-
-Frau von Sprendlingen hat durchaus nichts dagegen, obwohl ihr Lächeln
-ein wenig kühler scheint, wie sonst; Gabriele aber errötet unter dem
-zarten Spitzenschleier, welcher ihr Köpfchen verhüllt, und die
-Nixenaugen blitzen voll Interesse auf.
-
-»Einen Übungsritt =à la= Heidler?« ruft sie lebhaft, »davon müssen Sie
-erzählen! Wie geht es Ihrer >Gudrun< -- hat sie das Glatteis mit
-bekannter Verve genommen?« --
-
-»>Gudrun< hat brillant durchgehalten, aber Massenbach hat Pech mit
-seinem >Slusohr< gehabt, -- nahm einen Graben ... gegen die Sonne ...
-war natürlich geblendet und sprang zu kurz ...«
-
-»O weh! Und >Slusohr<?« --
-
-»Kocht bereits im Wurstkessel!«
-
-»=Pour condoler!=« --
-
-»Dem Besitzer des seligen Rosses oder denen, die es verspeisen müssen?!«
-
-Sie lachen und bemerken kaum die hohe Männergestalt, welche dicht neben
-ihnen an einer Säule steht und keinen Blick von Gabriele verwendet. Nur
-Frau von Sprendlingen sieht den Erben von Hohen-Esp und zeigt ihm ein
-ganz besonders freundliches Gesicht.
-
-Der Wagen wird gemeldet, Herr von Heidler bietet der Baronin den Arm,
-und Gabriele folgt.
-
-Guntram Krafft schreitet so dicht an ihrer Seite, daß der lichtblaue,
-mit weißem Tibet besetzte Samt ihres Theatermantels ihn streift.
-
-Die junge Dame bemerkte es nicht.
-
-Wieder weht der süße Veilchenduft zu ihm empor und benimmt ihm schier
-den Atem, -- der Einsiedler aus der Bärenhöhle hat nur Augen und Sinn
-für die schlanke Mädchengestalt neben ihm, -- aber das stolze Antlitz
-wendet sich nicht ein einziges Mal ihm zu.
-
-Er steht und sieht, wie der Dragoneroffizier sie in den Wagen hebt und
-dann selber einsteigt, -- die Pferde ziehen an, und neue Wagen und Rosse
-drängen vor das Portal.
-
-Wie im Traum schreitet der junge Graf in die kalte Winternacht hinaus.
-
-In seinem Kopf wirbelt es von neuen, wundersamen Eindrücken.
-
-Sein Herz schlägt heiß und ungestüm in seiner Brust; wie eine
-leidenschaftliche Glückseligkeit, eine jauchzende Lebensfreude kommt es
-über ihn. Morgen wird er seine Besuche fahren, er wird all die vielen,
-heiteren, freundlich lachenden Menschen kennenlernen, -- auch Gabriele
-von Sprendlingen, -- und dann ist er ihr kein Fremder mehr, er darf sie
-grüßen, darf mit ihr plaudern ... und sie wird ihn mit den süßen,
-rätselhaften Augen ebenso anblicken, wie vorhin den Dragoner ...
-
-Noch nie hat sich der weltfremde Mann so frohen Herzens zum Schlafe
-niedergelegt, wie an diesem Abend, -- vor seinen Ohren rauschen die
-Wogen des Meeres, klingen die Zauberweisen des »Fliegenden Holländers«
--- Sentas Antlitz trägt Gabrieles Züge, und sie breitet die Arme nach
-ihm aus und singt leise wie ein Hauch: »Ach, wann wirst du, bleicher
-Seemann, sie finden? Betet zum Himmel, daß bald ein Weib -- die Treue
-ihm hält!« -- Hohojohe! --
-
- * * * * *
-
-Die Villa Monrepos, welche der pensionierte General von Sprendlingen
-bewohnte, lag in einer jener stillen Vorstadtstraßen, in welchen nur
-Equipagen und elegante Passanten verkehren, wo kunstvolle Eisengitter
-die prächtig gepflegten Gärten einhegen und weiße Steinbilder aus Taxus
-und Lebensbäumen ragen.
-
-Über den verschneiten Gartenweg eilte eine junge Dame in fußfreiem
-Tuchkostüm, welches die sehr kleinen Juchtenstiefelchen genügend sehen
-ließ, ein weiches Pelzkäppchen auf dem lose gepufften Haar, und die
-dicke lange Boa von rötlich-hellem Pelz um den zierlichen Hals
-geschlungen, zog eilig die Glocke und ging mit kaum merklichem Gruß an
-dem Portier vorüber, um die teppichbelegte Treppe emporzuhasten.
-
-Sie schien kein seltener Gast bei Fräulein von Sprendlingen zu sein,
-denn der Diener öffnete sogleich wie ganz selbstverständlich die
-weißlackierten Flügeltüren und sagte mit kurzer Verbeugung: »Darf ich
-bitten, in das Musikzimmer, Komtesse, -- das gnädige Fräulein spielen
-soeben!«
-
-»Hm!« sagte Gräfin Thea von Sevarille, den Gruß ebenso unhöflich
-erwidernd wie zuvor denjenigen des Portiers, staubte die letzten
-Schneesternchen von dem Muff und schritt durch eine Flucht beinahe
-übereleganter Salons nach dem kleinen, turmähnlichen Anbau, in welchem
-Gabriele ihren Flügel aufgestellt hatte.
-
-Fräulein von Sprendlingen klappte die Noten zu und erhob sich.
-
-»Endlich, Thea! Es war mir schon ganz unheimlich, daß du noch nicht hier
-warst! Während meiner Abwesenheit hat sich doch gewiß mancherlei hier
-ereignet, was wichtig genug ist, um rapportiert zu werden! Komm mit
-hinüber, ich finde es heute kalt hier!«
-
-»Dein eisiges Herz kühlt die Temperatur zu schnell ab!« lachte Thea und
-legte den Arm um die Schultern der Freundin. »Mir ist es recht, warm zu
-sitzen, ich bin bis zum Eiszapfen gefroren!« --
-
-Sie traten in das lauschige Boudoir, in welchem sie ehemals schon als
-Backfische so oft beisammen gesessen; Komtesse Sevarille warf die
-Pelzjacke und Boa ab, zog den weißen Schleier über das spitze,
-scharfmarkierte Näschen empor und ließ sich wohlig vor dem Kamin in eins
-der hellseidenen Sesselchen sinken.
-
-»Neuigkeiten!« lachte sie; »wenn du gehst, Liebste, steht die Zeit bei
-uns still, -- und sowie du wieder auf der Bildfläche erscheinst, häufen
-sich die Ereignisse! Nummer 1! Du bist mit dem Schlitten umgekippt?« --
-
-»=En passant=, -- es war nicht der Rede wert!«
-
-»Es genügte, um dich einem höchst gefährlichen Retter in die Arme zu
-führen!!« --
-
-Thea dachte an den alten Dienstmann, von welchem man im Theater
-gesprochen, und belachte ihren harmlosen Witz sehr vergnüglich; um so
-mehr überraschte sie der plötzlich so ganz veränderte Ausdruck in dem
-schönen Antlitz ihres Gegenübers.
-
-»Ein gefährlicher Retter?« spottete Gabriele, und ihre Augen wurden so
-groß und durchsichtig, als wollten sie einen Blick bis in ihr tiefstes
-Herz gestatten. »Wenn mir alle Menschen so ungefährlich wären wie der
-Bär von Hohen-Esp, so wäre es gut um mich bestellt!«
-
-Schier atemlos starrte Thea sie an. »Der Bär von Hohen-Esp?« wiederholte
-sie gedehnt.
-
-»Verlangst du, daß ich ihn voll ersterbenden Respekts Herr Graf nenne?!«
---
-
-»Der Hohen-Esper rettete dich?«
-
-Gabriele zuckte beinahe ungeduldig die Achseln.
-
-»Mein Gott, du fragst mich ja nach meinem Retter, und da muß ich dir
-doch begreiflich machen, daß nichts an der ganzen Sache gefährlich war,
-weder er noch der umgekippte Schlitten, noch die durchgehenden Pferde!
-Nichts von alledem hat eine Spur hinterlassen!«
-
-Einen Augenblick starrte Gräfin Sevarille, noch aufs höchste betroffen,
-in das lodernde Kaminfeuer, dann faßte sie sich schnell und nickte sehr
-lebhaft: »Du sollst mir die ganze Begegnung mit dem sagenhaften Menschen
-einmal genau beschreiben! Ihr lerntet euch also bereits kennen?«
-
-»Ebenso wie man sich mit einem Eckensteher kennenlernt, der zuspringt,
-wenn einem der Schirm hinfällt!«
-
-Thea lachte gedämpft. »So stellte er sich nicht vor?« --
-
-»Nein! Ich glaube nicht, daß der Einsiedler aus dem Hinterwald schon
-Knigges Umgang mit Menschen studiert hat!«
-
-»Vorzüglich! Du bist fabelhaft amüsant, Gabriele! Und sehr gut warst du
-nie auf diesen Bär zu sprechen! Weißt du noch, wie du damals -- hier an
-derselben Stelle -- einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und
-ruhmlosen Grafen nie zu erhören, und wenn er zehnmal dir zu Füßen liegen
-sollte?«
-
-»Nein, diesen Schwur vergaß ich nicht und gedenke ihn auch unter allen
-Umständen zu halten!« spottete Fräulein von Sprendlingen mit demselben
-verächtlichen Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. --
-
-»Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das erste Kapitel zu
-einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!«
-
-Theas Augen schillerten, sie rückte eifrig näher und verschlang die
-Hände um das Knie.
-
-»Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt nicht die
-Ansichten wie die Handschuhe, -- das wäre erbärmlich! Es wäre nur recht
-bedauerlich, wenn der arme Parzival sein Herz ernstlich an dich
-verlöre!«
-
-»Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und Zylinder >Parzival<?
-Verzeih' die Offenheit, aber ich finde es als eine grobe
-Geschmacksverirrung!«
-
-»Warum das? -- Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp nicht genau mit dem
-von König Gamurets Sohn überein?«
-
-»Das ich nicht wüßte!«
-
-»Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret fiel im Kampf,
-hinterließ seine Gemahlin Herzeleide, welche an allem Glück ebenso
-verzweifelte, wie die Gräfin Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er
-ebensowenig heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich Karl seinen
-Erben in der Bärenburg! Und so steht es nun wörtlich bei Gustav Schalk
-zu lesen: >O<, schluchzte Herzeleide und drückte den schönen Knaben
-Parzival voll Zärtlichkeit an das Herz, >O, sähen dich, du liebes Kind,
-die Augen deines Vaters, wie würden sie so innig lachen ob deiner
-Schönheit! Wehe, wehe uns beiden, daß er dahinfahren mußte! Dich aber
-will ich behüten vor solchen Fährlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter
-werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und später als
-friedlicher Landmann den Acker bauen!<
-
-... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gräfin Gundula sprach gewiß
-ebenso, mit etlichen kleinen Veränderungen nur! >Wehe, daß er
-dahinfahren mußte nach Monte Carlo! -- Dich aber will ich vor solchen
-Versuchungen und Fährlichkeiten wahren, mein Guntram Krafft! Du sollst
-kein Leutnant werden, sondern fern in den Wäldern von Hohen-Esp
-aufwachsen und als friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!<«
-
-»Vortrefflich! Du weißt ja großartig Bescheid!«
-
-»Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, mein Ideal, meine
-Leidenschaft!«
-
-»Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist auch aller
-mütterlichen Schlappheit zum Trotz _doch_ ein Ritter geworden, hat
-Heldentaten getan und die Welt mit seines Namens Ruhm erfüllt, --
-dahingegen Graf Guntram Krafft? Was tat er?«
-
-»Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter zu sehr, um ihr
-durch trotziges Scheiden das Herz zu brechen, wie der >ritterliche<
-Parzival es tat!«
-
-Gabriele zuckte die Achseln.
-
-»Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von Hohen-Esp nur kein
-Taschenmesser mitgegeben hat, daß er sich hier in die Finger schneidet!«
-
-»Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen gegen Männer,
-welche sich nicht aus Patriotismus spießen und hängen lassen! Mag Graf
-Guntram Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen
-Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, -- _eins_ mußt du
-ihm dennoch zugestehen, daß er hübsch ist! Bildhübsch! Reichlich so
-schön wie jener Parzival, welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter
-Schminke und Lampenlicht alle Welt bezauberte!«
-
-Thea hatte mit beinahe schwärmerischer Ekstase gesprochen, sie preßte
-die Hände gegen die Brust und schaute träumerisch in das Schneetreiben
-hinaus, Gabriele aber lachte ein wenig erstaunt und schüttelte den Kopf.
-
-»Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu haben wie ich!
-Fürerst finde ich es nur schade, daß so männlich edle Züge einen solch
-weichlich naiven Ausdruck tragen! Das kommt bei der Erziehung in
-Waldeinsamkeit heraus! Aber gleichviel, -- er gefällt dir! Und das ist
-viel Glück für den Bärenhäuter ...«
-
-»Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, und ich mag es nicht
-hören!«
-
-»Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? So ganz =prima vista=
-dich erobern lassen?!«
-
-Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm um die Sprecherin
-und drückte ihr Gesichtchen mit den nervös bebenden Lippen an die
-Schulter der Freundin.
-
-»Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich über einen neuauftauchenden
-Heiratskandidaten lustig machen!« sagte sie leise, sehr innig und sehr
-aufrichtig, »du Glückliche hast dein Teil erwählt, du wirst geliebt und
-liebst wieder! Wenn du es auch noch ableugnest, -- wir wissen es doch,
-daß du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn man so reich ist
-wie du, kann man sich den Luxus gestatten, den Löwen der Saison an die
-Rosenkette zu legen -- ich armes Wurm muß bescheidener sein und Gott
-danken, wenn es nur ein Bär ist, dessen Herz ich bändige! -- Und er
-gefällt mir schon jetzt so gut, dieser Bär! -- Gabriele! Du hast stets
-gesagt, daß du meine treue, aufrichtige Freundin bist, betätige es! Hilf
-mir, daß ich auch so glücklich werden möchte, wie du!« Ein seltsamer
-Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen Nixenaugen.
-
-Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: »Wie schnell hat sich schon eine
-gefunden, die dem Freier aus der Bärenhöhle mit offenen Armen
-entgegenläuft!« -- -- aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kämpfte
-auch den Widerwillen, welcher sie überkam, nieder, und antwortete so
-freundlich, wie es ihr möglich war: »Wenn ich jemals etwas dazu tun
-kann, dir das Herz des Grafen zuzuwenden, so soll es gewiß geschehen,
-obwohl ich glaube und hoffe, daß er ohne fremdes Zutun solch einen guten
-Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler anbelangt« -- -- die
-Sprecherin erglühte bis auf den weißen Hals hinab, -- »so bist du
-gewaltig im Irrtum, wenn du glaubst, daß ein einziges Wort zwischen uns
-gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches Interesse. Wir
-sind gute Kameraden, -- weiter nichts.« --
-
-»Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! -- Apropos ...
-der Hohen-Esper fährt heute Besuche. -- War er schon hier, und habt Ihr
-ihn angenommen?«
-
-Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen Augen hervor und
-forschte in dem Antlitz des Fräulein von Sprendlingen, Gabriele aber
-griff gelassen nach ein paar Karten, welche zwischen den Büchern des
-Nebentischchens lagen und reichte sie dar.
-
-»Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama die Karten herüber,
-soviel ich weiß, hat sie den hohen Besuch empfangen, -- ich selber ließ
-mich entschuldigen, ich sei noch bei der Toilette!«
-
-»Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! So etwas
-brächte keine andere fertig!« --
-
-Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der Komtesse auf der
-Karte, sie war plötzlich sehr guter Laune, strahlend heiter und
-vergnügt. »Guntram Krafft, -- Graf Bär von Hohen-Esp«, las sie mit viel
-Pathos. »Wie entzückend das klingt! Das mußt du selbst eingestehen,
-Liebste!«
-
-»Der kleinste Titel darunter würde mir mehr imponieren wie der ganze
-Namen!« klang es trocken zurück.
-
-»Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amüsant, ich bewundere dich!
-Doch nun =addio, cara mia=, ich muß heim!« -- und Thea schob die
-Visitenkarte in ihren Muff und griff hastig nach der Jacke.
-
-»Bleib' doch noch! es gibt gewiß noch mancherlei zu berichten?!« --
-
-Aber Komtesse Sevarille hatte es plötzlich sehr eilig.
-
-»War der Graf denn schon bei euch?« fragte Gabriele noch zum Abschied.
-
-Sie nickte flüchtig. »Die Tournee fängt ja meistens in unserer Straße
-an! -- Empfiehl mich bitte deiner lieben Mutter ... und nochmals --
-=addio!=« --
-
-Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die Treppe hinab.
-
-Auf der Straße überlegte sie einen Augenblick. Sie wußte genau, nach
-welcher Liste die Visiten zumeist abgefahren wurden, ihrer Berechnung
-nach mußte Graf Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjägermeisters
-gekommen sein. Hastig schritt sie aus.
-
-Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus wie selten zuvor.
-
-Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram Krafft saß, in eine
-Nebenstraße einbiegen.
-
-Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der Oberjägermeisterin
-machen und noch einmal mit dem Grafen zusammentreffen, -- »doppelt
-genäht reißt nicht!« sagt ein altes Sprichwort, und außerdem möchte sie
-es dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, daß sie heute nachmittag auf dem
-Eis zu treffen ist. Auch Gabriele wird sie nennen, -- als Lockvogel. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-X.
-
-
-Der erste Hofball!
-
-Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme.
-
-Alter Tradition gemäß muß es an Hofballtagen besonders kalt sein, ein
-frisches, fröhliches Schneegestöber muß die Luft erfüllen, und die
-Parkbäume und Bosketts rings um das herzogliche Schloß herum haben die
-Verpflichtung, weiß bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, das Auge zu
-erfreuen, denn niemals sieht der malerische Rokokobau schöner und
-märchenhafter aus, als wie mit strahlend erleuchteten Fenstern inmitten
-der verschneiten Winterlandschaft.
-
-Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden Streifen über die
-weißen Samtdecken der Rasenflächen, werfen flimmernde Reflexe auf dem
-gefrorenen Teich und glühen wie starre Augen durch die immergrünen
-Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten in den fleckenlosen
-Hermelin des Winters zeichnen. --
-
-Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, wo ein mächtiges,
-eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit den inneren Schloßhof
-abschließt. Da staut sich die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick
-in das glänzend erleuchtete Vestibül zu werfen, wo mächtige
-Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die verträumten Blattwedel
-über Marmorfiguren breiten.
-
-Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen und
-Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden
-Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden
-Gästen und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher
-Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie
-ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern über die Purpurteppiche
-rauschen.
-
-Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem Sockel einer Karyatide
-und umfaßte mit staunendem Blick das üppige Bild, welches sich seinen
-Augen bot.
-
-Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und
-Gemächern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser
-strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert
-war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen
-vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim
-brannte höchstens das Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder
-schaukelte sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem Fünkchen
-gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl
-junges, schmuckes Blut, solch eine Blütenlese reizender,
-vornehm-schlanker Mädchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor
-geschaut, und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette deuchte
-ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, nüchterner Verstand nicht
-zu lösen vermochte! --
-
-Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen
-einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf
-Euer Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! Das darf aber
-nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn der Herr Graf diesen ersten
-Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie
-stellen sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst mal
-genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bißchen über die
-einzelnen orientieren. Auf diesen großen Bällen ist es nicht nötig, daß
-man sich jeder einzelnen Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren
-und Adjutanten müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann
-den Staats- und Hofdamen, den Marschällen und dem Zeremonienmeister vor,
-und die sorgen dafür, daß der Herr Graf den hohen Herrschaften
-präsentiert werden! -- Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man wird
-alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und Treiben in Fürstenschlössern,
-und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst
-ein bißchen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rücken hat,
-ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom stürzt, kann
-man nicht darin ertrinken! -- Das nächste Mal mischen Sie sich dann
-schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen
-kennen und amüsieren sich herrlich!«
-
-Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich
-und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem
-Gefühl der Verzauberung um sich zu schauen.
-
-Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschäftigung
-und ein schöner Vorwand, länger verweilen zu können.
-
-Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend und die guten
-Bekannten begrüßend, all die wunderholden Frauen und Mädchen, mit
-schimmernd-weißen Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten
-Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben.
-
-Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, und fürnehmlich,
-wenn es so sinnbetörend und hübsch ist, wie eine junge Dame in großer
-Toilette.
-
-Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, welche daheim
-der Mutter majestätische Gestalt umwallen, nicht die schweren Düffel-,
-Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes
-kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und
-silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war
-ein Traum!
-
-Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, Seide und Samt, -- wie
-die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider
-wehen! -- Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen,
-welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!
-
-Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt in die Kreppwogen
-und in die reizend frisierten Haare, keine frischen, lebenden Blumen,
-wie Guntram Krafft zuerst geglaubt, sondern wunderbar täuschend
-nachgeahmt, mit Blättern und Knospen, Blüten, wie man sie in gleicher
-Schönheit kaum im Lenz beisammensieht! --
-
-Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen!
-
-Über Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie ein versteinerter
-Funkenregen, in allen Farben der Iris leuchtend, -- Diademe über der
-Stirn, goldene Spangen um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen
-besonders tief und schwärmerisch blicken, da glänzen die zauberschönen
-Schätze des Meeres, die Tränen der Nixen und Meerfrauen, welche die
-Menschen Perlen nennen!
-
-Gar mancher Blick hat den Bär von Hohen-Esp gestreift, gar manch leises
-Wort ist über ihn gewechselt und manch rote Lippe hat seinen Namen
-genannt, -- auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen
-Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit sein fremdes
-Bild gemustert.
-
-Er trägt zum erstenmal einen Frack -- die weiße Binde und Weste -- zum
-erstenmal die spiegelnden Lackschuhe an den Füßen.
-
-In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und weil sich der Einsiedler
-aus der Bärenhöhle so ungewohnt darin vorkommt, fühlt er sich beklommen
-und geniert.
-
-Die Zahl der Gäste lichtet sich, es scheint nun die höchste Zeit zu
-sein, die Säle zu betreten, und langsam steigt Guntram Krafft die Treppe
-empor.
-
-Er mustert die überlebensgroßen Gemälde fürstlicher Ahnherrn an den
-Wänden, er atmet schwer und tief den berauschenden Duft, welcher ihn
-geheimnisvoll umweht. Sind es die Veilchen, welche Gabriele jüngst im
-Schlitten getragen? --
-
-Wie haben seine Blicke Fräulein von Sprendlingen gesucht, -- wie zuckte
-sein Herz empor, als er sie noch im letzten Moment droben an der
-Treppenbiegung erblickte. Sie wandte just das Köpfchen und schaute
-zurück, ein paar jungen Damen drunten zuzunicken.
-
-Ihr Blick streift auch ihn, -- aber so fremd, so kühl, als habe sie ihn
-nie im Leben gesehen.
-
-Wieder überkommt ihn ein Gefühl banger Ungeduld.
-
-Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit sie auch mit ihm
-plaudert und ihn abermals anlächelt wie damals auf der Straße, als er
-ihre schlanke Gestalt in den Armen emporhob und sie sekundenlang an
-seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie steht ein
-diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden zu begrüßen.
-
-Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswürdig entgegen, nennt
-seinen Namen und spricht seine Freude aus, wieder einen Vertreter der
-Familie von Hohen-Esp hier begrüßen zu dürfen.
-
-Er spricht mit leiser Stimme, sehr höflich und verbindlich, dennoch
-liegt etwas Zeremonielles in seinem Wesen, und sein Händedruck ist mehr
-förmlich wie herzlich.
-
-Er geleitet den Neuling auf höfischem Parkett bis zu dem nächsten Saal,
-welcher seinen Namen von den kostbaren alten Gobelins, die seine Wände
-schmücken, erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis zu
-dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. Zwei Adjutanten in
-großer Uniform halten sich in der Nähe der Tür auf, treten eilig herzu,
-und der Kammerherr stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn bei
-den jungen Damen bekannt zu machen.
-
-Ein paar sehr liebenswürdige Worte der vielbeschäftigten Herren, welche
-Guntram Krafft mit der ehrlichen Versicherung, daß er sich freue, diesem
-Feste beiwohnen zu können, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger
-Leutnant hinter ihm einen unverständlichen Namen und offeriert die
-silberne Schale mit den Tanzkarten.
-
-Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins der eleganten
-Kartonblätter, auf welchem unter dem farbigen Fürstenwappen eine Anzahl
-Tänze notiert ist, von welchen er kaum die Namen kennt.
-
-»=The lancers=« -- »Menuett der Königin« -- »Ouadrille =à la cour=«
--- nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp fremd geblieben.
-
-Polka und Walzer, -- ja, die hat er voll fröhlichen Übermuts bei dem
-Hauslehrer gelernt und zeitweise in der »blauen Woge« praktisch
-angewandt, wenn irgendein besonderes Fest die Anwesenheit des gräflichen
-Schirmvogts erforderte, -- er hat da unwillkürlich ebenso mitgetanzt wie
-die wetterharten Fischer, Matrosen und Seeleute es vorgemacht; und daß
-man in Lackschuhen, auf höfischem Parkett doch ein bißchen anders walzt
-wie in dem weltfremden Fischerdorf -- das sieht der Bär von Hohen-Esp
-nur allzugut ein. Er verzichtet darum darauf, zu engagieren, obwohl
-einer der Adjutanten sich mit ihm durch die Menge drängt und den Versuch
-macht, ihn den Damen vorzustellen.
-
-Lauter fremde Gesichter, -- wie rosige Nebel wallt es vor den Augen des
-Grafen, er verneigt sich stumm und vermag kaum, die einzelnen jungen
-Mädchen mit dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu merken,
-welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren schwirren.
-
-Wozu auch? -- Er sucht nur ein einziges Antlitz, er lauscht nur auf
-einen einzigen Namen, und just darauf vergeblich.
-
-Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, hartes Klopfen auf
-dem Parkett ertönt, die lachenden, schwatzenden Stimmen wie mit
-Zauberschlag verstummen und die Damen hastig nach der einen Seite des
-Saales, die Herren nach der andern zurückweichen.
-
-Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschäftig »die Fronten« auf und
-ab, herüber und hinüber werden noch ein paar Scherzworte und Grüße
-getauscht, dann klopft es abermals, die vergoldeten Flügeltüren schlagen
-auf, und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten die hohen
-Gastgeber, von den Privatgemächern kommend, den Saal. --
-
-Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links.
-
-Die Herrschaften grüßen voll gewinnendster Leutseligkeit, lächeln und
-schreiten langsam durch die spalierbildende Jugend.
-
-»Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?« fragt Guntram Krafft
-den jungen Leutnant, an dessen Seite er zufällig steht, ein wenig
-betroffen, als der Hof in der gegenüberliegenden Tür verschwindet, und
-der Angeredete klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem bartlosen
-Gesicht die Hacken zusammen.
-
-»Herrschaften treten fürerst in den Thronsaal, um die älteren Damen und
-Herren zu begrüßen! Findet in der Regel kleiner Cercle statt, aber dann
-geht es sofort los! -- Werden uns gleich hier durch die Galerie in den
-Tanzsaal begeben. -- Haben der Herr Graf schon alle Tänze besetzt?«
-
-»Nein! Noch nicht einen einzigen.«
-
-»Ah ... fatal ... sind ein wenig spät gekommen, ist aber kein Mangel an
-Tänzerinnen! Im großen Saal läßt sich das erst richtig übersehen.«
-
-»Ich möchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur als Schauspiel auf
-mich wirken lassen!«
-
-»Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergnügen, auf einem wie ein
-Präsentierteller großen Raum zu tanzen! Furchtbare Fülle heut! Man
-findet sich kaum durch! Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit
-den Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle Stars sind
-vollzählig vertreten.«
-
-»Wer gilt für die schönste der Damen?«
-
-Der junge Offizier lacht: »=Mon Dieu=, Verehrtester, das ist schwer zu
-sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! Da ist die Hofdame der
-verwitweten Prinzeß Amalie, -- Gräfin Dollen, eine vielgerühmte
-Schönheit, aber kühl ... kühl bis ans Herz hinan ... dann Fräulein von
-Lochau, pikant ... amüsant ... kapriziös.., Baronesse Sprendlingen,
-bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll ... Fräulein
-Karola von Erlau-Föhrbach, Tochter des Ministers ... ein
-Tanagra-Figürchen voll größten Charmes ... aber pardon ... wir wollen
-uns in den Tanzsaal begeben, damit die höchsten Herrschaften allzugleich
-das Zeichen zum Beginn des Tanzes geben können ... Sie gestatten, Herr
-Graf ...« und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander
-und schießt davon, um einer zierlichen kleinen Blondine den Arm zu
-bieten und sich dem »Zug nach dem Westen« anzuschließen.
-
-Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm vorüber, und Guntram
-Krafft steht -- um eines Hauptes länger denn alles übrige Volk -- ruhig
-beiseite und überfliegt mit suchendem Blick die bunte Menge.
-
-»Fräulein von Sprendlingen, -- bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt
-und anspruchsvoll!« klingt es noch wie ein Echo vor seinen Ohren, und
-dann denkt er wie in jubelnder Freude daran, daß er nicht zu tanzen
-braucht, sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann.
-
-Und wie er mechanisch über die Menge hinblickt, -- da zuckt er plötzlich
-empor und ahnt es nicht, daß ihm alles Blut in die Wangen steigt.
-
-Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Köpfchen auf. Sie scheint es
-nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu erreichen.
-
-Sie hat einen großen, zartduftigen Marabu-Fächer entfaltet und bewegt
-ihn mechanisch vor dem Busen auf und nieder.
-
-Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz zarter, maigrüner
-Hauch, durch welchen sich ein Silbergekräusel zieht, und die
-wunderschönen Arme gleißen im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo
-sah er sie schon?
-
-Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche ihm die Perlenschnur
-entgegenreichten. Perlen!
-
-Nein, diesmal träumt er nicht!
-
-An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem Glanz, eine Kette mit
-einem Brillantschloß ... und sie neigt den Nacken graziös zurück und
-lächelt zu einem Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schöne Worte zu
-sagen scheint.
-
-Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die letzten im Saal, und
-Guntram Krafft begreift es in dem Augenblick selber nicht, woher er den
-Mut nimmt, aber er steht in dem nächsten Augenblick vor den beiden,
-verneigte sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen.
-
-»Darf ich um einen Tanz bitten, mein gnädiges Fräulein?«
-
-Sie schaut ihn mit den großen hellen Augen einen Moment sprachlos an,
-das Lächeln schwindet, ihre Lippen zucken ein Gemisch von Stolz und
-schroffer Abweisung.
-
-»Bedaure, meine Tänze sind vergeben!« sagt sie kurz, klappt den Fächer
-zu und legt ihre Hand auf den Arm des Offiziers, um hastig
-weiterzuschreiten. Herr von Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit
-kurzer Verneigung genannt und den Bär von Hohen-Esp mit etwas ironischem
-Blick gemustert, dann flüstert er seiner Tänzerin ein paar Worte zu, und
-beide entschwinden in die Galerie.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Einen Augenblick stand Guntram Krafft regungslos und starrte der
-entzückenden Erscheinung des jungen Mädchens nach.
-
-Alles Blut, welches ihm zuvor nach dem Herzen gestürmt war, schoß ihm in
-die Wangen, und ein Gefühl tiefster Mutlosigkeit überkam ihn.
-
-Er war viel zu harmlos und weltfremd, um in dem Benehmen der beiden eine
-Zurücksetzung oder Unhöflichkeit zu sehen; es erfüllte ihn nur mit
-tiefer Betrübnis, daß er zu spät gekommen war, und sein erster Gedanke
-war der, daß Gabriele wohl erwartet hatte, er werde früher den Weg zu
-ihr finden, um sie zu engagieren.
-
-Fraglos war sie über sein langes Zögern ungehalten, denn zuvor hatte sie
-ihn doch nicht mit diesen stolz und kühl schimmernden Augen angesehen!
-
-Sie lächelte ihm so wonnig zu, als er sie aus dem Schnee emporhob, und
-als sie zuerst in das Theater trat und seiner ansichtig wurde, da
-spiegelte es sich in ihrem Gesicht, daß sie ihn wiedererkannte, und
-abermals flog das süße, bezaubernde Lächeln um ihre Lippen. Nun zürnt
-sie ihm!
-
-Wie soll er sich ihr wieder nähern, um sie zu versöhnen?
-
-Er ist so fremd hier, unter all den vielen Menschen doch so allein.
-
-Und sehr freundlich ist niemand zu ihm, keiner scheint Zeit und Lust zu
-haben, mit ihm zu plaudern.
-
-Dieses Empfinden macht ihn noch befangener wie zuvor, und er, der noch
-nie ein Gefühl der Furcht gekannt, der sich todesmutig auf die brüllende
-See hinauswagte, voll kühnen Trotzes dem Tode sein Opfer abzuringen, er
-wagte es kaum noch, die Schwelle des Tanzsaals zu überschreiten, er
-steht zaudernd und verzagt beiseite und fühlt es plötzlich, wie heißes,
-ungestümes Heimweh sein Herz erfaßt.
-
-Jubelnde Tanzweisen erbrausen durch die weitgeöffneten Saaltüren, -- er
-hört nur noch den Klang von Gabrieles herben Worten, -- eine bunte,
-glitzernde, farbenprächtige Menschenflut wogt vor ihm und lockt mit
-tausend Wundern, -- er aber sieht nur noch zwei kalte, helle,
-kristallfarbene Mädchenaugen, welche ihn ansehen, daß er bis in das
-tiefste Herz hinein friert. --
-
-Wie einsam, wie verlassen ist er auch hier! -- Wie empfindet er es noch
-so viel schmerzlicher, als daheim in seiner Mutter Haus!
-
-Da klingen leise, schnelle Schritte neben ihm, und eine milde,
-freundliche Stimme spricht ihn an. --
-
-»Dachte ich es mir doch, Graf, daß Sie nach der ersten Niete, welche Sie
-gezogen, kaum noch Lust verspüren, in das volle Menschenleben
-hineinzugreifen! -- Schade, daß ich Sie vorhin erst im Vorübergehen
-entdeckte und erst pflichtschuldigst meine Tour abtanzen mußte, ehe ich
-Sie holen konnte! Ich hätte Ihnen gern Gabrieles Abweisung erspart!«
-
-Guntram Krafft hatte überrascht den Kopf gewandt.
-
-Er blickte in die sehr sanften, liebenswürdigen Augen der Komtesse
-Sevarille.
-
-Wie ein Aufatmen nach banger Spannung ging es durch seine Seele.
-
-»O, Komtesse ... Sie gedenken meiner ... Sie nehmen meiner so freundlich
-wahr?!« stotterte er mit aufleuchtendem Blick und kämpfte gewaltsam
-seine Verlegenheit nieder.
-
-»Selbstverständlich, Graf! >Wenn der Berg nicht zu mir kommt, gehe ich
-zum Berg!< sagt Mohammed, und nach diesem praktischen Beispiel möchte
-auch ich handeln. -- Ich kann mich so lebhaft in Ihre Situation hinein
-versetzen! Sie sind fremd hier, alles mutet Sie ungewohnt an, und
-niemand von diesen hastigen, vielbeschäftigten Menschen hat Zeit, Sie
-ein wenig in die Sitten und Gebräuche der großen Welt einzuführen!«
-
-»Nur Sie allein, Komtesse, wollen diese große Freundlichkeit haben?«
-
-»Wenn Sie sich meiner Fürsorge anvertrauen wollen, Graf?« lächelt sie
-herzgewinnend zu ihm auf: »Es sollte mich aufrichtig freuen, wenn ich
-recht viel zu Ihrem Amüsement beitragen könnte!«
-
-»Ich danke Ihnen von Herzen!« Er sagt es sehr warm und herzlich und
-blickt ihr so ehrlich in die Augen wie ein Kind: »Wie schade, daß ich
-diesen freundlichen Schutzengel nicht früher fand! Sie hätten mich gewiß
-beizeiten zu Fräulein von Sprendlingen geführt, damit ich noch einen
-Tanz und nicht einen Korb von ihr erhalten hätte!«
-
-Thea lächelt und zuckt die nicht allzu runden Schultern.
-
-»Auf jeden Fall hätte ich Ihre Bitte um den Tanz zu gelegenerer Zeit
-angebracht wie Sie!«
-
-»Gelegenere Zeit?«
-
-»Sahen Sie nicht, wie sehr vertieft Gabriele und Herr von Heidler in
-ihre Unterhaltung waren?«
-
-Der Bär von Hohen-Esp wurde abermals rot, als wäre er auf einer Sünde
-ertappt.
-
-»Nein ... das sah ich nicht!« --
-
-»Herr von Heidler macht ihr sehr die Cour! Wer weiß, was er ihr gerade
-sagen wollte, als Sie so störend dazwischentraten!«
-
-Der Graf blickte sie starr, wie verständnislos an. »Ah!« sagte er nur.
-
-»Und weil Sie fraglos einen sehr lyrischen Augenblick abkürzten, sah
-Gabriele Sie nicht sonderlich freundlich an!«
-
-»Sie liebt ihn?«
-
-»Ich glaube es wohl, -- die ganze Stadt wenigstens erzählt es sich als
-Tatsache!«
-
-Wie groß und geisterhaft seine Augen sie anstarrten!
-
-»Sie sind schon verlobt, die beiden?«
-
-»Das weiß man nicht genau, aber man vermutet es! -- Nun aber kommen Sie,
-lieber Graf! es gibt noch so viele reizende Damen im Saal, welche alle
-sehr gern mit Ihnen tanzen möchten! Sehen Sie hier, meine Tanzkarte! Ihr
-Name fehlt auch noch darauf, und den Kotillon habe ich speziell für Sie
-aufgehoben!«
-
-»Ich kenne diesen Tanz nicht, Komtesse ... außer Polka und Walzer lernte
-ich keine Reigen.«
-
-»Gut! So setzen wir uns während dieser Zeit und sehen zu! Ich erkläre
-Ihnen die einzelnen Touren, und das nächste Mal wirbeln sie flott mit
-mir herum!«
-
-»Das wäre sehr gütig, Komtesse!« er spricht wie einer, dem die Kehle
-zugeschnürt ist.
-
-»Kommen Sie mit! Führen Sie mich in den Saal zurück! Wir haben eine sehr
-lustige, kleine Ecke gebildet, und wenn ich Sie all den jungen Damen und
-Herren bekannt mache, werden Sie sich vortrefflich amüsieren!«
-
-Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und blickt zu ihm auf.
-
-So gütig und freundlich wie sie sah ihn noch niemand hier in der
-Residenz an.
-
-Das fällt wie Sonnenschein in sein Herz.
-
-»Ich danke Ihnen, Komtesse!« sagt er noch einmal; er möchte so gern mehr
-sprechen, aber er weiß nicht was. Er hat es nicht gelernt, das leichte,
-amüsante Geplauder, er vermochte auch nicht in diesem Augenblick von
-gleichgültigen Dingen zu reden, jetzt, wo sein Herz zum erstenmal im
-Leben schmerzt, als sei ihm ein grenzenloses Leid widerfahren.
-
-Aber Gräfin Sevarille scheint keine Unterhaltungskünste von ihm zu
-verlangen, ihre dunklen Augen lachen fröhlich zu ihm auf, und sie
-spricht statt seiner, während sie nach dem Tanzsaal schreiten.
-
-»Wissen Sie, Graf, was ich glaube? Sie finden unsere große Stadt, unsere
-lebhaften Feste, all die modernen Sitten und Gebräuche fürerst ganz
-greulich und sehnen sich heim in den köstlichen Frieden Ihres stillen
-Strandschlosses! O wie sehr begreife ich das! Auch für mich gibt es
-kein besseres Glück als eine Landidylle! Warum sehen Sie mich so
-erstaunt an? Scheint Ihnen das so unbegreiflich?«
-
-Sein Blick haftet noch immer überrascht auf ihrem blassen Gesichtchen.
-Er muß sich beinahe herabbeugen, wenn er in ihre Augen schauen will, die
-sehr kleine, puppenhafte Gestalt hängt wie ein verwehtes Sommerwölkchen
-an seinem Arm.
-
-»Ja, das finde ich sehr unbegreiflich, aber es freut mich um so mehr, es
-zu hören. Ich glaubte, die Leute der großen Welt hätten gar keinen Sinn
-und kein Verständnis mehr für die kleinen Genien des Friedens, welche
-sich aus dem Häuserlabyrinth heraus zu uns in die Stille der Wälder
-geflüchtet haben. -- Lebten Sie längere Zeit auf dem Lande, Gräfin, daß
-Sie es liebgewannen?«
-
-»Längere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur ganz kurz und flüchtig
-lernte ich seinen Zauber kennen, und darum glüht die Sehnsucht desto
-heißer in meinem Herzen! -- Sie müssen mir viel von Ihrer Heimat, von
-Ihrem Leben und Treiben dort, erzählen, Graf! Nachher setzen wir uns
-abseits auf einen Diwan in der Galerie, und dann wollen wir beide mit
-allen Gedanken so sehr in Hohen-Esp sein, daß Ihr Heimweh bald schwinden
-soll! Fürerst aber möchte ich Sie recht vielen Damen vorstellen, damit
-Sie ...«
-
-Er blieb zögernd stehen und blickte in die offene Saaltür ein, vor
-welcher Kopf an Kopf die Herren in glänzenden Uniformen standen und mit
-mehr oder minder harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten.
-
-»Ein Plaudern in der Galerie dürfte also viel lohnender sein wie ein
-solches im Saal!« sagte er leise, und die Lichter flirrten vor seinem
-Blick, und die schmetternden Musikklänge taten ihm weh. »Lassen Sie uns
-also doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich diesen Tanz
-für mich opfern wollen!«
-
-»Opfern?« -- sie neigte das Köpfchen mit den leuchtend roten
-Granatblüten zurück und lächelte: »Nicht im mindesten, -- der Tanzsaal
-lockt mich ebensowenig wie Sie! Darin bin ich so grundverschieden von
-meiner Freundin Gabriele, daß sie sich einzig inmitten des amüsantesten
-Getriebes wohlfühlt, während mein Sinn sich seit jeher nach der
-beschaulichen Ruhe sehnte.« -- Sie setzte sich auf den weißen,
-golddurchwirkten Brokat des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres
-Kleides leuchtete unter den duftigen Tüllwogen, und hinter ihr baute
-sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederbäumen auf, welche die
-blühenden Zweige über ihr Köpfchen neigten.
-
-Es war ein hübsches, anmutiges Bild, aber Guntram Krafft sah es nicht.
-
-Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen Augen, und aus allen
-Worten seiner Partnerin hörte er nur das eine heraus, daß Gabriele sich
-einzig bei Spiel und Tanz wohlfühle.
-
-Mechanisch setzte er sich an die Seite der Gräfin nieder.
-
-»So würde Fräulein von Sprendlingen nie auf dem Lande glücklich sein?«
-
-»Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist ja auch gut, denn
-aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie in eine Großstadt heiraten, da
-bleibt ihr ja alles zur Verfügung, woran ihr Herz hängt! -- Nun aber
-sagen Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten Frau
-Mutter? Ich hörte durch einen Freund meines Vaters so viel von ihr
-erzählen, daß ich die seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne
-sie zu kennen! Sie muß ja in ihrer Jugend bildschön gewesen sein, und so
-fabelhaft liebenswürdig ... nicht wahr? Sie sehen ihr sehr ähnlich?«
-
-Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte Eloge aus
-diesen Worten herauszuhören, er schaute sie nur abermals voll
-aufrichtigen Dankes an.
-
-»O, wenn Sie sehen würden, was meine Mutter leistet, Komtesse, welch
-eiserne Energie, welch unermüdlichen Fleiß sie besitzt, Sie würden sie
-nicht nur lieben, sondern auch bewundern und verehren! Wenn die Bären
-von Hohen-Esp in alter Zeit die Schirmvögte des Landes gewesen sind,
-welche ihre starke Hand über die Schwachen und Notleidenden breiteten,
-so hat meine Mutter diese Zeit in ihrer Person wieder aufleben lassen!
-Wenn mancher Schiffbrüchige ahnte, wessen milde Hand ihn ins Leben
-zurückgerufen, der Name der Gräfin Gundula würde bekannter sein, als wie
-er es ist!«
-
-»Was für ein guter Sohn sind Sie! -- O, es ist ein Genuß, wenn man so
-von einer Mutter sprechen hört! Warum wirkt die herrliche Frau so ganz
-inkognito? Legt sie denn gar keinen Wert darauf, auch von der Welt
-anerkannt zu werden?«
-
-»Von der Welt? Die ist ihr sehr gleichgültig!«
-
-»Und wie denken _Sie_ darüber?«
-
-»Genau ebenso!«
-
-»Sie streben nicht nach äußeren Ehren, nach Rang und Würden?«
-
-Seine großen blauen Augen blickten sie verständnislos an.
-
-»Nein! Was sollten die mir nützen?«
-
-Sie schlang die kleinen Hände staunend ineinander.
-
-»O, Sie Kinderherz! Wissen Sie nicht, daß der Ehrgeiz die Triebfeder
-jedweden modernen Schaffens und Handelns ist?« --
-
-»Ich weiß es wohl, aber ich verstehe es nicht. Mir genügt der Beifall
-von zweien vollkommen.«
-
-»Von welchen zweien?«
-
-»Von Gott dem Herrn und meiner Mutter!«
-
-»Ihre Mutter kann Ihnen wohl ein Lob sprechen und Sie dadurch beglücken,
--- der Beifall Gottes dürfte aber nur eine Illusion sein, denn er ist
-durch nichts zu beweisen!«
-
-Wieder traf sie sein klarer, ernster Blick.
-
-»Durch nichts im Sinne der Welt, -- und doch ist er so fühlbar. Haben
-Sie es nach einer guten Tat noch nie im innersten Herzen bestimmt
-gefühlt und gewußt, daß Gott mit Ihnen zufrieden war? -- Der Beifall
-der Menge mag schön sein, aber solch ein Gefühl glückseliger Erhebung
-und frommer Zufriedenheit, wie ich es als Gottes Segen empfinde, wenn
-ich meine Schuldigkeit und vielleicht noch ein wenig darüber ... getan,
-das kann aller Lorbeer der Welt nicht geben!«
-
-Thea blickte vor sich nieder.
-
-Hatte sie je eine gute Tat getan, hatte sie jemals derartiges empfunden?
---
-
-Sie zupfte ein wenig ungeduldig an den roten Blüten ihres Kleides; nur
-mit Mühe unterdrückte sie ein ironisches Lächeln, aber sie bewegte
-zustimmend den Kopf und sagte beinahe träumerisch: »Und ob ich dies
-Gefühl kenne! Sie glauben gar nicht, Graf, _wie_ sehr Sie mir aus der
-Seele sprechen! Darüber müssen wir noch viel eingehender plaudern ...
-ah, Herr von Stetten! Holen Sie mich etwa schon zu unserer Française?«
-
-Der Vortänzer stand vor ihnen und verneigte sich hastig mit sehr
-scharmantem Lächeln.
-
-»Leider darf ich mich noch nicht so glücklich preisen, Komtesse, während
-eines ganzen Galopps bin ich noch verurteilt, auf diesen Vorzug zu
-warten! Jetzt gilt mein störendes Eingreifen lediglich dem Herrn
-Grafen!« -- Abermals eine sehr höfliche Verneigung vor Guntram Krafft,
-welcher sich erhoben hatte und den Gruß erwiderte. »Der Kammerherr von
-Rheinsberg sucht Sie aller Ecken und Enden, Graf! -- Seine Hoheit der
-Herzog haben den Wunsch geäußert, Sie zu sprechen! -- Auch dürfte es
-alsdann gelegene Zeit sein, daß Sie den fürstlichen Damen präsentiert
-werden!«
-
-»Ich stehe zur Verfügung, wollen Sie die Güte haben, mich dem Herrn
-Kammerherrn zuzuführen. Ich bitte um Verzeihung, Komtesse, und stehe
-bald wieder zu Diensten.«
-
-Wie altmodisch und wohlerzogen das klang! So recht nach Gräfin Gundulas
-vergilbter Schule; Thea wollte es eigentlich nicht, aber sie wechselte
-doch einen schnellen Blick mit Herrn von Stetten, um dessen Lippen ein
-recht scharfes Zucken ging.
-
-Dann schritten die beiden Herren eilig davon, und Komtesse Sevarille
-erhob sich ein wenig gelangweilt und wandte sich dem Saale zu.
-
-»Thea!« --
-
-Beinahe erschrocken schaute sich die Gerufene um. Hinter dem Boskett
-hervor traten Frau und Fräulein von Sprendlingen, sie hatten auf einem
-zweiten Wandpolster, welches ganz versteckt hinter der grünen Kulisse
-stand, gesessen und waren weder von der Komtesse noch von dem Grafen
-Hohen-Esp bemerkt worden.
-
-»Gabriele ... gnädigste Frau ... um alles in der Welt -- was tun Sie
-hier?«
-
-Baronin Sprendlingen schritt mit einem merklich kühlen Gruß und ganz
-seltsam scharfem Blick an der jungen Dame vorüber, Gabriele aber blieb
-stehen und lachte.
-
-»Solch indiskrete Lauscher hattest du nicht vermutet? Je nun, wenn man
-Pech hat! Als ich ein einziges Mal herumgetanzt hatte, riß mir plötzlich
-die Perlenschnur am Hals -- zum Glück konnte ich sie gleich in der Hand
-zusammen fassen! Mama stand in meiner Nähe, wir flüchteten uns hierher
-in dieses lauschige Versteck, nahmen ein paar Perlen heraus, und Mutter
-knüpfte den Faden so gut es ging zusammen. Ich denke, jetzt wird sie
-halten. Du weißt, ich liebe einen völlig nackten Hals nicht.« --
-
-»Und diese Prozedur dauerte so lange?«
-
-Thea sah ein wenig verlegen aus und bemühte sich, desto harmloser zu
-erscheinen.
-
-»Gerade als wir uns erheben wollten, kamst du mit dem Bären und setztest
-dich Posten, -- da wollten wir nicht stören.«
-
-Das war lachend gesagt und klang doch wie feiner Spott.
-
-Auch Thea lachte. »Hast du dich an den Bekenntnissen seiner schönen
-Seele recht delektiert? Wie gefiel dir die Ansicht dieses prächtigen
-Menschen über eitle Ruhmsucht? O Gabriele, du glaubst gar nicht,
-_wie_ gut er mir gefällt!« --
-
-Die Komtesse flüsterte es sehr schwärmerisch, und doch hing ihr Blick in
-scharfem Forschen an dem reizenden Antlitz der Freundin, einer sehr
-abfälligen Kritik gewärtig.
-
-Aber Gabriele sah an ihr vorüber und sagte nur kurz: »Er ist ein Kind!«
-
-»Ja, ein goldenes Kinderherz!«
-
-»Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man nicht! Wem nie der
-Gedanke kam, daß man nicht nur für sich, sondern in erster Linie für
-andere leben muß, dem genügt ein Seelenfrieden, welchen das Bewußtsein,
->nichts Böses begangen zu haben<, verleiht.«
-
-»Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf dem Lande Gelegenheit
-finden, sich um ein großes Ganzes, um Fürst und Vaterland, verdient zu
-machen!«
-
-»Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll er sich von seiner
-Bärenhaut aufraffen, in die Welt hinausziehen und Taten tun! -- Aber wir
-streiten da um Kaisers Bart; ich glaube kaum, daß der Graf uns jemals um
-unsere Ansicht befragen wird, -- die seiner Mutter genügt ihm!«
-
-Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz so spöttisch mehr
-wie früher.
-
-Fräulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren zu, welche
-augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet hatten und die junge Dame um
-eine Extratour bestürmten.
-
-Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte, -- und sie tat es,
-wie eine Königin, welche einem Vasallen eine herablassende Huld erweist,
--- so war auch Gräfin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware und
-flog ebenfalls im Arm eines Tänzers auf feurigen Galoppklängen dahin.
-
--- -- Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt und wurde von dem
-hohen Herrn durch eine ganz besonders gnädige und lange Unterhaltung
-ausgezeichnet, und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so
-zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat plötzlich fest und
-sicher auf, wie ein Mann, welcher über schwankendes Moorland geschritten
-ist und nun wieder festen Boden unter den Füßen fühlt.
-
-Er wuchs unter dem Blick seines Fürsten empor zu dem alten, frischen
-Selbstbewußtsein, welches ihm die heimatliche Scholle gab, er redete
-frank und frei, in seiner schlichten, treuherzigen Weise, welche klug,
-verständig und liebenswürdig klang, -- wenig von sich selber und seinem
-Tun und Handeln, aber dafür desto mehr von seiner Mutter. -- Die
-begeisterte Verehrung für die Gräfin leuchtete ihm aus den Augen, und
-durch die Seele des Fürsten zog wie stille Wehmut der Gedanke: »Um
-wieviel reines und schönes Glück hat sich sein Vater selbst betrogen!«
-
--- Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen Grafen war ein ganz
-ersichtliches, er führte ihn persönlich der Herzogin und Prinzessin
-Amalie zu, und auch diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse.
-
-Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses wechselten ebenfalls ein
-paar liebenswürdige Worte mit ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas
-neugieriges Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen
-Sonderling als der Person des Grafen galt.
-
-Den Damen gegenüber stellte sich sogleich wieder eine gewisse
-Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinfühligkeit empfand er es
-selber sehr peinlich, wie wenig gewandt er im Verkehr mit denselben war.
-
-Gabriele hatte während des Tanzes zufällig in der Nähe des Herzogs
-gestanden, als hochderselbe den Bären von Hohen-Esp durch seine
-Ansprache auszeichnete.
-
-Ihr Blick streifte die Sprechenden und schärfte sich plötzlich, als er
-das Antlitz Guntram Kraffts traf.
-
-Die Veränderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, -- sie war sehr
-vorteilhaft.
-
-»Sehen Sie doch, mein gnädiges Fräulein« -- lachte auch ihr Tänzer, »vor
-Serenissimus wandelt sich der tolpatschige Bär zum Löwen! Er sieht
-wirklich ausgezeichnet aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn scherzend
-den modernen Parzival nennt, so hat man nicht so unrecht, denn Frau
-Herzeleides Sohn zeichnete sich ja auch durch besondere Schönheit aus!«
-
-»Durch die Schönheit eines ritterlichen Kämpen.« --
-
-»Denken Sie sich jenen Mann in die Rüstung eines Gralsritters, und er
-würde schön sein wie ein Gott!« --
-
-»Er >würde< -- freilich! -- aber er wird es nie werden!« --
-
-»Leider, jene Zeiten sind vorüber!« --
-
-»Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher Säbel oder Degen führt,
-welcher kühn bereit ist, in den Kampf für Fürst und Vaterland zu
-ziehen!«
-
-Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt.
-
-»Sehr verbunden, mein gnädiges Fräulein, diese Anerkennung tut einem
-Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar nur Reserveoffizier, aber zähle mich
-dennoch zum Ganzen!«
-
-»Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande mit Feder und Schwert
-zugleich!«
-
-»Der Bär von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!« Sie sah ihn groß und
-erstaunt an. »Indem er sich selber zum reichen Mann macht?«
-
-»Auch dadurch. -- Wenn sich ein Landwirt bemüht, seine Güter auf eine
-stets höhere Kulturstufe zu bringen, sie stets ertragsfähiger und besser
-zu machen, so dient er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Außerdem
-ist anzunehmen, daß ein Mann, dessen persönliche Lage sich ständig hebt,
-darauf bedacht ist, für seine Arbeiter und deren Wohlergehen, für seine
-Bediensteten und deren günstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet
-dadurch am besten an der Lösung der großen sozialen Lage mit und schafft
-in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als manch ein Held der Feder und
-des Säbels Zeit seines Lebens! -- Ganz abgesehen von dem erziehlichen
-und fördernden Einfluß, den gerade der Gutsbesitzer in seinem kleinen
-Reiche ausüben kann!«
-
-»Das mag alles sehr logisch sein,« zuckte die junge Dame etwas
-ungeduldig die Achseln, »aber es bezieht sich leider nur auf die Gräfin
-und nicht auf ihren Sohn! Außerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um
-solch ein Wirken in der Stille genügend anzuerkennen. Für die Mutter
-genügt es mir, für den Sohn nicht!«
-
-»Und warum nicht für diesen?«
-
-»Weil ich bei einem Manne _Taten_ sehen will! Es steckt in jedem
-Mädchenkopf ein gutes Stück Romantik, welches den Wert eines Mannes nur
-nach der Qualität von Mut und persönlicher Kühnheit bemißt, welche er
-zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn der Betreffende,
-welcher sie ausübt, sich nicht dabei exponiert und sein Leben aufs Spiel
-setzt! -- Wenn heute ein reicher Mann Hunderttausende hingibt für den
-Bau eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr lobenswert und
-schön, aber mein Herz wird für den hochherzigen Spender nicht um einen
-Hauch schneller schlagen wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit kühnem
-Hurra im Kugelregen vorwärts stürmt, um für seinen Kaiser einen Sieg zu
-erkämpfen ... wenn ein Mensch sich mutig in ein brennendes Haus wagt, um
-ein Kind zu retten ... wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft,
-einen Greis zu schützen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich stets zu
-heißem Entzücken, zu flammender Bewunderung begeistern wird!« --
-
-»Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein gnädiges Fräulein,
-und freue mich dessen, wenngleich Sie bei all Ihrer edlen
-Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig urteilen. Jeder leistet gewiß
-so viel, wie in seinen Kräften steht, aber jeder muß sich auch den
-Verhältnissen anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. --
-Wenn die Völker nicht aufeinander schlagen, wird es schwer sein, sich
-blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld zu pflücken, und wenn kein Haus
-brennt, hält es schwer, Gefährdete zu retten! -- In unsern, gottlob so
-stillen Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen sieht, am
-wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, -- wenn sich die Gelegenheit
-bietet, wird auch Graf Hohen-Esp seinen Mann stehen!«
-
-Ein sarkastisches Lächeln zuckte um Gabrieles Mund, mit ungläubigem
-Blick streifte sie die Reckengestalt des Genannten, welcher soeben vor
-den jungen Prinzessinnen stand und so befangen in sich zusammensank, als
-fehle Mark und Kraft in seinen Knochen, -- dann wandte sie mit
-aufleuchtenden Augen das Köpfchen und sah Herrn von Heidler entgegen,
-welcher sich hastig zu ihr Bahn brach und um eine Extratour bat.
-
-Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot von dem erhitzten
-Gesicht ab, die Narbe, welche stets von dem schweren Sturz erzählen
-wird, welchen der schneidige Kavallerist sich bei tollkühnem Ritt
-geholt! -- Gabrieles Herz schlägt hoch auf, sie legt die bebende Hand
-auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das scharfgeschnittene,
-trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden Augen empor. --
-
-Hart, eisern -- fest ist es -- wie aus Bronze gegossen; der Griff, mit
-welchem er ihre schlanke Gestalt beinahe an sich reißt, hat nichts so
-Zartes, Rücksichtsvolles, wie die Hände des Bären von Hohen-Esp, als er
-sie, behutsam, wie ein zartes Vögelchen, aus dem Schnee hob.
-
-Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick brennt auf dem
-roten Streifen, welcher seine Stirn zeichnet, und durch ihren Sinn zieht
-es wie jubelnde Weise: »Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der
-Stirn -- und das eiserne Kreuz auf der Brust!« --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XII.
-
-
-Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem Gespräch mit einer
-alten Exzellenz nahe der Empore, auf welcher die höchsten Herrschaften
-Platz genommen, dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten.
-
-Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit Graf Guntram Krafft
-gesprochen, wie auch die fürstlichen Damen ihn auszeichneten, und wie
-der Erbe von Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer
-Verneigung zurückzog, um einen Augenblick an der blütenduftigen
-Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das farbenglänzende Bild im
-Saal herabzuschauen.
-
-Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar liebenswürdigen
-Worten und schritt -- anscheinend nur in den Anblick der hohen
-Herrschaften vertieft, langsam an dem Wanddiwan entlang.
-
-Ein feines, nervöses Zucken spielte um ihre Augen, ein Zeichen, daß sie
-geärgert oder nervös war, und wenn ihr Blick zufällig Komtesse Thea
-streifte, so bekam er beinahe etwas Feindseliges.
-
-Frau von Sprendlingen besaß viel Scharfblick und Menschenkenntnis, und
-das Gespräch zwischen Thea und dem Grafen, welches sie unfreiwillig
-belauscht, hatte ihr die Überzeugung gegeben, daß die Komtesse bemüht
-war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele zu intrigieren.
-
-Die Komtesse war bereits zu der Überzeugung gekommen, daß sie, als sehr
-wenig bemittelte junge Dame, kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige
-eine glänzende Partie zu tun.
-
-Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge Dame schien klug
-genug, das Eisen allsogleich zu schmieden, solange es noch heiß und der
-Graf unbekannt in der Gesellschaft war.
-
-Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte über den Einsiedler von
-Hohen-Esp und ihn mehr neugierig wie begehrlich betrachtete, so wußte
-Frau von Sprendlingen doch, daß er sich gar bald hier eingelebt und der
-Gegenstand brennenden Interesses für Mütter und Töchter sein werde.
-
-Schon jetzt hörte man überwiegend mehr Anerkennendes aus dem Mund der
-Damen wie Spöttisches, und die Schönheit des jungen Mannes schien der
-Punkt zu sein, an welchem eine allgemeine Begeisterung für den reichen
-Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte.
-
-Ganz wie von ungefähr näherte sich die Baronin dem Sohne Gundulas und
-bemerkte es voll äußerster Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig
-verdüstert, aber sehr beharrlich ihrer Tochter folgte.
-
-Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette an der goldenen
-Kette von dem Fächer los und hob sie an die Augen, und als der Graf
-mechanisch auf die elegante, noch immer sehr schöne und jugendliche Frau
-herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst zu bemerken und
-zu erkennen.
-
-Sie wandte sich ihm sichtlich überrascht und erfreut zu und bot ihm die
-kleine Hand, über welcher die kostbaren Armspangen funkelten, entgegen.
-
-»Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie hier bei Spiel und Tanz
-begrüßen zu können! Hoffentlich sind Sie schon bei der Jugend bekannt
-geworden und amüsieren sich vortrefflich?« --
-
-Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu wissen, wen er vor
-sich hatte.
-
-Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen Weise und
-stammelte eine Antwort, von welcher Frau von Sprendlingen wenig
-verstand.
-
-»Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen Tanz aufgehoben?«
-fuhr die schöne Frau mit anmutigem Lächeln fort. »Es ist heute einer
-jener seltenen Tage, an welchen die Herren in der großen Überzahl sind
-und die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!« --
-
-Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen Mannes und war sehr
-befriedigt, als sie das jähe Aufleuchten seiner Augen sah, das
-plötzliche, lebhafte Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles
-nannte.
-
-»Oh, Frau von Sprendlingen!« rief Guntram Krafft mit jäher Röte in den
-Wangen, in seiner so ehrlich-naiven Art: »Jetzt erst erkenne ich Sie,
-gnädigste Frau! Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so märchenhaft
-verändert aus, daß man sich selbst mit dem besten Gedächtnis in dieser
-neuen Welt schlecht zurechtfindet!«
-
-»Wie begreiflich ist das! -- So fanden Sie auch meine Tochter noch nicht
-unter den vielen unbekannten Tänzerinnen heraus?«
-
-»Fräulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen würde ich sie
-erkennen!«
-
-Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin lächelte
-abermals.
-
-»Wie liebenswürdig Sie das sagen! -- Ich hoffe, daß Sie zum mindesten
-den Kotillon mit ihr tanzen?«
-
-Ein Schatten flog über das strahlende Gesicht des jungen Bären.
-
-»Ich kam zu spät, gnädigste Frau!« sagte er leiste.
-
-»Oh! in der Tat? Darüber müssen Sie mich genau unterrichten! Sind Sie
-für diesen Tanz verpflichtet oder haben Sie Zeit, mir ein wenig
-Gesellschaft zu leisten? Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es
-sich sehr nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.«
-
-»Sehr gnädig -- ich bin überaus dankbar!« stammelte Guntram Krafft, und
-abermals leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Die schlanke, elegante
-Frau mit dem zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden
-Ausdruck in den schönen Zügen hätte nicht Gabrieles Mutter zu sein
-brauchen, um es ihm anzutun, er hatte schon bei seinem ersten Besuch
-lebhafte Sympathie für sie empfunden, und dieses Gefühl steigerte sich
-in diesem Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch
-heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden Menschen,
-jedes freundliche Wort doppelt dankbar.
-
-Nun war es Gräfin Thea nicht mehr allein, welche ihm wie ein rettender
-Engel in seiner Verlassenheit erschien, Gabrieles Mutter ließ sein Herz
-noch schneller und erregter in diesem Augenblick schlagen, und er
-empfand es schon als großes Glück, mit ihr von der Wunderlieblichen zu
-plaudern, welche es seinem Herzen wie durch Spuk und Zauber angetan. --
--- -- Er setzte sich neben Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder,
-und die weichen, glänzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe
-legten sich wie ein Traumgefilde um seine Füße.
-
-»Also Sie kamen zu spät zu Gabriele?« fragte die Baronin abermals mit
-ihrer weichen, angenehmen Stimme und entfaltete den duftigen
-Marabufächer vor der Brust. -- »Wie kam das? Wir waren heute sehr
-präzise zur Stelle!«
-
-»Dessen kann ich mich kaum rühmen, gnädigste Frau! Ich habe das fremde
-Terrain Schritt um Schritt erobert und bedurfte der Zeit, um mich in
-diesem Zauberreich zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie völlig neu es
-mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen auf dem höfischen
-Parkett lernen muß!«
-
-»Davon merke ich nichts -- oder besser gesagt, Sie lernen zum Erstaunen
-schnell! Gleichwohl begreife ich, daß Sie heute nicht Herr der Zeit
-gewesen! So fanden Sie Gabriele erst jetzt während des Tanzes!«
-
-Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden Atlasfalten,
-auf das wirre, feine Spitzengeriesel, welches sie umsäumte, nieder.
-
-»Doch nicht, gnädigste Frau ... ich konnte mich Ihrer Fräulein Tochter
-noch in der Galerie bekannt machen ... aber ... ich kam zu einer sehr
-ungelegenen Zeit ...«
-
-Die letzten Worte klangen so leise, daß Frau von Sprendlingen sie kaum
-verstand. Sie hob jäh den Kopf.
-
-»Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber Graf?«
-
-Da schauten sie seine großen, ehrlichen, blauen Kinderaugen unendlich
-traurig an.
-
-»Ihr Fräulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben«, sagte er
-treuherzig.
-
-Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. »Gabriele sich
-verloben? -- Herr des Himmels, mit wem denn?«
-
-»Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher eine breite Narbe
-auf der Stirn trägt; der Name ist mir wieder entfallen, gnädigste Frau!«
-
-»Mit Heidler?« Frau von Sprendlingen klappte bewegt den Fächer zu: »O
-welch eine lächerliche, absurde Idee! -- Wer hat Ihnen solch einen
-Unsinn vorgeredet, Graf?«
-
-Schier atemlos starrt der Bär von Hohen-Esp die schöne Frau an seiner
-Seite an. _Wieder_ stieg es heiß und rot in seinem Antlitz auf.
-
-»Es ist nicht wahr? -- Es ist ein Irrtum?« klang es wie leiser Jubel von
-seinen Lippen --: »O, das wäre ja ...« und er unterbrach sich plötzlich
-voll tödlicher Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige
-Atlasschleppe nieder. --
-
-»Solches Märchen hat Ihnen gewiß Gräfin Thea Sevarille vorerzählt!«
-lachte die Generalin, und doch flimmerte es in ihrem Blick wie geheimer
-Triumph, das Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu haben
---: »Die jungen Mädchen wittern ja sofort eine Verlobung, wenn ein Herr
-etwas den Hof macht, und bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht,
-daß zum Verloben doch immer zweie gehören!«
-
-»Herr von Heidler liebt Fräulein Gabriele wohl sehr?« fragte Guntram
-Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen Aufrichtigkeit, und abermals
-klang es wie geheime Sorge durch seine Stimme.
-
-»Je nun -- er schwärmt meine Tochter an und zeigt das sehr aufrichtig!«
-lächelte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch --: »aber das tun
-doch sehr viele der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt
-und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus nicht -- und
-wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht etwas liebenswürdiger ist wie
-zu andern Herren, so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit
-einer langen Reihe von Jahren kennt!«
-
-Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an den Lippen der
-Sprecherin.
-
-Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht und frischen
-Lebensmut schöpfte; seine Augen strahlten wie verklärt, und er bemühte
-sich auch gar nicht, seine Freude zu verbergen.
-
-»So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?« fragte er leise und sah die
-Baronin an, als habe er auch nicht das kleinste Geheimnis mehr vor ihr.
-
-Frau von Sprendlingen lachte abermals.
-
-»Es ist meine feste Überzeugung, und ich hoffe, daß ich mich nicht irre!
-Die Welt, und namentlich die lieben Freundinnen meiner Tochter, sagen
-Gabriele -- ebenso wie jedes andere vielumschwärmte Mädchen -- gern
-verlobt, in der Hoffnung, sie dadurch unschädlich zu machen; daran muß
-man sich hier in der Residenz gewöhnen, bester Graf, und durchaus nicht
-alles glauben, was die Leute sagen! Nun aber erzählen Sie mir weiter!
-Gabriele hatte keinen Tanz mehr frei?«
-
-»Keinen, gnädigste Frau.«
-
-»Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?«
-
-Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen an.
-
-»Das wage ich nicht. Ich wollte überhaupt nicht mit Ihrer Fräulein
-Tochter tanzen, sondern nur plaudern.«
-
-»Ah! Sie überraschen mich!«
-
-»Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte es nie in der Art, wie
-man hier tanzt.«
-
-»Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schönen Strandburg ist dazu
-wohl kaum Gelegenheit! -- Aber in einer Pause könnten Sie das Versäumte
-doch nachholen?«
-
-»Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen und weiß nicht, was ich
-mit jungen Damen reden soll. Meine einseitigen Interessen sind wohl
-nicht die ihren, und die große Welt ist mir fremd.«
-
-»Sie waren so sehr liebenswürdig, meiner Tochter als Retter zu Hilfe zu
-kommen, als sie jüngst ein kleines Unglück mit dem Schlitten hatte?«
-
-Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr lebhaft und freute
-sich des Zufalls, welcher ihn just in jenem Augenblick des Wegs daher
-geführt.
-
-»Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene unfreiwillige
-Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen ist!« scherzte die Generalin.
-»Wenn der Anfang zu einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das
-Schwerste überstanden!«
-
-»Fräulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... und ... sie
-möchte es wieder ungnädig aufnehmen, wenn ich störe!«
-
-»Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?«
-
-»Nein, gnädigste Frau, daran dachte ich noch nicht. Muß man das?«
-
-»Man muß nichts, was man nicht will! Aber ich möchte Ihnen einen guten
-Rat geben. Wie ich höre, ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und
-Gabriele sagte mir, daß Herr von Heidler in der Bildergalerie an Tafel
-III Plätze belegt habe. -- Nun kommen Sie einmal mit -- ich führe Sie
-bis zu der Galerietür, -- dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und
-belegen sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!« --
-
-»O, vortrefflich! In der Nähe Ihres Fräulein Tochter?«
-
-»Wenn Sie das wünschen!«
-
-»Über alles wünsche ich es mir!«
-
-Der junge Bär von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, er lachte und sprach
-lebhafter wie je zuvor.
-
-»Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen diese Quadrille
-benutzen, um uns den Weg zu bahnen!«
-
-Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die Augen.
-
-»Ich danke Ihnen!« sagte er wie aus tiefstem Herzen heraus.
-
-Frau von Sprendlingen lächelte: »Glauben Sie in Zukunft nichts, was die
-Leute faseln! Sie sehen, wie falsch man Sie unterrichtet hatte!« --
-
-Sie schritten an dem Diwan entlang, den großen, goldenen Saaltüren zu,
-und Frau von Sprendlingen hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der
-hohen Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit einem
-einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen Hand lenkt und
-dirigiert, wohin es ihr beliebt.
-
-Ihr Blick flog hinüber zu Gräfin Thea, welche, sichtlich zerstreut, ihre
-Quadrille tanzte, -- sie sah weder den Graf von Hohen-Esp noch seine
-Begleiterin -- und ein feines Lächeln des Triumphes zuckte um ihre
-Lippen.
-
- * * * * *
-
-Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und übersah die Visitenkarten,
-welche auf den Gläsern lagen.
-
-Ein jeder Platz war besetzt.
-
-Unschlüssig und tief enttäuscht schaute er über die Tafel.
-
-»Wünschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch zu sitzen?« fragte es
-hinter ihm.
-
-Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder neuen Erscheinung am
-Hofe vertraut schien, trat diensteifrig näher und verbeugte sich ebenso
-höflich wie respektvoll.
-
-»Es wäre mir allerdings sehr lieb gewesen!« versicherte der Hohen-Esper,
-sehr angenehm durch das Interesse des alten Hofbeamten berührt.
-
-»Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es müssen sowieso noch
-Plätze eingeschoben werden, da der Herr Hofmarschall noch in dem letzten
-Augenblick Ansagen von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fügen wir
-noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht hier?« -- und er
-neigte den wohlfrisierten Kopf und las: »von Heidler ... ah ... unser
-Vortänzer ... dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen
-der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der Ecke ...«
-
-»Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... welchen Sie zuerst
-bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...« und der Sprecher zog seine
-Visitenkarte aus der Brusttasche und reichte sie dar.
-
-Wieder stieg die heiße Glut in seine Wangen, und voll verlegener Hast
-wandte er sich und schritt nach dem Saal zurück.
-
-Ihm war's, als müßte man ihm all seine jubelnden Gedanken von der Stirn
-ablesen! Vor wenig Minuten hatte er gewähnt, all die hellen Kerzen
-ringsum seien erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit er
-gehört, Gabriele sei die Braut eines andern, und nun plötzlich, als er
-vernimmt, daß dies Gerede eitel Lug und Trug ist, da schlägt sein Herz
-auf in ungestümer Glückseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum
-blenden ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie!
-
-Warum das? --
-
-Er vermag sich selber kaum Rechenschaft darüber zu geben, er überläßt
-sich willenlos dem fremden, eigenartigen Zauber, welcher ihn
-gefangenhält.
-
-In der mit Blumen dekorierten Vorhalle des Saales treten ihm ein paar
-ältere Herren mit Band und Stern entgegen und reden ihn in
-liebenswürdiger Weise an.
-
-Sie sind Tänzer und Jugendbekannte seiner Mutter gewesen und erkundigen
-sich voll aufrichtigen Interesses nach Gräfin Gundulas Ergehen.
-
-Guntram Krafft freut sich, von ihr sprechen zu können, er empfindet es
-voll stolzer Genugtuung, daß man seine Mutter so hoch schätzt und
-verehrt, und als der eine der Herren die Hand auf seinen Arm legt und
-sagt: »Kommen Sie, Graf, ich muß Sie zu meiner Frau bringen! Sie ist
-ebenfalls eine gute Bekannte Ihrer Frau Mutter von früherer Zeit und
-wird sich sehr freuen, von ihr zu hören und ihren Sohn kennenzulernen!«
--- da folgt der junge Mann so heiter und unbefangen, als ob ihn die
-letzte halbe Stunde heimisch auf dem Parkett gemacht habe.
-
-Er sieht im Vorüberschreiten Gräfin Thea, welche ihm lebhaft zuwinkt.
-
-»Wo um alles in der Welt stecken Sie denn, Graf? Ich möchte Sie gern den
-jungen Damen vorstellen! -- Halten Sie ihn bitte nicht allzu fest,
-Exzellenz -- zum nächsten Walzer ist er urkundlich verpflichtet!«
-
-Sie hält lachend die Tanzkarte empor, und der Begleiter Hohen-Esps zuckt
-scherzend die Achseln. »Wenn Sie den Grafen allerdings an solch holde
-Pflicht gemahnen, Komtesse, wird er mir fahnenflüchtig, noch ehe er der
-alten Garde den Eid geleistet hat! -- Aber unbesorgt -- ich war
-zeitlebens ein unbescholtener Mann und begehre nicht meines Nächsten
-Weib, Knecht oder Walzertänzer!! -- =Au revoir!=« --
-
-Und als der nächste Tanz mit den weichen, lockenden Klängen der »Rosen
-aus dem Süden« einsetzt, stockt Guntram Krafft plötzlich in der
-Unterhaltung mit der Frau Minister und schaut abermals in Gräfin
-Sevarilles erhitztes Gesichtchen, welches ihm aus nächster Nähe
-zulächelt.
-
-»Sie haben engagiert, lieber Graf?« fragte die alte Dame in schnellem
-Verstehen: »Das ist recht! Ich werde mich freuen, Sie tanzen zu sehen!
-Und den achtundzwanzigsten dieses Monats reservieren Sie uns also ...
-wir werden uns freuen, Sie zum Diner bei uns begrüßen zu können.«
-
-Der Bär von Hohen-Esp dankt sehr erfreut, verneigt sich und steht im
-nächsten Augenblick an der Seite der Komtesse.
-
-Er hat es so eilig, ihr zu erzählen, daß es mit der Verlobung Gabrieles
-ein großer Irrtum ist, aber er kommt fürerst nicht dazu, denn Thea
-spricht lebhaft auf ihn ein, wendet sich zu den nächststehenden jungen
-Mädchen und stellt ihnen den Graf vor.
-
-Man lächelt ihm sehr liebenswürdig zu, beginnt ein allgemeines Gespräch
-und macht dem »modernen Parzival« klar, daß er unter allen Umständen
-tanzen müsse!
-
-»Sie sehen, Graf, man tanzt hier keinen Walzer, sondern nur Galopp! Je
-nun, und das ist doch kein Kunststück! Wer so wie Sie eines Hauptes
-länger ist, wie alles übrige Volk, steuert doch ohne jedwede Gefahr
-durch all diese Wirbel und hohe Flut!«
-
-Das ist ein Wort!
-
-Guntram Kraffts Auge blitzt auf, -- er lacht und verneigt sich vor Thea.
-
-»Mut hat auch der Mameluck, Komtesse -- riskieren Sie es mit mir
-Seebären?«
-
-Einen Augenblick neigt sie das Köpfchen zurück und sieht zu ihm auf.
-
-Welch ein Blick!
-
-Wenn der Einsiedler von Hohen-Esp nicht arg zu naiv wäre, würde er viel,
-sehr viel darin lesen!
-
-Aber der Graf denkt gar nicht darüber nach, was sich wohl in den Augen
-einer Komtesse Sevarille spiegeln möchte, er hat nur einen einzigen
-Wunsch, den -- es zu versuchen, ob er sich wahrlich unter die Reihen der
-Tänzer wagen kann, ob er die Probe bestehen wird, um alsdann auch den
-Arm um jene andere, Einzigste legen zu können, welche all sein Sinnen
-und Denken gefangennimmt.
-
-Und er tanzt, -- wohl nicht ganz so gewandt und elegant wie die andern
-Herren im Saal, aber doch sicher und gut, ohne im mindesten unliebsam
-aufzufallen.
-
-»Bei einem Galopp kommt es nur auf die sichere Führung an!« hat eine der
-Damen soeben noch ermutigend gesagt, nun, und sicher hat der bärenstarke
-Arm des Hohen-Esper seine Dame gehalten!
-
-Mit heißgerötetem Antlitz führt er Thea an ihren Platz zurück, und die
-andern Damen und Herren, welche gewartet haben, voll neugierigen
-Interesses das »erste Debut des Parzival« zu beobachten, begrüßen ihn
-mit lebhaftem Beifall.
-
-Guntram Krafft hat es gar nicht bemerkt, wie aller Blicke ihm während
-des Tanzes gefolgt sind, er hat es nicht gehört, daß der Herzog sich
-erfreut und anerkennend darüber äußert, -- er schaut nur suchend über
-die bunte, wirbelnde Menge, ob er nicht Gabrieles Köpfchen erspähen
-kann.
-
-Und er sieht sie plötzlich in nächster Nähe, sieht direkt in die
-wundersam hellen, großen Nixenaugen hinein, welche wie staunend auf ihn
-gerichtet sind.
-
-Und Guntram Krafft lacht noch glückseliger wie zuvor, sagt Komtesse Thea
-ein herzliches Dankeswort und richtet sich hoch und kühn auf -- in
-Wahrheit wie ein junger Bär, welcher sich plötzlich seiner Kraft bewußt
-wird, wendet sich und steht im nächsten Augenblick vor Fräulein von
-Sprendlingen. »Darf ich bitten, mein gnädiges Fräulein?«
-
-Da starren ihn die meerfarbenen Augen abermals an wie aufs höchste
-überrascht ob einer solchen Zumutung, und dann wendet sie das Köpfchen
-und wechselt einen sekundenlangen, unendlich vielsagenden Blick mit dem
-schlanken, jungen Garde-Grenadier-Offizier, welcher neben ihr steht.
-
-Der lächelt sehr verständnisinnig --: »Ich begreife, Baronesse!« dreht
-sich kurz auf dem Hacken um und eilt als vielbeschäftigter Vortänzer
-davon, -- Gabriele aber legt langsam, beinahe zögernd den Arm auf den
-des Grafen und sagt: »Wir werden noch einen Augenblick warten müssen, es
-ist sehr wenig Raum zum Tanzen!«
-
-»Wie Sie befehlen, Fräulein von Sprendlingen!« antwortet Guntram Krafft
-und umschließt mit bebender Hand ihre weiche, schmiegsame Gestalt.
-
-Wie rote Nebel wallt es vor seinen Augen, die Aufregung schnürt ihm die
-Kehle zusammen, er hat das Gefühl, als wanke der Boden plötzlich unter
-seinen Füßen, und doch möchte er aufjauchzen vor Glückseligkeit, wie
-daheim, wenn er dem wilden, feindlichen Meer eine Beute abgetrotzt!
-
-Einen Augenblick harrt er so ... noch einen ... und da ... gerade als
-er lostanzen will, bricht die Musik mit kurzem Schlusse ab.
-
-Der Garde-Grenadier ist in die Mitte der Tanzenden getreten und hat die
-Hand mit kurzer Geste nach dem Orchester hinter dem Goldgitter der
-Galerie gehoben.
-
-Guntram Krafft, der Neuling, bemerkte es nicht, er blickt nur
-erschrocken zu Gabriele nieder und sagt bedauernd: »O wie schade!« --
-und Fräulein von Sprendlingen lächelt ganz wunderlich, löst die Hand von
-seinem Arm und tritt von ihm zurück.
-
-»Bedaure sehr!« sagt sie kühl, wendet das Köpfchen und begrüßt eine
-junge Hauptmannsfrau, welche jetzt am Arm ihres Tänzers vorüberschreitet
-und ihr zunickt.
-
-
-
-
-XIII.
-
-
-Wenige Augenblicke, nachdem Gabriele sich so wenig höflich von Guntram
-Krafft abgewandt hatte, trat Frau von Sprendlingen zu ihrer Tochter
-heran und flüsterte ihr ein paar inhaltsschwere Worte in das Ohr.
-
-Der breitgehaltene Fächer dämpfte den Klang derselben und verdeckte das
-Gesicht der Generalin, aber man bemerkte trotzdem, daß sie erregt und
-sehr energisch sprach.
-
-Über Gabrieles reizendes Gesicht flog ein Schatten.
-
-»Es war ja ein Glück, daß die Musik just schwieg.«
-
-»Mama! Warum soll ich mit ihm tanzen? Es hat gar keinen Zweck!
-Begeistern werde ich mich nie für das Muttersöhnchen -- warum also seine
-lächerliche Sympathie für mich durch irgend welche Höflichkeit nähren?«
-
-»Es ist hier nicht Zeit und Ort, darauf zu antworten; ich befehle dir
-jedoch, den Grafen nicht unfreundlich zu behandeln, wenn er sich dir
-noch einmal nähern sollte! Hörst du, Gabriele? Ich verlange und fordere
-es von dir als ein Zeichen deiner Liebe für mich!«
-
-Die junge Dame seufzte leicht auf.
-
-»Ach, hätte Frau Gundula doch etwas Besseres getan, als ihrem Baby die
-verlorenen Taler wieder zusammengespart! Je nun ... ich werde versuchen,
-mich dem Reigen um diesen modernsten Götzen anzuschließen!«
-
-»Frau Gundula handelte vortrefflich, indem sie für ihren Sohn sorgte,
-aber der alte Herr von Heidler, der die Güter verpraßte, anstatt sie
-seinem Erben zu erhalten ... wie handelte der?«
-
-Gabriele kannte den scharf ironischen Zug um die Lippen der Mutter, sie
-zuckte beinahe wehmütig die schönen Schultern: »Geld macht ja doch nicht
-glücklich, Mama, -- und es ist doch tausendmal besser und moralischer,
-einen armen Mann aus Liebe, als wie einen reichen aus Berechnung zu
-heiraten!«
-
-»Narrheit! Wenn du doch endlich merken wolltest, daß gerade der >arme<
-Mann viel zu klug und kaltherzig ist, um je aus Liebe ein unbemitteltes
-Mädchen zu freien!«
-
-»Ich bin ja nicht unbemittelt, Mama!«
-
-Frau von Sprendlingen biß momentan wie in großer Nervosität die Zähne
-zusammen. »Gleichviel, du tust, wie ich dir befehle!« sagte sie kurz,
-voll ganz ungewohnter Strenge, klappte den Fächer zu und wandte sich mit
-liebenswürdigstem Lächeln wieder ein paar Damen und Herren zu, welche
-sie schon seit Beginn des Festes wie den Stein der Weisen gesucht
-hatten! --
-
- * * * * *
-
-Man hatte sich zu Tisch gesetzt.
-
-Gräfin Thea bemerkte es zu ihrem großen Verdruß, daß Graf Hohen-Esp sie
-nicht engagierte, so nahe sie es ihm auch gelegt hatte, daß sie das
-Souper »vorsichtigerweise« noch freigehalten habe.
-
-Guntram Krafft reagierte nicht darauf. -- Als er direkt nach seiner
-Extratour mit ihr zu Gabriele schritt und »beinahe« mit ihr getanzt
-hätte, grub Gräfin Sevarille die Zähnchen recht ärgerlich in die Lippen.
-
-War denn der naive Schwärmer unverbesserlich, daß er so schnell den
-fatalen Eindruck, den die »Verlobung« des Fräulein von Sprendlingen auf
-ihn gemacht, abschüttelte und nach wie vor nach einem Zipfelchen ihrer
-Schleppe haschte, um es als blinder Sklave durch die Saison zu tragen?
-
-Seltsam, seine erst so melancholische Stimmung schien der strahlendsten
-Laune Platz gemacht zu haben, welche selbst der »entgleiste« Walzer mit
-der Angebeteten nicht zu trüben vermochte.
-
-Der Graf kehrte ebenso heiter und guter Dinge zu ihr zurück, als wie er
-von ihr gegangen, schien absolut kein Verständnis für die kleinen
-Bosheiten zu haben, welche Thea so geschickt auf Fräulein von
-Sprendlingen in Anwendung brachte, und bei welchen ihr ein paar
-verblühte Präsidententöchter und ein sehr dicker Jagdjunker eifrigst
-sekundierten. Er stand während der nachfolgenden Française vor dem
-erhöhten Wandpolster und folgte dem Tanz mit sichtlichem Interesse, dann
-sprach er noch recht lebhaft mit einem Ministerialrat, und als Gräfin
-Thea für etliche Minuten durch eine sehr amüsante Konfusion in Anspruch
-genommen ward und danach wieder verstohlen nach dem Bär von Hohen-Esp
-ausschaute, war derselbe zu ihrem nicht geringen Schrecken spurlos
-verschwunden!
-
-Gerade jetzt, wo es zum Souper ging und Thea sich schon einen
-scharmanten kleinen Trick ausgedacht hatte, um sich den bis jetzt so
-unhöflich verweigerten Arm des Grafen zu erzwingen.
-
-Wohin war er verschwunden?
-
-Voll nervöser Unruhe schaute die junge Dame zuerst nach Gabriele aus und
-sah es zu ihrer großen Genugtuung, daß dieselbe am Arme Heidlers den
-Saal verließ.
-
-Das beruhigte sie ein wenig, aber fatal war es momentan doch, daß sie
-über keinen Tischherrn verfügte.
-
-Ein blutjunger Artillerist schaute sich suchend um und trat hastig
-näher.
-
-»Sind Komtesse etwa nicht engagiert?«
-
-»Selbstredend, -- aber man scheint mal wieder Konfusion gemacht zu haben
---«
-
-»Darf ich gehorsamst bitten?« --
-
-Etwas übellaunig und zögernd legte Thea die Hand auf den Arm dieses so
-sehr nichtssagenden und unbedeutenden Tischherrn. Seit zwei Jahren
-Leutnant! Gräßlich! So ein Gelbschnabel ohne jedweden goldenen
-Hintergrund rechnete bei ihr überhaupt nicht mit.
-
-»Ich hatte mich mit Graf Hohen-Esp für denselben Tisch verabredet, Herr
-von Stark!« sagte sie schnell. »Der Graf ist fremd hier und wird gewiß
-hilflos umherirren und in den diversen Galerien nach mir suchen! Lassen
-Sie uns dem Ärmsten zu Hilfe kommen ...«
-
-»Graf Esp? Haha ... moderner Parzival ... haha ... wird wohl schon
-seinen Platz an König Artus Tafelrunde gefunden haben! Müßte mich sehr
-irren, wenn er nicht von einem der Kammerherren in den Thronsaal
-beordert ist! Was denken Komtesse? Der Mann ist ja Landstand! Trotz
-seiner Hinterwäldlerart! -- Die Güter verschaffen ihm Sitz und Stimme!
--- und wir ... haha ... in die Ecke, alter Besen! -- Aber darum wollen
-wir in unserem Turmstübchen doppelt fidel sein! -- Darf ich bitten,
-Gnädigste ... wir bekommen sonst überhaupt keinen Platz mehr!« --
-
-Thea zog die Brauen sehr ungnädig zusammen und folgte in denkbar
-schlechtester Laune. Welch ein Pech, daß der naive Neuling nicht
-rechtzeitig daran gedacht, sie zu engagieren -- im Thronsaal sitzen ist
-just das, was Gräfin Sevarilles Ehrgeiz endlich einmal befriedigen
-würde.
-
-Dennoch wird es ihr in diesem Augenblick klarer wie je, daß Graf Guntram
-Krafft es sein soll und muß, welcher sie das nächste Mal nicht nur an
-die Tafel der höchsten Herrschaften, sondern baldmöglichst auch als
-Herrin und Gebieterin in die Burg seiner Väter führen soll.
-
-Daß die alte Bärin in derselben noch ihre despotische Herrschaft führt,
-beunruhigt Thea durchaus nicht, denn wenn sie erst an der Seite des
-gutmütigen und willenlosen Gatten zu befehlen hat, wird sich gar manches
-ändern!
-
-Die junge Dame hat schon ihren Plan fix und fertig ausgearbeitet, und
-der moderne Parzival und Frau Herzeleide spielen eine verschwindend
-kleine Rolle darin.
-
-Graf Guntram Krafft gefällt ihr ja ganz gut, ja, sie müßte lügen, wenn
-sie ihn nicht hübsch fände, aber Thea Sevarille ist viel zu modern
-erzogen, ist viel zu sehr ein Kind ihrer übervernünftigen Zeit, um dem
-Herzen jemals eine bestimmende Macht in ihrem Leben einzuräumen.
-
-Alles, was sie denkt und tut, ist sehr vernünftig, und wenn
-zufälligerweise das Herz mit der Klugheit Hand in Hand geht, so ist es
-ein Vorteil mehr, mit welchem sie rechnen kann!
-
-Aber zu der »ungeheuren Fröhlichkeit«, welche Herr von Stark für ihre
-»unterste Ecke« prophezeit hatte, steuerte sie an diesem Abend wenig
-bei.
-
- * * * * *
-
-Währenddessen hatte Guntram Krafft mit hochklopfendem Herzen hinter
-seinem Stuhl gestanden und Fräulein von Sprendlingen entgegengeschaut.
-
-Am Arm des Herrn von Heidler nahte sie, das sonst so kühle und spröde
-Antlitz rosig überhaucht und seltsam belebt, die herrlichen, wundersamen
-Nixenaugen zu ihrem Partner erhoben, so strahlend und bewundernd, daß
-dem Bär von Hohen-Esp der Atem stockt. Und als sie ihre Plätze erreicht
-haben, mustert der Dragoner den unvermuteten Nachbar mit einem seiner
-finster blitzenden, beinahe beleidigend arroganten Blicke und sagt laut:
-»Na nu! was ist denn das? An Ihrer Seite hatte doch Hardenstein belegt,
-mein gnädiges Fräulein?« --
-
-Schon steht der Haushofmeister neben dem Sprecher und verneigt sich sehr
-devot.
-
-»Um Entschuldigung, Herr Leutnant! Wir mußten auf Befehl noch Plätze
-einschieben!«
-
-»Hätten Sie auch mehr an der Ecke besorgen können!« zuckt Heidler in
-seiner rücksichtslosen Art die Schultern und fügt brüsk hinzu: »Na -- es
-hilft nichts, Fräulein Gabriele, nehmen wir Platz! Ist ja schließlich
-auch gleichgültig.«
-
-Die junge Dame nickt und lächelt, wirft den Fächer auf den Tisch und
-läßt sich müde auf den Stuhl nieder, daß die starren Seidenfalten unter
-dem duftigen Goldflor leise aufrauschen.
-
-Ihr Blick trifft den Bär von Hohen-Esp, und die Augen blicken wieder so
-kalt -- so unsagbar kalt und abweisend drein, daß all die frohe, heitere
-Zuversicht des jungen Grafen sich an ihnen zu Tode friert. Aber sie
-erwidert wenigstens durch eine kaum merkliche Neigung des reizenden
-Köpfchens seinen stummen Gruß.
-
-Während der ersten Zeit hat Fräulein von Sprendlingen kein Wort und
-keinen Blick für ihren Nachbar, sie plaudert leise und lebhaft mit Herrn
-von Heidler, wie Guntram Krafft aus vereinzelten lauten Worten des
-jungen Offiziers entnehmen kann über Reiten und Sport.
-
-Erst als das Gespräch allgemein wird und sich um die letzten Rennen
-dreht, welche der Dragoner mit viel Erfolg mitgeritten hat, wendet sich
-Gabriele recht gezwungen, ja beinahe widerwillig zu Graf Hohen-Esp und
-fragt ihn, ob er auch ein passionierter Reiter sei?
-
-Ihre erst so leuchtenden Augen werden wieder so kühl und gleichgültig,
-daß den Gefragten dasselbe Gefühl der Befangenheit überkommt, welches
-ihn in Gabrieles Nähe kaum noch verläßt.
-
-Das Blut steigt ihm in die Schläfen.
-
-»Reiten?« wiederholt er zögernd, »gewiß reite ich täglich auf die Felder
-oder in den Wald hinaus, je nachdem es meine Tätigkeit als Landwirt
-bedingt! Wir verfügen jedoch nur über Pferde, welche mehr dauerhaft wie
-elegant sind, denn wir brauchen in erster Linie Arbeitspferde, aber
-keine Vollblüter!«
-
-»Dann ist das Reiten allerdings weder ein Sport noch ein Vergnügen!«
-zuckt Fräulein von Sprendlingen die Achseln, und ihre Augen sehen aus
-wie die klare See, wenn jähe Wolkenschatten sie dunkel färben, -- Herr
-von Heidler aber lacht mit gedämpfter Stimme auf und fügt hinzu:
-»Donnerwetter, nein! ein Hürdenrennen auf einem Ackergaul gibt es
-nicht!« --
-
-Gabriele sieht den Graf scharf an.
-
-Wird er auf solch beleidigenden Spott eine stolze, energisch abweisende
-Antwort haben? Nein, das Muttersöhnchen lacht mutig mit und findet es
-entschieden viel zu gefährlich, mit dem schneidigen Dragoner Händel zu
-bekommen, er sagt sogar ganz zustimmend: »Ich möchte es wenigstens nicht
-versuchen! Selbst auf einem Ihrer gut trainierten Renner nicht, Herr von
-Heidler! Das Reiten ist eine Kunst, welche gelernt und viel geübt sein
-will, -- beides habe ich bisher versäumt!«
-
-»Es gehört auch recht viel Courage und Schneid dazu, um auf der Rennbahn
-etwas zu leisten!« lächelt Gabriele beinahe verächtlich und mustert noch
-widerwilliger wie zuvor ihren Nachbar, welcher so hünenhaft groß und
-gewaltig neben ihr sitzt und doch so kläglich vor ihrem kritischen Blick
-zusammenschrumpft, wie ein Schatten vor der Sonne. --
-
-Auch diese Ironie scheint der zahme Bär entweder nicht zu verstehen,
-oder er hält es für praktischer, den Harmlosen zu spielen.
-
-»Gewiß, mein gnädiges Fräulein! Es gehört viel persönlicher Mut dazu, um
-flott über alle Hindernisse hinwegzugehen, denn leider gibt es jährlich
-wohl traurige Beweise genug, daß auch der Turf seine Opfer fordert.«
-
-»_Traurige_ Beweise?« Heidler klemmt das Monokel ein und zieht die
-narbige Stirn in Falten: »Es ist meiner Ansicht nach nie traurig, wenn
-ein Mann sich in seinem Beruf aufopfert und einen frischen, schönen
-Reitertod stirbt! Gäbe es keine Gefahr bei Mauern und Gräben, würden
-sie jedweden Reiz für mich verlieren!«
-
-Gabrieles Blick leuchtete wie verklärt zu dem Sprecher auf, und Guntram
-Krafft nickt zustimmend vor sich hin und sagt leise: »Ja, es ist
-seltsam, daß gerade die Gefahr einen so seltsamen Reiz ausübt!« und
-er denkt dabei an sein wildes donnerndes Meer und an das gebrechliche
-Lotsenboot, welches er auf Tod und Leben in die Brandung hinaustreibt.
-
-Gabriele kann aber diese Gedanken nicht von seinem geneigten Antlitz
-ablesen, sie glaubt nur ein gewisses zaghaftes Gruseln aus seinen
-Worten herauszuhören, und ihr Blick flammt beinahe verächtlich zu ihm
-auf.
-
-»Wenn Sie nicht reiten -- was tun Sie sonst den ganzen Tag auf
-Hohen-Esp?« --
-
-Er lacht, als ob ihn diese Frage amüsiere: »Ich bin der erste Arbeiter
-meiner Mutter und schaffe das Meine; wissen Sie nicht, daß es auf dem
-Lande unendlich viel zu tun gibt, wenn der Gutsherr nicht auf der
-faulen Haut liegt, sondern selber Hand anlegt, wo und was es auch
-sei?« --
-
-Sie verzieht den Mund noch ironischer. »Ich kenne das Landleben nur vom
-Hörensagen und halte das Säen, Pflügen und Dreschen für recht harmlose
-Beschäftigungen. Irgendeinen Sport üben Sie gar nicht aus?«
-
-Er sieht abermals sehr betroffen, beinahe verlegen aus, und dieser
-Ausdruck im Gesicht steht ihm nicht.
-
-»Ich weiß nicht recht, was Sie unter Sport verstehen, mein gnädiges
-Fräulein! Wenn meine Arbeit getan ist, gewährt es mir viel Freude und
-Genugtuung, auf der See zu rudern oder zu segeln!«
-
-»Also -- also doch eine Art Wassersport! Das ist ja jetzt auch modern!«
-
-»Lieben Sie das Meer?«
-
-Sie schüttelt unendlich gleichgültig den Kopf.
-
-»Nein! Ich habe nicht das mindeste Interesse dafür. So eine ewig
-gleiche, endlose Wasserfläche ist für mich unaussprechlich öde und
-reizlos!«
-
-Mit weit offenen Augen starrte er sie an.
-
-»Kennen Sie die See? Haben Sie schon einmal längere Zeit am Strande
-gelebt?«
-
-»Nein! Gott sei Dank, wir mußten ja nach acht Tagen schon wieder von
-Heringsdorf abreisen, weil meiner Mutter die Luft nicht bekam. Ich
-denke mit großer Gleichgültigkeit an diese acht Tage voll blendender
-Sonnenglut, gelben Sandes und beinahe regungsloser Wasserfläche zurück.
--- Später suchten wir im Sommer nur noch Quellenbäder auf, und ich habe
-mich nie nach Heringsdorf zurückgesehnt!«
-
-Noch immer starrte er sie an wie eine Vision. »Sind Sie im Boot
-gefahren?«
-
-»Gewiß! Abends ruderten uns meine beiden Vettern in die >blaue
-Unendlichkeit< hinaus, und wir schaukelten eine Zeitlang auf dem
-Wasser, sangen: >Das Meer erglänzte weit hinaus!< und sahen die Sonne
-am Horizont verschwinden, -- einen Tag wie den andern ...«
-
-»Schwefelgelb und still und lautlos wie eine Apfelsine auf
-Gummischuhen!!« -- warf Herr von Heidler mit übermütiger Grimasse ein,
-und ein schallendes Gelächter erhob sich im Kreise.
-
-Nur Guntram Krafft lachte nicht mit.
-
-Er starrte in sein Sektglas nieder und sah aus wie ein Mensch, welcher
-vor einem großen, unlösbaren Rätsel steht.
-
-»Und einen Sturm, einen großen, gewaltigen Sturm sahen und erlebten Sie
-nie?« fragte er.
-
-»Nein! Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß das Wasser, welches
-immer so glatt dalag wie ein Tischtuch, mal zornig aufbrausen kann!
-All die Seegeschichten, welche man hört oder liest, kann ich nie recht
-glauben, denn mir fehlt die Phantasie, um sie mir auszumalen!«
-
-Heidler hob sein Sektglas und sah tief und leidenschaftlich mit einem
-seiner zündenden Blicke in Gabrieles Auge.
-
-»Soll ich den Sattel an den Nagel hängen? Soll ich ein Seemann werden,
-und kommen Sie mit auf die weiten Meere hinaus, den fliegenden
-Holländer zu suchen?« --
-
-Heiße Glut flammt über ihr Antlitz, die rosigen Lippen beben, und in
-ihren Augen steht die Antwort geschrieben, -- aber sie beherrscht sich,
-schüttelt mit leisem Lachen das Köpfchen und antwortet: »Wenn Sie
-aufhören wollten zu reiten, würden Sie ein Verbrechen an dem modernen
-Heldentum begehen, und das würde ich Ihnen am allerletzten verzeihen!
--- Was wollen Sie auf dem Wasser? Da gibt es keine Lorbeeren zu holen
-...«
-
-»Erlauben Sie, meine Gnädigste! Die jüngsten, welche auf Chinas Boden
-sproßten, holte sich unsere Marine!«
-
-»Die Marine! ja die!!« zuckte Gabriele die Schultern.
-
-»Die besteht auch aus Soldaten und mutigen Männern, welche den Feind
-zu Schiff aufsuchen, weil sie ihn zu Lande nicht erreichen können!
-Die Marine imponiert mir fraglos, aber die Sportsmen, welche bei
-hellem Sonnenschein ein wenig die Ruder führen und in idyllischen
-Sommernächten eine Segelpartie machen, die können doch unmöglich mit
-unseren verdienstvollsten Männern rangieren!«
-
-Der Blick der Sprecherin traf wie eine kühne Herausforderung den Bären
-von Hohen-Esp, welcher schweigend an ihrer Seite saß und vor sich
-nieder auf das Fürstenwappen inmitten seines Tellers sah, -- er sah
-nicht den Ausdruck ihres Auges, er hörte nur ihre Worte, und sein erst
-so heiß gerötetes Antlitz ward um einen Schein blasser.
-
-Die Umsitzenden hatten sehr betroffene Blicke gewechselt, Heidler
-murmelte sehr amüsiert: »Alle Wetter, mein gnädiges Fräulein, das war
-deutlich!« Dann lenkte ein gegenübersitzender Kammerjunker das Gespräch
-voll nervöser Hast auf ein anderes Thema und verwickelte Guntram Krafft
-voll besonderer Liebenswürdigkeit in ein Gespräch.
-
-Gabriele aber warf triumphierend das reizende Köpfchen zurück und
-wandte sich wieder ausschließlich zu Heidler.
-
-»Er _mußte_ einmal meine aufrichtige Meinung hören!« flüsterte sie
-erregt, »es ist ja eine Schande, wenn ein Mensch, welcher wahrlich
-gewachsen ist wie ein Parzival, gar nicht zum Bewußtsein seiner
-Bärenkräfte kommt und >das Eisen in der Halle rosten< läßt, anstatt es
-zu Ruhm und Ehren seines Vaterlandes im Feuer zu schmieden!«
-
-Herr von Heidler gehörte zu den Menschen, welche ihr Licht mit Vorliebe
-auf Kosten anderer leuchten lassen, und da es seiner Eitelkeit
-schmeichelte, von dem reizendsten aller jungen Mädchen als Held
-gefeiert zu werden, so löschte sein scharfer Witz noch das letzte
-Fünkchen Sympathie, welches in Gabrieles Herzen für den Bären von
-Hohen-Esp geleuchtet hatte.
-
-Das Souper näherte sich seinem Ende, und als man sich erhob, wieder
-nach dem Tanzsaal zurückzuschreiten, wandte sich Fräulein von
-Sprendlingen zum erstenmal wieder an ihren Nachbar zur Rechten und
-erwiderte seine stumme Verneigung nur durch ein kurzes, flüchtiges
-Nicken.
-
-Sie wollte ihn nicht ansehen, aber ganz zufällig streifte ihr Blick
-dennoch sein schönes Antlitz und traf sein Auge.
-
-Welch ein Ausdruck darin!
-
-Nicht mehr das strahlende Entzücken, wie es ihr sonst daraus
-entgegengelacht, sondern eine schmerzliche, vorwurfsvolle Trauer, wie
-ein herb getadelter Knabe dreinschaut, ehe er anfängt zu weinen!
-
-Mit jäher Bewegung wandte sich Gabriele ab.
-
-Laut auflachen hätte sie mögen!
-
-Jung-Parzival, welcher hinter Frau Herzeleides Schürze hervorschaut! --
-
-Jung-Parzival, welcher noch nicht den Weg zu Frau Aventure gefunden
-hat, welcher auch nie und nimmer einen Platz unter den Rittern des
-Amfortas einnehmen und zeitlebens der beklagenswerte Tor bleiben wird,
-als welcher er auf seinem Ackergaul aus der heimatlichen Burg trabte!
-
-Ja, Gabriele möchte lachen, wenn es ihr nicht gar zu traurig deuchte!
-
-Die Zähne beißt sie zusammen und furcht die Stirn.
-
-Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! -- --
-
- * * * * *
-
-Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem Tanzsaal und
-schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, welcher wie ein wüster
-Fiebertraum vor seinen Augen kreist. --
-
-Die Musik schmeichelt mit süßen Walzerklängen, -- er hört sie nicht.
-
-Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene unfaßlich grausamen
-Worte, daß sie das Meer nicht liebt!
-
-_Sein_ Meer! Das herrliche, majestätische, unbeschreiblich schöne
-Meer, welches keines Dichters Zunge genug rühmen, an welchem sich
-keines Menschen Auge jemals satt sehen kann!
-
-_Sein_ Meer! -- Und sie liebt es nicht. -- Sie schilt es langweilig,
-träge, reizlos. --
-
-Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses Meeres spiegeln,
-grünlich ... graublau ... schillernd wie Perlmutter ... dunkel und
-licht zu gleicher Zeit ... verkörperte Wassertropfen.
-
-Wie ist es möglich, daß sie das, was er als Liebstes und Herrlichstes
-voll Leidenschaft preist, an welchem sein Herz voll unstillbarer
-Sehnsucht hängt, daß sie das verachtet und von sich stößt?
-
-Die See! -- Die blauwogende, unendliche See, deren brandende Wogen
-Pulsschläge der Ewigkeit sind, deren Sonnenlächeln wie bräutliche
-Wonne, deren zorniges Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? --
-
-Ach, daß sie ihm solches angetan!
-
-Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als »armseligen
-Ruderer« so weit ab von allem Heldentum wiesen, welche in ihm nichts
-anderes als einen verdienstlosen Menschen sahen, welcher sein Vergnügen
-an ruhmlosen Spielereien findet -- die Worte hatte er kaum gehört und
-beachtet.
-
-Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen zu achten.
-
-Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein geschmähtes Meer.
-
-Aus jedem anderen Munde würde ihm ein solches Urteil zu zornigem
-Widerspruch gereizt haben. -- Gabriele von Sprendlingen gegenüber
-verstummte er in jener unerklärlichen Befangenheit, in welche ihn ihr
-Anblick vom ersten Moment an versetzt hatte.
-
-Wie gleichgültig würde es ihm sein, ob fremde Menschen die See lieben
-oder nicht, -- nur von einer einzigen würde es ihn namenlos beglücken,
-und gerade sie wendet das reizende Haupt gleichgültig ab und urteilt so
-hart, so grausam, so verständnislos ...
-
-Ja, verständnislos!
-
-Sie kennt ja das Meer gar nicht!
-
-Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges,
-unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschöpflich reichen,
-ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des
-Modebades getrübt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!
-
-Guntram Krafft atmet tief auf.
-
-Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen!
-
-Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige Wochen
-im Jahr an den Strand eilen, die müden Lebensgeister an Gottes Odem
-aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur
-kennenzulernen.
-
-Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese sitzen in den
-eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend
-bizarren kleinen Überraschungen, welche Göttin Mode und der Geschmack
-des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, -- die blicken
-kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in
-die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, welche auf den Wassern des
-Meeres wohnt. --
-
-Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind
-mit der keuschen, unberührten Wunderwelt des Strandes, -- wenn er der
-holden Spötterin Gabriele dieses Paradies erschließen könnte!
-
-Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die Musik schweigt,
-und neben ihm erklingt die Stimme Gräfin Theas, welche ihn aus seinen
-Träumen aufschrecken läßt. --
-
-
-
-
-XIV.
-
-
-»Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenflüchtiger!« drohte ihm die
-Gräfin lächelnd mit dem Fächer: »Wie von dem Erdboden verschwunden
-waren Sie, als wir unsere unendlich vergnügte und amüsante Ecke
-bildeten! Wie sehr schade, daß Sie in unserm kleinen Kreise fehlten,
-Sie würden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!«
-
-»Ich bezweifle es nicht, Gräfin!«
-
-Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert.
-
-»Wie ist es Ihnen ergangen?« --
-
-»Je weniger man erwartet, desto weniger kann man enttäuscht werden!«
-
-Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte einem Seufzer.
-
-Thea trat einen Schritt näher und sah mit ihren großen, dunklen Augen
-beinahe wehmütig zu ihm auf.
-
-»Ich habe bereits davon gehört, wie unliebenswürdig Gabriele einmal
-wieder gewesen ist! -- Es ist wirklich ewig schade darum, daß in diesem
-bildhübschen Körper eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese
-Tatsache muß selbst ich, als beste Freundin, bestätigen!«
-
-»Fräulein von Sprendlingen unliebenswürdig?« wiederholte Guntram Krafft
-beinahe erschrocken.
-
-»Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man sagt mir, daß sie gerade
-gegen Sie recht beleidigend gewesen sei, und das hat mich ernstlich
-böse gemacht!«
-
-Der Bär von Hohen-Esp hörte nicht den weichen, schmollenden Klang in
-Theas Stimme, welche sich so ostensibel zu seiner Anwaltin machte, er
-schüttelte nur betroffen den Kopf und strich mit der Hand die schweren
-Blondhaare aus der Stirn.
-
-»Fräulein von Sprendlingen sprach sehr abfällig über das Meer, über das
-Rudern und Segeln -- und das kann unmöglich _mich_ beleidigen, so
-sehr ich ihre Abneigung auch bedauerte!«
-
-Ein seltsamer Blick der Gräfin streifte ihn. »Wie freundlich und
-harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis
-doch ist! Es freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht
-kränkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so genau nachrechnen,
-wie anderen Sterblichen!«
-
-»Verliebten Menschen?«
-
-Thea lachte. »Aber Graf! Haben Sie es denn noch immer nicht bemerkt,
-daß Fräulein von Sprendlingen keinen andern Gedanken mehr hat, wie
-ihren schneidigen Dragoner?« --
-
-»Das wohl ... aber ...«
-
-»Nun?...«
-
-»Verlobt sind sie noch nicht!«
-
-»Noch nicht öffentlich!« --
-
-»Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch nicht aus ...«
-murmelte er mit tiefem Atemzug.
-
-Sie standen neben der Saaltür, ein lautes Lachen und Sprechen ließ sie
-momentan verstummen.
-
-Ein paar junge Herren umringten eine sehr große, schlankgewachsene,
-junge Frau, von der man dem Grafen schon zuvor erzählt hatte, daß sie
-einen bedeutend kleineren Mann geheiratet habe. --
-
-»Gnädigste Frau, ich habe eine Bitte!« rief einer der Herren mit
-übermütig blitzenden Augen. »Eine Frage hat man frei an das Schicksal
--- eine Bitte nicht!«
-
-»Na -- schießen Sie los, Karlchen, ich bewillige sie im Namen von Frau
-von Stark!«
-
-»Oho!« --
-
-»Also!« Der Kürassier legte beide Hände bittend auf die Brust:
-»Gnädigste Frau -- pumpen Sie mir mal für vierzehn Tage Ihren Herrn
-Gemahl!«
-
-»Wie? -- Meinen Mann?!«
-
-»Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach der Hochzeitsreise??«
-
-»Was wollen Sie mit ihm?« --
-
-»Ich möchte ihn so gern auf _meinen Kaminsims stellen.... da fehlt mir
-nämlich eine Nippesfigur_!«
-
-Schallendes Gelächter!
-
-Die junge Frau ist zuerst entrüstet, aber schließlich lacht sie doch
-mit und tanzt mit dem Spötter eine Extratour. --
-
-Ein paar junge Mädchen treten in den Saal. Sie sehen den Grafen
-Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter ihnen an der Tür.
-
-»Nein, nein, Kläre! Wir müssen erst mal sehen, ob Parzival wieder
-tanzt! --«
-
-»Reizender Anblick! -- Erinnert an die graziösen Matrosen im fliegenden
-Holländer!«
-
-»Pfui! Schäm' dich! Parzival ist ein vortrefflicher Mensch! Lotte sagte
-ja vorhin: >Der einzige Diamant unter viel Simili!<« --
-
-»Hahaha! -- Ein Diamant!... Aber ein noch völlig ungeschliffener!«
-
-»Ich fürchtete schon,« -- lachte eine der jungen Damen, »er würde à la
-Jürgen Wansbeck hier auftreten!«
-
-»Jürgen Wansbeck? Wer war das?«
-
-»Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an den Hof kam und bei
-einem Ball die Handschuhe sparte. Der Herzog sah ihn scharf an und
-fragte gedehnt: >Sie tragen keine Handschuhe, Baron?<«
-
-Da schüttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und antwortete: »Nee,
-Hoheit, _ich frier' ja nich' an die Fingers_!« --
-
-Jubelndes Gelächter. --
-
-»Großartig! Brillante Geschichte!«
-
-Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram Krafft hastig beiseite.
-
-»Hier ist ein solches Gedränge, Graf! Wir wollen uns dort auf den Diwan
-setzen.«
-
-»Wie Sie befehlen!« nickte Guntram Krafft und sah dabei völlig harmlos
-aus: »Die Menschen hier scheinen viel zu spotten, -- ich machte schon
-die Bemerkung, daß die meisten Scherze auf Kosten der lieben Nächsten
-gemacht werden!«
-
-»Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze am meisten
-belacht!«
-
-Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder und blickte ihr
-plötzlich mit seinen klaren, grundehrlichen Augen voll beinahe
-kindlichen Vertrauens in das blasse Gesichtchen.
-
-»Gräfin ... Sie sind eine Freundin von Fräulein von Sprendlingen?« --
-
-»Sogar eine ihrer vertrautesten!«
-
-»Und Sie meinen es auch mit mir gut?«
-
-»Von ganzem Herzen gut!«
-
-»Würden Sie mir einen großen Liebesdienst erweisen, es mir gestatten,
-Ihnen rückhaltlos zu vertrauen?«
-
-Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete bezaubernd zu
-ihm auf. --
-
-Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von älteren Herren
-bildete vor ihnen Spalier, um einem »Menuett der Königin« zuzusehen,
-welches von den Prinzessinnen und Prinzen nebst einer kleinen Schar von
-Auserwählten soeben vor dem Herzog getanzt wurde.
-
-»Sprechen Sie, Graf!« flüsterte sie, »kein Mensch hier meint es
-ehrlicher mit Ihnen, wie ich!«
-
-Er drückte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine Rechte und nickte
-erregt: »Das bemerkte ich bereits, Gräfin! Sie waren von Anfang an so
-sehr liebenswürdig zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders gütig
-an, und wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde genoß, so verdanke
-ich sie Ihnen!«
-
-»Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster Wunsch --!«
-
-»Wundern Sie sich nicht über mich, ich bin fremd in der Welt und es
-gewohnt, seit jeher nur nach meinen momentanen Eingebungen zu handeln.
-Auch jetzt weiß ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden.
---« Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden Kindes in
-den ihren: »Sie meinen es ja so gut mit mir ...«
-
-»Seien Sie dessen versichert!« In Theas Wangen stieg es immer heißer
-und röter, ihre Augen flimmerten vor Spannung, und ihre Lippen bebten
-wie bei einem Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel
-entgegendrängt.
-
-»Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin glücklich, Ihnen
-irgendwie behilflich sein zu können!«
-
-Er zögerte und blickte momentan starr vor sich nieder.
-
-»Ich möchte es so gern wissen, ob Fräulein von Sprendlingen den
-Dragoner wahrlich so sehr liebt!«
-
-»Soll ich es auskundschaften bei ihr?«
-
-»Sie sind doch ihre Freundin ...«
-
-»Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube ich aber, daß es
-Sie noch mehr interessieren wird, ob sie tatsächlich mit ihm verlobt
-ist?«
-
-Er schüttelt nachdenklich den Kopf. »Ich las in Romanbüchern, daß
-heutzutage die Mädchen auch ohne Liebe heiraten. Schon manch eine
-Verlobung wurde aufgelöst, weil die Braut schließlich noch einen Mann
-kennenlernte, welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig
-gewählten Bräutigam!«
-
-»Seien wir ganz ehrlich, Graf!« Thea entfaltete den Fächer und
-flüsterte zu ihm auf: »Sie möchten wissen, ob Sie Aussichten haben,
-Gabrieles Herz zu gewinnen?«
-
-Er ward dunkelrot. -- »Ich glaube ... Sie treffen das Richtige, Gräfin!
-Es würde mir von großem Wert sein, zu wissen, wie ich es anfangen muß,
-um mir die Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was ich Sie
-fragen wollte!«
-
-»Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Schönheit bezaubert, und es würde
-keine liebere Mission für mich geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten
-zuzuwenden!«
-
-»Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten, Gräfin, von
-was ich Fräulein von Sprendlingen unterhalten soll, was ich tun muß,
-daß sie mir ihr Interesse zuwendet! -- Wenn sie es wüßte, daß sie mir
-so sehr, sehr gut gefällt ...« er unterbrach sich und strich abermals
-mit der Hand über die Stirn: »Das Reiten scheint ihr viel Freude zu
-bereiten ... und wenn sie Wert darauf legt, will ich gern ...«
-
-»Dragoner werden?!« Thea hob beinahe entsetzt die Hand und sah
-plötzlich ganz blaß aus. »Wäre das Ihr Ernst, Graf?« --
-
-Er lächelt. »Nein, daran ist gar kein Gedanke, Gräfin. Wozu das? Ich
-habe daheim ernstere Pflichten zu erfüllen, als wie hier in behaglicher
-Friedenszeit eine Uniform spazierenzutragen --.«
-
-»Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das nicht einsieht, verdient
-es nicht, Ihre Gemahlin zu werden!«
-
-»Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein Leben genau nach ihren
-Wünschen regeln, denn ich weiß, wieviel ich ihr zu verdanken habe, und
-erachte den Gehorsam gegen sie als meine Schuldigkeit.«
-
-»Wie edel, wie schön von Ihnen gedacht, Graf!« rief Thea mit
-begeistertem Aufblick in sein Auge: »Wie sprechen Sie mir aus der
-Seele! Wie billige ich Ihre Denkweise so völlig! Ich kenne zwar Ihre
-Frau Mutter nicht, aber nach allem, was ich von ihr hörte, verehre ich
-sie höher wie alle andern Frauen und denke es mir als höchstes Glück,
-ihr zu Diensten leben zu können! Welch ein sündliches Begehren wäre es,
-der einsamen Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entreißen, um
-einer nichtigen Eitelkeit willen!«
-
-Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entzückens zu der Sprecherin
-nieder. Die Verehrung für seine Mutter gewann ihr vollends seine
-Sympathien, und seine große Harmlosigkeit war weit davon entfernt,
-irgendeine Verstellung hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen.
-
-»O, wenn Fräulein Gabriele doch ebenso denken möchte, wie Sie! --
-Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen nie werden, denn trotz aller
-Bravour und aller Reiterstücklein reizt mich der Militärdienst in
-Friedenszeiten nicht sonderlich, -- aber ein guter Reiter könnte ich
-ihr zuliebe trotzdem werden ...«
-
-»Es wäre lächerlich, wenn sie es verlangen wollte! -- Reiten lernt ein
-jeder Rekrut -- aber ein Segelboot durch Sturm und hohe Flut steuern,
-das ist ein Wagnis, ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht
-kennt!«
-
-Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine Augen
-strahlten wie verklärt.
-
-»Also Sie haben Interesse für den Seemann, Gräfin? Sie lieben das Meer
-und alle seine Herrlichkeit?...«
-
-Sie preßte voll Leidenschaft die Hände gegen die Brust, -- die roten
-Blüten des Kleiderausschnitts rieselten wie Funken über die nervös
-bebenden Finger.
-
-»Und _ob_ ich sie liebe! -- Noch nie lernte ich das Meer kennen,
-Graf, und doch sehne ich mich voll glühenden Verlangens seit Jahren
-schon nach seinem Anblick! -- Nicht >Neapel sehen und sterben< --
-seufzt meine Seele, sondern >die See sehen und in ihrem Zauberbann
-leben bis zum Ende meiner Tage!< Das ist das Gebet, welches in meinem
-Herzen zittert! -- Noch ist es nicht erhört worden, aber ich lasse
-nicht nach, zu hoffen und zu harren, -- _einmal_ muß auch mir das
-Glück zu Willen sein!«
-
-Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich so weich, so innig
-und aus tiefstem Herzen quellend, in sein Ohr schmeichelten, als höre
-er nach wirrem Lärm und Mißgetön wieder traute Klänge aus der Heimat.
-
-Ganz unwillkürlich rückte er näher an ihre Seite und legte die Hand auf
-ihren Arm. »Sie sollen ... Sie werden das Meer sehen, Gräfin ... Sie
-müssen zu uns nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in dem
-alten Bärennest gefallen, und welch eine Freude für mich, Ihnen das
-Meer zeigen zu können!«
-
-Ja, eine Freude!
-
-Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, und das Blut stieg
-ihm abermals so rot und warm in die Schläfen, wie stets, wenn ein
-glückseliger Gedanke ihm das Herz bewegte!
-
-Und in diesem Moment gaukelte es plötzlich wie ein süßes Traumbild vor
-seinen Augen; wenn Gabriele die Hausfrau von Hohen-Esp war, mußte dann
-nicht ihre Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen
-Glück des jungen Paares zu erfreuen?
-
-Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen, Thea aber hörte
-nur seine Worte und paßte seine Erregung einzig ihnen an.
-
-Ihr Blick war noch weicher und sehnsüchtiger, ihre Stimme klang noch
-jubelnder wie zuvor: »Und ob es mir in der Stille Ihres trauten
-Heims gefallen würde?« flüsterte sie. »O, Graf, ich liebe die bunte
-Welt mit all ihrem Lärm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine Seele
-dürstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher Waldeinsamkeit! O, und
-Ihre Frau Mutter! Wie wollte ich bemüht sein, ihr die Tage kurz und
-lieb zu machen! Wie würde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches,
-hochbeglücktes sein! -- Und dann der Gedanke, von Ihnen, Graf, in die
-Wunderwelt des Strandes eingeführt zu werden, mit _Ihren_ Augen die
-unendliche Schönheit des Meeres schauen zu lernen, -- mit zitternder
-Seele die dräuende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!«
-
-Sie sprach voll schöner Leidenschaftlichkeit, mit dem einschmeichelnden
-Organ, welches sich wie Silberfäden um das Herz strickt, und Guntram
-Krafft blickte ihr wie verklärt in die Augen und empfand die Nähe der
-kleinen Gräfin noch mehr wie zuvor als Wohltat! --
-
-Er wollte antworten, in demselben Augenblick drängte sich jedoch ein
-junger Infanterieoffizier durch die Spalier bildenden Damen und Herren
-und verneigte sich hastig.
-
-»Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so gütig waren, mir
-zu schenken.«
-
-Thea erhob sich zögernd.
-
-»Ah, die Polka! -- Eigentlich dürfte ich nicht mehr tanzen, ich bin
-todmüde ...«
-
-»Das wäre grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka schadet Ihnen
-sicher nicht!«
-
-Die junge Dame lächelte, -- ein wahres Märtyrerlächeln, blickte
-zu Guntram Krafft auf und sagte: »So will ich es machen wie die
-Schwalben, welche zwar scheiden, aber doch jedesmal versichern: Wir
-kehren wieder!«
-
-»Scharmant gesagt!« applaudierte der kleine Leutnant und bot der
-Sprecherin den Arm.
-
-Gräfin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand den Erbherrn von
-Hohen-Esp in sehr eifrigem Gespräch mit einem Ministerialrat, welchem
-Guntram Krafft seine Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft für
-Schiffbrüchige hier zu wirken, ausgesprochen.
-
-Der alte Herr hörte voll liebenswürdigen Interesses zu und nannte die
-Bemühungen des Grafen sehr anerkennenswert und hochherzig, versicherte
-aber, daß er selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun könne
-und verwies ihn an eine andere Adresse.
-
-Das Gespräch drehte sich zu Theas großem Mißvergnügen noch längere
-Zeit um lauter sachgemäße Auseinandersetzungen und wollte absolut
-nicht wieder in jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der
-Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat für die Seefahrer
-berge, er sprach mit bewegten Worten von seinen kühnen, zuverlässigen
-Schiffern und von ihren redlichen Bemühungen, Hilfe in der Not zu
-bringen -- und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuhörte und
-begeisterte Bemerkungen einflocht, -- die Spitze ihres zierlichen
-Füßchens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig unter dem Kleidersaum,
-und das nervöse Spiel mit dem Fächer zeigte es, wie höchst langweilig
-ihr diese Unterhaltung war!
-
-Zu ihrem Ärger kamen auch wieder neue Tänzer, welche sie nicht gut
-abweisen konnte, und entführten sie, und der Ball näherte sich seinem
-Ende, ohne daß sie die so mühsam errungenen Vorteile bei dem Bären noch
-weiter ausnutzen konnte!
-
-Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange aber die törichte
-Schwärmerei für Gabriele noch anhielt, waren ernsthafte Aussichten für
-sie ausgeschlossen.
-
-Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz so unerfahren und
-weltfremd, wie sie angenommen!
-
-Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, daß Menschen von der Liebe
-allein nicht leben können, und »daß die Summe immer klein bleibt, wenn
-sich nichts mit nichts verbindet!«
-
-Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden Herrn von Heidler
-richtiger wie sie alle und rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß
-derselbe durchaus keine Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich
-darin gefalle, von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft
-angeschwärmt zu werden.
-
-Daß aber ein Mann mit reellen Absichten stets den Sieg über einen
-Courmacher davonträgt, ist eine so alte Tatsache, daß sie selbst in dem
-weltfernen Hohen-Esp bekannt sein dürfte. --
-
-Thea hatte es längst durchschaut, daß Herr von Heidler viel zu hohe
-Ansprüche an die Mitgift seiner Zukünftigen stellte, um sich mit
-Gabrieles Vermögen, so ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden
-zu erklären; daß dies dem Grafen Hohen-Esp aber möglichst unbekannt
-blieb, ja, daß er so radikal wie möglich von seiner Schwärmerei geheilt
-werde, das mußte fürerst die größte Sorge der Gräfin sein.
-
-»Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger Hof, wo wir zu
-Ehren der auswärtigen jungen Damen und Herren noch einmal tanzen?«
-flüsterte sie zum Abschied zu Guntram Krafft empor. Der folgte just
-mit einem seltsam verschleierten Blick dem Fräulein von Sprendlingen,
-welche, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, lachend und plaudernd
-vorüberschritt.
-
-»Ich weiß es nicht, Gräfin! Was soll ich da? Es liegen auch so viele
-Dinereinladungen für mich im Hotel -- --«
-
-Was fragte Thea nach denen!
-
-Junge Mädchen wurden selten, fast nie zu Diners eingeladen, -- außer
-auf den Bällen und der Eisbahn hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen
-wiederzusehen.
-
-Sie entfaltete den glitzernden Fächer und winkte ihn näher herzu.
-
-»Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche sie aus!« flüsterte
-sie. »Und abends, während des Balles, teile ich Ihnen mit, was
-geschehen muß, um Gabriele für Sie zu interessieren! Ich werde bei
-meinem Besuch schon alles tun, um das spröde Herzchen möglichst für Sie
-zu erwärmen, -- hoffentlich gelingt es mir, daß sie Ihnen einen Tanz
-aufhebt!«
-
-»O, Gräfin ... wie sollte ich Ihnen das danken?« stammelte er und sah
-abermals aus, wie ein Kind, welchem man lockende Märchen erzählt.
-»Unter diesen Umständen komme ich natürlich!«
-
-Sie nickte ihm lächelnd und vertraulich zu und freute sich, daß
-ein paar andere junge Damen, darunter auch Lotte, welche den
-modernen Parzival für einen Brillant unter Simili erklärt hatte, ihr
-Einverständnis mit dem Hohen-Esper sahen. --
-
-»Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp. >absitzen<, Graf?« --
-fuhr sie flüsternd fort; »lassen Sie uns besser allsogleich etwas
-Bestimmtes verabreden, sonst wandere ich wieder von einem Arm in den
-andern und kann Ihnen nichts erzählen!«
-
-»O, gewiß ... alles, was Gräfin befehlen ...«
-
-»Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das Souper! Bei Tisch ist
-man oft am ungestörtesten! Vergessen Sie es aber nicht! Das Souper
-und den ersten Walzer! -- Selbstverständlich trete ich die Tänze an
-Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, -- aber _nur_
-an Gabriele, an niemand anders! O, Sie ahnen es nicht, Graf, _wie_
-gut ich es mit Ihnen meine!«
-
-»Doch, Gräfin! Ich überzeuge mich ja ununterbrochen davon!« antwortete
-er mit warmem Dankesblick und erglühte abermals bei dem glückseligen
-Gedanken, daß Gabriele mit ihm tanzen könne, bis unter die lockigen
-Haare. »Ich vergesse Ihre gütige Zusage gewiß nicht! Wenn Sie derselben
-nur eingedenk bleiben möchten!«
-
-Thea nickte ihm mit reizendem Lächeln zu und drückte seine Hand zum
-Abschied, und als Guntram Krafft in dem Wagen saß und nach dem Hotel
-fuhr, sah er im Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Gräfin
-beinahe deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende Antlitz
-Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten bis in den kurzen,
-unruhigen Schlaf hinein. -- --
-
-Am nächsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp für jene
-Angelegenheit zu wirken, welche ihn ursprünglich hierher in die
-Residenz geführt.
-
-Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie der Ministerialrat
-gestern abend geraten, für die Anlage einer neuen Rettungsstation zu
-interessieren.
-
-Er mußte lange warten, bis Seine Exzellenz einen Augenblick Zeit
-erübrigen konnte, und kaum, daß er ein paar einleitende Worte
-gesprochen, lächelt der alte Herr sehr verbindlich und reicht ihm die
-Hand.
-
-»Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber Graf!« sagte
-er, »und möchte Ihre und meine Zeit nicht unnötig in Anspruch nehmen.
-All diese Angelegenheiten, welche Sie da berühren, sind nicht meine
-Sache, -- Sie dürften in erster Linie das zuständige See- oder
-Hafenamt interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich werde mich
-informieren und Sie allsogleich vor die rechte Schmiede schicken.«
-
-Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn weiter von Pontius
-zu Pilatus, und überall begegnete er viel Liebenswürdigkeit und viel
-höflichen Worten, -- nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe.
-Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu nehmen und mehr
-an eine müßige Spielerei oder ungerechtfertigte Ansprüche zu glauben.
-
-Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem Grafen saßen,
-und welchem er sein Leid betreffs all seiner vergeblichen Bemühungen
-klagte, schüttelte lächelnd den Kopf. »Das Hamelwaat ist den Schiffen
-so gefährlich? Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer ernsten
-Havarie gehört, welche ein Fahrzeug dort erlitten.«
-
-»Weil wir glücklicherweise stets noch rechtzeitig zur Stelle waren, um
-eine solche verhüten zu können!«
-
-»Wer vollführte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?«
-
-»Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!«
-
-»O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung oder
-Belohnung vorgeschlagen? Bitte, versäumen Sie das ja nicht,
-verehrtester Graf, und zeigen Sie eventuelle Verdienste der Leute bei
-dem zuständigen Landratsamt an. Im übrigen aber rate ich Ihnen, die
-wackeren Fischer ruhig weiter für ihre Kameraden sorgen zu lassen!
-Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und beste. -- Die Gründung
-einer neuen Station ist mit sehr vielen Kosten und Umständen verknüpft,
-und wo es nicht absolut nötig ist, unterläßt man sie!« --
-
-»Aber sie ist absolut nötig!«
-
-»Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewiß liegt es in dem
-Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden Mannes, der Hilflosigkeit
-überall, -- nicht nur auf eng bemessenen Strecken, beistehen zu können,
-und ich glaube, daß Menschen, die viel oder gar stets an der See
-kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, daß noch gar viel geschehen
-muß, um all den großen und schwerwiegenden Anforderungen gerecht zu
-werden.«
-
-»Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns!« --
-
-»Wie weit ist die nächste Station von Ihnen entfernt?« --
-
-»Den Kilometern nach nicht direkt außer der Welt, und dennoch absolut
-nutzlos für uns, da sie in dringenden Fällen -- und die sind es zumeist
--- nicht erreichbar ist!«
-
-»Wie dürfte das zu verstehen sein, Herr Graf?«
-
-»Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten Dünen und
-Sandbänken, welche ihre Beschaffenheit beinahe mit jedem hohen
-Seegang wechseln, die sehr zuwidern Strömungen, mit welchen gerade in
-seiner nächsten Umgebung zu kämpfen ist, machen diese meine kleine
-Küstenstrecke besonders gefährlich. Wenn ein Schiff aufläuft, so
-geschieht das meist sehr unerwartet und so gewaltig, daß wir, die
-beinahe ständig auf der Lauer liegen, um uns nicht überraschen zu
-lassen, kaum schnell genug zur Stelle sein können, um das Schlimmste
-abzuwenden. Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis von fernher
-ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft von keuchenden Rossen durch
-Sand und Schlick herangeschleppt wird, ist eine Unmöglichkeit! --
-Wenn ein Schiff tatsächlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum noch
-in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft zu bergen,
-geschweige das Fahrzeug selber zu retten! Unsere hauptsächliche
-Aufmerksamkeit wendet sich daher einer vorbeugenden Hilfeleistung zu.
--- Wir leisteten mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir
-suchten stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos segelnden
-Schiff, welches sich in den Molochsrachen des Hamelwaats treiben ließ,
-Warnung und einen Lotsen an Bord zu bringen, welcher ihm half, in
-sicherem Fahrwasser seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen
-Unfall noch rechtzeitig verhüten konnten, ist die Aufmerksamkeit
-der Strandbehörden noch nicht genügend auf die Gefährlichkeit
-jener Küstenstrecke gelenkt. Habe ich mich klar und verständlich
-ausgesprochen, sehr geehrter Herr? -- Ich bemühte mich, mit
-Hintansetzung aller >technischen< Ausdrücke nur möglichst anschaulich
-zu reden!«
-
-»Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen, was Sie bezwecken
-und wünschen, und würde mit Freuden der erste sein, welcher Ihre so
-uneigennützigen Wünsche möglichst fördert. Aber, aber!!...« und der
-Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg.
-
-»Welch ein >Aber<? -- läßt sich dasselbe nicht durch den guten Willen
-überwinden?«
-
-Immer röter und röter stieg es in Guntram Kraffts Stirn, immer
-ungeduldiger blitzte sein Auge.
-
-»Nein, Herr Graf! Gerade dieses >Aber<, welches man wohl Ihren
-Bemühungen als Schranke gegenüberstellen muß, ist das einzigste,
-welches sich selbst mit dem besten Willen nicht überwinden läßt --«
-
-»Ah!?«
-
-»Ich meine das Geld!«
-
-Der Bär von Hohen-Esp neigte jäh das erst so stolz und fragend
-blickende Antlitz.
-
-»Das Geld?« wiederholte er mit etwas unsicherer Stimme. »Ich nehme an,
-daß die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger über genügende Mittel
-verfügt?«
-
-Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem Versuch zum
-Scherzen: »Wollte Gott, dem wäre so! Nein, Herr Graf, da befinden Sie
-sich leider in großem Irrtum. Die Ansprüche, welche von Jahr zu Jahr
-an diese unvergleichliche, so bienenfleißig arbeitende und schaffende
-Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und ständig
-wachsenden Not bis ins Ungeheure an, -- während sich doch keine Quelle
-erschließt, dementsprechende Mittel neu zuzuführen!«
-
-»Aber die Sammlungen im Lande?!«
-
-»Deren Erträge sind so unbedeutend, daß man sich ihrer schämen möchte!«
-
-»Mein Gott, wie ist das möglich?«
-
-Abermals ein resigniertes Achselzucken.
-
-»Man interessiert sich nicht dafür! -- Die paar wenigen Menschen,
-welche im Sommer in die Seebäder reisen, der kräftigen Salzluft neue
-Kraft und Stärkung verdanken und die wundervolle Poesie des Meeres und
-des Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr Scherflein
-dazu bei, an dem großen, wichtigen, herrlichen Werk edler Nächstenliebe
-zu helfen; aber was will dieser verschwindend kleine Bruchteil im
-Gegensatz zu den enormen Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen
-erfordern? Die große Menge kennt und liebt die See kaum.« --
-
-»Undenkbar! -- Schon aus Patriotismus ist es doch die Pflicht eines
-jeden, gerade für die Küste eines Meeres einzustehen, auf welchem
-Deutschlands ganze Zukunft ruht!« --
-
-»So denken Sie, mein lieber Graf!«
-
-»Und andere nicht?« --
-
-»_Vorläufig_ noch nicht! Wenn unserm deutschen Volk die Augen
-aufgehen, wird es auch die Hand öffnen und der heiligsten seiner
-Missionen nicht mehr kalt und fremd gegenüberstehen!«
-
-»Und bis dahin?!« --
-
-»Bis dahin müssen wir uns gedulden, hoffen und mutig ausharren, lieber
-Graf, und vor allen Dingen bemüht sein, uns nach Kräften selber zu
-helfen! -- Haben Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und
-opferfreudigster Weise gefördert? -- Lassen Sie es sich auch ferner in
-gleicher Weise angelegen sein, das Ihre zu tun. Man wird es Ihnen Dank
-wissen!« --
-
-»Auf diesen möchte ich lieber verzichten, wie auf das kleinste Zeichen
-tatkräftigsten Interesses!«
-
-»Das läßt sich nicht erzwingen.«
-
-»Gott sei es geklagt.«
-
-Das Gesicht des jungen Mannes sah blaß und finster aus, und da die
-Tafel just beendet war, erhob er sich, um sich zu verabschieden.
-
-Noch ein paar sehr höfliche Redensarten, Worte der Anerkennung und
-des Dankes für die warme Teilnahme, welche der Graf dem Rettungswesen
-entgegenbringe -- und dann schloß sich die Tür hinter ihm.
-
-In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft nach seinem Zimmer
-empor.
-
-Ein Gefühl großer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit wollte ihn
-überkommen.
-
-Seine liebsten, schönsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen, und sein
-Herz, welches voll so heißer, wahrer Begeisterung für die gute Sache
-schlug, blutete aus der Wunde, welche Gleichgültigkeit und der Mangel
-an echter Nächstenliebe ihm geschlagen.
-
-Man interessiert sich im Binnenland nicht für die See? -- Gott verhüte
-es, du deutsches Volk, daß nicht ein eisenklirrender Sturmwind
-daherrast und dich mit eherner Faust aus dem Schlafe rüttelt! --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XV.
-
-
-Gräfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht gehabt.
-
-Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den Kissen gelegen und
-überlegt, auf welche Weise sie mit einem einzigen geschickten Schachzug
-die Königin Gabriele matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel
-hervorgehen könne.
-
-Daß Guntram Krafft ein Mann war, welcher überlegte, hatte sie bereits
-bemerkt.
-
-Seine aufflammende Liebe für Gabriele war bereits so stark, daß er auf
-Einflüsterungen nichts mehr gab -- das hatte sie erfahren, als die ihm
-so geschickt beigebrachte Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine
-Folge hatte, daß der Graf sich bei dem Souper an ihre Seite setzte und
-sich doppelt zu bemühen schien, den Nebenbuhler rechtzeitig aus dem
-Sattel zu heben.
-
-Der »weltfremde« Parzival war gar nicht so unerfahren, wie sie annahm,
-er hatte zu viel Bücher gelesen und wußte ganz genau, wie schwer ein
-reicher Freier gegen einen mittellosen Courmacher in die Wagschale
-fällt.
-
-Er mußte durch ein drastischeres Mittel überzeugt werden, um sein
-Rennen aufzugeben.
-
-Gabriele selber war eine Närrin und fanatisch genug, den Erben
-von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu opfern, -- bis jetzt sah
-es tatsächlich aus, als ob sie nicht gewillt sei, Theas Pläne zu
-durchkreuzen, wenn dieses abstoßende Wesen nicht doch die berechnendste
-Koketterie war, um den naiven Parzival auf das äußerste zu reizen und
-desto sicherer zu gewinnen.
-
-Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele als wahrheitliebend
-und aufrichtig kennengelernt.
-
-Sie war ein spröder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, viel zu
-aufbrausend und heftig, um berechnend handeln zu können, viel zu ideal
-beanlagt und in ihre törichten Schwärmereien verrannt, um aus schnöder
-Gewinnsucht ihre Überzeugung aufgeben zu können!
-
-Thea lacht ironisch auf.
-
-»Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und eine Hütte!« das genügt
-dem Fräulein von Sprendlingen, aber die Mutter! -- die müßte eben keine
-Mutter sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen über der Tochter
-wachte und die Torheiten derselben mit allen Mitteln korrigierte!
-
-Mit welch auffallender Liebenswürdigkeit begegnete sie dem Bären von
-Hohen-Esp!
-
-Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu verwischen,
-welchen die rücksichtslose Tochter gemacht!
-
-Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama gar nicht mit, denn sie
-sucht eine gute Partie für die Tochter.
-
-Man sagt zwar, daß Sprendlingens recht vermögend seien, -- freilich
-tauchen auch oft Gerüchte auf, daß sie sehr über ihre Verhältnisse
-gelebt und bei einem jüngst erfolgten Börsenkrach ganz bedeutend
-verloren haben sollen.
-
-Dieses Gerücht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, aus seiner
-Courmacherei Ernst zu machen und sich zu erklären, denn der
-schneidige Dragoner ist das verkörperte Rechenexempel und wird seine
-begehrenswerte Hand nur zum höchsten Angebot losschlagen.
-
-Aber selbst in dem Falle, daß die bösen Gerüchte nur auf Verleumdung
-beruhen, sind wenig Aussichten bei den Eltern seiner Angebeteten.
-
-Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hübsch, zu jung und
-lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf ein Vermögen und mit
-demselben auf die gesellschaftliche Rolle zu verzichten, welche sie
-trotz der erwachsenen Gabriele noch immer spielt.
-
-Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das weiß auch der
-pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau so gut, wie seine
-gefeierte Gattin.
-
-Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine vorzügliche
-Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und hat nie Anlage zur
-Selbstkasteiung und niemals Sinn für eine strenge Pönitenz gehabt! Auch
-er zieht den reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor.
-
-Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mißzuverstehender Weise
-abgewinkt wird, wenn die Mutter das Ohr und Herz des Töchterleins
-dauernd und wirksam bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer
-der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend gegenüberstehen wie
-jetzt? --
-
-Thea beißt die scharfen, weißen Zähnchen in die Lippe und atmet schwer
-auf.
-
-Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umständen ankommen lassen!
-
-Sie muß die Fäden endgültig zerschneiden, ehe ein Netz daraus
-geflochten werden kann!
-
-Aber wie? --
-
-Nur etwas ganz Überzeugendes, Augenscheinliches wird bei dem verliebten
-Bären von entscheidender Wirkung sein.
-
-Und wie Thea die ungeduldig zuckenden Hände gegen die Schläfen preßt
-und über das »was« und »wie« grübelt, da durchfährt sie plötzlich ein
-Gedanke und jagt ihr heiße Glut in die Schläfen.
-
-Gabrieles Zettel!
-
-Jener Zettel, welchen das törichte, selbstbewußte Backfischchen vor
-Jahren geschrieben, der Zettel, auf welchem sie erklärt, nun und nimmer
-den Grafen von Hohen-Esp heiraten zu wollen!
-
-In fliegender Hast entzündet Thea das Licht, wirft ihr Morgenkleid über
-und eilt an den Schreibtisch im Nebenzimmer.
-
-Wie war es möglich, daß sie diesen kostbaren, unersetzlichen Zettel
-vergessen konnte! --
-
-Nein -- vergessen hatte sie ihn nicht ... sie hatte ihn ja schon damals
-sorgsam aufbewahrt in dem Gedanken, daß er ihr einmal nützen könne
-... Aber jetzt ... sie dachte nicht, daß sie ihn schon jetzt, so bald
-als schwerwiegendste Waffe gegen die Nebenbuhlerin ins Treffen führen
-werde! --
-
-Besitzt sie ihn überhaupt noch?
-
-Hat vielleicht ein tückischer Zufall ihn durch ihre Finger geblasen? --
-
-Mit bebenden Händen durchwühlt Thea den Inhalt der Schublade, das
-Licht flackert und wirft rötlich zuckenden Schein über ihr blasses,
-aufgeregtes Gesicht.
-
-Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle Raritäten aus
-ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw. enthält.
-
-In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles verwahrt!
-
-Die dünnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen Nägeln streuen
-achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen und Tanzkarten, die
-Haarlocken und Stammbuchverse auseinander.
-
-Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Blättern einer
-ausgeschriebenen Rolle, »Die Gouvernante«, von Körner, liegt das
-Gesuchte! Theas Augen leuchten auf, sie faßt den Zettel fest, so
-krampfhaft fest, als fürchte sie, er könne ihr noch jetzt entrissen
-werden, wirft den vergilbten Kram hastig in die Schublade zurück und
-eilt auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe fröstelnd in das
-Schlafzimmer zurück.
-
-Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit brennendem Blick auf
-die noch sehr deutliche Bleistiftschrift hernieder.
-
-Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie hat die Zeilen
-gewissermaßen an Thea gerichtet.
-
-Der Inhalt ist überraschend gut.
-
-Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim besten Willen nicht
-gedacht werden.
-
-O, er wird Eindruck machen!
-
-Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen, schwärmerischen
-Augen blitzen Triumph und hämische Freude.
-
-Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschnörkeln hat Gabriele das große
-Los durchgestrichen, welches ein gütiges Schicksal ihr so verführerisch
-präsentierte.
-
-Die Herrschaft Walsleben, -- Hohen-Esp, -- eine Grafenkrone und ein
-bildschöner, ritterlicher Mann -- dies alles zerrinnt wie Rauch und
-Nebel vor diesem winzigen Blättchen Papier, welches ein arrogantes
-kleines Fräulein sich selber zum Urteil schrieb.
-
-Nun liegt es wie ein unüberwindliches Hindernis vor ihr auf dem Weg zu
-Glück, Reichtum und Rang, und eine andere kommt und nimmt Besitz davon.
-
-Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas Stirn, dann ist sie
-einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift.
-
-Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht er den
-Erfolg.
-
-Gräfin Sevarille dehnt die Arme und schließt mit wohligem Lächeln die
-Augen.
-
-Sie spielt ein Hazard um den Coeur-König, und schon morgen abend wird
-sie »=va banque=« sagen! --
-
- * * * * *
-
-Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes Haus.
-
-Man nennt es scherzweise »den russischen Krug« oder »die Petersburger
-Ausspanne«, weil es noch an die Zeit erinnert, wo die altehrwürdigen
-Kaleschen vor dem Dorfkrug Station machten, um die Pferde zu wechseln!
-
-Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist andererseits
-auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, welche ihre
-Marmorsäulen und Palmengruppen in elektrischem Licht spiegeln, -- es
-hat schöne, einfache Räume, solide Preise, eine vorzügliche Küche
-und die beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor die
-Sitte, daß nach jedem Hofball eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg
-stattfindet, eine Art Kavalierball, welcher sehr beliebt und viel
-besucht ist.
-
-Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag noch in die
-ausliegende Liste für die auswärtigen Herrschaften eingetragen,
-und er war auch schon als einer der ersten zur Stelle, als die
-Wagen heranrollten und all jene zauberhaft holden Frauen- und
-Mädchengestalten des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in den
-Empfangsräumen zusammenströmten. Fräulein von Sprendlingen ließ, wie
-stets, sehr lange auf sich warten.
-
-»Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefüllt mitgenommen!«
-sagte einer der Herren zu einer jungen Dame, welche nach ihr fragte:
-»Warum soll sie sich da die Füße hier wund stehen? Auch Ballköniginnen
-pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzählig
-versammelte.«
-
-Thea schwebte in einer rosa Tüllwoge in den Saal und winkte dem
-Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem Lächeln zu. Sie ward
-von Tänzern umringt, mußte die älteren Damen begrüßen und mit den
-jüngeren ein wenig plaudern, so daß schon die ersten Walzerklänge durch
-den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten Abend sagen und sie daran
-erinnern konnte, daß sie die Güte gehabt, ihm schon gestern zwei Tänze
-zuzusichern.
-
-Sie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte leise:
-
-»Wie sollte ich diese Tänze vergessen! gerade auf Sie freue ich mich ja
-am meisten!«
-
-Guntram Krafft ward dunkelrot und drückte die schlanken Fingerchen
-aufgeregt zwischen den seinen.
-
-Thea freute sich auf die Tänze? Nun, dann hat sie ihm sicher etwas
-recht Angenehmes mitzuteilen!
-
-Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen Diwan mit ihr
-niedersetzen, wie dies auf dem Hofball der Fall gewesen; da aber am
-heutigen Abend sehr viel flotter getanzt zu werden schien, war es der
-vielen Extratouren wegen nicht möglich. Das sagten ihm schon etliche
-junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben auch begrüßt
-hatte.
-
-Gestern war der Tanz Nebensache.
-
-Ein Hofball ist mehr eine glänzende Schaustellung, eine Parade, bei
-welcher nicht die Pickelhauben und Säbel, sondern die schönen Augen der
-Frauen blitzen, ein großes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung,
-Prunk und Schönheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und seinem
-erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden.
-
-Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der Tanz nur ganz
-verschwindend seine goldenen Linien zieht; eine Nachfeier im Hotel
-St. Petersburg jedoch ist das schöne Recht der Jugend, wo sie alles
-nachholen will, was ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkümmert
-hatte.
-
-Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram Krafft wandte kaum
-einen Blick von der Tür.
-
-Er stand, in Wahrheit eines Hauptes länger denn alles übrige Volk,
-nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger Sehnsucht jener Einzigen
-entgegen, welche trotz ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine
-Gedanken wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt.
-
-Er hatte einmal in dem Bücherschrank seiner Mutter ein Gedichtbuch
-gefunden, welches er heimlich mit an den Strand nahm und, in dem
-knisternden Riedgras liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche
-ihn ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten von einer Rose
-»an Dornen ach nur allzu reich!« von der hieß es:
-
- »Viel andre Blumen sah ich blühen
- Und sie zu pflücken hab ich Wahl --
- Doch immer treibt mich inneres Glühen
- Zur Rose, zur geliebten Qual!
- Ich schlürf' aus ihres Kelches Bronnen
- Den Wonnentau, den süßen Schmerz
- Und drücke sie samt allen Dornen
- Vor Wollust an mein leidend Herz!«
-
-Dieses Gedicht kam ihm plötzlich in die Erinnerung, und was ihm ehemals
-so unverständlich schien, das begriff er jetzt.
-
-Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die dornenreichste aller
-Rosen, welcher er im Leben begegnet war?
-
-Warum gefiel ihm Gräfin Thea in all ihrer anmutigen Liebenswürdigkeit
-nicht tausendmal besser?
-
-Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld jener Schönsten
-entgegen, welche die einzige im Saal war, die für ihn kaum einen Blick,
-kaum einen Gruß hatte? Und je länger sie zögert, zu erscheinen, desto
-unruhiger hämmert das Herz in seiner Brust.
-
-Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint sich nicht viel Sorge
-um das Zögern seiner Herzenskönigin zu machen. Er tanzt bereits sehr
-flott mit der Tochter des Divisionärs, seines Obersten, mit der Nichte
-des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof präsentierten Enkelin
-des Ministers.
-
-Ein überschlankes Püppchen, mit trotz ihrer Jugend schon recht
-blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man erzählte sich aber heute
-morgen im Hotel, wo verschiedene Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts
-frühstückten, daß Fräulein Henny ein goldenes Kälbchen sei, um welches
-wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen werde, -- ein Tanz, welcher
-in diesem Fall wohl nur dem Götzen Gold huldige. --
-
-Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmäht es nicht, in
-Abwesenheit seiner angebeteten Gabriele mit recht zündenden Blicken in
-das spitze, sommersprossige Gesichtchen zu sehen.
-
-Schon der zweite Tanz näherte sich dem Ende, und noch immer ist Fräulein
-von Sprendlingen nicht erschienen.
-
-Auch Thea fällt es auf.
-
-»Wo steckt denn Gabriele?« fragte sie einen der Vortänzer: »Hat sie etwa
-abgesagt?«
-
-»Leider! leider!« dienert der Vielbeschäftigte, »noch in letzter Stunde
-...«
-
-»Undenkbar, aus welchem Grunde?« ...
-
-Der Gefragte zuckte die Achseln.
-
-»_Nur_ mündliche Bestellung!... Durch plötzliche Krankheit verhindert!
-Möglicherweise hat das gnädige Fräulein gestern doch zu viel getanzt!
-Einige zwanzig Kotillonsträuße! Das ist eine Anforderung, welche kaum
-große Füße leisten können, geschweige eine solche Miniaturausgabe, wie
-die des Fräulein von Sprendlingen!«
-
-Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugehört.
-
-Gabriele krank?
-
-Günstiger konnte es sich für ihre Pläne ja kaum treffen!
-
-Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an, dann schreibt man mit
-Bleistift auf kleine Zettel, -- das muß doch selbst dem Argwöhnischsten
-einleuchten!
-
-Gräfin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der Triumph, die Genugtuung
-blitzen aus ihren Augen.
-
-Ein französisches Sprichwort sagt: »Der Abwesende hat immer Unrecht!«
-Auch Gabriele, die Rivalin, wird geschlagen werden, während sie fernab
-von dem Schlachtfeld weilt!
-
-Ist es nicht ganz auffällig, wie sich das Interesse des Grafen schon
-jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin zuwendet?
-
-Wie innig drückte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst errötete er
-bei ihren Worten -- wahrlich ein moderner Parzival, ein Kinderherz ohne
-Arg und Falsch, ebenso leicht durch ein paar Zuckerplätzchen gewonnen,
-wie ein solches!
-
-Und hoffentlich auch ebenso leicht getröstet, wenn ein hübsches, buntes
-Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen trug, aus seinen Händen
-gewunden wird. Man gibt ihm dafür ein anderes ... und es wird sich
-zufrieden geben und sich artig dem Willen derjenigen fügen, welche so
-sehr, sehr viel klüger und weltgewandter ist wie das große Kind aus dem
-Strandschloß.
-
-Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen, ehe sie den großen
-Trumpf ausspielte; nachdem sie aber die köstliche Nachricht erhalten,
-daß Gabriele krank sei, hielt sie nicht länger zurück, sie brannte
-darauf, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß war. Geschmeidig wie
-ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch die Plaudernden und
-stand im nächsten Augenblick vor dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr
-bereits voll fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen
-Posten an der Tür verließ, um Gräfin Sevarille den Arm zu bieten.
-
-»Jetzt kommt unser Tanz, Gräfin, nicht wahr?« fragte er hastig.
-
-Sie lachte und legte das Händchen mit allen Zeichen großer Erschöpfung
-auf seinen Arm. »Nein, Gott sei Dank, noch kommt er _nicht_, Graf! --
-Ich bin halb tot! Ich muß mich erst eine Weile ausruhen, und darum will
-ich vor dem nächsten Galopp flüchten und biete ein Königreich für einen
-Sessel!«
-
-»In des Waldes tiefste Gründe flüchtete die Seherin!« rezitierte ein
-ganz junger Offizier und trat lachend zur Seite, während Guntram Krafft
-sehr ernst und eifrig nickte.
-
-»Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Gräfin, es wird Ihnen
-schaden!« sagte er und wandte sich nach einem Nebenzimmer, an dessen
-Spiegelwänden nur eine Reihe von Wiener Stühlen stand: »Kommen Sie
-bitte hier herein! -- Es ist kühl und menschenleer!«
-
-Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren zu einem L'hombre
-zusammengesetzt; sie blickten flüchtig auf, ließen sich aber nicht
-stören, als die jungen Leute entfernt von ihnen, in der Fensterecke,
-Platz nahmen.
-
-Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr graziös und so matt wie
-ein rosa Wölkchen in der Sommerhitze auf einen der Stühle niedersank.
-
-»Wo bleibt Fräulein von Sprendlingen?« fragte er ohne jedwede
-Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungestüm auf die Lippen drängten.
-
-»Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!«
-
-»Krank?! -- Mein Gott, was fehlt ihr?«
-
-Thea zuckte mit umwölkter Stirn die Achseln. »Vielleicht erkältet ...
-vielleicht auch nicht. Herzlose Mädchen kokettieren ja oft nur eine
-Indisposition, um sich rar und interessant zu machen!«
-
-»Herzlose Mädchen ... kokettieren ...?«.., stammelte Guntram Krafft
-beinahe erschrocken. »Urteilen Sie _so_ über Ihre Freundin?«
-
-Thea blickte ihn seltsam an, -- so warm, so innig und traurig, daß ihm
-abermals das Blut in die Wangen schoß.
-
-»Setzen Sie sich zu mir, Graf!« hauchte sie weich, entfaltete den Fächer
-und blickte tief aufatmend auf seine gemalten Narzissen nieder.
-
-»Graf ...!«
-
-Er starrte sie momentan an. »Warum sprechen Sie nicht weiter, Gräfin?«
-
-»Wollen Sie es durchaus, daß ich von Gabriele spreche?«
-
-»Und wollen Sie es durchaus _nicht_?«
-
-Sie seufzte: »Ich möchte Ihnen so gern alles Unangenehme ersparen! Ich
-meine es gut mit Ihnen, Graf, und bin auf Gabriele so sehr ... so
-ernstlich böse!«
-
-Er hatte nur die ersten Worte gehört und zuckte unmerklich zusammen.
-
-»Ich höre lieber Unangenehmes, wie gar nichts!« sagte er leise. »Und Sie
-sind so gut und rücksichtsvoll zu mir, Gräfin, daß aus Ihrem Munde
-sicherlich auch das Schlimmste noch erträglich klingt!«
-
-Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher Trauer, daß es
-ihm ganz wundersam zumute ward.
-
-»Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerhört Beleidigendes sagte, eher
-bisse ich mir die Zunge ab!« sagte sie erregt. »Ich finde meine Mission
-sowieso trostlos genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie
-wahrlich glücklich sein! Hätte es mir Gabriele nicht _schriftlich_
-gegeben, ich würde nie ...«
-
-Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen, jetzt hob er jäh das
-Haupt und unterbrach sie.
-
-»_Schriftlich_ gegeben?« wiederholte er erstaunt.
-
-Sie zog ein Notizbüchlein aus dem Kleid und entnahm ihm einen Zettel,
-zog denselben jedoch hastig zurück, als Guntram Krafft mit allen Zeichen
-großer Erregung danach greifen wollte.
-
-»Halt, Graf! Wenn ich Ihnen _diesen_ Zettel zeige, begehe ich eine große
-Indiskretion an Gabriele, und ich tue es nur, weil Sie mich gestern zu
-einer gewissen Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich
-nicht, ich leide unsäglich unter der Rolle einer Vertrauten, welche Sie
-mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal nicht so außerordentlich
-interessierte, und wenn ich es nicht für meine heilige Pflicht hielte,
-Ihnen als guter Engel rechtzeitig die Augen zu öffnen, so würde dieser
-Zettel längst ein Raub der Flammen sein!« --
-
-»Gräfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich lesen ...«
-
-»Nur unter einer Bedingung ...«
-
-»Ich gelobe alles, was Sie verlangen!«
-
-»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwören Sie es mir bei allem, was Ihnen
-heilig ist, daß _nie_ ein Mensch, Gabriele selber am allerwenigsten --
-jemals es erfährt, wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu
-zeigen! Sie geloben mir strengste Diskretion?«
-
-»Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!« Er bot ihr mit seinem
-offenen, grundehrlichen Blick die Hand entgegen, und Thea schlug ein.
-
-»Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rückhaltloses Vertrauen zu Ihnen, Graf!
-Und nun lassen Sie mich erst erzählen, wie ich zu diesem Zettel kam!«
-
-»Ich bitte darum!«
-
-»Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fräulein von
-Sprendlingen über Sie hege, und was Sie eventuell tun könnten, um sich
-ihre Sympathien zu erwerben!« Thea sprach schnell und leise, ihre
-schlanken Finger hielten den Zettel zwischen den rosa Tüllwogen auf
-ihrem Schoß. -- »Ich wollte ihr demzufolge gestern morgen einen Besuch
-machen, um sie ein wenig auszuforschen, wurde aber nicht angenommen,
-weil das gnädige Fräulein um zwölf Uhr noch nicht aufgestanden war!! --
-Um zwölf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich scheinen wie mir! Aber
-Gabriele ist ja das verkörperte Großstadtleben: die Nächte durchwachen,
-die Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, welche nun
-einmal nicht für ländliche Verhältnisse geboren sind!«
-
-»O, wie schade, daß Sie die Freundin nicht sehen konnten!« -- Er strich
-mit der Hand über die Stirn, seine Stimme bebte vor Ungeduld.
-
-»Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich. -- Wahrlich,
-Graf, ich habe es sehr diskret angefangen und begreife nicht, wie
-Gabriele sogleich an Heiraten denken konnte, aber derart verwöhnte
-Mädchen wie sie wittern ja überall einen Heiratsantrag; selbst aus
-meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele einen neuen Sturm auf
-ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen heraus. Hier, lesen Sie selber,
-in welch unerhört beleidigender Weise sie mir antwortet!«
-
-Die Sprecherin reichte brüsk den Zettel dar, und Guntram Krafft nahm ihn
-und neigte das Haupt tief darauf hernieder.
-
-Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie sah, wie es
-erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos auf den Zeilen ruhte.
-Regungslos saß Graf Hohen-Esp, -- sein Atem ging schwer, und der Zettel
-schwankte momentan in seiner Hand. --
-
-Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise und zart ihre Hand
-auf seinen Arm.
-
-»O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie verletzten! O, wie
-beklage ich es, wie sehr bereue ich es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!«
-
-Er schüttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die
-Brusttasche.
-
-Thea griff hastig danach.
-
-»O, geben Sie zurück, Graf ...«
-
-»Unbesorgt, Gräfin, das Papier ist gut aufgehoben, -- ich habe Ihnen ja
-Diskretion gelobt. Aber ich bitte Sie, mir den Zettel zu eigen zu
-lassen.«
-
-Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und Thea verschlang mit
-leiser Klage die Hände.
-
-»Graf ... zürnen Sie auch _mir_?«
-
-Er blickte sie fragend an. »Zürnen? Ich zürne weder der Schreiberin noch
-Ihnen. Daß Fräulein von Sprendlingen sich nur für einen Helden
-begeistern kann und mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht
-imponiere, ist Geschmackssache, -- dagegen läßt sich nicht streiten.«
-
-»Aber daß sie es so beleidigend ausdrückt, das verzeihe ich ihr nie!«
-
-»Sie ahnte ja nicht, daß ich diese Worte lesen würde, und warum sollte
-sie Ihnen gegenüber in meinem Interesse rücksichtsvoll sein? Je klarer
-und deutlicher sie sich ausdrückte, desto sicherer war sie, richtig
-verstanden zu werden!«
-
-Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt sank noch tiefer
-zur Brust.
-
-»Graf!«
-
-Er schrak empor. »Ich danke Ihnen, Gräfin, daß Sie mir jetzt schon
-erfahren ließen, was mir später wohl noch schwerer angekommen wäre. Ich
-weiß, daß Sie mir gewiß lieber einen freundlichen Gruß überbracht
-hätten. Sie haben sich meiner so gütig angenommen, obwohl Ihnen mein
-Benehmen gewiß äußerst eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier,
--- ich kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie es mir just
-in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie diese traurige kleine Episode.«
-
-»Ich soll sie vergessen?« -- Thea neigte sich vor und sah ihm voll
-rührender Innigkeit in die Augen: »Nein, Graf, _Sie_ sollen
-vergessen, und zwar so schnell und so gründlich wie möglich! Blühen
-nicht so viele andere holde Blumen um Sie her? Warum muß es gerade
-die Königin Rose sein, welche an Ihrer Brust blühen soll? Glauben Sie
-mir, Graf, es ist eine traurige Tatsache, daß die schönsten Mädchen
-nicht immer die besten sind! Sie werden verwöhnt, eitel, egoistisch und
-tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen und urteilen
-herzlos und oberflächlich ...«
-
-Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben Sie mir nicht
-den Glauben an die Schönheit, Gräfin!« sagte er weich. »Wer sein
-Leben lang im Banne eines holden Märchens gestanden, findet sich so
-schwer mit der herben Wahrheit ab! -- Schön und gut war bislang ein
-unzertrennlicher Begriff für mich, -- -- und warum soll ein Weib,
-welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein?
--- Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint
-angekündigt zu sein, -- die alten Herren verlassen den Spieltisch!«
-
-Thea erhob sich, -- das ironische Lächeln, welches um ihre Lippen
-spielte und welches der beinahe lächerlichen Sanftmut ihres
-schwärmerischen Partners galt, verlor sich.
-
-»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken
-bringen, und wenn die Flöten und Geigen wieder erklingen, wollen wir
-jedwedem Mißgeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und
-dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten
-übertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges
-Herz zu trösten und zu erheitern! =Carpe diem=!«
-
-Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür trat und winkte, zu,
-hing sich wie ein rosiges Flöckchen an den Arm ihres bärenhaften
-Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum
-Souper.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XVI.
-
-
-So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und
-amüsant war seine Nachbarin.
-
-Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea
-beobachtete es voll Genugtuung, daß Guntram Krafft energisch seine
-Mißstimmung bezwang und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas
-gesprächiger wurde.
-
-Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und
-die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwärmerisches Entzücken
-einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie
-heiße Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische Dinge
-zu befragen und seinen Bemühungen, die Damen und Herren für das
-Rettungswesen Schiffbrüchiger zu interessieren, ein lebhaftes
-Verständnis entgegenbrachte, da bemächtigte sich seiner sogar eine
-gewisse freudige Erregung, welche für den Augenblick die Schatten von
-seiner Stirn scheuchte.
-
-Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu
-übermütig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer
-Geste: »Es ist seltsam, daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und
-Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all ihren drohenden
-Gefahren, ihrem >Seemann in Not< und ihrer schauerlich-schönen
-Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine
-Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für
-sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie
-eine Schiffskatastrophe. Für die Waisenkinder, das Blindenasyl und
-Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber
-eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen
-entreißen und manch unglücklichen Schiffer von seinem Wrack einholen
-möchte, für die findet sich kaum eine offene Hand!« --
-
-»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am
-Strand!« nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen
-Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm
-mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis zurück:
-»Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte
-bemüht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in
-vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den
-Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe
-not! Hier trägt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich
-die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit zu ehren, gründen
-Schiller- und Bismarckvereine -- und denken so wenig an die Zukunft
-ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben
-sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, haben das Schiff
->Frauenlob< von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß
-selbst die kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht und
-Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist -- mit wenigen Ausnahmen --
-so gut wie gar kein Interesse für die dringende Not an der Küste
-vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen
-Füßen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über das tragische
-Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger Hilfeschrei durch das Land
-hallte!«
-
-Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in
-seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den
-ungewandten, tolpatschigen Bären von Hohen-Esp erinnerte!
-
-Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum Schluß die etwas
-ängstliche Frage laut werden: »Wer soll aber so etwas in die Hand
-nehmen?«
-
-Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: »Das ist
-ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die
-Sache nicht von maßgebender Seite angeregt wird!«
-
-Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts.
-
-»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« sagte er beinahe
-verächtlich, »und ich fürchte, ich werde sie noch mehrfach hören müssen.
-Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil
-keiner den Anfang machen will. Warum >von maßgebender Seite?< Dies ist
-die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn
-jeder einzelne und jede einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« --
-
-Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, welchen das
-Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch
-der Tafel verursachten -- der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte
-sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen.
-
-Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie
-versicherte, daß sie noch mehr über dieses Thema hören müsse, welches
-ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, -- der
-Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam
-verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem ehedem so
-linkischen, bei jedem Wort errötenden Jüngling, welchen die Spottlust
-der Großstädter den modernen Parzival genannt.
-
-Er neigte flüchtig den Kopf.
-
-»Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, daß ich Ihnen einen
-zuverlässigeren Tänzer besorge!«
-
-»O nicht doch -- ich möchte tausendmal lieber mit Ihnen plaudern, Graf!
-Jener Platz am Fenster dort ist so gemütlich ...«
-
-Er schien ihre Worte zu überhören, wandte sich zu einem seiner
-Tischnachbarn, welcher keine Dame geführt hatte, und bat ihn, bei
-Komtesse Sevarille zum Tischwalzer für ihn einzutreten, da er nicht
-tanze.
-
-»Selbstverständlich, mit größtem Vergnügen!« versicherte der Angeredete,
-nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt gemustert hatte, verneigte sich
-vor der jungen Dame und flog auf wiegenden Klängen mit Thea davon.
-
-Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt dem Ausgang zu.
-
-Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden müsse oder nicht; es
-gingen verschiedene Damen und Herren schon jetzt nach dem Souper. So
-ging auch er, nahm hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, stürmische
-Winternacht hinaus.
-
-Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfüllt, nun hielt ihn nichts
-mehr. Wie ein Verdürstender atmete er die klare, kalte Luft, -- sein
-gequältes Herz hämmerte in der Brust, und seine Augen brannten so heiß,
-als glühten ungeweinte Tränen darin. Welch eine Beherrschung hatte die
-letzte Stunde von ihm verlangt!
-
-Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute wie einem Menschen,
-welchem das Glück jählings aus den Händen gleitet und in Scherben
-zerbricht.
-
-Es war der erste große, leidenschaftliche Schmerz, welcher sein Herz
-traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich wehe Wunde, welche ihm
-geschlagen ward.
-
-Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte als den stillen
-Frieden der Heimat, als die Treue, Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen,
-sie lernte zum erstenmal alle Bitterkeit einer Enttäuschung, alle Qual
-einer hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen.
-
-Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, wie verzehrendes
-Feuer glühte ihm das Leid im Herzen.
-
-Jetzt erst, nachdem er Gabriele für immer verloren, begriff er es, wie
-voll, wie ganz und innig er sein Herz an sie gehängt hatte. So auf den
-ersten Blick! --
-
-So gläubig und vertrauend wie ein Kind, welches die Schönheit in seinem
-Märchenbuch liebgewonnen und voll sehnenden Entzückens die Arme nach ihr
-ausbreitet, wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein
-schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all dem friedlichen
-Glück vergangener Jahre! --
-
-Dazu kam die herbe Enttäuschung, welche er in der Angelegenheit seiner
-ersehnten Rettungsstation erfahren.
-
-Dieser Mißerfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrückendes für ihn
-und trug auch noch dazu bei, seine Stimmung zu verdüstern.
-
-Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und Leben, wie er ihn
-zuvor kaum geahnt, überkam ihn plötzlich.
-
-Die Luft in dem Ballsaal war so schwül, so heiß gewesen, die Menschen so
-ungewohnt, die Musik so schrill und laut.
-
-Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, und der
-Wind sauste ihm so frisch und gewaltig entgegen, wie ein alter, treuer
-Freund, welcher in toller Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn
-reißt und schüttelt und ungestüm ruft: »Wo bleibst du so lange? Komm
-heim! Komm heim!«
-
-Und über ihm das kahle Gezweig knarrt und greint wie Rahe und Segel ...
-und die fernen Wipfel rauschen wie brandende See ...
-
-Da überkommt ihn ein wildes, unbändiges Heimweh! Ein übermächtiges
-Sehnen nach der stillen Heimat, nach allem, was er liebt und was auch
-ihm in treuer, schlichter Liebe ergeben ist!
-
-Guntram Krafft breitet jählings die Arme aus und stöhnt aus tief
-verwundetem Herzen: »Heim! -- ja, ich will heim! -- Was soll ich noch
-hier? Meines Schicksals Würfel sind gefallen. Ich bin kein Held! -- Nie
-und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken ... was hält mich
-noch hier?«
-
-Und er stürmt mit hämmernden Pulsen in das Hotel und kündet dem äußerst
-betroffenen Anton an, daß er die Koffer packen solle, -- am nächsten
-Tage kehre er nach Hohen-Esp zurück.
-
-»Herr Graf!« stottert der alte Mann mit sorgenvoll prüfendem Blick in
-das verstörte Gesicht seines Herrn: »Was wird Ihre Gnaden, die Frau
-Gräfin sagen?«
-
-»Gleichviel. -- Ich reise heim.«
-
-Anton hört es dem halberstickten Klang der Stimme an, hier gibt es kein
-Widersprechen. Was mag geschehen sein?
-
-Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, -- es ist allein der Ärger über die
-Mißerfolge bei dem Minister und Geheimen Rat, -- der Graf sprach ihm ja
-selber davon, wie wenig Verständnis und Teilnahme er für sein Projekt
-finde.
-
-Man nimmt den Bären von Hohen-Esp nicht ernst, man legt den Worten und
-Wünschen des verbauerten Krautjunkers keinen Wert bei!
-
-»Haben der Herr Graf daran gedacht, daß wir zuvor Abschiedsbesuche
-machen müssen?«
-
-»Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. Wir werfen nur
-Karten ab; einzig bei der Gräfin Sevarille wünsche ich gemeldet zu sein.
-Ich werde jetzt noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.«
-
-Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und tritt mit umwölkter
-Stirn in das Nebenzimmer.
-
-Dort sitzt er und erledigt voll nervöser Hast die Einladungen.
-
-Es ist schon spät in der Nacht, -- Anton lugt besorgt durch die Tür.
-
-Da sieht er Guntram Krafft über einen kleinen zerknitterten Zettel
-geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, wie bei einem Kranken.
-»Wollen Herr Graf nicht zur Ruhe gehen?«
-
-Er schrickt empor, streicht langsam über die Stirn und nickt.
-
-»Du hast recht, -- ich gehe.«
-
-Er ging -- aber den Zettel nahm er mit sich. -- -- --
-
-Am nächsten Morgen wurden in großer Eile die Besuche abgefahren.
-
-Da es eine ungewöhnlich frühe Stunde war, nahm Gräfin Sevarille noch
-keine Besuche an.
-
-»Frau Gräfin sind bei der Toilette, und Komtesse schlafen noch.«
-
-Guntram Krafft nickte. »Weiter!« befahl er kurz. --
-
-In seiner großen Harmlosigkeit fiel es ihm nicht einen Augenblick auf,
-daß Gräfin Thea ebenso großstädtisch lange schlief, wie ihre Freundin
-Gabriele, -- und sie hatte das doch gestern abend noch so scharf
-verurteilt. Zum Bahnhof! Fort! Fort von hier! -- Er stirbt vor Sehnsucht
-nach der Heimat.
-
-Der Zug setzt sich langsam in Bewegung und fährt in den kalten, nebligen
-Wintermorgen hinein, und als die Häuser und Türme der Stadt hinter dem
-modernen Parzival versinken, da atmet er tief auf, wie erlöst von einer
-unseligen Last. --
-
-Da wird es allmählich wieder still und ruhig in seinem Herzen, -- und
-als er endlich im Schlitten sitzt und durch die heimatlichen Wälder
-dahinjagt, als er mit aufleuchtendem Blick und weitgeöffneten Armen das
-bleigrau rollende Meer begrüßt ... da schaut er plötzlich um sich, wie
-ein Mensch, welcher aus tiefem Schlaf erwacht, wie ein Mensch, welchen
-ein böser, quälender Traum befangen hielt.
-
- * * * * *
-
-Gräfin Thea war nie so aufgeregt, so übellaunig und nervös von einem
-Balle heimgekehrt, wie von dem Tanzfest in dem Hotel St. Petersburg.
-
-Ihre Augen brannten wie im Fieber, mit unsicheren Händen riß sie den
-Kranz aus ihrem Haar. --
-
-Warum hatte der Graf das Fest so unvermittelt hastig, ohne ein Wort des
-Abschieds verlassen? --
-
-Wohin ging er? --
-
-Wird er tatsächlich verschwiegen sein?
-
-Hat sie vielleicht zu kühn gehandelt? Sprach sie zu unbedacht die
-Unwahrheit und grub sich selber eine Grube? --
-
-Wenn Gabriele nun gar nicht krank war? Wenn der Hohen-Esper vielleicht
-schon nähere Beziehungen zu Gabriele hatte, als sie ahnte? -- Wenn Frau
-von Sprendlingen des Grafen Bewerbung unterstützt hatte? --
-
-Theas Zähne schlugen wie im Schüttelfrost zusammen.
-
-Er war so seltsam verändert, als er den Zettel gelesen, -- auch gegen
-sie verändert, kühl, zerstreut ... zum Schluß, als er ohne Abschied
-ging, sogar unhöflich.
-
-Zweifelte er an der Echtheit des Zettels? Wollte er der Wahrheit
-nachforschen? War der junge Bär doch nicht so naiv und harmlos, wie sie
-angenommen? Was soll daraus werden, wenn ihre Intrigue an den Tag kommt?
-
-O, welch entsetzliche Blamage!
-
-Thea wühlt das Gesicht in die Kissen und beißt vor Aufregung die Lippen
-blutig.
-
-Wie im Fieber rasen neue Gedanken, neue Pläne durch ihr Hirn.
-
-Wenn jede Schuld ihre Strafe in sich schließt, so erleidet sie Gräfin
-Thea in dieser dunklen, endlosen Nacht.
-
-Sie schläft nicht, sie ist aufgeregt bis zum Wahnsinn. --
-
-Erst spät am Morgen, als das Mädchen schon im Ofen das Feuer anzündet,
-schläft sie ein.
-
-Und als sie erwacht, erhält sie die Nachricht, daß Graf Hohen-Esp
-bereits dagewesen sei. -- Sie starrt die Sprecherin an wie eine Vision.
-
-»Er war hier?« -- Das klingt wie ein heiserer, jubelnder Aufschrei.
-
-Sie preßt die Hände gegen die Schläfen, sie lacht jählings auf, wie aus
-Todesängsten erlöst. Dann macht sie in rasender Eile Toilette,
-frühstückt und geht in sehr gehobener Stimmung auf das Eis.
-
-Als sie wiederkommt, sieht sie trotz der Kälte blaß und verstört aus.
-
-Um ihre Augen liegen tiefe Schatten, und der Mund zeigt die Linien,
-welche man im ganzen Hause fürchtet, -- sie zeigen an, daß die Komtesse
-sich in höchst gereizter und schwer geärgerter Stimmung befindet.
-
-Dann wirft und schleudert sie alles.
-
-So auch jetzt.
-
-Sie bringt zwei Neuigkeiten mit nach Hause.
-
-Die erste ist die, daß Fräulein von Sprendlingen persönlich sehr wohl
-und gesund ist, daß aber ihr Vater, gerade, als er im Begriff stand, für
-das Tanzfest im Hotel St. Petersburg Toilette zu machen, von einem
-Schlaganfall getroffen wurde.
-
-Er liegt seit gestern abend bewußtlos, und die Ärzte fürchten das
-Schlimmste.
-
-Das würde Komtesse Sevarille ziemlich gleichgültig sein, im Gegenteil,
-wenn »die Königin der Feste«, Fräulein Gabriele, Trauer bekäme und keine
-Bälle besuchen könnte, würde es für die Freundin Thea nur vorteilhaft
-sein.
-
-Aber die zweite Neuigkeit!
-
-Graf Hohen-Esp ist Knall und Fall abgereist. Kein Mensch weiß warum. --
-Man vermutet, daß er Nachrichten von zu Hause erhielt.
-
-Ob er wiederkommen wird?
-
-Viele behaupten »ja«, manche »nein«. -- Gräfin Thea weiß es genau, --
-nein, er kommt nicht wieder. Und diese Überzeugung kann sie wütend
-machen -- wütend! -- Sie schließt sich in ihr Zimmer ein und tobt.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XVII.
-
-
-General von Sprendlingen war begraben, und in der Residenz wurde nur ein
-einziges Thema besprochen, die finanzielle Lage seiner Gattin und
-Tochter.
-
-Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, daß der alte Herr
-infolge einer ungeheuren Aufregung den Schlaganfall erlitten hatte.
-
-Viele behaupteten, es sei längst kein Geheimnis mehr gewesen, daß der
-pensionierte Offizier spekuliert hatte, um den Ausfall des hohen
-Gehaltes durch reichere Zinsen auszugleichen.
-
-Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwöhnt, ein Bankkrach
-hatte ihm vor kurzem schwere Verluste gebracht -- was Wunder, wenn der
-alte Herr dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld für sich
-arbeiten ließen, nachdem sie selber als verabschiedete Offiziere die
-Hände in den Schoß legen mußten?
-
-Das Glück ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische und
-launische Weib, welches es stets gewesen, und so wandte es Herrn von
-Sprendlingen treulos den Rücken, um seinen Goldregen über andere zu
-streuen, welche für den Augenblick seine Günstlinge waren.
-
-Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, daß alles verloren sei,
-just in dem Augenblick, als er sich anschickte, mit Frau und Tochter den
-Kavalierball im Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn
-derart, daß er als ein zu Tode getroffener Mann unter ihr zusammenbrach.
-
-Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet gewesen, wie
-man anfänglich angenommen; sie war gefaßter, als man glaubte, und
-Gabriele blickte so ruhig und zuversichtlich aus den tränenglänzenden
-Augen, daß man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch eine nahe
-bevorstehende Heirat gesichert.
-
-In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast und Nüchternheit die
-traurige Wandlung, welche derartigen Ereignissen zu folgen pflegt. Die
-notwendige Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten sich
-zur Abreise vor; denn da sie über keine weiteren Mittel als die karge
-Witwenpension verfügten, schien es fraglich, ob sie ein eigenes Heim in
-der Residenz gründen konnten. Vorläufig folgten sie der Einladung einer
-kinderlosen Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und Gabriele für
-die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten hatte.
-
-Zum letztenmal saßen Mutter und Tochter in den liebgewordenen Räumen, in
-welchen sie so viele, glückliche Jahre verlebt, beisammen. Von allen
-Seiten waren ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme
-geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen die Visiten, --
-lauter gute Freunde, welche den so allgemein beliebten Damen vor dem
-Abschied noch die Hand drücken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten
-wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und ihr erst so
-ruhiges, bleiches Antlitz sah plötzlich so verstört, so verzweifelt und
-verfallen aus, als sei eine letzte Hoffnung, welche sie im Herzen
-gehegt, für immer vernichtet worden.
-
-In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung hatte sie an den
-Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an einen Retter in der Not, welcher
-sicher kommen muß, das bitterste Elend von ihnen abzuwenden.
-
-Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, -- er blieb aus.
---
-
-Sie brachte es nicht über sich, nach ihm zu fragen, und so erfuhr sie
-erst heute zufällig durch eine befreundete Dame, daß Guntram Krafft am
-Morgen nach dem Hotelball Knall und Fall abgereist sei, ohne daß jemand
-einen Grund für diesen fluchtartigen Abschied wußte. Den Tod des Herrn
-von Sprendlingen habe er wohl gar nicht erfahren.
-
-Tränen tiefster Hoffnungslosigkeit glänzten in den Augen der verwitweten
-Frau, und als Gabriele an ihre Seite trat, zärtlich den Arm um die
-Weinende zu legen, da schluchzte sie laut auf und flüsterte: »Ach, meine
-arme, arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?«
-
-Das junge Mädchen hob das Antlitz wie in seligem Vertrauen zum Himmel,
--- es sah in all dem Leid so verklärt und ruhig aus, als sei ihr nie ein
-Zweifel an dem Glück der Zukunft gekommen.
-
-»Er liebt mich, Mama!«
-
-»Wer?« --
-
-Da senkte Gabriele das Köpfchen.
-
-»Hans Heidler! -- O, Mütterchen, du ahnst es ja nicht, wieviel liebe
-Worte er mir noch auf dem letzten Hofball sagte, wie er mir die Hand
-drückte, wie unaussprechlich viel sein Auge mir gestand --«
-
-»Sein Auge, aber nicht seine Zunge!« murmelte Frau von Sprendlingen
-bitter. -- »Gabriele, glaubst du wahrlich, daß Heidler je an Heiraten
-gedacht -- und daß er sogar _jetzt_ noch daran denkt?«
-
-Das junge Mädchen atmete hoch auf, preßte wie in begeisterter
-Versicherung die Hände gegen die Brust und nickte.
-
-»Ja, ich glaube es, ich weiß es bestimmt! Ein Mann, der so ritterlich,
-so heldenhaft, so edel ist wie Hans, betrügt kein Mädchenherz.«
-
-»Sprachst du ihn nach Papas Tode?« --
-
-»Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, wie er mir die Hand
-küßte ... wie er mich ansah ...«
-
-Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung.
-
-»O Kind! Kind!!«
-
-»Er sagte mir, daß er in den nächsten Tagen kommen werde --«
-
-»Aber er kam nicht!«
-
-»Er wird kommen!«
-
-»Morgen reisen wir ab!«
-
-»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm so sehr, Mama? Warum
-zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« --
-
-Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände ineinander. »Weil ich
-die Menschen besser kenne wie du, Kind!« sagte sie gepreßt.
-
-»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie
-unrecht du ihm tust!«
-
-Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, -- Gabriele
-zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in
-jäher Hoffnung nach der Tür. --
-
-Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen
-köstlichen Strauß von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in
-der Hand.
-
-»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er ließe
-den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glückliche Reise wünschen!
-Der Herr Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu
-seinem großen Bedauern verhindert!« --
-
-Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsäulen vor ihm
-standen und keine Hand sich hob, den Strauß in Empfang zu nehmen, legte
-ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch.
-
-»Es ist nämlich die Schlittenpartie heute, die der Herr Oberleutnant
-arrangierte!« fuhr er fort, mehr aus momentaner Verlegenheit wie aus
-Geschwätzigkeit. »Der Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine
-Frau sagt, die hilft ja manchmal in der Küche bei Exzellenz aus, wie die
-Damen wissen! Na, da hört sie so mancherlei. -- Der Herr Oberleutnant
-ist jetzt beinahe alle Tage da im Hause! Die Fräulein Enkelin soll ja
-wohl steinreich sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, und was
-ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer werden morgen früh schon
-um sechs Uhr abgeholt ... die Dienstmänner können es nicht gut anders
-machen ... und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie für die
-Damen bestellen? -- Ich gehe nachher doch noch mal aus ...«
-
-»Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fuß. Die Koffer stehen auf dem
-Flur bereit. Guten Abend!«
-
-Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So geisterhaft hatte er
-die Damen noch nie zuvor gesehen, und die Stimme der Gnädigen klang wie
-aus dem Grabe.
-
-Er verbeugte sich und ging.
-
-Wie schwer wurde den Ärmsten der Abschied! Du lieber Gott, ja, -- wenn
-in solch feine Häuser mal das Unglück hereinbricht, dann liegt es immer
-doppelt so schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen auf
-mit sich herumzuschleppen.
-
-Als sich die Tür geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen schweigend
-die Arme nach ihrer Tochter aus, und Gabrieles Köpfchen sank wie eine
-sturmgebrochene Blüte an die Brust der Mutter nieder.
-
-Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch den weichen,
-schmiegsamen, jungen Körper.
-
-Und dann hob sie jählings das Haupt und blickte mit herzzerreißendem
-Lächeln empor.
-
-»Ich kann es nicht glauben, daß er nicht mehr kommen _wollte_,
-Mama! Er _muß_ ja all diese Vergnügungen arrangieren, er verkehrt
-viel im Hause des Ministers, weil man ihn viel einladet! -- Sein Herz
-weilt sicher bei mir, Mama! Es ist ja ganz unmöglich, daß diese meine
-herrlichste Idealgestalt so kläglich in Dunst und Nebel zerrinne!«
-
-Frau von Sprendlingen küßte die Stirn ihrer Tochter und wiederholte
-nur leise: »O, du armes, armes Kind!« -- Dann wandte sie sich zur Tür,
-in welcher das Stubenmädchen erschien und mit betrübtem Gesicht die
-gnädige Frau um ihr Abgangszeugnis bat. --
-
-Gabriele blieb allein.
-
-Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem Blick auf die
-stille, winterliche Straße hinab, wo die Sonne auf Eis und Schnee
-glitzerte und fröhlich plaudernde Menschen mit den Schlittschuhen
-vorübereilten.
-
-Schlittengeklingel ertönte von fern und näherte sich in flottem Tempo.
-
-Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit weitoffenen
-Augen hinab.
-
-Die Schlittenpartie! --
-
-Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig flatternden
-Schneedecken, da klingelten und rasselten die Schellen durch die
-schmetternden Musikklänge, und die ersten Schlitten mit den Trompetern
-jagten vorüber.
-
-Dann mehrere »Familienschlitten« mit den Müttern, Tanten und Papas, und
-dann, als Erster an der Tete der Jugend, Hans von Heidler neben Fräulein
-Henny von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem mächtigen, gelben
-Löwenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner zugekehrt, und
-dieser neigte sich so vertraut und keck, wie es seine siegesbewußte Art
-ist, und lächelt der Kleinen just »tief in die Seele!«
-
-O, Gabriele kennt dieses Lächeln -- diese Augen, diese betörende und
-bestrickende Art! --
-
-Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor und starrt hinab
-... ihre Lippen öffnen sich, als wollten sie voll herben Wehes
-aufschreien: »Hans! -- Hans! Hast du keinen einzigen Blick mehr für
-mich?« --
-
-Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr für die öde, verlassene
-Villa, in welche über Nacht die Armut eingezogen ist.
-
-Der Schlitten fliegt vorüber, ohne daß Herr von Heidler Zeit gefunden,
-einen einzigen Blick nach dem Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das
-bleiche, liebliche Mädchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine
-leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt zurück und
-sinkt auf einen Stuhl, -- sie schlägt die kalten, zitternden Hände vor
-das Antlitz und möchte weinen -- weinen -- daß ihre ganze Seele in den
-Tränen dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken und starr, und
-ihr Herz blutet still verborgen aus der Wunde, welche falsche Liebe ihr
-so grausam geschlagen. --
-
- * * * * *
-
-Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen lebte mit ihrer Tochter
-fernab der Residenz in dem einsamen Landhaus der Tante, welche viel zu
-schrullenhaft, unliebenswürdig und schroff war, um den beiden
-verlassenen Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim bieten zu können.
-
-Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, sich zu trennen.
-
-Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer Witwenpension leben, wenn
-Gabriele ein anderes Unterkommen fand.
-
-Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemühungen nicht. -- Die Stelle
-einer Hofdame, welche die Herzogin für sie an befreundetem Hofe erhofft,
-war gegen alles Erwarten anderweitig besetzt, -- andere Aussichten
-zerschlugen sich ebenfalls.
-
-Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, -- doch stets ohne
-Erfolg.
-
-Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer Frauenzeitung eine
-sehr annehmbar erscheinende Offerte.
-
-Eine ältere Dame auf dem Lande suchte ein junges, liebenswürdiges und
-heiteres Mädchen aus vornehmer Familie zur Gesellschafterin. Die
-Einsendung einer Photographie war zur Bedingung gemacht.
-
-Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide blickten sich in
-stummem, wehmütigem Einverständnis in die Augen. Zur selben Stunde noch
-schickte Frau von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene Chiffre
-ab. --
-
-Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden Frühlingsmorgen
-hinaus. -- Wird eine Antwort kommen? Wird sie die Stelle erhalten?
-
-Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichgültig geworden.
-
-Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus der Residenz, Herrn
-von Heidlers Verlobung mit Henny, der reichen Erbin, las, und sehr bald
-danach durch den Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, daß die
-Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der großen Jugend der Braut
-schon in den ersten Tagen des Mai stattfinden solle, -- war die Welt
-leer und tot für sie geworden.
-
-Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, vergöttert hatte, trat ihr
-Herz voll egoistischer Rücksichtslosigkeit unter die Füße. --
-
-Er, der kühne, mutige und unerschrockene Held, war zu feige gewesen, den
-Kampf um die Existenz an der Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen.
--- Und _diese_ Entäuschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres
-eigenen Glückes.
-
- * * * * *
-
-Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp zurückgekehrt
-war, ruhten die Augen der Gräfin voll bangen Forschens auf dem ernsten
-Antlitz des Sohnes, als könne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen
-und die Gründe erforschen, welche ihn so plötzlich heimgetrieben.
-
-»Warum kommst du schon jetzt zurück, Guntram Krafft? Ist dir etwas
-Unangenehmes begegnet?«
-
-Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in die Augen.
-
-»Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer eigenen
-Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich ist mir viel
-Ärgerliches begegnet!«
-
-»Und nur darum bist du Hals über Kopf abgereist?«
-
-Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er strich sich
-langsam die blonden Haare aus der Stirn.
-
-»Ich bekam Heimweh, Mutter!« sagte er leise, mit einem beinahe
-schwermütigen Klang in der Stimme, »es gefiel mir nicht zwischen all den
-fremden Menschen. Ich kam mir so überflüssig, so vereinsamt dort vor.
-Ihre Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten sind
-neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen und Plaudern gar nicht,
-oder doch sehr schlecht im Vergleich zu den andern Herren. Die Leute
-waren nicht unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, daß ich mich
-tatsächlich unter ihnen wohlgefühlt hätte. -- Dazu wehte der Sturm so
-vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da es gerade jetzt viel ernste
-Arbeit daheim gäbe. -- Da hielt es mich nicht länger. Ich sehnte mich
-heim zu dir, Mutter, -- hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ...
-gleichviel wie ich bin!« --
-
-Die letzten Worte klangen noch leiser und wehmütiger wie zuvor, und
-Gundula trat neben seinen Sessel und drückte voll weicher Innigkeit das
-Haupt des Sohnes an die Brust.
-
-Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine bange Sorge kam
-es plötzlich über sie.
-
-Waren dies die Früchte, welche sie von ihrer starren und eigenwilligen
-Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind der Welt und dem Leben so völlig
-entfremdet, daß es nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang?
-Wiederum durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz.
-
-Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft, die
-verlorenen Güter zurückzuerwerben, um ihren Sohn als trübseligen alten
-Junggesellen darauf zurückzulassen? Oder war es eine heimliche
-Kinderliebe, welche Guntram Krafft so fest und treu im Herzen saß?
-
-Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen Fischerdirne
-gespielt, -- er hatte als Jüngling im Dorfkrug mit ihr getanzt ... wäre
-es möglich, daß er sein Herz an sie verloren, trotzdem die Gräfin ihn so
-sorgsam in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes erzogen
-hat? --
-
-Gundula seufzte tief auf.
-
-Je nun, mußte sie das Glück für ihr Kind auch tief, tief von unten
-heraufholen ... es soll ihm werden, -- besser er freit ein
-Fischermädchen, als keine.
-
-Die anfänglich so schwermütige Stimmung des jungen Grafen schwand von
-Tag zu Tag. Der Sturm heulte daher und schien nur auf die Rückkehr
-Guntram Kraffts gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des
-Bären zu messen!
-
-Da gab es keine müßige Zeit mehr, da war es vorbei mit dem wehmütigen
-Sinnen und Grübeln!
-
-Täglich fast gab es schwere Arbeit!
-
-Schiff in Not! -- -- Und der Bär von Hohen-Esp reckte voll kühnen Muts
-die Pranken, scharte seine Getreuen um sich und warf sich in tollem
-Wagemut gegen die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entreißen.
-
-Die Kälte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat knirschte das Eis
-... das war die böseste Zeit.
-
-Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein Brett vor der See;
-als ihn ein neu einsetzender Sturm auseinanderriß, stürzte ein Schiffer
-zur Burg und meldete, daß aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen
-Schoners rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen. Das war
-ein fürchterlicher Tag und eine grauenvolle Fahrt! --
-
-Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und Guntram Krafft und seine
-freiwilligen Lotsen konnten selber kaum geborgen werden; doch kaum, daß
-sich die Erschöpften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot, welches
-er in aller Eile zweckmäßig eingerichtet hatte.
-
-Er ließ den fehlenden Luftkasten durch leere Fässer, welche möglichst
-gut verspundet und unter die Duchten gelascht wurden, ersetzen, ließ
-Ballast einlegen und einen Lenzsack nachbugsieren, um das Boot möglichst
-vor See zu halten und ein Beidrehen zu verhindern.
-
-Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus, und nach zweistündiger
-schwerer Arbeit brauste das jubelnde Hurra der Heimkehrenden durch das
-Heulen der Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. --
-
-Kaum, daß man die Schiffbrüchigen noch zu den Lebenden zählen konnte.
-
-Zwei Tage und Nächte lang waren sie ohne Nahrung gewesen, ihre Lage in
-der Takelage bei Sturm und bitterer Kälte bedeutete eine geradezu
-unbeschreibliche Qual.
-
-Gräfin Gundula ließ die Geretteten nach Hohen-Esp schaffen und nahm
-ihre erfrorenen Glieder in Pflege, bis ein Arzt zur Stelle war.
-
-Diese heldenmütige Rettung wurde bekannt. Guntram Krafft und seine
-Lotsen erhielten die Rettungsmedaille und ein ansehnliches Geldgeschenk,
-und mit leuchtenden Augen stürmte der Graf in das Zimmer seiner Mutter:
-»Nun können sie heiraten! Ich habe meinen Anteil an Jöschen abgetreten,
-dann reicht's zur Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe ich
-ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in Gottes Namen zur
-Wohnung einrichten!«
-
-»Jöschen will heiraten?« fragte die Gräfin überrascht; »davon ahne ich
-nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?«
-
-»Nun, die Mike! -- Die beiden sind doch schon seit Kindesbeinen an
-Brautleute!« lachte der Bär von Hohen-Esp. »Wie manch liebes Mal hat der
-Jöschen ihr seinen Apfel geschenkt, und als er von der Marine zurückkam,
-brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht laut werden, bis
-sie Aussicht hatten zu freien, -- sind ja beide so blutarm! Aber nun ist
-das Geld beisammen, und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!«
-
-Gundula blickte starr in das frisch gerötete Antlitz des Sohnes.
-
-Mike heiratet den Jöschen! Und Guntram Krafft erzählt es ihr mit
-lachendem Munde. Nein, so sieht keiner aus, der selber in das Mädel
-verliebt ist.
-
-Nachdenklich senkt die Gräfin das Haupt, ihr Sohn aber setzt sich nahe
-an ihre Seite und nimmt zärtlich ihre Hand zwischen die seinen.
-
-Er sieht sie an, -- so kindlich bittend wie stets, wenn er etwas auf dem
-Herzen hat.
-
-»Mutter!« --
-
-»Was willst du?« --
-
-»Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?«
-
-»Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!«
-
-»Sie hat aber einen schweren Verlust für uns bedeutet!«
-
-»Wieso das?«
-
-»Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so vieler Mühe als ein
-Peake-Boot zurechtgemacht hatten, ist von der See zerschlagen!«
-
-»Oh! -- Es wird sich Ersatz finden!«
-
-»Mutter!« flüsterte Guntram Krafft und legte den Arm um die Gräfin:
-»Möchtest du mich wohl einmal recht glücklich sehen?«
-
-»Welche Frage!«
-
-»Du botest mir jüngst an, -- ich solle auf Reisen gehen, -- fremde
-Länder und Völker sehen ...«
-
-»Ganz recht! Hast du dich entschlossen?«
-
-»Nein, Mutter. Ich möchte dich aber recht inständig bitten, mir das
-Geld, welches solch eine Reise kostet, zu geben!«
-
-»Wozu das?«
-
-Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung das Haupt.
-
-»Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine regelrechte
-Rettungsstation hier zu errichten. Mit der nötigen Ausrüstung und
-Unterstützung brauche ich meine braven Jungens nicht annähernd so zu
-exponieren wie jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Unterstützung
-zu erwarten, -- _wollte_ man uns helfen, so hätte man es jetzt
-getan, nachdem die Rettung der Schiffbrüchigen die Aufmerksamkeit auf
-uns gelenkt. -- Da heißt es also -- hilf dir selber! Ich habe keine
-andere Passion, keine anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das
-Rettungswesen, ich kenne keinen höheren Wunsch, als aus eigenen Mitteln
-einen Schuppen mit Ausrüstung, Boot und Apparaten hier aufzustellen.«
-
-Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen.
-
-»Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der Ausführung deines
-Planes gewiß nichts im Wege!«
-
-»Mutter!« -- Der Graf war dunkelrot geworden, »und das Geld dazu?« --
-
-»Du bist majorenn und kannst über dein Vermögen verfügen!«
-
-Er umkrampfte die schlanke Hand der Gräfin: »Mein Vermögen? Alles, was
-wir besitzen, hast du verdient, es ist dein Eigentum, Mutter ... und
-zehntausend Mark ist wohl das mindeste, was ich benötige!«
-
-Gundula lächelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz beinahe heiter
-aus in dem Gefühl, dem Sohn, welchen sie über alles liebte, einen Wunsch
-erfüllen zu können.
-
-»Du weißt, daß ich für _dich_ arbeitete, und du hast mir seit Jahren
-redlich dabei geholfen. Die zehntausend Mark hast du dir selber
-reichlich verdient. Wie du sie anwenden willst, ist deine Sache -- sie
-liegen bereit!«
-
-Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche Freude, welche er
-empfand. Er schlang die Arme um die Sprecherin und dankte ihr so
-strahlend glücklich, als sei das Geld ihm zu Genuß und Vergnügen, nicht
-aber für fremde Not gespendet.
-
-Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so heiter und lebhaft
-mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll ungeduldigen Eifers sogleich den Bau
-des Rettungsschuppens in Angriff nehmen und seine notwendige Ausrüstung
-herstellen ließ.
-
-Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen Beschäftigung
-blieb ihm keine Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen.
-
-Die Gräfin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf.
-
-Sie glaubte nun überzeugt zu sein, daß keine unglückliche Liebe das Herz
-des Sohnes erkranken ließ und seine zeitweise, unerklärliche Schwermut
-in der Tat nur dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission
-in der Residenz ihm verursacht.
-
-Gundula grübelte und sann, wie sie ihren Liebling zu einem glücklichen
-Mann und Gatten machen könne.
-
-Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn der Graf war zu
-ungewandt und fremd in der Gesellschaft, um den Mut zu haben, als Freier
-aufzutreten.
-
-Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen in dieser
-wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen. So verging Monat um Monat.
-Da kam ihr ein guter Gedanke.
-
-Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine junge
-Gesellschafterin aus bester Familie und wählte aus den eingesandten
-Photographien diejenige heraus, welche ihrem scharfen Auge am
-passendsten für ihren Plan erschien.
-
-Zu dicken Stößen kamen die Briefe an.
-
-Die Gräfin saß in ihrem stillen Turmzimmer, in welches die
-Frühlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, und erbrach voll lebhaften
-Interesses ein Schreiben nach dem andern.
-
-Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! Gundula sah ein
-jedes derselben lange scharf und prüfend an, doch da war keines, welches
-ihr so recht von Herzen sympathisch war.
-
-Die nächsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, und die Bärin
-von Hohen-Esp las und überlegte und prüfte, bis sie plötzlich das Haupt
-jählings vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes
-Mädchenantlitz schaute, welches mit wundersam ernsten, großen, klaren
-Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute.
-
-Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, einfach und
-anspruchslos.
-
-Die Gräfin überflog den Brief, welcher nur sehr kurz im Verhältnis zu
-den meisten anderen war. Sie sah nach der Unterschrift: »Marie
-Antoinette, Freifrau von Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.«
-
-Ein guter Name. -- Und sie schrieb, daß sie für ihre Tochter Gabriele,
-23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im Englischen und Französischen,
-geschickt in Handarbeiten, aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle
-als Gesellschafterin suche. Ihre Verhältnisse, welche seit dem Tode
-ihres Mannes sehr traurige seien, zwängen sie leider, sich von ihrem
-Kinde zu trennen.
-
-Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe, welche ein
-Unterkommen für die Tochter sucht ... Arme Frau!
-
-Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand, auch dann noch, als
-sie alle anderen Schreiben geöffnet und die Photographien recht
-gleichgültig beiseitegelegt hatte.
-
-Wie eine geheime, unerklärliche Gewalt zog es sie zu dem entzückenden
-Antlitz mit den rätselhaften Augen.
-
-Ein Bild täuscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in Wirklichkeit
-nicht annähernd so sympathisch; aber gleichviel, darauf mußte man es
-eben ankommen lassen und es abwarten, ob Fräulein von Sprendlingen dem
-Geschmack Guntram Kraffts entsprechen wird.
-
-Kurz entschlossen griff die Gräfin zu Feder und Papier und schrieb an
-Frau von Sprendlingen, daß sie gewillt sei, ihre Tochter voll herzlicher
-Freundlichkeit in ihrem Hause aufzunehmen.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XVIII.
-
-
-Ein paar Tage waren vergangen.
-
-Es dämmerte. -- Guntram Krafft war soeben von dem beinahe vollendeten
-Rettungsschuppen heimgekehrt, hatte die Kleider gewechselt und trat
-hastig in das große, uraltmodische Wohngemach der Gräfin, um ihr voll
-lebhafter Begeisterung von dem vorzüglichen Boot eigener Konstruktion --
-einem zweckmäßigen Gemisch von Françis- und Peake-System, welches man
-soeben geprobt hatte -- zu berichten.
-
-Gundula trat ihm entgegen, -- lebhafter, elastischer schreitend wie
-sonst.
-
-Sie hielt einen Brief in der Hand und hub bereits von weitem an zu
-sprechen:
-
-»Endlich kommst du heim, Guntram Krafft; ich wartete mit Sehnsucht auf
-dich, um eine Angelegenheit mit dir zu bereden, für welche du bisher
-noch niemals recht Zeit hattest. Nun ist sie vollendete Tatsache -- und
-die höchste Zeit, daß du davon erfährst!«
-
-Der Graf blickte die Sprecherin erstaunt an, schob ihr voll ritterlicher
-Höflichkeit einen Sessel herzu und lehnte sich erwartungsvoll ihr
-gegenüber an den Tisch.
-
-Die Gräfin setzte sich nieder und schien gewaltsam gegen eine gewisse
-Befangenheit anzukämpfen. »Ich bin seit langen Jahren so allein,
-entbehre jeden Verkehr mit Damen und werde nun auch so alt und
-abständig, daß ich kaum noch allein dem großen Hauswesen vorstehen kann
-...«
-
-Guntram Krafft lachte beinahe übermütig auf, schwieg aber und blickte
-die Sprecherin aufmerksam an. --
-
-»Ich habe mir daher eine Gesellschafterin engagiert und hoffe, daß du
-aus Rücksicht für mich mit diesem Zuwachs einverstanden bist!«
-
-»Ah! Das nenne ich vernünftig!« rief der Bär von Hohen-Esp sehr erfreut
-und durchaus harmlos: »Diese Idee ist einen Dukaten wert und hätte dir
-bereits zehn Jahre früher kommen sollen! Hast du schon jemand gefunden?«
-
-Die Gräfin öffnete mit geheimnisvollem Lächeln den Brief, entnahm ihm
-eine Photographie und reichte sie dem Sohn dar.
-
-»Wie gefällt dir meine künftige kleine Genossin, welche, so Gott will,
-frisches Leben und recht viel Sonnenschein mit in das Haus bringt?«
-
-Guntram Krafft nahm lächelnd das Bild und trat damit in die
-Fensternische, um besser sehen zu können.
-
-»Wenn sie nur _deinen_ Beifall findet, Mama, dann bin ich gern mit einer
-jeden zufrieden!«
-
-Er neigte sich vor und blickte auf das Bild. Einen Augenblick starrte er
-es an, -- seine Hand zuckte, und sein Antlitz überzog eine tiefe Blässe.
-
-Regungslos stand er und schaute in das süße, ernste, sinnende
-Gesichtchen.
-
-Ein Zittern flog durch seinen Körper, wie feurige Nebel wogte und wallte
-es plötzlich um ihn her, und sein Herz lag regungslos, um plötzlich in
-desto wilderen Schlägen atemraubend loszustürmen.
-
-Er stand abgewandt von der Gräfin, und diese sah nicht die auffallende
-Veränderung, welche mit dem jungen Manne vor sich ging.
-
-»Nun?« fragte sie endlich, »äußere dich doch! Ist das Gesicht nicht
-entzückend? Wenn die Augen alles das halten, was sie hier versprechen,
-so muß die Kleine ein sehr liebenswertes Mädchen sein!«
-
-»Wie heißt sie?« stieß Guntram Krafft kurz und beinahe rauh hervor.
-
-»Ach so! Ich vergaß, dir Fräulein Gabriele von Sprendlingen im Bilde
-vorzustellen --«
-
-»Gabriele von Sprendlingen!« Das klang wie ein leises, kaum
-verständliches Aufstöhnen.
-
-Die Gräfin beachtete es nicht, sie sah nur voll großer Genugtuung, daß
-der junge Weiberfeind das Bild noch immer in der Hand hielt, daß sein
-Anblick ihn fraglos ebenso fesselte, wie zuvor die Mutter.
-
-»Der Vater war General, starb vor einem Jahr ungefähr, ganz plötzlich,
-und da er durch das Fallissement einer bedeutenden Firma sein ganzes
-Vermögen verlor, hinterließ er Frau und Tochter in den drückendsten
-Verhältnissen. So entschloß sich Frau von Sprendlingen nun, die Tochter
-fortzugeben --«
-
-»Bot sie dir dieselbe an?« -- Guntram Krafft stieß die Worte kurz
-hervor.
-
-»Auf meine Annonce in der Zeitung hin --«
-
-»Inseriertest du unter deinem vollen Namen?«
-
-»Aber Guntram: -- Hier ist der Zeitungsausschnitt, ich erbat die
-Antworten unter Chiffre G. H. 1000.« --
-
-»Und darauf antwortete sie?«
-
-»Wie fragst du so wunderlich! Gewiß!« --
-
-»Wo lebt Frau von Sprendlingen?«
-
-Die Gräfin blickte auf den Brief nieder und nannte eine kleine Stadt des
-Herzogtums -- der Bär von Hohen-Esp aber blickte starr zu dem Fenster
-hinaus und schwieg.
-
-»Du meinst doch auch, daß ich den Versuch mit Gabriele wage?« fuhr die
-Gräfin ein wenig ungeduldig fort.
-
-Er strich langsam mit der Hand über die Stirn, sein fahles Antlitz sah
-so gequält aus, wie bei einem Menschen, welcher die Folter erduldet.
-»Darüber hast du allein zu bestimmen --«
-
-»Ich bin völlig einig mit mir und habe der Baronin bereits geschrieben!«
-
-Wieder zuckte der Graf zusammen: »Nun, so ist es ja entschieden!« sagte
-er tonlos.
-
-»Willst du das Bild noch behalten?«
-
-Er machte eine jähe Bewegung. Sein Blick traf wieder das süße Antlitz,
-welches ihn mit den wundersamen Nixenaugen so groß und ruhig ansah. --
-Dann schob er die Photographie jäh von sich -- seiner Mutter zu.
-
-»Nein; -- ich danke.« --
-
-»Je nun, ich hoffe, du lernst bald das Original kennen.« --
-
-»Wann ... wann trifft die junge Dame hier ein?« --
-
-»Anfang nächsten Monats. Es gibt zuvor wohl noch verschiedene
-Angelegenheiten zu erledigen.«
-
-»Sagtest du nicht, daß sie verlobt sei?«
-
-Die Gräfin hob erstaunt ihr Haupt: »Durchaus nicht! Die Damen stehen
-ganz allein und ohne Schutz in der Welt! Wie kommst du darauf?«
-
-Guntram Krafft neigte finster das Haupt. »Ich irrte mich wohl. -- Mir
-geht heute so viel im Kopfe herum. Heute nachmittag haben wir eine
-kleine Probefahrt mit dem neuen Boot gemacht, darüber wollte ich dir
-berichten.«
-
-Die Gräfin schob das Bildchen in den Brief zurück, erhob sich hastig und
-legte den Arm in den des Sohnes.
-
-»Ja, -- erzähle mir! Du hast soeben meinen Angelegenheiten dein
-Interesse geschenkt, nun wollen wir von dem plaudern, was dir am Herzen
-liegt!« -- Sie trat in das hellere Fensterlicht und sah betroffen in das
-Antlitz des jungen Bären empor: »Hast du Ärger und Verdruß gehabt,
-Guntram Krafft?« fragte sie besorgt, »du siehst ganz verstört aus ...
-oder fühlst du dich etwa krank?«
-
-Er zwang sich gewaltsam zu einem heitern Ton. »Seinen gesunden
-Hofjungenärger hat man ja öfters, Mutter, und daß die Eiche nicht auf
-den ersten Streich fällt, und hie und da noch kleine Mängel zutage
-treten, ist selbstverständlich. Im großen ganzen bin ich sehr zufrieden
-mit den Schuppen und voll Glück und Dank gegen Gott und dich! -- Daß in
-Walsleben das neue Arbeitshaus schon im Rohbau aufgeführt ist, weißt
-du?«
-
-»Selbstverständlich.«
-
-»Wer beaufsichtigt die Sache eigentlich?« --
-
-»Nun, der Inspektor, -- du warst doch damit einverstanden!«
-
-Der Graf wandte sich zur Seite und schob den schweren Damastvorhang
-noch mehr von den Butzenscheiben des Erkerfensters zurück.
-
-»Ich habe viel darüber nachgedacht, Mama! Es ist eigentlich recht
-vertrauensselig und leichtsinnig von uns, daß wir uns nicht selber um
-den Bau kümmern!«
-
-»Wir wissen, daß diese Angelegenheiten seit fünfzehn Jahren in den
-besten Händen liegen, Inspektor Braun ist doch wohl als durchaus
-zuverlässig erprobt.«
-
-»Es würde mich interessieren, das Haus einmal in Augenschein zu nehmen,
-man kann doch so manches noch ändern und bessern ...«
-
-»Selbstverständlich! Ich würde sehr glücklich sein, wenn du einmal
-hinführst! -- Möchtest du gleich morgen ...«
-
-»Morgen? nein!« Der Graf unterbrach die Sprecherin mit einer gewissen
-Hast: »Momentan kann ich nicht gut hier abkommen -- ich muß die Zeit
-wahrnehmen, wo die Änderungen an dem Boot vorgenommen werden -- die
-Takel hakt zu leicht aus ... und die Riemen müssen oben auf den Duchten
-festzulegen sein ...«
-
-»Nun, wann denkst du zu fahren?« --
-
-Guntram Krafft wandte sich noch mehr zur Seite.
-
-»So bald wie möglich! Vielleicht Anfang nächsten Monats --« sagte er
-leichthin, wandte sich plötzlich und bot der Mutter den Arm: »Und nun
-begleite mich noch einmal in den Garten, Mamachen! Es ist ein
-wundervoller Abend, und ich möchte sehen, wie weit der Gärtner mit den
-neuen Anpflanzungen gekommen ist!«
-
- * * * * *
-
-Gabriele von Sprendlingen war im Reisekleid und legte noch die letzten
-Gegenstände in den kleinen Handkoffer, um pünktlich bereit zu sein, wenn
-der alte Kutscher vorfuhr, sie zur Bahnstation abzuholen. Sie sah so
-still und ernst und ruhig aus, als ob all der Wechsel und Wandel,
-welcher sich nun mit ihr begeben solle, nicht die mindeste Erregung wert
-sei. --
-
-Sie sollte die Gesellschafterin einer alten einsamen Frau werden, einer
-Frau, welche man in der Welt als verbittert, hart und menschenfeindlich
-schilderte.
-
-Es war selbstverständlich, daß ein junges Mädchen in ihrer Umgebung mit
-dem Leben abgeschlossen haben mußte, und weil Gabriele dies getan, weil
-es in ihrem Herzen kalt und dunkel geworden war, seitdem die strahlende
-Sonne ihres Ideals, ihres Schwärmens und ihrer Begeisterung aus ihrer
-stolzen Höhe herabgesunken war, zertrümmert und vernichtet für ewige
-Zeiten, weil seit dieser Stunde das Dasein doch allen Wert und Reiz für
-sie verloren, deuchte es ihr kein Opfer, sich jetzt schon lebendig in
-Hohen-Esp zu begraben. --
-
-Als ihre Mutter mit aufgeregt heißen Wangen zuerst die Nachricht
-brachte, daß es die Gräfin Hohen-Esp sei, welche die Gesellschafterin
-suche, und daß sie Gabriele vor allen andern Bewerberinnen den Vorzug
-gegeben und sie engagiert habe, blickte das junge Mädchen so
-gleichgültig auf den Brief Gundulas nieder, als gehe sie derselbe kaum
-etwas an.
-
-Und als Frau von Sprendlingen in ihrer Erregung eine Andeutung machte,
-daß nun das Glück vielleicht doch noch einmal bei ihnen anklopfe, wenn
-Guntram Krafft seiner ehemals so schnell entflammten Neigung treu
-geblieben, -- da wuchs die schlanke Mädchengestalt hoch und stolz empor,
-und die klaren Augen blitzten so abweisend wie ehemals, als sie die
-Bewerbungen des Grafen voll ehrlicher Gleichgültigkeit zurückwies.
-
-»Wenn du dich solch trügerischen Hoffnungen hingibst, Mama, ist es
-besser, ich nehme die Stelle überhaupt nicht an! -- Glaubst du, die
-Armut und Verlassenheit hätten mich derart entnervt und erbärmlich
-gemacht, daß ich einen ungeliebten Mann heirate? -- So unmoralisch werde
-ich niemals denken und niemals handeln!« --
-
-»Wer sagt, daß du ihn nicht liebgewinnen wirst?!«
-
-Ein herbes Lächeln spielte um Gabrieles Lippen. »Die Liebe ist ein so
-sehr verschiedener Begriff, dem einen ist sie nur Mittel zum Zweck --
-nur Zeitvertreib -- ein Rechenexempel -- oder Geschmackssache. -- Für
-mich wird sie stets der Höhepunkt leidenschaftlicher Bewunderung und
-Verehrung sein ... Du hast oft über die schwärmerische und
-schrullenhafte Ansicht gelacht, Mama, -- geändert habe ich sie trotzdem
-nicht. Ich will in dem Mann, welchen ich liebe und welchem ich angehöre,
-_mehr_ sehen, wie einen Durchschnittsmenschen -- er soll das Ideal
-verkörpern, welches mein Patriotismus, mein stolzer, begeisterter Sinn
-sich geschaffen. -- Das kann der Graf von Hohen-Esp nicht, denn es ist
-nichts in seinem Wesen und Handeln, was mein Herz höher schlagen, was es
-in scheuem Staunen erzittern und in jauchzender Bewunderung erglühen
-läßt! -- Sein Name, sein Geld, sein hübsches Gesicht existieren für mich
-nicht, denn sie machen mir nicht den mindesten Eindruck. Darum bitte ich
-dich von Herzen, Mama, nähre keine falschen Hoffnungen, die Enttäuschung
-würde zu bitter sein.« --
-
-Seufzend neigte die Baronin das Haupt und schwieg; jetzt aber, als sie
-von der Tochter Abschied nahm und die schlanke, graziöse Mädchengestalt
-in die Arme schloß, da blickte sie noch einmal mit flehendem Blick in
-ihre Augen und sagte nur leise: »Wie würde ich so glücklich sein,
-Gabriele!«
-
-»Das glaube ich nicht, Herzens-Mama! Eine Mutter, die ihr Kind wahrhaft
-lieb hat, ist niemals glücklich, wenn sie dasselbe unglücklich sieht!«
-
--- Das war leider Gottes eine Wahrheit, gegen welche sich nicht streiten
-ließ, und so sah Frau von Sprendlingen ihre Tochter in der Überzeugung
-scheiden, daß Gabriele tatsächlich entschlossen war, eine glänzende
-Zukunft ihrer Gefühlsseligkeit und Phantasterei zu opfern.
-
- * * * * *
-
-Es war ein regnerischer Frühlingstag.
-
-Der Himmel verschwamm in grauen Dunstmassen, müdes Dämmerlicht lag über
-den knospenden Wäldern, durch welche Gabriele der Burg Hohen-Esp
-entgegenfuhr, und nur hie und da strich ein seufzender Windhauch daher,
-die schweren Regentropfen gegen die Wagenfenster zu werfen.
-
-Von der See sah man nichts, der Nebel hatte sie verschlungen, und als
-Hohen-Esp mit seinen dunklen, uralten, epheuumsponnenen Gemäuern aus
-den Wipfeln auftauchte, machte es einen noch melancholischeren und
-öderen Eindruck als sonst.
-
-Der stumpfe Turm, der eckige Quaderbau mit den kleinen, unregelmäßigen
-Fenstern, der schilfbewachsene Wallgraben und die wunderliche Zugbrücke,
-welche immer noch zu dem grauen, mit Türmchen flankierten Tor aufgezogen
-werden konnte, machten den Eindruck eines verräucherten Spuknestes,
-einer echten, rechten Bärenhöhle, bei deren Anblick man sich eines
-leichten Grauens nicht erwehren kann.
-
-Sehr günstig war der erste Eindruck, welchen Gabriele von dem Stammsitz
-der Hohen-Esp erhielt, nicht, aber das junge Mädchen war so weit
-entfernt von aller kindischen Furcht und Voreingenommenheit, daß sie,
-interessiert und von der Eigenartigkeit dieses Schlosses gefesselt, um
-sich blickte, als der Wagen langsam in den engen Burghof einfuhr. Da
-standen wie zwei gewaltige, unheimliche Wächter, gleich rechts und links
-vor dem Tor, die steinernen Bären, welche mit der einen Pranke das
-Wappenschild, mit der anderen eine Fackel emporhielten, in welcher
-abends eine rotleuchtende Laterne brannte.
-
-Die alten Gesellen sind von grünlicher Moosschicht überzogen, ebenso
-verwittert und alt, wie die anderen Bären, welche auf den Sockeln der
-Freitreppe stehen.
-
-Eine gewölbte, ziemlich niedere Pforte mit schweren Eisenbeschlägen
-führt in das Innere der Burg; über ihr prangt, abermals zwischen zwei
-liegenden Bären, das Wappen.
-
-Die steingemeißelten Verzierungen, welche sich in schmalen Feldern unter
-den Fenstern hinziehen, zeigen ebenfalls Bärenköpfe, und wohin Gabriele
-im ersten Augenblick schaut, blickt sie auf grimmig geöffnete Rachen,
-drohend erhobene Pranken oder in zornmutige Bärenaugen, welche trotz
-Alter und Verstaubtheit wunderbar lebendig auf sie herabstarren. Und im
-ersten Augenblick erscheint ihr auch die hohe, markige Frauengestalt,
-welche ihr in der Pforte entgegentritt, mehr bärenhaft wie menschlich.
-
-Das dunkle Trauergewand, welches an der imponierenden Figur in vollen
-Falten herniederfällt, der breite, schwarze Pelzkragen um die Schultern,
-welchen Gundula des kalten Wetters wegen umgelegt, lassen die Gräfin von
-Hohen-Esp noch gewaltiger erscheinen wie sonst.
-
-Sie tritt der Ankommenden entgegen und bietet ihr mit herzlichem
-Willkommen die schlanke, weiße Hand zum Gruß, und unter den silbernen
-Scheiteln und der klaren, hohen Stirn leuchten Gabrielen ein paar so
-schöne, edelblickende Augen entgegen, daß sie das Empfinden hat, als
-ströme es unter diesem Blick ganz seltsam warm zu ihrem Herzen.
-
-Sie küßt die Hand der Gräfin, sie dankt für das gütige Wohlwollen,
-welches sie hierherkommen hieß, -- und Gundula schaut einen Augenblick
-tief und ernst in das Antlitz des jungen Mädchens, nickt freundlich und
-drückt die kleine Hand kräftig in der ihren.
-
-»Gebe Gott, daß wir einander liebgewinnen und daß Sie gerne bei uns
-weilen!« sagt sie schlicht, wendet sich an den alten Diener und gibt
-Befehl, das Gepäck in das Zimmer des gnädigen Fräuleins zu schaffen.
-
-»Ich führe Sie, liebe Gabriele! Wenn es Ihnen recht ist, schlafen Sie in
-meiner Nähe, denn anfänglich wird es Ihnen ungewohnt und unheimlich
-genug bei uns sein!« Sie schreitet nach der eng gewundenen, tief
-dunkelgebräunten Holztreppe und legt die Hand auf einen der Bärenköpfe,
-welche die Schnitzerei zeigt ... »Fürchten Sie sich nicht vor diesen
-zottigen Burschen, welche Ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnen! Sie
-sind unsere lieben Freunde, sie gehören zu uns und in dieses Haus wie
-gute Schutzgeister, welche man nicht vertreiben darf. Fürchten Sie sich
-vor Bären?«
-
-Gabriele lächelt.
-
-»Nicht im mindesten, Frau Gräfin! Ich bin überzeugt, daß dieselben auch
-mich bald als Freundin dieses Hauses erkennen und beschützen werden.«
-
-»Hier ist Ihr Zimmer, ein Turmstübchen, so klein und niedrig, wie es
-unsere Altvordern gemütlich fanden. Der Blick ist schön, -- Sie sehen
-aus dem Fenster Wald und See, und wenn Ihr Herzchen nicht allzusehr an
-der bunten Welt und ihrem Leben und Treiben hängt, wird Ihnen diese
-stille Poesie sicher gefallen.«
-
-»Ich wußte, daß Sie mich erwartet, Frau Gräfin, und bin gern gekommen.
-Wenn man die Welt durch Tränen ansieht, tun ihre grellen Farben dem Auge
-weh.«
-
-Wieder blickt Gundula in das ernste, sinnende Antlitz der Sprecherin,
-sie legt die Hand auf ihre Schulter.
-
-»Weh und Leid haben Ihr junges Herz krank gemacht, -- gebe Gott, daß es
-hier gesunde! -- -- Bescheiden Sie die Leute, wo Ihre Koffer aufgestellt
-werden sollen, -- rechts zur Seite hier befindet sich ein geräumiger
-Wandschrank. Packen Sie allein aus oder wünschen Sie Hilfe? Hanne steht
-zu Ihrer Verfügung.«
-
-»Ich danke, Frau Gräfin; ich bin gewohnt, mich allein zu bedienen.«
-
-Gundula nickt sehr befriedigt. »Das ist recht. Mir gefällt es gut, wenn
-ein Mädchen selbständig ist. In erster Zeit werden Sie allerdings noch
-manches erfragen müssen, bis Sie auf Hohen-Esp Bescheid wissen, -- am
-liebsten ist es mir, Gabriele, Sie wenden sich an mich, ich habe stets
-Zeit für Sie.«
-
-»Ich danke von Herzen, Frau Gräfin.«
-
-»Und jetzt lasse ich Sie allein, -- Sie werden eine kurze Zeit der Ruhe
-bedürfen. In zwei Stunden erwarte ich Sie zum Essen. Wir sind vorläufig
-allein im Hause, mein Sohn mußte für kurze Zeit nach Walsleben fahren.
-Also auf Wiedersehn, liebe Gabriele, -- Gott der Herr segne Ihren
-Eingang in dies Haus.«
-
-Die Sprecherin zieht das junge Mädchen an sich und berührt mit ernstem
-Kuß seine Stirn, dann geht sie.
-
-Wie im Traum schaut Gabriele der hohen Frauengestalt nach.
-
-Sie sieht aus wie ein schönes, ehrwürdiges Bild, welches aus dem Rahmen
-gestiegen, durch diese dämmrig stillen Räume zu schreiten. Wie paßt sie
-in dieses Haus!
-
-Fürwahr eine Bärin von Hohen-Esp.
-
-So hatte sich Gabriele sie nicht vorgestellt.
-
-Sie glaubte eine finstere, strenge, kalte Matrone vorzufinden, eine
-Herrin, welche mit weltfeindlichem Sinne hier gebietet, -- nicht aber
-diese friedliche, milde, schlichte und einfache Frau, welche bei all
-ihrer vornehmen Würde so viel herzgewinnende Güte hat.
-
-Schon auf den ersten Blick gefiel ihr »Frau Herzeleide«, und Gabriele
-empfindet es wie eine glückselige Vorahnung, daß sie diese Frau
-liebgewinnen wird wie eine Mutter.
-
-Der Sohn ist verreist!
-
-Unwillkürlich atmet sie auf.
-
-So warm es ihr bei dem Anblick der Gräfin um das Herz geworden, so
-unbehaglich wird es ihr zumute, wenn sie an den Sohn denkt. --
-
-Sie kann sich diesen schüchternen, linkischen Menschen so gar nicht in
-diesem Bärennest vergegenwärtigen!
-
-Hier in diesen Mauern weht ein Odem alter versunkener
-Ritterherrlichkeit.
-
-Hier atmet alles trotzige, kernige, stolze Urwüchsigkeit.
-
-Hier kann man sich die Bären von Hohen-Esp nur vorstellen als
-kriegerisch rauhe, kühne und wehrhafte Männer, -- nicht als verlegen
-errötende Jünglinge, welche über ihre Lackschuhe stolpern.
-
-Gabriele blickt sich sinnend um.
-
-Welch ein Stück uralter, langvergangener Zeiten umgab sie!
-
-Wie unverändert die Gesimse, Möbel und Geräte.
-
-Einfach und anspruchslos, aber traut und gemütlich.
-
-So wie Gräfin Gundulas Anblick anheimelt.
-
-Auf der dunklen Holzkonsole neben dem Bett liegt eine Bibel.
-
-Darin las wohl schon die Urahne.
-
-Die Grafen von Hohen-Esp waren seit jeher fromme, gottesfürchtige
-Leute, darum ruhte der Segen des Herrn auf ihrem Hause.
-
-Nur der Vater Guntram Kraffts, der hatte sein stilles Ahnenschloß
-verlassen und war in die verführerische, sündige Welt hinausgezogen. Da
-hatte er in dunkler, trostloser Stunde seinen Gott vergessen.
-
-Schwere, seidendurchwirkte Gardinen hängen in steifen Falten zu beiden
-Seiten des Bettes hernieder, ein geschnitzter Sessel steht an dem
-spitzen Bogenfenster; unter altmodischem Spiegel, dessen verblaßter
-Goldrahmen in seinem Mittelstück eine Bärenjagd zeigt, steht der
-Waschtisch mit der eingelassenen Zinnschüssel von seltsamer
-Reliefarbeit. Gabriele tritt an das Fenster und blickt hinaus.
-
-Der Regen rieselt an den kleinen, bleigefaßten Scheiben herab und
-trommelt einförmig auf dem Sims.
-
-Man sieht nicht viel -- nur den Eindruck hat man, daß man tief
-hinabblickt auf flaches Land und endlos gedehnte Waldungen. Fern im
-Hintergrund liegt wohl die See, die eintönige und einförmige See, welche
-sich so träge dehnt, sei es in blendender Sonnenhitze oder grau in grau,
-wie ein Nebelbild an regnerischem Frühlingstage.
-
-Gleichgültig wendet sich Gabriele von ihrem Anblick ab und kniet vor dem
-Koffer nieder, um das Auspacken zu beginnen. Sie ist stets im Leben
-pünktlich gewesen und will bis zur Essensstunde fertig sein, um alsdann
-ihre Dienste der Gräfin widmen zu können.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XIX.
-
-
-Das schlechte Wetter hielt an und zwang die Damen, im Zimmer zu
-verweilen.
-
-Gabriele war eifrig bemüht, sich mit den Räumlichkeiten der Burg bekannt
-zu machen und der Gräfin möglichst zur Hand zu gehen. Zu ihrer
-Überraschung bemerkte sie, daß es so gut wie gar keine Arbeit für sie
-gab, denn Gundula verrichtete nach wie vor alle Obliegenheiten der
-Hausfrau und beaufsichtigte, schaltete und waltete wie sonst in Haus und
-Hof.
-
-Gabriele begleitete sie zwar auf Schritt und Tritt und bemühte sich,
-hier und da kleine Handreichungen zu leisten, doch schien ihr diese
-Beschäftigung schließlich so unbedeutend, daß sie die Gräfin um Arbeit
-bat.
-
-Diese lächelte.
-
-»Ihre Arbeit ist die, bei mir zu sein, liebe Gabriele!« sagte sie ruhig.
-»Fürerst sehen Sie sich alles an, wie ich gewohnt bin, den Tag
-einzuteilen, und falls es einmal nottut, vertreten Sie mich. -- Am
-Nachmittag ist es oft stille Zeit, dann werde ich mich am meisten Ihrer
-Gesellschaft freuen. Heute zeige ich Ihnen die Zimmer der Burg, welche
-wir für gewöhnlich nicht bewohnen.«
-
-Das geschah. --
-
-Den riesengroßen Schlüsselbund an der Gürteltasche, schritt Gundula mit
-ihrem jungen Gast durch die wunderlichen Gemächer, in welchen eine
-längst vergangene Zeit gleich einem Dornröschen in tiefem Zauberschlafe
-lag.
-
-Wie düster, wie still ringsum.
-
-Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, hier und da huschte
-der graue Schatten einer Maus unter altgeschnitztem Schrank oder
-silberbeschlagener Truhe hervor.
-
-Am meisten interessierten Gabriele die Ölgemälde in dem Ahnensaal, einem
-viereckigen Gemach mit niedriger, getäfelter Decke und Parkettplatten,
-welche schreitende Bären als Muster aufwiesen.
-
-Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las ernsten Blickes die
-Namen auf den kleinen Schildern, während Gundula wie in tiefen,
-schwermütigen Gedanken langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken
-zurückschaute in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des Geliebten
-diesen Saal betreten, ein überglückliches, leidenschaftlich empfindendes
-Weib, welches sich bei dem Anblick dieser alten Bilder zu all dem
-begeisterte, was sie später für ihren Sohn geschaffen, erstrebt und
-erreicht.
-
-Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen Gemälden dieselbe
-Anmerkung.
-
-Hier eine stolze, markige Männergestalt in schlichtem Wams und hohen
-Wasserstiefeln.
-
-»Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini 1522, ertrunken den
-14. März 1570.«
-
-Und hier eine schlanke, blühende Jünglingsgestalt, blondlockig, mit
-lachend hellem Blick -- eine entschiedene Ähnlichkeit mit Guntram
-Krafft.
-
-»Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um 1503.«
-
-Und dort --! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast alle Bären von
-Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste Stirn, die kühn blickenden
-Augen und die energische Hand, welche hier ein breites Schwert über ein
-Segelschiff neigt.
-
-»Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und See, geb. 1361,
-ertrunken im Kampf gegen seeräuberisch Gesindel um 1433.«
-
-Und hier noch eins -- zwei andere Bilder, mit lateinischen Inschriften,
-dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung des Spruches: »Und das Meer
-wird seine Toten wiedergeben.«
-
-Gabriele wandte sich zu der Gräfin.
-
-»Wie kommt es, daß so viele Grafen ertrunken sind?« fragte sie leise,
-»mir deucht es seltsam, daß ein derart seltener Unglücksfall sich so
-merkwürdig oft in einer Familie wiederholt!«
-
-Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und nickte ihm wehmütig
-zu: »Das wundert Sie bei Männern, Gabriele, welche Schirmvögte einer
-Küste waren, die sowohl wegen ihrer gefährlichen Strömungen als auch
-wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen Wäldern hier hausten,
-allgemein gefürchtet und verrufen war? Die Bären von Hohen-Esp haben
-aufgeräumt mit dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser und
-zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem schiffbrüchigen
-Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe gekommen! Und wie gar mancher brave
-Soldat seine Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp
-ihr Leben im Dienst für Fürst und Vaterland, für Recht und Pflicht
-gelassen! -- Sehen Sie dort ... und dort ... und da drüben ... und an
-jener Seite dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere
-gestorben, Väter und Söhne, von den ältesten Tagen -- bis in die heutige
-Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht, dessen schönster Ehrenschmuck
-jenes schwarze Kreuz über dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der
-Spruch des Herrn war: >Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!<« --
-
-Gundula schwieg, es war still und dämmerig, und Wulffhardts lachende
-Augen hafteten in beinahe unheimlicher Lebendigkeit auf Gabrieles
-Antlitz.
-
-Dem jungen Mädchen war es plötzlich so feierlich, als stünde es in der
-Kirche.
-
-Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen färbten sich höher, und
-ihr Herz, welches seit jeher so begeistert für Mannesmut und Heldentum
-geschlagen, hämmerte in ihrer Brust.
-
-Und während Gundula an das Fenster trat, um es für kurze Zeit zu öffnen,
-stand sie und blickte wie im Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz
-empor.
-
-Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein! da war dennoch keine
-Ähnlichkeit!
-
-Hier der kühne, mutige Blick mit den blitzenden Augen und der stolzen
-Haltung -- er hatte nichts gemein mit dem schüchternen, errötenden
-Nachkommen, welcher nichts ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich
-hinter dem Ofen sitzt und erntet, was die Mutter gesät!
-
-Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn, wendet sich
-hastig und folgt der Gräfin, welche ihr zu der Waffenhalle
-vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen Tür zwei wirkliche, echte
-Bären, ausgestopft, staubig und mottenzerfressen, aber dennoch durch
-ihren Anblick Grausen erregend, die Wache halten.
-
- * * * * *
-
-Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Gräfin lieber, und auch Gundulas Herz
-schlug immer wärmer und zärtlicher für das anmutige Mädchen, an welches
-sich ihre liebsten und geheimsten Zukunftspläne knüpften.
-
-Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause führte die Menschen
-schneller zusammen und gestaltete auch das Verhältnis zwischen Gundula
-und ihrem jungen Gast von Stunde zu Stunde inniger.
-
-Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswürdige Wesen des Fräulein von
-Sprendlingen war der alternden Frau sehr sympathisch, die große
-Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Bestreben, sich nützlich zu machen und
-fleißig zu sein, sowie ihre anmutige Schönheit gewannen ihr vollends ihr
-Herz.
-
-Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an welchem Guntram Krafft
-heimkehren wollte, und nun verschob er diesen Zeitpunkt bereits zum
-drittenmal und deutete an, daß er fürerst überhaupt noch nicht an die
-Heimreise denke.
-
-Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem Frühlingswetter das
-Feld geräumt, und Gabriele schritt zum erstenmal an der Seite der Gräfin
-in den Park hinab.
-
-Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gruß entgegen, starrte
-einen Augenblick wie gebannt in das reizende Mädchengesicht, dessen
-Anblick ihm so überraschend wurde und in dieser kalten Welt doppelt
-wohltat, und meldete der Gräfin mit etwas unsicherer Stimme, daß das
-neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft habe, nach Walsleben
-nachgeschickt werden solle.
-
-»Das ist ein Unsinn, lieber Möller! Ich hoffe, daß mein Sohn dieser Tage
-zurückkommt, und will auf alle Fälle erst noch einmal schreiben, ehe dem
-Tier der unbequeme Transport zugemutet wird!«
-
-»Befehl, Frau Gräfin!«
-
-Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll harmlosen Staunens
-zu der Burgherrin auf.
-
-»Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, daß er sich sogar das Pferd
-nachkommen lassen will! Er sagte mir doch in der Residenz, daß der
-einzige Sport, welchen er eventuell gern ausübe, das Rudern sei?«
-
-Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als höre und
-verstehe sie nicht recht.
-
-»Mein Sohn _sagte_ Ihnen ...« wiederholte sie langsam, »ja, um alles in
-der Welt, _kennen_ Sie ihn denn, Gabriele?«
-
-Gabrieles große Augen blickten ebenso erstaunt wie die der Gräfin.
-
-»Ja, gewiß! Ich lernte den Grafen in der Residenz auf einem Hofball
-kennen und nahm an, daß ich es seiner gütigen Fürsprache verdankte, hier
-im Hause aufgenommen zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen nicht
-erfahren?« --
-
-Gundula schüttelte langsam den Kopf. »Kein Wort hat er mir davon gesagt
-... und er sah doch sogar Ihr Bild, Gabriele!«
-
-Das junge Mädchen schritt ruhig an der Seite der Sprecherin weiter. »O,
-so hat er mich wohl gar nicht wiedererkannt! Er hat so unendlich viele
-fremde Gesichter zu sehen bekommen und so viele Namen gehört, daß es nur
-ganz natürlich ist, wenn er die einzelnen nicht im Gedächtnis behielt!«
-
-Gundulas Augen bekamen plötzlich einen auffallenden Glanz.
-
-»Aber er tanzte mit Ihnen?«
-
-»Doch nicht, Frau Gräfin. Der Graf kam sehr spät zu mir, da waren meine
-Tänze vergeben!«
-
-»So bat er wenigstens um einen?«
-
-»Er war so höflich!«
-
-Ruhig und gleichmütig wie stets klang ihre Stimme.
-
-»Und holte sich keine Extratour?«
-
-»Auch dabei waltete ein Mißgeschick. Gerade als wir tanzen wollten,
-schwieg die Musik.«
-
-»Ach, das hat er gewiß sehr bedauert. Plauderten Sie nicht zur
-Entschädigung zusammen?«
-
-»Bei Tisch, gnädigste Gräfin. Ihr Herr Sohn saß neben mir. Sehr viel
-sprachen wir aber nicht, und was wir sprachen, weiß ich nur noch dem
-Sinne nach. Wir waren verschiedener Ansicht, -- der Graf liebte das
-Meer, ich nicht. Sehr liebenswürdig erschien ich ihm sicherlich nicht,
-wenn er überhaupt meinen Worten Wert beilegte, was ich bezweifle.«
-
-»Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?«
-
-»Nein, nur die verheirateten Herrschaften!«
-
-»So wählte Guntram Krafft selber den Platz an Ihrer Seite?«
-
-Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um die Unterhaltung
-fortzuführen.
-
-»Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, und da ich ihm
-zufällig schon bekannt war, so dachte er wohl ...«
-
-»Sie waren ihm schon bekannt?«
-
-»Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem Schlitten auf der
-Straße der Residenz erlitt. Der Graf kam mir zu Hilfe, richtete den
-Schlitten auf und sammelte mich aus dem Schnee empor!« -- Gabriele
-lächelte.
-
-»Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er sich in der Eile
-nicht vor und erfuhr auch meinen Namen nicht!«
-
-»Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?«
-
-»Einmal saß mir der Graf noch im Theater gegenüber, doch lernten wir uns
-dort nicht kennen.«
-
-Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, und Gabriele
-erzählte von dem Leben und Treiben in der Residenz. Sie kannte so viele
-Menschen, für welche sich die Gräfin noch lebhaft interessierte, und so
-legten die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung zurück.
-
-In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen Augen schlaflos
-in den Kissen. Ihre Wangen brannten in heißem Rot, und ihre Lippen
-lächelten.
-
-Eine außerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen Frau bemächtigt,
-seit sie durch Gabriele erfahren, daß Guntram Krafft sie bereits kannte.
-
-Da war es, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren Augen zerrissen sei.
-
-Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, welche mit dem
-jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, -- sie rief sich
-sein Benehmen in das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür
-gefunden.
-
-Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mädchen
-verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung
-bei dem Anblick ihres Bildes.
-
-Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich
-liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene
-Mann für eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser
-Verwirrung die Flucht.
-
-Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mädchens willen verließ,
-so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um
-ein Wiedersehen zu vermeiden.
-
-Die Gräfin lächelte.
-
-Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchführen
-ließe!
-
-Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen -- er flieht
-aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verändertes Wesen seit
-der Heimkehr, bestätigten diese Ansicht.
-
-Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, daß die Mutter selber
-die Geliebte des Sohnes unter sein Dach führt!
-
-Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre tatsächlich von
-Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wäre
-das junge Mädchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp
-gekommen. Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram Krafft
-gesprochen.
-
-Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind
-echt.
-
-Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und
-sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen knüpfen, hat sie dasselbe mit
-dem argwöhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das
-Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die große
-Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff
-erscheinen ließ, schätzte die Gräfin als eine Garantie dafür, daß sie
-nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird.
-
-Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu
-beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, daß sie ihm wohl nicht
-liebenswürdig erschien, weil sie absprechend über Meer und Strand
-geurteilt, so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt vor
-dieser Offenheit.
-
-Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern
-zu bleiben, und mit Vernunftsgründen richtet man bei verliebten Leuten
-nichts aus; also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den
-Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.
-
-Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffällig
-beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens
-heimlichste Gedanken zu erforschen.
-
-Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre Gabriele nicht für ihren
-Liebling bestimmt, so würde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer
-Weise hierher in die Einsamkeit geführt haben.
-
-Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin ein, und als sie
-früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an
-Guntram Krafft.
-
-Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß sie die Nacht
-meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden
-Augenblick etwas zustoßen könne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes
-sei ihr ungewöhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke
-nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen
-Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den
-Sohn nicht ersetzen könne. Außerdem sei der alte Klaaden einige Male
-dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei
-seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. -- Und zum
-Schluß bat sie den Sohn, unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er
-sie nicht noch kränker machen wolle!
-
-Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas sonst so herbe und
-ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch
-einen reitenden Boten sogleich besorgen ließ.
-
-Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch an demselben Tage
-eintreffen werde. --
-
-Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, und darum klagte sie
-auch Gabriele, daß sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend
-fühle.
-
-Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemühte
-sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula,
-welch ein weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten
-Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von
-Herzen.
-
-Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verständnis und
-Umsicht Fräulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer
-Hausfrau übernahm und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte.
-
-Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, bleichen Antlitz
-der »Frau Herzeleide«, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren
-brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück,
-welches sicher kommen mußte, -- sicher und bald, das fühlte sie.
-
- * * * * *
-
-Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah sie eine dunkel
-gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen
-empfing und mit bescheidenem Dank und Gruß davonschritt.
-
-»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele die Mamsell.
-
-»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher
-bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen von dem Wrack der >Sophie
-Johanne< ertrunken ist.«
-
-Ertrunken!
-
-Gabriele sah plötzlich die Bilder aus dem Ahnensaal vor sich, unter
-denen neben schwarzem Kreuz dieses Wort geschrieben stand.
-
-»Es ertrinken wohl viele Männer hier?« fragte sie nachdenklich.
-
-Die Alte nickte laut seufzend. »Daß Gott erbarm! Ach, gnädiges Fräulein,
-es ist ein gar saures Stückchen Brot, welches die Fischer und Seeleute
-essen, und trägt wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.«
-
-»Ich habe gar nicht gedacht, daß es so sehr gefährlich ist, auf dem
-Wasser zu fahren!«
-
-»Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht recht vorstellen!
-Wenn man die See aber einmal recht bös und grob gesehen und den Sturm
-aus Nordost pfeifen hörte, dann begreift man's.« --
-
-»Kommt das oft vor?«
-
-»Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, daß es gerade jetzt, wo der Graf
-abwesend war, nicht arg geweht hat!«
-
-»Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da ist doch keine
-Gefahr für ihn!«
-
-Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, aber die
-Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte eifrig die Kartoffeln für den
-Schweinetrog.
-
-»Für ihn nicht, bewahre! Aber für die Seefahrer! Und wenn was passiert
-wäre -- meinte noch gestern der alte Klaaden -- so hätten sie mit den
-neuen Apparaten doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen können!«
-
-»Ah -- der Graf unterweist sie darin?«
-
-»Wer anders denn er! -- Ja, wenn der junge Herr nicht wäre, gnädiges
-Fräulein!«
-
-Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und kein so gewaltiges
-Verdienst darin, die Fischer ein wenig anzuleiten, aber sie nickte
-zustimmend und schritt weiter nach dem kleinen Küchengarten, welcher im
-hellen Sonnenschein seine jungen Kräutlein und frischerschlossenen
-Kirschblüten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen See glänzen,
-so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf vier Wochen lang
-gelegen, und sie schüttelte gedankenvoll den Kopf und begriff es nicht,
-daß dies glatte Wasser so gefährlich und unheimlich sein sollte.
-
- * * * * *
-
-Da es in dem großen, hallenartigen Speisezimmer noch kalt war, brannte
-ein loderndes Kaminfeuer, und Gräfin Gundula hatte ihren Sessel nahe
-hinzurücken lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad.
-
-»Ich kann es nicht ertragen, die Hände so müßig zu falten!« antwortete
-sie auf Gabrieles besorgte Bitte, heute ruhig zu bleiben, und als das
-Rad fröhlich schnurrte und der Faden lief, ließ das junge Mädchen die
-feine Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu.
-
-»Wie schön! Wie poetisch das ist! O, das möchte ich auch lernen, Frau
-Gräfin!«
-
-»Gewiß, liebe Gabriele, meine Mägde spinnen alle und können Ihnen
-sogleich ein Rad leihen! Ich bin so sehr für das eigengesponnene Leinen!
-Es ist derb und hält bedeutend länger als gekauftes Gewebe, namentlich
-in der Küche und für das Gesinde ist es durchaus praktisch!«
-
-»So darf ich mir ein Rad holen?«
-
-»Selbstverständlich; ich unterweise Sie gern!«
-
-Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit ein Spinnrad herzu.
-
-»Dieses >Radeln< ist mir lieber, wie das moderne,« scherzte die Gräfin;
-»wir sind hier gut hundert Jahre zurück gegen die neumodische Welt!«
-
-»Das ist schön, darum wohnt hier noch die Poesie in all ihrer
-unverfälschten Schönheit!«
-
-»Sie lieben dieselbe?«
-
-»Über alles. Mama neckte mich oft, daß es für mich besser gewesen wäre,
-zu eines König Artus' Zeiten zu leben. Ich begeistere mich so sehr für
-alles Ritterliche, Edle, Kühne und Herrliche -- und gerade daran ist
-unsere prosaische Zeit so arm.«
-
-»Nicht arm, Gabriele, -- es tritt nur nicht so auffällig hervor wie
-ehemals.«
-
-»Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?«
-
-»Gewiß! Sie ziehen nur nicht mehr in glänzender Rüstung durch das Land
-und suchen Frau Aventure im Busch.«
-
-»Unsere Männer und Jünglinge ziehen in den Krieg und werden
-totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins Gesicht schauen konnten; das
-ist kein heldenhafter Kampf, sondern nur Disziplin und müde Resignation,
-welche auf Kommando stirbt!«
-
-»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue
-Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die
-höchste und heiligste Tugend des Soldaten!«
-
-»Das wohl, -- aber mir deucht, dieses kühne Aug' in Auge mit dem Feind,
-dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das
-findet sich im kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche
-eine schneidige Attacke reitet!« --
-
-»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler Schanze -- die
-Spichererhöhe im Sturme genommen?« --
-
-»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schöne und glänzende
-Soldatentat an, aber man hat als Mädchen keine rechte Vorstellung
-von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des
-Heldentums aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in
-der großen Menge mitgekämpft, man hätte nicht die kühne, heldenhafte
-Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe
-bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich tue unseren
-modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber
-einem Mädchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas
-eigenwillig bildet. Ich möchte einen Helden _sehen_, seine tollkühne
-Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem
-waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor
-unsern Blicken herausfordert und überwindet!«
-
-Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über dieses Thema
-vielleicht auch mit meinem Sohn?«
-
-»Ich glaube ja. -- Möglicherweise verargte er es mir.«
-
-Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und hob lauschend das
-Haupt.
-
-Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte.
-
-Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe
-und Spannung erlöst, auf und sagte leise:
-
-»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!«
-
-Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, um hinauszublicken.
-
-»Ja, es ist der Graf!« -- rief sie der Burgfrau zu, und ihre Stimme
-klang nicht um einen Hauch erregter wie sonst.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XX.
-
-
-Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter und Sohn nicht
-stören, und da bereits der schwere, spornklirrende Schritt Guntram
-Kraffts auf den Steinstufen der Vortreppe ertönte und sie die Tür der
-Halle nicht mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen zu
-werden, blieb sie an dem Fenster stehen und blickte mit nicht gerade
-sympathischen Empfindungen dem jungen Mann entgegen.
-
-Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier gelebt!
-
-Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten und das gemütliche
-Zusammensein beeinträchtigen.
-
-Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fügen, welchen der Verkehr mit
-einem jungen Herrn mit sich bringt, wenn ihr der Bär von Hohen-Esp nur
-nicht mit dem anbetenden Entzücken begegnet, wie in der Residenz!
-
-Das würde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt hier unmöglich machen,
-und doch tät es ihr leid, von der Gräfin und der Burg hier zu scheiden.
-
-Die Gräfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das alte Bärennest ist
-just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes Gemüt einen hohen Reiz
-ausübt!
-
-Guntram Krafft als Freund -- wie schön wäre das! -- Als Bewerber um ihre
-Gunst und Liebe -- wie unerträglich! --
-
-Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander und blickt der
-hohen Männergestalt entgegen, welche voll ungestümer Hast über die
-Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt.
-
-Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas
-wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem
-heißgeröteten Antlitz liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher
-bei dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe
-leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht.
-
-»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?«
-
-Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über den Sessel und
-schlingt die Arme um die Gräfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr
-Zerbrechliches anfaßt.
-
-Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine Lippen, streicht über
-sein Haar und sagt innig: »Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg
-dahergejagt? Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!«
-
-Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die
-seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf.
-
-»Was fehlt dir, Mutter? -- Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es
-etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?«
-
-Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr
-allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen
-die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die
-Sprecherin wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... wo stecken
-Sie? -- Sind Sie noch im Zimmer?«
-
-Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne Bild vor dem
-lodernden Kaminfeuer geschaut. -- Ja, ein schönes Bild, und eine
-gerechtfertigte Angst und Sorge -- und doch schien sie Gabriele nicht
-männlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie in
-Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttersöhnchen,
-welches nach wie vor an der Schürze der Mutter hängt?
-
-Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, aber welch anderer
-Charakter und Mut trotzt auf dem lachenden Gesicht jenes Vorfahren!
-
-Jetzt, als die Gräfin ihren Namen ruft, schrickt er empor, erhebt sich
-und weicht jäh zurück. Nun wird er sie wieder anstarren, verlegen
-lächeln und erröten, wie damals in der Residenz.
-
-Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht dem Grafen sehr
-gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, aber doch sehr förmlich und
-kühl: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie
-gönnen mir ein Plätzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!«
-
-Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig überrascht, daß Guntram
-Krafft nicht mit entzücktem Lächeln quittiert. Der aber berührt kaum
-ihre Hand in flüchtigem Gruß, verneigt sich sehr tief, ohne sie
-anzusehen und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch nie
-vernommen: »Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie den
-Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit zu kommen und meiner teuren
-Mutter Gesellschaft zu leisten. Möchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu
-eintönig erscheinen!«
-
-Und dann küßt er die Hand der Gräfin und bittet: »Gestatte, Mama, daß
-ich mich umkleide, der Ritt war eilig und der Weg grundlos! In kürzester
-Zeit stehe ich wieder zu deiner Verfügung!«
-
-»Selbstverständlich, Guntram! Wir warten mit dem Abendbrot auf dich!«
-
-Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend vor den Damen und
-schreitet durch die Halle zurück.
-
-Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine Veränderung ist in der
-äußeren Erscheinung des Grafen vor sich gegangen! Wie stattlich und
-markig sah er in diesem etwas verwilderten Reitkostüm aus, so ganz
-anders, wie in dem hocheleganten, gräßlichen Frack und den Lackschuhen,
-welche so geborgt und ungehörig an ihm aussahen. Gewiß wird er sich
-jetzt wieder als Dandy zurechtmachen und als sehr schicker, moderner
-Jüngling wiederkehren. --
-
-Schade darum! --
-
-Währenddessen stürmte Guntram Krafft die gewundene Holzstiege empor,
-nach seinen Zimmern.
-
-Er stieß ungestüm ein Fenster auf und atmete wie ein Erstickender die
-kühle Abendluft.
-
-Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, gefürchtete
-Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele war überwunden, aber ihm deuchte
-es, als müßte dasselbe sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben.
-Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ihre Hand halten, mit
-höflichen Worten zu ihr sprechen könne.
-
-Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwäche, oder der wilden,
-leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen dieselbe revoltierte.
-
-Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu können, und hatte doch ruhig
-und ernst vor ihr gestanden und zu ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu
-zucken.
-
-Wie war das möglich gewesen?
-
-Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so freundlich gelassen
-entgegenkam.
-
-Da zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn: »Du Narr! Warum erregst du
-dich? Warum fürchtest du es, ihr in die Augen zu sehen? Hast du es nicht
-auch in der Residenz getan? Und was ist seit jener Zeit anders
-geworden?«
-
-Nichts!
-
-Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche Thea an ihr
-begangen!
-
-Sie läßt es sich nicht träumen, daß der kleine Zettel, auf welchem sie
-sich so grausam für ewige Zeit von dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper
-lossagt, wie fressend Gift auf seiner Brust liegt!
-
-Sie weiß es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen erduldet, wie
-es tropfenweise verblutet ist an dem ersten, großen, namenlos bitteren
-Leid, welches es erfahren.
-
-Nein, davon ahnt und weiß sie nichts!
-
-Guntram Krafft reckt sich plötzlich empor und drückt die Hände gegen die
-Brust, als sei ein eiserner Panzer, welcher sie eingepreßt, jählings
-zersprungen.
-
-Er atmet hoch auf, -- er wirft das Haupt in den Nacken und schließt
-momentan die Augen.
-
-Daß er sich darüber nicht schon früher klar geworden ist!
-
-Gabriele kam völlig ahnungslos und harmlos hierher, er braucht weder ihr
-Mitleid noch ihren Spott zu fürchten.
-
-Weiß sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie geliebt?
-
-Nein! --
-
-Weiß sie, daß er um ihretwillen die Residenz verließ, wie in wilder
-Flucht?
-
-Nein! --
-
-Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines Menschen Seele
-wird es je erfahren. Was fürchtet er?
-
-Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, fliehen?
-
-Das Vergangene ist überwunden.
-
-Daß Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, weiß er, und daß er
-viel zu stolz ist, um die Liebe als Almosen zu erbetteln, das weiß er
-auch.
-
-»Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz --«
-
-Heißt es nicht so im Gedicht?
-
-Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm hergehen, warum soll er
-künftighin noch mehr in ihr sehen, denn solch eine stille, freundliche,
-gleichmütige Schwester?
-
-Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert und gewonnen
-hat, -- um der armen, einsamen Mutter willen, muß er sich in das
-Unvermeidliche fügen.
-
-Der Bär von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem Fenster und blickt über
-die blühenden Obstbaumzweige hinweg, über die dunklen, schweigenden
-Wälder hinaus. Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glänzt ein Streifen
-der See im silbernen Mondlicht! --
-
-Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen Tagen von Walsleben
-nach ihrem Anblick gesehnt!
-
-Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme nach dem
-funkelnden Silberstreif aus.
-
-»Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergründliche See! Dir
-habe ich Treue gelobt, und dir halte ich sie! Auf deinem geheimnisvollen
-Grunde wohnen Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen,
-wundersamen Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit liebeskranken
-Menschenherzen und nehmen sie in die weißen Arme und betten sie drunten
-zu ewiger Ruhe, wenn ihnen das Leben zu schwer und unerträglich wird! --
-Dich will ich lieben, du blaue See -- und du wirst den ruhm- und
-tatenlosen Mann von dir weisen!«
-
--- Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem Blick das Haupt,
-entzündete eine Kerze und warf bei ihrem Flackerlicht die bespritzten
-Kleider von sich.
-
-Sein Blick streifte die eleganten Anzüge, welche er aus der Welt draußen
-mit heimbrachte. Soll er sie jetzt wieder zu Ehren kommen lassen?
-
-Ein beinahe rauhes Lachen.
-
-Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn mehr daran erinnern.
-
-Kam das Fräulein von Sprendlingen in die Bärenhöhle, je nun, so mag sie
-sich auch mit dem bärenhaften Anblick ihres Bewohners abfinden!
-
-Und er nimmt die schlichte Düffeljoppe und wirft sie über.
-
-Der Bär von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet sein zottiger Pelz den
-Tand nicht mehr, welchen man ihm in der Fremde um die Schultern gehängt!
---
-
- * * * * *
-
-Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm möglich ist, so
-ruhig und gleichmütig mit Gabriele zu verkehren.
-
-Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur während der
-Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie anzusehen, und antwortet
-ernst und zurückhaltend auf all das, was sie ihn freundlich und
-unbefangen fragt.
-
-Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll staunender
-Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche in der derben und
-praktischen Kleidung so ganz anders aussieht, so viel sicherer und
-selbstbewußter einherschreitet, wie dermalen auf dem Parkett.
-
-Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge Mädchen aufatmet,
-als sie seine Ruhe und Gelassenheit, die große Gleichgültigkeit im
-Verkehr mit ihr wahrnimmt.
-
-Diese Veränderung deucht ihr eine Wohltat und macht sie fröhlicher und
-zutraulicher gegen ihn.
-
-Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespräch zu ziehen, sie spricht
-selber lebhafter und heiterer wie zuvor, und wenn sein Blick sie hier
-und da flüchtig streift, so sieht er ihr sonniges Lächeln und die
-strahlenden Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf ihm
-ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, aber doch lange nicht
-mehr so kalt und abweisend blicken wie damals.
-
-Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert es ihm doppelt, seine
-unnatürliche Ruhe an ihrer Seite zu wahren.
-
-Er hält sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf und weilt nur so kurze
-Zeit wie möglich bei den Damen.
-
-Gottlob hat sich die Gräfin schnell erholt, und es deucht Guntram
-Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes Antlitz habe
-das Lächeln gelernt, und in ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm,
-wie nie zuvor.
-
-Gabriele kehrt aus dem Garten zurück und schreitet über den Hof.
-
-Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen und eifrig an ganz
-seltsamen und lederartigen Kleidern hantieren.
-
-Der Alte lächelte sie beinahe zärtlich an, denn die anmutige Schönheit
-der jungen Dame hat auch sein Herz im Sturm genommen, so wie alle in der
-Burg voll Entzücken den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen
-ausgeht.
-
-Fräulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener freundlich zu
-und tritt mit forschendem Blick näher.
-
-»Ei, was haben Sie denn da für einen wunderlichen Anzug vor, Anton?«
-lacht sie. »Bei diesem schönen Wetter wollen Sie doch nicht Ihren
-Regenrock hervorholen?«
-
-Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein wenig plaudern zu
-können.
-
-»Mein Regenrock? I bewahre, gnädiges Fräulein! Das ist ja das Ölzeug vom
-Herrn Grafen, welches ich mal wieder nachsehen und in den
-Rettungsschuppen hinabbringen soll!«
-
-»Ölzeug des Herrn Grafen?« -- Gabriele mustert überrascht den seltsamen
-Rock, die mächtigen Stiefel und den ganz eigenartigen Hut: »Zu was
-gebraucht der Graf diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?«
-
-Anton reißt die Augen weit auf: »Nun, das versteht sich! Herr Graf muß
-doch Ölzeug tragen, wenn er in Sturm und Wogenschwall hinausfährt! Bei
-den Spritzern, die es da setzt, würde er ohne diese Schutzkleidung bald
-bis auf die Haut durchnäßt sein!«
-
-»Er fährt mit hinaus? -- Auch bei schlechtem Wetter?«
-
-Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er starrt die Fragerin ebenso
-überrascht an, wie sie ihn. --
-
-»Wissen denn das gnädige Fräulein nicht, daß unser Herr Graf alle
-Rettungen und Ausfahrten immer persönlich leitet? Daß er unser kühnster
-und unerschrockenster Seefahrer ist? -- Seine Lotsen hat er sich alle
-allein herangebildet -- ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen aus
-eigenen Mitteln erbaut und ausgerüstet hat! Nun ist er sein eigener
-Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, wie man noch einen
-zweiten finden soll! Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken für die
-Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in der Not die
-Riemen führt! Wußten das gnädige Fräulein das wirklich noch nicht?«
-
-Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons Händen nieder.
-
-»Nein, -- das wußte ich nicht!« sagte sie mit leiser Stimme. »Ist solch
-eine Rettung eigentlich gefährlich? Ich kann mir das gar nicht
-vorstellen!«
-
-»Gefährlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme Riek ist das
-letztemal dabei geblieben, und seine Leiche ist bis zum heutigen Tage
-noch nicht geborgen! Haben das gnädige Fräulein denn nicht von der
-kühnen Tat des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im
-vergangenen Winter ... gehört? Wie sie die Unglückskerle von dem Wrack
-der >Sophie Johanne< geholt haben? Nein? Na, die Rettungsmedaille haben
-sie sich alle dabei verdient -- --«
-
-»Die Rettungsmedaille? -- Auch der Graf?«
-
-»Nun, _der_ doch in erster Linie!«
-
-Gabriele strich langsam mit der Hand über die Stirn: »Nein -- das wußte
-ich nicht!« murmelte sie, »aber ... ich möchte doch wohl einmal an den
-Strand gehen und das Meer wiedersehen!«
-
-»Und ob, gnädiges Fräulein! Etwas Schöneres gibt es ja auf der ganzen
-Welt nicht!«
-
- * * * * *
-
-Bei Tisch war Fräulein von Sprendlingen stiller wie sonst, -- ihr Blick
-haftete oft sinnend und forschend auf Guntram Krafft, als schaue sie ihn
-heut zum erstenmal.
-
-Die Gräfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats beschäftigt.
-
-»Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?« sagte sie plötzlich
-leichthin, »so habe, bitte, die Güte und nimm Fräulein Gabriele einmal
-mit! Denk dir, sie hat, seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal
-die See in der Nähe gesehen.«
-
-Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des Grafen.
-
-»Damit würde ich Fräulein von Sprendlingen kaum einen Dienst erweisen,
--- sie liebt das Meer nicht!«
-
-»Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie man es so schön
-finden kann!« bestätigte Gabriele harmlos. »Aber gerade darum möchte ich
-einmal wieder an den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso
-langweilig ist wie in Heringsdorf!«
-
-Gundula lachte: »Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit so gern, Gabriele!
-Wenn Sie sich nun doch einmal zu ein paar anerkennenden Worten über
-unser liebes Bernsteinmeer hinreißen lassen, so weiß ich wenigstens
-bestimmt, daß es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine höfliche
-Redensart ist!«
-
-»Ich kann Fräulein von Sprendlingen unmöglich zumuten, so lange drunten
-zu bleiben, wie ich am Schuppen zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu
-begleiten, Mutter, damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren könnt.«
---
-
-»Gut! Ich bin gern bereit!« Gundulas Blick streifte das geneigte Antlitz
-des Sohnes, und sie lächelte abermals.
-
-Es war ein außergewöhnlich milder, sonniger Frühlingstag.
-
-Kein Lüftchen regte sich.
-
-Blau -- weit ... unendlich lag die See.
-
-Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel darüber aus und
-verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, daß man kaum die zarte Linie
-unterscheiden konnte, welche Himmel und Erde trennt.
-
-Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte und schimmerte,
-und die weißen Segel der Fischerboote zogen traumhaft still durch die
-Ferne.
-
-Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten der Nahenden und über
-ihnen stiegen zwei Lerchen mit hellem Jubel in den offenen Himmel
-hinein.
-
-Die Gräfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand saß und Steine und
-Tang aus den Netzen las, angesprochen und blieb momentan neben ihr
-stehen, sich nach diesem und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram
-Krafft schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen
-Sand, über welchen in graziösen Linien der silberschaumige Saum einer
-kaum merklichen Brandung spült.
-
-Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und blickte wie verklärt in
-die sonnige Pracht hinaus, -- es lag ein weicher, beinahe kindlich
-milder Zug auf dem schönen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu
-ihm auf und fand es zum erstenmal, daß dieser Ausdruck doch nicht so
-unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal geschienen.
-
-»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach kurzem
-Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und träge, wie damals in
-Heringsdorf, und was Sie daran so schön finden, erklären Sie mir, bitte,
-Graf!«
-
-Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein Auge spiegelte,
-vertiefte sich.
-
-»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten nennen!« sagte er
-leise, »die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! -- Mir deucht,
-Sie haben sonst so viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein,
-und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und
-vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen Sie es nicht mit
-allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stücklein Gottesfrieden sich rein
-und unverfälscht hier an der See erhalten hat? -- Bekommen Sie nicht
-eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese weite -- weite
-Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu
-Häupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher
-Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von
-keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig
-weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre
-sind wie ein Tag -- -- schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefühl
-unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzückens: >Jede
-dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?<«
-
--- Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend erhoben, den Blick
-wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet.
-
-»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In
-Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.«
-
-»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, hier spricht
-nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemüt, aber gerade die --
-ich glaube es wohl -- kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten
-Welt sein Recht behauptet!«
-
--- Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu
-bieten.
-
-»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die
-Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschützt,
-ausruhen können. Darf ich dich hinführen, Mutter?«
-
-»Macht es Ihnen Freude, die >Rettungsstation< meines Sohnes zu sehen,
-Gabriele?«
-
-»Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafür.«
-
-»Dann laß uns getrost gehen, Guntram Krafft, und genaue Musterung
-halten, wir wissen ja, daß Gabriele keine Phrasen sagt!«
-
-In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, lebhafter wie zuvor
-unterhielt er die Gräfin, und schweigsamer wie sonst schritt Gabriele an
-Gundulas Seite.
-
-Der Rettungsschuppen trug äußerlich die Form einer großen, massiv
-gebauten Scheune.
-
-Zwei breite Tore gewährten den Eintritt, und unter dem spitzen Dach war
-das Wappen der Hohen-Esp unter dem roten Kreuz im weißen Felde
-eingefügt.
-
-Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des Rettungswesens waren
-der inneren Einrichtung zugute gekommen.
-
-Das Rettungsboot, eine Mischart der gebräuchlichsten Systeme, war aus
-Stahlblech gebaut und trug den Namen »Guntram Krafft« in goldenen
-Lettern.
-
-Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfähig gebauter Wagen trug es
-und diente zu dem Zweck, das Boot bequem zum Strand zu transportieren
-und es unmittelbar in das Meer zu lassen.
-
-Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch auf dem Wagen
-montiert.
-
-Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren alle erforderlichen
-Apparate und Gegenstände aufgestellt oder an Gestellen aufgehängt.
-
-Die volle Ausrüstung der bedienenden Mannschaft, welche sich aus den
-wackeren, unerschrockenen Fischern rekrutierte, und von ihrem
-selbstgewählten Kommandeur, dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die
-Rettungsgeschosse verschiedener Art, Raketen, Mörser und Handgewehre,
-Seelenretter, Korkjacken, Gürtel, Schläuche, Riemen, Schlepper, Segel
-und Loggleinen, Kompaß, Fernrohr und Handlot, Ölfaß, Eimer, Pfropfe und
-Reservedollen, Beil, Anker und Signalflaggen.
-
-Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der junge
-Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden Augen erklärte und
-beschrieb, und während sie seinen Worten lauschte, streifte ihr Blick
-sein lebhaft erregtes Antlitz, und sie begriff es nicht, daß es dasselbe
-war, welches vor wenig Augenblicken noch in träumerischem Schwärmen
-hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, welches im Ballsaal so
-weibisch schüchtern errötete und mit beinahe blöden Augen um sich
-schaute. Hier reckte und dehnte der Bär von Hohen-Esp die kraftvollen
-Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin und her, hier
-schritt er fest und selbstbewußt in den schweren Fischerstiefeln über
-einen Grund und Boden, welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe
-Bedeutung gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch zuvor gesagt, daß
-sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille verdient? Warum heftete er sie
-nicht voll Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? -- Und
-der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein königlicher Gast des Herzogs,
-bei dem er als Ordonanzoffizier Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte!
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXI.
-
-
-Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug gehalten, und wenn
-auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine
-noch recht empfindlich kühle Luft von der See herüber und machte den
-Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.
-
-Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem Abendessen
-empfohlen.
-
-Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem stillen Zimmer,
-stützte das Haupt träumend in die Hand und las nicht.
-
-Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in
-den Wald oder hinab an den Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand
-er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und kühl auf
-den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte,
-Gabriele! --
-
-Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine
-Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachließ und ihr
-heiteres, gleichmütiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.
-
-Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken
-ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches
-sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und
-Handeln, -- und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die
-Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!«
-
-Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und
-unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl
-freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe
-hernieder an sein Herz zu sinken. --
-
-Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner
-Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles
-betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer
-aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese
-Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen
-Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der
-Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens
-geworden.
-
-Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um
-seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne
-Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht
-wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das
-Kaminfeuer und sagte:
-
-»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den
-warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...«
-
-»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt
-wird.«
-
-Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete
-angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten.
-
-»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich
-dann mehr wie die Kälte. -- Am liebsten bliebe ich hier. -- Was
-unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?«
-
-Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der
-Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig
-gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält.
-
-»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in
-ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft.
-Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele
-den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.«
-
-»Spinnen? Sie lernen spinnen?«
-
-Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden,
-Gabriele aber räumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor
-ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Küche
-zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich
-umzusehen:
-
- »Ich kann stricken,
- Ich kann flicken,
- Feines Leinen
- Kann ich spinnen ...
-
-So fein, Graf, daß man fürerst noch Kettenhemden daraus schmieden kann!«
-
-Guntrams Augen leuchteten.
-
-»Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so können Sie dieselbe
-neidlos in meiner Gegenwart ausüben!« scherzte er, rückte sich einen
-kleinen Tisch herzu, breitete die Zeitungen aus und nahm in einem der
-Rittersessel davor Platz.
-
-Gabriele aber entzündete selber eine kleine Stehlampe, welche neben ihr
-auf dem Serviertisch stand, hielt sie, einen Augenblick sie stumm
-betrachtend, in der Hand und stellte sie dann vor dem Grafen nieder.
-
-Dieser dankte durch eine höfliche Verbeugung, griff schweigend nach den
-Zeitungen und schien schon im nächsten Augenblick völlig in ihre Lektüre
-vertieft.
-
-Aber er las nicht.
-
-Er starrte wie ein Träumender gedankenlos auf das Papier und gab sich
-voll und ganz dem süßen Zauber, in Gabrieles Nähe zu weilen, hin.
-
-So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen Wohllaut ihrer
-Stimme hören und voll und ganz das süße Behagen empfinden, welches ihre
-Anwesenheit dem ganzen Hause verlieh.
-
-Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequältes Herz, und ein beinahe
-wunschloses Genügen, welches nicht mehr von dem Schicksal fordert, als
-wie es freiwillig gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden
-Damen am Spinnrad zu sehen! Über Gabrieles geneigtes Köpfchen zuckte
-das rötliche Flackerlicht des Kaminbrandes, das Antlitz trug den
-Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, und die weißen Händchen
-arbeiteten, wenn auch noch unsicher und zaghaft, so doch graziös und
-anmutig, wie alle ihre Bewegungen es waren.
-
-Neigte sich Gräfin Gundula helfend und erklärend näher, so traf sie der
-Blick der hellen Nixenaugen so warm und herzlich, daß das Herz des
-Beobachters schneller schlug in dem entzückten Empfinden: »sie liebt
-deine Mutter!« -- und stand sie ihm selber auch ewig fremd und fern,
-diese Liebe zu Gräfin Gundula schlug dennoch eine Brücke zu seinem
-Herzen, welches ihn mit der Geliebten in gleichem Denken und Fühlen
-verband.
-
-Die Bärin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, dessen Flachsgewinde
-unter den Fingerchen Gabrieles etwas in Unordnung geraten war, und
-derweil flog der Blick des jungen Mädchens durch die mattbeleuchtete
-stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe vor Guntram
-Kraffts Platz, deren Fuß durch einen schreitenden Bronzebär gebildet
-wurde.
-
-Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen Kronleuchter, welcher
-von der gewölbten Decke herabhing und in Art der alten Leuchterweibchen
-gearbeitet war, nur schwebte anstatt des Frauenkörpers der Oberleib
-eines Bären in den schmiedeeisernen Ketten, und von ihm aus gingen acht
-mächtige Pranken, welche die Lichter hielten.
-
-Die Sessel, auf welchen man saß, ruhten auf geschnitzten, behaglich
-ausgestreckten Bären, welche die Füße ersetzten, -- braunzottige
-Bärenfelle lagen als weicher Teppich über den Estrich, Bären flankierten
-rechts und links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, zeigte die
-Täfelung der Wände das Bärenwappen, blickten von Schränken, Truhen und
-Geräten die Bärenköpfe mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der
-Burg herab.
-
-»Wie kommt es eigentlich, gnädigste Gräfin, daß alles und jedes in
-Hohen-Esp das Bild eines Bären zeigt?« fragte Gabriele leise und neigte
-das Köpfchen näher an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu
-stören. »Man findet in andern Schlössern auch die häufige Wiederholung
-des Familienwappens, aber so, bis auf die kleinsten Gegenstände herab,
-sah ich es noch nie angebracht, und kam mir schon früher der Gedanke,
-daß dies einen besonderen Zweck haben müßte?«
-
-Gundula schüttelte lächelnd das Haupt.
-
-»Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bären von Hohen-Esp
-gefielen sich darin, ihre Höhle zu einem wirklich originellen, echten
-Bärennest zu gestalten. Der Urahne begann damit, und Kind und
-Kindeskinder führten es weiter und schufen halb im Ernst und halb im
-Scherz diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes ersten
-Bären von Hohen-Esp stets daran erinnert sein sollten, wem sie das
-Bestehen ihres Geschlechts verdanken!«
-
-»Das Bestehen ihres Geschlechts? -- Was haben die Bären mit Ihrer
-Familie zu tun, gnädigste Gräfin, und woher kommt es, daß die Hohen-Esp
-den seltsamen Namenszusatz: die >Bären< von Hohen-Esp erhielten?«
-
-»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern unsere alte
-Familiensage, liebe Gabriele!«
-
-Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr
-eigenes Rädlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ
-mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu
-dem jungen Mädchen hinüber.
-
-»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« nickte Gabriele
-eifrig; »was könnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche
-mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! --
-Zu einem Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht die
-gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, daß die Bärensage
-dieser Burg ein Stücklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist,
-in welcher meine Gedanken so gern noch leben!« --
-
-»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch für die
-brave Bärin erwärmen kann, welche unserm Stammvater einst so große
-Dienste erwies, so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone
-dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses
-Hauses, übertragen werden.«
-
-Mit großen, forschenden Augen schaute das junge Mädchen auf, -- ihr
-Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in
-dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll
-durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:
-
-»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes
-phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken
-glaubt, -- also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen
-Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, daß die Mär
-von Romulus und Remus ihr noch völlig fremd gewesen. Ein Beweis dafür,
-wie launig der Götterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und
-Süd Flammen zündet, welche -- durch eine halbe Welt getrennt -- doch in
-geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild
-spiegeln, nur mit dem Unterschied, daß die rauhe, markige Wildheit der
-Deutschen sich die kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen
-Geschlechts wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer
-die schlanke Wölfin dazu ausersah! -- --
-
-Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in
-die dämmernde Vergangenheit zurück und setzt da ein, wo die Grafen von
-Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und
-als Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren.
-Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche
-allerorts die Lande verödete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme
-vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die
-Pest mit knöchernem Finger geklopft.
-
-Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und zwei Töchter starben
-in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte
-sein Leben aus, und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, eine
-alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am
-Leben.
-
-Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und Sorge, daß die Amme mit
-dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe
-Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten
-sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in diesem Lande.
-
-Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein ein sicher Geleit zu
-geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren,
-kam den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und starb elendiglich
-am Wege.
-
-Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren
-Tann hinein, und kaum, daß sie das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr
-eine mächtige Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken
-und brüllte aus blutigem Rachen.
-
-Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, -- sie warf das
-Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack
-gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht.
-
-Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Hütte und wagte es
-nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und
-eines Tages kam plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das
-Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.
-
-Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des
-Knappen und dem Überfall des Bären, und daß sie bei der Flucht das
-Knäblein habe aus dem Fellsack verloren.
-
-Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein rief die Fischer und
-sprach: »Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine
-Gebete für das Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen,
-erretteten sie es aus dem Rachen des Bären!«
-
-Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, das sei vor eines
-Mondes Länge geschehen und wohl kein Knöchelchen von dem jungen
-Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den
-Wald.
-
-Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hörten sie
-ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bären, und als sie durch das
-Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die
-Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte
-Knäblein, welches sie säugte.
-
-Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang
-herzu und ergriff das Kind. -- Das war lebend und gesund, stark und
-bärenkräftig, und solche Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes.
-
-Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein vor sich bringen,
-wiegte es auf den Armen und lobte Gott:
-
->Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut gesäuget hat, so wirst
-du stark und kühn werden, und man wird dich hinfort »den Bären von
-Hohen-Esp« heißen.<
-
-So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bären in das
-Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem
-Kind begeben.« --
-
-Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die fleißigen Hände
-ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zärtlichkeit nach dem Sohn
-hinüber und umfaßte seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals
-den feinen Faden aus dem Flachs und lächelte. -- »Und nun gehen Sie
-hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das
-Bärengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffällig, wie die Bärenamme
-ihm ihren Stempel aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so
-bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. -- Die eckige Stirn und die
-große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bären geerbt, vor
-allen Dingen aber das mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf
-und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen,
-die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus
-Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod
-herausfordert!«
-
-Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die Sprecherin gehabt, den
-schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie
-völlig vergessen zu haben.
-
-Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft.
-
-Auge ruhte in Auge.
-
-Wie wunderlich sah sie ihn an.
-
-So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein
-geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestümer
-Widerspruch, welcher verächtlich sagt --: »nein! du irrst, Frau Gundula!
-Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit aus der
-Bärenmilch! -- Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz
-und gar! -- Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde
-ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien!« -- Sprach
-es nicht so aus ihrem Blick? aus den großen, wundersam ernsten Augen?
-
-Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen
-Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... sein Blick ist verschleiert, er
-glaubt nicht mehr an das Glück und vermutet es nirgends.
-
-Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, er senkt finster den
-Blick und begreift es nicht, daß er soeben noch sich ihres Interesses an
-seiner Familie gefreut.
-
-Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche in Kriegszeiten sich
-den Lorbeer aus feindlichem Feuer holen, -- und nur solche Heldentaten
-imponieren dem stolzen Sinn einer Sprendlingen!
-
-Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen zusammen, steht
-auf und empfiehlt sich kurz.
-
-Die Nacht ist so schön und mondhell, -- er will mit den Fischern
-hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen.
-
-Gabriele sieht ihn erstaunt an.
-
-»Das tut man in der Nacht? -- Warum das? Ist solche Arbeit am Tage nicht
-müheloser und bequemer?«
-
-Ein herber, beinahe etwas spöttischer Zug liegt plötzlich um seine
-Lippen.
-
-»Mühelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenländer stets,
-gnädiges Fräulein, man rudert ein wenig hin und her und schöpft das
-Schiff voll Heringe und Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein -- das
-ist höchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen Einerlei!«
-
-Gräfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lächeln den Faden, welcher ihr
-gerissen, wieder zusammen, Fräulein von Sprendlingen aber sieht so
-harmlos aus, als ob sie von den Worten des Sprechers ganz überzeugt sei,
-und sagt nur nachdenklich: »Und doch ertrinken so oft die Menschen
-dabei! Ihre Fischer werden doch vorsichtig sein?«
-
-Da lacht er laut und hart auf. »Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, die
-See ist wie ein Tischtuch, sie ist so, wie Sie's nicht lieben, träge,
-ruhig und langweilig, und dann fordert sie keine Opfer!«
-
-»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte so gern eine
-bessere Meinung von ihr bekommen!«
-
-Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft
-sie.
-
-»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen
-Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt
-sie tatsächlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!«
-
-Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, -- Gundula aber
-schüttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: »Sie wissen und
-verstehen es noch nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen Sohn
-bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, und für seine braven
-Fischer ebenso! -- Warum wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe
-kürzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören?
-Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? -- Gehen
-Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, -- er
-ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches unser lieber
-Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!«
-
-Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich Guntram
-Kraffts Worte am Strand drunten ein.
-
-Wenn er sie abermals lehren möchte, mit seinen Augen zu schauen! --
-
-Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob sich. Sie war müde und
-wollte zur Ruhe gehen, man machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp.
-
- * * * * *
-
-Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und
-blickte hinaus in die stille, blütenduftige Pracht des kleinen Gartens,
-über welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie
-konnte nicht schlafen.
-
-Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe.
-
-Sie dachte zurück an jene Stunde, wo sie neben Guntram Krafft am Strande
-stand und seinen so eigenartig poetischen Worten lauschte.
-
-Gerade aus seinem Munde berührten dieselben so seltsam, weil Gabriele
-sie nicht erwartet hatte, und wenn ihr die Zartheit seines Empfindens
-zuerst auch etwas unmännlich erscheinen wollte, so ward doch dieser
-Eindruck schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens.
-
-Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll männlich erschienen als wie
-hier in seiner energischen Art des Erklärens und Zufassens, in seiner so
-schönen und frischen Begeisterung für die Sache.
-
-Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, aber sie fühlte
-instinktiv, daß es sich hier um mehr handelte, wie um einen harmlosen
-Sport.
-
-Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug des Grafen, welches
-denselben schon während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp
-so verändert erscheinen ließ.
-
-Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung paßte so gut zu ihm, sie
-machte seine Erscheinung ernst und eigenartig, sie gehörte zu dieser
-Umgebung.
-
-Ein Bär von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er muß in die Höhle passen,
-welche er bewohnt. Deucht es ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen
-verändert?
-
-Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lächeln, die linkische
-Unbeholfenheit und Unsicherheit! --
-
-Hier ist er Herr und Gebieter, -- wohl ein gütiger, freundlicher
-Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort einen festen, stolzen Klang
-hat!
-
-Das Anschmachten und entzückte Anstaunen hat er vollends verlernt.
-
-Kaum, daß er sie beachtet, ihr die notwendigste Höflichkeit erweist! --
-
-Er sucht ihre Gesellschaft nicht, -- er meidet sie eher.
-
-Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, -- es ist seine ehrliche,
-schlichte Meinung.
-
-Warum gefällt sie ihm nicht mehr?
-
-Gabriele blickt gedankenvoll in die weißglänzende Pracht der Kirschbäume
-hinab.
-
-Anfänglich war es ihr so angenehm, von ihm übersehen zu werden, -- jetzt
-grübelte sie, aus welchem Grunde es geschehen mag.
-
-Daß es so geschieht, ist gut, -- es steht ihm wohl an, er gefällt ihr in
-dieser kühlen Gelassenheit.
-
-Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als Frau Gundula von dem
-Mut und der Kühnheit der Hohen-Esp sprach?
-
-Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken?
-
-Was dachte sie doch?
-
-Sie sah ihn an -- die große, eckige Stirn unter den blonden Haarlocken,
-die herrliche, »bärenhafte« Gestalt ... und sie dachte ... warum fehlt
-gerade ihm der Mut und die wilde Kühnheit, welche die verblendete Mutter
-an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu einem Helden! --
-Warum ist er's nicht? --
-
-Er schaut drein wie Parzival, der Schildträger -- warum sitzt er ruhmlos
-daheim bei Frau Herzeleide? Verstand er diese Gedanken?
-
-Las er sie von ihrem Antlitz ab?
-
-Sein Blick ward so finster, so aufsprühend zornig, wie sie ihn noch nie
-zuvor gesehen -- und er stand auf und antwortete ihr voll spöttischen
-Trotzes auf ihre Frage ... und ging mit hallenden Schritten davon.
-
-Das war schön! -- da war Jung Parzival ein Mann! -- und sein Bild
-schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame Stunde der Nacht.
-
-Warum ging er? Warum zürnte er?
-
-Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens?
-
-Er _kann_ sie nicht wissen, -- es war ein Zufall. Horch ... drunten auf
-dem schmalen Kiesweg, welcher durch den Garten nach dem Wald führt,
-erschallen Schritte.
-
-Das junge Mädchen neigt sich unwillkürlich vor und schaut hinab.
-
-Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm am Wege, und jene
-Gestalt, welche naht ... wer ist das?
-
-So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so stolz und elastisch
-schreitet nur ein Herr unter Knechten!
-
-Es ist Guntram Krafft!
-
-Aber wie seltsam sieht er aus?
-
-Ist's ein Scherz, daß er sich so kostümiert hat, wie man es an den
-Fischern und Lotsen auf Seebildern so malerisch dargestellt sieht? Nein,
-dem Grafen Hohen-Esp war es heute gewiß nicht nach Scherzen zu Sinn! Der
-breite Südwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt seinem Antlitz einen
-eigenartig verwegenen Ausdruck, die Fischerjacke steht über der Brust
-offen, das weiße Hemd leuchtet breit hervor und fällt in weichem
-Streifen über den Halskragen hinaus.
-
-Die hohen Wasserstiefel reichen bis über die Knie empor, aber sie sehen
-nicht plump und häßlich aus, sondern geben der schlanken Gestalt etwas
-Keckes und Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint.
-
-Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab.
-
-Ja, so schaut ein Seemann aus! --
-
-Sie hat früher die Gemälde kaum beachtet, welche ein Stück Seemannsleben
-vorstellten, sie las keine Romane über Schiffervolk und Matrosen ... was
-interessierte sie, die Residenzlerin, solch eine fernliegende Welt!
-
-Jetzt mit einem Mal deucht es sie, als habe sie viel, sehr viel
-versäumt.
-
-Die Schritte drunten verhallen, die Schatten des Gebüsches decken die
-hohe Männergestalt. Graf Guntram Krafft will mit seinen Fischern hinaus
-zum Fang fahren, er stellt seine starken Arme in den Dienst der Seinen,
-so wie sie zu ihm stehen, wenn er sie aufruft zu Schutz und Trutz der
-Gefährdeten.
-
-Gabriele hat sich das nie so recht vorstellen können, jetzt aber ist es
-ihr, als ob ein ahnungsvolles Verstehen in ihrem Herzen aufdämmere.
-
-Kreist vielleicht jener Tropfen wilden Bärenbluts dennoch in seinen
-Adern?
-
-Er schritt still und ernst vorbei, er hob nicht das Haupt und blickte
-nicht empor zu ihr, und doch wußte er, daß diese Fenster ihrem Zimmer
-angehörten.
-
-Langsam wich Gabriele zurück.
-
-Drunten rauschten die dunklen Waldwipfel leise im Hauch der Nacht, und
-fernher glänzte die See wie ein silbernes Märchenland. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXII.
-
-
-»Nun wird es mit dem schönen, stillen Wetter vorbei sein!« sagte die
-Gräfin an dem Nachmittag des andern Tages: »der Wind hat aufgefrischt,
-und die See setzt kleine Kämme auf! Ich denke mir, mein Sohn wird dies
-Wetter benutzen, um mit dem neuen Segelboot hinauszugehen, er wartete
-auf eine frische Brise, um es ausprobieren zu können.«
-
-»Gehen Sie heute an den Strand, gnädigste Gräfin?«
-
-»Das glaube ich nicht. Der Inspektor hat sich mit den Abrechnungen
-angemeldet, und ich werde wohl den ganzen Abend mit ihm zu tun haben! --
-Wenn Sie aber einen Spaziergang machen wollen, liebe Gabriele, so können
-Sie getrost auch allein gehen. Hier in unserer Einsamkeit droht
-keinerlei Gefahr, der Weg zum Fischerdorf ist kurz und nicht zu
-verfehlen, und wenn mein Sohn noch nicht gegangen ist, wird er Sie gern
-bis an den Schuppen geleiten!«
-
-»Ich danke, Frau Gräfin, und werde mir wohl einmal das Meer mit seiner
-grausen Stirn ansehen! Ich kenne es noch gar nicht, wenn es bewegt ist.
-Der Graf ging bereits nach dem Kaffee zum Strand und wird wohl längst
-auf hoher See schaukeln; ich fürchte mich aber durchaus nicht, allein zu
-gehen, und freue mich auf den Sonnenuntergang, von welchem Sie mir
-gestern so Rühmliches sagten, Frau Gräfin!«
-
-»Das ist recht! Suchen Sie unsere herrliche See zu verstehen und
-liebzugewinnen! Sie können uns allen durch nichts eine größere Freude
-bereiten, als durch ein herzliches Einstimmen in unsere Loblieder!«
-
--- Und Gabriele schritt nachdenklich die moosigen Waldpfade hinab nach
-dem Strand. Als sie das schützende Laubdach verlassen, brauste ihr der
-Wind entgegen.
-
-Er riß an ihrem Mantel, er jagte ihr den Hut vom Kopf -- und in lustiger
-Jagd eilte sie dem Flüchtling nach, ihn wieder einzufangen.
-
-Welch ein Sturm war das!
-
-Das ganze Haar zerzauste er ihr, und das Riedgras und die Seemannstreu
-bog er tief hinab zum gelben Sande!
-
-Aber es war schön, wunderschön! Solch ein freies, ungestümes Wettlaufen
-mit dem Wind, das konnte sie in den engen, eleganten Straßen der
-Residenz freilich nicht! Und jetzt, als sie über die schützenden Dünen
-emporsteigt, da liegt es vor ihr, das weite Meer, dunkelblau gefärbt, im
-vollen Strahlenglanz der sinkenden Sonne -- und es dehnt sich nicht mehr
-so träge und glatt wie ein Präsentierteller, sondern wogt und wallt und
-wirft hier und dort weiße Schaumköpfchen auf.
-
-Ja, das ist wahrlich ein schöneres Bild denn sonst! Namentlich die
-Brandung gefällt ihr, welche sich wie duftige, schmale Tüllrüschen
-an dem Strand entlangschlängelt, spitz auslaufend wie ein zierliches
-Valenciennemuster, oder breit emporspülend um die Haufen von Seetang
-und angeschwemmten Gehölz! Ein zarter, silberduftiger Schaum, hier
-und da von der Sonne mit rosa Dufthauch gefärbt. Ja, die See ist im
-Sturm schön, fraglos schöner wie in ihrem bleiernen Schlaf, aber etwas
-sehr Gewaltiges und Imponierendes hat sie auch jetzt noch nicht nach
-Gabrieles Geschmack, und wenn die Gräfin in dem Sonnenuntergang ein
-verkörpertes Gedicht erblicken will, so begreift sie das auch jetzt
-noch nicht. Die rote Glut des Sonnenballs, die buntgefärbten Wolken ...
-ja, das ist fraglos ein schöner Anblick -- aber _mehr_ darin sehen,
-wie Sonne, Wolken und Wasser, nein, das kann sie nicht! --
-
-Wie lustig dort ein Boot auf den Wellen schaukelt! Am liebsten möchte
-sich Gabriele hineinsetzen und auf- und niedergleiten durch die blauen
-Wogen!
-
-Käme doch eine Menschenseele, welche sie darum bitten könnte!
-
-Und Gabriele wendet sich zurück und blickt nach dem Rettungsschuppen und
-stößt einen leisen Laut der Überraschung aus.
-
-Dort auf der Düne steht Graf Guntram Krafft! Ebenso gekleidet wie heute
-Nacht ... und er spricht mit zwei Fischern und scheint ihnen
-irgendwelche Anweisungen zu geben.
-
-Jetzt sieht er sie, und Gabriele hebt freudig die Hand und winkt ihm zu.
-
-Er scheint einen Augenblick zu zögern, dann verabschiedet er die Männer
-und schreitet ihr langsam entgegen.
-
-Ein neuer Windstoß läßt den kleinen Filzhut auf Gabrieles Köpfchen
-abermals flüchtig werden, aber sie fängt ihn noch rechtzeitig auf und
-behält ihn in der Hand.
-
-Immer langsamer schreitet Guntram Krafft. Sein Herz schlägt wieder heiß
-und ungestüm bei ihrem Anblick, der ihm reizender dünkt wie je.
-
-Das dunkle Tuchkleid weht in weichen, graziösen Falten um die zierlichen
-Füßchen, die entzückend zarten Formen ihrer Gestalt zeichnen sich scharf
-gegen den schimmernden Hintergrund ab, und auf den lockigen Haaren,
-welche der Wind ihr um die weiße Stirn zaust, flimmert das rotgoldene
-Sonnenlicht und läßt tausend geheimnisvolle Fünkchen darauf brennen. Wie
-frisch und rosig ist das süße Gesicht, -- wie lacht sie ihm mit weißen
-Zähnchen entgegen, wie leuchten die Nixenaugen hinter den langen,
-dunklen Wimpern hervor!
-
-»Wie gut, daß Sie kommen, Graf!« ruft sie ihm heiter entgegen. »Ich
-hatte Sehnsucht nach Ihnen, große Sehnsucht! Und wissen Sie auch,
-warum?«
-
-Er begrüßt sie von weitem, ohne ihr die Hand zu reichen.
-
-»Warum?« wiederholt er beinahe mechanisch und drückt den Südwester
-fester auf den Kopf. -- »Nein, das weiß ich nicht, mein gnädiges
-Fräulein!«
-
-»O, Sie kennen meinen Egoismus noch nicht!« fährt sie harmlos fort; »ich
-möchte gern einmal in einem Boot hinausfahren in die See, weil es sich
-gewiß herrlich auf dem Wasser schaukelt!«
-
-Seine Augen leuchten unwillkürlich auf, er tritt einen Schritt näher.
-
-»Boot fahren, Fräulein Gabriele? -- Solch ein langweiliges Vergnügen?!«
-
-»So fand ich es ehemals in Heringsdorf, wo sich kein Lüftchen regte!
-Aber heute, wo solch hohe Wellen sind, wo wir solch argen Sturm haben
-...«
-
-Sein lautes Auflachen unterbricht sie.
-
-»Sturm?!«
-
-»Nun ja! Oder wollen Sie ihn ableugnen, wo ich nicht mal den Hut auf dem
-Kopfe haben kann?«
-
-»Sie kennen noch keinen Sturm, heute weht es nur ein wenig, kaum daß man
-es eine frische Brise nennen kann!«
-
-Er sieht heiterer aus, während er spricht, und Gabriele blickt
-überrascht empor.
-
-»Ich wollte Ihnen durch meinen Mut, heute auf dem Wasser zu fahren,
-imponieren!«
-
-»Sie imponieren mir jederzeit durch solch ein Verlangen!«
-
-»Und werden Sie es erfüllen?«
-
-»Wenn es Ihr Ernst ist, mit großer Freude. Wir sind eben von einer
-kleinen Probefahrt zurückgekommen, das Boot liegt noch dort an der Buhne
---« er deutete mit der Hand strandab -- »wollen Sie mir folgen, so fahre
-ich Sie gern!«
-
-Er spricht so ruhig wie sonst, und Gabriele sieht nicht, wie seine
-Lippen beben.
-
-Sie dankt ihm mit der freudigen Hast eines Kindes.
-
-Ihr Wesen deucht ihm überhaupt verändert, sie ist so fröhlich und
-gesprächig wie noch nie zuvor, und ihre Augen leuchten zu ihm auf ...
-täuscht er sich? oder ist es wahrlich so?... Aber so warm und innig
-blickte sie ihn noch niemals an.
-
-»Wissen Sie auch, daß ich das Meer heute wirklich schön finde? Und den
-Wind auch? -- Nun lebt erst die Welt ringsum! Nun atmet sie
-Abwechslung, nun wird sie mir verständlicher! Ehrlich gestanden -- habe
-ich mir das Meer im Sturm noch gewaltiger gedacht, weil ich darüber las,
-daß seine Wogen Schiffe zertrümmerten und ganze Landstriche
-wegschwemmten, aber wie Sie sagen, ist es heute noch kein richtiger
-Sturm --«
-
-»Was nicht ist, kann bald werden --« er wich ein wenig zur Seite, da
-ihre Kleiderfalten weich und schmeichelnd um seine Füße wehten, und fuhr
-voll beinahe trockener Geschäftlichkeit fort: »Die Wetterberichte lauten
-ungünstig, wir erwarten stündlich eine Sturmwarnung. Vielleicht lernen
-Sie die träge See noch von recht ungemütlicher Seite kennen!«
-
-»Ich liebe alles Gewaltige, Wilde, Trotzige! Am Menschen sowohl wie an
-der Natur -- daher gefielen mir bislang die Alpen so gut, diese Titanen,
-welche den Himmel stürmen! Wie gern möchte ich auch hier solche Riesen
-finden, wilde, brausende Wogen, welche das Herz erzittern lassen ...«
-
-»Und heldenhafte Menschen ... welche mir imponieren!« fügte er leise,
-mit wunderlichem Zucken der dichten Augenbrauen hinzu, -- »das Meer wird
-Ihre Wünsche sicher erfüllen, in die Macht der Menschen aber ist es
-nicht gegeben, gewaltsam einen Himmel zu stürmen, vor dessen Tür das
-Schicksal sieben Siegel gelegt!«
-
-Sie waren hastig ausgeschritten und standen jetzt vor dem Boot, welches
-zwei Fischer just an den Strand schieben wollten.
-
-Zur Seite saß ein alter Mann auf einem Holzstamm und war damit
-beschäftigt, Reservedollen und Ruderklampen zu schnitzen.
-
-Guntram Krafft rief die Männer in plattdeutscher Sprache an, -- sie
-unterbrachen sich, wateten heran und schienen kurz mit dem Grafen zu
-beraten.
-
-Ein prüfender Blick nach dem Horizont, eine ruhig zustimmende
-Handbewegung.
-
-»Wenn dat nich länger wiehrt, a's 'ne half Stunn', dann geiht dat wull
-noch an'!« -- und sie warfen die Riemen zurecht und bereiteten
-schweigend das Boot zur Fahrt.
-
-Der alte Mann stand auf, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund und fragte:
-»Sall ik Se beglieten, Herr Graf?«
-
-»Nee, Klaaden, da sull keener mit mi gahn, -- dat düert hüt nich lang.«
---
-
-Und dann flüsterte er noch ein paar Worte mit den Schiffern und wandte
-sich abermals zu Gabriele.
-
-»Es hält sehr lange auf, das Boot an das Land zu ziehen, gnädiges
-Fräulein; Sie gestatten wohl, daß einer der Leute Sie in das Fahrzeug
-trägt!«
-
-»Ja, so gehört sich das!« lachte Gabriele ein klein wenig verlegen.
-»Meine Freundin ward in Helgoland bei dem Landen auch in das Boot
-getragen.«
-
-Der Bär von Hohen-Esp wandte sich ab und schien sehr interessiert eine
-zerbrochene Spiere, welche im Sande lag, zu besichtigen, der Fischer
-aber trat ruhig herzu, nahm Gabriele auf den Arm und watete mit ihr in
-das Wasser.
-
-»Hollen Se' sick fast!« sagte er -- und nach einem Augenblick mehr zu
-sich selber im Kommandoton: »Laß sack' --!« und gleichzeitig hob er die
-junge Dame und ließ sie in das schwankende Boot nieder.
-
-Guntram Krafft kam nun mit schnellen Schritten durch das seichte Wasser,
-sprang in das Fahrzeug und griff nach den Riemen.
-
-»Ich möchte heute nicht segeln, sondern mich in nächster Nähe des Ufers
-halten, um erst einmal zu sehen, ob Sie seefest sind, mein gnädiges
-Fräulein!« sagte er mit schnellem Lächeln. »Für meine Begriffe ist die
-See sehr ruhig, für die Ihren vielleicht nicht.«
-
-Die starken Fäuste der Fischer machten das Boot frei, der Graf half mit
-den Riemen und stieß kräftig ab, -- hochauf bäumte das leichte Fahrzeug
-und glitt über die erste Brandung hinaus.
-
-»Und das nennen Sie ruhige See?« fragte Gabriele leise und blickte mit
-großen Augen in den Gischt, welcher um das Heck spritzte. »Sehen Sie
-doch, wie das schäumt und wogt!«
-
-»Ich hoffe, Sie lernen es von sicherem Lande aus noch besser kennen!
-Heute scherzt und spielt das Wasser nur, wenn es aber ernstlich böse
-wird, fahre ich Sie nicht hinaus.«
-
-»Dann ist es gefährlich?«
-
-»Sehr gefährlich! Nicht für mich, sondern für Sie!« --
-
-Wieder zuckte ihr Blick zu ihm hinüber.
-
-»Als Sie die Leute der >Sophie Johanne< retteten, war es da solch ein
-Wetter wie heute?«
-
-Guntram Krafft wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem Boote zu, da er
-gern jede gebrochene Welle, so gut es anging, meiden und das Fahrzeug in
-die Lage bringen wollte, daß die See vor demselben brach.
-
-»Die größte Macht des Sturmes war wohl vorüber,« sagte er lächelnd, »und
-das war ein Glück für die Mannschaft, sonst wäre es unmöglich gewesen,
-bei derart schwerer See an dem Wrack anzulegen. Es hängt da so viel von
-der Geschicklichkeit, dem gesunden Urteil und der Geistesgegenwart des
-Lotsen ab, daß ein günstiger Erfolg nie mit Sicherheit vorausgesehen
-werden kann.«
-
-Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fuhr Guntram Krafft fort --:
-»Würden Sie die Güte haben, sich mir gegenüberzusetzen, gnädiges
-Fräulein, -- Sie haben alsdann den vollen Anblick der sinkenden Sonne.«
-
-Das Boot hatte die Brandung passiert und glitt nun in großen, ruhigen
-Bewegungen über die Wogen; der Graf, welcher erst mit voller Kraft und
-Aufmerksamkeit gerudert hatte, hielt die Riemen ruhiger und schaute mit
-sinnendem Blick nach dem Horizont, welchem der feurigrote Sonnenball
-langsam entgegensank und einen breiten, funkelnden Goldstreifen auf das
-Wasser malte, in den das Boot just hineintrieb.
-
-Gabrieles reizende Gestalt war von hellem Purpurlicht übergossen, und
-ganz verstohlen streifte sie der Blick des Grafen. -- Sein Atem ging
-schwer, seine Hände umkrampften die Riemen.
-
-War's ein Traum?
-
-Wie oft hatte er es sich voll leidenschaftlicher Sehnsucht gewünscht, so
-allein -- so weltfern und einsam mit der Heißgeliebten auf der wogenden
-Unendlichkeit des Meeres zu treiben, und nun war es geschehen, nun saß
-sie ihm nahe -- ganz nahe gegenüber, die zauberischen Nixenaugen so oft
-mit langem Blick auf ihn gerichtet, das lockige Haar vom Wind verweht,
-das reizende Antlitz so träumerisch und ernst ihm zugekehrt. --
-
-Damals, als er die Mannschaft der »Sophie Johanne« rettete, donnerte die
-See und heulte der Sturm, aber in seiner Brust war es still wie im Grab;
-und heute saust es nur linde und sacht in den Lüften, aber in seinem
-Herzen brandet wilde Flut, schlimmer und todbringender wie jene, welche
-er damals so heldenhaft bezwungen!
-
-Und dieser soll er erliegen?
-
-Er atmet schwer auf, streicht langsam über die Stirn und lauscht ihrer
-Stimme wie im Traum.
-
-»Ihre Frau Mutter sagte mir: ein Sonnenuntergang sei ein verkörpertes,
-oder besser gesagt, ein gemaltes Gedicht! Ist das auch Ihre Ansicht? Ich
-sehe sehr viel Schönes, Glänzendes, Farbenprächtiges vor mir, aber
-seinen poetischen Sinn fasse ich nicht. Meine Phantasie ist wohl noch
-nicht aus dem tiefen Schlaf erwacht, in welchem sie inmitten alles
-Großstadtstaubes gelegen! Sie haben jüngst am Strande das schlafende
-Dornröschen schon einmal geweckt, Graf, tuen Sie es auch heute! Lehren
-Sie mich mit Ihren Augen sehen! -- Was bedeutet für Sie solch ein
-Sonnenuntergang?« --
-
-Er schiebt den Hut weiter aus der Stirn zurück, seine großen Blauaugen
-bekommen einen weichen, träumerischen Glanz, sein Blick schweift weit
-hinaus.
-
-»Er bedeutet für mich einen Traum -- er bezwingt mich wie das Opium
-seinen Raucher, alles logische Denken, alle Wirklichkeit versinkt in
-wallenden Nebeln -- und alles Unorganische beginnt zu leben. -- Wir
-Seeleute berauschen uns an der Einsamkeit, die heilige, erhabene Ruhe um
-uns her wirkt wie eine Narkose -- die leise Musik des Windes, das
-Rauschen der Wogen, das Flüstern des Riedgrases, melancholischer
-Möwenschrei und das Rieseln des Sandes sind in wundersamem Gemisch ein
-Schlummerlied, welches uns einlullt und die Welt des Realen vor unsern
-Blicken verwischt. -- Hier und da der grelle Blitz einer Welle, welchen
-die Sonne trifft -- ein frischer Lufthauch, welcher die Stirn kühlt ...
-und man träumt -- träumt wie ein Fiebernder, um dessen Lager giftige
-Blüten welken ...«
-
-»Vom Sonnenuntergang?«
-
-»Den sehe ich nicht. -- Ich habe eine Vision. Vor mir wachsen die
-geheimnisvollen, glutroten Korallen aus der Tiefe des Wassers, sie
-breiten ihr mystisches Geäste aus über den Himmel, sie flechten ein Netz
-durch Luft und Wolken, ein Netz von blutfarbenen Zweigen, an welchem
-weiße Perlen schimmern. Über sie hin weht es wie lichte Schemen ...
-duftig ... wesenlos ... grau verhauchend, sie breiten violette Schwingen
-aus ... die reichen von einem Ende des Himmels bis zu dem andern ...
-sehen Sie dort? -- da tauchten sie hinab in die grelle Feuerbrunst, die
-wabernde Lohe, welche hinter den Wolkenbergen lodert und ihre
-Blitzfunken weit empor gegen das Firmament wirft! Sehen Sie, wie die
-Farben kommen und gehen? In grellem Schein das grausame Schwefelgelb,
-welches dem Lächeln eines unbarmherzigen Weibes gleicht ... und das
-kranke Grün, das irisierende Weiß des Opals ... das süße, schmeichelnde
-Rosa ... einen Kuß, welchen Engelslippen auf eine Perlmuttermuschel
-hauchten! -- Dort schießen mächtige Lilien empor ... wie Phantome ...
-ein Glorienschein umgibt sie ... riesenhafte Schmetterlinge umgaukeln
-sie ... und darüber wölbt sich eine Kirchenkuppel, an welcher grelle
-Rubine wie zornige Augen sprühen! -- Sie stürzt zusammen, und nun
-schlägt eine ungeheure Flamme empor ... Sie wähnen, daß es die Sonne
-ist? Nein! Es ist das Stück eines Weltenbrandes, der entscheidende
-Augenblick im wilden Kampf der Titanen! Das Goldgeglitzer auf dem Wasser
-sind keine Wellen, es sind die goldenen Schuppenringe der
-Midgardschlange, welche sich schillernd windet und auf- und niederrollt,
-welche in zitternden Windungen durch das Weltmeer schießt und mit
-breitem, scharfgezähntem Rachen dem Feuermeer am Horizont entgegenbäumt!
-Sehen Sie, wie die Gewaltige den Glutenball verschlingt? -- Mehr und
-mehr verschwindet er -- und die roten Korallen erbleichen und sinken
-zusammen ... die weißen Lilien brechen wie stumme Klagen nieder ... die
-Schmetterlinge zerstieben und treiben wie müde, kleine Wolkenflocken in
-der Unendlichkeit ... aus dem Meere aber steigt ein wunderholdes Weib
-mit kristallenen Nixenaugen und windzerzaustem Kraushaar, -- die hebt
-mit müdem, strengem Lächeln einen grauen Schleier und breitet ihn über
-Himmel und Erde, über die Augen des fiebernden Mannes, der solch
-wunderliche Träume hat, und sie sagt: >Wach auf! Es ist Zeit,
-heimzukehren, die Sonne ging unter!<«
-
-Guntram Krafft schwieg, er sah Gabriele an und lachte plötzlich leise
-auf:
-
-»Und solch närrisches Zeug denkt ein großer, vernünftiger Mensch bei dem
-Anblick eines Abendhimmels!«
-
-Sie saß ihm gegenüber, die Blicke groß und sinnend auf ihn gerichtet.
-Unverwandt, wie in staunender Frage.
-
-»Sie sind ein Dichter, Graf Hohen-Esp!«
-
-»Wohl möglich, -- ich weiß es nur nicht.«
-
-Der Wind erhob sich stärker, das Boot stieg hoch auf und schoß tief
-hinab in grünglasigem Wassergebirge.
-
-»Sie sehen so blaß aus, Fräulein Gabriele, frieren Sie?« --
-
-Sie nickt. »Der Wind ist kalt, lassen Sie uns umkehren.«
-
-Er griff hinter sich nach einem Lodenmantel, welcher auf der Bank lag,
-und reichte ihn zu ihr hinüber.
-
-»Ich bitte, legen Sie ihn um. -- In wenig Minuten sind wir am Strande.«
---
-
-Guntram Krafft wandte den Bug des Bootes nach der See hin und strich dem
-Lande zu, jeder heranlaufenden See einige Schläge entgegenrudernd,
-damit sie das Boot schneller passiere. Wie ruhig er sich bewegte, wie
-energisch und sicher seine starken Arme das Fahrzeug regierten!
-
-Und wie schön er aussah!
-
-Nie hatte Gabriele die glänzendste Galauniform eines Mannes besser
-gefallen, als dieser schlichte, so wunderbar kleidsame Fischeranzug.
-
-Wie kernig, wie wetterfest und männlich sah der Bär von Hohen-Esp darin
-aus, wie edel und kühn sein Antlitz, welches sich soeben noch der
-sinkenden Sonne zugewandt und ein Märchen voll schwärmerischer Weichheit
-geträumt hatte! --
-
-Gabriele war noch nie auf bewegter See gefahren.
-
-Ihr deuchte das Auf- und Niedergehen des Bootes gefahrvoll und
-beängstigend, sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, wie ihre Hände
-leise erbebten, wenn ein Schaumkamm hoch aufstieg und drohte, über das
-Schifflein hinwegzubranden.
-
-Mit keinem andern Fährmann hätte sie in diesem gebrechlichen Fahrzeug
-sitzen mögen, als mit dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr so ruhig und
-unbesorgt gegenübersaß, als habe er nur seine herzliche Freude an dem
-scherzenden Spiel der Meerfrauen. Und immer stärker sauste der Wind, und
-immer schneller schoß das Boot der Küste zu. Guntram Krafft wandte sich
-um und blickte nach dem Strand.
-
-Eine jähe Betroffenheit malte sich auf seinen Zügen.
-
-»Die Fischer scheinen uns noch nicht zu erwarten!« sagte er, griff mit
-der einen Hand hastig in die Tasche und führte eine Torpedopfeife an die
-Lippen.
-
-Niemand zeigte sich in den Dünen.
-
-»Wir müssen landen, -- es wird immer kühler, und der Wind kommt auf!«
-
-»Sind wir noch nicht zur Stelle?«
-
-Das Boot schoß auf den Sand und saß mit hartem Rucke fest; eine kräftige
-Welle schoß über und übergoß es mit einem Spritzer.
-
-Guntram Krafft stand aufrecht und blickte noch immer hilfesuchend nach
-dem Strand. Dann warf er die Riemen hin und sagte zu Gabriele, indem er
-sich aus dem Boot schwang: »Wir haben leider keinen Landungssteg hier.
-Die Brandung duldet ihn nicht. Das Boot liegt aber noch halb im Wasser.
-Sie müssen gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich Sie diese paar Schritte
-an Land trage!«
-
-Gabriele fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß, aber sie erhob
-sich und trat sehr ruhig an den Rand des Kahnes.
-
-»Das wäre sehr freundlich, Graf, meine Schuhe sind nicht auf Waten
-eingerichtet.«
-
-Er stand halbabgewandt, legte den Arm um sie, ohne sie anzusehen, und
-hob sie an seine Brust.
-
-Mit sehr hastigen Schritten erreichte er den trockenen Strand und ließ
-die junge Dame sanft hinabgleiten. Droben in den Dünen erschienen im
-Laufschritt die Fischer.
-
-»Wollen Sie die Güte haben, vorauszugehen, wir müssen das Boot erst
-bergen!« -- Seine Stimme klang rauh, atemlos.
-
-»Ich habe Ihnen so viele Mühe gemacht, Graf, ich danke Ihnen von
-Herzen!« Sie reichte ihm die Hand hin, und er umschloß sie mit kurzem,
-krampfhaftem Druck. Er murmelte ein paar Worte -- sie verstand sie
-nicht, der Wind brauste daher, und Gabriele eilte geneigten Hauptes zur
-Burg.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXIII.
-
-
-Die Bäume des Waldes rauschten im Wind und neigten sich, und blickten in
-das bleiche, ernste Antlitz Gabrieles, welches ihnen so seltsam
-verändert deuchte. --
-
-Wo war die kühle, gleichgültige Ruhe geblieben, welche sonst aus ihren
-Augen geschaut?
-
-Jetzt leuchtete es darin so schnell und irrlichtartig, wie Gedanken,
-welche aufzucken und schwinden, welche dem Frührot gleichen, dessen
-Strahlen gegen die Schatten der Nacht kämpfen müssen, ehe sie
-leuchtenden Sieg erringen.
-
-War dieser kraftvoll energische Mann, welcher sie soeben durch
-schäumende Wogen gerudert, welcher sie mit starkem Arm gehoben und an
-der Brust gehalten hatte, -- war es derselbe schüchtern verlegene
-Jüngling, welcher im Ballsaal der Residenz so unsicher über das Parkett
-schritt, als vermisse er das Gängelband der Mutter? --
-
-War diese poetisch schöne Erscheinung des wetterharten Seemanns
-dieselbe, welche ehemals in Frack und Lackschuhen so ungeschickt
-einherschritt, wie ein täppischer Bär, welchen man zur Kurzweil in
-Maskentand gekleidet?
-
-Nein, es war _nicht_ derselbe! Es war nicht möglich, nicht denkbar, daß
-binnen kurzer Zeit ein solcher Wechsel und Wandel mit einem Menschen vor
-sich gehen kann!
-
-Gabriele blieb stehen und blickte mit weitoffenen Augen dem vorjährigen
-Herbstlaub nach, welches der Wind raschelnd vor ihr her, den Burgberg
-hinantrieb.
-
-Ein Wandel?
-
-Nein, es ist kein Wandel.
-
-Guntram Krafft ist wohl stets der kernige Mann gewesen, wie er jetzt vor
-ihre Augen tritt; die kurze Gastrolle aber, welche er in der Residenz
-gegeben, hatte ein Zerrbild aus ihm gemacht, dessen weichliche Züge in
-nichts der Wahrheit glichen.
-
-Ist es nur das Neue, Überraschende, was Gabriele so fesselt, so
-ungewöhnlich erregt? Ist es Zauberspuk, daß sein schönes, eigenartiges
-Bild ihr vorschwebt, ob sie es sehen mag oder nicht?
-
-Scharf wie ein Adlerblick war sein Auge, als er prüfend See und Himmel
-beobachtete, sichere Fahrt zu nehmen, und wie mild und träumerisch ward
-es, als der Sonnenuntergang seine geheimnisvollen Bilder vor ihm
-spiegelte, als er ihr leis und schwärmerisch seinen Zauber mit den
-Worten eines Dichters malte!
-
-Das war nicht weibisch und sentimental, das war nur wie das linde
-Säuseln eines Windes, welcher stark genug ist, in nächster Stunde zum
-Orkan anzuwachsen.
-
-Dieses Sinnen und Träumen paßt zu dem einsamen Mann, in dessen Herzen
-noch die Wunder der Natur leben, welche ihn rein und unverfälscht
-umgibt.
-
-Herr von Heidler konnte auch flüstern in Worten des Dichters, aber das
-war eine schwüle, betäubende Poesie, der Gifthauch des Modernen, welches
-nur die Sinne berauscht und nichts gemein hat mit jenem unsterblichen
-Gotteshauch, welcher wie ein heiliger Lobgesang alles Schönen und Edlen
-über den Wogen des Weltmeers schwebt!
-
-Herr von Heidler borgte sich den schillernden Mantel eines Dichters, um
-Erfolge zu erringen, um die Augen zu blenden und in frivolem Spiel
-Triumphe über Mädchenherzen zu feiern; Guntram Krafft aber sprach nur
-Worte, die seine eigene Seele geboren hatte, Worte, welche nicht um
-Beifall buhlten und keine selbstsüchtigen Zwecke verfolgten.
-
-Er sprach wie in kurzem Traum ... und der Wind verwehte den Klang seiner
-Stimme, und als er erwachend das Haupt hob, war der Traum vergessen.
-
-Da schafften seine starken Arme voll eiserner Kraft, -- da machten sie
-sich die Elemente untertan und besiegten sie wie in harmlosem Spiel. --
-
-Und dann ...
-
-Gabriele atmete plötzlich schwer auf und schritt beinahe ungestüm
-weiter, -- dann umfing sie dieser kraftvolle Arm und trug sie durch den
-kräuselnden Wellenschaum, und sie umschlang seinen Nacken und war seinem
-Antlitz so nahe -- wenngleich er das seine auch abwandte in
-respektvoller Ritterlichkeit.
-
-Warum schlug ihr Herz so heiß und leidenschaftlich auf in diesem
-Augenblick?
-
-Warum gefiel es ihr so gut, daß er sein Gesicht weit wegkehrte von ihr,
-daß er so schnell und hastig ausschritt, daß er sie nicht ansah, als er
-sie sanft zur Erde gleiten ließ?
-
-Gibt es dennoch jene stolze Männertugend, welche nicht das Ihre sucht?
-
-O, wie anders hätte Herr von Heidler diesen Augenblick ausgenutzt!!
-
-Wie würde er sie in wild begehrlicher Weise an sich gedrückt -- wie süß
-und berückend, wie zwingend und lohnheischend würde er ihr in das Auge
-geschaut haben!
-
-Langsam -- ganz langsam wäre er wohl ausgeschritten, und die Worte,
-welche er in ihr Ohr geflüstert hätte, wären wohl auch Dichterworte
-gewesen, aber solche, welche wie sengende Höllenfunken in das Herz
-fallen! --
-
-Im Spott und Übermut hat man den Bären von Hohen-Esp in der Residenz den
-modernen Parzival genannt! Und doch ... kein Name paßt schöner und
-besser für ihn, wie dieser! Einfalt, welche Tugend, -- Weltunklugheit,
-welche Edelsinn eines Ritters ist, dessen Händen ein Heiligtum zum
-Schutze anvertraut wird! --
-
-Parzival, der Held! --
-
-Ist auch Guntram Krafft ein solcher?
-
-Da zieht es wie ein Schatten über das verklärte Antlitz des jungen
-Mädchens.
-
-Ach, daß er es wäre!
-
-Daß sie eine einzige Tat der Kühnheit, des wagemutigen Heldensinnes bei
-ihm schauen könnte!
-
-Horch, wie der Wind durch die Baumkronen braust, wie spöttisches,
-grimmiges Gelächter! Noch wenige Schritte, und die grauen,
-efeuumsponnenen Mauern von Hohen-Esp tauchen vor ihr auf. --
-
-Die steinernen Bären sehen sie mit den bemoosten Augen an, als ob auch
-sie lachten, und sie heben die Pranken und kehrten ihr das alte
-Wappenschild zu.
-
- »Christie Kyrie --
- Zu Land und zu See --
- Schirmherr der Not.
- Das walt' Herre Gott!« --
-
-Gabriele hat den seltsamen Spruch schon oft gelesen, -- heute deucht es
-ihr, als schaue sie ihn zum erstenmal.
-
-Schirmherr der Not! --
-
-Gibt es einen edleren Helden als einen Mann, welcher hochherzig und
-selbstlos sein Leben einsetzt, der Not des Nächsten zu Hilfe zu kommen?
---
-
-Die Grafen von Hohen-Esp aber haben seit vielen Jahrhunderten ihr
-Schwert und ihren starken Arm in den Dienst der Not gestellt.
-
-Auch Guntram Krafft ist ein Hohen-Esp!
-
- * * * * *
-
-Gräfin Gundula schien ihre junge Gesellschafterin bereits erwartet zu
-haben.
-
-Sie trat ihr in der Halle entgegen und sah sehr heiter und zufrieden
-aus.
-
-»Anton sollte dem leichtsinnigen, kleinen Fräulein noch ein warmes Tuch
-an den Strand nachtragen!« scherzte sie, »denn eine Stadtdame, wie
-Baronesse Gabriele, muß sich erst an unsere frischen Brisen gewöhnen!
-Statt dessen kommt der Alte unverrichteter Sache zurück und meldet, daß
-das gnädige Fräulein mit dem Herrn Grafen hinausgerudert sei! -- Das
-nenne ich Courage, liebe Gabriele, denn soviel ich von hier aus
-beurteilen kann, ist die See bewegt!«
-
-»Und wie bewegt, Frau Gräfin! Für meine Begriffe war es Sturm!«
-
-Gundula lacht und kehrt das junge Mädchen dem Fenster zu.
-
-»Lassen Sie sehen, wie Ihnen diese Extravaganz bekommen ist! Nun ja ...
-blaß, wie eine weiße Rose! Das konnte ich mir schon denken! Ich begreife
-meinen Sohn nicht, daß er Sie zum erstenmal bei Wind hinausgefahren hat!
-Schnell trinken Sie ein Glas Wein, damit Sie wieder Farbe bekommen!«
-
-Jähe Glut stieg in Gabrieles Wangen, sie bemühte sich, so harmlos und
-heiter zu plaudern, wie sonst, und empfand es doch, daß es ihr heute
-nicht so leicht wurde, wie zuvor.
-
-»Ihr Herr Sohn war völlig unschuldig, gnädigste Gräfin, und nur ein
-Opfer seiner großen Liebenswürdigkeit, welche ich hart auf die Probe
-stellte.« --
-
-»Ah -- so war es _Ihr_ Wunsch, zu fahren?« unterbrach die Herrin von
-Hohen-Esp und sah noch erfreuter aus, wie erst: »Hat es unser schönes
-Meer Ihnen nun doch angetan?« --
-
-»Es war in seiner Erregung entschieden viel berückender, wie in seinem
-=dolce far niente=!« lachte das junge Mädchen und trat noch weiter
-aus dem Fensterlicht zurück in die dämmrige Halle: »Ja, es war so
-herrlich anzusehen, daß mich das unwiderstehliche Verlangen ankam, mich
-einmal mutig hinauszuwagen. Der Graf kam mir just in den Weg, und da er
-die Gutmütigkeit der Hohen-Esp mit dem Bärenblut geerbt, so erfüllte er
-stehenden Fußes meinen unbescheidenen Wunsch!«
-
-»Er wird sich gewiß sehr gefreut haben! Man kann ihm ja nichts Lieberes
-antun, als Interesse für die See und alles, was ihr angehört, zu
-zeigen!«
-
-»Jedenfalls verstand er es meisterlich, sich in das Unvermeidliche zu
-fügen!«
-
-»Und wo blieb er? Brachten Sie ihn nicht mit zurück?«
-
-»Nein, liebe Burgfrau --« Gabriele neigte das Köpfchen und küßte beinahe
-zärtlich die Hand der alten Dame, welche sich auf ihre Schulter legte
--- »er muß nun erst wieder die Unordnung beseitigen, welche mein Übermut
-unter seinen Segeln, Riemen usw. im Boot geschaffen! Ich glaube, der
-edle Renner soll erst für die Nacht in den Stall geschafft werden!«
-
-Gundula nickte heiter. »Der Wind scheint tüchtig aufzufrischen, da
-werden sie zur Nacht wohl alles am Strande bergen wollen, falls eine
-stärkere Boe einsetzt! Wie war Ihre Fahrt? Erwiesen Sie sich
-seetüchtig?«
-
-»Es schaukelte furchtbar, und ganz unter uns gesagt, Frau Gräfin, ich
-habe mich schrecklich gefürchtet! Wollte mich nur nicht allzusehr vor
-dem Grafen blamieren, sonst wäre ich sehr bald wieder ausgestiegen, als
-ich merkte, wie hoch die Wellen gingen!«
-
-»Fürchten? Wenn Guntram Krafft die Ruder führt?« -- Wie ruhig, wie stolz
-und zuversichtlich klangen diese Worte. --
-
-Gabriele neigte das Köpfchen: »Der Graf ist gewiß sehr stark und
-kräftig, aber gegen Sturm und Meer aufkommen, vermag schließlich
-niemand, und ich glaube, Ihr Herr Sohn wußte es anfangs selber nicht,
-wie arg der Wind war, sonst hätte er vielleicht die Fahrt gar nicht
-unternommen!«
-
-Nun lachte die Gräfin ebenso laut auf, wie zuvor Guntram Krafft, als sie
-von dem Sturm gesprochen.
-
-»Ich wünschte nur, Sie erlebten bald einmal das, was wir hier >grobe
-See< nennen!« sagte sie dann mit seltsam leuchtendem Blick. »Ich glaube,
-Sie kennen bisher weder einen echten, rechten Seesturm, noch das Meer,
-wenn es zornig wird, noch den Bären von Hohen-Esp, wenn er beiden die
-Zähne weist. -- Was bringen Sie, Anton? -- Wollen Sie Licht anstecken?
-Wir warten mit dem Abendbrot auf den Herrn Grafen.«
-
-Die Sprecherin war zu dem Kredenzschrank getreten, ein kleines Spitzglas
-voll Tokayer für Gabriele zu füllen, der alte Kammerdiener aber
-verneigte sich respektvoll und nahm eilig ein Tablett, dem gnädigen
-Fräulein den Wein zu servieren.
-
-»Halten zu Gnaden, Frau Gräfin. Soeben bringt einer aus dem Dorfe die
-Nachricht, daß der Herr Graf nicht rechtzeitig zum Abendbrot kommen
-könne. Man wisse nicht, was die Nacht bringe, und es seien mancherlei
-Vorbereitungen zu treffen. Der Herr Graf lassen die Damen bitten, allein
-den Tee zu trinken, da es spät bis zu seiner Rückkehr werden könne.«
-
-»Gut, Anton; ich dachte es mir schon. Es ist zwar noch keine
-telegraphische Sturmwarnung an meinen Sohn eingetroffen, aber der
-Seemann versteht sich schon auf die Anzeichen, welche Vorsicht gebieten.
-So stecken Sie die Lampe an und sagen Sie der Mamsell, daß für uns
-angerichtet werde.«
-
-Gabriele hatte hoch aufgeatmet bei der Nachricht, daß Guntram Krafft
-heute fernbleiben werde. Sie wußte es selber nicht, warum sie ein
-gewisses Bangen empfand, ihm heute wieder in die Augen zu schauen. Noch
-schlug ihr Herz zu ungestüm, wenn sie an den Augenblick dachte, wo er
-sie an der Brust gehalten; es war gut, wenn sie Zeit gewann, ihre
-törichte Verlegenheit zu überwinden.
-
-»Arme Mike!« fuhr die Gräfin mitleidig fort, »sie bekommt gewiß einen
-stürmischen Hochzeitstag! Das Heulen, Sausen und Wogenbranden ist zwar
-für eine wackere Fischerfrau gewohnte Musik, aber es sollte mir
-leidsein, wenn die kleine Frau ihren jungen Ehemann alsogleich in bös
-Wetter hinausschicken müßte!«
-
-»Mike?« fragte Gabriele nachdenklich, »ist das nicht das blonde, hübsche
-Mädel, mit welchem Sie vorgestern im Dorfe sprachen, Frau Gräfin?«
-
-»Ganz recht, dieselbe. Sie heiratet morgen den Jugendgespielen meines
-Sohnes, Jöschen Grotrian mit Namen, einen wackern, prächtigen Bursch,
-der beste unter Guntram Kraffts Lotsen. Vorhin war Mike mit der Mutter
-bei mir, um uns alle noch einmal feierlichst zur Hochzeit einzuladen!
-Ich habe zugesagt, auch für Sie, liebe Gabriele, denn ich hoffe, Sie
-teilen unsere Vorurteilslosigkeit in diesem Punkte! Wir Hohen-Esper und
-unsere braven Fischer drunten gehören in Freud und Leid zusammen! Wir
-sind in der langen Reihe der Jahre wie eine große Familie geworden, und
-gemeinsame Not, Angst und Sorge und manch einstimmiges Gebet am Strande
-waren der Kitt, welcher unsere Herzen treu zusammengefügt hat. -- Da ist
-es undenkbar, daß sich im Dorfe drunten jemand freuen oder betrüben
-könne, ohne daß wir innigen Anteil daran nehmen. Sie haben gewiß noch
-keine Fischerhochzeit mitgemacht, liebe Gabriele, und die sehr
-primitiven Verhältnisse solcher Feiern sind Ihnen unbekannt! Dennoch
-hoffe ich, daß Ihr gutes Herz sich in all dies Fremde und für Sie gewiß
-sehr wenig >Hoffähige< finden wird, und daß Sie mir zuliebe nicht das
-Näschen rümpfen, sondern lustig und guter Dinge mit den biederen
-Menschen sind!« --
-
-Der Blick der Sprecherin hatte sich wie in nachdenklichem Forschen auf
-das reizende Antlitz des jungen Mädchens geheftet, und als sie das
-freudige Aufleuchten in den großen Augen und das Lächeln um die rosigen
-Lippen sah, streckte sie Gabriele jählings die Hand entgegen und sagte
-so herzlich, wie noch nie zuvor: »Ja, ich sehe es Ihnen an, Sie werden
-uns gern begleiten! Sie fühlen und denken, wie wir, Gabriele, und ich
-danke Gott dem Herrn, daß er Sie in unser Haus geführt!«
-
-Wieder drückte Fräulein von Sprendlingen die Lippen auf die schlanken
-Finger Gundulas.
-
-»Wo könnte es mir wohler sein, als wie in Ihrer Nähe, Frau Gräfin,
-gleichviel, wohin Sie mich führen! So neu wie mir diese Welt auch noch
-ist, so lieb ist sie mir doch schon geworden! Wo wird das junge Paar
-getraut werden? Müssen wir alle in das Nachbardorf zur Kirche?«
-
-»O nein!«
-
-»Aber drunten bei uns am Strande ist keine!«
-
-»Sahen Sie noch nicht unsere alte, kleine Kapelle im Turm drüben?«
-
-»Eine Kapelle? Hier in der Burg?«
-
-»Wir benutzen sie für gewöhnlich nicht, um dem Pfarrer den sehr
-unbequemen Weg durch den Wald zu ersparen, auch müßte er zweimal an
-jedem Sonntag predigen, in Karstein und hier! Darum gehen wir alle zu
-ihm! Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten aber kommt er hierher, und
-Mikes Hochzeit ist solch ein besonderer Fall.«
-
-»O, wie praktisch ist das! Und wie angenehm für die
-Hochzeitsgesellschaft!«
-
-»Wir lassen unsern lieben, kleinen Pastor mit dem Wagen holen, die
-Kirche wird geschmückt ...«
-
-»O, herrlich! Wer besorgt das?« --
-
-»Immer der, der fragt!« neckte die Bärin von Hohen-Esp. »Die Guirlande
-nagelt freilich einer der Knechte über die Tür, und die Tannenbäumchen
-stellt wohl die Mamsell mit den Mägden um den Altar herum auf, aber wenn
-sich sonst noch ein paar geschickte Händchen finden wollten, den Altar
-selber recht schön und poetisch zu schmücken, so wäre mir das sehr lieb,
-denn für gewöhnlich war das meine Sorge, welche ich jetzt aber gern
-jüngeren Kräften überlassen möchte!«
-
-Gabrieles Wangen leuchteten in zartem Rot. »O, wie danke ich Ihnen für
-diese reizende Pflicht, Frau Gräfin, und wie freue ich mich darauf, die
-Kapelle zu sehen!«
-
-»Wenn die Mägde morgen früh mit Fegen und Scheuern fertig sind, soll man
-Sie rufen, liebe Gabriele! Sie sorgen wohl selber im Garten für die
-Blumen! Kaiserkronen, Narzissen und Anemonen gibt es bereits, auch noch
-Krokus und Fürwitzchen, -- nehmen Sie alles, was Sie brauchen, die
-Sträuße können dann später noch auf den Hochzeitstisch gebracht werden.«
---
-
-Die Damen plauderten, und die Stunden vergingen.
-
-Spät erst kehrte Guntram Krafft heim.
-
-Er sprach nicht mehr in dem Wohngemach der Gräfin vor, sondern schritt
-sogleich nach seinem Zimmer hinauf.
-
-Auch Frau Gundula ward müde, küßte Gabriele auf die Stirn und sagte ihr
-»Gute Nacht«.
-
-Wie allabendlich begleitete sie das junge Mädchen erst nach seinem
-Erkerstübchen.
-
-Ganz erschrocken wich Gabriele zurück.
-
-»Was ist das?« fragte sie betroffen.
-
-Die Gräfin lachte und entzündete ihr Licht an der brennenden Kerze auf
-dem Toilettentisch. »Das ist der Wind! -- Hörten Sie ihn noch nie um
-alten Gemäuer sausen und heulen? Die Burg liegt ziemlich frei, da braust
-es in allen Tonarten von der See herüber. Ich fürchte, die Nacht wird
-schlimm, -- aber Gottlob ist niemand von unsern Leuten draußen. Die
-Armen aber, welche auf hoher See mit Wind und Wogen kämpfen! Vergessen
-Sie nicht, ihrer im Gebet zu gedenken, Gabriele, auch das ist so Sitte
-auf Hohen-Esp!« --
-
-Das junge Mädchen stand regungslos und starrte nach den spitzen, kleinen
-Bogenfenstern, um welche es pfiff und schrillte.
-
-»Fürchten Sie sich, liebes Kind?« Gundula legte zärtlich den Arm um die
-weiche, schmiegsame Gestalt ihrer jungen Gastin: »O, nicht doch! Sie
-sind hier sicher wie in Abrahams Schoß, und es ist heute nur das
-Ungewohnte, was Sie ängstigt! Für mich gibt es kaum noch ein
-behaglicheres Schlummerlied, als wie dieses Windesbrausen und das ferne
-Donnern der See! Auch Sie werden es bald lieb gewinnen! -- Wenn freilich
-der Wind zum Sturm und Orkan wird, dann läßt einem der Gedanke an die
-Schiffe, welche draußen sind, keine Ruh ... dann kommt die Sorge, ob
-Guntram Krafft nicht hinaus muß, Hilfe zu bringen! Aber davon ist heute
-keine Rede, -- diesen Wind haben wir oft, sehr oft, wir achten seiner
-kaum noch! Falls es ihnen aber lieber ist, Gabriele, will ich die Tür
-nach meinem Zimmer öffnen, -- Sie fühlen sich dann nicht so vereinsamt!«
---
-
-»Nein, nein, liebe Frau Gräfin, das wäre noch schöner, wenn ich ein
-solcher Hasenfuß sein wollte! Nun, wo ich weiß, was für Stimmen da
-draußen lärmen, lachen und rufen, fürchte ich mich nicht mehr vor
-ihnen!«
-
-Und als sich nach herzlichem »Gute Nacht« die Gräfin zurückgezogen, trat
-Gabriele an das Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus.
-
-Der Wind jagte schwarze Wolkenmassen über den Himmel -- die Bäume
-drunten bogen sich und ächzten, und die Fensterriegel klappten und
-greinten wie mit leisem, wehmütigem Klagelaut.
-
-Gabriele schloß die Vorhänge und begab sich zur Ruhe.
-
-Aber sie fand lange keinen Schlaf.
-
-Ihr war's, als säße sie noch in dem Boot, das auf und ab geschleudert
-ward von tosenden Wellen.
-
-Guntram Krafft saß ihr gegenüber und führte das Ruder -- und er sah sie
-nicht an, sondern blickte starr geradeaus in die gähnend finstere Nacht
--- und sein Angesicht glich dem jungen Wulffhardt von Hohen-Esp, der
-ertrunken war um 1503! --
-
-Ertrunken! --
-
-Gabriele schauerte zusammen und preßte das Antlitz in die Kissen.
-
-Wie kam ihr plötzlich das Verstehen für dies grausige, entsetzliche
-Wort! --
-
-Ertrunken!
-
-Sie schlingt die Hände ineinander und betet mit zuckenden Lippen für
-alle die, welche mit Sturm und Wogen ringen -- so wie Frau Gundula es
-ihr geheißen, aber ihre Gedanken weilen dabei nur bei einem, und vor
-ihren Augen schwebt ein Bild ... Guntram Krafft, -- -- und auch unter
-diesem starrt das furchtbare Wort: »ertrunken« ...
-
-Sie schrickt empor ... sie lauscht ...
-
-Droben, über Frau Gundulas Gemach liegt das Zimmer des Grafen.
-
-Er schläft nicht, sie hört ihn auf und ab schreiten ... es schallt so
-sehr in dem grabesstillen Haus. --
-
-Horch ... hin und her ... hin und her ...
-
-Ruhelos wie sie! --
-
- * * * * *
-
-Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut.
-
-Die Sonne leuchtet am Himmel, -- hinter dem Wald blitzen die weißen
-Wellenkämme der See auf. --
-
-Gabriele ist frühzeitig aufgestanden.
-
-Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbäumchen gesehen, das stand in
-voller Blüte.
-
-Welch sinnigeren Altarschmuck könnte sie finden, als diese duftigen,
-schneeigen Zweige?
-
-Als sie in den Hof tritt, hört sie noch jenseits der Zugbrücke Hufschlag
-verklingen. Ein Knecht steht, die Arme behaglich in die Seiten gestemmt,
-und schaut dem Reiter nach.
-
-»Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? Die erwartete
-Sturmwarnung von der Seewarte?«
-
-Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen Augen vergnüglich an.
-
-»Nee, gnä Frölen! Dat wi nähstens doch 'n ollen düchtigen Bö kreegen,
-dat weiten wi ganz alleen!«
-
-»Wer ritt soeben fort?«
-
-»Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n Feldern nach'n Rechten
-kieken!«
-
-»Auf den Feldern!«
-
-»Wie hei seggt! -- Du leiwe Tid! Wat het de Graf nich allens to
-bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un Nacht. Un hätt dat doch so goar nich
-nötig! Aber dat rackert sich af! Keen Dagelöhner duht sich so schinn'n
-as uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jeßt däht hei Frühstück
-eten, un nu heidi wedder up't Pierd!«
-
-Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter.
-
-Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, darum kehrte er neulich
-so staubig und erhitzt zurück und hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter
-zu verhandeln! Daß er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze zu
-werfen, daß er am Tage oft segelte und ruderte und anstrengende Übungen
-mit seinen freiwilligen Lotsen machte, das war nur Erholung, nur
-Vergnügen nach der Arbeit!
-
-Und diesen Mann hatte sie oft einen Bärenhäuter genannt, ihn als müßigen
-Tagedieb bespöttelt und verachtet?
-
-Wieder schießt Gabriele das Blut heiß in die Wangen.
-
-Wie traurig ist es doch, wenn ein Mädchen so gar keinen Begriff von
-Landarbeit und Seewesen hat. Was für falsche, irrige Ansichten bildet
-man sich in der Stadt davon, wie bitter unrecht tut man oft den
-Fleißigsten und Verdienstvollsten!
-
-Gabriele ist es plötzlich zu Sinn, als habe sie ein schweres Unrecht an
-Guntram Krafft gutzumachen.
-
-Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der Hand zu Felde zieht,
-für Kaiser und Reich zu kämpfen, erwirbt sich Verdienste um sein
-Vaterland, sondern auch der, welcher in stillem Fleiß seinen Grund und
-Boden kultiviert, für seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher gute
-Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen pflegt, welcher in treuer
-Selbstlosigkeit an der Küste Wacht hält, ein »Schirmvogt der Not« zu
-sein! --
-
-Mit bebenden Händen pflückt Gabriele die blühenden Zweige im Wald.
-
-Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut bräutlich-weiße
-Blättchen in ihr lockiges Haar, -- in ihrem Herzen aber wächst aus
-kleinem Funken eine helle Flamme empor, noch flackernd und unsicher,
-aber dennoch stark genug, daß sie kein Aschenregen wieder ersticken
-kann.
-
-Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was ehemals in diesem Herzen
-als falsche Götzen gethront, -- sie macht es so hell, wo es früher
-dunkel war, sie läßt es so warm, ach so warm werden, wo früher Schnee
-und Eis gestarrt ...
-
-Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger Blütenzweige geladen,
-kehrt Gabriele heim, und von der niedern, rund gewölbten Turmtür, welche
-zu der Kapelle führt, tönt das helle Gelächter und der Gesang der
-Mägde.
-
-Sie sind noch fleißig bei der Arbeit, und die Mamsell tritt Gabriele
-entgegen und bittet: »Wollen das gnädige Fräulein nicht noch ein halbes
-Stündchen warten! Dann ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkästchen,
-und Baronesse haben einen so viel schöneren Eindruck davon!«
-
-»Es ist aber schon recht spät geworden, liebe Mamsell, und die Hochzeit
-soll sehr präzise stattfinden! -- Man heiratet hier schon zu recht
-früher Stunde!« --
-
-»Ja, du liebe Zeit, gnädiges Fräulein, so verliebte Leutchen haben es
-immer eilig, und Mike und Jöschen vollends! Ist _das_ ein Glück! Man
-braucht die beiden nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander
-sind! -- Aber vielleicht machen das gnädige Fräulein erst Toilette? So
-ein bißchen was Weißes oder Rosiges gehört sich doch für den heutigen
-Tag!... Und die Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je kürzere
-Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie aus!«
-
-»Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! So will ich mir
-denn ein hochzeitlich Gewand anziehen und bin in einer halben Stunde
-wieder hier!« --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXIV.
-
-
-Da der Wind ganz plötzlich wieder bedeutend aufgefrischt hatte und
-merklich kühl durch die blühende Frühlingspracht brauste, hatte Gabriele
-ein wollenes Kleid zu ihrem Anzug gewählt, welches nun in zart weißen
-Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederfloß.
-
-Es war noch eins ihrer »Fünfuhr-Tee«-Kleider, welche sie ehemals in der
-Residenz getragen, schick und elegant gearbeitet und doch einfach und
-anspruchslos wirkend, einzig geschmückt durch ein duftiges
-Spitzengeriesel, welches über die Brust fiel und den Saum des Rockes wie
-kräuselnden Wellengischt zierte. Die weiße Perlenschnur, welche sie
-damals auf dem Hofball getragen, glänzte auch jetzt auf ihrem graziösen
-Nacken, und in dem Gürtel duftete ein kleiner Strauß weißer Narzissen.
-
-Hastig schritt sie über den Hof nach der Kapelle, und die Mamsell trat
-ihr entgegen, faltete behaglich die fetten Hände über dem Magen und
-betrachtete das junge Mädchen mit unverhohlenem Entzücken.
-
-»Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!« nickte sie wohlgefällig. »Wenn
-jetzt ein Fremder hier einschaute, der gehört hätte: >Auf der Burg
-gibt's eine Trauung<, dann würde er Stein und Bein darauf schwören, daß
-das gnädige Fräulein selber die Braut sei, auf welche die Gespielinnen
-mit dem Kränzchen und Schleier warten! -- Na, ich denke, den Tag erleben
-wir auch noch, und dann will ich aber den Backofen für den
-Hochzeitskuchen heizen, daß die Flammen oben zum Schornstein
-hinausschlagen!«
-
-»Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schöne Kuchen am Ende an!« lachte
-Gabriele, aber sie fühlte es doch, wie ihr das Blut unter dem schelmisch
-zwinkernden Blick der Alten in die Wangen schoß. »Der Mike steht das
-Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht viele Blumen auf
-den Weg streuen!«
-
-»Erst ihr, dann Ihnen, gnädiges Fräulein! Die Blütenzweige stehen in dem
-Wasserkübel neben dem Altar!«
-
-Noch ein neckendes Nicken und Grüßen, und die Mamsell faßte Besen und
-Staubtuch und schritt über den Hof zurück, Gabriele aber trat in die
-Kapelle ein, welche leer und still im Schimmer der bunten, kleinen
-Glasfenster vor ihr lag.
-
-Voll andächtigen Entzückens schaute Gabriele um sich.
-
-Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebräunten,
-hochgeschnitzten Kirchenstühle, geradeaus der erhöhte Altar in seinem
-verblichenen lila Samtschmuck, auf welchem die Silberstickerei längst
-schwarz geworden war. Hocharmige Silberleuchter, ein
-elfenbeingeschnitztes Kruzifix, an welchem noch die Rosenkränze der
-gräflichen Beter aus der katholischen Zeit hingen.
-
-Rechts und links von dem Altar die Familienbilder frommer Hohen-Esp,
-hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen Nonnengewändern und weißen
-Kopftüchern, mit betend zusammengelegten, wachsgelben Händen und
-starren, hohläugigen Gesichtern.
-
-Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches Gemälde: »Die
-Auferstehung des Herrn.« --
-
-An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter des Bildes, ein Graf
-von Hohen-Esp, mit seiner Familie; die Burgfrau gleicht in der Tracht
-und Aussehen der Katharina von Bora, und ähnlich wie Luthers Kinder sind
-auch ihre acht kleinen Grafen und Gräfinnen gekleidet. -- Der Vater
-trägt ritterliche Rüste, der älteste Sohn ein kleines Schiff in der
-Hand. Alle heben voll inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden
-Heiland.
-
-Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, wie sie damals wohl
-ausgeschaut, im Hintergrund wogt ein grellblaues, zackenwelliges Meer,
-aus welchem drei geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh.
-20. 13. --
-
-Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei halb vermoderte
-Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes Ruder aufgestellt.
-
-Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor ist um das Ruder
-gewunden.
-
-Gabriele schaudert zusammen.
-
-Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem Boot eines ertrunkenen
-Hohen-Esp an das Land zurückgespült wurde. --
-
-Ihr Blick irrte weiter, über die mächtigen Bärenwappen, über die
-steinernen Grabplatten, welche die Familiengruft schließen und steife,
-liegende Rittergestalten zeigen, hinauf zu der niederen, gewölbten
-Decke, von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von kleinen
-Schiffen herabhängen.
-
-Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten.
-
-Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form und Bau ihr hohes Alter
-zeigend, kleine Boote und schwerfällige Kuffs, allerliebst und kunstvoll
-getakelte, kleine Dreimaster, an welchen fleißige Hände wohl ein
-Menschenalter gearbeitet haben.
-
-»Modell der >Anne Marie Karsten<, Kapitän Jochen Ulrich Grot« --
-gestrandet bei Kap Horn im Jahre des Herrn 1760. -- »Dein Wille
-geschehe.« -- -- steht auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen.
-
-Leiser Schritt erklingt auf den Steinfließen, und Gabriele schrickt aus
-tiefen Gedanken empor und blickt sich um.
-
-Ein schmächtiges, altes Männchen steht hinter ihr und dreht respektvoll
-den schäbigen Filzhut in der Hand.
-
-»Ach, verzeihen die gnädige Herrschaft« -- flüstert er mit devotem
-Kratzfuß, die lichte Gestalt der jungen Dame wie eine Vision anstarrend
--- »ich bin der Küster aus Karstein und soll bei der Trauung das
-Harmonium spielen! Die Frau Gräfin schickte mich, daß ich die Lieder
-erst einmal durchspiele!«
-
-»O, das ist ja schön, Herr Küster!« nickte ihm Gabriele mit
-herzgewinnendem Lächeln zu, »da habe ich den Genuß schöner Musik während
-meiner Beschäftigung!«
-
-Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert die schmale
-Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, Gabriele aber tritt an den Altar,
-nimmt sinnend die weißen Blütenzweige und schmückt die teuern
-Heiligtümer.
-
-Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten,
-verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben,
-zwischen dem sonnigen, bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen
-Ehemals! --
-
-Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter
-um die schlanke Mädchengestalt, welche mit graziös erhobenen Händen die
-Blüten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme
-der Leuchter flicht, -- dann niederkniet vor der Altardecke und auch an
-ihr empor den holden Schmuck ranken läßt, sinnig und schön, so festlich,
-wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr
-ausgeschaut hat. --
-
-Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges Weib anzuschauen,
-ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen über ihr die jubelnden Klänge:
-»Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan
-hat!«
-
-Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter
-Gabrieles Händen, sie streut auch noch die weißen Blüten über die
-Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grünen
-Tannenzweige, welche das Geländer um den Altar verhüllten ... und dann
-steht sie plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das
-zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.
-
-Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch einen ... bis sie
-davor steht und ihre Hände wie in scheuer, banger Innigkeit über das
-wurmstichige Holz gleiten.
-
-Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an
-dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehängt ist.
-
-Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal droben. --
-Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. --
-
-Armer, armer Jüngling!
-
-Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, sie hallen und
-klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise
-Engelsstimme, welche um die Toten klagt.
-
-Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen
-Blütenzweige zum Kranz und schmückt das Bild des Wulffhardt von
-Hohen-Esp -- und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick
-senkt sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem bräutlichen
-Schmuck ...
-
-Wie gleicht er Guntram Krafft! --
-
-Wird auch sein Bild einst hier hängen, wird auch unter ihm das grausige
-Wort »ertrunken« stehen ... wird ...
-
-Gabriele macht eine jähe Bewegung und preßt schweratmend die Hand gegen
-das Herz -- und als sie sich hastig zurückwendet, ringt sich ein leiser
-Schreckenslaut von ihren Lippen.
-
-Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit gekreuzten Armen,
-still und regungslos, und starrt sie aus weitoffenen Augen an.
-
-Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklänge flüstern, schwellen wieder
-an und klingen so voll und feierlich, als trügen sie schon jetzt das
-Dankgebet vereinter Herzen zum Himmel.
-
-Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit beiden Händen schwer
-auf die Lehne des Kirchenstuhles stützen, dann schreitet er langsam
-näher, tritt neben sie und schaut auf das geschmückte Bild Wulffhardts
-nieder.
-
-»Warum taten Sie das?« fragt er mit leiser, fremder Stimme.
-
-Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und ordnet mit bebenden
-Händen unter den Blüten auf dem Altar, welche bereits so wohlgeordnet
-liegen.
-
-»Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie früh er sterben mußte!«
-
-»Ja, er starb früh, -- an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glück
-noch Liebe -- und doch wäre er wohl auch so gern glücklich gewesen!«
-
-_Auch_ glücklich gewesen! --
-
-Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der
-Sehnsucht?
-
-Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer.
-
-»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen --«, fährt der Graf
-sehr ruhig fort, »dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als
-müßte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun
-versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.«
-
-»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab für die
-Brüder?«
-
-»Er tat seine Pflicht!«
-
-»Er tat _mehr_ denn sie!«
-
-Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen.
-
-»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; er zog weder in den
-Krieg, noch konnte er große Taten für sein Vaterland tun! Der liebe
-Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer
-Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm,
-die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch
-anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken
-wird weder durch Wort noch Lied geehrt, -- jene Stelle, wo die tosende
-Flut einen Jüngling verschlang, welcher einem gefährdeten Schiff Rettung
-bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen
-darüber hin und der Wind verweht die Kunde. -- Das Schicksal der
-Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine mitleidige Mädchenhand
-nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, -- mit Lorbeerzweigen
-nicht.« --
-
-Er brach kurz ab und trat zurück.
-
-»Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, daß ich meinen
-wackeren jungen Freund im Burghof begrüße!« --
-
-Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks aus das Bild, --
-war es nur Einbildung, oder sahen die lachenden Augen Wulffhardts
-plötzlich ernst, beinahe wehmütig unter dem weißen Blütenschmuck auf sie
-nieder?
-
-... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, welcher dem
-Helden geziemt!
-
-Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, als er das gesagt,
-etwas Vorwurfsvolles, was sie nicht verstand.
-
-Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur _den_ Mann einen Helden
-genannt, welcher auf dem Schlachtfeld sein Leben für Reich und Kaiser
-läßt?
-
-Wohl möglich; -- so war es ja ehedem auch ihre Ansicht.
-
-Und jetzt?
-
-Nachdenklich streicht sie die krausen Löckchen aus der Stirn; jetzt ist
-es ihr wie eine Ahnung gekommen, als ob ein Mann, welcher sich kühn in
-Sturm und hohe Flut hinaus wagt, auch ein Held sein könne! --
-
-Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von
-Guntram Kraffts mutigen Taten gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung
-davon machen zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben.
-
-Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte!
-
-Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt es sie, gerade von
-ihm, von Guntram Krafft überzeugt zu werden, daß sie ihm ehemals in der
-Residenz bitteres Unrecht getan!
-
-Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier in Hohen-Esp
-entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklärt sie, -- der Bär
-von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs
-lebhafteste geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie sie für
-diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt paßt -- und das
-Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe,
--- Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! --
-
-Wehe ihr, wenn es geschähe!
-
-Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzückens
-entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgültig über sie hinweg.
-
-Warum das? --
-
-Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches
-ehemals seine Annäherung so schroff und beleidigend zurückgewiesen hat,
-wie sie. --
-
-Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hände
-ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Gräfin
-entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen
-Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten.
-
-Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mädchens in die ihre,
-streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende
-Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten
-Sitz, -- die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch die Tür
-hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle.
-
-Guntram Krafft führt es zum Altar.
-
-Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine blühende, kraftvoll
-schöne Braut. Sie tragt das goldblonde Haar schlicht gescheitelt und in
-Zöpfen herabhängend, ein dicker grüner Myrtenkranz legt sich um den
-ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche lang über den
-Rücken herabflattert.
-
-Eine dunkelgrüne Tuchjacke, mit Ärmeln, welche oben sehr weit, unten
-sehr eng sind, ein buntes, mit breiten Fransen besetztes Halstuch, ein
-schwarzer Warprock, welchen eine mächtig breite, geblümte Schürze
-beinahe verhüllt, bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch
-gegen das Herz preßt und mit niedergeschlagenen Augen und hochroten
-Wangen daherschreitet, wie die Verkörperung eines echten, rechten
-Glückes!
-
-Und Jöschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend aus, wenngleich
-sein frisches Gesicht mit den hellblauen, lustigen Augen und dem
-weißblonden Flaum auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre,
-welche ihm geschieht, dreinschaut.
-
-Sein dunkler, großer Filzhut ist mit rotem Band und Blumenstrauß
-geschmückt, ein ebensolcher ziert die offenstehende Fischerjoppe, unter
-welcher eine schwarze Manchesterweste mit rotem und grünem
-Sternchenmuster sichtbar wird.
-
-Der Hemdkragen fällt blendenweiß über und wird von einem sehr
-grellfarbigen Schlips geschlossen.
-
-Da Jöschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln hat machen lassen,
-trägt er sie selbstredend an seinem Ehrentag und stampft so kräftig
-durch die Kapelle, daß es auf den Steinplatten hallt.
-
-Dem Brautpaar folgt die Schar der Gäste, Fischer und Fischerfrauen, wohl
-die gesamten Einwohner des kleinen Dörfchens.
-
-Alle ernst und feierlich, in ehrwürdig, altväterischem Staat, einem
-Gemisch von bäurischer Tracht und einem ersten Anfang städtischer
-Kleidung, wenngleich das bäurische in diesem weltfernen Dörfchen bei
-weitem überwiegt.
-
-Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen in der Hand, drängen
-sich scheu an die Mütter, -- alte, wetterharte Seeleute mit dem
-Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der
-Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde
-von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als
-gehe Mike und Jöschens Glück sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr
-aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz
-fällt. --
-
-Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte
-verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso
-wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch
-sehr stattlichen Brautmutter.
-
-Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der andern Seite von
-dem jungen Paar gegenüberstand, sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe
-unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise,
-kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich.
-
-Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel
-schöne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike,
-sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie
-treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das brave Weib eines Fischers
-sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glück denken, wie tapfer
-und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es
-gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen!
-Gerade in solchen Stunden höchster Angst und Gefahr müßte sich die wahre
-Liebe eines treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«,
-nicht allein durch Handreichungen und kräftige Hilfe, sondern vor allen
-Dingen durch Gebet und Fürbitte, welche den Geliebten auf seiner
-schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten.
-
-Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte zu Gott dem
-Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden
-Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt
-nicht! -- Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der
-Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in höchster
-Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen
-zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum leget eure
-Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im
-Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes
-Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker
-frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege
-führt, als wie wir gehen wollen!«
-
-Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen Augen aufmerksam
-in das gütige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von
-Herzen überzeugt zu, und Jöschen machte auch hier und da eine
-unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, Herr Pastur,
-dat wollen wi allens so maken!«
-
-Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm
-die Ringe und steckte sie ihnen an.
-
-Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig löste sich
-von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder.
-
-Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf -- und
-ihr Blick traf sich plötzlich, -- sie sahen einander in die Augen. Da
-zog eine heiße Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie
-blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen noch tiefer wie zuvor.
-
- * * * * *
-
-In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen Raum verfügte, in
-welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf
-von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten
-lassen.
-
-Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen Deckbalken das
-Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe anstieß, feierten die Fischer
-»Kaisers Geburtstag«, »Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie
-Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten
-sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein
-Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von
-viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte.
-
-Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen
-Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Großen an der Wand, darum
-her vergilbte Stiche und gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit
-welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, und über der
-Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Holländer mit
-käseweißem Gesicht, schwarzem Bart und großem Fischerhut, welcher
-starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch
-steht --: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer -- geht ihm der
-flyende Dutschman die Quer!«
-
-Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große Korallen und
-fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel
-fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor
-welchen sich die Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! --
-
-In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem Südmeer, Schildkröten
-und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige
-Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr
-herüber bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten Seesternen
-und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehöriger des Schankwirts aus
-fernen Zonen heimgebracht.
-
-Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte die Gäste durch sein
-erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht
-verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand.
-
-Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit
-groben weißen Tüchern belegt und durch Tannengrün und Blumensträuße ganz
-besonders feierlich geschmückt.
-
-Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon
-jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwärts
-lagert ein großes Faß Bier, auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben
-ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken
-zuerst besichtigt wird.
-
-Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgäste nahen, fürerst noch so
-schweigsam und ernst, wie es in der Art dieser wortkargen Menschen
-liegt, welche es mehr gewohnt sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um
-das Dasein zu führen, als heitere Feste zu feiern.
-
-Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und manch altem,
-wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches Kopfschütteln und »Hm-Hm!«
-abgenötigt hat, spielte in den rosa Kranzbändern der jungen Frau und
-färbte ihre Wangen noch röter, und wenn auch Mike mit festem Händedruck
-ringsum die schwieligen Hände faßt, und Jöschen manch lieben Freund
-innig auf den Rücken klopft, so herrscht dennoch fürerst noch die
-feierliche, erwartungsvolle Stille, welche dem Nahen des Pastors und der
-gräflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXV.
-
-
-Über die hohe Düne, welche das Fischerdorf von der See trennt, stieg
-Gräfin Gundula an der Seite des alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele
-und Guntram Krafft.
-
-Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, das Meer bei dem
-immer stärker werdenden Wind in seiner wogenden Schönheit zu sehen, und
-darum hatte man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf nicht von
-dem Burgberg, sondern vom Strande aus.
-
-Die Gräfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und Gabriele, welche ebenso
-schweigsam wie der Bär von Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte
-der Worte des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram Krafft
-gesprochen. »Welch eine auffallende und sehr erfreuliche Veränderung ist
-mit Ihrer Frau Mutter vor sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich
-die Gräfin seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, der
-finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt von ihr gewichen,
-und dafür sei Gott gelobt!« -- Er hatte dann Gabriele herzlich beide
-Hände entgegengestreckt, und fuhr fort: »Das haben wir ganz entschieden
-Ihrem so günstigen Einfluß zu verdanken, mein gnädiges Fräulein! Sie
-haben den Sonnenschein wieder in das Haus der so tief gebeugten Frau
-getragen!«
-
-Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, als er sich stumm und
-höflich, wie in schweigender Zustimmung vor ihr verbeugte, und es hatte
-warm aufgeleuchtet in den ernsten, traurigen Augen.
-
-Ein paar gleichgültige Worte hatten sie später auf dem Weg zum Strande
-gewechselt, und als sie über die waldige Höhe schritten und zuerst den
-Blick auf das Meer genossen, war Gabriele unwillkürlich stehengeblieben
-und hatte mit leisem Ausruf des Entzückens auf die weißschäumende,
-hochgehende See hinausgeblickt.
-
-»Nicht wahr, so gefällt sie selbst Ihnen?« hatte der Graf gelächelt, und
-das junge Mädchen nickte mit seltsam leuchtendem Blick und wiederholte:
-»Selbst mir!«
-
-Dann brauste der Sturm daher und riß die weißen Narzissen aus ihrem
-Gürtel und verstreute sie durch das Riedgras, und während Gabriele mit
-beiden Händen den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen nach
-und sammelte sie.
-
-Sein Blick überflog ihre schlanke, schneeweiße Gestalt, um welche die
-weichen Kleiderfalten in graziösem Spiele flatterten, und er behielt den
-Strauß in der Hand und sagte: »Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe
-tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid zu halten!«
-
-Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der Dünen gelangten und
-das Wirtshaus »Zur blauen Woge« vor ihren Blicken lag.
-
-Da reichte er die Blüten zurück.
-
-»Wir alle haben uns festlich geschmückt, Graf, nur Sie allein tragen
-kein einziges Abzeichen, welches auf die frohe Bedeutung dieses Tages
-schließen läßt!«
-
-Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lächeln.
-
-»Ich selber vergaß es, und andere dachten nicht an mich!«
-
-Da wählte sie die schönsten Blumen aus ihrem Strauß und bemühte sich,
-sehr unbefangen zu lachen: »Welch eine grobe Unterlassungssünde!
-Erlauben Sie, Graf, daß ich das Versäumte nachhole und Ihr Knopfloch
-schmücke!«
-
-Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust.
-
-»Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!« sagte er sehr
-ruhig. »Den Ahnherrn Wulffhardt und mich bedenken Sie in gütiger Weise
-mit solch lieblichem Schmuck.«
-
-Alles Blut stieg ihr in die Wangen, -- vor ihren Ohren schwirrten
-plötzlich wieder die Worte --: »Mit weißen Totenblumen ... doch nicht
-mit einem Lorbeerkranz ...«
-
-Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich verfüge ja über keinen
-besseren Schmuck, Graf!«
-
-»Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren tragen!«
-
-Das Gespräch ward unterbrochen, aus dem Saal des Wirtshauses erschallten
-die lustigen Weisen der Harmonika, und das junge Ehepaar trat den
-vornehmen Gästen entgegen, sie mit herzlichem Händedruck zu begrüßen und
-zum Hochzeitstisch zu geleiten.
-
-Gräfin Gundula saß zwischen dem jungen Ehegatten und dem Pastor, --
-Guntram Krafft an der Seite des bräutlichen Weibes, zu seiner Rechten
-war Gabriele der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saßen die beiden
-Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schöne Seemannslieder und
-lustige Stücklein für Unterhaltung, dieweil es bei Tisch selber sehr
-ruhig zuging.
-
-»Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fröhlichkeit zu stören!«
-flüsterte Gabriele zu dem Grafen auf.
-
-Dieser lächelte: »O, durchaus nicht! Es würde eine Nichtachtung gegen
-die vergötterte Weinsuppe und den obligaten Schweinebraten sein, wollte
-man während dieser Genüsse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und
-die >Stimmung< kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann werden Sie sehen,
-daß wir unsere Getreuen nicht stören. Ich bin überzeugt, daß wir hier
-von allen noch sehr viel mehr geliebt wie respektiert werden!«
-
-Und so war es auch.
-
-Als das, nach Ansicht der so wenig verwöhnten Leute, glänzende
-Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische beiseite gerückt wurden und
-der Kaffeeduft so lieblich durch den Saal zog, daß allen Frauen das Herz
-im Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter
-durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen Jauchzer hervor,
-und als die Harmonikas mit schallendem Ton den »Großvatertanz« anhuben,
-da umfaßte Jöschen seine strahlende junge Frau und begann sich mit ihr
-sehr langsam und würdevoll im Kreise zu drehen.
-
-Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht mit dem wunderschönen
-jungen Fräulein solchem Beispiel folgen werde, aber der stand und sprach
-so eifrig mit ein paar alten Fischern, daß er gar nicht an den Tanz zu
-denken schien.
-
-Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, machte seinen Kratzfuß vor
-Gabriele und tanzte mit ihr, schwer und wuchtig, als gelte es, eine
-holländische Kuff bei konträrem Wind zu lavieren, -- und als er zum
-Schluß die junge Dame mit freundlichem Lob auf den Arm gepatscht, stand
-schon ein junger Lotse bereit und sah sie treuherzig bittend an.
-
-Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, und ihre schlanke
-weiße Gestalt tauchte wie ein Traum zwischen dem derben Schiffervolk
-auf, so daß der Pastor ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte:
-»Wissen Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des wunderholden
-Fräulein von Sprendlingen einfiel? Ein Gedicht von Heinrich Heine: >Wohl
-unter der Linde, da tönt die Musik, da tanzen die Burschen und Mädel ...
-da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen so schlank und so
-edel!< -- Sagen Sie selbst, ist es nicht, als ob die weiße Wassernixe
-aus der Flut gestiegen sei, sich unter das lustige Fischervolk zu
-mischen? -- Wie ein Märchen deucht mir die lilienhafte Mädchengestalt,
-und wen Fräulein Gabriele mit den großen, klaren, wundersam glänzenden
-Augen anlächelt, der lernt an die Macht der Meerfrau glauben!«
-
-»Man sagt, die Meerfei bringt Unglück dem, der sie schaut! Hören Sie,
-wie der Sturm um das Dach heult? Vielleicht wählt sich die Undine
-bereits ihre Opfer für die kommende Nacht aus!«
-
-»Das verhüte Gott! Fürchten Sie bös Wetter?«
-
-»In wenig Stunden haben wir es.«
-
-»Arme junge Frau! Das wäre eine üble Hochzeitsmusik!«
-
-Jöschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen.
-
-»Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!«
-
-Guntram Krafft richtete sich jäh auf. »Ich warte nur, daß du Mike einmal
-freigeben sollst!«
-
-»Dor steiht se!« lachte der junge Ehemann, wieder in sein gemütliches
-Plattdeutsch verfallend, und der Bär von Hohen-Esp nickte, drückte dem
-Glücklichen die Hand und holte sich die Braut mit den rotglühenden
-Wangen zum Ehrentanz.
-
-»Nu leggt he los!« flüsterte es im Kreis, und man wartete, daß der
-Burgherr nach der Mike das »gnä Frölen« zum Tanze holen werde; aber er
-trat mit umwölkter Stirn zur Tür zurück und hatte mit Krischan Klaaden
-ersichtlich viel ernste Dinge zu reden.
-
-Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer stärker und stärker
-herübertönte und der Sturm immer schriller durch die Taue des vor dem
-Hause aufgepflanzten Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer
-fröhlicher und ausgelassener, und schließlich stand die Mamsell vom
-Schloß und tuschelte unter listigem Augenzwinkern mit Mike und Jöschen.
-
-Die Weiber, Mädchen und Burschen drängten drum herum, es gab ein leises,
-jubelndes Gelächter, und dann lichtete sich plötzlich der Kreis, einer
-der Fischer trat vor und rief mit kraftvoller Stimme:
-
-»Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern söken!« --
-
-Großer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem Lächeln zu
-Gräfin Gundula und bot ihr eine Schere dar, mit welcher die Burgfrau die
-beiden rosa Bänder der Kranzschleife abschnitt.
-
-Die alte Dame lächelte dabei sehr amüsiert, und in ihren Augen leuchtete
-es auf, wie ein sehr wohlgefälliges Verstehen.
-
-»Möchtest du die Rechte treffen, Mike!« sagte sie und händigte der
-jungen Frau die Bänder aus. -- Diese wandte sich, reichte Jöschen flink
-eines der Rosenbänder, und schnell wie der Gedanke stürmte das junge
-Paar unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgäste.
-
-Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als sie ihren Arm auch
-schon von Mike gefaßt und mit dem Band umschlungen sah, gleicherzeit
-zerrten und drängten die Männer Guntram Krafft heran, an dessen Arm
-Jöschen das andere Band geknüpft hatte, und ehe die beiden aufs höchste
-betroffenen jungen Leute recht wußten, wie ihnen geschah, waren ihre
-Arme durch die Bänder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei
-erhob sich: »Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!« --
-
-Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine Lippen bebten, und
-die breite Brust hob und senkte sich unter stürmischen Atemzügen, dann
-neigte er sich zu Gabriele herab und stieß kurz hervor: »Befehlen Sie zu
-tanzen, mein gnädiges Fräulein?« --
-
-Sie blickte zu ihm auf, -- ihm deuchte es, ebenso kühl und ruhig wie
-sonst -- und die kristallenen Nixenaugen leuchteten ganz nahe den
-seinen, und ihr roter Mund antwortete: »Ich füge mich der Sitte, Herr
-Graf!«
-
-Da umschloß sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung mit der freien
-Hand, daß man Raum gebe, und dann tanzten sie.
-
-Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend heiß brauste das
-Blut durch seine Adern, wie befangen von einem wilden,
-leidenschaftlichen Rausch flog er dahin, und die weiche, schmiegsame
-Gestalt ruhte wieder an seiner Brust, und ihre krausen Löckchen
-flimmerten vor seinem Blick.
-
-Freiwillig wäre er nie zu ihr gekommen -- nun trieb sie das Schicksal
-selber in seine Arme, und er hielt die bleiche Meerfrau ... und drückte
-sie fest -- immer fester und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er
-sie nie wieder freigeben.
-
-Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heiße, unaussprechlich
-innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam bekämpft hatte, loderte
-in verzehrenden Flammen in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare
-Denken und Handeln.
-
-Er tanzte -- tanzte ohne Aufhören ... und er hatte nur einen tollen,
-wahnwitzigen Gedanken -- so hinab mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu
-den schäumenden Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die kühle,
-geheimnisvolle Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, wo die Perlen
-auf weißen Wasserlilien glänzen und rote Korallen bis an das Abendrot
-des Himmels emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lächelnd zu
-ihm heben, wird mit ihren kühlen, meerfarbenen Augen sein Leben trinken
-und ihn küssen in traumhaft süßem Glück ...
-
-Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster schrillt der Sturm ...
-und die Brandung donnert lauter und lauter empor ...
-
-Gabrieles Köpfchen aber sinkt plötzlich tiefer und tiefer, und ihr
-Körper ruht schwer in seinem Arm.
-
-Da erwacht er plötzlich wie aus tiefem Traum und starrt sie an.
-
-Wie blaß sie ist! --
-
-Erschrocken hält er inne: »Verzeihen Sie, Gabriele,« -- murmelte er, --
-»ich war unbescheiden ... ich tanzte zu lange -- --«
-
-Sie lächelt und ringt nach Atem -- und um sie her erhebt sich abermals
-ein tosender Jubel. »Dat wier äwerst 'n Danz! Dat wier jo gliek haf 'n
-Dutzend Dänz'!« -- schallt es lachend im Kreise, und dann plötzlich jähe
-Stille.
-
-Ein Schuß? --
-
-Ertönte nicht draußen auf hoher See ein Schuß? -- ein Notsignal? --
-
-Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram Krafft reißt das
-rosa Band, welches ihn an Gabrieles Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch
-und stürmt nach der Tür, Jöschen, Krischan Klaaden und die andern
-Fischer folgen in jäher Hast.
-
-Die lachenden geröteten Gesichter sind plötzlich blaß und ernst
-geworden, die Klänge der Harmonika sind verstummt.
-
-Gabriele ist an die Seite der Gräfin geeilt und hat mit angstvollem
-Aufblick ihre Hand gefaßt.
-
-»Was bedeutet das, Frau Gräfin?«
-
-Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem kleinen Fenster,
-einen Blick hinauszutun.
-
-»Gott der Herr verhüte es, daß ein Schiff in Not ist!« sagte sie mit
-schwerem Atemzug.
-
-»O, welch ein Wetter plötzlich!« schaudert Gabriele, »wie schwarz die
-Nacht, und welch furchtbares Brausen und Donnern! Man hat es zuvor bei
-der Musik nicht gehört, -- jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden
-ist!«
-
-Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen Hände. »Das
-ist eine grobe See geworden«, sagt sie leise. »Arme Mike ... muß den
-Jöschen heute nacht wohl hergeben!«
-
-»Heute nacht?« wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen Augen,
-»was sollte denn Jöschen bei dieser Dunkelheit für ein Schiff draußen
-tun?«
-
-Die Alte schüttelt mit wehmütigem Lächeln den Kopf: »Hinaus muß er und
-Hilfe bringen, falls es not tut!«
-
-»Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?« Gabriele hebt wie
-beschwörend die Hände. »Das ist ja gar nicht möglich ... das wäre ja ein
-tollkühnes, nutzloses Aufopfern!«
-
-»Es wäre seine heilige Pflicht!« unterbricht die Gräfin ernst und ruhig,
-»und wahrlich nicht das erstemal, daß Guntram Krafft seine wackeren
-Lotsen in ein Unwetter hinausführt!« --
-
-»Der Graf?« stammelte Gabriele ..., »er selber ... er fährt auch mit
-hinaus?« --
-
-»Wenn es nottut, jedesmal!«
-
-Da ist es plötzlich, als wüchse die schlanke Mädchengestalt empor, als
-lausche sie atemlos diesen Worten wie einer Offenbarung.
-
-»Wo ist er? Wo sind die Fischer?« stößt sie hervor.
-
-»Wohl auf der Düne draußen, nach dem Schiff zu spähen!«
-
-»Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gräfin! Ich bitte, ich
-beschwöre Sie!«
-
-»Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, und Sie ahnen nicht, wie
-der Sturm draußen pfeift! Das Haus hier liegt ja noch hinter der Düne
-geschützt ... wenn Sie sich auf der Höhe hinauswagen, können Sie kaum
-atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, Gabriele!«
-
-Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. »Gleichviel ... ich
-hülle mich warm ein ... ach, ich flehe Sie an, Gräfin, lassen Sie mich
-sehen, was da draußen vorgeht!«
-
-Einen Augenblick noch zögert Gundula, dann sagt sie kurz entschlossen:
-»Gut; dort auf der Bank liegen die warmen Sachen, welche Anton für den
-Heimweg brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen Mantel um,
-ich werde mit Ihnen gehen.«
-
-Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig und still bleiben
-kann, wo möglicherweise ihr einziges Kind sich im nächsten Augenblick
-auf Tod und Leben hinaus in den Sturm wagen wird! --
-
-Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch nimmt, es sehr
-sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie
-prüft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge
-Mädchen wie um den Sohn besorgt.
-
-Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe
-Frauengestalt und hastet nach der Tür.
-
-Hu, welch ein Sturm!
-
-Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in
-das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen kreischt die kleine
-Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes;
-Fräulein von Sprendlingen preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust
-und ringt nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die Kraft,
-gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt Gräfin Gundula die schlanke
-Gestalt mit ihrem kräftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse
-durch das Brausen und Heulen.
-
-Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche
-Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet.
-Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so
-rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen,
-schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über den Himmel und
-verhüllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor,
-wenn der Sturm die Massen zerreißt.
-
-Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man hört nur die Brandung in
-nächster Nähe -- wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen
-schallt sie empor.
-
-Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vögelchen an
-die Gräfin geschmiegt, aber sie überwindet das Grauen, sie fühlt, wie
-eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm
-vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite.
-
-Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß der Sturm sein
-lockiges Haar zerwühlt. Seine breite Brust trotzt dem wüsten Gesellen,
-hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben
-und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp,
-welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende
-Gesell, der Sturmwind!
-
-Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden Ellenbogen auf
-und späht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus.
-
-Die beiden Frauen kämpfen sich vorwärts, Fischerfrauen und Kinder folgen
-ihnen, fest aneinandergedrängt, starren sie stumm und ernst hinaus auf
-die wild empörten Wasser. Der Schutz der Düne hört auf, mit voller Wucht
-wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen Augenblick hat
-Gabriele das Empfinden, sie müsse ersticken, -- die Gräfin faßt sie
-fester in den Arm und kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, -- da braust es
-über sie hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu Kräfte
-kommen.
-
-Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, und Gabriele gewöhnt
-sich nach den kurzen Anweisungen Gundulas an das Atmen im Sturm, sie
-überwindet ihre Bangigkeit und Schwäche, sie will stark sein! Sie will
-vorwärts ... sie will sehen und hören!
-
-Guntram Krafft wendet sich flüchtig und blickt zurück, aber all sein
-Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu stehen.
-
-»Ist es tatsächlich ein Notsignal?« fragt die Gräfin.
-
-Er nickt. »Vorläufig läßt sich noch nichts erkennen, wir müssen warten,
-bis die Wolken vorüber sind, -- minutenlang muß der Mond hervortreten!«
-
-Dann trifft sein Blick Gabriele.
-
-Sie steht neben ihm, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Antlitz von
-dem weißen Spitzentuch umflattern, mit einem leisen Schrei die Augen
-starr, weitoffen auf die See gerichtet.
-
-»Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von gestern und ehedem?!« --
-
-Schwarz und furchtbar gähnt es in weiter Unendlichkeit vor ihr, -- der
-hohe Wogenschwall wälzt sich donnernd heran, in zwei-, drei- und
-vierfacher Brandung kocht der weiße Gischt am Strande auf, gespenstisch
-rollen die aufbäumenden Seen heran wie Ungeheuer, welche in wütender
-Gier Strand und Land verschlingen wollen.
-
-Da teilt sich die dräuende Finsternis.
-
-Der Mond bricht durch die Wolken, sein weißgelbes Licht fließt
-minutenlang wie ein magischer Schein über die Wasser.
-
-»Dort ... dort ... dat Schipp!!«
-
-Wie ein Schrei gellt es von Jöschens Lippen.
-
-»Richtig -- dort is't!« --
-
-»A's'n Turpedo sieht's ut!!« --
-
-»Nee! Nee! Is 'ne lüttje Brigg ...«
-
-»Ich seh' keen Mast nich --«
-
-»De warn ja woll verlurn sin!« --
-
-»Un keen Licht nich ...«
-
-»Doch -- achterlich de gröne Lantern!« --
-
-»Äwerst keen Signal nich ...«
-
-»Doch! -- Obacht!«
-
-»Dat Blulicht!!«
-
-Ein scharfes, bläuliches Licht blitzte auf See auf ... hielt
-sekundenlang an und verschwand wieder, -- gleichzeitig ein Kanonenschuß
-...
-
-»Das Schiff treibt auf --! Brandung voraus!« schrie Guntram Krafft.
-»Vorwärts, meine Braven, da ist keine Zeit zu verlieren! Zum Schuppen!
--- Gebt Signal! -- Boot klar zum Auslaufen!« --
-
-Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast durcheinander, -- die
-Männer stürmten die Dünen hinab nach dem Rettungsschuppen. Wie in jähem
-Entsetzen hob Gabriele die Arme. »Jetzt hinaus in See? -- Gräfin ... auf
-_diese_ See hinaus?!« --
-
-Gundula nickte. »Gebe Gott, daß sie noch zur rechten Zeit kommen. --
-Kehren Sie jetzt zurück in das Zimmer, Gabriele ... ich muß in den
-Schuppen hinab und alles vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglückten
-Hilfe zu bringen!«
-
-Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schönes Antlitz sah
-in dem Mondlicht wie versteinert aus.
-
-Das junge Mädchen schüttelte aufgeregt den Kopf, in ihren Augen
-leuchtete es plötzlich auf wie heiße, leidenschaftliche Begeisterung.
-
-»Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gräfin -- schnell ... ach, lassen Sie
-uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche schauen!«
-
-Und sie wartete nicht mehr auf den schützenden Arm Gundulas, sondern
-flog wie von den Sturmesschwingen getragen, dem Rettungsschuppen zu.
-
-Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln herrührend,
-flammte wieder auf dem gefährdeten Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete
-am Strand drunten, dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere
-Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXVI.
-
-
-Ein aufgeregtes, überhastiges Leben entwickelte sich am Strand.
-
-Die Leute hatten in größter Eile ihre hochzeitlichen Kleider mit dem in
-dem Schuppen bereithängenden Ölzeug vertauscht und waren soeben, voll
-ausgerüstet, bereit, den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den
-tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, unsagbar
-mühselige Arbeit bei solchem Sturm!
-
-Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebäudes gegen die Mauer gedrückt
-und starrte mit hochklopfendem Herzen das fremdartige Treiben an.
-
-Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem derben Lotsenanzug, --
-welcher ihr schöner und kleidsamer deuchte wie die reichste Galauniform,
--- grell beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen
-Fäusten geschwungen wurden, -- sah, wie er mit Bärenkräften zufaßte und
-half und schaffte, der erste seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener,
-gewaltiger Kommandeur, ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern
-selber arbeitet und Hand anlegt!
-
-Eine leise Stimme klang neben Gabriele.
-
-»Dat wir sneller kamen, as wie dachten!« seufzte Mike und knüpfte das
-wollene Tüchelchen fester um den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar,
-ihre hartgearbeiteten Hände griffen ein wenig unsicher zu, und ihr erst
-so blühend frisches Gesicht war blaß geworden.
-
-»Ach, gnä' Frölen -- un dat ok grad an min Hochtid!«
-
-Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen Augen der
-Sprecherin.
-
-»Arme Mike!« sagte sie weich; »ja, das ist eine traurige Hochzeit! Aber
-so Gott will, kehrt dein Schatz bald gesund und heil zurück, und dann
-kannst du doppelt stolz auf ihn sein!« -- Sie atmete tief auf und
-wiederholte mit glänzendem Blick: »Ja, stolz! sehr stolz mußt du doch
-auf einen solchen Mann sein!« --
-
-Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hände in die geblümte
-Schürze und sagte resigniert: »Wenn he man wedder kümmt!« Und dann
-entsann sie sich, daß ja das gnädige Fräulein nicht gut plattdeutsch
-versteht und fuhr -- nicht ganz ohne Mühe -- fort: »Vielleicht kriegen
-sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herüber und brauchen nicht
-selber hinaus. Sehen Sie dort? Da schaffen sie an dem Mörser! Der Graf
-schießt bannig gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein übles Ding
-damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die Windrichtung und Stärke
-desselben kommt gar sehr in Betracht dabei!«
-
-»Man schießt nach dem Schiff?« wiederholte Gabriele überrascht. »Um
-alles in der Welt, warum das?«
-
-Mike war zu traurig, sonst hätte sie wohl gelächelt. Sie strich wieder
-seufzend mit der verarbeiteten Hand über ihren Brautkranz und fuhr
-erklärend fort: »Das tut ja keinen Schaden nicht, gnädiges Fräulein, im
-Gegenteil! An der Kugel ist man eine dünne Leine befestigt, -- sie wird
-über das Schiff hinübergeschossen, und die Leute müssen die Leine so
-rasch wie möglich auffangen und festhalten. Wenn das geglückt ist, muß
-als Zeichen dafür ein Blaufeuer angesteckt werden, oder man schwenkt
-auch nur eine Laterne -- wie sie's aus so 'nen wracken Schiff noch grad
-möglich machen können ... dann wissen die Unsern hier Bescheid ...«
-
-»Was für Bescheid? Was nützt die Leine?«
-
-»O, man alles nützt die! Die Schiffsmannschaft muß die Leine dann vom
-Lande her anholen, bis sie den Steertblock daran finden, durch welchen
-ein Jölltau geschoren ist!«
-
-»Und was soll damit?« -- Gabriele blickte die wortkarge Mike beinahe
-ungeduldig an, und das junge Weib fuhr monoton fort --: »Ja, so, -- das
-kennen Sie man alles noch nicht! Dieser Steertblock muß am Mast unter
-der Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten schon über Bord
-geschlagen sind, an einem andern hohen Gegenstand ... und dann geben sie
-vom Wrack wieder ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau an
-dem Läufer befestigen, das ziehen sie dann vom Strand 'rauf aufs Schiff
-...«
-
-»Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?«
-
-Nun ging doch ein schnelles, breites Lächeln über das Gericht der jungen
-Fischerfrau.
-
-»Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!« schüttelte sie den Kopf und fuhr,
-sich verbessernd fort: »Daran wird man bloß die Hosenboje nach den
-Gestrandeten hinübergeschickt, da setzt sich die Mannschaft nacheinander
-ein und wird übergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schießen losgehen
-... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!«
-
-Eine immer größere Aufregung hatte Gabriele erfaßt. Die wundersame
-schaurige Poesie dieser nächtlichen Rettung wirkte wie berauschend aus
-ihr so leicht empfängliches Gemüt!
-
-All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende Gefahr, die
-Angst und Sorge um eigenes und fremdes Leben, die unbeschreiblich
-großartige Schönheit der wild entfesselten Elemente übten einen nie
-geahnten Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in tiefem Schlaf
-gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, welche es erwecken soll zu
-einem neuen, köstlichen Leben, zu der jauchzenden Erkenntnis alles
-dessen, was ihre Seele voll schwärmerischer Begeisterung seit jeher
-erhofft und ersehnt. Und voll ungestümer Leidenschaft wandte sie sich
-und kämpfte sich durch den Sturm näher und näher zu Guntram Krafft
-heran, bis sie beinahe an seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz
-schauen -- seine Worte hören -- jede seiner kraftvollen Bewegungen
-beobachten konnte.
-
-Ihr Auge glänzte wie im Fieber -- ihre Lippen lächelten wie im Traum.
-
-Die Stimmen der Männer hallten wirr und zumeist unverstanden zu ihr her,
--- mit gewaltigem Krach entlud sich das Rettungsgeschoß, -- die Rakete
-zischte wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung nach dem
-gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel der Nacht.
-
-Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, das die Leine getroffen
-habe.
-
-Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den adlerscharfen Blick
-seeein gerichtet, als könne und müsse sein Blick die gähnende Finsternis
-durchdringen.
-
-Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm heult über sie hinweg,
-und die See donnert und braust immer gewaltiger gegen den Strand.
-
-Krischan Klaaden schüttelt den Kopf.
-
-»Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de Brandungen gahn all
-öwer dat Schipp weg!«
-
-»Denn man tau! -- wi möten klor maken!« Der Bär von Hohen-Esp wandte
-sich in hoher Erregung zu seinen Lotsen.
-
-»Vorwärts, Kinder! -- es ist keine Minute mehr zu verlieren, -- wir
-müssen hinaus!«
-
-Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft sich an den Hals
-ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang mit den Armen. »Nee! -- nee!«
-schluchzt sie auf -- »an dissen Dage nich!!« --
-
-Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, er wendet hastig das
-Haupt, ein Schein tiefer Wehmut geht über sein schönes Antlitz.
-
-»Bliev torück, Jöschen!« -- flüstert er, »dat geiht ok ahn di'!« --
-
-Der junge Fischer richtet sich jäh auf, küßt sein bräutliches Weib noch
-einmal hastig auf die blassen Lippen und faßt sie derb an den Schultern.
-»Denk' doran, was de Pastur hüt seggt hätt'!« ruft er, springt hastig
-seinem jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges Lachen.
-
-»Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!«
-
-Gabriele hat keinen Blick für die schluchzende Mike, sie folgt atemlos
-nach dem Boot, sie preßt die bebenden Hände gegen das Herz, sie starrt
-mit weitoffenen Augen auf Guntram Krafft.
-
-Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger die Düne hinabeilen,
-wie die Gräfin die gefalteten Hände zum Himmel hebt, wie ihr farbloses
-Antlitz die Qualen spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick
-durchbeben, -- sie sieht nur, wie der Bär von Hohen-Esp in das Boot
-springt, wie er ein paar kurze, begeisternde Worte an seine Getreuen
-richtet, sie zu vollster, heiligster Pflichterfüllung ermahnt, und sie
-der starken Hilfe dessen versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! --
-Und dann entblößen sie alle das Haupt --
-
- »Chryste Kyrie
- Sei mit uns auf der See!« --
-
-»Amen! -- Amen!« klingt die Stimme des Predigers durch den Sturm, -- und
-dann ein frisches, kraftvolles -- »Hohojohe! -- Rennen los!!« -- --
-
-Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt.
-
-Sein Blick sucht Gabriele.
-
-Er hebt die Hand -- er winkt ihr zu ... und dann steigt das Boot hoch
-auf, -- weiße Gischtwogen scheinen es zu verschlingen ... es sinkt tief
-... tief ... hebt sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz
-und grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... gähnende Finsternis
-... und der Sturm heult, und die Brandung kocht wild auf ...
-
-»Laßt uns beten, meine Freunde!« ruft der Pastor, er entblößt sein Haupt
-... die weißen Haare wehen um seine Stirn, -- um ihn her sinken die
-Weiber und Kinder auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt
-durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch Gabriele will
-niedersinken und die bebenden Hände zum Himmel heben -- sie kann es
-nicht. --
-
-Sie muß stehen ... hochaufgerichtet ... sie muß hinausstarren auf das
-Meer, als könne sie dem kleinen Boot mit den Blicken folgen. Der Mond
-tritt hell aus den Wolken -- mit Jubel und Dank gegen Gott begrüßt. --
-
-Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete Schiff ...
-
-Gabriele atmet fast keuchend.
-
-Ihre ganze Gestalt bebt und schüttert wie unter heißen Fieberschauern.
-
-Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder?
-
-Gabriele möchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, möchte wie
-berauscht von leidenschaftlicher Glückseligkeit in den Sturm
-hinausjubeln -- möchte vergehen in der namenlosen Wonne und
-Begeisterung, welche ihre ganze Seele erfüllt und in blendende Helle
-taucht. Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche sie schaut?
-
-Ist jener heldenhafte, tollkühne Mann in jenem gebrechlichen Fahrzeug
-wirklich der Bär von Hohen-Esp, derselbe, welcher einst so linkisch und
-mädchenhaft errötend auf höfischem Parkett gestanden? --
-
-Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich Guntram Krafft?
-
-O, wie gräbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, wie mit
-feurigen Linien gezeichnet, so unauslöschlich in Gabrieles Herz!
-
-Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden Erkenntnis hat
-es schon all die Tage vorher in ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich
-gewehrt gegen diesen Gedanken, wie gegen eine Unmöglichkeit!
-
-Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie in nimmer endendem
-Tanz heiß und heißer an die Brust gedrückt, da ging es wie ein
-Morgendämmern der Liebe durch ihre Seele, da war es ihr, als müsse sie
-das Antlitz auf seine starken, kraftvollen Hände drücken und sagen: »ich
-weiß, was sie Gutes tun und Edles schaffen -- und ich bitte dir all das
-schwere Unrecht ab, du wackerer Mann, welches ich dir ehemals so
-verblendet zugefügt!«
-
-Und in jener Stunde hatte sie nur seine Größe geahnt und noch nicht mit
-Augen geschaut, wie jetzt!
-
-Flammende Begeisterung durchglüht sie! Der Traum von edlem Heldentum,
-von sieghaftem Mannesmut ist zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf
-Tod und Leben!
-
-Welch ein trotzigkühner Kampf gegen die furchtbarsten Gegner, gegen
-Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig wie die anstürmenden Heere des
-Feindes, verderblich wie die brüllenden Geschütze auf dem Schlachtfeld,
-welche Tod und Verderben speien! -- Auch hier grinst der Tod aus jeder
-Woge, auch hier lauert Untergang und Vernichtung in der Tiefe, hier tost
-der Feind auch in den Lüften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft
-gegen ein paar armselige Menschenfäuste ein! --
-
-Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, wenn sie
-hinaus in die Nacht, auf die finsteren, tosenden Wasser blickt!
-
-Drüben liegt das Schiff!
-
-Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darüber hin. --
-
-Man sieht, wie schwere Seen über sein Deck schlagen, wie es immer tiefer
-auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot sich gegen die furchtbare
-Strömung näher und näher herankämpft.
-
-Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden und zerschellen?
-
-Wird es durch das Zurückprallen der See vollschlagen und kentern?
-
-Gabriele hört wie im Traum die Worte der Umstehenden.
-
-»Man jo nich' von de Luvsit' angehn!« jammerte eine Alte. »Dat Schipp
-sitt' jo fest un' die See brandet öwer weg!«
-
-»Äwerst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo Bischeid!«
-
-»Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stücke von der Takelung treiben!«
-nickt die Mamsell und trocknet die Augen; »ich denke, der Graf nimmt
-die Schiffbrüchigen wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!«
-
-»Wenn sie nur erst rankommen!«
-
-Der Mond versteckt sich wieder, -- eine bange, lange Stille, -- leis
-gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen.
-
-Gräfin Gundula ist nach dem Schuppen zurückgegangen.
-
-Sie hat dort einen Spiritusapparat entzündet, um starken, heißen Tee für
-die Heimkehrenden bereitzuhalten.
-
-Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglückten die erste
-Hilfe angedeihen lassen muß.
-
-Wie oft hat sie schon diese Frottiertücher, die Bürsten und belebenden
-Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit demselben angstbebenden Herzen,
-aber auch jedesmal mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht
-wie heute.
-
-Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr Sohn, ihr Liebling, ihr
-einziges Glück auf der Welt, wird auch heute von Gottes Vaterhand
-heimgeleitet werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, wo sie
-ihn dahingeben mußte als einen Schirmherrn der Not, als einen treuen,
-opfermutigen Mann, welcher für fremdes Leben sein eigenes wagt!
-
-Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber durchkreuzen, nachdem er
-sie so herrlich und unfaßlich bis hierher geführt? O, Gräfin Gundula hat
-in den letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, und sie hat
-Gabrieles erglühende Wangen geschaut, sie weiß, welch ein Kampf in
-diesen beiden jungen Menschenherzen tobt, und weiß, wie herrlich der
-Sieg sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen
-vorauswirft.
-
-Wie ein Wunder deucht es ihr, daß sie Gabriele, just diese, zu sich in
-die stille Strandburg rief, wie ein Wunder, daß das so reiche, gefeierte
-Mädchen eine arme Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend
-werden sollten!
-
-Wie ein Wunder muß sie es ansehen, daß die Einzige, für welche Guntram
-Kraffts Herz in heißer Liebe erglühte, ihm hierher folgen mußte, nachdem
-er den Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben.
-
-Warum das? --
-
-Gräfin Gundula weiß es nicht und fragt auch nicht danach.
-
-Sie wartet, und sie ist gewiß, daß das, was Gott der Herr so wundersam
-begonnen, auch von ihm zu gutem Ende geführt wird!
-
-Ein lautes, jubelndes Schreien, Jauchzen und Rufen ertönt wie ein
-verworrenes Echo von dem Strand empor.
-
-Das Rettungsboot kehrt zurück!
-
-Die Bärin von Hohen-Esp hebt inbrünstig die gefalteten Hände zum Himmel,
-ihre Lippen zittern und flüstern leise, ihre Augen glänzen feucht.
-
-Und ruhig, ernst und hochaufgerichtet wie stets schreitet sie abermals
-über den losen, wehenden Sand hinab, den Sohn zu erwarten.
-
-Ihr schwarzes Gewand, das Trauertuch um ihre Schultern flattern im
-Sturm, wie verklärt leuchtet das bleiche Angesicht in dem Flackerschein
-der hochgeschwungenen Fackeln. Sie sieht, wie das Rettungsboot sich
-durch die letzte Brandung kämpft, sie hört die aufgeregten Menschen
-lachen und jauchzen -- »sie bringen die Schiffbrüchigen! -- sie sind
-gerettet!« -- dann sucht ihr Blick Gabriele.
-
-Sie steht regungslos noch auf demselben Fleck wie vorhin, die Hände wie
-in Verzückung nach dem Boot ausgestreckt, das schöne Antlitz in Gluten
-der Begeisterung getaucht.
-
-Ach, daß Guntram Krafft sie so erblicken möchte! Alles drängt den
-Nahenden entgegen, die Männer springen in das schäumende Wasser, das
-Fahrzeug mit hilfsbereiten Händen zu fassen, um es auf den Strand zu
-ziehen, aber die Stimme des Grafen klingt kräftig durch Wind und
-Wogengebraus -- »Halt! -- laßt ab! Wir müssen noch einmal zurück! --
-Landet die Mannschaft ... es sind Norweger! -- Versorgt sie!«
-
-Noch einmal zurück?
-
-Der Jubel verstummt -- jähes Entsetzen malt sich auf allen Gesichtern.
-
-Gott erbarm sich! noch einmal zurück! Noch sind nicht alle Gestrandeten
-geborgen!
-
-Die fremden Seeleute springen über, bleich und ermattet, aber alle
-gesund und lebend; nur einen Schiffsjungen, welcher bewußtlos scheint,
-hebt Guntram Krafft mit starken Armen und trägt ihn selber an Land. --
-
-»Es ist nichts, Mutter!« ruft er leuchtenden Auges, »als er über die
-Reeling kam, ist er hart aufgeschlagen, -- das betäubte ihn! den Kopf
-kühlen ... und einen Kognak! -- Sonst =allright=!«
-
-Gundula schlingt die Arme um den Sohn und drückt ihn sekundenlang an das
-Herz.
-
-»Noch einmal zurück willst du?« seufzt sie tief auf --; »_muß_ es sein,
-mein Sohn?«
-
-Er küßt hastig ihre Hände.
-
-»Ja, es _muß_ sein, Mutter! Drei Männer warten noch auf unsere Hilfe,
-unter ihnen der Kapitän. Das Schiff hat bereits an sieben Fuß Wasser im
-Raum! Das Ruder ist weggestoßen, und der Fockmast schwankt derart, daß
-er jeden Augenblick über Bord gehen kann! Das einzige Boot, welches noch
-vorhanden war, ist völlig leck geschlagen! Da ist keine Minute Zeit zu
-verlieren, -- gebe Gott, daß wir nicht schon zu spät kommen! Nur einen
-Schluck zur Stärkung für meine Leute, und dann wird uns der barmherzige
-Gott auch zum zweiten Male helfen!« --
-
-Der Pastor hat die Hände des Sprechers ergriffen und drückt sie mit
-warmen Segensworten, die Frauen reichen den Schiffbrüchigen und Lotsen
-die Becher mit dem Gemisch von starkem Tee und Rum. Sie umarmen ihre
-Männer, stumm und ergeben wie zuvor, sie weinen und klagen nicht, sie
-erschweren ihnen ihre saure Pflicht nicht noch mehr, -- auch sie sind
-stark und heldenhaft, -- wie sich's gebührt.
-
-Nur Mike klammert sich ein wenig fester an ihren Neuvermählten und
-blickt ihm wieder und wieder in die Augen, bis Jöschen die Zähne
-zusammenbeißt, sich losreißt und nach dem Boote zurückwatet.
-
-Auch Guntram Krafft wendet sich hastig. Noch einmal drückt er seiner
-Mutter die Hände -- dann trifft sein Blick Gabriele. Sie hat bisher
-stumm zur Seite gestanden, jetzt plötzlich ist es, als ob ein Beben und
-Schüttern durch ihre schlanke Gestalt gehe, sie will nicht -- sie _muß_
-ihm entgegenwanken, ihm die Hände reichen -- zu ihm aufblicken ...
-
-Herr des Himmels, welch ein Blick! welch ein Ausdruck in dem
-wunderholden Antlitz! Er zuckt zusammen, -- er starrt sie an ...
-
-So sah sie selbst damals Herrn von Heidler nicht an, als sie den kühnen
-Reiter um seiner Heldentaten willen bewunderte!
-
-»Gabriele!« -- murmelte er. -- --
-
-Ihre Lippen zittern, -- sie drückt seine Hände fester, krampfhafter
-zwischen den ihren.
-
-»Sie sind jetzt erschöpft, Graf -- Sie _können_, Sie dürfen das
-Furchtbare nicht zum zweitenmal wagen!«
-
-Wie ein Angstschrei klingt es zu ihm empor. Heiße Röte steigt in sein
-Antlitz, dieselbe, welche ehemals im Ballsaal seine Stirn färbte und
-ihr so weibisch und verächtlich deuchte, -- jetzt sieht sein edles,
-kühnes Angesicht noch schöner darunter aus wie zuvor.
-
-»Ich weiß nicht, was ich kann und tun darf, ich weiß nur, was ich
-_muß_!« klingt es wie ein Aufjauchzen von seinen Lippen, -- sein
-strahlender Blick trifft noch einmal den ihren, dann gibt er ihre
-bebenden Hände jählings frei und springt in das Boot zurück.
-
- »Chryste Kyrie --
- Sei bei uns auf der See!«
-
-Und abermals bäumt sich das Boot hoch auf und schießt hinaus in die
-grauenvolle, schäumende Wildnis der Wasser ... in die gähnende
-Finsternis hinein. --
-
-Die Gräfin legt die Arme um Gabriele und neigt sekundenlang das Antlitz
-auf die Schulter des jungen Mädchens.
-
-»Beten Sie für ihn, Gabriele! Beten Sie! Diese zweite Fahrt ist
-schlimmer, viel schlimmer, wie diese erste!«
-
-Und dann richtet sich die Schirmvogtin von Hohen-Esp energisch auf und
-folgt festen Schritts den Männern, welche den bewußtlosen Schiffsjungen
-nach dem Rettungsschuppen tragen.
-
-Nun gilt es auch für sie, treu und umsichtig ihres Amtes zu walten.
-
-Sie muß dem Kranken die erste Pflege angedeihen lassen, für seine
-Überführung nach Hohen-Esp sorgen und das Unterkommen der gestrandeten
-Mannschaft bedenken.
-
-Noch einmal zögert sie und blickt zurück, sie will Gabriele zu Hilfe an
-ihre Seite rufen, da sieht sie im dämmernden Mondlicht, wie die
-schlanke, weiße Mädchengestalt auf die Knie herniederbricht, wie sie die
-Hände in heißem, inbrünstigem Gebet verschlingt.
-
-Ein seliges Lächeln geht über ihr ernstes Antlitz. Nein, sie darf nicht
-rufen.
-
-Dieser lichte Engel muß am Strande treue Wacht halten!
-
- * * * * *
-
-Es ist stiller wie zuvor um Gabriele, -- die Männer bergen die
-Rettungsgeschosse, welche überflüssig geworden sind, die Weiber und
-Kinder üben Samariterdienste an den Schiffbrüchigen.
-
-Boten müssen nach der Burg gesandt werden, das Ingesinde hat Frau
-Gundula heimgeschickt, alles für die Ankunft des Kranken und der
-Mannschaft, welche in der »blauen Woge« kein Unterkommen mehr findet,
-vorzubereiten. Nun beginnt das Hasten und Treiben nach Dorf und Burg
-zu, und nur wenige sturmzerzauste Gestalten stehen wie dunkle Schatten
-am Strand bereit, die Heimkehr des Bootes rechtzeitig zu künden.
-
-Still und einsam ist es um Gabriele.
-
-Die hohe, leidenschaftliche Aufregung, welche sich ihrer zuvor
-bemächtigt, ist gewichen. Alles, was sie bisher empfunden, war eine
-glühende Begeisterung gewesen, das namenlose Entzücken, endlich das Bild
-ihrer Träume verkörpert zu sehen, den todesmutigen Helden zu schauen,
-welcher seit Jahren zum Inbegriff all ihres schwärmerischen Sehnens
-geworden war! --
-
-Mit stürmendem Herzen hatte sie gestanden und das herrliche Bild Guntram
-Kraffts mit den Blicken umfaßt, als könne sie sich nicht satt schauen an
-einem solchen Schauspiel. Da hatte ihre Seele gejauchzt und den höchsten
-Flug genommen, da jagten ihre Pulse wie im Fieber, und nur _ein_ Gefühl
-hatte sie beherrscht, die unaussprechliche Bewunderung eines Heldenmuts,
-dessen Größe sie kaum zu erfassen und begreifen vermochte!
-
-Er war zurückgekehrt von seiner verwegenen Fahrt, und ihr war es zu
-Sinnen gewesen, als müsse sie vor ihm niederknien, seine Hände an die
-Lippen drücken und stammeln: »Vergib, du Gewaltiger, Herrlicher! vergib
-einer Blinden, daß sie dich ehemals so bitter und so ungerecht gekränkt!
--- Jetzt erst sind meine Augen geöffnet, und ich habe gesehen, _wer_ du
-bist!« --
-
-Jetzt erst? --
-
-Ja, es ist so warm und licht in ihrem Herzen geworden, als ob nach
-langer, dunkler Winternacht der goldene Lenz erwachen solle!
-
-Und als er ihr soeben in die Augen schaute, der kühne, sieghafte Held,
-als er sich stolz von ihr losriß und nichts Höheres und Heiligeres
-kannte, als seine Pflicht, -- da fluteten die ersten, heißen
-Sonnenstrahlen durch ihr Herz, -- da jauchzte es nicht mehr -- »fahr'
-hinaus, und sei ein Held, auf daß ich dich bewundern kann!« -- nein, da
-schrie es auf in zitternder Angst --: »bleibe hier, damit ich dich
-_liebe_!« --
-
-Verweht und vergangen ist all die stolze Begeisterung, mit welcher sie
-ihn das erstemal das Wagnis vollbringen sah, -- da konnte sie nicht
-beten für ihn, sondern nur schauen, schauen wie eine Berauschte, mit
-blitzenden Augen und wogender Brust!
-
-Jetzt plötzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, zitternde
-Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die bleichen Lippen möchten
-aufschreien in bitterer Not um den Geliebten.
-
-Wie ein Gespenst taucht plötzlich das Bildnis Wulffhardts vor ihr auf
-... das entsetzliche Wort »ertrunken!« starrt sie mit grellen Buchstaben
-aus der schwarzwogenden See an -- »ertrunken! -- ertrunken ...!« --
-
-Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hände, sie bricht nieder auf die
-Knie ... der Sturm weht über sie dahin und reißt das Spitzentuch von
-ihrem lockigen Haar.
-
-Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand gegen ihr Antlitz und
-trinkt gierig die Tränen, welche haltlos über ihre Wangen tauen.
-
-Wie aus dem geöffneten Rachen eines Ungeheuers brüllte die See, -- die
-ehemals bespöttelte, so verächtlich belächelte See, und Gabriele fühlt,
-wie das Grauen sie schüttelt angesichts dieser zürnenden, furchtbar
-Gewaltigen! --
-
-Ertrunken! --
-
-Herr des Himmels, erbarme dich! --
-
-Die Worte des Predigers klingen ihr plötzlich im Herzen, hell und
-zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, welches alle Totenglocken
-übertönt! -- »Das Gebet seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster
-Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das Segel, welches
-in Sturm und Wetter nicht verloren geht! Das Gebet der gläubigen Liebe
-ist die Engelsschwinge, welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut
-sicher in den Heimatshafen zurückführt.«
-
-Das Gebet der gläubigen Liebe! --
-
-Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von Hohen-Esp, sie hat nicht
-das Recht wie Mike, die junge, bräutliche Frau, den Geliebten mit
-Engelsschwingen sorgender Fürbitte zu umgeben, -- aber Liebe! gläubige
-Liebe! Ja, die flammt ihr heiß und todgetreu im Herzen, eine Liebe,
-welche die Angst und Qual dieser finsteren Nachtstunde geboren! --
-
-Wo bleibt er? --
-
-Die Minuten schleichen dahin, -- wie lang, wie entsetzlich lang währt
-diesmal die Fahrt!
-
-Dort drüben liegt das Wrack ... schwarze, undurchdringliche Nacht umgibt
-es! --
-
-Werden es die kühnen Retter sehen und finden? Wird die tosende Flut ihr
-Boot gegen die Schiffswand schleudern, daß es zerschellt ... daß alles
-junge Leben -- alle süße, junge Liebe ein kaltes und tiefes Grab auf dem
-Meeresgrunde finde?
-
-Herrgott, erbarme dich! --
-
-Immer inbrünstiger, immer leidenschaftlicher ringt Gabriele die Hände im
-Gebet -- und durch den Sturm klingt es wie goldene Harfen, und fernher
-vom Strand gellt ein Jubelschrei: »Sie kommen! -- sie kommen!« --
-
-Ein Lächeln irrt um Gabrieles Lippen, ihre Augen haften an dem Himmel,
-sie regt sich nicht.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXVII.
-
-
-Voll jubelnder Hast stürmte es abermals die Düne von dem
-Rettungsschuppen herab.
-
-Neue Fackeln glühten auf, und der Sturm griff in die knisternden Flammen
-hinein und jagte die funkensprühenden Stückchen des Teerbrandes über den
-Sand davon.
-
-Allen voran drängte Mike nach dem Strand. Sie strebte dem nahenden Boot
-so ungestüm entgegen, daß die Spritzer der Brandung helle Tropfen in
-ihren Brautkranz warfen und die Frauen und Mädchen sie lachend und so
-lebhaft, wie während der ganzen Hochzeitsfeier nicht, zurückrissen und
-den guten Feststaat vor weiterem Verderben retteten.
-
-Das Einlaufen des Bootes an Land erwies sich diesmal noch schwieriger
-als zuvor, da die Brandung von Minute zu Minute furchtbarer ward und das
-nicht allzu schwere Fahrzeug jeden Augenblick beizudrehen drohte.
-
-Jede Welle, welche es überholte, warf den Heck empor und drückte den Bug
-nieder, und der erst so ungestüme Jubel der Harrenden verwandelte sich
-wieder in angstvolle Stille, als man den schweren Kampf beobachtete, in
-welchem die kühnen Retter rangen.
-
-Das Sturmgewölk war beinahe völlig hinweggefegt, der Mond stand an dem
-bleifarbenen Himmel und beleuchtete hell den letzten Akt des aufregenden
-Schauspiels, welches sich in stiller Nacht an dem einsamen, weltfernen
-Strande abspielte.
-
-Die Brandung rollte unter dem Kiel des Bootes fort, die Kämme der See
-hüllten es in wahre Schaumwolken, und das ganze Fahrzeug mit den kühn
-verwegenen Gestalten der so überaus angestrengt arbeitenden Männer
-erschien wie ein Schattenbild, welches sich in wildem Tanze nähert.
-
-Und es kam näher und näher, und endlich konnten die zurückgebliebenen
-Fischer ihm mit rauhkehligem »Hojohe!« entgegenspringen, es kraftvoll zu
-packen und an Land zu schieben.
-
-Im letzten Augenblick erst hatte sich Guntram Krafft von seinem Sitz
-erhoben, sein edles, leidenschaftlich erregtes Antlitz spiegelte noch
-die Anstrengungen, mit welchen man in dieser schweren Stunde gerungen,
-aber seine Lippen lachten, daß die festen, weißen Zähne durch den
-Schnurrbart blinkten, und die großen Blauaugen blitzten so siegesfreudig
-und glückselig, wie bei einem Menschen, für welchen die gute Tat schon
-allein ihren vollen Lohn in sich trägt! --
-
-Wie schön war er! wie unbeschreiblich schön! -- Gabriele ist Schritt für
-Schritt herzugewankt, mit glückzitterndem Herzen und brennendem Blick
-schaut sie ihm entgegen, und dann schlägt dieses Herz plötzlich so wild
-auf, daß sie vor seinem Ungestüm selber erschrickt und angstvoll
-zurückweicht, weiter und weiter ... dahin, wo die roten Lichter der
-Fackeln sie nicht mehr erreichen, wo keines Menschen Blick erspähen
-kann, welche Gefühle sich in ihrem Auge verraten! --
-
-Voll toller, ausgelassener Freude springt Jöschen als erster über den
-Bootsrand, watet die letzten Schritte durch das weit ausrollende Wasser
-und umfängt sein junges Weib, um all das Glück dieses Wiedersehens in
-schallenden Küssen auszudrücken.
-
-»Nu hev' ik mir min leif lüttj Fru erst ganz un gor verdeint!« lacht er
-mit weithin tönender Stimme: »Mike min Küking, bist ok tofreeden mit
-mi?« --
-
-Da gibt's einen hallenden Jubel ringsum, und der sturmzerzauste
-Brautkranz fliegt vollends auf die blonden Zöpfe zurück, und Mike sieht
-wieder so glühend rot aus wie zuvor, als noch kein bös Wetter ihr das
-Glück streitig machte!
-
-Der Bär von Hohen-Esp eilt in die ausgebreiteten Arme seiner Mutter und
-küßt ihr strahlend stolzes Gesicht voll inniger Zärtlichkeit, dann
-wendet er sich und führt den barhäuptigen, bis auf die Haut durchnäßten
-Kapitän des »Bror Thyrssen«, welcher mit Pitchpine Holz nach Pillau
-unterwegs ist, der Gräfin zu und empfiehlt ihn deren Gastfreundschaft
-und Sorge.
-
-Kapitän Björnson spricht deutsch, er dankt der Gräfin mit warmen, aus
-dem Herzen quellenden Worten für die edle, opfermutige Tat ihres Sohnes,
-welcher just zur rechten Zeit gekommen, sie alle aus sehr übler Lage zu
-befreien. Der »Bror Thyrssen« hält zwar noch zusammen, aber er liegt
-schwer auf der Seite, und die See schlägt hoch über Deck und wäscht
-alles herunter, -- -- da handelt es sich wohl kaum noch um eine Stunde,
-daß sich eine Menschenseele an Bord halten kann. --
-
-Dann fragt er nach dem Schiffsjungen und seinem Ergehen, und Gundula
-kann gute Nachricht geben, sie schreitet dem Kapitän nach dem
-Rettungsschuppen voran, bleibt aber noch einmal stehen und wendet sich
-zu dem Grafen. Sie hat gesehen, wie sein Blick umherirrt und unruhig
-unter den Anwesenden forscht -- sie weiß, wen er sucht.
-
-Lächelnd deutet sie seitlich nach dem Strand, wo ein weißes Kleid aus
-dem Dunkel schimmert.
-
-»Willst du so gut sein, Guntram Krafft, und Gabriele nach dem Wagen
-führen? Der Kutscher hält am Tannenweg! Das arme Kind scheint von all
-der ungewohnten Aufregung todesmatt! Sage ihr, daß ich sie bitten lasse,
-mit dem Herrn Kapitän und Steuermann einstweilen nach der Burg zu fahren
-und den Wagen sogleich zurückzuschicken, wir folgen augenblicklich mit
-dem Kranken, sowie er sich noch ein wenig mehr erholt hat! -- Mamsell
-weiß Bescheid und hat alles vorbereitet. Begleitest du uns, oder bringst
-du, gewohnterweise, erst das Boot und alles andere unter Dach und Fach?«
-
-»Fürerst bin ich hier noch nicht abkömmlich, Mama!« antwortete er sehr
-schnell und lacht abermals über das ganze Gesicht; »ich hab' Jöschen
-heimgejagt und muß seine Faust noch beim Bergen der Sachen ersetzen.
-Aber Fräulein von Sprendlingen werde ich deine Bestellung ausrichten!«
-und schon stampfte er auf den schweren Wasserstiefeln davon, und das
-zerzauste Blondhaar hängt ihm wirr und feucht in die Stirn.
-
-Da sieht er ihre schlanke, lichte Gestalt im Mondesglanz vor sich, und
-sein Herz, welches soeben noch ruhig und furchtlos dem Tode getrotzt,
-bebt plötzlich in seiner Brust.
-
-Langsam tritt er näher.
-
-Er denkt an den Blick, mit welchem sie ihm vorhin in die Augen geschaut,
-an den Ausdruck ihres süßen Gesichts, welches während seiner Todesfahrt
-durch Sturm und brandende Flut wie eine glückselige Vision ihn
-begleitete. Der weiße Spitzenschleier weht lang von dem Haupt herab, --
-der Sturm faßt ihn und wirbelt ihn dem Nahenden wie ungestümen Gruß
-entgegen.
-
-Da steht er vor ihr, und sie hat die gefalteten Hände gegen die Brust
-gedrückt und sieht mit unaussprechlichem Blick zu ihm auf.
-
-Was soll er bestellen?
-
-Er weiß es nicht, -- alles Blut braust ihm schwindelnd zum Herzen, er
-weiß selber nicht, was er tut, er reicht ihr nur im Übermaß seines
-Empfindens die Hand entgegen und sagt leise, wie in banger, sehnender
-Bitte um ein freundliches Wort -- »Gabriele!« --
-
-Da geschieht etwas Unfaßliches, Unbegreifliches. Sie nimmt seine Hand
-mit jäher Bewegung zwischen die ihren, neigt ihr Antlitz und drückt sie
-an die weichen, zitternden Lippen. Wieder und wieder ... und an ihren
-Wimpern glänzt es feucht und perlt herab über seine Rechte.
-
-»Gabriele!« schreit er entsetzt auf. -- »Um alles in der Welt, was tun
-Sie?«
-
-Sie hebt das erst so demütig geneigte Köpfchen und reckt ihre schlanke
-Gestalt hoch und stolz empor und schaut ihn an mit den süßen Nixenaugen,
-aus welchen jubelnde Begeisterung und Bewunderung leuchten.
-
-»Ich grüße einen Helden!« stößt sie mit halb erstickter Stimme hervor,
-»und danke ihm für all jene Menschenleben dort, welche diese kühne,
-gewaltige Hand gerettet!«
-
-Er hat seine Rechte gewaltsam befreit und preßt sie gegen die Stirn, als
-könne er den Sinn ihrer Worte gar nicht fassen.
-
-»Einen Helden!« wiederholt er leise; -- »und das sagen _Sie_ mir,
-Gabriele -- _Sie_?!« --
-
-»Wem anders wie Ihnen, Graf! -- Sie haben mich gelehrt, was es
-bedeuten will, ein Schirmvogt der Not zu sein, Sie haben es mir
-bewiesen, daß auch hier in tiefster, weltferner Einsamkeit ein
-kühner, unerschrockener Mann leuchtende Taten zu Ruhm und Ehre seines
-Vaterlandes tut! Sie haben es jenen Norwegern gezeigt, wie ein
-deutscher Mann im Sinne seines Kaisers handelt, -- und ... Sie haben
-mich erkennen lassen, wieviel ... ach, wieviel ich Ihnen abzubitten
-habe!« --
-
-Sie hatte hastig, aufgeregt, voll fieberischer Leidenschaft gesprochen;
-bei den letzten Worten sank ihre Stimme zu leisem Flüstern herab, und
-ehe sich Guntram Krafft aus seiner Betäubung aufraffen konnte, hatte
-sich die Sprecherin bereits dem eilig herzulaufenden Anton zugewandt.
-
-»Gnädiges Fräulein ... der fremde Herr Kapitän sitzt bereits in dem
-Wagen!« meldete er atemlos. »Darf ich bitten, sogleich einzusteigen,
-die Frau Gräfin erwartet die Pferde umgehend zurück.«
-
-»Ich komme!« nickte Gabriele hastig, der Bär von Hohen-Esp aber schrak
-empor wie aus einem Traum.
-
-»Krischan Klaaden läßt den Herrn Grafen bitten, bei dem Boot mit Hand
-anzulegen! Sie quälen sich ab und wollen es auf den Wagen kriegen, aber
-ohne den Herrn Grafen wird's nichts damit! Und Krischan Klaaden meint,
-geborgen müsse es auf alle Fälle werden, denn die Flut steigt immer
-noch, und man könne nicht wissen, wie hoch sie in der Nacht noch käme!«
-
-»Gut, gut, ich komme!«
-
-Einen Augenblick noch rang er mit sich, ob er Gabriele nicht folgen und
-in den Wagen bringen solle, aber schon entschwand ihre lichte Gestalt
-wie ein Schemen, sie floh dahin über das knisternde Riedgras und mußte
-den Wagen bald erreicht haben. Wie war es auch möglich, mit diesem Sturm
-im Herzen ihr vor fremden Menschen gleichgültige Dinge zu sagen.
-
-Guntram Krafft preßt die wetterharten Fäuste gegen die Schläfen, und
-seine Brust hebt und senkt sich unter keuchenden Atemzügen.
-
-Wie ein Chaos von Licht und Schatten wallt es durch das finstere Gewölk
-der langen Leidensnacht in seinem Herzen, funkelnde Strahlengarben
-brechen hervor, und eine grelle, blendende, zauberhafte Sonne des Glücks
-steigt sieghaft über seinem Leben auf!
-
-Gabriele hatte das Antlitz weinend auf seine Hand geneigt, -- sie selber
-hatte ihn einen tapferen, heldenhaften Mann genannt, -- ihn, der doch
-nichts anderes getan, als wie seine Pflicht!
-
-Das war ein Wunder, ein Gnadenwunder Gottes des Herrn, welches ihm so
-jäh und wonnesam das Herz der Geliebten zugewandt! --
-
-Wie ein Jubelschrei will es über Guntram Kraffts Lippen brechen, aber er
-schweigt, er blickt nur mit glänzenden Augen zum Himmel empor.
-
-Und dann preßt er die Hand gegen die Brust, auf welcher noch immer der
-Zettel Gabrieles ruht, und atmet tief, tief auf.
-
-Seine Zeit ist um.
-
-Ein wüster, grausamer Schicksalssturm hat ihn ehemals auf seinen
-Lebensweg geweht, daß er sich zur himmelhohen Scheidewand zwischen ihn
-und all sein Glück baue, -- und nun kam ein anderer, frischer,
-köstlicher Seesturm dahergebraust, der blies die trennende Schranke
-hinweg, der räumte alles aus dem Weg, was als Dorn und Nessel die roten
-Rosen seiner Liebe überwuchern wollte! --
-
-Gabriele von Sprendlingen will Herz und Hand nur einem Helden zu eigen
-geben, und sie selber hat den Bären von Hohen-Esp einen Helden genannt!
---
-
-Drunten am Strand winken die Männer, ungeduldig harrend, mit den
-Fackeln, und Guntram Krafft schwenkt ihnen mit jauchzendem »Hojohe!« den
-Südwester zu und eilt heran, ihnen zu helfen, als flute neues Leben und
-neue Riesenkraft durch seine Adern! --
-
- * * * * *
-
-Als Gabriele Hohen-Esp erreicht hatte, bemühte sie sich, der Gräfin in
-jeder Weise hilfreich zur Seite zu stehen; Gundula aber tat nur einen
-schnellen Blick in ihr erregtes Antlitz, auf welchem Glut und Blässe
-wechselten, auf die kleinen, eiskalten Hände, welche es kaum vermochten,
-mit festem Griff zuzufassen, und sie schloß das junge Mädchen mit gar
-wundersamem Lächeln in die Arme und neigte die Lippen küssend auf den
-lockigen Scheitel.
-
-»Gehen Sie zur Ruhe, mein Herzenskind, -- ich wünsche es! -- Sie sind
-von all der Aufregung nervös und ermattet und müssen schlafen, damit Sie
-morgen wieder bei frischen Kräften sind! Ich kenne diese Sturmnächte und
-lernte es in all den langen Jahren, ruhig Blut zu wahren! -- Was wollen
-Sie noch hier? Der Kranke ist gebettet und schläft bereits den
-köstlichen festen Schlaf der Jugend, -- den gebrochenen Arm habe ich ihm
-schon in dem Schuppen drunten in einen Notverband gelegt, -- auch darin
-habe ich Übung! und der Schlag gegen den Kopf scheint durchaus nicht
-bedenklich, denn der Junge sprach nach seiner kurzen Betäubung völlig
-klar mit seinen Kameraden. Der Arzt wird morgen kommen, und, so Gott
-will, nicht viel Arbeit bei ihm finden. Der Kapitän und Steuermann haben
-ihre nassen Kleider gewechselt und sich mit Guntram Kraffts längst
-verwachsener Garderobe sehr spaßhaft kostümiert, sie sitzen bei einem
-steifen Grog in der Halle und wollen auf meinen Sohn warten, um noch so
-mancherlei mit ihm zu besprechen, ehe sie sich zur Ruhe legen, -- ich
-glaube nicht, daß ihnen Damengesellschaft in ihrem momentanen Zustand
-sehr angenehm ist! Sonst aber gibt es keine Arbeit mehr, und auch ich
-gehe allsogleich zur Ruhe, sowie ich Guntram Krafft noch einmal die Hand
-gedrückt habe. Das ist so Brauch bei uns.« --
-
-Gabriele atmete sehr schnell und machte eine jähe Bewegung mit dem
-Köpfchen, ihre Augen blickten so leuchtend und verklärt an der Gräfin
-vorüber, als sähen sie voll schwärmerischen Entzückens in nächtiger
-Ferne ein liebes, liebes Bild.
-
-Sie zog die Hand der Sprecherin stumm an die Lippen, wieder und wieder
-... wollte sprechen und schwieg dennoch.
-
-»Der Sturm scheint abzuflauen ... morgen wird es gewiß ein ganz
-besonders sonniger, wonniger Maientag werden!« fuhr Gundula weich und
-leise fort, und sie strich mit der Hand über das rosa Brautband, welches
-noch immer, in der Hast und Eile vergessen, an Gabrieles Arm glänzte, --
-sie lächelte: »Heben Sie diese Schleife auf, -- sie bringt Glück! -- Und
-ehe Sie die Augen schließen, danken auch Sie Gott dem Herrn, daß er in
-dieser Nacht mit uns war!« --
-
-Gabriele war heiß errötet, sie nickte erregt, ihre Lippen zitterten.
-Noch einmal neigte sie sich tief, tief über die Hand der Gräfin, und
-dann trat sie hastig über die Schwelle, ihr einsam stilles Zimmerchen zu
-erreichen. Sie preßte die Hände gegen die Schläfen und stand zögernd auf
-der Treppe still.
-
-War es recht, daß sie ging? Gab es doch vielleicht noch Pflichten für
-sie zu erfüllen?
-
-Sie konnte ihnen heute nicht gerecht werden, heute nicht!
-
-Welch ein Aufruhr tobt in ihrem Innern! Sie wandelt, handelt und spricht
-wie im Traum, ihre Gedanken sind weit entfernt von dem, was sie tut. --
-
-Ihr ganzes Sinnen und Denken weilt bei ihm! Sie sieht nur noch ein
-Einziges, -- Guntram Kraffts kühnes, heldenhaftes Angesicht, -- sie
-fragt sich tausendmal immer wieder dasselbe: Ist es denn kein Traum,
-kein Fieberwahn gewesen? Hat er wahrlich das Unfaßliche, Herrliche
-vollbracht?
-
-Wo weilt er noch?
-
-Fühlt, empfindet er es nicht, daß ihr Herz seinen Namen jubelt in
-heißem, leidenschaftlichem Sehnen und Entzücken?
-
-Wo bleibt er?
-
-Horch ... eine Regenboe braust nieder, die Tropfen werden prasselnd
-gegen das Fenster gepeitscht ... nach wenig Minuten ist es wieder still,
-und die Mondstrahlen huschen durch das zerfetzte Gewölk. --
-
-Das Heulen in den Lüften läßt nach, die Riegel und Wetterfahnen
-kreischen nicht mehr so unaufhörlich wie zuvor.
-
-Gabriele tritt an die kleinen, bleigefaßten Scheiben und neigt das
-fieberheiße Gesichtchen dagegen.
-
-Wo bleibt er? --
-
-Wird er wieder drunten auf dem Weg vorüberschreiten, ohne einen einzigen
-Blick empor nach ihrem Fenster zu tun? --
-
-Wie in zitternder, qualvoller Angst preßt sie die Hände gegen das Herz.
-
-Sie sieht es plötzlich wieder vor sich, sein ernstes, gleichgültiges, so
-ganz verändertes Gesicht, mit welchem er ihr begegnete, so lange sie
-hier weilt. Lebt kein Fünkchen jenes zärtlichen Interesses, welches er
-in der Residenz für sie empfand, mehr in seinem Herzen?
-
-Gabriele schlingt wie in bebender Verzweiflung die Hände ineinander.
-
-Wehe ihr, -- und ihrem armen, armen, törichten Herzen!
-
-Und doch ... jener Blick, als er von ihr schied, als er zum letzten Male
-noch ihre Hände faßte, ehe er zu jener furchtbaren Fahrt in das Boot
-sprang ... jener Blick war nicht mehr kühl und fremd, er war so
-liebesinnig -- so heiß und weh ...
-
- * * * * *
-
-Gabriele schlägt plötzlich die Hände vor das Antlitz und schauert
-zusammen, -- als ob er Abschied nahm für ewige Zeit! --
-
-O, diese Qual der letzten Stunden!
-
-Wo bleibt er, -- wo bleibt er? --
-
-Wie fände Gabriele Schlaf und Ruhe, ehe sie sein teures Haupt geborgen
-und unter diesem Dache weiß? --
-
-Horch ... Stimmen ... Schritte drunten ...
-
-Mit zitternder Hand löscht sie das Licht und öffnet lautlos das Fenster
-...
-
-Mondschein glänzt auf dem Weg ... das Gezweig rauscht und sprüht
-silbernen Funkenregen.
-
-Die Bediensteten des Schlosses und zwei der fremden Matrosen nahen in
-lebhaftem Gespräch -- und in ihrer Mitte ... diese hohe, königliche
-Gestalt ... so schreitet nur einer! -- nur er! --
-
-Und er zögert plötzlich und geht langsamer, er bleibt zurück und steht
-still.
-
-Sein mondbeglänztes Antlitz wendet sich ihrem Fenster zu, wie mit jäher,
-leidenschaftlicher Bewegung hebt er die Arme und breitet sie nach ihr
-aus! --
-
-Sieht er sie?
-
-Nein, -- es ist dunkel und still hier droben. Mit einem leisen
-Aufschluchzen des Entzückens sinkt Gabriele auf die Knie -- und das rosa
-Band von Mikes Brautkranz glänzt wie holde, glückselige Verheißung an
-ihrem Arm. --
-
- * * * * *
-
-
-
-
-XXVIII.
-
-
-Gräfin Gundula hatte recht behalten.
-
-Der Sturm flaute über Nacht und gegen Morgen mehr und mehr ab und wehte
-schließlich nur noch als kräftig frische Brise von der See herüber,
-dieweil die klare leuchtende Frühlingssonne an dem Himmel stand und die
-blühende Welt in goldenem Licht badete. Alle Wolken, alle Dunst- und
-Nebelschleier hatte der Sturmwind hinweggefegt, und nun wölbte sich das
-Firmament so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder
-Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und endlos und wogte
-unter Tausenden von schneeigen Schaumkämmen so majestätisch, wie
-Gabriele seinen Anblick selbst im Traume nicht in gleicher Schöne
-geschaut!
-
-Und weil Guntram Krafft jüngst einmal gesagt, daß die Farbe des Himmels
-und der See diejenige sei, welche er am meisten liebe, so hatte Gabriele
-zum erstenmal ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem ihre
-Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen.
-
-Sie errötet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und lächelt ihm doch voll
-süßer, inniger Träumerei zu und atmet so tief und blickt mit so großen,
-glänzenden Augen umher, als schaue sie die sonnige Gotteswelt zum
-erstenmal, als sei in ihr und um sie her alles ganz und gar verändert
-seit der gestrigen Nacht. --
-
-Guntram Krafft war mit den fremden Männern schon zu früher Stunde nach
-dem Strand hinabgegangen, um zu näherer Besichtigung des Wracks mit
-ihnen hinauszufahren; wie die Gräfin mit feinem Lächeln sagte: »So
-strahlend glücklich, wie noch nie zuvor im Leben!« --
-
-Und dann, als sie verstohlen die entzückende Erscheinung des jungen
-Mädchens mit dem Blick umfaßt, legt sie lächelnd die Hand auf die
-fleißigen Fingerchen, welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen
-wollen, und sagt: »Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in Ordnung
-gebracht, ich habe egoistischere Wünsche für Sie, liebe Gabriele! -- Ist
-es ein Wunder, wenn nach all der Angst und Sorge des gestrigen Abends
-mein Herz heute desto glückseliger in den hellen Sonnenschein
-hineinlacht? Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste Gabriele?
-Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem Schreibtisch Ordnung zu
-schaffen habe, singen Sie mir etwas vor! Und dann gehen Sie in den
-Garten und holen ganz besonders schöne Blumen zum Schmuck der Tafel! Der
-Kapitän und Pastor sind heute unsere Gäste, da kann der alte Jürgen Haas
-sein Gewächshaus aufschließen und uns einen Strauß seiner gehegten und
-gepflegten Lieblinge opfern, hören Sie, Gabriele? Holen Sie aus dem
-Gewächshaus heraus, was Ihnen hold und schön deucht! So; und nun?
-Bekomme ich ein Lied?«
-
-Gabrieles Augen leuchteten auf.
-
-»O, gern, wenn Frau Gräfin fürlieb nehmen wollen ... ich sang lange
-nicht!« --
-
-»Und ich hörte gar lange, lange Zeit keinen Ton Musik in diesen Räumen!«
-nickte Gundula voll leiser Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich
-stille Lächeln über ihr Antlitz, und sie fügte kaum verständlich hinzu:
-»Nun bricht aber eine neue Zeit für die Bärenburg an, und das Alte soll
-vergessen sein!« --
-
-Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, über das geöffnete
-Schubfach, aber ihre Hände ruhten still im Schoß, und ihre Augen
-blickten voll lebhafter Spannung nach dem Flügel, auf welchem Gabriele
-zögernd ein Notenheft aufstellte.
-
-Was wird sie singen?
-
-Die Bärin von Hohen-Esp war eine gar gründliche Menschenkennerin, und
-was Gabriele im tiefsten Herzensgrund für Guntram Krafft empfand, das
-mußte jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strömen.
-
-»Soll ich die Arie aus dem >Fliegenden Holländer< probieren?« fragte sie
-zögernd, mit jähem Erröten; »ich studierte sie vor Jahren bei meiner
-Lehrerin, sang sie aber nicht oft.«
-
-»Und warum nicht?« --
-
-»Sie war mir damals so unverständlich, -- ich kannte weder See noch
-Sturm ...«
-
-»Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue ich mich gerade auf
-diese Arie!«
-
-Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann immer voller,
-erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz durch die Töne zitterte in dem
-leidenschaftlichen Empfinden: »-- betet zum Himmel! --«
-
-Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, immer glänzender ward
-ihr Blick, immer freudiger das geheimnisvolle Lächeln um ihre Lippen ...
-
-Und Gabriele durchblätterte mit glühenden Wangen die Noten --
-
-»Der Lenz ist da!« von Hildach.
-
-Welch ein Jauchzen und Jubeln -- welch ein Frohlocken dem Lenz entgegen!
-Und die Glocken läuteten so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so
-ganz absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken!
-
-Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach, -- und über die
-Lippen des jungen Mädchens flutet es weiter wie ein alles vergessendes,
-glückseliges Geständnis.
-
-»Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen mein Herz so
-verwegen!«
-
-Und dann ward es still.
-
-Als aber die Gräfin mit bebender Hand den Türvorhang zurückschiebt und
-leise in das Zimmer schaut, da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die
-Hände gedrückt und verharrt wie im Traum. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Der alte Jürgen Haas hat seine blühenden Lieblinge im Gewächshaus stets
-mit Argusaugen gehütet; wie er aber in das wunderholde Antlitz des
-Fräulein von Sprendlingen schaut, welche ihn lächelnd um einen Strauß
-bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen, und er nickt
-mit beinahe zärtlichem Blick --: »So veel, als Jug dat leev is!« -- und
-er schließt das geräumige Glashaus auf und sieht es ohne jedwedes
-Herzeleid, wie die kleinen weißen Hände nach seinen schönsten Blüten
-greifen.
-
-Plötzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus in die Ecke des
-Treibhauses, woselbst die Oleander und großen Laurostinosbäume nebst
-etlichen Palmen aufgebaut sind.
-
-»Ist das nicht ein Lorbeerbaum, Jürgen Haas?« fragt sie, und alles Blut
-steigt ihr in das ehedem so rosig zarte Gesichtchen.
-
-»Ganz recht, een Lorbeer! Der is man torück bleeven von uns' Herrn
-Grafen sin Konfirmaschon! -- Die Blätters sin ganz ampart un' nüdlich,
-äwerst Blaumens dreiht he nich!«
-
-Gabriele war hastig herzugeschritten.
-
-»Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen, lieber Haas? -- Und
-haben Sie ein wenig Bast zur Hand, daß ich ihn gleich winden kann?«
-
-Der Alte murmelte: »Allens, wat Se wollen!« kramte aus den grundlosen
-Tiefen seiner Jacke einen Flausch Bast, und derweil sich Gabriele auf
-eine leere Blumentreppe setzte und die graziösen Zweige mit bebenden
-Händen zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den weißen Kopf und
-sprach in seiner kurzen, schlichten Weise von der vergangenen
-Sturmnacht, wo der liebe Herr Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient
-habe. --
-
-Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und schüttelte die
-Blätter von ihrem Kleid. Zwei kleine Kränze hatte sie gewunden, die hing
-sie an ihren Arm, faßte den großen Strauß der blühenden Blumen zusammen
-und sagte dem beglückten Alten freundliche und herzliche Dankesworte,
--- dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren durch die warme,
-lenzesduftige Luft nach der Burg zurück.
-
-Über ihr jubelten die Vögel im blühenden Gezweig, und in ihrem Herzen
-klangen die Frühlingsglocken noch immer wie ein holdes, traumhaftes
-Echo!
-
-In der Speisehalle ordnete sie still und geschäftig die Blumen in
-Schalen und Vasen auf der Tafel, dann stand sie einen Augenblick und
-schlang zögernd die kleinen Hände ineinander.
-
-Alles war still im Hause.
-
-Die Gräfin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zurückgezogen, Anton
-hantierte an den Büfetts, und die Herren weilten noch am Strande.
-
-Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem Wohnzimmer der Gräfin.
-
-Ein Sonnenstrahl flimmerte über einen der braungeschnitzten Bären zu
-ihrer Seite -- da sah es aus, als ob seine Augen sich bewegten, als ob
-das grimmige Gesicht ihr plötzlich entgegenlache.
-
-Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das große Brustbild Guntram
-Kraffts, in der Seemannsjacke, mit dem verwegenen Südwester auf dem
-lockigen Haar.
-
-Gabriele neigt sich und blickt heiß errötend in das edle, kühne,
-wunderschöne Männergesicht, welches ihr mit den großen Blauaugen so
-ganz, ganz anders wie sonst entgegenschaut. Ihr Herz stürmt in der
-Brust, all die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter
-Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und legt ihn um das Bild
-des heldenhaften Mannes.
-
-Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glühen ihre Wangen und ihr
-Blick flammt auf in jauchzender Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch
-ihre Adern, ein kurzer, glückzitternder Kampf zwischen banger Scheu und
-allesvergessender Liebe, und sie drückt das Bild an die Lippen, es wie
-in einem süßen Wonnerausch zu küssen.
-
-»Gabriele!« --
-
-Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzücken, in
-namenloser Erregung, klingt es neben ihr.
-
-Auf der Türschwelle des Nebengemachs steht Guntram Krafft, die Hände
-gegen die Brust gedrückt, das Haupt vorgeneigt, als könne er das Wunder,
-welches seine Augen schauen, nicht fassen und begreifen.
-
-»Gabriele!!« -- --
-
-Sie schrickt zusammen, Leichenblässe bedeckt ihr erst so holderglühtes
-Antlitz, -- das Bild sinkt aus ihren zitternden Händen auf die
-Schreibtischplatte nieder.
-
-Sie will, -- halb vergehend vor Scham und Entsetzen, entfliehen, aber
-sie macht nur eine unsichere, wankende Bewegung -- und schon steht er
-neben ihr, faßt sie mit festen, starken, kraftvollen Armen und drückt
-sie an sein Herz, wild, ungestüm, wie der Bär, welcher sieghaft seine
-Beute nimmt! --
-
-Nein, das ist nicht mehr der scheue Jüngling, welcher sie ehemals mit
-zarter Hand aus dem Schnee emporhob, dies ist ein trotzigkühner Mann,
-welcher sich seiner Heldenkraft bewußt geworden ist!
-
-»Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein Bild mit Lorbeer
-geschmückt und es geküßt, Gabriele, -- damit hast du jenes Todesurteil
-zerrissen, welches du mir und meinem Glück geschrieben. Jener taten- und
-ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend von dir stießest,
-würde nie und nimmer mehr gewagt haben, die Hände begehrend nach dir
-auszustrecken, aber hier der Mann, welchen du selber durch Kuß und
-Lorbeer zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll kühnen Wagemuts
-um deine Liebe, der fordert diese Hand nun als sein heilig Recht! --
-Gabriele, hast du's gehört? _Mein_ bist du, mein!«
-
-Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende Angesicht, welches
-mit den großen, zauberischen Nixenaugen zu ihm aufschaut, welches in
-holder Verwirrung nur leise, leise seinen Namen flüstert -- --: »O, du
-Herrlichster!« -- --
-
-Wie ist es urplötzlich so warm -- so duftig -- so sonnenhell in dem
-sonst so kühlen und düsteren Gemach der Frau Gundula geworden!
-
-Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram Krafft, hält sein Lieb
-im Arm und bedeckt ihr lächelndes, überseliges Antlitz mit heißen,
-unersättlichen Küssen!
-
-Goldener Sonnenglanz flutet über sie dahin, und fernher, durch die
-geöffneten Butzenscheiben, grüßt das weißschäumende Meer mit donnerndem
-Jubelruf.
-
-Die Augen der Bärin von Hohen-Esp haben feucht geglänzt, als sie ihre
-Kinder mit leisem Segenswort an das Herz gedrückt, und während das
-Brautpaar auf Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das Bild
-des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kränzen, ist Frau Gundula vor ihrem
-Schreibtisch niedergesunken, hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder
-die versiegelten Briefe und Photographien ihres Gatten zur Hand genommen
-und heiße, bittere Tränen darauf niedergeweint.
-
-Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und friedlich wie an
-einem lichten Sommerabend, wenn alle Wetterschwüle und alles
-Donnergrollen des Tages mit seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller
-Traum versunken ist. --
-
-Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glück der Gegenwart sein herbes
-Düster, und was für die einsame, schwergeprüfte Frau blieb, das war das
-stolze Bewußtsein, täglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener
-Kraft und mit Gottes gnädiger Hilfe so wunderbar vollbracht und
-vollendet. -- Welch ein Jubel hallte und schallte durch die alte
-Bärenburg, als Graf Guntram Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen
-seine Braut zuführte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen und
-Summen durch die verschlafenen Hallen und Gemächer, und die steinernen
-Bären schüttelten Staub und Moos von den Schilden, die braunzottigen
-Gesellen rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben frohgemut
-die Pranken! Eine neue Zeit blühte heran, ein neues Glück hatte seinen
-Einzug gehalten, und in dem himmelaufjubelnden Klang der
-Hochzeitsglocken erstarben die letzten Seufzer, welche so lange
-gespenstisch um Turm und Söller geweht.
-
-Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum Strand hinabgewandert,
-und Gabriele hat voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme nach der
-blauwogenden Unendlichkeit ausgebreitet! --
-
-»Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all eurer Größe und
-Herrlichkeit kennengelernt!« flüstert sie voll weicher Innigkeit zu
-Guntram Krafft empor, -- »und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei
-uns Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein Herz --
-tatsächlich im Sturm! -- Wenn ich jetzt hinaus in dieses Brausen und
-Schäumen, in dieses Sonnengefunkel und Geglitzer schaue, mit welchem ich
-gestern in verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes -- um
-dich! -- gerungen, so kommt es mir ganz unfaßlich vor, -- daß ich solche
-Allgewalt und Götterherrlichkeit jemals eintönig und langweilig nennen
-konnte! -- O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende Schönheit
-sehe ich jetzt!«
-
-Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen glühen heiß auf diesen
-blinden Nixenaugen.
-
-»Geschlafen und geträumt hast du, verzauberte Meerfei, im fernen,
-fremden Binnenland, bis du heimkehrtest zu uns, bis dich der Sturmwind
-in die Arme nahm und dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und
-Wellgunde sang, bis dich mein Kuß aufweckte zu glückseligem Begreifen
-und Verstehen!«
-
-Ein jubelndes »Hojohe!« ertönt von der Düne herab, Jöschen und Mike
-stürmen Hand in Hand über den wehenden Sand, und der junge Ehemann
-schwenkt schon von weitem den Hut und lacht, daß seine kerngesunden
-Zähne im Sonnenschein blinken.
-
-Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glückwunsch ist so ehrlich,
-so überströmend herzlich und aufrichtig, daß Guntram Krafft den
-wackeren Burschen in die Arme schließt und ihn beinahe übermütig
-schüttelt.
-
-»Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll nich drömen laten, wat?«
---
-
-Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, und Mike hält
-Gabriele bei beiden Händen und flüstert ganz schämig: »Dat hevven wi
-längst mierkt, dat dor wat im Spöle was!« -- Und sie gehen noch ein
-Stückchen plaudernd zusammen, und dann fällt Mike ein, daß sie ja einen
-Topf auf dem Feuer hat -- »grad so weggestürzt sei sie bei der
-Nachricht!!« -- und sie schütteln abermals die Hände und hasten davon
-durch Disteln und Riedgras.
-
-Wie still ist's wieder, wie still! --
-
-Eine Möwe flattert mit leisem Schrei über der Brandung, ihre Schwingen
-blitzen im Sonnenlicht grell auf wie silberne Schwertklingen -- langsam
-sinkt sie der blauwogenden Flut entgegen und badet das leuchtende
-Gefieder im perlenden Schaum.
-
-Voll träumerischen Sinnens folgt ihr Gabrieles Blick.
-
-»Wie hätte ich mir jemals zuvor träumen lassen, daß gerade die See, um
-deren Gunst ich nie geworben, mir so verschwenderisch alles Glück
-schenken würde! Jetzt, in ihrer lichten, majestätischen Pracht, hat sie
-alle Schrecken verloren, welche in der vergangenen Nacht mein Herz
-erzittern ließen, und doch werde ich sie stets in ihrem tobenden Zorn am
-liebsten haben, weil gerade Sturm und wilde Flut es waren, welche mir
-dein heldenhaftes, unvergeßlich schönes Bild geboren!« --
-
-Wieder umfaßt sie voll bebenden Entzückens seine Hand und schaut empor
-zu ihm mit demselben Blick heiß bewundernder Liebe, welcher sein Herz in
-unbegreiflichem Entzücken stillstehen ließ, -- gestern in dunkler Nacht,
-als ihre Lippen auf seiner Rechten gebrannt.
-
-Er schüttelt langsam, schwer atmend den Kopf. »Schon einmal hast du mich
-einen Helden genannt, Gabriele, und hast mein Bild mit Lorbeer
-geschmückt, und doch leistete ich nicht mehr und nichts Besseres, wie
-seit langen Jahren! Nur das verdiente Glück ist mir geworden, daß du
-mich und meine stille Arbeit kennenlerntest, daß du mir durch deine
-Anerkennung den Mut gabst, die Hände voll liebeheißen Verlangens nach
-dir auszustrecken ...«
-
-»Das hättest du sonst nicht getan?«
-
-»O, nie und nimmermehr, -- und hätte ich sterben müssen an den Qualen,
-welche mein Herz zerrissen!«
-
-Beinahe demütig blickt sie empor. »So sehr zürntest du mir, weil ich in
-der Residenz deine Neigung so kühl und schroff abwies? Weil ich dein
-Meer nicht liebenswert fand, weil ich dir, dem Fremden, nicht mit
-offenen Armen entgegenkam?« --
-
-Ein schnelles, beinahe heiteres Lächeln zuckte um seine Lippen, Gabriele
-aber fuhr mit weicher Stimme, halb ernst, halb scherzend fort: »Glaubst
-du, Liebster, ich hätte es nicht empfunden, wie sehr verändert du mir in
-Hohen-Esp begegnetest? -- Anfänglich war ich nicht böse darüber, im
-Gegenteil, es berührte mich sympathisch, weil mein Herz noch so weit ab
-von dem rechten Wege irrte und viel zu sehr von seinem törichten Wahn
-befangen war, um allsogleich seine Heimat zu finden! -- Aber später, wie
-es immer wärmer und lichter in mir ward, wie dein Wesen mir immer
-unbegreiflicher schien, da habe ich oft darüber nachgedacht, warum du
-mir so sehr zürntest, denn, sag' selber, Herzlieber, ist es wahrlich
-eine so schwere Schuld, wenn ein Mädchen nur dem Mann angehören will,
-welchen es liebt?« --
-
-Er lächelte noch mehr, beinahe geheimnisvoll.
-
-»Nein, du Wonnige! Im Gegenteil, keine größere Tugend vermag es zu
-geben, als diesen Stolz, welcher sich nur einem Helden zum Preise
-setzt!«
-
-»Und doch verargtest du ihn mir?« --
-
-»O, wahrlich nicht! -- Meine ganze Seele -- all mein Sein und Wesen
-gehörten dir, Gabriele, und habe ich dich je geliebt, so war es in
-diesen bittersüßen Tagen, wo ich gegen diese Liebe kämpfen mußte, wie
-gegen eine Unmöglichkeit!«
-
-»Du _wolltest_ mir nicht gut sein?« --
-
-»Ich durfte es nicht!«
-
-»O, wunderlicher Mann -- und wer verbot es dir?« --
-
-Er nahm langsam eine schmale rotjuchtene Brieftasche von der Brust,
-öffnete sie und entnahm ihr einen kleinen, zerknitterten Zettel, dessen
-verwischte Bleistiftlinien kaum noch zu entziffern waren.
-
-»Du selber, mein grausamer Schatz!« sagte er leise, und es war, als
-durchriesele ihn noch einmal wie ein banger Nachhall all das Weh,
-welches ihn so oft beim Anblick dieses kleinen Papierstreifens gequält.
-Federleicht war er und hatte doch schwer wie eine unerträgliche
-Zentnerlast auf seiner Brust geruht.
-
-Mit staunenden Augen neigte sich Gabriele und blickte auf seine Finger,
-welche den Zettel entfalteten.
-
-»Das sieht ja aus wie meine Schrift!« sagte sie überrascht.
-
-»O, wie hätte ich ehemals so gern mein Leben gegeben, wenn sie es nicht
-gewesen wäre!«
-
-Nicht ohne Mühe buchstabierte Gabriele die einzelnen Worte heraus.
-
-Voll äußersten Befremdens blickte sie empor.
-
-»Ja, dieses Bekenntnis einer schönen Seele habe ich geschrieben,« --
-nickte sie sinnend, -- »vor langen Jahren schon -- kaum weiß ich noch,
-wie und bei welchen Vorkommnis ...«
-
-»Vor langen Jahren?« --
-
-»Ah! Ganz recht, jetzt entsinne ich mich! In der Weihnachtszeit war es,
-als wir Backfischchen eines Abends zusammensaßen und heimlich die
-Überraschungen für den Christtisch häkelten und stickten. -- Die ganze
-Residenz sprach damals von dir -- selbstredend behandelten auch wir
-dieses interessante Thema!« --
-
-»Von mir?... als Backfische?« wiederholte Guntram Krafft mit fragendem
-Blick.
-
-»Ganz recht! Man erwartete dich als Freiwilligen bei Papas Regiment, wo
-du deiner Militärpflicht genügen solltest, aber statt deiner kam die
-Kunde, daß du wegen einer ganz unbedeutenden Kleinigkeit freigekommen
-seist und nicht dienen wolltest!«
-
-»_Damals_? Zu jener Zeit schriebst du diesen Zettel?«
-
-»Gewiß! In allerübelster Laune sogar! Du kennst ja meine Ansichten über
-Tapferkeit und Heldentum! Nun, und ein Mann, welcher nicht mal den
-Schneid hatte, Uniform zu tragen, der imponierte mir wahrlich nicht, --
-der reizte mich zu trotzigster Opposition! Thea Sevarille verspottete
-mich um dieser heiligen Entrüstung willen -- o ja! Nun entsinne ich mich
-plötzlich wieder ganz genau! -- Sie behauptete, >der geschmähte
-Hohen-Esp brauche nur auf der Bildfläche zu erscheinen, um all meine
-stolzen Grundsätze wie die Kartenhäuser über den Haufen zu blasen!< Das
-reizte mich zu noch lebhafterem Widerspruch. >Gibst du es vielleicht
-schriftlich?< spottete Thea, und ich nahm einen der Zettel, welche schon
-für ein Schreibspiel vorbereitet zur Seite lagen, und schrieb im Übermut
-diese geharnischte Kriegserklärung gegen den Bär von Hohen-Esp, welcher
-damals in meinen Augen nichts weniger war wie ein Held! -- Hier siehst
-du auf der Rückseite des Zettels, welcher zuvor ein Briefbogen gewesen,
--- noch das vorgedruckte Datum -- S ..., Villa Monrepos ... und hier von
-mir vollendet: den 22. November 18 ...! Es ist mit Tinte geschrieben und
-noch deutlich zu erkennen!« --
-
-Mit unsicherer Hand nahm der Graf das Papier, neigte sich und starrte
-die Zahlen an wie ein Träumender; dann strich er langsam mit der Hand
-über die Stirn und murmelte beinahe atemlos --: »Dieses Datum hatte ich
-nicht bemerkt ... wie war das möglich ... es muß mir in all der
-Aufregung, mit welcher ich je und je diese Zeilen gelesen, entgangen
-sein! -- Ich war ja arglos wie ein Kind ...«
-
-Gabriele blickte plötzlich ernst und forschend in sein tief erbleichtes
-Antlitz empor.
-
-»Ich entsinne mich genau, daß ich ehemals diesen Zettel schrieb; wo
-derselbe aber an jenem Abend geblieben ist, weiß ich nicht. Geradezu
-unbegreiflich und unfaßlich aber deucht es mir, wie dieses Papier nach
-all den langen Jahren in deine Hände gelangen konnte! -- Sag' es mir,
-Guntram Krafft, ich bitte dich darum!«
-
-Heiße Glut stieg plötzlich in seine erst so farblosen Wangen, er knäulte
-den Zettel voll leidenschaftlichen Zornes in der Hand zusammen.
-
-»Wohl wäre ich nicht mehr verpflichtet, einem solch schnöden Verrat
-gegenüber das gelobte Schweigen zu wahren, -- aber ich will nicht ebenso
-verächtlich sein wie sie, ich will das Wort halten, welches ich
-gegeben!«
-
-Und er drückte Gabrieles Hände an die Lippen und sagte: »Ich habe
-Diskretion zugesagt, -- und ich bitte dich, sie halten zu dürfen,
-Herzlieb! Ich habe die große Welt ehemals nicht gekannt und beklagte oft
-voll geheimer Sehnsucht, daß sie mir so fremd und verschlossen
-geblieben, weil du darin lebtest und meiner Ansicht nach der Weg zu
-deinem Herzen nur durch sie führte! Jetzt danke ich es Gott auf Knien,
-daß sie mir mit all ihrem Falsch und Verrat so fernliegt. Mein teures,
-heiliges Meer hat mir das Glück gebracht, welches ich Tor so
-unerreichbar wähnte, Gott der Herr hat gewußt, Gabriele, daß du reine
-Perle nicht in den Staub der Großstadt, sondern hierher in deine
-sturmumbrauste Heimat gehörst!« --
-
--- Mit tiefem, wundersamem Blick schaute sie ihn an. -- »Nein -- sag'
-nicht den Namen derer, welche ein so gewissenloses und egoistisches
-Spiel getrieben, ich kenne ihn ja! Sie hat dich selbst von dannen
-getrieben und dadurch wieder bewiesen, daß jede Schuld ihre Strafe in
-sich selber trägt. -- So groß aber -- ganz so groß, wie du wähnst, war
-ihr Vergehen jedoch nicht!«
-
-Gabriele hob freimütig das schöne Haupt, ihr Auge leuchtete auf: »Hätte
-mich Thea an jenem Hofballabend noch einmal um diese meine
-Backfischansicht befragt, ich würde fraglos dieselben Worte noch einmal
-niedergeschrieben haben. Der Bär von Hohen-Esp war auch in jenen Tagen
-noch derselbe tatenlose und ruhmlose Schwächling für mich, welcher er
-gewesen, seit sein Name zuerst vor mir erklang! -- Erst hier in
-Hohen-Esp lernte ich begreifen, welch ein bitteres Unrecht ich ihm
-getan! Erst hier erkämpfte der herrlichste und kühnste Mann seinen
-großen Sieg über mein stolzes Herz, welches er nun zu eigen genommen hat
-für alle Ewigkeit!« --
-
-Sie erhob sich von dem Bootsrand, auf welchen sie sich momentan
-niedergesetzt, und strich die wehenden Haarlöckchen von den Wangen
-zurück, auf welchen heiß und ungestüm seine Küsse brannten.
-
-»Wir wollen den Zettel zu Grabe legen, Geliebter!« -- lächelte sie,
-»damit nichts mehr an die böse, vergangene Zeit gemahnen soll! -- Das
-Meer soll jene Zeilen abwaschen und vernichten, und sie sollen vergessen
-sein in dem jauchzenden Glück, welches seine stürmende Flut uns
-geschenkt!«
-
-Sie traten näher herzu an die schäumende Brandung, und Guntram Krafft
-zerriß das Papier und zerstreute seine kleinen weißen Flocken in den
-sprühenden Gischt. Eine Woge kam und wusch sie zurück auf den
-Meeresgrund, und die goldhaarigen Nixen sammelten sie und betteten sie
-tief unter Muscheln und wogendem Tang.
-
-Frisch und köstlich rein streicht der Wind um die Stirn, und sie stehen
-Arm in Arm in wortloser Glückseligkeit und sehen zu, wie das letzte
-Streifchen im Wellenschnee verschwindet.
-
-»Nun ist die letzte Spur von damals verwischt!« lächelte Gabriele und
-schmiegt sich fester an die Brust des geliebten Mannes.
-
-»Damals! -- und heute?« fragte er neckend. Da schlingt sie die Arme um
-ihn und flüstert voll strahlenden Stolzes: »Heute lautete der Zettel,
-welchen ich schrieb, freilich anders! Lasest du nicht die Depesche,
-welche ich meinem Mütterchen schickte? -- O, Guntram Krafft, -- wie
-wird sie sich unseres Glückes freuen!« --
-
- * * * * *
-
-Das hat Frau von Sprendlingen nun schon seit Jahren aus vollstem Herzen
-getan.
-
-Sie ist ein häufiger, voll wärmster Freude begrüßter Gast auf Hohen-Esp
-geworden, eine scharmante Schwiegermama, der Guntram Krafft stets die
-warmherzigen Sympathien erhalten hat, welche er der so gütigen Mutter
-seiner Gabriele von Anbeginn entgegengebracht. -- Auch eine liebe,
-vertraute Freundin Gundulas ward sie, deren Interessen so ganz und gar
-mit denen der Generalin verschmolzen.
-
-Seit ein junges, frisches Geschlecht in der alten Burg emporblüht, und
-die kleinen Bären in Halle und Hof herumpurzeln, hat Großmutter Gundula
-alle Hände voll zu tun, und es ist ein wahrer Segen, daß sie nach wie
-vor als guter Schutzgeist auf Hohen-Esp waltet, denn auf Frau Gabrieles
-Hilfe ist nicht im mindesten zu rechnen.
-
-Zum händeringenden Erstaunen von Frau von Sprendlingen hat ihre Tochter
-viel mehr Interesse für den Rettungsschuppen, wie für Haus und Hof, und
-nie zuvor hätte sie geglaubt, daß Gabriele sich so leidenschaftlich für
-die See und alles, was mit ihr und dem Rettungsschuppen zusammenhängt,
-begeistern könne. Aber gerade das bildet das jauchzende,
-unbeschreibliche Entzücken des Grafen, den Höhepunkt all seines Glückes.
-
-Das verbindet sein Herz doppelt fest und innig mit dem seines
-heldenhaften Weibes, welches ihn hinausbegleitet auf die See, in
-Sonnenglanz und Mondenschein, bei Sturm und bösem Wetter.
-
-Dann sitzt auch auf dem lockigen Köpfchen der Gräfin der Südwester gar
-bildhübsch und verwegen, auch sie trägt »Ölzeug« und weiß mit Ruder und
-Segel Bescheid wie der beste Lotse!
-
-Einst hatte ein jäh einsetzender Sturm sie weit draußen auf dem Meere
-überrascht. Es gab eine grobe See und schweres Wetter.
-
-Gabriele aber war fest und seetüchtig wie ein bewährter Matrose, -- mit
-blitzendem Auge schaute sie kühn und unerschrocken in das Wetter hinaus,
-und als es immer gewaltiger stürmte, und das Schifflein von hohen Wogen
-geschleudert ward, da faßte sie die Hand ihres Mannes, schmiegte sich
-fest an ihn und blickte ihm in die Augen.
-
-Er umschloß sie treu und innig: »Fürchtest du dich, Herzlieb?« --
-
-Da lächelte sie, faßte seine Hand noch fester und sagte schlicht:
-»Wovor? _Wir sind ja beisammen_!« --
-
-O, in diesem Augenblick hätte der Graf von Hohen-Esp sein schwankes
-Schifflein mit keinem Kaiserthron vertauscht!
-
-Als Frau von Sprendlingen aus der Residenz die Nachricht mitbrachte, daß
-Herr von Heidler schon seit Jahr und Tag den Abschied genommen und in
-süßem Nichtstun von den Renten seiner Gattin lebe, -- dies sei
-behaglicher wie das ewige Hetzen, Drillen und Streben im bunten Rock --
-da starrte Gabriele die Sprecherin mit weitoffenen Augen schweigend an,
-Guntram Krafft aber fragte überrascht: »Er war doch passionierter
-Sportsman, und so eine Leidenschaft liegt im Blut! Reitet er nicht mehr
-privatim die Rennen mit?« Da lächelte die Generalin: »O, nein!
-Anfänglich hatte er wohl den Wunsch, es zu tun, aber seine sehr
-verwöhnte, kindische und eigenwillige Frau hat es ihm streng verboten,
-da es zu gefährlich sei; und da Herr von Heidler sehr unter dem
-Pantoffel steht, fügt er sich willenlos den Wünschen seiner reichen
-Gattin.« --
-
-Gabriele machte eine jähe, brüske Bewegung, mit beinahe verächtlichem
-Lächeln wandte sie sich ab.
-
-»Und Gräfin Thea?« --
-
-»Sie tanzte Winter für Winter vergeblich. Jetzt hat sie sich der
-Frauenbewegung angeschlossen und schreibt sehr zornmutige
->grünspanische< Artikel gegen die Männer. Wenn es ihr glückt, ist das
-starke Geschlecht binnen Jahresfrist vernichtet!« --
-
-»Gottlob, daß Hohen-Esp so weit aus der Welt liegt,« lachte Guntram
-Krafft, »hier erreicht mich ihre Feder hoffentlich nicht im Todesstoß!«
---
-
- * * * * *
-
-Die Rettungsstation des Bären von Hohen-Esp hat viel bewundernde
-Anerkennung gefunden, und sein edles Beispiel gab oft Veranlassung, auf
-diesem Gebiete nachzueifern und das Rettungswesen zur See zu fördern.
-Durch ihn ward in der Residenz die Aufmerksamkeit des großen Publikums
-auf die bittere Not gelenkt, mit welcher der Seemann an unserer
-heimatlichen Küste zu kämpfen hat, und manch hilfsbereite Hand tat sich
-auf, die Sammlungen der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger durch
-ein Scherflein zu unterstützen.
-
-Da hatte der Bär von Hohen-Esp auch in weiterem Sinn für das Vaterland
-gewirkt und zu sein und seines Kaisers Ruhm und Ehren zwar nicht das
-Schwert, wohl aber das Ruder mit kühner, tatenfroher Hand geführt.
-
-Neben der Rettungsmedaille schmückt ein hoher Verdienstorden seine
-Brust, und es war einer der schönsten Tage in Gabrieles Leben, als sie
-denselben dem geliebten Mann voll stolzer Anerkennung auf sein
-schlichtes Fischerkleid heften konnte.
-
-Von dem Rettungsschuppen flattert die Fahne der Hohen-Esp, weithin
-sichtbar nach dem blauen Meer, und um die Mauern und Zinnen des alten
-Bärenschlosses weht und rauscht es auf geheimnisvollen Schwingen, --
-ranken die roten Rosen und duften heimlich von dem unvergänglich großen
-Liebesglück, welches darinnen wohnt.
-
- * * * * *
-
-Unverändert, Jahr um Jahr, wogt die See gegen den gelben Dünensand,
-wirft Muscheln und Bernsteinbrocken aus und überschüttet die Kinder,
-welche jubelnd von der Burg zum Strand stürmen, mit blinkenden Tropfen,
--- ihre weißen Wellenarme breitet sie nach dem neu heranwachsenden
-Heldengeschlecht aus, und der junge Bär von Hohen-Esp setzt vorsichtig
-sein erstes, selbstgeschnitztes Schifflein auf das Salzwasser, schlingt
-den Arm um den Nacken von »Jöschen dem Jüngern« und sagt: »Auch ich
-werde ein Schirmvogt von Hohen-Esp sein, und wenn du und ich so groß
-sind wie der Vater, fahren wir beide als Matrosen zur See!«
-
-Guntram Krafft hat's gehört, er zieht sein holdes Weib an die Brust, und
-sein glückstrahlender Blick schweift hinaus über die schimmernde Flut;
-wie ein Psalter heißen Dankes jauchzt es in seinem Herzen, und tausend
-blaue Wogen rauschen: »Halleluja! Amen!«
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters
-
-Inhaltsverzeichnis am Anfang eingefügt.
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-Gesperrter Text markiert durch: _..._
-
-Antiqua-Text markiert durch: =...=
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-End of Project Gutenberg's Die Bären von Hohen-Esp, by Nataly von Eschstruth
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BÄREN VON HOHEN-ESP ***
-
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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